PRIMS Full-text transcription (HTML)
CONTINUATIO des abentheurlichen SIMPLICIS - SIMI Oder Der Schluß deſſelben.
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Mompelgart /Bey Johann Fillion/1669.
O wunderbares thun! O unbeſtaͤndigs ſtehen
Wann einer maͤhnt er ſteh / ſo muß er fuͤrter
gehen /
O ſchluͤpfferigſter Standt! dem vor ver -
meinte Ruh
Schnell und zugleich der Fall ſich naͤhert
zu
Gleich wie der Todt ſelbſt thut; was ſolch hin
fluͤchtig Weſen
Mir habe zugefuͤgt / wird hierinnen geleſen;
Worauß zuſehen iſt daß Unbeſtaͤndigkeit
Allein beſtaͤndig ſey / immer in Freud und
Leid.
  • Das 1. Capitel. Jſt ein kleine Vorꝛede und kurtze Erzehlung / wie dem neuen Einſidler ſein Standt zuſchlug.
  • Das 2. Capitel. Wie ſich Lucifer verhielte / als er friſche Zei - tung vom geſchloßnen Teutſchen Frieden kriegte.
  • Das 3. Capitel. Seltzambe auffzuͤg etliches hoͤlliſchen Hoff - geſinds und dergleichen Burſch.
  • Das 4. Capitel. Wettſtreit zwiſchen der Verſchwendung und dem Geitz; und iſt ein wenig ein laͤnger Capitel als das vorige.
  • Das 5. Capitel. Der Einſidel wird auß ſeiner Wildtnuß zwiſchen Engelland und Franckreich auff das Meer in ein Schiff verſetzt.
  • Das 6. Capitel. Wie Iulus vnd Avarus nach Paris rayſen / und dort ihre Zeit vertreiben.
  • Das 7. Capitel. Avarus findet auff ohngekehrter Banck / und Iulus hingegen macht Schulden / deſſen Vatter aber rayſet in ein andere Welt.
  • Das 8. Capitel. Iulus nimbt ſeinen Abſcheid in England auff Edelmaͤnniſch / Avarus aber wird zwiſchen Himmel und Erden arreſtirt
  • Das 9. Capitel. Baldanders kombt zu Simpliciſſimo, und ler -A[3]netnet ihn mit mobilien und immobilien reden und ſelbige verſtehen.
  • Das 10. Capitel. Der Eremit wird auß einem Waldt - ein Wali-Bruder.
  • Das 11. Capitel. Simplici ſeltzſamer Diſcurs mit einem Scher - meſſer.
  • Das 12. Capitel. Obige Materia wird continuirt und das Ur - thel exequirt.
  • Das 13. Capitel. Was Simpilicius ſeinem Gaſt-Herꝛen fuͤr das Nacht-Laͤger vor eine Kunſt gelernet.
  • Das 14. Capitel. Allerhand Auffſchneidereyen deß Pilgers / die einem auch in einem bitzigen Fieber nicht ſeltzſamer vorkommen koͤnnen.
  • Das 15. Capitel. Wie es Simplicio in etlichen Nachtherber - gen ergangen.
  • Das 16. Capitel. Wie der Pilger wiederumb auß dem Schloß abſcheidet.
  • Das 17. Capitel. Was maſſen er uͤber das Mare mediterra - neum in Egypten faͤhrt / vnd an das rothe Meer verfuͤhrt wird.
  • Das 18. Capitel. Der wilde Mann kombt mit groſſem Gluͤck und vielem Geld wiederumb auff freyem Fuß.
  • Das 19. Capitel. Simplicius und der Zimmermann kommeñ mit dem Leben darvon / und werden nach dem erlittenen Schiffbruch mit einem aignen Land verſehen.
  • Das 20. Capitel. Was ſie vor eine ſchoͤne Koͤchin dingen / und wie ſie ihrer mit Gottes Hilff wieder loß wer - den.
  • Das 21. Capitel. Wie ſie beyde nach der Hand miteinander bauſen / und ſich in den Handel ſchicken.
  • Das 22. Capitel. Fernere folg obiger Erzehlung / und wie Simon Meron das Leben ſambt der Jnſul qui - tirt / darin Simplicius allein Herꝛ verbleibt.
  • Das 23. Capitel. Der Monachus beſchluͤſt ſeine Hiſtori und macht dieſen 6. Buͤchern das Ende.
  • Das 24. Capitel. Iean Corneliſen ein Hollaͤndiſcher Schiff-Ca - pitain kombt auff die Jnſul / und macht mit ſeiner Relation dieſem Buch einen Anhang.
  • Das 25. Capitel. Die Hollaͤnder empfinden ein poſſirliche Veraͤnderung / als ſich Simplicius in ſeiner Ve - ſtung enthielte.
  • Das 26. Capitel. Nach dem Simplicius mit ſeinem Belaͤgerern accordirt / kommen ſeine Gaͤſt wieder zu ihrer Vernunfft.
  • Das 27. Capitel. Beſchluß dieſes gantzen Werck / und Ab - ſcheid der Hollaͤnder.
Das

Das I. Capitel.

WAnn ihm jemand einbildet / ich erzehle nur da - rumb meinen Lebens-Lauff / damit ich einem und anderem die Zeit kuͤrtzen: oder wie die Schalcks-Narꝛn und Poſſen-Reiſſer zu thun pfle - gen / die Leut zum lachen bewoͤgen moͤchte; ſo findet ſich derſelbe weit betrogen! dann vie. lachen iſt mir ſelbſt ein Eckel / und wer die edle ohnwiederbringliche Zeit vergeblich hinſtreichen laͤſt / der verſchwendet die jenige Goͤttliche Gaab ohnnuͤtzlich / die uns verliehen wird / unſerer Seelen Hail in: und vermittelſt der - ſelbigen zuwuͤrcken; Warumb ſolte ich dann zu ſol - cher eytelen Thorheit verholffen: und ohne Urſach vergebens anderer Leut kurtzweiliger Rath ſeyn? Gleichſamb als ob ich nicht wiſte / daß ich mich hier - durch frembder Suͤnden theilhafftig machte mein lieber Leſer / ich beduͤncke mich gleichwohl zu ſolcher[P]rofeſſion umb etwas zugut zu ſeyn / wer derowegen einen Narꝛen haben will / der kaufft ihm zween ſo hat er einen zum beſten; daß ich aber zu zeiten etwas poſſierlich auffziehe / geſchiehet der Zaͤrthling halber / die keine heilſame Pillulen koͤnnen verſchlucken / ſie ſeyen dann zuvor uͤberzuckert vnd verguͤlt geſchwei - ge daß auch etwann die aller gravitetiſchte Maͤnner / wann ſie lauter ernſtliche Schrifften leſen ſollen / das Buch ehender hinweg zulegen pflegen / als ein an - ders / daß bey thnen bißweilen einen kleines Laͤchlen herauß preſſet; Jch moͤchte vielleicht auch beſchul - digt werden / ob gienge ich zuviel Satyricè drein, deſ - ſen bin ich aber gar nicht zuverdencken / weil maͤnnig - lich lieber gedultet / daß die allgemeine Laſter Genera - liter durch gehechlet uñ geſtrafft: als die aigne Untu -gendengenden freundlich corrigirt werden; So iſt der Theologiſche Stylus beym Herꝛn Omne (dem ich aber dieſe meine Hiſtori erzehle) zu jetzigen Zeiten leyder auch nicht ſo gar angenehm / daß ich mich deſ - ſen gebrauchen ſolte; ſolches kan man an einem Marckſchreyer oder Quackſalber (welche ſich ſelbſt vornehme Aertzt / Oculiſten / Bruͤch: und Stein - ſchneider nennen / auch ihre gute pergamentine Brief und Sigel druͤber haben) augenſcheinlich abneh - men / wann er am offnen Marckt mit ſeinem Hanß Wurſt oder Hanß Supp auftritt / und auf den erſten Schray und phantaſtiſchen krummen Sprung ſei - nes Narꝛen mehr Zulauffs und Anhoͤrer bekombt / als der eyferigſte Seelen-Hirt / der mit allen Glo - cken dreymahl zuſammen leuthen laſſen / ſeinen an - vertrauten Schaͤfflein ein fruchtbare heilſame Pre - dig zuthun.

Dem ſey nuu wie ihm wolle / ich proteſtire hiemit vor aller Welt / kein ſchuld zuhaben / wann ſich je - mand deßwegen aͤrgert / daß ich den Simpliciſſim um auf die jenige mode außſtaffirt / welche die Leut ſelbſt erfordern / wann man jhnen etwas nutzlichs bey brin - gen will; laͤſt ſich aber in deſſen ein und anderer der Huͤlſen genuͤgen und achtet deß Kernen nicht / der darinnen verborgen ſteckt / ſo wird er zwar als von einer kurtzweiligen Hiſtori ſeine Zufriedenheit: Aber gleich wohl das jenig bey weitem nicht erlangen / was ich ihn zuberichten aigentlich bedacht geweſen; fahe demnach widerum an / wo ichs im End deß fuͤnff - ten Buchs erwinden laſſen.

Daſelbſt hat der geliebte Leſer verſtanden / daß ich widerumb ein Einſidler worden / auch wa - rumb ſolches geſchehen; gebuͤhret mir derowegenA 4nun -nunmehr zuerzehlen / wie ich mich in ſolchem Standt verhalten; die erſte baar Monat alldieweil auch die erſte Hitz noch tauret / giengs treflich wol ab / die Be - gierde der fleiſchlichen Wolluͤſte oder beſſer zuſagen / Vnluͤſte / denen ich ſonſt treflich ergeben geweſen / daͤmpffte ich gleich anfangs mit zimblicher geringer Muͤhe / dann weil ich dem Baccho vnd der Cerera nit mehr dienete / wolte Venus auch nicht mehr bey mir einkehren; aber damit war ich drumb bey wei - tem nit vollkommen / ſonder hatte ſtuͤndlich tauſend - ſaͤltige Anfechtungen; wann ich etwan an meine al - te begangne loſſe Stuͤcklein gedachte und eine Reu[dardurch] zuerwecken / ſo kamen mir zugleich die Wol - luͤſte mit ins Gedaͤchtnuß / deren ich etwan da und dort genoſſen / welches mir nit allemal geſund war / noch zu meinem geiſtlichen Fortgang aufferbaulich; wie ich mich ſeithero erinnert / und der Sach nach - gedacht / iſt der Muͤſſiggang mein groͤſter Feind: Und die Freyheit (weil ich keinem Geiſtlichen un - derworffen / der meiner gepflegt und wargenommen haͤtte. ) die Urſach geweſen / daß ich nicht in meinem angefangenen Leben beſtaͤndig verharꝛet; ich woh - nete auff einem hohen Gebuͤrg die Moß genant / ſo ein ſtuͤck vom Schwartzwald: und uͤberal mit einem ſinſtern Dannen-Wald uͤberwachſen iſt / von dem - ſelben hatte ich ein ſchoͤnes Außſehen gegen Auffgang in das Oppenauer Thal und deſſen Neben-Zincken; gegen Mittag in das Kintzinger Thal und die Graf - ſchafft Geroltzeck / alwo daſſelbe hohe Schloß zwi - ſchen ſeinen benachbarten Bergen das Anſehen hat / wie der Koͤnig in einem auffgeſetzten Kegel-Spill; gegen Nidergang kondte ich das Ober und Unter El - ſaß uͤberſehen / und gegen Mitternacht der NidernMarg -Marggraffſchafft Baaden zu / den Rheinſtrom hi - nunter; in welcher Gegend die Statt Straßburg mit ihrem hohen Muͤnſter-Thum gleichſamb wie das Hertz mitten mit einem Leib beſchloſſen hervor pranget; mit ſolchem Außſehen und Betrachtun - gen ſo ſchoͤner Lands-Gegend delectirte ich mich mehr als ich eyferig bettete; warzu mir mein Per - ſpectiv dem ich noch nicht reſignirt, treflich anfriſch - te; wann ich mich aber deſſelbigen wegen der dunck - len Nacht nicht mehr gebrauchen kondte / ſo nahm ich mein Jnſtrument / welches ich zu Staͤrckung des gehoͤrs erfunden / zu handen / und horchte dardurch / wie etwan uff etlich Sundt Wegs weit von mir die Bauren Hund bellen / oder ſich ein Gewilt in meiner Nachbarſchafft regte; mit ſolcher Thorheit gieng ich umb / und lieſte mit der Zeit zugleich arbeiten und betten bleiben / wordurch ſie hiebevor die alte Egyp - tiſche Einſidel beydes Leib und Geiſtlicher Weiß er - halten; Anfaͤnglich als ich noch neu war / gieng ich zu Hauß zu Hauß in den naͤchſten Thaͤlern herumb / und ſuchte zu Auffenthaltung meines Lebens das Allmoſen / nahm auch nit mehr als was ich ploͤßlich bedorffte / und ſonderlich verachte ich das Gelt / wel - ches die umbligende Nachbaren vor ein groß Wun - der: Ja fuͤr ein ſonderbare Apoſtoliſche Heiligkeit an mir ſchaͤtzten; ſo bald aber meine Wohnung be - kandt wurde / kam kein Waldgenoß mehr in Wald / der mir nit etwas von Eſſen-Speiſſen mit ſich ge - bracht hette; dieſe ruͤhmten meine Heyligkeit und ungewoͤhnliches Einſidleriſches Leben auch ander - werts / alſo daß auch die etwas weiters wohnende Leuth entweder auß Fuͤrwitz oder Andacht getriben / mit groſſer Muͤhe zu mir kamen / und mich mit ihrenA 5Ver -Verehrungen beſuchten / da hatte ich an Brodt / But - ter / Saltz / Keß / Speck / Eyern und dergleichen nit allein keinen Mangel / ſonder auch einen Vberfluß; wurde aber darumb nit deſto[gottſeliger] / ſonder je laͤnger je kaͤlter / ſaumſeliger und ſchlimmer / alſo daß man mich beynahe einem Heuchler oder heili - gen Schalck hett nennen moͤgen; doch underlieſſe ich nicht / die Tugenden und Laſter zubetrachten / und zugedencken was mir zuthun ſeyn moͤchte / wann ich in Himmel wolte; Es geſchahe aber alles unorden - lich / ohne rechtſchaffenen Rath und einen veſten Vorſatz / hierzu einen Ernſt anzulegen / welchen mein Stand und deſſen Verbeſſerung von mir er - forderte.

Das II. Capitel.

WJr leſen daß vor zeiten bey dem GOtt ergebe - nen heiligen Gliedern der Chriſtlichen Kir - chen die Mortification oder Abtoͤdtung deß Flei - ſches / vornemblich in betten / faſten und wachen beſtanden; gleichwie nun aber ich mich der erſten beyden Stuck wenig beflieſſe; alſo lieſe ich mich auch die ſuͤſte Betoͤherung deß Schlaffs ſtracks uͤberwin - den / ſo offt mir nur zugemuthet ward / ſolche Schul - digkeit (daß wir dann mit allen Thieren gemein ha - ben) der Natur abzulegen; einmahls faullentzte ich unter einer Thannen im Schatten / vnd gab meinen unnuͤtzen Gedancken gehoͤr / die mich fragten / ob der Geitz oder die Verſchwendung das groͤſte oder aͤrgſte Laſter ſeye? ich habe geſagt meinẽ unnuͤtzẽ Gedancken! und das ſag ich noch! dann lieber was hatte ich mich umb die Verſchwendung zubekuͤmmern / da ich doch nichts zu verſchwenden vermochte? und was giengmichmich der Geitz an / in dem mein Stand / den ich mir ſelbſt frey willig erwoͤhlet / von mir erfordert / in Ar - muth und Doͤrfftigkeit zuleben? aber O Thorheit / ich war dannoch ſo hart verbaiſt / ſolches zuwiſſen / daß ich mir dieſelbige Gedancken nicht mehr auß - ſchlagen kondte / ſonder daruͤber einſchlummerte! womit einer wachent handiert / damit pflegt einer gemeiniglich auch traument vexirt zu werden / und ſolches wiederfuhr mir damals auch! dann ſo bald ich die Augen zugethan hatte / ſahe ich in einer tieffen abſcheulichen klingenden hoͤlliſchen Groß-Fuͤrſten Luciferum zwar auff ſeinem Regiments-Stul ſi - tzen / aber mit einer Ketten angebunden / daß er ſeines Gefallens in der Welt nicht wuͤtten koͤndte; die viele der hoͤlliſchen Geiſter mit denen er umbgeben / be - gnuͤgten durch ihr fleiſſigs auffwarten / die groͤſte ſei - ner hoͤlliſchen Macht / als ich nun dieſes Hoff-Ge - ſind betrachtete / kam ohnverſehens ein ſchneller Po - ſtilion durch die Lufft geflogen / der lieſe ſich vorm Lucifer nider und ſagte / O groſſer Fuͤrſt / der ge - ſchloſſene teutſche Frieden hat bey nahe gantz Euro - pam wiederumb in Ruhe geſetzt; das Gloria in ex - celſis und Te Deum Laudamus erſchallet aller Or - ten gen Himmel / und jedermann wird ſich befleiſ - ſen unter ſeinem Weinſtock und Feigenbaum hin - forder GOtt zu dienen ſo bald Lucifer dieſe Zeitung kriegte / erſchrack er anfaͤnglich ja ſo ſehr / als hefftig er den Menſchen ſolche Gluͤckſeeligkeit mißgoͤnnet; in dem er ſich aber wieder ein wenig erhollete / und bey ihm ſelbſt erwas / was vor Nachtheil und Scha - den ſein hoͤlliſches Reich am bißhero gewohnten in - tereſſe leyden muͤſte / grießgrammet er ſchroͤcklich! A vjerer knarbelt mit den Zaͤhnen ſo greulich / daß er weit und breit forchterlich zuhoͤren war / und ſeine Augen funckelten ſo grauſam vor Zorn und Ungedult / daß ihm gleichſam ſchweffellichte Feurflammen gleich - ſam wie der Plitz herauß ſchlugen und ſein gantze Wohnung erfuͤlleten; alſo daß ſich nicht allein die arme verdambte Menſchen und geringe hoͤlliſche Geiſter; ſonder auch ſeine vornembſte Fuͤrſten und gehaimbſte Raͤth ſelbſt darvor entſetzlen; zuletzt lief - fe er mit den Hoͤrnern wider die Felſſen daß die gan - tze Hoͤll darvon zitterte / und fieng dergeſtalt an zu wuͤtten und toben / daß die ſeinige ſich nichts anders einbilden kondten / als er wuͤrde entweder gar abrei - ſen / oder gantz toll und thoͤricht werden; maſſen ſich ein Zeitlang niemand erkuͤhnen dorffte ſich zu ihm zu nahen / weniger ein einziges Woͤrtlein mit ihm zu - ſprechen.

Endtlich wurde Belial ſo keck und ſagte / groß - maͤchtiger Fuͤrſt was ſeynd das vor Gebaͤrden von einer ſolchen unvergleichlichen Hochheit? wie? hat der groͤſte Herꝛ ſeiner ſelbſt vergeſſẽ? ode was ſoll uns doch dieſe[ungewoͤhnliche] Weiß bedeuten / die eurer herꝛlichen Majeſtaͤt weder nutzlich noch ruͤhmlich ſeyn kan? Ach! antwortet Lucifer, ach! ach wir haben alleſambt verſchlaffen und durch unſere aige - ne Faulheit zugelaſſen das lerna malorum unſer liebſtes Gewaͤchs / das wir auff dem gantzen Erd - boden hatten / und mit ſo groſſer Muͤhe gepflantzt: Mit ſo groſſem Fleiß erhalten / und die Fruͤchte da - von jeweils mit ſo groſſem Wucher eingeſamblet / nunmehr auß den teutſchen Graͤntzen gereuttet: Auch wann wir nicht anders darzu thun / beſorglich auß gantz Europa geworffen wird! und gleichwohliſtiſt keiner unter euch allen der ſolches recht behertzige! Jſts uns nicht allen eine Schand / daß wir die weni - ge Taͤglin welche die Welt noch vor ſich hat / ſo li - derlich verſtreichen laſſen? ihr ſchlaͤfferige Maul - affen / wiſt ihr nicht daß wir in dieſer letzten Zeit un - ſere reichſte Erndt haben ſollen? das iſt mir gegen dem Endt der Welt auff Erden ſchoͤn dominirt, wann wir wie die alte Hund zur Jacht vertroſſen und untuͤchtig werden wollen; der Anfang und Fort - gang deß Kriegs ſahe unſerm verhofften Fetten - ſchnitt zwar gleich / was haben wir aber jetzt zuhoffen? da Mars Europam biß auff Polen quitirt / dem ler - na malorum auff dem Fuß nachzufolgen pflegt.

Als er dieſe Meynung vor Boßheit und Zorn mehr herauß gedonnert: Als geredet hatte / wolte er die vorige Wuth wieder angehen; aber Belial machte daß er ſichs noch enthielte / da er ſagte / wir muͤſſen deßwegen den Muth nicht ſincken laſſen / noch ſich gleich ſtellen wie die ſchwachen Menſchen die ein wiederwertiger Wind anblaͤſt / weiſt du nicht / O groſſer Fuͤrſt / daß mehr durch den Wein als durchs Schwerdt fallen? ſolte dem Menſchen / und zwar den Chriſten / ein geruhigen Fried / welcher den Wolluſt auff dem Rucken mit ſich bringt / nicht ſchaͤdlicher ſeyn als Mars? iſt nicht gnug bekandt / daß die Tugenden der Braut Chriſti nie heller leuch - ten als mitten in hoͤchſtem Truͤbſal? mein Wunſch und Will aber iſt / antwortet Lucifer / daß die Men - ſchen ſowohl in ihrem zeitlichen Leben in lauter Un - gluͤck: Als nach ihrem Hinſterben in ewiger Qual ſeyn ſollen; dahingegen unſere Saumſahl endlich zugeben wird / daß ſie zeitliche Wohlfart genieſſen: Und[endlich] noch darzu die ewige Seeligkeit beſitzenA vijwer -werden; ha; antwortet Belial, wir wiſſen ja beyde mein profeſſion, vermittelſt deren ich wenig Feyer - taͤg halten: Sonder mich dergeſtalt thumlen wer - de / deinen Willen und Wunſch zuerlangen / das lerna malorum noch laͤnger bey Europa verbleiben: Oder doch dieſe Dam andere Kletten ins Haar krie - gen ſoll; allein wird deine Hochheit auch bedencken / daß ich nichts erzwingen kan / wann ihr das Numen ein anders goͤnnet.

Das III. Capitel.

DAs freundlich Geſpraͤch dieſer zweyen hoͤlli - ſchen Geiſter war ſo ungeſtuͤmm und ſchroͤck - lich / daß es einen Haubt Lermen in der gantzen Hoͤl - len erꝛegte / maſſen in einer geſchwinde das gantze hoͤlliſch Heer zuſammen kam / umb zu vernemmen / was etwann zuthun ſeyn moͤchte da erſchiene Lu - cifers erſtes Kind / die Hoffart mit ihren Toͤchtern; der Geitz mit ſeinen Kindern; der Zorn ſambt Neyd und Haß / Rachgier / Mißgunſt / Verleumbdung / und ihnen weiters verwandt war / ſo dann auch Wolluſt mit ſeinem Anhang / als Geilheit / Fraß Muͤſſiggang und dergleichen / item die Faulheit / die Untreu / der Muthwill / die Lugen / der Fuͤrwitz ſo Jungfern theuer macht / die Falſchheit mit ihrem lieblichen Toͤchterlein der Schmeicheley die an ſtatt der Windfach einen Fuxſchwantz trug / welches alles ein ſeltzamen Auffzug abgab / und verwunderlich zu -[ſe]hen war / dann jedes kam inſonderbarer aigner Lie - berey daher; ein theil war auffs praͤchtigſt herauß gebutzt / das ander gantz bettelhafftig angethan / und das dritte / als die Unſchamhafftig und dergleichen / gieng bey nahe uͤberall nackent; ein theil war ſo fettundund wohl leibig wie ein Bacchus, das ander ſo gelb plaich und mager wie ein alte doͤrꝛe Ackermeer; ein theil ſchiene ſo lieblich und anmuthig wie eine Ve - nus, das ander ſahe ſo ſaur wie Saturnus; das drit - te ſo grimmig wie Mars, das vierdte ſo tuͤckiſch und dockmaͤuſig wie Mercurius, ein theil war ſtarck wie Hercules, oder ſo gerad und ſchnell wie Hippome - nes, das ander lahm und hinckent wie Vulcanus; alſo daß man ſo unterſchiedlicher ſeltzſamen Ar - ten und Auffzuͤg halber vermeynen haͤtte moͤgen es waͤre das wuͤttig Heer geweſen / davon uns die alte ſoviel wunderlichs Dings erzehlt haben; und ohne dieſe obgenannte erſchienen noch viel die ich nicht kante noch zu nennen waiß / maſſen auch etliche gantz vermummet und verkappt auffzogen.

Zu dieſem ungeheuren Schwarm thaͤt Lucifer ei - ne ſcharpffe Rede / in welcher er dem gantzen Hauf - fen in genere und einer jeden Perſon inſonderheit ihre Nachlaͤſſigkeit verwiſſe / und allen auffrupffte / daß durch ihre Saumſal lerna malorum Europam ſaumen; er muſtert auch gleich die Faulheit auß / als einen untuͤchtigen Banckert / der ihm die ſeinige verderbe / ja er verwiſſe ihr ſein hoͤlliſches Reich auff ewig / mit Befelch daß ſie gleichwohl ihren unter - ſchlaiff auff dem Erdboden ſuchen ſolte;

Demnach hetzte er die uͤbrige alles Ernſts zu[groͤſ - ſerem] fleiß / als ſie bißhero bezeugt / ſich bey den Menſchen einzuniſtelen? betrohete darbeneben ſchroͤcklich / mit was vor Straffen er die jenige an - ſehen wolte / von welchen er kuͤnfftig im geringſten verſpuͤre / daß durch deren Ambts-Geſchaͤffte ſeiner intentio gemaͤß nicht eyferig genug verfahren wor - den waͤre; er theilet ihnen henebens auch neue in -ſtru -ſtructiones und memorial auß / und that ſtattliche promeſſen gegen denen die ſich tapffer gebrauchen wuͤrden.

Da es nun ſahe / als wann dieſe Reichs Verſamb - lung ſich endigen: Und alle hoͤlliſche Staͤnde wider - umb an ihre Geſchaͤffte gehen wolten! ritte ein zer - lumbter: und von Angeſicht ſehr blaicher Kerle auff einem alten ſchaͤbigen Wolff hervor / Roß und Mann ſahe ſo verhungert / mager / matt und hin - faͤllig auß / als wann beydes ſchon ein lange Zeit in einem Grab oder auff der Schintgruben gelegen waͤre! dieſer beklagte ſich uͤber eine anſehenliche Dame, die ſich auff einem neapolitaniſchen Pferdt von 100 Piſtolen werth / tapffer vor ihm tumlete; alles an ihren und deß Pferds Klaidungen und Zier - ten glaͤntzte von Perlen und Edelgeſteinen / die Stegraiff / die Buckeln / die Stangen / alle Rincken das Mundſtuͤck oder Gebiß ſambt der Kinketten war von purem Gold / die Hueffbeſchlaͤg aber an deß Pferdts Fuͤſſen von feinem Silber: Dahero man ſie auch keine Hueffeyſen nennen kan; ſie ſelbſt ſahe gantz herꝛlich / praͤchtig und trotzig auß / bluͤhete darneben im Angeſicht wie eine Roſe am Stock / oder war doch wenigiſt anzuſehen / als wann ſie einen halben Rauſch gehabt hette / maſſen ſie ſich auch ſonſt in al - len ihren Geberdten ſo friſch ſtellet; es roche umb ſie herumber ſo ſtarck nach Haarpulver Balſamb / Bi - ſtamb Ambra und andern Arom̃aten / daß wohl einer andern als ſie war / die Mutter hett rebelliſch werden moͤgen. In Summa es war alles ſo koſtbarlich umb ſie beſtelt / daß ich ſie vor die allermaͤchtigſte Koͤnigin gehalten hette / wann ſie nur auch gecroͤnet geweſenwaͤrewaͤre / wie ſie dann auch eine ſeyn mueß / weil man vor ihr ſagt / ſie allein herꝛſche uͤber das Geld und das Geld nit uͤber ſie: Gab mich derowegen anfaͤnglich wunder / daß obengedachter ellende Schindhundt auff dem Wolff wider ſie mutzen dorffte / aber er machte ſich mauſiger / als ich ihm zugetraut.

Das 4. Capitel.

Dann er trang ſich vor dem Lucifer ſelbſten und ſagte / großmaͤchtiger Fuͤrſt! beynahe auff dem gantzen Erdthoden iſt mir niemand mehr zuwider als eben gegenwertige Braͤckin / die ſich bey den Men - ſchẽ vor die Freygebigkeit außgibt umb under ſolchem Nam̃en mit huͤlff der hoffart: Deß wolluſts und deß Fraſſes mich allerdings in Verachtung zubringen vnd zuuntertrucken; dieſe iſt / die ſich uͤberal wie das boͤſte in einer Wannen hervor wirfft / mich in meinen Wercken und Geſchaͤfften zuverhindern / und wieder nieder zureiſſen / was ich zu Auffnehmung und Nutzen deines Reichs mit groſſer Muͤhe und Arbeit aufferbaue! iſts mit dem gantzen hoͤlliſchen Reich bekandt / daß mich die Menſchen-Kinder ſelbſt eine Wurtzel alles Ubels nennen; was vor Freud oder was vor Ehr hab ich mich aber von ei - nem ſolchen herꝛlichen Titul zugetroͤſten / wann mir dieſe junge Rotz-Naſe vorgezogen werden will? ſoll ich erleben daß ich! ich ſage ich! ich! der wohl - verdientſten Raths-Perſonen und vornembſten Diener einer! oder groͤſſer befoͤrderer deines Staats und hoͤlliſchen intereſſe, dieſer Jungen: Waͤrſt bey meinem Gedencken von Wolluſt und Hoffart er - zeugten thun jetzt erſt in meinem Alter weichen:UndUnd ihr den Vorzug laſſen muͤſte? nimmermehr nit! Großmaͤchtiger Fuͤrſt / wuͤrde es deiner Hoch - heit anſtehen / noch deiner intention nachgelebt ſeyn / die du haſt / das Menſchlich Geſchlecht ſowol hie als dort zuquaͤlen / wann du dieſer allemode Naͤrꝛin gewonnen gebeſt / daß ſie in ihrer Verfah - rung wider mich recht handele; ich hab zwar miß - redet / in dem ich geſagt / recht handele; dann mir iſt recht und unrecht eins wie das ander; ich wolte ſo viel damit ſagen / es gereiche zu Schmaͤhlerung dei - nes Reichs / wann mein Fleiß / den ich von unvor - dencklichen Jahren hero biß auff dieſe Stund ſo un - verdroſſen vorgeſpannet / mit ſolcher Verachtung belohnet: Mein Anſehen / æſtimation und Valor bey den Menſchen dardurch verꝛingert: Und endt - lich ich ſelbſten auff ſolche weiß auß ihrer aller Her - tzen gar außgeloͤſcht und vertrieben werden ſolte; befehle derohalben dieſer jungen unverſtaͤndigen Landlaͤufferin / daß ſie mir als einem Aeltern wei - chen: Forthin meinem Beginnen nachgeben: Und mich in deinen Reichs-Geſchaͤfften unverhindert fuͤrfahren laſſen ſolle / in aller Maß und Form als vor dieſem beſchehen / da man in der gantzen Welt von ihr nichts wuſte.

Demnach der Geitz dieſe Mainung mit noch weit mehrern Umbſtaͤnden vorgebracht hatte; ant - wortet die Verſchwendung / es verwundere ſie nichts mehrers / alß daß ihr Großvatter ſo unverſchaͤmbt in ſein eigen Geſchlecht hinein gleich wie ein anderer Herodes Aſcalonita in das ſeinige wuͤthen doͤrffe; er nennet mich (ſagt ſie) eine Braͤckin; ſolcher Ti - tul gebuͤhret mir zwar weil ich ſein Encklin bin / mei - ner aignen Qualitaͤten halber aber wird mir derſel -bebe nimmermehr zugeſchriben werden koͤnnen; Er rucket mir auff / daß ich mich bißweilen vor die Frey - gebigkeit außgebe / und unter ſolchem Schein meine Geſchaͤffte verrichte; ach einfaͤltiges Anbringen ei - nes alten Gecken! welches mehr zuverlachen als meine Handlungen zu beſtraffen; weiß der alte Narꝛ nicht / daß keiner vnder allen hoͤlliſchen Geiſtern iſt / der ſich zu Zeiten nit nach geſtaltſame der Sach und erheiſchender Nothdurfft nach in ein Engel deß Liechts verſtelle? zwar mein ehrbarer Herꝛ Aehne nehme ſich bey der Naſen; uͤberredet er nit die Men - ſchen wann er anklopfft Herberg bey ihnen zuſu - chen / er ſeye die Geſparꝛſamkeit? ſolte ich ihn drum deßwegen tadeln oder gar verklagen? Nein mit nich - ten; ich bin ihm deßwegen nit einmal gehaͤſſig! ſin - temalen wie ſich alle mit dergleichen Voͤrtheln und Betruͤgereyen behelffen muͤſſen / biß wir bey den Menſchen ein Zutritt bekommen / und ſich unver - merckt eingeſchleicht haben; und moͤchte ich mir wol einen rechtſchaffenen frommen Menſchen (die wir aber allein zu hindergehen haben / dann die Gottloſe werden uns ohne das nit entlauffen) hoͤren was er ſagte / wann einer von uns angeſtochen kaͤme / und ſagten ich bin der Geitz / ich will dich zur Hoͤllen brin - gen! ich bin die Verſchwendung / ich will dich ver - derben; Jch bin der Neid / folg mir ſo kombſtu in die ewige Verdambnuß; ich bin die Hoffart / laſſe mich bey dir einkehren / ſo mache ich dich dem Teuf - ſel gleich / der von GOttes Angeſicht verſtoſſen wor - den; ich bin dieſer oder der / wann du mir nachaͤh - meſt / ſo wird es dich viel zu ſpat reuen / weil du alß - dann der ewigen Pein nimmermehr wirſt entrinnen koͤnnen; meineſtu nit / ſagte ſie zum Lucifer / großmaͤch -maͤchtiger Fuͤrſt / ein ſolcher Menſch werde ſagen / troll dich geſchwind in aller hunderten taufenden Namen in Abgrund der Hoͤllen zu deinem Groß - vatter hinunter / der dich geſandt hat? und laſſe mich zufrieden; wer iſt unter euch allen / ſprach ſie da - rauff zum gantzen Umbſtandt / dem nit ſolcher Ge - ſtalt abgedanckt worden / wann er mit der War - heit / die ohne das uͤberall verhaſſt iſt / auffzuziehen ſich unterſtanden? Solte ich dann allein der Narꝛ ſeyn / mich mit der Warheit ſchleppen? und unſer aller Großvattern nicht nachfolgen doͤrffen? deſſen groͤſte Arcana die Luͤgen iſt.

Eben ſo kahl kombts / wann der alte Pfetzpfen - ning zu meiner Verkleinerung vorgeben will / die Hoffart und der Wolluſt ſeyen meine Beyſtaͤndt; und zwar wann ſie es ſeyn / ſo thun ſie erſt was ihre Schuldigkeit und die Vermehrung deß hoͤlliſchen Reichs von ihnen erfordert; das gibt mich aber wunder / daß er mir mißgoͤnnen will / was er ſelbſt nit entberen kan! weiſet es nit das hoͤlliſche Proto - toll auß / daß dieſe beyde manchen armen Tropffen ins Hertz geſtigen und den Geitz den Weeg beraitet / ehe er / der Geitz / einmahl gedachte oder ſich erkuͤn - nen doͤrffte einen ſolchen Menſchen zu attaquirn? Man ſchlage nur nach / ſo wird man finden / daß de - nen ſo der Geitz verfuͤhrt / entweder zuvor die Hof - fart eingeblaſſen / ſie muͤſſen zuvor etwas haben / ehe ſie ſich ſehen laſſen zuprangen: oder daß ihnen die Raitzung deß Wolluſts gerathen / ſie muͤſſen zuvor etwas zuſamen ſchaͤchern / ehe ſie in Freuden und Wolluſt leben koͤndten; warumb will mir dann nun dieſer mein ſchoͤner Großvatter die jenige nit helffen laſſen / die ihm doch ſelbſt ſo manchen guten Dienſtgethan /gethan / was aber den Fraß und die Fuͤllerey anbe - langt / kan ich nichts davor / daß er Geitz ſeine Un - terſaſſen ſo hart haͤlt / daß ſie ſich ihrer wie die mei - nige nit eben ſo wohl auch annehmen doͤrffen; ich zwar halte ſie darzu / weil es meiner Profeſſion iſt; und er laͤſt ſie die ſeinige auch nit außſchlagen / wann es nur nit uͤber ihren Seckel gehet; und ich ſage dan - noch nicht / daß er etwas ungereimts daran begehe / ſintemahl es in unſerem hoͤlliſchen Reich ein altes Herkommen / daß je ein Mitglied dem andern die Hand bieten: und wir alleſamen gleichſamb wie ein Kette aneinander hangen ſollen; betreffend meines Anherꝛn Titul / daß er nemblich je und allweg / wie dann auch noch / die Wurtzel alles uͤbels genennet worden / und daß ich beſorglich ihne durch mein Auf - nemmen verkleinern: oder ihm gar vorgezogen wer - den moͤchte; daruͤber iſt mein Antwort / daß ich ihm ſeine gebuͤhrende und wolhergebrachte Ehr / die ihm die Menſchenkinder ſelbſt geben / weder mißgoͤnne noch ihm ſolche abzurauben trachte; allein wird mich auch niemand unter allen hoͤlliſchen Geiſtern verdencken / wann ich mich befleiſſe / durch meine ei - gene Qualitaͤten meinen Großvatter zu uͤbertreffen oder ihm doch wenigſt gleich geſchaͤtzt zuwerden; welches ihm dann mehr zur Ehr als Schand gerai - chen wird / weil ich auß ihm meinen Urſprung zuha - ben bekenne; zwar hat er meines Herkommens hal - ber etwas irrigs auff die Bahn gebracht / weil er ſich meiner ſchaͤmet; in dem ich nicht wie er vorgibt / deß Wolluſts / ſonder eigentlich ſeines Sohns deß Uber - fluſſes Tochter bin; welcher mich auß der Hoffart deß allergroͤſten Fuͤrſten ält[e]ſten Tochter: und eben damals den Wolluſt auß der Thorheit erzeiget; die -weilweil ich dann nun Geſchlechts und Herkommens halber eben ſo Edel bin / als Mamon immer ſehn mag / zumahlen durch meine Beſchaffenheiten (ob ich zwar nit ſo gar klug zuſeyn ſcheine) eben ſo viel ja noch wol mehr als dieſe alte Kracher zunutzen ge - traue; als gedencke ich ihm nicht allein nicht zuwei - chen / ſonder noch gar den Vorzug zubehaupten; verſehe mich auch gaͤntzlich der Großfuͤrſt und das gantze hoͤlliſche Heer werde mir Beyfall geben / und ihm aufferlegen / daß er die wider mich außgegoſſe - ne Schmaͤhwort widerruffen: mich hinfort in mei - nem thun unmoleſtirt: und als einen hohen Stand und vornehmſtes Mitglied deß hoͤlliſchen Reichs paſſiren laſſen ſoll.

Welchen wolte es nicht ſchmirtzen / antwortet der Geitz auff dem Wolff / wann einer ſo widerwerdige Kinder erzeugt / die ſo gar auß ſeiner Art ſchlagen; und ich ſoll mich noch darzu verkriechen unnd ſtill - ſchweigen / wann dieſer Schlepſack mir nit allein al - les / was er nu: erdencken kan / zuwider thut / ſonder was mehr iſt / noch druͤberhin durch ſolche Wider - ſpaͤnſtigkeit mein anſehenlich Alter zuvernitzen: und uͤber mich ſelbſt zuſteigen gedenckt; O Alter antwortet die Verſchwendung es hat wol ehe ein Vatter Kinder erzeugt / die beſſer geweſen als er! aber noch oͤffter / antwortet Mammon / haben die Eltern uͤber ihre ungerathene Kinder zu klagen ge - habt!

Warzu dienet diß gezaͤnck / ſagte Lucifer, jedes Theil erweiſe was es vor dem andern unſerm Reich vor nutzen ſchaffe / ſo wollen wir darauß judiciren, welchem under euch der Vorzug gebuͤhre / als umb welchen es vornemblich zuthun; vnd in ſolchem un -ſermſerm Urthel wollen wir weder Alter noch Jugent / noch Geſchlecht noch ichtwas anders anſehen; dann wer dem groſſen Namen am allermaiſten zuwider vnd den Menſchen am ſchaͤdlichſten zuſeyn befunden wird / ſoll unſerem alten Gebrauch / und herkom̃en nach auch der vornembſt Haan im Korb ſeyn.

Seintemahl groſſer Fuͤrſt / mir zugelaſſen iſt / ant - wortet Mammon, meine Qualitaͤten vnd auff wie vielerley weiß ich mich dardurch bey dem hoͤlliſchen Staat verdient mache / an Tag zulegen; ſo zweifelt mir nicht wann ich anders recht gehoͤret: Und alles umbſtaͤndlich und gluͤcklich genug vorbringen wuͤr - de / daß mir nit allein das gantze hoͤlliſche Reich den Vorzug vor der Verſchwendung zuſprechen: ſon - der noch darzu die Ehr und den Sitz des alten ab - gangnen Plutonis, under welchem Namen ich ehe - malen vor das hoͤchſte Oberhaupt alhier reſpectirt worden / widerumb goͤnnen und einraumen werde / als welcher Standt mir billich gebuͤhrt; Zwar will ich nit ruͤhmen / daß mich die Menſchen ſelbſt die Wurtzel alles uͤbels: das iſt einen Urſprung Cloac und Grundſuppe nennen / alles deß jenigen was ihnen an Leib und Seel ſchaͤdlich / und hingegen un - ſerem hoͤlliſchen Reich nutz ſeyn mag; dann ſolches ſeynd nun allbereit ſo bekandte Sachen / daß ſie auch bereiis die Kinder wiſſen! will auch nit herauß ſtrei - chen / wie mich deßwegen die ſo dem groſſen Numen beygethan ſeyn / taͤglich loben und wie das ſaure Bier außſchreyen / mich bey allen Menſchen verhaſt zumachen; wiewol mirs zu nicht geringer Ehr ge - raicht / wann hierauß erſcheinet / daß ich ohnange - ſehen aller ſolchen Numinaliſchen Verfolgungen /[de]nnoch bey dem Menſchen meinen Zugang erpra -cticirte;cticire; mir ein veſten Sitz ſtelle; und auch endlich wider alle ſolche Sturmwinde behaubte; waͤre mir dieſes allein nit Ehr genug / das ich die jenige gleich - wol beherſche / denen das Numen ſelbſt treuhertziger Warnnungsweiß ſagte / ſie koͤndtẽ ihm uñ mir nit zu gleich dienen; und daß ſein Wort unter mir wie der gute Samen unter den Doͤrnẽ erſtickt; hiervon aber / will ich durch auß ſtillſch weigen / weil es wie gemelt / ſchon ſo alte Poſten ſeyn / die bereits gar zubekandt! aber deſſen / deſſen / ſage ich / will ich mich ruͤhmen / daß keiner vnter allen Geiſtern und Mitglidern deß hoͤlliſchẽ Reichs die Intention unſers Groß-Fuͤrſten beſſer ins Werck ſetze als eben ich; den derſelbe will vnd wuͤnſcht nichts anders / als daß die Menſchen ſo wohl in ihrer Zeitlichkeit kein geruhiges ver - gnuͤgſambes nnd fridliches: als auch in der Ewig - keit kein ſeeliges Leben haben und genieſſen ſollen;

Sehet doch alle euren plauten wunder; wie ſich die jenige anfahen zu quelen / bey denen ich nur einen geringen Zutritt bekome; wie unablaͤſſig ſich die je - nige aͤngſtigen / die mir ihr hertz zum Quartier be - ginnen einzuraumen; vnd betꝛachtet nur ein wenig / die wegẽ deſſen den ich gantz beſitze und eingenom̃en; darnach ſagt mir / ob auch ein ellendere Creatur auff Erden lebe / oder ob jemahlen ein einiger hoͤl - liſcher Geiſt einen groͤſſern oder ſtandthafftigern Martyrer vermoͤgt unnd zugerichtet habe / als eben derſelbig einer iſt / den ich zu unſerem Reich ziehe; ich benemme ihm continuirlich den Schlaff / wel - chen doch ſein aigne Natur ſelbſt ſo ernſtlich von ihm erfodert / und wann er gleich ſolche Schuldigkeit nach Nothdurfft abzulegen gezwungen wirdt / ſo tribuliert und veriere ich ihn jedoch hingegen derge -ſtaltſtalt mit allerhandt ſorgſamben unnd beſchwerlichen Traͤumen / daß er nit allein nit ruhen kan / ſonder auch ſchlaffent viel mehr: Als mancher wachent ſuͤndigt; mit Speiß und Tranck auch allen andern angenehmen Leibs v[e]rpflegungen tractire ich die wohlhaͤbige viel ſchmaͤler / als andere doͤrfftigſte zu - genieſſen pflegen; und wann ich der Hoffart zuge - fallen nit bißweilen ein Aug zuthaͤte ſo muͤſten ſie ſich auch elender beklaiden / als die aller armſeelig - ſte Bettler; ich goͤnne ihnem keine Fꝛeud / keine Ruhe / keinen Fried / keine Luſt und in Summa nichts das gut genennet: Und ihren Leiben geſchweige den Seelen zum beſten gedeyen mag; ja auch auffs euſ - ſerſt die jenige Wolluͤſte nit / die andere Welt-Kinder ſuchen und ſich dardurch zu uns ſtuͤrtzen; die fleiſch - liche Wohluͤſte ſelbſt / denen doch alles von Natur nachhaͤngt / was ſich nur auff Erden regt / verſaltze ich ihnen mit Biterkeit; in dem ich die bluͤhende Juͤng - ling mit alten abgelebten unfruchtbaren garſtigen Vetteln: Die allerholdſeeligſte Jnngfrauen aber mit Eißgrauen eyferſichtigen Hanereuern verkup - pele und beunſeelige, ihr groͤſte Eꝛgetzung muß ſeyn / ſich mit Sorg und Bekuͤmmernuß zu graͤmen / und ihr hoͤchſtes Contentament, wann ſie ihr Leben mit ſchwerer ſaure Muͤhe und Arbeit verſchleiſſen / ſich umb ein wenig rothe Erden / die ſie doch nicht mit - nehmen koͤnnen / die Hoͤll haͤrtiglich zuerarmen.

Jch geſtatte ihnen kein rechtſchaffenes Gebett / noch weniger daß ſie auß guter Meinung Allmoſen geben / und ob ſie zwar offt faſten oder beſſer zure - den Hunger leyden / ſo geſchihet jedoch ſolches nit Andacht halber / ſonder mir zugefallen etwas zuer - ſparꝛen; ich jage ſie in Gefaͤhrlichkeit Leibs und Le -Bbens /bens / nit allein mit Schiffen uͤber Meer / ſonder auch gar unter die Wellen in deſſelbigen Abgrund hinunter / ja ſie muͤſſen mir das innerſte Eingeweid der Erden durchwuͤhlen / und wann etwas im Lufft zufiſchen waͤr / ſo muͤſten ſie mir auch fiſchen lerneu / ich will nit ſagen von den Kriegen die ich anſtiffte / noch von dem Ubel das darauß entſtehet / dann ſol - ches iſt aller Welt bekandt! will auch nicht erzehlen / wievil Wucherer Beutel ſchneider / diß / Rauber und Moͤrder ich mache; weil ich mich deſſen zum hoͤchſten ruͤhme / das ſich alles was mir beygethan iſt / mit bit - terer Sorg / Angſt / Noth / Muͤhe unnd Arbeit ſchlaͤppen muß; und gleich wie ich ſie an Leib ſo greu - lich martere / daß ſie keines andern Henckers be - doͤrffen / alſo peynige ich ſie auch in ihrem Gemuͤth das kein anderer hoͤlliſcher Geiſt weiters vonnoͤthen / ſie den Vorgeſchmack der Hoͤllen empfinden zulaſſen / geſchweige in vnſerer Andacht zubehalten; ich aͤng - ſtige den Reichen! ich untertrucke den Armen! ich verblaͤnde die Iuſtitiam, ich verjage die Chriſtliche Liebe / ohne welche niemand ſeelig wird / die Barm - hertzigkeit findt bey mir keine ſtatt!

Das V. Capitel.

JN dem der Geitz ſo daher plauterte ſich ſelbſt zu - loben / und der Verſchwendung vorzuziehen / kam ein hoͤlliſcher Gaſt daher gefladert / der vor Alter gleichſamb hinfaͤllig / außgemergelt / lahm und buck - let zu ſeyn ſchiene / er ſchnauffte wie ein Beer / oder wann er ein Haaſen erloffen haͤtte; weßwegen dann alle Anweſende die Ohren ſpitzten / zuvernehmen was er Neus braͤchte oder vor ein Wildpraͤt gefan - gen haͤtte / dann er hatte hierzu vor andern Geiſterndenden Ruhm einer ſonderbaren dexteritaͤt; da ſie es aber beym Liecht beſahen war es nihil und ein niſt darhinder / daß ihn an ſeiner Verꝛichtung verhindert / dann da ihm ſtatt geben ward / relation zuthun / ver - ſtunde man gleich / daß er Iulo einem Edelmann auß England vnd feinem Diener avaro (die miteinan - der auß ihrem Vatterland in Franckreich raiſten) vergeblich auffgewartet entweder beyde: oder einen allein zuberuͤcken; dem erſten haͤtte er wegen ſeiner ed - len Art und tugentlichen Aufferziehung: Dem an - dern aber wegen ſeiner einfaltig Frommkeit nicht beykommen moͤgen / batt derowegen den Lucifer daß er ihme mehr Succurs zuordnen wolte.

Eben damals hatte es das Anſehen als wann Mammon ſeinen Diſcurs beſchlieſſen: Und die Ver - ſthwendung den ihrigen haͤtte anfahen woklen Aber Lucifer ſagte / es bedarff nicht vicler Wort / das Werck lobt den Meiſter / einem jeden von euch beyden Ge - gentheilen ſey aufferlegt / einen von dieſen Englaͤn - dern vor die Hand zunehmen / ihn anzuwenden / zu - verſuchen / zuhetzen / und durch ſeine Kunſt und Ge - ſchicklichkeit anzuſechten / ſo lang und ſo viel / biß daß ein oder ander Theil den ſeinigen angefeſſelt / in ſeine Strick gebracht und unſerem hoͤlliſchen Reich ein - verleibt habe; und welches Theil den ſeinigen als - dann am gewiſſeſten und fetteſten herſchafft oder heimbringt / der ſoll den Preiß gewonnen: und die Præminentz vor dem andern haben; dieſen Beſcheid lobten alle hoͤlliſche Geiſter und die beyde ſtreitige Partheyen verglichen ſich ſelbſt guͤtlich / auß Rath der Hoffart / daß Mammon den Avarum und die Verſchwendung den Iulum vor die Hand nehmen ſolten / mit dem außtruͤcklichen Geding und Vorbe -B 2halt /halt / daß kein Theil dem andern bey dem ſeinigen den geringſten Eintrag nicht thun: noch ſich unterſtehen ſolte / ſolchen auff ſeine anderwertige Art zuneigen / es ſeye dann Sach / daß des hoͤlliſch Reichs interreſſe daſſelbig außtruͤcklich erfordere. Da ſolte man wun - der geſehen haben / wie die andere Laſter dieſen bey - den Gluͤck wuͤnſchtẽ und ihnẽ ihrer Geſellſchafft / Hilf und Dienſt anbotten; mit hin ſchiede die gantze hoͤl - liſche Verſamblung von einander / worauff ſich ein ſtarcker Wind erhube / der mich mit ſambt der Ver - ſchwendung und dem Geitz ſambt ihren Anhaͤngern und Beyſtandern in einem nun zwiſchen Engelland und Franckreich fuͤhret und in das jenige Schiff nie - derlieſe / worin beyde Engellaͤnder uͤberfuhren und gleich außſteigen wolten.

Die Hoffart machte ſich den gerathen Weg zum Iulo und ſagte / tapfferer Cavallier ich bin die Re - putation, und weil ihr jetzt ein frembt Land betret - tet / wird mich nicht uͤbel anſtehen wann ihr mich zur Hoffmeiſterin behaltet; hier koͤndt ihr die Einwoh - ner durch eine ſonderbare perelegans ſehen laſſen / daß ihr kein ſchlechter Edelmann: ſondern auß dem Stammen der alten Koͤnig entſproſſen ſeyd! und wann gleich ſolches nicht waͤre / ſo wuͤrde euch jedoch gebuͤren / eurer Nation zu ehren den Frantzoſen zu weiſen / was Engelland vor wackere Leut trage;

Darauff lieſe Iulus durch Avarum ſeinen Diener dem Schiff-Patronen die Fracht in lauter wiewol groben: jedoch anmuͤthig und holdſeelig Goldſorten entrichten weßwegen dann der Schiff-Herꝛ dem Iulo einen demuͤthig Buͤckling machte / und ihn gar vielmahl einen gnaͤdigen Herꝛen nennete; ſolches machte ihm die Hoffart zu nutz / und ſagte zum Ava -ro,ro, ſchaue wie einer geehrt wird der dieſer Geſellen viel herbergt! der Geitz aber ſagte zu ihm / haͤtteſtu ſolcher Gaͤſte ſo viel beſeſſen / als dein Herꝛ nur jetzt außgibt / du ſolteſt ſie wol anders angelegt haben; dann weit beſſer iſts / der Vorꝛath und Uberfluß wer - de zu Hauß auff ein gewiſſes intereſſe angelegt / da - mit man kuͤnfftig etwas davon zugenieſſen habe / als daß man denſelbigen auff einer Raiß / die ohne das voller Muͤhe / Sorg und Gefahr ſteckt / ſo unnuͤtzlich durchjagt.

So bald betratten beyde Juͤngling das veſte Land nicht / als Hoffart die Verſchwendung vertreulich acciſirte / daß ſie nicht allein ein Zutritt: ſonder allem Vermuthen nach / einen unbeweglichen Sitz auff ihr erſteres anklopffen in deß Iuli Hertzen bekom - men; mit angehenckter Erinnerung / ſie moͤchte noch mehrerer anderwertlichen aſſiſtenz ſich bewer - ben / damit ſie deſto ſicherer und gewiſſer ihr Vor - haben ins Werck ſtellen koͤndte; ſie wolie ihr zwar nit weit von der Hand gehen / aber gleichwol muͤſte ſie ihrem Gegentheil dem Geitz eben ſo groſſe Hilff lai - ſten / als ſie die Verſchwendung von ihr zuhoffen:

Mein großguͤnſtiger hochgeehrter Leſer / wann ich eine Hiſtori zuerzehlen haͤtte / ſo wolte ichs kuͤrtzer begreiffen und hier nicht ſoviel Umbſtaͤnd machen: ich muß ſelbſt geſtehen daß mein aigner Vorwitz von jedem Geſchicht Schreiber ſtracks erfordert / mit ſet - nen Schrifften niemand lang auffzuhalten; aber dieſes was ich vortrage iſt ein Viſion oder Traum / und alſo weit ein anders ich darff nicht ſo geſchwind zum Ende eylen / ſondern muß etliche geringe Par - ticularitaͤten / und Umbſtaͤnde mit einbringen / da - mit ich etwas vollkommner erzehlen moͤge / was ichB 3denden Leuten dieß Orts zu communicirn vorhabens; welches dann nichts anders iſt / als ein Exempel zu weiſen / wie auß einen geringen Fuͤncklein allgemach ein groß Feur werde / wann man die Vorſichtigkeit nicht beobachtet; dann gleich wie ſelten jemand in dieſer Welt auff einmal den hoͤchſten Gradum der Heiligkeit erlangt / alſo wird auch keiner gehling und ſo zuſagen in einem Augenblick auß einem Frommen zu einem Schelmen / ſonder jeder theil ſteigt allge - mach / ſacht und ſach fein Staffel weiß hinan; welche Staffeln deß Verberbens dann in dieſem mei - nem Geſchichte billich nicht auſſer Acht zulaſſen / da - mit ſich ein jeder zeitlich darvor zuhuͤtten wiſſe; zu welchem end ich dann vornembliche ſolche beſchrei - be; maſſen es dieſen beyden Juͤnglingen gangen wie einem jungen Stuͤck Wild / welches / wann es den Jaͤger ſiehet / anfaͤnglich nicht weiß ob es fliehen oder ſtehen ſoll / oder doch ehender gefaͤllt wird / als es den Schuͤtzen erkennet; zwar giengen ſie etwas geſchwin - der als gewoͤhulich / ins Netz / aber ſolches war die Ur - ſach / daß bey jedem der Zunder bequem war / die Fun - cken des einen und andern Laſters alſo gleich zufan - gen; dann wie das junge Viehe / wann es wel auß - gewintert iſt / und im Fruͤling auß dem vertruͤßlichen Stall auff die luſtige Waydt gelaſſen wird / anfahet zu gumpen / und ſolte es auch zu ſeinem Verderben in einen Spalt: oder Zaunſtecken ſpringen / alſo machts auch die unbeſonnene Jugend / wann ſie ſich nicht mehr unter der Ruthen vaͤtterlicher Zucht: Sonder auß der Eltern Augen in der lang er - wuͤnſchten Freyheit befindet: Als deren gemeinig - lich Erfahrenheit und Vorſichtigkeit manglet.

Das obgemeldte ſagte die Hoffart nicht nur vordiedie lange Weil zu der Verſchwendung / ſonder wen - det ſich gleich zu dem Avaro ſelbſten / bey deme ſie den Neyd und Mißgunſt fande / welche Cammerꝛa - then der Geitz geſchickt hatte / ihm den Weg zuberei - ten; derowegen richtet ſie ihren Diſcurs darnach ein / und ſagte zu ihm: Hoͤre du Avare, biſt du nicht ſowohl ein Menſch als dein Herꝛ? biſt du nicht ſo - wohl ein Engellaͤnder als Iulius? was iſt dann das? daß man ihn einen gnaͤdigen Herꝛn: und dich ſei - nen Knecht nennet? hat ench beyde dann nicht En - gelland: und zwar den einẽ wie den andern geborn uñ auff die Welt gebracht? wo kombt es her / daß er hier im Land / da er ſo wenig aignes hat als du / vor einen gnaͤdigen Herꝛen gehalten: du aber als ein Sclav tractirt wuͤrdeſt! ſeynd nicht ihr beyde einer wie der ander uͤber Meer herkommen? haͤtte er nicht ſowohl als du und ihr beyde als Menſchen / zugleich erſauf - fen muͤſſen / wann euer Scheff unter Wegs geſcheit - tert? oder waͤre er / weil er ein Edelmann iſt / etwann wie ein Delphin unter den Wellen der Ungeſtuͤmme in ein ſichern Porth entrunnen? oder haͤtte er ſich vielleicht als ein Adler uͤber die Wolcken (darinnen ſich der Anfang und die grauſame Urſach eures Schiffbruchs enthalten) ſchwingen: und alſo dem Untergang entgehen koͤnnen? nein Avare! Iulus iſt ſowohl ein Menſch als du / und du biſt ſowohl ein Menſch als er! warumb wird er dir aber ſo weit vor - gezogẽ? mit dem fiel Mammon der Hoffart in die Red und ſagt / was iſt das vor ein Handel einem zum fliehẽ anzu ſpohrẽ ehe ihm die Federn gewachſen? gleichſam als wann man nicht wuͤſte / daß ſolches das Geld ſey was Iulus iſt! ſein Geld: ſein Geld iſts / was er iſt; und ſonſt iſt er nichts! nichts ſag ich / iſt er; als wasB 4ſeinſein Geld auß ihm macht; der gute Geſell harꝛe nur ein wenig / und laſſe mich gewaͤhren / ob ich dem A - varo durch Fleiß und Gehorſambkeit nicht eben ſo viel Geld / als Iulus verſchwendet / zu wegen brin - gen: und ihn dardurch zu einem ſolchen Stutzer / wie Iulus einer iſt / gleich machen moͤchte?

So hatten deß Avari erſtere Anfechtungen eine Geſtalt / denen er nicht allein fleiſſig Gehoͤr gabe / ſonder ſich auch entſchloſſe / denſelben nach zuhaͤn - gen; ſo unterlieſſe Iulus auch nicht dem jenigen mit allem fleiß nach zuleben / was ihm die Hoffart eingab.

Das VI. Capitel.

DEr gnaͤdige Herꝛ / das iſt Herꝛ Iulus, uͤbernach - tet an dem jenigen Ort da wir angelaͤndet / und verblieb den andern Tag und die folgende Nacht noch darzu daſelbſten / damit er außruhen / ſeinen Wexel empfahen / und Anſtalt machen moͤchte / von dar durch die Spanniſche Niderland in Holland zu paſſiren / welche verainigte Provintzien er nicht allein zubeſehen verlangte / ſonder auch / daß er ſol - ches thun ſolte / von ſeinem Herꝛn Vattern außtruͤ - ckenlichen Befelch hatte; hierzu dingte er ein ſonder - bare Land-Kutſchen / zwar nur allein vor ſich und ſei - nen Diener Avarum, aber beydes Hoffart und Verſchwendung ſambt dem Geitz und ihrer aller Anfaͤnger wolten gleichwol nicht zuruck verbleiben / ſonder ein jeder Theil ſetzte ſich wohin er kondte / Hoffart oben an die Decke / Verſchwendung an deß Iuli Seiten / der Geitz in deß Avari Hertz / und ich hockte und behalff mich auff dem Narꝛen-Kiſtlein / weil Demuth nicht vorhanden war / denſelbigen Platz einzunehmen.

Alſo

Alſo hat ich das Gluͤck im Schlaff viel ſchoͤne Staͤtt zubeſchauen / die unter tauſenden kaum einem wachent ins Geſicht kommen / oder zuſehen werden; die Raiß gieng gluͤcklich ab / und wann ſchon gefaͤhr - liche Ungelegenheiten ſich eraigneten / ſo uͤberwuͤnde jedoch des Iulij ſchwerer Saͤckel ſolche all; weil er ſich kein Geld tauren lieſſe / und ſich umb ſolches (weil wir durch unterſchiedliche wiederwertige Guarniſonen rayſen muſten) aller Orten mit noth - wendigen Convoyen und Paß-Brieffen verſehen lieſte; ich achtet der jenigen Sachen ſo ſonſt in die - ſen Landen ſehens wuͤrdig ſeyn / nicht ſonderlich / ſonder betrachtet nur / wie beyde Juͤngling nach und nach von den obgemeldten Laſtern je mehr und mehr eingenommen wurden / zu welchen ſich je laͤnger je mehr ſambleten; da ſahe ich wie Iulus auch von dem Vorwitz und der Unkeuſchheit (welche darvor gehalten wird / das ſie eine Suͤnd ſey / damit die Hof - fart geſtrafft werde) angerennet und eingenom - men wurde / weßwegen wie dann offt an den Oer - tern da ſich leichte Dirnen befanden / laͤnger ſtill lie - gen muſten und mehr Gelds verthaͤten als ſonſt wol die Nothdurfft erforderte; andern theils quelte ſich Avarus Geld zuſammen zuſchrappen wie er mochte / er bezwackte nicht allein ſeinen Herꝛen ſon - der auch die Wirth und Gaſtgeber wo er zukommen mochte; gab mithin einen trefflichen Cuppler ab / und ſcheute ſich nicht hie und da unterwegs unſere Herberger zu beſtehlen / und haͤtte es auch nur ein ſilberner Leffel ſeyn ſollen / ſolcher Geſtalt paſſirten wir durch Flandern / Brabant / Hennegau / Holland / Seeland / Zuͤtphen / Geltern / Mecheln / und folgends an die Frantzoͤſiſche Graͤntz / endlich gar auff Paris /B 5allwoallwo Iulus das luſtigſte und bequembſte Loſament beſtelte / das er haben kondte; ſeinen Avarum kley - det er Edelmaͤnniſch und nennet ihn einen Juncker damit jederman ihn ſelbſt deſto hoͤher halten und ge - dencken ſolte / er muͤſte kein kleiner Hanß ſeyn / weil ihm einer vom Adel auffwartete / der ihn einen gnaͤ - digen Herꝛen hieſſe; maſſen er auch vor einen Gra - ſen gehalten wurd; er verdingte ſich gleich einem Lauteniſten / einem Fechter / einem Tantzmeiſter / einem Bereiter und einem Ballmeiſter / mehr ſich ſehen zulaſſen als jhnen ihre Kuͤnſte und Wiſſen - ſchafften abzulernen; dieſe waren lauter ſolche Keutz / die dergleichen neu außgeflogenen Gaͤſten das ihrig abzulauſen vor Meiſter paſſirten; ſie machten ihn bald beym Frauenzimmer bekandt / da es ohne ſpendiren nicht abgieng / und brachten ihn auch ſonſt zu allerley Geſellſchafften / da man dem Beu - thel zuſchroͤpffen pflegte / und er allein den Riemen ziehen muſte; dann die Verſchwendung hatte be - reits den Wolluſt mit allen ſeinen Toͤchtern eingela - den / dieſen Iulum beſtreiten; und caput machen zu - helffen;

Anfaͤnglich zwer lieſe er ſich nur mit dem Ballen ſchlagen / Ringel rennnen / den Comœdien / Balle - ten und dergleichen zulaͤſſigen und ehrlichen Ubun - gen / denen er beywohnet / und ſelbſt mitmachte / ge - nuͤgen; da er aber erwarmet und bekandt wurde / kam er auch an die jenige Ort / da man ſeinem Geld mit Wuͤrffeln und Karten zuſetzte; biß er entlich auch die vornembſte Huren-Haͤuſer durch ſchwirmbte; in ſeinem Loſament aber / gieng es zu / wie bey deß Koͤnigs Arturi Hof-Haltung / da er taͤglich viel Schmarotzer nicht ſchlecht hinweg mitKrautKraut oder Stuͤben: Sonder mit theuren frantzoͤſiſchen Bottagien und ſpaniſchen Olla Battri - den koͤſtlich tractirte; maſſen ihn offt ein eintziger Jmbs uͤber 25. Piſtolen geſtunde / ſonderlich wann man die Spilleuth rechnete / die er gemeiniglich dabey zuhahen pflegte; uͤber dieſes brachten ihn die neue Moden der Klaydungen / welche geſchwind nach einander folgten und auffſtunden / und ſich bald wider veraͤnderten / umb ein groſſes Geld / mit wel - cher Thorheit er deſto mehr brangte / weil ihm als einem frembden Cavalier keine Tracht verbotten war; da muſte alles mit Gold geſtickt und ver - praͤmbt ſeyn / uud vergieng kein Monat in dem er nit ein neues Kleid angezogen: und kein Tag daran er nit ſeine Baruͤcke etlich mal gepudert haͤtte; dann wiewol er von Natur ein ſchoͤnes Haar hatte / ſo be - redet ihn die Hoffart doch / daß er ſolches abſchneident und ſich mit frembden ziehren laſſen / weil es ſo der Brauch war; dann ſie ſagte / die Soͤnderling / ſo ſich mit ihrem natuͤrlichen Haar behelffen / wann ſolches gleichwol ſchoͤn ſey / geben damit nichts an - ders zuverſtehen / als das ſie arme Schurchen ſeyen die nit ſo vil vermoͤchten / ein kal hundert Dugaten an ein bar ſchoͤne Baruͤ[cken]zuverwenden In Sum - ma es muſte alles ſo koſibarlich hergehen und beſtelt ſeyn / als es die Hoffart jm̃ermehr erſinnen; und ihm die Verſchwendung eingehen konte.

Ob nun zwar dem Geitz / welcher den Avarum ſchon gantz beſaſſe / ein ſolche Art zuleben durchauß widerwertig zuſeyn ſchiene; ſo lieſſe er Avarus ihm jedoch ſolche wolgefallen / weil er ſie ihn wol zunutz zumachen gedachte dann Mammon hatte ihn all - bereit bewegt / ſich der Untreu zuergeben / wann erB 6andersanders etwas proſperiren wolte; weßwegen er dañ keine Gelegenheit veruͤber lauffẽ lieſte / ſeinem Herꝛn / der ohne das ſein Geld ſo unnuͤtzlich hinauß ſchlau - terte / abzuzwacken was er konte; im wenigſten be - zahlte er keine Naͤherin oder Waͤſcherin / deren er ihren gewohnlichen Lohn nicht ringerte / und was er denen abbrach / heimlich in ſeinen Beutel ſteckte; kein Kleidflicker: oder Schuhſchmirerlohn war ſo klein den er ſeinen Herꝛn nicht vergroͤſſerte und den Uberfluß zu ſich ſchobe; geſchweige wie er in groſſen Außgaben per fas & nefas zu ſich rapte und ſackte / wo er nur kont und moͤchte; die Saͤſſeltraͤger / mit denen ſein Herꝛ vil Geld hinrichtete / veraͤndert er gleich / wann ſie ihm nit Part an ihren Verdienſt gaben / der Baſtedenbeck / der Garkoch / der Wein - ſchaͤnck / der Holtzhaͤndler / der Fiſchverkauffer / der Beck und alſo andere Victualiſten muſten beynahe ihren Gewinn mit ihm theilen / wolten ſie anders an dem Iulo laͤnger einen guten Kundten behalten; dann er war dergeſtalt eingenommen / ſeinem Her - ꝛen durch beſitzung viles Gelds und Guts gleich zu - werden / als etwan hiebevor Lucifer / da er wegen ſeiner vom allerhoͤchſten verlihenẽ Gaben erkuͤhnete / ſeinem Stul an den maͤchtigen Thron des groſſen GOttes zuſetzen; alfo lebten beyde Juͤngling ohne alle andere Anfechtungen zwar dahin / ehe ſie wahr - namen wie ſie lebten; dann Iulus war an zeitlicher Haab ja ſo Reich als Avarus bedoͤrfftig / und deß - wegen vermeinte jeder er verfahre ſeinen Stand nach gar recht und wol / ich wil ſagen / wie es eines jeden Stand und Gelegenheit erfordere; jener zwar ſeinen Reichtumb gemaͤß ſich herꝛlich und praͤchtig zuerzaigen / dieſer aber ſeiner Armuth zuhuͤlff zu -kom -kom̃en / und etwas zu proſperirn und ſich der gegen - wertigen Gelegenheit zubedienen / die ihm ſein ver - thunlicher Herꝛ an die Hand gab; jedoch unterlieſſe der jnnerliche Waͤchter das Liecht der Vernunfft / der Zeuͤg der nim̃er gar ſtillſchweigt / nemblich das Gewiſſen indeſſen nicht / einem jeden ſeine Fehler zeitlich genug vorzuhalten / und ihm eines andern zuerinnern.

Gemach! gemach! wurde zu dem Iulo geſpro - chen / halte ein das jenig ſo ohnnuͤtzlich zuverſchwen - den / welches deine vorderen villeicht mit ſaurer Muͤhe und Arbeit: Ja villeicht mit Verluſt ihrer Seeligkeit erworben: und dir ſo getreulich vorge - ſpart haben; vilmehr lege es alſo an / damit du kuͤnfftig deßwegen beydes vor GOtt / der erbarn Welt: und deinen nachkom̃en beſtehen und rechen - ſchafft darumb geben moͤgeſt! ꝛc. Aber dieſem und dergleichen heylſamen Erinnerungen oder jnnerlichẽ guten Einſprechung die Iulum zur Maͤſſigkeit reitzen wolten / wurde geantwortet / was! ich bin kein Bernheuter noch Schim̃el-Jud ſonder ein Ca - valier; ſolte ich meine adeliche Exercitia in Geſtalt eines Bettelhunds oder Schurcken begreiffen? nain das iſt nit der Gebrauch noch herkom̃ens! ich bin nit hier Hunger und Durſt zuleyden vil weniger wie ein alter karger Filtz zuſchachern / ſonder als ein rechtſchaffner Kerl von meinen Renten zuleben! wann aber die gute Einfaͤll / die er melancholiſche Gedancken zunennen pflegte / auff ſolche Gegen - wuͤrff dannoch nit ablaſſen wolten / ihn auffs beſte zuermahnen; ſo lieſte er ihm das Lied / laſt uns vnſer Tag genieſſen / GOtt weiß wo wir Morgen ſeyn ꝛc. auffſpilen / oder beſuchte das Frauenzimmer / oderB 7ſonſtſonſt ein luſtige Geſellſchafft / mit deren er ein Rauſch ſoffe / warvon er je laͤnger je aͤrger: und entlich gar zu einem Epicurer ward.

Nicht weniger wurde andern Theils Avarus von jnnerlichen zuſprechen erinnert / daß dieſer Weg / den er zum Beſitz der Reichthumb zugehen antrete / die allergroͤſte Untreu von der Welt ſey; mit ferne - rer Ermahnung / er ſeye ſeinen Herꝛn nit allein mit - geben worden ihm zudienen / ſonder auch durchauß ſeinen Schaden zuwenden / ſeinen Nutzen zufoͤrdern / ihn zu allen ehrlichen Tugenden anzuraitzen / vor allen ſchaͤndlichen Laſtern zuwarnen und vornemb - lich ſein zeitliche Haab nach muͤglichiſten Fleiß zu - ſammen zuheben und beobachten; welche er aber im Gegentheil ſelbſt zu ſich reiſſe und ihne Iulum noch darzu in allerhand Laſter ſtuͤrtzen helffe; item auff was weiß er wol vermeine / das er ſolches gegen GOtt / dem er umb alles rechenſchafft geben muͤſte: gegen deß Iulj frommen Eltern / die ihm ihren eini - gen Sohn anvertraut nnd getreulich zubeobachten befohlen; und entlich gegen dem Iulo ſelbſten zuver - antworten getraue; wann derſelbe zu ſeinen Tagen kommen: und heut oder morgen verſtehen werde / daß auß ſeiner Verwahrlaſung und Vntreu beydes ſeine Perſohn zu allen guten verderbt: und ſeine Reichthumb unnuͤtzlich verſchwendet worden? hie - mit zwar / O Avare iſts noch nicht genug! dann uͤber ſolche ſchwere Verantwortung / die du dir deß Iuli Perſohn und Gelds wegen auffbirdeſt / beſu - delſtu dich ſelbſt auch mit dem ſchaͤndlichen Laſter deß Diebſtals und machſt dich deß Strangs und Gal - gens wuͤrdig; du unterwirffſt deine vernuͤnfftige ja himmliſche Seel dem Schlam der jrdiſchen Guͤter /diedie du ungetreuer und hochſtraͤfflicher Weiß zuſam - men zuſcharꝛen gedenckeſt / welche doch der Hayd Crates Thebanus ins Meer warffe / damit ſie ihn nit verderben ſolten / wiewol er ſolche rechtmaͤſſig be - ſaſſe; wie vil mehr / kanſtu wol erachten / werden ſie dein Undergang ſeyn / in dem du ſolche im Gegen - ſpil auß dem groſſen Meer deiner Untreu erfiſchen wilſt! ſolteſtu dir wol einbilden doͤrffen / ſie werden dir wol gedeyen?

Solche und dergleichen mehr guter Ermahnun - gen beydes von der geſunden Vernunfft und ſei - nem Gewiſſen empfande zwar Avarus in ſich ſelbſtẽ; aber es manglet ihm hingegen mit nichten an Ent - ſchuldigungen / ſein boͤſtes Beginnen zubeſchoͤnen und gut zuſprechen; was? ſagte er mit Salomone Proverbior: 26. Wegen deß Iuli Perſon / was ſoll dem Narꝛen Ehr / Geld und gute Tage? ſie koͤnnens doch nicht brauchen! zu dem hat er ohne das genug! und wer weiß wie es ſeine Eltern gewonnen haben? iſts nicht beſſer / ich packe ſelbſt das jenige an / das er doch ſonſt ohne mich verſchwendet / als daß ichs unter frembde kommen laſſe?

Dergeſtalt folgten beyde Juͤngliug ihren ver - blaͤnten Begterden / und erſaͤufften ſich mithin in Abgrund deß Wolluſt / biß entlich Iulus die liebe Frantzoſen bekam / und eine Woch oder 4. Schwi - tzen: und beydes ſeinen Leib und Beuͤtel purgirn laſſen muſte / welches ihn drumb nit beſſer machte / oder ihm zur Warnung gedeyete: dann er machte das gemeine Sprichwort war / da der Kranck wider genaß / je aͤrger er was.

Das

Das VII. Capitel.

AVarus ſtahl ſoviel Geld zuſammen daß ihm angſt darbey ward / maſſen er nicht wuſte wo er damit hin ſolte / damit dem Iulo ſein Untreu verbor - gen bliebe; er ſonne derowegen dieſen Liſt ihm ein Aug zuverkleiben / er verwechſelt zum theil ſein Gold in grobe teutſche ſilberne Sorten / thaͤt ſolche in ein groſſes Velleyſen / und kam damit bey naͤcht - licher Weil vor ſeines Herꝛen Beth geloffen / mit gelehrten Worten daher luͤgente oder hoͤchlicher zureden / daher erzehlende was ihm vor ein Fund gerathen waͤre; gnaͤdiger Herꝛ / ſagte er / ich ſtolper - te uͤber dieſe Beuth / als ich von etlichen von dero Liebſten Loſament gejagt wurde / und wann der Thon des gemuͤntzten Metals nicht einen andern Klang von ſich geben haͤtte als das Eingewaidt ei - nes Abgeſtorbenen nicht thut / ſo haͤtte ich geſchwo - ren / ich waͤre uͤber einen Todten geloffen; damit ſchuͤtte er das Geld auß / und ſagt ferner / was geben mir Eur Gn. wol fuͤr ein Rath / daß diß Geld ſeinem rechtmaͤſſigen Herꝛen wieder zukombt; ich verhoffe derſelbe ſolte mir wol ein ſtattlich Trinckgeld davon zukommen laſſen; Narꝛ / Antwortet Iulus, haſt du was ſo behalts; was bringſt du aber vor eine reſolu - tion von der Jungfer? ich kondte / antwortet Ava - rus dieſen Abend mit ihr nicht zuſprechen kommen / weil ich wie gehoͤrt / etlichen mit groſſer Gefahr ent - trinnen muͤſſen / und mir dieſes Geld ohnverſehens zugeſtanden; alſo behalffe ſich Avarus mit Lugen ſo gut er kondte / wie es alle junge angehende Dieb zumachen pflegen / wann ſie vorgeben ſie haben gefunden was ſie geſtohlen.

Eben

Eben damal bekam Iulus von ſeinem Vatter Briefe / und in denſelbigen einen ſcharpffen Ver - weiß / daß er ſo aͤrgerlich lebe und ſo ſchrecklich viel Gelds verſchwende; dann er hatte von dem Engli - ſchen Kauffherꝛn die mit ihm Correſpondirten / und den Iulo jeweils ſeine Wechſel entrichteten / alles deß Iuli und ſeines Avari Thun erfahren / ohne das die - ſer ſeinen Herꝛn beſtohle / jener aber ſolches nicht merckte; weßwegẽ er ſich dann ſolcher Geſtalt bekuͤm - merte / daß er daruͤber in ein ſchwere Kranckheit fiel; er ſchriebe bemeldten Kauffherꝛn daß ſie forthin ſei - nem Sohn mehrers nicht geben ſolten / als die bloſſe Nothdurfft / die ein gemeiner Edelmann haben muͤ - ſte / ſich in Paris zubehelffen; mit dem Anhang / wo - fern ſie ihm mehr reichen wuͤrden / daß er ihnen ſol - ches nicht wieder gut machen wolte: Den Iulum aber betrohet er / wofern er ſich nicht beſſern und ein ander Leben anſtellen wuͤrde / daß er ihn alsdann gar enterben und nimmermehr vor keinen Sohn halten wolte.

Iulus wurde zwar daruͤber trefflich beſtuͤrtzt / faſte aber drumb keinen Vorſatz geſparſamer zuleben; und wann er gleich ſeinem Vattern zubenuͤgen vor den gewoͤhnlichẽ groſſen Ausgabẽ haͤtte ſeyn wollen / ſo waͤre es ihm vor dismal doch ohnmuͤglich gewe - ſen / weil er ſchon allbereit viel zu tieff in den Schul - den ſtacke; er haͤtte dann ſeinen Credit erſtlich bey ſeinen Creditoren: und conſequenter auch bey je - dermann verliehren wollen / welches ihm aber die Hoffart maͤchtig widerꝛiehte / weil es wider ſein Reputation war / die er mit vielen ſpendiren erwor - ben; derowegen redet er ſeine Lands-Leute an und ſagte: Jhr Herꝛen wiſt / daß mein Herꝛ Vatter anvielenvielen Schiffen die beydes nach Oſt - und Weſt-Jn - dien gehen / nicht allein part: ſonder auch in unſerem Heimat auff ſeinen Guͤtern jaͤhrlich bey 4. oder 5000. Schaaf zuſchaͤrꝛen hat / alſo daß es ihm auch kein Cavallter im Land noch weniger vorzuthun ver - mag; geſchweige jetzt Barſchafft und der liegenden Guͤter ſo er beſitzt! auch wiſt ihr / daß ich alles ſei - nes Vermoͤgens heut oder morgen eineinziger Erbe bin / und das gedachter mein Herꝛ Vatter allerdings auff der Gruben gehet; wer wolte mir dann nun zumuthen / das ich hier als ein Bernheuter leben ſol - te? waͤre ſolches / wann ichs thaͤt / nicht un - ſerer gantzen Nation ein Schandt? jhr Herꝛen ich bitt / laſt mich mich in ſolche Schand nicht gera - then / ſonder helffet mir auß / wie bißher / mit einem ſtuͤck Geld / welches ich euch wider danckbarlich er - ſetzen: und biß zur Bezahlung mit Kauffmanns Intereſſe verpenſioniren: Auch einem jeden inſon - derheit mit einer ſolchen Verehrung begegnen will / daß er mit mir zu frieden ſeyn wird:

Hieruͤber zogen etliche die Achſeln ein und ent - ſchuldigten ſich / ſie hetten der Zeit nit uͤbrige Mit - tel; in warheit aber waren ſie ehrlich geſinnet / und wolten des Juli Vettern nit erzoͤrnen; die andere aber gedachten was ſie vor einen Vogel zurupffen bekaͤmen / wann ſie den Julum in die Klauen krieg - ten; wer weiß ſagten ſie zu ſich ſelbſten / wie lang der alte lebt / zu dem will ein Sparrer ein Verzeh - rer haben; will ihn der Vatter gleich enterben / ſo kan er ihm doch das Muͤtterlich nicht nehmen; Jn Summa dieſe ſchoſſen dem Julo noch 1000. Du - caten dar / warvor er ihnen verpfaͤndet was ſie ſelbſt begehrten / und ihnen jaͤhrlich acht pro cento ver -ſprach /prach / welches dann alles in beſter Form verſchri - ben wurde; damit raichte Julus nit weit hinauß / dann biß er ſeine Schulden bezahlte und Avarus ſein Part hinweck zwackte / verblieb wenig mehr - brig; maſſen er in baͤlde wider entlehnen: und neue Unterpfand geben muſte; welches ſeinen Vattern von andern Engellaͤndern die nit intereſſirt waren / zeitlich aviſirt wurde / daruͤber ſich der Alte derge - ſtalt erzoͤrnte / daß er denen ſo ſeinem Sohn uͤber ſein Ordre Geld geben hetten / eine Proteſtation in - ſiviren: und ſie ſeines vorigen Schreibens eriñern: benebens andeuten lieſſe / daß er ihnen kein Haͤller widerumb darvor gutmachen: ſonder ſie noch dar - zu / wann ſie wide[r]in Engelland anlaugen wuͤrden / als Verderber der Jugend: und die ſeinen Sohn zu ſolcher Verſchwendung verholffen geweſen / vorm Parlament verklagen wolte; dem Iulo ſelbſt aber / ſchriebe er mit aigner Hand / daß er ſich hinfuͤro nit ſeinen Sohn mehr nennen: noch vor ſein Angeſicht kommen ſolte.

Alß ſolche Zeitungen einlieffen / fieng deß Iuli Sach abermal an zuhincken / er hatte zwar noch ein wenig Geld / aber viel zuwenig / weder ſeinen ver - ſchwenderiſchen Pracht hinauß zufuͤhren / noch ſich auff eine Reiß zu mondiren / irgends einem Herꝛn mit einen baar Pferdten im Krieg zudienen / warzu ihm beydes Hoffart und Verſchwendung anhetzte; und weil ihm auch hierzu niemand nichts vorſetzen wolt; flehet er ſeinen getreuen Avarum an / ihme von dem was er gefunden / die Nothdurfft vorzu - ſtrecken; Avarus antwortet / Eur Gnaden wiſſen wohl / daß ich ein armer Schuler bin geweſen / und ſonſt nichts vermag / als was mir neulich GOTTbeſcherꝛtbeſcherꝛt (ach heuchleriſcher Schalck gedachte ich / hett dir das nun GOtt beſcherꝛt / was du deinem Herꝛn abgeſtohlen haſt? ſolteſtu ihm in ſeinen Noͤ - then nit mit dem ſeinigen zu huͤlff kommen? und das umb ſovil deſto ehenter / dieweil du / ſo lang er etwas hatte / mitgemacht / und das ſeinige haſt verfreſſen / verſauffen / verhurꝛen / verbuben / verſpielen und verpancketiren helffen? O Vogel gedachte ich / du biſt zwar auß Engelland kommen wie ein Schaaf / aber ſeit dich / der Geitz beſeſſen / in Franckreich zu einen Fuchs: ja gar zu einem Wolff worden.) Sol - te ich nun / ſagte er weiter / ſolche Gaben GOttes nicht in acht nehmen und zu meines kuͤnfftigen Le - bens Auffenthalt anlegen / ſo muͤſte ich ſorgen / ich moͤchte mich darduꝛch alles meines kuͤnftigen Gluͤcks unwuͤrdig machen / daß ich noch etwan zuhoffen; wen GOtt gruͤſt / der ſoll ihm dancken / es doͤrffte mir villeicht mein Lebenlang kein ſolcher Fund wi - der gerathen; ſoll ich nun dieſes an ein Orth hinge - ben / dahin auch reiche Engellaͤnder nichts mehr leh - nen wollen / weil ſie die beſte Unterpfand bereits hinweg haben / wer wolte mir ſolches rathen? Zu dem haben mir Euer Gnaden ſelbſt geſagt / wann ich etwas habe / ſo ſolte ichs behalten; und uͤber diß alles ligt mein Geld auff der Wechſelbanck / welches ich nit kriegen kan wann ich will / ich wolte mich dann eines groſſen Intereſſe verzeyhen.

Diſe Wort waren dem Iulo zwar ſchwer zu - vertauen / als deren er ſich weder von ſeinem getreu - en Diener verſehen; noch von andern zuhoͤren ge - wohnt war; aber der Schuh / den ihn Hoffart und Verſchwendung angelegt / truckte ihn ſo hart / daß er ſie leichtlich verſchmirtzte / vor billich hielte: unddurchdurch bitten ſoviel vom Avaro brachte; daß er ihm alles ſein erſchundenes und abgeſtohlenes Geld vor - lyhe; mit dem Geding daß ſein deß Avari Lidlohn ſambt dem jenigen ſo er noch in 4. Wochen an in - tereſſe davon haben koͤnnen / zur Haubt Summa ge - ſchlagen: mit 8. procento jaͤhrlich verzinſet: und / damit er umb Haubt Summa und Penſion verſi - chert ſeyn moͤchte / ihme ein frey adelich Gut / ſo Iulo von ſeiner Mutter Schweſter vermacht worden / verpfendet werden ſolte; welches auch alſobalden in Gegenwart der andern Engellaͤnder als erbettene Zeugen in der allerbeſten Form geſchahe und belieffe ſich die Summa allerdings auff ſechshundert Pfundt Sterling; welches nach unſerer Muͤntz ein nahm - haffts ſtuͤck Geld macht.

Kaum war obiger Contract gemacht / die Ver - ſchreibung verfertigt / und das Geld dargezehlet / da kam Iulo die Berkuͤndigung eins erfreulichen Layds / daß nemblich ſein Herꝛ Vatter die Schuld der Na - tur bezahlt hette; weßwegen er dann gleichſamb ei - ne Fuͤrſtliche Trauer anlegte / und ſich gefaſt mach - te / ehiſtens nach Engelland zuverraiſen / mehr die Erbſchafft anzutretten als ſeine Mutter zutroͤſten; da ſahs ich meinen Wunder wie Iulus wider einen Hauffen Freund bekam / weder er vor etlich Tagen gehabt; auch wuͤrde ich gewahr wie er heuchlen kondte / dann wann er bey den Leuthen war / ſo ſtell - er er ſich umb ſeinen Vatter gar laidig; aber beym Avaro allein ſagte er / waͤre der Alte noch laͤnger le - bendig bliben / ſo hette ich endlich heim bettlen muͤſ - ſen; ſonderlich wann du Avare mir mit deinem Gelt nicht waͤreſt zuhuͤlff kommen.

Das

Das VIII. Capitel.

DEmnach machte ſich Iulus mit Avaro ſchleinig auff den Weeg; nach dem er zuvor ſein ander Geſind / als Laquayen, Pagen und dergleichen un - nuͤtzer gefraͤſſiger oder verthunlicher Leut mit guten Ehren abgeſchafft wolte ich nun der Hiſtori ein End ſehen / ſo muͤſte ich wol mit / aber wir raiſen mit gar ungleicher Commoditet; Iulus ritte auff einem an - ſehenlichen Hengſt / weil er nunmehr nichts beſſers als das Reuten gelchrut hatte / und hinder ihm ſaſſe die Verſchwendung / gleichſamb als ob ſie ſein Hoch - zeiterin oder Liebſte geweſen waͤre; Avarus ſaſſe uff einen Minchen oder Wallachen / wie man ſie nen - net / und fuͤhrte hinderſich den Geitz / das hatte eben ein Anſehen als wann ein Marckſchreyer oder Stor - ger mit ſeinem Afen auff eine Kirchmeß geritten waͤ - re; die Hoffart hingegen floh hoch in der Lufft da - her / eben als wann ſie die Raiß nit ſonderlich an - gangen haͤtte; die uͤbrige aſſiſt ende Laſter aber marchirten beneben her / wie die Beylaͤuffer zuthun pflegen / ich aber hielte mich bald da / bald dort ei - nem Pferd an den Schwantz / damit ich auch mit fortkommen / und Engelland beſchauen moͤchte / die - weil ich mir einbildete / ich hette bereits vil Laͤnder geſehen / wargegen mir dieſes Enge ein ſeltener An - blick ſeyn wurde; mir erlangten bald den Orth der Schifflaͤnde / alwo wir hiebevor auch außgeſtigen waren / und ſegelten in kurtzer Zeit mit gutem Wind gluͤcklich uͤber.

Iulus fande ſeine Frau Mutter zu ſeiner Ankunfft auch in letzten Zuͤgen / maſſen ſie noch gleich den - ſelben Tag ihren Abſcheid nam / alſo daß er als eineintzi -eintziger Erb der nunmehr auß ſeinen vogtbaren Jahren getreten / einsmahls Herꝛ und Meiſter uͤber ſeiner Eltern Verlaſſenſchafft wurde; da gieng nun das gute Leben wider beſſer an als zu Paris / weil er ein namhaffte Parſchafft ererbt; er lebte wie der reich Mann Luce am 16. Ja wie ein Printz / bald hatte er Gaͤſt / und bald wurde er wider zu Gaſt ge - laden; faſt taͤglich zu / er fuͤhrte Waſſer oder Land anderer Leuth Toͤchter und Weiber nach Engellaͤn - diſchen Gebrauch ſpatziren / hielte einen aignen Trompeter / Bereiter / Cammerdiener / Schalcks - narꝛen / Reitknecht / Kutſcher / zween Laquayen / einen Page / Jaͤger / Koch und dergleichen Hoffge - ſind / gegen ſolchen (jnſonderheit aber gegen dem Avaro / den er als ſeinen getreuen Raiß-Geſellen zu ſeinem Hoffmeiſtern und Factor oder Factotum ge - macht hatte) erzaigte er ſich gar mild wie er dann auch gedachtem Avaro das jenige adeliche Guth ſo er ihm zuvor in Franckreich ver hypothicirt, vor Haupt Summa, intereſſe und ſeinen Liedlohn vor freyledig und aigen gab und verſchreiben lieſe / wie - wol es viel ein mehrers werth war; in Summa er verhielte ſich gegen jederman / das ich nit allein glaubte er muͤſte auß dem Geſchlecht der alten Koͤ - nige geboren worden ſeyn / wie er ſich deſſen in Franckreich offt geruͤhmt / ſonder ich hielte veſtiglich darvor / er waͤre auß dem Stammen Arturiſent - ſproſſen / welcher das Lob ſeiner Freygebigkeit biß ans End der Welt behalten wird.

Andern theils vnterlieſſe Avarus nicht in ſol - chem Waſſer zu fiſchen / und ſeine Schantz in acht zunehmen / er beſtahl ſeinen Herꝛn mehr als zuvor / und ſchacherte darneben aͤrger als ein 50jaͤhrigerJudJud; das loſſeſte Stuͤcklein aber daß er dem Iulo thaͤt / war diſes / daß er ſich mit einer Dam von ehr - lichem Geſchlecht verplemperte / folgends ſelbige ſeinem Herꝛn kupplete / und demſelben uͤber drey viertel Jahr den jungen Balg zuſchreiben lieffe / den er ihn doch ſelbſt angehenckt hatte und weil ſich Iu - lus gar nit entſchlieſſen kondte / ſelbige zuehelichen / gleichwol aber ihrer Befreunden halber in Gefahr ſtehen muſte / tratt der auffrichtige Avarus ins Mit - tel / lieſſe ſich bereden die jenige wider zu Ehren zu - bringen deren er ehender und mehr als Iulus genoſ - ſen / und ſie ſelbſt zu Fahl gebracht / wardurch er abermahlen ein nahmhaffts von des Iuli Guͤtern zu ſich zwackte / und durch ſolche Treu ſeines Herꝛn Gunſt verdoppelte; und dannoch underlieſſe er nit da und dort zurupffen / ſo lang Pflaumfedern vor - handen / und als es auff die Stupfflen loß gieng / verſchont er deren auch nit.

Einsmahls fuhr Iulus auff der Tems in einem Luſt-Schiff mit ſeinen negſten Verwandten ſpatzi - ren / unter welchen ſich ſeines Vatters Bruder ein ſehr weiſer und verſtaͤndiger Herꝛ / auch befande; di - ſer redete damahl etwas vertreulicher mit ihm als ſonſten / und fuͤhret ihm mit hoͤflichen Worten und glimpflicher Straff zu Gemuͤth / daß er keinen guten Haußhalter abgeben werde / er ſolte ſich und das ſei - nig beſſer beobachten / als er bißhero gethan ꝛc. wañ die Jugend wuͤſte / was das Alter braucht / ſo wuͤrde ſie eine Ducat ehe 100. mahl vmbkehren als einmal außgeben ꝛc. Iulus lachte druͤber / zoge einen Ring vom Finger warff ihm in die Tems und ſagte / Herꝛ Vatter ſo wenig als mir diſer Ring wider zuhandenkommenkommen mag / ſo wenig werde ich das menig ver - thun koͤnnen; aber der Alte ſeufftzete und antwor - tet / gemach / gemach Herꝛ Vetter / es laͤſt ſich wol ei - nes Koͤnigs Gut verthun / und ein Brunnen er - ſchoͤpffen / ſehet was ihr thut: aber Iulus kehrte ſich von ihm / und haſſte ihn ſolcher getreuen Vermah - nung wegen mehr als er ihn darumb ſolte geliebt haben.

Ohnlaͤngſt hernach kamen etliche Kauffherꝛen auß Franckreich die wolten umb das Haubtgut ſo ſie ihm zu Pariß vorgeſetzt / ſambt dem Intereſſe be - zahlt ſeyn / weil ſie gewiſſe Zeitung hatten wie Iulus lebte / und daß ihm ein reich beladenes Schiff / ſo ſei - ne Eltern nach Alexandriam geſchickt hatten / von den Seeraubern auff dem Mittellaͤndiſchen Meer weggenommen worden waͤre; er bezahlte ſie mit lau - ter Eleinodien / welches ein gewiſſe Anzeigung war daß es mit der Baarſchafft an die Neige gieng; uͤber das kam die gewiſſe Nachricht ein / daß ihm ein an - der Schiff am Geſtatt von Praſilien geſcheittert / und ein Engliſche Flott an deren des Iuli Eltern am al - lermaiſten Intereſſirt geweſen / nnweit den Moluc - ciſchen Jnſulen von den Hollaͤndern zum theil rui - nirt, und der Reſt gefangen worden waͤre; ſolches alles wurde bald landkuͤndig / dannenhero ein jeder der etwas an Iulum zu prætentiren hatte / ſich umb die Bezahlung anmeldete / alſo daß es das Anſehen hatte / als wann ihn das Ungluͤck von allen Enden der Welt her beſtreitten wolte; Aber alle ſolche Stuͤrm erſchroͤckten ihn nicht ſo ſehr als ſein Koch / der ihm wunders wegen einen guldenen Ring wieſe - te / den er in einem Fiſch gefunden / weil er denſelbi - gen gleich vor den ſeinigen erkandte / und ſich nochCnurnur zuwol zuerinnern wuſte / mit was vor Worten er denſelbigen in die Tems geworffen.

Er war zwar gantz betruͤbt und beynahe deſperat, ſchaͤmte ſich aber doch vor den Leuten ſcheinen zu - laſſen wie es ihm umbs Hertz war; in dem vernimbt er daß deß enthaubten Koͤnigs aͤltiſter Printz mit einer Armee in Schottland ankommen waͤre / hette auch gluͤckliche Succeß und gute Hoffnung ſeines Herꝛn Vattern Koͤnigreich widerumb zuerobern! ſolche Occaſion gedachte ihm Iulus zunutz zumachẽ / und ſein Reputation dardurch zuerhalten; dero - wegen mondirte er ſich und ſeine Leut mit dem jeni - ſo er noch uͤbrig hatte und brachte ein ſchoͤne Com - pagniæ Reuter zuſammen / uͤber welche er Avarum zum Leutenant machte und ihm guldene Berge verhieſſe daß er mit gienge / alles underm Vor - wandt / dem Protector zudienen; aber als er ſich reißfertig befande / gieng er mit ſeiner Compagnia in ſchnellem March dem jungen ſchottiſchen Koͤnig entgegen und conjungirte ſich mit deſſen Corpo / hette auch wol gehandelt gehabt / wann es dem Koͤnig damahls gegluͤckt; als aber Crommel dieſelbe Kriegsmacht zerſtoͤbert / entrañen Iulus und Avarus kaum mit dem Leben / und dorffen ſich doch beyde nirgents mehr ſehen laſſen; derowegen muſten ſie ſich wie die wilde Thier in den Waͤldeꝛn behelſſen / und ſich mit rauben und ſtehlen ernehren / biß ſie ent - lich daruͤber erdapt und gerichtet wurden; Iulus zwar mit dem Beyl und Avarus mit dem Strang welchen er vorlaͤngſt verdient hatte.

Hieruͤber kam ich wider zu mir ſelber / oder er - wachte auffs wenigſt auß dem Schlaff und gedachte meinem Traum oder Geſchichte nach; hielte entlichdar -darfuͤr daß die Freygebigkeit leichtlich zu einer ver - ſchwendung: und die geſparſambkeit leichtlich zum geitz werden koͤnne / wann die weißheit nit vorhan - den / welche freygebigkeit und geſparſambkeit durch maͤſſigkeit regiere und im Zaum halte. Ob aber der Geitz oder die verſchwendung den Preyß darvon getragen / kan ich nit ſagen / glaube aber wol daß ſie noch taͤglich mit einander zu Felde ligen / und umb den Vorzug ſtreitten.

Das IX. Capitel.

JCh ſpatzierte einsmahls im Wald herumber mei - nen eitelen Gedancken Gehoͤr zugeben / da fande ich ein ſteinerne Bildnuß ligen in Lebens Groͤſſe / die hatte das Anſehen als wann ſie irgends eine Statua eines alten teutſchen Helden geweſen waͤr / dann ſie hatte ein Altfraͤnckiſche Tracht von Romaniſcher Soldaten Kleydung / vornen mit einem groſſen Schwaben-Latz / und war meinem beduncken nach uͤberauß kuͤnſtlich und natuͤrlich außgehauen; wie ich nun ſo da ſtunde / das Bild betrachtete und mich verwundert / wie es doch in diſe Wildnuß kommen ſeyn moͤchte / kam mir in Sinn / es muͤſte irgends auff diſem Gebuͤrg vor langen Jahren ein Haydni - ſcher Tempel geſtanden: und diſes der Abgott darin - nen geweſen ſeyn; ſahe mich derowegen umb / ob ich nichts mehr von deſſen Fundament ſehen kundte / wurde aber nichts dergleichen gewahr / ſonder / die - weil ich einen Hebel fande / den etwan ein Holtzbaur ligen laſſen / nahme ich denſelben und ſtunde an diſe Bildnuß / ſie umbzukehren / umbzuſehen wie ſie auff der andern Seiten eine Beſchaffenheit hette; ich hat - te aber derſelben den Hebel kaum unterm Halß ge -C 2ſteckt /ſteckt / und zulupffen angefangen / da fieng ſie ſelbſt an ſich zuregen und zuſagen / laſſe mich mit frieden ich bin Baltanders / ich erſchrack zwar hefftig / doch erholte ich mich gleich widerumb / und ſagte / ich ſihe wol daß du bald anders biſt; dann erſt wareſtu ein todter Stein / jetzt aber biſt du ein beweglicher Leib / wer biſt du aber ſonſt / der Teuffel oder ſein Mutter? Nein antwortet er / ich bin deren keins / ſonder bald anders / maſſen du mich ſelbſt ſo genant und darvor erkandt haſt; und koͤndte es auch wol moͤglich ſeyn / daß du mich nicht kennen ſolteſt / da ich doch alle Zeit und Taͤge deines Lebens bin bey dir geweſen? daß ich aber niemahl mit dir muͤndlich geredt hab wie et - wan Anno 1534. den letzten Julij mit Hanß Sach - ſen dem Schuſter von Noͤrnberg / iſt die Urſach / daß du meiner niemahlen geachtet haſt; unangeſehen ich dich mehr als ander Leut bald groß / bald klein / bald reich bald arm / bald hoch bald nider / bald luſtig bald traurig / bald boͤß bald gut / und in ſumma bald ſo und bald anders gemacht hab; ich ſagte / wann dir ſonſt nichts kanſt als diß / ſo waͤreſtu wohl vor diß - mahl auch von mir bliben; Baldanderſt antwortet / gleich wie mein Urſprung auß dem Paradeiß iſt / und mein Thun und Weſen beſtehet ſo lang die Welt bleibt / alſo werde ich dich auch nimmermehr gar verlaſſen biß du wider zur Erden wirſt davon du herkommen / es ſeye dir gleich lieb oder laid; ich frag - te ihn ob er den Menſchen dann zu ſonſt nichts tau - ge / als ſie und alle ihre Haͤndel ſo manigfaltig zuver - aͤndern? O ja / antwortet Baldanders / ich kan ſie eine Kunſt lernen / dardurch ſie mit allen Sachen ſo ſonſt von Natur ſtumm ſeyn / als mit Stuͤhlen und Baͤncken / Keſſeln und Haͤffen ꝛc. reden koͤnnen /maſſenmaſſen ich ſolches Hanß Sachſen auch vnderwiſen / wie dann in ſeinem Buch zuſehen / dariñ er ein baar Geſpraͤch erzehlet / die er mit einen Ducaten und ei - ner Roßhaut gehalten; auch ſagte ich / lieber Bald - anderſt / wann du mich diſe Kunſt mit GOttes huͤlff auch lernen koͤndeſt / ſo wolte ich dich mein Lebtag lieb haben / ja freylich / antwortet er / das will ich gern thun; nahm darauff mein Buch ſo ich eben bey mir hatte / und nachdem er ſich in einen Schreiber verwandelt / ſchribe er mir nachfolgende Wort da - rein.

Jch bin der Anfang und das End / und gelte an allen Orthen.

Manoha gilos, timad, iſaſer, ſale, lacob, ſalet, enni nacob idil dadele neuaco ide eges Eli neme meodi eledid emonatan deſi negogag editor goga naneg eriden, hohe ritatan auilac, hohe ilamen e - riden diledi ſiſac uſur ſodaled auar, amu ſalif ono - nor macheli retoran; Vlidon dad amu oſſoſſon, Gedal amu bede neuavv, alijs, dilede ronodavv agnoh regnoh eni tatæ hyn lamini celotah, iſis to - loſtabas oronatah aſſis tobulu, VViera ſaladid egri - vi nanon ægar rimini ſiſac, helioſole Ramelu o - nonor vvindelishi timinitur, bagoge gagoe hana - nor elimitat.

Alß er diß geſchriben / wurde er zu einem groſ - ſen Atchbaum / bald darauff zu einer Sau / geſchwind zu einer Bratwurſt / und unverſehens zu einen groſ - ſen Baurentreck (mit Gunſt) er machte ſich zu ei - nem ſchoͤnen Kleewaſen / und ehe ich mich verſahe / zu einem Kuͤhefladen; item zu einer ſchoͤnen Blum oder Zweig / zu einem Maulbeerbaum / und darauff in einem ſchoͤnen ſeidenen Teppich ꝛc. biß er ſich end -C 3lichlich wider in menſchliche Geſtalten veraͤndert / und dieſelbe oͤffter verwechſelt / als ſolche gedachter Hanß Sachs von ihm beſchriben; und weil ich von ſo un - derſchidlichen ſchnellen Verwandlungen weder im Ovidio noch ſonſten nirgends geleſen (dann den mehrgedachten Hanß Sachſen hatte ich damahls noch nit geſehen) gedachte ich der alte Protheus ſey wider von den Todten aufferſtanden / mich mit ſeiner Gauckeley zuaͤffen; oder es ſey villeicht der Teuffel ſelbſt / mich als einen Einſidler zuverſuchen / und zubetruͤgen; nachdem ich aber von ihm verſtanden / daß er mit beſſern Ehren den Mon in ſeinem Wap - pen fuͤhre / als der Tuͤrckiſch Kaͤiſer / item daß die Unbeſtaͤndigkeit ſein Auffenthalt: die Beſtaͤndigkeit aber ſeine aͤrgſte Feindin ſeye / umb welche er ſich gleichwol keine Schnall ſchere / weil er mehrentheils ſie fluͤchtig mache; veraͤndert er ſich in einen Vogel / flohe ſchnell darvon / und lieſſe mir das nachſehen.

Darauff ſetzte ich mich nider in das Graß / und fieng an die jenige Wort zubetrachten / die mir Bald - anders hinderlaſſen hatte / die Kunſt ſo ich von ihm zulernen darauß zubegreiffen / ich hatte aber nit das Hertz ſelbige außzuſprechen / weil ſie mir vorkamen / wie die jenige damit die Teuffelsbanner die hoͤlliſche Geiſter beſchweren / und andere Zauberey treiben / maſſen ſie dann auch eben ſo ſeltzamb / unteutſch und unverſtaͤndlich ſcheinen ich ſagte zu mir ſelber / wirſtu ſie anfahen zureden / wer weiß was dir alß - dann vor Hexengeſpenſt damit herbey lockeſt; vil - leicht iſt dieſer Baldanders der Sathan geweſt / der dich hierdurch verfuͤhren will; weiſtu nit wie es den alten Einſidlern ergangen? Aber gleichwol under -lieſſelieſſe mein Vorwitz nicht / die geſchribene Wort ſtet - tig anzuſchauen und zubetrachten / weil ich gern mit ſtummen Dingen hette reden koͤnnen / ſintemahlen auch andere die unvernuͤnfftige Thier verſtanden haben ſollen; wurde demnach je laͤnger je verbichter darauff / und weil ich ohne Ruhm zumelden / ein zimblicher Zifferant bin / und mein geringſte Kunſt iſt / einen Brieff auff einen Faden: oder wohl gar auff ein Haar zuſchreiben / den wohl kein Menſch wird außſinnen oder erꝛathen koͤnnen / zumahlen auch vor laͤngſten wohl andere verborgene Schriff - ten außſpeculirt, als die Steganographiæ Trythenio ſeyn mag; alſo ſahe ich auch dieſe Schrifft mit an - dern Augen an / und fande gleich daß Baldanders mir die Kunſt nit allein mit Exempeln: ſonder auch in obiger Schrifft mit guten teutſchen Worten viel auffrichtiger communicirt, als ich ihm zugetraut / damit war ich nun wol zufrieden / und achtet meiner neuen Wiſſenſchafft nit ſonderlich / ſonder gieng zu meiner Wohnung / und laſe die Legenten der alten Heyligen / nit allein durch gute Beyſpiel mich in meinem abgeſonderten Leben geiſtlich zu erbauen / ſonder auch die Zeit zu paſſiren.

Das X. Capitel.

DAs Leben deß heiligen Alexij kam mir im erſten Grif unter die Augen / als ich das Buch auff - ſchlug; da fande ich mit was vor einer Verachtung der Ruhe er das reiche Hauß ſeines Vattern verlaſ - ſen / die heilige Oerter hin und wieder mit groſſer An - dacht beſucht und endtlich beydes ſein Pilgerſchafft und Leben unter einer Stiegen in hoͤchſter Armut: ohnvergleichlicher Gedult und wunderbarer Be -C 4ſtaͤndig -ſtaͤndigkeit ſeeliglich beſchloſſen haͤtte; ach! ſagte ich zu mir ſelbſt / Simplici was thuſt du? du ligſt halt hier auff der faulen Berꝛenhaut und dieneſt weder GOtt noch den Menſchen! wer allein iſt / wann der - ſelbe faͤlt / wer wird ihm wieder auffhelffen? iſts nicht beſſer du dieneſt deinen Neben-Menſchen und ſie dir hingegen hinwiederumb / als daß du hier ohn alle Leutſeeligkeit in der Einſambe ſitzeſt wie ein Nach - Eul? biſt du nicht ein todtes Glied deß Menſchlichen Geſchlechts wann du hier verharꝛeſt? und zwar wie wirſtu den Winter außdauren koͤnnen / wann diß Gebirg mit Schnee bedeckt: und dir nit mehr wie jetzt von dẽ Nachbarn dein Unterhalt gebrachtwird? zwar dieſe ehren dich jetzunder wie ein Oracul / wann du aber verneujahren haſt / werden ſie dich nit mehr wuͤrdigen uͤber ein Achſel anzuſchauen / ſonder an ſtatt deſſen das ſie dir jetzt hertragen / dich vor ihren Thuͤren mit helff die GOtt abſpeyſen; vil - leicht iſt dir Baldanderſt darumb perſoͤhnlich erſchi - nen / damit du dich bey zeiten vorſehen: und in Unbeſtaͤndigkeit dieſe Welt ſchicken ſolleſt / mit ſol - chen und der gleichen Anfechtungen und Gedancken wurde ich gequaͤlet / als biß ich mich entſchloß auß einem Wald ein Wallbruder oder Pilger zuwer - den;

Demnach erdapte ich ohnverſehens mein Scheer / und ſtutzte meinen langen Rock der mir allerdings auff die Fuͤß gienge (und ſo lang ich ein Einſidel geweſen / an ſtatt eines Klayds auch unter und Oberbetts gedient hatte) die abgeſchnittene Stuͤck aber ſetzte ich darauff und darunter / wie es ſich ſchickte / doch alſo / daß es mir zugleich Saͤck undTaſchenTaſchen abgabe / das jenig ſo ich etwan erbettlen moͤchte darinnen zuverwahren; und weil ich keinen proportionirlichen Jacobs Stab mit feinen getreh - ten Knoͤpffen haben konte / uͤberkam ich einen wilten Aepffel-Stammen / damit ich einem / wann er gleich - wol Degen in der Fauſt gehabt / gar wol ſchlaffen zu - leichten getraut; welchen boͤmiſchen Ohrleffel mir folgents ein frommer Schloſſer auff meiner Wan - derſchafft mit einem ſtarcken Spitz trefflich verſe - hen / damit ich mich vor den Woͤlffen die mir etwann unterwegs begegnen moͤchten / erwoͤhren konte;

Solcher geſtalt außſtaffirt / machte ich mich in das wilde Schappach / und erbettle von ſelbigen Paſtor einen Schein oder Urkunt / daß ich mich ohnweit ſeiner Pfarꝛ als ein Eremit erzeigt und ge - lebt haͤtte nunmehr aber Willens waͤre / die heilige Oerter hin und wider andaͤchtig zubeſuchen; ohnan - geſehen mir derſelbe vorhielte / daß er mir nit recht traue; ich ſchaͤtzte / mein Freund / ſagt er / du habeſt entweder ein ſchlim Stuͤck begangen / daß du deine Wohnung ſo urplaͤtzlich verlaͤſt / oder habeſt im Sinn einen anderen Empedoclem Agrigentinum abzugeben / welcher ſich in den Feuerberg Ætnam ſtuͤrtzte / damit man glauben ſolte / er waͤre / weil man ihn ſonſt nirgends finden koͤndte / gen Himmel ge - fahren; wie waͤre es / wann es mit die eine von ſol - chen Meinungen haͤtte / und ich die Mit-Ertheilung meiner beſſeren Zeugnus darin huͤlffe? ich wuſte ihm aber mit meinen guten Maul-Leder unter dem Schein frommer einfalt und heiliger auffrichtiger Meinung dergeſtalt zubegegnen / daß er mir gleich - wol angeregten Urkundt mittheilete / und bedunckte mich ich ſpuͤrete einen heiligen Neyd oder Eyfer anC 5ihmihm / und daß er meine Weg-Kunfft gern ſehe / weil der gemeine Mann wegen eines ſo ohngewoͤhnlichen ſtrengen und exemplariſchen Lebens mehr von mir hielte / als von etlichen Geiſtlichen in der Nachbar - ſchafft / ohnangeſehen ich ein ſchlimmer liederlicher Kundt war / wann man mich gegen den rechten wah - ren Geiſtlichen und Dienern GOttes haͤtte abſchaͤ - tzen ſollen:

Damals war ich zwar noch nicht ſo gar gott - loß wie ich hernach wurde / ſonder haͤtte mich noch wol vor einen ſolchen vergangen / der eine gute Mei - nung und Vorſatz; ſo bald ich aber mit andern al - ten Landſtoͤrtzern bekandt wurde / und mit denſelben vielfaltig umbgienge und converſirte, wurde ich je laͤnger je aͤrger; alſo daß ich zuletzt gar wol vor ei - nen Vorſteher / Zunfftmeiſter und Præceptor der je - nigen Geſellſchafft haͤtte paſſiren moͤgen / die auß der Landfahrerey zu keinem andern endt eine profeſſion machen / als ihre Nahrung damit zugewinnen; hierzu war mein Habit und Leibs-Geſtalt faſt be - quem und befuͤrderlich / ſonderlich die Leut zur Frey - gebigkeit zubewegen; wann ich dann in einen Fle - cken kam / oder in ein Statt gelaſſen wurde / vor - nemblich an den Sonn: und Feyertaͤgen / ſo krieg - te ich gleich von Jungen und Alten einen groͤſſern Umbſtand als der beſte Marckſchreyer / der ein par Narꝛen / Affen und Meerkatzen mit ſich fuͤhret; alsdann hielten mich theils wegen meines langen Haars und wilten Barts vor einen alten Prophe - ten / weil ich / es war gleich Wetter wie es wolte / barhaͤubtig gieng / andere vor ſonſt einen ſeltzamen Wundermann / die allermeiſte aber vor den ewigen Juden / der biß an den juͤngſten Tag in der Weltherumbherumb lauffen ſoll; ich nam kein Geld zum All - moſen an / weil ich wuſte was mir ſolche Gewohn - heit in meiner eremitage genutzt / und wann mich jemand deſſen etwas zu nennen tringen wolte / ſag - te ich / die Bettler ſollen kein Geld haben; damit brachte ich zuwegen / wo ich etwann ein par Heller verſchmaͤhete / daß mir hingegen beydes an Speiß und Tranck mehrers geben wuͤrde / als ich ſonſt umb ein par Kopffſtuck haͤt kauffen moͤgen.

Alſo marchirte ich die Gutach hinauff uͤber den Schwartzwald auff Villingen dem Schweitzerland zu / auff welchem Weg mir nichts notabels oder ohn - gewoͤhnlichs begegnete / als was ich allererſt gemel - det; von dannen wuſte ich den Weg ſelbſt auff Ein - ſidlen daß ich deßwegen niemand fragen dorffte; und da ich Schaffhauſen erlangte / wurde ich nicht allein eingelaſſen / ſonder auch nach vielem Fatzwerck ſo das Volck mit mir hatte / von einem ehrlichen wol - haͤbigen Burger freundtlich zur Herberg auffge - nommen; und zwar ſo war es Zeit daß er kam und ſich meiner / als ein wolgereiſter Juncker / der ohn - zweiffel in der Frembde auff ſeinen Raiſen viel ſaurs und ſuͤſſes erfahren / erbarmte / weil etliche boͤſe Bu - ben anfiengen mich gegen Abend mit Gaſſen-Koth zuwerffen.

Das XI. Capitel.

MEin Gaſt-Herꝛ hatte ein halbes Tuͤmmelgen da er mich heimbrachte / dahero wolte er deſto genauer von mir wiſſen / woher / wohin / was pro - feſſion und dergleichen; und da er hoͤrete / daß ich ihm von ſo vielen underſchiedlichen Laͤndern die ich mein Tage durchſtrichen / zuſagen wuſte / welcheC 6ſonſtſonſt nicht bald einem jeden zuſehen werden / als von der Moſcau / Tartarey / Perſien / China, Tuͤrckey / und unſern Antipotibus, verwundert er ſich treff - lich und tractirte mich mit lauter Veltliner und Oedtſch-Wein / er hatte ſelbſt Rom / Venedig / Raguſa / Conſtantinopel und Alexandriam geſe - hen / als derowegen ich ihm viel Warzeichen und Gebraͤuch von ſolchen Oertern zu ſagen wuſte / glaubte er mir auch was ich ihm von ferneren Laͤn - dern und Staͤtten auffſchniede / dann ich regulierte mich nach Samuels von Golau Reumen / wann er ſpricht

Wer luͤgen will der leug von ferne!
Wer zeugt dahin erfaͤhrets gerne?

Und da ich ſahe daß es mir ſo wol gelunge / kam ich mit meiner Erzehlung faſt in der gantzen Welt herumber; da war ich ſelbſt in deß Plinij dicken Wald geweſen / welchen man bißweilen bey den Aquis Curiliis antreffe / denſelben aber hernach / wann man ihn mit hoͤchſtem Fleiß ſuche / gleichwol weder bey Tag noch Nacht mehr finden koͤnne; ich hatte ſelbſt von dem lieblichen Wunder-Gewaͤchs Borametz in der Tartarey geſſen; und wiewol ich daſſelbe mein Tage nicht geſehen / ſo kondte ich je - doch meinem Wirth von deſſen anmuͤthigem Ge - ſchmack dermaſſen diſcuriren / daß ihm das Maul waͤſſerig davon wurde; ich ſagte / es hat ein Fleiſch - lein wie ein Krebs / das hat ein Farb wie ein Rubin oder rother Pferſig / und einen Geruch der Sach beydes den Melonen und Pomerantzen vergleicht; benebens erzehlte ich ihm auch in was Schlachten / Scharmuͤtzlen und Belaͤgerungen ich mein Tage geweſen waͤr / log aber auch etwas mehrers darzu /weilweil ich ſahe daß ers ſo haben wolte; maſſen er ſich mit ſolchen uñ dergleichen Geſchwaͤtz wie die Kinder mit den Maͤhrlein auffziehen lieſſe / biß er daruͤber entſchlieffe / und ich in eine wohl accommodirte Cammer zu Beth gefuͤhrt wurde / da ich dann in et - nem ſanfften Beth ohneingewieget einſchlieffe / wel - ches mir lange nicht widerfahren war.

Jch erwachte viel fruͤher als die Hauß-Genoſſen ſelbſt / kandte aber drumb nicht auß der Cammer kommen / einer Laſt abzulegen / der zwar nicht groß / aber doch ſehr beſchwerlich war / ihn uͤber die be - ſtimbte Zeit zutragen; fande mich aber hinder einer Tapezerey mit einem hierzu beſtimbten Ort / welchen etliche eine Cantzeley zunennen pflegen / viel beſſer verſehen / als ich in ſolcher Noth haͤt hoffen doͤrffen; daſelbſt hinſetzte ich mich eilents zu Gericht / und bedachte wie weit meine edle Wildnus dieſer wohl - gezierten Cammer vorzuziehen waͤre / als in welcher beydes frembt und heimiſch an jeden Orten und Enden ohne Erdultung einer ſolchen Angſt und Trangſal / die ich dazumal uͤberſtanden hatte / ſtracks niederhocken koͤndte; nach Eroͤrtherung der Sach / als ich eben an des Baltanderſt Lehr und Kunſt ge - dachte / langte ich auß einem neben mir hangenden Garvier ein Octav von einem Bogen Pappier / an demſelbigen zu exequiren warzu es / neben andern mehr ſeinẽ Cammerꝛathen / contemnirt / und daſelbſt gefangen war; ach! ſagte daſſelbige / ſo muß ich dann nun auch / vor meine treue geleiſte Dienſte und lan - ge Zeit uͤberſtandene vielfaltige Peinigungen / zu - genoͤthigte Gefahren / Arbeiten / Aengſte / Elend und Jammer / nun ererſt / dem allgemainen DanckC 7derder ungetreuen Welt erfahren und einnehmen? ach warumb hat mich nit gleich in meiner Jugend ein Funck oder Goll auffgefreſſen / und alſobald Dreck auß mir gemacht / ſo hette ich doch meiner Mutter der Erden gleich widerumb dienen: und durch mei - ne angeborne Feiſtigkeit ihro ein liebliches Wald - bluͤmlein oder Kraͤutlein herfuͤr bringen helffen koͤn - nen / ehe daß ich einem ſolchen Landfahrer den Hin - dern hett wiſchen: und meinen endlichen Undergang im Scheißhauß nehmen muͤſſen; oder warumb wer - de ich nicht in eines Koͤnigs von Franckreich Secret gebraucht / dem der von Nanara den Arſch wiſcht? warvon ich dann viel groͤſſer Ehr gehabt hette / als einem entloffenen Monacho zu Dienſt zuſtehen? Jch antwortet / ich hoͤre an deinen Reden wol / daß du ein nichtswertiger Geſell: und keiner andern Be - graͤbnuß wuͤrdig ſeyeſt / als eben der jenigen / darin ich dich jetzunder ſenden werde; und wird gleich gel - ten / ob du durch einen Koͤnig oder Bettler an ein ſolchen ſtinckend Orth begraben wirſt / davon du ſo grob und unhoͤflich ſprechen darffſt / deſſen aber ich mich hingegen hertzlich gefreuet; haſtu aber et - was deiner Unſchuld: und dem Menſchlichen Ge - ſchlecht treugeleiſter Dienſte wegen vorzubringen / ſo mugſtu es thun / ich will dir gern / weil noch je - derman im Hauſe ſchlaͤfft / Audienz geben / und dich nach befindenden Dingen von deinem gegenwerti - gen Untergang und Verderben conſerviren.

Hierauff antwortet das Scheermeſſer / meine Voreltern ſeynd erſtlich nach Plinij Zeugnuß lib. 20. cap. 23 in einem Wald / da ſie auff ihrem aignen Erdreich in erſter Freyheit wohnten / und ihr Ge - ſchlecht außbraiteten / gefunden: in menſchlicheDien -Dienſte als ein wildes Gewaͤchs gezwungen und ſa - mentlich Hanff genennet worden, von denſelbigen bin ich zu Zetten Wenceslai in dem Dorff Gold - ſcheur als ein Saamen entſproſſen und erziehlt: von welchem Ort man ſagt / daß der beſte Hanffſaamen in der Welt wachſe; daſelbſt nahm mich mein Er - zihler von den Stengeln meiner Eltern / und ver - kauffte mich gegen dem Fruͤhling einem Krammer der mich unter andern frembden Hanffſamen miſch - te und mit uns ſchacherte; derſelbe Kramer gab mich folgends einem Bauren in der Nachbarſchafft zu - kauffen / und gewann an jedem Seſter einen halben Goldguͤlden / weil wir unverſehens auffſchlugen und theuer wurden; war alſo gemelter Kramer der zweyte ſo an mir gewann / weil mein Erzihler der mich anfaͤnglich verkauffte / dem erſten Gewinn ſchon hinweg hatte; der Bauer aber ſo mich vom Kramer erhandelt / warff mich in einem wolgebau - ten fruchtbaren Acker / alwo ich im Geſtanck des Roß-Schwein - Kuͤhe - und anders Miſſts vermo - dern und erſterben muſte; doch brachte ich auß mir ſelbſten einen hohen ſtoltzen Hanffſtengel hervor / in welchen ich mich nach und nach veraͤnderte / und ſtracks zu mir ſelbſt in meiner Jugend ſagte / nun wirſtu gleich deinen Urahnen ein fruchtbarer Ver - mehrer deines Geſchlechts werden / und mehr Koͤrn - lein Samen hervor bringen / als jemahls einer auß ihnen nicht gethan; aber kaum hatte ſich meine Frechheit mit ſolcher eingebildeten Hoffnung ein wenig gekitzelt / da muſte ich von vilen Voruͤberge - henden hoͤren: Schauet: was vor ein groſſer Acker voll Galgenkraut! welches ich und meine Bruͤder alſobalden vor kein gut Omen vor uns hielten / dochtroͤ -troͤſteten uns hinwiderumb / etlicher ehrbaren alten Bauren Reden / wann ſie ſagten / Sehet! was vor ein ſchoͤner treflicher Hanff iſt das? aber leyder! wir wurden bald hernach gewahr / daß wir von den Menſchen beydes wegen ihres Geitzes und ihrer armſeligen Bedoͤrfftigkeit / nit da gelaſſen wuͤrden / unſer Geſchlecht ferners zu propagiren; Allermaſ - ſen als wir bald Samen zubringen vermeinten / wir von vnderſchiedlichen ſtarcken Geſellen gantz un - barmhertziger weiß auß dem Erdreich gezogen: und als gefangene Vbelthaͤter in groſſe Gebund zuſam - men gekuppelt worden / vor welche Arbeit ſie dann ihren Lohn: und alſo den dritten Gewinn empfin - gen ſo die Menſchen von vns einzuziehen pflegen.

Damit wars aber noch lang nit genug / ſonder unſer Leyden und der Menſchen Tiranney fieng er - erſt an; auß uns / einem nahmhafften Gewaͤchs! ein pures Menſchen-Gedicht (wie etliche das liebe Bier nennen) zuverkuͤnſtlen; dann man ſchleppte uns in eine tieffe Gruben / packte uns uͤbereinander und beſchwerte uns dermaſſen mit Stainen / gleichſamb als wann wir in einer Preß geſtocken waͤren und hiervon kam der vierdte Gewinn den jenigen zu / die ſolche Arbeit verrichteten; folgends lieſſe man die Gruben voll Waſſer lauffen / alſo daß wir uͤberal uͤberſchwembt wuͤrden / gleichſamb als ob man uns ererſt hette ertraͤncken wollen / unangeſehen allbereit ſchwache Kraͤfften mehr bey uns waren; in ſolcher Paiſſe lieſſe man uns ſitzen biß die Zierde unſerer oh - ne das bereits verwelckten Blaͤtter folgends ver - faulte / und wir ſelbſt beynahe erſtickten und verdur - ben; alßdann lieſſe man ererſt das Waſſer wider ablauffen / trug uns auß / und ſetzte uns auff einengruͤnengruͤnen Waſen / allwo uns bald Sonn / bald Regen / bald Wind zuſetzte / alſo daß ſich die liebliche Lufft ſelbſten ab unſeren Ellend und Jammer entſetzte / veraͤnderte / und alles umb uns herumb verſtencker - te / daß ſchier niemand bey uns voruͤber gieng / der nit die Naſen zuhielte / oder doch wenigiſt ſagte pfuy Teuffel; Aber gleichwol bekamen die jenige ſo mit uns umbgiengen dem fuͤnfften Gewinn zu Lohn; Jn ſolchem Standt muſten wir verharꝛen / biß bey - des Sonn und Wind uns unſerer letzterem Feuch - tigkeit beraubt: und uns mit ſambt dem Regen wol geblaicht hatten; darauff wurden wir von unſeren Bauren / einem Haͤnffer oder Hanffbereiter umb den ſechſten Gewinn verkaufft. Alſo bekamen wir den vierten Herꝛn / ſeit ich nur ein Samkoͤrnlein ge - weſen war; derſelbe legte uns unter einen Schopff in eine kurtze Ruhe / nemblich ſolang biß