PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Fabeln.
Drey Bücher. Nebſt Abhandlungen mit dieſer Dichtungsart verwandten Inhalts.
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Berlin,bey Chriſtian Friedrich Voß1759.
[I]

Vorrede.

Ich warf, vor Jahr und Tag, einen kritiſchen Blick auf meine Schriften. Ich hatte ihrer lange genug vergeſſen, um ſie völlig als fremde Geburten betrachten zu können. Ich fand, daß man noch lange nicht ſo viel Böſes davon geſagt habe, als man wohl ſagen könnte, und beſchloß, in dem erſten Unwillen, ſie ganz zu verwerfen.

*VielII

Viel Ueberwindung hätte mich die Aus - führung dieſes Entſchluſſes gewiß nicht ge - koſtet. Ich hatte meine Schriften nie der Mühe werth geachtet, ſie gegen irgend je - manden zu vertheidigen; ſo ein leichtes und gutes Spiel mir auch oft der allzuelende An - griff dieſer und jener, würde gemacht haben. Dazu kam noch das Gefühl, daß ich itzt meine jugendlichen Vergehungen durch beſ - ſere Dinge gut machen, und endlich wohl gar in Vergeſſenheit bringen könnte.

Doch indem fielen mir ſo viel freund - ſchaftliche Leſer ein. Soll ich ſelbſt Ge - legenheit geben, daß man ihnen vorwerffenkann,IIIkann, ihren Beyfall an etwas ganz Unwür - diges verſchwendet zu haben? Ihre nach - ſichtsvolle Aufmunterung erwartet von mir ein anderes Betragen. Sie erwartet, und ſie verdienet, daß ich mich beſtrebe, ſie, wenigſtens nach der Hand, Recht haben zu laſſen; daß ich ſo viel Gutes nunmehr wirklich in meine Schriften ſo glücklich hin - einlege, daß ſie es in voraus darinn be - merkt zu haben ſcheinen können. Und ſo nahm ich mir vor, was ich erſt ver - werffen wollte, lieber ſo viel als möglich zu verbeſſern. Welche Arbeit!

* 2IchIV

Ich hatte mich bey keiner Gattung von Gedichten länger verweilet, als bey der Fabel. Es gefiel mir auf dieſem gemein - ſchaftlichen Raine der Poeſie und Moral. Ich hatte die alten und neuen Fabuliſten ſo ziemlich alle, und die beſten von ihnen mehr als einmal geleſen. Ich hatte über die Theorie der Fabel nachgedacht. Ich hatte mich oft gewundert, daß die grade auf die Wahrheit führende Bahn des Aeſo - pus, von den Neuern, für die blumenrei - chern Abwege der ſchwatzhaften Gabe zu erzehlen, ſo ſehr verlaſſen werde. Ich hatte eine Menge Verſuche in der einfälti -genVgen Art des alten Phrygiers gemacht. Kurz ich glaubte mich in dieſem Fache ſo reich, daß ich, vors erſte meinen Fabeln, mit leichter Mühe, eine neue Geſtalt geben könnte.

Ich griff zum Werke. Wie ſehr ich mich aber wegen der leichten Mühe geirret hatte, das weis ich ſelbſt am beſten. An - merkungen, die man während dem Stu - dieren macht, und nur aus Mißtrauen in ſein Gedächtniß auf das Papier wirft; Ge - danken, die man ſich nur zu haben be - gnügt, ohne ihnen durch den Ausdruck die nöthige Präciſion zu geben; Verſuchen,* 3dieVIdie man nur zu ſeiner Uebung waget, fehlet noch ſehr viel zu einem Buche. Was nun endlich für eines daraus gewor - den; hier iſt es!

Man wird nicht mehr als ſechſe von meinen alten Fabeln darinn finden; die ſechs proſaiſchen nehmlich, die mir der Erhaltung am wenigſten unwerth ſchienen. Die übrigen gereimten mögen auf eine an - dere Stelle warten. Wenn es nicht gar zu ſonderbar gelaſſen hätte, ſo würde ich ſie in Proſa aufgelöſet haben.

Ohne übrigens eigentlich den Geſichts - punct, aus welchem ich am liebſten be -trach -VIItrachtet zu ſeyn wünſchte, vorzuſchreiben, erſuche ich bloß meinen Leſer, die Fabeln nicht ohne die Abhandlungen zu beur - theilen. Denn ob ich gleich weder dieſe jenen, noch jene dieſen zum Beſten ge - ſchrieben habe; ſo entlehnen doch beyde, als Dinge, die zu Einer Zeit in Einem Kopfe entſprungen, allzuviel von einander, als daß ſie einzeln und abgeſondert noch eben dieſelben bleiben könnten. Sollte er auch ſchon dabey entdecken, daß meine Regeln mit meiner Ausübung nicht allezeit über - einſtimmen: was iſt es mehr? Er weiß von ſelbſt, daß das Genie ſeinen Eigen -* 4ſinnVIIIſinn hat; daß es den Regeln ſelten mit Vorſatz folget; und daß dieſe ſeine wollü - ſtigen Auswüchſe zwar beſchneiden, aber nicht hemmen ſollen. Er prüfe alſo in den Fabeln ſeinen Geſchmack, und in den Abhandlungen meine Gründe.

Ich wäre Willens mit allen übrigen Ab - theilungen meiner Schriften, nach und nach, auf gleiche Weiſe zu verfahren. An Vorrath würde es mir auch nicht fehlen, den unnützen Abgang dabey zu erſetzen. Aber an Zeit, an Ruhe Nichts weiter! Dieſes Aber gehöret in keine Vor - rede; und das Publicum danket es ſelteneinemIXeinem Schriftſteller, wenn er es auch in ſolchen Dingen zu ſeinem Vertrauten zu machen gedenkt. So lange der Virtuo - ſe Anſchläge faſſet, Ideen ſammlet, wäh - let, ordnet, in Plane vertheilet: ſo lange genießt er die ſich ſelbſt belohnenden Wol - lüſte der Empfängniß. Aber ſo bald er einen Schritt weiter gehet, und Hand an - leget, ſeine Schöpfung auch auſſer ſich dar - zuſtellen: ſogleich fangen die Schmerzen der Geburt an, welchen er ſich ſelten ohne alle Aufmunterung unterziehet.

Eine Vorrede ſollte nichts enthalten, als die Geſchichte des Buchs. Die Ge -ſchichteXſchichte des meinigen war bald erzehlt, und ich müßte hier ſchlieſſen. Allein, da ich die Gelegenheit mit meinen Leſern zu ſpre - chen, ſo ſelten ergreiffe, ſo erlaube man mir, ſie einmal zu mißbrauchen. Ich bin gezwungen mich über einen bekannten Scribenten zu beklagen. Herr Duſch hat mich durch ſeine bevollmächtigte Freunde, ſeit geraumer Zeit, auf eine ſehr nichts - würdige Art mißhandeln laſſen. Ich mei - ne mich, den Menſchen; denn daß es ſei - ner ſiegreichen Critik gefallen hat, mich, den Schriftſteller, in die Pfanne zu hauen, das würde ich mit keinem Worte rügen. DieXIDie Urſache ſeiner Erbitterung ſind ver - ſchiedene Critiken, die man in der Biblio - thek der ſchönen Wiſſenſchaften, und in den Briefen die neueſte Litteratur betreffend, über ſeine Werke gemacht hat, und Er auf meine Rechnung ſchreibet. Ich habe ihn ſchon öffentlich von dem Ge - gentheile verſichern laſſen; die Verfaſſer der Bibliothek ſind auch nunmehr genug - ſam bekannt; und wenn dieſe, wie er ſelbſt behauptet, zugleich die Verfaſſer der Brie - fe ſind: ſo kann ich gar nicht begreiffen, warum er ſeinen Zorn an mir ausläßt. Vielleicht aber muß ein ehrlicher Mann,wieXIIwie Er, wenn es ihn nicht tödten ſoll, ſich ſeiner Galle gegen einen Unſchuldigen ent - laden; und in dieſem Falle ſtehe ich ſeiner Kunſtrichterey, und dem Aberwitze ſeiner Freunde und ſeiner Freundinnen, gar gern noch ferner zu Dienſten, und wiederrufe meine Klage.

Fabeln.
[1]

Fabeln. Erſtes Buch.

[2][3]

I. Die Erſcheinung.

In der einſamſten Tiefe jenes Waldes, wo ich ſchon manches redende Thier be - lauſcht, lag ich an einem ſanften Waſ - ſerfalle und war bemüht, einem meiner Mährchen den leichten poetiſchen Schmuck zu geben, in wel - chem am liebſten zu erſcheinen, la Fontaine die Fabel faſt verwöhnt hat. Ich ſann, ich wehlte, ich verwarf, die Stirne glühte Umſonſt, es kam nichts auf das Blatt. Voll Unwill ſprang ich auf; aber ſieh! auf einmal ſtand ſie ſelbſt, die fabelnde Muſe vor mir.

Und ſie ſprach lächelnd: Schüler, wozu dieſe undankbare Mühe? Die Wahrheit braucht die An - muth der Fabel; aber wozu braucht die Fabel dieA 2Anmuth4Anmuth der Harmonie? Du willſt das Gewürze würzen. Gnug, wenn die Erfindung des Dich - ters iſt; der Vortrag ſey des ungekünſtelten Ge - ſchichtſchreibers, ſo wie der Sinn des Weltweiſen.

Ich wollte antworten, aber die Muſe verſchwand. Sie verſchwand? höre ich einen Leſer fragen. Wenn du uns doch nur wahrſcheinlicher täuſchen wollteſt! Die ſeichten Schlüſſe, auf die dein Un - vermögen dich führte, der Muſe in den Mund zu legen! Zwar ein gewöhnlicher Betrug

Vortreflich, mein Leſer! Mir iſt keine Muſe er - ſchienen. Ich erzehlte eine bloſſe Fabel, aus der du ſelbſt die Lehre gezogen. Ich bin nicht der erſte und werde nicht der letzte ſeyn, der ſeine Grillen zu Orakelſprüchen einer göttlichen Erſcheinung macht.

II. Der5

II. Der Hamſter und die Ameiſe.

Ihr armſeligen Ameiſen, ſagte ein Hamſter. Verlohnt es ſich der Mühe, daß ihr den ganzen Sommer arbeitet, um ein ſo weniges einzuſam - meln? Wenn ihr meinen Vorrath ſehen ſoll - tet!

Höre, antwortete eine Ameiſe, wenn er gröſſer iſt, als du ihn brauchſt, ſo iſt es ſchon recht, daß die Menſchen dir nachgraben, deine Scheuren ausleeren, und dich deinen räubriſchen Geitz mit dem Leben buſſen laſſen!

A 3III. Der6

III. Der Löwe und der Haſe.

Ein Löwe würdigte einen drolligten Haſen ſeiner nähern Bekanntſchaft. Aber iſt es denn wahr, fragte ihn einſt der Haſe, daß euch Löwen ein elen - der krähender Hahn ſo leicht verjagen kann?

Allerdings iſt es wahr, antwortete der Löwe; und es iſt eine allgemeine Anmerkung, daß wir groſſe Thiere durchgängig eine gewiſſe kleine Schwachheit an uns haben. So wirſt du, zum Exempel, von dem Elephanten gehört haben, daß ihm das Grunzen eines Schweins Schauder und Entſetzen erwecket.

Wahrhaftig? unterbrach ihn der Haſe. Ja, nun begreif ich auch, warum wir Haſen uns ſo entſetzlich vor den Hunden furchten.

IV. Der7

IV. Der Eſel und das Jagdpferd.

Ein Eſel vermaß ſich, mit einem Jagdpferde um die Wette zu laufen. Die Probe fiel erbärmlich aus, und der Eſel ward ausgelacht. Ich merke nun wohl, ſagte der Eſel, woran es gelegen hat; ich trat mir vor einigen Monaten einen Dorn in den Fuß, und der ſchmerzt mich noch.

Entſchuldigen Sie mich, ſagte der Kanzelredner Liederhold, wenn meine heutige Predigt ſo gründlich und erbaulich nicht geweſen, als man ſie von dem glücklichen Nachahmer eines Mosheims erwartet hätte; ich habe, wie Sie hören, einen heiſchern Hals, und den ſchon ſeit acht Tagen.

A 4V. Zevs8

V. Zevs und das Pferd.

Vater der Thiere und Menſchen, ſo ſprach das Pferd und nahte ſich dem Throne des Zevs, man will, ich ſey eines der ſchönſten Geſchöpfe, womit du die Welt gezieret, und meine Eigenliebe heißt mich es glauben. Aber ſollte gleichwohl nicht noch verſchiednes an mir zu beſſern ſeyn?

Und was meinſt du denn, daß an dir zu beſſern ſey? Rede; ich nehme Lehre an: ſprach der gute Gott, und lächelte.

Vielleicht, ſprach das Pferd weiter, würde ich flüchtiger ſeyn, wenn meine Beine höher und ſchmächtiger wären; ein langer Schwanenhals würde mich nicht verſtellen; eine breitre Bruſt wür - de meine Stärke vermehren; und da du mich doch einmal beſtimmt haſt, deinen Liebling, den Men - ſchen zu tragen, ſo könnte mir ja wohl der Sattel anerſchaffen ſeyn, den mir der wohlthätige Reiter auflegt.

Gut9

Gut, verſetzte Zevs; gedulde dich einen Augen - blick! Zevs, mit ernſtem Geſichte, ſprach das Wort der Schöpfung. Da quoll Leben in den Staub, da verband ſich organiſirter Stoff; und plötzlich ſtand vor dem Throne das häßliche Kameel.

Das Pferd ſah, ſchauderte und zitterte vor ent - ſetzendem Abſcheu.

Hier ſind höhere und ſchmächtigere Beine, ſprach Zevs; hier iſt ein langer Schwanenhals; hier iſt eine breitere Bruſt; hier iſt der anerſchaffene Sat - tel! Willſt du, Pferd, daß ich dich ſo umbil - den ſoll?

Das Pferd zitterte noch.

Geh, fuhr Zevs fort; dieſesmal ſey belehrt, ohne beſtraft zu werden. Dich deiner Vermeſſenheit aber dann und wann reuend zu erinnern, ſo daure du fort, neues Geſchöpf Zevs warf einen er - haltenden Blick auf das Kameel und das Pferd erblicke dich nie, ohne zu ſchaudern.

A 5VI. Der10

VI. Der Affe und der Fuchs.

Nenne mir ein ſo geſchicktes Thier, dem ich nicht nachahmen könnte! ſo prahlte der Affe gegen den Fuchs. Der Fuchs aber erwiederte: Und du, nenne mir ein ſo geringſchätziges Thier, dem es einfallen könnte, dir nachzuahmen.

Schriftſteller meiner Nation! Muß ich mich noch deutlicher erklären?

VII. Die11

VII. Die Nachtigall und der Pfau.

Eine geſellige Nachtigall fand, unter den Säu - gern des Waldes, Neider die Menge, aber keinen Freund. Vielleicht finde ich ihn unter einer andern Gattung, dachte ſie, und floh vertraulich zu dem Pfaue herab.

Schöner Pfau! ich bewundere dich. Ich dich auch, liebliche Nachtigall! So laß uns Freunde ſeyn, ſprach die Nachtigall weiter; wir werden uns nicht beneiden dürfen; du biſt dem Auge ſo angenehm, als ich dem Ohre.

Die Nachtigall und der Pfau wurden Freunde.

Kneller und Pope waren beſſere Freunde, als Pope und Addiſon.

VIII. Der12

VIII. Der Wolf und der Schäfer.

Ein Schäfer hatte durch eine grauſame Seuche ſeine ganze Heerde verloren. Das erfuhr der Wolf, und kam ſeine Condolenz abzuſtatten.

Schäfer, ſprach er, iſt es wahr, daß dich ein ſo grauſames Unglück betroffen? Du biſt um deine ganze Heerde gekommen? Die liebe, fromme, fette Heerde! Du tauerſt mich, und ich möchte blutige Thränen weinen.

Habe Dank, Meiſter Iſegrim; verſetzte der Schäfer. Ich ſehe, du haſt ein ſehr mitleidiges Herz.

Das hat er auch wirklich, fügte des Schäfers Hylax hinzu, ſo oft er unter dem Unglücke ſeines Nächſten ſelbſt leidet.

IX. Das13

IX. Das Roß und der Stier.

Auf einem feurigen Roſſe floh ſtolz ein treuſter Knabe daher. Da rief ein wilder Stier dem Roſſe zu: Schande! von einem Knaben ließ ich mich nicht regieren!

Aber ich; verſetzte das Roß. Denn was für Ehre könnte es mir bringen, einen Knaben abzu - werfen?

X. Der14

X. Die Grille und die Nachtigall.

Ich verſichre dich, ſagte die Grille zu der Nachti - gall, daß es meinem Geſange gar nicht an Be - wundrern fehlt. Nenne mir ſie doch, ſprach die Nachtigall. Die arbeitſamen Schnitter, ver - ſetzte die Grille, hören mich mit vielem Vergnü - gen, und daß dieſes die nützlichſten Leute in der menſchlichen Republik ſind, das wirſt du doch nicht leugnen wollen?

Das will ich nicht leugnen, ſagte die Nachtigall; aber deswegen darfſt du auf ihren Beyfall nicht ſtolz ſeyn. Ehrlichen Leuten, die alle ihre Gedanken bey der Arbeit haben, müſſen ja wohl die feinern Empfindungen fehlen. Bilde dir alſo ja nichts eher auf dein Lied ein, als bis ihm der ſorgloſe Schäfer, der ſelbſt auf ſeiner Flöte ſehr lieblich ſpielt, mit ſtillem Entzücken lauſchet.

XI. Die15

XI. Die Nachtigall und der Habicht.

Ein Habicht ſchoß auf eine ſingende Nachtigall. Da du ſo lieblich ſingſt, ſprach er, wie vortreflich wirſt du ſchmecken!

War es höhniſche Bosheit, oder war es Einfalt, was der Habicht ſagte? Ich weis nicht. Aber geſtern hört ich ſagen: dieſes Frauenzimmer, das ſo unvergleichlich dichtet, muß es nicht ein aller - liebſtes Frauenzimmer ſeyn! Und das war gewiß Einfalt!

XII. Der16

XII. Der kriegriſche Wolf.

Mein Vater, glorreichen Andenkens, ſagte ein junger Wolf zu einem Fuchſe, das war ein rechter Held! Wie fürchterlich hat er ſich nicht in der ganzen Gegend gemacht! Er hat über mehr als zweyhundert Feinde, nach und nach, triumphirt, und ihre ſchwarze Seelen in das Reich des Verder - bens geſandt. Was Wunder alſo, daß er endlich doch einem unterliegen mußte!

So würde ſich ein Leichenredner ausdrücken, ſagte der Fuchs; der trockene Geſchichtſchreiber aber würde hinzuſetzen: die zweyhundert Feinde über die er, nach und nach, triumphiret, waren Schafe und Eſel; und der eine Feind, dem er unterlag, war der erſte Stier, den er ſich anzufallen er - kühnte.

XIII. Der17

XIII. Der Phönix.

Nach vielen Jahrhunderten gefiel es dem Phö - nix, ſich wieder einmal ſehen zu laſſen. Er er - ſchien, und alle Thiere und Vögel verſammelten ſich um ihn. Sie gaften, ſie ſtaunten, ſie be - wunderten und brachen in entzückendes Lob aus.

Bald aber verwandten die beſten und geſellig - ſten mitleidsvoll ihre Blicke, und ſeufzten: Der unglückliche Phönix! Ihm ward das harte Loos, weder Geliebte noch Freund zu haben; denn er iſt der einzige ſeiner Art!

BXIV. Die18

XIV. Die Gans.

Die Federn einer Gans beſchämten den neuge - bohrnen Schnee. Stolz auf dieſes blendende Ge - ſchenk der Natur, glaubte ſie eher zu einem Schwa - ne, als zu dem was ſie war, gebohren zu ſeyn. Sie ſonderte ſich von ihres gleichen ab, und ſchwamm einſam und majeſtätiſch auf dem Teiche herum. Bald dehnte ſie ihren Hals, deſſen ver - rätheriſcher Kürze ſie mit aller Macht abhelfen woll - te. Bald ſuchte ſie ihm die prächtige Bügung zu geben, in welcher der Schwan das würdigſte An - ſehen eines Vogels des Apollo hat. Doch verge - bens; er war zu ſteif, und mit aller ihrer Bemü - hung brachte ſie es nicht weiter, als daß ſie eine lächerliche Gans ward, ohne ein Schwan zu werden.

XV. Die19

XV. Die Eiche und das Schwein.

Ein gefräſſiges Schwein mäſtete ſich, unter einer hohen Eiche, mit der herabgefallenen Frucht. In - dem es die eine Eichel zerbiß, verſchlucke es bereits eine andere mit dem Auge.

Undankbares Vieh! rief endlich der Eichbaum herab. Du nähreſt dich von meinen Früchten, ohne einen einzigen dankbaren Blick auf mich in die Höhe zu richten.

Das Schwein hielt einen Augenblick inne, und grunzte zur Antwort: Meine dankbaren Blicke ſollten nicht auſſenbleiben, wenn ich nur wüßte, daß du deine Eicheln meinetwegen hätteſt fallen laſſen.

B 2XVI. Die20

XVI. Die Wespen.

Fäulniß und Verweſung zerſtörten das ſtolze Ge - bäu eines kriegeriſchen Roſſes, das unter ſeinem kühnen Reiter erſchoſſen worden. Die Ruinen des einen braucht die allzeit wirkſame Natur, zu dem Leben des andern. Und ſo floh auch ein Schwarm junger Wespen aus dem beſchmeißten Aaſe hervor. O, riefen die Wespen, was für eines göttlichen Ur - ſprungs ſind wir! Das prächtigſte Roß, der Lieb - ling Neptuns, iſt unſer Erzeuger!

Dieſe ſeltſame Prahlerey hörte der aufmerkſame Fabeldichter, und dachte an die heutigen Italiäner, die ſich nichts geringers als Abkömmlinge der alten unſterblichen Römer zu ſeyn einbilden, weil ſie auf ihren Gräbern gebohren worden.

XVII. Die21

XVII. Die Sperlinge.

Eine alte Kirche, welche den Sperlingen unzähli - che Näſter gab, ward ausgebeſſert. Als ſie nun in ihrem neuen Glanze da ſtand, kamen die Sper - linge wieder, ihre alten Wohnungen zu ſuchen. Allein ſie fanden ſie alle vermauert. Zu was, ſchrieen ſie, taugt denn nun das groſſe Gebäude? Kommt, verlaßt den unbrauchbaren Steinhaufen!

B 3XVIII. Der22

XVIII. Der Strauß.

Itzt will ich fliegen; rief der gigantiſche Strauß, und das ganze Volk der Vögel ſtand in ernſter Er - wartung um ihn verſammelt. Itzt will ich fliegen, rief er nochmals; breitete die gewaltigen Fittige weit aus, und ſchoß, gleich einem Schiffe mit aufgeſpann - ten Segeln, auf dem Boden dahin, ohne ihn mit einem Tritte zu verlieren.

Sehet da, ein poetiſches Bild jener unpoetiſchen Köpfe, die in den erſten Zeilen ihrer ungeheuren Oden, mit ſtolzen Schwingen prahlen, ſich über Wolken und Sterne zu erheben drohen, und dem Staube doch immer getreu bleiben!

XIX. Der23

XIX. Der Sperling und der Strauß.

Sey auf deine Gröſſe, auf deine Stärke ſo ſtolz als du willſt: ſprach der Sperling zu dem Strauſſe. Ich bin doch mehr ein Vogel als du. Denn du kannſt nicht fliegen; ich aber fliege, obgleich nicht hoch, obgleich nur Ruckweiſe.

Der leichte Dichter eines fröhlichen Trinkliedes, eines kleinen verliebten Geſanges, iſt mehr ein Ge - nie, als der ſchwungloſe Schreiber einer langen Hermaniade.

B 4XX. Die24

XX. Die Hunde.

Wie ausgeartet iſt hier zu Lande unſer Geſchlecht! ſagte ein gereiſter Budel. In dem fernen Welt - theile, welches die Menſchen Indien nennen, da, da giebt es noch rechte Hunde; Hunde, meine Brüder ihr werdet mir es nicht glauben, und doch habe ich es mit meinen Augen geſehen die auch einen Löwen nicht fürchten, und kühn mit ihm anbinden.

Aber, fragte den Budel ein geſetzter Jagdhund, überwinden ſie ihn denn auch, den Löwen?

Ueberwinden? war die Antwort. Das kann ich nun eben nicht ſagen. Gleichwohl, bedenke nur, einen Löwen anzufallen!

O, fuhr der Jagdhund fort, wenn ſie ihn nicht überwinden, ſo ſind deine geprieſene Hunde in In - dien beſſer als wir, ſo viel wie nichts aber ein gut Theil dümmer.

XXI. Der26

XXI. Der Fuchs und der Storch.

Erzehle mir doch etwas von den fremden Laͤndern, die du alle geſehen haſt, ſagte der Fuchs zu dem weitgereiſten Storche. Hierauf fing der Storch an, ihm jede Lache, und jede feuchte Wieſe zu nennen, wo er die ſchmack - hafteſten Wuͤrmer, und die fetteſten Froͤſche ge - ſchmauſet.

Sie ſind lange in Paris geweſen, mein Herr. Wo ſpeiſet man da am beſten? Was fuͤr Weine ha - ben Sie da am meiſten nach ihrem Geſchmacke ge -[funden]?

B 5XXII. Die26

XXII. Die Eule und der Schatzgraͤber.

Jener Schatzgraͤber war ein ſehr unbilliger Mann. Er wagte ſich in die Ruinen eines alten Raub - ſchloſses, und ward da gewahr, daß die Eule eine magere Maus ergrif und verzehrt. Schickt ſich das ſprach er, fuͤr den philoſophiſchen Liebling Minervens?

Warum nicht? verſetzte die Eule. Weil ich ſtille betrachtungen liebe, kann ich deswegen von der Luft leben? Jch weis zwar wohl, daß ihr Men - ſchen es von euren Gelehrten verlanget _ _

XXIII. Die27

XXIII. Die junge Schwalbe.

Was macht ihr da? fragte eine Schwalbe die ge - ſchaͤftigen Ameiſen. Wir ſammeln Vorrath auf den Winter; war die geſchwinde Antwort.

Das iſt klug, ſagte die Schwalbe; das will ich auch thun. Und ſogleich fing ſie an, eine Menge todter Spinnen und Fliegen in ihr Neſt zu tragen. Aber wozu ſoll das? fragte endlich ihre Mutter. Wozu? Vorrath auf den boͤſen Winter, liebe Mutter; ſammle doch auch! Die Ameiſen haben mich dieſe Vorſicht gelehrt.

O laß den irrdiſchen Ameiſen dieſe kleine Klug - heit, verſetzte die Alte; was ſich fuͤr ſie ſchickt, ſchickt ſich nicht fuͤr beſsere Schwalben. Uns hat die guͤ - tige Natur ein holdres Schickſal beſtimmt. Wenn der reiche Sommer ſich endet, ziehen wir von hin - nen; auf dieſer Reiſe entſchlafen wir allgemach, und da empfangen uns warme Suͤmpfe, wo wir ohne Beduͤrfniſſe raſten, bis uns ein neuer Fruͤhling zu einem neuen Leben erwecket.

XXIV. Me -28

XXIV. Merops.

Jch muß dich doch etwas fragen; ſprach ein jun - ger Adler zu einem tiefſinnigen grundgelehrten Uhu. Man ſagt, es gaͤbe einen Vogel, mit Namen Me - rops,, der, wenn er in die Luft ſteige, mit dem Schwanze voraus, den Kopf gegen die Erde ge - kehret, fliege. Jſt das wahr?

Ey nicht doch! antwortete der Uhu; das iſt eine alberne Erdichtung des Menſchen. Er mag ſelbſt ein ſolcher Merops ſeyn; weil er nur gar zu gern den Himmel erfliegen moͤchte, ohne die Erde, auch nur einen Augenblick, aus dem Geſichte zu ver - lieren.

XXV. Der29

XXV. Der Pelekan.

Für wohlgerathene Kinder können Aeltern nicht zu viel thun. Aber wenn ſich ein blöder Vater für einen ausgearteten Sohn das Blut vom Herzen zapft; dann wird Liebe zur Thorheit.

Ein frommer Pelekan, da er ſeine Jungen ſchmachten ſahe, ritzte ſich mit ſcharfem Schnabel die Bruſt auf, und erquickte ſie mit ſeinem Blute. Ich bewundere deine Zärtlichkeit, rief ihm ein Adler zu, und bejammere deine Blindheit. Sieh doch, wie manchen nichtswürdigen Guckuck du unter dei - nen Jungen mit ausgebrütet haſt!

So war es auch wirklich; denn auch ihm hatte der kalte Guckuck ſeine Eyer untergeſchoben. Waren es undankbare Guckucke werth, daß ihr Leben ſo theuer erkauft wurde?

XXVI. Die30

XXVI. Der Löwe und der Tieger.

Der Löwe und der Haſe, beyde ſchlafen mit offe - nen Augen. Und ſo ſchlief jener, ermüdet von der gewaltigen Jagd, einſt vor dem Eingange ſeiner fürchterlichen Höhle.

Da ſprang ein Tieger vorbey, und lachte des leichten Schlummers. Der nichtsfürchtende Löwe! rief er. Schläft er nicht mit offenen Augen, na - türlich wie der Haſe!

Wie der Haſe? brüllte der aufſpringende Löwe, und war dem Spötter an der Gurgel. Der Tieger wälzte ſich in ſeinem Blute, und der beruhigte Sieger legte ſich wieder, zu ſchlafen.

XXVII. Der31

XXVII. Der Stier und der Hirſch.

Ein ſchwerfälliger Stier und ein flüchtiger Hirſch weideten auf einer Wieſe zuſammen.

Hirſch, ſagte der Stier, wenn uns der Löwe an - fallen ſollte, ſo laß uns für einen Mann ſtehen; wir wollen ihn tapfer abweiſen. Das muthe mir nicht zu, erwiederte der Hirſch; denn warum ſollte ich mich mit dem Löwen in ein ungleiches Gefecht einlaſſen, da ich ihm ſichrer entlaufen kann?

XXVIII. Die32

XXVIII. Der Eſel und der Wolf.

Ein Eſel begegnete einem hungrigen Wolfe. Habe Mitleiden mit mir, ſagte der zitternde Eſel; ich bin ein armes krankes Thier; ſieh nur, was für einen Dorn ich mir in den Fuß getreten habe!

Wahrhaftig, du tauerſt mich; verſetzte der Wolf. Und ich finde mich in meinem Gewiſſen verbunden, dich von dieſen Schmerzen zu befreyen.

Kaum war das Wort geſagt, ſo ward der Eſel zerriſſen.

XXIX. Der33

XXIX. Der Springer im Schache.

Zwey Knaben wollten Schach ziehen. Weil ihnen ein Springer fehlte, ſo machten ſie einen überflüſ - ſigen Bauer, durch ein Merkzeichen, dazu.

Ey, riefen die andern Springer, woher, Herr Schritt vor Schritt?

Die Knaben horten die Spötterey und ſprachen: Schweigt! Thut er uns nicht eben die Dienſte, die ihr thut?

CXXX. Aeſo -34

XXX. Aeſopus und der Eſel.

Der Eſel ſprach zu dem Aeſopus: Wenn du wie - der ein Geſchichtchen von mir ausbringſt, ſo laß mich etwas recht vernünftiges und ſinureiches ſagen.

Dich etwas ſinnreiches! ſagte Aeſop; wie würde ſich das ſchicken? Würde man nicht ſprechen, du ſeyſt der Sittenlehrer, und ich der Eſel?

Fabeln.[35]

Fabeln. Zweytes Buch.

[36]37

I. Die eherne Bildſäule.

Die eherne Bildſäule eines vortreflichen Künſt - lers, ſchmolz durch die Hitze einer wüthenden Feuers - brunſt in einen Klumpen. Dieſer Klumpen kam einem andern Künſtler in die Hände, und durch ſeine Geſchicklichkeit verfertigte er eine neue Bild - ſäule daraus; von der erſtern in dem, was ſie vor - ſtellete, unterſchieden, an Geſchmack und Schönheit aber ihr gleich.

Der Neid ſah es und knirſchte. Endlich beſann er ſich auf einen armſeligen Troſt: Der gute Mann würde dieſes, noch ganz erträgliche Stück, auch nicht hervorgebracht haben, wenn ihm nicht die Materie der alten Bildſäule dabey zu Statten ge - kommen wäre.

C 3II. Her -38

II. Herkules.

Als Herkules in den Himmel aufgenommen ward, machte er ſeinen Gruß unter allen Göttern der Juno zuerſt. Der ganze Himmel und Juno erſtaunte darüber. Deiner Feindin, rief man ihm zu, begegneſt du ſo vorzüglich? Ja, ihr ſelbſt; er - wiederte Herkules. Nur ihre Verfolgungen ſind es, die mir zu den Thaten Gelegenheit gegeben, womit ich den Himmel verdienet habe.

Der Olymp billigte die Antwort des neuen Got - tes, und Juno ward verſöhnt.

III. Der39

III. Der Knabe und die Schlange.

Ein Knabe ſpielte mit einer zahmen Schlange. Mein liebes Thierchen, ſagte der Knabe, ich würde mich mit dir ſo gemein nicht machen, wenn dir das Gift nicht benommen wäre. Ihr Schlangen ſeyd die boshafteſten, undankbarſten Geſchöpfe! Ich habe es wohl geleſen, wie es einem armen Land - mann ging, der eine, vielleicht von deinen Uhräl - tern, die er halb erfroren unter einer Hecke fand, mitleidig aufhob, und ſie in ſeinen erwärmenden Buſen ſteckte. Kaum fühlte ſich die Böſe wieder, als ſie ihren Wohlthäter biß; und der gute freund - liche Mann mußte ſterben.

Ich erſtaune, ſagte die Schlange. Wie par - theyiſch eure Geſchichtſchreiber ſeyn müſſen! Die unſrigen erzehlen dieſe Hiſtorie ganz anders. Dein freundlicher Mann glaubte, die Schlange ſey wirk - lich erfroren, und weil es eine von den bunten Schlangen war, ſo ſteckte er ſie zu ſich, ihr zu Hauſe die ſchöne Haut abzuſtreifen. War das recht?

C 4Ach,40

Ach, ſchweig nur; erwiederte der Knabe. Wel - cher Undankbare hätte ſich nicht zu entſchuldigen gewußt.

Recht, mein Sohn; fiel der Vater, der dieſer Unterredung zugehört hatte, dem Knaben ins Wort. Aber gleichwohl, wenn du einmal von einem auſſer - ordentlichen Undanke hören ſollteſt, ſo unterſuche ja alle Umſtände genau, bevor du einen Menſchen mit ſo einem abſcheulichen Schandflecke brandmar - ken läſſeſt. Wahre Wohlthäter, haben ſelten Un - dankbare verpflichtet; ja, ich will zur Ehre der Menſchheit hoffen, niemals. Aber die Wohlthäter mit kleinen eigennützigen Abſichten, die ſind es werth, mein Sohn, daß ſie Undank anſtatt Erkenntlichkeit einwuchern.

IV. Der41

IV. Der Wolf auf dem Todtbette.

Der Wolf lag in den letzten Zügen und ſchickte einen prüfenden Blick auf ſein vergangenes Leben zu - rück. Ich bin freylich ein Sünder, ſagte er; aber doch, hoffe ich, keiner von den größten. Ich habe Böſes gethan; aber auch viel Gutes. Einsmals, erinnere ich mich, kam mir ein blöckendes Lamm, welches ſich von der Heerde verirret hatte, ſo nahe, daß ich es gar leicht hätte würgen können; und ich that ihm nichts. Zu eben dieſer Zeit hörte ich die Spöttereyen und Schmähungen eines Schafes mit der bewundernswürdigſten Gleichgültigkeit an, ob ich ſchon keine ſchützende Hunde zu fürchten hatte.

Und das alles kann ich dir bezeugen; fiel ihm Freund Fuchs, der ihn zum Tode bereiten half, ins Wort. Denn ich erinnere mich noch gar wohl aller Umſtän - de dabey. Es war zu eben der Zeit, als du dich an dem Beine ſo jämmerlich würgteſt, das dir der gutherzige Kranich hernach aus dem Schlunde zog.

C 5V. Der42

V. Der Stier und das Kalb.

Ein ſtarker Stier zerſplitterte mit ſeinen Hörnern, indem er ſich durch die niedrige Stallthüre drengte, die obere Pfoſte. Sieh einmal, Hürte! ſchrie ein junges Kalb; ſolchen Schaden thu ich dir nicht. Wie lieb wäre mir es, verſetzte dieſer, wenn du ihn thun könnteſt!

Die Sprache des Kalbes iſt die Sprache der klei - nen Philoſophen. Der böſe Bayle! Wie manche rechtſchaffene Seele hat er mit ſeinen verwegnen Zweifeln geärgert! O ihr Herren, wie gern wollen wir uns ärgern laſſen, wenn jeder von euch ein Bayle werden kann!

VI. Der43

VI. Die Pfauen und die Krähe.

Eine ſtolze Krähe ſchmückte ſich mit den ausgefal - lenen Federn der farbigten Pfaue, und miſchte ſich kühn, als ſie gnug geſchmückt zu ſeyn glaubte, un - ter dieſe glänzende Vögel der Juno. Sie ward erkannt; und ſchnell fielen die Pfaue mit ſcharfen Schnäbeln auf ſie, ihr den betriegriſchen Putz aus - zureiſſen.

Laſſet nach! ſchrie ſie endlich; ihr habt nun alle das eurige wieder. Doch die Pfaue, welche einige von den eignen glänzenden Schwingfedern der Krä - he bemerkt hatten, verſetzten: Schweig, armſelige Närrin; auch dieſe können nicht dein ſeyn! und hackten weiter.

VII. Der44

VII. Der Löwe mit dem Eſel.

Als des Aeſopus Löwe mit dem Eſel, der ihm durch ſeine fürchterliche Stimme die Thiere ſollte jagen helfen, nach dem Walde ging, rief ihm eine naſenweiſe Krähe von dem Baume zu: Ein ſchöner Geſellſchafter! Schämſt du dich nicht, mit einem Eſel zu gehen? Wen ich brauchen kann, ver - ſetzte der Löwe, dem kann ich ja wohl meine Seite gönnen.

So denken die Groſſen alle, wenn ſie einen Niedrigen ihrer Gemeinſchaft würdigen.

VIII. Der45

VIII. Der Eſel mit dem Löwen.

Als der Eſel mit dem Löwen des Aeſopus, der ihn ſtatt ſeines Jägerhorns brauchte, nach dem Wal - de ging, begegnete ihm ein andrer Eſel von ſeiner Bekanntſchaft, und rief ihm zu: Guten Tag, mein Bruder! Unverſchämter! war die Antwort.

Und warum das? fuhr jener Eſel fort. Biſt du deßwegen, weil du mit einem Löwen gehſt, beſſer als ich? mehr als ein Eſel?

IX. Die46

IX. Die blinde Henne.

Eine blind gewordene Henne, die des Schar - rens gewohnt war, hörte auch blind noch nicht auf, fleiſſig zu ſcharren. Was half es der arbeitſa - men Närrin? Eine andre ſehende Henne, welche ihre zarten Füſſe ſchonte, wich nie von ihrer Seite, und genoß, ohne zu ſcharren, die Frucht des Schar - rens. Denn ſo oft die blinde Henne ein Korn auf - geſcharret hatte, fraß es die ſehende weg.

Der fleiſſige Deutſche macht die Collectanea, die der witzige Franzoſe nutzt.

X. Die47

X. Die Eſel.

Die Eſel beklagten ſich bey dem Zevs, daß die Menſchen mit ihnen zu grauſam umgingen. Unſer ſtarker Rücken, ſagten ſie, trägt ihre Laſten, un - ter welchen ſie und jedes ſchwächere Thier erliegen müßten. Und doch wollen ſie uns, durch unbarm - herzige Schläge, zu einer Geſchwindigkeit nöthigen, die uns durch die Laſt unmöglich gemacht würde, wenn ſie uns auch die Natur nicht verſagt hätte. Verbiete ihnen, Zevs, ſo unbillig zu ſeyn, wenn ſich die Menſchen anders etwas böſes verbieten laſ - ſen. Wir wollen ihnen dienen, weil es ſcheinet, daß du uns darzu erſchaffen haſt; allein geſchlagen wollen wir ohne Urſach nicht ſeyn.

Mein Geſchöpf, antwortete Zevs ihrem Spre - cher, die Bitte iſt nicht ungerecht; aber ich ſehe keine Möglichkeit, die Menſchen zu überzeugen, daß eure natürliche Langſamkeit keine Faulheit ſey. Und ſo lange ſie dieſes glauben, werdet ihr geſchla -gen48gen werden. Doch ich ſinne euer Schickſal zu erleichtern. Die Unempfindlichkeit ſoll von nun an euer Theil ſeyn; eure Haut ſoll ſich gegen die Schläge verhärten, und den Arm des Treibers ermüden.

Zevs, ſchrien die Eſel, du biſt allezeit weiſe und gnädig! Sie gingen erfreut von ſeinem Throne, als dem Throne der allgemeinen Liebe.

XI. Die49

XI. Das beſchützte Lamm.

Hylax, aus dem Geſchlechte der Wolfshunde, bewachte ein frommes Lamm. Ihn erblickte Lyko - des, der gleichfalls an Haar, Schnautze und Ohren einem Wolfe ähnlicher war, als einem Hunde, und fuhr auf ihn los. Wolf, ſchrie er, was machſt du mit dieſem Lamme?

Wolf ſelbſt! verſetzte Hylax. (Die Hunde ver - kannten ſich beyde.) Geh! oder du ſollſt es erfah - ren, daß ich ſein Beſchützer bin!

Doch Lykodes will das Lamm dem Hylax mit Ge - walt nehmen; Hylax will es mit Gewalt behaupten, und das arme Lamm Treffliche Beſchützer! wird darüber zerriſſen.

DXII. Ju -50

XII. Jupiter und Apollo.

Jupiter und Apollo ſtritten, welcher von ihnen der beſte Bogenſchütze ſey. Laß uns die Probe machen! ſagte Apollo. Er ſpannte ſeinen Bogen, und ſchoß ſo mitten in das bemerkte Ziel, daß Ju - piter keine Möglichkeit ſahe, ihn zu übertreffen. Ich ſehe, ſprach er, daß du wirklich ſehr wohl ſchieſſeſt. Ich werde Mühe haben, es beſſer zu machen. Doch will ich es ein andermal verſuchen. Er ſoll es noch verſuchen, der kluge Jupiter!

XIII. Die51

XIII. Die Waſſerſchlange.

Zevs hatte nunmehr den Fröſchen einen andern König gegeben; anſtatt eines friedlichen Klotzes, eine gefräſſige Waßerſchlange.

Willſt du unſer König ſeyn, ſchrieen die Fröſche, warum verſchlingſt du uns? Darum, antwor - tete die Schlange, weil ihr um mich gebeten habt

Ich habe nicht um dich gebeten! rief einer von den Fröſchen, den ſie ſchon mit den Augen ver - ſchlang. Nicht? ſagte die Waſſerſchlange. De - ſto ſchlimmer! So muß ich dich verſchlingen, weil du nicht um mich gebeten haſt.

D 2XVI. Der52

XIV. Der Fuchs und die Larve.

Vor alten Zeiten fand ein Fuchs die hohle, einen weiten Mund aufreiſſende Larve eines Schauſpie - lers. Welch ein Kopf! ſagte der betrachtende Fuchs. Ohne Gehirn, und mit einem offenem Munde! Sollte das nicht der Kopf eines Schwätzers ge - weſen ſeyn?

Dieſer Fuchs kannte euch, ihr ewigen Redner, ihr Strafgerichte des unſchuldigſten unſerer Sinne!

XV. Die53

XV. Der Rabe und der Fuchs.

Ein Rabe trug ein Stück vergiftetes Fleiſch, das der erzürnte Gärtner für die Katzen ſeines Nach - bars hingeworfen hatte, in ſeinen Klauen fort.

Und eben wollte er es auf einer alten Eiche ver - zehren, als ſich ein Fuchs herbey ſchlich, und ihm zurief: Sey mir geſeget, Vogel des Jupiters! Für wen ſiehſt du mich an? fragte der Rabe. Für wen ich dich anſehe? erwiederte der Fuchs. Biſt du nicht der rüſtige Adler, der täglich von der Rechte des Zevs auf dieſe Eiche herab kömmt, mich Armen zu ſpeiſen? Warum verſtellſt du dich? Sehe ich denn nicht in der ſiegreichen Klaue die erflehte Gabe, die mir dein Gott durch dich zu ſchicken noch fortfährt?

Der Rabe erſtaunte, und freute ſich innig, für einen Adler gehalten zu werden. Ich muß, dachte er, den Fuchs aus dieſem Irrthume nicht brin -D 3gen.54gen. Großmüthig dumm ließ er ihm alſo ſeinen Raub herabfallen, und flog ſtolz davon.

Der Fuchs fing das Fleiſch lachend auf, und fraß es mit boshafter Freude. Doch bald verkehrte ſich die Freude in ein ſchinerzhaftes Gefühl; das Gift fing an zu wirken, und er verreckte.

Möchtet ihr euch nie etwas anders als Gift erlo - ben, verdammte Schmeichler!

XVI. Der55

XVI. Der Geitzige.

Ich Unglücklicher! klagte ein Geitzhals ſeinem Nachbar. Man hat mir den Schatz, den ich in meinem Garten vergraben hatte, dieſe Nacht ent - wendet, und einen verdammten Stein an deſſen Stelle gelegt.

Du würdeſt, antwortete ihm der Nachbar, deinen Schatz doch nicht genutzt haben. Bilde dir alſo ein, der Stein ſey dein Schatz; und du biſt nichts ärmer.

Wäre ich auch ſchon nichts ärmer, erwiederte der Geitzhals; iſt ein andrer nicht um ſo viel rei - cher? Ein andrer um ſo viel reicher! Ich möchte raſend werden.

D 4XVII. Der56

XVII. Der Rabe.

Der Fuchs ſahe, daß der Rabe die Altäre der Götter beraubte, und von ihren Opfern mit lebte. Da dachte er bey ſich ſelbſt: Ich möchte wohl wiſſen, ob der Rabe Antheil an den Opfern hat, weil er ein prophetiſcher Vogel iſt; oder ob man ihn für einen prophetiſchen Vogel hält, weil er frech genug iſt, die Opfer mit den Göttern zu theilen.

XVIII. Zevs57

XVIII. Zevs und das Schaf.

Das Schaf mußte von allen Thieren vieles lei - den. Da trat es vor den Zevs, und bat, ſein Elend zu mindern.

Zevs ſchien willig, und ſprach zu dem Schafe: Ich ſehe wohl, mein frommes Geſchöpf, ich habe dich allzu wehrlos erſchaffen. Nun wähle, wie ich dieſem Fehler am beſten abhelfen ſoll. Soll ich deinen Mund mit ſchrecklichen Zähnen, und deine Füſſe mit Krallen rüſten?

O nein, ſagte das Schaf; ich will nichts mit den reiſſenden Thieren gemein haben.

Oder, fuhr Zevs fort, ſoll ich Gift in deinen Speichel legen?

Ach! verſetzte das Schaf; die giftigen Schlan - gen werden ja ſo ſehr gehaſſet.

Nun was ſoll ich denn? Ich will Hörner auf deine Stirne pflanzen, und Stärke deinem Nacken geben.

D 5Auch58

Auch nicht, gütiger Vater; ich könnte leicht ſo ſtöſſig werden, als der Bock.

Und gleichwohl, ſprach Zevs, mußt du ſelbſt ſchaden können, wenn ſich andere, dir zu ſchaden hüten ſollen!

Müßt ich das! ſeufzte das Schaf. O ſo laß mich, gütiger Vater, wie ich bin. Denn das Vermögen, ſchaden zu können, erweckt, fürchte ich, die Luſt, ſchaden zu wollen; und es iſt beſſer, Unrecht leiden, als Unrecht thun.

Zevs ſegnete das fromme Schaf, und es vergaß von Stund an, zu klagen.

XIX. Der59

XIX. Der Fuchs und der Tieger.

Deine Geſchwindigkeit und Stärke, ſagte ein Fuchs zu dem Tieger, möchte ich mir wohl wünſchen.

Und ſonſt hätte ich nichts, was dir anſtünde? fragte der Tieger.

Ich wüßte nichts! Auch mein ſchönes Fell nicht? fuhr der Tieger fort. Es iſt ſo vielfärbig als dein Gemüth, und das Aeuſſere würde ſich vor - trefflich zu dem Innern ſchicken.

Eben darum, verſetzte der Fuchs, danke ich recht ſehr dafür. Ich muß das nicht ſcheinen, was ich bin. Aber wollten die Götter, daß ich meine Haa - re mit Federn vertauſchen könnte!

XX. Der60

XX. Der Mann und der Hund.

Ein Mann ward von einem Hunde gebiſſen, ge - rieth darüber in Zorn, und erſchlug den Hund. Die Wunde ſchien gefährlich, und der Arzt mußte zu Rathe gezogen werden.

Hier weis ich kein beſſeres Mittel, ſagte der Empiricus, als daß man ein Stücke Brodt in die Wunde tauche, und es dem Hunde zu freſſen gebe. Hilft dieſe ſympathetiſche Cur nicht, ſo Hier zuckte der Arzt die Achſel.

Unglücklicher Jachzorn! rief der Mann; ſie kann nicht helfen, denn ich habe den Hund er - ſchlagen.

XXI. Die61

XXI. Die Traube.

Ich kenne einen Dichter, dem die ſchreien - de Bewunderung ſeiner kleinen Nachahmer weit mehr geſchadet hat, als die neidiſche Verachtung ſeiner Kunſtrichter.

Sie iſt ja doch ſauer! ſagte der Fuchs von der Traube, nach der er lange genug vergebens geſprun - gen war. Das hörte ein Sperling und ſprach: Sauer ſollte dieſe Traube ſeyn? Darnach ſieht ſie mir doch nicht aus! Er flog hin, und koſtete, und fand ſie ungemein ſüſſe, und rief hundert näſchiche Brüder herbey. Koſtet doch! ſchrie er; koſtet doch! Dieſe treffliche Traube ſchalt der Fuchs ſauer. Sie koſteten alle, und in wenig Augenblicken ward die Traube ſo zugerichtet, daß nie ein Fuchs wieder darnach ſprang.

XXII. Der62

XXII. Der Fuchs.

Ein verfolgter Fuchs rettete ſich auf eine Mauer. Um auf der andern Seite gut herab zu kommen, ergriff er einen nahen Dornenſtrauch. Er ließ ſich auch glücklich daran nieder, nur daß ihn die Dornen ſchmerzlich verwundeten. Elende Helfer, rief der Fuchs, die nicht helfen können, ohne zugleich zu ſchaden!

XXIII. Das63

XXIII. Das Schaf.

Als Jupiter das Feſt ſeiner Vermählung feyerte, und alle Thiere ihm Geſchenke brachten, vermißte Juno das Schaf.

Wo bleibt das Schaf? fragte die Göttin. Wa - rum verſäumt das fromme Schaf, uns ſein wohl - meinendes Geſchenk zu bringen?

Und der Hund nahm das Wort und ſprach: Zürne nicht, Göttin! Ich habe das Schaf noch heute geſehen; es war ſehr betrübt, und jammerte laut.

Und warum jammerte das Schaf? fragte die ſchon gerührte Göttin.

Ich ärmſte! ſo ſprach es. Ich habe itzt weder Wolle, noch Milch; was werde ich dem Jupiter ſchenken? Soll ich, ich allein, leer vor ihm er - ſcheinen? Lieber will ich hingehen, und den Hir - ten bitten, daß er mich ihm opfere!

Indem64

Indem drang, mit des Hirten Gebete, der Rauch des geopferten Schafes, dem Jupiter ein ſüſſer Geruch, durch die Wolken. Und itzt hätte Juno die erſte Thräne geweinet, wenn Thränen ein unſterbliches Auge benetzten.

XXIV. 65

XXIV. Die Ziegen.

Die Ziegen baten den Zevs, auch ihnen Hörner zu geben; denn Anfangs hatten die Ziegen keine Hörner.

Ueberlegt es wohl, was ihr bittet: ſagte Zevs. Es iſt mit dem Geſchenke der Hörner ein anderes unzertrennlich verbunden, das euch ſo angenehm nicht ſeyn möchte.

Doch die Ziegen beharrten auf ihrer Bitte, und Zevs ſprach: So habet denn Hörner!

Und die Ziegen bekamen Hörner und Bart! Denn Anfangs hatten die Ziegen auch keinen Bart. O wie ſchmerzte ſie der häßliche Bart! Weit mehr, als ſie die ſtolzen Hörner erfreuten!

EXXV. Der66

XXV. Der wilde Apfelbaum.

In den hohlen Stamm eines wilden Apfelbau - mes ließ ſich ein Schwarm Bienen nieder. Sie füllten ihn mit den Schätzen ihres Honigs, und der Baum ward ſo ſtolz darauf, daß er alle andere Bäume gegen ſich verachtete.

Da rief ihm ein Roſenſtock zu: Elender Stolz auf geliehene Süſſigkeiten! Iſt deine Frucht darum weniger herbe? In dieſe treibe den Honig herauf, wenn du es vermagſt; und dann erſt wird der Menſch dich ſegnen!

XXVI. Der67

XXVI. Der Hirſch und der Fuchs.

Der Hirſch ſprach zu dem Fuchſe: Nun wehe uns armen ſchwächern Thieren! Der Löwe hat ſich mit dem Wolfe verbunden.

Mit dem Wolfe? ſagte der Fuchs. Das mag noch hingehen! Der Lowe brüllet, der Wolf heu - let; und ſo werdet ihr euch noch oft bey Zeiten mit der Flucht retten können. Aber alsdenn, alsdenn möchte es um uns alle geſchehen ſeyn, wenn es dem gewaltigen Löwen einfallen ſollte, ſich mit dem ſchleichenden Luchſe zu verbinden.

E 2XXVII. Der68

XXVII. Der Dornſtrauch.

Aber ſage mir doch, fragte die Weide den Dorn - ſtrauch, warum du nach den Kleidern des vorbey - gehenden Menſchen ſo begierig biſt? Was willſt du damit? Was können ſie dir helfen?

Nichts! ſagte der Dornſtrauch. Ich will ſie ihm auch nicht nehmen; ich will ſie ihm nur zer - reiſſen.

XXVIII. Die69

XXVIII. Die Furien.

Meine Furien, ſagte Pluto zu dem Bothen der Götter, werden alt und ſtumpf. Ich brauche friſche. Geh alſo, Merkur, und ſuche mir auf der Oberwelt drey tüchtige Weibesperſonen dazu aus. Merkur ging.

Kurz hierauf ſagte Juno zu ihrer Dienerin: Glaubteſt du wohl, Iris, unter den Sterblichen zwey oder drey vollkommen ſtrenge, züchtige Mäd - chen zu finden? Aber vollkommen ſtrenge! Ver - ſtehſt du mich? Um Cytheren Hohn zu ſprechen, die ſich das ganze weibliche Geſchlecht unterworfen zu haben, rühmet. Geh immer, und ſieh, wo du ſie auftreibeſt. Iris ging.

In welchem Winkel der Erde ſuchte nicht die gute Iris! Und dennoch umſonſt! Sie kam ganz allein wieder, und Juno rief ihr entgegen: Iſt es möglich? O Keuſchheit! O Tugend!

E 3Göttin,70

Göttin, ſagte Iris; ich hätte dir wohl drey Mädchen bringen können, die alle drey vollkom - men ſtreng und züchtig geweſen; die alle drey nie einer Mannsperſon gelächelt; die alle drey den ge - ringſten Funken der Liebe in ihren Herzen erſtickt: aber ich kam, leider, zu ſpät.

Zu ſpät? ſagte Juno. Wie ſo?

Eben hatte ſie Merkur für den Pluto ab - geholt.

Für den Pluto? Und wozu will Pluto dieſe Tugendhaften?

Zu Furien.

XXIX. Ti -71

XXIX. Tireſias.

Tireſias nahm ſeinen Stab, und ging über Feld. Sein Weg trug ihn durch einen heiligen Hain, und mitten in dem Haine, wo drey Wege einander durchkreutzten, ward er ein Paar Schlangen ge - wahr, die ſich begatteten. Da hub Tireſias ſeinen Stab auf, und ſchlug unter die verliebten Schlan - gen. Aber, o Wunder! Indem der Stab auf die Schlangen herabſank, ward Tireſias zum Weibe.

Nach neun Monden ging das Weib Tireſias wie - der durch den heiligen Hain; und an eben dem Orte, wo die drey Wege einander durchkreutzten, ward ſie ein Paar Schlangen gewahr, die mit einander kämpften. Da hub Tireſias abermals ihren Stab auf, und ſchlug unter die ergrimmten Schlangen, und O Wunder! Indem der Stab die kämpfen - den Schlangen ſchied, ward das Weib Tireſias wieder zum Manne.

E 4XXX. Mi -72

XXX. Minerva.

L ſie doch, Freund, laß ſie, die kleinen hämi - ſchen Neider deines wachſenden Ruhmes! Warum will dein Witz ihre der Vergeſſenheit beſtimmte Na - men verewigen?

In dem unſinnigen Kriege, welchen die Rieſen wider die Götter führten, ſtellten die Rieſen der Minerva einen ſchrecklichen Drachen entgegen. Minerva aber ergriff den Drachen, und ſchleuderte ihn mit gewaltiger Hand an das Firmament. Da glänzt er noch; und was ſo oft groſſer Thaten Be - lohnung war, ward des Drachen beneidenswürdige Strafe.

Fabeln.[73]

Fabeln. Drittes Buch.

[74]75

I. Der Beſitzer des Bogens.

Ein Mann hatte einen trefflichen Bogen von Eben - holz, mit dem er ſehr weit und ſehr ſicher ſchoß, und den er ungemein werth hielt. Einſt aber, als er ihn aufmerkſam betrachtete, ſprach er: Ein wenig zu plump biſt du doch! Alle deine Zierde iſt die Glätte. Schade! Doch dem iſt abzuhelfen; fiel ihm ein. Ich will hingehen und den beſten Künſtler Bilder in den Bogen ſchnitzen laſſen. Er ging hin; und der Künſtler ſchnitzte eine ganze Jagd auf den Bogen; und was hätte ſich beſſer auf einen Bogen geſchickt, als eine Jagd?

Der Mann war voller Freuden. Du verdie - neſt dieſe Zierrathen, mein lieber Bogen! Indem will er ihn verſuchen; er ſpannt, und der Bogen zerbricht.

II. Die76

II. Die Nachtigall und die Lerche.

Was ſoll man zu den Dichtern ſagen, die ſo gern ihren Flug weit über alle Faſſung des größ - ten Theiles ihrer Leſer nehmen? Was ſonſt, als was die Nachtigall einſt zu der Lerche ſagte: Schwingſt du dich, Freundin, nur darum ſo hoch, um nicht gehört zu werden?

III Der77

III. Der Geiſt des Salomo.

Ein ehrlicher Greis trug des Tages Laſt und Hitze, ſein Feld mit eigner Hand zu pflügen, und mit eigner Hand den reinen Saamen in den lockern Schooß der willigen Erde zu ſtreuen.

Auf einmal ſtand unter dem breiten Schatten einer Linde, eine göttliche Erſcheinung vor ihm da! Der Greis ſtutzte.

Ich bin Salomo: ſagte mit vertraulicher Stimme das Phantom. Was machſt du hier, Alter?

Wenn du Salomo biſt, verſetzte der Alte, wie kaunſt du fragen? Du ſchickteſt mich in mei - ner Jugend zu der Ameiſe; ich ſahe ihren Wan - del, und lernte von ihr fleiſſig ſeyn, und ſam - meln. Was ich da lernte, das thue ich noch.

Du78

Du haſt deine Lection nur halb gelernet: ver - ſetzte der Geiſt. Geh noch einmal hin zur Ameiſe, und lerne nun auch von ihr in dem Winter deiner Jahre ruhen, und des Geſam - melten genieſſen!

IV. Das79

IV. Das Geſchenk der Feyen.

Zu der Wiege eines jungen Prinzen, der in der Folge einer der größten Regenten ſeines Landes ward, traten zwey wohlthätige Feyen.

Ich ſchenke dieſem meinem Lieblinge, ſagte die eine, den ſcharfſichtigen Blick des Adlers, dem in ſeinem weiten Neiche auch die kleinſte Mücke nicht entgeht.

Das Geſchenk iſt ſchön: unterbrach ſie die zweyte Feye. Der Prinz wird ein einſichtsvoller Monarch werden. Aber der Adler beſitzt nicht allein Scharfſichtigkeit, die kleinſten Mücken zu bemerken; er beſitzt auch edle Verachtung, ihnen nicht nachzujagen. Und dieſe nehme der Prinz von mir zum Geſchenk!

Ich80

Ich danke dir, Schweſter, für dieſe weiſe Ein - ſchränkung: verſetzte die erſte Feye. Es iſt wahr; viele würden weit gröſſere Könige geweſen ſeyn, wenn ſie ſich weniger mit ihrem durchdringenden Verſtande bis zu den kleinſten Angelegenheiten hätten erniedrigen wollen.

V. Das81

V. Das Schaf und die Schwalbe.

Eine Schwalbe flog auf ein Schaf, ihm ein we - nig Wolle, für ihr Neſt, auszurupfen. Das Schaf ſprang unwillig hin und wieder. Wie biſt du denn nur gegen mich ſo karg? ſagte die Schwalbe. Dem Hirten erlaubeſt du, daß er dich deiner Wolle über und über entblöſſen darf; und mir verweigerſt du eine kleine Flocke. Woher kömmt das?

Das kömmt daher, antwortete das Schaf, weil du mir meine Wolle nicht mit eben ſo guter Art zu nehmen weißt, als der Hirte.

FVI. Der82

VI. Der Rabe.

Der Rabe bemerkte, daß der Adler ganze dreyßig Tage über ſeinen Eyern brütete. Und daher kömmt es, ohne Zweifel, ſprach er, daß die Jun - gen des Adlers ſo aliſehend und ſtark werden. Gut! das will ich auch thun.

Und ſeitdem brütet der Rabe wirklich ganze dreyßig Tage über ſeinen Eyern; aber noch hat er nichts, als elende Raben ausgebrütet.

VII. Der83

VII. Der Rangſtreit der Thiere, in vier Fabeln. (1)

Es entſtand ein hitziger Rangſtreit unter den Thie - ren. Ihn zu ſchlichten, ſprach das Pferd, laßet uns den Menſchen zu Rathe ziehen; er iſt keiner von den ſtreitenden Theilen, und kann deſto unpar - theyiſcher ſeyn.

Aber hat er auch den Verſtand dazu? ließ ſich ein Maulwurf hören. Er braucht wirklich den allerfeinſten, unſere oft tief verſteckte Vollkommen - heiten zu erkennen.

Das war ſehr weislich erinnert! ſprach der Hamſter.

Ja wohl! rief auch der Igel. Ich glaube es nimmermehr, daß der Menſch Scharfſichtigkeit ge - nug beſitzet.

F 2Schweigt84

Schweigt ihr! befahl das Pferd. Wir wiſſen es ſchon: Wer ſich auf die Güte ſeiner Sache am wenigſten zu verlaſſen hat, iſt immer am fer - tigſten, die Einſicht ſeines Richters in Zweifel zu ziehen.

VIII. (2)85

VIII. (2)

Der Menſch ward Richter. Noch ein Wort, rief ihm der majeſtätiſche Löwe zu, bevor du den Ausſpruch thuſt! Nach welcher Regel, Menſch, willſt du unſern Werth beſtimmen?

Nach welcher Regel? Nach dem Grade, ohne Zweifel, antwortete der Menſch, in welchem ihr mir mehr oder weniger nützlich ſeyd.

Vortrefflich! verſetzte der beleidigte Löwe. Wie weit würde ich alsdenn unter dem Eſel zu ſtehen kommen! Du kannſt unſer Richter nicht ſeyn, Menſch! Verlaß die Verſammlung!

F 3IX. (3)86

IX. (3)

Der Menſch entfernte ſich. Nun, ſprach der höhniſche Maulwurf, (und ihm ſtimmte der Hamſter und der Igel wieder bey) ſiehſt du, Pferd? der Löwe meint es auch, daß der Menſch unſer Richter nicht ſeyn kann. Der Löwe denkt, wie wir.

Aber aus beſſern Gründen, als ihr! ſagte der Löwe, und warf ihnen einen verächtlichen Blick zu.

X. (4)87

X. (4)

Der Löwe fuhr weiter fort: Der Rangſtreit, wenn ich es recht überlege, iſt ein nichtswürdiger Streit! Haltet mich für den Vornehmſten, oder für den Geringſten; es gilt mir gleich viel. Genug ich kenne mich! Und ſo ging er aus der Ver - ſammlung.

Ihm folgte der weiſe Elephant, der kühne Tie - ger, der ernſthafte Bär, der kluge Fuchs, das edle Pferd; kurz, alle, die ihren Werth fühlten, oder zu fühlen glaubten.

Die ſich am letzten wegbegaben, und über die zerriſſene Verſammlung am meiſten murreten, wa - ren der Affe und der Eſel.

F 4XI. Der88

XI. Der Bär und der Elephant.

Die unverſtändigen Menſchen! ſagte der Bär zu dem Elephanten. Was fordern ſie nicht alles von uns beſſern Thieren! Ich muß nach der Muſik tan - zen; ich, der ernſthafte Bär! Und ſie wiſſen es doch nur allzuwohl, daß ſich ſolche Poſſen zu mei - nem ehrwürdigen Weſen nicht ſchicken; denn warum lachten ſie ſonſt, wenn ich tanze?

Ich tanze auch nach der Muſik: verſetzte der ge - lehrige Elephant; und glaube eben ſo ernſthaft und ehrwürdig zu ſeyn, als du. Gleichwohl haben die Zuſchauer nie über mich gelacht; freudige Bewun - derung bloß war auf ihren Geſichtern zu leſen. Glaube mir alſo, Bär; die Menſchen lachen nicht darüber, daß du tanzeſt, ſondern darüber, daß du dich ſo albern dazu anſchickſt.

XII. Der89

XII. Der Strauß.

Das pfeilſchnelle Rennthier ſahe den Strauß, und ſprach: Das Laufen des Strauſſes iſt ſo auſſerordentlich eben nicht; aber ohne Zweifel fliegt er deſto beſſer.

Ein andermal ſahe der Adler den Strauß und ſprach: Fliegen kann der Strauß nun wohl nicht; aber ich glaube, er muß gut laufen können.

F 5XIII. Die90

XIII. XIV. Die Wohlthaten, in zwey Fabeln.

(1)

Haſt du wohl einen gröſſern Wohlthäter unter den Thieren, als uns? fragte die Biene den Menſchen.

Ja wohl! erwiederte dieſer.

Und wen?.,

Das Schaf! Denn ſeine Wolle iſt mir nothwen - dig, und dein Honig iſt mir nur angenehm.

(2)

Und willſt du noch einen Grund wiſſen, warum ich das Schaf für meinen gröſſern Wohlthäter halte, als dich Biene? Das Schaf ſchenket mir ſeine Wolle ohne die geringſte Schwierigkeit; aber wenn du mir deinen Honig ſchenkeſt, muß ich mich noch immer vor deinem Stachel fürchten.

XIV. Die91

XV. Die Eiche.

Der raſende Nordwind hatte ſeine Stärke in einer ſtürmiſchen Nacht an einer erhabenen Eiche bewieſen. Nun lag ſie geſtreckt, und eine Men - ge niedriger Sträuche lagen unter ihr zerſchmet - tert. Ein Fuchs, der ſeine Grube nicht weit davon hatte, ſahe ſie des Morgens darauf. Was für ein Baum! rief er. Hätte ich doch nim - mermehr gedacht, daß er ſo groß geweſen wäre!

XV. Die92

XVI. Die Geſchichte des alten Wolfs, in ſieben Fabeln. (1)

Der böſe Wolf war zu Jahren gekommen, und faßte den gleiſſenden Entſchluß, mit den Schäfern auf einem gütlichen Fuß zu leben. Er machte ſich alſo auf, und kam zu dem Schäfer, deſſen Horden ſeiner Höhle die nächſten waren.

Schäfer, ſprach er, du nenneſt mich den blut - gierigen Räuber, der ich doch wirklich nicht bin. Freylich muß ich mich an deine Schafe halten, wenn mich hungert; denn Hunger thut weh. Schütze mich nur vor dem Hunger; mache mich nur ſatt, und du ſollſt mit mir recht wohl zufrieden ſeyn. Denn ich bin wirklich das zahmſte, ſanftmüthigſte Thier, wenn ich ſatt bin.

Wenn du ſatt biſt? Das kann wohl ſeyn: ver - ſetzte der Schäfer. Aber wenn biſt du denn ſatt? Du und der Geitz werden es nie. Geh deinen Weg!

XVI. (2)93

XVII. (2)

Der abgewieſene Wolf kam zu einem zweyten Schäfer.

Du weißt Schäfer, war ſeine Anrede, daß ich dir, das Jahr durch, manches Schaf wür - gen könnte. Willſt du mir überhaupt jedes Jahr ſechs Schafe geben; ſo bin ich zufrieden. Du kannſt alsdenn ſicher ſchlafen, und die Hunde ohne Bedenken abſchaffen.

Sechs Schafe? ſprach der Schäfer. Das iſt ja eine ganze Heerde!

Nun, weil du es biſt, ſo will ich mich mit fünfen begnügen: ſagte der Wolf.

Du ſcherzeſt; fünf Schafe! Mehr als fünf Schafe opfre ich kaum im ganzen Jahre dem Pan.

Auch nicht viere? fragte der Wolf weiter; und der Schäfer ſchüttelte ſpöttiſch den Kopf.

Drey?94

Drey? Zwey?

Nicht ein einziges; fiel endlich der Beſcheid. Denn es wäre ja wohl thöricht, wenn ich mich einem Feinde zinsbar machte, vor welchem ich mich durch meine Wachſamkeit ſichern kann.

XVII. (3)95

XVIII. (3)

Aller guten Dinge ſind drey; dachte der Wolf und kam zu einem dritten Schäfer.

Es geht mir recht nahe, ſprach er, daß ich unter euch Schäfern als das grauſamſte, gewiſ - ſenloſeſte Thier verſchrieen bin. Dir, Montan, will ich itzt beweiſen, wie unrecht man mir thut. Gib mir jährlich ein Schaf, ſo ſoll deine Heerde in jenem Walde, den niemand unſicher macht, als ich, frey und unbeſchädigt weiden dürfen. Ein Schaf! Welche Kleinigkeit! Könnte ich groß - müthiger, könnte ich uneigennütziger handeln? Du lachſt, Schäfer? Worüber lachſt du denn?

O über nichts! Aber wie alt biſt du, guter Freund? ſprach der Schäfer.

Was geht dich mein Alter an? Immer noch alt genug, dir deine liebſten Lämmer zu wurgen.

Erzürne96

Erzürne dich nicht, alter Iſegrim! Es thut mir Leid, daß du mit deinem Vorſchlage einige Jahre zu ſpät kömmſt. Deine ausgebiſſenen Zähne verrathen dich. Du ſpielſt den Uneigen - nützigen, bloß um dich deſto gemächlicher, mit deſto weniger Gefahr nähren zu können.

XIX. (4)97

XIX. (4)

Der Wolf ward ärgerlich, faßte ſich aber doch, und ging auch zu dem vierten Schäfer. Dieſem war eben ſein treuer Hund geſtorben, und der Wolf machte ſich den Umſtand zu Nutze.

Schäfer, ſprach er, ich habe mich mit meinen Brüdern in dem Walde veruneiniget, und ſo, daß ich mich in Ewigkeit nicht wieder mit ihnen ausſöh - nen werde. Du weißt, wie viel du von ihnen zu fürchten haſt! Wenn du mich aber, anſtatt deines verſtorbenen Hundes in Dienſte nehmen willſt, ſo ſtehe ich dir dafür, daß ſie keines deiner Schafe auch nur ſcheel anſehen ſollen.

Du willſt ſie alſo, verſetzte der Schäfer, gegen deine Brüder im Walde beſchützen?

Was meine ich denn ſonſt? Freylich.

Das wäre nicht übel! Aber, wenn ich dich nun in meine Horden einnähme, ſage mir doch, werGſollte98alsdenn meine armen Schafe gegen dich beſchützen? Einen Dieb ins Haus nehmen, um vor den Die - ben auſſer dem Hauſe ſicher zu ſeyn, das halten wir Menſchen

Ich höre ſchon: ſagte der Wolf; du fängſt an zu moraliſiren. Lebe wohl!

XX. (5)99

XX. (5)

Wäre ich nicht ſo alt! knirſchte der Wolf. Aber ich muß mich, leider, in die Zeit ſchicken. Und ſo kam er zu dem fünften Schäfer.

Kennſt du mich, Schäfer? fragte der Wolf.

Deines gleichen wenigſtens kenne ich: verſetzte der Schäfer.

Meines gleichen? Daran zweifle ich ſehr. Ich bin ein ſo ſonderbarer Wolf, daß ich deiner, und aller Schäfer Freundſchaft wohl werth bin.

Und wie ſonderbar biſt du denn?

Ich könnte kein lebendiges Schaf würgen und freſſen, und wenn es mir das Leben koſten ſollte. Ich nähre mich blos mit todten Schafen. Iſt das nicht löblich? Erlaube mir alſo immer, daß ich mich dann und wann bey deiner Heerde einfin - den, und nachfragen darf, ob dir nicht

G 2Spare100

Spare der Worte! ſagte der Schäfer. Du müßteſt gar keine Schafe freſſen, auch nicht einmal todte, wenn ich dein Feind nicht ſeyn ſollte. Ein Thier, das mir ſchon todte Schafe frißt, lernt leicht aus Hunger kranke Schafe für todt, und geſunde für krank anſehen. Mache auf meine Freundſchaft alſo keine Rechnung, und geh!

XXI. (6)101

XXI. (6)

Ich muß nun ſchon mein Liebſtes daran wenden, um zu meinem Zwecke zu gelangen! dachte der Wolf, und kam zu dem ſechſten Schäfer.

Schäfer, wie gefällt dir mein Belz? fragte der Wolf.

Dein Belz? ſagte der Schäfer. Laß ſehen! Er iſt ſchön; die Hunde müſſen dich nicht oft unter ge - habt haben.

Nun ſo höre, Schäfer; ich bin alt, und werde es ſo lange nicht mehr treiben. Füttere mich zu Tode; und ich vermache dir meinen Belz.

Ey ſieh doch! ſagte der Schäfer. Kömmſt du auch hinter die Schliche der alten Geitzhälſe? Nein, nein; dein Belz würde mich am Ende ſiebenmal mehr koſten, als er werth wäre. Iſt es dir aber ein Ernſt, mir ein Geſchenk zu machen, ſo gieb mir ihn gleich itzt Hiermit grif der Schäfer nach der Keule, und der Wolf flohe.

G 3XXII. (7)102

XXII. (7)

O die Unbarmherzigen! ſchrie der Wolf, und ge - rieth in die äuſſerſte Wuth. So will ich auch als ihr Feind ſterben, ehe mich der Hunger tödtet; denn ſie wollen es nicht beſſer!

Er lief, brach in die Wohnungen der Schäfer ein, riß ihre Kinder nieder, und ward nicht ohne groſſe Mühe von den Schäfern erſchlagen.

Da ſprach der Weiſeſte von ihnen: Wir thaten doch wohl Unrecht, daß wir den alten Räuber auf das Aeuſſerſte brachten, und ihm alle Mittel zur Beſſerung, ſo ſpät und erzwungen ſie auch war, benahmen!

XXIII. Die103

XXIII. Die Maus.

Eine philoſophiſche Maus pries die gütige Natur, daß ſie die Mäuſe zu einem ſo vorzüglichen Gegen - ſtande ihrer Erhaltung gemacht habe. Denn eine Helfte von uns, ſprach ſie, erhielt von ihr Flügel, daß, wenn wir hier unten auch alle von den Katzen ausgerottet würden, ſie doch mit leichter Mühe aus den Fledermäuſen unſer ausgerottetes Geſchlecht wieder herſtellen könnte.

Die gute Maus wußte nicht, daß es auch geflü - gelte Katzen giebt. Und ſo beruhet unſer Stolz meiſtens auf unſrer Unwiſſenheit!

G 4XXIV. Die104

XXIV. Die Schwalbe.

Glaubet mir, Freunde; die groſſe Welt iſt nicht für den Weiſen, iſt nicht für den Dichter! Man kennet da ihren wahren Werth nicht, und ach! ſie ſind oft ſchwach genug, ihn mit einem nichtigen zu vertauſchen.

In den erſten Zeiten war die Schwalbe ein eben ſo tonreicher, melodiſcher Vogel, als die Nachtigall. Sie ward es aber bald müde, in den einſamen - ſchen zu wohnen, und da von niemand, als dem fleiſſigen Landmanne und der unſchuldigen Schäfe - rinn gehöret und bewundert zu werden. Sie ver - ließ ihre demüthigere Freundin, und zog in die Stadt. Was geſchah? Weil man in der Stadt nicht Zeit hatte, ihr göttliches Lied zu hören, ſo verlernte ſie es nach und nach, und lernte dafür bauen.

XXV. Der105

XXV. Der Adler.

Man fragte den Adler: warum erzieheſt du deine Jungen ſo hoch in der Luft?

Der Adler antwortete: Würden ſie ſich, er - wachſen, ſo nahe zur Sonne wagen, wenn ich ſie tief an der Erde erzöge?

G 5XXVI. Der106

XXVI. Der junge und der alte Hirſch.

Ein Hirſch, den die gütige Natur Jahrhunderte leben laſſen, ſagte einſt zu einem ſeiner Enkel: Ich kann mich der Zeit noch ſehr wohl erinnern, da der Menſch das donnernde Feuerrohr noch nicht erfun - den hatte.

Welche glückliche Zeit muß das für unſer Ge - ſchlecht geweſen ſeyn! ſeufzete der Enkel.

Du ſchlieſſeſt zu geſchwind! ſagte der alte Hirſch. Die Zeit war anders, aber nicht beſſer. Der Menſch hatte da, anſtatt des Feuerrohres, Pfeile und Bogen; und wir waren eben ſo ſchlimm daran, als itzt.

XXVII. Der107

XXVII. Der Pfau und der Hahn.

Einſt ſprach der Pfau zu der Henne: Sieh einmal, wie hochmüthig und trotzig dein Hahn einher tritt! Und doch ſagen die Menſchen nicht: der ſtolze Hahn; ſondern nur immer: der ſtolze Pfau.

Das macht, ſagte die Henne, weil der Menſch einen gegründeten Stolz überſiehet. Der Hahn iſt auf ſeine Wachſamkeit, auf ſeine Mannheit ſtolz; aber worauf du? Auf Farben und Federn.

XXVIII. Der108

XXVIII. Der Hirſch.

Die Natur hatte einen Hirſch von mehr als gewöhnlicher Groſſe gebildet, und an dem Halſe hingen ihm lange Haare herab. Da dachte der Hirſch bey ſich ſelbſt: Du könnteſt dich ja wohl für ein Elend anſehen laſſen. Und was that der Eitele, ein Elend zu ſcheinen? Er hing den Kopf traurig zur Erde, und ſtellte ſich, ſehr oft das böſe Weſen zu haben.

So glaubt nicht ſelten ein witziger Geck, daß man ihn für keinen ſchönen Geiſt halten werde, wenn er nicht über Kopfweh und Hypochonder klage.

XXIX. Der109

XXIX. Der Adler und der Fuchs.

Sey auf deinen Flug nicht ſo ſtolz! ſagte der Fuchs zu dem Adler. Du ſteigſt doch nur des - wegen ſo hoch in die Luft, um dich deſto weiter nach einem Aſe umſehen zu können.

So kenne ich Männer, die tiefſinnige Welt - weiſe geworden ſind, nicht aus Liebe zur Wahr - heit, ſondern aus Begierde zu einem einträglichen Lehramte.

XXX. Der110

XXX. Der Schäfer und die Nachtigall.

Du zürneſt, Liebling der Muſen, über die lau - te Menge des parnaſſiſchen Geſchmeiſſes? O höre von mir, was einſt die Nachtigall hören mußte.

Singe doch, liebe Nachtigall! rief ein Schäfer der ſchweigenden Sängerin, an einem lieblichen Frühlingsabende, zu.

Ach! ſagte die Nachtigall; die Fröſche machen ſich ſo laut, daß ich alle Luſt zum Singen ver - liere. Höreſt du ſie nicht?

Ich höre ſie freylich: verſetzte der Schäfer. Aber nur dein Schweigen iſt Schuld, daß ich ſie höre.

Abhand -[111]

Abhandlungen.

[112][113]

I. Von dem Weſen der Fabel.

Jede Erdichtung, womit der Poet eine gewiſſe Abſicht verbindet, heißt ſeine Fabel. So heißt die Erdichtung, welche er durch die Epopee, durch das Drama herrſchen läßt, die Fa - bel ſeiner Epopee, die Fabel ſeines Drama.

Von dieſen Fabeln iſt hier die Rede nicht. Mein Gegenſtand iſt die ſogenannte Aeſopiſche Fabel. Auch dieſe iſt eine Erdichtung; eine Erdichtung, die auf einen gewiſſen Zweck abzielet.

Man erlaube mir, gleich Anfangs ein Sprung in die Mitte meiner Materie zu thun, um eine An - merkung daraus herzuhohlen, auf die ſich eine ge - wiſſe Eintheilung der Aeſopiſchen Fabel gründet, de - ren ich in der Folge zu oft gedenken werde, und die mir ſo bekannt nicht ſcheinet, daß ich ſie, auf gut Glück, bey meinen Leſern vorausſetzen dürfte.

HAeſo -114

Aeſopus machte die meiſten ſeiner Fabeln bey wirklichen Vorfällen. Seine Nachfolger haben ſich dergleichen Vorfälle meiſtens erdichtet, oder auch wohl an ganz und gar keinen Vorſall, ſondern bloß an dieſe oder jene allgemeine Wahrheit, bey Verfer - tigung der ihrigen, gedacht. Dieſe begnügten ſich folglich, die allgemeine Wahrheit, durch die erdich - tete Geſchichte ihrer Fabel, erläutert zu haben; wenn jener noch über dieſes, die Aehnlichkeit ſeiner erdich - teten Geſchichte mit dem gegenwärtigen wirklichen Vorfalle faßlich machen, und zeugen mußte, daß aus beyden, ſo wohl aus der erdichteten Geſchichte als dem wirklichen Vorfalle, ſich eben dieſelbe Wahr - heit bereits ergebe, oder gewiß ergeben werde.

Und hieraus entſpringt die Eintheilung in ein - fache und zuſammengeſetzte Fabeln.

Einfach iſt die Fabel, wenn ich aus der erdich - teten Begebenheit derſelben, bloß irgend eine allge - meine Wahrheit folgern laſſe.

Man machte der Löwin den Vorwurf, daß ſie nur ein Jun - ges zur Welt brächte. Ja, ſprach ſie, nur eines; aber einen Löwen*Fabul. Aeſop. 216. Edit. Hauptmannianæ. .

Die Wahrheit,welche115welche in dieſer Fabel liegt,

ὁτι το καλον ȣ̍κ ἐν πληϑει, ἀλλ ἀρετῃ,

leuchtet ſogleich in die Augen; und die Fabel iſt einfach, wenn ich es bey dem Ausdrucke dieſes allgemeinen Satzes bewenden laſſe.

Zuſammengeſetzt hingegen iſt die Fabel, wenn die Wahrheit, die ſie uns auſchauend zu erkennen giebt, auf einen wirklich geſchehenen, oder doch, als wirklich geſchehen, angenommenen Fall, weiter angewendet wird. Ich mache, ſprach ein höhniſcher Reimer zu dem Dichter, in einem Jahre ſieben Trauerſpiele; aber du? In ſieben Jahren eines! Recht; nur eines! verſetzte der Dichter; aber eine Athalie! Man mache die - ſes zur Anwendung der vorigen Fabel, und die Fa - bel wird zuſammengeſetzt. Denn ſie beſtehet nun - mehr gleichſam aus zwey Fabeln, aus zwey ein - zeln Fällen, in welchen beyden ich die Wahrheit eben deſſelben Lehrſatzes beſtätiget finde.

Dieſe Eintheilung aber kaum brauche ich es zu erinnern beruhet nicht auf einer weſentlichen Verſchiedenheit der Fabeln ſelbſt; ſondern bloß aufH 2der116drr verſchiednen Bearbeitung derſelben. Und aus dem Exempel ſchon hat man es erſehen, daß eben dieſelbe Fabel bald einfach, bald zuſammenge - ſetzt ſeyn kann. Bey dem Phädrus iſt die Fabel von dem kreiſſenden Berge, eine einfache Fabel.

Hoc ſcriptum eſt tibi, Qui magna cum minaris, extricas nihil. ()

Ein jeder, ohne Unterſchied, der große und fürch - terliche Anſtalten einer Nichtswürdigkeit wegen macht; der ſehr weit aushohlt, um einen ſehr klei - nen Sprung zu thun; jeder Prahler, jeder viel - verſprechende Thor, von allen möglichen Arten, ſiehet hier ſein Bild! Bey unſerm Hagedorn aber, wird eben dieſelbe Fabel zu einer zuſammen - geſetzten Fabel, indem er einen gebährenden ſchlech - ten Poeten zu dem beſondern Gegenbilde des kreiſ - ſenden Berges macht.

Ihr Götter rettet! Menſchen flieht!
Ein ſchwangrer Berg beginnt zu kreiſſen,
Und wird itzt, eh man ſichs verſieht,
Mit Sand und Schollen um ſich ſchmeiſſen ꝛc.
Suffenus117
Suffenus ſchwitzt und lermt und ſchäumt:
Nichts kann den hohen Eifer zähmen;
Er ſtampft, er knirſcht; warum? er reimt,
Und will itzt den Homer beſchämen ꝛc.
Allein gebt Acht, was kömmt heraus?
Hier ein Sonnet, dort eine Maus.

Dieſe Eintheilung alſo, von welcher die Lehr - bucher der Dichtkunſt ein tieſes Stillſchweigen beob - achten, ohngeachtet ihres mannichfaltigen Nutzens in der richtigern Beſtimmung verſchiedener Regeln: dieſe Eintheilung, ſage ich, vorausgeſetzt; will ich mich auf den Weg machen. Es iſt kein unbetrete - ner Weg. Ich ſehe eine Menge Fußtapfen vor mir, die ich zum Theil unterſuchen muß, wenn ich überall ſichere Tritte zu thun gedenke. Und in die - ſer Abſicht will ich ſogleich die vornehmſten Erklärun - gen prüfen, welche meine Vorgänger von der Fabel gegeben haben.

De la Motte.

Dieſer Mann, welcher nicht ſo wohl ein großes poetiſches Genie, als ein guter, aufgeklärter Kopf war, der ſich an mancherley wagen, und überallH 3erträg -118erträglich zu bleiben hoffen durſte, erklärt die Fabel durch eine unter die Allegorie einer Handlung verſteckte Lehre*La Fable eſt une inſtruction deguiſee ſous l’allegorie d’une action. Diſcours ſur la fable. .

Als ſich der Sohn des ſtolzen Tarquinius bey den Gabiern nunmehr feſt geſetzt hatte, ſchickte er heimlich einen Bothen an ſeinen Vater, und ließ ihn fragen, was er weiter thun ſolle? Der König, als der Bothe zu ihm kam, befand ſich eben auf dem Felde, hub ſeinen Stab auf, ſchlug den höchſten Mahnſtängeln die Häupter ab, und ſprach zu dem Bothen: Geh, und erzehle meinem Sohne, was ich itzt gethan habe! Der Sohn verſtand den ſtummen Befehl des Vaters, und ließ die Vornehmſten der Gabier hinrichten**Florus. lib. 1. cap. 7.. Hier iſt eine allegoriſche Handlung; hier iſt eine unter die Allegorie dieſer Handlung verſteckte Lehre: aber iſt hier eine Fabel? Kann man ſagen, daß Tarquinius ſeine Meinung dem Sohne durch eine Fabel habe wiſſen laſſen? Ge - wiß nicht!

Jener119

Jener Vater, der ſeinen uneinigen Söhnen die Vortheile der Eintracht an einem Bündel Ruthen zeigte, das ſich nicht anders als ſtückweiſe zerbrechen laſſe, machte der eine Fabel*Fabul. Aeſop. 171.?

Aber wenn eben derſelbe Vater ſeinen uneinigen Söhnen erzählt hätte, wie glücklich drey Stiere, ſo lange ſie einig waren, den Löwen von ſich abhiel - ten, und wie bald ſie des Löwen Raub wurden, als Zwietracht unter ſie kam, und jeder ſich ſeine eigene Weide ſuchte**Fab. Aeſop. 297.: alsdenn hätte doch der Vater ſei - nen Söhnen ihr Beſtes in einer Fabel gezeigt? Die Sache iſt klar.

Folglich iſt es eben ſo klar, daß die Fabel nicht bloß eine allegoriſche Handlung, ſondern die Er - zehlung einer ſolchen Handlung ſeyn kann. Und dieſes iſt das erſte, was ich wider die Erklärung des de la Motte zu erinnern habe.

Aber was will er mit ſeiner Allegorie? Ein ſo fremdes Wort, womit nur wenige einen beſtimm - ten Begriff verbinden, ſollte überhaupt aus einerH 4guten120guten Erklärung verbannt ſeyn. Und wie, wenn es hier gar nicht einmal an ſeiner Stelle ſtünde? Wenn es nicht wahr wäre, daß die Handlung der Fabel an ſich ſelbſt allegoriſch ſey? Und wenn ſie es höchſtens unter gewiſſen Umſtänden nur werden könnte?

Quintilian lehret:

Αλληγορια, quam Inverſio - nem interpretamur, aliud verbis, aliud ſenſu oſten - dit, ac etiam interim contrarium*Quinctilianus lib. VIII. cap. 6.. ()

Die Allegorie ſagt das nicht, was ſie nach den Worten zu ſagen ſcheinet, ſondern etwas anders. Die neuern Lehrer der Rhetorik erinnern, daß dieſes etwas andere auf etwas anderes ähnliches einzuſchränken ſey, weil ſonſt auch jede Ironie eine Allegorie ſeyn würde**Allegoria dicitur, quia ἀλλο μεν ἀγορευει, άλλο δε νοει. Et iſtud ἀλλο reſtringi debet ad aliud ſimile, alias etiam omnis Ironia Allegoria eſſet. Voſſius Inſt. Orat. libr. III. . Die letztern Worte des Quintilians,

ac etiam interim contrarium, ()

ſind ihnen hierinn zwar offenbar zuwider: aber es mag ſeyn.

Die121

Die Allegorie ſagt alſo nicht, was ſie den Wor - ten nach zu ſagen ſcheinet, ſondern etwas ähnli - ches. Und die Handlung der Fabel, wenn ſie alle - goriſch ſeyn ſoll, muß das auch nicht ſagen, was ſie zu ſagen ſcheinet, ſondern nur etwas ähnliches?

Wir wollen ſehen! Der Schwächere wird gemeiniglich ein Raub des Mächtigern. Das iſt ein allgemeiner Satz, bey welchem ich mir eine Reihe von Dingen gedenke, deren eines immer ſtärker iſt als das andere; die ſich alſo, nach der Fol - ge ihrer verſchiednen Stärke, unter einander auf - reiben können. Eine Reihe von Dingen! Wer wird lange und gern den öden Begriff eines Din - ges denken, ohne auf dieſes oder jenes beſondere Ding zu fallen, deſſen Eigenſchaften ihm ein deut - liches Bild gewähren? Ich will alſo auch hier, an - ſtatt dieſer Reihe von unbeſtimmten Dingen, eine Reihe beſtimmter, wirklicher Dinge annehmen. Ich könnte mir in der Geſchichte eine Reihe von Staaten oder Königen ſuchen; aber wie viele ſind in der Geſchichte ſo bewandert, daß ſie, ſo bald ich meine Staaten oder Könige nur nennte, ſich derH 5Verhält -122Verhältniſſe, in welchen ſie gegen einander an Größe und Macht geſtanden, erinnern können? Ich wür - de meinen Satz nur wenigen faßlicher gemacht ha - ben; und ich möchte ihn gern allen ſo faßlich, als möglich, machen. Ich falle auf die Thiere; und warum ſollte ich nicht eine Reihe von Thieren wäh - len dürfen; beſonders wenn es allgemein bekannte Thiere wären? Ein Auerhahn ein Marder ein Fuchs ein Wolf Wir kennen dieſe Thiere; wir dürfen ſie nur nennen hören, um ſogleich zu wiſſen, welches das ſtärkere oder das ſchwächere iſt. Nunmehr heißt mein Satz: der Marder frißt den Auerhahn; der Fuchs den Marder; den Fuchs der Wolf. Er frißt? Er frißt vielleicht auch nicht. Das iſt mir noch nicht gewiß genug. Ich ſage alſo: er fraß. Und ſiehe, mein Satz iſt zur Fabel ge - worden!

Ein Marder fraß den Auerhahn;
Den Marder würgt ein Fuchs; den Fuchs des Wolfes Zahn
*von Hagedorn; Fabeln und Erzehlungen, erſtes Buch. S. 77.
*.

Was kann ich nun ſagen, daß in dieſer Fabel für eine Allegorie liege? Der Auerhahn, der Schwäch -ſte;123ſte; der Marder, der Schwache; der Fuchs, der Starke; der Wolf der Stärkſte. Was hat der Auer - hahn mit dem Schwächſten, der Marder mit dem Schwachen, u. ſ. w. hier ähnliches? Aehnli - ches! Gleichet hier bloß der Fuchs dem Starken, und der Wolf dem Stärkſten; oder iſt jener hier der Starke, ſo wie dieſer der Stärkſte? Er iſt es. Kurz; es heißt die Worte auf eine kindiſche Art mißbrauchen, wenn man ſagt, daß das Beſondere mit ſeinem Allgemeinen, das Einzelne mit ſeiner Art, die Art mit ihrem Geſchlechte eine Aehn - lichkeit habe. Iſt dieſer Windhund, einem Wind - hunde überhaupt, und ein Windhund über - haupt, einem Hunde ähnlich? Eine lächerliche Frage! Findet ſich nun aber unter den beſtimm - ten Subjecten der Fabel, und den allgemeinen Subjecten ihres Satzes keine Aehnlichkeit, ſo kann auch keine Allegorie unter ihnen Statt haben. Und das Nehmliche läßt ſich auf die nehmliche Art von den beyderſeitigen Prädicaten erweiſen.

Vielleicht aber meinet jemand, daß die Allegorie hier nicht auf der Aehnlichkeit zwiſchen den beſtimm -ten124ten Subjecten oder Prädicaten der Fabel und den allgemeinen Subjecten oder Prädicaten des Satzes, ſondern auf der Aehnlichkeit der Arten, wie ich ebendieſelbe Wahrheit, itzt durch die Bilder der Fa - bel, und itzt vermittelſt der Worte des Satzes er - kenne, beruhe. Doch das iſt ſo viel, als nichts. Denn käme hier die Art der Erkenntniß in Betrach - tung, und wollte man bloß wegen der anſchauen - den Erkenntniß, die ich vermittelſt der Handlung der Fabel von dieſer oder jener Wahrheit erhalte, die Handlung allegoriſch nennen: ſo würde in allen Fabeln ebendieſelbe Allegorie ſeyn, welches doch nie - mand ſagen will, der mit dieſem Worte nur einigen Begriff verbindet.

Ich befürchte, daß ich von einer ſo klaren Sache viel zu viel Worte mache. Ich faſſe daher alles zu - ſammen und ſage: die Fabel, als eine einfache Fabel, kann unmöglich allegoriſch ſeyn.

Man erinnere ſich aber meiner obigen Anmerkung, nach welcher eine jede einfache Fabel auch eine zu - ſammengeſetzte werden kann. Wie wann ſie als - denn allegoriſch würde? Und ſo iſt es. Denn inder125der zuſammengeſetzten Fabel wird ein Beſonderes gegen das andre gehalten; zwiſchen zwey oder mehr Beſondern, die unter eben demſelben Allgemeinen be - griffen ſind, iſt die Aehnlichkeit unwiderſprechlich, und die Allegorie kann folglich Statt finden. Nur muß man nicht ſagen, daß die Allegorie zwiſchen der Fabel und dem moraliſchen Satze ſich befinde. Sie befindet ſich zwiſchen der Fabel und dem wirk - lichen Falle, der zu der Fabel Gelegenheit gegeben hat, in ſo fern ſich aus beyden ebendieſelbe Wahrheit er - giebt. Die bekannte Fabel vom Pferde, daß ſich von dem Manne den Zaum anlegen ließ, und ihn auf ſeinen Rücken nahm, damit er ihm nur in ſeiner Nache, die es an dem Hirſche nehmen wollte, be - hülflich wäre: dieſe Fabel ſage ich, iſt ſo fern nicht allegoriſch, als ich mit dem Phädrus*Liber IV. fab. 3. bloß die all - gemeine Wahrheit daraus ziehe:

Impune potius lædi, quam dedi alteri. ()

Bey der Gelegenheit nur, bey welcher ſie ihr Er - finder Steſichorus erzehlte, ward ſie es. Er er - zehlte ſie nehmlich, als die Himerenſer den Pha -laris126laris zum oberſten Befehlshaber ihrer Kriegsvölker gemacht hatten, und ihm noch dazu eine Leibwache geben wollten.

O ihr Himerenſer, rief er, die ihr ſo feſt entſchloſſen ſeyd, euch an euren Feinden zu rächen; nehmet euch wohl in Acht, oder es wird euch wie dieſem Pferde ergehen! Den Zaum habt ihr euch bereits anlegen laſſen, indem ihr den Pha - laris zu eurem Heerführer mit unumſchränkter Gewalt, ernannt. Wollt ihr ihm nun gar eine Leibwache geben, wollt ihr ihn auſſitzen laſſen, ſo iſt es vollends um eure Freyheit gethan. *Ariſtoteles Rhetor lib. II. cap. 20.

Alles wird hier allegoriſch! Aber einzig und allein dadurch, daß das Pferd, hier nicht auf jeden Beleidigten, ſondern auf die beleidigten Himerenſer; der Hirſch nicht auf jeden Beleidiger, ſondern auf die Feinde der Himerenſer; der Mann nicht auf jeden liſtigen Unterdrücker, ſondern auf den Phalaris; die An - legung des Zaums nicht auf jeden erſten Eingriff in die Rechte der Freyheit, ſondern auf die Ernennung des Phalaris zum unumſchränkten Heerführer; und das Aufſitzen endlich, nicht auf jeden letzten tödtlichen Stoß, welcher der Freyheit beygebrachtwird,127wird, ſondern auf die dem Phalaris zu bewilligen - de Leibwache, gezogen und angewandt wird.

Was folgt nun aus alle dem? Dieſes: da die Fa - bel nur alsdenn allegoriſch wird, wenn ich dem er - dichteten einzeln Falle, den ſie enthält, einen an - dern ähnlichen Fall, der ſich wirklich zugetragen hat, entgegen ſtelle; da ſie es nicht an und für ſich ſelbſt iſt, in ſo fern ſie eine allgemeine moraliſche Lehre enthält: ſo gehöret das Wort Allegorie gar nicht in die Er - klärung derſelben. Dieſes iſt das zweyte, was ich gegen die Erklärung des de la Motte zu erin - nern habe.

Und man glaube ja nicht, daß ich es bloß als ein müſſiges, überflüſſiges Wort daraus verdrengen will. Es iſt hier, wo es ſteht, ein höchſt ſchädliches Wort, dem wir vielleicht eine Menge ſchlechter Fabeln zu danken haben. Man begnüge ſich nur, die Fabel, in Anſehung des allgemeinen Lehrſatzes, bloß al - legoriſch zu machen; und man kann ſicher glauben, eine ſchlechte Fabel gemacht zu haben. Iſt aber eine ſchlechte Fabel eine Fabel? Ein Exempel wird die Sache in ihr völliges Licht ſetzen. Ichwehle128wehle ein altes, um ohne Mißgunſt Recht haben zu können. Die Fabel nehmlich von dem Mann und dem Satyr.

Der Mann bläſet in ſeine kal - te Hand, um ſeine Hand zu wärmen; und bläſet in ſeinen heiſſen Brey, um ſeinen Brey zu kühlen. Was? ſagt der Satyr; du bläſeſt aus einem Mun - de Warm und Kalt? Geh, mit dir mag ich nichts zu thun haben!*Fab. Aeſop. 126.

Dieſe Fabel ſoll lehren,

ὁτι δει φευγειν ἡμας τας φιλιας, ὡναμφιβολος ἐςι[ι]〈…〉〈…〉 διαϑεσις;

die Freundſchaft aller Zweyzüngler, aller Doppelleute, aller Falſchen zu fliehen. Lehrt ſie das? Ich bin nicht der erſte der es leugnet, und die Fabel für ſchlecht ausgiebt. Richer** contre la juſteſſe de l’allegorie. Sa morale n’eſt qu’u - ne alluſion, & n’eſt fondée que ſur un jeu de mots équi - voque. Fables nouvelle, Preface, p. 10. ſagt, ſie ſündige wider die Richtigkeit der Allegorie; ihre Moral ſey weiter nichts als eine Anſpielung, und gründe ſich auf eine bloſſe Zweydeutigkeit. Richer hat richtig empfunden, aber ſeine Empfindung falſch ausgedrückt. Der Fehler liegt nicht ſowohl darinn, daß die Allegorie nicht richtig genug iſt, ſonderndarinn,129darinn, daß es weiter nichts als eine Allegorie iſt. Anſtatt daß die Handlung des Mannes, die dem Satyr ſo anſtöſſig ſcheinet, unter dem allgemeinen Subjecte des Lehrſatzes wirklich begriffen ſeyn ſoll - te, iſt ſie ihm bloß ähnlich. Der Mann ſollte ſich eines wirklichen Widerſpruchs ſchuldig machen; und der Widerſpruch iſt nur anſcheinend. Die Lehre warnet uns vor Leuten, die von ebenderſel - ben Sache ja und nein ſagen, die ebendaſſelbe Ding loben und tadeln: und die Fabel zeiget uns einen Mann, der ſeinen Athem gegen verſchiede - ne Dinge verſchieden braucht; der auf ganz etwas anders itzt ſeinen Athem warm haucht, und auf ganz etwas anders ihn itzt kalt bläſet.

Endlich, was läßt ſich nicht alles allegoriſiren! Man nenne mir das abgeſchmackte Mährchen, in welches ich durch die Allegorie nicht einen moraliſchen Sinn ſollte legen können!

Die Mitknechte des Aeſopus gelüſtet nach den trefflichen Feigen ihres Herrn. Sie eſſen ſie auf, und als es zur Nach - frage kömmt, ſoll es der gute Aeſop gethan ha - ben. Sich zu rechtfertigen, trinket Aeſop inJ groſſer130 groſſer Menge laues Waſſer; und ſeine Mitknechte müſſen ein gleiches thun. Das laue Waſſer hat ſeine Wirkung, und die Näſcher ſind entdeckt.

Was lehrt uns dieſes Hiſtörchen? Eigentlich wohl weiter nichts, als daß laues Waſſer, in groſſer Menge getrunken, zu einem Brechmittel werde? Und doch machte jener perſiſche Dichter*Herbelot Bibl. Orient. p. 516. Lorsque l’on vous donnera a - boire de cette eau chaude & brulante, dans la queſtion du Jugement dernier, tout ce que vous avez caché avec tant de ſoin, paroitra aux yeux de tout le monde, & celui qui aura acquis de l’eſtime par ſon hypocriſie & par ſon deguiſement, ſera pour lors couvert de honte & de confuſion. einen weit edlern Gebrauch davon.

Wenn man euch, ()

ſpricht er,

an jenem groſſen Tage des Gerichts, von die - ſem warmen und ſiedenden Waſſer wird zu trin - ken geben: alsdann wird alles an den Tag kommen, was ihr mit ſo vieler Sorgfalt vor den Augen der Welt verborgen gehalten; und der Heuchler, den hier ſeine Verſtellung zu einem ehrwürdigen Man - ne gemacht hatte, wird mit Schande und Ver - wirrung überhäuft daſtehen!

Vortrefflich!

Ich131

Ich habe nun noch eine Kleinigkeit an der Erklä - rung des de la Motte auszuſetzen. Das Wort Lehre (inſtruction) iſt zu unbeſtimmt und allgemein. Iſt jeder Zug aus der Mythologie, der auf eine phyſiſche Wahrheit anſpielet, oder in den ein tief - ſinniger Baco wohl gar eine tranſcendentaliſche Lehre zu legen weis, eine Fabel? Oder wenn der ſeltſame Holberg erzehlet:

Die Mutter des Teuſels übergab ihm einsmals vier Ziegen, um ſie in ihrer Abweſenheit zu bewachen. Aber dieſe machten ihm ſo viel zu thun, daß er ſie mit aller ſeiner Kunſt und Geſchicklichkeit nicht in der Zucht halten konnte. Diesfalls ſagte er zu ſeiner Mutter nach ihrer Zu - rückkunft: Liebe Mutter, hier ſind eure Ziegen! Ich will lieber eine ganze Compagnie Reuter be - wachen, als eine einzige Ziege. Hat Holberg eine Fabel erzehlet? Wenigſtens iſt eine Lehre in dieſem Dinge. Denn er ſetzet ſelbſt mit ausdrück - lichen Worten dazu: Dieſe Fabel zeiget, daß keine Kreatur weniger in der Zucht zu halten iſt, als eine Ziege. *Moraliſche Fabeln des Baron von Holberes S. 103.

Eine wichtige Wahrheit! Nie -J 2mand132mand hat die Fabel ſchändlicher gemißhandelt, als dieſer Holberg! Und es mißhandelt ſie jeder, der eine andere als moraliſche Lehre darinn vor - zutragen, ſich einfallen läßt.

Richer.

Richer iſt ein andrer franzöſiſcher Fabuliſt, der ein wenig beſſer erzehlet als de la Motte, in An - ſehung der Erfindung aber, weit unter ihm ſtehet. Auch dieſer hat uns ſeine Gedanken über dieſe Dich - tungsart nicht vorenthalten wollen, und erklärt die Fabel durch ein kleines Gedicht, das irgend eine unter einem allegoriſchen Bilde verſteckte Re - gel enthalte*La Fable eſt un petit Poeme qui contient un precepte caché ſous une image allegorique. Fables nouvelles Preſace p. 9. .

Richer hat die Erklärung des de la Motte of - fenbar vor Augen gehabt. Und vielleicht hat er ſie gar verbeſſern wollen. Aber das iſt ihm ſehr ſchlecht gelungen.

Ein kleines Gedicht? (Poeme) Wenn Ri - cher das Weſen eines Gedichts in die bloſſe Fiction ſetzet: ſo bin ich es zufrieden, daß er die Fabel ein Gedicht nennet. Wenn er aber auch die poetiſcheSprache133Sprache und ein gewiſſes Sylbenmaaß, als noth - wendige Eigenſchaften eines Gedichtes betrachtet: ſo kann ich ſeiner Meinung nicht ſeyn. Ich wer - de mich weiter unten hierüber ausführlicher er - klären.

Eine Regel? (Precepte) Dieſes Wort iſt nichts beſtimmter, als das Wort Lehre des de la Motte. Alle Künſte, alle Wiſſenſchaften haben Regeln, haben Vorſchriften. Die Fabel aber ſtehet einzig und allein der Moral zu. Von einer andern Seite hingegen betrachtet, iſt Regel oder Vor - ſchrift hier ſo gar noch ſchlechter als Lehre; weil man unter Regel und Vorſchrift eigentlich nur ſolche Sätze verſtehet, die unmittelbar auf die Beſtim - mung unſers Thuns und Laſſens gehen. Von die - ſer Art aber ſind nicht alle moraliſche Lehrſätze der Fabel. Ein groſſer Theil derſelben ſind Erfahrungs - ſätze, die uns nicht ſowohl von dem, was geſchehen ſollte, als vielmehr von dem, was wirklich geſchie - het, unterrichten. Iſt die Sentenz:

In principatu commutando civium Nil præter domini nomen mutant pauperes; ()J 3eine134

eine Regel, eine Vorſchrift? Und gleichwohl iſt ſie das Reſultat einer von den ſchönſten Fabeln des Phädrus*Libri I. Fab. 15.. Es iſt zwar wahr, aus jedem ſolchen Erfahrungsſatze können leicht eigentliche Vorſchrif - ten und Regeln gezogen werden. Aber was in dem fruchtbaren Satze liegt, das liegt nicht darum auch in der Fabel. Und was müßte das für eine Fabel ſeyn, in welcher ich den Satz mit allen ſeinen Folgerungen auf einmal, anſchauend erkennen ſollte?

Unter einem allegoriſchen Bilde? Ueber das Allegoriſche habe ich mich bereits erkläret. Aber Bild! (Image) Unmöglich kann Richer dieſes Wort mit Bedacht gewehlt haben. Hat er es viel - leicht nur ergriffen, um vom de la Motte lieber auf Gerathewohl abzugehen, als nach ihm Recht zu haben? Ein Bild heißt überhaupt jede ſinn - liche Vorſtellung eines Dinges nach einer einzigen ihm zukommenden Veränderung. Es zeigt mir nicht mehrere, oder gar alle mögliche Veränderun - gen, deren das Ding fähig iſt, ſondern allein die,in135in der es ſich in einem und eben demſelben Augen - blicke befindet. In einem Bilde kann ich zwar alſo wohl eine moraliſche Wahrheit erkennen, aber es iſt darum noch keine Fabel. Der mitten im Waſſer dürſtende Tantalus iſt ein Bild, und ein Bild, das mir die Möglichkeit zeiget, man könne auch bey dem größten Ueberfluſſe darben. Aber iſt dieſes Bild deswegen eine Fabel? So auch folgendes kleine Gedicht:

Curſu veloci pendens in novacula, Calvus, comoſa fronte, nudo corpore, Quem ſi occuparis, teneas; elapſum ſemel Non ipſe poſſit Jupiter reprehendere; Occaſionem rerum ſignificat brevem. Effectus impediret ne ſegnis mora Finxere antiqui talem effigiem temporis. ()

Wer wird dieſe Zeilen für eine Fabel erkennen, ob ſie ſchon Phädrus als eine ſolche unter ſeinen Fa - beln mit unterlaufen läßt? *Libri V. Fab. 8.Ein jedes Gleichniß, ein jedes Emblema würde eine Fabel ſeyn, wenn ſie nicht eine Mannigfaltigkeit von Bildern, und zwar zu Einem Zwecke übereinſtimmenden Bildern; wenn ſie, mit einem Worte, nicht das nothwen -J 4dig136dig erforderte, was wir durch das Wort Hand - lung ausdrücken.

Eine Handlung nenne ich, eine Folge von Veränderungen, die zuſammen Ein Ganzes ausmachen.

Dieſe Einheit des Ganzen beruhet auf der Uebereinſtimmung aller Theile zu einem Endzwecke.

Der Endzweck der Fabel, das, wofür die Fabel erfunden wird, iſt der moraliſche Lehrſatz.

Folglich hat die Fabel eine Handlung, wenn das, was ſie erzehlt, eine Folge von Veränderun - gen iſt, und jede dieſer Veränderungen etwas dazu bey - trägt, die einzeln Begriffe, aus welchen der moraliſche Lehrſatz beſtehet, anſchauend erkennen zu laſſen.

Was die Fabel erzehlt, muß eine Folge von Veränderungen ſeyn. Eine Veränderung, oder auch mehrere Veränderungen, die nur neben ein - ander beſtehen, und nicht auf einander folgen, wollen zur Fabel nicht zureichen. Und ich kann es für eine untriegliche Probe ausgeben, daß eine Fa - bel ſchlecht iſt, daß ſie den Namen der Fabel garnicht137nicht verdienet, wenn ihre vermeinte Handlung, ſich ganz mahlen läßt. Sie enthält alsdenn ein bloſſes Bild, und der Mahler hat keine Fabel, ſon - dern ein Emblema