PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Großmuͤthiger Feldherꝛ Arminius oder Herrmañ,
Als Ein tapfferer Beſchirmer der deutſchen Freyheit / Nebſt ſeiner Durchlauchtigen Thußnelda
Jn einer ſinnreichen Staats - Liebes - und Helden-Geſchichte Dem Vaterlande zu Liebe Dem deutſchen Adel aber zu Ehren und ruͤhmlichen Nachfolge Jn Zwey Theilen vorgeſtellet / Und mit annehmlichen Kupffern gezieret.
Leipzig /Verlegt von Johann Friedrich Gleditſchen Buchhaͤndlern /undgedruckt durch Chriſtoph Fleiſchern /Jm Jahr 1689.
Unter Jhrer Roͤm. Kaͤyſerl. Majeſtaͤt ſonderbaren Begnadigung.

Dem Durchlauchtigſten / Großmaͤchtigen Fuͤrſten und Herrn / Herrn Friedrich dem Dritten / Marggrafen zu Brandenburg / Des Heil. Roͤm. Reichs Ertz-Caͤmme - rern und Chur-Fuͤrſten / in Preußen / zu Magde - burg / Juͤlich / Cleve und Berge / Stettin / Pom - mern / der Caßuben und Wenden / auch in Schleſien zu Croßen und Schwibuß Hertzogen / Burggrafen zu Nuͤrnberg / Fuͤrſten zu Halberſtadt / Minden und Cammin / Graſen zu Hohen-Zollern / der Marck und Ravensberg / Herꝛen zu Ravenſtein / der Lande Lauenburg und Buͤtow / ꝛc. Meinem genaͤdigſten Chur-Fuͤrſten und Herrn.

Durchlauchtigſteꝛ Großmaͤchtiger Chur-Fuͤrſt / Gnaͤdigſter Chur-Fuͤrſt und Herr.

ARminius / vor welchem das Welt-beherꝛſchende Rom mehrmals gezitteꝛt / hatte das Abſehen / ſeine ſieg - haffte Waffen / welche nebſt Jhm vor mehr als tauſend Jahren zu Staub und Aſche worden / wiederum ans Tagelicht zu bringen / und ſolche Eur. Chur-Fuͤrſtl. Durchl. Erlauchteſtem Herrn Vater /bZuſchrifft. hoͤchſtruͤhmlichen Andenckens zu Fuͤſſen zu legen. Die - ſer deutſche Held zohe Jhmund ſeinen Landes-Leu - ten das Roͤmiſche Joch recht unerſchrocken vom Hal - ſe / darunter viel Koͤnige ſeuffzeten / und wiedmete die eroberten Roͤmiſchen Adler / Waffen und Beile nach der Variſchen Schlacht ſeinen Goͤttern. Was Wun - der: daß er ſich mit ſeinen Sieghafften zu dem groſſen Europeiſchen Friedrich Wilhelm zu wenden begehret? als zu einem viel rechtern GOtt / weil Gott der Goͤtter die Beherrſcher der Erden ſelbſt ſo nennet; als einem hertzhafften Vertheidiger Deutſchlandes; welches wegen der vor wenig Jahren ſo tapfer ver - fochtenen Freyheit (die gleich denen beym Helleſpont auf des Proteſilaus Grabe wachſenden Baͤumen von der herꝛſchensſuͤchtigen Aufblaͤhung des gegen uͤber lie - genden Jliums ſchon zu knacken anfieng /) ſeinen bluti - gen Degen zu kuͤſſen / und gleich dem Xenophon / deſſen Sohnin der Mantineiſchen Schlacht vors Vaterland ruͤhmlich geſtorben / zu verehren Urſache hat; als einem Uberwinder; deſſen Siege faſt alle vier Theile der Welt geſchmecket / und offt als einen Blitz empfinden muͤſſen. Die Tugend iſt wol ihr ſelbſt-Lohn undZuſchrifft. braucht keines Anſtriechs; Gleichwol aber hat Homer des Achilles / andere anderer Helden Gedaͤchtnuͤs biß auf unſere Zeiten erhalten muͤſſen. Dem Arminius iſt ſein Vaterland dieſe danckbare Pflicht ſchuldig ge - blieben; und die nach ſo viel hundert Jahren beym Schluſſe dieſes loͤblichen Vorhabens beſchaͤfftigte vaͤteꝛ - liche Hand hat das Goͤttliche Verhaͤngnuͤs durch all - zufruͤhzeitigen Tod unterbrochen: daß nunmehr der Sohn dieſem hochverdienten Helden hierdurch vol - lends ans Licht hilfft / und ſolch Werck / nach dem zu hoͤchſtem Leidweſen Deutſchlands unſer groſſer Ce - der-Baum / daran ſich manch Staat ſicher gelehnet / nicht ohne erbebenden Donner-Knall in Stuͤcken zer - fallen / Eur. Chur-Fuͤrſtl. Durchl. bey nun - mehr angetretener Regierung / als einem nichts min - der klugen und hertzhafften Nachfolger / zum ſchuldig - ſten Opfer / nebſt ſeinem Hertzen / als der beſten Beyla - ge / in aller Unterthaͤnigkeit liefert.

Arminius bleibt nun Zweifels ohne in dem be - ruͤhmten Berlin / deſſen Verherꝛlichung einen Auguſt zum Beherꝛſcher andeutet / unteꝛ die Helden aufgethroͤ -b 2Zuſchrifft. net / welchem Eurer Chur-Fuͤrſtl. Durchl. gleich Dero Erlauchteſtem Herrn Vor - fahr / weil von Adlern nur Adler gebohren werden / aller Welt zur Nachfolge lebhafftes Bild / gleich der Sonne bey denen Perſiern oder denen Sineſiſchen Koͤnigen mehr mit verdecktem Munde und Angeſicht ſtillſchweigend zu verwundern / als duꝛch eine ohnmaͤch - tige Feder abzuzirckeln. Denn Tinte und Farbe iſt allzuſchlecht hieꝛzu; und das Alterthum hat ſchonlaͤngſt ſeinen Phidias und Silanion / Welſchland ſeinen Ber - nin / wir Deutſchen aber unſern Rauch-Muͤller ver - lohren; wiewol auch dieſe noch nicht die rechten Werck - zeuge der Verewigung ſind; ſondern Eur. Chur - Fuͤrſtl. Durchl. anbetenswuͤrdige Vollkom̃enhei - ten ſahe man voꝛ Dero wuͤrcklichen Regierungſchon in die Sternen gezeichnet / und feſter / als alle in ſtum - men Marmel und Alabaſter gehauene Ehren-Saͤu - len / in die danckbaren Gemuͤther der itzig - und kuͤnffti - gen Welt / als die lebhaften und unvergaͤnglichen Be - haͤltnuͤße / geſetzet. Anitzo aber ſchauet gantz Europa Eur. Chur-Fuͤrſtl. Durchl. in Dero Er -Zuſchrifft. lauchteſten Herrn Vatern Fußſtapfen voll - koͤmmlich getreten zu ſeyn; in dem Selbte ſo wol zu groſſeꝛ Verwundeꝛung aller Fuͤrſten / als hohem Ver - gnuͤgen aller aufrichtig-geſinnten deutſchen Hertzen die deutſche Freyheit zu beſchirmen allbereit einen hoͤchſt - ruͤhmlichen und die Unſterbligkeit verdienenden An - fang gemacht haben; alſo Selbte nicht minder als ein ander Heermann / wie vor Dero eigene Laͤn - der / als des gantzen deutſchen Reichs Wolſtand zu ſorgen bemuͤhet ſind.

Jch verhoffe die gluͤckſeligſten Zeiten / und darinnen meinen Angel-Stern erreichet zu haben / da in Dero nunmehr durch eine wieder aufs neue aufgegangene Sonne beſtrahlten Himmels - und Erden-Kreiße ich meinen wuͤrcklichen Sitz gefunden / in welchem Gerech - tigkeit und Eriede ſich kuͤſſen / Kuͤnſte und Waffen ſich umbarmen / und der heilige Gottesdienſt die Grund - feſte iſt; alſo ein ieder Unterthan mit mehrerm Recht / als die Egyptier / welche ihren Segen weder dem Himmel / noch ihren Koͤnigen / ſondern eintzig dem Nilus zuſchreiben / vor die ewige Erhaltung des zeit -b 3Zuſchrifft. her vom Tod und Verhaͤngnuͤs heftig erſchuͤtterten Erlauchteſten Chur-Hauſes Branden - burg den Allerhoͤchſten hertzlich anzuruffen / und nebſt mir ſich gluͤckſelig zu ſchaͤtzen und zu ruͤhmen Urſach hat Eur. Chur-Fuͤrſtl. Durchl.

Allerunterthaͤnig-gehorſamſter Knecht Daniel Caſpar von Lohenſtein.

Vorbericht an den Leſer.

Hochgeneigter Leſer.

HJer ſtellet ſich / unſer vor etlichen Jahren gethanen Ver - troͤſtung nach / nunmehr der Großmuͤthige Armi - nius auf den Schau-Platz der Welt. Er ſuchet bey denen Sieg-prangenden Helden dieſer Zeit guͤnſtige Erlaubnuͤs / Jhm einen Eintritt in dero Ruͤſt-Kam - mern zu verſtatten; Und lebet der guten Hoffnung: ob Er gleich in der heutigen Kriegs-Kunſt / ſo wol wegen Aenderung der Zeiten / als anderer Zufaͤlle und Ge - legenheiten ſich nur unter derſelben Schuͤler oder / Lehrlinge zehlen moͤchte / daß ſie ihm dennoch nichts minder ſeinen theuer-er - worbenen Lorber-Krantz / als auch eine Stelle in denen Ehren-Saͤlen unter anderer Helden-Bildern goͤnnen / und ihm den Nahmen eines hertzhafften Feldherrn deßwegen in keinen Zweifel ziehen werden; weil Er die Kriegs - Kunſt und Staats-Klugheit zu ſeiner Zeit an dem Welt-geprieſenen Hofe des maͤchtigſten Kayſers Auguſtus / da die Krieg - und Friedens-Kuͤnſte gleich - ſam mit einander umb den Vorzug kaͤmpften / vollkommentlich erlernet / her - nach aber bey Antretung ſeiner Regierung und obriſten Feldhauptmannſchafft in Deutſchland / vor die Beſchirmung der gleichſam in letzten Zuͤgen liegenden Freyheit / gegen die ſtoltzen Roͤmer hoͤchſt-ruͤhmlich angewendet; ja nicht allein ſeinen bedraͤngten Lands-Leuten das ſchwere Joch der Roͤmiſchen Dienſtbar - keit / daran einige Roͤmiſche Kayſer ſo gar ſelbſt einen Greuel gehabt / gaͤntzlich vom Halſe geſtreifft / andere deutſche Fuͤrſten zu gleichmaͤßiger Heldenmuͤthiger Tapferkeit aufgemuntert / und wider die hochmuͤthigen Roͤmer in Harniſch gebracht / ſondern auch derogeſtalt ſiegen gelernet: daß das durch ihn geſchwaͤch - te groſſe Rom unterſchiedliche mahl erzittert / Auguſten ſein Gluͤcke zwei - felhafft gemacht / und von derſelben Zeit an das ſtreitbare Deutſchland vor un - uͤberwindlich gehalten worden.

Man wuͤnſchte zwar wol: daß der Herr uͤber Tod und Leben dem ſeli - gen Herrn Verfaſſer dieſer Geſchichte noch ſo viel Tage zugeſetzet / als Er be - durfft haͤtte / daß Er ſeinem Arminius oder Herrmann in dieſem Vor - berichte ſelber das Wort reden / und Jhm einen Geleits - oder Beglaubigungs -BrieffVorbericht an den Leſer. Brieff in die Welt mitgeben / auch zugleich ſeinen itzigen Auftritt beſtens ent - ſchuldigen koͤnnen.

Wir wollen aber den hochguͤnſtigen Leſer indeſſen an den groſſen Lehrmei - ſter und Fuͤrſten der Staats-Klugheit / den Cornelius Tacitus gewieſen haben / und mit dem vergnuͤgt ſeyn: daß derſelbe als ein auslaͤndiſcher Ge - ſchicht-Schreiber und Feind der Deutſchen ſehr wol geurtheilet / wie man auch an ſeinem Feinde die Tugend loben muͤſſe. Welch Zeugnuͤs denn um ſo viel mehr von der Heucheley und Laſter der Dienſtbarkeit entfernet / umb wie viel verdaͤchtiger auch der glaubwuͤrdigſten Freunde Urtheil iſt; als denen offt wider ihren Vorſatz / wo nicht Heucheley / doch allzuguͤtige Gewogenheit anhaͤnget. Dieſes hat Er auch damit bewehret: daß Er von unſerm Arminius das herr - lichſte Zeugnuͤs von der Welt abgeleget und dabey geruͤhmet: Er habe Rom / das Haupt der Welt / da es in der groͤſten Bluͤte ſeiner Macht geſtanden / und ſchon mit auslaͤndiſchen Feinden fertig geweſen / hertzhafft angegriffen / keine Gefahr geſcheuet / und ſich in allen Treffen dergeſtalt tapfer verhalten: daß Er niemals gaͤntzlich geſchlagen / noch uͤberwunden worden.

Warumb aber unſer ſeliger Lohenſtein ihm eben die Beſchreibung die - ſes Helden zu ſeiner Neben-Arbeit erwehlet / wollen wir zwar zu ergruͤnden uns nicht bemuͤhen; ſondern einem ieden uͤber deſſen Urſachen ein freyes Ur - theil abzufaſſen erlauben; Gleichwol aber dieſes melden: daß vornehmlich ſo wol einige hohe Standes-Perſonen / als andere vertraute Freunde ihn hierzu veranlaſſet und erſuchet: daß Er von unſern Deutſchen / gleich wie andere Voͤlcker von ihren Helden / auch etwas gutes ſchreiben moͤchte; als welchen ſie insgemein / gleich wie Homer dem Achilles / Xenophon dem Cyrus / und andere Andern zu viel / wie wir unſerer kaltſinnigen Art nach / den Unſrigen zu wenig zugeeignet. Weil Er denn weder jener Befehl fuͤglich abzulehnen / noch de - rer Bitte abzuſchlagen vor moͤglich / ſondern beyden etwas zu verſagen vor ein ſtraffwuͤrdiges Laſter gehalten; ſo hat Er ihm / nach dem faſt alle Hel - den ihre Geſchicht-Schreiber uͤberkommen haben / die Lieb - und Lebens - Geſchichte des Arminius / als welche Er zu ſeinem Zweck am beqvem - ſten zu ſeyn vermeinet / zu beſchreiben vorgenommen / damit ja dieſer unver - gleichliche Held auch zu dieſer Zeit noch einen herrlichen Glantz bey ſieinen Lan - des-Leuten bekommen / und ſein Ruhm nicht gaͤntzlich in dem Staube der Ver - geſſenheit begraben bleiben moͤchte. Dieſe deutſche Geſchichte nun hat er ausdemVorbericht an den Leſer. dem tieffen Alterthum hervor geſucht / und ſelbige in eine ſolche Ordnung zu - ſammen zu bringen ſich bemuͤhet / die dem Leſer weder allzutunckel noch ver - druͤßlich fallen moͤchte. Dabey wolle ſich aber der beſcheidene Leſer nicht be - frembden laſſen: daß Er nicht den Lateiniſchen Nahmen Arminius behal - ten / ſondern ihn durchgehends nach der deutſchen Sprache Herrmann be - nennet. Maſſen er ſich dißfals / wie andere in deſſen Benahmung ſeiner Frey - heit gebrauchet; weil beyde Nahmen doch einerley ſind / die meiſten deutſchen Geſchichtſchreiber aber ſeiner unter dem Nahmen Herrmann gedencken.

Sonſt hat unſer ſeliger Uhrheber in dieſer Geſchichte / wie andere Ge - lehrten nach dem Triebe ſeines Gemuͤths-Geiſtes dies geſchrieben / worzu er von Natur ſo viel Luſt / als wegen ſeiner Amts-Geſchaͤffte Zeit und Gelegenheit gehabt. Und wird man Jhm umb ſo viel deſto weniger dieſe Schreibens-Art uͤbel deuten koͤnnen / weil nicht allein bey andern Voͤlckern / ſondern auch in un - ſerm Deutſchlande die Edelſten unter den Sterblichen ſich dergleichen bedie - net; ja ſo gar vor wenig Jahren Durchlauchtige Haͤnde einen hoͤchſt - ruͤhmlichen Anfang darinnen gemacht und genungſam gezeiget: daß wir nunmehr andern Voͤlckern in der Kunſt-Liebe / wo nicht es zuvor thun / doch die Wage halten koͤnnen; alſo / daß wir der auslaͤndiſchen Uberſetzungen vor itzo ſo wenig / als ihrer deßwegen uͤber uns gefuͤhrten Hoͤhnerey bedoͤrffen werden.

Vornehmlich aber hat eine hochgedachte Erlauchte Feder / und zwar eben in den Cheruskiſchen Landen / welche weyland unſer Arminius beherꝛ - ſchet hat / zu groſſer Vergnuͤgung aller edlen Gemuͤther / mit den wichtigſten Beweiß-Gruͤnden herrlich aus gefuͤhret: daß dergleichen Arbut ein Zeitver - treib des Adels ſeyn ſolle / und demſelben inſonderheit wol anſtehe; in dem der Menſch vielmehr verpflichtet waͤre den Gemuͤths-als Leibes-Ubungen obzu - liegen. Welches auch hoffentlich keine vernuͤnfftige Zunge in der Welt wird wiederſprechen / noch die geſchickteſte Feder wiederlegen koͤnnen. Maſſen es doch allzuwahr iſt: daß eine gute Feder einen Edelmann nicht minder in der Hand / als auf dem Helme zieret. Denn ob zwar der Adel an ſich ſelber ein ſchoͤner Zierrath und helleuchtendes Kleinod des Menſchen iſt; ſo wil es doch aber auch noͤthig ſeyn: daß Er in das ſeine Gold guter Sitten und Wiſſen - ſchafften verſetzet werde; ſonſt wird er deſſen Beſitzer eine ſchlechte Folge des Anſehens oder Hochachtung geben koͤnnen. Die Edlen ſollen die Eigenſchafft der Adler / wovon ſie nicht ohne Urſach den Nahmen fuͤhren / an ſich haben / undcſichVorbericht an den Leſer. ſich unaufhoͤrlich nach der Sonne der Tugend und guter Kuͤnſte ſchwingen / und ſo wol bey Krieg-als Friedens-Zeiten nicht nur den Leib durch die Waffen und anſtaͤndige Ritterſpiele / ſondern auch den Verſtand durch die Buͤcher und das Schreiben uͤben. Denn hierdurch kan ſich der Menſch allein edel machen; indem das Gebluͤte nur den Leib / Tugend und Wiſſenſchafft aber den gantzen Menſchen edel macht. Der Adel iſt / wie Salicetus ſagt / eine Tochter der Wiſſenſchafft; und hat / wie Marius beym Saluſtius redet / ſeinen Uhrſprung aus der Tugend genommen. Er iſt des Menſchen Ehre; die Ehre aber nach des Ariſtoteles Ausſpruche der Tugend Lohn. Dahero iſt es unverantwort - liche Thorheit / ſich bereden laſſen / als ob nach Wiſſenſchafft ſtreben und den Buͤchern obliegen einem Edelmanne verkleinerlich waͤre / oder daß es Jhn zu andern Ubungen unfaͤhig mache; da doch alle wolgeſittete Voͤlcker iederzeit dafuͤr gehalten: daß es ruͤhmlicher ſey den Adel von der Tugend / als von den Ahnen zu zehlen. Deßwegen / ſpricht Livius / habe zu Rom ein ieder / der nur tugendhafft geweſen / auch edel werden koͤnnen. Was kan aber den Menſchen eher tugendhafft machen / als gute Kuͤnſte und wiſſenſchafften erlernen; als wordurch der Verſtand nicht nur geſchaͤrffet / ſondern auch das Gemuͤthe / ja der gantze Menſch ermuntert / und zu allem guten faͤhiger gemacht wird? Der groſſe Alexander iſt nicht zu ſchaͤtzen geweſen: daß Er aus dem Stamm der Macedoniſchen Koͤnige / noch der Caͤſar: daß Er aus dem Hauſe der Julier ge - bohren worden; ſondern daß beyde ſich durch Tugend und Tapferkeit groß ge - macht haben. Haͤtten ſelbige auch nicht die Weißheit zur Gefaͤrthin gehabt / wuͤrde ihr Ruhm einen ſchlechten Glantz zum Beyſatze haben. Denn es iſt nichts ſchaͤndlichers / als / ſo zu reden / dem Jupiter zu wieder den Bacchus im Haupte / und die Pallas im Bauche fuͤhren; oder nur bloß allein edel von Ge - bluͤte und leer von Weißheit ſeyn; daß man ſo denn nur allein zu dem Gedaͤcht - nuͤs oder Ehren-Bildern ſeiner Ahnen fliehen / und von der Vorfahren Glan - tze entlehnen; alſo es ſolcher Geſtalt nicht viel beſſer machen muͤſſe / als bey den Alten die Ubelthaͤter / welche / wenn ſie verfolget wurden / ihre Zuflucht zu den Altaͤren / Begraͤbnuͤßen oder Bilder-Saͤulen der Kayſer zu nehmen pflegten. Maſſen ſolche Menſchen nichts beſſerem / als denen mit zierlichen Sattel-Decken prangenden Bucephalen vergliechen werden koͤnnen. Aller Gegen-Einwendungen aber ungeachtet / wird es doch ſonder Zweifel noch fer - ner / ſo lange tugendhaffte Menſchen in der Welt ſeyn werden / dabey bleiben: daß die Tugend der beſte Adels-Brieff / und / wie Pontanus ſpricht / ſcheinba -rerVorbericht an den Leſer. rer als die Sonne ſey / weil jene auch die Blinden / dieſe aber ſie nicht ſehen koͤnnen. Und waͤre zu wuͤnſchen: daß alle edle Menſchen glauben lernten / daß es auch noch heute in der Welt / wie weyland zu Rom / gehe / da niemand in den Tempel der Ehren kommen konte / er muſte denn zuvor durch den daneben gebauten Tempel der Tugend gehen; ſo wuͤrden ſich vielleicht ihrer viel dem Gluͤck zu Trotz aus iedem Stande lobwuͤrdig erheben koͤnnen; Allermaſſen wie der deutſche Homerus unſer Opitz von einem gelehrten Ritter Schaff - gotſche / der einen artlichen Poeten abgegeben habe / redet: der Stand durch Verſtand bluͤhet / und wer nur Verſtand hat / auch mit Stande / Gut und Adel begabet wird. Wie denn deſſen unſer ſeliger Lohenſtein ſelber ein Beyſpiel abgeben kan / wie diß an Jhm wahr worden / was Syrach ſaget: daß die Weißheit Jhn zu Ehren gebracht / und neben die Fuͤrſten geſetzet hat.

Was nun dieſe ſeine Arbeit anbelanget / ſo wolle der hochgeneigte Leſer ſolche nicht durchgehends vor ein bloſſes Getichte / oder ſo genennten Roman halten. Denn ob man zwar wol geſtehen muß: daß die Grich - und Roͤmi - ſchen Geſchichtſchreiber nicht ſo viel wunderliche Zufaͤlle und weitlaͤufftige Umſtaͤnde anfuͤhren; ſo wird man ſich doch diß nicht gantz befrembden laſſen / ſondern dabey glauben: daß unſer Uhrheber viel des jenigen / was Er nicht bey den Geſchichtſchreibern gefunden / theils aus ſeinen alken Muͤntzen / theils aus den Uberſchrifften und Gedaͤchtnuͤs-Maalen / die er ihm inſonderheit hier - innen uͤberaus wol zu Nutz zu machen gewuſt / zuſammen geſucht / ſolche gehoͤ - riger Orten kluͤglich angewehret / und alſo den Mangel damit hin und wieder erſetzet hat. Weßwegen zwar zuweilen ein - oder die andern Umbſtaͤnde als er - tichtet zu ſein ſcheinen; doch aber / daß ſie nicht durchgehends vor bloſſes Fabel - werck zu halten ſind / entweder in der alten oder neuen Geſchichte ihre gewiſſe Urſachen und die Wahrheit zum Grunde haben. Welches der in den alter - thuͤmern und Geſchichten bewanderte Leſer leicht mercken / die Raͤthſel aufloͤ - ſen / und die rechten Trauben von den gemahlten zu unterſcheiden wiſſen wird.

Es iſt zwar unſer Uhrheber bey ſeinen Lebzeiten niemals geſonnen gewe - ſen / dieſe Geſchichte durch den Druck ans Tagelicht zu ſtellen / und ſich damit den ungleichen Urtheilen der Welt zu unterwerffen. Nicht / daß er ſeine Ar - beit iemanden mißgegoͤnnet / oder ſich iemals dergeſtalt in ſeine Gedancken ver - liebt haͤtte: daß er andere neben ſich vor Kebsweiber gehalten; ſondern weil er ſelbige / wie alle ſeine Sachen / niemals vor etwas geachtet / was der Welt mitzutheilen wuͤrdig ſey. Maſſen Er dieſes alles bloß zu obgemeldter vorneh -c 2merVorbericht an den Leſer. mer Perſonen und guten Freunde eigenen Gefallen und Vergnuͤgung / in de - nen / wegen ſeines muͤhſamen Amptes haͤuffigen Geſchaͤffte und ſchwerer Rechts-Haͤndel / wenig uͤbrigen Stunden / beſonders aber meiſtens in ſeinem Gicht - oder Geduld-Bette zum Zeitvertreib und Gemuͤths-Beruhigung ge - ſchrieben / und zuweilen ihnen etwas davon mitgetheilet / die ſich denn mit deſ - ſen Durchleſung nichts weniger / als er mit der Arbeit beluſtiget / und ihn im - mer mehr aufgemuntert haben.

Das Abſehen dieſer Arbeit wird der kluge Leſer gleichfals leicht wahr - nehmen koͤnnen: daß er der Welt dadurch einen guten Nutzen zu ſchaffen ge - trachtet; weil er vornehmlich angemercket: daß ins gemein junge Standes-Per - ſonen allzuzeitlich einen Eckel vor ernſthafften Buͤchern zu bekommen / und lie - ber die mit vielen Eitelkeiten und trockenen Worten angefuͤlleten Liebes-Buͤ - cher / als den la Motte / oder den Spaniſchen Saavedra / da doch dieſe Buͤcher ihre Gelehrſamkeit und ihren Nutzen haben / zu leſen pflegen. Dahe - ro unſer Lohenſtein auf die Gedancken gerathen: ob man nicht unter dem Zucker ſolcher Liebes-Beſchreibungen auch eine Wuͤrtze nuͤtzlicher Kuͤnſte und ernſthaffter Staats-Sachen / beſonders nach der Gewohn - und Beſchaffenheit Deutſchlands / mit einmiſchen / und alſo die zaͤrtlichen Gemuͤther hierdurch gleichſam ſpielende und unvermerckt oder ſonder Zwang auf den Weg der Tu - gend leiten / und hingegen ihnen einen Eckel vor andern unnuͤtzen Buͤchern er - wecken koͤnte. Weßwegen er auch hierinnen allerhand froͤliche und traurige Abwechſelungen von luſtigen / verliebten / ernſthafften und geiſtlichen Sachen gebrauchet / umb die Gemuͤther deſto aufmerckſamer zu machen; auch uͤber diß mehr auf anmuthige Reden / gute Gleichnuͤße und ſinnreiche Spruͤche / als all - zuweitlaͤufftige Umbſtaͤnde und Verwickelungen der Geſchichte geſehen. De - rowegen wolle der beſcheidene Leſer auch nicht uͤbel vermercken / wenn er da o - der dort einigen Jrrthum entweder in dem Nahmen oder der Zeit-Rechnung befinden moͤchte. Maſſen der ſeelige Verfaſſer wegen ſeines geſchwinden Abſter - bens das gantze Werck nicht gaͤntzlich durchleſen koͤnnen / da Er ſonder Zweifel wol noch eines oder das andere ab - oder zugethan haben wuͤrde. Ob Er nun ſchon ſeinen Zweck nicht in allem nach Wunſch erreichet haben doͤrffte; ſo wird Er doch zum wenigſten hierinnen die Bahn gebrochen / und ſo wol den Nach - kommen ein Licht aufgeſteckt / als die Lehre eines gewiſſen Auslaͤnders beob - achtet haben: daß dergleichen Buͤcher ſtumme Hofemeiſter ſeyn / und wie die Redenden gute Lehren und Unterricht geben; alſo dieſe neben denſelbendurchVorbericht an den Leſer. durch allerhand Beyſpiele die Wuͤrckung des Guten / und die Folge des Boͤ - ſen / die Vergeltung der Tugend / und die Beſtraffung der Laſter vorſtellen ſollen.

Dahero / wenn ja iemanden beduͤncken moͤchte / als ob ein oder das an - dere Laſter zuweilen hierinnen mit ſchoͤnen oder zu freyen Worten beſchrieben waͤre; ſo wolle doch derſelbe ihme von unſerm ſeeligen Herꝛn Uhrhebeꝛ keine uͤbele Gedancken machen / ſondern vielmehr glauben: daß er in der Gerechtigkeit / in der Tugend und Liebe zu GOtt feſt gegruͤndet geweſen / und wol keinem Chriſten in der Welt hierinnen nachgegeben. Sein Hertz war von allem Ei - gennutz entfernet; hingegen ſein Gemuͤthe deſto mehr nach Weißheit begierig und in derſelben unerſaͤttlich. Deßwegen hielt er iederzeit gleich dem beruͤhm - ten Engellaͤnder Bradfort / die Unterredung mit gelehrten Leuten / die er faſt taͤglich zu ſeinen Beſuchern wuͤnſchte und auch hatte / vor eine Erqvickung der Seelen / und ſahe es uͤberaus gerne / wenn ſie an ſeinem Tiſche vor lieb nah - men / und durch kluge Geſpraͤche ihm ſeine Speiſen wuͤrtzten. Jn Ermange - lung derſelben aber waren gute Buͤcher ſeine unzertrennliche Gefaͤrthen; und war ihm nicht moͤglich einen eintzigen Augenblick muͤßig zu ſeyn. Denn er ſchaͤtzte die vergebens hinſtreichende Zeit mit dem weiſen Demetrius vor den koſtbarſten Verluſt; und hielt dies / was andere Arbeit und Muͤhe nennen / vor ein ſtaͤrckendes Labſal und die allerſuͤſſeſte Gemuͤths-Erleichterung. Daher er - wehlte er ihm außer ſeinen Ampts - und andern Verrichtungen eine beſtaͤndige und immerwehrende Arbeit / die ihm nach des Himmels Bewegung oder Son - nen-Lauff gleichſam in einem unauffhoͤrlichen Zirckel fuͤhrte. Sie war ihm ein rechtes Spielwerck; alſo / daß man wol mit Warheit betheuern kan: daß ihm ſolche niemals einigen Schweiß ausgepreßt / noch etwan Verdruß oder Ungeduld erwecket hat. Denn er war in der Arbeit uͤberaus gluͤcklich; Er wuſte ihm die ſchwerſten Sachen dergeſtalt leicht und annehmlich zu ma - chen: daß ihn etwas zu verfertigen faſt wenig oder gar keine Muͤhe gekoſtet. Maſſen ſein Kopff ein rechtes Behaͤltnuͤs der Wiſſenſchafften zu ſeyn ſchien / darinnen er die allerwichtigſten Beweiß-Gruͤnde geſammlet hatte; und zu aller Zeit ſo wol aus dem Munde / als der Feder von ſich geben / und gleichſam wie eine Schale den Balſam der Gerlehrigkeit nur immer reichlich ausgieſſen konte. Hierinnen aber hat er wie andere als ein Menſch geſchrieben / und als ein rechtſchaffener Chriſt nach ſeiner Schuldigkeitc 3geglau -Vorbericht an den Leſer. geglaubet; auch eine und die andere Begebenheit bloß zu einem Beyſpiel vor - geſtellet / und zwar mit einer ſolchen Art / die dem Leſer eine Begierde ſo wol das Gute als Boͤſe zu betrachten / beydes aber zu unterſcheiden / erwecken moͤchte. Denn allzulange auf einer Seite ſpielen / oder immer einen Thon hoͤren / iſt den Ohren verdruͤßlich / und dem Gemuͤthe zu wieder. Zu dem weiß man ja wol: daß den Reinen alles rein iſt; und tugendhaffte Gemuͤther auch aus Leſung des Boͤſen wie die Scheide-Kuͤnſtler aus gifftigem Napel etwas Gutes zu zie - hen pflegen.

Denn weil alles der Veraͤnderung unterworffen iſt; und wir Menſchen in der Welt meiſt die Abwechſelung der Dinge / als die Mutter der Vergnuͤ - gung lieben / ob ſolche gleich nicht allemal eine freundliche Stirne / und den Mund voll Biſam hat; So folgen wir billich hierinnen dem Beyſpiel des Himmels; der bald truͤbe / bald klar / bald ſtille / bald ſtuͤrmeriſch zu ſeyn / und zuweilen mit Blitz und Donner zu ſpielen pfleget / damit etwas gutes daraus folgen koͤnne / was wir uns weder verſehen / noch deſſen Urſachen / warumb diß oder jenes geſchehen / ergruͤnden koͤnnen. Derowegen wird ihm ein ieder bedachtſamer Leſer die auf ſolche beſchriebene Laſter allemal gefolgten grauſa - men Straffen hierinnen eben ſo wol / als in dem heiligen Haupt-Buche zu einer Warnung und Schrecken dienen laſſen. Denn haͤtte niemand die Klippen Scylla und Charybdis ausfuͤhrlich beſchrieben / und die See-fahrenden vor der Gefahr gewarniget / ſo wuͤrden noch viel Schiffer daran ſcheitern / und ſie an - itzo niemand ſo kluͤglich zu meiden wiſſen. Ein ieder Ort hat ſeine Wunder - wercke und ſeine Mißgeburten / wie ſeine Tage und Naͤchte; Und wo Sonnen ſind / da giebt es auch Finſternuͤße. Dannenhero wir alle Sachen in der Welt gleichſam als in einem Spiegel beſchauen / die boͤſen meiden / die guten anneh - men / und ſtets gedencken ſollen: daß wie alle / auch die geringſten Laſter ihre ge - wiſſe Straffen; alſo die Tugenden allezeit ihre herrliche Belohmmgen zu ge - warten haben. Denn beydes das Gute und auch das Boͤſe ſind gewiſſe Zah - ler einem ieden / wie Er es verdienet. Wer boͤſe geartet iſt / wird gleichwol boͤſe bleiben / wenn er ſchon nicht den Arminius geleſen haben wird. Zu dem koͤnte man wol fragen: was koͤnnen die Steine davor / daß der / ſo glaͤſern iſt / ſich daran zerſtoͤſſet? Wer nicht wol verſetzen kan / muß niemals fechten / noch ſich ohne guten Wind zu tieff in die See begeben. Man ſoll bey Leſung der Buͤ - cher ein adeliches Hertz haben / und mit Verachtung alles / was weibiſch oder un - edel iſt / bey Seite ſetzen; hingegen ſeine Hand wie der unter des LicomedesJung -Vorbericht an den Leſer. Jungfrauen in Weiber-Tracht verborgene Achilles nach wuͤrdigen Sachen ausſtrecken. Denn als dieſe mit Anſchauung des vom verkleideten Ulyſſes zum verkauffen dahin gebrachten Weiber-Schmucks beſchaͤfftiget waren / Achilles bloß nach der darunter verborgenen Wehre grieff / und alſo hierdurch vom U - lyſſes erkennet ward. Mancher lieſet zwar die heiligſten Buͤcher / hoͤret tau - ſend guter Lehren und nachdruͤckliche Vermahnungen / dennoch aber wil ihn keines beſſern; ſondern er unterſtehet ſich vielmehr wol gar die allerherrlichſten Dinge / wie Lucianus / zu einem Geſpoͤtte zu machen. Wie denn auch noch heute zu Tage nichts gemeiners in der Welt iſt / als uͤber andere Sachen ſeltzame Ur - theile faͤllen und tadeln koͤnnen. Ja es giebet ſo gar Menſchen / welche lieber ohne Zunge als Stichreden ſeyn wolten; alſo daß es mancher entweder vor kei - ne ſinnreiche Erfindung / oder ihm vor einen Schimpff halten wuͤrde / wenn er nicht von iedem Dinge etwas boͤſes oder ſtachlichtes zu reden wuͤſte. Denn dadurch meinen dergleichen Leute / welche ſich gleichwol die Warheit zu reden einbilden / bey der gelehrten Welt vor helleuchtende Sternen angeſehen zu wer - den; da ſie doch kaum dampfende Pech-Fackeln ſind / welche / was auch immer ihr Schwefel und Rauch vor Blaͤndungen vorbilden kan / ſich doch ihres Ge - ſtancks halber ſelbſt verrathen / und ihre eigene Vertunckelung befoͤrdern. Die - ſe reden insgemein nie zierlicher / als wenn ſie am uͤbelſten nachreden; und glaͤn - tzen niemals mehrers / als wenn ſie am meiſten brennen. Sie ſind wie die Loͤ - wen / welche / wenn ſie einmal Blut von ihren Klauen gelecket / noch immer groͤſſere Begierde darnach haben; oder wie die Scorpionen / die nur allezeit zu ſtechen bereit ſind. Hingegen haben alle rechtſchaffene Gemuͤther iederzeit eine Abſcheu vor Spoͤtternzu tragen pflegen; weil ihre Worte und Tinte ein laute - res Gifft iſt / ſo die Nahmen und alles das / was ſie benennen / vergifftet. Wie denn jener auslaͤndiſche Ritter und kluge Raths-Herr zu Venedig gar nach - dencklich hiervon geurtheilet: daß kein ehrlicher Mann mit gutem Gewiſſen dergleichen weder reden noch ſchreiben koͤnte; Und gleich wie man Verraͤtherey liebte / den Verraͤther aber haſſete; alſo man auch Spott - oder Stachel-Reden zwar lobte / aber vor derſelben Uhrheber einen Abſcheu truͤge; ja einem derglei - chen Liebhaber an ſtatt des verhofften Lobes gar hoch vernuͤnfftig zur Antwort ſchrieb: Diſteln ſaͤen und Satyriſche Schrifften machen / waͤre ſeines Beduͤn - ckens einerley; wenn ſodenn Dornen daraus wuͤchſen / muͤſte man nicht das Gluͤcke / ſondern ſeine eigene Thorheit anklagen. Und ob ſelbte zwar bey den Zuhoͤrern ein Gelaͤchter erregten / ſetzten ſie doch gemeiniglich den Uhrheber inLeid.Vorbericht an den Leſer. Leid. Dannenhero dieſe der groſſe Alexander recht Koͤniglich verlachet / Ti - berius verſtellet / und Titus gar nicht angehoͤret; Maſſen dieſes ſuͤſſe Gifft ſeine eigene Straffe mit ſich fuͤhret. Solche Menſchen / ſo ihren herrlichen Verſtand und Vernunfft nur zum Boͤſen und des Nechſten Nachtheil anwen - den / werden offtmals / weil ſie mit ſchaͤdlichem Rauch gehandelt / auch wie des Alexander Severus Diener / Turinus mit Rauch geſtraffet; und koͤnten nicht unbillich ein Beyſpiel vom Peryllus nehmen / als welchen die Goͤttliche Ra - che nicht ohne Urſach ſtraffte: daß / weil er die ſchoͤne Kunſt aus Ertzt Bildnuͤſ - ſe der Goͤtter und fuͤrnehmer Helden zu guͤſſen endlich mißbrauchte / und dem grauſamen Phalaris zu Liebe einen Ertztenen Ochſen / als ein Werckzeug die Menſchen zu peinigen machte / er auch darinnen zu erſt die Wahrheit bewehren / und ſeinen verbrennten Leib den hoͤlliſchen Goͤttern zu einem Schnupff-Pulver werden laſſen muſte.

Gleich wie es nun allerhand wunderlich-geartete Menſchen in der Welt giebt; alſo muͤhen ſich einige / die einen Gran wichtiger als die itzt beſchriebe - nen ſeyn ſollen / nichts / als unnoͤthige Gruͤbeleyen / und eitel unnuͤtze Fragen auf die Bahn zu bringen; Und wollen mit einiger Noth wiſſen: weſſen Tochter He - cuba geweſen? was Achilles / als er unter des Licomedes Jungfrauen verbor - gen geweſen / vor einen Nahmen gefuͤhret? was vor ein Lied die Syrenen zu ſingen pflegen? Jn welche Hand Diomedes die Venus verwundet? An wel - chem Fuße Philippus gehuncken? durch wen Auguſtus des Brutus Kopff nach Rom geſchickt? und dergleichen mehr; oder leben gar wie Domitianus: daß ſie ſich lieber taͤglich etliche Stunden mit einer treflichen Fliegen-Jagt / als ei - nem nuͤtzlichen Buche zu erluſtigen pflegen. Hingegen ſind andere wol ſo gott - loß: daß ſie die allernuͤtzlichſten Sachen haſſen / und ſich nicht allein unterſtehen ſchaͤdliche und nichtige Dinge / wie Favorinus das viertaͤgichte Fieber / Dio die lange Haarlocken / Syneſius die Glatzen / Lucianus die Fliegen zu loben / ſon - dern andere wol gar den Fuͤrſten der Finſternuͤs mit Lobſpruͤchen zu verehren. Jhrer viel ſind auch / die nicht nur den Neptun wegen ſeines der Augen halben nicht recht gebildeten Ochſens / Minervens Hauß wegen ſeiner Unbeweglig - keit / des Vulcanus Menſchen-Bild wegen der nicht durchſichtigen Bruſt zu tadeln; ſondern ſo gar den himmliſchen Koͤrper ſelbſt / als das groͤſte Uhrwerck des hoͤchſten Schoͤpffers nach ihrer Einbildung einzurichten und zu ſtellen ſich beduͤncken laſſen.

Derowegen koͤnnen wir uns umb ſo vielmehr leicht die Rechnung ma -chen:Vorbericht an den Leſer. chen: daß wie nicht alle Sachen allen gefallen; ja das groſſe Welt-Licht die Sonne ſelbſt von den Perſen angebetet / von den Mohren hingegen verfluchet wird; noch die beſten Speiſen iedwedem Munde ſchmecken; alſo auch dieſer un - ſer Arminius nicht nach eines ieden Gehirne eingerichtet ſeyn; ſondern ein ieder nach ſeiner Einbildung / oder nach der Gewogenheit zu deſſen Verfaſſer gut oder boͤſe davon urtheilen / und alſo ihm nicht beſſer gehen werde / als des Jupiters Bildnuͤße / umb deſſen Kopff die Spinnen ihr Gewebe ziehen. Denn / denen Ungeduldigen oder allzu vieles Qveckſilber-habenden wird vermuthlich dieſe Schreibens-Art zu weitlaͤufftig / den Ungelehrten zu hoch und hiſtoriſch / den Scheinheiligen zu frey / denen Welt-geſinnten mit zu vieler Weltweißheit und geiſtlichen Sachen angefuͤllet / denen uͤbrigen aber auf dieſe oder jene Art nicht recht ſeyn / und da oder dort ſeine Fehler haben; alſo / daß man wol mit dem Auſonius Urſach zu ſagen haben moͤchte: wem dieſes unſer Spiel nicht ge - faͤllig iſt / der leſe es mcht; oder wenn er es geleſen / ſo vergeſſe er es wieder; der ſo er es nicht vergeſſen moͤchte / ſo verzeihe er uns.

Allein es wolle der hochgeneigte Leſer nur gedencken: daß ein Menſch kei - ner Engliſchen Krafft fahig iſt; ja auch dem Fleiſche der Heiligen ſelber Schwachheiten anhangen: und daß man das jenige Buch / welches lauter gleichgewogene Leſer oder Liebhaber bekommen / und allen Menſchen gefallen wird / unter die ſieben Wunderwercke der Welt zehlen / deſſelben Verfaſſer aber zum Oberhaupt und Richter aller Buͤcherſchreiber ſetzen werde. Viel / die der - gleichen Geſchicht-Buͤcher verachtet / haben weder ſelber was beſſers zu ſchrei - ben / noch ſonſt durch ihr Beyſpiel die Welt froͤmmer zu machen gewuſt. Man hat auch noch niemals weder gehoͤrt noch geleſen: daß es aus ihrem Haupte Gold geregnet haͤtte / vielleicht / weil kein Bergwerck darinnen geweſen. Denn ein ieder mag ſich nur beſcheiden: daß zwar alle Meere Schaum und Sand / aber nicht Perlen und Korallen herfuͤr bringen koͤnnen.

Schluͤßlich aber wolle ja niemand meinen: daß unſer Uhrheber die Zeit nur bloß allein an dieſes Werck oder ſeine Poetiſche Getichte gewendet habe. Wer von ſeiner andern Arbeit und Ampts-Verrichtungen Zeugnuͤs begehret / denſelben wollen wir nicht allein an das Breßlauiſche Raty-Hauß / und den beruͤhmten Welt-klugen Herrn Frantz Freyherrn von Neſſelrode / den Maͤcenas dieſer Zeit / ſondern auch an die jenigen / ſo ihn gekennet / gewie - ſen haben; als welche hoffentlich ohne alle Heucheley oder Partheyligkeit ihmddasVorbericht an den Leſer. das Ehren-Lob nachzuruͤhmen ſich nicht wiedern werden: daß er die kurtzen Jahre ſeines Lebens / ſo wol vor die Stadt / als die jenigen / die ſich ſeinem Rath und Beyſtandes anvertrauet / treulich und redlich gearbeitet / ſeine groͤ - ſte Luſt in der Arbeit geſucht / und gnungſam gewieſen / ja ſein Corpus Ju - ris zeugen wird: daß er ſo wol ein groſſer Rechtsgelehrter und kluger Staats - Mann / als ſinnreicher Poet geweſen; und daß man gar wol in der einen Hand der Aſtrea Wagſchale / in der andern aber auch des Apollo Leyer fuͤhren koͤnne. Denn wo Themis und Minerva in einem Tempel beyſammen geſtanden / ha - ben ſie allezeit denſelben beruͤhmter gemacht / und einander die beſte Handrei - chung thun koͤnnen. Dahero auch eine Erlauchte Perſon von unſerm Lohenſtein artlich zu ſchertzen Anlaß genommen: Es haͤtte das Gluͤcke in Austheilung der Ehren-Aempter entweder geirret / oder ihm unrecht gethan; in dem es ihn zu einem Staats-Diener nicht einer Stadt / ſondern eines groſ - ſen Koͤnigs machen ſollen / weil er zu dergleichen Dienſten vor andern faͤhig / und gar fuͤglich des Plinius Baum / der einen gantzen Garten mit allerhand Fruͤchten vorſtellte / oder auch des Auſonius Bacchus-Bilde / ſo von allen Goͤt - tern etwas eigentliches gewieſen / und er es daher Pantheon / oder alle Goͤtter genennet / zu vergleichen geweſen.

Dannenhero werden weder Plato / noch alle die jenigen eigenſinnigen Kluͤglinge / welche der Poeſie / ſamt allen andern denen Gelehrten mehr ſchoͤ - nen Zierrath als groſſen Reichthum erwerbenden edlen Kuͤnſten eine Grufft zu bauen / oder zum minſten nur ihrem Purpur einen Schandfleck zu machen bemuͤhet ſind / einen Schluß abzufaſſen Urſach haben / keinen Poeten in Rath oder zu weltlichen Ehren-Aemptern zu nehmen. Da doch Rom und Grichen - land nie beruͤhmter geweſen ſind / als da die Poeſie auch bey Burgermeiſtern und andern Groſſen zu Hauſe war. Daher wird es auch hoffentlich unſerm Breßlau / ſo lange nur gute Kuͤnſte und Sitten in der Welt bluͤhen werden / eben ſo wenig / als der Stadt Rom / weil der Burgermeiſter Cicero ein groſſer Redner daſelbſt geweſen und Buͤcher geſchrieben / als ſonder welche er in der Welt vielleicht weniger bekannt ſeyn wuͤrde / niemals zu einiger Schande und Verkleinerung ihres Anſehens gereichen / wenn man gleich ſagen wird: daß Hofmannswaldau / Lohenſtein / und fuͤr ihnen viel andere ihres gleichen Getichte geſchrieben / und die Poeſie zur hoͤchſten Vollkommenheit ge -brachtVorbericht an den Leſer. bracht haben. Die allergroͤſten Helden-Geiſter ſind entweder ſelber Poeten oder doch groſſe Liebhaber / ja der erſte deutſche groſſe Kayſer Carl / den Oſt und Weſt angebetet / der Uhranheber der deutſchen Tichter-Kunſt geweſen. Die Leſung des Homerus Getichte hat dem groſſen Alexander mehr Feuer / als ſeiner Diener Rath zu Heldenmuͤthigen Entſchluͤſſungen gegeben; Und es haͤtte ihm jener frembde Bothe / der mit einem freudigen Geſichte zu ihm kam / auf ſeine Frage: Ob Homerus von den Todten auferſtanden waͤre? keine froͤ - lichere Zeitung ſagen / als wenn er haͤtte Ja ſprechen koͤnnen. Unſer Armi - nius kan auch ſelber Zeugnuͤs ablegen: daß er an dem maͤchtigen Kayſer Auguſt / nichts minder einen geſchickten Redner und Poeten / als groſſen Herrſcher gefunden habe; der auch ſchon im zwoͤlfften Jahre ſeiner Groß-Mut - ter Julia eine offentliche Leich-Rede gehalten / hernach aber bey ſeiner Kayſer - lichen Wuͤrde es ſeinem hohen Anſehen gantz nicht verkleinerlich geachtet / daß er ſo gar ſeines Staats-Dieners Maͤcenas Tod mit einem Leich-Getichte be - ehret hat. Und ob zwar Plato in ſeinen Geſetz-Buͤchern uͤbel von den Poeten geredet; ſo hat er doch mehr den Mißbrauch / als die Kunſt beſtraffen wollen; Jm uͤbrigen aber von einem Poetiſchen Rath ſo viel gehalten: daß er ſie anders - wo Vaͤter und Fuͤhrer der Weißheit / ja ein Goͤttliches Geſchlecht genennet. Jſt auch gleich nicht eben mit Abſterben der Poeten eine Stadt zu Grunde gegan - gen; ſo hat man doch zum wenigſten allemal nicht ohne Nachdencken beobach - tet: daß ſo bald aus einem Orte die darinnen zum hoͤchſten geſtiegene Tichter - Kunſt ſich verlohren / derſelbe auch in kurtzem ein gantz anderes und verſtelltes Geſichte bekommen hat.

Jedoch damit wir nicht die Graͤntzen einer Vorrede allzuweit ausſtecken / wollen wir dißfals weder eine Lobſchrifft noch Schutz-Rede oder Vertheidigung der Poeſie machen, ſondern nur letzlich den geduldigen Leſer hiermit gebuͤhrends erſuchet haben: daß er von unſerm ſeligen Lohenſtein gleichfals ein gutes Urtheil faͤllen; indeſſen aber den Erſten Theil ſolcher ſeiner Arbeit gewogen aufnehmen / und kuͤnfftige Michael-Meſſe / geliebts GOTT / des Andern nebſt vollſtaͤndigen Regiſtern gewaͤrtig ſeyn; auch alle Fehler darinnen zum beſten kehren / und gewiß glauben: daß wo er es ja nicht in allem wol getroffen / doch wol gemeinet / und nicht allein damals bey den Freu -d 2dens -Vorbericht an den Leſer. densbezeugungen uͤber des itzigen Allerdurchlauchtigſten Koͤnig Joſephs in Ungarn hoͤchſterfreulichen Geburt gleichſam aus einem Poetiſchen Triebe gewahrſaget hat: daß derſelbe ſeines Groß-Anherrn-Vatern / Kayſer Carl des Fuͤnfften Fußſtapffen betreten / alle ſeine Tugenden und Gluͤcke beſitzen / und nach Anzeigung des anfaͤnglich verlauteten Geburts-Tages / eben wie dieſeꝛ ruhmwuͤrdigſte Kayſer / ſo wol von Sieg als Friede beruͤhmt werden wuͤrde; Sondern er hat auch gleich wie wir / iederzeit dieſen andaͤchtigen Wunſch in ſeinem Hertzen gefuͤhret: daß der groſſe GOTT / als der hoͤchſte Beſchir mer und Erhalter aller Koͤnigreiche und Laͤnder unſern itzigen Allerdurchlauchtigſten Oeſterreichiſchen Herrmann / den Groſſen LEOPOLD / einen nichts minder großmuͤthigen Feldherrn / als preißwuͤrdigſten Beſchir - mer deutſcher Freyheit in unverrucktem Wolſtande erhalten / fernere gluͤckliche und Siegreiche Waffen wieder alle die deutſche Freyheit kraͤnckende Feinde verleihen / und unter Seine Fahnen lauter tapfere / keinen Eigennutz / ſondern nur das Vaterland und die Eintracht liebende Heer - Maͤnner ſenden / auch das gantze hochloͤblichſte und allerguͤtigſte Ertzhauß Oeſter - reich dergeſtalt ſegnen wolle: daß deſſen Stamm ſich durch die gantze Welt ausbreiten / ſeine Zweige aber biß in den Himmel reichen moͤgen.

WasEhren-Getichte.
WAs iſt der kurtze Ruff der mit ins Grab verſinckt /
Dafern Er aus der Grufft nicht ewig wider ſchallet?
Ein ſchneller Blitz / der zwar von Oſt biß Weſten blinckt /
Doch bald vergeſſen iſt / wenn drauf kein Donner knallet /
Ein Rauch der bald verfliegt / ein Wind der bald verſtreichet /
Ein Jrrlicht / deſſen Schein fuͤr neuer Sonn erbleichet.
Wie bald verkocht in uns die Hand voll kuͤhnes Blut!
Wie eilends pflegt das Tacht des Lebens auszubrennen!
Noch Hand noch Schaͤdel weiſt den edlen Geiſt und Muth.
Wer wil den Zunder in der todten Aſch erkennen?
Der welcher unſer Lob erhalten ſolt auf Erden /
Muß deſſ in kurtzer Zeit ein ſtummer Zeuge werden.
Was hilffts denn / daß ein Menſch nach groſſem Nahmen ſtrebt /
Wenn ſein Gedaͤchtnuͤß nicht kan zu der Nachwelt dringen!
Fuͤr Agamemnons Zeit hat mancher Held gelebt /
Dehn Seiner Tugend Preiß zun Sternen koͤnnen bringen;
Weil aber kein Homer zu Jhm ſich hat gefunden /
Jſt Seiner Thaten Glantz in tunckler Nacht verſchwunden.
Braucht allen Aloe und Balſam Alter Welt /
Bemahlt nach Sothis Art die theuren Leichen-Kittel /
Schnitzt feſte Zedern aus mit fremdem Leim verkwellt /
Bezeichnet Tuch und Sarch mit Bildern groſſer Tittel /
Wird nicht ein Oedipus die ſchwartze Bruſt entdekken /
Bleibt im Verweſen doch Eur Stand und Weſen ſtekken.
d 3BautEhren-Getichte.
Baut hohe Graͤber auf / bedeckt mit einer Laſt
Von Jaſpis und Porphir die dorrenden Gebeine /
Schreibt Nahmen / Thun und Amt in Taffend und Damaſt /
Jn Holtz / in Gold und Aertzt / in feſten Stahl und Steine;
Zeit / Moder / Faͤule / Roſt weiß alles zu entſtalten:
Des Nachruhms Ewigkeit iſt anders zu erhalten.
Sucht in des Coͤrpers Glutt fuͤr todten Nahmen Licht /
Es wird ſein Glaſt ſo bald als dieſe Flamme ſchwinden.
Ein unverzehrlich Oel wenn ſein Gefaͤſſe bricht
Muß durch die Lufft beruͤhrt ſamt Eurem Ruhm erblinden.
Der Mahler pflegt ſein Licht mit Schatten zu erhoͤhen;
Jn ſchwartzen Schriften bleibt die Tugend helle ſte -
(hen.
Weil im Pelaßger Land die Kuͤnſte hilten hauß /
Sind ſeine Lorbeer-Zweig auch unverſehrt bekliben.
Rom breitte Seinen Ruhm durch Schwert und Feder aus:
Was Caͤſar hat gethan das hat er auch geſchriben.
Der Teutſchen Tichterey der Barden Helden-Lider
Belebten Mannens Geiſt Tuiſeons Aſche wider.
Wem waͤr Epaminond ohn kluge Schrift bekant?
Wer wolte nach Athens und Spartens Fuͤrſten fragen?
Wo blibe Lyſimach der Leuen uͤberwand?
Wuͤrd auch die Welt was mehr vom groſſen Grichen ſagen?
Es haͤtt Jhr Nahme laͤngſt wie Sie vermodern muͤſſen /
Wenn Sie kein weiſes Buch der Sterbligkeit entriſſen.
JtztEhren-Getichte.
Jtzt waͤr Horatz von Rom auf beyden Augen blind /
Die Flamme kuͤhner Hand die ſich ſo frey vergriffen
Und freyer noch geſtrafft verrauchet in den Wind /
Duil umbſonſt ſo oft Er Eſſen ging bepfiffen /
Roms Schutz-Stab Scipio verfaulet und zubrochen /
Wenn nicht ein Livius fuͤr Sie das Wort geſprochen.
Doch weil der Eitelkeit ein enges Ziel geſtekkt /
Weil Buͤcher auch vergehn und Ehren-Saͤulen wanken /
Sigs-Zeichen fallen umb / und Grauß den Marmol dekkt /
Weil Schriften ſich verlir’n aus Augen und Gedanken /
Muß Sie ein kluger Geiſt zu Zeiten wider regen
Und auf die alte Muͤntz ein neues Bildnuͤß pregen.
Eh Guttenberg die Kunſt zu ſchreiben ohne Kil /
Zu reden fuͤr das Aug und Woͤrter abzumahlen
Jn Teutſchland aufgebracht / als nur ein Rohr vom Nil /
Als Leinwand oder Wachs / als Blaͤtter oder Schalen /
Als eines Thieres Haut allein gedint zu Schriften /
Werkonte da der Welt ein lang Gedaͤchtnuͤß ſtifften?
Wie ſind Polybius und Dio mangelhafft!
Was hat uns nicht die Zeit vom Tacitus genommen /
Vom Curtius geraubt / vom Criſpus weggerafft?
Was iſt vom Ammianin unſre Haͤnde kommen?
Viel andre haben zwar von andern viel geſchrieben /
Jhr Nahmen aber ſelbſt iſt uns kaum uͤbrig blieben.
SoEhren-Getichte.
So hat der leichte Wind vorlaͤngſt darvon gefuͤhrt
Was Libys aufgeſetzt / die Barden abgeſungen.
Wo wird der zehnde Theil von dieſem mehr geſpuͤrt /
Was noch zu Celtens Zeit geſchwebt auf tauſend Zungen?
Und muß was uͤbrig iſt nicht vollends untergehen /
Weil kaum der Teutſche mehr den Teutſchen kan verſtehen?
Manch Ritter edlen Bluts beſang was Er gethan /
Obgleich ſein Helden-Reim nicht klang in zarten Ohren.
Man trifft von alter Zeit mehr als ein Merkmahl an /
Daß unſer Schleſien zur Tichterey gebohren /
Wann Silber defſen Fuͤrſt / ein Heinrich / uns ſein Liben (Und anders mehr vielleicht) in Lidern hat beſchriben.
Die Stuͤkke ſind zwar ſchlecht die auf uns kommen ſein /
Und kan man wenig Licht in ſolchem Schatten finden /
Die Funken geben bloß aus bleichen Kohlen Schein /
Doch ſind ſie unſren Sinn noch faͤhig zu entzuͤnden /
Und daß die Kinder auch was Ahnen thaͤten / lernen /
So muß ein neuer Glantz ihr tunckles Grab beſternen.
Ein fremder ſchreibt von uns mit ungewiſſer Hand /
Siht mit geborgtem Aug und redt mit anderm Munde /
Jhm iſt des Landes Art und Gegend unbekant /
Gemeiner Wahn und Ruff dint Jhm zu falſchem Grunde:
Oft nimmt Er Ort fuͤr Mann / und was Er recht ſoll nennen /
Wird doch der Lands-Mann kaum in ſeiner Sprache kennen.
RomEhren-Getichte.
Rom klebt die Hoffart an: was nach der Tiber ſchmekkt
Geht Tagus goͤldnen Sand und Jſters Perlen oben.
Wird nicht der Nachbarn Ruhm durch Eyferſucht beflekkt /
So ſiht man ſelten doch den Feind nach Wuͤrdenloben.
Weil ſich die halbe Welt gelegt zu ſeinen Fuͤſſen /
Hat aller Barbarn Preiß fuͤr Jhm verſtummen muͤſſen.
Des Grichen Buch iſt oft ein leerer Fabel-Klang /
Der eingebildte Witz umbnebelt ſein Gehirne /
Und weil der Teutſchen Schwert Jhm biß zum Hertzen drang /
So ſcheint Jhm noch der Gram zu ſtekken in der Stirne.
Zeugt nicht von ſeinem Haß und Jrthum zur Genuͤge /
Daß Er den Galliern ſchreibt zu der Teutſchen Zuͤge?
Koͤmmts auf die neue Zeit: wo ſelbe Francken ſeyn /
Die haben Teutſch zu ſein durch Lufft und Zeit vergeſſen /
Jhr ſtoltzer Hochmuth waͤchſt / macht andre Voͤlcker klein /
Und trachtet allen Ruhm ſich ſelber beyzumeſſen.
Wil man den Spanier / wil man den Welſchen fragen /
Jhr wen’ge werden uns gleich-zu vom Teutſchen ſagen.
Doch ſchwaͤtze fremder Feind / und Neyder was Er wil /
Das Lob der Tapferkeit muß unſren Teutſchen bleiben.
Jſt ihre Redligkeit verſchmitzter Nachbarn Spil /
Doch kan ſie keine Liſt aus ihrem Lager treiben:
Und / was nicht fremde Fauſt der Wahrheit wil vergoͤnnen /
Wird noch wol von ſich ſelbſt der Teutſche ſchreiben koͤnnen.
eWasEhren-Getichte.
Was aus Minervens Stadt zum Capitol ward bracht /
Des weiß ſich unſer Land mit Nutzen zu bedinen.
Die Straſſ iſt zum Parnaß aus Teutſchland laͤngſt gemacht /
Man ſiht manch Lorber-Reiß bey unſern Palmen gruͤnen.
Corinthus und Athen hat Teutſche Fauſt erſtigen:
Wer weiß ſchreibt Sie nicht auch von ihren Ritter-Sigen.
Nur umb die Helden iſts am meiſten itzt zu thun /
Die durch die lange Zeit zum andern mahl geſtorben /
An unbekantem Ort ohn einig Denckmahlruhn:
Doch haben ſie nunmehr was Sie geſucht erworben.
Begehrt iemand Bericht / was Teutſche vor geweſen /
So kan Er Lohenſteins beruͤhmten Herrmann leſen.
Das Feuer dieſes Geiſts iſt Teutſcher Welt bekant /
Man weiß / wie Mund und Kil mit Nachdruck konte ſpielen.
Was Er fuͤr Land und Stadt fuͤr Arbeit angewandt /
Wird noch mit mehrem Danck die ſpaͤte Nachwelt fuͤhlen.
Was ich bey dieſer Schrift am ſeltzamſten gefunden /
Jſt / daß Sie die Geburt der ſeltnen Neben-Stunden.
Floͤſt Argenis mit Luſt der Klugheit Lehren ein;
So ſpuͤrt man ſolche hir mit vollem Strome kwellen.
Entdekkt man hir und dar Poetſcher Farben Schein;
Der Teutſche pflag ſein Lob in Tichterey zu ſtellen.
Hat ſich Erlauchte Hand bemuͤht mit Aramenen /
So muß ein Lorber auch die Schreibens-Art bekroͤnen.
WasEhren-Getichte.
Was ſonſten Muͤh und Fleiß aus hundert Buͤchern ſucht /
Wird hir als im Begriff mit Luſt und Nutz geſunden.
Wie Chauz und Catte ſtreitt / Cherusk und Friſe ſucht /
Wie Quad und Hermundur verachten Tod und Wunden /
Vom alten Gottesdienſt / der Fuͤrſten Reyh und Leben
Kan dieſes edle Werck vergnuͤgte Nachricht geben.
Doch bindt ſich dis nicht nur an Teutſcher Graͤntze Zil;
Es zeigt den Kern von Roms und Morgenlands Geſchichten.
Wer ſich gelehrt / verliebt / und Stats-klug weiſen wil /
Siht was Er nur verlangt in Reden und Getichten.
Er kan auch wil Er ſich zu ſuchen unterwinden /
Jn dieſem Buche viel von naͤhern Zeiten finden.
Den Mann und Ort verkehrt der Zeiten ſchneller Lauff /
Ein neuer Schauplatz zeigt was Vorwelt auch geſehen.
Loͤſt doch mit Unterſcheid manch Nahmens-Raͤthſel auf /
So findt ihr was vorlaͤngſt und neuer iſt geſchehen.
Das Wachsthum Oeſterreichs den Ruhm von ſeinen Helden /
Wird Euch der Unterricht von Herrmanns Vorfahrn mel -
den.
Ziht itzt die Sein an ſich der Tiber alte Pracht /
Trachtt durch Gewalt und Liſt zu ſeyn das Haupt der Erden /
Genung daß Herꝛmañ noch fuͤꝛ Teutſchlands Fꝛeyheit wacht /
Daß Varus und Segeſth von Jhm beſiget werden /
Der Sonn aus Oeſterreich die Neben-Sonnen weichen /
Die Hochmuth aufgefuͤhrt / und Stambols Monden bleichen.
e 2DisEhren-Getichte.
Dis hat der kluge Geiſt gewuͤntſcht und vorgeſagt /
Der Sultan Jbrahims verdinten Fall beſungen.
Wenn Er die Zeit erlebt / da dieſer Wunſch vertagt /
Haͤtt Er mit Herrmañs Lob noch hoͤher ſich geſchwungen.
Er haͤtte diſes Buch noch weiter fuͤhren muͤſſen /
Und mit dem hoͤchſten Ruhm der Kayſer-Sige ſchliſſen.
Wir nehmen unterdeß zum frohen Zeichen an /
Daß Jene wie diß Buch ſolln ſein ohn Schluß und
Ende.
Daß aber auch die Welt den Schatz geniſſen kan /
Jſt dieſes Buches Schluß erſetzt durch Freundes Haͤnde.
So lange man nun wird der Tugend Ehre geben /
Wird unſer Lohenſtein in ſeinen Schrifften leben.

Hanß Aßmann von Abſchatz.

MirEhren-Getichte.
MJr / Bruder / ſtehts nicht zu des Bruders Ruhm erheben /
Es waͤren Stoppeln nur / des Neides Gauckelſpiel.
Der deutſche Herrmann kan dir tauſend Leben geben;
Ob ſchon dein zeitliches noch vor der Welt verfiel.
Armin hat Stock und Beil den Deutſchen abgeriſſen /
Und dennoch ſahe man: daß Deutſchland ſein vergaß.
Allein itzt muß die Welt von ihm und dir erſt wiſſen /
Am meiſten / da der Wurm von beyder Aſche fraß.
Es dreut der Weſten Stern / ſo ſich ſonſt Sonne nennet /
Uns Deutſchen wiederumb aufs neue Mord und Brand.
Wer aber ſeinen Schein / des Mohnden Ohnmacht kennet /
Armin am Leopold / der Deutſchen Goͤtter Band /
Wird ſehen ſeinen Glantz zu Regenbogen werden /
Und dieſes Schwantz-Geſtirn ſelbſt blutig untergehn.
Jndeſſen bleibt dein Leib die Schale zwar der Erden /
Dein Geiſt bey Sonne / Mond und dem Geſtirne ſtehn.
Die Nachwelt iſt verpflicht und Deutſchland hoch verbunden
Der Hand / ſo ſeinen Ruhm aus Grufft und Graͤbern hebt.
Umb deines hat Armin Zypreſſen ſelbſt gewunden /
Und keiner Spinne Kunſt dein Sterbe-Kleid gewebt.
Du liegeſt im Armin / Armin in Dir begraben /
Und Deutſchland iſt der Stein / ſo beyder Aſche netzt.
Dem Bruder goͤnne nur den Ruhm dabey zu haben:
Daß Er ein Ende hat dem deinen nachgeſetzt.

Hannß Caſper von Lohenſtein.

e 3Vorſtel -Ehren-Getichte.

Vorſtellung des Lupffer-Tituls.

AUf Deutſchland! kanſt du noch der fremden Schmach
vertragen?
Faͤllt dir Qvintilius und Druſus noch zu ſchwer?
Jſt das verhaßte Joch noch nicht entzwey geſchlagen?
Auf Deutſchland! ruͤſte doch ein außerleßnes Heer.
Darf denn ein ſtoltzer Feind dir Haar und Kleider rauben?
Gibt man den Freyheits-Ring ſo unbedachtſam hin?
Auf Deutſchland! wafne dich; ſonſt muß ich ſicher glauben /
Daß ich in Sybariß und nicht in Deutſchland bin.
Die junge Mannſchafft wird verwegen hingeriſſen /
Die Aecker umbgepfluͤgt / der Landmann ausgepreſt /
Da unterdeſſen Staͤdt und Doͤrffer brennen muͤſſen /
Jndem ſich keine Huͤlff und Rettung ſpuͤren laͤßt.
Diß kan zwar ein Segeſt / ein Marobod verſchmertzen /
Weil Gold und Eigennutz ihr wahres Zil verruͤckt /
Doch zeucht Arminius diß Unrecht ihm zu Hertzen /
Und hat das blancke Schwert vor aller Heil gezuͤckt.
Auf Held! Auf Hertzog! geh! ermahne deine Bruͤder /
Bring dein behertztes Roß in den erhitzten Streit.
Zeit und Gelegenheit koͤmmt nicht ſo ſchleunig wider /
Drumb daͤmpfe / weil du kanſt / das Gift der Dinſtbarkeit.
Jhr aber die Jhr noch auf Baͤren-Haͤuten liget /
Und Deutſchlands Untergang mit trocknen Augen ſchaut /
SeidEhren-Getichte.
Seid ihr durch Zauberey in traͤgen Schlaf gewiget?
Jſt das erfrorne Hertz denn noch nicht aufgethaut?
Ach feige! wolt ihr nicht des Nachbarn Hauß erretten /
So wird das Eurige gewiß zu Grunde gehn /
Und der gefaugne Fuß in ungeheuren Ketten /
Und Feſſeln / die Jhr euch ſelbſt angeleget / ſtehn.
Wie aber ſeh ich nicht den tapfern Arpus eilen?
Ganaſch und Jubil ſind auf gleichen Schluß bedacht.
Es denckt ſich Seſitach nicht laͤnger zu verweilen /
Schaut wie dem Cattumer das Hertz vor Freuden lacht.
Auf Helden! foͤrdert euch! die Bahn iſt ſchon gebrochen /
Der Feldherr geht voran; es muß gefochten ſeyn;
Das Unrecht wird allein durch Feur und Schwert gerochen /
Brecht derowegen keck in Waͤll und Laͤger ein.
Man hat euch biß hieher durch wunderliche Kuͤnſte
Recht umb das Licht gefuͤhrt / und Naſen angedraͤht /
Nun aber zeiget ſich ein nichtiges Geſpinſte /
Das ein geſchwinder Oſt im Augenblick verweht.
Auf denn! Ermuntert euch! denckt an der Ahnen Thaten /
Denckt an die Siges-Pracht / die euch zu hoffen ſteht.
Kaͤmpft ſtandhaft! Kaͤmpft behertzt! als tapfere Soldaten /
Denckt / daß euch Well und Flut biß an die Lippen geht.
Die Nachwelt wird von euch mit Ruhm und Ehre ſprechen /
Und wenn ein Tacitus nicht redlich ſchreiben mag /
So wird ein Lohenſtein durch Nacht und Wolcken brechen /
Dergleichen kluge Fauſt bringt alles an den Tag.
JhrEhren-Getichte.
Jhr moͤgt euch immerhin biß an die Sternen ſchwingen /
Er folgt / und laͤſt den Kil / der nichts von Moder weiß /
Biß in das innerſte des duͤſtren Alters dringen;
Diß iſt / verſichert euch / der allerbeſte Preiß.
Jhm ſteh’n Tanfanens Hayn und Heiligthuͤmer offen /
Er weiß / was Libys ſpricht / und was Velleda denckt.
Jhr habt von Jhm allein die Ewigkeit zu hoffen /
Die weder Zeit noch Tod in enge Faͤſſel zwaͤngt.
Unſterblich-groſſer Geiſt! ſo lang als deutſche Helden /
Und deutſche Tapferkeit auf deutſchem Boden bluͤhn /
So lange wird man dich der greiſen Nachwelt melden /
Und einen Lorber-Strauch auf deiner Gruft erziehn.
Du haſt uns ſchon vorlaͤngſt dein Ebenbild gewiſen /
Das hohe Trau’rſpil zeigt wie deine Feder prangt.
Man hat der Schleſier beſonders Gluͤck gepriſen /
Das ſie durch deine Hand in dieſem Stuͤck erlangt.
Laſt nur Cleopatren und Agrippinen kommen /
Stellt die Epicharis und Sophonisben vor;
Du haſt dem Sophocles vorlaͤngſt den Preiß genommen /
Und Eſchyluß beſeuffzt / was er durch dich verlohr.
Es will der Seneca dir mehr als willig weichen /
Corneille ſchaͤmt ſich nicht bald hinter dir zu gehn.
Und Taßo denckt ihm nicht den Gipfel zu erreichen /
Auf welchem Lohenſtein wird eingegraben ſtehn.
DochEhren-Getichte.
Doch iſt es nicht allein mit Reimen ausgerichtet /
Arminius entdeckt die wahre Siges-Bahn.
Schau! wie Heliodor ſich gantz erſchrocken fluͤchtet:
Schau! was Barclajus ſelbſt und Scudery gethan;
Schau! wie Marini ſtarrt / wie Sidney ſich entſetzet /
Und wie Biondi faſt vor Neid zerberſten wil.
Sie haben ja vorhin die kluge Welt ergoͤtzet:
Jedweder ſehnte ſich nach ihrem Helden-Spil.
Jtzt aber iſt es aus: du haſt allein geſiget /
Du haſt Jtalien und Engelland gezaͤhmt /
Und Franckreich / das ſich ſonſt nur an ſich ſelbſt vergnuͤget /
Zu aller Deutſchen Troſt / durch deine Schrifft beſchaͤmt.
Unſterblich-hoher Geiſt! wie ſoll dir Deutſchland dancken?
Das deiner Trefligkeit ſo hoch verbunden bleibt. (Schrancken /
Dein Ruhm weiß auſſer dem faſt nichts von Graͤntz und
Weil ihn der Zeiten Ruff biß an die Wolcken treibt.
Vor dieſem haͤtte man dir Tempel und Altaͤre /
Und Saͤulen von Porfyr und Jaſpis aufgeſetzt.
Man thaͤt es auch noch itzt / wenn nicht die frembden Heere
Uns bis auf Blut und Marck durch Schwert und Brand ge -
Doch bleibt das Vaterland / wie ſehr es ausgeſogen / (ſchaͤtzt.
Wie groß auch immermehr ſein Unvermoͤgen iſt /
Dem wunderbahren Fleiß / der ſchoͤnen Muͤh gewogen /
Die ſeiner Helden Lob zu ihrem Zweck erkiſt.
Mich daͤucht / ich ſah es naͤchſt vor deinem Grabe ligen /
Es brach / faſt außer ſich / in dieſe Woͤrter aus:
fHirEhren-Getichte.
Hir ligt mein theureꝛ Sohn / mein einiges Veꝛgnuͤgen /
Hir iſt mein Paradiß / mein außerkohrnes Hauß.
Jhr Kinder eifert nicht / daß ich bey dieſer Baare
Mehr als bey andern bin: ich kenn euch alle wol.
Jch weiß / ihr ehret mich: ihr kroͤnet meine Haare:
Und ider foͤrdert diß was er verrichten ſoll.
Allein / hir muß ich was beſonderes ablegen: (bracht.
Kom̃t! hoͤrt / was meinen Sinn auf dieſen Schlus ge -
Mich hat Arminius vor Zeiten durch den Degen /
Jtzt aber Lohenſtein durch Schrifften groß ge -
macht.

Chriſtian Gryphius.

Uber das Bildnuͤs Herrn Daniel Caſpers von Lohenſtein.

HJer ſpielt ein edler Stein / dem Jovis Blitz faſt weichet /
Und dem kein Diamant aus Bengala ſich gleichet.
Dort trotzt Er Tod und Neid / weil ihn kein Maaß umbgraͤnzt /
Und Erin Gottes Hand als eine Sonne glaͤntzt.

F. N.

Daniel
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Daniel Caſpers von Lohenſtein Heldenmuͤthige Liebes - und Lebens-Beſchichte von dem theuren Freyheits-Beſchirmer des bedraͤngten alten Deutſchlandes Arminius oder Herrmann und ſeiner Durchlauchtigen Thußnelda / Erſter Theil

Jnhalt Des Erſten Buches.

DJe Beſchaffenheit des Roͤmiſchen Reichs unter dem Kaͤyſer Auguſtus. Her - zog Herrmann kommt mit denen Deutſchen / vom Qvintilius Varus / wi - der den Sicambriſchen Hertzog Melo / verſchriebenen Fuͤrſten / in dem Deutſchbur giſchen Heyn / zuſammen. Tanfanens Heiligthum. Herrmann opffert durch den Prieſter Libys. Die Leiche der Sicambriſchen Fuͤrſtin WalpurgisErſter Theil. Awird2Erſtes Buchwird beerdiget / welche ſich / umb dem geilen Varus zu entkommen / im Siegeſtrome er - traͤnckt hatte. Herrmann richtet den Fuͤrſten ein Gaſtmahl aus; und ermahnet ſie / ihre verſammlete Waffen wider die Roͤmer zu brauchen / mit Vorbildung ihrer Tyran - ney. Arpus der Catten Hertzog faͤllet ihm bey; und ſchlaͤgt den Herrmann zum allge - meinen Feld-Herrn fuͤr. Segeſthes der Caſuarier und Eulgibiner Hertzog gibt die Schuld des Roͤmiſchen Uberfalls den Deutſchen / widerraͤth den Frieden zu brechen / ſondern den Varus zu verklagen. Haͤlt ihnen den ungluͤcklichen Auffſt and der Gallier / Pañonier und Dalmatier fuͤr / und daß der maͤchtige Koͤnig Marbod mit den Roͤmern in gutem Verſtaͤndnuͤße lebe. Jubil des Bojiſchen Koͤnigs Brittons / den Marbod ermordet / Sohn / flucht auff den Marbod / und raͤth ſolchen ſelbſt zu bekriegen. Ganaſch der Chautzen Hertzog mißt dem Segeſthes die Urſache bey: daß die Chautzen von Tiberius uͤberfallen worden. Jngniomer der Bructerer Fuͤrſt aber entſchuldigt Segeſthen und beſaͤnfftigt ſie; und dieſer erbeut ſich den Uberfall der Roͤmer ſelbſt ein - zurichten. Segimer Segeſthens Bruder und alle Anweſende erklaͤren den Hertzog Herrmann zum Feld-Herrn. Jn dem fuͤr der Walpurgis Leiche eroͤffneten Grabe wird eine zweyfache Wahrſagung gefunden. Die Prieſter ſetzen den Feld-Herrn auff einen geweyheten Wagen / und haͤndigen ihm drey alte Kriegs-Fahnen ein. Das Heer nimmt den neuen Feld-Herrn mit Freuden an. Des Feld-Herrn Ruͤſtung und Re - de zum Heere. Hertzog Segimer und unter ihm ſein Sohn Seſitach / wie auch Ca - tumer der Cattiſche Printz fuͤhren den Vortrab. Ein unbekannter Ritter bittet beym Feld-Herrn / um den Ausſchlag kuͤnfftigen Krieges zu erforſchen / gegen einem Roͤmer einen Zweykampff aus / darinnen der vermeinte Roͤmer mit dem ſtuͤrtzenden Pferde ohnmaͤchtig zu boden faͤllt / durch ſeines Gefaͤrthen Klag-Geſchrey fuͤr eine Koͤnigin er - kennet / und in das Schloß Deutſchburg getragen wird. Der Feld-Herr kriegt Nach - richt: daß der Vortrab von Roͤmern uͤberfallen worden / und Segeſthes zum Fein de - bergegangen ſey; worauff er ſelbten zu Huͤlffe rennt / Jgniomern und Arpus das Heer nachfuͤhren laͤßt. Segimer verfolgt die weichenden Roͤmer / und verfaͤllt in dem Deutſchmeyeriſchen Thale auff ihr gantzes Heer / welches das Laͤger verlaſſen hatte / und ſich zwiſchen die Weſer und Aeder an die Feſtung Cattenburg ziehen wollen. Herrmann befiehlet: daß Hertzog Jubil mit einem Theile des Hinterhalts einen Umſchweiff neh - men / und dem Feinde den Weg abſchneiden ſolte. Segimer / Catumer und Seſitach fechten an einem Furthe wider das gantze Heer. Der Feld-Herr macht ihm einen an - dern Weg / trifft auff des Varus Leib-Wache und den Eggius. Herrmann reißt die - ſen vom Pferde / wird aber umgeben / von Adgandeſtern wieder zu Pferde bracht / aber von den Roͤmern / welchen der Segeſthes einen neuen Furth gewieſen / ſo wohl als Se - gimer gantz umringt. Catumer und Seſitach werden verwundet. Das deutſche Heer entſetzt ſie. Der Vortrab zeucht ſich zuruͤcke auff eine Flaͤche / den Roͤmern Platz zu ei - ner Schlacht-Ordnung zu machen; und die Roͤmer dringen wider den Willen ihrer Feld - Oberſten nach / alſo / daß ſie zu ſchlagen genoͤthigt werden. Die Roͤmiſche und Deutſche Schlacht-Ordnung. Segimer fuͤhrt ein Theil der Reuterey / wird vom Zeno Printzen aus Armenien verwundet / und muß ſeine Stelle ſeinen Sohn Seſitach vertreten laſ - ſen. Ein Ritter geraͤth mit dem Zeno in einen hefftigen Streit / wird aber zur Erde ge -faͤllt /3Arminius und Thußnelda. faͤllt / fuͤr Jßmenen des Feld-Herrn Schweſter erkennt und gefangen weggefuͤhret. Ze - no und Seſitach ſind verliebt in ſie; fallen dahero einander grimmig an. Hertzog Ganaſch kommt dieſem zu Huͤlffe / faͤllet den Zeno und nimmt ihn gefangen. Die Roͤ - miſche Reuterey wird auff dieſer Seiten / und Vala Numonius auff der andern vom Printzen Catumer in die Flucht geſchlagen. Eggius / Vir idomar und Guͤnterich fech - ten imrechten Fluͤgel tapffer. Jngniomer trifft auff ſie mit groſſer Hertzhafftigkeit. Catumer bricht mit der Reuterey in denrechten Fluͤgel ein / Viridomar wird von ihm zu Boden gerennet und ertreten. Catumer toͤdtet Hertzog Guͤntherichen. Um den Roͤmiſchen Adler wird verzweiffelt gefochten. Jngniomer hauet dem Eggius die Hand ab und ſtoͤſt ihm das Schwerdt durch die Gurgel. Der Roͤmiſche Faͤhnrich erſticht ſich ſelbſt. Jngniomer erobert den Adler / und Catumer der fluͤchtigen Gallier Fahne. Rhemetalies trifft mit ſeinen Thraciern im lincken Fluͤgel. Hertzog Arpus bringt die Roͤmer in Unordnung. Die Menapier und Bituriger und Cejonius fechten laulicht. Rhemetalies und Arpus gerathen aneinander / jener wird in Schenckel dieſer in Arm verletzt. Printz Seſitach bricht mit der Reuterey in lincken Roͤmiſchen Fluͤgel ein. Cejonius weichet / Rhemet alies wird gefangen. Herrmann und Varus treffen mit dem mitlern Groß ihrer Heere zuſammen. Des Varus Verrichtungen in Syrien und Deutſchland. Wie vortheilhafftig Herrmann die Schlacht-Ordnung gemacht. Die traurigen Anzeigungen bey den Roͤmern fuͤr der Schlacht. Varus / Caͤditius / Caͤ - lius / Britomar / Arbogaſt / fechten auff einer / die Deutſchen auff der andern Seite ſcharff und zweiffelhafft. Herrmann bemuͤhet ſich an Varus zu gerathen / bricht mit dreyhundert Edelleuten zu Pfer den ins Roͤmiſche Fuß-Volck. Der Ritter / welcher fuͤr der Schlacht die fremde Koͤnigin uͤberwunden / trifft auff den verkleideten Sege - ſthes. Jenem zerſpringt der Degen / Segeſthestoͤdtet ihm und dieſer wieder ihm das Pferdt / reißt ihm den Helm ab; als er aber: daß es Segeſthes ſey / erkennet / zeucht er den Streich zuruͤcke und laͤßt den Degen fallen. Herrmann will dem Segeſthes einen Streich verſetzen / der Ritter aber faͤngt ſelbten auff und wird ſelbſt verwundet; giebt ſich hierauf fuͤr die Fuͤrſtin Thußnelde / Segeſthens Tochter / zu erkennen; faͤllt ihrem Vater zu Fuſſe / reicht ihm ein Schwerdt / und verlangt von ſeiner Hand zu ſterben. Segeſthes erken - net ſein Verbrechen / wuͤnſcht zu ſterben / wird aber auff des Feldherrn Befehl in Ei - ſen geſchlagen. Thußnelde wird ohnmaͤchtig und nach Deutſchburg bracht. Her - tzog Herrmann nimmt den Caldus Caͤlius gefangen / verwundet den Varus / reißt dem Manlius den Haupt-Adler aus. Das gantze Roͤmiſche Heer fleucht / Varus erſticht ſich ſelbſt. Seſitach ſteckt ſeinen Kopff auff eine Lantze. Hertzog Jubil trifft auffs neue auff den Vala Numonius / den Caͤditius / Britomarn und Arbogaſten / als ſie nach der Cattenburg zu entrinnen vermeinen. Unter dieſen wil einer hier / der andere dort hinaus. Jubil durchrennt den Numonius / verwundet den Britomar. Die Roͤ - mer verkriechen ſich in Wald. Es erreget ſich ein hefftiger Platzregen. Der Wald wird rings um mit Deutſchen beſetzt. Die Deutſchen machen ſich die Nacht durch luſtig mit Wolleben und Geſaͤngen. Ein ſchrecklicher Sturmwind ſchlaͤgt viel Baͤume nie - der. Dieſe erſchlagen die Roͤmer mit den ihrigen erbaͤrmlich. Jſmene des Feld-Herrn Schweſter wird erledigt. Die Deutſchen ſuchen aus dem Walde den Feind herfuͤr;A 2pluͤn -4Erſtes Buchpluͤndern ſeine Wagen und Feld-Geraͤthe / erlegen den Reſt / nehmen viel Weiber und Kinder gefangen; kommen fuͤr das Roͤmiſche Laͤger / darein Caͤditius und Arbogaſt mit einem Theil ihres Volcks entronnen. Herrmann macht Anſtalt zum Sturme. Catumer ſetzt durch die Lippe und beſchleuſt auff der andern Seite das Laͤger. Her - tzog Jubil wil gegen die Feſtung Aliſon ſich ziehen / verfaͤllt aber auff zwey Legionen Roͤmer unter dem L. Aſprenas. Herrmann laͤſt Jngniomern fuͤrm Laͤger / zieht dem Aſprenas entgegen. Jubil treibt der Roͤmer Vortrab zuruͤcke. Die im Laͤger ma - chen mit ihren Zeichen: daß Aſprenas Stand haͤlt. Fuͤrſt Marcomir gehet mit den U - ſipetern zum Jubil uͤber. Die Roͤmer ſetzen Jubiln harte zu / und muß er ſich zuruͤcke ziehen. Aſprenas verfaͤllt auffs gantze Deutſche Heer / erfaͤhrt von einem Gefangenen des Varus Niederlage; zeucht ſich alſo / indem Caͤcina und Silvanus Plautius mit der Reuterey fechten / zuruͤck. Die Roͤmiſche Reuterey wird in die Flucht bracht. Herr - mann erlegt den Plautius. Der Roͤmer Niederlage. Jubil verwundet den Caͤcina / Printz Sigesmund den Aſprenas / welcher mit dem Uberreſte bey anbrechender Nacht ſich zwiſchen die Suͤmpffe / hernach aber durch den Wald gar zuruͤcke gegen Aliſon zeucht. Der Marſen Hertzog Malovend ſchlaͤgt ſich durch den Catumer durch / und kommt ins Roͤmiſche Laͤger. Catumer laͤßt einen Theil ſeines Volcks fuͤrm Laͤger / und gehet mit einem Theil fuͤr Aliſon. Ganaſch verfolgt den Aſprenas. Herrmann fodert das Laͤger auff. Malovend widerraͤthet / Cejonius ſchleußt ſich zu er geben; befiehlt im Laͤger die Waffen uͤber einen Hauffen zu tragen. Malovend und Apro - nius verſtecken den dritten Roͤmiſchen Adler in einen Sumpff. Herrmann bemaͤch - tiget ſich des Laͤgers. Cejonius / Malovend / und Arbogaſt werden in Feſſel geſchlagen / die Gefangenen eingetheilt und fortgetrieben. Grauſamkeit der Deutſchen gegen die Gefangenen / inſonderheit der Hermegildis gegen den Titus Labienus / welcher ihres Ehemanns Moͤrder / und ihrer Tochter Ehrenſchaͤnder gegen ſie verthaͤdiget hatte; als auch andere Sach-Redner. Das Laͤger wird geſchleifft. Die Fuͤrſten kommen auff die erſte Wahlſtadt. Muſtonius und Qvintus Julius Poſthumus / die des Va - rus Leichnam beerdiget / werden befehlichet ihn wieder auszugraben. Sie weigern es / Printz Seſitach aber laͤßt ſelbten gleichwohl ausſcharren. Die Deutſchen ſo in der Schlacht blieben / werden theils verbrennt / theils weggefuͤhret. Herrmanns Einzug in Deutſchburg. Er wird von Prieſtern und Jungfrauen herrlich bewillkommt. Ca - tumer und Ganaſch kommen beym Feld-Herrn mit unterſchiedenen Gefangenen / dar - unter auch Roͤmiſche Frauen an / nachdem ſie Aliſon erobert und den daraus entkom - menen Lucius Caͤditius verfolgt. Des Feld-Herrns gebliebene Grafen werden praͤchtig verbrennt / und die Aſche begraben. Emma des Ritter Waldecks: Wit - tib beerdigt ihres Eh-Herrns Gebeine und erhenckt ſich ſelbſt uͤber ſein Grab. Der Deutſchen Ritterſpiele bey den Begraͤbnißen. Herrmann ſchlaͤgt viel die ſich wohl ge - halten zu Rittern. Des Varus Waffen werden in Tanfaniſchen Tempel gelieffert / ſein Haupt auff Tuiſcons Altar gelegt / die Roͤmiſchen Adler den Goͤtter nauffgehenckt. Die Gefangenen werden auff hundert Altaren geopffert; viel Koͤpffe aber auͤffgehoben. Malovend / Apronius und Emilian weꝛden begnadigt Cejonius wird in einem Sumpffe erſteckt. Sextus Catulus verdammt die deutſchen Opffer. Caldus Caͤlius ſchlaͤgtihm5Arminius und Thußnelda. ihm den Kopff mit ſeinen Feſſeln entzwey und hierauff auch Catulus. Fuͤrſt Seſi - tach will des Varus Leib nicht auff dem Altare verbrennen laſſen. Fuͤrſt Siges - mund erzehlt: wie er das Roͤmiſche Prieſterthum verlaſſen / und opffert des Varus Leiche ſelbſt auff. Neßelrod ziehet einen Brieff herfuͤr / den Segeſthes fuͤr der Schlacht an Varus geſchrieben. Das Kriegs Volck wird auff Segeſthen dadurch hefftig er - bittert / begehret an die Prieſter ihn zum Tode zu verdammen. Segeſthes wird ge - holet / Herrmann hieruͤber bekuͤmmert. Ganaſch dringt auff Segeſthens Tod / Herr - mann redet fuͤr ihn. Segeſthes erkennet ſeine Schuld / und wil ſterben. Libys wird gezwungen auszuſprechen: Segeſthes muͤſſe entweder vom Hencker / oder / da er ſeinem Urſprunge und Buͤrgerrechte abſchwuͤre / von Prieſtern ſterben. Segeſthes erkieſet vom Hencker zu ſterben; bittet aber ihm einen eigenhaͤndigen Tod zu erlauben. Thuß - nelde verdammet den Eigenmord / und erbeut ſich vermoͤge ihrer Landes-Geſetze den Tod fuͤr ihren Vater auch wider ihren Willen auszuſtehen. Bey aller Anweſenden Erſtarrung will ſie dem Prieſter Libys das Opffer-Meſſer aus der Hand reißen; Herrmann verhindert es. Thußnelda verweiſet ihm die Verwehrung ihres Todes / und entdeckt zugleich ihre zuſammen gepflogene Liebe. Libys ſireicht die ſeltzamen Schi - ckungen der guͤtigen Goͤtter heraus und erkennet: daß die Liebe und Verlobung mit dem Feld-Herrn Thußnelden vom erkieſeten Tode errette. Segeſthes willigt in ſei - ner Tochter Heyrath. Der Verlobten Vergnuͤgen / des Volcks Freude hieruͤber. Ari - nia wirfft zu Befreyung des Fuͤrſten / Zeno und Rhemetalies ihnen ihren Krantz und Guͤrtel zu. Alle ziehen nach Deutſchburg zuruͤcke.

Des Erſten Theiles Erſtes Buch.

KOm hatte ſich bereit ſo vergroͤſſert: daß es ſeiner ei - genen Gewalt uͤberlegen war / und es gebrach ihm itzt nichts mehr / als das Maaß ſeiner Kraͤfften. Denn nach dem Buͤrger ge - wohnt waren / gantze Koͤnigceiche zubeherꝛſchen / fuͤr Landvoͤgten ſich große Fuͤrſten beugten / die Buͤrgermeiſter Koͤnige fuͤr ihre Siegs-Wagen ſpanneten / konte die Gleichheit des Buͤrgerli - chen Standes ihren Begierden nicht mehr die Wagehalten. Hieraus entſpannen ſich die in - nerlichen Kriege / welche dem Kaͤyſer Julius das Hefft allein in die Hand ſpielten / als der großePompejus in der Pharſaliſchen Schlacht ſeine Kraͤfften / das Roͤmiſche Volck aber ſeine Frey - heit verlohr / und jenem uͤber Hoffen die Erde zum Begraͤbnuͤße gebrach / dem ſie kurtz vor - her zu Ausbreitung ſeiner Siege gefehlet hatte. Deñ ob zwar der andere großmuͤthige Brutus / durch einen in des Julius Bruſt geſtochenen Dolch / das Joch der Roͤmer zu zerſchneiden / dem Vaterlande die Freyheit / ſeinem Geſchlechte zum andernmal den Nahmen eines Erloͤſers zuerwerben trachtete / ſo ſchlug doch ſein nichts ſchlimmerer Anſchlag viel aͤrger als des erſten Brutus aus. Alſo haͤnget ein gewuͤnſchter Aus - ſchlag nicht von der Gerechtigkeit der Sache / nicht von der Kuͤhnheit eines hertzhafften Unter -A 3fan -6Erſtes Buchfangers / ſondern von dem unwandelbaren Ge - ſetze des unerbittlichen Verhaͤngnuͤßes. Wie nun Brutus vom Antonius erdruͤckt war / alſo enteuſerte ſich der furchtſame Lepidus ſeiner Ho - heit und fiel dem Auguſt in einem Trauerkleide zu Fuße. Derletzte unter den Roͤmern Caßi - us toͤdtete ſich aus Einbildung eines fremden Todes. Des Sextus Pompejus Kopf ſchwam im Meere; Cato und Juba fielen lieber in ihre eigene Schwerdter / als in die Haͤnde des Octa - vius. Anton verlohr ſich durch eigene Wolluͤ - ſte / blieb alſo niemand von den großen uͤbrig als Auguſt und ſein Anhang.

Da nun dieſer die Gemuͤther der Kriegsleute mit Geſchencken / den Poͤfel mit ausgetheiltem Getraͤide / den Adel mit Freundligkeit / alle mit fuͤrgebildeter Suͤßigkeit des Friedens gewon - nen hatte / war niemand / der nicht lieber eine glimpfliche Herrſchafft / als eine ſtets blutende Freyheit verlangte. Ja die auch ſelbſt im Her - zen die einhaͤuptige Herrſchafft verfluchten / tra - ten von ihrem Anhange und Meinung ab / nach dem der Stadt Rom Schutz-Gott ſolche vorher geaͤndert haͤtte. Alle Widerwaͤrtigen erkenneten das Abſehen des Verhaͤngnuͤßes / die toͤdtliche Kranckheit ihrer Buͤr gerlichen Herr - ſchafft / und nahmen wahr: daß das zwiſtige Vaterland nur unter einem Hute zubefriedi - gen / und die bey denen Buͤrgerlichen Kriegen zerfleiſchte Freyheit unter einem Fuͤrſten einzu - buͤſſen der Roͤmer groͤſtes Gluͤcke war. Und biemit fiel das Looß auf den Auguſt; gegen wel - chem die ſich ihm widerſetzende Tugend ungluͤck - ſeelig; die Tapfferkeit ſelbſt unvermoͤgend ward. Dahero ging nun iederman in ſeinen Palaſt / nach dem / wie ſie ſelbſt ſagten / ihnen das Gluͤcke zu ſelbtem und zu ihrer Schuldigkeit den Weg gewieſen hatte / und wohin die Goͤtter vorherge - gangen waren. Ja die der Tugend und frey - en Kuͤnſten hold waren / ſchrieben dieſem Fuͤr - ſten an die Pforte: Wer fuͤr unrecht hielte / daß der Himmel uͤber ſeinem Wuͤrbel ſchwebte / daßdie Sonne ſo hoch ſtuͤnde / haͤtte alleine ſich zu be - ſchweren: daß der wuͤrdigſte Kaͤyſer waͤre. Sein Verdienſt ſetzte ihn auf eine ſo hohe Staffel / wo - hin ihm weder der Unwille ſeiner Mißgoͤnner nachſteigen / noch das Auge der Ehrſuͤchtigen nachſehen konte. Feindſchafft und Aufruhr erſtickte in ſich ſelbſt; der Haß gegen ihn ver - wandelte ſich in Verwunderung / die Wider - ſetzligkeit in Liebe. Und hiemit uͤbertraf dieſes Schoskind des Geluͤckes bey weitem den Juli - us. Er kam dem Numa gleich in dem / daß er den Tempel des Janus nach Erbauung der Stadt zum dritten mal zuſperrete / daran aber: daß er das groͤſte Theil der Welt be - herrſchte / uͤberſtieg Er ſo wol alle ſeine Vor - fahren / als anderer abgelebter Beherrſcher Bothmaͤſſigkeit. Die ſeltzamſten Zufaͤlle ſpiel - ten ihm mehr als er wuͤntſchte in die Hand / und noͤthigten ihn gleichſam die Graͤntzen ſei - nes Gebietes zu erweitern / ob er gleich das Roͤ - miſche Reich in denen uͤberkommenen Schran - cken zu erhalten entſchloſſen war. Weil die Uberlaſt nichts minder eine Urſache iſt: daß all - zu groſſe Herrſchafften als uͤberbauete Schloͤſſer einfallen / und groſſe Leiber den meiſten Schwachheiten unterworffen ſind. Alleine wo GOtt und das Verhaͤngnuͤs etwas vergroͤſ - ſern wil / da muͤſſen auch die Schrancken der Natur ſich ausdehnen / und die Zuͤgel der menſchlichen Gemuͤths-Regungen zerreiſſen; oder es laͤſt ſich der Ehrſucht nicht ſo leicht ein Ziel / als Laͤndern einen Graͤntz-Stein ſetzen. Das Gluͤcke belegte fuͤr die Roͤmiſchen Gewalt - haber den hoffaͤrtigen Phrat mit Bruͤcken / und die Zeit baͤhnete ihnen die ſandichten Wuͤſteney - en des innern Libyens; alſo / daß die Graͤntze des Roͤmiſchen Reichs von den weiſſen Britten / biß zu den ſchwartzen Mohren / von dem Ge - buͤrge deß Caucaſus / biß auſſer den Saͤulen des Hercules ſich erſtreckte; und das Jndiſche Meer nichts minder die Rubinen der Morgen-Roͤthe / als das / worinnen die Sonne zu Golde gehet /ſeine7Arminius und Thußnelda. ſeine Perlen dem Kayſer zinſete. Weßwegen Auguſt nicht ſo wol umb den Anfang aller von Rom außgehenden Meilen zu rechnen / als das Reichthum ſeines guͤldnen Reiches zu be - zeichnen / auff den Marckt zu Rom eine Saͤule aus Golde ſetzte. Ja nicht nur das Reich uͤber - ſtieg die Schrancken allervorigen / ſondern Rom ſelbſt das Maaß aller Staͤdte; deſſen Umbkreyß zwey und viertzig Roͤmiſche Meilen betrug; deſſen Haͤuſer ſechs Millionen Menſchen be - herbergten; und derogeſtalt das uͤbrige Jtalien nicht nur oͤde und einſam machte / ſondern ſchier aller Voͤlcker der Welt Aufenthalt war; und in einem Tage der vorwitzigen Eitelkeit zehen tau - ſend Pfund zuſammen geleſener Spinnen lie - fern konte. Dieſemnach denn die Welt ſie fuͤr ihr groͤſtes Wunder / das menſchliche Geſchlech - te ſie fuͤr ihre Gebieterin zu verehren gezwungen ward / nach dem Gluͤcke und Zeit ihr die Ober - hand und die Ewigkeit entraͤumte. Bey ſol - cher Beſchaffenheit ſchickte Phraates dem Kay - ſer die dem Craſſus und Antonius abgenomme - ne Adler wieder / und trat ihm gantz Armenien als ein Kauff-Geld des Friedens ab. Die Parther verſicherten ihm ihre Treue durch Geiſſel / und vertraueten ihm die Auferziehung ihrer Koͤnige. Die herrſchſuͤchtige Candace meynte Egypten zu gewinnen / und buͤſſete ihren Koͤniglichen Sitz Tanape ein. Largus drang biß ins Hertze deß gluͤckſeligen Arabiens / und Koͤnig Samos blieb in ſeinen Sand-Bergen nicht von den Roͤmiſchen Waffen unbeirret. Der Jndianiſche Koͤnig Porus ſchickte nach Rom die erſten Tieger / Pirimal auß der Jnſel Taprobana Wuͤrtzen / und Edel-Geſteine / umb hierdurch ſich beym Auguſtus einzulieben / und der Roͤmer Freundſchafft zu erlangen. Die Deutſchen / welche der Kayſer und andere groſſe Koͤnige wegen ihrer Treue und Tapferkeit ins gemein zu ihrer Leib-Wache erkieſeten / ſtunden den Roͤmern in ihren Kriegen zu Dienſte. Die Cimbrer beſchenckten ihn mit dem bey ihremReiche fuͤr das groͤſte Heyligthum und Kleinod gehaltenem Tiegel / und die / welche ihre Kraͤff - ten uͤber die Gewalt der unſterblichen Goͤtter herauß ſtrichen / lernten nach und nach ver - ſchmertzen: daß Druſus deß Kayſers Stief - Sohn durch etliche zwantzig am Rhein-Stro - me erbauete Feſtungen ihrer Freyheit gleichſam einen Kap-Zaum anlegte; daß Tiberius biß an die Elbe drang / die Chauzen fuͤr ſeinem Stu - le die Waffen niederlegten / ja daß deß Kayſers Feld-Hauptmann Quintilius Varus ſie nicht ſo wol mehr mit den Waffen im Zaume hielt / als taͤglich nach der Schaͤrffe der Roͤmiſchen Geſetze / oder vielmehr nach dem Wahne ſeiner luͤſternen Begierden verurtheilte.

Unter dieſem Joche ſchmachtete die Welt und Deutſchland / ſo daß nach dem allererſt gebaͤn - digten Dalmatien niemand war / der wider die Roͤmer einen Degen zuckte / denn der großmuͤ - thige Hertzog Melo mit ſeinen Sicambern und Angrivariern; als zu dem großmuͤthigen Herr - mann der Cherusker Hertzoge ſich ein Ausbund der Deutſchen Fuͤrſten (welche Quintilius Va - rus wider den ſeiner Meynung nach aufruͤhri - ſchen Melo guten theils verſchrieben hatte) eingefunden / und auf ſeine bewegliche Aufmun - terungen in dem Deutſchburgiſchen Forſt an der Lippe ihre Heer - Spitzen verſammlet hatten. Die Sonne trat gleich in die Wa - ge / und war ſelbigen Tag ſchon zu Golde ge - gangen / nach Mitternacht ſolte auch gleich der volle Mond eintreten / als Hertzog Herr - mann die Groſſen in dem Haͤyn der Goͤt - tin Tanfana einleiten ließ. Es war ein Thal / welches ungefaͤhr eine Meilweges im Umb - kreiſſe hatte / rings herumb mit ſteilen Felſen umbgeben / welche allein von einem abſchuͤſ - ſenden Waſſer zerthellet waren. An dieſer Gegend hatte die andaͤchtige Vor-Welt dem Anfange aller Dinge / nehmlich dem Schoͤpfer der Welt zu Ehren auf ieder Seiten eine drey - fache Reye uͤberaus hoch und gerade emporwach -7[8]Erſtes Buchwachſender Eich-Baͤume gepflantzet / und wie dieſes gantze Thal / alſo auch inſonderheit den in der Mitte gelegenen Huͤgel / und die in ſelbtem von der Natur gemachte Hoͤle / als auch den darauß entſpringenden Brunnen fuͤr eines der groͤſſeſten Heiligthuͤmer Deutſchlands vereh - ret / auch den Glauben: daß in ſelbtem die An - dacht der Opfernden durch einen Goͤttlichen Trieb gefluͤgelt / und das Gebete von den Goͤt - tern ehe als anderwerts erhoͤhet wuͤrde / von mehr als tauſend Jahren her auf ihre Nach - kommen fortgepflantzet. Denn die alten an - daͤchtigen Deutſchen waren bekuͤmmerter Gott recht zu verehren / als durch Erbauung koͤſtlicher Tempel die Gebuͤrge ihres Marmeis zu berau - ben und ihre Ertzt-Adern arm zu machen. Die - ſemnach ſie fuͤr eine der groͤſten Thorheiten hiel - ten Affen / Katzen und Crocodilen / ja Knobloch und Zwibeln mit Weyrauch zu raͤuchern; wel - che bey den Egyptiern mehr die auß Jaſpis und Porphyr erbaueten / oder auß einem gantzen Felſen gehauene Wunder-Tempel vorſtellten / als durch derſelben Pracht einiges Anſehen ih - rer ſchnoͤden Heßligkeit erlangeten. Nichts minder verlachten ſie die zu Rom angebetete Furcht und das Fieber / als welche Kranckheiten wol unvergoͤttert / ja abſcheulich bleiben / wenn gleich zu Uberfirnßung ihrer Bilder und Hey - ligthuͤmer alle Meere ihr Schnecken-Blut / und gantz Morgen-Land ſeine Perlen und Edel-Geſteine dahin zinſet. Da hingegen eine wahre Gottheit eben ſo ein auß ſchlechtem Raſen erhoͤhetes Altar / und ein mehr einem ſin - ſtern Grabe als einem Tempel aͤhnliches / aber von dem Feuer andaͤchtiger Seelen erleuchte - tes Heyligthum; wie die Sonne alle duͤſtere Wohnungen mit ihrem eigenen Glantze er - leuchtet und herrlich macht; alſo daß ohne die Gegenwart des groſſen Auges der Welt alle geſtirnte Himmels-Kreyſe duͤſtern / in Abweſen - heit einer weſentlichen Gottheit alle von Rubin und loderndem Weyrauch ſchimmernde Tem -pel irrdiſch ſind. Denn ob wol GOtt in und auſſer aller Dinge iſt / ſeine Macht und Herr - ſchafft ſonder einige Beunruhigung ſich uͤber alle Geſchoͤpfe erſtrecket / ſeine Liebe ohne Er - muͤdung allen durch ihre Erhaltung die Haͤnde unterlegt / ob er gleich ohne Außdehnung alles außwendig umbſchleuſt / alles innwendig ohne ſeine Verkleinerung durchdringet; und er alſo in / uͤber / unter und neben allen Sachen / iedoch an keinen Ort angebunden / noch nach einigem Maaſſe der Hoͤhe / Tieffe und Breite zu meſſen / ſeine Groͤſſe nirgends ein - ſein Weſen nir gends außzuſchluͤſſen iſt; ſo iſt doch unwiderſprechlich: daß GOtt ſeiner Offenbarung nach / und wegen der von denen Sterblichen erfoderten Andacht einen Ort fuͤr dem andern / nicht etwan wegen ſeiner abſonderlichen Herrligkeit / ſondern auß einer unerforſchlichen Zuneigung / ihm belieben laſſe / ja mehrmals ſelbſt erkieſet habe.

Uber dem Eingange nun dieſer ebenfals fuͤr andern erwehlten Hoͤle waren nachfolgende Reymen in einen lebendigen Stein-Fels ge - graben / iedoch gar ſchwer zu leſen; weil ſie nicht allein mit denen vom Tuiſco erfundenen Buch - ſtaben geſchrieben / ſondern auch vom Regen abgewaſchen und vom Mooß verſtellet wa - ren:

Jhr Eiteln weicht von hier! der Anfang aller Dinge /
Der ch als dieſer Fels und dieſer Brunn-Quell war /
Hat hier ſein Heyligthum / ſein Wohn-Haus / ſein Altar;
Der wil: daß man ihm nur zum Opfer Andacht bringe.
Die iſt das Eigenthum der Menſchen. Weyrauch / Blut /
Gold / Weitzen / Oel und Vieh iſt ſein ſelbſteigen Gut.
Die Opfer die ihr ihm auf tauſend Tiſchen ſchlachtet /
Die machen ihn nicht feiſt / und keine Gabe reich.
Jhr ſelbſt genuͤſſet es / wenn ihr den Schoͤpfer gleich
Durch eure Erſtlingen hier zu beſchencken trachtet.
Euch ſcheint der Fackeln Licht / ihr ruͤcht des Zimmets Brand;
Ja / was ihr gebt / bleibt euch mit Wucher in der Hand.
GOtt heiſcht diß zwar / doch nicht aus luͤſterner Begierde.
Denn was er geitzt das Meer ihm an der armen Flut
Des Thaues? welcher Stern wuͤntſcht ihm der Wuͤrmer Glut /
Die bey den Naͤchten ſcheint / und der Rubinen Zierde?
Jhr weyht GOtt nur das Hertz zum Zeichen euer Pflicht;
Euch ſelbſt zu eurem Nutz / ihm zur Bergnuͤgung nicht.
So9Arminius und Thußnelda.
Ja auch die Andacht ſelbſt weiß GOtt nichts zu zufroͤmen;
Denn eignet ſie uns zu gleich ſeine Gnad und Heil;
So hat ſein Wolſtand doch nicht an dem unſern Theil /
Wie unſre Freude rinnt auß ſeinen Wolthats-Stroͤmen.
Hingegen wie kein Dunſt verſchrt der Sonnen Licht /
So verunehrt auch ihn kein Aberglaube nicht.
Der Laͤſterer ihr Fluch thut ihm geringern Schaden /
Als wenn ein toller Hund den vollen Mond anbillt.
Es ruͤhmt als Nichter ihn was in der Hoͤlle bruͤllt;
Wie’s Lob der Seligen preiſt ſeine Vater-Gnaden.
Den groſſen GOtt bewehrt die Kohle / die dort gluͤht /
So wol / als die / die man wie Sterne glaͤntzen ſicht.
So iſts nun Ubermaaß / unſaͤglich groſſe Guͤtte /
Daß GOtt die Betenden hier wuͤrdigt zu erhoͤrn!
Weicht Eitele! umb nicht diß Heyl’ge zu verſehrn!
Denn daß GOtt in diß Thal nur einen Blick außſchuͤtte /
Jſt groͤß’re Gnad / als wenn das Auge dieſer Welt
Den ſchlechtſten Sonnen-Staub mit ſeinem Glautz / erhaͤlt.

Jn dieſer andaͤchtigen Einfalt beſtunden die alten Heyligthuͤmer. Nachdem aber die Roͤ - mer uͤber den Rhein gediegen / und iede Land - ſchafften auch ſo gar dem Kayſer Auguſtus haͤuf - fig Tempel aufrichteten / lieſſen die Hartz - und Marßlaͤnder ſich von ihrer alten und einfaͤlti - gen Andacht ableiten: daß ſie nach der Roͤmi - ſchen Bau-Art auf dieſen Huͤgel einen rundten und praͤchtigen Tempel von viereckichten Stei - nen aufbaueten. Gleich als ob es in der Willkuͤhr der Sterblichen ſtuͤnde: die Goͤtter nichts minder in gewiſſe Geſtalten zu verwandeln / wie ſie auß denen Geſtirnen nicht nur uͤppige Bulſchafften / ſondern Baͤren / Hun - de und andere wilde Thiere in dem Abriſſe ihrer tummen Einbildung gemacht haͤtten / oder auch / als ob es die Goͤtter mehr ver gnuͤgte / wenn die Sterblichen ihnen Steine an ſtatt ihrer Hertzen einweyhen / und mit koſtbarer Eitelkeit ihren kaltſinnigen GOttes-Dienſt uͤberfirnſen.

Wiewol nun an etlichen Orten Deutſch - lands die Sonne unter der Geſtalt eines halb - nackten auf einen hohen Pfeiler geſetzten Man - nes / deſſen Haupt mit Feuer-Stralen umb - geben war / und der auf der Bruſt ein brennen - des Rad hielt; der Mond unter dem Bildnuͤſſe eines Weibes / mit einem kurtzen Rocke / einerKappen mit langen Ohren / mit gehoͤrnten Schuhen und dem Monden auf der Bruſt; der Tuiſco in der Haut eines wilden Thieres / mit einem Zepter in der Hand verehret ward; ſo hatte doch gegenwaͤrtiger Ort noch dieſe Reinigkeit erhalten: daß ſie in dieſen ihren erſten Tempel kein Bild ihres GOttes entwe - der nach menſchlicher Aehnligkeit / oder Geſtalk eines Thieres ſetzten. Sintemal ſie nicht nur den abſcheulichen Mißbrauch der Goͤtter Bil - dung darauß wahrnahmen: daß Praxiteles nach ſeiner Bey-Schlaͤferin Gratina / viel an - dere nach der unzuͤchtigen Phryne die Goͤttin Venus / Phidias nach einem mißbrauchten Knaben Pantauches / den Olympiſchen Jupi - ter abgebildet hatten; und wie ſchwer der Bild - Schnitzer ſein eigen Gemaͤchte anbeten koͤnne / beobachteten / ſondern auch ehrerbietig glaubten: Man koͤnne zwar gewiſſe Bildnuͤſſe zum Zei - chen der daſelbſt verehrten GOttheit in gemein / zu welchem Ende im Anfange der Dinge die Sterblichen zu ihrem GOttes-Dienſte Lanzen ſollen aufgeſteckt haben / die Morgen-Laͤnder ihren Jupiter durch einen groſſen rundten ober - halb laͤnglichten / die Araber durch einen viereckichten Stein / die Perſer durch einen Fluß / die Druiden durch einen hohen Eich - Baum / oder durch einen Degen und Gezelt; die Paphier ihre Venus mit einer Kugel ange - deutet haben / oder zum Unterſchiede eines ge - wiſſen GOttes-Dienſts / der an einem Orte im Schwange gienge / als durch den Blitz / daß Ju - piter / durch den Spieß / daß Pallas / durch die Saͤule / daß Hercules / durch das wilde Schwein / daß die Goͤttin Herta / durch ein altes Schwerdt / daß Marß / (welchem die Scythen unter dieſer Geſtalt ihre Gefangenen opffern) durch einen Sebel / daß die Diana (womit ſie die Taurer abbildeten) allda verehret wuͤrde / an heiligen Oertern auffſtellen / oder ſelbte gar nach der Gewohnheit ihreꝛ Vorelteꝛn mit in die Schlach - ten nahmen / oder zu ihren Heer-Fahnen brau - chen; Die Groͤſſe aller himmliſchen Geiſter a -Erſter Theil Bber10Erſtes Buchber wuͤrde verunehret / wenn man ſie ſelbſt mit zerbrechlichem Ertzt oder Steinen abbilden / oder in durch Menſchen Haͤnde gemachte Mauren einſchlieſſen wolte. Denn der groſſe Umkreiß der Welt ſey der groͤſte / eine andaͤchtige Seele a - ber der angenehmſte Tempel Gottes. Ja das kleineſte Mooß / das an den niedrigſten Stau - den waͤchſt / ſey die Groͤſſe Gottes fuͤrzubilden groß genug. Der geringſte Wurm diene zum Beweißthume ſeiner lebhafften Gegenwart und unendlichen Verſehung. Dahero auch Pythagoras ſeinen Nachfolgern auffs ſchaͤrffſte verbot / keinen Ring / oder was anders / darein Gottes Bild gegraben waͤre / zu tragen. Hier - durch auch ſie zugleich erinnerte: daß ſie ihre Glaubens-Geheimniße von GOtt bey dem al - bern Poͤfel nicht gar zu gemein machen ſolten. Nichts minder hat Numa verboten / GOtt durch eines Menſchen oder Thieres Bild fuͤr - zuſtellen / weil es verkleinerlich waͤre / das hoͤch - ſte Ding mit ſo geringen zu vergleichen / und die unſichtbare Unbegreiffligkeit durch die Au - gen denen Sterblichen gemein zu machen. Wie - wohl hernach mit dem Verderb der Roͤmiſchen Sitten auch dieſe einſchlich: daß ſie / nach Ge - wohnheit der Egyptier / auch ihrer in Edelge - ſteine geſchnittener Goͤtter Bildniße mit Rin - gen an Fingern trugen.

Der Prieſter Libys / ein ſteinalter Mann / deſſen eyßgraues Haar zwar den Schimmel der Zeit / und die Vergaͤnglichkeit des Leibes / ſein munteres Antlitz aber gleichſam ein Vor - bild der unſterblichen Seele darſtellte / trat aus der Hoͤle dieſen Deutſchen Helden entgegen / und erweckte ſo wohl gegen ihm als dieſem heiligen Ort eine ungemeine Ehrerbietung; Zumal die Deutſchen ohne diß gegen ihre Prieſter groͤſſere als gegen Koͤnige zu bezeugen gewohnt waren. Seinen Leib / von den Schultern biß auff die Fuͤſſe / bedeckte ein ſchneeweißes Gewand / wel - ches ein Guͤrtel / darauff die zwoͤlff himmliſchen Zeichen geſtickt ſtanden / uͤber den Lenden zuſam - men zog. Das Haupt war mit einem Lorber -Krantze umflochten / in der lincken Hand trug er einen Dreyzancks-Stab; auff deſſen mittelſter Spitze die Sonne / auff denen zwey euſſerſten der Mond und das Feuer abgebildet war. Den unter dem Schatten dieſer dreyen natuͤrlichen Geſchoͤpffe betete ein Theil der Deutſchen eine dreyeinige Gottheit an. Jn der rechten Hand hatte er einen Sprengwedel / welchen er drey - mahl in das aus der Hoͤlehervor rinnende Qvell - Waſſer eintauchte / und damit die ſich naͤhernden Helden beſpruͤtzte. Alſo fort fiel Hertzog Herr - mann fuͤr der Hoͤlen auff ſein Antlitz / und ruff - te mit ausgebreiteten Haͤnden des Orts Gott - heit um Erhoͤrung und gluͤckliche Ausfuͤhrung ſeines Anſchlags an. Hierauff zuͤndeten die Opfferknechte das Feuer auff dem unferne von der Hoͤle auffgerichteten Altare an / brachten Beile / allerhand Gefaͤſſe mit Waſſer zur Reini - gung des Opffers / und endlich zwey weiſſe Ochſen herbey; welche um den Hals mit Kraͤn - tzen aus allerhand wohlriechenden Blumen umwunden waren. Der Prieſter wuſch ſeine Haͤnde aus dem Brunnen / legte die lincke auff den Kopff des Opffer-Viehes / ſeufftzete und be - tete bey ſich / die Augen ſtarr gegen dem auffge - henden Monden haltende. Nach dieſem ſchnitt er ein wenig Haare von der Stirne der Ochſen warff ſie mit Weyhrauch vermenget ins Feuer / und ſchlingte ihnen einen Strick um den Hals / mit welchem ohne diß die foͤrdern Fuͤſſe gebunden waren. Als nun die Opffer - Knechte ſelbte damit zu Boden faͤlleten / nahm der Prieſter das Meſſer und ſtach darmit durch ihre Kehle / fing das herausſpritzende Blut in ei - ne ſteinerne Schuͤſſel auff / und goß es in die Flamme / welche davon gantz ſpitzig in die Hoͤhe klimmete. Endlich ſchnitt er den gantzen Bauch auff / beſahe das Eingeweide / zertheilte mit den Veilen die Ochſen / wuſch ſie ab / beſprengte die Viertel mit Meel und Saltz / und verbrenn - te alles zu Aſchen.

Nach derogeſtalt vollbrachtem Opfer rief er mit lauter Stimme dem Hertzoge zu: Er ſolteaufſte -11Arminius und Thußnelda. aufſtehen / die GOttheit haͤtte ſein Gebete gnaͤ - dig aufgenommen / und das Opfer deutete in allem an: daß das Verhaͤngnuͤß ſeinem Fuͤrha - ben geneigt waͤre. Hertzog Herrmann ſprang hierauf mit gleichen Fuͤſſen empor / neigte ſich gegen dem Altare / und weil ſein Hertze ſo wenig die Freude / als ſeine groſſe Hoffnung eines gluͤcklichen Außganges verbergen konte / ſteckte er ſeine lincke Hand gegen dem aufgehenden Voll-Mond aus / und thaͤt ein Geluͤbde: daß er alle edle Roͤmer / welche von ihm wuͤrden ge - fangen werden / aufopfern wolte. Hiemit wendete er ſich gegen die Fuͤrſten und andere Groſſen / welche unfern von ihm bey dem Opfer auch ihrer Andacht gepfleget hatten / und erſuch - te ſie: daß ſie ihm / als einem Wegweiſer hinter den Huͤgel und Tempel nachfolgen moͤchten. Sie hatten aber kaum etliche Schritte fortge - ſetzt / als ſie von Weſten her gegen dem Tempel ſich einen Todten-Aufzug naͤhern ſahen; wel - ches ſie aus aller Begleitenden ſchwartzen Trau - er-Kleidern und ihren umbhuͤlleten Haͤuptern erkenneten. Zufoͤrderſt giengen zwantzig Edel - Leute / welche die Bilder der Sicambriſchen Fuͤrſtlichen Ahnen vortrugen; dieſen folgten drey Sicambriſche Prieſter mit Opfer-Beilen / und hierauf alſofort ein mit Blumen-Kraͤntzen uͤber und uͤber bekleideter Sarg / welcher von zwoͤlf weiſſe Wachs-Fackeln tragenden Edel - Knaben umbgeben / und von ſo viel edlen Jung - frauen getragen ward; die alle ſo viel Thraͤnen uͤber ihre Wangen fluͤſſen lieſſen / daß es ſchien / als haͤtten ihre Augen ſich in das regnende Sie - ben-Geſtirne verwandelt. Jhre Vorgaͤnge - rin / eine anſehnliche Frau / alleine hatte trockene Augen / es ſahe ihr aber eine heftigere Beſtuͤr - tzung aus dem Geſichte / als welche mit Weinen fuͤrzubilden iſt. Der Leiche folgten eine ziemli - che Anzahl Sicambriſche Edel-Leute / und zu - letzt die Opfer-Thiere / welche auf denen Be - graͤbnuͤſſen zwar geſchlachtet / nicht aber ver - brennet / ſondern von denen Leidtragendenverſpeiſet zu werden pflegen. So bald ſie fuͤr den Eingang deß Tempels kamen / ward die Baare niedergeſetzet / der Sarg eroͤffnet / in welchem eine eingebalſamte Leiche eines Frauen-Zimmers zu ſehen war. Nachdem ſie alle gegen der heiligen Hoͤle ſich biß auf die Erde niedergebuͤckt / und ein kurtzes Gebete gethan hatten; kehrte ſich die dem Sarche vortretende edle Frau zu denen anweſenden Fuͤrſten / und fieng nach etlichen tieffen Seufzern halb re - chelnde an zu reden: Wundert euch nicht / groſſe Helden / wer ihr auch ſeyd / daß ſo viel beſtuͤrtztes Frauen-Zimmer und traurige Frembdlinge eu - re heilige Rath-Schlaͤge ſtoͤren. Unſre Leiche und Sache vertraͤget nichts als Wehklagen; bey de - nen Deutſchen aber iſt den Maͤnnern nur das Andencken / denen Weibern das Trauren allein anſtaͤndig. Laſſet euch vielmehr befrembden: daß mein trockner Schmertz noch das Vermoͤ - gen hat meine Zunge zu ruͤhren. Dieſes Ge - rippe ſind die geringſchaͤtzigen Huͤlſen der uͤber - irrdiſchen Walpur gis / der Sicambriſchen Fuͤr - ſtin; welche ich von Jugend auf durch tugend - hafte Erziehung zu bedienen das Gluͤcke / der boßhafte Varus aber zu ermorden den Vorſatz gehabt hat. Wolte GOtt aber / dieſer Un - menſch haͤtte nur ihr Leben / nicht aber ihre Tu - gend auszuleſchen ſich bemuͤhet! Alleine dieſe Heldin hat das erſte an ihr ſelbſt hertzhafft aus - uͤben muͤſſen / womit Varus / der Keuſchheit Tod-Feind / das andere zu vollbringen gehindert wuͤrde. Denn ſie hat lieber in dem Siege - Strome ertrincken / als mit dieſem luͤſternen Hengſte in dem Gewaͤſſer der Wolluͤſte ſchwim - men wollen. Jch ſtehe an unſere Walpurgis der Roͤmiſchen Lucretia zu gleichen / welche letz - tere / da ſie unſchuldig geweſt iſt / nicht den Tod / wenn ſie aber nur ihr beliebtes Verbrechen mit dem Blute zu uͤberfirnſen geſuchet / kein Lob ver - dienet hat. Sintemal die erſtere durch zeitliche Abſchneidung ihres Lebens-Fadens dem Wuͤ - terich auch das Vermoͤgen ſie zu verunehrenB 2abge -12Erſtes Buchabgeſchnidten. Gleichwol aber beredet mich der aus ſo viel Helden-Geſichtern hervor ſtrahlende Anblick: daß die unbefleckte Wal - purgis zum minſten ſo wol eine Urſache der Ra - che / ein Anlaß die gekraͤnckte Freyheit wiederzu - ſuchen / fuͤr Deutſchland; als die gleichwol beſu - delte Lucretie eine Mutter der buͤrgerlichen Herrſchafft / und eine Vertilgerin der Wuͤtteri - che in Rom zu ſeyn / verdiene. Ja weil dieſe großmuͤtige Tochter des Fuͤrſten Melo in ihrem Hertzen einen ſo groſſen Tugends-Eyfer gezeu - get: daß ſie an ihrem Leibe die unſinnige Be - gierde des Varus doch mit dem Tode geſtraffet hat; wuͤrde ich aller anweſenden Helden Un - willen uͤber mich billich ziehen; wenn ich nur zweifelte: daß ſie an dem ſchuldigen Varus ſo viel Laſter mit gelinderer Straffe belegen / und dem / nicht ſo wol zur Rache ſeines Hauſes / als dem gemeinen Weſen zum Beſten / wider die Roͤmer hertzhafft ſtreitenden Melo ritterlich bey - ſpringen wuͤrden. Dieſem heiligen Heyne hat ihr beſtuͤrtzter Vater die Aſche einer ſo heiligen Fuͤrſtin gewiedmet / weil dieſer Leib vorher ein heiliges Behaͤltnuͤs einer ſo reinen Seele geweſt. Aber in wie viel ein herrlicher Heyligthum wird mit ihrem Gedaͤchtnuͤſſe das Bild der Tugend beygeſetzt werden; wenn in denen Hertzen ſo groſ - ſer Helden die truͤben Wolcken des Mitleidens einen ſolchen Blitz gebehren / welcher den Wuͤtte - rich in Aſche verkehret / und der Nach-Welt ein Beyſpiel der ungluͤcklich angefochtenen Keuſch - heit hinterlaͤſt. Nach dem aber die Leichen ih - rer Ruh / die from̃en Seelen ihrer Erquickung / die Boͤſen der Marter nach dem Tode wuͤrdig ſind / und alſo mit Seufzern begleitet zu werden verdienen / inſonderheit die irrdiſchen Straffen ein allzu leichtes Gewichte gegen die Schwere eines ſo grauſamen Verbrechens abgeben; ſo ſehet / was das adeliche Frauen-Zimmer der Si - cambrer fuͤr eine bewegliche Bitte an die Geiſter des andern Lebens deswegen abgelaſſen. Hiemit grief ſie in den Sarg / und nahm der darinnenausgeſtreckten Leiche ein Schreiben aus der lincken Hand / und laß folgende Worte daraus:

Jhr Geiſter / die ihr ſeyd von GOtt dazu beſtellt
Der Sterbenden Gebein und Aſche zu bewahren /
Laſt dieſer Leiche ja kein Leid nicht widerſahren!
Denn die hier Eyß iſt / war die Sonne dieſer Welt /
Die hier iſt Erde / ſchloß den Himmel in ſich ein;
Die Staub iſt / war zuvor ein Wunder-Stern auf Erden.
Jedoch ſie kan ietzt todt nichts wenigers ja werden /
Die / weil ſie lebend war / nichts groͤſſers konte ſeyn.
Jhr Geiſter aber ihr / die ihr Geſpielen ſeyd
Der hier gepeinigten und dort erfreuten Seelen.
Nehmt an Walpurgens Geiſt / der aus des Leibes Hoͤlen
Sich mit Gewalt entbrach / und fuͤr beſtimmter Zeit /
Womit ihr keuſcher Leib rein / heilig / unbefleckt
Zu dem was er geweſt / zur Erden in der Erde /
Allein ihr himmliſch Geiſt ein Stern im Himmel werde /
Der hier ſchon ein groß Licht der Welt hat aufgeſteckt.
Jhr Hencker endlich auch / der Seelen / die in Koth
Das Oel der Tugend kehrn / des Himmels Schatz verliehren /
Und noch ihr ſtinckend Gift auf reine Lilgen ſchmieren /
Thut ja dem Varus an Pein / Ketten und den Tod.
Er hat auch euch verſehrt / denn haͤtt er nicht geglaubt:
Daß nach dem Tode nichts / kein Recht / kein Leben waͤre;
Daß weder GOtt noch Geiſt ſich an die Laſter kehre /
So haͤtt er’s Leben wol Walpurgen nicht geraubt.

Alle anweſende Fuͤrſten ſahen einander gantz beſtuͤrtzt an; denn nicht nur die traurigen Ge - ſichter der anweſenden Klage-Weiber / ſondern auch der todten Fuͤrſtin Antlitz ſie gleichſam mit ſtummer Zunge zum Mitleiden und zur Ra - che anfleheten. Das Waſſer in welchem ſie einen halben Tag gelegen