PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Das Verlohrne Paradies,
aus dem Engliſchen Johann Miltons in Reimfreye Verſe uͤberſetzt, und mit eignen ſowohl als andrer Anmerkungen begleitet von Friedrich Wilhelm Zachariaͤ. Mit Kupfern.
Zweyter Theil.
Unter Koͤnigl. Pohln. u. Churfl. Saͤchſ. Privilegio.
Altona,beyDavid Jverſen, Koͤnigl. privil. Buchh. in Holſtein,1763.

Vorbericht zum zweyten Bande des verlohrnen Paradieſes.

Jch lege hiermit meinen Leſern die ſechs letzten Ge - ſaͤnge des Miltoniſchen verlohrnen Paradieſes vor, und hoffe, daß ſie dieſelben eben ſo guͤtig aufnehmen werden, als die ſechs erſten.

Der geſchwinde Abgang des erſten Theils meiner Ueber - ſetzung hat mir gezeigt, daß ich eine nicht ganz undankbare oder unnuͤtze Arbeit unternommen habe; und dieſer Beyfall hat mich ermuntert, dieſe muͤhſame Ueberſetzung nicht allein zu vollenden, ſondern ſie auch in Anſehung der Verſe ſo harmoniſch zu machen, als es mir nur immer moͤglich geweſen iſt. Jch muß indeß meine Leſer bitten, bey der Beurtheilung dieſes Werks billig zu ſeyn. Nichts iſt leichter, als daß ein Kunſtrichter, der mit feindlichem Blute ſich hinſetzt, Fehler zu finden, ſehr leicht Fehler entdeckt; denn wo iſt denn auch das vollkommenſte menſchliche Werk, wel - ches hievon frey waͤre? Wenn man aber eine ſolche Unternehm[u]ng,) (2wieVorbericht zum zweyten Bandewie die meinige iſt, nur mit einiger Gemuͤthsbilligkeit anſieht, ſo wird man auch einige Fehler ſehr leicht vergeben, die aus man - cherley Urſachen nicht ganz zu vermeiden waren. Dieſe Ueber - ſetzung des verlohrnen Paradieſes hat ein Verſuch ſeyn ſollen, ob unſre Sprache zu poetiſchen Ueberſetzungen geſchickt ſey, indem ich noch immer der Meynung bin, daß ein Poet, der in Proſa uͤber - ſetzt wird, faſt alles verliert. Wenn alſo andre durch mein Bey - ſpiel ermuntert werden, ihre Kraͤfte gleichfalls in aͤhnlichen Arbei - ten zu verſuchen, ſo werde ich einen großen Theil meiner Wuͤnſche fuͤr erfuͤllt halten. Vielleicht wird bald ein guter Kopf dadurch unter uns angefeuert, uns eine poetiſche Ueberſetzung des Homers zu liefern.

Einigen meiner Leſer iſt es vielleicht nicht unangenehm, wenn ich ihnen bey dieſer Gelegenheit eine Probe einer Ueberſetzung vor - lege, wie ich ſolche anfaͤnglich nach Miltons eigenem Sylbenmaaße zu machen entſchloſſen war. Die erſte Stelle faͤngt ſich im fuͤnften Geſange mit dem 564. Vers an:

Als dieſe Welt noch nicht geſchaffen war,
Und wuͤſt und wild das Chaos da regierte,
Wo itzt voll Pracht ſich dieſe Himmel vollen,
Und wo die Erd auf ihrem Mittelpunkt
Gegruͤndet ruht; da wars an einem Tage, (Denn auch die Zeit mißt in der Ewigkeit
Durch die Bewegung alles, was geſchieht
Mit dem Vergangnen, Gegenwaͤrtigen,
Und dem Zukuͤnftgen) an ſolch einem Tage,
Wie ihn das große Jahr des Himmels zeugt,
Erſchien, gefodert durch Befehl von Gott
Das ganze Heer der Engel vor dem Throne
Des Ewigen; unzaͤhlbar; eingetheilt
Jn ihre Hierarchien und Ordnungen;
Zehntauſend tauſend Fahnen und Standarten,
Und ſtralende Paniere, hoch erhoͤht,
Durchſchimmerten im Vor - und Nachtrapp weit
Die Luft; und dieneten zum UnterſchiedFuͤrdes verlohrnen Paradieſes.
Fuͤr Hierarchien und Ordnungen und Stufen.
Jn ihren hellen Stoff war manche That
Von Lieb und heilgem Eifer eingewebt.
Jndeß, daß Myriad an Myriade,
Und Kreis in Kreis, ſich unabſehlig draͤngt,
Enthuͤllte ſich dem Blick der flammende
Lichtklare Huͤgel, deſſen obrer Gipfel
Unſichtbar war vor Herrlichkeit, die ihn
Bedeckte. Auf ihm ſaß der Ewige,
Und neben ihm in gleicher Herrlichkeit
Der Sohn; indem die Stimme Gottes ſprach:
Hoͤrt, all ihr Engel, ihr, des Lichts Geſchlecht,
Jhr Thronen, Fuͤrſten, Kraͤfte, Tugenden,
Hoͤrt meinen Rathſchluß, der unwiederruflich
Beſtehn ſoll! Heute hab ich meinen Sohn
Gezeugt, und ihn geſalbt auf dieſem Huͤgel,
Wo ihr ihn ſeht zu meiner rechten Hand.
Jch ſetz ihn euch zu eurem Oberhaupt
Und Koͤnig; und ich habe bey mir ſelbſt
Geſchworen, aller Knie ſoll ſich vor ihm
Jm Himmel beugen, und ihn fuͤr den Herrn
Erkennen! Unter ihm und ſeinem Reich
Seyd, als wie Eine Seele ſtets vereint,
Auf ewig gluͤcklich. Wer ihm den Gehorſam
Verſagt, verſagt ihn mir; zerreißt das Band
Der Einigkeit, und ſoll noch dieſen Tag
Von Gott verbannt, von ſeinem Anſchaun fern,
Herunterſtuͤrzen in die aͤußerſte
Furchtbare Finſterniß, den Ort der Quaal,
Fuͤr ihn beſtimmt, ohn End, und ohn Erloͤſung.

Die zweyte Probe dieſer Versart iſt gleichfalls aus dem fuͤnften Geſange genommen; nachdem Satan naͤmlich bey der Nacht den Thron Gottes verlaſſen, haͤlt er an ſeine Maͤchte fol - gende Rede:

Wir haben hier, ihr Thronen, Potentaten,
Herrſchaften, Fuͤrſten, Tugenden, und Kraͤfte,
Wenn anders dieſe praͤchtgen Titel nicht
Bloß Titel ſind, da nun ein anderer) (3SichVorbericht zum zweyten Bande
Sich aller Macht anmaßt, und unter ihm,
Und ſeinem Namen des Geſalbeten
Wir uͤbrigen nun ganz verdunkelt ſind:
Wir haben hier, ſo bey der Mitternacht,
So eilig uns verſammelt zu erwaͤgen,
Mit welchen Ehren wir den neuen Herrn
Allhier begegnen wollen, der von uns
Den Knietribut, den wir noch nicht bezahlt,
Erwartet, und ihn hier empfangen will.
Unbilliger, beſchimpfender Tribut!
Demuͤthgende Verehrung! ſchon zu viel,
Sie Einem zu erzeigen! aber nun
Noch einem Zweyten, ſeinem Ebenbild
Sie zu erzeigen, wer ertraͤget das?
Doch wie? wenn uns ein beſſerer Entſchluß
Zu groͤßerm Edelmuth begeiſter[te],
Und dieſes Joch uns abzuwerfen lehrte?
Wollt ihr die Nacken beugen? wollt ihr knien,
Demuͤthig vor ihm knien im Staube? Nein!
Jhr wollt es nicht, kenn ich euch anders recht,
Und kennt ihr ſelbſt euch recht! Jhr alle ſeyd
Des Himmels Soͤhne, den niemand vor euch
Beſeſſen hat; und ob ihr alle zwar
Nicht gleich erhaben, nicht gleich herrlich ſeyd;
So ſeyd ihr doch deswegen frey gleich frey!
Denn mit der Freyheit koͤnnen Ordnungen
Und Gnade wohl beſtehn. Wer kann denn nun
Sich mit Vernunft, mit irgend einem Rechte
Der Oberherrſchaft uͤber die anmaßen,
Die durch das Recht zuſammen gleich ihm ſind,
Und wenn an Macht und Herrlichkeit geringer
Jn Freyheit gleich ihm ſind? Und wer kann denn
Geſetze geben, die nicht irren koͤnnen?
Und wer kann endlich denn zu unſerm Herrn
Sich aufzuwerfen wagen, und Anbethung
Von uns, von Koͤnigen, von Goͤttern fordern?
Die Titel ſchon bekraͤftigen, daß wir
Geſchaffen ſind, zu herrſchen, nicht zu dienen.
Bishieher fand er ohne Widerſpruch
Mit der verwegenen BeredſamkeitGehoͤr:des verlohrnen Paradieſes.
Gehoͤr: als von der Schaar der Seraphim
Sich Abdiel erhob; denn keiner war,
Der mit mehr Eifer den Allmaͤchtigen
Und ſein Geboth verehrte. Voller Gluth
Und heilgen Eifer, ſetzt er ſich dem Strom
Der raſenden Verfuͤhrung ſo entgegen.
O Gotteslaͤſternde, verwegene
Und ſtolze Reden! Wer im Himmel hat
Sie je erwartet, und beſonders ſie
Von dir erwartet, o du Undankbarer!
Der du ſo ſehr an Macht und Herrlichkeit
Erhaben biſt vor allen deines Gleichen.
Darfſt du dich unterſtehn, des Hoͤchſten Schluß,
Den er vor allen Himmeln kund gethan,
Und ihn beſchworen, daß ſich alle Knie
Vor ſeinem einzgen Sohn im Himmel beugen
Und ihn fuͤr ihren Koͤnig, ihren Herrn
Erkennen ſollen unterſtehſt du dich,
Den zu verdammen? Ungerecht, ſagſt du,
Jſt dieſer Rathſchluß? ungerecht iſt es,
Daß uͤber Gleiche jemand herrſchen will,
Und freye Geiſter durch Geſetze bindet?
Daß einer uͤber alle herrſchen will
Mit unumſchraͤnkter Macht? Willſt du denn Gott
Geſetze geben? Willſt du uͤber Freyheit
Mit dem dich ſtreiten, welcher dich erſchuf,
Dich, was du biſt, erſchuf, und alle Geiſter
Des Himmels, wie es ihm gefiel, gemacht?
Lehrt uns Erfahrung nicht, wie gnaͤdig er,
Und wie beſorgt er iſt fuͤr unſer Wohl,
Fuͤr unſre Wuͤrde? Jſt er nicht geneigt,
Anſtatt ihn zu verringern, unſern Stand
Noch gluͤcklicher, noch herrlicher zu machen,
Da wir durch unſer Haupt noch mehr vereint,
So ſeiner Allmacht Throne naͤher ſind?
Und herrſchet denn ein Gleicher uͤber Gleiche?
Du ſelbſt, ſo groß ſo herrlich du auch biſt,
Darfſt du, und alle himmliſche Naturen,
Wenn ſie vereinigt wuͤrden, mit dem SohnDemVorbericht zum zweyten Bande ꝛc.
Dem einzgen Sohn der Allmacht dich vergleichen,
Durch den, als durch ſein Wort, der Ewige
Dich ſelbſt erſchuf, und alles Himmelsheer;
Durch ihn ſie ſchuf zu Thronen, Potentaten,
Herrſchaften, Fuͤrſten, Tugenden, und Kraͤften
Zu weſentlichen Kraͤften, deren Glanz
Durch ſeine Herrſchaft nicht verdunkelt wird,
Nein herrlicher, glorreicher ſtralt, da er
Als unſer Haupt nunmehr zu uns gehoͤrt,
Und alle Ehre, die man ihm erzeigt,
Auf uns zuruͤcke faͤllt? Halt darum ein
Mit dieſer tollen Wuth! verfuͤhre nicht
Unſchuldige mit dir! und ſuch in Eil
Den Zorn des Vaters, und des Sohnes Zorn
Noch weil es Zeit iſt, zu beſaͤnftigen.

Haͤtten nicht Schwierigkeiten, die wenigſtens mir unuͤberwind - lich ſchienen, mich abgehalten, und waͤre es moͤglich geweſen, auch andere ſchwere Stellen Miltons in dieſes Sylbenmaaß zu bringen, ſo haͤtten die Leſer vielleicht das ganze Gedicht in dieſer Versart erhal - ten. So aber ſahe ich mich auf gewiſſe Weiſe gezwungen, den Hera - meter zu meiner Ueberſetzung zu erwaͤhlen, wenn ich von dem Woͤrt - lichen meines Dichters mich nicht allzuſehr entfernen wollte. Die Begierde, ſo genau als moͤglich bey dem Originale zu bleiben, iſt Ur - ſache geweſen, daß ich beſonders in den erſten Geſaͤngen zuweilen den Wohlklang des Sylbenmaaßes etwas verſaͤumt, wovor ich mich aber in di[e]ſen ſechs letzten Geſaͤngen deſto mehr bemuͤht habe, ihn ſo viel moͤglich mit dem Woͤrtlichen der Ueberſetzung zu verbinden.

Jch werde mich freuen, wenn unſre Deutſchen dieſen großen Engliſchen Dichter, welchen wir als den erſten Schoͤpfer der heiligen Epopee anzuſehn haben, aus meiner Ueberſetzung etwas beſſer kennen lernen. Der dritte Band, welcher das Leben dieſes großen Poeten, nebſt verſchiednen kritiſchen Abhandlungen uͤber ſein Gedicht enthalten ſoll, wird kuͤnftige Leipziger Oſtermeſſe gleichfalls erfolgen. Braun - ſchweig, den 12ten September, 1762.

Das

Das Verlohrne Paradies. Siebenter Geſang. Das Verlohrne Paradies. Siebenter Geſang.

II. Theil. A[1][2]
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[3]
Steige vom Himmel herab, Urania
a)Nach dem Horaz Od. III. IV. 1. De - ſcende coelo etc. Urania heißt nach dem Griechiſchen himmliſch, daß er alſo, wiezu Anfang des Gedichts, die himmli - ſche Muſe anruft. N.
a)! Wenn ich dich anders
Recht bey dieſem Namen genannt. Der goͤttli - chen Stimme
Folg ich, indem ich verwegen weit uͤber den hohen Olympus,
Und weit uͤber den Flug der Schwingen des Pegaſus ſteige.
A 2Nicht4Das verlohrne Paradies. 5
Nicht den Namen, dein Weſen ruf ich zum kuͤhneren Lied an,
Denn du biſt keine der Muſen
b)Taſſo in ſeiner Anrufung druͤckt ſich eben ſo aus. Gier. Lib. Cant. 1. St. 2. O Muſa, tu, che di caduchi allori Non circondi la fronte in Helicona; Ma ſu nel cielo infra i beati chori Hai di ſtelle immortali aurea corona. Du, o Muſe, nicht die, die mit ver - gaͤnglichen Lorbeern Auf des Helikons Hoͤhe ſich ihre Stirne bekraͤnzet,Sondern jene, geſchmuͤckt im Kreis der ſeligen Choͤre Mit dem guͤldenen ſtralenden Kranz von unſterblichen Sternen. Thyer.
b), bewohnſt auch des alten Olympus
Gipfel nicht; ſondern biſt himmliſch gebohren. Bevor noch die Huͤgel
Sich erhoben, und Quellen geſtroͤmt, da haſt du vertraut ſchon
Mit der ewigen Weisheit dich unterhalten; der Weisheit,
10
2 Deiner Schweſter; und ruͤhrteſt mit ihr die himmliſchen Saiten
Vor dem allmaͤchtigen Vater, der an den harmoniſchen Liedern
Selbſt ſich ergoͤtzte. Geleitet durch dich, erkuͤhnte mein Flug ſich
Jn den Himmel der Himmel hinauf zu ſteigen. Dort trank ich
Als ein irdiſcher Gaft die empyreiſchen Luͤfte,
15
2 Die du gemaͤßigt fuͤr mich. Jtzt leite mich eben ſo ſicher
Wieder zur Erde zuruͤck, von der ich entſprungen; damit ich
Nicht, (wie Bellerophon einſt, der aber aus niedrigern Luͤften
Stuͤrzte,) von dieſem fliegenden Roß, das kein Zuͤgel regieret,
Abgeworfen, herunter falle, die Felder des Aleus
c)Bellerophon, ein Sohn des Glaucus, war ein tapferer Juͤngling, der in verſchiedenen Unternehmungen vol - ler Gefahren obſiegte. Als er aber auf dem gefluͤgelten Pferde Pegaſus den Him - mel erreichen wollte, fiel er herunter und kam in den Wuͤſten Aleus um. N.
c)
20
3 Durchzuwandern, verirrt und verlohren in einſamen Wuͤſten.
Noch die Haͤlfte des Lieds iſt ungeſungen, doch enger
Jn die ſichtbare Sphaͤre des irdiſchen Tages beſchraͤnket.
Da ich auf ſterblichem Boden nun ſteh, und die kuͤhnen GedankenNicht5Siebenter Geſang.
Nicht mehr uͤber den Pol hinaus entzuͤckt ſind: ſo ſing ich
25
3 Sichrer nunmehr mit der Stimme des Menſchen; ſie wird auch nicht heiſer;
Oder verſtummt; ob ich gleich in uͤbele Tage
d)Ein ſehr ſchoͤnes lebhaftes Gemaͤlde von dem elenden Zuſtande des Poeten, der ſeiner Augen beraubt, ſehr viel Feinde un - ter der damaligen koͤniglichen Parthey hatte, und deswegen ſehr verborgen leben mußte. Welch ein Geiſt indeß, der in ei -nem ſolchen Zuſtande, doch ein ſolches Gedicht vollenden konnte! N.
d)gefalln bin,
Leider gefalln in uͤbele Tage, voll uͤbeler Zungen,
Sitzend in Finſterniß, rund um mich her mit Gefahren umgeben,
Einſam, verlaſſen; doch nicht allein, ſo lange du naͤchtlich
30
4 Mich im Schlummer beſuchſt, und wenn der Morgen den Oſten
Ueberpurpert. Begeiſtre mein Lied, Urania! laß mich
Wuͤrdige Hoͤrer finden, obgleich nur wenig der Edlen.
Aber verjage von mir den barbariſchen Misklang des Bachus,
Und der Schwaͤrmer des Bachus, die Soͤhne des wilden Geſchlechtes,
35
4 Welches in Rhodopens Waͤldern
e)Orpheus, ein beruͤhmter Thrazi - ſcher Poet, wurde durch die Bachantin - nen auf dem Berge Rhodope in Stuͤcke zerriſſen; die Muſe Calliope, ſeine Mut - ter, konnte ihn nicht beſchuͤtzen. N.
e) den Thraziſchen Barden zerriſſen,
Wo ſelbſt Fels und Hain zu ſeinen entzuͤckenden Liedern
Ohren hatten; bis endlich Geſchrey und wildes Getuͤmmel
Leyer und Stimme betaͤubt; die Muſe konnte den Sohn nicht
Schuͤtzen; doch alſo verlaß du nicht den, der itzo dich anruft,
40
5 Denn du biſt himmliſch gebohren, ſie war ein Traum nur der Fabel.
Sage, was drauf, o Goͤttinn, erfolgt, da ſo huldreich der Engel Raphael Adam, dem erſten der Menſchen, die fremde Geſchichte
Von dem Abfall und Streit der rebelliſchen Thronen erzaͤhlet,A 3Und6Das verlohrne Paradies.
Und ihn durch dieß ſchreckliche Beyſpiel gewarnet, vor gleichem
45
5 Traurigen ſchweren Fall, ſo wohl ſich ſelber in Eden,
Als die Nachwelt auch, die ſeinen Lenden entſprungen,
Zu bewahren; und da der Baum der verbothnen Erkenntniß
Jhnen verſagt war, dieß einzge Geboth, ſo leicht zu erfuͤllen,
Niemals zu brechen, und ſich vielmehr an mancherley Arten
50
5 Andrer vollkommenen Fruͤchte den luͤſtern Geſchmack zu vergnuͤgen.
Voller Verwundrung hatt er mit Eva, ſeiner Vermaͤhlten,
Die Erzaͤhlung gehoͤrt; und ſaß in tiefen Gedanken
Ueber ſo hohe fremde Geſchichte, ſo ſeltene Dinge,
Welche ſie kaum ſich zu denken vermochten; als Haß in dem Himmel,
55
5 Stolz, und Feindſchaft und Krieg, in ſolcher wilden Verwirrung,
Und ſo nah an der Seeligkeit Sitz, und dem Throne des Ewgen.
Aber das ausgeſtoßne, zuruͤckgetriebene Boͤſe,
Stuͤrzte ſtromweiſ auf die, durch die es am erſten entſprungen,
Da es unmoͤglich ſich mit dem Genuß der reineſten Freuden
60
5 Jemals vermiſcht. Drum ließ auch Adam die Zweifel bald fahren,
Die er deshalb ſich gemacht. Ein ſtarkes unſuͤndges Verlangen
Faſſet ihn itzt, vom Engel zu wiſſen, was naͤher ihn angieng,
Wie die Welt, wie Himmel und Erd, im Anfang entſtanden,
Wenn, und woraus ſie geſchaffen, zu welchem Zwecke; was vor ihm
65
5 Jnn - und außerhalb Eden geſchehn. Wie ein durſtender Wandrer,
Der erſt eben die labende Quelle geſchmeckt, noch begierig
Auf dem rinnenden Strom, der mit lebendigem Murmeln
Jmmer noch neuen Durſt ihm erregt, ſein Auge verweilet:
So fuhr Adam auch fort den himmliſchem Gaſt zu befragen.
Große7Siebenter Geſang. 70
Große Dinge, ſprach er, und wundervolle Geſchichte
So verſchieden von allem auf dieſer niederen Erde,
Haſt du uns offenbart, o goͤttlicher Lehrer! Dich ſandte
Von dem Empyreum herab des Ewigen Gnade,
Uns in Zeiten vor Dingen zu warnen, die unſer Verderben,
75
5 Wenn ſie uns unbekannt blieben, vielleicht beſchleuniget haͤtten,
Da wir durch unſern Verſtand ſie nicht zu erreichen vermochten
Mit unſterblichem Dank ſind wir der unendlichen Guͤte
Auch fuͤr dieſe Warnung verpflichtet, und feyerlich faſſen
Wir den feſten Entſchluß, den Willen des oberſten Herrſchers
80
5 Unverbruͤchlich zu halten; der Zweck, warum wir gemacht ſind
f)Der Wille Gottes iſt der Endzweck alles deſſen was wir find. Offenb. Joh. IV, 11. Du haſt alle Dinge geſchaf - fen, und durch deinen Willen ha - ben ſie das Weſen, und ſind ge - ſchaffen. N.
f).
Aber indem du ſo huldreich uns wuͤrdigſt, zu unſerer Lehre,
Dinge, weit uͤber die irdſchen Gedanken, vor uns zu enthuͤllen,
Die nach der oberſten Weisheit Befehl zu unſrer Erkenntniß
Noͤthig ſchienen; ſo laß dir auch itzt herunter zu ſteigen,
85
6 Und zu erzaͤhlen gefallen, was uns zu wiſſen nicht minder
Vortheilhaft ſcheint; wie dieſer Himmel im Anfang entſtanden,
Der ſo entfernt iſt von uns, mit zahlloſen feurigen Kugeln
Ausgeziert, und die umringende Luft, die alles, was Raum heißt,
Macht, oder ausfuͤllt; und rund um verſpreitet, den bluͤhenden Erdball
90
6 Eingewickelt. Entdecke mir doch, was bewog ihn, den Schoͤpfer,
Jn der heiligen Ruhe der langen Ewigkeiten
Noch ſo kuͤrzlich im Chaos zu baun
g)Man hat oft die Frage aufgewor - fen, warum Gott die Welt nicht eher ge - ſchaffen. Nach Miltons Meynung ſchuf ſie Gott erſt nach dem Fall Satans und ſeiner Engel, um ihre ledige Stelle durch andre Creaturen zu erſetzen. N.
g); wenn hat er die SchoͤpfungAnge -8Das verlohrne Paradies.
Angefangen, wie bald ſie vollbracht? iſt dieſes dir anders
Uns zu enthuͤllen erlaubt. Wir ſuchen mit ſtraͤflicher Neugier
95
7 Seines ewigen Reichs Geheimniſſe nicht zu erforſchen,
Sondern ſein Lob zu erhoͤhn, wenn unſer Wiſſen vermehrt wird.
Noch hat das große Licht des Tages die Haͤlfte der Rennbahn
Zu durchlaufen, indem es entzuͤckt am Himmel verweilet,
Da es deine Stimme, die maͤchtige Stimme gehoͤret,
100
7 Und von dir zu vernehmen verlangt, wie es anfangs entſtanden,
Und die Natur aus der finſteren Tiefe der Waſſer heraufſtieg.
Oder wenn nun zu deiner Erzaͤhlung der Abendſtern. eilet,
Und der vertrauliche Mond; ſo wird mit dem Schatten der Nacht auch
Schweigende Stille ſich nahn; der Schlaf, wenn du redeſt, wird wachen
105
7 Oder wenn wir’s verbieten, nicht kommen, als bis dein Geſang ſich
Voͤllig geendet, und dich vor dem Anbruch des Morgens beurlaubt.
So erſuchte der Erſte der Menſchen den himmliſchen Fremdling,
Und der goͤttliche Gaſt gab ihm holdſelig zur Antwort:
Dieß dein Verlangen auch, das du mir itzt ſo beſcheidentlich vortraͤgſt,
110
7 Sey dir gewaͤhrt; obgleich die feurigſte Zunge des Seraphs
Nicht mit Worten vermag die großen Werke der Allmacht
Zu erzaͤhlen; ein menſchliches Herz viel minder ſie faſſet.
Was du indeß zu erreichen vermagſt, und die Ehre des Schoͤpfers
Zu verherrlichen dient, und dich noch gluͤcklicher machet,
115
7 Sey dir von mir nicht verſagt. Jch habe ſolche Befehle
Deinetwegen von oben bekommen, die maͤchtge Begierde
Nach Erkenntniß dir zu vergnuͤgen, wofern ſie die SchrankenNicht9Siebenter Geſang.
Nicht uͤberſteigt; doch frage mich nicht, was uͤber die Schranken
Reicht, und ſchmeichle dir nicht, mit eignen Erfindungen Dinge
120
7 Zu entdecken, die Er, der unſichtbare Beherrſcher,
Welcher allein allwiſſend iſt, in ewiges Dunkel
Eingehuͤllt hat
h)Nach dem Horaz Od. III. XXIX. 29. Prudens futuri temporis exitum. Caliginoſa nocte premit Deus. Weiſe hat Gott in dunkele Nacht, Kuͤnftger Zeiten Ausgang verhuͤllt. Thyer.
h), und keinem, im Himmel ſowohl, als auf Erden
Mittheilt. Genug bleibt dir auf Erden zu forſchen noch uͤbrig;
Aber Erkenntniß gleichet der Nahrung; die Maͤßigkeit muß hier
125
8 Auch die Begierde zum Wiſſen beherrſchen; ſie muß dem Verſtande,
Was er zu faſſen faͤhig iſt, ſagen, ſonſt wird er, beſchweret,
Seinen Ueberfluß nicht verdaun; und ploͤtzlich wird in ihm
So wie Nahrung in Wind, ſo Weisheit in Thorheit verwandelt.
Wiſſe denn, daß, nachdem mit ſeinen flammenden Schaaren
130
8 Lucifer, (denn ſo nenn ihn nunmehr, da unter den Engeln
Ehmals er heller geſtralt, als unter dem Heere der Sterne
Dieſer Stern;) vom Himmel hinab in die Tiefe gefallen,
Seinen Ort der Verdammniß; und nun der erhabne Meßias
Siegreich mit ſeinen Heilgen zuruͤckegekehrt war: der ewge
135
8 Und allmaͤchtige Vater von ſeinem ſtralenden Thron ſie
Myriadenweis ſah, und alſo anhub zum Sohne.
Unſer neidiſcher Feind hat wenigſtens darinn geirrret,
Wenn er geglaubt, daß alle, wie er, Aufruͤhrer geworden,UndII. Theil. B10Das verlohrne Paradies.
Und er dieſen geſicherten Sitz der oberſten Gottheit,
140
8 Wenn er vorher uns enthront, durch ihre rebelliſche Huͤlfe
Zu erlangen gehofft; er hat zwar alle die Mengen,
Deren Staͤtte nicht mehr allhier bekannt iſt, verfuͤhret;
Aber noch eine weit groͤßere Zahl iſt, ſo wie ich ſehe,
Standhaft geblieben; der Himmel iſt noch von Schaaren bevoͤlkert,
145
8 Welche ſein weites Reich, ſo weit ſichs immer erſtrecket,
Aller Orten erfuͤllen, und dieſen erhabenen Tempel
Mit gehoͤriger Pflicht in heilgen Gebraͤuchen bedienen.
Aber damit nicht ſein Herz ſich uͤber das Nachtheil erhebe,
Das er bereits geſtiftet, als ob er den Himmel entvoͤlkert,
150
8 Jn der thoͤrichten Meynung, wie ſehr er dadurch mir geſchadet:
Kann ich dieſen Verluſt gar bald erſetzen, wofern es
Ein Verluſt iſt, die zu verlieren, die ſelbſt durch Verbrechen
Sich verlohren gemacht; in einem Augenblick will ich
Eine zweytere Welt; aus einem einzigen Menſchen
155
8 Unzaͤhlbare Menſchen erſchaffen, die ſollen dort wohnen
Und nicht hier, bis daß ſie zuletzt durch ihre Verdienſte,
Lang im Gehorſam gepruͤft, den Weg hier herauf ſich eroͤffnen,
Dann ſoll die Erde zum Himmel werden, der Himmel zur Erde
i)Die Engel werden oft die Erde be - ſuchen, und die Menſchen werden in den Himmel verſetzt werden. N.
i),
Und ein Koͤnigreich ſeyn, in ſteten vereinigten Freuden.
160
9Wohnt hier indeſſen geraum
k)Milton will hiermit, wie Newton meynt, nicht ſagen, als ob der Raum vorher den himmliſchen Geiſtern zu engegeweſen, ſondern er will dadurch nur die Groͤße des Himmels, und die Menge der Geiſter anzeigen, die mit Satan ab - gefallen, und deren Abgang deswegen merklich geworden war. Z.
k), ihr Geiſter, und Kraͤfte des Himmels! Und11Siebenter Geſang.
Und du, mein Wort, mein einiger Sohn! durch dich will ich alle
Dieſe Werke verrichten; das, was du ſprichſt, das geſchehe!
Er, mein uͤberſchattender Geiſt
l)So heißt es Luc. I. 35. Der hei - lige Geiſt wird über dich kommen,und die Kraft des Höchſten wird dich überſchatten. N.
l), und meine Gewalt ſoll
Dich begleiten; zieh hin; gebiethe der finſteren Tiefe,
165
11 Himmel und Erde zu ſeyn in ihren bezeichneten Grenzen,
Jhr, der finſteren Tiefe, gebiethe, weil ich es allein bin,
Der die Unendlichkeit fuͤllt; kein leerer Raum iſt gelaſſen,
Ob ich gleich unumſchraͤnkt mich in mich ſelber verhuͤlle,
Und nicht meine Guͤte verſchwende, die frey iſt, zu handeln
170
11 Oder zu ruhn; nothwendig nicht, kein Zwang und kein Schickſal,
Darf zu meinem Throne ſich nahn; was ich will, das iſt Schickſal.
Alſo ſprach der Allmaͤchtge; und alles, was er geſprochen,
Brachte ſein Wort, die Gottheit des Sohns, zur Wirklichkeit. Ploͤtzlich
Und im Augenblick ſind die Handlungen Gottes verrichtet,
175
11 Schneller als Zeit und Bewegung; doch koͤnnen ſie menſchlichen Ohren
Nur durch die Folge der Worte beſchrieben werden, und ſo nur
Jhnen beſchrieben werden, wie irdſche Begriffe ſie faſſen.
Großer Triumph, und große Freude war itzund im Himmel,
Als der Allmaͤchtige ſo den hohen Willen erklaͤret.
180
11Ehre ſangen ſie Gott, dem Hoͤchſten; und gnaͤdigen Willen
Fuͤr den kuͤnftigen Menſchen, und ſeinen Wohnungen, Friede.
Ehr, Jhm, deſſen gerechter Zorn die rebelliſche Rotte
Fern von ſeinem Geſicht, und von der heiligen WohnungB 2Ausge -12Das verlohrne Paradies.
Ausgetrieben; Jhm Ehr und Preis, dem Allmaͤchtgen, dem Ewgen,
185
11 Deſſen Weisheit beſchloß, aus Boͤſem Gutes zu ſchaffen,
Und ein beßres Geſchlecht, anſtatt der ruchloſen Geiſter,
Jn die entvoͤlkerte Stelle zu ſetzen, damit er ohn Ende
Ueber alle Zeiten und Welten ſein Wohlthun verbreite.
Alſo ſangen die Hierarchien. Der Sohn war indeſſen
190
11 Zu dem großen Werke bereit; mit Allmacht umguͤrtet
Stand er; das Haupt von Glanz und majeſtaͤtiſchem Schimmer
Ganz umwunden; unendliche Weisheit und Liebe verklaͤrt ihn,
Und in ihm leuchtete ganz ſein Vater. Cherub und Seraph
Waren zahllos herum um ſeinen Wagen gegoſſen
m)So ſagt oftmals Virgil Fuſi per herbam, agris effuſa juventus. Pearce.
m),
195
12Thronen und Potentaten und Kraͤfte, gefluͤgelte Geiſter,
Und gefluͤgelte Wagen, ſo wie ſie im Waffenhaus Gottes
Zahllos zwiſchen zwey ehernen Bergen von Alters her ſtanden,
Himmliſche Ruͤſtungen, welche beſtaͤndig zu feyrlichen Tagen
Fertig hielten; ſie rollten ihm itzt freywillig entgegen,
200
12 Denn ein lebender Geiſt beſeelte jeden, aufmerkſam
Auf die Befehle des Herrn. Die ewigdaurenden Pforten
Schloß der Himmel weit auf; in ihren guͤldenen Angeln
Klang ein harmoniſcher Schall; ſie ließen den Koͤnig der Ehren
Ausziehn, welcher itzt kam, in ſeinem maͤchtigen Worte,
205
12 Und im maͤchtigen Geiſt, um neue Welten zu ſchaffen.
Zahllos ſtanden ſie da auf himmliſchem Boden
n)Jch kenne in dem ganzen Gedichte keine praͤchtgere Beſchreibung, als dieſe,(ſagt
n), und ſchautenVon13Siebenter Geſang.
Von dem Ufer hinab in den unermeßlichen Abgrund,
Finſter und wuͤſt, und wild, gleich einem tobenden Meere
Aufgeruͤhrt von wildbrauſenden Winden, und ſteigenden Wellen
210
13 Gleich Gebirgen, die drohten, den Himmel voll Wuth zu beſtuͤrmen,
Und den Mittelpunkt mit dem Pol in einander zu miſchen.
Schweigt, ihr tobenden Wellen! ſey ruhig, o brauſende Tiefe!
Sprach das allesſchaffende Wort; die tobende Zwietracht
Soll ſich unter euch enden! Er zoͤgert nicht laͤnger, und hebt ſich
215
13 Hoch auf der Cherubim Schwingen, und faͤhrt im Glanze des Vaters
Weit ins Chaos hinein, weit in die noch nicht gebohrne
Welt; denn ſeine Stimme vernahm das Chaos; ihm folgten
Hinten nach die Schaaren der Engel in glaͤnzendem Aufzug,
Seine Wunder der Macht, und die neue Schoͤpfung zu ſchauen.
220
13Drauf geboth er den brennenden Raͤdern zu ſtehn; und nun faßt er
Mit der Hand den guͤldnen Zirkel
o)Nach Sprichwoͤrt. VIII, 27. Da er die Himmel bereitete, war ich da - ſelbſt, da er die Tiefen mit ſeinem Ziel verfaſſete.
o), im goͤttlichen Ruͤſthaus
Zugerichtet, die ganze Welt, und alles Erſchaffne,
Zu umſchreiben. Er ſetzt den einen Fuß in die Mitte
Und den andern dreht er herum um die finſtere Tiefe.
225
14Dieſes ſind deine Grenzen, o Welt! (ſo ſprach er;) bis hieher
Sollſt du gehn; dieß ſey dein Umkreis, den ich dir beſtimme.
B 3Son)(ſagt Addiſon.) Der Meßias naͤmlich an der Spitze ſeiner Engel, der hinunter ſchaut in das Chaos, feine Verwirrung ſtillt, mitten in daſſelbe hineinfaͤhrt, und den erſten Umriß der Welt macht.14Das verlohrne Paradies.
So ſchuf Gott den Himmel
p)Der Leſer wird ohne Muͤhe wahr - nehmen, wie genau Milton in der gan - zen kuͤnftigen Beſchreibung der Schoͤ - pfung bey der Schrift bleibt, ſo daß er, wenn es nur einigermaßen angeht, ihre eignen Worte beybehaͤlt. Z.
p), ſo ſchuf er die Erde; noch war ſie
Leer; ein unfoͤrmlicher Klumpen. Und dunkele finſtere Nacht lag
Auf dem Abgrund; doch ſchwebte der Geiſt mit bruͤtenden Schwingen
230
16 Ueber den ruhigen Waſſern, und goß lebendige Waͤrme
Und lebendige Kraft in den ſchweren fluͤßigen Klumpen,
Stieß hergegen die ſchwarzen und kalten, hoͤlliſchen Hefen,
Welche dem Leben zuwider ſind, nieder; dann bildet, und fuͤgt er
Gleiche Dinge zu gleichen; die uͤbrigen ſchied er von ihnen
235
16 An viel andere Oerter; dazwiſchen ſpannt er die Luft aus,
Und die Erde hieng da, auf ihrem Mittelpunkt ruhend.
Und Gott ſprach: Es werde Licht
q)Jm erſten Buch Moſ. I, 3. Und Gott ſprach, es werde Licht, und esward Licht. Dieß iſt die Stelle, die Longin ſo beſonders bewundert; unſer Poet aber macht ſie etwas weitlaͤuftiger, und ſucht einigermaßen zu zeigen, wie das Licht den erſten Tag, und die Sonne doch nicht eher als den vierten Tag darauf gemacht worden. N.
q)! Das aͤtheriſche Licht ſprang
Ploͤtzlich hervor aus dem Schooße der Nacht; das erſte, das reine
Aller Dinge. Von ſeinem Geburtsort, von Often her, fieng es
240
17 Durch die dunkele Luft den majeſtaͤtiſchen Lauf an.
Noch umgab es der Flohr von einer ſtralenden Wolke,
Und noch war die Sonne nicht da. Das Licht hielt indeſſen
Jn der Wolkenhuͤtte ſich auf. Es ſah der Allmaͤchtge,
Daß es gut war. Da ſcheidete Gott das Licht von dem Dunkeln,
245
17 Nannt es Tag, und die Finſterniß Nacht. Aus Abend und MorgenWard15Siebenter Geſang.
Ward da der erſte Tag
r)1 Buch Moſ. I. 4. Und Gott ſahe, daß das Licht gut war; da ſcheidete Gott das Licht von der Fin - ſterniß. Und nennete das Licht Tag, und die Finſterniß Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erſte Tag.
r). Er blieb von den himmliſchen Choͤren
Ohne Preis und Geſang nicht gefeyert
s)Der Leſer ſcheint bey dem wunder - vollen Werke der Schoͤpfung gegenwaͤr - tig zu ſeyn, und in das jauchzende Chor der Engel mit einzuſtimmen, welche die Zuſchauer der Schoͤpfung ſind! Wie praͤchtig iſt der Beſchluß des erſten Tags. Addiſon.
s), indem ſie das Licht itzt
Am Geburthstag vom Himmel und Erd aus der Finſterniß Schooße
Praͤchtig heraufziehn ſahn, gleich einem Dunſte. Mit Jauchzen
250
19 Ward das hohle Gewoͤlbe des Weltgebaͤudes erfuͤllet;
Und ſie nahmen die guͤldnen Harfen, und prieſen in Hymnen
Jhn, den herrlichen Schoͤpfer, am erſten Abend und Morgen.
Abermals ſprach der Allmaͤchtge: Es werde zwiſchen den Waſſern
Eine geraume Veſte; die ſcheide Waſſer von Waſſern.
255
19Und Gott machte die Veſte, die ausgeſpannete, reine,
Und durchſcheinende Luft; ſie floß in zirkelnden Kreiſen
Rund um dieſes Ganze herum bis zur aͤußerſten Woͤlbung;
Eine ſichere feſte Scheide der oberen Waſſer
Von den unteren. Gott erſchuf die Erde, der Welt gleich,
260
19 Rund um umfloſſen von ruhigen Fluthen; ein weiter, kryſtallner,
Ocean; und das laute Getoͤs des brauſenden Chaos
Ruͤckt er fern in die Tiefe hinweg, daß ſeine Beſtuͤrmung
Nicht das ganze Gebaͤude der Welt beſchaͤdigen moͤchte.
Und Gott nannte die Veſte, Himmel. Die engliſchen Choͤre
265
19 Sangen mit lautem Jauchzen den zweyten Morgen und Abend.
Und16Das verlohrne Paradies.
Und ſo war die Erde gebildet; doch lag ſie bisher noch,
Einem unreifen Embryo gleich, im Schooße der Waſſer
Eingewickelt, und war nicht zu ſehn. Das maͤchtige Weltmeer
Ueberſtroͤmte die Flaͤche der Erde, jedoch nicht vergebens,
270
19 Sondern belebte den ganzen Ball mit befruchtender Waͤrme
Und erhitzte die große Mutter, vom zeugenden Saamen
Voͤllig geſaͤttiget, zur Empfaͤngniß. Da ſprach der Allmaͤchtge
Jhr, ihr Waſſer unter dem Himmel, begebt euch gehorſam
All in einen Raum, und laßt das Trockne ſich zeigen!
275
19Schnell erſchienen ſogleich die ungeheuren Gebirge
t)Milton iſt hier etwas weitlaͤuftiger, als die Schrift, da der Gegenſtand eini - ge weitere Ausbildung zu erlauben ſcheint. Er ſcheint hauptſaͤchlich den 104ten Pf. im 6ten und folgenden Verſen vor Augen gehabt zu haben, der gleichfalls ein Lob - geſang auf die Schoͤpfung iſt: Mit der Tiefe deckeſt du das Erdreich, wiemit einem Kleide, und Waſſer ſte - hen über den Bergen. Aber von deinem Schelten fliehen ſie, von dei - nem Donner fahren ſie dahin. Die Berge gehen hoch hervor, und die Breiten ſetzen ſich herunter zum Ort, den du ihnen gegründet haſt ꝛc.
t),
Thuͤrmten den breiten nackenden Ruͤcken empor in die Wolken,
Und ihr Gipfel ſtieg auf in die Luft. So hoch die Gebirge
Sich erhoben, ſo tief ſank auch ein hohler, und breiter,
Tiefer Boden, ein großes, geraumes Bette der Waſſer,
280
20 Und die Waſſer floſſen dahin mit froͤhlicher Eile,
Aufgerollt, ſo wie die fliehenden Tropfen, die uͤber dem Staube
Sich zuſammengeballt. Wie hohe kryſtallene Mauren
Standen einige da; die andern eileten ploͤtzlich
Jn geraden Linien fort; ſo hatten des Schoͤpfers
285
20 Maͤchtge Befehle zur Flucht ſie befluͤgelt. Wie kriegende Heere, (Denn du haſt von Kriegen gehoͤrt,) beym Schall der TrompetenUnter17Siebenter Geſang.
Unter ihre Paniere ſich ziehn, ſo eilten die Fluthen,
Well auf Welle, dahin, wohin ſie den Weg ſich gefunden,
Ueber die Hoͤhn, mit wildem Herabſturz; und uͤber die Ebnen,
290
20 Mit ſanftgleitender Fluth. Kein Fels, kein Huͤgel verwehrte
Jhnen den Weg; ſie wanden ſich durch, tief unter dem Boden,
Oder ſie nahmen den Lauf in weiten ſchlaͤngelnden Kruͤmmen
Durch den naſſen Moraſt, in welchem ſie tiefe Kanaͤle
Sich gegraben; mit leichter Muͤh; bevor noch der Schoͤpfer
295
20 Trocken zu werden dem Boden befahl, dem ſchlammichten Lande,
Nur allein nicht zwiſchen den Ufern, wo itzo die Stroͤme
Fließen, und unaufhoͤrlich nach ſich den waͤßrichten Schweif
u)Die Fluͤſſe werden als erhabne Per - ſonen vorgeſtellt, die einen langen Schwelf,oder lange Schleppen tragen. Richardſon.
u)ziehn.
Und Gott nannte das Trockene, Land; die Sammlung der Waſſer
Nannt er Meer. Er ſah, daß es gut war, und ſagte: die Erde
300
21 Bringe gruͤnendes Gras hervor, und beſamende Kraͤuter,
Und fruchtbare Baͤume von allen Arten, die Fruͤchte
Tragen, und in ſich ſelbſt den Samen auf Erden beſitzen.
Als er kaum es geſagt, da brachte die nackende Erde,
Bis itzt wuͤſt und wild, und ungezieret, unſcheinbar,
305
21 Keimendes Gras hervor, mit deſſen lieblichem Gruͤnen
Jhre ganze Flaͤche ſich uͤberkleidete. Kraͤuter
Sproßten darauf in die Hoͤh, von mancherley Blaͤttern, die ploͤtzlich
Bluͤhten, und ihre Schooß mit lachenden Farben verzierten.
Und kaum hauchten ſie ſich im duftenden ſuͤßen Geruch aus,AlsII. Theil. C18Das verlohrne Paradies.
310
21Als der Weinſtock bereits, mit purpurnen Trauben belaſtet,
Fortwuchs, und die ſchwellende Gurk am Boden dahin kroch.
Wie ein Lanzenwald ſtand das ſchlanke hornichte Schilf
x)Das hornichte Schilf ſtand unter den andern niedrigen Gewaͤchſen der Er - de, wie ein Wald von Lanzen, oder wie eine Kriegesſchaar mit aufgerichteten Spießen. Virgil Aen. III, 22. braucht gleichfalls corneus von etwas, das wie Horn ausſieht. Forte fuit juxta tumulus, quo cornea ſummo Virgulta etc. Hume.
x)auf,
Und der niedrige Strauch, und der Buſch mit verwickelten Haaren.
Endlich traten, als wie im Tanz, die praͤchtigen Baͤume
315
22 Majeſtaͤtiſch hervor, und ſtreckten die laubichten Aeſte
Weit in die Luft; ſie waren zum Theil mit Fruͤchten beladen,
Oder ſie ſtießen auch Bluͤthen heraus. Mit waldichten Hainen
Wurden die Huͤgel bekroͤnt, und mit Gebuͤſchen die Thaͤler,
Und der Rand des murmelnden Quells, und die Ufer der Fluͤſſe.
320
22So daß itzo die Erde dem Himmel gleich ſchien, wo Goͤtter
Haͤtten wohnen, und mit Vergnuͤgen in heiligen Schatten
Wandeln koͤnnen, obgleich noch nicht Gott uͤber die Erde
Regnen laſſen
y)Milton war bemuͤht, alles, was Moſes von der Schoͤpfung geſchrieben, in ſein Gedicht einzuweben, dieß iſt nichtaus dem erſten, ſondern dem zweyten Ca - pitel des erſten Buchs Moſe v. 4. 5. 6. genommen. Zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte. Und allerley Bäume auf dem Felde, die zuvor nie geweſen waren, auf Erden, und allerley Kraut auf dem Felde, das zuvor nie gewachſen war. Denn Gott der Herr hatte noch nicht regnen laſſen auf Erden, und war kein Menſch, der das Land baͤuete, aber ein Nebel gieng auf von der Erde, und feuchtete alles Land.
y), und niemand noch war, der die Fluren gebauet.
Doch ein thauender Nebel ſtieg auf von der Erde, der traͤnkte
325
23 Alles Land, die Pflanzen des Feldes, und alle die Kraͤuter,
Welche der Schoͤpfer gemacht, eh in der Erden ihr Samen
Noch vorhanden geweſen, und von dem gruͤnenden StengelSich19Siebenter Geſang.
Sich ihr bluͤhendes Haupt erhub. Gott ſah, daß es gut war;
Und ſo ward der dritte Tag aus Morgen und Abend.
330
Abermals ſprach der Allmaͤchtge: Es werden ſtralenbe Lichter
An der hohen Veſte des Himmels, die ſcheiden die Tage
Von der Nacht, und geben Zeichen, fuͤr Zeiten, und Tage,
Und fuͤr zirkelnde Jahre; ſie ſeyn an der Veſte des Himmels
Lichter, damit ſie ſcheinen auf Erden und alſo geſchah es.
335
23Und zwey große Lichter ſchuf Gott, (groß, wegen des Nutzens
Fuͤr den Menſchen) das groͤßre, den Tag zu beherrſchen, das kleine
Jm umlaufenden Wechſel die Nacht. Er machte die Sterne,
Setzte ſie an die Veſte des Himmels, der Erde zu leuchten,
Jn der beſtimmten Ordnung den Tag und die Nacht zu regieren,
340
23 Und vom Dunkeln zu ſcheiden das Licht. Gott ſah, daß es gut war,
Und er machte zuerſt von allen himmliſchen Koͤrpern
Jene maͤchtige Kugel, die Sonn, unleuchtend im Anfang,
Ob ſie gleich aus aͤtheriſchem Stoffe beſtand; er erſchuf drauf
Auch den Ball des Mondes, und alle Groͤßen der Sterne,
345
23 Und beſaͤte ſo dick als ein Feld mit Sternen den Himmel.
Von dem himmliſchen Licht that er den groͤßeſten Theil drauf
Aus der Wolkenhuͤtte hinweg, in der es ſich aufhielt,
Jn die Scheibe der Sonne, die Oeffnungen hatte
z)Es ſcheint, Milton habe dieſen Ge - danken davon hergenommen, was man von dem Bologneſiſchen Stein ſagt, daß er naͤmlich, wenn er an das Licht ge -legt wird, daſſelbe einſaugt, und ſo viel eine Zeitlang in ſich behaͤlt, daß er eine dunkle Stelle erleuchten kann. Richardſon.
z), den Ausfluß
Von dem ſtroͤmenden Licht zwar in ſich zu trinken; doch feſt auch,C 2Die20Das verlohrne Paradies.
350
24Die geſammelten Stralen in ſich zu behalten. Sie war nun
Ein geraumer Pallaſt des Lichts; die uͤbrigen Sterne
Kommen und ſchoͤpfen allhier mit ihren guͤldenen Urnen
Wie in der erſten Quelle das Licht; der Morgenſtern taucht hier
Seine ſtralenden Hoͤrner in Gold; und alle vermehren
355
24 Jhr geringes Eigenthum hier, obgleich ſie viel kleiner,
Als ſie ſind, in der weiten Entfernung den Menſchen erſcheinen.
Glorreich glaͤnzte zuerſt im Oſten die herrliche Fackel;
Sie, die Regentinn des Tags, und ſchmuͤckte mit ſchimmeruden Stralen
Rund um ſich her den Horizont; voll freudigen Muthes
360
24 Jhre lange ſtralende Bahn am Himmel zu laufen.
Tanzend gieng vor ihr her die Daͤmmerung
aa)Dieß ſind ſehr ſchoͤne Bilder, und gleichen ſehr des Guido beruͤhmten Ge - maͤlde vom Morgen, wo die Sonne auf ihren Wagen vorgeſtellt wird, mit der Aurota, die vor ihr her Blumen aus - ſtreut. Sieben ſchoͤne Nymphen tanzen um ihren Wagen herum, die man ſonſtfuͤr die Stunden gehalten, aber auch wohl die Plejaden vorſtellen koͤnnen, da ihrer ſieben an der Zahl ſind, und man ſchwer - lich einen Grund angeben kann, warum die Stunden eben durch dieſe Zahl ſollten angezeigt werden. N.
aa); und die Plejaden,
Goſſen aus ihrer Schooß den wildeſten Einfluß hernieder.
Mit geringerem Glanz ward gegen ihr uͤber im Oſten,
Sanfter leuchtend, der Mond geſetzt; ihr Spiegel. Sein Antlitz
365
25 War itzt voll; in dieſer Stellung gebraucht er kein Licht ſonſt,
Und in dieſem Abſtand verweilt er beſtaͤndig den Tag durch,
Bis die Nacht ſich genaht; dann ſcheint er im Oſten, nachdem er
Um die Axe des Himmels herum ſich gedrehet; er herrſchet
Jn Gemeinſchaft alsdann mit tauſend geringeren Lichtern,
370
25 Mit viel taufendmal tauſend Sternen, die itzo den HimmelMit21Siebenter Geſang.
Mit hellſchimmernden Spangen geſchmuͤckt. Der Morgen und Abend,
Mit den Lichtern, die auf - und untergiengen, gezieret,
Kroͤnten zuerſt itzt den vierten Tag mit jauchzenden Choͤren.
Und Gott ſprach:
bb)Nach 1 B. Moſ. I, 20. Und Gott ſprach: Es errege ſich das Waſ - ſer mit webenden und lebendigen Thieren, und mit Gevögel, das auf Erden unter der Veſte des Himmels fliege. Und Gott ſchuf große Wall - fiſche, und allerley Thier, das da lebet und webet, und vom Waſſer erregt ward, ein jegliches nach ſei -ner Art, und allerley gefiedertes Ge - vögel, ein jegliches nach ſeiner Art. Und Gott ſahe, daß es gut war. Und Gott ſegnete ſie, und ſprach: Seyd fruchtbar und mehret euch, und erfüllet das Waſſer im Meer, und das |Gevögel mehre ſich auf Erden.
bb)Es rege die Fluth ſich mit wimmelnden Schaaren
375
26 Lebender Thier, und mit Gevoͤgel, das unter dem Himmel
Seine Fluͤgel verbreite. Da ſchuf der Allmaͤchtge den Wallfiſch,
Und ſo mancherley Thier, das lebt, und vom Waſſer erregt ward,
Jedes nach ſeiner Art; und allerley Voͤgel des Himmels,
Jedes nach ſeiner Art. Der Ewige ſah, daß es gut war,
380
26 Und er ſegnete ſie, und ſprach: ſeyd fruchtbar, und mehrt euch,
Und erfuͤllet das Waſſer im Meer, in Seen und Stroͤmen,
Und das Gevoͤgel vermehre ſich auf der Erden. Urploͤtzlich
Wimmelte See und Bach von zahlloſen Schwaͤrmen von Fiſchen,
Welche mit ihren glaͤnzenden Schuppen und blitzenden Spiegeln
385
26 Unter der gruͤnen Fluth ſich bewegen, in Schaaren, die oftmals
Eine Sandbank ſcheinen im Meer. Theils giengen ſie einzeln
Oder ſie weideten auch in Heerden am Ufer im Seegras,
Jhrer Nahrung; noch andere ſtrichen durch zackichte WaͤlderC 3Von22Das verlohrne Paradies.
Von Corallen hin
cc)Der gelehrte Kircher war der Meynung, daß es auf dem Boden des Meers ganze Waͤlder von Corallen gebe; welches den Ausdruck unſers Dichters rechtfertigt. N.
cc); oder ſie ruͤhrten im Sonnenſchein ſcherzend,
390
27 Jhre Panzer beſprenget mit Gold; noch andre gewarten
Jhrer Nahrung geruhig in glaͤnzenden Schaalen von Perlen,
Oder lauſchen geharniſcht darauf am Fuße der Felſen.
Auf der ebenen ſanften Fluth ſchwamm ſpielend der Seehund,
Und der gekruͤmmte Delphin. Jn ungeheuerer Groͤße
395
27 Wallten die andern im Meer; von ihrer gewaltgen Bewegung
Brauſt aufruͤhriſch die Fluth. Dort liegt gleich einem Gebirge
Jn der See Leviathan, das groͤßte von allen Geſchoͤpfen.
Jn der Ferne ſcheint er, wenn er im Schlafe ſich ausſtreckt,
Ein bewegliches Land; er ſchluckt in die Ohren ein Meer ein,
400
27 Und ſpeyt wieder ein Meer aus ſeinem Rachen. Jndeſſen
Heckten die warmen Grotten und Hoͤlen, die Ufer der Fluͤſſe,
Und der feuchte Moraſt die haͤufige Brut aus. Sie brachen
Aus den Eyern, die ſchnell mit ſanftem Riſſe geborſten,
Anfangs ohne Federn hervor; doch ſchwungen ſie bald drauf
405
27 Jhre ſchnellgewachſenen Fluͤgel; vom ſtaubichten Boden
Stiegen ſie mit Geſchrey in die Luft, und ſahn voll Verachtung
Auf die Erde herab. Da baute der Storch, und der Adler,
Auf dem Wipfel der Ceder, und an die Spitze der Felſen
Jn die Wolken ſein Neſt. Viel fliegen einzeln das Land durch,
410
27 Andre, weiſer, durchſchneiden in zugeſpitzten Figuren
dd)Die groͤßern Wandervoͤgel, wie zum Exempel die Kraniche und andere mehr, machen im Flug die meiſte Zeit eine vorn zugeſpitzte Figur aus, und fliegen einer hinter dem andern.
dd),Von23Siebenter Geſang.
Von der Jahrszeit gelehret, die Luft, und ſetzen vereinet
Ueber Laͤnder und Meere, mit oft abwechſelnden Schwingen,
Jhre luftige Wanderung fort, indem ſie im Flug ſich
Unter einander erleichtern. So haͤlt der erfahrene Kranich
415
28 Seine jaͤhrliche Reiſe, vom Winde getragen; ſo wie ſie
Fliegen, zerfließt die Luft, die von unzaͤhligen Fluͤgeln
Aufgefacht wird. Jm Singen huͤpften die kleineren Voͤgel
Froͤhlich von Zweig zu Zweig. Die Thaͤler erſchallten von Liedern
Und ſie flogen umher auf ihren farbichten Schwingen,
420
28 Bis zum Anbruch des Abends. Auch dann noch ſchweiget der Naͤchte
Feyrliche Saͤngerinn nicht; die ganze horchende Nacht durch
Wirbelt ſie ihr bezauberndes Lied. Jn ſilbernen Seen
Baden andre die weiche Bruſt. Der praͤchtige Schwan haͤlt
Mit gewoͤlbtem Hals
ee)Dieſes Beywort vom Halfe des Schwans iſt viel mahleriſcher, als desHomers ſeines, der ihn nur bloß lang - halſicht nennt. Richardſon.
ee), und aufgeſchwollenen Fluͤgeln,
425
29 Und mit rudernden Fuͤßen, die ſtolze Schiffahrt. Oft ſteigt er
Von dem ſchilfichten See auf ſeinem maͤchtigen Fittig
Jn die mittlere Luft empor. Die anderen giengen
Auf dem feſten Boden einher. Mit heller Trompete
Meldet der Hahn, mit dem Kamme gekroͤnt, die ſchweigenden Stunden.
430
29Und ein andrer ſtolziert mit ſeinem ſtralenden Schweife,
Welcher mit Farben des Regenbogens, und ſternenden Augen
Ausgeſchmuͤckt iſt. Nachdem das Waſſer mit Schaaren von Fiſchen,
Und die Luft mit Voͤgeln erfuͤllt war, da feyrte der Abend,
Und der Morgen, den fuͤnften Tag, in heiligen Hymnen. Jtzt24Das verlohrne Paradies.
435
29Jtzt erſchien der ſechſte Tag, der letzte der Schoͤpfung,
Unter dem Schalle der Harfen; da ſprach der Allmaͤchtge:
ff)1 B. Moſ. I, 24. Und Gott ſprach, die Erde bringe hervor le - bendige Thiere, ein jegliches nachſeiner Art, Vieh, Gewürme, und Thiere auf Erden, ein jegliches nach ſeiner Art. Und es geſchah alſo.
ff)die Erde
Bringe lebendige Seelen hervor, von allerley Arten;
Vieh, und kriechend Gewuͤrm, und Thiere, die leben auf Erden,
Jedes nach ſeiner Art. Die Erde gehorcht ihm, und ploͤtzlich
440
30 Oeffnete ſie die ſchwangere Schooß. Auf einmal gebahr ſie
Unzaͤhlbare lebendge Geſchoͤpfe, vollkommne Geſtalten
Mit den gehoͤrigen Gliedern, in ihrer voͤlligen Groͤße.
Aus dem Boden riſſen ſich itzt die wilderen Thiere,
Wie aus ihren Lagern, hervor, in welchen ſie wohnen,
445
30 Als im dickeſten Wald, in finſtern Buͤſchen, in Hecken,
Und in Gruben und Hoͤlen. Sie ſprangen unter den Baͤumen
Paarweiſ auf, und wandelten fort. Die zahmeren Thiere
Waͤhlten das gruͤne Feld, und blumichte Wieſen; theils einzeln
Und allein; theils weideten ſie vertraulich in Heerden
450
30 Mit einander, ſo wie ſie entſtunden. Der Raſen gebahr itzt;
Halb erſchien der falbe Leu; mit ſcharrenden Klauen
Sucht er ſein Hintertheil frey zu machen; dann ſpringt er auf einmal
Auf, wie von Banden befreyt, und ſchuͤttelt die zottichte Maͤhne.
Luchs und Tyger und Leopard warf in Huͤgeln das Erdreich
455
30 Vor ſich empor, nach Maulwurfs Art. Noch unter dem Boden
Hob der ſchnelle Hirſch ſein zinkichtes Haupt auf. Mehr muͤhſamBrachte25Siebenter Geſang.
Vrachte der Behemoth ſich
gg)Behemoth und Leviathan, ſind zwey Thiere, die im Buch Hiob vorkom - men. Die meiſten der alten Ausleger haben unter ihnen den Elephauten und Wallfiſch verſtanden. Die neuern Schrifterklaͤrer aber haben zu zeigen ge - ſucht, daß Behemoth das Flußpferdund Leviathan das Krokodill ſey. Milton war der erſten Meynung zuge - than. N.
gg), das ungeheurſte der Thiere,
Welches die Erde gebahr, mit ſeinem unbiegſamen Koͤrper
Aus dem Zeugungsklumpen heraus. Die bloͤckenden Heerden
460
31 Schoßten dickbewollet hervor, wie Pflanzen. Das Flußpferd
Und das gepanzerte Krokodill ſtand zwiſchen dem Waſſer
Und dem Land, unſchluͤßig. Was auf dem Boden umherkriecht,
Kam auf einmal herzu, Jnſekten und Wuͤrme. Die erſten
Schwungen die bunten feineren Schwingen, und ſchmuͤckten die Glieder
465
31 Mit des Sommers praͤchtgem Gewand, beſprenget mit Flecken
Von Lazur und Gruͤn und Gold und Purpur. Die letzten
Zogen den langen Leib wie eine Linie nach ſich,
Und bemerkten den Grund mit ihrem ſchlaͤngelnden Pfade.
Alle nicht waren von Zwergnatur. Vom Schlangengeſchlechte
470
31 Wanden einige ſich, in dichtverſchlungenen Kreiſen,
Ungeheuer an Dick und Laͤnge dahin, und bekamen
Fluͤgel. Zuerſt kroch itzt die in der Zukunft erfahrne
Sparende Ameis hervor. Jn einem verachteten Koͤrper
Zeigt ſie ein großes Herz. Vielleicht ein kuͤnftiges Beyſpiel
475
31 Von der billigen Gleichheit, die ihre freye Regierung
Untereinander verknuͤpft. Drauf kam die weibliche Biene
hh)Nach den neueſten Erfahrungen weiß man, daß die Koͤniginn oder Mut - terbiene groͤßer, als alle uͤbrigen iſt, und ein Jahr ins andre gerechnet dreyßig bisvierzig -
hh)Schwaͤr -II. Th. D26Das verlohrne Paradies.
Schwaͤrmend daher, die ihren Gatten aufs niedlichſte naͤhret
Und die gelben Zellen von Wachs mit Honig erfuͤllet.
Wer kann alle die uͤbrigen zaͤhlen? Du kennſt die Geſchlechter,
480
32 Und gabſt ihnen Namen, die dir am beſten bekannt ſind.
Auch die Schlange kennſt du, das liſtigſte Thier auf dem Felde,
Die ſich oft ſchrecklich erhebt, mit rothen flammenden Augen,
Und mit furchtbargeſtraͤubter Maͤhne, doch die dir nicht ſchadet,
Sondern deinem Ruf und deinem Befehle gehorſamt.
485
Und nun ſtralte der Himmel in voͤlligem Glanz, und bewegte
So ſich herum, wie die Hand des großen erſten Bewegers
Seinen Lauf vom Anfang beſtimmt. Jn reichem Gewande
Laͤchelte liebreich die Welt, die nun vollendet war. Waſſer,
Luft, und Erde, ward itzt von Fiſchen, Voͤgeln und Thieren
490
32 Haͤufig durchſchwommen, durchflogen, durchwandelt. Und doch war noch etwas
Von dem ſechſten Tage zuruͤck; der Hauptzweck des Ganzen,
Gottes Meiſterſtuͤck, mangelte noch. Ein edles Geſchoͤpfe,
Welches nicht dumm, wie die andern, mit niederhangendem Haupte
Nach der Erde ſaͤhe; vielmehr den Koͤrper erhuͤbe,
495
32 Und mit heilger Vernunft begabt, mit heiterer Stirne,
Selbſt ſich bewußt, und voll Edelmuth ſey, in hoher Gemeinſchaft
Mit dem Himmel zu ſtehn; jedoch mit Dank auch erkenne,
Daß es ſein Gutes von ihm empfangen, und dahin mit Herzen,
Mund, und Augen gerichtet, den oberſten Schoͤpfer verehre,(Der
hh)vierzigtauſend Bienen hervorbringt. Die maͤnnlichen Bienen oder Dronen le - ben muͤßig, und werden von der Koͤni -ginn ſelbſt manchmal mit Honig gefuͤt - tert. N.
hh)27Siebenter Geſang.
500
33Der es zum Herrn und Haupt von ſeinen Werken beſtimmet,
Deshalb ſprach der allmaͤchtige Schoͤpfer, der ewige Vater, (Denn wo iſt er nicht allgegenwaͤrtig zugegen?)
So, mit vernehmlicher Stimme zu ſeinem einigen Sohne.
Laſſet uns Menſchen machen
ii)Genau nach den Worten der Schrift 1 B. Moſ. I, 26. Und Gott ſprach: Laſſet uns Menſchen machen, ein Bild, das uns gleich ſey, die da herrſchen über die Fiſche im Meer, und über die Vögel unter dem Him - mel, und über das Vieh, und über die ganze Erde, und über alles Ge - würme, das auf Erden kreucht. Und Gott ſchuf den Menſchen ihm zumBilde, zum Bilde Gottes ſchuf er ihn; und er ſchuf ſie ein Männlein und Fräulein. Und Gott ſegnete ſie, und ſprach zu ihnen: Seyd frucht - bar und mehret euch, und erfüllet die Erde, und macht ſie euch unter - than. Und herrſchet über Fiſche im Meer, und über Vögel unter dem Himmel, und über alles Thier das auf Erden kreucht.
ii), nach unſerm Bild, das uns gleich ſey,
505
34 Welche herrſchen uͤber die Fiſch, und uͤber die Voͤgel
Jn dem Meer, und unter dem Himmel; und uͤber die Thiere,
Auf der ganzen Erden, und uͤber alles Gewuͤrme,
Das auf Erden kreucht. So ſprach er, und ſchuf dich, o Adam,
Dich, o Menſch. Er ſchuf dich aus Staub, und blies in die Naſe
510
34 Dir den Athem des Lebens; nach ſeinem eigenen Bildniß
Schuf er dich, nach Gottes vollkommnem Bildniß; ſo wardſt du
Eine lebendige Seele. Dich ſchuf er maͤnnlich; und weiblich
Deine Geſellinn. Er ſegnete drauf das Menſchengeſchlechte
Huldreich, und ſprach: Seyd fruchtbar und mehrt euch! erfuͤllet die Erde:
515
34 Macht ſie euch unterthan, herrſcht uͤber die Fiſch in den Meeren
Ueber die Voͤgel unter dem Himmel, und alle Geſchoͤpfe,
Die auf Erden wandeln. Nachdem er dich alſo geſchaffen,D 2Bracht28Das verlohrne Paradies.
Bracht er dich von dem Ort
kk)1 Buch Moſ. II, 15. Und Gott der Herr nahm den Menſchen, und ſetzte ihn in den Garten Eden, daß er ihn baute und bewahrte. Dieſes ſcheint anzuzeigen, daß der Menſch an ei - nem andern Orte der Erde erſchaffen, und hernach erſt in das Paradies gebracht worden. N.
kk), den noch kein Name benennet,
So wie du weißt, hieher, in dieſen herrlichen Garten,
520
35 Dieſen bluͤhenden Hayn, mit den Baͤumen Gottes bepflanzet,
Eben ſo reizend deinem Geſicht, als deinem Geſchmacke.
Alle dieſe herrlichen Fruͤchte; ſo mancherley Arten,
Welche die Erde gebiehrt, ſo ſehr von einander verſchieden,
Gab er dir alle freywillig zur Nahrung. Allein nur vom Baume,
525
35 Deſſen Frucht die Erkenntniß des Guten und Boͤſen verurſacht,
Sollſt du nicht eſſen; denn welches Tages du von ihm wirſt eſſen,
Mußt du ſterben; der Tod iſt dieſer Suͤnde Beſtrafung.
Zaͤhme denn wohl die Begierde zum Eſſen, damit nicht die Suͤnde
Dich uͤberraſche, mit ihr der Tod, ihr ſchwarzer Begleiter.
530
35Gott beſchloß hier ſein Werk; und alles, was er geſchaffen,
Ueberſah er, und ſah, daß alles vollkommen, und gut war.
Und ſo ward der ſechſte Tag aus Abend und Morgen;
Doch nicht eher, bis Gott von ſeiner Arbeit nun abließ,
Ohn ermuͤdet zu ſeyn, und ſiegend wieder hinauf fuhr
535
35 Jn den Himmel der Himmel; um da vom ewigen Thron her
ll)Der Dichter ſtellt den Meßias hier vor, wie er in den Himmel zuruͤckkehrt, und von da ſein großes Werk uͤberſieht. Welch ein erhabnes Gemaͤlde iſt dieſe Himmelfahrt, nachdem er die Schoͤpfung vollbracht, die Morgenſterne ihm loben, und die Kinder Gottes ihm entgegen jauch - zen. Addiſon.
ll)
Dieſe neuerſchaffene Welt zu ſchauen, den Zuſatz
Seiner Herrſchaft; ob er nun auch in dieſer Entfernung,
Schoͤn, und gut, und ſeinem Entwurfe vollkommen gemaͤß ſey. Gott29Siebenter Geſang.
Gott fuhr auf; ihm folgte der Ruf der jauchzenden Choͤre,
540
36 Und der ſymphoniſche Schall zehntauſend heiliger Harfen,
Die ſich in engliſche Hymnen ergoſſen. Die Luft, und die Erde
Schallte wieder von Jauchzen; du wirſt dich deſſen erinnern,
Denn du haſt es gehoͤrt. Der Himmel, mit allen Geſtirnen,
Klang harmoniſch; ſtill ſtanden die hohen Planeten, und horchten,
545
36 Als der ſtralende Pomp mit Jubilieren hinaufzog.
Oeffnet euch, alſo ſangen die Choͤr, ihr ewigen Pforten!
Oeffnet eure lebendigen Pforten, ihr jauchzenden Himmel,
Daß der große Schoͤpfer hereinzieh, der itzo zuruͤckkehrt,
Von dem praͤchtigſten Werk, von ſeinem ſechstaͤgigen Werke
550
36 Einer Welt. Eroͤffnet euch weit! Eroͤffnet in Zukunft
Euch noch oft! denn Gott wird oft die Huͤtten der Menſchen,
Wird die Wohnungen oft von ſeinen Gerechten beſuchen,
Die er liebt; und ſeine befluͤgelten himmliſchen Bothen
Jn Geſandſchaft von oberſter Gnade zu ihnen verſenden.
555
36Alſo ſang der herrliche Zug, indem er hinauffuhr;
Er nahm durch die Himmel, die ihre ſtralenden Pforten
Weit eroͤffneten, ſeinen Weg zum ewigen Hauſe
Gottes, auf einer breiten geraumen Straße; der Staub iſt
Gold; ihr Pflaſter ſind Sterne; wie deinen Augen die Sterne
560
36 Jn der Milchſtraß erſcheinen, die wie ein zirkelnder Guͤrtel,
Mit Geſtirnen beſtaͤubt
mm)Die Milchſtraße beſteht aus lau - ter kleinen Sternen, die man mit dem Sehrohre genau unterſcheiden kann, obman ſie gleich nicht mit bloßen Augen ſieht. N.
mm), des Nachts dir am Himmel ſich zeiget. D 3Und30Das verlohrne Paradies.
Und der Abende ſiebenter kam auf Erden in Eden,
Denn die Sonne gieng unter, und von dem oͤſtlichen Himmel
Nahte die Demmerung ſich, der Nacht Vorlaͤuferinn; als ſich
565
37 Auf dem heiligen Berg, im hoͤchſten Gipfel des Himmels
Auf der Gottheit Koͤnigesthron, der immer und ewig
Unbeweglich ſteht, die Kraft des Sohnes hinaufſchwang,
Welcher itzt niederſaß nebſt ſeinem allmaͤchtigen Vater,
Der unſichtbar zugegen geweſen, und doch auf dem Throne
570
37 Sitzen geblieben; dieß Vorrecht hat die Allgegenwart Gottes.
Er, der Anfang, das Ende von allen Dingen, nachdem er
Seine Schoͤpfung vollbracht, und von der Arbeit nun ruhte,
Weihte den ſiebenten Tag
nn)Dieß iſt die Urſache die Moſes giebt. 1 B. Moſ. II, 2. 3. Und Gott ruhete am ſiebenten Tage von allen ſeinen Werken, die er machte, und ſegneteden ſiebendten Tag, und heiligte ihn darum daß er an demſelben geruhet hatte von allen ſeinen Werken, die Gott ſchuf und machte. N.
nn)zu einem heiligen Tage,
Weil er an dieſem Tage von allen Werken der Schoͤpfung
575
38 Ruhte. Doch gieng er nicht in heiliger Stille voruͤber,
Sondern die Harfe beſchaͤfftigte ſich; die feyrliche Floͤte,
Zinke, Cimbal und Laut erklang mit lieblichem Schalle;
Und harmoniſche Toͤne von guͤldnen und ſilbernen Saiten
Miſchten ſich in die Stimmen, die einzeln, oder in Choͤren,
580
38 Lieder ſangen; und Wolken von Dampf und heiligem Weihrauch
Stiegen vom guͤldnen Rauchgefaͤß auf, und verhuͤllten den Huͤgel.
Sie beſangen die Schoͤpfung der ſechs verherrlichten Tage:
Groß ſind deine Werke, Jehovah! Unendlich iſt deine
Wirkſame Macht. Wie kann des Erſchaffnen Gedanke dich faſſen,Und31Siebenter Geſang.
Und welche eine Zunge kann dich beſchreiben? Du biſt itzt,
585
38 Da du zuruͤckkoͤmmſt, groͤßer, als dazumal, da du die ſtolzen
Rieſenengel geſtuͤrzt. An dieſem ſchrecklichen Tage
Hat dich dein Donner erhoͤht; allein, erſchaffen, iſt groͤßer,
Als das Erſchaffne zerſtoͤren. Wer iſt, der, Ewger, dir gleich iſt?
Maͤchtiger Koͤnig! Und wer kann deine Herrſchaft beſchraͤnken?
590
38Ohne Muͤhe vereitelteſt du die ſtolzen Entſchluͤſſe
Jener rebelliſchen Geiſter; und ihren vergeblichen Anſchlag
Haſt du zunichte gemacht; indem ſie gottlos gedachten,
Dich zu verringern, und uns, die Schaaren von deinen Verehrern,
Zu verfuͤhren. Allein, wer dich zu verringern gedenket,
595
38 Hilft nur deine goͤttliche Macht noch herrlicher zeigen,
Wider ſeinen eigenen Willen. Ein Zeuge hiervon iſt
Dieſe neuerſchaffene Welt; ein anderer Himmel,
Von der Pforte des Himmels nicht weit entlegen; dem Schein nach
Auf die kryſtallne See, die Hyaline, gegruͤndet;
600
38 Unermeßlich im Umfang, mit zahlloſen Sternen beſaͤet;
Und vielleicht iſt jeglicher Stern
oo)Milton laͤßt den Engel vielleicht ſagen, weil zu ſeinen Zeiten die Meynungvon mehreren Welten noch nicht ſo allge - mein war, wie in unſern Tagen. N.
oo), ſo klein in der Ferne,
Eine Welt, die Geſchoͤpfen zu ihrer Wohnung beſtimmt iſt.
Dir ſind ihre Zeiten bekannt; zu ihnen gehoͤret
Auch die Wohnung der Menſchen, die Erde; die rund um begrenzt iſt
605
39 Mit dem weiten niederen Meer; ein lieblicher Wohnplatz!
Dreymal gluͤckliche Menſchen, und gluͤckliche Soͤhne der Menſchen,
Die der Allmaͤchtge ſo hoch begnadigt, ſo herrlich erſchaffen,Sie32Das verlohrne Paradies. Siebenter Geſang.
Sie erſchaffen nach ſeinem Bild, um dorten zu wohnen,
Und ihn anzubethen; und zur Belohnung zu herrſchen
610
39 Ueber alles das, was er gemacht in der Luft, und auf Erden,
Und im Meer; und ein heilges Geſchlecht von Verehrern der Gottheit
Auszubreiten allda. O! dreymal gluͤckliche Menſchen,
Wenn ſie dieß Gluͤck erkennen, und ſtets im Guten verharren.
Alſo ſangen die Choͤre. Der empyreiſche Himmel
615
39 Schallte vom Hallelujah. So ward der Sabbath gefeyert.
Und ich habe nunmehr dir dein Verlangen erfuͤllet,
Das mich befragt, wie dieſe Welt, nebſt allem entſtanden;
Und was vor dir im Anfang geſchehn, damit es der Nachwelt
Unterrichtet durch dich dereinſt bekannt ſey. Wofern du
620
39 Sonſt noch etwas, welches die Grenzen des irdſchen | Verſtandes
Nicht zu ſehr uͤberſteigt, zu wiſſen verlangeſt, ſo ſag es.
Achter[33][34]
[figure]

Das Verlohrne Paradies. Achter Geſang.

II. Theil. E35

Das Verlohrne Paradies. Achter Geſang.

Raphael endigte hier. Doch ſeine bezaubernde Stimme
Klang noch immer in Adams Ohr; er glaubte noch immer
Jhn zu hoͤren; und ſaß, auf ihn die Gedanken geheftet;
Bis er zuletzt, wie von neuem erwacht, erkenntlich verſetzte.
5
Welchen Dank, und welche Vergeltung kann ich dir erſtatten,
Großer goͤttlicher Lehrer ſo fremder erhabner Geſchichte!
Da du den Durſt nach Wiſſenſchaft mir ſo reichlich geſtillt haſt,
Und ſo geneigt, wie ein Freund, zu mir dich heruntergelaſſen,
Dinge mir zu erzaͤhlen, die ich ſonſt nimmer erfahren,
10
39 Und erſt itzo von dir mit entzuͤckter Verwundrung gehoͤret.
Preis und Ehre dafuͤr dem großen allmaͤchtigen Schoͤpfer,
Wie ſichs gebuͤhrt. Doch bleibt mir indeß ein Zweifel zuruͤcke,
Den du allein mir benehmen kannſt. Wenn voller Entzuͤckung
Jch den herrlichen Bau von Himmel und Erde
a)Adam giebt hierdurch dem Engel die Gelegenheit, die Meynungen des Ptole - mäus und Copernicus von dem Welt - gebaͤude vorzutragen. Der Dichter aber braucht die Behutſamkeit, daß der Erz - engel keines von dieſen Syſtemen durchſeinen Ausſpruch fuͤr gewiß erklaͤrt. Haͤt - te Milton in den itzigen Zeiten gelebt, ſo haͤtte er vielleicht ohne Bedenken ſich den Engel fuͤr das Copernicaniſche Syſtem erklaͤren laſſen. Z.
a)betrachte;E 2Wenn36Das verlohrne Paradies.
15
40Wenn ich den Umfang davon und ihre Groͤßen berechne,
Und dagegen die Erde beſchau, wie ein Punkt nur, ein Sandkorn,
Und ein Staͤubchen, verglichen mit jenem ſtralenden Himmel,
Und den unzaͤhligen Sternen, die unbegreifliche Kreiſe
Durchzulaufen ſcheinen, wie dieß aus ihrer Entfernung,
20
40 Und aus ihrer geſchwinden und taͤglichen Reiſe zu ſchließen;
Bloß, ſo ſcheint es, Tag und Nacht der dunkelen Erde
Dienſtbar zu leuchten; da ſonſt nach ihrem gewaltigen Umfang,
Faſt kein anderer Nutzen erſcheint; wenn ich dieſes erwaͤge:
Wundert mich oft, wie die weiſe Natur, die alles ſo ſparſam
25
40 Eingerichtet, ſo ſehr im Ebenmaaße gefehlet,
Und mit verſchwendriſcher Hand ſo viele groͤßere Koͤrper
Bloß zu dieſem Endzweck gemacht, ſo wie es uns vorkoͤmmt,
Und ſo ſchnelle Bewegung, die Tag und Nacht wiederhohlt wird,
Jhrer Laufbahn beſtimmt, indeß die ruhende Erde,
30
40 Die ſich viel leichter, viel kuͤrzer um ſie zu bewegen gemacht ſcheint,
Von viel edlern Geſtirnen, als wie ſie ſelbſt iſt, bedient wird;
Ohne die mindſte Bewegung ihr Ziel erreichet, und ruhig
Jhren Tribut empfaͤngt von Licht und von Waͤrme, der taͤglich
Jhr mit einer Eile, mit einer Geſchwindigkeit zuſtroͤmt,
35
40 Welche faſt mehr als koͤrperlich iſt, und die zu beſchreiben,
Selber der Phantaſie die gehoͤrigen Zahlen ermangeln.
Alſo ſagte der erſte Vater. An ſeiner Gebaͤrde
Sah man, daß ſich ſein Geiſt in ernſte verborgne GedankenStill37Achter Geſang.
Still nachſinnend vertieſte. Da Eva dieſes bemerkte
b)Was fuͤr ein anmuthiges Gemaͤlde entwirft uns hier der Dichter von der Eva! Sie bleibt nur ſo lange, als der Engel und ihr Gemahl von Dingen re -den, die ihr nuͤtzlich ſeyn konnten: ſo bald ſie aber ſich in tiefſinnige verwickelte Ma - terien einlaſſen, entfernt ſie ſich voller Wohlanſtaͤndigkeit. N.
b),
40
41Stand ſie von ihrem Sitz, worauf ſie etwas entfernter
Jhm im Geſicht ſaß, auf, mit majeſtaͤtiſcher Demuth,
Und mit ſolcher Schoͤnheit geſchmuͤckt, daß, wer ſie nur ſahe,
Bey ſich den Wunſch that, daß ſie zu bleiben wuͤrdigen moͤchte.
Reizend wandelt ſie fort zu ihren Fruͤchten und Blumen,
45
41 Jhrem ſuͤßen Geſchaͤffte, zu ſehn, wie Knoſpen und Bluͤthen
Vorgeſproßt; freudiger lachten bey ihrer Ankunft die Blumen,
Und entfalteten ſich durch ihre Beruͤhrung geſchwinder.
Doch entfernte ſie darum ſich nicht, als ob ſie an ſolchen
Ernſten erhabnen Reden ſich nicht zu ergoͤtzen vermoͤchte,
50
41 Oder als waͤren ſie fuͤr ſie zu hoch; nein, dieſes Vergnuͤgen
Sparte ſie ſich auf kuͤnftige Zeit, wenn ſie es alleine
Hoͤren wuͤrde von Adam; ſie zog die Erzaͤhlung des Mannes
Eines Engels Erzaͤhlung vor, und wollte viel lieber Adam drum fragen. Jhr war ſchon bekannt, mit welcher Veraͤndr[u]ng
55
41 Er die ſuͤßen Geſpraͤche mit ihr zu erheitern gewohnt war,
Und mit welchem gefaͤlligen Scherz er, was ihr zu hoch ſchien,
Jhr erklaͤrte. Von ſeinen Lippen gefielen ihr Worte
Nicht ganz allein. O! wenn koͤmmt itzt, voll Freundſchaft und Liebe,
So ein gluͤcklich vereinigtes Paar, wie dieſes, zuſammen?
60
41Und nun gieng ſie, wie eine Goͤttinn, mit hohem Betragen,
Und nicht ohne Begleitung, fort; von einem GefolgeE 3Siegen -38Das verlohrne Paradies.
Siegender Grazien ward ſie umringt, die voller Verehrung
Jhr, wie ihrer Koͤniginn, dienten; ſie ſchoſſen rund um ſie
Pfeile von ſuͤßem Verlangen in aller Augen und Herzen,
65
41 Daß man wuͤnſchte, ſie immer zu ſehn. Und Raphael gab itzt
Huldreich und willig auf Adams geaͤußerte Zweifel zur Antwort.
Daß du forſcheſt und fragſt, verdenk ich dir nicht. Denn der Himmel
Jſt wie ein Buch, das Gott dir ſelber eroͤffnet, darinnen
Seine Wunder zu leſen, und Zeiten, Stunden, und Tage,
70
41 Monden und Jahre, daraus zu ſehn. Und dieß zu erlangen,
Haſt du nicht noͤthig, zu wiſſen, ob ſich die Erde beweget,
Oder der Himmel allein; wenn deine Berechnung nicht irret.
Alles andre hat Gott, der große Bauherr, den Engeln
Und den Menſchen weislich verhuͤllt, und ſeine Geheimniß
75
41 Jhnen nicht offenbart, damit ſie von ſeinen Geſchoͤpfen
Nicht beurtheilt wuͤrden, da ihre viel groͤßere Pflicht iſt,
Sie zu bewundern. Wofern ſie indeß nachgruͤbelnd es wagen,
Durch Vermuthung ſie auszuſpaͤhn; ſo laͤßt er die Himmel
Jhrem hitzigen Streit; ohnfehlbar, daß er des Stolzes,
80
41 Und der thoͤrichten Meynungen lache, wenn etwan in Zukunft
Sie die Maaßen des Himmels beſtimmen, die Sterne berechnen;
Wenn er wahrnimmt, wie ſie den großen Weltbau regieren;
Wie ſie bauen, und niederreiſſen, und alles erſinnen,
Um die Erſcheinungen nur der himmliſchen Koͤrper zu retten;
85
41 Wie ſie mit centriſchen bald, bald mit excentriſchen Kreiſen;
Und mit Cyklen und Epicyklen, mit Ringen in Ringen,Jhre39Achter Geſang.
Jhre Sphaͤren bemahlen. Jch ſeh es aus deinem Vernuͤnfteln,
Deine Nachwelt gleichet dir einſt. Du hegeſt die Meynung,
Daß die hellen groͤßeren Koͤrper nicht ſollten den dunkeln,
90
41 Und geringeren dienen; und daß der Himmel nicht muͤſſe
Solche Reiſen verrichten, indem die Erde beſtaͤndig
Still ſteht, und den Nutzen allein von ihnen empfaͤnget.
Aber erwaͤge zuerſt, daß groß und hell ſeyn, deshalb nicht
Eine beſondre Vortrefflichkeit zeigt. Die Erde, ſo klein ſie
95
41 Jn Vergleichung des Himmels iſt, obgleich ſie nicht glaͤnzet,
Kann mehr Ueberfluß doch vom wahren Guten beſitzen,
Als die Sonne, die unfruchtbar ſtralt; die erwaͤrmenden Kraͤfte
Wirken nicht auf ſie ſelbſt, nur auf die befruchtete Erde,
Welche den ſonſt unwirkſamen Stral empfaͤngt, und zuerſt dann
100
41 Seinen Einfluß empfindet. Die großen ſtralenden Lichter
Dienen auch eigentlich nicht mit ihrem Glanze der Erde,
Sondern nur dir, dem Erdebewohner. Auch ſoll dir des Himmels
Unermeßlicher Umfang die Pracht des Schoͤpfers verkuͤndgen,
Welcher ſo groß und geraum gebaut, und die Graͤnzen der Schoͤpſung
105
41 So weit ausgedehnt hat, damit der Menſch ſich erinnre,
Daß er allein nicht allhier in ſeinem Eigenthum wohne,
Sondern die Welt zu groß fuͤr ihn ſey, ſie ganz zu erfuͤllen,
Da er den kleineſten Theil nur bewohnt, und zu anderm Gebrauche,
Welchen der Schoͤpfer am beſten kennt, das uͤbrige da iſt.
110
41Dieſer zahlloſen Kreiſe Geſchwindigkeit ſchreibe des Schoͤpfers
Allmacht zu, der den Koͤrpern ſo eine Schnelligkeit beylegt,
Welche faſt geiſtig iſt. Mich wirſt du fuͤr langſam nicht halten,Da40Das verlohrne Paradies.
Da ich ſeit der Stunde des Morgens vom Himmel, wo Gott thront,
Niedergeſtiegen, und noch vor dem Mittag bey dir hier in Eden
115
41 Angelangt bin; welch eine Ferne! mit allen bekannten
Nennbaren Zahlen nicht auszudruͤcken! Dieß ſag ich dir darum,
Dir zu beweiſen, daß, wenn man der Himmel Bewegungen annimmt,
Deine Zweifel gar bald, die du mir machteſt, verſchwinden.
Doch behaupt ich deswegen es nicht, obgleich dir auf Erden,
120
41 Wo du wohnſt, es ſo ſcheint. Gott wollte vor menſchlichen Sinnen
Seine Wege verbergen, und hat den Himmel deswegen
Von der Erde ſo weit entfernt, daß ein irdiſches Auge,
Welches die Neugier verfuͤhrt, in allzuerhabenen Dingen,
Ohne Gewißheit davon, in ſeinen Vermuthungen irre.
125
41Aber, wenn von der Welt die Sonne der Mittelpunkt waͤre,
Und die uͤbrigen Sterne von ihren anziehenden Kraͤften,
So wie von ihren eignen, beſeelt, in verſchiedenen Ringen
Um ſie herum ſich bewegten? Du ſiehſt, den wandernden Kreislauf
Halten ſechſe von ihnen, bald niedrig, bald hoch, bald verborgen;
130
41 Jtzo gehn ſie voraus, itzt wieder zuruͤcke; dann ſtehn ſie
Still. Wie wenn der Planet die Erde, ſo unbeweglich
Sie auch ſtill zu ſtehn ſcheint, von ihnen der ſiebente waͤre,
Und drey unbemerkte verſchiedne Bewegungen haͤtte?
Willſt du gezwungen nicht ſeyn, ſie ganz verſchiedenen Sphaͤren,
135
41 Welche ſich in die Quer und Kruͤmm in einander bewegen,
Zuzuſchreiben; ſo mußt du die Arbeit der Sonnen erſparen,
Und mit der Arbeit auch das, hoch uͤber den Sternen gelegne,Schnelle41Achter Geſang.
Schnelle bewegende Nad
c)So nennt Milton das primum mo - bile der alten Aſtronomie; dieß war eine eingebildete Sphaͤre uͤber alle andern Sphaͤren der Planeten und Fixſterne, welche die erſte urſpruͤngliche Bewegung in ſich beſaß, und ſie durch ihre Geſchwin - digkeit allen den andern Sphaͤren mit - theilte. N.
c), das unſichtbar uͤber den Sphaͤren
Durch ſein Herumdrehn den Tag und die Nacht verurſacht. Doch haſt du
140
42 Dieſes zu glauben nicht noͤthig, wenn die umwandelnde Erde
Selber in Oſten den Tag ſich hohlt, und der Nacht mit dem Theile,
Der vom Sonnenlicht abgekehrt iſt, begegnet; indem ſie
Mit den andern Theilen vom Stral der Sonnen erhellt iſt.
Wie? wenn dieſes Licht, das aus ſo großer Entfernung
145
42 Durch die weite heitere Luft herunter gelanget,
Dieſem irdiſchen Mond, gleich einem Sterne, bey Tage
Schiene, wie dieſer der Erde bey Nacht? Und dieſes geſchaͤhe
Wechſelsweiſe, wenn Land und Gefild und Bewohner dort waͤren.
Seine Flecken erblickſt du, wie Wolken
d)Unſer Dichter ſcheint die Flecken im Monde fuͤr Wolken und Duͤnſte zuhalten; es iſt aber wahrſcheinlicher, daß es große Seen und Meere ſind, weil ſie, wenn es Wolken ſeyn ſollten, nicht im - mer auf einer gewiſſen Stelle ſich zeigen wuͤrden. N.
d); es koͤnnen die Wolken
150
43 Regnen, und wenn ſich das Land vom Regen erweicht hat, ſo kann es
Fruͤchte tragen, fuͤr die, die dorten wohnen, zur Speiſe.
Und vielleicht entdeckeſt du einſt mit ſchaͤrferen Blicken
Noch mehr andere Sonnen, mit ihren begleitenden Monden,
Welche das maͤnnlich und weibliche Licht
e)Nach der alten Aſtronomie, da man der Sonne ein maͤnnliches, und dem Monde ein ſanftes weibliches Licht zu - ſchrieb. N.
e), zu des Ganzen Befruchtung,
155
44 Mit einander vermiſchen; denn dieſe zwey großen Geſchlechter
Geben das Leben der Welt, die vielleicht mit etwas, das lebet,JnII. Theil. F42Das verlohrne Paradies.
Jn jedweder Kugel erfuͤllt iſt. Denn zweifelhaft iſt es,
Daß ein ſo großer Raum, von nichts Lebendgem bewohnet,
Wuͤſt und verlaſſen ſteh, zum Stralen allein nur beſtimmet,
160
44 Da doch jegliche Kugel bloß einen Schimmer von Lichte
Einen ſo fernen Weg zur Erde herunter ſendet,
Die aufs neue zuruͤck es wirft. So ſey es; vielleicht auch
Anders; die herrſchende laufende Sonne geh uͤber der Erd auf,
Oder der Erdball uͤber der Sonne; die wandernde Sonne
165
44 Nehme den flammenden Weg von Oſten her, oder die Erde
Nehm aus Weſten den Lauf, mit ſtillem ſchlafenden Schritte,
Welche ſich unerſchuͤttert, und ſanft um die Axe herumdreht
Und zugleich mit der Luft dich fortbeweget: ſo haſt du
Ueber verborgene Dinge dir nicht Gedanken zu machen.
170
44Laß die Sorge dafuͤr dem großen Schoͤpfer; Jhn fuͤrchte,
Und ihm diene! Laß ihn, mit ſeinen andern Geſchoͤpfen,
Wo ſie von ihm auch hingeſetzt ſind, nach ſeinem Gefallen
Handeln. Erfreu dich an dem, was dir geſchenkt iſt, an dieſem
Herrlichen gluͤcklichen Eden, und deiner reizenden Eva.
175
44Dir iſt der Himmel zu hoch, um, was drinn vorgeht, zu wiſſen,
Sey mit Demuth weiſe; was dich, und dein eigenes Weſen
Angeht, drauf denk allein, und bilde von anderen Welten
Keine Traͤume dir ein, was fuͤr Geſchoͤpfe da wohnen,
Und in was fuͤr Stand, und Wuͤrden, und Graden ſie leben.
180
44Sey zufrieden damit, daß dir ſo vieles enthuͤllt iſt,
Von der Erde nicht nur, ſelbſt von dem hoͤheſten Himmel.
Adam,43Achter Geſang.
Adam, nun ganz von Zweifeln befreyt, antwortet ihm alſo:
Wie vollkommen hat deine Huld mir Gnuͤge geleiſtet,
Reine, himmliſche Kraft, gefaͤlliger Engel! du haſt mir
185
44 Jede Schwierigkeit aufgeloͤſt, und haſt mich gelehret,
Ruhig zu ſeyn, und nicht mit kuͤhnen verworrnen Gedanken
Selbſt mir die Anmuth des Lebens zu ſtoͤren; indem der Allmaͤchtge
Aller nagenden Sorge geboth, fern von uns zu bleiben,
Und uns nicht in Unruh zu ſetzen, wofern wir nicht ſelber
190
44 Mit verirrtem Vernuͤnfteln, und leerem Forſchen, ſie ſuchen.
Aber die Phantaſie und der Geiſt iſt allzugeneigt nur
Auszuſchweifen, wofern man ſie nicht beherrſchet; ſie hoͤren
Auszuſchweifen nicht eher auf, als bis ſie gewarnt ſind,
Oder Erfahrung ſie lehrt, daß nicht Erkenntniß an Dingen,
195
44 Welche zu weit entfernt, zu unnuͤtz, zu dunkel, zu fein ſind,
Sondern Erkenntniß von dem, was in dem taͤglichen Leben
Da liegt, wahre Weisheit ſey; was weiter hinaus ſtrebt,
Jſt bloß Eitelkeit, Rauch, und kuͤhne Thorheit; und macht uns
Unbereitet, und ungeuͤbt, zu forſchen in Dingen,
200
44 Die uns die wichtigſten ſind. Laß drum mit niedrigem Flug uns
Von den erhabenen Hoͤhn der Betrachtung herunter ſinken,
Um von Dingen, die vor uns liegen, und Nutzen mir bringen,
Uns zu beſchaͤfftgen; ſie geben vielleicht Gelegenheit, manches,
Was mir nuͤtzet, und deine Gunſt erlaubet, zu fragen.
205
44Von dir hab ich gehoͤrt, was vor mir geſchehn iſt; vernimm itzt
Meine Geſchichte; von der du vielleicht nicht alles erfahren.
Noch iſt der Tag nicht verfloſſen; du ſiehſt es, was ich erſinne,F 2Nur44Das verlohrne Paradies.
Nur dich noch laͤnger zu ſehn, indem ich ſogar mich erkuͤhne,
Dich zu erſuchen, gefaͤllig auch mich erzaͤhlen zu hoͤren.
210
44Ein vermeßnes Verlangen! geſchaͤh’s nicht allein in der Hoffnung,
Deiner Antwort darauf. Denn ſo, wie ich mit dir hier ſitze,
Schein ich im Himmel zu ſeyn, und deine lieblichen Reden
Sind viel ſuͤßer dem Ohr, als wie die Fruͤchte des Palmbaums,
Welche den Hunger und Durſt am angenehmſten erquicken,
215
44 Wenn nach der Arbeit nunmehr die Stunde der Nahrung uns rufet;
Dieſe ſaͤttigen bald, ſo ſuͤß ſie auch ſchmecken, doch deine
Goͤttlichen, lieblichen Reden, ſo ſuͤß ſie ſind, ſaͤttigen nimmer.
Himmliſch freundlich erwiederte drauf ihm Raphael alſo:
Auch ſind deine Lippen voll Reiz, o Vater der Menſchen,
220
44 Deine Zung iſt unberedt nicht, indem der Allmaͤchtge
Mit den herrlichſten Gaben ſo reichlich von innen und außen
f)Warburton hat aus dieſen Wor - ten unſerm Dichter eine Art von Anthro - pomorphismus Schuld geben wollen; Herr Wieland hat ihn aber hinlaͤnglich gerechtfertigt. Geſetzt, ſagte er, es ge - fiele Gott, ſich zuweilen durch eine ſicht - bare Geſtalt, in welcher ſeine relativen Vollkommenheiten ſich ungemein empfind -lich ausdruͤckten, den Engeln oder an - dern ſeeligen Geiſtern zu offenbaren, und der Menſch ſey dem Leibe nach dieſer voll - kommnen Geſtalt, obgleich in einem groſ - ſen Abſatz, nachgebildet, ſo haben wir ei - ne Erklaͤrung der Stelle Miltons ohne die Ketzerey, die Warburton ihm aufbuͤr - den will. Z.
f)
Dich begnadigt; du biſt ſein heiliges Bildniß. Du magſt nun
Reden, oder auch ſchweigen: ſo zieren Anmuth und Anſtand
Jede Geberd und jegliches Wort. Wir halten im Himmel
225
45 Dich fuͤr geringer auch nicht, als unſern Gefaͤhrten im Dienſte
Gottes; wir moͤgen auch gern die Wege des Hoͤchſten auf Erden
Mit den Menſchen erforſchen; indem wir erkennen, daß Gott dichEben -45Achter Geſang.
Ebenfalls ehrt, und mit gleicher Liebe den Menſchen beſeeligt.
Laß mich denn deine Geſchichte vernehmen! Jch war an dem Tage
230
45 Deiner Erſchaffung entfernt. Zu einer beſchwerlichen Reiſe
War ich geſandt, und zog mit meinen geſchloſſenen Schaaren
Fernhin nach den Pforten der Hoͤlle; wir hatten Befehle,
Dahin zu ſehn, daß keiner als Feind von der hoͤlliſchen Rotte
Aus dem Abgrund ſich reiße
g)Wie dieſes eine gute Urſache zu des Engels Abweſenheit war, ſo macht ſie auch zugleich dem Menſchen Ehre, mit dem er ſich unterhielt. N.
g), ſo lange der Schoͤpfer im Werke
235
46 Seiner Erſchaffung begriffen ſey, damit er im Zorne
Ueber ſo freche Verwegenheit, nicht Zerſtoͤrung und Schoͤpfung
Mit einander vermiſche. Zwar nicht, als haͤtten ſie duͤrfen
Ohn Erlaubniß von ihm dieß unternehmen; nein, oftmals
Sendet er bloß uns zur Pracht, mit ſeinen hohen Befehlen,
240
46 Unſern fertgen Gehorſam, als unſer oberſter Koͤnig,
Auf die Probe zu ſtellen; die ſcheußlichen Thore der Hoͤlle
Fanden wir feſt verwahrt, und feſt verriegelt; doch fern noch
Hoͤrten wir ſchon ein Getoͤſe darinn, nicht wie das Getoͤſe
Von Geſaͤngen und Taͤnzen; nein, jammerndes Klagen, und Bruͤllen
h)Nach dem Virgil im VI. Buche der Aeneis, wo Aeneas und die Sybille vor der Hoͤlle ſtehn. Hinc exaudiri gemitus et ſaeva ſonare Verbera: tum ſtridor ferri, tractae - que catenae. Jammerndes Klagen erſcholl; man hoͤrte das laute Gewinſel Von den Verdammten unter den Mar - tern; und fernher das Raffeln Schwerer geſchleppter Ketten ꝛc. N.
h)
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47 Raſender Wuth. Wir kehrten hierauf zu den Kuͤſten des Lichtes
Noch vor dem Abend des Sabbaths, (ſo lauteten unſre Befehle,)
Froͤhlich zuruͤck. Doch hebe nun deine Geſchicht an, o Adam,F 3Mich46Das verlohrne Paradies.
Mich verlanget darnach; denn deine lieblichen Reden
Bringen mir gleiches Vergnuͤgen, als dir die meinigen bringen.
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So die goͤttliche Kraft; und unſer Ahnherr verſetzte:
Schwer wirds Menſchen zu ſagen, wie ſich das menſchliche Leben
Angefangen; denn wer kann ſeinen eigenen Urſprung
Wiſſen? Jedoch die Begierde, mit dir noch laͤnger zu reden,
Bringt mich hierzu. Als waͤr ich erſt aus dem tiefeſten Schlafe
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47 Aufgewacht, fand ich mich ſanft auf einem blumichten Raſen
Jm balſamiſchen Schweiße ruhn. Die Stralen der Sonne
Zogen das rauchende Naß bald auf. Gleich wandt ich gen Himmel
Meinen wundernden Blick, und ſah mit ſtarrenden Augen
Lang in die blaue geraume Luft; bis daß ich von ſelber,
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47 Wie durch einen maͤchtgen Jnſtinkt begeiſterter, aufſprang,
Und als ob ich hinauf zu meinem Vaterland ſtrebte,
Auf die Fuͤße gerichtet ſtand. Jch ſahe rund um mich
Huͤgel, und Thal, und ſchattichte Waͤlder, und helle Gefilde,
Und den fließenden Fall von murmelnden Stroͤmen; am Ufer
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47 Mancherley lebende Thiere, die ſich bewegten, und giengen,
Oder flogen; und ſin gende Voͤgel auf bluͤhenden Zweigen.
Alles lachte rund um mich her; von Freuden und Wonne
Floß mir das Herz. Jch betrachtete mich drauf ſelbſt, und beſchaute
Jedes Glied nach dem andern; bald ſtund ich, bald lief ich, mit ſchnellen
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47 Biegſamen Schenkeln, ſo wie die innre lebendige Kraft mich
Leitete. Doch wer ich war, woher ich gekommen, und wer mich
Alſo geſchaffen, das wußt ich nicht. Jch verſuchte, zu reden,Und47Achter Geſang.
Und ich redte ſogleich; die Zunge gehorchte mir; fertig
Konnte ſie nennen, was ſie nur ſah. Du, ſprach ich, o Sonne,
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47 Herrliches Licht! und du, o hellerleuchtete Erde,
Die du ſo lachend und friſch umherſichſt. Huͤgel, und Thaͤler,
Jhr, ihr Stroͤme, Waͤlder und Ebnen, und ihr, die ihr lebet,
Und euch bewegt, ihr ſchoͤnen Geſchoͤpfe! ſagt, wenn ihrs geſehn habt,
Sagt, wie ward ich ſo
i)Kein Stuͤck in dem ganzen Gedichte kann den Leſer zu groͤßerer Aufmerkſam - keit reizen, als dieſe Erzaͤhlung unſers großen Stammvaters, und nichts kann uns auf eine angenehmere Art einnehmen,als wenn wir hoͤren, was fuͤr Gedanken bey dem erſten Menſchen aufſtiegen, da er erſt eben neugeſchaffen aus der Hand ſeines Schoͤpfers kam. Addiſon.
i), wie kam ich hieher? durch mich ſelber:
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48 Nein! unſtreitig demnach durch einen erhabenen Schoͤpfer,
Der an Guͤt und an Macht ausnehmend iſt. Sagt mir, wie kann ich
Jhn erkennen? wie ihn anbethen? von dem ich es habe,
Daß ich mich ſo bewege, ſo lebe; durch den ich es fuͤhle,
Daß ich gluͤcklicher bin, als ich weiß! Da ich ſo im Entzuͤcken
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48 Rief, und ohne zu wiſſen, wohin ich wandelte, fernweg
Von dem Orte gerieth, wo ich am erſten geathmet,
Und zuerſt dieß gluͤckliche Licht erblicket, und da ich
Nirgendher Antwort bekam, ſetzt ich mich in tiefen Gedanken
Nieder auf eine ſchattichte Bank, mit ſchimmernden Blumen
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48 Praͤchtig geſtickt. Hier fand mich zuerſt der erquickende, ſuͤße
Schlaf; mit ſanfter Gewalt befiel er die ſchlummernden Sinnen,
Ohne Widrigkeit, ob ich gleich dachte, nun wuͤrde mein Weſen
Jn den erſten fuͤhlloſen Zuſtand zuruͤcke kehren,
Und zerfließen. Doch ploͤtzlich ſtand mir ein Traumbild zum Haupte,Deſſen48Das verlohrne Paradies.
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48Deſſen innere Schilderung brachte mich auf die Gedanken,
Daß ich wirklich noch ſey, und noch lebe. Von goͤttlichem Anſehn
Kam, ſo duͤnkte mich, jemand, und ſprach: Auf! Adam, erwache!
Deine Wohnung wartet auf dich, o Erſter der Menſchen,
Du, o beſtimmter erſter Vater unzaͤhliger Mengen;
300
48 Von dir gerufen, komm ich, dich zu dem Garten zu bringen,
Zu dem Garten der Wonne, der dir zur Wohnung beſtimmt iſt.
Alſo ſprach er; und faßte mich drauf bey der Hand, und erhub mich;
Und ich ſchluͤpfte mit ihm ſanft uͤber Waſſer und Felder,
Wie in der Luft fort, ohne zu gehn. Er fuͤhrte mich endlich
305
48 Auf ein waldicht Gebirge hinauf; ſein Gipfel war eben,
Weit im Umfang, bepflanzt mit den herrlichſten Baͤumen; mit Gaͤngen
Und mit ſchattichten Lauben verſehn, daß, was ich auf Erden
Erſt geſehn, kaum reizend noch ſchien. Jedweder der Baͤume
Mit den herrlichſten Fruͤchten beladen, die vor mir verſuchend
310
48 Hiengen, reizte ſogleich in mir die Begierde, zu pfluͤcken,
Und zu eſſen. Hieruͤber erwacht ich, und fand, daß es alles
Voͤllig wahr ſey, was mir der Traum ſo lebhaft geſchildert.
Und hier haͤtt ich aufs neu herum zu wandern begonnen,
Waͤre mein Fuͤhrer mir nicht, der hier herauf mich geleitet,
315
48 Fernher unter den Baͤumen erſchienen; ein goͤttlicher Anblick!
Froͤhlich, aber mit ruhiger Ehrfurcht, und tiefanbethend,
Fiel ich nieder vor ihm, er erhub mich, und ſagte mir gnaͤdig:
Der, den du ſucheſt, bin Jch! Jch bin der Schoͤpfer von allem,
Was du uͤber dir, rund um dich her, und unter dir ſieheſt.
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48Dir, dir geb ich dieß Paradies, dein Eigenthum! Bau es,Und49Achter Geſang.
Und bepflanz es nach deinem Gefallen, und von den Fruͤchten,
von allen Baͤumen des Gartens, mit froͤhlichem Herzen,
Und in voller Freyheit, und fuͤrchte dich hier nicht vor Mangel,
Aber vom Baum, durch den die Erkenntniß des Guten und Boͤſen
325
48 Jn dir gewirkt wird, und den ich zunaͤchſt beym Baume des Lebens,
Als ein Pfand von deinem Glauben, und deinem Gehorſam,
Mitten im Garten gepflanzt, von dieſem, (merke die Warnung,
Die ich dir gebe;) von dieſem nicht, und ſcheue die Folge,
Scheue die bittere Folge! denn welches Tages du von ihm
330
48 Eſſen, und dieß mein einzigs Geboth verwirken wirſt; ſollſt du
Unausbleiblich ſterben; ſollſt, von demſelbigen Tag an
Sterblich geworden, ſogleich dein irdiſches Gluͤck hier verlieren,
Ausgetrieben von hier in eine Wohnung des Jammers
Und des Elends! Ernſtlich ſprach Er das ſtrenge Verboth aus:
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48 Fuͤrchterlich ſchallt es noch itzt in meinen erſchrockenen Ohren,
Ob es in meinem Willen gleich ſteht, die ſchreckliche Strafe
Nie zu erfahren. Doch nahm er bald ſein freundliches Antlitz
Wiederum an ſich, und ſprach aufs neu mit gnaͤdigen Worten:
Nicht nur dieſe herrliche Gegend die ganze Erde
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48 Geb ich dir, und deinem Geſchlecht; beherrſcht ſie, als Herren!
Euer ſey alles, was auf ihr lebt, und alles, was lebet
Jn der Luft und im Meer; die Thiere, die Fiſche, die Voͤgel.
Und zum Zeichen ſoll jegliches Thier, ſoll jeglicher Vogel,
Jedes nach ſeiner Art, vor dir erſcheinen; ich will ſie
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48 Vor dich bringen, auf daß du ſie alle mit Namen benenneſt,
Und ſie mit tiefer Verehrung dir ihre Huldigung leiſten. II. Theil. GDieſes50Das verlohrne Paradies.
Dieſes Vorrecht ſey dir zugleich von den Fiſchen ertheilet,
Ob ſie gleich hier nicht erſcheinen, und ihre Waſſerbehauſung
Nicht zu verlaſſen vermoͤgen, die duͤnnere Luft hier zu athmen.
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Alſo ſprach er, und ſieh! es kamen die Voͤgel und Thiere,
Paar bey Paar. Liebkoſend buͤckten die Thiere ſich nieder;
Und die Voͤgel ſtrichen vor mir die Fittichen. Jedes
Nannt ich mit ſeinem Namen, ſo wie es vorbeygieng, und kannte
Seine Natur; mit ſolcher Erkenntniß begabte der Schoͤpfer
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48 Meinen geſchwinden Verſtand. Jndeſſen fand ich darunter
Dieß nicht, was mir beſtaͤndig, nach meinen Gedanken, noch fehlte,
Und ich erkuͤhnte mich, ſo zur hohen Erſcheinung zu ſagen.
O! mit welchen Namen
k)Warburton hat hieraus ſchließen wollen, daß Adam noch keine Kenntniß von Gott gehabt; Herr Wieland aber zeigt deutlich, wie jeder Leſer gleich ein - ſehn wird, daß eben deswegen, weilAdam keinen wuͤrdigen Namen fuͤr das hoͤchſte Weſen finden zu koͤnnen glaubte, er das Weſen ſeines Schoͤpfers ſehr wohl gekannt. Z.
k), denn du biſt groͤßer, als alle,
Groͤßer noch, als der Menſch; und alles, was ſonſt noch erhabner,
360
49 Als der Menſch, iſt; wie ſoll ich dich nennen? ſie alle, die Namen
Uebertriffſt du unendlich weir! Wie ſoll ich dich, Schoͤpfer
Dieſes Ganzen Dich, Geber ſo vieler unendlichen Guͤter,
Die du den Menſchen geſchenkt, wie Dich anbethen? So reichlich
Haſt du in allem fuͤr ihn zu ſeinem Wohlſeyn geſorget;
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49 Aber nur ſeh ich hier kein Geſchoͤpf, das mit mir es theilte!
Kann wohl ein Gluͤck in der Einſamkeit ſeyn? Kann jemand wohl etwasFuͤr51Achter Geſang.
Fuͤr ſich allein genießen? Und wenn er auch alles genoͤſſe,
Was fuͤr Zufriedenheit kann ein ſolcher Genuß ihm ertheilen.
Alſo ſprach ich verwegen; das ſtralende Goͤttergeſichte,
370
49 Welches, als wie vom Laͤcheln noch heller itzt ſtralte, verſetzte.
Und was nenneſt du Einſamkeit? Sprich, iſt etwan die Erde
Nicht, wie die Luft, mit Geſchoͤpfen von allen Arten erfuͤllet,
Welche leben, und alle nach deinem Winke bereit ſtehn,
Vor dir zu ſpielen? Kenneſt du nicht die Sprachen und Wege
375
49 Aller Thier um dich her? Auch ſie beſitzen Erkenntniß,
Und Vernunft, nicht ganz zu verachten; du kannſt dich mit ihnen
Unterhalten, und uͤber ſie herrſchen; wie groß iſt dein Reich nicht.
Alſo ſagte der Herr von allen Dingen, und ſchien ſo
Zu befehlen; ich bath um neue Verguͤnſtgung, zu reden,
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49 Und mit tiefer Ehrfurcht gab ich ihm alſo zur Antwort.
Laß dich, o himmliſche Kraft, o du, mein Fuͤhrer, mein Schoͤpfer,
Laß dich nicht meine Worte beleidgen, und hoͤre mich gnaͤdig,
Weil ich rede. Wie? Haſt du mich nicht zu deinem Regenten
Hier auf Erden gemacht, und alle dieſe Geringern
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49 Unter mich tief hinab geſetzt? Was kann fuͤr Geſellſchaft,
Was fuͤr ein wahres Vergnuͤgen, und wahrer harmoniſcher Gleichlaut,
Uns, ungleiche, verknuͤpfen? in wechſelsweiſer Erwiedrung
Wird er von beyden Seiten in rechtem Maaße gegeben,G 2Und52Das verlohrne Paradies.
Und empfangen. Allein, wo ſolch ein Unterſchied herrſchet,
390
49 Wo das eine zu ſtark geſpannt
l)Eine muſikaliſche Metapher | von Saiten. Die ſtraffſten und kuͤrzeſten ge - ben einen ſcharfen ſpitzigen Ton, und dielangen und ſchlaffen, einen tiefen und dumpfigen. Hume.
l), das andre zu ſchlaff iſt,
Werden ſie nie zuſammen geſtimmt; und werden in kurzem
Eines dem andern zur Laſt. Jch rede von ſolcher Geſellſchaft,
Wie ich ſie ſuche, fuͤr mich, die mit mir an jedem Vergnuͤgen,
Jeden vernuͤnftgen Ergoͤtzungen Theil zu nehmen geſchickt iſt.
395
50Hierinn kann kein Thier des Menſchen Mitgeſell werden,
Jedes ergoͤtzt ſich mit ſeiner Art, mit ſeinem Geſchlechte;
Mit der Loͤwinn der Loͤwe, ſo weislich haſt du in Paaren
Sie zuſammengeſellt. So wenig der Vogel mit Thieren,
Mit dem Vogel der Fiſch, und mit dem Ochſen der Affe,
400
50 Umgehn kann, ſo wenig, und noch viel weniger kann es
Unter allen der Menſch mit dieſen viel niedrigern Thieren.
Nicht ganz unzufrieden erwiederte drauf der Allmaͤchtge:
Ein ſehr zartes und feines Gluͤck haſt du, wie ich ſehe, Adam, dir ſelbſt in der Wahl von deiner Geſellſchaft erſonnen.
405
50Kein Vergnuͤgen willſt du, auch mitten in dem Vergnuͤgen,
Fuͤr dich allein in der Einſamkeit ſchmecken. Was denkſt du von mir denn,
Und von meinem eigenen Stand? Schein Jch dir genugſam
Gluͤcklich zu ſeyn, oder nicht? Seit allen den Ewigkeiten
Bin ich allein; ich kenne keinen, der nach mir der zweyte,
410
50 Der mir aͤhnlich, vielweniger Einen, welcher mir gleich ſey. Was53Achter Geſang.
Was hab Jch denn alſo zu meinem Umgang, als meine
Von mir ſelbſt gemachten Geſchoͤpfe, die ſo viel geringer,
Und unendliche Grade viel tiefer unter mir ſtehen,
Als die andern Geſchoͤpfe noch unter Dir ſind, o Adam?.
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Als der Allmaͤchtge hier ſchwieg, gab ich mit Demuth zur Antwort:
Oberſtes aller Dinge! die Hoͤh und die Tiefe von deinen
Ewigen Wegen zu meſſen, ſind alle Menſchengedanken
Viel zu geringe; denn Du, du biſt in dir ſelber vollkommen,
Und in dir wird kein Mangel bemerkt; nicht ſo mit dem Menſchen,
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50 Welcher umſchraͤnkt iſt, und, indem ſo vieles ihm mangelt,
Ein Verlangen hat, in der Geſellſchaft von dem, was ihm gleich iſt,
Sich zu helfen, und das, was ihm fehlt, dadurch zu erſetzen.
Fortzupflanzen brauchſt du dich nicht; du biſt ſchon unendlich,
Biſt ſchon durch alle Zahlen vollkommen
m)Ein lateiniſcher Ausdruck, omni - bus numeris abſolutus, quod expletumeſt omnibus ſuis numeris et partibus. N.
m), obgleich du nur Eins biſt;
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51 Aber der Menſch giebt ſchon durch die Zahl zu erkennen, wie ſehr er
Unvollkommen noch iſt; er zeuget Gleiches von Gleichen,
Und vermehrt durch ſich ſelbſt ſein Ebenbild, das in der Einheit
Jmmer mangelhaft bleibt; er hat drum helfende Liebe,
Und die theureſte Freundſchaft vonnoͤthen. Und ob du allein gleich,
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51 Jn dir ſelber am beſten mit deinem Umgang zufrieden,
Keiner Geſellſchaft bedarfſt; ſo kannſt du doch deine Geſchoͤpfe
Wenn dirs gefaͤllt, zu dem und jenem Gipfel der Hoheit
Und Gemeinſchaft, mit dir nach mancherley Graden erheben,G 3Und54Das verlohrne Paradies.
Und vergoͤttern; ich aber kann nicht die Thier in dem Umgang
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51 Von der Erden erheben, und mich an ihnen ergoͤtzen.
Alſo ſprach ich voll Muth, indem ich mich aller der Freyheit,
Die er mir gab, bediente. Die Kuͤhnheit wurde vergeben,
Und die gnaͤdige goͤttliche Stimme gab drauf mir die Antwort.
So weit wollt ich, o Adam, dich pruͤfen. Jch ſeh es, die Thiere,
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51 Denen du allen auf Erden die rechten Namen gegeben,
Kennſt du nicht nur, du kenneſt dich ſelbſt; und druͤckeſt den Geiſt aus,
Der frey in dir wohnt, mein Ebenbild, welches dem Thier nicht
Mitgetheilt ward; und darum iſt auch der Thiere Geſellſchaft
Deiner nicht werth; du haſt ſie von ſelbſt mit Grunde verworfen.
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51Bleib beſtaͤndig ſo edel geſinnt! noch ehe du redteſt,
Wußt ich, es ſey fuͤr den Menſchen nicht gut, wofern er allein ſey
n)1 B. Moſ. II, 18. Und Gott der Herr ſprach: Es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſey, ich willihm eine Gehülfinn machen, die um ihn ſey.
n),
Und mein Wille war nicht, dir jene zum Umgang zu geben,
Welche du vor dir ſaheſt, und die ich allein, dich zu pruͤfen,
Vor dich gebracht, um zu ſehn, wie du von dem