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Unterricht Von Der Teutſchen Spra - che und Poeſie / deren Uhr - ſprung / Fortgang und Lehrſaͤtzen. Wobey auch von der reimenden Poe - terey der Außlaͤnder mit mehren ge - handelt wird.
KIEL /Gedruckt und verlegt durchJoachim Reumann / Acad. Buchdr.im Jahr1682. Zu finden bey Johann Sebaſtian Riecheln.

Dem Wolgebohrnen Herrn / Hn. Jaſpar von Buchwald / Auff Muggesfelde ꝛc. Erbherren / Dero zu Schleßwig Holſtein Regierenden HochFuͤrſtl. Durchl. hochbetrauten Land-Raht und Ampt - mann zu Gottorp. Meinem hochgeneigten Herꝛn und Patron.

Sonnet.
NIm diß mein ſchlechtes Werck / o groſſer Goͤnner / an Mein Goͤnner / dem ich bin von lan - ger Zeit verpflichtet. Nim hin diß Werck / das Dir die ſchwache Feder richtet / Und dieſe Fauſt / die nichts als diß erbauen kan.
Doch ſey es / wie es iſt. Lobt dieſes nicht den Mann / So bleibt der Wille doch / den keine Zeit vernichtet / Und meine Tichtkunſt ſelbſt hat nichts hierin getichtet. Die Sprachkunſt ſpricht vor ihn. So bleibt dir dieſer dann.
Ein ſtarcker Wille gibt den Preiß dem ſchwachen Wercke. Durch Muht und deine Gunſt bekomt es dople Staͤrcke / Und ſeine Finſterniß durch deine Strah - len Schein.
So
So nim nun was diß iſt / von deines Die - ners Haͤnden. Iſt nichts zu loben dann an ſeinen Reim - gebaͤnden / So ſoll ein teutſches Hertz beyteut - ſcher Zungen ſein.

E. Exc. gehorſamſter Diener D. G. Morhoff.

An den geneigten Leſer.

WAs ich allhie von der Teutſchen Sprache und Poeſie geſchrieben / iſt mir ſo unter den Haͤnden gewachſen / daß / da ich erſt - lich nur etliche Bogen hievon meinen Gedichten anzuhaͤngen vermeinet / dieſes groͤſſer als die Getichte ſelbſt geworden. Daher dan kom - men / daß wie dieſelbe von der Feder ſo fort un - ter die Preſſe gebracht / an einem Ohrte was außgelaſſen / das am andern Ohrt / da es ſeine rechte Stelle nicht eben findet / beylaͤuffig ein - geſchoben; damit es gleichwoll nicht vergeſſen wuͤrde. Deſſen iſt ein Exempel in dem ſech - ſten Capittel des andern Theils / woſelbſt von dem Wort Barritus gedacht wird / ob es Teutſch ſey / welches der Hr. Rudbeck leugnet; nachge - hends habe ich aber bey einem alten Meiſter - ſaͤnger Hans Sachſen ſolches gefunden / und daſſelbe im folgenden ſiebenden Capittel ange - fuͤhret. Ich habe auch in dem andern Capit - tel des erſten Theils am 30. Blade / meines ge - ehrten Freundes Herrn Caſpar Vogten / vor - nehmen Buͤrgermeiſtern der Stadt Wißmarn gedacht / und eine groſſe Hoffnung von ſeiner Italiâ gemacht. Es hat aber derſelbe unter die - ſer Arbeit unvermuthlich die Welt geſegnen) (3muͤſ -An den geneigten Leſer. muͤſſen / da er nicht mehr als acht Capita von ſeinem Wercke außgearbeitet / welchen Ver - luſt ich ſehr bedaure. Dann es iſt mir zum Theil derſelben Einhalt bekant / und hat er viele Unterredungen mit mir deßhalben ge - pflogen / welchen ich zu erſt auff dieſe Gedan - cken gebracht. Ich habe von erſter Jugend an auff die Teutſche und andere Nordiſche Sprachen ein abſonderlich Auge geworffen / und ein hoͤhers und ehrwuͤrdigers Alterthum in ihnen vermerckt / als man ſonſt ins gemein davor haͤlt. Ich habe in Griechiſcher und Lateiniſcher Sprache ſo viele Fußſtapffen der - ſelben erſehen / daß ich mir auch einmahl ein gantzes weitlaͤufftiges Buch Originum Germanicarum zu ſchreiben vorgenommen. Dazu ich zwar ſchon viele Dinge in Bereit - ſchafft habe. Aber zu Außarbeitung eines ſo vollſtaͤndigen Werckes / da ein Tag den an - dern lehret / deſſen man ſich auch in der Ge - ſchwindigkeit nicht abhelffen kan / wuͤrde bey andern noͤthigern Dingen meine Lebens Zeit vielleicht zu kurtz fallen. Was ich in dem er - ſten Theil hier erwehne / iſt nur ein Schat - tenwerck deßjenigen was noch uͤbrig iſt. Ich zweiffle nicht / es werden viele daſſelbe als ein Paradoxon halten: Ich bitte aber dieſelben /einAn den geneigten Leſer. ein uͤbermuͤthiges Vorurtheil ſo lange bey ſei - te zu ſetzen / und zu keinem Endurthel zu ſchrei - ten / ehe ſie alles geleſen und wol betrachtet haben. Ferner muß ich auch noch einige von mir gefuͤhrte Umſchweiffe entſchuͤldigen / die wie ich vermuthe / dem Leſer nicht unan - genehm ſein werden. Die Schreibart / deren ich mich allhie gebraucht / iſt alſo beſchaffen / daß ich mich lieber einen Lehrer als Redner er - weiſen wollen / zu welchem Ende ich auch die uͤblichen Kunſtwoͤrter behalten. Dann ob es zwar mir nicht an Faͤhigkeit gefehlet / ein Teutſches Wort nach anleitung des Griechi - ſchen und Lateiniſchen zu erdencken / ſo dauchte es mir eine ungereimte Sache zu ſein / alſo zu ſchreiben / daß man uͤber ſeine eigene Woͤrter Anmerckungen zu machen von noͤ - then habe. Ich habe mich auch einiger Fran - tzoſiſchen und Lateiniſchen Woͤrter / da es der Nachdruck erfodert / nicht enthaltē / der erleuch - teten Criticorum Urtheil nicht ſcheuend / die das Laſter der beleidigten Majeſtaͤt / und den Gebrauch eines Außlaͤndiſchen Wortes gleiche ſtraffbar halten. Die Ohrter aus den fremb - den Autoribus habe ich offtmahlen gantz her - geſetzet / weil ſie in ihren Sprachen beſſer lau - ten / als wann ſie uͤberſetzet ſein / und ich auchdieAn den geneigten Leſer. die Uberſetzung fuͤr eine unnoͤthige weitlaͤuff - tigkeit gehalten. Dann ich glaͤube es ſey die Meinung der Woͤrter / einem der nur der Latei - niſchen Sprache maͤchtig iſt / unſchwer zu faſ - ſen. In dem letzten Theile habe ich bißweilen abbrechen muͤſſen / theils weil der Verleger bey einfallender Meſſen damit zum Ende ge - eilet / thels weil ich in einem Lateiniſchen Bu - che ſolches vollſtaͤndiger / ob GOtt will vortragen werde. Gehabe dich woll.

Da -
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Daniel Georg Morhofen Unterricht Von Der Teutſchen Poeſie /

I. Theil. Von der Teutſchen Sprache /

Das I. Cap. Von der Vortrefflichkeit und dem Alterthum der Teutſchen Sprache.

Einhalt. UHrſachen / warum wir von der Teutſchen Sprach ins gemein handeln. Wird von eignen Landsleu - ten geringſchaͤtzig gehalten. Die Griechiſche und Lateiniſche neue und durch Kunſt außgeuͤbte Sprachen. Ob die Hebraͤiſche die aͤlteſte / und all - gemeine Sprache? iſt zweiffelhafftig und ſchwer zu erweiſen. Becanus zieht die Cimbriſche und Georg. aStiern -2Das I. Cap. von VortreflichkeitStiernhelm die Schwediſche der Hebraͤiſchen vor. Gleichheit der Teutſchen / Daͤniſchen un̄ Britaniſchē / mit der Hebraͤiſchen. Ob die Teutſche Sprache naͤhern Grund in der Natur habe. Meinung daß die Figur der Hebraͤiſchen Buchſtaben den Menſchen angebohren; und am Himmel zu leſen. Der Analogiſmus der Woͤrter und Dinge iſt nicht einer - ley. Borrichii Lob. Goropii Becani ſeltzame Einfaͤlle. Seine faſt enthuſiaſtiſche Critica uͤber das Hebraͤi - ſche und Lateim̃ſche Alphabet. Caramuels gleiche Gedancken uͤber das Lateiniſche. Jacobi Hugonis laͤcherliche Meinung / von der Lateiniſchen Sprache. Beſnier will alle Sprachen unter die Lateiniſche zie - hen. Georgii Stiernhelm Meinung von der Sey - thiſchen oder Schwediſchen Sprache. Deſſen Synopſis Capitum Runæ Sueticæ wird angefuͤhret. Hat das Werck nicht vollfuͤhren koͤnnen. Seine ande - re verheiſſene Schrifften. Olaus Rudbeck hat ei - nige Capita dieſer Synopſis mit groſſen Fleiß auß - gefuͤhrt. Johan Webbe ein Engellaͤnder haͤlt die Chineſiſche Sprache vor die aͤlteſte.

I.

WEiln wir den Uhrſprung und Fortgang der Teutſchen Poe - terey vorzuſtellen entſchloſ - ſen; ſo wird vielleicht nichtuͤbel3der Teutſchen Sprache. uͤbel gethan ſeyn / wenn wir erſtlich von der Teutſchen Sprache ins gemein handeln / und deren Vortreflichkeit erweiſen. Wel - ches auch deßhalben noͤthig iſt / weilen ſich auch unter gelehrten Leuten / und die von Teutſcher Herkunfft ſeyn / einige finden / die ihre Mutter-Sprache laͤſtern / und de - ren Grobheit und Ungeſchicklichkeit zu gu - ten Erfindungē und zierlicher Außbildung der Gedancken vorzugeben ſich nicht ſcheu - en. Damit nun hievon ordentlich ge - redet werde / ſo wollen wir erſtlich von derſelben Alterthum / als worinnen nicht der geringſte Theil ihrer Vor - treflichkeit beſtehet / handeln / unddann folgends von derſelben Geſchicklichkeit zur Poeterey mit mehren erwehnen.

Es ſiind faſt die meiſten ſo geartet / daß ſie vor einheimiſchen Dingen einen Eckel haben / ſich uͤber alle frembde Sachen verwundern / und dieſelbe hoch - halten / welches die Teutſche Sprache auch erfahren / die von ihren eigenen Landsleuten geringſchaͤtzig gehalten / unda 2der4Das I. Cap. von Vortreflichkeitder Hebrœiſchen / Griechiſchen und La - teiniſchen unterwuͤrffig gemachet: Da ſie doch / wenn ich ja die Hebrœiſche außnehme / der Griechiſchen und La - teiniſchen am Alter nicht allein nichts nachgiebt / ſondern weit bevor thut; hin - gegen aber jene in Anſehung der Teutſchen neue / und etwas ehe durch Kunſt außge - uͤbet ſeyn / als dieſe / die hingegen viel gruͤndlicher / und jenen zum Theil den Uhrſprung gegeben; Welches ob es jemand gleich frembd und ungereimet ſcheinen ſolte / dennoch der Wahrheit gemaͤß / und ſo gruͤndlich erwieſen werden kan / daß niemand daran zu zweiffeln fug hat / er habe ihm dann vorgenommen unbeſonnener Weiſe auff ſeinem Wahn zu verharren / und keiner Vernunfft zu fol - gen. Wovon vielleicht von mir mit mehren in einer Diſſertatione de Novi - tate Græcæ & Latinæ linguæ kuͤnfftig ge - handelt werden kan.

Ich will zwar itzo den Vorzug der Hebrœiſchen Sprache nicht in Zweif -fel5der Teutſchen Sprache. fel ziehen / wie Goropius Becanus gethan / welcher nach aller verſtaͤndigen Leute Meinung / mehr Sinnlichkeit als Urtheils gehabt: Und Georgius Stiernhelm ein gelahrter Schwediſcher Edelmann / welcher die Scythiſche Sprache der Hebrœiſchen vorgeſetzet. Es iſt a - ber dennoch nicht außgemacht / ob ſie e - ben die erſte und allgemeine Sprache ge - weſen / davon die andern herſtammen: Dan̄ der Grund von den Nahmen der al - ten Vaͤter / die in der ſelben vorkommen / iſt nicht ſo unwidertreiblich / daß des Grotij und Cluverii Gegeneinwendungē demſelbē nichts an haben ſolten / ob zwar Heidegger in ſeiner Exercit. XVI. de Linguâ & Literis Pa - triarcharum ſich dieſelbe zu beantworten ſehr bemuͤhet. Es iſt am glaͤublichſten / daß keine von den itzo bekandten Sprachen / als die das meiſte von der Kunſt entleh - net / die erſten geweſen / ſondern eine von dieſen unterſchiedene; von welchen alle Sprachen in ihren Woͤrtern / eine abera 3mehr6Das I. Cap. Von Vortreflichkeitmehr als die ander / etwas mit einge - miſcht haben. Auß dieſem Grunde ſcheue ich mich nicht die Teutſche Sprache mehr fuͤr eine Schweſter der andern / als fuͤr ih - re Tochter anzugeben / und zwar alſo / daß die Hebrœiſche und uhralte Scythi - ſche oder Celtiſche Sprache / als aͤltere vor den andern den Vorzug haben. Wie dann nicht allein Rodornus Schri - ckius an vielen Oehrtern ſeiner weitlaͤuff - tigen Schrifften / und inſonderheit lib. 3. Originum Celticarum behaupten wil / daß die Hebrœiſche und Teutſche Sprache nur als dialecti unterſchiedē ſein. Siehe hievon auch Harßtoͤrffer in Specimme Philolog. German Diſquiſit. VII Mit der Daͤniſchen und Brittaniſchen / welche ebenfals dialecti der alten Teutſchen Sprache ſein / wollen Lyſcander und Davieſius die Gleichheit er - weiſen.

Wann wir die Natur hieruͤber fragen; denn es ſein etzliche / die auff den analogiſmum nominum & rerum das Alter - thum un̄ den Vorzug der Sprachen gruͤn -den7der Teutſchen Sprache. den: ſo haben ſich zwar einige tiefſehende Leute gefundē / welche die Hebrœiſche Spra - che gar der Natur gemāß halten; daß ſie auch meinen / es werden die Buchſtaben derſelben / wann man ſie außſpricht / mit eben ſolcher Figur von der Zungen im Halſe gebildet / davon ſie ſchon einen ana - tomiſchen Abriß gegeben. Der juͤngere Helmontius hat hievon ein eigen Buch ge - ſchrieben / deſſen Titul: Delineatio Alpha - beti verè naturalis Hebraici, wor in man die - ſe mehr als Cabaliſtiſche Heimlichkeitē wei - ter nachſehen kan Die Rabbinen haben ih - nen eingebildet / ſie koͤnten am Himmel die Hebrœiſche Buchſtaben in den Ster - nen abgebildet leſen / davon mit mehren Claude Duret in ſeiner Hiſtoire des Langues, und inſonderheit Gaffarel in ſeinen curieuſi - tez inouyies, handelt. Wir mißgoͤnnen nie - mand ſeine Einfaͤlle: So aber auf die - ſen Grund etwas zu trauen / ſo iſt unter allen Sprachen keine eintzige / die der Teutſchen hierin vorgehet / welches der Herr Schottel in ſeinē Lobreden von dera 4Teut -8Das I. Cap. von VortreflichkeitTeutſchen Sprache zur gnuͤge erwieſen / dem ein weit mehrers hinzugethan wer - den koͤnte / wann es an dieſem Orte nicht zu weitlaͤufftig were. Es iſt aber diß auch hiebey zu bedencken / daß dieſer ana - logiſmus nicht einerley iſt / und nach ver - ſchiedener Betrachtung der Dinge / viel - faͤltig in den Worten kan außgebildet wer - den / wie ſolches Herr Olaus Borrichius in ſeiner gelehrten Diſſertatione de cauſis di - viſitatis linguarum mit mehren erwieſen. Es kan die Griechiſche / Lateiniſche und Teutſche Sprache ein einiges Ding mit verſchiedenen Worten abbilden / da doch ein jedes derſelben ſich auff einen analogis - mum naturæ gruͤndet / und wuͤrde dann die Frage ſein / welches unter dieſen allen am naͤheſten zum Ziel treffe.

Ich will mich hie nicht auffhalten mit weitlaͤufftiger Erzehlung der Mei - nungen / welche gelahrte Leute von dem Vorzug der Sprachen fuͤhren / und mit der Unterſuchung ihrer Gruͤnde. Die - ſes iſt doch zu mercken / daß ein groſſer Un -ter -9der Teutſchen Sprache. terſcheid unter ihnen ſey; weßhalben ei - nige den andern vorzuziehen. Goropius Becanus wird von vielen verlachet / und zwar nicht ohn Uhrſach / weil er ſich in gar ſeltzame abſtractive ſpeculationes und analogiſmos vertieffet / die doch we - nig zur Sachen thun und im Grunde nich - tes beweiſen. Eine ſonderliche Probe hierinnen iſt in ſeinen Hieroglyphicis, wo - ſelbſt er auß dem Hebrœiſchen Alphabet, welches er auß Cimbriſchen Woͤrtern zu - ſammenſetzet / ein Gebet eines Schulmei - ſters / vor ſeine Lehrjuͤnger / ſeltzamer laͤcherlicher Weiſe zuſammen brin - get / wovon er ſo viel Wercks machet / als wan̄ er ein Koͤnigreich gewon̄en. Eben der - gleichen Einfaͤlle hat er von dem Lateini - ſchen I. 9. Hermathenæ, davon man wol ſagen moͤchte / was Propertius von den Lieb - habern: Maxima de nihilo naſcitur hiſtoria. Caramuel, daß er auch alhie ſeine Weiß - heit ſehen lieſſe / hat in ſeinem Apparatu Philoſophic. lib. 2. c. 176. wieder den Be - canum beweiſen wollen / daß man nichta 5noͤthig10Das I. Cap. Von Vortreflichkeitnoͤthig haͤtte zu der Cimbriſchen Spra - chen zu gehen / ſondern auß der Lateini - ſchen ein gleiches Gebet machen koͤnne / welches alſo lautet: Abæ cede; efigia (ha: i) Elem. en ope quære te vix. Die Außle - gung mag jemand daſelbſt leſen / dann es der Muͤhe nicht wehrt / daß man mit ſol - cher Grillen faͤngerey ſich auffhalte. Nur iſt diß gleichwol von dem Becano nicht zu leugnen / daß er zum erſten und vor an - dern etwas hierin geſehen / ob ers gleich nicht tuͤchtig außfuͤhret: und gefaͤlt mir in verſchiedenen Dingen ſein Urtheil beſ - ſer als des Rodorni Schrieckii, welcher in - dem er die Gleichheit der Hebrœiſchen und Niederteutſchen Sprache darthun will / in den Nominibus propriis ſeltzame weitgeſuchte alliterationes heꝛbei holet / und die primitiva und compoſita nach ſeinem eigenen gefallen machet und zuſammen ſetzet / das man mit allen Sprachen ohne groſſe Muͤhe alſo anſtellen koͤnte. Jacobus Hugo hat ein rechtes Gauckel - werck mit der Lateiniſchen Sprache ange -fangen11der Teutſchen Sprache. fangen / in dem er faſt ein Lexicon von ei - genen nach ſeinem gefallen erdichteten Japhetiſchen Woͤrtern machet / die doch ei - nerley bedeuten ſollen / davon er die Woͤr - ter der Lateiniſchen Sprache herfuͤhret; zugeſchweigen vieler anderer Thorheiten und Deuteleyen / die in ſeinem Buch ge - nant / Origo Italiæ & Romæ ante hanc di - em ignota, zu finden. Beſnier in ſeinem Buͤchlein / la Reunion des langues, dar in er von einem Mittel handelt / wie man alle Sprachen unter einer lernen koͤnne / haͤlt die Lateiniſche als eine Mitlerin unter al - len / worunter auf eine ſonderliche Art alle Sprachen koͤnten gelernet werden. Geor - gius Stiernhelm / deſſen Boxhornius in ſei - ner Hiſtoriâ Univerſali ruͤhmlich gedenckt / hat von dem Alterthum der Scythiſchen Sprache zwar etwas zu ſchreiben vor - gehabt / aber er hat es nicht vollfuͤhrt / ſondern es iſt nur eine Synopſis Capitum des gantzen Wercks / deſſen Titul: RUNA SVETICA ſein ſollen / zu meinen Haͤnden gekommen. Worinnen er die Hebrœiſcheund12Das I. Cap. von Vortreflichkeitund faſt alle andere Sprachen zu dialectos der Scythiſchen gemacht / und endlich ein Syſtema verheiſſet / von einer gewiſſer Anzahl Radicum Univerſa - lium, darauß ſo viel andere Woͤrter in allen Sprachen folgen. Ichwill / dieſen Synopſin, weilen er ſonſten nicht leicht zu finden / allhie gantz her - ſetzen; die Capita des erſten Syſtematis ſein dieſe.

  • 1. VIderi omnes Linguas, que in Orbe cognito extiterunt, & hodiè extant, ortas ex una, & ad unam poſſe reduci.
  • 2. Naturæ conveniens, imò omninò neceſ - ſarium fuiſſe, ex una Lingua multas oriri.
  • 3. Ex confuſione Babylonica nullam novam Linguam exortam: & ſi qua exorta eſt, momentaneam, & ad breve tempus ex - titiſſe.
  • 4. Hebræam, Phœniciam, Chaldæam, Sy - ram, Arabicam, Ægyptiam, Æthiopi - cam, Phrygiam, Perſicam, Dialectorum, non linguarum eſſe vocamina.
  • 5. Temporum & Locorum intervallis, Dia -lectos13der Teutſchen Sprache. lectos abire in Linguas.
  • 6. Ex Scythica ortas Linguas Primas, non minùs Orientales, quàm Septentriona - les, & Occidentales.
  • 7. Thraces & Getas, fuiſſeScythas.
  • 8. Ex his profectos primos Populos, Pri - mamque Linguam Græciæ, quam aliàs di - ctam Barbaram cultu novo politam, mi - nimè vero extirpatam, poſterioribus tem - poribus demùm Hellenicam, & Græcam nuncupaverunt.
  • 9. Græcos cultum, elegantias, poēſin, Mu - ſas, ſacra, Deoſque ex Thracia habuiſſe.
  • 10. Scytharum propaginem prætereà eſſe Europæos; Germanos, Gallos, Iberos, Britannos, Aborigines, ſive Umbros, pri - mos Italiæ Incolas. Hiſce omnibus u - nam Linguam fuiſſe Scythicam, in varias Dialectos poſtmodum ſciſſam.
  • 11. Germaniæ Caput & Principium, olim fu - iſſe Scythiam Europæam Minorem, Pe - ninſulam nimirùm Scandiam; quam & Scanziam & Scandinaviam, antiquiſſimi verò Scriptores Balthiam, Baſiliam, Aba -lum,14Das I. Cap. von Vortreflichkeitlum, Bannomannam, &c. Hyperboreo - rum Inſulam indigitarunt.
  • 12. Ex hac Inſula (reverà Peninſula) deriva - tos in Germaniam, & diverſas Orbis Ter - rarum Regiones, non ſolum multos Po - pulos; ſed etiam Sacra, Ritus, & Deos.
  • 13. Peninſulæ ejusdem, & Hyperboreorum Gentem Principem fuiſſe Sueonas, ſive Suezios, quos hodie Suethos, Suecos, & Suedos vocitant.
  • 14. Græcis cum Hyperboreis ab antiquiſſi - mis uſque temporibus communionem fuiſſe Sacrorum, Amicitiæ, & mutuæ Neceſſitudinis; & quod magis eſt, Græ - cos Deos, coluiſſe inter Maximos, apud Hyperboreos natos.
  • 15. Suethis cum Thracibus & Byzantinis com - munes fuiſſe Deos; adeoque ipſos De - os Phrygios ad Hyperboreos migraſſe.
  • 16. Linguam Latinam ex tribus ortam po - ti ſſimùm; Aboriginum, ſive Thuſca, Græca, & Phrygia.
  • 17. Ciceronem & Varronem, qui propter peculiarem linguæ Latinæ peritiam, ha -bitas15der Teutſchen Sprache. bitus fuit Romanorum omnium ſapien - tiſſimus; linguam Latinam non intelle - xiſſe; nec Demoſthenem, ipſumque Pla - tonem linguæ Græcæ fundamentalem ſci - entiam habuiſſe.
  • 18. Linguam Hebræam, non minùs quàm Chaldæam, Chananæam, & Arabicam, Dialectum eſſe linguæ Primæ; minimè verò ipſam linguam Primam.
  • 19. Indolem, & Proprietates vocum linguæ Hebrææ veras impoſſibile eſſe, dari poſ - ſe, niſi ex radicibus linguæ Scythicæ.
  • 20. Voces Adamæas, cujus generis ſunt A - dam, Eva, Cæin, Seth, Noah, &c. quas pro antiquitate linguæ Hebrææ, vulgò, ejus Aſſertores adducunt; non minùs Scythi - cas, imò Svethicas eſſemagis, quàm He - bræas.
  • 21. Ex vocabulis priſcæ linguæ, Gallicæ, & Ibericæ, reliquiis; eas probari Scythicas fuiſſe.
  • 22. Antiquas voces Thuſcas, quæ ſuperſunt ex linguâ Aboriginum Scythicas eſſe.
  • 23. Linguam Cambricam, que vetus eſt Cim -brica16Das I. Cap. Von Vortreflichkeitbrica, Dialectum eſſe linguæ Scythicæ.
  • 24. Voces quæ ſuperſunt linguæ veteris Phry - giæ, Scythicas eſſe.
  • 25. Linguam Perſicam hodiernam, ut & Ar - menam, maximam partem conſtare ex lingua Scythica.
  • 26. Deorum Nomina, pleraque omnium Gentium, origine eſſe Scythica, & in illis Sanctum Dei Nomen Tetragammaton〈…〉〈…〉 Origine eſſe Scythicum; nec ul - lum hactenus Hebræum aut Cabaliſtam, veras nominis iſtius proprietates, multo minus myſteria aperire potuiſſe. Quæ Deo dante, reddet author.
  • 27. Ultimo, Sermonem, Primo homini con - creatum, aut cum ipſa Ratione, cujus cha - racter eſt, & index in ſenſum incurrens, infuſum.

Hier auff ſolte das Syſtema ſecundum folgen / deſſen Inhalt alſo lautet.

  • Exhibet 1. Connubium & Nuptias Panos & Echus, hoc eſt, Harmoniam & Annalo - giam Rerum, & Verborum.
2. Tra -17der Teutſchen Sprachen.
  • 2. Tradit Obſervationes & Axiomata, quæ propriè ſpectant ad Scientiam hanc no - vam Etymologicam.
  • 3. Eruitur & aperitur certus numerus Ra - dicum Univerſalium.
  • 4. Ponuntur ſigillatim ſingulæ Radices, ex quibus, certo ordine & methodo, in i - pſa rerum geneſi fundata, Rivi & Flumi - na vocum, in præcipuas & ex his ortas linguas educuntur. & hoc eſt, LE XICON, ſeu CLAVIS LINGUARUM PRIMA - RUM UNIV ERSALIS.

Es ſein in dieſem Synopſi viel Dinge / die in dem Grunde der Warheit ſich ſo ver - halten / worvon inſonderheit zu han - deln nicht dieſes Orths iſt: das andere laß ich andere verantworten. Iſt nur zu be - klagēdaß er uͤber dieſem ſeinem Wercke ge - ſtorben / und auch ſeine andere nicht her - auß gegeben / deren Titul hinter einem von ihm in Schwediſcher Sprach geſchriebenē Buͤchlein Archimedes reformatus genant / in einem des Loccenii angefuͤgten Carmine erwehnet werden: als Antiquarius: MagogbAra -18Das I. Cap. von Vortreflichkeit. Aramæo-Gothicus: Virgula Divina: Cla - vis Linguarum Generalis: Anti Clûverius, ſeu Origines Sueo Gothicæ. Nach ſeinem To - de hat man viele verworffene Schedas ge - funden / wie der Herr Scheffer / welcher ein gutes Urtheil von ihm faͤllet / in ſei - nem Schreiben an mich berichtet / die man nicht hat in Ordnung bringen koͤnnen. Nun gar neulich hat der gelahrte Olaus Rudbeckius in ſeiner Atlantica, unterſchied - liche Capita das Alterthum der Schwedi - ſchen Nation betreffend / ſo in dieſer Syno - pſi enthalten / mit groͤſſerm Fleiß / als er vielleicht ſelbſt wuͤrde gethan haben / auß - gefuͤhret / und wird noch ferner in deſſen Auctario hievon handeln. Von der Chi - neſiſchen Sprache hat ein Engellaͤnder Johannes Webbe behaupten wollen / daß ſie die erſte ſey: weil die Chineſer ein uhral - tes Volck / und ihr Land ſo fort nach der Suͤndfluht vor Erbauung des Babilo - niſchen Thurms / bey welchem ſie vermuth - lich nicht geweſē / bewohnet: weil ſie mit kei - nē fremden Voͤlckern vermiſchet: die Spra -che19der Teutſchen Sprache. che mehrentheils in einſylbigen Woͤr - tern beſtehe. Und muß ich geſtehen / daß es mit derſelben eine ſonderliche Bewand - nis habe / weil ſie mit keiner andern was gemein hat / und nach einem Muſicaliſchen Ton die Bedeutung der Woͤrter aͤndert: daß es faſt ſcheinet / ſie ſey mehr mit Fleiß außgedacht und erfunden / als von einigen andern algemaͤhlich abgeleitet. Wie denn Andreas Mullerus dieſer Sprache Be - ſchaffenheit und zuſam̃enſetzung in ſeinen Obſervationibus Sinicis uñ Propoſitione ſu - per Clave Sinica darzuthun ſich erbietet. Es kan aber auch bey einigen Voͤlckern die na - tuͤrliche Neigung zu einem gewiſſen Laut eine abgefuͤhrte Sprache ſo veraͤndern / daß ſie gantz frembd ſcheine / wie wir deſſen ſatſame Exempel in den Dialectis der Teut - ſchen Sprache haben.

b 2Das20Das II. Cap. Vom Alterthum

Das II. Cap. Daß die Teutſche Sprache aͤlter als die Griechiſche und Lateiniſche.

Einhalt. WIe die Philoſophie / ſo iſt auch die Spra - che von den Barbaris auff die Grichen kom - men. Zeugniß der Griechen ſelbſt. Pelaſgi haben eine Barbariſche Sprache geredet. Τέκμαρ, ein Wort auß der alten Griechiſchen Sprache / da - von Ariſtoteles erwehnet / iſt Celtiſcher oder Sey - thiſcher abkunfft. Platonis Zeugnuß. Die aͤlteſtē Ein - wohner Griechenlandes / die Pelasgi, und andere ſein ſelbſt Barbari geweſen. Die Buchſtaben der Grie - chen von den Barbaris. Olai Rudbeckii Meinung. Ein Ertzbiſchoff von Toledo haͤlt die Gothiſchen Buchſtaben vor die aͤlteſten. Zeugnuß der Grie - chen und Lateiner / von Abkunfft der Buchſtaben. Olai Rudbeck eintheilung der Europaͤiſchen Voͤl - cker und Sprachen. Menge der Teutſchen Woͤrter in der Griechiſchen und Lateiniſchen Sprache. Wer - den durch die frembde terminationes und andere veraͤnderungen unkentlich. Exempel der Teut - ſchen und Frantzoͤſiſchen Sprache. Lateiniſche Sprache iſt auß der Griechiſchen und Barbariſchen gemiſchet. Zeugniß Dionyſii Halicarnaſſæi. Mel - chior Inchofer widerleget. Buchſtaben der Latei -ner21der Teutſchen Sprache. ner von den Celtis. Die Nahmen der Voͤlcker und Staͤdte Celtiſcher und Teutſcher Abkunfft. Herrn Caſpari Vogten hieruͤber verfaßte Arbeit. Peireſcii Meinung / daß in der alten Galliſchen Sprache die Stammwoͤrter vieler Lateiniſchen ſein. Galliſche und Teutſche Sprache wenig unterſchieden. Skinnerns hat hievon andere Meinung. Seine Gruͤnde werden widerleget. Ein Ohrt auß dem Cæſare wird von jhm uͤbel angefuͤhret. Dialecti einer Sprache ſein bißwei - len ſo muͤhſam zu lernen / als neue Sprachen ſelbſt. Cluverus wird von jhm unbillig angegriffē. Die Nah - men der Voͤlcker / Leute / Staͤdte und Fluͤſſe / geben gute Nachricht von den Sprachen. Lutherus und Cambdenus haben etwas hievon geſchrieben. Skin - nerus fehlt ſehr in den Etymologiis der Galliſchen alten Nahmen. In der alten Britañiſchen ſein einige Stammwoͤrter der Lateiniſchen Sprache: Die auch Teutſche. Deren Exempla. Teutſche Sprache hat ſich biß in Aſia erſtrecket. Exempel von den Voͤl - ckern die in Taurica Cherſonelo wohnen beym Bus - bequio. Skinnerus verachtet dieſen Beweißthumb ohn Urſach. Die Perſiſche Sprache beſtehet von vie - len Teutſchen Woͤrtern. Exempel von den alten Perſiſchen Woͤrtern auß den Hiſtoricis. Salmaſii Zeugniß. Elichmannus hat hievon ein gantzes Buch ſchreiben wollen. Piccarti Oratio: daß die Teut - ſchen der Perſer Bruͤder ſeyn. Welchem Rupertus zwar widerſprechen will. Wird aber von Georgio Richtern zuruͤck gehalten. Bochartus muß es faſtb 3wider22Das II. Cap. Vom Alterthumwider ſeinen willen bekennen. Grafii Zeugnis. Ein Buchmit Gothiſcher Schrifft / hat ſich in China ge - funden. Einige Teutſche Woͤrter in andern Orien - taliſchen Sprachen / auch in der Americaniſchen.

WIr laſſen den Streit von der er - ſten Sprache an ſeinen Ohrt ge - ſtellet ſein / und bleiben bey der Teutſchen / welche dennoch zum wenig - ſten der Griechiſchen nnd Lateiniſchen in ihrem Alterthum vorzuziehen. Denn gleich wie der Uhrſprung der Philoſophie von denen den Griechen ſo genan - ten Barbaris genommen / ſo ſind auch die Sprachen als vehicula ſcientiarum, wie ſie Verulamius nennet / von ihnen fortgepflan - tzet. Was die Wiſſenſchafften anlanget / ſo bekennet Ariſtoteles außdruͤcklich / daß die Philoſophia von den Semnotheis der Celten ihren Uhrſprung habe / und daß Gallia die Lehrmeiſter in des Griechenlandes ſey. Von welchē ſehr weitlaͤuftig Piccard in ſeiner Cel - topædia handelt. Von der Sprachen ſagē e - benfals die Griechē / uñ unter jhnē der aͤlteſte Hiſtoricus Herodotus lib. 1. cap. 57. alſo: ἦσαν ὁι πελασγοὶ βάρβαρον γλ〈…〉〈…〉 αν ἱέντες, und bekraͤf -tigt23der Teutſchen Sprachetigt es Plato in ſeinem Cratylo mit unter - ſchiedlichen Exempeln / welche wann ſie recht unterſuchet werden / alte Scythi - ſche / daß iſt / Teutſche Woͤrter ſein: Es gedencket Ariſtoteles Rhetor. l. 1. c. 2. von dem Worte τέκμαρ, davon hernach das Wort τεκμήριον gekommen / daß es in der alten Griechiſchen Sprache ſo viel als fi - nem oder limitem bedeutet / welches ja nichts anders als das Wort tecken marck / zuſammen teeckmarck / das in der neuen Teutſchen Sprach Merckzei - chen genant wird / ſein kan; Deñ man die Grentzen mit dergleichen Zeichen zu un - terſcheiden pflag / und es iſt ja bekant / daß das Wort Mar oder Marck in der al - ten Teutſchen Sprach / ſo viel als eine Grentze bedeute. Das Griechiſche Wort ΔΕΙΚνυμι ich zeige / iſt dem vorigen auch verwandt. Plato ſaget ja ſelbſt in ſeinem Cratylo unter dem Nahmen des Socratis: ἐννοῶ γὰρ ὅτι πολλὰ οἱ Ἕλληνες ὀνόματα ἂλλως π καὶ οἱ〈…〉〈…〉 πὸ τοῖς βα〈…〉〈…〉 άραις οἰκοῦν〈…〉〈…〉 ες, παρὰ τῶν βαρ - βὰρων εἰλήφασι; das iſt: Ich halte davorb 4daß24Das II. Cap. Vom Alterthumdaß die Griechen viel Woͤrter von den Barbaris, inſonderheit die jenigen die unter ihnen wohnen / empfan - gen haben. Wie dieſer von den Grie - chen / ſo ſchreibt Varro von den Lateinern / daß ihrer Woͤrter Urſprung von den Bar - baren kommen und durch die langwierige Zeit faſt gantz verdunckelt ſey. Wie ſolte auch die Griechiſche Sprache nicht von den linguis barbaris ihren Uhrſprung haben: weil ja die Voͤlcker ſelbſt von den benacht - barten Phrygibus und Scythis in Griechen - Land zuſammen gekommen / und bezeugt diß Strabo in ſeinem ſiebenden Buch auß - drucklich und mit vielen Umſtãnden. Daß die Pelaſgi die aͤlteſten in Griechenland / ein herumſchweiffendes Volck / wie die Scythæ geweſen / von rauher harter Art / iſt im Herodot: l. 1. c. 56. und Halicarnaſsèo lib. 1. zuſehen / und hat Palmerius à Grentemeſ - nil in ſeiner Græciâ Antiquâ lib. 1. c. 9. und von allen Griechen in gemein es Guli - elmus Burtonus in Hiſtoriâ Linguæ Græc. pag. 13. weitlãufftiger außgefuͤhret. Nunſind25der Teutſchen Spracheſind die von den Pelaſgis entſtandene ande - re Voͤlcker nicht nach Sprachen / ſondern nur nach dialectis unterſchieden gewe - ſen. Ja es hat der gelahrte Olaus Rud - beck in ſeinem Buch Atlantica genant c. 38. neulich mit guten Gruͤnden behaup - ten wollen / daß die Griechen auch die Buchſtaben von den Hyperboreis und alten Scythis erſtlich empfangen ha - ben. Und iſt mercklich was Claude Duret, Hiſtoire de l origine des langues p. m. 860. ſaget von einem Ertzbiſchoff zu Toledo, welcher davor gehalten que l Alphabet des lettres Gothes a eſté le premier Alphabet des premiers & plus anciennes letrres, les quel - les furent données de Dieu à commence - ment du monde a noſtre premiere Pere Adã. Ja es bekennen die Griechen ſelbſt beym Varrone lib. 7. de linguâ latinâ, daß ſie ihr Alphabet von den Barbaris empfangen ha - ben / und Cæſar lib. 1. de bello Gallico. meldet: Man habe bey den Helvetiis ei - nige Regiſter gefunden mit Griechiſchen Buchſtaben geſchrieben. Die Gleichheitb 5der26Das II. Cap. Vom Alterthumder alten Cimbriſchen und Runiſchen Buchſtaben / mit der Griechiſchen ſtellet Olaus Wormius in ſeiner Literaturâ Runi - ca c. 21. 22. vor. Der Herr Rudbeckius, deſ - ſen wir zuvor gedacht / theilet zwar die Europœiſche Voͤlcker in Scythen, Celten, und Griechen / und haͤlt auch davor daß ſie von Sprachen unterſchieden. Ich glau - be aber wann dieſer vortrefliche Mann die Teutſche und deren vielerley Dia - lectos gruͤndlich begriffen / er ſo gar groſſen Unterſcheid unter dieſen Spra - chen nicht finden / und in vielen Din - gen eine andere Meinung fuͤhren wuͤr - de. Es kommen dieſelben in ihrem Grunde uͤberein / wie dann Bibliander in ſeinem Buch de ratione communi omni - um linguarum angemerckt / daß von 2000 Teutſchen Stammwoͤrtern mehr als 800 der Griechiſchen und Lateini - ſchen Sprache gemein ſein: welcher aber eine weit groͤſſere Zahl haͤtte außrechnen koͤnnen. Denn ich mich verpflichten wil / in einer jeden von den beiden Sprachen uͤberdie27der Teutſchen Sprachedie helffte Teutſcher und Gothiſcher Woͤr - ter zu zeigen. Sie klingen aber ſo frembd in unſern Ohren / weil die kuͤnſtliche Auß - arbeitung derſelben durch ſo viele permu - tationes literarum des wollauts halber / terminationes, flexiones, compoſitiones, translationes und fremde deutungen ſie faſt in eine andere form gegoſſen; ſie hiedurch als durch eine außlaͤndiſche Tracht / die ge - ſtalt der eingebohrnen verlohren / und einē außheimlſchen Schein gewoñen. Wie jetzo die Frantzoͤſiſche einē ſo groſſen Unterſcheid von der Lateiniſchen und Teutſchen hat / da - von ſie doch entſproſſen: das nicht leichtlich einer glauben wuͤrde / der nicht beyder Sprachen genaue wiſſenſchafft hat: auch die Frantzoſen ſelber nicht / welche viel Woͤrter von der Griechiſchen und Lateini - ſchen herziehen / die doch warhafftig Teutſch ſein. Solches iſt von Wolff - gango Hungero wider Bovillum zur gnuͤ - ge erwieſen / und koͤnte wider des Menagii Origines Gallicas und Italicas klaͤrlich von uns dargethan werden.

Was28Das II. Cap Vom Alterthum

Was die Lateiniſche Sprache anlan - get / ſo haben wir ein ſchoͤnes Zeugnis bey dem Dionyſio Halicarnaſſ: am Ende des erſten Buchs / welcher klaͤrlich ſchreibt: daß Rom von den Griechen zwar er - bauet / es ſey aber Wunder daß ihre Sprache durch die Vermiſchung der O - picorum, Marſorum, Sabinorum, Etruſco - rum, Brutiorum, Umbrorum, Ligurum, Hiſpanorum, und Gallorum, (welche eben aus den Celtis und Scythis hergekommen) nicht gantz in eine Barbariſche Sprache verkehret: Er ſchlieſſet endlich darauff / daß die Roͤmer eine Sprache angenom - men / die nicht gantz Griechiſch oder gantz Barbariſch / ſondern auß beyden gemiſcht geweſen. Iſt alſo gantz falſch / was Mel - chior Inchofer in Hiſtoria ſacræ latinita - tis lib. 1. c. 6. behauptē wollē / daß niemah[l]s einige ãltere Sprache in Italien gewe - ſen als die Lateiniſche: Denn es iſt glaub - lich / daß lange vorher / ehe Rom auffge - bauet uñ einige Hiſtoria hat koͤñen geſchrie - ben werden / auß Norden viel frembdeVoͤl -29der Teutſchen SpracheVoͤlcker nach Italien ſich gewandt. Gu - lielmus Poſtellus will in ſeinen Originibus Etruriæ erweiſen / daß ſie ihre Buchſta - ben von den Celtis haben. Scrieckius brin - get auch in ſeinen libris originum Celti - carum viel monumenta bey / worauß er die Abkunfft der Lateiniſchen von der Cel - tiſchen Sprache ſchlieſſet. Aber er ge - braucht hier in eine gar zu groſſe Freyheit. Wann nun die Griechiſche ihren Uhr - ſprung meiſtentheils von der Scythiſchen und Barbariſchen Sprache genom̃en: wie viel mehr wird denn die Lateiniſche davon empfangen haben / die auß der Griechiſchen und Barbariſchen zuſammen geſetzet? Die Nahmen der Voͤlcker / Laͤnder / Staͤdte / in Welſchland fuͤhrē noch die Keñzeichen ih - rer Herkunfft bey ſich / wie ſolches mit Ver - wunderung kan angemerckt werden / weñ man die alten Nahmen der Cimbriſchen / Galliſchen / Teutſchen / Gothiſchen Voͤlcker und Lãnder dagegē haͤlt. Welches alles mit groſſen Fleiß unterſuchet hat / mein ſehr groſſer Goͤnner und Freund / Herr Caſ -par30Das II. Cap. Vom Alterthumpar Voigt / hochverdienter Buͤrgermei - ſter der Stad Wißmar / von welchem die ge - lehrte Welt dermahleins / ſo ihm Gott / wie ich von Hertzē wuͤnſche / das Leben friſtet / ei - ne außfuͤhrliche Arbeit hieruͤber zu ſehen ha - ben wird. Dar auß deñ abzunehmen / wie ſo weit ſich von den erſten Zeiten her die Voͤl - cker dieſer Lãnder / und ihre Sprache auß - gebreitet. Hier zukan auch zum Zeugnis dienen / was Gaſſendus von dem unver - gleichlichem Mañe dem Peireſcio in der Be - ſchreibung ſeines Lebens p. 195. auffge - zeichnet: Ad Anaſtaſium Nannetenſem Capuccinum plurima perſcripſit de lingua Aremorica, in quâ conſenſit plurimas anti - quarum vocum latinarum eſſe radices. Nun iſt die alte Galliſche Sprache mit der Teut - ſchen einerley / und wo ja ein Unterſcheid darin iſt / ſo iſt er nicht hauptſachlich / als et - wa unter dialectos, wovon Lambecius l. 2. Comm. bibloth. Vindobonenſis p. 427. mit mehrem handelt. Skinnerus haͤlt zwar das Gegentheil in der præfatione ſeines Etymo - logici Lexici, und vermeint wider Cluverumund31der Teutſchen Spracheund faſt alle dieſer Sachen erfahrne / es ſey die Sprache der Gallier und Teutſchē gantz unter ſchieden geweſen: aber ſeine Gruͤn - de dar auff er bauet ſein uͤber auß ſchlecht. Denn was Cæſarem, der in Franckreich dreyerley Sprachen ſetzt; Tacitum / der die Teutſchen von den Frantzoſen der Spra - che halber unterſchieden / anlanget: ſo kan man auß beyder Zuſammenhaltung leicht ſehen / daß ſie nicht Sprachen / ſondern Dialectos verſtanden / deren aber etzliche vielleicht ziemlich weit entfernet / wie et - wa heute Schwediſch und Teutſch / Hollaͤn - diſch und Schwaͤbiſch. Welche ein Auß - lãnder leichtlich vor gantz unterſchiedene Sprachen halten koͤnnen. Die Galli ſein vor Alters in dreyerley Voͤlcker getheilet / Belgas, Celtas, und Aquitanos: die beiden er - ſten ſein unſtreitig Teutſcher Abkunft und werden die Celtæ, wie Cæſar ſelbſt bezeugt / κατ᾽ ἐξοχὴν Galli genant. Wer den Unter - ſcheid dieſer Voͤlcker und ihrer Sprachen genauer zu wiſſen verlanget / ſehe nur Merulam an / welcher Coſmogr. part. 2. lib. 1. cap. 32Das II. Cap. Vom Alterthum1. cap. 15. es alſo außgefuͤhret / daß ich nicht ſehe / was dawider ſonderliches koͤnne ge - ſagt werden. Er bringet ferner zum Beweißthum an: Cæſar ſage in ſeinem 1. Buch de Bello Gallico, daß Arioviſtus der Teutſche Koͤnig / durch lange Gewohnheit von 14. Jahren er ſtlich die Galliſche Spra - che erlernet / welche er ja wann der Unter - ſcheid ſo gering geweſen in etlichen Mona - then lernen koͤnnen. Wann man aber den Cæſarẽ recht anſiehet / ſo ſtehet nicht alda / daß Arioviſtus ſich 14. Jahr in Galllien auffgehalten um die Sprache zu erlernen / ſondern Cæſar haͤtte C. Valerium Procil - lum an Arioviſtum geſandt / propter fidem & propter linguæ Gallicæ ſcientiam, quâ multâ jam Arioviſtus longinqua conſue - tudine utebatur. Die Meinung dieſer Worte / wie ein jeglicher ſieht / iſt dieſe: Weil Arioviſtus nun eine geraume Zeit einē Theil von Galliam beſeſſen / und der Galli - ſche Sprache auß langē gebrauch gewoh - net / hãtte man dieſen dahin geſandt / der in dieſer Sprache ſich mit ihm unterre -den33der Teutſchen Sprache. den koͤnte. Es were ja auch endlich nicht zu verwundern geweſen / wenn Arioviſtus um die Fertigkeit dieſer Sprache zu ha - ben / einer langen Zeit beduͤrfftig geweſen: deñ auch in Dialectis ſo groſſer Unterſcheid ſein kan / daß man vieler Zeit Muͤhe von noͤthen hat / dieſelbe recht fertig zu erler - nen / inſonderheit wenn keine Grammati - ſche Lehr-Satze verhanden; Ja in Franck - reich und Teutſchland ſein heutiges Tages die einerley Sprache reden / und ſich doch nicht verſtehen. Wuͤrde man einen Schwa - ben in Niederland bringen / es wuͤrde groſ - ſe Muͤhe koſten / daß er des Landes Sprach ohne Anſtoß in langer Zeit reden lernete. Er greifft endlich auch den Cluverum an / welcher auß den Endigungen in den Nah - men der Koͤnige / Voͤlcker / Lãnder / Fluͤſ - ſe etc. dero Teutſchen Uhrſprung behaup - ten will. Welches ob es gleich ihm geringe daucht / dennoch ein Grund von groſſer Wichtigkeit iſt. Es were der Muͤhe wol wehrt die barbara nomina, die man bey den alten Autoribus findet mit Fleiß zu unter -cſuchen34Das II. Cap. vom Alterthumſuchen. Lutherus hat zwar ein Buͤchlein von den Nominibus propriis der alten Teutſchen / und Gotfried Wegener Anmerckungen daruͤber geſchrieben. Auch findet man bey dem Cambdeno in ſeinen Remaines concerning Britain, etwas von dergleichen Woͤrtern; Es iſt aber alles Un - vollkommen. Skinnerus meint er habe ein groſſes gewonnen / wann er am Ende ſeines Buchs erweiſen will / daß die im Cæſare und andern Autoribus vorkom̃ende Galliſche Nahmen / von andern Woͤrtern der alten Brittaniſchen Sprache herſtam - men. Aber er hat vielmehr ſeine Unwiſ - ſenheit in der Teutſchen zu Tage geleget. Welches weitlãutfig koͤnte dargethan wer - den: wann man ſich damit auffhalten wolte. Was ſonſt Peireſcius von den Stamwoͤrtern der Lateiniſchen Spra - che / die in der alten Galliſchen noch uͤbrig / erwehnet / ſolches kan auch auß dem alten Britanniſchen (welche Cæſar vor dieſelbe haͤlt) erwieſen werden: denn es hat Ro - bertus Sheringham in ſeinē Buch de OrigineGen -35der Teutſchen Sprache. Gentis Anglorum cap. 6. p. 109. (da er auch der Armoricaniſchē Woͤrter gleichheit mit den Lateiniſchen behauptet / und anweiſet / daß die Sprache ſelbſt von den Britan - niern da hinein gebracht) verſchiedene al - te Woͤrter angemerckt / die mit den Latei - niſchen uͤberein kommen: Wiewol er davor haͤlt das jene von dieſen entſprungen ſeyn. Daß ſolche aber mit den Teutſchen uͤber - einkommen und ſelbſt Teutſche ſein / will ich beweiſen. Latini veteres, (ſagt er p. III. ) inve - nuſtas & difformes perſonas vocabant Miri - ones; Cambro-Brittanni feminas in face - tas & ruſticas Mairiones. (Es iſt ein altes Runiſches Wort Mær ſive Môr Virgo. Worm in Lexic. Runico. und iſt hernach ein Mutter-Pferd ſo genandt / und wird noch heutiges Tages per translationem ge - ſagt: Es iſt eine loſe Maͤhr) Vete - ribus falla deceptio eſt: Cambro-Britannis faell (diß iſt ein teutſches Wort fehl / fall / fault / uñ faſt in allen andern Nebē-Spra - chen. Bey den Griechen hat man auch σφάλλομαι) Veteribus Guloſus gluton & glu -c 2via36Das II. Cap. Vom Alterthumvia dictus, Cambro-Britannis glvvth (Es iſt ein altes Wort Gul / welches in Dã - niſcher Sprache ſo viel heiſſet / als ein - ſchlucken / davon noch bey den Hollaͤn - dern das Wort Guͤlſich komt / und iſt per μετάϑεσιν literarum entſtanden) Vete - ribus Ruma mamma eſt, Cambro-Britan - nis Rhumen. (Es heißt aber bey ihnen auch abdomen. Vid. Boxhorn, Lexic. Britann. Latin. wie es bey den Lateinern auch das cavum colli bedeutet / worin bey dem Vie - he die Speiſe geſamlet wird / daher noch ruminare: iſt es alſo das teutſche Wort Rum oder Raum / das iſt der Orth / da etwas geſamiet wird.) Veteribus ſummus Oſcorum Magiſtratus Meddix vocabatur. Ca - mbro-Britannis Meddu ſignificat potentem eſſe. (Boxhorn. hat nicht dieſes Meddu, ſon - dern Mechdeyra. Iſt das Teutſche Macht / Mogen / Angl. Sax Mighty.) Veteribus Dalivus ſtultus. Cambro-Britannis Delff Barbarus. (Diß Wort kennen auch di[e]Bauren in Mecklenburg / wann ſie einen dum̃men Menſchen Delff nennen.) Hismul -37der Teutſchen Sprache. multa (ſagt er weiter) adjici poſſent nomina propria veterum Romanorum, quæ omnino nullum cum latina lingua, magnam cum Britannicâ cognitionem habent. (Ja ſolte er die Friſiſche / Dãniſche / Schwediſche Sprache durchſehn / ſo wird er noch viel mehr derſelben Nahmen finden: denn die jenigen / die er anfuͤhret / hat er mei - nes erachtens nicht recht unterſuchet. Von den Frieſen ſchreibt ſehr mercklich Boxhorn: in einem Briefe an Pibonem a Boma. p. 217. Lingua, mores, inſtituta antiqua Fri - ſiorum ea eſſe hactenus deprehendo, quibus ſua & Græci & Romani ferre debeant acce - pta. Nihil jacto. ſed de veteribus & Rep. & moribus & legibus, etiam origine Fri - ſiorum multa, eaque ampliſſima obſer vavi, aliis hactenus omnibus indicta.) Sheringham fuͤhrt frner in den Roͤmiſchen Nahmen / einige Britañiſche Woͤrter an / als / ſylla vi - dere: Da iſt bey den Teutſchen das Wort Zillen / davon Beſoldus de Nat. Po - pul. und das alte Lateiniſche cilleo, wie auch das Frantzoͤſiſche Wort Ciller, welches ſoc 3viel38Das II. Cap. vom Alterthumviel iſt als nictare. Er ſetzt das Wort celu bey den Lateinern celare: diß iſt bey den Teutſchen Helen / Gehelen und mit auß - geſtoſſenem (e) G’helen: oder das (c) wird in (h) verwandelt / wie in den Woͤrtern ca - lamus halm ΚΑΡΔία hart / und wie in dem folgenden Britañiſchen Worte cornel an - gulus, eene hoͤrn in der gemeinen Spra - che: ſo iſt in Gothreks Hiſtoria von dem Ve - relio herauß gegeben das Gothiſche Wort Pallshorn ſcamni angulus. Das Latei - niſche Cornu und das Teutſche Horn wer - den auch auff ſolche Ahrt verwechſelt. Das Wort occulere aber bey dē Lateinern / wird zwar bey Vosſio von colere hergefuͤhret / da iſt aber das Nieder teutſche Wort Kuͤl / welches ſo viel iſt als ein Loch darin man was vergraͤbet. Silyn ſoboles bey den Cam - brobritannis, iſt bey den Teutſchen auch zu - finden: Zielen / teelen heiſt / wann man eine junge Zucht zulegt. Cynne ſive cyn - nevv incendere & incendium: iſt aber das Teutſche Wort Zünden / anzünden. Dieſes ſein die wenige Wort / die er anfuͤhrt /deren39der Teutſchen Sprache. deren noch eine groſſe Menge uͤber iſt / davon viel koͤnte geſagt werden / wenn es dieſer Ohrt erleiden wolte.

Ferner iſt die Teutſche Sprache in Europa nicht beſtehen blieben / ſondern hat ſich auch in Aſia ſelbſt verbreitet / iſt vielleicht auch von dañen erſt heraus gekom̃en / welches noch von wenigen recht nach geforſchet iſt. Es iſt bekant was Busbequius nur obenhin aufgezeichnet hat von der Sprache einiger in Tauricâ Cherſoneſo wohnendē Voͤlcker / welche er entwedeꝛ vor Saxë haͤlt / die zu Ca - roli M. Zeiten da hinein getrieben / oder auch vor Gothen / dievon langer zeit hero da ge - wohnet / welches letzte viel glaubwuͤrdiger iſt. Skinnerus, der die Etymologias recht im grunde anzugreiffē nicht gnug Erfahrung hat / uñ viel falſche hypotheſes ſetzet / eine nuͤtz - liche Arbeit aber hierin gethan / daß er den parallelismũ Occidentaliũ & Septentrionaliũ linguarum zuſammen getragen / haͤlt dieſes fuͤr eine geringe Sache / und vermeinet auch es ſey ein Teutſches Volck / welches von den alten Scythis in dieſen Winckelc 4hinein40Das II. Cap. Vom Alterthumhinein getrieben / wie die alten Britanni von den Saxen innerhalb Walliam und Cornubiam beſchloſſen. Er hat aber nicht in acht genommen / daß die Gleichheit mit der Teutſchen Sprache nicht allein bey die - ſem Ohrte bleibt / ſondern durch groſſe Laͤn - der in Aſia ſich erſtrecket: Denn es ſind nicht ungefehr ſo ſehr viel Teutſche Woͤrter in die Perſiſche Sprache kommen; da deñ inſonderheit zu mercken / daß die alten Perſiſchen Woͤrter / die von Curtio und andern Hiſtoricis beylaͤuffig eingefuͤhret und von Burtono unter dem Titul: Veteris Linguæ Perſicæ λείψανα zuſammen ge - ſamlet / faſt alle Teutſche ſein / welches zwar Burtonus nicht in Acht genommen / ſondern zum Theil Boxhornius in einem Brieff an Blancardum, und Blancardus ſelbſt in den Anmerckungen uͤber den Cur - tium angezeiget. Es bezeugt Sal - maſius in ſeinem Buch de Lingua Hel - leniſtica mit dieſen außdruͤcklichen Wor - ten: Perſica ſeu Parthica, quæ & ipſa au - tores originis habet Scythas infinitas præ -fert41der Teutſchen Sprache. fert voces, quæ eædem reperiuntur in Græ - ciâ pariter & Teutonicâ dialecto. Der ſel - be hat in der Vorrede uͤber Tabulæ Cebe - lis verſionem Arabicam von dem Elich - manno, der ſie in Lateiniſch uͤberſetzet / und die Perſiſche Sprache gruͤndlich verſtan - den / dieſes berichtet: Quod ad hoc ævi la - tuit plerosque eruditorum, ex eâdem origine compererat fluxiſſe Germanicam & Perſi - cam linguam, ad hanc illum conjectur am du - cente infinitâ vocum copiâ utrique lingua communium: ſed & verbis ſimiliter termi - natis, eodem modo compoſitis, aliisque argumentis. Wie koͤnte ein glaubwuͤrdiger Zeugnuß hievon abgeſtattet werden? Es hatte ſchon zuvor der gelahrte Mann Mi - chael Piccartus eine Oration geſchrieben: Daß die Teutſchen der Perſer Bruͤ - der ſeyn / welche Meinung Rupertus hat widerlegen wollen / aber es ſchreibt Ge - orgius Richter in ſeinen Brieffen p. 416. an jhn / daß dieſe Meinung nicht ſo gar zu verwerffen / des Scaligeri urthel jhm vor - haltend / welcher ſagte: cum ratione illosc 5in -42Das II. Cap. vom Alterthuminſanire qui ita ſentiunt, wie deſſen Worte hievon lauten: und hat Rupertus nach - gehends meines wiſſens nichts dawi - der geredet. Bochartus der ſonſt der Teut - ſchen Sprache nicht ſonderlich gewogen / uñ alles auff ſeine Carthaginenſer ziehet / muß dennoch dieſes bekennen in ſeinem Phaleg l. 1. c. 25. Perſicam linguam quod quidam Viri docti ſcribunt accedere ad Germanicam, in tantâ locorum intercape - dine nemo facile ſibi perſuadere ſinat: Ta - men rei probandæ tot exempla congerunt, ut ab invitis pene fidem extorqueant. Uber dieſe von uns angefuͤhrte Zeugniße gelehr - ter Leute und Exempel der Woͤrter / an - gemerckt beim Lipſio Cent. 3. ad Belgas Epiſt. 44. und Abrahamo Mylio de antiq. ling. Belg. cap. 11. koͤnnen wir auch beybringē den Joannem Gravium, der ſelbſt in den Mor - genlaͤndern ſich lange auffgehalten / und E - lementa linguæ Perſicæ herauß gegebē. Die - ſer da er von der Syntaxi der Perſi - ſchen Sprache handelt / erkennet er / daß ſie mit der Engliſchen / (als welche gleichfalsTeut -43der Teutſchen Sprache. Teutſcher Eigenſchafft iſt) hierin uͤberein komme. Deñ ſo ſpricht er pag. 89. In reli - quis partibus Orationis nulla Syntaxeos dif - ficultas eſt, neque ullam puto eſſe linguam inter Orientales, quæ paucioribus indigeat regulis, aut cum Europæis magis conſen - tiat. Plurima vocabula reperio exacte cum Anglicis eodem ſenſu & numero fere litera - rum congruentia. E pleniori meſſe ſpicile - gium cape. Setzet hier auff einige Engli - ſche den Perſiſchen gleiche Woͤrter / die ebenfals Teutſch ſein. Uber dieſen brin - get er etzliche herbey / welche von den La - teiniſchen ihren Uhrſprung haben ſollen. A - ber es ſind die meiſten davon Teutſche / wie imgleichen auch die jenige / welche der Herꝛ Olearius in ſeiner Perſianiſchen Reiſe lib. 5. c. 26. anfuͤhret / der wegen der Gleichheit mit den Teutſchen auch einerley Meinung hat. Man hat auch wie Martinus Martinius in ſeinē Atlanto Sinico meldet / ein Buch mit Gothiſche Buchſtaben geſchrieben in China gefundē / dem etwas von der H. Schrifft in Lateiniſcher Sprache beygefuͤgt geweſen:Vidi44Das II. Cap. vom AlterthumVidi, ſagt er / unà cum Sociis hîc apud li - teratum quendam volumem vetus, Gothi - cis characteribus diligentiſſimè fexaratum. Adhibita fuit papyriloco tenuiſſima mem - brana. Maxima Scripturæ Sacræ pars Lati - erat conſcripta. Tentavi librum ut con - ſequerer: at ejus Dominus tametſi gentilis, nec prece nec precio ullo adduci potuit, ut traderet, in ſua familia per multas jam ne - potum progenies tanquam rariſſimum quod - dam antiquitatis cimelium ad ſervatum illud adſerens, Es ſcheinet aber daß dieſes Buch nichts andeꝛs geweſen / als die Evangelia Go - thica, die auß dē Codice argenteo von Fran - ciſco Junio mit ſeinen Anmerckungen / und vor etlichē Jahren in Schweden heraußge - geben. Dieſe ſein vielleicht vor Alteꝛs von je - mand in China gebracht / und von einē Lieb - haber biß auff dieſe Zeit verwahret wordē: der ſelber dieſes Buchs Einhalt nicht ver - ſtandē. Man hat auch noch in andern Ori - entaliſchen Sprachen / in der Ægyptiſchen / Arabiſchē einige Woͤrter die Celtiſcher Her - kunfft zu ſeyn ſcheinen. Das Wort Barabey45der Teutſchen Sprache. bey den Ægyptern, iſt / was bey uns ei - ne Bahr / Siehe Kircherum in Obeliſc. Pamphil. lib. 5. p. 472. deſſen Prodromus Copt: viel ſolche gleichlautende Woͤrter hat. Geſnerus hat in ſeinem Mithridate auch dieſes Worts Bar gedacht. Man kan auch bey dem Diodoro Sicul. lib. 2. & Hero - doto lib. 2. Petro Victorio variar. lect. lib. 10. c. 9. von einer cymba funerali dieſes Nah - mens etwas leſen. Bey den Arabern iſt das Wort Hamel, welches arietem bedeu - tet / und das ſelbſt Teutſch iſt. Daher mei - net Kircherus in Oedip. Ægypt: Synt. 3. c. 6. komme des Jovis Ammonis Beynahme. Ja ſo gar in America finden ſich viel den Celtiſchen gleichlautende und bedeutende Woͤrter / wovon mit groſſem Fleiß gehan - delt hat Myliusde antiquitate Linguæ Belgicæ cap. 25. und in Additionibus ejus capitis; Welcher gaͤntzlich der Meinung iſt / daß vor Alters einige Colonien von den Cim - bris oder Scythis hineingekommen / weiſet auch an / auf was Weiſe ſolches habe geſche - hen koͤnnen.

Das46Das III. Cap. Griechiſch und Lateiniſch

Das III. Cap. Daß viel Griechiſche und La - teiniſche Woͤrter von den alten Teut - ſchen oder Scythiſchen herkom̃en

Einhalt. DIe Scythiſche eine Stam̃ſprache der Euro - paͤiſchen. Wird von Salmaſio und Box - hornio davor gehalten. Welche aber den rechten Grund wegen Unkunde der Teutſchen Spra - che nicht entdecken koͤnnen. Boxhornii Origines Gal - licæ. Abraham Mylius hat von dem Alterthum der Hollaͤndiſchen Sprache geſchrieben. Die Gloſſaria der Barbariſchen Woͤrter und andere Schrifften in den Nordiſchen Sprachen koͤnnen hiezu nuͤtzen. Kircheri falſcher Wahn von der Teutſchen Spra - che. In dem Mecklenburgiſchen / Pom̃erſchen / Weſt - phaͤliſchen ſein viel Stammwoͤrter verborgen. In der Tentſchen Sprache ſein keine frembde Woͤrter / als die mit Fortpflantzung der Religion und auß dem oͤffentlichen Gebrauch in Politiſchen Sa - chen hinein kommen ſeyn. Je aͤlter die Lateiniſchen Worter / je mehr ſein ſie den Teutſchen aͤhnlich. Bacrio, Becher / Spectile, Speck / Stega, Steg / Stritare, Striden / Plancæ, Plancken / ThrocumTrog /46[47]von dem TeutſchenTrog / Caulis, Kohl / Matta, Matte / Rumpus, Rump / ꝛc. Woͤrter die allerhand Geraͤhtſchafft bedeu - ten ſein aus der Celtiſchen in die Lateiniſche Sprach gekommen. Auß dieſen kan inſonderheit der Uhr - ſprung der Sprachen dargethan werden. Honos Hohn / Duo Zwo / Æs Eiſen / Equs, Eik. (vox Gothica) Kaf, (Gothica vox) profundum: Cavare Cavea, Scapha. &c. ςείρα ſteur / τέυχω Zeuch / Tuͤch. Varro, Feſtus und alle andere Etymologi fehlen ſehr in ihren Etymologiis. Auch die Fran - tzoſen in ihrer Sprache. Die ihre uhrſpruͤng - lich Teutſche Woͤrter / von den Griechiſchen oder Lateiniſchen herbringen wollen. Mericus Caſau - bonus wil die Engliſchen Woͤrter von dem Grie - chiſchen leiten. Worinn faſt alle fehlen: Skinnerus; Franc. Junius, Rigaltus, Meurſius, Vosſius, &c. Die Urſachen dieſes Fehlers / Aquilonius hat eini - ge Griechiſche und Lateiniſche Woͤrter von den Daͤniſchen hergefuͤhret. Meinet daß die Daͤni - ſche Sprache der Lateiniſchen mehr Woͤrter ge - geben als die Deutſche. Worinn er irret. Seine angefuͤhrte Exempel werden widerlegt. Grunni - re, Gruntzen / Hinnus, Hind / Rapere, raffen / Tolerare, dulden / Torrere, duͤrren / Irritare, anreitzen / komt nicht von ira, irrire oder ritus wie Vosſius meinet / ſondern von dem alten teut - ſchen Wort Ratu, Riote, Rit, irritatio, Er - na, ein altes teutſches Wort / davon das Lateini -ſche48Das III. Cap. Griechiſch und Lateiniſchſche ira, bedeutet eben daſſelbe. Olai Wormii Buch de literatura Runicâ. Edda Islandorum Re - ſenii. eine aͤltere Edda in Schweden vorhanden. Die alten Gothiſchen Schrifften / die in Schweden herauß gegeben worden. Collegium Antiquitatum und Profesſio linguarum Septentrionalium auff der Upſaliſchen Academia angeſtellt / gereicht der Schwediſchen Nation zu groſſem Ruhm. Codex argenteus der Gothiſchen Evangelien.

DUrch dieſe ſo augēſcheinliche Gruͤn - de ſind die Vortreflichen Leute / Sal - maſius uñ Boxhornius endlich auf die Gedancken gekom̃en / daß ſie die alte Scythi - ſche vor eine Stammſprache der Europæi - ſchen gehalten. Es hat ihnen aber hieran gefehlet daß ſie keine vollkommene Wiſſen - ſchafft der alten Teutſchen / und deren Dia - lectorum, der Gothiſchen / Schwediſchen / Daͤniſchen und anderer gehabt; ohn wel - chem nichts fruchtbarlichs hierin kan ver - richtet werden. Boxhornius hat zwar ei - nen guten Verſuch gethan in ſeinen Origi - nibus linguæ Gallicæ: woſelbſt in der Vor - rede einige nuͤtzliche und ungemeine Dingedeß49von dem Teutſchen. deßhalben verhandelt werden: und vor - hin in einem Hollāndiſchen Buͤchlein von der Abgoͤttin Nehalennia. Aber es iſt zu be - klagen / daß er uͤber dieſem Werck geſtor - ben / und es nicht vollfuͤhren koͤnnen. Es hat auch ſchon vor Boxhornio, Abrahamus Mylius in ſeinem Buch de Linguæ Belgicæ Antiquitate eine gute Arbeit ſeiner Mut - ter Sprache zum beſten verrichtet. Es be - ſtehet nur das meiſte in Vergleichung der Teutſchen und frembden Woͤrter / womit Boxhornitis ſich gleichfals bemuͤhet / und iſt noch zur Zeit niemand / der was haupt - ſachlichs darin gethan.

Wer nun ſolches thun wolte / muͤſte theils die alte Griechiſche und Lateiniſche Woͤrter / die man in den Fragmentis noch - brig hat / auß den Gloſſariis hervor ſuchen / und darnebenſt gar genau die Uhralten Teutſchen Woͤrter / auß den alten Schrif - ten zuſammen leſen / die alte Gothiſche / Runiſche / Angelſaͤchſche / Cimbriſche / Frantzoͤſiſche / Spaniſche / die heutige Teut -dſche50Das III. Cap. Griechiſch und Lateiniſchſche / und alle deren Dialectos, woran am meiſten gelegen; Hollaͤndiſche / Dāniſche / Schwediſche / Norwegiſche / etc. zum we - nigſten / ſo weit verſtehen / daß ihm die Woͤrter derſelben nicht unbekant. Kirche - rus in ſeinem Buch de Turri Babel. lib. 3. ſect. 3. c. 4. macht die Hollaͤndiſche / Engliſche und Weſtpfaͤliſche zu Toͤchter der Teut - ſchen / und meint daß die Teutſche Sprache deſto mehr verdorben ſey / je weiter ſie gen Norden ſich erſtrecket / worin er ſehr ir - ret. Denn es iſt das Gegenſpiel wahr / und ſeind die Stam̄woͤrter reiner und un - vermiſchter da zu finden. Es würde einer mit Verwunderung ſehen / wie eine Spra - che / ein Dialectus dem andern zu huͤlffe koͤmt / und wie viel Stammwoͤrter in dem alten Saͤchſiſchen / Cimbriſchen / Pom - merſchen / Weſtphaͤliſchen / Mecklenbur - giſchen etc. und inſonderheit in der alten Gothiſchen ſtecken; davon nicht allein viel Woͤrter in der Hochteutſchen unſtrei - tig hergeleitet / welches die Hochteutſchen ſelbſt nicht wiſſen; ſondern eine ſo groſſeMen -51von dem Teutſchen. Menge in der Griechiſchen und Latei - niſchen herſtammet. Denn daß die unſrige ſolche von den Griechen und Roͤ - mern geholet / kan nicht mit dem gering - ſten Schein der Warheit geſaget werden; und laufft wider des Dionyſii Halicarnaßæi, oben angefuͤhrtes Zeugnis. Es weren denn ſolche Woͤrter mit Einfuͤhrung der Chriſtlichen Religion, oder auß den ver - dorbenen Lateinſchen terminis, deren ſich die erſten teutſchen Keiſer in ihren oͤffent - lichen Schrifften gebrauchet / auff uns geleitet / davon ſo gar viel nicht zu finden ſeyn werden. Zu dem kan man ſolches an den Lateiniſchen Woͤrtern / die in Oſca, Volſca, Tuſca Lingua zu finden ge - weſen / ſelber ſehen: welche je aͤlter ſie ſeyn / je naͤher ſie dem Teutſchen kommen. Das Wort bacrio oder bacar, welches Feſtus nen - net genus vaſis longioris manubrii, quod alii trullam vocant (Trua oder Trulla iſt eben ſo wol das Teutſche Truhe) iſt unſer Teutſches Wort Becher / Bacher / oder Beker: und gleichwolleitet Voſſius das Lateiniſched 2von52Das III. Cap. Griechiſch und Lateiniſchvon Bacho, aber οὑ πρὸς διώνυσυν, und das Hol - laͤndiſche beker von dieſem bacrio. Was iſt das Wort ſpectile bey dem Plauto, wel - ches Feſtus ſuillum obſonium nennet / an - ders als unſer Teutſches Speck? nur daß ſie eine ſonderliche termination hinan ge - haͤnget / und dennoch wollen einige erleuch - tete Critici lieber von dem Lateiniſchen Wort ſpecio und ſpecto: quaſi ſcilicet ſpe - ctabile aliquid iit in illo obſonio, es her - fuͤhren / als von dem Teutſchen Speck: da doch ſpecio und ſpecto eben ſo wol von alter Teutſcher und Scythiſcher herkunfft ſein / davon aber jetzo nicht zu ſagen. Das Wort Stega bey dem Plauto iſt tabula - tum navis, in quo nautæ ambulant; Iſt nicht dis daß rechte Teutſche Wort Steg? Stritare wird bey den alten Lateinern von denſelben geſaget / qui æquali paſſu ire non poſſunt, ſed vel pede ſummo vel talo terram ſtringebant. Was iſt dis anders / als unſer Niederteutſches Wort Strie - den? Welches doch Laurenberg in ſeinem Antiquario von ſtringere, und Voſſiusvon53von dem Teutſchen. von tero und deſſen ſupino tritum abzie - het. Sind nicht Plancæ, quæ Feſto vocan - tur tabulæ planæ, was wir noch heutiges Tages Plancken heiſſen? Von welchen Chimentellus in ſeinem Buch de Honore Beſellii cap. 21. das Italiāniſche Panche oder Banche, eine Banck / abziehen wil / das doch eben ſo wol ein Teutſch Wort iſt. Was iſt das Wort Caulis ſo bey den Scriptori - bus rei ruſticæ gebraucht wird / anders als unſer Teutſches Wort Kohl? denn die Roͤmer haben das au als ein o auß - geredet. Es iſt auch das Griechi - ſche καυλὸς, welches eine gemeine Bedeu - tung hat / und pro virgâ cujuscunque plan - genommen wird. Mit dem Worte Throcum deſſen Feſtus gedencket / quaͤlet ſich Chimentellus im vorerwehnten Bu - che cap. 27. ſehr. Es iſt aber eine Art von Stuͤhlen geweſen / die man getragen / und haben wir in Teutſcher Sprach dieſem ein gleich lautend Wort Trog. Welches mit dieſem wol kan verglichen werden. Das Wort Matta, Storea oder teges,d 3welches54Das III. Cap. Griechiſch und Lateiniſchwelches Ovid. l. 6. Faſtor. gebraucht / wird beym Martino vergeblich vom Hebrāiſchen abgefuͤhret / weil es ein rechtes Teutſches Wort / und in eben demſelben Verſtande genommen wird. Bey den ſequioribus Scriptoribus iſt es viel haͤuffiger zufinden / welche Savaro in Sid. Apol. lib. 1. Epiſt. 24. an - fuͤhret: nicht bey andern als nur bey Ovi - dio einmahl: dar auß man ſehen kan / daß ſolche Woͤrter ehe geweſen / aber als ge - meine und Plebeia nicht gebrauchet worden. Es ſeyn aber ſolche den andern im Alterthumb vorzuziehen. Das Wort Sicilices iſt unſer Teutſches Si - chel / davon das Griechiſche ζάγκλη: auch nicht gar ſehr entfernet. Man fin - det unter den Woͤrtern die allerley Ge - raͤthe bedeuten / uͤberauß viele / die Celti - ſcher Abkunfft ſein. Worauß man einen feſten Schluß machen kan / daß die Latei - niſche von dieſen hergekommen. Denn ſolche Woͤrter ſein ins gemein die aͤlteſten / und bleiben am laͤngſten unveraͤndert / weil keine Uhrſach iſt eine Neuerung dabeyvor -55von dem Teutſchen. vorzunehmen: wie bey denen / die in oͤf - fentlichen Reden gebrauchet werden. A - ber hievon kan allhie nicht geredet wer - den. Wenn ich auch die uͤblichen Woͤrter in der Lateiniſche Sprache anſehe / wie viel ſeyn derer die ohne Veraͤnderung Teutſch ſeyn? Iſt nicht honos und hohn gleich? Denn das Wort iſt bey den La - teinern mediæ ſignificationis, wie das Wort dolus. Honos malus iſt ſo viel als inju - ria. Siehe Gell lib. 12. c. 9. und Lauren - berg. in Antiquario. Duo und bey den Teut - ſchen two oder zwo / iſt ein Wort / und wie Gifanius in ſeinem Indice Lucretiano p. 333. bezeuget / hat mans vor dieſem im Lateiniſchen einſilbig außgeſprochen. Von den andern Zahlen kan dergleichen be - wieſen werden: In der alten Runiſchen Sprache iſt das Wort Eik; in der Lateini - ſchen Equus: welches daſſelbe bedeutet. In der Gothiſchen hat man ein Wort Kæf, be - deutet profundum. Wovon in dē Lateiniſchē viel Woͤrter abſpringen / Cavare, Cavea, das Teutſche Kafen / und das Griechi -d 4ſche56Das III. Cap Griechiſch und Lateiniſchſche σκάπτω excavo, das Lateiniſche Scapha. Das Teutſche Scap hat hiemit auch einige Gleichheit. Was iſt das Lateiniſche æs, vor dieſem æſis anders als das Teut - ſche Eiſen? Das Griechiſche τεύχω, Fa - bricor hat im Teutſchen das Wort Tuͤch / oder Zeug / σμύχω, incendo das Wort Schmock / ſchmoͤcken / ſchmaͤuchen. Στιίρα carina navis, wird von ςέῤῥος ſolidus hergefuͤhret / und wir haben im Teutſchen das Wort Steur / welches viel eigentlicher den Urſprung fuͤrbildet Rumpus, ein abge - riſſeneꝛ Zweig / Rump ein geſtuͤm̄elteꝛ Coͤr - per komt uͤbereins. Ichkoͤnte hie ein gantz Lexicon ſolcher Woͤrter ſchreiben / wenn es dieſes Ohrts were. Die jenigen die von dem Varrone und Feſto der ſelben Uhrſprung erlernen wollen / betriegen ſich ſehr / denn es hat niemand die Origines der Lateini - ſchen Sprache weniger verſtanden als eben ſie: wie ſolches faſt in allen Sprachen ſo zu - gehet / in welchen die Eingeborne die groͤbe - ſte Fehler begehen: dann es folget nie - mand hierin der Natur und der Ver -nunfft57von dem Teutſchen. nunfft nach / ſondern ſeinem eigenen Wahn. Die die Hebreiſche oder Griechi - ſche Sprache vor andern lieben / wollen hievon alles herholen / wie Bochartus alles von der Puniſchen. Die der frembden keine ſonderliche Kundſchafft haben / erdencken einige ſonderliche alluſiones und allite - rationes, und da iſt denn alles gut. So muß Venus von veniendo herkommen / Veſta wird deßhalben ſo genant quod vi ſuâ ſtet: welche derivationes eben ſo gut ſein / als wenn das Wort Biſchoff davon gemacht ſein ſoll / weil er bey den Schaffen iſt: Denn es iſt der Nahme und die Verehrung dieſer Goͤttin von den Barbaris zu den Roͤmern kommen / da - von allhie weiter nicht kan geredet werden; Iſt derohalben eine Thorheit das ἔτυμον der Woͤrter bey den Roͤmern zu ſuchen. Die Frantzoſen und Italiaͤner die heuti - ges Tages Etymologias ſchreiben / ſind mit dergleichen Irrthuͤmern angefuͤllet. Bovillus hat in ſeinem Buch de differentiæ vulgarium linguarum gar kindiſche Ein -d 5faͤl -58Das III. Cap. Griechiſch und Lateiniſchfaͤlle von den Frantzoͤſiſchen Woͤrtern / den aber Wolffgangus Hungerus gruͤndlich widerlegt hat. Menagius, ſonſt ein vorneh - mer Philologus und Criticus, welchem Skin - nerus gemeinlich folgt / ein Blinder dem an - dern / holt ins gemein auß Griechenland oder auß Rom die Stammwoͤrter her / die er in Teutſchland ſuchen ſolte. Beza, Peri - onius, welche von der Gleichheit der Grie - chiſchen und Frantzoͤſiſchen Sprachen ge - ſchrieben / fehlen auch ſehr hierin. Joh. Henricus Ottius in ſeiner Franco-Gallia hat viel beſſere Nachricht geben. So hat auch Monoſinus in ſeinem Buch genant Flos Linguæ Italicæ, viel Italiaͤniſche Woͤrter von den Griechiſchen abgeleitet / die doch Teutſchland vor jhre Mutter erkennen. Mericus Caſaubonus in ſeiner Commenta - tione de Græcâ Linguâ, worin er die Gleich - heit der Engliſchen und Griechiſchen Sprache zeiget / iſt dennoch auch der Mei - nung / als wann dieſe Woͤrter von dem Griechiſchen herſtammen; und kan end - lich wolſeyn / wie vor dieſem die Griechenihre59von dem Teutſchen. ihre Colonias und Schiffe hin und wie - der geſchickt / (denn Jacobus Eyndius in ſeinem Chronico Zelandiæ cap. 9. auch erweiſen wil / daß die Griechen die See - laͤndiſche Kuſten beſegelt) daß einige von ihren Woͤrtern bekleben geblieben: Aber es iſt eine groͤſſere und viel gruͤnd - lichere uͤbereinſtimmung dieſer Spra - chen / als daß von ungefehr ſolches ſolte geſchehen ſeyn. Es iſt diß præjudicium ſo ſehr bey gelahrten Leuten eingewurtzelt / daß ſie faſt pro paradoxo halten / wann man der Teutſchen und der verwandten Sprachen Alterthumb uͤber die Griechi - ſche und Lateiniſche erhebet / und dieſe von jener ableitet. Skinnerus der ein Etymologicum der alten Engliſchen Woͤr - ter geſchrieben / und eine Vergleichung mit den andern verwandten Sprachen angeſtellet / hat zwar eine nuͤtzliche Ar - beit verrichtet / wie imgleichen Franciſcus Junius in ſeinem Gloſſario Gothico, wel - ches er den Gothiſchen Evangeliis zugefuͤ - get / und jetzo vermehrter in ſeinem ho -hen60Das III. Cap. Griechiſch und Lateinſchhen Alter herauß geben wil. Aber ſie lie - gen gleichfals an dieſer Seuche kranck / da ſie doch deſſen ſo klarſcheinende Zeugnuͤße vor Augen liegenhaben. Sehen wir den Nico - laum Rigaltium Johannem Meurſium in ſei - nen Vocibus Mixo Barbaris, den Voſſium de Vitiis ſermonis Latini, Ludovicum de la Cer - da in ſeinen adverſariis, Lindenbrogium, Gothofredum Wendelinum, Henricum Spelmannum, und endlich du Freſne in ih - ren Gloſſariis an: Man koͤnte viel hun - dert / ja tauſend ſolche Fehler mercken / und ein groſſes Buch davon zuſam̃en tragen / welches aus keiner andern Uhrſachen kom̄t / als daß ſie dieſer Sprachen Grund nicht recht begreiffen. Und iſt zu verwundern / daß da der Augenſchein ſelbſt ſie vor Barbariſche Woͤrter angibt / ſie dennoch lieber den Uhrſprung in der Ferne bey den Griechen / als bey den Teut - ſchen ſuchen. Bey ſo groſſer Menge der irrenden hat dennoch einer in Denne - marck der ſich Aquilonium nennet / in ei - nigen kleinen Buͤchlein die er de miſtioneGræ -61von dem Teutſchen. Græcæ & Latinæ cum Danicâ Linguâ geſchrie - ben / das Gegentheil darthun wollen / und die Woͤrter hervor geſuchet / die auß der Dāniſchen Sprache in die Lateini - ſche und Griechiſche gekommen ſeyn. Da - von er ſeine Gedancken daſelbſt eroͤffnet. Er haͤtte aber / wann er die andere Spra - chen zu Huͤlffe gezogen / ſeine Meinung viel gruͤndlicher und beſſer außfuͤhren koͤn - nen: ob er zwar meinet / daß die Dā - niſche Sprache einen ſonderlichen Vor - zug vor der Teutſchen habe / was die Gleichheit mit der Lateiniſchen betrifft. Die Woͤrter die er p. 46. einfuͤhret / zeugen vielmehr / daß er ſelber der Teutſchen Spra - che nicht recht kuͤndig geweſen / denn ich beweiſen wil / daß die meiſten Teutſche an - gemerckte Woͤrter / eine beſſere Gleichheit mit der Lateiniſchen haben / als die Daͤni - ſchen; Und muß hierinnen nicht die Hoch - teutſche / ſondern vielmehr die Nieder - teutſche Sprache zur Richtſchnur geſe - tzet werden. Jedoch haben wir in der Hochteutſchen Sprache ſo wol dasWort62Das III. Cap. Griechiſch und LateiniſchWort Gruntzen (Gruunire) als die Daͤ - nen das Wort grynte / davor er den Teutſchen das Wort Rucheln / (Roͤ - cheln wolt er ſagen) zuſchreibet. Das Wort Hind (Hinnus) iſt gleichfals bey uns / wie bey ihnen / nicht Rechhochs / ſolte vielleicht Rehbock ſeyn. Wir haben ſo wol das Wort raffen (rapere) als ſie ihr Rape: Denn hinnehmen iſt ein an - ders. Tole (Tolero) koͤnnen wir ſo wol durch dulden / als ertragen geben / wie imgleichen Toͤrre (Torreo) durch dür - ren: den Drogen / daß er davor ſetzet / iſt nicht Hochteutſch / ſondern truckenen auch wol trengen. Das Lateiniſche Wort irrito ziehet er von dem Daͤniſchen Wort Irre / davor die Teutſchen an - reitzen. Aber es trifft diß Teutſche viel beſ - ſer zum Ziel / weil es das Stamm-Wort in ſich hat / davon das Lateiniſche herkom - met. Denn ob wol Voſſius ſich ſehr mit dieſem Worte quālt / in dem ers bald von Ira, bald von irrire, quod de Canibus di - citur, bald von dem Griechiſchen ἐρέϑω, dasdoch63von dem Teutſchendoch gleichfals von dem Teutſchen entſproſ - ſen / und nicht von dem Griechiſchen〈…〉〈…〉 ρις, wie er wil: bald von rite und ritus herfuͤh - ret: ſo fehlt er dochſehr weit. Daß das Wort ritare gebrāuchlich geweſen / erſcheinet auß dem Worte poritare welches er aus proiri - tare meinet zuſam̄en gezogen zu ſeyn / darin er doch irret: Denn man lieſet in den alten MStis-inritare, welches eine Anzeigung iſt / daß das Wort von in und rito zuſam̄en ge - ſetzet: wiedann auch Daumius in ſeinem Buch de Cauſis amiſſarum radicum linguæ latinæ. c. 2. p. 14. unter die ungebraͤuchli - chen ſimplicia es ſetzet. Iſt es alſo das rechte Teutſche Wort anreitzen / wie wir es nach dem hochteutſchen Dialecto auß - ſprechen. Das ſimplex hievon findet ſich in den alten Teutſchen Wortern / welche Lipſius Cent. 3. ad Belgas epiſt. 44. zuſam - men geleſen hat. Ratodon. Irritaverunt: & Ratuot, Irritat & Garatot, concita - tus eſt & Ratunusſi. Irritatione Wobey. Somnerus in den von Merico Caſau - bono heraus gegebenen Anmerckungenſetzet64Das III. Cap. Griechiſch und Lateiniſchſetzet. Huic affine eſt noſtrum Wrath iram iracundiam ſignans: Nuſſi autem eſt ter - minatio nominum ſubſtantivorum. Iſt nun alſo das rechte Stammwort Ra - tu, Irritatio: mit dieſem koͤmpt uͤberein das alte Fraͤnckiſche Wort Riote, Rit welches in einer alten Verſione Franco-Gallicâ der Bi - bel geleſen wird / wie Skinnerus bezeu - get. Es heißt aber diß Wort ſo viel als jurgium altercatio, Rioter, Riottare, Jur - gari, altercari; und iſt laͤcherlich daß Skin - nerus ſolches von dem Lateiniſchen Arietare herziehen wil. Sonſt haben wir auch das Teutſche Wort terren / tarren / targen / welches der Bedeut - ung nach einerley iſt. Wil hie nicht ſa - gen von dem alten Wort erre, welches in den Niederlaͤndiſchen Geſetzen gefunden wird: in erre moede wat doen, animo ira - to aliquid facere; Wovon das Lateiniſche Ira herzu kommen ſcheinet. Wir haben jetzo in dergleichen Dingen viel Huͤlffmit - tel / von den alten abgeſtorbenen Spra - che die jetzo wieder hervor geſuchet wer -den.65von dem Teutſchenden. Wormius hat die alte Runiſche Sprache in ſeiner literatura Runica, Faſtis und Monumentis Danicis wieder auß dem Grabe erwecket. Die Edda Islandorum, darinnen der alten Nordiſchen Voͤlcker ihre Theologia und Mythologia beſtanden / iſt von Petro Reſenio herauß gegeben. Es ſol aber eine vollſtaͤndiger Edda noch in Schweden vorhanden ſeyn / welche zu ſeiner Zeit auch ans Licht wird gebracht werden: in welcher groſſe Nachricht iſt von der Aſiatiſchen Voͤlcker Ankunfft in die Nordiſche Laͤnder / wovon auch Schef - ferus in Upſalia antiqua c. 7. kan nachgeſe - hen werden. Es kan auch trefflich zuſtat - ten kommen / daß man die alte Gothiſche Sprache und antiquitaͤten mit ſolchem groſſen Fleiß jetzo in Schweden her - vorſuchet: Zu welchem Ende dann zu groſſem Ruhm dieſer Nation ein ab - ſonderliches Collegium Antiquitatum und Profesſio Linguarum Septentrionalium auff der Upſaltſchen Academiâ angeſtellet / und bereits eine zimbliche Anzahl ſolcher al -eter66Das III. Cap. Griechiſch und Lateiniſchter Schrifften mit gelahrten Anmerckun - gen / von Olao Verelio, wie auch andere hiezu dienende Buͤcher von Loccenio, Schef - fero, Rudbeckio hervor gegeben. Wor - unter vor allen andern zu ſetzen iſt der ſo genandte Codex argenteus Evangeliorum Gothicorum, welcher nach dem er einmahl auß der Koͤniglichen Schwediſchen Biblio - thec verlohren geweſen / vor eine groſſe Summa Geldes / von dem Herrn Reichs Cantzler de la Garde wieder herbey ge - ſchaffet / und erſtlich von Franciſco Junio, hernach in Schweden außgegeben wor - den iſt. Darinnen man bißweilen un - terſchiedliche Wurtzeln merckt / davon Griechiſche und Lateiniſche Woͤrter her - ſtammen: welches auch von denen Auto - ribus ſelbſten / die ſie herauß gegeben / nicht beobachtet worden.

Das67von dem Teutſchen

Das IV. Cap. Von den Gruͤnden der Ab - leitung in Woͤrtern / und zwar von dem erſten: daß eine einfaͤltige grobe Spra - che der kuͤnſtlichen den Anfang gegeben.

Einhalt. GRiechiſche und Lateiniſche Stammwoͤrter auß dem alten Scythiſchen. Es koͤnnen in der Etymologia richtige principia gegeben wer - den. Je einfaͤltiger die Sprache / je lauterer und aͤl - ter iſt ſie. Die alte Lingua Pelasga, hat der neuen Griechiſchen / und die alte Oſca, Tuſca, &c. der neuen Lateiniſchen den Urſprung gegeben. Thuſci dem Nahmen und der Außrede nach Teutſcher Art und Abkunfft. Joſephi Scaligeri Urtheil hievon. In Toſcanien ſein die aͤlteſten Staͤdte. Die plebeia Lingua Latina iſt von der zierlichen allezeit unter - ſchieden geweſen: wie in allen Sprachen der Unterſcheid iſt. Exempel auß dem Inſtrumen - to plenariæ ſecuritatis, ſo zu Juſtiniani Zeiten ge - ſchrieben. Fragmentum Petronianum. Skinnerus verwirfft die Meinung / daß Griechiſche Woͤrter von Teutſchen und Scythiſchen herkommen. Hat einen falſchen Grund. Die Griechen ſeyn ſelbſt wider jhn /e 2welche68Das IV. Cap. Von den Gruͤndenwelche geſtehen / daß jhre Sprache von den Barbaris herruͤhre. Treffliche Zeugniſſe auß den Jamblicho, Clemente Alexandrino, daß die Griechen durch jhre Leichtſinnigkeit und Kuͤnſteley mehr verdorben als verbeſſert. Anacharſis ein Scythiſcher Philoſophus wirfft den Griechen ſelbſt jhren Scythiſmum vor. Skinnerus hat keinen Unterſcheid gemacht un - ter die wachſende und vollkommene Sprache. Seine angefuͤhrte Gleichnuſſen koͤnnen wider jhn ſelbſt ge - braucht werden.

SO iſt dann nun dieſes meine gaͤntz - liche Meinung / die nicht ohne guten gruͤnden von den trefflichen Leuten Salmaſio und Boxhornio aufgebracht / wie - wol ſie dieſelbe nicht außgefuͤhrt / daß die alte Scythiſche die rechte Hauptquelle der Europeiſchē Sprachen ſey / auß welcher die alte Teutſche und Gothiſche zu erſt ent - ſprungen: wo ſie nicht faſt eben dieſel - be geweſen / und der Griechiſchen und La - teiniſchen zum Theil ihre Stammwoͤrter gegeben / welches zu beweiſen keine ſo groſſe Muͤhe erfordern wuͤrde. Wundert mich nur das gelehrte Leute nicht ehe auf dieſe Gedancken gerahten / und ſo viel ſel -tzam69in Ableitung der Woͤrtertzame thoͤrichte alluſiones an ſtatt gruͤndli - cher Etymologien angenommen / deren nichtigkeit ſich ſelbſt zu Tage leget / und Anlaß gegeben / daß viel gelehrte Leute alle Etymologias, als ein ungewiſſes Ding / und die auff keinen Vernunfftſchluͤſſen ge - gruͤndet zu verwerffen. Da doch ſo rich - tige principia darin koͤnnen geſetzet wer - den / auß welchen die Ableitung der Woͤrter folget: wie etwa è corporibus ſimplicibus & elementis die miſta entſte - hen / und findet faſt eine demonſtratio auch allhie ſtaat / jedoch ſo viel die Natur und Beſchaffenheit der Dinge zugiebt. Erſt - lich iſt dieſes fuͤr einen feſten Grund zu - ſetzen / daß je einfaͤltiger und groͤber eine Sprache / deſto aͤlter und unge - miſchter ſie ſey / und denen andern vorgehe. Will man nun die Stamm - woͤrter einer jetzo außgearbeiteten Spra - che ſuchen / ſo muß man nicht zu einer gehen / die in gleicher Vollkommen - heit iſt / ſondern man muß auf dem Lander unter den Bauren / an Oertern / dae 3nie -70Das IV. Cap. Von den Gruͤndenniemahls Frembde hingekommen / dieſel - be ſuchen. Denn es iſt mit den Sprachen wie mit den Voͤlckern bewandt / welche erſt roh und wilde / hernach mit der Zeit gebaͤndigt und außgeuͤbet werden. Wolte man nun die Stammwoͤrter der Griechi - ſchen Sprache haben / ſo muſte man was von der alten Linguâ Pelaſgâ noch uͤbrig hervorziehen. Die Lateiniſchen werden am beſten erforſchet in den alten fragmen - tis linguæ Oſcæ, Thuſcæ, inſonderheit dieſer / denn dieſe Voͤlcker auch faſt dem Nahmen nach ihren Uhrſprung aus Teut - ſchland zu haben ſcheinen: Wie dañ auch faſt der accent, den ſie in der Außrede fuͤh - ren / ſolches außweiſet / I. C. Scaliger auch in ſeiner Oratione de verbo ineptus angemerckt / wenn er ſpricht: Leniſſime pronunciat magna Italiæ pars, craſſiſſimè pene Univerſa Germania. At Thuſci qui Ar - num circumcolunt pene Germanicos illos ſpiritus ſuperant. Zu dem ſein daſelbſt Staͤd - te die aͤlter als Rom ſein / wie Ioſeph. Scaliger in den Excerpt. die die Fratres Pu -teani71in Ableitung der Woͤrter. teani herauß gegeben / bezeuget: In Italiâ ſunt multæ urbes antiquiores Româ: in To - ſcaniâ antiquiſſimæ. Es bilde ihm auch nie - mand ein / daß man in Italien auch zu Cice - ronis zeiten durchgehends auff dem Lande und bey Bauren / ſolche Sprache / wie er in Rom / gefuͤhret. Es eroͤrtert dieſe Frage: an vulgus & literati eodem modo & idio - mate Romæ locuti ſint Leonardus Aretinus libr. 6. Epiſt. p. m. 273. wieder den Flavium Forolivienſen, der anderer Meinung war / und beweiſet mit etlichen Exempeln: quod Latina lingua à vulgari differat terminatione, inflexione, ſignificatione, conſtructione, & accentu. Von des gemeinen Poͤbels art zu reden uhrtheilet er alſo. Non ad pi - ſtores tantum & laniſtas, ſed multò magis ad eos, qui in Reip. gubernatione verſaban - tur, & quorum intererat, quid populus decerneret, Orator loquebatur. Præſtan - tes igitur homines Oratorem latinè lite - ratèque concionantem, præclarè intellige - bant, piſtores verò & laniſtæ & hujus - modi turba ſic intelligebant Oratoris verba,e 4ut72Das IV. Cap. Von den Gruͤndenut nunc intelligunt mißarum ſolennia. Und wie ſolte die Lateiniſche Sprache hierin ei - nen Vorzug vor andernhaben? Denn faſt keine Sprache iſt / die nicht ſolchen unter - ſcheid hātte. In der Italiāniſchen / Fran - tzoͤſiſchen hat man eben ſo wol die ſo ge - nandte Ruſticam, und Romanam / da - von der Name der Romances herkom̃t / vor - mahls gehabt: und iſt ja bekant / wie heuti - ges Tages faſt in allen Oehrtern und Laͤndern eine doppele Sprache / eine wil - de und rohe / und eine zierliche und hoͤf - liche geredet werde. Es zeigt zum Theil das Inſtrumentum plenariæ ſecuritatis wel - ches zu Juſtiniani Zeiten geſchrieben / und Anno 1641. von Gabriele Naudeo auß der Bi - bliothec des Cardinalis â Balneo (der die Abſchrifft aus der Koͤniglichen Bibliothec in Franckreich bekommen) herauß ge - geben. Worinnen ſo viel frembde und ſeltzame arten zu reden / confuſiones caſuum wider die Regeln der Grammatic, ſo viel Teutſche Woͤrter von allerhand Hauß - geraht als Butta, Butticella, Sarica, ran -cilio73in Ableitung der Woͤrter. cilio, ſcotella, zu finden; daß man gnug darauß ſehen kan / wie bey dem ge - meinen Mann damahls eine gantz ande - re Art zu reden geweſen: weßwegen ich auch das vielen ſo verdaͤchtige Fragmen - tum Petronianum nicht gāntzlich verwerf - fen will. Je mehr man nun die ālteſte monumenta, und die von der Kunſt nicht außgearbeitet ſein / durchſuchet; je mehr wird man die Gleichheit der Teutſchen und Lateiniſchen Sprache finden. Hiebey kan ich mich nicht gnug verwundern / wie Skin - nerus in der mehrmahls erwehnten Vor - rede ſeines Lexici Etymologici, ſo gar wie - der alle Vernunfft dieſe Meinung tadele / daß von dem Teutſchen einige Griechi - ſche Woͤrter herſtam̃en / und ſie ſo gar hoͤ - niſch und mit ſchāndlichen Schmaͤhwor - ten auff die Teutſche Nation, durchziehe. Quid enim, ſagt er / à communi humani generis uſu & ratione ipsâ luculentius ab - horret, quam gentem omnium cultiſſi - mam eoque nomine ſuperbientem, popu - lorum cœterorum etiam mitiorum & hu -e 5manio -74Das IV. Cap. Von den Gruͤnden. maniorum, Perſarum ſc. Syrorum & Æ - gyptiorum contemptorem, è gentibus totius terrarum orbis immaniſſimis ſordi - diſſimis & plus quam barbaris (ein ſchoͤ - ner Lobſpruch vor die Teutſchen!) voca - bula & idiotismos avidè haurire, & tan - quam gemmas è ſterquilinio ſuo ſermoni inſuere. Wol getroffen! ein trefli - cher Schluß! Eben diß iſt die Uhrſach warum die alten Teutſchen nicht von den Griechen / ſondern dieſe vielmehr von jenen ihrer Woͤrter Uhrſprung haben: Weiln eine außgeputzte Sprache juͤnger iſt / als eine rauhe und unbeſchnittene. Will dann Skinnerus mehr wiſſen als die Griechen ſelbſt? welche auffrichtig beken - nen / daß die ālteſten Einwohner ihres Landes eine barbariſche Sprache gere - det / die Buchſtaben von den Barbaris bekommen / wie im vorigen erwehnet. Haben ſie nicht ihre Weißheit von den Barbaris erſt geholet? Es leſe einer nur den Joſephum contra Appionem, da wird er weitlaͤufftig ſehen / daß die Griechennichts75in Ableitung der Woͤrter. nichts von ihnen ſelber haben / und daß alles ihrige / Stādte / Kuͤnſte und Schrif - ten / nur von geſtern her / und ſie alle - zeit Kinder und Juͤnglinge geweſen. Was ſie von Scythis, Thracibus uñ andern erler - net / haben ſie vor ihre eigene Erfindung außgegeben. Die was ſonderliches haben lernen wollen / ſind bey den Barbaris in die Schul gegangen / wie beim Diodoro lib. 3. c. 6. zu leſen. Clemens Alexandrinus lib. 1. Stromatum ſaget / daß die ālteſten Philoſophi in Griechenland entweder ſelbſt Barbari geweſen / oder von den Barbaris unterwieſen. Pythagoras ſelbſt iſt bey den Gallis, oder Celtis in die Schule gegan - gen. Von dieſen Barbaris haben die Grie - chen das ihrige erlernet / und nur uͤber - hin gefaſſet. Denn ſo redet von ihnen Jamblichus, der ſie von auſſen und innen beſchreibet: Græci naturâ rerum novarum ſtudioſi ſunt & præcipites uſquequaque fe - runtur, inſtar navis ſaburrâ carentis nullam habentis ſtabilitatem. Neque conſervant, quod ab aliis acceperunt, & hoccito76Das IV. Cap. Von den Gruͤndencito dimittunt, & omnia propter inſtabi - litatem, novæque inventionis elocutionem transformare ſolent. Er ſagt ferner / wie die Barbari ernſthafftig und beſtāndig in ihrem Weſen und Reden ſeyn / und wie die Barbariſche Woͤrter ſehr kuͤrtz ſeyn / und einen groſſen Nachdruck haben / und de - rohalben bequem zu Goͤttlichen Dingen zu gebrauchen: Die Griechen haͤtten ſie aber verdorben / die ſie mit ihrer Spra - che gemiſchet / oder mit frembden Woͤr - tern außdruͤcken wollen. Man kan auch hiebey nachleſen des Cœl. Rhodigin. Lect. Antiquar: lib. 16. c. 14. Der von uns oben angefuͤhrte Clemens Alexandrinus zeiget viel andere Griechiſche Autores, als Scamonem Mitylenæum, Theophraſtum Ereſium, Cydippum Mantinæum, Anti - phanem, Ariſtodemum, Ariſtotelem, Phi - loſtephanum, & Stratonem, die hier in - nen mit ihm uͤbereinſtimmen / und die Barbaros zu Lehrmeiſter der Griechen ma - chen / ſetzt auch folgende Worte darauff: Παρεϑήμην δἐ α᾿υτῶν ὀλίγα ε᾿ις σύςασιν τὴς παρὰβαρ -77in Ableitung der Woͤrter. βαρ〈…〉〈…〉 άροις ἑυρετικῆς καὰ βιωφελοῦς φύσεως, παῤ ὧν ἕλληνες τὰ ἐπιτηδεύματα ὠφέληνται. Ex his pauca adjeci ad confirmandam inventricem & vitæ utilem naturam, quæ fuit apud Bar - baros, à quibus in ſtudiis & rebus exercen - dis Græci acceperunt magnam utilitatem. Nach dieſem redet er ſehr merckwuͤrdig von der Sprache: Ει δέ τις την〈…〉〈…〉 φωνὴν Δ〈…〉〈…〉 αβάλλει τὴν βαρβάρον, ἐμοὶ δέ, φησιν Ανά - καρσις, ΠΑΝΤΕΣ〈…〉〈…〉 ΑΛΗΝΕΣ ΣΚΥΘ〈…〉〈…〉 ΖΟΥ - ΣΙΝ. Si quis autem vocem reprehendit Bar - baram: Mihi, autem, inquit, Anachar - ſis: OMNES GRÆCI SCYTHÆ SUNT. Was koͤnte herꝛlichers und ruͤhmlichers geſagt werden zu dem Lobe der ſo genand - ten Barbariſchen Sprache und Philoſophie, und zur Behauptung des Alterthumbs derſelben. Und dieſe ſeyn die Voͤlcker / welche uns Skinnerus ſo heß - lich abgemahlet. Es wird ferner weder vom Mylio (mit welchen er zu thun hat) noch von jemand anders geſaget / daß die Griechen dazumahl / wie ſie durch Wiſſenſchafft oder Tapfferkeit ſich undihre78Das VI. Cap. Von den Gruͤndenihre Sprache ſo vollkommen gemacht / ihre Woͤrter und idiotiſmos, erſtlich von den Teutſchen genommen. Der Zeug ihrer Sprache iſt vor vielen Jahren erſt - lich von den ihnen ſo genandten Barbaris, die doch Witzes und Verſtandes gnug ge - gehabt / entſtanden / welchem ſie von Jah - zu Jahren ihre eigene Form und Außbil - dung gegeben / und da ſie die Sprache zu der groſten Stuffe ihrer Vollkommen - heit gebracht / nicht mehr noͤthig gehabt von andern was zu entlehnen. Die Gleichnuͤſſen die Skinnerus hiebey fuͤget / ſeyn gleichfals laͤcherlich und ungereimt. Perinde hoc eſt, ſagt er / ac ſi Galli Braſi - liæ, aut noſtrates Virginiæ coloni agreſtium ſubditorum dialectum tanquam ſuavem & fœcundum affectantes, vocabula inde in ſermonis ornatum cooptarent. Imò quid abſurdius quam Aulicum, egregiè expoli - tum Ruſticum ineptum loquendi magiſtrum adſciſcere? Es iſt ein groſſer Unterſcheid wenn eine wol cultivirte Nation eine Bar - bariſche uͤbermeiſtert / die ſie darnach anſtatt79in Ableitung der Woͤrterſtatt der Knechte gebrauchet / von denen ſie ihr nichts vorſchreiben laͤſt; Und wañ ein rauhes Kriegesvolck ein anders gleich oder minder Barbariſches uͤberwindet; oder mit ihm viel zu handeln hat. Der Baur iſt ehe geweſen / ehe der wolbered - te Hoffmann / und wuͤrde dieſer keine Be - redſamkeit haben / wenn nicht die Bau - ren vor ihm geredet hātten / und die Spra - che machen helffen. Aber wir muͤſſen endlich von dieſem Umbſchweiff wieder auff den rechten Weg kommen / und zu unſerm Wercke ſchreiten.

Das V. Cap. Von dem andern Grunde der Ableitung: daß vielſylbige Woͤrter von Einſylbigen muͤſſen gezo - gen werden.

Einhalt. VIelſylbige Woͤrter von Einſylbigen; deſſen Grund in der Natur / und in Methodo diſci -pli -80Das V. Cap. Einſylbigeplinarum. Die Teutſche Sprache beſtehet von vie - len Monoſyllabis. Deren anzahl. Viel alte Lateini - ſche einſylbige Woͤrter. Dieſe ſind durch die termi - nationes mehr außgedehnet. Worauff die Zuſam̃enſe - tzung der Lateiniſchen Sprache / jhre pronuntiatio, und modulatio in Poëſi beruhet. Viel Teutſche Woͤrter in der Griechiſchen und Lateiniſchen / die Mylius angemercket. Deren eine weit groͤſſere An - zahl. Puteanus wird widerlegt. Der Etymolo - gorum ſeltzame Einfaͤlle: kommen auß dieſer Unwiſ - ſenheit. Varro hat etwas dennochgeſchen / Caroli du Freſne Zeugnuß. Ein groſſes iſt an den termi - nationibus gelegen. Worin die idea der gantzen Sprache verborgen. Man kan unter ihnen als Locis Communibus eine gantze Sprache ordnen. Meinung von dem Dictionaire General eines Frantzoͤſiſchen Autoris, und Hr. Bechers Compendio Lexico in La - teiniſcher Sprache. Franciſci Guieti ſonderlicher Anſchlag von der Ableitung der Griechiſchen Woͤr - ter è monoſyllabis.

DEr ander Grund in Ableitung der Woͤrter kan hierin geſetzt wer - den / daß man die Einſilbi - ge und von Conſonantibus gleichſahm zu - ſammen gepreßte Woͤrter aͤlter halte als andere / von welchen die vielſylbigen undWoll -81von Vielſylbigen. wollklingende herkommen / ob zwar in ge - wiſſen Fāllen dieſe Regul einige Exception leidet. Es iſt der Natur gemāß / daß von den leichtern und einfāltigen Din - gen / man zu den ſchwerern und unbe - kanten ſchreite / wie auch in den Wiſſen - ſchafften ſelbſt der Ariſtot. 5. Metaph. c. 1. dieſen Weg vorſchreibet. Nun iſt wol keine Sprache zufinden die mehr einſyl - bige Woͤrter hat als eben die Teutſche / ſo gar daß auch die Buchſtaben ſelbſt nichts als ihren einfāltigen natuͤrlichen Laut haben / welche derohalben Scrieckius von den Celten oder Teutſchen auff die Roͤ - mer meint gekommen zu ſein. Simon Stevinus rechnet 2170. Monoſyllaba in der Teutſchen Sprache / und hat hievon gar ſinnreich und vernunfftig Goropius Beca - bus l. 2. Hermathenæ philoſophiret / der billig hieruͤber nach zu leſen iſt. Bernardus à Malincrot in ſeiner Diſſertatione Philolo - gicâ de naturâ & uſu literarum c. 27 er - ſtrecket die Zahl uͤber dreytauſend. Man findet auch daß die Oſci viel monoſyllabafgebraucht82Das V. Cap. Einſylbigegebraucht / als Gau pro gaudio cœl pro - lo; do pro domo: dann die terminatio - nes ſind / wie die Sprachen beſſer außge - arbeitet / hinzu gekommen / und haben die Lateiner und Griechen mit zwiſchen ſchie - bung einiger Vocalium und hinwegneh - mung einiger Conſonantium den har ten Klang der Woͤrter etwas gemiltert / da - mit in der Außſprach und hernach in dem metro ſle gleichſam einen Abfall beke - men / und die lange und kurtze Sylben eine richtige Maſſe gegen einander hātten. Daher ſieht man / daß in den flexionibus, declinationibus und conjugationibus, die Arten der Endigungen ſo vielfaͤltig meh - rentheils zwey - und wol gar dreyſylbig / und mit mehr kurtzen als langen vocali - bus außgemeſſen ſein. Welches der gan - tzen Sprache einen ſonderlichen rythmum und numerum in der pronunciation und in dem Metro Poëtico veruhrſachet: Wor - nach zum theil die alte jetzo verlohrne Muſic und modulation der Oden ſich ge - richtet / da hingegen in der Teutſchenund83von Vielſylbigen. und faſt den meiſten Sprachen wegen der kurtzen ein - und zweiſylbigen Woͤrter / eine durchgehende gleichfoͤrmige Maaß / die aber mehr der Natur gemāß / in Acht genom̃en wird. Ich kōnte hie einige hun - dert Teutſcher und Niederteuttſcher Woͤr - ter herſetzen; welche eben dieſelbige ſein / die im Lateiniſchen und Griechiſchen ſich ſinden / nur daß ihre terminationes hin - angehānget. Abraham Mylius in ſeinem Buch de Antiquitate Linguæ Belgicæ hat allein 200. Hollaͤndiſche Woͤrter gezehlet die in der Lateiniſchen / und noch ſo viel die in der Griechiſchen ſich finden: er hat a - ber nur die jenigen genommen die ihm im erſten Anblick vorgekommen / und ge - ſtehet daß er noch eine viel groͤſſere An - zahl derſelben liefern koͤnne. Common - ſtrare tantum viam volui, ſagt er / eamque aliquatenus præire ad hanc jucundam ob - ſervationem, tantum quæ ſponte ocur - runt, non quæ quæſita ſunt, recenſui. Si vis ipſe te oblectare his floribus, tranſi le - xica, inprimis Græca, ab Alpha uſq; Omegaf 2pro -84Das V. Cap. Einſylbigepromitto plenos calathos rerum bellarum. Auch hat Kilianus in ſeinem Etymologico Belgico beylāuffig einige Vergleichunge der Woͤrter angeſtellet / wie imgleichen Sigismundus Gelenius in ſeinem Lexico Symphoniaco, Andreas Helvvigius in ei - nem ſonderlichen Buch / Hadrianus Junius Animad: l. 5. c. 6. ſolches von Teutſcher und Hochteutſcher Sprache dargethan. Es ſeyn aber beym Mylio nur die ken̄lichen und nur auß der Hollaͤndiſchen Spra - che allein angemerckt. Was koͤnte man nicht eine Menge von alten Teutſchen / Sāchſiſchen / Gothiſchen / Dāniſchen Woͤr - tern hinzuthun / darauff noch keiner je - mahls gedacht hat? Diß erforderte aber ein gantz vollſtāndiges Buch. Puteanus in ſeiner Oratione 6. die er de facilitate Græ - linguæ geſchrieben / hat weitlāufftig von den Griechiſchſcheinenden Woͤrtern in der Teutſchen und andern Sprachen gehan - delt / wodurch er der Griechiſchen Spra - che weiten Begriff und Außſtreckung dar - thun wil. Er iſt aber gāntzlich auff Irr -wegen85von Vielſylbigen. wegen / weñ er meinet durch dieſen Grund zu erweiſen / daß jemahls Griechen die Oerter bewohnet / oder ſie vor dieſem Griechiſch geredet hātten. In Germania, ſagt er / non vocabula tantum, ſed loca quamplurima nomenclaturam Græcam reddunt. Nos verò Belgæ qui vicini & affi - nes, utita dicam, Germanis ſumus, annon habuimus olim hanc linguam & reliquias hodiè retinemus? Dieſes ſagt Puteanus und zwar als ein Orator, welcher bißwei - len zu Behauptung ſeines Satzes / alles hervorſucht / was die Sache warſchein - lich machen kan. Es beweiſet aber die - ſes im Gegentheil vielmehr / daß die Grie - chen von unſerer Sprache den Grund ihrer Woͤrter empfangen / weil ja auch nicht durch einen Schein kan wahr ge - macht werden / daß wir von ihnen unſe - re Sprache haben / auch jemahls die ihrige geredet. Was die vorangeregte bekante Woͤrter anlanget / ſo muß man ſich ver - wundeꝛn / wann man die Etymologias Gram - maticorum hierüber anſiehet / daß ſie bißhe -f 3ro86Das V. Cap. Einſylbigero ſo blind geweſen / und ſo viel thoͤrichte al - luſiones auff die Bahn gebracht / da ſie dem Wege gefolget / darauff ſie Varro, Feſtus und Iſidorus, die doch ſelbſt blind gewe - ſen / geleitet. Varro hat zwar etwas hier - in geſehen / aber nicht außfuͤhren koͤnnen / welches ſeine Worte anzeigen l. 4. de L. L. Non omnis impoſitio verborum extat, quod vetuſtas quædam delevit, nec quæ extat ſine mendo omnis impoſita, nec quæ re - ctè eſt impoſita, certamanet. Multa enim verba literis commutatis ſunt interpolata. OMNIS ORIGO EST NOSTRÆ LIN - GUÆ E VERNACULIS VERBIS, & mul - ta verba aliud nunc oſtendunt, aliud autem ſignificabant. Ich erfreue mich auch / daß ich eben ſolche Gedancken bey dem Caro - lo du Freſne in der Vorrede ſeines Gloſ - ſarii gefunden / da er von den Lateiniſchen Etymologis dieſes Urtheil faͤllet: Qui apud Græcos & Latinos, ετυμολογικὴν tractarunt, ab ipſamet Græcâ vel Latinâ linguâ origina - tiones ſuas fere ſemper formarunt: tamet -ſi non87von Vielſylbigen. ſi non inficias ierim eas interdum ab ex - teris repetendas. Auch hat derſelbige Autor gerahten wider alle andere / daß man die Origines ihrer Woͤrter in der Teut - ſchen und Hollāndiſchen Sprache ſuchen ſolte. Aber er thut es ſelbſten nicht wegen der Unkunde in dieſer Sprache. Wann die Endungen hinweg genommen werden / ſo ſtehen die nackten Teutſchen Woͤrter da / zum oͤfftern ohne die geringſte Ende - rung / bißweilen / daß ein Vocalis in den andern verwechſelt / welches auch wol in derſelben Sprache geſchicht. Solche terminationes muͤſſen wol in acht genom - men werden / denn es hālt eine jegliche Sprache hierin ihre Richtſchnur / daß nach gewiſſen Bedeutungen / und nach dem modo conceptuum de rebus ſie eingerichtet werden: Wie ich dann davor halte / daß der Frantzoͤſiſche Autor von der Grammaire General & Raiſonnée, welcher ein Dictio - naire General außzugeben verheiſſen / und Herr Joachim Becher / welcher in ſei - nem Methodo Didactica ſich ruͤhmet / daßf 4er88Das V. Cap. Einſylbigeer alle Woͤrter der Lateiniſchen Sprache auff einen Bogen Papier gebracht / nach der Eintheilung dieſer Endigungen / die Gedancken gerichtet. Denn ſie ſeyn gleich - ſam die Characteres, dadurch die Beſchaf - fenheit der Woͤrter außgedruͤcket wird. In Lateiniſcher Sprache hat ſonſten ei - ner Jacobus Engelbrecht / nach Anlei - tung dieſer terminationum ein kleines Lexi - con geſchrieben. Daß nun auf dieſe richtige natuͤrliche Art die Woͤrter abzuleiten nie - mand bißhero gekommen / da ſo viel ver - ſtāndige Leute hievon geſchrieben / iſt bil - lig verwunderns wehrt. Es ſcheinet aber daß