PRIMS Full-text transcription (HTML)
Patriotiſche Phantaſien
Vierter Theil.
Herausgegeben von ſeiner TochterJ. W. J. v. Voigt, geb. Moͤſer.
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Mit Koͤnigl. Preußiſcher, Churſaͤchſiſcher, und Churbrandenbur - giſcher Freyheit.
Berlin,bey Friedrich Nicolai,1786.
An Herrn Nicolai.

Hier haben Sie verlangtermaaßen alles, was ich von meines Vaters Aufſaͤtzen noch habe auffinden koͤnnen. Finden Sie etwas darunter, was Jhnen ſeiner unwuͤrdig ſcheint; ſo laſſen Sie ſol - ches unbedenklich weg. Jhre Auswahl wird auch allemal die meinige ſeyn. Denn Sie lieben meinen Vater auch, nur ich zu ſehr, um uͤber ſeine Schrif - ten zu urtheilen.

Das wenigſte davon iſt neu, faſt alles iſt bereits in den Beylagen zu den hieſigen Jntelligenzblaͤttern, die von 1767 bis in die Mitte des Jahrs 1782 un - ter ſeiner Aufſicht herausgegeben ſind, erſchienen, und daraus in verſchiedene Monatsſchriften aufge - nommen worden. Sie moͤgen es alſo verantworten, daß Sie dieſe Aufſaͤtze noch einmal dem Drucke uͤbergeben; mir als Tochter wird das Publikum leicht verzeihen.

Blos jenes Jntelligenzblatt, das ſich in einem kleinen Lande ohne Zwang erhalten ſollte, hat mei - nen Vater, der die Schreiber wie die Spieler haßt, ob er gleich ſehr gern ſchreibt und ſpielt, zu dieſer Art von Schreiberey vermocht; denn ob er gleich darin fruͤhe Verſuche gemacht hat, indem er vor vierzig Jahren das Hannoͤveriſche Wo - chenblatt, welchem am Ende der Titel, Ver - ſuch einiger Gemaͤhlde von den Sitten unſer Zeit vorgeſetzt iſt*)Hannover bey Schmidt 1746, herausgab, ſo war ihm doch laͤngſt die Luſt dazu vergangen, nachdem der angeordnete Cenſor, ihm damals ſeiner Meinung) (2nachnach, zu hart behandelt, und manches Stuͤck ohne Grund verworfen hatte. Zur Probe lege ich Jhnen eines davon bey*)Man ſehe Nr. 49., was damals als anſtoͤßig ge - gen die Religion in der Cenſur unterdruͤckt, und von meinem Vater als eine Urkunde der Denkart vor 40 Jahren aufbewahret iſt.

Jetzt iſt dieſer Aufſatz vielleicht keinem als mei - nem Vater anſtoͤßig, der ſeitdem die chimiſche Un - terſuchung der menſchlichen Tugenden hoͤchſt zweck - widrig findet, und wenn ihm das Enſemble gefaͤllt oder wohl ſchmeckt, die Kunſt des Meiſters in Zu - ſammenſetzung widriger Jngredienzien bewundert. Das ſonderbarſte dabey iſt, daß die von dem Cen - ſor fuͤr ganz abſcheulich erklaͤrte Stelle: Glaubet nur, nach funfzig Jahren kann ſich kein Menſch bekehren , die im Grunde weiter nichts ſagen ſoll, als daß man im Alter ſich nicht leicht neue Fertigkeiten, die doch zu jeder Sinnesaͤnderung erforderlich ſind, er - warten kann, woͤrtlich aus Saurins Predigt Sur le Renvoi de la converſion genommen waren.

Es mag dieſes zugleich zur Probe dienen, wie meines Vaters Geſchmack ſich mit den Jahren veraͤndert hat, nachdem er von den Buͤchern zu Geſchaͤften uͤbergegangen iſt.

Uebrigens vergeſſen Sie nicht ſich zuweilen zu erinnern Jhrer Freundin Jenny von Voigts.

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Jnhalt des vierten Theils.

  • I Wie man zu einem guten Bortrage ſeiner Empfin - dungen gelange. Seite 3
  • II Ueber das Kunſtgefuͤhl von einem Weinhaͤndler8
  • III. Von der Nationalerziehung der alten Deutſchen. 13
  • IV. Ueber die Erziehung des Adels, von einem Edel - mann. 19
  • V. Alſo ſoll der handelnde Theil der Menſchen nicht wie der ſpeculirende erzogen werden. 23
  • VI. Ueber die Sittlichkeit der Vergnuͤgungen. 27
  • VII. Etwas zur Policey der Freuden fuͤr die Landleute. 31
  • VIII. Es ſollen die Wochenſchriften auch die Anzeigen der neueſten Moden enthalten. Schreiben von Amalien. 36
  • IX. Antwort an Amalien. 40
  • X. Wie iſt die Dreſpe im menſchlichen Geſchlecht am beſten zu veredeln? Anfrage eines Frauenzim - mers. 45
  • XI Wozu der Putz dient, ein Geſpraͤch zwiſchen Mut - ter und Tochter. 49
  • XII. Schreiben einer alten Ehefrau an eine junge Em - pfindſame. 50
  • XIII. Nachſchrift. 54
  • XIV. Schreiben einer Dame an ihren hitzigen Freund. 58
  • XV. Alſo ſollte man die Einimpfung der Blattern ganz verbieten; Schreiben einer jungen Matrone. 64
  • XVI. Ein kleiner Umſtand thut oft vieles; aus dem Le - ben eines Frauenzimmers, von ihr ſelbſt beſchrie - ben. 68
  • XVII. Der Werth der Complimente. Schreiben einer Witwe. 73
  • XVIII. Verdienten ſie die Krone oder nicht? Ein mora - liſches Problem. 76
  • XIX. Was iſt die Liebe zum Vaterlande? 82
  • XX. Der Herr Sohn iſt ſchlau. Schreiben an die gnaͤ - dige Frau Mutter. 84
  • XXI. Was iſt nicht alles, wofuͤr Dank gefordert wird? eine Anektote von Abdera. 88
  • XXII. An einen jungen Dichter. 89
  • XXIII. Der Autor am Hofe. Schreiben einer Hofdame. 93
  • XXIV. Eine Scene aus dem Luſtſpiele, der Sollicitant. 97
  • XXV. Jch an meinen Freund. 101
  • XXVI. Der Wirth muß vorauf, von einer Landwirthin. 103
  • XXVII. Klagen uͤber den Buchſtaben R. von meinem himmelblauen Maͤdgen. 105
  • XXVIII. La Prude et la Coquette zu Deutſch. 107
  • XXIX. Alſo ſollte man die Teſtamente auf dem Siech - bette ganz verbieten. 109
  • XXX. Von dem wichtigen Unterſchiede des wuͤrklichen und foͤrmlichen Rechts. 113
  • XXXI. Ueber den Unterſchied einer Chriſtlichen und Buͤrgerlichen Ehe. 118
  • XXXII. Von den Militairehen der Englaͤnder. 123
  • XXXIII. Die Artikel und die Punkte. 125
  • XXXIV. Ueber die Todesſtraſen. 130
  • XXXV. Alſo ſollte man den Zweykaͤmpfen nur eine beſſere Form geben. 135
  • XXXVI. Von der Gewohnheit des juͤdiſchen Volks auf das Oſterfeſt, die Loslaſſung eines Gefange - nen zu fordern. 139
  • XXXVII. Etwas zur Verbeſſerung der Zuchthaͤuſer. 143
  • XXXVIII. Rede eines Baͤckers uͤber die Backproben. 149
  • XXXIX. Gewiſſensfrage eines Advokaten. 152
  • XL. Vorſchlag zu einem neuen Plan der deutſchen Reichsgeſchichte. 153
  • XLI. Ein Denkmal der deutſchen Freyheitsliebe. 158
  • XLII. Große Herrn duͤrfen keine Freunde haben wie andre Menſchen. 162
  • XLIII. Von dem echten Eigenthum. 164
  • XLIV. Schreiben eines Edelmanns ohne Gerichtsbar - keit an ſeinen Nachbar mit der Gerichtsbarkeit. 168
  • XLV. Vorſchlag wie die Kirchhoͤfe aus der Stadt zu bringen. 175
  • XLVI. Was will aus unſern Garn und Linnenhandel werden. 181
  • XLVII. Von dem Naturgange der Gaͤnſe. 186
  • XLVIII. Toleranz und Jntoleranz. 187
  • XLIX. Die Bekehrung im Alter. 188
  • L. Eine kurze Nachricht von den Weſtphaͤliſchen Frey - gerichten. 193
  • LI. Von dem Urſprunge der Landſtaͤnde und des Land - rechts im Stift Oſnabruͤck. 206
  • LII. Ueber die Abſteuer der Toͤchter der Landbeſitzer. 216
  • LIII Das Herkommen in Anſehung der Abſteuer und des Verzichts adelicher Toͤchter im Stifte Oſnabruͤck. 237
  • LIV. Vereinigung der Ritterſchaft des Hochſtifts Oſna - bruͤck uͤber die Abſteuer und den Verzicht adlicher Toͤchter, wie ſolche von Sr. Koͤniglich Maj. von Großbrittanien als Vater des Herrn Biſchofs Friedrichs Koͤnigl. Hoheit Sub dato St. James den 15. Mai 1758. beſtaͤtiget worden. 242
  • LV. Warum bildet ſich der deutſche Adel nicht nach dem engliſchen? 246
  • LVI. Von dem Concursprozeſſe uͤber das Landeigenthum. 258
  • LVII. Ueber die Adelsprobe. 268
  • LVIII. Der Capitularſoldat, Auszug eines Schreibens. 295
  • LIX. Alſo ſollten geringe Nebenwohner, wenn ſie woll - ten, wegen ihrer Schulden nicht gerichtlich belangt, ſondern mit kurzer Hand zur Zahlung angehalten werden. 301
  • LX. Beherzigung des vorigen Vorſchlags. 306
  • LXI. Etwas zur Naturgeſchichte des Leibeigenthums. 311
  • LXII. Der Freykauf. 316
  • LXIII. Was iſt bey Verwandelung der bisherigen Er - besbeſetzung mit Leibeignen in eine freye Erbpacht, zu beachten? 321
  • LXIV. Formular eines neuen Colonatcontrakts, nach welchem einem vormaligen Cammer-Eigenbehoͤ - rigen, nach vorgaͤngiger Freylaſſung, der Hof uͤber - geben worden. 334
  • LXV. Formular des hierbey ertheilten Freybriefes. 347
  • LXVI. Alſo ſollte jeder Gutsherr ſeine Leibeignen vor Gerichte vertreten, und den Zwangdienſt mildern. 349
  • LXVII. Ueber die Oſnabruͤckiſchen Zehnten. 351
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Patriotiſche Phantaſien.

Vierter Theil.

Moͤſers patr. Phantaſ. IV. Th. A[2][3]

I. Wie man zu einem guten Vortrage ſeiner Empfindungen gelange.

Jhre Klage, liebſter Freund! daß Sie ſich in Aus - druck und Vorſtellung ſelten vollkommen genug thun koͤnnen, wenn Sie eine wichtige und maͤchtig em - pfundene Wahrheit andern vortragen wollen, mag leicht gegruͤndet ſeyn; aber daß dieſes eben einen Mangel der Sprache zur Urſache habe, davon bin ich noch nicht uͤber - zeugt. Freylich ſind alle Worte, beſonders die todten auf dem Papier, welchen es wahrlich ſehr an Phyſiono - mie zum Ausdrucke fehlt, nur ſehr unvollkommene Zei - chen unſrer Empfindungen und Vorſtellungen, und man fuͤhlet oft bey dem Schweigen eines Mannes mehr, als bey den ſchoͤnſten niedergeſchriebenen Reden. Allein auch jene Zeichen haben ihre Begleitungen fuͤr den em - pfindenden und denkenden Leſer, und wer die Muſik ver - ſteht, wird die Noten nicht ſclaviſch vortragen. Auch der Leſer, wenn er anders die gehoͤrige Faͤhigkeit hat, kann an den ihm vorgeſchriebenen, Worten ſich zu dem Verfaſſer hinauf empfinden, und aus deſſen Seele alles heraushohlen, was darinn zuruͤckblieb.

A 2Eher4Wie man zu einem guten Vortrage

Eher moͤchte ich ſagen, daß Sie Jhre Empfindun - gen und Gedanken ſelbſt nicht genug entwickelt haͤtten, wenn ſie ſolche vortragen wollen. Die mehrſten unter den Schreibenden begnuͤgen ſich damit, ihren Gegenſtand mit aller Gelaſſenheit zu uͤberdenken, ſodann eine ſo - genannte Diſpoſition zu machen, und ihren Satz darnach auszufuͤhren; oder ſie nuͤtzen die Heftigkeit des erſten Anfalls, und geben uns aus ihrer gluͤhenden Einbildungs - kraft ein friſches Gemaͤhlde, was oft bunt und ſtark genug iſt, und doch die Wuͤrkung nicht thut, welche ſie erwarteten. Aber ſo noͤthig es auch iſt, daß derjenige, der eine große Wahrheit maͤchtig vortragen will, dieſelbe vorher wohl uͤberdenke, ſeinen Vortrag ordne, und ſei - nen Gegenſtand, nachdem er iſt, mit aller Waͤrme be - handle: ſo iſt dieſes doch noch der eigentliche Weg nicht, worauf man zu einer kraͤftigen Darſtellung ſeiner Em - pfindungen gelangt.

Mir mag eine Wahrheit, nachdem ich mich davon aus Buͤchern und aus eignen Nachdenken unterrichtet habe, noch ſo ſehr einleuchten, und ich mag mich damit noch ſo bekannt duͤnken: ſo wage ich es doch nicht, ſo - gleich meine Diſpoſition zu machen, und ſie darnach zu behandeln; vielmehr denke ich, ſie habe noch unzaͤhlige Falten und Seiten, die nur jetzt verborgen ſind, und ich muͤßte erſt ſuchen, ſolche ſo viel moͤglich zu gewinnen, ehe ich an irgend einen Vortrag, oder an Diſpoſition und Ausfuͤhrung gedenken duͤrfe. Dieſemnach werfe ich zuerſt, ſobald ich mich von meinem Gegenſtande begei - ſtert und zum Vortragen geſchickt fuͤhle, alles was mir dar - uͤber beyfaͤllt, aufs Papier. Des andern Tages verfahre ich wieder ſo, wenn mich mein Gegenſtand von neuem zu ſich reißt, und das wiederhole ich ſo lange, als das Feuer und die Begierde zunimmt, immer tiefer in dieSache5ſeiner Empfindungen gelange. Sache einzudringen. So wie ich eine Lieferung auf das Papier gebracht, und die Seele von ihrer erſten Laſt ent - lediget habe, dehnt ſie ſich nach und nach weiter aus, und gewinnet neue Ausſichten, die zuerſt noch von naͤhern Bildern bedeckt wurden. Je weiter ſie eindringt, und jemehr ſie entdeckt, deſto feuriger und leidenſchaftlicher wird ſie fuͤr ihren geliebten Gegenſtand. Sie ſieht immer ſchoͤnere Verhaͤltniſſe, fuͤhlt ſich leichter und freyer zum Vergleichen, iſt mit allen Theilen bekannt und ver - traut, verweilet und gefaͤllt ſich in deren Betrachtung und hoͤret nicht eher auf, als bis ſie gleichſam die letzte Gunſt erhalten hat.

Und nun, wenn ich ſo weit bin, womit insgemein mehrere Tage und Naͤchte, Morgen - und Abendſtunden zugebracht ſind, indem ich bey dem geringſten Anſchein von Erſchlaffung die Feder niederlege, fang ich in der Stunde des Berufs an, mein Geſchriebenes nachzuleſen, und zu uͤberdenken, wie ich meinen Vortrag einrichten wolle. Faſt immer hat ſich waͤhrend dieſer Arbeit die beſte Art und Weiſe, wie die Sache vorgeſtellet ſeyn will, von ſelbſt entdeckt; oder wo ich hieruͤber noch nicht mit mir einig werden kann: ſo lege ich mein Papier bey Seite und erwarte eine gluͤcklichere Stunde, die durchaus von ſelbſt kommen muß, und leicht kommt, nachdem man einmal mit einer Wahrheit ſo vertraut geworden iſt. Jſt aber die beſte Art der Vorſtellung, die immer nur ein - zig iſt, waͤhrend der Arbeit aus der Sache hervorgegan - gen: ſo fang ich allmaͤhlig an, alles was ich auf dieſe Art meiner Seele abgewonnen habe, darnach zu ordnen, was ſich nicht dazu paßt, wegzuſtreichen, und jedes auf ſeine Stelle zu bringen.

Jnsgemein faͤllt alles was ich zuerſt niedergeſchrie - ben habe, ganz weg, oder es ſind zerſtreute Einheiten,A 3die6Wie man zu einem guten Vortragedie ich jezt nur mit der herauskommenden Summe zu bemerken noͤthig habe. Deſtomehr behalte ich von den folgenden Operationen, worinn ſich alles ſchon mehr zur Beſtimmung geneigt hat, und der letzte Gewinn dient mehrentheils nur zur Deutlichkeit und zur Erleichterung des Vortrags. Die Ordnung oder Stellung der Gruͤnde folgt nach dem Hauptplan von ſelbſt, und das Kolorit uͤberlaſſe ich der Hand, die, was die erhitzte Einbildung nunmehro maͤchtig fuͤhlt, auch maͤchtig und feurig mahlt ohne dabey einer beſondern Leitung zu beduͤrfen.

Doch will ich eben nicht ſagen, daß Sie ſich ſogleich hierinn ſelbſt trauen ſollen. Jeder Grund hat ſeine ein - zige Stelle, und er wuͤrkt nicht auf der einen wie auf der andern. Geſetzt ich wollte Jhnen beweiſen, daß das fruͤhe Diſponiren ſehr mißlich ſey, und fienge damit an, daß ich ihnen ſagte: Garrick bewunderte die Clairon, als Frankreichs groͤßte Actrice, aber er fand es doch klein, daß ſie jeden Grad der Raſerey, worauf ſie als Medea ſteigen wollte, vorher bey kaltem Blute und in ihrem Zimmer beſtimmen konnte : ſo wuͤrden Sie frey - lich die Richtigkeit der Vergleichung leicht finden, aber doch nicht alles dabey fuͤhlen, was ich wollte, daß Sie dabey fuͤhlen ſollten. Garrick diſponirte ſeine Rolle nie zum voraus, er arbeitete ſich nur in die Situation der Perſon hinein, welche er vorzuſtellen hatte, und uͤber - ließ es dann ſeiner maͤchtigen Seele, ſich ſeiner ganzen Kunſt nach ihren augenblicklichen Empfindungen zu be - dienen. Und das muß ein jeder thun der eine maͤchtige Empfindung maͤchtig ausdenken will.

Das Koloriren iſt leichter, wenn man es von der Haltung trennt; aber in Verbindung mit derſelben ſchwer. Hieruͤber laſſen ſich nicht wohl Regeln geben; man lernt es blos durch eine aufmerkſame Betrachtung der Natur,und7ſeiner Empfindungen gelange. und viele Uebung, was man entfernen oder vorruͤcken, ſtark oder ſchwach ausdruͤcken ſoll. Das mehrſte haͤngt jedoch hiebey von der Unterordnung in der Gruppirung ab, und wenn Sie hierinn gluͤcklich uud richtig geweſen ſind: ſo wird die Verſchiedenheit des Standorts, wor - aus die Leſer, wofuͤr Sie ſchreiben, ihr Gemaͤhlde an - ſehen, nur eine allgemeine Ueberlegung verdienen.

Unter Millionen Menſchen iſt vielleicht nur ein ein - ziger, der ſeine Seele ſo zu preſſen weiß, daß ſie alles hergiebt, was ſie hergeben kann. Viele, ſehr viele ha - ben eine Menge von Eindruͤcken, ſie moͤgen nun von der Kunſt oder von der Natur herruͤhren, bey ſich verborgen, ohne daß ſie es ſelbſt wiſſen; man muß die Seele in eine Situation verſetzen, um ſich zu ruͤhren, man muß ſie er - hitzen, um ſich aufzuſchließen, und zur Schwaͤrmerey bringen, um alles aufzuopfern. Horgz empfohl den Wein als eine gelinde Tortur der Seele, andre halten die Liebe zum Gegenſtande, fuͤr maͤchtiger, oder den Durſt zu Ent - deckungen: jeder muß hierinn ſich ſelbſt pruͤfen. Rouſ - ſeau gab nie etwas von den erſten Aufwallungen ſeiner Seele; wer nur dieſe und nichts mehr giebt, der traͤgt nur ſolche Wahrheiten vor, die den Menſchen insgemein auffallen und jedem bekannt ſind. Er hingegen arbeitete oft zehnmal auf die Art, wie ich es Jhnen vorgeſchlagen habe, und hoͤrte nicht auf ſo lange noch etwas zu gewin - nen uͤbrig war. Wenn dieſes ein großer Mann thut: ſo kann man ſo ziemlich ſicher ſeyn, daß er weiter vorge - drungen ſey, als irgend ein andrer vor ihm. So oft Sie ſich maͤchtiger in der Empfindung als im Ausdruck fuͤhlen, ſo glauben ſie nur dreiſt, ihre Seele ſey faul, ſie wolle nicht alles hervorbringen. Greifen Sie dieſelbe an, wenn Sie fuͤhlen, daß es Zeit iſt, und laſſen ſie arbeiten. Alle Jdeen die ihr jemals eingedruckt ſind undA 4die8Ueber das Kunſtgefuͤhl. die ſie ſich ſelbſt aus den eingedruckten unbemerkt gezo - gen hat, muͤſſen in Bewegung und Glut gebracht werden; ſie muß vergleichen, ſchließen und empfinden, was ſie auf andre Art ewig nicht thun wird, ſie muß verliebt und erhitzt werden gegen ihren großen Gegenſtand Aber auch fuͤr die Liebe giebt es keine Diſpoſition; kaum weiß man es nachher zu erzaͤhlen, wie man von einer Situation zur andern gekommen iſt.

II. Ueber das Kunſtgefuͤhl. Von einem Weinhaͤndler.

Hiebey uͤberſende ich Jhnen, nebſt tauſend Dankſa - gungen fuͤr Jhre mir letzthin bewieſene viele Freund - ſchaft, das Faͤßgen, was Sie verlangt haben. Der Wein iſt gut, und wenn er das noch haͤtte und dieſes nicht: ſo waͤre mir das Stuͤck davon nicht fuͤr tauſend Gul - den feil.

Lachen Sie nicht uͤber dieſe ſeltſame Sprache; es hat nicht viel gefehlt, oder ich waͤre dadurch bey mei - ner lezten Durchreiſe durch D .... zum Mitgliede ei - nes gelehrten Klubbs aufgenommen worden. Unſer gu - ter[Freund] der Kanonicus L der vermuthlich nicht wußte wie er den Abend mit einem Weinhaͤndler zubrin - gen ſollte, hatte mich dahin gefuͤhrt, und ich fand uͤber zwanzig junge Herrn zuſammen, die immer das Wort Kunſtgefuͤhl im Munde hatten, und von deſſen Mangel in gewiſſen Gegenden ein langes und breites ſprachen. Der eine beſchuldigte mit einer viel bedeutenden Mine das feindſelige Klima, der andre ſchob die Schuld aufdie9Von einem Weinhaͤndler. die ſchlaffe Regierungsform, ein dritter klagte die phi - loſophiſche Erziehungsart an, und ein vierter brachte ſo - gar die Religion mit ins Spiel, um den eigentlichen Grund zu beſtimmen, warum in dem einen Lande mehr Kunſtgefuͤhl und Geſchmack ſey, als in dem andern.

Nachdem ich den Gelehrten meiner Meynung nach lange genug zugehoͤret hatte, ſo glaubte ich endlich auch mit etwas von meiner Weißheit aufwarten zu duͤrfen und ſagte zu ihnen: Aber um des Himmels willen, wie koͤnnen Sie ſich uͤber eine ſolche Sache ſo lange zanken? ich kenne alle Gewaͤchſe des Rheingaues, und will nicht allein alle Arten, ſondern auch alle Jahrgaͤnge auf das genaueſte unterſcheiden: das iſt aber von ihnen keiner im Stande, und woher ruͤhrt dieſer Mangel des Ge - ſchmacks bey ihnen? wahrlich nicht vom Klima und auch nicht von der Religion, ſondern weil ſie nicht wie ich von Jugend auf in Kellern geweſen ſind und nicht alle Arten von Weinen oft genug verſuchet haben.

Anfangs ſchienen ſie zu ſtutzen, aber bald ſagte ei - ner, das waͤre etwas ganz anders; ein ſolches Memo - rienwerk als dieſe Weinkenntniß waͤre, koͤnne ein jeder ler - nen. Der Geſchmack, der dazu gehoͤrte, ſey nicht der wahre Kunſtgeſchmack, der pruͤfen und gluͤcklich waͤhlen koͤnnte; es ſey ganz etwas anders, eine Menge von Wei - nen zu kennen und zu entſcheiden welches der beſte ſey, man muͤßte ſich ein Jdeal machen koͤnnen ....

Das waͤre doch der Henker verſetzte ich, und nahm das Glas was eben vor mir auf dem Tiſche ſtand: dieſer Wein dahier iſt ein Markebrunner von 1759 und wenn er das noch haͤtte und dieſes nicht: ſo waͤre es der ſchoͤn - ſte Markebrunner den ich jemals getrunken habe; ich pruͤfe, waͤhle und entſcheide hier beſſer als der Praͤſident von allen gelehrten Akademien in Europa, und will den -A 5jenigen10Ueber das Kunſtgefuͤhl. jenigen erwarten, der meinen Geſchmack tadeln wird. So will ich mir in jeder Art des Rheinweins nicht allein den groͤßten Grad der Guͤte, ſondern auch, weil ſie doch von Kunſtidealen ſprechen, das moͤglichſt vollkommene Weinideal in Riedesheimer, Hochheimer, Laubenheimer und kurz in allen unſern Weinen denken, ich will ſo gut als wenn ich ſie wuͤrklich getrunken haͤtte, die Weine ſchmecken, die aus unſern Trauben vom Cap an bis in Weſtphalen gezogen werden koͤnnen, und wenn das nicht Kunſtgefuͤhl iſt: ſo weiß ich nicht was es ſey.

Die ganze Geſellſchaft lachte immerfort uͤber meinen Eyfer, und wiederholte das Wort: wenn er das noch haͤtte und dieſes nicht. Aber ich ſtoͤrte mich daran nicht, und behauptete, daß es das einzige Mittel waͤre, deſ - ſen ſich alle Kunſtverſtaͤndige, zu verſtehen von denen, die durch den Keller gezogen wuͤrden, bedienten, um zu hohen Jdealen der Vollkommenheit zu gelangen, und daß derjenige, welcher nicht lange die Keller beſucht, und fleißig geſchmeckt hatte, nie zu einem ſo feſten und rich - tigen Weingeſchmack gelangen ſollte.

So wie endlich der Laͤrm ſich zu einer ruhigen Be - trachtung herabſtimmte, fiengen einige an auf meine Seite zu treten; aber wie die andern darauf drungen, daß man um Geſchmack zu haben, nach Gruͤnden billi - gen oder verwerfen muͤßte, verſtummeten meine Freun - de wieder.

Sackerloth! rief ich nach Gruͤnden? Nach Gruͤn - den? Freylich nach Gruͤnden, aber doch wohl nicht nach ſolchen, die ihr Herrn in eurer armſeligen Sprache aus - druͤcken koͤnnet. Lavater hat auch Gruͤnde angegeben, um die Phyſionomien zu erkennen, und die guten von den ſchlechten zu unterſcheiden. Aber beym Element, wann ich einem Kerl ins Geſichte ſchaue: ſo will ich tau -ſendmal11Von einem Weinhaͤndler. ſendmal eher wiſſen, was der Knabe im Schilde fuͤh - ret, als alle diejenigen, ſo ihn nach den von jenem gro - ſen Meiſter angegebenen Gruͤnden beurtheilen. Jch habe mehr Menſchengeſichter geſehen, als ich Weine ge - ſchmecket habe, und die Cindruͤcke ſo ich von ihnen be - halten habe, dienen mir zu ſo viel Werkzeugen der Men - ſchenerkenntniß. Mit allen dieſen Werkzeugen beruͤhre ich den Kerl auf einmal, mein ganzes Gefuͤhl fließt um ſeine Form, und ich druͤcke ihn damit ſo ab, daß ich ihn habe wie er da ſteht, von innen und von auſſen; aber die Gruͤnde davon klar zu denken, ſie in einen duͤnnen elenden Faden auszuſpinnen, und andern mitzutheilen, das verſtehe ich ſo wenig, daß ich vielmehr glaube, es ſey nicht moͤglich, und unſre Sprache ſey ſo wenig das Werkzeug, alle Empfindungen, die wir durch unſre fuͤnf Sinne erhalten, auszudruͤcken, als die vier Species das Mittel ſind, unendliche Groͤßen zu berechnen.

Hier gieng nun der Streit von neuem an; ich behaup - tete, daß einer der des Menſchen Geſicht in einem Huy mit zehntauſend, obgleich unerklaͤrbaren Tangenten be - ruͤhrte, richtiger davon urtheilte, als ein andrer, der immer nur ein einzelnes Fuͤhlhorn ausſtrecken, und das - jenige was er dadurch empfaͤnde, deutlich beſchreiben koͤnnte. Und hieraus zog ich ſodann die Folge, daß es nothwendig in allen Arten des Geſchmacks zuerſt darauf ankaͤme, wie viel einer Tangenten haͤtte, und ob ſolche richtig waͤren? Dieſes bewieſe der Jtaliaͤner, der taͤg - lich gute Gebaͤude und Gemaͤhlde ſchauete, und ſchoͤne Muſik hoͤrte; durch die Eindruͤcke ſo er davon erhielte, gelangte er zu vielen und richtigen Tangenten, und es gienge ihm mit dem Geſchmack in der Muſik und der Baukunſt wie mir mit dem Weine. Das Vergleichen und Entſcheiden folge von ſelbſt, ſobald man vieles kenne,und12Ueber das Kunſtgefuͤhl. und neben einander ſtelle; und es fehle nur da an Kunſt - gefuͤhl und Geſchmack, wo man keine Gelegenheit haͤtte ſich Tangenten zu erwerben.

Der eine fragte mich: ob es nicht da ſchlechterdings an dem Weingeſchmack fehlen wuͤrde, wo wie in der Tuͤr - key, die Religion den Wein verboͤte, und ob alſo nicht die Religion eine Hinderungsurſache des Kunſtgefuͤhls ſeyn koͤnnte? Der andre: ob ich nicht am liebſten in ſolche Laͤnder reiſete, wo der Wein gut bezahlet wuͤrde? und ob ich viel Wein in den Staaten abſetzte, wo die Unter - thanen, von Laſten niedergedruckt, das Weintrinken ver - gaͤßen? Der dritte: ob nicht ein Klima vor dem andern mehr Waſſer als Wein erforderte? Der vierte: ob man zu einem guten Weingeſchmack gelangte, wenn man wuͤſte, daß der eine = A, und der andre = B, der dritte aber, der mit beyden uͤbereinkaͤme, = AB waͤre? und alle wollten nun wieder ihren vorigen Satz behaup - ten, daß Religion, Regierungsform, Klima und Er - ziehung den guten Geſchmack hindern und befoͤrdern koͤnnten.

Hier glaubte man mich recht in die Enge getrieben zu haben. Aber da ich ihnen ſo weit Recht gab, als ſie Recht hatten: ſo mußten ſie mir auch Recht geben, daß Religion, Klima, Regierungsform, und eine gewiſſe Art von Studiren, an und fuͤr ſich keinem Menſchen den Geſchmack geben oder bilden wuͤrden, wofern er ihm nicht dadurch gegeben wuͤrde, daß er recht viele und richtige Tangenten bekaͤme, und ſo kaͤme alles darauf an wie man ihm dieſe beybraͤchte. Hieruͤber wollte ich mir den Ausſpruch des gelehrten Klubbs erbitten, und mich und meine Weine immittelſt beſtens empfohlen haben.

Dieſer13Von einem Weinhaͤndler.

Dieſer fiel endlich dahin aus, daß das Kunſtgefuͤhl des Weins, und deſſen Wiſſenſchaft zwey ganz unter - ſchiedne Studien waͤren, wovon jede in ihrem beſondern Keller erlernet werden muͤßte. Jch aber behauptete, daß Mengs, der von der Kunſt zu ihrer Wiſſenſchaft uͤbergegangen waͤre, es in der letztern unendlich weiter gebracht haͤtte, als diejenigen, welche ſich blos mit der Wiſ - ſenſchaft der Mahlerey beſchaͤftiget haͤtten, und daß es der Hauptfehler unſter heutigen Erziehung ſey, daß wir unſre Jugend fruͤher zur Wiſſenſchaft als zur Kunſt anfuͤhrten.

III. Von der Nationalerziehung der alten Deutſchen.

Was Sie von der Nationalerziehung unſrer Vorfah - ren ſagen, hat meinen vollkommenſten Beyfall; die Uebung der Jugend in den Waffen machte billig die Hauptſache aus, da ſie ſich beſtaͤndig ihrer Haut zu weh - ren hatten: und ſie handelten hierin weit zweckmaͤßiger, als ihre ſpaͤtern Nachkommen, die kuͤnftige Hofleute roh und wild aufwachſen laſſen.

Was ich jederzeit am mehrſten dabey bewundert habe, iſt dieſes, daß die roͤmiſchen Legionen den ſchnellen Anlauf und das Einſprengen (velocitatem et inſultum:) *)Tacitus erwaͤhnet deſſen bey zweyen Gelegenheiten, einmal da Germanicus ein Treffen mit ihnen in der Ebne vermied; und das andremal, da die Deutſchen ſo in die Enge getrieben waren, daß ſie aſſultu & velocitate corporum nichts ausrich - ten konnten. Annal. L. II. c. 21.der14Von der Nationalerziehungder deutſchen Jnfanterie ſo außerordentlich fuͤrchteten. Dieſes ſetzt voraus, daß jene im vollen Anlauf, unge - faͤhr wie unſre heutige Cavallerie, in den Feind ſetzte, und ihn unter die Fuͤſſe trat. Die gefaͤlleten Spieſe der Roͤmer, womit ſie ſonſt eine gute Reuterey abhalten konn - ten, mochten dagegen nicht viel wuͤrken, weil die Deutſchen mit einem raſchen Sprunge daruͤber hinweg ſetzten, und mit ihren kurzen und ſcharfen Pfriemen den Roͤmern die Bruſt durchbohrten. Was gehoͤrte aber nicht dazu, um ſolche Springer, die ſich mit ofnen Augen in den Todt ſtuͤrzten, zu bilden? Wie mußten die Sehnen und Muſkeln dieſer Kerle von Kindesbeinen an gewoͤhnt und geſtaͤrket ſeyn? und was fuͤr Grundſaͤtze von Ehre und Schande mußten dieſen kriegeriſchen Seelen einge - praͤgt ſeyn?

Jhr einziges und ewiges Spiel war, auf ſcharfe Spieſe einzuſpringen*)Genus ſpectaculorum unum, atque in omni coetu idem. Nudi juvenes, quibus id ludicrum eſt, inter gladios ſe atque infeſtas frameas ſaltu jactant. Tacit. G. 24. Hiedurch er - reichten ſie jene Springkraft. Ignavos & imbelles & corpote infames coeno ac palude mergunt. G. c. 12. Wann man die - ſes nicht von der augenblicklichen Sittuation des Anlaufs ver - ſteht: ſo iſt es nichts., um Koͤrper und Auge zu gewoͤh - nen; und ihre Grundſaͤtze waren jenem Zwecke voͤllig angemeſſen. Wer im Anlaufe auf den Feind zu langſam war (ignavus) oder aus Angſt nicht raſch genug einſetzte, (imbellis) oder wohl gar auf eine ſchaͤndliche Art ſeine Sehnen unbrauchbar gemacht hatte, (corpore infamis) den erſtickten ſie in dem naͤchſten Sumpfe, und eine ewige unausloͤſchliche Schande verfolgte diejenigen, die ihren Dienſtherrn in der Schlacht verließen.

Dieſe15der alten Deutſchen.

Dieſe Springer waren aber auch nur in der erſten Linie, und die edelſten Juͤnglinge der Nation*)In univerſum aeſtimanti, plus penes peditem roboris: eoque mixti præliantur, apta & congruente ad equeſtrem pugnam velocitate peditum quos ex omni juventute delectos ante aciem ponunt. Tac. G. c. 6.. Ruͤbenfreſ - ſer ſchickten ſich dazu nicht; und nur unter den Englaͤn - dern, einer mehrentheils von Fleiſche lebenden Nation, ſicht man hie und da noch Juͤnglinge, die ohne Zulauf, uͤber eine Hecke von ſechs Fuß hinwegſetzen.

Ueberhaupt uͤbertrafen ſie alle Nationen im Sprin - gen. Der Koͤnig der Cimbern Teutoboch**)Quatornos ſenosque equos tranſilire ſolitus. Flor. III. 3. ſetzte ge - woͤhnlich uͤber vier und ſechs Pferde weg, und der Koͤ - nig iſt ſelten der erſte und einzige in ſeiner Art. Ohne Zweifel gehoͤrte alſo das Voltigiren zur National-Erzie - hung, und das Gefolge (comitatus) des Koͤnigs war vermuthlich noch ſtaͤrker in dieſer Kunſt als er. Die Nerve ihres Arms, womit ſie einen Wurfſpieß auf eine ungeheure Weite (miſſilia in immenſum vibrant ſagt Ta - citus) ſchleudern konnten, mußte an der Mutter Bruſt geſpannet ſeyn.

Da ſie alles in Abſicht auf den Krieg thaten: ſo iſt auch kein Zweifel uͤbrig, daß das Voltigiren nicht zu - gleich ſeine unmittelbare Beziehung auf das Reiten hatte, wie ſie denn auch mit einer verwundernswuͤrdigen Fer - tigkeit von ihren Pferden auf und ab ſetzten. Die deut - ſche Cavallerie war in allen Schlachten der roͤmiſchen uͤberlegen, und die roͤmiſchen Schriftſteller ſind froh, wenn ſie ſagen koͤnnen: equites ambigue certavere**)Quatornos ſenosque equos tranſilire ſolitus. Flor. III. 3..

Jhre16Von der Nationalerziehung

Jhre ſchwere Jnfanterie, denn ſie hatten auch eine leichte, die wie bekannt, mit der leichten Reuterey uͤber - weg*)Tacit. l. c. lief, hat ſchwerlich viele ihres gleichen gehabt. Urtheilen ſie aus dem einzigen Zuge: Wie die Cimbern an die Etſch kamen, ſtelleten ſie ſich, drey oder vier Mann hoch, in den Strom,**)LIV. XXXXIV. 26. und wollten ihn mit ihren Schilden aufhalten. Dies ſetzt voraus, daß Schild an Schild ſchloß, und dieſes Manoeuvre nicht allein eine undurchdringliche Mauer ausmachte, ſondern auch der groͤßten Gewalt widerſtehen konnte. Wo iſt jetzt ein Ge - neral, der ſich die Erwartung von ſeiner Jnfanterie ma - chen koͤnnte, daß ſie einen Strom im Laufe aufzuhalten vermoͤchte? Waͤre den Cimbern ihr Unternehmen gelun - gen: ſo waren ſie Meiſter von Rom. Mit dem Damme welchen ſie hernach ſchlugen, vergieng ihnen die Zeit.

Die Catten hatten einen Schandorden eingefuͤhrt,†)Retinere amnem manibus & clipeis fruſtra tentarunt. Flor. l. c. welchen jeder Juͤngling ſo lange tragen mußte, bis er einen Feind erlegt hatte. Dieſe Erfindung iſt gewiß um einen Grad feiner, als die Ritterorden in den Philan - tropinen. Um nur erſt unter die Zahl der ehrbaren Maͤn - ner zu gelangen, mußte der Juͤngling ſchon Thaten ge - than haben.

Jeder widmete ſich ſeinem Anfuͤhrer in deſſen Ge - folge er diente, mit einem ſchweren Eide auf Leib und Leben; und ſo lange dieſer ſtand, mußte alles ſtehen. Wer ihn ehe er fiel, verließ, ward, um in unſrer Spra - che zu reden, vor der Fronte des Gefolges als infam caſſirt, und keiner wuͤnſchte dieſe Schande zu uͤberleben. Jhre Subordination war ſo ſtrenge, daß jeder, was erthat17der alten Deutſchen. that, auf die Rechnung des Anfuͤhrers ſetzen, und ſich damit nicht ſelbſt erheben durfte*)Fortiſſimus quisque ferreum inſuper annulum, ignominioſum id genti, velut vinculum geſtat, donec ſ caede hoſtis abſol - vit. TACIT. G. c. 31..

Das Frauenzimmer hatte einen eben ſo hohen Be - griff von Ehre. Wie die Cimbern zulezt uͤberliſtiget wurden, bat das gefangene Frauenzimmer, unter die Veſtalinnen aufgenommen zu werden; und wie ihnen dieſes abgeſchlagen wurde, ſchlugen ſie ihre ſchoͤnen Haarflechten**)Id. c. 14. uͤber die Reiffen ihrer Wagen, knuͤpf - ten ſolche unter das Kinn zuſammen, und erhaͤngten ſich mit dieſem Wohlſtande unter der Decke ihrer Wagen. Specioſam mortem nennet es Florus.

Die Dichtkunſt der Nation hatte drey Hauptge - genſtaͤnde, die Ankunft des Volks von ſeinem Urſprung an, die Thaten der Krieger, und die Ermunterung zur Schlacht; ihre Mahlerey gieng blos auf die Ver - zierung des Schildes, die Tanzkunſt auf den hohen Eh - rentanz zur Belohnung der Sieger, und auf den Paß zum marſchiren. Mit einem Worte, alle Wiſſenſchaf - ten und alle Kuͤnſte giengen bey ihnen lediglich auf den Krieg; und daß ſie auch in der hoͤhern Strategie erfah - ren waren, ſchließt man nicht allein daraus, daß ſie fuͤnf roͤmiſche Conſular-armeen nach einander aus dem Felde ſchlugen, ſondern auch beſonders aus dem großen Ma - noeuver des Arioviſts***)Vinculo e crinibus ſuis facto a jugis plauſtrorum pepende - runt. FLOR. III. 3., der gleich ſein Lager nur eine Meile vom roͤmiſchen nahm, des andern Tages denMoͤſers patr. Phantaſ. IV. Th. BCaͤſar18Von der Nationalerziehung ꝛc. Caͤſar tournirte, ihm damit die Zufuhr abſchnitt, darauf ein Haupttreffen vermied, ſodann die Roͤmer, denen er in der Zahl leichter Truppen uͤberlegen war, mit Schar - muͤtzeln aufzureiben ſuchte, in der Schlacht ſelbſt ihnen durch eine der ſchnelleſten Wendungen ihre ganze Artil - lerie unbrauchbar machte, und ihren linken Fluͤgel beym erſten Angrif uͤber den Haufen warf.

Dieſes alles ſetzt eine Erziehung von ganz andrer Art voraus, als man ſich insgemein von Barbaren ein - bildet; und man kann dreiſt annehmen, daß es nicht blos wilde Tapferkeit, ſondern eine wahre eigne, durch die Erziehung gebildete Kriegeskunſt geweſen, welche die deutſche Nation den Roͤmern erſt fuͤrchterlich, her - nach ehrwuͤrdig und zuletzt werth gemacht hat. Die Roͤmer ſprechen von allen Nationen auſſer der deutſchen mit Geringſchaͤtzung.

Nur muß man, wie bisher zu wenig geſchehen, die Erziehung im Gefolge, von der gemeinen Erziehung, oder den gezogenen Soldaten von dem Bauern unter - ſcheiden. Jene Erziehung war blos im Gefolge, das heißt in der damaligen regulairen Militz; doch nehme ich die Sueven aus, als bey welchen auch der Bauer enregimentirt, und in ſeiner Maaße geuͤbt war. Von dieſen ſagten die uͤbrigen deutſchen Voͤlker*)Caeſ. de B. G. L. VI. , daß ihnen auch die Goͤtter ſelbſt nicht widerſtehen koͤnnten; ſo ſtark, ſo einzig war ihre kriegeriſche Verfaſſung. Und wahr - lich eine Verfaſſung, zu deren Begruͤndung man das Landeigenthum aufgehoben hatte, mußte von ganz be - ſondrer Art ſeyn**)Caeſ. de B. G. VI. 7..

IV. 19

IV. Ueber die Erziehung des Adels von einem Edelmanne.

Der unermuͤdete Eyfer, womit Euer Hochf. Durch - laucht ſich der Erziehung der Jugend annehmen, laͤßt mich hoffen, daß Hoͤchſtdieſelben, ens und anderes, was ich bey den in ſolcher Abſicht gemachten Einrich - tungen zu erinnern finde, nicht ungnaͤdig aufnehmen werden.

Dieſe ſind, wie mir duͤnkt, groͤßtentheils fuͤr kuͤnf - tige Gelehrte gemacht, und was ſie zur Vorbereitung der Jugend fuͤr andre Staͤnde beytragen ſollen, ſcheint mir dasjenige bey weitem nicht zu wuͤrken, was die prak - tiſche Anfuͤhrung zu denſelben wuͤrken kann. So wie junge Leute, welche ein Handwerk lernen ſollen, niemals dasjenige in einer Realſchule lernen werden, was ihnen in der Werkſtaͤtte eines guten Meiſters gelehrt wird; eben ſo wenig werden kuͤnftige Staatsmaͤnner in einer Staats - oder Cameralſchule vollkommen gebildet werden. Jene muͤſſen, ſo wie ſie ihr vierzehntes Jahr erreichet, und dasjenige erlernet haben, was ſie erlernen koͤnnen und muͤſſen, die Schulen der Gelehrten verlaſſen, und ſich einem Meiſter uͤbergeben; und eben dieſes muͤſſen meiner Meinung nach auch diejenigen thun, welche ſich andern Staͤnden widmen wollen.

Mit den Gelehrten iſt es eine eigne Sache; ihre Anzahl wird in Verhaͤltnis ihrer Mitbuͤrger, immer nur gering ſeyn duͤrfen, wenn ein Staat, der viele ausuͤ - bende und nur wenig lehrende Maͤnner gebraucht, großB 2und20Ueber die Erziehung des Adelsund maͤchtig bleiben ſoll. Der Adel ſollte ſich gar nicht in den Stand der Gelehrten begeben; und die Staaten wurden beſſer regiert, wie ungelehrte Landraͤthe ſtimmten, und ein gelehrter Canzler die Ausfertigungen darnach beſorgte, als jetzt wo alles gelehrt iſt.

Unſre Vorfahren, die immer ohne viel zu ſpeculi - ren mit dem Faden der Erfahrung uͤber Weg giengen, und Uebung und Arbeit in jeder Kunſt fuͤr ein ſicherers Mittel hielten, ihre Kinder vom Boͤſen abzuhalten, und aus ihnen brauchbare Maͤnner zu machen, als alle Re - geln und Wiſſenſchaften, ob ſie es gleich auch beylaͤufig hieran nicht ermangeln ließen, ſuchten ihre Soͤhne, je nachdem ſie an ihnen Luſt oder Faͤhigkeit bemerkten, bey Hofe, bey der Jagd, bey der Forſt oder beym Stalle anzubringen. Der Fuͤrſt, der ſie zuerſt als Pagen auf - nahm, hatte an ſeinem Hofmarſchall, Oberjaͤgermeiſter, Forſtmeiſter und Stallmeiſter, zunftgerechte Meiſter, und man ſprach damals von Hoͤfen, wie man jetzt von Aka - demien ſpricht. Jeder Edelmann wußte, wo ein gerech - ter Hof gehalten wurde, und jeder Fuͤrſt beſtrebte ſich den beſten zu haben. Man ſahe den Hof als die wahre Schule des Adels an, und ein Churprinz von Sachſen ward Page bey ſeinem Oheime, dem Erzbiſchofe zu Magdeburg, um Regierung zu lernen.

Jnsbeſondre aber leiſteten die Kriegesſchulen unſerer Vorfahren, da ein Vater ſeinen Sohn einem guten Mei - ſter oder Ritter auf ſechs oder ſieben Jahre in die Lehre gab, und nicht eher zuruͤcknahm, als bis er die Geſel - len - oder Knapen-Jahre erreicht hatte, und auf die Wan - derſchaft ziehen konnte, alles was man nach der damali - gen Kriegesverfaſſung noͤthig hatte; und der Geiſt dieſer Einrichtung zeichnet ſich unendlich weit vor der Heutigen aus, nach welcher der Knabe in einem Regimente auf -dienen21von einem Edelmanne. dienen muß. Denn der Ritter erhielt die vaͤterliche Ge - walt uͤber ſeinen jungen Lehrling, und zuͤchtigte ihn vaͤ - terlich, wenn dieſer aus dem Gleiſe gieng, anſtatt, daß jetzt ein Oberſter oder Hauptmann ſich kaum berechtiget haͤlt, einem ihm empfohlnen Fahnenjunker, der nun ſchon in des Fuͤrſten Dienſte ſteht, und daher nach ganz andern Grundſaͤtzen behandelt werden muß, in gewiſſen Faͤllen ei - nen ernſtlichen Verweis zu geben.

Nach dieſen Vorausſetzungen wuͤrden Ew. Hochfl. Durchlaucht, meiner geringen Einſicht nach beſſer thun, wenn Hoͤchſtdieſelben an dero Hofe einen ſolchen Ober - hofmarſchall, Oberjaͤgermeiſter, Oberforſtmeiſter und Oberſtallmeiſter, welche als gerechte Meiſter in ihren Kunſt, adliche Juͤnglinge in die Lehre nehmen, und dieſe mit vaͤterlicher Zucht zu rechtſchaffenen Geſellen bilden koͤnnten, unterhielten, und dann eine ſolche adliche Ju - gend unter dem Namen von Pagen aufnaͤhmen. Dieſe wuͤrden dann nach vollendeten Lehrjahren, anſtatt auf Akademien zu gehen, wenigſtens drey Jahre andre Hoͤfe und Laͤnder, Staͤlle, Forſten und Jaͤgereyen beſuchen muͤſſen, ehe und bevor ſie an dem Orte ihrer Beſtim - mung zum Dienſte gelaſſen wuͤrden.

Eben ſo wuͤrde ein großer Koͤnig, welcher eine zahl - reiche Armee zu unterhalten hat, gewiß ſtaͤrkere und ge - ſuͤndere Officiere erhalten, wenn dieſelben etwa bis ins zwanzigſte Jahr, einem General oder Oberſten mit voͤlli - ger vaͤterlicher Gewalt uͤbergeben, und ſodann erſt ins Regiment geſetzt wuͤrden. Dem Dienſte wuͤrde dadurch nichts entgehn, indem eine ſolche Jugend alles dasjenige verrichten koͤnnte, was ſie jetzt verrichtet; und dieſe wuͤrde auch nichts dabey verlieren, wenn der Koͤnig ſie nach ih - rem Alter befoͤrderte.

B 3Meine22Ueber die Erziehung des Adels ꝛc.

Meine Meinung iſt hiebey keinesweges, daß dieſe Jugend gar keines weitern Unterrichts genießen ſolle; ſie ſollen ihn nur empfangen, wie andre Lehrlinge ihren Unterricht in Sprachen oder im Schreiben, Rechnen, Tanzen und andern Fertigkeiten nehmen muͤſſen; und nur nicht wie kuͤnftige Gelehrte, die einſt wieder andre lehren ſollen, erzogen werden.

Ew. Hochfuͤrſtl. Durchlaucht haben jetzt drey große Paͤchter im Lande, die alle bey ihrem Vater fuͤr Jungen, Halb - und Groß-Knechte gewiſſe Jahre gedienet haben, und jedermann ruͤhmt ihnen nach, daß ihres Gleichen auf hundert Meilen nicht zu finden waͤre. Sie haben ein ſolches Auge fuͤr alles was zum Haushalten gehoͤret, daß alle Bauern im Dorfe ſie fuͤr ihre Meiſter erkennen, und alles was ſie unternehmen, bringt Segen. So iſt auch in Hoͤchſtdero Landſchaft der Herr von = = = und der Herr von = = =; die beyde bey der vaͤterlichen Wirth - ſchaft erzogen ſind, weiter nichts als einen guten Hof - meiſter gehabt, und auch fremde Laͤnder geſehen he - ben; aber an Einſicht in das wahre Wohl des Landes alle andre uͤbertreffen. Sie allein wiſſen es, wo es den Unterthanen druͤckt, und was ſie leiſten koͤnnen; und die - ſes muß die Hauptwiſſenſchaft des erbgeſeſſenen Edel - manns ſeyn; ꝛc.

Alſo23

V. Alſo ſoll der handelnde Theil der Menſchen, nicht wie der ſpeculirende erzogen werden.

Sie glauben, liebſter Freund, ich habe in dem Schrei - ben an den Fuͤrſten .... den Taͤnzer mit dem Tanz - meiſter, oder den Gelehrten mit dem Lehrer verwechſelt? Wohlan, ich will mich deutlicher erklaͤren, warum ich den praktiſchen Unterricht dem wiſſenſchaftlichen vorzie - he, und warum ich glaube, daß der praktiſch erzogne Menſch, wenn es zur That koͤmmt, ſein Ebentheuer beſ - ſer beſtehe als der andre.

Laßt uns nur gleich bey dem Landmanne anfangen; wie viel Standhaftigkeit zeigt derſelbe nicht in ſeinem Un - gluͤcke? Brennt ihm ſein Haus ab, oder raubt ihm ein Hagelſchlag ſeine ganze Hofnung im Felde; Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen. Stirbt ihm ſein gu - tes Weib, oder ſein liebſtes Kind, im ewigen Leben ſieht er ſie wieder. Unterdruͤckt ihn der Maͤchtige, nach die - ſer Zeit koͤmmt eine andre. Raubt ihm der Krieg alles, Gott weis was ihm nuͤtzlich iſt; und allezeit iſt der Na - me des Herrn muthig gelobet. So finde ich faſt durch - gehnds den Landmann, und auf dem Sterbebette ſieht er, des Lebens ſatt und muͤde, ſeiner Abſpannung vom Joche mit einer beneidenswerthen Ruhe entgegen, ohne aller der Troͤſtungen zu beduͤrfen, die ſich der Gelehrte geſammelt hat, und blos mit den Hausmitteln verſorgt, die ihm der praktiſche Religions-Unterricht gewaͤhrt. Wo iſt aber der Gelehrte, der aufrichtig ſagen kann, ſo viel mehr Muth und Standhaftigkeit zu beſitzen, als er wiſſenſchaftlicher unterrichtet iſt?

B 4Eben24Alſo ſoll der handelnde Theil der Menſchen,

Eben ſo iſt es in andern Verhaͤltniſſen. Wer grif mit mehrer Zuverſicht an, als Ziethen? wer gieng kuͤh - ner in die Gefahr als Cook? und wer hat nach Verhaͤlt - niſſe aller Umſtaͤnde, groͤßere Schritte in der Erkenntnis gemacht, als ein Kind von zwey oder drey Jahren, das ſchon von allem ſpricht, ohne jemals eine deutliche Re - flexion gemacht zu haben? Wenn ich alle Kriegesbuͤcher und alle Reiſebeſchreibungen auswendig gelernt haͤtte: ſo wuͤrde ich in dem Augenblicke, da Sehen und Angrei - fen nur Eins ſeyn muß, dasjenige nicht ſeyn, was jene blos praktiſch unterrichtete Maͤnner waren.

Sie glauben vielleicht, Ziethen und Cook wuͤrden groͤßer geweſen ſeyn, wenn Sie bey gleichen Erfahrun - gen wiſſenſchaftlich waͤren unterrichtet worden? O Freund! der Weg der letzten Art iſt viel zu langſam; er laͤßt uns dasjenige nur Stuͤckweiſe genießen, was wir im prakti - ſchen Unterrichte auf einmal und im ganzen Zuſam - menhange faſſen. Das Auge, welches die Stellung der Feinde tauſendmal geſehn hat, ſummirt Totalein - druͤcke zu Totaleindruͤcken; es vergleicht unendliche Maſ - ſen mit unendlichen Maſſen, und bringt unendliche Re - ſultata heraus, anſtatt, daß der wiſſenſchaftlich Unter - richtete mit lauter einzelnen und beſtimmten Jdeen rech - net, und Regeln herausbringt, die, wenns zum Tref - fen koͤmmt, nie gegen den Totaleindruck beſtehen, und einen in dem Kampfe der Leidenſchaften hoͤchſtens mit dem Seufzer: Oh! troppo dura legge! verlaſſen.

Zum Vergnuͤgen, und bey muͤßigen Stunden ſtellt der praktiſch Unterrichtete auch wohl Unterſuchungen ſei - nes Reichthums an, anatomirt einen Totalbegrif, und freuet ſich des Philoſophen, der dieſen ſchon vor ihm zer - legt, und iedem Theilgen deſſelben einen Namen gege - ben hat; aber im Handel haͤlt ihn ſeine Metaphyſik nichtauf,25nicht wie der ſpeculirende erzogen werden. auf, weil er in der Jugend damit nicht angefangen, und ſeine Seele nicht an den weit langſamern Gang deutli - cher Jdeen gewoͤhnt hat.

Eben ſo macht es das Frauenzimmer, wovon man ſagt:

Illam quicquid agit, quoquo veſtigia movit, Componit furtim ſubſequiturque decor. ()

Sie hat das componere ſurtim nicht wiſſenſchaftlich erlernt; ſondern ſich immer unter unzaͤhligen Verhaͤltniſ - ſen befunden, ſich darnach ohne dieſelben in einzelne Be - griffe zu zerſtuͤcken, gebildet, und eine ſolche Summe fuͤr ihr Betragen daraus gezogen, die kein Gelehrter jemals vollſtaͤndig in einzelne Regeln aufloͤſen wird. Jhre Regeln ſind uoncreta, die ſo bald ſie durch die Abſtraction getrennet, oder auch nur deutlich gedacht werden koͤnnen, nicht mehr ihre ſchnelle Wuͤrkung behalten; indem das deutliche Denken ganzer Maſſen, nicht ſo geſchwind von ſtatten geht, als das Empfinden derſelben, und das An - ſtaͤndige oder Unanſtaͤndige fruͤher auffaͤllt, als die Urſa - chen davon gedacht werden koͤnnen. Empfindung kann nur durch Wiederempfindung voͤllig gefaßt, und nicht durch Worte ausgedruͤckt werden. Le ſentiment ſeul eſt en etat de juger le ſentiment, ſagt Helvetius.

Jn dem bekannten; video meliora proboque, dete - riora ſequor, werden kleine abſtrahirte Regeln den all - maͤchtigen Wuͤrkungen eines Totaleindruckes entgegen ge - ſtellet; und wie gluͤcklich iſt der Menſch, daß er durch dieſe und nicht durch jene zum Angriffe beſtimmt wird indem wahrlich mehr Gutes in der Welt unterbleiben wuͤrde, als jetzt darinn Boͤſes geſchieht, falls es in des Menſchen Vermoͤgen waͤre, ſich an der Schnur abgezog - ner Regeln zu halten, oder jede ſeiner HandlungenB 5ſo26Alſo ſoll der handelnde Theil der Menſchen,ſo einzurichten, wie er es ſich in ſeinem Lehrſtuhle bey kalter Ueberlegung vorgenommen hatte.

Noch eins; zerlegen Sie einmal das componere furtim, und unterſuchen, woraus die Compoſition be - ſteht; nicht wahr, Sie finden nichts wie Luͤgen und Be - trug? Man laͤßt ſcheinen was man nicht hat, und ver - birgt was man nicht ſehen laſſen darf. Und dennoch wird der praktiſche Mann die holde Schoͤne wahr und tugendhaft finden, und des moraliſchen Anatomiſten la - chen, der ihm ſolche theilweiſe unwahr und fehlerhaft zeigen kann. Eben ſo wird der durch den ganzen Ein - druck der Schoͤpfung belehrte Bauer immer des meta - phyſiſchen Atheiſten lachen, und Gott da erkennen, wo dieſer ihn nach dem Maaße verlieret, als er trennet, thei - let, und ins unendliche geht. Unter jenen hat nie einer an ſeiner eignen Exiſtenz und ſeiner Freyheit gezweifelt; und es iſt eine erſtaunende Beruhigung, daß die Wuͤr - kung des Ganzen, Glaube an Gott iſt, und der Zwei - fel blos aus einem ſublimirten Theilgen aufſteigt.

Ein ſtrenger Moraliſt wird niemals ein guter Miniſter werden, weil er immer ſein Verhalten mehr nach abſtrahir - ten Regeln, als nach Totalbegriffen einrichten wird; und doch ziehen manche Fuͤrſten bey Beſetzung der Miniſte - rialſtellen, den regelmaͤßig gelehrten dem praktiſchen Manne vor. Gewis wuͤrden ſie dadurch zu tauſend Un - gerechtigkeiten Gelegenheit geben, die jeder natuͤrlicher Weiſe begeht, der nach ſeinem kurzen abſtrakten Maaß - ſtab, eine menſchliche Handlung abmißt, wenn nicht zum Gluͤck die mehrſten abgezognen Regeln in dem Augen - blick der Handlung und Entſcheidung, dem maͤchtigen Totaleindruͤcke weichen muͤßten. Jn den mehrſten Laͤn - dern werden die Verbrecher noch nach abſtrahirten Ge -ſetzen27nicht wie der ſpeculirende erzogen werden. ſetzen verdammt; aber in England erkennen zwoͤlf Total - eindruͤcke uͤber die concrete That.

Aber dem allen ungeachtet, ſollen ſie nicht glauben, daß ich den wiſſenſchaftlichen Unterricht, und die Gelehr - ſamkeit, welche daraus entſteht, verachte. Nein, ich ſehe die Gelehrten als eine der edelſten Klaſſen der Men - ſchen an; der wiſſenſchaftliche Untecricht beſteht hier mit ſeinem Zwecke vollkommen, und ich weis, daß der prak - tiſche Unterricht unendlich durch die Reſultate des wiſ - ſenſchaftlichen gewonnen hat. Allein die Geſchaͤfts - maͤnner und die uͤbrigen handelnden Menſchen ſollen dieſe Reſultate nuͤtzen, ohne mit jenen einerley Gang zu ge - hen; ſie ſollen wie die Frau von Sevigny den Verſtand an bout de la plume haben, oder wie ein fertiger Muſi - cus, die Noten durchs Auge in die Finger gehen laſſen, und das commercium rerum et animae, wie es Baco nen - net, ſo wenig durch das Denken der Zeichen, als durch deren Ausdruck aufhalten; und das laͤßt ſich in Geſchaͤf - ten blos von dem praktiſchen Unterrichte erwarten. Jch bedenke nie was ich ſchreibe, und leſe nur was ich ge - ſchrieben habe, aber eben deswegen bin ich mit der groͤß - ten Fertigkeit ꝛc.

VI. Ueber die Sittlichkeit der Vergnuͤgungen.

Hoͤre Freund, ich gebs dir zu, es iſt unnoͤthig von den Daͤchern zu ſingen, wie ſuͤß die Liebe und wie lieblich der Wein ſey; denn die Natur wirds dem Jun - gen ſchon ſagen, und es iſt beſſer daß dieſe es thue, als daß eine Kupplerinn die Roſe vor der Zeit breche. Aberdaß28Ueber die Sittlichkeit der Vergnuͤgungen. daß ich nun auch auf der andern Seite im Genuſſe aller Menſchenfreuden ſo ſparſam und pipiſch ſeyn ſoll, damit bleib mir vom Leibe; ich genieſſe was ich vertragen und bezahlen kann; das iſt mein Maaß, und das Maaß ei - nes jeden redlichen Mannes unter der Sonnen*)Honny foit qui maly penſe. .

Du ſelbſt haſt mir zugeſtanden, daß es keine Suͤnde ſey, ein Fuͤrſt, Craf oder Edelmann zu ſeyn; unſer Pfarrer hat es mehrmals oͤffentlich gepredigt, man koͤnne hunderttauſend Thaler beſitzen und doch ſelig werden, obs gleich ein bisgen hart hergienge. Wenn ich alſo von der Ehre und vom Gelde ſo viel nehmen darf, wie ich vertragen und mit Recht erhalten kann, warum nicht auch von der Luſt? Wir ſind nicht in Amerika, wo man ſich mit der Ehre der bloßen Menſchheit begnuͤgen muß, und ſo lange es dauert, ſo wenig ein Edelmann als ein Graf ſeyn darf; wir ſind auch keine Wiedertaͤufer, daß wir alle Freuden wie alle Guͤter gemein haben muͤſſen; und wenn dieſes nicht iſt, wenn einer Feldmarſchall ſeyn darf, obgleich hunderttauſend fuͤr Gemeine dienen muͤſ - ſen; wenn einer eine Million Piſtolen beſitzen mag, ob - gleich eine Million Menſchen nicht ſo viel Heller zaͤhlt: ſo denke ich auch, ich duͤrfe ſatt Paſteten eſſen, wenn gleich alle meine Nachbarn nur grob Brod zu koſten kriegen.

Du nenneſt das hart? .... Gut. Mitleidiger Mann, ich will allen was mitgeben, es ſoll niemand bey mir darben; ich will großmuͤthiger ſeyn als der Koͤnig, der ſeine ganze Ehre fuͤr ſich allein behaͤlt, und billiger als der Reiche, der immer noch mehr ſammlet. Wir Meiſter in der Kunſt ſich zu vergnuͤgen, haben einen ed - lern Hang als beyde, wir laſſen keinen darben; und wirſind29Ueber die Sittlichkeit der Vergnuͤgungen. ſind nicht gluͤcklicher, als wenn die ganze Welt mit uns gluͤcklich iſt; wir theilen Opern, Redouten, Comedien, Paſteten und was wir haben, von Herzen gern mit, und boͤſe Leute allein ſind es, die uns nachreden, daß wir unſern Wein allein trinken. Unſer groͤßtes Vergnuͤgen iſt, recht viel vergnuͤgte Leute zu machen; ſind nicht eben die Redouten und Comedien gerade ſo eingerichtet, daß ein jeder fuͤr ein billiges daran Theil nehmen kann, und lachen wir wohl jemals herzlicher, als wenn die ganze Verſammlung mitlacht? Alſo ....

Aber das geht nicht, wir muͤſſen arbeiten, wir haben Pflichten gegen uns, gegen andre, gegen Gott

Richtig, vollkommen richtig! Jedoch geſetzt, wir wohnten auf Otaheiti, wo die Brodfrucht auf den Baͤu - men wuchs, und jeder nur den Mund aufthun durfte, um ſatt zu werden; wo die Einwohner den ganzen Tag in der Sonne lagen, und nicht anders aufſtunden als um Comedien zu ſpielen, oder zu tanzen; wo Jungen und Maͤdgen ſich beſtaͤndig im Graſe waͤlzten, und die Koͤni - ginn mit ihren Hofdamen den Englaͤndern immerfort in die Arme lief; wo Eſſen und Trinken und Schlafen die einzige Berufsarbeit war; wo es keine Arme und keine Almoſen gab, weil der Schoͤpfer fuͤr jedes menſchliche Geſchoͤpf mit gleicher Freygebigkeit geſorgt hatte, wo man anſtatt zu beten, alles nur mit Empfindung, die man kaum Dankbarkeit nennen konnte, genoß; ſollten hier die Leute ſich auch Pflichten machen? ſollten ſie die Brodbaͤume abhauen, um Korn im Schweiß ihres Ange - ſichts aus der Erde zu ziehen, oder ſich in die ſpaniſche Bergwerke ſchleppen laſſen, um Urſach zu haben Gott ſtuͤndlich fuͤr ihre Errettung anflehn zu koͤnnen? He!

Du30Ueber die Sittlichkeit der Vergnuͤgungen.

Du lachſt! und meinſt Weſtfalen ſeye nicht Ota - heiti? Je nun ſo kommen wir auf den rechten Fleck zu - ſammen; ſo iſt die Frage nicht, ob Redouten und Co - medien erlaubt ſind, nein! alles kommt denn darauf an, ob ſie dem Orte, worinn ſie gehalten werden, angemeſ - ſen ſind; und ob die Perſon welche ſie beſucht ihre Pflich - ten dabey verletzt? Aber wozu denn die allgemeinen Ur - theile uͤber ihre Sittlichkeit und Unſittlichkeit in Anſehung unbeſtimmter Oerter und Perſonen?

Man gewinnt doch noch immer etwas damit; man haͤlt doch noch manchen zuruͤck, der ſich ſonſt dieſem Ver - gnuͤgen zu ſehr uͤberlaſſen wuͤrde? ..... ſprichſt du? O Freund! Freund! was ſoll der gemeine Mann denken, wenn die Sittenlehrer mit aller Macht der Beredſamkeit, Opern, Comedien und Redouten verdammen, und gleich - wohl ſieht, daß die großen Fuͤrſten und Fuͤrſtinnen, deren Weißheit und Tugend eben dieſe Sittenlehrer nicht genug zu erheben wiſſen, ihrer Lehre gerade zu entgegen han - deln? Wenn eben diejenigen, welche eine Sache zu pruͤ - fen und zu ſchaͤtzen wiſſen, ſich an dieſen Vergnuͤgungen gar nichts abziehen laſſen? Muß er hier nicht ganz irre werden? Muß er nicht zuletzt glauben, alle Sittenlehre ſey bloßes Gewaͤſche, und indem er ein Gebot verachtet ſieht, alle fuͤr gleich veraͤchtlich halten? Und thaͤten wir nicht vernuͤnftiger, wenn wir aufrichtig ſagten: ſeidne Kleider ſind gut, aber nicht fuͤr jedermann, als wenn wir, um die Unvermoͤgenden abzuhalten, ſich nicht auch darinn zu kleiden, ſie fuͤr ſuͤndlich erklaͤreten, und uns gleichwohl ſelbſt darinn bruͤſteten? Auch hier kommt alles auf die Graͤnzlinie an; und ſo ſchwer auch dieſe anzu - weiſen ſeyn mag: ſo iſt ſie doch vorhanden, und wie manche andre Sache leichter im Griffe als im Ausdrucke.

Hier -31Ueber die Sittlichkeit der Vergnuͤgungen.

Hieruͤber ſage mir was du weißt, und dann will ich dich gern hoͤren. Ziehe die Graͤnzlinie ſtrenge, ſie ſoll mir nicht leicht zu ſtrenge ſeyn; oder wenn du ja ins All - gemeine gehn willſt: ſo ſage mir erſt, wenn du die noth - wendige Ungleichheit der Staͤnde und Guͤter in der Welt als erwieſen annimmſt; warum du die Ungleichheit der Vergnuͤgungen minder gerecht findeſt?

VII. Etwas zur Policey der Freuden fuͤr die Landleute.

Wenn ich Policeycommiſſarius waͤre, es ſollte mir anders gehn, die Leute ſollten mir wenigſtens ein - oder zweymal im Jahr, auf der Kirms oder auf Faſtnacht, voͤllige Freyheit haben, einige Baͤnde ſprin - gen zu laſſen, oder ich hieſſe nicht Herr Commiſſarius. Unſre heutige Maͤßigkeit macht lauter Schleicher, die des Morgens ihr Glaͤsgen und des Abends ihr Kaͤnngen trin - ken, anſtatt daß die vormalige Ausgelaſſenheit zu gewiſ - ſen Jahrszeiten, einem Donnerwetter mit Schloſſen glich, was zwar da, wo es hinfaͤllt, Schaden thut, im Ganzen aber die Fruchtbarkeit vermehret. Dagegen aber wuͤrde ich auch die taͤglichen Saͤufer, wenn ſie ſich auch nicht voͤllig berauſchten, ohne Barmherzigkeit ins Zucht - haus ſchicken.

Mit allem ihrem Lehren und Predigen haben es die Moraliſten endlich ſo weit gebracht, daß die Leute, wel - che vorhin des Jahrs einen Anker, aber an einem Tage herunterzechten, ſich jetzt taͤglich mit einem geringern Maaße, aber des Jahrs nicht mit einem Stuͤckfaſſe begnuͤ -gen,32Etwas zur Policey der Freudengen, und hier moͤchte ich wohl einmal fragen: Ob wir bey dieſem Tauſche gewonnen oder verlohren haben? Als Policeycommiſſarius ſage ich, Nein. So viele Freuden uns auch der Schoͤpfer giebt, und ſo gern er es ſehen muß, daß wir ſie mit Dank und Maͤßigung genieſſen: ſo offenbar finde ich, daß die Leute bey dem maͤßigen Ge - nieſſen zu Grunde gehen, die vorhin des Jahrs nur ein oder zweymal Kopfweh zu erleiden hatten; ich finde, daß es fuͤr die Pollcey leichter ſey, einmal des Jahrs Anſtal - ten gegen einen wilden Ochſen zu machen, als taͤglich die Kaͤlber zu huͤten.

Bey allem dem aber iſt es doch auch hier zu verwun - dern, daß die Freuden und Ergoͤtzungen unſerer Vorfah - ren policeymaͤßiger geweſen ſind, als die unſrigen. Jn der ganzen bekannten Welt ſind von den aͤlteſten Zeiten her gewiſſe Tage dem Menſchen dergeſtalt frey gegeben worden, daß er darinn vornehmen konnte was er wollte, in ſo fern er nur keinen Klaͤger gegen ſich erweckte. Das Amt der Obrigkeit ruhete an denſelben voͤllig, und der Fiſcus ſelbſt konnte nichts beſſers thun als mitmachen. Man findet alte Stadtordnungen, worinn an zweyen Ta - gen des Jahrs alle Arten von Gluͤcksſpielen erlaubet wur - den; die Obrigkeit duldete die Faſtnachtszechen, und Mummereyen bis in die Kirchen, und ſorgte blos dafuͤr, daß die unbaͤndigen Menſchen kein Ungluͤck anfiengen; die Uebermaaße ſelbſt wehrete ſie keinem. Man erinnert ſich der Saturnalien wie der Narrenfeſte; man weiß, was zur Carnevalszeit in und auſſer den Kloͤſtern erlaubt war, und man ſieht, ohne ein Montesquien zu ſeyn, daß aller Welt Obrigkeit, den Patriarchen zu Conſtantinopel nicht ausgeſchloſſen*)Cedron hiſt. p. 639., den Grundſatz angenommen hatte: dieThor -33fuͤr die Landleute. heit muß wenigſtens einmal im Jahre ausgaͤhren, damit ſie das Faß nicht ſprenge.

Eben dieſer Grundſatz herrſchte in andern Theilen bey unſern Vorfahren. Bey gewiſſen ſeltnen feyerlichen Gelegenheiten zeigten ſie ſich in verſchwenderiſcher Pracht, wenn ſie taͤglich in einem ſchlichten Wamſe giengen. Wenn ſie mit einander haderten: ſo ſchonten ſie ſo wenig ihrer Lunge als ihrer Faͤuſte; und wenn ſie ſich freueten: ſo wollten ſie berſten vor lachen. Damit ſchonten ſie ihre Feyerkleider, und entwehrten ſich des ſchwindſuͤchtigen Grams, und der Gefahr von einer ploͤtzlichen Freude zu ſterben. Wir hingegen opfern der Mode durch taͤgliche kleine Ausgaben unſer beſtes Vermoͤgen auf, verfolgen unſre Feinde mit der artigſten Manier, und ſchwindeln bey allen ploͤtzlichen Zufaͤllen.

Jedoch Scherz bey Seite, wenn ich Policeycommiſ - ſarius waͤre, die Leute ſollten mir zu gewiſſen Zeiten mehr Freuden haben, damit ſie zu andern fleißiger und ordent - licher wuͤrden. Jch weiß wie dem Handwerksmanne der Sonntags Braten ſchmeckt, wenn er ſich die ganze Wo - che mit einem Gemuͤſe beholfen hat; und wie zufrieden er mit ſeinem Gemuͤſe iſt, wenn er an den Sonntagsbra - ten gedenkt. Nach dieſem wahren Grundſatze, wuͤrde ich jedem Dorfe wo nicht alle Monate, doch wenigſtens alle Vierteljahr ein Feſt erlauben, um den taͤglichen Ge - nuß, welcher zuletzt auch oft den Beſten zur Uebermaaße verfuͤhrt, und um ſo viel gefaͤhrlicher iſt, je unbemerkter er im Finſtern ſchleicht, und mit der lieben Gewohnheit, der andern Natur, uͤber Weg geht, ſo vielmehr einzu - ſchraͤnken. Eine Policey, die ihre Aufmerkſamkeit dahin wendete, wuͤrde wahrſcheinlich gluͤcklicher ſeyn als dieje - nige, welche wie die neuere alle Arten von Zechereyen und Gelagen verbietet, und damit den durch keine GeſetzeMoͤſers patr. Phantaſ. IV. Th. Czu34Etwas zur Policey der Freudenzu bezwingenden heimlichen und oͤftern Genuß befoͤrdert, auch wohl ſelbſt das Salz der Freude, was dem geplag - ten Menſchen Reiz und Dauer zur Arbeit geben ſoll, voͤl - lig unſchmackhaft macht.

Jn gewiſſen Laͤndern und beſonders am Rheine, laͤßt der Pfarrer des Sonntags das Zeichen mit der Glocke geben, wenn der Fideler in der Schenke auf die Tonne ſteigen darf, und nun faͤngt alles an zu huͤpfen. Jn der ganzen Woche aber findet man daſelbſt keinen Menſchen in der Schenke. Jn Frankreich, wo das Tanzen am Sonntag verboten iſt, ſieht man des Abends nach ver - richteter Arbeit, haͤufige Taͤnze, und die Nation iſt nuͤch - tern und fleißig. Jn Genf findet man die Handwerker alle Abend, wenn es die Witterung erlaubt, eine Stun - de auf oͤffentlichen Plaͤtzen, um ſich von der unermuͤde - ten Anſtrengung des Tages zu erholen; und ſo iſt uͤberall, wo die Geſetzgebung auf Erfahrungen gebauet wird, Freude und Arbeit vermiſcht, und die eine dient der an - dern mit maͤchtiger Hand.

Jn andern Laͤndern hingegen, wo die Feyertage nach einer gebieteriſchen Theorie abgeſchaft, die blauen Mon - tage eingezogen, die Faſtnachtsluſtbarkeiten verboten, die Leichen - und Kindelbiere*)Jn vielen weſtfaͤliſchen Doͤrfern giebt es noch guͤſte Kindel - biere. Das iſt, Eheleute die keine Kinder haben, koͤnnen einmal in ihrem Leben auch ein Kindelbier halten, damit ſie ſich wegen deſſen, was ſie andern geopfert haben, erholen koͤnnen. Wahrlich eine gutherzige Erfindung. Guͤſt wird von Kuͤhen gebraucht, die nicht kalben. zu genau eingeſchraͤnkt, alle Zehrungen unterſagt, alle Kirmesfreuden durch den nie ſchlafenden Fiſcal geſtoͤret, und uͤberhaupt alle Luſt - barkeiten der Unterthanen ſo viel immer moͤglich unter -druͤckt35fuͤr Landleute. druͤckt ſind, ſieht man die Leute weit haͤufiger in den Schenken, ſtiller und trauriger aber oͤfterer trinken, und auch weniger fleißig arbeiten. Jhre Wirthſchaft geht bey allen Einſchraͤnkungen ſchlimmer, und der niederge - ſchlagene Menſch ſchaft mit ſeinen Haͤnden dasjenige nicht, was der luſtige ſchaft. Die Unterthanen ſehen den Ge - ſetzgeber wie die Kinder einen graͤmlichen Vater an; ſie verſammlen ſich in Winkeln, und thun mehr boͤſes als ſie bey mehrer Freyheit gethan haben wuͤrden. Sie duͤn - ken ſich ſicher, ſo oft ſie ſich nur nicht die Haͤlſe brechen.

Bisher hat man noch kein eignes Policeyreglement fuͤr die Luſtbarkeiten der Landleute gehabt, welches haupt - ſaͤchlich dayer ruͤhrt, daß die Geſetzgeber lieber ſelbſt ha - ben tanzen als andre tanzen laſſen wollen. Es wuͤrde aber doch in dem Falle noͤthig ſeyn, wenn meine Wuͤn - ſche erfuͤllet werden ſollten. Jn demſelben wuͤrde das erſte ſeyn, daß in einem gewiſſen zu beſtimmenden Di - ſtricte nur eine einzige Schenke geduldet, dieſe gehoͤrig und geraͤumig eingerichtet, und mit allen verſehen ſeyn ſollte, was vernuͤnftige Landleute ergoͤtzen koͤnnte. Der Wirth ſollte ſeine Vorſchrift haben, was er geben und nicht geben duͤrfte; der Tag zur Luſtbarkeit ſollte beſtimmt und an demſelben immer die noͤthige Huͤlfe, um Unord - nungen zu ſteuren, bey der Hand ſeyn. Auſſer dem be - ſtimmten Tage, und einigen andern, die noch naͤher be - ſtimmet werden koͤnnten, ſollte der Wirth gar keine Gaͤ - ſte ſetzen duͤrfen. Die Spiele ſollten beſtimmt, und an - gemeſſen ſeyn. Drey alte Maͤnner ſollten des Tages Rich - ter ſeyn, und alles entſcheiden koͤnnen, was der Cere - monienmeiſter anderwaͤrts entſcheiden kann. Wer ſich denſelben widerſetzte, ſollte ſofort der in der Naͤhe ſte - henden Amtshuͤlfe uͤbergeben; der betrunkene Mann durch ſie gegen ein gewiſſes Botenlohn ſofort nach Hauſe ge -C 2bracht;36Es ſollten die Wochenſchr. auch die Anzeigenbracht; und die betrunkene Frau vor ihrer Heimfuͤhrung oͤffentlich ausgeklatſcht werden. Auf dieſe Weiſe glau - be ich, daß die vielen und verderblichen Winkelſchenken geſchloſſen, das beſtaͤndige Leben im Wirthshauſe aufge - hoben, der Mann, der die Erholung am mehrſten ver - dient, zum beſten Genuß einer ordentlichen Freude ver - holfen, und uͤberhaupt mit der Zeit ein beſſerer Natio - nalgeiſt erzielet werden koͤnnte. Dabey verſtuͤnde es ſich von ſelbſt, daß an dieſen Tagen alle Frohnen und Bauer - werke aufhoͤren, und dieſelben alſo gewaͤhlet werden muͤßten, damit keine eilige Arbeit dadurch aufgehal - ten wuͤrde.

VIII. Es ſollten die Wochenſchriften auch die An - zeigen der neueſten Moden enthalten.

Schreiben von Amalien.

Das Jahr iſt beynahe voruͤber gegangen, ohne daß Sie auch nur ein Woͤrtgen von unſern ſchoͤnen neuen Moden geſagt haben. Gelt! Sie ſind des Dings muͤde, und unſre Veraͤnderungen ſo mannigfaltig gewor - den, daß ſie ihnen mit Jhrer Muſterung nicht haben fol - gen koͤnnen! Es geht den Moraliſten wie jenem Maͤdgen das von einem Huſaren verfolgt und gejagt wurde. Ach weh meine ſchoͤnen Schuhe! o meine Schuͤrze! o Him - mel was will Mama ſagen! rief es zu erſt, als eshier37der neueſten Moden enthalten. hier mit dem Abſatze in eine Pfuͤtze trat, und dort mit der Filetſchuͤrze in der Hecke haͤngen blieb. Wie es aber Holter Polter durch Dicke und Duͤnne laufen mußte, um dem boͤſen Manne zu entkommen: ſo ward an keine Schuhe, an keine Schuͤrze und an keine Mama gedacht. So gehts mit unſerer Theilnehmung an den Geſchaͤften die - ſer Welt. So lange man noch ſchreyet, hats keine Noth; aber wenns uͤber und uͤber geht, ſo ſchweigt man. Nicht wahr, iſts Jhnen nicht juſt ſo gegangen, oder haben Sie aus einer beſſern Urſache geſchwiegen?

Jndeſſen hat doch immer das Publicum ſehr dabey gelitten, daß ſo manche Moden unbemerkt voruͤbergegan - gen ſind, und viele ſich die Livres de modes mit großen Koſten haben von Paris kommen laſſen muͤſſen, welche Sie Jhnen leicht durch eine kleine Beſchreibung haͤtten erſparen koͤnnen. Manche aber ſind daruͤber gar ſo un - wiſſend geblieben, daß ſie einen Queuue de Renard von einem Plumet d amitiée nicht haben unterſcheiden gelernt, und die belle poule noyée mit der belle poule à pleines voiles verwechſeln. Dieſe Verantwortung bleibt Jhnen immer, da woͤchentliche Blaͤtter ſo ganz eigentlich dazu eingerichtet ſind, um von jeder neuen Mode ſofort eine Anzeige zu thun, und es weit ſchicklicher geweſen ſeyn wuͤrde, darinn die Veraͤnderungen unſrer Hauben als die unwichtigen Handlungen einiger laͤngſt vergeſſenen alten Biſchoͤffe aufzubehalten. Billig ſollte man in jedem wohl - beſtelleten Staate ein taͤgliches Blatt zur Bekanntma - chung der Moden haben.

Wenn Sie meinen Rath folgen wollen: ſo verbeſ - ſern Sie dieſen ihren Fehler in dem kuͤnftigen Jahre. Jch habe mir aus Utopien, wo die Menſchen auf dem Felde wachſen, etwas Frauenzimmerſaamen kommen laſ -C 3ſen,38Es ſollten die Wochenſchr. auch die Anzeigenſen, und ſolchen nach Amilecs*)Amiléc ou la graine d hommes. Amilec hatte eine Violine, worauf jede Sayte zu einer gewiſſen Leidenſchaft geſtimmet war. Wenn er nun z. E. die Sayte des Ehrgeitzes oder des Liebe ſtrich: ſo fiengen die Koͤrngen, welche zu kuͤnftigen Fuͤr - ſten beſtimmt waren, gleich an zu huͤpfen, und bisweilen be - wegte ſich auch nach dieſem Tone die Seele eines Pedanten. Die Sayte der Eitelkeit ſetzte faſt alles in mindre oder meh - rere Bewegung. Methode unterſucht. Jedes Koͤrngen huͤpfte, wenn ich die Sayte der Mode ſtrich, und ſo koͤnnen Sie denken, was das fuͤr eine Ernd - te geben wird, wenn der Saame auf unſrer Heide, ſo gut wie in dem goldreichen Utopien aufgeht. Jm Vor - beygehen geſagt, ich hatte mir auch etwas Maͤnnerſaat, und zwar von dem beſten, verſchrieben. Aber mein Cor - reſpondent hat mir geantwortet, es waͤre jetzt davon nichts vorraͤthig, weil es nicht mehr geſucht wuͤrde. Wenn ich aber Genieſaamen haben wollte: ſo ſtuͤnden mir einige Laſten zu Dienſte. Aber dieſen mag ich nun eben nicht, da die Genies bey uns wild wachſen.

Die Almanache, welche ein halbes Jahr vorher ab - gedruckt werden, und uns doch die Moden fuͤr ein ganzes kuͤnftiges Jahr zeigen wollen, werden Jhnen hierinn ſicher keinen Eintrag thun. Sie erhalten uns blos die Erfindun - gen einer laͤngſt veralteten Einbildung, und dabey ſagt uns keiner unter allen, wie die Neceſſaires, Badines, Bonbonnieres, Verrieres, Dejeuners &c. geformt geweſen; wohin die ver - ſchiedenen Arten von Venez y voir ihren Pol gehabt, ob die Schreibzeuge und Milchnaͤppe in Waſen, in Urnen oder in Obelisken beſtanden, ob der Staudenartige Schmelz**)Email arboriſe. oder die Stickerey en filagrame, oder die Haararbeit undvon39der neueſten Moden enthalten. von welchen Farben, den Vorzug behalten, was die Divina - toires*)Eine Art von Faͤchern, die man aber nicht mit denen à figu - res habillées en é ffes de Soye verwechſeln muß. von dem kuͤnftigen Jahre gewahrſaget, und was Herr Granchez in ſeiner Fabrik zu Clignancourt ſonſt fuͤr Anſtalten mache die deutſchen Beutel zu fegen. Die - ſem weſentlichen Fehler unſrer Policey kann allein durch ein Jntelligenzblatt, was friſch gedruckt und vertheilet wird, abgeholfen werden; und ich daͤchte, es verlohnte ſich wohl der Muͤhe, die jungen einheimiſchen Kuͤnſtler in Zeiten zu benachrichtigen, auf welchem neuen Wege ſie den ſchoͤpferiſchen Franzoſen den Rang abgewinnen koͤnnen.

Noch weniger haben Sie davon einen uͤblen Einfluß auf das gegenwaͤrtige Menſchengeſchlecht zu fuͤrchten. Daſſelbe iſt ſo bider und gut, es herrſcht unter den lie - ben Menſchenkindern ſo viele Menſchenliebe und Gutmuͤ - thigkeit, ihre Veredlung hat einen ſo maͤchtigen Fortgang gewonnen, und alles iſt ſo voll chriſtlicher Empfindſam - keit, daß die ſchleunige Bekanntmachung der neuen Mo - den unmoͤglich eine ſchaͤdliche Veraͤnderung darin hervor - bringen kann. Ja ich bin verſichert, daß wenn Chriſtus ſich, wie es ehedem einmal geheißen hat**)Il divortio celeſte di Ferrante Pallavicini. , von ſei - ner lieben aber ungetreuen Braut, der chriſtlichen Kir - che, ſcheiden laſſen wollte, kein Conſiſtorium dahin den Ausſpruch thun koͤnnte; ſo ſehr hat ſich das gute Ge - ſchlecht der Menſchen gebeſſert, und ſo ſehr haben auch die andaͤchtigen Perſonen ihre Peruͤcken und Hauben zu der ſuͤßen Empfindung des Erloͤſers geformt. Es iſt nie - mand der ſich beſſer mit dem lieben Gott verſteht, als ein empfindſames Herz; es dient ihm unter allen Geſtal -C 4ten40Es ſollten die Wochenſchr. auch die Anzeigenten der Mode, und liebt immer die Ruͤhrung, wenn ſie nur zu ſeiner Sayte ſtimmt, ſie komme vom Himmel oder von der Erde; uͤberall hat der liebe Gott jetzt Menſchen - freuden, und unſre Religion ſollte billig ganz umgeſchaf - fen werden, da es ſo gut als erwieſen iſt, daß ſie nur Troſt fuͤr Ungluͤckliche enthalte, man aber jetzt, dem Hoͤch - ſten ſey Dank! nichts wie Genuß kennt.

Sollte aber Jhr Stilleſchweigen von Jhrem Unver - moͤgen uns etwas neues hieruͤber zu ſagen, herruͤhren: o ſo legen Sie mit dieſem Jahre die Feder nieder, und nehmen von mir die aufrichtige Erklaͤrung an, daß ich ihre altmodiſchen Blaͤtter nicht mehr leſen werde*)Dieſer Aufſatz iſt vom 25 Dec. 1779; welches ich um des - willen bemerke, weil ſeitdem Modejournale, und Modeintel - ligenzblaͤtter in Deutſchland erſchienen ſind..

Amalia.

IX. Antwort an Amalien.

Halb haben Sie, theureſte Amalie, die Urſachen er - rathen, warum ich ſeit einiger Zeit von den aus - ſchweifenden Moden nicht ein Woͤrtgen mehr geſagt habe; aber eine der vornehmſten iſt Jhnen doch entwiſchet, ohn - erachtet ich ſie bereits einmal bekannt gemacht habe; und dieſe beſteht darin, daß ich mit dem Jrokeſiſchen Phi - loſophen das Staͤdtiſche Gemenge, und alles was nicht zu der Klaſſe der Ackerbauer, Jaͤger und Hirten gehoͤrt, als den Abfall oder die Spreu des menſchlichen Geſchlech -tes41der neueſten Moden enthalten. tes betrachte, und, wenn ich die mannigfaltigen Kunſt - werke ſehe, welche unſre Putzmacherinnen daraus hervor - bringen, die Guͤte des Schoͤpfers bewundre, der auch der Spreu eine kleine Freude bereitet hat, und ehe ſie der Wind verwehet, wo nicht andern doch ſich ſelbſt zu gute kommen laͤßt. Mit dieſer Urſache habe ich noch eine andre verknuͤpft, um mich nicht mit denen, welche die liebe gute menſchliche Geſellſchaft fuͤr das hoͤchſte Ungluͤck unſrer Erden halten, zu uͤberwerfen. Wenn ich naͤmlich ſehe, daß die Handwerker ſich in ihren einfoͤrmigen Stel - lungen lahm und blaß arbeiten, die Gelehrten uͤberſpan - net oder Hypochondriſch werden, die Hofleute ſich zu Tode walzen, die Fuͤrſten ihre beſte Zeit verſpielen, und uͤberhaupt die geſelligen Menſchen in den Staͤdten ſich durch die großen Opfer, welche ſie den Kuͤnſten, den Wiſſenſchaften und den Moden bringen, taͤglich mehr und mehr verfeinern, verſchnitzeln und verzaͤrteln, oder wohl gar verhaͤmmern und verpuffen: ſo ſtelle ich mir vor, die allguͤtige Vorſehung habe dieſe Mittel, als die ſanf - teſt abfuͤhrenden gewaͤhlt, um ihr großes Werk von allen verdorbenen Saͤften zu reinigen, und es ſey ein Eingriff in ihre Rechte, wenn ich dieſen Mitteln zum Verderben, Einhalt thun, oder ſie wohl gar zwingen wollte, dazu Erdbeben und Ueberſchwemmungen zu gebrauchen, und die Schuldigen mit den Unſchuldigen zu verderben. Jch verehre in ihren Abfuͤhrungsmitteln die weiſe Sorgfalt, nach welcher dieſe blos auf das Uebel wuͤrken, und die edlern Theile verſchonen, und troͤſte mich denn damit, daß das Geſchlecht was in den Siechenhaͤuſern der Staͤdte zuſammen ſeuchet, wenn es ja wieder erſetzet werden muß, darum nicht untergehn, ſondern von dem Abfall auf den Hoͤfen der edlen und gemeinen Lanſten immer noch hin - reichend vermehret werden koͤnne ....

C 5Jedoch42Es ſollten die Wochenſchr. auch die Anzeigen

Jedoch Sie ſind dieſe Art der Philoſophie an mir nicht gewohnt, und haben alſo unmoͤglich ſolche Urſa - chen errathen koͤnnen, die mir nie in den Sinn gekom - men ſind. Alſo fort mit den Abfuͤhrungsmitteln, und weg ins Feuer weg, mit dieſem Theile eines Briefes, worin ich es einmal habe verſuchen wollen, ob ich auch wohl graͤmlich ſeyn koͤnnte, wenn es meine Jahre erfor - dern ſollten. Jch befuͤrchte es gelingt mir nicht, und ich gehe ſicherer, wenn ich Jhnen theureſte Amalia, das Gluͤck unſrer Zeiten von ſeiner beſſeren Seite und in die - ſem einige beſſere Gruͤnde fuͤr mein Betragen zeige.

Wiſſen Sie alſo, daß Sie von der großen Urſache, warum ich dem fortrauſchenden Strome der Moden ſo gelaſſen nachgeſehen habe, ſo viel als gar nichts errathen haben; ſie ſind edler, ſie ſind folgende. Ueberall wohin wir unſre Augen wenden, hat die Natur nicht blos fuͤr unſre Erhaltung, ſondern auch fuͤr unſer Vergnuͤgen ge - ſorgt. So bald ſie nur das Waſſer erſchaffen hatte, ließ ſie auch den Weinſtock bluͤhen, und pflanzte die Roſe ne - ben dem Kornfelde. Sie ſorgte mit gleich muͤtterlicher Sorgfalt fuͤr alle unſre Sinne, und auch fuͤr edlere Ge - fuͤhle, indem ſie das holde Maͤdgen, was uns gluͤcklich machen ſollte, nicht wie eine Truffel unter der Erde rei - fen, ſondern zur allgemeinen Freude uͤber derſelben auf - bluͤhen ließ. Jhre Mannigfaltigkeit iſt unendlich, und ſie haßt die Einfoͤrmigkeit dergeſtalt, daß ſie auch nicht einmal die Pflanzen von einer Gattung ſich voͤllig aͤhnlich gemacht hat.

Schwerlich hat der Menſch, ihr edelſtes Werk, min - der vollkommen werden ſollen. Auch hier in dieſer klei - nen Welt, wie man den Menſchen nicht ganz unrecht nennt, hat ſie Blumen und Korn, Waſſer und Wein, und Truffeln und Maͤdgen erſchaffen, und jedem ſeinengehoͤri -43der neueſten Moden enthalten. gehoͤrigen Platz angewieſen. Auch hier hat ſie die Blume zur Ergoͤtzung und das Korn zur Erhaltung gepflanzet. Und wenn dieſes, wie ich nicht zweifle, ſeine Richtigkeit hat: ſo ſehe ich nicht ein, woher wir das Recht nehmen wollen, alle Roſen auszureißen, um nichts als Kartof - feln dafuͤr zu ziehen. Man laſſe jedem ſeine Stelle, und es wird alles gut gehen.

Durchdrungen von dieſen großen Wahrheiten ſehe ich den verfeinerten Theil der Menſchen an Hoͤfen und in Staͤdten mit ihren Moden, Kuͤnſten, Wiſſenſchaften und witzigen Erfindungen als das Blumenbeet der Natur; das platte Land hingegen als ihr Kornfeld an. So wie das letzte gut ſteht, wenn ſich nicht viel Blumen unter dem Korne befinden: ſo mag auch das erſte immer ſchoͤ - ner ausſehen, je weniger Korn darauf waͤchſt; und da einmal die Natur beydes zum allgemeinen Beſten und Vergnuͤgen angebauet haben will: ſo glaube ich daß wir keine beſſere Einrichtung treffen koͤnnen, als daß wir die Blumen in den Staͤdten, und das Korn drauſſen auf dem Lande ziehen. Auch hierin hat uns die Natur ein fuͤr - trefliches Beyſpiel gegeben; ſie laͤßt den Weitzen nicht mit ſchoͤnen Bluͤthen glaͤnzen, und fordert von den ſchoͤn - ſten Blumen keine Fruͤchte zu unſrer Erhaltung.

Wenn die Kunſt der Natur folgt: ſo hat ſie die be - ſte Wegweiſerinn, und wir folgen ihr in den Staͤdten, wenn wir alles in edle Blumen verwandeln. Hiezu die - nen Wiſſenſchaften, Kuͤnſte und Moden, und aus dieſem Geſichtspunkte bewundere ich jetzt die unermuͤdete Bemuͤ - hung der Menſchen in den Staͤdten, ſich um die Wette ſchoͤ - ner und glaͤnzender zu zeigen; ich ſehe jede Haube als eine neue Art auslaͤndiſcher Blumen an, die in unſre Gegend verpflanzet wird, und mache der Tulpe ſo wenig einenVor -44Es ſollten die Wochenſchr. auch die AnzeigenVorwurf, daß ſie nur das Auge ergoͤtzt, als ich es der Nachtviole verdenke, daß ſie nicht bey Tage riecht. Je - des Ding hat bey mir ſeine Zeit und ſeine Stelle bekom - men, und damit iſt auch meine ganze Kritik gefallen.

Der einzige Mißbrauch, den wir Moraliſten zu fuͤrch - ten und abzuwehren haben, iſt dieſer, daß die Blumen mehr Platz einnehmen als ihnen zukommt. Denn wo ſie dergeſtalt wuchern, daß ſie den Kartoffeln ihren Platz rauben, oder wohl gar das Korn erſticken, da ſieht es gefaͤhrlich aus. Aber hier koͤnnen wir raͤuten, pfluͤgen und brachen, und wenn wir dieſes zur rechten Zeit thun: ſo wird die Ordnung der Natur nichts dabey verlieren. Sie wird gut beſtehen, wenn wir vorher wohl unterſu - chen, ob ſich ein Landſtaͤdtgen, was Mangel an Korne hat, ſo gut zum Blumenbeete ſchicke, als eine Haupt - ſtadt, und die Heide ein Feld ſey um Hyacinthen darauf zu ziehen.

Gegen dieſen meinen Plan, liebſte Freundinn! wer - den Sie mir keine Einwendung machen. Sie gehoͤren zu dem Geſchlechte der Blumen, die nicht blos das Auge ergoͤtzen, ſondern auch noch uͤberdem ſchoͤne Fruͤchte brin - gen. Jn ihrem Schatten wird kein Korn erſtickt, und der Raum, den Sie einnehmen, iſt nicht groͤßer als Jh - nen gebuͤhrt. Sie ſchuͤtzen vielmehr andre zaͤrtliche Ge - waͤchſe vor der Macht der Sonne, und wenn Sie ihre Blaͤtter gleich hoch tragen, und ſich dem begierigen Auge in ihrem ſchoͤnſten Schmucke zeigen: ſo geſchieht dieſes, um die kurze Zeit, welche Sie in dieſer Welt zu bluͤhen haben, ihrer Beſtimmung gemaͤs anzuwenden, und dann zu einer vollkommenen Frucht zu reifen. Koͤnnen wir dieſe dann gleich nicht ſo lange wie wir wuͤnſchen aufbewahren: ſo muͤſſen wir uns damit troͤſten, daß wir fuͤr den Man -gel45der neueſten Moden enthalten. gel der Dauer durch die Menge der Reitzungen uͤber - fluͤßig bezahlt ſind.

Aber am Ende, meine Beſte, bitte ich Sie doch dieſe kleine Herzſtaͤrkung andern in dieſem neuen Jahre nicht anders als nach dem Abfuͤhrungsmittel zu geben. Die Zahl der Blumengecke iſt nicht ſo groß, als der Lieb - haber des reinen Korns, und wer ſein Gewaͤchs ſicher verſilbern will, der handelt immer am kluͤgſten, wenn er mehr Korn als Blumen zu Markte bringt. Nach dem erſten wird zur Zeit der Noth gar nicht gefragt, und oft liegt eine Roſe, die des Morgens erſt aufbluͤhete, ehe es Abend wird, verwelkt, entblaͤttert, und verachtet unter den Fuͤßen. Das Schickſal aller Blumen iſt einmal zu ſcheinen und fruͤh zu ſterben, und die Anbauer der Korn - felder haben nur Augen fuͤr ſie, um ſie auszureißen.

Ein Liebhaber von Beyden.

X. Wie iſt die Dreſpe im menſchlichen Ge - ſchlechte am beſten zu veredeln?

An[f] rage eines Frauenzimmers.

O! ſchweigen Sie ja ſtille, mein ſchoͤner Herr! Sie gehoͤren auch mit unter den Abfall des menſch - lichen Geſchlechts; der Ausſpruch unſers Jrokeſiſchen Philoſophen war:

Es giebt nur dreyerley aͤchte Staͤnde unter den Menſchen, als der Stand der Jaͤger, der Hirtenund46Wie iſt die Dreſpe im menſchl. Geſchlechteund der Ackerbauer; alles uͤbrige gehoͤrt zum Ab - fall, worauf man nicht viel rechnen muß.

Und Sie als Dichter, wo Sie ſich nicht bald, wie die Saͤnger in Arkadien, eine Heerde anſchaffen, fallen gewiß unter die Spreu, wenn man den Abfall auf die Schwinge bringt, um noch das Hinterkorn oder die Dre - ſpe zu gewinnen. Nicht wahr? o! wenn man nur ſeine Groͤße kennt: ſo betriegt einen der Schneider .... und auch ſeine eigne gute Meinung nicht.

Sie haben alſo gar keinen Beruf uns guten Maͤd - gen, die wir ſo ein bisgen mehr Zeit als andre der Lec - tuͤre ſchenken, und unſern Geiſt wie unſern Koͤrper zu ſchmuͤcken ſuchen, vorzuwerfen, daß wir die ganze Oeko - nomie der Natur zerſtoͤrten; und ich daͤchte, wir handel - ten beyde am kluͤgſten, wenn wir uns einander das Hand - werk nicht verſchrien.

Aber ſollte es denn wuͤrklich ſo ganz richtig ſeyn, daß die Jaͤger, die Hirten und die Ackerbauer das reine Korn in der Welt ausmachten, und alles uͤbrige zur Dreſpe gehoͤrte? Und ſollte es auf den Fall, daß wir uns dieſe Jrokeſiſche Eintheilung gefallen laſſen muͤßten, nicht Mit - tel geben, auch noch die Dreſpe in Preiß zu bringen! Die Jtaliener warfen lange die abgewundenen Huͤllen der Seidenwuͤrmer in den Miſt, bis ſie endlich lernten Blu - men daraus zu machen; und wir Deutſchen ſchufen auch einmal, denn Schoͤpfer ſind wir doch immer geweſen, aus den ſonſt weggeſpuͤlten Schuppen der Baͤrſche etwas das eine Blume heißen ſollte; was duͤnkt ihnen alſo, wenn wir auch noch ſo etwas aus der Dreſpe oder der Spreu machten, wenn ich Sie zum Exempel als eine Huͤlſe in eine Roſe verwandelte, und dieſer ein Plaͤtzgen auf mei - ner Haube, oder an einem andern Orte, wo Sie viel - leichtlieber verbluͤheten, einraͤumete; wuͤrden Sie eswohl47am beſten zu veredeln? wohl bereuen, nicht blos zum Pumpernickel erſchaffen zu ſeyn? Es kommt nur darauf an, wie ich das Ding in meinem Kopfe drehe: ſo ſind Sie Spreu oder Roſe.

So viel bleibt indeſſen immer, wir moͤgen nun ſeyn was wir wollen, richtig, daß die Drefpe wenn ſie genutzt und veredelt werden ſoll, eine ganz andre Behandlung als das reine Korn erfordere, und daß mehrere Arbeit, und mehrere Kunſt dazu gehoͤren, Baumwolle aus der Heede als ein Stuͤck Lowend aus gutem Flachſe zu ma - chen. Sie erinnern ſich wie unſer Jrokeſe die Ohren ſpitzte, als er hoͤrete, daß ein huͤbſcher junger Menſch verdammet wurde, zehn Jahre lang mit untergeſchlage - nen Beinen auf einem Tiſche zu ſitzen, um ſich dereinſt mit der Scheere und der Nadel in einem kleinen engen Stuͤbgen ernaͤhren zu koͤnnen. Das heißt, rief er, die Dreſpe auf eine grauſame Art veredlen; und was wuͤrde er geſagt haben, wenn er gehoͤrt haͤtte, daß man ſolchen jungen Burſchen nicht allein manchen Feyertag, ſondern auch ſogar den Troſt ſich alle vier Wochen einmal recht ausdehnen zu koͤnnen, oder den ſogenannten blauen Mon - tag abgeſchnitten haͤtte?

Nun daͤchte ich gewoͤnne die Sache ſchon eine andre Geſtalt, und wir haͤtten einiges Recht den Moraliſten zu - zurufen, nicht alles Hinterkorn ſofort in den Wind zu werfen, oder allenfalls fuͤr das Vieh ſchroten zu laſſen, wenn es nicht auf die naͤmliche Art brauchbar iſt, wie das reine. Es iſt ein wunderliches Ding um dieſen Abfall des menſchlichen Geſchlechts, ſeitdem man keine Reviere von hundert Meilen fuͤr die Jagd von hundert Jrokeſen un - gebauet laſſen will, und noch wunderbarer iſt es, daß oft aus dieſem Abfall das Korn erwaͤchſt, was in die Jro - keſiſche Wildbahn geſaͤet wird. Nach dem Ausſpruch un -ſers48Wie iſt die Dreſpe im menſchl. Geſchlechteſers Wilden gehoͤrte der Hof, die Buͤrgerſchaft, und die ganze beruͤhmte Gelahrten Republik zur Spreu, oder wo noch einige darunter der Jagd und dem Ackerbau ein Stuͤndgen ſchenken, zum Hinterkorn; was kann aber daraus nicht gemacht werden, wenn es von geſchickten Meiſtern und Meiſterinnen geworfelt, gemahlen, gebeu - telt und verbacken wird?

Jedoch meine Meinung war es nicht, mich auf eine ſo ernſthafte Sache einzulaſſen. Die Frage unter uns iſt blos, ob ich als ein kleines Huͤlsgen gerade alle die Ei - genſchaften und Tugenden eines aͤchten ſchoͤnen, reinen Weitzens haben muͤſſe, und ob ich nicht, da ich mich gut - willig unter den Abfall rechnen laſſe, das Privilegium habe, mich ein bisgen mit einer unſchuldigen, oder wie Sie es nennen, empfindſamen Lectuͤre zu amuſiren? Die Umſtaͤnde, welche es noͤthig gemacht haben, daß zwey geſunde ſtarke Maͤnner den dritten, der oft nur ein klei - ner feiner Moraliſt iſt, in der Saͤnfte tragen, koͤnnen es vielleicht auch noͤthig machen, daß tauſend ſich blos mit Leſen beſchaͤftigen, um eben ſo viel Autoren das Brod zu geben. Je mehr ſich die Zahl derjenigen vermehrt, die nicht zum reinen Korn gehoͤren; und je nothwendiger dieſe Vermehrung iſt, wo wir uns nicht wie die Jroke - ſen aus unſern Reviren treiben laſſen wollen, deſto haͤu - figer werden auch die Veredlungsmittel werden muͤſſen. Unſer Kuͤſter hat ſchon angefangen alle Saͤrger der Laͤnge nach einzuſenken, weil der Kirchhof zu klein wird; und ich fuͤrchte, wenn wir dereinſt auch ſo bey lebendigem Leibe zu ſtehen kommen, es wird noch manche eitle Beſchaͤfti - gung erdacht werden muͤſſen, um uns alle in Bewegung zu erhalten.

Ueber -49am beſten zu veredeln.

Ueberlegen Sie es mein Freund, und ſchicken mir allenfalls einen beſſern Vorſchlag zu meiner Veredelung. Aber Jhre Puppe will ich nicht ſeyn, ſie moͤchten meiner ſonſt gar zu balde muͤde werden; auch nicht ihre Ama - rillis, weil ihnen der Reim gleich eine Phillis bringen wuͤrde. Jhre Muſe oder ſo etwas was der Dichter ſich taͤglich wuͤnſcht und niemals erhaͤlt, moͤchte ich am lieb - ſten ſeyn, um mich ein bisgen zu raͤchen.

Amalia.

XI. Wozu der Putz diene? Ein Geſpraͤch zwiſchen Mutter und Tochter.

Das Kind. Mama! warum hat der Mahler dort mitten uͤber den ſchoͤnen Spiegel eine Guirlande gemahlt?

Die Mutter. Siehſt du denn nicht, daß er dort geborſten iſt, und daß er dieſen Borſt hat verbergen wollen?

Das Kind. Mama! warum hat der Kaufmann zu dem ſchoͤnen Chitz, welchen ſie mir gegeben haben, ein Zeug voll Loͤcher genommen?

Die Mutter. Damit man bey der Schoͤnheit der Farben die Loͤcher vergeſſen ſollte.

Das Kind. Mama! ſind denn uͤberall Boͤrſte und Loͤcher, wo uͤberfluͤßiger Schmuck iſt?

Die Mutter. Ja, mein Kind, uͤberall. Viel Putz iſt immer ein Zeichen, daß irgendwo etwas fehlt, es ſey nun im Kopfe, oder im Zeuge.

Moͤſers patr. Phantaſ. IV. Th. DXII. 50Schreiben einer alten Ehefrau

XII. Schreiben einer alten Ehefrau an eine junge Empfindſame.

Sie thun Jhrem Manne Unrecht, liebes Kind, wenn Sie von ihm glauben, daß er ſie jetzt weniger liebe als vorher. Er iſt ein feuriger thaͤtiger Mann, der Arbeit und Muͤhe liebt, und darinn ſein Vergnuͤgen fin - det; und ſo lange wie ſeine Liebe gegen Sie ihm Arbeit und Muͤhe machte, war er ganz damit beſchaͤftiget. Wie aber dieſes natuͤrlicher Weiſe aufgehoͤret hat: ſo hat ſich ihr beyderſeitiger Zuſtand, aber keinesweges ſeine Liebe, wie Sie es nehmen, veraͤndert.

Eine Liebe die erobern will und eine die erobert hat, ſind zwey ganz unterſchiedene Leidenſchaften. Jene ſpannt alle Kraͤfte des Helden; ſie laͤßt ihn fuͤrchten, hoffen und wuͤnſchen; ſie fuͤhrt ihn endlich von Triumph zu Triumph, und jeder Fuß breit den Sie ihm gewinnen laͤßt, wird ein Koͤnigreich. Damit unterhaͤlt und ernaͤhrt ſie die ganze Thaͤtigkeit des Mannes, der ſich ihr uͤberlaͤßt; aber das kann dieſe nicht. Der gluͤcklich gewordene Ehemann kann ſich nicht wie der Liebhaber zeigen; er hat nicht wie dieſer zu fuͤrchten, zu hoffen und zu wuͤnſchen; er hat nicht mehr die ſuͤße Muͤhe mit ſeinen Triumphen, die er vorhin hatte, und was er einmal gewonnen hat, wird fuͤr ihn keine neue Eroberung.

Dieſen ganz natuͤrlichen Unterſchied, liebes Kind! muͤſſen Sie ſich nur merken: ſo wird Jhnen die ganze Auffuͤhrung ihres Mannes, der jetzt mehr Vergnuͤgen in Geſchaͤften als an ihrer gruͤnen Seite findet, gar nicht widrig vorkommen. Nicht wahr, Sie wuͤnſchten nochwohl,51an eine junge Empfindſame. wohl, daß er wie vormals mit ihnen einſam auf der Ra - ſenbank vor der Grotte ſitzen, ihnen in das blaue Aeu - gelgen ſehen, und um einen Kuß auf ihre ſchoͤne Hand, knien ſollte? Sie wuͤnſchten noch wohl, daß er Jhnen das Gluͤck der Liebe, was der Geliebte ſo ſchlau und zaͤrtlich ſchildern kann, immer mit kraͤftigern Farben mahlen, und Sie von einer Entzuͤckung zur andern fuͤh - ren moͤchte? meine Wuͤnſche giengen wenigſtens in dem erſten Jahre, da ich meinen Mann geheyrathet hat - te, auf nichts weniger als dieſes. Allein es geht nicht, der beſte Mann iſt auch der thaͤtigſte Mann, und wo die Liebe aufhoͤrt Arbeit und Muͤhe zu erfordern, wo jeder Triumph nur eine Wiederholung des vorigen iſt, wo der Gewinnſt ſowohl an ſeinem Werthe als an ſeiner Neuheit verloren hat; da verliert auch jener Trieb der Thaͤtig - keit ſeine gehoͤrige Nahrung, und wendet ſich von ſelbſt dahin, wo er dieſe beſſer findet. Der weiſeſte Mann geht auf neue Entdeckungen aus, und ſieht das entdeckte nur mit Dankbarkeit an. Es gehoͤrt zum Weſen unſrer Seele, daß ſie immer beſchaͤftiget ſeyn und immer weiter will, und wenn unſre Maͤnner von der Vernunft auf die - ſem Wege in den Geſchaͤften ihres Berufs wohl gefuͤhret werden: ſo duͤrfen wir nicht daruͤber ſchmollen, daß ſie ſich nicht ſo oft als ehmals mit uns am Silberbache oder unter Luiſens Buͤche unterhalten. Anfangs kam es mir auch hart vor, eine ſolche Veraͤnderung zu ertragen. Aber mein Mann erklaͤrte ſich daruͤber ganz aufrichtig gegen mich. Die Freude womit du mich empfaͤngſt, ſagte er, verbirget deinen Gram nicht, und dein truͤbes Auge zwingt ſich vergeblich heiter zu ſeyn; ich ſehe was du willſt, ich ſoll mit dir wie zuvor auf der Raſenbank ſitzen, im - mer. an deiner Seite haͤngen, und von deinem Othem leben; aber dies iſt mir unmoͤglich. Mit LebensgefahrD 2wollte52Schreiben einer alten Ehefrauwollte ich dich noch auf einer Strickleiter vom Glocken - thurm herunter tragen, wenn ich dich nicht anders zu be - kommen wuͤßte; aber nun da ich dich einmal in meinen Armen feſt habe, da alle Gefahren uͤberwunden, und alle Hinderniſſe beſiegt ſind; nun findet meine Leidenſchaft von dieſer Seite ihre vorige Befriedigung nicht. Was meiner Eigenliebe einmal geopfert iſt, hoͤrt auf ein Opfer zu ſeyn; die Erfindungs-Entdeckungs - und Eroberungs - ſucht, die jedem Menſchen angeboren iſt, fordert eine neue Laufbahn. Ehe ich dich hatte, brauchte ich alle Tu - genden zu Stuffen, um an dich zu reichen; nun aber da ich dich habe, ſetze ich dich oben darauf, und du biſt nun bis dahin die oberſte Stuffe, von welcher ich weiter ſchaue.

So wenig mir auch der Glockthurm, und daß ich die Ehre haben ſollte, der hoͤchſte Fußſchemel meines Mannes zu ſeyn, gefiel: ſo begrif ich doch endlich mit der Zeit, und nachdem ich dem Laufe der menſchlichen Hand - lungen weiter nachgedacht hatte, daß es nicht anders ſeyn koͤnnte. Jch wandte auch meine Thaͤtigkeit, die vielleicht mit der Zeit auf der Raſenbank Langeweile gefunden ha - ben wuͤrde, auf die zu meinem Berufe gehoͤrigen haͤus - lichen Geſchaͤfte, und wann wir dann beyde uns tapfer getummelt hatten, und uns am Abend einander erzaͤh - len konnten, was er auf dem Felde und ich im Hauſe oder im Garten gemacht hatte: ſo waren wir oft froher und vergnuͤgter als alle liebevollen Seelen in der Welt. Und was das gluͤcklichſte dabey iſt: ſo hat dieſes Ver - gnuͤgen uns auch nach unſerm dreyßigjaͤhrigen Eheſtande nicht verlaſſen. Wir ſprechen noch eben ſo lebhaft von unſerm Hausweſen, als wir immer gethan haben, ich habe meines Mannes Geſchmack kennen gelernt, und er - zaͤhle ihm ſowohl aus politiſchen als gelehrten Zeitungenwas53an eine junge Empfindſame. was ihm behagt; ich verſchreibe ihm das Buch, und lege es ihm gebunden hin, was er leſen ſoll; ich fuͤhre die Correſpondenz mit unſern geheyratheten Kindern, und erfreue ihn oft mit guten Nachrichten von ihnen und un - ſern kleinen Enkeln. Was zu ſeinem Rechnungsweſen gehoͤrt, verſtehe ich ſo gut als er, und erleichtere ihm daſſelbe damit, daß ich ihm alle Belege vom ganzen Jahre, die durch meine Haͤnde gehen, zur Hand und Ordnung halte; zur Noth mache ich auch einen Bericht an die Hoch - preisliche Cammer, und meine Hand paradirt ſo gut in unſerm Caſſenbuche als die ſeinige; wir ſind an einerley Ordnung gewoͤhnt, kennen den Geiſt unſerer Geſchaͤfte und Pflichten, und haben in unſern Unternehmungen ei - nerley Vorſicht und einerley Regeln.

Dieſes wuͤrde aber wahrlich der Erfolg nie geweſen ſeyn, wenn wir im Ehehande ſo wie vorhin, die Rolle der zaͤrtlich Liebenden geſpielt, und unſre Thaͤtigkeit mit Verſicherung unſer gegenſeitigen Liebe erſchoͤpft haͤtten. Wir wuͤrden dann vielleicht jetzt einander mit Langeweile anſchauen, die Grotte zu feucht, die Abendluft zu kuͤhl, den Mittag zu heiß, und den Morgen unluſtig finden. Wir wuͤrden uns nach Geſellſchaften ſehnen, die, wenn ſie kaͤmen, ſich bey uns nicht gefielen, und mit Schmerzen die Stunde zum Aufbruche erwarteten, oder wenn wir ſie ſuchten, uns wieder fortwuͤnſchten. Wir wuͤrden zu Taͤndeleyen verwehnt, noch immer mittaͤndeln, und Freu - den beywohnen wollen, die wir nicht genießen koͤnnten; oder unſre Zuflucht zum Spieltiſche, als dem letzten Orte, wo die Alten mit den Jungen figuriren koͤnnen, neh - men muͤſſen.

Wollen Sie ſich nicht einſt in dieſen Fall verſetzen, liebes Kind! ſo folgen Sie meinem Beyſpiele, und quaͤ - len ſich und ihren rechtſchaffenen Mann nicht mit uͤber -D 3trie -54Schreiben einer alten Ehefrau ꝛc. triebenen Forderungen. Glauben Sie aber auch indeſſen nicht, daß ich mich ſo ganz dem Vergnuͤgen, den Meini - gen zu meinen Fuͤßen zu ſehen, entzogen hatte. O hiezu findet ſich weit eher Gelegenheit, wenn man ſie nicht ſucht, und ſich zu entfernen ſcheinet, als wenn man ſich allemal, und ſo oft es dem Herrn beliebt, auf der Ra - ſenbank finden laͤßt. Noch jetzt ſinge ich unterweilen mei - nen kleinen Enkeln, wenn ſie bey mir ſind, ein Liedgen vor, was ihn zur Zeit, als ſeine Liebe noch mit allen Hinderniſſen zu kaͤmpfen hatte, in Entzuͤckung ſetzte; und wenn dann die Kleinen rufen: Ancora! Ancora! Groß - mama, er aber die Augen voll Freudenthraͤnen hat: ſo frage ich ihn wohl noch einmal, ob es ihm jetzt nicht zu gefaͤhrlich ſchiene, mich auf der Strickleiter vom Kirch - thurme zu holen? Aber dann ruft er eben ſo heftig wie die Kleinen: O! Ancora Großmama Ancora.

XIII. Nachſchrift.

Noch eins, mein Kind! habe ich vergeſſen. Wie es mir vorkoͤmmt: ſo verlaſſen Sie ſich lediglich auf ihre gute Sache und ihr gutes Herz, vielleicht auch wohl ein bisgen auf ihre ſchoͤnen blauen Augen, und ſpintiſiren gar nicht darauf, ihren Mann von neuem an ſich zu zie - hen. Mich deucht, Sie ſind zu Hauſe gerade ſo wie vor acht Tagen in der Geſellſchaft bey unſerm ehrbaren G ...., wo ich euch ſo ſtille und ſteif antraf, als wenn ihr nur zuſammen gekommen waͤret, um euch Lange - weile zu machen. Merkten Sie aber nicht, wie bald ich die ganze Geſellſchaft in Bewegung brachte. Dem altenmuͤrri -55Nachſchrift. muͤrriſchen Cammerrath ſagte ich, er haͤtte doch letzthin Recht gehabt, daß man den Abfall der Steinkohlen nicht wie es im Dictionaire encyclopedique ſtuͤnde, zum Duͤn - ger nutzen koͤnnte, ich haͤtte es auf allerley Weiſe damit verſuchen laſſen und fluchs ward er ſo heiter und be - redt, wie ein Gelehrter der Recht behalten hat. Zu dem in ſich ſelbſt vertieften Kriegesrath .... ſprach ich, ſeine Prophezeyung, daß Clinton Charlestown erobern wuͤrde, waͤre eingetroffen. Und nun kam einmal nach dem an - dern, das haͤtte er ſo gewiß gewußt, daß er ſeinen Kopf darauf verwetten wollen; worauf ſich alles, was Odem hatte, gegen ihn ruͤhrte. Jndem jeder hiebey ſeine poli - tiſchen Einſichten auskramte, ſagte ich meinem Nachba - ren, dem jungen M .... einen Vers ins Ohr, wel - chen er ehedem gemacht hat:

Und ihre Fluͤgel wurden groß,
Fiengen Wind, und machten
Ein Geſchwirre durch das Land,
Daß man kaum ſein eignes Wort verſtand.

Und zugleich langte ich vor ihm vorbey, um die neue Uhr mit Brillanten zu beſehen, welche ſeine Nachbarinn auf der andern Seite, zum erſtenmale angelegt hatte. Die Kriegesraͤthinn fragte ich, wo ſie ihren allerliebſten neuen Wagen haͤtte machen laſſen, und um der Cam - merraͤthinn zugleich ein Compliment zu machen, kuͤßte ich ihren niedlichen kleinen Jungen. Damit fieng auch der uͤbrige Theil der Geſellſchaft an, ſich etwas froher zu fuͤh - len, und unſre Fluͤgel wurden auch groß, ſo daß wir ſcherzend und tanzend zu Tiſche und wieder davon giengen.

Wie ich es hier in der Geſellſchaft machte: ſo ma - che ich es auch taͤglich zu Hauſe. So wie ich des Mor - gens aufſtehe, ſchaffe ich mir ein heiteres Auge, welches ich mir immer verſchaffen kann, wenn ich nur friſchesD 4und56Nachſchrift. und reines Zeug uͤberwerfe; und habe allemal einen Scherz oder eine kleine Schmeicheley fuͤr meinen Mann in Bereitſchaft, ſollte ſie auch nur darinn beſtehen, daß er geſtern Abend recht prophezeyhet habe, wie es dieſen Morgen regnen wuͤrde. Er muß es immer vorher ge - wußt haben, was in der Haushaltungsbeſtellung gera - then wuͤrde oder nicht; er iſt es immer, den der Erfolg rechtfertiget, wenn wir neues Geſinde bekommen haben, das nach ſeinen phyſiognomiſchen Einſichten gut oder ſchlecht einſchlagen ſollte; waͤre ich ihm gefolgt, ſo waͤ - ren wir unſer Korn zu einem beſſern Preiſe los geworden, und wir waͤren beſſer mit dem Klaver als mit der Eſpar - cette gefahren das weiß ich ihm alles ſo gut einzubroͤ - keln, daß er die Kunſt nicht merkt, und wenn er ſie auch durchſchimmern ſieht, mir den Dank fuͤr meine Muͤhe, ein zufriedenes Wort, nicht verſagt.

Damit iſt der Tag angefangen; wir ſcheiden denn gemeiniglich aus einander, und des Mittags habe ich was neues. Wir haben uns froh verlaſſen und ſehen uns froh wieder. Einen kleinen Enkel von drey Jahren, den wir bey uns haben, ſetze ich ihm an die Seite, das iſt dann ſeine Puppe, damit muß er ſpielen. Macht das Kind etwas das ihm gefaͤllt: ſo ſage ich ihm, es ſey der leibliche Großpapa. Jſt