PRIMS Full-text transcription (HTML)
Patriotiſche Phantaſien
Herausgegeben von ſeiner TochterJ. W. J. v. Voigt, geb. Moͤſer.
Erſter Theil.
Mit Koͤnigl. Preußiſcher, Churfuͤrſtl. Brandenburg. allergnaͤdigſter Freiheit.
Berlin, beyFriedrich Nicolai,1775.

Patriotiſche Phantaſien. Erſter Theil.

a 2

Vorrede der Herausgeberinn.

Gegenwaͤrtige Stuͤcke, welchen ich den Namen patriotiſche Phantaſien bey - gelegt habe, ſind mehrentheils ſchon in den Beylagen zu den Oßnabr. Intelligenz - Blaͤttern von dem Jahren 1768. und 1769. abgedruckt geweſen; einige wenige waren vor - her in andern oͤffentlichen Blaͤttern erſchienen. Wie ich meinem Vater entdeckte, daß ich ſolche ſammlen, und was ich von dem Ver - leger dafuͤr erhielte, auf eine patriotiſche Art verwenden wollte, antwortete er mir:

〟DuVorrede

Du kannſt es verſuchen, ich beſor - 〟ge aber, daß dasjenige, was auf ei - 〟nem Provinzial-Theater ertraͤglich ge - 〟ſchienen, auf der großen Buͤhne 〟Deutſchlandes nicht gefallen werde. 〟Vieles iſt zu local und bezieht ſich 〟auf einheimiſche Verbeſſerungen, die 〟zum Theil gemacht, zum Theil miß - 〟lungen ſind. Unſre Landes-Leute 〟ſind einzig und allein fuͤr die politi - 〟ſche Moral, und oft habe ich wider 〟meine Gewohnheit deklamiren, oder 〟bekannte Wahrheiten mit einer wich - 〟tigen Mine vortragen muͤſſen, um mir 〟die Aufmerkſamkeit meiner Zuhoͤrer 〟zu erwerben. Daher wird vieles aus -〟waͤrtsder Herausgeberinn. 〟waͤrts einen Erdgeſchmack haben, oder 〟zudringlich ſcheinen, und weil fuͤr 〟dergleichen woͤchentliche Blaͤtter auf 〟dem Glockenſchlag gearbeitet werden 〟muß, vieles von der Hand geſchla - 〟gen oder doch nicht ſo gerathen ſeyn, 〟wie es die große Welt billig fordert. 〟Dieſes kannſt du zu meiner Entſchul - 〟digung ſagen, und alle uͤbrige Com - 〟plimente unterwegens laſſen.

Nun mein lieber Vater! das ſoll auch ge - ſchehen: indeſſen hoffe ich doch nicht zu ſuͤn - digen, wenn ich alle und jede ſo dieſes leſen werden, inſtaͤndig erſuche, das Werk ſtatt mei - ner zu loben, und mir zu meiner guten Ab -ſichtVorrede der Herausgeberinn. ſicht recht viele Kaͤufer zu verſchaffen. Sie ſollen dann auch noch einen zweyten oder drit - ten Theil haben, wenn ihnen damit gedie - net iſt.

J. W. J. von Voigt geb. Moͤſern.

Inn -I

Innhalt.

  • I. Schreiben an meinen Herrn Schwiegervater. 1
  • II. Gedanken uͤber den Verfall der Handlung in den Landſtaͤdten. 7
  • III. Schreiben einer Mutter uͤber den Putz der Kinder. 24
  • IV. Reicher Leute Kinder ſolten ein Handwerk lernen. 26
  • V. Die Spinnſtube, eine Oſnabruͤckiſche Geſch. 41
  • VI. Man ſorge auch fuͤr guten Leinſamen, wenn der Linnenhandel ſich beſſern ſoll. 55
  • VII. Von dem Nutzen einer Geſchichte der Aemter und Gilden. 60
  • VIII. Gedanken uͤber eine Weinrechnung. 64
  • IX. Klagen eines Meyers uͤber den Putz ſeiner Frauen. 67
  • X. Das Gluͤck der Bettler. 70
  • XI. Etwas zur Verbeſſer. der Armen-Anſtalten. 74
  • XII. Von der Armenpolicey unſrer Verfahren. 79 XIII. Vorſchlag zur Verſorgung alter Bedienten. 84
  • XIV. Unvorgreifliche Beantwortung der Frage: Ob das haͤufige Hollandgehen der Oſna - bruͤckiſchen Unterthanen zu dulden ſey? 85
  • XV. Die Frage: Iſt es gut, daß die Untertha - nen jaͤhrl. nach Holland gehen; wird bejahet. 93
  • XVI. Von dem moraliſchen Geſichtspunkt. 109 XVII. Antwort an den Hn. Paſtor Gildehaus, die Hollandsgaͤnger betreffend. 111
  • XVIII. Schreiben einer Cammerjungfer. 115
  • II
  • XIX. Die Schenkung unter den Lebendigen mit Vorbehalt des Niesbrauchs ſolte verbo - ten werden. 117
  • XX. Die gute ſeelige Frau. 120
  • XXI. Die allerliebſte Braut. 125
  • XXII. Schreiben eines alten Rechtsgelehrten uͤber das ſogenannte Allegiren. 134
  • XXIII. Gedanken uͤber die Mittel, den uͤbermaͤſ - ſigen Schulden der Unterth. zu wehren. 136
  • XXIV. Antwort auf verſchiedene Vorſchlaͤge we - gen einer Kleiderordnung. 149 XXV. Der ſelige Vogt. 153
  • XXVI. Schreiben einer Hofdame an ihre Freun - din auf dem Lande. 158 XXVII. Gedanken uͤber die vielen Lotterien. Bey dem Anfange der Oſnabruͤckiſchen Lotterie. 161
  • XXVIII. Troſtgruͤnde bey dem zunehmenden Mangel des Geldes. 167
  • XXIX. Johann konnte nicht leben. Eine all - taͤgliche Geſchichte. 171
  • XXX. Von Verbeſſerung der Bruanſtalten. 176
  • XXXI. Etwas zur Verbeſſerung der Intelli - genz-Blaͤtter. 179 XXXII. Von dem Verfall des Handwerks in kleinen Staͤdten. 181
  • XXXIII. Die Klagen eines Edelmanns im Stifte Oſnabruͤck. 209 XXXIIII. Die Poltick der Freundſchaft. 213
  • XXXV. Es bleibt beym Alten. 216
  • XXXVI. Klage wider die Packentraͤger. 219 XXXVII. Schutzrede der Packentraͤger. 223
  • III
  • XXXVIII. Urtheil uͤber die Packentraͤger. 230
  • XXXIX. Von der Steuer Freyheit in Staͤdten, Flecken und Weichbilden. 234
  • XXXX. Schreiben eines weſtphaͤliſchen Schul - meiſters, uͤber die Bevoͤlkerung ſeines Va - terlandes. 239 XXXXI. Schreiben eines reiſenden Gaſconiers an den Herrn Schulmeiſter. 247
  • XXXXII. Gruͤnde, warum ſich die alten Sach - ſen der Bevoͤlkerung widerſetzt haben. 251
  • XXXXIII. Alſo ſollen die deutſchen Staͤdte ſich mit Genehmigung ihrer Landesherrn wie - derum zur Handlung vereinigen? 257
  • XXXXIIII. Schreiben des Herrn von H. 266
  • XXXXV. Von den wahren Urſachen des Stei - gens und Fallens der Hanſeatiſch. Handl. 269 XXXXVI. Schreiben einer Dame an ihren Ca - pellan uͤber den Gebrauch ihrer Zeit. 278 XXXXVII. Antwort des Hrn. Commendeurs auf das Schreiben einer Dame, uͤber den Gebrauch ihrer Zeit. 282
  • XXXXVIII. Darf ein Handwerksmeiſter ſo viele Geſellen halten als er will? 286
  • XXXXIX. Haben die V. des Reichsabſch. von 1731. wohl gethan, daß ſie viele Leute ehr - lich gemacht haben, die es nicht waren? 287
  • L. Vorſchl. zu einem beſond. Advocatencollegio. 292
  • LI. Ueber die Art und Weiſe wie unſre Vorfah - ren die Proceſſe abgekuͤrzet haben. 295
  • LII. Vorſchlag zu einer Korn Handlungscom - pagnie auf der Weſer. 307
  • IV
  • LIII. Von dem unterſchiedenen Intereſſe, wel - ches die Landesherrn von Zeit zu Zeit an ih - ren Staͤdten genommen haben. 313
  • LIIII. Der hohe Styl der Kunſt unter den Deutſchen. 317
  • LV. Von dem Urſprung der Amazonen. 323
  • LVI. Kurze Geſchichte der Bauerhoͤfe. 325
  • LVII. Schreiben einer Frau an ihren Mann im Zuchthauſe. 333
  • LVIII. Ein Projekt das nicht ausgefuͤhret wer - den wird. 337
  • LIX. Beantwortung der Frage: Iſt es billig, daß Gelehrte die Criminalurth. ſprechen? 338 LX. Schreiben uͤber ein Projekt unſerer Nach - baren, Coloniſten in Weſtphalen zu ziehen. 344
  • LXI. An meinen Freund zu Oſnabruͤck, uͤber die Beſchwerlichk. Coloniſten anzuſetzen. 352
  • LXII. Ueber die Veraͤnderung der Sitten. 356
  • LXIII. Aufmunterung und Vorſchlag zu einer weſtphaͤliſchen Biographie. 358 LXIV. Vorſtellung zu einer Kreisv. um das Brandteweinsbr. bey dem zu beſorgenden Kornmangel einzuſtellen. 363
  • LXV. Von der Neigung der Menſchen, eher das Gute als das Boͤſe von andern zu glauben. 367
  • LXVI. Klagen einer Hauswirthin. 368 LXVII. Alſo ſoll man die Auſſuchung der Spitz - buben, Vagab. nicht bey Nachte vornehm. 371
I.1

I. Schreiben an meinen Herrn Schwie - gervater.

Endlich iſt es mir, Gott Lob! gelungen, meine Frau hat ihre Puppen fortgeſchickt, und dieſe Veraͤnderung macht ihrer Erzie - hung noch die meiſte Ehre. Das Kam - mermaͤdgen hat die Gelegenheit dazu ge - geben. Sie und meine Frau waren des Nachmittags ſpatzieren, oder wie ſie es nennen, philoſophiren geweſen, und erſtere war bey ihrer Wiederkunft mit einem Abſatze ein klein wenig in die Miſtpfuͤtze gerathen. Ich ſtand eben vor der Thuͤr, aber ohne bemerket zu werden, und da gieng es nun an ein erzehlen, an ein lachen, und an ein leben, das faſt eine Stunde waͤhrete; alles uͤber die kleine Geſchichte von dem Fuße und der Miſtgrube. Meine Frau ergetzte ſich mit, und es war nicht anders, als wenn die Kinder einen Vogel gefangen haͤtten. Ich trat endlich hervor und ſagte: Es thut mir leid! aber Louiſe, die Kuh bloͤkt ſo ſehr; will ſie nicht einmal zuſehen, was ihr fehlt? Das waͤre eine artige Commißion, ſagte das ſchnaͤppiſche Maͤdgen, und fragte mich, ob ich wohl jemals eine Dame mit einer Kapriole und einer Saloppe im Kuhſtalle geſehen haͤtte? Ich ſchwieg, und dach - te, es iſt noch nicht Zeit. Wie aber das Kammermaͤdgen eine eigne Tafel verlangte, und die kleine Magd, welche ihr

Möſers patr. Phantaſ. I. Th. Azur2Schreiben an meinen

zur Aufwartung iſt, nicht mit der Viehmagd eſſen wolte: ſo nahm ich endlich Gelegenheit, mit meiner jungen Frau dar - uͤber im Ernſt zu philoſophiren. Die heutige Erziehung der Toͤchter bemerkte ich, iſt zwar wuͤrklich ſehr gut: man giebet ihnen feinere Sitten, Geſchmack und Verſtand; allein es iſt auch eine nothwendige Folge davon, daß die Haut auf der Zunge feiner, die Haͤnde weicher, und alle Sinnen ſchwaͤcher werden, als ſich jene Faͤhigkeiten vermehren. Es iſt eine ſehr wahrſcheinliche Folge, daß der Verſtand, welcher die Wiſſenſchaften kennet und liebet, ſich ungern mit Erfahrungen in der Kuͤche abgeben werde; und endlich muß diejenige Toch - ter ſchon einen ſehr großen Grad von Vernunft beſitzen, wel - che bey einem feinen Geſchmack und einer vorzuͤglichen Ein - ſicht ihre edlere und zaͤrtlichere Glieder nicht in alle die krau - ſen, gehackten, gezierten, friſirten und Namenloſen Huͤllen kleiden ſoll, wodurch jetzt ſo viele zu einer ordentlichen Haus - arbeit ungeſchickt werden. Wann eine Perſon von vorneh - men Stande ſich dergleichen erlaubt, ſo denkt man endlich, ſie ſey zum Muͤßiggange privilegirt; und die vornehmen Haushaltungen wuͤrden ſchon ſo lange mit Unordnung gefuͤh - ret, daß man es geſchehen laſſen muͤſſe. Bey Menſchen Ge - denken hat man wenigſtens kein Exempel, daß in einer adli - chen Haushaltung etwas betraͤchtliches eruͤbriget worden. Allein wenn der zweyte Rang dem erſten; der dritte dem zweyten; und der vierte dem dritten in dieſer komiſchen Rolle folgt, ſo muß die davon abhangende Haushaltung zuletzt jene Wendung auch nehmen, und wir werden in einem friſirten Hemde unſere Pacht verlaufen muͤſſen. Jetzt, mein liebes Weib, kannſt du noch die Ehre haben, ein Original zu wer - den; du kannſt dich freywillig herablaſſen, und alle die An - toillage, alle dieſe groſſe Beaute, und dieſen verdammten Marly, welcher dem gemeinen Beſten jetzt hundert tauſend

Haͤn -3Herrn Schwiegervater.

Haͤnde ſtiehlt, mit einer ſchicklichern Kleidung vertauſchen, ohne daruͤber roth werden zu duͤrfen. Gott hat uns Mittel gegeben; daher koͤnnen wir es mit Anſtand thun. Wir koͤn - nen keinen gluͤcklichern Gebrauch von unſerm Vermoͤgen ma - chen, als wenn wir die ſchwachen Toͤchter, welchen nichts als ein großes Exempel fehlet, vor der Verſuchung bewahren in gleiche Ausſchweifung zu fallen. Die Muͤtter werden dich preiſen, und die Vaͤter mit Vergnuͤgen auf ihre Kinder ſehen, wenn ſie ſolche nicht mehr als koſtbare Zierpuppen betrachten duͤrfen; und wie zaͤrtlich, wie aufrichtig wird dir das min - der begluͤckte aber auch ehrgeizige Maͤdgen danken, welches ſich jezt, da es ihm an dem Vermoͤgen zu ſo vielen uͤberfluͤßi - gen Nothwendigkeiten fehlet, entweder verſteckt, oder fuͤr eine neue Friſur ihre Unſchuld aufopfert. Alle unſere jetzi - gen Moden haben blos das Verdienſt des wunderbaren, des ausſchweiffenden und des koſtbaren. Sie tragen nichts zur Erhoͤhung deiner Reizungen bey. Dieſe werden vielmehr nur verſteckt, beladen, und auf eine recht gothiſche Art ver - ziert. Neuigkeit und Einbildung haben zwar ihre Rechte; und ich verlange nicht, daß du dieſe verleugnen moͤgeſt. Al - lein hebe dich einmal aus dem Schwarm ſo vieler verdienſt - loſen Affen. Erweitere deine Einbildung, und erwege, ob nicht eine heroiſche Verachtung aller Modeſclaven etwas eben ſo neues, und eben ſo reizendes fuͤr deine Einbildung ſeyn werde, als alles, was dein Kammermaͤdgen mit einem diebi - ſchen Blicke der Hofdame entwenden kann? Es iſt jezt die Mode a la grecque zu ſeyn; und dieſe ſolte in der edelſten Ausbildung des menſchlichen Koͤrpers beſtehen. ....

Ich weis nicht, wie mir dieſes alles in einem Odem vom Herzen fiel, und woher meine kleine Frau die Gedult nahm, dieſen lehrenden Ton zu ertragen. Inzwiſchen muß ich ihr zum Ruhm bekennen, daß ſie mir in allem Beyfall

A 2gab;4Schreiben an meinen

gab; und kaum waren acht Tage verfloſſen, ſo kam ſie auf einmal mit den Worten in die Stube getreten: Nun ſieh mich a la grecque. Nie hatte ich ſie ſo reitzend geſehen. Eine allerliebſte Bauren-Muͤtze bedeckte ihr ſchoͤnes Haar, das ohne Kunſt aufgemacht war, und ſich nur ſo weit ſehen ließ, als man es gerne ſiehet. Durch ein Camiſol mit kur - zen Schoͤſſen druͤckte ſich der ſchoͤnſte Wuchs und noch etwas mehrers aus. Die Ermel an demſelben giengen nicht weiter als bis an den Ellenbogen: und waren frey von dem dreyfa - chen Geſchleppe, wodurch ſie vordem immer gehindert wurde, einem hungerigen Manne einen guten Biſſen mit eigener Hand vorzulegen. Ein netter und huͤbſcher Rock ſchien mit einigem Unwillen den feinſten Fuß zu verrathen, den ein weiſſer Strumpf und ein ſchwarzer Schuh weit gelenker zeig - te, als vorhin, da er mit Stof und Band beſchweret und von einem großen Geſchleppe gefeſſelt war. Kaum hatte ſie mei - nen Beyfall aus meinen entzuͤckten Blicken geleſen: ſo fuͤhrte ſie mich in die Kuͤche, wo die friſche Butter bereit ſtund, welche ſie jetzt mit eigener Hand wuſch; waͤhrender Zeit ihr junger ſchlanker Koͤrper in jeder Bewegung eine neue Reitzung zeigte. Ihr ganzes Geſichte ſchien ſich veraͤndert zu haben. Denn anſtatt, daß ſie vorhin zu ihrer Dormeuſe a la Tching - Tchang - fy,*)Dieſe neue Chineſiſche Art von Dormeuſen iſt oben mit ei - ner Springfeder, die, wenn man die Stirn kraus zieht, beyde Fluͤgel vorn zuſammen ſchlaͤgt. Da die Chineſiſchen Cammer-Jungfern die ganze Ingenieur-Kunſt verſtehen, und ſowol die Angrifs - als Vertheydigungs-Anſtalten ei - nes jeden Kopfs beurtheilen und dirigiren muͤſſen: ſo ſind dergleichen große Erfindungen in dieſem Lande ſehr ge - mein. eine Haut, wie Eſels-Milch, und ein paar unreifer Augen gebrauchte: ſo war ſie jetzt nichts denn Feuer und Leben; und wie wir auf den Acker giengen, konnte ſie

Bei -5Herrn Schwiegervater.

Beine und Haͤnde gebrauchen, da vorher jede Furche fuͤr ſie ein fuͤrchterlicher Grabe, und jeder Steig ein Rieſengebuͤr - ge war.

Seitdem haben wir nun unſern neuen Plan noch mit mehrer Ueberlegung ausgearbeitet. Das Cammer-Neglige, welches ſonſt von acht Uhr bis um 10 des Morgens waͤhrete, iſt voͤllig abgeſchaft; und ſo wie ſie aufſteht, iſt ſie in ihrer kurzen Kleidung geputzt. Das große Neglige, womit ſie ſonſt bey Tiſche erſchiene; wird im Hauſe gar nicht mehr getragen; und alſo auch des Nachmittages nicht zum drittenmal veraͤn - dert, wie ſonſt geſchahe, wenn etwan ein Beſuch vermuthet wurde. Des Abends aber faͤllt der Nacht-Tiſch von ſelbſt weg, indem keine tauſend Nadeln auszuziehen, und keine hundert koſtbare Kleinigkeiten wegzukramen ſind. Durch dieſe Anſtalten gewinnet ſie taͤglich ein plus von acht Stun - den in ihrem wuͤrklichen Leben; welche, da ſie nun zum Be - ſten unſrer Haushaltung angewandt werden, mich nicht allein vor Schaden bewahren, ſondern auch durch Gottes Segen in den Stand ſetzen werden, ein ehrlicher Mann zu bleiben. Das Cammermaͤdgen haben wir in ihrem groͤßten Staat, in unſrer beſten Gutſche, nach der Stadt zuruͤck geſchickt; und meine Frau und ich haben die Dame zu Pferde begleitet. Denn ſie reitet nun auch, und dies iſt ein nuͤtzliches Vergnuͤ - gen, das den Koͤrper ſtaͤrkt, und den Muth des Geiſtes un - terhaͤlt, welchen eine Landhaushaltung erfordert.

Wenn wir einen Beſuch erhalten: ſo empfaͤngt ihn meine Frau in ihrer jetzt gewoͤhnlichen Kleidung, mit einem ſo heroiſchen Anſtande, daß ein jeder ihre großmuͤthige Ver - leugnung bewundert. Da ihrem Anzuge an Reinlichkeit und edler Schoͤnheit nichts fehlet: ſo kann ſie ſich darinn zeigen, ohne den Wohlſtand zu verletzen; und unſer Denkungsart

A 3iſt6Schreiben an meinen Herrn Schwiegervater.

iſt ſo bekannt, daß wir keine uͤble Auslegung befuͤrchten duͤr - fen. Im uͤbrigen aber koͤnnen ſie verſichert ſeyn, daß die Geſellſchaft gerne bey uns iſt; indem Munterkeit und Gefaͤl - ligkeit ſich uͤber alles verbreiten, und das, was wir unſern Freunden vorſetzen, durch die Aufmerkſamkeit meiner Frau merklich verſchoͤnert wird.

Verſuchen ſie es, und kommen zu uns. Die Schnurre, welche ſie Wiſſenſchaft heiſſen, und dem ſchoͤnen Geſchlecht ehedem anprieſen, iſt bey uns ordentlich zum Gelaͤchter ge - worden. Die Arbeit, dieſer Fluch, womit Gott das menſch - liche Geſchlecht ſegnete, giebt uns wahres und dauerhaftes Vergnuͤgen; und wir leſen auſſer der letzten Abendſtunde nicht leicht ein Buch; indem wir einmal uͤberzeuget ſind, daß der Menſch nicht zum Schreiben und leſen, ſondern zum Saͤen und Pflanzen geboren ſey; und daß derjenige, welcher ſich beſtaͤndig damit beſchaͤftiget, entweder keine geſunde Seele, oder ſehr viele lange Weile haben muͤſſe. Die Quelle alles wahren Vergnuͤgens iſt Arbeit. Aus dieſer kommt Hunger, Durſt und Verlangen nach Ruhe. Und wer dieſe drey Be - duͤrfniſſe recht empfindet, kennet Wolluſt.

Leben Sie wohl, und beſuchen uns bald.

II.7

II. Gedanken uͤber den Verfall der Handlung in den Landſtaͤdten.

.... Wir muͤſſen uns ſchaͤmen, wenn wir an unſere Vorfahren in der deutſchen Com - pagnie (die Hanſe) gedenken. Alles, was wir jezt in den Landſtaͤdten thun, iſt dieſes, daß wir unſere Manufacturen einem Bremer oder Hamburger vertrauen, und uns durch die - ſelben herumfuͤhren laſſen. Mancher iſt gar ſo feige, oder geldbeduͤrftig, daß er gleich in Bremen und Hamburg ver - kauft, und ſich dem Preiſe unterwirft, welchen die auf der Boͤrſe daſelbſt verſammleten Aufkaͤufer ſeiner Verlegenheit oder ſeiner kurzen Einſicht beſtimmen. Die Laune eines Seeſtaͤdters, eine Zaghaftigkeit, welche ihm ſeine groͤßere Verwickelung in mehrern Orten des Handels auf einen Poſt - tag zuziehet; eine zufaͤllige Veraͤnderung des Wechſels; eine vortheilhaftere Fracht; die Zeit, welche er noch abwarten kann; die Noth des Verkaͤufers und andere Zufaͤlle entſchei - den den Vortheil des Mannes, der den ganzen Verdienſt ha - ben ſolte; und der Kuppler entfuͤhret ihm die Braut. Kaum wiſſen unſre Landſtaͤdter die Zeit, wenn ihre Waaren am be - ſten gehen. Sie verkaufen ihr Korn nach der Erndte, ihr Linnen um Pfingſten, und bekuͤmmern ſich nicht darum, wenn die Flotten aus England und Spanien nach Oſten und We - ſten abgehen, und der Factoriſt an der Stelle den verlegenen Schiffspatron zuͤchtiget, oder doch an der Waare, wobey die erſte Hand ſich kaum das Leben gefriſtet, noch dreyßig vom Hundert gewinnet. Alles, alles wird dem Seeſtaͤdter gelaſ -A 4ſen,8Gedanken uͤber den Verfallſen, der mit runzelnder Stirne und hangenden Lippen die Ungedult des Landſtaͤdters, der ihm ſeinen Segen feilbietet, oder auf den Hals ſchicket, und Geld und Waare darauf nimmt, haͤmiſch demuͤthiget.

Wie erweitert, wie ſtark, wie gluͤcklich waren dagegen die Einſichten unſerer Vorfahren in der deutſchen Compagnie? Sie bedienten ſich zwar des Schiffbodens der Seeſtaͤdter: Allein ſie verkauften ihre Waaren nicht auf dem Bremiſchen Markte, ſie uͤberlieferten ſich nicht mit Leib und Seele der Aufrichtigkeit eines Hamburgers. Fuͤr eigene Rechnung wurde ihre Waare eingeladen. An dem Orte ihrer Beſtim - mung zu Bergen, Londen, Novogrod, Bruͤgge und ander - waͤrts hielten ſie ihre eigene Bediente, ihre eigne Packhaͤuſer und ihren eignen Markt. Ihre Bediente, welche ſolcherge - ſtalt an allen Enden der Welt waren, gaben ihnen getreue Berichte. Sie ſahen nicht durch die Brillen der Seeſtaͤdt - ſchen Unterhaͤndler. Sie lieſſen ſich nicht von einigen Ne - benbuhlern unterbohren, ſondern wußten gleich, wenn und warum eine Waare nicht mehr zog; wie ſich Geſchmack und Nothdurft aͤnderten, wer beſſere Preiſe gab, wodurch dem - ſelben der Rang abzugewinnen, was fuͤr Farben und Strei - fen den Vorzug hatten, welche Moden am liebſten, und in welchem Stuͤcke es auf die Guͤte der Sache, oder nur auf den Glanz ankam, wo ſich neue Quellen eroͤfneten, und welche Handlungsmaxime der fremde Staat faßte. Jede Veraͤnde - rung wurde ihnen zeitig, gruͤndlich und von getreuer Hand bekannt, jede Theurung oder Thorheit unmittelbar und ſchnell genuzt, jede Ausſicht ſchleunig eroͤffnet, und jede Unterneh - mung derſelben angemeſſen. Alle Zahlungen giengen ohne Umſchweife, und die Seeſtaͤdte mußten ihren Wechſel aus den Landſtaͤdten in der Hanſe kaufen.

Jezt9der Handlung in den Landſtaͤdten.

Jezt iſt es einem Seeſtaͤdter leicht, den Handel eines ganzen Landes zu verderben. Ungeſtraft macht er die Wap - pen und Zeichen anderer Laͤnder nach, druͤckt ſolche auf ſchlechte Waare, und verlaͤumdet damit die Redlichkeit des Mannes und des Orts, der mit aller Treue ſeinem Zeichen und Wap - pen Ehre zu machen ſuchte. Er veraͤndert das Gewicht, ver - kuͤrzt die Elle, und verkauft polniſch fuͤr preußiſch, bis endlich die Empfaͤnger der ſchlechten Waare uͤberdruͤßig auf eine neue Spur geleitet und durch andere Laͤnder oder Waaren beſſer verſorget werden. Wo iſt itzt der Landſtaͤdter, der ſich ruͤh - men kann, einige Nachricht aus dem wahren Sitze der Hand - lung zu empfangen, die Urſache eines ſteigenden und fallenden Wechſels zeitig zu bemerken, ſeinen Plan auf ſichere Gruͤnde zu bauen, die Beduͤrfniſſe jeder Colonie, jedes Reiches zu kennen, und ſofort ſeine Maasregeln darnach zu nehmen? Kaum kann er noch eine geringe Zahlung durch eigene Wech - ſel verrichten. Moſes und Abraham rechne ich aber nicht mit. Dieſe koͤnnen freylich Wechſel in Menge ſchreiben; aber darf man fragen wie? Und koͤnnen wir ohne Erroͤthen daran gedenken? Sie laſſen die Wechſel in Bremen, Hamburg oder Amſterdam aufkaufen, ſchicken ſolche zur Erhebung an ihre Freunde in Spanien oder England, und verkauffen uns denn ihre Anweiſungen auf das erhobene Geld. Der Hamburger, Bremer oder Hollaͤnder gewinnet alſo daran ein halbes vom Hundert. Der Englaͤnder und Spanier eben ſo viel, und Moſes und Abraham ſicher ein ganzes. Und woher ruͤhren dieſe Gelder? Sind es nicht Zahlungen, die wir aus Spa - nien und England zu fordern hatten? Geſchehen ſie nicht fuͤr Waaren, die man aus dem Lande nach den Seeſtaͤdten ge - ſchickt hatte? Und verkauft man uns nicht unſer eigen Geld? Erſt ſchnellen uns die Seeſtaͤdter um die Waare, und nun pluͤndern ſie unſern Beutel. Kann man ſich etwas ſchimpfli -A 5chers10Gedanken uͤber den Verfallchers vorſtellen, und wuͤrde nicht ein Kind aus der alten Hauſe ſagen, wir haͤtten allen Verſtand verlohren?

Dies iſt aber die Sache nur noch von einer Seite; von der Seite, wie wir unſere eigene Producten und Manu - facturen durch die Haͤnde der Seeſtaͤdter los werden, betrach - tet. Nimmt man nun auch vollends die andere, wie wir un - ſere Beduͤrfniſſe, und den ſogenannten nothwendigen Ueber - fluß aus fremden Laͤndern erhalten, hinzu: ſo vermehret ſich der Schade der Landſtaͤdter nach dem Maaße, als die Einfuh - re die Ausfuhre jezt uͤberwieget. Unſere Vorfahren im Han - ſiſchen Bunde, da ſie an den Enden der Welt ihre Factoreyen hatten, erhielten nothwendig alles ohne Mittel und aus der erſten Hand. Sie kauften die Heringe nicht von den Hol - laͤndern; ihr Factor zu Bergen ließ ſie ſelbſt fangen. Sie kauften den Leinſamen nicht um Oſtern zu Bremen, ſondern im Herbſt von dem Landmanne an dem Orte, wo er waͤchſt, oder doch wenigſtens auf dem Markte zu Riga oder in der Li - bau. Jeder Kaufmann, der in einer Hanſeſtadt wohnte, ließ den Thran bey ſeiner Factorey in Bergen ſieden, ſeine Fiſche daſelbſt ſalzen oder trocknen, und die Kaufleute der Stadt Soeſt hatten ſo vieles fuͤr eigene Rechnung auf der See, daß es ihnen der Muͤhe verlohnte, beſondere Freyheitsbriefe von dem daͤniſchen Monarchen zu nehmen. Wo aber iſt jezt der Geiſt einer gleichen Unternehmung? Wie viele ſind in der Hauptſtadt, die nur einmal den Reis aus England ziehen? und gleichwohl ſchickt ihn der Englaͤnder ohne Zahlung nach Bremen, und wartet gern ein Jahr auf ſein Geld. Wer kauft nicht ſeinen Toback bey fuͤnf oder ſechs Faͤſſern in Bre - men, und laͤßt ſich nicht oft dasjenige, was bey der Stuͤrzung in England als ſchadhaft von dem Gewichte der Tonne abge - zogen wird, fuͤr gute Waare verkauffen? Wer achtet auf die Schiffe, welche in England aus den Marylaͤndiſchen Coloniendamit11der Handlung in den Landſtaͤdten. damit ankommen? Wer hat im voraus einige Nachricht, wie der Jahrwachs daſelbſt gerathen? Wer unterſcheidet die gu - ten Glaßgowiſchen und Liverpoliſchen Preiſe von den London - ſchen? Wer weis die Rechte eines jeden Hafens und den Ein - fluß, welchen ſolche auf eine Waare haben? Dies uͤberlaͤßt man der Aufmerkſamkeit des Hamburgers und Bremers; und dieſer allein ziehet den Vortheil ohne Arbeit. Bey dem letz - teren Verkauf der Oſtindiſchen Compagnie in Amſterdam ſahe man italiaͤniſche und franzoͤſiſche Gewuͤrzhaͤndler: aber kei - nen einzigen deutſchen in Perſon. Gleichwol hatte man eine neue Art von Verſteigerung durch Uebergeboth eingefuͤhret, welche die Gewuͤrze merklich theurer, und die Ausrichtung durch die Maͤckler fuͤr die Zukunft weit bedenklicher machen wird. Alles, was man von deutſcher Aufmerkſamkeit dabey bemerkte, war dieſes, daß der feine Canel fuͤr Italien, der mittlere fuͤr Frankreich und die ſchlechteſte Borke fuͤr Deutſch - land erhandelt wurde.

Wie weit ſind dieſe Grundſaͤtze von den Grundſaͤtzen der ehemaligen Hanſe entfernet. Dieſe betrachtete die See - ſtaͤdte als bloße Niederlagen. Sie behauptete zum Vortheile der Seeſtaͤdte, daß jede Bundſtadt nur ihre eigene Waaren ausfuͤhren ſollte und zum Vortheile der Landſtaͤdte, das jede Manufactur an dem Orte, wo ſie fiele, zur Vollkommenheit gebracht werden muͤßte. Dieſem großen Geſetze zufolge, wel - ches, wie man insgemein glaubt, die Koͤnigin Eliſabeth nach - her der ganzen Welt zur Regel und zur ewigen Grundlage des engliſchen Handels gemacht hat, durfte der Seeſtaͤdter ſich nicht unterſtehen, das Faͤrberlohn an einem Stuͤcke Tuche zu gewinnen, oder ein Stuͤck Linnen zu glandern, welches nicht dort gemacht war. Man ſahe ein, daß es dem See - ſtaͤdter an wohlfeilen Haͤnden mangelte, um die Spinnereyzu12Gedanken uͤber den Verfallzu beſtreiten; und daß es ihm im Gegentheile leichter fiele, einem rohen Stuͤcke Tuch Farbe und Glanz zu geben. Man ſahe ein, daß, wenn ihnen dieſes geſtattet wuͤrde, die Land - ſtaͤdte nur fuͤr die Seeſtaͤdte arbeiten, und dieſe zuletzt ſich der Handlung und des wahren Vortheils bemeiſtern wuͤrden.

Was wuͤrden die Maͤnner von ſolchen Einſichten den - ken, wenn ſie hoͤrten, daß jene zwey große Geſetze als die wichtigſte Erfindung dem Engliſchen Genie zugeſchrieben, und in Deutſchland in ihrem ganzen Umfange kaum noch begriffen wuͤrden? wenn ſie hoͤrten, daß jezt in den Seeſtaͤdten alle Ar - ten von Fabriquen beſtehen, und von dort her Huͤte und Struͤmpfe in die Landſtaͤdte geſchickt werden koͤnnen? Sie wuͤrden glauben, die Welt haͤtte ſich umgekehret, und die Handarbeit ſey wohlfeiler in der Seeſtadt, als in der Land - ſtadt. Unſere Gelehrten beſchreiben uns die Hanſiſchen Kriege, aber nicht den Geiſt der damaligen Handlung. Leben und Thaten eines Luͤbeckiſchen Buͤrgermeiſters ſind ihnen ſo wich - tige Gegenſtaͤnde, daß ſie die Thorheit einer handelnden Com - pagnie, die in das Eroberungsſyſtem verfaͤllt, nicht einmal ahnden. Auch damals haben die Seeſtaͤdter die deutſche Land - handlung einem Schwindelgeiſte aufgeopfert. Iſt denn aber den Landſtaͤdten der Weg nach andern Gegenden verſperret? Sind ihnen die Schottiſchen Fabriquen und Hafen unentdeckt? Iſt ihnen Oporto und Bourdeaux mehr, als den Seeſtaͤdtern, verſchloſſen? Koͤnnen ſie nicht eben ſo gut, als dieſe, ihre Factoren in Liſſabon und Cadix haben? Koͤnnen ſie nicht eben ſo gut, als ein Englaͤnder und Hollaͤnder, nach allen Spani - ſchen und Portugieſiſchen Colonien handeln, wenn ſie ein Packhaus in Liſſabon, und den Namen eines Spaniers oder Portugieſen miethen? Verleihet ein Buͤrger in London ſei - nen Namen einzig und allein an einen deutſchen Seeſtaͤdter? Oder13der Handlung in den Landſtaͤdten. Oder iſt es unmoͤglich, an jedem Orte einen Freund zu fin - den, der gegen einigen Genuß des Vortheils, auf aller Welt Beduͤrfniſſe Acht giebt; neue Ausſichten eroͤfnet, und blos die Stelle eines getreuen Spediteurs, vertritt? Und koͤnnten un - ſere muͤßigen Reſidenten nicht in mancher Abſicht dem Staate dienen?

Man wird einwenden, daß man auf ſolche Art ſein Gut dem Meere und unbekannten Perſonen vertrauen, drey Jahre auf den Umſchlag warten, aus dem Spaniſchen und Portugieſiſchen Indien Waare zuruͤck nehmen, und fuͤr letz - tere einen großen Markt haben muͤſſe. Eine Ladung Oel, Zitronen, Roſinen, Weine, Wolle, Domingo, Indigo und dergleichen Waaren, welche Spanien zuruͤck gebe, wuͤrde eine Landſtadt nicht mit Vortheil verſchlingen koͤnnen, und letzteres ſey der wahre Vorzug der Seeſtaͤdte, wodurch ſie ſich der Handlung bisher allein bemeiſtert haͤtten. Allein Un - ſicherheit iſt die Seele des Handels; und je laͤnger man auf ſein Geld warten muß, je groͤßer iſt auch der Vortheil, weil Kraͤmer und Schleicher, die ihrer wenigen Pfennige gleich wiederum beduͤrfen, ſich nicht daran wagen, und den Han - del verderben koͤnnen. Blos die letzte Schwierigkeit wuͤrde erheblich ſeyn; wenn der Bremer und Hamburger Buͤrger den Markt fuͤr ſich allein, und Auswaͤrtige nicht die Frey - heit haͤtten, auf dieſem Markt im Großen zu verkaufen. Ein Landſtaͤdter kann alle ſeine Spaniſche Ruͤckfrachten dort able - gen, verkaufen, und an alle Ende der Welt gehen laſſen. Er darf nur Kunden auf dem Lande haben, und, wenn er denn beſſere Preiſe, als der Bremer geben kann, ſo wird die - ſer keinen Vorzug vor ihm gewinnen. Beſſere Preiſe aber kann er geben; wenn er die Waare, als zum Exempel das Linnen, welches der Bremer in Bezahlung nach Spanien oderun -14Gedanken uͤber den Verfallunter eines Spaniers Namen nach den Indien geſchickt, und aus den Landſtaͤdten gekauft hat, unmittelbar dahin verſendet. Sollte Hamburg und Bremen nicht wollen; ſo iſt Harburg und Emden offen; und beyden fehlet nichts, als Ruͤckfracht in die Fremde.

Man denke nicht, daß der Neid zu ſtark dagegen ar - beiten wuͤrde: Der deutſche Seeſtaͤdter iſt verlegener, als man glaubt. Er wuͤnſcht, und der Hollaͤnder wuͤnſcht es mit ihm, daß aus Deutſchland jaͤhrlich zehen tauſend Schiffsla - dungen ohne ſeine Gefahr abgehen, und ihm weiter nichts, als die Packhausheuer, die Beſorgungsgebuͤhr und die Schiffs - fracht einbringen moͤchten. Er verlanget nicht fuͤr eigene Rechnung zu handeln, und erkennet gern, daß Luͤbeck und Hamburg zur Zeit der Hanſe groͤßer durch die Waarenlager von Deutſchland, als durch eigenen Handel geworden. Zu dieſem Preiſe wird er ſeinen Lieblingshandel mit Franzoͤſiſchen Weinen gern den Landſtaͤdten ſelbſt uͤberlaſſen; und noch et - was mehr, als Tonnenſtaͤbe nach Frankreich zuruͤck fuͤhren koͤnnen. Es fehlet ihm oft an Ruͤckfrachten; und er muß gleich den Schweden in Ermangelung einiger Waaren bey den Fremden ein Fuhrlohn verdienen. Allein der Landſtaͤdter muß die Entwuͤrfe machen, und den Seeſtaͤdter leiten. Er muß wiſſen, was fuͤr Waaren aus Cuͤraſſeau oder St. Euſta - che am beſten verſchleifet; was in der Levante erfordert, und in Norden gebrauchet wird. Der Seeſtaͤdter, ſo lange er blos ſeine Gebuͤhren fuͤr die Beſorgung ziehet, wird ihm kei - nen Faktor in Smirna halten, und nicht fuͤr den Verkauf der Waare an den Orten der Abladung einſtehen. Dies muß der Landſtaͤdter ſelbſt wiſſen, und dieſe Idee hat er jetzt voͤl - lig verlohren. Wenn ihm eine Pflanzung in Suriname an - geboten wuͤrde; wenn er ſeinen Caffee dort ſelbſt bauen laſ -ſen15der Handlung in den Landſtaͤdten. ſen ſollte; er wuͤrde glauben, in einer ganz neuen Welt zu ſeyn. Und gleichwol iſt er ſo nahe dazu, als ein anderer, und durch die Umſtaͤnde zu weiter nichts verbunden, als ſeine Erndte in Holland auszuladen.

Die ganze Levante ſteht ihm offen; der Hollaͤnder hat den Handel, theils weil er der keinen Vortheile ſatt war; theils weil er aus Deutſchland mit keinen Waaren verſorgt wurde, eine ganze Zeit uͤber vernachlaͤßiget. Der aufmerk - ſame Englaͤnder hat ihn verdrungen, und die Leidener Tuch - fabrique, welche in der Tuͤrkey noch beruͤhmter, als in Deutſchland war, iſt daruͤber verſunken. Allein, in Deutſch - land hat niemand darauf gedacht, einige Produkten nach der Levante zu ſchaffen.

Keiner gedenkt ſich in Alexandrien einen Markt zu machen, oder aus Cairo etwas zu erhalten, man laͤßt dem Englaͤnder dort ſeinen Tuͤchern den Preis ſetzen, und das aͤrmeſte Staͤdtgen in Deutſchland wagt es nicht, die ſeinigen dorten wohlfeiler auszubieten. Was die Amerikaniſchen Co - lonien den Englaͤndern, und was England der Stadt London iſt; das ſollte Deutſchland den Hollaͤndern und uͤbrigen See - ſtaͤdten ſeyn koͤnnen. Oder ſollte eine Schiffsladung von Schuhen aus London wohlfeiler abgehen koͤnnen, als aus Bremen? Und ſollten ſelbige, wenn ſie rechtſchaffen gemacht werden, nicht eben ſo viel Kaͤufer in den Spaniſchen Indien finden, als andere, die unter dem Namen eines Spaniſchen Einwohners dahin gehen? Jetzt iſt es freylich die Zeit nicht mehr, auf die Schuhe zu gedenken, nachdem die Ameri - kaniſchen Colonien das Leder ſo wohlfeil liefern, daß Deutſch - land bald ſeine Schuhe aus England erhalten wird. In - deſſen findet ein aufmerkſamer Geiſt allemal noch neue Wege. Es gehen noch ganze Ladungen von geſtickten Schuhen ausSachſen16Gedanken uͤber den VerfallSachſen nach Rußland; und der Franzoſe brachte die Feder - muffen wieder in Mode, nachdem er das Rauchwerk aus Canada verlohren hatte. Einer fleißigen Hand iſt nichts unmoͤglich.

Ueberhaupt aber iſt der Deutſche Handel nicht allein in dem aͤuſſerſten Verfall, ſondern wir ſtehen auch in Ge - fahr, unſer Brod mit der Zeit wohlfeiler aus America zu erhalten, als es bey uns gebacken wird. England, das von uns nichts zuruͤck nimmt, und Gottes Wort fuͤr Con - trebande erklaͤret, wenn es auswaͤrts gebunden iſt, wird unſere offene Haͤfen mit aller Leibes Nothdurft und Nahrung verſorgen; und die Seeſtaͤdter, welche entweder bey der wenigen Ausfuhr aus Deutſchland die Haͤnde in den Schooß legen, oder alle fremde Handlung beguͤnſtigen muͤſſen, werden uns noch mehr Butter, Talg, Wachs, Honig, Hanf und Korn zufuͤhren, uns mit Burton - oder Dorcheſter-Bier traͤnken, und, wenn es ihnen an beſſern Frachten fehlet, aus Noth mit Eis aus Groͤnland handeln. Nach England darf ohne beſondere Erlaubniß des Koͤnigs keine irlaͤndiſche Butter kommen. Allein, in Deutſchland findet ſie uͤberall ihren Markt, und was noch ſchlimmer iſt, Kaͤufer, welche ſie aus Mangel einheimiſcher nehmen muͤſſen. Woher ruͤhret denn dieſes? Und warum befinden wir uns in dieſer Be - duͤrfniſſe? Das einzige, was wir jetzt noch ausfuͤhren, oder den Namen einer Ausfuhre verdienet, iſt Linnen. Auf ſelbigem liegen in England vierzig vom Hundert, wovon auf dasjenige, was nach America 35, und auf dasjenige, was uͤber Liſſabon und Cadix nach Indien gehet, faſt alles zuruͤck gegeben wird.

Geſetzt nun, es kaͤme dahin, wie es bey der vorigen Parlementsſitzung beynahe gekommen waͤre, wenn ſich nichteini -17der Handlung in den Landſtaͤdten. einige beſondere Nebenurſachen ins Mittel geleget haͤtten, daß die 35 vom Hundert auf dasjenige, was nach America gehet, nicht weiter zuruͤckgegeben wuͤrden: ſo iſt nicht der ge - ringſte Zweifel, daß nicht die Schottlaͤndiſchen Fabriken alles Schleſiſche, und die Irlaͤndiſche alles Oſnabruͤckiſche, Ravens - bergiſche, Lippiſche und Weſer-Linnien verdrungen haben wuͤrden. Womit wollte aber denn Deutſchland noch weiter bezahlen? Und woran haͤngt es, daß jener große Entwurf, nach welchem die Americaniſchen Colonien entweder Schott - laͤndiſch und Irriſch Linnen nehmen, oder aber dem Staate die 35 p. C. davon bezahlen ſollten, nicht zum Stande ge - kommen? An einer Furcht vor den Amerikaner, an einem Haß gegen Schottland; an einem Neide der Londonſchen Kaufleute, die, ſo lange das Linnen uͤber Bremen koͤmmt, mehr Meiſter von der Quelle ſind; und an einiger Ruͤckſicht auf die Spaniſche Handlung, wohin das deutſche Linnen den Weg mehr uͤber Holland, wie vor dem, genommen haben moͤchte. Wie leicht moͤgen aber dieſe Bedenklichkeiten nicht verſchwinden, wenn die Seeſtaͤdter ohne Ueberlegung und ohne Gewicht nur immer und aus Noth von den Auswaͤrti - gen abhangen, Weine von Bourdeaux holen, aber nichts als Holz wieder zuruͤck bringen duͤrfen?

Ich erwehne mit Fleiß nichts von der Menge des Caffees, Thees, Zuckers und Weines, welche nunmehro zu den Beduͤrfniſſen eines Bettlers gehoͤren, und Deutſchland auf das ſichtbareſte erſchoͤpfen. Dergleichen Dinge ſind zu klar und zu abgenutzt, als daß ich ihrer erwehnen ſollte. Und die Gefahr kann nicht groͤßer ſeyn, als ſie iſt, wenn man die aͤuſſerſten Beduͤrfniſſe wohlfeiler aus der Fremde ziehet, als daheim bauet; gleichwohl aber mit ſeinen Haͤnden wenig oder nichts ſchaffet, um das Gleichgewicht dagegen zu halten,Möſers patr. Phantaſ. I. Th. Bkei -18Gedanken uͤber den Verfallkeinen Blick in die Welt thut, welche dem Fußgaͤnger, wie dem Reuter, offen ſteht.

Es iſt faſt unglaublich, wie ſehr wir ſeit einigen Jahren die Bilanz der Handlung verlohren haben. Wie lange iſt es, daß hundert Alberts-Thaler 120 Thaler unſerer Muͤnze galten? Und, wie lange ſtehen ſie nun an und uͤber 135? Wer denkt die Zeit, daß der Engliſche Wechſel ſo lange und ſo anhaltend, um und uͤber ſechshundert geſchwebet? Und welcher Menſch in der Welt haͤtte es ſich vorſtellen ſollen, daß England in wenigen Jahren an die zehn Millionen Pf. Sterl. haͤtte nach Deutſchland uͤbermachen koͤnnen, ohne dort ſchuldig zu werden, und den Wechſel gegen ſich zu haben? Fluͤſſe und Haͤfen koͤnnten uns dienen. Allein zufuͤllen und verſenken ſollten wir ſie beynahe, da ſie ihrem Vaterlande ungetreu und fremden dienſtbar werden.

Jedes Seeſtaͤdtgen handelt blos nach ſeiner eigenen Politik, und die Wohlfahrt des Reichs, welche leider mit jedem einzelnem Theile deſſelben contraſtirt, iſt kaum noch, dem Namen nach, bekannt. Aber auch in keinem Friedens - ſchluſſe wird fuͤr die Befeſtigung der Handlung geſorgt. Man hat ſich von Rußland, Frankreich, England und Holland, nie etwas fruchtbares dafuͤr bedungen, und iſt ſtolz, einen Rang - ſtreit ausgemacht, oder eine neue Meſſe angelegt zu haben.

Man glaube aber nicht, daß die Seeſtaͤdte ihren Vore - theil zuerſt von dem Vortheile des Reichs getrennet haben. Den erſten Fehler ausgenommen, welchen ſie jetzt mit der engliſchen Oſtindiſchen Compagnie gemein haben, daß ſie Kriege mit den Reichen anfingen, mit deſſen Einwohnern ſie handeln wollten, ſo ſind es die Landſtaͤdte, welche ſich ihnen zuerſt entzogen, und ſie dadurch in die Nothwendigkeit ge -ſetzet19der Handlung in den Landſtaͤdten. ſetzet haben, alles fuͤr eigene Rechnung zu thun, und in Er - mangelung deutſcher Waaren, uns ſo viel mehr fremde zu - zufuͤhren. Es liegt an uns, daß wir nicht unſern Vortheil mit dem ihrigen wieder vereinigen, und Leute aus ihnen auf - muntern, welche zum Vortheile Deutſchlandes reiſen; neue Oefnungen fuͤr den Handel ſuchen; neue Quellen entdecken; die Beduͤrfniſſe eines jeden Landes ausfinden; den Mitteln, wodurch es jetzt von andern Nationen ausgeholfen wird, nach - ſpuͤren; die Moͤglichkeit, ihm beſſer und wohlfeiler zu dienen, uͤberlegen, und uns denn die Vorſchriften geben, wornach wir in den Landſtaͤdten arbeiten muͤſſen, um ihre Erfahrungen zu nutzen. Dieſes iſt wenigſtens, da wir ſelbſt dergleichen Reiſen nicht unternehmen, und nur mit fremden Augen ſehen wollen, das ertraͤglichſte, und vielleicht braͤchten alle unſere Landſtaͤdte mehr als dreyhundert Fragen zuſammen, welche ſolchen Reiſenden mitgegeben werden koͤnnten.

Es gehet kein Jahr vorbey, daß nicht wenigſtens zehn Englaͤnder der Handlung wegen Deutſchland bereiſen, und ſich Kunden erwerben; zwar ſind es mehrentheils Londoner, welche blos Beſtellungen ſuchen, und eben ſo viel nicht ſcha - den, weil Leute von Einſicht, welche ihre Waaren aus den innern Haͤfen und aus den Landſtaͤdten Großbrittanniens ſelbſt ziehen, ihnen eben das, was ſie anzubieten haben, wohlfei - ler in Deutſchland geben koͤnnen, als es ein Londoner, der ſeine Gebuͤhren auf der Waare und der Zahlung ſuchet, ver - ſchaffen kann. Wie mancher Landſtaͤdter glaubet aber nicht alles gefangen zu haben, wenn er ſeine Waaren nur aus der beſchwerten Themſe erhaͤlt? Und wie ſehr beweiſen dieſe Rei - ſen die Aufmerkſamkeit des Britten? Es war eine Zeit, wo ganz Niederdeutſchland mit den ſogenannten engliſchen Adven - tuͤrers (mercatoribus adventuratoribus) uͤberſchwemmet war. B 2Sie20Gedanken uͤber den VerfallSie hatten ihre Stapel in allen Hanſiſchen Staͤdten, und dieſe mußten ihnen eben das Recht geſtatten, was ſie ſelbſt in ihrer Guildhall, der Hanſiſchen Niederlage in London, ge - noſſen. Nun haben zwar die Englaͤnder den Hanſiſchen ſo viele Schwierigkeit gemacht, daß ſie den Platz raͤumen muͤſ - ſen, und die Adventuͤrers ſind dieſſeits aus ihren Neſtern ge - ſtoſſen. Allein, letzters iſt in der That nur dem Namen nach geſchehen; die Seeſtaͤdter dienen ihnen mit geringeren Unkoſten als Factoren, und die Englaͤnder wuͤrden ein glei - ches fuͤr uns thun, wenn wir nur etwas haͤtten, was ihnen zu gebrauchen beliebte. Letzters aber iſt ſehr wenig. Wir tragen alles, was ſie machen, ſie aber nehmen nur von uns, was ſie ſelbſt nicht hervorbringen koͤnnen. Sie haben ſogar im vorigen Jahre, nachdem die große Geſellſchaft zu Befoͤr - derung der Kuͤnſte einen Preis von hundert Pfund Sterling demjenigen verſprochen hatte, welcher eine gewiſſe Menge Oſnabruͤckſches Linnen, auf gleiche Art und zu gleichem Preiſe, als hier geſchiehet, liefern wuͤrde, das Garn aus Weſtpha - len kommen laſſen, und ſich erſt durch wiederholte Verſuche von der Unmoͤglichkeit uͤberzeugen laſſen. Anfangs wunder - ten ſie ſich, wie wir ſo einfaͤltig ſeyn, und ihnen das Garn zukommen laſſen koͤnnten, ohne das Weberlohn daran zu ver - dienen. Wie ſie aber das Garn faſt theurer fanden als das Linnen, was davon gemacht werden konnte: ſo ſchienen ſie uns doch noch etwas mehr als Klugheit zuzutrauen. Der Britte iſt in der That ſo gefaͤhrlich nicht, als wir glauben. Es giebt nahe bey London ſo ſchoͤne Heyden, als in Deutſch - land; und die Englaͤnder rechnen ſehr maͤßig, wenn ſie auf vierhundert Millionen Quadratruthen wuͤſter Gegenden, blos in England rechnen. Nil deſperandum. Wenn wir uns nur angreifen wollen. Allein, wir kennen die Welt von der Seite der Handlung nicht, und der Seeſtaͤdter treibt dieHand -21der Handlung in den Landſtaͤdten. Handlung als die Alchimie. Sonſt muͤßten wir, die wir unter einer Laſt von Pfenningen ſeufzen, wo der Englaͤnder Pfunde zu entrichten hat, laͤngſt weiter ſeyn, als wir ſind. Alles, was wir zu unſrer Entſchuldigung ſagen koͤnnen, iſt, daß uns der Markt fehle. Woran liegt es aber, daß wir ihn uns nicht verſchaffen? Und, warum muß ein Deutſcher zu Birmingham uns die lackirten Tiſche auf die Meſſe ſchicken? Warum muͤſſen wir eine Sache, als die Fußdecken, wovon die Mode in funfzig Jahren ſo allgemein, als in England ſeyn wird, von Wilton haben? Sollte die Stahlarbeit nicht eben ſo gut auf dem Harze, als in Schweden und England gerathen?

Ein Grund unſers Verderbens liegt in der Schwaͤchung der Handwerker, und in der Ermunterung unſerer Kraͤmer. Man laſſe ſich die Rollen von unſern Handwerkern nur ſeit hundert Jahren zeigen. Die Kraͤmer haben ſich gerade drey - fach vermehret, und die Handwerker unter der Haͤlfte verloh - ren. Der Eiſenkram hat den Kleinſchmid; der Buͤreau - und Stuhlkram den Tiſchler; der Tuchhandel den Tuchmacher; der Goldkram den Bortenwirker; der goldene, haͤrene, gelbe und weiße Knopf den Knopfmacher und Gelbgieſſer verdorben. Und kann man ſich eine Sache gedenken, womit der Kraͤmer jetzt nicht heimlich oder oͤffentlich handelt? Lauret er nicht auf alle Gelegenheiten und Thorheiten, um etwas neues, wun - derbares und fremdes einzufuͤhren? Und kann man ein Exem - pel aufweiſen, daß ein einziger Kraͤmer auch nur einen einzi - gen Handwerker unter ſeinen Mitbuͤrgern, durch ſeine Anlei - tung und Einſicht aufgeholfen habe? Die Rechtshoͤfe, welche die Kraͤmerey fuͤr die Handlung anſehen, und dasjenige, was von der Handelsfreyheit mit Recht gilt, der Kraͤmerey zu gute kommen laſſen, wuͤrden ſich einer Ketzerey ſchuldig zuB 3ma -22Gedanken uͤber den Verfallmachen glauben, wenn ſie eine Handwerks-Gilde gegen die Kraͤmer ſchuͤtzten, ohne, daß erſtere nicht ein Privilegium aufzuweiſen haͤtte. Und, wer iſt denn der Handwerker? Es iſt der Mann, der die Landesprodukten veredelt, an frem - den und rohen die Fruͤchte des Fleißes gewinnet, und dem Staate jaͤhrlich unſaͤgliche Summen erſparet? Was aber iſt der Kraͤmer? Ein Mann der blos fremde, ſie ſeyn Freunde oder Feinde, bereichert; die Wolluſt naͤhret, einen jeden durch neue Arten von Verſuchungen reitzet, den Handwerker und ſei - nen Markt, durch jede neue Mode, ehe er es ſich verſieht, altfraͤnkiſch, durch ſeinen Stolz die Handarbeit veraͤchtlich, und den Juͤngling von Genie zum neuen Kraͤmer macht.

Sind die Handwerker jetzt ſchlecht; ſind ſie eigenſinnig, und theuer: ſo iſt dies nur eine Folge des erſtern. Bey der betruͤbten Ausſicht in die vielen Krambuden kann kein Hand - werker Muth faſſen, er kann nichts wagen, er kann nicht im Großen und mit vielen Haͤnden arbeiten, es verlohnt ſich nicht mehr der Muͤhe Geſchicklichkeit zu haben. Wer Geld hat, wird kein Handwerker, und, wenn alle Kraͤmer dermaleinſt mit Schuhen handeln werden: ſo bedarf ein Schuſter zuletzt nichts mehr, als das Altflicken zu lernen. Der praͤchtigſte Anblick von London zeigt ſich im Gegentheil in den Buden der Handwerker. Jeder Meiſter handelt mit ſeiner Waare, in unſern Landſtaͤdten hingegen arbeitet der Meiſter auf Be - ſtellung; und man ſcheuet ſich zu beſtellen, weil man oft etwas ſchlechtes theuer bezahlen, oder grobe Worte hoͤren muß. Man laſſe ſich aber durch dieſen Cirkelfehler nicht blenden, ſchraͤnke die Kraͤmer ein, und befoͤrdere tuͤchtige Handwerker in genugſamer Menge: ſo wird der Staat nur weniger rohen Materialien beduͤrfen, den Fremden nicht bereichern, und wenigſtens durch Erſparen gewinnen. Man laſſe nur jaͤhrlichvon23der Handlung in den Landſtaͤdten. von Obrigkeits wegen die neueſten Franzoͤſiſchen und Engliſchen Modell-Buͤcher kommen, und den Handwerks-Gilden gegen Erſtattung der Auslagen austheilen. Die Geſchicklichkeit wird ſich bald finden, und eine genugſame Menge der Hand - werker die Preiſe mehr erniedrigen, als alle Kraͤmerey .......

Darf ich es ſagen, daß auch ſogar das Syſtem unſerer Fabriken ungleich ſchlechter ſey, als das alte? Vordem war die Eintheilung ſo, daß alle Fabriken zum Handwerk gehoͤr - ten, und der Kaufmann blos der Verleger und Befoͤrderer des Handwerks blieb. Jetzt hingegen iſt der fabricirende Kaufmann gleichſam der Meiſter; und wer fuͤr ihn arbeitet, nur ein Geſell; und dieſer Geſell arbeitet fuͤr Tagelohn. In einem ſolchen Plan, wenn er nicht von vielem Gluͤcke beglei - tet wird, liegen weit mehr Fehler, als in dem alten: der Tageloͤhner nimmt die Sache nicht ſo zu Herzen; er ſtiehlt manche Stunde; erfordet viele Aufſicht, und eine Reihe von Bedienten, um den richtigen Uebergang der Manufactur aus einer Hand in die andere zu bewahren, zu berechnen und zu balanciren. Der Handwerksmeiſter hingegen, der ſich von jenem, wie der Pachter von dem Verwalter unterſcheidet, koͤnnte dem Kaufmann weit vortheilhafter dienen; und der Staat erhaͤlt Buͤrger ſtatt fluͤchtiger Geſellen. Dieſes war die Maxim der Staͤdte in jenen Zeiten, welche wir die bar - bariſche nennen. Dies war die wahre Quelle ihrer Groͤße, che der Kaufmann den Handwerker verlaſſen, und ſich dafuͤr auf die Kraͤmerey gelegt hat. Durch dieſe heben ſich noch die Staͤdte in der Laußnitz und im Voigtlande wieder empor. Alle Fabrik iſt dort Handwerk, und der Kaufmann ihr Verleger .........

B 4III.24Schreiben einer Mutter

III. Schreiben einer Mutter uͤber den Putz der Kinder.

Mein Herr!

Ich bin eine Mutter von acht Kindern, wovon das aͤlteſte 13 Jahr alt iſt; und mein Stand erfordert, daß ich ſolche miteinander auf eine gewiſſe Art kleiden laſſe, welche demſelben gemaͤß iſt. Ich kann verſichern, daß ich Tag und Nacht darauf denke, alles ſo maͤßig einzurichten, wie es mir im - mer moͤglich iſt, und ſelbſt ſeit meinem Hochzeitstage kein einziges neues Kleid mir habe machen laſſen, auch vieles bereits von meinem jugendlichen Staat fuͤr meine Kinder zerſchnitten habe. Gleichwol bin ich nicht vermoͤgend ſo vieles anzuſchaf - fen, als die heutige Welt bey Kindern aufs mindeſte erfordert. Ich mag ihnen die Rechnung von demjenigen, was mir meine fuͤnf Maͤdgen, ſeitdem ſie die Windeln verlaſſen, koſten, nicht vorlegen. Sie wuͤrden daruͤber erſtaunen. Und das geht alle Tage ſo fort. Wenn ich mit der einen fertig zu ſeyn ver - meine, ſo muß ich mit der andern wieder anfangen, und eine Mutter, die redlich durch die Welt will, hat vom Morgen bis in den Abend nichts zu thun, als ihre Kinder nur ſo zu putzen, daß ſie ſich ſehen laſſen duͤrfen. Vor einigen Tagen mußte ich die Aelteſte in eine feyerliche Geſellſchaft ſchicken: ſo gleich mußten 18 Ellen Blonden, 12 Ellen Band, 6 Ellen groſſe beaute zu Manſchetten ꝛc. geholet werden. Da ſolten ſchottiſche Ohrringe, italiaͤniſche Blumen, engliſche Haͤnſchen, Faͤchtel a la pernvienne und Schoͤnpflaͤſterchen a la Condamine ſeyn. Der Friſeur rief um eau de Pourceaugnac, und umPuder25uͤber den Putz der Kinder. Puder von St. Malo. Das Maͤdgen ſchimpfte auf die Na - deln; die Porteurs auf das lange Zaudern, und der Laquais auf das unendliche Laufen. Kurz, die ganze Haushaltung war in Aufruhr, und meine arme Taſche war dergeſtalt a la grecque friſirt, daß wir die ganze Woche Waſſerſuppen eſſen mußten.

Und gleichwohl waren die damaligen Ausgaben noch nichts in Vergleichung derjenigen, welche ich auf ihr beſetztes Kleid, auf eine neue berliniſche Schnuͤrbruſt, auf eine petite Saloppe und andre weſentliche Kleidungsſtuͤcke hatte wenden muͤſſen.

Ach! waͤhrender Zeit mir eine ungeſehene Thraͤne entwiſchte, hatte das Maͤdgen die unſchuldige Leichtfertigkeit, mir zu ſagen: ſie muͤßte nun auch bald eine goldene Uhr ha - ben, weil ihre Geſpielinnen bereits dergleichen haͤtten.

O! dachte ich in meinem Sinn, moͤchte doch ein Lan - desgeſetz vorhanden ſeyn, wodurch es allen Eltern verboten wuͤrde, ihren Toͤchtern vor dem funfzehnten Jahre Silber oder Gold, Spitzen oder Blonden, Seiden oder Agremens zu geben! oder moͤchten ſich patriotiſche Eltern zu einem ſo heil - ſamen Vorſatze freywillig vereinigen! Mit welchem Vergnuͤ - gen wuͤrde ſo denn manche bekuͤmmerte Mutter auf ihre zahl - reichen Toͤchter herabſchauen! die Ungleichheit der Staͤnde duͤrfte hier den Geſetzgeber nicht aufhalten. Kinder ſind noch alle gleich, und wann die Eltern mit einer ſolchen Ein - ſchraͤnkung zufrieden waͤren: ſo wuͤrde ihre kleine Empfind - lichkeit nicht in Betrachtung kommen. Wie groß wuͤrde die Freude der Maͤdgen ſeyn, wenn ſie ſich nun in ihrem funf - zehnten Jahre zum erſtenmal der aufmerkſamen Neugierde in einem ſeidnen Kleide zeigen duͤrften! Und wuͤrde nicht dieſe Oekonomie mit ihrem Vergnuͤgen, ihnen bey ihrem EintrittB 5in26Reicher Leute Kinderin die junge Welt tauſend kleine Zierrathen in ſo viel reizende Neuigkeiten verwandeln, wenn ſolche nicht in ihren dummen Jahren bey ihnen ſchon veraltet waͤren! Wir erſchoͤpfen das Vergnuͤgen ihrer beſſern Jahre durch unſre unuͤberlegte Ver - ſchwendung. Eine Uhr war ſonſt fuͤr ein Maͤdgen ſo viel als ein Mann. Jetzt giebt man ſie ihnen faſt in Fluͤgel - kleide.

Ein Engliſcher Lord ſchickt ſeinen Sohn bis ins zwan - zigſte Jahr ins Collegium, wo er mit abgeſchnittenen Haaren ungepudert und ungeſchoren in einem ſchlechten Kleide bey Hammelfleiſch und Erdaͤpfeln groß gemacht wird. In Italien laͤßt man die Toͤchter in der Kindheit einen Ordenshabit tra - gen. Die Roͤmer, wie mein Mann ſagt, hatten aus einer gleichen Klugheit eine beſondere Kleidung fuͤr die Jugend; und es war ein groſſes Feſt, wenn der Sohn zum erſtenmal ein Kleid mit Rabbatten anlegte. Koͤnnten wir dieſen großen Exempeln nicht nachfolgen?

Ueberlegen Sie es doch einmal. Die Vereinigung des Adels wegen der Trauer hat mich zu dieſen Gedanken bewo - gen. Ich bin ꝛc.

IV. Reicher Leute Kinder ſolten ein Handwerk lernen.

Der Hauptfehler unſrer mehrſten deutſchen Handwerker iſt der Mangel an Gelde. Das Soͤhngen einer be - mittelten Mutter ſchaͤmet ſich die Hand an eine Zange oder Feile zu legen. Ein Kaufmann muß er werden. Solte erauch27ſolten ein Handwerk lernen. auch nur mit Schwefelhoͤlzern handeln: ſo erhaͤlt er doch den Rang uͤber den Kuͤnſtler, der den Lauf einer Flotte nach ſei - ner Uhr regiert; dem Koͤnige Kronen, dem Helden Schwerd - ter und dem edlen Landmann Senſen giebt; uͤber den Kuͤnſt - ler, der mit ſeiner Nehnadel den Mann macht, und den Gelehrten durch ſeine Preſſe Bewunderung und Ewigkeit ver - ſchaft. Es haͤlt ſchwer, ſich aus dieſem Zirkel zu heben:

Wenn ein Handwerk einmal verachtet wird: ſo treiben es nur arme und geringe Leute, und was arme und ge - ringe Leute treiben, das will ſelten Geſchmack, Anſe - hen, Güte und Vortreflichkeit gewinnen.

Schrecklicher Zirkel, der uns an der Wiederaufnahme der mehrſten deutſchen Landſtaͤdte zweifeln laͤßt! Indeſſen verdient die Wichtigkeit der Sache doch, daß man einmal dieſen Kno - ten aufloͤſe, und dasjenige Ende ergreife, was Natur und Vernunft am erſten hervorſtoſſen. Der Kluͤgſte muß uͤberall den Anfang machen; der ſoll fuͤr dieſesmal der Reiche ſeyn, weil er es am erſten ſeyn kann. Der Reiche ſoll alſo gemeine Vorurtheile mit Fuͤſſen treten, ſeinen Kindern ein Handwerk lernen laſſen und ihnen ſeinen maͤchtigen Beutel geben, da - mit der boͤſe Zirkel zerſtoͤret werde.

Nichts giebt der Stadt London ein praͤchtiger Anſehen als die Buden ihrer Handwerker. Der Schuſter hat ein Magazin von Schuhen, woraus ſogleich eine Armee verſorgt werden kann. Beym Tiſchler findet man einen Vorrath von Sachen, welche hinreichen, ein koͤnigliches Schloß zu meu - bliren. Bey den Goldſchmieden iſt mehr Silberwerk als alle Fuͤrſten in Deutſchland auf ihren Tafeln haben; und durch den Stadtſchmied leben hundert Dorfſchmiede, die ihm in die Hand arbeiten, und ihm die Menge von Waaren liefern, welchen er die letzte Feile und ſeinen Namen giebt.

Solche28Reicher Leute Kinder

Solche Handwerker doͤrfen es wagen, den koͤniglichen Prinzen ihr Gilderecht mitzutheilen. Solche Handwerker ſind es, woraus der Lordmaire erwaͤhlt wird, und Parla - mentsglieder genommen werden. Ein ſolcher war Tailor, der als Generalzahlmeiſter im letztern Kriege ſich als Meiſter zu dem Silberſervice bekannte, woraus er die Generalitaͤt be - wirthete. Was iſt der Kraͤmer dagegen, der mit Caffee und Zucker hoͤckert, oder mit Maͤufefallen, Puppen und Schwaͤr - mern hauſirt!

Zur Zeit des Hanſeatiſchen Bundes hatte das deutſche Handwerk eben die Ehre, die es noch in England hat. Noch in dem vorigen Jahrhundert lieſſen es ſich die Vornehmſten einer Stadt gefallen, das Gilderecht anzunehmen; und Ge - lehrte machten ſich ſowol eine Ehre, als eine Pflicht daraus, Gildebruͤder zu werden. Die fuͤrſtlichen Raͤthe waren Zunft - genoſſen; und man hielt es fuͤr keinem Widerſpruch wie jezt, zugleich ein guter Buͤrger und ein guter Canzler zu ſeyn. Es iſt ein falſcher Grundſatz geweſen, der hier eine Trennung gemacht hat. Sehr viele Streitigkeiten und unnoͤthige Be - freyungen wuͤrden ein Ende haben, wenn ſie nie erfolgt waͤre. Jedes Amt, das ein Buͤrger uͤbernimmt, wuͤrdiget ihn in ſeiner Maaſſe, und ertheilt ihm einige demſelben angemeſſene perſoͤnliche Freyheiten. Es hindert ihn aber nicht in allen uͤbrigen, der buͤrgerlichen Laſten und Vortheile theilhaftig zu bleiben.

Der Verfall der deutſchen Handlung zog den Verfall des Handwerks nach ſich. Der beruͤhmte Reichsabſchied, welcher die Handwerks-Mißbraͤuche heben ſollte, in der That aber den Gilden einen Theil ihrer bis dahin gehabten Ehre raubte, kam hierzu. Und der Kaiſer, der die Vereinigun - gen der Domcapittel und Ritterſchaften, wegen der Ahnen -probe29ſolten ein Handwerk lernen. probe beſtaͤtigte, fand es ungerecht, daß die Gilden nicht alle Soͤhne von Mutterleibe gebohren in ihre Zunft aufnehmen wolten; gerade als ob es nicht die erſte und feinſte Regel der Staatsklugheit waͤre, unterſchiedene Klaſſen von Menſchen zu haben, um jeden in ſeiner Art mit einem nothduͤrftigen Antheil von Ehre aufmuntern zu koͤnnen. In deſpotiſchen Staaten iſt der Herr alles, und der Reſt Poͤbel. Die gluͤck - lichſte Verfaſſung geht vom Throne in ſanften Stufen herun - ter, und jede Stufe hat einen Grad von Ehre, der ihr eigen bleibt, und die ſiebende hat ſo wohl ein Recht zu ihrer Er - haltung als die zweyte. Dieſe Grundſaͤtze hatte man bey dem Reichsabſchiede ziemlich aus den Augen geſetzt; und die Wiſſenſchaften, welche ſich damals immer mehr und mehr ausbreiteten, erhoben den Mann, der von den Schuhen der Griechen und Roͤmer ſchreiben konnte, uͤber den Mann, der mit eigner Hand weit beſſere machte.

Den lezten Stoß empfiengen die Handwerke von den Fabricken. Die Franzoſen, welche ihr Vaterland verlaſſen mußten, adelten dieſen Namen. Fuͤrſten und Grafen durf - ten die Aufſicht uͤber ihre Fabrickleute, welche fuͤr ihre Rech - nung arbeiteten, haben; aber wer ihnen deswegen den Titel eines Amtsmeiſters haͤtte geben wollen, wuͤrde ihrer Ungnade nicht entgangen ſeyn. Der Miniſter eines gewiſſen Herrn war ein Lederfabricant; aber kein Lohgerber. Nach den Plan der neuen iſt es beſſer, daß alle Buͤrger, Geſellen, und die Cammerraͤthe Meiſter ſeyn. Und die weitere Verachtung des Handwerks fuͤhret gerades Weges zu dieſer tuͤrkiſchen Ein - richtung.

Dieſem Uebel kann nicht vorgebeugt werden oder reiche Leute muͤſſen Handwerker werden. Da der Gold - und Sil - berfabricant, der Hut - und Strumpffabriqueur an vielen Or -ten30Reicher Leute Kinderten in Pallaͤſten wohnet, und alle der Vorzuͤge genieſſet, wel - che Erfahrung, Klugheit, Auffuͤhrung und Reichthum ge - waͤhren kann: warum ſollte ein Meiſter Hutmacher und ein Meiſter Strumpfwirker, wenn er es ſo hoch als jene bringt, nicht eben das Anſehen erlangen koͤnnen? die Meiſterſchaft iſt gewiß keine Unehre. Der Czar, Peter der Große, diente als Junge und Geſelle und ward Schifs-Zimmermeiſter. Der Krieg ward ehedem Zunftmaͤßig erlernt. Einer mußte als Junge und Knape gedient haben, ehe er Ritter oder Meiſter werden konnte. Die Zunftgerechte Krieger haben ſich zuerſt von dem gemeinen Landkrieger unterſchieden, und das iſt der erſte Urſprung des Adels geweſen. Noch jetzt iſt im Mili - tairſtande ein Schatten dieſer Verfaſſung uͤbrig. Einer muß erſt als Gemeiner gedienet haben, ehe er von Rechtswegen zum Grade eines Officiers gelangen kann. Unter den Ge - meinen finden ſich oft ſehr ſchlechte Leute, und man iſt in neuern Zeiten, wo jeder geſunder Kerl willkommen iſt, min - der aufmerkſam auf die Ehre der Recruten. Allein es iſt darum kein Schimpf als gemeiner gedienet zu haben, ob man gleich wegen des letztern Umſtandes ſchon anfaͤngt den Recru - ten aus fuͤrſtlichen Gebluͤte hoͤher andienen zu laſſen, und uͤber - haupt einen bedenklichen Eingang macht jenes große Geſetz, dem ſich nur Peter der Große unterwarf, allmaͤhlig in Ver - geſſenheit zu bringen, und damit die Ehre der Gemeinen, wovon doch der Geiſt des Regiments abhaͤngt, zu vermin - dern.

Wenn es alſo an ſich eine Ehre iſt, Zunftgerecht ſeyn; und wenn ſich ſo gleich ein Handwerk hebt, ſo bald es nur Leute treiben, die demſelben den aͤuſſerlichen Glanz geben koͤn - nen; was hindert es denn, daß reiche Leute ihren Kindern ein Handwerk lernen laſſen? Man denke nicht die Ehre ſey blos eine nothwendige Triebfeder des Militairſtandes. Derge -31ſolten ein Handwerk lernen. geringſte Bediente, der geringſte Handwerker ohne Ehrgeitz iſt insgemein ein ſchlechter Menſch.

Um aber dem Handwerke ſeine Ehre wieder zu geben, ſollte man jede Zunft zum wenigſten doppelt eintheilen. In England wie in Frankreich ſteht der handelnde Handwerker mit dem Tagwerkenden (journeymen) nicht in einer Gilde, und uͤberall werden Kaufleute von Krämern unterſchieden.

Die Kaufleute machen billig die erſte Claſſe der Buͤr - gerſchaft aus. Niemand aber ſollte zu dieſer Claſſe gehoͤren, der nicht am Schluß des Jahrs beſcheinigen koͤnnte, daß er eine nach den Umſtaͤnden jedes Orts abgemeſſene Quantitaͤt einheimiſcher Produkten und im Lande verfertigter Waaren auswaͤrts verkaufet habe. Naͤchſt dieſen koͤnnten diejenigen, welche mit fremden Waaren ins Große handeln, ihren Rang behalten.

Auf die Kaufleute aber ſollten alle Handwerker in ihrer Ordnung folgen, welche ein beſtimmtes Lager von ihrer Ar - beit halten. Dieſen moͤchten die Handwerker, welche auf Beſtellung arbeiten oder Tagwerk machen, und gar keinen Verlag haben, folgen. Die Kraͤmerey aber ſollte die un - terſte Claſſe von allen ſeyn, oder jedem Buͤrger offen ſtehen, und folglich gar kein Gilderecht haben.

Denn was iſt doch in aller Welt mancher Kraͤmer? Ein Mann der Tag und Nacht darauf denkt neue Moden, neue Kleidungsarten und neue Reitzungen fuͤr den Geſchmack einzufuͤhren; ein Mann der in der ganzen Welt herum lauſcht, ob nicht irgendwo eine aͤrmere Nation ſey, welche ein Stuͤck Arbeit um etliche Pfennige wohlfeiler macht; und dann ſei - nen Mitbuͤrger, der unter mehrern Laſten und bey theurern Arbeitspreiſen, die ſeinige nicht gleich eben ſo wohlfeil geben kann, ums Brod bringt; ein Mann der jedem Handwerkemit32Reicher Leute Kindermit klugem Fleiße nachſtellet, und ſo bald es einigen Fortgang hat, ſo fort auf Mittel und Wege denkt, etwas aͤhnliches oder etwas anders einzufuͤhren, wodurch die einheimiſche Arbeit entbehret, geſtuͤrzet, und der Vortheil in ſeine Haͤnde ge - bracht werden kann

Der allezeit fertige Einwurf, deſſen ſich Kaͤufer und Verkaͤufer bedienen: Es wird auswärts wohlfeiler gemacht, ſollte nicht leicht von einem jeden nach ſeinem Vorurtheil ge - braucht, ſondern vom Policeyamte beurtheilet werden. Die Hollaͤndiſchen Fabrikſtoffen ſind alle wohlfeiler als die Fran - zoͤſiſchen und dieſe oft glaͤnzender und verfuͤhreriſcher als die Engliſchen. Allein Frankreich haͤlt dafuͤr, und jeder kluger Menſch wird es dafuͤr halten, daß der Staat weniger leide, wenn fuͤnf Thaler an einen Einheimiſchen als drey an einen Fremden bezahlet werden. Die Ausflucht, daß die hollaͤn - diſchen Stoffen wohlfeiler ſeyn, bemaͤchtiget den franzoͤſiſchen Unterthanen nicht, dieſe aus Holland kommen zu laſſen; und der Englaͤnder muß ſeine Butter mit 8. 12. bis 18 Mgr. das Pfund bezahlen, wenn er ſie gleich aus Irrland unter der Haͤlfte frey in ſein Hauß geliefert erhalten koͤnnte, was wuͤrde auch ſonſt aus einem verſchuldeten Staate werden, wenn die Auflagen in demſelben alles theurer, und es dem Einheimi - ſchen unmoͤglich machten, gegen den Fremden zu gleichen Preiſe zu arbeiten? Unſerm ehmaligen zaͤrtlichen Landesvater Ernſt Auguſt dem Andern, kam jedes Loth Silber das auf dem Huͤg - gei hieſelbſt gegraben wurde, auf vier Gulden zu ſtehen; und er gewann ſeiner Großmuth nach mehr dabey, als wenn er es vor einen Gulden haͤtte aus Amſterdam kommen laſſen. Denn was konnte er mehr gewinnen, als den Vortheil, armen Unter - thanen Brod zu geben?

Die33ſolten ein Handwerk lernen.

Die Alten hatten zwey Wege dem Eigenſinn und der Uebertheurung der Handwerker zu wehren. Dieſes war ein jaͤhrlicher freyer Markt und die Freymeiſterey. Das Große, das uͤberlegte, das feine und das nuͤtzliche, was in dieſem ihren Plan ſteckt, verdient die Bewunderung aller Kenner, und beſchaͤmt alle Wendungen der Neuern. Durch tauſend Frey - meiſter, welche in Hamburg auf einer ihnen angewieſenen Freyheit wohnen, entgeht dem Staate kein Pfennig; und zunftmaͤßige Handwerker werden durch ſie in der Billigkeit erhalten. Allein hundert Kraͤmer, welche mit Ehren und Vorzuͤgen dafuͤr belohnet werden, daß ſie fremde Fabriken zum Schaden der einheimiſchen Handwerker empor bringen, alles Geld aus dem Lande ſchicken, und Kinder und Thoren taͤglich in neue Verſuchungen fuͤhren, haͤtten unſre Vorfah - ren nie geduldet. Ein Jahrmarkt duͤnkte ihnen genug zu ſeyn den Fremden auch etwas zuzuwenden, und ſowol die zuͤnftige als freye Meiſterſchaft in Schranken zu halten.

Und was ſoll man von der geringen Art Kraͤmer ſagen? Sollte es wohl der Muͤhe werth ſeyn ihnen Zunftrecht zu vergoͤnnen? Sie muͤſſen, ſagen ſie, ſechs Jahre dieſe Hand - lung muͤhſam lernen, und ſich lange quaͤlen, ehe ſie zu der noͤthigen Wiſſenſchaft gelangen. Allein dieſe Lehrjahre ſind eigentlich bey der Kaufmannſchaft und nicht bey der Kraͤme - rey urſpruͤnglich hergebracht. Und was iſt es noͤthig dem jungen Burſchen dasjenige muͤhſam lernen zu laſſen, was jede Kraͤmerin, wenn ſie einen Monat in der Buden geweſen, ins - gemein beſſer als der ausgelernte Eheherr weis? Ich ſage wohlbedaͤchtlich insgemein, denn es giebt auch große Kraͤmer, welche eben ſo viel Einſicht, Erfahrung und Handlungswiſ - ſenſchaft als der große Kaufmann gebrauchen. Dergleichen privilegirte Seelen rechne ich nie mit, wenn ich von dem großen Haufen ſpreche. Von jenem ſage ich nur, daß er dieMöſers patr. Phantaſ. I. Th. Coͤffent -34Reicher Leute Kinderoͤffentliche Aufmunterung nicht verdiene, und daß die mit der Kraͤmerey bis dahin verknuͤpft geweſene falſche Ehre die An - zahl der Kraͤmer in vielen Staͤdten unendlich vermehret, ver - ſchiedene Handwerker voͤllig verdrungen, andre blos zum pfu - ſchen und alle uͤbrigen um zwey Drittheile herunter gebracht habe. Der ſchlechte Kraͤmer ſorgt nicht dafuͤr, auch nur ei - nen einheimiſchen Buͤrſtenbinder empor zu bringen, und laͤßt ſogar die weiße Staͤrke, welche jede Hausmagd zu machen im Stande iſt, und worauf gerade hundert von hundert zu gewinnen ſind, aus Bremen kommen, ſo groß iſt ſeine Wiſ - ſenſchaft und ſein Patriotiſmus. Wie gluͤcklich werden un - ſre Nachbaren die Preuſſen ſeyn, wenn die mit einer weiſen Hinſicht auf die Verdienſte ſolcher Kraͤmer gemachte Einrich - tungen die Wuͤrkung haben, daß alle Handwerker ſich wieder zu ihrem alten Flor erheben, und alle ſolche Kraͤmer zu Grabe begleiten.

Der handelnde Handwerker in England beſitzt ganz andre Eigenſchaften. Er lernt erſt das Handwerk, und dann den Handel. Die Geſellen eines handelnden Tiſchlers muͤſ - ſen faſt eben ſo vollkommene Buchhalter als manche Kaufleute ſeyn. Der Meiſter greift keinen Hobel mehr an. Er ſieht ſeine vierzig Geſellen den Tag uͤber arbeiten, beurtheilet das - jenige was ſie machen, verbeſſert ihre Fehler, zeigt ihnen Vortheile und Handgriffe, erfindet neue Werkzeuge, beobach - tet den Gang der Moden, beſucht Leute von Geſchmack oder geht zu Kuͤnſtlern, deren Einſicht ihm dienen kann, und koͤmmt in ſeine Werkſtatt zuruͤck, wenn er im Parlament das Wohl von Oſt - und Weſtindien mit entſchieden oder auf der Boͤrſe ſeine Geſchaͤfte verrichtet hat.

Wie unterſchieden iſt dieſes Gemaͤhlde von unſern mehr - ſten deutſchen Fabriken. Da nimmt ein großer Herr Leutean,35ſolten ein Handwerk lernen. an, welche ſich ihm darbieten und ein huͤbſches Projekt aus - gedacht haben. Der vornehme Stuͤmper, der durch einen gluͤcklichen Zufall ein gutes und patriotiſches Herz empfangen hat, ſiehet es mit beyden Augen an, verliebt ſich in die Hof - nung ſein Vaterland aufzuhelfen, uͤberlaͤßt ſich dem ſchlauen Projektmacher, der nur nach ſeinen Beutel trachtet, und fin - det die erſte Probe unverbeſſerlich. Sein Auge entdeckt ihm nichts an dem Stoffe das ihm vorgelegt wird. Er weis nicht, ob zu viel oder zu wenig Wolle, Zeit und Arbeit daran ver - wendet iſt; Er kennt keine Arbeit; hat kein Maaß der Zeit; keine Hand zum Gefuͤhl; und keinen einzigen durch Erfah - rung und Einſicht geſtaͤrkten Sinn um eine Sache richtig und ſchnell zu beurtheilen; und doch will er eine Fabrik regieren. Allein was kommt am Ende heraus? Er freuet ſich noch, und iſt laͤngſt betrogen Zur Strafe, daß er das Handwerk nicht ordentlich gelernet hat.

Doch ich habe mich aus meinem Wege entfernt. Die Eintheilung der Handwerker in Handelnde und Tagwerker und die Erhebung der erſtern zu dem Range wahrer Kauf - leute, ſolte dienen dem Reichen, der ſeinem Sohn ein Hand - werk lernen laſſen will, einen Proſpect zu geben, daß er ſich keinesweges erniedrige, wann er dieſen Schritt thut. Sein Sohn kann als handelnder Handwerker mit Recht zu eben der Ehre gelangen, wozu es der vornehmſte Banquier (das Wort klingt) wenn er gluͤcklich iſt, bringen kann. Es iſt nicht noͤthig, daß er ein Tagwerker bleibe; und verwuͤnſcht ſey der faule Junge, wenn er reich und dumm iſt und hoͤchſtens auf dem Faulbette aller Muͤßiggaͤnger, der betretenen Mittel - ſtraſſe, liegen bleibt.

Die Ehre, wozu es reicher Leute Kinder im Hand - werke bringen koͤnnen, iſt gezeigt. Solte es noͤthig ſeyn auchC 2den36Reicher Leute Kinderden Vortheil zu beweiſen? Ich denke er muͤſſe einem jeden ſelbſt einleuchten. Doch ein Exempel wird allemal noch gern angehoͤrt. Nicht leicht iſt ein Ort zur Lohgerberey beſſer ge - legen, als die hieſige Stadt; und wenn wir wollen, ſo muͤſſen alle Haͤute aus Oſtfriesland ſich zu uns ziehen. Das hieſige Lohgerberamt hat Proben ſeiner Erfahrung und Geſchicklich - keit gegeben. Es iſt ſtark und reich geweſen, und noch jetzt in ziemlichen Anſehen, wiewohl es nach und nach immer mehr abnimmt, weil unſre Kraͤmer ſich ein Geſchaͤfte daraus machen allerley fremdes Leder einzufuͤhren. Worinn ſteckt aber die wahre Urſache des Verfalls? Darinn, daß jeder Loh - gerber nicht einige tauſend Thaler im Vermoͤgen hat?

Von dem engliſchen Leder ſagt man, daß ſechs Jahre daruͤber hingehen, ehe eine rohe Haut gar und zeitig werde. Vielleicht iſt hier etwas uͤbertrieben. Aber wahrſcheinlich iſt es, daß alle Haͤute, wenn ſie drey Jahre zu ihrer Gare und Reife haben, unendlich ſchoͤner, dauerhafter und edler werden als ſie im erſten und andern Jahre ſind. Wenn nun unſre Lohgerber ein ſolches Capital haͤtten, um alle Haͤute, welche jaͤhrlich in Oſtfriesland und hieſigen Gegenden fallen, anzu - kaufen, und ſolche die gehoͤrige Zeit von Jahren uͤber reifen laſſen zu koͤnnen, wuͤrde ſodenn nicht die hieſige Zubereitung der engliſchen und Brabaͤndiſchen gleich, und der Vortheil ſo viel groͤßer ſeyn? Ein Lohgerber, der ſeine Felle unter zwoͤlf Monaten losſchlagen muß, gewinnet vielleicht kaum 4 p. C. und wer ſie drey Jahre liegen laſſen kann, nicht unter 30. Von denen die ihm den groͤßten Vortheil geben, wird er ge - ſegnet, von dem Tagloͤhner hingegen, dem ſeine Schuh von halbgaren Leder im erſten Regen zerflieſſen, ohne Vortheil verdammet.

Ich betrachte die Sache jetzt nicht von ihrer edelſten Seite: ſondern nur von derjenigen, welche auch dem ge -mein -37ſolten ein Handwerk lernen. meinſten Auge aufftoͤßt. Sonſt hat Rouſſeau bereits die Gruͤnde gezeigt, warum ein jeder Menſch ein Handwerklernen ſolle, damit er nicht noͤthig habe fremdes Brod zu eſſen, wenn er eignes haben koͤnnte. Man ſahe dieſe wichtige Wahr - heit ehedem nicht deutlicher ein, als in der Tuͤrkey, wo der gefangene Ungariſche Magnat, weil er nichts gelernet hatte, vor dem Karren gieng, und der Handwerker ſeine Sklaverey ſo leidlich als moͤglich hatte. Wie viel Bedienungen und Staͤnde ſind nicht in der Welt, welche zwar einen Mann, aber nicht den ſechſten Theil ſeines Tages erfordern. Was macht er mit den uͤbrigen Fuͤnfſechſteln. Er ſchlaͤft, und ißt und trinkt und ſpielt und gaͤhnt, und weis nicht was er mit ſeiner Zeit anfangen ſoll. Wie mancher Gelehrte wuͤnſchte ſich etwas arbeiten zu koͤnnen, wobey er ſeinen Kopf und ſeine Augen minder anſtrengen, und ein Stuͤck Brod im Schweiſſe ſeines Angeſichts eſſen koͤnnte, wofuͤr jetzt ſeiner verſtopften Galle oder ſeinem verſaͤuerten Magen eckelt? In einem Lande, worinn ſich hunderttauſend Menſchen befinden, haben zehntauſend gewiß, um nur wenig zu ſagen, den halben Tag nichts zu thun. Man ſetze dieſen halben Tag zu ſechs Stun - den; ſo werden alle Jahr an die zwey und zwanzig Millionen Stunden, und wenn man jede nur auf 1 Pfennig anſchlaͤgt, an die hunderttauſend Tahler verlohren. Wuͤrde aber, wenn ein jeder ein Handwerk koͤnnte, ihn ſeine Geſchicklichkeit und der dem Menſchen gegebene natuͤrliche Trieb zur Arbeit ihn nicht reitzen, etwas mit ſeinen Haͤnden zu ſchaffen? Jedoch dieſe Betrachtungen gehoͤren eigentlich nicht zur Sache.

Eine ſehr wichtige aber iſt es, daß Ihro Koͤnigliche Hoheit unſer gnaͤdigſter Herr, dermaleinſt aus einem Lande zu uns kommen werden, wo alle Handwerker zur groͤßten Voll - kommenheit gediehen ſind. Es iſt kein Zweifel, oder Hoͤchſt - dieſelbe werden wuͤnſchen, alles bey dero geliebten Untertha -C 3nen38Reicher Leute Kindernen zu finden, und nichts in der Fremde ſuchen zu muͤſſen. Die erſten Eindruͤcke, welche Hoͤchſtdieſelbe von Ihren zaͤrt - lichen und rechtſchaffenen Eltern (der Glanz des Thrones darf niemanden hindern, dieſe privat Tugenden an des Koͤnigs und der Koͤniginn Maj. Maj. zu bewundern) erhalten, ſind die ge - heiligten Pflichten, welche ein Landesherr gegen ſein Volk zu beobachten hat; und unter dieſe rechnet man nunmehr auch, daß ein Landesher als Vater ſeinen Kindern das Brod nicht entziehe und es den Fremden gebe. Seine Koͤnigl. Hoheit werden dieſe geheiligte Wahrheit gewiß fruͤh hoͤren, und gern ausuͤben. Wie aber, wenn unſre Handwerker alsdann nichts liefern koͤnnen, was einen Herrn der von ſeiner erſten Jugend an, alles beſſer und vollkommener geſehen hat, mit Billigkeit befriedigen kann? Wenn der Schloͤſſer ein Grobſchmied; der Bildhauer ein Holzſchuhmacher und der Mahler ein Michel angelo della ſcopa iſt? Wenn wir bey den dankbarſten Herzen uns mit unſern dummen Fingern hinter die Ohren kratzen muͤſſen? oder da ſtehen wie der Junge des Hogarths*)In the Noon. Hogarth war auch ein Handwerker, der auf Beſtellung und zum Verkauf arbeitete. In ſeiner Stube, worinn er die ihn taͤglich beſuchende Fremde, im Nachtrocke mit der Muͤtze in der Hand ehrbar empfing, hatte er einen kleinen Schrank, worinn alle ſeine Werke, die er oͤffentlich verkaufte, bereit lagen. Hier erklaͤrte er denn wohl ſelbſt ſei - nen Kaͤufern den Sinn verſchiedener Grouppen, und ver - kaufte davon vor etliche Schillinge. Allein zu welchem Ruhm hat er es nicht gebracht, und wuͤrde nicht die große Welt ſeinen Umgang mit Eyfer geſucht haben, wenn er den beſondern Geiſt in ſeinem Reden gehabt haͤtte, welchen er in ſeinen Karikaturen zeigte? welchem die Paſtete in den Faͤuſten bricht, und die Bruͤhe durch die Hoſen fließt? Werden wir denn nicht mit Wahr - ſcheinlichkeit ſehen, und mit Recht erleiden muͤſſen, daß der Herr dasjenige, was er gebraucht, daher kommen laſſe, wo dieEl -39ſolten ein Handwerk lernen. Eltern ihren Kindern das Handwerk beſſer lernen laſſen? wird nicht der ganze Hof dem Exempel des Herrn folgen? Und wird nicht das Exempel des Hofes alle Affen du bon ton mit Recht dahin reiſſen? Dann werden wir klagen; und wie alle diejenigen, die ihre Schuld fuͤhlen, ungerecht genug ſeyn, uͤber diejenige zu murren, die uns mit Recht verachten. Wir werden den beſten Herrn nicht ſo lieben, wie er es verdient, und aus Schaam zuletzt undankbar werden.

Ihro Koͤnigliche Hoheit Ernſt Auguſt der Andre hatten die Gedult einige Handwerker reiſen zu laſſen. Man weis wie der Erfolg davon geweſen, und wie weit der Schloͤſſer, welcher ſich dieſe Gnade recht zu Nutze machte, alles uͤbertraf, was wir in der Art jemals geſehen hatten. Seine Geſchick - lichkeit hat andre gebildet, die ihn zwar nicht erreicht, ſich aber merklich gebeſſert haben. Ihro Koͤnigliche Majeſtaͤt von Großbritannien fordern die hieſigen Gilden auf, und bieten den jungen Leuten, welche ein Handwerk gelernet haben und Genie zeigen, die Reiſekoſten und alle moͤgliche Befoͤrderung an. Was koͤnnen wir in der Welt mehr er - warten, und iſt es nicht eine auſſerordentliche Vorſorge auf die kuͤnftigen Zeiten, daß diejenigen Knaben, welche ſich jetzt zum Handwerke geben, gerade zu der Zeit, wann die Minder - jaͤhrigkeit unſers Hofnungsvollen Landesherrn ein Ende nimmt, und unſre getreuſten Wuͤnſche Ihn zu uns fuͤhren werden, nicht bloß ausgelernte, ſondern auch große Meiſter ſeyn koͤnnen? Machen wir uns nicht vorſetzlich alles des Un - willens, des Murrens und der Undankbarkeit ſchuldig, welche uns dereinſt, wann wir als zunftmaͤßige Stuͤmper den Frem - den nachgeſetzt werden, gewiß dahin reiſſen wird, im Fall wir uns nicht mit dankbaren Eyfer beſtreben, dieſe Gelegenheit mit beyden Haͤnden zu ergreifen?

Was koͤnnen alſo vernuͤnftige und bemittelte Eltern beſſer thun, als ihre Kinder ein Handwerk lernen zu laſſen? C 4Mit40Reicher Leute KinderMit der Kraͤmerey wird es in zwanzig Jahren ſehr betruͤbt ausſehen, da ſich alles in Kraͤmer verwandelt und zuletzt ei - ner den andern zu Grunde richten muß. Es iſt zu viel ge - fordert, daß einer bloß von der Kraͤmerey leben will. Die Modenkraͤmer in der ganzen Welt wiſſen ihre Coeffuͤren, ihre Broderien, und alle Arten Galanterien ſelbſt zu machen. Die Tyroler arbeiten auf der Reiſe, und machen in jeder muͤßigen Stunde die Ohrringe, die Halsgeſchmeide, die Zit - ternadeln, die Bouquets, die Allongen und unzaͤhlige andre Din - ge ſelbſt, die ſie verkaufen. Die Italiaͤner machen uͤberall Mau - ſefallen, Barometer und Diaboli Carteſiani. Die Franzoſen reiben wenigſtens Taback, um bey einem kleinen Handel die uͤbrigen Stunden nuͤtzlich anzuwenden. Das geſchieht, weil ſie eine Kunſt oder ein Handwerk zum Grunde ihrer Hand - lung gelegt haben. Bey uns hingegen ----- O Scarron! Scarron! wo bleibt deine Peruͤke und was darunter ſaß?

Zur Urkunde der Wahrheit deſſen was oben angefuͤhrt, ſetzen wir folgendes Reſcript hieher:

Wir Georg der Dritte von Gottes Gnaden Koͤnig und Churfuͤrſt.

Uns iſt aus Eurem Berichte vom 11. Febr. unterthaͤnigſt vorgetragen worden, was maſſen in der Stadt Oſnabruͤck eben wie in andern Staͤdten des Hochſtifts die zur Aufnahme derſelben vorzuͤglich dienenden Handwerke nach und nach in Abnahme und Verfall gerathen ſind.

Da wir nun aus beſondrer Gnade fuͤr die dortige Buͤrgerſchaft Uns gnaͤdigſt entſchloſſen haben, die noͤthigſten und dienlichſten derſelben beſtens wieder herzuſtellen, insbeſondere aber einige junge Leute, welche demſelben ſich zu widmen gedenken, und da -zu41ſolten ein Handwerk lernen. zu eine vorzuͤgliche Faͤhigkeit zeigen, nachdem ſie ſattſam vorbereitet und tuͤchtig befunden ſeyn werden, auf ihren Reiſen zu unterſtuͤtzen, und bey ihrer Wiederkunft auf alle thunliche Weiſe zu befoͤrdern:

So habet ihr dem dortigen Magiſtrat von dieſer Unſerer Abſicht Eroͤffnung zu thun, und von dem - ſelben weitere Vorſchlaͤge einzuziehen, auf was Art hierunter das vorgeſetzte Ziel am beſten erreichet werden koͤnne. Wir ꝛc. St. James den 22 Merz 1766.

V. Die Spinnſtube, eine Oſnabruͤckiſche Geſchichte.

Selinde, wir wollen ſie nur ſo nennen, ihr Taufnahme war ſonſt Gertraud, war die aͤlteſte Tochter redlicher Eltern, und von Jugend auf dazu gewoͤhnt worden, das noͤthige und nuͤtzliche allein ſchoͤn und angenehm zu finden. Man erlaubte ihr jedoch, ſo viel moͤglich, alles Nothwendige in ſeiner groͤßten Vollkommenheit zu haben. Ihr Vater, ein Mann von vieler Erfahrung, hatte ſie in Anſehung der Buͤ - cher auf aͤhnliche Grundſaͤtze eingeſchraͤnkt. Die Wiſſenſchaften, ſagte er oft, gehoͤren zum Ueppigen der Seele; und in Haus - haltungen oder Staaten, wo man noch mit dem Nothwendi - gen genug zu thun hat, muß man die Kraͤfte der Seelen beſ - ſer nuͤtzen. Selinde ſelbſt ſchien von der Natur nach gleichen Regeln gebauet zu ſeyn, und alles Nothwendige in der groͤß - ten Vollkommenheit zu beſitzen.

Die ganze Haushaltung beſtand eben ſo. Wo die Mutter von einer beſſern Art Kuͤhe oder Huͤner hoͤrte; da ru - hete ſie nicht eher, als bis ſie daran kam.

C 5Man42Die Spinnſtube,

Man fand das ſchoͤnſte Gartengewaͤchſe nur bey Selinden. Ihre Ruͤben giengen den maͤrkiſchen weit vor; und der Bi - ſchof hatte keine andre Butter auf ſeiner Tafel, als die von ihrer Hand gemacht war. Was man von ihrer Kleidung ſe - hen konnte, war klares oder dichtes Linnen, ungeſtickt und unbeſetzt; jedoch ſo nett von ihr geſaͤumt, daß man in jedem Stiche eine Grazie verſteckt zu ſeyn glaubte. Das einzige, was man an ihr uͤberfluͤßiges bemerkte, war ein Heidebluͤm - gen in den lichtbraunen Locken. Sie pflegte aber dieſen Staat damit zu entſchuldigen, daß es der einzige waͤre, welchen ſie jemals zu machen gedaͤchte; und man konnte denſelben um ſo viel eher gelten laſſen, weil ſie die Kunſt verſtand, dieſe Blu - men ſo zu trocknen, daß ſie im Winter nichts von ihrer Schoͤn - heit verlohren hatten.

In ihrem Hauſe war Eingangs zur rechten Hand ein Saal oder eine Stube, welches man ſo genau nicht unter - ſcheiden konnte. Vermuthlich war es ehedem ein Saal ge - weſen. Jetzt ward es zur Spinnſtube gebraucht, nachdem Selinde ein helles, geraͤumiges und reinliches Zimmer mit zu den erſten Beduͤrfniſſen ihres Lebens rechnete. Aus derſel - ben gieng ein Fenſter auf den Huͤnerplatz; ein anders auf den Platz vor der Thuͤr, und ein drittes in die Kuͤche, der Kel - lerthuͤr gerade gegenuͤber. Hier hatte Selinde manchen Tag ihres Lebens arbeitſam und vergnuͤgt zugebracht, indem ſie auf einem dreybeinigten Stuhle, (denn einen ſolchen zog ſie den vierbeinigten vor, weil ſie ſich auf demſelben, ohne auf - zuſtehen und ohne alles Geraͤuſch auf das geſchwindeſte her - umdrehen konnte) mit dem einen Fuſſe das Spinnrad und mit dem andern die Wiege in Bewegung erhalten, mit einer Hand den Faden und mit der andern ihr Buch regiert, und die Augen bald in der Kuͤche und vor der Kellerthuͤr, bald aber auf dem Huͤnerplatze oder vor der Hausthuͤr gehabt hatte. Oft43eine Oſnabruͤckiſche Geſchichte. Oft hatte ſie auch zugleich auf ihre Mutter im Kindbette acht gehabt, und die ſpielenden Geſchwiſter mit einem freudigen Liede ermuntert. Denn das Kindbette ward zu der Zeit noch in einem Durtich (dortoir). gehalten, wovon die Staats - ſeite in die Spinnſtube gieng und mit ſchoͤnem Holzwerk, welches Pannel hieß, nun aber minder gluͤcklich*)Pannel ouvrage a pans oder Stuͤckelarbeit, wovon auch das Wort Pfennig als das erſte Stuͤck eines Schillings ſeinen Urſprung hat, druckt die Sache unſtreitig beſſer aus, als boiſerie. boiſerie genannt wird, gezieret war. Desgleichen hatten die Eltern ihre Kinder noch mit ſich in der Wohnſtube, um ſelbſt ein wachſames Auge auf ſie zu haben. Ueber dem Durtich war der Hauptſchrank, worinn die Briefſchaften, die Becher und andre Erbſchaftsſtuͤcke verwahret waren; und auch dieſen hatte Selinde zugleich vor Dieben bewahrt.

Wann die langen Winder-Abende herankamen, ließ ſie die Hausmaͤgde, welche ſich daher ebenfalls uͤberaus rein - lich halten mußten, mit ihren Raͤdern in die Spinnſtube kommen. Man ſprach ſodann von allem was den Tag uͤber im Hauſe geſchehen war, wie es im Stalle und im Felde ſtuͤnde, und was des andern Tages vorzunehmen ſeyn wuͤrde. Die Mutter erzaͤhlte ihnen auch wohl eine lehrreiche und lu - ſtige Geſchichte, wenn ſie haſpelte. Die kleinen Kinder lie - fen von einem Schooße zum andern, und der Vater genoß des Vergnuͤgens, welches Ordnung und Arbeit gewaͤhren, mittlerweile er ſeine Haͤnde bey einem Fiſch - oder Vogelgarn beſchaͤftigte, und ſeine Kinder durch Fragen und Raͤthſel un - terrichtete. Bisweilen ward auch geſungen, und die Raͤder vertraten die Stelle des Baſſes. Um alles mit wenigen zu ſagen: ſo waren alle nothwendige Verrichtungen in dieſer Haushaltung ſo verknuͤpft, daß ſie mit dem mindeſten Zeit -ver -44Die Spinnſtube,verluſt, mit der moͤglichſten Erſparung uͤberfluͤßiger Haͤnde und mit der groͤßten Ordnung geſchehen konnten; und die Spinnſtube war in ihrer Anlage ſo vollkommen, daß man durch dieſelben auf einmal ſo viele Abſichten erreichte, als moͤglicher Weiſe erreichet werden konnten.

Nicht weit von dieſer gluͤcklichen Familie lebte Ariſt; der einzige Sohn ſeiner Eltern, und der fruͤhe Erbe eines ziemlichen Vermoͤgens. Als ein Knabe und huͤbſcher Junge war er oft zu Selinden in die Spinnſtube gekommen, und hatte manche ſchoͤne Birn darinn gegeſſen, welche ſie ihm ge - ſchaͤlet hatte. Nach ſeiner Eltern Tode aber war er auf Rei - ſen gegangen, und hatte die große Welt in ihrer ganzen Pracht betrachtet. Er verſtand die Baukunſt, hatte Ge - ſchmack und einen natuͤrlichen Hang zum Ueberfluͤßigen, wel - chen er in ſeiner erſten Jugend nicht verbergen konnte, da er ſchon nicht anders als mit einem Federhute in die Kirche ge - hen wollte. Man wird daher leicht ſchlieſſen, daß er bey ſeiner Wiederkunft jene eingeſchraͤnkte Wirthſchaft nicht von ihrer beſten Seite betrachtet und die Spinnſtube ſeiner Mut - ter in einen Vorſaal veraͤndert habe. Jedoch war er nichts weniger als verderbt. Er war ein billiger und vernuͤnftiger Mann geworden, und ſein einziger Fehler ſchien zu ſeyn, daß er die edle Einfalt als etwas niedriges betrachtete und ſich ei - nes braunen Tuchs ſchaͤmte, wenn andre in goldgeſticktem Scharlach uͤber ihn triumphirten.

Seine Eltern hatten ſeine fruͤhe Neigung zu Selinden gern geſehen, und die ihrigen wuͤnſchten ebenfalls eine Ver - bindung, welche allen Theilen eine vollkommene Zufrieden - heit verſprach. Seinen Wuͤnſchen ſetzte ſich alſo nichts entge - gen; und ſo viele Schoͤnheiten als er auch auswaͤrts geſehen hatte, ſo war ihm doch nichts vorgekommen, welches ihreRei -45eine Oſnabruͤckiſche Geſchichte. Reitzungen uͤbertroffen haͤtte. Er widerſtand daher nicht lange ihrem maͤchtigen Eindruck, und der Tag zur Hochzeit ward von den Eltern mit derjenigen Zufriedenheit angeſetzt, welche, eine ausgeſuchte Ehe unter wohlgerathenen Kindern insgemein zu machen pfleget. Allein ſo oft Ariſt ſeine Braut beſuchte, fand er ſie in der Spinnſtube, und er muſte man - chen Abend, die Freude, ſeine Geliebte zu ſehen, mit dem Verdruß, zwiſchen Raͤdern und Kindern zu ſitzen, erkaufen.

Er konnte ſich endlich nicht enthalten, einige ſatyriſche Zuͤge gegen dieſe altvaͤteriſche Gewohnheit auszulaſſen. Iſt es moͤglich, ſagte er einsmal gegen den Vater, daß ſie unter dieſem Geſumſe, unter dem Geplauder der Maͤgde und unter dem Laͤrm der Kinder ſo manchen ſchoͤnen Abend hinbringen koͤnnen? In der ganzen uͤbrigen Welt iſt man von der alten deutſchen Gewohnheit, mit ſeinem Geſinde in einem Rauche zu leben, zuruͤck gekommen, und die Kinder koͤnnen unmoͤg - lich edle Geſinnungen bekommen, wenn ſie ſich mit den Maͤg - den herum zerren. Ihre Denkungsart muß nothwendig ſchlecht, und ihre Auffuͤhrung nicht beſſer gerathen. Ueberall wo ich in der Welt geweſen, haben die Bediente ihre eigne Stube; die Maͤgde haben die ihrige beſonders; die Kammer - jungfer ſitzt allein; die Toͤchter ſind bey der Franzoͤſin; die Knaben bey dem Hofmeiſter; der Herr vom Hauſe wohnt in einem und die Frau im andern Fluͤgel. Blos der Eßſaal nebſt einigen Vorzimmern dienen zu gewiſſen Zeiten des Tages, um ſich darinn zu ſehen und zu verſammlen. Und wenn ich meine Haushaltung anfange, ſo ſoll die Spinnſtubr gewiß nicht im Corps de logis wieder angelegt werden.

Mein lieber Ariſt, war des Vaters Antwort, ich habe auch die Welt geſehen, und nach einer langen Erfahrung ge - funden, daß Langeweile unſer groͤßter Feind, und eine nuͤtz -liche46Die Spinnſtube,liche Arbeit unſre dauerhafteſte Freundinn ſey. Da ich auf das Land zuruͤckkam, uͤberlegte ich lange, wie ich mit mei - ner Familie meine Zeit fuͤr mich ruhig und vergnuͤgt hinbrin - gen wollte. Die Sommertage machten mich nicht verlegen. Allein die Winterabende fielen mir deſto laͤnger. Ich fieng an zu leſen, und meine Frau nehete. Im Anfang gieng al - les gut. Bald aber wollten unſre Augen dieſe Anſtrengung nicht aushalten, und wir kamen oft zu dem Schluſſe, daß das Spinnen die einzige Arbeit ſey, welche ein Menſch bis ins hoͤchſte Alter ohne Nachtheil ſeiner Geſundheit aushalten koͤnnte. Meine Frau entſchloß ſich alſo dazu; und nach und nach kamen wir zu dem Plan, welcher ihnen ſo ſehr mißfaͤllt. Dies iſt die natuͤrliche Geſchichte unſers Verfahrens; Nun laſſen ſie uns auch ihre Einwuͤrfe als Philoſophen be - trachten.

In meiner Jugend diente ich unter dem General Mon - tecuculi. Wie oft habe ich dieſen Helden in regnigten Naͤch - ten auf den Vorpoſten, ſich an ein ſchlechtes Wachfeuer nie - derſetzen, aus einer verſauerten Flaſche mit den Soldaten trinken, und ein Stuͤck Commisbrod eſſen ſehen? Wie gern unterredete er ſich mit jedem Gemeinen? Wie aufmerkſam hoͤrte er oft von ihnen Wahrheiten, welche ihm von keinen Adjutanten hinterbracht wurden? Und wie groß duͤnkte er ſich nicht, wenn er in der Bruſt eines jeden Gemeinen Muth, Gedult und Vertrauen erwecket hatte? Was dort der Feld - herr that, das thue ich in meiner Haushaltung. Im Kriege ſind einige Augenblicke groß; in der Haushaltung alle, und es muß keiner verlohren werden. Solte nun aber wohl das - jenige, was den Helden groͤßer macht, den Landbauer beſchim - pfen koͤnnen? Iſt der Ackerbau minder edel als das Krieges - handwerk? Und ſollte es vornehmer ſeyn, ſein Leben zu ver - miethen, als ſein eigner Herr zu ſeyn, und dem Staate ohneSold47eine Oſnabruͤckiſche Geſchichte. Sold zu dienen? Warum ſollte ich alſo nicht mit meinem Ge - ſinde wie Montecuculi mit ſeinen Soldaten umgehen?

Ein geſunder und reinlicher Menſch hat von der Na - tur ein Recht, ein ſtarkes Recht uns zu gefallen. Der Ehr - geitzige braucht ihn; die Wolluſt ſucht ihn; und der Geitz verſpricht ſich alles von ſeinen Kraͤften. Ich habe allzeit ge - ſundes und reinliches Geſinde; und bey der Ordnung, welche wir in allen Stuͤcken halten, faͤllt es uns nicht ſchwer es wohl zu ernaͤhren und gut zu kleiden. Das Kleid macht nicht blos den Staatsmann; es macht auch eine gute Hausmagd; und es kann ihnen, mein lieber Ariſt, nicht unbemerkt geblieben ſeyn, daß der Zuſchnitt ihrer Muͤtzen und Waͤmſer ihnen eine vorzuͤgliche Leichtigkeit, Munterkeit und Achtſamkeit gebe. Ich erniedrige mich nicht zu ihnen; ich erhebe ſie zu mir. Durch die Achtung, welche ich ihnen bezeige, gebe ich ihnen eine Wuͤrde, welche ſie auch im Verborgnen zur Rechtſchaf - fenheit leitet. Und dieſe Wuͤrde, dieſes Gefuͤhl der Ehre dienet mir beſſer als andern die Furcht vor dem Zuchthauſe. Wenn ſie des Abends zu uns in die Stube gelaſſen werden, haben ſie Gelegenheit manche gute Lehre im Vertrauen zu hoͤren, welche ſich nicht ſo gut in ihr Herz praͤgen wuͤrden, wenn ich ſie ihnen als Herr im Voruͤbergehen mit einer ernſthaften Mine ſagte. Durch unſer Betragen gegen ſie, ſind ſie ver - ſichert, daß wir es wohl mit ihnen meynen, und ſie muͤßten ſehr unempfindliche Geſchoͤpfe ſeyn, wenn ſie ſich nicht dar - nach beſſerten. Ich habe zugleich Gelegenheit, ohne von meiner Arbeit aufzuſtehen, und meine Zeit zu verlieren, von ihnen Rechenſchaft wegen ihrer Tagesarbeit zu fordern, und ihnen Vorſchriften auf den kuͤnftigen Morgen zu geben. Meine Kinder hoͤren zugleich wie der Haushalt gefuͤhret, und jedes Ding in demſelben angegriffen werden muß. Sie ler - nen gute Herrn und Frauen zu werden. Sie gewoͤhnen ſichzu48Die Spinnſtube,zu der nothwendigen Achtſamkeit auf Kleinigkeiten; und ihr Herz erweitert ſich bey Zeiten zu den chriſtlichen Pflichten im niedrigen Leben, wozu ſich andre ſonſt mehr aus Stolz als aus Religion herab laſſen. Ordentlicher Weiſe aber laſſe ich meine Kinder mit dem Geſinde nicht allein. Wenn es aber von ungefehr geſchieht; ſo habe ich weniger zu fuͤrchten, als andre, deren Kinder mit einem verachteten Geſinde ver - ſtohlne Zuſammenkuͤnfte halten. Ich muß aber dabey be - merken, daß ich meine Kinder hauptſaͤchlich zur Landwirth - ſchaft, und zu derjenigen Vernunft erziehe, welche die Erfah - rung mit ſich bringt. Von gelehrten Hofmeiſtern lernen tau - ſend die Kunſt nach einem Modell zu denken und zu handlen. Aufmerkſamkeit und Erfahrung aber bringen nuͤtzliche Origi - nale oder doch brauchbare Copien hervor.

Ariſt ſchien mit einiger Ungedult das Ende dieſer lan - gen Rede zu erwarten, und vielleicht haͤtte er Selindens Va - ter in manchen Stellen unterbrochen, wenn der Ernſt, wo - mit dieſe ihrem Vater zuhoͤrte, ihn nicht behutſam gemacht haͤtte. Es iſt einem jeden nicht gegeben, fiel er jedoch hier ein, ſich mit ſeinem Geſinde ſo gemein zu machen; und ich glaube man thut allezeit am beſten, wenn man ſie in gehoͤri - ger Ehrfurcht und Entfernung haͤlt. Alle Menſchen ſind zwar von Natur einander gleich. Allein unſre Umſtaͤnde wollen doch einigen Unterſchied haben; und es iſt nicht uͤbel ſolchen durch gewiſſe aͤuſſerliche Zeichen in der Einbildung der Men - ſchen zu unterhalten. Mit eben den Gruͤnden, womit ſie mir die Spinnſtube anpreiſen, koͤnnte ich ihnen die Dorfſchenke ruͤhmen. Und vielleicht bewieſe ich ihnen aus der Geſchichte des vorigen Jahrhunderts, daß verſchiedene Kayſer und Koͤ - nige, wenn ihnen die allezeit in einerley Gemuͤthsuniforme erſcheinende Hofleute Langeweile verurſachet, ſich oft in einem Baurenhauſe gelabet, und ihren getreueſten Unterthanen un - erkannter Weiſe zugetrunken haben.

Und49eine Oſnabruͤckiſche Geſchichte.

Und ſie wollten dieſes verwerfen? verſetzte Selindens Vater mit einem edlen Unmuthe. Sie wollten eine Hand - lung laͤcherlich machen, welche ich fuͤr die gnaͤdigſte des Koͤ - nigs halte? Kommen ſie, fuhr er fort, ich habe hier noch ein Buch, welches ich oft leſe. Dieſes iſt Homer. Hier hoͤren ſie (und in dem Augenblick las er die erſte Stelle ſo ihm in die Hand fiel) der alte Neſtor zitterte ein wenig, aber Hector kehrte ſich an nichts. Welch eine natuͤrliche Schilderung rief er aus? Wie ſanft, wie lieblich, wie flieſ - ſend iſt dieſe Schattirung in Vergleichung ſolcher Gemaͤhlde, worauf der Held in einem einfaͤrbigen Purpur ſteht, den Him - mel uͤber ſich einſtuͤrzen ſieht, und den Kopf an einer poeti - ſchen Stange unerſchrocken in die Hoͤhe haͤlt? Wodurch war aber Homer ein ſolcher Mahler geworden? Wahrlich nicht dadurch, daß er alles in einen praͤchtigen aber einfoͤrmigen Mo - deton geſtimmt, und ſich in eine einzige Art von Naſen ver - liebt? Nein, er hatte zu ſeiner Zeit die Natur uͤberall, wo er ſie angetroffen, ſtudirt. Er war auch unterweilen in die Dorf - ſchenke gegangen, und der ſchoͤnſte Ton ſeines ganzen Werks iſt dieſer, daß er die Mannigfaltigkeit der Natur in ihrer wirklichen und wahren Groͤße ſchildert, und durch uͤbertrie - bene Vergroͤßerungen oder Verſchoͤnerungen ſich nicht in Ge - fahr ſetzt, ſtatt hundert Helden nur einen zu behalten. Er ließ der Helene ihre ſtumpfe Naſe, ohne ihr den ſchoͤnen Huͤ - gel darauf zu ſetzen; und Penelopen ließ er in der Spinnſtube die Aufwartung ihrer Liebhaber empfangen.

Ariſt wollte eben von dem Durtich ſprechen, welcher beym Homer wie ein Vogelbauer in die Hoͤhe gezogen wird, damit die darinn ſchlafende Prinzen nicht von den Ratzen oder andern giftigen Thieren angegriffen wuͤrden. Allein der Alte ließ ihn nicht zu Worte kommen, und ſagte nur noch: ich weis wohl, die veredelten, verſchoͤnerten, erhabenen und ver -Möſers patr. Phantaſ. I. Th. Dwehn -50Die Spinnſtube,wehnten Koͤpfe unſer heutigen Welt lachen uͤber dergleichen Gemaͤhlde. Allein mein Troſt iſt: Homer wird in England, wo man die wahre Natur liebt, und ihr in jedem Stande Gerechtigkeit wiederfahren laͤßt, mehr geleſen und bewun - dert, als in dem ganzen uͤbrigen Theile von Europa; und es gereicht uns nicht zur Ehre, wenn wir mit den niedrigſten Stande nicht umgehen koͤnnen, ohne unſre Wuͤrde zu verlie - ren. Es giebt Herrn, welche in einer Dorfſchenke am Feuer mit vernuͤnftigen Landleuten, die das ihrige nicht aus der Encyclopedie, ſondern aus Erfahrung wiſſen, und aus eignem Verſtande wie aus ofnen Herzen reden, allezeit groͤßer ſeyn werden, als orientaliſche Prinzen, die, um nicht klein zu ſchei - nen, ſich einſchlieſſen muͤſſen. Wenn wir daͤchten, wie wir denken ſollten: ſo muͤßte uns der Umgang mit laͤndlichen un - verdorbenen und unverſtelleten Originalen ein weit angeneh - mer Schauſpiel geben, als die Buͤhne, worauf einige abge - richtete Perſonen ein auswendig gelerntes Stuͤck in einem geborgten Affekte daher ſchwatzen.

Wie Selinde merkte, daß ihr Vater eine Wahrheit, welche er zu ſtark fuͤhlte, nicht mehr mit der ihm ſonſt eignen Gelaſſenheit ausdruͤckte, unterbrach ſie ihn damit, daß ſie ſagte: ſie wuͤrde ſichs von Ariſten als die erſte Gefaͤlligkeit ausbitten, daß er ſeiner Mutter Spinnſtube wieder in den vorigen Stand ſetzen lieſſe. Und ſie begleitete dieſe ihre Bitte mit einem ſo ſanften Blicke, daß er auf einmal die Satyre vergaß, und ihr unter einer einzigen Bedingung den vollkom - menſten Gehorſam verſprach. Selinde wollte zwar Anfangs keine Bedingung gelten laſſen. Doch ſagte ſie endlich, die Bedingungen eines geliebten Freundes, koͤnnen nichts widri - ges haben, und ich weis zum voraus, daß ſie zu unſerm ge - meinſchaftlichen Vergnuͤgen ſeyn werde. Ariſt erklaͤrte ſich alſo, und es ward von allen Seiten gut gefunden, daß Se -linde51eine Oſnabruͤckiſche Geſchichte. linde ein Jahr nach ihres Mannes Phantaſie leben, und als - dann dasjenige geſchehen ſollte, was ſie Beyderſeits wuͤnſchen wuͤrden. Jeder Theil hofte in dieſer Zeit den andern auf ſeine Seite zu ziehen.

Der Hochzeitstag gieng froͤlich voruͤber, und wann gleich Ariſt ſich an demſelben in ſeiner ſchoͤnſten Groͤße zeigte, ſo bemerkte man doch auf der andern Seite nichts was man Ueberfluß nennen konnte. Selindens Vater kleidete alle Arme im Dorfe neu; nur ſich ſelbſt nicht, weil ſein Rock noch voͤl - lig gut war. Er gab nicht mehr als drey Speiſen und ein gutes Bier, welches im Hauſe gemacht war. Denn der Wein war damals noch keine allgemeine Mode, und es hatte ſich kein Leibarzt beyfallen laſſen, der Braunahrung zum Nach - theil das Waſſer geſunder zu finden. Die Braut trug ihr Heidebluͤmgen, und die liebenswuͤrdige Sittſamkeit war das durchſcheinende Gewand vieler edlen und maͤchtigen Reitzun - gen. Sie war weis und nett ohne Pracht. Des andern Morgens aber erſchien ſie nach der Abrede in unausſprechli - chen Kleidungen. Denn die Zeit hat die Modenamen aller Kopfzeuge, Huͤllen und Phantaſien, welche zu der Zeit zum Putz eines Frauenzimmers gehoͤrten, laͤngſt in Vergeſſenheit kommen laſſen. Und wenn ſie ſolche auch erhalten haͤtte: ſo wuͤrde man ſie doch eben ſo wenig verſtehen, als dasjenige, was man in der Limburger Chronick*)Die Worte davon lauten in faſtis Limburg. S. 18. alſo: Die Kleidung von den Leuten in deutſchen Landen war alſo gethan. Die alte Leute mit Namen, tru - gen lange und weite Kleider, und hatten nicht Knauff, ſondern an den Armen hatten ſie vier oder fünf Knäuff. Die Ermel waren beſcheidentlich weit. Die - ſelben Röcke waren um die Bruſt oben gemützert und geflützert, und waren vornen aufgeſchlitzt bis an den Gürtel. Die junge Männer trugen kurze Kleider,die von gemuͤtzerten, ge -D 2fluͤtzer -52Die Spinnſtube,fluͤtzerten, verſchnittenen und verzattelten, von kleinſpalt, ko - geln, ſorkett und diſſelſett lieſet.

Selinde, die alles was ſie war, jederzeit aus Ueberlegung war, ſpielete ihre neue Rolle wuͤrklich ſchoͤner, als wenn ſie ſolche gelernet haͤtte. Sie ſtand ſpaͤt auf, ſaß bis um neun Uhr am Coffeetiſche, putzte ſich bis um zwey, bis um vier, ſpielete bis achte, ſetzte ſich wieder zu Tiſche bis zehn, zog ſich aus bis um zwoͤlfe und ſchlief wieder bis achte; und in dieſemein -*)die waren abgeſchnitten auf den Lenden, und ge - mützert und gefalten mit engen Armen. Die Kogeln waren groß. Darnach zu Hand trugen ſie Roͤcke mit vier und zwanzig oder dreyßig Geren, und lange Hoicken, die waren geknäufft vornen nieder bis auf die Füß. Und trugen ſtumpe Schuhe. Etliche tru - gen Kugeln, die hatten vornen einen Lappen und hinten einen Lappen, die waren verſchnitten und ge - zattelt. Das manches Jahr gewähret. Herren, Rit - ter und Knechte, wann ſie hoffarthen, ſo hatten ſie lange Lappen an ihren Armen bis auf die Erden, ge - füdert mit Kleinſpalt oder mit Bund, als den Her - ren und Rittern zugehört, und die Knechte als ihnen zugehört. Die Frauen giengen gekleidet zu Hof und Dänzen mit paar Kleidern, und den Unterrock mit engen Armen. Das oberſte Kleid hieß ein Sorkett, und war bey den Seiten neben unten aufgeſchliffen, und gefüdert im Winter mit Bund, oder im Sommer mit Zendel, das da ziemlich einem jeglichen Weib war. Auch trugen die Frauen die Burgerſen in den Städ - ten gar zierliche Hoicken, die nennte man Fyllen, und war das kleine Geſpenſe von Diſſelſett, krauß und eng beyſammen gefalten mit einem Same beynahe einer Spannen breit, deren koſtet einer neun oder zehen Gülden. Die Kugeln hiengen vermuthlich auch an den Kappen; und ruͤhrt daher das heutige Sprichwort: Kappen und Kugeln verſpielen.53eine Oſnabruͤckiſche Geſchichte. einfoͤrmigen Zirkel verfloß der erſte Winter in einer benach - barten Stadt, wohin ſie ſich nach der Mode begeben hatten.

Wie der folgende Winter ſich naͤherte, fing Ariſt all - maͤhlig an Ueberlegungen zu machen. Sein ganzes Hausge - ſinde hatte ſich nach ſeinem Muſter gebildet. In der Haus - haltung war vieles verlohren, vieles nicht gewonnen, und in der Stadt ein anſehnliches mehr als ſonſt verzehrt. Er mußte ſich alſo entſchlieſſen auf dem Lande zu bleiben, wofern er ſeine Wirthſchaft in Ordnung halten wollte. Selinde hatte ihm bis dahin noch nichts geſagt. Denn auch dieſes hatte er ſich bedungen. Allein nunmehr da das Probjahr zu Ende gieng, ſchien ſie allmaͤhlig mit einem Blicke zu fragen, wiewohl mit aller Beſcheidenheit, und nur ſo, daß man ſchon etwas auf dem Herzen haben mußte, um dieſen Blick zu verſtehen.

Zur Zeit, wie Ariſt in Paris geweſen