PRIMS Full-text transcription (HTML)
Eydgnoͤſſiſcher Luſt-Garte
Das iſt: Grundliche Beſchreibung / aller in den Eydgnoͤſſiſchen Landen und Gebirgen frey außwachſender / und in dero Gaͤrten gepflanzter Kraͤuteren und Gewaͤchſen. Darinn deren Nutzbahren / Geſtalt / an Kraut / Bluſt / Stauden und Saa - men / Krafft und Wuͤrckung / ſamt dem Orth jedeſe Wachßthums / Vor dem verſtaͤndlich in Latin erzehlet ward / Nun aber in der Mutterſprache / dem lieben Neben-Menſchen zu Dienſte / mit ſchoͤnen erkennlichen Holtzſchnitten fuͤrgeſtellet wird
Zuͤrich /bey Joh. Heinrich Lindiñer /1715.

Denen Hochgeachten / Wol-Edlen / Geſtrengen / Wol-Ehren - und Noth - feſten / Frommen / Fuͤrnehmen / Fuͤrſichtigen und Wol-Weiſen HERREN Herꝛn Joh. Conrad Eſchern / Hoch - verdienten Herꝛn Rahtsherꝛn und Seckelmeiſtern / als Preſidi. Herꝛn Hans Caſpar Wolfen / Wol - verdienten Herꝛn Zunfftmeiſtern / des Taͤglichen Rahts. Herꝛn Hans Conrad Heideggern / Wol-verdienten Herꝛn Zunfftmei - ſtern / des Taͤglichen Rahts. Herꝛn Caſpar Meyer / Wol-ver - dienten Herꝛn Rahtsherꝛn von Freyer Wahl. Herꝛn Johannes von Muralt / Wol - verdienten Herꝛn Zunfftmeiſtern und Ehren-Geſandten uͤber das Gebirg. HerꝛnHerꝛn Hans Jacob Holtzhalben / Wol-verdienten Herꝛn Rahtsherꝛn von der Freyen Wahl. Herꝛn Leonhard Goßweilern / Wol - verdienten Herꝛn Zunfftmeiſtern / des Taͤglichen Rahts. Herꝛn Johannes Scheuchzern / des Mehreren Rahts / geweſenen Zeug - Herꝛn / und Pflegern Lobl. Zunfft. Herꝛn Sigismund Ulrich / des Meh - reren Rahts / und Statthaubtmann. Herꝛn Heinrich Eſchern / des Meh - reren Rahts / und Seckelmeiſtern Lobl. Zunfft. WieWie auch Denen Hochgeachten / Wol - Edlen / Hoch - und Wolgelehrten / Ehren - und Nohtveſten / Frommen / Fuͤrnehmen / Fuͤrſichtigen / Wol-Weiſen und Kunſt-beruͤhmten HERREN Herꝛen Johanni von Muralt / Welt - beruͤhinten Herꝛn Doctori beyderley Artzneyen / Wol-verdienten Herꝛn Stattartzten / Kohrherꝛn des Geſtiffts zum Groſſen Muͤnſter / Profeſſori Phyſicæ Publico, und Hochwerthge - ſchaͤtzten Geſellſchafftern des Keiſerli - chen Collegii Naturæ Curioſorum &c. Herꝛn Johann Jacob Scheuchzern / Weit-beruͤhmten Herꝛn Doctori der Artzney / Wol-beſtelten Hrn. Profeſſori Publico der Mathematiſchen Kuͤnſten / und Hoch-erfahrnen Geſellſchafftern deren Carolinæ & Regg. Angl. ac Boruß. Societatum. Meinen Hochgeachten / Hochgeehr - ten Herꝛen und groſſen Goͤñeren Als Samtlichen Ehren-Glideren des ſo genannten Sanitet-Rahts / Lob. Statt Zuͤrich.

Hochgeachte / Hochgeehrte / Großgünſtige / Liebe Herꝛen!

WAnn wir die Wunder der Er - ſchaffung aller Dingen be - trachten / wo wir uns immer umſchauen / ſtrahlet die unergruͤndliche Weißheit unſers groſſen GOttes herꝛ - lich herfuͤr! Wer erſtaunet nicht / wañ er das rund-gewoͤlbtes Gebaͤu des Him - mels ob uns erblicket / wie es doch in einanderen gefuͤget iſt / daß es unzer - treñlich ſtehet? Wie es doch mit ſo viel 1000000. Sternen geſchmuͤcket ſchim̃ere / die alle ihre Einfluͤſſe den jrꝛdiſchen Ge - ſchoͤpffen mittheilen / und ſo im̃er leuch - tende / ſich nicht verzehren / noch von ihrer Veſte fallen / noch in ihrem Lauffe verirꝛen? Wen entzuͤcket die Beſtuͤr - zung nicht gleichſam auſſer ſich ſelber / wann er ſihet / wie faſt in der Mitten dieſes Gewoͤlbs / die Erde gleich einerKugelDEDICATIO. Kugel ledig ſchwebet / und aufkeine Sei - ten wancket / mit allen ihren Landſchaf - ten / Bergen und Thaͤleren auf den Waſ - ſeren gegruͤndet / und mit dem hohen Welt-Meere umguͤrtet iſt / daß deſſen ſtroͤhmende Waͤllen den Erdboden an Hoͤhe uͤberſteigen / und doch nicht uͤber - ſchwaͤmmen? Wie auf dieſer Erde Sommer / Winter / Fruͤhling und Herbſt zu einer Zeit zugleich iſt / und ſich doch den Lands-gegnen nach abwechßlen? Wie die Sonne und der glaͤntzende Him - mel die Erde auftroͤcknet / und doch das Tauw gibet? Wie die Erde / dero Waſ - ſer und der Lufft von der Sonne und dem Mohne befruchtet / und mit allerley vier - fuͤſſigen / gehenden und kriechenden / ſchwuͤmenden und fliegenden Thieren belebt wird / und dennoch allen noch ge - nugſam Speiſe herfuͤr bringet ſie zu er - halten? Ja wer kan ſich darein finden / daß eben in dieſer gantzen groſſen weiten Welt / der Schoͤpfer aller Dingen / noch eine kleine Welt erſchaffen / die er zum Meiſter der Mutter / und zum forder - ſten Wercke ſeiner allerweiſeſten Vorſe - hung verordnet hat / ob ſie ſchon das letſtes aller Geſchoͤpffen ware? Jch ver -) (4ſteheDEDICATIO. ſtehe das allerherꝛlichſt Kunſt-Stuck des allerhoͤchſten Schoͤpfers / den Menſchen / deſſen Fuͤſſen er alles underworffen / und doch in ihm ungleich es zuſamen geparet / ſterbliches mit dem unſterblichen verein - baret hat / daß bey ihme ſich Freud und Leid abwechſelte / und das Zerbruͤchliche endlich noch in die Unzerbruͤchlichkeit ein - kleidete! Ja uͤber das / daß GOtt in dem Angeſichte des Menſchen noch zwey Wunder eingeimpfet / da er die Geſichts - Linien jedem ſo weißlich underſcheiden / daß kaum zwey Menſchen in der Welt einanderen durchauß gleich ſehen / ob - ſchon deren ſo viel Millionen tauſend ſeyn / und darbey jedeſſen Angeſicht ſo ein - gerichtet / daß man bey der allergering - ſten Veraͤnderung deſſelben ſpuͤren kan / den Underſcheid des Froͤlichen und des Traurigen an der Stirne / des Zuͤchtigen und des Schamhafften an den Wangen / des Zornigen und des Sanfftmuͤthigen an den Augen / des Hochmuͤthigen und des Demuͤthigen an den Augbrahmen / des Geſcheiden und des Thoͤrichten an den Ohren / des Hertzhafften und des Forchtſamen an den Backen / des Ge - ſunden und des Krancken an dem MundundDEDICATIO. und den Leftzen; wie man an einem Uhr - wercke die Stunden des Tages ſihet / und die Wuͤrckungen der innwendigen Raͤ - deren erkennet / ſo ſind auch dieſe und an - dere Leibs - und Gemuͤths-Neigungen auß dem Angeſicht zu bemercken / ſo lang die Seele in dem Leibe wohnet / obſchon daſſelbig nicht uͤber zwey Haͤnde breit und lang iſt. Ja uͤber dieſe zwey Wun - der hat der ewig Hauß-Vatter / wegen der erwachſenen Vielheit und Menge der Menſchen / fuͤr deren Wohnung und Verſorgung ſo geſorget / daß er jedem de - ren Geſchlechteren gleichſam ſeine eigne Reſidenz verordnet / und die Laͤnder ſo weißlich eingetheilet / daß jedes ſeine eigne natuͤrliche Marchen und zugleich was eignes und beſonders hat / daß ein an - der nicht beſitzet; doch iſt keines in der Außtheilung der Gaaben uͤbergangen worden / daß es alles muͤſſe manglen / was zur Erhaltung noͤthig / ſonder GOtt wolte die menſchliche Geſellſchafft ſo erhalten / damit dieſes Abgang auß jenes Uberfluß erſetzet werden koͤnne. Wer das ſonderbar bey uns recht zu Her - zen faſſet / denen der guͤtig Herꝛ auch ein ſolches Land zum Erbtheile durch die) (5SchnurDEDICATIO. Schnur ſeiner weiſſeſten Vorſehung zu - getheilet hat / daß es mit Canaan wol zu vergleichen / indem es von Milch und Honig flieſſet / und mit ſolchen Fruͤchten an Schaafen und Ochſen / an Kraͤuteren / Baͤumen und Gewaͤchſen / an Korn und Wein ſo angefuͤllet iſt / daß es billich ein Wunder der Natur / und ein Paradeiß GOttes / nicht minder als einſten die Gegne um Sodoma und Gomorꝛa he - rum / heiſſen mag / und wir billich in die Worte Davids heraußbrechen: Gelo - bet ſey der GOtt Jſraels / der allein Wunder thut! Und: Preiſe / O Jern - ſalem den HErꝛn / lobe O Zyon / deinen GOtt / der da die Rigel deiner Thoren befeſtnet / und ſegnet deine Kinder mit - ten in dir! Er ſchaffet deinen Graͤntzen Frieden / und ſaͤttiget dich mit beſten Waͤitzen! Er laſſet das Graſe wachſen fuͤr das Viehe / die Kraͤuter zu Dienſte der Menſchen / den Wein / der des Men - ſchen Hertz erfreue / das Oel / daß deſſen Angeſicht lauter mache / das Brod / deſ - ſen Hertz zu ſtaͤrken! Jſt das nicht Wun - der uͤber Wunder? Wunder der Guͤte GOttes! ja Wunder der Langmuth GOttes / daß der gnaͤdig und barmher -zigDEDICATIOzig HErꝛ ſo lang zu ſehen mag / wann die Menſchen bey denen Heimſuchungen und Gerichten GOttes ein Wunder der Boßheit uͤber das ander aufhaͤuffen durch verdamten Geitz und Wucher / und das vertheuren / was zur Nahrung und Erhaltung menſchlichen Lebens von Gott mitgetheilet wird / und alſo boͤſe ſind / wann GOttes Aug und Hand gut iſt / da ſie GOtt ablehrnen ſolten barmherzig und gutthaͤtig zu ſeyn.

Wie diß Buͤchlein ſelbs enthaltet die vielfaltige Wunder-Gewaͤchſe unſers werthen Vatterlands / daß die allertief - ſinnigſten Ahrtforſchere nicht Worte ge - nug finden des Him̃els Wunder-Macht in den Kraͤfften der Natur voͤllig außzu - trucken und dero Urheber mit einem ewi - gen Lob zu erhoͤhen; Alſo hat deſſen Herꝛ Verfaſſer darinn ein Beyſpiele ge - geben / wie man alles zu dem Nutzen des Naͤchſten anwenden ſoͤlle / und mich ſo darmit veranlaſet Jhne zu erbitten / daß es auß dem Latiniſchen in das Deutſch / zum Verſtand gemeiner lie - ben Leuthen / uͤberſetzet werde / nach deſ - ſen Vervollkom̃ung ich es an das gemei - ne Taglicht heraußzugeben / und zugleichEuchDEDICATIOEuch Weinen Hochgeachten / Hoch - gechrten / Großguͤnſtigen lieben Her - ren zu zueignen mich underwunden / weil mir bewußt / daß es zur Erhaltung menſchlicher Geſundheit ſonderbar dien - lich / Jhr aber / Hochgeachte / Hoch - geehrte / Großguͤnſtige / liebe Herꝛen / von unſeren Hohen Landsvaͤtteren zur Aufſicht und ſorgſamer Verhuͤtung an - ſteckender Suͤchten und Kranckheiten / [die unſer lieber GOtt in Gnaden von unſeren Graͤntzen ferner abhalten woͤlle] verordnet ſeyt. Was ſolte ich anders be - ginnen / als aller Welt ein Merckmahl ſo hoͤchſt-ruhmlicher Sorgfalt U. U. Gn. Gn. Hrn. Hrn. und Euerer Ehren-Per - ſohnen aufzutiſchen / und dieſes Werck - lein zu Euerem Hochguͤltigen Schutze einzuverleiben / damit es von eigennuͤ - ziger Leuthen Eingreiffen beſchuͤzet / und Euere Hohe Gunſte mir und den Mei - nigen erworben werde / wie ich dieſelbe hertzlich verlange / und den Hoͤchſten mit heißeyferigen Seuffzeren anflehe / daß deſſen kraͤfftiger Macht-Schirm Euch Meine Hochgeachte / Hochgeehrte / Großguͤnſtige liebe Herꝛen / in edler Geſundheit und aller ſelbs verlangenderGluͤck -DEDICATIOGluͤckſeligkeit gnaͤdigſt befeſtne / Euere vorhabende Rahtſchlaͤge zur Abwendung aller ſchaͤdlichen und gifftigen Seuchen und Kranckheiten von dem liebwerthen Vatterlande / ſegne / und Jhr noch un - erdenckliche Jahre der lieben Kirchen GOttes / dem loblichen Stande und Lande angenehme / nutzliche Dienſte lei - ſten moͤget. Mit welchem Wunſche ich verbleibe

Hochgeachte / Hochgeehrte / großguͤnſtige / liebe Herꝛen Euer underthaͤnnigſter Diener Hans Heinrich Lindinner.

Vorꝛed.

Vorꝛede.

ES hat nicht ohne Vorbedacht eine gelehrte Hand in die Fel - ſenwand / des auf dem oberſten Gipfel des Nieſſens / gegen dem Stock - horn uͤber / in der Hochmaͤchtigen Hrn. Hrn. von Baͤrn Gebiete ligenden / ſo ge - nannten wilden Andreas dieſe Worte eingegraben: τῶν ὀρῶν ἔρως ἄριςος Zu teuſch: Der Bergen-Luſt / fuͤrauß erfreut die Bruſt! Dem iſt auch nicht anders: Dann die Luſt und Liebe der Bergen wachſet nirgens hoͤher und groͤſſer auf / als wo ſich die Gewaͤchſe am fuͤrtreflich - ſten / uͤberfluͤſſigſten und kraͤfftigſten in underſchiedlichen Gattungen erzeigen. Welches fuͤr eine ſonder - und wunder - bare Gutthat des groſſen GOttes zu er - kennen / deren er die Eydgnoſſen und Puͤndtner / vor anderen Voͤlckeren auß / mit Schwalle genieſſen laſſet / als die derWeltVorꝛede. Welt gleichſam auf dem Rucken / ja gar auf dem Haupt ſitzen / und mit den ſchoͤnſten und wunderſamſten Gewaͤch - ſen / wie Kinder in den fliegenden Haa - ren ihrer Mutter ſpielen / daß es Suͤnde were / wañ wir hier den Ruhm der Schaͤ - zen unſers wehrten Vatterlandes ver - ſchwiegen.

Darum ich mir vorgenommen in die - ſer Arbeit zu tretten in die Fußſtapffen der in der Artzney und aller Gelehrte Hocherfahrnen Hrn. Hrn. Conrad Geß - ners von Zuͤrich / und ſeines Lehrnjuͤn - gers / des Hochgelehrten Hrn. Johann Bauhini von Baſel / bey Leben geweſener Oberſten Leib-Artzts des Hertzogs von Wuͤrtenberg / welche durch den Fleiß und die Liebe der Kraͤutler-Kunſt getrie - ben / die gantze Eydgnoßſchafft durch - reiſet / und die darinn gefundne ſeltneſte Gewaͤchſe / in gewiſſe Buͤchlein zuſam - men verzeichnet. Oder ſolte ich nicht auch in gleiche Arbeit ſtehen / mit Ehren - bemelten Hrn. Johann Bauhini, Hrn. Bruder / Caſpar Bauhino (dem ſel. ver - ſtorbenen Hrn. Vatter / Hrn. Hans Ca - ſpars Bauhini) der als ein Fuͤrſt aller Botanicorum oder Kraͤutleren / undgrund -Vorꝛede. grungelehrter Mann uͤber und neben anderen Buͤchern / den herꝛlichen Ent - wurf des Kraͤuter-Schauplatzes an den Tag gegeben / ein hoch-vollkomnes Werk / daran er 46. Jahre gearbeitet. So folge ich endlich auch meinem Hochſchaͤtz - baren Hrn. Lehrmeiſteren / Hrn. Hans Caſpar Bauhino und Hrn. Joh. Heinrich Glaſeren nach / deren jener viel Jahre nach ſeines Hrn. Vatters Tode / namlich An. 1658. den I. Theil ſeines Kraͤu - ter-Schauplatzes / oder der Beſchreibung der Gewaͤchſen / als den XII. Theil des gantzen Wercks / der Welt unter die Au - gen geſtellet; Dieſer fuͤrtrefflich / in Grie - chiſcher Sprache / in der Artzney-Zerglie - der - und Kraͤutler-Kunſt hocherfahrner und gelehrter Herꝛ (als ich in Baſel ſtu - dirte) fuͤhrte mit unverdroßnem Fleiſſe und tugendhafften Beyſpiele zu ſeinem unerſterblichen Lob uns in die Kraͤuter - Erkantnuß / in dem er mit uns gen kraͤut - len außgeloffen / und anbey mich gar leuthſelig und fleiſſig / ſo wol abſonder - lich als offentlich underꝛichtet. Dieſer / Hr. Glaſer aber / als ordenlicher Profeſ - ſor in der Botanic und Anatomey / hat den Ruhm eines hochgelehrten unver -gelich -Vorꝛede. gleichlichen Anatomici und weitberuͤhm - ten Botanici erworben / deſſen Guͤtigkeit ich biß aufzwey Jahre durch Beherber - gung an ſeinem Tiſche und in getreuer Underweiſung / zu meinem groſſen Nu - zen genoſſen. Dannet hin vergiſſe ich nicht meines allerwertheſten Mitarbei - ters Hrn. Doct. Hans Jacob Wag - ners ſel. Angedenckens / welcher alles angewendet / daß er in unſere ſtudirende Jugend eine genaue Erkantnuß deren Eydgnoͤſſiſchen Gewaͤchſen einpflantzen moͤchte / wie es auß ſeiner Helvetia cu - rioſa und anderen von ſeiner Hande ver - faſſeten ſchoͤnen Schrifften mehr als ge - nug bekant.

Wie aber? ſolte ich mir nicht die Ehre geben zu ſonderbarem Lobe zu gedencken / Jhrer Excellenz Hrn. Doctoris Johann Georg Vollkammers von Nuͤrenberg / eines Hochgelehrten Sohns Jhrer Kaͤy - ſerlichen Majeſtaͤt Weltberuͤhmten Hrn. Leib-Medici, meines vormahligen Hrn. Commenſalis, welcher durch eignen Trieb ſeines gelehrten Geiſtes und meine An - leitung die Eydgnoͤſſiſchen / ſonſt geneñte Schweitzer-Gebirge oͤffter beſucht / viel ſchoͤne Alp-Gewaͤchſe da geſamlet / und) () (uͤberVorꝛede. uͤber dero Kraͤffte nach ſeinem hohen Ver - ſtande die Gedancken herꝛlich eroͤffnet; hernach bey Zuruckkunfft naher Hauß ſeine Luſt an der Kraͤutler-Kunſt ſo we - nig auf eine Seiten geleget / daß er die eyferiger fortgeſetzet / zu dem Ende ſeine gelehrte Brieffwechſel mit underſchiedli - chen damals beruͤhmteſten Potanicis, als mit Hermano in Leiden / Tournefort in Paris / Triumfet in Rom und Bolog - nia / Pohmio in Venedig / Viali in Pa - dua / P. Cupano in Palermo / Cherardo und Rajo in Cngelland / und mit ande - ren Liebhaberen anderſtwo gehalten und fortgeſetzet / durch deren undereinande - ren gehegte Gunſtgewogenheit / und ver - trauliche Gemeinſamkeit dero Pflantz - gaͤrten an außlaͤndiſchen Gewaͤchſen tref - lich zu genommen / biß er vor 12. Jah - ren eine curioſe Reiſe in Holland gethan / und alda mit denen Potanicis. namlich den Comelinis in Amſterdam / in Leiden mit Hottonio, und nach deſſen ſel. Ab - ſterben mit deſſen wuͤrdigen Nachfah - ren / dem noch lebenden Poerhaven / einen neuen Brieffwechſel / neben vielen ſelt - nen außlaͤndiſchen Gewaͤchſen erlanget / mit welchem ſein Garten / ſo wolalsVorꝛede. als ſeine Studierſtuben mit gelehrten Freundsſchreiben pranget / alſo daß er darinnen viel Gattungen der Ananaſſen / wie ingleichem von denen neueſten auß - laͤndiſchen Kraͤuteren / den warhafften Caffe-Baum / ſamt vielen anderen un - gemeinen froͤmden Pflantzen den Liebha - beren der Kraͤutlerey lebendig under Augen legen kan.

Was aber fuͤr Gewaͤchſe in dieſem Eydgnoͤſſiſchen Luſt-Garten verzeichnet / die wachſen und werden in folgenden Orthen gefunden / welche ich in meiner Jugend in Begleit Hrn. D. Helwigs / Profeſſoris zu Anklam in Pommeren / und darauf gen Greiffswald berufften Potanici, meinem allerwertheſten und vertrauteſten / aber bald hernach verſtor - benen Freunds / ſelbs durchreiſet. Wir luffen von Baſel auß uͤber Solothurn / Baͤrn durch die Laͤnder Wallis / Under - walden / Lucern / Ury / uͤber deſſen hohe Alpen / den Luckmaͤnger / und dem Ur - ſprung des Rheins nach durch die Grau - buͤndtner der drey Buͤndten / Appenzell / St. Gallen / dem Bodenſee nach / gen Schaffhauſen biß wider in das Elſaß hinunder; welcher Landsſtrich die hoͤch -) () (2ſtenVorꝛede. ſten Berge / die ſtotzigſten Alpen / die mit Schnee und Eiſe befeſtnete Glaͤtſcher / die mit Baͤumen beſezteſte Waͤlder / die lieblichſten Auen / und mit tauſenderley gruͤnen Kraͤuteren beſaamete Thaͤler in ſich begreiffet / deren ich allhier mit gar wenigem Meldung zu thun / entſchloſſen bin.

Wir beſtiegen zum erſten den Waſ - ſerfahl / einen Berg / der das Baſel - und Solothurner-Gebiet entſcheidet / an dem Dorff Rigetsweil liget / und gar hoch iſt / in dem Auffſteigen mit vielen Baͤch - leinen durchnetzet / in dem Gipfel aber gantz duͤrꝛ und trucken / und mit man - cherley heilſamen Pflantzen bewachſen iſt / als mit dem glatten Alpbaͤhrenklau / mit der weiſſen Eberwurtzel / groſſen En - zian / blauen Eiſenhuͤtlein und vielen anderen Gattungen Purgierkraͤuteren. Daher die Hrn. Profeſſores und Stu - denten / zu Baſel / die ſich auf die Artz - ney legen / die lobliche Gewohnheit ha - ben / daß ſie zu Erlangung einer genauen Erkantnuß dieſer Kraͤuteren jaͤhrlich da - hinauf ſpatzieren; dergleichen auch auf die benachbarte Berge zu Krenzach / Mu - tetz / Moͤnchenſtein / Dornach und an - dre mehr geſchiehet.

Her -Vorꝛede.

Hernach bringen der Baͤrneriſch Stockhorn und Nieſſen die meiſten Alp - kraͤuter herfuͤr / als die ſchwarze Nieß - wurzel und die traͤublichte Moharaute / ſamt anderen Kraͤuteren / die des Nachts ſcheinen / deren der hochgelehrte Geßner in einem abſonderlichen Tractat gedenket.

Jn dem Baͤrner Gebieth zwiſchen dem Wallis und Augſtthale hat es die aller - hoͤchſten / mit immerwaͤhrendem Schnee bedeckten Glaͤtſcher / daher ſich der dar - auf in Sommers-Zeit etwann zu ſchmel - zen anhebender Schnee in Loͤuenen zu - ſammen rollet / oder aber zu Winters - Zeit inner kurzer Friſt / nachdem er ge - fallen / in ein Eyß verhartet / welches all - gemach und durch lange Zeit ſich ſelbs reiniget / und zu einem ſonderbar ſtarck kuͤhlenden Stein wird / der an Reinigkeit und Haͤrte dem Cryſtall wenig bevor gibt. Dieſe ſtarck in einander gefuͤgte Eyßſteine machen ſolche Berge gar feſt / jedoch gewahren die dortherum wohnen - de Bauren oͤfter / daß ſie mit ungeheurem Donner und Krachen im Sommer von einanderen ſpalten. Solche Spaͤlte ſind den Jaͤgeren in dieſen Bergen ſo gefaͤhr - lich als bekant: dann wo ſie durch zuſam -) () (3men -Vorꝛed. menſtoſſende Winde mit Schnee bede - ket werden / verfehlen die daruͤber hinge - hende / vermeinende / es ſeye ein feſter Schnee / und verfallen. Alſo dienen ih - nen dieſe Glaͤtſcherſpaͤlte zu ihrem Un - dergang. Solche Spaͤlte geben dann die allertieffeſten Loͤcher und Kluͤffte ab / ſo daß einige 400. Ellen in die Tieffe hal - ten / da Eyſe auf Eyſe bey tauſent Jah - ren auf einanderen ſich gehaͤuffet und feſt gewachſen / daß man die Zahl der Jahren vermittelſt der Ungleichheiten des auf einanderen ligenden Eyſes in dieſen Spaͤlten gewahren kan. Nun auch auf dieſen Bergen wachſen etliche / doch wenige Kraͤuter / die unter dem Schnee ſelbs aufkeimen / als die Hauß - wurzel mit der geſcheckketen Blumen / der Alpmeerkoͤhle und Hrn. Geßners Aenckleinkraut bezeugen.

Nahe bey Lucern beſtiegen wir den Frackmoͤnd oder Pilatus-Berg / daran das Underwaldner-Land ſtoſſet / und ne - ben ihme hat den Bruder-Wald und die Roſtoker-Alpe. Jn dieſeſe Hoͤhle fin - det man die Mohnmilch und Dannen - oder Lerchenſchwam / und neben etlichen ſeltnen Thieren / viel andere Gewaͤchſe /welcheVorꝛed. weiche unſer Ehren-beregter Hr. Geß - ner beſchrieben / inſonderheit aber die Alproſe mit ſchwartzen / auf Eiſenroſt geneigten Blaͤtteren / die Berg-Safran / den geſchuͤſſelt Gauchheil / und andere mehr.

Zwiſchen dem Lucerner - und Zuger - See liget die Rige / Mons regius, welcher von unſeren Zuͤricheriſchen Studenten ſehr viel beſucht wird / wegen der koſtli - chen Kraͤuteren / mit denen er bewachſen iſt: dann man findet darauf Hrn. Geß - ners Bergſtendelwurzel / die ſie da Kuͤh - braͤndlein heiſſen / traget eine Purpur - ſchwarze Blume / als wann ſie ange - brennet were / hat den allerlieblichſten Styrax-Geruch / den ſie auch ſehr lang behaltet / wann ſie gedoͤrꝛet und in Milch geſotten worden.

Bey Schweitz und Ury begiñen nun - mehr die allerhoͤchſten Alpen der gantzen Eydgnoßſchafft / als der Gotthart / die die Schelenen / der Graubuͤndtneriſch Berg Criſpalt / auf welchen die allerſelt - neſten Gewaͤchſe gefunden werden / als der Hirtenbeerwurzel / darvon der But - ter einen Balſam-Geruch gewuͤnnet / die kleinere Bergbenedictenwurzel / die) () (4breit -Vorꝛed. breitblaͤtterige Weißwurzel / die ſonſt von Hrn. C. B. die Brafilianiſche genen - net wird. Bey Anlaſe dieſer Ber - gen gewahren wir hier / daß von den Steinmetzen unten / rings an dieſen Ber - gen her / gleich wie bey oben angeregten Glaͤtſcheren nicht ohne ſauren Schweiß die allerꝛeiniſten Cryſtalle gegraben wer - den / welche auß Vermiſchung eines rei - nen Theils des geſchmoltzenen Eyſes und fixen Mineral-Saltzes zuſam̃engerun - nen / und in ſolche hellglaͤnzende Steine ſchoͤn geſtaltet ſind / und zwar zweyerley Gattungen gefunden werden / die einen Cryſtalle ſind ſchwartz und truͤb / und werden Cryſtallerz billich geheiſſen. De - ren trifft man ſehr viel an / wann man den Gotthart aufſteiget. Die anderen aber ſind durchſcheinend / gar rein / und heller als Venetianiſches Glaß / ſechsekig / groß und klein / wie darvon um den Fle - ken Urſelen / unten an der Schellenen viel gegraben und theur verkaufft wer - den. Was von dem Urſprunge und Wachßtum der Cryſtallen zu halten / hab ich meine Meinung in den Engliſchen Tranſactionibus Collegii Gerſomenſis ent - deket. Zugleich iſt nicht auß der Acht zulaſſen /Vorꝛede. laſſen / daß auf diſen Bergen die beruͤhm - teſten Fluͤſſe Europæ, die Rhone / der Rhein / die Aare und die Reuſſe ihren Urſprung nehmen. Auß dieſen Alpen entſpringet der Rhein in zweyen Bruͤn - nen / die etliche Meilen weit von einande - ren entlegen. Um den vorderen Brun - nen des Rheins wohnen die von den Al - ten genennte Etuates, deren Staͤttlein Dawetſch noch aufrecht ſtehet. Der hin - der Brunne des Rheins hat naͤchſt bey ſich den Flecken Rheinwalden. Dieſe bey - de Bruͤnnen flieſſen bey Chur in Puͤnd - ten zuſammen in einen Runz / in wel - chem ſie biß an den Bodenſee und durch denſelben hinunter gantz erkennlich fort - flieſſen.

So ligen Tamin und Chur dañ auch unter ſehr ſtozigen Bergen / die mit Puͤndneriſchen Feurſteinen und anderen Ertzwercken beſchwaͤngeret ſind / und in deren Thaͤleren zu ſehen Trauben / Kirſch - baͤume / allerley Gattungen Hahnenfuſ - ſes / Berghabbichkraut / braune Lerchen - bluͤmlein / Schabenkraut / zugeſchwei - gen des kleineren Engelkrauts / und die Bergroßhube mit ſchmalen Blaͤtteren / u. a. m. die daſelbſt herfuͤr kommen.

) () (5BeyVorꝛede.

Bey dem Pfeferzer-Bade / bey dem Doͤrflein Valenz und dem Mohmsberge wachſen die Goldwurzel / Bergtauſent - guldenkraut / und ſehr viel Gemswur - zel von allerley Gattungen. So halten ſich daſelbſt auch viel Murmelthierlein auf / die den Winter durch in den Loͤche - ren der Erden verborgen ligen und ſchlaf - fen. Deßgleichen Abendlaͤnderiſche Be - zoares / Gemskuglen / Steine / die in dem Magen der Gembſen wachſen / den Schweiß foͤrderen / und wolraͤuchend ſind.

Jch will nichts melden von dem Bret - tigaͤu / von St. Maurizen Saurbrun - nen und den naͤchſt angrenzenden Alpen / ſonder vernuͤgen uns zu wuͤſſen / daß daran viel Gattungen der Enzianen / der Him̃elsſtaͤnglen / kleinen Berg-En - tzianen / der Waldenſeren Thora / die gelbe Alpteyelein / und mancherley Gattun - gen Anemoͤndlein mit Schwalle, auf - wachſen.

So prangen die Glarneriſchen / Ap - penzelleriſchen und Toggenburgiſchen Alpen biß gen St. Gallen hinab mit dem fruͤhen Schweinbrot / dem in Geeren ge - theilten Goldkraut / Trollblumen u. a. m.

NichtVorꝛede.

Nicht weit von Schauffhauſen kom - men wir auf den Rander / ſo gegen dem Schwabenlande und dem Kleggoͤu gele - gen / und ſehr reich iſt von allerley geſun - den Kraͤuteren / als der Bergſcabioſen / Enzian / Eberwurtzel / wie auch denen Eiſenhuͤtleinen / Wolffsmilch / Peſti - lentzwurtzel / Ehrenpreiß / Purgier - krautund anderen mehr.

So wird man in dem Gebiete und auf den Bergen Lobl. Satt Zuͤrich / namlich auf dem Huͤtleinberge / Jrchel / Laͤgerberge / in dem Sill - und Buͤla - cher Waͤlderen / an dem Katzenſee und vielen anderen Orthen zwuͤſchen den Torff-Buͤſchen ſolche Kraͤuter aufwach - ſen ſehen / uͤber die man ſich verwunde - ren muß / als die kleinere Hirtzwurtzel / das Edelleberkraut / die arthlich-geſtal - tete Frauenſchuͤhlein / den hohen Ahorn / den unnuͤtzen kleinen Bintz / den drey - ſpitzigen hinderſich gebogenen Bintz / den Bluſtbintz / Sonnenthauw / die im̃er - grunende Hundszunge / kleine Meyen - reißlein / kleine wilde Rauten / Kaſta - nienbaͤume / Lerchenbaͤume / und rothe Dannenbaͤme.

Es zeigen ſich auch zwuͤſchen ZuͤrichundVorꝛede. und Baſel / gegen Egliſau / Baden in dem Ergaͤu (wo die warmen Schwefel - baͤder ſind) gegen Windiſch und Augſt ob Baſel viel ſchoͤne Pflantzen und gebil - dete Steine / welche von wiſſens-begie - rigen Leuthen nicht gering geſchaͤtzet wer - den / worvon wir aber mit naͤchſtem zu handlen vorhaben.

Auch erblicken wir auf den ſandigen Felderen der Byrs / den blauen Senff in groſſer Anzahle wachſen / wie aller - hand Gattungen Weiden / und in den Michelfeldiſchen Suͤmpfen die kleinere Waſſergarbe / die zart-gekerfte Kuͤh - ſchelle mit der kleineren Blume u. a. m.

Jch habe vor vielen Jahren dem fuͤr - trefflichen Ober-Leibartzt des Durch - leuchtigſten und Großmaͤchtigſten Hrn. Friederich Wilhelms / Koͤnigs in Preuſ - ſen und Marggrafen zu Brandenburg / Hr. Doct. Mentzel / einem weitberuͤhmten Botanico, auf ſein freundliches Erſuchen / die fuͤrnemſten Gattungen der Eydgnoͤß - ſiſchen Kraͤuteren / ſamt einem von Hand geſchribnen Artzneyſchluͤſſel daruͤber zuge - ſendet / welche er als einen koſtlichen Schaz in der Koͤnigl. Buͤche - rey aufbehalten.

An Den Wol-Edlen und Hochgelehrten Herꝛn Verfaſſer Dieſes Eydgnoͤſſiſchon Luſtgartens

WJe hat dann mein Herꝛ von Muralt!
dort Clarmont nicht die Sonnen
Auf ſeinen hohen Berg geſezt / daß Glanz
darvon gewonnen
Vaſt ſelbs die gantze weite Welt von Oſten
biß in Weſt /
Und ihre Waͤrme wol ergezt auch noch den
Uberꝛeſt?
Nicht Robert mehr / nicht Vivian noch andre theure
Helden
(So ſind von ihnen abgeſtamt) den Glanz allein
vermelden /
Jhr ſeyt auch der von Zeit zu Zeit verneuert
dieſen Glanz /
Daß Delius Euch billich bindt und ſezet auf
den Kranz:
Dann Jhr in die Fußſtapffen ſteht / in denen er
geſchritten /
Als er
aAlſo redet Apollo, der hier Delius genennet wird von ſich ſelbs beym Ovidio Metamorphos l. 1. . 514 pag. m. 12. Inventum Medicina meum eſt, opiférque per orben〈…〉〈…〉 Dicor & herbarum ſubjecta porentia nobis.
a die Arztkunſt hat erdacht / und denen / die
gelitten
Viel
Viel Hilff in weitem Rund geſchafft / ja
gar der Kraͤutern Macht
Jn ſeiner freyen Hand gehabt: dann ihr
habt nachgetracht /
Was Machaon, was Hypocras, was Avicenna
lehrte /
Und was des weiſen
bDer Weltweis Democritus, der ein fuͤrtreflicher Ana - tomicus geweſen.
b Abderits Schneidmeſſer
dort erklaͤhrte /
So daß Jhr kennt die kleine Welt im inner -
ſten Gebaͤu /
Und auch die groſſe durch und durch / und
waͤs drinnen immer ſey?
Da war Euch ja kein Berg zu hoch / den Jhr
nicht habt beſtigen /
Kein Thal zu tief um da zu ſehn / was drinnen
moͤchte ligen;
Die Schneegebirge / welche gar den Him̃el
ruͤhren an /
Und ihre ſtoltze Glaͤtſcher ſelbs Euch waren
underthan /
Nur daß Jhr moͤchtet von daher erforſchen / was
verborgen /
Und doch in dieſem Siechenhauß außhilfet vielen
Sorgen /
Die
dUnter dem Gedichte der Pandora haben die Heiden den Fahl der Eva vorgeſtellt / dardurch alles Un - gluͤck in die Welt kommen iſt.
d Pandora von ihrer Buͤchs in deſſen
Kammern ſtreut;
Die Erze habt ihr aufgeſucht / die Steine
nicht verſpeut /
Nurc.Alſo wird die Welt einem Siechenhauß verglichen / weilalle darinn ſiech ſind / entweders am Leib oder am Gemuͤthe.
Nur daß Jhr durch die Scheidekunſt noch moͤch -
tet das ergruͤnden /
Was in ſo duͤrꝛem Welt-Geſchoͤpf fuͤr Saft und
Kraft zu finden /
Die Stroͤme / Baͤder / Fluͤß und See Jhr
habet durchgereißt
Und die Luftgroten nicht geſcheut / geb wie es
drinn geſchweißt.
Ja was Jhr in der Kraͤuter-Kunſt gethan durch
gantz Helvetien /
Jn Wallis / in der Lombardey und in dem hohen
Rhætien /
Das zeugt nicht dieſe Schrifft allein / dariñ
Jhr habt entdeckt /
Wie GOtt ſelbs in den Kraͤuteren ſpielt /
dieweil Jhr ſelbs geſchmeckt
Mit eigner Zunge / was fuͤr Guſt und Kraft de -
ren jedes habe /
Selbs das blau Eiſenhuͤtlein / das ſchnelle ſtuͤrtzt
zu Grabe /
Und andre mehr. Jhr habt zugleich auch
jedeſe Geſtalt
Und Weſen außgeforſcht genau / wie jedes
warm und kalt?
Und das habt Jhr alles fuͤrgeſtellt / nicht nur nach
jenen Weiſen /
Die einſt Cartheſius erfand / Jhr zeigtet / wie zu
preiſen
Den Hoͤchſten lehrn ein jedes Kraut / und
ward darbey bedacht /
Wie werde GOttes Reich erbaut und Frie -
de fortgebracht /
Geb
Geb wie der Momus ſeine Zaͤhn an Euch zuſezen
ſuche:
Dann eines rechten Chriſten Hertz / Zanck / Neid
und Haß verfluche.
Das heißt philoſophiren recht! Drum blei -
bet Jhr gewiß
Mein Herꝛ von Muralt / daß Euch ſchadt
kein giftig Neidgebiß:
Dann ſelbs der Himmel ſteht fuͤr Euch / und wer
am Parnaß ſitzet /
Hat ſchon vom Caſtallin entlehnt was Euer Ehre
ſchuͤzet!
Fahrt nur ſo fort / der guͤtig GOtt wird
Euer Lohner ſeyn /
Der ſchenck Euch wie Mathuſalem den
Lebens Nektar eyn;
Weil nun zu acht mal neunen hoch bald Euer Al -
ter ſteiget /
Jhr aber Euch noch fort und fort ſo arbeitſam er -
zeiget /
So werden Eure Kraͤffte ſeyn / wie Calebs
immer gleich /
Biß Jhr auß diſem Jamerthal geht in das
Freuden-Reich.

Alſo hat Seinem Hochgeehrten Herꝛn und Goͤnner über den Deutſchen Druck Des Eydgnoͤſſiſchen Luſt-Gartens begluͤckwuͤnſchet J. K. Hmr.

1

Des Eydgnoͤſſiſchen Paradeiſes Erſtes Capitel. Von denen Gewaͤchſen und derſelben Theilen ins gemein.

EJn Gewaͤchs iſt etwas lebend - wachſendes leibliches: dann es entſpringen ſo viel und ſolche Wunder-Geſtalten unter den Gewaͤchſen / von einem / ihnen in der erſten Erſchaffung ein - gepflantzten / und mit einer ſonderbaren Bildnuß begabeten Geiſte / daß die Gewaͤchſe wol-beſeelte Leiber genennet werden moͤgen.

Ein ſo beſeelter Leib iſt was lebend-wachſendes / weil er durch Huͤlffe eines fluͤchtigen Geiſtes (der eine webende Seele geheiſſen wird) wachſet / er - nehret und fortgepflantzet wird.

Dieſer fluͤchtiger Geiſt iſt die webende Seele / die auß dem duͤnneſten Weſen der Gewaͤchſen entſte - het / und das gantze Gewaͤchß belebt / deſſen inneresAund2Das 1 Capitel. und auſſeres durchdringet / deme die ſonderbare / nach der / von dem Schoͤpffer eingepregeten Bild - nuß gebuͤhrende Geſtalt mittheilet / und die ande - ren lebenden Wuͤrckungen außuͤbet.

Dieſer Kraͤuter-Geiſt wuͤrcket / je nach der Be - wegung der untenligenden Materien / allerley Fi - guren auß / wie es bezeugen die wunder-geſtaltete Saamen und Kraͤuter / und deren verſchiedene Wuͤrckungen / ſamt denen durch die Scheid - Kunſt aufgeloͤſete Geiſterlein / die zu ſo mannig - faltigem Nutzen dienen.

Sie haben aber eine eingepregte Bildnuß / das iſt / ein ewiges / von Gott / dem Geiſt der Welt ein - und angeſchaffenes Muſter deſſen / das na - tuͤrlich geſchehen ſoll; dann Gott allein weiſſet in einer jeden Gattung der Gewaͤchſen die rechte Gleichnuß zwuͤſchen der treibenden Waͤrme und der leidenden Matery / alſo daß er von der erſten Erſchaffung an der einige Urheber aller Bildun - gen der Gewaͤchſen geweſen.

Dieſer Geiſt iſt der fluͤchtiger Lufft-ſalpetriſche Theil der Gewaͤchſen / der in der ſchwefelichten Milch der Saamen eingeſchloſſen / von der Son - nen und dem Geſtirn Kraͤffte gewuͤñet / und durch die Schoͤßlein fortgepflantzet / vermehret / und das Wachßtum befoͤrderet wird.

Dieſer im Saamen eingeſchloſſener Geiſt hat drey Wuͤrckungen / die er bezeiget in

1. Der3Von den Gewaͤchſen und derſelben Theilen.
  • 1. Der Krafft ſich zu nehren.
  • 2. Der Krafft ſich zu vermehren.
  • 3. Jn der Krafft ſich fortzupflantzen / oder gleiche Arthen zu erzeugen.

Dieſe drey Wuͤrckungen kan man zum beſten verſtehen / wann man eine Vergleichung anſtellet mit der Nehr-Krafft / Mehr-Krafft und Erzeu - gung-Krafft / die ſich in den Menſchen befindet / obwol jener Wuͤrckung nur natuͤrlich / und nicht lebend-machend ſind / wie dieſe.

Die Nehr-Krafft des Gewaͤchſes treibet den ſei - ner Arth aͤhnlichen Safft auß der Erden in die hohlen Gaͤnglein der Wurtzen / die auf gewuͤſſe Weiſe gleich geſtaltet ſind / daſelbſt er in denen klei - nen und klemmen Roͤhrlein und Saͤcklein außge - kochet / und durch das Jaͤhrn gereiniget / vermit - telſt der Hitze und des Triebs des umgoßnen Luffts durch die loͤcherichte Zaͤſerlein in alle Theile des Gewaͤchſes gebracht / und in deſſen Weſen ver - wandelt wird.

Das Gewaͤchs wird ernehret durch die Zueig - nung der klebrichten Theilen / die dieſem Geiſt an - hangen / indem er durch die engen Loͤchlein der Zaͤ - ſerlein hin und her ſchweifet / und in ſolchem durch - wanderen die befeuchtet / ſo daß dieſer klebrichter Safft allgemach dann die Ahrt und das Weſen des Gewaͤchſes annimmet.

Die Vermehr-Krafft des Gewaͤchſes wird ſonſt das Wachßium genennet / weil das Gewaͤchs durch dieſelbe wachſet und groͤſſer wird / in dem esA 2ſeine4Das 1. Capitel. ſeine Nahrung an ſich ziehet; wann namlich der uͤberfluͤſſig dargereichter Nehr-Safft die klemmen Roͤhrlein und Saͤcklein erweiteret / und mehr. Nahrung zu flieſſet / als von inneren und auſſeren Urſachen verzehret / und gleichſam vertaͤuchet wird.

Es mehret ſich aber das Gewaͤchs und krieget ſein Wachßtum auß dem Saamen / welcher das gantze Gewaͤchs gar kuͤnſtlich und artlich zuſam̃en gerollet und eingewicklet inner ſich enthaltet und vorſtellet / wie es ſonderbar an der auß der Erden aufkeimenden Bohne zu erſehen.

Wann nun der Saame in die Erde / als ſeine Mutter geworffen / anfanget jaͤhren / treibt er ſei - nen fluͤchtigen Geiſt auß ſich / der ſich dann weiter außſpreitet / an den Kraͤuteren die Blaͤtter herfuͤr - trucket / und die Wurtzel in die Tieffe treibet / durch die Scheidung des ſchwereren von dem ſubtileren Nehr-Safft / den er durch die Gaͤnge der Zaͤſer - lein in die Aeſte ergieſſet / und endlich die jeder Gat - tung gebuͤhrende Frucht zeitigen machet. Dieſes Wachßtum aber geſchihet nicht nur durch den Saamen allein / ſonder auch durch die Augen oder Bollen / Wurtzlen / Aeſte und Sproͤßlein (Schoͤßlein.)

Die dritte Wuͤrckung des Kraͤuter - oder Ge - waͤchs-Geiſtes iſt die Krafft ſich fortzupflantzen oder gleiche Ahrten zu zeugen / durch welche dieſer Geiſt an einem gewuͤſſen Orthe / ſonderlich an den Gipfflen des Gewaͤchſes (ſo gleichſam der Pflan - zen Eyerſtock oder Saamen-Gehalter zu verſte -hen)9[5]Von den Gewaͤchſen und derſelben Theilen. hen) ſich in die allerꝛeineſten Theile des Nehrſafts ſamlet und einwikelt / einen Saamen oder Kernen darꝛeichet / in welchem die Bildnuß des darauß entſpringlichen Gewaͤchſes eingeſchloſſen.

Es bindet ſich aber dieſer Geiſt nicht nur in den Gipflen der Gewaͤchſen zuſammen / ſondern auch aller Orthen in dem gantzen Gewaͤchs; ja voll - kommene Gewaͤchs ziehen und pflantzen ſich zu Waſſer und zu Lande ohne Saamen / allein durch eine Bewegung der Matery / oder durch ein an - ders ſchon gemeldetes Mittel / wie das Nater - oder Pfenning-Kraut / Burtzel / Hertzenbleich / Waſ - ſer-Linſe u. a. welches geſchiehet durch den allge - meinen Welt-Geiſt / der alles durchwanderet.

Jedes Gewaͤchs hat zwey weſentliche Theile / ohne die es nicht beſtehen kan. 1. Die wunder - kunſtlich außgearbeitete Matery / die in dem corpore organico, oder wuͤrckenden Leibe des Ge - waͤchſes beſtehet / und zu mancherley Wuͤrckun - gen / fuͤrauß zu Heilung der Kranckheiten / dien - lich / und in ſich ſelbs zierlich iſt. 2. Hat jedes Ge - waͤchs ſeine webende Seele / oder den fluͤchtigen Geiſt / der es erfriſchet und zu keimen machet / in - dem es in Lufft-Roͤhrleinen und Lufft-Blaͤßleinen verſchloſſen obſich tringet und außzuduͤnſten trachtet / inzwuͤſchen aber verſchiedene Theile des Nehr-Saffts mit ſich fortreiſſet / die Matery des Gewaͤchſes aͤnderet / beweget und belebet.

Die vollkommene und wuͤrckende Theile des Gewaͤchſes ſind entweder gleichfoͤrmig / indem ſieB 3mit6Das 1. Capitel. mit der Arth des Gewaͤchſes / wenigſt unſerem Ver - ſtand nach / gaͤntzlich uͤbereinkommen / wie da ſind die Zaͤſerlein / die Nerven oder Sennaͤderltin / das Fleiſch / das Marg / die Rinde / das Holtz; Oder ſind ungleichfoͤrmig / indem ſie dem Gewaͤchſe / ſei - ner Arth nach / ungleich ſind / als da ſind die Wur - zel / der Stamme / der Aſt / das Schoß / das Aug oder die Bolle / die Bluſt / das Lufftroͤhrlein / die Frucht / der Saame / das Gaͤbelein / das Zwick - lein oder die Krambe / die ſich anhaͤnget.

Von denen gleichfoͤrmigen Theilen der Gewaͤchſen.

Die Zaͤſer - oder Faͤſerlein ſind Haar-kleine duͤnne Faͤden / welche durch die Wurtzen und das Fleiſch der Pflantzen ſich außſpreiten / derſelben die Nahrung mittheilen und ſie beſteiffen. Die Zaͤ - ſerlein gleichen in denen Baͤumen und Blaͤtteren einem Zettel / und demnach ſind ſie die kleinſten und dünneſten Wuͤrtzlein / die in der Erden ſich auß - daͤhnen.

Die Nerven oder Sennaderen des Gewaͤchſes ſind die außgeſtreckten / hart aneinander halten - den und veſten Theile deſſelben / die ſich leicht von dem Fleiſch ſoͤnderen / und der Laͤnge nach ſpalten laſſen; Sie gleichen einem langen Faden / welcher die anderen Glieder durchſtreichet / wie in dem Breitenwaͤgrich zu gewahren / der daher fuͤnfaͤd - rig genennet wird.

Das7Von den Gewaͤchſen und derſelben Theilen.

Das Fleich der Gewaͤchſen iſt deſſen veſter Theil / der ſich auf alle Weiſe / der Quer / der Breite und Laͤnge nach / zertheilen laſſet / wie eine ſolche Matery an den meiſten Fruͤchten zu erbli - ken / die mit einer Schelffte oder Haut uͤberzogen / als die Biren / Apffel / Pflaumen / Zwetſchgen / ꝛc. ſind.

Eigentlich bedeutet das Fleiſch daßjenig weiches Weſen der ſafftreichen Fruͤchten / welches ſonſt die Pulpa, gleichſam die Maul / das dick Fleiſch ohne Bein heiſſet / das zwuͤſchen der Spalt-Aderen li - get / wie an der Caſſia, den Braͤnnaͤßlein u. a. m. zu ſehen. Diß Fleiſch aber wird den feſten Theilen des Gewaͤchſes zu gerechnet / in dem Gegenſatz ge - gen den feuchten und geiſtreichen Theilen deſſelben.

Das Marg iſt das ſchwammichtes Weſen / das in Mitten des Stammens und der Aeſten der haͤr - teren Gewaͤchſen enthalten / wie in dem Holder - Attich - und Tamarßiken-ſtauden gewahret wird; Weil nun das Marg den mittleren / weicheren und edleren Theil eines jeden Gewaͤchſes vorſtellet / ſo wird es auch das Hertz und die Gebehr-Mutter ge - nennet.

Die Rinde iſt gleichſam die Decke und das Kleid des Gewaͤchſes / darinn hartes und lindes under einander eingewuͤrcket / ſich leicht von dem Holtz und Fleiſch abſoͤnderen oder ſchellen laſſet.

Die auſſere Rinde des Gewaͤchſes iſt gleichſam der Pantzer / der ob dem Kleide hergehet / oder wie eine Ruͤffe einer Wunden / die das neu-wachſendeA 4Fleiſch8Das 1. Capitel:Fleiſch verwahret; da die inneren gleichſam der Rock oder das Hemd iſt / das an dem Holtze / als am Leibe anliget / und heiſſet der Baſt / darauf man ſchreiben kan / auß was Matery er immer werde; dann man auß dem Baſt der Baͤumen gantze Buͤcher Blaͤtter-weiſe zuſam̃en gebunden / ehe der Gebrauch des Papyrs und Pergaments aufkommen war. Dergleichen ſihet man an den Linden / Buchen / Bircken.

Vorauß aber iſt das Holtz der Baͤumen / Stau - den und Geſtraͤuchen ein hartes / zaͤſerichtes / aller Welt bekantes Weſen / das zur Abkochung unſe - rer Speiſen ſehr dienlich.

Von den ungleichfoͤrmigen Theilen der Gewaͤchſen.

Die ungleichfoͤrmige Theile der Gewaͤchſen dauren entweders beſtaͤndig gleich / oder ſie wach - ſen jaͤhrlich wider von neuem. Jene nennet man die beſtaͤndige / dieſe aber unbeſtaͤndige Theile.

Die Wurtzel iſt der allernoͤthigſter Theil des Gewaͤchſes / darauß der Stamme herfuͤr ſchieſſet / der ſich in viel Aeſte und Sproͤßlein zertheilet / ſo daß es ſcheinet / als ob das Gewaͤchs auß vielen zuvor abſonderlich auß der Erden herfuͤr gezognen Faͤden zuſammen gefuͤgt / und darauf in dem Stammen / gleich als in ein Buͤſchelein einge - bunden / aber bald wider in Aeſte und Blaͤtter außgeſpreitet worden ſeye.

Dieſe7[9]Von den Gewaͤchſen und derſelben Theilen.

Dieſe Wurtzel iſt der unterſte Theil des Ge - waͤchſes / welcher ſich etwas ſteiffer in den Leib ein - tringet / in welchem das Gewaͤchs ſeinen Sitz gewonnen / es ſeye jetz in der Erden / wie die eine gemeine Schoß und Mutter aller Gewaͤchſen / oder es ſeye auf Felſen / zwuͤſchen Steinen / Sand / Kalch / Holtz oder was anders / das ihme bequem ſeine Nahrung darauß an ſich zu zeuhen.

Der Stamme (der ſonſt auch der Strumpf oder Stock heiſſet) iſt der Theile / der einfaltig uͤber die Erden herfuͤr wachſet / und den auß der Wur - zel dargereichten Nehr-Safft an ſich ziehet / und in alle Theile des Gewaͤchſes fortfuͤhret / wird ſonſt auch der Staͤngel genennet.

Der Staͤngel des Gewaͤchſes ſteiget gantz auß - geſtrecket grad auf in die Hoͤhe / ſo daß daran we - der hinden noch vornen her / weder Rechts noch Lincks kein Underſcheid zu erſehen. An dem Baum - und Stauden-Gewaͤchſe heiſſet es der Stammen / an denen Korn - und Getraͤid-Fruͤch - ten aber der Halme.

Der Aſt iſt wie ein Arm des Gewaͤchſes / der auß dem Stammen entſproſſen / ſich in vielerley Zweyglein und Schoſſe außbreitet / gleich wie auß dem menſchlichen Leibe von der Huft und Schulter die Glieder mit ihren Gelencken und Fingeren an Haͤnden und Fuͤſſen herfuͤr gehen: Alſo trucken auß dem Stammen und Staͤngel mancherley Aeſte herfuͤr / welche die Fruͤchte ohne des Baums oder Halms Schaden reichlich tragen moͤgen.

A 5Das10Das 1. Capitel.

Das Sproͤßlein iſt ein Schoͤßling / der auß dem Aſt herkomt / und mit dem Gewaͤchs-Geiſte gantz außgeſchwaͤngeret iſt / daher es einfaltig zart und duͤnn auß den Aeſten herfuͤr bricht / und zum neuen Aeſtlein wird / das zum zweygen tuͤchtig / oder daran ſich am Halme die Aere zur Saat ge - ſtalten.

Die Lufft-Aederlein ſind kleine / in der Wur - zen der Baͤumen befindliche Kreiß-weiß gewun - dene Roͤhrlein / welche mit einem Nez-foͤrmigen Geflechte umſchloſſen / deſſen Zwuͤſchen-Raum hartlechte Holtz-Zaͤſerlein außfuͤllen / die dann ſamtlich mit einer weichen und dicklichten Rinden zu gedecket ſind / und in Holtz-Faͤſeren und Lufft - Schlaͤuchleinen oder Blaͤßleinen beſtehen.

Die Aeuglein oder Bollen ſind ein Begriff des gantzen Gewaͤchſes / und gleichſam ein anwachſen - der Saame / ein Siebe / dardurch der Nahrungs - Safft in ſeinem Lauff ordenlich außgetheilet wird / daß darauß eine neue Pflantze erwachſet / und den Baum ſelbs erneueret. Wann der Baum / nach ſeiner Winter-Ruhe / wider ſchwanger zu werden anhebet / ſind die Bollen oder Augen das erſte / daß er widergebihret / und gehen dem Bluſt vor / der in dem Auge oder Bolle eingewiklet liget.

Die Blaͤtter ſind die breiteren Theile der Ge - waͤchſen / die von den Aeſtleinen herab hanget / alle Jahre neu wachſen und wider abfallen / und die - nen zum Schutze des Bluſts / der Fruͤchten / und des Stammens. Hiemit daͤhnet ſich ein Blat vonſei -11Von den Gewaͤchſen und derſelben Theilen. ſeinem Sitz oder Grund alſo auß in die Hoͤhe / Laͤnge / Breite und Dicke / daß in ſeiner inneren und aͤuſſeren Flaͤche underſcheiden iſt.

Die Blumen hangen an denen Staͤnglen und Aeſten / damit ſie die Frucht einſchlieſſen / und wider die harben Luͤffte verwahren. Sie beſtehen aber auß denen allerzaͤrteſten vielfaltig-gefaͤrbeten und geſtalteten Blaͤttleinen / Haͤußleinen / Kaͤlch - leinen / Faͤdemleinen / daran kleine Saamen - Floͤcklein oder Bluͤſtlein hangen.

Alſo iſt der Bluſt oder die Blume der zarteſter Theil des Gewaͤchſes / furtreflich an Farbe oder an Geſtalt / oder an Bildnuß zugleich / und ent - haltet den erſten Beginn der Frucht.

Der Knopff oder das Schaͤchte lein iſt der Ge - halter des Bluſts oder der Blume / fuͤrnemlich der Roſe / eher ſie ſich ſpaltet und oͤffnet; Zuweilen deutet man darmit an die erſt ginnende / noch un - aufgeſchloßne Roſe / den Roſen-Knopff. Ge - meinlich aber verſtehet man dardurch das Haͤuß - lein / darinn erſtlich die Blume / hernach der Saa - men der Kraͤuteren und die Frucht der Baͤumen verdecket wird.

Jn Mitte der Blume befinden ſich die Faͤdem - lein / daran der Bluſt-Saame hanget / daher dieſe Mitte der Nabel heiſſet / beſtehend auß zarten duͤnnen / ablangen Theilken / gleich den Haaren. Bißweilen ſind ſie etwas dicker / bald ragen ſie et - was wenigs in der Hoͤhe herfuͤr mit klemmen Spitzleinen / welche den ablangen / doch etwasſteiffe -12Das 1: Capitel. ſteifferen und dickeren / in der Mitten des Nabels hafftenden ſtylum oder Steffzen umgeben.

Dieſe Faͤdemlein oder ſtamina ſind entweders Saamen Faͤdemlein / die einen kleinen Saamen / gleich Gluffen-Knoͤpffen auf ſich tragen / wie wir an den Tulipanen und Gilgen ſehen; Oder ſie ſind Bluſt-Faͤdemlein / die mit artigen Loͤckleinen pran - gen / wie an der Ringel-Blume und Rheinfahren zu beobachten.

Dieſe beyderley Blumen-Faͤden nehren die Bienen / indem ſie den Honigſeim darauß ſaugen / und dienen zugleich zur Zierd und zur Underſchei - dung der Blumen.

Die Frucht iſt entweders ein bloß-ligender / oder mit Fleiſche zu ſeiner Erhaltung bedeckter Saa - me / der Leuthen und Viehe zur Nahrung gedeyet.

Es iſt aber die Frucht eine neue Geburt der Ge - waͤchſen / voller Safft und Krafft / der wahrhafft Saamen-Gehalter / wie die Bieren / Apffel und Zwetſchgen / u. a. m beweiſen. Sie beſitzet aber den Urſprung ihrer Benennung nicht von dem La - teiniſchen fruendo, von dem genieſſen / ſonder von dem alt-deutſchen frut / woher unſer noch braͤuch - liches Wort frutig abſtammet: dann die frutige Arbeit bringet die Frucht herfuͤr / welches von al - len Feld-Fruͤchten zu verſtehen. Eigentlich zu re - den aber bemercken wir unter dieſem Nam̃en das jaͤhrlich Wachßtum einer Pflantzen / das an dem Bluſt hanget / und darauf folget / das von ſich ſelbſt abfallet / und von der Erden / oder einer an -deren13Von den Gewaͤchſen und derſelben Theilen. deren bequemen Gebehrmutter wider empfangen wird / und ſich alſo in ein anders neues Gewaͤchs fortpflantzet.

Der Saame iſt das gantz kleine Gewaͤchs ſelbs / das ahrtig und kunſtlich mit zweyen Hertz - Blaͤtlinen / einem Stengelein und hervorꝛagen - den Spitzlein eingewickelt iſt / welches lezter her - nach das Wuͤrtzlein abgiebet.

Das Gaͤbelein ſind die zertheilte Faͤden an den Zwuͤcklinen oder Kramben / wie wir an den Reb - ſchoſſen gewahren / mit denen ſich die Gewaͤchſe anhaͤngen zu ihrer Beveſtigung und Erhaltung.

Die Krambe oder Zwicklein (capreoli) ſind die etwas ſtaͤrkeren Faͤden der Gewaͤchſen / mit denen ſie ſich an die Baͤume oder Stangen (Sti - kel oder Scheyen) herum ſchwingen und ver - wicklen / daß der Sturm des Winds ihnen nicht ſchadet. Sie entſpringen ſonderlich auß den Aeſten und aͤuſſerſten Theilen deren Gewaͤchſen / welche etwas getrehete Staͤngelin haben und in die Hoͤhe wachſen / wie von denen Winden-Ge - waͤchſen / Reben / Erbſen / Schmaͤr-Wurtzel / und andern Huͤlſen-Gemieſe geſchihet / welche ſich gern an anderen Gewaͤchſen und Stengel anflech - ten.

Wann das Gewaͤchs anhebet zu keimen / ſo tringet der durch die hohlen Gaͤnglein der Wur - zel eingeſogenes Nehr-Safft durch vielfaltige Filterirung in den Stammen / und nach man - cherley Jaͤhrung und Reinigung in die Aeſte undZweyge14Das 1. Capitel. Zweyge; daher die Aeſte und Zweyge wie der Stamme und die Wurtzel auf alle Seithen wach - ſet. Es wird aber der Nehr-Safft gereiniget / von allem / was ſich nicht zum Wachßtum ſchicket / oder das durch die holen Gaͤnglein nicht tringen kan / als die je laͤnger je aͤnger geſtaltet ſind; durch dieſe Reinigung krieget der fluͤchtig Geiſt deſto groͤſſere Freyheit und freyere Bewegung ſich im - mer hoͤher zu ſchwingen / daher iſt er viel vollkom - ner in den Aeſten als in der Wurtzel und dem Stammen / aber zum vollkommenſten in dem Bluſt / durch deſſen lieblichen und geiſtreichen Ge - rung er ſich am empfindlichſten zeiget: Endlich ſtoſſen uns noch die uͤberigen Theile der Gewaͤch - ſen auch zu erklaͤhren. Nennen wir

Acinum, ſo verſtehen wir dardurch nicht das Kernlein in den Trauben / ſonder die gantze Frucht / das gantz Beehre / deſſen Safft ſamt dem Kern - lein noch inner der Haut eingeſchloſſen iſt.

Durch Alabaſtros deuten wir an die gruͤnen Hertz-Blaͤtlein und Knoͤpffe / eher ſich die Blu - me aufſchlieſſet.

Cima iſt eine neue Geburt / ſo zu erſt herfuͤr ſproſſet und gruͤnet / als das allerzaͤrteſtes und dinneſtes Staͤngelein / wie am Kabis zu erſehen.

Gluma oder Utviculus iſt die Huͤlſe oder Saa - mengehalter an denen Erd-Fruͤchten; hat ſeinen Nammen von dem Glubendo oder Schellen / weil dieſe Huͤlſe von dem Kernlein abgeſchellet werden muß / als die denſelben gleichſam in ſich verſchlukthal -15Von den Gewaͤchſen und derſelben Theilen. haltet / wie an der ungeſtampfften Gerſten / unge - ſtampfften Reiſe und andren zu ſehen.

Juli werden geneñet die Kaͤtzlein an den Haſel - ſtauden / Nußbaͤumen u. a. m. die wie ein laͤng - liches Wuͤrmlein herab hangen / und nichts an - ders zuſeyn ſcheinen als ein Blumen-Zettel.

Locuſtæ ſind die oberſten Huͤlſen-Spitzen am Haber / ſamt dem an langen Faͤden herabhangen - den Saamen / ſo genennet / weil ſie um etwas den Heuſchrecken gleichen. Man gibet dieſen Nam - men auch den oberſten Sproͤßleinen oder Buͤſche - linen an einer gewuͤſſen Gattung Graſes.

Pericarpium iſt ein jede Haut oder Gehalter des Saamen / es gleiche der dem Pergament / wie am Ulmen-Baum und der Kalbnaſen / oder er ſeye haͤrter / wie an den Keſtenen zuſehen / oder er ſeye um etwas fleiſchicht wie an vielen andern / man nennet ſie ſonſt auch Utriculos, Schlaͤuch - lein.

Spica iſt / was der Halm zu oberſt außgeſtoſſen / und enthaltet den Kernen ſamt dem Ahre - Pflaum pluma und den Aere-Haaren / oder die Spi - ca iſt auß dem Bluſt oder Saamen dick aneinan - der gefuͤget / daß es einem aufrechten ablangen Kegel gleichet / oder auch ſpitzig ſich außſtrecket / wie am Schoßkraut / Wullkraut / Wegrich / Luteola / Orant / Durchwachs / Roggen und Gerſten zugewahren.

Stolones ſind die uñuͤtze Neben-Schoſſe / welche von der Wurtzel und dem Stammen nel enzu her - auß wachſen.

Tal -16Das 1. Capittel

Taleæ ſind die Setz-Zweige der Baͤumen / oder abgeſchnittene Schoſſe / die man zu beyden Sei - then abſchneidet und zur Fortpflantzung in die Erden ſtecket oder eynleget.

Thyrſus iſt 1. ein von dem Gewaͤchs grad in die Hoͤhe aufſteigender Stengel / die gleich einer Ru - then aufſchieſſet; Die Kraͤutler geben zuweilen auch dem Aehre dieſen Nammen. 2. Alſo werden auch genennet die mit Laub umwundene Spießli der Bachus-Bruͤderen / die ſie in ihren Umzuͤgen truͤgen.

Turiones, der Jahr-Wachs / das ſind die Gipffel oder oberſte Dolder an den Baͤumen / Stauden oder Kraͤuteren / welche jedes Jahrs in ihrer Zaͤrte aufwachſen / und gleichſam die Waͤich - linge ſind.

Umbilicus, alſo wird vorderſt genennet das mittelſt an dem Obs / und ſtehet dem Still entge - gen entweders vorauſſen an der Frucht / oder in - ner derſelben. Wir heiſſen es das Buͤtſchge. 2. Demnach wird dardurch verſtanden das mit - telſte der Blumen / wo der Steffze oder Zettel her - fuͤrkeimet.

Das 2. Capitel. Von dem Geſchmack der Kraͤuteren.

DEr Geſchmack iſt ein Vorwurff des Kieſens / (objectum guſtus lapor) und wird vermit - telſt der zarten Aederleinen der Zungen gefuͤhletdurch17Vom Geſchmack der Kraͤuteren. durch Mitwuͤrckung des Mund-Waſſers / wel - cher die Salze aufloͤſet / und die denen Nerfen-Aeſt - leinen zu leitet / und verſchiedene neue Empfind - lichkeiten außuͤbet.

Auß der richtigen Vereinbahrung obgedach - ter theils weſentlicher / theils vollkomner Theilen / entſtehet in jedem Gewaͤchs ein gewuͤſſer Ge - ſchmack / Geruch / Farbe / Geſtalt / und andere ſolche Eigenſchafften / die man fuͤhlen kan / dahes ſo viel verwunderliche Wuͤrckungen und Kraͤffte entſpringen / als vielfaltige Gattungen derſelben ſich befinden.

Jch mache aber keinen Underſcheid zwuͤſchen dem Geſchmack und dem Dinge / das ſich kieſen laſſet / welches ein Saltz iſt / dasauf der Zungen den Geſchmack verurſachet: dañ ſie ſind auch nicht wuͤrcklich von einander underſcheiden / und laſſen ſich auch nicht ſo von einanderen geſoͤnderet be trachten / ſo wenig als ſich die Waͤrme von dem - Feuer / der Geruch von denen wol-riechenden Din - gen / oder auch andere Eigenſchafften von ihren unterworffnen (ſubjectis) trennen laſſen. Das Fuͤhlen des Geſchmacks beſtehet nicht in dem Be - taſten / ſonder in dem Kieſen des Dings / das ei - nen Geſchmack hat / welches mit der Zungen ge - ſchiehet.

Die Matery / die ſich kieſen (koſten) laſſet / und den Geſchmack gibet / iſt ein Saltz / welches von dem Mund-Waſſer aufgeloͤſet wird / die Gehal - ter der Zungen-Nerfen durchtringet / und die Zaͤſerlein derſelben mit ſeinen Stachlen und EckenBreitzet.18Das 1. Capitelreitzet. Obwol aber jeder Geſchmack ſeinen Ur - ſprung von einem Saltze hat / iſt er doch under - ſcheiden und veraͤnderet je nach der Vermiſchung anderer Theilen in denen Dingen / die man kieſen kan / und dieſe Vermiſchung und Veraͤnderung gebiehret ſo viel Hauptgattungen des Geſchmaks / daß ſie kaum in gewuͤſſe Ordnungen zu bringen / geſchweige / daß dann deſſe abſonderliche Gattun - gen von einem Gemuͤthe begriffen werden moͤgen.

Und ob wir ſchon hier ins beſonder des Saltzes gedacht / thun wir doch Meldung des Geſchmacks eines gantzen Gewaͤchſes / weil wir deſſen Krafft auß dem Geſchmack erforſchen: dañ der Scheid - Kunſt (chymiæ) ſtehet zu deſſen jede abſoͤnderliche Theile zu underſuchen.

Die verſchiedene Bildung der Saltzen kom̃et her von der verſchiedenen Bewegung der Mate - ryen; Alſo entſpringen die fluͤchtigen Saltze von ei - ner ſtaͤrkeren / die ſauren und fixen von einer ſchwaͤ - cheren Bewegung. Daß aber die Bewegung man - cherley Geſtalten abbilde / iſt in denen chymiſchen Kriſtaliſierungen / in der Arbeit der Haffneren / und in allerley Traͤchßler-Wercken zu gewahren.

Man kan auch die Wuͤrckungen dieſer Saltzen in denen verſchiedenen Geſchmaͤcken ſelbs wahr - nemmen / als zum Beyſpiele: Der ſtechend Ge - ſchmack iſt wie eine Nadel / der reiſſend und zehrend wie ein Angel / Stachel und Meſſer / der beiſſend wie ein Keil und Zahn / u. a. a. geſtaltet / an denen die ſtarck-bewegten Theilein zerbrochen die Ecklein abgeſchliffen / und ſo weit getrieben werden / biß ſiekugel -19Vom Geſchmack der Kraͤuteren. kugel-rund gebildet ſind; werden ſie aber nur ſchwach und wenigbewegt / ſo behalten ſie ihre Veſte und irꝛdiſches Gewicht der Schwere.

Der Geſchmack wird fuͤr warm / kalt oder mit - telmaͤſſig gehalten / je nach ſeiner Wuͤrckung / die er zu letſt hinder ſich laſſet / und ſolche befinden wir ſie / wann wir ſie nach ihren webenden Kraͤfften erforſchen / da dann zwar nicht meine Meinung iſt / daß des Geſchmacks Waͤrme oder Kaͤlte / ꝛc. unmittelbar von der Zungen geſpuͤret werde / ſon - der daß der auf der Zungen verſpuͤrter ſcharffer / geſaltzner / ſaurer u. a. Geſchmacke hernach waͤr - mende / kaͤltende / oder das Mittel treffende Wuͤr - kungen habe.

Die waͤrmende Geſchmaͤcke erhitzen die Zunge und den Leib / und deren ſind dreyerley / der ge - ſaltzner / der bitter und der ſcharff. Der ſaltzicht durchdringet / der bitter troͤcknet / und derſcharff oͤffnet und duͤnneret; Und dieſe Wuͤrckungen er - zeigen ſie auf der Zungen / in dem Gebluͤte / und unſerem gantzen Leibe.

Der Saltz-Geſchmack reiniget und ſaͤuberet die Zunge / indem er die troͤcknet; er enthaltet ſich in mittelmaͤſſiger Matery / befindet ſich in trocknen und irꝛdiſchen Artzney-Kraͤuteren / und wird ver - mercket wann man die zu Aſchen verbrennet / und das in ſich habend Saltz außzeuhet / durch Auß - laugung der Aeſchen. Wann durch der Sonnen - Hitz das ſuͤß aufgeloͤſet / und deſſen irꝛdiſcher Theil verbrennet wird / krieget der Saltz-Geſchmack den Vorzug: dann wann ein Ding von ſich ſelbs zurB 2Ver -20Das 2. Capitel. Verweſung eilet ſo verraͤuchet das geiſtreich (ſpi - rituos) und ſchwebelicht / daß es in ſich hat / das waſſerichte verflieget in dem Dampffe / und nach dem waſſerichten bleibet deſſen irꝛdiſches Weſen / und darinn das ſaltzicht am Boden ligen. Was ſaltzicht iſt / tringet ſaͤnfftlich durch / loͤſet auf / rei - niget und fuͤhret ab die waͤſſerigen Feuchtigkeiten / indem es die hefftiglich troͤcknet / ja / woruͤber ſich zu verwunderen / ſo hat es eine Krafft zuſammen zu ziehen. Auß dieſen Wuͤrckungen laſſet ſich ge - wuͤß ſchlieſſen / was die Urſach des Saltz-Ge - ſchmacks in denen Pflantzen ſeye: dann wann in dem Saltze ſelbs nicht ein guter Theil irꝛdiſchen Weſens mit eingemiſchet were / wurde es weder zuſammenziehen noch troͤcknen; und wo die irꝛdi - ſchen Theile deſſelben nicht von der Hitz um etwas were gleichſam verbrennet worden / indem ſie das feuchtes verzehret / ſo wurde es nicht der Verfaͤu - lung wehren: dann es erwecken die Faͤulung ei - gentlich was ſuͤſſe und ungeſchmackt iſt.

Die Saltz-Geſchmaͤcke ſind underſchiedlich / der ein gleichet dem Saͤxiſch-Halliſchen Saltze / der ander dem Salpeter / der dritt dem Alaun / der viert dem Salmiax / der fuͤnft dem Vitriol / der ſechßt iſt aromatiſch / oder hat einen Gewuͤrtz-Ge - ſchmack / der fibend iſt oͤlicht / und der acht wie Zucker-ſuͤß / worunter man die fluͤchtigen und we - ſentliche (eſſential -) Saltze rechnet.

Das Saͤxiſch-Halliſch Saltz gleichet im Ge - ſchmack unſerm gemeinen Saltz / daher das Saltz / das auß verbrennten Krauteren gezogen worden / und gleiche Arth und Wurckung mit dieſem ge -21Vom Geſchmack der Kraͤuteremmeinen Kuchen-ſaltz hat / auf gleiche Weiſe / wie das Kuchen-ſaltz zu geruͤſtet / gereiniget / verkal - chet (calciniert) durch den Kolben abgezogen / (diſtilliert) und verſchaͤrffet (ſublimieret) wird.

Der Salpetriſch Geſchmack hat eine Bitterkeit mit Saltz vermiſchet in ſich.

Der Alauniſch iſt harb-ſaltzicht / der die Zunge zuſammen ziehet / und ſo fort an.

Das Eſſential - oder weſentlich Saltz iſt nichts anders als ein Saltz / das etwas wenigs vervoll - komnet und außgearbeitet / dem Nehrſafft einver - miſchet / und dem um etwas groͤberen Weſen ein - verleibet iſt / wie in dem Wermuth-ſaltze / Car - denbenedicten-ſaltze / Bocksholtz-ſaltze / Senff - ſaltze / Loͤffelkraut-ſaltze / ꝛc.

Der bitter Geſchmack iſt der Zungen unlieblich und hitziger als der Saltz Geſchmack / hat auch eine dicke irꝛdiſche Matery in ſich / wie in dem Wer - muth und Aloe verſpuͤret wird.

Es entſpringet aber das Bitter von der Fet - tigkeit und dem Suͤſſen / das durch die Hitz aufge - troͤcknet worden / wie es ſich an dem Wein / an dem Zucker / Magſaamen-ſafft / ꝛc. beſcheinet / welche Stuck alle vom Anfang lieblich ſuͤß ſind / aber durch ſtarckes einkochen eine Bitterkeit be - kommen / und entzuͤndlich werden: dann wann die ſtarcke Hitz die troͤckneren Theile der Fettigkeit reget / und darinnen wuͤrcket / machet ſie die noch ſchaͤrffer / daß ſie dardurch in kleinere Theile zer - malmet werden / welche die Zunge nicht anderſt / als einen lebendigen Kalch durchtringen / den manB 3mit22Das 2 Capitel. mit Waſſer abgeloͤſchet / da deſſen brennende / mit den irꝛdiſchen / gar ſubtil vermiſchte Theile / dar - von fliegen.

Die bitteren Gewaͤchſe haben eine Krafft zu troͤcknen / die Schweiß-Loͤcher und Blutgaͤnge zu reinigen / und der Faͤulung zu widerſtehen / weil ſie die Feuchtigkeiten an ſich ziehen.

Die Gattungen des bitteren Geſchmacks ſind gallig / oder der der Gallen / der Aloë, dem Bit - ter-ſaltz / dem ſal gemmæ, wie auch der Myrꝛhen und Coſtus an Bitterkeit gleichen / neben ande - ren / ſo denen erzehlten Gattungen zu gerechnet werden moͤgen.

Der ſcharff Geſchmack iſt es / der auf die Zunge und den Mund ſticht und beiſſet / wie an dem Pfeffer und den Gewuͤrtz-Naͤgelen zu gewahren / deren Schaͤrffe kaum zu milteren. Dergleichen ſind auch der Kreſſich / der Senf / oder Racketen - Kraut / u. a. m.

Der ein dieſes ſcharffen Geſchmacks iſt etwas geſchlachter und milter / der ander aber iſt gar ſcharff und ſtreng. Der geſchlacht / und milter - ſcharff Geſchmack iſt zur Speiſe dienlich / als Kreſſich / Knoblauch / Zwibelen / Keller-Halß / Natter-Wurtz / Senf-Kraut. Der gar ſcharff und ſtreng Geſchmack aber dienet zur Artzney / und beſtehet in denen brennenden / Schweiß-treiben - den / Bruſt-reinigenden / Monatbluſt-foͤrderen - den / u. a m.

Kraͤuter von brennender Arth ſind die / die den hoͤchſten Grad der Hitze uͤberſteigen / wie an denetzen -23Vom Geſchmack der Kraͤuteremetzenden / Blatter-ziehenden / um ſich freſſenden und toͤdenden Sachen beobachtet wird.

Under die allerſchaͤrffeſten Gewaͤchſen wuͤrcken die einen auß Handgreifflich offenbarer / die ande - ren aber auß verborgner Krafft. Jene ſind eines dicken brennenden Weſens / wie die Aron-Wur - zel / der Senff / der Hahnen-Fuß / Jupiters Flamme oder Beinwinde / Zyland / u. a. m. Die hitzigen Kraͤuter aber / die auß verborgner Krafft wuͤrcken / ſind gantz feurig / freſſen um ſich und er - toͤden / als die nicht mit einer auß duͤnner und di - ker Matery vermiſchten Schaͤrffe (ob die wol nicht uͤberall außzuſchlieſſen) und gewaltigeren Hitze getrieben werden / ſonder die mit ihrem gantzen Weſen wuͤrcken / ſonderlich wann ſie aufgeloͤſet und fluͤchtig gemachet werden.

Des ſcharffen Geſchmacks Wuͤrckungen ſind / daß ſie erwaͤrmen / zertheilen / verduͤnneren / den Luſt zum eſſen erwecken / Blaͤſte treiben / die Wur - me toͤden / die Monatbluſt furderen.

Alle ſchaͤrfferen Gewaͤchſe halten am meiſten des fliegenden Salzes in ſich; Nachdem nun ei - nes deſſen viel oder wenig in ſich mit fuͤhret / nach dem wird auch deſſelben Gewaͤchſes Schaͤrffe vermehret oder verminderet / wie in dem Kreſ - ſich und Eiſenkraut-Weiblein bekant: Sind dieſe fluͤchtige Saltze in den Gewaͤchſen oͤlicht / ſo geben ſie das allerkraͤfftigſtes Gewuͤrtz ab / als den Zimmet / den Majoran / Roſmarin / Thym / Krauſenmuͤntze / kleinen Coſtantz / Lieb - ſtoͤckel / u. a. m. die alle vorgemeite Kraffte furtref - lich in ſich haben.

B 4Es24Das 1. Capitel.

Es koͤnnen zu den Gewuͤrtz-Gattungen noch etliche theils geſaltzene / theils bittere Kraͤuter ge - zehlet werden / als die ein Geruch und Geſchmack von ſich geben. Der ſcharff Geſchmack iſt entwe - ders waͤſſericht oder irꝛdiſch / durchfreſſend und faͤulend / gifftig / oder auf Gewuͤrtz-ahrt zickend. Der Saltz-Geſchmack hat ſeinen Urſprung von der Stahel-Nadel - und Borer gleichenden in ſich haltenden Theilchen; des bitteren Geſchmacks aber von den Gablen / Zincken und Strehl glei - chen / wie des ſcharffen Geſchmacks von denen eckichten / ſcharff ſchneidenden / geringelten / duͤn - nen / durchſchneidenden Theilen / welche jedes Ge - waͤchs nach der Arth ſeines Geſchmacks in ſich hat. Daß wir nicht auß dem Lufft reden / ſo ſind dieſe Geſtalten durch die Verkriſtaliſierung / auß ihren Wuͤrckungen / und durch die Vergroͤſſerungs - Glaͤſſer zu erkennen.

Das 3. Capitel. Von denen uͤbrigen Kraͤuter-Ge - ſchmaͤcken.

DJe kaͤltende Geſchmaͤcke ſtechen mit ihret Reßlichkeit (Reſſe) auf die Zunge / und haben in dem menſchlichen Leibe eine kuͤhlende Krafft; deren ſind dreyerley / ſaur / harb und roh oder unreiff Wie die waͤrmende Geſchmaͤck waͤr - mende Kraͤfft außwuͤrken / alſo hinderlaſſen die kuͤhlende Geſchmaͤke gleiche Wuͤrkung auf der Zungen und im Gebluͤte / vonwegen der Ruheund25Von den uͤbrigen Kraͤuter-Geſchmaͤcken. und der irꝛdiſchen Arth der kleinen Theilen / mit denen der lebend Kraͤuter-Geiſt belebet und be - ſchwert iſt.

Der ſaur Geſchmack beiſſet auf die Zungen oh - ne Empfindnuß der Waͤrme / wegen der in ſich haltenden ſchneidenden Geſtalt / wie in der Saur - ampffer / Zitronen und Erbſelen.

Dieſe Reſſigkeit verurſachet des Saurſaltzes keilfoͤrmige Geſtalt / welche von dem Mangel der bewegenden und waͤrmenden Theilen herkommen / welche ſonſt durch Abſtoſſung der Ecken an dieſen kleinen Leiberen eine runde Geſtalt bekommen / und durch die Bewegung ſich glatt ſchleiffen wurden. Daher koͤnnen die ſaltzichte / oͤlichte oder gewuͤrtzte Artzney Mittel alle Saͤure daͤmmen und deren Jaſt ſtillen. Dieſer Geſchmack befindet ſich mei - ſtens in denen Gewaͤchſen / welche von der Son - nen entlegen / und auf keinen Schweffel-Gruͤn - den wachſen / auch deſſen wenig in ſich haben / und ſind nur um einen Staffel von dem harben Ge - ſchmack underſcheiden / weil ſie weniger Feuchtig - keit als dieſe in ſich haben; daher geſchihet / daß deren anfaͤnglich holtzichte / trockne / und zugleich harbe Fruͤchte durch zukommende Feuchtigkeit ſaur worden.

Die ſauren Gewaͤchſe haben Krafft abzukuͤhlen / zuſammenzuziehen / durchzutringen und zu zerthei - len / die Fluͤſſe zu hindertreiben und zu beſtellen / alle ſchaͤrffe zu vertuffen / das ungeſchmak und ſuͤß kraͤfftig und angenehm zu machen. Weil das ſaur die Geiſter zuſammen vereinbahret (concentriert) B 5und26Das 3. Capitel. und deren Bewegung haͤmmet / das Gebluͤt dick / (oder geſtocket) und das Lufft-ſaltz beſtaͤndig ma - chet (figieret;) das Saur fuͤllet das Gebluͤt an mit ſeinem irꝛdiſchen Weſen / und tringet ſchnell durch / weil ſeine Theilchen auf der einen Seithen keilfoͤrmig / vornen ſpitzig und ſcharff / auf der an - deren aber / als am Ende / ſtumpff und breit. Es hindertreibet die Fluͤß / indem es die Zaͤſerlein ſteiffet / als wann ſo viel Naͤgel da weren einge - ſchlagen worden. Dieſe ſcharffe Dinge verſtopf - fen / weil ſie die Bewegung hemmen und die Al - kalia milteren / aufloͤſen / in Jaſt bringen und ver - ſtoͤren; ſie ſtercken was ſuͤß und ungeſchmack iſt / weil ſie in den ſuͤſſen und ungeſchmackten Dingen enthaltenen Geiſt auftroͤcknen und in Jaſt brin - gen.

Des ſauren Geſchmacks Gattungen ſind / die dem Saurampffer-unreiffer Trauben-Zitronen - Granatapffel-Erbſelen-St. Johannes-Traͤub - lein-Saͤffte / oder dem Vitriol - oder Eſſich-Ge - ſchmack gleichen.

Die ſauren Dinge ſind under einanderen / je nach der Ahrt der Gewaͤchſen underſcheiden: dañ in den einten zicket die Saͤure auf eine Suͤſſe / in den anderen auf eine Raͤſſe / bald auf eine Herbe und Raͤuche / oder auf einen anderen reineren oder vermiſchteren / oder gemaͤſſigteen oder uͤbermaͤſſi - gen Geſchmack.

Der harb Geſchmack iſt eine unvollkommene / unaußgekochte Saͤure / die den Mund zuſam̃en ziehet und kuͤhlet / wie an dem Gaͤrberbaume / Gra -nat -27Von den uͤbrigen Kraͤuter-Geſchmaͤcken. natſchelffen / Gallapffel / Kaſtanien u. a. m. zu ge - wahren. Deſſen Urſach iſt die viele der irꝛdiſchen / kuͤhlen und dicken Matery / und das Rohes ſelbs / das etwas feuchtes in ſich enthaltet / und aber mit keiner Waͤrme belebt wird / dann dieſe Gattun - gen ſind eigentlich von einanderen nicht entſchei - den / ohne daß die eine minder / die andere mehr Waͤrme / die eine mehr / die andere minder irꝛdi - ſcher Matery in ſich hat.

Die Wuͤrckung und Krafft des harben Ge - ſchmacks ziehet den Mund zuſammen / kuͤhlet / ſtopffet und daͤmmet oder maͤſſiget die Galle / und diß geſchihet / weil das Harb die Zaͤſerlein der Zungen machet ſtrupffen / und den Jaſt der Gal - len ſtuͤrtzet / dann es iſt Alkaliſcher und fluͤchtiger Arth.

Des harben Geſchmacks ſind zweyerley / ent - weders ſtopffend (ſtyptiſch) oder vitrioliſch.

Der roh oder rauch Geſchmak ziehet den Mund heſſtig zuſammen / und machet die Zunge rauch / worinn er von dem harben Geſchmack fuͤrauß ent - ſcheiden wird / indem der harb Geſchmack etwas milter iſt / wie man deſſen in denen ſo genannten Langbieren / und anderem unreiffem Obſe und Trauben wahrnimmet.

Der roh Geſchmack zeuhet mehr von auſſenher zuſammen / da der harb Geſchmack ſolches von ih - nenher thut.

Der roh Geſchmack hat die Krafft zu kuͤhlen / zu troͤcknen / zuſammenzuziehen / und mit Zunahme der Zeit entweder in ſuͤß oder in ſaur ſich zu ver -wand -28Das 3. Capitel. wandlen / wann Waͤrme und Feuchtigkeit zu letſt ſich in dem Gewaͤchſe gemehret / wie zum Beyſpiele deſſen dienen die Quiten / welche einer groſſen Raͤuche ſind / eher ſie reiffen / wann ſie aber die Zeitigung erreichet / werden die einen ſuͤß / die an - deren aber bleiben ſaurlecht.

Hier fraget ſich: Ob das Harb nur Staffel - weiſe von dem Suͤſſen unterſcheiden ſeye? Unſere Antwort ifl: Man muͤſſe / was harb iſt in dopel - tem Verſtand begreiffen / entweders in Betrach - tung / da es noch voͤllig harb / und gar unzeitig iſt / oder in Betrachtung / da es ſchon zu zeltigen an - fanget und reiffet. Jn Betrachtung des erſteren iſt ſuͤß und harb von einandern nicht Staffel-weiſe / ſonder weſentlich entſcheiden. Aber in Betrach - tung der Zeitigung ſteiget das harb nach und nach in die ſuͤſſe / Staffel-weiſe / dann weil das Harb zu ſeiner Zeitigung zihlet / ſo hat es ſchon ein Ver - moͤgen ſuͤß zu werden / hiemit eine verborgene Suͤſſigkeit in ſich / welche nach und nach einen Außbruch gewinnet.

Der roh Geſchmack iſt entweders zuſammen zie - hen / wie das Meerſaltz (ponticus) oder wie die un - reiffen Fruͤchte / oder wie der Alaun.

Es ſind aber nicht nur vielerley Gattungen des harben Geſchmacks / ſonder auch des rohen / daß es unmoͤglich ſie in ihre gewuͤſſe Ordnungen einzu - richten: dann einige Gewaͤchſe haben mehr ſau - res / andere mehr ſuͤſſes / die einen mehr rohes / an - dere mehr harbes / die einen ſchmecken nach Vi - triol / Alaun / unreiffe Trauben / unreiffen Obs /Kaſta -29Von den uͤbrigen Kraͤuter-Geſchmaͤcken. Kaſtanien / Gallaͤpfflen / Eichlen / Granatſchelf - fen / und viel hundert andere Gattungen mehr.

Der ſaur Geſchmack in den Gewaͤchſen entſte - het von viereckichten / Keil-foͤrmigen Theilchen der - ſelben / der harb aber von denen Kamm-Strehl - oder Geere gleichenden Theilchen; da der roh Ge - ſchmack der Pflantzen entſpringet von denen ſtumpff-eckichten Spitzen / die die hollen Gaͤnge und Schweißloͤchlein (poros) leicht verſtopffen.

Die Mittelgeſchmaͤcke haben beydes von dem warm und kalten Geſchmack in ſich / als da iſt der Ungeſchmack / der Fettgeſchmack und das Suͤß. Dieſe behalten das Mittel / nicht / daß ſie weder von Kaͤlte noch von Waͤrme was in ſich haben / ſonder daß ſie beyderley / Waͤrme und Kaͤlte in ſich haben / ſo daß je eins das ander in der Miſchung miltere / und der Zungen und dem Gebluͤte ſo mittheilet / daß ſie weder zu ſehr gekuͤlet noch zu ſtarck erhitzet werden.

Der Ungeſchmack iſt auf der Zungen weder ſuͤß noch bitter / weder ſaur noch reß / weder harb noch roh / und wird in dem lauteren Waſſer und waͤſ - ſerigen Fruͤchten / wie an Pfeben und Kuͤrbſen verſpuͤret. Es iſt / als ob der Geſchmak were ent - zogen worden / und wird in der Vermiſchung mit anderen feuchten Dingen nicht vermerket / noch darinn erkennet / dann es nimmet weder ſaures noch geſaltzes an ſich / auſſert wann ſich die Theile des Vermiſchten von einander ſcheiden / ſo laſſer ſich dann dieſer Geſchmak empfindlich ſpuͤren.

Die ungeſchmackten Dinge haben die Wuͤr -kung /30Das 3. Capitel. kung / daß ſie verdickeren / verſtopffen / linderen / zuſammen fuͤgen und bekleiben. Die verdickerende Krafft entſpringet von deren waͤſſerigen und irꝛdi - ſchen Ahrt / der Urſach ſie auch die Schweißloͤch - lein anfüllen / ſanft machen / und zuſammen fuͤgen.

Die ungeſchmakten Dinge ſind nach der Gleich - nuß ihrer Theilen Vermiſchung unter einanderen entſcheiden / je nachdem ſie mehr oder minder waͤſſeriger - oder irꝛdiſcher Theilen in ſich haben / wie an dem Eyerdotter / am Waſſer / an den Pfeben und Kuͤrbſen zu ſehen.

Der Fettgeſchmack uͤberzeuhet die Zunge mit einer zaͤhen Feuchtigkeit / die ſcheinbarlich keine Waͤrme mit fuͤhret / wie man an dem Oele / an dem Kaͤsleinkraut / Eibiſch / Kirſchbaͤumernen Gummi / und an dem Hartz der Pflaumen gewah - ret. Jedoch hat dieſer Geſchmack eine etwelche / wiewol verborgene Suͤſſigkeit in ſich / und iſt die Matery dieſer Pflantzen feißt / waͤſſerig und ſchwef - lecht / mit was irꝛdiſchem vermiſchet / und daher haben ſie Krafft zu oͤffnen (laxiren) zu erweichen / anzufeuchten / zu linderen u. a. m.

Die einen ſind oͤlichter als die andere / oder ha - ben mehr waͤſſeriger Feuchtigkeiten in ſich. Je fetter dieſer Geſchmack / je heilſamere Pflaſter gi - bet er auch / je beſſer leimet oder fuͤget er zuſamen / erweichet und linderet die Schmertzen. Je minder fett er aber iſt / je troͤckner iſt er / und um ſo viel minder Krafft hat er auch die Schmertzen zu be - ſaͤufftigen.

Der ſuͤß Geſchmack iſt der Zungen lieblich undange -31Von den uͤbrigen Kraͤuter-Geſchmaͤcken. angenehm / und hat nichts widerwaͤrtiges noch unangenehmes in ſich / wie an dem Zucker / Ho - nig / und Suͤßholtz zu mercken.

Die ſuͤſſe Matery iſt wegen ihrer treflichen Zei - tigung / mittelmaͤſſigen Waͤrme / und wegen ihres recht-waͤichen / gleichfoͤrmigen Weſens dem menſchlichen Munde gar lieblich angenehm / da - her eroͤffnet ſie die zarten Zungenloͤchlein / haltet gern ſich darinn auf / erwaͤrmet und befeuchtet die maͤſſiglich / und iſt nehrhafft. Es hat auch die eine Ahrt mehrer / die andere minder waͤſſeriger und oͤliger Feuchtigkeit in ſich / wie Honig / Zu - ker / Manna bezeugen. Das Abkochen oder die Reiffung machet ſuͤß / und foͤrderet die Faͤulung / alſo bekommen die Neſpel / Schlehen / Maulbeere / Hagenbuten durch die Faͤulung ihre Suͤſſigkeit / und ſo man die Biren / Apffel und Zwtſchgen ſaͤnftlich und lang in den Haͤnden reibet / oder die dreyn einſchlieſſet / werden die ſuͤſſe / weil der in der Frucht enthaltener Geiſt / durch die Faͤulung um etwas erhitzet / noch fluͤchtiger wird / deſſen Ur - ſach die ſaͤnfftlinge Weichmachung ſelbiger Frucht iſt / durch welche alle Saͤure und Herbe gaͤntzlich abgethan wird.

Die ſuͤſſen Dinge haben Krafft zu oͤffnen (laxi - ren) milteren / verdaͤuen / zu zertheilen / zeitigen / und zu nehren. Die ſuͤſſen Dinge erhalten die Gei - ſter / und geben ihnen die Nahrung / daher wer - den durch deren Sterckung alle Koch-Taͤu - und Scheidungen deſto vollkommner und beſſer.

Das Suͤß iſt entweder lieblich oder milkicht /bute -32Das 3. Capitel. butericht / eckel-ſuͤß (darab man leicht einen Eckel bekommet) oder ſuͤßholtzig oder gleichet dem Ho - nig oder dem Zucker. Die ſuͤſſen Dinge ſind von einanderen underſcheiden / dann das ein iſt lieb - lich / und gleichet dem Geſchmack der Milch / des Butters / oder der Feißte / und hat die Kraffe zu ſtopffen. Ein anders iſt ekelig / und gleichet dem Suͤßholtz von Geſchmack / und iſt darneben einer ſo durchdringenden Suͤſſigkeit daß es alles in ſich begriffenes / ſaltzichtes oder bitteres Weſſen ver - ſuͤſſet.

Die ungeſchmachten Dinge beſtehen in einer nicht gar rauchen Flaͤche / ſonder ſind gleichſam geſchliffen und glatt / wie an den ſchleimerichten Gummi zu ſehen. Der Fettgeſchmack beſtehet in kugelichten / anhangenden Theilen / die ſich in die Lufft - und Schweißloͤchlein hinein ſchwingen Und der ſuͤß Geſchmack hat auch kugelichte und bieg - ſame linde ſpitzige Theile / welche mit einem kitz - lichten Jucken die Zunge erfreuen.

Und nun ſind dieſe die einfachen und gemein - ſten Geſchmaͤcke der Gewaͤchſen / nach welchen von deren Arth und Wuͤrkung zu urtheilen iſt / ſon - derlich wo die Geſchmaͤck unvermiſchet bleiben. Werden ſie aber vermiſchet / wie gar vielfaltig ge - ſchihet / ſo iſt zu ſchlieſſen / ſie ſeyen von vermiſch - ter Krafft / und daher darvon ſchwer zu urtheieen / zumal die eine Matery werden / die von ungleichen Theilen zuſammen geſetzet. Als zum Beyſpiele: der Wermuth hat einen bitteren und harben Ge - ſchmack; der bitter Geſchmak daran hat die Krafftzu rei -33Von den uͤbrigen Kraͤuter-Geſchmaͤcken. zu reinigen (purgiren) der Faͤulung zu wehren / und die Waͤrme zu toͤden; Krafft ſeines harben Geſchmacks aber ſtopffet und ſtaͤrcket er. Alſo iſt es auch mit den Roſen und anderen Gewaͤch - ſen mehr bekant.

Sind die Geſchmaͤcke ſo ſehr untereinander ver - miſchet / daß man keinen eigentlichen Unterſcheid machen kan / ſo muß die Erfahrung zu huͤlffe gezo - gen werden / deren ſi[c]herer als der bloſſen Ver - nunfft zu trauen / dann dieſe erfindet offt etwas das durch die Erfahrung anderſt befunden wird.

Das 4. Capitel. Von dem Geruche der Gewaͤchſen.

DEr Geruch iſt die Außduͤnſtung der geiſt - reichen / ſchweflichten und fluͤchtigen / jedem Gewaͤchſe enthaltenen Materi / welche dem Rie - chen der Naſſen zum Vorwurffe dienet / und ver - mittelſt des eingeathmeten Luffts in die Naßloͤcher durchtringet / und durch dieſelben in die Dutten - foͤrmige Fortſatze des Gehirns getrieben wird / ſelbige reitzet und vaſt wie der Geſchmack die Em - pfindlichkeit wuͤrcket.

Der Geruch und Geſchmack ſind einander gar enge verwant / daß man beede fuͤr eben ei - nen Sinn halten moͤchte / indem beyde anderſt nicht als durch etwelches Verſuchen begriffen werden / indem das fluͤchtig Saltz des Gewaͤch - ſes / als der Vorwurff des Geſchmacks / auch der Naſſen zutringet. Jedoch ſcheinen ſie dardurchCunter -34Das 4. Capitelunterſcheiden / daß die Kraͤuter durch die Zaͤhne vermalmet werden muͤſſen / eher ſie den Ge - ſchmack von ſich geben und gekieſſet werden koͤn - nen; da die ſubtileren und leichteren Theile der - ſelben ohne einige Zermalmung obſich ſteigen und durch die Naſe dem Hirne zu tringen.

Es iſt aber der Geruch eine geiſtreiche Auß - duͤnſtung des rauchenden Dinges / dardurch ſich das fluͤchtig Saltz deſſelben durch die Lufft auß - breitet / wie wir an der Zwiebelen (Boͤllen) und dem Kreſſig gewahren / welche die Augen - und Naſen-Haͤutlein mit ihren gezaͤhnleten Stachlen reitzen und die Glaͤſſer verſprengen.

Weil der Lufft in der Einathmung durch die Naſen zu denen Hirnkameren ſteiget / und jede Außduͤnſtung zugleich mit dahinbringet / zu de - nen inneren Nashaͤutleinen / ſo wuͤrcken dann die beyweſende Duͤnſte in denſelben / als in ei - ner zugehoͤrenden Werckſtatt / ihren abſonder - lichen Geruch auß / je nach ihrer Eigenſchafft / ſie beſtehen aber meiſtens / nicht nur in Schwef - fellichten Daͤmpffen / ſonder auch in fluͤchtigen Saltz-Arten.

Dieſe ſchwefflichte Materi kommet von Oel und Fettigkeit / wie an der Muſcatnuß / Muſcat - bluſt Aenis / Gewuͤrtze / Weyrauch / Myrꝛhen und allerhand Gammi zu erkennen.

Dieſer Vegetaliſcher oder webender Schwef - fel entſpringet auß denen feißten Erden / und ſteiget obſich in das Gewaͤchs / und giebt deme den Geruch; iſt die Fettigkeit drauß verlohren / ſo iſt auch der Geruch verlohren.

Die35Von dem Geruche der Gewaͤchſen.

Die wolriechende Sachen ſtaͤrcken die Lebens - Geiſter und Sinnlichkeiten treffenlich / oder ſie ſind auch maͤchtig die zu zerſtoͤhren und zu ver - derben / je nach dem dero Geruch angenehm oder wiederig iſt.

Obgleich aber der Geruch ein Kennzeichen iſt einer waͤrmenden Krafft / ſo iſt doch auß demſel - bigen von der Eigenſchafft des gantzen Gewaͤch - ſes nichts gewiſſes zu ſchlieſſen; weil dieſe geiſt - reiche / warme Geruchs-Theile offt ſehr gering und nur von auſſenher ſind / etwelcher viel groͤſ - ſerer kuͤhlender Theil aber in dem inwendigen des Gewaͤchſes enthalten / wie an den Roſen und Violen zu erſehen.

Wie der Geſchmack / alſo iſt auch der Ge - ruch insgemein / je nachdem er viel oder wenig Waͤrme in ſich hat / unterſcheiden in den ange - nehmen und unangenehmen / in den ſtinckenden oder wol - und lieblich-riechenden. Andere Un - terſcheide ſind je nach des proportionirten oder improportionirten Beymiſchung der Materyen.

Es hat aber ſo viel Gattungen der faulenden Taͤiggeruͤchen / als vielerley Geſchmaͤcke die Ge - waͤchſe haben; weil der Geruch nicht nur ein Vorbott und Zeichen / ſonder auch eine Urſach und Nater des Geſchmacks iſt / wie Helmont von den Fermentis ſchreibet.

Der angenehme Geruch ergreiffet die Zaͤſerlein der Dutten-foͤrmigen Fortſaͤzen (welche auß dem Gehirn biß in die Naſen gehen) mit einer ſuſſen Lieblichkeit / und ſtercket und erquicket die Lebens -C 2Gei -36Das 3. Capitel. Geiſter / die gleichſam dardurch erneueret und ſchnell ernehret werden / daß Hippocrates wol ge - rathen: wann ſchwache Leuth langſam zu erqui - ken / ſol man ſie mit Krafft-Waſſeren und anderen feuchten Labſalen aufrichten; ſolten ſie aber ſchnell wider zuwaͤgkommen / ſolte es durch angenehmen Geruch geſchehen.

Der angenehme Geruch kommet mit der Eigen - ſchafft (Temperament) unſerer Geiſteren ſehr wol uͤberein / und ſaͤttiget die gleichſam mit einer feiß - ten / oͤlichten und ſchweffelichten Speiſe / darinn eine geiſtreiche / mit Feur angefuͤllete Matery des erſten Urweſens (Elementen) enthalten / wie neben dem Gummi mit der Zibeth / Benzoͤ / La - dano / und Alœ-Holtz zu erweiſen.

Der ſtarck-lieblich Geruch iſt entweder Gewuͤrtz - reich (aroniatiſch) oder ſaurlecht / jener iſt im Roſ - marin / Lavander / Majoran / dieſer aber an den Roſen und Violen zu ſpuͤren.

Der Gewuͤrtz-Geruch (aromaticus) ſteiget auß der Spicanarde, Baſilien / Stæchas, Zimmet Naͤ - gelein / Muſcatbluſt / Safran / Wackholter auf.

Den ſaurlichten / lieblichen Geruch aber duͤnſten die Seeblumen / Hyacinthen / die Traͤublein / Nar - ziſſen und Sandel auß / auß welchen Stucken al - len wol-riechende Kuglen / Raͤuche und Balſam zu machen.

Es ſind aber meiſtentheils die Blumen der Ge - waͤchſen wol-riechend / weil ſie ſehr ſchweffelicht / geiſtreich / und viel des fluͤchtigen Saltzes in ſich haben / welches ſich leichtlich durch den Lufft auß - ſpieitet.

Es37Vom dem Geruche der Gewaͤchſen.

Es geben aber an ihren Blumen den lieblichſten Geruch herfur diejenigen Gewaͤchſe / deren Schoſſe und Blaͤtter gar nicht riechen / wie an den Violen / Roſen / Haͤndſchuhblumlein / Herꝛenzeichlein / Baͤhrenoͤhrlein / Lutenfark / Schweynbrot / Naͤ - gelken / Storchenſchnabel / Hyacinthen / Gelbnaͤ - gelein / Gilgen / Zyland / Bergroſen / Brandlein / Kreſſich / Pomerantzen - und Oliven-Bluſt / Saf - ran und Kellerbals u. a. zu ſehen; und das auß der Urſach / weil die Blumen ohne Geruch bleiben / wo der Geruch in die Blaͤtter tringet; ſteiget aber der Schweffel hoch hinauf / und iſt in geringer Maſſe (quantitet) ſo werden die Blumen wol-rie - chend / und die Blaͤtter und Zweige nicht / wie in dem Bluſt des Roſmarins und Lavanders zu ſe - hen deren Blumen bleich faͤrbig / weil der Geruch auch in die Blaͤtter gehet. Wann die Waͤrme in den Pflantzen nicht gar groß / ſo bleibet deſſen Geiſt in einem Mittelſtande / und wird der roher Safft geſcheiden / wann es zu bluhen anfanget und nicht eher / daher haben der Holder-Bluſt und Tuͤrcken - bunt gantz wol-riechende Blumen / Blaͤtter und Aeſte ſtincken ſo heßlich / daß ſie das Gehirn ſchaͤ - digen / und Unmachten verurſachen.

Der unangenehm ſ〈…〉〈…〉 aͤdlich Geruch widerſtehet den Geiſteren / und verwirꝛet die / durch die in ſich haltende Jaſt-bringende Theile / ſo daß ſie auch in den Leib eine Faͤulung bringen; Dann gleichwie wol riechende Gewaͤchſe die Geiſter erquicken alſo zerſtoͤren hingegen die[n]inckenden Gewaͤchſe die Geiſter / daß ſie dem Magen zuweilen ein Erbre -C 3chen40[38]Das 4. Capitel. chen und Unmachten gebehren / weil deren faͤulen - de / Jaſt-erweckende Daͤmpffe anſteckend ſind und zur Faͤulung befoͤrderen.

Der Geſtanck ſteiget auß der Verderbnuß (cor - ruption) auß deren Jaſt / auß der Faͤule und Auf - loͤſung der Sachen auf / da der Schweffel auf - daͤmpffet und unſere Geiſter quaͤlet.

Der Geſtanck verꝛathet ſchier allezeit die Faͤu - lung / wie bey dem Miſt / bey der Jaͤhrung / Nie - derſtuͤrtzung oder præcipitation, bey den Todten - Aſſen / faulen Fruͤchten / und anderen faulen Din - gen verſpuͤret wird. Jedoch geſchiehet es nicht im - mer / ſo ſtincken auch nicht alle faule Dinge. Jenes ſihet man offenbar in dem ſo genannten Teuffels - Dreck ſ. h. in den Opoponax, Vulvaria, u. a. m. die ſehr ſtincken / und doch der Faͤulung widerſte - hen. Das letſtere aber wird an dem Biſam erwi - ſen / welches ein / bey dem Nabel der Jndianiſchen Biſam-Katzen ſich ſamlender Eyter iſt; deßglei - chen an dem Zibet und Maderkaht ſ. h. welche ei - nen wolrichenden Geruch außduͤnſten / ob ſie gleich faulen.

Es ſtincket aber alles uͤbel / was den hoͤchſten Grad des Geſtancks beſteiget / als der ſchwartz Andorn / die geknoͤpfichte Braunwurtz / die Wurtzel des Baurenſenfs / das Taͤchſelkraut / die Hundszunge / die rothe Neſſel / Hunds - oder Krottendill / die Melte / Katzeſchwantz oder Scha[antiau]/ und viel andere mehr.

Dieſe haben die Krafft den Magen zu reini - gen / die Mutterſchmertzen zu ſtillen und Un - machten zu verurſachen.

Unan -41[39]Von dem Geruche der Gewaͤchſen.

Unangenehme Geruͤche ſind die ſchimlichten ſchmurzelige / was von verbrennten oder gebrat - nen Fleiſche / von faulenden Leichen / und von angezuͤndter Feißte herkommet / oder ſonſt fau - let. Hieher ſind zu zehlen die Dinge / ſo keinen Geruch haben / und durch das Hineinſchnupffen nicht biß in das Hirne tringen.

Von denen Dingen die keinen Geruch ha - ben / laſſet ſich nicht reden / obſchon vielleichter die Hunde / Katzen / Rinder / Geiſſen und an - dere Thiere / Voͤgel und Fiſche / welche weitere und groͤſſere Geruchs-Nerfe haben / andere Ge - ruͤche weit beſſer unterſcheiden als der Menſch: dann dieſe Thiere entſcheiden durch Anleitung des Geruchs ſonderbahr ihre Speiß. Der Menſch aber erlernet den Unterſcheid zwiſchen guter oder ſchaͤdlicher Speiſe / durch Unterꝛich - tung / und durch den Geſchmack und das Ge - ſicht mehr als durch den Geruch.

Das 5. Capittel. Von den Farben der Gewaͤchſen.

DJe Farben der Gewaͤchſen ſind die unter - ſchiedliche Auß - und Wiederſtrahlungen des Liechts / welche in derſelben aͤuſſerſten Theilen und Flaͤchenen ſich erzeigen.

Es iſt aber der Geruch und die Farbe der Ge - waͤchſen von ſolcher Fuͤrtreff - und Herꝛlichkeit / die mit ihren wunderbahren Unterſcheide und er - freulicher Lieblichkeit / die Lebens-Geiſter ſo er -C 4quicket /42[40]Das 5. Capitel. quicket / Augen und Naſſen ergetzet / die anrei - tzen und gleichſam bezauberen / die Blumen - und Krauter-Gaͤrtlein der Wunder-liebenden Art - forſcheren anfuͤllen und ziehren / daß wir erach - ten / wir wurden das Vornemſtes verſaumen / wann wir nur eines darvon uͤbergehen und nicht verhandlen wurden.

Die Farbe iſt das Liecht / welches auf gewiſſe Weiſe ſich mit dem Schatten vermenget / und dem Menſchen in die Augen ſcheinet.

Diß Farb-Liecht beweget unmittelbar die Faͤ - ſerlein in dem Netz-foͤrmigen Haͤutlein der Au - gen / daß die darinnen verborgnen Sinnen - oder Geſicht-Geiſter bald die / bald jene Farbe ver - nemmen und erkennen.

Die Urſach der ſo vielfaltig erſcheinenden Far - ben entſpringet von der verſchiednen Außſtrah - lung des Liechts und dero Wiederſtrahlung / die auß dem ordenlich außgetheilten Gewebe der vielfaltigen Theilen herkommet / auß denen der gefarbter Coͤrper beſtehet: dann es prellen gleich - ſamen die Strahlen auß der Flaͤchen der Coͤr - peren wieder zuruck.

Es fuſſen aber die Farben auf zwey Dinge / als auf das Durchſichtig und auf das Dun - ckel / auf Liecht und Schatten / jenes laſſet ſich von denen Strablen des Liechts durchtringen / dieſes aber haͤmmet dieſelben. Und geſetzt / die Heitere werde von dem Duncklen gehaͤmmet / ſoverwandelt ſich doch das Heitere alſobald in eine Farbe / und entſtehen viellerley Farben / jenach43[41]Von den Farben der Gewaͤchſen. nach dem das durchſcheinende Heitere von dem Duncklen oder Schatten viel oder wenig ver - dunckelt wird.

Es ſind aber die Farben uͤberfluͤſſiger in den Blumen der Gewaͤchſen / als in denen Kraͤu - teren; weil in ihren Flaͤchen ſich eine gewiſſere und ordenlichere Schickung befindet / durch wel - che die Wiederprellung der Liecht-Strahlen ge - gen Augen uns ein ſolcher Eintruck gegeben wird / daß ſagen koͤnnen / der erblikt Coͤrper ſeye weiß / roth gelb / gruͤn oder einer anderen Farbe.

Es kan dieſe Ungleichheit / und groſſe Viele des kleinen Schatten-Wercks / in Betrachtung des Liechts / ſicherlich und wuͤrcklich in denen kaum empfindlichen Sonnen-Staͤublein auf den Flaͤchen der Gewaͤchſen und Blumen ent - ſtehen / obwol ein bloſſes Aug nichts dergleichen erblicket / es ſeye dann / daß man gute Ver - groͤſſerungs-Glaͤſſer darzu brauche

Dieſe unterſchiedliche Vorgeſtaltung des Liechts / erwachſet auch auß denen Einduͤmp - fungen / Verſtrupfungen / Durchloͤcherungen / Spaltungen / Hoͤhlen und Durchſchnite der Flaͤchen / obſchon die Coͤrper aͤuſſerlich dem Auge ſchoͤn glatt vorkommen / und keine Ungleichheit der Flaͤche verſpuͤret wird / wie an dem mannig - farbigen Marmor zu gewahren.

Weil der Schwebel und das fluͤchtig Saltz in denen Blumen nach der Hoͤhe getrieben / und da gleichſam in ſeiner Vollkommenheit außge - breitet wird / ſo ſind die oberſten Blaͤtter undC 5das44[42]Das 5. Capitel. das Mittelſt der Blumen meiſtens / mit den ſchoͤnſten Farben bemahlet.

Es werden aber die Farben der Kraͤuteren in die aͤuſſerſte und mittelſte abgetheilet; jene ſind weiß und ſchwartz / dieſe aber gelb / roth / pur - purfarb / gruͤn und blau / und dieſe alle ha - ben noch eigene Abſaͤtze / die ſo groß / daß man die nicht alle mit Gedancken begreiffen / geſchwei - ge mit Worten außſprechen kan / inmaſſen der webend Lebens-Geiſt ſeinen Reichthum und deren Uberfluß nirgends innen ſo fuͤrtrefflich als in der Außziehrung der Blumen-Farben ge - zeiget.

Die weiſſe Farbe entſtehet / wann die Strah - len des Liechts graden-Wegs gegen dem Auge des ſtehenden ab der Spiegel-Flaͤcht zuruck prel - len / auf die ſie zuſcheinen. Nach der Meinung der gelehrteſten Maͤnneren / beſtehet die weiſſe Farbe meiſtens darinnen / daß die Flaͤche des weiſ - ſen Coͤrpers unzahlbar andere Spiegel-foͤrmige Flaͤchlein habe / welche ſo gegeneinander ſpielen / daß die auf ſie einfallenden Liecht-Strahlen nicht gegen ſich ſelbs / ſonder hinaußwerts gegen dem Auge des Sehenden ſchieſſen

Die weiſſe Farbe hat dieſe Eigenſchafft / daß ſie nicht ſo durchſcheinig iſt / gleich anderen gefaͤrbten Dingen / und machet / daß ſich die Geſichts-Li - nien wegen des vielen Liecht-Scheins zerſtraͤuet.

Es iſt aber das Weiß deſto minder durchſichtig / weil es die Liecht-Strahlen mehrer als andere Far - ben haͤmmet / da es die Geſicht-Linien zerſtraͤuet /wegen45[43]Von den Farben der Gewaͤchſen. wegen der Viele der Liecht-Strahlen / die von dem ſo kleinen Flaͤchlein des weiſſen Coͤrpers wider - ſtrahlen / und alſo das Liecht vermehren / welches die anderen Farben nicht thun.

Die weiſſe Farb in den Gewaͤchſen hat keine ſondere Wuͤrckung und Krafft / weil ſie in der Vermiſchung mit anderen Coͤrperen ſich ſchnell veraͤnderet / zumalen die Farb nur in denen Flaͤ - chen hafften / koͤnnen ſie von denen inneren Kraͤff - ten der Gewaͤchſen nichts gewuͤſſes anzeigen / ſon - der reichen nur etwas zu muthmaſſen darvon der Waͤrme oder Kaͤlte / von der Feuchte oder Troͤckne derſelben: dann je vollkommner und außgekoch - ter der Schweffel / je roͤther iſt die Farbe der Blu - me. Die Weiſſe zeiget an die Kaͤlte und das Blaue eine gemaͤſſigte Waͤrme.

Es gibet underſchiedliche Gattungen der weiſ - ſen Farbe / Glaͤntzend-Weiß / Schnee-Weiß / Milch-Weiß / Cryſtall-Weiß / Alabaſter-Weiß / Bley-Weiß / Gyps-Weiß / Helffenbein-Weiß / Beerlein-Weiß / Schwanenfeder-Weiß / Weiß wie Reiß / wie Ammel - oder Sterck-Mehl / wie der Schaum / wie der Brey oder Weißmuß / wie Alaun / wie Horn / u. a. m.

Die Grade und Stafflen der weiſſen Farbe daͤhnen ſich weitlaͤuffig auß / und werden mit vie - lerley Nammen bezeichnet / jedoch findet das Aug noch mehr Underſcheid derſelben als die Zung auß - ſprechen kan.

Die ſchwartze Farbe erſtrecket das auf ihr Ge - webe einfallendes Liecht / daß es ſehr wenig in un - ſere Augen widerſtrahlet.

Dieſe44Das 5. Capitel.

Dieſe Beſchreibung des Schwartzen flieſſet her auß der Beſchreibung des Weiſſen / und iſt ſo ge - mein / daß ſie die Geſtalten ſolcher entweders ab - lang-runden / Thurn-geſpitzten / Kegel-foͤrmigen / oder anderer Flaͤchen / nicht außtrucken kan / weil die bloſſe Schaͤrffe unſerer Augen zu ſchwach / und wir biß auf die Stunde mit zulaͤnglichen Ver - groͤſſerungs-Glaͤſeren noch nicht verſehen ſind.

Die ſchwartze Farb hat mehrere Waͤrme in ſich als die weiſſe / ſie ziehet die Geſichts-Strahlen zu - ſammen / erweiteret den Sternen im Auge / und dienet ſonderbar den trieffenden Augen. Alſo waͤr - men ſchwartze Haͤndſchuh mehr als die weiſſen. Das Schwartze iſt nicht ſo faſt durchſichtig / auch nicht ſichtbar / weil viel Schatten und wenig Liecht darinnen.

Die ſchwartze Farbe bemercket eine webende / lebhaffte Waͤrme / eine trocknende / ſchweflichte Arth / eine bevorſtehende baͤldeſte Faͤulung und Zerꝛuͤttung / ſonderbar in feuchten Coͤrperen. An trocknen Dingen zeiget ſie an eine Verbrennung und erhoͤheten Schwebel. Wann die Apffel fau - len / werden ſie ſchwartz / die Kohlen aber bezeuhen ihre Schwaͤrtze von dem Brande.

Der ſchwartzen Farbe befinden ſich underſchied - liche Gattungen / als Pech-ſchwartz / Kohl - ſchwartz / Sammet-ſchwartz / Rabben-ſchwartz / Ruß-ſchwartz / Dinten-ſchwartz / Dunckel - ſa wartz / Braun-ſchwartz / Gelb-ſchwartz / Bley-Schwartz u. a. m.

Die Mittel-Farben entſpringen von der vielfal -tigen45Von den Farben der Gewaͤchſen. tigen Wiederſtrablung des Liechts auf denen Flaͤ - chen / welche doch niemand recht underſcheiden und benennen kan Das wuͤſſen wir allein zu ſagen / daß auß wenig Rothem und viel Weiſſem das Gelb / auß vielem Rothẽ / und wenig Weiſſem das Salb - oder Wachs-gelb entſpringe; Auß Blauem und Gelbem erwachſe mancherley Gruͤnes / auß Rothem und Gelbem die Pommeranzen Farbe / auß Rothem und einem wenig Blauem die Pur pur-Farbe erwachſe.

Wir koͤnnen auch ſagen / daß Gelbes in ſeiner flaͤchtigen Gleichheit (ſuper ficiali harmonia) dem Weiſſen zum naͤchſten komme / und vor anderen Farben auß mehr Liechts mittheile. Nach dem Gel - ben folget das Rothe und Purpur-farbe / dem Pur - pur-Farben aber nahet gegen dem Liecht am naͤch - ſten das Gruͤne / zumalen die Mahler durch lan - gen Gebrauch erlehrnet auß Gelbem und Blauem / wie die Haffner ihre blaue Glaͤſte mit gelbem Schoß-Kraut vermiſchen / und beyde alſo eine ſchoͤne gruͤne Farbe machen koͤnnen / und ſo haltet das Gruͤne das Mittel zwuͤſchen Gelb und Blau / daß jedes gleich viel darꝛeichet zum Gruͤnen / wel - ches auch gleich weit von dem Schwartzen und Weiſſen abweicht / dann das Gelb iſt dem Weiſ - ſen / und das Blau dem Schwartzen zum naͤch - ſten.

Die gelbe Farbe hat meiſtens ihren Urſprung von der Duͤrꝛe oder Troͤckne / und nicht allezeit von der Hitze / daher wird das reiffend Obs gelb / wie die in dem unzeitigen eine Grune verurſachendeFeuch -48[46]Das 5. Capitel. Feuchtigkeit durch die Zeitigung verzehret / und deſto heiterer und gelber wird. Daher iſt ſich nicht zu verwunderen / daß die meiſten gruͤnen Fruͤchte gelbe / etliche auch bald roth werden / dann die un - gewuͤſſe Feuchtigkeit durch ihre Dunckelheit in dem unzeitigen Obs eine Gruͤne bringet / wañ aber dieſelbe dann verjaͤſen und gnug verkochet iſt / ſo vergehet die Duͤnckle (je nach dem derſelben Frucht Arth es mit ſich bringet) und bricht das Liecht deſto heller herfuͤr und die gelbe Farbe zu - gleich darmit / demnach iſt auch kein Wunder / daß die gruͤnen Blaͤtter der Gewaͤchſen gruͤn ſind / ſo lang ſie wachſen / wañ ſie aber anheben zu erſter - ben / ſo gelben ſie / auß der Urſach / weil der uͤber - fluͤſſige Lufft zugleich mit dem Liecht an Statt der waͤſſerigen Feuchtigkeit in ſie hineintringet / und die Farbe zeuget / die der Weiſſen am naͤchſten.

Die gelbe Farb wird ſo underſcheiden / daß es gibt Citronen-gelb / Honig-gelb / Roth-gelb / Gold-gelb / Pfriemen-gelb / Bleich-gelb / Feur - gelb / Ringelblumen-gelb / Eyergelb u. a. m.

Es bedeutet aber die gelbe Farbe in den Ge - waͤchſen ihre Zeitigung und einbrechende baͤldeſte Vermoderung / dann die erſterbende Blaͤtter wer - den gelbe / weil (wie oben ſchon bedeutet) der uͤberfluͤſſig Lufft zugleich mit dem Liecht an Statt der waͤſſerigen Feuchtigkeit in die Gewaͤchſe hinein - tringet.

Alſo je aͤlter die Menſchen-Feißte iſt / je gelber erſcheinet ſie / und um ſo viel ſchaͤrffer iſt ſie auch. Alte Leuthe werden bleich-gelb / da hingegen jungeLeuthe49[47]Von den Farben der Gewaͤchſen. Leuthe einer Roſelichten lieblichen Farbe ſind.

Die rothe Farbe iſt ein verdunckletes Liecht / darinn ſich zum Theil ſeine Strahlen gleichſam verſencken und verdufften / zum Theile aber auch gegen dem Geſichte zuruckprellen. Sie zeiget ein lebhafftes trockenes Weſen an / wie an den Naͤ - gelen / Tuͤrckiſchen-Ranunklen / Roſen / Meiſter - loͤslein und Anemonen zu erſehen /

Wie der Harn von dem hoch-geſchaͤrfften Schweffel / oder von dem aufgeloͤſeten fluͤchtigen Saltze roth wird; alſo werden auch die Gewaͤchſe von eben dergleichen Schwebel / und bedeuten / daß die Waͤrme ſolches gewuͤrcket habe.

Die rothe Farbe iſt entſcheiden in Feur-roth / Blut-roth / Gelb-roth / Bleich-roth oder Roͤth - licht / Braun-roth / Flamm-roth / Granatbluſt - roth / Wein-roth u. a. m. alſo daß das Roth bald Breñend-roth / bald Satt-roth auf die Schwaͤrtze ſich zeuhet / bald lebhafft ſich anzuͤndet / bald aber wie ein ſchwaches Feur verblichen ſcheinet.

Purpur - oder Viol-farbe entſpringet von ge - meſſigten Strahlen des inneren Liechts / das mit Weiß und Schatten vermiſcht / herfuͤrſchimmeret / und zeiget von einer vorhandnen Feuchtigkeit / die nicht viel Waͤrme in ſich enthaltet.

Dieſer Farbe Underſcheid iſt an der Kaͤspape - len-Bluſt / an denen Berg-Roͤßlein / Mertzen - Bluͤmleinen / Zapharin zuerkennen.

Die gruͤne Farbe hat keine / oder wenigſt / ſehr ſchwache Liecht-Strahlen in ſich / welche mit vielem ſchwartzem verduncklet werden; dieFarbe48Das 5. Capittel. Farbe bedeutet eine lebhaffte / ſchleimerichte / ſchlecht-außgekochte Feuchtigkeit: dann je duͤn - ner das Gruͤn an der Farbe iſt / je minder irꝛ - diſcher Feuchtigkeit halten ſelbige Kraͤuter inſich; je dicker die Farbe / je minder rein iſt deſſen Safft.

Die gruͤne Farbe erquicket die durch ſcharf - fes ſehen geſchwaͤcheten Augen / ſtaͤrcket und erfreuet die durch ihre zarte Lieblichkeit. Es iſt je dermaͤnniglich beredt / daß vermittelſt der vielen Feuchtigkeiten die Lauch-farbigen gruͤnen Blaͤtter herfuͤrſchieſſen / eben darum / weil ſie nicht gezeitiget iſt; gleich wie man hinge - gen in den Blumen eben da nun wenig ſchwartzes oder gruͤne Farbe erblicken wird / weil ſie auß einer zarten und außgekochten Materi beſtehen. Daher geſchiehet / daß die gruͤne Farbe an den Kraͤuteren deſto heller ſcheinet / je minder irꝛdi - ſche Materi ihre Feuchtigkeit in ſich fuͤhret.

Die Stafflen der gruͤnen Farbe ſind Span - gruͤn / Graß-gruͤn / Lauch-gruͤn / Salbeinen - gruͤn / Oel gruͤn / Victriol-gruͤn / Lorbeer-gruͤn / Wikke-gruͤn u. a. m.

Die blaue Farbe iſt eigentlich nichts anders als ein aufgeheitertes Schatten-Werck / dann man ſiehet / daß der ſchwartzeſter Rauch anfan - get blau zu werden / wann er mit ein wenig Liecht erleuchtet wird; dann wie Plato beweiſſet / ſo entſpringet die blaue Farbe auß Liecht / weiſſem und ſchwartzem; jedoch wiederſpricht deme Scaliger, in dem er will / die blaue Farbe kommeher49Von den Farben der Gewaͤchſen. her von der Vermiſchung des Rothen und heiter - Gruͤnen / wie auß dem rothen Preſilgen-Safft das allerſchoͤnſtes Blau erwachſe.

Unter die Wuͤrckung dieſer Farbe wird gerech - net / daß ſie das Geſicht ſtaͤrcket und ſchaͤrffet / die Geſicht-Strablen ſanfftlich zuſammen ziehet / die Lebens-Geiſter erquicket; ſie erweiteret den Augen-Sternen nicht zu ſtarck / und zeihet ſie auch nicht allzuſehr zuſammen. Die Geſicht-Strahlen haltet ſie zuſammen / weil die Weinbeer-foͤrmige Haut der Augen mit ihro eine Gleichheit hat / daher werden des Geſichts Lebens-Geiſter auch geſtaͤrcket.

Dieſe Farbe aber iſt entweders Himmel-blau / Aſchfarb / Eiſen-grau / Katz-blau / Bleich-blau / Buretſchblumen-blau / Meer-blau / Tuͤrckis-blau / Kornblumen-blau und Sappheyr-blau.

Das 6. Capitel. Von denenen Eigenſchafften und Al - teren der Gewaͤchſen.

ES nem̃en alle Kraͤfften und Wuͤrckungen ab / von der ſo vielfaltig geſtalteten / verduͤnner - ten und vermiſchten Matery derſelben / mit einem Worte von dem allerſubtileſten geiſtreichen We - ſen derſelben / das man die Quint-Eſſenz bey den Scheidkuͤnſtleren nennet: dann die Oel-lichten / Saltzichten und Geiſtreichen drinnen enthaltnen Theilen / erzeigen alle die Kraͤffte der Kraͤuteren /D(nach50Das 5. Capitel. (nach der ihnen von Arth eingegeiſteten Geſtalte) und alle verborgene Eigenſchafften / welche den Kraͤuteren zur Heil-Krafft in der Kunſt ange - ſchrieben werden.

Es erzeigen ſich aber die Wuͤrckungen der Ge - waͤchſen an unſeren Leiberen / entweders in denen flieſſenden / oder in denen fluͤchtigen / oder in denen ſteiffen Theilen derſelben / daher in drey Ordnun - gen abzutheilen.

Die erſtere Ordnung begreiffet alle waͤrmen - den / kaͤltenden / anfeuchtenden / trocknenden Wuͤrckungen / oder die den Leib erweichen / ver - haͤrten / oͤffnen / verduͤnneren / verdickeren / auf - loͤſen / verꝛingeren / ſtopffen / reinigen / die Schmer - tzen linderen / den Schlaff befoͤrderen / zuſammen - ziehen und hindertreiben.

Zur zweyten Ordnung zehlen wir die Wuͤrck - ungen / welche zeitigen / den Eiter befoͤrderen / die Wunden ſchlieſſen / Brandruͤfe machen / die ezen / faͤulen / Milch und Saamen bringen / und die auch wieder hindertreiben.

Zur dritten Ordnung gehoͤren die laxierenden und purgierenden (eroͤffnenden und außfuͤhren - den) die ein Erbrechen erwecken / Harn / Schweiß und Monatbluſt treiben / die den