PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Phyſiognomiſche Reiſen.
Viertes Heft.
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Altenburgin der Richteriſchen Buchhandlung. 1779.
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Fuͤnfter Ritt. Wird gehegt ein phyſiognomiſch Hals - gericht.

Burgholzheim, Burcholdsheim, Pur - goldsheim oder wie? Habs aus der Acht gelaſſen, an Ort und Stell ety - mologiſche Kundſchaft von dem Namen der Dynaſtie des manveſten Ritters Brechtold von Urlau einzuziehen, ob ich gleich ſolches von Freund Spoͤrtlern zu erforfchen die beſte Gelegenheit gehabt haͤtte, als wir zum phy - ſiognomiſchen Armenſuͤndergericht einmuͤthig dahin trabten. Gleichwohl hab ich bis zu meiner Heimkunft in einer ſo gluͤcklichen Unwiſſenheit uͤber die Ableitung des Na - mens dieſes alten Ritterſitzes gelebt, daß mir nicht der geringſte Zweifel beygegangenA 2iſt4iſt, die Benennung des Orts ſey phyſiogno - miſchen Urſprungs: denn die Gegend da herum iſt holzreich, der Edelhof ſieht einer alten Bergveſte oder Burg aus den Zeiten des Fauſtrechts ſehr aͤhnlich, daraus deri - virt ich ganz natuͤrlich Burgholzhelm, oder die Burg Holzheim. Mein etymologiſcher Freund, der Rektor Brunold hat mich in - zwiſchen eines andern belehrt: meynt der - ſelbe, der erſte Beſitzer oder Erbauer habe Brechtold, Berchtold oder Burchold geheiſ - ſen, welches alles ein und derſelbe Name ſey, den ſeine Geſchlechtsfolge beybehalten habe, wie der Name des zeitigen Jnnhabers vermuthen laſſe, und ſo heiße der Ort nach dem Taufnamen des erſten Erwerbers Bur - choldsheim, welche Ableitung gleichfalls gar natuͤrlich herauskommt. Endlich hat Mei - ſter Gernwitz, der homme de lettres F aff bey dieſer Gelegenheit ſeine Weisheit gleich - falls zu Tage foͤrdern wollen, der leitet denNamen5Namen her von purem Gold, beweißt ſeine Meynung mit den goldnen Palaͤſtem aus der irrenden Ritter Epoque, und gllaubt die Burg hab ehedem ein goldenes oder vergol - detes Dach gehabt, welches in alten Zei - ten nichts ungewoͤhnliches geweſen ſey; wie denn Herzog Friedrich von Oeſterreich, zu - benamſet mit der leeren Taſche, zu Wider - legung dieſes ſchimpflichen Sobriquets, auf ſein Schloß zu Jnſpruck, oder wie Andre melden, auf einen Erker deſſelben eim goldnes Dach habe ſetzen laſſen. Die Zuiſammen - ſetzung aus zweyen Sprachen beſtcaͤtige ſei - ne Meynung noch mehr: denn das Gold ſchmelze leichter mit dem exoteriſchen Bey - wort pur, als mit dem einheimiſchen lauter oder gediegen zuſammen; daher waͤren die Luftſchloͤſſer in den Feenmaͤhrchen gewoͤhn - lich von purem Golde erbaut, alber nicht leicht werde man eins aus gediegemem Gol - de antreffen. Welches alles ſich auch wohlA 3hoͤren6hoͤren laͤßt, obgleich der alte Rektor den Kopf weidlich ſchuͤttelte, und dem Etymo - logiſten ein uͤberſchießendes s, das ſich nicht wollte mit einderiviren laſſen, wie ein Schloß ans Maul warf, daß er ſchweigen mußte. Hab mich hierauf bey Herrn Buͤ - ſching und den Homanniſchen Erben in der Sach Raths erholen wollen; hab aber we - der in des Erſtern Erdbeſchreibung, noch in der Charte von Frankenland den Ort aus - fuͤndig machen koͤnnen. Mags vor der Hand bey der phyſiognomiſchen Ableitung verbleiben.

Burgholzheim in Frankenland, war alſo diesmal der Tummelplatz, wo der Beamte Spoͤrtler ſeine phyſiognomiſchen Talente wollte wirken laſſen. Sowohl das Ge - ſpraͤch deſſelben unterweges, als der Ein - tritt in die Burg ſelbſt, ließ hier viel ſon - derbares vermuthen. Der Gutsherr war ehedem Soldat geweſen, hatte im vorigenKriege7Kriege unter einem fraͤnkiſchen Kontingent ein Geſchwader Reuter kommandiret, nach - her quittiret und ſich als charakteriſirter Obriſter auf ſein Gut in Ruhe geſetzt. Sei - ner Geſtalt nach glich er dem Ugolino, wie ſolcher in den Fragmenten gekratzt iſt. Eben ſo einfach verſchloſſen in ſich ſelbſt, auch ſo unſanguiniſch trocken. Jm Alphabet der Menſchheit moͤcht er ſich mit dem duͤrrlei - bigen, langbeinigen ſſ vergleichen laſſen: denn er war ſo ſchmaͤchtig, und ſo wenig bewadet als Ariſtoteles. Seine Gemahlin paßte zu ihm wie das ß, obgleich der Be - amte Spoͤrtler dieſen Vergleich, als ich ihm ſolchen mittheilte, nicht goutiren wollte, weil ſein Kollege, der Beamte Buͤrger das ß hoͤchſt albern gefunden, er aber die Frau von Urlau nichts weniger als albern fand. Jch belehrt ihm aber, daß der Vergleich nicht auf dieſe Eigenſchaft des ß gemeynet ſey, ſondern auf eine andere, die FreundA 4Buͤrger8Buͤrger daran entdeckt habe: naͤmlich, daß es bucklich ſey, und eben das Gebrechen wuͤrde der Volksdichter, wenn er zugegen geweſen waͤr, an der guten Dame auch wahrgenommen haben. Außerdem war ein iunger Herr vorhanden, der eben von ſeinen Reiſen nach Hauſe war, und ſich eine Zeit - lang in Wien und Wetzlar aufgehalten hat - te, den Reichsprozeß zu ſtudiren. War ei - ne weichgeſchaffne Seele, durchaus empfind - ſam, und machte mit dem Vater einen ſtar - ken Kontraſt; die einzige Frucht aus recht - maͤßigen Ehebett, das Jdol der Eltern, deſ - ſen Wink ihr Geſetz war. Hieß mit ſeinem Taufnamen nicht Burchold oder Brechtold, ſondern ganz dem Familiengebrauch entge - gen, Dorotheus oder eigentlich a Deo da - tus wie Ludwig XIV. Wiewohl der aller - chriſtlichſte Koͤnig ſolchen Namen nur Jn - cogniw gefuͤhret hat, da er ſich in der Ge - ſellſchaft der uͤbrigen en proceſſion verlohr;der9der iunge Baron mußt ihn aber in Ermang - lung eines andern ſolitarie fuͤhren. Dar - uͤber gabs einen heftigen Hauskrieg. Als der Vater aus dem Feldzug nach Hauß kam und den iungen Stammerben fand, wollt er ihn unter dieſen befremdenden Na - men nicht fuͤr ſeinen Sohn erkennen. Denn obgleich ein ſchlauer Feldprediger, den Ehe - frieden zu befoͤrdern die Auskunft traf, den lateiniſchen Namen ins Griechiſche zu uͤber - ſetzen: ſo war dadurch doch nichts gebeſſert, dem Vater klang das Dorotheus ſo weibiſch und Maͤgdehaft, daß ihm um Ludwig des XIV. willen Adeodatus noch leidlicher ſchien. Demnach beſtand er darauf, daß dieſer Name mit einem rittermaͤßigen muͤſſe vertauſcht werden, wenn der Junker in dem Familienſtammbaum ſollt eingetragen wer - den; aber das wollte die Mutter nicht zu - geben. Sie hielt dieſen Tauſch fuͤr eine Gewiſſensſache und wollte nicht geſtatten,A 5daß10daß ihr Kind, wie ſie ſagte, umgetauft wuͤrde. Endlich wurde von einem klugen Kopf der Name Theodor ausgemittelt, der beyde El - tern zufrieden ſtellte, den Vater, weil ihn ein Koͤnig von Corſica gefuͤhrt hat, und die Mutter, weil ſie belehrt wurde, daß er mit den beyden verſchmaͤheten Namen von glei - cher Bedeutung ſey. Hab vergeſſen zu mel - den, was die eigentliche Veranlaſſung zu der ſeltſamen Auswahl des Taufnamens war. Die guten Leute hatten ſchon ſieben Jahre in unfruchtbaren Eheſtande gelebt, und die iunge Frau hatte ſich halb und halb des Gluͤcks verziehen Mutter zu werden, mußte die Schuld der Unfruchtbarkeit allein tragen; denn ihr Gemahl hatte ſich in Ab - ſicht ſeiner Kapazitaͤt gnugſam legitimirt. Als ſie nun unverhoft ſich geſegneten Leibes fand, machte ihr das viel Freude, und ſie pflegte oft zu ſagen: ſie hab die Leibes - frucht vom Himmel erbeten. Dies Wortarripirte11arripirte bey einer Gaiſterey der Paſtor loci, und that den Vorſchlag dieſe Wohlthat des Himmels durch einen bezeichnenden Namen des Kindes unvergeßlich zu machen, welches genehmiget und hernach zu rechter Zeit und Stunde, wiewohl nicht aufs ſchicklichſte ausgefuͤhret wurde.

Außerdem wußte Freund Spoͤrtler noch allerley Holzheimer Domeſtika zu erzaͤhlen, die Frau von Urlau betreffend. Zum Exem - pel ein ſeltſames Geluͤbde bey ihrer Schwan - gerſchaft: falls ſie einen Stammerben zur Welt braͤchte, ieden Reuter von der Schwa - dron ihres Eheherrm mit einem Suſpenſo - rium zu verſehen, und als der Himmel ihr auch dieſen Wunſch gewaͤhret, habe ſie 66 Stuͤck dem Herrn Colombier, Docteur Regent der mediziniiſchen Facultaͤt zu Paris in Kommiſſion gegeben; der eigenſinnige Obriſte aber ſey fuͤr die zukuͤnftige Deſcen - denz ſeines Regiments ſo wenig beſorgt ge -weſen,12weſen, daß er das Geſchenk nicht accepti - ren wollen. Hiernaͤchſt ſey ſie in ihren iuͤn - gern Jahren eine große Verehrerin von Kleiſt geweſen, hab den Dichter bey aller Gelegenheit allegirt, und ſich nach deſſen Grundſaͤtzen uͤber das Reuten der Damen, als eine dem ſchoͤnen Geſchlecht unauſtaͤn - dige Sache iederzeit hoͤchlich ſtandaliſirt. Seitdem aber Prizelius die Damen in der Kunſt unterwieſen ſchrittlings zu reuten, ſey ſie anders Sinnes worden; Kleiſt ſey ver - abſchiedet, nun ſetze ſie mit ihrem Herrn uͤber die Graͤben wie ein Huſſar, und von der Zeit an ſey das gute Vernehmen in der Ehe, das vorher ganz erkaltet geweſen, wieder hergeſtellt.

Nachdem der alte Ritter Kuͤraß und Pickelhaube in Pflugſchaar und Spaten um - gewandelt hatte, lag er der Landwirthſchaft ob, machte unter der Hand den Roßkamm, und war dabey ein großer Kurſchmidt undThier -13Thiermaler. Sein Stall beſtund eigentlich aus lauter Schimmeln, die er aber nach Be - finden der Umſtaͤnde in Schaͤcken, Tieger, Rußrappen, Schweißfuͤchſe, Falben u. ſ. w. nachdem es der Geſchmack der Kaͤufer er - heiſchte, umzuſchaffen verſtund. Durch dieſes Gewerbe und eine karge Wirthſchaft, haͤtten die Finanzen des Deſpoten von Burg - holzheim auf gutem Fuß ſtehen muͤſſen, wenn nicht Junker Theodor in Wien und Wetzlar eine ganz andere Praxis der Oeko - nomie getrieben haͤtt, als daheim der Va - ter. Dort verſchlang ein Terraͤn von we - nig Quadrat Schuhen in einem Abend oft mehr, als der Vater von vielen Morgen Ackerland erndten konnte, wenn eine un - gluͤckliche Karte, den Werth von einem Fu - der Korn nach dem andern in die Bank tranſportirte. Dieſe Luͤcken mußten nun, nach der goldnen Wirthſchaftsregel: den Aufwand im Großen durch den Erwerb imKleinen14Kleinen zu erſetzen, wieder ausgefuͤllt wer - den. Daher wurde die Bezahlung der De - jeunées im Prater auf die Kaͤſepfennige re - partirt, und den Champagner, der in Wetz - lar in des iungen Herrn Zimmer bey man - cher verſchwenderiſchen Mahlzeit unter den Tiſch floß, ſollte das dem Geſinde abge - dungene Bier bezahlen. Bey dieſen und mehrern oͤkonomiſchen Erſparniſſen war nur der Artikel an Deputat des Hundebrodes unangetaſtet geblieben, es ließ ſich davon auch nicht wohl etwas abrupfen, denn ſeit undenklichen Jahren, waren die in der Ge - richtshaft ſich befindenden Arreſtanten bey den Hofhunden in die Koſt verdingt. Eini - ge Jahre her war aber die Diebserndte ſo ergiebig geweſen, und ein verſchmitzter Ge - richtsfrohn, hatte nebſt dem wachſamen Ju - ſtiziarius die Frohnveſte mit allerley Vaga - bonden und Diebsgeſindel ſo angefuͤllt, daß dem oͤkonomiſirenden Gerichtspatron diePraͤro -15Praͤrogative der hohen Gerichtsbarkeit, we - gen der Atzungskoſten ſehr laͤſtig wurde. Daher mußte das arme Hundevieh iede Felddeube, durch verminderte Portionen entgelten, und bey mehrern Anwachs der Jnquiſiten, liefen Hunde und Diebe in Ge - fahr zu verhungern.

Unter dieſen Umſtaͤnden hatte der Ge - richtsherr dem Kriminalrichter die Beſchleu - nigung der heilſamen Juſtiz ſo nachdruͤcklich anempfohlen, daß dieſer das ganze Diebs - depot in weniger als einem Monat des To - des ſchuldig fand. Nur fehlte bey allen insgeſamt das eigne Eingeſtaͤndniß ihrer Verbrechen, welches ihnen iedoch vermoͤge der durch Urthel und Recht zuerkannten Tor - tur nun durfte abgezwungen werden, als - denn wollte der Richter ſtraͤcklich mit der Exekution vorſchreiten. Nach dem Ermeſ - ſen des Ritters haͤtt es aller dieſer Um - ſchweife nicht bedurft, der auf gut ſolda -tiſch,16tiſch, die ſeiner Meute ſo uͤberlaͤſtigen Koſt - gaͤnger, wenns auf ihn angekommen waͤr, an den erſten beſten Baum oder Balken wuͤrd aufknuͤpfen und ihnen die Brodpfor - ten auf immerdar haben verſperren laſſen. Weil aber die deutſchen Schoͤppenſtuͤhle die Cognition uͤber Hals und Haut an ſich ge - riſſen haben, ſo daß heut zu Tage die Kri - minaljurisdiktion mehr eine Servitud als ein Privilegium fuͤr den Gutsherrn iſt: ſo mußt er zwar im Ganzen dem Recht ſeinen Lauf laſſen; aber ein wenig ruͤcken und dre - hen an der Maſchine, um ihren Gang zu beſchleunigen, das blieb ihm unverwehrt. Daher befahl er dem Gerichtshalter die Verhafteten quovis modo zum Geſtaͤnd - niß zu bringen, und dieſer hatte denn pflichtſchuldigermaßen verheißen, die armen Schlachtopfer der Juſtiz ſo lange zwicken, ſchrauben, zerren und dehnen zu laſſen, biß ſie ſich ſamt und ſonders um den Hals be -kannt17kannt haͤtten. Incidenter. Menſchen - kunde und Menſchenliebe lagen dem An - ſchein nach nicht in dem Wirkungskraiſe des Burgholzheimer Juſtizbeamten. Hab ich irgend zwiſchen zwey Phyſiognomien eine frappante Aehnlichkeit gefunden, ſo wars zwiſchen der Seinigen und des Michel An - gelo Buonarotti in dem dritten Tomus der Fragmente. Fern alle Sanftmuth und alle Grazie, von oben bis unten. Eben dieſe gefaltete Stirn, dieſe gegen die Naſe ſich wild abneigenden Augenbraunen, eben dieſe breitgedruckte Naſe, eben dieſes wildkrauſe Haar; Ausdruck von anmuthloſer unbeugſa - mer Vollkraft. Ein wahres furchterwecken - des Loͤwengeſicht! Mit den Geſichtszuͤgen ſtimmten die Geſinnungen des Mannes voll - kommen uͤberein. Jch hoͤrt ihn ſich bekla - gen, daß ihn das Gluͤck in ſeinem Leben ſo wenig beguͤnſtiget habe, da es nun einmal einen Beamten aus ihm ſchaffen wollen: ſoBhaͤtte18haͤtte er gewuͤnſcht, anſtatt dem richter - lichen Amte in Burgholzheim im Franken - lande vorzuſtehen, das Rentamt Burghauſ - ſen in Bayern zu verwalten. Dort muͤſſe ſich, meynt er, der Beamte excellent ſte - hen: denn beſage der im Muͤnchner Jntel - ligenzblatt ſich befindenden Abhandlung von Felddieberey, waͤren vom Jahr 1748 bis 1776 daſelbſt an die 11000 Menſchen ein Opfer der peinlichen Geſetze worden. Jn hieſigem Gerichtsbezirk, ſetzt er ganz miß - muͤthig hinzu, waͤren in dieſer Zeit nicht ſo viel Lerchen gefangen als dort Diebe iuſtifi - zirt worden. Er wolle gern die erſte oder die lezte Ziffer an dieſer Summe ſchwinden laſſen, und doch ein Kapitaliſt ſeyn, wenn er, wie gewoͤhnlich, die Juſtifizirten als Richter beerbt haͤtte. Wunderbar! dacht ich bey mir, daß Richter und Malefikant doch ſo oft nach einerley Grundſaͤtzen denken und handeln, als waͤren ſie zuſammen ineine19eine Schul gegangen. Beyde haben die naͤmliche Begierde Menſchen hinzuwuͤrgen, um ſich ihrer Verlaſſenſchaft zu bemaͤchti - gen. Darum ſo oft ich den Richter inen Dieb zum Galgen geleiten ſeh, denk ich im - mer an einen Hecht, der eine Aalraupe ver - ſchlingt.

Ehe noch die gewaltſame Wahrheitspro - be in Burgholzheim ihren Fortgang hatte, langte der iunge Theodor auf dem vaͤterli - chen Erbfitz an, und erwarb ſich da als ar - mer Suͤnder Patron, mit mehrerm Rechte den Beynamen Soter von den Malefikan - ten, als ehemals Antiochus der Syrer von ſeinen Hofſchmeichlern. Der empfindſame Knabe, nach dem Ton der ſentimentaliſchen Welt geſtimmt, dems ſchwarz vor den Au - gen wurde, wenn er einer Aderlaſſe zuſah, konnt’s nicht aushalten, daß der Gerichts - pfleger den Patron, um ihm die Eßluſt bey der Mahlzeit zu vermehren, vom WuͤrgenB 2und20und Abſchlachten der Delinquenten unter - hielt, als waͤr vom Stechhaufen der Maſt - haͤmmel die Rede. Der Biſſen ſtarb ihm im Munde, er bekam Vapeurs, wurd oft bleich um die Naſe, und es verging ihm faſt Hoͤren und Sehen wie dem General Tylli bey der Leipziger Schlacht, nach Pu - fendorffs Bericht. Mußte zu dem muͤtter - lichen Riechflaͤſchgen einmal ums andre ſei - ne Zuflucht nehmen: denn er empfand, vermoͤge ſeiner lebhaften Phantaſie und der Weichlichkeit des Herzens, die Daumen - ſtoͤcke, Schnuͤren, und den ſpaniſchen Stie - fel an Haͤnden, Armen und Waden ſo gut, als das Richtſchwerdt und den haͤnfenen Strang in der Spina dorſi und am Adams - apfel. Ueberdieß hatt er von den Todes - ſtrafen und der Folter ganz andere Begriffe als der martialiſche Vater und deſſen eiſer - ner Gerichtsvogt.

Alſo21

Alſo nahm er ſeinen Andreas Zaupſer zur Hand, nachdem er vorher ſeine geweſenen Lehrer, die Regierungsraͤthe von Sonnen - fels und Banniza fleißig konſultiret, und hielt unter Beyſtand dieſes antikriminaliſti - ſchen Triumvirats den beyden Kriminalty - rannen, ſolche polemiſche Vorleſungen, daß ſie auf ihrem lezten Bollwerk, des Kaiſer Carls peinlichen Halsgerichtsordnung Cha - made ſchlagen und ſich dem Ueberwinder auf Diſtretion ergeben mußten. Und weils dem iungen Menſchenfreund minder um Ehr und Sieg, als uͤberhaupt um mildere Ge - ſinnungen zu thun war, ſprach er dabey mit ſo vieler Waͤrme, daß die dichte Eißrinde ihrer gefrornen Herzen nach und nach auf - thauete, und der Saame menſchlichen Ge - fuͤhls, den er reichlich auszuſtreuen nicht unterließ, darinn wieder anfing zu vegetiren.

Wie wird aber, frug der Beamte, in Kriminalfaͤllen, ohne Folter die WahrheitB 3an22an den Tag kommen? Und wenn die Tor - tur ſoll abgeſchafft werden, was iſt an ihre Stelle zu ſetzen? Der ſcharfe Blick des Richters, ſprach Theodor mit Sonnenfels. Jch wollte du haͤtteſt das nicht geſagt, mein Sohn, fiel die froͤmmelnde Mutter hier ein, welcher uͤbrigens die Suada des Sohnes manche Freudenthraͤne entlockt hatte, wer kann einem Menſchen ins Herz ſehen, und wie ſollt es ein Richter wagen unſerm Her - regott ins Amt zu fallen? Theodor, der ganz moderne Kopf, der alle Vorurtheile und beſonders religioͤſe ſo ſehr haßte als die Folter, ſagte mit einiger Aufwallung, die der Widerſpruch von einer Seite veranlaßte, von welcher er ſich nur Beyfall verhieß, und im Ton eines iungen Weltmanns. O Mama, wir haben in unſern Tagen meh - rere Vorrechte des Himmels geſchmaͤlert, die ihm ehedem Unverſtand und Aberglaube lieh. Ein kuͤhner Mann hat in einem fer -nen23nen Welttheile, den Blitzen Gang und Bahn vorgezeichnet, und ihnen gelehrt nach der menſchlichen Willkuͤhr ſich zu bequemen; und in dem unſrigen hat ein noch kuͤhnerer gar das Feuer aus den Wolken geſtohlen, welches die lauten Geſaͤnge andaͤchtiger Ma - tronen und verzagter Garnweber nie ausge - loͤſcht haben. Wir haben die Geiſſel des Himmels, die Peſt fuͤr Kontrebande erklaͤ - ret, und laſſen ſie nicht mehr uͤber die va - terlaͤndiſche Graͤnze paßiren. Wir haben uns der Blatterbuͤchſe des Wuͤrgengels be - maͤchtiget, und das toͤdtende Gift derſelben in heilſame Arzeney verwandelt; wir haben gelernt mit engliſchen Roſſen den Sturm - winden vorzulaufen; wir gebieten dem Meer, und wiſſen die fuͤrchterliche Gewalt der Wellen im Augenblick durch eine Tonne Oel zu zerſtoͤhren. Endlich hat ein weiſer Mann verſucht, die Herzenskunde als Bey - lage und Erbe dem menſchlichen Wiſſen zu -B 4zueignen;24zueignen; wir ſehen nun den innwendigen Menſchen, durch ſeine aͤuſerliche Geſtalt ſo offenbar als in einem Spiegel, und dieſe Kunſt iſt ihm ſo gelungen, daß es bloß des Sehers Schuld iſt, wenn er beym erſten Anblick eines Menſchen nicht alle Geheim - niſſe ſeines Herzens durchſchauet.

So wenig Bedenken die gute Mutter fand, in die Vorrechte der Maͤnner einen Eingriff zu thun, wenn ſie maͤnnliche Bein - kleider anlegte, um ſchrittlings zu reuten: ſo gewiſſenhaft war ſie in Abſicht der Vor - rechte des Himmels, die wollte ſie auf kei - ne Art gekraͤnkt wiſſen. Der arme Theodor mußte ſeine leichtſinnigen Reden mit einer nachdruͤcklichen Gewiſſensruͤge buͤſſen, und wurde ungeachtet der Einwendung, daß der Herzenskuͤndiger von dem die Rede war, ein wuͤrdiger gewiſſenhafter Geiſtlicher ſey, fuͤr einen foͤrmlichen Ketzer und Freydenker erklaͤret. Der Praͤſes der Diſpuͤte, der alteRitter25Ritter war waͤhrend derſelben, wie er uͤber Tiſche oft pflegte, ſanft eingeſchlafen, und der Juſtiziarius war verſtummt. Der rich - terliche Scharfblick, den der iunge Herr von ihm forderte, beduͤnkte ihm ein ganz fremdes Requiſitum eines Richters zu ſeyn, davon ihm ſein Lebtag noch nichts zu Ohren kommen war: denn außer der ſcharfen Fra - ge und einem ſcharfen Meſſer, kennt er nichts ſcharfes in rerum natura: Scharf - ſinn und Scharfblick waren alſo fuͤr ihn un - bekannte Laͤnder.

Ungeachtet der notoriſchen Freydenkerey und ihres ſcheinbaren Unwillens dagegen, liebte die fromme Mutter ihren Theodor dennoch unermeßlich, und bereute es keines - weges, dieſes Weltkind neun Monden lang unter dem Herzen getragen zu haben; daher wurd er nach einigen Erlaͤuterungen uͤber die phyſiognomiſche Herzenskunde, bald wieder von ihr in die rechtglaubige KircheB 5aufge -26aufgenommen, und es fehlte wenig daran, daß er ſie ſelbſt zur Phyſiognomiſtin machte. Der Vater bekam von den Einſichten des Sohnes von Tag zu Tage groͤßere Begriffe, der Richter hatte fuͤr die neoteriſche Krimi - nalwiſſenſchaft des iungen Gerichtspatrons allen moͤglichen Reſpekt, druͤckte ſich fuͤr ihn nieder, weil er fuͤrchtete er moͤcht ihn mit dem richterlichen Scharfblick hetzen, wie ein Haas fuͤr den Windhund ſich in die Furchen druͤckt: ſo nach wurde dem Baron Theodor auf ſein Begehren die Ausfuͤhrung des Burgholzheimer Kriminalprozeſſes ohne Widerſpruch uͤberlaſſen.

Jnzwiſchen gings dem iungen Manne wie’s Vielen geht, die ſich an das trium - phirende Wir anſchließen, von dem man im gemeinen Leben ſo viel Wunderdinge hoͤrt, an welchen das Jndividium, das ſich mit dem Wir bruͤſtet, oft keinen oder ſehr unbedeutenden Antheil hat. Ob man gleichhaͤtte27haͤtte vermuthen koͤnnen, daß Theodor dem Himmel ſeine Vorrechte mit haͤtte abdringen helfen, daß ihm der Todesengel, auch Wind und Meer gehorſam waͤren, und daß er in das menſchliche Herz hinein ſchauen koͤnne wie in einen Spiegel: ſo vermocht er doch bey der erſten vorlaͤufigen Probe, einer Delinquentin nicht anzuſehen, ob ſie des Ehebruchs, des Diebſtahls oder gar der Zauberey bezuͤchtiget wuͤrde; und als ſich das angeſchuldigte Deliktum aus den Akten ergab, verwirrete ihn ihre Phyſiognomie dergeſtalt, daß er ſie weder zu verurtheilen noch freyzuſprechen waghalste. Jn dieſer Verlegenheit nahm er zum Seher Spoͤrtler, dem Phoͤnix aller phyſiognomiſchen Richter in Frankenland ſeine Zuflucht, der ſich denn aller freundnachbarlichen Dienſte gern und willig erbot, auch zu rechter Gerichtszeit an Ort und Stelle ſich einfand, worauf denn das erſte phyſiognomiſche arme Suͤnder Ge -richt28richt auf deutſchen Grund und Boden, in Beyſeyn des iungen Barons, einiger der Phyſiognomiekundiger Maͤnner, naͤmlich eines Landpredigers, eines Chirurgus, und eines Kunſtmalers, desgleichen des judicis ordinarii und der gewoͤhnlichen Schoͤppen, unter Freund Spoͤrtlers Vorſitz geheget wurde.

Eh und bevor die Sitzung ihren Anfang nahm, gabs noch einige Debatten uͤber die Zulaſſung des Malers als Beyſitzers, ab - ſonderlich in Abſicht des Stimmrechtes, welches ihm das Judicium nicht zugeſtehen wollte: angeſehen der phyſiognomiſche Ca - non die Maler namentlich von der Phyſio - gnomiſtengilde ausſchloͤſſe. Trat auf der Prediger, ein ſtarker Orientaliſt, der allent - halben Anſpielungen auf die morgenlaͤndi - ſche Litteratur anbrachte, und mit einer Ue - berſetzung des Talmuds umgehen ſoll, weils ihm ſein Landsmann Herr Rabe mit ſeinermeiſter -29meiſterlichen doch nicht zu Danke gemacht hat, ſprach mit großer Gravitaͤt: Der La - vateriſche Coder, den ich ſeiner innern Ord - nung und Einrichtung halber den phyſiogno - miſchen Koran nenne, beſagt in der neun - ten Sure des IV Tomus ausdruͤcklich, daß kein Maler ins phyſiognomiſche Heiligthum eingehe: die wenigſten Maler heißts am angezognen Orte ſind Phyſiognomiſten, die Wenigſten ſag ich, weil ich nicht ſagen darf: kein Einziger iſts; aber doch ſagen darf: ich kenne Keinen ders durchaus iſt. Jn - zwiſchen ſuſpen dir ich fuͤr den gegenwaͤrti - gen Fall mein Jndicium gaͤnzlich, und uͤberlaſſe es dem Ermeſſen meiner Herrn Kollegen, was ſie nach ihrer Gewiſſenhaf - tigkeit in dieſem paſſu entſcheiden werden. Der Kuͤnſtler vertheidigte ſich aber ſehr gut, ſprach: es gehe den meiſten Malern wie den meiſten Menſchen, die Wenigſten waͤ - ren Phyſiognomen, weil er ſich aus Beſchei -denheit,30denheit, in Gegenwart ſo vieler phyſiogno - miſchen Praͤtendenten nicht zu ſagen ge - traue: kein Einziger ſeys; aber doch ſagen duͤrfe: er kenne keinen Menſchen, ders durchaus ſey, und wer ſich in der Ver - ſammlung dafuͤr ausgaͤbe, ſolle den erſten Stein auf ihn werfen. Als nun Keiner von uns nach einem Stein griff, ſintemal auch Keiner in der Gerichtsſtube vorhanden war, der nicht waͤr eingemauret geweſen, blieb er quoad actum praeſentem in Poſ - ſeß ſeines phyſiognomiſchen Stimmrechtes.

Wurden hierauf herein gefuͤhret Parther, Meder und Elamither, ein Gemengſel von allerley Volk wie in der Pfingſtepiſtel: haußten in der Gerichtsfrohn Schurken bey einander, vom Rhein, vom Mayn, von der Elbe, Oder, Weſer und der Donau. Nachdem der Gerichtshalter iedem ſein Suͤndenregiſter kuͤrzlich rekapitulirt hatte, wurde den Jnquiſiten mit durchdringendenBlicken31Blicken von allen Seiten heftig zugeſezt, darob ſich Einige nicht wenig entfaͤrbten, wiewohl im ſtrengen Verſtande Keiner Far - be hatte: denn von haͤufigen Waſſertrinken und wenig ſolider Nahrung, hatten ſie ins - geſamt ein kakochymiſches Anſehen. An - dere hattens ihren Spott, das waren die Ausgelernten, achteten keines Beſchauens, machten allerley ſeltſame Grimaſſen und haſchten zum Zeitvertreib, waͤhrend des ſtummen Verhoͤrs Stechfliegen vom Gelaͤn - der der Gerichtsſchranken. Der Chirurgus, welcher wie ich bald vermerkte ein Partialiſt und kein Univerſaliſt in der Kunſt war, be - ſchaͤftigte ſich Haar, Bart und Gebiß der Jnquiſiten zu beſchauen, und aus dieſen Indiciis ihre Malefikantenſchaft zu ermeſſen. Als ich ihn nach geendigter Seſſion frug, wie er auf das phyſiognomiſche Zahnſtudium gekommen ſey, gab er zur Antwort: Er habe iederzeit geglaubt, die Cognition uͤberHaar32Haar Bart und Gebiß, gehoͤre eigentlich fuͤr ſein Forum, denn daruͤber muͤſſe ein Chirurgus und Barbier kompetenter Richter ſeyn. Deshalb hab er die gehoͤrige Kennt - niß davon aus den Fragmenten zu erlangen geſucht; allein da hab er wenig Troſt ge - funden. Doch ſey er durch eine Kupferta - fel, die fuͤnfte naͤmlich im erſten Theil, auf die Spur der phyſiognomiſchen Zahn Theo - rie gebracht worden. Dort ſey der Kerl in der flachen Muͤtze, mit erhabner ſeelenloſer Hand, vermoͤge der Zaͤhne in die Klaſſe der Boͤſewichte verwieſen worden, das hab in ſeinen Kram gedient, deshalb hab er von der Stund an uͤber die Bedeutſamkeit der Zaͤhne nachgedacht, und ſey in dieſem Stu - dium ſo weit gekommen, daß er die Men - ſchen eben ſo gut in Anſehung ihres boͤsarti - gen Charakters nach den Zaͤhnen zu klaſ - ſifiziren wiſſe, als die Naturkuͤndiger die Fleiſchfreſſenden Thiere.

Der33

Der Kunſtmaler leiſtete dem Gerichtshof waͤhrend dem Verhoͤr dadurch einen ſehr reellen Dienſt, daß er das phyſiognomiſche Protokoll fuͤhrte, und mit großer Behendig - keit die Grundzuͤge der ſaͤmtlichen Malefi - kanten mittelſt ſeiner Bleyfeder ſehr getreu aufs Papier warf, welches den Praͤſes be - wog, dieſe Zeichnungen mit ad acta zu neh - men, weil ſie die Rationes dubitandi et decidendi der gefaͤlleten phyſiognomiſchen Sentenzen in ſich ſchloſſen. Nachdem von demſelben und den ſaͤmtlichen Gerichtsbey - ſitzern alle Geſichtszuͤge der hochnothpein - lichen Delinquentenſchaar in reife Betrach - tung waren gezogen worden, mußten die Gefangenen abtreten und es kam zum voti - ren. Da man ſich aber nicht daruͤber ver - glichen hatte, ob das von oben herein, oder von unten hinauf geſchehen ſollte, wurde der Beamte Spoͤrtler erſucht, vorerſt ſeine Meynung zu ſagen, der ſich denn hier alsCphyſio -34phyſiognomiſcher Kriminaliſt in ſeiner gan - zen Groͤße zeigte, und die Geſichtszuͤge der Delinquenten, von den ihnen angeſchuldig - ten Verbrechen ſo geſchickt und mit ſo hin - reiſſender Beredſamkeit entweder zu trennen, oder beyde mit einander zu vergleichen wußte, daß alle die herumſitzenden Jaher - ren ſich ihm beyfaͤllig erklaͤrten. Das fachte eine alte Jdee wieder bey mir auf, die ich ſchon ſeit langen Jahren einmal erfaßt hat - te, die aber ganz erloſchen war: mich duͤnkt, auf den erſten Anblick ſcheinen un - ſere Dikaſterien, Finanzkammern, Kanzel - leyen, Konſiſtorien und Stadtraͤthe immer uͤber complet: denn Zweydrittel der ehr - wuͤrdigen Senatoren, der genannten und nicht genannten Kollegien ſind doch im Grunde nur Jaherren, die das einſylbige bilitteraliſche Woͤrtlein, das den ganzen Umfang ihrer Verdienſte um den Staat in ſich ſchließt, gleichwohl fetter maͤſtet, alsehedem35ehedem den redſeligen Konſul Cicero ſeine weltberuͤhmte Eloquenz. Dennoch hat die - ſes reſpektable Korpus denn iede Geſell - ſchaft, die vermoͤge ihrer Zahl und Vielheit eine gewiſſe vim intrinſecam erlangt hat, iſt reſpektabel auch ſeine Verdienſte. Ohne Beyſtand dieſer Eintoͤner waͤr kein Propos in der Welt zu einem einfoͤrmigen Schluß zu bringen, daher kenn ich wenig groͤbere Jrrthuͤmer als den, womit unſere Kartenmacher das Eckerdauß zu ſtempeln pflegen, fuͤhrt ſolches bekanntlich den Denk - ſpruch: quot capita tot ſenſus. Waͤr das wahr, ſo waͤren weder die Canones der Tridentiner, noch irgend einer andern Kir - chenverſammlung zu Stande gekommen; ſo fehlte die ganze Myriade Subſkribenten hin - ter dem Konkordienbuche; ſo wuͤrde im brit - tiſchen Unterparlement der Miniſter ſeine Brieftaſche vergebens oͤfnen, um zum Be - duͤrfniß des Staates die Millionen PfundeC 2bey36bey Dutzenden ſich bewilligen zu laſſen; ſo wuͤrden die Geſchwornen, ungeachtet der Motifen aus dem Magen, nie einen High - wayman in der Mittagsſtunde einſtimmig verurtheilen gehangen zu werden; ſo waͤr in keiner Rathsverſammlung, die ſich zwiſchen den beyden Extremen, dem ehrwuͤrdigen Senat des alten Roms biß auf den zeitigen zu Schilda herab, gedenken laͤßt, iemals ein einmuͤthiges Concluſum abgefaßt worden; und ſo ſaͤßen die Burgholzheimer Richter noch immer auf ihrer phyſiognomiſchen Ge - richtsbank, und zankten uͤber das zu faͤllen - de Deciſum. Da ſich aber die Jaherren an das Spoͤrtleriſche Gutachten insgeſamt anſchloſſen, ſo ging dieſes gar bald in ſeine volle Rechtskraft uͤber.

Nach Maßgabe dieſes phyſiognomiſchen Rechtsſpruches, wurde der ſcheele Veitel, ein angeblicher Erzdieb, ſeines beharrlichen Ableugnens aller ihm imputirten Diebſtaͤhleunge -37ungeachtet, in Betracht ſeiner Phyſiogno - mie und Statur, pro confeſſo et convicto erklaͤret. Die haͤrteſten Boͤſewichter, ſprach unſer Gerichtspraͤſes, ſind immer die Unter - ſezten: denn wo viel gedrungene Kraft iſt, da iſt auch viel Verſuchung zum Mißbrauch derſelben, daher Jnquiſit aller gewaltſamen Einbruͤche, Wegelagerungen und Berau - bungen, deren ihn die Akten zeyhen, ſchul - dig erkannt und als uͤberwieſen condemnirt wird, von Rechts wegen. Peter Knoll - horn hingegen, ein beruͤchtigter Schenk - wirth und Diebshaͤhler, obgleich in ſeiner Behauſung geſtohlnes Gut war vorgefunden worden, ingleichem das Mauzneriſche Ehe - weib, in puncto inculpati adulterii, ob ſchon ihr Ehemann ſie in flagrante delicto wollte ergriffen haben, ſie auch das Ver - brechen beynahe eingeſtanden hatte, welches Bekenntniß iedoch vom Richter durch illega - le Concuſſionen ausgepreßt zu ſeyn ſchien,C 3wurden38wurden vermoͤge der unumſtoͤßlichen Zeug - niſſe ihrer Unſchuld, die ihnen die Phyſio - gnomie ertheilte, indem ihre Geſichter zu der Klaſſe derer gehoͤrten, die gewiſſe Laſter gar nicht begehen koͤnnen, plenarie abſolvi - ret. Jn Anſehung einiger andern, blieb in Betracht ihrer indecidirten Lineamenten das Urtheil vor der Hand noch in ſuſpenſo.

Einer der Gefangenen, auf den nichts eigentlich zu bringen war, außer daß er ſich verdaͤchtig gemacht hatte, die Guther - zigkeit der Leute durch erdichtete Brandbriefe in Kontribution geſetzt zu haben, zog des Beamten Spoͤrtlers Aufmerkſamkeit beſon - ders auf ſich. Er that daher dem Gericht den Vortrag: es erhelle zwar nicht aus den Akten, daß beſagter Vagabond ſich eines Kapitalverbrechens ſchuldig gemacht habe; dennoch gravire ihn ſeine Phyſiognomie der - geſtalt, daß bey genauer Unterſuchung, ſo enorme delicta ſich veroffenbahren duͤrften,die39die durch die Kriminalgeſetze noch nicht pro - portionirlich verpoͤnt waͤren; es ahnde ihm bereits das Geſtaͤndniß einer ſchwarzen That; iedoch ſey er voriezt nicht im Stande, ſich weiter daruͤber auszulaſſen. Nahm da - bey eine myſterioͤſe Mine an, welche allen Gerichtsaſſeſſoren ſonderbare Dinge erwar - ten ließ, und erſuchte das Gericht um die Erlaubniß, Jnquiſiten auf den Nachmittag zu einem geheimen Verhoͤr berufen zu laſſen, wobey außer dem Juſtiziarius, keinem von den phyſiognomiſchen Beyſitzern zugegen zu ſeyn, wichtiger Urſachen halber geſtattet werden koͤnne. Nachdem ſeinem Geſuch war deferiret worden, fand Judicium gut fuͤr diesmal zu adjourniren.

Mich nahm Wunder, mit welcher Zu - verlaͤßigkeit Freund Spoͤrtler ſeine phyſio - gnomiſchen Deciſa faͤllete, ohne im gering - ſten zu haͤſitiren, welches ein ſicherer Be - weiß ſeiner vollen Ueberzeugung von derC 4Untruͤg -40Untruͤglichkeit der Kunſt war, in ſo fern er ſich darauf einließ, und mir wurde glaub - haft, daß er durch das unermuͤdete Stu - dium ſeiner Schurkengallerie zu einer Fer - tigkeit gelangt ſey, die Originale von Buͤ - berey und Boßheit ſo ſchnell und richtig von den unſchuldigen Schlachtopfern der Juſtiz zu unterſcheiden, wie ein Kenner in einer Bilderſammlung Originalgemaͤlde von Nach - bildungen, die ein minderkundiges Auge truͤ - gen. Es war mir, als fuͤhlt ich, daß ſich ein neidiſches Mißbehagen in meinem Herzen regte uͤber die maͤchtige Ueberlegen - heit des Spoͤrtleriſchen Gefuͤhlsſinnes, wenn ich meinen eignen damit in Vergleichung ſtellte. Gott weiß was ich wuͤrde vorge - bracht haben, wenn ich den Malefikanten das phyſiognomiſche Urtheil haͤtte ſprechen ſollen. Sonder Zweifel wuͤrde mirs nicht beſſer ergangen ſeyn als dem Junker Theo - dor beym erſten phyſiognomiſchen Krimina -liſten41liſten Verſuch, oder wie dem ehrlichen La - vater ſelbſt, mit den zehen Graͤnzumriſſen maͤnnlicher Geſichter aus einer deutſchen Stadt, die ich ihm noch immer nicht ver - zeihen kan. Jch konnt das eigentliche Malefikantenfaͤltgen keinem aus der Burg - holzheimer Diebsſchaar abgewinnen, ſo viel ich mir auch diesfalls Muͤhe gab. Denk, wenn ich die ganze loͤbliche Geſellſchaft an einem Kornſchwaden angetroffen haͤtt, oder auf dem Heuſchlag, oder auf einem Markt, wo ſie Eyer und Zwiebeln zum Verkauf ausgeboten haͤtte: ſo wuͤrd ich ſie all ins - geſamt fuͤr ehrliche Bauerleut angeſprochen, und keine boͤſe Tuͤck noch Schalkheit hin - ter ihnen vermuthet haben. Hier aber in der Verhoͤrſtube dienten das Geklirr der Feſ - ſeln, die umher gepflanzten Wachtſpieße, und die vorlaͤufige Notiz der angeſchuldigten Mißhandlungen, dem phyſiognomiſchen Au - ge freylich zum Brillenglaſe, das alle Ge -C 5ſichts -42ſichtszuͤge vermalefizirte. Jedoch mit Zu - ſtimmung eines reinen Gewiſſens, bey die - ſem Phyſiognomiſchen Scherbengerichte das ſchwarze oder weiſſe Taͤfelein fuͤr ieden Kopf einzulegen, und das ſo behend, wie’s Freund Spoͤrtlern von der Hand ging, das war uͤber meinem Horizont.

Beſonders war mir unbegreiflich, wie er an dem Fliegeniaͤger einen ſo großen Brat - fiſch zu erhaſchen vermeynte, den ich zwar ſeiner Baſchkiren Phyſiognomie halber fuͤr einen wandernden Schuknecht hielt; aber mir nicht traͤumen ließ, daß dieſe mißge - ſtaltete Geſichtsform ein frey oͤffentlich Be - kenntniß unerhoͤrter Schandthaten ablege. Jndeſſen hegt ich fuͤr die Spoͤrtleriſche Phy - ſiognomicen Forenſem bereits ein ſo guͤnſti - ges Vorurtheil, daß ich von dem kreiſſenden Berg eine fuͤrchterliche Mißgeburt erwartete. Weils Hochmittag war, begaben ſich Rich - ter und Schoͤppen mit Beyſeitſetzung allesin43in dergleichen Faͤllen ſonſt gewoͤhnlichen Ce - remoniels, mit großer Eilfertigkeit aus der Gerichtsſtube zum richterlichen Hegemahl ins Speiſegemach, aus welchem der Wie - ner Hautgout, mit der fraͤnkiſchen Provin - zialkuͤche vereinbart, den Kommenden ent - gegen duftete. Woraus deutlich zu begrei - fen war, daß Junker Theodor in der Kuͤche ſo gut als in der Gerichtsſtube ſein Weſen hatte, und Beyden eine Reformation ſchien zugedacht zu haben.

Nachdem ein und die andere nahrhafte Schuͤſſel das gewoͤhnliche Stillſchweigen des erſten Jmbiſſes verſcheucht, auch der Werth - heimer die Lebensgeiſter wieder angefriſcht hatte, wurde die Tiſchgeſellſchaft ganz ge - ſpraͤchig; und als beym Deſert Junker Theodor ſeinen Wiener Flaſchenkeller auf - thaͤt, und die Liqueurs Fines in kleinen Portionen ausſpendete, ſo daß die Zwerg - roͤmer unter den hohen Stengeglaͤſern mitDoppel -44Doppelkuͤmmel herumhuͤpften, wie ſtaͤdti - ſche Petitmaͤters bey einem Kirchweyhtanze, belebte die geſpraͤchige Laune den Wirth und die Gaͤſte und die Unterredung wurde ſo laut und tumultuariſch wie in einer Trink - ſtube. Selbſt der unſanguiniſche Ritter empfand die wohlthaͤtige Wirkung der gei - ſtigen Getraͤnke, und wurde ſo ſanguiniſch, heiter und empfindſam, daß er in einer An - wandelung von Menſchenliebe, den Abhub der Tafel in die Frohnveſte ſchickte, um die darbenden Delinquenten dadurch zu er - quicken. Nur der Beamte Spoͤrtler nahm an alle dem keinen Antheil, war in tiefes Nachdenken verſunken, und vergaß in die - ſem Zuſtande des dumpfen feſten Hinſtau - nens nicht nur Eſſen und Trinken, ſondern ſchien gar nicht zu bemerken was um und neben ihm vorging; waͤr auch ſicherlich wie Sokrates in dem Feldzuge gegen Potidaͤa, nach Bericht des Plato, vier und zwanzigStun -45Stunden lang in der einmal angenommenen ekſtatiſchen Stellung geblieben, wenn ihn nicht das Geraͤuſch der Stuͤhle, als man von Tafel aufſtund, einigermaßen zu ſich ſelbſt gebracht haͤtte. Er verlor ſich doch bald aus der Geſellſchaft, und eilte wieder an ſeinen Fiſchteich zum Angelhacken.

Der iunge Baron gab uns indeſſen nach einer feinen Abhandlung vom Reichsprozeß, ſeine ganze Polizey Handlungs und Finanz - wiſſenſchaft nach Sonnenfelſiſchen Grund - ſaͤtzen zum Beſten; wurde aber daruͤber mit dem anweſenden Paſtor in eine Diſpuͤte ver - wickelt, die im Zwielichten, als ſich Tag und Nacht ſcheidete, noch nicht entſchieden war. Denn als er mit ſeinem Lehrer be - hauptete, ein Landpfarrer muͤſſe nicht mit Zehenden und Wirthſchaft uͤberladen, ſon - dern auf reine Beſoldungseinkuͤnfte ange - wieſen werden, vermeynte iener, nach dem Quintlein ſeiner phyſiognomiſchen Einſicht,dem46dem iungen Kirchpatron den Vorſatz aus den Augen zu leſen, dieſe Theorie dereinſt in ſeinem Gerichtsbezirk ad praxin zu brin - gen, welches ihn denn bewog, da er es nicht der Klugheit gemaͤß erachtete ſeinen Gegner en fronte anzugreifen, einen ge - lehrten Einfall in die kaiſerlichen Erblande zu wagen, und aus den renomirten Briefen uͤber den Zuſtand der Litteratur zu Wien manches Excerptum beyzubringen, das dem iungen Herrn nicht ſchmecken mochte. Als daher der geiſtlichen Gegenpart, wie ein ſtoͤrriſcher Stier durch keine Widerlegung ſich baͤndigen laſſen, und weder zur Rechten noch zur Linken ausbeugen wollte, ſondern immer mit ſeinen Hoͤrnern voran auf die Wiener Gelehrten einbohrte, die in der That ſchlecht waͤren berathen geweſen, wenn ſie den iungen Franken zu ihrem Schuz - patron erwaͤhlet haͤtten: ſuchte ſich dieſer mit franzoͤſiſcher Leichtigkeit durch einen Sei -tenſprung47tenſprung zu retten, und riß den polemi - ſchen Faden dadurch ab, daß er auf die Wiener Handlungsinduſtrie zuruͤckkam, und den Gewinn des Puzhaͤndlers berechnete, welcher den lukratifen Einfall hatte, bey Anweſenheit des tripolitaniſchen Geſandten, in deſſen Gefolg ſich ein ſchwarzer Gany - med in puris naturalibus befand, Son - nenfaͤcher mit Milchflohr zu uͤberziehen, de - ren Gebrauch der Neugier der Wienerinnen Befriedigungen geſtattete, ohne ihre Ge - ſchaͤmigkeit zu verletzen. Die Frau von Urlau, die die Polyhiſtorey ihres Sohnes in der Stille bewunderte, ohne an den ge - lehrten Materien die aufs Tapet kamen An - theil zu nehmen, hatte ſich bißher beym Theetiſch mit der Lektuͤr eines Erbauungs - buchs beſchaͤftiget, waͤhrend daß ihr Herr ſeinen Marſtall und Hundezwinger muſter - te, und nur ſo obenhin außer dem Zuſam - menhange etwas von den Wienerfaͤchernvernom -48vernommen. Weil nun von einer Sache die Rede war, die eigentlich in das Fach des weiblichen Putzes einſchlug, wollte ſie hier auch ein Wort mit einreden, thaͤt ihr Buch zu, und indem ſie ihr Seheglaß in die Hoͤ - he hob, fiel ſie urploͤtzlich ein: eine ſeltſa - me Methode durch den Faͤcher ſehen zu wol - len, warum braucht das Wiener Frauen - zimmer dazu nicht lieber ein Vergroͤßrungs - glaß wie ich? Dieſe muͤtterliche Queerfrage hemmte den Fluß der Beredſamkeit des Soh - nes auf einmal, denn er wußte nicht gleich, wie er ſich mit der Beantwortung nehmen ſollte. Weil nun auch dieſer Funktion Nie - mand aus der Geſellſchaft ſich unterzog, und bey Einigen der Anweſenden der Mund ſich ſichtbar Ohrwaͤrts dehnte, auch die Wangenmuſkeln unwillkuͤhrlich aufſchwallen, obgleich ſich iedermann Gewalt anthat, die Anwandelung des Lachens zu verbergen: merkte die gute Dame, ihrer Aphyſiognoſieunge -49ungeachtet, daß hier ein Mißverſtand ob - walten muͤſſe, daher nahm ſie ſchweigend ihre Retirade wieder ins Buch, zu den frommen Unterhaltungen. Waren, wie ich nachher erſah, als ich unvermerkt ein - guckte, die Zinzendorfiſchen Eheviertelſtun - den.

Meinem Beduͤnken nach zoͤgerte die Abendmahlzeit allzulang, nicht daß der Magen ſie begehret haͤtte, ſondern das un - geduldige Verlangen nach einer Privatau - dienz beym Großinquiſitor Spoͤrtler, um den Erfolg von dem Verhoͤr des inhaftirten Baſchkiren zu vernehmen, dehnte die Stun - den ſo in die Laͤnge, wie einſt der betruͤg - liche Witz der Koͤnigin Dido, die Carthagi - ſche Kuͤhhaut, daß an beyden kein Ende zu finden war. Die phyſiognomiſche Progno - ſis deutete auf einen gluͤcklichen Fang, als Freund Spoͤrtler mit der heiterſten gnuͤg - ſamſten Mine in die Geſellſchaft trat. ErDwar50war redſeliger als gewoͤhnlich, und als wenn er vier Magen haͤtte wie ein Drom - medar. Das machte mir viel Freude, denn da ich in meinem Herzen der Spoͤrtle - riſchen Diebskunde, wiewohl ungern, eine große Ueberlegenheit uͤber meine phyſiogno - miſche Kenntniß in dieſem Fache einmal zu - geſtanden hatte, wuͤnſcht ich nun insge - heim, daß der verhoͤrte Jnquiſit die graͤu - lichſten Schandthaten moͤcht auf ſeinem Ge - wiſſen haben, die ohne Zwang und Folter, allein durch das phyſiognomiſche Auge eines ſcharfblickenden Richters waͤren offenbar worden, damit die gute Sache der Kunſt dadurch gekraͤftiget und geſtaͤrket wuͤrde. War ſchier des Sinnes meines Zuͤrcher Freundes, der das zerfallene Reich des Teu - fels, laut ſeiner neuerlichen Predigten uͤber die Eriſtenz deſſelben, auf Gottes weitem Erdboden wieder anrichten moͤcht, und gern ſaͤh daß aller Teufelsſpuck und die großmuͤt -terlichen51terlichen Legenden hiſtoriſche Evidenz haͤtten, damit die Macht des Reiches Gottes da - durch verherrlichet, auch der chriſtliche Glaube deſto mehr Licht und Klarheit durch dieſen hoͤlliſchen Schlagſchatten gewinnen moͤge. Gluͤcklicherweiſe wurde dem Krimi - naliſten und mir ein Zimmer zum Nacht - quartier angewieſen, wo mein Kontubernal, nachdem er ſeinen Rock mit einem Kaftan vertauſcht, eine Federmuͤtze in Geſtalt ei - nes Turbans auf den Kopf gethuͤrmet, und ſeinen ungeheuren meerſchaumenen Tobacks - kopf gefuͤllt hatte, welches zuſammen ihm das ſtrenge Anſehn eines tuͤrkiſchen Kadis oder gar eines Baſſen gab, vorallererſt den Nachtriegel vor die Thuͤr ſchob, damit wir deſto ungeſtoͤhrter bleiben moͤchten, hierauf ſeinen Stuhl ganz nah zu mir ruͤckte. Als er aber der Praͤparatorien zu viel machte, brach ich das Stillſchweigen zuerſt aus Ungeduld und ſprach: Freund wie ſtehtsD 2um52um die Kunſt, hat ſie ſich heut wohl geloͤßt; oder hat ſie fallirt?

Geprieſen ſey die Kunſt! antwortet er mit halblauter Stimm damit kein Horcher an der Wand ein Wort von dem Kriminal - geheimniß erhaſchen moͤcht, das ſey hinfort die Loſung wenn ich mit einem Freund phy - ſiognomiſche Verhandlung treibe, ich habe eine große Entdeckung Jhnen mitzutheilen, doch nur ſub roſa.

Jch. Wohl, laſſen Sie hoͤren!

Er. Haben Sie den Jnquiſiten Baſtian Schabziger beym Verhoͤr bemerkt?

Jch. Ey wohl hab ich ihn bemerkt, den Baſchkiren, mit der vorhaͤngenden zur Erde niederſinkenden unebenen Stirn, den chine - ſiſchen Schweinsaugen, den wild aufwaͤrts ſtraͤubenden Augbraunen und verworrenem Haarwuchs. Jch glaub uͤber des Simſons Haarlocken iſt nicht ſo viel philoſophirt und kommentirt worden, als der geſchwaͤtzigeBalbier53Balbier und reſpektive Gerichtsbeyſitzer uͤber dieſen Haarwuchs mir vorzudoziren wußte.

Er. Alſo doch eine ſehr auffallende Phy - ſiognomie! uͤber die alle Anweſende ihre Spekulationen gehabt haben moͤgen. Wie judiziren Sie dieſelbe?

Jch. Wie ich die judizir, Herr? das iſt eine Meiſterfrage, die ich nicht aus dem Stegreif loͤſen kan. Vor ein paar Wochen haͤtt ich mir das wohl getraut, eh ich den Sempronius und den vierten To - mus kannte; aber iezt hab ich gar keinen Muth mehr, beſonders wenns auf Haut und Leben ankommt, meinem Schnellgefuͤhl zu trauen, und wie Sie, mit ſolcher Zuver - laͤßigkeit ein Geſicht als ein Stuͤck Akten abzuurtheln.

Er. Aber Jhre Privatmeynung von die - ſer Phyſiognomie? die wird den Jnquiſiten nicht um den Hals bringen.

D 3Jch.54

Jch. Die hab ich Jhnen ſchon erklaͤrt: das Geſicht hat einige Aehnlichkeit mit dem in den Fragmenten abgebildeten Baſchkir. Nun lehrt mich der Text zu der Abbildung, daß eine ſolche Geſichtsform auf der unter - ſten Stufe der Menſchengeſtalt zu ſtehen komme, und folglich als ein Endglied in der Kette, nur von der einen Seite in die Klaſſe der vernuͤnftigen Geſchoͤpfe, von den Andern aber in die Klaſſe des unvernuͤnfti - gen Gethiers eingreiffe. Mithin duͤrften Dummheit, thieriſcher Truz, dann wilde Unerbittlichkeit, vielleicht auch tuͤckiſche doch planloſe Boßheit nach dieſem Auſſenſchein, die hauptſaͤchlichſten Jngredienzien in der Kompoſition der Perſoͤnlichkeit dieſes Halb - menſchen ſeyn.

Er. Sehr richtig; aber nur zu allge - mein! Auch leuchtet mir nicht voll - kommen ein, was Sie durch planloſe Boß - heit verſtehen.

Jch. 55

Jch. Nichts mehr, als daß ich dem Dummkopf nicht zutraue, mit Abſicht und Vorbedacht, ſondern nur nach einem wilden Jnſtinkt zu wirken, das iſt, ohne daß er weiß, oder ſich darum bekuͤmmert, ob die That gut oder boͤſe ſey. Jſt wohl moͤglich, daß der Kerl alle Qualitaͤten des einge - fleiſchten Teufels, des Ruͤdgerodts beſitz, daß er ſey ein Hurer ohne Maaß, ein Maͤd - chenmoͤrder, ein Strauchdieb, Bandit und ſo weiter, nur ohne Gefuͤhl und Bewußt - ſeyn dieſer Thaten als Verbrechen. Denkt wohl in der Funktion ſeines Berufs Men - ſchen abzuwuͤrgen, wie der Koch die Kap - paunen ſchlachtet.

Er. Koͤnnte dieſe anſcheinende Dumm - heit nicht eine erkuͤnſtelte Huͤlle ſeyn, da - hinter ſich natuͤrliche Verſchlagenheit und argliſtige Boßheit birgt?

Jch. Das widerlegt duͤnkt mich der Augenſchein. Doch Augenſchein iſt Schein,D 4und56und daß der betruͤgt, hab ich oft aus der Erfahrung.

Er. Jch begreiffe nicht, wie Sie durch den ſichern Fingerzeig, den Jhnen Jhr phy - ſiognomiſches Gefuͤhl beym erſten Anblick dieſes Menſchen gab, als ein Freund der Kunſt ſich nicht reizen ließen tiefer in dieſe merkwuͤrdige Phyſiognomie einzudringen. Jch hofte ihre Beobachtungen ſollten den meinigen vorlaufen; aber ich ſehe Sie dies - mal weit hinter mir.

Freund fiel ich ihm in die Rede, laſſen Sie Sich das all nicht irren, wenn Sie Weg haben, ſo gehen Sie ruͤſtig auf Jhrer Bahn fort, und ſehn Sie Sich nicht nach Jhrem zuruͤckgelaſſenen Gefehrten um. Jch wills Jhnen anzeigen, warum ich Jhrem Gange nicht ſo ſchnell folgen kann. Vor - erſt war mir des Delinquentengewirres auf einmal zuviel. So wenig ein Sterngucker die Sternbilder, die in einem Winkel vonmehr57mehr als hundert Grad liegen, mit einem Blick uͤberſchauen kann: ſo wenig kann auch ein Phyſiognom mit ſeinem intellektua - len Blick, mehrere Geſichtsformen auf ein - mal deutlich uͤberſchauen, ſo daß er ſich aller Empfindungen, die ſie in ſeiner Seel erregen, bewußt iſt; und dieſe erſte Empfin - dung iſt doch das Hauptrequiſitum aller Ge - ſichtsdeutung, welcher der Schauer mehr als aller Beobachtung, und wie einer Jnſpi - ration trauen kann. Drum wollte mirs gleich anfangs nicht ein, daß die ganze Schelmeurotte in die Gerichtsſtube herein getrieben wurde, wie bey einem Abjagen das umſtellte Wild aus der Kammer, wenn das Rolltuch aufgezogen iſt, auf den Lauf gejaget wird. Meinem Ermeſſen nach haͤt - ten ſie all einzeln ſollen vorgefuͤhret und beaugenſcheiniget werden, wie die Pferd und das Hornvieh beym Verkehr auf den Maͤrkten. Anderntheils geſteh ich ein, daßD 5ich58ich die Phyſiognomie des Laſters nicht ſo a Fond ſtudieret habe wie Sie. Durch Jhren unermuͤdeten Eifer ſcheints Jhnen gelungen zu ſeyn, die Geſichtsform der Schurken ſo gluͤcklich zu beſchleichen, wie Lottinger den Kukuk, der ſich die Muͤhe nicht verdruͤſen laſſen, viele Jahre mit Le - bensgefahr Baumauf Baumab zu klettern, auch Buͤſch und Hecken durch zu kriechen, um die Chronique Scandaleuſe dieſes wunderbaren Vogels in Betref ſeiner Pro - pagation zu verificiren. Zoͤgern Sie alſo nicht laͤnger, mir den Schatz zu zeigen, den Sie vermoͤge Jhres phyſiognomiſchen Flaͤmmleins gehoben haben.

Er. So vernehmen Sie denn, daß ſich das ſcheußliche Ungeheuer teufliſcher Boß - heit, der Zuͤrcher Weinvergifter in hieſiger Gerichtshaft befindet!

Jch, die Arme in einander ſchla - gend, und mit dem Ausdruck des hoͤch -ſten59ſten Erſtaunens mich an die Lehne mei - nes Stuhls andraͤngend. Was? den Zuͤrcher Giftmolch haͤtten Sie ausgewittert?

Er, mit Selbſtzufriedenheit und et - was ſchlaukoͤpfig dazu ausſehend. Ja, nicht anders!

Jch. Und er hat das Verbrechen ein - geſtanden?

Er. Das nicht; aber aus der Kon - kurrenz aller Umſtaͤnde ergiebt ſich, daß die Sache gewiß iſt.

Jch. Bin begierig das ſo recht aus dem Grunde zu erforſchen, wenn Sie aus der Criminalſchul ſchwitzen duͤrfen.

Er. Sie ſollen alls erfahren, doch vor der Hand bleibt das Geheimniß unter uns.

Jch. Verſteht ſich! Das Raͤthſel ſagt: fuͤr mein zu enge, fuͤr drey zu weit, fuͤr zwey gerade recht, und die Aufloͤſung iſt: ein Geheimniß. Eroͤfien Sie mir alſo die Sache, damit ſolche dirch Jhr Wiſſen undmeine60meine Mitwiſſenſchaft erſt zu einem Ge - heimniß qualifizirt werde.

Er. Die auffallende Phyſiognomie des Jnquiſiten ließ mir beym erſten Anblick ver - muthen, daß hier mehr als gemeiner Ver - brecher ſey; ich fand die anſcheinende Dumpfheit und abgeſpante Sinneskraft auch in den Geſichtern einiger ausgeſuchter Boͤſewichte in meiner Sammlung die die uͤberdachteſten Plans von Buͤberey und Schalkheit ausgeſponnen haben. Gleich - wohl war aus den Akten kein Hauptver - brechen erſichtlich, deſſen er ſich ſchuldig gemacht haͤtte, auſſer daß er als ein Land - ſtreicher auferzogen, ſich bald fuͤr einen Salzburger Emigranten, bald fuͤr einen ge - tauften Juden ausgegeben; auch zuweilen auf den Brand gebettelt habe. Er ſey aber in hieſiger Gerichtshaft von einem, an das Forum delicti unlaͤngſt abgelieferten Haupt - diebe, fuͤr einen Schweizer und bekanntenDiebs -61Diebsmaͤkler in Zuͤrch angeſprochen worden, welches letzter Jnquiſit zwar leugne, aber doch eingeſtehe, daß er aus Zuͤrch buͤrtig ſey, mit ſeinem rechten Namen Baſtian Schabziger heiſſe, und ſeine Vaterſtadt ver - laſſen habe, weil er in Verfall der Nah - rung gekommen, und ſeinen Broderwerb in der Fremde habe ſuchen wollen.

Jch. Curios! Eine Phyſiognomie mit allen Signalementen der Laſterhaftigkeit; die Stadt Zuͤrch, und die daſige Weinver - giftung begegnen hier einander und treffen in einem Punkte zuſammen, ſo natuͤrlich, wie drey Latera eines ſoliden Winkels; aber das macht Jhre Vermuthung noch nicht ſolid.

Er. Das Spielwerk der Aſſociation freilich nicht; allein ich nahms fuͤr einen Wink, der Sache weiter nachzuforſchen; die kleinſte Zufaͤlligkeit bringt den Richter oft auf die rechte Spur. Hoͤren Sie wasder62der mittaͤgige Verhoͤr ergab! Auf mein Be - fragen welches Handwerks er kundig, oder welcher Profeſſion er zugethan ſey, depo - nirte Jnquiſit: er habe ſich nie auf ein Handwerk ſondern jederzeit aufs Fußwerk gelegt, ſey ehemals ein Botenlaͤufer und Gemſenjaͤger geweſen, nachher ſey er von dem Gloͤckner an der Großmuͤnſterkirche in Zuͤrch als Glockenlaͤuter und Baͤlgtreter an - genommen worden, da er den Glocken, vermoͤ - ge ſeiner Fuͤſſe eine beſondere Schwungkraft mitzutheilen gewußt, um ihnen einen herz - haften Schall und taktmaͤßige Bewegung zu geben, weshalb er auch viele Jahre das Gelaͤute dirigirt habe.

Jch. Curios!

Er. Gefragt, ob ihm dies Amt auch genaͤhrt habe? Antwort: er habe von den ordentlichen Gefaͤllen ſein Jahrbrod reichlich gehabt, auſſerdem hab ihn das Hinlaͤuten der Verſtorbenen manch ſchoͤnes Accidens eingetragen.

Jch. 63

Jch. Curios!

Er. Gefragt, womit er ſich auſſer den Kirchtagen beſchaͤftiget, ob er ſich da nicht als Diebsſpion und Maͤkler geſtohlner Sa - chen habe brauchen laſſen? Antwort: er habe Jahr aus Jahr ein alle Tage was zu treten gehabt, die Glocken oder die Orgel - baͤlge. Bey muͤſſigen Stunden hab er dem Todtengraͤber Wuͤrz, wenn ſich die Stadt - aͤrzte hurtig gehalten und ihre Lieferungen haͤufig geweſen, dann und wann ein Grab gegen ein Trankgeld auswerfen helfen. Gefragt, ob er nicht gern Zechgelachen bey - gewohnt, am Spieltiſch geſeſſen und ge - wizelt habe? Antwort, ja zuweilen ſey das geſchehen, wenn er bey Geld geweſen, Spiel und gute Schwaͤnke hab er von ieher geliebt. Gefragt, wodurch er in Verfall der Nahrung gerathen? Antwort, die Ur - ſache wiſſe er nicht eigentlich anzugeben; der Gloͤckner hab ihn unter allerley nichtigemVorwand64Vorwand verabſchiedet. Vermuthlich ſey er von ſeinen Kameraden angeſchwaͤrzt wor - den: denn auf dem Glockenſtuhl hab er ſcharf Kommando gehalten, und es keinem ungenoſſen ausgehen laſſen, der wider den Takt gelaͤutet habe. Gefragt, zu welcher Zeit er aus Zuͤrch ausgewandert ſey? Ant - wort, gerade in der Mittagsſtunde, als er ſeinen letzten Biſſen Brod aufgezehrt ge - habt, den Tag wiſſe er nicht mehr genau; es ſey aber im Jahr 76 geweſen, als das Laub gefallen.

Jch. Curios!

Er. Ferner gefragt, ob er um die, in eben dem Jahr zu Zuͤrch vorgefallene Ver - giftung des Abendmahlweins Wiſſenſchaft habe? Bey dieſer Sage war Jnquiſit wie vom Donner geruͤhrt, alle Geſichtsmuskeln wurden ploͤtzlich angeſpannt und ſchwollen auf vom Antrieb des Blutes, es veroffen - barte ſich ein ſichtbares Herzklopfen, under65er ſuchte ſeine Beſtuͤrzung hinter ein ange - nommenes Huſten zu verbergen. Jndicium protokollirte dieſen Umſtand ſorgfaͤltig, waͤh - rend des Jnquiſit Zeit hatte ſich zuerho - len. Worauf die naͤmliche Frage an ihn ergieng, die er kurzab damit beantwortete: er wiſſe von nichts. Zwar erinnere er ſich, daß einmal von einer Weinvergiftung ein Stadtgewaͤſch ſich entſponnen habe: er ha - be ſich aber nicht darum bekuͤmmert; denn was ihn nicht brenne, das loͤſche er nicht. Judicium: wie er leugnen koͤnne, von ei - ner Stadt und Landkuͤndigen Sache etwas zu wiſſen, da oͤffentlich dagegen ſey gepredi - get worden, und er ſeines angeblichen Be - rufs halber in der Kirche ſeyn muͤſſen? Antwort: er ſey zwar in der Kirche gewe - ſen, aber der Schall des Evangelii ſey nicht zu ihm hinter die Orgel gedrungen, daher koͤnn er auch von keiner Predigt Rechenſchaft ablegen. Judicium erachteteEhierauf66hierauf noͤthig, den Weg pathognomiſcher Verſuche einzuſchlagen, die Leidenſchaften des Jnkulpaten rege zu machen, und durch genaue Beobachtungen hieruͤber, die Wahr - heit zu erforſchen, oder Jnquifiten zum Ge - ſtaͤndniß ſeiner ſchwarzen That zu bringen. Juder gab alſo zu vernehmen: alles freche Leugnen wolle hier nichts verfangen, in Zuͤrch ſey bereits das Giftkomplott entdeckt, es ſey offenbar, daß er der Urheber dieſes graͤulichen Attentats ſey; er werde in allen Zeitungen durch Steckbriefe aufgeſucht, und ſey ſo kenntlich beſchrieben, daß man ſich an ſeiner Perſon gar nicht irren koͤnne. Er ſolle Gott und der Obrigkeit die Ehre thun und die Wahrheit bekennen, ſonſt ſtuͤnd ihm morgenden Tages die empfindlichſte Marter bevor. Ein freies ungezwungenes Bekenntniß werde eine Milderung der Strafe bewirken, denn ſeines Leugnens un - geachtet werd er einem ſchmaͤhlichen Feuer - tod nicht entlaufen.

Jch. 67

Jch. Herr das iſt halsbrechende Be - redtſamkeit! Kein Wunder, wenn da die armen Suͤnder ausbeichten muͤſſen, was der Richter haben will. Jch moͤcht ſchier das Wort des alten ſaͤchſiſchen Herzog Wilhelms, das derſelbe, laut des Annali - ſten Muͤllers Zeugniß, dem Rath zu Butt - ſtaͤdt, einem thuͤringiſchem Staͤdtchen, das ſeiner Criminaliſten halber nicht minder als ſeiner Ochſen wegen beruͤhmt iſt, bey Gele - genheit eines Criminalfalles anheim gab, wenns kein boͤß Gebluͤt gaͤb, auf Sie an - wenden. Jhr Herren, ſprach er, zieht hin mit eurem Bericht; Gott bewahr mich fuͤr eurem Gericht! Vermuthlich wirkte die Hochnothpeinliche Attrappe alles was Sie wuͤnſchten?

Er. Alles was ein gewiſſenhafter Richter zu Offenbarung der Wahrheit wuͤnſchen kann. Jch bedauerte nur, daß ich unſern Zeichner nicht mit ins VerhoͤrE 2genom -68genommen hatte, um die unverkenntbaren Ausdruͤcke des boͤſen Gewiſſens, und das reine Geſtaͤndniß der veruͤbten Schandthat, das dem ganz unphyſiognomiſchen Juſti - ziarius und ſelbſt dem beyſtehenden Ge - richtsfrohn in die Augen fiel, mit ſpre - chenden Zuͤgen abzuſchildern. Es fehlte nichts als das muͤndliche Geſtaͤndniß, wozu Jnquiſit nicht zu bringen war; obwohl im Grunde darauf nichts ankommt. Was ſagen Sie nun zu dieſer großen Entde - ckung? und was meinen Sie, daß das Publikum davon ſagen wird, wenn wir an die große Glocke ſchlagen und die ganze Species Facti der Welt vor Augen legen? Jezt muͤſſen die Zweifler und Widerſacher der Kunſt verſtummen: denn nun iſts Son - nenklar, daß die Phyſiognomik alles das geleiſtet hat, was ſie leiſten ſollte.

Jch. Freund, iubiliren Sie nicht zu fruͤh. Jch hab zu Haus ’n alten Thaler,darauf69darauf ſteht die Ueberſchrift: alles mit Be - dacht. Jch denk es ſey noch nicht Zeit, ihr gelegtes Ey ſo laut zu rezenſiren. Ob Sie gleich phyſiognomiſch und pathog - nomiſch mit Jhrem Jnquiſiten zu Werke gegangen ſind, den ſtehenden und bewegten Charakter deſſelben genau erwogen, die Summe ſeiner Kapitalkraft und das davon abgeworfene Jntereſſe treulich in Rechnung gefuͤhret haben: ſo koͤnnte dennoch ein error calculi irgendwo ſtecken, der das ganze Facit derſelben verruͤckte. Jch hab verſchiedene Monita dagegen.

Er. Sie verbinden mich, wenn Sie mir dieſelben mittheilen. Aber zuvor ver - goͤnnen Sie, daß ich Jhnen meine Ueber - zeugungsgruͤnde, als die Bilanz der Rech - nung kuͤrzlich rekapitulire.

Jch. Zugeſtanden.

Er. Die ſonderbare Konkurrenz der laſterfaͤhigen Phyſiognomie des JnquiſitenE 3mit70mit den Umſtaͤnden, daß er ein Zuͤrcher iſt, daß er zur Zeit der Weinvergiftung daſelbſt gegenwaͤrtig geweſen, daß er an eben der Kirche, wo dieſe ſchwarze That veruͤbt wor - den iſt, eine Beſtallung gehabt, daß er kurz nach dieſem Vorfall verabſchiedet und darauf Landfluͤchtig worden, ſind Poſten die Sie bereits als Praͤſumtionen, die den Jnkulpaten ſehr verdaͤchtig machen, agno - ſcirt haben.

Jch. Werden in Rechnung paſſiirt.

Er. Die unerzwungne Aufſage des Verhafteten, daß er gern am Spieltiſch ſitze und dabey zu witzeln pflege, ſcheinet zwar ganz keine Beziehung auf das De - liktum zu haben; alldieweilen aber der Hel - fer L. in ſeiner bekannten zwoten Giftpre - digt, die Neigung zum Spiel und zur Witzeley mit prophetiſchem Geiſte dem Weinvergifter attribuirt, und den Verbre - cher durch dieſe Eigenſchaft gleichſamcharakte -71charakteriſirt hat: ſo iſt nicht abzuleugnen, daß ſolche einen richtigem Vermuthungs - grund enthalte, daß mit Beyſtimmung der uͤbrigen Jndizien Jnkulpait das imputirte Deliktum wirklich begangem habe.

Jch. Aus Reverenz gegen eine Kan - zelpropoſition, aus dem Munde des Mei - ſters in der Menſchenkumde, bleibt dieſer Vermuthungsgrund billig an ſeinen Ort geſtellt, ohne etwas fuͤr oder wider Jnqui - ſiten zu entſcheiden.

Er. Die heftige Gemuͤthsbewegung deſſelben bey Erwaͤhnung der Weinvergif - tung, ſein verfaͤngliches Leugnen und nach - heriges Geſtaͤndniß einiger Wiſſenſchaft von dieſer Begebenheit, endlich das pathogno - miſche Geſtaͤndniß der That ſelbſt, laſſen keinen Zweifel uͤbrig, daß Jnquiſit der Zuͤrcher Weinvergifter ſey.

Jch. Dieſe Konſequenz kann nicht paſſiren.

E 4Er. 72

Er. Und warum nicht?

Jch. Aus drey ſtatthaften Gruͤnden. Pro primo, weil die obenangefuͤhrte Kon - kurrenz ſehr zufaͤllig iſt; Pro ſecundo, der prophetiſche Geiſt der Lavateriſchen Konjektur in eine poetiſche Grille hinſchwin - det; Pro tertio, in der Komputation des pathognomiſchen Artikels, ein groſſer Rech - nungsfehler ſteckt.

Er. Wie ſo?

Jch. Freund, die Jntereſſen ſind da mit zum Kapital geſchlagen worden. Sie haben alle Blicke, Minen und Grimaſſen des Baſtians, auf das, ſeiner vermeinten laſterfaͤhigen Phyſiognomie imputirte Ver - brechen gezogen, ohne zu bedenken, daß das all leicht andern Grund haben kan. Denn da der arme Narr, der ſich weiter keines Frevels bewußt war, als daß er zur Leibesnahrung und Nothdurft auf einen falſchen Brandbrief gebettelt, und dafuͤrnebſt73nebſt ein paar dutzend Zuchthieben ſich irgend einer gnaͤdigen Landesverweiſung ver - ſah, urploͤtzlich einer Frevelthat ſchuldig er - kannt wurde, die ihm, unter den Auſpizien Jhrer Criminaleloquenz, all die Martern des heiligen Laurenzius verhieß: ſo war ihm das auſſerm Spaß, und kein Wunder wenn er ſich aͤngſtlich gebehrdete, ſeltſame Geſichter ſchnitt, und Judasſchweiß ſchwizte. Wer kann auch unter ſolchen Umſtaͤnden Contenanz halten? Daraus ergiebt ſich ſo viel,, daß bey Jhrer pathognomiſchen Komputation, ein error calculi gar wohl moͤglich iſt. Und wenn wir nun, das Rech - nungsmanual zu machen, Kapitalkraft und Zinſen auf einen Augenblick beyſeit ſetzen: ſo ſagen Sie mir einen vernuͤnftigen Ver - muthungsgrund, daraus ſich begreifen laſſe, warum der Zuͤrcher Weinvergifter eben ein Glockenlaͤuter ſeyn muͤſſe? Welche Abſicht, oder welcher ſcheinbare VortheilE 5koͤnnt74koͤnnt ihr wohl zu dieſer That beſtimmt haben?

Er. Jezt treffen Sie auf den Haupt - punkt, den mich Jhre zufruͤhzeitige Refuta - tion noch nicht erreichen ließ. Sie koͤnnen ſich alſo dies Raͤthſel nicht loͤſen?

Jch. Nein, das kan ich in Wahrheit nicht, wofern Sie mich nicht mit Jhrem Kalbe pfluͤgen laſſen. (Nach einigem Herumſinnen.) Wohlan, ſo ſpannen Sie denn nur vor!

Er. Unbezweifelt hatte der Hoͤllen - brand die Abſicht, die zwoͤlfhundert Kom - munikanten in Zeit von einigen Monaten beym Begraͤbniß nach einander hinzulaͤuten, um ſeine Renten durch dieſe Accidentalgefaͤlle zu mehren, und ſein Zech - und Spielgelach deſto oͤfterer beſuchen zu koͤnnen. Das iſt der Grund, der einen Glockenlaͤuter mehr als jeden andern Frevler beſtimmen mußte, dieſe greuliche That zu veruͤben. Selbſtaus75aus der Kompoſition des Giftes legt ſich dieſe Abſicht klar zu Tage. Er waͤhlte ein langſam wirkendes Gift, eine Mixtur aus Letten, ſpaniſchem Pfeffer, Stechapfel, Schwerdtliljen und wahren Arſenik.

Jch. Dieſe ſeltſame Kompoſition ver - raͤth freylich einen Pfuſcher von Giftmi - ſcher, und zugleich einen groſſen Dumm - kopf. Ein kluͤgerer Boͤſewicht wuͤrde die aqua Tophana, aus Arſenik, alkaliſchem Salze, und dem Saft der Cymbalaria, welche zuweilen den Nachfolger des heili - gen Peters von roͤmiſchen Stuhl auf die erſte Sproſſe der Himmelsleiter befoͤrdert, zu ſeiner Abſicht dienlicher befunden haben. Wiewohl es der ganzen Quakſalberey nicht bedurft haͤtt, wenn der Zuͤrcher Gâte - mêtier mit der Arſenikbuͤchſe etwas freyge - biger umgangen waͤr.

Er. Ey, es war ihm nicht ums Mor - den, ſondern nur ums Hinlaͤuten zu thun. Was76Was haͤtt er fuͤr Gewinn gehabt, wenn die zwoͤlfhundert Kommunikanten in einer Nacht mit einander abgeſtanden waͤren, wie die Fiſche in fremdem Waſſer? Sie ſollten nach und nach hinſterben, damit er einem ieden beſonders die Todtenglocke laͤu - ten koͤnnte. Aber da veroffenbart ſich die unerfahrne Hand des Thaͤters allenthalben. Er weiß nicht die rechte Doſis zu treffen: fuͤr zwey oder drey Seſtern waͤr ſie gewiß wirkſam geweſen, fuͤr zwey und dreißig war ſie zu ſchwach. Er vertheilt die Giftpor - tionen ungleich: daher der mehr oder weni - ger truͤbe Wein. Der ungeuͤbte Verbre - cher zittert bey Begehung ſeiner That, er verfehlt die Oefnung des einen Bechers ohne es zu bemerken, und verſchuͤttet das Giftpulver auf den Rand: daher der be - ſchmutzte Becher. Alles das beweißt auf eine uͤberzeugende Art, daß ein Unerfahrner dieſe That unternommen habe, und wennman77man die Phyſiognomie der ganzen Hand - lung, mit der Phyſiognomie des Thaͤters zuſammen haͤlt, ſo erklaͤren ſich alle Fehler der erſtern durch die letztern ſo vollkommen, daß kein andrer Menſch als der Jnquiſit der Weinvergifter ſeyn kann.

Jch. Warlich Freund, Sie ſind recht ſinnreich alle Umſtaͤnde der Zuͤrcher Wein - vergiftung, mit einem Anſtrich von Wahr - ſcheinlichkeit auf den Baſtian hinaus zudre - hen. Aber verzeihn Sie mir einen Ver - gleich, mir kommts vor, als haͤtten Sie gefliſſentlich die Stechaͤpfel, den ſpani - niſchen Pfeffer, den Fliegengift und die uͤbri - gen Jngredienzien dem Kerl in die Taſche praktizirt, um hernach bey der Viſitation das all bey ihm zu finden. Wie? Wenn ich als ein barmherziger Samariter mich zum Defenſor des armen Suͤnders angaͤb, und aus ſtatthaften Gruͤnden erwieß, daß er an dem vergifteten Abendmahlwein ſounſchuldig78unſchuldig ſey, als Sie und ich; oder als der ſelge Reimarus und der Wertheimer Bibel Schmidt an den vergifteten Fragmen - ten eines Ungenannten, aus dem Wolfen - buͤttler Buͤcherſchatz?

Er. Weil Sie heute in der Laune ſind, mir in allem Widerpart zu halten, ſo trau ich Jhnen ſchon einige momenta defenſionis zu; aber ich fuͤrchte der morgende Verhoͤr duͤrfte ſie alle entkraͤften.

Jch. Nein Herr, die laſſen ſich durch kein Verhoͤr entkraͤften. Kurz von der Sach, weils hoch Mitternacht iſt, die ganze Zuͤr - cher Tragoͤdie iſt ein optiſcher Betrug, oder beſſer ein phyſiognomiſcher Jrrthum.

Er. Hochaufſtaunend. Wie?

Jch. Sehn Sie Freund, dieſe ſtanda - loͤſe Geſchichte war bisher eine furchtbare Waſſerhefe, die ſich aufgethuͤrmt hatte, und ſo weit ihr Gang reichte, alles in den Wir - bel ihrer Glaubwuͤrdigkeit fortriß; unlaͤngſtaber79aber hat ein Berliner Konſtabel einen Schuß dagegen gewagt, der das ganze Phoͤnomenon auf einmal zerſtoͤret hat. Will das ſo viel ſagen, ein kalter philoſo - phiſcher Kopf, an dem aber eine feine zart - fuͤhlende Naſe hervorragen mag, hat in ei - nem ſonderbaren Traktaͤtlein gar anſchau - lich dargethan, daß Einige der Zuͤrcher Feu - erkoͤpf, bey der vermeinten Abendmahlwein Vergiftung, nach ihrer Gewohnheit zu fruͤh Lerm geblaſen, eine Katz fuͤr einen Meer - wolf, einen Schatten fuͤr ein Nachtgeſpenſt, ein Stuͤcklein Faulholz fuͤr eine Todtenker - ze ausgeſchrieen haben. Denn wer das abentheuerliche liebe, dem fehl es nie an Abentheuern, und da koͤnn es leicht begeg - nen, daß ſich einer an einer Windmuͤhl verſtoß und ſie fuͤr einen großmaͤchtigen Rieſen anſeh. Die ganze Sach lauf nach genauer Erwaͤgung aller Umſtaͤnd auf ein Glaukom hinaus, und das Wahre an derZuͤrcher80Zuͤrcher Mordgeſchichte reduzire ſich ſo nach auf eine Nachlaͤßigkeit, ein Verſehen, oder hoͤchſtens auf eine oͤconomiſche Manſcherey eines Weinbrauers, Kellners, Kuͤfers oder ſonſt eines Kellerwurms, wobey aber nicht die mindeſte Boßheit oder gottloſe Abſicht verſire. Dabey hat der Autor die ſchlichte geſunde Vernunft ſo ſehr auf ſeiner Seite, daß alle Gegengruͤnde von ſeiner Behau - ptung abprallen wie leichte Bolzen, von der Hand eines Knaben aus einem Federkiel abgedruͤckt, gegen eine ſteinerne Wand.

Er. Nur Schade! daß ſich offenbare Facta aus oͤffentlichen Judizialakten ſo gar ſchwer wegvernuͤnfteln laſſen. Was be - weißt eine duͤrre Behauptung ſine die et conſule gegen das Viſum repletum dreyer erfahrnen Stadtaerzte, die das Sediment in den Seſtern einmuͤthig fuͤr eine Kompo - ſition aus maucherley Giften erkannt ha - ben. Die 32 Seſter ſind eben ſo vieleunverdaͤch -81unverdaͤchtige Zeugen der Wahrheit das Sediment! das Sediment! wer kann da durch oder druͤber?

Jch. Jch verſtehe Sie. Sie meinen mein Ungenannter werde mit ſeiner De - monſtration im Sediment ſtecken bleiben. Das hat keine Gefahr: im Sediment liegt eben der optiſche Betrug, der phyſiogno - miſche Jrrthum. Die Aerzte unterſuchten ſolches, als ſchon durch das Gered der Abentheurer ein paniſches Schrecken auf die ganze Stadt gefallen war. Sie pruͤften nicht mit freiem unbefangnen Forſchungs - geiſte, ſondern traten die Unterſuchung mit Giftbeſchwaͤngertem Jdeal an. Was Wun - der wenn ihnen die Jmagination einen ihr gewoͤhnlichen Streich ſpielte, und ſie finden ließ, was ſie ſo aͤmſig ſuchten? Mein Autor haͤlt die Zuͤrcher Aerzte mit ihrem Viſum repertum ziemlich warm, haupt - ſaͤchlich uͤber einen Varianten deſſelben. FEiner82Einer will wahren Arſenik aus dem Sedi - ment heraus geklaubt haben, den uͤbrigen Kollegen hats damit nicht gelingen wollen. Daraus zieh ich den ſichern Schluß, daß das Kollegium mit der Sedimentprobe nicht chymiſch, ſondern phyſiognomiſch zu Werk gegangen ſey. Sie betrachteten die ſaͤmtlichen Seſtern, wie ich heut morgen die ſaͤmtlichen Malefikanten. Weil Richter und Schoͤppen einmuͤthig ſchrieen die gan - ze Rott ſey heilloß Geſindel, ſo fand ich iede Phyſiognomie mehr oder weniger mit dem Kainszeichen geſtempelt. Und weil in Zuͤrch das allgemeine Geſchrey ſich erhob: der Tod in Toͤpfen! ſo ſahen die Aerzte dem Sediment alsbald die Giftphyſiognomie an und die erhitzte Phantaſie des Einen wuͤrzt es flugs mit einer Doſis Wuͤrgeſalz.

Freund Spoͤrtlern wolts nicht ein daß ich ihm ſein Korpus Delikti ſo wegraͤſon - nirte, und weil er nun ganz ſicher ver -muthen83muthen konnte, daß ich aus dieſen Praͤ - miſſen die wichtige Konkluſion bald wuͤrde nachrollen laſſen: Wenn in Zuͤrch die ſchwarze That der Vergiftung des Abend - mahlweins ganz und gar nicht ſey began - gen worden: ſo koͤnn auch der Schwarz - kuͤnſtler weder in Zuͤrch, noch in dem Burg - holzheimer Pathmus, noch ſonſt irgendwo in rerum natura exiſtiren, ſondern ſey eigent - lich in den luftigen Regionen der Hirnge - ſpinſte zu Hauſe, welche Konſequenz ihn um das Leibroß aus dem Marſtall ſeiner Steckenpferde wuͤrde gebracht haben: ſo faßt er ſich deshalb mit der Gegenrede ganz kurz, ſprach: der morgende Verhoͤr werd entſcheiden. Worauf er gedankenvoll ſeinen Tobacksmoͤrſer ausklopfte, die Fe - dermuͤtz ein wenig zurecht ruͤckte, und kurz - ab wohl zu ſchlafen wuͤnſchte, gebehrdete ſich dabey ſo kalt und muͤrriſch, als ſey er hoͤchlich beleidiget und von mir an Ehr undF 2Repu -84Reputation angegriffen worden. Wie er ſo ſchnell und mißmuͤthig in die Federn kroch, dacht ich in meinem Sinn: Petrus currit; ergo currat, laß ihn laufen! und warf mich auch ganz trotzig in mein Bett, wo ich bald in einen Schlaf fiel, den die heiligen Siebenſchlaͤfer nicht feſter moͤgen geſchlafen haben.

Die Sonne war ſchon hoch am Himmel als ich erwachte; gleichwohl herrſcht um mich her eine feierliche Stille, ich verwun - dert mich von Freund Spoͤrtlern keinen Odemzug zu vernehmen, und kam ploͤtzlich auf die ſchreckhafte Vermuthung, er habe ſich vielleicht uͤber meinen naͤchtlichen Diſputat geaͤrgert, und ſey von einem Schlagfluß befallen worden. Darum ſprang ich raſch aus dem Bett, und ſchlug den Vorhang des ſeinigen zuruͤck; aber da fand ich das ledige Neſt, der Vogel war ſchon ausgeflogen. Jch klingelt den Be -dien -85dienten, kam keiner zum Vorſchein ſondern ein Stubenmaͤdchen. Jch frug, wie ſo ſpaͤt am Tag alles noch ſo oͤd und ſtill in der Burg ſey? Wo die Bedienten waͤren? Ob die Herrſchaft auf ſey? Jtem, ob mein Kontubernal ſchon wieder Halsgericht halt, oder wo er hingeſchwunden ſey? Die Dirn ſchlug, hoͤchlich ſich verwundernd, die Haͤnd zuſammen und ſprach: ob ich nicht wiß, was die Nacht ſey vorgefallen, nichts vernommen haͤtt von dem Ungluͤck, das ſich begeben hab auf dem Edelhofe? Jch ſchau - dert zuruͤck: Was fuͤr ein Ungluͤck frug ich, da weiß ich kein Wort von, muß in einem Todtenſchlaf gelegen haben. Was iſts? Ueberfall oder Kriegsſchall? Feuer oder Waſſersnoth? Ein Uebel das im Abendſegen weggebetet wird; oder haben ſich die ſchwarzen Nachtgeſpenſter, nach - dem ſie aus den Geſangbuͤchern vertrieben ſind, hier eingeniſtet? Das alles nicht, erwiederte die Dirn, die ſaͤmtlichen Male -F 3fikan -86fikanten haben ſich dieſe Nacht loßgebro - chen, und ſind davon gelaufen, alles iſt ihnen nach ſie wieder einzufangen damit ſie nicht die Burg in Brand ſtecken, oder uns alle erwuͤrgen. O Weh! ſagt ich, das iſt eine ſchlimme Zeitung, verfuͤgte mich darauf zum Junker Theodor, der von allem was maͤnnlich in der Burg war allein zu Hauß geblieben, und waͤhrend der allgemeinen Diebsiagd in ſtolzer Ruh ſeine Toilette machte. Von dem erfuhr ich folgende Partikularia: der ſaͤmmtlichen Jnquiſiten - Schaar ſey, nach Auſſage eines zuruͤckge - laſſenen Bubens, das ſtumme Verhoͤr ſehr bedenklich vorgekommen, beſonders wegen der Gegenwart eines Geiſtlichen in vollem Amtsornat, von dem ſie waͤhnten, er waͤr da ſie zum Sterben zu bereiten. Nicht min - der hatte ſie die ungewohnte Spende des Gerichtsherrn in Furcht und Schrecken ver - ſetzt; denn der Abhub der Herrentafel, be -duͤnkte87duͤnkte ihnen die Todtenmahlzeit zu verkuͤn - digen. Darum hatten ſie nur ſparſam da - von gekoſtet, und die uͤbrigen Brocken ihren Huͤtern preiß gegeben, die keine Koſtver - aͤchter waren, und beſonders das Getraͤnke nebſt dem Doppelkuͤmmel nicht verſchmaͤ - heten, und als ſie davon in ſuͤſſen Schlaf hintaumelten, hatte die Stranggenoſſen - ſchaft den guͤnſtigen Augenblick genuͤtzt und ſich in der Stille davon gemacht.

Jn der Mittagsſtunde langte die ganze Gerichtsfolge zu Roß und Fuß wieder auf der Burg an. Von den Entſprungnen war keiner wieder eingehaſcht worden, da - gegen hatten die Diebsiaͤger an Haaſen, Rebhuͤhnern und Krammetsvoͤgeln einen guten Fang gethan, der ihrer Muͤh wohl lohnte. Uebrigens machte dieſer Zufall, nach dem verſchiedenen Jntereſſe, das die Verfolger an der Sache nahmen, auf ihre Phyſiognomien verſchiedene Eindruͤcke. F 4Der88Der Gerichtspatron ſchien eben nicht miß - vergnuͤgt daruͤber, daß der Kriminalprozeß eine ſo unvermuthete Abkuͤrzung erlitten hatte, die ſeinem Hundezwinger gar wohl behagte. Der Junker Menſchenfreund freu - ete ſich, daß die Jnquiſiten ſo weißlich ihr Schickſal ſelbſt entſchieden, ihn dieſer Muͤhe enthoben, und ſeinem Gewiſſen keine Blutſchuld aufgebuͤrdet hatten. Der Juſti - ziarius ſtand in vollem Gleichgewicht, wie die beyden ledigen Schaalen einer Pro - bierwage. Was konnts ihm auch verſchla - gen daß die Delinquenten entlaufen waren? Er beſaß ihren Nachlaß, zwar nicht als Erbſchaft, dennoch als eine Donatio inter vivos. Nur der Beamte Spoͤrtler ſah ſo betruͤbt aus, wie ein friſcher Wittwer dem die erſte Frau geſtorben iſt, war untroͤſtbar, daß ihm ſein Bratfiſch davon geſchwommen war. Jch hatte indeß meine eignen Ge - danken uͤber die Sache, hielt dafuͤr, daßkeine89keine ſchicklichere Auskunft haͤtte koͤnnen erdacht werden, den Burgholzheimer Kri - minalprozeß mit Ehren zu beendigen, als die Entweichung der Delinquenten. Da - bey fanden die Richter ſo wohl ihre Rech - nung als die armen Suͤnder; denn beyde waren in Sicherheit. Die Letztern in Anſe - hung ihrer Haut und die Erſten in Abſicht auf ihre Ehre. Welche Facultaͤt durfts nun wagen ihren phyſiognomiſchen Rechts - ſpruch zu reformiren? Da zum Gluͤck noch die Skizzen der Entronnenen vorhanden waren, ſo hatten die Richter immer Fug und Macht das Urtheil an den Delinquenten in effigie vollſtrecken zu laſſen. Das waͤr auch mein unvorgreiflicher Rath, wenns nach 25 Jahren dahin kommen ſollte, daß die Phyſiognomik ſtatt der Tortur in dem Criminalprozeß aufgenommen wuͤrd. Auf ſolche Weiſe waͤrs handgreiflich, daß die Geſichtsfrage nie ſolch Unheil anrichtenF 5koͤnn -90koͤnnte, als der ſcharfen Frage beygemeſſen wird; denn wenn auch einem armen Suͤn - der zu Weh geſchaͤhe, ſo waͤrs vor Gott und der Welt eher zu verantworten, wenn irgend einmal ein Unſchuldiger in effigie, als wenn er in Perſon gehaͤngt, oder ver - brannt wuͤrde.

Weil nach der Holzheimer Diebskata - ſtrophe, des Beamten Spoͤrtlers Bleiben hier nicht laͤnger war, ſo ließ er ſtracks nach Tiſch aufſatteln und wir trabten den - ſelben Abend nach Geroldsheim zuruͤck. Mein Reiſegefaͤhrte war nicht ſonderlich ge - ſpraͤchig, darum giengs auf dem Heimweg ſo ſtill her wie bey einem Leichenzuge. Da - durch gewann ich Zeit, auf eine liebreiche Anrede an meinen Freund zu ſinnen, die zu ſeinem Nutz und Frommen abzwecken ſollt, ſo wie’s ehemals Licentiat Ratzeberger mit ſeinen liebreichen Anreden zu halten pflegte. Lieber Mann, ſprach ich, graͤmenSie91Sie ſich nicht zu ſehr uͤber eine zerfallne Kuͤrbißhuͤtte, in deren Schatten Sie trium - phirend die Zuverlaͤßigkeit ihres phyſiogno - miſchen Ausſpruchs erwarteten. Was vor Zeiten dem alten Seher ein paar Feldweges hinter Ninive begegnet iſt, das hat ſich auch mit Jhnen begeben. Verzeihen Sie meine Offenherzigkeit, Sie befinden ſich, duͤnkt mich, in dem naͤmlichen Fall: ihm war ſo wenig mit dem Untergang der Koͤ - nigsſtadt gedient, als Jhnen mit ein paar Malefikanten Schaͤdeln; aber Sie jagten Beyde nach Ehr und Ruhm und kuͤtzelten ſich vorlaͤufig damit unter dem Kuͤrbißſchat - ten, was das fuͤr Aufſehen machen wuͤrde wenn der Erfolg Jhren Urtheilsſpruch be - ſtaͤtigte; aber da welkte der Kuͤrbiß hin. Das darf Sie nicht Wunder nehmen: mit den idealiſchen Kuͤrbißhuͤtten die wir uns bauen, gehts ordinaͤr ſo, und dann ſticht uns freilich der heiſſe Mittagsſtrahl desVer -92Verdruſſes und des Mißmuths leicht auf die Glatze. Wenn alles nach Jhrem Sinn gegangen waͤr, ſo iſt nicht zu zweifeln, daß Sie im Kriminalprozeß wuͤrden Epoque ge - macht, und vielleicht die Ehre der ſtattli - chen Erfindung, die Phyſiognomik der Tor - tur zu ſubſtituiren, dem eigentlichen Erfin - der entriſſen haben. Vermuthlich waͤr das neue Kriminalſyſtem nach Jhnen das Spoͤrtleriſche, und nicht das Sonnenfel - ſiſche oder Lavaterſche genennt worden; ſo wie die neue Welt nicht Columbina heißt, ſondern Amerika. Aber wie? wenn Sie zu fruͤhzeitig an die große Glocke geſchlagen, der Welt Jhre Prozedur vor Augen gelegt, wie die Zuͤrcher von der Gifthiſtorie groß Geſchrey erhoben haͤtten, und nun haͤtt ein Berliner hinter Jhnen hergefegt, und das alles als Spreu und Spelte ins Auskehricht geſchuͤttet, was Sie als Saatkorn auszu - ſtreuen gedachten? Waͤr da der letzte Be -trug93trug nicht aͤrger geweſen, als der erſte? Der Fall iſt immer moͤglich, das Sie ſich in Anſehung des Baſtels geirret haben koͤn - nen; und wenn das oben belobte Traktaͤt - lein Recht haͤtte, ſo waͤrs gewiß. Wenns Jhnen nun ergangen waͤr wie unlaͤngſt dem Dreßdner Thuͤrmer? Der des Abends den aufgehenden Venusſtern fuͤr eine ange - zuͤndete Lermſtange anſah, die ganze Stadt in Furcht und Schrecken ſetzte, daß ieder - mann glaubte der Feind ſey ſchon in der Stadt Weichbild eingeruͤckt, bis ein kleiner Zeitverlauf den Planeten hoch uͤber den Horizont erhob, und der optiſche Betrug dadurch an den Tag kam. Jch weiß daß der Zuͤrcher Baſchkir, auſſer dieſem tertio comparationis mit dem Venusſtern wenig Aehnlichkeit hat; allein was kann der arme Schelm dazu, daß das fuͤnfte Paar Hirn - nerven, welches nach Profeſſor Wrisbergs Meinung, die ganze menſchliche Phyſio -gnomie94guomie ausſpinnt, ſeiner anvertrauten Funktion ſo ſchlecht nachgekommen iſt, und an ſtatt eine menſchliche Geſichtsform zu bilden, eine Affenfratze hingeſudelt hat? Zu welchen Fehlſchluͤſſen die Phyſiognomie verleiten koͤnne, davon hab ich den caſum in terminis gehabt, bey meinem Schaͤfer den Markus.

Ueberhaupt aber hier war noch eine ſolide Beleuchtung der Sonnenfelſiſchen Grille, durch den Scharfblick der Richter die Tortur zu erſparen, die Unſchuld zu retten und das Laſter erbleichen zu machen, auf dem Wege auszuſtroͤhmen, als ich wahr nahm, daß wir am Ende unſers We - ges waren. Da ich eben meinen Locus communis durch das uͤberhaupt aber einge - faͤdelt hatte, ſchwang ſich Freund Spoͤrtler aus dem Sattel, und wir befanden uns an ſeiner Hausthuͤr.

Fuͤnf -95

Fuͤnftes Stillager.

Mit Freund Spoͤrtlern hatt ich die Mahr - heit zu ſagen nichts mehr zu verabhan - deln, nachdem ſeine phyſiognomiſche Leucht - kugel, die er an den deutſchen Horizont hoch hinauf zu ſchnellen vermeinte, oh - ne die gehoffte Wirkung auf dem Erdbo - den zerplazt war. Die Adſpekten ſchienen uͤberhaupt im Fraͤnkiſchen Kraiſe der Kunſt eben ſo wenig guͤnſtig zu ſeyn wie in dem Meißner. Fiel mir das Adagium wieder bey, das ich dem Mag. Gratius in meiner Jugend gar oft aufſagen muͤſſen:

Dulcius ex ipſo fonte bibuntur aquae.

Jch lauert daher von einem Tag zum an - dern auf die Ruͤckkehr meines Philipps, und fuͤhlt einen ſo brennenden Durſt nach dem phyſiognomiſchen Quellwaſſer in der Schweiz daß ich mich wuͤrd waͤchſernen Schwingen anvertrauet haben, wenn ich der Daͤdali -ſchen96ſchen Kuͤnſte kundig geweſen waͤr. Bisher hatt ich manche Erfahrung gehabt, die mei - nen phyſiognomiſchen Glauben wankend machte. Das große Vertrauen, welches ich in Freund Spoͤrtlers Kunſterfahrniß geſezt hatte, taͤuſchte mich abermal. Sein phy - ſiognomiſches Criminalverfahren kam mir ſo chimaͤriſch vor wie der Lufthandel, den iezt unſere Naturforſcher zum Theil treiben, die auf allen Schallecken der Maͤrkte und Straſ - ſen ihr Sortiment von Firerluft, Feuerluft, Sumpfluft, Vitriolluft, Salzluft, Salpe - terluft u. ſ. w. ausrufen. Was Wunder, wenn mich das vollends zum phyſiognomi - ſchen Spinoziſten gemacht haͤtte? das war aber der Abſicht meiner Reiſe ſchnurſtracks zuwider; die ſollte mich nicht an der Wahr - heit irre machen, ſondern dieſe befeſtigen und ſtaͤrken. Alſo reſolvirt ich mich kurz, vor die rechte Schmiede zu gehen, und ſo bald es meine Finanzen erlauben wuͤrden, recta nach Zuͤrch zu traben.

Wie97

Wie ich der Sach eines Abends in der Still nachdacht, und mich dabey an den warmen Ofen geſezt hatte, weil der Wind maͤchtig uͤber die Haberſtoppeln ſtrich, fiel mir unverſehens die Ueberſchrift: conſtan - ter, in dem handfeſten Gewoͤlk an der Ofenplatte, oben uͤber dem ſpringenden Braunſchweiger Roß, in die Augen. Das nahm ich fuͤr einen Wink meines Genius an, mit eben dem Vertrauen, als eine fromme Matron einen gezogenen Denkſpruch aus dem himmliſchen Schazkaͤſtlein. Ha - be nicht ermangelt, ſprach ich zu mir ſelber, ſowohl auf meinen Reiſen als zu Haus auf alle phyſiognomiſche Gegenſtaͤnde fleißig zu invigiliren; hab die innre Energie der See - le oder den Zentralgeiſt in mir, ſeit langer Zeit allein darauf geſteuret: Wie ſollts nun an der Beharrlichkeit fehlen? Will mit meinem Herzen den Bund erneuern, nie in der Standhaftigkeit zu wanken, ſondern ſoGlang98lang mit Suchen und Forſchen nach der phy - ſiognomiſchen Wahrheit fortzufahren, bis ich aufs Trockne bin und ſicher darauf fuſ - ſen kan, ohne befuͤrchten zu duͤrfen, daß mich eine zweifelmuͤthige Brandung, die mich ein und andermal vom phyſiognomi - ſchen Ufer abgeſpuͤhlet hat, in den Strudel der Ungewißheit, oder gar in den Abgrund des Unglaubens fortreiße. Hat ſich der entſchloſſene franzoͤſiſche Juͤngling Anquetil weder den weiten Weg von Paris bis an den Jndus, noch die unſaͤgliche Muͤhe des Suchens und Forſchens verdrießen laſſen, den Zend Aveſta, Zoroaſters lebendiges Wort und der Brahmen heilige Buͤcher in Oſten und Suͤden aufzuſuchen, und als ei - nen gegrabenen Schatz ſeinem Vaterlande zuzuwenden: wie ſollt ich mich eine Drey - ſchrittreiſe von Frankenland in die Schweiz verdrießen laſſen, das lebendige phyſiogno - miſche Wort aus des Meiſters Munde zuver -99vernehmen? Es bleibt doch dabey: vox viva docet, warum zoͤgen wir auf den ge - lehrten Jahrmarkt der Akademien, um dort aus der erſten Hand fuͤr baares Geld Wiſ - ſenſchaft und Weisheit einzutauſchen, wenn uns dieſe Artikel, der Hoͤckenkram unſrer Buͤcherſchraͤnke eben ſo gut liefern koͤnnte?

Beym Morgengruß war das erſte, daß ich Freund Spoͤrtlern mein Vorhaben eroͤf - nete, der ſolches gar ſehr billigte, und mir nur anlag, noch einige Tage bey ihm zu verziehen, weil er in einer wichtigen Sache meines Beyrathes beduͤrfe, welches ich ihm auch verhieß. Um die Mittagsſtunde ſah ich endlich meinen Philipp auf den Spon - daͤengaͤnger hoͤchſterwuͤnſcht den Hof herein - kommen. Lezterer ging ſehr bedachtſam und huͤftenlahm einher, daraus ich die guͤnſtige Vermuthung zog, es druͤcke ihn eine ſchwe - re Buͤrde grobes Courant, welches ich meh - rerer Bequemlichkeit halber in Gold umzu -G 2ſetzen100ſetzen beſchloß. Und ſogleich flogen vor meiner Phantaſie die angenehmen Bilder herrlicher Schweitzer Gegenden voruͤber, die hochgethuͤrmten Glaͤtſcher, die kalten Eiß - thaͤler, die gruͤnen Alpen dazwiſchen, der unaufhaltſame Rheinfall, und noch viel ſchweitzeriſche Seltenheiten mehr. Schon begegneten mir auf meinem Wege gan - ze Schaaren wohlgenaͤhrter, dickbewadeter Milchmaͤdchen, ich ſah ſie mit dem vol - len Zuber auf dem Kopf, und mit ſichern Tritt wie die Gemſen, den ſteilen Felſen - weg herabwallen, weidete mein Aug an dem ſchmucken Schweizervieh, und in mein Ohr ertoͤnte hier im Lande der Freyheit das be - ruͤhmte Kuhlied ungeſtraft, welches in Gal - lien, dem Lande der Sklaverey, bey Gaſ - ſenlaufen verpoͤnt iſt zu pfeifen, weil es Deſertion und Heimweh befoͤrdert. Jn einem zweiten Augenblick der Entzuͤckung ſtand ich vor des herzguten Lavater Hausthuͤr, die mirvon101von ſeiner liebreichen Gattin geoͤffnet wurde, ich druͤckt ihr im Geiſte gar herzig ihre ſanfte weibliche Hand, die ich mir in der Natur freilich lieblicher gedenke, als mir ihre ab - ſilhouettirten Handſchuh im Buch vorgekom - men ſind. Die ſchoͤne Viſion verſchwand, als mein Feldjaͤger die Treppe herauf tapp - te, mir ſeine Depeſchen abzugeben. Schritt der Philipp ſo flink und ruͤſtig einher, daß ich ihm keine Belaſtung von grobem Courant abmerken konnt. Eh ich die Briefſiegel loͤßte, frug ich, wo er das baare Geld ge - laſſen hab? Worauf er in den Schubſack griff und einen verſiegelten Beutel hervor - zog, der extenſive meiner Erwartung zwar entſprach; aber nicht intenſive: denn er ſah ſo welk und duͤrrleibig aus, wie eine von den ſieben magern Kuͤhen Pharaonis.

Das war allerdings ein großer Strich durch meine Rechnung, und ich wurde da - durch ſo uͤbler Laune, daß ich meinem Phi -G 3lipp102lipp ſeinen Waldrapport, den er mir von meinem Gehege ablegen wollt, nicht anhoͤ - ren mochte, ſondern ihn mit kurzer Abferti - gung entließ, und die uͤberbrachten Depe - ſchen zur Hand nahm. Waren derſelben vier, die erſte vom Hausmeiſter, die zum mindeſten zwanzig nahmhafte Gruͤnde ent - hielt, warum er die anverlangte Summe nicht in der vollen Zahl hab einſenden koͤn - nen, ſondern ſolche in einen Bruch zu zer - faͤllen ſich gemuͤſiget geſehen, ſo daß der Beutel nur ein Drittel des Ganzen in ſich faſſe, worunter der vornehmſte und wichtig - ſie war, daß er nicht mehr Geld hab auf - treiben koͤnnen. Die zwote Depeſche von Dr. Baldrian, enthielt eine Krankengeſchichte eines ehrwuͤrdigen Mitgliedes der phyſiogno - miſchen Privatakademie, das an der Trom - melſucht hart darnieder liege, und wenig Hoffnung zur Geneſung habe. Die dritte betraf einen wichtigen Hauskrieg, zwiſchender103der Couſine und der Frau Gertrud. Erſtere hatte einen Einfall in mein Kloſet gewaget, des boͤßlichen Vorhabens, die Silhouetten - Tapezerey zu zerſtoͤhren, und allen meinen Buͤſten die Koͤpf einzuſchlagen; war aber zum Gluͤck durch die Beredſamkeit der Lez - tern, die an Beweglichkeit der Zunge Rem - brands geſchwaͤtzige Magd noch uͤbertrift, von ihrem gewaltthaͤtigen Vorſatz abgebracht worden. Die vierte war ein Bericht der Kunſtakademie, die Aufloͤſung einer phyſio - gnomiſchen Aufgabe betreffend.

Dieſe Depeſchen ſezten verſchiedene Lei - denſchaften bey mir in Bewegung: die erſte zernichtete mir das Lieblingspropos der vor - habenden Schweizerreiſe, welches meinen ganzen Unwillen rege machte. Die zweite betruͤbte mich uͤber den bevorſtehenden Ver - luſt eines phyſiognomiſchen Freundes. Die dritte demuͤthigte mich, um eines ſeltſamen Gedankens willen, der mir dabey aufſtieß,G 4und104und welchen die Antwort mit mehrern be - ruͤhrt; zugleich jagte mir das Verfahren der Bilderſtuͤrmerin ein gut Theil Galle ins Blut. Die vierte haͤtte mich zu lachen ge - macht, wenn phyſiognomiſche Materien nicht zu ehrwuͤrdig waͤren, daruͤber zu la - chen. Jch abſentirte mich alsbald nach der Mahlzeit von der Geſellſchaft, ergriff die Feder und ließ mit der erſten Poſt folgende Briefe ablaufen, davon ich zu meiner No - tiz die Kopeyen in mein Reiſejournal ver - zeichnete.

I. An den Verwalter Balthaſar Koch.

Es waͤr mir ungleich lieber, wenn Er von dem großen Colbert abſtammte, waͤrs auch nur aus der wilden Eh, als daß Er in unbefleckter Geſchlechtsfolge, aus den Lenden Johannes Kochs von Hailbronn, weiland Philipp Melauchtons geweſenemHaus -105Hausvogt entſproſſen zu ſeyn ſich beduͤnken laͤßt. Art laͤßt nicht von Art. Obgleich Camerarius ſeinem Uraͤltervater das ruͤhm - liche Zeugniß giebt, daß er ein ehrlicher Hausvogt geweſen ſey, ohne welchen der theure Gottesmann in ſeiner Oeconomie nicht beſtanden waͤr, dem der Konkurs wie ſein Schatten immer auf dem Fuße nachgefolgt ſeyn ſoll: ſo ergiebt ſich doch aus allen Um - ſtaͤnden, daß Johannes ein ſo arger Knau - ſer war als ſein wuͤrdiger Abkoͤmmling. Jch kans nie ohne Jammer und Herzeleid leſen, wie der ſelge Melanchton ſich von ſeinem Hausmeiſter mußt anſchnauzen laſſen, wenn er einmal gutes Muths ſeyn, ein Wohlle - ben oder einen Hochſchmauß anſtellen woll - te, war dazu nie Geld in Kaſſa, und der Hausmeiſter kiff und biß um ſich, wie ein wilder Eber, daher der gute friedliebende Mann, um den ungeſtuͤmen Polterer loß zu werden, einen ſilbernen Becher nach demG 5an -106andern, welche ihm die großen Herren zum Andenken zu verehren pflegten, unter ſei - nem ſchwarzen Chorrock verſtohlner Weiſe aus dem Haus tranſportirte, zum Troͤdler oder Goldſchmidt ſchlich und ſie verſilberte, damit ſeine erbetenen Gaͤſte nicht mit leeren Maͤgen durften nach Haus gehen. Der große Colbert verſtand das Ding anders, der war immer bey Gelde, und wenn ſein Herr die ganze werthe Chriſtenheit haͤtte ga - ſtiren wollen, ſo wuͤrd er die Speſen dazu ohne Murren und groß Expoſtuliren herbey geſchaft haben, dabey wußt er dem Gene - ralkonkurs, der dem großen Ludwig nicht minder auf dem Fuß nachging, als dem frommen Melanchton, vermoͤge ſeines er - findſamen Kopfs ſo geſchickt vorzubeugen, daß ſolcher ihn nie einholen konnt? Wenn Er bedenkt, was Colbert fuͤr ein gefaͤlliger Diener ſeines Herrn war, und wie ſehr Johannes Koch nebſt Deszeudenz dagegenab -107abſticht: ſo muß Er mir den Wunſch verzei - hen, daß ich lieber wollt, Er ſey des er - ſtern Baſtardſohn im vierten Glied, als des letztern eheleiblicher Enkel im zehnten.

Es iſt eine armſelige Ausflucht, daß Er durch die angeruͤhmte Vollwichtigkeit der ge - raͤnderten Dukaten, die geringe Anzahl der - ſelben bemaͤnteln will. Das kommt mir eben ſo vor, wie die Gaſkonade des Kom - mendanten von Barcellona, da der itztre - gierende Koͤnig von Spanien daſelbſt ans Land ſtieg, von der bruͤderlichen Erbſchaft Beſitz zu nehmen. Als der Ehrenmann von ſeinem neuen Herrn gefragt wurde, ob er viel Soldaten unter ſeinem Befehl habe, antwortete der lakoniſche Spanier: wenig aber gute! worauf Se. katholiſche Maje - ſtaͤt gar nachdenklich erwiederte: ein Koͤnig von Spanien muͤſſe nicht allein gute Solda - ten haben, ſondern auch viele. Und ſo verhaͤlt ſichs auch mit einem Reiſer, beſon -ders108ders mit einem phyſiognomiſchen, der be - darf nicht nur guter und wichtiger Dukaten, ſondern auch vieler. Laͤſ Er die Fragmen - te, ſo wuͤrden ihn die belehren, daß von den drey fuͤr den Reiſenden ſchlechterdings unentbehrlichen Dingen, das zweyte, Geld ſey. Er lobt mir ferner Seine Ehrlichkeit und Treue vor, die hab ich nie in Zweifel gezogen; aber wenn Er glaubt, damit ſey alles gethan, und ſich hinter die Schrift ver - ſtecken will, die da ſage, man ſuche nicht mehr an den Haushaltern, denn daß ſie treu erfunden werden: ſo dient Jhm zur Nachricht, daß es heut zu Tage damit all anders iſt. Die Ehrlichkeit iſt gerade das Verdienſt, welches am wenigſten empfiehlt. Einen Rentenier empfiehlt nichts ſo ſehr, als die gute Qualitaͤt, immer ſo viel Baar - ſchaft in Bereitſchaft zu halten, als ſein Herr bedarf. Dazu gehoͤrt nun freylich Kopf; ich behaupte aber auch, daß unſreFinan -109Financiers die beſten Koͤpfe der Nation ſind, nicht die, welche in der Kameralſchul zu Lautern reifen, wie die Pyſangfruͤchte in ei - nem einheimiſchen Treibhaus; ſondern die ohne durch die Kunſt getrieben, ihre Talen - te wirken laſſen als Genies, auf denen Col - berts Geiſt ruhet; die ſich, wie das Corps de genie des Holofernes, darauf verſte - hen, den Buͤrgern zu Bethulia das Waſſer abzugraben, und es gleichſam durch eine geheime Roͤhrenfarth in die Ciſtern ihres Herrn zu leiten, daß dieſer ſeinen Durſt loͤ - ſchen, oder ſich gar darinn baden kan, wie er will. Sieht Er, Freund, ſo machen’s die Camerales, wiſſen die kleinen Baͤchlein der Einnahme durch fleißiges Forſchen und Nachgraben immer zu mehren, ſchreien da - bey uͤber duͤrre trockne Witterung, und kla - gen, wenn Jemand aus ihrem Bruͤnnlein ſchoͤpfen will, alle Quellen ſeyn verſiegt; aber daſſelbe hat Waſſer die Fuͤlle, nurnicht110nicht fuͤr iedermann, ſondern allein fuͤr ih - ren Brodherrn. Haͤtt Er nach dieſer land - braͤuchlichen Methode auf meinen Vortheil raffiniret, die Einnahme zu mehren und die baare Auszahlung durch Papier, das heißt, Schuldſcheine, Verſchreibungen, An - weiſungen und ſ. w. zu mindern gewußt: ſo wuͤrd Er mir volle Zahlung geleiſtet und ſolche nicht haben in die Bruͤche fallen laſ - ſen. Seine Bruchrechnung wird Jhm dem - nach alles Ernſtes verwieſen und Jhm hier - durch aufgegeben, meine Ordre zu honori - ren, den Defekt der anverlangten Summe zu ergaͤnzen, und aufs foͤrderſamſte anhero einzuſenden. Wornach ſich zu achten.

II. An den Rektor Brunold.

Hab mit vieler Bedauerniß in Erfah - rung gebracht, daß Sie ſeit meiner Abwe - ſenheit mit großer Leibesſchwachheit heim -ge -111geſucht worden, und wenig Hoffnung zur Wiedergeneſung obhanden ſey. Sie ſind ein weiſer Mann, und ein weiſer Mann, hab ich ſagen hoͤren, duͤrfe kein metaphyſiſches Uebel ſcheuen. Wie ſollten Sie ſich alſo vor den Freund Hein fuͤrchten, wenn er ſich uͤber Jhr Lager beugen wird, Sie zu umarmen? Es iſt wahrer Unſinn vom Vater Ariſtote - les, wenn er, der doch auch fuͤr einen weiſen Mann gelten will, ſich nicht entbloͤdet, deu Tod ein Furchtgerippe, φοβεροτατον φο - βεροτατων zu ſchelten. Jhnen trau ich ei - ne vertrautere Bekanntſchaft mit dem Wuͤrg - eugel zu, und trage daher kein Bedenken, uͤber Jhre bevorſtehende Aufloͤſung mich mit Jhnen in dem Ton eines Hausvaters zu be - ſprechen, von dem ein Gaſt ſich ſcheiden will. Wenn dieſer zuſammenpackt und Rei - ſeanſtalten vorkehrt, pflegt der Erſtere wohl verſchiedene Beſtellungen zu machen, und dem Reiſenden einige Auftraͤge zu geben. Sind112Sind Wirth und Gaſt genau bekannt, ſo geſchiehts auch wohl, daß einer von dem andern etwas zum Andenken ſich ausbittet, was dieſer leicht entrathen und iener gut nutzen kan. Wenns alſo im Rath der Waͤch - ter beſchloſſen waͤr, daß Sie diesmal ins ſtille Grab hinuͤber ſchlummern ſollten, ſo hab ich beydes an Sie, einen Auftrag und eine Bitte. Den erſten in der Qualitaͤt eines Praͤſes unſerer phyſiognomiſchen Privataka - demie, deren wuͤrdiges Mitglied Sie bisher geweſen ſind, welcher dahin gehet, Jhre ſaͤmmtlichen Lukubrationen phyſiognomiſchen Jnnhalts, es moͤgen ſolche vollendet oder noch unvollendet ſeyn, inſonderheit die Ver - ſuche uͤber die Engelphyſiognomie, und die tiefſinnige Unterſuchung uͤber die neun ruͤck - ſtaͤndigen oberſten Engel der Schroͤderiſchen Ordnung, der Akademie nicht vorzuenthal - ten, ſondern alle dahin gehoͤrige Aufſaͤtze und Skripturen, dem beſtaͤndigen Sekretaͤrder -113derſelben, Herrn F*aff, noch bey Leibes - leben abzuliefern, damit ſie als archivari - ſche Urkunden in den akademiſchen Buͤcher - ſchrein reponiret werden, und nicht etwan Jhren lachenden Erben in die Haͤnde fallen, die ſie leicht an die allgemeine Schlaͤchter - zunft aller litterariſchen Produkte, die Ge - wuͤrzhaͤndler, vermakeln duͤrften. Wuͤrden dieſe herrlichen Manuſkripte wohl ein guͤn - ſtiger Schickſal zu erwarten haben, als des beruͤhmten Johann Hevels aſtronomiſche Platten, die er mit ſonderbarem Fleiß und Muͤh ſelbſt geaͤzt hatte? Und die von ei - nem der Erben, der kein Kunſtkenner war, ſo wenig geachtet wurden, daß er ſie zu Kuͤ - chengeſchirr umarbeiten ließ, davon bis auf den heutigen Tag ein ſchoͤnes blankes Koffee - bret uͤbrig iſt, das als eine Seltenheit in Danzig gezeigt wird.

Sie werden nun bald in den Vorhoͤfen des Himmels, zu der perſoͤnlichen Bekannt -Hſchaft114ſchaft aller der Engel gelangen, von denen Sie uns hienieden in Jhren akademiſchen Vorleſungen auf eine ſo intereſſante Art unterhielten. Und wenn Lavaters Muth - maſung zutrift, daß die Engel im Himmel das Studium der Geſichtskunde gleichfalls treiben, und beſſere Phyſiognomiſten ſind als die Menſchen, welches ſehr glaublich iſt, weil ſie ſchier ſechstauſend Jahr phyſio - gnomiſirt, und folglich eine viel laͤngere Praxis haben als wir; hiernaͤchſt aber auch der engliſche Blizblick um ein gut Theil ſchaͤrfer iſt als der menſchliche: ſo zweifle ich nicht, daß Sie auch in ienem Leben unſer treuer Kunſtgenoß verbleiben, und unter Anweiſung der himmliſchen Lehrmeiſter Jh - re phyſiognomiſchen Einſichten werden zu erweitern ſuchen. Jch glaube fuͤr gewiß, Sie werden droben in einer Lektion von ei - nem phyſiognomiſchen Engel mehr profiti - ren, als aus den vier Quartanten Jhre gan -ze115ze Lebenszeit, nur iſt zu bedauren, daß wir auf dieſer Unterwelt dieſer himmliſchen Be - richtigungen und Zuſaͤtze zu Jhrer akademi - ſchen Verlaſſenſchaft, nicht theilhaftig wer - den koͤnnen.

Die Bitte an Sie gehet mich naͤher an, hat aber auch Hinſicht auf unſer phyſiogno - miſches Jnſtitut. Wuͤrden Sie mir es wohl abſchlagen koͤnnen, wenn ich mir von Jhrem irdiſchen Hinterlaß etwas zum An - denken ausbaͤt, wovon Jhre Erben gar kei - nen Gebrauch machen koͤnnen, und wodurch die Erbſchaft folglich um nichts geſchmaͤlert wird? Als der beruͤhmte Garrick geſtorben ben war, erſuchte Lord Spencer deſſen hin - terlaſſene Wittwe in einem Condolenzbriefe um eine Haarlocke ſeines erblaßten Freun - des, um ſolche ihm zum Andenken zu tra - gen: meine Bitte iſt von aͤhnlicher Art. Jch erſuche Sie, lieber Freund, um die Erlaubniß, daß ich durch Jhren Arzt, denH 2Dr.116Dr. Baldrian, nach Jhrem ſelgen Hinſchei - den Sie darf ſkalpen laſſen. Es iſt mir dabey nicht um Haut und Schopf zu thun wie den Jrokoͤſen, das alles ſollen Sie mit in Jhr Ruhekaͤmmerlein nehmen, ſondern nur um Jhr Cranium, welches ich zu beſi - tzen wuͤnſchte. Sie wiſſen, daß Freund L. in dem letzten Theil ſeines Werks, allen Freunden der Kunſt eine Sammlung von Schaͤdeln von bekannten Perſonen fuͤrs Stu - dium der Phyſiognomik anraͤth. Jch ſage, ſpricht er, von Bekannten: denn der Phy - ſiognomiſt ſoll lernen, ehe er lehren will; er ſoll Bekanntes mit Bekanntem, unlaͤug - bare aͤußere Charaktere mit unlaͤugbaren in - neren vergleichen. Der Vorſchlag iſt vor - trefflich; nur bey der Ausfuͤhrung hat er ei - nige Schwuͤrigkeit. Wie ſoll man’s anſtel - len, zu einer betraͤchtlichen Schaͤdelſamm - lung von bekannten Perſonen zu gelangen? Soll die Lieferung durch den Todtengraͤberaus117aus dem Beinhaus geſchehen, wer leiſtet da Gewaͤhr, daß die Schaͤdel authentiſch ſind, und unſere geweſenen Bekannten nicht aus Jrrthum oder mit Vorſatz in ein Quar - tier verlegt werden, worinn ſie nie gehauſ - ſet haben? Sollte ſich aber ein Sammler beygehen laſſen, von oͤffentlicher Gerichts - ſtaͤtte einen oder den andern Kopf, der da - ſelbſt zur Schau ausgeſtellt waͤr, aus Lieb - haberey wegzukapern: ſo koͤnnt er leicht mit der Juſtiz daruͤber in Haͤndel gerathen. Es bleibt alſo kein Mittel uͤbrig, als durch Erb - gangsrecht, durch ein Legat oder eine Do - nation ſich des Beſitzes von unbezweifelt richtigen Schaͤdelexemplaren bekannter Per - ſonen zu vergewiſſern. Jch hab daher eine Propoſition auf dem Herzen, die ich ſogleich nach meiner Heimkunft unſerm Jnſtitut vor - zulegen geſonnen bin, des Jnnhalts: daß ſich alle gegenwaͤrtige und zukuͤnftige akade - miſche Mitglieder, zum Behuf des Stu -H 3diums118diums verbindlich machen ſollen, nach er - folgtem Ableben ihre Schaͤdel der phyſio - gnomiſchen Privatakademie zu vermachen, wobey ich, wofern ſie den uͤbrigen Kollegen mit gutem Beyſpiel vorzugehen gemeinet ſind, dieſe patriotiſche Geſinnung mit Vor - zeigung Jhrer Reliquie, die ich als ein Hei - ligthum aufzubewahren verſpreche, hoͤchlich zu ruͤhmen nicht verfehlen werde. Verſehe mich geneigter Willfahrung und verharre ꝛc.

III. An die Couſine.

Woher kommt Jhnen der Einfall, einen Burgfriedensbruch zu begehen, mit der Wuth einer Bacchantin in mein Zimmer einzuſtuͤr - men, uͤber meine Gypsbuͤſten und die fried - liche Silhouettenſchaar den Torchon gleich einen furchtbaren Thyrſus zu ſchwingen, und dem ganzen wehrloſen Haufen den Untergang zu drohen, dem derſelbe, wo Jhnen nicht Ein -halt119halt geſchehen waͤre, gewiß nicht wuͤrde ent - gangen ſeyn? Wahrlich, Couſine, ich ver - ſtehs und begreifs nicht, was Sie zu einer ſo feindſeligen Jnvaſion in mein Gebiete veranlaßt hat! Graͤnzſtrittigkeiten haben wir doch meines Wiſſens nicht mit einander; außer daß wir unter einem Dach wohnen, haben wir nichts gemein. Unſere Reſiden - zen liegen ia weit genug auseinander, und ſind durch feſte Scheidewaͤnde, auch Schloß und Riegel abgeſondert. Jch geſteh Jhnen alle Rechte des Eigenthums in Jhrem An - theil meines Hauſes zu, und habe dafuͤr eben die Achtung, welche die Griechen ehe - mals in ihren Wohnungen dem Gynaͤceum erwieſen. Als die Sophie Jhnen den er - ſten Beſuch machte, und Sie beym Weg - gehen hinter ihr her kehren ließen, wie in einem Kartheuſerkloſter, wenn’s ein Ketzer durch ſeinen profanen Fußtritt entweihet hat: ſo klagte das liebe Geſchoͤpf mir dieſeH 4Schmach120Schmach mit hellen Thraͤnen. Jch war, wie Sie leicht glauben koͤnnen, mit dieſem Benehmen ſehr unzufrieden; aber ich un - terdruͤckte meine Empfindlichkeit, ſchrieb al - les auf die Rechnung Jhrer ſtrengen Be - griffe, und begnuͤgte mich mit dem Ent - ſchluſſe, Jhr veſtaliſches Heiligthum nicht mehr zu betreten, noch dieſes der Sophie zu geſtatten. Wie koͤnnen Sie ſich alſo ei - nen Streifgang uͤber die Graͤnze erlauben, mit der Abſicht, in meinem Gebiete aͤrger zu haußen als in Feindes Land?

Sagen Sie mir, Couſine, wes Geiſtes Kind Sie ſind? Sicher umſchwebt Sie der unruhige ikonokloſtiſche Schatten des Doktor Abedarius, ſonſt Andreas Bodenſtein Carl - ſtadt genannt. Wenn Sie bey Jhrer Herbſt - kur die Kirchengeſchichte zu Jhrer Herbſtlek - tuͤr erwaͤhlet haben, ſo gnad mir Gott, wenn Sie erſt auf den heilloſen Schwaͤrmer den Thomas Muͤnzer kommen, dann