PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magiſter Sebaldus Nothauker.
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Dritter und letzter Band.
Mit Kupferſtichen, von Dan. Chodowiecki gezeichnet und geaͤtzet.
Mit Königl. Preuß. Churfürſtl. Brandenb. Churfürſtl. Sächſi - ſchen allergnädigſten Freyheiten.
Berlin und Stettin,beyFriedrich Nicolai. 1776.
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Siebentes Buch.

Erſter Abſchnitt.

Das Schiff, worauf ſich Sebaldus befand, ſe - gelte eine Zeitlang mit gutem Winde, und naͤherte ſich ſchon der hollaͤndiſchen Kuͤſte, als ploͤtz - lich in Oſten ein Sturm aufſtieg, der das Schiff, Vlie und Texel vorbey ſchleuderte, und es an die Nord - hollaͤndiſche Kuͤſte warf, wo es, da der Wind in Nord-Weſt lief, ohnweit Egmont ſcheiterte. Der Schiffer und die vornehmſten Perſonen wollten ſich in einem Boote retten, aber es ſprangen zu viel Per - ſonen hinein, und das Bott ſank, in dem Augen - blicke, da die darinn befindlichen Ungluͤcklichen, das auf dem Sande feſtſitzende Schiff von den Wellen zerſchmettern ſahen.

A 2Jeder4[3]

Jeder arbeitete gegen die ungeſtuͤmen Wogen, ſo lange noch einige Kraft da war, aber die meiſten er - matteten, und giengen zu Grunde. Sebaldus war unter den wenigen, die von den Wellen ſelbſt ans flache ſandigte Ufer geworfen wurden. Er kroch mit aͤuſſerſter Muͤhe den Strand hinan, denn die bey - nahe voͤllig erſchoͤpften Kraͤfte, der heftige Regen und Wind, die ausgeſtandene Muͤhſeligkeiten, die Menge verſchlucktes Seewaſſers machten ihn tod - krank. Ohnweit von ihm, ward der Koͤrper des Schiffers ans Land geworfen. Der halbtodte Se - baldus ſtrengte alle Kraͤfte an, um ſeinem Wohlthaͤ - ter zu helfen, umſonſt, er lag, ohne ein Zeichen des Lebens zu geben. Dieſer neue Kummer, uͤberwaͤltigte die geringen Lebenskraͤfte des kaum mehr Athem - ſchoͤpfenden Sebaldus. Er fiel in Ohnmacht, wo - rinn er eine geraume Zeit lag. Als er ein klein we - nig zu ſich ſelbſt kam, ſahe er, in dem ſchrecklichſten Wetter, da ſich nur das aͤußerſte Wuͤten des Sturms gelegt hatte, einige Strandbewohner die Ueberbleib - ſel der Ladung des zertrummerten Schiffs aufs eil - fertigſte pluͤndern, ehe ſie der Schout in Egmont etwan ertappen koͤnnte. Um ihn aber bekuͤmmerte man ſich ſo wenig, als um die uͤbrigen todten Koͤr - per. So lag der huͤlfloſe Mann den Reſt des Tages,von5[4]von der ganzen Natur verlaſſen, troſtlos, das Le - ben, deſſen er ſchon vorher ſatt war, nicht weiter wuͤnſchend, fiel endlich, aus gaͤnzlicher Ermattung, in ein taubes Hinbruͤten zwiſchen Schlummer und Ohnmacht, ſein letztes Bewuſtſeyn, der Wahn, daß ſein Hinſinken des Todes Anfang ſey.

Er erwachte wieder, mit Tagesanbruch, bloß nur vermoͤgend, zu empfinden, den erwaͤrmenden Strahl der Sonne, und die Ruhe des beſaͤnftigten Meeres, aber ohne Kraft ſich zu bewegen, ohne Anſchein von Huͤlfe, in der todten Stille der Gegend, die Hof - nung des nahen Todes, ſein einziger Wunſch.

So fand ihn nach einigen Stunden, ein guther - ziger nordhollaͤndiſcher Fiſcher, der weil er einige Zei - chen des Lebens an ihm ſpuͤrte, und aus ſeiner ſchwar - zen Kleidung ſchloß, daß er ein Geiſtlicher ſey, ihn weiter den Strand hinauf ſchleppte, ſo gut er konnte erquickte, und endlich Mittel fand, ihn bis in ſeine Huͤtte zu bringen. Der gutherzige Nordhollaͤnder pflegte ihn daſelbſt, wie es ſeine eigene Armuth er - laubte, ſo daß der Kranke bald wieder an Kraͤften zunahm.

Beide konnten nur mit vieler Muͤhe einander verſtehen, durch Huͤlfe des Plattdeutſchen, das Se - baldus in Holſtein gelernet hatte. Sebaldus ver -A 3heelte6[5]heelte die Verlegenheit nicht, in der er ſich befand, da er von allem Nothwendigen entbloͤßt, die weite Reiſe nach Oſtindien unternehmen ſollte, die in ſei - nem Elende noch ſeine einzige Hofnung war. Da der Fiſcher vernahm, daß Sebaldus lutheriſch ſey, ſchlug er ihm vor, er wolle ihn zu einem lutheriſchen Prediger nach Alkmar bringen, der ihm zu ferne - rem Fortkommen behuͤflich ſeyn werde.

Weg! rief Sebaldus, deſſen Gemuͤth durch man - nigfaltiges Ungluͤck verbittert war, weg mit den Geiſtlichen, ſie ſind an allem meinem Ungluͤcke ſchuld! wehe mir! wenn ich mich wieder an ſie wenden ſollte!

Aber dieſer, ſagte der Fiſcher, iſt ein frommer wohlthaͤtiger Mann.

Wohlthaͤtig? rief Sebaldus voll Unwillen, ich kenne ſie! Sind ſie nicht kalt und hartherzig, ſo thun ſie nur denen gutes, die mit ihnen im gleichen engen Zirkel ihrer Lehrmeinungen herumgehen, außer demſelben, beſtreiten ſie, verdammen ſie, laſſen Hun - gers ſterben, ſo ſehr ſie vermoͤgen.

Dieſer iſt aber doch ein recht guter Mann, verſetzte der Fiſcher. Der vorige Prediger, hat immer mit der Ehrw. Claſſis viel Streit gehabt, dieſer aber ver traͤgt ſich mit den Reformirten und mit den Menno - niſten, ſo wie mit ſeinen eignen Glaubensbruͤdern.

Er7[6]

Er iſt vertraͤglich? rief Sebaldus. Wohl! ſo laßt uns zu ihm gehen. Doch lieber Mann, ſagte er, ſeufzend, indem ſie fortgiengen, wißt ihr nicht einen gutherzigen Kraͤmer oder Bauern, zu dem wuͤrde ich beynahe mehr Zutrauen haben. Der Fiſcher wuſte ſonſt niemand, und ſie giengen nach Alkmar.

Als ſie in des Predigers Haus traten und ihn zu ſprechen verlangten, rief ihnen die Magd entgegen: Jhr werdet ihn ietzt nicht ſprechen koͤnnen, denn er iſt eben von dem Leichenbegaͤngniſſe ſeines einzigen Sohnes zuruͤckgekommen, und noch ganz in Traurig - keit verſunken. Doch als ſie die Fremdlinge an - meldete, wurden ſie vorgelaſſen.

Der Fiſcher ſagte ihm kurz: Er bringe ihm einen auf der See verungluͤckten lutheriſchen Prediger aus Deutſchland, der, weil er ſonſt keine Huͤlfe finden koͤnnen, habe nach Oſtindien gehen wollen.

Der Prediger fragte den Sebaldus lateiniſch: Was ihn bewogen habe, ſein Vaterland zu verlaſ - ſen?

Ungluͤck und Mangel antwortete Sebaldus, ſich nicht getrauend, gegen den Prediger eine naͤ - here Veranlaſſung anzugeben.

A 4 Aber8[7]

Aber Ungluͤck und Mangel, laͤßt ſich beſſer in der Naͤhe abhelfen, ohne daß man die Seinigen verlaſſe.

Ach! mir iſt niemand uͤbrig, der mich vermiſſen koͤnnte, niemand iſt (die Thraͤnen floſſen ihm von den abgehaͤrmten Wangen,) in dieſem ganzen Welt - theile, den ich den Meinigen nennen koͤnnte.

Du biſt alſo nicht verheurathet, Freund, haſt keine Kinder? Er ſah den Sebaldus ſtarr an und ſeufzete.

Ach meine Frau iſt laͤngſt unter Kummer und Ungluͤck erlegen. Kinder? Ach ja, leider! ich habe Kinder. Eine Tochter, die meiner ganz unwuͤrdig iſt, einen Sohn, der in der Welt herumirret, ſeinen Vater laͤngſt vergeſſen hat, oder vielleicht auch, ſetzte er verzweifelnd hinzu, nicht mehr herum - irret, denn ſeit zwey Jahren, habe ich keine Nach - richt von ihm.

Und du nenneſt dich ungluͤcklich, Freund! da du Kinder haſt? Siehe mich an! Er bedeckte ſein Angeſicht mit der Rechten, Mein einziger Sohn iſt tod! die Stuͤtze meines Alters iſt dahin! wollte Gott! er irrte noch in der Welt herum. Jch wollte ſein warten, Jahre lang ſein warten! Haͤtte er Fehler begangen? welches goͤttliche Vergnuͤ - gen,9[8] gen, ihn zu beſſern, ihm in meinen vaͤterlichen Ar - men zu vergeben! Du haſt Unrecht, Freund. Dein Sohn wird von ſeinen Wanderungen zuruͤckkehren, deine Tochter wird den Jrrweg verlaſſen, ins vaͤter - liche Haus, zur Tugend, zuruͤckkehren wollen, und das vaͤterliche Haus iſt leer! Jhr Vater iſt von ihnen geflohen! Ach, Freund! Sie ſind un - gluͤcklicher, als du!

Fuͤr mich iſt kein Haus mehr da! Er ſahe den Prediger mit ſtarrer Verzweiflung an. Nicht einmahl ein Obdach in dieſem ganzen Welttheile! Sein Haupt ſenkte ſich, und er legte ſeine gefalteten Haͤnde auf ſeine Knie.

Und wer hat es dir genommen? ſagte der Pre - diger mit einem Tone voll hollaͤndiſcher Kaͤlte, die Sebaldus fuͤr Gleichguͤltigkeit nahm.

Prieſter haben mich verfolgt verſetzte Sebaldus, auffahrend, weil ich Wahrheit bekannte. Er ſtand hitzig auf. Haben mich von Lande zu Lande gejagt, wollen mich nicht einen Biſſen Brod eſſen laſſen.

Und Freund! du biſt gewuͤrdigt worden, um der Wahrheit willen zu leiden, und nenneſt dich un - gluͤcklich? Weiſt du nicht, welcher Lohn deiner dort wartet? Wer waren die Feinde die dich verfolg -A 5 ten?10[9] ten? Vermuthlich herrſchſuͤchtige Praͤlaten, blut - gierige Moͤnche, die Gott einen Dienſt zu thun glauben, wenn ſie die Ketzer vom Erdboden vertil - gen. Unſere reformirten Bruͤder in Deutſch - land denken wohl zu gut, als daß ſie, wie hier zu Lande noch zuweilen geſchiehet, ihre proteſtantiſchen Bruͤder verfolgen ſollten.

Ja hat ſich wohl! Reformirten? Lutheraner wa - ren es, der Reformation Erſtgebohrne, die auch nur allein die reine Lehre zuvor geerbt zu haben glau - ben

Und nun, weil der gute Mann mit dem Anblicke der niederdruͤckenden Laſt ſeiner Ungluͤcksfaͤlle, ſeine gewoͤhnliche Sanftmuth, und mit der Hofnung eines beſſern Zuſtandes, auch ſeine Beſonnenheit verlohren hatte, kam ſeine ganze Geſchichte, und alle ſeine heterodoxen Meinungen an den Tag.

Der Prediger, voll Erſtaunen, ſaß einige Minu - ten ſtille, ſchlug die Haͤnde zuſammen und rief:

Wie? Keine Genugthuung, keine Erbſuͤnde, keine ewigen Strafen? Freund, du behaupteſt ver - derbliche Jrrthuͤmer, die mit dem einzigen Wege zur Seligkeit nicht beſtehen koͤnnen!

Sebaldus hob ungeduldig die Augen empor und redete den Fiſcher in gebrochenem Hollaͤndiſchen an:

Kennt[10]
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Kennt ihr keinen Handwerker oder Tagloͤhner, der noch nichts vom einzigen Wege zur Seligkeit gehoͤrt hat, der wird vielleicht noch einen Biſſen Brod mit mir theilen. Jch ſagt euchs gleich, daß wir hier nichts ausrichten wuͤrden.

Damit wandte er ſich zornig um. und wollte zur Thuͤr hinausgehen.

Der Prediger ſprang auf, drehte den Sebaldus mit beiden Haͤnden herum, hielt ihn feſt, ſchaute ihm gerade ins Geſicht und rief: Menſch warum verabſcheuſt du einen Menſchen, der den Weg zur Seligkeit fuͤr einzig haͤlt? Warum haſſeſt du ihn, ehe du ihn kenneſt?

Sebaldus, bey dem der ſchnelle Zorn allemahl der Uebergang zur Selbſterkonntniß war, antwor - tete mit ſehr gemaͤßigter Stimme:

Jch haſſe niemand, aber, Gott weiß es, dieſe Prieſter, welche ausſchließende Seligkeit an Lehr - formeln binden, haben mich gezwungen, ſie zu ver - abſcheuen, weil ſie jeden haſſen und verfolgen, der, ſo wie ich, glaubt, daß Leben und nicht Lehre, hier rechtſchaffen und dort ſelig mache.

Und, wenn du, erwiederte der Prediger, indem er die Haͤnde ſinken ließ, und ſeine Rechte auf Se - baldus Schulter legte, glaubſt, daß man bey je - der12[11] der Lehrmeinung rechtſchaffen ſeyn kann, warum willſt du, daß man es allein bey der orthodoxen lutheri - ſchen Lehre nicht ſeyn koͤnne, die von frommen Leuten in Form gebracht worden, die die Kirche ange - nommen und die Obrigkeit beſtaͤtigt hat?

Guter Alter! verſetzte Sebaldus, etwas ſtamm - lend, wenn du ſo viel Ungemach von herrſchenden Rechtglaͤubigen erlitten haͤtteſt, als ich, ſo wuͤrdeſt du die Frage nicht thun. Sie verdammen den, der anders denkt als ſie, in alle Ewigkeit, und hier auf Erden, haſſen ſie ihn als einen Verdammten, und vertreiben ihn, ſo weit ſie ihn erreichen koͤnnen.

Und das thun alle? Kennſt du ſie alle? Freylich, mein Freund! wer herrſchen will, wird verfolgen. Auch ich lebe unter einer herrſchenden Kirche, die verfolgt, ſo weit es die Obrigkeit zulaͤßet. Aber da - zu treibt nicht Lehre, ſondern Herrſchſucht und Rechthaberey. Du haſt Ungemach erlitten, von heftigen und herrſchſuͤchtigen Maͤnnern, die orthodox waren. Freund! Haſt du noch keinen Heterodoxen geſehen, der auch herrſchſuͤchtig war? Denn haͤt - teſt du weniger Erfahrung als ich. Jch habe ſchon oft mit dem erſten Keime der Heterodoxie, auch Eigenduͤnkel und Rechthaberey aufſprießen ſehen.

Sebal -13[12]

Sebaldus, beſchaͤmt, vermeinte: die boͤſe Lehre von der ewigen Verdammniß, mache doch die Ge - muͤther ſo ſehr geneigt, denjenigen, den man ſchon als einen kuͤnftig ewig Verdammten anſiehet, auch ſchon hier zu verabſcheuen,

Mein Freund! rief der Prediger: die dordrechti - ſchen Rechtglaͤubigen dieſes Landes, haben nebſt der Ewigkeit der Hoͤllenſtrafen noch die unbedingte Praͤdeſtination. Und dennoch, iſt in Alkmar ſo mancher brave Kalviniſt, der mich nicht fuͤr praͤde - ſtinirt haͤlt, und mich doch herzlich liebet. Jch bin lange in Amſterdam geweſen, wo hundert Sekten ſich ihrem Lehrſyſteme nach verdammen, und fried - lich neben einander leben.

Jch bin, fiel ihm Sebaldus haſtig ins Wort, in Berlin geweſen, wo auch Religionsverwandten aller Art friedlich miteinander umgehen, und ich habe dort nicht einmahl vom Verdammen etwas gehoͤrt, ausgenommen etwann einmahl

Ey, rief der Prediger, wenn du es auch nur ein - mahl gehoͤrt haſt, ſo wird es doch wohl, auch dort, mehrmahl geſchehen. Hoͤre meine Meinung: Nach meinem Lehrſyſteme, daß ich Jahre lang durchge - dacht habe, biſt du ich kann es nicht bergen in Jrrthuͤmern, die deiner kuͤnftigen Seligkeit hin - derlich14[13] derlich ſind, wenn Gottes Gnade nicht viel weiter gehet, als die Einſichten die ich aus ſeinem Worte ſchoͤpfen kann. Dieß getraue ich mir aber, nicht zu beſtimmen. Sey alſo Gotte und deinem Gewiſſen uͤberlaſſen. Und nun? Warum ſollte ich dich nicht lieben, wenn du ſonſt Liebe verdienſt? Jch ſagte vorher, wenn mein Sohn, deſſen Tod ich beweine, bloß verirrt waͤre, und endlich wieder zu mir kaͤme, wuͤrde ich ihm vergeben, und ihn zu beſſern ſuchen. So denke ich auch gegen jeden verirrten Glaubens - bruder, ſo gewiß denke ich ſo, als ich wuͤnſche, daß jeder Glaubensbruder, wenn ich mich verirre, ge - gen mich ſo denke. Auch dich, Freund! ſehe ich als meinen Bruder an! Nicht dieſer ganze Welttheil hat dich verſtoſſen, hier iſt noch ein Ort, und er iſt hoffentlich nicht der einzige, wo Einfalt der Sitten, Eintracht und Gaſtfreundſchaft herrſchen. Bleib bey mir, mein Bruder! Mein Haus iſt das dei - nige, und meinen Biſſen theile ich mit dir, ſo lange ich ſelbſt noch einen Biſſen habe.

Hiemit ſchloß er ihn in ſeine Arme, und Sebaldus, ſeiner Uebereilung halber beſchaͤmt, vor freudigem Er - ſtaunen ſtumm, konnte nur durch Thraͤnen antworten.

Der Prediger hielt redlich, was er verſprochen hatte. Er nahm den Sebaldus in ſein Haus auf, er ver -ſahe15[14]ſahe ihn mit den nothwendigſten Erforderniſſen. Sie hatten den freundſchaftlichſten Umgang. Freylich konnte es nicht fehlen, daß nicht beide, ſehr bald, uͤber Erbſuͤnde, Wiedergeburt und Genugthuung zu diſputiren anfiengen, aber dieſes machte in den menſchenfreundlichen Geſinnungen des Predigers keine Aenderung, ſelbſt alsdenn noch nicht, da Se - baldus zuweilen Argumente vorbrachte, bey denen der gute Prediger einige Minuten ſtill ſchweigen, und ſich erſt auf Gegenargumente beſinnen mußte.

Auf dieſe Art giengen einige Wochen vorbey, bis ein Kaufmann aus Rotterdam, der eine Parthey Guͤter auf dem geſtrandeten Schiffe gehabt hatte, deshalb nach Egmont reiſete, und ſich bey dieſer Ge - legenheit einige Tage in Alkmar aufhielt, wo er den lutheriſchen Prediger, ſeinen alten Bekannten, be - ſuchte. Er ſahe daſelbſt den Sebaldus, und nach einiger naͤhern Erkundigung, trug er demſelben die Erziehung ſeines zweyten Sohnes unter vortheil - haften Bedingungen an. Sebaldus beurlaubte ſich alſo bey ſeinem Wohlthaͤter, und reiſete mit dem Kaufmanne nach Rotterdam.

Dritter Theil. BZwey -16[15]

Zweyter Abſchnitt.

Der Kaufmann hatte bereits in ſeinem Hauſe einen Hofmeiſter, der zu Erziehung ſeiner bei - den Soͤhne gar wohl haͤtte hinlaͤnglich ſeyn koͤnnen. Allein er hatte eine lutheriſche Frau, und in den Ehe - pakten war verſehen, daß das erſte Kind reformirt und das zweyte lutheriſch erzogen werden ſollte. Seine Frau, eine gutmuͤthige Matrone, mit der er in allen Dingen, auch ſelbſt in Abſicht der zwiſchen ihnen verſchiedenen Konfeſſion, in groͤßter Eintracht lebte, wuͤrde mit dem Einen Hofmeiſter fuͤr ihre beiden Soͤhne, ob er gleich reformirt war, ſehr wohl zufrieden geweſen ſeyn; wenn nicht Domine Ter - Breidelen, ihr lutheriſcher Gewiſſensrath, ihr die Nichterfuͤllung dieſes Theils der Ehepakten, ſo oft zu einer Gewiſſensſache gemacht, und uͤber dieſe Be - eintraͤchtigung der reinen Lehre, bey ihren Mitluthe - riſchen Vettern und Muhmen, ſo oft bittere Klagen gefuͤhrt haͤtte; daß Frau Elſabe endlich anfangen mußte, ihrem Manne uͤber dieſe Sache in den Oh - ren zu liegen. Dieſer wuͤrde auch zu Beveſtigung des Hausfriedens, ſo wie des Kirchenfriedens, ſchon laͤngſt ihrem Verlangen ein Genuͤge gethan haben. Bloßder17[16]der Mangel eines dazu faͤhigen lutheriſchen Kandi - daten, war bisher daran hinderlich geweſen.

Es ward alſo der zweyte Sohn des Kaufmanns dem Sebaldus uͤbergeben, zu nicht geringem Mis - vergnuͤgen des reformirten Hofmeiſters, Meeſter Puiſtma, der den Knaben ſchon als ſein Eigenthum betrachtet hatte, und es als ein Mistrauen gegen einen ſo gelehrten Mann, auslegte, daß man einen Knaben, deſſen Erziehung er ſchon angefangen hatte, einem andern anvertrauen wollte. Wahr iſt es, daß er zu Erziehung der Jugend, ganz beſondere Talente hatte. Er war nicht umſonſt fuͤnf Jahre in Groͤningen und in Utrecht geweſen, ſondern hatte daſelbſt alle Worte der beruͤhmteſten Hochlehrer nachgeſchrieben und den reichſten Schatz hollaͤndiſcher Schulgelehrſamkeit und hollaͤndiſcher Rechtglaͤubigkeit geſammlet. Er - hatte alle Spitzfindigkeiten der Voetiſchen und Coc - cejaniſchen Theologie durchkrochen. Er wuſte ſo genau, in wie mancherley Sinne alle moͤgliche Theo - loganten in den ſieben vereinigten Provinzen, die Haushaltungen des goͤttlichen Gnadenbundes geordnet und verſtanden hatten, daß er noch eine neue Haushaltung haͤtte erdenken koͤnnen. Er konnte auf ein Haar beſtimmen, ob Chriſtus im al - ten Teſtamente nur ein Buͤrge und fidejuſſor fuͤr dasB 2menſch -18[17]menſchliche Geſchlecht geweſen, oder noch etwas an - ders. Dabey hatte Meeſter Puiſtma einen beſon - dern Fleiß auf die geſegnete Lehre von der Praͤdeſti - nation gewendet, und konnte, trotz einem von Mil - tons philoſophiſchen Teufeln, uͤber Vorherbeſtim - mung und freyen Willen diſputiren*)Others apart ſat on a hill retir’d In thoughts more elevate and reaſon’d high Of Providence, foreknowledge, will, and fate. Fix’d fate, free will, foreknowledge abſolute, And found no end, in wandring maxes loſt. Milton’s Paradiſe loſt. B. II. v. 557. Ja was noch mehr, da nach Miltons Berichte, ſelbſt die Teufel, ſich aus dem Diſpute uͤber dieſe Materien nicht herausfinden koͤnnen, ſo ſchien dieſer hollaͤndi - ſche Theologant, eine hoͤhere Scharfſinnigkeit zu be - ſitzen, denn er wuſte ſo genau zuſammengekettete Schlußfolgen, um den partikularſten Partikularis - mus zu behaupten, daß er ſich ſelbſt der Verdamm - niß wuͤrde uͤbergeben haben, wenn ihm haͤtte bewie - ſen werden koͤnnen, daß er nicht praͤdeſtinirt waͤre.

Dieſe theologantiſche Weisheit, hatte Puiſtma denn auch unverzuͤglich bey ſeinen beiden Zoͤglingen an den Mann gebracht, und ſie bereits ziemlich tief in die Haushaltungen hineingefuͤhrt. Zugleich, da er ſich erinnerte, daß dieſe Knaben einſt Buͤrger eines Freyſtaates werden ſollten, war er bemuͤht,ihnen19[18]ihnen die nuͤtzlichſten Stuͤcke der vaterlaͤndiſchen Ge - ſchichte zu erklaͤren. Dahin gehoͤrte beſonders die Geſchichte des Synods zu Dordrecht, mit ſeinen po - litiſchen und theologiſchen Veranlaßungen, und wie wohl man gethan, die Remenſtranton lieber nicht zu hoͤren, damit man ſie deſto gemaͤchlicher verdam - men konnte, deßgleichen die Vorfaͤlle mit der ſoge - nannten Loeveſteinſchen Parthie, nebſt der loͤbli - chen Hinrichtung des unruhigen Oldenbarne - veld u. ſ. w. Da er aber einſt wahrnahm, daß die Knaben, als er pathetiſcher Weiſe beklagte, daß das Schloß Loeveſtein nicht jetzt noch zum Gefaͤngniſſe fuͤr die widerſpenſtigen Unrechtſinnigen gebraucht wuͤrde, indeſſen unter dem Tiſche mit Keulchen und papiernen Voͤgeln ſpielten; ſo ward er dadurch nicht wenig entruͤſtet, und erklaͤrte ſich, nach dem Bey - ſpiele erfahrner Paͤdagogen, welche unartigen Kna - ben die Leckerbiſſen verſagen, ihnen das koͤſtliche Feſt dieſer Erzaͤhlungen ſo lange zu entziehen, bis ſie hungriger darnach wuͤrden.

Daher beſtand zu der Zeit, als Sebaldus ins Haus kam, der Unterricht der beiden Knaben, bloß darinn, daß ſie taͤglich aus dem Heidelbergiſchen Ka - techiſmus, ein Penſum der Abtheilung von des Menſchen Elende, auswendig lernen und herſagen,B 3dabey20[19]dabey taͤglich ein Kapitel aus Beza lateiniſcher Ue - berſetzung des Neuen Teſtaments exponiren mußten, und von einem beſondern Lehrmeiſter in den fuͤnf Specien der Rechenkunſt unterrichtet wurden, weil, wie leicht zu erachten, ein ſo gelehrter Mann, wie Meeſter Puiſtma, ſich mit ſo gemeinen Dingen nicht abgeben konnte.

Sebaldus aber brauchte bey ſeinem Zoͤglinge, eine etwas veraͤnderte Lehrart. Er lehrte ihn nebſt dem Ka - techiſmus, der lateiniſchen Sprache und dem Schoͤn - ſchreiben, noch die Geſchichte, Erdbeſchreibung und die hochdeutſche Sprache. Dieſe Lehrart gefiel den Eltern, obgleich der gelehrte Puiſtma uͤber dieſe unnuͤtze Dinge ſeine Verachtung bezeugte. Als aber Sebaldus ſich freywillig erbot, beide Knaben das Rechnen und die Muſik zu lehren, fieng Meeſter Puiſtma daruͤber Feuer, lief zu dem reformirten Domene Dwanghuyſen, und klagte, daß man den aͤlteſten Knaben lutheriſch zu machen ſuchte, weil ihm der lutheriſche Jnformator Stunden geben ſollte. Domine Dwanghuyſen war mit dieſer Neuerung freylich nicht recht zufrieden, weil aber der Kauf - mann gedeputeerde Ouderling, oder Kirchenvorſteher war, ſo wollte er ihn in etwas ſchonen, und ſprach noch vorjetzt den eifrigen Puiſtma zufrieden.

Noch21[20]

Noch ſchlimmer aber ward es, als Sebaldus anfieng, ſeinen Zoͤgling im Griechiſchen zu unterwei - ſen, und der Kaufmann, ſeinem aͤlteſten Sohne, aus dem er einen gelehrten Mann machen wollte, befahl, daß er dieſen Lehrſtunden beywohnen ſollte. Sebaldus ließ darinn Xenophons Denkwuͤrdig - keiten des Sokrates leſen und uͤberſetzen, und er - klaͤrte auch zuweilen einige Stellen aus Antonins Betrachtungen. Er nahm hierbey Gelegenheit, den Knaben, gute moraliſche Grundſaͤtze einzupraͤ - gen, und dieſe Grundſaͤtze, ihnen ſelbſt durch Erklaͤ - rung dieſer vortreflichen Buͤcher anſchauend zu ma - chen. Hieruͤber ſetzte Puiſtma den Sebaldus in Gegenwart beider Eltern, aufs heftigſte zur Rede Er ſagte ſonder Scheu, wenn Sebaldus ein rechter Chriſt waͤre, ſo wuͤrde er den Kindern nichts als die gewyde Bladeren*)(Geweihte Blätter) d. h. die Bibe|. und andere chriſtliche Buͤcher vor - legen, ihnen aber nicht ſolche ungeweihte blinde Hei - den, wie Sokrates und Antonin, zu Beyſpielen vorſtellen, deren Tugend ſchon der heilige Auguſtin als blendende Laſter verdammt habe. Sebaldus vertheidigte ſich, aber was konnte vernuͤnftige Ver - theidigung bey einem Manne, wie Puiſtma, hel - ſen. Der ſchrie, ohne Gruͤnde anzuhoͤren, und liefB 4voller22[21]voller Wuth, abermahls zu Domine Dwanghuy - ſen, ihm dieſe neue Ketzerey zu berichten.

Menſchliche Tugenden, beſonders die Tugenden der Heiden, waren zu der Zeit in Rotterdam eben nicht im beſten Rufe. Zwar hatte damahls Domine Hof - ſtede, noch nicht, die Laſter der beruͤhmten Hei - den angezeigt, zum Beweiſe, wie unbedacht - ſam man dieſelben ſelig geprieſen*)Dieſes Buch iſt ins deutſche uͤberſetzt. Leipzig 1769. 8. Es iſt aber auch leicht zu erachten, daß die unſinnige Behaup - tung: die groͤßten Maͤnner des Alterthums waͤ - ren, ohne Ausnahme, laſterhaft geweſen, nicht auf einmahl in eines Menſchen Gehirn kommen kann, ohne daß vorbereitende Thorheiten anderer Leute vor - hergegangen waͤren. Wirklich war ſchon ſeit gerau - mer Zeit in Friesland und durch das ganze Suͤd - holland, die Meinung gaͤnge und gaͤbe geweſen, das menſchliche Geſchlecht ſey von Natur elend, dumm und zum Guten unfaͤhig. Wenn irgend je - mand auf einige Art das Gegentheil behaupten, be - ſonders wenn er ſich etwann auf die Tugenden der Heiden berufen wollte, war es ſehr gewoͤhnlich, von Arminianiſcher Anſteckung, Pelagianiſchem Sauer - teige, und Socmianiſchem Gifte zu reden, auch wohlzu23[22]zu ſchreiben. Domine Dwanghuyſen war nicht der geringſte unter den rechtſinnigen Verdammern der Heiden; alſo iſt leicht zu begreifen, daß Meeſter Puiſtma’s Klage, ihn in nicht geringe Bewegung moͤge geſetzt haben.

Er gieng auch unverzuͤglich zum Kaufmanne, und fuhr den Sebaldus, in deſſen Gegenwart, heftig daruͤber an, daß er der Jugend heidniſche Schriften in die Haͤn - de gebe, um ihr darinn Beyſpiele der heiduiſchen ſuͤndli - chen Tugend, zur Nachahmung vorzuſtellen. Er deci - dirte, daß weder Xenophon noch Sokrates, noch Antonin praͤdeſtinirt geweſen, daß ſie wegen ihrer ver - meintlichen ſcheinbaren Tugenden kein Gegenſtand der goͤttlichen Barmherzigkeit haͤtten ſeyn koͤnnen, und alſo in dem hoͤlliſchen Schwefelpfuhle ewig bra - ten muͤſten. Sebaldus unternahm unbedachtſamer weiſe, die großen Maͤnner, wider dieſes hatte Ver - dammungsurtheil zu vertheidigen, machte aber da - durch das Uebel viel aͤrger, denn Dwanghuyſen ward ſehr heftig ergrimmt, daß Sebaldus gegen ihn, als gegen einen Seelenhirten, ohne Scheu ſol - che ſeelenverderbliche Meinungen behaupten wolle, und ſchrie, indem er aus dem Zimmer ſchritt, dem Kaufmanne zu, daß er einen ſolchen heidniſchen Un - chriſten nicht ferner einen Augenblick unter ſeinemB 5Dache24[23]Dache dulden ſollte, weil er ſonſt fuͤr nichts ſtehen wollte, wenn der ſeinen Hirten liebende Poͤbel, ſo - bald er ein ſolches Anathema Maran Atha*)1 Cor. XVI. 22. verſpuͤre, Unheil anſangen ſollte.

Der Kaufmann, der den Frieden liebte, und wohl wuſte, mit welcher Heftigkeit Domine Dwanghuy - ſen, das durchzuſetzen pflegte, was er einmahl be - gehrt hatte, waͤre ſehr geneigt geweſen, von Se - baldus zu ſcheiden. Aber ſeine Frau nahm ihren lutheriſchen Sebaldus in Schutz, und wollte ihn eher nicht wegſchaffen, bis ihr lutheriſcher Gewiſ - ſensrath auch ſein Gutachten daruͤber gegeben haͤtte.

Dritter Abſchnitt.

Domine Ter Breidelen, ward alſo erſucht, den folgenden Tag in dem Hauſe des Kaufmanns zu erſcheinen, und der eifrige Dwanghuyſen, wel - cher dieß ſogleich von Meeſter Puiſtma erfuhr, fand ſich, ungebeten, dazu ein.

Die Sitzung ward damit eroͤfnet, daß ſich Ter Breidelen den ganzen Caſum vortragen ließ, welches Meeſter Puiſtma, mit vieler Redſeligkeit verrich - tete. Darauf ſagte der Domine viel triftige Dinge,von25[24]von der Unnuͤtzlichkeit der heidniſchen Weisheit, und ſprach zugleich das Urtheil der ewigen Verdamm - niß uͤber Sokrates und Antonin aus. Sebaldus wolte ihre Tugend und folglich ihre Seligkeit ver - theidigen, aber dadurch machte er die Sache noch aͤrger, und ward ſelbſt verdammt. Domine Dwang - huyſen neigte ſich darauf freundlichſt gegen Domine Ter Breidelen, und zeigte in einer wohlgeſetzten Rede, daß, ſo herzlich er ſonſt ſeine lutheriſchen Bruͤder liebe, ſo koͤnne er doch eine ſo gefaͤhrliche Lehre, wie Sebaldus hege, auf keine Weiſe ent - ſchuldigen. Ter Breidelen rief: Sebaldus ſey kein Lutheraner, ſondern ein Synergiſt und Pe - lagianer, der die aͤchte lutheriſche Lehre, von der gaͤnzlichen Verderbniß der menſchlichen Natur ver - ſchmaͤhe. Dwanghuyſen erwiederte; faſt ſollte man denſelben, der Holland ſo ſchaͤdlichen Sekte der Ar - minianer beygethan halten, weil er zu behaupten ſchiene, die bekehrende Gnade, ſey lenis ſuaſio oder eine ſanfte Ueberredung, welche Lehre in den Ka - nonen des Dordrechtſchen Synods, Kap. IV, 7. verdammet worden. Ter Breidelen ruͤmpfte ein wenig die Naſe, bey Erwaͤhnung des Dordrecht - ſchen Synods. Sebaldus erſchrocken, daß er bey Behauptung der unſchuldigſten Wahrheiten ver -dammt26[25]dammt ward, und durch vorhergehende Verfolgung furchtſam gemacht, wolte ſich entſchuldigen, und ſich dem angenommenen Lehrbegriffe gemaͤßer ausdruͤcken. Dieß verurſachte einen weitlaͤuftigen polemiſchen Wortwechſel, in welchem beide Domine ſehr hart aneinander kamen. Denn ob ſie gleich ſehr einig waren, den Sebaldus zu verdammen, ſo wurden ſie doch, durch ſeine Vertheidigung, uͤber die Urſach der Vordammung wieder uneinig. Ter Breidelen be - ſorgte naͤmlich, die Meinung des Sebaldus fuͤhre zu der ſchaͤdlichen Lehre von der Praͤdeſtination, Dwanghuyſen hingegen vermeinte, ſie fuͤhre zu weit von dieſer heilſamen Lehre ab. Dieß brachte ſie in einen langen Diſput uͤber den Vorzug der Aug - ſpurgiſchen Confeßion und des Dordrechtiſchen Synods, wobey ſie von Sebaldus Meinungen ganz weg geriethen, und nur endlich, da ſie die Mit - tagsglocke ans Weggehen erinnerte, uͤbereinkamen, daß Sebaldus nach keinem von beiden lehre. Er ward alſo abermahls unwiderruflich verdammt. Dwanghuy - ſen ermahnte, als ſie zur Thuͤr hinausgiengen, ſeinen Kirchenvorſteher, und Ter Breidelen ſein Kirch - kind, einen ſo heilloſen Menſchen, der mit keinem einzigen Symbolum uͤbereinſtimmte, ſogleich von ſich zu laſſen, und Dwanghuyſen beſonders, erwaͤhntenoch -27[26]nochmals beylaͤufig, des hirtenliebenden Jan Ha - gels.

Gutmuͤthige Layen, welche aufmerkſam zuhoͤren, wenn geiſtliche Herren, uͤber die Orthodorie und He - terodoxie eines andern ſtreiten, befinden ſich ohnge - faͤhr in der Lage, als wenn gewoͤhnliche Menſchen, bey der Konſultation gelehrter Aerzte, uͤber den un - gewiſſen Zuſtand eines Kranken, zugegen ſind. Sie trauen dem Patienten, nicht allein, bald alle die frem - den Krankheiten zu, deren griechiſche Namen ihm von beiden Seiten zugeworfen werden, ſondern, es faͤngt ſie wohl ſelbſt an, ein Schwindel, Kopfweh oder Gliederreiſſen anzuwandeln; wenn man die ganze Pathologie ſo vor ihnen die Muſterung paſ - ſiren laͤßt.

So gieng es dem Kaufmanne und ſeiner Frau, die den ganzen Streit voll Betaͤubung angehoͤrt hat - ten. Sie ſahen bald den Sebaldus ganz furchtſam daruͤber an, daß er, wider alles Vermuthen, ſich ſo graͤßliche Lehren behaupte, bald wollten ſie ihn, mit dem vielen Guten, das ſie ſonſt an ihm be - merkt hatten, entſchuldigen, bald fiengen ſie an, fuͤr ſich ſelbſt zu fuͤrchten, ob ſie wohl in ihrem Chriſtenthume ſo lau geworden, um die Jrrlehren nicht zu fuͤhlen, bald gereute es ſie, daß die wohlan -gefangene28[27]gefangene Erziehung ihrer Kinder, wieder liegen blei - ben ſollte.

So herrſchte beym Mittagsmahle ein todtes Still - ſchweigen, und einer ſahe den andern aͤngſtlich an, bis Meeſter Puiſtma, der, nach ſo wohlvoll - drachten Verrichtung, ſich Eſſen und Trinken ſehr gut hatte ſchmecken laſſen, noch zeitiger als ſonſt, zu ſeinem gewoͤhnlichen Mittagsſchlaͤſchen, vom Tiſche wegſchlich.

Als er weg war, ſagte Frau Elſabe, zum Se - baldus, mit niedergeſchlagnen Augen: Aber lieber Meiſter, warum habt ihr auch meinen Kindern heid - niſche Buͤcher vorgelegt?

Weil eure Kinder Griechiſch lernen ſollten und dieſe Buͤcher gut Griechiſch geſchrieben ſind.

Aber warum habt ihr ihnen ſo boͤſe gottloſe Leute zur Nachahmung vorgeſtellt?

Urtheilt ſelbſt, verſetzte Sebaldus, ob ſie boͤſe und gottlos geweſen? Hier erzaͤhlte er ausfuͤhrlich die Geſchichte des Sokrates, und ſchilderte den Cha - rakter des Antonin. Er fragte, ob es nicht vielmehr gottlos ſey, einen Fuͤrſten zu verdammen, der nach ſeiner eignen Nachricht, von ſeinem Großvater ge - lernet: Leutſelig zu ſeyn und ſich nicht zu erzuͤrnen; von ſeinem Vater: Beſcheiden und maͤnnlich zuwer -29[28]werden; von ſeiner Mutter: Gottesfurcht und Freigebigkeit, und nicht nur nichts Boͤſes zu thun, ſondern es auch nicht einmahl zu den - ken*)S. Antonins Betrachtungen uͤber ſich ſelbſt. 1ſtes Buch im Anfange. u. ſ. w.

Der Kaufmann und ſeine Frau hoͤrten aufmerk - ſam zu. Frau Elſabe geſtand, wenn dieſer Heide ſo geſinnet geweſen, koͤnne es wohl nicht verdamm - lich ſeyn, ihn zum Beyſpiele darzuſtellen. Ja ſie moͤchte ſich ſelbſt nicht unterſtehen, einen ſo guten Heiden zu verdammen.

Hiemit ſtimmte der Kaufmann uͤberein. Aber dieß iſt nicht das ſchlimmſte, ſagte er zum Sebal - dus; denn die Domine wiſſen ohnedem mit dem Verdammen geſchwinder umzuſpringen als unſer einer. Das ſchlimmſte iſt, daß ich Euch wider Wil - len der Domine nicht im Hauſe behalten kann, weil ſie allen Leuten ſagen werden, daß ihr keine rechte gewiſſe Religion habt.

Eine rechte gewiſſe Religion? Mein Herr! die habe ich, Gott Lob! denn ich weiß, an wen ich glaube. Aber daß mein Glauben, mit dem, was verſchiedene andere Leute glauben, oder andern Leuten, als Formulare zu glauben vorſchreiben, zu - weilen30[29] weilen nicht uͤbereinſtimmt, iſt nicht meine Schuld. Der Glauben iſt eine Gewiſſensſache, welche nicht kann geboten werden. Jch laße gern einen jeden glauben, wovon er uͤberzeugt zu ſeyn meinet, wa - rum wollt ihr mir dieſes nicht auch frey laſſen?

Jch wohl, verſetzte der Kaufmann, aber die Do - mine ſchwerlich. Die laſſen ſich nicht gern wider - ſprechen. Wenn Jhr einmahl nicht vor rechtſin - nig gehalten werdet, werden ſie beſtaͤndig gegen Euch was einzuwenden haben, und wenn ich Euch in meinem Hauſe behalte, auch gegen mich.

Und wenn ihr nicht recht lutheriſch ſeyd, rief Frau Elſabe, wird’s immer heiſſen, unſern Ehe - pakten ſey kein Genuͤge geſchehen, nach denen mein zweyter Sohn recht lutheriſch erzogen werden muß.

Lutheriſch! rief Sebaldus aus. Sind es denn etwann lutheriſche Glaubensartikel, woruͤber geſtrit - ten worden, oder waͤre nur der geringſte Streit ge - weſen wenn euer Meeſter Puiſtma nicht einen ſo unvernuͤnftigen Laͤrmen gemacht haͤtte. Jch ſon - dere mich ja von der lutheriſchen Kirche noch nicht ab. Und wenn ich es auch thaͤte. Sind denn die Menſchen jeder Konfeſſion, durchaus auch in eine eben ſo eingeſchraͤnkte buͤrgerliche Geſellſchaft einge - ſchloſſen. Muß der, der ſich von dieſer oder jenerLehr -31[30] Lehrmeinung nicht uͤberzeugen kann, deshalb auch aller buͤrgerlichen Gemeinſchaft entſagen? Darf man, ohne den genaueſten Glauben an theologiſche Formulare, nicht die alten Sprachen oder die Geo - graphie lehren? Macht ein Verdacht des Pelagia - niſmus, auch eine aſtronomiſche Rechnung unrich - tig, oder eine Leibrentenberechnung unſicher? Wie weit wird endlich die Einſchraͤnkung durch Bekennt - nißbuͤcher gehen? Fragt man nicht faſt ſchon, wenn man einen Baͤlgetraͤter, Pedell oder Einheizer braucht, ob er auch rechtſinnig ſey. Endlich wird man nicht Luft ſchoͤpfen, oder einen Tritt ins Land thun duͤrfen, wenn man nicht erſt die ſymboliſchen Buͤcher unterſchreibt!

Nein! verſetzte der Kaufmann, da geht ihr zu weit, mein lieber Meiſter! Unſere hochmoͤgen - den und edelmoͤgenden Herren, dulden in den ſie - ben vereinigten Provinzen jedermann, weß Glau - bens er auch ſey. Nur freilich uuſere ehrwuͤrdi - gen Herren, examiniren diejenigen genauer, die ſich in den Haͤuſern der Rechtſinnigen aufhalten. Wenn Jhr nicht in meinem Hauſe waͤret, koͤnntet Jhr glauben, was Jhr wolltet Aber, ich geſtehe es Euch, da Euch die Domine anklagen, kann ichDritter Theil. C euch32[31] euch nicht bey mir behalten, und mit dem hirtenlieben - den Jaͤn Hagel mag ich auch nichts zu thun haben.

Wahr iſts, ſagte Frau Elſabe, mit einem Seuf - zer, Domine Ter Breidelen, wuͤrde es mir bey allen Hausbeſuchen vorhalten.

Ja! fuhr der Kaufmann fort, und Domine Dwanghuyſen, wuͤrde es mir in den kerkelyken Samenkomſten, beſtaͤndig zu hoͤren geben, daß ich einen Arminianer herbergte.

Großer Gott! rief Sebaldus, die Haͤnde gen Himmel hebend. Guͤtigſtes Weſen, voll allge - meiner Liebe, voll allmaͤchtiges Wohlthuns! Wie iſts moͤglich, daß die, die ſich deine Diener nennen, ſelbſt beinahe die Sonne, die du uͤber Gerechte und Ungerechte ſcheinen laͤſſeſt, denen entziehen wollen, die dir auch dienen, nur nicht nach ihrer Vorſchrift, ſondern nach eigenem Gewiſſen! wie iſts moͤglich, daß ſie ſie aus der Welt ſtoßen moͤchten, wenns an - gienge! Er legte ſeine Stirn in ſeine linke Hand.

Frau Elſabe ſagte, indem ſie die Augen trockne - te: Nicht aus der Welt, lieber Meiſter! Es wird ſich fuͤr euch ein anderer Aufenthalt finden.

Und ich will, ſetzte der Kaufmann hinzu Euch dazu alle moͤgliche Anleitung geben. Wollt ihr nach33[32] nach Alkmaar zuruͤck, oder ſonſt nach einer andern Stadt?

Sebaldus, ohne ihn zu hoͤren, fuhr in ſeinem Selbſtgeſpraͤche fort: Was ſollte Deine vernuͤnfti - gen Geſchoͤpfe, zu Vertraͤglichkeit und Liebe mehr vereinigen, als dein Dienſt, und was trennt ſie mehr, zu bitterm Zanke und Feindſchaft!

Der Kaufmann nahm ihn bey der Hand, und ſagte: Beruhigt Euch. Hoͤrt mich. Wollt Jhr zuruͤck nach Alkmaar zu dem guten Pfarrer, oder wollt Jhr wieder nach Deutſchland, oder denkt Jhr nach Oſtindien zu fahren. Es ſey wo es ſey. Jch will Euch Rath, Empfehlung, Unterſtuͤtzung geben.

Sebaldus ſahe ihn an, ſchlug die Augen wieder nieder, und ſagte ſtaunend: Nach Alkmaar? Ja das war ein guter lieber Mann, ſo gut wie Jhr, mein Herr! Aber wer ſteht mir dafuͤr, daß ein anderer Eiferer, nicht Jhn, ſo wie Euch noͤthiget, mir einen Platz unter ſeinem Dache zu verſagen. Nach Deutſchland? Soll ich da ſchmerz - liche Erinnerung, an das was mir lieb war, holen, und vielleicht noch eine neue Art von Verfolgern kennen lernen? Nein! lieber nach Oſtindien, ſo weit und ſo gefaͤhrlich der Weg auch iſt. Vielleicht iſt man dort noch vertragſam Wo das Schulge -C 2 zaͤnk34[33] zaͤnk noch nicht Menſchen gegeneinander aufgehetzt hat, wird wohl die Liebe nicht an Konfeſſionen ge - bunden ſeyn. Vielleicht faͤnde ſich da eine Geſell - ſchafft, die, ſtreitige Lehrmeinungen bey Seite ſe - tzend, nur gemeinſam erkannte Wahrheiten nu - tzen wollte, die, ohne nach Lehrformeln zu fra - gen, ſich verſammelte, um ſich gemeinſchaftlich zum Lobe Gottes zu ermuntern, ſich gemein - ſchaftlich an gemeinnuͤtzige Pflichten zu erinnern. Welches Gluͤck fuͤr mich, ſolche Geſellſchafft zu fin - den! Welches Vergnuͤgen, ſie zu errichten! Oder iſts nur ein ſchoͤner Traum? Mags doch! Dort iſt wenigſtens moͤglich, was in Europa durch Konfeſ - ſionen und Synoden unmoͤglich gemacht wird.

Unmoͤglich? doch wohl nicht ganz; verſetzte der Kaufmann. Wenn Jhr, lieber Freund, ſonſt kei - ue Urſachen habt nach Oſtindien zu gehen, als eine ſolche Geſellſchafft zu ſuchen, ſo koͤnnt Jhr ſie viel naͤher, bey uns, finden.

Wie? wo? fiel ihm Sebaldus haſtig ins Wort.

Jn den vereinigten Provinzen, und ſelbſt auch hier in Rotterdam. Sie heiſſen Kollegianten, oder Reinsburger, von einem Dorfe bey Leiden, wo ſie jaͤhrlich zweymahl zuſammen kommen, um das Abend - mahl zu halten. Man findet ſie beſonders in Am - ſterdam35[34] ſterdam, wo ſie auch ein Wayſenhaus haben. Jch habe daſelbſt ihren gottesdienſtlichen Verſammlun - gen, auf der Kaiſersgracht, im Oranienapfel, oft mit inniger Erbauung beygewohnt.

Der Kaufmann erzehlte nun dem Sebaldus auf Verlangen, kuͤrzlich, die Geſchichte und die Verfaſ - ſung dieſer bisher, in ihrer Art, einzigen Geſell - ſchafft.

Sie entſtand um 1619*)Wer von dieſer vortreflichen Geſellſchafft umſtändlichere Nachricht verlangt, kann ſie finden, in S. F. Rues Nach - richten von dem gegenwaͤrtigen Zuſtande der Menneniten oder Taufgeſinnten, wie auch der Kollegianten oder Reinsburger. Jena 1743. 8. S. 241. u. ſ., als politiſcher Ur - ſachen willen, denen die Religion zum Vorwande dienen mußte, die Remonſtranten ſo ſehr verfolgt wurden, daß man ihnen auch nicht, Gottesdienſt zu halten, verſtatten wolte. Damals verſammelten, um der unbilligen Haͤrte der damaligen Geſetze zu entgehen, vier Bruͤder, Maͤnner von unſtraͤflichem Wandel, Kollegien oder Zuſammenkuͤnfte, wo - von die Geſellſchaft den Namen behalten hat. Jn der Folge geſelleten ſich zu ihnen, nicht wenig von den friedſamen Taufgeſinnten, doch nicht ſie allein; denn die Kollegianten, laßen zu ihren bruͤderlichen Verſammlungen alle Chriſten, ohne auf beſondereC 3Lehr -36[35]Lehrmeinungen oder Konfeſſionen, zu ſehen; weil ſie ſagen: daß man in die Stadt Gottes durch ver - ſchiedene Thore eingehen koͤnne*)S. Rues. S. 277.. Jeden un - beſcholtenen Mann, und der keine Meinungen vor - traͤgt, die ausdruͤcklich der Bibel zuwider ſind, laſ - ſen ſie nicht allein zum gemeinſchaftlichen Genuſſe des Abendmahls, ſondern verſtatten ihm auch, oͤffentlich uͤber gemeinnuͤtzige Wahrheiten zu reden, wozu ſie keine beſonders beſtellte Lehrer haben. Denn jeder, der Kraft in ſich fuͤhlt, nuͤtzliche Lehren zu geben, traͤgt ſie, ohne Lehrton, wie ein Freund an Freunde vor, und pflegt, am Ende ſeiner Rede die Verſamm - lung, beſcheiden zu fragen: Ob jemand wider dieſen Vortrag etwas einzuwenden habe, oder zur fernern Aufklaͤrung der Wahrheit noch et - was beytragen wolle. Und hierauf faͤhrt fort, wer will, mit gleicher Beſcheidenheit ſeine Gedanken zu eroͤfnen.

Sebaldus war entzuͤckt uͤber dieſe Nachricht, und wuͤnſchte nichts, als bald ein Glied einer Verſamm - lung zu ſeyn, die mit ſeinen Wuͤnſchen ſo vollkom - men uͤbereinſtimmte. Da er in Rotterdam weder bleiben wollte noch konnte, ſo bekam er von dem Kaufmanne, nachdem er fuͤr ſeine Hofmeiſterſchaftanſtaͤn -37[36]anſtaͤndig belohnet worden, Empfehlungsſchreiben an einen ihm wohlbekannten Kolleglanten in Amſterdam. Sebaldus ſuchte ſogleich ſeine Sachen zuſammen, die ein maͤßiges Paͤckchen ausmachten, fuhr nach Gouda, ſetzte ſich daſelbſt in die Nachtſchuit, und ließ ſich unter den froheſten Erwartungen fortziehen.

Vierter Abſchnitt.

Er kam des Morgens fruͤh um fuͤnf Uhr, vor Am - ſterdam, an dem Utrechter Thore, an. Gleich bey dem Ausſteigen aus der Schuit, kam ihm ein Deutſcher entgegen, der ihn ſehr dienſtfertig: Herr Landsmann, anredete, und ſich erbot, ihn in eine gute Herberge zu bringen.

Sebaldus verſetzte: Wenn ſie nur nicht zu koſt - bar iſt, denn meine Baarſchaft iſt gering. Jch bin ein armer abgeſetzter Prediger.

Sie ſollen ſehr billig behandelt, und doch gut be - dient werden, rief der Herr Landsmann, und griff nach Sebaldus Reiſeſack, den er dienſtwillig auf die Schulter nahm.

Sie giengen alſo bey Eroͤfnung des Thores in die Stadt. Sebaldus konnte nicht umhin, ſeine Freude zu bezeugen, daß er einen Deutſchen gefunden, derC 4ihn38[37]ihn in dieſer großen Stadt zurecht weiſe, zumahl da er der Sprache noch nicht gaͤnzlich kundig ſey.

Ach ja, ehrwuͤrdiger Herr, ſagte ſein Begleiter, es iſt mir Jhretwegen ſelbſt lieb, daß ich mich von ohngefehr am Thore befunden. Sie koͤnnen gar nicht glauben, ehrwuͤrdiger Herr, wie gefaͤhrlich es in dieſer Stadt iſt. Jnſonderheit giebt es boͤſe Leute die man Seelenverkaͤufer nennet, welche die uner - fahrnen Fremden, beſonders Deutſche, mit Liſt in ihre Haͤuſer locken, um ſie nach Oſtindien, in ein un - beſchreibliches Elend, zu verkauffen.

Sebaldus erſtaunte daß es ſo boshafte Menſchen geben koͤnne. Jndem ſchrie ſie ein gemeines Weib auf hollaͤndiſch heftig an: Sieh den verdammten Seelhund, da hat er wieder eine Seele!

Kommen Sie geſchwind, raunte ihm ſein Be - gleiter ins Ohr, dieß iſt eine Kreatur der Seelen - verkaͤufer, welche mit uns Zank anfangen will, da - mit Sie im Tumulte den Seelenverkaͤufern in die Haͤnde fallen.

Sie verdoppelten alſo ihre Schritte, um dieſem Ungluͤcke zu entgehen, und kamen endlich an das Haus, wo die Herberge ſeyn ſollte. Sie giengen ei - lig hinein. Die Thuͤr ward hinter ihnen zugeſchloſ - ſen. Wie erſchrack aber Sebaldus, als ihn ſeinBeglei -39[38]Begleiter in eine Art von Unterkammer ſtieß, wo ohngefaͤhr dreißig elende Menſchen auf Stroh lagen. Er brach in die heftigſten Vorwuͤrfe gegen ſeinen Be - gleiter aus, die dieſer, nachdem er ihm einigemahl in einem trotzigen Tone ſtillzuſchweigen geboten hatte, durch derbe Schlaͤge mit einem dicken Seile, beant - wortete, wovon Sebaldus ganz betaͤubt auf das Strohlager niederfiel.

Als er ſich ein wenig erholte, ſah er um ſich eine Anzahl elender Schatten-aͤhnlicher Menſchen, von Hunger, Vloͤße, Schlaͤgen, Krankheit und Kinn - mer ganz ausgemergelt, von ihrem Strohlager auf - kriechen. Neben ihm lag ein Menſch, guͤnſtiges An - ſehens, aber vom Fieber ganz abgezehrt, der ihm, auf ſeine laute Klagen mit mattaufgehobner Hand, und ſchwacher Stimme, hochdeutſch zuſprach; Sey geduldig Freund, denn es wartet dein noch mehr Elend; das meinige iſt hoffentlich bald zu Ende.

Sebaldus fiel wieder in ſchwermuͤthiges Stau - nen, aus welchem er ohngefaͤhr nach einer Stunde erweckt wurde, da man ihn holte, um vor dem See - lenverkaͤufer zu erſcheinen, der nicht laͤngſt aufge - ſtanden war.

C 5Sebal -40[39]

Sebaldus fand ihn in einem praͤchtig aufgeputzten und mit Huyſums und Mignons Meiſterſtuͤcken ausgeziertem Seitenzimmer ſitzen, das von dem Elende, womit im Keller Menſchen gequaͤlt wur - den, ſo wenig Spur zeigte, als das Angeſicht des hartherzigen Beſitzers. Dieſer nahm mit zufriedner Geberde ſein Fruͤhſtuͤck zu ſich, und vor ihm lagen Erbauungsbuͤcher, aus denen er eben ſeine Morgen - andacht hergeleſen hatte. Denn Buͤcher dieſer Art, ſind dem Schurken und dem ſchwachen ehrlichen Man - ne gleich behaglich. Dieſer zieht Troſt im Ungluͤcke, und Beveſtigung frommer Entſchließungen aus ih - nen, jener aber, der taͤgliche Gottloſigkeit unſtraf - bar gemacht zu haben glaubt, wenn er ſie Morgens und Abends in vorgeſchriebenen Gebeten bereuet, der den Mangel innrer Rechtſchaffenheit durch aͤuſſere Re - ligion erſetzen will, ſucht die Unruhe ſeines Gewiſ - ſens, in der Ruhe einer ſelbſtgefaͤlligen Andacht zu erſticken.

Dieſer Bube, der mit kalter Fuͤhlloſigkeit jeden Menſchen im Elende konnte ſchmachten ſehen, ließ es dabey an keiner aͤuſſerlichen Religionsuͤbung man - geln. Er war in der gangbaren Landestheo - logie ſehr bewandert, und fand ſogar durch dieſelbe eine Hinterthuͤr, alles Boͤſe, was ihn zu thun ge -luͤſtete,41[40]luͤſtete, mit ſeiner pflegmatiſchen Gewiſſensruhe zu vereinigen, denn er hatte ſich uͤberzeugt, alles ſey ab - ſolut nothwendig, er fey daher praͤdeſtinirt die Mof - fen*)So pflegt der niedertändiſche Pöbel, die Deutſchen, beſon - ders die Niederſachſen und Weſiphälinger zu nennen. zu ſchinden, und die Moſſen ſeyen praͤdeſti - nirt, ſich von ihm ſchinden zu laſſen. Deshalb konnte er mit eben der Gleichmuͤthigkeit einen Moſſen in ſeinen Keller ſtoſſen ſehen, als der Koch einen Krebs in den ſiedenden Keſſel wirft.

Er fragte den Sebaldus, deſſen geiſtlichen Stand er von ſeinem Unterhaͤndler erfahren hatte, zuvoͤr - derſt nach der Geſchichte ſeiner Abſetzung, und nach ſeinen folgenden Begebenheiten, und da er dadurch deſſen heterodoxe Meinungen erfuhr, ſo ließ er ſich in einen theologiſchen Diſput ein, deſſen Ende war, zu behaupten, daß die dem Sebaldus aufgeſtoßnen widrigen Begegniſſe, eine Folge der goͤttlichen Straf - gerechtigkeit waͤren, deren unwuͤrdiges Werkzeug er jetzt auch ſeyn ſolle. Er fuͤhrte ihm dabey zu Ge - muͤthe, daß er Gott verſuchen wuͤrde, wenn er lie - ber zu den ſtinkenden Ketzern, den Kollegianten, gehen wollte, als nach Batavia, der orthodoxen Stadt, wohin ſich noch nie eine Ketzerey habe wagen duͤrfen. Er legte alſo dem Sebaldus einen ſchon aufgeſetz -ten42[41]ten Kontrakt zur Unterſchrifft vor. Dieſer weigerte ſich aber, weil ihm die Art, wie er zu dieſer Reiſe ge - zwungen werden ſollte, eine ſchreckliche Ausſicht gab, und verlangte endlich, nach verſchiedenem Hin - und Wiederreden, wenigſtons Bedenkzeit, wolche ihm endlich auch, bis den morgenden Tag, aber laͤnger nicht, verſtattet ward, worauf ihn der Seelenverkaͤufer entließ, und wieder ruhig auf ſein Erbauungsbuch fiel.

Als Sebaldus in den Keller zuruͤck kam, ſah er ihn von Stroh aufgeraͤumt, und ſeine Ungluͤcksge - faͤhrten, theils in ſtummem Kummer, theils in fuͤhlloſer Sorgloſigkeit, theils in tobender Ver - zweiflung. Nur ſein vorheriger Nachbar lag in einem Winkel, in großer Schwachheit. Da des Sebaldus geiſtlicher Stand ſchon bekannt wor - den war, ſo verlangte der Kranke ſeinen Zuſpruch, den ihm Sebaldus, ſo troſtlos er ſelbſt auch war, von ganzem Herzen gewaͤhrte. Der Kranke wurde dadurch in etwas erquickt, und konnte nun des Se - baldus Erzehlung und Klagen anhoͤren, dem noch alles, was ihm dieſen Morgen begegnet war, als ein Traum vorkam, und der ſich beſonders noch nicht zu uͤberreden wuſte, daß Menſchen ſo tief ſinken koͤnn - ten, ihre Nebenmenſchen vorſetzlich ins Elend zu ſtuͤrzen.

Was43[42]

Was bewegt dieſe Leute zu ſolcher Ungerechtig - keit? rief er zuletzt aus, Warum ſind wir hier wie Uebelthaͤter eingeſchloſſen? Was will man mit uns anfangen? Darf man in dieſem Lande der Freyheit den friedſamen Wanderer, unverſchuldet ins Ge - faͤngniß ſchleppen? Jſt hierwider kein Schutz bey der Obrigkeit zu finden.

Er wuͤrde gewiß zu finden ſeyn, erwiederte der Kranke mit ſchwacher Stimme, wenn ihr unſere Noth nur bekannt werden koͤnnte. Aber in den ſechs Wochen, die ich in dieſem abſcheulichen Loche zuge - bracht habe, merkte ich gnugſam, welche ſichere Maas - regeln unſere Peiniger nehmen, um dieſes unmoͤg - lich zu machen. Von auſſen hat dieſe Einrichtung das Anſehen, als ob der Zweck ſey, ganz armen Leu - ten, die von allen Huͤlfsmitteln entbloͤßet ſind, und freywillig nach Oſtindien gehen wollen, bis zur Abfahrt Nahrung und Equippirung zu geben, und ſich durch das Handgeld, welches die Oſtindiſche Compagnie giebt, und durch eine Verpfaͤndung des kuͤnftigen Soldos, wieder bezahlt zu machen. Es kann ſeyn, daß die Abſicht im Anfange ganz gut ge - weſen ſeyn mag, aber jetzt wird ſie, durch die Liſt hartherziger Boͤſewichter, oft zu einem Misbrauch, der der Menſchheit Schande macht. Wenige gehen frey -44[43] freywillig, viele werden durch Raͤnke ins Garn ge - lockt, durch Peinigungen zur Unterſchrifft gezwun - gen, in Gefaͤngniſſe geſperrt, mit der elendeſten Koſt kaum beym Leben erhalten, und zuletzt oft, von uͤbler Vegegnung und Kummer abgemergelt, anſtatt aller Erforderniſſe, zu einer Seereiſe von eini - gen tauſend Meilen, kaum mit ein Paar groben Hemden vorſehen. Und fuͤr dieſe elende Ver - pflegung werden ſo große Koſten angeſetzt, daß das ungluͤckliche Schlachtopfer, in Oſtindien, wohl ſechs oder ſieben Jahre, nicht fuͤr ſich, ſondern fuͤr den Seelhund fahren muß. O! koͤnnte doch die chriſtliche Obrigkeit dieſes Laudes, ſolche unmenſch - liche Begegnung allezeit wiſſen, ſie wuͤrde gewiß die Gerechtigkeit, die ſie ſonſt immer ausuͤbt, auch hier ausuͤben. Sie hat wirklich ſchon in den wenigen Faͤllen, die zu ihrer Kenntniß gekommen ſind, exem - plariſch geſtraft. Koͤnnte die edle Oſtindiſche Kom - pagnie doch nur erfahren, wie unerhoͤrt man oft ihren Namen mißbraucht, ſie wuͤrde zu ihrem Ruhme und zu ihrem Nutzen, Boͤſewichtern ein ſchaͤndliches Handwerk dadurch legen, daß ſie, auf dem oſtindiſchen Hauſe, diejenigen, die ſich ihrem Dienſte widmen wollen, oͤffentlich und freywillig annehmen, und ſelbſt, unter der Auf - ſicht45[44] ſicht redlicher Leute, unterhalten und ausruͤſten lieſſe. Aber, bis einſt ein Menſchenfreund, die Stimme der Nothleidenden bis zu den Ohren derer bringt, die dem Elende bis in die geheimſten Winkel nachſpuͤren, und ihm abhelfen koͤnnen; moͤchten doch dieſe ſchreyenden Ungerechtigkeiten, wenigſtens in Deutſchland bekannt ſeyn, moͤchte man ſie doch in den Seeſtaͤdten, auf allen Straffen, in allen Wirthshaͤuſern, bey allen Zuͤnften bekannt machen, moͤchte man auf den Kanzeln dafuͤr war - nen. Denn die Boͤſewichter ſchicken ihre Unter - haͤndler nicht nur bis an die Graͤnze, ſie ſchicken ſie bis Hamburg, Bremen und Stade. Sie ge - brauchen unzaͤhliche Raͤnke, um den unvorſichtigen Seemann, den einfaͤltigen Handwerker, den treu - herzigen Bauer in ihre Schlingen zu ziehen. Jch ſelbſt bin von ihnen, aus Bremen, durch die ſuͤßeſten Vorſpiegelungen, weggelockt und in dieſen elenden Zuſtand gebracht worden, ich habe aber zur Vorſicht das Vertrauen, daß er ſich nun bald endigen wird.

Hier ſchwieg der Kranke, aus Entkraͤftung, und Sebaldus war wieder ſeinen traurigen Gedanken uͤberlaſſen. Er blieb darinn den ganzen uͤbrigen Tag, die Zeit ausgenommen, da eine ſparſame Mahlzeit verzehrt wurde, die zugleich ſo elend war, daß kaumder46[45]der haͤrteſte Hunger den Widerwillen dagegen be - zwingen konnte. Abends mußte er ſich, unter den uͤbrigen, auf das elende Strohlager legen.

Den andern Morgen ward er wieder vor den See - lenverkaͤufer gebracht. Dieſer ſuchte ihn nunmehr durch freundliches Zureden und durch ſtarkes Getraͤnk zur Unterſchrift zu verleiten. Da Sebaldus ſich aber ſtandhaft weigerte, und aus ſeiner ungerechten Gefangenſchaft entlaßen zu werden verlangte, ſo hieß es endlich, er moͤchte vierzehn Gulden fuͤr Woh - nung und Koſt des geſtrigen Tages zahlen, ſo koͤnne er frey weggehen. Sebaldus, froh, griff in die Ta - ſche, aber ein angeſtellter Bube, hatte ihm in der Nacht ſein Geld geſtohlen. Er ward nunmehr hart angefahren, und ihm nur noch bis auf den Abend Bedenkzeit gegeben, und da er alsdenn noch bey ſei - ner[Weigerung] blieb, ward er auf den Soͤller ge - fuͤhrt, daſelbſt an einen Pfoſten gebunden, und ſo lange unbarmherzig gegeiſſelt, bis die Schmerzen ihn noͤthigten, endlich die verlangte Einwilligung zu geben.

Er ward wieder in den Keller zuruͤckgebracht, und konnte die ganze Nacht kein Auge ſchlieſſen, theils wegen Schmerzen, theils wegen der Seufzer ſeines kranken Nachbars, welcher mit dem Tode rang undgegen47[46]gegen Morgen ſtarb. Sebaldus fiel in die ſtum - pfe Fuͤhlloſigkeit, die den tiefſten Jammer erdulden hilft, und erwartete ſonder Bewegung, in welches unbekannte Land man ihn ſchleppen wuͤrde, und wel - chem unbekanntem Elende er noch entgegen ſehen ſollte.

Jndeſſen verſchafte der Tod des einen Ungluͤckli - chen, den uͤbrigen unvermuthet einige Erleichterung. Des Seelenverkaͤufers Geiz machte ihn etwas menſch - licher. Er glaubte ein Kapital verlohren zu haben, indem er den Verſtorbenen ſechs Wochen vergebens genaͤhrt hatte. Bey einigen der uͤbergebliebenen aͤußer - ten ſich Schwachheiten, die die Furcht erweckten, daß ein anſteckendes Fieber unter ihnen einreißen moͤchte. Er entſchloß ſich alſo, ſie ſaͤmmtlich, nachdem ſie mit Wein und ſtarken Getraͤnken etwas erquickt worden, friſche Luft ſchoͤpfen zu laſſen. Vorher wurde jeder, der unterweges mir muchſen wuͤrde, mit der ſchaͤrf - ſten Strafe bedrohet, und ſo ließ er ſie unter Be - gleitung von ſechs ſeiner Knechte und Unterhaͤndler, ausgehen.

Sie zogen ganz langſam fort. Mancher ehrlicher Buͤrgersmann ſah ihnen mit Mitleiden nach. Hin und wieder zuckte ein Vornehmerer uͤber ſie die Achſel, und rief: ’s ſind ja nur Mofjes! So zogen Sie durch die ſchattigen Gaͤnge der Plantage endlichDritter Theil. Dzum48[47]zum Muider Thore heraus, um auf dem Dyk nach Seeburg reine Luft zu genieſſen.

Sebaldus Geiſt, obgleich von tiefem Elende nie - dergedruͤckt, erhob ſich, bey Erblickung der Ausſicht die nirgend ihres gleichen hat: auf dem Y und auf der Suͤderſee, tauſend Seegel, das ganze Gewuͤhl des arbeitſamen Fleißes, auf der Landſeite, gruͤnen - de Wieſen und Goͤrten, die ruhige Schoͤnheit der Natur.

Die Geſellſchaft warf ſich ins Graß, und ruhte eine Stunde lang, erquickt von dem kuͤhlen Wehen der Luft, und dem friſchen Geruche des federweichen Lagers. Sebaldus inſonderheit, an Geiſt und Koͤr - per erfriſcht, brach in der Fuͤlle ſeines Herzens, end - lich in ein lautes Lob des Allmaͤchtigen aus, der, fuͤr ſeine geplagteſten Kreaturen, in den einfaͤltigſten Ge - nuß ſeiner Schoͤpfung Troſt und Staͤrkung gelegt hat.

Der Schall ſeines Dankgebets, erweckte die Auf - merkſamkeit zweener ehrwuͤrdigen Geiſtlichen, die in der Gegend gleichfalls ſpazieren giengen. Sie hatten vorher die ungluͤckliche Geſellſchafft nur mit der allge - meinen Theilnehmung betrachtet, welche die Men - ſchenliebe keinem Elenden verſagt. Jtzt traten ſie naͤ - her, durch Sebaldus Stimme und Geberden geruͤhrt, ob ſie gleich ſeine Worte nicht verſtehen konnten. Siebetrach -49[48]betrachteten ihn aufmerkſam, beſonders ſchien der aͤlteſte von beiden ſehr bewegt, hob endlich die Haͤnde empor, that einen Ausruf, und wolte auf den Sebal - dus zugehen. Der andere hielt ihn zuruͤck, und man hoͤrte, daß er ſagte: Laſt ’s ſeyn, Jhr wuͤr - ’det ’s ſonſt noch ſchlimmer machen. Sie kehrten ſich darauf um, und ſprachen einander ins Ohr.

Sebaldus, in frommer Entzuͤckung, hatte dieſen Vorfall nicht einmahl bemerkt, aber ſeine Gefaͤhrten fiengen an, die Koͤpfe zuſammen zu ſtecken. Dieß war genug fuͤr die argwoͤhniſchen Waͤchter, den gan - zen Trupp ſogleich aufſtehen zu laſſen, und ihn nach Hauſe zu fuͤhren. Die beiden Geiſtlichen, nachdem der Zug ſich in etwas entfernt hatte, folgten demſel - ben von weiten, bis an des Seelenverkaͤufers Haus, das ſie auf dieſe Art entdeckten.

Fuͤnfter Abſchnitt.

Der eine dieſer Geiſtlichen, der den Sebaldus hatte anreden wollen, war niemand anders als der rechtſchaffene Prediger aus Alkmaar, der der Erb - ſchaft eines Waiſen wegen, eine Reiſe nach Amſter - dam hatte thun muͤſſen, und bey dieſem zufaͤlligen Spa - ziergange, den Mann, den er ſchon einmahl aus demD 2Elende50[49]Elende errettet hatte, wieder in einer andern Noth erblickte. Er war jetzt zu ſeiner abermaligen Erret - tung nicht minder thaͤtig als vorher. Es waͤhrte nicht eine Stunde, ſo hatte er ſchon bey dem Hoofd - Officier Anzeige gethan, und kam, in Begleitung eines Gerichtsdieners, in des Seelenverkaͤufers Haus, den Sebaldus zu fodern. Er haͤtte nur wenig Mi - nuten ſpaͤter kommen duͤrfen, ſo waͤre ſeine men - ſchenfreundliche Vorſorge vergeblich geweſen. Denn da die Knechte, aller Vorſicht ungeachtet, wohl merkten, daß ihnen die beiden Geiſtlichen nicht ohne Urſach nachfolgten; ſo war der Seelenverkaͤufer, eben im Begriffe, zu thun, was er ſonſt that, wenn er eine Entdeckung befuͤrchtete, naͤmlich den Sebaldus in das Haus eines ſeiner Mitgenoſſen zu ſchicken, um den - ſelben den Nachforſchungen der Obrigkeit zu entziehen. Man wollte ihn auch jetzt verlaͤugnen, aber der Ge - richtsdiener, der dieſes Haus der Tyranney ſchon kannte, wollte ſich durch keine Einwendungen ab - weiſen laſſen. Der Seelenverkaͤufer hatte daher kaum Zeit, in der groͤßten Verwirrung, in den Keller zu laufen, dem Sebaldus ſeinen Reiſeſack wiederzuge - ben und denſelben auf die kriechendeſte Weiſe faſt fuß - faͤllig zu bitten, ihn nicht ungluͤcklich zu machen; als ihm ſchon der Gerichtsdiener mit dem Geiſtlichenfolgte.51[50]folgte. Der rechtſchaffne Prediger umarmte den Se - baldus, und da er aus andern Vorfaͤllen die Ge - wohnheit eines ſolchen Hauſes wohl kannte, ſo zahl - te er ſogleich dem Seelenverkaͤufer, ohne Einwen - dung, eine betraͤchtliche Summe, die fuͤr das Elend von ſechs oder ſieben Tagen gefordert ward. Aber ſobald dieſes geſchehen, ſagte er ihm auch ins Ge - ſicht, daß er alles anwenden wuͤrde, ſeine gewiſſen - loſe Behandlung unſchuldiger Menſchen, zur Beſtra - fung, ans Licht zu ziehen. Er ließ ſich weder durch des Seelenverkaͤufers vielfaͤltige Entſchuldigungen, noch ſelbſt durch Sebaldus Bitten, zuruͤckhalten. Er that dem Hoofd-Officier noch eine ausfuͤhrlichere Anzei - ge, worauf dieſer, ſeinem Amte gemaͤß, auf dem Stadt - hauſe, vor den Schoͤppen den Seelenverkaͤufer an - klagte. Sebaldus ward uͤber alle Umſtaͤnde der erlit - tenen grauſamen Begegnung vernommen. Der Seelenverkaͤufer ward in Verhaft gezogen, und ihm mit vielem Eifer der Proceß gemacht. Er ward ins Raſpelhaus geſetzt, obgleich der Prediger, vor Endigung des Proceſſes, nach Alkmaar zuruͤckreiſen mußte, und Sebaldus, der von aller Rachbegierde frey war, deshalb weiter keinen Schritt gethan hat.

Jndeſſen fuͤhrte der Prediger den Sebaldus, ſo - bald’er ihn aus den Haͤnden des SeelenverkaͤufersD 3erloͤſet52[51]erloͤſet hatte, in das Haus ſeines Freundes, mit dem er vorher ſpazieren gegangen war. Es war ein men - noniſtiſcher Lehrer, ein Mann von Verſtande und Redlichkeit, mit den Kollegianten wohl bekannt, der den Sebaldus von der Verfaſſung dieſer friedſa - men Geſellſchaft noch naͤher unterrichtete, und mir ihm und dem lutheriſchen Prediger in derſelben got - tesdienſtliche Verſammlung gieng; wo ſie alle, der Verſchiedenheit ihres Lehrbegriffs und aller ſtrei - tigen Fragen vergeſſend, in gemeinſamer Andacht das Lob Gottes anſtimmten, und gemeinſam er - kannte Wahrheit zu ihrer Erbauung anwendeten. Eine Art des Gottesdienſtes, die Sebaldus Wuͤnſche ganz befriedigte.

Nach der Verſammlung giengen ſie mit dem Se - baldus, um das Empfehlungsſchreiben aus Rotter - dam an den Kollegianten, abzugeben, weil er Un - paͤßlichkeitshalber nicht zugegen geweſen war. Er nahm den Sebaldus, als ein Vater und als ein Freund in ſein Haus auf, ſo daß derſelbe, bey dieſer liebreichen Begegnung, in kurzem ſeine vorigen Wi - derwaͤrtigkeiten vergaß.

Der Kollegiant war ein wohlhabender Mann, aber auch ein Mann von ausgebreiteter Gelehrſam - keit, und von edlen Geſinnungen, der ſeine Mußezum53[52]zum Beſten der Wahrheit und Tugend anwendete. Er hatte ſchon verſchiedene ſchaͤtzbare Werke auf ſeine Koſten drucken laſſen, beſonders hatte er eben ein gelehrtes Tagebuch angefangen, das zur Abſicht hatte, den Weg zu bahnen, daß gemeinnuͤtzige Religions - begriffe von leeren Schulſpitzfindigkeiten geſondert wuͤrden. Er ſchrieb es in lateiniſcher Sprache, weil damals, in Holland, die Vorurtheile fuͤr eine herge - brachte Orthodoxie noch ſo ſtark waren, daß ſich nie - mand, ſo wie jetzt*)Jn den Vaderlandſen Letter-Oeffeningen, einem gekehrtem Tagebuche, deſſen vornebinſte Verfaſſer Kollegianten ſind., getrauete, Meinungen, die nicht im Kompendium ſtehen, in der Landesſprache vorzutragen. Denn die Gottesgelehrten in allen Laͤndern laſſen meiſtens noch eher geſchehen, daß man neue Meinungen und Zweiſel, in der gelehrten Sprache, fuͤr ſie allein vortrage, damit ſie ihre Streit - kunſt aufs ſtattlichſte daran uͤben koͤnnen, als in der Mutterſprache, damit gemeinnuͤtzige Wahr - heiten ſich in die Gemuͤther aller Einwohner eines Landes verbreiten moͤgen.

Sebaldus, der die Arbeit liebte, erbot ſich in kur - zem ſelbſt, ſeinem Wirthe in deſſen Beſchaͤftigun - gen behuͤlflich zu ſeyn. Er that dadurch zugleich ſei -D 4ner54[53]ner vorzuͤglichſten Neigung Genuͤge, Jdeen, die ihm wichtig waren, zu entwickeln und auszubilden.

Der Kollegiant hingegen, mußte einen Mann, deſſen Neigungen mit den ſeinigen ſo ſehr uͤberein - ſtimmten, bald liebgewinnen. Sie arbeiteten uͤber verſchiedene Materien im Anfange gemeinſchaftlich. Jndeſſen blieb die Arbeit bald dem Sebaldus allein uͤberlaſſen, da die Krankheit des Kollegianten ſchnell zunahm. Der rechtſchaffene Mann ward immer ſchwaͤcher, und ſtarb nach einigen Monaten. Vor - her noch vermachte er im Teſtamente, dem Sebal - dus, den Vorrath und das Verlagsrecht ſeiner ſaͤmmtlichen Werke, beſonders des gelehrten Tage - buchs, welches anfieng Aufſehen zu machen, und allenthalben mit großer Aufmerkſamkeit geleſen ward.

Sebaldus beweinte von Herzen den Tod ſeines Freundes und Wohlthaͤters. Jndeſſen, ausgenom - men, daß er den Umgang dieſes redlichen Mannes entbehren mußte, war ſein Zuſtand ganz ſeinen Wuͤn - ſchen gemaͤß. Er hatte durch den Verkauf der ihm vermachten Werke, und durch die Fortſetzung des Tagebuchs, ein zwar ſehr maͤßiges, aber fuͤr ihn hinlaͤngliches Auskommen, konnte ſeine Lieblings - neigung, die Spekulation, befriedigen, war uͤbri -gens55[54]gens unabhaͤngig, konnte in Frieden, ſeiner Ueber - zeugung gemaͤß, Gott dienen, und war noch nicht Religionsmeinungen halber angefeindet worden.

So wuͤnſchenswerth indeſſen dieſe Lage war, ſo ſchien es doch Sebaldus Schickſal zu ſeyn, daß er, wenn er am meiſten Nutzen zu ſchaffen glaubte, durch einen geringſcheinenden Zufall, ſelbſt Gelegen - heit geben mußte, ſeinen Zuſtand zu verſchlimmern.

Er hatte, ſchon beym Leben ſeines Wohlthaͤters, ſich in der hollaͤndiſchen Sprache feſtzuſetzen geſucht, und es war ihm gelungen. Nachher trieb ihn die Einſamkeit langer Winterabende, auf die Leſung englaͤndiſcher Buͤcher, die er ſchon in ſeiner Jugend geliebt hatte. Er fand unter andern ein Buch*)Remarks on man, manners, and things; by the Author of the Life of John Bunele. London gr. 8., deſſen Jnhalt ihm groͤßtentheils ſo wohl gefiel, daß er auf den Gedanken kam, es zu uͤberſetzen, weil er meinte, daß es auch in einer andern Sprache nuͤtz - lich ſeyn koͤnnte.

Er beſchaͤftigte ſich einige Monate lang mit dieſer Arbeit, und da er meiſt damit fertig war, gieng er zu Mynheer van der Kuit, dem Buchhaͤndler, der bisher den Verkauf der ſaͤmmtlichen Werke des ver - ſtorbenen Kollegianten, und auch des gelehrten Ta -D 5grbuchs56[55]gebuchs beſorgt hatte, um ihm dieſe Ueberſetzung zum Verlage anzubieten.

Van der Kuit unterließ nicht, die gewoͤhnlichen Schwierigkeiten zu machen: Daß er mit Verlag uͤber - haͤuft, daß der Handel gefallen ſey, daß Druck und Papier immer theurer werde, daß man vorher et - was von dem Werke ſehen, daß man es allenfalls gelehrten Leuten zur Pruͤfung uͤbergeben, und be - ſonders, daß man, der Kunſtrichter wegen, erfor - ſchen muͤſſe, ob nicht wider die Reinigkeit der hollaͤn - diſchen Sprache gefehlet ſey.

Auf dieſe Erklaͤrung, zog Sebaldus einige Hef - te ſeiner Ueberſetzung aus der Taſche. Jndem die - ſes geſchahe, trat Domine de Hyſel, ein gelehrter reformirter Prediger herein, welchen Sebaldus kannte, weil er ihn oft im Buchladen geſehen hatte. Sebaldus erbot ſich alſo, beiden etwas von ſeiner Ueberſetzung vorzuleſen. Sie giengen ſaͤmmtlich in die Schreibſtube des Buchhaͤndlers, und der Ueberſetzer las, wie folget.

Sech -57[56]

Sechſter Abſchnitt.

D viele Prediger, alle Neun und drei - ßig Artikel*)Das Glaubensbekänntniß der engländiſchen Biſchöflichen Kirche, iſt im Jahr 1562, unter der Regierung der Königinn Ellſabeth, auf 39 Artikel feſtgeſetzt und 1571 durch eine Parlamentsakte beſtätigt worden. Wer ein geiſtliches Amt erhält, muß ſie beſchwören. Sie ſind das, was in den meiſten deutſchen Provinzen die ſymboliſchen Bücher ſind. beſchwoͤren, ohne ſie alle zu glauben, liegt am Tage, und man muß es entſchuldigen. Wer ein Hausvater iſt, und ſich und ſeine Familie, um ungerechter Formalien willen, nicht in die birterſte Noth ſtuͤrzen will, der ſey von mir nicht verdammt. Verdamme ihn ein harther - ziger Rechtglaͤubiger, wenn ers vermag!

Aber wie ſtehts um die Wahrheit? Muß die noch immer weg den Neun und dreißig Artikeln nach - ſtehn? Jſts nicht die Pflicht der geſetzgebenden Macht, zu ſorgen, daß nicht, durch Formulare, die Ausbreitung der Wahrheit gehindert werde, und ſollten die Biſchoͤfe nicht ſelbſt die Hand dazu bie - ten? Wenn die Neun und dreißig Artikel die Kette ſind, welche die aͤußerſte Weite mißt, in der der Verſtand eines Geiſtlichen ſich bewegen darf, ſo iſts vergeblich, nach Wahrheit zu forſchen.

Selt -58[57]

Seltſam gnug! daß man denjenigen, die die be - ſten Jahre ihrer Jugend angewendet haben, ſich zu einem geiſtlichen Amt geſchickt zu machen, vorſagen will, ſie haben unrecht, ſich uͤber die Strenge der Neun und dreißig Artikel zu beklagen, da ſie der - ſelben entgehen koͤnnten, wenn ſie kein geiſtliches Amt ſuchten, oder es niederlegten, wenn ſie es ſchon haͤtten. Dieß iſt alſo die Gnade, die man uns an - bietet? Die Uniformitaͤtsakte verurſachte, daß im Jahre 1662, am Bartholomaͤustage an 2000 diſſentirende Prediger auf Einen Tag, ihr Amt nie - derlegten, daher zweytauſend Familien, ohne Brod, und zweytauſend Gemeinen, ohne Gottesdienſt wa - ren. Einen ſolchen Bartholomaͤustag wuͤnſcht ihr alſo wieder, die ihr ſo kalt daher plaudern koͤnnt, es beduͤrfe nur, daß jeder, der nicht nachbeten will, ſein Amt niederlege, damit gar kein Gewiſſens - zwang da ſey! Das nennt ihr Duldung der Diſſen - ters? das nennt ihr Toleranz und Sanftmuth?

Bey Gott! dieſe Sanftmuth der Vertheidiger der Neun und dreißig Artikel, gemahnt mich, wie die Schonung der Rabbinen, die dem Verurtheilten nur neun und dreißig Streiche geben. Warlich! ob er gleich den vierzigſten nicht bekommt, ſo ſchmerzt doch59[58] doch deshalb keiner von den neun und dreißigen weniger.

Die Schriftgelehrten haben von je her ihre Lehr - gebaͤude ſo kuͤnſtlich angelegt, daß jeder das ſeine, trotz aller Widerlegung, beweiſen kann. Sie glei - chen Bergſchloͤſſern, die noch dazu mit hohen Waͤl - len und tiefen Graben umgeben ſind, ſo daß derje - nige, der darinn iſt, ſich ewig vertheldigen, und der, der draußen iſt, ſie nimmer mit Vortheile an - greifen kann. Aber wie? Wenn wir dieſe Veſtun - gen, die uns eigentlich nichts hindern, liegen lieſ - ſen, und mit der geſunden Vernunft geradezu ins Land draͤngen? Die Prieſter hatten bis ins ſechs - zehnte Jahrhundert ihr Syſtem in gar kuͤnſtliche dialektiſche Schlingen verwickelt. Luther ließ ſie, und gieng gerade auf die Bibel, die er allen, die le - ſen konnten, in der Landesſprache in die Haͤnde gab. Die fleißige Leſung dieſes Buchs erwaͤrmte das Herz, und erleuchtete den Verſtand, indem ſie das Nach - denken befoͤrderte. Wollen wir auf einem gleichen Wege nicht weiter fortgehen?

Man ſetzet immer die Vernunft der Offenba - rung entgegen. Dieß mag der noͤthig finden, der an60[59] an eine unerklaͤrliche Theopnevſtie glaubt. Jch hoffe aber, es ſey niemand jetzt mehr ſo einfaͤltig, ſich einzubilden, Gott habe die heiligen Buͤcher, ganz unmittelbar, und uͤbernatuͤrlich, eingehaucht. Es ſind Buͤcher, welche zu ſchreiben, hat muͤſſen Ver - nunft angewendet werden, und zum Leſen und Verſtehen derſelben, gehoͤrt auch Vernunft.

Samuel Werenfels*)S. Sam. Werenfelſii Opuſeula theologica philoſophica & phi - lologica. Lauſannae 1739 4to. Tom. II. p. 509. Der ehrliche Sebaldus hat dieſe Verſe, nach ſeiner Art, folgendermaßen überſetzt: Von Gott gemacht iſt dieſes Buch, Daß jeder ſeine Lehr drinn ſuch Und ſo gemacht, daß jedermann, Auch ſeine Lehr drinn finden kann. , einer der gelehrteſten und rechtſchaffenſten Gottesgelehrten in der Schweiz, ſchrieb in ſeine Bibel:

Hic liber eſt, in quo ſua quaerit dogmata quisque; Invenit & pariter dogmata quisque ſua.

Daß dieß wahr ſey, lehret die Kirchengeſchichte aller Sekten. Der viel, und der wenig glaubet, der Recht - glaͤubige, wie der Schwaͤrmer, ſuchen und finden ihre Lehre in der Bibel. Was nun? Jch meine, was geſchehen iſt, ſey nicht ohne weiſe Abſichten der goͤttlichen Vorſehung geſchehen. Gott hat weder das61[60] das Alte Teſtament noch das Neue Teſtament, ſelbſt, unmittelbar, anfgezeichnet. Er hat gute Leute auserſehen, welche Buͤcher geſchrieben haben, die durch verſchiedene Vorfaͤlle, (in denen, wie in allen Din - gen, auch die goͤttliche Vorſehung mit gewirkt hat) bey einem großen Theile des menſchlichen Geſchlechts in ſolches Anſehen gekommen ſind, daß er aus den - ſelben ſeine Pflichten hat kennen lernen wollen. Dieſe Buͤcher aber ſind ſo eingerichtet, daß dieß nicht ohne Betrachtungen und Schluͤſſe, folglich nicht ohne Nachdenken geſchehen kann. Alſo ſind dieſe Buͤcher hauptſaͤchlich in ſo fern, eine Quelle der Wahrheit, als ſie das Nachdenken uͤber Wahrheit beſoͤrdern. Und wenn denn nun auch die Schluͤſſe und Folgerungen aus denſelben verſchie - den ſind! Wenn ſie nur alle zuletzt in gemein - ſame Wahrheit zuſammenſließen, wollen wir uns beruhigen. Der heil. Hieronymus*)S. Hierouymus in Epiſtolis: Margaritum eſt Verbum Dei, ex omni parte forari poteſt. Nimirum ut Diatraetarii margaritas, prout commodum viſum fuerit, perforant: ita haeretici verba Dei, pro captu ſuo interpretantur, ut volunt. S. Fried. Lindenbrogii Var. Quaeſt. n. 2. adj. Altercationi Hadriani Aug. & Epicteri Philoſophi. Francof. 1628. 8., hat ſchon geſagt: das Wort Gottes iſt eine Perle. Ja wohl, eine Perle! denn gleichwie die Kuͤnſtler die62[61] die Perlen, wo es ihnen gutduͤnkt, durchbohren, ſo haben alle Sekten Gottes Wort, nach ihrem Sin - ne ausgelegt, und es, wie Perlen, auf den Faden ihres Lehrſyſtems gereihet.

Die heiligen Buͤcher ſollen mir beſtaͤndig Quel - len des Nachdenkens uͤber Wahrheit bleiben. Wer aber andere Quellen des Nachdenkens uͤber Wahrheit zu finden glaubt, beſonders, wenn er mit mir auf gleiche gemeinſame Wahrheit zuruͤckkommt, den verdamme wer will, ich nicht. Berdamme wer will, faſt ganz Aſten und Afrika, und den groͤßten Theil von Amerika. Sie kennen dieſe Buͤcher nicht und doch hat ſie der allgemeine Vater, gewiß nicht ohne Wahrheit, und ohne Gluͤckſeligkeit, ihre Fol - ge, laſſen wollen.

Wenn ich in den heil. Buͤchern, eine Stelle finde, in welcher von einem Gotte die Rede iſt; und leſe, erſt nach Jahrhunderten ſey gefunden worden, daß ein durch ein zu duͤnnes Pergament durchgeſchlage - ner Queerſtrich*)Jm Alexandriniſchen Kodex, ſcheint, der mittelſte Queer - ſtrich des erſten Ε in dem Worte ΕΥϹΕΒΕΙΑϹ, durch das Pergament, gerade an der Stelle durch, wo der Spruch 1 Tim. III. 16. geſchrieben iſt. Dadurch, ſcheint das Ο inoc, den Gott veranlaßet hat. Wenn ich63[62] ich leſe, daß nach Jahrhunderten entdeckt worden, es habe ſich ein nicht*)Der berühmte Clericus warf zuerſt Röm. V, 14. das μη aus dem Text, in einem Briefe, der der zweyten Ausgabe von Mills N. T. vorgedruckt iſt, und in Arte crit. P. III. Sect. 1. c. XV. §. 15. Unter den deutſchen Auslegern hat der berühmte Sem - ler eben dieſes, aus guten Gründen gethan. Man ſehe deſſen Apparat. ad libr. N. T. interpr. S. 59. und deſſen[Pa - raphraſe] dieſer Stelle. in den Text geſchlichen, ſo daß anſtatt der nicht ſuͤndigenden, die ſuͤndigen - den verſtanden werden muͤſſen, Bin ich verdam - menswerth, weil ich glaube, die bloßen Buchſta - ben dieſer Offenbarung, die ſo vielen Veraͤnderun - gen unterworfen ſeyn koͤnnen, uͤber deren wahre Lesarten man noch nicht einig iſt, koͤnnen nicht bloß und allein den Grund der Wahrheit und mei - ner kuͤnftigen Gluͤckſeligkeit enthalten.

Wenn ich in der Kirchengeſchichte leſe, man habe Jahrhunderte lang geſtritten, welche Buͤcher kanoniſch ſeyn ſollten und welche nicht. Wenn ich finde, daß der Kanon auf Koncilien beſtimmt wor - den, und aus der Kirchengeſchichte weiß, wie die meiſten Koncilien beſchaffen geweſen. Wenn ichDritter Theil. E finde,*)ΟϹ ein Θ zu ſeyn, deshalb man lange Zeit ΘϹ gele - ſen, welches die Abbreviatur von Θεος iſt. S. Werſtenii Proleg. in N. T. Edit. Halenſ. S. 54. u. f.64[63] finde, daß das Buch des weiſen Sirach unter den apokryphiſchen, und ein anderes Buch, voll myſtiſcher Bilder unter den kanoniſchen ſte - het, kann ich mich enthalten zu zweifeln, zu un - terſuchen? Und was kann ich dazu brauchen, als meine Vernunft, die auch eine Gabe Gottes iſt.

Wenn ich in einem dieſer Buͤcher leſe:*)2 Brief Joh. v. 9-11. Wer uͤbertritt und bleibet nicht in der Lehre Chriſti, der hat keinen Gott. So jemand zu euch kommt, und bringet dieſe Lehre nicht, den nehmet nicht zu Hauſe, und gruͤßet ihn nicht, denn, wer ihn gruͤßet, der macht ſich theilhaftig ſeiner boͤſen Werke. Wenn ich in einem andern leſe:**)Brief Juda v. 5., Der HErr brachte um, die da nicht glaube - ten. Bin ich verfluchenswerth, weil ich nicht mit blindem Koͤhlerglauben alles annehme, wie es buchſtaͤblich da ſtehet, ſondern vermeine, daß in die - ſen Buͤchern, vieles, nicht fuͤr die allgemeine Menſch - heit, nicht fuͤr mich, geſchrieben ſey, aber dennoch redlich, alle das Gute und Nuͤtzliche, das ich in die - ſen Buͤchern finde, zu der Maſſe der Erkenntniß ſchlage, die ich aus Natur und Erfahrung geſchoͤpft habe.

Wenn65[64]

Wenn ich zuruͤckdenke, was man ein Paar Jahr - tauſende lang mit der Bibel vorgenommen hat, um alles, was man wollte, darinn zu finden, ſo muß ich erſtaunen. Man hat ſie, dogmatiſch, exegetiſch, typiſch, myſtiſch, prophetiſch erklaͤrt. Man hat ſie uͤberſetzt und kommentirt, paralleliſirt und analyſirt, abgekuͤrzt und wieder paraphraſirt!

But that’s
*)Nach Sebaldus Ueberſetzung: Das arme Buch! Was muß es nicht ertragen! Von jeher hat es ſich geduldig laßen plagen, Und ſchief verzerrn, nach jedes Lehrers Lehren, Griech’ſch und Hebraͤiſch kann ſich ja nicht wehren!
*) no news to the poor injur ’d page
It has been uſ’d as ill in every age
And is conſtrain’d with patience all to take,
For what defence can Greek and Hebrew make!

Jſt zwiſchen blindem Glauben an die Offenbarung und ſchaͤdlichem Unglauben gar kein Mittelweg? Jſt jeder Freydenker verwuͤnſchenswuͤrdig? O Water - land! Waterland! **)D. Waterland war ein eifriger Bertheidiger der Anglikani - ſchen Orthodoxie.Wenn du gleich den Bieder - mann Herbert, und den Sittenlehrer Shaftes - bury, mit Rocheſter, Etherege und Villers, inE 2 Eine66[65] Eine Klaſſe wirfſt; glaub mir, es kommt eine Zeit, wo weiſe Gottesgelehrten, einem Tindal den Be - weis, daß das Chriſtenthum ſo alt als die Welt iſt, verdanken werden.

Das folgende Kapitel, ſoll D. Pococke in einem zu Cairo befindlichen Codex, anſtatt des 22ten Ka - pitels des 1. Buchs Moſe gefunden haben. Ka - noniſch oder nicht, ich gebe das erſte bis neunte Kapitel des erſten Buchs der Chroniken dafuͤr.

  • 1. Nach dieſen Geſchichten begab ſichs, daß Abraham ſaß in der Thuͤr ſeines Hauſes, da der Tag am heißeſten war.
  • 2. Und ſiehe, ein Mann kam von der Wuͤſten her. Er war gebuͤckt fuͤr Alter, und ſein ſchnee - weiſſer Bart hieng ihm bis auf ſeinen Guͤrtel, und er lehnete ſich auf einen Stab.
  • 3. Und da ihn Abraham ſahe, ſtand er auf, und lief ihm entgegen von der Thuͤr ſeiner Huͤtten und ſprach:
  • 4. Komm herein ich bitte dich. Man ſoll dir Waſ - ſer bringen, deine Fuͤße zu waſchen, und du ſollſt eſſen und die Nacht bleiben, morgen aber magſt du deinen Weg ziehen.
5. Und67[66]
  • 5. Und der Mann ſagte: Nein, ich will unter dieſem Baume bleiben.
  • 6. Aber Abraham bat ihn ſehr; da wandte er ſich und gieng in die Hutte.
  • 7. Und Abraham trug auf, Butter und Milch und Kuchen, und ſie aßen und wurden ſatt.
  • 8. Da aber Abraham ſahe, daß der Mann nicht Gott ſegnete, ſprach er zu ihm: Warum ehreſt du nicht den allmaͤchtigen Gott, den Schoͤpfer des Himmels und der Erden?
  • 9. Und der Mann ſprach: Jch ehre nicht deinen Gott, auch rufe ich ſeinen Namen nicht an; denn ich habe mir ſelbſt Goͤtter gemacht, die in meinem Hauſe wohnen, und hoͤren mich, wenn ich ſie anrufe.
  • 10. Und Abrahams Zorn entbrannte gegen den Mann, und er ſtand auf, und fiel auf ihn, und trieb ihn fort in die Wuͤſten.
  • 11. Und Gott rief Abraham, und er antwor - tete: Hie bin ich
  • 12. Und er ſprach: Wo iſt der Fremdling, der bey dir war.
  • 13. Und Abraham antwortete und ſprach: Herr, er wollte dich nicht ehren und deinen NamenE 3 an -68[67] anrufen, darum habe ich ihn von meinem An - geſichte getrieben, in die Wuͤſten.
  • 14. Und der Herr ſprach zu Abraham: Habe ich ihn nicht ertragen, dieſe hundert und acht und neunzig Jahre, und habe ihm Nahrung und Klei - der gegeben, ob er ſich gleich gegen mich auflehnet, und du konnteſt ihn nicht Eine Nacht ertragen?
  • 15. Und Abraham ſprach: Laß den Zorn des Herrn nicht entbrennen gegen ſeinen Knecht. Siehe ich habe geſuͤndigt, vergieb mir, ich bitte dich.
  • 16. Und Abraham ſtand auf, und gieng fort in die Wuͤſten, und rief, und ſuchte den Mann, und fand ihn, und kehrte mit ihm zuruͤck in ſeine Huͤtte, und that ihm guͤtlich, und den andern Morgen fruͤh ließ er ihn ziehen in Frieden.

D. Thornton in ſeiner Vertheidigung der Neun und dreißig Artikel, ſagt: Zu behaupten, es ſey nicht noͤthig, daß die Meinungen der Prediger mit den ſymboliſchen Buͤchern uͤbereinſtimmen muͤßten; wuͤrde eben ſo ungereimt ſeyn, als zu behaupten, es ſey beſſer, die Decken auf den viereckigten Tiſchen, welche mitten in unſern Zimmern ſtehen, laͤgen ſchief und zipflicht, als gerade und rechtwinklicht. Wahr iſts, zu den Zeiten der Koͤniginn Eliſabeth, war unſer69[68] unſer Religionsſyſtem, wie unſere Philoſophie, einem unanſehnlichen viereckigten Tiſche aͤhnlich, den wir dennoch mitten im Zimmer ſtehen ließen. Er hatte alſo die Decke ſehr noͤthig, und ſie paßte auch ganz wohl darauf. Aber ſeit einiger Zeit meine ich bemerkt zu haben, daß, beſonders bey Leuten nach der Welt, gar keine Tiſche in der Mitte des Zimmers ſtehen. Jch ſehe zwar an den Waͤnden zierlich ausgeſchweifte Marmorplatten, die auf vergoldeten Fuͤßen ruhen. Die beduͤrfen aber keiner Decke, und wollte man die alte Decke darauf legen, ſo wuͤrde ſie eben des - halb zipflicht haͤngen, weil ſie viereckigt iſt. Hat aber noch jemand einen Tiſch nach der alten Art in ſeinem Zimmer, der lege meinetwegen auch die alte Decke darauf.

Der du einen neuen geraden Weg bahnen willſt! Du wirſt auf Huͤgel ſtoßen! Laß dich keine Muͤhe reuen, ſie abzutragen, um den ſchoͤnen Weg nach der Schnur zu fuͤhren! Aber, wenn dein neuer Weg auf ein Haus ſtoͤßet, reiß es nicht weg, ſo lang Men - ſchen drinn wohnen, achte es nicht, daß der Weg lie - ber etwas gekruͤmmt daneben weg gehe! Es kommt in der Zukunft wohl noch eine Zeit, daß das Haus, Baufaͤlligkeitshalber, oder aus andern Urſachen, neuE 4 muß70[69] muß gebauet werden, alsdenn wird ein kluger Mann nicht verſaͤumen, es auf eine andere Stelle zu ſetzen und den Weg ganz gerade zu machen. Sey mit dem zufrieden, was du haſt thun koͤnnen, und uͤberlaß das uͤbrige der Nachkommenſchaft.

Siebenter Abſchnitt.

Hier hielt Sebaldus mit Leſen inne, und fragte ſeine beiden Zuhoͤrer, was ihnen dazu duͤnkte. Van der Kuit antwortete: Hm! ſolch Buch ſollte ſich wohl verkaufen, und ſah dabey mit ſon - derbar ſchlauer Mine, den Domine an.

Domine de Hyſel, verſetzte mit niedergeſchlagenen Augen: das mag mein Herr van der Kuit am be - ſten verſtehen.

Van der Kuit that noch einige Fragen, um den Domine auszuholen. Dieſer aber wich aus, kam auf eine andere Rede, fragte, ob von Sebaldus Journale nicht ein neues Stuͤck heraus gekommen ſey, ſah nach ſeiner Uhr, ſagte, daß er eilen muͤßte, empfol ſich, und gieng fort.

Sebaldus ließ ſeine fertigen Hefte in den Haͤn - den des Buchhaͤndlers, bat ihn die Sache zu uͤberle -gen71[70]gen, und gieng, weil eben einer der erſten Fruͤh - lingstage war, ſehr zufrieden, ſeinen Lieblingsſpa - ziergang auf den Dyk nach Seeburg, um ſich an der Ausſicht auf das Y zu laben.

Der Buchhaͤndler gieng, nachdem er ſowohl den Domine, als den Sebaldus, bis vor die Thuͤr ſei - nes Ladens begleitet hatte, bedaͤchtig in ſeine Schreib - ſtube zuruͤck, um zu uͤberlegen, ob nicht eine Speku - latie zu machen waͤre.

Mynheer van der Kuit, war ein Buchhaͤndler, der das Handwerk verſtand, und trieb es auch als ein Handwerk. Ein Buch ſahe er als ein Ding an, das verkauft werden koͤnnte. Weiter kuͤmmerte ihn nichts dabey. Aber hierzu wuſte er auch alle Vor - theile zu ſuchen, und noch beſſer ſich dabey vor allem Nachtheile zu huͤten. Dabey bemuͤhte er ſich nicht etwan um kleine gemeine Vortheile, z. B. fuͤr ein neues Buch einen pfiffigen Titel zu erſinnen, uͤber ein verlegenes Buch, nebſt einer neuen Jahrzahl, einen neumodiſchen Titel zu ſchlagen, ſich des Ver - lagsrechts eines zu uͤberſetzenden Buches dadurch zu verſichern, daß man es ankuͤndigt, ehe es noch im Originale erſchienen iſt, u. d. gl. mehr. Nein! Myn - heer van der Kuit ſpekulirte ins Große. Er war von weitem her, achtſam auf alles, was ihm einmahlE 5dienen72[71]dienen koͤnnte, und that als ob die Leute, die er zu nichts zu nutzen wußte, ja ſelbſt, als ob die Buͤcher die er nicht hatte, nicht in der Welt waͤren. Sein Hauptgrundſatz war, was er ſelbſt brauchen koͤnnte, muͤſſe ein anderer nicht haben. Hiezu wußte er, oft durch die vierte Hand, Maſchinen in Bewegung zu ſetzen, und konnte nachher ganz unbefangen dabey ausſehen, als ob ihm die Sachen ſo ganz natuͤrli - cherweiſe in die Haͤnde gelaufen waͤren. Es iſt wahr, er handelte dabey nicht allemahl ganz genau nach den gewoͤhnlichen Grundſaͤtzen der Ehrlichkeit und der Menſchenliebe. Er hatte aber ſeine Partie dergeſtalt genommen, daß er, wo es hingehoͤrte, von Ehr - lichkeit und Menſchenliebe ganz fein zu reden wuſte, und da man ihm weder die Ehrlichkeit abſprechen konnte, daß er ſeine Schulden richtig bezahlte, und auch eben ſo puͤnktlich eintrieb, noch die Menſchen - liebe, daß er keinen Beduͤrftigen ohne Allmoſenweg - gehen ließ, wenn jemand zugegen war, und keinen Schuldner verklagte, von dem er vorher ſahe, daß er nicht wuͤrde bezahlen koͤnnen; ſo war keinesweges zu beweiſen, daß er, mit ſeiner Schlangenklugheit, nicht auch die Falſchloſigkeit einer Taube verbinde.

Dieſer Mann hatte es lange mit einer Art von Widerwillen angeſehen, daß er bey dem Drucke, derſo73[72]ſo gut verkaͤuflichen Werke des Kollegianten, nichts als nur der Namenleiher ſeyn ſollte. Beſonders war ihm dieſes bey dem gelehrten Tagebuch aufge - fallen, von welchem er monatlich eine große Anzahl Exemplarien, zu ſeinem Mißvergnuͤgen abſetzte, weil ihm bey jedem Exemplare einfiel, daß dieß Werk ei - gentlich ſein Eigenthum ſeyn ſollte, und nicht des Kollegianten, der nur die Kleinigkeit dabey that, daß er es ſchrieb. Jndeſſen, da der Kollegiant ein reicher und angeſehener Mann war, der auch eine zahlreiche Bibliothek unterhielt, ſo mußte van der Kuit ſchon ſein Mißvergnuͤgen in ſich ſchlucken. Da aber Sebaldus, ein armer unbekannter Fremder, das Eigenthum dieſes Werks erhielt, ſahe der er - fahrne Buchhaͤndler keinen Grund, warum er mit demſelben auch ferner ſo viel Nachſicht haben ſoll - te. Er ſetzte alſo bey ſich feſt, daß er dieſes Werk einſt ganz an ſich ziehen muͤſſe. Er hatte dem Se - baldus, zu dieſem Behufe, einige wohlausgeſon - nene Vorſchlaͤge gethan, welche dieſer, der in Ge - ſchaͤften ziemlich kurzſichtig war, ſich ſehr leicht wuͤr - de haben gefallen laßen, wenn nicht van der Kuit, welcher zu viel Abſichten auf einmahl erreichen woll - te, ihm zugleich ein paar Mitarbeiter haͤtte aufdrin - gen wollen, die zwar nach van der Kuits, nichtaber74[73]aber nach Sebaldus Abſichten arbeiteten. Er bekam alſo eine ausdruͤckliche abſchlaͤgige Antwort. Dieſe Widerſpenſtigkeit eines Antors brachte ihn nicht wenig auf, und beſtaͤrkte ihn in ſeinem loͤbli - chen Vorſatze, das Journal zu beſitzen und zugleich nach eigenem Gefallen zu regieren.

Dieſer Vorſatz, wobey er, nachdem er einmahl einen Schritt deshalb gethan hatte, ſeine Ehre in - tereſſirt glaubte, lag ihm beſtaͤndig im Kopfe. Da er nun jetzt uͤber das Schickſal von Sebaldus Ueber - ſetzung ſpekulirte, und einestheils wohl erwog, daß ſie moͤchte verkaͤuflich ſeyn, anderntheils aber auch Verdrießlichkeiten mit der Geiſtlichkeit befuͤrchtete, durch deren Kundſchaft er ſo manche ſchoͤne uitleg - kundige Vermaaklykheeden, Verklaaringen und Leer - Reeden verkaufte, ſo konnte er mit ſich noch gar nicht einig werden, wie der Gewinn davon, mit rechter Vor - ſicht, und doch unbeſchnitten koͤnnte erlangt werden.

Mit einemmahle fieng ſeine Spekulation an, ei - nen andern Weg zu nehmen. Er hieng das Ange - ſicht, kruͤmmte die Unterlippe, legte den Zeigefin - ger der linken Hand an die Naſe, und endlich ſchien es ihm ganz natuͤrlich vor Augen zu ſtehen, daß durch dieſe Ueberſetzung, auch wenn ſie nicht gedruckt wuͤrde, das gelehrte Tagebuch ſein Eigenthum wer -den75[74]den muͤßte. Dieſe wichtige Entdeckung machte ihn unruhig, er gieng aus ſeiner Schreibſtube in den La - den, aus dem Laden in die Schreibſtube, ſchnalzte mit den Fingern, ruͤckte die Perucke, zog die Bein - kleider auf, rieb ſich die Haͤnde, eilte mit Sebaldus Ueberſetzung nach Hauſe, die er, ohne aus Abend - eſſen zu denken, ganz durchlas, die noͤthigen Stel - len mit einem Kniffe bezeichnete, ſein Projekt noch - mals durchdachte, und ſich darauf voller Zufrieden - heit zu Bette legte.

Den folgenden Tag, bey fruͤher Tageszeit, ver - fuͤgte er ſich zu Domine de Hyſel, dem er die ganze Ueberſetzung vorlegte, und ihm die Beſchaffenheit des Buchs erklaͤrte. Er las ihm zugleich alle die an - gezeichneten Stellen vor, in deren jeder er eine derbe Ketzerey zu finden vermeinte. Er verſicherte, er wiſſe daß Sebaldus gefaͤhrliche Abſichten gegen die Landesreligion im Schilde fuͤhre, und daß er ein Socinlaner ſey. Er ſuchte zugleich den Domine zu bewegen, dieſes gefaͤhrliche Buch der Obrigkeit anzuzeigen. Oder wenn man, aus Menſchenliebe, dieß noch unterlaßen wolle, ſo gab er zu verſtehen, der Domine werde doch in ſeiner Gegenwart, dem Sebaldus, wegen ſeiner gottloſen Meinungen, die, wie er vernommen, auch ſchon hin und wieder in dem76[75] dem Journale zu Tage laͤgen, ſtark das Gewiſſen ſchaͤrfen, und wenn dieſes, wie zu befuͤrchten waͤre, nicht helfen ſollte, allenfalls bey der Obrigkeit zeu - gen, daß er einen Theil dieſes hoͤſen Buchs vorleſen hoͤren, und daß es habe zum Drucke befoͤrdert wer - den ſollen.

Mynheer van der Kuit, hoffte von dieſer Rede, die er wohl ausſtudirt hatte, den erwuͤnſchteſten Er - folg. Wider Vermuthen aber, antwortete Domine de Hyſel auf verſchiedene Fragen gar nichts, und erkaͤrte endlich, mit zerſtreuter Mine: daß er geſtern wirklich nicht recht acht gegeben, als der Heft vor - geleſen worden. Jm Grunde ſey manches doch auch nicht ſo ſchlimm, und koͤnne beſſer ausgelegt wer - den ob ers gleich auch nicht vertheidigen wol - le Da das Buch noch nicht gedruckt ſey, waͤre es ohnedieß zu hart, die Beſtrafung von der Obrig zu verlangen. Er duͤrfe dem Herrn Nothanker ja nur den Verlag abſchlagen, welches er ihm zwar auch nicht eigentlich rathen wollte Kurz, er baͤte ihn, zu glauben, daß er geſtern gar nicht acht gegeben habe, und niemand ihre heutige Unter - redung zu entdecken er koͤnne ſich nicht wohl in die Sache miſchen. Und bey allen dieſem ließ er deutliche Zeichen der Verlegenheit merken.

Van77[76]

Van der Kurt konnte gar nicht begreifen, wie die Entdeckung eines Ketzers, auf einen rechtſinni - gen Geiſtlichen ſo wenig Eindruck machen koͤnnte, denn er hatte gewiß geglaubt, ihn ganz bey ſeiner Schwaͤche zu faſſen. Da er nun merkte, daß er den Beyſtand, den er gewiß von dem Domine zu erhal - ten hoffte, verfehlt hatte, und es nicht dienlich fand, demſelben die wahre Urſach ſeines Antrags naͤher zu erklaͤren, ſo gieng er, nachdem er ſich dienſtlich em - pfohlen, ziemlich betroffen, zur Thuͤr hinaus.

Wollte der geneigte Leſer etwan aus dieſem Vor - falle ſchließen, daß Domine de Hyſel heimlich hete - rodoxe Geſinnungen gehet, ſo wuͤrde er ſich irren; denn der Domine, wollte an keinem einzigen Schluſſe des Dordrechtſchen Synods etwas geaͤndert wiſſen.

Wollte man etwan vermeinen, der Domine habe die Meinungen des Buchs fuͤr unſchaͤdlich gehalten, und geglaubt, man koͤnne ſie dulden; ſo wuͤrde man noch das rechte Ziel nicht treffen, denn er war gar nicht geneigt ſie zu billigen.

Kurzum, alles zu erklaͤren, darf man nur wiſſen, daß Domine de Hyſel, nachdem er den Zweck ſeiner theo - logiſchen Univerſitaͤtsſtudien, ein geiſtliches Amt, erreicht hatte, ſich nunmehr, ſeine nothwendigſten Amtsgeſchaͤfte ausgenommen, um geiſtliche Angele -genheiten78[77]genheiten ganz und gar nicht bekuͤmmerte, und daher, gegen Orthodoxie und Heterodoxie, gegen Duldung und Verfolgung, eigentlich ganz voͤllig gleichguͤltig war. Er wuͤrde durch Aufmerkſamkeit auf dieſe Dinge, auch nur an ſeiner Lieblingsbeſchaͤftigung, an dem ſuͤſſen Umgange mit den lieblichen Muſen Latiens, gehin - dert worden ſeyn. Er wendete alle ſeine Zeit auf das Studium der lateiniſchen Sprache, die er mit der geſuchteſten Reinigkeit ſchrieb. Beſonders mach - te er die zierlichſten lateiniſchen Gedichte, und er hatte kuͤrzlich einen Band davon drucken laſſen, wo - von er nur vor acht Tagen, ein ſchoͤn gebundenes Exemplar, mit einer hineingeſchriebenen, Carmine elegiaco abgefaßten Epiſtel, ad Seb. A’Α̕ποϱιαγϰυϱοβο - λιον V. CI. dem ehrlichen Sebaldus zur Recenſion ge - ſendet hatte. Nun befuͤrchtete er, daß wenn er ſich in dieſe Sache, von der er ohnedieß keinen Zweck ab - ſahe, mengen wollte, koͤnnten ſeine Gedichte, fuͤr die er eine große Zaͤrtlichkeit hegte, einem widrigen Urtheile ausgeſetzt ſeyn; daher hielte ers fuͤrs ſicher - ſte, in dieſer Sache nicht mit zu erſcheinen.

Uebrigens ſagte er darinn keine Unwahrheit, daß er vorigen Tag auf Sebaldus Vorleſung nicht Acht ge - geben habe, denn da er kein Liebhaber von Proſe, am allerwenigſten von hollaͤndiſcher war, ſo hatte er un -term79[78]term Leſen, eine ſapphiſche Ode, auf den Dordrecht - ſchen Synod, zu Ende bringen wollen, wozu ihm noch ein paar Ausgaͤnge von Strophen fehlten. Er hatte alſo von dem Jnhalte der Handſchrift wirk - lich nichts vernommen, und wußte es dem Buch - haͤndler ſchlechten Dank, daß er ihn damit bekannt gemacht hatte, ja er wuͤrde ſich vor demſelben haben verlaͤugnen laßen, wenn er deſſen Anbringen haͤtte vermuthen koͤnnen.

Van der Kuit gieng indeſſen voll Kopfſchuͤttelns uͤber ſeine fehlgeſchlagene Erwartung nach Hauſe, als ihm ploͤtzlich einfiel, daß noch nichts verlohren waͤre, wenn Sebaldus nur glauben wollte, daß Domine de Hyſel wirklich geſagt haͤtte, was er, van der Kuit, wuͤnſchte, daß er geſagt haben moͤchte. Er kehrte alſo wieder um, und gieng zum Sebaldus, den er nach dem geſtrigen Spaziergang, und einem ruhigen Schlaf, wohlbehaglich bey Durchleſung eines neuen Buchs antraf, worinn er ſo viel gute Gedan - ken, ſo viel menſchenfreundliche Geſinnungen fand, daß dadurch ſein Herz, zu allen angenehmen Ein - druͤcken geoͤffnet war.

Der Buchhaͤndler erzaͤhlte ihm gleich, mit angenom - mener aͤngſtlicher Mine, daß Domine de Hyſel erſt die Handſchrift, und nachher ihn ſelbſt habe zu ſich holenDritter Theil. Flaßen,80[79]laßen, daß er ihm darinn viel gottloſe Meinungen ge - wieſen, und ſich hoch vermeſſen habe, den Ueberſetzer bey der Obrigkeit anzugeben, um ihn zur Strafe zu ziehen.

Eine ſchreckliche Nachricht macht deſto ſtaͤrkern Eindruck, je mehr das Gemuͤth vorher dem Vergnuͤgen geoͤfnet geweſen. Sebaldus war daher ganz be - taͤubt, und da van der Kuit fortfuhr, graͤßliche Maͤhrchen zu luͤgen, von der Strenge, mit der man in dieſem Lande gegen die Ketzer verfahre, daß man ſie in Zuchthaͤuſer bringe, zur Veſtungsarbeit an - ſchmiede, in entfernte Kolonien verbanne u. d. gl. ſo ward der gute Mann, der in Welthaͤndeln ganz unerfahren war, und ſich nie um die Verfaſſung ir - gend eines Landes bekuͤmmert hatte, ganz auſſer Faſ - ſung gebracht, es ſtellten ſich ihm zugleich, Dwang - huyſen, Puiſtma, der Seelenverkaͤufer, Stau - zius, Wulkenkragenius, der Praͤſident, und alle widrigen Begebenheiten ſeines Lebens ſo ſchreckenvoll vor, ſo daß er den treuloſen van der Kuit bey der Hand ergriff, und aͤngſtlich ausrief:

Ach mein Gott was iſt das! Koͤnnte ich doch nur aus dieſem grauſamen Lande entfliehen, ich wollte gehen, ſo weit mich meine Fuͤße tragen koͤnnten.

Van der Kuit war eigentlich nur Willens gewe - ſen, den Sebaldus, deſſen geringe Weltkenntniß eruͤberſah81[80]uͤberſah, durch einen eingebildeten Rechtshandel in ſolche Verlegenheit zu bringen, daß derſelbe ſich ganz in ſeine Arme werfen muͤßte, wodurch er denn ſei - nen Zweck wegen des Tagebuchs und der unterzu - ſchiebenden Mitarbeiter, deſto leichter zu erlangen dachte. Da ihm aber Sebaldus, aus uͤbertriebe - ner Aengſtlichkeit, noch ein ſichereres Mittel an die Hand gab, ſo faßte er, als ein weltkluger Mann, gleich deſſen Gedanken auf, und ſagte mit treuher - zig ſcheinender Mine:

Er glaube, in der That, es ſey fuͤr ihn kein Heil, als in einer ſchnellen Flucht zu finden.

Freylich!, rief Sebaldus, herzlich beklemmt, ich muß weg! Aber wohin? Wie ſoll ich ſo ſchnell und auch unerkannt aus dem Lande kommen. Jch weiß weder Weg noch Steg, habe auch kein Geld! Nach Oſtindien zu gehen, habe ich allen Muth ver - loren. Nach Deutſchland? Wie ſoll ich dahin zu - ruͤckkommen? Großer Gott! was wird aus mir werden!

Dieſen Zeitpunkt nahm van der Kuit wahr, ihn mit vielen ſchoͤnen Worten zu verſichern, daß ein je - der ehrlicher Mann, dem andern beyſtehen muͤſſe. Er ſetzte hinzu, er wolle, mit eben der Ehrlichkeit und Freundſchaft, mit der er ihn vor dem UngluͤckeF 2gewarnt82[81]gewarnt habe, ihm nicht allein zur Flucht nach Deutſchland behuͤlflich ſeyn; ſondern ſogar auch mit Gelde helfen; wenn ihm Sebaldus nur den Vor - rath und das Verlagsrecht der Werke des Kollegian - ten, beſonders, des gelehrten Tagebuchs, abtreten wolle. Sie wurden bald um etwan hundert Gulden einig, woruͤber van der Kuit, mit