PRIMS Full-text transcription (HTML)
Theologiſche Bedencken /
Und andere Briefliche Antworten auf geiſtliche / ſonderlich zur erbauung gerichtete / materien
zu unterſchiedenen zeiten aufgeſetzt / endlich auf langwiehriges anhalten Chriſtlicher freunde in einige ordnung gebracht und zum dritten mal herausgegeben. Vierter und letzter Theil. Die Paralipomena oder in vorigen theilen ausgebliebene und nachgefundene materien in ſich faſſend. Samt einem General-Regiſter uͤber alle IV. theile.
Mit Koͤnigl, Polniſcher und Preuß. auch Churfl. Saͤchſ. und Brandenb. Freyheit.
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HALLE/ in verlegung desWaͤyſen-Hauſes/M DCC XV.

Dem Chriſtlichen leſer / Wuͤnſche von dem himmliſchen Vater in CHriſto JEſu / wie zu fuͤhrung ſeines gantzen Chri - ſtenthums / alſo abſonderlich zu nuͤtzlichem gebrauch dieſer arbeit / das liecht des Heiligen Geiſtes / zu vor - ſichtiger pruͤfung / lebendiger erkaͤntnuͤß der wahr - heit und ſeines willens und folgſamen gehorſam!

WAs den erſten vorſatz / al - le meine bedencken in zwey theil zu faſſen / gehindert / und verurſachet habe / daß daraus nun viere worden ſind / iſt in den vorigen vor - reden angezeiget worden / auch verhoffentlich mit ſol - cher aͤnderung niemand ſchaden geſchehen. Dieſes - mal aber ſchlieſſet ſich durch die gnade GOttes / dero vor die zu der verfertigung ertheilte zeit / kraͤften und beyſtand demuͤ - thigſten danck abſtatte / das gantze dieſesmal heraus zu geben): (2vor -vorgenommene werck: und ſtellet das VII. Capitel vor die Para - lipomena, oder diejenige bedencken und antworten / die ihre ſtel - len zwar in den vorigen capitulu auch haben ſollen / aber mir noch nicht bey jener anordnung in die haͤnde gefallen waren / ſondern ich ſie erſt nach der zeit gefunden habe / oder die ſonſten an ihren platz zu bringen uͤberſehen worden ſind. Endlich wird auch ein general Regiſter uͤber alle vier theil angehaͤnget / welches bey dieſem werck als bey andern ſo viel noͤthiger / weil in demſelben ſelbs eine ſolche ordnung weder gehalten worden iſt / noch gehal - ten hat werden koͤnnen / daß auch ein verſtaͤndiger, wo er von einer materie gern leſen wolte / die ſtellen / die darvon handeln / ohne eines regiſters anweiſung leicht finden koͤnte. Sonderlich da manchmal in einem ſchreiben der materien mehrere vorkom - men / daß der urſachen wegen der innhalt in mehrere capitul zu vertheilen geweſt waͤre / und dahero die meiſte contenta eines briefs an ſolchen orten ſtehen / wo ſie keiner ſuchen wuͤrde; Wel - chem mangel aber nicht anders als durch ein regiſter abgeholffen werden koͤnnen. Ob ich nun wol von dem regiſter / als ich dieſes ſchreibe / noch nichts geſehen / will ich doch der dexteritaͤt und fleiß derjenigen / die muͤhe dran gewandt / dieſes zutrauen / daß es den leſer in ſeinem verlangen vergnuͤgen werde.

Bey dieſer gelegenheit / da ſich vermuthlich einige ver - wundern / daß dieſe arbeit der edition ſo lange / bis in das zwey - te jahr / gewaͤhret habe / und gedencken moͤgen / daß ich / nach - dem ich hand angeleget / weil doch nichts neues ausgearbeitet werden duͤrffte / ſondern allein noͤthig war / die befindliche co - pien deſſen / was vorlaͤngſt gemacht geweſen / zu durchgehen und zurecht zu ſetzen / welches eine geringe arbeit zu erfordern ſcheinet / in weniger friſt des leſers verlangen erfuͤllen haͤtte koͤnnen und ſollen / habe ich nicht allein zur abſonderlichen entſchuldigung an - zufuͤhren (davon bereits bey P. 1. meldung geſchehen iſt) daß die reviſion der zum theil ſo uͤbel und vitioſe geſchriebenen copien / (da es mir ſelbs zuweilen ſchwer worden / und nachſinnen erfor - dert / wie es heiſſen ſolte) mehr zeit erfordert habe / als ich mirimim anfang eingebildet / (ſo gar daß ich dergleichen vorſehende zu der herausgebung ſchwer wuͤrde gekommen ſeyn) ſondern auch insgeſamt von meinem ietzigen zuſtand nachricht zu geben.

So iſt es nun an dem / daß ich zwar goͤttliche guͤte / wie vor alles uͤbrige mir erzeigte gute / alſo auch vor dieſe gnade nicht gnugſam zu preiſen vermag / die mich uͤber mein und ander menſchen vermuthen dermaſſen bishero geſtaͤrcket / daß in gegen - waͤrtigem 68. jaͤhrigen alter nicht allein ſolche kraͤffte / vor ſo vie - len andern / die etwa noch nicht ſo viele jahre zaͤhlen / an gemuͤth und leib behalten / aus denen noch ziemlicher maſſen fortkom - men / meine amts-verrichtungen und predigten unverhindert ſelbs ablegen / und den gantzen tag in meiner arbeit ausharren kan / (welches eine ungemeine und tieffſten dancks wuͤrdige himmli - ſche wohlthat an mir unwuͤrdigen und ſchwachen erzeiget iſt) ie - doch bereits die abnehmung der kraͤfften / in gegenhaltung der vorigen jahre / in unterſchiedlichem (dardurch mich der himmli - ſche Vater nach ſeiner barmhertzigkeit meines bevorſtehenden en - des heilſamlich erinnert) vornemlich aber darinne / ſpuͤre / daß die hand zu ſchreiben bey einigen jahren ſo langſam wird / daß nun mehr als zwey ſtunden an etwas zu ſchreiben noͤthig habe / worzu ich vor dieſem keine gantze ſtunde bedorfft haͤtte. Da laſſe ich nun einen Chriſtlichen menſchen urtheilen / nachdem ich woͤ - chentlich amtswegen zweymal zu predigen habe / mich auch nach vermoͤgen es ſelbs zu verrichten verbunden achte / daher ſelten et - was beſtelle / hingegen gewohnet bin ordentlich alle meine pre - digten voͤllig zu concipiren / ob mir bey meiner jetzigen langſa - men hand / wann die zeit zu den beyden concepten / ſodann an - dern amts-geſchaͤfften / zuſpruch und dergleichen anzuwenden / abgerechnet wird / faſt noch einige zeit zu verfertigung anderer arbeiten und briefe uͤbrig bleibe; wie in der that manche woche verſtreich et / in dero kaum zu einigen zeilen ein viertelſtuͤndlein eruͤbrigen kan.

Jch fuͤhre dieſe bewandnuͤß bey gegenwaͤrtiger gelegenheit gerne an / nicht damit mich uͤber den liebſten Vater zu beſchwe -): (3ren /ren / der auch deſſen heilige urſachen hat / und ich ſeine hand / ob ſie mir auch meine arbeit und laſt ſchwerer machen will / dennoch mit demuͤthigem kuß kindlich zu verehren habe / ſondern mich we - gen der langſamkeit ſowol dieſes Wercks / als bisher anderer vor - haben / oͤffentlich zu entſchuldigen / darmit niemand wider die liebe mehr von mir fordere / als in meinen kraͤfften iſt / noch an - dern urſachen beymeſſe / was aus jetzigem unvermoͤgen kom - met.

Sonderlich erinnere ich dieſes wegen vieler lieber freunde und goͤnner / auch in anſehnlichem ſtand begriffener perſonen / deren briefe in mehrer hundert zahl unbeantwortet mir vor augen ligen / die ich nicht ohne wehemuth anſehe / und von ihrer vielen ſorgen muß / daß ſie / meines zuſtandes unkundig / mein ſtill - ſchweigen gantz andern urſachen / als die die wahre ſind / bey - meſſen moͤchten. Da ich hiemit oͤffentlich bezeuge / daß ich / ſo viel an mir iſt / willig waͤre / jederman / auch dem geringſten (da mich der HERR davor bewahre / jemand zu verachten) und zwar foͤrderlichſt / zu antworten / wo nur ſolches in meinen kraͤfften ſtuͤnde. Wie denn gar wenige briefe ſind / die ich mit fleiß nicht beantworten wollen / und ſie deswegen beyſeite geleget / weil ich zu antworten mir und denen / welchen haͤtte antworten ſollen / nicht dienlich erachtet habe / an der uͤbrigen aller beant - wortung aber hat mich die zeit abgehalten / auch bey ſo vielen / da ich mirs zu antworten oft ernſtlich vorgenommen / auch ver - troͤſtet hatte / aber da ich meiner ſtunden nicht Herr bin / ſondern wie mich die geſchaͤfften herumreiſſen / mich ziehen laſſen muß / meinen vorſatz nicht zu bewerckſtelligen vermocht habe. Daher alle / welchen bisdaher die antworten ſchuldig geblieben bin / um Chriſtlicher liebe willen bitte / aus dem ſtillſchweigen keine un - gleiche gedancken / ob verſagte ich ihnen die Chriſtliche liebe / zu ſchoͤpffen / ſondern mit der ſchwachheit deſſen / den die menge der ſich zu mir wendenden von mehrern jahren drucket / die je - tzige jahre aber / was auch noch etlicher maſſen in den vorigen geſchehen koͤnnen / ie laͤnger ie unmuͤglicher machen / gedult zutra -tragen: wiewol mich nicht ausſage / daß nicht noch eine und andere aͤltere ſchreiben / die mir oft wieder in die haͤnde kommen / bey jeder gelegenheit einer muͤßigen viertelſtunde (wo dergleichen nur zu hoffen) beantworten moͤgte. Vor allem aber bitte GOTT hertzlich / daß er alle diejenige / die aus vertrauen zu mir ſich um rath gewendet haben / und aus gedachter hindernuͤß keine antwort bekommen haͤtten / in gnaden regieret haben und ferner regieren / daß ihnen daraus kein nachtheil entſtehe / mir aber / was darinnen in der pflicht der liebe verſaͤumet haͤtte / nach ſeiner barmhertzigkeit nicht zurechnen wolle / da er auch erken - net / daß jene eben nicht gerne oder mit willen unterlaſſe.

Aus vorſtellung ſolcher meiner jetzigen bewandnuͤß / die eben deswegen auch oͤffentlich zu thun dienlich erachtet / hoffe ich / daß Chriſtliche freunde zwar alles ſchreiben an mich / oder dienli - che nachrichten dann und wann zu ertheilen / deswegen nicht gar unterlaſſen / aber auch / wo mir nicht / oder doch nicht zu rechter zeit / zu antworten muͤglich fiele / mit meinem alter und zuſtand gedult tragen werden / ſich deſſen bey dem ſchreiben an mich alle - zeit verſicherende / daß entweder / wo mir GOTT darzu zeit und kraͤffte giebet / ſchrifftlich / oder je nachdem das begehren ge - weſen / mit der that und deſſen leiſtung / antworten / oder aufs wenigſte / wo jenes nicht thun kan / dero perſonen und anliegen dem Allerhoͤchſten deſto hertzlicher vortragen / und alſo kein ſchrei - ben an mich gantz umſonſten bleiben laſſen wolle. Daneben ich hoffe / nicht unbillig zu ſeyn / wann von allen hinwieder ver - lange / die eine liebe zu mir tragen / daß ſie auch ihrer ſeit mir von dem liebſten Vater die gnade erbitten helffen / in dero ich den et - wa wenigen reſt des lebens alſo zubringe / nichts der uͤbrigen zeit zu verſaͤumen / ſondern alle ſtunden zu dem / was in allen ſtuͤcken das noͤthigſte vor ihm iſt / anzuwenden / damit aber auch zu meinem abſchied mich deſto beſſer bereite. Schließlichen ruffe nochmal den geber alles guten hiemit demuͤthigſt an / daß er die - ſe in ſeiner furcht nach und nach verfertigte / und nun in vertrauen auf ihn heraus gegebene / arbeit / bey allen / die ſie nach ſeiner ſchi -ckungckung gebrauchen werden / in gnaden ſegnen wolle / in allerley an - liegen ſeinen willen aus hie gethaner anweiſung / oder / da ich deſ - ſen aus menſchlicher ſchwachheit hie und da verfehlt haͤtte / auf an - der ihm bekante und gefuͤgte art zu erkennen / und in deſſen voll - bringung ihre hertzliche ruhe zu ſuchen. Nun er ſchaffe ſelbs ſei - nen willen in / an / uͤber und durch uns in zeit und ewigkeit zu ſeinem preiß und unſerer ſeligkeit um JEſu CHriſti willen. Amen.

Philipp Jacob Spener D.

1

Das ſiebende Capitel. PARALIPOMENA oder Von vorigen capiteln uͤbergebliebene und nach gefundene antworten.

ARTIC. I. Von lehr-ſachen und allerley materien.

SECTIO.

  • 1 WOran man die kindſchafft GOttes gewahr werden oder erkennen koͤnne.
  • 2. Ob mans dahin bringen koͤñe, nicht mehr muthwillig das gewiſ - ſen zu verletzen.
  • 3. Antwort auf unterſchiedliche fragen uͤber lehr-puncten und einige pflich - ten.
  • 4. Vom erkaͤntnuͤß der drey perſonen im A. Teſtament.
  • 5. Vom buch der Offenbarung Johannis. Wie nothwendig daſſelbe. Ob aller orten nach dem buchſtaben zu verſtehen. Ob die 7. haͤupter des thieres ſieben Churfuͤrſten.
  • 6. Vom hauptſchluͤſſel Apocalypſe s.
  • 7. Vom dritten Engel Offenb. Joh. 14. wer er ſeye. Wie man ſich in der wachſenden gefahr vor dem Pabſtthum zu halten, und die gemeinden daruͤber zu vernehmen habe. Chriſtiani Alethophili ſchrifft.
  • 8. Ob nur eine auferſtehung der todten ſeye, oder voꝛ der allgemeinen eine ſon - derbare auferſtehung der gerechten vorgehe.
  • 9. Fernere verfolgung der G. 1. ſect. 43. 44. gehandelten materie, ob alles in der ſchrifft bereits erfuͤllet, und allein der juͤngſte tag noch zu erwarten ſtehe.
  • 10. Vom unterſcheid des eigentlichen unmittelbar geoffenbarten worts und desjenigen, was gottſelige perſonen oder prediger in mitwirckung des heiligen Geiſtes reden.
  • 11. Ob der glaube im ewigen leben noch bleibe? Ob man ſich Reformirter O - brigkeit zu widerſetzen habe, da ſie ihre namen-buͤcher in Lutheriſche ſchulen einfuͤhren wollen.
IV. Theil. a12. An2Das ſiebende Capitel
  • 12. An eine Hochfl. perſon wegen derſelben arbeit uͤber den pſalter.
  • 13. Ob auſſer der Lutheriſchen ja insgeſamt Chriſtlichen kirchen jemand ſelig werden koͤnne. Wie ſich ein prediger wegen der beſorglichen unwuͤr - digen beicht-kinder zu verhalten. Von den ſtandes-perſonen und de - ro bedienten praͤchtiger kleidung. Wie viel erkaͤntnuͤß von einfaͤlti - gen zu fordern?
  • 14. Von der gemeinſchafft mit irrigen religions-verwandten, ob auch ſolche ſelig werden koͤnnen.
  • 15. Von nennung des namens JESU ohne ehrerbietung. Ob von dem H. Geiſt genug gehandelt werde. Von dem gebet fuͤr die kinder in mut - terleib. Ob eine gloſſirte allgemeine bibel nuͤtzlich. Gedaͤchtnis-wor - te. Gedaͤchtnis-ſpruͤche in Hebraͤiſcher ſprache. Dieſer wichtigkeit. Muſicaliſche Hebraͤiſche ſpruͤche Gebet ob in der grundſprach zu thun.
  • 16. Von feuer - und andern vorgebenden oder geſchehenden wunderzeichen.
  • 17. Von Cometen, ob ſie etwas bedeuten.
  • 18. Chriſtliches bedencken wegen der anſtalten zur bekehrung einiger Juden, an den orten, da dieſelbe wohnen.
  • 19. Rettung einiger unbillig in verdacht gezogenen redens-arten eines Theo - logi, von der treue nothwendigkeit zur ſeligkeit, vollkommenheit, Oſi - andriſmo.
  • 20. Wegen Stephani Prætorii und Martini Statii ſchatz-cammer. Wegen einer zuruͤck gegangenen vocation.
  • 21. Seligkeit iu dieſem leben. Statii cynoſura. Neodorpii privilegia der Chriſten. Havemanni wegeleuchte. Ob in der abſolution verge - bung der ſuͤnden geſchehe? Ob Geſenius in dem Catechiſm. der lehr der rechfertigung eintrag thue? ob in der wiedergeburt eine aͤnderung vorgehe. Noͤthige vorſtellung der art des glaubens. Ob geſetz oder Evangelium mehr zu predigen.
  • 22. Krafft des zuſammen geſetzten bruͤderlichen gebets. Vorzug der ge - meinden in groſſen ſtaͤdten vor den kleinen. Hoffnung kuͤnfftiger beſ - ſerung, muntert den fleiß auf.
  • 23. Von einem Geſang: O GOtt wir loben dich.
  • 24. Verlaͤſterung der gottſeligkeit. Joach. Betkius. Wie man ſich wegen derjenigen lehrer, die in verdacht gezogen werden, zu verhalten.
  • 25. Bruder - und ſchweſter name. Gemeinſchafft der heiligen.
  • 26. Von der formul des gebets bey der tauffe: alles was ihm von Adam an - gebohren iſt, und er ſelbſt darzu gethan hat: ob ſie zu dulden, und wie ſie zu verſtehen.
27. An3ARTIC. I. SECT. I.
  • 27. An einen Angefochtenen: Was das natuͤrliche temperament dabey thue.
  • 28. Wegen Jacob Boͤhmens. Kuhlmanns. Steph. Prætorii. Statii.
  • 29. Von der beruͤhmten Antoinette Bourignon.
  • 30. Daß die Roͤmiſche kirche die arche Noæ nicht ſeye. An einen vorneh - men Papiſten, deſſen ehefrau Evangeliſch worden.
  • 31. Uber des Biſchoffs von Thina negotiation und verſuchten vereinigung mit dem Pabſtthum.
  • 32. An einen gutgeſinnten Roͤmiſchen geiſtlichen (deſſen bruder wegen ſeiner gottſeligkeit von ſeinen eigenen leuten gefangen gehalten, endlich wie - der loßgelaſſen worden) uͤber bezeugtes verlangen nach der einigkeit des glaubens: Wie darzu zu gelangen. Der Roͤmiſchen kirchen ſchweres verderben.
  • 33. Ob der ſtreit von der rechtfertigung zwiſchen uns und den Papiſten wich - tig ſeye.
  • 34. Bedencken uͤber einige kinder, uͤber welche der Satan durch hexen viel gewalt genommen, an eines der kinder vater.
  • 35. Hexen-proceſſe. Geiſtliche zauberey nicht wenig gefaͤhrlich.
  • 36. Uber einen Caſum, als ein junges maͤgdlein eine weile ein geſpenſt auf ge - wiſſe weiſe ſimulirte, und die eltern mit in verdacht gerathe〈…〉〈…〉 Was mit demſelben anzufangen.

SECTIO I. Woran man die kindſchafft GOttes gewahr werden oder kennen koͤnne?

DJe kindſchafft GOttes kommet aus dem glauben, und wird verſiegelt von dem heiligen Geiſt aus dem kindlichen Geiſt, was alſo zeugnuͤſſe und kennzei - chen des glaubens und inwohnenden heiligen Gei - ſtes ſeind, das ſind auch zeichen ſolcher kindſchafft. Dahin gehoͤren

  • 1. Die empfindlichkeit ſolches innerlichen zeugnuͤſſes, wo der heilige Geiſt unſerm geiſt in - nerlich zeugnuͤß giebet. Rom. 8, 16. Dieſes zeug - nuͤß iſt gewiß, wo es ſich findet, aber es folget nicht, wo es nicht em - pfindlich iſt, daß denn ein ſolcher menſch GOttes kind nicht ſeye: Denna 2dieſe4Das ſiebende Capitel. dieſe empfindlichkeit kan im ſtande der anfechtung ermangeln, und doch glau - be und kindſchafft vorhanden ſeyn.
  • 2. Das kindliche hertzliche vertrauen zu dem him̃liſchen vater, deſſen empfindlichkeit ein ſtattliches kennzeichen iſt, wo dieſe aber auch eꝛman - gelt, ſo dienet an ſtatt deſſelben das ſehnliche verlangen nach deſſelben gnade, und daß ſich unſer hertz wo es in noͤthen iſt, ſtracks zu dem HErrn wendet, und von ihm huͤlffe verlanget; Denn wo ſich ſolches findet, iſts alſobald ein zeug - nuͤß des vertrauens, ob man wol dieſes nicht fuͤhlet, ſondern uͤber deſſen man - gel klaget: Denn warum klage und ſehne ich mich nach der huͤlffe von dem HErꝛn, wo nicht ſchon in dem hertzen ein heimliches vertrauen auf den HErꝛn ſteckte, ohne welches man vielmehr vor GOtt fliehen wuͤrde.
  • 3. Der antrieb des heiligen Geiſtes zu dem guten, dafern man nem - lich demſelbigen auch nachkommet, und ihn bey ſich kraͤfftig ſeyn laͤſſet. Rom. 8, 14.
  • 4. Der wirckliche Gottſelige wandel 1. Joh. 2, 29. Wer recht thut, der iſt von ihm geboren; Es muß aber ſolches recht thun verſtan - den werden, nicht bloß von den euſſerlichen wercken, ſondern demjenigen, wo das hertz ſonderlich zu GOtt gerichtet iſt, und man aus liebe und gehorſam gegen denſelben ſich des guten befleiſſet, dabey eine freude druͤber hat, wo man etwas gutes zu thun die gnade gehabt hat.
  • 5. Sonderlich die liebe des nechſten, da dieſelbe ernſtlich und hertz - lich, und aus vorgedachter liebe gegen GOtt herkommend, ſich bey dem men - ſchen findet[1.]. Joh. 3. 18. 19. 20. Vornemlich die liebe der bruͤder und Gotteskinder, wo wir finden, daß wir warhafftig dieſelbe eben um ihrer froͤmmigkeit und weil ſie GOttes kinder ſeynd, lieben 1. Joh. 3, 12. 14. Si - he auch Epheſ 5, 1. 2.
  • 6. Das leiden und zuͤchtigung des himmliſchen Vaters, da ſol - ches mit demuth und gedult aufgenommen wird. Hebr. 12, 5. 6. u. f.

Wie man ſich auf die verfolgungen um der warheit des Evangelii willen vorzubereiten habe.

  • 1. D man ſowol insgemein ſich fleißig vorſtelle, daß der HErr uns die verfolgungen vorgeſagt habe Joh. 16, 1. 4. Damit wir uns nicht aͤr - gern, ſondern wo ſie kommen, daran gedencken. Alſo auch die A - poſtel Ap. Geſch. 14, 21. 2. Tim. 3, 12. u. ſ. f. Als auch abſonderlich, was von den letzten zeiten von verfolgungen vorgeſagt worden, Offenb. Joh. 11, 78. 13,5ARTIC. I. SECTIO I. 8. 13, 7. 14, 9. 10. 11. 12. 13. 17, 6. So vielmehr hat man daran fleißig zu ge - dencken, wo man dergleichen bereits vor augen und im wetter zuſammen ziehen ſihet. Wer ſich nichts der dinge vorher vorgeſtellet, kan ſich nach - mal deſto weniger drein ſchicken.
  • 2. Daß man zu rechter zeit ſeinen glauben, was die erkaͤntniß der wahren lehr anlangt, recht ſuche zu gruͤnden, und zwar nicht nur aus dem bloſſen catechiſmo oder andern von unſern lehrern gemachten buͤchern, dero autoritaͤt uns mag in zweiffel gezogen werden, ſondern aus der ſchrifft und undiſputirlichem wort GOttes ſelbſten, in demſelben zu erkennen, wie unſre lehr gegruͤndet ſeye: Damit man als denn wiſſe, die warheit, vor welche wir leiden, ſey eine Goͤttliche warheit.
  • 3. Daß man auch einigerley maſſen und nach dem maß der erkaͤntnuͤß, ſo einem jeglichen gegeben, ſuche etwas von den irrthumen der falſch-glaͤubi - gen, von denen man etwa die verfolgung zu ſorgen hat, zu verſtehen, und dero ungrund zu erkennen: Damit man nachmal deſto weniger verfuͤhret werden moͤchte, entweder zu den irrthumen ſelbs, oder aber zu dero geringhaltung, und alſo leichteren abfall, der nicht ſo leicht zu befoͤrchten, wo man den greuel der irrthume ziemlich erkant hat.
  • 4. Daß man nicht zu frieden ſeye nur eine buchſtaͤbliche erkaͤntniß der warheit zu haben, ſondern daß ſolche mit einer goͤttlichen gewißheit (als welche allein in den harten anfechtungen zu beſtehen vermag) in dem hertzen lebendig ſeye, wozu alſo eiffriges gebet, und da wir die ſchrifft leſen oder pre - digt hoͤren, hertzliche begierde goͤttlichen willen zu erkennen und zu vollbringen gehoͤret, damit wir bequem ſeyen, in welchen der heilige Geiſt ſolches wahre liecht wircke.
  • 5. Daß wir uns eines heiligen wandels befleiſſen, damit ein boͤſes ge - wiſſen des vorigen lebens bey anbrechender gefahr nicht alſobald alles ver - trauen gegen GOtt niederſchlage, und die furcht vermehre, oder der Goͤttli - chen gnade, dero wir alsdenn bedoͤrfftig, aus ſeinem gerechten gericht verlu - ſtigt mache, auch wir in ſolchem ſtand moͤgen geſchickt ſeyn, zu den Goͤttlichen gnaden-wirckungen.
  • 6. Daß wir ſonderlich bey zeiten lernen erkennen, was nicht die wahre guͤter ſeyn, nemlich alles irdiſche, reichthum, ehre, wolluſt, beqvemlichkeit die - ſes lebens, ja das zeitliche leben ſelbs, ſondern die ewige und geiſtliche: a - ber daß wir ſolches nicht nur nach den worten erkennen, ſondern warhaff - tig in unſerer ſeelen alſo glauben, daher folglich die liebe dieſer welt und un - ſer ſelbs warhafftig abzulegen und die wahre guͤter allein zu lieben noͤthig iſt. Dann lieben wir nicht mehr unſer leben und dieſes lebens guͤter, ſo iſt ſchon die vornehmſte gewalt aller verfolgungen gebrochen, welche nicht mehr alsa 3dieſel -6Das ſiebende Capitel. dieſelbe uns entziehen kan. Matth. 16, 24. auf verleugnen ſeiner ſelbs folgt das tragen des creutzes Luc. 14, 26. So lernet man recht ſeine hoff - nung ſetzen allein auf den lebendigen GOtt, und den genuß ſeiner Gnade, den die verfolgungen nicht benehmen ſondern befoͤrdern.
  • 7. Daß wir auch zu der zeit, da wir frey ſind, unſerm leiblichen leben und eigenen willen vieles ſelbſt abbrechen, und uns manches enthalten, was wir wol mit guten Gewiſſen gebrauchen koͤnten, nur uns mehr und mehr zu gewehnen, dergleichen dinge entrathen zu koͤnnen, um die uns etwa die ver - folgungen bringen moͤchten. Geiſtlich arm werden (Matth. 5, 3) das iſt ſich ſeines reichthums nicht miß-ſondern nicht anders brauchen, als haͤtten wir ihn nicht, damit wir auch ſo viel leichter ertragen koͤnnen, wo wir auch leiblich arm werden ſollen u. ſ. f. welche gewohnet ſind, obwol nicht in of - fenbar ſtraͤfflichem uͤberfluß, dannoch in aller gnuͤglichkeit und gemaͤchlich - keit, zu leben, denen wirds viel ſaurer, etwas nachmal zu leiden, als die ſich ſelbs hart gewehnet haben.
  • 8. Daß man den armen reichlich gutes thue, weil mans hat, damit ſich der HERR auch unſrer nothdurft zu ſeiner zeit durch anderer liebe annehme. Pſalm. 41, 2. I12, 5.
  • 9. Daß man ſeine kinder zur erkaͤntnuͤß der wahrheit treulich aufziehe, damit ſo wol ſie ſelbs alsdann beſtehen moͤgen, als wir auch in dem fall, daß wir von ihnen kommen ſollen, ihrerwegen ſo viel weniger ſorge haben moͤgen, die uns ſonſten ſehr weich machen koͤnte.
  • 10. Daß man fleißig ſich die exempel der maͤrtyrer und blut-zeugen Chriſti vorſtelle, die uns in der ſchrifft und kirchen-hiſtorien aufgezeichnet ſind, und einen ſtattlichen antrieb geben zur nachfolge und gleicher beſtaͤndigkeit. Da - her auch zu wuͤnſchen waͤre, daß ſolche buͤcher wol eingerichtet viele zu finden waͤren.
  • 11. Daß man auf alle weiſe ſeinen glauben, in dem man allein al - les uͤberwinden kan, 1. Joh 5, 4. ſuche zu ſtaͤrcken, mit goͤttlichem wort, mit erinnerung der heiligen tauffe, da wir in den tod Chriſti, und alſo auch zu deſ - ſen gleichfoͤrmigkeit, getauffet ſind, mit wuͤꝛdigen gebꝛauch des h. abendmahls, mit vorſtellung der goͤttlichen unzaͤhlichen verheiſſungen, betrachtung der goͤttlichen regierung in ſolchen verfolgungen, ohne die nichts geſchehe und uns aus goͤttlicher treue nichts zu ſchwer werden koͤnne, mit verſicherung des goͤttlichen beyſtands, mit vergewiſſerung des ſeligen ausgangs aller ver - folgungen und des gewiſſen ſiegs Rom. 8, 35. 36. 37. ja des herrlichen reichs nach den verfolgungen und der herrlichkeit, die an denen am allermeiſten die meiſtes gelitten, offenbahret werden ſolle. Matth. 5, 10. 11. 1〈…〉〈…〉. So viel nundadurch7ARTIC. I. SECTIO I. dadurch der glaube bey uns geſtaͤrcket wird, ſo viel ſind wir wol berei - tet.
  • 12. Daß wir eifrig beten um ſolche bereitung, und die alsdann uns noͤ - thige huͤlffe Luc. 21, 36. Offenb. 8, 3.
  • Zu dieſen ſtuͤcken allen haben wir den annoch goͤnnenden ruheſtand zu gebrauchen. Ap. Geſch. 9, 31.

Welches die kennzeichen des wachsthums oder zunehmens im Chriſtenthum ſeyen?

  • BEy beantwortung dieſer frage iſt zu mercken 1. daß es, obwol nicht ſchwer iſt, zu erkennen, ob man in der kindſchafft GOttes ſtehe oder nicht, doch eine ſchwere ſache ſeye des wachsthums gewiſſe kennzei - chen zu geben, iedennoch aber koͤnnen etliche geſetzt werden, welche aber 2. ſo beſchaffen, daß wo ſie ſich bey einem menſchen finden, denſelben ſeines wachs - thums im Chriſtenthum verſichern: Jſt aber im gegentheil aus ermangelung der kennzeichen nicht unfehlbar zu ſchlieſſen, daß ein menſch zuruͤck gehe. Mag alſo das 1. ſeyn: Die hertzliche begierde und liebe zu dem goͤttlichen wort 1. Petr. 〈…〉〈…〉, 2.
  • 2. Kan ſeyn, ſo der menſch ſeines Heylandes, als des vornehmſten zwecks der ſchrifft, in leſung, anhoͤrung, betrachtung des worts GOttes klaͤrer und heller, als vormals wahrnimmt, und mit mehrer verſicherung und gewiß - heit alles auf Chriſtum ziehet.
  • 3. Waͤre, wenn ein menſch alles, ſo ihm von ſtraff, troſt und vermah - nung in leſung der ſchrifft vorkommt, als ein nicht fremdes, ſondern auch ihm geſchriebenes wort leichter und durchdringender auf ſich appliciret.
  • 4. Kan dieſes den wachsthum anzeigen, ſo wir Chriſtum nunmehr um ſein ſelbs willen, immer mit weniger abſicht auf uns ſelbs, lieben, wie nicht weniger auch den nechſten allein um GOttes und ſeiner liebe willen, daher auch die feinde.
  • 5. So wir uns GOTT mit freudigem muth unterwerffen mit uns zu thun und zu handeln nach ſeinem wohlgefallen: wie dann die gedult ihre ſtafflen hat, daß man erſtlichen ziemlichen kampff leidet, nur daß man ſich des murrens enthalte, nachmals kommts dahin, daß man mit dem leiden wol zufrieden ſeye, endlich gar ſich deſſelben freue, und GOTT dafuͤr dancke.
  • 6. Wann dem menſchen ie laͤnger ie leichter wird ſeinen ſuͤndlichen be - gierden zu widerſtehen, die vorhin unuͤberwindlich ſchienen.
7. So8Das ſiebende Capitel.
  • 7. So der menſch nach ablegung der euſſerlichen laſter anfaͤngt auch deren innern bewegungen ſich ſtarck zu widerſetzen.
  • 8. So der menſch anfaͤngt zu erkennen, wie viel ihm noch mangele, und wie weit er noch von der vollkommenheit ſeye, daher ihm auch wol die gedan - cken aufſteigen, er ſeye bey anfang der bekehrung eiferiger und beſtaͤndiger ge - weſen, habe auch weniger boͤſes in ſich empfunden. Dieſes moͤchte in einem feinen gleichnuͤß erlaͤutert werden von einem menſchen, der in einem finſtern gefaͤngnuͤß ſitzet, ſo voller unflaths und unſauberkeit iſt, davon er aber nichts mehrers in acht nimmt, als was er mit haͤnden und fuͤſſen fuͤhlet, faͤnget an et - was liecht hinein zu ſcheinen, ſihet er ſchon mehr, nemlich was ihm das durch kleineritze einfallende liecht zeiget: ob es wol allezeit bereits da geweſen, aber nicht geſehen worden. Wann aber das gefaͤngnuͤß geoͤffnet und gantz hell darinn wird, wird aller unflath auf einmal offenbar, daß auch das geringſte nicht verborgen bleibt. So gehets auch einer frommen ſeelen, ſo im gefaͤng - nuͤß des leibes dieſes todes, darinn eitel unflath der ſuͤnden und laſter zu fin - den, verſchloſſen iſt, und nur ein geringes liechtlein der erkaͤntnuͤß GOttes und ihr ſelbs hat, dardurch ſie mehrers nicht wahrnimmet von dem ſuͤnden-un - flath, als was euſſerlich iſt, und dem der menſch mit geringer muͤhe ſich wider - ſetzen kan: Dahero er ſich eingebildet, er waͤre ſchon in toͤdtung ſeines alten Adams gar weit gekommen. So aber das liecht goͤttlicher erkaͤnntnuͤß hel - ler in ihm aufgehet, ſihet er mehrere greuel, die er vor dieſem bey ſich zu haben nicht vermeint hatte: Er erkennet auch, wie vieles er vormalen vor goͤttliche wirckungen, und alſo tugenden, gehalten, welches er nun ſihet, entweder von dem guten temperament oder wol gar von dem verderbten fleiſch, hergekom - men zu ſeyn: Wie alſo gleicher maſſen, wer in den ſtudiis anfaͤngt zu erken - nen, wo es ihm in ſeiner wiſſenſchafft mangele, hat eben daran eine anzeigung, daß er ziemlich zugenommen, dann diejenige, welche erſt zu ſtudiren angefan - gen, meinen gemeiniglich, ſie ſeyen gelehrter, weil ſie noch nicht recht Einehen, was zu der wahren erudition gehoͤre: Alſo iſt auch dieſe demuth ein ſtattli - ches zeugnuͤß des wahren wachsthums.
  • Jnsgemein ſtehet der wachsthum des Chriſtenthums in dem wachs - thum des glaubens, alle die obige ſtuͤck aber als fruͤchten und kennzeichen des glaubens, ſind alſo auch die gewiſſe zeichen des wachsthums. Etliche aber ſind von andern beſſer als von uns ſelbs zu erkennen.
  • Hingegen iſt ein ſtarckes zeugnuͤß des abnehmens, wo man ſicher wird, einige ſuͤnden immer geringer achtet, und ſich wenig bedencken macht, dieſelbe zu begehen, von gewiſſen ſuͤnden oͤffters uͤberwunden wird, die man doch zu andern malen leicht uͤberwunden hat, alſo auch wo man traͤg wird,und9ARTIC. I. SECTIO I. und weil GOTT auch mit unſer ſchwachheit zu frieden ſeye, nicht begehrt zu wachſen, damit man aber thaͤtlich zuruck gehet, und nahe bey dem gaͤntz - lichen abfall ſeyn mag Offenb. 2, 4. 5.

Mittel / wodurch man im Chriſtenthum moͤge wachſen und voͤlliger werden?

  • I. ALlgemeine mittel.
    • 1. Das wort GOTTes daraus der glaube komt Rom. 10, 17. dardurch wir wiedergebohren werden Jac. 1, 18. muß auch das jenige mittel ſeyn, ſo den glauben ſtaͤrckt, erhaͤlt und vermehret, dardurch man wachſe, als durch die lautere milch, bis man ſtaͤrckere ſpeiſe zu vertra - gen gewohne 1. Pet. 2, 2. Ebr. 5. ult. Das geſetz zeiget die ſuͤnde an, je - mehr man deſſelben forderung verſtehet und betrachtet, jemehr erkennt man ſein ſuͤndlich unvermoͤgen, jemehr wird man zu Chriſto dem gnadenbrun - nen hungerig und durſtig getrieben, je ſuͤſſer wird der troſt des Evangelii; Deſſelben verheiſſungen ſtaͤrcken den glauben, dadurch wird der menſch muthig, und uͤberwindet alle ſeinde und ſuͤnde, in der krafft, die ihn maͤch - tig macht Chriſtus. Das geſchicht aber alsdenn, wo wans (1.) in rechter ordnung liſet und hoͤret, mit hertzlicher andacht und gebet, und ernſtlichem willen, ſeinen glauben zu ſtaͤrcken, und durch denſelben den willen GOttes zu erfuͤllen.
    • (2.) Daß man ſich wohl pruͤffe, was vor ein maaß der gnaden GOTT einem jeden ausgetheilet, ob ihm ſtarcke oder milchſpeiſe vonnoͤthen ſey, damit man ſich nicht aufhalte und hindere an den ſchweren orten der ſchrifft, die man noch zur zeit nicht verſtehen kan, ſondern ſich befleiſſen ſol - te fuͤr das, ſo gantz leicht zu verſtehen, und das nothwendigſte iſt, vors er - ſte danckbar zu werden, dann ſo wird GOtt ein mehrers geben.
    • 2. Die Sacramente, als (1.) die tauff, in deren ſteten erinnerung: welche auf zweyerley weiſe den wachsthum befoͤrdert, einmal durch vor - ſtellung der empfangenen gnaden-guͤter und von GOttes ſeiten gemachten gnadenbundes, den GOtt mit einem jeden getaufften gemacht, wie ein jeder Gottes kind, deme das Erbtheil, der himmel gehoͤre, durch den glauben gewor - den. Welches auf GOttes ſeiten der feſte bund iſt, den er ewiglich haͤlt: Dieſe ſtete erinnerung ſolcher uns ertheilten gnaden-guͤter und ſeligkeit, ſtaͤrcket den glauben herrlich, und befoͤrdert alſo den geiſtlichen wachsthum: Andern theils geſchiehets durch vorſtellung unſerer pflicht, und in der tauff gethanen verſpruchs, wo wir GOtt den glauben gelobet, allem boͤſen ab - geſaget, und alles gute zu thun verſprochen; Das muß dann ſtetig und taͤg -IV. Theil. blich10Das ſiebende Capitel. lich gepruͤffet werden, wie man dem nachgekommen, und allzeit demuͤthig abgebeten werden, wo es gemangelt, hingegen, wo wir durch die gnade GOttes etwas gutes gethan zu haben befinden, muͤſſen wir dafuͤr hertzlich dancken, und eyffriger ſolchen vorſatz fortſetzen.
    • (2.) Das Abendmahl, ſo wohl wegen unſers dabey jedesmal thu - enden verſpruchs, als auch der heiligen mittelkrafft: Dann wir in demſelben unſern vorſatz aufs neue machen, und in GOttes bund treten und darinn zu bleiben ſtaͤrcke und krafft erlangen, an dem theuren leib und blut Chriſti, das alles todte in uns lebendig macht, und uns ferner loß macht von den todten wercken, zu dienen dem lebendigen GOtt.
    • 3. Das Gebet, daß uns GOTT ſeinen heiligen Geiſt je mehr und mehr ſchencke, welcher ohne gebet nicht mag erlangt werden, der doch alles gute wircken und anrichten muß, ohn deſſen beyſtand wir nichts vermoͤgen, der uns lehre, die uͤbrige mittel recht zu gebrauchen, der, als der kindliche geiſt, um huͤlff, von dem boͤſen entledigt zu werden, ruffe; hieher gehoͤrt, daß wir auch anderer fuͤrbitte fuͤr uns begehren, welches gebet indem es aus glauben und liebe geſchicht, auch von GOtt erhoͤrt wird; wie wir ſehen, daß deswegen Paulus ſelbſt von andern die fuͤrbitte verlanget, Rom. 15, 39. Epheſ. 6, 19. Alſo auch, daß wir eben ſo wohl nach dieſem exempel Pauli fuͤr andere beten. Siehe Col. 1, 9. 10. 11. Phil. 1, 9. 10. 11. welches gebet abermal nicht nur der jenigen wachsthum, fuͤr die es geſchi - het, dafern ſie es nicht ſelbs hindern, befoͤrdert, ſondern uns eben ſo wohl einige goͤttliche gnaden erlanget; dazu gehoͤret auch das dancken: daß man ſo wohl fuͤr die andern mitbruͤdern (ſiehe Rom. 1, 8. 1. Cor. 1, 4. Phil. 1, 3. 5. Col. 1, 3. u. f.) als uns ſelbs erzeigte gnade hertzlich GOTT dem HErrn dancke. Wer danck opffert, der preiſet mich, und das iſt der weg, daß ich ihm zeige das heil GOttes. Pſ. 50, 23. Gratiarum a - ctio eſt ad plus dandum invitatio. Es ſoll aber der danck geſchehn mit mund und hertzen, auch erfolgendem danckbaren leben, daß man alles was uns GOtt gegeben, hinwieder zu ſeinen ehren anwende.
  • II. Hierzu helffen auch nachfolgende mittel, als
    • 1. Wachſamkeit, welche auch ſehr von unſerm Heylande nechſt dem gebet recommendirt wird, ohne welche die uͤbrige mittel keinen nutzen erreichen wuͤrden. Solche iſt aber, daß man nicht nur allein insgemein auf ſich acht gebe, in was ſtand man ſtehe, ob man zu - oder abnehme, ſon - dern daß man abſonderlich jederzeit auf ſein hertz achtung gebe in allen be - wegungen: und zwar, was die boͤſe luͤſte anlangt, daß man wohl mercke, welcheriey art ſie ſeyen, ſonderlich am fleißigſten auf die jenige acht gebe,11ARTIC. I. SECTIO I. be, ſo uns am meiſten und aͤrgſten pflegen zu plagen, wie etwa jeglicher eine ſuͤnde hat, zu dero er mehr als zu andern gereitzet wird, auch beobachte, bey was vor gelegenheit ſie am hefftigſten entſtehen, damit man ſelbige, wo moͤg - lich ſuche zu meiden, wo diß nicht moͤglich, in ſolchen ſich deſto beſſer verwah - re, den feind aber wohl anſehe und gleich ſam nie aus den augen laſſe. Zwar auch die andere unſere feinde eben ſo wohl ſcharff wahr nehme, und auch dem geringſten boͤſen nicht platz gebe, doch vornemlich des bey jeden gewaltigſten feindes gewalt ſich ſo viel ernſtlicher entgegen ſetze, und kein aug von ihm ab - wende, was aber die gute des heiligen Geiſtes bewegungen anlangt und daß man ſie nicht aus unbedachtſamkeit vorbey ſtreichen laſſe, ſondern darauf dencke, deren trieb folge und GOtt hertzlich dancke.
    • 2. Der taͤgliche, ja ſtuͤndliche vorſatz ſeinem GOtt rechtſchaffen zu dienen, dieſer iſt billig alle morgen zu wiederholen, und ihn aufs wenigſte auf ſolchen tag zu faſſen, welches etwa ſo ſchwer nicht ſeyn mag, ſich einen tag dieſer und jener ſuͤnden zu enthalten, aber ſich wohl ſchlieſſen laͤſſet, in welcher krafft wirs einen tag vermocht, daß wirs einen andern tag auch wieder vermoͤgen werden: Abends ſolle billig ſolches vorſatzes erfuͤllung nachgedacht werden, zu neuer vorbereitung des vorſatzes auf den andern tag. Sollte auch kein unbeqvem mittel ſeyn, bey hoͤrung jeglicher ſtunde und glock neben dem gebet vor GOTT ſein geluͤbde auf ſolche ſtunde zu wie - derholen. Sonderlich daß man den vorſatz erneure, ſo offt man einiges be - ruffswerck vornimmt, ſolches dahin zu richten, daß man pruͤffe, was man thue, ob es an ſich eine gute that ſeye und unſerm beruff gemaͤß: Darnach wie mans thue, ob mans aus gehorſam gegen GOTT und aus liebe thue, oder ſich ſelbs darinnen ſuche, damit nicht was ſonſten an ſich ſelbs gut iſt, aus unſerer ſchuld, abſicht, unvorſichtigkeit und dergleichen, boͤſe werde; Hieher gehoͤret, weil man von ſtaffel zu ſtaffel immer voͤlliger werden ſolle, wo man dann ſpuͤhret, daß GOttes gnade zu einem ſieg oder guten kraͤfftig genoſſen, daß man einen neuen muth aus ſolchem ſieg zu einem fernern kampff faſſe und ſpuͤhren laſſe.
    • 3. Hertzlich vertrauen auf GOttes gnade, welcher nicht nur durch Chriſtum die ſuͤnde vergibt, ſondern auch krafft gibt, wie das gu - te zu wollen alſo auch zu vollbringen; Deſſen muß man in guter zuver - ſicht ſeyn Phil. 2, 13. Sehen wir auf uns und unſere feinde, ſo ſind wir ſehr ſchwach, und gebens gleichſam verlohren; ſehen wir aber auf die gnaden - verheiſſungen, die ſo groß und auf Chriſti krafft, die er ſo bereit zu geben, und ſie in den ſchwachen am maͤchtigſten iſt, ſo gibt es neuen muth; Dieſes vertrauen iſt ſo nothwendig als hingegen es an allem wachsthum hinderlich iſt, wo der menſch es nicht moͤglich haͤlt, weit zu kommen; dann damitb 2wird12Das ſiebende Capitel. wird aller muth, die ſach zu verſuchen, geſchlagen, wie hingegen, wo man ei - ne hertzliche zuverſicht hat, daß der HErr unſrer ſchwachheit kraͤfftig beyſte - hen werde, ſolches uns freudig macht, das werck anzugreiffen, das darnach nicht ungeſegnet bleibet.
    • 4. Oefftere und ſtete vorſtellung der goͤttlichen wohlthaten. Dann weil der glaub der grund alles uͤbrigen guten iſt, ſo wachſen wir in al - lem, wo der glaub waͤchſet und ſtaͤrcker wird. Nun iſt keine kraͤfftigere ſtaͤrckung des glaubens, als die betrachtung der goͤttlichen wohlthaten. Jſt alſo dienlich, taͤglich etwa eine goͤttliche wohlthat zu ſeiner betrachtung ſich vorzuſtellen, und mag den einfaͤltigen der Catechismus Lutheri in der er - klaͤrung der glaubens-articul ſehr nuͤtzliche anleitung geben: darinnen die allgemeinen wohlthaten ſtehen, jeder aber etwa auch abſonderlich die ihm be - ſonders erwieſene wohlthaten mit ſo viel mehr fleiß betrachten mag. So wird jede wohlthat, recht erwogen, wiederum eine urſach einer neuen wohl - that und unſere ſtaͤrckung.
    • 5. Chriſtlicher und vorſichtiger gebrauch des geiſtlichen Prieſter - thums: Daß die Chriſten untereinander ſich fleißig ermahnen, warnen, pruͤffen, troͤſten 1. Theſſ. 5, 14. Hebr. 3, 13. 10, 24. Damit alſo der leib wachſe, wenn die jeglichem glied ertheilte gnaden allemal auch den an - dern zu nutzen angewendet werden. Eph. 4, 15. 16. Dahin auch gehoͤret, wo jeglicher einen freund hat, der mit ihm gleich geſinnet, und ſie in bruͤderli - chem vertrauen den zuſtand ihres hertzens einer dem andern offenbaren duͤrffen, daß ſie deſto fleißiger auf einander achtung geben, um mit einander zu wachſen. Es mag auch ein vertraulicher umgang mit einem Chriſtli - chen verſtaͤndigen beichtvater hierzu ſehr nuͤtzlich ſeyn.
    • 6. Liebreiche almoſen, denn dieſelben erlangen von goͤttlicher mil - digkeit hingegen vielen geiſtlichen ſegen 2. Cor. 9, 8. u. f. Sonderlich wo ſolche leibliche wohlthaten an wahren gliedern Chriſti geſchehen, da ſie ſo viel reichere belohnung zu haben pflegen. Matth. 10, 41. 42. 15, 40. Es ſollen auch dieſe geſucht werden, indem ſie offt ziemlich verborgen, hin - gegen die ſelbs die wohlthaten ſuchen, offt am wenigſten wuͤrdig ſind. Je - doch ſolten die wahre arme Chriſten ihre noth vor den bruͤdern nicht verhaͤ - len, damit dieſe ihre liebe an ihnen erzeigen koͤnten.
    • 7. Gewiſſe zeit, die der menſch ſich des tages vornimmt zu der an - dacht, als viel er uͤber ſeine zeit zu diſponiren hat, anzuwenden. Welcher - ley bey den alten Chriſten gebraͤuchlich geweſen, ob wol nachmaln aus dem mißbrauch die horæ canonicæ entſtanden ſind.
    • 8. Das amt der aufſeher auf die Gemeinde; Wie ſie denn inder13ARTIC. I. SECT. I. der erſten Kirchen, neben den aͤlteſten, ſo an der lehr arbeiteten, auch andere hatten, welche auf das leben der bruͤder acht gaben, ſie auch nach befinden warneten, ſtrafften, vermahnten: Solche leut in jeglicher gemeinde, da ſie mit den Predigern in vertraulicher correſpondenz ſtuͤnden, ſolten ein groſ - ſes zum wachsthum einer gemeinde helffen.
    • 9. Wohlangeordnetes faſten, daß der Menſch durch ſolche euſſerliche uͤbung nicht nur allein die luͤſten des fleiſches ſo viel beſſer zaͤhme, ſondern ſich oftmals deſto geſchickter zur andacht, gebet und betrachtung mache. Wo - bey jeglicher auf das vermoͤgen ſeiner natur, und ob er finde, daß ihn ſolches mittel zu der andacht foͤrdre, achtung zu geben hat: Welche aber aus ſchwachheit der natur zu dem gaͤntzlichen faſten ſich nicht geſchickt befinden, thun wohl, mehrmal ſolche faſten anzuſtellen, da ſie nur das wenigſte, nemlich zur bloſſen ſtaͤrckung der ſonſten unkraͤfftigen natur, zu ſich nehmen, um die zeit zu geiſtlichen uͤbungen anzuwenden.
    • 10. Fleißige und oͤfftere erwegung, daß dieſes der hauptzweck ſeye, warum uns GOtt in die welt geſetzet und zu Chriſten beruffen, nemlich daß wir zu ſeinem bilde wieder erneuret werden ſollen, daher wir immer trachten muͤſſen, ihm aͤhnlicher zu werden. Wer darnach nicht trachtet, machet den zweck ſeines GOttes an ſich ſelbs zu nicht, und raubt GOtt etwas ſeine ehre, die er an ihm ſuchet.

SECTIO II. Ob mans dahin bringen koͤnne / nicht mehr muthwillig das gewiſſen zu verletzen?

ES wird vielleicht nicht wohl eingenommen ſeyn, daß jemand aus - truͤcklich ſollte behauptet haben, daß es niemand dahin bringen koͤn - ne, nicht weiter mehr mit vorſetzlichen ſuͤnden ſein gewiſſen zu verle - tzen, dann ſolches widerſpraͤche austruͤcklich goͤttlichem wort, nach welchem es zwar heiſſet, daß wir alleſamt mannichfaͤltig fehlen, die vergebung taͤglich bitten muͤſſen, und wo wir ſagen, wir haben keine ſuͤnde, uns damit verfuͤh - ren, aber auch zugleich widerum heiſſet es, daß die glaͤubige GOttes gebot halten, daß ſie nicht ſuͤnde thun, daß ſie ihr fleiſch ſamt den luͤſten und begier - den creutzigen und toͤdten daß ſie nicht nach dem fleiſch ſondern nach dem geiſt wandlen, welches ſo wohl als das erſte wahr ſeyn muß, und aber zeiget, daß es alſo leute gebe, die nicht mehr in vorſetzlichen ſuͤnden wandeln. Der HErr lehre uns ſolche wahrheit, wie er ſie in ſeinem wort uns vorſtellet, immer mehr und mehr aus eigener und vieler glaͤubiger mit-bruͤder erfahrung und exem - pel erkennen.

b 3SECT. 14Das ſiebende Capitel.

SECTIO III. Antwort auf unterſchiedliche fragen uͤber lehr - puncten und einige pflichten.

1. Was einen menſchen zum Chriſten mache?

JCh præſupponire; es werde hier geredet von dem mittel von unſerer ſeiten, denn wo von Gottes ſeiten gefraget wuͤrde, ſo gehoͤrt dahin Gottes gnad, Chriſti verdienſt, des heiligen Geiſtes wirckung, das Evangelium und ſo ferner. Wo aber die meinung der frage iſt, was von uns erfordert werde, darinn wir Chriſten werden, ſo ſage / ich allein der glaube, aber der wahre lebendige glaube. Und alſo ein ſolcher glaube, deſ - ſen erkaͤntniß nicht aus menſchlichem verſtand, ſondern erleuchtung des heiligen Geiſtes, deſſen beyfall nicht aus menſchlicher perſuaſion, ſondern abermal des heiligen Geiſtes verſieglung, deſſen zuverſicht nicht aus fleiſch - licher ſicherheit entſtehet, ſondern der gnaͤdigen wirckung wiederum des heiligen Geiſtes: Welcher ſtuͤcke aber niemand faͤhig iſt, als welcher ſich in goͤttliche ordnung gibt. Mit wenigen worten ein ſolcher glaube, wie ihn Lutherus beſchreibet in der vorrede uͤber die Epiſtel an die Roͤmer, welcher ein goͤttlich werck in uns iſt, das uns wandelt und neugebieh〈…〉〈…〉 et aus Gott, und toͤdtet den alten Adam, machet uns gantz andere men - ſchen, von hertzen, muth, ſinn und allen kraͤfften und bringet den hei - ligen Geiſt mit ſich, u. ſ. w. Welcher glaube nicht dieſer art iſt, der machet keine Chriſten. Und daher, welche menſchen noch allein alte menſchen ſind, toͤdten die ſuͤnde nicht in ſich, ſondern leben noch der ſuͤnde, hingegen leben noch nicht von gantzem hertzen der gerechtigkeit, nicht ſich ſelbs, wie Paulus ſaget 2. Cor. 5, 15. ſondern demjenigen, der fuͤr ſie geſtorben und aufgeſtan - den iſt, und alſo der allermeiſte hauff der jenigen, welche vor Chriſten gehal - ten werden, auch ſich ſelbs davor halten, ſind vor GOtt keine Chriſten nicht, noch haben ſich in ſolchem ſtande der den Chriſten verſprochenen guͤter zu troͤ - ſten. Ein Chriſt iſt mit Chriſto vereiniget und ſeines leibes glied, eine neue creatur, hat nun nicht mehr ſeinen wandel auf erden, ſondern in dem him - mel, alſo welcher mit der boͤſen welt noch vereiniget iſt, dienet dem ſatan und ſeinem fleiſch in einigen fleiſchlichen luͤſten, die er nicht ſucht zu daͤmpffen, blei - bet in der alten geburt ligen, und ſetzt ſein datum noch auf das irdiſche, ſeine ehre, nutzen, luſt zu ſuchen, der iſt nach GOttes wort nicht eigenlich und in der that ein Chriſt.

2. Wie15ARTIC. I. SECTIO III.

2. Wie weit es ein menſch bringen ſolle und koͤn - ne in ſeinem Chriſtenthum?

SO weit, daß ob er wohl noch ſuͤnde an ſich hat. 1. Joh. 1, 8. muß noch in dem fleiſch ſeyn Rom. 8, 1. und fuͤhlet dergleichen geſchaͤff - te, die er zu toͤdten hat. Rom. 8, 13. er gleichwol nicht mehr nach dem fleiſchelebe ſondern nach dem geiſt. Rom. 8, 1. keine ſuͤnde mehr thue, daß iſt mit willen deroſelben nicht mehr diene 1. Joh. 3, 9. wandele wie Chriſtus gewandelt hat 1. Joh. 2, 6. ſeye der welt und die welt ihm gecreutziget. Gal 6, 14. Und ſuche immer mehr warhafftig und mit ernſt nichts weltliches, irdiſches, fleiſchliches, ſeine eigene ehre, nutzen, luſt und der - gleichen, ſondern allein ſeinen GOtt, richte nur ſein gantzes leben dahin, daß er GOTT diene, und ſolches nicht nur in den wercken der erſten taffel, ſondern daß er warhafftig ſein gantzes leben und wandel, ſo er als ein menſch insge - mein und nach dem abſonderlichen beruff, darinnen er iſt, und ſtehet, fuͤhret, fuͤhre immer mit der abſicht ſeinem GOtt darinnen zu dienen, und ihm ſolch ſein gantzes leben alſo zu opffern. Daher ihm alle andere dinge πάρεργα ſind, ſein Chriſtenthum aber allein ſeyn ἔργον, daher ſich daſſelbe nicht nach ihnen reguliret, ſondern nach dieſem jene alle muͤſſen reguliret werden: Und alſo daß er ſeye vor den leuten unſtraͤfflich, und ohne tadel, in ſich ſelbs habend ein gutes gewiſſen, vor GOTT aufrichtig und ihm gantz uͤberlaſſen. So weit kans ein Chriſt aus goͤttlicher gnade bringen, und muͤſſen wirs alle dahin zu bringen uns eyffrigſt angelegen ſeyn laſſen, oder unſer Chriſten - thum iſt uns kein ernſt. Und iſt gewiß, wer hand anlegen, und immer ſeinem GOTT getreu werden will, in der gnade, die ihm das mal gegeben worden, der wird ſo weit wachſen und dahin kommen, als er vorhin nimmermehr ge - glaͤubet haͤtte muͤglich zu ſeyn, oder einiger ſolches glauben koͤnte, der es nicht erfahren. Es iſt ein groſſes, wo Paulus ſagen darff: Jch lebe, doch nun nicht ich, ſondern CHriſtus lebet in mir. Jch vermag alles in dem, der mich maͤchtig machet CHriſtus, und muͤſſen wir ihm lernen nachſprechen.

3. Ob und wie wir menſchen die gebote GOt - tes halten koͤnnen und ſollen?

HJevon habe mich in der Cathechiſm frage 338. u. f. ſo dann dem neuli - chen ſend ſchreiben deutlich erklaͤhret. Jch faſſe es wiederum kurtz, daß die ſchrifft die art zu reden brauche, daß die Chriſten Gottes oderChriſti16Das ſiebende Capitel. Chriſti gebot halten, iſt vor augen, alſo kan dieſelbe nicht bloß verworffen werden. Nimmt mans aber alſo, daß wir aus eigenen kraͤften ſie zu halten vermoͤgen, ſo iſts eine gottloſe lehre. Nimmt mans alſo, daß der menſch es aus der gnade GOttes ſo weit bringe, als er noch in dieſem fleiſch wohnet, daß er in ſolchem fleiſch keine ſuͤnde mehr an ſich habe, dieſelbe nicht mehr in ihm wohne, und das fleiſch nicht mehr wider den Geiſt ſtreite, ſo iſt ſolches a - bermal der ſchrifft entgegen, als welche die auch warhafftige glaͤubige noch ſtaͤtig zu ablegung des alten menſchen, und toͤdtung deſſen glieder er - mahnet, daher dieſelben auch in den wiedergebohrnen erkennet: Und alſo iſts unmuͤglich, das Geſetz zu halten in ſolcher vollkommenheit, wie wir es er - klaͤhren, daß es eine vollkommene und ſolche reinigkeit, wie wir vor dem fall waren, erfordert, welche in dieſer verderbnuͤß noch nicht moͤglich, bis wir die aufliegende laſt allerdings ablegen. Nimmet mans aber alſo, daß wir aus Chriſti krafft ſeine gebot halten, wie er mit unſerer ſchwachheit, wo wir des gegebenen maſſes der gnaden uͤber uns treulich und ernſtlich gebrauchen, ob wirs wohl noch nicht auf das hoͤchſte gebracht haben, aber immer fort zu fah - ren befliſſen ſind, gedult haben und an ſtatt des jenigen, was wir ſolten, nem - lich gantz ohne ſuͤndliche neigung ſeyn, dasjenige, was wir aus ſeiner krafft vermoͤgen, nemlich derſelben ſuͤndlichen neigung in nichtes mehr folgen, an - nehmen will, ſo iſts eine heilige, noͤthige lehr, die offt zu treiben iſt.

4. Wie und quo ordine der menſch zu bekehren?

AUf die weiſe, wie die lehrer des Neuen Teſtaments, als Johannes der taͤuffer Mat. 3, 2. Chriſtus Marc. 1, 15. Die Apoſtel Luc. 24, 47. Act. 2, 38. 17, 30. 31. 26, 18. uns vorgegangen ſind. Es muß nemlich, wo der menſch vorhin deſſen verſichert iſt, daß er eine ſeele, ſeligkeit, verdamnuͤß glaubet, oder doch nur ein gefuͤhl eines gewiſſens hat, demſelben gezeigt werden, wie er mit ſuͤnden GOtt beleidiget, wie deſſen ſtraff und gericht einmal zu warten ſeye / und wie er mit ſeinem fleiſchlichen leben, wie die men - ſchen von natur fuͤhren, einmal in dieſes fallen, ja ſo lang er auch hie in der welt lebet, niemal zu einer wahren ruhe ſeiner ſeelen und vergnuͤ - gung kommen koͤnne, ſondern in der dienſtbarkeit ſeiner fleiſchlichen luͤſten hie und dort ewig unſelig ſeye. Wie jeglicher, wo er nur will in ſich ſelbs ge - hen, und der ſache recht nachdencken, unſchwer in ſich gewahr werden wird, weſſen auch die Heyden ſelbs vieles davon erkant haben. Gott habe aber ſich uͤber uns menſchen erbarmet, ſeinen Sohn in die welt geſandt, denſelben fuͤr uns leyden laſſen, daher uns die vergebung der ſuͤnden verdienen laſſen,die17ARTIC. I. SECTIO III. die er uns auch aus gnaden geben wolle, er habe auch durch ſeinen Sohn, ſei - ne lehr und exempel den weg zeigen laſſen, auf welchem wir zu der wahren ſeligkeit und genuß ſeiner verdienten gnade durch den glauben kommen koͤn - ten. Da ſeye alſo das erſte, daß wir muͤſſen unſern ſuͤnden abſterben, und darzu den tod Chriſti, durch ſeine krafft und exempel in uns kraͤfftig ſeyn laſſen, auf daß wo wir nunmehr die ſuͤnde bey uns angefangen zu toͤdten, und ihr die herrſchafft genommen haben, auch die krafft ſeiner auferſtehung in uns kraͤfftig werde, zu einem neuen geiſtlichen leben, in mehrer erleuch - tung unſers verſtands, und alſo ſo ſtaͤrckung als vermehrung unſers glau - bens, der anfangs gantz gering iſt, auch nicht wachſen kan, als lang der menſch noch die ſuͤnde nicht abgeleget hat, aber auch daſſelbe durch die offen - bahrung Chriſti Joh. 14, 21. waͤchſet, und zu einem hellern liecht wird, als jemand verſtehet, welcher denſelben noch nicht in der maß hat; ferner in mehrerer gleichfoͤrmigkeit unſers willens mit dem goͤttlichen, innerlichen trieb zu dem guten und freude an demſelben / und was dergleichen guͤter und wirckungen des heiligen Geiſtes in der ſeelen ſind, darinnen das geiſt - liche leben beſtehet. Daher ob wohl einige erkaͤntnuͤß GOttes, um wel - ches willen wir der ſuͤnde abſterben muͤſſen, vorher erfordert, und zum grund geleget wird, ſo iſt nechſt demſelben, das erſte nicht ſo wol die voͤllige er - kaͤntnuͤß aller glaubens lehren, als welche in dem geiſt muͤſſen erkant werden, noch weltliche und fleiſchliche hertzen aber des Geiſtes nicht faͤhig ſind / als vielmehr das abſterben der ſuͤnden, die reue und haß der ſuͤnden. Wie auch Hebr. 6, 1. zum erſten der grund unter den Chriſtlichen lehren gelegt wird, unter dem namen der buß von den todten wercken. Wird die - ſe erſtlich zu wege gebracht, und ſtirbt alſo der menſch ſeinen ſuͤnden in der krafft des todes Chriſti: So offenbahret ſich folgends auch deſſen leben an den bußfertigen, und wird er tuͤchtig in den uͤbrigen ſtuͤcken der erkaͤntnuͤß und heiligung zuzunehmen, zu welchen er allerdings ſo lange untuͤchtig iſt, als er noch der ſuͤnden lebete. Dann wie will der GOtt erkennen, und da - von erleuchtet werden, welcher noch die wercke der finſternuͤß liebet und thut? Ap. Geſch 26, 18. Alſo wird der glaube zwar alles thun, im anfang, mit - tel und ende, aber er weiſet uns auf die ordnung, die unſer treuer lehrer und ſeligmacher, den uns GOtt zum einigen meiſter und mittler vorſtel - let, vorgeſchrieben hat, in welcher die buß vor der vergebung der ſuͤnden hergehet. Wo wir alſo glauben, unſer Heyland habe uns den rechten weg gezeiget, ſo will eben der glaube haben, daß wir denn nach ſeiner verordnung erſtlich der ſuͤnden abſterben, und ſie haſſen muͤſſen.

IV. Theil. c5. Wel -18Das ſiebende Capitel.

5. Welcher geſtalt theologiſche buͤcher und ſchriften von einem menſchen nuͤtzlich koͤnnen ge - leſen werden?

AUf dieſe weiſe, wie die regul der heiligen ſchrifft ſelbs, und auch unſe - re glaubens bekaͤntnuͤß, mit ſich bringet. Nun bekennen wir, und iſt dieſes ein haupt punct, welchen wir gegen die Papiſten vertheidigen, daß die heilige ſchrifft gantz allein, ausgeſchloſſen aller menſchlichen ſchriff - ten, die regul unſers glaubens ſeye. Daher gleichwie wir keinem einigen Prediger anders und weiter glauben doͤrffen, als er uns GOttes wort vor - traͤgt, alſo daß er zeigen koͤnne, daß was er ſagt, allerdings in der ſchrifft ge - gruͤndet ſeye, und man ihme ſolches nicht glauben ſolle, weil er es ſagt, ſon - dern weil ers zur gnuͤge aus der ſchrifft erweiſe, daß unſer gewiſſen darauf beruhen kan. Maſſen ich ſelbs nicht verlange, daß mir einiger zuhoͤrer ein wort von glaubens ſachen glaube, als ſo viel ich ihme aus goͤttlicher ſchrifft darthue: Alſo haben wir auch kein einig menſchlich buch, es habe namen wie es wolle, und ſeye von dem beruͤhmteſten mann gemacht worden, alſo an - zuſehen, daß was wir darinnen leſen, wir demſelben ohnunterſucht glau - ben wolten zuſtellen. Dann waͤre ich einigen menſchlichen ſchrifften ſolche ehrerbietung und gehorſam ſchuldig, ſo waͤre ich es zum foͤrderſten den Pa - tribus, conciliis und dergleichen ſchuldig, ſo wir gegen die Papiſten gleich - wol verneinen und am hefftigſten beſtreiten. Sondern alles leſen anderer buͤ - cher muß alſo geſchehen, daß wir, was wir in denſelben finden, halten wollen gegen den klaren buchſtaben der heiligen ſchrift, und alſo gegen derſelben pruͤf - fen. Finden wir in unſerm gewiſſen, daß ſolches geleſene mit dem deutlichen worte Gottes in der ſchrifft uͤbereinkommet, oder daß es alſo daraus erwieſen iſt, daß wir ſelbs erkennen koͤnnen, es folge daraus, ſo haben wir alsdann dem - ſelben beyfall zu geben, nicht weil dieſer mann ſolches ſchreibet, ſondern weil es in der heiligen ſchrifft gegruͤndet iſt. Jch bin aber ſolchem buch ſo fern ver - bunden um es deswegen zu lieben, auch GOtt dafuͤr danck zu ſagen, daß mir vermittels ſolches buchs eine handleitung geſchehen ſeyn mag, das jenige in der ſchrifft wahrzunehmen, was ſolcher lehrer daſelbs wahrgenommen, und in ſeinem buch mir an die hand gegeben hat, ſo ich vielleicht ohne ſeine anleitung in der ſchrifft nicht alſo gefunden haͤtte. Finden wir aber etwas in dergleichen buͤchern, ſo wir nicht erkennen koͤnnen, wie es mit der ſchrifft uͤbereinkomme und darinnen gegruͤndet ſeye, als die wir nicht ſehen, daß die angezogene ſpruͤche ein ſolches klar in ſich faſſen: Hingegen aber finden auch nicht, daß es eben wider die ſchrifft ſeye, ſo laſſen wir es als gedanckenei -19ARTIC. I. SECTIO III. eines ſonſt etwa guten lehrers auf ihrem werth oder unwerth beruhen: ge - ben ihnen ſo viel beyfall, als uns deucht, daß wir gewißheit darinnen fin - den, aber gruͤnden unſern glauben nicht darauf, widerſprechen aber es auch nicht ſchlechterdings, als die wir noch aus der ſchrifft nichts dagegen ha - ben, ſondern laſſen es zu des Autoris verantwortung: Treffen wir aber etwas an, das deutlich wider die ſchrifft ſtreitet, und wir ſolches erkennen koͤnnen, ſo haben wir es nicht nur nicht anzunehmen, und uns darauf zu ver - laſſen, ſondern wir muͤſſen es verwerffen, als welches der warheit entgegen iſt; Solte es auch der ſonſt beſte und liebſte mann ſeyn, welcher daſſelbe ge - ſchrieben. Dann alle menſchen ihnen ſelbs gelaſſen, bleiben luͤgner, und ſind nicht werth, daß ihnen um ihr ſelbs willen geglaubet werde, allein GOtt, und die durch den heiligen Geiſt getriebene maͤnner, von welchen wir die heilige ſchrifft haben, ſind dieſes glaubens wuͤrdig. Will mir alſo ein lehrer muͤndlich oder ſchrifftlich etwas aufbuͤrden zu glauben oder zu thun das er mir nicht zeigen kan, daß es GOTT und CHRJSTUS von mir erfordere, ſo laſſe ichs fahren; es ſey dann ſache, daß ichs als einen guten menſchlichen rath annehme, deme ich zu folgen nuͤtzlich achte, aber in der freyheit des gewiſſens. Will mir aber einiger lehrer etwas freyheit geben, wo Chriſtus mein gewiſſen bereits gebunden, und mir klar ſeinen willen gezeiget hat, ſo traue ich ſolcher lehr nicht, ſondern ſehe ihn darinnen an als einen, welcher mich ſicher machen wolle: Jn dem vor Chriſti richterſtul, wo mich das wort Chriſti verdammen wuͤrde, des lehrers wort, der mir mit ſeiner meynung freyheit hat machen wollen, nicht zu ſtatten kommen wird. Jnsgeſamt aber iſt zu mercken, daß die ſchrifft ſelbs, ſonderlich das neue Te - ſtament fleißiger und angelegenlicher zu leſen iſt, als einiges menſchen buch, und iſt eine nicht geringe verderbnuͤß, daß wir uns faſt von jugend auf mehr an menſchen-arbeit haͤngen. Jch erkenne es auch vor einen fehler an mir, und ein anzeigen, daß miꝛs noch ziemlich mangle, weil nicht nur allein vor noch nicht vielen jahren, lieber in andern gottſeligen buͤchern, als in der ſchrifft geleſen habe, und gemeinet, durch dieſe als jene beſſer erbauet zu werden, (ſo ja aber ein irrthum ſeyn muß, wir wolten dann ſagen, daß menſchen die erbauung beſſer verſtuͤnden, als der heilige Geiſt) ſondern noch off - ters mich duͤncket, mehr bewogen zu werden durch die ſpruͤche der ſchrifft, wie ſie in andern ſchrifften angefuͤhret werden, als wie ich ſie in des textes ord - nung leſe. Jch erkenne aber, wie gedacht, ſolches vor einen fehler, ſchrei - be es der gewohnheit zu, daß wir von jugend auf faſt zu einer andern und unſerer meinung nach, mehr methodiſchen art zu lehren gewehnet worden, da wir aber die art des heiligen Geiſtes anders finden (wie ein verderbter geſchmack, das jenige, deſſen er gewohnet, vor anmuthiger haͤlt, als wasc 2an20Das ſiebende Capitel. an ſich ſelbs das ſchmackhafftigſte iſt) und dancke meinem GOtt / daß er mich allgemach mehr u. mehr die reinigkeit und vortreffligkeit der ſchrifft erkennen laͤſſet. Wie mirs nun gehet / halte ich gehe es etwa auch manchen andern guten menſchen / daß es beſſer waͤre / wir wuͤrden von jugend auf zu der ſchrifft fleißiger gewehnet / ehe ſo zu reden / unſer geſchmack mehr an die menſchliche ſchrifften gewehnet oder verwehnet wird. Nicht will ich al - lerdings verboten und mißrathen haben / einige theologiſche buͤcher zu le - ſen / als welches alles ſeinen guten nutzen haben kan. Aber es muß weder der vornehmſte fleiß daruͤber zugebracht werden / daß die ſchrifft dahinden bleibe / noch dem leſen derſelben mehr zugeſchrieben werden als ſichs zie - met / und der unterſcheid derſelben gegen die Goͤttlichen ſchrifften zugibt. Hingegen will ich auch die jenige nicht ſtraffen / welche einig und allein bey dem wort GOttes bleiben / und ſich damit vergnuͤgen / ſonderlich nachdem ſie den unterſcheid beyderley aus der erfahrung erkant / und erlernet ha - ben / die qvelle allen auch noch reinen fluͤſſen vor zuziehen.

6. Wie man ſich gegen den nechſten im uꝛtheilen und ſtraffen verhalten ſolle?

BLeich wie alles urtheilen / ſo aus haß gegen den nechſten / aus eige - nem willen oder aus hochmuth / ſich demſelben vorzuziehen / geſchi - het / und alſo die ſchrifft ſo bedencklich uns mehrmal das richten und urtheilen eines fremden knechtes verbeut / alſo kan das urtheilen nie - malen recht ſeyn / als wo es geſchiht aus eyffer vor goͤttliche ehre und liebe gegen den nechſten: Nicht anders als uns Chriſten aller zorn verboten iſt / ohne wo wir in Gottes namen und aus ſeinem befehl zoͤrnen / oder der zorn aus liebe des nechſten beſtes ſuchet / und daruͤber eyfert. Alſo ſuͤn - diget derjenige nicht / welcher wo er ſeinem nechſten / es ſeye nun in lehr oder in leben ſiehet von goͤttlicher regul abgehen / und ſich in gefahr ſtuͤr - tzen / aus eyffer vor goͤttliche warheit und zu liebe zu des nechſten heil / wel - ches jener ſelbs ſo gering achtet / denſelben ſtraffet / ihm ſeine fehler gruͤnd - lich und beweglich vorhaͤlt / auch die gefahr in welcher er ſtehe / anzeiget / und ihm alſo wehe thut / daß er ihn helffe retten. Sonderlich gehoͤret ſolches urtheil zu den lehrern und predigern / welche von GOtt darzu ge - ordnet ſind / auch die kirche ſie darzu haͤlt / daß ſie den irrenden zurecht fuͤh - ren / und die gottloſen und hartnaͤckige ſtraffen / welches nicht anders ge - ſchehen kan / als daß ſie ſie vor ſolche erkennen und urtheilen muͤſſen / und wo ſie ſolches nach der ihnen vorgeſchriebenen regul thun / ſo verrichten ſie ein heiliges ſtuͤck ihres amts. Weil aber die ſorge fuͤr des neben-menſchen ſeele nicht ſo gar an die prediger verbunden iſt / daß nicht die liebe GOttesund21ARTIC. I. SECTIO III. und des nechſten auch andern Chriſten vieles in ſolcher pflicht ſo aufleget als vergoͤnnet / ſo ſuͤndigen ſie auch nicht / wo ſie ihren nechſten zu ſeinem beſten urtheilen / ja weil auch die zuhoͤrer ſich vor den falſchen propheten huͤten ſollen / und ſich von bruͤdern / die unordentlich wandeln / abthun / ſo muͤſſen ſie wer ſolche ſeyn / urtheilen doͤrffen / und koͤnnen. Nur iſt wol in acht zu nehmen / daß das urtheil / gleich wie es aus rechten bewegenden ur - ſachen der liebe geſchehen muß / in der art gleichfals nach der liebe u. war - heit regul geſchehe. So iſt uns nun verboten von dem nechſten zu urthei - len / was das kuͤnfftige anlanget / und haben wir nicht macht den allergott - loſeſten menſchen vor gewiß verdammt zu achten (es waͤre dann ſach / daß wir jemand der ſuͤnde in den heiligen Geiſt ohnzweiffentlich beſchuldigen koͤnten / welches wie es zu geſchehen vermoͤge / etwa eine ſchwerere ſache iſt / und ich davon mein urtheil nicht geben koͤnte) indem es moͤglich iſt / daß die gnade GOttes ein zeugnuͤß ihrer gedult / langmuth und mitleydens an demſelben erzeigen wolte / und ihn auf eine art / die ich und du nicht vorſe - hen koͤnnen / zu der erkaͤntnuͤß und buß bringen wuͤrde / daß wir aus dem anſehen des gegenwaͤrtigen vermeſſentlich / und mit einem eingriff in die goͤttliche regierung / dero das kuͤnfftige bloß allein unterworffen / vor verdamt verurtheilt haͤtten: Sondern alles urtheil muß gehen auf das vergangene und gegenwaͤrtige / auf das kuͤnfftige aber nicht anders als conditionate, wo er in ſolchem leben fortfahren wuͤrde / oder mit bedro - hung / daß goͤttliche gnadenzeit nicht allezeit bis auf den tod des menſchen ſich erſtrecke / ſondern offt diejenige ſuͤnder / ſo goͤttlicher guͤtigkeit eine zeitlang geſpottet / in das gericht der verſtockung gegeben werden / vor welchem ſolche leute treulich zu warnen / und ihnen die gefahr ſolches ſtandes und goͤttlicher gerechtigkeit ſtrenge vor augen zu ſtellen iſt / ja ich wolte auch den eyffer des jenigen nicht unbilligen / welcher wo er einen ſolchen menſchen vor ſich hat / der freventlich GOTTES geſpottet / und auf andere warnungen nichts gegeben / dabey ſich noch gantz ſicher auf goͤttliche gnade beruffet / da er denſelben erinnerte / daß er ſorgte / er ſey im nechſten grad und bey ſolchem Goͤttlichen gericht / und nehme bereits einige vorboten deſſelben bey ihm wahr / daher es hohe zeit waͤre / ehe das urtheil voͤllig uͤber ihn ausbreche / die noch beſorglich das letzte mal anbietende gnade anzunehmen. Hiernechſt hat man ſich zu huͤten / daß man anders urtheile von dem menſchen / als aus der regul die CHRJ - STUS ſelbſt gegeben / an der frucht den baum zu erkennen / an der lie - be ſeine juͤnger / und an ſeinem gehorſam ſeine ſchaafe zu pruͤffen: A - ber auch in applicirung ſolcher regul beſcheiden / liebreich und vorſichtig zu verfahren / ſo dann von einem menſchen nicht ſo wol aus einer oder an - dern action als dem gantzen tenore dieſes lebens zu urtheilen / zum exem -c 3pel22Das ſiebende Capitel. pel: Jch ſehe einen menſchen, deſſen gantzes leben, wo es genau betrachtet wird, zeiget, daß es ihm wahrhafftig um ſeinen GOTT allein zu thun ſeye, und daß er nicht ſeine eigene ehr, nutzen, luſt und anderes dergleichen ſuche: Jch habe deſſen ſo allgemeine proben, als auch eine und andere ſonderbare exempel, wo ich ihn dergleichen zu ſeyn gefunden habe. Wo ich dann etwa einmal von ihm etwas ſehe, ſo ich finde, mit ſolcher regul nicht uͤberein zu kommen, ſondern gerad darwider zu ſtreiten, ſo wuͤrde ich vermeßlich thun, wo ich gleich aus dieſer handlung ihn vielmehr als aus ſeinem uͤbrigen leben urtheilen wolte. Und ob ich dann ſchon ſolche action nicht zu rechtfertigen weiß, ſo habe ich lieber zu glauben, daß es aus einiger uͤbereilung und heff - tigkeit der verſuchung hergekommen, welche ihn uͤberworffen, als aus der - ſelben ſeine gantze froͤmmigkeit in zweiffel zu ziehen: Es waͤre dann ſache, daß ich ihn nachmal dergleichen wiederholen ſaͤhe, und daraus ſagen muͤſte, er waͤre nunmehr allerdings von ſeinem loͤblichen wege abgetreten. Hinge - gen wuͤrde die liebe auch allzuweit ausgedoͤhnet ſeyn, wo ich bey einem men - ſchen, deſſen gantzes leben irdiſch iſt, und zeigt, er ſuche ſich ordinarie in al - lem, und ſtehe alſo auſſer der ſelbs, verleugnung, ſo ich in mehrern exempeln an ihm wahrgenommen, ſo vielmehr, wo er etwa noch daruͤber erinnert, gleichwol alſo fortgefahren iſt, daß alſo die fruͤchte einen faulen baum, das le - ben einen fleiſchlichen ſinn andeuten, und ich wolte, wo ich ihn einmal etwas gutes thun ſehe, daraus ſchluͤſſen, er waͤre ein guter und GOtt wohlgefaͤlli - ger Chriſt, da ich doch aufs hoͤchſte nicht mehr daraus ſchlieſſen kan, als es moͤchte dieſes ein anfang ſeyn eines kuͤnfftigen anderen und neuen lebens, von deſſen beſtaͤndigkeit und wie ernſt es ihm geweſen, oder wie gegruͤndet meine hoffnung ſeye, der kuͤnfftige erfolg erſt lehren muß. Wie ich alſo recht thue, wo ich einen vor einen wahren Chriſten und ſchaaff Chriſti halte, bey dem ich die liebe und gehorſam gegen die ſtimme Chriſti als das belobte kennzeichen ſehe, alſo ſuͤndige ich nicht, daß ich denjenigen vor einen bock und unchriſten halte, den ich erkenne, um ſich zu ſtoſſen, zu treten, und alle ei - genſchafften eines bocks an ſich ſehen, hoͤren und riechen zu laſſen. Hie darff die liebe nicht wider die warheit thun: ob ſie wol in dem zweiffelhaftigen allezeit lieber das beſte hoffet und glaͤubet. Auſſer dem aber und den kaͤnt - lichen zeichen des lebens, achte ich alles andere muthmaßliche richten vor un - recht, ſonderlich wo man leute die ein untadliches leben fuͤhren, und man an ihrer aͤuſſerlichen Converſation nichts ſtraffbares noch den regeln Chriſti zuwiderſtreitendes antrifft, der heucheley beſchuldiget, und damit GOtt in ſein gericht greiffet, welcher allein das verborgene der hertzen zu urtheilen ſich vorbehalten, uns aber die probe des euſſerlichen lebens dazu gegeben hat, daß wir lernen erkennen, wie wir mit dem nechſten umzugehen, und uns gegenihn23ARTIC. I. SECT. IV. ihn zu verhalten haben, Wie nun das ſtraffen ſolle aus liebe und nach derſel - ben geſchehen, ſo iſt noch letzlich zu bemercken, daß es auch ſolle geſchehen, mit liebe und ſanfftmuth ohne uͤbereilung fleiſchlicher Affecten, und vermiſchung fremdes feuers mit dem heiligen; wiewol wo es aus liebreichem hertzen und abſicht geſchihet, etwa dieſe erinnerung ſo noͤthig nicht ſeyn, ſondern was uns zu dem richten gebracht, auch in demſelben maaß zu halten lehren wird. Der HERR gebe uns allen die gnade, daß wir uns jeglicher ſelbs auf das genau - eſte und ohne ſchmeicheley, ſo dann uns untereinander aus, in und nach der liebe allein zu ſeiner ehre und unſerer beſſerung richten moͤgen, auf daß wir nicht von ihm doͤrffen gerichtet werden. Amen. 167.

SECTIO IV. Von erkaͤntnuͤß der dreyen perſonen in dem alten Teſtament.

D einige uͤber die dem ſeligen Herrn Schaden gehaltene leich-pre - digt gelaͤſtert, und ſolche dinge mir daraus beygemeſſen, deren gegen - theil austruͤcklich darinnen ſtehet, wundere mich ſo viel weniger, als ich bishero feindſeliger leute art erfahren habe, die offte von ihrer gall einge - nommen, faſt nicht vor derſelben erkennen koͤnnen, was vor augen iſt. Wann dann derſelbe ſelbs eine offenbahre laͤſterung widerleget hat, dafuͤr auch dancke, iſt nicht noͤthig, ein wort weiter darvon hinzu zuthun. Was aber etlicher Chriſtlicher leute noch uͤbriges dubium uͤber p. 11. der leichpre - digt anlangt, da dieſe conſequenz daraus gemachet werden wolle: koͤnnte man im neuen Teſtament an der offenbahrung des geheimnuͤſſes der drey perſonen nicht zweiffeln E. ſo haͤtte man im alten Teſtament daran zweiffeln koͤnnen, da doch bey dem ſeligmachenden glauben kein zweiffel waͤre &c. und einigen meine wort dunckel ſcheinen wollen, habe dienlich erachtet, deren rich - tigen verſtand zu zeigen, ob ich wohl gehofft, daß ein auf die Conſtructiones achtgebender leſer denſelben ſehen koͤnnen. So lauten meine wort alſo: Welches geheimnuͤß der drey perſonen in dem alten Teſtament ob wol nicht mit gleichem licht als in dem neuen (da ſich nunmehro die eine perſon, der ſohn, auf ſonderbahre art, und alſo, daß nie - mand zweifeln koͤnnte, daß er von dem vater eins unterſchiedene perſon waͤre, geoffenbahret hat, ſo in dem alten Teſtament noch nicht geſchehen war) gleichwohl ſo viel, daß glaͤubige Jſraeliten ihn alſo erkennen konnten, geoffenbahret worden war. Hier lehre ich folgendes, 1. Es iſt das geheimnuͤß der drey perſonen in beyden Teſta -men -24Das ſiebende Capitel. menten geoffenbahret, und von den glaͤubigen geglaubet worden: welches ſo bald mit in ſich ſchleuſt, als zu der natur des glaubens gehoͤrig, daß keine glaͤubige daran gezweiffelt haben, wo wir nemlich von dem herrſchenden zweiffel reden, dann auch offt noch jetzo wahren glaͤubigen mancherley zweif - fel einkommen, die ſie aber uͤberwinden, und dahero ſolche ihren glauben nicht umſtoſſen muͤſſen. 2. Dieſe offenbahrung und erkaͤntnuͤß iſt gleich - wol in dem neuen heller als in dem alten geweſen, und zwar ſolches nicht al - lein (davon als einem geſtandenen nicht noͤthig war hier erwehnung zu thun) aus der allgemeinen urſach, da das maaß des liechtes und goͤttlicher offen - bahrung insgemein in dem neuen Teſtament reichlicher als in dem alten mitgetheilet worden: ſondern 3. dieſen articul beſonders betreffende, hat das neue Teſtament dieſen vorzug, daß in demſelben ſo offenbar geweſen, daß der HErr JEſus von dem Vater eine unterſchiedene perſon waͤre, daß auch unglaͤubige ſolches ſahen und erkannten, ja nicht nur die glaͤubige aus dem liecht des heiligen Geiſtes, ſondern natuͤrliche menſchen aus ihrer ver - nunfft, nicht daran zweiffeln konten: Daher ſo bald aus der lehr und wun - dern, auferſtehung und eingang in die herrlichkeit des HErrn JEſu erkant worden, daß dieſe perſon wahrer GOTT ſey, ſo war erwieſen, daß mehr als eine perſon der einige GOTT ſeyn muͤſten: alſo konte niemand in dem neuen Teſtament an dem unterſcheid dieſer beyden perſonen zweifflen. 4. Hingegen in dem alten Teſtament war ſolcher unterſcheid nicht ſo offenbar, und konte von keinem ohne offenbahrung des heiligen Geiſtes erkant werden: zum exempel da der ſohn GOTTes in der wolcken-ſeule die kinder Jſrael aus Egypten fuͤhrete, da war die goͤttliche gewalt desjenigen, der ſolches werck that, ſo offenbahr, daß es auch ohne die innerliche offenbahrung jeden in die augen leuchtete, daß aber ſolcher eine von dem vater unterſchie - dene perſon waͤre, zu erkennen, gehoͤrete die offenbahrung des heiligen Gei - ſtes dazu, und zweiffeln nicht allein die heutige Juden mit ſo viel andern dar - an, ſondern widerſprechen daſſelbige. 5. Wann dann in dem neuen Teſta - ment ein wichtiges ſtuͤck zu dem geheimnuͤß der drey perſonen gehoͤrig, nem - lich der unterſcheid des JESU) der auch ſeine goͤttliche krafft vor den augen aller welt gezeiget) von GOTT dem Vater, alſo jedem in die augen leuch - tet, daß niemand daran zweiffeln kan: Da hingegen in dem alten Teſta - ment alles auf die bloſſe offenbahrung ankommt; ſo iſt dieſer articul auch ſo fern ietzo heller als in dem alten dargethan. Dieſes iſt der voͤllige verſtand meiner wort der nicht erſt darein gebracht wird, ſondern ſelbſt darin ſte - cket. Daher nicht zweiffele, derſelbe werde ihn leicht begreiffen, wie er ohne das in dem letzten ſchreiben bereits darauf deutet: Bitte aber auch den guten freunden, die anſtoß daran gehabt haben, theil darvon zu geben. Hier -25ARTIC. I. SECT. V. Hierbey bin fuͤr die anzeige und gegebene gelegenheit der erklaͤrung verbun - den, wie mir denn allemal ein gefallen durch dergleichen geſchihet. Der HErr aber leite und erhalte uns allezeit in aller wahrheit.

SECTIO V. Von dem buch der offenbahrung Johannis. Wie nothwendig daſſelbe. Ob aller orten nach dem buchſtaben zu verſtehen? ob die ſieben haͤup - ter des thieres ſieben Churfuͤrſten.

JCh habe das von Herrn NN. mir communicirte tractaͤtlein des Herrn Paſtoris in ihrer nach barſchafft geleſen, und in ſolchem nichts gefunden, das mir anſtoß gegeben: Jndem ich ſelbs darvor halte, daß ſolches buch der offenbarung, ſo wol als andere der ſchrifft, uns zur unterricht und erbauung gegeben, und deßwegen die verachtung deſſelben unbillig, und vielen nutzen der kirchen hindern koͤnne; Sonderlich aber die erkaͤntnuͤß des Roͤmiſchen Pabſtums bedarf fleißiges leſen und betrachten ſolches buchs. Daß daher der Roͤmiſche Pabſt ein groſſes zum vortheil bekommen wuͤrde, wo wir daſſelbe aus den haͤnden legeten: Da wir doch daraus die herrlich - ſte waffen wider ihn hernehmen moͤgen. Wenn aber der Autor, meines behaltens, irgends wo auch ſaget, daß das buch zu leſen und zu verſtehen gantz leicht ſeye / wuͤrde ich etwas bedenckens haben, dergleichen zu ſagen: Jn dem ich in der that befunden habe, und befinde, ob ich wol, aus gewiſſer urſach, eine groſſe zahl der commentatorum daruͤber geleſen, (maſſen der - ſelben leicht auf die 50 ſeyn) daß gleichwol ſolches buch ziemlich ſchwer zu verſtehen iſt, in gegenhaltung gegen andere buͤcher, indem nicht ſo wol die eigenliche glaubens-articul darinnen gelehret oder ausgefuͤhret werden, als vielmehr die zukuͤnfftige fata der kirchen, welche nach art der prophezey - ung vor der erfuͤllung ſehr dunckel ſind, aber auch nach art der erfuͤllung ihre difficultæten bey ſich haben. Weswegen dann, gleich wie ich mit dem autore der meinung zugleich bin, daß es ein buch der gantzen kirchen hoch noͤthig, und denen jenigen, welche ſonſten das nothwendigere ihres Chriſten - thums bereits gefaſt haben, ſo dann mit einigen mehrern gaben begabet ſind, zu leſen hoͤchſtens zu rathen ſeye, alſo wuͤrde ich doch davor halten, daß alle die ſinguli, auch einfaͤltigeren, welche bloß etwa die fundamenta ſalu - tis zu faſſen tuͤchtig ſind, uͤber ſolches buch ſich bemuͤhen, und daſſelbige mit gleichem fleiß, als etwa andere ex proſeſſ[o]von glaubens-articuln hand - lende heilige ſchrifften, ihnen ſtetig im gebrauch ſeyn laſſen muͤſten. WasIV. Theil. daber26Das ſiebende Capitel. aber die in E. Wohl-Ehrw. ſchreiben mir angedeutete hypotheſes ſolches autoris belanget, ſo habe denſelben in freundlichem vertrauen, als von dero darum befragt, nicht zu bergen: daß ich mit demſelben nicht gantz einig ſeyn koͤnte (1.) daß ſenſus literalis in allem vortringen ſolle, deucht mich nicht wol in allem behauptet werden zu koͤnnen, in dem nicht allein der locorum ſo vie - le ſind, die ich zweiffle, daß der autor ſelbs ſolche ad literam werde verſtehen wollen, daß aus denſelben ein groſſes ſtuͤck des buchs beſtehet, ſondern auch die art der prophezeyungen, welche in bildern beſtehen, mit ſich bringet, daß die bilder allezeit etwas anders bedeuten muͤſſen. Daher die exempel in dem alten teſtament ſich gantz haͤuffig finden werden, aus denen wir gleichwol mit ziemlichem recht eine regel der prophetiſchen auslegungen machen moͤgen. (2.) Daß die jenige, welche die zeit rechnungen nach der hiſtorie der alten zeit gefuͤhret, alle geirret haben, wird ſchwer zu behaupten werden, vielmehr a - ber ein fleißiger unterſucher dieſer weiſſagung dieſes finden, daß der heilige Geiſt die gantze hiſtorie des neuen teſtaments zuſammen faſſe, und zwar von den letzten zeiten viel offenbahrung thue, der erſten zeiten aber nicht weniger meldung thue, daß alſo alles aneinander haͤnge. Dahin zielen die wort c. 1. v. 3. Die zeit iſt nahe. (3.) Was des autoris meinung ſeye wegen 1000. jahre des reichs CHriſti, weiß ich nicht. Wo er allein dieſes davor haͤlt, daß noch ein herrlicherer zuſtand der Chriſtlichen kirchen als bis - her geweſen, zu erwarten ſeye vor dem juͤngſten tag, ehe Gogs und Magogs letzter grimm vor dieſem vorgehen werde; ſo moͤchte er vielleicht ſo viel wi - derſpruch nicht finden, bey allen denjenigen, welche aus Rom 11. die noch kuͤnfftige bekehrung der Juͤden erwarten. (4.) Daß gar nichts von dem juͤngſten tag und dem ewigen leben in dieſem buch enthalten, waͤre mir ein ſchweres paradoxum, und ſo viel ich faſſe, des heiligen Geiſtes intention nicht gemaͤß, ob zwar nicht in abrede bin, daß nicht alle loca, ſo insgemein von dem juͤngſten tag oder gericht pflegen verſtanden zu werden, davon han - deln. Dahero E. Wohl-Ehrw. ſehen, daß in hypotheſibus generalibus wir nicht accordiren, was aber die explication c. 17. antrifft, laß ich mir die allgemeine application, wie ſie mir beſchrieben, nicht mißfallen. Aber die ſpecial application kommt mir nicht nur nicht glaubwuͤrdig vor, ſondern zweiffle nicht, daß ſie den verſtand des heiligen Geiſtes nicht erreiche. Als wann die 7. haͤupter vor 7. Churfuͤrſten ausgegeben werden: Deren 5. gefallen. Da gleichwol mit keinem grund geſagt werden kan, von den 5. daß ſie gefallen ſeyen. Maͤyntz iſt in dieſem ſeculo ſo maͤchtig geweſen, als es jemal war, ſo moͤgen wir auch von Coͤlln ſagen. Trier hat auch kei - nen notablen abgang erlitten. Von den andern jetzo nicht zu gedencken. Brandenburg iſt zwar vor andern heut zu tage maͤchtig, wegen andererPro -27ARTIC. I. SECT. V. Provintzien die variis juribus dem Churfuͤrſten zugefallen; Wo wir aber reden von der zeit, da der ſiebende Bavarus die Electoralem dignitatem be - kommen, ſo fieng ſolches erſt an maͤchtig zu werden, als das ſeine meiſte ac - ceſſiones erſt vor wenig jahren vorher bekommen, etliche auch noch in ſchwe - rer controvers ſtuͤnden. Und iſt auch damal Sachſen, nicht ſchwaͤcher geweſen als vorher. Daß Palatinus ſolte der achte ſeyn, iſt wiederum nicht nur vermuthlich, in dem in den vorigen, ſo viel ich faſſe, nicht perſonæ ſingu - , ſondern ſtatus Electoralis verſtanden werden ſolle, Wie dann ſonſten nicht geſagt werden moͤchte, daß Bavarus nur eine kurtze zeit bleiben werde, indem bereits die andere perſon verhanden iſt, und ſchon nach dem erſten eine ziemliche zahl der jahre regiert. Daß in apocalypſi irgend die vierdtehalb jahre ad literam zu verſtehen ſeyen, halte ich gantz unerfindlich, und wird ſol - che zahl ſo offt wiederholet in dem buch, und dergleichen ſachen darinnen zu geſchehen angezeiget, daß nicht muͤglich bey dem buchſtaben zu bleiben, und von einer ſo kurtzen zeit es verſtehen, aber es laͤſſet ſich von allem ſolchen nicht eigentlich urtheilen, man ſehe dann des lieben mannes gantzes werck. Wie ohne das in materia apocalyptica faſt niemal aus einem theil deſſen erklaͤ - rung ſicher geurtheilet werden mag, ſondern allemal die gantze cohærenz ei - ner explication durch das gantze buch angeſehen werden muß. Daher ich auch nicht gewiß bin, ob ich aus E. Wohl-Ehrwuͤrden ſchreiben des autoris meinung uͤber ſolches ſtuͤck alſo genug gefaſſet habe, daß meine animadver - ſiones auf die ſelbe ſich ſchicken. Doch habe nicht unterlaſſen moͤgen E. Wohl-Ehrwuͤrden hiermit zu bezeugen, daß deroſelben begehren nach ver - moͤgen gerne an hand gienge, und alſo in vertrauen dieſes wenige hiemit von meinen unvorgreifflichen gedancken daruͤber entdecken wollen. 168.

SECTIO VI. Uber den hauptſchluͤſſel Apocaly - pſeos.

VOr den hauptſchluͤſſel apocalypſeos, ſo mit geſendet, ſage ich dienſt - lichen danck, und wuͤnſche gelegenheit zur erwiederung. Es iſt auch insgeſamt die materia apocalyptica eine der jenigen, die ich heut zu tage der kirchen ſehr noͤthig achte; Wolte GOTT ſie waͤre auch ſo leicht, und ſolches goͤttliche buch eigenlicher und klaͤrer einzuſehen. Des Sel. Herrn Hoffmanns, deme E. Hoch-Wohl Ehrwuͤrden folgt, Chronotaxin habe etwa vor 10. jahren geleſen; Leugne aber nicht, daß ich nicht eben ver - gnuͤgung darinnen gefunden. Jch habe ſonſten vor dem uͤber apocalypſind 2leicht28Das ſiebende Capitel. leicht uͤber 60. autores geleſen, da einem dieſes, dem andern jenes, man - gelt, wo ich aber urtheilen ſolte, wuͤſte ich nicht, ob nicht viel von den an - dern dieſem Hoffmanno vorzuziehen ſeyn ſolten: Ob ich zwar auch beken - ne, daß mir keiner dermaſſen gefallen, daß ich nicht ziemliche difficultaͤten darinnen gefunden. Das hauptwerck in dem Hoffmanno iſt wohl die hy - potheſis von den 24. ſeculis, ſo unter den 24. aͤlteſten ſollen verſtanden werden: Wuͤrde dieſe gruͤndlich, oder doch ſo, daß ein gewiſſen darauf ac - quieſciren koͤnte, demonſtriret, ſo wolte nachmal das uͤbrige gerne zuge - ben, und alle andere explicationes fahren laſſen, wie ſie zwar auch ſtante Hoffmanno von ſelbſten fallen muͤſten: Aber mir wollen alle vor ſolche hy - potheſm vorbringende argumenta noch kein genuͤgen thun, oder einen aſ - ſenſum zu wegen bringen, ob ſchon ſehr begierig waͤre, dermaleins etwas recht gewiſſes in der materie zu haben; Daß dahero auch die faſt gemeinſte expoſitiones, ob ſie wohl ihre difficultaͤten auch haben, mir noch glaͤubli - cher vorkommen. Jndeſſen bin doch nicht in abrede, daß ſolche erklaͤrung auch nicht bloß dahin zu verwerffen getraue, ſondern deswegen bis daher mehrmal zu GOtt gebeten, dafern mein werther bruder in ſo wichtiger ſache durch ſeine gnade und liecht die wahrheit erkant, und uns gewieſen haͤtte, daß er uns ſolche gleichermaſſen zu unſerer und auch der kirchen wohlfart ein - zu ſehen die augen oͤffne, aber auch, da derſelbe an Hoffmanno einen unrichtigen handleiter ergriffen, ihn ſelbs wieder auf den weg zu bringen, ingeſamt aber was ſeinen glaͤubigen von den zeichen unſerer zeit zu wiſſen noͤthig iſt, je laͤnger je offenbarer werden laſſen wolle. Mein einiges, was in ſolchem buch zu verſtehen getraue, iſt das jenige, was von dem Roͤmiſchen Ba - bel, deſſen fall wir erwarten, beſchrieben wird, ſo dann achte, daß an den 1260 tagen das meiſte gelegen, aber glaube daß ſolche nahe zu ende gehen. Jch wuͤnſchte aber ſonderlich, daß mein hochgeehrter Herr uͤber die gantze mate - riam apocalypticam mit Herr Caſpar Hermann Sandhagen, Superin - tendens zu Luͤneburg (dem ich eine gute zeit hero geglaubet, unter allen un - ſern Theologis, welche ich kenne, die meiſte erkaͤntnuͤß der Propheten und apocalypſeos gegeben zu ſeyn) freundlich communiciren moͤchte, ob durch dero conferentz etwas der kirchen erſprießliches entſtehen ſolte, wel - ches freylich geſchaͤhe, da durch dieſelbe dieſes ſo wichtige buch in einem hel - leren liecht uns dargeſtellet wuͤrde. Der HERR befoͤrdere auch darinnen ſeiner gemeinde beſtes, und verwahre uns ſonderlich auf die bevorſtehende verſuchung, da nu beſorglich Babel bald den hoͤchſten gipffel ſeiner macht b. ſteigen duͤrffte, daß wir in den proben unſerer gedult und glaubens beſte - hen, und jenes darnach ihm vorſtehende gericht getroſt erwarten.

SECT. 29ARTIC. I. SECT. VII.

SECTIO VII. Von dem dritten Engel Offenb. Joh. 14. Wer er ſeye? Wie man ſich in der wachſenden gefahr vor dem Pabſtum zu halten und die gemeinden dar - vor zu verwahren habe. Chriſtiani Aletho - phili ſchrifft.

DEſſelben Chriſtliche gedancken uͤber den zuſtand unſerer zeit habe wol verſtanden, und beantworte itzo in der furcht des HERREN ſo viel als itzo von mir geſchehen kan. 1. Was die zeit ſelbs anlangt, meine ich, es werden mit uns die meiſte, ſo etwas tieffer unſer weſen einſehen, einig ſeyn, daß nemlich das gericht, ſo von dem hauſe des HErrn anfahen, und zuruͤck auf Babel zu ſeinem endlichen untergang fallen ſolle, vorhanden und uns nechſt ſeye. So moͤchte auch der beruͤhrte groſſe Koͤnig ein ziemlich inſtrument ſolcher gerichte ſeyn. Aber 2. was die pflicht anlangt der juͤnger des HErrn zu ſolcher zeit, ſehe ich die ſache nicht auf einerley weiſe an. Jch laſſe gelten, der Engel Offenb. 14, 9. hat ſeine ſtimme hoͤren laſſen oder wird ſich bald hoͤren laſſen: Es folget aber nicht E. muͤſſen alle, die engel ſind, dieſe ſtimme auf gleiche weiſe fuͤhren. Sondern es moͤgen wol jegliche Engel, mit den poſaunen und ſchalen, ſingula individua der lehrer bedeuten, wo nemlich damit etwas menſchliches angedeutet werden ſolle: oder ob et - wa, wie die Apocalypſis ein drama iſt, die Engel ſo aufgefuͤhret werden, nur mit ihren verrichtungen und ſtimmen andeuten, was als denn geſchehen wer - de, ſo den nachkommenden, und denen welche als dann leben werden, zum be - richt dienen kan. Den erſten Engel halten die unſrige insgemein vor Luthe - rum, und alſo eine einzele perſon, ſo ich zwar dahin geſtellet ſeyn laſſe, und zu bedencken waͤre, ob er nicht der andere Engel vielmehr waͤre. Dem ſeye aber wie ihm wolle, ſehe ich nicht mehr aus ſolches dritten Engels predigt, als daß es eine gefaͤhrliche zeit ſeyn werde, wegen der macht und grimm des thiers, ſo die menſchen zu ſeiner anbetung und verehrung noͤthigen will, damit laͤſſt GOTT durch einen Engel ſolche leute dieſer zeit warnen, daß ſie nicht ge - horſamen ſondern die ſchreckliche ſtraffen des ſonſten folgenden zorns anſe - hen ſollen. Mehr folget nicht daraus. Dann wir prediger nicht eben al - le derſelbe dritte Engel ſeynd, ſondern vielmehr mit unter der zahl der jenigen denen GOTT durch ihn zuruffen laͤſſet / daß wir alſo uns ſelbs huͤten und die gemeinde verwahren und wehren helffen ſollen. Auf was weiſe aber ſolches geſchehen ſolle. ſtehet hie nicht, ſondern iſt eines jeglichen chriſtlichend 3erwe -30Das ſiebende Capitel. erwegung uͤberlaſſen, da wir allezeit den heiligen Geiſt zu bitten haben, der uns geiſt und weißheit gebe, den zuſtand unſerer zeit und gemeinden, und was dieſen nothwendig ſeye, recht einzuſehen und zu erkennen. Jndeſſen iſts ja nicht noth, das thier mit fleiß zu irritiren, ob wol auch ihm nicht zu ſchmeichelen, ſondern in allem zu thun, was goͤttliche ehre und der ſeelen heil erfodert. Es iſt ja nicht um uns und unſere perſon allein zu thun, ſon - dern um ſo viel tauſend der anvertrauten ſchaafe, welche wir nach muͤglich - keit verwahren, aber nicht mit unnoͤthigem vorſchnellenden eiffer die gefahr vermeſſentlich vor der zeit uͤber den hals ziehen doͤrffen, da ſonſten der ihnen daher auch ſo gar, welche nicht beſtehen ſondern fallen wuͤrden, zuwachſende ſchade, nur auf unſre verantwortung kommen, und ein ſchwer gewiſſen ma - chen wuͤrde. 3. Deucht mich daher am aller rathſamſten zu ſeyn, wo wir die ſache auf dieſe weiſe angreiffen. 1. Daß durch einige wohl gegruͤndete, deutliche und kurtze ſcripta des Pabſtums ungrund und greuel vorgeſtellet, und ſolche mehr als vorhin unter die leute gebracht werden. Hiezu ſehe ich ſehr rathſam, ſo auch deßwegen noch vor der meß ſolle wieder aufgelegt werden, Criſt. Alethophili antwort auf Chriſtiani Conſcientioſi ſendſchreiben, welches nicht nur von mir, ſondern vielen verſtaͤndigen ſo politicis als predi - gern vor das ſolideſte gehalten wird, unter allen denen welche von langer zeit ausgegangen. Es iſt geꝛichtet gegen die allgemeinſte angꝛiffe deꝛ Papiſten von deꝛ kiꝛche und unſeꝛem pꝛedigamt, und wiꝛd denen welche ſtudirt haben, ein voͤl - lig vergnuͤgen geben und ſie verwahren gegen die verfuͤhrung. Hingegen achte nicht, daß ſich jemal einer der papiſten unternehmen wird, ſolches zu refu - tiren, oder da es einer verſuchen wolte, bin ich verſichert, es wird elend ab - gehen. Was die einfaͤltigere anlangt, denen muß auf andere art mit einer deutlichen erzehlung der geſamten irrthume und kurtzer widerlegung geholf - fen werden, wozu noch die anſtalt gemacht wird. So finde auch noch ſehr nuͤtz - lich, was derſelbe vorſchlaͤgt, daß eine paræneſis aus Apoc. 14. gemacht wer - de, dazu ich noch jemand ſuche, und als dann vor den truck ſorgen will. Die - ſes wird vor die unſrige, was ſchrifften anlangt, genug ſeyn. Dann was die Papiſten ſelbs betrifft, ſo iſt alles vergebens, als die keine unſerer ſchriff - ten, ob dero hundert herausgegeben wuͤrden, leſen oder leſen doͤrffen. Da ſind wir alſo nicht ſchuldig daran, daß ſie in ihrer finſternuͤß bleiben, nach dem ſie den zeugen der wahrheit allen weg zu ſich verſperren. 2. Gleichwol iſts mit ſchrifften nicht bloß ausgemacht. Sondern wir haben nechſt dem auch bey den unſrigen gemeinden das unſere zu thun, welches ich darinnen zu be - ſtehen meine, daß wir unſern leuten die theſin am fleißigſten einſchaͤrffen, und publice und privatim, in predigten, kinderlehren und zuſpruͤchen, unſe - ren glaubens grund dermaſſen deutlich ihnen vorlegen, daß ihnen die wahr -heit31ARTIC. I. SECTIO VII. heit recht in das hertz einleuchte, und ſie zu einer verſicherung derſelben kom - men moͤgen, dann wo dieſes iſt, ſo iſt am kraͤfftigſten der verfuͤhrung vorge - bogen, und da iſts ihnen alsdann, ob haͤtten ſie die ſachen ſelbs geſehen, da ſich einer alsdann ſchwerlich mehr eines anderen uͤberreden laͤſſet. Auf ſolches iſt noͤthig, ſonderlich die vornehmſte irrthume der Papiſten ihnen auch vorzulegen, und zwar ſolche, welche nicht in ſtreit gezogen werden, ſondern ſie alle die ſache ſelbs bekennen. Da man ihnen aber die falſchheit derſelben vorgeben alſo zu weiſen, daß man ihnen auch dabey zeige, was vor eine gefahr in der fache ſtecke und wie dieſelbe irrthuͤme der gewißheit des glaubens und ſeligkeit oder der heiligkeit des lebens entgegen ſeyen. Solches kan und ſoll geſchehen in predigten, wo es der text bringt, und in den examinibus. Nechſt dem iſt auch oͤffters der vorzug unſer kirchen wegen ſolcher offentlicher bekaͤntnuͤß der wahrheit und die gnade, welche uns wiederfahren, zu ruͤhmen gegen denjenigen, die in der Roͤmiſchen kirchen zwar endlich von GOTT erhalten werden, aber in einer euſſerſten gefahr, und da es eine ſonderbare barmhertzigkeit GOttes iſt, wo er ſolche irrthum, die ſie ſonſten verdammen wuͤrden, zuruͤck haͤlt, daß ſie ihren ſeligmachenden glauben nicht umſtoſſen muͤſſen, dahingegen wir die wahrheit ſo deutlich vor augen haben. Es iſt ferner ernſtlich zu treiben, daß ein groſſer unterſcheid ſeye, unter denen, welche in dem Pabſtum gebohren und erzogen, und welche erſt von uns zu ihnen abgefallen, da jene in groſſer gefahr zwar leben, jedoch ihrer unwiſſenheit wegen noch viele einige entſchuldigung finden moͤgen, die - ſe aber nichts dergleichen vor ſich und alſo kaum einige hoffnung uͤbrig ha - ben. Dieſes iſt deswegen nothwendig, weil ſich viel darauf ſteiffen, weil man ja nicht ſagen koͤnte, daß alle Papiſten verdamt waͤren, ſo koͤnten ſie auch dahin gehen, und doch die ſeligkeit hoffen. Das allermeiſte aber beſtehet darinnen, die leute zu dem rechten wahren hertzens glauben zu bringen und bey ihnen durch denſelben die liebe dieſer welt aus zu tilgen. Dann ohne dieſen mag alles nichts helffen. Fides dogmatica ſeye gegruͤndet wie ſie will, iſt jene wirckung des heiligen Geiſtes nicht da, ſo mag eine ſophiſtic und ſubtilitaͤt einem erudito ſolche ſcrupel erregen, daß ihm ſeine aus der ver - nunfft gefaſſte gewißheit anfaͤngt zu wancken, und endlich hinfaͤlt, oder mag die ehre, reichthum und andere auctoramenta dieſer welt ihn uͤberwin - den, daß er anfaͤngt zu glauben, was ſeinem Intereſſe das bequemſte iſt. wie ich dann nicht zweiffele, die allermeiſte ſo abfallen, fallen ab, nicht aus auch nur vermeinter conviction ihres gewiſſens, ſondern aus zeitlichen urſa - chen, wie ſichs auch an den meiſten weiſet, und haben gemeiniglich keine an - dere ſcrupel, als die ſie ſich ſelbs mit fleiß gemacht, um bey anderen den na - men der leichtfertigkeit nicht zu tragen, oder ihr gewiſſen einigerley maſſenzu ge -32Das ſiebende Capitel. zu geſchweigen, ob waͤre es aus ſolcher conviction hergekommen, daß ſie die Religion geaͤndert. Sie haben aber entweder ſchon vorhin bey ſich die reſolution gefaſſt, und nachmal ein ſolches pflaſter nur geſucht, die wunde des gewiſſens zu heilen, oder da ſie wahrhafftig einigen ſcrupel gefaſt, ha - ben ſie ſolchen mit freuden angenommen, als ein mittel, nun mehr mit fug zu der jenigen Religion gehen zu koͤnnen, wo ſie ihre rechnung in dem zeitlichen finden. Sehr wenig ſind, die recht eigenlich verfuͤhrt werden, und war - hafftig meinen zu der warheit zu kommen, und ſolchen hats dann vorhin a[n]der erkaͤntnuͤß der warheit gemangelt. 3. Wo wir nun nach unſerem vermoͤ - gen dieſes in unſerem amt treiben, ob wir wol nicht alle alſo befeſtigen moͤgen daß ſie nachmal beſtaͤndig bleiben, ſondern erfahren ſolten, daß ihrer viele in der verſuchung abfallen, zweifele ich nicht, wir haben unſere ſeelen geret - tet. Gleichwie da wir mit aller treu und fleiß die wahrheit GOttes privatin〈…〉〈…〉 und publice vortragen, ſo dann die leute vermahnen und warnen, unſere ſeele damit gerettet wird, ob wol einige ſo ſich nach vermoͤgen und mit fleiß dem unterricht entziehen, oder in ihren ſuͤnden gleichwol fortfahren. Dann bey uns ſtehet nicht mehr als das liecht vorzutragen, welches die anderen erleuchten ſolle, ſchlieſſen ſie die augen zu, ſo iſts ihre eigene ſchuld, dann ſie haben das liecht haben koͤnnen. 4. Aus dieſem erhellet aber, daß freylich noͤthig ſeye, den elenchum doctrinalem nicht aus zulaſſen, ſondern ſo viel und als lang nicht durch die euſſerſte gewalt ſolche freyheit benommen wird, thaͤten wir unrecht denſelben fahren zu laſſen, und uns eines nuͤtzlichen in - ſtrumenti zu befeſtigung der unſern zu begeben. Jedoch rathe ich nimmer, daß er das einige und vornehmſte ſeye, noch fort und fort getrieben werde, ſondern daß wir hierinnen dem heiligen Geiſt, wie er uns in den texten die anlaß zeigt, oder ſonſten zu weilen einige nothwendigkeit weiſen moͤchte, folgen. Wo wir ihn aber fuͤhren, iſt noͤthig daß er ohne acerbitaͤt, mit be - zeugung erbarmender liebe, damit der eiffer vermiſcht werden ſolle, ſo dann mit einer ſolchen deutlichkeit gefuͤhret werde, daß auch die einfaͤltige, welche achtung geben wollen, die ſache faſſen moͤgen. Kaͤme es aber auch kuͤnfftig dahin, daß man der widerſacher namen nicht mehr auf der cantzel nennen doͤrffte, ſo laͤſt ſich doch mit Chriſtlicher klugheit die ſache nachmal alſo fuͤhren, daß nicht weniger der zweck der verwahrung der unſrigen erhalten werde. Wie mein ſel. ſchwager, da er in meinem vaterland, wo die kirche ſehr getruckt iſt, lange zeit die Papiſten auf der cantzel nicht nennen doͤrffte, dan - noch durch GOttes gnade die ſeinige ſo erhalten, daß nicht mehr als auf die letzte einer (um erlangung eines frantzoͤſiſchen dienſts) apoſtaſiret hat: Ja auch noch nach ſeinem tod wenig exempel (und zwar da die urſach allemahl leicht abzuſehen) der abfaͤlligen geſehen worden. Hingegen hat er viele Pa -piſten33ARTIC. I. SECTIO VIII. piſten zu uns gebracht, und zwar muſte ſolches ſo gar ſtille geſchehen, daß er ſie an andere evangeliſche ort in geheim recommendiren mußte, ſolten ſie anders ſicher ſeyn. Jm uͤbrigen iſt freylich noͤthig, daß wir den HERRN hertzlich anruffen um ſeine gnade, geiſt und in jetziger zeit der gefahr ſo viel nothwendigere weißheit, die er uns aber auch gewißlich verleyhen wird.

SECTIO VIII. Ob nun eine auferſtehung der todten ſeye / oder vor der allgemeinen eine ſonderbare auferſtehung der gerechten vorgehe.

ZUweilen mit mir in brieffen von einigen puncten, dazu die ſchrifft an - Laß gibt, durch brieffe zu communiciren, iſt mir nicht entgegen, als der ich mich verſichre, daß der Herr den etwa begebenden verzug der antwort, nicht werde laſſen verdrieſſen, ſondern in liebe deuten. Welches alſobald bey dieſem erſten, da die antwort eben ſo wohl etwas laͤnger aus ge - blieben, zu bitten habe. Was dann nun anlangt die zum erſten brief be - liebte materie, von der abſonderlichen und eine lange zeit vor der allgemei - nen hergehenden auferſtehung, welche ſo wohl in der alten kirchen einige beyſtimmige gehabt, als auch noch zu unſern zeiten bey etlichen beyfall findet: So werde am fuͤglichſten auf zweyerley art davon zu handlen haben (1.) aus der ſchrifft zu zeigen, daß eine einige allgemeine auferſtehung der todten ſeye. (2.) Die das gegentheil dem anſehen nach in ſich faſſende ort etwas zu erklaͤren. Wie ich allezeit dieſes vor eine nothdurfft achte, in einer jeglichen materie die theſin aus offenbahren deutlichen orten der ſchrifft alſo zu gruͤnden, daß unſer glaube einen grund habe, welcher nicht wancket, nach ſolchen aber auch geſehen werde, wie ſich die jenige ort vereinbahren laſſen, welche derſelben wahrheit ſcheinen entgegen zu ſte - hen. Was alſo das erſte anlanget, ſo achte ich den ort Joh. 5, 28. 29. vor den rechten haupt ort; Dann ob wol unſer liebe Heyland ſelbſten in ſolcher rede von zweyerley auferſtehung redet, ſo weiſet er gleichwol v. 25. deutlich, daß er daſelbs rede von einer geiſtlichen auferſtehung von ſuͤnden, darinnen der menſch in das ewige leben tringet aus dem tode, darin - nen er von der verderbten natur her geſteckt iſt. (Siehe v. 24. mit vergli - chen 1. Joh. 3, 14. Eph. 2, 5. 6. Col. 2, 13. 3, 1.) dann es iſt ſolches eine auferſtehung, dero ſtunde damal ſchon war. Nach deroſelben weiſt un - ſer Heyland allein von einer einigen auferſtehung, die er von der vorigenIV. Theil. eunter -34Das ſiebende Capitel. unterſcheidet. (1.) Nach der zeit, dann dorten iſt ſchon die ſtunde da, hie ſolle ſie erſt kuͤnfftig ſeyn. (2.) Jn der erſten hleſſen es insgemein todten, damit man aber an der zweyten nicht zweiflen moͤge, was vor eine art der todten gemeinet werde, ſo heiſſets, die in den graͤbern ſind, alſo die leiblicher weiſe todt ſind. (3.) Jn der erſten werden alle lebendig, in der an - dern gehen ſie alle zwar hervor, und alſo werden ſie lebendig in dem ver - ſtand, wie wir pflegen insgemein das leben zu nehmen, wo leib und ſeel ver - einiget ſind; in der zweyten auferſtehung aber ſtehen nur etliche auf zur auferſtehung des lebens, die uͤbrige zur auferſtehung des gerichts. Nun dieſe auferſtehung welche zu dem ewigen leben geſchihet, und die allein von den jenigen geſagt wird, welche in den graͤbern, das iſt durch den leibli - chen tod aus dieſem leben hingeriſſen geweſen ſind, iſt eine einige auferſte - hung, und iſt doch in einem doppelten unterſcheid; Jndem einige von ſolchen auferſtandenen zum leben, andere zum gericht gehen: Es geſchihet aber beyder auferſtehung in einer einigen ſtunde, das iſt, zu einer zeit. Wie eben