PRIMS Full-text transcription (HTML)
Chur-Fuͤrſtl. Brandenb. Conſiſtorial-Raths und Propſtens in Berlin Theologiſche Bedencken /
Und andere Brieffliche Antworten auff geiſtliche / ſonderlich zur erbauung gerichtete materien zu unterſchiedenen zeiten auffgefetzet / und nun auff langwieriges anhalten Chriſtlicher freunde in einige ordnung gebracht und heraus gegeben.
Erſter Theil.
Mit Chur-Fuͤrſtl. Brandenb. Freyheit.
[figure]
HALLE /in Verlegung des Wayſen-Hauſes /1700.

Dem Wolgebohrnen Herrn / Herrn Bottfried Hermann von Beuchling / auff Tzſchorna / Delwitz und Beſelitz / Jhrer Koͤnigl. Majeſt. von Poh - len und Chur-Fuͤrſtl. Durchl. zu Sachſen geheimen Rath und dero Ober-Conſiſtorii in Dreßden Hochanſehnlichen Præſidenten, wuͤnſche von dem Himmliſchen Bater als dem geber aller guten und aller vollkommenen gaben / gnade / friede / liecht / krafft und ſeegen in Chriſto Jeſu!

Wol -
Wolgebohrner Herr Hoͤchſtgeehrter Herr und großer Patron.

D ich mich unterſtehe / E. Exc. werthen nahmen dieſem herausgehenden werck vor - zuſetzen / habe ich wichtige urſachen; nicht al - lein weil es von ſolchen materien handelt / die in das gantze leben und deßen pflichten / um goͤttlichen willen zuerkennen / einlauffen / und alſo von welchen Dieſelbe / nach von dem Allerhoͤchſten verliehener gabe und langwie - riger ſtattlicher erfahrung vor andern zu - urtheilen vermag / ſondern weil ich ohne das von guter zeit gelegen - heit / meine ehrerbietung / die ich E. Exc. nach dero verdienſten an der gemeinen wolfahrt / zutragen habe / und meine verbindung gegen Dieſelbe / zu gehorſamem danck offentlich zubezeugen / geſucht habe. Da ich denn nicht anders als mit hertzlichem vergnuͤgen mich erinnere / wie / als es dem Allerhoͤchſten gefallen / mich 1686 von Franckfurt am Mayn nach Dreßden zufuͤhren / E. Exc. unter denjenigen Chur-Fuͤrſtl. miniſtris und raͤthen / bey welchen ich eine auffrichtige liebe zu Gott / ſeinem wort / und was dazu fuͤhret / mit freuden erkant / unter den erſten geweſen ſeyn: daher um Deroſel - ben naͤhere kundſchafft und umgang mich billig beworben / und guͤ - tig darzu auffgenommen worden bin / mich aber allezeit / wenn an Dieſelbe und ihres gantzen werthen hauſes Chriſtliche einrichtung gedacht / daruͤber hertzlich erfreuet / und Sie als ein werckzeug an - geſehen / welches der Himmliſche Vater noch zu mehr wichtigerem be - ſtimmet haben werde; deswegen aber auch deſto angelegenlicher vor dem thron deßelben Jhrer allezeit gedacht habe / daß ſeine guͤte nicht al - lein auch die viele wolthaten / wormit Sie gegen mich und die meini - ge Dero gantzen haͤuſes gewogenheit vielfaͤltig biß zu meinem ab - zug bezeuget / mit reichen wolthaten gnaͤdigſt vergelten / ſondern auch insgeſamt dero heiligen rath zu beforderung vieles guten in ſeiner kirchen durch dero treuen dienſt kraͤfftig ausfuͤhren wolte. Wennſichzuſchrifft. ſich denn nun nach der zeit zwahr bald eine herrliche gelegenheit darzu durch deßen fuͤgung ergeben / aber ſolche (weil die zeiten jetziger ge - richte etwas vollkom̃enes noch nicht zugeben) eben da eine reiche frucht erfolgen ſolte / wieder unterbrochen worden iſt / ſehe ichs gleichwol als ein nochmaliges zeugnuͤs meiner nicht vergebenen hoffnung uͤber Derſelben an / wenn der liebhaber ſeiner kirchen nach ſeiner Goͤttli - chen treu S. Koͤn. Majeſt. und Chur-Fuͤrſtl. Durchl. hertz da - hin geruͤhret / vor etlichen jahren E. Exc. zu dem haupt und Præ - ſidenten des ſo wichtigſten collegii des Ober-conſiſtorii wieder zuver - ordnen. Jch mag es mit recht ſo fern das wichtigſte collegium nen - nen / indem von deßelben direction nicht allein der wolſtand der Chur - Saͤchſiſchen kirchen / und alſo ſo vieler ſeelen heil / in gewißer maß de - pendiret / ſondern auch deswegen andere in mehrerm anſehen ſtehende collegia von deßen guten verwaltung ein großes ſtuͤck / des ihnen noͤ - thigen goͤttlichen ſeegens zuerwarten haben. Dabey iſt mir aber auch nicht verborgen / wie ein großes und freylich mehr als menſchli - ches dazu gehoͤre / das verlangte und erforderte in ſolcher ſtelle auszu - richten. Es iſt mir der geſamte zuſtand der Chur-Saͤchſiſchen kirchen aus fuͤnffjaͤhriger erfahrung alſo bekant worden / daß ich wol ehe da - ruͤber ſeuffzen / als mich deßen zufreuen urſach geſunden / indem alles / was wir billich auch bey andern theilen unſerer armen Evangeliſchen kirchen beklagen / in wenigen ſtuͤcken weniger als bey andern / in man - chen aber noch betruͤbter / ſich darinnen antreffen laͤßet. Daher ſolchen kranckheiten zuſteuren nechſt goͤttlicher krafft / kluge uñ von dieſer dar - zugnug ausgeruͤſtete aͤrtzte noͤthig ſind. Sondeꝛlich aber ſtecket die mei - ſte urſach / ſo das verderben veranlaßet oder erhaͤlt / in dem ſtand de - rer / welche demſelben zuwehren hauptſaͤchlich von Gott eingeſetzet und verordnet ſind: da hingegen ſo viele / bey denen niemal eine leben - dige erkaͤntnuͤs Gottes in ihre ſeele gekom̃en / und ſie von ihrem na - tuͤrlichen ſtand geaͤndert hat / ſich bey kirchen und ſchulen finden / von denen die kirche nicht anders als mehr ſchaden denn nutzen erwarten kan. Dann wie ſie fleiſchlich geſinnet / dem geitz / ehrgeitz und wolluſt dieſer welt weder abgeſtorben ſind / noch derſelben abzuſterben begeh - ren / folglich die wahrheit der rechtfertigung und heiligung aus man - gel der erfahrung nicht gruͤndlich verſtehen / und (wie unſer theure Lutherus / als er in der erſten kirchen-viſitation in dem Churfuͤrſten -) (2thumzuſchrifft. thum 1538. die fehler der gemeinden erkant / daß aus unrechtem ver - ſtand des glaubens / den ſich die leute dichten / eine fleiſchliche ſicherheit entſtehe / die aͤrger ſeye / als alle irrthum voriger zeit geweſen / daruͤber klagt T. I Alt. f. 11. a. und die prediger davor / bey vermeidung Goͤttli - chen urtheils warnet) ſo wol ſelbs einen unrechten begriff von dem le - bendigen glauben haben / als auch deswegen andern davon nicht helf - fen koͤnnen / alſo bleibet alle ihre abſicht eigentlich allein dieſe / die reine lehr nach dem buchſtaben zuerhalten / die leut zu dem eußerlichen Got - tesdienſt anzutreiben / und wo es weit kom̃t / ein ehrbares leben einzu - fuͤhren. Hierzu bedarffs bey ihnen ſelbs keine aͤnderung / daher ver - ſtehen ſie ſich darzu gern. Hoͤren ſie aber / daß andere damit nicht zu frieden ſeyen / und daß das rechtſchaffene weſen / oder wie es im grund-text lautet / die wahrheit in Chriſto Jeſu / Eph. 4 / 21. uͤber die reinigkeit der lehr / die freylich bleiben ſolle / noch gar viel ein anders von ihnen und denen zuhoͤrern erfordere / ſo iſts ihnen vor ſich / daß der - gleichen auffkom̃e / nicht gelegen; indem ſie vorſehen / wo ſie gantz von in - nen zu andern menſchen werden muͤßten / ſo wuͤrde durch anderer / die der wahrheit nunmehr bey ſich platz geben / beßeres exempel ihr gegen - waͤrtiger zuſtand beſchaͤmet werden / und algemach ihr gantzes anſehen zu boden fallen. Daher fordert ihr fleiſchliches intereſſe, dem werck bey zeiten zu widerſtehen: Nun kan aber der krafft der wahrheit nicht an - ders widerſtauden werden / als ſie aus dem munde derjenigen / welche kraͤfftig darauff treiben / andern verdaͤchtig zu machen / und demnach je - ne bald dieſer bald jener falſcher lehr zubeſchuldigen / oder auch die ge - meinden zuuͤberreden / es ſtecke ein heimliches gifft bey den leuten / das man ihnen eben ſo nicht zeigen koͤnte / ſondern nur darvor warnen wol - le. Dieſes iſt der wahre grund des ketzermacher-geiſts / der eine gute zeit bey vielen unſers ordens regieret / und manch gutes niedergeſchla - gen hat / ja noch herrſchet; auch deſtomehr platz findet / weil allen leichter wird / ihren eiffer vor die reinigkeit des buchſtabens allein anzuwenden / und ſich darvon der ſeeligkeit zuverſehen / als zu wahrer gruͤndlicher bekehrung zukommen / und darinnen einher zugehen. Es iſt auch ge - wiß dieſes die urſach derjenigen ſtreitigkeiten / die erſt in Sachſen uͤber den ſo genanten Pietiſmum (wolte Gott / es waͤre niemal ein dergleichen nahme gedacht worden!) entſtanden / und von daran alle orte unſerer kirchen ausgebreitet worden: und bin ich verſichert / daß E. Exc. ſol -cheszuſchrifft. ches betruͤbte uͤbel tieffer und gruͤndlicher / als nicht leicht ein ander / biß - her ſelbs eingeſehen haben und bejammern; dabey aber hoffe noch / daß die goͤttliche weißheit Dieſelbe eben der urſach wegen an ſo wichtige ſtel - le verordnet haben werde / daß Sie / wie ich Dero redlicher abſicht verſichert bin / durch ſeine gnade auch alle ihre Herren Collegas zu glei - chem ſinne endlich gewinnen / und alsdenn was in ermanglung deßen bißher nach wunſch nicht geſchehen moͤgen / ein ſeliges und erfreuliches ende aller ſtreitigkeit in denen Dero auffſicht anbefohlnen kirchen und ſchulen machen / davon auch die uͤbrige Evangeliſche kirchen freude ſchoͤpffen und exempel nehmen moͤchte. Wie wuͤnſchte ich jetzt abſonder - lich / daß derjenige ſegen / den der große Gott nach ſeiner ewigen barm - hertzigkeit zu unſers gnaͤdigſten Chur-Fuͤrſten zu Brandenburg Durchl. vaͤterlicher vorſorge in beylegung durch eine anſehnliche commisſion der auch eine zeitlang in dero ſtatt und univerſitaͤt zu HALLE nicht ohne gefahr geſchwebten ſtreitigkeiten und mißverſtan - de / ertheilet hat / wie anderswo ſo wol als bey uns nutzen ſchaffen / al - ſo auch ihres orts dermaßen einleuchten moͤchte / daß alle die darzu zure - den und zurathen haben / alle gedancken auffs neue darauff ſchluͤgen / gleicher ſeligkeit das wertheſte Sachſen wieder theilhafftig zumachen / daß wahrheit und dero uͤbung in der gottſeeligkeit ungetrennt aller orten bey ihnen befeſtiget wuͤrde. Welches vor eine herrliche cron hielte / damit der Hoͤchſte ihre bißherige treue und arbeit bekroͤhnete. Wann aber unſere ſuͤnden noch ſo groß vor goͤttlichem gericht ſeyn / daß dieſes gluͤck uns noch nicht zu theil / ſondern alles heilſame von widrig geſin - neten zu fortſetzung der aͤrgernuͤßen mit erfuͤllung unſers ſuͤnden - maßes / mit allerley hindernuͤßen zuruͤck getrieben werden ſolte / (ſo ich leider zu geſchehen ſorge. ) ſo bin ich doch verſichert / daß der HERR HERR / E. Exc. redliche abſicht vor das beſte der kirchen nicht an - ders / als waͤre der zweck erreichet worden / in gnaden anſehen wolle. Mir iſts vor dieſesmal gnug / bey gegenwaͤrtiger gelegenheit wiederum mein hertz vor dem angeſicht der kirchen ausgeſchuͤttet und meine hoff - nung von E. Exc. offentlich in gebuͤhrender obſervantz bezeuget zu - haben. Und weil weder zu erreichung jenes zwecks noch wuͤrcklicher danckbarkeit vor von Deroſelben an mir und den meinigen / auch noch biß daher / erwieſene wolthaten etwas anders in gegenwaͤrtigem zuſtand von mir zu verſprechẽ vermag / als weꝛde ſo lang ich lebe / ſo viel ernſtliche,taͤg -zuſchrifft. taͤglich in meinem gebet fortfahren / daß die hohe goͤttliche Majeſtaͤt / gleichwie insgeſamt uͤber deroſelben hohes hauß / geliebteſte Fr. ehege - mahlin / wuͤrdigſte und bereits um das publicum ſich wohl ver - dienende Herren ſoͤhne / allen ſeinen erwuͤnſchlichen ſegen in allen ſtuͤ - cken leiblich und geiſtlichen wohlweſens aufs reichlichſte ausgieſſen / und beſon - ders dero zunehmende jahre mit taͤglich neuen kraͤfften zu langwierigem ge - brauch ſtaͤrcken / alſo abſonderlich zu ihrem ſo hoͤchſt importirenden amt ſtets das liecht ſeines geiſtes zu erkaͤntnuͤs deſſen / was jedesmal vor der kirchen wol - fahrt das beſte ſeye; kindliches vertrauen auff ſeinen beyſtand und daher freu - digen muth in beforderung ſeiner ehre durch allerley hindernuͤſſen durch zu trin - gen; krafft das vorgenommene gluͤcklich auszurichten ihro ſelbs verleyhen / der Herrn Collegen hertzen mit gleichem ſinn zu erfuͤllen und zu treuer zuſammen - ſetzung lencken / die jenige / die heilſamen rathſchlaͤgen maͤchtigern nachdruck zu geben haben / gleichfals vereinigen / denen die in kirchen und ſchulen arbeiten / die vor ſie tragende Chriſtliche ſorgfalt recht zu erkennen geben / und in ihnen ge - horſam / auch liebe zum frieden und fleißiger arbeit / wircken / denen aber die unter ihnen ſich nicht lencken laſſen wollen / mit ſeiner macht die haͤnde binden / zu allen ledigen ſtellen allezeit tuͤchtige perſonen beſchehren / auch das liebe land / in dem die kirche wohnet / und deſſen guten und boͤſen mit ihm genieſſet / in euſ - ſerlichem friede / ruhe und guter ordnung erhalten / ſo dann alle insgeſamt mit ſtetem gluͤcklichen wohlſtand und flor beyder Koͤniglicher Majeſtaͤ - ten / Koͤniglicher Frau Mutter Hoheit / und Koͤniglichen Chur-Printzen nach unſer aller unterthl. wunſch und gebet erfreuen wolle. Mit welchem wunſch zu allem zeitlich / geiſtlich und ewigem heil der himmliſchen obhut inniglich erlaſſende / und mich und die meinige ferner deroſelben gewogen - heit und guͤte empfehlende verbleibe.

E. Exc. Berlin den 23. Sept. 1700. zu gebet und gehorſam verbundener Philipp Jacob Spener / D.

Dem Chriſtlichen leſer Wuͤnſche von dem vater der liechter durch Jeſum Chriſtum den Koͤnig der wahrheit / den geiſt der weißheit und der offenbahrung zur pruͤ - fung der wahrheit und des goͤttlichen willens / auch zu erlangung geuͤbter ſinne zum unter - ſcheid des guten und des boͤſen!

WAs jetzt im nahmen Gottes demſelben vor augen gelegt wird / iſt bereits vor vielen jah - ren heraus zugeben von vielen guten freunden verlanget worden; da ich aber unter - ſchiedliches bedencken dagegen gehabt / theils weil es mir an der zeit ziemlich manglet / et - was vorzunehmen / worzu mehrere arbeit gehoͤret / der - gleichen auffs wenigſte die re - viſion der alten copien erforderte: theils weil vorſehen konte / nach dem es unmuͤglich iſt / daß in allen abſonderlichen mate -) (2rienVorrederien alle andre mit mir einſtimmen werden / daß nicht die jenige / die ihr werck darvon machen etwas aus meinen ſchrifften zu er - ſchnappen / daruͤber ſie mir ſtreit erregen koͤnten / leicht aus ſo vie - lerley antworten und bedencken auffs neue etwas zu zancken er - greiffen moͤchten; anderer ſorgen dabey nicht zu gedencken: daher eine gute zeit lang des ſinnes geweſen / die publication deßen / was unter den copien meiner brieffe dem publico nicht undienlich ſcheinen moͤchte / nach meinem abſchied andern zu uͤberlaßen / die darvor ſorge tragen moͤchten. Es hat aber ſo wohl dieſe be - trachtung / weil die ſpecies facti bey den meiſten manglen / und ich nur mich ſelbs noch manches dahin gehoͤrigen erinnern muß / daß einer der nach meinem tod die bloße antworten finden / bey vielen kaum wißen wuͤrde / was er daraus machen ſolte / da ich entweder etwas darvon / was aus dem facto zuwißen noͤthig / beyfuͤgen / oder doch auffs wenigſte eine rubric drauff ſetzen / und zu weilen mit ein paar worten einiges zum verſtand noͤthige darzwiſchen ſetzen koͤnte / das keinem andern nach mir muͤglich waͤre; als auch das offtere anhalten lieber und gut-meinender goͤnner uͤberwogen / daß in der forcht des HErrn mich ent - ſchloßen / einen theil meiner bedencken und briefflicher antwor - ten an das liecht heraus zugeben und zwahr von den teutſchen dieſesmal den anfang zumachen.

Jch habe aber hiebey unterſchiedliches zu erinnern / das zur nachricht dem leſer dienen mag. 1. Es ſtehet insgemein kein nahme bey den bedencken und antworten / weder der perſonen an die die antworten geſtellet / noch deren von welchen ſie han - deln / (ausgenommen ſehr weniger / die bereits in dem HErrn entſchlaffen und alſo wegen derer man keine ſorge haben kan) ſondern es werden die materien entweder nur insgemein / gleich als ſtuͤnde man nur in erwegung der theſeos, gehandelt / oder wo man ad hypotheſin gehen muͤßen / ſowol gemeine nahmen als Cajus, Titius, Sempronius und dergleichen / gebraucht / als auch die ort mit N. N. oder fremden nahmen bezeichnet. Die urſach iſt / nicht allein weil unterſchiedlich bedencken uͤber caſus gegeben habe / da mir weder damal noch darnach die perſonenkundan den leſer. kund worden / ſo dann ich ſtets unterſchiedlicher nahmen vergeſ - ſen / daß bey der jetzigen reviſion mich deren / die es angienge / nicht erinnern koͤnnen; ſondern auch insgemein / weil es zuwei - len ſachen ſind / da die jenige / welche gefragt haben / es nicht gern von ſich werden kund wißen wollen / auch die welche die ſachen angehen / ihrer anligen offenbahrung ſich nachtheilig ach - ten moͤchten. Daher ich aller gern zu ſchohnen gehabt / ja auch zuweilen / wo einige umſtaͤnde die perſon gar zu kaͤntlich gemacht haͤtten / ſolche mit fleiß ausgeſtrichen habe. Jſt alſo weder mei - ne abſicht / jemand mit dieſer publication zuſchaden / oder das vertrauen der freundſchafft gefaͤhrlich zuverletzen / noch kan der - gleichen aus dieſem trieb zugeſchehen geſorget werden: es waͤre dann ſache / daß einige an die und von denen geſchrieben worden / ſelbs nicht ſchweigen koͤnten / und es offenbahr machten / da ſie es alsdann ihnen ſelbs / was ihnen mißliebiges daraus folgte / zuzuſchreiben haͤtten / mir aber die ſchuld nicht beyzumeßen ver - moͤchten. Jch bitte aber auch / und ſpreche die jenige gute freunde auff ihr gewißen an / die einige nahmen / und wen dieſes oder je - nes angehe / vermuthen oder errathen moͤchten / oder anders woher davon nachricht bekommen haͤtten / daß ſie ſolches auch bey ſich behalten / und weder mir / der ich in dem heraus geben nichts / als durch unterricht einigen zu dienen / ſuche / noch de - nen / die es betrifft / wider die liebe unluſt zuerwecken trachten. Maßen es allerdings wider die liebe ſtreitet / etwas das der nechſte aus guten urſachen geheim zuhalten verlangt / und deſ - ſen entdeckung von der gemeinen wohlfahrt nicht erfordert wird / wider ſeinen willen zuoffenbahren: welches ein ſolcher gegen ſich zugeſchehen nicht gut nehmen wuͤrde.

2. Aus eben ſolchen urſachen ſind weder die brieffe der gu - ten freunde / denen hierinn geantwortet wird / ob wol ihre bey - fuͤgung der antwort ein liecht geben moͤchte / darzugethan / noch auch die ſpecies facti voͤllig und mit allen umſtaͤnden geſetzt / ja meiſtens gar ausgelaßen / und nur die ſumma in die fragen ein - gebracht: weil gedachter maßen keinen freunden ungelegenheit zuziehen / noch ihre brieffe ohne ihr erlaubnuͤs gemein machen) (2wollen /Vorredewollen / ſo dann des leſers fuͤrwitz / wo er uͤber die facta zu ſitzen / und dieſelbe zu forſchen geneigt / vielmehr hemmen / und die gele - genheit nehmen / als dieſe geben / und ihn ſelbs dazu reitzen wol - len. Zu dem / wie bereits erinnert / von unterſchiedlichen kein ſpe - ciem facti mehr habe / ſondern was mir zugeſchickt / zuſamt mei - nem reſponſo wieder fort geſandt habe. Jſts nun / wie ich nicht leugne / daß einige antworten eben aus mangel der umſtaͤnde in einigen ſtuͤcken dunckel werden / ſo laße ſich der leſer damit ver - gnuͤgen / da er aus dem / was er verſtehen kan / und zu der theſi ſelbs gehoͤret / einiges faßet / ob er wohl durch voͤllige nach - richt der hypotheſeos mehr faßen haͤtte koͤnnen / die aber aus obigen urſachen hinterhalten werden muͤßen.

3. Was nicht voͤllige reſponſa oder austruͤcklich gefaßte be - dencken ſind / ſondern brieffe / darinnen gewiße / eine oder meh - rere / materien gehandelt / ſind alſo gelaßen / wie ſie erſtlich auff - geſetzt / da gern geſtehe / daß zuweilen ein und andre ſtuͤcken haͤt - ten ausgelaßen und abgekuͤrtzet werden koͤnnen: es haͤtte aber ſolches zuthun / weil darnach auch noch mehrers geaͤndert wer - den muͤßen / alzuviele zeit erfordert.

4. Die ordnung anlangend / habe ich nicht noͤthig gehal - ten / in derſelben alzu ſcrupulös zu ſeyn / ſondern ich habe zwahr das werck in unterſchiedliche capitel (dero jetzo nur zwey heraus kommen) abgetheilet / mag aber wohl leiden / wann ein ander darvor halten wird / daß die ordnung beßer eingerichtet werden koͤnnen / nachdem dieſes ein ſolches werck / da nicht eine materie durch zu tractiren den vorſatz geweſen / in welchem fall die na - tuͤrliche ordnung zufinden und zuhalten billich / ja zu erkaͤntnuͤs der ſache vieles dran gelegen waͤre / ſondern jedes bedencken oder antwort iſt vor ſich / und haͤngt nicht an dem andern / daher gnug iſt / daß nur etlichermaßen eine ordnung geſuchet worden / wie eine auff die andre folgten / und wo man ungefehr zuſuchen haͤtte / wenn man etwas verlangte. Es iſt aber auch deswe - gen unmuͤglich geweſen / eine genaue ordnung zuhalten / weil mehrmal in einem brieff 2. 3. 4. oder mehr materien vorkommen / die kaum etwas unter ſich gemein haben / deren die eine da / dieandrean den leſer. andre dorthin / und alſo in unterſchiedliche capitel / gehoͤrte: ich bin auch nicht allemal bey der erſten geblieben / auff dieſelbe in der ordnung zuſehen / ſondern je nachdem mich gedeucht / welche die vornehmſte ſeye / nach ſolcher mich gerichtet: Es wird aber vielleicht zu ende des wercks mit einem regiſter zu helffen ſeyn / daß wo eine materie auch außer der ſtelle / die ihr ſonſt zukaͤme / wegen einer andren / ſo in einem brieff mit derſelben enthalten iſt / ſich nun befindet / angedeutet werde / wo ſie ſonſten auch ihren platz haben ſollen oder koͤnnen.

5. Jn dieſem theil findet der leſer in c. 1. die jenige antwor - ten / darinnen entweder einige ſtellen der ſchrifft oder glaubens - puncten, controverſen und dergleichen materien / tractirt wer - den. Jn c. 2. wird das jenige vorgeſtellet / was zu dem predig - amt gehoͤret / und zwahr 1. von den academiſchen ſtudiis. 2. von dem beruff / deßen aͤnderung und ablegung. 3. von des predig - amts art und pflichten insgemein. 4. von den abſonderlichen verrichtungen im predigen / catechiſiren, andern geiſtlichen uͤbungen / haußbeſuchungen u. ſ. f. 5. von verwaltung der Sa - cramenten. 6. von der beicht / zulaßung zum H. abendmahl / kirchen-zucht / und was dem anhaͤngig. Was den andern theil anlangt / ſollen in demſelben vermittels goͤttlicher gnade die jenige folgen / da die pflichten der Chriſten nach der erſten und andern taffel vorgeſtellet werden / alſo auch die caſus matrimoniales, vermahnung - und troſt-ſchreiben / ferner was zu der betrachtung unſrer kirch und zeiten gehoͤret / ſo denn die hiſtorie der dinge die von etwa 30. jahr vorgegangen / da ich ſelbs mit zu thun ge - habt oder eingeflochten worden. Ein abſonderlich capitel aber ſolle das werck ſchließen / darinn die jenige vorkommen / die keinen) (3beque -Vorredebequemen platz in vorigen capiteln angetroffen / oder die nach verfertigung des capitels unter den papiren ſpaͤter gefunden worden.

6. Der methodus iſt nicht einerley / indem einige form - liche und voͤllig ausgearbeitete reſponſa ſind / andere ſtuͤck aber ſind bloße brieffe / da die materien nicht mit gleichem fleiß gehan - delt: weil gleichwol gute freunde darvor geachtet / es waͤren eben auch dieſelbe nicht bloß zuruͤck zuhalten / weil man auch mit wenigem ſeine meinung austrucken / oder einem andern zu fernerem nachſinnen ſolche gelegenheit geben koͤnne / die ihm nicht unangenehm ſeye.

7. Von einer materie ſind zuweilen unterſchiedliche ant - worten / zu unterſchiedlichen zeiten gegeben worden / ſo hier ein - geruͤcket ſind. Wo ich nicht in abrede bin / daß zu mehrerer bequemlichkeit des wercks dienlicher geweſen / jedesmal aus allen eines zumachen / da einerley nicht in unterſchiedlichen im leſen wiederholt werden doͤrffte: aber meine enge zeit haͤtte mir die darzu gehoͤrige arbeit nicht vergoͤnnet / da ſo gar zu der revi - dirung kaum gnug gewinnen koͤnnen: Sodann wars auch der erſten abſicht / da man verlangt meine arbeit / wie ſie zu jeder zeit gefallen / zuſehen / nicht anders gemaͤß: ſo iſt auch in De - dekenno und andern nichts ungewoͤhnliches / daß uͤber einen caſum unterſchiedliche / auch wohl gleichlautende / reſponſa fol - gen. Vielleicht mags auch einigen nicht unangenehm ſeyn / die unterſchiedene art zu handlen / in einer ſache mit einander zuvergleichen.

8. Die jahr ſind meiſtens beygefuͤgt / in denen ich jedes ge - ſchrieben; es konte aber nicht bey allen geſchehen / weilen ſie zu -weilenan den leſer. weilen in den copien gemanglet / ſonderlich in den aͤltern / da - her unterſchiedlichmal 167 ſtehet / wo ich wohl weiß / daß ſie zwiſchen 1670. und 1680. gegeben / des jahrs aber nicht verſichert bin.

9. Wie ich nie keinen derjenigen / an welche ich dieſe ant - worten gethan / darmit zur folge obligiret / ſondern offters aus - getruckt / allezeit aber es alſo gemeinet habe / daß Chriſtliche freunde meine meinung und ausſpruch mit dero gruͤnden in der forcht des HErrn und mit ſeiner anruffung uͤberlegen / und demjenigen allein / weßen ſie ihr gewißen aus einleuchtung des goͤttlichen woꝛts und aus demſelben gezogenen gruͤnden uͤberzeu - gen wird / platz geben wolten (daher es immer zuverſtehen / mit der gemeinen clauſul, ſalvo meliori) alſo muthe ich vielweniger mit dieſer heraußgebung jemand zu / etwas weiter anzunehmen / als nochmal bey jedem die gottſelige erwegung meiner jedesmal angefuͤhrten gruͤnde wircken wird. Meinet jemand / in dem gegentheil beßer gegruͤndet zu ſeyn / bitte ich nur dieſes / daß er mir meine freyheit / ſo wohl als ich ihm die ſeinige / in dingen / die den grund des glaubens und lebens nicht verletzen / laßen wolle: wie wohl mich auch niemalen weigere / von andern zu lernen / die mir beſcheidenlich in einem und anderem etwas beßers zeigen wolten.

10. Weil einige mal verlanget worden / uͤber etzliche din - ge / daruͤber unruhe und irrungen an einigen orten in der kir - chen neulicher zeit entſtanden / auch trennungen angetrohet wor - den / mich zu erklaͤhren / kan ich mich nicht allein auff meine vo - rige ſchrifften beziehen / ſondern es findet auch der leſer unter - ſchiedliches dahin gehoͤriges in dieſem werck / als unter andernc. 1.Vorrede an den leſer. c. 1. ſect. 14. 19. 72. 73. und ſonderlich in dem anhang des capi - tels / daß unſre kirche nicht zu Babel gehoͤre: ſo dann c. 2. art. 3. ſ. 1. art. 5. ſ. 1. art. 6. ſ. 24. (ander mehr zugeſchweigen) darinn ich mein hertzliches mißfallen und betruͤbnuͤs uͤber alle derglei - chen unordnungen / die dem guten den gefaͤhrlichſten ſtoß thun / daher nicht gnug beſeuffzet werden koͤnnen / bezeuget habe: und GOtt ſtets inniglich anruffe / ja nicht zuzugeben / daß auch ſeine heiligen (nach der redens-art pſ. 85 / 9.) auff eine thorheit gerathen / ſondern in allen die liebe zur Evangeliſchen wahr - heit zubekraͤfftigen / die luͤſtrigkeit nach neuen meinungen weg - zunehmen / und die kranckheit unſrer kirchen mit wehemuͤtiger gedult (die fern iſt von allem haß und eckel) tragen zu lehren / dadurch aber alle beſorgliche gefahr abzuwenden. Dieſes ha - be bey dieſer herausgebung voran zu erinnern dienlich erach - tet / das uͤbrige dem leſer ſelbs und ſeinem guͤtigen urtheil uͤber - laßende; ſo vielmehr / weil nachdem vor dieſes mal allein der erſte theil heraus kommt / dafern etwas / das noch zubemercken dienlich geweſen / jetzo vergeßen worden waͤre / bey dem andern theil annoch erinnert zu werden gelegenheit vorkommen wird. Der große GOtt / zu deßen ehr / und einiger ſeelen erbauung / auch dieſe arbeit gemeinet und abgeſehen iſt / laße auch ſolchen zweck durch ſeinen ſegen gluͤcklich erreichet werden: Ja er gebe uns allen / ſeinen willen aus ſeinem wort mit gewißheit zu er - kennen / allen von jemand gebenden rath aus demſelben kluͤg - lich zu pruͤffen / und mit verſicherung zuthun / was ihm wol - gefaͤllig iſt um Jeſu Chriſti willen.

Berlin den 16. Sept. 1700. Philipp Jacob Spener / D.

[1]

Jn Jeſu Nahmen. Amen. Das Erſte Capitel.

SECTIO

  • 1. WAs es heiſſe Ap. Geſ. 10 / 35. Wer Gott fuͤrchtet und recht thut; und ob jemand ohn die erkaͤntnuͤß Chriſti ſelig werden koͤnne?
  • 2. Von der ſchrifft der zehen gebote auff die zweyte taffeln. 2. Moſ. 34 / 1. 27. 28. 5. Moſ. 10 / 2. 4.
  • 3. Natur und gnade. Borels ſchrifften. Rettung des ſpruchs Ap. Geſ. 13 / 48. wie viel ihr zum ewigen leben verordnet waren.
  • 4. Wie es zuverſtehen / daß Marc. 11 / 13. der HErr den feigenbaum verflucht / da es doch nicht zeit geweſen feigen zutragen.
  • 5. Uber den ſpruch 1. Cor. 11 / 4. von bedeckung des haupts.
  • 6. Was vaͤter und zuchtmeiſter 1. Cor. 4 / 15. ſeyen.
  • 7. Uber den ort 1. Petr. 4 / 8. ob darinn enthalten / daß die liebe die ſuͤnde auch vor GOtt bedecke. Auch von dem ſpruch Luc. 7 / 47.
  • 8. Fernere fortſetzung: ob der ſpruch 1. Petr. 4 / 8. von aller liebe und der de - ckung der eignen ſuͤnde koͤnne verſtanden werden? Ob glaube oder liebe erſt bey dem menſchen ſeye?
  • 9. Von dem verſtand der ſpruͤche 1. Tim. 2 / 9. 1. Petr. 3 / 3. betreffend Chriſtli - cher weiber pflicht in dero kleider und ſchmuck.
  • 10. Von der natuͤrlichen erkaͤntnuͤß GOttes; von der verſicherung der wahr - heit goͤttlichen worts: von empfindlichkeit des glaubens: von dem letzten kampff.
  • 11. Zu recht weiſung eines in Atheiſmum verfallenen.
  • 12. Was zur wahrhafftigen bekehrung eines von langer zeit her in dem Athe - iſmo, verlaͤugnung GOttes und ſeiner wahrheit auch andern groben ſuͤn - den / geſteckten ſuͤnders erfordert werde?
  • 13. Vom verhalten eines / dem bey ſeiner religion ſcrupel auffgeſtiegen.
  • 14. Chriſtliches bedencken uͤber eines unbekannten autoris communicirte ſchrifft von vielen lehr-puncten: von dem geſetz / kriege-fuͤhren / erfuͤllungAdes2Das erſte Capitel. des Geſetzes: vom glauben / von den 3. perſonen / vertrauen auff Chriſti verdienſt / Chriſti hoͤllenfahrt / der Chriſtlichen Kirche / vergebung der ſuͤn - den / aufferſtehung der todten / ewigem leben: vom gebet: von den Sacra - menten: der tauff / abendmahl: Gottesdienſt insgemein.
  • 15. Examen des Pater Dez tractats von der wieder-vereinigung der Roͤmiſchen und Proteſtirenden Kirchen / die er aus der Augſp. confesſion beſtaͤtigen wollen: darinn insgemein die mit dem Pabſtum im ſchwang gehende ſtrei - tigkeiten vorkommen.
  • 16. Wie die vierdte bitte zuverſtehen? Ob GOtt und die Gottheit unter - ſchieden? Ob die Gottheit in Chriſto gelidten?
  • 17. Ob Chriſtus ſo wol der geſetzgeber als erfuͤller ſeye / und der Sohn Got - tes bey gebung des geſetzes ſich offenbahret habe?
  • 18. Von der allwiſſenheit Chriſti nach der menſchlichen Natur.
  • 19. Ob Chriſtus weſentlich in allen menſchen wohne?
  • 20. Von ſuͤnde haben und ſuͤnde thun: ſchwachheit - und boßheit-ſuͤnden.
  • 21. Vom unterſchied der todt-ſuͤnden und ſchwachheit-fehler.
  • 22. Von krafft und wuͤrckung goͤttlichen worts.
  • 23. Chriſtliche Antwort auff unterſchiedliche fragen das Chriſtenthum be - treffend; ob man nothwendig zu dem Nutzen des Evangelii durch den zuchtmeiſter des geſetzes muͤſſe getrieben werden? 2. Ob die tauff die wi - dergeburt oder dero ſiegel? 3. Ob der ſpruch 1. Joh. 3 / 20. ein troſt - ſpruch / oder mehr ſchrecke? 4. Ob Paulus Rom. 7 / von dem ſtand der wiedergebohrnen oder unwiedergebohrnen handle?
  • 24. Weil wir alle miteinander die erſte gnade Gottes verſtoſſen / ob ich nicht ſagen kan / daß GOtt der allwiſſende / bey demjenigen / dem er neue gnade gibet / vorher ſihet / daß er die gnade endlich nicht allezeit werde muth - willig von ſich ſtoſſen / wie ich ſolches nennẽ ſolle / gutes kan es nicht heiſſen / weil nichts gutes in uns wohnt / ob ich nicht ſagen kan / daß bey ſolchen menſchen / GOtt der HErr weniger boͤſes ſihet / und ihn alſo vor andern mehr Gnade thut.
  • 25. Daß die wahre erkaͤntnuͤß und Theologie von dem rechtſchaffenen weſen in Chriſto ſich nicht trennen laſſe.
  • 26. Ob ein gottloſer prediger GOttes wort ſo wol predige als ein gottlie - bender?
  • 27. Von der groß - und kleinen buß: auch Engliſchen erſcheinungen / und gebet dagegen.
  • 28. Von der wiedergebuhrt und erleuchtung.
  • 29. Wichtigkeit des articuls von der Rechtfertigung.
  • 30. Von muͤglichkeit und unmuͤglichkeit der haltung goͤttlicher gebote.
31. Leh -3Das erſte Capitel.
  • 31. Lehre von haltung goͤttlicher gebote.
  • 32. Ob Gott von den wiedergebohrnen die vollkommne erfuͤllung des geſetzes erfordre? und ob ein menſch etwas im zorn von Gott erhalten koͤnne?
  • 33. Von der vereinigung mit GOtt.
  • 34. Von dem formali des geiſtlichen lebens.
  • 35. Von der art der reue. Mißbrauch der abſolution: noͤthige vorſichtig - keit in thuung des guten: orthodoxie.
  • 36. Von der macht ſuͤnde zuvergeben.
  • 37. Ob die abſolution in einer bloſſen verkuͤndigung / oder wircklichen verge - bung der ſuͤnden beſtehe?
  • 38. Von einer ecſtatica. Was vor brodt in der vierdten bitte gebeten werde? ob das heil. abendmahl zur vergebung der ſuͤnden oder dero confirmation eingeſetzt? ob die rechtfertigung darinn vorgehe?
  • 39. Was wir vor einen leib Chriſti im H. abendmahl empfangen? von dem waſſer in der tauff.
  • 40. Ob die Oſtien oder wein / welche in dem H. abendmahl nicht gegeben noch genoſſen werden / Chriſti leib und blut ſeyen?
  • 41. Vom heil der Heyden. Von den 1000. Apocalyptiſchen jahren.
  • 42. Von bekehrung der Juden und mehrerem fall Babels.
  • 43. Ob der juͤngſte Tag allernechſt? und ob deſſen entfernung den fleiß der gottſeligkeit hindre?
  • 44. Fernre fortſetzung.
  • 45. Ob die vom juͤngſten tag ergriffne glaubige auch ſterben / und todes-aͤng - ſten ausſtehen werden?
  • 46. Von einrichtung der philoſophiſchen wiſſenſchafften / ſonderlich der phy - ſic, zur chriſtlichen erbauung.
  • 47. Was vom jure naturæ und gentium zuhalten?
  • 48. Von traͤumen.
  • 49. Ob ſatan und zauberer auch frommen ſchaden moͤgen?
  • 50. Troſt-gruͤnde aus betrachtung goͤttlichen willens.
  • 51. Von dem troſt wegen ohne tauff ſterbender kinder. Auffmunterung zum eiffer im Chriſtenthum.
  • 52. Die troſt-gruͤnde der Evangeliſchen religion gegen die furcht des todes in vergleichung gegen die Roͤmiſche religion.
  • 53. Von der rechtfertigung groſſen unterſcheid unſerer uñ der Roͤmiſchen lehr.
  • 54. Wie die auſſer unſerer Evangeliſchen Kirchen gemeinſchafft leben / anzu - ſehen ſeyen? Wie man das allgemeine verderben anzuſehen habe?
  • 55. Ob Lutherus auch auff die wercke gnug treibe?
  • 56. Von verfaſſung unſer kirchen / betreffend die gewalt des dritten ſtandes.
A 257. Von4Das erſte Capitel.
  • 57. Von Luthero / deſſen ſchrifften und dolmetſchung / auch urſach des verder - bens in unſerer kirchen.
  • 58. Daß die verderbniß unſerer kirchen uns von der papiſtiſchen nicht vor - geworffen werden koͤnne / ſondern bey dieſer alles aͤrger ſeye.
  • 59. Die Roͤmiſche kirch richtet mit ſchrifften nichts gegen uns aus / und brau - chet deswegen endlich gewalt.
  • 60. Vortheil unſerer Kirchen vor der Roͤmiſchen. Herrn von Seckendorff Chriſtenſtaat.
  • 61. Von der kirche. Ob die Chriſtliche Catholiſche kirche biß auff gegenwaͤr - tigen Pabſt geirret habe? ob ſolches nicht wider die goͤttliche verheiſſung ſtreite?
  • 62. Einige reglen wegen verhaltung gegen das Pabſtum und deſſen verfol - gung examinirt.
  • 63. Vom mangel der ſchrifft bey den Wenden. Von wichtigkeit der lehr von der tauff / und darinnen empfangener ſeligkeit.
  • 64. Vaters titul. Arnden wahres Chriſtenthum. Daß neben der ſchrifft / dero ihr vorzug bleibet / jedoch auch nuͤtzlich compendia, ſyſtemata, u. ſ. f. zu - leſen. Der Kirchen redensarten.
  • 65. Ungemeine wirckungen GOttes in einigen ſeelen. Durch gute ge - ruͤchte und boͤſe geruͤchte.
  • 66. Von tituln. Von dorff-gemeinden / ob ſie die beſten. Von Quaͤckern. Von der wiedergebuhrt. Von der vollkommenheit. T. B. weg zum ſabbath. Ob unſre Kirche Babel? von wiedertaͤuffern. Von haltung der gebote. Liech - tenbergers Propheceyungen. Adam Reußners Pſalter. Lutheri dolmet - ſchung. Theil des glaubens. Ob ein tropffe des bluts Chriſti gnugſam? guͤter-gemeinſchafft der erſten Kirchen.
  • 67. Von Tauleri ſchrifften.
  • 68. Von den ſo genannten Schwenckfeldern.
  • 69. Von Antoinette de Bourignon.
  • 70. An einen Fuͤrſten der Roͤmiſchen religion von Molinos und einigen an - dern dingen.
  • 71. Von Viſioniſten.
  • 72. Wegen des ſeparatiſmi und Jacob Boͤhmen.
  • 73. Anfechtung eines Chriſten / ob er die zeichen der wiedeꝛgebuhrt habe. Hebꝛ. 10 / 26. 27. See-gefahr. Wie der ſeparatiſmus anzuſehen? Froͤlichin.
  • 74. Gebet vor mich. Unterſcheid zwiſchen ſeel und geiſt. Gefaͤhrlich von an - dern zuurtheilen. Zuruͤckziehung ſonderlicher gnadenfuͤhlung. Meines gebets ſchwachheit. Bewegung zuſchreiben. Ob creutz zu verlangen?
  • 75. Von der epiſtel Clementis, und den commentariis uͤber die bibel.
76. An -5SECTIO
  • 76. Andr. Crameri ſchrifften. Lehr von den ſchaͤtzen der ſeligkeit / aber mit verhuͤtung der ſicherheit.
  • 77. Pruͤfung ſeiner ſelbſt. Was in den Engliſchen ſchrifften in acht zuneh - men? Wer wiedergebohren? Was bey der pruͤfung zuvermeiden?
  • 78. Vom gebrauch der Engliſchen ſcribenten.
  • 79. An eine Chriſtliche vornehme perſon in der anfechtung / in allem innerli - chen und euſſerlichen untuͤchtig zu werden. 2. Cor. 4 / 16.

SECTIO I. Was es heiſſe / Ap. Geſch. 10 / 35. Wer Gott fuͤrch - tet und recht thut / und ob jemand ohne die erkaͤntnuͤß Chriſti ſelig werden koͤnne?

ES ſolte zur beantwortung dieſer frage ſcheinen / es werde der wahre glaube nicht zur ſe - ligkeit erfordert / ſondern Gott habe gefallen an jedem menſchen / welches volcks und religion er ſeye / wo er nur eine furcht Gottes und aus der - ſelben einen fleiß gutes zuthun habe / wie ja Cor - nelius aus ſolcher urſach Gott bereits angenehm geweſen / ehe er von Petro zu dem glauben an Chriſtum bekehret worden.

Gruͤndlich zu antworten mache ich etliche ſaͤtze. 1. Niemand kan ſelig werden ohne den glauben an GOtt / Hebr. 11 / 6. und zwar an einen ſolchen GOtt / der ein vergelter ſeyn werde / und zu dem wir uns nahen / und ihn ſu - chen muͤſſen. Weil aber unſer gewiſſen uns unſere ſuͤnde / und hingegen goͤtt - liche gerechtigkeit vorhaͤlt / aus dero wir keine andere als ſtraff gerechtigkeit zuerwarten haben / ſo kan zu dem glauben nicht gnug ſeyn / nur an GOtt zu glauben / wie er bloß dahin aus ſeiner natur und weſen iſt / ſondern wie er uns durch ſeinen ſohn verſoͤhnet worden / und alſo muß nothwendig in dem ſelig - machenden glauben auch der glaube an den verſoͤhner / in dem ſich der va - ter mit der welt verſoͤhnet hat / 2. Cor. 5 / 18. nemlich Chriſtum / mit ſtecken; ja auſſer dieſem koͤnnen wir unmuͤglich an den vater glaͤuben / das iſt / ein ver - trauen der ſeligkeit auff ihn ſetzen / da uns ſonſten die betrachtung ſeiner ge - rechtigkeit vielmehr von ſolchem glauben oder vertrauen zuruͤckſtoͤſſe. Da - her GOtt gleich nach dem fall die verheiſſung von des weibes ſaamen / der der ſchlangen den kopff zertreten / das iſt / dem teufel / die gewalt / die er - ber das menſchliche geſchlecht durch die ſuͤnde erlanget / nehmen ſolte / den er -A 3ſten6Das erſte Capitel. ſten eltern gegeben / die ſie auch auff ihre nachkoͤmmlinge treulich fortgepflan - tzet haben werden. Dahin hatten die abſicht die opfer / die wir nicht nur in der kirchen der glaubigen zu allen zeiten finden / ſondern ſie auch unter die Heiden gekommen ſind / und weil keine vernunfft dieſes lehret / daß GOtt durch den todt eines viehes verſoͤhnet werden koͤnte / die Heiden aber den opfern gleichwol ſolche krafft zuſchrieben / ihrer Goͤtter gnade dadurch zu we - ge zu bringen / iſt ſolches ein zeugnuͤß / daß ſie es von den vaͤtern / und nach der ſuͤndfluth am weitſten von Noah / hergehabt haben muͤſſen: Ob ſie dann wol das erkaͤntnuͤß / wie dieſe opfer ein vorbild des kuͤnfftigen Meßiaͤ ſeyen / welches geheimnuͤß in der kirchen allein geblieben / verlohren haben / ſo bliebe doch in der fuß-ſpuhr der ſache ſelbs der goͤttliche rath / aus dem erſt die opfer eingefuͤhret worden / und auſſer dem dieſelbe etwas gantz ungereimtes ange - ſehen werden wuͤrden. Bey den Juden aber iſt kein zweifel / daß auch neben der ſchrifft durch die tradition ſolche bedeutung der opfer / die Paulus in der epiſt. an die Hebr. erklaͤret / erhalten worden ſeye / und werden die prieſter diejenige / ſo ſie brachten / davon unterrichtet haben. Ob wol nicht zu leugnen ſtehet / daß zu der zeit Chriſti / wie die Juͤdiſche Kirche insgemein in groſſe verderbnuͤß gerathen / auch dieſer verſtand der opfer ſehr unbekañt mag wor - den ſeyn. Doch bliebe bey allen glaubigen der glaube des verſoͤhnten Gottes und des verſoͤhners / ob wol derſelbe nach ſolcher zeit art etwas dunckel ge - weſen / das mittel der ſeeligkeit.

2. Nachdem der HErr JEſus in ſeine herrlichkeit eingegangen / auch nicht allein durch die ausgieſſung des Heil. Geiſtes dem gantzen hauß Jſrael kund gemacht / daß ihn Gott zu einem Herrn und Chriſt gemacht Ap. Geſch. 2 / 36. ſondern auch ſolches Evangelium in der gantzen welt verkuͤndiget wor - den iſt / hat angefangen / nicht mehr wie biß dahin gnug ſeyn / an Chriſtum zu glauben / ſondern wurde auch noͤtig / an JEſum / daß er der Chriſt in dem fleiſch zu unſrer erloͤſung gekommen ſeye / zu glauben. Wie dann dieſes das Evangelium iſt / aus deſſen glauben alle ſeelig werden ſolten / deſſen unglau - be aber andere verdammen wuͤrde. Marc. 16 / 15. 16. daher iſt kein anderer na - me nunmehr zur ſeligkeit gegeben Ap. Geſ. 4 / 12. die ihn alſo annehmen / werden allein Gottes kinder Joh. 1 / 12. Und daran kennet man den geiſt aus GOtt / der alſo lehret 1. Joh. 4 / 2. 3.

3. Niemand kan GOtt recht fuͤrchten (nemlich daß die furcht der er - forderten liebe nicht entgegen ſtehe) noch recht thun oder die gerechtigkeit wircken (darzu nicht allein das aͤußerliche werck / ſondern daß es auch von her - tzen gehe / und dieſes anders geſinnet ſeye / erfordert wird) er glaube denn an denverſoͤhner / und alſo nunmehr an JEſum. Dann wer an ihn nicht glau - bet / erkennet entweder Gottes gerechtigkeit nicht / wo er ſeiner ſuͤnden wegenſicher7SECTIOſicher bleibet / oder da er ſeine ſuͤnde und die ſchuld erkennet / daher ſeine ver - damniß vor augen ſiehet / kan er Gott nicht anders als mit einem haß fuͤrch - ten / welche furcht an ſich ſuͤndlich iſt. Wiederum durch den glauben allein werden wir des H. Geiſtes und der wiedergebuhrt theilhafftig / und vermoͤ - gen alsdenn gutes zuthun / wo aber die wiedergebuhrt / geiſt und glaube nicht ſind / bringet aller fleiß aus eigenen kraͤfften nichts weiter zu wegen / als er - zwungenes werck und heucheley: welcherley der geiſt Gottes nicht wuͤrdi - gen wird des nahmens der gerechtigkeit.

4. Alſo wenn der Apoſtel ſpricht: in allem volck / wer ihn fuͤrchtet und recht thut / der iſt ihm angenehm / ſo wird nicht mehr geſagt / als daß der in dem A. T. geweſte unterſcheid zwiſchen Juden und Heiden aufgeho - ben ſeye / und alſo wie ſich GOtt von einem juden gefallen laſſe ſeine furcht und wirckung der gerechtigkeit / welche ohne buß und glauben nicht ſeyn koͤn - nen / alſo laße er ſich eben dieſelbige auch gefallen von einem Heiden / derglei - chen Cornelius war: Nicht aber wird damit angedeutet / ob waͤre Gott mit jemanden zufrieden / der doch nicht aus ſeinem natuͤrlichen ſtand durch den glauben bekehret worden waͤre.

5. Wann nun dieſem wolte entgegen geſetzet werden / daß Cornelius ein Heid noch nicht koͤnne bekehret geweſen ſeyn / weil ihm erſt Petrus den glau - ben an den Herꝛn Jeſumhabe pꝛedigen und ihn zur bekehrung bringen muͤßen / daher was v. 2. von der gerechtigkeit und gottſeeligkeit deßelben geruͤhmt wird / keine andere ſeyn koͤnte / als die aus dem liecht uñ kraͤfften der natur her - kommen waͤre; wie ſich denn die Pelagianer auff dieſes exempel beruffen ha - ben / daß einer auch ohne die gnade aus der natur kraͤfften koͤnne fromm und gottſeelig ſeyn (ſihe Cent. Magd. V. f. 580. 595.) So antworteten 1. die vaͤter den Pelagianern alſo: Prosper in Epiſt. ad Ruffin. neque intelligunt o - mnem illam præparationem Cornelii per Dei gratiam fuiſſe collatam dahin er ziehet / daß GOtt ſelbs v. 15. bezeuge / daß er ihn bereits gereiniget habe) alſo auch Auguſtin. l. de Bono perſev. c. 7. quic quid igitur, & antequam in Chriſtum crederet, & cum crederet, & cum credidiſſet, bene operatus eſt Cornelius to - tum Deo dandum eſt, ne forte quis extollatur. 2. Es war bereits Cornelius Gott angenehm in dem vorigen / welches ohne bekehrung nicht haͤtte geſche - hen / noch ſeine wercke / da er noch nicht in gnaden geſtanden / Gott angenehm ſeyn koͤnnen / 3. Muß alſo bey ihmbereits der glauben an den Gott Jſraͤelis / und alſo auch an den kuͤnfftigen Meßiam / ſich gefunden haben. Welches ſo viel leichter war / weil er unter den juden wohnete / und gutes geruͤchts unter dem gantzen volck der juͤden war / daher ſichs nicht fehlet / daß er als ſeines heils begierig bey den Juden ihrer religion ſich erkundiget / und die noͤthige wahrheiten von der erkaͤntnuͤß Gottes wird angenommen haben / als bey demwir8Das erſte Capitel. wir ein gemuͤth antreffen / das folgſam geweſen / und der wahrheit nicht wird widerſtrebet haben. Alſo ſtund er / ob er wol kein jud / noch beſchnit - ten worden / gleichwol in ſolchem ſtand / daß wo er darinnen waͤre hinweg ge - nommen / auch ſeelig worden ſeyn wuͤrde: wie auch andere〈…〉〈…〉 oder der - gleichen fremdlinge / die ſich zwar zu dem judenthum nicht verfuͤgten / aber die abgoͤtterey meideten / hingegen den Gott Jſraelis ehreten / nicht von der ſee - ligkeit wegen mangel der beſchneidung ausgeſchloſſen werden koͤnnen. 4. da er aber Gott treu worden war / nach damahligem maaß der gnade / that GOtt noch ein mehrers hinzu / daß er von JEſu / wie dieſer der wahre Meßias waͤ - re / durch Petrum voͤlligen bericht / und bey williger anhoͤrung ſolches Evange - lii ein herrliches maaß des H. Geiſtes erlangte. 5. Alſo hat ſein glaube ge - wachſen (aus glauben in glauben Rom. 1 / 17.) aus dem noch dunckleren glau - ben an den noch erwarteten Meßiam / in den vollkommeneren und helleren glauben an den HErrn JEſum / als den nunmehr in die welt geſandten / ja in die herrlichkeit bereits auffgenommenen Meßiam und Heyland.

Wo die ſache auff dieſe weiſe gefaſſet wird / iſt alles der allgemeinen glaubens-lehr gantz aͤhnlich und gemaͤß.

SECTIO II. Von der ſchrifft der zehen gebote auff die zweyte taffeln. 2. Moſ. 34 / 1. 27. 28. 5. Moſ. 10, 2. 4.

ES kom̃t alle ſchwehrigkeit daher / weil Moſes / da er davon redet / wie die zehen gebote auff die andere taffeln / welche er nach den erſten ge - brochenen wiederum auff goͤttlichen befehl gemacht / geſchrieben wor - den ſeyen / einiger orte dieſelbe ſcheinet GOtt unmittelbar / anderswo ſich ſelbſt zuzuſchreiben. Jenes 2. Moſ. 34 / 1. und 5. Moſ. 10 / 2. 4. dieſes 2. Moſ. 34 / 27. 28. Daher keine andere conciliation ſtatt hat / als wo man Gottes un - mittelbahrem werck ſolches ſchreiben wiederum zumeßen will / daß man den ort c. 34 / 28. alſo erklaͤhre / und er ſchrieb / daß ſolches nicht von Moſe / deſ - ſen gerad vorher meldung geſchehen / genommen werde / ſondern des HErrn nahme aus den vorigen verſen zu widerholen ſeye. Da muͤßte alsdenn v. 27. der befehl des ſchreibens nicht von dem ſchreiben der zehen gebot / ſon - dern der andern daſelbs unmittelbar enthaltener gebot / verſtanden werden. Dieſer meinung bin ich nicht in abrede / daß neben dem R. Abeneſra die meiſte Chriſtliche Lehrer auch beypflichten. Hingegen ſind auch derjenigen nicht wenige / ſo den Moſen darunter verſtehen / der die zweyte ſchrifft verrichtet habe. Daher ſie die ſtellen / da das ſchreiben GOtt zugeleget wird / alſo er - klaͤhrẽ / daß ers durch Moſen / als welchem ers befohlen / verrichtet habe. Die -ſe9SECTIO II. ſe meinung findet ſich unter den alten bey Auguſtino und Cypriano, unter den mittel-alten bey dem autore Hiſtor. ſcholaſticæ, Hugone, Rickelio, ſo dann auch einigen andern neueren. Dieſer habe ich auch lieber beypflichten wollen / weil 2. Moſ. 34 / 28. es allzu hart lautet / den Text alſo zu zerreiſſen / daß man den worten / er ſchrieb / ſo mit einem und an die vorige gehenget werden / ein ander ſubjectum, deſſen directe vorher nicht meldung geſchehen / und ohne deſſen anzeige in dem text / weiter herholen wolte; ſo iſts auch hart den v. 27. und 28. von zweyerley worten zu verſtehen / da doch wie v. 28. 〈…〉〈…〉die wort des bundes / ſo geſchrieben ſolten werden / austruͤcklich die zehen wort genennet werden / alſo v. 27. die wort die Moſes ſchreiben ſolte / auch die jenige heiſſen / auff welche der bund gegruͤndet werden ſollen. Da hingegen die erklaͤhrung / ſo man den ſtellen / die vor die gegenmeinung ge - fuͤhrt werden / appliciren kan / weniger zwang hat / und in der ſchrifft nichts ungemeines iſt / daß einem zugeſchrieben wird / was er durch einen andern thut. Jedoch dringe auch ſolche meinung niemand auff / und thut weder die - ſes noch jenes dem glauben an ſich ſelbs eintrag: daher es nicht noͤthig iſt / wann etliche es alſo conciliiren wollen / Moſes habe aus GOttes befehl die hand zu ſchreiben / oder einzugraben / angelegt / aber da ſeyen alſobald durch ein wunderwerck die buchſtaben alle formiret worden / daß alſo GOtt und er gleichſam miteinander geſchrieben haͤtten.

Der HErr ſchreibe ſelbs mit ſeinem finger und lebendigen buchſtaben ſein geſetz in unſre hertzenstaffeln / ſo ſolle uns genuͤgen!

SECTIO III. Natur und gnade. M. Borels ſchrifften. Sonder - lich rettung des ſpruchs Apoſt. Geſch. 13 / 48. Wie viel ihr zum ewigen leben verordnet waren.

D das tractaͤtlein von natur und gnade meiner geliebten Jung - frauen wohlgefallen / iſt mir angenehm. Jch habe bereits dergleichen zeugniß von einigen andern guten ſeelen bekommen / die davon gehal - ten / daß ſie dadurch erbauet worden waͤren. Dem Herrn Herrn ſeye danck / der ſeines ſchwachen dieners arbeit nicht ungeſegnet gelaßen / ſondern krafft in einige ſeelen durch zutringen gegeben hat: Derſelbige wolle ferner von o - ben herab zu allem pflantzen und begieſſen dasjenige gedeyen geben / damit ſein wort zu wirckung des glaubens und aller ſeiner fruͤchte bey allen fruchtbar werden moͤge: ſonderlich wircke er durch ſeine gnade al - ſo in uns / daß wir mehr und mehr in eigner erfahrung / was natur und gna - de / erde und himmel ſeye / zu unterſcheiden lernen. Es iſt mir auch lieb / daßBM. Bo -10Das erſte Capitel. M. Borels ſchrifften bey deroſelben nicht unangenehm geweſen. Er war der Reformirten gemeinde zugethan / und ein advocat zu Grenoble, bekam aber als er der ſeinigen irrthum erkannte / eine begierde / ſich zu uns zu verfuͤgen / da nicht nachmal andere hindernuͤſſen ſolche intention unterbrochen haͤtten / vorher aber hatte er dieſe ſchrifft herausgegeben. Jn dero viel gutes iſt / oh - ne allein / daß er / ſo viel mich entſinne / den menſchlichen natuͤrlichen kraͤfften noch etwas zuviel zugeben wird. Da wir vielmehr mit den Reformirten darinnen gern eins ſeyn und bleiben / daß der gefallene menſch in dem gantzen werck der ſeligkeit / ſonderlich ſeiner bekehrung nichts gutes zuthun vermoͤge / ſondern daß die goͤttliche gnade einig und allein alles in ihm anfangen und wircken muͤſſe. Da vielleicht hie einige mahl den natuͤrlichen kraͤfften etwas mehrers moͤchte zugeleget werden / ſo zwahr das hauptwerck in dem gantzen abſehen / das der mann gehabt / nicht umſtoͤſſet. Daß alſo geliebte Jungfrau ſo wol bereits vorhin vielmehr die lehr von der allgemeinen und auff alle menſchen ſich hertzlich erſtreckender gnade beliebet / hingegen das ſonſten den meiſten Reformirten lehrern gemeine abſolute decret oder bloſſen rathſchluß fahren laſſen / welchen ſonſten ich vor den gefaͤhrlichſten irrthum der Refor - mirten halte / und GOtt dancke / ſo viel mehrere er von demſelben abzeucht / und uns einander naͤher (ach wolte ſeine guͤte zu voͤlliger vereinigung!) ma - chet: alſo auch in ſolcher wahrheit durch leſung ſolches buchs bekraͤfftiget worden iſt / freuet mich von hertzen. Nicht weniger iſt mir lieb / daß dieſelbe ihren noch aus der Apoſt. Geſch. 13 / 48. gefaſten ſcrupel mir vorſtellende ge - legenheit giebet / auch denſelbigen durch GOttes gnade zubenehmen. Jch bekenne zwahr / daß ſolcher Ort einen ziemlichen ſchein hat / und wer vorhin die meinung von der bloſſen gnaden-wahl eingeſogen / wird bey ſolchem eingenommenen gemuͤth maͤchtig dadurch geſtaͤrcket / ob wol der gantze ſpruch gar nicht von der goͤttlichen ewigen gnaden-wahl (welche wir ſonſten ſo wol als die reformirte glauben / nur aber dieſelbe von dem ſchrecklichen bloſſen rathſchluß befreyen / und nach GOttes wort davon lehren) handelt. Die meiſte ſchuld liget an dem / daß ein wort des grund-texts nicht ſo eigentlich / wie geſchehen ſolte / gegeben wird: Jn ihrer Frantzoͤſiſchen Bibel brauchen ſie das wort: qui eſtoient ordonnés à la vie eternelle. Unſre Teutſche / ſo nicht leugnen kan / wiewol die wort lieber vorſichtiger geſetzt zu ſeyn wuͤnſchte / lautet auch ſo: wie viel ihrer zum ewigen leben verordnet waren; da man nicht wol anders gedencken kan / als es werde von der verord - nung GOttes uͤber die menſchen / die von ewigkeit her geſchehen iſt / gere - det. Wo nun ſolcher verſtand des worts behalten wird / gehet es etwas ſchwehr her / die widrige gedancken / ſo darauß gefaſſet werden koͤnnen / abzu - lehnen / wiewol es doch auch in ſolchem fall an gruͤndlicher antwort nichtman -11SECTIO III. mangeln ſolte. Wo wir aber das wort des grund-texts (τεταγμένοι) anſe - hen / und deſſen krafft recht erwegen / ſo faͤllet die ſchwehrigkeit mehr und mehr dahin. 1. Jſt zu mercken / daß das wort ſo Rom. 8 / 29. 30. in unſerm teutſchen auch heiſſet verordnen / wie auch an mehrern ſtellen des Neuen Teſtaments / in dem grund-text nicht ſtehet / noch hingegen das hie befindliche an einigem ort von der ewigen gnaden-wahl gebraucht wird / ſondern immer gantz andere meinung hat / welche mit dem gegenwaͤrtigen keine gemeinſchafft haben. 2. Das wort / welches hie ſtehet / heiſſet nichts anders / als etwas das in einer gewiſſen ordnung ſtehet: dann das ſtamm-wort bedeutet eigent - lich ordnen / in eine ordnung bringen / und ferner in paſſivo in eine ordnung gebracht werden / oder in einer ordnung ſeyn. Alſo / wenn 1. Cor. 15 / 23. ſtehet / ein ieglicher in ſeiner ordnung / und 1. Cor. 4 / 40. laſſets al - les ehrlich und ordentlich (eigentlich nach der ordnung) zugehen: ſo ſinds die wort / welche auch von dem ſtamm-wort das hie ſtehet herkommen. Hin - wiederum diejenige / die nicht in rechter ordnung ſind oder ſich dazu ſchicken / haben ebenfalls einen nahmen / der auch von dieſer wurtzel herkommt. Al - ſo heiſſet es 1. Theſſ. 5 / 14. vermahnet die ungezogenen: eigentlich die unordentlichen / welche ſich nicht in ordnung ſchicken / in dem Frantzoͤſiſchen les dereglez: Alſo auch 2. Theſſal. 3 / 6. heißt es / die unordig wandeln / (nicht nach der ordnung) in dem Frantzoͤſiſchen deſordonnement: alſo auch da - ſelbs v. 7. wir ſind nicht unordig unter euch geweſen. Nous ne ſommes point portez deſordonnement entre vous. 3. Wo es ſonderlich von menſchen gebraucht wird / heißt es eigentlich / da man einem eine gewiſſe verordnung vorſchreibet / darnach er ſich richten muß. Alſo Ap. Geſch. 15 / 2. ordneten die bruͤder / daß Paulus und Barnabas gen Jeruſalem zoͤgen / il fut ordonné. Luc. 7 / 8. heißt es von dem hauptmann / er ſeye der Obrigkeit unterthan / eigentlich von wort zu wort / unter eine macht geordnet / conſtitué ſous la puiſſance. Apoſt. Geſch. 28 / 23. heißt es / da ſie ihm einen tag beſtimmeten / eigentlich / ordneten: aſſigné un jour. So heißt es ſonderlich 1. Cor. 16 / 15. von denen vom hauſe Stephana / daß ſie ſich ſelbſt verordnet zum dienſt der heiligen / wo eben das wort da ſtehet / aber in dem Franzoͤſiſchen adon - néz. 4. Wo wir das wort anſehen / wie es von GOtt in dem Neuen Teſta - ment gebꝛaucht wiꝛd / heißt es abeꝛmal nie eine verordnung oder beſtimmung / die GOtt von ewigkeit uͤber die ſeligkeit dieſes oder jenes menſchen gemacht haͤtte / ſondern allezeit eine ordnung / da er etwas gewiſſes eingeſetzt und be - fohlen / was geſchehen ſolle. So heißt es Matth. 28 / 16. daß JEſus ſeine Juͤnger auff einen berg beſcheiden habe / eigentlich geordnet / ou JeſusB 2leur12Das erſte Capitel. leur avoit ordonné. Rom. 13 / 1. die Obrigkeit iſt von Gott verordnet / ſont ordonnées de dieu, GOtt hat ſie eingeſetzt / ihnen den gebrauch der ge - walt und den unterthanen den gehorſam gegen ſie befohlen / damit alles in rechter ordnung bliebe. Apoſt. Geſch. 22 / 10. heiſſets / das dir zu thun verordnet iſt: qui t eſt ordonné de faire. 5. Wie nun aus allen ſolchen orten / wo das wort in dem Neuen Teſtament vorkommet / zuſehen iſt / daß es nie von dem ewigen rathſchluß / der nur in GOttes beſtimmung beſtuͤnde / und dabey der menſch nichts zuthun haͤtte / ſondern nur mit ſich thun laſſen muͤßte / ge - braucht werde / und daher auch an dieſem ort keinen neuen und ſonderbahren verſtand gewinnen koͤnne / ſo iſt ferner zuſuchen / welches dann der rechte verſtand an dieſer ſtelle ſeye / nemlich / welcher zu der ſache ſelbs / und der glaubens-regel ſich am gemaͤßeſten ſchicket. 6. Hiebey iſt nun in acht zunehmen / daß GOtt den menſchen gern bekehren und zum glauben bringen wolle / aber nicht anders / als in der von ihm ſelbſt gemachten ord - nung. Dieſe ordnung bringet nun unterſchiedliches mit ſich: Von Gottes ſeiten erfordert ſie / daß er ſein wort predigen laͤßet / und den Heil. Geiſt dazu gibet / welcher daßelbe in die hertzen der menſchen eintrucken den glauben dadurch zuwircken. An dieſem ſtuͤck der ordnung und alſo von Gottes ſei - ten / mangelts nun niemahl. Es wird aber hingegen auch von der menſchen ſeiten etwas erfordert / nicht zwahr / daß ſie den glauben in ſich wircketen / ſo nur Gottes werck iſt / oder aus eigener krafft etwas gutes thaͤten / welches ih - nen unmoͤglich bleibet / ſondern allein / daß der menſch / der zwahr aus eige - nen kraͤfften widerſtreben. Luc. 7 / 30. Apoſt. Geſch. 7 / 57. aber von ſelbs ſich nicht bekehren kan / der wirckenden gnade Gottes bey ſich platz gebe / und ſie mit ſich machen laße / dabey in dem euſerlichen den gehorſam erwei - ſe / daß er das wort hoͤre / und auff daßelbe acht gebe. Dieſes iſt die goͤttliche ordnung / in dero der menſch glaͤubig werden muß / da hingegen / wo der menſch / was dieſe ordnung von ihm erfordert / nicht thut / ſondern ſich boß - hafftig widerſetzt ſeine bekehrung von ihm ſelbſt gehindert wird. 7. Wann dann einer ſich der goͤttl. ordnung nicht beqvemet / ſondern deroſelben ſich widerſetzet / der iſt nicht wohl geordnet zum ewigen leben / nicht / daß die ſchuld daran waͤre / weil ihn Gott nicht dazu verordnen habe wollen / ſon - dern weil er aus der ordnung ſchreitet / il ſe porte deſordonnement. Welche hingegen ſich ſolcher ordnung beqvemen / hoͤren euſerlich mit andacht zu / und widerſtreben innerlich dem geiſte Gottes nicht / von denen mag ich ſagen / ſie ſind geordnet / das iſt / ſie ſeynd in der rechten ordnung / und haben ſich von GOtt in die rechte ordnung bringen laſſen zum ewigen leben / abermal nicht aus der krafft einer ſonderbahren verordnung / die ſie allein dazu beſtimm -te /13SECTIO III. te / ſondern in dem gehorſam unter die goͤttliche ordnung. Daher vielleicht es in dem Frantzoͤſiſchen fuͤglicher gegeben werden koͤnte / qui eſtoient diſpo - ſés à la vie eternelle. Auß dieſem allen angefuͤhrten hoffe ich / daß meine wer - the Jungfrau ſich in den ſpruch kuͤnfftig leicht ſchicken / und keinen weitern an - ſtoß haben werde. Der HErr aber laſſe mehr und mehr das liecht ſeiner wahrheit in ihr auffgehen von einer klahrheit zu der andern / und auch vielen thaͤtigen deroſelbigen fruͤchten. Was ſie zuletzt anhaͤnget / daß ſie GOTT als ſie hier war / mehrmal in meinen pꝛedigten geruͤhret habe / iſt eine ſache / die mich billich antreibet / ſeiner himmliſchen guͤte danck zuſagen / welche mich je - zuweilen auffrichtet / damit ich erkennende / wie ſie ihres armen knechts arbeit nicht allemal oder bey allen vergebens ſeyn / ſondern zuweilen durchtringen laſſe / deſto getroſter das werck des HErrn treiben moͤge: Es dienet mir auch zu einem zeugnuͤß / daß die krafft des worts nicht an einer menſchlichen wol - redenheit oder einmiſchung vieler gelehrtheit: (davon ich nicht leugne / daß ich mich mehr huͤte / als deſſen befleiſſe) lige / ſondern / daß auch bey gruͤnd - licher einfalt / wo man bloß bey dem wort Gottes bleibet / die meiſte hertzens - bewegende krafft ſich finde. Der HErr / deſſen wercke wir zu treiben geſetzt ſind / gebe uns Predigern allen ſeinen Geiſt in gnugſamer maaß / und lege zum foͤrderſten ſein wort alſo in unſre hertzen / daß es auch durch unſern mund ausgeſprochen / in ſeinem ſegen in die hertzen tringe / daſelbſt ſeine krafft und ſchein zu vollbringen: Er bewahre uns gnaͤdiglich / daß wir weder mit falſcher lehr die goͤttliche wahrheit verkehren / noch mit allzuvieler untermiſchung menſchlicher weißheit und kunſt der klugen worte die predigt des Creutzes Chriſti 1. Cor. 1 / 17. wo nicht gar zunicht machen / auffs wenigſte / (wie es dem wein ergehet / wenn des waſſers zu viel untergegoſſen wird / daß er das meiſte ſeiner ſtaͤrcke verliehret) deſſen durchdringende krafft ſehr ſchwaͤchen / zu unſrer ſchwehren verantwortung und ſchmaͤlerung der von uns erwarten - der ſchuldigen erbauung. Wie ich nun dieſes mir und allen meinen amts - bruͤdeꝛn aller orten hertzlich wuͤnſche / alſo ſollen auch alle / die es mit dem Reich GOttes treulich meinen / gleichfals ihre gebete mit hinzuſetzen und uns die noͤthige und ihnen ſelbs nuͤtzliche gabe erbeten helffen. 1688.

SECTIO IV. Wie es zu verſtehen / daß Marc. 11 / 13. der HErr den feigenbaum verfluchte / daß er keine feigen gehabt / da doch auch noch nicht zeit geweſen feigen zu tragen?

ES laͤſſet ſich hiebey unterſchiedliches bedencken 1. daß dieſer feigenbaumB 3vol -14Das erſte Capitel. voller blaͤtter geweſen / da vielleicht die andre daherum keine blaͤtter noch nicht gehabt / indem es erſt zeit geweſen / daß ſie ausſchluͤgen. Daher etwas ſonderbahres davon zu hoffen geweſt. 2. Daß bey den Juden auch feigen - baͤume geweſen / dero feigen / ſo aber der beſten art geweſen / allererſt in dem dritten jahr / von einer andern erſt in zwey jahren reiff worden ſind / daher an denſelben ſtets blaͤtter und feigen ſich zugleich fanden / oder ſich finden kun - ten / wes wegen auch dieſer baum noch von dem vorigen jahr blaͤtter hatte. 3. Daß deßwegen / weil dieſer baum von dem vorigen jahr noch blaͤtter hatte / vernuͤnfftig vermuthet werden kunte / daß er noch von demſelben feigen ha - ben wuͤrde / ob wol an den gemeinen feigenbaͤumen der natur nach noch keine feigen von ſolchem jahr zuvermuthen waren. 4. Jndeſſen findet der HErr keine feigen daran / und iſt alſo vermuthlich der baum allzeit unfruchtbar ge - weſt / daher des fluchs wuͤrdig (ſihe Luc. 13 / 7. Hebr. 6 / 8.) wie ihn der HErr auch wuͤrcklich verflucht. 5. Jndeſſen zeigt Chriſtus auch dieſes ſtuͤck ſeiner erniedrigung an / daß nemlich / ob er wol der allwiſſende GOtt / und al - ſo auch ſeiner menſchheit die allwiſſenheit wahrhafftig mit getheilet geweſen war / er gleich wol um unſert willẽ / ſich wahrhafftig auch des ſtaͤten gebrauchs derſelben geaͤuſſert / nach Phil. 2 / 7. daß er dieſesmal nicht gewußt / daß dieſer feigenbaum keine feigen haͤtte / ſondern ſie an demſelben aus anſehung der blaͤtter vermuthet / wie er auch austruͤcklich von ſich ſagt / daß er auch den tag des gerichts Marc. 13 / v. 32. nicht wuͤßte / da er dennoch gedachter maſſen die allwiſſenheit empfangen hatte / aber ſich derſelbigen begeben / damit weil Adam und Eva nach goͤttlicher gleichheit / und alſo auch der allwiſſenheit / mit unrecht geſtanden / unſer buͤrge hingegen alſo davor buͤſſete / daß er den gebrauch ſolcher herrlichkeit auch eine weil ablegete / und ſeinen bruͤdern nicht weniger in dieſer ſchwachheit gleich wuͤrde. Hebr. 2 / 17. 18. 4 / 15. Daher auch ſolche vor uns angenommene unwiſſenheit / als ein ſtuͤck ſeiner erniedri - gung / mit zu dem vor uns bezahlten loͤſegeld und troſt gehoͤret / und von uns mit heiliger verwunderung und danck anzuſehen iſt. Neben dem allen ſtack gleichwol noch ein ſonderbahres geheimnuͤß darin̄en / daß der feigenbaum das bild waͤre der Juͤdiſchen Kirche / welche vor allen andern baͤumen ſchoͤne blaͤt - ter hatte / und billig fruͤchte an ſich haben ſollte: Da aber ſie keine reiffe fruͤch - te trug / und der HErr dieſelbe mehrmals vergebens an ihr geſucht hatte. Luc. 13 / 6. ſo kommts endlich auff den erſchrecklichen fluch uͤber ſie / der ſie noch heut zutage truͤcket / und wir uns ſo wohl nach Pauli erinnerung / Roͤm. 11 / 20. u. f. an ihrem gericht ſpiegeln / als beten ſollen / daß der HErr nach ſei - ner verheiſſung ſich ſeines volcks wieder annehmen / und den vorigen fluch / nachdem die zeit des gerichts aus ſeyn wird / in ſegen verwandeln wolle. A - men. 1688.

SECTIO15SECTIO V.

SECTIO V. Uber den ſpruch 1. Cor. 11 / 4. von bedeckung des haupts.

JCh komme auff die frage aus 1. Cor. 11 / 4. da mich aber deucht / es re - de in ſolchem gantzen ort der liebe Apoſtel (wie endlich v. 14. er ſich ſelbſt darauff beziehet) nicht ſo wol was eigentlich Gottes befehl an uns ſeye / als was aus der natuͤrlichen ehrbarkeit oder ehrerbietung herkomme. Daher wuͤßte ich nicht / ob wir ein mehrers aus ſolchen ſtellen zu ziehen / als dieſes / daß ſichs zieme / vor GOttes angeſicht in den geiſtlichen handlungen auff kei - ne andere art zu erſcheinen / als welche unſere ehrerbietung vor Gott / ſo dann wie er jegliches geſchlecht von einander unterſchieden hat / andeutet. Nach - dem aber in ſolchen dingen die gewohnheiten der voͤlcker unterſchieden / ja gar in einigen ſtuͤcken einander entgegen ſind / ſo muß aus demjenigen wie jegliche euſſerliche ceremonie jedes orts genommen wird / geurtheilet werden / was ſich in ſacris ſchicke oder nicht. Alſo was vor eine ehrerbietung nach jegliches landes ſitten auch gegen die groͤſſeſte gebrauchet wird / dero moͤ - gen wir uns wol vor GOtt auch gebrauchen. Sonderlich aber was bey manns-perſonen ein zeichen der gewalt und freyheit iſt / gegen das weibliche geſchlecht / kommt abermal denſelben aus des Apoſtels lehr zu / den weibern aber was der unterthaͤnigkeit kennzeichen iſt. Nun war es zu den zeiten Pau - li ein zeichen der freyheit und macht / mit unbedecktem haupt / auſſer dem wo die noth ein anderes erfoderte / zuſeyn / hingegen die vor andern erſchienen / welchen ſie unterthan waren / erſchienen mit bedecktem haupt / oder auch an - geſicht: Deßwegen wil Paulus / daß die maͤnner die authoritaͤt ihres ge - ſchlechts / und Chriſti in ſich / darinnen erhalten ſollen / daß ſie dieſem zu eh - ren ſich nicht in ſolcher wichtigen ſache bedecken / hingegen die weiber ſich deſ - ſen nicht anmaſſeten / was das anſehen haben wuͤrde / ob wolten ſie ſich ihrer unterthaͤnigkeit entſchuͤtten. Es iſt nach unſeren heutigem lands-ſitten et - licher maſſen geaͤndert / daß nemlich eine mehrere authoritaͤt geachtet wird mit bedecktem als entbloͤßtem haupt zu ſtehen. Daher weil hinwieder das entbloͤſſete haupt ein zeugnuͤß einer demuth vor einem groͤſſeren iſt / wolte ich keins unter beyden vor unrecht achten / wer mit entbloͤſſetem haupt predigte / aus der ehrerbietung / die er vor der gegenwart GOttes truͤge / wie ſich ſol - ches ſonderlich ſchicket im gebet / wo ich achte / daß die zeugnuͤſſen der demuth das vornehmſte ſind / hinwieder aber mit bedecktem haupt predigte zu ehren des HErren / in deſſen nahmen er zu der gemeinde redet / haͤtte ich auch nichts dagegen zu ſprechen. Hie zu lande wuͤßte ich nicht / ob es bey jemand unter uns gebraͤuchl. waͤꝛe / mit einem mit einem hut bedecktem haupt zupredigẽ / ſondernman16Das erſte Capitel. man hat insgemein nur die calotte auff / die nach unſern landes-ſitten nicht anders gehalten wird / als waͤre man bloſſes haupts / als welche von denen die ſie zu tragen pflegen / an hoͤfen auch vor den allerhoͤchſten nicht abgezo - gen zu werden pflegen / vor denen man ſonſten bloſſes haupts ſtehet. Jch be - kenne / es habe noch einige difficultaͤten in dem Pauliniſchen text / doch beru - higet mich das obige in meinem gewiſſen ſo viel mehr / weil ich mich verſi - chere / daß insgeſamt unſer Chriſtenthum eigentlich mit innerlichen dingen umgehet / und der wahre Gottesdienſt in dem geiſte geſchehe / daher aus der innerlichen bewandnuͤß der ſeelen das euſſerliche recht und unrecht wird. Der HErr gebe uns in allem ſeinen willen zu thun / und vollbringe ihn ſelbs in uns. 1685.

SECTIO VI. Was vaͤter und zuchtmeiſter 1. Cor. 4 / 15. ſeyen?

WAs den unterſcheid unter vaͤtern und zuchtmeiſtern 1. Cor. 4 / 15. anlangt / obwol die ſache ſelbſt leider allzuwahr iſt / daß nicht al - le / die den geiſtlichen vater-titul tragen / auch wie ſie ſolten vaͤter - lich geſinnet ſeyn / und bey vielen nichts als ein bloſſes buchſtaͤbliches wiſſen ohne leben und treue ſich findet / kan ich doch nicht davor halten / daß der liebe Apoſtel ſolches orts drauff ſehe / ſondern die einfaͤltigſte meinung achte ich dieſe zu ſeyn / daß vaͤter eigentlich heiſſen / diejenige durch dero dienſt eine gemeinde oder perſon zuerſt wahrhafftig bekehret oder wiedergebohren wor - den iſt / daher in ſolchem verſtand ein Chriſt eigentlich nicht viele vaͤter haben kan / es ſeye dann ſache / daß er etliche mal wiederum auffs neue wiedergeboh - ren oder bekehrt zu werden noͤthig gehabt hat. Zuchtmeiſter aber heiſſen diejenige / welche an den perſonen / ſo bereits wahrhafftig bekehret ſind / fer - ner arbeiten / das gute in denſelben zu ſtaͤrcken und zuerhalten / darinnen ſie auch ein vaͤterliches amt verrichten / (maſſen denn vaͤter nicht nur ihre kinder zeugen / ſondern ſie auch aufferziehen ſollen) und daher auch ein vaͤterlich hertz haben muͤſſen / ob ſie wol ſolche perſon nicht erſt gezeuget haben. Alſo hat ein Chriſt mehrere zuchtmeiſter / nemlich alle diejenige / welche an ſeinem mehrern geiſtlichen wachsthum ſtaͤtig arbeiten. Habe ſolches freundlich er - innern wollen. Was das in meinen ſchooß geſchuͤttete Chriſtliche anliegen / ſo zwahr wol allen Chriſten / die ſich ſelbs kennen / gemein ſeyn wird / anlanget / verſichre ich / daß ich vor GOtt auch deſſelben alſo gedencken werde / daß der HErr das in ihm angefangene gute werck ferner kraͤfftig fortſetze auff den tagJEſu17SECTIO VI. JEſu Chriſti / daß er ſeine ſchwachheit ſtaͤrcke / vorſichtigkeit und krafft gegen alle geiſtliche feinde verleihe / und in ermanglung der menſchlichen exempel (die leider aller orten allzu rar ſind / aber dadurch auch ſo viel gutes zuruͤcke bleibet) das exempel JEſu Chriſti und der in der ſchrifft vorgeſtellter ſeiner wahren Juͤnger ihm ohne unterlaß vor augen ſchweben laſſe. Dieſes ſolle die ſtaͤte meinung meines gebets ſeyn / ſo offt ich ſeinen nahmen vor das an - geſicht des HErrn bringe. Der HErr HErr gebe uns allezeit / ſo offt wir vor einander unſre haͤnde auffheben werden (wie ich mich denn deſſen verſehe / daß derſelbe ſeines orts auch meiner und meines amts nicht vergeſſen / ſon - dern mir dasjenige / was mir zu dem zweck / wozu ich verordnet / noͤthig iſt / treulich erbitten helffen werde) den dazu noͤthigen Geiſt der gnaden und des gebets / damit unſre opffer vor ihm tuͤgen / und um unſers Hohenprieſters JEſu Chriſti willen angenommen werden. Er laſſe uns auch unter ſo vielen falſchen oder auffs wenigſte zweiffelhafften oder auch fleiſchlichen lehrern / dem einigen wahren lehrer / ſeinem liebſten Sohn unſerm Heyland / und deſ - ſen wertheſten Geiſt / uns dermaſſen uͤbergeben / daß wir uns allein von ſol - chem lehren / leiten und fuͤhren laſſen. So wird uns wol ſeyn in zeit und e - wigkeit. Amen. 1689.

SECTIO VII Uber den ort 1. Petr. 4 / 8. ob darinn enthalten / daß die liebe die ſuͤnde auch vor GOtt bedecke. Auch von dem ſpruch Luc. 7 / 47.

JCh habe die zugeſtellte theſes und den Petriniſchen ort 1. Petr. 4 / 8. in der furcht des HErrn reiflich erwogen. So kan geliebter Bruder aus der liebe / wie denſelben liebe / ſich verſichert halten / daß mir eine mehrere freude ſeyn wuͤrde / wo ich mit demſelben auch in dieſer ſache einſtimmig ſeyn / und zum ſchutz gegen andere mit beytreten koͤnte. Nachdem ich aber auff - richtig wie ich dieſelbe finde bekennen ſolle / ſo kan nicht anders ſagen / als daß die vorgebrachte erklaͤhrung der Apoſtoliſchen wort deroſelben eigentliche abſicht nicht ſeye / und daher / wo ein harter widerſacher ſolte aufftreten / nicht behauptet werden koͤnte. Dann 1. redet Petrus offenbahrlich allein von der liebe des nechſten / vor allen dingen aber habt untereinander eine bruͤnſtige liebe / denn die liebe decket auch der ſuͤnden menge. Wo wir ſehen / es werde austruͤcklich geredet von der liebe / welche die bruͤder untereinander haben ſollen / und von eben derſelben liebe bezeuget / daß ſie der ſuͤnden menge decke. Da wir alſo dieſe liebe nicht urſach haben weiter auszudaͤhnen / als der verſtand derſelben in dem erſten ſtuͤck des verſes gelau -Ctet18Das erſte Capitel. tet hat. So vielmehr weil ohne wiederſpruch Spruͤchw. 10 / 12. von ſol - cher liebe allein geredet / und ſolches zur gnuͤge durch den gegenſatz bezeuget wird: Haß erreget hader / aber liebe decket zu alle uͤbertretung / daß man nemlich um derſelben willen mit dem nechſten nicht hadert oder zancket / ſondern ihm alles zuvergeben gantz willig iſt. Jn welcher abſicht man ſagen koͤnte / daß dieſe wort noch eine abſicht auch auff die erſte erinnerung des ver - ſes haben / wo es geheiſſen: ſo ſeyd nun maͤßig und nuͤchtern zum gebet. Weil denn dem gebet auch ſonderlich haß und zorn zuwider iſt / indem der A - poſtel 1. Tim. 2 / 8. befiehlet auffzuheben heilige haͤnde ohne zorn und zweifel / ſo fordert hingegen unſer Petrus / daß ſie / wie auch ſonſten aus ge - meiner ſchuldigkeit / alſo auch um des gebets willen (damit auch die wort 1. Petr. 3 / 7. zuvergleichen waͤren) ſolten bruͤnſtige liebe untereinander haben / denn ſolche liebe decket auch der ſuͤnden menge / und alſo reinige ſie das gemuͤth deſſen der beleidiget worden iſt / aber aus liebe dem bruder ver - geben hat / von der unruhe und zorn / welche ſonſten / wo die liebe nicht meiſter iſt / aus der beleidigung entſtehet / und den menſchen zum gebet untuͤchtig ma - chet. Dieſer ſatz / daß hier geredet werde von der liebe des nechſten / und daß das decken ſeye die vergebung der beleidigung und der ſuͤnden des nechſten / iſt ſo offenbahr / daß ob wol der andere verſtand / daß die liebe auch unſere ſuͤn - den vor GOtt decke / und alſo mit in die rechtfertigung einflieſſe / denen Pa - piſten zu ihrer hypotheſi treflich dienete / und daher auch ſolcher ſpruch von etlichen derſelben gegen uns gebraucht zu werden pfleget / dennoch faſt die ge - lahrteſte und redlichſte unter ihnen den andern verſtand behalten / daß die lie - be des nechſten gebrechen decke. Wobey in acht zunehmen iſt / auch von mir allezeit als eine haupt-regel angeſehen wird / daß zwahr eines jeden orts ver - ſtand ſo weit zu nehmen und auszudaͤhnen ſeye / als ſo wol die glaubens-re - gel oder analogie als auch der ort ſelbs zugiebet / aber dennoch daß ſich ſol - ches nicht ſo weit extendiren laſſe / wo die zuſammenfuͤgung eines texts und andere deſſen umſtaͤnde deſſen verſtand ſelbs einiger maſſen reſtringiren. 2. Bekenne ich / daß miꝛ auch die redens-art / daß die liebe vor Gott die ſuͤnde / ob zwahr durch die glaubens-hand / decke / oder dero vergebung erlange / ſehr hart vorkomme / und ich ſorge / daß ſie ſich gegen einen / ſo die wort nach ihrer ſchaͤrffe examiniren wolte / ſonderlich der gern gelegenheit an den andern ſuch - te / nicht gnung behaupten laſſe. Dann die ſchrifft ſagt wol / daß der glau - be durch die liebe thaͤtig ſeye / Gal. 5 / 6. nicht aber daß die liebe durch den glauben wircke. So iſt / wo wir die rechte ordnung der natur in der bekeh - rung anſehen / nicht die liebe ſondern der glaube das erſte / welches in demmen -19SECTIO VII. menſchen gewircket wird / und glaubet der menſch nicht ſo wol deswegen / weil er GOtt bereits liebet / ſondern daher faͤngt er an GOtt zu lieben / weiln er an ihn zu glauben und ein hertzliches vertrauen zu ihm zu faſſen angefangen hat. Dahingegen als lang der menſch ſeinen GOtt noch auſſer glauben an - ſihet / als einen ſtrengen und erzuͤrnten richter / er ihn nicht lieben kan / ſon - dern ſich bey ihm vielmehr ein haß gegen denſelben findet / den der glaube erſt wegnimmt. Daher moͤgen wir wol den glauben der liebe krafft / nicht a - ber die liebe des glaubens leben nennen / als welches er in ſich ſelbs bereits hat / weil er ſelbs eine kraͤfftige wirckung des lebendigen Geiſtes aus dem le - bendigen wort iſt / und alſo ſeine ihm eigne krafft / ſonderlich mit welcher er die gerechtigkeit JEſu Chriſti ergreifft / nicht aus der liebe ſondern aus ſich und der wirckung des Geiſtes hat. Daher nicht eigentlich / und wo die wor - te ſtricte und ſcharff genommen werden / der liebe beygeleget werden kan / daß ſie / ob wol durch die glaubens-hand / die ſuͤnde bedecke / indem ſolches werck in der ſchrifft von Paulo dem glauben in gegenſatz gegen alle wercke / dazu auch der glaubige in Chriſto JEſu geſchaffen iſt / und alſo auch gegen die liebe / zu - geeignet wird / daher er nicht als das werckzeug der liebe / durch welche dieſel - be uns rechtfertigte / (dann dieſes waͤre es gleichwol / wo ſie die ſuͤnde vor GOttes gericht deckete) angeſehen oder genennet werden darff. 3. Wo man aber den nahmen der liebe weiter ausdaͤhnen und alſo rechnen will / wie er insgeſamt / ſonderlich wo wir von der liebe gegen GOtt reden / alle pflichten gegen GOtt in ſich faſſet / als welche nach der ſumma in demjenigen begrief - fen werden / du ſolt GOtt deinen HErrn lieben von gantzem hertzen / von gantzer ſeelen und von allen kraͤfften / ſo iſt nicht ohn / daß alsdann der glaube / wie er eine tugend iſt / auch mit in der liebe allgemeinen concept ſtecket / wie auch deswegen unſer Lutherus / was unter ſolchem allgemeinen gebot der liebe befohlen wird / in der erklaͤhrung des erſten gebots erklaͤhret: Wir ſollen GOtt uͤber alle dinge fuͤrchten / lieben und vertrauen / zu welchem letztern ohne wiederſpruch der glaube gehoͤret / und ſo moͤchte man dann / wo die liebe die gantze wirckung des Heil. Geiſtes in der ſeele eines kin - des Gottes / wie dieſelbe ſich gegen Gott erſtrecket / bedeutet / einigerley maſ - ſen ſagen / daß dieſe liebe / nemlich nach dero abſonderlichen ſtuͤck / wie ſie viel - mehr von GOtt etwas annimmet / und alſo ſo fern ſich gegen ihn neiget / das iſt in dem glauben / alſo nachdem ſie eigentlich die liebe heiſſet / die ſuͤnde decke. Aber wir werden in der ſchrifft / wo ſie eigentlich in ſede propria von dieſer materie redet / ſolches wort in ſolchem allgemeinem verſtand nicht leicht fin - den / ſondern immer alſo / daß ſie vielmehr dem glauben entgegen geſetzt und contradiſtinguiret werde / als denſelben in ſich begreiffe. Auch iſt um dieſer urſache willen ſo viel weniger alſo zureden / daß die liebe durch die glaubens -C 2hand20Das erſte Capitel. hand die ſuͤnde decke / weil in dieſem werck und bedeckung der glaube noch da - zu nicht eigentlich als eine tugend ſondern allein als ein von GOtt geordne - tes mittel an zuſehen iſt / welches nichts thut / ſondern allein empfaͤngt: da - hingegen die liebe in ſolchem allgemeinen verſtand auff alle weiſe als eine tu - gend und etwas nicht ſowol empfangendes als wirckendes angeſehen werden muͤſte. 4. Daheꝛ wolte ich bitten / ſolche gebrauchte redens-art / wo ferneꝛ davon gehandelt werden ſolte / nicht ſo wol zu behaupten / als nur zu entſchuldigen / und allein zu zeigen / daß die meinung nichts irriges und wider unſre Evan - geliſche wahrheit ſtreitendes geweſen ſeye / da gleichwol geliebter bruder ſich gern ſolcher redens-art kuͤnfftig enthalten wolle / nachdem er ſie ſo vielen wichtigen bedencken unterworffen ſehe / und finde daß ſie auch von denen zu - hoͤrern leicht anders / als er ſie gemeinet / weil ohne weitlaͤufftige erklaͤhrung wol niemand auff ſolchen verſtand kommen wuͤrde / angenommen werden koͤnte. 5. Jndeſſen iſts gnung / daß doch die redens-art nicht in ſich ſelbs und in allem verſtand irrig ſeye / und mit einigen faſt gleichlautenden orten und redens-arten der ſchrifft ſich etwas vergleichen laſſe. Als wann 1. Joh. 4 / 17. 18. ſtehet / daß die liebe die furcht austreibe / und auch eine freudig - keit mache auff den tag des gerichts / welches dann durch den glauben ge - ſchehen muß / daß alſo dieſes ein exempel waͤre / wo in gewiſſer maaß der liebe zugeſchrieben wuͤrde / was doch dem glauben eigentlich zukommet. Zwahr iſt nicht ohne / daß unterſchiedliche der vornehmſten Theologen auch dieſes orts die liebe nicht verſtehen wollen von unſrer liebe / ſondern von der verſicherung der goͤttlichen liebe / oder wie dieſe von dem glauben angenommen wird; in - deſſen hat gleichwol unſer wolverdiente Theologus Ægid. Hunnius kein be - dencken / dieſe liebe von unſerer liebe und alſo den ſpruch auff ſolche meinung zuverſtehen. Alſo Dan. 4 / 24. lauten die worte Danielis auch hart / ma - che dich loß von deinen ſuͤnden durch gerechtigkeit / und ledig von dei - ner miſſethat durch wolthat an den armen / ſo wird er gedult haben mit deinen ſuͤnden / wo dann der gerechtigkeit und allmoſen / ſo zu der liebe gehoͤren / dasjenige zugeſchrieben wird / was der buſſe und dem glauben zu - koͤmmet. Noch haͤrter lautets Tob. 4 / 11. die allmoſen erloͤſen von al - len ſuͤnden / auch vom todt / und laſſen nicht in der noth. Ob wir nun wol das buͤchlein Tobiaͤ nicht unter die vollguͤltige buͤcher der ſchrifft ſetzen / ſo trachten gleichwol unſre Theologi auch dieſe wort in einen geſunden ver - ſtand zu ziehen: daher die Weinmariſche auslegung alſo lautet: diejenige welche aus wahrem glauben und gehorſam gegen GOTTes gebot gern allmoſen geben / werden hinwiederum vor ſuͤnden und einemboͤſen21SECTIO VII. boͤſen ende behuͤtet. daß alſo der ſpruch alſo angenommen wird / daß von der liebe geſagt werde / was nicht derſelben / ſondern aus anderer ſchrifft ſtel - len zeugnuͤß / deme mit derſelben vereinigten glauben eigentlich zukommet. Mit dieſen exempeln will nicht zweifeln / daß auffs wenigſte bey denenjeni - gen / welche Chriſtliche liebe bey ſich haben / ausgerichtet werde werden / daß ſie um ſolcher gebrauchten formul willen / ob ſie wol ihre ſchwehrigkeiten hat / geliebten Bruder falſcher lehre / nachdem er ſich erklaͤhret / nicht weiter beſchul - digen koͤnnen. Jedoch muͤſte ſie nicht weiter gebraucht / und vielmehr ent - ſchuldigt als ſchlechter dings vertheidiget werden / damit man allen moͤgli - chen anſtoß Chriſtlich und kluͤglich vermeide: um ſo vielmehr nachdem alles / was man mit dieſer erklaͤhrung des ſpruͤchleins Petri zum antrieb der heili - gung ſuchen moͤchte / durch andere unanſtoͤßige redens-arten zur gnuͤge mag ausgedruckt und vorgeſtellet werden. Daher 6. den ſpruch Luc. 7 / 47. ihr ſind viel ſuͤnde vergeben / denn ſie hat viel geliebet / nimmer mehr ra - then wolte / auff die vorgehabte weiſe zuerklaͤhren / daß der liebe die verge - bung der ſuͤnden zugeſchrieben wuͤrde / welches nicht allein obigen difficultä - ten unter worffen bliebe / ſondern der gantzen ordnung des textes und der rede Chriſti nicht gemaͤß iſt: Jn dem wo man die gantze rede anſiehet / erhellen wird / daß unſer Heyland dem Simoni zeigen will / daß er dieſe ſuͤnderin wol mit ſich umgehen laſſen doͤrffe / wie ſie gethan / jener aber es ihm uͤbel auffge - nommen hatte / weil ſie nun nicht mehr vor eine ſuͤnderin zu halten / ſondern alle ihre ſuͤnden bereits vergeben ſeyn / welches er dem Phariſeer aus der lie - be des weibes zur gnuͤge erweiſet / und alſo damit die liebe nicht zur urſach der vergebung der ſuͤnden / ſondern zu dero frucht und kennzeichen / machet. Wie dann dieſer verſtand / daß das ὅτι genommen werde nicht cauſaliter ſon - dern conſecutive, und daß unſer Heyland aus der liebe die ihr wiederfahren / vergebung der ſuͤnden folgere / ſo deutlich in dem text gegruͤndet iſt / daß wo auch nichts anders der andern erklaͤhrung in dem weg ſtuͤnde / dieſes ſie zu - verlaſſen bereits gnung waͤre / daß ſie mit der gantzen folge der rede Chriſti nicht ſo beqvem wie die vorige uͤbereinkommet. Daher auch ſelbs unter de - nen Papiſten die beruͤhmtere lehrer dieſelbe mit uns erkennen / wozu ſie die offenbahre krafft der wahrheit noͤthiget. Gerh. in Conf. Cathol. L. 2. P. 3. art. 16. c. 3. p. 32. u. f. fuͤhret zum exempel an nechſt Gregorio Magno dem Roͤmi - ſchen Biſchoff / Dionyſ. Carthuſiano und Lyrano unter denen letztern Melch. Canum, Did. Stellam, Alf. Salmeronem, Fr. Toletum, Tirinum: Wie auch ſo fern Barradium, daß derſelbe bekennet / dieſe erklaͤhrung ſeye dem context und zweck der gleichnuͤß am gemaͤßeſten. Dazu auch noch Corn. Janſenius zu ſetzen waͤre. Welcher urſache wegen es ſich nicht ſchicken wolte / dem ſpruch einen andern verſtand anzwingen wollen / der auffs wenigſte denen PapiſtenC 3eini -22Das erſte Capitel. einige mehrere gelegenheit wider uns geben moͤchte / da ſie guten theils ſelbs diejenige erklaͤhrung zugeben / die ihnen den geringſten vortheil nicht laͤſſet. 7. Was das factum Collegæ anlanget / ſo haͤtte billich / ehe die ſache vor die gemeinde gebracht worden / geliebter bruder druͤber beſprochen werden ſol - len / um die eigentliche meinung der gebrauchten worte zu hoͤren: Jndeme ih - me dannoch darnach freygeſtanden waͤre / nach angehoͤrter erklaͤhrung / wo er nichts deſtoweniger der gemeinde einen andern verſtand des ſpruchs einzunehmen noͤthig geachtet haͤtte / dieſe von dem wie ſie ihn verſtehen ſol - ten / zu unterrichten / und hingegen die andere erklaͤhrung / aber mit liebe und beſcheidenheit / abzuleinen. Jm uͤbrigen hoffe ich geliebter bruder werde auch aus dieſem exempel und eigener erfahrung erkennen / wie nothwendig ihm ſeye / auch in der erklaͤhrung der ſchrifft ſehr behutſam zugehen / um denen je - nigen / ſo ihm auff alle wort acht geben / und beſorglich wenig liebe gegen ihm haben moͤgen / nicht eine gelegenheit zu geben / daß ſie mit ziemlichem ſchein denſelben in verdacht irriger lehr ziehen / und damit die frucht ſeines dienſtes nur deſtomehr hindern oder verringern / wo nicht gar denſelben in mehrere gefahr bringen koͤnten. So vielmehr weil keine einige lehr ſo zu der heiligung / die wir treiben ſollen / erfordert wird / genennet werden kan / die wir nicht aus ſolchen ſpruͤchen erweiſen koͤnnen / die in eben gleichem verſtand auch von den lehrern unſrer Kirchen / auffs wenigſte allzeit etlichen aus derſelben zahl / ge - fuͤhret wuͤrden; dero einſtimmung man zwahr nicht bedarff zu der gruͤndung ſeines oder auch der zuhoͤrer glaubens / wol aber zu einem ſchild gegen die be - ſchuldigung auffſaͤtziger richter. Dann wie wir um dieſer willen oder ihnen zugefallen weder etwas falſches lehren noch nothwendige wahrheiten ver - ſchweigen doͤrffen / ſo haben wir uns doch zu huͤten / daß wir ihnen nicht ohne noth und unvorſichtig einiges ſchwerdt in die hand geben / ſo ſie nachmal ge - gen uns gebrauchen koͤnten. Jch weiß zwahr auch wol / daß mit aller ſolcher vorſichtigkeit nicht gnung verhuͤtet werden koͤnne / daß nicht gehaͤßige gemuͤ - ther auch das beſt ausgedruckte zuverdrehen vermoͤgen / und ſich deſſen un - terſtehen ſolten / aber auffs wenigſte moͤgen wir durch ſolche Chriſtliche vor - ſichtigkeit ihnen viele gelegenheit benehmen / und wo ſie dannoch uns nicht unangetaſtet laſſen / ihnen mit nachdruck antworten / ſo dann troͤſtet uns unſer gewiſſen alsdenn in ſolchem fall ſo vielmehr. Der HErr aber gebe uns ſelbs in ſolchem allem den Geiſt der weißheit und der klugheit / ſo wol in allen ſtuͤ - cken ſeine wahrheit zuerkennen / als auch dieſelbe alſo vorzutragen / daß de - nen die auff die gerechten lauren / die wenigſte anlaß uͤbrig bleibe: Er laſſe a - ber auch mehr und mehr die liebe in den hertzen tieff einwurtzeln / welche auch am beſten verhuͤten wird / daß auch aus unterſchiedlichen meinungen gleich - wol kein ſtreit zwiſchen bruͤdern oder unruhe in der Kirchen entſtehe: dasthue23SECTIO VIII. thue doch er / der der GOTT der liebe iſt / vermittels des Geiſts der liebe und der wahrheit / um unſers Koͤnigs der wahrheit JEſu Chriſti willen. A - men. 1691.

SECTIO VIII. Ob der ſpruch 1. Petr. 4 / 8. von aller liebe / und der deckung der eignen ſuͤnden koͤnne verſtanden werden? Ob glaube oder liebe bey dem menſchen erſt ſeye?

WAs mit N. N. ferner vorgegangen iſt mir hertzlich leid / wegen des bey der gemeinde leicht entſtehenden aͤrgernuͤſſes / und weil wir zu einer zeit leben / da der vorwand der lædirten orthodoxie (ob dieſes auch nimmermehr erwieſen wird) ſo bald lermen erreget / und denen welche ſich doch aus fleiſchlichen affecten und in ſolcher abſicht deſſen gebrauchen alſo - balden gehoͤr und gunſt bey denen bringt / die aus unverſtand eiffern / deren unter denjenigen / ſo auch ſonſten nicht boͤſe / ſich viele finden. Weil aber da - bey ſo bald gemeldet worden / daß N. N. auff die erklaͤhrung auch acquieſcirt / dancke ich GOtt / und wuͤnſche / daß dieſer ſturm der erſte und letzte ſeyn moͤ - ge / zweifle auch nicht geliebter bruder werde auch aus dieſer erfahrung ſo viel ſorgfaͤltiger alle wort die geredet werden / wahrnehmen und auff die wage le - gen / damit auch laurer nichts uͤbel auszulegen finden. Jm uͤbrigen habe deſ - ſen abermalige declaration ſo viel als mein zuſtand zugelaſſen erwogen / und finde die ſache alſo 1. Jn der declaration hat ſich derſelbe gnugſam gerettet / daß ſeinem ſinn keine heterodoxie kan beygemeſſen werden / ſondern bey ſei - ner gethanen bekaͤnntnuͤß bleibet der articul von der rechtfertigung aller - dings in ſeiner reinigkeit nach GOttes wort und unſern Symboliſchen buͤ - chern. 2. Jndeſſen bin nicht in abrede / daß gleichwol die bey dem ort 1. Pet. 4. angefuͤhrte erklaͤhrung dem text nicht gemaͤß oder von dem Heil. Geiſt ge - meinet zu ſeyn erkennen kan. Jndem nicht allein das erſte / nemlich die ver - mahnung des Apoſtels / nicht von aller / vielmehr allein der bruͤderlichen lie - be handelt / wie es an ſich klahr / ſondern auch die folgende wort koͤnnen die - ſes orts nicht als eine allgemeine theſis von aller liebe genommen werden. Dann ob ich wol bekenne / daß zuweilen etwas ſpeciales zuerweiſen auch eine allgemeine propoſition kan angewendet werden / ſo ſehe doch weder die noth - wendigkeit dieſes orts / noch daß ſichs ſchicken wolle. Dann weil der Apo - ſtel zur bruder-liebe vermahnet / ſo war ihm ſolcher vermahnung ein gewicht zu geben allgnung / daß der erweiß von etwas hergenommen ſeye / ſo der bru - der-liebe allein zukommet; hingegen iſt allerdings keine anzeige da / daß der Apoſtel ohne noth ſeinen erweiß noch weiter her aus der allgemeinen naturder24Das erſte Capitel. der liebe haͤtte hernehmen wollen. Das vornehmſte aber iſt dieſes / daß uns nicht frey ſtehet / die redens-art von deckung der ſuͤnden menge zuerklaͤhren / wie wir wollen / ſondern nachdem etwa bey niemand wird in zweiffel gezogen werden / daß der Apoſtel auff den ſpruch Proverb. 10, 12. als an die verſtreute Juden ſchreibend (denen Salomonis ſchrifften bekannt waren) ſeine abſicht habe. Da zeiget ſich offenbahrlich / weil es ein gegenſatz deſſen iſt / was da - ſelbs ſtehet / haß erreget hader / daß die deckung der ſuͤnde oder uͤbertretung nichts anders ſagen wolle / als die liebe verurſache / daß man des nechſten feh - ler mit ſanfftmuth und gedult uͤbertrage und alſo decke / daß man nicht deß - wegen mit demſelben zu hadern anfange / als welches dem haß zukommt. Dieſes prædicatum nun ſchicket ſich nicht zu den uͤbrigen arten der liebe / und alſo ſehen wir aus dem prædicato was vor ein ſubjectum gemeinet ſeye. Wolte man aber ſagen / daß eben ſolches prædicatum auch von den andern ge - ſagt werden koͤnte / ſo geſchiehet ſolches in ſenſu plane æquivoco, nur daß es endlich eine phraſis waͤre. Die liebe GOttes gegen uns decket der ſuͤnden menge / das iſt / ſie vergibet ſie aus gnaden. Unſre liebe gegen Gott ſolle auch nach geliebten bruders meinung der ſuͤnden menge decken / in dem verſtand / daß ſie durch den Glauben die goͤttliche vergebung annehme. Endlich die bruder-liebe bedecket auff angefuͤhrte weiſe. Hier hoͤren wir zwahr eine re - dens-art / aber in allen dreyen propoſitionibus in ſolchem ungleichen ver - ſtand / daß in der wahrheit nichts als der fall der wort einerley iſt unter drey - erley meinung. So will ſich hingegen nicht wol fuͤgen / dem Heil. Geiſt. zu - zuſchreiben / daß derſelbe in einer propoſition unter einer phraſi dreyerley gantz unterſchiedene ſenſus intendiret haͤtte. Daher ich meine klahr gnung zu ſeyn / da nichts dieſer difficultäten ſich findet / wo wir den gantzen ſpruch allein von der liebe des nechſten verſtehen / daß wir auch bey demſelben allein blei - ben / und ihn nicht weiter extendiren ſollen. Wuͤrde er aber weiter extendi - ret / moͤchte es nicht anders entſchuldiget werden / als per accommodatio - nem, wie man zuweilen bey einem ſpruch gelegenheit nimmet von einer ma - terie zu handlen / die man bekennt nicht eigentlich in dem ſpruch zu ſtecken. Jn welcher ſache man gleichwol auch ſehr behutſam ſeyn muß. 3. Was an - langt / ob glaube oder liebe erſt bey dem menſchen ſeye / bekenne / daß noch nicht davon weichen koͤnne / da ich jenem den vorzug gegeben. Zwahr gebe ich zu / daß auff erkaͤntnuͤß der guͤte einer ſache natuͤrlich die liebe erfolge / daß man ſagen ſolte / wo der erſt in der bekehrung ſtehende menſch GOtt anfaͤngt zuer - kennen / daß ſein weſen das hoͤchſte gut ſeye / daß nothwendig alſobald eine liebe gegen denſelben folgen muͤſte. Aber ich bitte zuerwegen / daß alle un - ſre liebe nunmehr ſo verdorben ſeye / daß ſie natuͤrlich die eigenliebe zumgrun -25SECTIO VIII. grunde hat. Daher mag goͤttliches weſen unſerm verſtand nach allen ſei - nen eigenſchafften / nach denen es an ſich das hoͤchſte gut iſt / vorgeſtellet wer - den / wie es will / ſo wird doch als lang der menſch wegen ſeiner ſuͤnden aus der anklage ſeines gewiſſens daſſelbe alſo anſihet / daß es ihn verdammen wolle / unmuͤglich eine liebe gegen daſſelbe erwecket werden / ſondern allezeit vielmehr der haß bleiben. Das macht / wir lieben in unſer verderbnuͤß nicht dasjenige / was und ſofern es an ſich ſelbs / ſondern was uns vor unſre per - ſon / gut iſt oder gehalten wird. Daher ehe der menſch GOtt lernet erken - nen / daß er ihm gnaͤdig ſeye und ſeine ſuͤnde vergeben wolle / ſo zudem glauben gehoͤret / iſt ihm unmoͤglich / das jenige nur etlicher maſſen zu lieben / was er anſihet / als zwahr an ſich ſelbs / nicht aber ihm / gut: ja alles was in GOtt herrlich iſt / ſchrecket ihn / weil nemlich alles zu ſeiner ſtraff mit wircken ſolle / ſo gar Gottes guͤte und barmhertzigkeit erwecket bey ihm keine liebe / ſondern verdreuſt ihn / daß Gott gegen andre ſo gnaͤdig ſeye / und er doch deſſen nicht genieſſen ſolle. Alſo bleibet der haß allezeit und waͤchſt wol gar / biß er erſt - lich durch den glauben ſeinen GOtt und was in demſelben iſt / alſo erkennet und ergreiffet / wie er nicht nur in ſich / ſondern auch ihm ſelbs / gut ſeye. Vor dieſem iſt aus anſehung der verdorbenen eigenen lieb nicht zu begreiffen / wie die geringſte eigentliche liebe gegen GOtt in dem hertzen ſeyn koͤnne. Bleibet alſo dem glauben nicht allein die ehre / daß er allein die gnade und ſeligkeit annehme / ſondern daß die liebe erſt auff denſelben folge / und ſeine frucht ſeye. Aus dieſem wird geliebter bruder meine meinung gantz deutlich ſehen / und hoffentlich deroſelben grund erkennen / von mir aber in liebe auffnehmen / da ich nicht einerley gedancken mit demſelben haben koͤnnen / daß die meinige of - fenhertzig darſtelle. Der HErr aber gebe immer mehr und mehr ſein liecht in unſre ſeelen / in allen ſtuͤcken ſeine wahrheit alſo zuerkennen / wie es uns zu ſeiner verherrlichung / eigener und anderer erbauung noͤthig iſt. 1691.

SECTIO IX. Von dem verſtande der ſpruͤche 1. Tim. 2 / 9. 1. Pet. 3 / 3. betreffend Chriſtlicher weiber pflicht in dero kleidern und ſchmuck.

WEil ein groſſes zu dem verſtand einiger ſtellen der ſchrifft thun kan / wo man erſt die materie / davon etwa dieſelbige handlen / aus der ana - logie anderer orte / ſonderlich der allgemeinſten principiorum des Chriſtlichen ſo glaubens als lebens / betrachtet / ſo werden auch hier unter - ſchiedliche grund-regeln zu legen ſeyn.

  • 1. Unſer gantzes Chriſtenthum beſtehet hauptſaͤchlich in dem innerlichen / undDwird26Das erſte Capitel. wird das euſſerliche gut oder boͤſe / je nach der bewandnuͤß des innerlichen aus dem es gefloſſen iſt. Wie Matth. 15 / 11. 18. 19. 20. gezeiget wird / daß alles was den menſchen verunreinigen / und ihm zur ſuͤnde werden ſolle / aus dem hertzen und deſſen grunde herkommen muͤſſe.
  • 2. Alles was uns GOtt gebeut / und alſo was zu unſrer Chriſten-pflicht ge - hoͤret / beſtehet in der liebe GOttes und des Nechſten / welche die ordentli - che liebe unſer ſelbs mit einſchlieſſet (Matth. 22 / 37. 38. 39. 40.) Wodurch alſo nicht entweder die liebe GOttes oder des nechſten oder die liebe unſer ſelbs / nemlich unſere ſeele und leib zu GOttes ehren und unſrer ſeligkeit zuerhalten / verletzet wird / kan keine ſuͤnde ſeyn.
  • 3. Keiner creatur gebrauch / da er nicht ihrer natur und ſchoͤpffung entgegen ſtehet / iſt dem menſchen an ſich ſelbs ſuͤndlich: ſondern er hat recht an alle creaturen / ſie in rechter ordnung / und alſo ohne verletzung der liebe / zuge - brauchen. Welches recht bey den glaubigen ſo viel ſtaͤrcker iſt / da ihnen noch alles durch GOttes wort / gebet und danckſagung geheiliget wird. 1. Tim. 4 / 4. 5.
  • 4. Kein kleid oder ſchmuck nach dero materie oder form / kan an ſich ſelbs ſuͤnd - lich ſeyn / es waͤre denn ſach / daß ſolche aus ſich ſelbs zur unzucht reitzten: als da waͤre / wo der weibliche leib mehr entbloͤßt wird.
  • 5. Daher muß alle ſuͤnde / ſo mit kleidern vorgehet / eigentlich aus dem hertzen des menſchen herkommen / und alſo aus der urſache / warum er dergleichen traͤget / und der bewandnuͤß des gemuͤths bey demſelben entſtehen.

Solle nun von den urſachen gehandelt werden / ſo muͤſſen wir von dem zweck der kleider die goͤttliche ordnung insgemein erwegen. Alſo dienen die kleider

  • 1. Zur decke und erinnerung unſrer ſchand und bloͤſſe 1. Moſ. 3 / 7. 21.
  • 2. Zum noͤthigen ſchutz unſers nach dem fall doͤrfftigen und ſchwachen leibes 2. Moſ. 22 / 26. 27. Sir. 39 / 31. 1. Tim. 6 / 8.
  • 3. Zum unterſcheid beyderley geſchlechte. 5. Moſ. 22 / 5.
  • 4. Zum unterſcheid der ſtaͤnde; alſo hat GOtt im A. T. gewiſſe prieſter-klei - der verordnet 2. Moſ. 28. und 39. Es gibt koͤnigliche kleider Eſth. 5 / 1. 6 / 8. 8 / 15. Matth. 6 / 29. koͤniglicher kinder 2. Sam. 13 / 18. koͤniglicher bedienter Jeſ. 22 / 21. Dan. 5 / 7. 16. Fuͤrſten und anderer vornehmer Ezech. 23 / 12. 26 / 16. Sihe auch Jeſ. 3 / 6.
  • 5. Zum unterſcheid gewiſſer zeiten oder begebnuͤſſen: ſo ſind feyer-kleider und freuden-kleider 2. Sam. 13 / 2. Pſ. 35 / 14. 42 / 10. Mal. 3 / 14.

Jn allem dieſem / wie in dergleichen dingen insgemein / muß landes-ſit - te und gewohnheit vieles thun und gelten.

Hin -27SECTIO IX.

Hingegen beſtehen die ſuͤnden in den kleidern in demjenigen / was auſſer dieſen urſachen gethan wird / oder wann des menſchen gemuͤth den zweck ver - kehret.

  • Dahin gehoͤret 1. der eigentliche hochmuth und eitelkeit derjenigen / die an ſich ſelbs / wie in andern ſtuͤcken alſo auch mit kleider pracht und zier - de / gefallen tragen / ſich damit in ihrem gemuͤth erheben / und ſich vor wuͤr - dig halten / ihren madenſack uͤber ſeine nothdurfft zu ziehren: welche ſuͤnde auch bey denen ſeyn kan / welche dasjenige mit ſolchem hertzen tragen / was ihnen ſonſten ſtandes wegen zukaͤme. Hingegen Eſther ſolches von ſich ableinet. Stuͤck in Eſther 2 / 15. 16. Die ſuͤnde aber beſtehet darinnen / weil ſolches gefallen an ſich ſelbs wider die ſchuldige demuth / darzu alle verbunden ſind / auch die allgemeine urſach der kleider ſtreitet.
  • 2. Nachmal der hochmuth / da man um derſelben willen von andern ſuchet ge - ehret zu werden / und ſich ein anſehen zu machen (ſihe Jeſ. 3 / 16.) welches die allergemeinſte urſach des prachts iſt; daher auch die pracht-liebende ſich nicht leicht ſtattlich anziehen / putzen oder ſchmincken / wo ſie in ihren ge - maͤchern oder haͤuſern bleiben / und alſo von niemand als den ihrigen geſe - hen werden / ſondern allein wo ſie zu andern kommen / ja befleiſſen ſich ſo vielmehr / als derjenigen mehrere ſind / von welchen ſie gern angeſehen waͤ - ren. Dieſe beyde urſachen finden ſich nicht nur gemeiniglich bey praͤchtigen kleidern / ſondern es iſt auch muͤglich / daß in dem gegentheil einige in affe - ctirt-ſchlechten und verlumpten kleidern ſich moͤgen wolgefallen / und einer vermeinten demuth anſehen dadurch bey andern ſuchen; welcherley / ſo doch dem pracht entgegen zuſeyn ſcheinet / in der that aber ſelbs ein pracht anderer art iſt. Calcant aliorum faſtum faſtu majori.
  • 3. Es kan auch ſuͤndlich ſeyn / da ſich einige praͤchtig kleiden / oder ſchmuͤcken / auch wol gar ſchmincken / andre zur leichtfertigkeit und unzuͤchtigen liebe gegen ſich zu reitzen. Alſo wird des weibs mit hurenſchmuck gedacht. Spruͤch. 7 / 10. damit etwa auch das ſchmincken undſchmuͤcken der Jeſa - bel verglichen werden moͤchte. 2. Koͤn. 9 / 30.
  • 4. Hinwieder iſt auch eine ſuͤndliche urſach / wo einige ſich andern zu trotz und aus æmulation koͤſtlich tragen / da je eineꝛ die andre uͤbertreffen und es vor -