PRIMS Full-text transcription (HTML)
Natur und Gnade / Oder der Unterſcheid der Wercke /
So aus natürlichen kraͤfften und aus den gnaden-würckungen des H. Geiſtes herkom̃en / und alſo eines euſſerlich erbarn und warhafftig Chriſtli - chen gottſeligen lebens / nach der regel Goͤttlichen Worts einfaͤltig aber gründlich unterſucht
D. Mit Churfürſtlich Saͤchſ. Freyheit.
Franckfurt am Mäyn /Verlegts Johann David Zunner /1687.

Denen Hoch-Wol - und Ehr-Würdi - gen / Groß - und Vorachtbarn / Hoch - und Wohlgelehr - ten HERREN SUPERINTEN - DENTEN, ADJUNCTIS, Pfarrherren und DIACONIS der Chriſtlichen Evangeliſchen Kirchen in dem Hochloͤblichen Churfürſtenthum Sach - ſen / Meinen Hochgeehrten / wehrten und vielgeliebten Herren / Brüdern und Freunden wünſche Von dem groſſen GOtt und Vater des liechts / von dem alle gute und alle vollkommene gaben herkom - men / in Chriſto JESU / ſeinem eingebohrnen Sohn / unſerm treueſten Heyland / die kraͤfftige gnade ſeines Heiligen Geiſtes zu treuer amts-verrichtung / den rei - chen ſeegen von oben zu vieler frucht der ewigkeit / und an jenem groſſen tage / wenn der Ertz-Hirt erſcheinen wird / die unverwelckli - che kron der ehren / ſampt allen übrigen ſtücken menſchlicher und Chriſtlicher wolfahrt ihrer ſelbs und der lieben ihrigen!

Hoch -
Hoch-Wol - und Ehr-Würdige / Groß - und Vorachtbare / Hoch - und Wolgelehrte / inſonders Hochgeehrte Her - ren / wehrte Brüder und geliebte Freunde.

JCh habe nicht noth / mit mehre - rem dieſelbe zu erinnern / wie es dem allerhoͤchſten Regierer über uns al - le / nach ſeinemrecht / welches er ſich über ſeine diener vorbehaͤlt / gefaͤllig geweſen ſeye / mich ſeinen geringſten knecht / nach dem er mich erſtlich in Straßburg / nachmahl aber in Franckfurt am Mayn / zu ſeiner Kirchen dienſt verordnet gehabt / vor einem jahr durch ordenliche und von ihm in len - ckung der hertzen regierte beruffung unſers Durchleuchtigſten Chur-Fürſten und Herrn / von der gedachten letſtern gemein - de / an dero ich durch ſeine gnade 20. jahr nach dem vermoͤgen / ſo er verliehen gearbei - tet habe / auch / wo es ſein gnaͤdiger wille ge - weſen / derſelben vollends die letſte tage mei - nes bereits anbrechenden alters auffzuopf - fern / verlangt haͤtte / in dieſe lande als Chur -a 3fürſt -Anſpruch. fürſtlichen Ober-Hoffprediger / Kirchen - und Ober-Conſiſtorial-Rath zu ſenden: Jn dem etwa ſchwehrlich jemand unter ih - nen ſeyn kan / welcher nicht einige wiſſen - ſchafft davon erlangt haben moͤchte.

Es will auch nicht eben noͤthig ſcheinen / ſie zu verſichern / daß ich der Goͤttlichkeit ſo - thanes gnaͤdigſten beruffs (ob mir wol ſol - chen zu erkennen aus vielen urſachen / liebe zu meiner wehrten gemeinde / anſehung mei - ner jahr / ſcheue vor der fremde / und noch un - gewohnter verrichtung / furcht vor ſchweh - rer verantwortung / und erkantnuß / wie viel mir zu ſo wichtiger ſtelle / dieſelbe nützlich zu verwalten / mangle / lange ſehr ſchwer wor - den iſt) gleichwol von dem gütigſten Him̃ - liſchen Vater auff unterſchiedliche art end - lich dermaſſen überzeuget worden ſeye / daß einiger zweiffel nicht übrig ſeyn konte / und alſo dieſelbe ſamt und ſonders ſicher glau - ben doͤrffen / daß ich nicht / allein aus menſch - lichem rath in dieſe lande gekommen / ſon - dern von dem jenigen / in deſſen hand all un - ſer thun und wandel ſtehet / warhafftig ge - ſchicket worden bin: deſſen ſeine wunder - bare Providenz ich in dem gantzen werck / je mehr ich daſſelbe noch ſeither erwogen / nichtandersAnſpruch. anders als mit tieffſter demuth und ver - wunderung zu verehren habe / auch des gu - ten vertrauens lebe / daß Sie nicht weniger die weiſeſte regierung des HErrn HErrn darinnen über und mit mir erkennen wer - den.

Nachdem ich nun hieher gekom̃en / und ſonderlich zu einem mitglied des jenigen Collegii, welches in ſeiner maaß die obere auffſicht der geſamten Churfürſtlichen Kir - chen ihm gnädigſt anvertraut zu verwalten hat / auffgenommen worden bin / dahero er - kenne / daß uns GOtt in einem weinberg auf unterſchiedliche art zu arbeiten geſetzet habe / ſo erkenne ferner billich / daß ein groſ - ſes zu fruchtbarerer verwaltung unſerer geiſtlichen verrichtungen daran gelegen ſeye / daß wir / als brüder / unſere hertzen in rechter liebe und einigkeit des Geiſtes ver - binden / auch unter uns ein ſolches vertrau - en ſtifften / welches nachmals ein mittel und gelegenheit wäre / viel gutes mit zuſammen geſetztem fleiß auszurichten.

Wie ich nun als ein fremdling herein kommende / kaum ein und andern gefunden / welchen anderwerts zu kennen GOtt gele - genheit gegeben hatte / ſo dann die hoffnunga 4auchAnſpruch. auch nicht haben kan / daß ich dieſelbe alle / oder auch nur die meiſte / hier in dieſem le - ben / dem fleiſch nach / werde kennen lernen / damit ich mein gemüth gegen ſie alle münd - lich bezeugen koͤnte; ſo habe bald anfangs eine gelegenheit verlangt / gegen dieſelbe ins gemein / weil es gegen jeden beſonders nicht geſchehen kan / vor dem angeſicht des HEr - ren mein hertz in Chriſtlicher einfalt und Theologiſcher aufrichtigkeit auszuſchüt - ten: deßwegen auch / da ich dieſes tractaͤt - lein / als das erſte an dieſem orte / auffgeſetzt / heraus geben wollen / ſolche meine abſicht in einem vertraulichen und brüderlichen an - ſpruch ins werck zu ſetzen mir in dem Nah - men des HErrn vorgenommen habe.

Daher ich dieſelbe hit mit ſamt und ſon - ders vor den augen unſers groſſen GOttes hertzlich angeredet haben will / und durch dieſe gelegenheit meine ſeele mit den ihrigen ſo viel genauer zu verbinden verlange / dabey den HERRN HERRN / deſſen ehr ich auch in dieſem ſtück warhafftig zum zweck unſerer vertraulichen freundſchafft / nach dero ich begierde trage / um ſeine gnade an - ruffe / daß / was aus treuem hertzen gehet / auch wieder bey ihnen allen treue hertzen fin - de.

An -Anſpruch.

Anfangs trage ſo wol das hertzliche ver - trauen zu denſelben / als bitte auch darum / ſich deſſen verſichert zu halten / wie mir der HErr von jugend auff die groſſe gnade ge - than hat / ihn aus ſeinem Wort in unſerer Evangeliſchen Kirchen zu erkennen / dahero ich ſolche lehr unſern Symboliſchen büchern gemaͤß / von den zarteſten kindes-beinen an gefaſſet habe / in meinen Academiſchen ſtu - diis ferner darinnen bekraͤfftiget worden bin / auch die zeit meines amts ſtaͤts ſolcher reinigkeit der lehre / nach dem liecht / ſo mir der HErr gegeben / mich befliſſen habe: daß alſo auch noch / ſo lang mich die himmliſche güte in dieſem leben / da wir zwar die wahr - heit noch nicht anders / als durch einen ſpiegel in einem dunckeln wort / erken - nen / dort aber erſt alles von angeſicht zu angeſicht ſehen werden / laſſen wird / einiger menſch aus meinem munde nichts hoͤren ſolle / was ſolcher Evangeliſchen Goͤttlichen und in unſern gedachten Kirchenbüchern gegründeten warheit zuwider waͤre. So hoffe ich auch / daß jemand einen rechtmaͤſſi - gen zweiffel hieran zu tragen nicht urſach haben werde / indem meine lehr ſo viel jahr in einer nicht nur an ſich ſelbs volckreichen /a 5ſon -Anſpruch. ſondern ſtaͤts auch mit viel fremden ange - füllten ſtadt offentlich angehoͤret worden iſt / und ich auch von allen unfern glaubens - articuln meine erkaͤntniß und lehre in un - derſchiedlichen von mir herausgegebenen büchern von guter zeit her jederman vor au - gen geleget habe: dawider biß daher mit be - ſtand niemand nichts auffbringen / oder ei - nen gerechten verdacht auf mich ziehen wird koͤnnen: wie ich hingegen / was im finſtern mauſet / und einem ehrlichen mann nicht ge - troſt ſelbs under das geſicht treten darff / bil - lich nicht zu achten habe / oder auch andere rechtſchaffene leute ſich jemal an etwas keh - ren werden / was aus des Fürſten der fin - ſterniß verleumdungs-art herkom̃et. Da - bey doch allezeit mich erboͤtig mache / jedem der in liebe und mit beſcheidenheit / da er ei - nigen ſcrupel aus einigen meinen worten gefaſſet zu haben meynte / zuſage / daß ihn freundlich hoͤren / und ſolche ihm mit grun - de zu benehmen / mich nicht beſchwehren wolle.

Nechſt dem verſichere auch dieſelbe ſamt und ſonders / daß ich nach beſtem meinem wiſſen und allem dem vermoͤgen ſo mir der HErr in gnaden jedesmal geben wird / diemirAnſpruch. mir auffgetragene ſtellen zu der kirchen / an dero geſamtem leib ſie jeder ſeines orts mit mir arbeiten / beſtem und beſſerung zu ver - walten / an meinem fleiß und treue niemahl ermangeln laſſen / ſondern trachten wolle / mit lehr / rath und leben mich alſo zu bezeu - gen / wie der kirchen heils begierige mitbrü - der von mir verlangen ſollen. Jch erkenne meine ſchwachheit / und weiß daß ichs noch nicht ergriffen habe / oder voll - kommen bin / aber dem nach jage / ob ichs ergreiffen moͤchte / was mir der himmliſche beruff vorhaͤlt: dahero ich nicht verſprechen kan / daß ſie nicht manches an mir gewahr werden koͤnnen / wo eine mehre - re weißheit / vorſichtigkeit / eiffer und ſorg - falt in meinem amt erfordert worden waͤre / ſie werden auch beſorglich underſchiedene ſchwachheits-gebrechen in meinem leben ſe - hen / deſſen ich mich ſchon bereits daraus be - ſcheide / weil ich wol weiß / und ſelbs fühle / daß ich noch in dem fleiſch lebe / und in dem - ſelben eben auch nichts gutes wohnet. Jn - deſſen traue ich vor dem angeſicht des HErrn / vor ihnen allen zu bezeugen / daß ich den ernſtlichen vorſatz gefaſſet habe / nach dem maaß der gnaden / welches mir ertheileta 6iſt /Anſpruch. iſt / mein amt nach allen deſſen ſtücken mir hertzlich angelegen ſeyn / und nicht von mir ſehen zu laſſen / daß ich in demſelben und in meinem leben eigene ehre / eigenen nutzen und bequemligkeit eines wollüſtigen lebens ſuchen / ſondern nach allem vermoͤgen trach - ten wolle / zu zeigen / daß ich von grund der ſeelen ſolchen uns angebohrnen lüſten des fleiſches und der welt taͤglichen abzuſterben verlange / und mich wol entſinne / wie viel mir / ja der Kirche ſelbs / daran gelegen ſeye / daß ich mich hüte / damit niemal von mir oder den meinigen / ſo ich under meiner auf - ſicht habe / aͤrgerniß entſtehe.

Wo auch jemand unter denſelben von mir oder den meinigen etwas jetzt oder künfftig hoͤren / oder geſehen zu haben / meinen ſolte / daß ihn deuchtete / dem hei - ligen ampt ſo ich trage unanſtaͤndig zu ſeyn / oder auch wo jemand gedaͤchte etwas zu ſe - hen / und mir an die hand geben zu koͤnnen / worinnen ich mein ampt nützlicher führen / oder das gute klüglicher und nachtrücklicher befoͤrdern koͤnte / habe ich hertzlich um ver - trauliche com̃unication zu bitten / und erbie - te mich auch willig / von einem jeglichen / von dem oberſten biß auff den geringſten (wie -wolAnſpruch. wol ich keinen in dem heiligen amt geringe halte) das jenige anzunehmen / was er ent - weder vor guten rath in dingen / ſonderlich die mir als einem frembdlinge noch nicht ſo bekant ſind / zumbeſten der Kirche mir an hand geben / oder mich über das jenige / ſo ihm mißfaͤllt / erinnern wolte: um ſo wol in jenem die ſache reifflich zu überlegen / ob jede thuende vorſchlaͤge nützlich ſeyen / als auch in dieſem / wie gegründet ich ſeine ge - dancken achte / ihm vorzuſtellen / und alſo entweder ſeinen anſtoß ihn freundlich zu be - nehmen / oder auch ſeinen erinnerungen zu folgen. Wie ichs denn eine ſonderbare freude / und groſſe wolthat von GOtt ach - ten werde / wo er andere treue hertzen auch erwecket / die mir in liebe an hand geben / was ich vor mich nicht erkant haͤtte / ſo dann die an mein und der meinigen beſſe - rung brüderlich arbeiten wollen: daher ſich niemand von mir in dergleichen dingen eines verdruſſes ſondern freundlicher auff - nahm / und nach befinden / dancks und gehorſams / zu verſehen hat: maſſen auch hoffe das zeugniß meines gewiſſens und an - derer Chriſtlicher hertzen zu haben / daß ich bereits anderwertlich dergleichen nichta 7nurAnſpruch. nur von amts-brüdern / fondern eben ſo wol von andern frommen Chriſten mit liebe und ſanfftmuth / nicht aber vor einen eingriff in mein amt auffgenommen / da einige mich über etwas zu erinnern dienlich erachtet ha - ben. Welche hertzliche vertraulichkeit ich unter denen / die an einem leibe Chriſti glie - der ſind / je mehr und mehr eingeführet zu werden / wünſchte / ſie vor ein nicht ge - ringes ſtück der gemeinſchafft der heiligen achte / und von derſelbigen fleißigen übung vielen herrlichen nutzen der Chriſtlichen kir - chen hoffte.

Nechſt deme ſage ich auch aus treuem hertzen allen und jeden zu / wo ich nicht nur in meinem amts-verrichtungen (dero pflicht mich ohne das bereits dazu verbindet /) ſon - dern auch ſonſten jemand unter denſelben zu der kraͤfftigen verwaltung ihren heiligen ar - beiten oder ſonſten befoͤrderung ihrer billi - chen verlangen / und was ſie ſonſten von der liebe eines mit-bruders zu ſuchen haben / freundſchafft und gutes zu erweiſen / gele - genheit bekomme / es an mir nicht erman - geln zulaſſen / daß nicht aus aller treue und nach meinem vermoͤgen mit rath und that an die hand gehen / und alſo meine liebe gernthaͤtigAnſpruch. thaͤtig bezeugen wolte. Jch ſage aber billich nach meinem vermoͤgen / über welches keiner ein mehrers von mir zu fordern recht hat / und ich deswegen alle hertzliche bitte / daß wo nicht eines jeglichen verlangen alle - mal erfüllen kan / es meinem willen nicht zu - zuſchreiben / ſondern zu gedencken / daß es dinge ſeyn koͤnnen / die entweder allerdings über meine gewalt / oder nicht in meiner ei - nigen hand ſtehen / offters auch ſo bewand ſind / daß nicht allen zugleich willfahret werden kan / ſondern da einer allein ſeinen wunſch davon traͤget / die andere nothwen - dig eine weile zurück ſtehen müſſen: zu ge - ſchweigen wo es etwan / welches ich niemal zu geſchehen wünſche / ſolche dinge ſeyn ſol - ten / darinnen nicht ohne ſunde wider GOtt und ſeiner gemeinde / oder auch wider die an - dern ſchuldige liebe eines mannes begehren / willfahret werden koͤnte: welches denn bil - lich niemand zumuthen ſolle.

Wie ich nun hiermit vor dem angeſicht GOttes und ſeiner kirchen meine erklaͤ - rung gegen ſie thue / alſo bitte auch freund - brüderlich und hertzlich / ſie wollen mit gleicher liebe gegen mich geſinnet ſeyn und bleiben / damit unſer umgang unter einan -der /Anſpruch. der / ſo lange uns der HErr beyfammen laſſen will / nichts anders ſeye / als eine lau - tere übung hertzlicher liebe und vertrauens untereinander / welches wol meine iñiglichſte freude ſeyn ſoll / und mein gantzes lebẽ nechſt Goͤttlicher gnade ſelbs / iñig verſüſſen mag.

Laſſet uns aber auch hiemit insgeſamt den bund vor dem HErrn mit einander ma - chen / daß wir gleich wie unter einander in liebreicher freundſchafft zu leben uns vor - nehmen / alſo auch das werck deß HErrn nach unſerer obligenden pflicht / jeglicher nach allen ſeinen beſten kraͤfften zu befoͤr - dern / uns wollen angelegen ſeyn laſſen / und zeigen / daß wir uns thaͤtlich vor die jenige halten / und alſo darſtellen / die der HERR aus der gemeinen verderbnus der welt / des - wegen durch einen heiligen beruff aus - geſondert / und ſeinem dienſt gewidmet habe / damit wir mit Lehre und leben jenem verderben in ſeiner krafft nachtrücklich ſteu - ren / und was ſonſten faſt zuſammen fal - en will / auffrecht erhalten helffen ſollen.

Wir haben darzu urſach über urſach: Wir wiſſen 1. ins gemein / was vor ein ſchweres und wichtiges amt uns der HErr ſamt und ſonders durch ſeinen rath anver -trauetAnſpruch. trauet hat / da es nicht um unſere oder an - derer leute leibliche wolfahrt / ſondern unſerer und der Zuhoͤrer ſeelen ewige ſelig - keit zu thun iſt / da wir auch jene / oder unſer eigen heil / nicht erhalten koͤnnen / wo wir nicht auch die andere zu erhalten uns euſ - ſerſt laſſen angelegen ſeyn. Ach ſo laſſet uns ja keiner einigen ſeelen verluſt gering achten / und uns alſo einer jeden / als viel von uns geſchehen kan / ſo viel als unſerer eigenen / hertzlich annehmen / damit wir vor dem HERRN getroſt dermaleins erſcheinen / und nicht zu ſchanden werden doͤrffen am tage der erſcheinung deſſelbigen / welche uns deswegen billich ohnausgeſetzt vor augen ſtehen ſolle. Wir wiſſen ja / was unſer Heyland allen ſaget / und wir aus ſeinem munde andern vorpredigen / Matth. 16 / 26. Was hilff es dem menſchen / wenn er die gantze welt gewinne / und nehme doch ſchaden an ſeiner ſeele: oder was kan der menſch ge - ben / damit er ſeine ſeele wieder loͤſe? Was würde es alſo auch uns helffen / ob wir unſer leben im ehrenſtand und von je - derman geliebt und geehrt zubraͤchten / und müſten endlich nicht wegen unſers nichttreulichAnſpruch. treulich verwalteten amts zur hoͤlle fahren. Ach daß wir hieran / und daß uns unſer würdiges amt an ſich ſelbs von der gefahr der verdamniß nicht befreye / ja ſie viel eher vermehre / und alſo ein prediger viel leichter als andere ins verderben fahren koͤnne / flaͤts gedencken / und uns ſolches zu einem heiligen ſchrecken und furcht vor GOtt die - nen / daß wir vor allen andern mit furcht und zittern ſchaffen / daß wir ſelig werden. Woluns / wo uns dieſes ſtaͤts vor augen ſtehet!

Laſſet uns bedencken 2. wie uns zu ſo viel rechtſchaffener verrichtung unſerer amts - pflicht auch eben dieſes ferner antreiben ſol - le / daß uns der HErr zu den kirchen dieſer lande geſetzt habe / welche er vor allen an - dern ſo hoch gewürdiget / daß er zu unſrer urgroß-eltern zeiten das helle liecht des Ev - angelii durch ſeinen theuren Rüſtzeug Lu - therum in denſelben zu erſt wieder hervor brechen / und die Paͤpſtiſche finſterniß kraͤfftig vertrieben werden laſſen. Dieſe theure beylage des wahren und Goͤttlichen Evangelii hat der Himmliſche-Vater auch auff uns noch / uneracht bisherigen un - dancks / aus unverdienter gnade erhalten;WieAnſpruch. Wie nun alle auff die beybehaltung deſſen herrlichen Kleinods fleißig gedencken ſollen / ſo liget vor allem uns Predigern / als den verwahrern und theſaurariis derſelben / hoͤchlich und von GOttes wegen ob / daß wir alles / was zu deſſelben erhaltung er - ſprießlich / mit hoͤchſtem fleiß zu thun uns angelegen ſeyn laſſen: und alſo / daß wir weder etwas davon ſelbs verſäumen / noch entweder / wo wir dem Evangelio nicht wür - dig wandelten / oder ſolchen wandel nicht bey unſern zuhoͤrern mit allem fleiß befoͤr - derten / eben dadurch verurſachen / daß der HErr ſeinen leuchter von ſeinem ort bey uns wegſtieſſe. Wie ſonſten gemeiniglich GOtt der HErr die jenige ort und lande am haͤrteſten und mit ſchwehrſtem zorn heimgeſuchet hat / welchen er vorher die reichlichſte gnade ſeines liechts und wahr - heit gegoͤnnet gehabt / dieſe aber ſich derſel - ben nicht danckbarlich gnug gebraucht ha - ben: wie dorten Matth. 12. unſer Heyland den ſtaͤdten Capernaum / Corazin und Bethſaida hart trohet / daß / wie ſie biß an den Himmel erhoben geweſen / ſie wieder biß in die hoͤlle hinunter geſtoſſen werden ſollen / weil ſeine meiſte thaten und pre -digtenAnſpruch. digten bey ihnen geſchehen waren / und ſie al - ſo vor Tyro und Sidon ſo viel mehrere wol - thaten empfangen / aber eben deſto ſchweh - rere ſtraffe erwarten müſſen. Wahrhafftig ich kan an die dieſen landen erzeigteignade nicht gedencken / daß nicht alſobald ein ſchꝛecken bey mir entſtehet / wañ ich dabey be - trachte / wie deroſelben etwa bis daher mag begegnet worden ſeyn. Nun / meine wehrte Brüder / ob wol ſolche allgemeine gerichte um die zeit der ſtraffen uns nicht allein be - treffen / ſondern ein gantzes land / als von dem ſie ins gemein verſchuldet werden / ſo laſſet uns doch gedencken / wir ſeyen unter den erſten / die davon zu leyden haben / und lige uns vor allen andern ob / daß / wie wir bey uns / alſo auch bey andern die buſſe be - foͤrdern / dadurch der zorn des HErrn ver - ſoͤhnet werden mag: Sind wir darinnen ſaͤumig / ſo wird uns mit ziemlichem recht ein groſſes der unglücke zugeſchrieben / wel - che wir in treulicher verrichtung unſers amts auch von andern haͤtten abwenden ſollen und koͤnnen.

Sonderlich laſſet uns hierzu 3. bewogen werden durch das anſehen der ſchweren ge - richte GOttes / welche wir vor augen ſe -hen /Anſpruch. hen / wie ſie unſren geſamten Kirchen tro - hen / da gewißlich unſre Saͤchſiſche auch keine freyheit davor auffzeigen kan. Wir ſehen vor uns / (welches mich faſt mehr als alles andere aͤngſtet) den elenden zuſtand unſerer Kirchen und dero beſchaffenheit in ihr ſelbs: wo wir faſt lange ſchon ſagen müſſen / der feind habe alles verderbet im Heiligthum. Es ſtehet ja alſo mit derſel - ben in vielen ſtücken / daß man auch zu ſor - gen hat / ob ſchon kein euſſerlicher feind uns angriffe / daß es in die harre mit unſerm we - ſen nicht gut thun werde / ſo gar will alles zerfallen / wancket / krachet / und loͤſen ſich manche bande auff / die anderes zuſammen halten ſolten. Will man denn helffen und beſſern / ſiehet man keinen fortgang / ſon - dern thut ſich der zuſtand der gerichte da - rinnen hervor / daß uns GOtt ſcheinet geworden zu ſeyn / wie ein bronnen der nicht mehr quellen will / Jer. 15 / 18. alſo gar / daß manche beſtgemeynte und an ſich wahrhafftig gute vorſchlaͤge in dem ausgang offt mehr ſchaden als nutzen brin - gen müſſen; welches ſehr ſorgliche gedan - cken machet / ob der HErr ſich bereite / von uns zu weichen / und uns allen ſegen zu ent -ziehen.Anſpruch. ziehen. Wie dann gewiß / wer mit etwas er - leuchteten augen den zuſtand aller orten an - ſiehet / mit ſchrecken mehr warnehmen wird / als er faſt zu ſagen getrauet.

Sehen wir ferner um uns / ſonderlich auf das Roͤmiſche Papſtthum / ſo ſehen wir gleichfalls / wie das hochmüthige Babel immer mehr und mehr das haupt empor he - bet / und an dem ſcheinet zu ſeyn / den hoͤch - ſten gipffel ſeiner von GOtt verhengten gewalt zu beſteigen. Daher ihm bey etlichen jahren her alles nach ſeinem willen gelingen müſſen / daß man erſchrickt / ob denn der HErr ſelbs das ihm feindſelige reich erhebe / und damit ſein mißfallen an unſerm un - danck offenbar bezeuge. Wir wiſſen fer - ner / wie ſolche feinde gegen uns geſinnet ſeyen / und daß ſie uns laͤngſten vor verbañ - te ketzer erklaͤret haben: wo nichts mang - let / als daß der HErr nur noch die wenige bande oder daͤmme / damit er ſie etwa zurück haͤlt / zerriſſen werden laſſe / ſo mag uns dero gewalt überſchwemmen / wie eine aus - brechende fluth oder übergieſſender ſtrohm die felder und gründe verderbet. Und dürf - fen wir uns da auff menſchlichen arm nicht viel verlaſſen / dann wo uns der HErr inihreAnſpruch. ihre haͤnde gibet / wer will dann helffen? Viel eher iſt zu ſorgen / daß alles / was wir uns zu retten in dem weltlichen vornehmen moͤgen / uns das verderben nur deſto eher und grauſamer auff den hals ziehen werde. Damit wir ja die gerechtigkeit des HErrn auch an uns fühlen / nach dero es recht iſt / wo man die liebe zur wahrheit (nicht nur der lehr-wahrheit zu buchſtablicher er - kaͤntniß und vertheidigung / ſondern auch des rechtſchaffenen weſens / das in Chri - ſto JEſu / Epheſ. 4 / 21. und in der lebendi - gen erkaͤntniß iſt /) nicht annehmen (oder angelegenlich verwahren und erhalten) wollen / daß man ſelig worden waͤre / daß GOtt kraͤfftige irrthum ſende / daß man darnach glaube der lügen / auff daß gerichtet werden alle / die der wahrheit nicht glauben / ſondern haben luſt an der ungerechtigkeit. 2. Theſſ. 2 / 10. 11. 12. Wie nahe dergleichen uns ins gemein vorſchweben mag / ſiehet auch faſt ein halb blinder / ob wol / wie weit das Goͤttliche verhaͤngniß ſich in zeit und ort erſtrecken werde / ich zu beſtimmen die vermeſſenheit nicht nehmen will. Jn ſol - chem zuſtand / Wehrteſte Brüder / ſtehetunſe -Anſpruch. unſere Kirche. Ach! ſo haben wir ja / ſo lang uns der HErr noch zeit gibet / dahin zu trachten / daß wir dieſe in acht nehmen / und nützlich in unſerm amt anwenden. Wir moͤchten ſagen mit Chriſto Joh. 9 / 4. Wir müſſen wircken die wercke des / der uns geſandt hat / ſo lang es tage iſt / es kommt die nacht / da niemands wirckenkan. Ja laſſet uns gedencken / der HErr ruffe uns ſelber noch zu Joh. 12 / 35. Es iſt das liecht noch eine kleine zeit bey euch. Wandelt / dieweil ihr das liecht habt / daß euch die finſterniß nicht überfalle. Thun wir dieſes / wer weißt / ob und wie viel wir von den Goͤttli - chen gerichten in wahrer buß / da wir ſie ſelbs thun und andere thun machen / von unſern gemeinden und uns ſelbs abwenden moͤgen? Auffs wenigſte wirds uns ein troſt ſeyn am tage ſolcher gerichte / daß wir an unſerer ſeit unſerm Jeruſalem zu helf - fen und zu rathen nichts unterlaſſen ha - ben / und wir alſo der dem lieben Baruch gethanen verheiſſung genieſſen moͤgen / Jer. 45 / 2.5. Wenn wir groſſe dinge nicht ausrichten / und es dabey bleiben ſolle / daß der HErr abbreche / was er gebauet hat /daßAnſpruch. daß er ausreute / was er gepflantzet hat / ſamt ſeinem gantzen eignen lande / und er alſo un - glück kommen laſſe über alles fleiſch / daß er uns doch unſere ſeele zur beute gebe / an welchen ort wir ziehen. Worauff wir uns gewißlich gefaſſt halten müſſen.

Wie uns nun alle dieſe angefuhrte dinge vermahnen ſollen / daß wir alles unſer ver - moͤgen zuſam̃en ſetzen / unſer amt / als lang wir gelaſſen werden / treulich zu thun / ſo ſoll 4. nicht weniger uns zu demſelben auch an - treiben: weil wir ja nicht werden laͤugnen koͤnnen / daß es einmal in unſerer Kirche nicht ſtehe / wie es billich ſolte. Wie es dann nicht ſo ſonderlich erleuchteter augen / ſon - dern allein eines richtigen verſtandes und unpartheyiſcher überlegung / bedarff / wo man die art / wie es in unſerer Kirchen nach Chriſti regel und ordnung / ſtehen ſolte / ge - gen den augenſchein haͤlt / den unterſcheid als zwiſchen tag und nacht zu erkennen. Al - ſo / daß / wo ein Jeſaias nochmahl heut auff - ſtehen ſolte / er von dem geiſtlichen zuſtand unſers Teutſchen Evangeliſchen Juda und Jeruſalem ſagen würde / was er vor deme geſagt c. 1 / 5. 6. Das gantze haupt iſt kranck / das gantze hertz iſt matt / vonbderAnſpruch. der fußſolen biß auffs haupt iſt nichts geſundes an ihm / ſondern wunden und ſtriemen und eyterbeulen / die nit gehefftet / noch verbunden / noch mit oͤle gelindert ſind. Die durchgehung der ſtände wird uns dieſe warheit ſo vorſtellen / daß der jenige muthwillig die augen ſchlieſ - ſen muß / welcher ſie nicht erkennen wolte. Jch hoffe auch nicht / daß uns die eigne liebe ſo weit verblenden ſolle / unſern eignen zu - ſtand von dem allgemeinen verderben aus - zunehmen / der gewiß denen andern gleich / wo nicht gar in demſelben viele urſach auch der übrigen verderbniß anzutreffen iſt. Wie ich nicht laͤugne / wo ich an denſelben geden - cke / daß mir dabey faſt mehr / als bey den an - dern / das hertz entfaͤllet / und mich GOtt in ſolchem anblick ſehr demüthiget. So laſſet uns denn vor dem angeſicht des HErrn mit einander uns verbinden / daß wir die gnade Gottes / uns wiederfahren / nicht wollen vergebens ſeyn / noch uns als miedlinge / ſon - dern getreue hirten erfinden laſſen / denen es in nichts um ihre ehre / würde / gewalt / reich - thum / vortheil / bequemligkeit des lebens / und wornach das fleiſch ſo wol bey uns / als andern menſchen / weil es bey allen einerleynaturAnſpruch. natur hat / gelüſten moͤchte / zu thun ſeye / ſondern lauterlich um die ehre des HErrn und unſrer Kirche beſtes lieber bey deroſel - ben / wo es noͤthig ſeyn wolte / und ihre erbau - ung es erforderte / auch armuth / verachtung ungemach und beſchwehrde zu leyden / ſo dann unſere kraͤfften ſo viel eher bey ihr zu verzehren / als etwas an uns und unſerer treue ermangeln zu laſſen: auf daß die klage Pauli einmal aufhoͤre / wann er ſonſten be - reits zu ſeiner zeit geklaget hat / Phil. 2 / 21. Sie ſuchen alle das ihre / nicht das Chriſti JEſu iſt.

Laſſet uns fleiß anwenden in unſern pre - digten / daß wir doch ſolches heilige amt / wo wir allemal vor der gemeinde des HErrn / die er mit ſeinem Gottes-Blut erworben hat / nicht als bloſſe menſchen / ſondern als geſandte Chriſti / aufftreten / und daher ja nimmermehr unſer eigen / ſondern warhaff - tig das Wort Gottes / rein und lauterlich vortragen ſollen / dermaſſen verrichten / daß es den zweck erreiche / dazu es verordnet iſt. Ach laſſet uns hertzlich ſtudiren / und das je - nige in der furcht des HErrn überlegẽ / was wir an der heiligen ſtaͤtte Gottes reden / und keine ehre darinnen ſuchen / die predigtenb 2ohneAnſpruch. ohne bedacht aus den ermeln heraus zu ſchütteln / wo bey ich wenig ſegen zu ſeyn bil - lich ſorge. Laſſet uns das Wort GOttes ſelbs unſer vornehmſtes buch ſeyn / aus de - me / und nicht ſo viel oder allein aus menſch - lichen büchern / das jenige zu lernen / was wir den gemeinden vortragen ſollen / dann da iſt die qvelle des lebendigen waſſers ohne einige vermiſchung / und die es daraus unmittel - bar ſchoͤpffen / richten gewiß mehr aus / als die es erſt aus den weit hergeleiteten men - ſchen canalen, wo es offt bereits vieles ſeiner rechten krafft verlohren / und gleichſam matt / oder doch ziemlich trübe worden / her zu holen ſich gewehnen. Laſſet uns befliſſen ſeyn / mit einem heiligen vorſatz an die arbeit des meditirens / concipirens und predigens zu gehen / daß wir den willen des HErrn un - ſern anvertrauten nach dem beſten vermoͤ - gen / wie wir es vor GOtt jedesmal zu ihrer ſelgen aufferbauung am nützlichſten erken - nen / und uns allemal der text dazu anlaß gi - bet / ohne aͤnderung vorzutragen. Laſſet uns das ſtraff-amt führen in heiligem eiffer vor GOttes ehre / in brünſtiger liebe zu der men - ſchen ſeligkeit / und in ſanfftmütiger erbar - mung gegen die jenige / welche wir ſtraffenmüſſen:Anſpruch. müſſen: hingegen nicht von uns geſaget werden / daß wir auch einmal ein fremdes feuer menſchlicher affecten, unbeſonnener hefftigkeit oder gar eigene rachſucht auff die Cantzelbraͤchten. Laſſet uns den ſaamen des Evangelii in die bereits umgepflügte hertzen treulich und eiffrig ausſtreuen / daraus doch alle ſaat und erde wachſen muß / und glau - ben / daß wir durch das bloſſe geſetz und don - nerende predigten nicht einen einigen men - ſchen warhafftig bekehret werden / ſondern daß ſolche ehre dem amt des Geiſtes in dem Evangelio gebühre: daß alſo zwar ſtarcke winde / erdbeben und feuer von dem HErrn hergehen / aber der HErr kommt noch nicht dadurch / ſondern in dem ſtillen fanfften ſauſen in die hertzen der menſchen / zu dero heilſamer bewohnung. Laſſet uns den leuten die herrliche gnaden ſchätze / des heils / die ih - nen von ewigkeit zugedacht / ihr theurer JE - ſus erworben / der Heilige Geiſt ihnen in der Tauffe geſchencket / und durch das Wort noch taͤglich vorleget / mit groſſem fleiß und verſicherung vorſtellen / damit ſie / wenn ſie der rechten wahren güter gewahr werden / ſo viel williger die übrige irrdiſche verleugnen / und um derſelben willen der ſünde nicht die -b 3nen.Anſpruch. nen. Laſſet uns aber nicht mit geringerem ernſt zeigen / in welcher ordnung der HErr uns zu ſolcher ſeiner güter genuß führe / und was der gnaden-bund GOttes hingegen von uns vor einen glauben und gehorſam erfordere. Laſſet uns den jenigen / die zu ſchwach ſind / nicht eben ſtarcke ſpeiſe geben / ſondern ſie an die wolverdauliche milch ge - wehnen: und alſo nicht hohe und ſolche din - ge predigen / welche zu begreiffen ſo wol viele ſtudia erfordert werden / als man derſelben zu der eigenen erlernung noͤthig gehabt / ſon - dern die nach der Apoſtoliſchẽ einfalt ſchme - cken / und gewißlich den innern und neuen menſchen am beſten ſtaͤrcken. Laſſet uns unſ - re zuhoͤrer in der erkaͤntnis der rechten war - heit gründen / und ſie hingegen wider die ih - nen gefährliche irrthume nach nothdurfft verwahren / aber die ſtreit-ſachen nicht vor das hauptwerck das wir zu handeln haben / achten / vielmehr wie viel wir davon zu weh - len / nach jeder gemeinde beſchaffenheit ab - nehmen und einrichten / unſer haupt-werck aber ſeyn zu laſſen / wie wir die lebendige er - kaͤntniß unſers HErrn JEſu in die ſeelen durch krafft des Geiſtes eintrucken moͤgen. Laſſet uns die articul von demſelben / ſeinerperſon /Anſpruch. perſon / amt und gütern / gleichſam unſer er - ſtes und letztes ſeyn / ſo dann die rechtferti - gung und heiligung / die wieder geburt und erneuerung unablaͤßlich treiben / wie wir in der rechtfertigung Chriſti verdienſt zu eigen bekommen / in der wieder geburt aus ſeinem ſaamen zu einer neuen natur geboh - ren werden / in der erneuerung aber ſein le - ben in uns ſpühren und üben. Dann dahin kommet endlich alles / und was wir ſonſten zu lehren haben / flieſſet aus dieſen / oder wird zu deroſelben articul gründlicher erkaͤntniß voraus erfordert. Laſſet uns / was wir von glaubens-articuln tractiren, nicht oben hin tractiren, ſondern alle gründlich / aber ein - faͤltig / den zuhoͤrern vortragen / auch die Schrifft alſo anführen / daß ſie allezeit ver - ſichert ſeyen / ſie hoͤren nicht unſer ſondern das lautere GOttes Wort / und daher ih - nen die ſprüche nicht bloß vor ſagen / ſondern fein deutlich / wie jedes in demſelben gegrün - det ſeye / weiſen / und ſie alſo durch die krafft des Worts in ihren ſeelen überzeugen / was die Goͤttliche warheit ſeye / als welches allein einen feſten und gewiſſen grund leget. Laſſet uns alle warheiten / wie ſie auch ihre früchte bringen ſollen / vorſtellen: als zum exempel /b 4daAnſpruch. da wir von Goͤttlichen eigenſchafften han - deln / weiſen / wie jegliche derſelben uns zum troſt dienen / odeꝛ zur ernſtlichen gottſeligkeit auffmuntern müſſe / wie ſie ſich auch in allen Goͤttlichen wercken offenbahr eshandeln wir von den gnaden-mitteln des worts der heil. tauff / des heiligen abendmals / daß wir aus - führen / wozu und warum wir derſelben be - doͤrfftig / und alſo was unſere noth ſeye / wie ſie alle krafft von dem verdienſt und gnug - thuung JEſu Chriſti haben / wie deſſen ge - horſam / leiden / tod / und auferſtehung in die - ſelbe gelegt und uns geſchencket werden / da - her Chriſtus in allen geſucht werden müſſe / was die güter eigenlich ſeye / welche wir dar - innen finden / wie ſie in dieſelbe kommen / wie wir derſelben thaͤtlich theilhafftig werden / wie ſie uns zu troſt und antꝛieb eines heiligen lebens dienen ſollen / wie ſie die mittel und ſie - gel des Goͤttlichen gnaden-bundes ſeyn / was derſelbe hinwieder von uns erfordere: handeln wir von unſerer ſeligkeit / daß wir gründlich ausführen / wie wir dieſelbe allein aus GOttes gnade her haben müſſen / und zwar nach dem wir die anerſchaffene ſelig - keit verlohren / und in die euſſerſte unſelig - keit gefallen ſind / daß uns allein ChriſtusdieſelbeAnſpruch. dieſelbe widerum ohne einiges unſer oder einiger creatuꝛ mitwircken erlanget / wie die - ſelbe in nichts irrdiſches beſtehe / ſondern in der wieder verſoͤhnung mit GOTT um in ſeiner gnade zu ſtehen / in wiedererneuerung des heiligen bildes ſo uns angeſchaffen ge - weſen / in innerſter vereinigung mit dem hoͤchſten gut; wie ſie uns auch ſolche wahre ſeligkeit in dem Wort und Sacramenten nicht nur verſprochen / ſondern thätlich ge - ſchencket werde; welches die güter ſeyen / in denen wir derſelben bereits jetzo würcklich genieſſen / und welcher vollkommene beſitz ſamt geſamter offenbahrung unſer noch warte / in deſſen daß keiner in jenem leben ſe - lig werde werden / der nicht ſchon vorhin ſe - lig geweſen iſt; wie es mit dem jetzigen genuß bewandt ſeye / und wie man ſolchen bey ſich ſpüre; wie uns derſelbe von dem weltweſen abziehe / in was heiligkeit er uns ſchon jetzo ſetze / und hingegen alles andere verleide / und was dergleichen mehr iſt / in dem man an ei - nem exempel alles andere leicht begreiffen kan. Handeln wir auch von tugenden und lebens-pflichten / ſo laſſet uns nicht ſtehen bleiben bey dem namen der ſelben / und etwa anführung einiger ſprüche / ſo darvon hau - deln / ſondern dieſe deutlich erklaͤren / daß un -b 5ſereAnſpruch. ſere zuhoͤrer recht faſſen / was eigentlich ſol - che tugend ſeye / wozu ſie uns verbinde / wie ſie aus unſerm bund mit Gott und aus dem glauben flieſſe / wie der zweck unſerer erloͤ - ſung und heiligung ſolche erfordere / wie ge - wiſſe glaubens-articul vieles gewicht dazu geben / welche mittel und betrachtungen ſie befoͤrdern / was ſie etwa vor grade habe / wo - rinnen der wachsthum deroſelben zu erken - nen / und ins geſamt wie ſie zu üben ſeye. Laſ - ſet uns ſonderlich den heiligen wandel und leben nicht aus dem geſetz eigentlich treiben / ſondern ob wir wol mit demſelben die her - tzen zur buſſe zu bereiten / und ihnen in dem - ſelben als in einem ſpiegel das jenige zu zei - gen haben / was der HErr von uns fordere / die meiſte ſorge laſſen ſeyn / wie wir durch das Evangelium den glauben bey ihnen pflantzen / und alſo den baum ſetzen moͤgen / aus deſſen eigener natur und art nachmal ſafftige und lebendige früchten wachſen moͤgen; ja ihnen immer zeigen / daß keine an - dere / als welche dermaſſen von innen heraus gehen / wahre GOtt gefaͤllige wercke ſeyen. Laſſet uns ihnen eigenlich vorſtellen / wie ſie ſich und ihre wercke zu prüfen haben / ob ſie wercke der natur oder der gnade ſeyen / derendieſeAnſpruch. dieſe allein vor GOtt angenehm ſind / jene a - ber bey allerbeſtem ſchein dañoch nicht war - hafftig gut ſind: zu welcher vorſtellung ich wunſche / daß dieſe meine wenige in deꝛ fuꝛcht des HErrn heraus gegebene arbeit in dem ſegen Gottes einige hülffe geben moͤge / und ich ſie alſo den jenigen unter ihnen / ſo dero - ſelben anleitung ihnen dienlich achten wer - den / hiermit freundlich recommendiret ha - ben will. Es iſt aber hier die gelegenheit nicht von dem jenigen / was wir in den predigten zu handeln haben / ausführliche unterwei - ſung zu geben / derer ſie auch groſſen theils von mir nicht noͤtig haben werden. Wo wir dañ ſolche wichtige und erbauliche materien vor uns haben / ſo laſſet uns nicht ſo wolbe - fliſſen ſeyn / wie wir ſie mit blumen der wol - redenheit und andern dingen / welche von menſchlicher gelehrtheit herkom̃en / viel aus - zihren / ſondern glauben / der deutlichſte und mit andern ſachen untermiſchte vortrag ſeye der nachtrücklichſte / ſo die hertzen am kraͤff - tigſten rühret / und habe gewiß allein das Wort Gottes / nicht aber einiges deſſen was wir andeꝛwerts herholen / die kraft in die ſee - len zu tringen: Wie mich deswegen allezeit die wort Pauli ſehr bewogen / und von allemb 6geſuch -Anſpruch. geſuchten fleiß menſchlicher zierlichkeit und kunſt-reden abgehalten haben / da erſagt 1. Cor. 1 / 17. Chriſtus hat mich geſandt das Evangelium zu predigen / nicht mit klugen worten / (c. 2 / 1. 4. nennet ers mit hohen worten hoheꝛ weißheit / und in vernünfftigen reden menſchli - cher weisheit.) Warum das? auff daß nicht das creutz Chriſti zu nicht wer - de; wie er auch an dem andern ort / denen vernüfftigen reden entgegẽſetzt / die bewei - ſung des geiſtes und der krafft / die er deswegen durch jene gehindert zu werden achten muß. Laſſet uns aber neben unſern predigten die Catechiſmus-information (ſo uns auch ſo gar in allen alten Churfürſtlichẽ Kirchen-ordnungen als ein ſtück unſers am - tes anbefohlen iſt /) treulich angelegen ſeyn / der gewiſſen verſicherung / daß ohne dieſelbe und ohne fleißlige unterꝛichtung der jugend / neben dero aber auch billich die alte mit zuzu - hoͤren haben / unſer predigen wegen der leute unverſtands meiſtentheils fruchtloß abgehe. Laſſet uns die / wie nicht zu leugnen ſtehet / zimlich ſchwere arbeit / ſo dabey iſt / von ſol - cher heilſamen ſache nicht abhalten oder traͤ - ge machen / die wir unſer leben dem HErrnundAnſpruch. und ſeiner gemeinde in unſerm amt auffzu - opffern bekantlich verpflichtet ſind. Laſt uns ſolche übung auch mit aller treue / ſorgfalt / fleiß (in dem wir vielmehr darauf zu ſtudiren haben / wie durch unſere lehr-arbeit die lern - arbeit der lernenden erleichtert werde / und die mühe mehr auff uns bleibe / als auff die lernende geweltzet werde) und ſanfftmuth anſtellen / alſo daß die leute durch eigen er - kaͤntnis des guten / was ſie dabey zu begreif - fen gewahr werden / ſelbſten luſt und verlan - gen dazu bekommen.

Laſſet uns auch in übrigem unſerm amt und verwaltung der geheimniſſen GOttes bey unſern zuhoͤrern / uns als treue haushal - ter erweiſen / mit willen keine ſeele zu verſaͤu - men / ſondern als viel müglich iſt / zu trachten daß wir dertreue Pauli nachahmen / da er von ſich ſagen konte Ap. Geſch. 20 / 27. 31. Er habe nichts verhaltẽ / daß er ihnen nicht verkündiget hätte alle den rath GOttes: und daß er nicht abgelaſſen habe / drey jahr / tag und nacht einen jeglichen mit thraͤnen zu vermahnen: auff daß wir auch ſagen moͤgen / wir ſeyen rein von dem blut derer / die gleichwol verlohren werden. Woriñen ich zwar hertz -b 7lichAnſpruch. lich wünſchete / daß in gewiſſen ſtücken unſe - re kirchen-verfaſſung uns mehrere gelegen - heit das jenige in die übung zu bringen / was des amtes zweck erſordert / an die hand gabe: indeſſen wir auch in entſtehung derſelben gleichwol thun müſſen / ſo viel in dieſem ſtande noch moͤglich iſt. Laſſet uns aber in al - lem dieſem wolbedencken / daß wir in unſerm amt / was uns obliget / ſo wenig aus eigenen kraͤfften verrichten moͤgen / als unſere zuhoͤ - rer auch zu erfüllung deſſen / was wir in Gottes namen von ihnen fordern / von ſelb - ſten unvermoͤglich ſind / und daher unſere zuflucht nehmen zu dem Vater des liechts / von dem alle gute und vollkommene gaben herkommen; daß wir alſo denſelben unab - laͤßlich tag und nacht um ſeine gnade anruf - fen / daß er uns tüchtig mache / zu ſeyn diener des Neuen Teſtaments / nicht des buchſtabens / ſondern des Geiſtes: ſo allein durch ſeinen Geiſt in uns gewircket werden muß: alſo laſſet uns glauben / es lige uns an ſolchem gebet ſo viel / ja mehr / als an allem unſerem ſtudiren und fleiß / als zu dem daſſelbe die gnade uns erlangẽ muß: ja es ſeye unſer gebet vor die gemeinde gleichfalls ei - nes der hauptſtücke unſrer pflicht an der ge -meinde /Anſpruch. meinde / und muß daſſelbe unſere ſaat begieſ - ſen / auff daß ſie durch das Goͤttliche gedeyen glücklich auffwachſe / und zur zeitigung ge - lange. Laſſet uns ja nimmermehr an unſre meditation, auff ſatz oder verrichtung der predigten ſelbs gehen / daß wir nicht auff un - ſern knyen vorerſt den HErrn angeruffen haͤtten / daß er doch in und durch uns reden und wircken wolle: Auch unſre zuhoͤrer fle - henlich um des HErrn und ihrer ſelbs wil - len erinnern / daß ſie doch inbrünſtig auch vor uns beten / und die jenige gnade / welche wir und ſie an uns noͤthig haben / er langen helffen: damit je eines gebet des andern ſchwachheit zu ſtatten komme / und die zu - ſammengeſetzte andacht vor dem thron der gnaden alles erhalte / welches gewiß das kraͤfftigſte mittel ſeyn wird.

Laſſet uns aber ferner auch / weil wir für bilder der heerde ſeyn ſollen / unſer leben al - lerdings nach den regeln unſers JEſu / die wir andern vorhalten / einrichten / und glau - ben / es gehe uns die übertretung derſelben ſo viel weniger / gegen andere gerechnet / hin / daß vielmehr unſers amts wegen jede unſere ſünden ſchwehrer ſind / ja daß wir um allen boͤſen ſchein zu meiden / manches mal gleich -ſamAnſpruch. ſam noch einige ſchritte in den jenigen din - gen zurücke bleiben müſſen / die wir noch an - deren zugeben moͤchten / vor uns aber eher einiges aͤrgernis verurſachen moͤchten. Laſ - ſet uns auch ſtets gedencken / daß wir ohne den fleiß eines heiligen lebens keine werck - ſtaͤte des heil. Geiſtes ſeyen / und alſo gehe beſorglich ſein werck durch uns auch nicht mit der krafft von ſtatten / wie es ſolte in dem wir weder ſein liecht und weißheit alsdenn erlangen / noch tüchtig ſind vor ſeinem ange - ſicht vor uns und unſer amt erhoͤrlich zu be - ten: Daher die verantwortung als denn auf uns kommet / alles des daher bey uns befind - lichen mangels und ausbleibenden ſegens / in dem wir mit ärgernis vielmehr nider ſchla - gen / als mit der lehre erbauen / ja das Wort des HErrn andern zum ſpott machen / und Atheiſtiſche gedancken in ihnen erwecken würden. Laſſet uns auch uns ſelbs ohne ſchmeicheley vor dem Angeſicht des HErrn immer prüfen / (zu welcher prüfung befoͤr - derung ich auch die vor deme unſerm ſtande vorgeſtellte prüfe-puncten hie wieder antrü - cken habe laſſen. ) und uns keine diſpenſati - on von dem jenigen machen / was der HErr in einigen ſtücken ſeinen jüngern von ver -laͤug -Anſpruch. laͤugnung ihrer ſelbs / auffnehmung des ereutzes und ſeiner nachfolge befohlen hat: daher unſer gantzes leben und amt alſo füh - ren / daß man warhafftig ſehe / wie wir der ehr / nutzen und wollüſten dieſes lebens abge - ſtorben ſeyen / alſo daß wir in nichts / am al - lerwenigſten aber in unſern amts-verrich - tungen oder aͤnderungen unſere bedienun - gen / etwas dergleichen ſuchen / vielmehr die ehre unſers theuren Heylandes / und das beſte ſeiner gemeinde lauterlich laſſen unſere abſicht in allen ſtücken ſeyn. Laſſet uns unſe - re haußhaltungen / weib und kinder / ſo viel an uns iſt / alſo anſtellen und goͤttlich regie - ren / daß unſere gemeinden an denſelben ei - nige ſpiegel der nachfolge haben / und nie - mand an denſelben geitz / hoch muth / pracht / welt eitelkeit / oder etwas anders Chriſten unanſtaͤndiges gewahr-werdende glaube / daß wir die gemeinde GOttes zu verſorgen nicht tüchtig ſeyen / weil wir unſere eigene haͤuſer in den gehorſam des HErrn zu brin - gen nicht wüſten. Laſſet uns mit allem ſol - chen / wo man an uns in lehr und leben rechte treue und von aller miedlings-art entfrem - dete Diener Chriſti / und werckzeuge des H. Geiſtes / die ſich von ihm regiren laſſen / ſihet /unſrewünſcheunſre zuhoͤrer befeſtigen / daß ſie deſto eher glauben / es ſeye das kraͤfftige und wahre Wort Gottes / das ſie von uns hoͤren / wel - ches ſo bald zu erſt bey uns ſelbs ſeine himm - liſche krafft erweiſet / hingegen unſern wi - der ſachern das maul geſtopffet werde / wo ſie unſere wahrheit auch um unſerer gebrechen willen laͤſtern wolten / daß ſie dazu keine an - laß finden / ſondern wir auch darinnen die Lehre unſers Heylandes zu rührung der ge - wiſſen derer / die gern wider ſprechen wol - ten / ziehren.

Laſſet uns alſo / ſo wol jeglicher auff ſich ſelbs und ſeine gemeinde acht geben / als auch auf ſeine mit - und amts-brüder / nicht nur die jenige / welchen die aufſicht auf andere al - lerdings auch amtswegen anbefohlen iſt / ſondern auch alle unter einander / daß ein nachbar oder freund / ſo an dem andern amts-bruder dinge ſehen moͤchte / welche er dem heiligen amt zu wider zu ſeyn glaubet / denſelben darüber brüderlich erinnere / oder wo es nicht helffen wil / den obern aufrichtig und aus eiffer vor GOttes ehre / auch der Kirchen beſtes / anzeige / damit allen aͤrger - niſſen vorgebauet / oder ſie bald abgeſtellet werden: worüber dañ keiner des andern / derſolchesAnſpruch. ſolches übel aufnehmen moͤchte (wormit er aber auffs neue ſein unchriſtliches gemüth bezeugte) unwillen und haß zu ſcheuen / ſon - dern vielmehr liebe zu Gott / ſeiner Kirchen / ja des ſündigen mitbruders ſeele / die zu ret - ten geſucht wird / ſeiner fleiſchlichen gunſt vorzuziehen hat. Ohne dieſes / wo nicht je ei - ner auch vor den andern und ſein wolverhal - ten / und alſo alle vor der gantzen Kirchen / und ſonderlich unſres ordinis wahren wol - ſtand / ſorget / iſt nicht alles wol auszurichtẽ. Wir müſſen aber ſolchen wolſtand unſers ordinis nicht dariñen ſuchen / daß mit derer / welche in demſelben leben / groben exceſſen und ſünden gelinde gefahrẽ / und ſie nur ver - tuſchet werden / ſondern daß wir weiſen / wir halten die heiligkeit des amts ſo hoch / daß wir keinen unter uns leyden oder vor einen mitbruder erkeñen wollẽ / der nit würdiglich wandele dem beruff / darzu wir geſetzt ſind.

Jnsgeſamt auch laſſet uns alle mehr und mehr / als rechtſchaffene brüder / unſere her - tzen unter einander verbindẽ in einigkeit des geiſtes mit dem bande des friedens / und - ten vor aller æmulation, mißgunſt / neid / und heimlichen oder offentlichen widerſtand in dem guten / vielmehr / was jeglicher durchGot -Anſpruch. Gottes gnade weißt / verſtehet und erfahren hat / was zu der allgemeinen und unſerer Saͤchſiſchen Kirchen wolfahrt und beſſe - rung dienlich / treulich zuſam̃en tragen / un - ter einander communiciren / und nach einer regel / auch einem lautern zweck der ehre Gottes miteinander an dem weinberg des HErrn arbeiten / und was wir haben / hal - ten / damit uns niemand unſre Crone neh - me / vielmehr wir alle ins geſamt mit groſſer freudigkeit / ſo wol wo die gerichte des HErrn auch bald mehr und ſchwerer über uns kom̃en moͤchten / derſelbigen / wann der HErr unſern glauben und gedult prüffen wolle / ſeines unfehlbaren beyſtandes und endlichen ſieges verſichert / erwarten / als auch vor ſeinem heiligen Thron dermaleins erſcheinen / und das zeugniß treuer Knechte / ſamt dem verſprochenen gnaden-lohn em - pfangen moͤgen.

Zu letſt bitte ich alle ſamt und ſonders / daß ſie dieſen meinen aus einfaͤltigem hertzen und in wahrer liebe / deſſen mir zeugniß gibet vor GOtt mein gewiſſen / gethanen an - ſpruch / in dem ich mich mit ihnen verbinden wollen / mit gleichem hertzen und libe auff - nehmen / und vor mich zu dem HimmliſchenVaterAnſpruch. Vater auch hertzlich beten wollen / daß mir derſelbe in dem liecht ſeines H. Geiſtes zu allen zeiten und bey allen gelegenheiten oder faͤllen ſeinen willen an mich / und an die jeni - ge / zu denen er mich vererdnet hat / lebendig zu erkeñen / und krafft denſelben zu vollbrin - gen geben und verleyhen wollt / daß ich mit freudigem auffthun meines mundes das Wort nicht nür in die ohren ſondern auch hertzen der jenigen rede / die mich hoͤren / zum beſten der hieſigen geſamten Kirche / und wahrem heyl unſerer gnaͤdigſten Herr - ſchafft: Jch verſichere hinwiederum / daß ich auch deroſelben ins gemein / ſo dann wel - cher und dero treue kundſchafft mir der HErr abſonderlich gegeben hat / beſonders vor deſſen heiligem Thron zu gedencken nicht vergeſſen werde / zu ſolchem liebes-werk aber mir und ihnen den Geiſt der gnadẽ und des gebets hertzlich wünſche und verlange.

Nu der groſſe GOtt und Himmliſche Vater / ſo uns aus ſeinem H. rath zuſam̃en gebracht / ſetze auch denſelben in vieler frucht ferner kraͤfftig in das werck: Er rüſte ſie im - mer mehr und mehr aus mit ſeinem Geiſt / mit dem Geiſt der weißheit und des verſtan - des / mit dem Geiſt des raths und der ſtaͤr -cke /Anſpruch. cke / mit dem Geiſt der erkaͤntniß und der furcht des HErrn; damit ſie in ihrem amt einen ſieg nach dem andern davon tragen / und mit vielen ſegen geſchmückt werden: daß ſie ſehen den ſamen des Goͤttl. Worts / den ſie in ſeinem nahmen ausſtreuen / glück - lich aufgehen / und nicht nur graß / ſondern auch aͤhren und zeitigen weitzen in den aͤhren zu reicher ernde bringen: Er wolle auch zu ihrer arbeit ſtaͤts noͤthige leibes - und ge - müths-kraͤfften beſchehren und erhalten / die hertzen der amtleute ſeines reichs und ſaͤug - ammen ſeiner Kirchen / ſo dann ihrer eigenen gemeinden zu ihnen wenden / daß ſie von je - nen aller ihnen noͤthigen hülffe / von allen aber aller würcklichen liebe / ſich getroͤſten moͤgen; ſie mit ſolcher liebe und dero früch - ten / auch übrigem ſegen ihrer haͤuſer / als mit einem ſtück ſeines gnaden-lohns / erfreu - en / und damit die laſt und verdrüßlichkeiten ihres amts verſüſſen: Jhr ſchutz und feurige mauer auch krafft ſein in den vorſtehenden trübſalen / und viele unter denſelben künff - tig wieder ſehen laſſen das heyl des heiligen Sions: insgeſamt aber alle / und mit euch auch mich / zu der ihm über jeglichen beliebi - gen zeit in die ſelige ruhe und herrlichkeit ein -füh -Anſpruch. führen / um unſers einigen Heylandes JE - ſu Chriſti / deſſen todes und aufferſtehung willen. Amen. Jch aber verbleibe ſchließ - lichen E. Hoch-Wol-und Ehrw.

Meiner Hochgechrten Herren und Amts-BrüderDreßden / den 2. Aprilis 1687.zu gebet und Chriſtlichen dienſten ſchuldig-williger
Philipp Jacob Spener / D.
Dem

Dem Chriſtlichen Leſer wünſche GOttes gnade und kraͤfftige deroſelben würckung in dem gantzen leben!

WAs ich in dem Tractaͤtlein von dem Frieden / ſo vor einem jahr / oder etwas drüber / heraus gegeben / gemeldet / wie nemlich daſſelbe aus gelegenheit meines ſo genannten Collegii pieta - tis den urſprung genommen / gleiches habe auch dißmal zu melden / daß die erſte anlaß zu dem gegenwaͤrtigen in eben gedachtem Collegio gege - ben worden ſeye. Denn in dieſem wurde eines mals von einer Chriſtli - chen perſon die frage aufgeworffen / wie man zu der prüfung des gewiſ - ſens die wercke der natur und dergnadeVorrede. gnade unterſcheiden / und alſo auch einige keñzeichen ſeiner wiedergeburt in dero früchten finden koͤnne / darauff ſie ſo bald wegen ihrer wichtigkeit mit fleiß unterſucht zu werden / würdig er - kannt / folgends in mehrern zuſam̃en - kunfften ſtückweiſe gehandlet / von je - dem / was der HErr demſelben zu er - kennen gegeben / offentlich beygetra - gen / und von mir nach der gewonheit allezeit zuſam̃en gefaſſt / von einem Chriſtlichen Holſteiniſchen Studioſo, Herrn NICOLAO Beckmannen / Miniſt. Candidato, der ſonſt in mei - nem hauſe und allemal dabey gewe - ſen / das von mir und andern vorge - tragene aufgezeichnet / endlich mir ſein manuſcript, wie auch das vorige von dem frieden / freundlich überlaſſen worden iſt / daß alſo der Chriſtliche Leſer auch ſolches guten Freundes fleiß vieles deſſen / was er hieraus faſ - ſet / mit zu dancken / davor ihm aber ſocvielVorrede. viel reichlichere gnaden-würckung GOttes / um in deroſelben ſeiner Kir - chen nützliche dienſt leiſten zu koͤnnen / hertzlich anzuwünſchen hat.

Jch habe aber nachmal der ſache offt weiter nachgedacht / und auch von andern guten freunden vernom - men / daß ſie vor ſehr nützlich hielten / da auch ſolche materie andern zu ihreꝛ erbauung offentlich vorgeleget wür - de. Daher ich bereits vor einem jahr die ſache vorgenommen / damal aber durch die zwiſchen gekommene Chur - fürſtliche vocation und verurſachte aͤnderung / annoch von dero werck - ſtelligung abgehalten worden bin.

Gegen das ende vergangenen jah - res aber habe ich gedachtes manuſcri - ptum Herrn Beckmanns wieder für - genom̃en / das meiſte der oꝛdnung und haupt-eintheilung behalten / aber al - les erſt auffs neue / ſo gründlich / als das mir verliehene maaß der gnaden zugegeben / wieder auszuarbeiten an -gefan -Vorrede. gefangen / und was uns damal noch nicht vorgekom̃en / zu erſetzen / folglich die materie alſo zu faſſen mich befliſ - ſen / wie ich hoffte / daß es denen ihrer gewißheit begierigen ſeelen zu einer ziemlichen anleitung (in dem doch darnach alles auf die ſorgfaͤltige prü - fung ſelbs nach dieſen vorgeſtellten regeln ankommen muß) dienen mag.

Es wird der Chriſtliche Leſer ſehen / daß ich mich nach müglichkeit der ein - falt befliſſen habe / und die ſache allein aus H. Schrifft / faſt ohne berührung einiger andern Autorum (ſo ſonſten / wo weitlaͤufftigkeit in dergleichen zu lieben waͤre / unſchwehr geſchehen koͤnte) vorgeſtellet. Da ich mir auch vor der verfertigung vorgenommen hatte / etzlicher Engellaͤnder von der - gleichen materien / die nach dem titel ziemlich auff dieſen zweck zu ziehlen ſcheinen / ausgegebene Schrifften durch zu gehen / und zu ſehen / ob dar - aus auch einiges zu weiterer ausfüh -c 2rungVorrede. rung der ſache und mehrer erbauung entlehnen koͤnte / ſo ſind mir doch der unvermutheten hinderniſſen ſo viele vor-hingegen die meß / in dero ich das wercklein heraus zu geben beſchloſſen hatte / ſo nahe auf den halß gekom̃en / daß auch ſolches unterlaſſen / und faſt ſchlieſſen müſſen / der HErr wolle nicht / daß / was Er vorher gegeben / mit anderm beytrag vermiſchet wür - de / weßwegen ich es / ohne allein / daß etzlicher gottſeliger perſonen erinne - rungen in einigen ſtellen mir zu ſtat - ten gekom̃en / alſo laſſen müſſen / wie es von mir abgefaſſet worden / und es nun in der furcht des HErrn alſo der Chriſtlichen Kirchen vortrage.

Den titul habe beliebt von der Natur und gnade / weil ich davor halte / daß alſo der rechte eigenliche innhalt am beſten ausgetruckt wer - den koͤnne. Zwar hat vor dem auch der berühmte Kirchen-Vater Augu - ſtinus unter eben dieſem titul de na -turaVorrede. tura & gratia ein buch an Timaſium und Jacobum wider die Pelagianer geſchrieben (ſo in Tom. VII. ſeiner wercke zu leſen) es iſt aber die abſicht deſſelben allerdings anders / daß des - wegen mich ſeiner nicht zu gebrau - chen vermocht habe.

Jn der tractation ſelbs habe mich nicht befliſſen / die ſachen nach der kunſt einzurichten / oder mich in einige theoretica tieff einzuſencken / ſondern als viel ich konte / alles auffs begreiff - lichſte / wie es in der praxi anzuwen - den / zu verfaſſen / daher auch die ab - theilung der tugenden nicht accurat (wo es etwan mehrere ſubdiviſiones gegeben haͤtte) ſondern auffs einfaͤl - tigſte angeſtellet worden. Es wird auch zuweilen faſt einerley an unter - ſchidlichen orten vorkommen / ſo ich aber nicht aͤndern wollen / in dem offt bey unterſchiedlichen tugenden einer - ley faſt deswegen wiederholet wer - den müſſen / damit jeder gemeine undc 3abſon -Vorrede. abſonderliche art deſto eigenlicher er - kant würde / wo beſſer iſt / daß etwas ſonderlich wichtiges unterſchiedlich mal wiederholet / als nur an einem ort / da es auch dienlich geweſen waͤre / ausgelaſſen würde.

Jch habe endlich hinden angehen - get / ſo wol die jenige gewiſſens-prü - fung-puncten der beyden obern ſtaͤn - de / welche ich 1686. in der furcht des HErrn meinem tractaͤtlein von dem mißbrauch und rechtem ge - brauch der klagen über das ver - dorbene Chriſtenthum / angehen - get / als auch etzliche ſtellen aus Tau - lero, der Teutſchen Theologia und Thom. de Kempis.

Zu dem erſten hat mich verurſa - chet / weil ich davor gehalten / daß es ſich gar eigenlich hieher ſchicke / und wie ſonſten hie die pflichten derer / wel - che aus der gnade GOttes würcken / in ihrem allgemeinen Chriſtenſtandbeſchrie -Vorrede. beſchrieben werden / denen beyden obern ſtaͤnden / an dero verhalten / ſo ein groſſes gelegen iſt / an die hand ge - ben koͤnte / wie ſie jenes allgemeine auch in ihren ſtaͤnden und dero ab - ſonderlichen verrichtungẽ anzuwen - den haͤtten. So viel mehr / weil ſolche allbereit durch die gnade Gottes nicht ohne nutzen auffgeſetzt zu ſeyn / mich der vortreffliche / hochberühmte und Chriſtliche Staatsmann / Herr Veit Ludwig von Seckendorff / Herr auf Oberzenna und Meu - ſelwitz ꝛc. Hochfürſtl. Saͤchſiſcher Geheimer Rath / mein groſſer Goͤn - ner uud Patron, verſichert / und dieſel - be ſo gar in die additiones ſeines herr - lichen Chriſten-Staats einzuru - cken gewürdiget hat: Jch habe ſie aber (ohne die ſchon bereits in ſolchem nachtruck auf meine anweiſung ge - ſchehene verſetzung der blaͤtter / ſo zu Franckfurt verſehen war worden) inc 4derVorrede. der ſache ſelbs ohngeaͤndert gelaſſen / wie ſie vor dem geweſen / damit durch einige inſerirung neuer fragen nicht zu curioſem nachſinnen urſach gege - ben werde / warum allhier in Sach - ſen ich dieſes und jenes erſt einflicken wollen.

Was aber den andern anhang an - langt / bin ich durch eine Chriſtliche perſon veranlaſſet worden / welche mir auf mein verlangen die ſtellen / da etwas von dieſer materie in ſolchen büchern befindlich / angemercket und zugeſand hat. Die urſach aber iſt die - ſe / den unſrigen zu zeigen / wie gleich - wol dieſe liebe leute / um die zeit / da ſon - ſten das liecht des Evangelii von der krafft der gnade GOttes nicht eben ſo klar / vielmehr ſehr verdunckelt ge - weſen / nicht nur die lehre von der Rechtfertigung und ſeligkeit / wie ſie allein aus der gnade GOttes / und nicht aus den wercken herkommen müſſe (dergleichen ſtellen zwar hiernichtVorrede. nicht / ſonſten aber von andern ange - führet werden / und wir ſagen moͤgen / daß unſer lieber Lutherus aus ſeinem Taulero wie anderes vieles gelernet / alſo auch zu ſolcher warheit aus der Schrifft zu kom̃en / von ihm gute an - weiſung gehabt habe) wohl eingeſe - hen / ſondern auch in der materie von der heiligung und von den wercken ſelbs die natur tieff erniedriget / hinge - gen die gnade allein hoch gehobẽ / und der wercke aus beyden unterſcheid ſtattlich bemercket haben. Solches liecht GOttes in dieſen Chriſtlichen Maͤnnern zu ſehen / hoffte ich / ſolle an - dern GOttliebenden ſeelen auch eine freude ſeyn. Zu geſchweigen / daß ich auch das vertrauen trage / daß der le - ſer aus den angeführten terten (dabey man den lieben leuten auch das jenige in liebe zu gut zu halten wiſſen wird / was ihnen aus ſchuld ihrer Kirchen und zeit annoch anklebet / und ſich un - terſchiedlich einmiſchet) von dieſenaltenVorrede. altẽ Lehrern einiges auch tieffer grün - den werde koͤnnen / als ich mit eignen worten zu thun nicht vermocht / aber auch lieber alle ſolche ſtellen abſonder - lich beyſammen laſſen / als zerſtückelt da und dort hin in das meinige einfli - cken habe wollen; in dem ich jenes er - baulicher gehalten.

Jſt alſo nichtsübrig / als daß ich den Chriſtl. Leſer erinnere / wo er dieſe Schrifft zu leſen würdigen wird / daß er ſich auch derſelben zu ſeiner erbau - ung gebrauche / ſeine wercke nach ſol - chen regeln zu forſchen / und ſtaͤts zu trachten / daß er die jenige proben an ſich habe / die ſeinen wercken der gna - den wirckung / ihm ſelbs aber des gna - den-ſtandes verſicherung geben moͤ - gen / welche gewiß herrlicher iſt / als al - le andere güter dieſer welt: wer aber ſolche kennzeichen erkañt / und ſich nit darnach ſchicket / hat billich zu geden - cken / daß damit ſein gericht nur deſto ſchwerer werde werdẽ / dazu durch die -ſesVorrede. ſes wercklein einige anlaß mit gegeben zu haben / und da es auch einigen ein geruch des todes zum tode werden würde / mir ſonderlich leyd thun ſolte: wie wol ich weiß / daß ſolches der gott - ſeligſten bücher / ſo wol als des Worts Gottes ſelbs / glück oder unglück ge - meiniglich zu ſeyn pfleget. Der HErr HErr / welcher willig iſt / in allen ſol - chen zu würcken / die ihm platz laſſen / ſegne auch dieſe in ſeiner furcht aufge - ſetzte aꝛbeit zu einiger frucht und beſſe - rung in ſtaͤrckung der ſchwachen / und überzeugung derer / welche bis dahin aus unwiſſenheit oder vorſetzlicher nachlaͤßigkeit und unterlaſſung der prüfung ſich ſelbs betrogen habẽ / um alsdeñ fleiß anzuwenden / daß ſie von dem erbarn und ſittlichen leben / in de - me ſie ſich Gottes noch nicht troͤſten koͤnnen / warhafftig zu dem Chriſtli - chen leben des Geiſtes gelangen / und in demſelben den reſt ihrer zeit zubrin - gen moͤgen. Ach daß ſeine krafft ſichmehrVorrede. mehr und mehr ausgieſſe über alles fleiſch / zu erleuchten / was in finſterniß der unwiſſenheit oder irrthume / nicht nur allein was die lehre / ſondern auch dero früchten anlangt / ſtecket / zu len - cken / was widerſpenſtig bißher gewe - ſen / zu ſtaͤrcken das ſchwache: damit wir ſehen / daß die gnade ſtaͤrcker ſeye / als die verdorbene natur und der jeni - ge / der ſeinen ſchlangen-ſaamen in ſie ausgegoſſen hat / und alſo jene endlich ſiegreich überwinde / ja daß Chriſtus mit ſeinem leben / ſo er in den men - ſchen wircket / und in der Goͤttlichen Natur / dero er die ſeinige / welche flie - hen die vergaͤngliche luſt der welt / theilhafftig zu machen zugeſagt / al - lenthalben herrlich hervor leuchte / und es alſo am abend / nach dem jetzi - gen elenden tag / da es weder tag noch nacht iſt / recht liecht werde / zu des Himmliſchen Vaters und ſeinem ewigen preiß / Amen.

Jm1

Jm Nahmen JE SU / Amen!

§. 1.

ES iſt eine ſehr wichtige materie / an dero vieles zur übung des wahren Chriſten - thums und erkaͤntniß unſers zuſtandes gelegen iſt / daß wir / was Natur und Gnade ſeye / wohl zu unterſcheiden wiſſen. Wir nen - nen aber Natur / nicht die jenige art und natur / wie ſie bey dem menſchen annoch in dem ſtande der unſchuld geweſen; denn damal war dieſe vollkommen / heilig und gerecht / und der menſch eine angenehme wohnung GOttes / deſſen bild er trug / daher derſelbe immer in dem menſchen wir - ckete / und alle deſſen wercke / gleich wie des menſchen ſelbs / aus der anerſchaffenen heiligen natur / alſo auch des in ihm woh - nenden und mit-würckenden GOttes wa - ren: Sondern wir verſtehen unter ſolchem nahmen die kraͤffte des menſchen / wie ſie noch nach dem fall übrig ſind / daß derAmenſch /2menſch / wie ſeine leibes-glieder und dero ſtaͤrcke / alſo auch eine ſeele / und dero kraͤff - ten / verſtand / willen / gedaͤchtniß / affecten an und in ſich hat / welche noch etwas zu be - greiffen / zu thun / zu wircken ein vermoͤgen haben / aber doch ſo verdorben ſind / daß / was ſie begreiffen / thun und wircken / nie - mal alſo / wie es ſeyn ſolte / ſondern mangel - hafft und mit ſünden beflecket iſt / daher dem heiligen und gerechten GOtt nicht gefallen kan.

Gnade heiſſet hingegen in dieſer mate - rie / nicht alles / was von Gott koͤmmt / denn ſo waͤre die natur / als auch ein geſchoͤpff Gottes / der uns aus ſeinem gnädigen wil - len geſchaffen hat / eben ſo wohl gnade / dero ſie doch hie entgegen geſetzet wird (dahero einige den unterſcheid unter der gnade des erſten und dritten articuls machen / der gnade der ſchoͤpffung und der heili - gung / auf welche letztere wir aber allhier ſe - hen) ſondern die gnaͤdige wirckung des heil. Geiſtes in uns / darmit er uns heiliget / wie - dergebiehret und erneuert / zuſamt der jeni - gen neuen natur und krafft / welche er in uns in der wieder geburt gewircket und geſchaffẽ hat / daher ſie den nahmen ihres urſprungsauch3auch traͤget / und weil ſie aus der gnade GOttes herrühret / auch gnade genennet wird. Alſo / wo gefragt wird / ob / zum exem - pel / ein werck aus der gnade oder aus der natur herkomme? wird ſo viel gefragt / ob ſolches werck allein aus des menſchen na - türlichen kraͤfften gewircket worden / ohne die heiligende krafft des heiligen Geiſtes? oder ob der heilige Geiſt uns ſelbs zu ſol - chem werck angetrieben habe / und daſſelbe durch die neuen kraͤfften / die er uns in der wiedergeburt gegeben / verrichtet worden ſeye?

§. 2.

Nechſt dem iſt ferner zu mercken / daß in der frage / ob etwas aus der natur oder der gnaden ſeye / der gegenſatz der bey - den nicht ſo abſolutè und bloß dahin ge - nommen werde / daß bey der gnade nichts von der natur waͤre / bliebe / und in dem wir - cken dero kraͤfften gebraucht würden / und alſo alle die menſchliche kraͤfften ſich nicht anders in den Goͤttlichen wirckungen hiel - ten / als ein ſtill-ligender klotz. Welches falſch iſt / und von unſerer Kirche billig ver - worffen wird. Weswegen wir auch in heiliger Schrifft zu den Goͤttlichen wer - cken / die GOtt in uns wircken muß / gleich -A 2wohl4wohl vermahnet werden. Daraus zu ſe - hen iſt / daß es nicht wercke ſeyn müſſen oh - ne einiges mitwürcken der natürlichen kraͤffte / und mit dero voͤlligem ſtillſtand / ſondern daß es wercke GOttes in uns / und durch uns ſeyen. Wir müſſen trachten nach dem Reich GOttes und nach ſeiner Gerechtigkeit. Matth. 6 / 33. wel - ches trachten unterſchiedliche wirckungen unſers verſtandes und willens erfordert / die aber doch nichts vermoͤgen in ſolcher ſache / als was der HErr ſelbs nicht auſſer ſon - dern in ihnen wircket. Alſo werden dann aus den heiligſten wercken / welche aus der gnade geſchehen / ja wo wir auch von denen jenigen reden / welche aus unmittelbarem trieb des heiligen Geiſtes verrichtet werden / die kraͤffte der natur nicht bloß ausgeſchloſ - ſen. Wo Paulus / der nicht etwas reden dorffte / wo daſſelbe nicht Chriſtus in ihm wirckete / Rom. 15 / 18. das Evange - lium in ſolcher krafft des Geiſtes predigte / war es gleichwohl ſein natürlicher veꝛſtand / den das licht des heiligen Geiſtes erfüllet hatte / in dem er ſeine concepten und reden formirte / aus dem er auch / wie er alſo er - leuchtet war / das wort GOttes vortrug:es5es war ſein angebohrner wille / welcher aus der gnade des heiligen Geiſtes mit liebe und eyffer zu GOttes ehre erfüllet / ihn triebe nichts zu achten / und keine gefahr zu ſcheu - en / die einen bloſſen menſchen von der er - kaͤntniß Chriſti und von der predigt des Ev - angelii haͤtte abhalten und abſchrecken koͤn - nen: es war ſeine natürliche zunge und re - dens-krafft / mit dero er redete / was der Geiſt durch ihn ſprechen wolte. Dahero / wie ſonſten die gegenwaͤrtigkeit ſeines leibes ſchwach war / ſo bliebe auch ſeine rede (auch wenn der heilige Geiſt durch ihn redete) veraͤchtlich. 2. Cor. 10 / 10. und hatte umb dieſelbe zeit in dem aͤuſſerlichen nichts beſonders vor andern malen / da er als ein bloſſer menſch redete. Wie daher nicht unbillig bemercket wird / daß der heili - ge Geiſt / wo er durch die heilige menſchen Gottes geredet / und ſie zu reden und ſchrei - ben angetrieben / daher auch die wort ihnen eingegeben gleichwohl es alſo gehalten ha - be / daß bey jeglichem ſein ſonſt gewoͤhnlicheꝛ ſtylus, red - und ſchreib-art (ſo ſich nach jegliches gemüth und ingenio in der natur richtet / daß mit warheit geſagt werden kan: ſermo character animi, die rede ſey einA 3bild6bild und anzeigung des gemüths) geblie - ben / aber durch den heiligen Geiſt geheiliget / und die warheit auffs gewiſſeſte auszutru - cken bequem gemacht worden iſt: dahero der unterſcheid ſolches ſtyli in der Schrifft noch offenbarlich vor augen liget / da er in einem viel hoͤher gehet / in einem anern viel nieberer / in einem leichter und verſtaͤndli - cher / in einem andern dunckeler und ſchweh - rer / in einem / was das N. Teſtament an - landt / in viel reinerem und mit andern Grie - chiſchen Autoren naͤher ũbereinkommen - dem Griechiſchen / in andern in weniger zier - lichkeit und reinlichkeit der ſprache / ſich dar - ſtellet. Welcher unterſcheid / wie er nicht von dem heiligen Geiſt ſelbs kommet / als der in allen einer geweſen / alſo muß er noch aus der natur kommen / und hat alſo die gnade dieſe in den jenigen / welche ſie erfül - let / nicht auffgehoben / ſondern geheiliget / und zu ihrem zweck kraͤfftig gebꝛauchet. So ſehen wir auch dergleichen an andeꝛn Chriſt - lichen lehrern und maͤnnern GOttes / wel - che er ſeiner Kirche zum beſten jeder zeit erwe - cket hat / die auch nach ihrer natürlichen gabe / welche gewißlich von ihw / als dem Schoͤpffer / eben ſo wol gekommen / von ihmauff7auff ſolche unterſchiedliche art ausgerüſtet worden / wie er es zu jederzeit zu der damali - gen leute begriff und zuſtand / auch zu den dingen / dazu er ſie veroꝛdnet / am tüchtigſten erachtet hat. Wo alſo der auch natürlichen gaben eine groſſe mannigfaltigkeit ſich fin - det / die mit groſſer weißheit von GOtt dermaſſen ausgetheilet worden / daß weder einer als haͤtte / noch zu jederzeit es an der jenigen gabe mangelte / welche damal oder auch zu dieſen und jenen geſchaͤfften noth - wendig war. Welches uns ſo wohl auff - muntern mag zum preiß ſolcher Goͤttlichen weiſen regierung / als auch uns vorſichtig machen ſolle / daß wir von jeder lehrer gaben / nicht vermeſſen / ſondern mit demuth gegen Gott / den freyen austheiler derſelben und mit erkaͤntnüß unſerer unwiſſenheit / urtheilen: auff welchem wege allein wir uns vor ſünden in ſolcher ſache hüten koͤn - nen. Alſo werden wir leute finden / durch die GOtt groſſes gethan / und ihnen dabey eine hitzige und feurige natur gegeben / daß auch manche ihre handlungen / wo ſie einer bloß mit natürlichen augen anſiehet / eine allzugroſſe heftigkeit in ſich gehabt zu haben ſcheinen / dergleichen leute aber der HERRA 4zu8zu ſolchen dingen / die er durch ſie verrichten laſſen wollen / als ſtarcke tieffſchneidende pflugſcharen / zu umbrechung hartes erd - reichs / noͤthig erkant hat. Andere hat der HErr mit lauter ſanfftmüthiger art in re - den und ſchreiben begabet / dazu ihre natur und temperament auch geſchickt ſeyn / ſo - dann ſie dergleichen dinge verrichten mu - ſten in welchen dieſe gabe den vorzug haͤtte: und was dergleichen mehrere unterſcheid ſich finden. Wo alſo weder die jenige / wel - che eine gabe gehabt / andere neben ſich / welchen eine andere gegeben / nicht verach - ten haben ſollen oder doͤrffen / noch auch an - dere ſich in die eine ſo verlieben / daß ſie die übrige / die offt der andern entgegen zu ſeyn ſchien / verwerffen haͤtten wollen. Da muß keine rothe oder flam̃en-farbe blume in dem garten GOttes / ſo gleichſam brennet / eine andere / welche weiß / blau / dunckel-farb / grün oder ſonſten gefaͤrbet iſt / noch dieſe hinwieder jene / weil ſie auch anders als ſie ſeye / gegen ſich verachten: noch auch muß ein anderer jede nach ſeiner phantaſie beur - theilen / oder davor halten / daß nur einerley von GOTT ſeyn koͤnne: da doch vielmehr dieſes ein ſtück der ehre GOttes iſt / daßdas9das einige Weſen ſo viel unterſchiedliches wircket / und zu einem zweck weislichſt ord - net. Jndeſſen wie gleichwol bey ſolchen ſonderbahren / ja allen / werckzeugen GOt - tes / dieſe ihre natürliche gaben alſo von der gnade regieret werden / daß der zweck des HErrn dadurch erhalten wird / ſo bleiben ſie dennoch an ſich ſelbs natürliche gaben; wie ſich eben dergleichen auch manchmahl bey andern / dabey keine gnade iſt / finden koͤnnen / daß deswegen in ſolchen wercken natur und gnade mit einander wircken / und alſo gedachter maſſen / jene von dieſer nicht auffgehoben wird. Daher in dieſer mate - rie ein gegenſatz unter beyden zu machen / und die frage alſo zuverſtehen iſt: 1. ob die natur allein ein ſolches werck verrichtet / oder die gnade zu gleich / und in derſelben ge - wircket habe? 2. Ob die natur gleichſam das principium und die erſte urſach des wercks geweſen / daß es alſo ihr zuzuſchrei - ben / oder ob die gnade ſolche erſte urſache ſeye / und den trieb dazu gegeben / hingegen ſich nachmal der natur kraͤfften gebrauchet habe.

§. 3.

Es ſind auch dieſe beyde fragen nicht bloſſer dinges zu vermengen / oder vor einerley zu halten / einerſeits ob derA 5menſch10menſch aus und nach der natur (ſo auff eines endlich hinaus gehet mit dem jenigen / was die Schrifft nennet nach dem fleiſch wandeln. Rom. 8 / 1. 4. ) ſein leben führen / oder aus und nach dem Geiſt / und alſo / ob er unwieder gebohren oder wiedergebohren ſeye? Wo die rede von dem gantzen men - ſchen iſt: So dann auff der andern ſeite / ob dieſe und jene des menſchen handlung oder werck auß der natur oder aus der gna - de und dem Geiſt her flieſſe? Zwar kommen ſie nahe mit einander überein / indem or - dentlich die jenige / welche aus und nach der gnade wircken / auch in derſelben ſtehen müſſen / wie denn auch ſolches ein zeugniß deſſen ſeyn kan / und wiederumb / welche wahrhafftig wiedergebohren / werden ins gemein ihre wercke nach und aus der gnade thun. Jndeſſen iſt es doch nicht bloß dahin einerley: Jener Bileam that ſeine weiſſagung aus des heiligen Geiſtes liecht / ſo ihn angeſtralet hat / war aber dennoch nicht wiedergebohren / und ließ der gnade deſſelben / nicht bey ſich platz / daß dieſelbe in ihm wohnen / und ſonſt durch ihn / ſonderlich was zu ſeinem heyl dienlich geweſen / wir - cken haͤtte koͤnnen. Hingegen finden ſichauch11auch bey denen / wiedergebohrnen handlun - gen / die nicht eben als eigentliche wercke der gnaden angeſehen werden koͤnnen. Es ſind bey ihnen noch einige wercke der bloſſen na - tur übrig / nicht nur unſündliche in den un - tern kraͤfften / (wie / zum exempel / bey einem wiedergebohrnen ſeine dauung / wachs - thum / geſchaͤffte der phantaſie an ſich ſelbs / traͤume / viele arten der natürlichen bewegungen / und der gleichen in ſich ſelbs nicht anders ſind / als auch bey den unwie - dergebohrnen / und alſo nichts ſonderbares dariñen von der gnade herkommendes / oh - ne / daß dieſelbe etwa die in etlichen mügli - che ſünden verhütet / bemercket werden kan) ſondern auch gar ſündliche wercke: Dann wenn in einem wiedergebohrnen Paulo an - noch das geſetz der ſünden in ſeinen gliedern widerſtrebet dem geſetz des Geiſtes in ſei - nem gemüth / und machet / daß er thut / was er nicht will / Rom. 7 / 15. 16. ſo iſt er wieder - gebohren / und finden ſich doch einige hand - lungen in und bey ihm / die nicht aus der gnade und heiligen Geiſt kommen / ſondern aus der verderbten natur und dem fleiſch. Ja es ſtecket dieſes ſo tieff noch in uns / daß deswegen auch die wercke des Geiſtes undA 6der12der gnade in den wiedergebohrnen nicht ſo vollkommen ſind / wie ſie ſolten / ſondern es klebet ihnen viel von ſchwachheiten und ge - brechen an: das reine waſſer des guten / der trieb des heiligen Geiſtes / und was ſie auß der neuen natur thun / nimmt von dem ca - nal / dadurch es gehet / weil gleichwol die wercke von annoch verderbten menſchen herkommen / viel unſauberkeit an ſich: und dannoch bleibet der menſch in ſolcher ſeiner ſchwachheit wahrhafftig wiedergebohren / weil die gnade und neue geburth über das fleiſch die oberhand behalten. Welches gleichwol auch die jenige / ſo in dem gna - denſtand ſtehen / und deſſelben tüchtige zeugniſſen bey ſich haben ſehr vorſichtig ma - chen ſolle / weil es ſo leicht geſchiehet / daß die auch befleckte natur nicht nur ſich in die gu - te wercke ein miſchet / ſondern gar vortrin - get / daß ſie ſtets über ihre ſeelen wachen / und bey jeglichem beſondern wercke achtung ge - ben / wie ihr gemüth dabey bewandt ſeye / und auß welchem brunnen das jenige flieſ - ſe / was ſie itzo zu thun vornehmen.

§. 4.

So iſt nun eigenlich alſo die frage / davon wir dißmal handeln / von den wer - cken / die der menſch thut / ob dieſelbe auß derna -13natur / oder aus der gnade gewircket wer - den? Ob wohl aus beſagtem erhellet / daß nachmal auf gewiſſe art das urtheil von den menſchen ſelbs meiſtentheils auch an dieſem hängen / und darauß kommen müſſe: jedoch daß mit ſolchem urtheil auch auß itzt ange - zeigtem behutſam verfahren werde.

§. 5.

Wo wir alſo in der furcht des HErrn (deſſen gnade und liecht / ſeines hei - ligen Geiſtes wir auch billich in einem ſo ſchweren und wichtigen vorhaben / anruf - fen / damit wir hier innen die warheit recht erkennen moͤgen) dieſe materie anſehen / ſo haben wir auff die kenn zeichen acht zu ge - ben / welche bey den wercken der bloſſen na - tur / oder auch der gnade / vornemlich aber bey dieſen ſich antreffen laſſen: da wir nun dieſe in allgemeine und abſonderliche / um richtiger ordnung willen / abtheilen / und dieſelbe nach einander beſehen und vortra - gen wollen.

§. 6.

Unter den allgemeinen ſtehet bil - lig voran dieſes nothwendigſte / welches ſich bey allen wercken des Geiſtes oder der gna - den findet / nemlich / daß ſie in der ſache / Goͤttlichem worte und geboten gemaͤß ſeyn und auß einem ſolchen hertzen kommenA 7muſ -14müſſen / welches die Goͤttliche gebote / als denſelben gleich geſinnet / oder doch etwas in ſich ihnen gleich geſinntes habende / liebet / und ſie gern alle erfüllen wolte. Hingegen moͤchte ein werck ſo gut gemeynet / und an - daͤchtig vorgenommen ſeyn / als es wolte / wo es Goͤttlichem Wort entgegen iſt / und in eine ſache beſtehet / welche weder ins ge - mein noch abſonderlich von Gott geboten waͤre / ſo vielmehr / wenn es deutlich verbo - ten ſtehet / ſo kan es nicht vor ein werck der gnade oder des Geiſtes gehalten wer - den / ſondern hat ſeinen urſprung auß der verderbten natur. Daher alle die jenige Gottesdienſte / welche auſſer Goͤttlicher ein - ſetzung und offenbarung von menſchen er - funden / und mit ſorgfalt von einigen getrie - ben werden / ob ſie auch und ihr hertz ſo heiſſeꝛ andacht ſind / wie ein back ofen / Hoſ. 7 / 6. 7. ſind dennoch wercke des flei - ſches und der natur / nach ihrem eigenen ſiñ / und verderbter vernunfft. Es heiſſet da - von Matth. 15 / 9. Vergeblich dienen ſie mir / dieweil ſie lehren ſolche lehre / die nichts denn menſchen-gebot ſind. Weswegen wir die andacht ſolcher irren - den und verführten leute / ſonderlich / wo ei -nige15nige abgoͤtterey mit unterlaͤufft / zwar mit hertzlichem mitleyden anzuſehen haben / a - ber ſolche nicht vor eine würckung der gna - de achten doͤrffen / welche zu abgoͤtterey unb ſelbs-erwehltem dienſt den menſchen nicht treibet / ſondern vielmehr dieſe haupt - regel ihm zu erſt vorſchreibet / daß er in al - len dingen den willen ſeines himmliſchen Vaters zur regel ſeines lebens ihm müſſe vorſtellen / und glaͤuben / es ſey dieſes ein ſtück ſeines gehorſams / nichts nach eignem belie - ben und gutdüncken zu thun / ſondern ſeinen verſtand und willen unter den Goͤttlichen zu werffen / dieſen aber aus ſeinem Wort zu erlernen.

§. 7.

Jedennoch iſt dabey wohl in acht zu nehmen / weil gleichwol die menſchliche unwiſſenheit ſo groß / hingegen unſere er - kaͤntniß allhie noch ſehr unvollkommen iſt / daß ein werck wahrhafftig auß der gnade und dem heiligen Geiſt kommen koͤnne / wenn die ſache ſelbs gut / und von GOtt befohlen / auch aus einem hertzen koͤmmt / welches darinn Goͤttlichen willen geꝛn thun will / ob ſchon dabey eine unwiſſenheit und irrthum ſich findet / und wohl ein und an - ders in den umſtaͤnden der ſache verderbet /daß16daß ſie nachmahl nicht mehr ſo voͤllig Goͤtt - lichem Wort gemaͤß iſt. Es glaubten die lieben Jünger in den tagen des fleiſches an ihren JESUM / ſie predigten von ihm / ſie beteten ihn an / und hielten ſich zu ihm / wel - ches lauter wirckungen der gnaden und des heiligen Geiſtes waren / dann fleiſch und blut haben ihnen ſolches nicht of - fenbahret / ſondern der himmliſche Vater / Matth. 16 / 17. und deſſen Geiſt wirckete in ihnen. Jndeſſen / wie ſie ihren Heyland noch ſehr ſchwaͤchlich erkanten / ja in viel wichtigen dingen von dem zweck ſei - ner ſendung / von ſeinem todt und aufferſte - hung / von ſeinem Reich und deſſen art / ſehr mißliche irrthum aus der Phariſeer lehr be - halten hatten / ſo konte es nicht fehlen / daß nicht auch in dem jenigen / was ſie mit dem HErrn vorhatten / und wie ſie mit ihm um - giengen / vieles unfoͤrmliches und unge - ſchicktes ſich mit eingeſchlichen / welches ſol - che dinge / die an ſich ſelbs recht und Goͤttli - chem willen gemaͤß waren / ſehr verderbte / daß alſo vieles in ſolchem guten ſich mit ein - ſchliche / ſo vielmehr Goͤttlichem willen ent - gegen / als demſelben voͤllig einſtimmig ge - weſen. Daß auch der HErr von allem ih -rem17rem vorigen gebet ſaget Joh. 16 / 24. Biß - her habt ihr nichts gebeten in meinem Nahmen / nemlich mit ſolcher voͤlligen er - kaͤntniß und daraus flieſſendem vertrauen / wie es billig ſeyn ſoll / und ihr auch nach em - pſangung des heiligen Geiſtes bey euch ha - ben werdet / da hingegen jetzt alles mit groſ - ſer ſchwachheit vermiſchet iſt. Jndeſſen / wie der HErr ihre ſchwachheit mit groſſer gedult truge / alſo koͤnnen wir nicht ſagen / daß alles ſolches in den lieben Apoſteln nur wercke der natur geweſen / ſondern es wa - ren in ihnen warhafftige wirckungen des heiligen Geiſtes / bey denen ſich jene unwiſ - ſenheit doch zugleich befunden / und die rei - nigkeit derſelben etwas beflecket hat. Alſo kan es noch geſchehen / daß eine ſache an ſich ſelbs recht / gut / und von GOtt geboten iſt / der menſch thut auch dieſelbige aus gehor - ſam gegen Goͤttliches gebot / er hat aber ei - nen irrthum bey einigen umſtaͤnden der ſa - che / welcher alſo Goͤttlichem willen und ge - bot entgegen ſeyn kan; oder er thut etwas darinnen unbedachtſam / darinnen er auch von jener regel abſchreitet: da iſt aber als - dann dieſes noch nicht ein gnugſames zeug - niß / daß das gantze werck allein ein werckder18der natur ſeye / ſondern es kan gar wohl ein werck aus der gnade ſeyn / dem aber ein aus der verderbniß herrührender fehler ankle - bet / welche beyderley gleichwohl zu unter - ſcheiden ſind.

§. 8.

Hieraus folget / daß wir alſo noch nicht alle die wercke der jenigen / welche ei - ner irrglaͤubigen gemeinde zugethan ſeynd / und ſelbs in einigen irrthümen ſtecken / nur der bloſſen natur zuſchreiben / und der wir - ckung des heiligen Geiſtes abſprechen koͤn - nen / wie zuweilen von einigen aus miß - brauch desſpruchs Rom. 14 / 23. geſchiehet. Zwar bleibet freylich wahr / was daſelbſten von dem heiligen Geiſt durch Paulum ge - ſchrieben und bezeuget wird: Was nicht aus dem glauben gehet / daß iſt ſünde. Jch will auch nicht dagegen ſeyn / daß das wort / nicht aus dem glauben gehen / heiſſe nicht nur / wider das gewiſſen et - was thun / ſondern es ſolle billig nach dem gemeinen verſtande des worts glauben / al - ſo gefaſt werden: ſo etwas von jemanden geſchiehet / ohne den wahren ſeligmachen - den glauben an JEſum Chriſtum / der al - les gute in uns wircken muß. Alſo erkenne ich den glauben vor ein nothwendiges ſtück /ohne19ohne welchen kein Gott gefaͤlliges gutes ge - ſchehen kan. Wo alſo dieſer wahre Goͤtt - liche glaube bey einem irrenden ſich nicht ſin - det / ſo iſt freylich alles / was er thut / haͤtte es noch ſo groſſen ſchein der andacht / heilig - keit und tugend / kein Gott-gefaͤlliges gutes / ſondern es bleibet ſünde / und kommt von der natur und fleiſche her. Jndeſſen koͤnnen wir ſolchen Goͤttlichen lebendigen glauben nicht allen denen abſprechen / die auſſer der aͤuſſerlichen gemeinſchafft der ſichtbaren wahren rechtglãubigen Kirchen ſind / und bey denen ſich irrthume finden. Dann wo nur das fundament unſrer ſeligkeit CHri - ſtus JEſus / der einige Sohn GOttes / der uns von GOtt zur weißheit / zur gerechtig - keit / zur heiligung und zur Erloͤſung gema - chet iſt / bleibet / und alſo die grund-warheit von ſeinem unendlichem verdienſt und theu - ren verſoͤhnung / in das hertz eingedrucket iſt / da kan ein ſolcher glaube warhafftig und von dem liecht des heiligen Geiſtes ge - würcket ſeyn / ob wohl in dem erſten ſtück deſſelben / der erkaͤntniß / mehrers von irr - thum in nebens-ſachen noch übrig bleibet / weil es mit unſerer erleuchtung ſo wohl / als mit übrigen ſtücken unſrer heiligung an -noch20noch lauter ſtückwerck iſt. Daher wir auch bey den lieben Altvaͤttern / dero Schrifften wir haben / finden / daß nicht wohl ein eini - ger unter denſelben geweſen / bey dem wir nicht einige irrige meynungen antreffen / ſo aber nicht gehindert hat / daß ſie nicht ſolten theure männer GOttes und in dem glau - ben geſtanden ſeyn / daher ihre wercke auch aus der gnade gehen konten / und ſie ihre irr - thume nicht daran hinderten. Ja es kan GOtt ſolchen wahren glauben des noͤthi - gen grundes nach ſeiner unbegreifflichen barmhertzigkeit auch in den hertzen der jeni - gen erhalten / deren irrthume in glaubens - ſachen ziemlich ſchwer ſind / wichtige dinge betreffen / und an ſich ſelbs ſo bewand waͤ - ren / daß ſie / ohne Goͤttliche verwahrung / den grund des glaubens übern hauffen werffen koͤnten. Weswegen unſre Sym - boliſche bücher zwar die irrige lehren / dero - ſelben hartnaͤckige verfechter und fortpflan - tzer / auch laͤſterer der warheit / verdammen / aber das urtheil der verdammniß über die gantze irrlehrende gemeinden / und alſo alle darinnen enthaltene perſonen / zu ſprechen bedencken tragen / vielmehr ausdrücklich ſolches von ſich ableinen / und alſo geſtehen /es21es koͤnne GOTT ſich noch ſeinen heiligen glaͤubigen ſaamen in jenen kirchen und ſe - cten erhalten haben; ja es mag der HErr ſeine ſondere urſach haben / daß er zuweilen einigen in ſolchen gemeinden / welchen er / was den grund anlangt / ein vortreffliches liecht des ſeeligmachenden glaubens zuge - theilet / darinn ſie ihm mit ernſt dienen / dennoch aus bedencklichem rath gleichſam ſelbs die augen zu halten ſcheinet / daß ſie in übrigen dingen die warheit der lehr nicht eben noch ſo erkennen koͤnnen / ſondern daß was ſie von jugend auff unterrichtet gewe - ſen / ſie daran hindert / damit ſie in ſolchen ge - meinden verharren / und das ſaltz bleiben müſſen / ſo noch das übrige in der verderbten kirche gleichſam vor der aͤuſſerſten faͤulung erhaͤlt. Wie wir denn nun zugeben müſ - ſen / daß bey ſolchen leuten / die in ihrer ein - falt gleichwohl den grund des glaubens ne - ben den irrthumen haben / der wahre ſelig - machende glaube zu ſeyn vermoͤge / ſo koͤn - nen auch ſolches glaubens früchte / das iſt / gute Gottgefaͤllige wercke / ſo aus der gna - de des heiligen Geiſtes kommen / ſich bey ihnen finden / dero glantz zwar durch ihre irrthume verdunckelt wird / daß viel daranklebet /22klebet / ſo man mehr mit erbarmen anſehen muß / als loben darff / aber ihr weſen doch bleibet: indem auch dieſelbe aus dem redli - chen vertrauen auff Gottes gnade in Chri - ſto JEſu herkommen / und in demſelben ge - than werden.

§. 9.

Weil alſo die gute wercke nothwen - dig uem Goͤttlichen Wort müſſen gemaͤß ſeyn / ſo folget ſelbſten / daß man / da man ſie thut und wo ſie gethan ſind / die prüfung nach demſelben immer muß anſtellen / und ſolches ohne einige ſelbs-ſchmeicheley. Es geſchiehet auch wohl zu weilen / daß jemand eine gewiſſe ſache aus GOttes Wort vor unrecht gehalten / und aus redlicher begier - de / GOtt mit willen nicht zu beleidigen / ſich derſelben eine weile enthalten hat. Er wird aber nach mahl überredet / es ſeye ſol - ches eben nicht unrecht / ſondern ein freyes mittelding / und koͤnne mans deswegen wohl thun. Da iſt zwar die ſache müglich / daß man zuerſt geirret / und ſich unnoͤthige ſerupel gemachet habe / und daß / wo man es nachmahl recht haltet / dieſes der wahrheit gemaͤßer iſt. Man hat aber in ſolchem fall ſich ſehr genau und vorſichtig in der furcht des HErrn zu prüfen / ob nicht etwa ſolcheaͤnde -23aͤnderung der meynung von unſerm fleiſch herkomme / welches gerne von GOttes ge - bot diſpenſiret / und ſeine freyheit liebet / und deme das jenige / was dieſelbige erwei - tert / immer beſſer einleuchtet / als was ſie enger ſpannen will: Ja wo uns deuchtet / wir finden das jenige / welches wir vorhin gehalten haben unrecht zu ſeyn / nunmehr er - laubt und GOtt nicht zuwider / ſo iſt wohl zu prüfen / ob nicht ſolche einſicht ſich itzt ge - aͤndert habe / weil wir damahl die ſache mit geiſtlichen und des HErrn willen lauterlich in einfalt anſehenden / nunmehr aber mit fleiſchlichen und der freyheit begierigen au - gen auſchauen / wo die ſache nothwendig eine andere geſtalt gewinnet. Hiernach / ſage ich / haben wir uns ſorgfaͤltig zu prü - fen / und ſoll uns das jenige immer verdaͤch - tig ſeyn / was dem fleiſch am angenehmſten iſt. Daher auch / wo uns die ſache endlich nur zweiffelhafft waͤre / wir lieber davon ab - ſtehen / als ſolche verrichten müſſen. Und waͤre gewiß das jenige nicht aus der gnade oder GOttes wirckung / wo einer etwas / das zwar in der that nicht verboten / und al - ſo erlaͤubet waͤre / er aber / daß es recht ſey / auffs wenigſte zweiffelte / ohneracht deſſenden -24dennoch thaͤte / als welches gerade dem glau - be[n]entgegen ſtehet.

§. 10.

Nechſt dieſem haupt-kennzeichen und requiſito, daß / was Goͤttliche werck ſeyn ſollen / auch ſeinem geoffenbahrten willen nnd geboten gemaͤß ſeyn müſſen / finden ſich noch ferner andere gemeine keñ - zeichen / die wir zu beſehen haben. Wer aus der Goͤttlichen gnade wircket / iſt nicht eigentlich der meiſter in ſeinem werck / ſon - dern der heilige Geiſt iſt ſolcher / ob wohl deſſen werck durch die natürliche kraͤfften in gewiſſer maß geſchiehet (wie wir oben §. 2. beſehen.) Alſo ſind dieſe nichts an - ders / als die werck-zeuge / welche der heili - ge Geiſt zu einem werck gebrauchet / das über ihre kraͤfften gehet. Aber in den wer - cken der natur / iſt unſer verſtand und wil - le / und die ſeele in denſelben / eigenlich die meiſterin und regiererin des gantzẽ wercks. Daher ein treffliches zeichen der gnaden - wirckung iſt / wo wir in einem werck finden / daß der erſte anfang deſſelben nicht aus natürlicher bewegung herkommen / welche allezeit etwas unſers eigenen / nemlich un - ſerer ehre / nutzen / gemaͤchligkeit oder luſt / auffs wenigſte auff eine ſubtile weiſe ſuchet /ſon -25ſondern daß es aus einem hoͤhern ur - ſprung und abſicht auff das jenige her ent - ſtanden / wozu wir von natur keine inclina - tion etwa haben. Da iſt die reineſte abſicht unter allen / und welche am wenigſten von der natur uns erſtlich hat koͤnnen einge - pflantzet werden / ſo wohl in dem werck ſelbſten / als jeglichen deſſen ſonderen um - ſtaͤnden / die ſuchung der ehre Gottes / mit ab ſonderung alles deſſen / was wir vor vortheil dabey haben koͤnten / auch ſo gar / welches der hoͤchſte grad iſt / daß uns auch nicht unſre eigene ſeeligkeit dieſelbe vor - nehmſte abſicht ſeye / als dero begierde auch einiger maſſen aus der Natur herkommen kan. Wo ich dann nach redlicher prüfung finde / daß ich gleich von anfang / da ich dar - an gedacht / in einer ſache die goͤttliche ehre alſo lauterlich angeſehen und verlanget / auch ihrentwegen das weꝛck mir vorgenom - men habe / daß ich nicht nur nichtes irrdi - ſches darinnen geſucht / vielmehr zu frieden und eben ſo willig darzu würde geweſen ſeyn / ob ich ſchon in allem demſelbigen ſolte an dem irdiſchen mehr nachtheil zu ley - den gehabt haben / ſondern auch an mein geiſtliches beſtes nicht eigenlich gedacht /Boder26oder doch dieſes allein um der ehre GOttes willen / damit ſie auch an mir herrlich werden moͤchte / verlanget habe: da ſehe ich den jenigen / der den Vater und Sohn alle - zeit verklaͤret / und dero ehre zum letzſten zweck ſetzet / nemlich den heiligen Geiſt Joh. 16 / 14. billich vor den urheber und regierer ſolches wercks an. Es läſſet ſich aber dieſe redliche abſicht am beſten erkennen / in den wercken / worinnen ich ſonderlich an an - dern / von denen ich nichts hinwieder hoffen kan / die ehre GOttes zu befoͤrdern trachte: als zum exempel in einem ſtaͤten und eiffri - gen gebet vor alle / nicht nur fromme Chri - ſten in der gantzen welt / derer die wenigſte ich nach dem fleiſch kennen werde / oder von ihnen einigen nutzen zu erwarten habe / ſon - dern auch alle übrige menſchen / um dero bekehrung / und zwar nicht nur allein auff gegenwaͤrtige zeit / da ich noch von der ge - meinſchafft ihres gebets etwas hoffen koͤn - te / ſondern auch noch künfftig und ferner hinaus / je nachdem der HErr ſeine zeit zu je - dem beſtimmet hat. Jn einem ſolchen ge - bet / oder wo wir etwas mit rath und ſon - ſten zur befoͤrderung des heils ſolcher leu - te / von welchen wir nichts wieder zu erwar -ten27ten haben / ja die wohl von uns nichts wiſſen werden / oder auch von denen wir / menſchli - chem vermuthen nach undanck und ungele - genheit zu erwarten haͤtten / beytragen und helffen / wird die ehre GOttes lauterlich / ohne vermiſchung etwas eigenen / geſucht / und kan alſo ein ſolches werck von keinem andern urheber und meiſter / als dem heili - gen Geiſt / bey uns herkommen. Welches ſchon nicht ſo gewiß iſt in denen wercken / da wohl die erſte motiv iſt / daß wir etwas zu unſerem beſten / ſonderlich in dem zeitlichen / ſuchen / ob wir wol nachmahl ſolches auch zu Goͤttlicher ehre richten wollen / oder in dem werck ſelbs uns erſt beſinnen / und es auffs neue zu ſolchem haupt - und letztem zweck richten. Wo ich zwar nicht laͤugne / daß auch ein ſolches werck ferner in der gnade verrichtet werden kan / es iſt aber der erſte anfang deſſelben nicht ſo klar gleiches ſeeligen urſprungs.

§. 12.

Alſo auch kan zuweilen ein zeugniß eines Goͤttlichen wercks in uns ſeyn / wo wir bey einer gelegenheit ohne andern vor - bedacht und lange überlegung ploͤtzlich ei - nen tꝛieb zu etwas gutes bekommen / daß wiꝛ uns darzu nicht erſt mit vielem nachſinnen /B 2und28und gleichſam eigenem perſuadiren dis - poniren doͤrffen / ſondern von dem eiffer vor Goͤttliche ehre und brunſt der liebe / da dieſe durch eine gelegenheit ermuntert wor - den / oder gleichſam allein eine gelegenheit darzu geben wird / ſtracks uns entzündet fühlen / daß wir nicht wohl das jenige / ohne uns ſelbs zwang anzuthun / zu unterlaſſen vermoͤchten / was dieſelbe von uns erfor - dern. Sonderlich wo wir eben zu andern mahlen / da uns gleiche gelegenheit auffge - ſtoſſen / nicht einerley gefühlet / welches etwa bey den dingen zu geſchehen pfleget / wozu man eine einige zuneigung hat / ſondern et - wa bedoͤrfft haben / uns mit mehrerm zu dem jenigen auffzumuntern / was unſre pflicht iſt. Bey den alten geſchahe derglei - chen mehrmahl in heroiſchen thaten oder prophetiſchem trieb durch unmittelbare ſon - dere überkunfft des heiligen Geiſtes / davon es unterſchiedlich in heiliger Schrifft heiſ - ſet: Der Geiſt des HErrn geriethe ü - ber ihn: wie von Simſon ſtehet / Richter 14 / 6. 19. 15 / 14 wodurch ſolcher held alle - mahl ſo wol einen trieb / als krafft / über - menſchliche dinge zu thun / bekam. Alſo gerieth auch der Geiſt des HErrn nach desPro -29Propheten Samuel / voranzeige über Saul. 1. Sam. 10 / 10. daß er weiſſagte / und mit den Propheten zum lobe GOttes, anſtimmete. Alſo nachmahl 1. Sam. 11 / 6. als er ſeine erſte koͤnigliche that in rettung der ſtadt Jabes thun ſolte. So wird auch von David nach ſeiner ſalbung ins ge - mein geſagt / 1. Sam. 16 / 13. daß der hei - lige Geiſt über ihn gerieth / das iſt / mehr und mehr ihn trieb / das jenige zu ver - richten / was zu vollbringung des raths GOttes über ihn (der ihn zum koͤnig be - ſtimmet hatte) gehoͤrig waͤre. Mit dieſem moͤgen wir die jenige ſtarcke bewegungen diß und jenes gutes zu thun / welche von gottſeligen hertzen zu weilen noch geſpüret werden / wol vergleichen / und wo ſolche ſich finden / was dadurch geſchehen / vor ein ſonderbar Goͤttliches und Geiſtes-werck achten.

§. 12.

Wie aber nicht alle gute wercke mit einem ſolchen trieb geſchehen / ſo mag alſo der mangel deſſelbigen noch nicht vor ein gnugſam zeugniß geachtet werden / daß das werck nicht aus der gnade komme. Vielmehr mag auch dieſes vor ein zeichen deſſen geachtet werden / wo in andern faͤllen