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Einleitung zu der Vernunfft-Lehre /
Worinnen durch eine leichte / und allen vernuͤnfftigen Menſchen / waſerley Standes oder Geſchlechts ſie ſeyn / verſtaͤndliche Manier der Weg gezeiget wird / ohne die Syllogiſticâ das wahre / wahrſcheinliche und falſche von einander zu entſcheiden / und neue Warheiten zu erfinden. Nebſt einer Vorrede Jn welcher der Autor ſein Vorhaben deutlicher erklaͤret / und die Urſachen anzeiget / warum er dem Autori Speciminis Logicæ Claubergianæ nicht antworten werde.
Halle /Gedruckt beyChriſtoph Salfelden/ Churfuͤrſtl. Brandenb. Hoff-und Regierungs Buchdr. 1691.

An Seine Magnificenz Herrn Buͤrgemeiſter ADRIAN Stegern / Jn Leipzig.

Hoch -
Hoch-Edler / Magnifice, Hochgeehrteſter Herr und Patron.

GEgenwaͤrtige Einlei - tungzu der Vernunfft - Lehre iſt meine letzte Schrifft die ich zu Leip - zig verfertiget; maſſen denn allhier in Halle nicht mehr als das letzte Capitel darzu gemacht worden; weßwe -gengen ich auch dafuͤr gehalten / daß ich nichts unfoͤrmliches begehen wuͤrde / wenn ich gleichſam an ſtatt des letzten Abſchiedes aus meinem Vaterlande daſſelbige ie - mand aus dieſer beruͤhmten Stadt zu - ſchriebe. Bey dieſer Bewandniß aber habe ich nicht lange nachdencken doͤrffen / an wem ich meine Zuſchrifft abgehen laſ - ſen ſolte. Es hat Eure Magnificenz ehedeſſen gegen meinen ſeeligen Vater Dero beſtaͤndiges Patrocinium und hoch - ſchaͤtzbare Freundſchafft bey vielfaͤltiger Gelegenheit bezeuget. Und wiewohl ich damahls in meiner Jugend zimlich ohn - faͤhig geweſen / die rechte Weißheit von der Namengelahrheit zu entſcheiden; ſo kan ich doch nicht laͤugnen / daß ich nicht all - bereit fuͤr vielen Jahren beobachtet haͤt - te / daß Eure Magnificenz unter die ſehr kleine Zahl hochgelehrter Leute zu rechnen waͤre / die dieſen Titel in der That verdienen / ob Sie gleich denſelben durch Erkauffung der darzu gehoͤrigen Wuͤrden nicht affectiren. Und wuͤrde ich gewißlich dieſen Satz recht auszufuͤh -* 3renren gnugſame materie zu einem voͤlligen Panegyrico haben / wenn nicht mein temperament und inclination mich zu dieſer Schreibart gantz ungeſchickt ge - macht haͤtte. Jch will alſo nur dieſes ſagen / daß in Eurer Magnificenz Hochwerthen Perſon ich allezeit einen rechtſchaffenen Weltweiſen / einen voꝛtreflichen FCtum, und einen unge - meinen Gottesgelahrten veneriret. Jch verſtehe aber durch einen rechtſchaf - fenen Weltweiſen einen Mann / der einen ſcharffſinnigen und penetranten Verſtand hat / und allezeit juſt und buͤn - dig raiſoniret: Der in dem allgemeinen und hoͤchſtnoͤthigen Inſtrument aller Wiſſenſchafften / ich meine in der Hiſto - rie, wohl erfahren iſt; Der von ſeiner Selbſterkaͤntniß ſeine Philoſophie an - faͤngt / und durch die Daͤmpffung der Gemuͤths-Bewegungen ſein hoͤchſtes Gut / die innerliche Gemuͤths-Ruhe ſich zu verſchaffen bemuͤhet iſt; Der nach die - ſem die Boßheit der Welt kennet / unddurchdurch eine taͤgliche / und auff unbetrieg - liche Regeln ſich gruͤndende Erfahrung allen Menſchen mit denen Er converſi - ret / wenn ſie auch noch ſo ſehr diſſimuli - ren / biß in das innerſte ihrer Gedancken penetriret, und dieſe Seine Wiſſenſchafft zu Nutzen des gemeinen Beſten / und zu Abwendung des gemeinen Schadens an - zuwenden weiß: der geſchickt iſt / eine ſei - nem Genio und Stande gemaͤße profeſ - ſion zu erkieſen / und die darzu gehoͤrige / und / ſeine Tugend deſto nachdruͤcklicher blicken zu laſſen / noͤthige Guͤter des Gluͤcks rechtmaͤßig zu erwerben / die er - worbenen zu erhalten / und zu vermeh - ren / und beyde nach der Richtſchnur der geſunden Vernunfft unter die Beduͤrff - tigen auszutheilen gelernet hat. Ja end - lich der alles ſein Thun und Laſſen dar - nach einrichtet / daß man in denenſelben ein rechtmaͤßiges decorum, ohne wel - ches alle Philoſophie eitel und eine bloſ - ſe Pedanterey ſeyn wuͤrde / handgreiff - lich ſpuͤhren koͤnne. Einen vortreffli - chen JCtum nenne ich denjenigen / der* 4nichtnicht nur in der Rechts-Gelartheit dieſes begriffen / was zur Endſcheidung der privat controverſien und zu adminiſtri - rung der heilſamen Juſtiz in denenſelben noͤthig iſt / ſondern auch der capabel iſt / die Streitigkeiten der Majeſtaͤten nach denen Grund-Geſetzen des natuͤrlichen rnd Voͤlcker-Rechts / ſo wohl auch des Juris Publici zu beurtheilen. Und end - lich / ſo halte ich unmaßgeblich dafuͤr / daß dieſer alleine den Titel eines ungemei - nen Gottesgelehrten verdiene / der ohne dem Vorurtheil einer ihme von Jugend auff beygebrachten Einbildung nach der Jhm von GOTT verliehenen Erkentniß lediglich aus der goͤttlichen Offenbahrung der heiligen Schrifft und aus der unverfaͤlſchten Kirchen-Hiſtorie ſo wohl des Alten als Neuen Bundes / ohne Anſehung menſchlicher autoritaͤt und tradition, die uͤberall im Schwang gehenden Maͤngel des heutigen Chri - ſtenthumbs wohl und deutlich verſtehet / und verſichert iſt / daß der Grund des wahren Chriſtenthumbs in nichts an -ders /ders / als in der Liebe GOttes / und in auffrichtiger Liebe aller Menſchen / ſie moͤgen ſeyn von was Religion ſie wol - len / fuͤhrnehmlich aber in gebuͤhrender Hochachtung frommer / d. i. friedfertiger und GOttes Ehre nicht in hochmuͤthi - gen und eigennuͤtzigen Zanck-Haͤndeln ſuchender Chriſten beſtehe. Wiewohl ich nun bey dieſer Bewandniß ſchon eine geraume Zeit hero Gelegenheit geſucht / in genauere Kundſchafft eines ſo vor - trefflichen / und bey dieſen letzten Zeiten ſo raren Mannes zu gerathen; So ha - be ich doch dieſelbige nur fuͤr etlichen we - nigen Jahren finden koͤnnen. Es war beynahe umb dieſelbige Zeit / als Eure Magnificenz ſich wegen der / der Stadt Leipzig durch alle Staffeln der Ehren-Aembter ſo viele Jahr her erwie - ſenen nachdruͤcklichen und ungemeinen Dienſte / in etwas belohnet ſahe. Jch meine: als das Vaterland ſeine Schuld eines theils abzutragen Eurer Magni - ficenz mit allgemeinen Vergnuͤgen der* 5gan -gantzen Stadt die hoͤchſie Wuͤrde des Buͤrgemeiſter-Ambts aufftruge. Nichts deſtoweniger habe ich nicht Urſach uͤber dieſen Verzug mich in geringſten zu be - klagen / indem Eure Magnificenz, an ſtatt daß ich zufrieden geweſen / wenn Sie ſo wohl wegen Jhres Standes als Alters / und der daſſelbige begleiten - den allezeit hochzuvenerirenden Weiß - heit / mich als einen Clienten oder Sohn tractiret haͤtte; ohne meinen geringſten Verdienſt mich mit einer ſolchen Freund - ſchafft beehret / als wenn Derſelben in allen dieſen Stuͤcken ich gleich geweſen waͤre. Und gewiß ich habe durch Eurer Magnificenz Gutheit zu erſt den recht - ſchaffenen Unterſcheid zwiſchen einer Freundſchafft die keinen andern End - zweck hat / als eine ehrliche Vergnuͤgung des Gemuͤths / und zwiſchen den gemei - nen Verbindungen / die einig und allein auff den Eigennutz abzielen / klar und deutlich erkennen lernen. Ein Patron thue einen Clienten ſo viel guts als erwol -wolle / ſo gehet es doch insgemein nicht anders her / als daß der Patron hierin - nen ja ſo wohl und oͤffters noch mehr ſei - nen Eigennutz durch den Clienten zu befoͤdern ſucht / als dieſer vielleicht von jenen zu hoffen hat. Alleine ſo wenig Eure Magnificenz auch den gerin - ſten Dienſt zu Erwartung einiges Nu - tzens von mir iemahls benoͤthiget gewe - ſen / ſo offentlich war mein Zuſtand ſchon ſo beſchaffen / daß vielleicht iederman be - greiffen kunte / daß uͤber das Verlangen aus Eurer Magniſiceez hoͤchſt ange - nehmen converſation etwas gutes zu lernen / ich kein anders Abſehen auch auff meiner Seiten haben kunte. Denn ob ſchon nicht zu laͤugnen / daß Eure Ma - gnificenz vermoͤgend genug geweſen / diejenigen die Derer Huͤlffe beduͤrffig empor zu heben; So hatte doch eines Theils mein Vaterland ſchon damahls mir nicht verbluͤmt / ſondern ziemlich deutlich zu erkennen gegeben / daß es mei - ner Dienſte niemahls vonnoͤthen habenwuͤr -wuͤrde / und daß meine um die rechtſchaf - fene Erforſchung der Warheit und wah - ren Froͤmmigkeit allzugenaue Sorge ſich mit ſeinem Staats-Intereſſe nicht com - portirete; Anders theils aber hatte ich vermittelſt Goͤttlicher Gnade die Eitel - keit der menſchlichen Ehre / und die War - heit des bekandten Spruchs: Non ſit al - terius qui ſuus eſſe poteſt, allbereit all - zuwohl erkennet / daß ich wider meine Erkentniß wuͤrde gehandelt haben / wenn ich einige Ehrenſtelle daſelbſt haͤtte affe - ctiren wollen. Am allermeiſten aber hat Eure Magnificenz Dero ohn - interesſirte Affection zu der Zeit bezeu - get / als meine zuvor heimliche Feinde mich oͤffentlich zu verfolgen angefangen / und / ſo viel es an ihnen geweſen / den gar - aus mit mir zu machen getrachtet. Deñ ob ſchon die Kuppel und der Anhang mei - ner Verfolger nicht wenig von meinen guten Freunden ſchuͤchtern zu machen vermoͤgend geweſen / ſo habe ich doch al - lezeit zu meiner Beſchaͤmung erfahren inuͤſſen / daß Eure Magnificenz ſowohlwohl in privat-als oͤffentlichen conver - ſationen durchgehends das beſte von mir geredet / und meine unſchuldigen actio - nes juſtificiret / auch ſolcher geſtalt / wie - wohl ohne Dero intention meine Wider - ſacher nicht wenig mortificiret. Zu ge - ſchweigen / daß Selbige bey der fuͤr ei - niger Zeit mit mir erfolgten mutation, bey der ich die Wercke Goͤttlicher Vorſe - hung allenhalben geſpuͤhret / durch Dero vielguͤltige recommendation mir nicht wenig Gnade Hoher Perſonen zugewen - det. Wannenhero meine Obligenheit in Mangel anderer Gelegenheiten erfor - dert / zum wenigſten in Zuſchreibung die - ſes meinen geringen Buchs / die mir biß - hiro erzeigte vielfaͤltige Freundſchafft oͤf - fentlich zu ruͤhmen / und Eurer Ma - gnificenz mich als einen danckbegie - rigen Schuldener darzuſtellen. Wie - wohl ich nicht laͤugnen kan / daß bey die - ſer Zuſchrifft ich auch zugleich ein ziemli - ches Abſehen auff meinen eigenen Vor - theil gehabt. Meine Feinde haben ei -nigenige Jahr her ſo wohl in ihren Hand - Brieffen als in oͤffentlichen Paſquillen mich als ein Monſtrum auszuſchreyen ſich bemuͤhet / daß ich in meinem Vater - lande bey iederman verhaſt / und kein ehrlicher Mann mir mit Freundſchafft zugethan waͤre. Wiewohl nun dieſes ein offenbahrer Ungrund iſt / und wenn ich Ruhmraͤthig waͤre / ich vielleicht ja ſo viel Vornehme und beruͤhmte Leute haͤt - te finden wollen / die mir auff meine biß - her edirte Schrifften / oder auch auff dieſe Vernunfft-Lehre Epiſtolas Gratu - latorias, Epigrammata, Sonnete u. d. g. haͤtten machen ſollen / als immermehr vor denen herrlichen operibus und opu - ſculis meiner Herren Widerſacher zu le - ſen ſind / hiernechſt auch durch GOttes Gnade bey zugeſtoſſener Noht es mir an auffrichtigen Freunden / die mir treu - lich beygeſtanden / nie gemangelt; So halte ich doch gaͤntzlich dafuͤr / daß wenn auch niemand in gantz Leipzig / als al - leine Eure Magnificenz waͤre / dermichmich unter die Zahl ſeiner auffrichtigen Diener rechnete / dennoch der æſtim und die Gnade / welche Selbige durch Dero meriten bey unzehlichen beruͤhmten ſo wohl inlaͤndiſchen als auslaͤndiſchen Leu - ten / und ſelbſt bey den Goͤttern dieſer Welt ſich erworben / meine Feinde al - lenthalben Luͤgen ſtraffen wuͤrde. Ja ich zweiffele nicht / es werden dieſe bey Erblickung dieſer Zuſchrifft nicht wenig grißgramen / indem ihr eigenes Gewiſ - ſen ihnen vorhalten wird / daß mir die - ſer oͤffentliche Ruhm von der Freund - ſchafft eines Mannes / deſſen treueſte und unermuͤdeſte Vorſorge fuͤr das rechte Wohlſeyn des Vaterlandes Seinen Nah - m[e]n unſterblich machen wird / mir mehr Vortheil bringen moͤchte / als die Feindſchafft ihrer insgeſamt / derer Raſerey ſich mit ihren Todte endigen muß / und denen Nachkommen nichts als ein Andencken einer Pedantiſchen Heu - cheley nach ſich laſſen kan / mir bißher durch GOttes Gnade hat ſchaden koͤn -nen.koͤnnen. Derowegen erſuche Eure Magnificenz ich gehorſamſt / dieſe meine Zuſchrifft nicht unguͤtig auffzu - nehmen / und mit fernerer Wohlgewo - genheit mir zugethan zu verbleiben / als

Eurer Hoch-Edlen Magnificenz auffrich[ti]gſten Diener Chriſtian Thomas /
[1]

Vorrede / An die ſtudirende Jugend.

Jnnhalt.

1. Des bißherigen Vorſchlags Erlenterung. 2. Was in der erſten Stunde gelehret werden ſoll. 3. Von Mißbrauch des nachſchreibens / und derer Collegio - rum MSS. 4. Warum der Autor ſeine Philoſophie und zwar in Deutſcher Sprache druͤcken zu laſſen ge - ſonnen. 5. Mißbrauch / daß man alle terminos te - chnicos deutſch geben will. 6. Ein Exempel hier - von aus einer deutſchen Logic. 7. Von der andern Stunde. Ob es rathſam Collegia gratuita zu halten. 8. Von einer abſonderlichen Stunde wegen der Lehre de præjudiciis. 9. Hiſtorie deſſen / was dem Autori, mit dem Autore Speciminis Logicæ Carteſianæ bege - anet. 10. des Autoris 4. hypotheſes von der Philo - ſophia Carteſiana, und warumb er dem Autori ſpecimi - nis nicht antworten werde. 11. 12. 13. 14. 15. Etliche Fehler des Autoris ſpeciminis, die in ſelnen erſten vier Bogen anzutreffen. 16. Das Abſehen gegenwaͤrtiger Vernunfft-Lehre.

1.

JCh habe unlaͤngſt in einem deutſchen Programmate einen Vorſchlag gethan / wie ich einen jungen Menſchen / der ſich ernſtlich fuͤrgeſetzet / GOtt und der Welt dermahleins in vita civili recht - ſchaffen zu dienen / und als ein honnêt und galantAhom -2Vorrede. homme zu leben / binnen dreyen Jahrfriſt in der Philoſophie und ſingulis Juriſprudentiæ par - tibus zu informiren geſonnen ſey. So habe ich auch zu Ende deſſelbigen gedacht / daß ich hierzu taͤglich zwey Stunden anwenden / und ſo viel das honorarium betrifft / mich dergeſtalt gegen meine Auditores bezeugen wolte / daß die Armen umb - ſonſt / die mitlern vermoͤgens ſind / gegen ein billi - ges accommodiret werden ſolten / die uͤbrigen a - ber denen GOTT Reichtum beſcheret / durch ein raiſonnable, jedoch beliebte Danckbarkeit ihren æſtim und Hochachtung gegen die ſtudia wuͤrden bezeugen koͤnnen. Nachdem nun hierauff un - terſchiedene ſich zu dieſem Collegio bey mir angegeben / bin ich bemuͤhet geweſen / wie ich ſie nach meinen Verſprechen alle und jede vergnuͤ - gen moͤchte; ich habe aber gleichwohl bedacht / daß die Ungleichheit des honorarii fuͤr gleiche Arbeit gar leicht bey meinem Auditoribus Verdruß erwecken / und zu einigen Wieder - willen gegen mich / und unterſich ſelbſt Anlaß geben koͤnte; zumahlen / da man zwar das Ar - muth noch wohl von dem Vermoͤgen wuͤrde zu entſcheiden wiſſen; das mitlere Vermoͤgen a - ber von dem Reichthum zu erkennen wuͤrde ſehr ſchwer werden / indem die eigene Geſtaͤnd - nuͤß des letztern von jungen Leuten bey itziger Welt / da man lieber das Geld / ich will nichtſagen3Vorrede. ſagen an die exercitia, ſondern an den Wein - Keller und compagnie als auff collegia wendet / nicht zuhoffen / uud die generoſitaͤt / die bey alten Leuten nicht gar zuhaͤuffig anzutref - fen iſt / bey der Jugend durchgehends nicht præ - ſumiret werden darff; andere inconvenien - tien zugeſchweigen. Wannenhero ich mich nach einigen uͤberlegen reſolviret / die Sache auff folgende Weiſe anzugreiffen.

2. Zu der einen Stunde dieſes Collegii werde ich jedermann zulaſſen / er ſey arm oder reich / mitlern oder groſſen Vermoͤgens / der nu - merus mag ſeyn ſo wenig oder ſo groß als er will / weil ich in derſelbigen bloß zu diſcuriren geſonnen bin. Jch werde fuͤr dieſe Stunde durchgehends ein billiches / und zwiſchen denn Hohen und Niedrigen temperirtes honora - rium fordern; mit denenjenigen aber / die ſo unvermoͤgen ſind / daß ſie ſolches nicht geben koͤnnen / werde ich nicht anfangen zu handeln / o - der qvid pro quo zunehmen / ſondern / wenn ſie mir dieſes ihr Unvermoͤgen / wie noͤthig / be - ſcheinigen werden / will ich ſie fuͤr arm paßiren / und ihnen mein collegium umbſonſt zubeſu - chen zulaſſen. Damit es auch nicht das An - ſehen gewinnen moͤge / ob ſuchte ich junge Leute /A 2mit4Vorrede. mit groſſen promeſſen, die ich nicht erfuͤllen koͤnte / an mich zu locken / als will ich einen jeden davon ſelbſt urtheilen laſſen / und ſo wohl in der erſten / als in der andern Stunde / niemand ad - ſtringiren / daß er dieſen curſum gantz hinaus zuhalten ſich verbindlich machen ſolte / ſondern ich werde einen jeden freyſtellen / nach Verflieſ - ſung halbjaͤhriger Friſt / von Anfang dieſes col - legii biß zu Ende / nach Gefallen ab und zuzu - treten. Jn dieſer Stunde aber / werde ich nichts als theſin, oder dasjenige / was ausge - gruͤndeten und offenbahrten Urſachen zu Erfor - ſchung der Warheit / einem tugendhafften und weltklugen Leben gehoͤret / lehren / und weiſen / wie durch eine nothwendige connexion im - mer eine Warheit mit der andern verknuͤpfft wird / und wie man aus rechtſchaffener Erkaͤnt - nuͤß der Warheit und des Guten allen Zweiffel / ſo wieder dieſelbe fuͤrgebracht werden koͤnte / mit leichter Muͤhe zu wiederlegen vermoͤgend ſey. Dannenhero werde ich in dieſer Stunde von keiner antitheſi etwas erwehnen / und weder wieder die Ariſtotelicos noch Carteſianer, o - der wieder andere / denen Philoſophia Secta - ria beliebet / diſputiren ſondern meinen Zuhoͤ - rern die nackende Warheit / wie ſie an ſich ſelbſtiſt /5Vorrede. iſt / vorſtellen / auch zu dieſem Ende zu Bewei - ſung meiner Lehr-Saͤtze mich nichts anders als der einem jeden von ihnen eingepflantzten Ver - nunfft bedienen / keines weges aber mit der Au - toritaͤt / derer die etwa ſolches vor mir gelehret / pochen / weil ich ſonſten das præjudicium au - toritatis humanæ, das fuͤr andern die Jugend an Erkaͤntnuͤß der Warheit hindert / nimmer - mehr wuͤrde in einen mercklichen Grad aus - rotten koͤnnen. Gleich wie ich aber mich fleißig bemuͤhen werde / daß in dieſer Stunde alle nothwendige Stuͤcke (partes neceſſariæ) zu der ihnen von mir verſprochenen Gelahrheit meinen Zuhoͤrern beygebracht werden koͤnne / alſo wolte ich auch gerne die zu jeden ſtudio ge - hoͤrige attention bey ihnen durch etwas er - wecken / oder vielmehr dieſelbige befoͤrdern und erleichtern.

3. Durch bloſſes zuhoͤren eines diſcurſes eine doctrin vollſtaͤndig zufaſſen / iſt faſt mo - raliter unmoͤglich / theils weil an gehoͤriger Auffmerckſamkeit uns gar oͤffters frembde Ge - dancken hindern; theils / weil doch unſer Ge - daͤchtnuͤß ſo geartet iſt / daß / wenn es keine ſub - ſidia zum Grunde hat / es die connexion der Warheiten und Lehren gar leicht wieder ausA 3der6Vorrede. der acht laͤßt. Nun pflegen ſich wohl junge Leute gemeiniglich dadurch zu helffen / daß ſie in denen Collegiis den diſcurs ihrer Lehrer von Wort zu Wort nachſchreiben / und dadurch ih - rer Gedaͤchtnuͤß durch fleißiges uͤberleſen gu - ten Nutzen zu ſchaffen wiſſen / und will ich auch dieſes nachſchreiben uͤberhaupt nicht tadeln. Gleichwohl habe ich durch eine langwierige Er - fahrung ſo wohl deſſen / was ich ehe deſſen an - dern nachgeſchrieben / als deſſen / was mir von andern nachgeſchrieben worden / ſehr viel Miß - braͤuche dabey angemercket / die ich bey meinen Auditoribus gerne vermeiden wolte / welche mehrentheils daher zu ruͤhren ſcheinen / weil der Menſchliche Verſtand alſo beſchaffen iſt / daß er auff zwey euſerliche Dinge zugleich mit glei - cher att[e]ntion nicht wohl acht geben kan / und dannenhero / wenn er ſich ſolches zuthun forci - ret / gar ſelten etwas taugliches zu wege bringt. Einer / ſo nachſchreibet / muß nicht alleine auff das / was geſagt wird / acht haben / ſondern auch auff das / was er ſchreibet / weil es doch in waͤh - renden nachſchreiben unmoͤglich iſt / in dem Au - genblick / da etwas geredet wird / ſolches auf das Papier zu ſetzen; und alſo iſt es gar leichte ge - ſchehen / daß er ein Wort fuͤr das andere hoͤret /oder7Vorrede. oder ſchreibet. Es iſt mir unzehlig mahl mit meinen Auditoribus ſo ergangen / daß wenn ich etliche unter ihnen angemercket / die fuͤr an - dern fleißig nachgeſchrieben / und ich mir von ihnen ihre Arbeit zeigen laſſen / daß ich in die - ſer ihrer Nachſchrifft Dinge gefunden / die mir die Zeit meines Lebens nicht in Sinn gekom̃en zu lehren / unerachtet ich unter denen beyden Maͤngeln eines Lehrers der Dunckelheit / und tavtologie, aus guter intention eine Sache recht deutliche zu ſagen / mehr mit dieſen letztern als mit jenen behafft bin. Aber hieraus ent - ſtehet ſo wohl einem Zuhoͤrer / als einem Lehrer ein mercklicher Schaden: Ein Zuhoͤrer / weil er auff ſein MStum als auff das jenige / was die Lehrer geſagt / bauet / druͤckt ſich eine irrige / und mit dem vorhergehenden oder nachfolgen - den gantz nicht uͤbereinſtim̃ende Lehre ein / und muß ſolcher geſtalt nothwendig confus werden Seinem Lehrer thut er dieſerwegen Schaden / weil er bey andern Leuten ihm in Verdacht bringet / als ob er ſo thoͤricht Zeug / als dieſer nachgeſchrieben / dociret habe. Geſetzt aber / daß alles recht nachgeſchrieben / und durch con - ferirung ihrer etlicher der diſcurs eines Leh - rers vollkommen excipiret wuͤrde; ſo will ichA 4itzo8Vorrede. itzo davon nicht erwehnen / daß derjenige / ſo nachſchreibet / ſich doppelte Muͤh machet / und bey nahe des Nutzes / denn vox viva in der in - formation hat ſich beraubet. Man frage jemand / der ein judicium hat / und welcher zum Exempel / einer Predigt attent zugehoͤret hat / den Jnnhalt derſelben / ob er ihr nicht beſ - ſer wird herzu erzehlen wiſſen / als der / der die - ſelbe von Wort zu Wort nachzuſchreiben ſich angelegen ſeyn laſſen / wenn er nicht zuvor ſein nachgeſchriebenes wieder uͤberlieſet. Denn jener giebt bey ſeiner auffmerckſamen Zuhoͤ - rung auff die Sache ſelbſt achtung / dieſer aber hat in waͤhrenden nachſchreiben mit denen Worten gnung zu thun. So wird man auch hiernaͤchſt dieſen Mißbrauch bey vielen Studie - renden antreffen / daß man alle ohnnoͤtige Wor - te / und unſtreitige Dinge / die weder zu Erfor - ſchung einer verborgenen Warheit / oder zu Erweiſung und Herleitung derſelben dienen / (derer ſich aber ein Lehrender nicht allerdings entbrechen kan) mit nieder ſchreibet / oder die - jenigen die ſchon bey dem Autore, der erklaͤh - ret wird / gedruckt ſeyn und fuͤr der Naſen lie - gen; da man doch nur das vornehmſte auffzei - chen ſolte / das Gedaͤchtnuͤß zu ſubleviren / undwas9Vorrede. was uns vordieſen zweiffelhafft geſchienen / o - der uns unbekand geweſen / damit wir demſel - bigen hernach deſtobeſſer nachzudencken Anlei - tung uͤberkaͤmen. Zum Exempel / wie viel mahl findet man in einem Collegio MSS. fol - gende formulas. Heſternâ lectione diſſe - ruimus de &c. nunc vero pergendum ad &c. Autoris præſens Caput habet ſex paragraphos, in qvorum primo proponit definitionem --- quæ ita ſona &c. Hæc de definitione ſufficiant, pergimus ad di - viſionem &c. Craſtina die ob hoc vel il - lud impedimentum non potero pergere. u. ſ. w. Aber dieſes moͤchte noch endlich hin - gehen / wenn nur nicht bey der gleichen nachge - ſchriebenen Collegiis ein noch viel groͤſſerer Mißbrauch pflegte gemein zu werden / man ſetzt gemeiniglich zu einem ſandigten Grunde / daß / wenn man das verſtehe / was der Lehrer bey Erklaͤhrung dieſer oder jener diſciplin vor - geſagt / man auch gelehrt genung ſeyn / und ſich umb nichts mehr werde bekuͤmmern duͤrffen. Und wenn man dannenhero einmahl den diſ - curs nachgeſchrieben / und / wenn es hoch koͤm̃t / einmahl wieder uͤberleſen / ſo meinet man / man doͤrffe der Sache nun weiter nicht nachdencken /A 5ſon -10Vorrede. ſondern habe allbereit einen vortrefflichen Schatz durch ſein Collegium MSS. erhalten / den man ſo dann gemeiniglich biß auff beduͤrf - fenden Fall hinleget / und nicht weiter anſiehet. Andere aber / die nicht ſelbſt nachſchreiben / ſon - dern entweder andern die Abſchrifft des diſcur - ſes bezahlen / oder von denen / die fleißig heiſſen / denſelben ſelbſt abcopiren / nehmen dadurch zum oͤfftern Gelegenheit / auch wohl wenn die noͤhtigſten doctrinen fuͤrkommen / das colle - gium aus Faulheit / oder allzugroſſer Geſel - ligkeit zu verſaͤumen / indem Sie ſich bereden / es werde ihnen dieſe Verſaͤumnuͤß wenig ſcha - den / weil ſie doch den diſcurs von andern er - halten koͤnten. Und bedencken alſo nicht / daß ſie nicht nur ſich den groͤſten Schaden hiedurch erweiſen / ſondern auch wieder ihrer Eltern gut - gemeinte intention groͤblich ſuͤndigen / die / wenn es damit genung waͤre / daß man colle - gia MSC. in der Lade haͤtte / oder dieſelbige durch leſen ſich in den Kopff zu bringen trach - tete / warhafftig nicht ſo groſſe Sorge und Ko - ſten uͤber ſich nehmen wuͤrden / ſondern wuͤrden vielmehr die Collegia MSC. mit geringen Gelde an ſich handeln / und ihren Kindern zur Meſſe oder heiligen Chriſt verehren. Mit ei -nem11Vorrede. nem Worte / die muͤndliche information eines Lehrmeiſters giebt der Lehre bey unerfahrnen Leuten gleichſam das Leben / und hat die auff - merckſame Zuhoͤrung derſelben fuͤr dem aller - fleißigſten nachſchreiben oder Leſung deſſen / was gelehret wird / einen unzehlichen Vortheil. Und wird mir dannenhero ein jeder Gelehrter leicht zugeben / daß kein beqvemer Mittel ſey / den Zu - hoͤrer bey gehoͤriger attention zu erhalten / und demnach auch ſein Gedaͤchtnuͤß zu erleich - tern / als / wenn der Doctor den Kern und den Grund von ſeiner Lehre kurtz und dergeſtalt / daß nicht leichte ein Wort vergebens geſetzt ſey / ſeinen Zuhoͤrern zuvorher mittheilet; dieſe her - nachmahls ſolches zuvorhero uͤberleſen / bey dem diſcurs auff die Erklaͤhrung deſſelbigen genau auffmercken / und nach der lection bey jedem Worte ſich der Erklaͤhrung erinnern / und was ihnen an auffmerckſamſten und wuͤr - digſten duͤncket / mit wenig Worten auffzeich - nen / oder auch wohl bey waͤhrender lection, ſolche Sachen / mit zwey verlohrnen Worten / oder anderen willkuͤhrlichen Zeichen / zu kuͤnffti - ger repetition bemercken.

4. Derowegen hab auch ich mir vorgenom - men / den Kern meiner Philoſophie auff daskuͤrtze -12Vorrede. kuͤrtzeſte als moͤglich iſt zu entwerffen / und die theſin bey allen diſciplinen, die ich in dem programmate zu lehren verſprochen / ohne Beruͤhrung der irrigen Meinung meinen Auditoribus zum Gebrauch beſagter erſten Stunde zu communiciren. Nun iſt es wohl an dem / daß ſolches nur haͤtte per dicta - ta in calamum, oder durch vorherige Ver - goͤnſtigung abzuſchreiben geſchehen koͤnnen; ich habe aber dennoch aus vielfaͤltigen Urſachen fuͤr rathſamer geachtet / dieſe meine Lehr-Saͤtze druͤcken zu laſſen / damit ich fuͤr meine Audito - res und mich die Zeit ſo auf das dictiren und excipiren gehet / erſpahren moͤchte / und damit meine Wiederwaͤrtigen erkennen koͤnten / wie ich meine Lehre der allgemeinen cenſur zu un - ter werffen keinen Scheu trage / und alſo ferner - weit meine Lehr-Saͤtze als ſchaͤdliche Dinge zu ſchmaͤhen abſtehen moͤchten. So habe ich auch meine vielfaͤltige und bedenckliche Urſa - chen / warumb ich dieſe meine Philoſophie und Lehre in Teutſcher Sprache heraus gehen laſſe / unter welchen eine von denen vornehmſten iſt / daß ich in der That erweiſen moͤge / daß die Sprachen und derer Wiſſenſchafft zwar ein weſendliches Stuͤcke ſey / die jenigen die in an -dern13Vorrede. dern Sprachen geſchrieben zuverſtehen / und in Sachen / die von der autoritt einer gewiſſen Schrifft dependiren / nicht wohl unterlaſſen werden ſolte / dergleichen ich doch hier zu tra - ctiren nicht Vorhabens bin; aber daß in Sa - chen / die durch die / allen nationen auff gemei - ne Arteingepflantzte Vernunfft / erkennet wer - den die Erkaͤntnuͤß auslaͤndiſcher Sprachen gar nicht von noͤthen ſey. Die Weltweißhei[t]iſt ſo leichte / daß dieſelbige von allen Leuten / ſie moͤgen ſeyn / von was fuͤr Stande oder Ge - ſchlecht ſie wollen / begriffen werden kan. So ſchrieben auch nicht die Griechiſchen Philo - ſophi Hebræiſch / noch die Roͤmiſchen Grie - chiſch; ſondern ein jeder gebraucht ſich ſeiner: Mutter-Sprache. Die Frantzoſen wiſſen ſich dieſes Vortheils heut zu Tage ſehr wohl zu bedienen. Warumb ſollen denn wir Teut - ſchen ſtets waͤhrend von andern uns wegen die - ſes Vortheils auslachen laſſen / als ob die Phi - loſophie und Gelahrheit nicht in unſerer Sprache vorgetragen werden koͤnte. Daß dieſe Schreib-Art vor dieſen nicht gebraucht worden / oder von andern verworffen wird / iſt wohl die Urſach / weil man gemeinet / oder noch ſich heredet / als wenn Ariſtoteles, Thomas,Sco -14Vorrede. Scotus, Carteſius, Gaſſendus u. ſ. w. der Probierſtein der Warheit waͤren. Denn wenn dieſes iſt / ſo kan es wohl nicht fehlen / man muß der Sprachen kuͤndig ſeyn / in welchen die - ſe gelehrte Leute geſchrieben haben. Wenn man aber beſorgt iſt / was Ariſtoteles und Carteſius haͤtten lehren ſollen / und nicht was ſie gelehret / oder ihre Meinung geweſen / ſo hat man auch dieſer ihrer Sprache nicht von noͤ - then: wiewohl ich dißfalß die Sprachen Wiſ - ſenſchafft gantz nicht verwerffe / ſondern dieſelbe vielmehr fuͤr eine groſſe Zierrath eines weiſen und gelehrten Mannes paſſiren laſſe.

5. So weiß ich auch wohl / daß von etlichen wenigen / die bißhero einerley Zweck mit mir gehabt / darinnen nicht wenig verſtoſſen wor - den / daß ſie die Kunſt-Woͤrter alle in die deut - ſche Sprache uͤberſetzen wollen / wodurch ſie entweder ein Gelaͤchter oder eine Verdrieß - lichkeit bey dem Leſer erwecket: Wenn aus - laͤndiſche Sachen zu uns uͤberkommen / ſo kom - men auch bey denen meiſten auslaͤndiſche Nahmen mit / und naturaliſiren ſich gleich - ſam in unſerer Sprache. Und wuͤrde man dem jenigen ſehr ſpotten / der dißfals bey ſei - ner Sprache ſo aberglaͤubiſch halten / und alleſolche15Vorrede. ſolche Woͤrter verdeutſchen wolte. Jch rede viel vernehmlicher / wenn ich ſpraͤche / dieſes Frauen-Zimmer traͤgt eine groſſe fon - tange, als wenn ich ſagte: Sie traͤgt einen groſſen gegoſſenen Engel auff dem Kopffe. Ebener maſſen iſt es auch mit denen Kuͤnſten und Wiſſenſchafften bewand / derer Lehren von andern Voͤlckern auff uns gepflantzt worden. Wer in des Ciceronis Schrifften bewandert iſt / wird ſich entſinnen daß in philoſophiſchen Dingen er zum oͤfftern Griechiſche Woͤrter / die er nicht wohl lateiniſch geben koͤnnen / behal - ten / ob er gleich ſonſten der vornehmſte derer lateiniſchen Scribenten iſt. Ein Teutſcher Fechtmeiſter thut deßwegen ſeiner Sprache keinen Schimpff an / wenn er von Primen, Secunden, Tertien und Quarten redet / und derjenige wuͤrde von jederman fuͤr einen Tho - ren gehalten werden / oder wohl gar die Ge - fahr eines proceſſus ausſtehen muͤſſen / der einen Muſicanten einen Spielmann nen - nen / und von ihm an ſtatt einer courante ſimple einen einfaͤltigen oder einfachen Schritt-Lauff begehren ſolte. Es iſt aber nichts deſtoweniger auch nicht zu leugnen / daß unterſchiedene Kunſt-Woͤrter in deutſcheSprache16Vorrede. Sprache uͤberſetzt / und durch oͤfftern Gebrauch Gelehrter Leute in ſchwang gebracht worden / derer man ſich zu ſchaͤmen heut zu Tage nicht fernern Urſache hat. Dannenhero muß man hierinnen ſeinen natuͤrlichen Verſtand brau - chen / daß man die Mittel-Straſſe gehe / und weder allzuſehr affectire, auslaͤndiſche Woͤr - ter in eine Sprache zu miſchen / noch auch alle Kunſt-Woͤrter in die Sprache / darinnen man ſchreibet / uͤberſetzen wolle. Der Gebrauch und die Deutlichkeit muß wohl allemahl deſ - ſen / ſo etwas ſchreibet / ſeine vornehmſte Richt - ſchnur ſeyn. Dannenhero / gleichwie ich mich nicht entbrechen werde zu weilen vom dem Selbſtaͤndigen Weſen / von dem Gegen - ſtand eines Dinges / von dem Stoff deſſelbi - gen und ſo weiter zu reden; Alſo werde ich mich doch vieleicht oͤffters der ſubſtanz, des Objecti der materie u. ſ. w. bedienen; aber niemahls werde ich Unterlage an ſtatt Sub - jecti, oder die Zeuge-Mutter aller Dinge / an ſtatt Natur brauchen.

6. Jch erinnere mich hierbey einer deut - ſchen Logic die anno 1621. zu Coͤthen ge - druckt iſt / und den Titul hat: Kurtzer Be - griff der Verſtand Lehre zu der Lehr-Art. An17Vorrede. Jn dieſer hat der Verfertiger alle terminos technicos deutſch geben wollen / welches oͤffters ſo anmuthig und tunckel heraus koͤm̃t / daß man ſich des Lachens unmoͤglich enthal - ten kan. Jch will nur itzo das vornehmſte in Geſtalt eines kurtzen Brieffs / den ein Sohn an ſeinen Vater geſchrieben / den Leſer zugefal - len vorſtellen. Geliebter Vater: Jch habe nun nach angewendeten ſauren Fleiß die Verſtand - Lehre gelernet / und habe zu deſſen Beweiß ohn - laͤngſt oͤffentlich eine aus die ſer Lehre hergenom - mene Streit-Schrifft als ein Beantworter vertheidiget: Unſers Nachbars Soͤhne ſind Ge - gen-Setzer geweſen; der aͤlteſte hat folgende Fragen auffgeworffen: 1. Ob der Menſch eine un - terſte Art ſey / und ob er nicht vielmehr zu denen Geſchlechten oder doch zum wenigſten zu denen untergeordneten Arten gehoͤre. 2. Was die Urſache ſey daß alleine die Menſchen und etliche Thiere nicht aber alle Dinge eigentliche einzele waͤren. 3. Ob das rernuͤnfftliche in der Be - ſchreibung des Menſchen ein theilender oder artmachender Unterſcheid ſey. 4. Ob Va - ter und Sohn zu dem Orden des Selbſtaͤndi - gen oder des Gegenblicks gehoͤre. 5. Ob der Froſt und Hitze wiederwaͤrtig oder benehm - lich entgegen geſetzte waͤren. Er wolte ſich zwar auch zu denen Nachorden wenden / und aus denenſelben die Weiſen des foͤrdern undBhin -18Vorrede. hintern unterſuchen: Weil aber in deſſen die Stunde verfloſſen war / uͤbergab er ſeinen juͤn - gern Bruder die Lampe / der dem Stoff von denen Ausſpruͤchen mit ſeinen Gegenſaͤtzen be - ruͤhrete. Er machte mir viel zuthun / denn er wolte behaupten / daß die Unterlage manchmahl weitlaͤufftiger ſeyn koͤnte / als das ausgeſagte / daß der bedingte Ausſpruch beſſer waͤre / als der einfache / und der maßhabende deutlicher als der nicht maßhabende / ingleichen / daß ein allgemeiner bejahender Ausſpruch allezeit ſchlecht umbgewendet werden koͤnte; Die weil er aber oͤffters Schluß-Reden von vier Enden machte / das mittlere Ende zuweilen in den Be - ſchluß einmiſchte / auch manchmahl Schluß-Re - den fuͤrbrachte / die in der erſten Geſtalt ſeyn ſol - ten / und doch zu keiner Weiſe gerechnet werden koͤnten / auch oͤfters der kleinere Fuͤrſatz verneinend war; anderer vielfaͤltiger Betrugs-Schluͤſſe / derer er ſich durchgehends bedienete / zugeſchwei - gen / ſo habe ich ihn dergeſtalt mit Auffloͤſungen / Grundſaͤtzen / Eintheilungen / Anfuͤgungen und Begraͤntzungen zuruͤck getrieben / daß nicht allein alle Zuhoͤrer wohl mit mir zufrieden gewe - ſen / ſondern auch mein Herr Vorſitzer mich durch eine oͤffentliche Lobrede meinen andern Mitſchuͤ - lern zu einem Muſter vorgeſtellet. Jch habe hin - wiederumb zu Bezeugung meiner Danckbarkeit / ihn bey ſeinem ohnlaͤngſt erſchienenen Nahmens - Tage nicht alleine mit beykommenden aus lauterſechß -19Vorrede. ſechß-fuͤßigten Dichtlingen beſtehenden Hel - dengedichte angebunden / in welchen ich umb de - ſto beſſeren Anſehens willen mich der Freyheit / an - ſtatt des letztẽ langkurtzkurtzen und langkurtzen Fuſſes zweyer langlangen zu ſechß mahlen bedie - net / ſondern auch mit 4. Lauten 2. Kniegeigen und ſechß Hertzens-Schluͤſſeln ein angenehmes Nachtſpiel zugebracht / bey welchen mein Bru - der einen fuͤnff-ſtuffichten deutſchen finge - richten Geſang abgeſungen / viel tauſend Leute aber / ſo wohl auff offener Straſſen bey brennen - den Kertzen / als rundherumb durch die Hage - leuchter mit groſſer Andacht zugehoͤret. Der Jnhalt dieſes Brieffs iſt nicht zuverwerffen / ſo ſind auch in demſelben viel termini techni - ci verdeutſcht / die nunmehro in dem deutſchen uͤblich ſind. Es ſetze ſich aber einer von de - nen Studierenden druͤber / und ſehe / wie ſauer es ihn wegen des meiſten unvernehmlichen Deutſchen werden wird / denſelben zu uͤberſe - tzen / ob er gleich ſeine Vernunfft-Lehre gar wol innen hat. Aber ich muß wieder in die Ord - nung kommen / und nachdem ich von der erſten Stunde meines Collegii zur gnuͤge geredet / auch ferner von der andern Erwaͤhnung thun.

7. Der Unterſcheid der Erkaͤntnuͤß der Warheit und des Falſchen / iſt unter andern auch folgender / daß / wer die Warheit recht er -B 2kennet /20Vorrede. kennet / nicht nothwendig einen abſonderlichen Unterricht brauche / irrige Meinungen zu wie - derlegen / aber wer gleich eine oder die andere irrige Meinung erkennet / der iſt deßhalben nicht alſobald der Warheit maͤchtig. Denn die Warheit iſt einerley / und alſo die Richt - ſchnur / die uns das Falſche zumeiden lehret / aber eine Warheit kan wohl hundert ihr ent - gegen geſetzte Jrrthuͤmer haben / dieweil ſie alle von der Warheit abfuͤhren / uns dieſelbige nicht weiſen. Wer bey drey oder vier Schei - dewegen die rechte Straſſe weiß / bekuͤmmert ſich nicht / wohin die anderen Wege leiten / aber wer ſchon / weiß daß unter vieren ein Weg nicht an den beſtimmten Ort fuͤhret / der weiß dennoch nicht alsbald / welches unter denen uͤbrigen dreyen der rechte Weg ſey. Wer alſo bey der erſten Stunde / meines Collegii, die / wie er - meldet / auch fuͤr Arme und die von mittlern Vermoͤgen ſind / eingerichtet iſt / auffmerckſam und fleißig ſeyn / und dem / ſo er gehoͤret zu hau - ſe fleißig nachdencken wird / der wird verhof - fentlich ſich damit begnuͤgen laſſen koͤnnen / und weder eines examinis, noch einer Erklaͤhrung der ander ſeitigen Meinung beduͤrffen. Gleich - wohl iſt die Jugend nachlaͤßig / und will es ſichnicht21Vorrede. nicht allemahl ein wenig ſauer werden laſſen / abſonderlich aber diejenigen / denen GOtt fuͤr andern Mittel beſcheret. Jch will dannen - hero auch dieſen nach meinen Vermoͤgen un - ter die Arme greiffen / und in der andern Stun - de mit ihnen (1.) durch ein continuirliches examen repetiren / was ſie in der erſten Stunde gehoͤret haben. (2.) Sie / wenn ſie mir unrecht antworten / glimpflich auff den rechten Weg weiſen / und ihnen den Urſprung ihres Fehlers zeigen. (3.) Jhre Zweiffel und ob - jectiones anhoͤren / und dieſelbige benehmen. (4.) Jhnen zu Bekraͤfftigung der Warheit / ſelbſten dubia machen / und dieſe ihnen zube - antworten fuͤrlegen / (5.) die Autores diſſen - tientes ihnen kuͤrtzlich erzehlen / und den Ur - ſprung gegenſeitiger Meinung mehrentheils mit erwehnen. Aber ſie werden ſich auch nicht mißfallen laſſen / mir dieſe Stunde abſonderlich / und zwar um ein merckliches theurer als die er - ſte Stunde zubezahlen / in anſehen / wegen des continuirlichen examinis ich eine gar gerin - ge Zahl in derſelben werde accommodiren koͤnnen. Wiewohl ich dennoch das honora - rium dergeſtalt temperiren will / daß wenn gleich jemand das gantze Collegium die dreyB 3Jahr22Vorrede. Jahr uͤber abzuwarten Luſt hat / und alle beyde Stunden beſuchen wil / ihm das honorarium dennoch nicht viel hoͤher komme / als mir von meinen privatiſten, die die Jurisprudentz ohne die Philoſophie durchgehoͤret / und mit denen ich ordentlich nur zwey Jahr / und des tages eine Stunde zugebracht / nun etliche Jahr hero mit guten Willen gegeben worden. De - nen aber dieſe Stunde zu theuer fallen moͤchte / die doͤrffen nur bey der erſten deſto fleißiger ſeyn / und ein wenig mehr Muͤhe an ſtatt des Gel - des drauff anwenden. Jch wolte zwar wuͤn - ſchen / daß mein eigen Vermoͤgen ſo beſchaffen waͤre / daß ich meine wenige Wiſſenſchafft allen Studierenden umbſonſt beybringen koͤnte / ich wolte gewiß denen alten Philoſophen an Be - gierde / ſie ohne entgelt zu unterweiſen / nichts nachgeben. Aber ſo hat es GOtt gefallen / daß ich mich durch das / ſo ich gelernet habe / ſuſtentiren ſoll. Die alten Philoſophi hat - ten gut machen; Sie hatten zum theil ſelbſten ein gutes Vermoͤgen; zum theil erhielten ſie von der Freygebigkeit groſſer Herren auff ein - mahl mehr / als wir in vielen Jahren mit Col - legiis, fuͤr uns bringen koͤnnen. Und wer da ein anſehnliches Landgut / dort etliche tauſendThaler23Vorrede. Thaler Gnadengelder / wie ſie / verehrt bekoͤm̃t / kan wohl mit froͤlichen Muthe collegia gra - tuita halten. Aber dieſe Mode iſt ſchon vor - laͤngſt abkommen / und heut zu Tage duͤrffen wir uns fuͤr dergleichen Verſuchungen nicht leichte fuͤrchten. Uber dieſes ſo ſtaͤnde es auch noch dahin / ob es rathſam waͤre der ſtudirenden Jugend / heut zu Tage viel collegia gratis zu - halten. Es iſt ein alt Spruͤchwort: Quotidia - na & Vulgaria vileſcunt. Die menſchliche Hochachtung ſiehet ſelten die Nutzbarkeit eines Dinges in Formirung des Werths davon an / ſondern ſie urtheilet von der Hochachtung aus der Raritaͤt der Dinge / und aus anderer ihrer / nicht allemahl wohlgegruͤndeten Einbildung. Das edle Getraͤide / ohne welches wir ein elen - des Leben fuͤhren wuͤrden / wird bey wohlfeiler Zeit wohl mit Fuͤſſen getreten / und eine ſchnoͤde Perle / die an den Ort ihres Urſprungs um Kinder-Puppen iſt gegeben worden / wird als was ſonderliches geachtet. Einer buntfarbi - gen Tulipanen-Zwiebel wird / wenn ſie unge - mein iſt / wohl umb 800. Guͤlden bezahlet / weñ aber alle Gaͤrten damit prangen / kan man fuͤr einen Groſchen ihrer viel damit erhandeln. Die unverſtaͤndige Jugend denckt / wenn einB 4Leh -24Vorrede. Lehrer ſich ſeiner Arbeit nicht bezahlen laͤßt / es wende auch derſelbe nicht groſſen Fleiß an / und aus dieſer irrigen Meinung ſtehen die audito - ria publica zum oͤffter leer / da man doch in Gegentheil zu mehrenmahlen fleißiger præ - meditiret / wenn man vermuthen muß / daß Leute von allerhand judicio, Zuhoͤrer werden abgeben / als wenn man verſichert iſt / daß die / die uns unſere Arbeit bezahlen / wie offte ge - ſchiehet / gute Leute ſeyn / die fuͤnffe fuͤr eine ge - rade Zahl annehmen.

8. Nichts deſtoweniger aber / damit auch in dieſem Stuͤck ich nicht von einen extremo in das andere fallen moͤge / ſo wil ich quoad do - ctrinam antitheſeos dieſes temperament brauchen / und woͤchentlich zweymal (wie ich auch ſolches allbereit angefangẽ) die hochnoͤthige doctrin de Præjudiciis oder von denen Vor - urtheilen / die uns an der Erforſchung der Warheit hindern / ohne einigen Entgelt fuͤr jedermann leſen. Carteſius iſt deshalben billich zu loben / daß er in dieſen letzten Zeiten der erſte geweſen / der auf die Beobachtung ſol - cher Vorurtheil gedrungen / und waͤre zu wuͤn - ſchen / daß er die Art und Natur derſelbigen et - was genauer unterſucht haͤtte / maſſen er dieCapa -25Vorrede. Capacitaͤt hierzu allerdings gehabt / und wenn dieſes geſchehen waͤre / ſo wuͤrde er aus groſſer Begierde ein oder das andere Vorurtheil zu meiden / mit in ein anders unvermerckt gefal - len ſeyn. Es iſt nicht genung / daß ich etliche Præjudicia nur Exempelsweiſe erkenne / ſon - dern ich muß zu foͤrderſt mir einen genauen und deutlichen Concept von denen Vorur - theilen uͤberhaupt machen / weil eines ſo wohl als das andere mich von der Warheit ableitet. Alſo iſt mein Vorhaben / nach dem ich bißher in Beſchreibung der Vorurtheile mich einige Zeit aufzuhalten habe / und bey dieſer gar deut - lich gewieſen / warum Cartheſius, da er bey dieſen Concept ſo zu ſagen nur eine Haarbreit gefehlet / dennoch ſeiner Philoſophie dadurch / (ich wil nicht ſagen in der Phyſic) als welcher eben nicht viel dadurch zum Præjudiz geſche - hen) ſondern in ponendo primo veritatis criterno, und in der Grundlage zu der Mo - rale hauptſaͤchlich ſich geſchadet: Daß ich kuͤnf - tig die Hauptquelle aller Vorurtheile ſu - chen / und aus derſelben hernach die unterſchie - dene herflieſſende Baͤchlein / die uns in Erfor - ſchung der Warheit in allen Diſciplinen und Wiſſenſchafften hindern / leiten wolle. WannB 5dieſes26Vorrede. dieſes geſchehen / wil ich meinen Zuhoͤrern die Remedia die Zuhemmung dieſer ſchaͤdlichen Dinge dienlich ſind / vorſtellen / auch zugleich die Bewegungs-Urſachen / ſolche je eher je beſſer zuergreiffen / ihnen vorlegen / und die Klei - nigkeit derer hierbey vorfallenden Veꝛdrießlig - keiten erweiſen / welche viel Leute / die die Vor - urtheile wohl erkennen / dennoch von Daͤmpf - fung derſelben abhalten / wie etwan die Herrlig - keit einer Artzney einen Krancken von deren Ge - brauch abzuhalten pfleget. Wann dieſes ge - ſchehen / wil ich die Diſciplinen nacheinander durchgehen / und bey jeder gemeine Vorur - theile anmercken / die entweder von denen al - ten oder neuen Philoſophis in denenſelben fuͤr unſtreitbare Warheiten ſind ausgegeben / und ſie dadurch veranlaſſet worden / immer weiter und weiter von der Warheit ſich zu entfernen. So dann wil ich mich zu denen præjudiciis, die in dem menſchlichen Leben gemein ſind / und taͤglich in demſelben vorkommen / wenden / und dieſelben nach Unterſcheid aller Staͤnde / die unter denen Menſchen gebraͤuchlich ſind / be -[t]rachten / u ſ. w. Der Endzweck dieſer Stun - den beſtehet darinnen / daß durch dieſe Erwe - gung die Begierde bey der ſtudierenden Jugendver -27Vorrede. vergroͤſſert werde / ſich von dem elenden Joch der Ungewißheit oder verlarvten Gelahrheit loß zureiſſen / und daß hernach dieſelbigen durch Erkaͤntnuͤs derer primorum falſorum bey jeder Diſciplin geſchickt werden / die antithe - ſes Diſſentientium auf gantz leichte Weiſe zu wiederlegen / maſſen denn wenn das πρῶτον ψεύδος einer irrigen Lehre niedergeriſſen iſt / die daraus flieſſenden Concluſiones von ſich ſelbſt nachfallen. Wiewohl ich nicht leugnen kan / daß es mit dieſen Stunden etwas langſam um - gehen werde / weil / ob ſchon meines wiſſens niemand ex profeſſo von dieſer Materie ge - ſchrieben / dennoch dieſelbige ſo fertil iſt / daß ich nicht alleine die gantzen drey Jahre uͤber / ſo lan - ge ſich der Lauff meines gantzes Collegii erſtre - cket / ſondern noch eine viel laͤngere Zeit genung Vorrath zu diſcuriren vor mir finden werde. Weßhalben ich auch das noͤthigſte von dieſer Doctrin in gegenwertigen Begriff der Ver - nunfft-Lehre in einen abſonderlichen Capitel entwerffen werde / von welchen Begriff ich noch etwas weniges zu ſagen habe.

9. Es ſind ja Logicken genung in oͤffentli - chen Schrifften / und wenn ich mir nichts an - ders vorgeſetzet haͤtte / als die ſelbe ab zucopiren /wuͤrde28Vorrede. wuͤrde ich es ſelbſt fuͤr eine unnoͤthige Muͤhe er - kennen. Jch habe aber allbereit fuͤr dem Jah - re in meiner Introductione ad Philoſophi - am aulicam, oder de Prudentia cogitandi & ratiocinandi die Fehler / ſo ich bey denen ge - meinen Logicken angemerckt / und die Zweiffel / die mir bey der Carteſianer Jhrer vorgefal - len / treulich und ausfuͤhrlich entdeckt / auch hin und wieder den Weg gezeiget / die Warheit oh - ne Gefahr zuerforſchen. Jch habe daſelbſt in der Vorrede jederman gebethen / daß wenn ich uͤberverhoffen ſelbſt von der Warheit abgewi - chen waͤre / man mir einen Gefallen thun wuͤr - de / wenn man mir ſolches zeigete. Nun kan ich nicht leugnen / daß ſich unter denen Herren Carteſianis bald jemand gefunden / der ſich erklaͤret / dieſes zu præſtiren. Denn mein Buch ware kaum durch den Druck verfertigt / und ich diſputirete eben privatim uͤber ſelbiges / umdeſto eher hinter die Warheit zu kommen / ſo wurden unterſchiedene Zettel ausgeſtreuet / auf welchen folgender Titul zu befinden war: Jo - hannis Claubergii Specimen Logicæ Carteſianæ, ſeu modus Philoſophandi; Ubi certa Carteſianorum veritatem inve - niendi via oſtenditur, & in quibusdamnovæ29Vorrede. novæ introductionis in Philoſophiam Aulicam veritas examinatur. Studio Pau - li Michaelis Rhegenii: Jch muß bekennen / daß mir dieſer Titul etwas wunderlich voꝛkam / denn ich konte mir nicht einbilden / wie Johan - nes Claubergius, der nicht mehr in Leben waͤre / meine Introduction haͤtte examini - ren koͤnnen / und ich wuſte nicht / was ich fuͤr ein Opus aus dieſen Specimine Logicæ Car - teſianæ machen ſolte / nachdem ich des Clau - bergii ſeine ausfuͤhrliche Logicam Carte - ſianam ſchon laͤngſt geleſen hatte / und es fuͤr was ungewoͤhnliches hielte / daß man ein Spe - cimen von einem Buche erſt / nachdem ſelbiges ſchon lange in Druck geweſen / heraus geben ſolte. So konte ich es auch nicht fuͤr einen Extract aus des Claubergii Logic halten / theils weil unter einem Specimine und einen Extract ein mercklicher Unterſcheid iſt / theils auch / weil der Titul auf dieſe Art vielmehr Spe - cimen Logicæ Claubergianæ haͤtte heiſſen muͤſſen. Jch muthmaſſete endlich wohl / daß die præcepta dieſer Logic aus dem Clauber - gio wuͤrden hergenommen ſeyn / und daß der Unterzeichnete anderer Autor dabey wuͤrde Gelegenheit genommen haben / wider mich zudiſpu -30Vorrede. diſputiren; Aber ich war doch begierig die Urſache zu erforſchen / warum er mir durch di - vulgirung dieſes Titels gleichſam ein ſchrifft - lich Cartel inſinuiren ließ / da er doch Gele - genheit hatte / mit mir muͤndlich uͤber meine Meynung zu conferiren / indem in meinen damahligen Diſputationen ich jedermann / der wider meine Lehre was zu ſagen hatte / ad - mittirte / und wie es jederman bewuſt / allezeit beſcheiden tractirte; auch je ſchaͤrffer die Op - ponenten waren / je lieber mir derſelben An - ſpruch zu ſeyn pflegte. Jch konte keine ande - re raiſon conjecturiren / als daß der Autor / weil er nach der Phraſi des damahligen Titels mich wegen meines Buchs examiniren wolte / gemuthmaſſet / er doͤrffte in der Qualitaͤt eines Examinatoris von miꝛ nicht ſo bald ange - nommen werden / bevor er ſich hierzu gnung - ſam habilitiret haͤtte. Jedoch / dem mochte ſeyn wie ihm wolte / weil ich eben jedweder die Freyheit gar gerne lieſſe einen Weg wider mich zu diſputiren zu wehlen / welcher ihn beliebte / ſo war ich auch zu dieſem Examine bereit / und haͤtte es lieber alſobald mit dem Titel des Buchs gehabt. Aber es ſey nun / daß mein Examinator mir dieſe Fertigkeit nicht zuge -trauet /31Vorrede. trauet / oder daß er mir ſonſten ex liberalitate eine voͤllige Saͤchſiſche Friſt mit einigen Dila - tionibus einraͤumen wollen / ſo kame dieſes Specimen erſt nach vier oder fuͤnff Monden nach Diſtribuirung des Titels an das Tage - Licht. Es wurden auch die einzelen Bogen / die bey dem Drucker nach Anleitung des Symboli Kayſers Auguſti verfertiget worden / ſo heimlich gehalten / daß ich / wie gerne ich bey Zeiten meines Jrrthums mich wolte entnehmen laſſen / eine gute Zeit davon nichts zu ſehen bekommen konte / maſſen es ſcharff ver - boten war / kein Exemplar wegzugeben. Und koͤnte es ſeyn / daß ſich vielleicht der Autor be - fahret haͤtte / ich moͤchte / wenn ich ſein examen ſo geſchwind zu ſehen kriegte / mit meiner Ant - wort etwa eher fertig ſeyn / als er mit ſeinen Fragſtuͤcken. Doch ſchaffte mir endlich ein guter Freund noch ziemlich zeitig die erſten vier Bogen / welche ich ſehr begierig und mit gutem Bedacht geleſen / auch mir zu deſtobeſſerer Nachricht excerpta daraus gemacht: Aus welchen ich aber ſo viel geſehen / daß ich keiner weitern Curioſitaͤt die folgenden Bogen zu le - ſen wuͤrde vonnoͤthen haben / weil ich ſchon aus dieſen Specimine Speciminis, klar und deut -lich32Vorrede. lich erkennete / daß dieſes das Buch nicht ſey noch werden wuͤrde / daß zu dem divulgirten Titel gehoͤrete / und daß / weil in demſelben mei - ne Introduction weder examiniret / noch mit einigen Grunde angefochten wuͤrde / ich auch nicht wuͤrde vonnoͤthen haben / mich wider den Autorem zu defendiren.

10. Denn 1. hatte ich zwar in meiner In - troduction wie auch allezeit anderswo hono - rificè von dem Carteſio ſentiret / und halte ihn noch fuͤr einen ſehr gelehrten Mann / dem wir es nicht genung verdancken koͤnnen / daß er an - gefangen die Welt aus dem dienſtbahren Joch der Scholaſtiſchen Philoſophie loß zureiſſen / aber ich hatte ihn deßwegen etlicher præjudi - ciorum bezuͤchtiget / daß er in Erforſchung der Warheit 2. â particulari ad univerſale ge - ſchloſſen: Senſus me aliquoties fefelle - runt, ergo me ſemper fallere poſſunt, oder / wenn er es gleich anders geben wolte er - go in ſenſibus non poſſum invenire cer - titudinem; zumahlen dieſer modus argu - mentandi auch ſein eigen Principium um - ſtoͤſſt / maſſen nicht nur nach ihm die Senſio ei - ne Art von denen Gedancken iſt / ſondern auch wuͤrcklich / wenn ich zum Exempel dencke / einvier -33Vorrede. viereckter Thurm ſey rund / entweder nicht der enſerliche Sinn / ſondern die Gedancke von dem Thurm / oder doch zum wenigſten die Gedan - cke ſo wohl als der euſerliche Sinn mich hin - tergehet / und ich alſo ebenfals ſchlieſſen koͤnte: Si cogitatio aliquoties me fefellit, ergo in cogitatione non poſſum in venire certitu - dinem. 3. Daß gleichwie aus dieſem præ - judicio ein anderes entſtehet / daß nemlich der Concept von denen Gedancken (weil ich der - ſelben vergewiſſert waͤre / da ich von allen ſinnli - chen Coͤrpern abſtrahirte) keinen Concept von einigen Coͤrper inferirte, und folgbar in demſelben der Menſch erkennen muͤſſe / daß die Seele ein Geiſt ſey / ja daß das Weſen eines Geiſtes in denen Gedancken beſtehe / da ich doch theils aus Carteſii Beſchreibung ſelbſt von der Gedancke / theils aus einer andern viel aus - fuͤhrlichern / die ich in meinen Buch de pru - dentia ratiocinandi nach dem innerlichen Beyfall eines jeden Menſchen geſetzt / gar klar und deutlich dargethan / daß kein Menſch nach ſeiner Vernunfft ſich einigen Gedancken ein - bilden kan / weñ er nicht vielfaͤltige conceptus von Coͤrpern mit einmiſcht. So habe ich auch 4. darinne von Carteſio diſſentiret /Cwenn34Vorrede. wenn ich behauptet / daß der Menſch kein einig ſelbſtaͤndiges Weſen klar und deutlich erkenne - te / ſondern daß alle ſeine Wiſſenſchafft von der Erkaͤntnuͤß derer Zufaͤlle oder accidentium herruͤhrete / aus welchen er hernach allezeit ei - ne dunckele oder confuſe impreſſion ſich von der Subſtantz ſelbſt mache. Wenn nun der Autor Speciminis mir mit ſeinem Examine rechtſchaffen haͤtte auf die Haube greiffen wollẽ / haͤtte er in dieſen vier Puncten mich recht atta - quiren / und mir dieſelben darnieder legen ſol - len; So habe ich auch in der Vorrede meiner Introduction proteſtiret und gebeten / daß ſich niemand mit mir einlaſſen moͤchte / der nicht in der Hiſtoria Philoſophica wohlerfahren waͤre / und die hypotheſes ſo wol derer alten als neuen Philoſophen wohl inne haͤtte / wie - drigenfals wuͤrde er ſich es nicht ver - drieſſen laſſen / wenn ich ſeine objectiones mit ſtillſchweigen uͤbergienge. Weil ich nun die - ſes alles weder in denen vier erſten Bogen / noch in dem uͤbrigen Werck / als ſelbiges heraus kommen / gewahr werden koͤnnen / wird mir der Autor Speciminis nicht verdencken / daß ich bißher ihm nicht geantwortet / noch kuͤnfftig ant - worten werde / weil doch alle unſer Streit innichts35Vorrede. nichts / als bloſſen Wiederſprechungen beſtehen wuͤrde. Damit auch weder er noch der Leſer dafuͤr halten duͤrffe / als ob dieſe meine Entſchul - digung nur ein prætext waͤre / damit ich ent - weder einen Hochmuth oder ungeziemende Verachtung / oder ein Unvermoͤgen zu ant - worten bedecken wolte / ſo hoffe ich / es ſollen fol - gende kurtze Anmerckungen / die ich bald an - fangs bey Durchleſung der erſten vier Bogen aufgezeichnet / die Urſachen / die ich jetzo angefuͤh - ret / gnungſam beſcheinigen.

11. Jn erſten Capitel p. 6. ſagt er / er wolle beſcheiden unterſuchen / was Jhn in meinen Buche mißfiele / in welchen er auch mir in vielen beypflichtete. Daß er ſich die Be - ſcheidenheit fuͤrgeſetzt / iſt ſehr gut / und wil ich auch glauben / daß er zu dem Ende ſeinen zu an - fangs divulgirten Titel hernachmahls bey pu - blicirung ſeines ſpeciminis etwas geaͤndert / und anſtatt des odioſen Worts: examina - tur, ſetzen laſſen paucis expenditur. Jch kan auch wohl leiden / daß er unterſucht / was Jhm in meinen Buche Mißfalle / wenn es aber nur bey dem bloſſen anzeigen des mißfallens beru - hen wird / ſo wird er ſelbſt erkennen / daß das an - zeigen meines Mißfallens keine UnterſuchungC 2der36Vorrede. der Warheit / die ſein Titel verſpricht / inferire. p. 7. gedencket er unter andern / daß er glaube / es waͤren mir die Grundſaͤtze der Carteſia - niſchen Philoſophie zur gnuͤge bekant / welches ich mit Danck acceptirre, alſo dem jenigen keinen Glauben beymeſſen will / was ei - nige von ſeinem damahligen Patronen von ihm ausgeſprengt / als wenn er dieſes veraͤchtliche Urtheil von mir gefaͤllet / daß ich die Carteſia - niſche Philoſophie gar nicht verſtaͤnde. Jch verſichere ihn auch in Gegentheil / daß ich von Jhm glaube / daß er ein guter Carteſianer ſey / deꝛ nicht bloß etliche Meynungen aus dem Car - teſio erſchnapt / ſondern der die Carteſianiſche Philoſophie ſo zu ſagen in ſuccum & ſan - guinem convertiret hat / und von dem ich ſol - cher geſtalt einen geziemenden æſtim, wie von allen Carteſianis mache / auch gar wohl haͤt - te leiden koͤnnen / wenn er zu defenſion ſeiner Secte meine Philoſophie rechtſchaffen ange - griffen haͤtte. p. 8. conteſtiret er / daß er mir durch ſeine contradiction nicht zu inſultir en vorhabens ſey. Es iſt mir auch dieſes lieb / wenn nur die proteſtation mit der That uͤber - einkoͤm̃t. Aber ich acceptire hierbey / daß er bald anfangs mir nur zu contradici ren ſich fuͤr -genom -37Vorrede. genommen / welches abermals weder fuͤr ein Examen, noch pro expenſione veritatis paſſiren kan. Wenn er ſeinen Titel recht conform ſeinen Buche haͤtte machen wollen / haͤtte er ſetzen ſollen & novæ introductio - ni &c. contradicitur, oder & quid in nova introductione diſpliceat, indicatur. Aber ſo haͤtte vielleicht der Titel dem Leſer nicht das Maul ſo waͤſſerig gemacht. Daß er ferner p. 9. erwehnet / es werde mir nicht mißfal - len / daß er ſich die Freyheit genom̃en von mir zu diſſentiren, da iſt er nicht irrig / weil dieſes einen jeden freyſtehet / daß er aber zugleich wider diejenigen proteſtiret / die mit Schmaͤhungen oder calumnien wider ihn ſtreiten wolten / daran hat er mir unrecht ge - than / wenn er ſich deſſen bey mir befahret / maſ - ſen ich Jhm dann gegenwaͤrtig ohne Schmaͤ - hung anzeige / warum ich mit Jhm nicht ſtrei - ten wolle.

12. Bey dem 2. Capitel theilet er p. 15. ſeq. n. 19. ſeqq. die Logicam carteſianam in 4. Theile ein / nemlich in Partem Geneti - cam, & Analyticam, und ein jedes von die - ſen beyden wiederum in zwey Stuͤcke / recht wie Claubergius in ſeiner Logic thut / welcherC 3auch38Vorrede. auch nach dieſer Eintheilung hernach ſeine Lo - gic vollfuͤhret. Aber unſer Autor haͤlt dafuͤr / Claubergius (wiewohl er ſeines Nahmens nicht erwehnet) habe darinnen mentem Carte - ſii nicht recht aſſequi ret / weil pars Analyti - ca von des Carteſii inſtituto gantz entfernet geweſen waͤre / als der ſich nicht vorgenommen haͤtte / von andern etwas zu lernen (p. 16. n. 29.) auch der andere Theil partis Geneticæ hieher nicht gehoͤre / weil Carteſius nicht vorgenom - men haͤtte / andere zu informiren (ib. n. 30. 31. ) wannenhero er auch nur den erſten Theil par - tis Geneticæ tractiren wolte / jedoch / weil die - ſer der Grund der uͤbrigen drey Stuͤcke waͤre / ſo wolle er doch weiſen / wie man denſelben bey denen uͤbrigen Dingen mit gebrauchen ſolle. Nun wil ich hier Claubergium nicht defen - diren / oder unterſuchen / ob der Autor ſeinen verſprechen nachgekommen ſey / und in folgen - den den uſum primæ partis in denen uͤbrigen gewieſen habe / ſondern ich mercke nur daraus / daß / wei er hier in dem Hauptwerck von Clau - bergio abweicht / und zwar / ohne daß er ſolches dem Leſer mit deutlichen Worten ſage / er nicht fein ingenuè gehandelt habe / und alſo das Werck gantz nicht dem Titel ſeines Buchsgemaͤß39Vorrede. gemaͤß ſey / maſſen denn auch ein jeder / der die - ſe ſeine Logic mit des Claubergii und an - derer Carteſianer Schrifften conferiret - gar leichtlich finden wird / daß / gleichwie von Claubergii Logic kaum der ſechßte Theil in dieſen ſpecimine anzutreffen / alſo ein gut Theil uͤber die Helffte dieſes ſpeciminis man vergebens in Claubergio ſuchen werde / ſon - dern befinden / daß es dem de la Forge, Raéo, der Logic der Herren des Port Royal, oder (wie Baillet den Autor davon angiebt) den le Bon abgeborget ſey. Jch will zwar den Autorem Speciminis dieſerwegen nicht als einen plagiarium angeben / oder ihn eines do - li mali beſchuldigen / ſondern ich will das aller - dinges als fraudem piam paßiren laſſen / daß man bey dem Verleger des Speciminis ge - ſagt / es ſey deßwegen auff dem Titel der Nah - me des Claubergii geſetzt worden / weil dieſer ein beruffener Carteſianer waͤre / und man ſich befahret / das Specimen moͤchte nicht ſo wohl abgehen / wenn der Autor Speciminis als noch unbekant ſeinen Nahmen alleine hin - ſetzte; Jedoch wird der Autor mir dieſes zu gute halten / daß ich auch umb dieſer Urſache willen bedencken trage / mich mit ihm einzu -C 4laſſen /40Vorrede. laſſen / denn ich mag gerne mit Leuten zu thun haben / die fein gerade heraus mir die Warheit ſagen / wiewohl ich ihm doch dißfalls hiebey dancke / daß er ſeinen Nahmen gegen mich mel - den wollen / und nicht ſo ex inſidiis, wie ande - re / wieder mich geſchrieben. Jn denen Con - ſectariis bey dieſen cap. 2. laͤßt es ſich der Au - tor ſehr angelegen ſeyn / darzuthun / daß ich ei - ne groſſe Unfoͤrmligkeit begangen haͤtte / daß ich in meiner Introd. cap. 4. die Logic ad prudentiam referiret, weßhalben er alle argu - menta die man wieder dieſe Weynung fuͤr - bringen koͤnte / und zwar meiſtentheils ex prin - cipiis Philoſophiæ Ariſtotelicæ zuſam̃en ſucht / auch hernach zu Ende des Capitels p. 23. mir den Rath giebt / daß ich lieber meine Logic per artem aut ſcientiam haͤtte beſchrei - ben ſollen / und wenn ich das gethan haͤtte / ſo waͤre meine definition ſonſt vortrefflich. Er nennet ſie egregiam definitionem, und ſagt in fine: Cætera benè ſe habent, nun be - dancke ich mich zwar fuͤr dieſe guͤtige cenſur; aber ich gebe dem Autori ſelbſten zu erwegen / ob er es Urſache gehabt / an dieſen Ort ſich nicht / ſo wohl die Perſon eines examinatoris, als die qualitaͤt eines præceptoris oder præſi -dis41Vorrede. dis, der ein argument oder eine diſputation corrigiret / ſo ungebeten heraus zu nehmen. Denn (1.) ſehe ich aus allen Umbſtaͤnden / daß der Autor die objectiones die er mir macht / oder die hypotheſes ſectæ, ex qua ob - jectiones petitæ ſunt, ſelbſten nicht verſtehet / ſondern vielleicht dieſelbigen ſich von einem guten Freund hat beytragen laſſen / und her - nach mit ſeinen additionibus wiewohl mit wenig judicio vermehret und verbeſſert. Die - ſes ſpuͤhre ich daraus / wenn er pag. 20. §. 44. den terminum Philoſophiæ rationales & Theo - reticæ ſynonymicè braucht / da doch bekant daß die diviſio der Stoicker / Philoſophiæ in rationalem, naturalem & moralem, und die Ariſtoteliſche in Theoreticam & Practicam gantz und gar von einander ent - ſchieden ſey / und rationalis Philoſophia gar nicht fuͤr Synonymum Theoreticæ paßi - ren koͤnne / auch ſolches der Autor Specimi - nis zur Noht aus dem 2. Cap. meiner Intro - duction §. 8. ſeqq. haͤtte erlernen koͤnnen. So zeigt dieſes auch eine groſſe ignorantiam Philoſophiæ communis an (aus welcher er mich attaquiret) wenn er §. 51. p. 21. die ter - minos artis & ſcièntiæ ſynonymicè braucht /C 5ſon -42Vorrede. ſonderlich de Philoſophia morali, auff wel - che ſich doch ſchwerlich einer von beyden ſchickt / und ſcheinet alſo daraus / daß er die diviſionem communem habituum intellectualium gar nicht innen habe muͤſſe. Aber er haͤtte (2.) aller dieſer objectionum wieder mich entbehren koͤnnen / wenn er nur betrachten wol - len / was ich in meiner introd. §. 71. ſeq. cap. 2. geſchrieben / und wenn er nur einen von meinen auditoribus haͤtte gefragt / was ich daſelbſt durch das alibi verſtaͤnde / ſo wuͤrde man ihn auff das 1. Buch meiner inſtit. Juris divini c. 1. verwieſen / und er ſo dann aus dieſen bey - den locis erſehen haben / daß mir ſeine obje - ctiones, die er wieder mich macht / nicht unbe - wuſt geweſen / ſondern ſchon daſelbſt zur gnuͤge beantwortet worden. Aber ſo ſcheinets wohl / daß es wahr ſey / was man mich von ihm be - richtet / daß / als nach publicirung ſeines Ti - tels ihn ein guter Freund gewarnet / er ſolle mein Buch etwas attent leſen / er demſelbigen zur Antwort gegeben; Er wolle es nicht ſo gut achten / daß er es thaͤte.

13. Bey dieſer Bewandnuͤß aber kan der Autor Speciminis leicht gedencken / was ich muͤſte gedacht haben / als ich ſein III. Capitel deSectis34[43]Vorrede. Sectis veterum Philoſophorum geleſen. Fuͤr das erſte ſahe ich nicht / zu was Ende er die - ſes Capitel in ſeine Logicam Carteſianam geſetzt. Claubergius noch einiger Carteſia - ner haͤtte ſonſt dergleichen gethan. So ſchickte ſich auch dieſes fuͤr ihn nicht / als der ſo offte proteſtiret, daß er ein purer Carteſianer ſey / und mit der Philoſophia Eclectica nichts zuthun habe. Mir aber war dieſes Capitel in meiner Introduction noͤthig / weil ich Philoſophiam Eclecticam inculcire. Dannenhero meinete ich / es waͤre dieſer Ur - ſachen halben geſchehen / weil ich / wie obgedacht / in meiner Vorrede gebeten / daß niemand wie - der mich ſchreiben ſolle / der in Hiſtoria Phi - loſophica nicht verſiret waͤre / oder daß er eine Fehler zeigen wolte / die ich in meinen ca - pite begangen / zumahl da er bald anfangs die erſten paragraphos, ſonderlich quintum, wieder den Anfang meines capitis 1. §. 4. ſchie - ne geſetzt zu haben. Nichts deſtoweniger lieſſe mir die klare und deutliche Erkaͤntnuͤß / die ich mir von ſeiner capacitè aus ſeinem objectio - nibus de prudentia gemacht hatte / nicht zu / daß ich mir einbilden koͤnte / daß dieſes Capitel auff ſeinem Beete gewachſen / oder nur vonihm44Vorrede. ihm ex Hiſtoria antiqua colligiret waͤre. Weil ich dann befunde / daß er in fine capitis, wie wohl nur mit 2. Worten Clarisſimum Raéum allegirte, lieſſe ich dieſes ſeine opera bey einem guten Freunde hohlen / und fande nach wenigen durchblaͤttern zu letzt p. 721. ſeq. eine diſſertation des Raéi de ſapientia Ve - terum, welche / nachdem ich ſie mit dem Au - tore Speciminis conferiret hatte / ſahe ich / daß dieſes ſein caput 3. von dem §. 2. p. 24. an biß auff den §. 109. p. 48. aus dem Raéo von Wort zu Wort abcopiret ſey / auſſer daß der Autor Speciminis eines und das andere was ihm zu ſeinen Zweck nicht gedienet / und doch beym Raéo zu finden / uͤbergangen / und manchmahl ordinem verborum etwas ge - aͤndert: als zum Exempel: Weñ Raèus ſpricht quibus veritatem cœperunt ac veram ſcientiam quærere & comprehendere ex parte, ſo ſagt der Autor Speciminis, qui - bus veritatem ac veram ſcientiam cœpe - runt quærere & ex parte comprehende - re, u. ſ. w. Bey dieſer Bewandnuͤß aber ha - be ich ſchlieſſen muͤſſen daß der Autor Speci - minis wohl ſonſten in der Hiſtoria Philoſo - phica wenig erfahren ſeyn muͤſſe / weil er / daRaéus45Vorrede. Raeus eines und das andere geſetzt / daß un - wahrſcheinlich iſt / ſo gar ohne einige Anmer - ckung oder Aenderung ſeinem ſpecimini ein - verleibet / bloß weil er geſehen / daß die Ausar - beitung des Raéi ſich zu ſeinen Zweck / den er gehabt wieder mich zu ſchreiben / vortrefflich geſchickt. Als / wenn bald anfangs Raéus geſetzet / daß man den Urſprung der Philoſo - phie nicht von Anfang der Welt / ſondern von denen Periodis, die der Autor Speciminis §. 13. ſeq. p. 25. anfuͤhret / anrechnen ſolte / ſo iſt dieſes dem Autori Speciminis gefunden geweſen / weil ich in Cap. 1. §. 4. ſeqq. und in Cap. 2. §. 1. ſeqq. die Philoſophie und die Sectas von Anfang der Welt hergeleitet / wie - wohl man aus dem wenigen / was ich daſelbſt angefuͤhret / dasjenige was Raéus weitlaͤufftig von dieſer Frage diſputiret, d. diſſert. pag. 723. uſque ad p. 732. wiederlegen und beant - worten kan / abſonderlich aber iſt dasjenige / was der Autor Speciminis daraus excerpiret, quod non omnes homines natura ſcire deſiderent, quod non omnis veritas ſit Philoſophiæ propria, quod veritas arti - um à veritate Philoſophica diſcerni de - beat, u. ſ. w. entweder gantz falſch / oder uͤberſchlieſ -46Vorrede. ſchlieſſend / oder laͤufft auff einen bloſſen Wort - Streit aus. So iſt auch dasjenige / was der Autor Speciminis aus Raéo n. 57. p. 36. von Socrate referiret, als wenn dieſem die Urſach des Ubels und deren Spaltungen / die unter ſeinen Zuhoͤrern nach ſeinem Todte ent - ſtanden / zuzuſchreiben ſey / ſehr harte / und iſt ei - ne Anzeigung / daß Raéus (denn von dem Au - tore Speciminis will ich nicht ſagen) die herr - lichen teſtimonia der Alten / ſo wohl Heyden als Chriſten von Socrate, abſonderlich aber des Xenophontis Buch de memorabili - bus Socratis nicht muͤſſe geleſen haben / ge - ſchweige denn / daß er ſich umb des Socratis Le - bens-Lauff und Lehre (welche heut zu Tage Charpentier aus denen alten Scribenten mit Fleiß zuſammen gezogen) ſolle genau be - kuͤmmert haben. Endlich ſo halte ich das vom Raéo fuͤr eine affectirte Unwiſſenheit / wenn er vorgegeben / daß die Eclectici wenig von denen Pyrrhoniis und Scepticis differir - ten / welches wiewohl es offenbahr falſch iſt / und aus dem / was ich Cap. 1. §. 36. item §. 90. ſeqq. geſetzet habe / beantwortet wer - den koͤnnen / ſo hat es doch der Autor Spe - ciminis n. 70. p. 38. mit beyden Haͤnden er -griffen /47Vorrede. griffen / weil er ſich fuͤrgenommen / auf die Philoſophiam Eclecticam ſehr unguͤtig zu ſprechen. Aber dieſes mag von denen Excer[-]ptis Raéi genung ſeyn / denn wir muͤſſen nun - mehr ſehen / wie der Autor Speciminis wei - ter fortfahre / Raéus handelt in ſeiner Diſſer - tation de Sapientia Veterum, von denen fuͤrnehmſten Secten derer Griechiſchen Philo - ſophen, und derſelben Zuſtand / wie er allbe - reit vor Chriſti Geburt geweſen. Unſer Au - tor aber / nachdem er beym Raéo nichts mehr zu excerpiren gefunden / continuiret p. 48. §. 110. folgender Geſtalt: Weil Ariſtoteles der Vorgaͤnger derer folgenden Philoſophen geweſen / ſonderlich derer Scholaſticorum, ſo koͤn - ne man leicht ſchlieſſen / daß dieſe es nicht beſſer ge - macht / als ihre irrigen Vorgaͤnger / dannenhero ſey es ohnnoͤthig / daß er alle und jede durchlauffe und ſie examinire / zumahl da er geſehen / daß ich allbereit in meiner Introduction ad Philoſophi - am Aulicam ſolches zur gnuͤge gethan. Ob hier der Autor Speciminis dieſe connexion bey geſchieden Leuten werde als einen dolum bo - num entſchuldigen koͤnnen / gebe ich dem Leſer anheim. Denn (1.) was ware es wohl zu ſei - nem Zweck noͤthig / derer alten Griechiſchen Philoſophen ſectas zu erzehlen? haͤtte es(2.) nicht48Vorrede. (2.) nicht vielmehr Nutzen gehabt / die neuern Secten zuerzehlen / umb die Vortreffligkeit der Carteſianiſchen Lehre darzuthun / (3.) ware denn Ariſtoteles bald anfangs unter denen Chriſten der Vorgaͤnger derer Philoſophen, und wo laͤßt denn der Autor den langwieri - gen Flor der Platoniſchen Philoſophie bey denen Vaͤtern der erſten Kirchen / (4.) wenn er deßhalben nicht fuͤr noͤthig haͤlt / von denen Philoſophiſchen Sectis bey denen Chriſten was ausfuͤhrliches zugedencken / weil ich es ſchon zur gnuͤge gethan / ſo muß er ja ſelbſt ge - ſtehbn / daß ſeine excerpta, die er aus Raeo gemacht / unnoͤhtig geweſen; Denu ich habe auch von denen Sectis Græcorum ja ſo aus - fuͤhrlich referiret als Raéus, zumal wenn man das 2. Capitel meiner Introduction zu dem er - ſten Capitel mit conferiren will. Oder warum weiſet er mir in denen conſectariis nicht / wor - innen es Raéus beſſer getroffen habe / als ich. Solte ſich nun wohl bey dieſer Bewandnuͤß der Autor Speciminis nicht ein wenig ſchaͤmen / wenn aus dem / was ich angefuͤhret / ein jeder Leſer gar deutlich erkennen kan / daß er die Le - ctores tacitè bereden wollen daß dieſe Diſſer - tatio de Sectis Veterum ſeine Arbeit ſey / unddaß49Vorrede. daß er dieſelbe auch ad ſequentia tempora continuiren koͤnte / wenn er nur wolte / da doch in gegentheil gantz wahrſcheinlich / daß er ger - ne weiter continuiren wollen / wenn es Jhm nur in ſeinem Vermoͤgen geweſen / oder wenn Raéus nur weiter cotinnuiret haͤtte. Zumal wenn man erweget das / was der Autor Spe - ciminis a §. III. biß zu ende dieſes Capitels p. 52. ferner geſchrieben von denen Urſachen / warum die alten Secten der Warheit verfeh - let haͤtten / daß / ſage ich / dieſes alles wiederum aus beſagter Diſſertation des Raéi, p. 730. 731. 732. ausgeſchrieben ſey. Jn denen con - ſectariis zu den 3. Capitel diſputirter n. 7. & ſeqq. p. 54. ſeq. wider die Philoſophiam Eclecticam recht cavillatoriè, weil er ſub no - mine Philoſophiæ Eclecticæ eine Philoſo - phie verſtehet die zu vertheidigen denen Phi - loſophis Eclecticis nie in den Sinn gekom - men. Und wenn er nur haͤtte leſen wollen / was ich in meiner Introduction cap. 1. §. 90. ad finem capitis de Philoſophia Eclectica & ejus præſtantia præſectaria angefuͤh - ret haͤtte / wuͤrde er ſo unfoͤrmlich Zeug / und / daß daſelbſt ſchon beantwortet iſt / nicht fuͤr gebracht haben. Und damit er nicht meine / alsD50Vorrede. ob ich / von dem er eine uͤbele præſumption hat / weil ich die Carteſianiſche principia ve - ritatis nicht fuͤr zulaͤnglich halte / die Philoſo - phiam Eclecticam alleine defendirte; ſo wil ich ihn auf des grundgelehrten Profeſſoris zu Altorff / des Herrn Sturmii, der des Car - teſii Philoſophie verhoffentlich ſo wohl inne hat / als der Autor Speciminis, auch den Car - teſium wieder ſeine unzeitigen Veraͤchter nach - druͤcklich verdefendiret / ſeine gantze Diſſer - tation de Philoſophia Eclectica verweiſen / als woraus ich meine itzo allegirte § §os ex - cerpiret habe / wie ich ſolches nicht alleine mei - nen Auditoribus in explication meiner In - troduction angezeiget / ſondern auch §. 91. verbis & ab aliis jam demonſtratum eſt & §. 93. verbis: & ex Profeſſoribus Alt - dorffinis Sturmium, darauff gezielet. Daß aber der Autor Speciminis meinet / er wolle mich mit dem dilemmate p. 55. n. 12. & 13. fangen / daran betruͤgt er ſich mercklich. Denn anfangs irret er ſehr / wenn er ſpricht: ich gaͤbe meine Introduction ohne Zweiffel pro vera & certiſſima aus. Ein anders wird ihn mei - ne præfation weiſen / als woraus er erſehen wird / daß ich ſie ſo lange fuͤr wahr halte / biß mirein51Vorrede. ein anderer einen Jrrthum zeiget; daß ich ſie aber deßwegen nicht pro certiſſima ausgebe / ſondern gantz offenbahr meine menſchliche Schwachheit / die mich zu einigen Jrrthum haͤt - te verleiten koͤnnen / bekenne. So verlange ich auch nicht von meinen Auditoribus, daß ſie meine Sectarii werden ſollen / weil ich meine Philoſophie fuͤr wahr halte / ſondern ich will / daß ſie mir folgen ſollen / wenn ſie die Warheit derſelben ſo erkennen werden / als ich: daferne ſie aber ſehen / und ſehr deutlich ſpuͤreten / daß ich gefehlet haͤtte / ſo inculcire ich ihnen taͤglich / daß ſie alsdenn meine Meynung ſollen fahren laſſen / gleichwie ich ſelbſt in einen und andern meine Meynung endere / wenn eine reiffere meditation mir meine Jrrthuͤmer zuerkennen giebet: Wenn ferner der Autor Speciminis p. 55. n. 14. fortfaͤhret: Sed inquies, ſaltem Car - teſius non eſt ſeqvendus, ut qui ratiocinandi arte mininè fuerit inſtructus, â præjudiciis præte - reà nimium & parum ſibi cavens, nimius et - iam ac aliqvatenus faſtuoſus veterum Philoſo - phorum contemptor videatur, ſo ſpuͤre ich wohl / daß er abermals wieder mich diſputiren wolle / weil ich mich entſinne / daß dieſe ange - fuͤhrte Worte zum Theil aus meinem § 75. cap. 1. Introd. hergenommen ſind; Aber erD 2gehet52Vorrede. gehet auch hier nicht aufrichtig mit mir um. Denn 1. wo wird er mir jemals dieſe propoſi - tion: Saltem Carteſius non eſt ſequendus in meinem Schrifften weiſen koͤnnen. Meine Auditores wiſſen am beſten / daß ich von Car - teſio allezeit honorificè ſentire; Meine Introduction ſagt ſelbſten / daß ich ſeine Phy - ſic recommendire: Warum verknuͤfft deñ der Autor Speciminis dieſe odiöſe theſin, die mir nie in Sinn kommen mit denen andern Worten? 2. Warum excerpiret er aus dem 75. §. eben nur dasjenige / was ich an Carteſio deſideriret? und laͤſſet auſſen / daß ich daſelbſt geſagt / quod Carteſius fuerit vir judicio naturali & ingenio maxime pollens, & veritatis cupidus, libertatis philoſophan - di amantiſſimus, & cum adverſariis ſuis placidiſſime diſputaverit, ac ita exem - plum præbuerit Politici modeſtiſſimi & humaniſſimi. Ja (3) warum laͤſſt der Au - tor in denen defectibus, die ich an dem Carte - ſio bemerckt / meine Worte nicht / wie er ſie fin - det / und warum ſetzt er: ratiocinandi arte minime inſtructus: da ich doch nur geſagt htte: non probè inſtructus. Aber dem ſey allen wie ihm wolle / ich habe mein judiciumvon53Vorrede. von Carteſio in folgenden / fuͤrnemlich cap. 3. §. 12. ſeq. item Cap. 6. §. 16. ſeqq. erwieſen. Dieſes haͤtte er refutiren ſollen / anſtatt / daß er des Carteſii ſcripta und ſonderlich ſein Buch de methodo more magis oratorio, als ſecundum artem ratiocinandi biß zu ende dieſes Capitels heraus ſtreicht / und die an - dern Logicken verachtet / welches mich dannen - hero alles nichts angehet / wenn er auch gleich p. 58. n. 22. meine Prudentiam ratiocinandi ohne Zweiffel mir ein Exempel ſeiner p. 6. & 8. verſprochenen modeſte zu geben) unter die Dinge rechnet / quæ marite ſuo nauci ba - bentur.

14. Beym vierten Capitel tadelt er mich p. 66. ſeqq. daß ich die probation des Carte - ſii de diſtinctione mentis & corporis, & quod conceptus mentis non involvat conceptum corporis nicht paſſi ren laſſen wolte. Meine Urſachẽ / warum dieſes letzte nicht thun kan / ſon - dern gaͤntzlich dafuͤr halte / daß der concept, den wir uns natuͤrlicher weiſe von denen Ge - dancken machen / auch nach des Carteſii Be - ſchreibung ſelbſt / allezeit auf den concept eines coͤrperlichen Weſens reflectire / habe ich weit - laͤufftig angezeiget cap. 3. meiner Introd. §. 27. D 3ſeqq. 54Vorrede. ſeqq. und haͤtte mir wohlgefallen ſollen / wenn der Autor Speciminis der p. 66. 67. 68. 69. in dieſem Stuͤck wieder mich ſchreibet / und etli - che mal quod conceptus cogitationis non involvat conceptum corporis wiederho - let / doch nur eine eintzige raiſon von denen meinigen angefuͤhret haͤtte / geſchweige denn / daß er dieſelbe beantwortet. Und alſo wird er mir wieder verzeihen / wenn ich mich auf das Gewaͤſche d. p. 66. ſeqq. nicht einlaſſe / weil es in bloſſer contradiction beſtehet / und zweiffels ohne aus Claubergio oder einen andern Car - tefianer absque judicio ausgeſchrieben iſt. Und dennoch denckt der Autor Speciminis, er habe es ſehr wohl ausgerichtet / wenn er p. 70. n. 18. mir manifeſtos errores de homine bey - miſſet. Eben an denſelben Ort muß die be - kante definitio hominis, quod ſit animal rationale herhalten / als wieder welche er gantz eyffrig à n. 19. d. p. 70. biß ad n. 43. p. 76. diſputirete / und doch zugleich ſich anſtellet / als wenn mich dieſes Gekeiffe alles angienge / wenn er anfaͤnget: Neque hominem tam obſcura & imperfecta definitione definiviſſet, [au - tor Introd. ) ut diceret, hominem eſſe ani - mal rationale. Jch habe anfangs abermalnichtgewuſt /55Vorrede. gewuſt / was ich daraus machen ſolte / weil ich nirgends dieſe definition in meinem Buche fuͤr eine vollkommene und deutliche definition ausgegeben. Meine Worte ſind cap. 3. §. 2. Ho - mo quis? Eſt animal rationale. At hoc quid? De eo nobis altius videndum, tan - quam de re vel communiter neglecta vel erroneò tradita. Und nachdem ich hier - von in folgenden ausfuͤhrlich meine Meynung erwehnet / ſage ich ausdruͤcklich §. 21. p. 80. Hominem perſpicue aliter definire non poſſum, quam quod ſit ſubſtantia corporea loco motiva & facultate cogi - tandi prædita. Weil mir aber die objectio - nes, die der Autor Speciminis vorbringt / ex lectione Carteſianorum bekant waren / und ich allbereit an ihnen gewohnet war / daß er die Carteſianer ſo ſehr liebete / daß er auch nicht gerne ihre Worte enderte / ſo habe ich ſo lange in dem Claubergio nachgeſucht / biß ich gefun - den / daß er abermals uͤber 3. Blat de verbo ad verbum ex part. 4. Logicæ Claubergi - anæ cap. 7. §. 56. usque ad 61. p. 294. ſeqq. Edit. Sulzbac. de ann. 1685. ausgeſchrieben / wiewohl ich ihm dieſes nicht als was unrechtes vorwerffe / denn der Titel ſeines ſpeciminisD 4giebt56Vorrede. giebt ihm dieſe Freyheit / wenn er es doch aber uur mit einer mica judicii gethan haͤtte / Clau - bergius diſputiret daſelbſt wieder die Peri - pateticos insgemein / der Autor Speciminis diſputiret wider mich / und alſo haͤtte er auch die Worte des Claubergii temperiren ſollen / daß ſie ſich auff mich ſchickten. Nun ſehe man a - ber n. 26. p. 71. die in parentheſi geſetzte Worte an (buic enim cognitionem tribuunt illius definitionis autores) die er / wie recht / auch bey dem Claubergio antreffen wird; auff mich aber reimen ſie ſich / wie eine Fauſt auf ein Auge / weil ich denen beſtiis cognitionem und ſenſum denegire §. 9. & 11. d. cap. 3. Wiewohl der Autor Speciminis laufft groſſe Gefahr / wenn er aus denen Buͤchern / da er ausſchreibet / etwas aͤndern oder aus - laſſen will / daß man flugs nicht weiß / was er habenwill / auch er ſelbſt nicht / ſo gar man - gelt es ihn an der Secunda Petri. z. e. Wenn Claubergius d. l. §. 61. pag. 297. ſpricht; Quomodo tertiæ conditioni ſatisfacit u - ſitata hominis definitio? Reſp. An defi - nitio aliqua ſit adæquata inductione co - gnoſcitur, ſi, de quocunque dicitur defi - nitū, de eodem etiam definitio dicatur, &vice57Vorrede. vice verſa? Ratione hujus conditionis nihil deeſt hominis definitioni. Sed nec deeſſet quicquam, ſi animal ridendi fa - cultate pollens definiretur, quam tamen definitionem approbaret nemo, quia aperte incurrit in præcepta Log. 1. 102. Der Autor Speciminis aber hat dieſes auf folgende weiſe in ſein Buch eingetragen. Neque tertiæ conditioni uſitata illa hominis definitio ſatisfacit. Definitio enim debet eſſe adæqvata defin to. Hoc unum ſit, in - ductione cognoſcitur, ut ſi, de quocunque dicitur definitum, de eo etiam definitio di - catur & vice verſa. Ratione hujus condi - tionis nibil deeſt hominis definitioni. Fa - teor, ſed nec ſi animal ridendi facultate pol - lens definiretur, quicquam deeſſet, quam ta - men definitionem nemo probaret. Vid. Log. Clauberg. 1. §. 102. hat man wohl iemahln einen Autorem unbedachtſamer excerpi - ren ſehen / daß man ſententias apertè con - tradictorias ſo offenbar und ſo bald auff ein - ander ſetzet. Darvon will ich itzo nichts ge - dencken / daß / weil er ja Logicam Clauber - gii zu ende allegiren wollen / er ſich bey dem Leſer wegen des bonæ fidei ſchlecht recom - mendiren werde / daß er nicht den rechten locum, woraus er die geſamten § § os geſchrie -D 5ben /58Vorrede. ben / ſondern einen andern / der nur etwas we - niges von dieſer materie beruͤhret / allegiret. Nun leugne ich zwar nicht / daß doch gleichwol unter denen objectionibus des Claubergii etliche enthalten ſind / die meine definitionem hominis mit treffen; aber ſie ſind offte allbe - reit von denen Ariſtotelicis beantwortet wor - den / daß ich fuͤr ſehr ohnnoͤthig halte / dieſerwe - gen das Papier anzufuͤllen. Der Autor Spe - ciminis darff nur ſeine Commilitones fra - gen / die ein Jahr die Philoſophie durch gehoͤ - ret haben / ſie werden ihm gar leicht dieſe ſcru - pel benehmen. Bey dieſer Bewandnuͤß ſolte ſich wohl ein jeder wundern / wie der Autor das Hertze gehabt / und ſich unternommen / ich will nicht ſagen / wieder andere zu ſchreiben / ſon - dern nur in genere unter ein Buch ſeinen Nahmen zu ſetzen. Aber der Autor Speci - minis faͤngt vielmehr an / ſich ſelbſt uͤber mei - ne Kuͤhnheit zu verwundern / und decidirt nun rechtſchaffen pro autoritate. Secundum, ſagt er in 5. cap. p. 79. quod conſiderari VOLO eſt, nos illam ſubſtantiam quæ cogitat; ſive IDEM CUM EXTENSA, quam corpus appel - lamus, ſivè abeâ diverſa ſit, citius cognoſcere, magisque certos eſſe de ejus exiſtentia & eſ -ſentia,59Vorrede. ſentia, quam de corpore & ſubſtantia extenſa. (Benè eſt, quod Noſter talia VULT, nam eruditus Carteſianus nunquam dixit: ſubſtantiam quæ idem eſt cum corpore, citius cognoſci quam corpus. Num enim IDEM citius cognoſcitur SE IPSO? ſed Noſter pergit:) Qvæ veritas adeò clara eſt, ut mir er à Doctiſſ. Autore In - trod. in Philoſ. Aul. in controverſiam vocari eam potuiſſe. Es heiſſet hier wohl recht: Miri Mir antur &c. Jch wundere mich gantz nicht druͤber / denn ich habe in meiner Intro - duction cap. 3. meine Urſachen gnugſam ge - ſetzt / die vielleicht kraͤfftiger ſeyn als Carteſii ſeine / wenn er in Anfang ſeines methodi dieſe klare Warheit / daß er Haͤnde und Fuͤſſe habe / in Zweiffel gezogen. Alleine der Autor Spe - cimis wird nein darzu ſagen / denn er will die Leute bereden / quod ſuo jure id fecerit Carte - ſius. Fragſt du QUO JURE, ſo antwortet er / quia placuit ipſi, dum ſolidam ſapientiam me - ditaretur, omnes opiniones veteres, etſi pro - babiles, ut falſas tamen eſſe ad tempus abdi - candas &c. etiam de rebus ſenſibilib 9 &c. quia à ſomno vigiliam diſtinguere haud poterat &c. igi - tur patet etiam ipſum eo tem pore jure de - corpore proprio dubitare pot uiſſe. vidnoſtr. 60Vorrede. noſtr. p. 82. & 83. in conſectariis. Jch entſinne mich / daß dieſes des Carteſii ſeine ei - gene Worte ſeyn. Aber ich will itzo nur mit dem Autore Speciminis zuthun haben. Weñ er kuͤnfftig auch Specimen Ethicæ Clau - bergianæ ſchreibẽ wird / ſo wird wohl propri - um beneplacitum das hauptfundament juſtitiæ & juris werden. Das iſt eben / was ich in meiner Introduct an Carteſio getadelt / daß er bey dieſer dubitation de corpore nichts anders als ſein beneplacitum hat fuͤr - bringen koͤnnen / und die ſchlechte Entſchuldi - gung / daß er à ſomno vigihã nicht hat unter - ſcheiden koͤnnen. Denn gleichwie dieſes ein haupt præjudicium iſt / daß er dahero / weil ein traumender oͤffters irret und meinet er wache / auch geſchloſſen / es koͤnne ein wachender auch irren / daß er ſich gewiß perſuadire, er - ſchlaffe; alſo habe ich ihm in meiner Introd. p. 77. wegen ſeines Placuit entgegen geſetzt / daß ein Scepticus, wenn er wieder ihn diſpu - tirt, ſich eben das Placuit werde bedienen / und ſagen / es gefiele ihn auch zu zweiffeln / daß er gedencke / und daß dannenhero er eben ſo ein ſtarck Jus fuͤr ſeine Meinung habe / als Car - teſius fuͤr die ſeinige. Dieſe meine inſtantzaber61Vorrede. aber hat der Autor Speciminis einmahl be - antworten wollen / weil er zu allem Gluͤck et - was in des Carteſii Text gefunden / daß er paucis verbis mutatis wieder mich retor - quiren koͤnnen. Drumb ſpricht er p. 84. Patet etiam, quam nulla ſpecie opponatur, eadem fictione, qua Carteſius fingebat, ſe non habere corpus, poſſit etiam fingi quod non cogitet. Nam revera fingat, quod, vult & quantum vult, nunquam tamen fingere po - terit, quod eo ipſo, quo fingit non fingat, & ſic non cogitet atque adeò non ſit &c. Die - ſe replic des Carteſii iſt mir nichts neues; a - ber ich wolte / das Carteſius da waͤre / und ant - wortete mir auff meine duplic: Jch nehme dieſe diſputation des Carteſii wieder die Scepticos an / und diſputire nunmehro aus eben dem fundament wieder ihn / wenn er in ſeinen methodo inquirendi veritatem ex beneplacito fingiret, er haͤtte keinen Coͤrper: Denn ich ſage eben auch ſo. Nam revera fingat Carteſius, quod vult, & quantum vult, nunquam tamen fingere poterit, quod eo ipſo quo fingit reverà non ha - beat corpus; oder daß ich des Carteſii Wor - ten und hypotheſi noch naͤher kom̃e / nun - quam tamen fingere poterit, quod eoipſo62Vorrede. ipſo quo fingit, non fingat, & ſic non in glandula pineali alicujus rei conſcius ſit, atque adeò non corpus habeat. Was meint der Autor Speciminis hiervon? Er kan alle Carteſianer durchleſen und verſu - chen / ob er aus einem einigen ſo viel ſuccurs bringen kan / daraus er wieder mich triplicire. Aber vielleicht wird er ſagen / ich habe das Recht nicht wieder Carteſium, was Carteſius wie - der die Scepticos hat / oder ich verſtaͤnde die Philoſophie nicht. Denn dergleichen re - ſponſiones ſind bey ihm nichts neues / und treffen wir eine ſolche eadem p. 84. bey ihm an. Patet etiam, ſpricht er / objectionem eo - rum, qui ajunt, corporis noſtri notitiam priorem, aut ſaltem æquè claram & evi - dentem eſſe, quam mentis noſtræ, nul - lo fundamento niti. Und wenn weiter je - mand fragen wolte: Unde vero hoc patet, darff unſer Autor Speciminis gantz nicht lange umb eine Antwort bekuͤmmert ſeyn / ſondern nimmt ſie gleich aus der Lufft. O - mnes enim, qui ita judicant, manifeſte produnt, ſe nunquam legitimo modo & or - dine philoſophatos fuiſſe, nec unquam ſatis accuratè mentem à corpore diſtinxiſſe, das iſt auff gut deutſch ſo viel geſagt / ſe nunquam vo -luiſſe63Vorrede. luiſſe beneplacito Carteſii ſubjicere. p. 89. ſeq. diſputirt der Autor wieder mich / daß ich an ſtatt der Propoſition: Ego cogito, Ergo ſum mit de - nen Peripateticis das Impoſſibile eſt idem ſi - mul eſſe & non eſſe pro primo principio aus - gegeben / denn er hat da zweiffels ohne einen Carteſianer gefunden / den er ausſchreiben koͤnnen. Jch wolte aber wuͤnſchen / daß er ei - nen angetroffen haͤtte / der ihm was ſuppedi - tiret, mit welchem er die bekante diſtinction inter primum cognitum & primum principium, als welche alle ſeine objectiones bombardiret, haͤtte unterminiren koͤnnen. Zuletzt will er p. 92. doch diejenigen abfinden / die da ſagen / als wenn Carteſius die Platoni - ſche Philoſophie wieder auffgewaͤrmet haͤtte. Jch weiß wohl / daß dieſes Carteſius nicht ge - ſtehen wollen / und daß einige differentz unter der Platoniſchen und der Carteſianiſchen ſey / wannenhero ich auch in meiner Introd. p. 35. geſetzt / daß die Carteſianiſche ſecta media inter Platoniſmum & Scepticiſmum ſey / und mich ſolcher geſtalt dieſe diſputatio des Autoris Speciminis nicht angehet / jedoch wird er ſo gut ſeyn / und zulaſſen / daß ich ihm des Raéi Wort fuͤrlege ex diſſertatione de for - ma ſubſtantiali & anima hominis, p. m. 473.64Vorrede. 473. ſeq. Noſtra ſententia eſt, hominem anima & corpore conſtare, quæ duæ ſubſtantiæ ſint intimæ unitæ inter ſe &c. hominis vero, ut ex his compoſitus eſt, nullam eſſe formam præter unionem iſtam, qua anima mancipata corpo - ri eſt, in plerisque functionibus ſuis &c. Huic proximè accedit platonis ſententia, hominem nihil aliud quam animam eſſe, utentem cor - pore, ubi homo denominatur à potiore par - te ſua & corpus non juxta ſed intrà animam ponitur, ut inſtrumentum, & domicilium & carcer quoque, in quo frui ſatis non poſſit li - bertate ſua & verum hominem referre. Quæ fa - cilè tolerari & in meliorem partem accipi poſ - ſunt, maxime ſi cogitemus, ſic quoque homi - nem in ſacra ſcriptura conſiderari &c. A Plato - nis & noſtra ſententia adhuc longius recedunt &c. Mich duͤnckt / aus dieſen Worten des Raèi konte man gar leicht das jenige umbſtoſ - ſen / was Autor Speciminis p. 92. pro offen - denda differentia inter Carteſii & Plato - nis dogmata anfuͤhren will. Und ich will nicht hoffen / daß der Autor ſo kuͤhne ſeyn wer - de / daß er uns dieſen locum des Raéi nicht wolle paßiren laſſen / nachdem er uns das gan - tze caput 3. de Veterum Philoſophorum ſecta aus dem Raéo als ein glaubwuͤrdiges Evangelium hergebetet. Das letzte arca - num, das der Autor zu Ende des V. Capi -tels65Vorrede. tels p. 94. ſetzet / geſtehe ich gar gerne / daß ich es nicht verſtehe / wenn er ſpricht: Qua ratione demonſtratur corpus non poſſe cogi - tare? Reſp. Hac ratione: Omne id, quod poteſt cogitare, eſt mens ſive vocatur mens, ſed cum mens & corpus realiter diſtinguantur, nullum corpus eſt mens &c. Dieſes iſt eine ſehr kuͤnſtliche demon - ſtration, denn ich kan auch daraus demon - ſtriren / quod homo non poſſit cogitare, quia homo & mens realiter diſtingvun - tur (differunt ſiquidem definitione) nul - lus homo eſt mens, quare etiam nullus homo cogitare poteſt. Ja aus dem prin - cipio dieſer demonſtration will ich demon - ſtriren / daß der Menſch weder hoͤrt noch ſieht / quia auris audit & oculus videt, und was mehr fuͤr dergleichen herrliche Dinge aus die - ſer demonſtration koͤnnen hergeleitet wer - den.

15. Dieſes ſind alſo meine wenigen An - merckungen uͤber die erſten 4. Bogen des Au - toris Speciminis, aus welchen verhoffentlich der Leſer meine Urſachen erkennen wird / war - umb ich mich mit ihm / ehe und bevor er dieEPhilo -66Vorrede. Philoſophie beſſer lerne / und anfange ultra verba derer Carteſianorum, daraus er ſein Buch zuſammen getragen / etwas zu verſtehen nicht einlaſſen koͤnne / denn in dem folgenden iſt ebenfalls nichts als bloſſe contradictiones wieder meine aſſertiones, aber keine einige Beantwortung meiner oberwehnten dubio - rum und hypotheſium, auſſer daß er zuwei - len mich etwas grober tractiret / als in denen 4. erſten Bogen geſchehen / auch mir gefaͤhrliche Meinungen andichtet / als z. e. wenn er p. 101. unter meinen errores zehlet: quod mens ſit materialis, und p. 102. quod anima natu - ra ſua non ſit immortalis. Dahin auch die - ſe ſpitzige Worte zielen / die er p. 133. ſetzet: Mi - rum certè eſt, licet omnes homines de - ſiderent eſſe immortales, inveniritamen viros, qvi bellum apertum immortali - tati ſuarum mentium indicant. Wenn ich nicht rechtſchaffen Mitleiden mit des Au - toris elenden Zuſtand quoad intellectum & voluntatem haͤtte / ſo wuͤſte ich wohl / was ſich auf dergleichen calumnien gehoͤrete. Er weiſe mir doch / wo ich immortalitati ani - mi bellum inferire / oder aſſerire, animamnon67Vorrede. non eſſe immaterialem aut immorta - lem. Das ſage ich wohl / ex ratione ſola neſcio, qvod anima ſit immaterialis & immortalis. Aber ich daͤchte unter dieſen beyden waͤre ja noch wohl ein mercklicher Un - terſchied. Wenn einer zu dem Autore ſpraͤ - che: Er wiſſe zwar nicht gewiß / ob er aus guter intention ſich zu uns gewendet / er glaͤu - be es aber doch: wolte wohl der Autor ihn beſchuldigen / er haͤtte ihm eine ſchlimme inten - tion beygemeſſen / oder ſeiner guten intention bellum inferirt? Aber gnung hiervon. Jch verzeihe dem Autori die uͤbele intention, die er gehabt / wieder mich zu ſchreiben / und gleich wie mir es leyd iſt / daß er bey denen / ſo er da - durch cour machen wollen / ſeinen Zweck nicht nach Willen erreicht / auch der ihm dar - aus eingebildete Nutzen noch kuͤnfftig aus - bleiben moͤchte / alſo kan er ſich verſichern / daß ich nie ermangeln werde / ihm / wenn er es von mir verlanget / nach vermoͤgen gutes zuthun / und daß ich ihn aus gutem auffrichtigen Hertzen vermahne das bekante Symbolum: Fide, ſed cui vide, kuͤnfftig beſſer zu practiciren / auch warne / daß er ferner nicht eher ſich an an -E 2dern68Vorrede. dern machen wolle / biß er erſt ſein Vermoͤgen beſſer unterſucht habe. Sinihil eſt pronun - ciandum, niſi quod clare & diſtinctè fu - erit cognitum, profectò, nihil temerè erit ſuſcipiendum, ſi non prius clarè & diſtinctè id te effecturum cognoveris.

16. Wiewohl aber dißfalls ich mit Grund der Warheit ſagen kan / daß ſo wohl in beſa - gten Specimine Logicæ Carteſianæ, als in denen uͤber meine Introduction angeſtelle - ten diſputationibus ich nichts gefunden oder gehoͤrt / daß mich in meinen daſelbſt gelegten principiis zu wancken haͤtte vermoͤgen koͤn - nen / ſo iſt doch bey gegenwaͤrtiger Vernunfft - Lehre meine intention nicht / beſagte meine Introduction in das Teutſche zu uͤberſetzen / ſondern wer dieſe mit jener conferiren wird / wird gar leichte befinden / daß viel in der Ver - nunfft-Lehre enthalten ſey / das in der Intro - duction nicht anzutreffen / noch mehr aber in die Introduction zu finden / daß ich hier zu der Vernunfft-Lehre nicht gebracht / welches alles aus folgenden Urſachen herruͤhret / weil ich in der Introduction nicht ſo wohl die Er - forſchung der Warheit / als die Erkaͤntnuͤsderer69Vorrede. derer gemeinen Jrrthuͤmer habe / wollen zu er - kennen geben / auf dieſelbe ſolchergeſtalt mehr fuͤr die Lehrenden als Lernenden geſchrieben / wie ich allbereit damahlen in der Vorrede mich erklaͤhret. Aber itzo bin ich / wie oben erwehnet / bloß umb die theſin beſorgt / und will meinen Zuhoͤrern zu gute weiſen / wie im - mer eine Warheit aus der andern hergeleitet werden ſoll / und zwar ſolchergeſtalt / daß ſie das - jenige / was ich weitlaͤufftig dabey diſcuriren werde / deſto beſſer mercken koͤnnen. Sol - chergeſtalt aber wird das gantze Werckgen mehr kurtzen ſummarien aͤhnlich ſeyn / als ei - nem ausfuͤhrlichen tractat, und faſt aus nichts anders / als aus hypotheſibus, definitioni - bus, axiomatibus, propoſitionibus und obſervationibus beſtehen / wiewohl ich / umb meinen Zuhoͤrern / die Luſt nicht zu vermin - dern / nicht jedes von dieſen claſſen à part tractiren / ſondern mit Fleiß die axiomata, definitiones, obſervationes u. ſ. w. mit ein - ander vermiſchen will / doch alſo / daß die me - thode dadurch nicht confus gemacht werde / ſondern leichte und naturell bleibe. Und weil ich meine Auditores gerne von dem præ -E 3judicio70Vorrede. judicio autoritatis gantz abwenden und da - hin diſponiren wolte / daß ſie bloß auff die Sache ſelbſt ſaͤhen / als werde ich umb dieſer Urſache willen gar ſelten autores allegiren / es waͤre denn / daß ich mich umb kuͤrtze willen auff andere bezoͤge / die mir ſpecial materie recht nach meiner Meinung tractiret haͤtten. Jedoch koͤnnen ſich meine Zuhoͤrer verſichern / daß ich meine Vernunfft-Lehre / weder aus zwoͤlff Logicken zuſammen geſchrieben / und die dreyzehende draus gemacht / noch die allegi - rung der Autorum unterlaſſen habe / umb dadurch ein plagium zubegehen / und die an - dern Leuten gebuͤhrende Ehre mir zuzuſchrei - ben. Was jenes anlanget / ſo habe ich etliche Jahre darauff meditiret / eher ich mir dißfalls was neues zu ſchreiben unterſtanden. Jch habe zu foͤrderſt quoad hiſtoriam Philoſophicam Ciceronis quæſt. Academicas, Vosſium, Hornium und meines S. Vaters hierzu dien - liche Schrifften / ſo wohl die MSS. als gedruck - ten fleißig durchgeſehen / quoad Philoſophi - am Stoicam ſeine diſſertationes varias, Senecam, Lipſium, und Scioppium; quo - ad Epicuream Laërtium und Gaſſendumge -71Vorrede. geleſen; quoad Platonicam aber mir Plato - nem ſelbſt Maximum Tyrium und andere bekant gemacht / auch des Schefferi ſein ge - lehrtes Buch de Philoſophia Italica mit at - tention durchleſen. Von denen neuen habe ich ſonderlich Petrum Ramum, und etliche von ſeinen aſſeclis und adverſariis durch - ſucht / und Carteſii Buch de methodo, wie auch ſeine meditationes nebſt denen obje - ctionibus mit guten Bedacht meditiret. Die Logic des Port Royal, hat mir in vie - len wohlgefallen / wiewohl ich auch viel ohn - noͤhtige ſubtilitaͤten darinnen angetroffen / die Carteſio (nach deſſen hypotheſibus ſie ſon - ſten eingerichtet iſt) ſchwerlich gefallen wuͤrden. Claubergii methode hat mir wohl angeſtan - den / aber das judicium in der Ausarbeitung habe ich oͤffters ziemlich vermiſſet. So habe ich auch ohnlaͤngſt ein klein Frantzoͤſiſch Buͤchlein von ohngefehr 13. Bogen zu geſichte bekom̃en / welches zu Paris <