PRIMS Full-text transcription (HTML)
Außuͤbung Der Vernunfft-Lehre /
Oder: Kurtze / deutliche und wohlgegꝛuͤndete Handgriffe / wie man in ſeinen Kopffe auf - raͤumen und ſich zu Erforſchung der Wahrheit geſchickt machen; die erkandte Warheit andern beybringen; andere verſtehen und auslegen; von anderer ihren Meinungen urtheilen / und die Jrr - thuͤmer geſchicklich widerlegen ſolle. Worinnen allenthalben viel allgemeine heut zu Tage in Schwang gehende Jrrthuͤmer angezeiget / und deutlich beantwortet werden.
Nebſt einer Vorrede Jn welcheꝛ deꝛ Autor die Urſachen an - zeiget / worumb er auch auff des Realis de Vienna ſeine Diſcurſus und Dubia uͤber die Introductio - nem ad Philoſophiam Aulicam nicht ant - worten werde.
Halle /Gedruckt beyChriſtoph Salfelden/ Chur - Fuͤrſtl. Brandenb. Hoff - und Regierungs Buch - drucker im Hertzogthume Magdeburg.

An Seine Hochwohlgebohrne Excellenz Den Chur-Brandenburgiſchen Staats-Miniſter Hn. Eberhard von Danckelman / u. ſ. w. u. ſ. w.

Hochwohlgebohrner / Gnaͤdiger Herr

DJeſes iſt mein erſtes Buch / das ich all - hier in Halle verfertiget / und der ſtu - direnden Jugend im vorigen und Anfange des jetzigen Jahres oͤffent - lich erklaͤret / nachdem Seine Chur - Fuͤrſtliche Durchlauchtigkeit zu Branden - burg in Dero Gnaͤdigſten Schutz mich genom̃en / und mir vergoͤnnet / meine Collegia wie zuvorhero in Leipzig geſchehen / allhier frey und und ungehin - dert zu halten. Ewrer Hochwohlgebohrnen Ex - cellenz Hoͤchſtguͤltigen Vorſprache habe ich dieſe Freyheit und die derſelben beygefuͤgte Hohe Chur - Fuͤrſtliche Gnade guten Theils zu dancken / und habe mich dannenhero verbunden erachtet / durch dieſe unterthaͤnige Zuſchrifft Ewrer Hochwohlge - bohrnen Excellenz als Hoͤchſtgedachter Seiner Chur-Fuͤrſtlichen Durchlauchtigkeit groſſen Staats-Miniſter von meiner Lehre und Verrich - tungen allhier Rechenſchafft zu geben / nachdem ei - ne unterthaͤnigſte Ehrfurcht mich abgehalten / nacha 2derder an Seine Chur-Fuͤrſtliche Durchlauchtig - keit uͤberreichten unteꝛthaͤnigſten Dedication mei - ner erſten allhier gehaltenen Diſputation, durch unterthaͤnigſte Offerirung auch dieſes gegenwaͤr - tigen Buchs meine vorhin gebrauchte Kuͤhnheit zu vergroͤſſern. Jch kan zwar leichte zu vorherſehen / daß ihrer viel meiner ſpotten / und mir fuͤr eine Pe - danterey auslegen werden / daß ich mich nicht entſe - hen / Ewrer Excell. mit Zuſchreibung einer Logic vor das Geſichte zu kommen / da ich doch wohl ehe vielleicht ſelbſt dieſes als eine Pedantiſche Thorheit an andern getadelt / wenn man Logicken und Meta - phyſicken nach Hoffe bringen / Staats-Miniſter damit beſchencken / und Sie zu Vertheydigern und Schutz-Goͤttern dergleichen Schul-Weißheiten machen wollen. Ja es kan gar leicht geſchehen / daß andere bey bloſſer Erblickung des Titels Gelegen - heit nehmen werden / bey Ewrer Excellenz mich in uͤbeles Anſehen zu bringen / daß ich bey nahe ein gantzes Jahr allhier in Halle mit Profitirung dieſer meiner Logic, davon gegenwaͤrtige Ausuͤbung der andere Theil iſt / zugebracht / gleich als ob nicht Lo - gicken genung in der Welt waͤren / und nicht auff allen hohen - und niederen Schulen von Collegiis und Lectionibus Logicis alles wim̃elte / die man uͤberall umb ein ſehr geringes Geld haben koͤnte / und ich alſo der Chur-Fuͤrſtlichen mir erwieſenen Hohen Munificenz hierdurch ſehr gemißbraucht haͤtte. Alleine ich verhoffe in Gegentheil / daß ich ohne eini - ge ungeziemende Schmeicheley meiner ſelbſt / von dieſer meiner Logic, und ſonderlich von gegenwaͤr - tiger Ausuͤbung derſelben ſagen koͤnne / daß Sie ſichnichtnicht ſcheuen duͤrffe nach Hoffe zu kommen. Und lebe hiernechſt des unterthaͤnigen Vertrauens / daß Ewre Excellenz ſelbſt das Urtheil von meiner Ar - beit faͤllen werden / daß ich das erſte Jahr nichts nuͤtzlichers und beſſers haͤtte lehren koͤnnen / wenn Sie nur geruhen wollen / dieſe meine unterthaͤnige Zuſchrifft mit Gnaͤdigen Augen anzuſehen. Un - ter Logicken und Logicken iſt ein groſſer Unterſcheid. Die wahre Logic ſol nichts anders ſeyn als eine Lehre / wie man ſeine Vernunfft recht brauchen ſol - le. Was iſt aber noͤtigers und nuͤtzlichers in der Welt? Und wie kan der Menſch / der dieſe Lehre nicht begriffen hat / in einiger menſchlichen Geſell - ſchafft / geſchweige denn bey Hoffe fort kommen? Doch hat bißhero nun etliche hundert Jahr hero in denen Teutſchen Hohen und Niederen Schulen die gelehrte Welt dieſer Grund-Lehre der Wahr - heit entbehren muͤſſen / indem die auffgeblaſene und Sophiſtiſche Syllogiſmus-Kunſt dieſes Titels der Logic ohne einigen Grund und gantz unverſchaͤm - ter Weiſe ſich angemaſſet / weil ſie ſich nicht entbloͤ - det vorzugeben / ſie wolte jungen Leuten den Weg weiſen die Wahrheit vermittelſt ihrer Vernunfft zu finden / und dennoch daneben offenbahr geſtan - den / daß die Erfindung der Wahrheit als ein finis externus nicht in ihren Vermoͤgen ſtehe. Wan - nenhero etliche Hochgelehrte und Galante Maͤn - ner von allerhand Nationen in dieſem / das Sclavi - ſche Joch der alten Jrrthuͤmer ſich von dem Halſe werffenden Seculo uͤber dieſen Haupt-Mangel theils ſich beklaget / theils auch ſelbſten verſucht den - ſelben durch ihre Arbeit zu erſetzen. Jch wil nura 3denden wegen ſeiner herrlichen Wiſſenſchafften in der Matheſi hochberuͤhmten Laußnitziſchen Edelmann den Herrn von Tſchirnhauß anfuͤhren. Wie ſehr hat er ſich bemuͤhet / in ſeiner Medicina Mentis an ſtatt der Syllogiſmus-Kunſt eine rechte Logic zu - ſchreiben? Und hat dabeneben dafuͤr gehalten / daß dieſe ſeine wohlintentionirte Logic ſich nicht ſchaͤ - men doͤrffte an den Galanteſten Hoffe in Franck - reich zu kommen / und fuͤr den allerſcharffſinnigſten Koͤnig (denn worumb ſolten wir nicht die Tugend auch an unſern allgemeinen Feinde ruͤhmen und hochachten?) ſich zu præſentiren. Jch muß be - kennen / ich habe nach Leſung dieſes ſeines Buchs am erſten rechtſchaffene Gelegenheit bekommen / die Sache ein wenig reiffer zu uͤberlegen / und in meinen Kopffe auffzuraͤumen / ob ich gleich allbereit etliche Jahre hero die gantze Jurisprudenz nicht ohne Applauſu der ſtudirenden Jugend gelehrt / und dabey geſpuͤhret hatte / daß mich auch meine Widerſacher ſelbſt durchgehends fuͤr einen nicht ungelehrten Philoſophum paſſiren lieſſen / zumah - len ich genungſame Proben abgeleget hatte / daß ich in der Syllogiſmus-Kunſt ſo wohl Præſidendo als Opponendo meinen Mann / auch ſo gar die Hel - den dieſer Kunſt / nie geſcheuet. Alleine ich habe durch dieſe Methode ſeit vier Jahre her eine ſolche Veraͤnderung meiner vorigen Concepte verur - ſacht / daß ich / wenn ich das betrachte / was ich ſeit dieſer Zeit in meinem Kopffe ausgemuſtert / mich der Blindheit / die ich zuvorhero in der Philoſophie und Jurisprudenz gehabt / von Hertzen ſchaͤme / und die Welt bedaure / die auff gleiche Weiſe durchdiedie Vorurtheile menſchlicher Autoritaͤt und Præ - cipitanz verfuͤhret / noch darinnen ſtecket. Jch ha - be die Eitelkeit der Syllogiſmus-Kunſt und der da - durch erhaltenen Siege ſo deutlich erkennen lernen / daß ſie mir nunmehro nichts anders als Kinder - Spiele vorkommen. Jch habe hierneben alſobald die Ausbeſſerung des Herrn Tſchirnhauß unter - ſucht / und weil ich dabey viel zweiffelhaffte Dinge gefunden / dieſe meine Zweiffel glimpflich und be - ſcheiden in denen damahls heraus gegebenen Mo - nat-Geſpraͤchen vorgetragen. Dieweil aber Zweiffels ohne durch Verurſachung etlicher Miß - goͤnſtiger mir an ſtatt einer erwarteten glimpfli - chen / eine ſehr harte Antwort worden / und wir ſol - cher geſtalt / jedoch / wie ich hoffe / ohne meine Schuld / zimlich in einander gerathen / habe ich mir angelegen ſeyn laſſen / ſelbſt zu Nutzen der ſtudiren - den Jugend eine Logic ohne der Syllogiſmus - Kunſt zu verfertigen / und dabey mich befliſſen / das - jenige zu meiden oder zu aͤndern / was mir bey des Herrn von Tſchirnhauß Lehre verdaͤchtig und zweiffelhafftig vorgekommen; maſſen ich denn je - derzeit davor gehalten / daß beſagter Autor, ſich von den allgemeinen Jrrwege auff die rechte Heer - Straſſe der Wahꝛheit gemacht / ob er ſchon daſelbſt dann und wann in etliche Abwege verfallen / und ich ihn alſo den Ruhm / daß er mir hierinnen die Bahne gebrochen / und daß / wenn es ohne ſeine auch nach meiner Meinung zuweilen irrige Lehr-Saͤtze gewe - ſen waͤre / ich vielleicht an die denenſelben entgegen - geſetzte Wahrheit nicht wuͤrde gedacht haben / nicht zu benehmen gedencke. Jch habe dannenhero ina 4demdem erſten Theile meiner Vernunfft-Lehre gezei - get / wie ſo gar leichte die Erkaͤntniß der Wahrheit / und die Erfindung neuer Wahrheiten in allen Di - ſciplinen ſey / wenn man nur ſein Gemuͤthe von dem hochſchaͤdlichen Vorurtheile menſchlicher Au - toritaͤt ſaubern / und die dadurch eingewurtzelten allgemeinen Jrrthuͤmer bey ſeit zu legen ſich reſol - viren / auch ſich das Leben mit der leidigen Syllogi - ſmus-Kunſt / und der ohne Noth verwirreten allge - meinen Lehre von der Demonſtration nicht ſauer machen laſſen wolle. So gar daß auch Leute von einem ſolchen Stande / der ſonſt in gemeinen We - ſen zu denen Staͤnden der ſo genandten Gelehrten nicht gehoͤret / ohne Muͤhe und Kopffbrechen / und ohne Behuff der Lateiniſchen Sprache / der Weiß - heit ſo wohl als die / ſo man Gelehrte nennet / koͤnnen faͤhig werden. Meine Vernunfft-Lehre lieget fuͤr jedermans Augen / und habe ich nicht Urſache diß - falls viel weitere Worte zu machen. Jn dieſem andern Theil aber habe ich mir angelegen ſeyn laſ - ſen / vielfaͤltige allgemeine Jrrthuͤmer / die man in der Praxi der Logic zu begehen pfleget / anzudeuten / und zu beweiſen / wie man dieſelben vermeiden ſol - le / auch die noͤtigſten und auff allen Univerſitaͤten bißher nicht getriebenen Lehren zu ſuppliren / durchgehends aber mich als einen freyen Philoſo - phum, der ſich zu keiner Secte ſchlaͤgt / ſondern bloß nach der Erkaͤntniß ſeiner Vernunfft gehet / auffzu - fuͤhren. Zu dieſem Ende habe ich in dem erſten Capitel gewieſen / wie man nach der Lehre des Car - teſii zwar anfangen muͤſſe bey Ausbeſſerung des Verſtandes zu zweiffeln / und ſich das allgemeineGe -Geſchrey davon nicht abwendig machen laſſen doͤrffe / aber dabey habe ich doch gruͤndlich gezeiget / daß Carteſius nicht recht habe / wenn er behaupten wolle / man muͤſſe an allen zweiffeln / ſondern daß man nothwendig etliche Dinge als unſtreitige Wahrheiten bey dieſem gelehrten Zweiffel aus - ſetzen muͤſſe. Jch habe dargethan / daß man nicht alleine mit guten Gewiſſen und ohne Verletzung des vierdten Gebots von der Lehre ſeiner Præ - ceptorum und Eltern abweichen koͤnne / ſondern auch ſolches / wenn es die Wahrheit erfordert / zu - thun ſchuldig ſey. Jch habe behauptet / daß unter allen Kuͤnſten und Wiſſenſchafften keine edler und nothwendiger ſey als die Erkaͤntniß ſeiner ſelbſt. Jn dem andern Capitel habe ich die Geſchwuͤre der gemeinen Lehr-Art auff Hohen und Niedern Schulen / die als ein Krebs in gantz Europa umb ſich gefreſſen / anffgeſtochen / und die ſonderlich jetzo ſich hervorthuenden hoͤchſtſchaͤdlichen Jrrthuͤmer / daß man gutes zu thun einen abſonderlichen Beruff haben muͤſſe; daß man die Jrrenden als ein heimliches Gifft nicht umb und neben ſich leiden ſolle; kraͤfftig beſtritten / auch daneben den bißher ungebahnten Weg gezeiget / wie man erwachſenen Leuten Luſt und Attention zu dem Studiren machen muͤſſe / und ihnen die Weißheit ohne groſſe Muͤhe und nicht anders als in einer ſtetswehrenden angenehmen Converſa - tion beybringen ſolle. Jn dem dritten Capitel habe ich die Haupt-Lehre von der Kunſt und Wiſſenſchafft auszulegen / ohne welche kein Ju - riſte, und auff gewiſſe Maſſe auch kein Theologusſichſich fuͤr einen gelehrten Mann in ſeiner Facultaͤt ausgeben; ja ohne welche man weder die von an - dern gelehrte Wahrheit noch beygebrachten Jrr - thuͤmer verſtehen und erkennen kan / und welche alſo ſo zu ſagen / das rechte Auge der Gelahrheit iſt / biß - hero aber auff Univerſitaͤten entweder gantz un - terlaſſen / oder aber ohne Noth ſchwer und verdrieß - lich oder wenig gelehret worden; in kurtze und deut - liche auch leichte Lehr-Saͤtze und Anmerckungen zuſammen gezogen. Jch hatte zwar in denen all - bereit fuͤr etlichen Jahren herausgegebenen Inſti - tutionibus Jurisprudentiæ Divinæ dieſe Lehre / mehrentheils nach Anleitung deſſen / was Grotius und der Herr von Pufendorff davon gelehret / mit vorgetragen / auch daſelbſt angefangen zu erweiſen / daß die allgemeine Regel der Juriſten / die ſich auch Grotius zu erklaͤren ſehr angelegen ſeyn laſſen: Fa - vorabilia eſſe extendenda, odioſa reſtringenda, gar nichts nuͤtze ſey; alleine weil allezeit die nach - folgenden und reifferen Gedancken die beſten ſeyn; als habe ich in beſagten dritten Capitel gegenwaͤr - tiger Vernunfft-Lehre gewieſen / daß es noch mehr ſolche unnuͤtze Regeln gebe / die aus dem falſchen Vorurtheile entſproſſen / als wenn die drey unter - ſchiedenen Erklaͤrungs-Arten die man interpreta - tionem declarativam, extenſivam & reſtricti - vam zu nennen pfleget / jede abſonderliche Regeln von noͤthen haͤtte / welches Vorurtheil ich ſelbſt in meinen Inſtitutionibus Jurisprudentiæ Divinæ noch nicht weggeleget gehabt. Und habe ich ſol - cher geſtalt gar deutlich erwieſen / daß es eben ſo eine abſurde und vieldeutige Regel ſey / wenn man vor -gebe /gebe / man muͤſſe im Zweiffel die Worte in ei - genen Verſtande nehmen; noch mehr aber / wenn man (es ſey nun im Juriſtiſchen oder Theo - logiſchen Controverſien / welches letztere faſt jeder - man bekandt iſt /) dieſes als einen Glaubens-Arti - cul præſupponiret; daß die Worte derer Te - ſtamente und letzten Willen in eigentlichen Verſtande genommen werden muͤſten / da doch viel tauſend Exempel gegeben werden koͤnnen / dar - iñen dieſe Regel trieget / uñ vielleicht noch ihrer mehr als derer / die zu beſagter Regel gebracht werdẽ koͤn - nen. Zugeſchweige daß ich / ſo viel mir wiſſend / in be - ſagten Cap. zu erſt die General Grund-Regeln Interpretationis Myſticæ geleget / und deren Un - terſcheid ab interpretatione literali deutlich ge - wieſen. Jn dem vierdten Capitel habe ich die meiſten Brunnqvellen derer falſchen und be - truͤglichen Judiciorum, die auch die Gelehrten und gantze Societaͤten von denen Buͤchern und Autoribus zu faͤllen pflegen / unter andeꝛn entdecket / und endlich in dem letzten Capitel gewieſen / daß aus der irrigen Meynung / daß die Diſputationes und Widerlegungen der Jrrthuͤmer mit dem Kriege zu vergleichen waͤren / aller Unfug und boͤſes Weſen in denen Diſputationibus und Streit-Schrifften der Gelehrten herruͤhre / und daß die Art und Weife deren ſich Chriſtus und die meiſten Heyden wider ihre Widerſacher durch Fragen zu diſputiren bedienet / viel nuͤtzlicher und geſchickter ſey einen Jrrenden zu widerlegen / und ſeines Jrrthums zu uͤberzeugen / als die uͤbliche So - phiſtiſche Syllogiſmus-Kunſt. Anderer vielfaͤl -tigentigen zu Ausbeſſerung der uͤberall in Schwang ge - henden Jrrthuͤmer dienenden Anmerckungen / die hin und wieder in dieſer Ausuͤbung der Vernunfft - Lehre anzutreffen ſind / anjetzo zu geſchweigen. Jch zweiffele dannenhero nicht / es werden unpartheyi - ſche Gemuͤther / die dieſes wohl uͤberlegen werden / an ſiatt / daß ſie mich wegen der Muͤhewaltung / die ich mir in Verfertigung und Profitirung der Ver - nunfft-Lehre oder Logic genommen / blâmiren ſolten / mich vielmehr loben / und ſich zum wenigſten unter denen Nachkommen welche finden / die bey der neuen Academie zu Halle / welche Seine Chur-Fuͤrſtliche Durchlauchtigkeit allhier auf - zurichten in Begriff iſt / unter andern auch dieſes als was ſonderliches anmercken werden / daß dieſes die erſte Academie in Teuſchland geweſen / auff der man an ſtatt der Sophiſtiſchen eine wahre Logicke als den aͤchten Grund aller guten Wiſſenſchafften / und zwar in Teutſcher Sprache offentlich profiti - ret. Ein mehrers zu meiner Vertheydigung anzu - fuͤhren ſtehe ich deßwegen an / damit es nicht das Anſehen gewinne / ob wolte ich unter dem Schein mich zu vertheidigen / mich vielmehro vermit - telſt eines eitelen Ruhms groß machen. Wenn ich dieſes letztere in Sinne gehabt haͤtte / wuͤrde ich gewißlich meinem Buche den insgemein ver - achteten Titel einer Logic oder Vernunfft-Lehre nicht gegeben / ſondern durch einen praͤchtigen und hochtrabenden Titel den Leſer anzulocken / und dadurch den Jnnhalt meines Buchs zu preiſen ge - ſucht haben. Jch haͤtte ſolches eine Kunſt - ber alle Kuͤnſte; Den Kern aller Weißheit;DenDen Grund aller Wiſſenſchafften / oder auff eine phantaſtiſchere / aber doch gewoͤhnliche und die Kaͤuffer anlockende Weiſe: Die Perl der Ge - lahrheit / den Braut-Schmuck der menſchli - chen Seele; Den Eimer / die Wahrheit aus der Tieffe der Unwiſſenheit heraus zu ſchoͤpf - fen; Den wahrhafftigen Stein der Weiſen; Den in Teutſchland gebohrnen Phœnix, Die Ertz-Koͤnigin der Weißheit u. ſ. w. nennen koͤnnen. Aber ich habe nicht gewolt / daß der Titel das Buch / ſondern das Buch den Titel verkauffen ſolte / und lieber unter einen verachteten Titel gute Waare / als ſchlimme unter einen hochtrabenden dem Leſer vorſtellen wollen. Hiernechſt erkenne ich auch gar wohl / daß ich gantz nicht Urſache habe mit meiner Philoſophie mich als einen gelehrten Mann fuͤr andern Gelehrten zu ruͤhmen / nachdem ich in der That an mir ſelbſt erfahren / daß die Ge - lahrheit / die man von denen Gelehrten lernet / an der Wahrheit und Weißheit mehr hinderlich als befoͤrderlich ſey / und daß / wie man in Erforſchung der Weißheit alle ſeine Locos Communes, ſeine Eltern und Præceptores vergeſſen / und nichts als ſeinen eigenen Verſtand als eine Gabe GOttes gebrauchen und anwenden muͤſſe; alſo auch ein unſtudirter Mann / er moͤge nun ein Soldate / Kauffmann / Hauß-Wirth / ja gar ein Handwercks - Mann oder Bauer / oder eine Weibes-Perſohn ſeyn / wenn ſie nur die Præjudicia von ſich legen wollen / noch viel beſſere Dinge in Vortragungen der Weißheitwerden thun koͤnnen / als ich oder ein anderer / die wir wegen der allzulangen Gewohnheitunsuns von dem Abwege der Autoritaͤt / und der leidi - gen Buͤcher-Sucht wie gerne wir auch wollen / nicht ſo fort loß zu reiſſen vermoͤgend ſind. Und dieſer Unvollkommenheit wird man verhoffentlich die wider meinen Willen annoch in dieſer meiner Vernunfft-Lehre zuruͤck gebliebenen irrigen Mey - nungen / das darinnen enthaltene Gute aber nechſt der Gnade GOttes der von Seiner Chur-Fuͤrſt - lichen Durchlauchtigkeit durch Ewrer Excel - lenz Interceſſion mir Gnaͤdigſt verſtatteten Frey - heit / der Wahrheit ungehindert und ohne Furcht nach zu trachten zuſchreiben. Schließlich gleich - wie ich meines Orts mich niemahlen dieſer Frey - heit mißbrauchen / ſondern mir ſelbſt die geſunde Vernunfft / die Tugend / den Sr. Chur-Fuͤrſtli - chen Durchlauchtigkeit jederzeit ſchuldigſten un - terthaͤnigſten Gehorſamb / und den Ewrer Excel - lenz gehoͤrigen ſubmiſſen Reſpect hierinnen zu Graͤntzen ſetzen werde; Alſo bitte ich unterthaͤnig / Ewre Excellenz wolle dieſes mein geringes Buch nicht ungnaͤdig auffnehmen / und bey ferner weiti - gen Continuirung Dero Hochſchaͤtzbaren Gnaͤdi - gen Gewogenheit Sich jederzeit verſichern / daß ich in aller aufrichtigen Treue verharren werde

Ewrer Hochwohlgebohrnen ExcellenzUnterthaͤniger Gehorſambſter
Chriſtian Thomas.

Vorrede.

Geehrter Leſer!

1. JN der Vorrede des erſten Theils meiner Vernunfft-Lehre habe ich fuͤrnehmlich da - hin geſehen / wie ich meine Urſachen anzei - gen moͤchte / worumb mit Rhegenio, der wieder meine Introductionem ad Philoſophiam Auli - cam eine Logic zuſchreiben ſich vorgenommen / ich mich in keinen Schrifft-Wechſel einlaſſen wuͤrde / weil ich nemlich befunden / daß er in Hiſtoria Phi - loſophica gar nicht erfahren / und die hypotheſes der alten und neuen Philoſophen außer des eini - gen Carteſii nicht inne gehabt / dergleichen Leute ich doch in der Vorrede zu meiner Introduction gewarnet und gebeten hatte / wieder mich nicht zu - ſchreiben / oder mich nicht zu verdencken / wenn ich ihnen nicht antworten wuͤrde. Und haͤtte ſolcher - geſtalt dafuͤr gehalten / man ſolte eines Theils dieſe meine gute Introduction einmahl paſſiren laſſen / zumahl da in der teutſchen Vernunfft-Lehre ich von ſelbſt viel / theils was die methode, theils auch zu weilen was die Sache ſelbſt betrifft / geaͤndert hat - te / oder es ſolte doch zum wenigſten derjenige / der ſich ferner daran reiben wolte / ſich zuvor pruͤffen / ob er mehr aus abſehen die Warheit zu befoͤrdern / als aus Verlangung eiteler Ehre die Feder anſe - tzen wolte / und hernach auch ſeine Kraͤffte unterſu - chen / ob er nicht alleine die Urſachen wohl verſtehe / worum die allgemeinen Logicken nichts zu achtenſeyn /ſeyn / ſondern auch genungſamen Unterricht habe / wie man auff eine neue Ausbeſſerung dencken / oder warum man lieber bey ſeinen natuͤrlichen Verſtan - de ohne einige Ausbeſſerung bleiben muͤſſe. Nichts - deſtoweniger hat ſich an verwichener Oſter-Meſſe dieſes 1691. Jahres ein neuer Autor hervor ge - than / der unter dem entlehnten Nahmen des Rea - lis de Vienna J. U. D. & Philoſ. Stud. diſcurſus & dubia uͤber beſagte meine Introduction heraus gegeben / und dieſelbe faſt durch und durch ſehr har - te mit zunehmen ſich vorgenommen. Es ſoll die - ſes Buch dem Titel nach zu Regensburg gedruckt / und bey dem Autore verleget ſeyn; jedoch gibt es die allgemeine ſage und andere wahrſcheinliche Umſtaͤnde / daß es zu Franckfurth an der Oder ſei - nen Drucker und Verleger gefunden. Der Titel verſpricht hiernechſt ſehr koſtbare und nuͤtzliche Dinge / weil dem Autori beliebet / ſeine diſcurlus & dubia dergeſtalt zu ruͤhmen: In qvibus de na - tura & conſtitutione Philoſophiæ diſſeritur, de ratione Studiorum judicatur, & in qvo conſi - ſtat vera ſapientia oſtenditur. Welche Ver - heiſſung mich denn auch bewogen / beſagte Diſcur - ſus mit deſto groͤſſerer Begierde zudurchgehen / umbzufinden / ob der Autor mich in dieſen zu der wahren Weißheit / der ich bißher etliche Jahre her mit gebuͤhrenden Eyffer nachgetrachtet / hochnoͤthi - gen Stuͤcken eines Jrrthums uͤberfuͤhret / und mir einen beſſern Weg gewieſen. Aber ich habe ſo fort in dem erſten geſchwinden Durchgang dieſes Buchs ſo viel klare und deutliche Anzeigungen ge - funden / daß ich davon nicht anders als folgendesJudi -Judicium machen muͤſſen: Der Autor ſey / was ſe[i]- nen Verſtand betrifft / ein Mann / dem GOtt eine zim - liche Capacitaͤt zu Erkaͤntniß der Wahrheit verliehen / der aber dieſelbe mehr zu Erkaͤntniß etlicher allgemei - ner Jrrthuͤmer angewendet / als daß er den Urſprung derſelbigen / nemlich die Præcipitanz und Dependi - rung von anderer Autoritaͤt unterſuchen und ſich da - fuͤr huͤten / oder auff die Erforſchung der Wahrheit mit gnugſamer Auffmerckung ſich legen ſollen. Was aber den Willen anlanget / ſey er ein Mann / der ſich zwey widerwaͤrtige Affecten / Liebe und Haß ohne ver - nuͤnfftige Gruͤnde jaͤmmerlich hin und wieder reiſſen laſſe / und durch dieſelben angetrieben von einem Ex - tremo auff das andere falle / auch ſeinen guten natuͤrli - chen Verſtand dadurch dergeſtalt unterdruͤcken laſſen / daß er durch ihren Antrieb Dinge ſchreibe / derer er ſich ſelber ſchaͤmen wuͤrde / weñ er von dieſen Affecten be - freyet waͤre; im uͤbrigen aber daß es ihm an Hertzhaff - tigkeit nicht mangele die Wahrheit zu erforſchen / und wider jederman zu vertheidigen / wenn beſagte beyde Affecten ihn nicht antrieben / dieſe ſeine Hertzhafftig - keit oͤffters gantz unrecht zu Vertheidigung der Jrꝛthuͤ - mer anzuwenden. Dieſes Judicium von ihm zu faͤl - len / haben mich folgende Urſachen bewogen; weil das gantze Buch weiſet / daß er 1. in der Hiſtoria Phyſica und was ſonſten zu dieſem Studio gehoͤret / auch zum theil in Matheſi nicht gemeine und geringe Profectus haben muͤſſe. 2. Daß er die eitelen Jrrthuͤmer der Scholaſtiſchen Philoſophie, und ſonderlich der in de - nen Schulen eingefuͤhrten Syllogiſmus-Kunſt gar deutlich zu erkennen giebet / und mit einer auffrichtigen Hertzhafftigkeit befechtet. 3. Daß er dadurch ſich ver -bfuͤh renfuͤhren laſſen / die Logic gantz auszumertzen / und bloß auff eines jeden Menſchen ſeinen natuͤrlichen Ver - ſtand ſich gruͤndend / alle Logicken fuͤr unnoͤthig ja gar ſchaͤdlich haͤlt. 4. Daß er ſelbſten groͤſten theils in ſei - nen Diſcurſen mehr auff Oratoriſche Weiſe und Af - fectens volle Worte / als auff die Art eines ſittſamen Logici diſputiret. 5. Daß er ſich nicht entfaͤrbet / auf Sophiſtiſche Art den Statum Controverſiæ hin und wieder umbzukehren / die Concepte zu vermiſchen / die Worte ſeines Gegners nach ſeinen Gefallen zu aͤn - dern / etliche auszulaſſen / andere einzuruͤcken / u. ſ. w. 6. Daß er durchgehends eine gar zu uͤbermaͤßige Liebe zu den Teutſchen / und einen gar zu uͤbermaͤßigen Haß gegen die Frantzoſen blicken laͤſt. 7. Daß er mich zu - weilen / und zwar hauptſaͤchlich umb keiner andern Ur - ſache / als weil ich mir vorgenom̃en zu weiſen / daß man auch in Teutſcher Sprache gelehrte Sachen ſchrei - ben koͤnne / gar zu uͤbermaͤßig und auf eine irraiſonable Weiſe lobt / zum oͤffteꝛn aber uñ zwaꝛ wiedeꝛum̃ haupt - ſaͤchlich deßhalben / daß ich in meinen Schrifften einige Gewogenheit gegen die Frantzoͤſiſche Nation ſpuͤren laſſen / mich gar zu ſcharff und wider Raiſon durchhe - chelt. 8. Durchgehends aber daſſelbige gantz und gar nicht præſtiret / was ſein Titel verſpricht / noch gruͤnd - lich eroͤrtert / was zu rechtſchaffener Erkaͤntniß der wah - ren Weißheit / und wie ein junger Menſch dieſelbe zu erlangen / ſein Studiren einrichten ſolle / gehoͤre / ſondern vielmehr abermahlen von gar zu groſſer Paſſion gegen die Phyſic und Matheſin eingenommen der andern Wiſſenſchafften / abſonderlich aber des alleredelſten theils menſchlicher Weißheit / der Sitten-Lehre bey nahe gar druͤber vergißt. Jch brauche nicht / daß ich zuBehau -Behauptung deſſen / was ich von dieſem Autore biß - her angefuͤhret / etliche Oerter aus demſelben excerpl - re / in dem der unpartheyiſche Leſer ſelbiges auff allen Blaͤttern / ja bey nahe auff allen Zeilen haͤuffig antref - fen wird. Und habe ich dannenhero bey dieſen Urſa - chen mich ſo fort entſchloſſen / ſelbiges Buch nicht zu be - antworten / nicht aus einen unzeitigen Hochmuth / ſon - dern weil ich vermeinet / daß es keiner Antwort brau - che / ſondern daß ein raiſonabler Leſer von ſelbſt die Unzulaͤngligkeiten der Gruͤnde des Autoris erkennen / ein irraiſonabler aber / und wider mich præoccupirteꝛ auch durch die beſten Gruͤnde nicht werde zur Raiſon gebracht werden koͤnnen / worinnen mich nicht wenig geſtaͤrckt / daß ich glaubwuͤrdige Nachricht erhalten / wie meine Wideꝛſacher ſelbſt zwar anfaͤnglich ſehr ge - frohlocket / als ſie dieſes Buch im Catalogo geſehen / hernach aber bald von dieſer ihrer Freude nachgelaſ - ſen / als ſie geſehen / daß der Autor ſein Vorhaben nicht beſſer ausgefuͤhret.

2. Jedoch muß ich bekennen / daß ich Verlangen getragen den Autorem zu kennen / und des Sinnes Anfangs geweſen / ihn zum wenigſten duꝛch ein Privat - Schreiben den Urſprung ſeiner Præjudiciorum zu er - kennen zu geben / weil ich doch beſage des / was beym 1. und 2. Punct von ihm angemerckt / nicht wenig gutes an ihn geſpuͤhret; fo bald man mir ihn aber genennet / bin ich auch hierinnen anders Sinnes worden. Deñ ich habe ſo fort befunden / daß er ſein Ebenbild ſo wohl in dieſem Buche exprimiret / daß ich mich faſt geſchaͤ - met / daß ich ihn nicht vor mich ſelbſt errathen / weil er mir in Leipzig ſo familiar geweſen / daß er mir ſeine meiſte Heimligkeiten vertraut / ich ihn auch auſſer demb 2beſſerbeſſer als er vielleicht ſich ſebſt gekandt. Jch haͤtte a - ber nicht geglaubt / daß er ſich ſo viel Geduld nehmen koͤnnen / ein ſolch Buch zu verfertigen / weil ich ſein In - genium fuͤr viel zu fluͤchtig hierzu gehalten / auch ge - meynet / er ſolte als mein guter Freund / und der taͤglich Gelegenheit gehabt muͤndlich mit mir zu conferiren / und mir meine Fehler zu zeigen / auch / als ich meine In - troduction zu Leipzig durch diſputiret / mir darwider zu opponiren / zum wenigſten mich nicht ſo cavaliere - ment darinnen tractiret haben; So lieſſe mir auch das Ungluͤck / darinnen er damahls ſtacke als das Buch heraus kame / und noch nicht davon erlediget iſt / nicht vermuthen / daß er bey demſelben ſolte vermoͤ - gend geweſen ſeyn / an Edirung deſſelbigen zu dencken. Nachdem ich aber vernommen / daß er ſelbiges verfer - tiget habe / ehe er in dieſes Elend gerathen / habe ich mir keine andere Urſache einbilden koͤnnen die ihn hierzu bewogen / als weil ich ihn / nachdem er ohne meinen Vorbewuſt mich unter dem Namen des Ignatius Menſifax wider einen Paſqvillanten defendiret / (worvon ich in der Dedication meiner Freymuͤthigen Monatlichen Gedancken etwas mehrers Meldung gethan) nicht / wie er wohl verhoffet / Danck genung conteſtiret / ſondern aus vielen gegruͤndeten Urſachen vielmehr mein hertzliches Mißfallen daruͤber bezeiget / auch ſonſten als einen guten Freunde zuſtehet / ihn be - ſcheiden jedoch offenhertzig wegen ſeiner allzuhitzigen Condaite zuweilen gewarnet / und zuvorher geſagt / was es vor ein Ende damit nehmen wuͤrde. Dieweil ich ihn denn allzuwohl kenne / und geſpuͤhret / daß er in ſeinen einmahl gefaßten Meynungen incorrigibel und in extremo gradu halsſtarrig / auch umb keinerandernandern Urſache willen in das groſſe Ungluͤck in dem er noch ſtecket / und deſſen Ende er nicht ſehen kan / gerathen; als wuͤrde eines theils ohnnoͤthig und vergebens ſeyn / wenn ich mich gleich befleißigen wolte / ihn die Præjudicia die er in ſeinem Buche begangen / noch ſo deutlich vor Augen zu legen / theils aber wuͤrden meine Widerſacher vielleicht Gele - genheit nehmen mich zu blâmiren / daß ich andere bißher wider mich verfertigte Schrifften unbeant - wortet gelaſſen / dieſem Autori aber antwortete / weil ich wuͤſte / daß er in einem Zuſtande lebete / der ihm nicht wohl zulieſe fernerweit wider mich zu ſchreiben / weßhalben denn / wenn ich gleich ſonſt mir vorgeſetzt gehabt haͤtte / dieſes Buch zu beant - worten / dieſe einzige Betrachtung genung ſeyn wuͤr - de / mich davon abzuhalten.

3. Ja ich habe mir uͤberhaupt vorgenommen / wegen vieler Urſachen allen denen / die noch kuͤnfftig wider mich ſchreiben moͤchten / wenig oder gar nichts zu antworten / es waͤre denn / daß ich ſaͤhe / daß es die Wuͤrdigkeit der Lehre ſelbſt erfordere / daß ich dieſelbe in einer Beantwortung etwas deutlicher ausfuͤhrete / oder erkennete / daß ein Autor nicht aus Affecten / ſondern aus bloſſer Liebe zur Wahrheit wider mich geſchrieben haͤtte. Denn 1. nachdem ich mir die Freyheit genommen / in meinen Monat - lichen Gedancken von denen neuen Autoribus oh - ne Anſehen der Perſonen offenhertzig zu judiciren / wuͤrde ich die geſunde Vernnnfft beleydigen / wenn ich andern nicht dergleichen Freyheit gegen mir goͤnnen / und alles was man wider mich ſchriebe / be - antworten wolte. 2. Kommen die widrigen Judi -b 3ciacia die man von mir gefaͤllet / oder kuͤnfftig von mir faͤllen moͤchte / mit der Wahrheit uͤberein / ſo habe ich vielmehr Urſache meine Jrrthuͤmer abzulegen / und meine Fehler zu verbeſſern als dieſelbigen zu vertheydigen. Sind ſie aber der Wahrheit nicht gemaͤß / ſo gehen ſie weder mich noch meinen Schrifften / die oͤffentlich fuͤr jedermanns Augen lie - gen / an / und wuͤrde ich alſo wunderlich thun / wenn ich mir ohne Noth eine Muͤhe auff den Hals laden wolte. 3. Halte ich dieſes Schweigen auch fuͤr ein Mittel meinen Feinden deſto eher das Maul zu ſtopffen. Lieſſe ich mich einmahl weiter mit meinen Widerſachern ein / haͤtten ſie was ſie verlangten / und wuͤrden ſie mir mit ihren Paſqvillen oder an - dern Schrifften wider mich das Leben ſo ſauer ma - chen / daß ich meine ordentliche Arbeit dabey wuͤrde verſaͤumen / und doch einmahl mich ſtille zu ſchwei - gen reſolviren muͤſſen. Schweige ich aber ſtille / ſo bin ich dieſer Verdrießligkeit uͤberhoben / und kan meinen Gegnern wohl goͤnnen / daß ſie ſich einbil - den und ruͤhmen / ſie haben mich ad ſilentium redi - girt. Die Wahrheit wird doch wohl Wahrheit bleiben / wenn ich ſie nur einmahl deutlich vorgele - get / ob ich mich gleich deßwegen nicht mit jederman herumb beiſſe. 4. So kan ich auch hiermit dieje - nigen realiter refutiren / die mich in der Welt zu diffamiren geſucht / als ſey ich ſo ehrgeitzig und rach - gierig / daß ich niemand der mir contradicirte umb und neben mich leyden koͤnte. Jch habe ja frey ge - nung geſchrieben und dociret / auch mich davon we - der Furcht noch Liebe abhalten laſſen; aber gewiß es iſt nichts anders als die Liebe zur Freyheit undWahr -Wahrheit / die mich hierzu bewogen / und wenn ich die erhalte / ſo koͤnte ich gar wohl leiden / wenn gleich alle Tage ein anderer auff eben der Catheder wo ich lehre / gleich das Widerſpiel dociren ſolte; ja ich wuͤrde meine Auditores ſelbſt vermahnen / dieſe Lectiones zu beſuchen. 5. Endlich wil ſich es ferner nun nicht ſchickẽ / nach dem / was ich in gegen - waͤrtiger Ausuͤbung im letzten Capitel von dem all - gemeinen Mißbrauch der Streit-Schrifften aus - fuͤhrlich und gegruͤndet gehandelt / daß ich meinen Auditoribus ſelbſt nicht hierinnen mit einem guten Exempel vorgehen ſolte. Jedoch wolle niemand meynen / ob wolte ich wegen meiner Lehre niemand Rede und Antwort geben. Jch bin ſolches nicht alleine meiner Hohen Obrigkeit / da es begehret wird / allezeit zu præſtiren willig / ſondeꝛn weꝛde auch einem jedweden der aus Liebe zur Wahrheit diß - falls mit mir conferiren wil / ſo viel Satisfaction geben als er verlanget. Doch kan ich meine Schwachheit nicht laͤugnen. Jn Schrifften ſol - ches zu thun / iſt wider mein Naturell, als der ich mit dem Mangel behafftet bin / daß ich mich zu nichts weniger als zum Commercio literario ſchicke / und hierinnen durchgehends ein uͤbler Zahler bin / indem ich lieber einen gantzen Tag dociren / oder ſonſt et - was verrichten wil / als daß ich einen eintzigen Brieff nur eine vierteil Stunde beantworte / und dannen - hero bey dieſer Gelegenheit alle diejenigen / denen ich nun binnen etlichen Jahren dieſes Officium humanitatis ſchuldig geblieben / oͤffentlich um̃ Veꝛ - zeyhung bitte. Hingegen hoffe ich / daß wenn je - mand muͤndlich mit mir zu conferiren hat / ein jed -wederweder mir das Zeugniß werde geben muͤſſen / daß ihn nicht allein zu allen Zeiten anhoͤre und gute Mi - nemache / ſondern auch offenhertzig und auffrichtig mit alle dem was ich in meinem Kopffe und meiner wenigen Biblioteqve habe / diene. Ja ich ver - ſpreche hiermit jederman / der oͤffentlich mit mir we - gen einiger meiner Lehre umb Liebe zur Wahrheit Willen zu conferiren belieben tragen ſolte / daß ich zu allen Zeiten / es ſey ſo offt als er es verlanget / Teutſch oder Lateiniſch nach der Mode der einge - fuͤhrten Syllogiſmus-Kunſt oder durch Frage und Antwort hierzu mich bereit erfinden laſſen werde / und hoffe / man werde mit dieſen meinen Erbieten zu frieden ſeyn koͤnnen / weil ich nicht begreiffen kan / was man von einem ehrlichen und die Wahrheit liebenden Mann mehr prætendiren koͤnne / auch fuͤr mich niemahln eine groͤſſere Freyheit gegen die von denen ich diſſentire / verlangen wuͤrde. Jn deſſen lebe wohl / geehrter Leſer / und erwarte auff kuͤnfftige Oſter-Meſſe / da GOtt Kraͤffte und Geſundheit verleihen wird / meine Sitten-Lehre.

ENDE.

Der1

Der Ausuͤbung Der Vernunfft-Lehre / I. Hauptſtuͤck. Von der Geſchickligkeit die Warheit durch eigenes Nach - dencken zu erlangen. Jnnhalt.

Connexion und nothmendigkeit der Doctrin von Aus - uͤbung der Vernunfft Lehre n. 1. 2. 3. Dieſer Lehre 5. Theile n. 4. Die general methode hierinnen n. 5. War - rumb man von der Geſchickli[g]keit der Warheit ſelbſt nach zu dencken anfange n. 7. Pruͤfung des. Auditoris, n. 8. (1.) Nach ſeinen Alter. We[l]ches Alter am ge - ſchicklichſten zur Vernunfft-Lehre ſey n. 9. 10. 11. 12. (2.) Nach ſeiner Luſt und Begie[r]de. Dieſe muß nicht zu hitzig und ungedultig ſeyn / n. 13. 14. 15. 16. Sie muß von der Begierde zur Wollu[ſt]und Muͤßiggang nicht uͤberwaͤltiget werden / n. 17. 18. [1]9. 20. Sie muß mit einer attention auff die Leh[r]en[d]es Lehrers vergeſellſchafftet ſeyn / n. 21. 22. (3.) m[it]ſelnem Muth und courage wider die Feinde der Warheit und der draus entſtehenden Gefahr n. 23. 24[.]Urſachen die ei - nen jungen Menſchen darwider auffmunte[rn]ſollen /An. 25.21. Hauptſt. von der Geſchickligkeit dien. 25. 26. 27-Præcepta nach deren Anleitung man der Warheit nach dencken ſoll. Beſtreite die præjudi - cia n. 28. (1.) insgeſamt / das iſt: zweiffele n. 29. was hierbey in acht zu nehmem. n. 30. Zweiffeln ge - ſchicht entweder auff Sceptiſche oder Dogmatiſche wei - ſe n. 31. die letzte Art gehoͤret hieher n. 32. 33. Es iſt keine vernuͤnfftige Urſache / warum man zweiffeln ſolle / daß etwas wahr ſey n. 34. maſſen ſolches auch die klei - nen Kinder gewiß erkennen n. 35. und im fortgehen - den Al[t]er noch mehr vergewiſſert werden n. 36. Vor - ſtellung der Urſachen / warum̃ man bey reiffenden Ver - ſtande anfangen ſolle an allen zu zweiffeln n. 37. derer Nichtigkeit. Es folgt nicht / was mich offte betrogen hat / kan mich allezeit betriegen n. 38. noch weniger a - ber: was mich betriegen kan / wird mich auch betrie - gen n. 39. beydes wird mit einem Exempel von drey Wuͤrffeln erklaͤret n. 40. 41. Eben weil du gewiß weiſt / daß du dich offt betrogen haſt / kanſt du nicht an allen Dingen zweiffeln / n. 42. 43. 44. Ja du kanſt nicht zweif - feln / wenn du nicht zugiebſt / daß etwas wahr ſey n. 45. Du darffſt nicht an allen Dingen zweiffeln / ob du ſchon noch nicht weiſt was wahr iſt n. 46. 47. 48. An was vor Dingen man deñ zweiffeln muͤſſe? n. 49. 50. Nicht an denen propoſitionibus die man alsbald begreifft. z. e. daß man wache / daß man Haͤnde und Fuͤſſe habe / n. 51. 52. 53. [d]erer unzehlige exempel ſind n. 54. ſondern an denen Grundwarheiten und concluſionibus remo - tioribus n. 55. und zwart an jenen zu erſt n. 56. welches insgemein negligir er wird / n. 57. auch auff Acade - mien n. 58. Wer ſie aber ſchon gelernet hat / darff nicht von neuen zweiffeln n. 59. 60. Unterſcheid zwiſchen dem Zweiffel an denen principiis und concluſionibus remotioribus n. 61. Etliche noͤthige Exempel derglei - chen concluſionnm n. 62. Was demnach unter dem Gebot / daß man zweiffeln ſolle / angedeutet werde /n, 63.3Warheit durch eigenes Nachd. zu erl. u. 63. Nutzen dieſes Zweiffels n. 64. Was man fuͤr ei - ne Ordnung in dem Zweiffel an concluſionibus remo - tis halten ſolle n. 65. Zweiffeln heiſt fragen und ſuchen n. 66. nicht aber dasjenige daran man zweiffelt fuͤr falſch halten n. 67. weil unter dieſen beyden Dingen ei - ne contradictio iſt. n. 68. die Sceptici ſelbſt auch nicht ſo weit gegangen n. 69. ferner ein groſſer Unterſcheid iſt unter: etwas nicht fuͤr wahr / und: ſolches fuͤr falſch halten n. 70. anderer Unfoͤrmligkeiten zu geſchweigen n. 71. 75. die dadurch nicht gehoben werden / wenn man ſich entſchuldiget / es geſchehe dieſes nicht aus Ernſt / ſondern nur ad interim n. 72. 73. 74. Nach unſerer Er - klaͤrung treffen uns die meiſten Argumenta derer nicht / die da behaupten / man ſolle nicht zweiffeln n. 76. aber wohl dasjenige / daß man wider uns urgi - ren kan / es ſey nicht recht an Gott zu zweiffeln n. 77. Beantwortung dieſes Einwurffs. Der Kinder ih - re Meinungen von GOtt gruͤnden ſich mehr anff menſchliche autoritaͤt / als auff rechte Grund-Warhei - ten n. 78. Was das heiſſe / daß die Verſicherung von Gottes exiſtenz u. ſ. w. den Heyden ins Hertz geſchrie - ben ſey n. 79. Deutliche Erweiſung / daß der von uns be - gehrte Z[w]eiffel von GOtt und Goͤttlicher Verſehung mit nichten dahin fuͤhre / daß ein Menſch auch nur auff einen Augenblick ein Atheiſte ſeyn ſolle n. 80. 81. 82. ſondern vielmehr daß er ſich von der Atheiſterey ent - ferne n. 83. Die Scripta Anti-Atheiſtica und Theologia naturalis derer die dem Zweiffel zuwider ſeyn / be - weiſen in der That unſere Meinung n. 84. 85. 86. (2.) inſonderheit das præjudicium autoritatis. ver - traue auf keines Menſchen autorit aͤt n. 87. 88. wovon auch die Obern / Eltern und præceptores nicht ausgenommen ſind n. 89. 90. Woher es komme / daß die Pflicht gegen die Præceptores der Pflicht gegen die Eltern gleich geachtet oder ihr wohl gar vorgezo -A 2gen4Das 1. H. von der Geſchickligkeitgen werde n. 91. Was unter dem Nahmen eines Præ - ceptoris zu begreiffen ſey / von deſſen autoritaͤt man nicht abweichen koͤnne? n. 92. wer unſer axioma laͤug - net / muß notwendig denen Menſchen eine Infallibili - taͤt zuſchreiben / n. 93. und kan nicht prætendiren, daß ein anderer / wider den er diſputiret, den Jrrthumb ſeines Præceptoris verlaſſe n. 94. (3.) inſonderheit das Præjudicium præcipitantiæ. Gib in deiner medi - tation auf alles wohl und genau achtung n. 95. dadurch bringſt du dir eine attention zuwege n. 96. und ſchaͤrffeſt dein judicium, und befreyeſt dich fuͤr vieler Gefahr n. 97. Die zwey letztere axiomata ha - ben auch in Erforſchung wahrſcheinlicher Dinge ihren Nutzen n. 98. Jn denenſelben muß man die Guͤltigkeit der Zeugniſſe nicht auff die conceptus accidentales ex - tendiren n. 99. wie ingemein geſchicht n. 100. welches mit etlichen exempeln bewieſen wird n. 101. Die autoritaͤt iſt nicht einmahl bey wahrſcheinlichen Zeugniſſen die Richtſchnur meines Glaubens n. 102. zum exempel in hiſtoriſchen Dingen n. 103. Nutzen der attention in Beurtheilung wahrſcheinlicher Dinge n. 104. Das andere Haupt-axioma. Nach Beſtreitung der Haupt - præjudiciorum Wehle dir unter denen Wiſſenſchafften diejenige / die dich zur wahren Weißheit fuͤhret n. 105. 106. Unter - ſchiedliche Claſſen der Menſchlichen Wiſſenſchafften. n. 107. 108. (1.) Die nuͤtzlichen n. 109. unterdenen die vornehmſte iſt / die auff die ewige Gluͤckſeligkeit gerich - tet iſt n. 110. 111. der die Wiſſenſchafft die Gemuͤts - Ruhe zu erlangen / n. 112. 113. 114. und dieſer die Ge - lahrheit die Geſundhelt ſeines Leibs zn erhalten / n. 115. endlich aber die Lehre ſo mit den Guͤtern des Gluͤcks zu thun hat / ſolgen n. 116. (2) Die rechtmaͤſ - ſig beluſtigenden. Was unter dieſen verſtanden wer - de n. 117. und deren exempel n. 118. was ſie insgemeinfuͤr5der Warheit nachzudencken. fuͤr Nutzen haben n. 119. 121. abſonderlich aber die Hiſto - rie, die Mathematiſchen Wiſſenſchafften / die Lehre de decoro, und die luſtigen Theile der Phyſic n. 120. Man muß uͤber dieſen ſtud iis die nuͤtzlichen nicht lie - gen laſſen n. 122. wie vielfaͤltig geſchicht n. 123. (3.) Die unrechtmaͤßig beluſtigenden n. 124. deren etliche das præjudicium autoritatis ſtaͤrcken / als die Scholaſtiſche Metaphyſic n. 125. etliche der præcipitanz ſugen n. 126. als die Magiſchen Wiſſenſchafften n. 127. Was von der Geomantia, Cabala u. ſ. w. zu halten ſey n. 128. 129. 130. 131. Ferner: Suche die wahre Weißheit in dir. n. 132. Lerne dich ſelbſt erkennen n. 133. nehmlich (1.) in Gegenhaltung mit denen beſtien n. 134. (2.) mit andern Menſchen n. 135. (3.) mit GOtt n. 136. nach Anleitung des drey - fachen Standes eines Menſchen n. 137. wie viel Zeit zu dieſer Erkaͤntniß gehoͤre n. 138. Wahrſcheinliche Din - ge nutzen dem Menſchen bißweilen ja ſo viel als un - ſtreitige Warheiten n. 139. bißweilen noch mehr. n. 140.

1.

WJr haben in dem Erſten Theil der Vernunfft-Lehre bißhero zwar deut - lich und ausfuͤhrlich genung gewie - ſen / was wahr / falſch / unerkant / wahrſcheinlich und unwahrſcheinlich ſey: So wohl auch in welchen Dingen man eine gewiſſe / klare und deutliche Erkentniß erlangen koͤnne / und daß man in Erfindung neuer Warheiten nicht ſub - til kuͤnſteln / ſondern vielmehr den natuͤrlichen Trieb der geſunden Veruunfft folgen ſolle. A 3So6Das 1. H. von der GeſchickligkeitSo haben wir auch endlich den Urſprung al - ler Jrrthuͤmer verhoffentlich aus dem Grun - de gezeiget. Gleichwohl wollen dieſe ſpecula - tiones noch nicht genung ſeyn fuͤr einen jun - gen Menſchen / der die Weltweißheit zu be - greiffen gedenckt.

2. Denn die Vernunfft-Lehre ſoll die Men - ſchen unterweiſen / wie ſie ihren Verſtand recht brauchen / und andern Leuten damit dienen ſollen. Derowegen iſt es / wie in allen diſciplinis practicis, nicht genug / daß man die Sache die man ausuͤben foll / uͤberhaupt verſte - he / und dieſelbe beſchreiben und eintheilen koͤn - ne; ſondern man muß den Leuten auch Hand - griffe weiſen / die ſie in der Ausuͤbung gebrau - chen ſollen / deſio ehe zu den erwuͤndſchten End - zweck zu gelangen; maſſen ſolches aus dem Exempel der Lehre von Fechten / Dantzen / Ballſpielen und aller mechaniſchen Kuͤn - ſte / (der Sittenlehre und Politic zu ge - ſchweigen) erhellet.

3. Bißher haben wir nur gewieſen / wie die Erkentniß der Warheit beſchaffen ſeyn ſolte / und wie leider an ſtatt derſelben der Menſch mit Jrrthuͤmern angefuͤllet iſt. Wenn wir nun bey dieſer letzen Betrachtungauffhoͤ -7der Warheit nachzudencken. auffhoͤren wolten / wuͤrden wir gewiß einen Lehrbegierigen Juͤngling hoͤchſt conſternirt verlaſſen / nicht anders als zum exempel ein Dantzmeiſter / weñ er einem der bey ihm dan - tzen lernen wolte / viel von denen zu der Dantz - Kunſt gehoͤrigen terminis und Geſchickligkeit des Menſchlichen Leibes vorſagte / und hernach ihm deutlich darthaͤte / daß er ſehr ungeſchickt dantze / und keine cadence zu halten wiſſe / und wolte hernach den Lehrling dimittir en.

4. Wir haben oben Erwehnung gethan / daß dieſer Theil der Vernunfft-Lehre 5. Stuͤ - cke begreiffen werde / 1. Wie man die Warheit fuͤr ſich erforſchen und erkennen / 2. die erkan - te Warheit andern beybringen / 3. anderer Leute Meinungen verſtehen / 4. von denen - ſelben judiciren / und 5. die irrigen wieder - legen ſolle.

5. Bey allen dieſen Dingen wird nichts mehr noͤthig ſeyn / als daß wir ſo wohl einige noͤthige Handgriffe zeigen / als auch die un - tuͤchtigen obwohl gewoͤhnlichen / die man ins - gemein zu brauchen pfleget / dann und wann bemercken.

6. Und zwar ſo fangen wir von der Ge - ſchickligkeit die Warheit durch eigenesA 4Nach -8Das 1. H. von der GeſchickligkeitNachdencken zu erforſchen / billig an / weil dieſes eben das Stuͤcke der Vernunfft-Lehre iſt / welches weiſet / wie man ſeinen Verſtand recht brauchen ſolle; maſſen denn die an - dern 4. itzt erwehnten Theile lehren / wie ich mit meinen Verſtand andern dienen ſolle. Wie ſoll ich aber andern dienen / wenn ich mir ſelbſt damit nicht helffen kan?

7. Zu dem ſo weiſet auch die weitlaͤufftige Betrachtung derer Jrrthuͤmer im vorigen Capitel / daß ich in Ausuͤbung der Vernunfft - Lehre allerdings von mir ſelbſt den Anfang ma - chen / und mir ſelbſt den Balcken aus dem Au - ge ziehen muͤſſe / weil ich befinde / daß ich ja ſo wohl voll Jrrthuͤmer ſtecke als andere Men - ſchen.

8. Nun wohl dann / fo wollen wir in GOt - tes Nahmen ſehen / was bey der eigenen me - ditir ung zu beobachten ſey. Aber ich muß dich zufoͤrderſt betrachten / ob du auch zur praxi der Vernunfft-Lehre geſchickt ſeyſt / oder du muſt dich vielmehr ſelber pruͤfen / ob du dasje - nige / was hierzu erfordert wird / zu præſti - ren gedenckeſt.

9. Du ſieheſt noch ſehr jung aus / und wie ich von dir vernehme / ſo biſt du erſt 17. Jahralt. 9der Warheit nachzudencken. alt. Aber das hindert nicht / ſondern iſt viel mehr deſto beſſer fuͤr dich / weil in dieſem Alter der natuͤrliche Verſtand insgemein zu reif - fen anfaͤngt. Je ſpaͤter man aber bey Reif - fung des Verſtandes in ſeinem Kopffe auf - zuraͤumen anfaͤngt / ie ſchlimmer iſt es / weil die præjudicia ſo dann immer tieffer einwurtzeln / dergeſtalt / daß man ſo dann die groͤſte Muͤhe anwenden muß / ſie loß zu werden.

10. Derowegen iſt offenbahr / das eines Theils ein Kind keinen geſchickten Audito - r en der Vernunfft-Lehre / oder des Haupt - grundes der Weltweißheit abgeben werde / weil wegen ermangelnder Reiffe des Verſtan - des es weder die gantzen ideas in partes accu - raté einzutheilen / oder die nimiam generalita - tem axiomatum zu begreiffen / noch die præju - dicia zu erkennen faͤhig iſt / ſondern wie oben erwehnet / die Præceptores derſelben ſolten ſich nur bemuͤhen / daß von denen concluſionibus, die ad captum der Kinder ſind / ihnen ſo viel moͤglich keine Jrrthuͤmer beygebracht wuͤr - den.

11. Anderes theils aber / ſo iſt zwar ein al - ter Mann geſchickt genung die Grund-Ge - ſetze der Vernunfft-Lehre zu begreiffen / aberA 5weil10Das 1. H. von der Geſchickligkeit. weil er in denen præjudiciis ſchon veraltert iſt / ſo verlanget er ſolches nicht / ſondern haſſet dieſelbigen vielmehr. Ja wenn er gleich die Lehre von Erkentniß der Warheit voͤllig be - griffe / wuͤrde er doch zur Ausuͤbung derſelben incapabcl ſeyn / weil die kurtze Zeit die er noch zu leben hat / nicht zulaͤßt / daß er nach und nach von denen Jrrthuͤmern ſich befreye / wie er nach und nach darzu kommen iſt. Denn ſich der in ſo langer Zeit befeſtigten Jrrthuͤmer auff einmahl oder in kurtzer Zeit entledigen wollen / iſt wider die geſunde Vernunfft.

12. Demnach iſt das mittelmaͤßige Alter / als nehmlich zum wenigſten von 12. oder 14. biß auff das hoͤchſte etliche und dreißig Jahr am geſchickteſten durch Begreiffung der Ver - nunfft-Lehre auch zugleich die von Jugend auff eingeſaugten Jrrthuͤmer zu erkennen / und auch hernach dieſe Erkentniß auszuuͤben. Je - doch iſt kein Zweiffel / daß binnen dieſem ſpa - tio derjenige am geſchickteſten ſey / der an er - ſten darzu thut.

12. So iſt demnach dein Verſtand geſchickt genung zu dieſer Ausuͤbung / ſo wohl auch das Vermoͤgen des Willens / wenn du nur nicht ſelbſt dich muthwillig daran hindern willſt / ſon -dern11Der Warheit nachzudencken. dern rechte Luſt und Begierde zu dieſer Aus - uͤbung haſt; denn ohne dieſelbe wird alle unſe - re Arbeit vergebens ſeyn.

14. Du ſprichſt wohl: An der Begierde mangelt mir es nicht / denn es wird mir ſchon die Zeit zu lang / daß du noch nicht mit denen mir verſprochenen Vortheilen angefangen.

15. Aber es iſt nicht gut mein lieber Freund; dieſe Begierde iſt fluͤchtig und taugt nicht viel / weil ſie keinen groſſen Beſtand haben wird Haſtu ſchon veꝛgeſſen / daß wir zu ende der Vernunfft-Lehre geſagt haben / daß eine der - gleichen ungedultige Begierde die Uberei - lung gebehre.

15. Wer in ſeinen Kopff auffraͤumen will / muß attent ſeyn. Die attention aber iſt nichts anders / als eine gedultige und fleißige Betrachtung eines Dinges nach allen Thei - len und Umbſtaͤnden. So ferne dieſe Be - trachtung nun fleißig iſt / wird ihr die Nach - laͤßigkeit entgegen geſetzt / ſo ferne ſie gedultig iſt / leidet ſie keine Ungedult / und folgends kei - ne allzuhitzige Begierde. Derowegen pruͤf - fe dich zufoͤrderſt / ehe wir anfangen; ob du Fleiß und Gedult genung bey dir befindeſt auszu - halten.

17. Du12Das 1. H. von der Geſchickligkeit

17. Du erkenneſt dannenhero / daß du dich uͤbereilet haſt / und verſprichſt kuͤnfftig Fleiß und Gedult zu haben. Aber weßhalben ey - leſt du von mir und wilſt / daß unſer diſcurs erſt morgen ſolle ferner continuiret werden? Du kanſt mir keine andere antwort geben / als daß der Herr gleich itzo zu dir ge - ſendet / und dich erſuchen laſſen zu ihm zu kom - men / weil eine Compagnie Cavalliers und Dames ihn uͤberfallen / damit du denſelben mit einem Glaß Wein / einen angenehmen Spiel und beluſtigenden Dantz die Zeit ſolſt verkuͤr - tzen helffen.

18. Jch muß von Hertzen uͤber dich lachen. Jſt daß die groſſe Begierde zur Weißheit / die fuͤr einen Augenblick uͤber mich ungedultig ward / daß die Regeln derſelben nur eine klei - ne Viertelſtunde ſolten auffgeſchoben wer - den / und wilſt nun dieſelbe ohne Urſache biß morgen auffſchieben.

19. Ja ſprichſt du: Soll ich den alle menſch - liche Geſellſchafft quittiren? ſoll ich unhoͤfflich ſeyn und durch eine abſchlaͤgige Antwort mir den Patron, ſo zu mir geſendet / ja die gantze Compagnie zum Feinde machen?

20. Mein Freund du triegeſt dich. Es iſtnicht13der Warheit nachzudencken. nicht die Furcht einer Unhoͤffligkeit und Feind - ſchafft / die dich ſo von mir wegtreibet; Es iſt deine Begierde zur Wolluſt und Muͤßig - gang. Man muß ja der Weißheit halber nicht alle menſchliche Geſellſchafft meiden: Man kan auch dann und wann eine Erge - tzung haben. Aber man muß das Hertze nicht dran haͤngen. Man muß der Ergetzung hal - ber die Weißheit nicht hindan ſetzen. Aber die - ſe Lection iſt dir itzo zu ſchwer zu practicir en. Derowegen gehe nur hin / ich will morgen und allezeit bereit ſeyn / weiter fort zu fahren.

21. Du ſchaͤmeſt dich / und enderſt deine re - ſolution, und wilſt die Compagnie fahren laſ - ſen. Daran thuſtu nun gar loͤblich / und er - weiſeſt dich als einen zu dem vorhabenden Zweck nicht untuͤchtigen Schuͤler. Aber ich muß mich auch als ein tuͤchtiger Lehrmeiſter erweiſen. Du thuſt mit deiner reſolution dei - nen Begierden eine Gewalt an / aber dein Zu - ſtand laͤßt noch nicht zu / daß nicht deine Be - gierden bey dieſer Gewalt deine Seele / ja deinen Verſtand verunruhigen ſolten. Und alſo was wuͤrde es uns beyden helffen / wenn du zwar mit deinen Leibe hier bey mir gegen - waͤrtig waͤreſt / deine Gedancken aber waͤ -ren14Das 1. H. von der Geſchickligkeitren ſtets bey der Compagnie, die du meinet - wegen quittire ſt.

22. Derowegen muß ich auch dieſelben wie - der in Ordnug bringen / wenn ich dir vermelde / daß ich eben umb dich zu pruͤfen meinen Diener befohlen / dir von dem Herrn ein com - pliment zu machen / und dich zu ihn einzuladen / welches nichts anders als ein erdichtes Werck iſt / weil der Herr jetzo nicht hier in der Stadt / ſondern uͤber Land auff ſeine Guͤter gefahren iſt.

23. Hiernechſt pruͤffe dich ferner / ob du auch Muth und Courage genung habeſt dich der Weißheit zu widmen. Denn wie ich bey Er - klaͤrung des Urſprungs der Jrthuͤmer erweh - net / du wirſt dir nothwendig viel Feinde machen / die dir Verdruß genung anzuthun ſich bemuͤhen werden.

24. Und zwar pruͤffe dich hierinnen wohl / denn es iſt nicht genung / daß du die Gefahr fuͤr geringe haͤlſt / und dich mit dem gemeinen Spruch waffneſt; Rectè faciendo neminem timeas; ſondern du wirſt Feinde kriegen / die das Vermoͤgen und die Verſchlagenheit haben werden / dir groſſen Dampff anzuthun / und es kan leicht kommen / daß deine Freyheit /deine15der Warheit nachzudencken. deine Ehre / ja dein Leib / und Leben / ſelbſt groſſe Gefahr laͤufft. Beſinne dich deſſen / was ich dir ohnlaͤngſt vom Tode des Socratis und Petri Rami erzehlet.

25. Du zuͤckeſt die Achſeln / und mich duͤn - cket dein Muth duͤrffte dir beynahe wo nicht gar entfallen / doch ziemlich ſtutzig werden. Dannenhero ermundere dich wieder / und laß dich dieſe Betrachtung an deinen guten Vorhaben nicht hindern. Du wirſt eben der - gleichen / ja noch groͤſſeren Gefahren un - terworffen ſeyn / wenn du von dem Pfad der Weißheit abtrittſt.

26. Ja du wirſt in der Lehre der Weißheit lernen der Gefahr zu begegnen / ihr Wi - derſtand zu thun / oder doch im Leiden ſelbſt zu triumphiren / da hingegen / wo du die Weiß - heit verlaͤſt / du gleichſam blindling in die Ge - fahr dich ſtuͤrtzen / und dich zu allen tuͤchtigen Widerſtand untuͤchtig machen wirſt.

27. Jch wolte wohl noch mehr ſagen. Die Weißheit wird dir zeigen / daß ein ſterbender Socrates viel freudiger und muthiger ſey / als ein Tyranne der ihn umbringen laͤſt; wenn nicht itzo / da du noch im Anfange biſt / die Leh - renoch ein wenig zu hoch fuͤr dich waͤre. Dero -wegen16Das 1. H. von der Geſchickligkeitwegen gedulte dich biß wir die Sitten-Lehre durchgegangen ſind.

28. Nun wollen wir das Werck ſelbſt an - greiffen. Miſte fuͤr allen Dingen deinen Verſtand aus / das iſt / lege die Verhinderun - gen weg / und beſtreite die præjudicia als den Urſprung aller Jrrthuͤmer.

29. Fange erſt an ſie beyde zugleich zu attaquir en. und weil du bißher zum oͤff - tern erfahren / daß du theils von andern Leu - ten / theils durch deine eigene præcipitanz biſt betrogen worden / ſo traue kuͤnfftig nicht mehr ſo leichte / ſondern fange an und Zweiffele.

30. Aber hier laß uns ein wenig ſtehen blei - ben / und dieſes Wort genau betrachten / daß wir nicht damit zu weit gehen / und die Scrupel welche die Vertheydiger der Jrrthuͤmer wi - der dieſen Handgriff einſtreuen / heben koͤn - nen.

31. Zweiffeln heiſt entweder in ſeinem Verſtande wancken oder fragen / ob etwas in der Welt wahr oder falſch / oder ob nicht vielmehr alles nur zweiffelhafft / oder auffs hoͤchſte nur wahrſcheinlich oder unwahrſchein - lich ſey: oder aber es heiſt: fragen / welches denn / und ob dieſes oder jenes wahr oderfalſch /17der Warheit nachzudencken. falſch / wahrſcheinlich oder unwahrſcheinlich ſey. Zu deſto beſſerer Entſcheidung wollen wir jenes ein dubium Scepticum, dieſes a - ber ein dogmaticum nennen / weil die Scepti - ci ſich einer Art zu zweiffeln bedienet / und alle die andern Philoſophi, die denen Scepticis wi - derſprochen mit einen gemeinen Nahmen pfle - gen Dogmatici genennet zu werden.

32. Wenn ich dich habe heiſſen zweiffeln / ſo wird dir die Vernunfft-Lehre ſchon zu verſte - hen gegeben haben / daß ich dadurch nur einen dogmatiſchen / mit nichten aber einen Scepti - ſchen Zweiffel verſtanden habe /

33 Denn ich habe bald anfangs dieſes / daß etwas wahr ſey / als ein eintziges poſtula - tum præſupponiret, und erinnert / daß ohne daſſelbe man in Erforſchung der Weißheit ohnmoͤglich fortkommen koͤnne.

34. Und wenn wir den Zuſtand des menſch - lichen Geſchlechts nach Anleitung deſſen / was wir in den letzten Capitel der Vernunfft-Leh - re davon geſchrieben / wieder uͤberlegen / ſo fin - den wir / daß der Menſch niemahlen eine ver - nuͤnfftige Urſache vorwenden koͤnne / war - um er zweiffeln ſolle / ob etwas wahres in der Welt ſey / ſondern ſeine Seele verſichertBihn18Das 1. H. Von der Geſchickligkeitihn allezeit von Jugend auff etlicher un - ſtreitiger Warheiten / daß wenn er dieſel - ben leugnen wolte / er ſich ſo dann nothwen - dig alles Gebrauchs ſeiner Vernunfft unfaͤhig machen wuͤrde.

35. Wir haben oben geſagt / daß bey den kleinen Kindern in denen erſten Jahren / ob ſie gleich darinnen an capabel ſten ſeyn / daß man ſie unzehlige Jrrthuͤmer bereden koͤnne; dennoch z. e. alle Muͤhe vergebens ſeyn wuͤrde / wenn man ſie bereden wolte: das gantze ſey kleiner als das halbe / das ſchwartze ſey weiß; eine Katze ſey eine Maus u. ſ.w.

36. Bey fortgehenden Alter / da die Kin - der bißweilen etliche Jrrthuͤmer / derer man ſie oder ſie ſich ſelbſt beredet / entdecken / erken - nen ſie zugleich bey der Entdeckung / daß etwas gewiß wahr ſeyn muͤſſe. Denn wie wolten ſie ſonſt ſagen koͤnnen / daß ſie geirret haͤtten / wenn ſie geglaͤubet / z. e. der heilige Chriſt komme von Himmel; der Thurm ſey rund / der Steckel in Waſſer ſey krum / wenn ſie nicht verſichert waͤren / daß es unſtreitig wahr ſey / daß die Menſchen den H. Chriſt a - girt en / daß der Thurm viereckicht ſey / daß der Stecken gerade ſey / u. ſ.w.

37. Ja19der Warheit nachzudencken.

37. Ja endlich wenn der Menſch zu dem Alter koͤmmt / daß ſeine Vernunfft reiff iſt / in ſeinem Kopffe auffzuraͤumen / was ſolte ihn wohl bewegen zu zweiffeln ob etwas wahr ſey? Du wirſt vielleicht ſagen ſeine Jrrthuͤmer. Denn weil er ſich ſo offte betrogen hat / ſo kan er ſich auch wohl allezeit betrie - gen. Und deßhalben muß er eine kleine Zeit an allen zweiffen / biß er eine unſtrei - tige Warheit findet.

38. Aber bedencke doch / was fuͤr einen ſchlechten Schluß du machſt: Was mich ein - mahl (oder auch offte) betrieget / kan mich allzeit betriegen? Jch wil dir nicht vorwerffẽ / daß in allen Logicen dir von Jugend auff ein - geplauet worden / ja daß dir dein eigener Ver - ſtand ietzt dieſen Augenblick auch wider deinen Willen zuruffe / daß von etlichen Exempeln man keine allgemeine Regel machen koͤñe / ſon - dern ich will dir nur zu Gemuͤthe fuͤhren / daß ich auf eben dieſe Weiſe wider dich einen ſolchen Schluß machẽ kan: Was mich einmal (oder auch offte) der Warheit verſichert / das kan mich allzeit der Warheit verſichern / und folglich nimmer betriegen. Antworte mir was du wilſt auff dieſen Satz / ſo wirſtu zugleich den deinigen mit umſtoſſen.

B 239.20Das 1. H. von der Geſchickligkeit.

39. Geſetzt aber ich raͤumete dir denſelben ein / wirſtu auch Urſache haben deswegen zu ſchlieſſen / daß du deßwegen an allen zweif - fejn muͤſſeſt. Es iſt ein groſſer Unterſcheid unter betriegen koͤnnen / und betriegen wer - den. Und dieſer Satz iſt ſehr unvernuͤnfftig: Jch kan mich allezeit betriegen / Ergò wer - de ich mich auch allezeit betriegen. Frage nur die regeln der allgemeinen Metaphyſic, ſo fern dieſelbe noch gut und unbetrieglich iſt.

40. Nim ein klar Exempel: du kanſt mit drey Wuͤrffeln einmahl und auff eine einige manier alle / und auff vielerley ma - nier zehen oder eilff Augen werffen. Wuͤr - deſt du aber nicht unklug raiſoniren, wenn du daraus ſchlieſſen wolteſt / daß du allemahl alle oder zehen Augen werffen koͤnteſt / und noch vielmehr / daß du allemahl alle oder zehen Augen werdeſt werffen.

41. Ja ſo ungeraͤumt es waͤre / wenn du deßwegen gegen einen andern eine hohe Sum - me Geld ſetzen wolteſt / daß du allemahl nach einander alle oder zehen Augen werffen wolteſt / wtil du ſie einmahl oder offte geworf - fen; ſo ungereimt iſt es auch / an allen deinen gehabten Einbildungen oder Gedanckenzweif -21der Warheit nachzudencken. zweiffeln wollen / weil du einmahl oder offt von ihnen betrogen worden.

42. Derowegen wirſtu mir verzeihen / daß ich nicht alleine deinen Schluß nicht zugebe / ſondern auff dieſe weiſe denſelben gantz umb - kehre. Weil du gewiß weiſt / daß dich dei - ne Gedancken betrogen / ſo kanſtu nicht von allen Dingen zweiffeln / ſondern nur von etlichen.

43. Die unſtreitige Warheit iſt die Probe des Betrugs und Jrrthumbs / und du kanſt keinen Jrrthumb erkennen / wenn du nicht zu - giebeſt / daß das Gegentheil wahr ſey.

44. Und gedencke nur / wenn du an allen deinen bißher gehabten Gedancken zweiffeln wolteſt / ſo muͤſteſt du auch an denen zweiffeln: Ob du dich bißher betrogen haͤtteſt. Auff dieſe Weiſe aber riſſeſtu den Grund nieder / der dich bewogen haͤtte an allen Dingen zu zweiffeln.

45. Bedencke ferner die wahre Urſache / weshalber ich zuvorher geſagt / warumb du zweiffeln ſolteſt; nehmlich daß du die præjudi - cia attaquir en koͤnteſt. Die præjudicia ſind aber falſche Meinungen / die dich von Erkent - niß der Warheit abfuͤhren. Und alſo kanſtuB 3nicht22Das 1. H. von der Geſchickligkeitnicht einmahl zweiffeln / wenn du nicht ein - raumeſt / daß etwas wahr ſey. Denn du weiſt nicht einmahl was ein præjudicium iſt / wenn du glaͤubeſt / du koͤnneſt an allen Dingen zweiffeln.

46. Aber du wilſt mich noch nicht ſo guten Kauffs loß laſſen: ſondern du wendeſt noch fer - ner gegen mich ein: Wenn ich nicht an allen Dingen zweiffeln ſoll / ſo darff ich gar nicht zweiffeln. Denn ich ſoll deßhalben zweif - feln / daß ich die Warheit erkenne. Wann ich dannenhero ſchon weiß / daß etwas wahr iſt / ſo erkenne ich ja ſchon die Warheit / ja ich muß auch wiſſen welches das wahre ſey: Denn ſonſt wuͤſte ich nicht / daß etwas wahr waͤre.

47. Du ſchlieſſeſt abermahl ſehr unfoͤrmlich / du weiſt freylich / daß etwas wahr ſey / und alſo weiſt du auch etwas das wahr iſt; aber du weiſt deshalben nicht alles was in deinen Gedancken wahr iſt / und dieſes iſt die Urſach warum du zweiffeln ſolſt.

48. Denn daß wir uns nunmehr auch zu den Dogmati ſchen Zweiffel wenden: ob wir gleich oben erwehnet haben / daß wir vermoͤge deſſelbigen zweiffeln / ob dieſes oder jeneswahr23der Warheit nachzudencken. wahr ſey / ſo folget doch deshalben nicht / daß wir zweiffeln ſollen / ob nichts wahr ſey; ſon - dern indem ich dieſes oder jenes ſage / zeige ich alsbald an / daß etwas aus genommen werden muͤſſe / an dem ich nicht zweiffeln doͤrffe.

49. Dieſes nun deſto deutlicher zu erken - nen und zu begreiffen / was das vor Dinge ſeyn / an denen ein Menſch / der in ſeinen Kopff auffraͤumen will / mit fug zweiffeln koͤnne / ſo muͤſſen wir aus der Vernunfft-Lehre wie - derholen / daß die Warheiten entweder die er - ſten Grund-Warheiten / oder daraus her - geleitete Saͤtze und propoſitiones oder conclu - ſiones ſind.

50. Dieſe Saͤtze oder concluſiones nun ſind entweder dergeſtalt beſchaffen / daß deren un - ſtreitige Warheit alsbald und ohne einige raiſonirung der Menſch verſichert wird / weil ſie mit denen Grund-Warheiten ohnmittel - bar verknuͤpfft ſind: oder der Menſch braucht hierzu eine Bedenck-Zeit / weil ſie mit denen Grund-Warheiten durch andere verknuͤpfft werden / und alſo der Menſch dieſe Ver - knuͤpffung durch einige raiſonir ung ſuchen muß.

51. An denen Saͤtzen die er alſobald be -B 4greifft24Das 1. H. von der Geſchickligkeitgreifft / darff er nicht zweiffeln / ja die innerli - che beywohnende Verſicherung laͤſt ihn nicht einmahl einen Zweiffel zu / wenn er ſchon ſol - ches gerne thun wolte. Denn es waͤre auch vergebens durch einen Zweiffel ſuchen dasje - nige zu begreiffen was man ſchon begreifft: Z. e. daß dieſer Thurm viereckt / dieſer Stock gerade ſey / daß zweymahl 3. ſechſe ſeyn / daß das gantze groͤſſer ſey als ein Theil u. ſ. w.

52. Dannenhero ſieheſtu verhoffentlich gantz deutlich / daß du mit deinen Zweiffel zu weit gehen wuͤrdeſt / wenn du zweiffeln wolteſt / ob du wacheteſt? Ob du Haͤnde oder Fuͤſſe habeſt? Ob die gemeineſten und leichteſten mathematiſchen Regeln wahr ſeyn? Deñ dieſe exempel ſind eben ſo gewiß / nnd alſobald zu begreiffen als jene.

53. Ja wenn du auch an dergleichen un - ſtreitigen Warheiten zweiffeln wolteſt / wuͤr - deſtu nimmermehr zu Erkentniß der Grund - Warheiten gelangen / weil durch eben dieſel - bigen der Menſch die Grund-Warheiten findet.

54. Alle der gleichen propoſitiones nun muſt du vondeinen Zweiffel ausnehmen / und es iſt nicht noͤthig / daß man dir dieſelben ſpecificire,weil25der Warheit nachzudencken /weil du ſie alſobald verſtehen wirſt / wenn dir eine vorkomt. Sie koͤnnen auch nicht ſpeci - ficirt werden / weil ſie unzehlig ſind.

55. Derowegen bleiben die Grund-War - heiten und die concluſiones remotiores noch uͤbrig. Beyde ſind es nun die du in dei - nen Kopffe vermittelſt des dogmat iſchen Zweiffels auffſuchen muſt.

56. Und zwar die Grund-Warheiten zu erſt. Denn wenn du dieſe nicht haſt / kanſtu die concluſiones remotiores nicht finden. Deñ wie wir in der Vernunfft-Lehre erwehnet / ſo begreiffen die Grund-Warheiten alle andere in ſich / und die remotiores concluſiones wer - den alsdenn erſt wahr zu ſein erkennet / wenn ſie mit den Grund-Warheiten verknuͤpfft ſind.

57. Und dieſes mercke wohl. Denn ob - ſchon die Sache an ſich ſelbſten klar und un - ſtreitig iſt / ſo wird ſie doch durchgehends ne - gligiret, und du kanſt dich wohl verſichern / daß unter 1000. Gelehrten nicht 10. ſeyn die ſich umb die prima Principia cognoſcendi be - kuͤmmern / ob ſie gleich alle 1000. ſich es blut - ſauer werden laſſen die Zeit ihres Lebens neue concluſiones remotiores zu erforſchen.

B 558. Ja26Das 1. H. von der Geſchickligkeit

58. Ja wie viel ſind Univerſit aͤten / in wel - chen in 100. Jahren die Intelligentia nicht profitiret worden / ob gleich kein Jahr / ja kein Monat vergangen / in dem man nicht der Ju - gend vorgeſagt / daß die Intelligentia ein ha - bitus (und zwar kein connatus ſondern acqui - ſitus) ſey primorum principiorum. Was kanſtu aber bey dieſer Bewandniß von allen denen Wiſſenſchafften halten / die alſo von de - nen Lehrern aus Mangel des Grundes in die Lufft gebaut werden. Ja was kanſtu von der gemeinen Logic halten / die ſolcher geſtalt ohne Grund iſt / und doch die andern Wiſ - ſenſchafften alle tragen will.

69. Und alſo haſtu darinen nunmehr fuͤr andern billig einen Vortheil / Weil ich dir in der Vernunfft-Lehre allbereit dieſe Grund - Warheiten dargethan und erwieſen. Denn weil du durch dieſe Erweiſung dieſelbe allbereit begriffen / wuͤrde es vergebens ſeyn / an dem was du allbereit begriffen von neuen zu zweif - feln.

60. Jedoch weil an dem Grunde das mei - ſte gelegen iſt / kan es nicht ſchaden / daß du das / was du oben hiervon gelernet haſt / fleißig re - petir eſt / nicht zu dem Ende / daß du eine biß -her27der Warheit nachzudencken. her unbekandte Warheit erkennen lerneſt / ſon - dern daß du in der allbereit erkandten gewiſ - ſer werdeſt.

61. Und alſo kanſtu auch hieraus noch ei - nen andern Unterſcheid zwiſchen den Zweiffel / durch den du die Grund-Warheiten / und zwiſchen den / dadurch du die entferneten concluſiones ſuchſt / mercken. Zu jenen brauchſtu nnr einmahl eine rechtſchaffene at - tention, und zwar nicht eben eine lange Zeit .. Zu dieſen aber brauchſtu allemahl bey einer ieden eine neue Auffmerckung und Unterſuchung / oder Zweiffel / und zwar weil immer eine concluſion von der Grund-war - heit entferneter iſt / als die andere / ſo brauchſtu auch mehr Zeit an einer zu zweiffeln als an der andern.

62. Dergleichen concluſionum remo - tiorum ſind gleichfalls unzehlig und noch vielmehr / als der Saͤtze die alsbald begriffen werden koͤnnen. z. e. Daß drey Winckel eines Dreyangels ſo viel austragen als zwey gleiche Winckel; Daß die Farben nicht weſentliche Theile der ſubſtanz ſeyn / u. ſ. w. Die noͤthig - ſten ſind z. e. Daß ein GOtt ſey. Daß er das Weſen aller Creaturen erhalte undver -28Das 1. H. von der Geſchickligkeitverſorge: Daß der Menſch durch die Er - haltung einer gleichmaͤßigen Bewegung ſich am laͤngſten conſervire / und daß alle Bewegung / die mit der vorigen keine pro - portion hat / ihn ſchaͤdlich ſey: Daß der Menſch ohne Menſchliche Geſellſchaffte - lende ſey: Daß alle Menſchen einander gleich ſeyn / u. ſ. w.

63. Derowegen wenn ich oben geſagt / daß du zweiffeln ſolteſt / habe ich nichts ander ver - ſtehen wollen / als daß du fuͤr allen Dingen ſolteſt anfangen (daferne du nicht ſolches ſchon gethan haͤtteſt) Die Grund-Warbeiten und principia ratiocinandi in deinen Kopff auffzuſuchen / und hernach alles was dir von denen bißher gehabten Einbildungen (von natuͤrlichen Dingen) vorkoͤmt / aus - mertzen / wenn du ſieheſt / daß es denen Grund-Warheiten zuwider iſt / oder in Zweiffel laſſen / ſo lange du nicht ſieheſt / wie es mit denen Grund-Warheiten ac - curat verknuͤpfft werden koͤnne / oder als unbekand ausſetzen / wenn du ſieheſt / daß es denen Grund-Warheiten nicht zuwi - der ſey / aber auch zugleich begreiffeſt / daß es mit ihnen nicht verknuͤpfft werdẽ koͤñe.

64. Auff29der Warheit nachzudencken

64. Auff dieſe Weiſe wirſtu taͤglich neue Jrrthuͤmer entdecken / die du bißher aus Leichtglaͤubigkeit oder Ubereilung dich beredet hatteſt und wirſt anfangen deſtomehr deine vo - rige Blindheit zu erkennen und zu begreiffen / daß die Gelehrheit darinnen beſtehe / wenig Warheiten und ſehr viel Jrrthuͤmer zu ver - ſtehen.

65. Und zwar bekuͤmmere dich anfangs nicht ſehr / wenn du die Grund-Warheiten gefunden / bey welcher concluſione remo - ta dn anfangen ſolleſt auffzuraͤumen / ſon - dern nim nur die erſte die liebſte / und derer du nachzudencken die meiſte Luſt haſt. Denn wenn du bald anfangs gar zu ſorgſam we - gen der Ordnung die hier zu halten waͤre / ſeyn wolteſt / wuͤrdeſt du nur verdruͤßlich und nach - laͤßig in deinen guten Vorhaben werden. Zu dem ſo braucht man auch in Auffputzung ei - nes Zim̃ers uicht eben eine gewiſſe Ordnung / ſondern du magſt zur Rechten oder Lincken / hinten oder fornen anfangen / wie es dir am beſten duͤncket / wen nur die Sachen die daſ - ſelbige verunzieren ausgeſchaffet werden.

66. Ehe wir noch weiter gehen / ſo vergiß nicht / daß zweiffeln nicht mehr heiſſe alswan -30Das 1. H. von der Geſchickligkeitwancken / oder fragen; maſſen wir denn in der Vernunfft-Lehre die zweiffelhafften Gedan - cken nicht anders beſchrieben haben. Und weil derjenige der nach was fraget / ordentlich auch etwas ſuchet; (Wannenhero auch bey denen Lateinern quærere zugleich fragen und ſuchen heiſt /) ſo kanſtu gar leichte begreiffen / daß allhier in gegenwaͤrtiger materie zweif - feln / wancken / fragen und ſuchen eines ſey. Und daß wenn ich geſagt / daß du ſolt anfan - gen zu zweiffeln / ich nichts anders andeuten wollen / als daß du in deinen Kopff ſolſt an fangen nach dem wahren und falſchen zu fragen / oder daſſelbige auffzuſuchen.

67. Bey dieſer Bewandniß nun laß dich andere nicht verfuͤhren / die dir etwa beybrin - gen wollen / daß alles dasjenige / an dem du an - fangs zweiffelſt / von dir zugleich ad interim fuͤr falſch gehalten / und aus deinen Gedan - cken ausgemertzet werden muͤſſe / biß du das principium cognoſcendi gefunden. Denn du wirſt dich ſonſt in viele Verwirrungen ohne Noth verwickeln.

68. Denn 1. iſt ohne Zweiffel / daß wenn man etwas fuͤr falſch haͤlt / man ſolches nicht thun koͤnne / man halte denn die propoſitionemcon -31der Warheit nachzudencken. contradictortam ſuͤr wahr. Wenn man a - ber dieſes thut / kan man nicht ſagen / daß man die Warheit noch ſuche / ſondern man muß ſie ſchon gefunden haben. Und alſo ſagt derjeni - ge der zu mir ſpricht: Jch ſoll zweiffeln / und zugleich dasjenige woran ich zweiffele fuͤr falſch halten / in der That zu mir: Jch ſoll zugleich zweiffeln und nicht zweiffeln / zugleich die War - heit ſuchen und nicht ſuchen / oder die Warheit ſuchen / die ich mich doch ſchon verſichert / daß ich ſie gefunden.

69. 2. Gehet ein ſolcher Philoſophus / der doch vielleicht ſich hauptſaͤchlich vorgenommen die Scepticos zu beſtreiten / viel weiter als die Sceptici ſelbſt iemahls gegangen. Denn die - ſe indem ſie an allen zweiffelten / hielten alles fuͤr wahrſcheinlich oder unwahrſcheinlich / nie - mahln aber fuͤr unſtreitig falſch; denn ſonſt haͤt - ten ſie nothwendig das Gegentheil fuͤr unſtrei - tig wahr halten muͤſſen / welches ihrem Haupt - principio zuwider geweſen waͤre.

70. 3. Jſt ſehr wahrſcheinlich / daß diejeni - nigen die ſich dieſer methode gebrauchen / gantz augenſcheinlich zwey unterſchiedene Din - ge mit einander vermiſchen / nehmlich / etwas nicht fuͤr wahr halten / und etwas fuͤr falſchhal -32Das 1. H. von der Geſchickligkeit. halten / unter denen doch ja ſo ein mercklicher Unteſcheid iſt / als z. e. zwiſchen nicht ſehen und blind ſeyn. Wer an etwas zweiffelt / haͤlt daſſelbige freylich ſo lange als er daran zweiffelt nicht fuͤr wahr / weil er ſolches weder fuͤr wahr noch falſch haͤlt; aber eben dieſe raiſon verſi - chert mich auch zugleich / daß er es nicht fuͤr falſch halten koͤnne.

71. 4. Sonſt iſt auch eine ziemliche Unfoͤrm - ligkeit darinnen / wenn man ſagt / man ſolte alles daran man zweiffelt / und alſo nach der - ſelben Meinung fuͤr falſch haͤlt / aus ſeinem Kopff ausſchuͤtten. Denn auff dieſe Art wuͤr - de folgen / weil eben dieſe Leute ſagen / daß man an allen Gedancken zweiffeln muͤſſe / daß man ale Gedancken ausſchmeiſſen / und folglich ſich einbilden muͤſſe / der Kopff ſey mit Gritze angefuͤllet / oder habe doch zum wenigſten kein Gehirne mehr.

72. Wolte man auch ſchon vorwenden / daß dieſes alles nicht aus Ernſt und mit dem Vorſatz geſchehe / daß man alles wahre zu - gleich mit verſtoſſen / und ſich auff ewig deſſen berauben wolle / ſondern daß es nur zu dem Ende ad interim geſchehe / damit man von dem falſchen nicht etwan was ohnverſehens zu -ruͤck33Der Warheit nachzudencken. ruͤcke laſſe / und damit man hernach das wah - re fein ſauber eines nach dem andern wiederho - len koͤnne / wie man etwa aus einem Koͤrblein voller Perlen und Heckerling die Perlen nebſt den Heckerling auszuſchuͤtten pfleget / und hernach die Perlen aus denen Spreuern eine nach der andern auslieſet; ſo ſcheinet doch auch dieſe methode nicht allzuwohl ausgeſonnen.

73. Denn wer wolte ſagen / daß es wohl ge - than ſey / wenn eine Muter das Kind mit dem Bade ins Waſſer ſchmeiſſen wolte / zu dem Ende / damit ſie hernach das Kind alleine wie - der heraus langete; oder wenn man Perlen oder Edelgeſteine nebſt dem Unflat auff die Gaſſe werffen wolte / und hernach dieſelben erſt eine nach der andern colligir en.

74. Zudem ſo ſchickt ſich das gebrauchte Gleichniß von der Ausſchuͤttung der Per - len hieher ſehr wenig / weil in demſelbigen derjenige / der die Perlen von dem Heckerling abſondern ſoll / fuͤr ſich beſtaͤndig bleibt / und nicht mit weggeſchmiſſen wird. Alleine wenn du alle Gedancken wegſchmeiſſen wilſt / mit was wilſtu denn hernach die zugleich mit weg - geworffenen Warheiten wieder zuruͤck neh - men.

C75. Und34Das 1. H. von der Geſchickligkeit

75. Und dieſes iſt auch eben die 5. inconve - nienz, die man bey der bißher unterſuchten methode mit anzumercken hat: Man ſoll an allen zweiffeln / man ſoll alles fuͤr falſch hal - ten und wegſchmeiſſen / biß man ein gewiß principium raciocinandi gefunden bat. Denn wie ſoll man das principium raciocinan - di finden / das man nebſt denen andern Din - gen fuͤr falſch gehalten und mit weggeſchmiſ - ſen hat.

76. Nachdem ich bißher die gegebene regul, daß man bey Unterſuchung der Warheit an - fangen zu zweiffeln muͤſſe / zimlich anders als ſonſten zu geſchehen pfleget / erklaͤret / hoffen wir wohl / daß die meiſten argumenta der je - nigen / die zu Vetheidigung derer præjudicio - rum dieſen noͤthigen Zweiffel zu beſtreiten ſich hoͤchlich angelegen ſeyn laſſen / uns in ge - ringſten nicht treffen werden / weil ſie fuͤrnehm - lich dahin zielen / daß ſie erweiſen wollen / man ſolle nicht an allen Dingen zweiffeln / und man ſolle die Dinge an denen man zweiffelt / nicht fuͤr falſch halten.

77. Gleichwohl ſcheinet die ſchwereſte Obje - ction, die man darwider einſtreuet / uns ja ſo wohl als die andern zu treffen. Wir habenoben38[35]der Warheit nachzudencken. oben geſagt / daß unter denen noͤthigſten Saͤ - tzen / von denen man zu zweiffelln muͤſſe anfan - gen / auch die ſeyn; daß ein GOtt ſey / und daß er das Weſen aller Creaturen er - halte und ſie verſorge. Wie nun? pflegt man hierwider einzuwenden: So ſoll man dem - nach auch an GOtt zweiffeln? da doch ein Menſche von Jugend auff dieſe unſtreitige Warheit verſichert iſt / daß ein GOtt ſey / und daß er alle Creaturen erhalte und ſie verſorge; und da dieſe Warheit auch denen Heyden ja ſo wohl in das Hertze geſchrieben iſt / daß ein GOtt ſey / als daß zweymal drey ſechſe ſind. Auff dieſe Weiſe heiſt man ja ausdruͤcklich / daß ein vernuͤnfftiger Menſch zum wenigſten auff eine zeitlang ein Atheiſte ſeyn muͤſſe. Jſt dieſes aber nicht eine ſchoͤne Philoſophie die von der Atheiſte rey anfaͤnget!

78. Aber laß dich dieſes alles nicht irren. Es wird ja wohl der Haupt-Satz von Gottes exiſtenz und von der goͤttlichen Vorſorge al - len Kindern von was fuͤr Religion auch die - ſelbigen ſeyn moͤgen / von Jugend auff impri - miret; aber deßwegen folget noch lange nicht / daß die Kinder dieſes eine unſtreitige War - heit zu ſeyn verſichert waͤren / weil der mei -C 2ſten36Das 1. H. von der Geſchickligkeitſten Menſchen ihre Wiſſenſchafft davon mehr in der autorit aͤt ihrer Eltern oder anderer Menſchen / die ihnen ſolches beygebracht / als in denen darzu gehoͤrigen Grund-Warheiten gegruͤndet iſt. Alles dasjenige aber / was ſich hauptſaͤchlich auff menſchliche autorit aͤt gruͤn - det / kan ſo lange als es keinen andern Grund hat / fuͤr keine unſtreitige Warheit ausgegeben werden.

79. Und ob ſchon kein vernuͤnfftiger Menſch laugnen wird / daß der hoͤchſt noͤthige Lehr-Satz von GOttes exiſtenz und von der goͤttlichen Vorſorge allen Heyden in das Hertze ge - ſchrieben ſey; ſo folget doch noch lange nicht / daß derſelbe eben ſo leichte und unmittelbar er - kennt werde / als daß zweymal drey ſechſe ſey / oder daß dieſer Stock gerade und nicht krum ſey. Denn alles dasjenige heiſt denen Men - ſchen in das Hertze geſchrieben ſeyn / zu deſſen unſtreitigen Erkaͤntniß derſelbige aus natuͤr - lichen Kraͤfften und Vermoͤgen ohne Beytrag einer goͤttlichen Offenbahrung gelangen kan / ob er ſchon hierzu oͤffters einer langwierigen raiſonir ung vonnoͤthen hat. Alſo iſt denen Heyden auch nie in das Hertze geſchrieben / daß drey Winckel eines Triangels ſo viel austra -gen37der Warheit nachzudencken. gen als zwey gleiche Winckel / daß man ſein Verſprechen halten muͤſſe / daß derjenige / der den andern Schaden zufuͤget / denſelben durch gehoͤrige Satisfaction wieder zu erſtatten ſchuldig ſey / und nichts deſtoweniger hat der Menſch eines ziemlich dauerhafften Zweiffels und raiſonir ung vonnoͤthen / ehe er bey ſich die Erkentniß erwecket / daß dieſe Saͤtze unter die unſtreitigen Warheiten gehoͤren.

80. Was endlich den Vorwurff der A - theiſterey betrifft / will ich itzo nicht urgir en / das zwar zu wuͤndſchen waͤre / daß kein Menſch iemahlen auch nur auff einen Augenblick A - theiſti ſche Gedancken hegete / aber doch gleich - wohl unſere armſelige Natur leider mit die - ſen Unfall behafftet ſey / daß nicht zu ver - wundern / wenn rohe Weltkinder dieſelbigen zum oͤfftern fuͤhlen / weil auch die aller froͤm̃ - ſten Leute oͤffentlich daruͤber geklaget / daß ſie zuweilen mit dergleichen Atheiſtiſchen Ge - dancken geplaget und verſuchet werden. Son - dern ich will nur dieſes erinnern / daß unſere Philoſophie mit nichten erfordere / daß ein Menſch auch nur einen Augenblick ein A - theiſte ſeyn ſolle.

81. Es iſt nicht zu laͤugnen / daß ſehr viel un -C 3ter38Das 1. H. von der Geſchickligkeitter denen alten und heutigen Gelehrten nicht nur wider die Atheiſter ey geſchrieben / ſondern auch immer einer den andern / wider den er ei - ne Feindſchafft traͤget als einen Atheiſt en tra - duciret und verlaͤumbdet / da doch unter hun - derten oͤffters kaum ein eimger iſt / der von der Atheiſt erey und was ein Atheiſte ſey / ſich ei - nen rechtſchaffenen und deutlichen concept ma - che / ſondern gemeiniglich ein unvernuͤnfftiger Haß / oder zanckſuͤchtige Rachgier zum Grun - de dieſer harten Beſchuldigung geleget wer - den. Wie aber unſers Vorhabens ietzo nicht iſt / dieſe materie ausfuͤhrlich und der Wuͤrde nach zu eroͤrtern / ſondern wir ſolches biß zu einer andern Gelegenheit ausgeſetzt ſeyn laſ - ſen wollen; Alſo koͤnnen wir gar leichtlich aus demjenigen / was dißfalls alle diejenigen / ſo von der Atbeiſter ey geſchrieben / einzuraumen pflegen / augenſcheinlich darthun / daß dieſe Beſchuldigung unſere methode und Lehr-Art in geringſten nicht treffe.

82. Ein Atheiſte wird insgemein derjenige genennet / der laͤugnet / daß man GOtt eini - ge Ehre erweiſen muͤße / weil er laͤugnet / daß ein GOtt ſey / oder daß eine goͤttliche Vorſehung ſey. Wenn wir aber oben be -foh -39der Warheit nachzudencken /fohlen / daß man unter andern Dingen auch an GOtt und goͤttlicher Vorſehung zweiffeln ſolle / und daneben erinnert / daß zweiffeln nichts anders als fragen oder ſuchen heiſſe; ſo iſt ja offenbahr / daß wir dieſen Zweiffel nicht deß - halben angeſtellt wiſſen wollen / daß man Gott und die goͤttliche Vorſehung verlaͤugnen ſol - le / welches allerdings auff eine Atheiſter ey / o - der doch zum wenigſten auf einen der erſchreck - ligſten Jrrthuͤmer hinaus lauffen wuͤrde; ſon - dern wir begehren nur / daß ein Menſch durch dieſen noͤthigen Zweiffel nach GOtt fragen / und ihn nebſt der Goͤttlichen Vorſehung rechtſchaffen ſuchen ſolle / das iſt / daß er um einen unumſtoßlichen Grund GOtt und ſei - ne Vorſehung zu begreiffen ſolle bekuͤmmert ſeyn.

83. Bey dieſer Bewandniß aber iſt ſo weit ge - fehlet / daß wir dadurch unſere Lehrlinge zu ei - niger auch der ſubtileſten Atheiſter ey diſpo - nir en ſolten / daß wir vielmehr dieſelben eben dadurch von aller Atheiſterey am weite - ſten entfernen / und ihnen den Weg zeigen / nicht alleine ſich ſelbſt wider alle Atheiſti ſche Gedancken zu waffnen / ſondern auch der Atheiſt en ihre Thorheiten zu widerlegen; inC 4dem40Das 1. H. von der Geſchickligkeitdem nach dem allgemeinen Beyfall auch de - rer / die uns einer Atheiſter ey beſchuldigen wolten / ſo wohl auch nach dem Ausſpruch Goͤttlicher Warheit ſelbſt / dieſes das vornehm - ſte Kennzeichen eines Atheiſten iſt / daß er nach GOtt nichts frage / noch ihn gebuͤhrend ſuche.

94. Wolte aber ja allenfallseiner / dem der von uns begehrte Zweiffel noch nicht zu Sin - ne will / dich weiter pouſſiren, ſo darffſtu ihn nicht mehr als ſeine eigene Theologiam na - turalem und ſeine Scripta Anti-Atheiſti - ca vorhalten / als in welchen er ſich hoͤchſt ange - legen ſeyn laͤſt / durch allerhand Mittel und Wege / nehmlich per vias cauſalitatis, per - fectionis & negationis die natuͤrliche Erkent - niß von GOtt und ſeiner Vorſorge zu erwe - cken und zu befeſtigen; welches alles unnoͤthig ja hoͤchſt unfoͤrmlich ſeyn wuͤrde / wenn dieſel - ben ſo leichte als andere erſte und unſtreitige Warheiten zu begreiffen waͤren.

85. Denn hat man wohl iemahlen geſe - hen / daß ein Philoſophus wegen der Erkennt - niß dergleichen unſtreitigen Warheiten / z. e. daß zweymahl drey ſechſe ſeyn; daß dieſer Stock gerade und nicht krum ſey; daß dieſerThurm41der Warheit nachzudencken. Thurm viereckicht ſey; daß der Schnee weiß und nicht ſchwartz ſey u. ſ. w. eine ſo weitlaͤuf - tige / ſubtile und verwirrete diſciplin verfer - tiget / als die Theologia naturalis insgemein gemacht wird.

86. Zu geſchweigen / daß das eine von den allergemeinſten Grund-Regeln in der Welt - weißheit zu ſeyn pfleget / daß man uͤber Din - ge / an denen kein Menſch Urſache zu zweiffeln hat / im geringſten nicht diſpu - tiren ſolle. Woraus nothwendig folget / daß alle diejenigen / die ſich angelegen ſeyn laſ - ſen mit ſo groſſer Hefftigkeit von dem Goͤtt - lichen Weſen und ſeiner Vorſorge zu diſpu - tir en / eben damit einraͤumen muͤſſen / daß die - ſe wichtige materie vielen Zweiffeln unter - worffen ſeyn muͤſſe / denn ſonſt wuͤrden ſie ge - wißlich die Atheiſten nur mit dem bekanten Axiomate abfertigen: Contra negantem prin - cipia non eſt diſput andum, welches ſie zweif - fels ohne wider einem der laͤugnen wuͤrde / daß der Schnee weiß waͤre / wuͤrden anfuͤhren.

87. Wenn du demnach durch dieſe Art / und durch den Anfang an allen Lehr-Saͤtzen / die von denen Grund-Saͤtzen entfernet ſind / zu zweiffeln / beyderley præjudicia zugleich tapf -C 5fer42Das 1. H. von der Geſchickligkeitfer zu beſtreiten angefangen; ſo fahre ſo dann ferner fort / derer iedes abſonderlich hertzhafft zu attaquir en / und zwar erſtlich das præju - dicium autoritatis, wider welches du ſolcher geſtalt folgende regel in acht zu nehmen haſt: Verlaß dich in Erforſchung der Warheit niemahlen auff die autoritaͤt einiges Men - ſchen / er ſey auch wer er wolle / wenn du nicht eine innerliche Verſicherung bey dir befindeſt / daß die bißher geglaubte Be - redung mit denen allbereit erkandten Grundwarheiten nothwendig verknuͤpfft ſey.

88. Denn du haſt in der Vernunfft-Lehre allbereit gelernet / daß die Warheit in Uberein - ſtimmung der euſſerlichen Dinge und unſerer eigenen / nicht aber frembder Gedancken beſte - he / und daß man die Menſchliche autorit aͤt weiter nicht als nur ein klein wenig in wahr - ſcheinlichen Dingen / die nicht zu unſtreitigen Warheiten gebracht werden koͤnnen / brauchen muͤſſe.

89. Dannenhero laß dich das Geſchrey de - rer / denen ſehr viel dran gelegen iſt / daß die Welt nicht aus den gemeinen Jrrthuͤmern ge - riſſen werde / nicht irre machen / wenn ſie dir dieAuto -43der Warheit nachzudencken. Autorit aͤt deiner Obrigkeit / deiner Eltern o - der Præceptorum vorhalten / und dein Gewiſſen aͤngſtigen wollen / als wenn du das natuͤrliche Recht groͤblich verletzeteſt / wenn du an der Warheit deſſen / was von deinen Obern / Eltern oder Præceptoren du gelehret worden biſt / zweiffeln und dich unterfangen wolteſt von ihrer Meinung abzuweichen. Denn in dem ich aller Menſchen / ſie ſeyn auch wer ſie wol - len / erwehnet / habe ich auch Obere / Eltern und Præceptores darunter begriffen / weil die itzo angefuͤhrte Urſache dieſelben ſo wohl als andere Menſchen angehet.

90. Die Sittenlehre wir dir zeigen / daß wir zwar ſchuldig ſind / unſer aͤuſſerlich Thun und Laſſen nach dem Willen unſerer Obern und Eltern einzurichten / und ihnen angeneh - me Dienſte auch wohl mit Gefahr unſers Le - bens zu leiſten; aber daß der Verſtand keinen Geſetzen unterworffen ſey / weil er von unſern freyen Willen dependir et.

91. Was aber die Præceptores abſonder - lich anlanget / ſo laß dir doch uͤber dieſes deinen Opponenten den Urſprung zeigen / woher es komme / daß man die obligation gegen dieſelbe der Pflicht gegen die Eltern gleichgemacht44Das 1. H. von der Geſchickligkeitgemacht / oder wohl gar dieſer vorgezo - gen. Gewißlich / wenn du dich nicht mit Teſtimoniis vieler Menſchen / und zwar ſol - cher / die hierbey ein groſſes intereſſe gehabt / wilſt abſpeiſen laſſen / (welches doch ſehr laͤcher - lich heraus kommen wuͤrde / wenn man / da man in Beſtreitung menſchlicher autorit aͤt begriffen iſt / derſelbigen auf einige Weiſe ſeinen Verſtand unterwerffen ſolte /) wird man dir keinen andern Urſprung ſagen koͤnnen / als daß bey Verwilderung des menſchlichen Verſtan - des / diejenigen / die unter dem affectirt en Schein einer ſonderlichen Weißheit ſich fuͤr an - dern in Anſehen zu bringen getrachtet / und a - ber ohne eitele perſuaſion anderer Menſchen ſolches zu thun unvermoͤgend geweſen / kein dienlicher Mittel gewuſt / die menſchliche auto - ritaͤt als einen Abgott auff den Thron Gottes (der allein uͤber den menſchlichen Verſtand zu gebieten hat) zu erheben / als wenn man die Obliegenheit gegen Præceptores der Pflicht ge - gen die Eltern vorzoͤge / und denen Lehrlingen inculcirt e / daß es eine von den groͤſten Boß - heiten ſey / wenn ſich ein diſcipel unterſtehe von denen Lehr-Saͤtzen ſeines Præceptoris im ge - ringſten abzuweichen.

92. Hier -45der Warheit nach zudencken

92. Hiernechſt kanſtu dich ferner bey denen / die dich mit denen Præceptoren wollen zu fuͤrchten machen / erkundigen / was denn un - ter dem Nahmen eines Præceptoris von deſſen Meinung man nicht abweichen ſol - le / verſtanden werde. Ob auch z. e. ein Fecht-Dantz - und Sprachmeiſter u. ſ. w dar - unter zu rechnen ſey? Ob die Dorff-Schul - meiſter und die denen Kindern das a. b. c. leh - ren hieher gehoͤren? Ob nur diejenigen die um - ſonſt informir en / oder mit denen man der In - formation wegen einen contract macht? Ob allein die Præceptores und Doctores publici o - der auch privati? Ob allein diejenigen die bey der alten Lehrart geblieben / oder auch die / die von ihrer Præceptoren Meinung abgewichen / dieſes privilegium prætendir en koͤñen? Ja end - lich frage mit Ernſt; Ob ich alleine von derer Præceptoren ihrer Meinung nicht abweichen ſolle / die mich wohl und rechtſchaffen informi - ret, oder auch von denen nicht / die mir Nar - renpoſſen und Jrrthuͤmer beygebracht? Jch will dich verſichern / du wirſt auff dieſe Weiſe deinen Antagoniſten bald loß werden / oder er wird ſich mit ſeinen Antworten im hoͤchſten grad proſtituiren.

39. Und46Das 1. H. von der Geſchickligkeit.

39. Und gewiß es kan nicht anders ſeyn / diejenigen / die da vorgeben / man muͤße von der Lehre der Obern / Eltern oder Præceptoren bey leibe nicht abweichen / muͤſſen in ihren Ver - ſtande gantz geblendet ſeyn / weil ſie dieſen ihren Lehr-Satz mit keiner andern raiſon wahr - ſcheinlich machen koͤnnen / wenn ſie nicht be - ſagten Perſonen eine infallibilitaͤt zuſchrei - ben / dergleichen Raſerey man keinen Heyden / geſchweige denn einen Chriſten zu gute halten wuͤrde / weil man auch durch die Vernunfft er - kennet / daß die infallibilit aͤt GOtt allein zu - komme.

94. Und mit was fuͤr Scham wollen ſolche Leute prætendir en / daß ein anderer / den ſie ei - nes Jrrthumbs beſchuldigen / den er aber von ſeinem Præceptore her hat / denſel - ben verlaſſen / und ihrer Meinung beypflich - ten ſolle / wenn ſie nicht oͤffentlich die Nichtig - keit ihrer Meinung bekennen und zugeben wollen / daß er gar wohl von ſeinen Obern diſ - ſentiren koͤnne.

95. Bey der Beſtreitung des præjudicii præcipitantiæ nim dieſe Regel in acht: Huͤ - te dich / daß du keiner Sache innerlichen Beyfall als eineꝛ unſtreitigẽ Warheit ge -beſt /47der Warheit nachzudencken. gebeſt / wenn du dieſelbe nicht wohl uͤber - leget / und alle darzu gehoͤrige Umſtaͤnde genau in acht genommen.

96. Denn auff dieſe Weiſe wirſt du nicht alleine nach und nach dich von der Nachlaͤſ - ſigkeit / ſondern auch von der Ungedult be - freyen / und dir durchgehends in allen ſpecula - tionen eine rechtſchaffene gedultige attenti - on zuwege bringen.

97. Gehet dir aber ſolches wegen der langen Gewonheit dich zu uͤbereilen etwas ſauer ein / ſo ſtelle dir nur vor / daß die einmahl angewoͤh - nete attention dir das Judicium uͤberaus ſchaͤrffen / und dich faͤhig machen wird / auch die ſchwereſten und ſubtileſt en Sachen / die ein anderer mit groſſer Muͤhe begreifft / in einen Augenblick gleichſam zu penetrir en / und daß / wen es gleich muͤglich waͤre / daß ohne dieſelbe du par hazard viel Warheiten erhalten koͤn - teſt / dennoch ein einiger Jrrthum / den du aus præcipitanz fuͤr eine Warheit haͤlſt / faͤhig ſey / nicht alleine tauſend andere Jrrthuͤ - mer nach ſich zu ziehen / ſondern auch gar nach Gelegenheit der Umbſtaͤnde dich in die groͤſte Gefahr zu ſtuͤrtzen.

68. Dieſe zwey bißher vorgeſchriebene Re -geln48Das 1. H. von der Geſchickligkeit. geln von Entbrechung menſchlicher autori - taͤt und Angewehnung einer Auffmerckſam - keit / haben nicht allein ihren Nutzen in unter - ſuchung unſtreitiger Warheiten / ſondern auch in Erkentniß wahrſcheinlicher Dinge.

99. Denn ob wir ſchon in der Vernunfft - Lehre erwehnet / daß die Erkentniß wahrſchein - licher Dinge ſich ſehr offt in dem Zeugnuͤſſe anderer Menſchen gruͤnden muͤſſe / ſo muſt du doch wohl in acht nehmen / daß dieſes nicht weiter angehe als in Dingen / die à ſenſioni - bus alienis dependiren. Aber huͤte dich / daß du in formir ung deiner conceptuum acci - dentalium und derer daher ruͤhrenden pro - poſitionum veroſimilium nicht auch auff das Zeugniß anderer Menſchen hauptſaͤchlich ſie - heſt. Denn in dieſem Stuͤck muſt du auch mehr auff deinen natuͤrlichen Beyfall / als auff anderer Leute autorit aͤt ſehen / weil dir dein Verſtand ja ſo wohl zu denen concepti - bus accidentalibus als zu denen eſſentialibus oder ideis gegeben iſt.

100. Du muſt dich aber hierinnen deſto mehr in acht nehmen / iemehr du ſieheſt / daß insgemein darwider angeſtoſſen wird. Denn du wirſt uͤberall uͤbehaupt hoͤren / daß nicht nurdas /49der Warheit nachzudencken. das / was unmitelbar von denen ſenſionibus a - liorum dependiret, ſondern alle propoſiti - ones, die nicht zu einer unſtreitigen Warheit gebracht werden koͤnnen / fuͤr wahrſcheinlich ausgeruffen werden / wenn ſie von vielen oder denen Weiſeſten defendiret und behauptet worden / da doch dieſes nicht einmal in ſenſio - nibus alienis die Richtſchnur der Wahrſchein - ligkeit ſeyn kan / wie wir oben bewieſen ha - ben.

101. So mangelt es auch an denen Exem - peln irriger Meinungen nicht / die aus dieſen falſchen Grunde hergeleitet werden. Wenn nur ein Tacitus oder ein Gracian ein Poli - tiſch Axioma ſeinen Schrifften einverleibet / ſo wird es ſchon als etwas ſonderliches admi - riret, ob ſchon zuweilen es an ſich ſelbſten ſehr unwahrſcheinlich iſt. Wenn ein beruͤhmter Medicus eine Artzeney wider eine Kranckheit recommendiret, wird dieſelbe ohne weitere Unterſuchung von iederman angenommen. Und wenn z. e. ein Paulus ſagt: quod ſervi - tutum uſus debeat eſſe perpetuus, oder ein Triboniauus: qvod detur conditio mixta, & media inter caſualem & poteſtativam, ſo lieſſen ſich wohl viel Juriſten uͤber Vertheydi -Dgung50Das 1. H. von der Geſchickligkeitgung dieſer unfoͤrmlichen Meinungen den groͤ - ſten Dampff anthun / u. ſ. w.

102. Ja was die Erkaͤntniß derer Dinge ſelbſt / die von anderer Leute experienz depen - diren, anlanget / fo muß mein natuͤrlicher Beyfall der auff allen Menſchen gemeinen propoſitionibus veroſimilibus gegruͤndet iſt / beurtheilen / ob das Zeugniß anderer Leute wahrſcheinlich oder unwahrſcheinlich ſey; daß dannenhero auch in dieſen Dingen nicht ein - mahl die autoritaͤt anderer Menſchen die vornehmſte Richtſchnur meines Glaubens ſeyn kan; ſondern es muß dieſelbe auch eben - maͤßig in mir ſelbſt geſucht werden.

103. Der Nutzen dieſer Anmerckung erei - gnet ſich in Beurtheilung der Hiſtoriſchen Erzehlungen / als worinnen ein weiſer Mañ nicht auff die Menge der Zeugen / noch auff das Ambt und Anſehen deſſen der es ſaget / ſon - dern auff gantz andere Umbſtaͤnde / (davon wir zu ſeiner Zeit ausfuͤhrlicher handeln wer - den) reflectiret, ob gleich der gemeine Poͤbel von jenen ſich einnehmen laͤſt / und dadurch in die fchaͤdlichſten Jrrthuͤmer ſich vertiefft.

104. So hat auch die Beobachtung recht - maͤßiger attention in Erkentniß wahrſchein -licher51der Warheit nachzudencken. licher Dinge ihren Nutzen / weil nicht alleine man gar leichte dahinter kommen kann / wenn man ein wenig attent iſt / ob ein Zeuge ent - weder wegen ſeiner Nachlaͤßigkeit oder Boß - heit ſuſpect ſey / ſondern auch weil bey denen conceptibus accidentalibus und propoſiti - enibus veroſimilibus ich der attention darzu benoͤthiget bin / daß ich beobachte welche znfaͤl - lige Beſchaffenheit ſich bey denen meiſten in - dividuis oder ſpeciebus ereigene / damit ich nicht aus wenigen Exempeln ein axioma ve - roſimile mache. Z. e. Wenn eine Artzney ei - nen Schmidt und einen Bauer am Fieber cu - riret haͤtte / und ich wolte ſie indiſtinctè allen Febricitant en recommendiren; Weñ ein Koͤ - nig einen der ihm eine Lauß abnim̃t / eine Be - lohnung giebt / und ein anderer wolte auch auff gleiche Weiſe ſuchen ein Geſchencke zu erwerben u. ſ. w.

105. Wann du nun auff ſolche Weiſe ei - nige Zeit dich haſt angewoͤhnet vieler Jrr - thuͤmer zu entledigen / und fuͤr neuen zu huͤten / ſo fange auch an unter denen Warheiten o - der Wahrſcheinligkeiten / die du allbereit er - kenneſt / oder noch kuͤnfftig zu erforſchen trach - teſt / eine abſonderung anzuſtellen.

D 2106. Der52Das 1. H. von der Geſchickligkeit

106. Der Menſchliche Verſtand ob er gleich leichte erkennen kan / daß er unzehliche Dinge nicht begreiffen moͤge; ſo erkennet er doch auch / daß das menſchliche Leben viel zu kurtz ſey / hinter alle Warheiten / derer der Ver - ſtand faͤhig iſt / zu gelangen. Derowegen muß der Menſch bey zeiten unter denen Kuͤnſten und Wiſſenſchafften eine Ausſonderung anſtellen / damit er ſehe / worauff er ſeine Ge - dancken in Erforſchung der Warheit zufoͤr - derſt zu richten habe.

107. Die Wiſſenſchafften die heut zu tage in der Welt im ſchwange gehen / ſind entwe - der dahin gerichtet / daß ſie den Nutzen des menſchlichen Geſchlechts befoͤrdern / oder daß ſie das Gemuͤthe mehr beluſtigen / und zum Studieren eine