PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Wohl-informirter Poët,
worinnen Die Poëtiſchen Kunſt-Griffe, vom kleineſten bis zum groͤſten durch Frag und Antwort vorgeſtellet, und alle Regeln mit Exempeln er - klaͤret werden.
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Mit Koͤnigl. Pol. u. Churfl. Saͤchſ. gnaͤdigſtem Privilegio.
Leipzig,verlegtsJacob Schuſter.1719.
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Vorrede.

Geneigter Leſer.

WJe angenehm und nuͤtzlich / ja beyman - cher Peꝛſon die Teut - ſche Poëſie hoͤchſt noͤthig ſey / iſt eine bekannte Sa - che. Was kan ſchoͤners gefunden werden, als wenn man ſeine Ge - dancken in ein ordentliches Maß und wohlklingende Reime brin - gen kan. Wie groß der Nutzen ſey / wenn man bey dem Vers - machen auf allerhand Inventio - nen ſinnen, und die artigſtenA 2Ex -[4]Vorrede. Expreſſion hervor ſuchẽ muß, werden diejenigen am beſten ver - ſtehen, welche oͤffters Verſe ge - macht haben. Wer einen oͤffent - lichen Schulmann, oder Privat - Informatorem abgeben will / kan die Poëſie unmoͤglich ent - behren, weil er andere darinnen zu unterweiſen ſchuldig iſt. Und wie will ſich ein Client bey ſei - nen Patronen an Geburts - und Namens-Tagen / und bey vielen andern Gelegenheiten recom - mendiren / wenn er nicht einen zierlichen Vers zu machen weiß. Aus dieſen und vielen andern Urſachen bin ich bewogen wor - den / gegenwaͤrtiges Buch zuverfer -[5]Vorrede. verfertigen. Jch weiß zwar wohl / und wiſſen es auch andere / daß man unterſchiedene Buͤcher ha - be, welche Anweiſung geben / wie man einen Vers machen ſolle; ich laſſe auch alle ſolche Schriff - ten in ihrem Werthe: Gleich - wohl habe ich das Vertrauen / es werde auch gegenwaͤrtiger Tra - ctat einen guten Nutzen ſchaf - fen. Denn es iſt derſelbe weder zu lang / noch zu kurtz. Die gege - benen Regeln werden gewiß zu - langen / und von Exempeln wird man ſo viel finden / als zu Erklaͤ - rung der Regeln von noͤthen iſt. Haͤtte ich mehr Exempel ange - fuͤhret, ſo haͤtte ich zwar gewie -A 3ſen /[6]Vorrede. ſen, daß ich bey unterſchiedenen Gelegenheiten Verſe zu machen die Ehre gehabt / die Regeln aber wuͤrden dadurch nicht klaͤrer worden ſeyn / und gleichwohl wuͤrden die Kaͤuffer haben mehr Geld ausgeben muͤſſen. Ver - langet ja uͤber diß jemand viel - faͤltige und angenehme Exempel / ſo leſe er nur des Neu-eroͤffneten Muſen-Cabinets aufgedeckte Poëtiſche Wercke. Es ſind die - ſelben an eben dem Orte zu fin - den / wo dieſer Wohl-informirte Poët angetroffen wird. Adjeu!

J. N. J. C. [7]

J. N. J. C. Vorbereitung.

1. Was iſt die teutſche Poëſie?

DJe teutſche Poëſie iſt eine Geſchicklichkeit, ſeine Gedancken uͤber eine gewiſſe Sache zierlich, doch dabey klug und deutlich, in abgemeſſenen Worten und Reimen vorzubringen.

2. Muß denn einer nothwendig Verſe machen koͤnnen?

Mancher kan dieſe Kunſt ziemlich entbehren, der eben nicht groſſe Urſach hat, ſich durch ein Carmen bey andern beliebt zu machen, oder, ſo ihm ja eines ſol - te abgefordert werden, ſchon ſeinen Mann weiß, der an ſeiner ſtatt ſolche Poëtiſche Arbeit auf ſich nimmet: Wer aber ſeine Recommendation durch einen ge - ſchickten Vers erhalten ſoll, und keinen Subſtituten hat, der hierinnen ſeine Stelle vertraͤte, der wird der Poëſie gar ſchwerlich entbehren koͤnnen. Mancher muß andere in der Poëſie unterweiſen, und alſo noth - wendig dieſelbe wohl verſtehen.

3. Was nutzet aber eigentlich die Poëſie?

Mehr, als vielleicht mancher dencken ſolte: DennA 4es8Das I. Capitules bringet uns dieſelbe auf allerhand artige Inventio - nen, manierliche Expreſſionen, verſchaffet uns eine gu - te Copiam Verborum, beluſtiget unſer Gemuͤthe, und machet uns bey andern Leuten offtmahls uͤberaus be - liebt.

4. Wie werden wir nun die teutſche Poëſie in dieſem Buche abhandeln?

Wir werden allhier dabey vornemlich auf acht Stuͤcke ſehen: Das erſte werden die Reime ſeyn, das andere die Conſtruction, das dritte die Scanſion, das vierdte die Genera, das fuͤnffte die Invention, das ſechſte die Diſpoſition, das ſiebende die Elocution, und das ach - te die Imitation. Und aus eben dieſen acht Capituln wird unſer gegenwaͤrtiges Buch beſtehen. Dem - nach handelt

Das I. Capitul. Von den Reimen.

1. Was iſt ein Reim?

Ein Reim iſt, wenn einige Sylben oder Buchſta - ben am Ende auf einerley Artlauten.

2. Kan man nicht auch Verſe ohne Rei - me machen?

Ja es gehet ſolches bisweilen an: denn die Inſcri - ptiones, welche nicht nur zur Oratorie, ſondern auch zur Poëſie gehoͤren, pflegen keine Reime zu haben; Hernach kan man auch die Sylben richtig abzehlen, daß ſie andern Verſen gantz aͤhnlich ſeyn, und dennoch die Reime weglaſſen.

3. Was9von den Reimen.

3. Was hat es denn mit den Inſcriptionen vor eine Beſchaffenheit?

Es gehoͤren zwar die Inſcriptiones, wie allererſt ge - ſaget worden, auch zur Poëſie, gleichwohl wird davon in der Oratorie weitlaͤufftiger gehandelt. Kurtz zu ſa - gen, ſo muͤſſen in den Inſcriptionen lauter ſcharffſinni - ge Redens-Arten und die Zeilen von unterſchiedener Laͤnge ſeyn, damit ſie einige Figur machen. Die ſcharffſinnige Redens-Arten aber flieſſen aus vier Oer - tern her, welche ſind:

  • 1. Repugnantia, oder ſolche Redens-Arten / die einan - der gantz zuwider ſeyn. z. e. Ein alter Knabe. Eine hoͤltzerne Mauer.
  • 2. Alienata, oder ſolche Worte, welche ſich gar nicht zur Zeit, zum Orte, zur Perſon und Sache ꝛc. ſchicken. z. e. Er weinet bey der Hochzeit und lachet beym Begraͤbniſſe.
  • 3. Comparata, oder dergleichen Dinge, worinnen ich zwey Perſonen oder zwey Sachen mit einan - der vergleiche. z. e. Den Cardinal Protoca - rero mit dem Cardinal Richelieu. Jnglei - chen: Die Wohlthaten mit einem lieblichen Balſam.
  • 4. Alluſiones, oder ſolche Sachen, da man auf ein Symbolum, Sprichwort, ſinnreichen Spruch, Hiſtorie, Streit-Frage, Fabel ꝛc. alludiret. z. e. Bey einem Hochzeit-Wunſche koͤnte man die Frage eroͤrtern: Was man vor eine Perſon heyrathen ſolle.

Dieſes iſt wie gedacht, bey den Inſcriptionen nochA 5zu10Das I. Capitulzu mercken, daß man im Schreiben bald lange, bald kurtze Zeilen machen muͤſſe, damit einige Figur heraus komme; Wir wollen ein einziges Exempel auf den zu Leipzig ſo beruffenen Polter-Hans verfertigen:

Stehe ſtille!
Curieuſer Leſer,
Hier liegt ein Mann begraben,
Den ſeine Untugenden beruͤhmt gemacht,
Er war ein vernuͤnfftiges Schwein,
Des Bacchi natuͤrliches Ebenbild,
Aller Leute Bruder,
Und doch mit niemanden befreundet,
Ward auch von niemanden zum Bruder begehret.
Er leerte die Glaͤſer,
Er fraß die Glaͤſer,
Auch die Ecken an den Oefen waren vor ſeinen Zaͤhnen nicht ſicher
Er war ein hoͤflicher Toͤlpel,
Der ſeine tumme Reverence gegen jederman machte,
Seiner Profeſſion nach war er ein Gaſtwirth,
Seine abentheuerlichen Poſſen lockten mehr Gaͤſte an ſich,
als alle Delicateſſen.
Sein Wohlſtand machte ihn zu einem V[i]ehe,
Sein Ungluͤck zu einem Menſchen,
Sein Leben war ein Jnbegriff aller Laſter,
Sein Tod hingegen Lobens werth:
Denn
Jm Leben wuſte er nichts von Buſſe;
Allein
Jm Sterben wuſte er dieſelbe wohl zu practiciren.
Dannenhero
Tadle ſein Leben,
Und
Ruͤhme ſeinen Tod.
Wie heiſſet aber dieſer Mann?
Er iſt dir ſehr wohl bekannt,
Ob du ihn gleich nicht gekennet haſt,
Jn11von den Reimen.
Jn Leipzig wohnete er,
Jn Sachſen ward er in einer luſtigen Comœdie vorgeſtellet,
Jn Holland ward er in Kupffer geſtochen,
Und im Lazareth vor Leipzig ſtarb er,
Aus der Tauffe her hieß er Johannes,
Von ſeinem Vater Tietze,
Und
Wegen ſeiner wunderlichen Auffuͤhrung
Polter-Hans.

4. Wie ſehen denn die Verſe ohne Reime aus?

Wir wollen ſolches aus nachgeſetztem Exempel er - fahren. Es invitirte unlaͤngſt einer ſeinen guten Freund auf ſeine Stube, und der Eingeladene ſchrieb ihm dieſes zur Antwort:

Mein Freund, du haſt mich heut in dein Qvartier gebeten,
Und glaube, daß mir diß vortrefflich wohl gefalle;
Jch bin ja nirgends wo ſo froͤlich als bey dir,
Weil alles, was du thuſt, von lauter Liebe zeugt.
Und alſo danck ich dir vor dieſe Liebes-Probe,
Doch bitt ich, mache dir nicht meinet wegen Muͤhe:
Du weiſt ja, daß ein Freund gar wohl zu frieden iſt,
Wenn ihn der andere nur gerne bey ſich hat.
Will uns das Wurtzner-Bier zu unſern Dienſten ſtehen,
So werden wir dabey gar ſehr vergnuͤget leben,
Ein Pfeiffgen Toback ſoll mir auch kein Greuel ſeyn,
Doch ſchreib ich dir nicht vor, mach alles wie du wilſt,
Du ſolſt mich gegen drey auf deiner Stube ſehen,
Denn eher kan ich nicht von meiner Arbeit kommen.
Bleib mir indeſſen hold, und glaube gantz gewiß,
Daß ich vor dieſe Gunſt dein treuer Diener ſey.

Allein man mercket in ſolcher Gattung den Be - trug gar zu geſchwinde; Beſſer kan man ihn verber -gen,12Das I. Capitulgen, wenn man die langen und kurtzen Sylben mit einander abwechſeln laͤſſet. Als gedachtem guten Freunde nach dem Schmauſe der Kopff ziemlich we - he that, ſchrieb er an ſeinen geweſenen Wirth folgen - der Maſſen:

Mein Freund, erlaube mir, daß ich dir etwas klage,
Jch bin von geſtern her anjetzo ſterbens kranck;
Jch weiß nicht, ob das Bier den Kopff ſo eingenommen,
Daß er mir heute faſt vom Leibe fallen will.
Der Toback hat vielleicht auch was contribuiret,
Jch weiß nicht, wo ich bin, und wo ich bleiben ſoll:
Kanſt du mir einen Rath vor dieſe Schmertzen ſagen,
So bin ich dir davor unendlich zugethan.

5. Nunmehro moͤchte ich auch gerne wiſ - ſen, was bey den Reimen zu mer - cken iſt:

Bald Anfangs muß man bey den Reimen wiſſen, daß allemahl die gleichlautenden Sylben einen un - terſchiedenen Buchſtaben vorher haben ſollen.

Alſo waͤren dieſe Reime falſch:

Wohl dem, der andern gerne giebt,
Und ſich dem Geitze nicht ergiebt.

Denn vor beyden Reimen gehet einerley Buchſta - be, nemlich das G. vorher. Hingegen ſind dieſe Reime richtig:

Wohl dem, der andern gerne giebt,
Und arme Leute mehr, als ſeine Gelder liebt.

Denn da haben die Reime unterſchiedene Buch - ſtaben vor ſich hergehen, nemlich G. und L.

6. Wer -[13]von den Reimen.

6. Werden aber die Worte bey allen Leuten auf einerley Art ausgeſprochen, und mit einander gereimet?

Keines weges: Denn nur zweyer Landſchafften zu gedencken, ſo ſprechen die Sachſen und Meißner viele Worte anders aus, als die Schleſier. Alſo reimet ſich bey den Schleſiern Was und Fraß, Koͤn - nen und Sinnen, Von und Lohn, Muß und Gruß: Bey den Meißnern und Sachſen hingegen reimen ſich ſolche Worte nicht. Wenn man auf den Grund ſiehet, ſo beruhet ſolcher Unterſcheid, zwiſchen genannten und andern Nationen auf der mancherley Ausſprache der Vocalium, Diphthongorum, einfacher und gedoppelter Conſonantium. Wir wollen um mehrer Klarheit willen einige Buchſtaben mit einan - der durchlauffen, und den unterſchiedenen Thon in et - lichen Exempeln anhoͤren.

A. wird von etlichen alſo ausgeſprochen:

Jch weiß nicht mehr zu ſchlaffen,
Wilſt du mir Rath verſchaffen:
So zelge mir den Mann,
Der mich vergnuͤgen kan.

Jngleichen:

Jn dieſer gantzen Stadt;
Find ich gar keinen Rath.

E. Klinget bey etlichen folgender maſſen:

Soll das Hertz in Rube ſtehen,
Muß man nicht nach Weibern ſehen,
Denn man wird dadurch verliebt,
Das mehr Schmertz als Labſal giebt.
J. und14Das I. Capitul

J und JE. haben bey manchen einerley Thon: z. e.

Weil ich werd auf Erden leben,
Will ich alle Schuld vergeben,
Demnach weiſt du, wie ich bin,
Der ich dir ſonſt zornig ſchien.

O. ſprechen einige in folgenden Worten mit einem Thone aus: z. e.

Unterweiſe meinen Sohn,
Denn du haſt den Ruhm davon.

U. klinget bey etlichen in nachgeſetzten Worten auf ei - nerley Art:

Jhr Voͤgel ſeyd munter und nehmet die Flucht,
Jhr werdet von vielen gar eifrig geſucht.

AU. und O. wird von einigen auf einerley Art ausge - ſprochen. z. e.

Ach wie pflegt man zu dem Ofen,
Jn dem Winter zu zu lauffen.
  • (Jn dieſem Exempel ſiehet man zugleich, daß das einfache und doppelte F. gleichfalls bey etlichen ei - nerley Thon habe.)

EJ. und OE. oder E. klingen in mancher Ohren einer - ley. z. e.

Ein Meiſter im Luͤgen kan alles beſchoͤnen,
Jch aber will lieber das falſche verneinen.

OE. und J. reimen ſich bey einigen ſehr wohl. z. e.

Stets auf etwas kluges ſinnen,
Und den Menſchen dienen koͤnnen,
Jſt ein Schatz dem keiner gleicht
Und wodurch man Gluͤck erreicht.

D. und T. giebt bey manchen einen guten Reim ab. z. e.

Es15von den Reimen.
Es halffen vor dieſen die ehrlichen Schweden
Den teutſchen Bedraͤngten aus aͤuſſerſten Noͤthen.

B. und P. klinget in mancher Ohren auf einerley Art. z. e.

Scht doch die kleinen Buben
Wie ſie die hellen Schupen
Der Fiſche zu ſich ziehn,
Seht wie ſie ſich bemuͤhn.

G. und Ch. muß ſich bey etlichen wohl reimen. z. e.

Jch meide ſolchen Fluch,
Den deine Zunge trug,
Und will vielmehr den Segen
Auf meinen Naͤchſten legen

S. und ß. hat bey einigen einerley Thon. z. e.

Was ſchmecken dir vor Speiſen,
Du kanſt den Stahl zerbeißen,
Dein Magen iſt von Stein,
Du muſt ein Rieſe ſeyn.

Wer nun in ſolchen unterſchiedenen Ausſprachen nicht verſtoſſen will, der muß ſehen, was er vor ein Landsmann ſey, und wie man in ſeinem Lande die Worte ausſpreche; ingleichen muß er bedencken, wel - cher Nation er mit ſeinen Verſen am meiſten gefallen wolle, denn nach derſelben Mund-Art muß er ſich richten. Abſonderlich aber muß einer darauf Achtung geben, was am reineſten klinget, und am gelehrteſten ausſiehet.

7. Sind aber auch diejenigen Reime zu billi - gen, welche etlicher maſſen einerley Klang ha - hen, ob ſie gleich nicht aus einerley Buch - ſtaben beſtehen?

BDieſe16Das I. Capitul

Dieſe Worte, als: Naͤher, Seher, lieben / uͤben, nennen, koͤnnen, reimen ſich gantz gut mit einander, ob ſchon in dem einen ein einfacher Vocalis, und in dem andern ein Diphthongus gefunden wird, denn wenn man ſolche pronunciren hoͤret, haben ſie einerley Thon. Dannenhero wird mir dieſen Reim niemand tadeln koͤnnen:

Wer wahre Buſſe thut, der kan vor ſeine Suͤnden,
Sie ſeyn gleich noch ſo groß, bey GOtt Genade finden.

Allein das kan man nicht paſſiren laſſen, wenn einer mit den alten Meiſter-Saͤngern die Worte Sack, und Stab, fein, und heim, Greiß und Geiſt ꝛc. oder mit dem bekannten Poëten, Hans Sachſen, aus dem Liede: Warum betruͤbſtu dich mein Hertz, folgendes mit einander reimen wolte.

Weil du mein GOtt und Vater biſt,
Dein Kind wirſtu verlaſſen nicht,
Du vaͤterliches Hertz.
Jch bin ein armer Erden-Kloß,
Auf Erden weiß ich keinen Troſt.

Denn obgleich ſolche Worte, wenn man ſie uͤberhin an - hoͤret, ſcheinen gleichlautend zu ſeyn, ſo geben ſie doch bey accuraten Ohren keine Reime ab. Gleicher geſtalt kan man auch dieſe Reime nicht gelten laſſen:

Jch will in meinem gantzen Lebn,
Begierig nach der Tugend ſtrebn.

Jngleichen:

Das Wort ſie ſollen laſſen ſtahn,
Und kein’n Danck darzu haben,
Er iſt bey uns wohl auf dem Plan
Mit ſeinem Geiſt und Gaben:
Item:17von den Reimen.

Item:

Die viel erlitten han,
Stehn auf des Himmels Plan.

Denn dieſe Veraͤnderungen und Contractionen klingen gar zu harte, doch will ich hiermit die geiſtli - chen Lieder nicht verworffen haben, weil dieſelben auch ohne ſolche Kunſt ihre durchdringende Krafft mit ſich fuͤhren.

8. Nun iſt es Zeit, daß ich mich erkundige, wie vielerley die Reime ſeyn?

Man hat dreyerley Reime, als

  • 1. Einſylbige, welche maͤnnliche genennet werden, z. e. uͤber dieſes Sprichwort:
    • Ne ſutor ultra crepidam:
Will ein Schuſter etwas tadeln, ſagt man ihm: Er ſoll allein
Bey dem Schuh, Pantoffel, Stiefel, ſonſt bey nichts ein Do -
ctor ſeyn.
  • 2. Zweyſylbige, welche weibliche heiſſen. z. e. Uber die bekannten Verſe:
    • Germani cunctos poſſunt tolerare labores, O utinam poſſent & tolerare ſitim:
Kein Arbeit kan den Muth des Teutſchen niederſchlagen,
Ach! koͤnt er nur den Durſt auch als ein Held ertragen.
  • 3. Dreyſylbige, welche man Engliſche, weil ſie ge - meiniglich mehr, als menſchliche Kraͤffte und Kuͤnſte erfodern, oder auch Tendelhafftige heiſſen moͤchte, weil darinnen mehrentheils nur eine Tendeley verborgen lieget: z. e.
B 2Als18Das I. Capitul
Als ich im Buche blaͤtterte
Und zu der Weißheit kletterte,
Da war ich der Geſegnete,
Dem nie kein Schmertz begegnete.

9. Kan man denn gantze Carmina machen; welche aus lauter weiblichen Reimen beſtehen?

Man kan zwar ſolches thun, allein es klinget nicht all - zu lieblich. Siehe das Muſen-Cabinet 1143. & 1287. Alſo machteich vor einiger Zeit auf das ſtetige Regen - wetter zur Erndte-Zeit folgende Zeilen:

Mein GOtt, ſo trauret dann der Himmel alle Stunden,
Wenn hat ſich wohl ein Strahl der Sonnen eingefunden,
Und unſer Land erquickt? Die Wolcken ſind voll Regen,
Und wollen unſer Feld mit Feuchtigkeit belegen.
Ach! alle Frucht erſtickt; das Korn will gar nicht reiffen,
Der Meyher darff noch nicht, wie ſonſt die Senſe ſchleiften,
Und iſt die Zeit doch da; die Staͤdt und Doͤrffer weinen
Und will uns gar kein Rath nach aller Noth erſcheinen.
Die Angſt nimmt immer zu Die Boͤden ſind geleeret,
Drum wird die neue Frucht viel hefftiger begehret;
Der groſſe Mißwachs iſt ſchon manches Jahr geweſen,
Und das verderbte Feld kan noch nicht recht geneſen.
Der Menſch das Vieh erſtirbt: Dir, Hoͤchſter ſey’s geklaget,
Denn bloß von dir wird uns die Segens-Krafft verſaget,
Wer iſt doch Schuld daran, iſt deine Hand verkuͤrtzet?
Vielleicht macht uns dein Haß ohn unſ’re Schuld beſtuͤrtzet.
Ach nein! Wir haben diß mit unſerm Thun verdienet,
Weil unſer Suͤnden-Feld von lauter Laſtern gruͤnet;
Sonſt iſts ja deine Luſt uns gutes zu erweiſen,
Pflegſt du doch auch das Vieh aufs reichlichſte zu ſpeiſen:
Deßhalben wollen wir die Schuld gantz frey bekennen,
Die Kleinmuth ſoll uns nicht von deiner Liebe trennen;
Du19von den Reimen.
Du ſtraffſt das boͤſe Volck, ſo lang es Suͤnde liebet,
Biſt aber voller Gunſt, wenn’s gute Worte giebet.
Vergieb die Miſſethat, dein Geiſt wird uns regieren,
Und kuͤnfftig allezeit auf deinen Wegen fuͤhren.
Erhoͤre das Gebeth; Gieb warme Sonneu-Blicke,
Damit man ſich vergnuͤgt zu einer Erndte ſchicke.
Der Wunſch iſt ſchon erhoͤrt; Der Himmel will ſich freuen,
Die Sonne wird auf uns viel warme Funcken ſtreuen:
Dir ſey davor gedanckt; Wir freuen uns von Hertzen,
Und wollen deine Gunſt nicht wiederum verſchertzen.

10. Schickt ſichs denn auch, daß man lauter maͤnnliche Reime in einem gantzen Carmine anwende?

Es ſchickt ſich dieſes allerdinges, und klingen ſolche Verſe weit lieblicher, als die, ſo aus lauter weiblichen Reimen beſtehen. Siehe im Muſen-Cabinet p. 24. 961. 1115. & 1267. Als vor wenig Jahren die Damen in Franckreich anfiengen auf Eſeln zu reiten, hatte ich dieſe Poêtiſche Gedancken daruͤber:

Das munt’re Franckreich hat viel Moden ausgedacht,
Und ſolche weit und breit mit Nutzen angebracht,
Wie mancher Spanier will ein Frantzoſe ſeyn,
Jn Holl - und Engelland trifft dieſes gleichfalls ein.
Die Teutſchen nennen faſt nicht mehr ihr Vaterland,
Denn was nach Franckreich ſchmeckt, iſt ihnen nur bekandt;
Der Schwed und Daͤne will auch nicht entfernet ſtehn,
Der Welſche wird mit Luſt zu dieſer Svite gehn.
Von andern ſag ich nichts: Es wird noch gar geſchehn,
Man wird in kurtzer Zeit nichts als Frantzoſen ſehn;
Ein kluger mercket ſchon die groſſe Sclaverey,
Und klagt, daß alle Welt ſo ſehr verblendet ſey.
B 3Zu20Das I. Capitul
Zu Marly fangen ietzt die Damen etwas an,
Woruͤber man ſich faſt nicht gnug verwundern kan,
Es werden ſelbige den Eſeln aufgeſetzt,
Die groͤſte Hertzogin
*von Burgund.
* wird ſelbſt dadurch ergetzt.
Zeig’t dieſes Demuth an, ſo lob ich ihre That,
Wiewohl es laͤſſet mich derſelben groſſer Staat
Nicht ſo geſinnet ſeyn: Die Demuth iſt gar weit
Aus Franckreich weggebannt, drum geb ich den Beſcheid:
Der Vorwitz iſt der Sporn, ſo dieſe Damen treibt,
Was iſt wohl in der Welt, das unverſuchet bleibt?
Abſonderlich, wenn es ein Frauenzimmer ſieht,
Jn deren geilen Bruſt die Wolluſt haͤuffig bluͤht.
Jetzt muß der Eſel her: Vielleicht geſchicht es bald,
Daß man diß freche Volck in anderer Geſtalt
Auf einem Hirſche ſieht: Denn Vorwitz kan nicht ruhn,
Und heute will er diß und morgen jenes thun.
Jhr Damen reitet nun auf euren Eſeln hin,
Wer nicht geſchoſſen iſt, hat einen andern Sinn:
Wir Teutſchen ſind vergnuͤgt, wenn ein galantes Pferd
Zu unſern Dienſten ſteht; Eu’r Thun iſt Lachens werth.

11. Solte es aber nicht beſſer klingen, wenn in einem Gedichte theils maͤnnliche, theils weibliche Reime angewendet werden?

Es klinget ſolches freylich weit beſſer, und kan man dieſe Manier auf unterſchiedene Art vorneh - men.

  • I. Man kan anfangs zwey maͤnnliche, und hernach zwey weibliche Reime ſetzen. vid. Muſen-Ca - binet p. 5. 37. 62. 135. 154. 211. 388. 462. 488. 531. 541. 548. 559. 776. 796. 833. 875. 877. 1126. 1138.21von den Reimen. 1138. 1284. 1312. Als der damahlige Herr Licentiat Jttig zum Superintendenten in Leipzig beſtaͤti - get ward, verband ſich eine gewiſſe Compagnie, daß ein jeder etwas Poëtiſches auf dieſen Hochgelehrten Mann verfertigen ſolte, und da brachte einer folgen - de Arbeit:
Jhr edlen Leipziger, wiſcht eure Thraͤnen ab,
Jhr ſebt noch gar betruͤbt auf eures Lehmanns Grab,
Der theure Carpzov liegt euch immer in dem Hertzen,
Und koͤnnet deſſen Tod bis dato nicht verſchmertzen.
Wiſcht eure Thraͤnen ab, GOtt ſchenckt euch einen Mann,
Von dem die Wahrheit ſelbſt ein Zeugniß geben kan,
Daß Er ein Wunder ſey: Betrachtet Lehr und Leben,
So wird mir Hertz und Mund hierinnen Beyfall geben.
Seht dieſen Biſchoff an, der jedermann vergnuͤgt,
Und weil ſo groſſe Laſt auf ſeinen Schuldern liegt,
So betet doch vor Jhn, daß Jhn der Hoͤchſte ſtaͤrcke,
Damit Er neue Krafft im Amt und Alter mercke.
Nehmt ſeine Lehren an, und bringt ſie in die That,
Wenn Er ein Urtheil ſpricht, ſo ehret ſeinen Rath:
Er iſt ein ſolcher Mann, bey dem ihr Liebe findet,
Der ſich ſo manches Hertz durch Guͤtigkeit verbindet.
Mein GOtt beſchuͤtze doch diß hochgeſchaͤtzte Pfand,
Es ſey die Leibes Noth von Jhm weit abgewandt;
Gieb dem Gemuͤthe Krafft: laß alles wohl gelingen,
So wird man dir mit Luſt ein ſchoͤnes Danck-Lied ſingen.
  • II. Man kan anfangs zwey weibliche, und hernach zwey maͤnnliche Reime ſetzen. vid. Muſen-Cabinet p. 11. 23. 78. 147. 200. 565. 597. 779. 888. 965. 1125. 1183. 1221. 1281. 1294. 1297. 1302. 1326. So ſchrieb ich von den Leipzigiſchen Gaͤrten folgender Ge - ſtalt:
B 4Zu22Das I. Capitul
Zu Leipzig lacht alles von auſſen und innen,
Die Hauſer vergnuͤgen die luͤſternen Sinnen;
Die Gaͤrte bezaubern: Wer Eden
*Worinnen das Paradieß war.
* nicht kennt
Dem wird es zu Leipzig gar deutlich genennt.
Hier zeigt man den Garten, ſo Adam verlohren,
Den Eva vorm Falle zur Wohnung erkohren,
Es wuͤnſchet derſelbe beſuchet zu ſeyn,
Der Cherubim
Der Gaͤrtner.
laͤſſet auch Suͤnder hinein.
Da ſiehet man Blumen, da ſchauet man Fruͤchte,
Bald kommen die Teiche vor unſer Geſichte,
Da zeigen ſich Haͤuſer von herrlicher Pracht,
Ja Eden wird wenig vor Leipzig geacht.
Doch Eden bleibt Eden und ſchencket das Leben
Vom Baume, das Leipzig noch niemals gegeben:
Nur ſchlaͤfft man zu Leipzig im Garten mit Luft,
Jn Eden war dieſes faſt gar nicht bewuſt.
Beſuchet den Garten, ihr weltlichen Leute,
Mir bleibet was beſſers zur lieblichen Beute:
Mein Stuͤbgen vergnuͤget mir Augen und Geiſt,
Bis daß mich die Schwachheit ins Bette verweiß’t:
  • III. Man kan in der erſten und dritten Zeile weibliche, in der andern und vierdten aber maͤnnliche Reime ſetzen. vid. Muſen-Cabinet p. 25. 192. 198. 203. 218. 221. 371. 401. 506. 600. 763. 828 942. 1158. 1218. 1225. 1291. 1317. 1320. 1329. 1337. Alſo ward auf den Abzug eines lieben Freundes im Namen ei - ner gantzen Compagnie unter andern folgendes ver - fertiget:
Mein Freund, es ſchmertzet uns, wenn wir daran gedencken,
Daß unſ’re Compagnie Jhn nun entbehren ſoll;
Doch will Er beym Beſchluß uns nur ſein Hertze ſchencken,
So bleibet unſer Geiſt noch ferner Freuden-voll.
Was?23von den Reimen.
Was? Mund und Feder irrt! Soll Er das Hertze geben,
Das Er uns ſchon vorlaͤngſt ohn allen Zwang gegoͤnnt;
Er laſſe ſelbiges nur weiter bey uns leben,
So wird die Freundſchafft auch in aller Fern erkennt.
Jnzwiſchen wollen wir uns auch durch Briefe lieben,
Und zwar ein jedesmahl der Poſt was anvertrau’n,
Und ſolt ein einiger den Liebes-Dienſt verſchieben,
So wollen wir auf ihn mit ernſten Minen ſchau’n.
Adjeu Hochwerther Freund, Er leb in vollem Segen,
Es ſtellen ſich bey ihm begluͤckte Chargen ein,
Wir wollen Lebens-lang gantz klar vor Augen legen,
Daß wir ihm ohne falſch zum Dienſt ergeben ſeyn.
  • IV. Man kan in der erſten und dritten Zeile maͤnnliche, in der andern und vierdten aber weibliche Reime gebrauchen. z. e.
Der Vorwitz kuͤtzelte die Dina nicht allein,
Es hat dieſelbige viel Schweſtern hinterlaſſen;
Wie viele findet man, die ſehr verwegen ſeyn?
Ach! wie marchiren ſie durch die verbotne Straſſen.

Mehr Exempel ſtehen im Muſen-Cabinet p. 184. 575. 589. 917. 931. 934. 947. & 1271.

  • V. Man kan in der erſten und vierdten Zeile weibliche, in der andern und dritten aber maͤnnliche Reime machen. z. e.
Ein Sauertopff kan nicht geſchickte Verſe machen,
Es muß bey dieſer Kunſt Luſt und Courage ſeyn:
Wer demnach dichten will, der trinck ein Glaͤßgen Wein,
Denn ſonſt gerathen ihm gar ſchwerlich ſeine Sachen.

Conf. Muſen-Cabinet p. 411.

  • VI. Man kan in der erſten und vierdten Zeile maͤnnli - che, in der andern und dritten aber weibliche Reime ſetzen. z. e.
B 5Was24Das I. Capitul
Was iſt doch dieſe Welt? Nichts, als ein Jammerthal,
Der allerreichſte Mann wird ſeinen Kummer finden,
Mit jedem Gluͤcke pflegt ſich Elend zu verbinden,
Und alſo bleibet wohl das Leyden ohne Zahl.

Conf. Muſen-Cabinet p. 168. & 410.

  • VII. Jn den kurtzen Zeilen kan man die Reime gleich - falls auf vielerley Art verſetzen. z. e. Ein beliebter Poëte ſtellete die Klage einer alten verliebten, da - bey aber verhaßten Frauen in folgenden Wor - ten fuͤr:
Als ich vor ſechzig Jahren
Ein kleines Maͤdgen war,
Da giengen wir zu Paaren,
Und ſchertzten immerdar.
Da kunten wir fein niedlich,
Wie junge Leute thun,
Und durfften unterſchiedlich
Jm Klee beyſammen ruhn.
Jetzt auf die alten Tage
Da bin ich gantz allein,
Und muß wie eine Plage
Bey andern Leuten ſeyn.
Jch muß mich laſſen ſchelten,
Jch arme Fledermaus,
Als ſaͤh’ich zum St. Velten,
Gor wie der Hencker aus.
Jch bin wie eine Fliege,
Da iſt kein bisgen Schmaltz,
Wiewohl ich arme Ziege,
Leck annoch gerne Saltz.
Doch will ich etwas ſuchen,
Und komm ins Liebes-Spiel
So gehn die Leute fluchen,
Du alter Beſenſtiel.
Jch25von den Reimen.
Jch geh als wie ein Blinder,
Gantz furchtſam und gemach,
Drum kommen alle Kinder,
Und ſchren’n mir hinten nach.
Es iſt mir gar nicht eben,
Denn eine junge Sau,
Hat ein begluͤckter Leben,
Als eine graue Frau.

Oder alſo:

Seht doch den jungen Sack
Dort in dem Fenſter ſitzen,
Wie hurtig und wie ſtrack
Kan ſie das Maͤulgen ſpitzen,
Sie war vor wenig Tagen
Noch weit davon entfernt;
Doch ietzo muß ich ſagen,
Sie hat ſchon ausgelernt.

Oder auch ſolcher geſtalt:

Es ſind unterſchiedne Sachen,
So den Menſchen froͤlich machen,
Wenn er in dem Kummer lebt:
Doch kan nichts beliebter fallen,
Als wenn Prieſter. Stimmen ſchallen,
Da der Geiſt in Aengſten ſchwebt.
Redet ich mit boͤſen Leuten,
Duͤrfften ſie vielleicht beſtreiten,
Daß mein Wort nicht gruͤndlich ſey:
Denn die Welt kan’s nicht vertragen,
Wenn die Prieſter etwas ſagen,
Keines ſtimmt dem andern bey.
Drum ſo ſeh ich auf die Frommen,
Welche ſtets viel Luſt bekommen,
Wenn ſie Prieſter angehoͤr’t:
Denn in allen Gloubens-Gruͤnden,
Koͤnnen ſie bey dieſen finden,
Was die Jrrthums-Spruͤche ſtoͤrt.
Ach26Das I. Capitul
Ach wie wird der Menſch geplaget,
Wenn ihm Seel und Ketzer ſaget,
Was nach lauter Falſchheit ſchmeckt:
Aber wenn der Prieſter weiſet,
Wie der HErr mit Warheit ſpeiſet,
Wird vor Angſt viel Luſt erweckt.
Prieſter ſagen, wie zu leben,
Und die Suͤnde wegzuheben,
Welche Zorn und Hoͤlle bringt:
Wie erfreuen ſich die Seelen,
Wenn die Prieſter nichts verhoͤlen,
Worauf Amt und Himmel dringt.
Prieſter koͤnnen Luſt erregen,
Wenn ſie das vor Augen legen,
Was betruͤbte Hertzen ſtaͤrckt;
Ja wenn gar das Leben weichet,
Und der Prieſter Segen reichet,
Da wird recht die Luſt vermerckt.

Man hat noch viel andere Verſetzungen der Reime, es iſt aber nicht noͤthig, alle Gattungen anzufuͤhren, denn wer nur ein wenig Nachſinnen hat, kan ſelbige ohne ſchwere Muͤhe ſelbſt erfinden. vid. Muſen-Cabi - net p. 1284.

12. Muͤſſen ſich denn aber nur immer zwey, Zeilen mit einander reimen?

Es iſt ſolches nicht hoͤchſt noͤthig: Denn es koͤnnen ſich auch mehr Zeilen, als zwey, mit einander reimen und manchmahl eine ungereimet bleiben. Wir wollen ſol - ches in einigen Abtheilungen betrachten.

  • I. Es koͤnnen ſich manchmahl drey Zeilen mit einander reimen. z. e.
Jſt27von den Reimen.
Jſt in dem Lande Krieg und Streit,
So iſt gar hochbetruͤbte Zeit
Und nichts als lauter Hertzeleid:
Denn in dem Kriege fragt man nicht,
Ob einer diß und das verbricht,
Man ſieht gar ſchlecht auf ſeine Pflicht.
  • II. Man kan in einem gantzen Gedichte nur einen ein - tzigen Reim behalten; wiewohl dieſes gehet ſehr ſchwer an. z. e.
Kan man vom Frieden ſagen,
So weichen alle Plagen,
Kein Menſch darff ſich beklagen,
Noch in der Noth verzagen,
Er darff nach nichtes fragen,
Sich nicht mit Grillen ſchlagen,
Noch ſeine Bruſt benagen,
Er kan da Gluͤck erjagen,
Will er nur etwas wagen.

Es klinget trefflich ſchoͤne, daß einer immer die Oh - ren davor zuſtopffen moͤchte: Allein es gehet bey die - ſer Manier nicht ohne Schwachheiten ab, dannen - hero iſt es am beſten, wenn man ſolche gar unterwegen laͤſſet.

  • III. Man kan auch wohl eine Zeile ſetzen, mit welcher ſich gar keine andere reimet, wie ſonderlich in den Arien zu geſchehen pfleget. z. e.
Friſch auf mein Hertz!
Laß allen Kummer fahren,
Du kanſt die Klagen ſparen,
Weil dich dein JEſus liebt
Und dir in deiner Noth viel Gnaden-Blicke giebt.

Conf. Muſen-Cabinet p. 89. & 785.

13. Pflegt28Das I. Capitul

13. Pflegt man denn aber nur die Worte am Ende der Zeilen mit einander zu reimen?

Jnsgemein pfleget ſolches zu geſchehen: Jedoch kan man auch zuweilen in einer Linie etliche Worte mit ein - ander reimen. z. e.

Es ſingen und ſpringen die Knaben mit Freuden,
Sie lachen und machen ſich ſelten ein Leyden.

Oder dreyfaͤltig:

Wir nuͤtzen durch Sitzen und Schwitzen nicht viel,
GOtt leget, GOtt heget, GOtt traͤget das Ziel.

Allein ich will einen verſichern, er ſoll von dieſer Gat - tung wenig Verſe zuſammen bringen, ſo ein Geſchicke haben. Sonſt kan man auch zuweilen den Anfang zweyer Zeilen mit einander reimen. z. e.

Meine Freunde ſind geſtorben,
Deine ſind durch Schuld verdorben.

14. Jch habe bisher genug vernommen, was es mit den Reimen vor eine Beſchaffenheit habe: Nunmehro moͤchte ich wiſſen, woher man die Reime zuſammen ſuchen muͤſſe?

Man kan die Reime gar leicht zuſammen brin - gen, wenn man das Wort, worauf ſich ein ande - res reimen ſoll, in einem guten Reim-Regiſter auf - ſchlaͤget, oder auch nur das Alphabeth im Sinne durchlauffet. z. e. Habe ich das Wort: Leben, ſo reimet ſich darauf: Beben, eben, geben, heben,kleben,29Das II. Capitul von der Conſtruction. kleben, darneben, Reben, ſtreben, ſchweben, weben.

Das II. Capitul Von der Conſtruction.

1. Was hat man bey der Conſtruction zu mercken?

Dieſes einige, daß alle Worte in ihrer rechten Ordnung ſtehen ſollen, und dabey muß man dieſe Regul wohl mercken und practiciren: Man ſoll in Verſen die Worte in derjenigen Ordnung ſe - tzen, worinnen ſie auſſer den Verſen ſtehen: Will nun einer dieſe Regul in der Poëſie wohl an - wenden, ſo muß er ſich bemuͤhen, daß er auch in Proſa die Worte allemahl in richtiger Ordnung vor - bringe. Denn man ſpricht im Teutſchen: Jch weiß es wohl. Nicht nach dem Lateiniſchen: Hoc bene ſcio. Das wohl ich weiß. Auch nicht nach dem Frantzoͤſiſchen: Je le ſçai bien. Jch das weiß wohl.

2. Worinnen wird aber gemeiniglich wegen der Conſtruction verſtoſſen?

Vornehmlich in drey Stuͤcken als:

  • I. Jn den Verbis Compoſitis, denn dieſe werden nicht allemahl recht zertheilet. z. e.

Dieſes iſt recht:

Wer wolte doch von uns im Creutze traurig ſeyn,
GOtt ſchenckt uns ja dadurch nur lauter gutes ein.
Dieſes30Das II. Capitul

Dieſes iſt falſch:

Einſchencke mir das Glaß,
Mein Halß iſt nicht mehr naß.
  • II. Jn den Pronominibus Poſſeſſivis: Mein, Dein, Sein, Unſer, Euer. Denn dieſe werden nicht al - lemahl an den rechten Ort geſetzet, ſondern ſtehen bisweilen hinter dem Subſtantivo, da ſie doth vor demſelben ſtehen ſolten. z. e.

Dieſes iſt recht:

So lang ich dieſes weiß; GOtt will mein Vater ſeyn,
So ſtellet ſich bey mir nichts als Vergnuͤgung ein.

Dieſes iſt falſch:

Ey! was ſolt ich traurig ſeyn?
Jſt doch GOtt der Vater mein.
  • III. Jn den Particulis Connectendi: Eine andere Ord - nung verurſachet das Woͤrtgen denn, eine andere das Wort weil ꝛc. Dannenhero muß leiner dieſe Woͤrtgen wohl zu vertauſchen wiſſen. z. E.

Dieſes iſt recht:

Der Zorn erwecket Schmertzen,
Denn er verletzt die Hertzen.

Dieſes iſt falſch:

Weil er verletzt die Hertzen.

Mit einem Worte: Wer eine gute Conſtruction in ſeinen Verſen beobachten will, der muß wohl va - riiren koͤnnen, nach der Grammatic, Rhetoric und Lo - gic (wovon in der Oratorie gehandelt wird) vornehm - lich aber nach der Rhetoric, da er durch eine kleine Fi - gur alle unteutſche Conſtruction wird vermeiden koͤn - nen. z. e.

Die -31Das III. Capitul von der Scanſion.

Dieſes iſt falſch:

Kein Menſch auf Erden lebt,
Der nicht nach Ehren ſtrebt.

Dieſes iſt recht:

Lebt jemand auf der Erden,
Der nicht will vornehm werden?

Das III. Capitul. Von der Scanſion.

1. Was iſt die Scanſion?

Wenn ein jedes Wort ſeinen rechten Thon und Abſchnitt hat. Alſo hat folgender Vers keinen rech - ten Thon:

Jm Sommer kan man nicht lange in dem Studier-Stuͤb -
gen ſeyn;
Jm Winter hingegen findet man ſich fein zum Ofen ein.

Dieſe Zeilen hingegen haben keinen rechten Ab - ſchnitt:

Den Toback kan ich gantz und gar nicht wohl vertragen,
Er pflegt mich in dem Leibe gar zu arg zu plagen.

2. Worauf muß man denn ſehen, wenn die Worte ihren rechten Thon haben ſollen?

Man muß wiſſen, welche Sylben fallend oder ſteigend, lang oder kurtz ſeyn, und ob man wohl einige Reguln hiervon geben kan, ſo brauchet man doch die - ſer Weitlaͤufftigkeit nicht, ſondern man darff nur ſei - ne Verſe entweder ſelbſt genau leſen, oder andere le - ſen laſſen, ſo wird einem ſchon das Gehoͤre ſagen, obCalle32Das III. Capitulalle Sylben ihren rechten Accent bekommen haben. Wir wollen die Sache in Gegenhaltung falſcher und rechter Verſe anſehen. z. e.

Dieſes iſt falſch:

Liebet wohl die Jugend,
Die herrliche Tugend.

Dieſes aber iſt recht:

Es liebet die Jugend,
Gar ſelten die Tugend.

Dieſes iſt falſch:

Beſchauet die ſchnoͤde Welt,
Die vielen ſo wohl gefaͤllt.

Dieſes iſt recht:

Wie viele wuͤrden nicht die ſchnoͤde Welt beſchauen,
Solt ihrer Zaͤrtlichkeit nur nicht vorm Wetter grauen.

3. Muß man nicht bey dem Thon der Wor - te noch auf etwas anders Achtung geben?

Ja ’es iſt noch ein Stuͤcke ſehr wohl zu mercken, daß man nemlich ſehen muß, in welchem Worte der Nach - druck eines Dinges lieget, denn auf daſſelbe muß ſon - derlich der Thon geleget werden, weil man ſonſt nicht den rechten Verſtand heraus bringen wuͤrde. z. e. Wenn ich dieſe drey Worte haͤtte: Jch liebe dich. Und wolte ſagen, es ſey keine andere Perſon, die den andern ſo ſehr liebete, als ich, ſo muß der Thon auf eben dieſem Worte Jch liegen. z. e. Jch liebe dich. Wolte ich aber meinen Affect gegen den andern ge -nau33von der Scanſion. genau zu erkennen geben, ſo gehoͤret der Thon auf das Wort Lieben, und muͤſte alſo klingen: Jch liebe dich. Wolte ich endlich zeigen, daß ich niemand anders, als ihn liebete, den ich mit ſolchen Worten anredete, ſo faͤllt der Thon auf das Wort Dich, und lautet es alsdenn alſo: Jch liebe dich. Wenn nun die Verſe in Schauſpielen, oder bey an - dern Vorſtellungen muͤndlich ſollen vorgebracht wer - den, ſo muß der Accent allemal auf das rechte Wort geſetzet werden, wofern man glauben ſoll, daß der jeni - ge, ſo da redet, auch wiſſe, was er redet.

4. Was hat es denn nun mit dem Abſchnitte vor eine Bewandniß?

Der Abſchnitt iſt, da man die langen Zeilen gleich - ſam in der Mitten zertheilet, und ein wenig mit der Zun - ge inne haͤlt. z. e.

Wer fromm und luſtig iſt | der hat das hoͤchſte Gut.

Bisweilen hat man in einer Zeile eine gantze Sentenz, und alsdenn wird der Abſchnitt im reden nicht ſo deut - lich ausgedruͤcket. z. e.

Ein treuer Ehemann liebt ſeine Frau von Hertzen.

Wer nun bey dem Abſchnitte nicht fehlen will, der muß folgende Reguln beobachten:

  • I. Der Abſchnitt muß gemacht werden, nicht, wo nur die Worte, ſondern, wo einiger Verſtand aus iſt. z. e.

Dieſes iſt falſch:

Die Mädgen ſind gar ſehr | verliebet und geſchoſſen.
C 2Die -34Das III. Capitul

Dieſes iſt recht:

Die jungen Maͤdgen ſind | gar ſehr verchameriret.
  • II. Der Abſchnitt muß nicht mitten in einem gantzen Worte geſchehen. z. e.

Dieſes iſt falſch:

Ach lieber GOtt beſchuͤtze ferner unſer Land,

Dieſes iſt recht:

Beſchuͤtze, lieber GOtt, noch ferner unſer Land.
  • III. Das Adjectivum muß nicht in einem, und das Subſtantivum im andern Theile der Linie ſtehen, ſon - dern ſie muͤſſen beyde beyſammen bleiben. Dan - nenhero kan ich nicht ſagen:
Du hochgeehrteſter Freund, bis mir ferner guͤnſtig.

Sondern es muß alſo heiſſen:

Du hochgeehrter Freund, bis mir doch ferner guͤnſtig.
  • IV. Was zum folgenden Commate gehoͤret, muß nicht zum erſten Stuͤcke gezogen werden, und was zum vorhergehenden Commate gehoͤret, muß nicht zum andern Stuͤcke gezogen werden. z. e.

Dieſes iſt falſch:

Wen JEſus liebet, darff in keiner Noth verzagen.

Jngleichen:

Der liebe GOtt verſorgt uns, und hilfft aus den Noͤthen.

Dieſes aber iſt recht:

Wer ſeinen JEſum liebt, darff nimmermehr verzagen.

Jngleichen:

Der HErr verſorget uns, und hilfſt aus allen Noͤthen.

5. Gehoͤret ſonſt nichts zur Scanſion?

Noch ein einiges Ding iſt bey derſelben zu beobach - ten, nemlich die Eliſion, da man gewiſſe Buchſtaben und Sylben verſchlucket.

6. Wel -35von der Scanſion.

6. Welche Buchſtaben koͤnnen denn ver - ſchlungen werden?

Alle diejenigen, welche man in Proſa verſchweiget, nemlich A. E. J. Das A. wird verſchlungen in den Worten: Daran, darauf, darauſſen, darů - ber, daroben, darum; denn man kan ſprechen: Dran / drauf, drauſſen druͤber, droben, drum ꝛc. Das E. wird verſchwiegen im Anfange, als: Gna - de, gnau, grade, Gluͤck vor Genade, genau, gera - de, Geluͤck; Jn der Mitten / alſo ſagt man: Eh - mann, Liebſter, Schoͤnſter ꝛc. vor Ehemann, Liebeſter, Schoͤneſter; Am Ende, als: Lebt / gebt, labt, habt liebt, giebt, lobt, laß, thu ꝛc. vor lebet, gebet, labet, habet liebet, giebet, lobet, laſ - ſe, thue. Das J. wird verbiſſen in den Woͤr - tern: Heilger, Selger, ꝛc. vor: Heiliger, Seli - ger.

7. Wenn werden aber ſonderlich am Ende die Buchſtaben verſchlungen?

Wenn auf einen Vocalem ein anderer Vocalis oder Diphthongus folget: Doch muß man allemahl die Ohren zu Rathe ziehen, was in Proſa gebraͤuchlich iſt. Alſo ſage ich gar recht:

Jch lieb ein feines Maͤdgen
Das heiſſet Jungfer Kaͤthgen.

Das hingegen wuͤrde nicht recht klingen:

Jch liebe ein artiges Maͤdgen.
Und ruffe es immer: mein Kaͤthgen.
C 3Jnglei -36Das III. Capitul

Jngleichen klinget dieſes gar wohl:

Es vergeht mir alle Luſt!
Denn mir iſt nur Schmertz bewuſt.

Da hingegen dieſes ſchon etwas gezwungener klin - get:

Es vergehet mir die Luſt,
Denn mir iſt nur Angſt bewuſt.

8. Wirfft man denn auch am Ende den Vo - calem weg, wenn ein H. darauf folget?

Einige thun es: wiewohl es ſcheinet nicht noͤthig, ſolches zu thun, weil man auch in Proſa den Vocalem vor dem H. ausſpricht. Denn dieſer Vers klinget gantz rein:

Wer ſeine Herren liebt, iſt ein getreuer Knecht.

Dieſer hingegen klinget etwas hart:

Ein jeder der ſein Herren liebt, iſt ein getreuer Knecht.

9. Kan man aber nicht einen Vocalem am Ende wegwerffen, wenn ſich das folgende Wort mit einem Conſonante anfaͤnget?

Es pflegen ſolches etliche zu thun, und ſetzen immer einen Apoſtrophum dabey: Allein ſie thun ſolches mit Unverſtand, weil ſie gar kein Fundament von ſolcher Eliſion anfuͤhren koͤnnen. Denn wie ſchoͤne klingt doch dieſes:

Es hat ein kleine Frau mehr Eifer als ein groſſe.
10. Hat37von der Scanſion.

10. Hat man denn ſonſt noch andere abſurde Eliſiones?

Ach ja! Es iſt daran kein Mangel, und waͤre zu wuͤnſchen, daß deren nicht ſo viel waͤren. Denn es finden ſich noch heute zu Tage Leute, welche han, lan, ſtahn, vor haben, laſſen, ſtehen, ſetzen. Al - lein man muß mit ihrer Ignoranz Commiſeration haben.

11. Wenn pflegt man denn auſſer gedachten Conditionen einige Eliſiones vorzu - nehmen?

Es geſchiehet ſolches:

  • 1. Wenn zwey Woͤrter zuſammen kommen, ſo ei - nerley Endung haben: Alſo kan ich vor Bruͤ - der und Schweſter, Chriſtlich und Ehr - lich ſagen: Bruͤd - und Schweſter, Chriſt - und Ehrlich.
  • 2. Wenn das Subſtantivum ein Neutrum iſt. Alſo ſage ich vor reines Hertz, kleines Ding ꝛc. rein Hertz, klein Ding.

12. Gehet es denn auch an, daß man gantze Sylben verſchlucket?

Ja es gehet an, denn man ſaget ja brauchen vor gebrauchen. z. e.

Jch mag nicht Toback ſchmauchen,
Man muß die edle Zeit zu beſſern Dingen brauchen.
C 4Das38Das IV. Capitul

Das IV. Capitul Von den Generibus der Verſe.

1. Was verſtehet man durch das Genus der Verſe?

Das Genus der Verſe iſt nichts anders, als eine gewiſſe Abtheilung der Sylben, und unterſchiedene Abwechſelung der Reime und Scanſion. Habe ich nun gewiſſe Worte vor mir, worinnen meine gantze Invention beruhet, und welche unveraͤndert bleiben muͤſſen, ſo muß das Genus nach derſelben Beſchaffen - heit erwehlet werden. z. e. Haͤtte ich die Worte: So gehets in der Welt: zu meiner Invention beliebet, ſo wuͤrde ich das Genus Alexandrinum erwehlen. Wolte ich dieſe Worte: Meinen JEſum laß ich nicht: in einer Arie durchfuͤhren, ſo wuͤrde ich das Genus Trochaicum nehmen. Haͤtten mir dieſe Wor - te zu meinem Grunde gefallen; Lieben hat allen der Himmel beſohlen: So wuͤrde ich das Genus Dactylicum darzu anwenden, weil ſolche Genera ge - dachte Worte in ihrer Freyheit unveraͤndert laſſen, welches bey denen andern nicht ſo wohl angehen wuͤrde.

2. Wie vielerley ſind aber die Genera der Verſe?

Wenn man dieſes wiſſen will, ſo muß man die Beſchaffenheit der Pedum, oder des Thons in denenWor -39von den Generibus der Verſe. Worten zum Grunde ſetzen. Nun ſind die vornehm - ſten Pedes dreyerley, als da iſt:

  • I. Jambus, oder ein ſteigender Pes, wenn der Accent auf der andern Sylbe iſt. z. e. Beliebt, ver - wahrt, erzuͤrnt.
  • II. Trochæus, oder ein fallender Pes, wenn der Thon auf der erſten Sylbe ſtehet. z. e. Geben, loben, haben.
  • III. Dactylus, oder ein rollender Pes, wenn der Thon zwar, wie bey dem Trochæo auf der erſten Sylbe lieget, auf dieſelbe aber zwey kurtze Sylben folgen. z. e. Lieblicher, nimmermehr, immerdar. Was ein jed - wedes Wort vor einen Pedem abgebe, das wird einem das gute Gehoͤre zeigen. Aus die - ſen Pedibus entſtehen die drey vornehmſten Ge - nera, als das Jambi ſche, Trochai ſche, und Da - ctyli ſche.

3. Was iſt denn das Jambiſche Genus?

Dieſes Genus ſchicket ſich am beſten zu ernſthaff - ten Sachen, und beſtehet darinn, wenn ſich die Verſe mit einem Jambo anfangen, und auſſer den Abſchnitten lauter Jambos in ſich halten. z. e. Uber das: Ex libro doctus ruſticus eſſe poteſt.

Wird der gelehrt genennt, der hurtig leſen kan,
So trifft man dieſen Schmuck auch bey dem Bauer an.

Und dergleichen Jambiſche Verſe ſteigen von zweyC 5Sylben40Das IV. CapitulSylben bis auf dreyzehen und bisweilen druͤber, nach dieſer Figur:

[figure]

z. e.

Zweyſylbige:

Erlangt,
Geprangt

Dreyſylbige:

Jn Freuden
Und Leyden.

Vierſylbige:

Mit GOtt gewagt
Und unverzagt.

Fuͤnffſylbige:

GOtt ſtaͤrckt die Hertzen
Nach vielen Schmertzen.

Sechsſylbige:

Muß gleich die Welt vergehn,
Bleibt GOttes Wort doch ſiehn.

Siebenſylbige:

Jch will in allen Sachen
Mir keinen Kummer machen.

Achtſylbige:

Jhr Sterblichen erwegt den Tod,
Jhr kommt dadurch aus aller Noth.

Neunſylbige:

Wem JEſus nicht im Hertzen ſchwebet,
Der iſt ſchon tod, da er noch lebet.
Zehn -41von den Generibus der Verſe.

Zehnſylbige:

Jch hoͤre gerne neue Zeitung an,
Weil ich mein Hertz dadurch vergnuͤgen kan.

Eilffſylbige:

Denckt einer groſſe Haͤuſer aufzubauen,
So muß er erſt in ſeinen Beutel ſchauen.

Zwoͤlffſylbige:

Der Menſch lebt auf der Erden eine kurtze Zeit.
Jedoch kommt er hernachmals in die Ewigkeit.

Dreyzehnſylbige:

Denckt einer, weil er lebt, fein fleißig an das Sterben,
So kan er nach der Zeit die Seeligkeit ererben.

Die zweyſylbigen Verſe ſcheinen zwar mehr nur ei - nen Pedem, als einen Vers abzugeben: Allein wenn man betrachtet, daß in den Arien auch ſo kleine Zeilen nur von zwey Sylben mit unterzulauffen pflegen, wel - che gleichwohl rechte Verſe machen, ſo wird man ſol - che zweyſylbige Verſe auch gar gerne vor Verſe paſſi - ren laſſen. Die ſechsſylbigen werden Euripidiſche, die ſiebenſylbigen Anacreontiſche / die zehn - und eylffſylbige von den Frantzoſen Vers Communs, gemeine, und von den Jtaliaͤnern Verſi Intieri oder Perfetti, das iſt voll - kommene, und die zwoͤlff - und dreyzehnſylbige Alexan - driniſche Verſe genennet. Bey den zehn - und eilffſylbi - gen iſt der Abſchnitt manchmahl in der vierdten Syl - be. z. e.

Das Geld iſt weg | und der Credit iſt todt.

Manchmahl in der ſechſten Sylbe. z. e.

Die Herrlichkeit vergeht, | die Tugend bleibet.

Jn den zwoͤlff - und dreyzehnſylbigen Verſen faͤllt der Abſchnitt auf die ſechſte Sylbe. z. e.

Mein42Das IV. Capitul
Mein! klopffe dreymahl an; | wird dir nicht aufgemacht,
So gehe fort: Wer iſt? | der ſtets zu Hauſe wacht.

4. Giebt es aber bey dem Jambiſchen Genere nur einerley Manier?

Keines weges: Denn da kan man auf unterſchiede - ne Art variiren, als:

  • I. Kan man zwey weibliche, und alsdenn zwey maͤnn - liche Reime flieſſen laſſen. vid. Muſen-Cabinet p. 91. 147. 520. 779. 888. 965. 1125. 1221. 1281. 1297. 1302. 1326. Wenn einer die Poëſie exerciren wolte, koͤnte er ſich mit derſelben folgender maſſen bereden:
Komm, edle Poëſie, du ſchoͤnſte, komm gegangen,
Mein Zimmer iſt bereit, dich willig zu empfangen,
Du kanſt in meinen Sinn, und in mein Hertze gehn,
Nur laß mich deinen Knecht zu deinen Fuͤſſen ſtehn.
Ein ander mag der Luſt bey andern Sachen pflegen,
Jch werde mich allein auf deine Schoͤnheit legen:
Wer eine Charte ſucht, die Jungfern, oder Bier,
Dem laß ich ſeine Luſt, und bleibe nur bey dir.
Jch weiß, du Freundin wirſt mir manchen Dienſt erweiſen,
Du kanſt ja meinen Mund mit ſchoͤnen Worten ſpeiſen,
Du fuͤlleſt meinen Sinn mit lauter Weißheit an,
So, daß ich jedes Wort mit Nach druck reden kan.
Du lehreſt, wie man ſoll in kluger Ordnung bleiben,
Und ein galantes Bild in dem Gemuͤthe ſchreiben;
Daß alles leichte wird, und gleichſam lebend prangt,
Wird durch dich, Goͤnnerin, und deinen Schutz erlangt.
Die Kuͤnſte muͤſſen dir, wie auch die Diſciplinen,
Und jede Wiſſenſch afft zu deiner Arbeit dienen;
Du ſuchſt den Kern heraus; was todt und alber liegt,
Wird angenehm gemacht, wenn’s deine Huͤlffe kriegt.
Du edle Goͤnnerin, haſt manchen Sohn gezeuget,
Der hoher Leute Gunſt zu ſich herab geneiget;
Der43von den Generibus der Verſe.
Der Opitz gruͤnet noch, und der von Lohenſtein,
Colerus, Gryph[i]us und wer die andern ſeyn.
Hingegen ſind auch viel von ungerathnen Kindern,
Die dein verdientes Lob durch ihre Plumpheit mindern:
Denn mancher Toͤlpel denckt, diß ſey die beſte Liſt,
Wenn man die Sylben zehlt, und nach dem Holtze mißt.
Noch andre ſind bemuͤht, durch viel und langes Schmieren,
Es mag ſeyn, was es will, die Blaͤtter aus zuzieren;
Ja mancher Narre ſetzt das Woͤrtgen Thut darbey
Und meynt, daß ſolcher Quarck die beſte Zierath ſey.
Viel wenden ihren Fleiß auf nichts, als Fabel-Sachen,
Auf Poſſen, und auf Schertz, daß nur die Leute lachen,
Auf Jungfer Liedergen, und was noch aͤrger heiſt,
So kommet manch Paſquill aus dem verkehrten Geiſt.
Komm, Schoͤne, komm zu mir, ich will dich beſſer brauchen,
Durch dich ſoll GOtt dem HErrn ein ſchoͤnes Opffer rauchen;
Drum komm nur ungeſaͤumt, die Feder iſt bereit,
Die Geiſter ſind erweckt, vertreib mit mir die Zeit.
  • II. Kan man zwey maͤnnliche und hernach zwey weib - liche Reime ſetzen. vid. Muſen-Cabinet p. 84. 135. 211. 388. 462. 531. 776. 833. 875. 1126. 1138. 1312. Wenn man einen Freyer mit einem Jaͤger verglei - chen wolte:
Was vor Profeſſion mag wohl ein Freyer ſeyn?
Jch glaub, er findet ſich zu nechſt bey Jaͤgern ein:
Worinn die Freyer nun den Jaͤgern aͤhnlich leben,
Will ich in folgenden kurtz zu erkennen geben.
Der Jaͤger-Hauffe liebt ein gruͤn-gefaͤrbtes Kleid,
Darinnen ſtutzen ſie durch ihre Lebens Zeit,
Sie ziehen ſolches an, ſo offt ſie ſchieſſen gehen,
Und wenn ſie auſſer dem bey andern Leuten ſtehen.
Ein Freyer ziehet auch die gruͤnen Kleider an,
Wie jeder den Habit an ihm vermercken kan,
Wo iſt ein ſolcher Menſch, bey dem nicht Hoffnung bluͤhe,
Und ihn, ſo lang’er frey’t, zu ſeinem Wilde ziehe?
Doch44Das IV. Capitul
Doch iſt es ausgemacht: Nicht alle Freyer ſind
Jm Hoffen recht begluͤckt; Denn mancher kommet blind,
Und muß gantz unverhofft ein blaſſes Koͤrbgen ſchauen,
Und ſein Graß-gruͤnes Kleid demſelben anvertrauen,
Ein Jaͤger ſchaffet ſich Geſchuͤtze, Spieß und Rohr,
Mit dieſen reitet er nach aller Luſt hervor,
Desgleichen ſchaſſt er ſich etwas von guten Netzen,
Vor Hunde ſorgt er auch zum Spuren und zum Hetzen.
Ein Freyer tauget nichts, der kein Geſchuͤtze hat,
Er findet nirgends wo beym Frauenzimmer ſtatt;
Ein kluger Freyer ſorgt bey zeiten vor Geſchuͤtze,
Daß ihm, ſo bald er frey’t, zu ſeinem Zwecke nuͤtze.
Er ſchicket manch Geſchenck in ſeiner Goͤttin Hand,
Er iſt in Minen nett, und uͤberaus gewandt,
Er weiß ſich ſtets bey ihr manierlich aufzufuͤhren,
Und ſucht aufs moͤglichſte der Schoͤnen Hertz zu ruͤhren,
Auch Hunde fehlen ihm bey dieſem Falle nicht,
Wie manch vertrauter Freund wird von ihm abgericht,
Daß er den Appetit der Wertheſten erfahre,
Und ſeines Jaͤgers Geiſt mit ihrem Geiſte paare.
Jedoch des Jaͤgers Witz und aller Hunde Fleiß
Dringt manchmal langſam durch; zuweilen iſt der Schweiß
Auch gantz und gar umſonſt, das Wild pflegt nicht zu ſtehen,
Und muß der Jaͤger offt betruͤbt nach Hauſe gehen.
So gehts dem Freyer auch, ſein Schatz liebt offt die Flucht,
Daß er gar langſam kriegt, was er mit Fleiß geſucht:
Allein kan er ihm nur den Hertzens-Punct verletzen,
So wird er doch das Wild mit gutem Vortheil hetzen,
Bisweilen aber iſt ſein Wild von lauter Stein,
Und wuͤnſchet Lebens lang von ihm entfernt zu ſeyn,
Kein Schuß, kein Stich verhafft, ein jedes prallt zuruͤcke,
Ja gar das Liebes-Netz zerreißt in tauſend Stuͤcke.
Dergleichen Freyer wird in groſſen Schmertz gebracht:
Allein er handelt klug; wenn er ihn wenig acht,
Will ihn diß harte Kind gar nicht zum Schaͤtzgen haben,
So wird ihn mit der Zeit ſchon jemand anders laben.
Ein45von den Generibus der Verſe.
Ein Jaͤger heulet nicht, wenn ihm ein Wild entreißt,
Ob er gleich aus Verdruß den Mund zuſammen beiſt;
Er denckt: Der Wald iſt groß, man kan mehr Wild bekommen,
Hat ſchon das vorige die Flucht in acht genommen,
Jedennoch freu’t er ſich, wenn er ein Wild erlegt,
Man ſieht, wie ers mit Luſt in ſeinem Hauſe hegt;
Ein Freyer iſt vergnuͤgt, wenn er das Jawort hoͤret,
Weil dieſe Seelen-Luſt der Leib von auſſen lehret.
  • II. Kan man nach Art der Elegien die maͤnnlichen und weiblichen Reime mit einander abwechſeln laſſen, und zwar Anfangs ſo, daß die erſte und dritte Zeile weibliche, die andere und vierdte aber maͤnnliche Reime habe. vid. Muſen-Cabinet p. 105. & 551. 600. 763. 823. 904. 1133. 1215. 1291. 1317. 1320. 1329. 1337. Auf den Tod des Grævii Profeſſoris zu Ut - recht, ſo 1703. geſtorben:
Auf! Fama, ruͤſte dich, vergiß der andern Sachen,
Streich durch die gantze Welt, ſag etwas neues an;
Auf! denn du muſt das Leid geſchwinde kundbar machen,
Weil man dergleichen Schmertz nicht wohl verbergen kan.
Sprich nur: Der jenige hat jetzo aufgehoͤret,
Den ihr verwundert habt; Er legt die Feder weg;
Der jenige liegt todt, den ihr vor vielen ehret,
Er laͤßt die Laſter-Bahn, und geht den Tugend-Steg.
Der andern Worte gab, kan nicht ein Woͤrtgen ſprechen,
Die Zunge liegt erſtarrt, als ein gefangnes Glied,
Nicht eines Menſchen Hand, kunt ihm das Hertze brechen,
Der Muth war immer friſch, dis daß er gar verſchied.
Der groſſe Grævius will uns nicht ferner kennen,
Der zum gemeinen Nutz manch Buch zu leſen gab;
Man hoͤret jetzo nichts, als ſeinen Namen nennen,
Das macht, er aͤndert ſich, er ſtirbt und ſucht das Grab.
Es komme iedes Land, wo ſeine Schrifften leben,
Und klage den Verluſt, den es nunmehr verſpuͤrt,
Jch ſage, jedes Haus der Welt ſoll ſich erheben,
Und in der Trauer gehn, weils Grævium verliert.
IV. Her -46Das IV. Capitul
  • IV. Hernach kan der erſte und dritte Reim maͤnnlich, der andere und vierdte aber weiblich ſeyn. z. e.
Wer ſich dem Geitz ergiebt,
Wird ſchwerlich Suͤnde meiden;
Und wer die Jungfern liebt,
Muß manchen Titul leiden.

Conf. Muſen Cabinet p. 96. 153. 174. 184. 399. 407. 414. 415. 529. 811. 862. 899. 917. 947. 1271. 1285.

  • V. Kan der erſte und vierdte Reim weiblich, der ande - re und dritte maͤnnlich gemacht werden. z. e.
Es iſt ein ſchoͤnes Leben
Auf hohen Schulen ſeyn,
Da ſtellt ſich Weißheit ein,
Die kan Vergnuͤgung geben.
  • VI. Kan der erſte und vierdte Reim maͤnnlich, der an - dere und dritte weiblich ſeyn. z. e.
Wer wahre Tugend liebt,
Der iſt begluͤckt zu ſchaͤtzen.
Denn dieſe kan ergetzen,
Wenn Angſt und Noth betruͤbt.
  • VII. Kan man in dem erſten Hæmiſtichio einen Pedem weniger machen, als in der letzten. z. e.
Der Arme fuͤhrt gar ein begluͤcktes Leben,
Der Reichthum kan nicht ſtets Vergnuͤgung geben.
  • Eben dergleichen Verſe præſentiren ſich in dem Mu - ſen-Cabinet p. 1294.

5. Was iſt nun das Trochaiſche Genus?

Dieſes Genus ſchicket ſich ſehr gut zu Liedern und Trauer-Spielen, und beſtehet darinn, wenn ſich die Verſe mit einem Trochæo anfangen, und auſſer den Abſchnitten lauter Trochæos in ſich halten. z. e.

Jſt es nicht ein groſſes Gluͤcke, wenn man in der Freyheit lebt,
Und iſt ſolcher Menſch nicht naͤrriſch, welcher nach den Banden ſtrebt?
Denn47von den Generibus der Verſe.
Denn wie koͤnte man doch ſonſt den bekannten Spruch erfuͤllen,
Der in dieſen Worten liegt: Jeder Menſch hat ſeinen Willen.

Conf. Muſen-Cabinet p. 84. 469. 830. 848. 894. 1265. Die Trochaiſchen Verſe ſteigen von 2. bis auf 15. Syl - ben, man findet zwar zuweilen auch etliche von 16. Syl - ben, ſie klingen aber gar unangenehm, als:

Guten Tag und guten Abend, gute Nacht und guten Morgen.

Diejenigen, ſo aus 8. Sylben beſtehen, haben keinen Abſchnitt. z. e.

Kommt ihr angenehmen Gaͤſte,
Lebt mit mir aufs allerbeſte.

Die eilffſylbigen haben den Abſchnitt entweder in der ſechſten Sylbe. z. e.

Ach was will man weinen? Laßt uns luſtig ſeyn:
Heute ſieht man Regen, morgen Sonnenſchein.

Oder in der fuͤnfften. z. e.

Ach was weint man doch? laßt uns froͤlich leben.

Die dreyzehnſylbigen haben den Abſchnitt gleichfalls auf der ſechſten Sylbe. z. e.

Keiner lebt auf Erden, der nicht ſeinen Kummer hat.

Die funffzehnſylbigen ſind zweyerley, die eine Gattung hat den Abſchnitt nach der ſiebenden Sylbe und zwar auf maͤñliche Weiſe uñ gehet am Ende weiblich aus. z. e.

Wer die Seinen nicht verſorgt, iſt viel aͤrger als ein Heyde.
  • Ein gantzes Carmen von ſolchen Verſen ſtehet im Mu - ſen-Cabinet. 1278.

Die andere Art hat den Abſchnitt nach der achten Sylbe und zwar auf weibliche Art, und gehet am Ende maͤnnlich aus. z. e.

Eltern lieben ihre Kinder, als ihr eignes Fleiſch und Blut.

6. Koͤnnen auch in dem Trochaiſchen Genere die maͤnnlichen und weiblichen Reime mit einander abwechſeln?

DEs48Das IV. Capitul

Es gehet ſolches zwar an, doch klinget es in den lan - gen Zeilen nicht allzulieblich. z. e.

Jn dem Zorne ſind die Augen unſers Leibes trefflich klar.
Denn es pflegt das warme Blut in dieſelben aufzuſteigen,
Aber in den Seelen-Augen findet ſich gar viel Gefahr,
Und es kan der Zorn von nichts, als des Geiſtes Blindheit zei -
gen.

7. Was iſt denn endlich das Dactyliſche Genus?

Dieſes Genus ſchicket ſich am beſten zu ſpielenden und luſtigen Sachen, weil darinnen alles wie zu Sprunge gehet, und beſtehet ſolches Genus darinnen, wenn ſich die Verſe mit einem Dactylo anfangen, und auſſer dem letzten Pede lauter Dactylos in ſich hal - ten. z. e.

Luſtig ihr Freunde, verbannet die Grillen,
Laſſet euch heute die Ohren er fuͤllen,
Kommet und ſinget ein Liedgen mit mir,
Trincket vom Tuckſtein und Wurtzniſchen Bier.

Conf. Muſen-Cabinet p. 784. 1161.

Die Dactyliſchen Verſe ſteigen von 3. bis 11. ja bey et - lichen bis 14. Sylben hinauf, welche letztere aber gar ſelten vorkommen und gar uͤbel klingen. z. e.

Hertzgen, ach Schaͤtzgen, wo biſtu ſo lange geblieben,
Haſtu doch neulichſt, du Schelmgen, kein Brieffgen geſchrieben.

Die gebraͤuchlichſten unter den Dactyliſchen Verſen ſind folgende, als:

  • I. Die fuͤnffſylbigen, welche ſonſt Adoniſche heiſ - ſen. z. e.
Weicht, Trauer-Geiſter,
JEſus mein Meiſter,
Troͤſtet mich Armen
Durch ſein Erbarmen.
II. Die49von den Generibus der Verſe.
  • II. Die ſieben - und achtſylbigen, ſo Archilogiſche ge - nennet werden. z. e.
Was mich befriedigen kan,
Stehet mir allezeit an.

Jngleichen:

Jrdiſche Schaͤtze vergehen,
Himmliſche Guͤter beſtehen.
  • III. Die zehnſylbigen, welche auch Alckamanniſche ge - nennet werden. z. e.
Meine Vergnuͤgung beſtehet hierinn,
Daß ich, mein Werther, dein Eigeuthum bin.
  • IV. Die eilffſylbigen, welche bey den Lateinern Jtiſal - liſche heiſſen. z. e.
Freue dich Juͤngling, doch dencke darneben,
Endlich muß jedermann Rechenſchafft geben.

Sonſten laͤſſet man nicht gerne gleich-lautende Worte im Anfange oder in der Mitten zuſammen kommen, in den Dactyliſchen Verſen aber haͤlt man ſolches vor eine Zierath. z. e.

Jugend und Tugend ſind ſelten beyſammen.

8. Jſt ſonſt nichts mehr bey den Dactyliſchen Verſen zu mercken?

Es iſt nur noch dieſes einzige dabey zu behalten, daß zu den Dactyliſchen Verſen die Anapæſtiſchen gerech - net werden, und ſind ſie einander in allen Stuͤcken gantz gleich, auſſer daß bey den Anapæſtiſchen im An - fange eine Sylbe mehr iſt. z. e.

Dieſer iſt Dactyliſch:

Freuet euch alle mit froͤlichem Schalle.

Dieſer Anapæſtiſch:

Nun freuet euch alle mit froͤlichem Schalle.
D 29. Be -50Das IV. Capitul

9. Behaͤlt man aber in den Verſen nur einerley Genus?

Gemeiniglich geſchiehet ſolches; nichts deſto weni - ger pflegen die Genera in einer Strophe, auch wohl in einer Zeile, bisweilen vermiſchet zu werden.

  • I. Jn einer Strophe, als:
    • 1. Jn Jambiſchen und Trochaiſchen Verſen. z. e.
      Merckt auf ihr Sterblichen, was GOtt in Welſchland thut,
      Der Boden thut ſich auf, die Haͤuſer fallen nieder,
      Es ſchein’t, der Hoͤchſte ſey den Welſchen ſelbſt zuwider,
      Denn uͤber dieſes iſt auch hier die Krieges-Glut.
      Laßt euch dieſen Fall erſchrecken,
      Und zur wahren Buß erwecken.
    • 2. Jn Jambiſchen und Dactyliſchen. z. e.
      Es ſieht zwar uͤbel aus,
      Dennoch verzagen wir nicht,
      Denn GOtt ſchuͤtzt unſer Haus,
      Giebet auch, was uns gebricht.
    • 3. Jn Jambiſchen und Anapæſtiſchen. z. e.
    Wer nichts gelernet hak, muß ſtets im Kummer leben,
    Man wird ihm nimmermehr ein ehrlich Aemtgen geben:
    Wer aber wohl ſtudirt, iſt immer fort vergnuͤgt,
    Und weiß, daß rechte Kunſt doch endlich gluͤcklich ſiegt:
    Drum lernet und ſchwitzet ihr Menſchen bey zeiten,
    So wird euch ſchon einſten die Ehre begleiten.
  • Conf. Muſen-Cabinet p. 1259.
    • 4. Jn Trochaiſchen und Dactyliſchen. z. e.
Wer nach GOtt nicht fragt,
Auch nicht Menſchen ſcheuet,
Sondern alles wagt,
Das ihn nachmahls reuet,
Kommet am Ende zur aͤuſſerſten Noth,
Alles beſchimpfft ihn, ſein Leben und Tod.
5. Jn51von den Generibus der Verſe.
  • 5. Jn Trochaiſchen und Anapæſtiſchen. z. e.
Auf der Welt iſt lauter Graͤmen,
Wenn wir nur den Anfang nehmen,
Muͤſſen wir im Jammer ſtehn,
Endlich gar zu Grabe gehn:
So achte denn niemand die eitele Welt,
Als welche der einſten in Druͤmmern zerfaͤllt.
  • II. Jn einer Zeile. z. e.
O Menſch, laß dir doch rathen,
Thu ſtets loͤbliche Thaten.

10. Dieſes ſind alſo die drey vornehmſten Genera geweſen: Hat man ſonſt keine mehr?

Es ſind der uͤbrigen Generum mehr, als man wuͤn - ſchet. Jch will nicht von dem Genere Sapphico ſagen, welches gar ſchwer iſt, auch nicht wohl klinget, und deß - wegen gar ſelten gebraucht wird. Es klinget daſſelbe folgender maſſen:

Leget eure Luſt, werthe Freunde, nieder,
Vor den ſuͤſſen Thon blaſet Trauer-Lieder,
Denn der Winter hat uns mit Leid beſtreuet
ſchrecklich beſchneyet.

Auſſer dieſen hat es viel andere Genera, welche wir nach einander durchgehen wollen.

11. Welches Genus iſt allhier erſtlich zu mercken?

Die Oden, bey welchen ſich der Verſtand in einer jeden Strophe endigen ſoll. Bey den Oden aber ſind vornehmlich zwey Stuͤcke zu mercken:

D 31. Die52Das IV. Capitul
  • 1. Die Zeilen.
  • 2. Die Genera.

12. Wie viel Zeilen gehoͤren zu einer Strophe in der Ode?

Man iſt hiebey an keine Zahl gebunden, Denn man machet viel und wenig Zeilen, als:

  • I. Vier Zeilen z. e.
Ein Menſch, der ſeine Gaben
Vor andern ruͤhmen will,
Muß wenig Klugheit haben,
Sonſt ſchwieg er davon ſtill.
  • II. Sechs Zeilen.
    • vid. Muſen-Cabinet p. 9. 21. 165. 208. 577. 584. 602. 929. 1299. 1306. 1323.

Alſo gratulirte Anno 1703. ein vornehmer Leipziger dem nachmahls mit Ruhm regierenden Herrn Bur - germeiſter, Herrn D. Johann Alexander Chriſten in Leipzig, zu der nach Wurden erlangten Burgermeiſter - lichen Ehre folgender maſſen:

1.
Betruͤbtes Leipzig, freue dich,
Dein Moſes iſt zwar tod:
Allein es præſentiret ſich,
Jn dieſer deiner Noth,
Ein Joſua, der nimmt den Stab
Von deines theuren Falckners Grab.
2.
Ein Chriſt, ſoll dein Regente ſeyn,
Wohl dir, du werthe Stadt,
Trifft doch Platonis Ausſpruch ein,
Als der geſaget hat:
Dieſelbe Stadtſey hoͤchſt begluͤckt,
Der GOtt ein weiſes Haupt geſchickt.
3. Du53von den Generibus der Verſe.
3.
Du aher biſt weit beſſer dran,
Da dich ein Chriſt regiert;
Der Himmel ſchenckt dir ſolchen Mann;
Der That und Namen fuͤhrt,
Der als Pro. Conſul eine Zeit,
Stadt, Kirch und Schul allhier erfreu’t.
4.
Komm her, du werthe Buͤrger-Schaar,
Schweig mit dem Klagen ſtill,
Es ſteht ein Alexander dar,
Der dich beſchuͤtzen will,
Stellt ſich bey dir ein Kummer ein,
So wird er auch Johannes ſeyn.
5.
Die Laſt iſt zwar unſaͤglich groß,
So ein Regente traͤgt,
Daß auch wohl manchem dieſes Loß
Den Muth darnieder ſchlaͤgt:
Jedoch wem GOTT zur Seiten ſteht,
Der weiß, daß alles gluͤcklich geht.
6.
Wohlan! der Himmel ſchuͤtze dich,
Du Hochbelobter Mann,
Greiff nur getroſt und ritterlich
Den Regiments-Stab an;
Sey Atlas, welcher auch die Welt
Mit Luſt auf ſeine Schultern ſtellt.
  • III. Acht Zeilen. vid. Muſen-Cabinet p. 3. 74. 377. 486. 815. 844. 892. 1112.
Wenn and’re Leute ſitzen,
Und voller Freuden ſeyn,
So muß ich armer ſchwitzen,
Und leyde manche Pein:
D 4Doch54Das IV. Capitul
Doch denck ich ſtets bey mir,
Wer weiß, wielang es waͤhrt,
Daß ſich die Luſt bey dir,
Die Noth bey mir verkehrt.
  • IV. Zehn Zeilen:

Alſo ward auf Churfuͤrſtl. Durchl. zu Brandenburg Friderici III. Geburts-Tag A. 1694. bey der Inaugura - tion der Haͤlliſchen Univerſitaͤt folgendes gemacht. vid. Neu-eroͤffnetes Muſen-Cabinet p. 604. und 789.

Befremdets euch, ihr ſchoͤnen Himmels-Lichter,
Daß unſer Volck mit tauſend Lichtern geht?
Der aufgeweckte Thon? Die Freude der Geſichter?
So kommt, und ehrt mit uns des Brennus Majeſtaͤt;
Treibt die Schatten weit zuruͤcke,
Denn dergleichen Stern und Gluͤcke
Geht den Muſen ſelten auf:
Jſt uns wohl in dreyßig Jahren
Solche Ehre, ſolche Gunſt, ſolche Gnaͤde widerfahren,
Als in dreyer Tage Lauf?

13. Was vor Genera nehmen die Oden an?

Man kan alle gewoͤhnliche Genera der Verſe in den Oden anbringen, und zwar ſolches auf zweyerley Art, entweder ſo, daß nur ein Genus in einer Strophe iſt, oder ſo, daß mehr, als eines, darinnen iſt. Jene koͤnte man die ungemiſchten, dieſe aber die gemiſchten Oden nennen.

14. Wie ſehen denn die ungemiſchten Oden aus?

Wir wollen dabey die vornehmſten Genera durch - lauffen: Denn da haben wir

  • I. Jambiſche Oden, welche lange und kurtze Zeilenha -55von den Generibus der Verſe. haben, und die Reime auf allerhand Art verwech - ſeln koͤnnen. Es braucht es nicht, daß wir alle ſol - che Arten weitlaͤufftig durchlauffen: Denn wer das obige gemercket hat, wie man die Reime im Genere Jambico und andern Generibus auf mancherley Weiſe koͤnne abwechſeln laſſen, der wird ſolches auch gar leicht bey den Oden appliciren koͤnnen. Gleichwohl wollen wir zwey Jambiſche Oden an - fuͤhren. Mehr Exempel ſtehen im Muſen-Cabinet p. 9. 22. 73. 208. 577. 584.
    • 1. Eine von kurtzen Zeilen. Alſo ward unlaͤngſt ein neu-gebohrnes Toͤchtergen folgender maſſen be - willkommet.
1.
Willkommen, liebſtes Kind,
Willkommen in der Welt,
Wo deines gleichen ſind;
Du wirſt uns zugeſellt,
Nachdem wir dich von GOtt ſchon laͤngſt erbeten haben,
GOtt lob | wir koͤnnen uns an dir nunmehro laben.
2.
Verzeihe, daß ich mich
So langſam aufgemacht,
Jch hoͤre, daß man dich
Schon geſtern hergebracht.
Doch geſtern kunt ich dich, mein Engelgen, nicht kuͤſſen,
Man ließ mir Armen nichts von deiner Ankunfft wiſſen.
3.
Vielleichte wird es dir
Auch beute lieber ſeyn,
Denn geſtern nahmen mir
Den Platz viel ander ein,
D 5So56Das IV. Capitul
So dich bedieneten; heut iſt ein Raum erſchienen,
Deßhalben kan ich dich, mein Liebgen, wohl bedienen.
4.
O unvergleichlichs Pfand,
Sey tauſendfach begluͤckt,
Des Hoͤchſten Gnaden-Hand
Jſt uͤber dich geruͤckt,
Sie wird auch immerfort um deine Wiege bleiben
Und alles Ungemach von Leib und Seele treiben.
5.
Es ſey auch die vergnuͤgt,
So dich zur Welt gebahr,
Und dir zur Seite liegt,
Es muͤſſe die Gefahr
Von ihr und ihrem Herrn, dieweil ſie leben, weichen.
So werd ich meinen Zweck durch meinen Wunſch erreichen.
  • 2. Eine von laͤngern Zeilen. Alſo ſchrieb ich unlaͤngſt von der ſpeculativiſchen und practicablen Weißheit dieſes:
4.
Wer Weißheit liebt, iſt liebens werth,
Weil er den beſten Schatz aus allem Gut erwehlet;
Wer Weißheit hat, dem iſt beſchert,
Was auf der weiten Welt den meiſten Menſchen fehlet.
Wohl alſo dem, der Weißheit liebt,
Und welchen ſich dieſelb als Herrſcherin ergiebt.
2.
Doch dieſer Schatz iſt zweyerley:
Bey einem findet ſich die Weißheit im Verſtande;
Er glaubt, daß er der kluͤgſte ſey,
Und macht manch Staats-Decret in dem Gedancken-Lande:
Jn Praxi aber taug er nicht,
Weil ihm manch kluger Griff bey ſeiner Kunſt gebricht.
3. Ein57von den Generibus der Verſe.
3.
Ein andrer weiß ſein Weißheits-Pfund,
Wenn er was machen ſoll, klug an den Mann zu bringen,
Und deſſen Witz wird eilend kund,
Man ſiehet den und den zu ſolchem Weiſen dringen,
Den lobet man an jenes ſtatt,
Weil er ſehr viel beſitzt, was jener gar nicht hat.
  • II. Trochaiſche Oden. vid. Muſen-Cabinet p. 90. 109. 106. 377. & 378. 381. 383. 463. 491. 522. 535. 538. 792. 864. 1179. 1224. Alſo verfertigte ein guter Freund folgendes, als S. Koͤn. Majeſt. in Preuſ - ſen An. 1701. von der Croͤnung aus Preuſſen wie - der in die Marck zuruͤcke kam, und einem Ritter - ſchlage zu Sonnenburg beywohnen wolte.
1.
Groſſer Koͤnig, nimm mit Gnaden
Deines Knechtes Opffer an,
Deſſen Hertz mit Luſt beladen,
Die er nicht verbergen kan:
Nun du groſſer Friederich,
Siehſt mit Gnaden auch auf mich.
2.
Preuſſen wird begluͤckt geſchaͤtzet,
Daß es dir Hochtheurer Held,
Deine Cron aufs Haupt geſetzet,
Und den Scepter dargeſtellt:
Doch die Marck iſt mehr begluͤckt,
Weil ſie dich nun ſtets erblickt.
3.
Deine Majeſtaͤt durch dringet
Aller Unterthanen Bruſt,
Und dein Vater-Hertze bringet
Jhnen uͤberhaͤuffte Luſt,
Ohne58Das IV. Capitul
Ohne deine Gegenwart
Wird das Blut im Leibe hart.
4.
Drum ſey tauſendmahl willkommen;
Landes-Vater, frommer Fuͤrſt,
Aller Schmertz iſt weggenommen,
Wenn du uns gegoͤnnet wirſt;
Wir verehren deine Cron,
Deiner Macht und Thaten Lohn.
5.
Alle Teutſchen jubiliren,
Daß den Maͤrckiſchen Trajan
Jetzund Cron und Scepter zieren;
Sonnenburg tritt auf den Plan,
Und ruͤhmt ihren groſſen Held,
Der ſich bey ihr eingeſtellt.
6.
D du helle Landes Sonne!
Schein uns ferner gnaͤdigſt an;
Und verſchaffe Krafft und Wonne,
Daß man recht gedeyen kan;
Reiche deinen Biſchoffs Stab
Uber Kirch und Schul herab.
7.
Sey Auguſto gleich an Jahren,
Kluger Koͤnig, GOttes Hand
Taſſe dich viel Heyl erfahren,
Und beſchuͤtze ſelbſt dein Land;
Unſ’re Wuͤnſche mehren ſich: Vivat Koͤnig Friederich!
  • III. Dactyliſche Oden. z. e.
Sehet, wie hat ſich das Maͤdgen geputzt,
Glaͤntzet doch alles von unten bis oben:
Heute wird billig ihr Anblick erhoben,
Weil ſie vor allen als Koͤnigin ſtutzt;
Se -59von den Generibus der Verſe.
Sehet, wie lieblich ſind ihre Geberden,
Wer ſie betrachtet, müſſt ſelber ſo werden.
  • IV. Anapæſtiſche Oden. z. e.
Bekehre dich, Haͤnsgen, und werde geſcheuter,
Sonſt bleibeſtu warlich ein armer Baͤrnheutrr;
Sey fleißig beym Buche, ſo wirſtu gelehrt,
Und weiter durch keine Beſchimpffung geſtoͤrt:
Denn weiß man ſein Leben manierlich zu fuͤhren,
So kan man viel Goͤnner und Freunde verſpuͤren.

15. Wie verhalten ſich nun auch die ge - miſchten Oden?

Es werden bey denſelben in einer Strophe zwey, auch wohl drey Genera mit einander vermiſchet. Dannen - hero findet man Oden.

  • I. Von Jambiſchen und Trochaiſchen Verſen. z. e.
Friſch auf, mein Geiſt verzage nicht,
Es kommt ein Wechſel an,
Der alles, was dir jetzt gebricht,
Erwuͤnſcht erſetzen kan:
Drum ſo weichet alle Klagen,
Denn ich kan von Gluͤcke ſagen.

Siehe das Muſen-Cabinet p. 789. 1259.

  • II. Von Jambiſchen und Dactyliſchen Verſen. z. e.
Ach ſagt mir nichts von Gold und Schaͤtzen,
Von Pracht und Schoͤnheit dieſer Welt,
Es kan mich ja kein Ding ergoͤtzen.
Was mir die Welt vor Augen ſtellt:
Liebet, was eure Gedancken vergnuͤgt,
Wiſſet, daß JEſus mein Hertze beſiegt.
  • III. Von Jambiſchen und Anapæſtiſchen Verſen. z. e.
Was iſt doch dieſe Welt?
Ein Jammer-volles Feld,
Auch60Das IV. Capitul
Auch bey den beſten Tagen,
Hat man gar groſſe Plagen:
Drum bleibet derſelbige hoͤchſtens begluͤckt
Der ſeine Gedancken zum Himmel geſchickt.

Siehe das Muſen-Cabinet p. 1259.

  • IV. Von Trochaiſchen und Dactyliſchen Verſen. z. e.
Kunſt hat jederzeit erhoben:
Drum muß man denſelben loben,
Der nach guten Kuͤnſten ſtrebt:
Wer hingegen muͤßig lebt,
Gleichet den Eſeln, ſo Freude verſpuͤren,
Wenn ſie die laſtbaren Saͤcke verlieren.
  • V. Von Trochaiſchen und Anapæſtiſchen Verſen. z. e.
Gut macht Muth! wem Geld gebricht,
Achtet mancher Freude nicht:
Doch es wirfft ein edier Sinn
Seine Freude niemahls hin:
Denn iſt nur die Tugend ins Hertze gegraben,
So wird man gar wenig von Traurigkeit haben.

16. Hat man auſſer gedachten Oden keine andere mehr?

Es ſind derer noch etliche, als:

  • 1. Madrigaliſche Oden.
  • 2. Pindariſche Oden.
  • 3. Ringel-Oden.
  • 4. Nach-Oden.

17. Wie ſind die Madrigaliſchen Oden beſchaffen?

Wenn man dieſes recht verſtehen will, ſo muß man dieſe zwey Stuͤcke beſonders anſehen:

  • 1. Was ein Madrigal ſey.
2. Was61von den Generibus der Verſe.
  • 2. Was die Madrigaliſchen Oden ſeyn.

18. Was iſt denn ein Madrigal?

Ein Madrigal iſt ein kurtzes, dabey aber ſcharffſin - niges Gedichte, da man die vorhabende Materie ent - weder mit einer nachdencklichen Sentenz anfaͤnget, oder - beſchlieſſet. Es iſt aber noͤthig, daß man bey den Ma - drigalen betrachtet

  • 1. Die Zeilen. Nun werden in den gemeinſten Ma - drigalen 7. 8. 9. 10. oder 11. Zeilen angetroffen: Doch giebt es auch Madrigale von 12. 13. 14. 15. bisweilen auch von 6. Zeilen; ingleichen fin - det man Madrigale von 6. auch wohl nur von 5. Zeilen. Und dieſe kleinen werden Madrigal - lettchen gennet.
  • 2. Die Reime. Jn den Madrigalen bleibet biswei - len eine, manchmahl auch zwey bis drey Zeilen ungereimt, und das werden Waͤyſen-Verſe genennet, weil ſie gleichſam keine Eltern oder gleichlautende Reime haben, die ſich ihrer an - nehmen, ſondern als verlaſſene Wayſen allei - ne ſtehen muͤſſen. Hingegen bleibet in man - chen Madrigalen keine Zeile ungereimt, ſon - dern es finden ſich darinnen wohl drey Zeilen, welche ſich mit einander reimen. Doch hat man dabey die Freyheit, daß man die reimen - den Zeilen entweder bald hinter einander, oder andere darzwiſchen ſetzen kan.
  • 3. Das Genus. Die Madrigale pflegen gemeiniglich aus Jambiſchen Verſen zu beſtehen: Jedochgie -62Das IV. Capitulgiebet es auch etliche von Trochaiſchen, Dacty - liſchen und Anapæſtiſchen Verſen. Ja in man - chen miſchet man Jambiſche und Trochaiſche, oder Jambiſche, Dactyliſche und Anapæſtiſche, bisweilen auch wohl Trochaiſche, Jambiſche und Dactyliſche unter einander.
  • 4. Die Sylben. Jnsgemein ſind die Zeilen in den Madrigalen von 6. 7. und 8. Sylben, jedoch ſteigen ſie bisweilen bis auf 11. Sylben, da denn der Abſchnitt auf der vierdten Sylbe iſt. Manchmahl beſtehen die Zeilen auch aus mehr, als 11. Sylben. Und da kan man nach Belie - ben bald eine lange, bald eine kurtze Zeile ſetzen. Es wird nicht noͤthig ſeyn, daß wir von allen Gattungen Exempel anfuͤhren, weil der Platz dazu zu enge werden wuͤrde, und weil ſich der jenige auch hier gar leicht drein ſchicken wird, der das Fundament aus obigen Manieren der Verſe gefaſſet hat. Dannenhero ſetzen wir nur ein einiges Exempel von einem Madrigal her, es iſt ſolches ein Leichen-Gedichte:
Mein Pilgram, eile nicht,
Laß dich die blaſſen Todten lehren,
Daß deine ſchnelle Flucht zerbricht,
Wenn nur ein Stein wird deinen Fuß verſehren,
Jch ſchlieſſe nun den Reſt der Jahre,
Wie meine Leibes-Lichter zu,
Mein Wohnhaus heiſt die ſchwartze Toden-Bahre,
Der Tod der Port der Ruh.
Die Seele geht zu GOtt hinauf,
Was ſchadet mir der kurtze Lebens-Lauf?
Der Tugend Ruhm will ſelbſt den Grabſtein legen,
Wor -63von den Generibus der Verſe.
Worauf man dieſes ſetzen ſoll:
Wer wohl gelebt, der kan niemahls erſterben,
Wenn gleich der Geiſt entweicht,
Die Tugend laͤßt das Leben nicht verderben,
Der lebt auch, wenn er ſtirbt, der Laſter fleucht.

19. Was ſind nun auch die Madrigali - ſchen Oden?

Man findet hievon vielerley Arten, die vornehmſten davon ſind folgende zwey, als:

  • I. Wenn man in den Oden bald lange, bald kurtze Zei - len machet, und manchmahl eine, auch wohl mehr Zeilen mit untermenget, auf die ſich ent - weder keine andere reimet, oder auf die ſich et - liche andere reimen. Und ſolche Ode heiſſet ein Madrigalon. z. e. Auf den Tod eines wohlge - rathenen Kindes:
Wie wird der Eltern Hertz,
Der Eltern, die in einer See von Thraͤnen baden,
Der Eltern, die voll Angſt und Schmertz,
Mit Centner ſchwerer Laſt beladen,
Wie wird es ihnen nun mit deinem weggeriſſen,
Die, da ſie dich verliern, kaum von ſich ſelber wiſſen,
So ſchwerlich ſcheidet nicht der Geiſt von ſeinen Gliedern,
Als jetzund Sie von dir ſich abgetrennet ſehn,
Ach ja! Es iſt geſchehn!
Du gehſt dahin, du deines Hauſes Wonne,
Vergeblich klagt man dich mit tauſend Thraͤnen-Liedern.
Du war’ſt der Deinen Sonne.
Wie gab dein Morgen uns ſo einen hellen Schein,
Der in dem Mittag auch nicht koͤnte heller ſeyn.
Nun aber loͤſcht die ſchwartze Nacht denſelben aus,
Da du den Sarg zu Lohne kriegeſt,
Ja deiner Eitern Hertz und Haus
Jſt finſt’rer, als das Grab, darinn du Engel liegeſt.
EII. Wenn64Das IV. Capitul
  • II. Wenn unter etliche Madrigale eine Arie gemen - get wird, dergleichen man ſonderlich in den Opern antrifft. z. e. Jn der Opera von Ferdi - nando und Iſabella, ſo An. 1703. zu Leipzig an der Neu-Jahrs-Meſſe præſentiret wurde, re - dete Sebaſtian, Ferdinands Diener, Actu I. Sce - na 5. folgender Geſtalt:
So tret ich nun in einen neuen Orden,
Und bin ein Jaͤger worden.
Jch ſchicke mich nicht drein.
Das Waide-Meſſer wird mein Lohn,
Und beſtes Trinck-Geld ſeyn.
Jedoch ich ihue, was ich kan,
Und zwar gantz unverdroſſen,
Schieß ich kein Wild nicht an,
So bin ich ſelbſt geſchoſſen,
Und laͤuffet nichts ins Netz hinein,
So muß ich ſelbſt ein Haſe ſeyn.
Ja kan ich keinen Hirſch erjagen,
So muß ich ſelbſt die Hoͤrner tragen.
ARIA
Viel Menſchen gleichen ſich den Thieren,
Der eine traͤgt ein Hirſch-Gewey,
Und jener kommt den Haſen bey;
Der ſcheint ein ſchlauer Fuchs zu ſeyn,
Der ander gar ein wildes Schwein.
Und dieſes kan man taͤglich ſpuͤren,
Viel Menfchen gleichen ſich den Thieren.
(Da ſtolperte er uͤber einen Baͤr.)
Oho, wer hat dich denn erſchoſſen?
Halt, halt du liebes Thier,
Du giebeſt mir
Noch einen praven Poſſen.
Jch will dich hier vom Orte tragen
Und alsdenn ſagen,
Jch haͤtte dich gefaͤllt.
Wer65von den Generibus der Verſe.
Wer weiß, was ich mit dieſer Luͤgen,
Vors Jaͤger-Recht kau kriegen,
Komm her, huck auf, der Hencker du biſt ſchwer,
Jch kan dich auch wohl ſchleppen.

Siehe das Muſen-Cabinet p. 1233. 1246. 1333.

20. Genug von den Madrigaliſchen Oden: Wie ſtehet es nun um die Pindariſchen Oden?

Wenn wir hiebey deutlich wollen unterrichtet ſeyn, ſo muͤſſen wir folgende vier Stuͤcke wohl mercken, als:

  • I. Die Stuͤcke dieſer Oden. Es gehoͤren aber zu den Pindariſchen Oden hauptſaͤchlich drey Stuͤcke, nemlich
    • 1. Propoſitio, oder der Satz,
    • 2. Aſſumtio, oder der Gegenſatz,
    • 3. Concluſio, oder der Nachſatz.
  • II. Den Grund dieſer Oden. Wenn man die Sache genau anſtehet, ſo beruhet das gantze Weſen mit den Pindariſchen Oden
    • Entweder auf einer Connexion per Syllogiſmum, und iſt der Satz Major, der Gegenſatz Mi - nor, und der Nachſatz Concluſio. Es kan auch der Satz Minor, der Gegenſatz Major, und der Nachſatz Concluſio ſeyn.
    • Oder auf einer Connexion per Antecedens & Con - ſequens, da der Satz Antecedens, der Gegen - ſatz Conſequens, und der Nachſatz Formula Finalis iſt.
    • Oder auf einer Connexion per Theſin & Hypo -E 2theſin,66Das IV. Capitultheſin, und iſt der Satz Theſis, der Gegen - ſatz Hypotheſis, und der Nachſatz Formula Finalis. Denn an das Wort Gegenſatz darf ſich niemand ſtoſſen, und meynen, als muͤſ - ſe es ſeinem Namen nach eben ein Contrarium ſeyn. Keines weges; denn es kan darein bald eine Ætiologie, bald ein Simile, Exemplum, und andere Amplification geſtecket werden.
  • III. Das Genus der Verſe in dieſen Oden. Hier er - fordert der Satz und Gegenſatz einerley Ge - nus, es mag nun ſolches Jambiſch, Trochaiſch, Dactyliſch, oder Anapæſtiſch, oder auch ein Madrigal ſeyn. Der Nachſatz hingegen will ein gantz ander Genus haben, als in dem Satz und Gegenſatz gebrauchet worden. Wiewohl dieſes letztere gar ſelten beobachtet wird, doch pfleget die Laͤnge der Zeilen in dem Nachſatz anders zu ſeyn, als in dem Satz und Gegenſatz.
  • IV. Die mancherley Arten dieſer Oden. Es giebt bey denen Pindariſchen Oden vornehmlich dreyerley Gattungen, denn
    • 1. Kan darinnen nur ein Satz, ein Gegenſatz und ein Nachſatz gebrauchet werden, ſiehe das Muſen-Cabinet p. 1343.
    • 2. Kan man zwey auch wohl mehr Saͤtze, und eben ſo viel Gegenſaͤtze und Nachſaͤtze auf einan - der folgen laſſen.
    • 3. Kan man zwey und mehr Saͤtze und Gegen - ſaͤtze, aber nur einen Nachſatz machen.
Mehr67von den Generibus der Verſe.

Mehr Weitlaͤufftigkeit iſt hier nicht von noͤthen, deß - halben wollen wir nur eine eintzige Pindariſche Ode zur Probe mit nehmen. Es beklaget nemlich ein Bruder das Abſterben ſeiner geliebteſten Schwe - ſter.

Erſter Satz.
Nun, Schweſter, du gehſt hin,
Und zwar in voller Bluͤthe,
Drum ſtarret mein Gemuͤthe,
Es ſchwindet Geiſt und Sinn.
Denn, waͤr ich gleich von Eiſen,
Ein Loͤw und Tieger-Thier,
So muß ich dennoch dir
Die Thraͤnen-Pflicht erweiſen,
Diß eine kan ich nur,
Und lehrt mich die Natur,
Ach leyder! zu geſchwinde,
Jndem ich ſelbſt empfinde,
Was dir den Stoß gethan,
Und zu der Grabes-Bahn
Die Thuͤren aufgeſchloſſen.
Hier wein’t dein lieber Mann,
Der dich nicht miſſen kan,
Und deiner kaum genoſſen.
O Schmertz, die Eltern weinen auch
Gantz wider der Natur Gebrauch.
Erſter Gegen-Satz.
Diß Leben iſt gewiß
Ein Rauch, der bald verrauchet,
Was unſre Kehle hauchet,
Wie bald verſchwindet diß;
Die Jungen und die Alten
Bedecket eine Grufft,
Wo ſie ſpeißt eine Lufft,
Die Runtzeln und die Falten
E 3Der68Das IV. Capitul
Der Jahr und Zeiten Spur,
Sind nicht die Furchen nur,
Worein der Todt ſich praͤget,
Und ſeine Sichel ſchlaͤget.
Das Grab ſteht offen, auch
Selbſt in der Mutter Bauch;
Ein Menſch kan kaum beſehen,
Den Labyrinth der Welt,
So iſt es ſchon beſtellt,
Menſch, du muſt fuͤrder gehen,
Und endlich kommt der Schluß heraus,
Die Welt iſt nur ein Pilgrims Haus.
Erſter Nach-Satz.
Nun wir zuͤnden auch mit Schmertzen,
Dir, o Schweſter, Kertzen an,
Und gehn dieſe Trauer-Bahn,
Mit Betruͤbniß-vollem Hertzen,
O wie kan wohl eine Pein
Je und immer groͤſſer ſeyn.
Dort die Liebſte, hier die Schweſter,
Was verknuͤpffet doch wohl feſter.
Gehets endlich an den Riß,
Ach ſo fuͤhlt man, daß das Scheiden
Kan die Seele ſelbſt zerſchneiden,
Steinern waͤre, der’s verbiß.
Anderer Satz.
Es iſt doch wohl gethan
Und iſt des Himmels Wille,
Drum ſchweige man nur ſtille,
Sie iſt ja nur voran,
Zun Sternen hingeſchicket:
War ſie ein junges Blut:
Wohlan es iſt auch gut,
So iſt ſie nicht beſtricket,
Und kommt nicht mehr in Schuld,
Drum habet nur Gedult:
Sie69von den Generibus der Verſe.
Sie hat nie was verbrochen,
Noch ſich’allhier verkrochen:
Denn fromm ſeyn war ihr Ziel,
Doch kommt ſie mit ins Spiel,
Und liegt nun in der Aſchen,
Es laͤuffet Jung und Greiß
Durch Land, durch Meer und Eiß,
Nur etwas zu erhaſchen;
Der ſtreicht wohl gar zum Teuffel zu.
So ſpielt der Weltmann blinde Kuh.
Anderer Gegen-Satz.
Diß Hertz iſt unverfuͤhrt,
Und ohne falſch geweſen,
Das Tugend auserleſen,
Und ihr nur nachgeſpuͤrt;
Drum muſte ſie verlaſſen
Das Babel dieſer Welt,
So in ſich ſelbſt zerfaͤllt.
Und alle Frommen haſſen.
Hier iſt nur Dunſt und Schein,
Wir ſeyn kaum, wenn wir ſeyn,
Man laſſe GOtt nur walten,
Der lange Hausgehalten,
Man kuͤſſe ſeine Hand,
Nehm an des Creutzes Pfand,
Er weiß, was ſeinen Kindern
Kan gut und dienlich ſeyn.
Solt er ſie laſſen? Nein, o nein,
Er wird ihr Gluͤck nicht mindern.
Wohlan! So ſteigt man Himmel an,
Diß iſt die rechte Lebens-Bahn.
Anderer Nach-Satz.
Nun wir wollen unterdeſſen,
Weil das Lebens-Feuer glimmt,
Und der Geiſt die Lufft vernimmt,
Deines Namens nicht vergeſſen;
E 4Es70Das IV. Capitul
Es ſoll deiner Tugend-Ruhm,
O du deiner Zeiten Blum,
An den blauen Himmels-Spitzen
Nunmehr einverleibet ſitzen.
Und wir lernen das dabey:
Dieſer Welt ſey nicht zu trauen,
Noch auf ihre Luſt zu bauen,
Und daß alles nichtig ſey.

21. Was iſt nun auch bey den Ringel-Oden zu mercken?

Man muß dabey dieſe 3. Stuͤcke wohl behalten, als:

  • I. Den Grund dieſer Oden. Es gruͤnden ſich aber die Ringel-Oden auf die Ringel-Reime, welche von den Frantzoſen Rondeau genennet werden. Sol - che Ringel-Reime nun beſtehen darinn, daß der An - fang und das Ende einerley Worte haben. Und eben daher heiſſen ſie auch Ringel-Reime, weil ſie gleichſam im runten Kreiſſe und Ringel herum lauffen, bis ſie wieder ihren Anfang antreffen. Dergleichen Reime trifft man auf zweyerley Art an
    • 1. Jn zwey Zeilen. z. e.
O hoͤchſt betruͤbte Zeit! Wenn Mars im Lande ſchrey’t,
Und alles nieder reißt. O hoͤchſt-betruͤbte Zeit.
  • 2. Jn gantzen Strophen. z. e.
Ach meide ja den Wein! Denn dieſer leert den Beutel,
Und macht gantz unvermerckt honete Seelen eitel.
Wer offt zum Weine geht, kan nicht begluͤcket ſeyn:
Drum ſag ich noch einmahl: Ach meide ja den
Wein.
II. Das71von den Generibus der Verſe.
  • II. Das Genus der Verſe in dieſen Oden. Hierinn hat ein Poëte die Freyheit, ein Genus zu erwehlen, welches er will, und welches ſich am beſten zu den - jenigen Worten ſchicket, darinnen die Ringel - Reime beruhen. Ja er kan auch die Madrigali - ſche Oden zu Huͤlffe nehmen.
  • III. Die mancherley Arten dieſer Oden. Es kom - men hiebey ſonderlich folgende Manieren vor, als:
    • 1. Da nur eine Zeile mit eben den Worten am An - fang und