PRIMS Full-text transcription (HTML)
Lyriſche und andere Gedichte.
Neue und um die Haͤlfte vermehrte Auflage.
Mit allergnaͤdigſten Freyheiten.
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Anſpach, zu finden beyJacob Chriſtoph Poſch.1755.

Dieſe wenigen Gedichte brauchen kei - ner weitlaͤuftigen Vorrede. Ein großer Theil derſelben iſt nicht neu, ſondern ſchon ſeit einiger Zeit gedruckt. Es ſind die lyri - ſchen Gedichte, die in den zweyen erſten Buͤ - chern dieſer Sammlung enthalten ſind, meh - rentheils vor fuͤnf Jahren bereits von einem beruͤhmten Freunde zum Drucke befoͤrdert, itzo aber nochmals ſorgfaͤltig durch ſehen, und vieles daran geaͤndert, wo nicht verbeſſert wor - den. Jm dritten und vierten Buche befin - den ſich diejenigen Lieder, welche die lyriſche Muſe erſt nach jener Sammlung gedichtet hat. Sie ſind in der Ordnung verfertiget worden, wie ſie hier ſtehen.

Der Sieg des Liebesgottes hat ebenfalls ſchon im abgewichenen Jahre die Preſſe ver - laſſen; da hingegen die vier angehangnen Briefe ſich zum erſtenmal der oͤffentlichen Critik darſtellen.

Es iſt gar kein Zweifel, daß ohngeachtet aller angewandten Muͤhe noch ſehr viel an allen dieſen Stuͤcken mit Grunde getadelt werden koͤnne. Die ausbeſſernde Hand des Dichters ſelbſt iſt mehr aus Muͤdigkeit, als) (2inin der ſtolzen Einbildung, daß nunmehr al - les vollkommen ſey, zuruͤckgezogen worden.

Da uͤbrigens der deutſche Parnaß mit ſich ſelbſt uneinig und in gewiſſe Secten getren - net iſt: ſo kann kein heutiger Dichter ſich ei - nen gewiſſen und allgemeinen Beyfall verſpre - chen. Er wird allezeit von einigen getadelt werden, bloß weil er von andern gelobet wird. Es koͤnnte leicht kommen, daß dieſe Gedichte noch ein haͤrteres Schickſal zu ge - warten haͤtten, und vielleicht dem Dichter aus dem Petronius zugeruffen wuͤrde:Adoleſcens, ſermonem habes non publici ſaporis.

Sollte er aber bloß deswegen mit ſeinen Meinungen, in Sachen, die den guten Ge - ſchmack betreffen, geheuchelt haben, weil ſie von den Grundſaͤtzen anderer angeſehenen Kunſtrichter abgehen?

Wie er ſich ſelbſt der im Reiche der Wiſ - ſenſchaften hergebrachten Freyheit, ſeine Ge - danken offenherzig herauszuſagen, mit Be - ſcheidenheit bedienet hat: ſo wird es ihm auch nicht znwider ſeyn, wenn andere ſich ei - ner gleichen Freyheit gegen ihn ſelbſt gebrau - chen. Er wird ſich zu belehren ſuchen, wo er Unterricht findet; und wo er dieſen nicht findet, wenigſtens zu ſchweigen wiſſen.

Jnn -

Jnnhalt. Lyriſche Gedichte.

  • Erſtes Buch. Seite
    • An Herrn Secretaͤr Gleim 1742. 3
    • Der Fruͤhling 1742. 7
    • An Chloen. 11
    • An Chloen. 13
    • An Chloen. 15
    • An Chloen. 17
    • Der Traum. 18
    • Der Morgen. 19
    • Morgenlied der Schaͤfer. 21
    • Fruͤhlingsluſt. 23
    • Die Zufriedenheit. 25
    • Magiſter Duns28
    • Die Wuͤnſche. 30
    • An Amorn. 31
    • Die Muſe bey den Hirten. 32
    • Das beunruhigte Deutſchland. 33
    • Die lyriſche Muſe. 36
  • Zweytes Buch.
    • An das Gluͤck. 39
    • Weinleſe. 42
    • Vergleichung der alten und heutigen Deutſchen. 44
    • ) (3Der
    • Seite
    • Der Abend,47
    • Das Orakel. 49
    • Die Geliebte. 51
    • Die Liebesgoͤtter. 52
    • Ermunterung zum Vergnuͤgen. 54
    • Der Weiſe auf dem Lande. 56
    • An Venus. 60
    • Die verſoͤhnte Daphne. 62
    • Der verlohrne Amor. 64
    • Der May. 65
    • Die Wolluſt. 67
    • Silen71
  • Drittes Buch.
    • Tempe. 75
    • Morpheus. 79
    • Ein Gemaͤhlde. 82
    • Neujahrswunſch des Nachtwaͤchters von Ternate. 84
    • Amor und ſein Bruder. 87
    • Die Wiſſenſchaft zu leben. 89
    • Der ſtandhafte Weiſe. 92
    • Die Sommerlaube97
    • Die Roſe. 99
    • Der Sommer und der Wein. 100
    • Die Freude. 101
    • Die wahre Groͤſſe. 104
    • Der Winter. 109
    • Seite.
    • Die Nacht. 111
    • Die froͤhlige Dichtkunſt. 112
  • Viertes Buch.
    • Die Gluͤckſeligkeit. 117
    • Der Tobacksraucher. 120
    • An die Muſen. 123
    • Die Trinker. 125
    • An Galathee. 127
    • Die Grotte der Nacht. 129
    • Die Dichtkunſt. 133
    • An die Deutſchen. 138
    • An Herrn Baron von C*. 141
    • Empfindungen an einem Fruͤhlingsmorgen. 143
    • Die Liebe147
    • Der Schaͤfer. 150
    • Palinodie151
    • An die Scherze. 153
    • Die ruhige Unſchuld. 155
    • Theodicee. 157
Der
  • Seite.
  • Der Sieg des Liebesgottes, ein Gedicht. 165
  • Briefe.
    • An Herrn Hofrath B*201
    • An Herrn Secretaͤr G*218
    • An Herrn Hof-Advocat Gr**229
    • An Herrn Hofrath C*235

Jn der Poſchiſchen Buchhandlung, iſt neu zu finden: Der Freund, 1ter Band, in gros Octav, koſt 1. Rthl. 2. gute Groſchen. Wird woͤchentlich mit ei - nem Bogen fortgeſetzet.

Hn. von Hagendorns, Fabeln und Erzaͤhlungen in 8. 1753. vor 8. gute Groſchen.

[1]

Lyriſche Gedichte in Vier Buͤchern.

[2][3]
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Erſtes Buch.

An Herrn Secretaͤr Gleim.
Mein Gleim, der in begluͤcktrer Luft
Mich halben Wilden oft bedauert,
Mich oft aus dieſer Wuͤſte ruft,
Wo noch mein Saitenſpiel an duͤrren
Straͤuchen trauert!
Wie reizet mich der Muſen Ruhm,
Die um die ſtolze Spree erwachen,
Wo ihr verfallnes Heiligthum
Mit neuem Glanze ſtrahlt, und Roſen ihnen lachen!
Denn hoͤre, was dein Freund hievon,
Bey dieſes Gluͤckes Anbruch, hoͤrte,
Am bluhmenvollen Helicon,
Als tief im Lorbeerwald ihn Pindar einſam lehrte.
A 2Den4Lyriſche Gedichte
Den Hayn durchflog ein Luſtgeſang;
Die heilge Stille wich von hinnen:
Jch ſah, indem ich naͤher drang,
Jch ſah den Muſengott und alle Pierinnen.
Sie ſungen voll zufriedner Luſt;
Der necktarvolle Becher glaͤnzte;
Es reichten ihn, mit nackter Bruſt,
Die jungen Grazien, die Roſ und Myrth umkraͤnzte.
Bald ſchloſſen Alle Hand in Hand;
Ein Reihentanz ward angefangen:
Da floß ihr unbewahrt Gewand
Jn Thau und Bluhmen hin; es brannten ihre Wangen.
Mit Recht war iede Muſe froh:
Dein Koͤnig hieß die Waffen ſchweigen.
Wer hoffte nicht, als Mavors floh,
Nun wuͤrde Friedrichs Huld ſich zu den Muſen neigen?
Und gleich lud Fama, froh erhitzt,
Sie nach Berlins gewuͤnſchten Auen:
Dort, Muſen! ſprach ſie, ſollt ihr itzt
Athen zum andernmal im alten Flore ſchauen.
Sie5Erſtes Buch.
Sie ſprach und floh; und Phoͤbus fiel
Mit raſcher Hand in ſeine Saiten:
Er ſang und ließ ſein Saitenſpiel,
Voll Necktars und voll Luſt, ſein goͤttlich Lied begleiten.
Begluͤcktes Reich! der Laͤnder Zier!
Brach Phoͤbus aus; und alles lauſchte:
Es ſchwieg das luͤſterne Revier;
Es ſchwieg der laute Weſt, der in den Lorbeern rauſchte.
Ja! fuhr er fort, begluͤcktes Reich,
Wo Friedrich herrſcht, wie Vaͤter pflegen,
Gleich groß und ſtets Minerven gleich,
Es ſchwinge ſeine Fauſt den Oelzweig oder Degen!
Jch ſeh ihn! welch ein kuͤhner Held!
Der ſchnelle Sieg fliegt ihm zur Seite.
So kommt der Kriegsgott aus dem Feld;
So furchtbar gluͤht ſein Blick, entflam̃t vom wilden Streite!
Doch Friedrich will geliebet ſeyn:
Er wird bald muͤde, ſtets zu ſchrecken;
Und haͤngt im nahen Palmenhayn
Die guͤldnen Waffen auf, die Staub und Blut dedecken:
A 3Und6Lyriſche Gedichte
Und wirft ſich, da der Sieg ihm lacht,
Dem Frieden in die holden Arme,
Da neben ihm die Weisheit lacht,
Voll Glanzes und umringt von kluger Freuden Schwarme.
Wie wird nunmehr die guͤldne Zeit
Jn ſeinen Staaten ſich verjuͤngen,
Und uͤberall Zufriedenheit
Und reicher Ueberfluß die ſichren Fluͤgel ſchwingen!
Drum eilt auch ihr an Friedrichs Bruſt,
Jhr Muſen, mit dem aͤchten Witze!
Er winket euch! ſeyd ſeine Luſt,
Und weicht hinfort nicht mehr vom koͤniglichen Sitze:
Und lehrt am ewigen Berlin,
Auf das die Welt bewundernd ſchauet,
Wie herrlich alle Kuͤnſte bluͤhn,
Wenn ein Monarch ſie pflegt, und Gnade ſie bethauet.
Der7Erſtes Buch.
Der Fruͤhling.
Jch will, vom Weine berauſcht, die Luſt der Erde
beſingen,
Jhr Schoͤnen! eure gefaͤhrliche Luſt,
Den Fruͤhling, welcher anitzt, durch Florens Haͤnde be -
kraͤnzet,
Siegprangend unſre Gefilde beherrſcht.
Fangt an! ich gluͤhe bereits; fangt an, holdſelige Saiten!
Entzuͤckt der Eccho begieriges Ohr!
Toͤnt ſanft durchs ruhige Thal! da lauſchen furchtſame
Nymphen,
Nur halb durch junge Geſtraͤuche bedeckt.
Wer kommt vom Huͤgel herab, voll unausſprechlicher
Anmuth,
Dem Glanz die froͤhlige Stirne beſtrahlt,
Den Philomele begruͤßt? Jhm duͤften fruͤhe Violen;
Jhm gruͤnt der Erde beſchattete Schoos.
Wunſch meiner Muſe, du kommſt! O Fruͤhling,
Wonne Dionens,
Du kommſt, vom feurigen Amor umarmt!
Und Amors muthige Fauſt ſchwingt ſiegbegierige Pfeile:
Die ſtolzen Sterblichen huldigen ihm.
A 4Ein8Lyriſche Gedichte
Ein Schwarm der Freuden ereilt vor dir muthwillige
Weſte,
Jn Taͤnzen, welche die Floͤte belebt:
Vor dir ſcherzt Hebe dahin: es lachen lauere Luͤfte
Dich, Kind der Sonne! gefaͤlliger an.
Durchzeuch nicht laͤnger, o Nord! verheerend unſre Gefilde!
Entfleuch nach ewigem Eiſe zuruͤck:
Weil nun der ſchoͤnere Lenz, den Zephyrs Fittige kuͤhlen,
Siegprangend unſre Gefilde beherrſcht!
Sie bluͤhn, vom Thaue beperlt, und Anmuth lachet
in allen;
Es lacht die ganze ſmaragdene Flur,
Jn deren Arme ſo oft, bey friſcher Baͤche Geſchwaͤtze,
Der Schlaf mein williges Auge beſchleicht.
Berg, Thal und Aue beſaͤt der Bluhmen praͤchtige
Menge:
Voll Stolz auf ihre beliebte Geſtalt,
Buͤckt ſich doch iede daſelbſt vor dir, du Bluhme Lyaͤens,
Die ſuͤſſem Scherze geheiliget iſt!
Schmuͤck9Erſtes Buch.
Schmuͤck itzt mein finſteres Haar! Wenn du mich, Roſe!
bekraͤnzeſt,
Und Bacchus meine Geſaͤnge beſeelt:
Flieht ſchnell mein trauriger Ernſt; da klingt die Laute
bezaubernd
Jn meiner Muſe geſchaͤftigen Hand.
Sie ſelbſt auch werde bekraͤnzt, die nicht mehr ſchlaͤf -
rige Laute:
Denn itzt (willkommen o liebliche Zeit!)
Erwacht der frohe Geſang, und ied entſchlafene Cyther
Jſt auf erhabnere Toͤne bedacht:
Und auch die ganze Natur fuͤhlt ſich aufs neue begeiſtert,
Da ſich die Sonne der Erde genaht;
Und iedes froſtige Thal, ſo Wald, als gruͤne Gebuͤrge
Sind reg, und alle Gefilde belebt.
Drum iſt die Stille geflohn, auch aus dem heiligen
Hayne;
Der Laͤrm regieret im heiligen Hayn:
Bald rauſcht ein froͤhliger Hirſch, der ſich im Fluſſe ge -
badet,
Durch friſchbethaute Gebuͤſche zuruͤck:
A 5Bald10Lyriſche Gedichte
Bald toͤnt durchs duͤſtre Revier die Brunſt unbaͤndiger
Heerden:
Wie girrt die zaͤrtere Taube ſo ſanft!
Wie ſeufzt vom Laube bedeckt, Pandions einſame Tochter,
Wann kaum die naͤchtliche Stille beginnt!
Denn alles fuͤhlet anitzt des Fruͤhlings maͤchtige Triebe:
Nun hat der Liebe gefuͤrchteter Arm
Was blauer Luͤfte Gebiet und Meer und Erde bewohnet;
Nur dich nicht, ſtolze Dorinde! beſiegt.
Doch Amor baͤndige dich! Er kommt zum Kampfe ge -
ruͤſtet,
Und hat die blutige Sehne geſpannt.
Wie will ich ſeine Gewalt, bey frohem Weine, beſingen,
Wann du einſt ſeine Triumphe gemehrt!
An11Erſtes Buch.
An Chloen.
O Chloe! hoͤre du
Der neuen Laute zu,
Die juͤngſt, bey ſtiller Nacht,
Mir Cypripor gebracht.
Nimm dieſe, war ſein Wort,
Statt jener Stolzen dort!
Die buhlt ſo lange ſchon
Um Pindars hohen Ton:
Doch da ſie Siegern froͤhnt,
Wird ſie und du verhoͤhnt.
Thu, wie der tejer Greis,
Der keines Helden Preis
Jn ſeine Leyer ſang,
Die nur von Liebe klang.
Er ſang voll Weins und Luſt
Und an der Maͤdchen Bruſt.
Da ſann er auf ein Lied,
Das noch die Herzen zieht:
Das machten ihm alsdenn
Jch und die Grazien.
Ver -12Lyriſche Gedichte
Verfolge ſeine Spur;
Er folgte der Natur.
Du ſollſt bey Lieb und Wein,
Wie er, mein Dichter ſeyn.
Lyaͤen kennſt du ſchon;
Doch nicht Cytherens Sohn.
Dir mache, wer ich bin,
Die ſchoͤne Nachbarinn
Und meine ſchnelle Hand
Durch dieſen Pfeil bekannt.
Kaum ſprach der Bube ſo,
So ſchoß er und entfloh;
So fuͤhlte ſchon mein Herz
Noch ungefuͤhlten Schmerz;
So ſah ich voll Begier,
O Chloe! nur nach dir.
Nun ſiege wer da will!
Mein neues Saitenſpiel
Soll nur dem frohen Wein
Und Chloen heilig ſeyn.
An13Erſtes Buch.
An Chloen.
Die Munterkeit iſt meinen Wangen,
Den Augen Glut und Sprach entgangen;
Der Mund will kaum ein Laͤcheln wagen;
Kaum will der welke Leib ſich tragen,
Der Bluhmen am Mittage gleicht,
Wann Flora lechzt und Zephyr weicht.
Doch merk ich, wann ſich Chloe zeiget,
Daß mein entflammter Blick nicht ſchweiget,
Und Suada nach den Lippen flieget;
Ein gluͤhend Roth im Antlitz ſieget,
Und alles ſich an mir verjuͤngt,
Wie Bluhmen, die der Thau durchdringt.
Jch ſeh auf ſie mit bangem Sehnen,
Und kann den Blick nicht weggewoͤhnen:
Die Anmuth, die im Auge wachet
Und um die jungen Wangen lachet,
Zieht meinen weggewichnen Blick
Mit guͤldnen Banden ſtets zuruͤck.
Mein14Lyriſche Gedichte
Mein Blut ſtroͤmt mit geſchwindern Guͤſſen;
Jch brenn, ich zittre, ſie zu kuͤſſen;
Jch ſuche ſie mit wilden Blicken,
Und Ungeduld will mich erſticken,
Jndem ich immer ſehnſuchtvoll
Sie ſehn und nicht umarmen ſoll.
An15Erſtes Buch.
An Chloen.
Weis Chloe mein geheim Verlangen?
Verrieth mein Auge mich vielleicht,
Das nach den Roſen ihrer Wangen
Durch manchen Umweg luͤſtern ſchleicht?
Jhr Blick begegnet meinem Blicke:
Jhr Auge ſieht mich ſchalkhaft an,
Oft nur im Flug und ſchnell zuruͤcke;
Doch daß ich es bemerken kann.
Oft blitzen, von Gefahr begleitet,
Die blauen Augen frey auf mich,
Aus welchen Amor mich beſtreitet,
Der ſtets aus ihnen ſiegreich wich.
Jch kann die Grazien darinnen
Ein ſchmeichelnd Laͤcheln bilden ſehn:
Das uͤberraſchet meine Sinnen;
Wie kann das Herz ihm widerſtehn?
Kein Schnee gleicht ihres Armes Weiſſe,
Der vor dem Fenſter in der Luft,
Mit einem ungewohnten Fleiſſe,
So ſinnreich meiner Sehnſucht ruft!
Nun ſchaut ſie ruͤckwaͤrts, doch geſtrecket,
Bis ſich die volle Bruſt empoͤrt,
Und halb entwiſcht, und, unverdecket,
Auch eines Cato Runzeln ſtoͤrt.
Jch16Lyriſche Gedichte
Jch aber ſteh und ſtrampf und gluͤhe,
Flieg in Gedancken hin zu ihr,
Und ſehe, mit verlohrner Muͤhe,
Mich unſtaͤt, aber immer hier:
Weil, bis mich Gluͤck und Freundſchaft retten,
Die oft ein langer Schlaf befaͤllt;
Mich hier mit diamantnen Ketten
Das Schickſal angefeſſelt haͤlt.
An17Erſtes Buch.
An Chloen.
Cytherens muntrer Sohn
Hat nun ſo lange ſchon,
So manche lange Nacht,
Auf meinem Schoos gelacht.
Sang meine Muſe doch
So ziemlich artig noch.
Oft hielt ihn ſchon im Lauf
Jhr ſchmeichlend Liedchen auf.
Oft lockte Chloens Blick
Liebkoſend ihn zuruͤck.
Nun locket ſie nicht mehr,
Und zuͤrnt, wer weis wie ſehr!
Der Schalk aus Paphos gaͤhnt,
Der, da mein Auge thraͤnt,
Und keine Muſe ſingt,
Sein leicht Gefieder ſchwingt.
Halt, wenn er mich verlaͤſt,
Du deinen Sklaven feſt!
Er wird gehorſam ſeyn,
Und, Chloe! dir allein,
Die du ihm Venus biſt,
Auch wann er zornig iſt.
Ein holder Blick von dir
Verſoͤhnet ihn mit mir.
BEin18Lyriſche Gedichte
Ein Traum.
O Traum, der mich entzuͤcket!
Was hab ich nicht erblicket!
Jch warf die muͤden Glieder
Jn einem Thale nieder,
Wo einen Teich, der ſilbern floß,
Ein ſchattigtes Gebuͤſch umſchloß.
Da ſah ich durch die Straͤuche
Mein Maͤdchen bey dem Teiche.
Das hatte ſich, zum Baden,
Der Kleider meiſt entladen,
Bis auf ein untreu weiß Gewand,
Das keinem Luͤftchen widerſtand.
Der freye Buſen lachte,
Den Jugend reizend machte.
Mein Blick blieb luͤſtern ſtehen
Bey dieſen regen Hoͤhen,
Wo Zephyr unter Liljen blies,
Und ſich die Wolluſt greifen ließ.
Sie fieng nun an, o Freuden!
Sich vollends auszukleiden:
Doch, eh es noch geſchiehet,
Erwach ich und ſie fliehet.
O ſchlief ich doch von neuem ein!
Nun wird ſie wohl im Waſſer ſeyn.
Der19Erſtes Buch.
Der Morgen.
Auf! auf! weil ſchon Aurora lacht;
Jhr Gatten junger Schoͤnen!
Jhr muͤßt nunmehr, nach fauler Nacht,
Dem Gott der Ehe froͤhnen.
Erneuert den verliebten Zwiſt,
Der ſuͤſſer, als die Eintracht iſt,
Nach der ſich Alte ſehnen.
Jſts moͤglich, daß, geweckt von Luſt,
Ein Gatte nicht erwache?
Daß eine nahe Liljen-Bruſt
Jhn nicht geſchaͤftig mache?
Jndeß ſchwebt um der Gattinn Haupt
Der Morgentraum, mit Mohn umlaubt;
Jhr traͤumt von eitel Rache.
Dort, wo Cytherens waches Kind
Den Schlaf vom Bette ſcheuchet;
Dort rauſchts, wie wann ein Morgenwind
Bethautes Laub durchſtreichet.
Dort lauſcht auch meine Muſe nun,
Die, wie die Maͤdchen alle thun,
Verliebte gern beſchleichet.
B 2Der20Lyriſche Gedichte
Der Vorhang weicht: welch reizend Weib!
Jch ſehe Venus liegen,
Und leichten Flohr den Marmorleib
Verraͤtheriſch umfliegen.
Wie ſucht ihr Blick, der kriegriſch gluͤht,
Wie ſucht er, wenn der Streit verzieht,
Streit, Gegner und Vergnuͤgen!
Du itzo noch verliebtes Paar,
Was mangelt deinem Gluͤcke?
Jch werde ſelbſt entzuͤckt, gewahr,
Daß Hymen auch entzuͤcke.
Die Muſe ſieht hinweg und weicht:
Doch manchmal und verſtohlen ſchleicht
Ein halber Blick zuruͤcke.
Mor -21Erſtes Buch.
Morgenlied der Schaͤfer.
Die duͤſtre Nacht iſt hin,
Die Sonne kehret wieder.
Ermuntre dich, mein Sinn!
Und dichte Freudenlieder.
Die ihr, wann Hirten flehn,
Ein willig Ohr gewaͤhret,
Jhr Goͤtter! laſt geſchehn,
Was itzt mein Mund begehret.
Gebt mir ein weiſes Herz,
Das allen Gram verfluche;
Und mehr den Jugendſcherz,
Als Gold und Sorgen ſuche.
Es rufe nie die Nacht
Den guͤldnen Tag zu Grabe,
Bis ich beym Wein gelacht,
Das iſt, gelebet habe.
Schuͤtzt Amors frohes Reich,
Schuͤtzt unſre frohen Reben,
Daß Lieb und Wein zugleich
Stets iedes Herz beleben.
Wird Waſſerbad und Liſt
Lyaͤens Gottheit ſchwaͤchen;
Wird ſtuͤndlich nicht gekuͤſſt:
So wollet ihr es raͤchen!
B 3Nie22Lyriſche Gedichte
Nie muͤſſ ein artig Kind
Die wilde Strenge lieben!
Nur die nicht artig ſind,
Laßt Grauſamkeiten uͤben!
Auch ſegnet nun den May,
Der manche zaͤrtlich machte;
Daß keine Schoͤne ſey,
Die nicht nach Kuͤſſen ſchmachte.
Wenn mancher, den ihr wiſſt,
Sich doch verlaͤugnen koͤnnte,
Daß, was ihm unnuͤtz iſt,
Er ſeinem Naͤchſten goͤnnte!
Was ſoll der ſchwache Mann
Beym jungen Weibchen keichen?
Was er nicht brauchen kann,
Das laß er meines gleichen.
So muͤſſe meine Bruſt
Ein ieder Tag entzuͤcken,
Und eine friſche Luſt
Mit ieder Nacht begluͤcken!
Bey Maͤdchen und bey Wein,
Mit Bluhmen um die Haare,
Will ich euch dankbar ſeyn,
Jm Fruͤhling meiner Jahre.
Fruͤh -23Erſtes Buch.
Fruͤhlingsluſt.
Seht den holden Fruͤhling bluͤhn!
Soll der ungenoſſen fliehn?
Fuͤhlt ihr niemals Fruͤhlingstriebe?
Freunde! weg mit Ernſt und Leid!
Jn der frohen Bluhmenzeit
Herrſche Bacchus und die Liebe!
Die ihr heute ſcherzen koͤnnt,
Braucht, was euch der Himmel goͤnnt,
Und wohl morgen ſchon entziehet!
Lebt ein Menſch, der wiſſen mag,
Ob fuͤr ihn ein Fruͤhlingstag
Aus Aurorens Armen fliehet?
Hier ſind Roſen! Hier iſt Wein!
Soll ich ohne Freude ſeyn,
Wo der alte Bacchus lachet?
Herrſche, Gott der Froͤlichkeit!
O es kommt, es kommt die Zeit,
Die zur Luſt uns traͤge machet.
B 4Aber24Lyriſche Gedichte
Aber Phyllis laͤßt ſich ſehn!
Seh ich Amorn mit ihr gehn?
Jhm wird alles weichen muͤſſen.
Weiche, Wein! Wo Phyllis iſt,
Trinkt man ſeltner, als man kuͤßt!
Bacchus, weg! ich will nun kuͤſſen.
Die25Erſtes Buch.
Die Zufriedenheit.
Ein Geiſt, der ſich zu keiner Zeit
Jn feiger Ungeduld verlieret,
Und ſtets die Weisheit hoͤrt, die, wie das Gluͤck
uns ſuͤhret,
Mit Roſen ieden Pfad beſtreut:
Freund! ein wahrhaftig weiſer Geiſt
Fuͤhlt kaum die halbe Laſt der Plagen,
Und lacht bey truͤber Luft in angenehmern Tagen,
Als Thoren, die man gluͤcklich preiſt.
Schilt nicht des Himmels Tyranney,
Von ihm kommt unſer wenigſt Leiden.
Kein Zuſtand iſt ſo hart: ein Chor der ſtillen Freuden
Geſellt ſich ihm mitleidig bey.
Wir froͤhnen thoͤrichter Begier,
Die auch bey nahen Quellen ſchmachtet.
Vergnuͤgen beut ſich an: umſonſt! es wird verachtet;
Nur was uns flieht, verfolgen wir.
B 5Zu26Lyriſche Gedichte.
Zu ekel ſind wir, uns zur Pein:
Wir laſſen Weſt und Sommer weichen,
Und wollen, wann ſie fliehn, in ſchattigten Geſtraͤuchen,
Um murmelnd Waſſer froͤhlig ſeyn.
Der warme Fruͤhling kommt zuruͤck:
Da braucht ein Weiſer ihn beyzeiten.
Er laͤßt Vernunft allein die blinden Wuͤnſche leiten,
Und wuͤnſcht kein ſchimmerreiches Gluͤck.
Kein ſtolzer Schein bethoͤrt ſein Herz:
Er ſchaͤtzt nicht bloß ein theures Lachen;
Und kan des Poͤbels Wahn durch ſich zu ſchanden machen,
Ob floͤh uns Arme Luſt und Scherz.
Weil ich nicht praͤchtig ſchmauſen kann,
Soll ich nicht froͤhlig ſchmauſen koͤnnen?
Will Flora, fuͤr mein Haar, mir holde Roſen goͤnnen;
Was geht der Fuͤrſten Pracht mich an?
Was hilfts zur Luſt, wann ihre Wand
Sich in gewuͤrktes Gold verhuͤllet,
Und ein Bedienten-Schwarm die Marmor-Saͤle fuͤllet,
Mit guͤldnen Schuͤſſeln in der Hand?
Sieh27Erſtes Buch.
Sieh hin, wo keine Pracht gebricht!
Man gaͤhnt auch mitten im Gepraͤnge;
Der Necktar Jupiters, der Speiſen ekle Menge,
Die feſſeln, ach! die Freude nicht.
Die Freude, des Lyaͤus Kind,
Entflieht unruhigen Palaͤſten,
Und ſchwaͤrmt zu Huͤtten hin, die nur gewaͤhlten Gaͤſten,
Nur dir, o Freundſchaft! heilig ſind.
Fleußt nicht fuͤr ſie der Reben Blut,
Die Chios edle Berge ſchwaͤrzen?
Auch Bacchus unſers Rheins floͤßt in zufriedne Herzen
Vertraulichkeit und guten Muth.
Wo Bacchus lacht, wer bleibt betruͤbt?
Der Gott begeiſtert aller Buſen,
Und laͤßt den Satyr los, und laͤdt die muntern Muſen
Und Amorn, der die Muſen liebt:
Und Lieder der Zufriedenheit
Ertoͤnen aus dem trunknen Munde;
Bis, nach durchſcherzter Nacht, die kuͤhle Morgenſtunde
Die Schatten und den Schmaus zerſtreut.
Ma -28Lyriſche Gedichte
Magiſter Duns.
Magiſter Duns, das groſſe Licht,
Des deutſchen Pindus Ehre,
Der Dichter, deſſen Muſe ſpricht,
Wie ſeine Dingerlehre;
Der lauter Metaphyſik iſt,
Und metaphyſiſch lacht und kuͤßt;
Ließ juͤngſt bey ſeiner Schoͤnen
Ein zaͤrtlich Lied ertoͤnen.
Er ſang: o Schmuck der beſten Welt!
Du Vorwurf meiner Liebe!
Dein Aug iſts, das den Grund enthaͤlt
Vom Daſeyn meiner Triebe.
Die Monas, die in mir gedenkt,
Vermag, in deinen Reiz verſenkt,
Die blinden Sinnlichkeiten
Nicht laͤnger zu beſtreiten.
Drauf nannt er gruͤndlich hier und dort
Den Grund des Widerſpruches
Und noch ſo manches Modewort,
Die Weisheit manches Buches.
Der Mann bewies, wie ſichs gehoͤrt,
Und bat, abſtract und tiefgelehrt,
Durch ſchulgerechte Schluͤſſe
Um ſeiner Chloris Kuͤſſe.
Das29Erſtes Buch.
Das arme Kind erſchrack und floh;
Die Grazien entſprungen.
Kein Dichter hatte noch alſo,
Seit Muſen ſind, geſungen.
Bey Hecatens erbleichtem Schein
Laͤßt murmelnd im erſchrocknen Hayn
Ein Meiſter im Beſchwoͤren
Dergleichen Lieder hoͤren.
Das Maͤdchen eilt ins nahe Thal,
Aus dieſem Zauberkreiſe.
Da ſang Damoͤt von gleicher Qual;
Doch nach der Schaͤfer Weiſe.
Sein Lied, bey manchem ſtillen Ach!
Floß heiter, wie der ſanfte Bach,
Und floß ihm aus dem Herzen,
Der Quelle ſeiner Schmerzen.
Jhm wollte Chloris nicht entfliehn;
Jhm ward ein Kuß zu Lohne.
Die Muſen ſelbſt belohnten ihn
Mit einer Myrthenkrone.
So ſinnlich ſchaͤtzt man ein Gedicht!
O Muſen! Muſen! wollt ihr nicht
Vom Poͤbel euch entfernen,
Und Metaphyſtk lernen?
Die30Lyriſche Gedichte
Die Wuͤnſche.
Welche Gottheit ſoll auch mir
Einen Wunſch gewaͤhren?
Unentſchloſſen irr ich hier
Zwiſchen den Altaͤren.
Sorgen ſchwaͤrmen rund herum
Um den Gott der Schaͤtze;
Und der Ehre Heiligthum
Liegt voll falſcher Netze.
Jn der Schoͤnheit Schooſe liegt
Amor, der mit Kuͤſſen
Sich an ihren Buſen ſchmiegt,
Da wir zittern muͤſſen.
Amor ſoll willkommen ſeyn:
Doch ich will nur lachen;
Und er muß bey meinem Wein
Mich nicht irre machen.
Ruhm und du, gefluͤgelt Gold!
Jch entſag euch beyden.
Wenn ihr ſelbſt mich ſuchen wollt;
Will ich euch nicht meiden.
An31Erſtes Buch.
An Amor.
Amor, Vater ſuͤſſer Lieder,
Du mein Phoͤbus, kehre wieder!
Kehre wieder in mein Herze!
Komm! doch mit dem ſchlauen Scherze:
Komm und laß zugleich Lyaͤen
Dir zur Seite lachend gehen!
Komm mit einem holden Kinde,
Das mein traͤges Herz entzuͤnde,
Und durch feuervolle Kuͤſſe
Zum Horaz mich kuͤſſen muͤſſe!
Willſt du, Gott der Zaͤrtlichkeiten:
Laß auch Schmerzen dich begleiten!
Jch will lieber deine Schmerzen,
Als nicht kuͤſſen und nicht ſcherzen.
Die32Lyriſche Gedichte.
Die Muſe bey den Hirten.
O artigſte der Muſen,
Um deren vollen Buſen
Die friſchen Roſen duͤften!
Willſt du auf unſern Triften
Mit armen Hirten weiden,
Und aus den Staͤdten ſcheiden?
Jch bin der Stadt entgangen:
Da war ich wie gefangen.
Da will man Muſen dingen:
Sie ſollen iedem ſingen,
Bey ieder Hochzeit leyern,
Und Nahmenstage feyern.
Bey euch lacht meinen Saiten
Die Freyheit guͤldner Zeiten:
Jch mag die guͤldnen Saiten
Dem Poͤbel nicht verdingen:
Jch mag nicht iedem ſingen.
O Muſe, ſey gegruͤſſet!
Hier, wo man lacht und kuͤſſet,
Laß unter Nachtigallen
Dein ſuͤſſes Lied erſchallen!
Das33Erſtes Buch.
Das bedraͤngte Deutſchland.
Wie lang zerfleiſcht mit ſchwerer Hand
Germanien ſein Eingeweide?
Beſiegt ein unbeſiegtes Land
Sich ſelbſt und ſeinen Ruhm, zu ſchlauer Feinde Freude?
Sind, wo die Donau, wo der Mayn
Voll fauler Leichen langſam fließet;
Wo um den rebenreichen Rhein
Sonſt Bacchus froͤhlich gieng, und ſich die Elb ergießet:
Sind nicht die Spuren unſrer Wuth
Auf ieder Flur, an iedem Strande?
Wo ſtroͤmte nicht das deutſche Blut?
Und nicht zu Deutſchlands Ruhm: Nein! meiſtens ihm
zur Schande!
Wem iſt nicht Deutſchland unterthan!
Es wimmelt ſtets von zwanzig Heeren:
Verwuͤſtung zeichnet ihre Bahn;
Und was die Armuth ſpart, hilft Uebermuth verzehren.
CVor34Lyriſche Gedichte
Vor ihnen her entflieht die Luſt;
Und in den Buͤſchen oͤder Auen,
Wo vormals an geliebter Bruſt
Der ſatte Landmann ſang, herrſcht Einſamkeit und Grauen.
Der Adler ſieht entſchlafen zu,
Und bleibt bey ganzer Laͤnder Schreyen
Stets unerzuͤrnt in traͤger Ruh,
Entwaffnet und gezaͤhmt von falſchen Schmeicheleyen.
O Schande! ſind wir euch verwandt,
Jhr Deutſchen jener beſſern Zeiten,
Die feiger Knechtſchaft eiſern Band
Mehr, als den haͤrtſten Tod im Arm der Freyheit ſcheuten?
Wir, die uns kranker Wolluſt weihn,
Geſchwaͤcht vom Gifte weicher Sitten;
Wir wollen deren Enkel ſeyn,
Die, rauh, doch furchtbarfrey, fuͤr ihre Waͤlder ſtritten?
Die Waͤlder, wo ihr Ruhm noch izt
Um die bemooſten Eichen ſchwebet,
Wo, als ihr Stahl vereint geblitzt,
Jhr ehrner Arm geſiegt und Latium gebebet?
Wir35Erſtes Buch.
Wir ſchlafen, da die Zwietracht wacht,
Und ihre bleiche Fackel ſchwinget,
Und, ſeit ſie uns den Krieg gebracht,
Jhm ſtets zur Seite ſchleicht, von Furien umringet.
Jhr Natternheer ziſcht uns ums Ohr,
Die deutſchen Herzen zu vergiften;
Und wird, kommt ihr kein Hermann vor,
An Hermanns Vaterland ein ſchmaͤhlig Denkmaal ſtiften.
Doch mein Geſang wagt allzuviel!
O Muſe! fleuch zu dieſen Zeiten
Alkaͤens kriegriſch Saitenſpiel,
Das die Tyrannen ſchalt, und ſcherz auf ſanftern Saiten.
C 2Der36Lyriſche Gedichte
An die lyriſche Muſe.
Wohin, wohin reißt ungewohnte Wuth
Mich auf der Ode kuͤhnen Fluͤgeln,
Fern von der leiſen Fluth
Am niedern Helikon und jenen Lorbeer-Huͤgeln!
Jch fliehe ſtolz der Sterblichen Revier;
Jch eil in unbeflogne Hoͤhen:
Wie keichet hinter mir
Der Vogel Jupiters, beſchaͤmt mir nachzuſehen!
Jn Gegenden, wo mein entzuͤcktes Ohr
Der Sphaͤren Harmonie verwirret,
O Muſe! fleug mir vor,
Du, deren freyer Flug oft irrt, nie ſich verirret!
Jch folge dir bald bis zur Sonne hin,
Bald in den ungebahnten Haynen
Mit Libers Prieſterinn,
Wo keine Muſe gieng und andre Sterne ſcheinen.
An37Erſtes Buch.
An deiner Hand, wann mich Lyaͤus ruft,
Was kann den kuͤhnen Dichter ſchrecken?
Jn welch entfernter Kluft
Wird meiner Leyer Scherz ein ſchlafend Echo wecken?
Denn nur von Luſt erklingt mein Saitenſpiel,
Und nicht von leichenvollem Sande,
Von kriegriſchem Gewuͤhl
Und vom gekroͤnten Sieg im blutigen Gewande.
Die Zeit iſt hin, da unter ſtolzer Luſt,
Mit Lorbeern, wie ihr Held, bekraͤnzet
Und oft an ſeiner Bruſt
Die Muſe Necktar trank, durch die er ewig glaͤnzet:
Wie Phoſphor glaͤnzt, der um den Morgenthau
Aus Thetis Armen ſich entziehet,
Und ans geſtirnte Blau
Mit heitrem Laͤcheln tritt, und vom Olympe ſiehet.
C 3Ein38Lyriſche Gedichte
Ein Sternenheer, das letzte Chor der Nacht,
Traurt um ihn her in mattem Lichte:
Die muntre Welt erwacht,
Und Schlaf und Schatten fliehn vor ſeinem Angeſichte.
Zwey -39Zweytes Buch.

Zweytes Buch.

An das Gluͤck.
Falſches Gluͤck, das unter finſtern Straͤu -
chen
Sich verbirgt, wo kuͤhne Tuͤcke ſchlei -
chen!
Sollt, o Abgott niedrer Seelen!
Sollt ich mich in deinem Dienſte quaͤlen?
Dich wird nie die ſcheue Tugend finden;
Du wirſt ſtets vor ihrem Blick verſchwinden:
Aber auf bebluͤhmten Wegen
Taumelſt du den Thoren ſelbſt entgegen.
Kann ich mich doch ohne dich vergnuͤgen!
Und wie ſchnell muß alles Leid verfliegen,
Wenn ich unter Freunden ſinge!
Hoͤre ſelbſt, wie meine Cyther klinge!
C 4Wen40Lyriſche Gedichte
Wen beſing ich, als den Gott der Reben?
Dieſe Roſen, die mein Haupt umgeben,
Dieſer Glaͤſer frohe Menge
Sind ihm heilig, und er liebt Geſaͤnge.
Faunen! tanzt vor mir mit frohen Spruͤngen!
Von Lyaͤens Liebe will ich ſingen:
Seine Schoͤne war noch bloͤde,
War voll Unſchuld und aus Unſchuld ſproͤde.
Aber Bacchus wurde kaum zur Traube;
O wie luͤſtern nahm ſie ihn vom Laube!
Sie begluͤckte ſeine Triebe;
Und noch immer dient ſein Wein der Liebe.
Suͤſſer Ton! wem ſollt er nicht gefallen?
Nur von Luſt ſoll meine Cyther ſchallen,
Wenn ich hier am kuͤhlen Bache,
Hingeſtreckt auf weichen Bluhmen, lache:
Hier im Buſch, in ſichren Finſterniſſen,
Wo ich oft, berauſcht von Wein und Kuͤſſen,
Die ich um kein Gluͤck vertauſche,
An der Phyllis vollem Buſen lauſche.
Fah -41Zweytes Buch.
Fahre hin, du ſorgenreiches Gluͤcke!
Wer dich kennt, buhlt nicht durch Bubenſtuͤcke
Um das fluͤchtige Vergnuͤgen,
Dir im Schoos, verliebt in Rauch, zu liegen.
Wenn kein Ruhm, mit Lorbeern ſtolz bedecket,
Wenn kein Gold mein Lebensziel erſtrecket;
Wenn ich nicht vergnuͤgter kuͤſſe:
Miß ich viel, wenn ich nur dich vermiſſe?
C 5Die42Lyriſche Gedichte
Die Weinleſe.
Willkommen, Weinles, unſre Freude!
Sey ewig unſer groſſes Feſt!
Wie jauchzen wir, nach langem Leide,
Daß Bacchus uns nicht gar verlaͤßt!
Du ſchenkeſt uns das Mark der Reben,
Den Greis und Juͤngling zu erfreun.
Ja, ja! nun mag ich wieder leben:
Was iſt ein Leben ohne Wein?
Der Erdkreis drohte zu vergehen:
Denn, ach! die Rebe ſtund betruͤbt.
Nun fließt ihr Necktar auf den Hoͤhen,
Der allem neues Leben giebt.
Erfrorne Dichter, ſingt nun wieder!
Will keine Muſe guͤnſtig ſeyn?
Lyaͤus lehret beſſre Lieder:
Nichts iſt ſo ſinnreich, als der Wein.
Ver -43Zweytes Buch.
Verſchmachtend lag mit ſchlaffem Bogen
Die matte Liebe hingeſtreckt.
Wie muthig iſt ſie aufgeflogen,
Nachdem ſie jungen Wein geſchmeckt!
Er hilft ihr feine Freunde kroͤnen:
Es iſt bequem, ihr Weib zu ſeyn:
Sie kuͤſſen immer treue Schoͤnen;
So uͤberredend iſt ihr Wein!
Jſmenen quaͤlt ein traͤger Gatte,
Der ganze Naͤchte ſchlafen kann.
Weil Amor nicht geholfen hatte,
So ruft ſie Vater Bacchum an.
Der Alte zecht, wird loſ und herzet,
Und ſchlaͤft erſt ſpaͤt und kuͤſſend ein.
Daß der mit halber Jugend ſcherzet;
O Wunder! thut es nicht der Wein?
Der Wein kann alles moͤglich machen:
Dir, Wein, ſey dieſer Tag geweiht!
Es herrſche Scherz, Geſang und Lachen;
Man zech aus frommer Dankbarkeit!
Was fehlt? Jhr Freunde, nur noch eines!
Den frohen Amor ladet ein:
Denn Amor iſt ein Freund des Weines,
Und ohne Kuͤſſe ſchmeckt kein Wein.
Die44Lyriſche Gedichte
Die alten und heutigen deut - ſchen Sitten.
Wie wenig gleichen wir den Alten!
Was wir fuͤr ungeſittet halten,
Hieß ihnen Maͤnnlichkeit.
Nur wenig aͤchte deutſche Braͤuche
Sind unverjaͤhrt im deutſchen Reiche
Zu unſrer Zeit.
Zuſammen kommen, um zu zechen,
Bis alle Zungen ſtammelnd ſprechen,
Hieß ihnen Froͤhlichkeit.
Noch ſchwingt bey manchem Freudenmahle
Lyaͤus drohende Pocale
Zu unſrer Zeit.
Doch Recht und Menſchheit nicht verletzen,
Auch bey ermangelnden Geſetzen,
Hieß ihnen Billigkeit.
Jch finde mehr gelehrt Geſchwaͤtze,
Sehr wenig Tugend, viel Geſetze
Zu unſrer Zeit.
Daß45Zweytes Buch.
D ſich getreue Weiber funden,
Die auch dem Golde widerſtunden,
Hieß keine Seltenheit.
Man ſagt, zur Schande karger Reichen,
Es geb auch etliche dergleichen
Zu unſrer Zeit.
Doch auch, wann Reiz und Jugend bluͤhen,
Vom Kuß nichts wiſſen, ihm entfliehen,
Hieß ihnen Ehrbarkeit.
Die iſt nur eine Schaͤfertugend
Und abgeſchmackt an muntrer Jugend
Zu unſrer Zeit.
D ſtets der kuͤhne Junker jagte,
Auch eh es auf den Bergen tagte,
Hieß ihnen Streitbarkeit.
Noch jagt und ſchmauſt er um die Wette,
Jndeß beſorgt ein Freund ſein Bette,
Zu unſrer Zeit.
Doch Anſehn und erhabne Wuͤrden
Nur auf verdiente Schultern buͤrden,
Hieß ihnen Schuldigkeit.
Zu Aemtern kann ein ieder kommen,
Die Wuͤrdigen bloß ausgenommen,
Zu unſrer Zeit.
Die46Lyriſche Gedichte
Die prophezeyenden Matronen
Fuͤr ihre Luͤgen noch belohnen,
Hieß ihnen ſehr geſcheidt.
Sagt, kluge Frauen! Zeichendeuter!
Zigeuͤner! ſagt: ſind wir geſcheidter
Zu unſrer Zeit?
Doch edler Vorzug grauer Alten!
Die Treue, Wort und Bund zu halten,
Hieß ihnen Redlichkeit.
Die ſchlummert auf beſtaͤubtem Boden,
Bey andern abgelebten Moden,
Zu unſrer Zeit
Der47Zweytes Buch.
Der Abend.
Mit finſtrer Stirne ſtehn wir da,
Und ordnen das Geſchick der Staaten,
Und wiſſen, was bey Sorr geſchah,
Und wiſſen Oeſterreich zu rathen.
Jndeß verſchließt ſich unſre Bruſt
Dem Ruf der lockenden Cythere:
Denn ſteigt nicht ſchon, zu Amors Luſt,
Der Abend aus dem kuͤhlen Meere?
Erkennet euern Eigenſinn
Und daß die Zeit gefluͤgelt ſcheide!
Jhr ſchwatzt, ſie fliegt, ſie iſt dahin
Mit aller angebothnen Freude.
Jch will zu jenen Buͤſchen gehn,
Die ſanft von Zephyrs Ankunft beben.
Da hoff ich Lesbien zu ſehn,
Wenn ſichre Schatten uns umgeben.
Bereits48Lyriſche Gedichte
Bereits ertoͤnt in ſtiller Luft
Der Nachtigall verliebte Klage:
Sie huͤpft von Zweig auf Zweig und ruft
Mit ſuͤſſern Liedern, als am Tage.
Was Wunder, wenn ſie bruͤnſtig girrt,
Seit Amor mit geſpanntem Bogen,
Bey dem ein voller Koͤcher ſchwirrt,
Dem jungen Fruͤhling nachgeflogen!
Das49Zweytes Buch.
Das neue Orakel.
Propheten unſrer Zeit, Zigeuner, kluge Weiber!
Weh euch! ihr alle ſeyd verſchmaͤht!
Seht, wie der Coffeeſatz, der Neugier Zeitver -
treiber,
Sich als Orakel blaͤht.
Die ſchlaue Phantaſie ſieht in geheimen Zeichen
Des weiſen Schlammes Antwort ſtehn:
Wie die um Mitternacht durch oͤde Waͤlder ſtreichen,
Geſpenſt und Schaͤtze ſehn.
Auch mir verkuͤndigt ſie, und Liebe hilft mir glauben,
Daß ich mein Maͤdchen kuͤſſen ſoll.
Nichts kann gewiſſer ſeyn! da ſchnaͤbeln ſich zwo Tauben:
Das iſt geheimnißvoll!
Zwar ſieht mein Auge nichts; doch glaub ich mei -
nem Gluͤcke:
Die Tauben ſind unſichtbar da:
Auch Bileam ſah nicht, was mit erſtauntem Blicke
Sein Thier erleuchtet ſah.
DSey50Lyriſche Gedichte
Sey glaͤubig, loſes Kind! und komm und laß dich
kuͤſſen!
Umſonſt iſt alle Sproͤdigkeit.
Dein Stolz wird endlich doch dem Schickſal weichen muͤſ -
ſen:
Es iſt mir prophezeyt!
Die51Zweytes Buch.
Die Geliebte.
Die ich mir zum Maͤdchen waͤhle,
Soll von aufgeweckter Seele,
Soll von ſchlanker Laͤnge ſeyn.
Sanfte Guͤte, Witz im Scherze
Ruͤhrt mein Herze;
Nicht ein glatt Geſicht allein.
Allzujung taugt nur zum Spielen!
Fleiſchigt ſey ſie anzufuͤhlen,
Und gewoͤlbt die weiſſe Bruſt.
Die Brunette ſoll vor allen
Mir gefallen:
Sie iſt dauerhaft zur Luſt.
Setzt noch unter dieſe Dinge,
Daß ſie artig tanz und ſinge:
Welches Maͤdchen iſt ihr gleich?
O ihr Maͤdchenkenner! ſaget:
Wers erjaget,
Hat der nicht ein Koͤnigreich?

Siehe Oeuvres de Clement Marot, chanſon 24.

D 2Die52Lyriſche Gedichte
Die Liebesgoͤtter.
Cypris, meiner Phyllis gleich,
Saß von Grazien umgeben!
Denn ich ſah ihr frohes Reich;
Mich berauſchten Cyperns Reben.
Ein geweihter Myrthenwald,
Den geheime Schatten ſchwaͤrzten,
War der Goͤttinn Aufenthalt,
Wo die Liebesgoͤtter ſcherzten.
Viele giengen Paar bey Paar:
Andre ſungen, die ich kannte,
Deren Auge ſchalkhaſt war,
Und voll ſchlauer Wolluſt brannte.
Viele flogen ruͤſtig aus,
Mit dem Bogen in der Rechten.
Viele waren nicht zu Haus;
Weil ſie bey Lyaͤen zechten.
Der voll bloͤder Unſchuld ſchien,
Herrſcht auf ſtillen Schaͤferauen.
Feuerreich, verſchwiegen, kuͤhn
Sah der Liebling junger Frauen.
Doch, ermuͤdet hingekruͤmmt,
Schlief der Liebesgott der Ehen:
Zu Lyaͤen hieß, ergrimmt,
Venus dieſen Schlaͤſer gehen.
Un -53Zweytes Buch.
Unter gruͤner Buͤſche Nacht,
Unter abgelegnen Straͤuchen,
Wo ſo manche Nymphe lacht,
Sah ich ſie am liebſten ſchleichen.
Viele flohn mit leichtem Fuß
Allen Zwang bethraͤnter Ketten,
Flatterten von Kuß zu Kuß
Und von Blonden zu Brunetten.
Kleine Goͤtter voller Liſt,
Deren Pfeil kein Herz verfehlet,
Und vom Necktar trunken iſt,
Ob er gleich die Thoren quaͤlet:
Bleibt auf meinen Ruf bereit,
Meine Jugend froh zu machen!
Jn der Jugend Fruͤhlingszeit
Wuͤnſch ich unter euch zu lachen.
D 3Er -54Lyriſche Gedichte
Ermunterung zum Vergnuͤgen.
Wird ſtets dein Stolz der falſchen Hoffnung trauen,
Die ihn mit Traͤumen unterhaͤlt;
Und in der Luft manch glaͤnzend Schloß erbauen,
Das ploͤtzlich ohne Spur zerfaͤllt?
Die Hoffnung traͤumt, was oͤfters nie geſchiehet,
So hitzig wir ihm nachgeſtrebt:
Jndeſſen flieht und ungekannt entfliehet
Die Freude, die uns nahe ſchwebt.
Die Raſen hier, die weiches Gras bedecket,
Und uͤber die zu freyer Luſt
Sich, ſchattenreich, die breite Linde ſtrecket,
Erwarten dich an meiner Bruſt.
Hier laß uns, Freund! bey Wein und Liedern liegen:
Wie ſuͤß iſts, von Lyaͤen gluͤhn!
Auf! hohl ihn her! ihm folge das Vergnuͤgen,
Und eitle Sorge muͤſſe fliehn!
Denn55Zweytes Buch.
Denn tiefe Nacht deckt vor uns her die Tage,
Die ieder noch durchwandern wird.
Jch ſchleiche fort, bereit zu Luſt und Plage,
Gleich einem, der im Nebel irrt.
Wie Schritt vor Schritt die ſchwarze Wolke flie -
het,
Entdeckt ſich ihm bald oͤder Sand,
Der, unerfriſcht von kalten Quellen, gluͤhet,
Ein rauhes und unwirthbars Land.
Bald aber wird ſein frohes Lied erſchallen,
Wann, auf ſo viel Beſchwerlichkeit,
Am kuͤhlen Bach, ein Wald voll Nachtigallen
Jhm angenehme Schatten beut.
D 4Die56Lyriſche Gedichte
Der Weiſe auf dem Lande.
O Wald! o Schatten gruͤner Gaͤnge!
Geliebte Flur voll Fruͤhlings Pracht!
Mich hat vom ſtaͤdtiſchen Gedraͤnge
Mein guͤnſtig Gluͤck zu euch gebracht:
Wo ich, nach unruhvollen Stunden,
Die Ruhe, die dem Weiſen lacht,
Jm Schooſe der Natur gefunden.
Jch fuͤhle mich wie neugebohren,
Und fang erſt nun zu leben an,
Seit, fern vom Trotze reicher Thoren,
Jch hier in Freyheit athmen kann.
Es krieche wer nach Ehre flieget!
Jch werde nie ein groſſer Mann,
Weil ich mich knechtiſch nicht geſchmieget.
Es moͤgen andre hoͤher trachten:
Sie moͤgen, hungrig nach Gewinn,
Jm Joche der Geſchaͤfte ſchmachten,
Da ich der Knechtſchaft muͤde bin!
Sie draͤngen ſich durch Liſt und Gaben
An ihre Ruderbaͤnke hin;
Dieweil ſie Sklavenſeelen haben.
Du57Zweytes Buch.
Du glaͤnzend Nichts! o Rauch der Ehre!
Dich kauf ich nicht mit wahrem Weh.
Mein Geiſt ſey, nach der Weisheit Lehre,
So ſtille, wie die Sommerſee:
So ruhig im Genuß der Freuden,
Als dort, im perlenreichen Klee,
Die unſchuldvollen Laͤmmer weiden!
O ſeht, wie uͤber gruͤne Huͤgel
Der Tag, bekraͤnzt mit Roſen, naht!
Jhn kuͤhlen Zephyrs linde Fluͤgel:
Vom Thau glaͤnzt ſein bebluͤhmter Pfad.
Wie taumelt Flora durch die Triften!
Die Lerche ſteigt aus trunkner Saat,
Und ſingt in unbewoͤlkten Luͤften.
Dort, wo im Schatten ſchlanker Buchen
Die Quelle zwiſchen Bluhmen ſchwaͤtzt;
Seh ich die Muſe mich beſuchen,
Und werde durch ihr Lied ergoͤtzt.
Sie ſingt entzuͤckt in guͤldne Saiten,
Jndeß, von Morgenthau benetzt,
Die Haare flatternd ſich verbreiten.
D 5Noch58Lyriſche Gedichte
Noch ſuͤſſer toͤnt um friſche Roſen
Jhr angenehmes Hirtenrohr;
Und Amor kommt, ihr liebzukoſen,
Und ieder Ton entzuͤckt ſein Ohr.
Auch er verſucht, wies ihm gelinget:
Ein ſchwaches Murmeln quillt hervor,
Das ungeuͤbte Hand erzwinget.
Geht hin, die ihr nach Golde ſchnaubet!
Sucht Freude, die mein Herz verſchmaͤht!
Betruͤgt, verrathet, ſchindet, raubet
Und erndet, was die Wittwe ſaͤt!
Damit, wann ihr in Gold und Seide
Euch unter klugen Armen blaͤht,
Der dumme Poͤbel euch beneide.
Dem Reichthum, bleicher Sorgen Kinde,
Schleicht ſtets die bleiche Sorge nach:
Sie brauſt, wie ungeſtuͤme Winde,
Durch euer innerſtes Gemach.
Der ſanfte Schlummer flieht Palaͤſte,
Und ſchwebet um den kuͤhlen Bach,
Und liebt das Liſpeln junger Weſte.
Mir59Zweytes Buch.
Mir gnuͤget ein zufriednes Herze
Und was ich hab und haben muß,
Und, kann es ſeyn, bey freyem Scherze,
Ein kluger Freund und reiner Kuß:
Dieß kleine Feld und jene Schafe,
Wo, ohne ſtolzen Ueberfluß,
Jch ſinge, ſcherze, kuͤſſe, ſchlafe.
An60Lyriſche Gedichte
An Venus.
OGoͤttinn, die in Amathunt
Und uͤber Paphos herrſcht, du Mutter ſuͤſſer Kla -
gen!
Wie lang ſoll ieder rauher Mund
Jm Ton Anakreons dich zu beſingen wagen?
Wenn manche deutſche Muſe nun
Von Lieb und Kuͤſſen ſingt; wie eckelt mir vor Kuͤſſen!
Gib acht, wie, wann ſie artig thun
Und ſchalkhaft taͤndeln will, die Maͤdchen gaͤhnen muͤſſen!
Jhr iſt Lyaͤus unbekannt;
Sie ſieht ſo nuͤchtern aus, als Waſſer, ihr Getraͤnke.
Doch jauchzt ſie, als vom Wein entbrannt,
Und jauchzt, wie ein Student in ſchwarzberauchter Schen -
ke.
Unleidlich ſtraͤubt ſich ieder Ton:
Jhr traͤger Witz gebiert nur woͤrterreiche Saͤtze.
Nie war dein Freund Anakreon
So ſchwatzhaft, obgleich aͤlt; und Amor haſſt Geſchwaͤtze.
Die61Zweytes Buch.
Die Vaͤtter dieſer Lieder-Brut,
Die Affen deines Gleims, o ſchoͤne Goͤttinn! ſtrafe.
Von Lieb entbrenn ihr kaltes Blut!
Jhr Maͤdchen leſ ihr Lob, ihr froſtig Lob und ſchlafe!
Nie ſchall ihr ungerathnes Lied,
Bey ſanftem Saitenſpiel, von Lippen kluger Schoͤnen,
Noch wo der junge Bacchus gluͤht,
Wenn ihn die Grazien mit ihren Roſen kroͤnen!
Die62Lyriſche Gedichte
Die verſoͤhnte Daphne.
Jm Schatten einer alten Eiche
Saß Daphne, da die Sonne wich;
Als in dem einſamen Geſtraͤuche
Myrtill ſich ihr zur Seite ſchlich.
Er will den Liljenhals umfaſſen,
Der ſeinen Kuͤſſen ſich entzieht.
Nichts, leider! wird ihm zugelaſſen:
Sie rafft ſich zornig auf und flieht.
Was wird von Schoͤnen uns verſaget,
Das kuͤhne Schalkheit nicht erpreſſt?
Da Daphne flieht und fliehend klaget,
Haͤlt ihr Myrtill ſie ſchmeichlend feſt.
Myrtill erzwingt von Daphnen Kuͤſſe,
Die ihre Hand nur ſchwach bekaͤmpft:
Denn, ach! ein Kuß iſt viel zu ſuͤſſe!
Ein Kuß hat manchen Zwiſt gedaͤmpft.
Sie ſchlaͤgt die Augen ſchamroth nieder:
Das bloͤde Maͤdchen thut ſich Zwang
Und eifert auf gewiſſe Lieder,
Die juͤngſt Myrtill der Chloe ſang.
Doch,63Zweytes Buch.
Doch, faͤhrt ſie fort, um dir zu zeigen,
Daß ich mit dir nicht zuͤrnen will;
Jch will zu neuem Frevel ſchweigen;
Kuͤß immer noch einmal, Myrtill!
Der64Lyriſche Gedichte.
Der verlohrne Amor.
Amor hat ſich juͤngſt verlohren;
Und nun will, die ihn gebohren,
Jhren Fluͤchtling wieder kuͤſſen;
Und man hat ihn ſuchen muͤſſen.
Jn dem Schatten dunkler Linden,
Wo wir Dichter Amorn finden;
Unter froher Dichter Myrthen,
Jn den Staͤdten, bey den Hirten,
Kann man nichts von ihm erfragen.
Maͤdchen! wollt ihr mirs nicht ſagen?
Denn ihr hegt den Gott der Sorgen:
Hat er ſich bey euch verborgen?
Jn den Roſen eurer Wangen,
Die mit friſcher Jugend prangen?
Oder auf den Liljenhuͤgeln,
Wo der Gott mit leiſen Fluͤgeln
Sich ſchon oͤfters hingeſtohlen?
Darf ich ſuchen und ihn hohlen?
Der65Zweytes Buch.
Der May.
Der holde May hat endlich obgeſiegt,
Und Boreas muß lauem Weſte weichen:
Der laue Weſt lockt Floren, wo er fliegt,
Jhm bruͤnſtig laͤchelnd nachzuſchleichen.
L uns den Wald, wo itzt manch ſpielend Reh
Durch Buͤſche rauſcht; laß uns die gruͤnen Buchen
Und Feld und Bach und den bethauten Klee,
O Freund! auch wiederum beſuchen.
Umwoͤlkt annoch der Unmuth unſern Blick,
Da uͤberall Natur und Erde lachen?
Sey auch vergnuͤgt und laß das wilde Gluͤck
Die Zeiten mehr als eiſern machen!
Es zieh uns aus, was wir von ihm geborgt,
Und werf allein dem ihm verkauften Schwarme
Die Guͤter zu, um die ich nie geſorgt!
Nackt flieh ich in der Weisheit Arme.
Es bleibt mir doch der ſtets zufriedne Sinn
Und Muths genug, mein Gluͤck in mir zu ſuchen,
Und edler Stolz, auch wann ich niedrig bin,
Unedle Tuͤcke zu verfluchen.
EEs66Lyriſche Gedichte
Es bleibt mir auch, vom Zufall unentwandt,
Das Saitenſpiel der griechiſchen Camoͤne,
Das, trotz dem Gluͤck, ich mit gedungner Hand
Zu feigem Schmeicheln nicht verwoͤhne.
Die67Zweytes Buch.
Die Wolluſt.
Hier im Geſtraͤuch, an Florens weichem Buſen,
Die Balſam haucht, geruhig hingeſtreckt,
Erwart ich ſie, die goͤttlichſte der Muſen,
Die ſich im Buſch vor meinem Wunſch verſteckt.
Sie kommt, ſie kommt! ich hoͤre ſchon vom weiten,
Jn ſtiller Luft, die Stimme guͤldner Saiten.
Jhr Sterblichen, die ihr dem Schickſal fluchet,
Wenn euern Arm gewuͤnſchte Ruhe flieht;
Die ihr umſonſt ſie unter Dornen ſuchet!
O hoͤret mich! o hoͤrt mein lehrend Lied!
Was quaͤlt ihr euch? die holde Wolluſt winket,
Und beut euch an, was euch ſo ſchaͤtzbar duͤnket:
Die Wolluſt nicht, die auch der Poͤbel kennet;
Die viehiſch raſ’t, nicht ſich vernuͤnftig freut;
Von Lieb und Wein, umkraͤnzt mit Epheu, brennet,
Und Lieb und Wein durch Uebermaaß entweiht!
Nein! die zugleich Natur und Weisheit preiſen;
Der Weisheit Kind, die Koͤniginn der Weiſen!
E 2Jch68Lyriſche Gedichte
Jch ſehe ſie, und Morgen-Roſen ſchmuͤcken
Die heitre Stirn und glaͤnzen um ihr Haupt.
Wie ruhig ſtrahlt aus ihren ſuͤſſen Blicken
Die reine Luſt, die kein Verhaͤngniß raubt!
Durch ſie wird ſelbſt Lyaͤus zahm gemachet,
Der hinter ihr mit einer Muſe lachet.
Die Freude ſchwingt um ſie die guͤldnen Fluͤgel
Zu aller Zeit, auch wenn das Gluͤck entflieht.
So oͤde ſcheint kein duͤrrverbrannter Huͤgel,
Wo nicht fuͤr ſie noch manche Bluhme bluͤht:
Und rings umher ſchwatzt unter Laub und Zweigen
Ein ſanfter Weſt, und rauhe Stuͤrme ſchweigen.
Wie ſollte dir nicht alles dienen muͤſſen,
Du, die allein die Sterblichen begluͤckt!
Gefeſſelt liegt, o Goͤttinn! dir zu Fuͤſſen
Der bleiche Gram, der ſchwache Seelen druͤckt.
Du baͤndigeſt die hungrigen Begierden,
Die ohne dich verderblich herrſchen wuͤrden.
Wie, wann der Sud ſein ſchwarz Gefieder ſchuͤttert,
Und auf der See ſich als Tyrann erhebt;
Der Ocean bis an den Grund erzittert,
Und weißbeſchaͤumt hoch in die Luͤfte ſtrebt:
Jndem kein Stern die bange Nacht erheitert,
Verirret ſich das kranke Schiff und ſcheitert:
So69Zweytes Buch.
So wuͤthen auch die zuͤgelloſen Triebe,
Die uns Natur mitleidig eingeſenkt.
Sie brechen los; und Recht und Menſchenliebe,
Was heilig iſt, wird unbereuͤt gekraͤnkt.
Nicht ungeſtraft! der Frevelthaten Menge
Beſtraft in uns ein Richter voller Strenge.
Die Furien, in deren blutgen Haͤnden,
Stets fuͤrchterlich, die Dornen-Peitſche brauſt,
Verfolgen ihn, wann zwiſchen Marmor-Waͤnden
Der Luͤſte Sklav erraubtes Gut verſchmauſt.
Sein Aug entſchlaͤft: ſein wachendes Gewiſſen
Stoͤrt ſeinen Schlaf mit gelber Nattern Biſſen.
Unſelig Gluͤck! o ungeliebtes Leben!
Dergleichen Qual bezahlt kein Schatz der Welt.
Der Weiſe muß nach aͤchtern Freuden ſtreben,
Die Klugheit wuͤrzt und Reue nicht vergaͤllt.
Bin ich geſund an Leib und an Gemuͤthe;
So dank ich froh des Himmels milder Guͤte.
Wie thoͤrigt iſt, ſich vieles noͤthig machen,
Da die Natur nur weniges verlangt?
Jch werde ſatt und kann mit Freunden lachen,
Obgleich mein Tiſch nicht fuͤrſtenmaͤßig prangt.
Muß edler Wein, den Blut und Seele fuͤhlen,
Den eklen Durſt allein aus Golde kuͤhlen?
E 3Gold70Lyriſche Gedichte
Gold giebt das Gluͤck, und giebt es auch den Thoren:
Die Weisheit lehrt auch ſchimmernd Gold verſchmaͤhn
Und froͤhlich ſeyn, wann die das Gluͤck erkohren,
Sich, unvergnuͤgt, in ſeinem Schooſe blaͤhn.
Das wahre Gluͤck iſt nicht was Thoren meinen:
Sey in der That, was tauſend andre ſcheinen.
Si -71Zweytes Buch.
Silenus.
Jch ſah den Gott Silen! mit heiligem Erſtaunen,
Jhr Enkel! ſah ich ihn! er zechte mit den Faunen,
Und lehrte die betrunkne Schaar!
Er ſang, erfuͤllt vom Gott der traubenvollen Hoͤhen:
Ein Epheukranz verbarg des Alten graues Haar;
Die Adern ſchwollen von Lyaͤen.
Der Muſe ſey vergoͤnnt, dir, Vater, nachzulallen!
Jch hoͤr ihr Saitenſpiel von deinem Lied erſchallen:
Auch Nymphen merkten auf dein Lied!
Du ſangſt, wie ungeſtuͤm das finſtre Chaos bruͤllte,
Bis Erd und ſchwarze Fluth und Luft und Feuer ſchied,
Und ſich die alte Zwietracht ſtillte.
Nun ward die Harmonie, des Himmels Kind, ge -
bohren:
Der neuen Sonne ward ihr neu Gebieth erkohren:
Der Mond nahm ſeine Herrſchaft ein.
Bald hoͤrte der Parnaß die jungen Muſen ſingen,
Und ſah die Grazien in ſeinem Lorbeerhayn
Die Arme durcheinander ſchlingen.
E 4Du72Lyriſche Gedichte.
Du lehrteſt, wie Mercur der Leyer Scherz erfun -
den;
Und wie das erſte Rohr, mit fremder Kunſt verbunden,
Jn Pans betruͤbter Hand geklagt
Als Pan von Syrinx, ach! der ſchoͤnſten Nais, brann -
te,
Die Ladons Tochter war und in geliebter Jagd
Arkadiens Gehoͤlz durchrannte.
Die ſah der Hirten Gott nach ſcheuem Wilde jagen;
Und ihr verirrtes Haar die weiſſen Schultern ſchlagen,
Und ihre holden Wangen gluͤhn.
Er ſah die ſchoͤnſte Bruſt den freyen Weſten offen:
Jhn brannte, was er ſah: er war verliebt und kuͤhn,
Und fleht und wagte, ſtolz zu hoffen.
Umſonſt! weil Syrinx floh, wie ein gejagtes Rehe
Dem Tode, der ihm folgt, auf ſchwarzbebuͤſchter Hoͤhe
Mit fluͤgelſchneller Flucht entweicht.
Es hemmen ſeinen Lauf nicht bluhmenvolle Felder,
Durch die ein lautrer Bach mit heiſcherm Murmeln
ſchleicht;
Nicht Schatten ſonſt gewuͤnſchter Waͤlder.
Sie73Zweytes Buch.
Sie floh: ihr folgte Pan, auf ungebahnten We -
gen;
Aus voller Urne rauſcht ihr Ladons Fluth entgegen;
Kein Weg war offen, zu entgehn.
Hier, wo zum erſtenmal die bangen Fuͤſſe ruhten,
Hier, Schweſtern! rief ſie, eilt, mir huͤlfreich beyzuſtehn!
Und ſprang verzweiflend in die Fluthen.
Gleich blieb ihr leichter Fuß an traͤgen Wurzeln han -
gen;
Der ſchlanke Leib ward Schilf, als Pan, ſie zu umfan -
gen,
Um ihn die braunen Arme wand.
Nun ſpielte Zephyrs Hauch in ungewohnten Rohren:
Sie taumeln, ſanftbewegt, und fliſtern um den Strand
Jhm ſchwache Seufzer in die Ohren.
Wie ſinnreich machen uns, o Liebe! deine Lehren!
Pan hoͤrte dieſen Laut und wuͤnſcht, ihn ſtets zu hoͤren,
Auch wann der muͤde Wind entſchlief.
Er fuͤgte Halm an Halm, die er verſchieden waͤhlte,
Von Rohr zu Rohr alsdenn mit ſchnellen Lippen lief,
Und ſie durch ſanften Hauch beſeelte.
E 5Pan74Lyriſche Gedichte
Pan lehrte nachmals auch die Floͤte ſeine Hirten,
Und ieden Hirtentanz, im Schatten froher Myrthen,
Belebte ſuͤſſer Floͤten Klang.
Sie gieng vor Sparta her, das ſich mit Bluhmen kroͤnte,
Und ſtimmte kriegriſch ein, wann Caſtors Lobgeſang
Dem nahen Feind entgegen toͤnte.
Drit -75Drittes Buch.

Drittes Buch.

Tempe.
Durch welch geheimen Zwang
Erwacht mein ſchlafender Geſang?
Jch fuͤhle wiederum die Herrſchaft weiſer
Muſen.
Wie ſtuͤrmet nicht in meinem Buſen
Die ungeſtuͤme Glut,
Und reiſſt mich hin in trunkner Wuth!
Taͤuſcht mich der ſuͤſſe Wahn?
Welch Thal der Freuden lockt mich an
Mit friſchbethautem Gruͤn, mit ambrareichen Luͤften?
Wie plaudert in der Berge Kluͤften
Der wache Wiederhall!
Die Voͤgel ſingen uͤberall!
Durch76Lyriſche Gedichte
Durch kuͤhle Buͤſche rauſcht
Ein Zephyr, der um Floren lauſcht:
Es murmelt mancher Bach; es wandelt unter Baͤumen
Der holde Schlaf mit holdern Traͤumen.
Entzuͤckendes Revier!
Dich, himmliſch Tempe, ſeh ich hier!
Hier, wo der Pelion,
Wo der Olymp, der Goͤtter Thron,
Sich in die Wolken thuͤrmt aus heerdenvollen Matten:
Jn dieſer gruͤner Lorbeern Schatten
Glaͤntzt, als ein glatter See,
Der Peneus durch bebluͤhmten Klee.
Die Gegend iſt ſo ſchoͤn,
Daß hier die Muſen ſich ergehn.
Thalien ſeh ich dort bedornte Roſen pfluͤcken:
Die Schalkheit ſpricht aus ihren Blicken;
Und ihren Mund beſeelt
Ein Laͤcheln, das die Thoren quaͤlt.
Wer ſcherzt an ihrer Hand?
Jſts Clio, deren leicht Gewand
Nachlaͤſſig flatternd wallt und nicht mit Golde prahlet?
Fontaine, der verewigt ſtrahlet,
Sang einſt an ihrer Bruſt
Von Hymens Qual und Amors Luſt.
Du77Drittes Buch.
Du aber irrſt allein,
O Uranie! durch Thal und Hayn!
Dein heilig Saitenſpiel ſchlaͤft unter ſtillem Laube:
Bis von verſchmaͤhtem niedern Staube
Sich dein entbundner Geiſt
Zum Himmel, ſeinem Urſprung, reiſſt.
Den Sternen ſchwingeſt du
Dein brauſendes Gefieder zu,
Durch unſre groͤbre Luft, die Werkſtatt rother Blitze;
Und wo, wann Gott von ſeinem Sitze
Die Welt im Wetter ſchilt,
Sein ausgeſandter Donner bruͤllt.
Du dringſt Auroren nach
Jn ihr bepurpert Schlafgemach;
Und ſiehſt aus blauer Hoͤh die Erde ſilbern glaͤnzen.
Bald reiſſt aus unſers Titans Graͤnzen
Dich dein entflammter Sinn
Jn andrer Sonnen Herrſchaft hin.
Die Erde ſcheint wie Nichts
Jn jenen Gegenden des Lichts,
Wo deiner Blicke Flug an fremde Welten landet.
Dort wo ihr niemals uͤberwandet,
Jhr Weltbezwinger! ſeht,
Wie euer Stolz euch hintergeht.
O goͤtt -78Lyriſche Gedichte
O goͤttlich hoher Flug!
Mein Fluͤgel iſt nicht ſtark genug,
Sich dir auf Neutons Pfad, o Muſe! nachzuſchwingen.
Jch will im niedern Buſche ſingen,
Wo Erato ſich kuͤhlt
Und Amorn lockt, mit Amorn ſpielt.
Mor -79Drittes Buch.
Morpheus.
Bey Venus ward von Schaͤferinnen
Der holde Morpheus hart verklagt:
Wird ſein abſcheuliches Beginnen
Jhm, ſprachen ſie, nicht unterſagt.
Bey Tage ſind wir Schaͤfern ſproͤde:
Doch ſieh, wie ſchalkhaft Morpheus iſt!
Jm Traum iſt keine Hirtinn bloͤde;
Ja, leider! auch die Unſchuld kuͤſſt.
Die Schaͤfer weihen ihm Geſaͤnge:
Er heuchelt ihrer Zaͤrtlichkeit,
Und ſpottet unſrer keuſchen Strenge,
Die ach! uns manche Luſt verbeut.
Ein Thyrſis, der zu Doris Fuͤſſen
Vor wenig Stunden troſtlos lag,
Kann traͤumend ſeine Sproͤde kuͤſſen,
Die alles will, was Morpheus mag.
Hier80Lyriſche Gedichte
Hier unterbrach die langen Klagen
Der Traumgott voller Ungeduld,
Und ſprach: o Goͤttinn! darf ichs wagen;
So hoͤre mich mit gleicher Huld.
So muͤſſe dir der Weltkreis froͤhnen,
Und Amors Bogen ſey begluͤckt,
Solang auf Wangen junger Schoͤnen
Ein bluͤhend Morgenroth entzuͤckt!
Jch muß der frommen Maͤdchen lachen:
Sie traͤumen von verliebter Luſt!
Welch Wunder? herrſcht, wann Maͤdchen wachen,
Die Liebe nicht in ihrer Bruſt?
Jch weis, was ieder Schoͤnen fehlet,
Um die mein ſtiller Fittig ſpielt;
Und ſehe was ihr Herz verhehlet,
Und oft ſie ſelbſt nur dunkel fuͤhlt.
Manch Maͤdchen prangt mit ſcheuer Tugend,
Das ingeheim zu Amorn fleht,
Wann itzt im Fruͤhling muntrer Jugend
Jhr Buſen in der Fuͤlle ſteht.
Sie ſeufzt, und, o gerechter Kummer!
Es jammert mich der Schaͤferinn:
Jch fuͤhre ſie bey fruͤhem Schlummer
Jn ihres Hirten Arme hin.
Liebt81Drittes Buch.
Liebt Chloe nichts, als ihre Heerde?
Sie glaubts! ihr Auge ſaget mir,
Daß Chloen Damon kuͤſſen werde;
Und ich verrath es ihm und ihr.
Die Sproͤde ſchleicht mit mir in Gruͤnde
Zu Buͤſchen, wo kein Fremder lauſcht,
Wann beym Geſchwaͤtze ſanfter Winde
Der Scherz geheimer Schmaͤtzchen rauſcht.
Ein ieder gleichet ſeinen Traͤumen:
Jm Traume zecht Anakreon:
Ein Dichter jauchzt bey ſeinen Reimen,
Und flattert um den Helikon.
Fuͤr euch, Monaden! ficht mit Schluͤſſen
Ein Liebling der Ontologie;
Und allen Maͤdchen traͤumt von Kuͤſſen:
Denn was iſt wichtiger fuͤr ſie?
Der Traumgott wollte weiter ſprechen:
Doch itzt rief ihm die braune Nacht:
Sie lag ſchon uͤber dunkeln Baͤchen;
Und Philomela war erwacht.
Er floh, und laͤchelnd ſprach Cythere:
Jhr Kinder! wißt nicht, was ihr wollt.
O predigt nur von ſtrenger Ehre!
Mir ſeyd ihr doch im Herzen hold.
FEin82Lyriſche Gedichte
Ein Gemaͤhlde.
Sieh! welche Schilderey!
Bebluͤhmt kein wahrer May,
Jm Schooſe der Natur,
O Phyllis! dieſe Flur?
Ein dick Gebuͤſch umkraͤnzt
Die Quelle, die hier glaͤnzt:
Am gruͤnen Ufer hin
Schlaͤft eine Schaͤferinn.
Sie liegt, nur leicht bedeckt,
Jn Bluhmen hingeſtreckt.
Mit ihren Locken ſpielt
Ein Zephyr, der ſie kuͤhlt;
Und ihre weiſſe Bruſt,
Schon reif zu ſchlauer Luſt,
Verraͤth ſich unterm Flohr,
Und wallt im Schlaf empor.
Sieh dieſen Schaͤfer hier,
Der, unbewegt, nach ihr
Mit weiten Augen ſieht:
Wie ſeine Wange gluͤht!
Sein Leib hangt ungeſchickt,
Auf einen Stab gebuͤckt,
Jn plumper Stellung hin
Zur holden Schlaͤferinn.
Der83Drittes Buch.
Der Wilde fuͤhlt ein Herz!
Hat ihn der Liebe Scherz,
Als Zeugen ihrer Macht,
Zur Schoͤnen hergebracht?
Er hat ſchon mehr Verſtand;
Und wird ganz umgewandt
Zu ſeinen Schafen gehn,
Nachdem er ſie geſehn.
F 2Neu -84Lyriſche Gedichte
Neujahrs-Wunſch des Nachtwaͤchters zu Ternate.
Weckt eure Gatten kuͤſſend auf,
Jhr Schoͤnen von Ternate!
Hoͤrt, bey des Jahres neuem Lauf,
Wie mir ein Wunſch gerathe!
Ein Maͤdchen, das ſich Muſe nennt,
Durchſtreicht mit mir die Straſſen;
Und was mein Herz euch gutes goͤnnt,
Will ſie in Reime faſſen.
Wohlan! die Freude werde neu,
Wie ſich das Jahr verneuet!
Es fliehe finſtre Heucheley,
Die ſich im Winkel freuet!
Richt Eigennutz, nur Zaͤrtlichkeit
Sey Stifter unſrer Ehen:
So wird man Hymens guͤldne Zeit
Auch Jahre dauern ſehen.
Die85Drittes Buch.
Die ſuͤſſe Falſchheit unſrer Zeit
Entweiche von der Erde,
Daß alte wahre Redlichkeit
Noch einmal Mode werde.
Es drohe Miswachs und Verluſt
Gelehrten Schmierereyen:
Nur muͤſſe junger Maͤdchen Bruſt
Und guter Wein gedeihen!
Gib, Himmel! deinen alten Wein
Den froͤhligen Poeten,
Die in der Muſen Lorbeerhayn
Oft, leider! durſtig treten.
Nur Waſſer, alter Weiſen Trank,
Gib unſern jungen Weiſen;
Und jage den Monaden-Zank
Von freudenvollen Schmaͤuſen.
Der Geiz mag ſein erwuchert Gut
Nur huͤten, nicht genießen!
Doch laß ein Baͤchlein guͤldner Fluth
Auch auf den Weiſen flieſſen!
F 3Denn68[86]Lyriſche Gedichte
Denn unſre Weibchen koſten viel,
Wenn ſie uns lieben ſollen:
Wieviel erfordert Putz und Spiel
Und wann wir ſchmauſen wollen!
Heil allen, denen Heil gebricht;
Heil ſey dem ganzen Staate!
Dieß wuͤnſch ich aus bezahlter Pflicht,
Nachtwaͤchter von Ternate.
Amor87Drittes Buch.
Amor und ſein Bruder.
Um die ſtille Mitternacht,
Wenn allein die Liebe wacht;
Wenn die ſchattenvolle Welt
Nur der hohe Mond erhellt:
Schlief die Nachbarinn Elmire;
Wenigſtens ihr Alter ſchlief:
Als vor ihres Hauſes Thuͤre
Cyperns Gottheit pocht, und rief.
Wer iſt hier? wer laͤrmt noch ſo?
Ach! mein guͤldner Traum entfloh!
Rief die Magd halbſchlafend aus,
Gaͤhnt und taumelte vors Haus.
Amor fleht in ihren Armen;
Und, wie alle Welt geſteht,
Muß ein Maͤdchen ſich erbarmen,
Wann ein milder Amor fleht.
F 4Jhm88Lyriſche Gedichte
Jhm wird willig aufgethan;
Und ſein Bruder haͤngt ſich an:
Halb bedeckt ein Epheuͤ-Kranz
Seines guͤldnen Hornes Glanz.
Seine ſchlauen Blicke brennen;
Jede Sehne ſchwillt von Kraft:
Die ihn kennen wollen, nennen
Jhn den Gott der Hahnreyſchaft.
Amor thut ſogleich bekannt,
Lehnet an die naͤchſte Wand
Seinen Bogen lachend hin,
Huͤpft und ruft mit frohem Sinn:
Troz der feſt verſchloſſnen Thuͤre,
Bruder! half ich dir herein.
Jung und feurig iſt Elmire:
O ſie wird nicht grauſam ſeyn!
Die89Drittes Buch
Die Wiſſenſchaft zu leben.
Ein großer und vielleicht der groͤßte Theil des Lebens,
Das mir die Parce zugedacht,
Schlich, wie ein Traum der Nacht,
Mit leiſen Fluͤgeln hin, und war vielleicht vergebens!
Vergebens flammten mir ſo vieler Tage Sonnen,
Wenn ich, vom Schoͤpfer aufgeſtellt,
Als Buͤrger einer Welt,
Durch eine gute That nicht ieden Tag gewonnen:
Wenn ich der Tugend Freund und groß durch Men -
ſchenliebe,
Frey von des Wahnes Tyranney,
Wahrhaftig groß und frey,
Erſt werden ſoll, nicht bin, und es zu ſeyn verſchiebe.
Wie? wer nach Golde geizt, obgleich kein Gold
begluͤcket,
Braucht alle Stunden zum Gewinn,
Und laͤuft nach Wucher hin,
Wann kaum der junge Tag aus weiſſen Wolken blicket.
F 5Jn -90Lyriſche Gedichte
Jndeß die halbe Welt, vom ſanften Schlaf umflogen,
Jn bleicher Daͤmmrung Stille traͤumt;
Hat jener, ungeſaͤumt,
Schon Gelder angelegt, ſchon Zinſen abgezogen.
Wir leben niemals heut! wir ſchieben auf, zu le -
ben,
Bis einſt ein guͤnſtiges Geſchick
Uns ein getraͤumtes Gluͤck
Nach Vorſchrift unſers Plans und Eigenſinns gegeben.
So ſtark herrſcht uͤberall der Thorheit alter Glaube,
Als koͤnnten wir uns nicht erfreun,
Nicht weiſ und gluͤcklich ſeyn
Jn einem ieden Stand, im Purpur und im Staube!
Auf Bluhmen ſeh ich hier den armen Landmann lie -
gen,
Den ein gepachtet karges Feld
Nur kuͤmmerlich erhaͤlt:
Um ſeine braune Stirn lacht ruhiges Vergnuͤgen.
Er lebt, wann ſein Tyrann, der ieden Tag bethraͤnet,
Sich um das Leben ſelbſt betruͤgt,
Und, immer unvergnuͤgt,
Reich, aber hungrig ſtets, nach groͤſſerm Reichthum gaͤh -
net.
Doch91Drittes Buch.
Doch Chlotho wartet nicht, bis wir genug erlangen;
Und wann ſie uns zur kuͤhlen Gruft
Und in die Stille ruft,
So haben viele nie zu leben angefangen.
Der92Lyriſche Gedichte
Der ſtandhafte Weiſe. An Herrn Hof-Rath C*
Hat nun dein Saitenſpiel den ſuͤſſen Scherz vergeſ -
ſen,
Und ſchweigt, ſtets ungeſtimmt, an traurigen Cy -
preſſen,
Um deiner holden Gattinn Grab?
Wer kann, o weiſer C* den wilden Schmerz beſiegen,
Wenn Seelen, deren Muth erhabne Proben gab,
Wenn ſtarke Seelen unterliegen?
Wie? ſoll die Traurigkeit unwiderſetzlich wuͤthen,
Und wo ſie einmal herrſcht, ſtets fuͤrchterlich gebiethen,
Jn ewig unerhellter Nacht?
Nein! von dem Weiſen muß die Welt und Nachwelt leſen,
Er ſey gemaͤſſigt froh, wenn ihm das Gluͤck gelacht,
Und auch in Leiden groß geweſen.
Jhm darf die traͤge Zeit auf mitleidvollen Schwin -
gen
Nicht ihren ſpaͤten Troſt, nicht ihre Lindrung bringen:
Sie ſey des Poͤbels Troͤſterinn!
Der Weiſe braucht ſie nicht, er troͤſtet ſich aus Gruͤnden:
Die Wahrheit ſchimmert ihm durch truͤbe Nebel hin;
Er kann ſie ſehen und empfinden.
Sein93Drittes Buch.
Sein lehrend Beyſpiel ſtrahlt auch auf entfernte
Tage:
Der Schwache, der es hoͤrt, ſchaͤmt ſich der feigen Kla -
ge,
Und fuͤhlet ungewohnten Muth.
Um ſeine Helden-Stirn muͤſſ ewig Lorbeer gruͤnen!
O Lorbeer beſſrer Art, als den durch fremdes Blut
Die Weltverwuͤſter ſich verdienen!
Kein ſtoiſcher Geſang ertoͤnt von meinen Saiten;
Jch waffne nicht den Stolz, die Thraͤnen zu beſtreiten;
Jhm widerſteht ein zaͤrtlich Herz.
Die Stimme der Natur gebeut in allen Seelen,
Und falſcher Großmuth Zwang kann einen wahren
Schmerz
Nicht uͤberwinden, nur verhehlen.
Doch was kein Stolz vermag, kann Weisheit moͤg -
lich machen:
Auch Triebe der Natur, die herrſchbegierig wachen,
Gewoͤhnt ſie zum Gehorſam an.
Sie muͤſſen ſich vor ihr, ſo wild ſie brauſen, ſchmiegen,
Wie in verſchloſſner Gruft, dem Aeol unterthan,
Die lauten Winde knirſchend liegen.
Sieh94Lyriſche Gedichte
Sieh auf den ſtarken Trieb, der uns zur Wolluſt
reiſſet,
Jm freyen Wilde Brunſt, in Menſchen Liebe heiſſet,
Und, unbeherrſcht, ſich leicht verirrt.
Er wird Geſetz und Recht und Menſchlichkeit verletzen,
Wenn ihn kein Zuͤgel haͤlt, und ihm erlaubet wird,
Sich hoͤhern Pflichten vorzuſetzen.
Aus ihren Schranken darf auch die Natur nicht
ſchreiten:
Soll nicht ein gleicher Zaum die weiche Wehmuth lei -
ten,
Die ein verlohrnes Gut bedaurt?
Kein allzulanger Schmerz muß unſre Ruhe ſtoͤren;
Und wenn es Menſchheit iſt, daß unſre Seele traurt,
So iſt es Weisheit, aufzuhoͤren.
Was kann den Sterblichen das wilde Gluͤck entzie -
hen,
Das ewig Leid verdient? Jſt alles nicht geliehen?
Gebuͤhrt nicht alles ihm zuruͤck?
Die Guͤter, die es giebt, verſchenkt es nicht auf immer:
Sein ſchmeichlend Laͤcheln iſt ein kurzer Sonnenblick,
Ein kaum genoſſner Fruͤhlings-Schimmer.
Wann95Drittes Buch.
Wann ſich die dunkle Luft mit Winter-Wolken
ſchwaͤrzet;
Wann Philomele ſchweigt, kein lauer Zephyr ſcherzet,
Kein Zephyr Morgen-Roſen kuͤſſt:
Was hilfts, mit finſtrer Stirn den Unbeſtand beklagen?
Es kommt nicht mehr zuruͤck, was einſt entflohen iſt;
Doch leicht wird, was wir freudig tragen.
Der Weiſe bleibt ſich gleich im Schoos erwuͤnſchter
Freuden,
Und ſieht, noch ehe ſie, bald oder ſpaͤte, ſcheiden,
Die leichten Fluͤgel ieder Luſt.
Wenn ihr Gefieder ſich in ſchneller Flucht verſpreitet,
So ſieht ers unbetaͤubt: er hatte ſeine Bruſt
Zu iedem Unfall vorbereitet.
Richt unſer ganzes Herz muß am Vergnuͤgen hangen:
Zu einem hoͤhern Zweck hat uns die Welt empfangen,
Wo ieder eine Rolle ſpielt.
Nicht bloß zu trunkner Luſt im Umgang eines Weibes
Bewohnt ein freyer Geiſt, der ſich unſterblich fuͤhlt,
Die irdne Huͤtte ſeines Leibes.
Durch Tugend muͤſſen wir des Lebens wuͤrdig werden,
Und ohne Tugend iſt kein daurend Gluͤck auf Erden:
Mit ihr iſt niemand unbegluͤckt.
Der Laſterhafte nur iſt elend, arm, verachtet,
Auch wann er gluͤcklich heißt und ſich vom Raube ſchmuͤckt,
Und juͤdiſch ganze Laͤnder pachtet.
Kein96Lyriſche Gedichte
Kein fremder Zufall kann der Seelen Hoheit min -
dern;
Kein widriges Geſchick ihr wahres Wohl verhindern:
Kann was geſchieht, uns boͤſe ſeyn?
Der Schoͤpfer einer Welt wird ſeine Schoͤpfung lieben,
Und wenn er ſie betruͤbt, aus weiſer Huld allein
Und nicht aus blindem Haß betruͤben.
Vom ſtrengen Strom der Zeit wird ieder hingeriſ -
ſen,
Bald unter heitrer Luft, bald unter Finſterniſſen
Und ſchwarzer Ungewitter Wuth:
Strom, wo ſich allzuoft beſchaͤumte Wellen thuͤrmen,
Stets brauſend, wie das Meer! o ungeſtuͤme Fluth,
Beruͤchtigt von erzuͤrnten Stuͤrmen!
Wohin der Sturm uns fuͤhrt, bleibt oft vor uns
verſtecket,
Weil fuͤrchterlich Gewoͤlk die gruͤnen Ufer decket,
Und unſrer Blicke Lauf begraͤnzt.
Die Schatten werden fliehn, die unſer Auge banden,
Vielleicht wohl, ehe noch der andre Morgen glaͤnzt,
Vielleicht nicht ehe, bis wir landen.
Die97Drittes Buch.
Die Sommerlaube.
Die Laube prangt mit jungem Gruͤn:
Es toͤnen ihre dunkeln Buchen
Von Voͤgeln, die voll Wolluſt gluͤhn,
Von Fruͤhlingstrieben gluͤhn und Scherz und Schatten ſu -
chen.
Soll, was der Wahn Geſchaͤfte nennt,
Uns um ſo ſchoͤne Zeit betruͤgen?
Freund! wer des Lebens Kuͤrze kennt,
Der legt es kluͤger an und braucht es zum Vergnuͤgen.
Geneuß den feuervollen Wein:
Beym Weine herrſcht vertraulich Scherzen.
Oft ladet Amor ſich mit ein,
Und ſein verborgner Pfeil ſchleicht in die offnen Herzen.
Der ſchlaue Gott iſt niemals weit;
Jch wittre ſeine ſanften Triebe:
Denn gruͤner Lauben Dunkelheit
Jſt fuͤr den Weingott ſchoͤn, noch ſchoͤner fuͤr die Liebe.
GGe -98Lyriſche Gedichte
Geliebte Schatten! weicher Klee!
Ach! waͤre Galathee zugegen!
Ach! ſollt ich, holde Galathee,
Um deinen weiſſen Hals die Arme bruͤnſtig legen
Wo ſuͤſſer Lippen Roſen bluͤhn,
Wer kann ſie ſehn und nicht verlangen?
Die jugendlichen Kuͤſſe fliehn
Bey welkem Reiz vorbey und ſuchen friſche Wangen.
Ein leblos Auge ruͤhrt mich nicht;
Kein bloͤdes Kind wird mich gewinnen,
Das reizt, ſolang der Mund nicht ſpricht,
Und eine Venus iſt, doch ohne Charitinnen.
Die99Drittes Buch.
Die Roſe.
Der Fruͤhling wird nun bald entweichen:
Die Sonne faͤrbt ſein Angeſicht:
Er ſchmachtet unter welken Straͤuchen;
Und findet ſeinen Zephyr nicht.
Er hinterlaͤßt uns, da er fliehet,
Den Ausbund ſeiner Lieblichkeit.
Die Roſe, die in Purpur bluͤhet,
Verherrlicht ſeine lezte Zeit.
Du, Roſe! ſollſt mein Haupt umkraͤnzen:
Dich lieben Venus und ihr Sohn.
Kaum ſeh ich dich im Buſche glaͤnzen,
So wallt mein Blut, ſo brenn ich ſchon.
Jch fuͤhl ein jugendlich Verlangen,
Ein bluͤhend Maͤdchen hier zu ſehn,
Um deſſen roſenvolle Wangen
Die jungen Weſte ſuͤſſer wehn.
G 2Der100Lyriſche Gedichte
Der Sommer und der Wein.
Jn dieſen ſchwuͤlen Sommertagen
Fliegt Amor nur in kuͤhler Nacht,
Und ſchlummert, wann die Sonne wacht:
Die Muſe traͤumt nur matte Klagen.
Jch haͤnge mit verdroſſner Hand
Die traͤge Leyer an die Wand.
Doch, Freund! in ſchwuͤlen Sommertagen,
(Ziſcht mir Lyaͤus in das Ohr:)
Hebt ſich der Weinſtock ſtolz empor,
Den Froſt und Regen niederſchlagen:
Und nur der hoͤhern Sonne Glut
Kocht ſeiner Trauben goͤttlich Blut.
So mag in ſchwuͤlen Sommertagen
Der Weichling, Amor, ſchuͤchtern fliehn,
Und Scherz und Muſe ſich entziehn:
Der Wein wird ſie zuruͤcke jagen.
Es reife nur der frohe Wein:
Was kann mir unertraͤglich ſeyn?
Die101Drittes Buch.
Die Freude.
Ergetzt euch, Freunde, weil ihr koͤnnt!
Den Sterblichen iſt nicht vergoͤnnt,
Von Leiden immer frey zu bleiben.
Vernunft wird oͤfters ohne Frucht
Sich wider ſchwarzen Unmuth ſtraͤuben:
Lyaͤus weis ihn zu betaͤuben,
Und ſingt ihn ſieghaft in die Flucht.
Lernt, wie ſich finſtrer Unverſtand,
Verhuͤllt in trauriges Gewand,
Von wahrer Weisheit unterſcheide,
Die mit entwoͤlkter Stirne glaͤnzt,
Und in der Wolluſt leichtem Kleide,
Wie ſie, im Schooſe ſanfter Freude,
Auch oft mit Roſen ſich bekraͤnzt.
O ſegnet ieden Augenblick,
Da ihr ein unvergaͤlltes Gluͤck
Jn ſuͤſſer Freundſchaft Armen ſchmecket:
Da Bacchus euch mit Epheuͤ kroͤnt,
Und Witz und attiſch lachen wecket;
Und muntrer Scherz, der Narren ſchrecket,
Die Narren und ihr Gluͤck verhoͤhnt.
G 3Doch102Lyriſche Gedichte
Doch hoͤrt ihr, was die Wahrheit ſpricht?
Verwoͤhnt, verwoͤhnt die Seele nicht
Zu rauſchenden Ergoͤtzlichkeiten,
Die, wann der Geiſt ſie lieb gewinnt,
Von Roſen unter Doͤrner leiten;
Und kein Vergnuͤgen aller Zeiten,
Nur Augenblicke reizend ſind.
Die Weisheit richtet meinen Sinn
Auf dauerndes Vergnuͤgen hin,
Das aus der Seele ſelbſt entſpringet.
Geſchmack und Wahrheit! ihr entzuͤckt,
Auch wann kein Saitenſpiel erklinget:
Auch wann mein Mund nicht lacht und ſinget,
Bin ich in euerm Arm begluͤckt.
Die Anmuth praͤchtiger Natur
Vergnuͤgt mich auf bebluͤhmter Flur,
Auf Huͤgeln und im dunkeln Hayne.
Jch jauchz an ſtiller Muſen Bruſt
So froͤhlig, als bey Cyperns Weine:
Ja wenn ich Thoren einſam ſcheine,
Vertraut ſich mir die reinſte Luſt.
So103Drittes Buch.
So lockend jene Freude lacht,
Die nur die Sinne trunken macht,
So nah iſt ſie dem Ueberdruſſe.
Die Wolluſt, vom Geſchmack ernaͤhrt,
Stirbt unter dummem Ueberfluſſe:
Sie bleibt bey ſparſamem Genuſſe
Weit laͤnger ſchoͤn und liebenswerth.
Du Tochter wilder Trunkenheit!
Fleuch, ungeſtalte Froͤhligkeit,
Und raſe nur bey bloͤden Reichen!
Sie moͤgen durch entweihten Wein
Die ſanften Grazien verſcheuchen!
Sie, Bacchus! moͤgen Thieren gleichen:
Uns Freunde! laſſ er Menſchen ſeyn.
G 4Die104Lyriſche Gedichte
Die wahre Groͤſſe. An Herrn Gleim.
Jn meinen Adern tobt ein juvenaliſch Feuer;
Der Unmuth reichet mir die ſcharfgeſtimmte Leyer:
Maßt ſich des Poͤbels Wahn
Das Urtheil nicht von groſſen Seelen an?
Sey Richter, liebſter Gleim! der Poͤbel ſoll nicht
richten,
O du, der iedes Herz mit lieblichen Gedichten
Nach Amors Willen lenkt,
Der ſchalkhaft ſcherzt und frey und edel denkt!
Ein Mann, der gluͤcklich kuͤhn zur hoͤchſten Wuͤr -
de flieget,
Und, weil er Sklaven gleich, vor Groſſen ſich geſchmieget,
Nun, als ein groſſer Mann,
Auch endlich ſelbſt in Marmor wohnen kann:
Der heißt beym Poͤbel groß, da ihn ſein Herz ver -
dammet;
Und wann der Buͤrger Gold auf ſeinem Kleide flammet,
So ſieht die Schmeicheley
Fuͤr Schimmer nicht, wie klein die Seele ſey.
Soll105Drittes Buch.
Soll ſeines Nahmens Ruhm auf ſpaͤte Nachwelt
gruͤnen?
Dem Staate dient er nur, ſich Schaͤtze zu verdienen:
Bereichert ein Verrath,
So, zweifle nicht, verraͤth er auch den Staat.
Der Abſicht Niedrigkeit erniedrigt groſſe Thaten:
Wem Geiz und Ruhmbegier auch Herculs Werke rathen,
Der heißt vergebens groß:
Er ſchwingt ſich nie vom Staub des Poͤbels los.
Zeuch, Alexander! hin bis zu den braunen Scythen;
Jrr um den traͤgen Phrat, wo heiſſre Sonnen wuͤthen,
Und reiß dein murrend Heer
Zum Ganges hin, bis ans entfernte Meer!
Du kaͤmpfeſt uͤberall und ſiegeſt, wo du kaͤmpfeſt,
Bis du der Barbarn Stolz, voll groͤſſern Stolzes, daͤmp -
feſt,
Und die verheerte Welt
Vor ihrem Feind gefeſſelt niederfaͤllt.
G 5Doch106Lyriſche Gedichte
Doch laß dich immerhin der Menſchheit nicht erbar -
men!
Von deinem Haupte reiſſt, auch in des Sieges Armen,
Der Tugend rauhe Hand
Die Lorbeern ab, die Ehrſucht ihr entwandt.
Mit Lorbeern wird von ihr der beſſre Held bekraͤnzet,
Der fuͤr das Vaterland in furchtbarn Waffen glaͤnzet,
Und uͤber Feinde ſiegt,
Nicht Feinde ſucht, nicht unbeleidigt kriegt:
Der Weiſe, der voll Muths, wann Aberglaube
ſchrecket,
Und Wahn die halbe Welt mit ſchwarzen Fluͤgeln decket,
Allein die Wahrheit ehrt,
Und ihren Dienſt aus reinem Eifer lehrt:
Der aͤchte Menſchenfreund, der bloß aus Menſchen -
liebe
Die Voͤlker gluͤcklich macht und gern verborgen bliebe;
Der nicht um ſchnoͤden Lohn,
Nein! goͤttlich liebt, wie du, Timoleon!
Zu107Drittes Buch.
Zu dir ſchrie Syracus, als unter Schutt und Flam -
men
Und Leichen, die zerfleiſcht in eignem Blute ſchwammen,
Der wilde Dionys
Sein eiſern Joch untraͤglich fuͤhlen ließ.
Du kamſt und ſtuͤrzteſt ihn, zum Schrecken der
Tyrannen,
Wie, wann ein Winter-Sturm die Koͤniginn der Tan -
nen
Aus tiefen Wurzeln hebt,
Von ihrem Fall ein weit Gebuͤrge bebt.
Durch dich ward Syracus der Dienſtbarkeit ent -
zogen;
Und ſichrer Ueberfluß und heitre Freude flogen
Den freyen Mauern zu,
Held aus Corinth! was aber hatteſt du?
Nichts, als die edle Luſt, ein Volk begluͤckt zu ha -
ben!
Belohnung beſſrer Art, als reicher Buͤrger Gaben!
Du Stifter guͤldner Zeit,
Der Hoheit werth, erwaͤhlteſt Niedrigkeit.
Doch108Lyriſche Gedichte
Doch dein gerechtes Lob verewigt ſich durch Lieder,
Nachdem die Ehre dich auf glaͤnzendem Gefieder
Den Muſen uͤbergab:
Noch ſchallt ihr Lied in Lorbeern um dein Grab.
Der109Drittes Buch.
Der Winter.
Die Erde druͤckt ein tiefer Schnee:
Es glaͤnzt ein blendend Weiß um ihre nackten
Glieder:
Es glaͤnzen Wald, Gefild und See.
Kein muntrer Vogel ſingt:
Die truͤbe Schwermuth ſchwingt
Jhr trauriges Gefieder.
Der Weiſe bleibt ſich immer gleich:
Er iſt in ſeiner Luſt kein Sklave ſchoͤner Tage,
Und ſtets an innrer Wolluſt reich.
Was Zephyrs Unbeſtand,
Was ihm die Zeit entwandt,
Verliert er ohne Klage.
Wer euch, ihr ſuͤſſen Muſen! liebt,
Der ſcherzt an eurer Hand in bluhmenvollen Feldern,
Wann Boreas die Luͤfte truͤbt.
Der Fruͤhling mag verbluͤhn!
Jhm lacht ein ewig Gruͤn
Jn euern Lorbeer-Waͤldern.
Und110Lyriſche Gedichte
Und wie? Lyaͤus flieht ja nicht,
Um deſſen Epheuͤ-Stab die leichten Scherze ſchweben!
Noch gluͤht ſein purpurnes Geſicht:
Noch will er guten Muth
Und aͤchte Dichterglut,
Troz rauhen Froſte, geben.
Dem Weingott iſt es nie zu kalt,
Und auch der Liebe nicht, lockt Venus gleich nicht immer
Jn einen gruͤnbelaubten Wald.
Jn Buͤſchen rauſcht kein Kuß:
Doch Amors zarter Fuß
Entweicht in warme Zimmer.
Jhm dient ein weiches Canapee
So gut und beſſer noch, als im geheimen Hayne
Bebluͤhmtes Gras und ſanfter Klee.
O welche Welt von Luſt
An einer Phyllis Bruſt
Und, Freund, bey altem Weine!
Stoß an! es leb ein holdes Kind,
Von Grazien gepflegt, erzogen unter Muſen
Und ſchaͤtzbarer, als Phrynen ſind,
Durch Unſchuld, klugen Scherz
Und durch ein gutes Herz
Jn einem ſchoͤnen Buſen!
Die111Drittes Buch.
Die Nacht.
Du verſtoͤrſt uns nicht, o Nacht!
Sieh! wir trinken im Gebuͤſche;
Und ein kuͤhler Wind erwacht,
Daß er unſern Wein erfriſche.
Mutter holder Dunkelheit,
Nacht! Vertraute ſuͤſſer Sorgen,
Die betrogner Wachſamkeit
Viele Kuͤſſe ſchon verborgen!
Dir allein ſey mitbewuſt,
Welch Vergnuͤgen mich berauſche,
Wann ich an geliebter Bruſt
Unter Thau und Bluhmen lauſche!
Murmelt ihr, wann alles ruht,
Murmelt, ſanftbewegte Baͤume,
Bey dem Sprudeln heiſchrer Fluth,
Mich in wolluſtvolle Traͤume!
Die112Lyriſche Gedichte
Die froͤhliche Dichtkunſt.
Oſchattigter Parnaß! ihr heiligen Geſtraͤuche,
Wo oft um Mitternacht ich einſam wachend ſchlei -
che!
Nie hab ich klagend euch entweiht.
Nur Scherz mit heitrem Angeſichte,
Nur Wein und freye Zaͤrtlichkeit
Begeiſtern mich, gefaͤllig, wenn ich dichte.
Wann mich ein Kummer druͤckt, ſo mag die Mu -
ſe ſchweigen,
Den Nachtigallen gleich, die auf begruͤnten Zweigen
Nur ſingen, wenn ſie ſich erfreun.
Welch aͤchter Prieſter froher Muſen
Vermiſcht mit Thraͤnen ſeinen Wein,
Und aͤchzet ſtets, auch an der Daphne Buſen?
Einſt lag ich ſorgenvoll im Schatten finſtrer Buchen,
Wo ſich ein traͤger Bach, den Faunen bloß beſuchen,
Durch einſames Gefilde wand.
Mein Saitenſpiel vergaß der Schoͤnen,
Und meine ſcherzgewohnte Hand
Verirrte ſich zu trauervollen Toͤnen.
Bereits113Drittes Buch.
Bereits entſchloß mein Mund ſich unvergnuͤgter Kla -
ge,
Als mit entwoͤlkter Stirn, gleich einem Fruͤhlingstage,
Die holde Muſe mir erſchien.
Der Lippen Anmuth war den Roſen,
Den Morgen Roſen vorzuziehn,
Und ieder Blick ſchien laͤchelnd liebzukoſen.
Mein Geiſt erwachte ſchnell aus allen truͤben Sorgen:
Wie, wann im rothen Oſt der angenehme Morgen
Jtzt in Aurorens Arm erwacht;
Alsdann die bangen Traͤume fliehen
Und ſchwarzgefluͤgelt, wie die Nacht,
Mit ihr zugleich in ihre Grotte ziehen.
Soll Unmuth, ſchalt ſie mich, dein Saitenſpiel ver -
ſtimmen?
Sieh auf! Anakreon, den Wein und Alter kruͤmmen,
Scheucht ſingend eitler Sorgen Heer!
Weicht auch die Freude von Alkaͤen?
Sie ſchwimmt ihm nach durchs rauhe Meer,
Und ſingt mit ihm von Amorn und Lyaͤen.
HHo -114Lyriſche Gedichte
Horaz trinkt Chier-Wein und jauchzt bey ſeinem
Weine:
Sein ewiger Geſang ertoͤnt in Tiburs Hayne
Nur an der weiſen Wolluſt Bruſt.
Der Wolluſt weihe deine Leyer!
Bloß dieſe Mutter wahrer Luſt
Beſeelt ein Lied mit aͤchtem Reiz und Feuer.
Die wache Sorge mag an ſchlechten Seelen nagen!
Dem Thoren fehlt es nie an ſelbſtgemachten Plagen:
Jhn quaͤlt ein Tand, ein dunkler Traum.
Der Weiſe kann das Gluͤck betruͤgen:
Auch wahres Uebel fuͤhlt er kaum;
Und macht ſichs leicht und macht es zu Vergnuͤgen.
Mit mancher Bluhme lacht die rauhe Bahn des Le -
bens:
Auf! pfluͤckt ſie! ſaͤumt ihr euch? ſie welkt und war ver -
gebens,
Und ihr und eure Zeit verlaͤuft.
O Thorheit! daß mit faulen Haͤnden
Jhr nach erwuͤnſchten Freuden greift,
Die doch ſo ſchnell die leichten Fluͤgel wenden!
Seyd115Drittes Buch.
Seyd langſam, eh ihr wuͤnſcht, und zum Genuß
geſchwinde:
Denn wiſſt ihr, was euch nuͤtzt, die ihr, gleich einem
Kinde,
Ohn Urſach lacht, ohn Urſach weint?
Jſt euer Auge nicht gebunden?
Was in der Ferne boͤſe ſcheint,
Wird in der Naͤh ausbuͤndig gut befunden:
Wie, als ein holder Wind auf unbeſchifftem Pfade,
Die Helden Portugalls an dein gewuͤnſcht Geſtade,
Madera, Sitz der Wolluſt! riß:
Dich eine ſchwarze Wolke deckte,
Und ſtygiſchdicke Finſterniß
Sich fuͤrchterlich bis hoch zum Himmel ſtreckte!
Die blinde Nacht verließ die ungeſtuͤmen Wellen;
Der Thetis Angeſicht fieng an, ſich aufzuhellen;
Sie ſpielte ruhig um den Strand:
Jndem ſie ſich dem Ufer nahten,
Und jauchzend ein entzuͤckend Land
Hier uͤberſahn, und ans Geſtade traten.
H 2Hier116Lyriſche Gedichte
Hier lachte die Natur, die Flora ſtets bekraͤnzte;
Die Bluhmen duͤfteten; von hellen Baͤchen glaͤnzte
Manch rauſchender Oranſchen-Hayn.
Nichts fehlte zu begluͤcktem Leben;
Nichts, als Lyaͤus und ſein Wein:
Lyaͤus kam und pflanzte ſuͤſſe Reben.
Vier -117