PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Della Ragione di Stato Das iſt Von der Geheimen und Ungemeinen Regirungs-Klugheit Jn X. Discurse verfaſte Ab - handlung /
Worinnen / Ob etwas / und was die ſo beruffene RATIO STATUS eigentlich ſey / Aus dero beruͤhmteſten Scribenten gruͤndlich unterſuchet / Und aus allerhand Begebenheiten nechſtverwichenen / wie auch ietzi - gen Europeiſchen Zuſtandes entworffen wird
Leipzig /Bey Eſaiæ Fellgibeln / Buchhaͤndler in Breßlau.Anno 1673.

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REgales poſitæ ſunt, ſicut in
Orbe, Coronæ
Inq́z ſinu quicquid gran -dius Orbis habet;
Sitlicet incert9 terreſtri motus in orbe,
Aſt terrenorum motio certa datur,
Nec dubium eſt volvi majori maximaniſu,
Regnaq́z continuâ mobilitate trahi,
Nec motu vicibusque vacant, ſi quan -do quſeicunt
In tropico, & remeant proſperitasiter,
Nec ſvetis vicibus ſaltim eſt ſubjecta,procellis
(tet
IllaGubernandi Sphæra ſubinde pa -
Quàm facile inverti Imperii pulcher -rimus ordo
(eſt!
Inſolito quodam turbine viq́z pot -
Non ſemper lux eſt, nec ubiq́z Serena
Serenis:
Atra ſolet nubes ſpargere ſæpe mi -nas.
): (3Tur -
Turbidus armatur tot tempeſtatibusæther,
Ut timeas molem de ſtatione rapi,
Hinc & adumbrata eſt in caſum ma -china præceps,
Momentoq́z ſuo diſſociata ruens.
Accurrit facie confuſâ Pallida Pallas
Incomtiſque comis, & trepidantemanu
Non galeæ clypeique tenax, oblitadecoris
Imo oblita ſui labile prenſat onus,
Magnanimis at certè animis, auſuqueſtupendo
Nititur. ut modo ſtet publica ſalvaSalus,
Ianc cordi ſinit eſſe ſibi fortaſſe pe -riclis
Expoſitam, & quovis eruit indemodo.
Hoc centro raptata ferox per ſaxa ve -presque
Utcunq́z enormis diſ-q́z-ſoluta ſalit,
Civilis præſcripta Scholæ tranſcendit,abhorret
(docet.
Id quod Ariſtoteles, ipſe Platoque
Non
Non curat Secreta Status, MyſteriaRegum
In varias formas ingenioſa vocat.
Negligit, abſtruſis Tacitus quæ con -didit urnis,
Et ſi quid Tuſcus calliditatis alit
Imo Statutorum tolerare capiſtra re -cuſat
Illa Statum apprendens Fata Sta -tusque Dea.
Quin adeo cunctis Rationibus im -
perat, ullâ
Nec Ratione ſapit quàm Ratione
Status;
Sic ſaltim paradoxa patrat, miracula
trudit,
Et ſuperhumani quid gerit in gre -mia,
Admiranda ſatis Regum Prudentia,quam non
Lex, Ordo, Ratio, Regula, Normacapit,
Si caſus inopinatos adverſaq́z ſpectes,
Deſuper â Cœlo, nõ aliunde fluunt;
Idcirco reſpicit Cœlum, ceu lapſaqueCœlo
): (4Huc,
Huc, utut in terris incola, ſponte re -dit,
Aut trahitur, nexus conſpirantesquecatenas
Suppeditat Divæ Relligionis amor,
Vincla miniſtranti Pietate graviſſima. quamvis
Ipſis ſideribus conſolidatur humus.
Mortalis combinatur cum Numine,Princeps
Cum Populo, obſequium hâc defi -ciente cadit,
Quomodocunq́z ſagax mundi ſapien -tia nunquam
Erigit adverſum Jura Suprema ca -put,
Non violat Divinarum penetralia Le -gum,
Limite Civili ſola retenta manet,
Cuncta Gubernandi Rutio, Vis, atquePoteſtas
Hiſce Ligaminibus ſubjicienda ve -nit,
Aut ſtupet, æternæ qui Majeſtatis adignem
Laſci -
Laſcivit, Cinis ah! fit, miſerumquenihil,
Illa Gigantæo molimine Cœpta fera -lem
Perniciem ſemper, quam meruere,luunt.
Felices, qui ſe manibus pedibusque li -gari
Adq́z Deum duci Relligione ſinunt!
O Felix Ratio, felix Prudentia, felix
Hoc nexu â Caſu ſic retrahente Sa -lus!
O Fortunatos Proceres, ſi quando ſo -luti
Arctius aſtrictos ſe tamen eſſe pu -tant!
Sic proſtrata ſolo ſcelerum portentajacebunt,
Sicq́z fugâ fraudes Sors pudibundaluet,
Sic erimus dabimusque ſacra pietateCalentes
In Tripode appoſitâ Candida Thu -ra Deo.
): (5Dem

Dem Durchlauchtigen Fuͤrſten und Herꝛen Herꝛen George Wilhelmen Hertzogen in Schleſien / zu Liegnitz / Brieg und Wohlaw Meinem Gnaͤdigſten Fuͤr - ſten und Herren /

Durch -
Durchlauchtiger Hertzog / Gnaͤdigſter Fuͤrſt und Herr /

JCh weis nicht / aus was vor Begier - de dieſe kleine Müh ſo unzurückhaltig in das offentliche Licht hinaus eilet / Sie entbricht Sich mit Macht aus den Finſternuͤſſen eines einſamen Ca - binets / ſie durchreiſſet die Schran - cken benoͤthigter Zeitigkeit / und un - terwindet ſich alſo fort Ew. Durch -): (6lauch -lauchtigkeit Gnaͤdigſter Obſicht zuunterwerffen; Villeicht bildet Jhr dieſe luͤſternde iedoch keuſche Welt Liebhaberinne ein ihre Voll - kommenheit von den Strahlen / Ewr. Durchl. zu erlangen / oder weil ſie doch furchtſam / bebende / und der Luft ungewohnet / getrau - et Sie deſto ſicherer ſich in die Welt hinaus zuwagen:

Und Jch zwar nach dem Jch dieſer muͤthigen / oder vielmehr Grosmuͤthigen Regirungs-Hel - dinne vollends den Zuͤgel / und ſel - bige aus meiner Macht entlaſſen / habe gar gerne den Anlauf an Ewr. Durchl. verwilliget / als der Jch billich / wo mir dieſes unver - muthete nicht unter die Hand ge - rathen waͤre / ein Zeichen meiner treugehorſamſten auf ſo viel Wei - ſe ſchuldigſten devotion von mir zuge -geben trachten / und in dieſer Sterbligkeit kein andere Zuflucht nehmen ſollen / als zu Ewr. Durch - lauchtigkeit welche die erſte Ge - burths-Stunde zu meiner Gnaͤ - digſten Herrſchafft / mich zu dero gehorſambſten Unterthanen ge - macht / wie dann / ſo oft ich an die Pflicht meiner Uuterthanigkeit / an die hohe Fürſtliche Gnaden / darmit Ewr. Durchl. Herr Vater Chriſtmildeſten Andenckens mei - nes ſeeligen Vatern treugeleiſtete Dienſte angeſehen / zuruck gedacht / Jch ſchamroth worden / daß alles dieſes ſtaͤts vor Augen-ſchweben - de an mir gleichſam erſterben / und Jch nicht Gelegenheit haben ſol - len / den geringſten Schatten eini - gen Erkentnuͤſſes oder Fähigkeit zu Ewr. Durchlaͤucht: Fuͤſſen zu legen; Dieſes waren bei mir Be -weg -wegnuͤſſen / daß ohne ferneres Be - dencken ich dieſe Erſtlinge nirgends hin als meinem Gnädigſten Her - tzoge gewiedmet haben wolte / und numehro auch meine kleine Bemuͤ - hung nicht ſo übel oder vergebens angeleget zu ſeyn / mir ahnen laſſe / in Betrachtung Jch auf eine ma - terie gefallen / welche Ewr. Durch - laucht. ſo anſtaͤndig / eigen / ange - bohren / mit einem Worte Fürſt - lich iſt. Wie unanſehlich / unbe - haͤglich und gebrechlich die Aus - arbeitung ſein moͤchte / ſo koſtbahr / vortrefflich und erlaucht iſt an ſich ſelbſt das Weſen / welches wo Jch auß den Bergwercken Politiſcher Geheimnuͤſſe etlicheꝛ maſſen aufge - ſucht / gefunden / geſondert / laſſe Jch mir Genuͤgen; Dieſes iſt eine Regirungs-Klugheit nicht die ge - meine / die ordentliche / täglich vor -kom -kommende / ſondern die jenige / die gantz ſonderlich / wunderſam / und Extraordinair iſt / die Ragione di Stato;

Jch wolte zwar wuͤntſchen / wann Ewr. Durchl. Regirung derogleichen ſeltzame irregulare Faͤlle nicht betreffen / Sie alſo auch einiger Ragione di Stato nicht be - noͤthigt ſein moͤchten / ſondern daß ſie die von dero Durchlauchten Frauen Mutter uͤbernommene / und zu einem herrlichen Beiſpiel loͤblichſt bißhero gehandhabete Regiments-Buͤrde in einem Gan - ge / einem Gewichte / bei einerlei Sonnenſchein immer fort tra - gen moͤchten; Weilen aber ſolches bei dem Wandel und Unvollkom - menheit aller irrdiſcher Dinge mehr zu wüntſchen als zu hoffen / ſo werden Ewr. Durchlaucht. beiJhrerJhrer bereits innſtehenden Re - girungs-Schiffarth nicht allein bei einer Stille fortzuſeegeln / ſon - dern auch bei allen Winden / Stür - men / und Ungewittern in alles Sich zu ſchicken Vorſchmack neh - men koͤnnen / darbei ſich nicht wun - dern / wann zuweilen die Sinnrei - cheſten Maßimen / die beſtgegruͤn - dete Regeln / die in Cabinettern wohluͤberlegteſten Anſchläge fehl - ſchlagen / wann diß / was ſonſten ungereimt gethan ſein würde / bei gewiſſen unumgaͤnglichen Ange - legenheiten weislich und heilſam begangen werden müſſe:

Unter allen Welt-Wiſſenſchaff - ten iſt keine Edlere als dieſe wohl zu regiren / maſſen Sie in nicht ei - nes ſondern vieler tauſend Men - ſchen / deren ieder eine kleine Welt abgiebet / klüglichen Beherrſchungbeſte -beſtehet; Jn dieſer Zucht iſt das weſentlichſte Stükke einen auf die Spitze der Gefahr geſetzten Staat zuerhalten / nicht allzumahl Ra - tione Politicâ, ſondern blos Sta - tûs: Solches Theil hab ich zube - ſchauen unterfangen / und durch allerhand Gruͤnde / durch ander - wertig hergehohlte Exempel be - ſcheinigen wollen; Wofern ich ein Muſter eines wohlgeſtalten und bei den ſeltzambſten Fällen Gott - ſeeligſt geführeten Regiments zu hauſe haͤtte ſuchen wollen / ſo wuͤrde Jch alles / was glorwuͤr - dig iſt / beiſammen gefunden haben inner den Stroͤmen des Koͤnigli - chen Piaſteiſchen Gebluͤthes / wel - ches gleichwie es Sich bei Ewr. Durchl. alleine in die Enge gezo - gen und gleichſam concentriret, alſo Seine rühmlichſte qualiteteninin einem Zuſammen Fluß in Ewr. Durchl. beizutragen ſcheinet; Nem - lich das jenige / was wir armen Privat-Perſonen mit groſſer Muͤh erlernen / haben Ewr. Durchl. angeſtammet / was wir bei den Todten erſcharren müſſen / haben Sie zugleich beſeehlt in Jhrem Tugendhaffteſten Hofe / was wir von weiten kaum durch ein Fern - glaß errathen / ſehen Sie gegen - wertig in der Nähe ohne Dun - kel:

Jedennoch aber wollen Ewr. Durchlaucht. wann ſie ohne diß inner den Circkeln der Gelährig - keit kein ander Centrum vermuth - lich mehr Sich ziehen laſſen / als dieſes der Politiq / mir erlauben / dieſen Politiſchen Punct / oder vielmehr Contrapunct bei neben - ſtündiger Muſſe dero GnaͤdigſtenAugenAugen zu unterlegen / darbei a - ber Sich nicht ärgern in was vor einer kleinen Bürgerhuͤtte dieſe Fuͤrſten-Amazone ihren Auf-und Unterhalt genommen. Fürſten ſind oder gleichen Sonnen / die Sonne wirft Jhre Blikke auch auff die niedrigſten Thaͤler und ie niedriger dieſe ſind / deſto empfind - licher wärmet Sie / Sie dringet in die einſamſten Einoͤden / in die verborgneſten Winckel der Er - den. Die allerkoͤſtlichſten Edel - geſteine werden in den unterſten Klüften / die ſauberſten Perlen in dem Abgrund der See / und der lieblichſt-riechende Weirauch in dem ſchattichten Libanon gezeu - get;

Sie verſchmähen nicht / Durch - lauchter Hertzog / in dieſe Grotte der Geheimnuͤſſe Sich niederzu -laſſen /laſſen / wo hierinnen nichts von mir herruͤhrendes taugliches an - zutreffen ſein wird / ſo koͤnnen den - noch allerhand anderwertig aus - gearbeitete Jubelen, der aus den Muſcheln ſchoͤner Gemüther er - leßne Perlen Schmuck / und / wel - ches zum wenigſten mein iſt / der Weirauch eines devoten Gemü - thes ſo gar verwerfflich nicht ſeyn; Die Orientaliſche Sonne giebet den Kleinodien ihren ſchätz - bahren Glantz / den Schnekkenge - waͤchſen Jhre zarte Weiſſe / dem Weirauch den Geruch; Gnaͤ - digſter Hertzog / Sie ſind die auf - gehende Sonne des gantzen Lan - des / ohne welche wir in nichts als lauter Finſternüſſen ſitzen wuͤr - den; Es iſt keiner unter ihren Un - terthanen / der nicht zu den hoͤch - ſten Gott vor ihr Lebens-Lichtſehn -ſehnlichſt und unabläßig flehe / daß ſie zu dem unwandelbahren Tro - pico eines grauen Alters immer - fort ſchreiten moͤge / daß Sie in dem AUGE aller erſinnlichen Gluͤckſeeligkeiten unſerm Horizont immer lange Tage mache / daß Sie niemaln / oder doch / wo dieſes ja nicht ſein koͤnte / nicht ohne wieder - aufgehende Sonne untergehe: Wann meine Gnaͤdigſte Landes - Sonne auch dieſes ſchlechte Pa - pier / dieſe in Deutſch aufgeſtellete Fremdinne / Mich ſelbſten mit den Strahlen dero Fürſtlichen Hulde beſcheinet / ſo wil Jch jenen Son - nen-Kindern Jhre Pracht / Ehre und Annehmligkeit gerne überlaſ - ſen; Es koͤnnen Ewr. Durchl. in mir würcken / wie und was Sie wollen / Sie koͤnnen mir nicht min - deꝛn ſplendeur, als die Sonne jenenleb -lebloſen Geſchoͤpffen geben / Sie koͤnnen gnaͤdigſt anſchaffen / wo und auf welchem Altar / welches Jch innbrünſtig ſeuftze / verrau - chen moͤge

Eurer Durchlauchtigkeit Gehorſamſt
Unterthanigſter Chriſtian Weirauch.
Mein

Mein wertheſter Leſer /

JCh habe mich unter - fangen von einer ſo hohen und wichtigen Materie zu ſchreiben / von welcher ich frey herauß bekennen muß / daß ſie ſtaͤr - ckere Schultern / als die meinigen ge - weſen / erforderet haͤtte; wann Jch aber darum zu Rede geſetzt wuͤrde / wie ich auff dieſe Gedancken gerathen / ſo koͤnte ich dieſes mein Beginnen nicht anders rechtfertigen / als daß ich nichts weniger Sinnes geweſen / etwas zuſchreiben / ge - ſchweige dann von einer Sachen / welche von den ſchoͤneſten Federn rege / nicht a - ber gehoͤriger maſſen außfuͤhrlich ge -Amachtmacht worden; die Rechte waren ei - gentlich der rechte Weg / darauff ich ge - hen / und die Geſetze das geſetzte Ziel / daꝛnach ich ringen ſolte / achtete auch kei - ner auff dieſer Bahn geſtreueten Dor - nen / welche ofters denen eyfrigſten Lieb - habern die bruͤnſtige Ergebenheit ver - wundet / ſondern verſuͤſſete alle Ver - druͤßligkeiten mit dem feineſten Con - fect holdſeeligſter Studien / und wiewol jene den Vorzug behielten / als welche mir dermaleins die beſten Lebens-Mit - tel eintragen ſolten / ſo wallete doch in meinem Gemuͤthe eine weiß nicht / was vor angebohrne Zuneigung / zu de - rer Unterhaltung nichts als die Sehn - adern alles Beginnens abgehen wolten / dieſe Flamme ware bey mir ſo maͤchtig / daß ſie inner den Schrancken Roͤmi - ſcher Geſetze weder eingeſperret ſeyn / noch veraltern wolte / ſondern ſo viel moͤglich Außgang ſuchende / ſich baldabkuͤh -abkuͤhlete in dem geraumen See der Natuͤrlichen Rechte / wohin aller ander Voͤlckeꝛ Sitten und Satzungen zu-und abflieſſen / bald ſich außlieſſe in die an - nehmlichſten Grotten der alten Zeiten / bald andere Felder der Gelehrigkeit zu bevorwitzeln getrieben wurde / biß mit - ten in der beſten Hitze / mitten in dem Lauff und herumſchweiffen mir die bit - ter eingehende Wiederkunfft ins Va - terland aufferleget wurde / dieſes fand ich bekuͤmmert / bedrangſaalet / und von Belohnungen tugendhaffter Seelen gantz eingeſpannet; Jch hoffte / war - tete / wurde aber in Warheit gewahr / was der vornehme Jtaliener beſaget / che il maggiore ſonnifero de gli humani ingegni è Speranza, daß die Hoffnung das allerſchlaffbringenſte Menſchlicher Gemuͤther ſey: Damit mich nun nicht eine vergebene Hoffnung einſchlaͤffete / hab ich zwar getrachtet /A ijauffauf waſſerley Weiſe mich in Geſchaͤff - te zuverſtrikken / muß aber hoͤchlich be - klagen / daß auch dißfalls durch die ſel - tzamen Uberwerffungen der Zeiten mir ſo gar Gelegenheit benommen geweſen / mich auß den Finſternuͤſſen einer unbe - kandten Lebensart zu winden; ſo ſehr weyland uͤber die Maͤnge der Rechts - ſtritte Klage gefuͤhret worden / ſo ſehr moͤchte man uͤber dereꝛ Maͤngel klagen / Jſt vorzeiten Maͤngel an Gelehꝛten ge - weſen / ſo iſt itzo die Maͤnge / ja der Uber - fluß deſto groͤſſer; Zu dem ſo ſchiene die Themis mit betruͤbtem Angeſicht / mit offenen Augen / leeren Haͤnden / ſich vor Gerichte darzuſtellen / ſie ſpeiſete nicht mehr mit Koͤrnern / ſondern Spreu; wie unertraͤglich mir ware die langwierige Einſamkeit / die Erduldung des mir nachgeſagten Muͤſſiggangs / das Fꝛucht und Hoffnungsloſe Buͤcher leſen / ſo un - gerne muſte ich auff einige Zeit Vertrei -bungbung bedacht ſeyn; der um Privat - Haͤndel geſchaͤfftigen Rechtslehre ſtaͤts obzuliegẽ / iſt nicht ohne Veꝛdruß / Sie iſt an ſich ſelbſt voller Stacheln / gleichwie Jch nun ſelbige durch einẽ nebenſtuͤndi - gen Abtritt in ein annehmlicher Revier abzuloͤſen pflegete / alſo deuchtete mich einem Rechtsgeflieſſenen nichts anſtaͤn - diger / meiner Zuneigung nichts einſtim - miger zu ſeyn / als der Wiſſenſchafft der Rechte die Politeſte Politig beyzufuͤgẽ / auß derer Schaͤlff ich offters den an - muthigſten Safft geſogen / dar zu ich deñ vornehmlich geleitet worden durch die Hand des vortrefflichen und Hochge - lehrten Herren Johann Andreas Boſens / vornehmen und Weltbe - ruͤhmten Profeſſoris in Jena / deſſen Le - ſen ich nicht all ein offentlich / und priva - tim begierig hoͤrete / ſondern auch die Ehre hatte / in ſeiner Tiſchgenoſſen - ſchafft deꝛ erleſenſten Diſcurſe theilhaff -A iijtigtig zu werden / auß welchen ich zu weilen mehr eine Stunde zugenommen / als wenn ich Tag und Nacht uͤber Buͤchern gelegen haͤtte; Zu der Zeit wurde eine Diſputation mit dem Titel / de Ratio - ne Status, Miniſtriſſimo, Nobilitate, gehalten / davon vielerley Urtheile fielẽ / mehrentheils aber auf einen Eyfer hin - auß lieffen / daß zwey der ruͤhmlichſten Materien ſo kaltſinnig / veraͤchtlich und liederlich gehandelt / auff der Catheder aber ſchimpfflicher vertheidiget wor - den / bey welcher Gelegenheit dann zu allerhand Gedancken uͤber der Sachen Bewandnuͤß Eroͤffnung gemacht wur - de / welches alles mir in meiner Muſſe zuweilen wiederum vorkam / alß Jch in - ſonderheit die neueſten mir unterhanden kommenden Scribenten auffzuſchlagen / und mit meinem eignen Alter mich zu letzen Zeit hatte / erkieſte auch / damit meine Bemuͤhung ein gewiſſes pu hat -te /te / ſich dahin zu ziehen / die Linien / ſo mir von wolermeldetem Herren Boſio in Leſung des Tacitus Agricola gewieſen / und durch deſſen an meine Wenigkeit gerichtete Zuſchrifft gleichſam gewied - met war; Allhiero zeigte ſich ein weites Feld auffzufuͤhren / was andere ſpar - ſam oder zerſtreuet / unordentlich oder gar nicht beruͤhret hatten / und als ich dahin gelangete / ob und was vor einer Ratio Status (weil ſo viel Weſens da - von gemacht wuͤrde) man ſich bedienen koͤnne / hab ich muͤſſen ſtehen bleiben; Mein Leſer / glaube / daß ich Anfangſ zuthun gnugſam gehabt / nachzuſetzen / ob Ratio Status etwas oder nichts / oder was es ſey / jemehr Klarheit ich ſuchte / deſto mehr Nacht fand ich / je naͤher ich treten wolte / deſto mehr zwinckerte die - ſes irrende Geſtirne vor den vor witzigen Augen; Jch weiß nicht / ob ein Wort die gelehrte Welt mehr verwirret / be -A iiijkuͤm -kuͤmmert / mehr Kief und Spaltungen veruꝛſachet / welches mich doch nicht ab - geſchrecket / ſondern mehr angefriſchet hat / auß der Uneinigkeit eines / auß der Ungewißheit etwas gewiſſes hervor zu bringen; Ob mir ſolche Bemuͤhung wol abgegangen ſey / wird eines jedwe - den eignen befinden uͤberlaſſen; Mich iſt verſichert dieſe kleine Arbeit nicht ſo ſchwer ankommen / als das Bedencken / ob ich ſelbige in dem Schatten der Ver - geſſenheit verdecket halten / oder meinen Nahmen deꝛ Kluͤgeley deꝛ gantzen Welt unterwerffen wolte; Mich hette koͤn - nen zuruͤkke halten der Buͤcher uͤber - haͤuffte Maͤnge / meine Niedrigkeit / die Wichtigkeit vorhabender Materie: Al - les dieſes waren mich zweiffelhafftig o - der furchtſam machende Urſachen / wur - den aber nach und nach gleich einem Ne - bel zertrieben / den Scrupel der Buͤcher Haͤuffigkeit benahme der Weltbe -ruͤhm -ruͤhmte Verulam, welcher ſich ſo treu - lich angelegen ſein laſſen / die Wiſſen - ſchafften in Auffnahme und Wachs - thum zubringen und verſichert / daß der jenige / welcheꝛ uͤber die unendliche Viel - heit der Buͤcher ſich verwunderte / und aber derſelbigen Jnhalt anſehen wuͤr - de / im Wiederſpiel erſtarren / und nach - dem er gewahr worden / daß kein Ende des Wiederholens ſey / die Menſchen einerley thaͤten und redeten / wuͤrde er von der Verwunderung der Vielheit zum Wunder des Mangels und der Wenigkeit der Dinge gerathen / welche annoch die Menſchlichen Gemuͤther in Ungewißheit hielten; Jn ſo erſchreck - licher Anzahl der Buͤcher was vor Ge - brechen und deſiderata hat gleichwol in den Wiſſenſchafften und freyen Kuͤn - ſten erwehnter Verulam außgeſtellet? Jn der buͤrgerlichen Weißheit / wenn ich faſt alle Politiquen anſehe / ſo will ichA vſelbi -ſelbige anitzo nicht gleichen dem Mahl jenes Chaleidenſiſchen Wirthes / welcher gefraget / woher er ſo viel Wildpret be - kommen / zur Antwort gegeben: Illa omnia condimentis ex manſuetâ ſue eſſe facta, ſie wehren alle von einer zahmen Sau mit Gewuͤrtzen zugerich - tet / alſo alle dieſe Maͤnge ſey nichts an - ders / als ein Stuͤcke der Grichiſchen Weißheit / ſo in den Schulen gleich ei - nem zahmen Thiere gemaͤſtet worden ſey / daß ſo man wenig Grichen abziehe / die Roͤmer oder Araber oder auch wir nichts haben wuͤrden / welches vom Ari - ſtotele und Platone her oder hinkaͤme / Jch wil dieſes Gleichnuͤß hieher nicht appliciret haben / ſondern nur erinnern / daß faſt alle Politiquen breßhafft / un - vollkommen / und inſonderheit dieſes durch das Wort Ratio Status nun - mehro bedeutete Theil entweder uͤber - gangen / oder nicht in acht genommen /oderoder doch nicht außgearbeitet worden / darinnen einem nach Tugendſtreben - dem Gemuͤthe vielleicht etwas zu un - terfangen uͤbrig geblieben; Mein Le - ſer laſſe ſich nicht aͤrgern / daß immer ei - ner geringen Huͤtten / immer den Wol - cken eines einſamen Cabinets ich der noch nicht in das Licht eines gemeinen Lebens ſich winden koͤnnen / von ſo ho - hen Staats-Dingen ſchreibe / und in die Heiligthuͤmer Erlauchter Pallaͤſte zu - ſchauen geluͤſte; Eben die Ruhe / welche mich nicht wolte ruhen laſſen / eben der Muͤſſiggang / deſſen ich faſt unleidlich war / ſind daran Urſache: Jch bin al - lemal fertig und bereit geweſen / wann mich mein Gott das jenige / was er mir nach ſeiner unermeßlichen Guͤte verlie - hen haͤtte / wolte anwehren laſſen; Es hat aber deꝛ Goͤttlichen Weißheit nicht annoch gefallen mich anzubringen / und vielleicht / wo alles nach meinẽ WuntſchA vjergan -ergangen / wuͤrde mir mancher Fleiß / und auch dieſe kleine Arbeit entfallen ſeyn: Jndeſſen folget nicht / daß ich von Staats-oder Regimentsſachen nichts beginnen koͤnne / ich wolte vielmehr be - haupten / daß die jenige / welche in der Stille ihren Gedancken ungeſtoͤret oh - ne Hindernuͤß nachhaͤngen / und dem je - nigen / was in der gantzen Welt paßi - ret / etwas genauer nachſinnen / das tauglichſte hervorbringen; So gar ſchreibet der beruͤhmte Majolino Bi - ſaccioni, daß die jenigen ſich weit betꝛuͤ - gen / welche ſich einbilden / che non ſi poſſa ben ſcrivere l hiſtorie, ſenza penetrar nelle Cancellarie e nello Cabinetto, perche li piu ingannati, li piu mal informati ne fatti pro - prii ſono li Prencipi, Jo mi ſono ritrovato preſente ad Una fattione &c. Daß die Geſchichte nicht ohne die Cancelleien oder Cabinetter koͤnten ge -ſchrie -ſchrieben werden / weil die Fuͤrſten am meiſten betrogen am uͤbelſten unterrich - tet ſind / ich bin darbey geweſen ꝛc. Wañ dieſem alſo wehre / ſo koͤnte man ja viel - mehr mit Behuff der Geſchichte ohne Beſchauung einigen Cabinets von Po - licei-Sachen etwas zu derer Cultur ge - langendes Unterfangen / die groſſen Gipffel der Welt laſſen ſich auch nicht zuwieder ſeyn / daß ihre Unterthanen gleich wie kleine Kinder an ihnen hinauf ſehen / und in der Regierungs Wiſſen - ſchafft etwas zubegreiffen begierig ſind. Eben von den Unterthanen erheben ſie die jenigen / die ihre Augen ſein ſollen / wehe aber dem Haupt und dem gantzen Coͤrper / wo die Augen nicht wol ſehen / oder auch zum ſehen ungeſchickt ſind. Sie haben ſich gluͤckſeelig geſchaͤtzet / wann ſie Gemuͤther geſpuͤhret / damit ſie ihr Regiment wol beſetzen / und bey ihnen ſich heilſamer Anſchlaͤge erholenA vijkoͤn -koͤnnen; Jch habe mich der Weltli - chen Weißheit / dadurch Fuͤrſten regi - ren / eines Theiles angenommen / und verſuchet / ob wo andere getappet / ich fuſſen moͤge / Eine Verwegenheit / die mich ſchamroth machen ſolte / in Erwe - gung des ſchweren Gewichtes des Vor - habens gegen dem leichten Gewichte meiner Kraͤffte / Diſcurſus de Statu ſind bey dem Anton Perez an ſich ſelbſt / Cibi magnorum ſtomachorum, Speiſen vor groſſe Magen / mir iſt nicht unbewuſt / daß ihrer viel ihren Wercken die gleiſſende Farbe der Ratio Stat9 an - geſtrichen / um dadurch ſich in mehrern Ruf zu bringen / da ſie doch nichts weniger unterſuchet / was ſie vorge - wendet haben; hingegen ich habe nicht wenig Bedencken gehabt / dieſes edelſte Stuͤcke der Regiments-Klugheit mit einem in ſo ſchaͤndliche Verachtung und Mißbrauch gefallenen Worte zuuͤber -ſchrei -ſchreiben / wolwiſſende / Libros ejus - modi, qui de Ratione Status tra - ctant, truncis aut ſtatuis eſſe ſimiles, quas in haſtiludiis omnes lanceis impetunt, omnes feriunt, oder daß die Buͤcher / ſo von der Ratio Status handeln / gleich ſind den Tuͤrcken Koͤpf - fen / auff welche alle Lancen zugehen / alle zu treffen; Jedoch hat mich wiederum auffgerichtet / daß derogleichen aus dem Mißbrauch entſtandene Schmaͤhun - gen die wakkerſten gelehrten Leute von dem gaͤntzlichen Gebrauch nicht abge - ſchrecket / und keine Urſache mir auch gnugſam ſein koͤnnen / dieſes gaͤntzlich zu uͤbergehen oder zuverwerffen / oder durch deſſen Verwerffung Verwir - rung einzufuͤhren: Ob Jch der Sachen an ſich ſelbſt baſtant ſein koͤnnen / wird mein Leſer am beſten befinden / ich habe es gewagt / in Meinung / daß weil ich in geringen Dingen ſo leichte verſtoſſenmoͤgen /moͤgen / als in hohen und wichtigen / der Willen an ſich ſelbſt loͤblich ſey / als wel - cher ſeine Menſchliche / jedoch unverſaͤtz - liche Jrrthuͤmer lieber in einem Er - lauchten Schauplatze außlaſſen wol - len / deſto mehrer Entſchuldigung ich verdienen wurde / wofern der Erfolg dem Abſehen nicht die Wage hielte; II deſiderio di Gloria è pazzia tra gli huomini piu ſavii, wie ein vornehmer Jtaliener redet / die nach Ehren ſtreben - de Begierde iſt eine unter den Kluͤgeſten gewoͤhnliche Thorheit / wo ich auch mich dieſe bethoͤren laſſen / ſo wuͤrde miꝛ mein Falls ſich ereignendes Unvermoͤ - gen nicht ſo uͤbel ausgeleget werdẽ / Sie iſt die extrema Tunica, der erſte und letzte Rock / den wir Menſchen zum er - ſten an-und zum letzten ablegen / wann mir auch dieſer anklebete / ſo wuͤrden vielleicht darmit alle Maͤngel und Ge - brechen bedecket werden koͤnnen. EineTu -Tugendergebene Seele ſteiget nach Eh - ren / wo ſie dahin gelanget / wird ſie gluͤckſeelig / wo nicht / ſo iſt die Bemuͤh - ung an ſich ſelbſt nicht ſo ſtraffwuͤr - dig; Mitten in dieſem Kampff entlicher Entſchluͤſſungen erinnerte ich mich ei - nes Brieffes / darinnen der beruͤhmte Janus Gruterus an den Jacob: Bon - gars: von ſeinen Diſcurſen uͤber den Tacitus ſchriebe / Ego jam totus ſum in proſtituendâ famâ meâ, concili - andâq́ue mihi inſigni infamiâ publi - cando Diſſertatiunculas in Taci - tum: Er wehre bemuͤhet uͤber ſeines Nahmens Proſtituirung und Verun - ehrung / in dem er dieſe Diſcurſe her - außgeben wolte / und dennoch weiß de - nenſelben Gabriel Naudeus nichts außzuſetzen / quàm quod plus Erudi - tionis ad hoc inſtitutum, quàm Poli - ticum deceat attulerit, als daß er mehr Gelehrigkeit beygetragen habe /danndann einem Politico zuſtehe; hat ein ſo groſſer Gelehrter / der ſich einbilden moͤ - gen / daß man alle kleine Brocken und Abgaͤnglinge in Ehren halten wuͤrde / wollen Beſchimpffung gewaͤrtig ſeyn / oder darnach nichts gefraget haben / was ſoll ich mich getroͤſten / der keinen Ruff habe / oder auch warum ſolt ich ei - ngi Bedencken tragen / meinen Nahmen in die Schanze zuſetzen / ſicher genung / dz mich dieſe des Naudei Cenſur nicht treffen werde / ob ich gleich nicht ſo wol mit denen ſo durchtriebenen Tiberiani - ſchen odeꝛ Roͤmiſchen / als mit den unſri - gen Zeiten es halten muͤſſe / ſo rede ich von allen Fuͤrſten und dero Staats - Sachen mit ſolchem Bedacht / daß ich von dem Meinen nichts nehme / welches nicht in ihren eigenen geflieſſenſten Scri - benten wolgegruͤndet / und weder ſchimpflich noch nachtheilig fallen koͤn - ne / mir iſt nicht unwiſſende / mit was voꝛBe -Beſcheidenheit von allen Fuͤrſten ſoll geredet werden; Die jenigen / welche dem Tartariſch-Chineſiſchem Kaͤyſeꝛ zu Tafel dienen / muͤſſen ihren Mund mit der zaͤrteſten Seiden bedecken / damit ihr Athem die Speiſe oder Getraͤncke des Kaͤyſers nicht anruͤhꝛe / Solte ich gleich in die Gewoͤlber groſſer Fuͤrſten / wel - ches doch ſelten oder gar nicht geſchie - het / Fuß ſetzen / ſo wuͤrd ich doch meinen Mund verbinden / daß auch ein unziem - liches Wort mir nicht entgehen ſolte; Jch ſchreibe von der Ratio Status und dero Weſenheit / wo ich aber ein Exem - pel oder Zeugnuͤß zu Erklaͤrung mei - nes Gemuͤthes anfuͤhre / oder auff einze - liche Begebnuͤſſe gerathe / ſo wiſſe mein Leſer / daß derogleichen Schreib-Art nicht anders gehandelt / und meine Un - erfahrenheit nicht loͤblicher / als durch der ſtattlichſten Staats-Leute Bewah - rung erſetzet werden koͤnne / Beato co -lui,lui, che ſaſa imparar la Prudenza ſuͤ libri de gli altri, Gluͤckſeelig iſt der / welcher aus anderer Buͤchern die Klug - heit zuerlernen weiß: Welches ſolcher Geſtalt geſchiehet / daß was von andern in den laͤngſtveralteten Schrifften auf - geſuchet worden / ich in unſerm itzigen Lebens-Alter auffgefriſchet / mit viel - leicht viel lebhaffter und durchdringen - der Krafft / als wann ich diß / was faſt taͤglich in allen Buͤchern vorkommet / auffgetragen / und den Leſer mit ſo viel - malen auffgewaͤrmeten Kohl einen E - ckel verurſachen wuͤrde; Die Ratio Status iſt dem Nahmen und Wartung nach etwas neues / ſie iſt zarter Jugend / (wofern ich nach der gemeinen Art rede) nun wuͤrde ich ſelbiger Gewalt und un - recht thun / wann ich ſie zu einem veral - teten und erkalteten Greiß geleget haͤt - te; Jch habe die jenige / welche von ei - nem ſo glatten Politen Alter gezeugetundund erzogen worden / denen runtzlichten Geſchichten der Grichen und Roͤmer - Zeiten nicht vermaͤhlen / oder liebeignen wollen; Gleich und gleich geſellet ſich am beſten: Und ich habe mir nicht ein - bilden koͤnnen / daß unſere Nimpfe auff den Bruͤchen einer Ariſtoteliſchen Phi - loſophie unter einem Hauffen Grichi - ſcher / oder daher entlehneter Redens - Arten / unter den Stacheln allerhand Worttheilungen / unter dem Grauſſe vermoderter Texte ſich wol finden laſſe; Jhre Ankunfft ruͤhret auß dem Wol - luͤſtigen Toſcana, worinnen / als allda gezeuget / erzogen und unterhalten / ſie Buͤrgerinne ſeyn / und hierauß ihre Pracht und Zierligkeit erholen will / ungereimt erachtende / wann ſie mit ei - nem altvaͤterſchen geflickten Kittel der politen Welt unter die Augen treten ſolte; Eben dieſes iſt die Urſache / war - um ich theils in Eroͤrterung der RatioSta -Status mehr der Unſrigen / als verjaͤhr - ten Zeiten / mit denen wir ohne diß zeitig gnug veralten / mich bedienen / theils mit mehrentheils Jtalieniſchen Geiſtern dieſe kleine Arbeit beſeelen wollen; Dan - nenhero dißfalls eine gar zu eitele Hoth - haltung des Außlaͤndiſchen nicht vor - gerucket werden ſolte / zu mahlen der Einheimiſchen Sachen ich mich aus ſtillſchweigendeꝛ Veꝛehrung gegen mein Vaterland enthalten / der Frembden ohne alle Zuneigungen mich gebrauchet; Keiner Landſchafft iſt die Ratio Status mehr verbunden als Jtalien / und wann ſie mit Jtalieniſchen Lippen zu reden gel ſtet / ſolte es ihr ſo uͤbel nicht gedeu - tet werden / die heutigen Jnwohner des Roͤmiſchen Gebietes weichen ihren Vorfahren an Witz / Verſtand / und Beredſamkeit im mindeſten nicht; Jn Regiments-Sachen haben ſie einen ſol - chen Preiß gewonnen / daß ihre Spitzenvollevolle reale Lehr-Art vor viel pene - tranter als der Grichen oder Roͤmer verdruͤßliche Schluß-Raͤtzel / welche offt mehr verwirren / als verrichten ge - halten worden / und zwar / weilen das gantze Vorhaben vornehmlich dahin gehet / keine Ratio Status auſſer der Gottſeeligkeit zuerkennen / die Ratio Status ſampt den Kindern dieſer Welt zur wahren Gottesfurcht zuleiten / und alſo auch dieſen Vorwand einer Befug - nuͤß zu einiger Ungerechtigkeit zubeneh - men / als hab ich ſolches durch deroglei - chen von den Politicis hochgeſchaͤtzte Scribenten / außzurichten uͤbernom - men / und alſo mich deſto oͤffter in Jta - lien den Sitz der Verſchlagenheit ver - fuͤhren laſſen / um hierauß die etwa ruchloſen Weltlinge ihrer Freyheit zu uͤberweiſen odeꝛ davon zuruͤck zuhalten / worbey ich mich verhoffentlich alſo werde verhalten haben / daß ich das Boͤ -ſe /ſe / ſo ſich mir gezeiget / verworffen / das Gute erkieſet / beydes iſt mit ſolcher Be - ſcheidenheit geſchehen / daß ich im Lob - ſprechen maͤſſig / im Schelten behut - ſam gehen / keinem zuviel oder zu wenig thun wollen / wo ich von einer Meinung weiche / habe ich mich einer Gelindig - keit beflieſſen / welche ich wuͤntſchte / daß ſie andre / denen eben ſo wol das Richt - Ampt uͤber mich zukommt / gegen mich gebrauchen moͤchten / es wehre deñ / daß ein Eyfer wieder die jenigen entfahren wehre / welche deſſen wuͤrdig; Jch ha - be keinẽ ſo geehret / daß ich ihre Menſch - ligkeit ſie nicht erinnert / und wiederum keinen ſo veraͤchtlich gehalten / daß ich nicht meiner ſelbſt indenck geweſen; Jch ſelbſt geb ein lebendes Zeugnuͤß ab / daß die Stunden nicht allemal gleiche ſeyn / daß ich mich einmal viel geſchickter be - funden / etwas nachzuſinnen / oder auch zueroͤffnen; Was in meinem Gemuͤthegewal -gewallet / hab ich nicht bißweilen ge - ſchwinde genung / oder auch mit gnung - ſam außdruͤcklichen Worten auff Pa - pier werffen koͤnnen; Eben zu dem En - de hab ich dieſe Gedancken in Diſcurſe eingetheilet / damit mir deſto freyer und ungebundener außzulauffen verſtattet ſein moͤchte / zumalen die Materie oder der Zeug / daruͤber ich webete / gantz ir - regular, wo ich nicht den Schul-Re - geln gehorſamen wollen / ſo entſchuldi - get mich die unordentliche irregulare Ratio Status als eine Veraͤchterin der Ordnung und aller Schul-ſubtilite - ten / jedennoch habe mich dahin beflieſ - ſen / alle Worte / und die Ratio Status ſo ungeſchnuͤret ſie ſein wollen / in Ketten und Banden zulegen / alles verſtaͤndlich zugeben / und nichts uͤberfluͤſſiges oder unurſaͤchliches einzubringen; Die Worte ſind Deutſch / und mein deut - ſches Gemuͤthe hat ſich nicht ſchoͤner hervorthun koͤnnen / wie ich dann mit -Btenten unter den außlaͤndiſchen Spitzen die recht alte deutſche Redligkeit wollen hervor bluͤhen laſſen / dieſe iſt mir alſo angebohren / daß ich nicht uͤbers Hertze bringen koͤnnen anders als Deutſch zu reden; Jch habe mich uͤberredet / daß ich hierzu gnungſame Urſache hatte / wenn ich nur daran gedaͤchte / das faſt alle Heydniſche Gelehrten / Socrates, Plato, Ariſtoteles und andere mehr / welche bey uns in den groͤſten Werth geſtiegen / in wichtigſten materien ihrer Mutter Sprachen ſich bedienet / die kluͤgeſten Roͤmer haben nichts als Roͤ - miſch / das iſt in ihrer Sprache / wie ſie damaln gaͤnge und gaͤbe war / ge - ſchrieben / Cicero ſchriebe mit eben de - rerley Feder Art die kluͤgeſten Sachen / damit er auch ſeine Gemahl und Kin - der beſuchte / Seneca philoſophirte Lateiniſch / wie er gebohren wahr / und taͤglich redete / Tacitus welcher in dem Roͤmiſchen Staat die tieffeſten unddemdem Poͤfel verborgneſten Geheimnuͤſſe eroͤffnet / ſchreibet in damahln gemeiner und uͤblichen Sprachen; Dieſes iſt ge - wiß / das lange Zeit hero / inſonderheit ſo lange Rom annoch Roͤmiſch oder La - teiniſch geblieben / und durch der Longo - barden und Gothen Einfaͤlle nicht an - ders verwandelt worden / die Lateini - ſche Sprache ſich ſo weit außgebreitet habe daß zu derogleichen Wachsthum keine andere gelanget; Sie iſt auß ei - nes Landes zu einer Voͤlcker-Sprache worden / man hat ſie uͤber die eigne an - gebohrne gewaltig herꝛſchen laſſen / Sie iſt zu einem Beweißthum der Vierdten der gemeinen Meinung nach annoch taurenden Monarchie gebrauchet wor - den / und auch ich wolte ſie geehret / viel - leicht auch zierlicher darmit geſchrieben haben / wenn ich nicht mehr Deutſch als zierlich ſchreiben wollen / und nicht ge - wahr worden wehre / daß nunmehro je - de Landſchafft ihre Zunge auffs hoͤchſteB ijzu -zubringen ſich bemuͤhte; Die ſtattlich - ſten Jtaliener wenn ſie die allerſinn - reichſten Schrifften außarbeiten / reden Jtalieniſch / ſie begnuͤgen ſich an ihrer Redart / ſo wol als die vorigen Jnwoh - ner / ungeachtet ſie uͤber ihrer alt Roͤ - miſchen zuhalten Urſach haͤtten / Man gehe in Franckreich / Engelland / und ſe - he / ob nicht ihre Gelehrten das meiſte / damit ſie die Natuͤrligkeit der Sachen deſto ungefaͤrbter und um Worte deſto unbeſorgter entwerffen koͤnnen / in ihrer Sprache ans Licht geben. Zwar in einem wolbeſtellten Regiment oder zu deſſen Bewirthung iſt die Kundſchafft andrer damaln florirender Sprachen eine Zierrath oder Zugehoͤr / und dienet zur Vollkommenheit dererſelben Per - ſonen / dadurch eine ſolche Regirung be - ſetzet wird / jedoch ſoll keines weges die mit der erſtern Muttermilch eingefloͤ - ſte einer außheimiſchen weichen / die Liebe des Vaterlandes gehet vom Her -tzentzen auch biß zum Munde; Das Lob deutſcher Sprachen haben andere aus - gebreitet / ſie iſt auf offentlichen Reichs - Taͤgen / in die Cancelleyen / Raths und Staats Stuben auff und angenom - men / denen Fuͤrſten Deutſcher Nation zu unablaͤſſigem Gebrauch recom - mendiret und anbefohlen worden / nunmehro aber in ihrer Pflege ſo weit kommen / daß ſie weder an Zierligkeit noch Zaͤrtligkeit noch Deutligkeit oder Nachdruck einiger andern nachgehen darff; Zwar in gegenwaͤrtigen Diſ - curſen hat man weder Zierligkeit noch Zaͤrtligkeit nachgehangen / die diß falls unachtſame Feder hat ſich nur bearbei - tet auffs deutlichſte abzudrucken / was deſſen anfuͤhrendes Gemuͤthe einge - floͤſſet hat / die Zierligkeit kommet ei - gentlich nur groſſen Rednern zu / nun aber beſtehet vorhabendes Wercklein nicht in hochtrabenden oder lieblich - flieſſenden Worten; Je weniger dieſeB iijToſca -Toſcanerinne geſchmuͤcket / je weniger ſie vermaſchquet iſt / deſto ſchoͤner duͤn - cket ſie ſich zu ſeyn: Derogleichen Schreib Art wuͤrde vielleicht unleid - lich ſeyn der vortrefflichſten Beredſam - keit; Wo die Warheit oder Weſen - heit ſchlechter Dinges ſoll angeſehen werden / ſo muß ſie nicht pralende / ſon - dern auffs einfaͤltigſte auffgeſtellet wer - den / wiedrigen Falls man ſich wuͤrde verdaͤchtig machen / daß man inner der Schalen Vergoldung dem Leſer den Kern aus den Haͤnden ſpielen / odeꝛ ſelb - ſten leer Stroh dreſchen wollen; Gleich wie die Ratio Status aus dem Brunnen der Geſchichte Waſſer ſchoͤpffet / und darinnen ſich am beſten beſehen kan / al - ſo laͤſſet ſie ſich nirgends lieber finden / als wo die Warheit am reineſten quil - let; Wann dieſer nachgegangen wor - den / ſo hat man beyſeit geſetzt aller Worte Pracht mit der Sachen We - ſenheit / ſolches auff was Weiſe zuerken -nen /nen / zuthun gnung gehabt / derowegen ich mir nur angelegen ſein laſſen / deut - lich und deutſch zu reden mich gar gern in die Enge meines Vaterlandes ein - ſpannende / welches ich mit mir be - gnuͤgt zuſein wuͤntſchen wolte / zumah - len wenn ich mich etwas ungehorſam der jenigen Reinligkeit erweiſe / welche entweder ſich alle Worte gewehlt ma - chen oder Eckel tragen vor allem deh - me / was nicht deutſchen Herkommens iſt / hingegen ich nicht lange gezweiffelt / wo mir nicht alsbald beygefallen / den Nachdruck anders zuerſchoͤpffen / die jenigen Woͤrter zubehalten / welche faſt in gemein von andern Nationen zum Buͤrgerrecht gelaſſen worden / und in Deutſchland bekandt gnungſam ſind / erachtende / daß wo ich gar zu eigen ſein wollen / den Verſtand in dicke Nebel verhuͤllet / und die Annehmligkeit dem Leſer entwenden haͤtte moͤgen; Zu wel - chem Ende auch ofte die Grund Spra -B iiijcheche der angezognen Scribenten beyge - fuͤget / beydes damit die ſelbſtaͤndigen Worte deꝛ Dolmetſchung Credit mit - theilten / und auch bey jener Zuſammen - haltung der Nachdruck deſto beſſer her - vor blicken moͤchte.

Jch habe meinen Leſeꝛ und mich nun - mehro nichts mehr zuerinnern / als daß gleich wie nichts unter der Sonnen / ja die Sonne ſelbſt nicht ohne Mackeln / oder gantz vollkommen / alſo auch dieſe kleine Abhandlung deſto unvollkomme - ner / je weniger ſie vollkommen / das iſt ein bloſſer Entwurff / Grundriß / Vor - ſchmack / oder bloß entfallene und in die Welt hinauß luͤſternde Gemuͤths Be - luſtigungen ſein ſollen; Wann ich al - len Menſchlichen Fleiß daran geleget hette / ſo wuͤrde alles dieſes dennoch ent - weder mangelhafft / oder doch nicht gleich gefaͤllig ſeyn; es iſt faſt unmoͤglich / neque in bonâ ſegete, non eſſe ali - quod ſpicum nequam, neq́; in malânonnon aliquod bonum, daß nicht in ei - ner guten Saat eine boͤſe Aehre / und auff einer ſchlechten Saat nicht eine gu - te Aehre ſein ſolle / es iſt jederzeit in acht genommen worden / Literarum Princi - pes inter tanta dulcia poma aliquan - do mora poſuiſſe daß die vornehmſten Gelehrten unter ſo viel ſuͤſſen wolge - ſchmackten Aepffeln Brombeeren mit untergemenget haben. Samuel Boc - cartus meldet / aus dem Agatharſide von Saba und Arabia Felice, daß in de - nen alldort gelegenen von dem beſten Weyrauch lieblichſt richenden Foͤrſten die allerſchaͤdlichſte Schlangen-Art niſte / quaſi fortuna invidens tàm lar - gis terræ commodis bono malum attexat; Eben ſo gehets denen aller - ſinnreichſten ſchoͤneſten Schrifften / wo - rinnen (wo nicht Jrrthuͤmer und Schwachheiten) Neid / Veracht Ver - laͤumbdung und allerhand Muthwil - len als das vergiffteſte Ungeziefer ſichB vzeu -zeugen; Des Homerus Buͤcher ſind jederzeit groß geachtet worden / dennoch ſoll Alexander Taſſonus 500. Spruͤ - che zuſammen geleſen haben / welche er / daß ſie gantz naͤrriſch und laͤcherlich / er - weiſen wollen. Er ſoll des Franciſc. Petrarcha Gedichte ſo durchgezogẽ ha - ben / daß er nichts vorbey gelaſſen / wel - ches er nicht getadelt / oder als unge - reimt veꝛlachet hat; Nicolaus Villanus wenn er des Joh. Battiſta Marini Ado - nis mit gar zu uͤbermaͤſſigem Lobe her - außſtreichet / und allen andern Gedich - ten vorziehet / laͤſtert ſeine beruͤhmteſte Landesleute den Dantes, Petrarcha, Aroiſtus, Taſſus, vor welchen der gan - tze Parnaß ſich neiget / und ſchilt ſie auß vor grob / ungeſchlieffen / langſam / Sum̃a mit den greulichſten Schmaͤh - Worten; Was den Scaligeris, Thua - nis und andern mehrern begegnet / wie auch vornehme Gelehrte ſich unterein - ander mit abſcheulichen und Ehrenruͤh -rigenrigen Schmaͤh-Schrifften angegrif - fen / iſt bekandt / ſo wahr iſt es / daß das ſchaͤdlichſte Nattergifft auch immer den revieren Menſchlicher Gelaͤhrigkeit / und Vollkommenheiten der Vernunfft gerne ſich zu hecken pflege; Du aber meine biß anhero zu Auslaſſung Tu - gendhaffter Brunſt beliebteſte Toſca - na, du meine zuweilen geweſene an - nehmlichſte Zeitvertreiberinne / wage es immer hin / laß alle Wetter uͤber dich gehen / achte nicht der loſen Veraͤchter / fuͤrchte dich nicht vor dem Ottergifft / das unter ihren Zungen ſitzet / wo dar - wieder dich nichts hilfft / ſo wird dich deine Unſchuld entſchuldigen / wo du das Laͤſtermaul nicht bezaubern kanſt / ſo fleuch / fleuch meine Freundin / du ge - jagteſte Hindin / wirſtu nicht uͤber den Neid ſeyn / welches du gewißlich nicht ſein wirſt / ſo ſey unter dem Neid / oder mitten in dem Neide Gluͤckſeelig / blei - beſtu unbekant / unwerth / verachtet / ſoB vjlaßlaß es dir eben ſo wol gefallen / als wenn du inner dem dunckeln Schatten eines einſamen Cabinets verblieben wehreſt / wirſtu bey einem oder andern Gnadt finden / ſo vertroͤſte / daß du noch rohe / zart / unausgemuſtert ſeyeſt / mit der Zeit aber behaͤglicher werden koͤnneſt; Wo du aber bey maͤnniglich und allenthal - ben verwerfflich wirſt / wo ich dieſe weni - ge uͤbeꝛ dir zugebrachte Stunden meiner Muſſe vergebens oder uͤbel angeleget / wo ich nichts gutes weder um dich / noch um die Welt verdienet habe / wo alle meine intention um oder fehl ſchlaͤget / ſo will ich Hand und Feder von dir ab - ziehen; Gute Nacht / gehabe dich wol / ich nehme von dir Abſchied auff die Art / wie Petrarcha von ſeineꝛ Laura, welcher du zwar der Ausarbeitung nach im ge - ringſten nicht zuvergleichen / jedoch der Selbſtaͤndigkeit deſto herrlicher / meine Flamme nicht ſo verdaͤchtig / ſondern keuſch / Jch auch kaum ſo viel Monat /alsals jener unvergleiche Poët Jahre / deh - rer er ein-und dreyſſig ſelbſt bekennet / daran gewendet habe; Gehabe dich wol.

HOmai ſon ſtanco e mia vita ri -
prendo
Di tanto error, che di Virtute il
ſeme
Ha quaſi ſpento e le mie parti
eſtreme
Alto Dio à te devotamente ren -
do,
Pentito e triſto de miei ſi ſpeſi anni,
Che ſpender ſi deveano in migli -
or uſo
In cercar pace, & in fuggir af -
fanni.
Signor, che n queſto carcer m hai
rinchiuſo
Tramene ſalvo da gli eterni dan -
ni
Ch i conoſco l mio fallo, e non
lo ſcuſo.
A 7I
I piangendo i miei paſſati tempi,
I quai poſi in amar coſa mortale
Senza revarmi a volo, havendo
io l ale
Per der forſe di me non baſſi eſ -
ſempi
Tu che vedi i miei mali indigni &
empi
del Cielo inviſibile immor -
tale
Soccorri a l alma deſviata efrale
E l ſuo diffetto di tua gratia a -
dempi.
Si che, ſ io visſi in gverra & in tem -
peſta
Mora in pace, & in porto, e ſe
la ſtanza
Fu vana, almen ſia la partita ho -
neſta;
A quel poco di viver, che m avanza
Et al morir degni eſſer tua man
preſta (ſperanza.
Tu ſai ben, che n altrui non ho
Nu
NUnmehro bin Jch laß / Jch ſchel -
te ſelbſt mein Leben /
Des Jrrthums halben / dehn der
Tugend-Saamen hat
Getrieben / nun wil Jch dir / Hoͤch -
ſter voͤllig geben
Jn tieffeſter Andacht den fernern Le -
bens-Pfad /
Voll Buß und Reu und leid / daß Jch
ſo hin verſchwendet
Die Jahre / die vielleicht Jch beſſer
angebracht /
Wenn Jch der Ruhe Mich mehr als
der Muͤh gepfaͤndet /
HErꝛ / der du mich noch laͤſt in dieſes
Kerckers Nacht /
Laß meine Sinnen ſeyn auffs ewige ge -
wendet /
Erkenn Jch doch den Fehl / der mich
zum Schuldner macht;
So komm und klag Jch dann die ab -
gewichne Zeiten /
Die ich auf Weltlich Ding / und deſ -
ſen Brunſt gelegt /
Ohn
Ohn daß Jch in die Hoͤh den
Schwung jemals geregt
Der Fittige gehabt / ſich anders außzu -
breiten /
Du der du ſihſt die Schmach und Un -
gemaͤchligkeiten /
O Koͤnig / deſſen Hand die Erd und
Himmel traͤgt /
Steh bey der Seelen / wo ſie von dir
abgewegt /
Erſetze den Jrrthum mit deinem Gna -
den-Leiten /
Daß wo ja meine Zeit unruhig weg -
gefloſſen /
Jm Fried Jch ſterb / und ſo die blei -
be nicht weit her /
Der Außgang loͤblich ſey / daß meine
Lebens Sproſſen /
Die Jch noch ſteigen ſol, recht wuͤr -
dig ſeyn / gewehr
Mir deine Hand / der Lauff ſey ſeelig
nur beſchloſſen /
Du weiſt / daß Jch ohn dich zuhoͤffen
nichts begehr.
Di -

DISCURS I.

UNter denen beruͤhmteſten Leh - rern der Buͤrgerlichen Weiß - heit iſt zu unſern Zeiten von kei - ner Materie mehr Geſchrey oder ſchrei - bens geweſen / als von dem Worte Ra - gione di Stato; Die ſubtileſten Federn haben ſich daruͤber ermuͤdet / die ſinnrei - cheſten Gemuͤtter haben Gelegenheit ge - ſucht / ihren Witz ſehen zulaſſen / in Auß - arbeitung eines Dinges / welches zwar jederzeit geuͤbet / aber nicht genennet / noch genungſam unterſuchet oder eroͤr - tert worden. Auſſer allen Zweiffel hat dieſes / warum die vorwitzige Welt ſich bekuͤmmert / von dem erſten Anfang der Regimenter ſeinen Urſprung genom - men / dieſe zwey Woͤrter ſind mit den La - teinern jung worden / und dennoch iſtdieſedieſe Ragione di Stato etwas neues / und ſo ungewiſſen Herkommens / daß man vergebens Sorge traͤget / wer der erſte Erfinder geweſen / auß deſſen Gehirne die in dieſem Nachdruck zuſammen ge - wachſenen Worte gezeuget worden.

Bey dem Roͤmiſchen Protonotario Bonifaccio Vannozzi wird der be - ſchryene Florentiniſche Secretar Nico - Machiavelli, welcher zugleich Peſti - lentz und Gifft um ſich ſpruͤende heiſſen muß / genennet Archimandrita della Ra - gione di Stato, der Abt oder Ertz-Bi - ſchoff der Ratio Status (da doch in ſeinen Schrifften dieſes Wortes in ſolchem Verſtande faſt niemahlen gedacht wird) vielleicht / weil es nicht koͤndte mehr ge - ſcholten / als wenn Machiavell zu deſſen Urheber gemacht werden koͤnte. Es ſcheinet der Warheit gemaͤſſer zuſeyn / daß um dieſelbe Zeit ſolcher Worte Jn - halt inner den Finſternuͤſſen der Unge - wißheit gelegen / ſo verſchmitzt als Ma - chiavell moͤchte geweſen ſeyn / ſahe nicht ſo weit in die Eingeweide der Politic, daß er etwas abſonderliches geſpuͤret / ge -ſchwei -ſchweige denn / ſelbigem einigen Nahmen zugeeignet haͤtte; Dteſes iſt gewiß / das Italien La pais des belles paroles, das Land ſchoͤner Worte / wie es Henri IV. Koͤnig in Franckreich titulirte / die Ratio Status ins Licht gebracht / und gegẽ Selb - te / als eine treue Saͤugamme / ſich jeder - zeit verhalten. Vielleicht ſolte nicht un - vermuthlich fallen / das Hetrurien die Staͤtte der Empfaͤngnuͤß / Rom La Pie - tra Paragone de glivaloroſi, der Pro - birſtein wackerer Hofeleute / der Geburt / dort erfunden / hier angenommen und bewehret worden: Es ſey / wie ihm wol - le / ſo haben ihren Findling / dieſelbige Landesleute / die klugen Kinder dieſer Welt / begierig auffgefangen / und biß in alle Himmel / weiß nicht aus was vor Freude und Ehr-Bezeugung / erhoben. Der gelehrte Federico Bonaventura, bricht in derer Lobſprechung heraus / che ne gli Scrittori Greci & Latini non troviamo voce, non ſolo, che ſi pro - priamente eſprima la ſua vera notio - ne, come queſta, ne meno, che l adombri pur da lontano, daß in denGrichi -Grichiſchen und Lateiniſchen Scriben - ten wir kein Wort findeten nicht allein / welches ſo eigentlich ſeine warhafftige Eigenſchafft ausdruͤckte wie dieſes / ſon - dern auch nicht von weitem entwuͤrffe / deſſentwegen die Grichiſche und Lateini - ſche Sprachen / die Jtalieniſche neiden koͤndten / weil jene dißfalls weit von dieſeꝛ uͤbertroffen wuͤrden. So bald diß wun - derbare Geheimnuͤß ſich etlicher maſſen hervorgethan / iſt deſſen Verehrung / je weiter es kund worden / zumahlen Auß - laͤndiſche und neue. Dinge an ſich ſelbſt eine Bezauberung mit ſich fuͤhren / ſo groß woꝛden / daß man nicht gewuſt / was man daraus machen ſollen: Vor dem Baal haben nicht ſo viel Knie gebeuget / dem Moloch iſt nicht ſo viel geopffert / die Iſis iſt bey den Egyptiern nicht ſo heilig gehalten / nicht ſo offters benahmet / nicht mit ſo ſeltzamen Figuren bezeichnet wor - den / als die Ratio Status in den geheim - neſten Fuͤrſten Cabinettern / es hat muͤſ - ſen alles Ratio Ratio Status ſeyn / man hat nicht gewuſt / ſie genungſam im Ge - muͤthe und Munde zu fuͤhren. Undgleich -gleichwie die Iſis mitten unter Meerka - tzen / Affen / Schlangen / Drachen / und andern erſchrecklichen ihr gewiedmeten Ungeheuren geſtellet zuſehen war / alſo die neue vergoͤtterte Ratio Status wo hat ſie ihren Auffenthalt mehr gehabt / als unter den abſcheulichſten Schand und Laſtern? Dieſe ſind ihre geheiligte und geopfferte Beſtien geweſen / mit de - nen eine zeitlang Abgoͤtterey getrieben worden; Hat ein Vorwand gemangelt / die unverantwortlichſte Thaͤtligkeit zu - beſchoͤnigen / ſo hat Ratio Status die Pa - tronin, die Schutz-Goͤttinne ſein muͤſ - ſen / nicht daß Ratio Status an ſich ſelbſt / weder das Wort / noch das jenige / wel - ches dadurch bedeutet wird / ſo boͤſe / ſon - dern durch den Mißbrauch boͤſe worden / oder welches meines erachtens eine nicht verwerffliche Mit-Urſache / das biß auff dieſe Stunde faſt wenig errathen koͤn - nen / was denn eigentlich dieſe beruͤhmte Ratio Status ſein ſolle / in was vor Graͤn - tzen dieſe ſo weit aus ſchweiffende ein - zuſchlieſſen. Jch weiß nicht / wie die er - ſte Geburths-Stunde dieſem Nahmenſoſo ungluͤckſeelig geweſen / daß / als er kaum jung / ſchon verfluchet / und / wel - ches noch mehr Wunder von ſeinen ei - genen Rabbinen / die deſſen Pfleger ab - geben ſollen / mehr verdunckelt / als er - klaͤret worden / es hat uͤber keiner Sa - che mehr Zwyſpalt gegeben / nichts die Welt in groͤſſere Verwirrung geſetzet / und in ſolcher Ungewißheit iſt daraus entweder ein Spiel leerer Worte / oder das jenige / was es nicht iſt / gemacht wor - den. Unſer vortrefflicher Bœcler nen - net die Ratio Status Ænigma Seculi, Materiam Subtilitatis, cum Proteo Thetin, cum Paride Helenam, cum Ulyſſe Penelopen. Ein unſerer Zei - ten unauffloͤslich Raͤtzel / eine uner - ſchoͤpffte Materie zu ſubtiliſiren / die Thetis, welche mit ihrem Proteus ſo offte und in ſo viel Formen veraͤnderlich iſt / die Helena, welche / in dem ſie ihre Schoͤnheit kaum einem oder dem andern Paris zu erkennen gegeben / indeſſen ſo viel Unheil angerichtet / die Penelope, welche mitten unter ſo vielen Buhlern nur einem Klugen / und in der Welt wol -geuͤb -geuͤbten Ulyſſes vermaͤhlet bleiben wol - len / das Troja, welches von den tapffer - ſten Gemuͤttern angegriffen / und bißhero nicht erobert oder erſtiegen worden / alſo daß es nicht Wunder / wenn ihrer viele daruͤber in Jrꝛthum oder Ungedult ge - rathen wehren: Die Schwerigkeit und dero nahe Bluts-Freundin die Unwiſ - ſenheit eines Dinges verurſachen einem Eckel / aus dieſer hecket ſich Verachtung; Alſo gehet es dem gantzen Umkreyß al - ler Wiſſenſchafftẽ / Was iſt loͤblicher als die Philoſophie, welcher ſich nicht Kaͤy - ſer und Koͤnige geſchaͤmet haben / ja auch des Nahmens nicht? Weil ſie aber meh - rentheils untaugliche Gemuͤtter ange - troffen / in was vor Verachtung iſt ſie nicht ſampt dem Worte gefallen? Wuͤr - de es einer heutiges Tages nicht vor ei - ne Beſchimpffung auffnehmen / wenn er genennet wuͤrde mit einem Nahmen / welcher ſo Glorwuͤrdig und von den groͤ - ſten Leuten in Ehren gehalten worden? Die Politic iſt ſo erlaucht / ohne welche kein Fuͤrſt wol regieren / kein Regiment beſtehen kan / wie iſt aber der Nahme ei -nesnes Politici in Abſchlag kommen? Man beſuche nur die heutigen Homines Poli - ticos, werden nicht die Gottloſen / lieder - lichſten Buben damit beſchrieben? Je - mehr einer von der Qualitaͤt eines recht - ſchaffenen Politici entfernet / deſto ein ſtattlicher Politicus iſt er / denen jenigen iſt das hochſchaͤtzbare Prædicat faſt ei - genthuͤmlich woꝛden / welche an ſich ſelbſt Agyrtæ und Carcinomata humani Ge - neris ſind ſo gar / daß einer und der an - der verfechten will / die heutigen Politici waͤren nicht unter die Zahl der Chriſten zurechnen. Was iſts Wunder / wann auch die Ratio Status derogleichen Un - gluͤcks-Stern angeblicket haͤtte? Die jenigen / welche ihr gantzes wiſſen der Zierligkeit Lateiniſcher Sprachen einge - ſchrencket / und wol aberglaͤubiſch vor eine Todtſuͤnde gehalten / wenn ſie ein ander Wort / als auß dem Cicero in Mund oder in die Feder nehmen ſollen / werden einen ſolchen Abſcheu darvor ge - tragen haben / daß ſie lieber einen Zug in der Folter außgeſtanden / als daß ſie ihm in ſeiner rechtmaͤſſigen Bedeutung einigBuͤr -Buͤrgerrecht verſtattet haͤtten. Die / welche dem Ariſtotel mit mehr als Scla - viſchem Gehorſam geleibeignet die aller - geringſte Brocken und Abgaͤnglinge / de - ren Verſtand doch zerbrochen / tunckel und unklar iſt / vor groſſe Heiligthuͤmer verehren / wuͤrden lieber in eine neue Welt peripatetiſiren / ehe ſie die Ratio Status erkenneten vor einen Terminum, welcher in den Ariſtoteliſchen Schriff - ten nicht beſſer entworffen wehre / da doch den Gelehrteſten bekandt / das deſ - ſen Politiſche Buͤcher ein unvollkomme - nes Werck ſey / darinnen nicht allein ſo viel Maͤngel uns des ſchoͤnſten Theils berauben / ſondern auch viel Stuͤcke nicht einmahl beruͤhret / geſchweige dann auß - gefuͤhret worden / wiewol ſonſten ich den Ariſtotel vor einen groſſen Lehrer / und deſſen Politic vor eine verwunderungs - wuͤrdige Arbeit ſchaͤtzen wolte / wenn ſie gantz oder unveꝛſehret geblieben wehre; wie wird nun dieſes neu-erdachte Wort der Ratio Status ſo ſchwartz ſein gemacht worden auff allen Cathedern / in allen Schrifften? Je weiter und maͤchtigerCermel -ermeldete zweyerley Secten regieret ha - ben / deſto mehr Beyfall ihnen nachgege - ben worden: Zu Hofe hat es nicht an - ders ergehen koͤnnen / was in den Schu - len geſaͤet worden / wird in dem gemeinen Weſen eingeerndtet / zwar La Corte non è una Scuola di Gramatica, non i primi alimenti e non inſegna i primi elementi, der Hof iſt nicht eine Schule / wo man die Grammatic lernet / ſie giebet nicht die erſte Nahrung / und lehret nicht die erſten Buchſtaben / Jnner den Erlauchteten Galerien eines Fuͤrſt - lichen Auffenthalts wird viel beſſer der groſſe Umfang der Politiſchen Weißheit uͤberſehen / als in den ſchattichten und traurigen Spatzirgaͤngen eines Ariſto - tels, più tra gli affari che tra le carte, damit wir des Matheo Peregrini, nella difeſa del Savio Worte gebrauchen / mehr unter den Geſchaͤfften / als Papir. Una grande occaſione di Occupatio - ni è migliore Scuola che non ſono quante Academie e Licei haveſſe mai l antica e ſi habbia la moderna Sa - pienza: Eine groſſe Gelegenheit der Ge -ſchaͤff -ſchaͤffte iſt eine beſſere Schule / als alle hohe Schulen / ſo jemahlen geweſen und noch ſind. Jedoch erfordert dieſe jene / gleichwie die Praxis die Theori, was die Schule lehret / uͤbet der Hoff / geſetzt es habe einer auff der Schulen behauptet / Ratio Status ſey die Utilitas Potentio - ris, ein ander habe ſelbte mit den aller - ſcheinbahriſten Farben heraußgeſtri - chen / ſolches iſt nach Hofe kommen / da man beydes ohn Unterſcheid ergrieffen haben mag: Geſetzt es ſey erlaubt wor - den einem Fuͤrſten durch Extraordinar - Mittel in hochwichtigen Angelegenhei - ten Rath zuſchaffen / ſo iſt man immer weiter gangen; Es iſt ein Sprichwort / daß / wenn man einem eines Fingers weit zugebe / ſo nehme er die gantze Hand / und hier werden nicht kleine Grieffe ſein ge - macht worden / zumahlen bey denen Zei - ten / welche der Conte Majolino Biſac - cioni nennet il Plenilunio delle Mo - narchie, den volle Monden der Monar - chien / darinnen die Fuͤrſtliche Gewalt lieber ungebunden und alles freyſtaͤn - dig / was beliebet / werden will / die armenC ijUnter -Unterthanen / ſo des Fuͤrſten liebe Kin - der / und welche / wie von ihrem Vater / ſolten durch Liebe regiret werden / vor mit Waffen bezwungene Voͤlcker und als leibeigene Knechte / die ſo theur er - worbene / und aus erheblichſten Urſachen ertheilete Begnadigungẽ vor Steine des Anſtoſſens und boͤſe Aecker / welche lau - ter in die Augen ſtechende Dornen und Diſteln / lauter Unkraut des Unwillens hervorbringen nach des Trajano Boc - calini Klagefuͤhrung / gehalten werden. Ludovicus XII. Koͤnig in Franckreich pflegte zu ſagen / che li Privilegii con - ceduti à Popoli di freſco acquiſtati ſono à gvisa de confetti che ſi danno à putti, ò vero fanciulli ammalati quando piangono, acciò il molto pi - anto non le accreſca il male, ſe creſciuti, e ſani ſeguono à piangere, non piu confetti ſ# adopera la fu - ſta; Die Privilegien waͤren nichts an - ders als Confect oder Zuckerwerck / da - mit die kleinen krancken Kinder geſtillet wuͤrden / wenn ſie weinen / damit das viele Weinen nicht ein groͤſſer Ubel ver -urſa -urſachet / ſo ſie aber groͤſſer wuͤrden / und geſund weinen wolten / ſo gebe man ih - nen nicht mehr ſuͤſſe Confecte, ſondern die Rutte. Henricus IV. Koͤnig in Franckreich / als er mit der Crone Spa - nien Friede zutreffen beſchloſſen / und von den Engellaͤndern ſeines Verſprechens erinnert worden / gab zur Antwort / Koͤ - nige verbindeten ſich niemahlen anders / auſſer mit dieſer ſtillſchweigend einge - ſchloſſenen Bedingung / daß ſie / was ih - nen nuͤtzlich / annehmen / was ſchaͤdlich / behutſam vermeideten.

Wo nun der Fuͤrſten Abſehen ſo ſchlechter dinges auff ihren Nutzen ge - richtet / auſſer einige Betrachtung / ob es recht gethan oder nicht / wo der eigen Nutz / der Wille gar zu maͤchtige Ober - hand nehmen wollen / ſo ſind die heiligſten Reguln / tugendhafft zu leben / und gluͤckſeelig zu regiren / gleich worden den alten Muͤntzen / welche ob ſie gleich hoch - gehalten werden / und als etwas ſeltza - mes dem Beſitzer einen Preiß gegeben / ſie doch nichts zu Befoͤrderung der Menſchlichen Geſchaͤffte dienen; UndC iijiſtiſt kein Zweiffel / daß hier entweder Salus Politica oder heutiges Tages Ratio Sta - tus offtermalen herhalten muͤſſen. Es hatte Cambyſes ſich in ſeine Schweſter verliebet / und fragte die Perſiſchen Rechts-Gelehrten / ob ihm einig Geſetz ein ſolch Beylager vergoͤnte / darauff ſie antworteten / Sie findeten zwar kein Geſetze / welches ein ſolch Beylager ver - ſtattete / Sie haͤtten aber ein ander Ge - ſetze funden / welches dem Perſiſchen Koͤ - nige zulieſſe / zuthun / was er wolle. Ra - tio Status hat heutiges Tages zu einem ſolchen Geſetze werden muͤſſen / wenn man etwas beſchmuͤcken wollen / welches alle Natuͤꝛliche und Voͤlcker-Geſetze ver - dammet / ſo hat man keinen beſſern Ti - tul der Entſchuldigung erſinnen koͤn - nen.

Die Erlauchten Fuͤrſten Seelen - bertreffen den gemeinen Zuſtand der Menſchen in ihrer Wuͤrde / aber auch unausgenommen von den Begierden / welche allen Gemuͤttern angebohren. L ombra inſeparabile della fragilita, der unzertrennliche Schatten der Gebrech -ligkeitligkeit folget ihnen eben ſo wol unaus - bleiblich nach / welche Worte der Herꝛ von Lionne dem Urbano VIII. R. B. in der Audientz einhielte. Es iſt kein Menſch / welcher ſich vergnuͤgete mit dem / was er beſitzet / Unſere Gluͤckſee - ligkeit / welche ſich nirgends befindet / in dieſem zeitlichen / beſtehet mehr im Er - werben / als Erworbenen / weil ſie in ei - nem Sich ſuchet / da im andern ſie Ver - druͤßligkeit empfindet; Jo mi perſvado, che ſe uno foſſe Signore dell Uni - verſo, & haveſſe quanto deſideraſſe, che nauſeato de Mondani diletti ſi diſperarebbe vedendo non havere ri - trovata la felicita, e non rimanergli altro luogo, dove Cercarla. Jch glau - be / alſo fuͤhret der Marggraff Virgilio Malvezzi, den redenden Turno ein in ſeinem Tarquinio Superbo, daß / ſo ei - ner Herꝛ der Welt waͤre / und haͤtte ſo viel / als er wolte / er vor Eckel der welt - lichen Luͤſte verzweiffeln wuͤrde / wenn er ſehe / daß er nicht habe die Gluͤckſee - ligkeit gefunden / und kein Ort mehr uͤbrig bleibe wo er ſie ſuchen ſolte. DieC iiijBegier -Begierde zu herꝛſchen iſt bey Fuͤrſten La prima coſa che concepiſcono, das er - ſte / welches ſie empfangen / il primoge - nito de i affecti, der Erſtgebohrne der Begierden. Was bey dem Menſchen ins gemein ſo maͤchtig eingewuꝛtzelt / bꝛei - tet ſich bey denen Fuͤrſten viel herꝛlicher auß / und ſcheinet einen Stral von dem Glantz Jhrer Hoheit zu entlehnen / ſo gar / daß / was bey gemeinen Leuten ver - werfflich an ſich ſelbſten iſt / der Maffeo Veniero Idalba bey den groſſen nach - dencklich heiſſet Peccato illuſtre: Der Regirungs-Kelch iſt ſo anmuttig / daß er niemahlen ſaͤttiget / je mehr darauß ge - truncken wird / deſto hefftiger wird der Durſt vermehret. Wann nun dazu kommen der Vorwand eines Rechtes / damit alle unmaͤßige und unrechtmaͤßi - ge Begierden bemaͤntelt worden / davor man Ratio Status angezogen / wie weit iſt Thor und Fenſter allen mehr als Heydniſchen Greueln aufgemacht wor - den? Die Gelehrten bezeugen mit be - weglichen Wehklagen / was vor Athei - ſterey und Gottloſigkeit unter der Frey -heitheit ſothaner Statiſterey hervorgekro - chen / und ſo offt deſſen Schuld der Ra - tio Status beygemeſſen werden wollen / haben viel Verſtaͤndige daruͤber geeyf - fert / und ſelbte gantz und gar ohn Unter - ſcheid verbannet und verdam̃et. Schon der Roͤmiſche Pabſt Pius V. nennte die Ragione di Stato Ragione del Diavolo oder wie es Franciſcus Baconus de Ve - rulamio giebet / eſſe mera malorum ho - minum commenta, quæ opponeren - tur Religioni & Virtutibus moralibus, Es waͤren lauter Ertichtungen boͤſer Menſchen / welche der Froͤmigkeit und guten Sitten zuwieder waͤren.

Bey dem Bonifaccio Vannozzi iſt Ratio Stat. Voce non ſolo poco Chri - ſtiana, ella é ancora poco humana, e chiunque ſe ne prevale, niun altra coſa , che opporſi alla natura, & prender guerra con Dio: Nicht alleine ein unchriſtlich Wort / ſondern auch we - nig Menſchlich / und wer ſich deſſelbten bedienet / thut nichts anders / als daß er ſich der Natur wiederſetzet / und Krieg mit Gott anfange: Er ſaget weiter / JoC vſoglioſoglio dire morbo, peſte, & Veleno di tutte le Corti, & indegna, pur eſſer nominata. Jch pflege ſie zu nennen Kranckheit / Peſt / Gifft aller Hoͤfe / und unwuͤrdig / daß ſie nur ſolte gennet wer - den: Jn einem andern Orte / che la peſ - ſima Ragione diStato non ceda punto alla malitia Maometana; Anderswo Febre quotidiana, das taͤglichte Fieber / welches einen unaußleſchlichen Durſt verurſachet / Barbara maniera di Go - verno, und male-detta Ragione di Sta - to, ſind ihme zwey zuſammen gehoͤrende Subſtantivum und Adjectivum. Boc - caliniheiſſet ſie ein Geſetze / denen Herꝛ - ſchafften ſehr nuͤtzlich / aber Gottes und aller Menſchen Ordnung gantz zu wie - der. Ein vornehmer Gelehrter ſchilt ſie auß vor ein ſolch Geſetze / deſſen erſtes Geboth ſey jener Spruch bey dem Euri - pides, Jus Regnandi causâ violandum eſt, das andeꝛ jenes Barbariſche bey dem Tacitus, id in ſummâ fortunâ æquius, quod validius. Der vortreffliche Po - liticus Chriſtoph Forſtner nennet ſie mit dem Heinſio, Cupiditatis noſtræPatro -Patrocinium, und in einem andern Or - te haͤlt er ſie vor die jenige / quâ pleraque Crudelitatis atque injuſtitiæ famam incurrentia aut commendant, aut ex - cuſant noſtri Principes. *Theodor. Reinking, in der Bibliſchen Policey. Laurent. Bulifer. de Jur. Domin. Bey den Hn. Reincking heiſt die Ratio Status der lie - ben Juſtiz unartige / ungerathene Stiff - Schweſter / oder die Begierde ſein Reich oder Staat per fas vel nefas zu vermeh - ren und groͤſſer zu machen; Er nennet ſie Mare Calamitatum, Monſtrum & portentum Humani Generis, Diaboli Decalogum, Er gehet durch alle Geboth und erweiſet / das dieſelbe diametraliter wieder Gott uñ ſein heiliges Geſetze ſtrei - te / darneben den Seeligmachenden Chriſtlichen Glauben die Chriſtliche Lie - be / und das Chriſtenthum gantz aufhebe. Andern iſt Ratio Status das goͤldene Kalb / ein Cloac aller Ungerechtigkeit / eine Buͤchſe / daraus ſo viel Unheil ge - ſchuͤttet worden / eine Meiſterin des Be - truges / eine Werckſtatt aller Boßheit / ein Mantel / darmit die Gottloſigkeit be -C vjdecketdecket wird / ein ſuͤſſes Gifft / dadurch die Fuͤrſten ihre Unterthanen hintergehen / und ihren Stat erhalten / ein Ungeheuer der Vernunfft / welches weder Verſtand noch Vernunfft / doch beyder Geſtalt habe / dahero geſaget werde / tùm de - mùm Rationem Status habere locum, quando Ratio, Jus, Conſilium defici - unt, andern eine Mißgeburt der Ver - nunfft / denen Menſchen zur Straffe ge - geben / daß / wo Ehrbaren Geſetzen ſolte ſtatt gegeben werden / ſie verkehrteꝛ Ver - nunfft / zu Erhaltung des Stats ge - brauchten / andere klagen ſie an / daß ſie ſey vom Teuffel gezeuget / von der fal - ſchen und verterbten Vernunfft geboh - ren / jenen haͤtte ſie zum Vater / dieſe zur Mutter / ins gemein hat ſie muͤſſen ſein ei - ne verkehrte verterbte Art zu regiren / es iſt kein Laſter / kein Bubenſtuͤck / welches nicht Ratio Status ſein ſollen / man hat Poſſenſpiele daraus gemacht / und die Ratio Status als einen alamodiſirenden Stats-Teuffel aufgefuͤhret / ſie hat muͤſ - ſen eine Uberſchrifft der greulichſten Schmaͤh-Schrifften abgeben. Einer /wel -welcher ſich nennet Fatidicum ad Do - lobellum, bemahlet die Ratio Status mit den heßlichſten Farben / und weiß nicht / was vor Unglimpff genung er gegen ſelbte ſoll außguͤſſen / er beſchreibet derer Geburths-ſtaͤdte / als eine finſtere von Kroͤten / Nachteulen und traurigen Ge - waͤchſen bekleidete Grufft / darinnen auf einem Altar Menſchliche Opffer darge - bracht wuͤrden / die Geburth ſelbſten als ein ſchreckliches Ungeheuer / welches von hinten zu wie ein Loͤwe / forne wie ein Fuchs außgeſehen / die andern Glied - maſſen Gorgoniſcher Schlangen und Klauen Art / und als ein ſo ungeſtalt / und von wiedrigen Lebens-Handlungen zuſammen gepacktes Unthier / daß es we - der des Argus unzehliche Augen / noch des Paridis Urtheil errathen koͤnnen / ob es zu den Menſchen oder Teuffeln gehoͤ - re; Was es vor Geſchlechts ſein ſollen / waͤre Anfangs ungewiß geweſẽ / die Kluͤ - geſten haͤtten es vor Weibliches Ge - ſchlechts gehalten / doch waͤre man um den Nahmen ſorgfaͤltiger geweſen / biß endlich nach langem Bedacht und ein -C vijmuͤt -muͤttiger Bewilligung Ratio Status waͤ - re erkieſet worden / bald darauff haͤtte man / weilen weder die Geſtalt noch die Natur ſchoͤne genungſam / die Loͤwen Grauſamkeit mit der ſchonſten Larven uͤberzogen / den Kopff und Ohren mit ei - ner herabhangenden Paruck / die Armen mit koͤſtlichen Baͤndern / damit die Fuͤr - ſten ihre Unterthanen bindeten / gezieret / die Gorgoniſchen Schlangen-Klauen haͤtten wolrichende Handſchuch und den Leib ein langer Talar verhuͤllet / das ober - ſte Theil des Leibes ein ſonderbares Kunſtſtuͤck / welches das Anſchauen der von Milch oder mehr Gifft aufgeprau - ſten Bruͤſten die Augen zu ihrer Liebe einladete / es waͤre Nacht geweſen / als dieſes Geſpenſte außgeputzt worden / weilen es im Truͤben am meiſten ihr We - ſen haͤtte / damit es aber nicht gar ohne Licht / waͤre ihme ſtatt deſſen einiger Pracht zugeordnet worden / niemahlen haͤtte der Auffgang ſo viel Edelgeſteine geſehen / niemahlen die Muſcheln ſo viel Perlen hervorgebracht / welche zur Naͤchtlichen Zierꝛath genungſam / dieunterunter irꝛdiſchen Steine / die Schnecken - Gewaͤchſe waͤren allzuwenig geweſen / die aus den Augen der Unterthanen mit Schaͤrffe der Herꝛſchafften außgepreſte Thraͤnen haͤtten einen Schmuck muͤſſen abgeben / an den Ohren haͤtten gantze Landſchafften / Jnſulen und Vorwerge gehangen / daß es geſchienen / ſolche Laſt koͤnne von einem ſo ſchwachen Gliede nicht ertragen werden / die Wangen / da - mit ſie deſto weiſſer leuchteten / waͤren mit ſchwartzen Gewiſſens-Flecken pun - ctiret / ihr wird in angezognen Orten ein Schwamm zugeleget / welcher der Un - terthanen Vermoͤgen an ſich ziehet / ihr Thron iſt erbauet auß anderer Reiche Unteꝛgang und Menſchen-Gebeinen / die Dienerin ſind Zorn / Grim̃ / Schmertz / Verꝛaͤtherey / Furcht / Stellung und Verſtellung / Summa, dieſer gar zu harte Straffprediger vermeinet / daß Ratio Status nicht beſſer oder warhafftiger be - ſchrieben werden koͤnne / als daß ſie ſey Furia infernalis, cujus Pater Diabolus, & Statiſtæ omnes Angeli ejus, qui quæ - runt, quæ ſua ſunt, non quæ Jeſu Chri -ſti. ſti. Derogleichen Laͤſterungen zwar de - ſto geringſchaͤtziger ſeyn ſollen / weilen ſie eine ſo unbedachtſame und unverſchaͤm - te Straff-ſchrifft ausſpeyet / daß ſie ſich auch nicht ſcheuet / die Chriſten ſchlechter Dinges vor Peſſimos mortalium auß - zuſchelten. Sonſten halt ich ſelbſt da - vor / daß wo Ratio Status entweder in einer ſchnoͤden Begierde zu herꝛſchen / oder in dem Nutzen des jenigen / welcher der Maͤchtigſte iſt / beſtehen ſolle / davor ſie von etlichen Gelehrten will zur Unge - buͤhr an-und außgegeben werden / daß nemlich je maͤchtigeꝛ eineꝛ ſeydẽ / Schwaͤ - cheren moͤge bevortheilen / unterdrucken / vertilgen zu ſeinem Auffnehmen und Wachsthum / ſo ſey ſie unvernuͤnfftig / viehiſch / und muͤſſe nicht mehr Ratio die Vernunfft heiſſen / ſondern eine wilde Begierde zuergreiffen diß / welches nuͤtz - lich ſcheinet / und an ſich ſelbſt verterblich iſt / ja eine Beſtie ergreiffet nicht einmal / was ſie ihr ſchaͤdlich befindet / und alſo waͤre ein ſolch Ratio Status welche bloß das Abſehen auf einen ſchnoͤden Gewiñ gerichtet / es geſchehe auf was Weiſe eswolle /wolle / in die allerunterſte Staffel der Un - vernunfft zuſetzen. Allein wenn ich alle Masquen abziehe und in dem Politiſchen Umkreiſſe mich etwas gnauer umſehe / ob irgend in den Beſchluß der Politiq et - was verhandẽ / welches durch das Wort Ratio Stat. habe koͤnnen bezeichnet wer - den / was dadurch ſey zu verſtehen gege - ben worden / und wo ſie etwas ſey / was ſie auſſer allen Zuſatz ſein muͤſſe / doͤrffte ſich gar ein ander Gebirge / darunter er - wehnte Ratio Status verborgen gelegen / und woraus ſie gezogen werden ſolle / hervorthun. Es iſt wahr / was der Don Balthaſare di Zuniga ein anſehlicher Stats-Rath in Spanien unter denen dem Conte-Duca d Olivarez nachge - laſſenen Erinnerungen vornemlich re - commendiret / che in tutte le delibera - tioni de Principi ſolo l intereſse pre - vale, e non havere per loro natura ne amico ne nimico, miſurar le ami - cizie & le inimicizie co‘l compasſo dell intereſſe; Servirſi i Prencipi de nomi di pace, edi guerra, come delle monete, ſecondo che loro torna me -glio;glio; Con queſto Vento, quando non ci Concorra l offeſa della Conſcien - za, & non con altro dovere il Miniſtro prendere la diritta di tutte le delibera - tioni, per che altrimenti il legno del - la Privanza andera à traverſo; Daß in allen Berathſchlagungen der Fuͤrſten Nutzbaꝛkeit allein voꝛgehe / und habe we - gen ihrer Natur weder Freund noch Feind / ſondern meſſe die Freund-oder Feindſchafft ab mit dem Compas des in - tereſſe, die Fuͤrſten bedientẽ ſich der Frie - den - und Krieges-Nahmen / wie der Muͤntzen / nachdem ſie koͤnten damit Nu - tzen ſchaffen; Mit dieſem Winde / wenn nicht die Beleidigung des Gewiſſens dar - zwiſchen trete / und mit keinem andern / ſolle ein Diener den ſchnur-graden Weg aller Handlungen vor ſich nehmen / wei - len anders / das Schiff ſeiner Ehrenſtell wuͤrde zu Grunde gehen. II Prencipe & il ben Publico formano tra di loro una identità, bey dem Valeriano Caſti - glione, der Fuͤrſt und das gemeine Be - ſte ſind untereinander eines. L interes - ſe publico è l iſteſſo con quello d Id -dio,dio, del quale debbono eſſer le prime Vittime, nach dem Tomaſo Roccabel - la, das gemeine Beſte iſt eineꝛley mit Got - tes / deme die erſten Opffer gebuͤhren / Ri - cetto ò Vehicolo, ò Trono di quella Divinità perla quale gl Imperi & ogni mortale Vivono, der Auffenthalt oder der Wagen / oder der Thron derer Gottheit / dadurch die Reiche und alle Menſchen leben. Jſt das gemeine We - ſen und deſſen Aufnehmen mit des Fuͤr - ſten / und dieſes mit Gottes ſo genau ver - knuͤpffet / ſo wuͤrde der jenige / welcher 2. unzertrennliche trennete / ja alles in Un - ordnung verſetzen / und ſich ſelbſt deſſen berauben / was ſein einiger Zweck ohne welchen er nicht beſtehen kan / ſeyn ſoll; Die gantze Politic zielet mit unverwand - ten Augen auf das gemeine Wolerge - hen / um dieſen Mittel Punct iſt ſie emſig bemuͤhet / ſie zeiget loͤbliche Mittel / giebet gruͤndliche Regeln / den vorgeſetzten Zweck zuerlangen / ſie naͤhret den Buͤr - gerlichen Coͤrper mit denen zutraͤglich - ſten und zu Befoͤrderung gemeinen We - ſens dienſtlichſten Speiſen / Gleichwie a -berber die geſundeſten Speiſen bißweilen einen Eckel oder Kranckheit erwecken koͤnnen / uͤber dieſes der Menſchliche Leib mancherley Zufaͤllen unterworffen iſt / und nicht immer in guter Geſundheit zu - nehmen / ſondeꝛn in alleꝛhand Unordnun - gen / welche durch heylſame Artzneyen wiederum zu rechte gebracht werdẽ muͤſ - ſen / gerathen kan / alſo haben die Ver - ſtaͤndigen in der Buͤrgerlichen Wiſſen - ſchafft ein edeles Theil geſpuͤret / welches ſie durch und durch mit der Medicin ver - glichen / jedoch unteꝛ keinem andeꝛn Nah - men / als der Politic, da man doch offters gewahr worden / das eben dieſe ihre an ſich ſelbſt gute Maſſimen zu Erhaltung ihrer Leiber umgeſtoſſen werden muͤſſen / und wenn denen ſelben haͤtte nachgegan - gen werden ſollen / die Regimenter in Ge - fahr geſetzt / oder unverwindliche Jrꝛthuͤ - mer wehren begangen worden / um dieſer Urſachen halben der gantzen Politiſchen Weißheit einige Verkleinerung zuge - wachſen; Es iſt kein Zweiffel / daß nicht die Politic mit der Medicin Gemein - ſchafft oder Aehnligkeit habe; Ein Artztgie -giebet zu Erhaltung der Geſundheit / zu Vorbeugung einer Kranckheit zwar Artzneyen / damit es aber in gefaͤhrlichen unverhofften euſerſten Nothfaͤllen / all - wo ein Artzt am meiſten von noͤthen / nicht außgerichtet iſt / er muß anders auſ - ſer / anders in Gefahr / anders im An - fange / ands bey zunehmender Schwach - heit curiren / auch das jenige / was man ſonſten unterlaſſen wuͤrde / vor rathſam / in extremis, extrema remedia vor die Beſten befinden; Die Artzney-Erfahr - nen wiſſen / was vor unzehliche Zufaͤlle ihnen unter die Hand kommen / welche bald auff dieſe / bald auf andere Weiſe geheilet / in Buͤchern nicht genungſam koͤnnen verzeichnet werden / und die Staats-Gelehrten haben offters em - pfunden / was vor unvermuttete Begeb - nuͤſſe eine wolabgefaſte Regierung ver - ruͤcken koͤnnen / wie offters die gemeine Wolfart / welche ins gemein der Politic Zweck iſt / ſich entgegen zufoͤrderſt an die Spitze ſetzet / und zum jenigen machet / was ſonſten die Politic uͤber ſie ſein ſoll / wie vielmahlen die heilſamſten Mittelundund Anſchlaͤge wol zu regieren nicht an - ſchlagen / und was ſonſten una ingju - ſtitia Politica oder auſſer dieſer indivi - dual Zutragenheit eine Politiſche Unge - rechtigkeit / in die auſſeꝛleſtenſte Klugheit / in den gluͤckſeeligſten Außgang gediegen; Es iſt kein Buͤrgerlich Geſetz / keine Po - litiſche Maſſim, ſie ſey ſo witzig und be - wehrt / als ſie wolle / welche nicht bald da / bald dort / ſeine Abſetze erlidten; Fran - ciſcus Gvicciardinus geſtehet und erin - nert frey / bey ſeinem Hypomneſibus Politicis, daß ſie gantz General und in gewiſſen Faͤllen verkehret werden / dero - gleichen Zufaͤlle unbeſchreiblich / und aus dem Licht der Natur und behuͤlff der Er - fahrung zuerlernen / Quel medeſimo documento, ſagt der Feliciano Silve - ſtri nella Salvezza de Prencipi, che in alcune Circonſtanze può acquiſtar gloria e ſalvar la Vita, può in altre eſ - ſer cagione dell altrui eſterminio, e - ben diejenige Lehre / welche in etlichen Begebnuͤſſen Ehre gewinnen / und das Leben retten kan / kan in andern Urſache ſeyn / beyoer Verluſt; Dannenhero diejeni -jenigen / welche bey denen Vorgeſchrie - benen / in gemein vor bewehrt befundenen Regeln gar zuſtanohafft allzeit verhar - ꝛen wollen / ſich ſelbſt und dero Regimen - ter in unverwindlichen Schaden ſincken laſſen / hingegen dieſe auch der Sachen allzuviel gethan / welche das jenige / was aus dringender unvermeidlicher Reichs - Nothdurfft bißweilen wol und weißlich gethan und hingegangen / in eine Ordi - naire Regirungs-Forme gieſſen / und weil es einmal gluͤcklich abgelauffen / ſich derogleichen Extremitaͤten außer Noth bedienen wollen / unter welchem der Ra - tio Stat. dazu gebrauchten Nahmen viel Gewaltſamkeiten geuͤbet / viel ſchaͤdliche Jrꝛthuͤmer begangen worden. Der Menſchen Gemuͤtteꝛ ſind an ſich ſelbſt u - na maſſa di terra poroſa, ein Schwam - micht Erden-Kloß / welches mit geitzigem Munde / was ihm vorkommt / an ſich zie - het / ſie ſind allzuſehr angefeuchtet von den niedrigen Suͤmpffen des annoch in ſeiner Urſprungs-Staͤtte klebendẽ Coͤr - pers / daß ſie wenig uͤber ſich ſteigen koͤn - nen; Eben der Zunder verderbter Na -tur /tur / welcher in Geſtalt einer Schlangen ſich in dem Schoß ſterblicher Seelen herum ſchlinget / machet / daß ſie gleich der Schlangen auf der Erden einherkrichet / und ſich von irꝛdiſchen Fruͤchten ſaͤttiget; Eine ſo dem zeitlichen ergebene Seele kan ſeine Vernunfft nicht anwenden / wie ſie ſolte / ſie vertieffet ſich gar zu ſehr in Fleiſchlichen Dingen / derer Klugheit ſcheinbaꝛ / abeꝛ falſch iſt / ſie ergoͤtzet nicht / wo ſie nicht betruͤget / und jemehr ſie be - truͤget / deſto mehr ergoͤtzet ſie / und wenn ſie auffhoͤret zutruͤgen / hoͤret ſie auf zu ſeyn / ſie ſtehet auf der Spitzen des Ab - grundes / und weil ihr nicht allezeit der Betrug angehet / ſo ſtuͤrtzet ſie einmal. Jn alſo bewandten und nach der ſchoͤ - den Eitelkeit ſchmeckenden Gefaͤſſen ſchlagen die Tugendhaffteſten Ermah - nungen und die beſten Lehren um / in ei - nem verſtrauchten Boden muß der E - delſte Saamen erſticken / und zu Un - kraut werden: Die Biene und Spinne pflegen einerley Safft von einer Blume zu ſaugen / und dieſer Safft wird bey je - ner zum ſuͤſſeſten Honig / bey dieſer zumſchaͤd -ſchaͤdlichſten Gifft / bey den boͤſen iſt al - les boͤſe / die gantze Erudition iſt das koͤſtlichſte Kleinod in dieſer Sterbligkeit / ſie kroͤnet die Seele in dieſem Leben mit den Strahlen einer Vollkommenheit / ſie iſt das in der Vernunfft / was die Ver - nunfft bey einem Menſchen / ſie bringet die Vernunfft ſo weit / daß gleichwie die - ſe den Menſchen unterſcheidet von den unvernuͤnfftigen Thieren / alſo jene die Gelehrten von dem Poͤfel / wo ſie aber auff ein liederliches ruchloſes Hertze auf - faͤllet / was iſt ſie anders / als / wie der Florentiniſche Groß-Hertzog Coſmus Medices von derogleichen Leuten pflegte zuſagen / tropo buon Vino à ſi cattiva botte, ein gar zu guter Wein in einem ſo boͤſen Faſſe / una gemma in piombo, ein Edelgeſtein in Bley eingefaſt? Scri - bo audacter, ſchreibet der Ludovicos d Orleans, homine docto & iniquo ni - hil in terris eſſe nequius, nec injuſti - us. Die beſten und Lehrreichſten Schriff - ten haben die hitzigen Geiſter auffge - friſcht / und an ſtatt / daß ſie fromme Fuͤr - ſten aufferziehen ſollen / Centauren auß -Dgebruͤ -gebruͤttet. *Gaſpard de Saulx es memoires. Der Gaſpard deSaulx Ma - reſchal de Tavanes, deſſen Worte die vorhergehenden allbereit geweſen / gehet ſo weit / daß er beglaubet / die Uberſetzun - gen in die Muͤtterlichen Sprachen des Herodotus, Plutarchus, Appian nnd Livius haͤtten die innerlichen Kriege in Europa helffen aufblaſen / einer haͤtte wollen ſein ein Cæſar, oder Lycurgus, das Regiments-Weſen umzukehꝛen / ein ander Brutus, Timoleon, die Tyrannen auß dem Wege zu raͤumen / andere haͤt - ten wollen kuͤhner ſeyn / als Spartacus, Sertorius, und nicht dran gedacht / was das Chriſtenthum verbothen / die recht - maͤßige Regierung verhindert und ihre Unvermoͤgenheit nicht zugelaſſen hat.

Wann nun das angebohrne Erb - Ubel bey dem Menſchen ſich ſo maͤchtig außbreitet / daß es alles das jenige / was zu Wolfarth des Menſchlichen Ge - ſchlechtes erbaulich / anſtecket / was ſol - ten wir bey Unſerer Ratio Status gewar - ten / welche an ſich ſelbſt ſo zaͤrtlich / daß ſie mit behutſamen Haͤnden will gehan -deltdelt werden; Sie iſt eine Wolle / welche alle Faꝛben anziehet / Hat ein Gemuͤte ſich bereits denen herꝛſchenden Begierden eingeraͤumet / und ſeine Vernunfft ſelbi - ger Tyranney unterworffen / ſo iſt es kein Wunder / daß Ratio Status durch dero Ungeſtuͤm̃igkeit nicht ſolte in einen Zuſammenfluß aller Laſter abgeriſſen werden; Es ſey aber auch Ratio Status das allerfeinſte Gold / es falle auf eine von reinen Flammen angefeurte Seele / ſo loͤſen die Boßheit ſo viel auffſteigende Daͤmpffe der Einbildungen ab / welche von keiner Wiſſenſchafft auſſenbleiben / und nicht zulaſſen / die Weſenheit einer Sachen mit gleich klaren Augen zube - ſchauen. Das von dem irꝛdiſchen Leibe eingeſpannete Gemuͤtte iſt nicht wie ein heller / klarer / gleicher Spiegel / welcher die Strahlen der entgegen geſtelleten Dinge / wie ſie an ſich ſelbſt ſeyn / an - nimmt / ſondn zauberiſch / voller Geſpen - ſte / und betruͤglicher Geſichter / vor dero - gleichen d unvergleichliche Baconus de Verulamio bey dem Umkreiß aller Wiſ - ſenſchafften warnet: So einer / ſagt er /D ijinin einer finſtern unterirꝛdiſchen Hoͤlen von ſeiner Kindheit an biß an das Alter geſtecket / gehling hervorkaͤme / und dieſen Vorꝛath des Himmels und aller Dinge anſehen ſolte / ſo iſt kein Zweiffel / daß ih - me nicht viel ſeltzame und wunderliche Fantaſeyen vorkommen wuͤrden / wir le - ben zwar unter dem freyen Himmel / in - deſſen ſo werden doch die Gemuͤtter in - ner denen Gefaͤngnuͤſſen unſerer Leiber behalten / daß ſie unzehliche Bilder der Jrꝛthuͤmer und Falſchheiten an ſich neh - men muͤſſen / zumahlen ſie nur ſelten und auf kurtze Zeit außer ihrer Grufft gehen / und nicht in ſtaͤtswehrender Betrach - tung verbleiben / ſondeꝛn gleichſam uͤber - nachten. Wir wollen nach Hinlegung aller Miß-Verſtaͤndnuͤſſe Mißbraͤuche / und darauß entſtandener ungleicher Re - den / die ſo vielerley Geſichter der Ge - lehrten / welche ſie uͤber der Ratio Status, gehabt / vor Uns nehmen / und verſuchen / ob nach dero Zuſammenhaltung wir ei - nen Grund darinnen zu anckern finden koͤnnen / allwo dann nicht ohne Verwun - derung ſich wird zur Gnuͤge erlaͤutern /mitmit was vor unterſchiedenen Augen ſie von einem ſo / von einem anders wird an - geſehen worden ſeyn; Die Schwachheit des Geſichtes und Gemuͤttes laͤſſet nicht zu mit einerley Wuͤrckung in die ab - oder uͤber uns gelegene Dinge vorwitzig zu ſeyn / auch die nechſten Entgegenwuͤrffe kommen einem anders vor / als dem an - dern / Ulyſſes ſahe die Penelope viel an - ders an / als Eurymachus, Pythagoras ſahe die Sonne anders an / als Anaxa - goras, jener als einen Gott / dieſer als einen Stein / die Tugend ſelbſt hat nicht eben auf dieſe Weiſe Socrates, wie Epi - curus betrachtet / Socrates zwar als ein Liebhaber der Gluͤckſeeligkeit / Epicurus als ein Liebhaber der Wolluſt. Jedoch kan die Warheit eines Dinges nicht beſ - ſer hervorbracht werden / als durch Be - trachtung vielerley Meinungen: Der Glantz des Schaꝛlaches leuchtet niemah - len heller hervor / als wenn er neben viel Farben geleget / und von vielen Augen geurtheilet wird. Wann wiederwertige Dinge gegen einander geſtellet werden / kan man ſie deſto klaͤrer ſehen / die FedernD iijderder Schwanen ſind nicht weniger weiß um ihrer ſchwartzen Fuͤſſe willen / und die Venus weniger ſchoͤne um ihres ſchwar - tzen Fleckes halben. Edelgeſteine wer - den klaͤrer entdecket durch ihre Fehler / und die Gemaͤlder durch ihre Schatten; Die Warheit / wiewol ſie an ſich ſelbſt ſchoͤn / dennoch iſt ſie viel ſchoͤner / wenn ſie mit Jrꝛthuͤmern verglichen wird. Die unterhanden ſeyende Ratio Status ſoll bemuͤht ſeyn auß den finſtern Wolcken der Ungewißheit / mitten unter den unge - ſtuͤmen Wellen wiedriger Urtheile / als eine hell-leuchtende Venus hervorzubre - chen / inner der gelehrten Trennungẽ / wie eine anmuttige Irene einzutreten / ſie ſoll / wo ſie auch die Vorgebuͤrge guter Hoff - nung / daran ſo viele Schiffbruch erlit - ten / uͤberſtehen moͤchte / in den Hafen an - laͤnden / und das Land kuͤſſen / wo ſie ihre Laſt zu ferner Unterſuchung der gelehr - ten Welt niederlegen wird / im Fall ſie keine Vergnuͤgung geben wird / ſo wird ſie mit ſich ſelbſt und an ihrem auß den Canarien ſchoͤneſter Gemuͤtter gekoch - tem Zucker / welchen ſie zum wenigſten mit ſich fuͤhꝛet / vergnuͤget ſeyn.

DIS -

DISCURS II.

WAnn wir der jenigen / welche der Ratio Status nachſinnen / und davon etwas aufs Tapet legen wollẽ / Verſamlung eroͤffnen / laͤſ - ſet ſich unter denen erſten oder zum we - nigſten Bekandteſten antreffen der Gio: Antonio Palazzo, welcher zu Anfang dieſes Seculi einen Diſcorſo del Gover - no & della vera Ragion di Stato, von der Regirung und denen wahꝛen Stats - Rath / ins Licht gegeben / darinnen er a - ber bald Cap. 3. außdruͤcklich ſich erklaͤ - ret / che Governo e Ragion di Stato, & arte di Governare non differiſco - no eccetto in nome, das iſt / die Regi - rung / Ratio Status und die Regirungs - Kunſt waͤren von einander gantz nicht ohne bloß dem Nahmen nach unterſchie - den / und giebet zweyerley Beſchreibung auß zweyerley Bedeutung des WortsD iiijRa -Ratio, nach welcher erſteren Ragion di Stato è l intiera eſſenza delle coſe e i requiſiti di tutte l arti e de gli officii, che ſono nella Republica, Ratio Status iſt die gantze Weſenheit der Sachen / und Nothdurfft aller Kuͤnſte und Geſchaͤff - te / welche in dem gemeinen Weſen ſich befinden; Hier giebet er ein Exempel / es werde eine Stadt eingenommen / Vie - ne à ceſſare l integrita della ſua Eſſen - za, percio ſi deono e poſſono Uſare í debiti mezi per reintegrarli, e queſto uſo di mezi ſi eſſercita per Ragion di Stato. Nach dem andern Verſtande des Worts Ratio iſt Ragione di Stato una regola & arte, che inſegna & oſ - ſerva i debiti mezi per conſegvire la tranquillità e lo bene della Rep. fine principaliſſimo de prencipi e de i mi - niſtri, eine Regel und Kunſt / welche die gehoͤrige Mittel zu Erlangung des ge - meinen Beſtens / als welches der vor - nehmſte Zweck deꝛ Fuͤrſten und ihreꝛ Be - dienten iſt / lehret und beobachtet. Dieſes haͤlt der Palazzo vor die warhafftige Be - ſchreibung ſeineꝛ Rat. Stat. derer MaeſtroGottGott und die Natur der Regier-Kunſt erſte Gebtterin ſein ſoll / im uͤbrigen wird in allen 4. Theilen der Ratio Status kaum gedacht / ſondern nur Politiſcher und Moraliſcher materien / ſo nuꝛ auf ge - meine Art und Weiſe vorgebracht wer - den / biß zum 17. Cap. part. 4. Darinnen viererley Bedeutungen des Wortes Sta - to Meldung geſchiehet / als erſtlich be - deute es un Luogo limitato. 2. Domi - nio. 3. Una perpetua elettione di Vita, ò ſia celibe, ò ammogliata. 4. Pace ſeu quiete di Stato. Darauß werden vier - erley Beſchreibungen der Ratio Status geſtellet / wieder den Verſtand des Wor - tes und des Weſens; Welcher Lehr - Art / ungeachtet ſie keinen Beyfall ver - dienet / ſondern vielmehr von denen Ge - lehrteſten wiederſprochen worden / ſich dennoch nicht wenig vielleicht auch un - voꝛſetzlich theilhafftig gemacht / und aller - hand verwirrungen ein Anſehen beyge - fuͤget.

Der Gabriele Zinano Signor di Bellai hat della Ragione de gli Stati ein in 12. Buͤcher abgetheiltes Werck ver -D vferti -fertiget / und beſchreibet ſie alſo / Volen - do io affermare la Ragione, onde ſi go - vernano tutti gli Stati, dico, che ne - ceſſaria mente ſi dee affermare ch ella ſia Arte di Signoreggiare gli Stati à fine di conſervargli perloro commu - ne felicità. Wenn ich wil etwas ge - wiſſes von der Art / dadurch alle Reiche regiret werden / vorbringen / ſo muß ich nothwendig verſichern / daß ſie eine Kunſt ſey / die Unterthanen zu regiren und zu erhalten zu ihrer allgemeinen Gluͤckſeeli - keit / Er gehet weiter / und wil / daß Ratio Status ſchlechter Dinges eine Regi - rungs-Kunſt ſey / welche ſich an gewiſſe Regeln binden laſſe; Von dannen kom̃t er auff die Artificii, da Condurſi dello Stato alle grandezze, oder allerhand Meiſter - oder Kunſtſtuͤcke die Regimen - ter hoch zu bringen / als des Lyſanders, Capitolini, Perdiccæ, Cains, Nimrods, Romuli, Joſua Alexãders, Cæſars, Au - guſti, Antonii, der von Medices; Die - ſes iſt das erſte Buch / in dem andern werden die Fintioni, als Specie de gli artificii abgehandelt / welche Tugend -oderoder Laſterhafftig / darunter aber mehr liſtige / als zu der Ratio Status eigentlich gehoͤrige Thaͤtligkeiten erzehlet werden / wiewol nicht uͤmſtanden werden kan / daß gleichwie Ratio Status um alle Poli - tiſche Materien geſchaͤfftig / alſo auch hier eines und das andere unter geſtreu - et werde / welches in die Bottmaͤßigkeit der Ratio Status ſolle gezogen werden / derogleichen bey den Scribenten hin und wieder jedoch ohne Ordnung und Ge - wahrwerdung mit unterlauffen: Die - ſes iſt gewiß / das Zinano in ſeinen 12. Buͤchern unter dieſem Nahmen viel Zeuges zuſammen getragen / aber nicht den rechten Punct getroffen / dann we - der Ratio Status mit der Politic einer - ley noch jene in die erzehlten Artificii o - der Stats-Grieffe einzuſchrencken ſind / und das uͤbrige was nach Gelegenheit des Wortes Signo reggiare de gli ac - quiſti, de gli Stati, delle mutationi, della corruttione, conſervatione, eſta - bilimento, nichts anders verfuͤhret wird / als in der Politic ſich ziemet / zuge - ſchweigen / daß er nicht ein Wort mel -D vjdet /det / ob Ratio Status von der Politic un - terſchieden oder nicht / ſondern gar deut - lich beyde vor einerley außgiebet: Jndeſ - ſen ruͤhmet er ſelbſt / daß keiner weder Bodin, noch Lipſius von Stifftungen oder Erlangungen der Regimenter auß - fuͤhrlicher geſchrieben / als er / in welcher Bemuͤhung das groͤſte Theil zugebracht / Ratio Stat. hingegen bey derer Unterſu - chung meiſtens auſſer acht gelaſſen / und uͤberſehen wird.

Der Giovanni Botero faͤnget ſeyn in zehen Buͤchern beſtehendes Werck / della Ragion die Stato an / Stato è un dominio fermo ſopra popoli, e Ragio - ne di Stato è Notitia di mezi atti à fondare, conſervare & ampliare un dominio coſi fatto, der Staat iſt eine beſtaͤndige Herꝛſchafft uͤber Voͤlcker / und Ratio Status iſt eine Kundſchafft der Mittel / die geſchickt ſeyn / eine ſo ge - ſtalte Herrſchafft zu gruͤnden / zuerhal - ten und zu vermehren; Wie nun No - titia, wenn gruͤndlich von der Sache ſol - te geredet werden / gar anderer Beſchaf - fenheit iſt / und weder der Ratio Statusnochnoch Politic zukommen koͤndte / alſo iſt in dem gantzen Wercke nicht das geringſte Kennzeichen / dadurch Ratio Status von der Politic abgeſondert wuͤrde / zu ſpuͤ - ren / ſondern in allen zehen Buͤcheꝛn wer - den Regirungs-Lehren gegeben / eben wie in der Politic von Unterthanen / Ge - rechtigkeit / Freygebigkeit und andern Fuͤrſtlichen Tugenden / von Krieges - Sachen / wie ſich ein Fuͤrſt gegen ſeine Unterthanen / gegen Freund und Feind verhalten ſolle / ohne daß der Ratio Sta - tus faſt nicht einmal gedacht werde / und wollen viel beglauben / dieſes ſolle eben das jenige Buch ſeyn / darvon der Scharffſichtige Trajano Boccalini ſchreibet / daß es mit groͤſtem Frolocken von den vornehmſten Potentaten im Parnaſſo dem Apollini uͤberreichet / und darbey gebeten worden / ſelbiges als ein vortreffliches Werck in Jhrer Majeſtaͤt Bibliothecken zuſtellen. Apollo habe ſich verwundert / daß ſie ſelbſten anhielten / dieſes Buch zu publiciren / weilen ihme ſonſten wol bewuſt / wie denen Fuͤrſten die jenigen Buͤcher / ſo von Staats-Sa -D vijchenchen handelten / gewaltig zu wieder waͤ - ren / habe es aber denen Schatzmeiſtern uͤbergeben / welche nach fleißiger Durch - ſehung gewahr worden / das diß Buch an ſich ſelbſt nichts anders / als Politiſche Sachen ins gemein enthielte / und von der Ratio Status davon der Titul lau - tete / kein Wort gedacht werde / dieweil aber Ratio Status ein Stuͤck deꝛ Politic ſey / als habe ſie der Verfaſſer argliſti - ger Weiſe in die allgemeine Beſchrei - bung der Politic eingeſchoben / mit wel - cher vergoldeten und verfaͤlſchten Be - ſchreibung er andere Leute uͤberreden wollen / es ſey die Ratio Status etwas beſonders von der Politic, und den - noch in Warheit nichts anders / als die Politic, darauff Apollo befohlen / den Titul dieſes Buches wegzukratzen / und vor Ratio Status Politic hinzuſetzen.

Wilhelm Ferdinand ab Efferen in Manuali Politico de Ratione Status ſeu Idolo Principum bildet Rationem Sta - tus als eine Prudentiam gubernandi, & conſervandi Remp. eine Klugheit zu regiren / alſo daß bey ihm Politic und Ra -tiotio Status gantz einerley ſind / bald ma - chet er eine andere Ratio Status der Po - liticorum, welche ſein ſol ein geheimer Rath / allein den Koͤnigen und Staats - Leuten vorbehalten / damit ſie auff allen Fall alles ihr Thun vertheydigen und entſchuldigen koͤnnen / dieſe waͤre den Po - liticis, welche er vor Atheiſten verur - theilet / plus quam Deus, Regibus Ido - lum, Stultis Prudentia, Sapienti Vani - tates, horror omnibus: Er aber theilet ſeine Ratio Status in Veram & falſam, Vera Ratio Status quæ ſecundum De - um per honeſta licitaque media & ve - ras Virtutes Principem, ſubditos ad ultimum finem, ſalutem æternam, & temporalem proſperitatem prudenter dirigit: Falſa Ratio Status quæ negle - cto Deo fortunam adorat, conſerva - tionem Reip. ſupremam Legem con - ſtituit, & pro illâ omnia media juſta vel honeſta ex utilitate metitur. Von Anfang der Welt nach dem Suͤnden - Fall unſerer erſten Eltern habe Ratio Status bald ſeinen Urſprung / jene in A - bels Froͤmmigkeit / dieſe in Cains Boß -heitheit gehabt / und in dem gantzen Bucht handelt er von der Religion / Fuͤrſtliche Tugenden / Kirchen / Frieden und Krie - geszeiten; Bald wird ſie geſchnitten in Secularem & Eccleſiaſticam, bald in Apparentem & Latentem, und durch und duꝛch weiſet ſich auß / wie mißbꝛaͤuch - lich mit dem Nahmen umgegangen / und in was vor einen Jrꝛſal Ratio Status durch ſo vielfache Beſchreibungen und Eintheilungen geleitet worden / da doch die Falſche an ſich ſelbſt verdam̃lich / die wahre mit der Politic eines / und alſo beyde Ratio Status nicht ſein wuͤr - den.

Der Hollſteiniſche Cantzler Ditt - rich Reincking / ungeachtet er die Ratio Status entweder vor ein non Ens, oder ja vor nicht viel ſonderliches haͤlt / weilen / wie er ſaget / das Boͤſe und die Laſter nicht beſſer imprimiret werden koͤnnen / als wenn ſie mit herꝛlichen ſchoͤnen tugend - hafften Nahmen getaufft / beleget und bekleidet wuͤrden / und kein Ding ſo boͤß iſt / das auch nicht in guͤten Verſtande etwas darbey ſein koͤnne / machet einenUnter -Unteꝛſchied unteꝛ Recht uñ Unꝛecht / wer - de die Ratio Status begleitet durch Recht / Warheit und Gerechtigkeit / ſo ſey ſie nichts anders als eine vorſichtige / kluge und vernuͤnfftige Erweg - und Beobach - tung eines jeden Regenten Staats oder gemeinen Weſens / und wie daſſelbe durch Goͤttliche Huͤlffe / rechtmaͤßige bil - liche Mittel und Wege zu conſerviren und zu befoͤdern / auff beſſern ſicherern Fuͤß zuſtellẽ / und bey ſeiner Conſiſtentz / auffnehmen und Flor zu erhalten / dar - neben allen ſorglichen gefaͤhrlichen Zu - ſtaͤnden mit zeitigen vernuͤnfftigen Rath vorzubauen / und kuͤnfftige Gefahr zu avertiren und abzuwenden; Dieſe weh - re die recht untadelhaffte / ja ruͤhmens - wuͤrdige Ratio Stat. Die vermeinte und euſſerlich zwar fein apparirende / aber in ſich falſa & injuſta Ratio Status beſtehe in einer Begierde wie frembder Herr - ſchafft Land und Leute durch Betrug / Liſt / und Geſchwindigkeit auch unter vermeinten Schein / und Vorwand des boni publici oder gemeinen Beſtens auch wol gar der Religion, item ſimu -lirtenlirten Rechtens mit Gewalt und Tyran - ney occupiret und an ſich geriſſen wer - den moͤgen / ſetze Gott und ſeine Gebote / Treu und Glauben / Auffrichtigkeit und Redligkeit auff die Seite / und ſehe bloß auff das Gluͤcke und eigen Nutz; Dieſe wehre die Teuffliſche Ratio Status und fuͤhret auch ſolche ferner auß auff den Schlag und nach Anleitung des ab Ef - feren. Allein dieſe iſt eigentlich eine teuff - liſche Boßheit / und des Nahmens Ratio Status nicht wuͤrdig / oder wo ſie dieſes wehre / ſo wehre es billich / das ein Chriſt - liches Hertze darvor Abſcheu truͤge / und ihr wie dem Teufel abſagte; Jene aber ſo lange die differentz zwiſchen der Poli - tic und Ratio Status nicht klaͤrer entde - cket wird / wuͤrde mit der Politic eines ſeyn / da hingegen man ſo viel gewahr wird / das inner deꝛ Politic etwas befind - lich / welches etwas von der Politic be - ſonders unterſchiedens und dennoch Chriſtloͤblich gleich der Politic ſey.

Wilhelm Ignatius Schutz wil / daß Ratio Status nichts anders ſey / als Spe - cialis & Pacis & Belli tempore res ibicon -concreditas gubernandi, augendi conſervandique Prudentia: Allein Ra - tio Status iſt auch vor keine Special Po - litic zuerkennen: Ea enim Politica Spe - cialis dicenda eſt, nach der accurateſten Entſcheidung des Hochgelahrten Her - ren Boſens (in Introductione genera - li ad Notitiam Orbis) quæ generalia præcepta conſtituendæ gerendæque Reip. & ſingulas ſpecies Rerump. ex - plicat, & naturam earum atque arcana ſpecialia mutuaque diſcrimina per - tractat, ſicut dicimus Metaphyſieam Specialem, Phyſicam Specialem, Geo - graphiam Specialem, &c. Daß aber Ratio Status gantz anderer Natur ſey / wird ſich an ſich ſelbſten außweiſen.

Viel haben ihre Politiſche Lehren / Diſcurſe, Maſſimen mit dem Worte Ratio Status bekleidet: Des Valeriano Caſtiglione Statiſta Regnante (von welchem ſein Scribent vor eine ſonder - bare Ehre ruͤhmet / daß ernach ertheiltem Bericht des Marc-Antonio Moroſini, dem Bail zu Conſtantinopel dem Tuͤr - ckiſchen Kayſer