PRIMS Full-text transcription (HTML)
Freymuͤthige Doch Beſcheidene Unterredungen Von Kirchen - Religions - Politiſchen - und Natur - Sachen
Franckfurt und Leipzig,Auf Koſten des Autoris. 1737.

Vorrede des Concipienten an den ge - neigten und auch unguͤtigen Leſer.

D uͤber dieſe Unterredungen mancherley Urtheile gefaͤllet werden doͤrfften, iſt leicht vor - herzuſehen. Da der in denen Vorurtheilen ſeiner Partie er - zogene, nichts vor wahr und recht anſie - het, als das, was mit denenſelben uͤberein kommt. Ein anderer mit Affecten der Ei - genliebe Eingenommener, nur das billi - get, was ſeine Paßionen behaget. Und da nicht alle Menſchen die Gaben beſitzen) (2dasdas Wahre vom Falſchen, und das Gute vom Boͤſen richtig zu entſcheiden: ſo doͤrf - ten wohl nicht die allermeiſte, welche die - ſes zu ſehen bekommen, ſo billig ſeyn, ein unpartheyiſches Urtheil daruͤber zu faͤl - len. Solten einige aus Liebe zu der Wahrheit, uͤber ein oder anderes eine Erlaͤuterung beſcheidentlich verlangen: denenſelben wird, wo GOtt der HErr Leben und Geſundheit verleihet, wohl willfahret werden koͤnnen. Welche ſich aber als infallibele quaſi-Paͤpſte und In - quiſitores ſic dictæ hæreticæ pravitatis als ungebetene Richtere aufzuwerffen belie - ben moͤgten: denen zu antworten, wird man ſich nicht bemuͤhen: ſondern die Frey - heit, die ſie ſich andere zu verketzern neh - men, großmuͤthig verachten, und ihnen ein geſunderes Hertz und Verſtand anwuͤn - ſchen. Valete.

Von[1]

Von Gnade und Wahrheit will ich reden, und ein neues Lied ſingen, zum Ruhm des Schoͤpfers aller Dingen; von dem, zu dem und durch den alles iſt im Himmel und auf Erden.

Die hoffaͤrtige Hertzen ſollen und wer - den gedemuͤthiget, und die hohe Augen erniedriget werden. Ein Menſch der ſich auf ſeinen Reichthum verlaͤſt, und mit ſeinem Hertzen vom HErren weichet, wird Gram zu Lohn und Kummer vor Freude haben. Der iſt verflucht, welcher Fleiſch vor ſeinen Arm haͤlt, und auf Fuͤrſten mehr als auf GOtt vertrauet.

AWehe2

Wehe denen, die nur das ſuchen, was dem Fleiſch behaget; welche die Abgoͤtter aller Weit: die Fleiſches-Luſt, Augen - Luſt und hoffaͤrtiges Leben verehrende an - beten; und in allen Dingen mit ihrer verfinſterten eigenliebigen Vernunfft zu rathe gehen; den HErrn der Heerſchaa - ren aber nicht um Rath fragen, und in wahrer Hertzens-Demuth anbeten.

Selig und aber ſelig ſind die Sanfft - muͤthige, Demuͤthige und reines Hertzens: Die da leutſelig, beſcheiden, friedfertig, geduldig und barmhertzig ſind. Denn das Reich GOttes iſt in ihnen; Gerech - tigkeit, Gnade und Frieden vom GOtt des Friedens und unendlicher Freude ruhet auf ihnen. Halleluja!

Erſte
[3]

Erſte Converſation.

Da einige gute Freunde zuweilen zuſammen kamen, und ſich von allerhand nuͤtzlichen Dingen unterredeten; deren einer das merckwuͤrdigſte ihrer Diſcurſe aufnotiret, hat ſel - biger nicht undienlich geachtet, es dem Publico zu communiciren.

Einer dererſelben, ein Philoſoph, Nahmens Ni - cander, finge einſten an Herrn Modeſtinum alſo an - zureden: Da ſo vielerley Meinungen in Religions - Sachen ſind, als Voͤlcker und Nationen auf Er - den; und ein jeder ſich einbildet, ſeine Religion ſey die beſte; ſo ſage er mir doch offenhertzig: Welche Religion haͤlt er vor die beſte?

Modeſtin.

Hierauf will ich meinen Freund auf - richtig dienen, und nichts verhalten von dem, wo - von ich meines Theils verſichert bin, daß es zum Grund und Fundament der beſten Religion ge - hoͤre. Wir muͤſſen aber erſt einig ſeyn: Wie wir das Wort Religion verſtehen und nehmen.

Alamodan.

Man pfleget ja meines Erachtens da - durch nichts anders zu verſtehen: als die Weiſe und Art GOtt zu dienen; und die Glaubens - Formul oder Bekaͤnntnis, welche ein jeder nachA 2ſeiner4ſeiner Secte, darinnen er ſtehet, von denen Glau - bens-Sachen hat.

Modeſtin.

Wir wollen uns um eine genaue Be - ſchreibung des Worts Religion nicht bekuͤmmern; welche einige von religare, das iſt, verbinden, her - leiten: Weil die Religion den Menſchen mit GOtt wieder verbinden ſoll. Nur waͤre zwiſchen denen Woͤrtern Religion und Glauben ein Unterſcheid zu machen; ſo, daß man durch die Religion uͤber - haupt alle Arten derer Meinungen und Ceremo - nien verſtehe, welche die Menſchen als Glaubens - Articul noͤthig achten, entweder GOtt, oder ihre Goͤtzen, zu verehren. Das Wort Glauben aber heiſſet eigentlich ſo viel als vertrauen; daher auch das Wort Glaͤubiger, Creditor, bey Handels-Leu - ten ſo viel iſt; als dem man etwas anvertrauet und borget. Welches zu Vermeidung einiger Undeut - lichkeit und Confuſion dienen koͤnte. Denn es gibt ſehr religioͤſe aberglaͤubiſche Leute, welche doch kei - nen wahren Glauben haben.

Nicander.

Dieſes mag alſo ſeyn: alleine der Herr beliebe mir denn nur zu ſagen: Was er glau - be noͤthig zu ſeyn GOtt zu verehren; oder welches nach ſeinem Begriff die richtigſte Religion ſeye? Weilen ja mehr verſchiedene Meinungen und Ge - braͤuche in dieſer Sache in der Welt ſind, als Na - tionen und Herrſchafften. Wie denn in der eini - gen Stadt Amſterdam und London mehrere Se - cten ſind, als Tage in einem Monath.

Modeſtin.

Meinem Freund meine Bekaͤnntnis hievon zu eroͤffnen, koͤnte zwar mit gantz wenigenWor -5Worten geſchehen, wenn ich ſagte: Daß GOtt uͤber alles, und ſeinen Naͤchſten als ſich ſelbſt zu lie - ben, der gantze Jnhalt des Geſetzes und der Pro - pheten, und deme nach die beſte Religion ſeye; al - leine dieſes muß nothwendig etwas erklaͤret werden, damit wir einander beſſer verſtehen.

Alamodan.

Dieſes iſt freylich ein gar unzulaͤug - licher Bericht. Denn wo man damit auskommen koͤnte; wo blieben unſere Evangeliſche Glaubens - Articul, welche man in unſern Kirchen hat, und die in ſo wenig Worten nicht begriffen werden koͤnnen.

Nicander.

Jch bin mit Herr Modeſtin darin - nen einig: Daß zur Verehrung des Allmaͤchtigen Majeſtaͤtiſchen Schoͤpfers und Erhalters aller Dinge, von welchem uns die gantze Natur; das praͤchtige ſchoͤne Gebaͤude Himmels und der Er - den; ja die Betrachtung nur eines derer geringſten Geſchoͤpfe in ſeinen Organis und Symetria zum Zweck, wozu es geordnet iſt, uͤberzeugen kan, daß es ein hoͤchſt weiſes, maͤchtiges, guͤtiges Weſen ſey; von welchem auch der Menſch ſo viele unzaͤhlige Wohlthaten, Leib, Leben, Verſtand, Unterhalt etc. genieſſet. Daß, ſage ich, er zur Verehrung und Anbetung deſſelbigen hoͤchſtens verbunden ſeye. Welches meines Erachtens nicht fuͤglicher geſche - hen kan; als wenn er vor dieſes unbegreiffliche Weſen die tiefeſte Veneration des Hertzens hegende, ſelbiges im Geiſte ſeines Gemuͤthes anbetet, und das Geſetz der Natur, (welches GOtt der HErr dem Menſchen eingepraͤget hat) beobachtet, wel -A 3ches6ches will: daß man einem andern das erweiſen ſoll, was man will, das einem erwieſen werde; und das was man nicht will; auch dem andern nicht thue.

Alamodan.

Es ſcheinet Herr Nicander ſeye dem Naturalismo ziemlich geneiget. Allein wo man damit auskommen koͤnte, ſo wuͤrden die Heyden auch bey ihrer Religion koͤnnen ſelig werden; es wuͤrde unſere Chriſtliche Religion wenig Vorzug vor andern haben; ja eine der bekanten Catholiſch, Lutheriſchen, Reformirten, Quackeriſchen, Wie - dertaͤufferiſchen, Socinianiſchen u. d. g. ſo gut ſeyn als die andere.

Nicander.

Wegen des Unterſcheids derer Reli - gionen will ich mit ihme nicht ſtreiten; als welcher mehrentheils auf die unterſchiedene Erziehung, bey - behaltene Landes-Gewohnheiten, und mit einem Wort auf ein Præjudicium Autoritatis ankommt.

Modeſtin.

Jch erachte, daß hievon mit Unter - ſcheid und gehoͤriger Beſcheidenheit zu urtheilen ſeye, weshalben auch oben erwehnet habe: Daß der angefuͤhrte Fundamental-Articul einer Erleuterung werde noͤthig haben. Damit mich aber deutlich erklaͤren koͤnne; werden ſie mir einige Weitlaͤuff - tigkeit zu gut halten, und die Sachen, wie ich ſie in ihrem Zuſammenhang betrachte, beliebig ver - nehmen.

Nicander und Alamodan.

Wir wollen ihn gerne hoͤren, und denn unſere Meinung auch ſagen.

Modeſtin.

Jch ſetze als ein zugegebenes Axioma oder Grund-Satz: Daß GOtt der HErr den Menſchen zu einer ewigen Gluͤckſeligkeit geordnet;und7und ihm dahero mit einem viel groͤſſern Licht, Ver - ſtand und Gaben des Gemuͤthes ausgeruͤſtet, als alle andere ſichtbare und bekante Geſchoͤpffe auf Erden. Und daß alle die Kraͤffte, Neigungen, Verlangen, welche ſich in dem Menſchen aͤuſſern, nicht verge - bens in ihn geleget ſeyn: ſondern ihren Zweck und Gegenwurff haben. Und weilen ſich in allen ver - nuͤnfftigen Menſchen ein Verlangen nach einer ewigen Gluͤckſeligkeit findet: ſchlieſſe ich, daß auch dieſes Verlangen koͤnne und muͤſſe erfuͤllet und ge - ſaͤttiget werden. Da wir aber einen ſo groſſen Un - terſcheid unter den Menſchen-Kindern in allen Lan - den finden: Da ſich hier und da einige wenige tugendhaft und gottesfuͤrchtig; andere aber laſter - haft und ruchlos auffuͤhren: ſo folget auch daraus, daß in Anſehung der ewigen Gluͤckſeligkeit noth - wendig auch ein Unterſcheid ſeyn muͤſſe. Da die Fromme eine Belohnung, die Boͤſe hingegen eine Straffe oder Zuͤchtigung zu gewarten. Ferner: Da GOtt das hoͤchſte Licht den Menſchen ewig gluͤckſelig machen will, welches auſſer deſſen Ge - meinſchafft und Genuß dieſes ewigen hoͤchſten Gu - tes nicht vollkommen ſeyn kan; indem unſern ewi - gen unendlichen Hunger keine Creatur ſaͤttigen kan, ſo erhellet daraus: daß dieſes Licht ſich in denen, welche ſich befleißigen nach dem Maas ihrer Er - kaͤnntnis, deſſen heiligen Willen gemaͤs zu leben; ihren Verſtand und Willen auszubeſſern ein ſehn - liches Verlangen haben; GOtt den Geber aller guten und vollkommenen Gaben darum anflehen, je mehr und mehr in Mittheilung ſeiner GabenA 4offen -8offenbahren koͤnne und werde: als in ſolchen, die wie das unvernuͤnfftige Vieh dahin leben, die nie - mahls in ihr Hertz einkehren, nach GOtt und na - tuͤrlicher Billigkeit nicht einmahl fragen. Da nun unter allerley Voͤlckern mancherley Offenbahrun - gen vorgegeben werden: iſt es allerdings noͤthig einen gewiſſen Grund zu haben, um nicht betro - gen zu werden, und die Offenbahrungen zu ent - ſcheiden.

Nicander.

Jch weiß nichts von Offenbahrun - gen, als was mich das Licht der Natur und die ge - ſunde Vernunft uͤberzeuget wahr zu ſeyn, das neh - me ich an; das andere laß ich an ſeinen Ort geſtel - let ſeyn; dabey viele Traumereyen, auch Betruͤ - gereyen ſeyn moͤgen.

Alamodan.

Behuͤte GOtt! Wie redet der Herr von denen Offenbahrungen ſo frey.

Modeſtin.

Lieber Herr Nicander mir iſt ſein red - liches Gemuͤht zur genuͤge bekannt; ich halte auch daß er dieſes mehr auf die betruͤglich vorgegebene falſche Offenbahrungen, als uͤberhaupt auf die Ohnmuͤglichkeit einer goͤttlichen Offenbahrung werde verſtanden haben. Will dahero, wo er mich guͤtig anhoͤren will, trachten ihn zu uͤberzeugen: daß man ein ſicheres und hoͤheres Licht, als das Ver - nunfft-Licht iſt, haben koͤnne: welches man das Licht der Gnaden, und nach deſſen unterſchiedenen Maas und Zweck, Offenbahrung, Weiſſagung, und noch mit andern Nahmen belegen kan.

Nicander.

Jch will den Herrn gerne hoͤren, wo man mir nur die Freyheit laͤſſet, alles ohnpartheyiſchzu9zu pruͤfen, zu con - und dis-ſentiren, nachdeme ich von der Wahrheit oder Wahrſcheinlichkeit der Sa - chen werde uͤberzeuget ſeyn. Maſſen es mir albern vorkomt, eine Sache deswegen vor wahr oder falſch zu halten: weilen es der Hauffen, darunter ich er - zogen bin, vor wahr oder falſch angenommen hat.

Alamodan.

Wir muͤſſen doch das Zeugnis der Heil. Schrifft annehmen: wann wir ſchon die be - ſondere Ceremonien und Gebraͤuche dieſer oder jener Kirche nicht billigen wolten.

Nicander.

Ehe ich das Zeugnis eurer Bibel als eine unſtreitige Wahrheit und Richtſchnur anneh - me, muͤſſet ihr mich erſt uͤberzeugen: daß ſolche ohn - fehlbar von GOtt denen Verfaſſern auf eine goͤttli - che Weiſe eingegeben worden. Denn faſt alle Re - ligionen in der Welt ihre Glaubens-Articul von ei - nem beſondern heiligen Urſprung und Offenbah - rung herleiten. So halten die Tuͤrcken ihren Ma - homet, die Chineſer ihren Confutium, andere ihre Vorfahren vor Heilige und ſonderbahre erleuchtete Propheten und Lehrer.

Modeſtin.

Jch kan es dem Herrn Nicander nicht verdencken, daß er nicht alles unter einander ſo gleich - hin ohne Pruͤfung, und ohne gruͤndliche Ueberzeug - ung annehmen kan. Ehe wir uns aber entſchlieſſen, uͤber eine ſo wichtige Sache ein geſundes und wohl - gegruͤndetes Urtheil zu faͤllen; iſt es ja billig, daß wir uns erſt ſelbſt wohl pruͤfen: ob wir auch in dem Licht und in der Krafft ſtehen, das Wahre vom Falſchen; das Licht von Finſterniß; die Krafft der Tugend von der Eitelkeit und Thorheit zu entſchei -A 5den.10den. Denn wo der Menſch nur ein auffrichtiges Hertz gegen GOtt und ſeinen Naͤchſten hat; und GOtt unablaͤßig um die Leitung ſeines guten Gei - ſtes, um Weisheit und Verſtand, nach deſſen heili - gen Willen zu leben, anflehet, ſo wird er bald erken - nen, daß ein Ruchloſer von GOtt Abgekehrter nicht geſchickt ſeye, das Wahre vom Schein-Guten und vom Boͤſen; noch das Licht und Lichtes-Wercke von denen Wercken der Finſterniß zu entſcheiden. Denn wie will derjenige, ſo im Finſtern wandelt, das entſcheiden und beurtheilen, was nur vermit - telſt des Lichtes geſchehen kan.

Nicander.

Allein was will der Herr Modeſtin daraus ſchlieſſen? Was thut dieſes zur Entſcheid - ung unſerer Frage; da ſich eine jede Parthey des Lichtes ruͤhmet, und jede ſich einbildet die kluͤgeſte zu ſeyn; man auch denen Tuͤrcken und Heyden, Per - ſianern, Chineſern und andern Nationen und vie - lerley Religions-Verwandten nicht abſprechen kan: Daß unter ihnen ja ſo kluge und verſtaͤndige Leute gefunden worden, als bey uns Europaͤern nimmer - mehr.

Modeſtin.

Wie das Licht unterſchiedlich: Ein natuͤrliches erſchaffenes, und Goͤttliches unerſchaf - fenes; ſo iſt auch eine zweyfache Klugheit u. Weis - heit. Eine irdiſche, welche nur die Dinge dieſer Zeit, das aͤuſere ſichtbare Leben, deſſen Nutzen, Ge - maͤchlichkeit, Ehrbarkeit u. d. gl. betrifft; und denn eine himmliſche Weisheit, welche von dem uner - ſchaffenen Lichte die Erleuchtung und Bewuͤrckung des Geiſtes Gottes ſelbſten in dem innerſten Grun -de11de des Gemuͤthes urſtaͤndet; welches auch von de - nen Kraͤfften der natuͤrlichen Seele etwas gantz un - terſchiedenes iſt. Welche Weisheit das ewige Wohlſeyn des Geiſtes auch nach der Auffloͤſung des Leibes beauget, die himmliſche Guͤter betrach - tet, in GOtt ſolche Freude und Frieden geneuſt, davon der irdiſche fleiſchliche Menſch nichts weiß, verſtehet, noch in ſeinem verderbten Zuſtande erfaͤh - ret, biß er aus GOtt neu gebohren iſt.

Nicander.

Mein lieber Herr Modeſtin! Es iſt noch eine ſchwere Frage: Wo die Seele bleiben werde, wenn der Leib als ihr Wohnhauß zerfaͤllt? da dieſe ſo genan mit einander verbunden ſind, daß ſie zugleich mit einander fortgepflantzet werden, mit einander an Kraͤfften wachſen, zu - und auch wieder abnehmen.

Alamodan.

Behuͤte GOtt Herr Nicander! in was vor gefaͤhrlichen Jrrthuͤmern ſteckt er nicht. Es ſcheinet ja er glaube keine Aufferſtehung der Tod - ten, kein ewiges Leben, und muß ihm demnach al - les gleich gelten, Gut und Boͤſes; Laſter und Tu - gend.

Nicander.

Mein lieber Herr Alamodan! daß die Seele ewigbleibend, eine ewige Gluͤckſeligkeit und himmliſche Belohnung vor Tugend-liebende Gemuͤther ſeyn moͤge; wuͤnſche ich von gantzem Hertzen: daß aber ſolches auch in der That und Wahrheit, und nicht nur in einem Wahn alſo ſeye, davon bin ich nicht gaͤntzlich uͤberzeuget; wiewohl ich auch nicht abſolut leugne, daß es nicht ſeyn koͤnte.

Modeſtin. 12
Modeſtin.

Mir gefaͤllt unſeres lieben Freundes Aufrichtigkeit; Jch zweiffele auch eben wegen ſeines redlichen Hertzens gar nicht: daß er durch die Gna - de GOttes noch wohl mit der Zeit davon werde ver - ſichert und uͤberzeuget werden. Wie mir ſchon mehr dergleichen Exempel bekannt ſind. Jch will zu dem Ende nur einige wenige, meiner Empfindung nach buͤndige Gruͤnde, anfuͤhren, wo ſie mich zu hoͤren gelieben.

Nicander.

Es wird mir ſolches ſehr angenehm ſeyn.

Modeſtin.

Aus des Herrn vorigen Reden habe angemercket / da er erwehnet: daß mit dem Wachs - thum und denen Kraͤfften des Leibes, auch die Kraͤff - te der Seelen zu - und wieder abnehmen, und will daraus ſchlieſſen: daß eines mit dem andern verge - he. Alleine vors erſte iſt hauptſaͤchlich der Unter - ſcheid des ewigen Geiſtes und der thieriſchen See - len, welche wir mit den Thieren gemein haben, wohl zu betrachten. Zu deme werden oͤffters ſehr alte Leute gefunden, deren Leibes-Kraͤffte zwar abgemat - tet, der Geiſt des Gemuͤthes doch noch ſehr lebhafft geſund und ſtarck iſt: wie von dergleichen viele Ex - empel in der profan - und Kirchen-Hiſtorie zu finden, wie denn Ageſilaus in ſeinem hohen Alter bey dem Plutarcho mit Wahrheit ſaget: Corporis vim con - ſeneſcere, animi vero robur præſtantibus viris nullo tempore deeſſe. So iſt demnach ſein Schluß auf einen ſehr ſchlechten Grund gebauet: ob gleich bey vielen, zumahlen thieriſchen Menſchen, es mehren - theils eintrifft, daß mit Abnahme des Leibes auchdie13die natuͤrliche Seelen-Kraͤffte Berg-ab gehen. Al - lein eben das ſolte uns erwecken zu unterſuchen: ob denn alle Menſchen einerley Kraͤffte der Seele, des Geiſtes oder Gemuͤthes haben, da ſich denn finden wuͤrde, daß die Menſchen und deren Kraͤffte zu un - terſchieden ſind.

Nicander.

Magis & minus non variunt rem. Die Sache iſt derentwegen nicht unterſchiedenen We - ſens, ob gleich einer mehr Verſtand, Gedaͤchtnis und Beurtheilungs-Krafft hat, als der andere; wie auch dieſem oder jenem Affect mehr ergeben und unterworffen. Zudem iſt es auch noch eine Frage: ob alle dieſe Eigenſchafften nicht von dem Tempera - ment des Leibes und der verſchiedenen Diſpoſition derer Saͤffte dependiren.

Modeſtin.

Da der Unterſcheid des Geiſtes und der Seelen; oder des natuͤrlichen und uͤbernatuͤrli - chen Lebens, dem natuͤrlichen ſinnlichen, thieriſchen Menſchen aus dem Licht der Natur an und vor ſich ſelbſt nicht begreifflich, es ſey denn daß er vom Va - ter der Lichtern erleuchtet, erneuert und wiederge - bohren werde; ſo muß man ſolches GOtt uͤberlaſ - ſen: indem menſchliche Ueberredungen hier wohl ſchwerlich zulaͤnglich ſeyn werden. Wo aber der Menſch nur in ſich ſelbſt gehet, GOtt im Geiſt und der Wahrheit umb ſeine Erleuchtung innigſt anruf - fet, ſoll ſichs wohl geben. Doch will ich noch eins verſuchen. Er wird mir hoffentlich zugeben: daß noch vortrefflichere oder maͤchtigere Kraͤffte und Gei - ſter ſeyn koͤnnen, welche keine ſo grobe, unſern irdi - ſchen Augen ſichtbahre und betaſtliche Leiber haben, wie wir.

Nicand. 14
Nicander.

Das will ich gern zugeben; ich will auch alle Erſcheinungen der Geiſter, und die Hiſto - rien die man von dergleichen erzehlet, nicht uͤber - haupt gaͤntzlich der Luͤgen beſchuldigen: ob ſolche gleich meiſtens menſchliche Erfindungen, und zum groͤſten Theil Schelmereyen ſeyn moͤgen. Sed quid tum?

Modeſtin.

Nun ſo es mancherley unſichtbahre Kraͤfften giebt, welche man Geiſter nennet; ſo iſt es ja nicht unwahrſcheinlich, daß auch unſere See - le (welche ja was gantz anders iſt als der Leib, dar - innen ſie wohnet, und mit dem ſie in dieſem Leben ſo genau verbunden iſt) auch ohne dieſen Leib beſtehen koͤnne. Und eben daraus, daß der weiſeſte Schoͤp - fer aller Dinge, (welcher nichts vergeblich geord - net) feinen Seelen einen ſolchen Eindruck und Ver - langen nach einem ewig bleibenden Gute gegeben, ſchlieſſe ich billig, daß es beynahe eine ſo gut als ma - thematiſche Wahrheit ſey: daß die Seelen ein ewi - ges Leben zu gemeſſen haben; und daß hierinnen zwiſchen Menſchen und Thieren ein Himmel-wei - ter Unterſchied ſeye. Uber diß iſts der unendlichen Guͤtigkeit, Heiligkeit und allergerechtſamſten We - ſen GOttes gemaͤß, daß da oͤffters die froͤmmſte, redligſte und tugendhaffteſte Leute in dieſer Zeit, das meiſte Ungemach, Wiederwaͤrtigkeit, Verfolgung und mancherley Truͤbſal ausſtehen; hingegen es denen groͤſten Spitzbuben oͤffters gar gluͤcklich ge - het: nach dieſer Zeit, die Frommen dagegen eine Erquickung und Belohnung; die Gottloſen aber Straffe zu gewarten haben werden.

Nic. 15
Nicander.

Den erſten Schluß laſſe als wahr - ſcheinlich genug paſſiren; der andere aber koͤmmt mir gar nicht buͤndig vor. Denn erſtlich: Was von GOttes Gerechtigkeit, Barmhertzigkeit / Zorn u. d. g. geſagt wird, ſind ſolche Eigenſchafften, wel - che nur Gleichnis-weiſe ihm beygelet werden, und mehr eine Unvollkommenheit, als Allervollkommen - ſtes impliciren. Maſſen deſſen unendliches ewiges hoͤchſtvollkommenſtes gute Weſen, uns ſchwachen Creaturen gantz unbegreifflich. Zum andern, was den Begriff von Gluͤck und Ungluͤck, guten und boͤſen Tagen betrifft; iſt ſolche bey denen Menſchen auch nicht einerley, ſondern gar unterſchieden: da der eine die Tugend, der andere Ehre, der dritte Reichthum, der vierte Wolluſt, vors beſte, ja das hoͤchſte Gut haͤlt; und ſolches zu erlangen alle Kraͤffte anwendet.

Modeſtin.

Weilen dem Herrn Nicander der erſte Theil ſeines Satzes ſo unwahrſcheinlich vorkommt, ſo will ihm erſt auf den in ſeinem zweyten Satz ent - haltenen Einwurff antworten, und hernach das uͤbrige weiter beſehen. Er ſagt die Menſchen haͤt - ten von gut und boͤs, Gluͤck und Ungluͤck gar unter - ſchiedene Begriffe und Meinungen; und dem iſt allerdings alſo. Daß die Menſchen ein falſches oder ein Schein-Gut, welches ihre Seele in kein beſtaͤndiges Vergnuͤgen ſetzen kan, uͤber alles lieben, und dabey doch immer unruhig ſind. Aber auch eben daraus, daß ſolche Goͤtzen das menſchliche Ge - muͤth, den unſterblichen, immer weiter begehrenden und hungerenden Geiſt nicht vollkommen vergnuͤ -gen16gen und ſaͤttigen koͤnnen, ſolten die Menſchen bil - lig ſchlieſſen: daß ſie zum Genuß eines weit hoͤhern Guten erſchaffen worden, und ein unendliches Ver - langen nach einem hoͤchſten Gut nicht vergebens empfangen haben. Welches auſſer der hoͤchſtſe - ligen Gemeinſchafft mit GOtt nicht zu erlangen iſt; Die Gottloſen auch, beſaͤſſen ſie gleich auch aller Welt Herrlichkeit, doch darinnen ohnmoͤglich Ruhe und Befriedigung finden, ſondern ob ſie gleich in Ehren, Reichthum und Fleiſches-Luͤſten ſitzen: doch oͤffters von Zorn, Neid, Haß, Furcht und dergleichen Affecten gepeiniget und geplaget werden: Da hingegen der Fromme und Tugend - haffte des ſuͤſſen Goͤttlichen Friedens auch mitten in denen Wiederwaͤrtigkeiten, ja ſelbſten im Tode geneuſt. Daher denn billig zu ſchlieſſen: daß der Friede GOttes das hoͤchſte Gut des Menſchen ſey: welches auſſer einem dem Willen GOttes und der Natur gemaͤſſen Leben nicht zu erlangen iſt. Wor - aus denn auch ferner der Zuſammenhang des Fun - damental-Articuls der beſten Reliaion, mit dem Genuß der daraus flieſſenden Gluͤckſeligkeit zu er - ſehen iſt: Daß wer GOtt uͤber alles liebet, ex eo ipſo auch die Faͤhigkeit erlange, eine vollkommene Gluͤckſeligkeit zu genieſſen. Welches auch die Tu - gend-liebende Heyden nach ihrem Maas erkannt haben; wenn ſie bezeuget: daß die Tugend dem Beſitzer derſelben, ſelbſt eine Belohnung ſey.

Alamodan.

Ob ich zwar wohl weiß, daß in denen beyden Stuͤcken: GOtt uͤber alles, und ſeinen Naͤchſten als ſich ſelbſt zu lieben, das gantze Geſetzund17und die Propheten begriffen; und daß die Liebe des Geſetzes Erfuͤllung ſey: ſo ſind doch nach unſerer Chriſtlichen Lehre noch gar viele Articul noͤthig zu wiſſen, ohne welche ein Menſch ohnmoͤglich ſelig werden kan. Denn auſſer der Chriſtlichen Reli - gion gar keine Seligkeit zu hoffen noch zu erlan - gen iſt.

Nicander.

Unſer Herr Alamodan iſt ein ſtarcker Eifferer vor ſeine Religion, wie die meiſte Men - ſchen, jeder in der ſeinigen zu ſeyn pfleget, worin - nen jeder gebohren und gezogen worden. Allein, ich ſolte faſt glauben, und darauf ein groſſes wet - ten koͤnnen, daß wo das Verhaͤngniß ihn von Juͤdiſchen, oder Mahometaniſchen, oder Heydni - ſchen Eltern haͤtte laſſen gebohren werden, er die - ſelbe Religion ohne allen Zweifel vor die allerbeſte wuͤrde gehalten haben. Denn dieſes kommt mir als die wahrſcheinlichſte Urſache derer gefaſſten Vorurtheile bey allen Religionen vor: daß man das, was einem von Jugend auf eingeblaͤuet wor - den, als unſtreitige Wahrheiten anſiehet, daran man nicht einmahl zweiffeln doͤrffe. Nichts zu ſagen von dem Haß und Verfolgung derer Geiſtli - chen, wider diejenige, ſo ihnen nicht blindlings bey - fallen wollen; und der dahero entſtehenden Furcht, um Ehre, Reputation. Haab und Gut, ja gar um Leib und Leben zu kommen, und der heiligen Inqui - ſition in die Haͤnde zu fallen.

Alamodan.

Wir Proteſtanten haben ja, GOtt Lob, keine ſolche Inquiſition; und geſtehe meines Ortes gern: daß ſolche eine gantz unvernuͤnfftige,Bun -18unbillige, wider alle Liebe und Grund der Chriſtli - chen Religion ſtreitende Sache ſey, um verſchiede - nen Begriffs willen einen zu verfolgen, oder gar um das Leben zu bringen. Und halte ſelbſten viel auf eine Chriſtliche Tolerantz; und daß man einen gebuͤhrenden Unterſcheid mache: zwiſchen den Zweck einer buͤrgerlichen Geſellſchafft, und dem, was einer Chriſtlichen Gemeinde oder Kirchen zukommt. Da aber die Frage iſt: Welches die beſte Religion ſey? bin der Meinung, daß ſolches aus dem Grunde hei - liger Schrifft decidiret werden muͤſſe.

Nicander.

Wo ich aber eurer heiligen Schrifft nicht mehr Autoritaͤt als dem Alcoran, oder des Confutii, Senecæ, Socratis oder eines andern ver - nuͤnfftigen Heyden Schrifften zutraue, wie wollt ihr mich eines beſſern uͤberzeugen?

Modeſtin.

Wir haben zuvor ſchon erwehnet: daß wo ſich einer als einen billigen Beurtheiler und Richter in einer ſo wichtigen Sache erweiſen will, er auch nothwendig die gehoͤrige Eigenſchafften dazu an ſich haben muͤſſe: als eines Aufrichtigen, GOtt uͤber alles Liebenden, in deſſen Ehrfurcht be - ſtaͤndig Wandelnden. Und wenn einer ſo geruͤſtet alles ohnpartheyiſch pruͤfen wird, ſoll er wohl er - fahren, welche Lehre aus GOtt ſey. Dabey ich nicht laͤugne, daß Chriſtus, als die ewige Weisheit und das Licht der Welt, auch denen Tugend - und Weisheit-liebenden Heyden geleuchtet, und deren Verſtand in einiger Maaſſe erleuchtet habe. Denn er das Licht iſt, welches alle Menſchen erleuchtet, ſo in die Welt kommen.

Ala -19
Alamodan.

Aber ſo koͤnten auch die Heyden ſelig werden auſſer Chriſto, da doch in keinem andern Heyl zu finden.

Modeſtin.

Wer wohl entſcheidet, pflegt man zu ſagen, der lehret wohl. Daß auch viele tugend - haffte, GOtt im Geiſt und in der Wahrheit anbe - tende Heyden einen groſſen Grad der wahren Gluͤck - ſeeligkeit erlanget haben, wird ihnen niemand, als die blinde alles verketzernde Sectirer gaͤntzlich abſpre - chen; und ein beſcheidener wird ſich vor GOTT fuͤrchten, ſolche die es im Tugendwandel denen meiſten Nahm-Chriſten weit bevorgethan, zu ver - dammen. Ob aber die Heyden, da ſie keine buch - ſtaͤbliche Erkaͤnntnis von Chriſto gehabt, auſſer Chriſto das Heyl erlanget haben; iſt eine andere Frage. Denn es einmahl dabey bleibet: Daß er das Licht der Welt. Uber das geſchehen in dem Menſchen viele Dinge von ſeiner Seelen ſelbſt, oder von dem ihn belebenden Geiſt, davon der tauſende nicht weiß, wie es zugehet: wo er die Erkaͤnnt - nis ſeiner nach Seel und Leib nicht gruͤndlich erler - net hat. So koͤnnen die Heyden auch von GOtt viele Gnade, Licht, Heyl und Frieden empfangen ha - ben, ob ihnen gleich die Art und Weiſe verborgen geblieben waͤre. Denn, iſt GOtt nicht auch der Heyden GOtt? kommen von ihme nicht alle gute Gaben? Was waren vor Glaubens-Articul auff - gerichtet ehe ein Buchſtaben von der Heil. Schrift verfaſſet war? Ja was gabe GOtt der HErr dem Ertz-Vater Abraham vor ein Haupt-Geſetz als die - ſes: Wandele vor mir, und ſey fromm. WelchesB 2eben20eben ſo viel iſt: als GOtt uͤber alles und den Naͤch - ſten als ſich ſelbſt lieben. Maſſen der Wandel vor GOtt, alle die Pflichten die wir dem Schoͤpfer; und das Fromm-ſeyn diejenige, welche wir unſern Naͤchſten ſchuldig ſind in ſich begreiffet.

Alamodan.

So haͤlt denn Herr Modeſtin davor, daß der einige oͤffters angefuͤhrte Articul: der Liebe GOttes und des Naͤchſten genugſam ſeye die ewige Seligkeit zu erlangen.

Modeſtin.

Jch bin der Meynung: Daß wenn jemand die Pflichten gegen GOTT und ſei - nen Naͤchſten genau beobachtet, (welches gar vieles, ja unſer gantzes Thun und Laſſen in ſich begreiffet) er in und durch dieſe Beobachtung eo ipſo gluͤckſelig ſeye: Das iſt das Reich GOttes, Gerechtigkeit / Friede und Freude in dem Heiligen Geiſt wuͤrcklich genieſſe; und von einer beſſern Gluͤckſeligkeit weiß man in dieſer Zeit noch nichts; ſondern gehoͤret in die Schule der Ewigkeit.

Nicander.

Jn ſo weit, was dieſen Punct betrifft, koͤnnte mit Herr Modeſtin ſchon uͤberein kommen: ob ich gleich denen Chriſten uͤberhaupt noch zur Zeit eben kein beſonderes Vorrecht zugeſtehe; worinnen derſelbe aber mit mir nicht d’acort iſt. Herr Ala - modanus aber wird Zweiffels ohne noch (nach ſeiner Manier) vieles einzuwenden haben.

Alamodan.

Allerdings! Denn wo es damit aus - gemacht waͤre, was haͤtten wir vor Vortheile bey unſerer Chriſtlichen vor andern Religionen? und ſo waͤre es gleich viel zu welcher man ſich bekennete.

Modeſtin.

Der Herr uͤbereile ſich nicht. Dennwo21wo derſelbe beſcheidentlich zu uͤberlegen gelieben will; daß zwiſchen einem groͤſſern und kleinern Lichte gar ein mercklicher Unterſcheid bleibet, wird er leicht be - greiffen: Daß die Chriſtliche allerdings einen groͤſ - ſern Vorzug vor andern habe; ob wir gleich zuge - ben, daß verſchiedene Heyden, welche dem Licht GOttes in ihren Seelen Raum gegeben, und dem Trieb des zuͤchtigenden Gnaden-Geiſtes in ihrem Gewiſſen treulich Gehoͤr gegeben und gefolget, die Seligkeit erlanget haben. Uber dieſes iſt zu erwe - gen, daß die Menſchen aus dem Mangel, da ſie ein - ander nicht recht verſtehen; indem einer eine Sache mit andern Worten und Ausdruͤcken als der andere giebet; ſie einander zu wiederſprechen ſcheinen: dieſelbe in der Hauptſache doch gantz einig ſeyn koͤnnen. Waͤre alſo wohl der Muͤhe werth dieſe Sache etwas genauer zu unterſuchen.

Nicander.

Wie die weiſeſten unter denen Heyden mit denen Chriſten uͤbereinkommen ſollen, begreiffe ich nicht: da die Heyden nur von einem Licht der Natur, die Chriſten aber viel von einer Gnade durch Chriſtum; von einer gantz beſondern Wuͤrckung eines Heiligen Geiſtes; und das auch dazu nur in denen die an Chriſtum glaͤuben, reden.

Modeſtin.

Jch hoffe doch meinem Freund noch wohl zu zeige: daß dieſes mehr eine contraritaͤt im Schein; als in der That ſeye. Wo wir als einen ohnfehlbaren Grund annehmen: Wer GOtt von Hertzen fuͤrchtet, liebet und ehret, der iſt ihm angenehm. Dahero, ob ein ſolcher gleich in einer andern Nation, Schule, Sprache u. d. g. erzogen iſt; und dahero ſich un -B 3ter -22terſchiedener Ausdruͤcke gebrauchet, welche der an - dere im Grunde nicht verſtehet; ſo bin ich verſichert, daß wo dergleichen zween redliche Maͤnner Gele - genheit haben wuͤrden, ſich gegen einander zu erklaͤ - ren, und einander das anvertrauete Licht leuchten zu laſſen: ſo wuͤrden ſie bald einig werden, und das geringere Licht dem groͤſſern weichen: Da ſolches auch die Natur ſelbſten mit ſich bringet. Halte auch davor, daß das, was man Natur und Gnade nen - net, nicht contradictoria oder ſich widerſprechende Dinge ſtyen; ſondern nur ein geringeres und groͤſ - ſeres Maas des Lichtes GOttes in der Seelen. Ma - jus & Minus autem non variat rei Eſſentiam.

Alamodanus.

Es ſcheinet der Herr Modeſtin in - clinire mit Herr Nicandern zum Naturaliſmo. Unſere Herren Theologi ſind gar anderer Meynung; und werden denſelbẽ gewiß mit in die Ketzer-Rolle ſetzen.

Modeſtin.

Der Herr Alamodanus ſaget gar wohl: Es ſchiene, daß ich mit Herrn Nicandern zum Natu - raliſmo inclinirete: Alleine was ſo zu ſeyn ſcheinet; das verhaͤlt ſich deßwegen in der That nicht alſo. Denn er ſelbſten wohl weiß, daß zwiſchen ſeyn und ſchein ein gar groſſer Unterſcheid ſich befinde. Man - cher ſcheinet wohl ein ehrlicher Mann, auch wohl ein guter Chriſt zu ſeyn, der es doch in der That und Wahrheit nicht iſt. Wie es gar deutlich erhellet, wenn man ſolche auf die rechte Wagſchaale, oder an den rechten Pruͤffſtein bringet. Was aber die Herren Theologi von dieſer oder jener Partie in ei - nem blinden Eiffer ohne Goͤttliches Licht ſtatuiren, benimmt und giebt der Sache nichts; iſt auch ei -nem23nem ehrlichen Mann und wahren Chriſten wenig daran gelegen: ob dergleichen phariſaͤiſche Heiligen einen ſelig preiſen oder verdammen. Denn ſolche vernehmen doch ſelbſt nicht, was des Geiſtes GOt - tes iſt; oder was von ihrer fleiſchlich-geſinneten Na - tur und ihren Affecten herkommt. Da ſie gemei - niglich von Stoltz, bochmuͤthigen Eigenſinn, Ei - genduͤnckel, Geitz, Neid, Haß u. d. g. eingenom - men, blind, und Leiter der Blinden ſind, welche man nur muß fahren laſſen.

Alamodan.

Wo Herr Modeſtin dieſe Worte nicht mit ſolcher beſcheidenen Gelaſſenheit, in unſerer Ge - genwart, mit einer ſo leutſeligen Mine vorbraͤchte; ſollte man dencken, er hegete einen Haß gegen das Ehrwuͤrdige Miniſterium.

Modeſtin.

Lieber Herr Alamodan ich kann ihm auffrichtig verſichern, daß ich wieder keinen Men - ſchen in der Welt, wer er auch ſeyn mag, den gering - ſten Haß oder Feindſchafft hege: und daß ich auch rechtſchaffene Theologos, ſie ſeyen von welcher Par - tie wollen; wie auch deren Schrifften recht hoch hal - te, als da ſind: Taulerus, à Kempis, Rusbroch, Arnd, Arnold, Hoburg, Weigel, du Moulin, Trelincourt, Tillodſon, Baxter u. d. gl. mehr. Wenn wir aber unſern erſten Grundſatz von der Lie - be GOttes und des Naͤchſten, genauer betrachten und appliciren wollen, wuͤrde ſich zeigen: daß we - nige in allerley Staͤnden und Partheyen eine Pruͤ - fung aushalten und beſtehen doͤrfften. Und wie der HErr Chriſtus ſchon zur Zeit ſeines Wandels auff Erden geſaget: Daß viele von Morgen und vonB 4Abend24Abend (als Heyden) kommen, und das Juͤdiſche Volck (die damahlige Kirche) richten; und mit Abraham und Jſaac zu Tiſche ſitzen wuͤrden. So muß man auch leyder zu dieſer unſerer Zeit von de - nen meiſten Chriſten aͤrgerlichen Leben ſagen: daß faſt kein gottloſeres und allen Laſtern ergebeneres Volck auff Erden ſeye, als eben dieſe.

Alamodan.

Dieſes kan ich zwar ſelbſten nicht wohl in Abrede ſeyn, daß viele Chriſten eben kein gar gottſeliges Leben fuͤhren; alleine der Glaube an Chriſtum macht uns rein von allen unſern Suͤn - den, und erwirbet uns die Seligkeit.

Modeſtin.

Mein Freund wird Zweiffels-ohne wohl gehoͤret haben: daß zwiſchen einem hiſtori - ſchen - und wahren ſeligmachenden-Glauben ein gar groſſer Unterſcheid ſey. Die Teuffel wiſſen die Ge - ſchichte von Chriſto ſo gut als die Menſchen, und daß er der Heyland der Welt ſeye, und erzittern darob. Wer JEſum als einen Heyland und Se - ligmacher mit rechtem Glauben und Vertrauen in ihm annehmen ſoll, muß ſich von ihm auch heilen, heiligen, und an der Seelen und deren verderbten Neigungen geſund, rein und alſo ſelig machen laſ - ſen. Denn wie kann man ſagen: daß ein ſolcher Menſch, der ſich von ſeinen Affecten und Begier - den, als: Fleiſches-Luſt, Augen-Luſt, hoffaͤrti - gem Leben, Zorn, Zanck, Haß, Neid u. d. g. im - merfort treiben, lencken und beherrſchen laͤſſet, eine geſunde, geheilete und geheiligte Seele habe: da ohne wahre Heiligung niemand mit GOtt verei - niget, und folglich auch nicht ſelig ſeyn kan.

Alamo -25
Alamodan.

So gar genau muß man die Sache nicht nehmen, wer wuͤrde ſonſt ſelig werden: da auch die allerbeſten vielfaͤltig fehlen; und muß das Verdienſt Chriſti alles erſetzen, was uns fehlet.

Nicander.

Jhr habet doch einen artigen Glau - ben, daß ihr einen ſolchen Buͤrgen, und wie einige reden, einen ſolchen Suͤnden-Bock aus Chriſto machet, der der gantzen Welt Suͤnde auf ſich ge - nommen; damit alle Schelmen und Dieben, Gei - tzige, Wucherer, Hurer und Ehebrecher, Spitzbu - ben und Tyrannen frey in den Himmel paſſiren koͤn - nen, wenn ſie ſich nur zu eurer Religion bekennen, und nur mit Worten bezeugen: daß es ihnen leid ſeye.

Modeſtin.

Vergebet mir Herr Nicander: Die - ſen euren Satz und Auslegung wird kein Chriſt ſo frey paſſiren laſſen. Denn alle Partheyen der Chri - ſten erfodern auch dazu einen Chriſtlichen Wandel. Nur in der praxi und application nehmen es die mei - ſten eben ſo gar genau nicht; und ſehen gemeiniglich mehr auff die aͤuſſerliche Beobachtung ihres ceremo - nialiſchen Gottesdienſtes; als auff eine wahre Sinnesaͤnderung, rechtſchaffenes Weſen, heiliges, maͤßiges, nuͤchternes, ſanfft - und demuͤthiges ge - nuͤgſames Leben.

Nicander.

Ja ja, Geitz, Schinderey, Schrap - perey iſt kein Laſter / ſondern heiſt Sparſamkeit, Rathhaͤltigkeit: Ambition, Herrſchſucht, Ehrſucht, ſind loͤbliche Tugenden. Einen guten ſtarcken Trunck zu ſich nehmen koͤnnen, iſt eine heldenmuͤ - thige Eigenſchafft. Jch habe auch noch nicht gehoͤ -B 5ret26ret oder geſehen, daß man dergleichen Leute von de - nen Chriſten ſollte ausſchlieſſen; und ſie nicht ſollte ſelig preiſen; wenn ſie ſich nur zur Kirche halten und zu ihrem Abendmahl kommen; zumahlen, wo ſie dem Prieſter die Haͤnde zu fuͤllen nicht vergeſſen.

Alamodan.

Der Herr Nicander kann ſein ſcopti - ciren und ſcherzen nicht laſſen, und hat uͤber alles ſei - nen Hohn: aber er ſollte doch billig bedencken, daß man von heiligen Sachen ernſtlich und nicht ſo ſpoͤt - tiſch reden ſollte.

Modeſtin.

Heilige Sachen ſollen billig heiliglich tractiret werden, da aber unſer Freund nach ſeinem Naturell zum Schertz geneigt iſt; und die Sachen mit einem andern Auge anſiehet als wir: ſo iſts uͤber dis auch billig, daß wir ſelbſten einen rechten Unter - ſcheid machen zwiſchen deme, was in der That hei - lig iſt; und denn deme, was nur den Nahmen da - von fuͤhret; in dem Weſen unheilig, unrein und boͤſe iſt. Nach meiner Art ſage ich, man ſollte billig Mittleiden haben und faſt beweinen den klaͤglichen und confuſen Zuſtand der Kirchen, welcher ſich noch faſt bey allen Partheyen der Chriſtenheit befindet. Sehe auch noch nicht, wie eine ſonderliche Beſſerung zu hoffen: Wo GOtt der HErr nicht ſelbſten nach ſeinem allweiſen und allmaͤchtigen Rath mit ſeinem Licht alle Finſternis und die Kraͤfften der Finſterniß durchbricht und vertreibet. Menſchen werden es nicht ausrichten, wo ſie nicht durch GOtt dazu tuͤchtig gemacht und geſand werden.

Nicander.

Liebe Herren! ſie werden mir es nicht uͤbel nehmen; wenn ich nach vernuͤnftigen Gruͤndenund27und nach meinem Begriff von denen Sachen rede. Denn welcher geſcheiter Menſch ſollte nicht lachen, wenigſtens heimlich, da er es nicht oͤffentlich thun darff: wenn er ſiehet, daß die einfaͤltigen Menſchen bey allerhand, mir zum theil recht albern vorkom - menden Ceremonien (welche von der Taſchen - Spieler hocus pocus oͤffters wenig unterſchieden ſind, nur daß es anders klinget) ſich einbilden et - was ſonderliches zu thun: warum ſie einen ſolchen Charlatan eine weile zuhoͤren und zuſehen. Hernach des Jahres drey oder vier mahl mit groſſer Reve - rentz zu einem Tiſch oder Altar gehen, da von ei - nem Prieſter ein bisgen Brod oder eine Oblade (Hoſtie) empfangen, vermeynende: ſie vereinig - ten ſich da mit GOtt; oder haben gar, die allen Sinnen wiederſprechende perſuaſion, das Bisgen ſey in ein wahres Fleiſch und Blut verwandelt; und ſeye damit GOtt in ſie eingegangen. Gibt man aber auf dieſer Leute Conduite, Leben und Wandel Acht: ſo ſiehet man offenbahrlich, daß die meiſten ſolcher Leute nichts beſonderes heiliges an ſich ha - ben: ja ich habe bey denen wenigſten nicht einmahl etwas redliches und honetes finden koͤnnen; und da - bey bilden ſich die Gecken doch Wunder ein, wie ſie GOtt im Schooſſe ſaͤſſen; und daß wenn ſie ſter - ben, (wo ſie nur erſt auch den heiligen Zehrpfennig mit auff den Weg bekommen) ſporenſtreichs in Himmel fuͤhren, und ewig gluͤckſelig wuͤrden.

Modeſtin.

Es iſt nicht zu laͤugnen, daß ein ſehr groſſer Misbrauch hiemit bey vielen vorgehe; wor - uͤber aber auch ſchon laͤngſtens viele fromme redlicheLeh -28Lehrer unter allen Partheyen viele Klagen gefuͤhret. Und iſt freylich wohl eine Thorheit, wo man ſich einbilden wollte mit dergleichen an und vor ſich ſelbſt indifferenten Ceremonien und Gebraͤuchen, GOtt gleichſam einen blauen Dunſt zu machen, und einen beſondern Gefallen damit zu thun: wenn das Hertz von der wahren Ehrerbietigkeit und Liebe GOttes ſo ſehr entfernet iſt. GOtt iſt ein Geiſt, und die ihn anbethen, muͤſſen ihn im Geiſt und in der Wahr - heit anbeten. Joh. 4. Und iſt eine ausgemachte Sache: Daß wer vorgiebet, er liebe und venerire GOtt: der muß auch ſeine Gebote halten; und laͤſt ſich ja kein vernuͤnfftiger Menſch mit Ceremonien und Complimenten abſpeiſen; wo das uͤbrige Thun und Laſſen denſelben wiederſpricht.

Alamodan.

Es iſt doch gar nuͤtzlich und hoͤchſt noͤthig einen aͤuſſerlichen wohlgeordneten Gottes - dienſt zu haben, und demſelben fleißig beyzuwohnen.

Modeſtin.

Daß es nuͤtzlich und noͤthig ſeye die Unwiſſende zu unterweiſen, zur Anbetung GOt - tes und zur Liebe des Naͤchſten zu vermahnen und anzufuͤhren; auch mit ihnen GOtt zu loben und zu preiſen, iſt gantz loͤblich. Wo man ſich aber ein - bildet: daß man ohne ſolche aͤuſſerliche Ceremonia - liſche Satzungen, nicht heiliglich und ſeliglich leben und ſterben koͤnnte, iſt ein ziemlich aroſſer Misver - ſtand. Und wo man alte Juͤnger Chriſti, welche laͤngſtens ſelbſten Lehrer ſeyn koͤnnten und ſollten, noch immer an alte duͤrfftige Satzungen binden will, geſchiehet es wohl hauptſaͤchlich aus einem paͤpſtlichen Ehr - und Geld-Geitz, fleiſchlichen Ab -ſichten29ſichten und Vortheilen. Und wo Hauß-Vaͤter ihre Pflichten als Chriſten beobachteten, und das Recht des geiſtlichen Prieſterthums verſtuͤnden; wuͤrde das Kirchenweſen wohl ein gantz anderes Anſehen gewinnen. So lange aber nur die auff Univerſitaͤ - ten mit der hohen Schulen-Weisheit begabete, mei - ſtens noch ſehr rohe, in wahren Chriſtenthum recht unerfahrne, ungeuͤbte, auffgeblaſene Juͤnglinge, denen Gemeinden als Hirten und Lehrer vorgeſetzt und auffgebuͤrdet werden, hat man von groſſer Beſ - ſerung ſich auch nicht viel Hoffnung zu machen; wo GOtt der HErr nicht ins Mittel tritt und immer mit ſeinem Geiſt ſie dazu ſonderbahr ausruͤſtet und ausſendet.

Alamodan.

Alleine mein lieber Herr Modeſtin es iſt doch noͤthig und gut, daß junge Leute auff Uni - verſitaͤten die rechte reine Glaubens-Lehre faſſen, da - mit ſie nicht nur geſchickt ſeyen, die Unwiſſende zu lehren; ſondern auch denen Ketzern Wiederſtand thun zu koͤnnen; und was wuͤrde daraus nicht vor eine Unordnung in Kirchen, Schulen und Regi - ment entſtehen, wo denen Gemeinden nicht gelehrte Leute vorgeſetzet werden ſollten.

Nicander.

Es ſcheinet der Herr Alamodan ſeye ſehr um das Wohlſeyn des gemeinen Weſens beſor - get; wenn man aber den Flor des Engliſchen und Hollaͤndiſchen Staats betrachtet; allwo allerley Religionen toleriret werden, und jedem frey ſtehet GOtt nach ſeinem Begriff zu verehren; wird dar - aus nicht zu erſehen ſeyn, daß der Unterſcheid in Re - ligions-Sachen keine Unordnung im gemeinenWeſen30Weſen nach ſich ziehe; und dieſe ſich vor denen Ke - tzereyen eben nicht ſo ſehr fuͤrchten.

Modeſtin.

Jch halte daß man die Pflichten eines guten Buͤrgers, und die Eigenſchafften eines guten Chriſten wohl zu unterſcheiden und nicht zu confun - diren habe. Der iſt ein guter Buͤrger, welcher nur die Pflichten treulich beobachtet, welche die Ruhe des gemeinen Weſens unterhalten und nicht ſtoͤhren, welche hauptſaͤchlich darinnen beſtehen: niemanden verletzen, ehrlich (honeſte) leben, und einem jeden das Seine laſſen und geben. Die Pflichten aber des wahren Chriſtenthums erfodern noch uͤber das etwas mehrers: GOtt uͤber alles zu lieben, ſich ſelbſt, ſeine eigene Ehre, Ruhm, Nutze, Wolluſt nicht zu ſuchen; ſondern zu verlaͤugnen und allem abzuſagen auch ſelbſt ſeinem eigenen Leben. Da kei - ner ſich mit Fug ruͤhmen kan: daß er ein rechtſchaf - fener Juͤnger und Nachfolger Chriſti ſey, welcher ſolche Eigenſchaften nicht an ſich beweiſet: wie Chriſtus der HErr ſelbſten bezeuget. Was die Ke - tzereyen belanget, waͤre zuerſt zu unterſuchen und zu ſehen; was eigentlich Ketzerey ſeye, ehe man dar - uͤber ein groſſes Geſchrey und Lermen machte.

Alamodan.

Der iſt ja ein Ketzer, welcher irrige Meynungen heget und an den Tag leget wieder die Gleichfoͤrmigkeit des Glaubens; und ſind dem - nach alle diejenige vor Ketzer zu achten, welche es in denen Glaubens-Articuln nicht mit unſerer Kirche halten.

Modeſtin.

Alleine ſo muͤſſen wir es erſtlich gruͤnd - lich ausmachen: wo eigentlich die wahre Kirche an -zutref -31zutreffen; da eine jede Parthey die ihre vor die einige wahre Kirche, und ihre Religion vor die richtigſte haͤlt; zudeme habe ich in der Heiligen Schrifft eine ſolche Ketzermacherey nicht gefunden. Vielmehr ſehe ich, daß der Zweck GOttes, und derer Maͤn - ner, welche durch den Geiſt GOttes bewuͤrcket und getrieben worden, jederzeit mehr geweſen: die Men - ſchen zu GOtt ihrem hoͤchſten Gut, und von der un - ordentlichen Eigenliebe und Abgoͤtterey abzufuͤhren; als die Koͤpfe mit beſondern Ideæn, Bildern und Glaubens-Articuln anzufuͤllen. Und wo der Zweck GOttes geweſen waͤre, denen Menſchen beſondere Glaubens-Articul zu geben; haͤtte Chriſtus der HErr, als der vollkommenſte Lehrmeiſter es ja leicht in einem kurtzen Begriff thun koͤnnen: wovon ich keinen deutlichern, als den in oͤffters angezogenen Worten finde: GOtt nemlich uͤber alles, und den Naͤchſten als ſich ſelbſt zu lieben. Und wo wir nur nach dieſer Richtſchnur die Chriſten pruͤfen und examiniren wollen; wuͤrde ſich befinden, daß viele von denen Herren Ketzermachern, ihrer reinen vor - geſchuͤtzten Lehre ohnerachtet, in das Regiſter rech - ter Ertz-Ketzer als Unreine, Wolluͤſtige, Hochmuͤ - thige, Herrſchſuͤchtige, Eigenſinnige, Geitzige; theils als Epicurer, theils als Saducaͤer oder als Phariſaͤer gehoͤren moͤgten.

Alamodan.

Es iſt nicht die Frage, in was vor eine Claſſe unordentlich wandelende Menſchen gehoͤ - ren: ſondern, ob nicht eine reine Lehre ſo wohl, als ein Chriſtlicher Wandel in der Kirche erfodert werde.

Mode -32
Modeſtin.

Jch gebe ihm gerne zu, daß je naͤher der Begriff oder die Ideæn mit der Wahrheit derer Sachen, (worauff ſie ſich gruͤnden) uͤbereinkommt, je beſſer es ſey. Jch bin aber auch gewiß 1) daß je unpartheyiſcher einer iſt, und beſſer ſein Verſtand die Ideæn zu combiniren weiß; je geſchickter iſt er das wahre vom falſchen zu entſcheiden. 2) Daß zu regulirung eines Chriſtlichen Wandels, und zur Vereinigung mit GOtt, als dem hoͤchſten Guth, nicht viele Bilder; ſondern Liebe erfodert werde. Daß man auch die Sache meiſtens gantz verkehrt anfange: indeme, daß da man die Liebe zum Grund und Fundament ſetzen und GOtt um die Erleuch - tung des Verſtandes bitten ſollte: man es gemeinig - lich gantz umkehret und nur bemuͤhet iſt den Hirn - Kaſten mit mancherley Fragen, Bildern und von vielen ſelbſt geformten; ja gar auch mit falſchen der Wahrheit zuwiderlauffenden Articuln anzufuͤllen. Und ſolches nennet man denn einen Echten ortho - doxen ſeligmachenden Glauben. Und mag das Leben dem Willen GOttes ſo wenig gemaͤs und gleichfoͤrmig ſeyn, als ein Ætiopiſcher Mohr einem weiſſen Europaͤer: ſo preiſet man einen ſolchen doch gar ſelig; wenn er nur glaubet was die Kirch glau - bet (wenn er auch gleich ſelbſt den zehenden Theil davon nicht weiß noch verſtehet,) wenn man nur ſei - nen Catechiſmum gelernet, fleißig in die Kirche und zum Sacrament kommt, und haͤlt ihn vor einen recht guten Chriſten, ob er gleich ſonſten voller Eigen - Liebe, Geitz, Hochmut, Wolluſt u. d. g. iſt. Was das nun vor eine ſeine Chriſtliche Gemeinde ſeye, die mei -ſten -33ſtentheils aus ſolchen ſaubern Gliedern beſtehet; laſſe ich einen jeden verſtaͤndigen unpræoccupitten ur - theilen.

Nicander.

Hier hat Herr Modeſtin unſerm lieben Alamodano den Schwehren recht geſtochen; was ſagt er nun dazu.

Alamodan.

Der Herr verzeihe mir; unſere Leh - rer ſind mit einem ſchlechten Glaubens-Bekaͤnnt - nis nicht zufrieden; ſie erfodern auch ein gottſeliges ehrbahres Leben dazu, ſo viel uns moͤglich iſt zu thun.

Modeſtin.

Ja wohl ſagt er: So viel uns moͤglich iſt: Dabey ſie denn eine gute reſervation oder Hin - terhalt haben; das was man nicht will (als die Verlaͤugnung ſeiner ſelbſt) gemeiniglich unmoͤglich bleibet; und alſo das, was mit der einen Hand ein - geraͤumet, mit der andern wieder genommen wird, welches man proteſtationem facto contrariam zu nennen pfleget.

Alamodan.

Wir koͤnnen ja von uns ſelbſt als von uns ſelbſten nichts gutes thun, und muͤſſen alles von der Gnade GOttes erwarten.

Modeſtin.

Dieſes iſt an ſich ſelbſt gantz wahrhaff - tig: Alleine GOtt iſt ſo guͤtig und willig zu geben; als der Menſch nur begierig ſeyn kann zu nehmen; wo wir GOtt nur ernſtlich und unablaͤßig umb Weißheit und Gnade bitten; will er uns nichts verſagen, warum wir ihn bitten: weniger als ein guͤtiger Vater ſeinen Kindern gute Gaben verſaget, die er in Uberfluß beſitzet. Er hat uns auch keine ſolche Gebote gegeben, die wir nicht halten koͤnnten; und iſt ja auch der Natur nach ungereimt / einemCetwas34etwas zu befehlen das er ohnmoͤglich leiſten kann. Will aber Herr Alamodan haben, daß ich ihme den rechten Grund entdecke: warum viele Heyden, wel - che doch von Chriſto nichts wiſſen, ein beſſeres ehr - bahres, nuͤchterneres, maͤßigeres, keuſcheres, ohn - intereſſirteres Leben fuͤhren; als die meiſten Chriſten, wie man es aus ohnpartheyiſchen Geſchicht-Schrei - bern und Reiſe-Beſchreibungen zur Genuͤge erſehen kann.

Alamodan.

Das moͤchte ich doch gerne hoͤren.

Modeſtin.

Solches koͤmmt daher: Weilen die meiſten Europaͤer in Fleiſches-Luſt, Augen-Luſt und hoffaͤrtigem Leben gantz erſoffen ſind: Dieſe Goͤtzen in der That weit uͤber GOtt lieben, es auch vor keine Suͤnde halten Guͤter zuſammen zu ſchrap - pen, zu ſtoltzieren, andere zu unterdruͤcken; da ein jeder nur darauff bedacht, vor andern gros, reich, geehrt und wolluͤſtig zu leben; ſeinem armen Naͤch - ſten gehe es denn auch wie es wolle; wenn nur Hanß ego hat, wornach ſein Hertz verlanget.

Nicander.

Ein vernuͤnfftiger Menſch muß trach - ten honet und vergnuͤgt zu leben; wer keine Ehre und kein Geld hat, wird nichts geachtet, und nur vor einen Lumpen gehalten: ſaͤuiſch und elend leben ſtehet keinem honetten Menſchen an; alleine reinlich, niedlich und proper, auch freudig mit guten Freun - den leben, ſtaͤrcket und unterhaͤlt die Geſundheit. Mir genuͤget nach der geſunden Vernunfft mich zu richten; welche mir auch dictiret; daß es nicht un - recht, nach Reichthum, Ehre und gemaͤchlichenTagen35Tagen zu ſtreben und mit allen Leibes - und Seelen - Kraͤfften darnach zu bemuͤhen.

Modeſtin.

Mein lieber Herr Nicander! in dieſer Sache werden ihme die meiſten Chriſten von gan - tzem Hertzen Beyfall geben: ob aber in dieſen ver - gaͤnglichen Dingen des Menſchen hoͤchſtes Gut be - ſtehe; und wie es mit dem Fundament der Chriſt - lichen Religion: als der Verlaͤugnung ſein ſelbſt, und Abſagung der fleiſchlichen Eigenliebe uͤberein - ſtimme, wollen wir kuͤnfftig geliebtes GOtt ein - mahl beſehen; vor dieſesmahl aber unſere Unter - redung beſchlieſſen.

Zweyte Converſation.

Nachdem dieſe Herren zu einer andern Zeit wiederum zuſammen gekommen, fienge Ala - modan an, und ſprach: Es hat Herr Mo - deſtinus in unſerer vorigen Converſation zu behau - pten geſchienen; als ob in der Erwerbung zeitlicher Guͤter, Ehre, Reichthum etc. nicht allein kein wah - res hohes Gut beruhe, ſondern es auch einem Chri - ſten nach ſeiner Chriſten-Pflicht nicht zuſtehe, ſich um ſolche Guͤter hoͤchſten Fleiſſes zu bemuͤhen, und derſelben froͤlich mit Vergnuͤgen zu genieſſen.

Modeſtin.

Mein werther Herr Alamodan! daß in dergleichen zeitlichen vergaͤnglichen Dingen, des Menſchen hoͤchſtes Gut nicht beſtehe, haben auch viele verſtaͤndige Heyden ſelbſt erkannt, und werden es auch die meiſten Chriſten (ſonderlich unter denenC 2Theo -36Theologis) mit dem Munde willigſt zugeben: Wenn man aber derſelben praxin und Leben be - trachtet, ſiehet man bey denen meiſten augenſchein - lich, daß dieſelbe im Hertzen gantz andere und con - traire Sentimens hegen. Ein wahrer Chriſt aber iſt nicht alleine kraͤfftig und gruͤndlich uͤberzeuget: daß in denen ſinnlichen Dingen das hoͤchſte Gut nicht beruhen koͤnne, ſondern weilen er GOtt als das alleinige hoͤchſte Gut uͤber alles von gantzem Hertzen, Seele und Gemuͤth zu lieben innigſt ver - bunden; darinnen auch ſein allerhoͤchſtes Vergnuͤ - gen ſuchet und weſentlich wahrhafftig findet: ſo kan auch dieſe Liebe gegen ſeinen Schoͤpffer und Erhal - ter nicht beſtehen, ohne ein voͤlliges Vertrauen auf ihn, als einen allmaͤchtigen, allweiſen, allgegen - waͤrtigen Schoͤpffer, Erhalter, Beherrſcher und Regierer aller Dinge. Dann, ſo wir einen ſolchen allgegenwaͤrtigen, allmaͤchtigen, guͤtigſten GOtt von Hertzen glauben: ſo kan auch ein rechtſchaf - fenes voͤlliges Vertrauen auf deſſen allweiſe voll - kommen gute Vorſehung davon mit nichten ge - trennet werden.

Alamodan.

Man muß GOtt ja vertrauen; man muß aber auch ſeine Vernunfft, Verſtand und Leibes-Kraͤffte brauchen; ſo, daß man nicht nur ehr - lich leben, ſondern auch andern helffen zu koͤnnen im Stande ſey. Und iſt einem Chriſten nicht ver - boten, nach Ehre, Reichthum und einem gemaͤch - lichen Leben zu ſtreben, und ſich allen Fleiſſes darum zu bemuͤhen.

Modeſtin.

Sie erlauben mir dieſe Sachen etwasgruͤnd -37gruͤndlicher und tiefer zu unterſuchen und zu be - leuchten, da man hoffentlich beſſer von der Sache wird urtheilen koͤnnen. GOtt der HErr hat in den Menſchen verſchiedene Kraͤfte geleget, nach dem Unterſcheid der Objecten oder des Gegenwurffs. Er hat uns einen mit vielen Gliedern begabeten Leib; eine Seele als den Sitz der Vernunfft zu deſſen Regierung und Bewuͤrckung in denen aͤuſſer - lichen, ſinnlichen und zum natuͤrlichen Leben gehoͤ - rigen Dingen gegeben, welche wir mit denen Thie - ren gemein haben. Und einen ewigen aus ihm urſtaͤndenden Geiſt, als ſein Ebenbild; welcher ſich nach dieſem ſeinem principio ſehnet, und auſſer dem - ſelben keine Ruhe findet: Wie der natuͤrliche oder thieriſche nach der thieriſchen; ſo der himmliſche nach dem himmliſchen. Dieſer himmliſche Geiſt ſolte der Director aller uͤbrigen Kraͤfften in dem Menſchen ſeyn, und den gantzen Menſchen in einer wohl-harmonirenden Ordnung halten. Da er mit dem Auge dieſes goͤttlichen Gemuͤthes ſtets auf GOtt ſchauende; in heiliger Ehrfurcht vor ihm wandelnde, ihn im Geiſt und Wahrheit anbetende, von deſſen Liebe ſo erquicket einen himmliſchen Frie - den und Freude in dem Heiligen Geiſte genieſſende, wuͤrcklich einen Vorſchmack der ewigen Freuden empfindet und erfaͤhret, welche alle Vernunfft und ſinnliche Freude weit uͤbertrifft. Teſtibus expe - rientia vieler Millionen Heiligen. Welches Goͤtt - liche Principium aber in dem natuͤrlichen, ſinnlichen, thieriſchen Menſchen gantz verdunckelt, verfinſtert und als todt darnieder leget. Daher es kommt:C 3daß38daß der natuͤrliche Menſch nicht vernimmt, was des Geiſtes GOttes iſt, ſondern wirfft alles unter - einander: Da ſoll die Vernunfft, der natuͤrliche Menſch, welcher des Goͤttlichen Lichtes und Ver - ſtandes ermangelt, und in hoc paſſu gantz blind iſt, alles richten und urtheilen. Und dahero koͤmmt auch eben ſo vieles confuſes Zeug in Religions - Sachen an den Tag: da man Vernunfft und Verſtand, Natur und Gnade vermenget; oder da - mit mich (ſo viel moͤglich denen Unverſtaͤndigen zu faſſen) deutlicher erklaͤre. Daß man die Kraͤffte, die GOtt der HErr in den Menſchen geleget, erſt - lich ihn ſelbſt zu erkennen und zu lieben; von denen Kraͤfften, die nur zur Erkaͤnntnis der ſichtbahren Geſchoͤpffe, zu Erhaltung des ſinnlichen thieriſchen Lebens, gehoͤren, nicht gebuͤhrend entſcheidet.

Alamodan.

Dieſe Rede iſt mir gar zu ſubtil, daß ich ſie nicht wohl verſtehe. Jch weiß von keinen andern Kraͤfften, als von Verſtand, Willen, Ge - daͤchtnis, und Einbildungs-Krafft oder Phantaſie. Verſtand und Vernunfft ſind weiter nicht unter - ſchieden, als daß was der Verſtand faſſet und be - greifft, die Vernunfft durch Ueberlegungen raiſon - niren, daraus verſchiedene Schluͤſſe formiret, und oͤffters etwas neues und zuvor noch unbekanntes hervorbringet; und erfodert der Unterſcheid des Objects oder Gegenwurffs, meines Erachtens keine beſondere Krafft, oder Weſen des Begriffs und Erkaͤnntniſſes.

Nicander.

Jch muß geſtehen, daß ich den Herrn Modeſtin auch nicht faſſe. Denn meine Seele,wel -39welche die ſichtbare begreiffliche Objecta betrachtet; davon durch die Sinne der Augen, Ohren etc. die Bildniſſe empfaͤhet, daruͤber raiſoniret; dieſelbe auch abweſend ſich vorſtellen und tauſenderley Ver - gleichungen davon machen kan; hat auch die Krafft ſich zu einem angenehmen zu neigen, und das wi - drige zu fliehen. Und eben mit dieſer Anneigung des Willens koͤnnen wir uns zu GOtt als unſerm Schoͤpffer und Wohlthaͤter nahen; und iſt dazu kein drittes Principium im Menſchen noͤthig.

Modeſtin.

Jch werde meinen werthen Freunden meinen Begriff und Erfahrung nicht auf dringen: Daß aber nach der Maas und Verhaͤltniß eines jeden Objects, auch das Jnſtrument, womit und und wodurch das Object begriffen und erkannt wer - den ſoll, unterſchieden ſeye, lehret die gantze Natur. Wo hat GOtt der HErr zu Betracht - und Ent - ſcheidung der Farben das Auge; zum Klang und Thon das Ohr; zum Geſchmack die Zunge u. ſ. w. gegeben, welches durch eine vernuͤnfftige Seele er - kannt, beurtheilet und entſchieden wird. Da aber der Schoͤpffer vom Geſchoͤpffe uͤber alle maſſen weit unterſchieden iſt: ſo hat auch GOtt der HErr dem Menſchen eine gantz beſondere Krafft des Gemuͤthes gegeben, zu ſeines GOttes Selbſt-Erkaͤnntnis, An - neigung und Veneration. Worinnen hauptſaͤch - lich ein verſtaͤndiger GOtt-liebender Menſch von denen Beſtern, und von denen thieriſchen Men - ſchen unterſchieden iſt, da die Thiere ſowohl als der Menſch etwas vernuͤfftiges in ſich haben; Wie ein vernuͤnfftiger Naturkuͤndiger ſolches an Hun -C 4den,40den, Pferden, Affen, etc. genugſam ſehen kan. Daß aber die meiſte Menſchen den ſich in ihnen regenden Funcken des Geiſtes GOttes in ihrem Ge - wiſſen, oder den zuͤchtigenden beſtraffenden Gna - den-Geiſt kein Gehoͤr geben, ſondern ſelben unter - druͤcken und erſticken, durch ihre Luͤſte und thieri - ſches Leben, daran kan ein unpartheyiſcher, dem die Augen geoͤffnet ſind, wohl ſchwerlich zweiffeln. Denn die Eigen - und Creatur-Liebe hat alle Staͤn - de und Nationen dergeſtalt durchdrungen, daß man das Wahre vom Falſchen, das Gute vom Boͤſen, faſt nicht mehr zu entſcheiden weiß, will, oder kan.

Nicander.

Nach unſeres Herrn Modeſtini Be - ſchreibung muͤſte zwiſchen einem Chriſten und einem andern vernuͤnftigen Menſchen ein mercklicher Un - terſcheid ſeyn, welches ich an ſeinem Ort geſtellt ſeyn laſſen will. Jch habe aber auf meinen Reiſen oͤffters Gelegenheit gehabt allerley Leute kennen zu lernen, und unter denen ſo genannten Pietiſten, feinen, und beſonders fromm ſich anſtellenden, Leu - te von allerley Caracteren gefunden: theils honette, rechtſchaffene, ehrliche Leute; theils aber auch ſolche, welche unter dem Mantel der Pietaͤt allerhand pias fraudes, Schrappereyen, Fuͤntgens auszuuͤben wu - ſten; theils auch ihrem herrſchſuͤchtigen Eigenſinn ein ſolches Futter zu verſchaffen, daß es ſubtile Spitzbuben und liſtige Betruͤger nicht beſſer und feiner haͤtten ins Werck richten koͤnnen. Andere, welche ihrem Leibe auch etwas zu gute zu thun wu - ſten. Welche alle zuſammen im Grunde des Her - tzens (die Worte ausgenommen) von der Ver -laͤugnung41laͤugnung ſeiner ſelbſt nicht viel hielten; weiß ich demnach zwiſchen ſolchen und einem andern natuͤr - lichen Menſchen keinen Unterſcheid zu finden.

Alamodan.

Der Herr Nicander kan ſein Hecheln nicht laſſen. Es klebet uns armen Menſchen frey - lich noch viele Schwachheit an; und iſt wahr, daß wir ſo heilig und unſtraͤfflich nicht wandeln koͤnnen, wie wir wohl thun ſolten; und daß wir von man - cherley Sorgen der Nahrung; von fleiſchlichen Luͤſten und Begierden; vom Verlangen in der Welt etwas uͤber andere erhaben zu ſeyn u. d. g. uns nicht frey ſprechen koͤnnen. Wenn wir aber al - les nur maͤſſig brauchen; ſo hat GOtt keinen Miß - fallen daran.

Modeſtin.

Die heilige Schrifft bezeuget: daß dasjenige, was nicht aus Glauben und im Glauben geſchehe, Suͤnde ſey. Und wo der Menſch nicht von neuem aus GOtt gebohren wird, ſo flieſſen ſeine meiſte Actiones, ſein Thun und Laſſen aus einem unreinen eigenliebigen Grunde; nuͤtzen nicht viel, und koͤnnen demnach auch GOtt dem HErrn nicht gefallen. Denn vor ihme gilt nichts als eine neue Creatur, oder der Glaube, welcher NB. durch die Liebe thaͤtig iſt, wie Paulus die neue Creatur ſelbſten beſchreibet und erklaͤret in der Epiſtel an die Galater.

Nicander.

Alleine, mein Herr Modeſtin, was halten ſie denn von denen alten weiſen Maͤnnern unter denen Griechen und Roͤmern, welche ſehr tu - gendhafft gelebet, als zum Exempel: Socrate, Epicte - to, Ariſtide, Seneca, u. d. g. wie auch der ChineſerC 5Con -42Confutio: welche es gewißlich euren heutigen à la mode Chriſten in Ausuͤbung derer Tugenden weit zuvor gethan haben. Sind dieſe denn auch neu gebohren geweſen?

Modeſtin.

Jch trage meines Theils kein Beden - cken auch denen frommen Heyden ſowohl, als denen Vaͤtern vor und nach der Suͤndfluth die neue Ge - burth aus GOtt zuzuſchreiben: Da es ohnmoͤglich, ohne Beyſtand und die Gnade GOttes etwas Gu - tes zu wollen, vielweniger zu vollbringen; auch kommen ja alle gute und vollkommene Gaben von oben herab vom Vater des Lichtes. Zwar will ſolchen groſſen Leuten, (als auch Hermestrismegi - ſtus, Jamblichus, Proclus und andere Weiſe auch unter alten Aegyptiern, Chaldaͤern und andern Nationen geweſen) den Geiſt der Weißheit nicht abſprechen: ſintemahlen dieſelbe nach dem Maaß ihrer Erkaͤnntnis auch eine beſondere Veneration GOttes und Liebe gegen ihren Naͤchſten bezeuget haben. Confutii und anderer Moral iſt billig zu bewundern und hochzuachten; als welche von der Chriſtlichen wenig unterſchieden. Doch muͤſſen wir billig einen Unterſcheid machen, zwiſchen einem Kinde, Juͤngling und Mann in Chriſto; auch den Unterſcheid der zwiſchen einen pur Natuͤrlichen und Wiedergebohrnen iſt, und worinnen ſolcher beſtehe, mit ihrer Genehmhaltung unterſuchen und in un - ſere Betrachtung ziehen.

Nicander.

Jch laſſe einem jeden nicht alleine ſeine Meinung und Sentimens gerne frey paſſiren; nehme mir auch die Freyheit alles zu pruͤfen, unddas43das Gute zu behalten: Wenn man mir nur nichts, deſſen ich nicht uͤberzeuget bin, mit einer albernen Auctoritaͤt aufbinden und aufbuͤrden will.

Modeſtin.

Jch ſetze denn dieſes Axioma oder Grund-Satz, nach denen Natur-gemaͤſſen Eigen - ſchafften der Sache ſelbſten: Der natuͤrliche Menſch trachtet nur nach natuͤrlichen, zeitlichen, vergaͤng - lichen Dingen. Der Wiedergebohrne aus GOtt trachtet vornemlich nach dem, was oben iſt, nach dem Reich GOttes und ſeiner Gerechtigkeit. Da - hin gehet ſein Sehnen, Dichten und Trachten. Wenn nun dieſe zwey widerwaͤrtige Principia des Geiſtes und Fleiſches in dem Menſchen rege wer - den, ſo entſtehet ein Kampf und Streit. Das Fleiſch geluͤſtet wider den Geiſt, und der Geiſt im Gemuͤthe beſtraffet die aufſteigende Gedancken und Begierden derer eiteln Dinge. Jſt nun der Menſch recht beſorget um den edelſten Theil, aufmerckſam auf die innerliche Zucht, ſo waͤchſt und nimmt er im guten zu, wird immer ſtaͤrcker in der Weißheit, Gnade und Tugend. Fuͤhlet einer aber gar keinen Streit, Beſtraffung und Zuͤchtigung in ſeinem Ge - wiſſen; oder achtet gaͤr nicht darauf, ſondern lebet ſo in den Tag hinein, wie ein Beſtgen nach ſeinen Luͤſten und Begierden, nachdem ſein Tempera - ment und Natur-Rad ihn treibet, achtet und fuͤhlet das Leben aus GOtt in ſich nichts: Da ſtehets allerdings ſchlecht um einen ſolchen Menſchen; und ob er mitten in dem Schooß der Chriſtlichen Kir - chen lebte, ſo iſt doch zwiſchen einem ſolchen, und einem Heyden, Juͤden, Tuͤrcken, und dergleichen einſchlech -44ſchlechter Unterſcheid, waͤre auch ſein Verſtand noch ſo polirt, und haͤtte dazu die gantze Bibel im Kopff.

Nicander.

Der HErr ſagt mir viel von Zuͤchti - gung im Gewiſſen: Wenn ich aber die Geſchichte und Geſetze auch der vernuͤnfftigſten Voͤlcker auf Erden anſehe; ſo kan ich nicht finden, daß die Leute einerley Dictamen Conſcientiæ, oder einerley Uber - zeugung von Wahrheiten und Tugenden haben. Denn z. E. bey einigen Voͤlckern wird es vor gar kein Laſter gehalten, einem Fremdling eine Dirne zur Beyſchlaͤferin zu geben, ſondern macht ſich noch wohl eine Ehre daraus: So haben auch die Chri - ſten vom Krieges-Weſen, von Ruhm der Helden u. d. g. mehr, nicht einerley Gedancken mit andern Voͤlckern. Daß es demnach ſcheinet; das Ur - theil des Gewiſſens richte ſich gar ſehr nach denen vorgefaſten Ideæn der Erziehung.

Modeſtin.

Daß viel nach vorgefaſten Meinun - gen gerichtet werden, iſt nicht zu laͤugnen: Daß aber auch die wichtigſte Grund-Wahrheiten allen Voͤlckern ins Hertz gepraͤget, als nemlich unſer Fundamental-Articul: GOtt uͤber alles und den Naͤchſten als ſeines gleichen Geſchoͤpf zu lieben; woraus viele andere von ſelbſten flieſſen und herge - leitet werden koͤnnen, als bey der Wahrheit zu bleiben, nicht zu luͤgen, betruͤgen u. d. g. wird wohl ſchwerlich ein Verſtaͤndiger in Abrede ſeyn: Und wo der Menſch ſich aufrichtig nach dem Maaß ſei - ner Erkaͤnntniß befleißiget, vor GOtt und ſeinem Naͤchſten zu wandeln und zu handeln, wird ihmdie45die Weißheit von oben wohl weiter leiten. Wie es an dergleichen Exempeln in denen unpartheyiſchen Geſchichten nicht fehlet. Und eben darinnen er - weiſet ſich auch die Vortrefflichkeit der Chriſtlichen Religion vor andern, daß ſie die allerreineſte und herrlichſte Moral hat, als da iſt, auch ſelbſt ſeine Feinde zu lieben; die zu ſegnen, welche uns fluchen; gutes zu thun denen, die uns haſſen und verfolgen.

Nicander.

Jch muß geſtehen, daß die Moral des Evangelii vortrefflich iſt: Allein man wird auch Exempel einer beſondern Großmuth, Generoſitaͤt, Maͤßigkeit, Vergnuͤgſamkeit u. d. g. Tugenden unter denen Heyden finden. Uber das aber, wo ſind denn die Chriſten, welche dieſe Moral ihres Lehrmeiſters, HErrn und Heylandes in acht neh - men? Kriegen, rauben, pluͤndern, haſſen, verfol - gen, morden und toͤdten ſie nicht ſowohl als andre Voͤlcker, welche das Evangelium nicht angenom - men haben? Wo ſind die, welche die Regeln und Geſetze JEſu Chriſti nach dem Buchſtaben beobachten? Vielleicht ſind ſie in Utopia, oder etwa hier und da einer in der Welt anzutreffen.

Alamodan.

Der Herr Nicander bleibet bey ſei - ner ſcoptiſchen Weiſe. Man muß doch die Leute nach ihrem Glauben und Bekaͤnntnis urtheilen, und iſt ein groſſer Unterſcheid zwiſchen einem Hey - den und Chriſten. Und ob wir gleich nicht alles vollkoͤmmlich halten koͤnnen, ſo haben wir doch einen Vorſprecher im Himmel, und einen Buͤrgen, wel - cher vor uns das Loͤſe-Geld bezahlet, und vor uns genug gethan hat. Davon die Heyden nichtswiſ -46wiſſen, und auf ſelbigen kein Vertrauen haben, demnach ſelbige auch nichts angehet.

Nicander.

Jch meineté der Menſch wuͤrde ge - richtet nach ſeinen Wercken, und nicht nach ſeinen Bildern und Meinungen, welche er in ſeinem Hirn - Kaſten heget. Was duͤnckt aber meinen Herrn davon? Wenn er im Handel betrogen wird, iſts ihm lieber wenns von einem Chriſten als von einem Juden oder Heyden geſchicht? Jch meines Ortes, wenn ich mit jemanden zu thun oder zu contrahi - ren habe, bekuͤmmere ich mich wenig darum, was vor einer Religion er zugethan ſey: ſondern ſehe hauptſaͤchlich darauf, daß es mit einem ehrlichen Biedermann geſchehe, welchem ich ſicher trauen koͤnne. Jndem mich die Erfahrung gelehret: daß es unter allerley Voͤlckern ehrliche, aber auch mit - ten unter denen Chriſten, liſtige Betruͤger, Spitz - buben und dergleichen Burſche haͤuffig giebet. Und muß geſtehen: daß ſo viel ich auf meinen Reiſen mit mancherley Leuten zu thun gehabt, ich faſt un - ter allen, die ich jemahlen kennen lernen, in Engel - land die meiſte Quacker, und Holland die Meno - niſten als die redlichſte; doch auch in Teutſchland viele redliche Seelen angetroffen habe, welche ihrer Glaubens-Bekaͤnntniß gemaͤß leben. Wiewohl ich auch etlicher Scrupuloſitaͤt in indifferenten aͤuſ - ſerlichen Dingen, (als zum Exempel: Hut-abziehen, einen Ehren-Titul denen, die es alſo haben wollen, zu geben) billig verachte, und es einen Mangel eines ſcharffen geſunden Judicii zuſchreibe. Sed in his & ſimilibus ſuo quisque abundet judicio.

Mo -47
Modeſtin.

Man thut uͤbel, wo man die gute Wercke von dem Glauben abſondert, und contra - diſtinguiret. Wo ein rechtſchaffener Glaube, auf - richtiges feſtes Vertrauen und Liebe zu GOtt iſt, kan ſolcher ohnmoͤglich ohne gute Wercke, und ohne wahre aufrichtige Liebe des Naͤchſten ſeyn noch be - ſtehen. Wo man das Wort Glauben, nur vor Meynungen, Concepte und den Beyfall hiſtoriſcher Wahrheiten haͤlt, und einem gottſeligen durch die Liebe thaͤtigen Wandel entgegen ſetzet; ſo iſt es wohl ſicher und gewiß, daß ein ſolcher Meynungs - Kram dem Menſchen zur Seeligkeit wenig helffe. Denn vors erſte, ſo glauben und wiſſen die Teufel die Hiſtorie von Chriſto ſo gut und gewiß als die beſte hiſtoriſche Chriſten. Zum andern, wenn man erweget, was das eigentlich heiſſe: ſeelig ſeyn; ſo ergiebets die Sache ſelbſt, daß auſſer der Liebe GOttes und derjenigen Vereinigung mit dieſem hoͤchſten Gute, der Menſch ohnmoͤglich eine wahre vollkommene Gluͤckſeeligkeit beſitzen koͤnne. Jndem nichts den Hunger des aus GOtt urſtaͤndenden Geiſtes des Menſchen ſaͤttigen und vergnuͤgen kan, als GOtt ſelbſt: welches das Reich GOttes im Menſchen iſt; ſo in Gerechtigkeit, Friede und Freude in dem Heiligen Geiſte beſtehet.

Nicander.

Alleine, mein werther Herr Modeſtin, ſolte dieſe Vereinigung mit GOtt, worein er die hoͤchſte Gluͤckſeeligkeit des Menſchen zu ſetzen belie - bet, nicht etwa ein ſuͤſſer Traum, Einbildung und Chimere ſeyn? Wie kan ein Menſch, ein armer Erden-Wurm, mit dem unendlichen Schoͤpfferver48vereiniget werden? Dieſes, geſtehe ich, kan ich nicht begreiffen.

Modeſtin.

Das will ich ihm wohl glauben: Wo wir aber die Urſachen deſſen zu unterſuchen die Zeit, Muͤhe, Fleiß und aufrichtige Sorgfalt uͤber uns nehmen wollen, wird es ihm hoffentlich nicht mehr ſo ſeltzam und unbegreifflich vorkommen. Denn wenn wir erwegen erſtlich: Wie ein Menſch, der aufrichtiges Hertzens iſt, GOtt uͤber alles zu ve - neriren, und deſſen Gebote und heiligen Willen zu vollbringen, ſich allen Fleiſſes angelegen ſeyn laͤſſet; in ſich einen ſtarcken Hunger und Verlangen nach einer ewigen Gluͤckſeeligkeit empfindet: ſo zeiget auch die Natur ſelbſt und die Erfahrung, daß dieſer Hunger durch alle zeitliche Dinge nicht geſaͤttiget noch vergnuͤget werden kan; Jm Gegentheil aber auch, daß diejenige, welche beſtaͤndig nach dem Reich GOttes trachten, mit wachen und ſtetem Gebet zu GOtt, ſolche endlichen zu dem Genuß dieſer Gluͤckſeeligkeit des Friedens mit GOtt gelan - get; welche Freude alles ſinnliche Vergnuͤgen ſo weit uͤbertrifft, als das helle Sonnen-Licht den Schein einer truͤben Wolcken, darein ein ſchwa - cher Schein des Monden faͤllet. Wie hievon eine Menge Zeugen angefuͤhret werden koͤnten, wo ſel - biges zu Ueberzeugung unglaͤubiger Thomas-Bruͤ - der dienen koͤnte. Am beſten aber iſts: Wenn ein jeder in ſein Hertz gehet, denen Spuhren der Weiß - heit nach dem Maas ſeines Begriffes einfaͤltig fol - get, wider ſein Gewiſſen und Ueberzeugung, in deme was zu thun und zu laſſen, nicht handelt: ſo wirder49er mit der Zeit wohl zu einer feſten Gewißheit ge - langen, welche auch die| Pforten der Hoͤllen nicht werden uͤberwaͤltigen koͤnnen. Und wo mein wer - ther Herr Nicander dieſe Mittel ergreiffen wil, wird er wohl erfahren: ob dieſe Lehre aus GOtt, oder ob es erdichtete Chimeren ſeyn.

Nicander.

Jch beſorge mein Herr begehe eine petitionem Principii: da er eine Sache durch eine ſolche beweiſen will, die noch ſelbſten bewieſen zu werden noͤthig iſt. Jch ſehe auch nicht, was das Gebet mich helffen ſoll.

Alamodan.

Behuͤte GOtt! Betet der Herr denn nicht? ruffet GOtt um ſeine Gnade, Huͤlffe und Beyſtand nicht an; danckt ihm auch nicht vor ſeine unermeßlich viele Wohlthaten.

Nicander.

Vor GOtt habe ich die tiefeſte Veno - ration deren ich faͤhig bin. Weilen ich aber GOtt dem HErrn nichts geben kan; ihme auch durch meine Complimenten und Lieder nichts an ſeiner Majeſtaͤt und Herrlichkeit zuwaͤchſt; weiß ich nicht wozu ich dergleichen Complimenten machen ſoll, als womit ihme wenig gedienet ſeyn moͤchte.

Modeſtin.

GOtt koͤnnen wir freylich nichts geben noch nehmen: er hat auch unſerer nicht noͤthig: wir aber koͤnnen ſeiner Gnade und Huͤlffe nicht entbeh - ren. Zudem iſt ja ein Unterſcheid zu machen zwiſchen einem à la mode beten, plappern und bloſſen Mund - Werck; und hingegen einem hertzlichen aufrichti - gen Verlangen, Bitten und Flehen zu GOtt dem guͤtigen Geber aller guten Gaben, mit einem kindli - chem Vertrauen, dem HErrn im Hertzen, und auchDwohl50wohl mit Worten aͤuſſerlich, erhebende, lobend und preiſende. Wie nun allerdings das von vielen Menſchen gebraͤuchliche Gewohnheits-Gebet ohne Hertzens-Andacht ein leeres unnuͤtzes Gewaͤſch iſt, und nichts nuͤtzet: ſo iſt hingegen das aufrichtige, andaͤchtige, hertzinnige Gebet ein kraͤfftiger Magnet, welcher die Gnade GOttes an ſich ziehet, und GOtt gleichſam beweget ſolches zu erhoͤren. Wir koͤnnen freylich GOtt nichts geben oder nehmen: alleine der Herr Nicander (welcher alles nach ſeiner Ver - nunfft abmeſſen will) wird mir doch das zugeben: daß es auch raiſonabler in dem Licht der Natur ſelb - ſten gegruͤndet: daß der Schoͤpffer ſich ehender zu denen, die ihn anruffen und verehren, wenden werde; als zu denen, welche ihm gleichſam den Ruͤcken keh - ren, ſeiner keinesweges achten, ſondern gleich dem Viehe dahin leben.

Nicander.

Daß man GOtt als das hoͤchſte Weſen billig venerire, und dem Geſetz der Natur nach ſeiner Erkaͤnutnis gemaͤß tugendſam leben ſolle; bin ich gar nicht in Abrede: daß man aber durch das Gebet viel erlangen ſolle, weiß ich nicht. Sintemahlen auch die Erfahrung lehret: daß oͤff - ters die allertugendhaffteſte und froͤmmſte Maͤnner eben nicht die gluͤcklichſten ſind, ſondern oͤffters in groſſe Leiden, Noth und Tod gerathen.

Modeſtin.

Hier muͤſſen wir das vorhergehende richtig zu entſcheiden, erſtlich feſt ſetzen: daß die hoͤchſte Gluͤkſeeligkeit, auch in allerley Truͤbſalen, Leiden und dem Tode ſelbſt doch beſtehen koͤnne: und da wird ſichs zeigen, daß zwiſchen einem Got -tes -51tesfuͤrchtigen frommen nothleidenden, und einem gotrloſen in Noth gerathenden Menſchen ein maͤch - tiger Unterſcheid ſey. Da der erſtere den Goͤttli - chen Troſt in ſeiner Seeln, der ander aber ſolches nicht erfaͤhret.

Nicander.

Jch habe doch geſehen und erfahren: daß auch Fromme in groſſe Seelen-Angſt gera - then ſind; da von dieſem Frieden, davon er ſaget, wenig zu ſehen und zu ſpuͤhren war. Weiß dem - nach nicht, wo ich dieſen vorgegebenen Unterſcheid hinſchreiben ſoll. Denn es gehet doch dem From - men wie dem Boͤſen: ob ich gleich einem ehrlichen Mann einem malhonetten Spitzbuben weit vor - ziehe.

Modeſtin.

Mein lieber Herr Nicander! Jn GOt - tes gerechte und heilige Gerichte koͤnnen wir arme Menſchen nicht ſehen: ſondern uns gebuͤhret in al - len Dingen die Hand auf den Mund zu legen; GOttes Gerichte und Fuͤgungen demuͤthigſt zu veneriren, verſichert ſeyende, daß doch alles denen, die GOtt lieben, zum beſten dienen muͤſſe.

Nicander.

Wer wird mich verſichern koͤnnen: daß dieſem oder jenem zuſtoͤſſt, von GOtt, und nicht ex connexione cauſarum gar vieles ſo von ohnge - fehr, wie man zu reden pfleget, zuſtoſſe.

Modeſtin.

Wer GOtt uͤber alles liebet, und auf den von gantzem Hertzen hoffet, trauet und ſchauet: auf den wird GOtt auch ein beſonderes Auge ſei - ner allweiſen Vorſehung haben, und der wird auch im Tode nicht zu Schanden werden. Die Gott - loſen aber werden vom Angeſichte des HErrn ver -D 2worffen,52worffen, und in ihrer Seelen Pein leiden. Denn es iſt Recht bey dem Heiligen und Gerechteſten zu vergelten gutes denen die gutes thun, und boͤſes denen die da boßhafft handeln; und da ſolches nicht in dieſer Zeit geſchicht, ſo erfoderts die Gerechtig - keit und Heiligkeit GOttes, daß es nach dieſem geſchehe.

Nicander.

Wenn ich das Thun und Laſſen derer Menſchen, nach ihren unterſchiedenen Gemuͤths - Neigungen und Temperamenten betrachte: ſo kommt mir gar wahrſcheinlich vor: daß ihre Fata ihr Wohl und Uebel ſeyn, das groͤſte Theil ihres Gluͤcks und Ungluͤcks, Geſundheit und Kranckheit, Vergnuͤgen und Mißvergnuͤgen, dieſem ihrem gluͤcklichen oder ungluͤckſeligen boͤſen Temperament und dahero ruͤhrenden feinen oder uͤbeln Conduite, Auffuͤhrung und Betragen zuzuſchreiben ſey. Da - bey die Goͤttliche Providence wohl wenig thun mag: ob ich zwar nicht leugne, daß der Fleiß und gute Education ein Temperament (das nicht eben das beſte iſt, und dahero ungluͤcklich waͤre, wo es dem - ſelben allzeit folgen wolte) ſehr aͤndern und verbeſ - ſern koͤnne. Und daß eben von der unterſchiedenen Erziehung und Landes-Gewohnheiten (wozu auch das Clima vieles beytraͤget) es herkomme, daß ei - nige Voͤlcker kriegeriſch, mehr zur Ambition, andere geitzig, neidiſch, haͤmiſch; andere mehr zur Wol - luſt, Gelindigkeit, Barmhertzigkeit, Mitleiden u. d. g. hauptſaͤchlich geneiget ſind.

Modeſtin.

Daß die Actiones derer Menſchen, deren Thun und Laſſen natuͤrlicher Weiſe nachderer53derer Menſchen verſchiedenen Temperamente unter - ſchieden ſeye; dahero ein Cholericus ambitioſus, herrſchſuͤchtig, ein Sanguineus zur Wolluſt, ein Me - lancholicus oder vielmehr Erd-ſuͤchtiger zum Geitz, Neid, Mißtrauen etc. geneigt, will ich nicht in Abre - de ſeyn. Daß auch einer vor dem andern ein ſehr guͤtiges Temperament, Naturell und Gemuͤths - Neigungen von der Natur empfangen; mancher hingegen von der Geburth ein ſehr ungluͤckliches; dieſes alles beſtaͤtiget die Erfahrung. Daß aber auch ein ſehr ungluͤckliches Temperament (welches von Mißtrauen, Eigenſinn, Stoltz, Haß, Neid, Zorn, Furcht u. d. g. geplaget, und von dergleichen pas - ſionen hin und wieder gezogen und gezerret wird, und gleichſam in der Finſterniß, Hoͤlle und Pein ſtehet) nicht ſolte durch die Gnade GOttes, von ſolcher Finſterniß, Pein und Plage koͤnnen erloͤſet, befreyt werden, und hingegen in das ſanffte Liebes - und Freuden-Reich JEſu Chriſti durch die Gnade GOttes eingehen koͤnte, ſtreitet ja auch mit der Erfahrung.

Nicander.

Daß durch Education, anhaltenden Fleiß und Uebung die boͤſe Neigungen im Zaume gehalten und verbeſſert werden koͤnnen, zeigen die Exempel vieler beruͤhmten Leute des Alterthums un - ter denen Griechen, Roͤmern, Perſern, Aegyptiern, Chineſern und anderer Voͤlcker, ſehe alſo nicht, was das Chriſtenthum hierinnen vor andern Voͤl - ckern vor Vorzug hat, ſo lang er mir unter denen heutigen keine beſſere Exempel darſtellen kan, als man gemeiniglich ſiehet.

D 3Mo -54
Modeſtin.

Mein lieber Herr Nicander! es iſt frey - lich wohl zu beklagen, daß die meiſten heutigen Chri - ſten von denen uͤbrigen Heyden in nichts als dem Nahmen nach unterſchieden ſind; und die Krafft des Todes und der Auferſtehung Chriſti mit ihrem ungottſeligen Wandel verlaͤugnen; woruͤber auch viele fromme gottſelige Maͤnner immer bittere Kla - gen gefuͤhret; und wenn ihme beliebet die geiſtliche Geſchichte einiger frommen Maͤnner unſerer Zeit zu leſen, (wo ihm ſelbe nicht bekannt ſind) wird er fin - den: daß der alte GOtt in dem Hertzen derer Glaͤu - bigen noch lebe, und deſſen Hand noch nicht ver - kuͤrtzet ſey.

Nicander.

Was ſind denn dieſes vor Schrifften.

Modeſtin.

Wo er dem Zeugnis derer Evgngeli - ſten und Apoſtel keinen gnugſamen Glauben zuſtel - len will, und neuere Zeugniſſe von auſſerordentli - chen Gnaden-Gaben haben will: ſo will ihm in die Hiſtorie der Wiedergebohrnen, und das Leben der Glaͤubigen, Gottfried Arnolds, in Partagens himm - liſche Metaphyſic, und die Sammlungen auserle - ſener Materien zum Ban des Reichs GOttes wei - ſen. Da er merckwuͤrdige Exempel von Wunder - wercken und Bekehrungen wird finden koͤnnen.

Alamodan.

Jch habe gemeinet die Wunderwer - cke haͤtten aufgehoͤret, und ſeyn zu unſerer Zeit nicht mehr noͤthig: da das Chriſtenthum ſchon gepflan - tzet, und nicht erſt zu pflantzen iſt.

Modeſtin.

Mein lieber Herr Alamodan! zu wuͤn - ſchen waͤre es, daß es in aller Hertzen recht gepflan - tzet waͤre, welche ſich Chriſten nennen; und daßdas55das Reich GOttes, das iſt, Gerechtigkeit, Frie - de und Freude im Heiligen Geiſte, ſich in ihnen befaͤnde und bezeugete. Alleine, alleine! Wer ſiehet nicht den maͤchtigen Unterſcheid zwiſchen dem Nah - men und der Sache ſelbſt. Zudeme, wo ſtehet es geſchrieben? daß GOTT der HErr nicht eben ſo kraͤfftig heute als vor zwey und mehr tauſend Jah - ren ſich in und unter denen Seinigen erweiſe? iſt etwa deſſen Hand verkuͤrtzet oder veraltet? will er nicht mehr in denen Glaͤubigen wohnen und wandeln? nach ſeiner Verheiſſung, und ſoll man es etwa nicht erkennen und entſcheiden koͤnnen: wo GOtt oder boͤſe Geiſter ihre Herberge und Woh - nung haben?

Alamodan.

Mein Herr, ſeine Reden kommen mir etwas Enthuſiaſtiſch und Quackeriſch vor.

Modeſtin.

Mein guter Herr Alamodan! ich weiß gar wohl, daß diejenige, welche den Grund der wahren Religion mehr im Kopf als im Hertzen ſuchen und ſetzen; mehr in Ideæn, Bildern und Mei - nungen als Sinnes-Veraͤnderung und wahren durch die Liebe thaͤtigen Glauben und Vertrauen auf GOtt, mit dergleichen und andern verketzernden Ehrentituln gar freygebig ſind. Es iſt und bleibet aber in heiliger Schrifft eine ausgemachte Sache: daß wer Chriſti Geiſt nicht in ſich wirckend hat; wem der Geiſt GOttes nicht, ſondern der Welt - Geiſt in Fleiſches-Luſt, Augen-Luſt und hoffaͤrtigem Leben treibet, der iſt kein Chriſt; wenn er auch noch ſo ſchoͤne Ideæn, Bilder und Glaubens-Meinungen in ſeinem Hirn-Kaſten gefaſſet haͤtte: Und denD 4Spruch:56Spruch: Aus allerley Volck, wer GOtt fuͤrchtet und recht thut, der iſt ihm angenehm; den werden mir die Herren Ketzermacher nicht aus der Bibel und aus meinem Hertzen kratzen.

Nicander.

Jch bln allerdings mit dem Herrn Modeſtino hierinnen eines: daß man nicht ſo ſehr auf Opinionen oder Meinungen, als auf Redlich - keit zu ſehen habe, und daß unter allerley Volck, wer GOtt fuͤrchtet und recht thue, GOtt dem HErrn angenehm ſeye; und daß unter allerley Voͤlckern ehrliche und redliche gefunden werden. Wie denn unter denen Tuͤrcken und Heyden, noch heut zu Tage ſowohl als unter denen alten Griechen, Roͤmern, Chineſern und andern Voͤlckern vortreff - liche Maͤnner geweſen, welche es denen meiſten heu - tigen Chriſten, wo nicht weit zuvor, doch wenigſtens in den Tugenden gleich gethan: Und zweiffele ich ſehr: ob die heutige Chriſten (daß ich nichts von dem gemeinen unwiſſenden Volck unter allen Secten, ſondern auch von groſſen vornehmen Leuten ſage) in der That beſſer (wo nicht ſchlimmer) als viel Mahometaner und Heyden ſeyn. Wie denn auch Mr. Montagne ſo gar die Canibalen, als Men - ſchenfreſſer, wider die grauſame Spanier defendi - ret, und ſie dieſen weit vorgezogen hat.

Alamodan.

Alleine es heiſſet ja: Was nicht aus Glauben geſchiehet, das ſeye Suͤnde. Wie koͤnnen aber die Actionen derer Tuͤrcken und Heyden aus Glauben geſchehen, da ſie keinen rechten, ſondern verkehrten Glauben haben.

Modeſtin.

Wir werden uns aus dieſem Zweiffelund57und Schwierigkeit nicht auswickeln koͤnnen: ſo lange wir den Glauben nur alleine oder vornemlich in dem Begriff und Meinungen ſetzen, und an Mei - nungen und Conceptes binden. Wenn wir aber obiges feſte ſetzen: daß der wahre Glaube die Liebe GOttes und des Naͤchſten mit einem feſten Ver - trauen auf GOtt zum Grunde legen: Welchen Glauben auch Enoch, Abraham, Jſaac, Jacob und andere Vaͤter unter der Verheiſſung gehabt, noch ehe ein Buchſtabe von heiliger Schrifft verfaſſet ware: ohnerachtet dieſelbe gewißlich die Erkaͤnntnis von Chriſto, deſſen Leyden, Sterben und Auferſte - hung u. d. g. Glaubens-Articuln nicht ſo wie wir heute zu Tage gehabt haben: ſo wird man aus ſolchem Zweiffel und Schwierigkeit gar leichte kom - men koͤnnen.

Alamodan.

So waͤre es denn gleichviel was vor einen Glauben und Religion man haͤtte; ſie moͤchte Heydniſch, Mahometaniſch oder Chriſt - lich ſeyn.

Modeſtin.

Der Herr verzeihe mir, dieſes folget derowegen noch lange nicht, und confundiret er mir Glauben und Religion. Die Religion kan und iſt wircklich bey gar vielen ohne wahren durch die Liebe thaͤtigen Glauben: unter denen in der Welt uͤblichen Religionen iſt allerdings ein gar groſſer Unterſcheid; und hat allerdings die wahre Chriſt - liche vor der Mahometaniſchen und Heydniſchen, (welche mit vielen groben Jrrthuͤmern vermiſchet ſind) einen gar groſſen vortrefflichen Vorzug; wel - cher aber doch diejenige wenig helffen wird, welcheD 5durch58durch Verderbung des Sinnes und des durch die Liebe thaͤtigen Glaubens ermangeln.

Nicander.

Daß die Herren ihre Religion ſo ſehr uͤber andere erheben, ſcheinet mir aus dem Vorur - theil der Gebuhrt und Erziehung herzuruͤhren; und wo ſie unter denen Heyden, Tuͤrcken, Juͤden, oder einem andern Volcke gebohren und erzogen worden waͤren; wuͤrden ſie eben ihrer Vaͤter Meinungen beypflichten, und die Chriſtliche Religion ſchwerlich vorziehen. Jndem man bey euch ja faſt ſo abſurde Denteleyen und Grimmaſſen derer Pfaffen bey ih - rem Gottesdienſt ſehen und wahrnehmen kan, als bey verſchiedenen anderer Voͤlcker Religions-Ge - brauch und Ceremonien.

Modeſtin.

Mein werther Herr Nicander, er wirfft die Sachen, die zu entſcheiden ſind, auch ziemlich durcheinander: Weßwegen man den Grund der Sache etwas tiefer ſuchen, und das Aeuſſere von dem Jnnern, den Kern von denen Schaalen wohl entſcheiden muß, wo man die Sachen recht einſe - hen und beurtheilen will. GOtt iſt ein Geiſt, und die wahren Anbeter, beten ihn im Geiſte und der Wahrheit an, verehren, veneriren ihn von gantzem Hertzen, und ſetzen all ihr Vertrauen auf ihn. Was die aͤuſſerliche Ceremonien anlangt, ſind es gewißlich wohl recht indifferente Manieren; und iſt wohl wenig daran gelegen: ob man den aͤuſſer - lichen Reverentz gegen einen groſſen Herren nach der Landes-Art, nach Orientaliſcher, Griechi - ſcher, Jtaliaͤniſch, Spaniſcher, Frantzoͤſiſch oder Teutſcher Art mache: wenn nur das Hertz auf -richtig59richtig GOtt, ſeinen HErrn, und den Naͤchſten treulich meinet.

Alamodan.

So iſt es nach meines Herrn Mei - nung gleichviel: ob man in eine Roͤmiſche oder in eine Proteſtantiſche Kirche gehe; und dieſe oder jene Ceremonien ſo mitmache, wie es des Landes Brauch und Gewohnheit oder Mode mitbringet.

Modeſtin.

Jch halte das Land vor ſehr gluͤcklich, wo ein jeder die Freyheit hat, GOtt nach ſeiner Erkaͤnntniß, es ſey oͤffentlich oder ins beſondere zu dienen: Und daß es eine abſurde Gottesvergeſſene abominable Tyranney ſey, uͤber die Gewiſſen zu herrſchen; als welches GOtt dem HErrn alleine zuſtehet: welcher doch ſelbſten niemahlen, ſo wenig als auch Chriſtus der HErr, jemanden gezwungen zu einigen aͤuſſerlichen Satzungen, ſondern zu allen Zeiten nur hauptſaͤchlich das Hertz begehret. Und beſtehet die Vortrefflichkeit des Chriſtenthums vor andern Religionen nicht in pompoͤſen Ceremonien, ſondern es muß ſich in der Krafft beweiſen, daß es den Menſchen veraͤndert, erneuert, verbeſſert; und aus einem ſchnaubenden, herrſchſuͤchtigen, eifferen - den Saulo, einen ſanfften und demuͤthigen Pau - lum; aus einem geitzigen neidiſchen eigennuͤtzigen, einen liebreichen mittheilenden barmhertzigen; aus einem Wolluͤſten, Freſſer, Saͤuffer, Spieler u. d. g. einen maͤßigen keuſchen arbeitſamen Menſchen ma - che. Wo das Chriſtenthum nur in verſchiedenen Ceremonien, Meinungen, Begriffen beſtehet; ohne Aenderung des Sinnes und des Hertzens; da achte ich meines Ortes ein ſolches Bilder-Chri -ſten -60ſtenthum ſo gut als das Heyden - und Tuͤrcken - thum.

Alamodan.

Das iſt eine harte Rede. Wir Men - ſchen ſind ſchwache Creaturen; und iſt ja doch ein groſſer Unterſcheid zu machen zwiſchen einem Ma - hometaner, welcher Chriſtum nicht annim̃t; einem abgoͤttiſchen Heyden und einem Chriſten, welcher ſein Vertrauen auf Chriſtum als ſeinen Heyland und Seligmacher ſetzet.

Modeſtin.

Jch mache allezeit einen Unterſcheid zwiſchen einem wahren und einem Nahm-Chriſten. Ein wahrer muß von neuem gebohren ſeyn; und gilt in Chriſto weder Beſchneidung noch Vorhaut etwas, weder Tauff noch Abendmahl, ohne den wahren durch die Liebe thaͤtigen Glauben. confer. ad Galat. V. v. 6. c. VI. v. 15. Es iſt nicht genug zum Chriſtenthum von aͤuſſerlicher groben Abgoͤtterey frey zu ſeyn; es wird dazu auch erfodert: daß das Hertz (welches ein Tempel des Heiligen Geiſtes ſeyn ſoll) gereiniget werde von denen drey Univerſal - Goͤtzen, welche die Menſchen ohne Unterſcheid derer Religionen faſt bey allen Secten veneriren.

Alamodan.

Unſere Suͤnden zu tilgen haben wir doch einen Vorſprecher im Himmel, welcher vor uns genug gethan hat; und wenn wir das Wort GOttes fleißig anhoͤren, die Sacramenta oͤffters gebrauchen: koͤnnen wir verſichert ſeyn, daß wir ſeelig ſterben und mit GOtt vereiniget werden.

Modeſtin.

Daß der Gebrauch derer Ceremonien, welche man Sacramenta nennet, von denen heu - tigen Chriſten gar ſehr mißbrauchet werde, liegetam61am Tage: Wenn man derer meiſten Wandel ohn - partheyiſch ohne Vorurtheil anſiehet; und muß ſich uͤber unverſtaͤndiger Leute Urtheil verwundern; wenn ſie ſolchen aͤuſſerlichen Ceremonien eine ab - ſolute Macht oder Krafft ſelig zu machen beylegen will, welches ſich in der That und Wahrheit an ihnen nicht befindet. Denn ſelig ſeyn iſt Friede mit GOtt und ſich ſelbſt; ja mit allen Menſchen haben, ſo viel an uns iſt.

Nicander.

Wo ich meine Meinung hievon eroͤff - nen doͤrffte, wolte ich ein Gleichniß von denen Ta - ſchenſpielern nehmen, welche mit ihrem hocus pocus denen Leuten die Augen zu verblenden ſuchen: aber unſer Herr Alamodanus wuͤrde ſich uͤber mich aͤr - gern und erzuͤrnen: daß ich ſeine Heiligthuͤmer nicht beſſer reſpectirte. Allein er beliebe dabey zu erwe - gen: daß das, was er als ein beſonders Heilig - thum anſiehet, bey mir eine gantz indifferente Sa - che ſey; als der ich mich nach meiner Freyheit zu keiner andern, als einer der Vernunfft gemaͤſſen Religion bekenne. Solte mich Herr Modeſtin oder ein anderer convinciren: daß die Chriſtliche die wahrhafftigſte und beſte ſey, werde ich mich derſel - bigen gemaͤs zu betragen trachten.

Modeſtin.

Mein werther Herr Nicander! Jch als ein ſchwacher Menſch maſſe mir ſolches Ver - moͤgen ihn zu bekehren oder zu veraͤndern nicht an; GOtt muß es durch ſein Gnaden-Licht ſelbſt in ihm wuͤrcken; doch zweiffele ich nicht, daß wo er GOtt nur aufrichtig und inſtaͤndig anruffen wird, ohne Vorurtheil das neue Teſtament leſende, und gegenalle62alle Religionen haltende, er einen mercklichen Un - terſcheid gewahr und uͤberzeuget werden; daß ſolche Lehre aus GOtt ſey. Dabey er ſich an keine Exempel (ſie ſeyn boͤſe oder ſchwachglaͤubige) zu kehren; als welche nicht der Religion, ſondern de - rer Menſchen verkehrten Hertzen zuzumeſſen ſind. Will er aber Exempel anſehen: ſo betrachte er ſol - che, die da redliches und aufrichtigen Hertzens ſind. Da ihn die Erfahrung und genaues Aufmercken wohl lehren wird, was vor ein Unterſcheid unter Gnade und Natur ſeye. Zumahl wo er auf die We - ge der Goͤttlichen Haußhaltung mercken und acht haben will. Wie nemlich die Goͤttliche Weißheit diejenige, welche ſie in ihre Zucht nimmt, nicht ohne mancherley Zuͤchtigungen (ſonderlich inwendig) zu dero eigenen beſten ſeyn laͤſſet. Worinnen zwar die Goͤttliche Fuͤhrungen ſehr mannigfaltig und un - terſchieden ſind: Da aber endlich das Reich GOt - tes mit ſolcher Krafft in Gerechtigkeit, Friede und Freude in dem Heiligen Geiſte ſich erweiſet; daß es auch die Pforten der Hoͤllen nicht uͤberwaͤltigen moͤgen.

Nicander.

Wenn ich die Geſchichte derer alten Weiſen, als Confutii, Epicteti, Socratis, Epami - nondæ, Ageſilai, Ariſtidis, u. d. g. derſelben Tha - ten und tugendhafftes Leben betrachte; definde ich, daß das gute Temperament, Education und ange - wandter Fleiß zwiſchen ſolchen und dem gemeinen Hauffen einen maͤchtigen Unterſcheid gemachet. Alſo laß ich es auch gelten: daß wo Menſchen der Chriſtlichen Morale folgen, ſolche ſich vor anderndiſtin -63diſtinguiren, und alſo auch aller Ehren werth ſind: ob aber derentwegen die Chriſtliche Reli - gion die einige wahre ſeligmachende ſey, zweiffele ich noch; indem ja unter denen Heyden aller - dings ſolche Exempel angewieſen werden koͤnnen; welche dieſe Gluͤckſeligkeit, Ruhe und Frieden des Gemuͤths ſo wohl als verſchiedene Chriſten beſeſſen haben.

Modeſtin.

Lieber Herr Nicander, ich will ihm dieſes nicht beſtreiten; wie ich ihm es auch ſchon oben zugeſtanden habe: daß unter denen Heyden ſich welche befunden, die dem Lichte der Natur und der allgemeinen Gnade GOttes Folge leiſtende, zu der wahren Gluͤckſeligkeit eines Goͤttlichen Friedens und Ruhe des Gemuͤthes gelanget ſind; ob ſie gleich eine ſo groſſe und genaue Erkaͤnntniß von der Goͤttlichen Weißheit nicht gehabt haben moͤgen, als wir zu unſerer Zeit erlangen koͤnnen: indem ſich die Geheimniſſe der ewigen Weißheit von Grad zu Grade eroͤffnen, und nach ihrem Wohlgefallen austheilen. Doch iſt auch kein Zweiffel, daß ſie GOtt dem HErrn als das hoͤchſte vollkommenſte Weſen aller Weſen im Geiſte veneriret, angebetet, und in der Liebe ihres Naͤchſten dem Dictamini Na - turæ Folge geleiſtet haben, nach dem Maaß ihrer Erkaͤnntniß: wodurch ſie eben zu der Tugend ge - langet ſind. Wo ihme aber beliebet die Geſchichte genau einzuſehen und zu unterſuchen, wird er doch zwiſchen dem Leben und Thaten derer meiſten Phi - loſophen; und zwiſchen dem Leben, Thun und Lei - den; wie auch der Morale JEſu Chriſti, ſeinerApo -64Apoſtel, Juͤnger und derer erſten Chriſten einen großmaͤchtigen Unterſcheid finden.

Nicander.

Worinnen beſtehet denn derſelbe?

Modeſtin.

Es erhellet von ſelbſten; daß alle Voͤl - cker und Heyden zu allen Zeiten einen ſehr partheyi - ſchen Unterſcheid gemachet haben, zwiſchen ihren Landsleuten, Bunds-Genoſſen, und andern Men - ſchen. Dahero gar leicht um geringer Urſachen willen, theils aus Ambition, theils aus Geitz Kriege angefangen und miteinander gefuͤhret haben: Wel - ches aber durch und nach der Morale Chriſti gaͤntz - lich aufgehaben ſeyn ſollen: da derſelbe Matth. 5. befiehlet: Liebet eure Feinde, ſegnet die euch flu - chen, thut wohl denen die euch haſſen und beleidi - gen etc. Die Chriſtliche Religion erfodert eine all - gemeine Liebe gegen alle Menſchen: als welche alle nach dem Urſprung der Schoͤpffung und nach dem Grunde der Herwiederbringung durch Chriſtum Kinder eines Vaters ſind.

Alamodan.

So haͤlt denn der Herr Modeſtin da - vor: es ſeye denen Chriſten nicht erlaubet Kriege zu fuͤhren; das waͤre ja recht Quackeriſch!

Modeſtin.

So muß nothwendig Chriſtus ſelbſt und die heiligen Apoſtel in obangezogenen und an - dern dergleichen Spruͤchen; ja auch ſein und ſeiner Juͤnger Exempel, den Grund zu dieſer Quackerey geleget haben. Jhm aber auch ohne Partheylich - keit die Wahrheit zu bekennen: geben denen Qua - ckern, (auch ſelbſt unter denen Roͤmiſch-Catholi - ſchen) welche das Zeugniß: daß ſie in ihrem Lebenund65und Wandel unſtraͤfflich ſind; wie hievon des be - ruͤhmten Herrn Voltaire Lettres ſur les Anglois nachgeſehen werden koͤnnen. Daß aber die meiſte Partien unſerer heutigen Chriſten eine gantz con - traire Lehre und Leben fuͤhren; und ratio ſtatus: das iſt Ehr - und Geld-Geitz mehr gilt als die Gebote Chriſti / benimmt der Wahrheit gar nichts.

Alamodan.

Haͤlt er denn die da Kriege fuͤhren / deßwegen vor keine rechtſchaffene Chriſten? Es iſt ja nach dem Geſetz der Natur und aller Voͤlcker er - laubet ſich zu defendiren / und Gewalt mit Gewalt zu vertreiben.

Nicander.

Jch halte davor: daß Herr Alamodan hierinnen allerdings recht habe. Soll man ſich be - ſchimpffen / berauben und unrecht thun laſſen? Das waͤre ja wieder alle Billigkeit und Recht.

Modeſtin.

Dieſe Sach und Frage laſſe ich eines jeden Gewiſſen zu decidiren anheim geſtellet ſeyn: Wobey ich aber das bedinge: daß er mehr dem Geiſt Chriſti / als dem Geiſt der Welt in ſich Raum und Gehoͤr gebe. Was einem Kinde / oder auch einem Menſchen von ſchwachem Verſtande zuweilen er - laubet iſt / und an ſelbigem entſchuldiget wird; iſt hin - gegen einem verſtaͤndigen tugendhafften Mann nicht zugelaſſen. Je mehr der Menſch am Jnwen - digen / in der neuen Gebuhrt aus GOtt zunimmt und ſtarck wird im Glauben und Vertrauen auff den allmaͤchtigen / allgenugſamen / allgegenwaͤrti - gen GOtt; und je mehr er im Gegentheil ſein eigen Nichts erkennet: jemehr uͤberlaͤſſet er ſich GOtt in gewiſſeſter Zuverſicht / daß wenn dieſer groſſe all -Emaͤch -66maͤchtige Jehova (welcher alles lencken kann nach dem heil. Wohlgefallen ſeines Willens / und der ſein Auge gerichtet hat auff die ſo ihn von Hertzen lieben) ihn erhalten / beſchuͤtzen und beſchirmen will; ihme gewiß auch keine Macht werde ſchaden koͤnnen noch wollen. Es lehren es auch die Exempel / daß diejenige, die ſich von gantzem Hertzen auff den HErrn verlaſſen haben / viel gluͤcklicher gefahren / als diejenige / welche ſich auff ihren Arm und Macht verlaſſen haben.

Alamodan.

Will er denn die Soldaten und deren Profeßion verdammen.

Modeſtin.

Das ſey ferne von mir! ich weiß / daß unter allerley Volck und Profeßion fromme gotts - fuͤrchtige Leute gefunden werden. Jch ſehe die Sol - daten an / als ſcharffe Richter und Executores der goͤttlichen Gerechtigkeit: Laſſe aber einem jeden Ver - ſtaͤndigen / der GOtt uͤber alles und ſeinen Naͤch - ſten als ſich ſelbſt wahrhafftig liebet / urtheilen: Ob es nicht beſſer ein Werckzeug der Liebe / der Barmhertzigkeit / und des Friedens zu ſeyn / als des Zorns / Grimmes und Verderbens? Da ein jeder der nicht blind ſeyn will / den Unterſcheid leicht ſehen und erkennen kan; wo ihn nicht ratio ſtatus verblendet.

Nicander.

Wir leben in einer boͤſen und verkehr - ten Welt; und wo man ſich denen Boͤſen nicht wie - derſetzen wollte / wuͤrde es bald drunter und druͤber gehen. Dahero auch Obrigkeiten / als Goͤttliche Ordnunzen / das Schwerdt nicht umſonſt fuͤhren.

Modeſtin.

Der Herr hat in dieſem Stuͤck gantzrecht;67recht; es iſt auch die Goͤttliche Ordnung in tiefeſter Demuth zu verehren; und denen Obern billig im aͤuſſern allen Gehorſam zu leiſten. Und was ſolche Obere betrifft / welche ſich als Amptleute und ſub - ordinirte unter GOtt betrachten; und gegen ihre Unterthanen ſo auffuͤhren / die werden auch nichts leichtſinnig unternehmen / welches mit dem Willen ihres Souverainen ſtreitet. Solche Unterthanen ſind ſehr gluͤcklich zu ſchaͤtzen / welche dergleichen Herren haben / die ſich nicht als eigenmaͤchtige und eigen - ſinnige Tyrannen auffuͤhren: ſondern einen GOtt uͤber ſich erkennen / welchem ſie von ihrem Regiment Rechenſchafft zu geben alle Augenblick bereit ſind; auch ſind ſolche Herren aller Liebe und Ehren werth.

Nicander.

Alleine mein werther Herr Modeſtin, da die Chriſtliche Religion nach denen Befehien ih - res HErrn JEſu Chriſti erfordert: ſich ſelbſt zu verlaͤugnen / Gewalt mit Gewalt nicht zu vertreiben; ſondern dem / der dich auff den einen Backen ſchlaͤget / den andern auch darzuhalten; und dem der den Mantel nehmen will / auch den Rock fahren zu laſ - ſen / welches der Natur gantz zuwider iſt; ſo halte ich die natuͤrliche Religion vor viel beſſer und raiſo - nabler, als dieſe Befehle.

Alamodan.

Dieſe Dinge ſtreiten nicht miteinan - der; und iſt der Zweck Chriſti nicht / daß alle Ge - walt ſollte auffgehoben werden; ſondern er will nur / daß man ſich ſelbſt nicht raͤchen / die Sache aber der Obrigkeit uͤbergeben und zu decidiren uͤberlaſſen ſoll.

Modeſtin.

Der Herr Nicander ſagte in ſeinem ge