PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Der fliegende Menſch.
ein Halbroman,
Dresden und Leipzig, in derBreitkopfiſchen Buchhandlung. 1785.

Der fliegende Menſch.

Es war im November 1776, als ich mit der Diligence von Lion nach Paris zu - ruͤck kehrte. Wir waren ihrer achte in dem Wagen: ein Benediktiner, ein Schauſpieler, zwey Schauſpielerinnen, ein Advokat, ein Kaufmann, ein, ich weiß nicht wer, und ich; ungerechnet einen Affen, ſechs Hunde, drey Pappo - geyen, zwey Perruͤchen, ein Angala, und die menſch - lichen Weſen, die oben auf ſaſſen.

Der Benediktiner war der groͤßte Spaniolſchnu - pfer in ganz Europa, der groͤßte Weinverſtaͤndige und der feinſte Kenner guter Biſſen. Diejenige von den beyden Schauſpielerinnen, welche die Koͤniginn vorzuſtellen pflegte, war ſo ausgelaſſen, wie die R**, der ſie in der Bildung ſo gleich ſahe, daß ich ſie an - faͤnglich dafuͤr hielt, und ſo nichtswuͤrdig, wie died. fl. Menſch. AS**.2S**. Das Kammermaͤdchen war ernſthaft, tief - ſinnig, anſtaͤndig in ihren Geſpraͤchen, und beynahe ſo liebenswuͤrdig, als die zaͤrtliche Fannier. Der tragiſche Schauſpieler glich an Schoͤnheit dem P*il und ſpielte eben ſo ſchlecht: er hatte eine Unver - ſchaͤmtheit und einen ſtinkenden Stolz, der aber doch mit des *** ſeinem nicht in Vergleichung kommt. Der Advokat, den ich ſeiner Verkleidung ungeachtet erkannte, war ein beruͤhmter Mann, den ich wenig ſchaͤtze, und noch weniger liebe, gehaßt, verfolgt, ſelbſt ein Verfolger und ſogar ein Verlaͤumder. Der Kaufmann, ein ehrlicher, ſehr reicher und ſehr ein - faͤltiger Mann, viel, trank viel, ſchlief noch beſ - ſer, ſchnarchte fuͤr vier Mann, und nahm beynahe eben ſo viel Taback, als der Benediktiner, mit dem er ſich von irdiſchen Dingen unterhielt. Der, ich weiß nicht wer, war ein Mann weder alt noch jung, weder ſchoͤn noch haͤßlich, weder dick noch ma - ger, weder groß noch klein; ſchien weder reich noch arm, weder witzig noch dumm; ſprach weder zu viel noch zu wenig, von allem, war mit allem zu - frieden, und ſein ganzes Betragen zeigte, daß er nichts auf der Welt weder haßte noch liebte. Was mich endlich betrifft, ſo bin ich ein zu außerordent - liches Original, als nicht auch ein Wort von mir ſelbſt zu ſagen.

Man ſtelle ſich einen kleinen Menſchen vor, der ſich ſo ungeſchickt traͤgt, daß er ganz verunſtaltet ſcheint; deſſen traurige und tiefſinnige Miene, ſein zwiſchen zwey hohen Schultern verſteckter Kopf, ſein unordentlicher und unentſchloſſener Gang ziemlichnatuͤr -3natuͤrlich einen Acephal aus Guiane*)Eine Art Menſchen in Amerika, deren Cortal in ſeinen Reiſen S. 58 erwaͤhnt, und welche den Kopf auf der Bruſt haben. vorſtellen; der allein, und in Geſellſchaft mit ſeinen Gedanken ſich ſo beſchaͤftigt, daß er laut lacht, ſchreyt und weint, ohne daß ſeine Geſellſchafter wiſſen warum; furchtſam und unbaͤndig ohne Maaß, der zwar die Vergnuͤgungen liebt, aber aus Stolz die Gegenſtaͤn - de, die ſie ihm verſchaffen koͤnnen, verabſcheuet; der Duldung predigt, und nicht den geringſten Wi - derſpruch leiden kann Dies iſt mein ungeſchmei - cheltes Bildniß, unter dem vielleicht jemand L-g-t ſetzen koͤnnte, aber ich erklaͤre, daß ich es nicht bin.

Die uͤbrigen Weſen, die in den Wagen gehoͤr - ten, waren um ein wenig mehr werth, als wir. Dasjenige unter ihnen, welches den geringſten Werth hatte, war juſt das Geſchoͤpſ, welches uns am mei - ſten gleicht, ich meyne der Affe: indeß war er ein Philoſoph, (den Beweis davon findet man in einem Briefe von ſeiner Art, welcher dieſem Werke beyge - fuͤgt werden ſoll). Jch war bald den Moͤnch, den Schauſpieler und auch den Kaufmann uͤberdruͤßig; die beyden Schauſpielerinnen hatten mich hingegen bald ſatt, ſo daß nach Verlauf zweyer Tage niemand als der, ich weiß nicht wer, zu meiner Unterhal - tung uͤbrig blieb. Dank ſey es ſeinem Charakter, er duldete mich ſo lange, als ich es verlangte. Un - vermerkt lernten wir einander naͤher kennen; und daA 2ich4ich noch einige gute Eigenſchaften beſitze, deren ich nicht erwaͤhnt habe, ſo ſchenkt er mir ſeine Freund - ſchaft. Dies geſchah ohngefaͤhr am Abend des vier - ten Tages.

Wer ſind ſie? fragt er endlich.

Jch beantroortete ſeine Frage mit der Beſchrei - bung, die ich eben gemacht habe.

Das eben, nicht ihren Stand und ihre Lage, war es, was ich wiſſen wollte, erwiderte er.

Mein Name iſt, fuhr ich fort, Gevatter Niklas. Jch bin Schaͤfer, Winzer, Gaͤrtner, Bauer, Moͤnch auf der Probe, Handwerksmann in einer Stadt, ver - heirathet, Hanrey, Schwelger, ehrbarer Mann, Thor, Witzling, Unwiſſender und Philoſoph geweſen; kurz ich bin Schriftſteller. Jch habe eine Menge Werke geſchrieben; die mehreſten ziemlich ſchlecht, aber ich habs gewußt; ich war ſo klug mich deshalb zu ſchaͤmen, und mir ſelbſt nachzuſagen, daß ich ſie blos herausgegeben um zu leben, und meine und mei - ner Frauen Kinder zu ernaͤhren; denn freylich alles das, wofuͤr ich mich angegeben, kann man leicht ſeyn; aber die Kinder haben ſich nicht ſelbſt gemacht, und jemand muß ſie doch ernaͤhren.

Das wichtigſte von meinen Werken iſt der Ge - vatter Niklas, naͤmlich meine eigene Lebensbeſchrei - bung. Jch zergliedere darinn das menſchliche Herz, und ich hoffe, daß dieß auf meine K[oſten]geſchriebe - ne Buch, auch das nuͤtzlichſte unter allen Buͤchern ſeyn ſoll, weil ich mich darinne ganz ohne Ruͤckſicht zerlege, und wie ein neuer Kurtius zum Beſten mei -ner5ner Mitmenſchen aufopfere. Auch arbeite ich noch an einem andern, unter dem Titel: die Eule; an einem andern

Halblaͤchelnd unterbrach mich der Jch weiß nicht wer. Sie ſind mein Mann, und ſollen mein Geſchichtſchreiber werden. Jch habe ihnen ganz ſonderbare Dinge zu entdecken. Es kommt nicht darauf an, daß ſie ſolche wahrſcheinlich machen; denn ſie ſinds nicht. Jch ſpreche franzoͤſiſch, wie ſie, habe eben ſo wenig einen Provinzialton, als ſie, bin nicht weißer noch ſchwaͤrzer, und doch ſcheidet ein ganzer Erddurchmeſſer mein Vaterland von dem ihrigen. Jch bin auf der ſuͤdlichen Halbkugel im 00 Grade des Aequators und im 00 der Laͤnge auf ei - ner Jnſel die Chriſtininſel genannt, gebohren.

Er ſchwieg. Jch betrachtete ihn mit Staunen. Da aber ſein Stillſchweigen anhielt, nahm ich voll von mancherley Gedanken das Wort Wie! ſagt ich zu ihm ſo waͤr es denn moͤglich, daß die Natur auf beyden Halbkugeln ſich verdoppelte, und daß man auf der naͤmlichen Breite nicht nur eben dieſelben Pflanzen, eben dieſelben Thiere, ſon - dern auch die naͤmlichen Menſchen, die naͤmlichen Reiche und Voͤlkerſchaften von einerley Mundart faͤn - de! Ah welch eine herrliche Entdeckung waͤre das! Sicher wuͤrde ihre Geſchichte denn bewundernswuͤr - dig und wichtig genug ſeyn, um mein Gluͤck zu ma - chen, und mich aus der Duͤrftigkeit zu reiſſen, in welcher ich ſeit dem Fluche meines Vaters ſeufze: denn ſie muͤſſen wiſſen, daß ich verflucht wordenA 3bin,6bin, und daß dies die Urſach meiner Armuth und Hanreyſchaft iſt.

Der Suͤdmann ſchuͤttelte den Kopf, und fragte, warum man mir den Fluch gegeben habe? Jch er - zaͤhlt ihm meine ganze Geſchichte, ſo wie man ſie in gewiſſen Briefen antrifft, die aber erſt nach meinem Tode bekannt gemacht werden ſollen. Noch immer ſchuͤttelt er den Kopf; doch antwortete er nichts auf meine Erzaͤhlung.

Wir nahten uns der Hauptſtadt. Da unſer Geſpraͤch ſehr einſeitig geweſen war, ſo wollten wir, des Anſtands wegen, beym Auseinanderſcheiden un - ſern Reiſegefehrten keine uͤble Meynung von uns beybringen; machten ihnen daher viel Komplimente und Lobeserhebungen, und erhielten ſie gleichmaͤßig von allen, die nichtswuͤrdige Schauſpielerinn aus - genommen, die den Weihrauch zwar einnahm, aber niemanden opferte, alles zu verdienen, aber nichts ſchuldig zu ſeyn glaubte. Endlich langten wir an.

Der Benediktiner erhob ſich zuerſt um abzuſtei - gen; er ſchuͤttelte ſein Kleid ab, und machte uns alle, den Kaufmann ausgenommen, ſechsmal nieſen. Wir trennten mit einer ſolchen Gleichguͤltigkeit, als haͤtten wir uns nie geſehen. Die Schauſpieler und Schau - ſpielerinnen nahmen ihre Wohnung im Carruſſel; der Benediktiner zu Saintgermain-des-pres; der Advokat in der Straße de-la-Calendre; der Kaufmann in der Straße des-Bourdonnais. Die Hunde, Pappogeyen, der Angala folgten wahr - ſcheinlich ihren Gebieterinnen. Jch, meines Theilsnahm7nahm den, ich weiß nicht wer, mit in meine Be - hauſung, ohne doch den Affen zu vergeſſen, der mir ein beſonderes Geſchoͤpf zu ſeyn ſchien.

Nachdem wir unſere Sachen in Ordnung ge - bracht und ausgeruht hatten, erneuerten wir unſer Geſprach mit mehrer Freyheit, als in der Lioner Diligence.

Jch will ihnen nicht laͤnger ihren Jrrthum laſ - ſen, ſprach der Suͤdmann; die Einwohner der ſuͤd - lichen Halbkugel, ſind gaͤnzlich von den Menſchen dieſer hier unterſchieden; dieſe einſamen Weltſtriche ſind von allen abgeſondert, und alles iſt da ſo geblie - ben, wie es aus den Haͤnden der Natur kam; in Europa, Aſien, ja ſelbſt in Afrika hingegen ſind die Weſen ſo zu ſagen amalgamirt und vervollkommt, oder wenigſtens haben die vollkommenſten, diejeni - gen von der naͤmlichen Gattung, die ihnen im Wege waren, oder verunſtaltet ſchienen, zernichtet.

Auf der ſuͤdlichen Haͤlfte ſieht man juſt das Ge - gentheil; nichts hat ſich vermiſcht; die halb voll - kommenen Weſen ſind bis auf den heutigen Tag ſo geblieben; ihr Anſehen iſt daher fuͤrchterlich, und die Europaͤer wuͤrden ſie gewiß zu Grunde richten. Dies iſt die Urſach, warum wir es fuͤr gut gefunden haben, unſer Land verborgen zu halten. Wir ha - ben ein Geſetz, welches alle Fremden, die dem Lande ſich naͤhern, es ſey mit einem ordentlichen Schiffe oder durch Schiffbruch, da zu behalten und ihnen die Ruͤckkehr in ihr Vaterland zu verwehren gebietet.

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Doch behandelt man ſie ſo, daß ſie ihren Ver - luſt zu bedauern keine Urſach haben. Sie genuͤßen alle buͤrgerliche Vortheile, ohne deren Muͤhſeligkei - ten tragen zu duͤrfen: erſt ihre Kinder treten in die allgemeine Ordnung ein.

Ferner haben wir nicht mehr als ein Fahrzeug, welches ſtets auf Koſten des Staats, und nie von Privatperſonen unterhalten wird; es ſteht jederzeit unter den Befehlen der Prinzen von Gebluͤte, die, aus Urſachen, die du bald erfahren ſollſt, nicht zu hintergehen ſind. Denn ich ſteh im Begriff dir eine Erzaͤhlung zu thun, die dich ſtaunen machen wird.

So weit kamen wir den erſten Tag. Meine Neugierde war auf eine unbeſchreibliche Art erregt worden, daß ich den folgenden Morgen mit der groͤß - ten Ungeduld erwartete. Endlich erſchien dieſer ſo erwuͤnſchte Morgen. Wir nahmen unſere Chocolate ein, und nach dem Fruͤhſtuͤck fuhr mein Freund alſo fort.

Jch bin ein gebohrner Franzoſe, wie faſt alle meine Landsleute. Wir wohnen auf einer ſehr ſchoͤ - nen Jnſel, jenſeit des ſuͤdlichen Wendekreiſes, von uns mit dem Namen unſerer erſten noch lebenden Koͤniginn belegt. Sie liegt mit Frankreich unter einer Mittagslinie. Tag und Nacht treten da zu den naͤmlichen Stunden wie hier ein.

Jch habe ihnen bereits geſagt, daß ein Geſetz den Einwohnern weite Reiſen unmoͤglich macht. Daher koͤnnen ſie leicht glauben, daß ich mit Ge - nehmhaltung der Oberſten meiner Nation reiſe.

Unter9

Unter allen Menſchen, den ich bisher auf meiner ſechs monatlichen Wanderung durch die mittaͤgigen Gegenden Frankreichs begegnet habe, ſind ſie der ein - zige, dem ich mich entdecken zu koͤnnen glaube, und von dem ich hoffe, daß ſie mir in meinen Unterſu - chungen behuͤlflich ſeyn werden. Weder Schaͤtze noch Reichthuͤmer ſind die Abſicht meiner Reiſe, ſon - dern ein weit wichtigerer Gegenſtand. Jch ſuche die Freundſchaft eines Weiſen vom erſten Range, eines Weltweiſen, der uͤber den gemeinen Haufen er - haben iſt, wie Rouſſeau, Voltaͤre oder Buͤffon, und der einwilligte, ſich mit mir durch diejenigen unſerer Prinzen von Gebluͤt wegfuͤhren zu laſſen, in deren Gewalt es ſteht, ſich kuͤnſtlicher Fluͤgel zu bedienen, und damit die ganze Welt zu durchreiſen. Noch heut will ich ihnen die Geſchichte des weiſen Sterblichen erzaͤhlen, dem wir den Urſprung der vortrefflichſten aller Regierungen zu verdanken haben. Aber vor - her wuͤnſcht ich von ihnen Belehrung wegen gewiſſer mir unbekannten Dinge zu erhalten.

Welche von ihren großen Maͤnnern moͤchten zum Beyſpiel wohl Luſt haben, ſich in die Suͤdlaͤnder bringen zu laſſen.

Keine leichte Frage! war meine Antwort. Un - ſere groͤßten Maͤnner ſind Voltaͤre, Rouſſeau und Buͤffon: Es iſt noch ein gewiſſer Franklin, Geſand - ter der vereinigten Staaten in Amerika hier, der viel - leicht ein Mann fuͤr ſie waͤre; aber es iſt nicht wahr - ſcheinlich, daß er das Jntereſſe ſeines Landes preis ge - ben werde, um das Gluͤck eines andern zu befoͤrdern.

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Der Herr von Voltaͤre iſt zu alt; in juͤngern Jahren wuͤrden ſie ihn leicht bekommen haben; aber. er hat zu viel Geiſt. Kaum iſt dieſer ſchoͤne Fehler hier bey uns ertraͤglich, wo man doch ohne Gefahr allen moͤglichen Verſtand haben kann, bey ihnen, glaub ich, wuͤrd er nicht damit fort - kommen.

Der Herr von Buͤffon ſchickte ſich wohl beſſer dazu, aber er befindet ſich hier allzuwohl, als daß er Luſt uns zu verlaſſen haben ſollte.

Es iſt alſo blos noch Rouſſeau uͤbrig; Jhn, glaub ich, werden wir leicht bekommen koͤnnen; Er hat Grund mit uns unzufrieden zu ſeyn, und wird uns daher gerne verlaſſen. Damit aber ſein Ver - ſchwinden nicht allzuviel Lermen mache, muͤſſen wir mit ihm ſelbſt Abrede treffen. Er mag ſich ſtellen, als ſey er geſtorben.

Der Marquis von Girardin, zu dem er ſeine Zuflucht genommen, errichte ihm zum Schein ein Grabmaal, und an dem naͤmlichen Tage, als ſein ploͤtzlicher Tod ganz Europa, des Verluſtes wegen in Trauren ſetzen wird der wirklich wichtig fuͤr uns iſt moͤgen eure Prinzen von Gebluͤte ihn wegfuͤhren.

Der Suͤdmann umarmte mich vor Freuden, und um meine Leſer nicht in Ungewißheit zu laſſen, will ich ihnen mit zwey Worten ſagen, daß dieſer Raub auf die gluͤcklichſte Art von der Welt ausge - fuͤhrt worden iſt. Niemand als zwey Freunde vonRouſſeau11Rouſſeau und ich hatte Wiſſenſchaft davon. Jch werde lebenslang ein Stillſchweigen daruͤber beob - achten, und dieſe Begebenheit ſoll nicht eher, als nach meinem Tode bekannt werden. Erſt die Nach - welt mag es erfahren, daß in dem Grabmaal zu Er - menonville nichts befindlich iſt.

Jetzt nahm der Suͤdman das Wort und erzaͤhlte mir folgende außerordentliche Begebenheiten.

Vor ungefaͤhr ſiebzig Jahren erfand ein junger Mann aus der Dauphine das Geheimniß zu flie - gen zu fliegen wie die Voͤgel, wenn ich mich deutlich erklaͤren muß. Liebe war der Beweg - grund, welche ihn die Sehnſucht zum Fliegen einfloͤßte.

Victorin ſo hieß dieſer Dauphineſe der Sohn eines bloßen Fiſcalprocurators, verliebte ſich ſterblich in die ſchoͤne Chriſtine, die Tochter ſeines Edelmanns.

Chriſtine war die Schoͤnheit ſelbſt, wenigſtens die Schoͤnſte, welche Victorin je geſehen hatte: Er dachte nur an ſie; die Liebe verzehrte ihn; und da keine Hoffnung ſeine Leidenſchaft unterſtuͤtzte, ward ſie fuͤr ihn die heftigſte Folter. Jmmer ſuchte der Juͤngling nichts als Einſamkeit, und wenn er ſich in einer angenehmen laͤndlichen Gegend, zwiſchen Huͤ - geln mit Baͤumen umkraͤnzt befand, glaubt er die Luft der Freyheit und jener ehemaligen ſanften Gleich -heit12heit der Menſchen einzuathmen: denn nichts auf der Welt verſetzt den Menſchen ſtaͤrker in ſeinen natuͤrli - chen Zuſtand, als ein freyes angebautes Feld, das von Wald oder wuͤſten Aeckern umgeben iſt; ſteigt man zumal einen Huͤgel hinan; o dann bemaͤchtigt ſich unſer eine ſanfte Empfindung unbekannt in be - wohnten Gegenden, und zumal hier, wo man nur kuͤnſtliche Waͤlder ſieht, und wo alles das Gepraͤge der Vertheidigung und der Einſchraͤnkung traͤgt.

Es befand ſich in dem Hauſe des Fiſcalprocura - tors ein Bedienter, der ein ziemlicher Taugenichts, aber dabey ein großer Leſer war, Johann Vezinier mit Namen. Dieſer Burſche hatte die ſchoͤnen und wah - ren Begebenheiten des Fortunatus geleſen, der durch Huͤlfe ſeines Wuͤnſchhuͤtleins ſich nebſt ſeiner Schoͤnen, wohin er wollte, begab, den Michel Morin die Ehe des Todes mit dem Todten - graͤber; das Buͤchlein von der Geburt der kleinen Morats und ihrer Kinder, die Erde anſtatt des Brods aßen ꝛc. dieſem Burſchen, deſſen Verſtand mit ſo viel ſchoͤnen Kenntniſſen ausgeziert war, ent - deckte Victorin ſein ganzes Verlangen Fluͤgel zu ha - ben, um zu fliegen.

Johann Vezinier hoͤrt ihn mit ernſter Mine an, und nachdem er laͤnger als drey Viertel Stunden nachgedacht hatte, antwortet er: das iſt nicht unmoͤglich.

Victorin ganz außer ſich, huͤpfte fuͤr Freuden, und bat den Vezinier, der viel Anlage zu ſolchen klei - nen Erfindungen hatte, Hand ans Werk zu legen, undmit13mit einander zu verſuchen, was ſie zuwege bringen koͤnnten.

Dem zu Folge verbargen ſie ſich, und ſuchten ſo viel Zeit als moͤglich auf dieſe nuͤtzliche Beſchaͤfti - gung zu wenden. Sie ſetzten verſchiedene Raͤder zu - ſammen, die eine Bewegung verurſachten und brach - ten ein Raͤderwerk von Holze zu Stande, welches zwey leinene Fluͤgel bewegte. Dieſe ſchwere Ma - ſchine konnte einen Menſchen von der Erde empor heben; aber nur eine ſehr ermuͤdende Anftrengung vermochte die Raͤder in Gang zu bringen. Jndeß entſchloß ſich der erfinderiſche Vezinier doch es zu ver - ſuchen, weil er den Sohn ſeines Herrn nicht der Ge - fahr ausſetzen wollte.

Sie giengen hinaus auf einen Berg, ſtiegen auf einen Felſen, und von da uͤberließ ſich Vezinier dem Winde. Er hatte ſeinen Fluͤgeln eine gewiſſe Bie - gung, wie der Voͤgel ihre gegeben, im ganzen aber glichen die ſeinen faſt durchgaͤngig denen einer gro - ßen Fledermauß. Es fand ſich dabey ein unvorher - geſehenes Hinderniß, man mußte ſich blos dem Win - de uͤberlaſſen, weil die Fluͤgel keine fortſchreitende Bewegung hatten. Dem ungeachtet flog er ziemlich weit. Der junge Victorin, als er dies ſahe, war fuͤr Freuden außer ſich, denn er ſchloß, daß durch einen neuen Zuſatz, und mit etwas leichtern Fluͤgeln es moͤglich ſeyn wuͤrde, ſich außer der fortſchreiten - den Bewegung auch eine erhebende zu geben, um hoͤher, und eine erniedrigende, um herab zur Erde zu ſteigen.

Johann14

Johann flog ſo weit, als ſeine Kraͤfte erlaub - ten; aber in weniger als einer Viertelſtunde waren dieſe erſchoͤpft; er ſuchte durch eine mindere Bewe - gung auf die Erde zu kommen. Und Victorin lief hinzu, um zu verhindern, daß er im Niederlaſſen kei - nen Schaden naͤhme; denn er fiel gerade auf den Leib und das Geſicht.

Nach dieſem Verſuch unterhielten ſich Victorin und Johann von nichts, als von ihren Fluͤgeln, und was ſie machen wollten, wenn ſie weiter fliegen koͤnnten.

Victorin dachte nur auf Chriſtinen; dieſe wollte er weg und auf einen unbeſteigbaren Berg fuͤhren, um da allein mit ihr zu leben.

Johann Vezinier aber hatte ganz andere Plaͤne. Er wollte ſich an ſeinen Feinden raͤchen und ſie von oben aus der Luft toͤdten. Er wollte die Maͤdchen aus dem Orte wegholen, die ſeine Hand wegen ſeiner Nichtswuͤrdigkeit verſchmaͤht hatten, ſich nach Ge - fallen mit ihnen vergnuͤgen und denn entehrt ihren Eltern wiederbringen. Vorzuͤglich hatte er ſein Ab - ſehen auf eine gewiſſe Ednier Boiſſard, die Toch - ter eines Schulmeiſters, das ſchoͤnſte mannbare Maͤdchen, die aber den Sohn des Marſchalls ihm vorzog.

Victorin war mit dieſen Entwuͤrfen des Vezi - nier eben nicht zufrieden; und macht ihn oft Vor - ſtellungen deshalb; da er ihn aber noͤthig hatte, wagt er nicht ganz mit ihm zu brechen.

Endlich15

Endlich brachten ſie ihre Fluͤgel zur Vollkommen - heit: durch einige Zuſaͤtze und durch den Gebrauch des Taffets anſtatt der Leinewand, gelangten ſie da - hin, ſich eine gerade fortſchreitende Bewegung zu geben, ſich nach Belieben umzuwenden, in gerader Linie zu erheben und niederzulaſſen. Jhre Uebungen ſtellten ſie aufm Felde an einſamen Oertern an. Beyde flogen zuſammen; aber ungluͤcklicher Weiſe ſprang eine Feder des Vezinier, und er fiel von einer gewaltigen Hoͤhe in einen Teich hinab und ertrank.

Victorin war nicht ſtark genug ihm zu helfen. Er kehrte nach Hauſe und erzaͤhlte das Ungluͤck des Bedienten, ohne die Urſache davon anzugeben. Man eilte zum Teich und zog Vezinier heraus; was die beſchmutzte Maſchine, mit der er geharniſcht war, bedeuten ſollte, wußte niemand. Victorin zerſchnitt ſie mit Bedacht in Stuͤcken, um ihn davon los zu machen, und zerbrach die Raͤder, damit man da - von nichts merken ſollte.

Johann ward voͤllig todt nach Hauſe geſchafft. Vielleicht waͤr er wieder zum Leben zu bringen ge - weſen, wenn man die neuerlich in Frankreich ge - machten Endeckungen gekannt haͤtte; aber die Mit - tel, welche man damals anwandte, dienten nur ſei - nen Tod zu beſchleunigen.

Nun war Victorin allein, und ſeinem eigenen Genie uͤberlaſſen. Oft kehrt er in jene Einſamkeit zuruͤck, um da uͤber ſeinen Entwurf nachzudenken, ſich mit Chriſtinen zu beſchaͤftigen, und zugleich ſeine junge Seele mit dem Ambroſia der Freyheit zu erquicken.

Einſt16

Einſt als er in einer abgeſonderten Gegend ſich befand, ſah er zwey große Voͤgel, vermuthlich wa - ren es Stoͤrche hernieder fliegen; durch irgend einen Zufall hatten ſie ſich von ihrem Haufen ge - trennt, und ſtiegen neben einander herab, um ihre Nahrung zu ſuchen. Victorin ſah ſie mit Bewun - derung an.

Ach! koͤnnt ich fliegen wie ihr, ruft er aus, dies wuͤrd in den Augen der Chriſtine mehr als ade - liche Abkunft gelten! Jch wollte ſie entfuͤhren, ſie anbeten, und ihr alles, was ſie verlangte, geben, ich wollt ihr ein artiges und bequemes Neſt auf ei - nem ſteilen Felſen, geſichert gegen alle menſchliche Anfaͤlle bauen; wie gluͤcklich wollten wir ſeyn! ich wuͤrde ſie eben ſo ſtark, als ſie mich lieben, und wenn wir nach zehn Jahren artige Kinder, ſo ſchoͤn wie ſie, haͤtten, wollt ich zu dem Herrn von *** ihrem Vater gehen, und ihm eine von meinen Toͤchtern aͤhn - lich ihrer Mutter bringen, und ſagen: hier mein Herr, geb ich ihnen ihre verjuͤngte Tochter wieder. Wie geht das zu, Victorin, wuͤrd er erwiedern, wo diſt du ſeit zehn Jahren geweſen? Aber ohne Ant - wort wuͤrd ich meine Fluͤgel ausbreiten, die bishet ein großer Mantel vor ihm verdeckt hatte und davon fliehen; da ſollt er ſchoͤn ſich wundern! und er wuͤr - de meine Tochter, die wir genau zuvor unterrichtet haͤtten, fragen:

Wer ſind ſie, mein ſchoͤnes Kind, und wo kommen ſie her?

Von17

Von meinem Vater und Mutter, gnaͤdiger Herr, waͤre ihre Antwort, die ſich recht zaͤrtlich lie - ben, und die in einem ſchoͤnen aus lautern Gold, Silber und Seide zuſammengeſetzten Neſte erbaut auf einem ſehr hohen Felſen wohnen.

Und wer iſt ihr Vater?

Sie haben ihn gleich geſehn, gnaͤdiger Herr!

Aber ihre Mutter?

Jhr Name iſt Chriſtine von *** Jhr Gnaden.

Sogleich wuͤrde der Herr von *** mit thraͤnen - den Augen ſie umarmen und ausrufen: das iſt mei - ne Tochter! Aber uͤber mich wuͤrde er aufgebracht ſeyn, weil ich ſie entfuͤhrt habe, ohne ein Edelmann zu ſeyn.

Wo iſt das Neſt, wo iſt das Neſt? fragt er denn.

Das weiß ich nicht, gnaͤdiger Herr, wuͤrde die Kleine darauf antworten, denn mein Papa iſt ein gefluͤgelter Mann, und der hat mich durch die Luͤfte hieher gebracht; aber ſeyn ſie nicht boͤſe, Jhr Gna - den, haben ſie Mitleid mit mir.

Der Herr von *** wuͤrde meine Tochter, die Mamſell Chriſtinen ſo aͤhnlich ſaͤhe, recht betrach - ten, ſie umarmen und ſeine Tochter nennen. End - lich wuͤrd er ſie fragen, wie ſeine Tochter mit mir ſtuͤnde?

Denn muͤßt ihm meine Tochter erzaͤhlen, wie ich ihre Mutter liebte, wie ich ihr in allem, was ſied. fl. Menſch. Bwuͤnſcht,18wuͤnſcht, zuvor zu kommen ſuchte, wie ich ſie bedie - ne; wie ich ihr es an nichts fehlen laſſe; wie ich ihr die beſten Voͤgel und das ſchoͤnſte Weißbrod aus der Stadt zum Unterhalt verſchaffte; wie ich alle Tage ihrentwegen jagte und arbeitete, ſo daß auch ſie mich von ganzem Herzen liebte.

Ach koͤnnt ich doch meine arme Tochter nur einmal ſehen, wuͤrd er, wenn er alles dies gehoͤrt, ausrufen.

Mit folchen bezaubernden Traͤumen verſuͤßte der junge Victorin manche Stunde ſeiner Leiden; aber bald kamen ſie mit verſtaͤrkter Heftigkeit wieder; denn mitten in ſeinen angenehmen Hirngeſpinſten, erwachte ploͤtzlich ſein Geiſt, und mit Thraͤnen ſprach er bey ſich: Ach! alles dies iſt doch nur Taͤuſchung!

Jn dieſer tiefen Schwermuth ſucht er dann die Einſamkeit noch weit mehr, und haͤtte ihm das Ver - langen Chriſtinen zu ſehen, nicht zuweilen aufs Schloß gebracht, wuͤrde man ihn vielleicht nie ge - ſehen haben.

Als er eines Tages im Garten war, erſchien Chriſtine mit ihrer Kammerfrau. Victorin war vor Vergnuͤgen ſie zu ſehen taumelnd. Chriſtine ver - langte einen weißen etwas hochhangenden Roſen - zweig; die Kaminerfrau wollt ihn pfluͤcken, ſtach ſich aber bis aufs Blut, ward Victorin gewahr und ruft ihn zu ſich:

Victorin, ſie ſind geſchickter als ich, pfluͤcken ſie doch dieſe ſchoͤne Roſen fuͤr meine junge Herr - ſchaft

Victorin19

Victorin ſtellte ſich in den Roſenſtrauch, zerriß ſeine Manſchetten, Buſenſtreif und Haͤnde, ſein Blut floß, doch brach er die Roſen, und reichte ſie, fuͤr Wolluſt zitternd, Chriſtinen dar.

Mein Gott, Herr Victorin, ſprach dieſe Schoͤ - ne, ſie haben ſich verwundet! Sie nahm ihr Schnupf - tuch, um ihm das Blut abzutrocknen, und zog ihm ſelbſt mit ihrer weißen Hand, einen kleinen Dorn, der im Fleiſche ſtecken geblieben war, heraus.

Victorin fiel fuͤr Freuden in Ohnmacht. Man hielt es fuͤr eine Folge ſeines Schmerzes, und die ſchoͤne Chriſtine ließ einige Thraͤnen auf ihn fallen, die ihn ins Leben ruften. Er laͤchelte, als er zu ſich kam. Chriſtine dadurch beruhigt, nahm nun ſtatt ihres natuͤrlichen und mitleidsvollen Tons, jene Mine der Erhabenheit an, deren freylich die Tochter eines Landjunkers gegen ihre Untergebene ſich kaum erwehren kann.

Aber auch dieſe Mine fachte die Flammen der Liebe in Victorins Herzen nur noch mehr an; zumal da er bemerkte, daß die ſchoͤne Chriſtine an ihren Buſen eine Roſe geſteckt habe, deren Mitte, gefaͤrbt mit dem Blute war. Seine Augen folgten ihr, als ſie ſich entfernte; ſo ſchlupft eine ſchlankgewachſene Nimphe, mit niedlichen Fuͤßen, uͤber den zarten Ra - ſen ins Gebuͤſche.

Kaum hatte Chriſtine den Victorin verlaſſen, als dieſer junge Mann einen von den bundfleckigten Som - mervoͤgeln fand, die mit kleinen Ruͤſſeln die BlumenB 2ohne20ohne ſich niederzulaſſen, ausſaugen, und im beſtaͤndi - gen Fluge zu ſeyn ſcheinen. Er bemuͤhte ſich dies Thierchen lebend zu fangen, und als er es hatte, ſucht er den Mechanismum ſeines Fluges zu erfor - ſchen, indem er die Bewegungen ſeiner Fluͤgel unter - ſuchte. Lange brachte er damit zu, und als er das Geheimniß der Natur wegzuhaben glaubte, macht er neue Verſuche.

Zwey ganzer Jahre Arbeit und Anſtrengung, die Johann Vezinier ohne Zweifel kuͤrzer gefaßt haben wuͤrde, brachten nichts als Dinge hervor, die un - geſtalt und unwirkſam, in Ruͤckſicht des Plans wa - ren, den er ausfuͤhren und durch ihn die Natur ver - vollkommen wollte.

Mittlerweile wuchs Chriſtine an Jahren und Schoͤnheit. Man ſprach von ihrer Vermaͤhlung. Victorin daruͤber außer ſich, verdoppelte ſeinen Fleiß. Er unterſuchte mit Sorgfalt den Flug jeden Jnſects ſowohl als jeden Vogels. Der Papillon ſchien ihm leicht nachzuahmen; aber nur gehoͤrte eine zu ſtarke Feder und zu große Fluͤgel darzu. Er kam wieder auf die Rebhuͤhner, die der Flugart ſeines bunten Papillons nahe kommen. Auch ihren Bau zer - gliederte er mit Aufmerkſamkeit. Der Flug der Gaͤnſe und der groͤßern Voͤgel ſcheint leicht, aber er iſt ſchwerfaͤllig, und verlangt eine dichtere durch Kaͤlte mehr zuſammengepreßte Luft, wie man ſie in der groͤßten Hoͤhe findet.

Betrachtungen dieſer Art macht er, ob er gleich ein bloßer Landmann, jung und ohne Anwei -ſung21ſung war. Aber was vermag nicht die Liebe! Nur ſie allein iſt die Erfinderinn aller Kuͤnſte.

Endlich brachte Victorin die Erfindung des Jo - hann Vezinier zu einiger Vollkommenheit; Seine Maſchine verſchaft ihm, mittelſt ſchneller Bewegung der Raͤder, den Flug einer Rebhenne, um ſich von der Erde zu erheben, und durch eine noch gelindere Bewegung erhielt er den Flug der groͤßern Zugvoͤ - gel, welche die Luft blos zu gewiſſen abgeſetzten Zei - ten ſchlagen. Er machte ſich Fluͤgel aus dem leich - teſten ſeidenen Zeuge, und zog ihn uͤber Fiſchbein - ſtabe, welche oben ſtark, und nach und nach ſchwaͤcher zuliefen, ziemlich wie die Seiten der Vogelfedern.

Mit dieſen ſeinen verbeſſerten Fluͤgeln begab er ſich auf ein einſames Feld, um einen neuen Verſuch im Großen anzuſtellen; ſchon vorher hatte er ſie in ſeines Vaters Hofe, Sonntags waͤhrend des Got - tesdienſtes, wenn alle Leute in der Kirche waren, verſucht. Er hatte ſich aber nicht in die Hoͤhe ge - wagt; entweder um nicht von den Kindern geſehen zu werden, oder aus Furcht fuͤr einen Zufall, wo er Huͤlfe beduͤrfen und ſein Geheimniß verrathen mußte. Gleich des Morgens gieng er an dieſen ein - ſamen Ort. Entſchloſſen alles zu wagen, und ſich ſo hoch als moͤglich zu erheben, ſollt ihm auch die - ſer Verſuch ſein Leben koſten. Chriſtinen zu ver - lieren war freylich ein groͤßeres Ungluͤck!

Als er auf einen entlegenen Huͤgel kam, legt er ſeine Fluͤgel an. Mit einem breiten und ſtarken vom Taͤſchner verfertigten Riemen umguͤrtete er ſeine Len -B 3den,22den, zwey kleinere an den Halbſtiefeln befeſtigt, lie - fen an beyden Seiten des Fußes und der Schenkel hinauf, und vereinigten ſich in eine lederne Kugel, die er am Lendenguͤrtel trug; zwey ſehr breite Strei - fen giengen ferner an den Seiten hin, und ſchloſſen ſich an eine Kappe, welche die Schultern mittelſt vier Streifen, wodurch die Arme giengen, bedeckte. Zwey ſtarke bewegliche Fiſchbeinſtaͤbe, davon das Ende auf den Halbſtiefeln aufſtand, um durch die Fuͤße in Bewegung geſetzt zu werden, befanden ſich auf beyden Seiten; waren mit kleinen Ringen von geoͤlten Buchsbaum befeſtigt, und erſtreckten ſich bis uͤber den Kopf hinaus, damit der Taffet von den Fluͤgeln bis dahin reichen moͤchte. Dieſe Fluͤgel waren an den beyden aͤußern Seitenbaͤndern befeſtigt, und ſo angebracht, daß ſie einen Menſchen der Laͤnge nach trugen, den Kopf und die Haͤlfte der Fuͤße ein - geſchloſſen. Eine Art von ſehr ſpitzigem Sonnen - ſchirm, der, wenn er ausgeſpannt war, von ſechs ſeidenen Leinen gehalten ward, diente darzu, weiter zu kommen, den Kopf zu erheben, oder eine voͤllig ſenkrechte Lage anzunehmen. Weil der fliegende Menſch von ſeinen beyden Haͤnden Gebrauch machen mußte; ſo ward die Feder, welche die Fluͤgel in Bewegung ſetzte, durch zwey Riemen, welche unter jeder Fußſohle weggiengen, getrieben, ſo daß man, um zu fliegen, nur die Fuͤße auf gewoͤhnliche Art fortſetzen durſte eine Bewegung, die man folg - lich, nach Belieben, geſchwinder oder langſamer machen konnte. Die beyden Fuͤße ſetzten jeder die beyden Fluͤgel hinlaͤnglich in Bewegung: ſie ſpann -ten23ten ſie aus und ſchlugen ſie auch wieder zuſam - men; aber durch Huͤlfe eines kleinen Raͤderwerks befoͤrderte der rechte Fuß mehr die Verlaͤngerung des zuſammengelegten Paraſols und der linke Fuß zog es wieder zuruͤck, indem er ihn aufmachte. Dies Triebwerk ward durch die beyden Fiſchbeinſtaͤbe an der Seite in Gang gebracht, die durch ein Rad mit zwey Kerben, das unter den Fuͤßen war, und das, wenn man es nach dieſer Seite drehte, den linken Fiſchbeinſtab anzog, und wenn man fortfuhr, an einen Knopf des rechten Fiſchbeins traf und fort - ſchob. Dieſe Federn konnte man auch mit den Haͤn - den bewegen. Man machte den Flug ſtehend oder ſenkrecht, durch eine gewiſſe Zuſammendruͤckung der Fluͤgel, die durch zwey Schnuren, welche unter den Armen vorkamen und durch eine Halsbinde, die vom Kopfe in Bewegung geſetzt ward / geſchah. Durch Huͤlfe dieſer beyden Schnuͤre konnte man die Spitze des Paraſols niederlaſſen, und ihn nach allen moͤg - lichen Seiten richten. Die Raͤder dieſer Flugmaſchi - ne beſtanden aus bloßen Buchsbaum; ſie wurden wenig abgenutzt, ausgenommen die beyden Zaͤhne und der Grund worauf ſie ruhten, die von Stahl und mit einer oͤlichten Materie beſtrichen waren. Das einzige Stuͤck, welches durchs Reiben Scha - den leiden konnte, war der Gurt, welcher die Feder an den Fluͤgeln in Bewegung ſetzte: Er war von Seide und außerordentlich dick. Zur Vorſorge hat - te der fliegende Mann immer einige bey ſich in der Taſche: So oft er fliegen wollte, unterſucht er ihn vorher genau, und er wartete nicht ſo lange, bisB 4er24er voͤllig abgenutzt war, um einen neuen anzule - gen. Das beſte war, daß wenn man einmal in der Luft war, der Gurt ſo wenig abgenutzt ward, daß er eine lange Reiſe aushielt.

Nachdem Victorin ſeine Verſuche etliche Wochen fortgeſetzt hatte, fiel er darauf, bey ſeiner Maſchine noch eine Feder anzubringen, die der vorigen aͤhn - lich, aber etwas ſchwaͤcher, jedoch im Stande war, ihm im Fall der Noth ſo lange in der Luft zu erhal - ten, daß er einen neuen Gurt an die Hauptfeder machen konnte.

Victorin gieng auf eine Anhoͤhe, ſtieg auf einen kleinen Felſen, und ſetzte ſeine Fluͤgel ſogleich in die ſchnelle Bewegung eines Rebhuͤhner-Fluges. Auf ſolche Art erhob er ſich ziemlich hoch von der Erde. Aber ſeine wenige Uebung in der Luft zu verweilen, machte ihm Schwindel; und er mußte daher, wenn er ſich erhob, allemal die Augen zumachen.

Er ſpuͤrte bald einen ziemlich betraͤchtlichen Grad von Kaͤlte, er merkte aber auch, daß er mit vieler Gemaͤchlichkeit in der Luft ſchwebte, ſo, daß die geringſte Bewegung der Fuͤße den Fluͤgeln Kraft genug gab, ihn zu erhalten. Er ſchlug einen Au - genblick die Augen auf, und ſahe, daß er in einer erſtaunenswuͤrdigen Hoͤhe ſich befand. Er zog alſo die beyden Schnuͤre, die dazu dienten den ſpitzigen Paraſol nach allen Seiten zu bewegen, und richtete die Spitze unterwaͤrts, und kam dadurch gar bald zur Erden. Als er ſich derſelben nahe ſah, hielt er ſie horizontal, um die Anhoͤhe und den Felſenwieder25wieder zu erreichen, von dem er ſich uͤber zwey Meilen entfernt hatte, ob er gleich nur etwa funf - zehen Minuten geflogen war ſo ſchnell war ſein Flug. Er ſenkte ſich auf ihn zu, indem er den Taffet an den Fuͤßen zuſammen legte und die erhe - bende Bewegung verdoppelte.

Solchergeſtalt wußte Victorin ſeinen Fluͤgeln durch die verſchiedene Richtung des Paraſols dreyer - ley Flug zu geben, den erhebenden, der ihn von der Erde wegfuͤhrte, den herablaſſenden, der ihn dahin zuruͤck brachte, und den horizontalen, durch den man vor ſich hingieng. Durch Uebung konnte der fliegende Mann dieſe drey Richtungen durch faſt gleichzeitige Abaͤnderungen vereinigen.

Nach wiederholten gluͤcklichen Verſuchen legte Victorin ſeine nachgemachten Fluͤgel zuſammen, kehr - te voller Zufriedenheit nach Hauſe, und verbeſſerte verſchiedene daran bemerkte Fehler. Voll Vertrauen wagt er einſt in der Nacht eine betraͤchtliche Reiſe.

Es war der ſchoͤnſte Mondenſchein. Victorin ſchlich ſich aus ſeiner Schlafkammer von niemanden bemerkt, und erhob ſich, gleich auf dem Hofe des vaͤterlichen Hauſes, mittelſt ſeines Paraſols uͤber die Gebaͤude hinauf. Die Daͤmmerung macht ihm die Hoͤhe, in welcher er ſich befand, minder furcht - bar. Er entſchloß ſich daher, ſeinen Weg nach dem Schloſſe des Vaters von Chriſtinen zu nehmen. Sein Flug nahm einen Landweg, den er nicht aus den Augen ließ, und er kam gluͤcklich an den Ort ſeines angebeteten Gegenſtandes. Er ſahe noch LichtB 5und26und wollte ſich dem Fenſter naͤhern. Aber das Ge - raͤuſch ſeiner Fluͤgel und ſeiner Raͤder war bey naͤcht - licher Stille ſo ſtark, daß er die Hunde des Schloſ - ſes aufweckte, und ſie mit einem fuͤrchterlichen Ge - lerme anfiengen zu bellen.

Jedermann ſteckte den Kopf zum Fenſter hin - aus, und Victorin hatte das Vergnuͤgen ſeine Chri - ſtine zu ſehen. Auch der alte Herr ſah auf und war ſehr verwundert einen ſo großen Vogel zu entdecken, von deſſen Gattung er noch nie etwas gehoͤrt hatte. Aus Furcht ihn aus dem Geſichte zu verlie - ren, rief er, man ſollte ihm ſeine Flinte mit zwey Laͤuften bringen. Man hohlte ſie, und Victorin ward zu ſeinem groͤßten Leidweſen genoͤthigt, ſich zu entfernen.

Als er in einer ziemlichen Hoͤhe war, fiel es ihm ein folgenden Geſang anzuſtimmen, welcher in der harmoniſchen Luft der obern Regionen ſehr ver - ſtaͤndlich war:

Holde reizende Chriſtine,
Die ich anzubeten mich erkuͤhne,
Muß ich fort ach fort von dir?
Bis zur Morgenroͤthe wollt ich hier
Trunken von Entzuͤcken ſtehen
Und dich ſchoͤnere Aurore ſehen.
Ach man droht mir, ich muß fliehn,
Doch ſoll ewig meine Hoffnung gluͤhn.

Das ganze Schloß hoͤrte voll Erſtaunen dieſe Strophen; aber niemand wußte, wo die Stim -me,27me, welche ſang, herkam. Man ließ zwar uͤberall, aber vergeblich nachſuchen.

Endlich begab ſich die ſchoͤne Chriſtine in ihr Zimmer, und Victorin, der keine Hoffnung weiter hatte, die Beherrſcherinn ſeiner Gedanken zu ſehen, richtete ſeinen Flug nach der naͤchſten ohngefaͤhr ſie - ben Meilen entlegenen Stadt. Jn weniger als er - ner Stunde war er da, und entriß ein junges Maͤd - chen aus den Haͤnden einiger Schwelger, die ſie an - gefallen hatten. Er brachte ſie durch ein Fenſier, das ſie ihm angab; obgleich freylich halb ohnmaͤch - tig, fuͤr Schrecken nach Hauſe; weil ſie ihm bald fuͤr einen Teufel, bald fuͤr einen Engel hielt. Dies machte den andern Morgen viel Gerede. Vergnuͤgt uͤber dieſen Verſuch kehrt er wieder zu ſeinem Va - ter, gieng in ſeine Kammer und legte ſich ins Bette.

Den andern Morgen unterſucht er ſeinen klei - nen ſeidenen Gurt, welcher die Feder in Bewegung ſetzte, und fand, daß er beynahe entzwey war: Er erſchrack daruͤber, und brachte den ganzen Tag da - mit zu, die erwaͤhnte Huͤlfsfeder zu finden, die ver - hindern ſollte, daß er nicht, wie Johann Vezinier, herunter fiele und den Hals braͤche, im Fall dieſer unentbehrliche Gurt ihm fehlte.

Jndeß machte der Vorfall in der Nacht ein gro - ßes Lermen auf dem Schloſſe, in der Stadt und in der ganzen Nachbarſchaft. Hundert Perſonen, die nichts geſehen noch gehoͤrt hatten, verſicherten gleich - wohl, den Großvogel ſehr genau bemerkt zu haben. Das Gedicht, welches er geſungen hatte, ward wie -derholt,28derholt, auf alle moͤgliche Arten abgeſchrieben und verunſtaltet. Victorin mußte in geheim herzlich daruͤber lachen, und ſchloß daraus, wie viel man ſich auf das Geruͤchte des Poͤbels verlaſſen koͤnnte. Er gieng den naͤmlichen Tag aufs Schloß, begab ſich, als er hoͤrte, daß Mamſell Chriſtine im Gar - ten ſey, dahin, und ſuchte ohne Verzug eine beque - me Gelegenheit von ihr geſehen zu werden.

Sobald ſie ihn erblickte, winkte ſie ihn zu ſich Haben ſie auch den Großvogel geſehen?

Ja Mamſell, und ich verſichere ſie, beſſer als ihn jemand geſehen hat.

Doch nicht beſſer als mein Papa und ich? denn wir haben ihn geſehen, wie ich ſie da ſehe.

Jch will ihnen nicht widerſprechen, Mamſell, aber ich hab ihn ſehr gut geſehen, und ſeinen Ge - ſang ſehr gut verſtanden; ich habe mir ihn gemerkt, und eine Abſchrift davon gemacht.

Zeigen ſie einmal, ſprach Chriſtine, ich will daraus ſehen, ob ſie ihn recht gemerkt haben; denn unter dreyßig Perſonen, die mir ihn dieſen Morgen haben vorſagen wollen, iſt nicht eine, die ihn recht trifft.

Chriſtine nahm den Geſang aus den Haͤnden das Victorin, und las ihn mit Staunen.

Dies hat ſeine Richtigkeit, ſagte ſie, und ver - faͤrbte ſich ein wenig, aber wo waren ſie denn?

Jch29

Jch verſichere ſie, Mamſell, ich bin mit keinem Fuß aus meines Vaters Hauſe gekommen: aber weil der Vogel, der ihn ſang, ſehr hoch war, konnte man’s von weiten verſtehen.

Sind ſie bey Verſtande? entgegnete Chriſtine. Sie wollen mir wohl weiß machen, daß der Groß - vogel dies geſungen habe! Sie werden mir’s eben ſo wenig uͤberreden, als daß ſie nicht in der Nachbarſchaft des Schloſſes geweſen ſind ich habe nicht gern, daß man mich beluͤgt.

Es iſt nichts als die reine Wahrheit, Mamſell, wenn ich ſie verſichert habe, daß ich keinen Schritt aus meines Vaters Hauſe gethan habe; ich habe zu viel Achtung fuͤr ſie, als ihnen Unwahrheiten zu ſagen.

Das iſt ſonderbar! wandte ſich Chriſtine zu ih - rer Kammerfrau, ich glaub’s; Victorin iſt kein Luͤgner Jch behalte ihre Abſchrift, indem ſie den Sohn des Fiſcalprocurators wieder anſah, erlau - ben ſie es?

Ein groͤßeres Gluͤck fuͤr mich, Mamſell, als ich je hoffen konnte!

Sehen ſie doch die ſchoͤnen Roſen dort: aber ich ſag ihnen, wenn ſie ſich nur im geringſten ritzen, ſo nehme ich ſie nicht.

Victorin flog zum weißen Roſenſtrauch, pflickte die ſchoͤnſten, ohne ſich zu ſtechen, wenigſtens nicht ſo, daß man es ſahe, und brachte ſie Chriſtinen, die ſie an ihren Buſen ſteckte. Kaum hatte ſie diesgethan,30gethan, als die ſchoͤnſte davon den Stiel verlohr und abfiel. Victorin buͤckte ſich um ſie aufzuheben: da er ſie aber ihr nicht zuruͤck geben konnte, druͤckt er ſie zweymal mit Waͤrme an ſeine Lippe und eilte eine andre zu brechen.

Chriſtine ward dies gewahr, und erroͤthete; aber Victorin war ein zu ſchoͤner Juͤngling, als daß ſie daruͤber haͤtte zuͤrnen koͤnnen. Er brachte ihr eine andre ſchoͤne Roſe, die ſie mit Verwirrung annahm. Sie ſetzte ihren Spaziergang fort, und ließ ſich von Victorin die laͤndlichen Namen der ver - ſchiedenen Pflanzen, welche den Garten zierten, ſa - gen Welche gluͤckliche Augenblicke! Victorin glaubte im Himmel zu ſeyn. Endlich kehrte Chri - ſtine zuruͤck, und der verliebte Juͤngling mußte wie - der zum Fiſcalprocurator, ſeinem Vater.

Die reizendſten Hirngeſpinſte beſchaͤftigten ihn unterwegens; Schon traͤumt ihn, Chriſtinen ent - fuͤhrt zu haben, ſich ſie in eine reizende unerſteig - liche Gegend verſetzt, ſich ſelbſt von ihr geliebt und ein gluͤckliches Leben in einer uneingeſchraͤnkten Frey - heit. Er huͤpfte fuͤr Freuden uͤber dieſe Vorſtellun - gen und faßte den Entſchluß, ſie zur Wirklichkeit zu bringen.

Um es mit leichterer Muͤhe thun zu koͤnnen, bat er ſeinen Vater, der Vermoͤgen hatte, ihn in der Stadt bey einem Sachwalter anzubringen, um ein wenig den Gerichtsbrauch zu lernen eine unent - behrliche Kenntniß fuͤr jeden auf dem Lande, der ſich nicht vor der Niedern Gerichtsbarkeit weit druͤcken -der,31der, als die Obere, will zu Grunde richten laſſen, dies war eben die Abſicht des Fiſcalprocurators; und da ſein Sohn durch dieſe Bitte mit ſeinen Wuͤnſchen uͤbereinſtimmte, ſo lobt er ihn ſehr deshalb.

Victorin ward neu und nach der Mode ausge - ſtattet; man gab ihm eine kleine Summe Geldes, und da alles bereit war, beſtimmte man den Tag zur Abreiſe. Schon war der letzte Abend erſchienen: aͤber Victorin konnte nicht einſchlafen.

Da er aus der Provinz Dauphine und die Burg *** ſeine Vaterſtadt war, ſo befand er ſich nicht uͤber fuͤnf bis ſechs Meilen von dem unbe - ſteiglichen Berge entfernt der deswegen ſo heißt, weil er die Geſtalt eines umgekehrten Zucker - huts hat. Victorin machte ſich einen Morgen, un - ter dem Vorwand, auf die Jagd zu gehen, mit ſei - nen Fluͤgeln, und ſo viel Lebensmitteln, als er fuͤr den Tag noͤthig hatte, auf den Weg.

Sobald er ins freye Feld kam, erhob er ſich nach dem unbeſteiglichen Berge, und langte daſelbſt beym Anbruch der Morgenroͤthe an.

Auf dieſem Berg fand er die angenehmſte Ebe - ne, ein kleines Springwaſſer, das durch die Felſen drang, und beynah eben ſo geſchwind, als es her - aus gekommen war, ſich in die Erde verlohr. Dieſe reizende Gegend war mit einem weichen Raſen be - kleidet. Auf der noͤrdlichen Seite ſah man eine ziemlich tiefe Hoͤhle, Baͤume zierten auf der mittaͤ - gigen Seite die ſteilen Enden des Berges, und wa -ren32ren faſt alle mit Neſtern von tauſenderley Voͤgeln bedeckt. Auch wilde Baͤume befanden ſich hier und unter andern ein Kaſtanienbaum. Ein Bienen - ſchwarm ſumſte um einen gegen Mittag liegenden Felſen, der eine hinlaͤngliche Oeffnung hatte, um dieſe nuͤtzlichen Thierchen zu beherbergen.

Jn dieſer anmuthigen Gegend brachte Victorin den Tag zu, und hatte das Vergnuͤgen einige wilde Ziegen zu entdecken. Als die Tageshitze im hoͤchſten Grade ſtand, durchwandert er ſein neues Guth, um zu ſehen, ob es nicht vielleicht auch giftige Thiere enthielte: Er fand wirklich zwey oder drey Schlan - gen, die er toͤdtete. Hierauf flog er auf die Felſen, welche die Hoͤhle bedeckten, wo er eine zweyte Ebene fand, die ihm wegen ihrer Kuͤhle, und wegen des ſchattichten Felſen ein ſehr angenehmer Sommer - aufenthalt zu ſeyn ſchien. Hier ließ er ſich nieder, unterſuchte alles, und fand kein giftiges Gewuͤrm, ſondern Turtel - und Holztauben. Hier rieſelten fuͤnf bis ſechs kleine Waſſerquellen erzeugt, wie es ſchien aus der Oeffnung eines alten Vulkans der ganz mit Eis bedeckt war, welches kaum an der groͤßten Hitze ſchmolz, weil die Strahlen der Sonne bis dahin nicht dringen konnten. Dieſe Oeffnung ſtellte daher eine natuͤrliche Eisgrube vor. Er koſtete das Waſ - ſer und fand es herrlich. Dies ſagt er bey ſich ſelbſt, ſoll mein Sommerpallaſt werden, hier ſoll Chriſtine die Lilien ihrer Wangen erhalten: die an - dere Ebene, ſey mein Aufenthalt im Winter, Fruͤh - ling und Herbſt.

Nachdem33

Nachdem er alles unterſucht hatte, hielt er eine Mahlzeit, die er gern mit Chriſtinen getheilt haben wuͤrde: und als ſeine Kraͤfte wieder erſetzt waren, erhob er ſich zu einer erſtaunenden Hoͤhe in die Luft, und verſuchte dreiſter als jemals zu fliegen; ploͤtzlich neigt er ſich niederwaͤrts, und uͤbte ſich die Richtung des ſpitzigen Paraſols auf verſchiedene Art abzuaͤn - dern, erhob ſich wieder, und ergriff mit beyden Haͤn - den große Stuͤcken Felſen, indem er mit den Fuͤßen ſehr lebhaft die erhebende Feder in Bewegung ſetzte: Er richtete durch Huͤlfe der Halsbinde, ſeinen Flug gerade vor ſich hin, ohne ſeine Buͤrde fahren zu laſ - ſen, und kam damit auf eine ziemliche Erhoͤhung, ſo daß es den Leuten auf der Erde unmoͤglich war, ſei - nen Flug zu uͤberſehen.

Alle ſeine Verſuche gluͤckten ihm ziemlich, doch mußte er ſie etlichemal wiederhohlen. Mit Anbruch der Nacht, kehrt er dann in ſeines Vaters Haus zu - ruͤck, wozu er aufs laͤngſte eine Stunde oder andert - halbe brauchte.

Hingeriſſen vor Freuden uͤber ſeine Entdeckung entſchloß er ſich, alle Naͤchte, die ihm vor der Ab - reiſe in die Stadt noch uͤbrig waren, dazu anzuwen - den, um verſchiedenes auf den unbeſteiglichen Berg zu ſchaffen, wie zum Beyſpiel Ackergeraͤthe, Klei - dung und Waͤſche, die er zu bekommen wußte; auch Huͤhner, Caninchen und ſogar Schafe maͤnnlichen und weiblichen Geſchlechts bracht er hin. Er gieng noch weiter: als er eines Abends im Hofe viel Weiß - zeug, welches Chriſtinen und ihrer Kammerfrau ge -d. fl. Menſch. Choͤrte,34hoͤrte, als weiße Nachtkleider, Struͤmpfe ꝛc. die man nach der Waͤſche die nur einmal im Jahre geſchah trocknete; flog er in der Nacht hin, machte ſie in etliche Packte zuſammen, und trug auf dreymal faſt alles was der Tochter des gnaͤdigen Herrn gehoͤrte, auf den unbeſteiglichen Berg.

Den andern Morgen entſtand ein nicht geringer Lermen im Schloſſe: man hielt Nachſuchung, und beſchuldigte verſchiedene Perſonen: da es aber un - moͤglich war, nur einen Beweis gegen ſie aufzubrin - gen, weil die Waͤſche weder bey den Kaufleuten der nahgelegenen Oerter, noch auf den Meſſen anzutref - fen waren, ſo konnte man mit Schaͤrfe wider nie - manden verfahren.

Nach dieſem wichtigen Unternehmen, gefiel es ihm noch einen Tag auf ſeinem Berge zuzubringen, den er fuͤr ſein kleines Reich wuͤrde haben halten koͤnnen, haͤtt er nur nicht ſelbſt eine Beherrſcherinn gehabt, die ihm nicht einmal Herr uͤber ſich ſeyn ließ.

Er uͤbte ſich von neuem im Fliegen und Tragen ſchwerer Laſten, baute bequeme Staͤlle fuͤr ſeine Huͤh - ner und Schafe, die ihm wenig Muͤhe koſteten, weil er unter den Felſen ſchon viel Anlage dazu traf. Am Ende fieng er auch an ein klein Stuͤck Feld zu bebauen, und es zur Pflanzung von Weinſtoͤcken vorzubereiten, die er aus dem vaͤterlichen Garten nehmen wollte. Schon in naͤchſter Nacht fuͤhrt ers aus: und da die Gruben ſchon gemacht waren, durft er ſie nur in einem Handkorb fortſchaffen, woreiner35er ſie mit ſammt der Erde legte, damit ſie deſto leichter fortkommen ſollten.

Drauf hielt er es fuͤr rathſam, jemanden hinzu - ſetzen, der auf ſeine Schafe, Huͤhner ꝛc. Achtung gaͤbe, die ſich ſonſt verlaufen, oder wenigſtens ver - wildern konnten.

Es befand ſich in dem Orte eine Schwaͤgerinn des Johann Vezinier, die in ihren jungen Jahren zur kindloſen Wittwe geworden war. Dieſe Frau hatte nach dem Tode ihres Mannes nicht ſehr ein - gezogen gelebt, und man glaubt, daß Johann ihr Schwager ſie zuerſt verfuͤhrt habe. Aber es ſey wie ihm wolle, genug ſie hatte eine uneheliche Tochter, die ſie ſelbſt ernaͤhrte und aufzog. Aber dieſe kleine Ungluͤckliche war das Ziel von der Verachtung und dem Spoͤtte der uͤbrigen Kinder, welches ihre Mut - ter bitter kraͤnkte.

Victorin glaubte dieſen beyden Geſchoͤpfen einen Dienſt zu erweiſen, wenn er ſie auf den unbeſteig - lichen Berg braͤchte, ſie da ernaͤhrte und ihnen auf - gaͤbe, nicht nur die Viehzucht zu beſorgen, ſondern auch einen Garten anzulegen und ein Stuͤck Feld mit Getreide zu beſaͤen. Kaum war dieſer Entſchluß ge - ſaßt, als er auch ſchon auf ſeine Ausfuͤhrung dachte.

Einen Abend gieng er in der Burg ſpazieren und ſah die Vezinier allein mit ihrer Tochter, die fri - ſche Luft zu ſchoͤpfen ſich an die Thuͤre geſetzt hatten, und ſich nicht mit ihren Nachbarsleuten zu ſprechen trauten. Er gieng hin, und ſagte, daß er etwasC 2mit36mit ihnen zu reden habe; um aber nicht bemerkt zu werden, moͤchten ſie an einen entfernten Ort, den er angab, ſich einfinden.

Waͤhrend, daß ſie dahin giengen, legte Victorin ſeine Fluͤgel an, und erhob ſich in die Luft; da er der Mutter und der Tochter geſagt hatte, ſie moͤch - ten auf einen Stein treten, damit er ſie von weiten ſaͤhe, und nicht noͤthig haͤtte ſie zu rufen; ſo ſtieß er gerade auf ſie nieder, und fuͤhrte alle beyde mit - telſt zwey breiten Gurten, die er unter den Achſeln um ſie ſchlug, weg.

Vor Schrecken verlohren ſie ihr Bewußtſeyn, und Victorin langte durch verdoppelte Geſchwindigkeit mit ſeiner Laſt in weniger als einer Stunde auf dem unbeſteiglichen Berge an. Er ſetzte ſie bey den vor - her hingeſchaften Vorraͤthen nieder, ſpritzte ihnen Waſſer ins Geſicht, und als ſie wieder zu ſich kamen, machte er ſich unbemerkt davon. Da die Mutter ſehr gut leſen konnte, ſchrieb er ihr auf ein Blatt Pap - pier das hin, was ſie thun ſollte. Sie las es, als ſie zu ſich ſelbſt gekommen, und fand das Verſpre - chen, daß man ſie keinen Mangel an Lebensmitteln leiden laſſen, und ihr bald Geſellſchaft bringen wuͤrde. Dies war zwar einiger Troſt, dem ohnge - achtet hatte ſie eine ſeltſame Vorſtellung von ihrer Entfuͤhrung, und glaubte, weil ſie ein Land ohne Einrichtung ſahe, vom Teufel zur Beſtrafung ihres vorigen Lebenswandels, dahin gebracht zu ſeyn. Jndeß folgte ſie doch dem Befehl, fieng mit ihrer Tochter an zu arbeiten, und Victorin bracht ihrvon37von Zeit zu Zeit Unterhalt, jedoch in der Nacht, um nicht bemerkt zu werden.

Nach dieſem Unternehmen kehrt er zu ſeinem Vater zuruͤck, legte ſich ins Bette, und ſchlief ziem - lich lange. Jn einer kleinen Burg macht alles gleich Aufſehen? Als er den andern Morgen aufſtand, hoͤrt er keinen Menſchen von etwas an - ders als von der Entweichung der Vezinier und ih - rer Tochter reden. Man gab vor, daß ſie aus Mis - vergnuͤgen fortgegangen waͤren, aber doch kam es ihnen wunderbar vor, daß ſie ihre Habſeligkeiten und nicht einmal ihren Hausrath verkauft hatten. Man ſuchte in allen Brunnen, aus Furcht, daß ſie ſich hinein geſtuͤrzt haͤtten, man zog in den benach - barten Orten, und auf den Straßen Erkundigung ein; aber man konnte nichts entdecken. Endlich ga - ben die alten Grosmuͤtterchen vor, der Teufel habe ſie gehohlt; und bald glaubte man es in allen Or - ten der Provinz.

Nach allen dieſen Vorbereitungen, blieb Victo - rin feſt und entſchloſſen in ſeinem Plan. Er unter - ließ nicht, ſich beynah taͤglich in dem Garten des Schloſſes einzufinden, und ſich Chriſtinen durch zu - vorkommende Gefaͤlligkeiten beliebt zu machen. Dies gelang ihm. Den Tag vor ſeiner Abreiſe nach der Stadt ſah er die Tochter des Herrn, und im Vor - beygehen lachte ſie ihn auf eine ſehr hoͤfliche Art an. Er folgt ihr, als ob ihn ſein Weg dahin fuͤhrte. Die ſchoͤne Chriſtine ließ, mit Vorſatz, oder aus Verſehn, den Faͤcher fallen und gieng immer wei -C 3ter.38ter. Victorin hob ihn auf, und eilte ihr ihn nach - zubringen, kuͤßte ihn unterwegens aber wohl fuͤnf bis ſechsmal, daß es Chriſtine ſehen konnte. Sie nahm ihn mit einer gnaͤdigen Miene an: Da ſie in dem Augenblicke allein war, that ſie allerhand Fra - gen an ihn. Haben ſie eine Liebſte? ſagte ſie.

Ja Mamſell.

Jſt ſie ſchoͤn?

Wie die Roſe, welche am Morgen ſich auf - ſchluͤßt.

Sie liebt ſie doch? Oh! ganz gewiß, ſetzte ſie ſogleich hinzu.

Ach nein! erwiderte Victorin mit einem Seufzer.

So muß ſie keine Kennerinn, oder ſehr ſtolz ſeyn.

Ja, Mamſell, ſtolz iſt ſie: aber ſie hat auch Urſach dazu: denn in Vergleichung ihrer bin ich Richts.

Es iſt alſo wohl eine vornehme Dame?

Sie iſt mehr als das, Mamſell, ſie iſt die Schoͤnheit ſelbſt, kein Koͤnig wuͤrde zu groß fuͤr ſie ſeyn.

Sie reizen meine Neugierde; wo ſteckt denn dieſe Schoͤne?

Zwiſchen Lilien und Roſen; ſie wohnt an ei - nem reizenden Ort, der durch ihre Gegenwart noch reizender wird.

Sie39

Sie haben vermuthlich Romane geleſen, Herr Victorin?

Ja, Mamſell, ich habe den Cyrus geleſen, den Palexander, die Clelie, die Aſtree und die Prin - zeßinn von Cleve, die mir am meiſten gefallen hat.

Das dacht ich mir bald aus ihren Reden.

Ach! Mamſell, das iſt viel Ehre fuͤr mich.

Man muß die engliſchen Romane, die Pamela, die Clariſſe, den Grandiſon leſen.

Die hab ich nicht.

Jch wills meiner Juliane ſagen, daß ſie ſie ihnen borgen ſoll. Aber daß ſie nicht etwa ein Love - lace werden!

Sobald als ſie mir es verbieten, Mamſell, ver - ſichere ich, daß ichs nicht werden will.

Chriſtine laͤchelte uͤber die unſchuldige Miene, mit welcher Victorin antwortete. Als ſie am Ende eines Ganges kamen, ward ſie ihren Vater, ihre Mutter und einige Freunde, nahe bey ihnen gewahr. Chriſtine, erroͤthete uͤber ihre Vertraulichkeit mit des Fiſcalprocurators Sohne; Sie nahm ihren kleinen Gnadenblick an, der ihre Reize nicht verminderte, und ſagte, ob gleich mit einigem Widerwillen: Lebe wohl, Victorin.

Der junge Mann gruͤßte die Geſellſchaft, und zog ſich ſo gut als ihm moͤglich war, zuruͤck, aber er merkte wohl, daß ein baͤueriſches Ungeſchicke ſeine Verbeugung verſtellt haben mochte. Er verließ das Schloß mit dem feſten Vorſatz, in der Stadt keineC 4Gele -40Gelegenheit vorbey zu laſſen, um eine geſittete Auf - fuͤhrung zu erlernen, ehe er ſeine Entwuͤrfe auf Mamſell Chriſtinen ausfuͤhrte.

Den andern Morgen reiſt er zu Pferde in Be - gleitung eines Bedienten von ſeinem Vater ab, und traf am Abend in *** bey dem Herrn Troismots - parligne, Sachwalter im Oberamte ein.

Victorin war ein ſchoͤner Burſche, eine friſche Farbe belebte ſeine Wangen; ein maͤnnliches und kraftvolles Anſehen, ohne Haͤrte vereinigte ſich mit ſeiner natuͤrlichen Schoͤnheit. Seine Hauptabſicht war ſich nach den anſtaͤndigen Sitten zu bilden, um ſich bey Chriſtinen, wenn er ſie entfuͤhrt haͤtte, be - liebt zu machen, er legte ſich alſo darauf zuerſt. Wer den Vorſatz zu gefallen hat, gefaͤllt auch.

Madam Troismotsparligne war ein wohlge - wachſenes Frauenzimmer von ohngefaͤhr fuͤnf und zwanzig Jahren, ob ihr Mann gleich reichliche funf - zig zaͤhlte. Jn einer Entfernung von zwanzig auch wohl zehn Schritten konnte ſie fuͤr eine ſchoͤne Frau gelten: Die Bildung ihres Geſichts war angenehm, und ihre Farbe glich beynah Victorins ſeiner; in der Naͤhe hingegen fand man ſie ſehr von den Pocken gezeichnet: ihr Gang war wolluͤſtig und beynah un - ehrbar, wunderſchoͤn ihr Wuchs, ihre Huͤften ſchoͤn und ihr Fuß reitzend: Auch fuͤr ihren Putz ſorgte ſie außerordentlich.

Dieſe Frau warf ihr Netz auf Victorin aus, auf Victorin, deſſen friſche und ſtarke Empfindun -gen41gen nur einen Funken brauchten um aufzulodern. Aber was vermag eine wahre Liebe nicht? Victorin widerſtand den Reizen der Verſuchungen, Bezau - berungen und Lockungen der Frau Procuratorinn; oder wenn er ſie ja aus Hoͤflichkeit erwiderte, ge - ſchah es blos, um ſeine Sitten auszubilden; denn er wußte wohl, daß nichts wirkſamer einen jungen Menſchen bilde, als die Lehren einer Frau.

Uebrigens warf er ſeinen Blick beſonders auf die jungen vornehmen Staͤdter, und ſuchte ſeine Muſter unter denen die Chriſtinen aͤhnelten, in der feſten Ueberzeugung, daß das lateiniſche Spruͤchwort denn er hatte den Donat gelernt Similis ſimili gaudet (gleich und gleich geſollt ſich gern) das wahrſte von allen Spruͤchwoͤrtern ſey.

Es war damals in dieſer Stadt der Dauphi - ne der Name thut nichts zur Sache ein junger Kavalier, der fuͤr den vornehmſten der Pro - vinz gehalten ward. Ein ſchoͤner junger Mann, der Sohn einer zu nachſichtsvollen Mutter, reich, eitel, der ſein ganzes Verdienſt in Kleidern, Stickereyen, Manchetten, Juwelen und einer artigen Equipage ſetzte, in welcher er, ohne Abſicht, alle Nachmittage zwey oder drey Stunden herumzufahren beliebte. Um dieſes zierlichen Herrchens Bekanntſchaft, ja ſogar Freundſchaft, bewarb ſich Victorin. Zwar haͤtte er ein ſicheres Mittel gehabt, alles dies durch Mit - theilung ſeiner Erfindung in einem Augenblick zu er - langen. Aber der junge Lehrling huͤtete ſich; doch hatt er das ſeltne Geheimniß in der Luft zu fliegenC 5entdecken42entdecken koͤnnen, ſo war es ihm wohl leichter auf der Erde es zu bewerkſtelligen.

Einſt begegnete Victorin dieſem Petitmaitre al - lein auf dem Walle, da er ſeinen Wagen, mit dem er wieder in die ſchoͤnen Straßen der Stadt zuruͤck kehren ſollte, von allen Seiten beſah.

Mein Herr, ſagt er, indem er ſich ihm auf eine gute Art naͤherte, ich beſitze ein Geheimniß, das ihnen vielleicht angenehm ſeyn wuͤrde; ich will ihren Wagen ohne Pferde in Gang bringen*)1779 geſchah eine Ankuͤndigung von einem Manne, der das zweyte Geheimniß des Victorin beſitzt. Man wird meinen Freund nicht beſchuldigen, es ſeinem Helden als eine Nachahmung dieſes Machini - ſten, beygelegt zu haben; weil die Handſchrift von dem ſeligen Herrn von Mourubert, der vor der An - kuͤndigung geſtorben, unterzeichnet iſt, Joly. .

Dieſe Worte erregten die Aufmerkſamkeit des Petitmaiters; er blieb ſtehn, und da er den ganz gut gekleideten jungen Menſchen ſah, fragt er ihn, wer er waͤre?

Noch bin ich blos Schreiber bey einem Sach - walter, antwortete Victorin; aber ich habe glaͤn - zende Ausſichten.

Jndeß dachte der Petitmaitre zum erſtenmale nach, und warf einen Blick auf ſeine Pferde Ein ſchoͤnes Geheimniß, rief er, wodurch mein Wa - gen ohne ſeine groͤßte Zierde fortgehn ſoll!

Auch43

Auch war dies ja meine Abſicht nicht, mein Herr, erwiderte Victorin: ihre Pferde ſollen vor dem Wagen bleiben, aber ſie ſollen blos mit den Zuͤgeln daran befeſtigt ſeyn; und dies ſoll die Be - wunderung der ganzen Stadt auf ſich ziehn.

Bey dieſen Worten warf der Petitmaitre ganz entzuͤckt vor Freuden, ſo eingebildet, eitel und ſtolz er war, ſich dem Schreiber eines Sachwalters um den Hals, kuͤßt ihn zweymal und nannt ihn ſeinen Freund. Wenn koͤnnen ſie dies Wunder aus - fuͤhren? fragt er ihn.

Sie muͤſſen wiſſen, erwiderte Victorin, daß ich mich hierzu keiner ſchwarzen Kunſt bediene

Wenn auch! unterbrach der Petitmaitre mit Waͤrme .

Und doch geſchieht es nicht; Jch darf blos gewiſſe Federn in ihrem Wagen anbringen: morgen des Tages will ich Hand daran legen, und in acht Tagen laͤngſtens ſollen ſie das Vergnuͤgen haben die Stadt in Staunen zu ſetzen, und in der ganzen Pro - vinz, im ganzen Koͤnigreiche, in ganz Europa und vielleicht in der ganzen Welt, denn ich will ihnen die Ehre der Erfindung uͤberlaſſen

Ach! die muß man keinem Menſchen entdecken, rufte der Petitmaitre aus, und drehte ſich fuͤr Freu - den einmal herum.

Von dieſem Augenblick an, ward Victorin der Vertraute dieſes reichen jungen Mannes; uͤberallwar44war er bey ihm, und er fuͤhrt ihn in die beſten Ge - ſellſchaften der Stadt ein, als einen jungen Mann von glaͤnzenden Ausſichten, und den man daher auf - nehmen mußte.

Dies war es eben was Victorin wuͤnſchte. Er nahm den Ton der großen Welt an, und bildete ſich in weniger denn nichts zum vollkommenſten Kavalier.

Jndeß arbeitet er immer an dem Wagen ſeines Freundes fort. Ein Schloͤſſer mußte das Raͤder - werk, ohne daß er erfuhr wozu, machen, und nach Verlauf der verſprochenen acht Tage war die Ma - ſchine zu Stande. Der Petitmaitre huͤpfte vor Freuden.

Einen Sonntag Nachmittags um vier Uhr beym ſchoͤnſten Wetter ſtieg er in ſeinen Wagen: der Kut - ſcher ſpannte an; und als man die Straͤnge wieder ablegte, ſtutzt er, und hielt ſeinen Herrn fuͤr wahn - ſinnig. Aber Victorin hatte die Maſchine ſchon ver - ſucht. Mittelſt zweyer Auftritte, von dem Fuße des Herrn im Wagen in Bewegung geſetzt, gab man den Raͤdern den Gang eines ziemlichen Pferdetrabs. Eine Spindel, nahe bey der Hand, diente den Wa - gen zu lenken; durch Verdoppelung der Bewegung fuhr man ohne Gefahr Berg auf, und durch Ver - minderung hinunter. Der Kutſcher ſah dies an - fangs voll Verwunderung, machte bald das Kreuz und ſchrie, es ſey der Teufel. Sein Herr droht ihm, aber der Schlingel wollte nicht aufſteigen, bis ihn etliche Stockſchlaͤge darzu brachten.

Anfangs45

Anfangs gab niemand auf das Wunderwerk die - ſes Wagens Achtung, aber Victorin mit einigen gu - ten Freunden erwartete ihn an den lebhafteſten Orte der Stadt, und machte ſie auf dieſe Erſcheinung aufmerkſam. Sie naͤhern ſich und folgen dem Wa - gen, um ihn zu ſehen.

Der Poͤbel laͤuft zuſammen, alles draͤngt ſich, mit allem ſeinen Schwoͤren kann der Petitmaitre den Haufen nicht zertrennen: endlich findet er einen Aus - gang und faͤhrt durch zwey Reihen Bewunderer im Genuſſe ſeines voͤlligen Ruhms. Welcher Augen - blick fuͤr einen Thoren! Seiner ſelbſt nicht maͤchtig ſchwaͤrmt er fuͤr Freuden, Ruhm, Narrheit und Vergnuͤgen.

Als er lange genug herum ſpazirt war, kehrt er nach Hauſe abgemattet vor Muͤdigkeit, die er der Bewegung der Fuͤße, wodurch er den Wagen in Gang bringen mußte, zu danken hatte. Jch ver - gaß noch zu erinnern, daß er die Pferde abnehmen ließ, eh er in ſeinen Hof fuhr, und dadurch, daß die Bewegung, ungeachtet ihrer Abweſenheit, immer fortdauerte, die Unglaͤubigen vollends uͤberzeugte.

Ein Theil der Zuſchauer gieng mit der groͤßten Verwunderung nach Hauſe; und der andere dies war der unwiſſende Poͤbel mit der voͤlligen Ueberzeugung, daß der Petitmaitre einen Bund mit dem Teufel gemacht habe.

Man kann leicht urtheilen, welche Fragen der Beſitzer eines ſo ſchoͤnen Geheimniſſes in den geſell -ſchaft -46ſchaftlichen Zirkeln, wo er ſich den uͤbrigen Abend noch zeigte, uͤberhaͤuften. Seine Verdienſte waren dadurch noch hundertmal glaͤnzender geworden, und viele Damen, die bisher tugendhaft genug ſeine Narrheit verachtet hatten, wurden bewogen ihre Waffen zu ſtrecken. Ob er davon Gebrauch machte? dies gehoͤrt nicht in meine Erzaͤhlung.

Wer ſollte glauben, ſagten einige alte Naͤrrin - nen, daß ein dem Anſehen nach ſo leichter und muth - williger Menſch ſich mit Erfindungen, die ihm einen unſterblichen Namen geben, beſchaͤftigen koͤnnte! Wie oft man ſich doch in ſeinen Urtheilen betruͤgt! Selbſt Leute von Kopf waren druͤber ſehr verwun - dert; denn niemand dachte an Victorin, der blos das Anſehen eines huͤbſchen jungen Menſchen von einigem natuͤrlichen Witz und eines Neulings hat - te Doch es iſt Zeit zu unſerm Helden zuruͤck zu kehren.

Alle Sonnabend begab er ſich auf den unbe - ſteiglichen Berg, um der Vezinier und ihrer Tochter Lebensmittel zu bringen. Dieſe Reiſen geſchahen des Abends; doch kam Victorin zuruͤck, daß er den Sonntag Nachmittags in der Stadt zubringen konn - te: er ließ ſich in ein kleines Gehoͤlze nieder, und gieng zu Fuße hinein.

Nun bemuͤhte er ſich die Grotte in Stand zu ſetzen, welche Chriſtine bewohnen ſollte. Er trug verſchiedene Sachen dahin, die er von den Geſchen - ken anſchafte, die ihm ſein Freund der Petitmaitre in der erſten Hitze zur Erkenntlichkeit machte, naͤm -lich47lich ein ſchoͤnes Bette, Stuͤhle, Tiſche, eine Kom - mode und ſogar ein Sopha, auch Silberzeug, rei - che und leichte Zeuge ꝛc.

Als die Grotte mit allen dieſem ausgeziert war, dacht er auch an die Hauptſache: die mittaͤgige Ebene konnte ganz bebaut werden, und wohl ein dreyßig bis vierzig Perſonen Unterhalt verſchaffen. Dieſer Bau gieng unter den Haͤnden der Vezinier und ihrer Tochter ſehr langſam; ſie hatten einen Ge - huͤlfen, beſonders aber Pferde oder Ochſen noͤthig.

Victorin kannte in ſeinem Orte einen armen jungen Menſchen, der in die Tochter eines reichen Bauers bey dem er als Schirmeiſter und Winzer diente, verliebt war. Dieſen nahm er und fuͤhrt ihn an einen ſchoͤnen Abend auf den unbeſteiglichen Berg, nachdem er vorher drey Pferde, einen Pflug und auch Getreide zur Ausſaat ꝛc. dahin geſchafft hatte. Er verſprach dieſem armen Menſchen, der ihn nicht erkannte, und, wie die Frau mit ihrem unehelichen Kinde, fuͤr den Teufel hielt, ſein Maͤd - chen auch zu bringen, mit der Bedingung, ſie gut zu behandeln. Er zeigt ihm ſeine Vorraͤthe, gab ihm auf, mit den beyden Frauenzimmern das Feld zu bebauen, und verſicherte ihm, alle acht Tage zu beſuchen.

Victorin huͤtete ſich die Bauertochter zu entfuͤh - ren, bis er ſicher war, daß niemand von dem Schick - ſale des Schirmeiſters etwas argwohnte: er paßte auf eine ſchickliche Gelegenheit, bey der Nacht ſich ihrer zu bemaͤchtigen, damit er von niemand bemerktwuͤrde;48wuͤrde; aber dieſe Gelegenheit war ſelten, weil er wenigſtens eine Stunde brauchte von der Stadt nach ſeinem Ort zu kommen, und uͤberdies die Reiſe nicht oft machen konnte.

Doch ein Ungefaͤhr beguͤnſtigte wider Vermuthen ſein Unternehmen. Das junge Maͤdchen ließ einen Abend alle Anziehwaͤſche ihrer Mutter und ihre eige - ne im Garten haͤngen. Als Victorin kam, ſah dies und trug ſie mit ſammt den Corſetten, Roͤcken ꝛc. weg. Den andern Tag kam er wieder, und da er den Bauer in einem Winkel des Gartens mit einer Flinte, die Frau im andern und ſeine Leute uͤber - all herum verſteckt fand, ſucht er die Tochter zu entdecken.

Sie ſtand an der Hausthuͤr mit einem Lichte in der Hand. Er ſtieß auf dieſelbe durch einen ver - kehrten Bogen nieder, und ſie fiel mit einem ſchwa - chen Schrey in Ohnmacht. Victorin brachte ſie auf den unbeſteiglichen Berg, und uͤbergab ſie da der Vezinier und ihrem jungen Liebhaber, dem er bey Lebensſtrafe auflegte, alle Achtung fuͤr ſie zu haben, bis er ein Mittel zu ihrer Vereheligung faͤnde. Der arme Juͤngling freute ſich daruͤber ungemein, und ſah wohl daraus, daß ſein Entfuͤhrer nicht der Teufel ſey, weil uns dieſer nur zum Boͤſen verleitet. Dies waren ſeine und der Vezinier Betrachtungen.

Die arme Kaͤthe erſtaunte ziemlich, als ſie beym Erwachen ſich in den Armen ihres Joachim befand! Er mocht ihr verſichern, ſo viel er wollte, daß er ſie nicht weggeholt, ſie konnt es nicht glauben undverlangte49verlangte nur nach ihrem Vater zuruͤck, bis er ihr endlich die Unmoͤglichkeit von ihrem Wunſche von Verlaſſung ihres Aufenthalts zeigte.

Es war eben im Herbſt. Kaͤthe ſtutzte ziemlich, die beyden Frauenzimmer, die man in einem Brun - nen ertrunken geglaubt hatte, hier zu finden: Sie halfen alſo alle drey dem Joachim ſeine Arbeit er - leichtern, und beſaͤten ein Stuͤck Feld, das hinlaͤng - lich war zehn bis zwoͤlf Perſonen zu ernaͤhren.

Victorin kam oft zu ihnen, theils Lebensmittel zu bringen, theils ſie zum Fleiß aufzumuntern. Uebrigens war er entſchloſſen die Ruͤckkehr des folgen - den Sommers zu erwarten, um Chriſtinen zu ent - fuͤhren; wofern nicht etwa jemand ſie bis dahin zur Gemahlinn begehre. Doch es erſchien niemand, der angenommen worden waͤre. Victorin gewann alſo Zeit den Aufenthalt zu verſchoͤnern, den er fuͤr die Beherrſcherinn ſeiner Gedanken beſtimmt hatte, und gleichſam einen kleinen Staat zu errichten, den ſie als Koͤniginn regieren ſollte.

Er trug ferner auf den unbeſteiglichen Berg einen Schuhmacher, eine Putzmacherinn, welche zur Kammerfrau beſtimmt war, eine Naͤtherinn, einen Schneider und eine Koͤchinn. Da ihm in der Folge beyfiel, daß vielleicht alle dieſe Leute einige Neigung gegen einander haben koͤnnten, ſo bracht er ihnen an einem ſchoͤnen Abend, auch einen Prieſter, den er unterwegens von den Abſichten ſeiner Reiſe unter - richtete. Dieſer Geiſtliche ſtellte daher den neuen Bewohnern des unbeſteiglichen Berges vor, eined. fl. Menſch. DWahl50Wahl zu treffen, und daß er ſie trauen wolle. Der Schirrmeiſter heurathete alſo ſeine Kaͤthe, der Schuh - macher die Koͤchinn, und der Schneider die Naͤthe - rinn; der noch uͤbrigen Putzmacherinn verſprach Vi - ctorin bald einen lieben Mann zu bringen.

Victorin war mit ſeinen eigenen Angelegenheiten ſo beſchaͤftigt, daß er den Auftraͤgen des Procura - tors ſchlecht vorſtand. Er bekam daher manchen Verweis, wobey die Frau Sachwalterinn allemal ſeine Sache mit Waͤrme vertheidigte; Unzufrieden daruͤber entſchloß ſich Herr Troismotsparligne den jungen Menſchen, der mit ſeiner Frau ſo gut ſtand, fortzuſchicken. Er ſchrieb daher einen Brief voll bit - trer Klagen an Victorins Vater, und bat ihn, ſei - nen Sohn abzuholen.

Die Frau Sachwalterinn ſahe die Aufſchrift des Briefes, argwohnte den Jnhalt deſſelben; wußt ihn, als er durch die Magd auf die Poſt geſchickt ward, unterzuſchlagen, und ließ einen andern, der juſt das Gegentheil enthielt, ſchreiben. Der gute Fiſcalprocurator antwortete in Gemaͤsheit des letz - tern, und machte dem Sachwalter Geſchenke von Wildpret der gar nicht wußte, wie dies zugieng: Weil aber ſein Schreiber ſich ein wenig beſſerte, ſo war er ruhig.

Als Victorin ſeiner Seits, die zu Chriſtinens Raube feſtgeſetzte Zeit annahen, die Freundſchaft des Petitmaiters erkalten und ſeine Geſchenke bereits ab - nehmen ſah, beſchleunigt er alle Anſtalten zur Aus - fuͤhrung eines ſo wichtigen Unternehmens. Manſagt51ſagt ich will es aber nicht fuͤr gewiß ausge - ben daß er geruͤhrt von dem letzten guten Be - nehmen der Frau Sachwalterinn auch ſeine Erkennt - lichkeit bezeigt doch blos in der Abſicht, ſich fuͤr Chriſtinen deſtomehr zu bilden und ſie ihm ver - ſchiedene kleine Geſchenke gemacht habe, die nicht wenig beytrugen, die Grotte des unbeſteiglichen Berges zu zieren.

Endlich bekam er Luſt, eine Reiſe zu ſeinen El - tern zu machen. Dem Sachwalter war dies eben recht. Victorin reiſte zu Pferde ab, hatte aber wohl - bedaͤchtig die vorhergehenden Naͤchte alle ſeine Sa - chen, die Fluͤgel ausgenommen, in die Grotte getragen. Es iſt unnoͤthig hier die gute Aufnahme zu be - ſchreiben, die er Dank ſey es dem Schrei - ben der dienſtfertigen Frau Procuratorinn von ſeinen Eltern erhielt. Victorin erwiderte ſie auf eben die Art; brannte aber uͤbrigens vor Begierde, ſich auf dem Schloſſe zu zeigen.

Noch den naͤmlichen Abend fand er hierzu Ge - legenheit, da der Fiſcalprocurator ſeinen Herrn Nachricht von etwas geben wollte. Er ſchickte al - ſo ſeinen Sohn, der ſich mit dem Reden am beſten behelfen konnte und die Sache inne hatte.

Eh Victorin ſich zeigte, kleidete er ſich vorher aufs beſte, und mit demjenigen ausgeſuchten Ge - ſchmacke an, wodurch die Thoren ob er es gleich nicht war ſich ſo kenntlich machen, und der den Petitmaitre allein in Anſehen gebracht hatte. Er erſchien aufs glaͤnzendſte und ward gemeldet.

D 2Der52

Der gnaͤdige Herr war aber mit einer zahlrei - chen Geſellſchaft bey Tiſche. Es iſt Victorin! der Sohn meines Fiſcalprocurators, meine Da - men Er ſoll herein kommen!

Chriſtinens Herz huͤpfte fuͤr Freuden beym An - blick eines ſo ſchoͤnen Kavalters. Ein gefaͤlliges Laͤ - cheln entrunzelte das Geſicht der ſechs Damen, die ihre Mienen ſchon auf einen Gnadenblick geordnet hatten. Der gnaͤdige Herr ſelbſt, der den Bur - ſchen eines Landmanns ſo ſchoͤn gekleidet und mit einer ſo anſtaͤndigen Verbeugung hereintreten ſah, konnte die Empfindungen der Achtung nicht unter - druͤcken, und nannte Victorin, ob er ihn gleich kannte: Monſieur. Der junge Menſch richtete ſeinen Auftrag gut eingekleidet und deutlich aus.

Jch bin vollkommen mit ihnen zufrieden, ſagte Chriſtinens Vater, ſie haben ihre Zeit in der Stadt nicht verlohren, und ich ſehe, daß es wahr iſt, was man mir von den guten Kenntniſſen, die ſie da er - langt haben, geſagt hat. Zum Teufel! wiſ - ſen ſie meine Damen, daß dies der Vertraute des zierlichſten jungen Kavaliers in *** geweſen iſt?

Von wem? fragte eine Dame aus der Stadt, vom Herrn von Bourbonne? Richtig, ich erkenne Monſieur! Jedermann ſchreibt ihm eine bewundernswuͤrdige Erfindung zu, vermoͤge welcher der Herr von B*** etlichemal in der ganzen Stadt mit einem Wagen, der allein gieng, her - um gefahren iſt.

Der53

Der allein gieng! riefen die uͤbrigen Damen aus, ach Monſieur, das muͤſſen ſie uns erzaͤhlen!

Setzen ſie ſich nieder! ſprach der gnaͤdige Herr Sie erlauben es doch, meine Damen?

O Gott! ja. Der Herr von B*** iſt ſo viel werth, als wir alle, und er hat mit ihm, ſagte die Dame aus der Stadt, ſehr freundſchaftlich geſpeiſt.

Ein Couvert! ſchrie der gnaͤdige Herr.

Victorin, als Monſieur behandelt, mußte ſich neben Chriſtinen ſetzen, die er durch einen ſehr ehr - furchtsvollen Blick deshalb um Verzeihung zu bit - ten ſchien.

Wohlan, fuhr der gnaͤdige Herr fort, erzaͤh - len ſie uns alſo etwas von dieſer Erfindung.

Sie iſt wirklich von Herrn von B***, erwi - derte der junge Menſch beſcheiden.

Ach ſie wollen es ſeinetwegen nur nicht ſagen, entgegnete die Dame aus der Stadt. Ganz *** weiß, daß ſie von ihnen iſt, und der Herr von B*** hat es ſeiner Mutter geſtanden.

Es iſt moͤglich, daß ich daran geholfen.

Zum Henker, mein lieber Vietorin, ſagte der gnaͤdige Herr, außer ſich fuͤr Freuden, ſie muͤſſen mir auch einen machen.

Jch will ihnen noch mehr machen, mein Herr; oft koͤnnen ſechs Pferde einen Miſtwagen, von der Grube, wo man ihn aufgeladen, nicht wegziehen;D 3ich54ich will ihnen eine Maſchine zeigen, mit welcher es ein Pferd thun ſoll.

O ſo ſchenk ich dir das erſtere, ſprach der gute Herr fuͤr Freuden, denn dies iſt nuͤtzlicher! Aber mein Kind, weißt du auch, daß dein Gluͤck ge - macht iſt, ſo bald du willſt.

Jch fuͤhle keinen Ehrgeiz, erwiderte Victorin, und wenn das menſchliche Herz keiner ſanftern Lei - denſchaften faͤhig waͤre, wuͤrd ich in meinem gegen - waͤrtigen Zuſtande gluͤcklich genug ſeyn. ſeine Augen wandten ſich hier wider ſeinen Willen auf Chriſtinen, mit einem ſolchen Ausdruck der Achtung und der Zaͤrtlichkeit, daß es die junge Dame wahr - ſcheinlich verſtand, denn ſie ward einer an einem ſchoͤnen Tage aufbluͤhenden Roſe aͤhnlich.

Du ſollſt nur eine kleine Verbeſſerung an Chriſtinens Wagen machen.

Morgen des Tages antwortete der junge Menſch mit Waͤrme.

Alle Damen machten bey Victorin Beſtellungen und die Maͤnner kamen mit unterthaͤnigen Bittſchrei - ben bey ihm ein: er verſprach zu thun, was ihm moͤglich waͤre.

Gleich den folgenden Morgen legt er fuͤr ſeinen gnaͤdigen Herrn die Hand ans Werk, und durch Huͤlfe des Schloſſers und des Rademachers bracht er die Maſchine in drey Tagen zu Stande. Er kam ſie zu verſuchen, als Chriſtinens Vater nicht zu Hauſe war; aber die Schoͤne fand ſich dabey ein, undſahe55ſahe zu, wie zwey Knechte einzig und allein mit dieſer Maſchine einen Wagen aus der Miſtgrube zo - gen, den ſechs ſtarke Pferde auf ebenem Wege nicht erziehen konnten.

Der junge Victorin hatte eine ganz beſondere Anlage zur Mechanik, welches beſonders durch Jo - hann Vezinier, der ihn gewiß noch uͤbertroffen ha - ben wuͤrde, ausgebildet war; denn ihr Fluͤgelverſuch war ganz ein ander Meiſterſtuͤck. Victorin gieng noch vor Ankunft des gnaͤdigen Herrn wieder nach Hauſe, um der ſchoͤnen Chriſtine das Vergnuͤgen zu laſſen, ihm, wie es abgelaufen, zu erzaͤhlen, vorher wies er ihr, wie ſie den Verſuch mit der Maſchine wie - derholen koͤnne, um ihrem Vater dadurch eine Freu - de zu machen, und die junge Schoͤne war gegen dieſe Achtſamkeit nicht unempfindlich.

Der gute Herr war bey ſeiner Zuruͤckkunft un - endlich zufrieden. Aber Victorin beſchaͤftigte ſich indeß mit ſeinem Lieblingsplan. Er fuhr alle Naͤchte fort verſchiedene nuͤtzliche oder zur Bequemlichkeit ge - hoͤrige Dinge auf den unbeſteiglichen Berg zu ſchaf - fen. Er hatte die Freude ſeinen Ackersmann in Be - reitſchaft einer reichlichen Erndte zu finden. Jm vorigen Fruͤhjahr hatte er zwar einen kleinen Wein - berg angelegt, bis er aber Fruͤchte truͤge, nahm er ſeine Kraͤfte zuſammen ſo gut war die Feder ſeiner Maſchine einige kleine Faͤſſer Burgunder und Arboiswein hinzuſchaffen. Um ſolche Auswan - derungen anzuſtellen, ſchuͤtzt er verſchiedene Reiſen in die umliegenden Gegenden vor: in der Nacht flogD 4er56er aus, kam vor Tages Anbruch an, kaufte ein, und brachte die Sachen die folgende Nacht fort, nachdem er die Vorſicht gebraucht hatte, ſie gegen Abend an einen ihm bequemen Ort zu bringen.

Endlich war alles zu Chriſtinens Aufnahme vor - bereitet. Nach geendigter Erndte, ließ er eine Windmuͤhle bauen, um das Getreide darauf zu mahlen; Alles zur Nothdurft gehoͤrige war beſorgt, und er beſchloß nunmehr die Entfuͤhrung ſeiner Ge - liebten. Ein gluͤckliches Ohngefaͤhr verſchafte ihm ſogar die Gelegenheit einen Koffer, worinn ihre ſchoͤnſten Koſtbarkeiten ſich befanden, habhaft zu werden.

Chriſtine ſollte in die Stadt reiſen; weil ſich Victorin ſo gut da gebildet hatte, hielt der gnaͤdige Herr dieſen Aufenthalt auch fuͤr ſeine Tochter ſehr nothwendig. Der Tag vor der Abreiſe erſchien und der Wagen war ſchon aufgepackt. Victorin unter - ſuchte am Abend alles genau: Er trug in der Nacht faſt alles, was ſeiner Gebieterinn gehoͤrte, weg, und machte in dieſer Nacht zwey Reiſen nach dem unbe - ſteiglichen Berge. Jn der erſtern trug er den Kof - fer weg, und in der zweyten lauert er auf den Au - genblick, wenn Chriſtine zur Abreiſe erſcheinen wuͤr - de. Dies ſollte ſehr fruͤh geſchehen, weil man zum Mittagseſſen in der Stadt ſeyn wollte.

Seine Erwartung betrog ſich nicht. Mit An - bruch der Morgenroͤthe war auf dem Schloſſe zu B-m-t alles munter. Es ſchien kein Mond, ſon - dern es herrſchte eine voͤllige Dunkelheit. Victorin,der57der ſchon manchen Verſuch gemacht, und alle die - jenigen Perſonen weggefuͤhrt hatte, die ihm noͤthig ſchienen, um die Beherrſcherinn ſeiner Wuͤnſche anſtaͤndig zu bedienen; ſtellte ſich unbeweglich am Schloſſe hin, gleich einem Adler der mit ſeinen krum - men Klauen einem Lamme, das in blumichter Weide zu huͤpfen anfaͤngt, auflauert.

Endlich erſchien Chriſtine, vor welche die Kam - merfrau mit dem Lichte hergieng; ihr Vater, auf die langſamen Bedienten fluchend, begleitete ſie. Mittlerweile jene beyde im Hofe herunter giengen, blieb ſie auf der Schwelle ſtehen. Dieſer Augenblick war Victorin zu koſtbar, als ihn nicht zu benutzen. Er richtete ſeinen erhebenden Paraſol nach unten zu, ſtieß aus der Hoͤhe der Luft auf die ſchoͤne Chriſtine und fuͤhrte ſie fort. Fuͤrchten ſie nichts, Goͤttinn meiner Seele, ſagt er ihr, ich bete ſie an, fuͤrchten ſie nichts. Aber der Schrecken behielt die Oberhand. Als Chriſtine ſich von einer Art von Ungeheuer weg - fuͤhren ſah, ſtieß ſie einen durchdringenden Schrey aus und fiel in Ohnmacht.

Der Vater hoͤrte dieſen Schrey und den Lerm vom Fluge des Victorins, und glaubte nicht anders als ein Theil ſeines Schloßes ſey eingefallen Ach! meine Tochter iſt erſchlagen, ſchrie er, und flog nach der Gegend, wo das Geſchrey her kam; ſein Licht verloſch im Laufen. Er fand alles feſt ſtehend und nichts eingefallen. Er rufte Chriſtinen, aber Chriſtine antwortete nicht auf ſein wiederholtes Schreyen. Die Bedienten kamen herzu gelaufen,D 5man58man ſuchte, man dachte herum, aber Chriſtine fand ſich nicht wieder!

Waͤhrend dieſes Lermens brach der Tag an; man glaubte alle Augenblick den ſchaudervollen Auf - tritt, Chriſtinen zerſchmettert zu ſehen; aber man fand nicht das geringſte Merkmal! Die Tochter des gnaͤdigen Herrn war verſchwunden! Welche Kraͤn - kung fuͤr einen Vater der ſeine verdienſtvolle und ſchoͤne Tochter ſo anbetete!

Jndeß ſchwang ſich Victorin mit ſeiner koſtba - ren Beute durch die Luft. Chriſtine war noch immer ohnmaͤchtig, und ihr Liebhaber ſuchte ſeine Ankunft zu beſchleunigen, weil er fuͤrchtete, ſie moͤchte, wenn ſie ſich erholte und in einer ſolchen Hoͤhe ſaͤhe, allzu - ſehr ſich entſetzen. Jn eben dem Augenblick als ihre ſchoͤne Augen ſich wieder oͤfneten, langt er auf dem unbeſteiglichen Berge an. Kaum hatte er Zeit ge - nug, ſeine Fluͤgel und ſein Schiffergewand ablegen zu koͤnnen, um ihr zuzueilen und ſie zu troͤſten.

Wo bin ich Victorin? fragte ſie ihn, o! wie froh bin ich ſie zu ſehen! Sie haben mich alſo aus den Klauen dieſes Großvogels gerettet, der mich forttrug? Wo iſt mein Vater? Victorin! wo iſt er! Wie haben ſie mich losgemacht?

Anbetenswuͤrdige Chriſtine, ſie ſind leider im Neſte des großen Vogels! Aber fuͤrchten ſie nichts, ſo lange ich bey ihnen bin. Jch wachte fuͤr ihr Wohl ſeit der erſten Erſcheinung dieſes Unge - heuers, und es war mir bekannt, wo er die verſchie -denen59denen geraubten Perſonen hinbrachte. Jch las einſt in der Stadt, daß ein gewiſſer Dedalus, um von der Jnſel Creta zu fliehen, ſich Fluͤgel gemacht habe, und da ich viel Erfindungskraft beſitze, ſtrengt ich ſogleich meinen Kopf an, und da es einmal moͤglich war, mir auch dergleichen zu machen und gleich den Voͤgeln zu fliegen, um fuͤr ihre Sicherheit zu wachen. Nach verſchiedenen Verſuchen war ich ſo gluͤcklich, meinen Wunſch auszufuͤhren.

Als ich dieſen Morgen meinen Vater verließ, um ihnen vor ihrer Abreiſe meine Ehrfurcht zu bezei - gen, merkt ich den Großvogel, und argwohnte, daß er ihnen einen ſchlechten Streich ſpielen wollte; ich hielt daher meine Fluͤgel in Bereitſchaft und ver - barg mich. Sobald ſie erſchienen, ward meine Furcht nur zu gewiß beſtaͤtigt; der Großvogel ſtieß auf ſie her und entfuͤhrte ſie; aber ich verfolgt ihn bis hieher, um ihm ſeinen Raub abzujagen. Wir befinden uns auf einem unbeſteiglichen Berge, wo er ſie niedergeſetzt und vermuthlich nur auf eine kurze Zeit uns verlaſſen hat: aber ich beſitze ein Geheim - niß uͤber ihn zu ſiegen, und ſobald er wieder erſcheint, will ich mich uͤber ihn hermachen. Das groͤßte Un - gluͤck iſt, daß zwar ich von hier wegzukommen, aber nie ſie mitzunehmen vermag; daher mach ich mich anheiſchig, ſo lange hier zu leben, als ſie da bleiben werden, und nie als auf ihren Befehl und auf die von ihnen beſtimmte Zeit mich zu entfernen. Es ſoll ih - nen an nichts fehlen, ſchoͤne Chriſtine, ich mache mir es zum Geſetz, alle ihre Wuͤnſche zu erfuͤllen.

Chriſtine60

Chriſtine war bey dieſer Rede, die ſie nicht zu unterbrechen vermochte, halb todt. Victorin bat ſie aufs angelegentlichſte, ſich in die Grotte zu begeben, um vor dem Grosvogel, wenn er zuruͤck kommen ſollte, deſto ſicherer zu ſeyn. Aus Furcht willigte ſie ein, und ward auf eine angenehme Art uͤberraſcht, als ſie eine ſo angenehme und eine ſo bequeme Woh - nung allda antraf.

Hier ließ ſie Victorin, unter dem Vorwande nachzuſehn, ob der Großvogel wieder kaͤme, um ihn anzugreifen, allein; aber ſeine eigentliche Abſicht war, ſeinen Leuten Anweiſung zu geben, und ihnen Verſchwiegenheit bey Lebensſtrafe anzubefehlen. Er hatte ſich das Gluͤck nicht vermuthet, welche ſeine Entfuͤhrung beguͤnſtigte; allein die Vorſtellungen, welche Chriſtine davon machte, aͤnderten ſeine ge - nommenen Maasregeln. Anſtatt ihr ſeine Leiden - ſchaft zu geſtehen, und die Heftigkeit derſelben zur Entſchuldigung anzufuͤhren, nahm er die Rolle ih - res Beſchuͤtzers an, ſuchte ihr Herz nach und nach zu gewinnen, und theils durch ihre eigne Wahl, theils aus Nothwendigkeit ihr Gemahl zu werden. Beſonders praͤgt er es der Putzmacherinn, welche die Rolle der Kammerfrau bey Chriſtinen vertreten ſollte, recht ein; ſie verſtand ſich darauf; er ver - ſprach ihr einen liebenswuͤrdigen Mann, wenn ſie ihm treu waͤre, und zeigt ihr auf der andern Seite, wie ſie ſeiner Rache nicht entgehen koͤnnte, wenn ſie zur Verraͤtherinn wuͤrde.

Nach61

Nach allen dieſen Vorkehrungen, beſudelt er ſich mit dem Blute von wilden Tauben, die er zu einem artigen Mittagsmahl erlegt hatte, und kehrte ganz erſchrocken zu Chriſtinen zuruͤck, verſichert ihr, daß er den Großvogel verwundet und fortgejagt habe; doch ſteh er nicht dafuͤr, daß er nicht wieder komme, weil er nicht wuͤßte, ob ſeine Wunden toͤdtlich oder nicht geweſen waͤren. Chriſtine, die wieder ein we - nig Muth gefaßt hatte, bezeigte Victorin ihre Er - kenntlichkeit, und ließ ſich von ihm bereden, eini - ge Erfriſchungen vor dem Mittagsmahl zu ſich zu nehmen.

Drauf erſchien die Kammerfrau und die Koͤ - chinn, und boten Chriſtinen ihre Dienſte an, weil ſie von niedrigem Stande und ohne Zweifel von dem Großvogel, der ſie wohlbedaͤchtig zuerſt hieher ge - ſchafft, zu ihrer Bedienung beſtimmt waͤren. Kaͤ - the und Vezinier mit ihrer Tochter erſchienen eben - falls, und wurden alle drey gar bald von Chriſtinen erkannt, die ſich von jeder die kleinſten Umſtaͤnde ih - rer Entfuͤhrung erzaͤhlen ließ: bey allen waren ſie die naͤmlichen.

Victorin behorchte heimlich alles, was geredet ward, um ſich bey der geringſten Unbehutſamkeit ſo - gleich zu zeigen. Aber er hatte Urſache mit ihnen zufrieden zu ſeyn, und gab es auch nachher den drey Frauenzimmern, als er ſie wieder ſah, zu erkennen.

Als Chriſtine nunmehr das Fruͤhſtuͤck eingenom - men, bat ſie Victorin, mit ihm auf ſeinem neuen Gute ein wenig herum zu gehn und Beſitz davon zunehmen,62nehmen, weil, wie er vorgab, es nicht wahrſchein - lich ſey, daß der nur eben verwundete Großvogel ſobald zuruͤck zu kehren es wagen ſollte. Die ſchoͤne Chriſtine war es zufrieden, und hielt ſich feſt an den gluͤcklichen Victorin, in deſſen Arme ſie, wie in eine ſichre Freyſtaͤtte, bey jedem geringen Geraͤuſche ſich warf. Sie beſah alſo die mittaͤgige angebaute Ebene. Da es zur Herbſtzeit war, fanden ſie außer dem an - gepflanzten Weinberge, auch noch am Fuße eines Felſen zwey oder drey große Reben die urſpruͤnglich auf dem unbeſteiglichen Berge gewachſen waren, und, da Victorin ſie vorm Jahre beſchnitten und gewartet hatte, die ſchoͤnſten Trauben trugen. Er ſelbſt trug Chriſtinen in ſeinen liebreichen Armen dahin, um ſelbſt die ihr gefaͤlligen Trauben abzuſchneiden. Hierauf zeigt er ihr den Bach und einige wilde Zie - gen, die zahm gemacht waren, und da ſie von lau - ter aromatiſchen Kraͤutern ſich naͤhrten, die ſchoͤnſte Milch gaben.

Er fuͤhrte ſie ferner zu vier Laͤmmern, welche von zweyen, die, wie er ſagte, der Grosvogel oh - ne Zweifel traͤchtig hergebracht, geworfen worden waͤren. Auch waren daſelbſt zwey Kuͤhe und ein junger Stier, ingleichen ein Pferd und ein Laſtthier zum Feldbau. Er wies ihr denn auch die natuͤrli - chen Bienenſtoͤcke, welche die Bienen in einem mit Moos bedeckten Felſen, der gegen den Nordwind voͤllig geſichert war, gebaut hatten.

Bey allem nahm er die Miene einer Entdeckung an, und that, als ob er, wie ſie, es zum erſtenmaleſaͤhe.63ſaͤhe. Dies verſtaͤrkte das Vergnuͤgen. Als das Verlangen zum Eſſen ſich einſtellte, kehrte man zum Mittagmahl nach der Grotte zuruͤck. Fuͤr Victorin war dieß das reizendſte Mahl. Doch glaube man nicht, daß Chriſtine beruhigt war; alle Augenblicke entfielen ihr Thraͤnen; ungeachtet der Aufmerkſam - keit des jungen Mannes, der innigſten Sorgfalt der Kammerfrau, die vom erſten Tage an ihr aufs zaͤrt - lichſte zugethan war, konnte ſie ſich nicht troͤſten, und die Herannahung des Abends, ſetzte ſie am mei - ſten in Schrecken; aber endlich, als man einleuchtend genug bewies, wie ſicher ſie ſich einſchließen koͤnne, verſprach ſie, ſich nieder zu legen.

Victorin verband ſich vom Kopfe bis auf die Fuͤſſe, gewafnet an der Thuͤre Wache zu halten; die Kammerfrau mußte bey ihr ſchlafen, und die uͤbri - gen Bewohner des unbeſteiglichen Berges beſetzten die Zugaͤnge der Grotte, die ſchon laͤngſt fuͤr ſie aufs bequemſte eingerichtet war. Alle dieſe Anſtalten be - ruhigten die furchtſame Chriſtine. Sie ließ Victo - rin ſagen, daß ſie ihm nicht erlauben wuͤrde, ſein Le - ben oder ſeine Geſundheit in der Nacht Preis zu ge - ben, und daß ſie ihn baͤte, er moͤchte ſich ihrentwe - gen ſchonen ꝛc.

Den folgenden Tag dachte Victorin darauf ihr ein Vergnuͤgen zu machen. Die Arbeit ſeiner Leute wollte nicht viel ſagen, und wenn einer uͤberhaupt recht zu Werke geht, bleibt ihm immer Zeit genug zum Vergnuͤgen. Chriſtine hatte zum Gluͤck die Stadt noch nicht geſehen, und kannte, ob ſie gleichein64ein Fraͤulein war, nur die laͤndlichen Freuden. Es wurden daher gewiſſe Stunden zum Spiel und Tanz ausgeſetzt. Und Victorin, der die Violine ſpie - len gelernt hatte, war bey dieſem Zeitvertreibe die Hauptperſon.

Unbemerkt wurden Chriſtinens Thraͤnen minder bitter. Jhr Schmerz hatte blos das Gepraͤge der Zaͤrtlichkeit, und entſtand mehr aus Unruhe wegen der Geſundheit ihres geliebten Vaters, und von der gewiſſen Vermuthung, daß er ihres Verluſts halber in Verzweifelung ſey, als ihres eignen Schickſals wegen. Angebetet von allem was ſie umgab; be - dient von einem ſchoͤnen jungen Manne, der ihr nichts weniger als gleichguͤltig war, und dem ſie ihr Leben zu verdanken glaubte, wo konnte ſie gluͤckli - cher ſeyn?

Oft hatte ſie Victorin bereits gebeten, ſich Muͤ - he zu geben, bis zum Hauſe ihres Vaters zu fliegen; aber ſtets verſchob er es aus vorgeblicher Furcht vor dem Großvogel, der vielleicht bloß den Augenblick ſeiner Abweſenheit erwartete, um auf den unbeſteigli - chen Berg zu kommen und ſie in unbekannte Gegenden fort zu fuͤhren. Dieſe Urſachen ſchienen ihr hin - laͤnglich. Jndeß konnte die zaͤrtliche Chriſtine, nach ſechs Monden, die Unruhe in der ſie ihres Vaters wegen war, nicht laͤnger aushalten, und ward zu - fehends elender. Victorin, der faſt alle Naͤchte den unbeſteiglichen Berg verließ, um die ihm nothwendi - gen Sachen zu holen, hatte zwar Nachrichten von dem guten Herrn, aber er durfte ſie ihr nicht ſagen.

Einen

Einen Abend wurden Chriſtine und er zuſam - men einig, daß er in der Dunkelheit, ohne jemands Wiſſen, ſelbſt ohne der Kammerfrau ihres, ausflie - gen, und ſich aufs Schloß B-m-t begeben, ſie aber nicht vor ſeiner Wiederkunft, aus ihrer Grotte gehen ſolle. Dieß war bloß eine Probe, die Victo - rin anzuſtellen gedachte; anſtatt wegzugehn, verbarg er ſich im Hintergrunde der Grotte und lauſchte, ob er ſich auf die Behutſamkeit ſeiner Gebieterinn, und auf ſeine Leute im Fall eines Geſpraͤchs verlaſſen koͤnnte. Er hatte Urſache damit zufrieden zu ſeyn. Niemand zweifelte an ſeiner Abreiſe, denn man konnte jederzeit das große Geraͤuſch ſeiner Fluͤgel hoͤren, wenn er ſich im Flug ſetzte, außer wenn er von einem hohen und entfernten Felſen herab flog, wel - chen Umſtand aber niemand wußte. Den andern Morgen ſtellt er ſich zu großem Erſtaunen ſeiner Leute bey Chriſtinen ein, als kaͤm er ſo eben vom Schloſ - ſe zu B-m-t, und erzaͤhlt ihr alles, was ſich ſeit ihrer Entfuͤhrung daſelbſt zugetragen hatte.

Kaum waren ſie weggefuͤhrt, Mamſell, als ihr Herr Vater, der einen ſolchen Vorfall gar nicht vermuthen konnte, ſie uͤberall ſuchte und ſuchen ließ: aber ſtellen ſie ſich ſein Entſetzen und ſeinen Schmerz vor, als man ſie bey vollem Tage weder todt noch lebend fand! Sein Staunen ward dadurch noch groͤßer, daß auch ihr Koffer mit ihren koſtbarſten Sachen, vom Wagen verſchwunden war. Die ſonderbarſten Vermuthungen kamen ihrem Vater in den Sinn, und ſeine Verzweifelungen verkehrten ſichd. fl. Menſch. Ein66in Wuth. Aber zum Gluͤck hat eben dieſe ihn geret - tet. Man dachte bald darauf auch auf mich. Und da ich nicht hier und bey meinem Vater zugleich ſeyn kann, ſo hielt man mich meiner Abweſenheit wegen fuͤr ihren Entfuͤhrer. Der Herr von B-m-t ließ mir daher den Prozeß machen und ich haͤnge jetzt im Bildniße auf dem Markte zu Grenobel am Galgen. Dieß hinderte mich, vor ihrem Vater zu erſcheinen, und ihn von ihrem Schickſal zu unterrichten. Jch habe die noͤthigen Schreibematerialien mitgebracht; ſchreiben ſie alſo dieſer Tage einen Brief, den ich ihm bey der erſten ſchicklichen Gelegenheit bringen, und auf dem großen Balcon des Schloßes legen will, daß er ihn, wenn er nach gewoͤhnlicher Art ſeine Morgenpfeife Taback allda rauchen will, finde. Doch darf ich nicht ſo zeitig von hier weggehn, denn ich habe ſichre Spuren, daß der Großvogel ſich noch hierum aufhaͤlt, denn als ich mich auf unſern Berg niederließ, ward ich einen neuen Einwohner gewahr, der durch niemand anders als durch ihn hieher ge - bracht worden ſeyn kann; es iſt ein artiger Pur - ſche, hier warf Victorin einen Blick auf die Kam - merfrau der wie ich glaube, ſich fuͤr die Kokete gut ſchicken wuͤrde, wenn es der Herr Großvo - gel auch fuͤr gut faͤnde einen Prieſter her zu bringen, der ſie mit dieſem neuen Ankoͤmmling traute. Aber ich entferne mich von dem was Mamſell mit ſo heftigem Verlangen wiſſen wollen. Jhr Herr Va - ter befindet ſich wohl; es wird hinlaͤnglich ſeyn ihm einen Brief zu ſchreiben, um allen ſeinen Argwohn zu zernichten, und ihm die voͤllige Wahrheit um -ſtaͤndlich67ſtaͤndlich zu melden, damit man mich vom Galgen abnehme. Die ſchon vorher von dem Großvogel entfuͤhrten Perſonen, werden ihn uͤberzeugen.

O mein lieber Victorin, ſprach Chriſtine, mein Vater hat es nie glauben wollen; er ſagt, es waͤren Erdichtungen.

Sie ſehen’s aber, ſchoͤnſte Chriſtine!

Ja, erwiederte ſie mit Thraͤnen, ich ſeh es.

Stillen ſie dieſen fuͤr mich toͤdtenden Schmerz, anbetenswuͤrdige Beherrſcherinn, alles deſſen was ſie um ſich ſehen, oder ich bin ihnen fuͤr mein Leben nicht gut.

Jch will mich beruhigen, ſagte ſie, aber ſie muͤſſen ſich gegen einen ſo geliebten Vater recht - fertigen.

Das wird nicht ſo ſchwer ſeyn, als ſie glau - ben, der Großvogel muß doch endlich bemerkt wer - den; wenn ihn ſo viel Perſonen ſehen, wird man nicht weiter dran zweifeln koͤnnen, und auch ihr Brief wird gewiß Eindruck bey ihrem Herrn Papa machen.

Wie troͤſtend iſt das fuͤr mich, Victorin! Ach wie viel Dank bin ich ihnen ſchuldig.

Jch bin ganz der ihrige, ſchoͤnſte Chriſtine, gebieten ſie uͤber mein Leben.

Ja ich wuͤrde, wenn es moͤglich waͤre, daruͤber gebieten, aber nur um es gluͤcklich zu machen.

E 2Bey68

Bey dieſen unvermutheten Worten warf Victo - rin ſich zu ihren Fuͤſſen, ergriff eine von ihren Haͤn - den, die ſie ihm uͤberließ und uͤberdeckte ſie mit feu - rigen Kuͤßen.

Stehn ſie auf, rief ſie endlich aus, ſie ſind hier mein einziger Troſt: Ach! was wuͤrde ohne meinen lieben Victorin aus mir geworden ſeyn?

O Madam, wie durchdringt mich ſo viel Guͤ - te!. und warum kann ich nicht Aber es iſt unmoͤglich von dieſem Berge zu entkommen. Alle Macht des Koͤnigs in Frankreich und eine Muͤhe von vierzig Jahren wuͤrden uns nicht davon helfen: wollt ich ſie gleich durch Huͤlfe einer ſo zerbrechlichen Maſchine, als meine Fluͤgel ſind, wegfuͤhren, ſo wuͤrden wir Gefahr laufen, beyde wider einen Fel - ſen zu zerſchmettern Ach Madam! wie werden unſre ſchoͤnen Tage verfließen!

Jch bedaure nur die ihrigen.

Und ich Madam, blos ſie Bey dieſen Worten verſchlang Victorin beynah Chriſtinens Haͤn - de, die auch nicht die mindeſte Bewegung ſie zuruͤck zu ziehn machte. Sie war zwar die Tochter eines Edelmanns und Victorin blos der Sohn eines Fiſcal - procurators; aber er war Koͤnig des unbeſteiglichen Berges, und Chriſtine ſahe wohl, daß, ob man gleich nur ihren Befehlen gehorchte, doch alles durch ihn gieng. Endlich wichen Hochmuth und Vorurtheile der Geburt nach und nach, weil niemand hier ſie un - terſtuͤtzte, dem zarten Gefuͤhl, welches Victorin ihrtaͤg -69taͤglich eingefloͤßt hatte. Der junge Mann merkte ſeinen Sieg, aber er verbarg ſeine Freude unter ſchmeichelhaften Verſicherungen einer uneingeſchraͤnk - ten Verehrung. Er ließ nicht den geringſten An - ſpruch blicken, und ſeine feurigen Lippen, druͤckten ſeine Liebe blos auf Chriſtinens weiſſen Haͤnden aus, Endlich fiel es ihr ein ſie zuruͤck zu ziehen, aber es geſchah ohne Unwillen, ſie ſchien den uͤbrigen Tag hindurch ziemlich beruhigt zu ſeyn, und gieng mit Victorin und ihrer Kammerfrau ſpazieren.

Seit einigen Tagen hatte der junge Liebhaber ei - nen Gang entdeckt, wodurch man zu der kleinen Sommerwieſe kommen konnte: er war ſehr enge zwiſchen zweyen abhaͤngigen Felſen gelegen, und Vic - torin hatte ſorgfaͤltig die Geſtraͤuche, welche er errei - chen koͤnnen, zuſammen geflochten, damit ſie die Durchſicht nicht verhindern moͤchten. Hieher fuͤhrt er Chriſtinen, leitete ſie jeden Schritt und ſtellte ſich als entdeckt