PRIMS Full-text transcription (HTML)
Luſtiges Komödienbüchlein
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Zweites Bändchen.
München,1861. Verlag der J. J. Lentner’ſchen Buchhandlung. (E. Stahl.)

Als Manuſcript gedruckt.

Druck von E. Stahl.

Prolog.

Das goldene Ei.

Perſonen.

  • Negrocephalus. Zauberer.
  • Putzlmaier. deſſen Famulus.
  • Der Gockelhahn.
  • Eine verhüllte Geiſtererſcheinung.
  • Blitz und Donner.

Felſenhöhle mit Zauberapparaten.

Auf einem Felsblock liegt ein großes Buch aufgeſchlagen. Rechts ein Todtenkopf, links ein Eſelskopf, in der Mitte eine Sanduhr; ein großer Barometer hängt an der Felſenwand.
Negrocephalus
(ſteht vor dem Buche und blättert darin).

Beim großen Salamo! heut geht mir nichts zuſammen mit meiner Zauberei. Jetzt laborir ich ſchon den ganzen Vormittag und kann keinen Geiſt citiren. Vielleicht hab ich nicht das richtige Blattl in mei’m Zauberbuch erwiſcht oder iſt mein Zau - berſtaberl vom feuchten Wetter etwas verbogen kurz! es iſt eine wahre Schand für einen Zauberer von meiner Qualification! Auch dieſer ausge - ſtopfte Kopf des klugen Bienam-Eſels ſchweigt heute, der mir doch ſonſt die beſten Andeutungen gibt.

(gibt ihm einen Schlag mit dem Zauberſtäbchen.)

Na! gar nichts heut? Was iſt’s? Kein Zeichen?

(Der Eſelskopf bewegt die Ohren und ſchreit Ya Ya! )

Endlich! Aber jetzt fallt mir was ein! Vielleicht hat mir gar mein Famulus Putzlmaier das ZauberbuchVI verblättelt, daß die Seiten nicht mehr mit dem Kalender zuſammengehn; denn der miſcht ſich in gar Alles und will alleweil gſcheider ſein als ich. Putzlmaier! Putzlmaier!

Putzlmaier
(von Außen.)

Was gibt’s ſchon wieder?

Negrocephalus.

Herein da! Wo ſteckt Er?

Putzlmaier
(tritt ein).

Was wolln’s denn in aller Fruh z Mittags? Jetzt hab ich grad mein Caffee trinken wollen.

Negrocephalus.

Was hat Er wieder getrieben beim Abſtauben heut in der Fruh? Gelt? ’s Buch verblattelt, daß ich mich nimmer auskenn!

Putzlmaier.

Das kann die Zugluft auch gethan haben. Wenn ich abſtauben und aufräumen ſoll, ſo muß ich auch was anrühren.

Negrocephalus.

Nur nicht naſeweis, Monſieur Putzlmaier! Schau Er einmal auf den Zauberthermometer, wie heut meine geiſtige Temperatur ſteht?

VII
Putzlmaier
(ſieht auf den Barometer.)

Grad auf Null! Auf’m Gefrierpunkt.

(Der Eſel rührt die Ohren und ſchreit Ya, Ya .)

Der Eſel ſagt’s auch. So ſchaun ’S doch in den Sulzbacherzauberkalender. Vielleicht iſt heut nit der rechte Tag.

Negrocephalus.

Still! Was weiß Er von der geheimen Magie. Bleib er in ſeiner untergcordneten Sphäre und verſteig Er ſich nicht in Regionen, die Jhn nichts angeh’n und die für Jhn viel zu erhaben ſind. Geh Er hinaus und zünde Er lieber im Ofen das chemiſche Feuer an; denn ich will experimen - tiren.

Putzlmaier
(im Abgehen.)

Buchen oder Feuchtholz?

Negrocephalus.

Zwei Scheiteln Feuchtholz und drei Buchen - prügel; dann etwas Torf drauf; denn ’s Holz iſt theuer.

(Putzlmaier ab.)
Negrocephalus
(allein.)

So will ich denn an’s Werk ſchreiten

(liest aus dem Buche)
VIII

Schnuriburiomnibus viribusschabuloribus Katamizispriziwuzimilimalimolimus Spiritisfamiliaribusbliziblazibumbumbum.

(Es kracht im Ofen.)

Auweh! bin ich aber jetzt erſchrocken! Hat ſich ſchon ein Geiſt gerührt, wie mir ſcheint. Dem muß ich gleich kräftiger zu Leib ſteigen. Hoher Geiſt, der du den Spruch capirteſt Dich ſogleich im Ofenloche rührteſt, Wenn du der biſt, den ich meine, Unſichtbarer ſo erſcheine. Jch citire dich bei Salomo’s Gewalt, Zeige dich in x beliebiger Geſtalt.

Unter krachenden Flammen erſcheint der große Gockelhahn.
Gockelhahn.

Kikeriki, kikerikich bin da, Gerufen haſt du, ſo bin ich nah.

Negrocephalus
(zitternd.)

Sprich, wer biſt du?

Gockelhahn.

Jch bin der kluge Gockelhahn Und kräh den frühen Morgen an.

Negrocephalus.

Biſt du ein guter oder ein boſer Geiſt?

IX
Gockelhahn.

Kikerikich bin ein guter Geiſt, Der kluge Gockelhahn geheißt.

Negrocephalus.

So ſprich, wie ſtehſt du mir zu Dienſt, Da du auf mein Geheiß erſchienſt?

Gockelhahn.

Jch bin der kluge Gockelhahn, Der Henne Gackerackack ihr Mann; Und meine Frau ſitzt auf dem Miſt, Jm Legen ſie begriffen iſt.

Negrocephalus.

Was legt die Henne, o ſag geſchwind, Und wo legt ſie, damit ich’s find.

Gockelhahn.

Ein goldnes Ei, Das brich entzwei; Was aus dem Ei wird kommen, Das mag dir ſein zum Frommen. Mir aber gib eine Hühnerſteig Und dann mein Futter aus gutem Teig. Ein goldnes Ei, Das brich entzwei!

X
Negrocephalus.

Schaff mir das Ei ſogleich hieher, Jſt was Gut’s drinnen, freut’s mich ſehr.

Gockelhahn.

Das goldene Ei das ſollſt du haben, Da draußen liegt es in dem Graben.

Negrocephalus.

Flieg auf, flieg auf, mein Gockelhahn, Und iſt’s nicht wahr, ſo iſt’s ein Wahn.

(Gockelhahn fliegt fort.)

Schlapperment! jetzt bin ich aber ſchachmatt von der Zauberei. Jch muß in mein Schlafkabinet gehn, um etwas auszuruh’n. Einſtweilen kann der Putzlmaier aufpaſſen. Putzlmaier!

Putzlmaier.

Da bin ich ſchon; was gibt’s?

Negrocephalus.

Aufgepaßt, Putzlmaier! Nimm Er ſeinen Kopf zuſammen und mach Er keine Dummheit. Wäh - rend ich jetzt in meinem Cabinet in einigen - chern nachſchlage, bleib Er hier und paß Er auf, daß nichts gſchieht. Wenn aber was gſchieht, ſo muß Er mir’s gleich melden.

(ab)
XI
Putzlmaier
(allein).

Das iſt wieder eine ſchwierige Commiſſion. Alſo: Wenn Nichts gſchieht, nachher gſchieht Nichts und wenn was gſchieht, ſo gſchieht was. Alſo aufgepaßt, Putzlmaier! Aber das Herſitzen iſt mir zu langweilig. Jch will mich unterdeſſen a bißl mit dem Zauberbuch unterhalten; vielleicht kann ich mir auch einmal einen Geiſt herzitiren.

(blättert)

Pfui Teufel! Das ſind abſcheuliche Kribes Krabes.

(blättert weiter)

Ah! das laß ich mir gfall’n, da iſt ein wunderſchöner Gockel abgemalt.

(liest.)

Kikeriki, kikeriki erſchein, Wenn du der biſt, den ich mein.

Ein Knall. Gockelhahn fliegt herab und legt ein großes goldenes Ei nieder, das er in den Krallen hält.
Gockelhahn.

Großer Zauberer, du haſt beſohlen. Dieſes Ei iſt nicht geſtohlen; Jch bring es her, leg dir’s zu Füſſen, Frau Gackerakack laßt dich ſchen grüßen!

(fliegt ab)
Putzlmaier.

Ah! Ah! Das iſt aber ſchön! Ein golde - nes Ei! Das gfallt mir. Was muß denn da drin - nen ſein? Das könnt eine hübſche Portion Eier -XII ſpeis geben. Aber’s Eierbecherl müßt ſchon ſo groß ſein, wie ein Halbseimerfaßl. Da ſag ich vorder - hand meim Herrn nichts davon.

Stimme aus dem Ei.

Macht’s auf! ich erſtick!

Putzlmaier.

Aha! da rührt ſich was. Jſt vielleicht ein kleines goldenes Gockerl drin?

Stimme.

Tauſendnochemal! macht’s auf! ich erſtick!

Putzlmaier.

Ja, wie kann ich denn aufmachen?

Stimme.

Nimm das Zauberſtaberl und ſchlag dreimal auf das Ei, ſo wird es zerſpringen.

Putzlmaier.

Nein, nein! da trau ich nit. Da könnt der Spadifankerl drinſtecken. Jch will’s lieber mei - nem Herrn melden.

(ruft)

Herr Negrocepherl, kom - men’s heraus; aber geſchwind, ſonſt erſtickt der Teufel.

Negrocephalus
(kömmt.)

Was gibt’s da? Aha! das Ei. Brav, brav, der Gockl hat Wort ghalten.

XIII
Putzlmaier.

Jetzt nehm S nur gſchwind ihr Spazierröhrl und tipfen S e bißl drauf; aber z’vor abſentir ich mich, denn mit dem verdächtigen Eierdotter will ich nichts z’thun haben.

Negrocephalus.

Geh Er nur, wenn Er Furcht hat. Ha, ha, ha! Ein Zauberer wie ich fürchtet dergleichen nicht.

Putzlmaier.

Ghorſamer Diener!

(ab.)
(Negrocephalus betrachtet das Ei ängſtlich von allen Seiten.
Stimme
(im Ei.)

Aufgmacht, ſag ich!

Negrocephalus
(fährt voll Schrecken zurück.)

Ei der tauſend! was iſt das?

Stimme.

Aufgmacht, oder ich brich durch!

Negrocephalus.

Der Putzlmaier hat doch nicht ſo Unrecht. Weiß’s der Deixel, ob nit der Deixel da drin ſteckt! Jeden - falls muß ich mich ſicher ſtellen.

(eilt ans Zauberbuch und liest):

Steckt im Ei dieß oder das, Jch verbitt mir jeden Spaß;XIV Denn wenn ich einen Geiſt citir Verlang ich Anſtand und Manier. Lieber Geiſt, ich bitte dich, Sei ſo gut und mir verſprich, Daß, wer du auch immer biſt, Du mich nicht verſchlingſt und frißſt. Beim großen König Salomo, Und wenn es ſo iſt, ſag es ſo.

Stimme.

Jch thu keim Menſchen was. Aufgemacht, ich halt’s nimmer aus!

Negrocephalus
(mit dem Zauberſtab an das Ei tretend.)

Eh ich die goldne Hülle ſprenge, Die dir, wie du mir ſagſt, zu enge, Sollſt du bei allen Geiſtern ſchwören, Und daß vernehmlich ich’s kann hören.

Stimme.

Jch ſchwör’s, ich ſchwer’s.

Negrocephalus
(berührt das Ei mit dem Zauberſtab.)

So öffne dich, du goldnes Haus; Verſteckter Geiſt, tritt nun heraus!

(zugleich ſalvirt er ſich hinter’s Zauberbuch.)
XV
Unter knallendem Feuerwerk öffnet ſich das Ei. Eine mit bunten Lappen verhüllte Geſtalt erhebt ſich daraus.
Negrocephalus.

Was iſt das für eine kurioſe Figur, Kunterbunte Lappen ſeh ich nur: Blau und gelb und grün und roth, Jſt das eine neue Geiſtermod? Wer biſt du ſprich? Jch frage dich.

Die Hülle fällt und Casperl ſpringt aus dem Ei.
Casperl.

Jch bin’s, der in der bunten Hülle prangt, Und den ſich alle Welt verlangt.

Negrocephalus.

Unverſchämt! Scandalos! Einen Geiſt hab ich mit meiner magiſchen Gewalt citirt und aus dem goldenen Ei ſpringſt du heraus? Welche Frechheit!

Casperl.

Als ob ich kein Geiſt wär!

Negrocephalus.

Ja, aber welcher? Gleich hinaus mit dir!

Casperl.

Oho, das geht nit ſo gſchwind, alter Zaube - rer! Wiſſen S denn, wer ich bin?

XVI
Negrocephalus.

Jch weiß’s ſchon. Ein Hanswurſt!

Casperl.

O, Sie langweiliger Schafskopf!

Negrocephalus.

Jmpertinenter Flegel! Jch werd ihn gleich wie - der hinauszaubern.

Casperl.

Nix da! geh’n S nur e bißl auf d Seiten, damit ich Platz hab und mich an das hochgeöhrte Publicus wönden kann.

Hochgeöhrteſtes Publicus!

Jch habe die Oehre, mich Jhnen als möglichſt guten Humor vorzuſtehlen. O, der Humor oder die Humores ſind was werth! Denn die Hu - mores, welche nach lateiniſcher Explucation ſo viel wie eine Art von Feuchtigkeiten bedoiten, ſind jene floiden Kräfte, die uns den Dorſt zu ſtillen pflö - gen, wölchen Dorſt der Casperl Larifari abſoluta - liter nicht leiden kann, weshalbiger derſelbe bedoi - tend zu trinken gewohnt iſt. Doch laſſen wir dieſen zarten Punkt beiſeite und reden wir von dem Hu - mor in der einfachen Zahl. Dieſen guten Humor möchte ich dem hochgeöhrteſten Publicus mitgebrachtXVII haben; ich möcht Jhnen damit e bißl die lang - weilige Zeit vertreiben. Auch hab ich noch einige Ueberbleibſeln von einer halben Portion ſogenann - ter romantiſcher Poeſie im Sack, die ich auf’m Tandlmarkt ſelber um 12 Kreuzer gekauft hab und die meinen alten guten, guten Freund, den Herrn Clemens Brentano, Gott hab’n ſelig, umgebracht hat. Eine herrliche, miſerabelverkannte Verlaſſen - ſchaft, die er mit in’s Grab hat nehmen wollen; aber eh er gſtorb’n iſt, hat er’s doch wieder da laſſen und hat ſich gedacht: Vielleicht klaubt’s doch noch eine ſympathetiſche Seele auf! Ha! dieſe ſympaſtetiſche Seele hat ſich gefunden und die Co - mödienſtückl, die ich da mitgebracht hab, enthalten den Abdruck des Ausdrucks des Eindrucks eines Mondſcheinſtrahles aus der romantiſchen Zeit, wo die Ritter noch beim helllichten Tag herumgritten ſind und die Zauberer noch als ſolche haben gel - ten können. Aber jetzt machen die Ritter keine Kreuzfahrten mehr, ſondern laſſen ſich lieber ein Dutzend kleine Kreuzl’n anhängen und die Zaube - rer, die uns einen blauen Dunſt vormachen, ſind auch noch da, aber das geht Alles auf natürliche Manier her und Aber ich bitt um Ver -*XVIIIzeihung! beinah hätt ich mich vom Stoff hinreißen laſſen. Nehmen S halt vorlieb mit dem, was Jhnen der Casperl Larifari ganz ghorſamſt ge - bracht hat und wenn S gfälligſt umblätteln, ſo können S ſelber leſen, was er im Sack hat, nehm - lich: Ein Büchl, folgenden Jnhalts:

Anmerkung des Setzers.

Jch kann dem verehrten Leſer meine Beobachtung nicht vorenthalten, daß, abgeſehen von der abgeſchmackten Erſchein - ung des Casperl. das gold’ne Ei eine viel geeignetere Ver - wendung bei feierlichen Gelegenheiten finden könnte. Wäre es z. B. nicht ſehr hübſch, wenn bei einem Geburts - oder Namenstagfeſte aus dem Ei eine Bouteille guten Weines erſchiene, die man dann dem Gefeierten überreicht, oder bei Verlobungen 2 brennende Herzen in Trausparent mit den Namenszügen der Verlobten u. dgl. m. Jch kann meine Verwunderung nicht unterdrücken, daß dem Herrn Verfaſſer nicht dergleichen zu Ehren des Leſers eingefallen iſt, und daß er den läppiſchen Casperl Larifari aus dem Ei er - ſcheinen läßt.

Jnhalt.

  • Seite
  • Doktor Saſſafras1
  • Der Weihnachtsbrief57
  • Die drei Wünſche81
  • Die Taube107
  • Muzl, der geſtiefelte Kater169
  • Prinz Herbed227
  • Kasperl als Garibaldi279

Doctor Saſſafras oder Doctor, Tod und Teufel, in drei Aufzügen.

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Perſonen.

  • Doktor Saſſafras.
  • Casperl,

    ſein Diener. Herr von Steinreich.

  • Marie,

    deſſen Nichte und Muͤndel.

  • Schreiber,

    Sekretär bei Steinreich.

    Der Tod,

    auch Herr Knochenmayer.

  • Der Teufel.
  • Ein Bauer.
  • Bedienter bei Steinreich.
  • Ein Todtengräber.
  • Erſcheinungen.

I. Aufzug.

Des Doktors Studirſtube.

(Bücher, mediciniſcher Apparat ꝛc.)
Doktor Saſſafras.

Die Laſt der Arbeit erdrückt mich beinah! Es iſt wirklich etwas Erſchreckliches, ein Arzt zu ſein. Mit dem früheſten ſtehen ſchon die Hilfeſuchenden vor meiner Thüre; dann heißt’s in der ganzen Stadt oder auf dem Lande herumfahren; kaum hab ich mich Mittags mit Speis und Trank ge - ſtärkt, überlaufen mich die Patienten wieder in meiner Wohnung; dann abermals Viſiten; Nachts wenn die andern Menſchen ausruhen, bin ich auch nicht ſicher, daß ich nicht irgendwohin geholt werde! Geld mache ich mir genug bei dieſem Wirken, be - ſonders ſeit ich die drei Heilmethoden exercire, die Allopathie, die Homöopathie und die Hydropathie (vielleicht nehme ich auch noch die Heilgymnaſtik dazu). Jch kurire oder bringe die Leute um, wie ſie wollen. Man bewundert meine Prognoſe,1 *4meine Diagnoſe kurz man nennt mich einen zweiten Hypokrates oder Paracelſus!

(Casperl tritt ein.)
Casperl.

Hochelehrteſter Herr Doctor! Da draußen ſteht ſchon wieder ein ganzer Rudel Patienten, die ein Rezept haben wollen von Jhnen. Einen haben’s gar auf einem Wagerl hergſchoben; er hat keine Füß mehr und möcht, daß Sie ihm was eingeben, damit ihm wieder neue anwachſen; einen Blinden haben’s auch hergführt, der möcht ein paar friſche Augen. Nächſtens kommen die Leut ohne Kopf, damit Sie ihnen Einen aufſetzen.

Saſſafras.

Für jetzt iſt es mir unmöglich, irgend Jemanden zu empfangen. Jch muß zu einem Confilium, welches eben bei dem alten Grafen Hohenfels ge - halten wird. Wenn die Leute draußen ein Stünd - chen warten wollen, mag es ſein. Jch denke, daß ich nicht zu lange ausbleibe oder wenn du meinſt, ſo beſtelle ſie auf morgen her.

(ab.)
Casperl
(allein).

So iſt’s recht. Geh’n S nur fort, Herr Doc - tor. Jetzt hab ich Gelegenheit, wieder einmal5 meine Praris auszuüben. Ein dummer Kerl wird ſich ſchon finden, der mich für einen Doctor anſieht, wenn ich ihm was weiß mach. Das iſt ja ohne - hin bisweilen Doctorenmanier und je mehr man den Leuten vorlügt, für deſto gſcheiter halten’s Ein.

(ruft zur Thüre hinaus)

Heda! Guter Freund, nur herein!

(Ein Bauer mit ungeheuer dickem Bauch.)
Bauer.

Da bin i ſchon, Rexcellenz Herr Doctor.

Casperl
(ſpricht ſehr hochdeutſch).

Nun was fehlt, juder Freund? Du haſt ja einen ungeheuern Bauch. Haſt du vielloicht die Waſſerſucht? oder die Bierſucht?

Bauer.

Na, weder d Waſſerſucht, noch d Bierſucht. Jch hab halt ſchreckliche Schmerzen im Bauch, und weiß net warum. Aber die vorig Wochen habn wir Kirte ghabt und da hab i holt ſo nachanan - der vierundzwanzig Knödl aufm Kraut geſſen. Jch glaub, die liegn mir noch im Magen. Wenn Ein Knödl ’naus will, ſo möcht der Ander a ’naus und ſo verſtellt Einer dem Andern den Weg. Jetzt’s könnts Enk denken, Rexcellenz Doctor, was6 das für a Metten in meim Bauch iſt, wenn die 24 Knödl mitenand raufen. J mein, i muß z Grund gehn!

Casperl.

Wie kann aber ein Menſch ſo dumm ſein, vierundzwanzig unvorſichtige Knödel zu verſpoiſen? Das iſt ja eine Schwoineroi?

Bauer.

Ja, mir haben’s halt gſchmeckt und weil der Knödl rund iſt, hab i mir denkt, die kugeln leicht wieder auſſi. J bin halt a dummer Bauer, der von die glehrten Sachen Nix verſteht.

Casperl.

Das iſt aber ein ſehr kriteriſcher Fall. Das Glück iſt, daß du auch Sauerkraut dazu gegeſſen haſt, weil die Säure doch etwas auflöſend wirkt; ſonſt wäreſt du ſchon an einer Jndiſcheſtion ge - ſtorben.

Bauer.

Was is denn das für eine Krankheit die Jn - diſchſtion?

Casperl.

Das iſt eine indiſche Krankheit. Da hilft nichts als den Bauch aufzuſchneiden.

7
Bauer.

Na ſchneiden laß i mich net.

Casperl.

Dann mußt du ſterben.

Bauer.

Auweh, auweh! was koſt’s aber, wenn der Herr Excellenz Doctor mich kurirt hat.

Casperl.

Das koſtet 30 fl. gradaus und 5 fl. Trinkgeld.

Bauer.

Das iſt doch a bißl gar z’viel.

Casperl.

Wenn Er nicht will, ſo behalte er ſein Geld im Sack und ſeine Knödel im Bauch.

Bauer.

O mein, o mein! J halt’s net aus vor Schmer - zen! Meintwegen ſchneidt’s halt zu, wenn’s net z weh thut.

Casperl.

S iſt gleich vorbei. Jch muß nur mein Jn - ſtrument holen.

(ab)
Bauer
(allein).

Was muß denn das für a Strument ſein? eppa gar a Trumpeten zum Blaſen! Mir iſt’s8 recht! Jetzt bin i amol gfaßt und ergib mich in mein Schickſal.

(Casperl kommt mit einem großen Meſſer herein.)
Casperl.

So, ſetz Er ſich auf dieſen Stuhle und ruhig gehalten.

Bauer.

Das iſt ja a ſchrecklichs Meſſer? J halt’s nit aus!

Casperl.

So? meint Er, daß für 24 Knödl ein kleines Federmeſſerl genug wär? Alſo, ruhig!

(Casperl ſchneidet ihm den Bauch auf. Der Bauer ſchreit ungeheuer und zappelt mit den Füßen.)
Casperl.

’s ſchon vorbei! Da ſchau Er einmal!

Die Knödel ſpringen aus dem Bauch und tanzen auf dem Boden herum.

Jetzt ſchnell das Pflaſter drauf.

Bauer
(aufſeufzend).

Ah, ah! Jetzt iſt mir ganz leicht!

Casperl.

Die Knödl kannſt wieder mitnehmen für ein anderes Mal.

Bauer.

Na, na, dank ſchön! Die könnten mir ſchlecht9 bekommen. Da habt’s die 30 fl. und 5 fl. Trink - geld.

Casperl.

Gut, nur ber damit, und jetzt marſch hinaus.

Bauer.

J bedank mi halt ſchön.

Casperl.

Drei Tag nichts eſſen; trinken ſo viel Er will.

Bauer.

Das laß i mir gfalln! Ghorſamer Diener Rexcellenz Doctor.

(ab.)
Casperl
(allein).

Das hab ich wirklich nit ſchlecht gemacht. Ja, Couraſchi iſt die Hauptſach für ein Doktor. Es iſt noch die Frag, ob das meinem Herrn ein - gfall’n wär, der hätt vermuthlich dem Bauer ein kleines Abführungsmittel geben; aber ſo iſt das Ding viel ſchneller gangen und wenn der Kerl ſtirbt, ſo iſt er wenigſtens net an die Knödl gſtor - ben, ſondern blos an der Kur. Das gſchieht bei die Doctores auch nit ſelten, daß ſie dem Patien - ten die Krankheit vertreiben, aber daß er nachher an die Mittel draufgeht, die ſ ihm geben haben.

Saſſafras
(tritt ein).

Das Conſilium iſt vorbei. Mein Rath hat10 wieder den Ausſchlag gegeben; Mein Mittel wird helfen.

(zu Casperl)

Jſt unterdeſſen nichts vorgefallen, Caspar?

Casperl.

Nein gar nix, gnädiger Herr!

Saſſafras.

Jch werde nicht lange zu Hauſe bleiben kön - nen, weil ich zu Herrn von Steinreich gerufen wurde. Er ſoll an einem unheilbaren Uebel lei - den. Was, unheilbar? Das wollen wir erſt ſehen, wenn ich komme! Caspar, wenn mich etwa irgend Jemand ſprechen wollte, ſo kannſt du mir es gleich melden.

Casperl.

Wie Sie befehlen.

(ab.)
Saſſafras
(allein).

Von Stufe zu Stufe ſteige ich! Jch werde bald einen europäiſchen Ruf haben. Was ſind all dieſe Stümper von Doctoren im Vergleiche zu mir? Wer hat einen Blick in die Tiefe der menſchlichen Natur, wie ich? Keiner! Wer weiß das Uebel gleich richtig zu faſſen, wie ich? Keiner von Allen! Wer von ihnen kann ſeine Kraft meſſen mit jenen geheimen Gewalten, welche das Leben11 der Menſchheit befeinden? Jch bin es! Doch es iſt Zeit, zu Herrn von Steinreich zu gehen.

(ab.)
Der Tod (erſcheint aus der Verſenkung).
Tod.

Herr Doctor Saſſafras! auch ich bin da! Vergiß nicht ganz, daß ich dir immer nah. Denn bald wird mir zu arg dein kühnes Treiben, Dein Ordiniren und Rezepteſchreiben. Bei meinen alten Knochen! ’s iſt zu viel! Mit mir zu wagen ſolch ein keckes Spiel. Jch hab ein altes Recht auf Jung und Alt, Auf Groß und Klein und hol was mir gefallt. Du willſt mir Einſpruch thun, ha, ha! zum Lachen Jſt’s! Alles muß ja doch in meinen Rachen Und Alles mäh ich mit der Senſe nieder, Und Alles wird zu Staub und Aſche wieder. Nun aber, weil bisher ich war ſo gütig, Wird mir das Doctorlein gar übermüthig. Jetzt will aus einem andern Ton ich geigen Und wer der Herr iſt dem Herrn Doctor zeigen. Zuvor werd ſelbſt ich Saſſafras beſuchen Und gütlichen Vergleich mit ihm verſuchen, Geht er nicht auf den Vorſchlag willig ein. So muß er ſelbſt bald meine Beute ſein.

(verſchwindet.)
12

Verwandlung.

Prachtvolles Gemach im Hauſe des Herrn von Steinreich.

Steinreich, auf einem Armſeſſel ſitzend. Vor ihm ein Tiſch mit vielen Papieren darauf. Neben ihm ſteht Sekretär Schreiber.
Steinreich.

Aber heute werden Sie wieder gar nicht fertig mit Jhrem Vortrag und ich bin ſo leidend.

Schreiber.

Jch bedaure, Herr Baron; allein es liegt Jhnen ja ſelbſt daran, daß Jhre Geſchäfte täglich Vor - mittags erledigt werden. Hier iſt noch die Ein - gabe des armen Taglöhners mit Weib und ſechs Kindern; er bittet um Nachlaß der Schuld oder Termin zur Rückzahlung.

Steinreich.

Ei was! er ſoll zahlen; die Auspfändung ſoll ihren Lauf nehmen. Jch kann nicht Alles ver - ſchenken. Soll ich ſelbſt zum Bettelmann werden. O weh! was leid ich wieder. Mein Herz, mein Herz!

Schreiber.

Bedaure aber bedenken, Herr Baron, der13 Mann war ein halb Jahr krank und konnte ſich nichts verdienen.

Steinreich.

Das iſt nicht meine Schuld. Wenn ich nicht ein ſo gutes Herz hätte o weh wie drückt’s mich wieder! ſo hätte ich ihn längſt ſchon auspfän - den laſſen. Mein gutes Herz wird mich noch ganz und gar ruiniren.

Schreiber
(für ſich)

O du Heuchler!

(zu Steinreich)

Alſo wirk - lich Herr Baron?

Steinreich.

Es bleibt dabei. Apropos! Vergeßen Sie nicht, mir wieder 300 Flaſchen Champagner zu beſtellen von der Qualität, die ich neulich probirt habe.

Schreiber.

Jch habe bereits an das Haus Clicôt geſchrie - ben. Hier iſt noch ein kleines Geſuch der Wittwe Müller. Sie hat kein Bett mehr. Eine Lähmung der rechten Hand hindert ſie zu nähen, ſo daß ſie keinen Verdienſt hat. Um Brod für ihre zwei Kin - der zu kaufen, gab ſie ihr Bett her und liegt nun auf dem Stroh. Sie bittet nur um ein paar Tha - ler. Jhre Noth iſt groß.

14
Steinreich.

Was den Leuten nicht Alles einfällt! Ueberall ſoll ich helfen. Verſchonen ſie mich mit ſolchen zudringlichen Betteleien. Ein für allemal!

Schreiber.

Aber der Hunger thut weh!

Steinreich.

Man ſoll ſich nach der Decke ſtrecken und nicht mehr wollen, als man hat. Der Menſch ſoll ſich überhaupt auf das Nothwendigſte beſchränken. Apropos! Jch hoffe, daß die Gänſeleberpaſtete aus Straßburg angekommen iſt; ich freue mich ſchon lange darauf.

Schreiber.

Sie ſoll heute auf die Tafel kommen.

Steinreich.

Bravo! Jch muß mich durch gute Nahrung ſtärken; mein Herzleiden wäre mir unerträglich. Dieß iſt auch die Anſicht der Aerzte.

Schreiber.

Nun habe ich die Ehre mich zu empfehlen.

Steinreich.

Adieu! beinahe hätt ich vergeſſen! Jſt Doctor Saſſafras beſtellt, den ich noch conſultiren will?

15
Schreiber.

Er wird dieſen Vormittag ſeinen Beſuch ab - ſtatten.

(ab.)
Streinreich
(vom Stuhl rufſtehend.)

Was nützt aller Reichthum, wenn man nicht geſund dabei iſt? Alle Genüße des Lebens könnte ich mir verſchaffen; aber dieſes Drücken da auf der linken Seite. Es muß mir am Herzen fehlen. Wenn’s nur keine Verhärtung iſt oder ein orga - niſcher Fehler! Der berühmte Doctor Saſſafras wird gewiß ein Mittel finden, mich zu kuriren. Jch will nichts ſparen; mit Ducaten will ich ſeine Rezepte bezahlen, wenn ich nur geſund werde. Ah, meine Nichte!

Marie
(tritt ein.)
Steinreich.

Mamſell Marie, ei guten Morgen.

Marie.

Guten Morgen, lieber Onkel.

Steinreich.

Wie ſteht’s? noch immer die Grillen im Kopf? Noch nicht zur Beſinnung gekommen?

Marie.

Wenn Sie meine Ueberzeugung Grillen nennen,16 Herr Onkel, ſo muß ich geſtehen, daß noch keine Aenderung

Steinreich.

Was Ueberzeugung? Einfältige Schwärmerei! Was willſt du mit dieſem Schreiber? Er iſt kein Mann für dich.

Marie.

An dem Todbette der ſeligen Mutter haben wir uns die Hände gereicht für immer. Unſer Bund iſt durch den Segen der Sterbenden geheiligt.

Steinreich.

Und ich will nichts davon wiſſen; aber du weißt ſchon längſt, daß es meine Abſicht iſt, dich an den Baron Goldberg zu verheirathen.

Marie.

Mein Herz iſt mein freies Eigenthum. Es ge - hört Schreiber, deſſen Werth Sie ſelbſt ſo oft ge - rühmt und anerkannt haben.

Steinreich.

Jſt dieß der Dank, daß ich dich, armes Mäd - chen, zu mir genommen habe? Der dummen Ge - ſchichte ſoll ein Ende gemacht werden. Schreiber muß aus dem Hauſe, heute noch. Jch werde leicht einen andern Sekretär finden.

17
Marie.

Jch werde Jhnen ſtets für alle mir erwieſenen Wohlthaten herzlich dankbar ſein; allein damit iſt gewiß nicht die Verpflichtung verbunden, mich zwin - gen zu laßen, daß ich Baron Goldberg heirathe.

Steinreich.

So magſt du als alte Jungfer ſterben. Fort von mir, auf dein Zimmer! Ach! mein Herz, mein Herz! wie drückt’s mich wieder!

(Ein Bedienter tritt ein.)
Bedienter.

Doctor Saſſafras.

Steinreich.

Gut, laß ihn herein.

(Bedienter ab.) (Zu Marie)

Fort, ſag ich!

(Marie weinend ab.)
Saſſafras
(tritt ein.)

Herr von Steinreich haben mich rufen laſſen?

Steinreich.

O, wie froh bin ich, daß Sie mich beſuchen. Jch bin ſehr leidend.

Saſſafras.

Es würde mir eine große Freude ſein, wenn ich durch meine Kunſt zur Linderung Jhres Zu - ſtandes Etwas beitragen könnte. Was fehlt Jhnen?

218
Steinreich.

Jch leide, glaube ich, am Herzen. Meine außer - ordentliche Gutherzigkeit hat mich ruinirt.

Saſſafras.

Will nicht hoffen; allein es iſt kein Zweifel, daß phyſiſche Zuſtände von großen Einfluß auf den Körper ſind. Die geiſtigen Qualitäten impregniren ſich der Materie.

Steinreich.

Seh’n Sie, Herr Doctor,

(auf die linke Seite die Hand legend)

ſeh’n Sie, da thuts halt ungeheuer weh! Es iſt mir oft als wenn ein harter Klum - pen drin wär.

Saſſafras.

Können auch Congeſtionen ſein. Erlauben Sie.

(befühlt die Stelle)

Jch finde keine Alteration des Herzſchlages.

(lauſcht mit dem Ohr daran.)

Jch finde wirklich gar nichts beſonderes. Aeußer - lich gar keine Verhärtung, kein Symptom, das be - denklich wäre. Haben Sie Appetit?

Steinreich.

Das Eſſen iſt das Einzige, das mir gut thut und meinen Zuſtand erleichtert.

Saſſafras.

Wie ſieht’s mit dem Schlaf aus?

19
Steinreich.

Vortrefflich; bisweilen aber fühl ich auch bei Nacht ein gewißes Drücken.

Saſſafras.

Erlauben Sie, den Puls.

(greift den Puls.)

Son - ſtige Functionen?

Steinreich.

Alles in Ordnung. Aber da drin, da drin

Saſſafras.

Jch werde Sie einige Zeit beobachten müßen, Herr von Steinreich. So ein Fall bedarf längerer Aufmerkſamkeit. Vor der Hand werde ich Jhnen ein Recept aufſchreiben. Vermeiden Sie jede Auf - regung.

Steinreich.

Ach, aber mein gutes Herz läßt mir keine Ruhe!

Saſſafras.

Jn ein paar Tagen werde ich mir die Freiheit nehmen, wieder meinen Beſuch abzuſtatten.

Steinreich.

Kommen Sie recht bald wieder. Rechnen Sie auf meine Dankbarkeit. Adieu, adieu. Jch will jetzt einen kleinen Spaziergang in meinem Garten machen.

(ab.)
2*20
Saſſafras
(allein.)

Vortrefflich der iſt mein. Die Kundſchaf - ten, die an der Einbildung leiden, waren mir ſtets die liebſten. Jch kann ihn Jahre lang hinhalten, geb ihm unſchädliche Mittel, ſchicke ihn auf Reiſen und in Bäder und er muß tüchtig blechen. Ha, ha, ha! ſolche Patienten laß ich mir gefallen! Die gehören für unſere Erholung und füllen den Geldbeutel.

Nun wieder ein paar Häuſer weiter! Meine Praris wächst mir beinahe über den Kopf; glück - lich bin ich im Kuriren, alſo läuft mir Alles zu und wo die Kunſt nicht ausreicht, da hilft die Schlauheit. Saſſafras, du wirſt unſterblich!

(will hinaus; der Tod in ſchwarzer Kleidung als Knochenmayer tritt ihm durch die Thüre entgegen.)
Tod.

Halt! Unſterblicher!

Saſſafras.

Mein Herr, was wollen Sie?

Tod.

Sie ſelbſt will ich, Herr Doctor, wenn auch nicht jetzt, doch ſeiner Zeit jedenfalls!

21
Saſſafras.

Wen habe ich die Ehre? Warum treten Sie mir in den Weg?

Tod.

Jch habe mit Jhnen ein Wörtchen zu reden. Mein Name iſt Knochenmayer.

Saſſafras.

Womit kann ich dienen? bedürfen Sie etwa meiner ärztlichen Hilfe? Jn der That, Jhr Aus - ſehen ſpricht dafür.

Tod.

Bitte recht ſehr! Jch bin zwar klapperdürr und etwas blaſſer Phyſiognomie; allein ich erfreue mich doch der beſten Geſundheit und bin ſo ali wie die ganze Menſchheit.

Saſſafras.

Wie ſoll ich das verſtehen? Sprechen ſie deut - licher. Jedenfalls erſuche ich ſie, mich nicht um - ſonſt aufzuhalten; meine Geſchäfte

Tod
(ihn unterbrechend.)

Haben keine Eile, wenn ich mit Jhnen zu reden habe.

Saſſafras.

Wie kommen ſie mir vor?

(will hinaus)
22
Tod.

Halt! keinen Schritt weiter!

Saſſafras.

Welche Kühnheit! Jch bin Doctor Saſſafras, Reſpect vor mir!

Tod.

Und ich bin Doctor Knochenmayer, Reſpect vor mir!

Saſſafras.

Jmmerhin! ich kenne ſie nicht.

Tod
(mit fürchterlicher Stimme.)

So lerne mich kennen, Elender!

(Die Bühne verfinſtert ſich.)
Saſſafras.

Weh mir! was iſt dieß?

Tod.

Sieh dorthin und erkenne mich!

(Der Hintergrund hat ſich mit ſchwarzen Wolken verhüllt, auf wel - chen in Flammenſchrift zu leſen iſt:)

CONTRA VIM MORTIS NON HERBULA CRESCIT IN HORTIS.

(Zugleich hat der Tod ſein Gewand abgeworfen und ſteht als Gerippe da.)
Tod.

Der Mächtigſte auf Erden ſteht vor dir! Drum zitt’re, der du dich beſtrebſt, zu lähmen23 Die Allgewalt die unerbittlich herrſcht.

Doch ich will gnädig ſein: die Hälfte dir, Die Hälfte mein! So magſt du heilend wirken; Wo nicht, ſo biſt alsbald du mir verfallen, Bedenk es! deinen Entſchluß kannſt du ſagen, Wenn ich bei dir erſcheine nach drei Tagen!

(Saſſafras ſinkt zuſammen.)

Der Vorhang fällt.

II. Aufzug.

Nacht. Ein Kirchhof.

Der Todtengräber gräbt ein Grab. Saffafras tritt nach - denſend ein.
Saſſafras.

Contra vim mortis non herbula crescit in hortis. Wider den Tod kein Kräutlein gewach - ſen iſt. Jch weiß es wohl. Aber dennoch! Er nannte ſich den Gewaltigſten auf Erden, weil ihm Alles unterliegen muß; allein es gibt doch noch einen Mächtigeren als ihn. Des Todes Gewalt iſt auf dieſes Leben beſchränkt. Der Satan greift darüber hinaus; auch im Jenſeits herrſcht er, er iſt alſo mächtiger. Wie? wenn ich mich mit die - ſem verbände? Zwei Feinde der Menſchheit. Den Einen den geringeren bekämpfe ich; zu dem Andern will ich mich jetzt halten. Meine Seele will ich ihm verſchreiben, dafür wird er mir wohl ſeinen Beiſtand nicht verſagen. Bei den Gräbern haust er. Hier will ich ihn citiren.

(erblickt den Todtengräber.)

Heda, guter Freund!

25
Todtengräber.

Wer ruft mich?

Saſſafras.

Jch bin’s. Du kennſt mich ja.

Todtengräber
(kommt näher.)

Ach! Herr Doctor Saſſafras! freilich kenn ich Euch. Wie kommt ihr ſelbſt einmal hieher; ge - wöhnlich ſchickt Jhr mir nur Eure Patienten heraus.

Saſſafras.

Das iſt eben kein Compliment, das du mir machſt.

Todtengräber.

Nehmt’s nicht übel. Jch habe freilich nicht die rechten Manieren; allein bedenkt, daß ich haupt - ſächlich mit ſtummen Leuten Umgang pflege, die mir keine Antwort geben können, und denen ich eben ſage, was mir gerade einfällt wenn ich denn doch bisweilen ſchwatzen möchte.

Saſſafras.

Glaub’s wohl, alter Burſch, und hab dir’s auch nicht übel genommen. Hör aber, ich möchte dich was fragen. Da haſt du ein paar Thaler; aber ſag mir die Wahrheit.

Todtengräber.

Danke, danke hätt aber keines Trinkgeld’s26 bedurft. Jch ſag immer die Wahrheit; hab’s ja allweil mit der allerlauterſten Wahrheit zu thun, mit dem Abſterbens-Amen. Da ſind Lug und Trug zu Ende.

Saſſafras.

Es geht die Sage, daß es auf dieſem Kirchhof nicht geheuer ſei. Haſt du jemals was bemerkt? Man erzählt ſich, der böſe Feind ſelber laſſe ſich bisweilen blicken.

Todtengräber.
(bält den Finger an den Mund.)

Laßt uns ſtill reden. Man ſoll’s nicht wiſſen und es ſoll nicht laut werden; aber aber ’s iſt halt doch ſo und läßt ſich nicht leugnen. Dort hinter der Kapelle, im zerfallenen Kreuzgang iſt eine Gruft, heißt das Teufelsloch: Wer den Muth hat

Saſſafras.

Findet dort, was er ſucht.

Todtengräber.

Ei wer wird aber auch den Teufel aufſuchen? Den muß man meiden. Oft in ſtillen Nächten, wenn ich ſchnell ein Grab zu ſchaffen habe, da hör ich’s poltern und ächzen, und ’s wiſcht bisweilen27 Etwas über die Gräber hin; aber ich laß gewäh - ren, kehr mich nicht dran und bet mein Vaterunſer.

Saſſafras.

Jch habe Grund der Sache nachzugehen.

Todtengräber.

Mag ſein; ſolch gelehrten Herren, deren Jhr Einer ſeid, mag’s belieben, geheimen Dingen nach - zuforſchen.

Saſſafras.

Man muß ſolchen Räthſeln auf den Grund zu kommen ſuchen.

Todtengräber.

Jmmerhin. Wünſch guten Appetit zur Löſung. Jch meinerſeits verlang nicht darnach und ’s wan - delt mich keine Neugier an.

Saſſafras.

Haſt recht, deinerſeits.

(Die Thurmuhr ſchlägt eilf.)

Da ſchlägt’s 11 Uhr. Meinſt du, ich könnte was entdecken.

Todtengräber.

Der Teufel iſt alle Nacht los mehr oder minder. Verſucht’s; aber wahrt Euch wohl, da - mit Eure Seele nicht Schaden leide.

28
Saſſafras.

Jch fürchte Nichts. Der Teufel hat noch Kei - nen bei lebendigem Leib gepackt. Nur mit der Seele hat er’s zu thun.

(ab.)
Todtengräber.

Das iſt noch die Frage, lieber Herr oho, er iſt ſchon fort! Die Doctoren ſind doch kurioſe Leute, und den Doctor Fauſt hat ja doch der Sa - tan geholt, wie ich gehört! Man ſoll nicht freveln; man ſoll dem böſen Feind aus dem Weg gehen und ſoll ein guter Chriſt ſein!

Was geht’s mich an? Das Grab dort muß am früheſten Morgen fertig ſein. Alſo friſch an die Arbeit, damit ich noch ein paar Stündlein ſchlafen kann!

(gräbt wieder fort und fingt)
Was kümmert mich die ganze Welt,
Jch laß den Leuten Ehr und Geld;
’S iſt Alles nur ein eitler Schein,
Ein Jeder muß in’s Grab hinein.
Auf dieſem meinem Gartenfeld,
Jſt Jedem wohl ſein Grab beſtellt:
Alt oder Jung, Arm oder Reich
Hier liegen ſie beiſammen gleich.
29
Ob König oder Bettelmann
Jm Leben Keiner bleiben kann,
Zu Jedem kömmt die Todtenpoſt
Und Alle werden Würmer-Koſt.
Bedächten fie’s zu rechter Zeit,
So gäb’s wohl minder Haß und Streit;
Denn hier hört alle Zwietracht auf,
Wenn ſie da ruhen allzuhauf.
Wer weiß, wie lang ich’s hier noch treib,
Bis ſelber fallt in’s Grab mein Leib;
Und muß ich endlich auch hinein,
Sei gnädig, Gott, der Seele mein.

So, die Arbeit iſt geſcheh’n; jetzt darf ich ruhen. Alſo gut Nacht, ihr da drunten. Ruht ſanft bis ihr auferſteh’n müßt! Jch ſollte wohl auf den Herrn Doctor warten; das wäre ſchicklich, aber ich mag nicht. Jn dieß ſein Geſchäft will ich mich nicht miſchen. Gott ſchütz ihn und mög ihm ſeine Neugier nicht anrechnen! Kurioſe Leute, die ge - lehrten Herren! Ei, Ei!

(geht ab.)
(Der Teufel tritt ein. Jhm folgt Doctor Saſſafras.)
Saſſafras.

Steh einmal! hölliſcher Geiſt! O sa miha aseffonila!

30
Teufel.

Warum haſt du mich gerufen? Was willſt du?

Saſſafras.

Warum fliehſt du mich? Elesiamini, elesiamini!

Teufel.

Du haſt Gewalt über mich, aber ’s iſt bald Mitternacht. Wenn der Tag anbricht, muß ich fort.

Saſſafras.

Aha, du fürchteſt das Licht.

Teufel.

Mein Element iſt die Nacht. Alſo ſchnell, zur Sache: was begehrſt du?

Saſſafras.

Jch ſuche deine Hülfe gegen den Tod, der mein Wirken beſchränken will und mir mit ſich ſelbſt bedroht.

Teufel.

Wie? ich ſollte gegen meinen beſten Freund zu Feld zieh’n? Den Tod laß ich immer gewähren, je mehr deſto beſſer; denn er liefert mir meine Beute.

Saſſafras.

Jch verlange deinen Beiſtand nicht umſonſt. Jch verſchreibe dir meine Seele, wenn du mir ein31 Mittel gibſt, den Tod nur auf einige Zeit feſtzu - halten. Mittlerweile erreiche ich meinen Zweck, be - rühmt und reich zu werden.

Teufel
(lacht).

Das wäre wohl ein hölliſcher Spaß, wenn ich einmal meinem Cameraden einen Poſſen ſpielte; und du willſt mir deine Seele überlaſſen? Was iſt ſie werth?

Saſſafras.

Jmmer ſo viel, daß du einen guten Braten daran hätteſt. Vielleicht mehr als ein Dutzend An - derer; denn ich verkaufe dir eine tüchtige Portion Seligkeit.

Teufel.

So ſei’s denn! Dieſen Morgen noch findeſt du auf deinem Studiertiſche unſern Vertrag. Unter - ſchreib ihn mit deinem Blute und er wird dann von meinem Boten abgeholt werden.

(verſinkt)
Saſſafras.

Jch hab’s gewagt! werd ich’s nicht be - reuen? jacta est alea!

(ſtürzt ab.)
32

Verwandlung.

Heller Tag. Zimmer bei Herrn von Steinreich.

(wie im erſten Aufzuge.)
Steinreich.
(krank und erſchöpft.)

Wie fühl ich mich doch verlaſſen! den Sekretär Schreiber hab ich aus dem Hauſe geſtoſſen; meine Marie ſehe ich kaum. Sie ſchließt ſich aus Kum - mer fortwährend in ihr Zimmer ein. Was hab ich an den Schmarotzern und Tafelfreunden? Macht denn das Geld allein wirklich nicht glück - lich? Und dabei noch dieſes fürchterliche Leiden am Herzen! Es iſt nicht zum Aushalten! dieſes Drü - cken iſt peinigend. Meine Kräfte nehmen zuſehends ab. Sollte ich etwa gar ſterben müßen? Furcht - bare Angſt! Mein Gott! ich bin wirklich verlaſſen und allein! Jch will etwas in der Bibel leſen; vielleicht finde ich Troſt.

(geht an den Tiſch und ſchlägt ein Buch auf.)
(lieſt:)

Wer nicht lieb hat, der kennet Gott nicht; denn Gott iſt die Liebe. Evangelium Johannes. Die Liebe? liebe ich denn nicht? lieb ich mich nicht ſelbſt?

(blättert)

das iſt mein Gebot, daß ihr33 euch unter einander liebet, gleichwie ich euch liebe,

(bedeckt ſich das Geſicht mit den Händen, blättert und liest weiter:)

Sehet zu und hütet euch vor dem Geize! Weh mir

(mit der Hand an dem Herzen)

weh mir! wie ſtichts, wie drückt’s da drinnen! wer tröſtet mich? wer hilft mir? ich bin verlaſſen!

(weint).

Jch habe lange nicht geweint. Dieſe Thränen erleichtern mich. Jch fühle Etwas in mir, das meine Schmerzen mildert. Solch ein Gefühl, wie jemals ich kaum empfunden! Es wird mir ſo weich um’s Herz!

(ſchellt an einer Glocke)

Jch war wohl zu hart mit Ma - rie’n! Sie ſoll kommen.

(Bedienter tritt ein.)

Marie möge zu mir kommen; ſag ihr, ich habe ihr Et - was Wichtiges mitzutheilen.

(Bedienter ab.)

Aber was ſoll ich ihr ſagen? Jch habe ein gewiſſes Verlangen, das mir noch unerklärlich iſt. Jſt’s der Tod, den ich fürchte, daß ich nach einer Hand begehre, mich am Leben feſtzuhalten?

(Maria tritt ein.)
Marie.

Sie haben befohlen, Herr Onkel?

Steinreich.

O nicht befohlen; ich habe dich erſuchen laſſen, zu mir zu kommen.

334
Marie.

Was ſoll ich Unglückliche bei Jhnen? Thränen werden Sie nicht erheitern in Jhrer Krankheit.

Steinreich.

Komm näher, Marie!

(ergreift ihre Hand.)
Marie.

Jhre Hand iſt ſo warm! Sie war immer ſo kalt.

Steinreich.

Jch werde vielleicht nicht lange mehr leben! Mein Leiden am Herzen wird mich tödten.

Marie.

Gott möge es verhüten!

Steinreich.

Und du ſagſt dieß? Jch muß dir ja verhaßt ſein, da ich den Schreiber verſtoßen habe.

Marie.

Er war in Jhren Dienſten. Sie hatten die Macht ihn wieder aus dieſen zu entlaſſen.

Steinreich.

Die Macht nicht auch das Recht?

Marie.

Darüber mag Jhr Gewiſſen entſcheiden.

Steinreich.

Mein Gewiſſen ſagt mir: Du hatteſt Unrecht!

35
Marie.

Jch kann, ich will nicht urtheilen. Laſſen Sie mir meinen Schmerz.

(will geh’n.)
Steinreich
(hält ſie zurück.)

Marie! Seit ich Schreiber fortgeſchickt, ſeit du dich mir entziehſt weiß ich, was der Schmerz iſt. Was nützen mich meine Geldſäcke? Sie ge - währen mir keinen Troſt! und du meiner ei - genen Schweſter Kind du, mein Troſt du haßeſt mich?

Marie.

O gewiß nicht, beſter Onkel. Jch habe Sie ſtets geliebt als meinen Onkel, meinen Wohlthäter! Jch werde nie vergeſſen, was ich Jhnen zu danken habe.

Steinreich.

O wie wohl thut mir dieß! Es iſt als ob eine harte Kruſte von meinem Herzen fiele! Meine Schmerzen ſchwinden! Jch fühle mich geſund.

Marie.

O geben Sie dieſem Gefühle Raum, lieber Onkel!

(kniet vor ihn und küßt weinend ſeine Hände)

Ein liebend Kind, kniet vor Jhnen! Was iſt der Menſch ohne Liebe?

3*36
Steinreich.

Ja, in der That! das iſt ein wahres Wort! Komm an mein Herz! Alles ſoll gut werden.

(umarmt ſie.)
Marie.

Theurer, beſter Onkel!

Steinreich.

Jch bedarf keines Doctors mehr! Jch bin ja geſund. Der Druck, das Stechen am Herzen iſt verſchwunden! Wie froh, wie vergnügt bin ich! Schnell, Marie, ſchicke zu Schreiber, er ſoll augenblicklich herkommen! Er ſoll dein Mann wer - den! den Armen will ich geben! Jch habe ja kein Herzleiden mehr! Komm mein Kind! laß uns zuſammen in den Garten gehen. Die friſche Luft wird mich vollends ſtärken. Ja ich will lieben, ich muß lieben! Wie konnte ich bisher ſo verblen - det ſein? Dank dem Himmel, daß er mir die Au - gen geöffnet und mein Herz erweicht hat. Es iſt als ob ein harter Stein darinnen gelegen wäre. Geſchmolzen iſt er nun wie ein Eisklumpen, der zerfloß. Komm mein Kind! wir wollen deine Ver - bindung mit Schreiber beſprechen und unverzüglich ſoll er dich aus meiner Hand als Gatte empfan -37 gen und ihr beide ſollt meinen Reichthum mit mir theilen.

Marie.

O wie glücklich könnte ich werden! allein Schreiber iſt entfloh’n; er hat mir einen Abſchieds - brief zurückgelaſſen, aus welchem nur Verzweiflung ſpricht.

Steinreich.

Jch will Alles aufbieten, daß man ihn finde.

(beide ab.)

Verwandlung.

Zimmer des Doctor Saſſafras.

(Casperl tritt ein.)
Casperl.

Mein Herr muß einen ſchweren Patienten zu tractiren haben; denn er iſt die ganze Nacht aus - blieben. Hätt ich das voraus gewußt, ſo hätt ich mich auch im Wirthshaus ein bißl länger un - terhalten und aufgehalten und die Polizeiſtund nit ſo gewißenhaft eingehalten. Oho! jetzt wär ich bald aus dem halten nimmer ’rauskommen.

Ja, meine Gewiſſenhaftigkeit iſt aber ſchon38 muſterhaft. Jch bin ſo gewiſſenhaft, daß ich nicht einen Tropfen im Krug laſſen kann; ſo pünktlich, daß ich nicht einen Wurſtzipfel auf’m Teller liegen laß; ſo genau, daß ich nicht einen Kreuzer im Sack behalten kann; ſo dienſtfertig, daß ich mit mei - nem Dienſt und mit meiner Arbeit ſchon fertig bin, eh ich damit angfangen hab, das heißt: Jch thu lieber gleich gar nir! Kurz ich bin das Muſter eines menſchlichen Exemplar’s. Der erſte Menſch Adam war Nichts im Vergleich zu mir, ſeinem Nachkommen! und der muß, doch das Muſter aller Menſchen geweſen ſein, weil er der erſte war. Er hat in einen ſüßen Apfel gebißen; aber ich muß gar oft in einen ſauern beißen; ſeine Evakathl hat ihm die Frucht gereicht; aber meine Evakathl ſuch ich noch. Wenn ich einmal fünfundzwanzig Jahr treu gedient hab ſo ſagt mein Herr nachher laßt er mich auch heirathen. Bis dahin bleib ich ledig! ’S iſt freilich a bißl lang hin; allein der Menſch muß Geduld haben! Aha! da kommt er.

Saſſafras
(tritt ein.)
Casperl.

Guten Morgen, guten Morgen! Ja wo39 waren wir denn die Nacht über? Hab’n S wieder Einen hinausbuxirt aus dem irdiſchen Jammerthal?

Saſſafras.

Schweig Narr! Laß mich allein!

Casperl.

Kein Fruhſtuck? keinen Caffé?

Saſſafras.

Fort, aus dem Zimmer! Jch habe zu ſtudieren.

Casperl.
(für ſich)

Auweh! ſteht ein Gewitter am Himmel in aller fruh.

(zu Saſſafras.)

Jch geh ſchon.

(ab.)
(Saſſafras eilt auf ſein Schreibpult hin, von welchem er ein Blatt Papier nimmt.)
Saſſafras.

Der Teufel hat dießmal nicht gelogen. Hier iſt der Vertrag. Woll’n ſehen, wie er lautet.

(liest.)

Jch Doctor Chriſtophorus Saſſafras, ver - ſchreibe meine Seele dem hölliſchen Feinde, dem Könige des Reiches der Nacht und des ewigen Jammers des ewigen Jammers, das iſt wohl Viel! allein dieſe Ewigkeit kann eine relative ſein, keine abſolute; alſo weiter: dafür empfange ich von beſagtem hölliſchen Feinde die Gewalt, den Tod in Banden zu halten, ſo lange es mir ge -40 fällig iſt. Gut, aber wer bürgt mir, daß ich dieſe Macht wirklich habe?

(Es donnert, aus der Verſenlung erſcheint ein Armſeſſel. Eine Stimme ruft:)

Wer ſich auf dieſen Stuhl ſetzt, bleibt ſo lange gebannt, bis du ihn wieder entlaſſen willſt.

Saſſafras.

Und der Tod wird ſich alſo fangen laſſen?

Stimme.

Er wird es.

Saſſafras.

Wenn nicht, ſo gilt auch der Vertrag nicht.

Stimme.

Unterſchreibe!

Saſſafras.

Auf die Gefahr hin kann ich’s. So, ich ritze mir die Hand mit dem Meſſer. Ein Tropfen Blut genügt, daß ich meinen Namen ſchreibe.

(ſchreibt. Donner. Zugleich fliegt ein Rabe zum Feuſter berein und entführt das Blatt.
Casperl
(tritt gleich darauf ein.)
Casperl.

Herr Doctor! da draußen ſteht ein ſchwarzer Herr und möcht ſeine Aufwartung machen.

Saſſafras.

Sein Name?

41
Casperl.

Er hat gſagt, daß er Doctor Knochenmayer heißt. No! der ſieht aber aus! wie’s leibhaftige Elend!

Saſſafras.

Der iſt mein Mann! laß ihn ſogleich herein.

(Casperl ab)
Saſſafras.

Schlag auf Schlag! des Teufels Maſchinerie iſt gut.

(Tod als Knochenmayer tritt ein.)
Tod.

Hier bin ich.

Saſſafras.

O, ich bin ungemein erfreut über Jhre Pünkt - lichkeit, Herr Knochenmayer.

Tod.

Haſt du es überlegt? Halbpart! die Eine Hälfte der Kranken dein, die Andere mein; oder du ſelbſt gehörſt mein.

Saſſafras
(mit Berſtellung.)

Obſchon meiner Praxis und meinem Rufe als Arzt großer Eintrag geſchieht, bleibt mir Nichts, als einzuwilligen, da ich ſelbſt ſo bald nicht deine42 Beute werden möchte. Wollen wir das Geſchäft auch zu Papier bringen?

Tod.

Es wäre nicht übel; denn es iſt immer beſſer, ſo Etwas ſchwarz auf weiß zu haben.

Saſſafras.

Ja, ſchwarz auf weiß! dieß iſt ohnedieß deine Wappenfarbe auf Särgen und Todtenfahnen. Nimm auf dieſem Stuhle dort Platz; einſtweilen ſchreibe ich.

Tod.

Es thut wirklich meinen alten Knochen wohl, wenn ſie bisweilen ein bischen ausruhen können.

(ſetzt ſich in den Stuhl.)
Saſſafras.

So, Freundchen! jetzt bleibe ſitzen, bis es mir gefällig ſein wird, dich wieder los zu laſſen.

Tod.

Wie? was ſoll das heißen?

(will aufſtehen)

Jch kann nicht aus dem Stuhle? Welch ein abge - ſchmackter Scherz!

Saſſafras.

Kein Scherz, ſondern voller Ernſt. Die Menſch - heit wird nun für einige Zeit von dir befreit ſein und Doctor Saſſafras wird ſeine Triumphe feiern; denn er hat den Tod gebunden.

43
Tod.
(verſucht wieder aufzuſtehen, ruttelt gewaltig am Stuhle.)

Verflucht! Mich zu binden? Mich zu bannen? Das hat noch Niemand gewagt! Wer gab dir dieſe Macht, Elender?

Saſſafras.

Gleichgültig wer! Es iſt einmal ſo: du biſt und bleibſt mein Gefangener.

Tod.

Weh dir, wenn ich wieder in Freiheit bin! Das ewige Geſetz der Natur kann nicht untergehen.

Saſſafras.

Der Tod iſt nicht von Ewigkeit her; denn auch die Sünde iſt es nicht und Ein Mal kommt der Tag, an welchem du ſelbſt des Todes ſein wirſt!

Der Vorhang fällt.

III. Aufzug.

Kirchhof. (Wie im zweiten Aufzug.)
(Todtengräber ſitzt auf einem Grab.)
Todtengräber.

Jetzt möcht ich wiſſen, zu was ich noch auf der Welt bin? Seit vier Wochen ſtirbt kein Menſch mehr in der ganzen Gegend. Es iſt ſchier zum verhungern für mich, ſeit Alles zum Doctor Saſſa - fras lauft, der Alles kurirt. Nicht einmal die alten Leute ſterben; auch ihnen gibt er Mittel, die ſie ſollt man glauben wieder jung machen. Jch werde mir aber auch von ihm ein Recept ver - ſchreiben laſſen gegen Hunger und Noth. Wenn er die zwei Krankheiten des Menſchengeſchlechtes kuriren kann, dann hab ich allen Reſpect vor ſei - ner Kunſt! Wie? ſollt er etwa gar damals, als er ſich hier nach dem böſen Feind erkundigt hat, mit ihm einen Pact geſchloſſen haben? Ei, Firlefanz! das geht nicht. An ſolche Geſchichten glaub ich nicht. Die Zeiten vom Doctor Fauſt, die ſind längſt vorbei; die Leute ſind gar geſcheidt45 worden und der Teufel hat ſie ohnedieß in ſeinen Klauen. Ei, wer verirrt ſich denn da wieder ein - mal hieher?

Schreiber
(tritt verzweifelt auf, ohne den Todtengräber zu erblicken.)

Weh mir! wo find ich Troſt, wo find ich Ruhe? Nur im Grabe. Was bleibt mir Anderes als der Tod? Mein einziges Lebensglück wurde mir entrißen; meine Marie ſoll ich nie beſitzen! Die Verzweiflung zerrüttet mein Jnneres! Jch will meinem Leben ein Ende machen.

(zieht eine Piſtole hervor.)
Todtengräber.
(für ſich)

Oho! das wär doch zu arg. So etwas kann ſelbſt der Todtengräber nicht zulaſſen.

(tritt vor und greift nach der Piſtole.)

Halt, guter Freund!

Schreiber.

Wer wagt’s, meinen freien Willen zu hindern?

Todtengräber.

Jch bin ſo frei. Jch hab das Recht nach eu - rem Todtenſchein zu fragen; denn ich bin der Todtengräber.

Schreiber.

Lies in meinem Herzen, da ſteht er geſchrieben.

46
Todtengräber.

Die Schrift zu leſen hab ich in der Schule nicht gelernt; aber wo anders ſteht geſchrieben: Du ſollſt nicht tödten.

Schreiber.

Mein Leben iſt mein Eigenthum; ich kann dar - über verfügen.

Todtengräber.

Nein, mein Herr! Jhr habt euer Leben weder gekauft noch eingetauſcht. Es gehört dem lieben Herrgott, der’s euch anvertraut hat als ein heilig Amt.

Schreiber.

’s iſt zum Lachen! der Todtengräber hält mir eine Predigt zu ſeinem eigenen Nachtheil.

Todtengräber.

Der Todtengräber hat ein bisl geſunde Ver - nunft und glaubt an unſern Herrgott!

Schreiber.

Der hat mich verlaſſen!

Todtengräber.

Ei? und wißt Jhr das ſo gewiß?

Schreiber.

Mein einziges Glück hat er mir geraubt! hin - ausgeſtoßen bin ich aus dem Leben.

47
Todtengräber.

Das müßt ihr mir näher expliciren. Unſer Herrgott ſtößt keinen Menſchen aus dem Leben hin - aus ſo mir nichts dir nichts! Kommt nehmt Vernunft an! Glaubt dem Todtengräber, der nur mit dem Tode zu thun hat. Aus den ſtarren Ge - ſichtern der Menſchen, die ich da eingrabe, habe ich ſchon viel geleſen und hab gar Manches ge - lernt, wenn ich auch ein ſchlichter alter Mann bin, der nicht ſtudirt hat. Kommt mit mir, ich bitt euch!

Schreiber.

Jch bin verlaſſen, ich bin unglücklich! Du woll - teſt mich retten?

Todtengräber.

Wenn Einer in’s Waſſer gefallen, kann er ſich an einem ſchwachen Brettlein halten.

Schreiber.

Wahrhaftig! du haſt mir meine Beſinnung wieder gegeben! Es iſt wahr: der Menſch ſoll nie verzweifeln.

Todtengräber.

Aha! kömmt die Vernunft wieder? Jhr hattet ſie zu Haus gelaſſen. Geht mit mir in meine armſelige Hütte. Wartet ein bischen ab, was der liebe Herrgott mit euch vor hat.

48
Schreiber.

Jch will dir folgen.

(beide ab.)
Der Tenfel
(erſcheint aus der Tiefe.)

Verfluchter Pact mit dem Doctor! Die Luſt ſeine Seele zu gewinnen, hat mich übertölpelt und ich habe nicht bedacht, daß wenn der Tod gebun - den, er mir keine Seelen mehr liefern kann. Ver - maledeiter Contract! Jch muß ihn brechen lieber laß ich den Doctor laufen. Er gehört doch mir; denn ſein Hochmuth und ſeine Geldgier führen ihn der Hölle zu, ohne daß er daran denkt. Zwar ein bißchen ſpäter; aber was thuts? Uebrigens kann ich ja dem Tod für ſeine Befreiung die Bedingniß ſetzen, daß er mir den Herrn Doctor bald zuführt und ihm bei Gelegenheit den Kragen umdreht. Auch der Burſch da, der gerade mit dem Todten - gräber verhandelt, hätte ſich ohneweiters erſchoſſen und wäre mir ſchnurgerade in den Rachen gelau - fen, ſäß der Tod nicht ohnmächtig in dem ver - dammten Lehnſeſſel, den ich erfunden habe. Bei den hölliſchen Flammen! So geht’s nimmermehr. Jch laß den Tod wieder los.

(verſinkt.)
49

Verwandlung.

Zimmer des Doctor Saſſafras.

Casperl
(tritt ein).

Schlipperment! in dem Haus bleib ich nimmer. Seit der klapperdürre Kerl bei uns logirt, iſt’s nimmer zum aushalten. Wo den mein Herr auf - gegabelt hat, das weiß der Guckuck. Vermuthlich iſt’s ein vornehmer Patient, den er in der Kur hat. Jch glaub der Kerl iſt ein Narr, weil’n der Doctor gar nit aus dem Seſſel raus laßt. Da klappert er aber und raſſelt, daß Alles kracht im ganzen Haus. Jch darf gar nit in’s Zimmerl nein, wo er logirt, und aushungern muß’n der Doctor auch; denn ich hab noch kein Bißen Eſſen zu ihm hin - eintragen. Nicht einmal eine Fleiſchbrüh darf ihm die Köchin geben. So was hab ich noch nit er - lebt. Und mit mein Herrn iſt’s auch vorbei, ſeit er ſo berühmt geworden, weil er alle Leut kurirt und wenn ſ ſchon halbtodt ſind. Er reißt ſ raus, daß ſ wieder kerngſund werd’n. Den macht noch der Hochmuth zum Narren.

(Es erhebt ſich ein Sturm.)

Oho! das auch noch! Die Gwitter kann ich ſo nit leiden; denn das Einſchlagen fürcht ich ungeheuer.

450
(Donner und Blitz.)

Hui! iſt das wieder eine Metten. Jch werd gleich in’s Bett ſchliefen und unter die Bettdecken.

(es wird ganz dunkel)

Auweh, auweh! Wenn nur der Herr Doctor z’Haus wär! Auweh, auweh!

(läuft fort.)
Saſſafras.
(ſtürzt herein, einen Leuchter mit brennendem Licht in der Hand).

Was für ein furchtbares Gewitter! Es iſt als ob alle Teufel los wären. Eine Höllenangſt er - greift mich und ich weiß nicht warum? Bin ich ein Kind geworden? Jch habe doch vor dem Teufel in Perſon nicht gezittert. Jch höre Geiſterſtimmen, die mein Jnneres durchſchauern

(ſinkt in die Kniee).
(Jm Hintergrunde werden verſchiedene Erſcheinungen ſichtbar. Geiſter - hafte Geſtalten, welche ſich auf den Tod und die Vergänglichkeit beziehen.)
Geiſterchor.

Gelöst ſind die Banden, er iſt wieder frei, Da eilen geſchäftig die Diener herbei: Die Uebel der Menſchheit: die Sünden, der Krieg, Die Peſt und wer ſonſt ihm geholfen zum Sieg.

Er greift nach der Senſe und mäht immer fort, Durchwandert die Erde, vergißt keinen Ort; Und wo er erſcheinet, da ſchwindet das Licht; Er herrſcht auf der Welt bis zum letzten Gericht.

(Die Erſcheinungen verſchwinden.)
51
Der Tod
(mit Senſe und Sanduhr tritt ein.)
Saſſafras
(liegt beſinnungslos auf dem Boden.)
Tod.

Erwache aus deiner Ohnmacht, Ohnmächtiger! Jn deiner Thorheit wähnteſt du, ein Bündniß könne Beſtand haben, das mit der Weltordnung im Wider - ſpruch ſteht! Du elender Wurm haſt es gewagt, dieſem Weltgeſetze Trotz zu bieten, dem auch der Satan mit all ſeiner hölliſchen Macht Nichts anhaben kann. Jch bin der Vermittler des Menſchengeſchlechtes, daß es eingehen könne aus irdiſcher Vergänglich - keit in das unvergängliche Leben in die Ewigkeit.

Saſſafras
(der ſich allmählich wieder aufgerichtet hat.)

Ohne Tod kein Leben! Jch wußte es; allein der Stolz hat mich verblendet, der Eigennutz hat mich irregeführt!

Tod.

Nun heißt es: Arzt heil dich ſelber!

Saſſafras.

Contra vim mortis non herbula crescit in hortis. Auch ich bin dir verfallen.

Tod.

So! iſt’s der Satan ſelbſt hat euren Con -4*52tract zerriſſen; denn er war nicht im Stande ſein Wort zu halten.

Saſſafras.

Alſo wäre ich gerettet?

Tod.

Der Ewige, Allbarmherzige wird richten!

Saſſafras.

So führe mich vor ſeinen Richterſtuhl! Auf dieſes Leben verzichte ich!

Tod.

Es ſei!

(Umfaßt den Doctor und verſinkt mit ihm.)

Verwandlung.

Garten.

Bedienter bei Steinreich (tritt haſtig ein.)
Bedienter.

Wenn die Welt nicht bald untergeht, ſo will ich nicht Peter heißen; da ich aber wirklich Peter getauft bin, ſo muß die Welt untergehn und warum muß ſie untergeh’n? weil Dinge geſchehen53 und Ereigniſſe vorfallen, welche auch dem außer - ordentlichſten Verſtande, wie z. B. dem meinigen, gebieten, ſtill zu ſtehen oder vielmehr, weil ein vernünftiger Mann, wie der alte Soerates, wenn ich nicht irre, zu ſagen pflegte, ſagen muß: Nun ſtehen die Ochſen am Berge. Warum ſtehen aber die Ochſen am Berge? weil ſie nicht hinauf - und hinüberkönnen. Jm vorliegenden Falle des bevorſtehenden Weltunterganges ſteht aber mein Verſtand ſtill, weil er die Umwandlungen und Ver - wandlungen, welche in dieſem Hauſe vorgegan - gen ſind, nicht begreifen kann, ohne daß ich etwa dabei meiner Begriffscapacität zu nahe treten und meine Beſcheidenheit unterſchätzen wollte. Erſtens: Jſt mein Herr, vormals ein harter Mann, in einen weichherzigen Wohlthäter verwandelt worden! o Mirakel! Zweitens: Jſt Fräulein Marie, welche ſeit einiger Zeit in Schmerz und Thränen zerfloſſen, ja beinah aufgelöst war, ſeit ein paar Tagen wie umgewandelt und einer Blume ſozuſagen, zu ver - gleichen, die halbverwelkt den Kopf hing und durch einen Sommerregen erfriſcht, von Neuem aufblüht; drittens und dieſes iſt nicht minder außer - ordentlich verwunderlich hat der Todtengräber54 ich ſage der Todtengräber einen Brief ge - bracht, worüber Herr von Steinreich und Fräulein Marie in einen ſolchen Freudenjubel gerathen ſind, daß

Steinreich, Marie’n und Schreiber an der Hand führend.
Steinreich.

Gott ſei gedankt! Er hat Alles zum Guten gelenkt!

Marie.

Wie er immer zu thun pflegt, wenn es die Menſchen auch nicht einſchen wollen.

Schreiber.

Jch bin beinah verwirrt über die Umgeſtaltung meines Schickſals! Meine Marie!

Steinreich.

Ja, beſter Schreiber, Marie wird Jhre Frau und ihr beide ſeid meine lieben Kinder.

Schreiber.

Jhrer Güte, Herr von Steinreich, weiß ich nicht dankbar genug zu ſein.

Steinreich.

Jhr Dank ſoll in der aufrichtigen Reue be - ſtehen, daß Sie ſich ſo weit vergeſſen konnten

Schreiber.

Meinem Leben ſelbſt ein Ende machen zu wollen!

55
Marie.

Still davon! Dieſe Erinnerung ſei begraben auf immer.

Steinreich.

Ja begraben und vergeſſen! Allein des Todtengräbers wollen wir nicht vergeſſen, dem wir die glückliche Löſung zu danken haben.

Marie.

Er war das Werkzeug der göttlichen Vorſehung.

Steinreich.

Und nun laßt uns Alles zu Eurer Vermähl - ung vorbereiten; denn im Laufe dieſer Woche noch ſoll ſie Statt finden und, wenn Jhr wollt, ſo lade ich auch den Herrn Doctor Saſſafras zum Hochzeitsſchmauſe.

Bedienter.

Die Einladung kann ich nicht beſorgen. Denn der Doctor iſt vom Schlag getroffen worden und ſeligen Endes verblichen!

Steinreich.

Fürwahr! Da heißt es: Auch die Aerzte müſſen ſterben und wider den Tod kein Kräutlein gewach - ſen iſt . Kommt, Kinder, laßt uns zu Tiſche gehen!

Der Vorhang fällt.

Der Weihnachts-Brief. Kleines Drama.

[figure]

Perſonen.

  • Frau Werner,

    eine Wittwe.

  • Ludwig,

    ihr kleiner Sohn.

  • Friedrich Walter.

Aermliche Stube.

Frau Werner (ſitzt an einem Tiſche und näht.) Ludwig (liest neben ihr in einem Buch.)
Ludwig
(das Buch zuſchlagend.)

Mutter, aber das Buch hab ich jetzt ſchon drei Mal geleſen und jetzt bin ich wieder damit zu End! Die Geſchichte von den Oſtereiern iſt wohl recht hübſch, aber ich weiß ſie beinah auswendig! Liebe Mutter, ich möchte ’mal Anderes zu leſen haben.

Frau Werner.

Ei, etwas Schönes kann man nicht oft genug leſen und man lernt immer was aus ſolchen Büchern. Jhr Kinder wollt alle Tage was Neues und ſeid wirklich wie die Flattervöglein oder Schmetterlinge; die ſetzen ſich auf alle Blumen und haben ſie an einer genippt, ſo geht’s gleich wieder fort und fort. Du weißt ja das Sprüchlein davon.

Ludwig.

Weiß ’s wohl noch.

60
Frau Werner.

So ſag mir’s auf!

Ludwig.
Ei, die bunten Schmetterlinge
Sind doch rechte Flatterdinge;
Weil von einer Blum zur andern
Flücht’gen Sinnes ſie ſtets wandern,
Schweben mit den Schimmerflügeln
Jn den Wäldern, auf den Hügeln,
Hier und dort wohl niederſinkend,
Aus den Blumenkelchen trinkend,
Nirgend aber lange weilen
Sie, um wieder hin zu eilen
Ueber Gärten, über Felder,
Durch die Auen, durch die Wälder
Frau Werner.

Nun weiter! Aha, bei den letzten Verslein hinkt’s.

Ludwig.

Nein, Mutter, ’s hinkt nicht, ich muß mich nur beſinnen

Durch die Auen, durch die Wälder
Alſo machen’s auch die Buben,
Die da laufen aus den Stuben,
61
Und nicht ſtille halten wollen,
Wenn ſie Etwas lernen ſollen,
Neues immer möchten haſchen,
Wie die Schmetterlinge naſchen.

Aber Mutter, das kannſt du von mir nicht ſagen, weil ich die Oſtereier zum vierten Male nicht mehr leſen mag.

Frau Werner.

Das thu ich auch nicht und verlang es nicht. Jch wollte dich nur ein bischen vertröſten. Unſere Bibliothek haſt du nun ganz durchgeleſen, ich habe kein Geld, dir immer neue Bücher zu kaufen und einer armen Wittwe, wie ich bin, leiht Niemand gerne Bücher und damit Punktum!

Ludwig.

Das iſt leicht ſagen: Punktum liebe Mut - ter; aber mit dem Punktum iſt mir nicht geholfen.

Frau Werner
(drohend.)

Oho oho! nicht ſo hitzig, kleiner Disputi - rer! Auf das Punktum könnte noch Sand dar - auf kommen; alſo ſchweig und beſchäftige dich mit etwas Anderem. Jch dulde weder das Widerſprechen noch das Faullenzen; das weißt du!

Ludwig
(weinend.)

Jch weiß es, aber meine Lektion für die Schule62 habe ich gelernt und auch die Aufgabe ſchon halb fertig, die uns für die zwei Weihnachtsfeiertage mit heimgegeben ward und

Frau Werner.

Und, und ſo ſpiele Etwas; dagegen habe ich auch nichts.

Ludwig
(in der Tiſchſchublade ſuchenr.)

So komm denn, guter Freund.

(Langt einen Hans - wurſt hervor.)

O weh Mutter, der Casperl hat ſich den rechten Arm gebrochen.

Frau Werner.

So trag ihn in’s Spital und pfleg ihn gut, damit er bald geheilt werde.

Ludwig
(nimmt den Hanswurſt und ſetzt ſich auf einen Schemel, ihn auf ſeinen Schooß legend.)

Lieber Monſieur Casperl, wie bedauere ich, daß du krank biſt und dir den Arm gebrochen haſt! Komm laß dir ihn verbinden.

Frau Werner
(wirft ihm einen Abſchnitt Leinwand zu.)

Da haſt du etwas Bandage.

Ludwig.

Danke, Frau Mama. Komm, alter Freund, laß dir den Verband anlegen. So jetzt ruhig63 und ſtill gehalten. Ach guter Casperl, du haſt auch ſchon beſſere Zeiten gehabt, wie ich und die Mutter! Weißt du noch, wie ich dich immer zu mir auf ein ſchönes Canapee geſetzt habe und wie du mit mir Caffee getrunken haſt? Jetzt heißt’s Strohſeſſel und Milchſuppe! O weh; o weh! und die Mutter muß jetzt auch mehr arbeiten, und wir beide haben geflickte Hoſen an, daß es eine Schande iſt

(Frau Werner wiſcht ſich Thränen aus den Augen.)

Ach! und mein guter, guter Papa, der hat uns verlaſſen, weil ihn der liebe Gott holen ließ zu ſich in den Himmel hinauf. Aber wir drei ich, die Mutter und du, wir ſind jetzt allein auf der Welt o weh, o weh, das iſt ſchon zum weinen. So wein doch auch Casperl! Mut - ter, der Casperl mag nicht weinen! warte, wenn du nicht weinen willſt!

(Gibt der Puppe einen Klaps.)

Du abſcheulicher Casperl!

Frau Werner
(vortretend.)

Das arme Kind erinnert ſich beſſerer Zeit! Wie ſchnell ſich auch Alles oft wenden kann! Freilich iſt ein Unterſchied zwiſchen dem guten Gehalte eines geachteten Beamten und der geringen Penſion einer Wittwe! Mein theuerer Karl! warum hat dich64 der Himmel ſo früh von meiner Seite weggerufen? Nun ſind’s bald zwei Jahre ’s iſt mir aber noch, als wär’s geſtern geſchehen!

Ludwig.

Mutter! jetzt iſt der Casperl eingeſchlafen; er hört’s nicht, wenn ich mit dir rede. Sag mir: Kriegt der Casperl kein Weihnachten? Morgen iſt ja Chriſtkindltag?

Frau Werner.

Ei, was ſollte das Chriſtkindl dem Casperl bringen? Dir wird’s auch nicht viel beſcheeren.

Ludwig.

Und warum nicht? ’s Chriſtkindl kann auch armen Leuten, wie wir ſind, was bringen, wenn es will!

Frau Werner
(für ſich.)

Der Bube ſetzt mich wirklich in Verlegenheit mit ſeinen klugen Fragen.

(zu Ludwig)

Bei gewiſſen Dingen ſollen Kinder nicht immer Warum fra - gen; denn ſie verſtünden die Antwort nicht und das liebe Jeſuskind wird ſchon wiſſen, wo und wie und was es zu beſcheeren hat. Merk dir das, und wenn du größer biſt und kein Bube mehr, da wirſt du Vieles beſſer einſehen lernen; dann magſt du auch fragen.

65
Ludwig.

Auch gut! Das heißt: ich ſoll warten, bis ich größer und geſcheiter bin.

Frau Werner.

Allerdings! Jetzt aber ſei vernünftig und halt gut Haus; denn ich habe einen Gang zu machen in die Stadt. Schließ Niemand auf, wenn es ſchellt; den Schlüſſel nehm ich mit.

(für ſich, indem ſie Ueberwurf und Hut nimmt)

Ein Weihnachtsbäumchen und ein Paar Aepfelchen muß er denn doch haben, der arme Junge! Alſo vernünftig und brav, Ludwig. Jch kann mich ja auf dich verlaſſen, daß du kein dummes Zeug machſt. Jn einem kleinen Viertelſtündchen bin ich wieder da.

Ludwig.

Adieu, Mutter!

(Frau Werner ab durch die Mittelthüre.)
Ludwig
(allein.)
(Neigt ſich über den Hanswurſt, den er auf den Schemel gelegt hat.)

Er ſchläft prächtig; ich mein ich hör ihn ſchnarchen! Jch hab die Mutter gewiß recht lieb, ach! ſie iſt ja gar ſo gut aber mit dem Chriſtkindl, da ſteckt doch was dahinter und wenn das Chriſtkindl ein recht ordentliches Chriſtkindl iſt, wie ich’s glaube, ſo wird und muß es mir566auch Etwas beſcheeren; denn ich bin doch eigent - lich kein böſer Bub. Jch will mich nicht loben, aber die Wahrheit darf man ſich eingeſtehen. Jn der Schule lerne ich ordentlich, das kann der Herr Lehrer bezeugen, zu Haus bin ich ſo ziemlich brav, das ſagt die Mutter ſelbſt, und beten thu ich auch fleißig; alſo was ſollte das Chriſtkindl gegen mich haben? Kurz und gut und gut und kurz und und was möchte ich denn eigentlich vom Jeſukind für mich erbitten? Ja! wenn ich nur ſo eine ſchöne Bilderbibel wieder haben könnte, wie die, die man mit des Vaters Büchern ver - kauft hat, als ſo viele Leute in unſerm ſchönen Zimmer damals waren und Einer an einem Tiſch immer ausrief: Wer gibt mehr, wer gibt mehr zum erſten Mal, zum zweiten und dritten Mal? Das hab ich mir recht wohl gemerkt; denn als die ſchöne Bibel mit den Bildern drankam, da rief der Mann: ſechs Gulden zum erſten Mal; und beim dritten Mal, da hieß es: acht Gulden, und das Buch ward über den Tiſch hinausgegeben an eine ſchöne Frau; die hat auch gleich bezahlt und ich hab recht weinen müſſen, weil ich das liebe Buch nicht mehr hatte und darum muß ich jetzt67 immer in den Oſtereiern leſen und in meinem zer - riſſenen Robinſon! Ja! wenn ich ſo eine Bil - derbibel wieder kriegen könnte!! Jch will das Chriſtkindl recht darum bitten! Holla! jetzt fällt mir was ein! Gut iſt gut und beſſer iſt beſſer! Geſtern war ich bei den Nachbarkindern; die haben alle an’s Chriſtkindchen geſchrieben, was ſie ſich wünſchen und was es ihnen mitbringen ſoll! Warum ſollt ich das nicht auch probiren? Das iſt ja nichts Uebles; ich will mir Nichts wünſchen, als das ſchöne, ſchöne Buch. Damals konnte ich noch nicht leſen und ſah nur immer die Bilder an, die mir die Mutter erklärte; jetzt wär’s noch was Anderes jetzt kann der Menſch leſen! Viktoria!

Alſo gleich an’s Werk, eh die Mutter wieder kömmt, die könnte mir’s vielleicht gar verbieten, daß ich ſo frei bin und an das Chriſtkind ſchreibe.

(Läuft an den Tiſch und ſchreibt.)

Ja nicht nur leſen kann der Menſch, auch ſchreiben kann er! Aber wie fang ich den Brief an? Aha! ſo Liebes Chriſtkindchen mit dem gold’nen Schein! Jch bitte dich gar ſchön, wie’s auch andere Kinder zu thun ſich erlauben ſich erlauben bringe mir morgen zum heiligen Weihnachtstage,5*68wenn du auch mir nichts Anderes ſchenken willſt, bringe mir, ſei ſo lieb und gut, oder gib’s nur der Mutter für mich, das gewiße Buch, du weißt’s ſchon, ſo eine bibliſche Geſchichte mit ſchönen Bil - dern. Jch werde fleißig darin leſen und immer dankbar dankbar an dich denken. Unter - ſchrift: Dein treuer Ludwig Werner, und damit du weißt, wo ich wohne, ſchreib ich auch dazu: Kirchengaſſe Nro. 45 ganz oben im vierten Stock, bei meiner lieben Mutter, denn mein Vater iſt vor zwei Jahren geſtorben.

So jetzt Oblate her, Petſchaft der Mutter, das thut nichts zur Sache, und auf den Brief: An das liebe Chriſtkindchen im Himmel oben.

Ah ah meine Schrift iſt paſſabel aus - gefallen, ohne Linien war’s ein Bischen ſchwer. Nun vor die Mutter kömmt! geſchwind, vor’s Fenſter mit dem Briefe, auf das Geſimſe; die Engelein, die vorbeifliegen, werden ihn ſchon holen und dem Chriſtkindchen bringen!

(Oeffnet das Fenſter und legt den Brief hinaus.)

O weh! er iſt mir auf die Straſſe gefallen! das thut aber nichts, Chriſt - kindl find’t ihn ſchon!

(Schließt das Fenſter. Geräuſch außen.)

Ah, die Mutter kömmt.

69
Frau Werner.

Siehſt du, Ludwig, wie ſchnell ich wieder da bin. Haſt du den Casperl unterdeſſen ordentlich gepflegt?

Ludwig.

Er hat immer geſchlafen.

Frau Werner.

Gut! ’s iſt auch Zeit, daß du ſchlafen gehſt. Bis du deine Suppe gegeſſen haſt wird’s dunkel und wir müſſen morgen frühzeitig in die Kirche. Stell noch eine Schüſſel auf den Tiſch und bete zum Chriſtkindchen. Vielleicht wird’s dir während der Nacht Etwas hineinlegen.

Ludwig.

Mutter! Jch möcht es wohl hoffen! ſich da ſtell ich meine Schüſſel hin und jetzt

(die Hände faltend)
Heiliges Kind im Himmel oben
Will dich preiſen, will dich loben!
Allen Menſchen ſchenk hienieden
Deinen ſüßen Weihnachtsfrieden!
Und wenn alle du bedacht,
Denk auch meiner dieſe Nacht!
Frau Werner.

So jetzt in die Kammer; die Suppe ſteht70 noch warm auf dem Ofen. und dann komme ich auch nach.

Ludwig
(ſchelmiſch.)

Gute Nacht, Freund Casperl! Wir wollen doch ſehen, ob’s morgen nichts gibt.

(Ab in die Seiten - Thüre.)
Frau Werner
(allein.)

Nun herein mit dem Weihnachtsbäumchen, das ich vor die Thüre geſtellt habe.

(Holt einen kleinen Weih - nachtsbaum mit Aepfeln dran herein.)

Ach mein Gott! das iſt wohl eine recht armſelige Chriſtgabe! Jch will jetzt die Lichtlein darauf ſtecken und wenn Ludwig mor - gen früh in die Stube tritt, da ſoll’s lichterloh bren - nen!

(Jndem ſie die Kerzen aufklebt.)

Was hatten wir einen ſchönen Baum, als mein lieber Mann noch lebte! Was war’s eine freudige Zeit, als wir ihn gemeinſam zierten und ſchmückten für unſern Ludwig, uns beide ſelbſt gegenſeitig beſchenkten und den armen beiden Schuhmacherwaiſen zugleich be - ſcheert wurde. Jetzt iſt’s freilich ſo, daß ich kaum meinem eigenen Kinde zu Weihnachten Etwas kau - fen kann. Ein grünes Bäumchen und ein Paar Aepfel und Lichtlein dran! Nun! wie Gott es will! Jch bringe mich arm aber redlich fort und der Vater aller Menſchen wird mir wohl auch71 helfen, daß ich meinen Ludwig ſo erziehen kann, damit er ſich ſein Brod verdiene und ein ehrlicher Mann werde!

(Sie zündet Licht an.)

Noch eine Woche und wieder iſt ein Jahr herum. Jch danke Gott von Herzen, daß es ſo gegangen iſt, wenn ich nur an meinem Herzensbuben nie Kummer und Leid erlebe!

(Ab durch die Seitenthüre.)
(Mittlerweile iſt es ganz dunkel geworden, nach einer kleinen Pauſe hört man die Glocken von den Thürmen läuten; der Hintergrund öff - net ſich und zeigt die Krippe mit dem Chriſtkind in heller Beleucht - ung; Maria und Joſeph zur Seite knieend, von Engeln umgeben. Hinter der Scene fingen Kinderſtimmen ein Weihnachtslied.)
Fürwahr, es gab noch keine Nacht,
Jn der ſolch helle Sternenpracht
Am Himmel war erſchienen,
Als dieſe, da das Knäblein hier
Die ganze Welt als Himmelszier
Gegrüßt mit holden Mienen!
Aus ſeinen Augen ſtrahlt ein Licht,
Das alle Dunkelheit durchbricht
Und überall hin dringet;
Tief in die Herzen ſenkt ſich’s ein
Mit ſeinem wunderbaren Schein,
Der ſüßen Frieden bringet.
So lob und preiſe unſer Sang
Jm gläubig frommen Weihnachtsklang
72
Das heil’ge Kind, das arm da lieget:
So arm wie kein’s und doch ſo reich;
Denn dieſem Kinde iſt keines gleich,
Es hat die Welt beſieget.

Zweite Abtheilung.

Weihnachtsmorgen.

Frau Werner.

Hab ich doch die ganze Nacht kaum ſchlafen können! Der Vergleich meiner jetzigen Armuth mit früherer Wohlhabenheit beſchäftigte bei dieſer Weih - nachtsfeier wieder ſo lebendig mein Jnneres und, Gott weiß es, nicht um meinetwillen, nein! nur meines Ludwigs wegen!

(Es ſchellt an der Haus - glocke.)

Wie? hört ich recht? Wer kann ſo früh am Tag zu mir wollen?

(Geht durch die Mittelthüre hinaus, die ſie offen ſtehen läßt.)

Wer ſchellt?

(Stimme von außen)

Jch habe ein Paket abzugeben an den kleinen Ludwig Werner.

Frau Werner.

An meinen Sohn? Von wem?

73
(Stimme)

Werden’s ſchon ſehen.

(Man hört die Haus - thüre zufallen.)
Frau Werner
(mit einem Paket in der Hand wieder eintretend.)

Wirklich ein Paket an Ludwig. Sollte Je - mand ihm die Freude gemacht haben, eine Weih - nachtsgabe zu ſchicken? Jch wüßte wirklich nicht, wer es ſein könnte. Einerlei ihm ſelbſt will ich die Ueberraſchung laſſen, es zu öffnen; nun zünde ich am Weihnachtsbaum die Kerzchen an und lege die räthſelhafte Gabe hin.

(Ruft hinein)

Ludwig, Ludwig! mache dich fertig und komme, Chriſtkindl war dieſe Nacht über da und hat dir Beſcheerung gebracht.

Ludwig
(von Jnnen.)

Juhe, Juhe! ich bin ſchon angekleidet, nur noch die Schuhe!

Frau Werner.

Jch muß geſtehen, daß mich die Neugier wirk - lich in Verſuchung führen könnte, dieſe geheimniß - volle Sendung zu beſichtigen.

Ludwig
(hereinſpringend, nimmt Frau Werner um den Hals.)

Guten Morgen, liebe Mutter! Ah! ſieh da, das ſchöne Bäumchen!

(Tritt an den Tiſch.)

Acht Aepfel daran und zwei Lebkuchen, und was74 liegt denn da nebenan? Gehört das Paket auch dazu?

Frau Werner.

Es ward dieſen Morgen ſchon hieher gebracht und die Adreſſe lautet an dich.

Ludwig.

Wie, an mich? ja von wem denn, liebe Mutter?

Frau Werner.

Das muß ſich zeigen, wenn du geöffnet haſt.

Ludwig.

Mütterl, Mütterl! das iſt eine Ueberraſchung vom Chriſtkindl! Gewiß, gewiß!

Frau Werner
(ſcherzend.)

Nun, ſo löſe das Siegel des Geheimniſſes! Jch wollte dir nicht vorgreifen.

Ludwig
(öffnet das Päckchen und nimmt ein Buch heraus.)

Sie iſt’s, ſie iſt’s, Mutter!

(freudig ſpringend.)
Frau Werner.

Wer iſt’s, wer?

Ludwig.

Nun die Bilderbibel, die ich mir vom Chriſt - Kindlein erbeten habe.

Frau Werner.

Jch verſtehe dich nicht; wie meinſt du das?

75
Ludwig.

O lieb Chriſtkindl, tauſend, tauſend Dank!

(Er herzt das Buch.)

Ja, liebe Mutter, jetzt weiß ich gewiß, daß das Jeſuskind überall iſt, daß es gerne erfüllt und gibt, wenn man es recht inſtändig bittet.

Frau Werner
(nimmt das Buch.)

Haſt du dir denn dieſe ſchöne Bilderbibel ge - wünſcht?

Ludwig.

Höre, Mutter! Als du geſtern Abends aus - gegangen warſt, habe ich an das Chriſtkindchen einen Brief geſchrieben und darin um eine ſchöne Bilder - bibel gebeten, wie wir ſchon eine hatten, als der Vater noch lebte, und hab mein Briefchen zum Fenſter hinausfliegen laſſen. Da haben es wohl die Engel an ſeinen Ort gebracht; denn ſiehſt du, hier iſt die Erfüllung.

Frau Werner.

Wahrhaftig das iſt ja beinah ein Wunder!

(für ſich)

Fürwahr, ich weiß nicht, was ich davon halten ſoll!

Ludwig.

Du ſelbſt haſt mir ja ſchon oft geſagt, daß wer recht herzlich und innig bittet, vom lieben Gott gehört wird. Und wenn Du Etwas ſagſt, liebe76 Mutter, ſo weiß ich, daß es wahr iſt! Jetzt er - laube mir, daß ich mich mit meinem Freund Casperl in die Schlafſtube ſetze und mit ihm die ſchönen Bilder anſchaue.

Frau Werner.

Herzlich gern! thue das, lieber Ludwig, und danke aber noch zuvor dem gütigen Jeſuskind, das dich ſo beglückt hat.

(Ludwig ab.)
Frau Werner
(allein.)

Jn der That, der Vorfall iſt mir ein unerklär - liches Räthſel. Jch wüßte den Schlüſſel zu deſſen Löſung wahrlich nicht zu ſuchen.

(Es ſchellt draußen.)

Nun aber heute geht’s lebendig her an meiner Schelle draußen.

(Sie geht hinaus.)
Frau Werner. Walter.
Walter.

Entſchuldigen Sie, Frau Werner, daß ich Sie ſchon in früher Morgenſtunde beläſtige.

Frau Werner.

Es iſt mir durchaus keine Störung, ich bitte, mir den Zweck ihres Beſuches zu ſagen. Wen habe ich das Vergnügen bei mir zu ſehen?

Walter.

Der Name Walter wird Jhnen vielleicht nicht unbekannt ſein.

77
Frau Werner.

Friedrich Walter nicht wahr? Sie ſind der Jugendfreund meines unvergeßlichen Mannes? Wie oft ſprach er von Jhnen!

Walter.

Allerdings, ich bin es. Es wird Jhnen wohl bekannt ſein, daß ich mich vor ſechs Jahren auf Reiſen begab. Jch zweifle nicht, daß mein alter Freund, wenn er meiner erwähnte, auch davon geſprochen haben mag.

Frau Werner.

Ja wohl. Er erzählte mir, daß Sie die Jhnen in Fülle gebotenen Mittel auf das Edelſte zu ver - wenden pflegten und ſich auf eine Reiſe begeben haben, um Jhre Kenntniſſe in den Naturwiſſen - ſchaften zu bereichern.

Walter.

Jch danke Gott, daß er mir zu meinem Reich - thum auch den Sinn für edle Beſtrebung gewährt hat. Beides ſind Gaben des Himmels. Bei meiner Rückkehr aus dem Oriente war es mein Erſtes, meinen theuren Carl Werner aufzuſuchen. Jch reiste ſogleich hieher. Jm Gaſthofe, wo ich geſtern früh abſtieg, erfuhr ich die erſchütternde Nach - richt, daß der treffliche Mann ſchon vor zwei Jah -78 ren dieſem Leben und ſomit ſeiner liebenden Gat - tin entriſſen worden. Wie hätte ich anders gekonnt, als mich beeilen, die Wittwe meines beſten, älte - ſten Freundes aufzuſuchen? Jhre Wohnung konnte mir nicht bezeichnet werden, weßhalb ich nicht ſäumte, auf der Polizei geſtern Abends noch perſönlich Er - kundigung einzuziehen.

Frau Werner.

An Jhrer Güte, an Jhrer Theilnahme erkenne ich Sie ſo ganz und gar, wie mein ſeliger Carl Sie mir ſtets geſchildert hat.

Walter.

Hören Sie welch ſonderbarer Zufall mir begegnete. Der Polizeikommiſſär nahm eben, als ich in das Bureau eintrat, von den Polizeiſoldaten Rapport ein. Einer derſelben meldete ihm als ſcherzhaften Vorfall, daß er einen Brief, in der Kirchengaſſe auf dem Boden liegend, desſelben Abends gefunden habe, mit der ſonderbaren Adreſſe: An das liebe Chriſtkindchen im Himmel oben. Der Commiſſär erbrach lächelnd den Brief: Lud - wig Werner war die Unterſchrift. Meine An - frage und deren Aufklärung knüpften ſich an die - ſen Namen; der Jnhalt des gefundenen Briefes79 war eine kindliche Bitte um eine Bilderbibel als Weihnachtsgabe. Jch dankte wirklich dem Himmel im Stillen für die wunderbare Fügung, eilte ſogleich in einen Weihnachtsladen, um das himmliſche Weih - nachtsgeſchenk zu acquiriren und hoffe, daß es heute bereits an den kleinen Briefſchreiber gelangt iſt.

Frau Werner.

Jn der That, Herr Walter, die Fügungen des Himmels im Großen wie im Kleinen ſind wunderbar! Mein Söhnlein ſitzt freudetrunken vor dem Buche. Erlauben Sie, daß ich ihn dem gütigen Geber vorſtelle.

Walter.

Und warum wollten Sie ihm denn das Wun - derbare der Erfüllung ſeiner Bitte rauben?

Frau Werner.

Sie haben Recht ſein frommer Glaube werde nicht geſtört. Es liegt ja nur in der Form der Unterſchied; im Weſen der Sache glauben wir Alle, Groß und Klein, dasſelbe.

Walter.

Ja, gute Frau, an Gottes allwaltende Für - ſorge und Obhut, und an dieſem Glauben feſt - haltend, geſtatten Sie, daß ich nun der zweite Vater Jhres Sohnes ſein darf. Jch möchte, indem80 ich eine ältere Schuld an Jhren verblichenen Gatten abtrage, fortan Jhnen die Mittel anbieten, ſo zu leben, wie Sie früher gewohnt waren, und Jhrem Kinde jene Erziehung zu gewähren, welche ihm zu Theil geworden, wenn ſein Vater noch am Leben wäre.

Frau Werner.

Jch nehme das Anerbieten an denn ich kenne Jhr Herz! Jch ſchäme mich nicht, es zu thun; denn ich bin deſſen gewiß, daß mein Ludwig ſeinem und meinem Wohlthäter ſtets jene Dankbarkeit bethätigen werde, welche jedweder edlen That der ſchönſte Lohn iſt.

Walter.

Wenn es Jhnen genehm iſt, ſo lade ich Sie ein, auf meinem Landgute die Verwalterin meines Hauſes zu ſein und Ludwig ſoll in ein Erziehungs - haus eintreten, deſſen Trefflichkeit mir gerühmt ward.

Frau Werner.

Gott lenkt Alles gut und ſo, wie es uns zum Beſten gereicht! Stets unvergeßlich aber wird mir dieſe heurige Weihnachtsfeier ſein.

Walter
(zieht einen Brief hervor.)

Und der Weihnachtsbrief an das Chriſtkindchen kommt unter Glas und Rahmen!

Ende.

Die drei Wünſche. Ein lehrreiches Beiſpiel.

[figure]

Perſonen.

  • Die ſchöne Fee Zimberimbimba.
  • Martin,

    ein Holzhauer

    .
  • Margreth,

    deſſen Weib

    .
  • Herr Casperl,

    deren Freund und Nachbar

    .
83

Wald.

Martin
(mit Holzhauen beſchäftigt.)

Heut iſt wieder ein ſaurer Tag! Herr Gott, iſt das nicht um die ſchwere Noth zu kriegen. Jmmer hacken und immer hacken! und da muß unſer Einer noch froh ſein, wenn ihm vom Herrn Waldmeiſter Arbeit angewieſen wird. Und die ſchlechte Bezahl - ung, kaum daß ich mit meiner Margreth des Jahrs viermal ein Stückl Fleiſch in’s Haus viel we - niger in’s Maul bring.

(ſingt während des Holzhauens)
Jch hau halt drein
Es ſoll ſo ſein,
Daß ein Baum nach dem andern
Muß in den Ofen wandern.
Oft weht der Wind
Jhn um geſchwind
Die allergrößten Eichen
Die müſſen Stürmen weichen.
6*84
Jm Waldesraum
Ein jeder Baum
Gleichwie der Menſch im Leben
Sich endlich muß ergeben.
Art oder Sturm,
Säg oder Wurm
Und Einem gilt’s wie Allen
Daß endlich ſie zerfallen.
(Setzt aus und wiſcht ſich den Schweiß von der Stirne.)

Ha Ha! muß ein bißl verſchnaufen, das iſt eine Höllenarbeit ſo hartes Buchenholz!

(Eine Stimme ruft Martin! )

Nun! wer ruft da? Kommt etwa mein Mar - greth und bringt mir die Mittagsſupp?

(Die Stimme ruft wieder Martin! )

Nein, das iſt die Margreth nicht, die hat keine ſo feine zarte Stimm; die kreiſcht bisweilen wie ein Rab, beſonders wenn ſie üblen Humors iſt.

(Abermals Martin! )

Jetzt hab ich’s ſatt! Wer ruft? was gibt’s?

Die Stimme.

Paß auf Martin! Jch bin eine unglückliche Fee und ſtecke in dieſer Eiche.

Martin.

Oho! das wär wieder etwas Neu’s, daß die85 Leute in den Bäumen ſtecken. Firlefanz! Da ſteckt was Anders dahinter!

Die Stimme.

Martin, du biſt ein Eſel.

Martin.

Allerdings wär ich ein Eſel, wenn ich eine ſolche Dummheit glauben könnte.

Stimme.

Höre mir zu, Martin: Wiſſe, ich bin die un - glückliche Fee Zimberimbimba, welche ſeit 500 Jah - ren in dieſen Baum geſperrt iſt.

Martin.

So was könnte mir ein Jeder weiß machen.

Stimme.

Nimm deine Art, guter Martin und haue die Rinde der Eiche durch, welche den Stamm um - ſchließt. Er iſt hohl und da ſteck ich drin.

Martin.

Probiren könnt ich’s ja. Aber, wer weiß, ob nicht der Teufel dahinter ſteckt und mich dann beim Schopf nimmt.

Stimme.

Sieh hier! da iſt ein kleines Aſtlöchlein, da will ich einen Finger herausſtrecken.

Martin
(tritt hin.)

Das laß ich mir gefallen! So ein feines Fin -86 gerlein kann nur ein Frauenzimmer haben; der Teufel hat ja Krallen an der Hand. Wohlan!

(haut in die Eiche.)
Stimme.

Hau nur nicht zu tief es könnte mir in den Leib geh’n.

(Nach einigen Hieben fällt die Rinde und die Fee tritt heraus.)
Martin
(fällt zitternd auf die Kniee.)

O du roſenfarbige Mamſell, was biſt du ſchön! aber ich bitt dich, thu mir nichts zu Leid! Denn du könnteſt ein vermaskirter Teufel ſein.

Fee.

Fürchte nichts ich bin wirklich die Fee Zim - berimbimba. Vernimm, wie ich in dieſen Baum hineinkam. Jch bin die Tochter des großen Zau - berers Califonius, der vor 500 Jahren in einer Höhle dieſer Gegend wohnte und ſich an Werktagen mit Zaubern, an Sonn - und Feiertagen mit Korb - flechten beſchäftigte, um ſich ſein Brod zu verdie - nen. Als kleines Mädchen trug ich in Geſtalt eines Bauernkindes die fertigen Körbe in die Stadt, wo ich ſie verkaufte und dafür Lebensmittel heim - brachte. Als ich heranwuchs, wurde ich ſehr hübſch! leider habe ich keinen Spiegel mehr ich weiß nicht, wie ich jetzt ausſehe.

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Martin.

O ganz charmant, nicht wie aus einer alten Eiche, ſondern wie aus dem Ei geſchält.

Fee.

Das freut mich, daß die 500 Jahre mir nicht geſchadet haben. Nun wie geſagt als ich ein hübſches 18jähriges Zauberfräulein war, wollte mich der abſcheuliche Zwerg Langebart abſolut hei - rathen. Er war aber bös und häßlich und ich hatte gar keine Luft, ſeine Frau zu werden. Dem - unerachtet aber kam er eines Tages in die Höhle zu meinem Papa und hielt feierliche Anwerbung um mich. Wir ſaßen eben beim Kaffee, als er eintrat und mir ein herrliches großes Edelſtein - krönlein aus ſeinem Bergwerke zu Füſſen legte, ſich auf ein Knie niederließ und alſo ſprach: Holde Zimberimbimba! Jn Gegenwart deines Herrn Va - ters, des großen Zauberers Califonius, halte ich um deine Hand an. Dein Ja wird mich zum glück - lichſten Zwergen der ganzen Gnomenbevölkerung machen! O! willige ein! Darauf wurde ich aus Scham und Zorn über und über roth und fiel in Ohnmacht. Mein Papa berührte mich aber mit ſeinem Zauberſtäbchen und ich erwachte wieder. Der Zwerg wollte mich fortführen, allein mein Vater88 trat dazwiſchen und ſprach: Wertheſter Herr Lange - bart! obgleich es mir eine abſonderliche Ehre wäre, Sie zum Schwiegerſohne zu haben, ſo muß ich doch die Entſcheidung meiner Tochter ganz allein überlaſſen. Jch aber ſtund ganz zornig vom Stuhle auf und ſagte: lieber will ich 500 Jahre lang in einen Baum gezaubert werden, als daß ich eine ſo häßliche Creatur zum Gemahl nehme.

Nun mußt du wiſſen, lieber Martin, daß wenn eine Fee, d. h. eines Zauberers Tochter Etwas ſagt ſo iſt’s ſchon ſo, als