PRIMS Full-text transcription (HTML)
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[I]
Auf zwei Planeten.
Roman in zwei Büchern
1. Band.
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Weimar. Verlag von Emil Felber. 1897.
[II]

Alle Rechte vorbehalten.

Druck von Emil Felber, Weimar.

[III]

Jnhalts-Verzeichnis.

  • Seite
  • 1. Kapitel. Am Nordpol3
  • 2. Das Geheimnis des Pols20
  • 3. Die Bewohner des Mars38
  • 4. Der Sturz des Ballons50
  • 5. Auf der künſtlichen Jnſel58
  • 6. Jn der Pflege der Fee73
  • 7. Neue Rätſel87
  • 8. Die Herren des Weltraums101
  • 9. Die Gäſte der Marsbewohner116
  • 10. La und Saltner132
  • 11. Martier und Menſchen150
  • 12. Die Raumſchiffer168
  • 13. Das Abenteuer am Südpol190
  • 14. Zwiſchen Erde und Mars204
  • 15. 6356 Kilometer über dem Nordpol218
  • 16. Die Ausſicht nach der Heimat236
  • 17. Pläne und Sorgen254
  • 18. Die Botſchaft der Marsſtaaten276
  • 19. Die Freiheit des Willens288
  • 20. Das neue Luftſchiff302
IVJnhalts-Verzeichnis.
  • Seite
  • 21. Kapitel. Der Sohn des Martiers318
  • 22. Schnelle Fahrt338
  • 23. Jsmas Entſchluß352
  • 24. Die Lichtdepeſche374
  • 25. Engländer und Martier387
  • 26. Der Kampf mit dem Luftſchiff402
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[1]

Erſtes Buch.

Laßwitz, Auf zwei Planeten. 1[2][3]
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Erſtes Kapitel. Am Nordpol.

Eine Schlange jagt über das Eis. Jn rieſiger Länge ausgeſtreckt ſchleppt ſie ihren dünnen Leib wie raſend dahin. Mit Schnellzugsgeſchwindigkeit ſpringt ſie von Scholle zu Scholle, die gähnende Spalte hält ſie nicht auf, jetzt ſchwimmt ſie über das offene Waſſer eines Meeresarms und ſchlüpft gewandt über die hier und da ſich ſchaukelnden Eisberge. Sie gleitet auf das Ufer, unaufhaltſam in gerader Rich - tung, direkt nach Norden, dem Gebirge entgegen, das am Horizonte ſich hebt. Es geht über die Gletſcher hin nach dem dunklen Felsgeſtein, das mit weiten Flecken bräunlicher Flechten bedeckt mitten unter den Eismaſſen ſich emporbäumt. Wieder ſchießt die Schlange in ein Thal hinab. Zwiſchen den Felsbrocken ſproßt es grün und gelblich, Sauerampfer und Saxifragen ſchmücken den Boden, die ſpärlichen Blätter eines Weidenbuſchs zerſtieben unter dem Schlage des mit raſender Geſchwindigkeit hindurchfahrenden Schlangen -1*4Erſtes Kapitel.leibes. Eilend entflieht eine einſame Schneeammer, erſchrocken und brummend erhebt ſich aus ſeinem Schlummer der Eisbär, dem ſoeben die Schlange das zottige Fell geſtreift hat.

Die Schlange kümmert ſich nicht darum; während ihr Schweif über die nordiſche Sommerlandſchaft hin - jagt, hebt ſie ihr Haupt hoch empor in die Luft, der Sonne entgegen. Es iſt kurz nach Mitternacht, eben hat der neunzehnte Auguſt begonnen.

Schräg fallen die Strahlen des Sonnenballs auf die Abhänge des Gebirges, das unter der Einwirkung des ſchon Monate lang dauernden Tages ſich mit reichlichem Pflanzenwuchs bedeckt hat. Hinter jenen Höhen liegt der Nordpol des Erdballs. Jhm entgegen ſtürmt die Schlange. Wo aber iſt der Kopf des eilenden Ungetüms? Man ſieht ihn nicht. Jhr dünner Leib verfließt in der Luft, die klar und durchſichtig über der Polarlandſchaft liegt. Doch welch ſeltſame Erſcheinung? Der Schlange ſtets voran ſchwebt, von der Sonne vergoldet, ein rundlicher Körper. Es iſt ein großer Ballon. Straff ſchwillt die feine Seide unter dem Druck des Waſſerſtoffgaſes, das ſie erfüllt. Jn der Höhe von dreihundert Meter über dem Boden treibt ein ſtarker, gleichmäßig wehender Südwind den Ballon dem Norden zu. Die Schlange aber iſt das Schlepptau dieſes Luftballons, der in günſtiger Fahrt dem lang erſehnten Ziele menſchlicher Wißbegier ſich nähert, dem Nordpol der Erde. Auf dem Boden nachſchleppend reguliert es den Flug des Ballons. Wenn er höher ſteigt, hemmt es ihn durch ſein5Am Nordpol.Gewicht, das er mit aufheben muß; wenn er ſinkt, erleichtert es ihn, indem es in größerer Länge auf der Erde ſich ausſtreckt. Seine Reibung auf dem Boden bietet einen Widerſtand und ermöglicht es da - mit den Luftſchiffern, durch Stellung eines Segels bis zu einem gewiſſen Grade von der Windrichtung ab - zuweichen.

Aber das Segel iſt jetzt eingezogen. Der Wind weht ſo günſtig unmittelbar von Süden her, wie es die kühnen Nordpolfahrer nur wünſchen können. Lange hatten ſie an der Nordküſte von Spitzbergen auf das Eintreten des Südwinds gewartet. Schon neigte ſich der Polarſommer ſeinem Ende zu, und ſie fürchteten unverrichteter Sache umkehren zu müſſen, wie der kühne Schwede Andrée bei ſeinem erſten Verſuche. Da endlich, am 17. Auguſt, ſetzte der Südwind ein. Der gefüllte Ballon erhob ſich in die Lüfte; binnen zwei Tagen hatten ſie tauſend Kilometer in direkt nördlicher Richtung zurückgelegt. Der von Nanſen entdeckte nordiſche Ocean war überflogen und neues Land erreicht, das ſich ganz gegen Erwartung der Geographen hier vorfand. Schon entſchwand das Supan-Cap auf Andrée-Land im Süden ihren Blicken. Bald mußte es ſich entſcheiden, ob die beiden Expe - ditionen, die eine im Ballon, die andere mit Schlitten unternommen, wirklich, wie ihre Führer meinten, den Pol ſelbſt erreicht hätten. Bei der Unſicherheit der Ortsbeſtimmung in dieſen Breiten waren Zweifel da - rüber entſtanden, die Ausſicht vom Ballon war durch Nebel getrübt geweſen, der Schlittenexpedition fehlte6Erſtes Kapitel.ein weiterer Ueberblick. Jetzt war durch die Mittel eines reichen Privatmanns, des Aſtronomen Friedrich Ell, eine deutſche Expedition ausgerüſtet worden, die noch einmal mittels des Ballons den Pol unterſuchen ſollte.

Natürlich hatte man ſich die Erfahrungen der früheren Expeditionen zu nutze gemacht. Durch die internationale Vereinigung für Polarforſchung war eine eigene Abteilung für wiſſenſchaftliche Luftſchiff - fahrt ins Leben gerufen worden. Namentlich hatte man die Benutzung des Schleppſeils ausgebildet und damit für die Leitung des Ballons wenigſtens an - nähernd ein Mittel zur Lenkung gefunden, wie es das Segelſchiff im Widerſtande des Waſſers beſitzt. Man hatte Metallzylinder conſtruiert, in denen man bis auf 250 Atmoſphären Druck zuſammengepreßten Waſſerſtoff mit ſich führte, um bei Dauerfahrten einen eingetretenen Gasverluſt zu erſetzen. Man hatte dem Korbe eine Form gegeben, die es geſtattete, ihn nach Bedarf gegen die äußere Luft abzuſchließen. Der neue Ballon Pol war mit allen dieſen fortge - ſchrittenen Einrichtungen ausgerüſtet. Außerdem hing unterhalb des Korbes zur Rettung im äußerſten Not - fall ein großer Fallſchirm. Unter einer Art Sattel, der einen ſicheren Sitz gewährte, war an demſelben für alle Fälle ein Proviantkorb befeſtigt.

Der Direktor der Abteilung für wiſſenſchaftliche Luftſchiffahrt, Hugo Torm, hatte ſelbſt die Leitung der Expedition unternommen. Jhn begleiteten der Aſtronom Grunthe und der Naturforſcher Joſef7Am Nordpol.Saltner. Saltner warf einen Blick auf Uhr und Barometer, drückte auf den Momentverſchluß des photographiſchen Apparats und notierte die Zeit und den Luftdruck.

Dieſe Gegend hätten wir glücklich in der Taſche , murmelte er. Dann ſtreckte er die in hohen Filz - ſtiefeln ſteckenden Füße ſoweit aus, als es der be - ſchränkte Raum des Korbes zuließ, zwinkerte mit den luſtigen Augen und ſagte:

Meine Herren, ich bin ſchauderhaft müde. Könnte man nicht jetzt ein kleines Schläfchen machen? Was meinen Sie, Kapitän?

Thun Sie das , antwortete Torm, Sie ſind an der Reihe. Aber beeilen Sie ſich. Wenn wir dieſen Wind noch drei Stunden behalten

Er unterbrach ſich, um die nötigen Ableſungen zu machen.

Wecken Sie mich gefälligſt, ſobald wir am Pol ſind

Saltner ſprach mit geſchloſſenen Augen, und beim letzten Worte ſchon war er ſanft entſchlummert.

Es iſt ein unheimliches Glück, das wir haben , begann Torm. Wir fliegen im wahren Sinn des Worts auf das Ziel zu. Jch habe für die letzten fünf Minuten wieder 3,9 Kilometer notiert. Könnten Sie eine genauere Beſtimmung verſuchen, wo wir ſind?

Es wird ſich machen laſſen , antwortete Grunthe, indem er nach dem Sextanten griff. Der Ballon geht ſehr ruhig, und wir haben die Ortszeit ziemlich8Erſtes Kapitel.ſicher. Wir hatten den tiefſten Sonnenſtand vor einer Stunde und 26 Minuten.

Er nahm die Sonnenhöhe mit größter Sorgfalt. Dann rechnete er einige Zeit lang.

Jn vollkommener Stille lag die Landſchaft, über welche die Luftſchiffer eilten. Ein weites Hochplateau, mit Moos und Flechten bedeckt, hier und da von Waſſerlachen durchſetzt, bildete den Fuß des Gebirges, dem ſich der Ballon ſchnell näherte. Man hörte nichts als das Ticken der Uhrwerke, von Zeit zu Zeit das regelmäßige Abſchnurren des Aſpirationsthermometers, dazwiſchen die behaglichen Atemzüge des ſchlummernden Saltner. Es war freilich eine angenehmere Polar - fahrt, als mit halb verhungerten Hunden die lang - ſamen Schlitten über die Eistrümmer zu ſchleppen. Grunthe ſah von ſeiner Rechnung auf.

Welche Breite haben Sie aus der Berechnung des zurückgelegten Weges? fragte er Torm.

Achtundachtzig Grad fünfzig einundfünfzig Minuten , erwiderte dieſer.

Wir ſind weiter.

Grunthe machte eine Pauſe, indem er noch einmal kurz die Rechnung prüfte. Dann ſagte er bedachtſam, aber mit derſelben Gleichmäßigkeit der Stimme:

Neunundachtzig Grad 12 Minuten.

Nicht möglich!

Ganz ſicher , erwiderte Grunthe ruhig und zog die Lippen ein, ſodaß ſein Mund unter dem dünnen Schnurrbart wie ein Gedankenſtrich erſchien. Das war das Zeichen, daß keine Gewalt mehr imſtande9Am Nordpol.ſei, an Grunthes unerſchütterlichem Ausſpruche etwas zu ändern.

Dann haben wir keine 90 Kilometer mehr bis zum Pol rief Torm lebhaft.

Neunundachtzig einhalb , ſprach Grunthe.

Dann ſind wir in zwei Stunden dort.

Jn einer Stunde und 52 Minuten , verbeſſerte Grunthe unerſchütterlich, wenn nämlich der Wind mit derſelben Geſchwindigkeit anhält.

Ja wenn , ſo rief Torm lebhaft. Nur noch zwei Stunden, Gott gebe es!

Sobald wir über jenen Bergrücken ſind, werden wir den Pol ſehen.

Sie haben recht, Doktor! Sehen werden wir den Pol ob auch erreichen?

Warum nicht? fragte Grunthe.

Hinter den Bergen, der Himmel gefällt mir nicht auf der Nordſeite liegt jetzt ſeit Stunden die Sonne, es iſt dort ein aufſteigender Luftſtrom vor - handen

Wir müſſen abwarten.

Da da ſehen Sie den herrlichen Ab - ſturz des Gletſchers , rief Torm.

Wir fliegen gerade auf ihn zu; müſſen wir nicht ſteigen? fragte Grunthe.

Gewiß, dort müſſen wir hinüber. Aufgepaßt! Schneiden Sie ab!

Zwei Säcke Ballaſt klappten herab. Der Ballon ſchoß in die Höhe.

Wie die Entfernung täuſcht , ſagte Torm. Jch10Erſtes Kapitel.hätte die Wand für entfernter gehalten es reicht noch nicht. Wir müſſen noch mehr opfern.

Er ſchnitt noch einen Sack ab. Wir dürfen nicht in die Schlucht gerathen , erklärte er, kein Menſch weiß, in was für Wirbel wir da kommen. Aber was iſt das? Der Ballon ſteigt nicht? Es hilft nichts noch mehr hinaus!

Eine ſchwarze Felswand, welche den Gletſcher in zwei Teile ſpaltete, erhob ſich unmittelbar vor ihnen. Der Ballon ſchwebte in unheimlicher Nähe. Mit ängſtlicher Erwartung verfolgten die beiden Männer den Flug ihres Aëroſtaten. Der Südwind war, jetzt zu ihrem Glück, hier in der unmittelbaren Nähe der Berge ſchwächer, ſonſt wären ſie ſchon an die Felſen geſchleudert worden. Der Ballon befand ſich nunmehr im Schatten der Berge; das Gas kühlte ſich ab. Die Temperatur ſank ſchnell tief unter den Gefrierpunkt. Torm überlegte, ob er noch mehr Ballaſt auswerfen dürfe. Was er jetzt an Ballaſt verlor, das mußte er dann an Gas aufopfern, um den Ballon wieder zum ſinken zu bringen, und das Gas war ſein größter Schatz, das Mittel, das ihn wieder aus dem Bereiche des furchtbaren Nordens bringen ſollte. Er wußte ja nicht, was ihn hinter den Bergen erwarte. Aber der Ballon ſtieg zu langſam. Da eine ſeitliche Strömung bewegt ihn die Strahlen der Sonne, welche über den Sattel des Gletſchers herüberlugt, treffen ihn wieder das Gas dehnt ſich aus, der Ballon ſteigt tiefer und tiefer ſinken die Eismaſſen unter ihm.

11Am Nordpol.

Hurrah! rufen die beiden Luftſchiffer wie aus einem Munde.

Was giebts? fährt Saltner aus ſeinem Schlummer empor. Sind wir da?

Wollen Sie den Nordpol ſehen?

Wo? Wo? Jm Augenblick war Saltner in die Höhe gefahren.

Sakri, das iſt kalt , rief er.

Wir ſind über 500 Meter geſtiegen , antwortete Torm.

Saltner hüllte ſich in ſeinen Pelz, was die andern ſchon vorher gethan hatten.

Wir ſind jetzt faſt in gleicher Höhe mit dem Kamme des Gebirges. Sobald wir darüber hinweg - ſehen können, muß vor uns, etwa 50 Kilometer nach Norden, die Stelle liegen

Wo die Erdaxe geſchmiert wird! rief Saltner. Jch bin verteufelt neugierig. Na, den Champagner brauchen wir nicht erſt kalt zu ſtellen.

Die drei Männer ſtanden, am Tauwerk ſich haltend, in der Gondel. Mit geſpannten Blicken ſchauten ſie jeden Augenblick, den ihnen die Bedienung des Ballons und die Beobachtung der Jnſtrumente freiließ, durch ihre Feldſtecher nach Norden, der Sonne entgegen, die erſt wenig nach Oſten hin beiſeite getreten war. All - mählich verſanken die Berggipfel unter ihnen noch ein breiterer Rücken hemmte ihnen die Ausſicht der Ballon glitt jetzt wieder in der Höhe des Kammes dahin, das Schlepptau ſchleifte , noch eine breite Mulde war zu überfliegen, dann mußte das erſehnte12Erſtes Kapitel.Ziel vor ihnen liegen. Der Ballon befand ſich etwa in der Mitte der Mulde, höchſtens 100 Meter über ihrem Boden, und die gegenüberliegende Thalwand verdeckte noch die Ausſicht. Der Wind war etwas weniger lebhaft, aber immer noch ſüdlich, und der Ballon ſtieg an der flachen Erhebung des Eisfeldes hinan.

Jetzt wurden einzelne weiße Bergkuppen in großer Entfernung hinter dem nahen Horizont der gegen - überliegenden Eiswand ſichtbar, die Luftſchiffer be - fanden ſich in gleicher Höhe mit dem letzten Hindernis, das ihren Blick beſchränkte. Die Gipfel mehrten ſich, ſie bildeten eine Bergkette

Dieſe Berge liegen ſchon hinter dem Pol , ſagte Grunthe, und diesmal bebte ſeine Stimme doch ein wenig vor Aufregung. Feſt preßte er ſeine Lippen zur geraden Linie zuſammen.

Weiter ſtieg der Ballon dunkel gefärbte Berg - züge erſchienen unter den Schneegipfeln, rötlich und bräunlich ſchimmernd jetzt erreichte der Ballon die Höhe und ſchwebte über einem tiefen Abgrund das Schleppſeil ſchnellte hinab und der Ballon ſank ſofort einige hundert Meter tief dann pendelte er noch einmal auf und ab dieſe plötzliche Schwankung des Ballons hatte die Aufmerkſamkeit der Luftſchiffer voll in Anſpruch genommen ſie ſahen unter ſich, tief unten, ein wildes Gewirr von Klippen, Fels - trümmern und Eisblöcken, hinter ſich die ſteil abge - brochene Wand, an welcher der verzerrte Schatten des Ballons auf - und niederſchwankte die Jnſtrumente mußten beobachtet werden, und erſt jetzt konnten ſie13Am Nordpol.den Blick nach vorwärts lenken, vorwärts und nord - wärts oder war es vielleicht ſchon ſüdwärts?

Saltner war der erſte, der nach vorn blickte. Aber er ſprach nichts, in einem langgedehnten Pfiff blies er den Atem aus ſeinen geſpitzten Lippen.

Das Meer! rief Torm.

Grüß Gott! ſagte jetzt Saltner. Da hat halt der alte Petermann doch Recht behalten, aber blos ein Biſſel. Ein offenes Polarmeer iſt es ſchon, man muß ſich nur nicht zuviel drauf einbilden.

Ein Binnenmeer, ein Baſſin, immerhin, gegen tauſend Quadratkilometer ſchätze ich , ſagte Grunthe. Etwa ſo groß wie der Bodenſee. Aber wer kann wiſſen, was ſich dort hinten noch an Fjords und Kanälen abzweigt. Und auch das Baſſin ſelbſt iſt durch verſchiedene Jnſeln in Arme geteilt.

Wer da unten zu Fuße oder zu Schiffe ankommt, muß Mühe haben zu entſcheiden, ob das Meer im Lande liegt oder das Land im Meere , ſagte Saltner. Gut, daß wir’s bequemer haben.

Gewiß , meinte Torm, es iſt möglich, daß wir ein Stück des offenen Meeres vor uns haben, obwohl es von hier den Anſchein hat, als ſchlöſſen die Berge das Waſſer von allen Seiten ein. Wir werden ja ſehen. Aber vor allen Dingen, was ſollen wir thun? Wir haben wider Erwarten ſo hoch ſteigen müſſen, daß wir jetzt ſehr viel Gas verlieren würden, wenn wir hinab wollten, und andrerſeits werden wir wieder drüben über die Berge hinaufmüſſen. Es iſt eine ſchwierige Frage. Aber wir haben noch Zeit, darüber14Erſtes Kapitel.nachzudenken, denn der Ballon bewegt ſich jetzt nur langſam.

Und dieſe Gelegenheit wollen wir benutzen, um dem Nordpol unſern wohlverdienten Gruß zu bringen , rief Saltner. Mit dieſen Worten zog er ein Futteral hervor, aus welchem drei Flaſchen Champagner ihre ſilbernen Hälſe einladend hervorſtreckten.

Davon weiß ich ja gar nichts , ſagte Torm fragend.

Das iſt eine Stiftung von Frau Jsma. Sehen Sie, es ſteht darauf: Am Pol zu öffnen. Gewicht vier Kilogramm.

Torm lachte. Dachte ich mir doch , ſagte er, daß meine Frau irgend etwas einſchmuggeln würde, was das Expeditionsreglement durchbricht.

Es iſt doch aber auch ein herrlicher Gedanke von Jhrer Frau, ſich am Nordpol in Champagner hoch - leben zu laſſen , erwiderte Saltner. Erſtens für ſich ſelbſt, denn das iſt etwas, was noch nicht dage - weſen iſt; das müſſen Sie zugeben, Damen ſind hier noch niemals leben gelaſſen worden. Und zweitens für uns, das müſſen Sie auch zugeben; es iſt ſehr wonnig, in dieſer Kälte den Schaumwein zu trinken auf das Wohl unſerer Kommandeuſe. Und drittens, iſt es nicht einfach bejauchzbar, das tragiſche Antlitz unſeres Aſtronomen zu ſehen? Denn Champagner trinkt er prinzipiell nicht, und auf weibliche Weſen ſtößt er prinzipiell nicht an; da er aber auf dem Nordpol prinzipiell in ein Hoch einſtimmen muß und will, ſo findet er ſich in einem Widerſtreit der Prinzipien,15Am Nordpol.aus dem heraus zu kommen ihm verteufelt ſchwer fallen wird.

Darauf könnte ich ſehr viel erwidern , ſagte Grunthe. Zum Beiſpiel, daß wir noch gar nicht wiſſen, wo der Nordpol eigentlich liegt.

Schon wahr , unterbrach ihn Torm, aber eben darum müſſen wir den Moment feiern, in welchem wir ſicher ſind, ihn zum erſtenmale in unſerm Geſichts - felde zu haben. Das werden Sie zugeben?

Hm, ja , ſagte Grunthe, und ein leichtes Schmun - zeln glitt über ſeine Züge. Jch nehme an, wir wären am Pole. So kann ich mit Jhnen anſtoßen, oder auch nicht, ganz wie ich will, ohne mit irgend welchen Prinzipien in Widerſpruch zu geraten.

Wieſo? fragte Saltner.

Der Pol iſt ein Unſtetigkeitspunkt. Prinzipien ſind Grundſätze, die unter der Vorausſetzung gelten, daß die Bedingungen beſtehen, für welche ſie auf - geſtellt ſind, vor allem die Stetigkeit der Raum - und Zeitbeſtimmungen. Am Pole ſind alle Bedingungen aufgehoben. Hier giebt es keine Himmelsrichtungen mehr, jede Richtung kann als Nord, Süd, Oſt oder Weſt bezeichnet werden. Hier giebt es auch keine Tageszeit; alle Zeiten, Nacht, Morgen, Mittag und Abend ſind gleichzeitig vorhanden. Hier gelten alſo auch alle Grundſätze zuſammen oder gar keine. Es iſt der vollſtändige Jndifferenzpunkt aller Beſtimmungen erreicht, das Jdeal der Parteiloſigkeit.

Bravo , rief Saltner, der inzwiſchen die Trink - becher von Aluminium mit dem perlenden Wein gefüllt16Erſtes Kapitel.hatte. Es lebe Frau Jsma Torm, unſere gnädige Spenderin!

Saltner und Torm erhoben ihre Becher. Grunthe kniff die Lippen zuſammen und hielt, geradaus ſtarrend, ſein Trinkgefäß unbeweglich vor ſich hin, indem er es paſſiv geſchehen ließ, daß die andern mit ihren Bechern daran ſtießen. Nun rief Torm:

Es lebe der Nordpol!

Da ſtieß auch Grunthe ſeinen Becher lebhaft mit den andern zuſammen und ſetzte hinzu:

Es lebe die Menſchheit!

Sie tranken und Saltner rief:

Grunthe’s Toaſt iſt ſo allgemein, daß ein Becher nicht reichen kann. Und er ſchenkte noch einmal ein.

Jnzwiſchen war der Ballon langſam dem Binnen - meere entgegen getrieben, das ſich nun immer deut - licher den ſtaunenden Blicken der Reiſenden enthüllte. Vom Fuße der ſteil abfallenden Felſenwand des Gebirges ab ſenkte ſich das Gelände allmählich, wohl noch eine Strecke von einigen zwanzig Kilometer weit, nach dem Ufer hin. Aber die Landſchaft zeigte jetzt ein vollſtändig anderes Gepräge. Die wilde Gletſcher - natur war verſchwunden, grüne Matten zogen ſich, nur noch mit einzelnen Geſteinstrümmern hier und da bedeckt, in ſanfter Senkung dem Waſſer zu. Man glaubte in ein herrliches Alpenthal zu ſchauen, in deſſen Mitte ein blauer Bergſee ſich ausbreitete. An dem jenſeitigen, entfernten Ufer, das freilich in un - deutlichem Dämmer verſchwamm, ſchien dagegen wieder ein Steilabfall von Fels und Eis zu herrſchen, doch17Am Nordpol.zog ſich über den Bergen dort eine Wolkenwand empor. Das Auffallendſte in der ganzen Scenerie aber bot der Anblick einer der Jnſeln, die zahlreich und in unregelmäßiger Geſtaltung in dem Baſſin lagen, bis an deſſen Ufer der Ballon jetzt herangeſchwebt war. Sie war kleiner, als die Mehrzahl der übrigen Jnſeln. Aber ihre Formen waren ſo vollkommen regelmäßig, daß es zweifelhaft ſchien, ob man eine Geſtaltung der Natur vor ſich habe. Die mit Flechten bekleideten Felstrümmer, welche die andern Jnſeln bedeckten, fehlten hier vollſtändig.

Die Forſcher mochten ſich etwa noch zwölf Kilo - meter von der rätſelhaften Jnſel entfernt befinden, die ſie mit ihren Ferngläſern muſterten, als Torm ſich an Grunthe wendete.

Sagen Sie uns, bitte, Jhre Meinung. Können wir eigentlich beſtimmen, wo wir uns befinden? Jch muß geſtehen, daß ich beim Ueberſchreiten des Gebirges und dem raſchen Höhenwechſel nicht mehr imſtande war, die einzelnen Landmarken zu verfolgen.

Jch habe , erwiderte Grunthe, einige Peilungen gemacht, aber zu einer ſicheren Beſtimmung reichen ſie nicht mehr aus. Auch die Methode aus der Meſſung der Sonnenhöhe iſt jetzt nicht anwendbar, da wir nicht mehr imſtande ſind, die Tageszeit auch nur mit einiger Sicherheit anzugeben. Wir haben die Himmelsrichtung vollſtändig verloren. Der Kompaß iſt ja hier im Norden ſehr unzuverläſſig. Auf alle Fälle ſind wir ganz nahe am Pol, wo alle Meridiane ſo nah zu - ſammenlaufen, daß eine Abweichung von einem Kilo -Laßwitz, Auf zwei Planeten. 218Erſtes Kapitel.meter nach rechts oder links einen Zeitunterſchied von einer Stunde oder mehr ausmacht. Wenn unſer Ballon aus der Nord-Südrichtung vielleicht ſeit der Ueber - ſchreitung des Gebirges um fünf oder ſechs Kilometer abgewichen iſt, was ſehr leicht ſein kann, ſo haben wir jetzt nicht, wie wir vermuten, drei Uhr Morgens am 19. Auguſt, ſondern vielleicht ſchon Mittag, oder, wenn wir nach Weſten abgewichen ſind, ſo ſind wir ſogar in den geſtrigen Tag zurückgeraten und haben vielleicht erſt den 18. Auguſt Abends.

Das wäre der Teufel , rief Saltner. Das kommt von dieſem ewigen Sonnenſchein am Pol! Nun kann ich an meinem Abreißkalender das Blatt von geſtern wieder ankleben.

Schon möglich! lächelte Grunthe. Nehmen Sie an, Sie machen einen Spaziergang um den Nordpol in der Entfernung von hundert Meter vom Pol, ſo ſind Sie in fünf Minuten bequem um den Pol herum - gegangen und haben ſämtliche 360 Meridiane über - ſchritten; Sie haben alſo in fünf Minuten alle Tages - zeiten abgelaufen. Gehen Sie nach Weſten herum, und wollen Sie die richtige Zeit jedes Meridians haben, ſo müßten Sie auf jedem Meridian Jhre Uhr um 4 Minuten zurückſtellen, ſodaß Sie nach beſagten fünf Minuten um einen vollen Tag zurück ſind, und wenn Sie in dieſer Art eine Stunde lang um den Pol herumgegangen ſind, ſo muß Jhre Uhr, wenn ſie einen Datumzeiger beſitzt, den 7. Auguſt anzeigen.

Da muß ich mir halt einen Anklebekalender anſchaffen , meinte Saltner.

19Am Nordpol.

Ja, aber wenn Sie nach Oſten herumgehen, kommen Sie um ebenſoviel in der Zeit voran, Sie hätten dann nach zwölfmaligem Spaziergang um den Pol den 31. Auguſt erreicht, wenn Sie bei jedem Umgehen des Pols ein Blatt in ihrem Kalender ab - riſſen. Jn beiden Fällen würden ſie ſich indeſſen thatſächlich noch am 19. Auguſt befinden. Sie müßten alſo, wie die Seefahrer beim Ueberſchreiten des 180. Meridians, ihren Datumzeiger entſprechend regulieren.

Und wenn wir nun gerade über den Pol weg - fliegen?

Dann ſpringen wir in einem Moment um zwölf Stunden in der Zeit. Der Pol iſt eben ein Unſtetig - keitspunkt.

Sackerment, da weiß man ja gar nicht, wo man iſt.

Ja , ſagte Torm, das iſt eben das Fatale. Wir haben uns von Anfang an darauf verlaſſen müſſen, daß wir unſere Lage aus dem zurückgelegten Wege beſtimmen. Läßt ſich denn gar nichts thun?

Nur wenn wir landen und unſere Jnſtrumente ſo feſt aufſtellen, daß wir einige Sterne auviſieren können.

Daran können wir auf keinen Fall eher denken, bis wir den See überflogen haben und das jenſeitige Gebirge überſchauen. Hier zwiſchen den Jnſeln dürfen wir uns nicht hinabwagen. Wir ſind alſo wirklich nicht beſſer daran als unſere Vorgänger, und der wahre Pol bleibt wieder unbeſtimmt.

Zu verflixt , brummte Saltner, da ſind wir vielleicht gerade am Nordpol und wiſſen es nicht.

2*[1]
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Zweites Kapitel. Das Geheimnis des Pols.

Langſam zog der Ballon weiter, doch bewegte er ſich nicht direkt auf die auffallende kleine Jnſel zu, ſondern ſie blieb rechts von ſeiner Fahrtrichtung liegen.

Während Grunthe die Landmarken aufnahm und Torm die Jnſtrumente ablas, ſuchte Saltner, dem die photographiſche Feſthaltung des Terrains oblag, die Gegend mit ſeinem vorzüglichen Abbé’ſchen Relief - fernrohr ab. Dasſelbe gab eine ſechszehnfache Ver - größerung und ließ, da es die Augendiſtanz verzehn - fachte, die Gegenſtände in ſtereoſkopiſcher Körperlich - keit erſcheinen. Sie hatten ſich jetzt der Jnſel ſoweit genähert, daß es möglich geweſen wäre, Menſchen, falls ſich ſolche dort hätten befinden können, mit Hilfe des Fernrohrs wahrzunehmen.

Saltner ſchüttelte den Kopf, ſah wieder durch das Fernrohr, ſetzte es ab und ſchüttelte wieder den Kopf.

Meine Herren , ſagte er jetzt, entweder iſt mir der Champagner in den Kopf geſtiegen

2Das Geheimnis des Pols.

Die zwei Glas, Jhnen? fragte Torm lächelnd.

Jch glaub es auch nicht, alſo oder

Oder? Was ſehen Sie denn?

Es ſind ſchon andere vor uns hier geweſen.

Unmöglich! riefen Torm und Grunthe wie aus einem Munde.

Die bisherigen Berichte wiſſen nichts von einer derartigen Jnſel unſere Vorgänger ſind offenbar gar nicht über das Gebirge gekommen , fügte Torm hinzu.

Sehen Sie ſelbſt , ſagte Saltner und gab das Fernrohr an Torm.

Er ſelbſt und Grunthe benutzten ihre kleineren Feldſtecher. Torm blickte geſpannt nach der Jnſel, dann wollte er etwas ſagen, zuckte aber nur mit den Lippen und blieb völlig ſtumm.

Saltner begann wieder: Die Jnſel iſt genau kreisförmig das haben wir ſchon bemerkt. Aber jetzt ſehen Sie, daß gerade im Zentrum ſich wieder ein dunkler Kreis von ſagen wir vielleicht hundert Meter Durchmeſſer befindet.

Allerdings , ſagte Grunthe, aber es iſt nicht nur ein Kreis, ſondern eine zylindriſche Oeffnung, wie man jetzt deutlich ſehen kann. Und um den Rand derſelben führt eine Art Brüſtung.

Und nun ſuchen Sie einmal den Rand der Jnſel ab. Was ſehen Sie?

Mein Glas iſt zu ſchwach, um Einzelheiten zu erkennen.

Jch habe geſehen, was Sie wahrſcheinlich meinen , ſagte Torm.

22Zweites Kapitel.

Aber was iſt das , unterbrach er ſich, der Ballon ändert ſeine Richtung?

Er gab das Glas an Grunthe und wandte ſeine Aufmerkſamkeit dem Ballon zu. Dieſer wich nach rechts von ſeinem bisherigen Kurſe ab. Er bewegte ſich parallel mit dem Ufer der Jnſel, dieſe in ſich gleichbleibender Entfernung umkreiſend.

Wir wollen uns überzeugen ob wir dasſelbe meinen , ſagte Grunthe. Rings um die Jnſel zieht ſich ein Kreis von pfeiler - oder ſäulenartigen Er - höhungen in gleichen Abſtänden.

Es ſtimmt , ſagten die andern.

Jch habe ſie gezählt , bemerkte Torm, es ſind zwölf große, dazwiſchen je elf kleinere, im ganzen hun - dertvierundvierzig.

Und der ſeltſame Reflex über der ganzen Jnſel?

Wiſſen Sie, es ſieht aus, als wäre die ganze Jnſel mit einem Netz von ſpiegelnden, metalliſchen Drähten oder Schienen überzogen, die wie die Spei - chen eines Rades vom Zentrum nach der Peripherie laufen.

Ja , ſagte Torm, indem er ſich einen Augen - blick erſchöpft niederſetzte, und Sie werden gleich noch mehr ſehen, wenn Sie länger hinſchauen. Jch will es Jhnen ſagen. Seine Stimme klang rauh und heiſer. Was Sie dort ſehen, iſt der Nordpol der Erde aber, wir haben ihn nicht entdeckt.

Das fehlte gerade , fuhr Saltner auf. Dafür ſollten wir uns in dieſen pendelnden Frierkaſten ge - ſetzt haben? Nein, Kapitän, entdeckt haben wir ihn,23Das Geheimnis des Pols.und was wir da ſehen, iſt kein Menſchenwerk. So verrückt wäre doch kein Menſch, hier Drähte zu ſpannen! Eher will ich glauben, daß die Erdaxe in ein großes Velozipedrad ausläuft, und daß wir wahr - haftig berufen ſind, ſie zu ſchmieren! Nur nicht den Mut verloren!

Wenn es nicht Menſchen ſind , ſagte Torm ton - los, und ich weiß auch nicht, wie Menſchen dergleichen machen ſollten, und warum, und wo ſie herkämen das hätte man doch erfahren ſo eine Täu - ſchung iſt es doch nicht ſo ſteht mir der Ver - ſtand ſtill.

Na , ſagte Saltner, Eisbären werden’s nicht ge - macht haben, obgleich ich mich jetzt über nichts mehr wundern würde, und wenn gleich ein geflügelter See - hund käme und Station Nordpol ausriefe. Aber es könnte doch vielleicht eine Naturerſcheinung ſein, ein merkwürdiger Kriſtalliſationsprozeß Sakri! Jetzt hab ichs. Das iſt ein Geiſir! Ein rieſiger Geiſir!

Nein, Saltner , erwiderte Torm das habe ich auch ſchon gedacht ein Schlammvulkan könnte etwa eine ähnliche Bildung zeigen. Aber Sie haben wohl das Eigentliche die Hauptſache das Unerklärliche noch nicht geſehen

Was meinen Sie?

Jch hab es geſehen , ſagte jetzt Grunthe. Er ſetzte das Fernrohr ab. Dann lehnte er ſich zurück und runzelte die Stirn. Auch um die feſt zuſammen - gezogenen Lippen bildeten ſich Falten, daß ſein Mund24Zweites Kapitel.ausſah wie ein in Klammern geſetztes Minuszeichen. Er verſank in tiefes, ſorgenvolles Nachdenken.

Saltner ergriff das Glas.

Achten Sie auf die Färbungen am Boden der ganzen Jnſel! ſagte Torm zu ihm.

Es ſind Figuren! rief Saltner.

Ja , ſagte Torm. Und dieſe Figuren ſtellen nichts anderes dar, als ein genaues Kartenbild eines großen Teils der nördlichen Halbkugel der Erde in perſpektiviſcher Polarprojektion. Sie ſehen deutlich den Verlauf der grönländiſchen Küſte, Nordamerika, die Beringſtraße, Sibirien, ganz Europa mit ſeinen unverkennbaren Jnſeln und Halbinſeln, das Mittelmeer bis zum Nordrand von Afrika, wenn auch ſtark verkürzt.

Es iſt kein Zweifel , ſagte Saltner. Die ganze Umgebung des Pols iſt in einem deutlichen Kartenbild in koloſſalem Maßſtabe hier abgezeichnet, und zwar bis gegen den 30. Breitengrad.

Und wie iſt das möglich?

Die Frage fand keine Antwort. Alle ſchwiegen.

Jnzwiſchen hatte der Ballon eine faſt vollſtändige Umkreiſung der Jnſel vollzogen. Aber er hatte ſich derſelben auch noch um ein Stück genähert. Es war klar, daß er durch eine unbekannte Kraft, wohl durch eine wirbelförmige Bewegung der Luft, um die Jnſel herumgeführt und zugleich nach der Axe des Wirbels, die von der Mitte der Jnſel ausgehen mochte, zu ihr hingezogen wurde.

Torm unterbrach das Schweigen. Wir müſſen25Das Geheimnis des Pols.einen Entſchluß faſſen , ſagte er. Wollen die Herren ſich äußern.

Jch will zunächſt einmal , begann Saltner, dieſe merkwürdige Erdkarte photographieren. Sie ſcheint ziemlich richtig ſelbſt in Details zu ſein. Daß ſie nicht von Menſchenhand herrühren kann, ſehen wir daraus, daß auch die noch unbekannten Gegenden des Polargebietes dargeſtellt ſind. Die innere Oeffnung, bei welcher die Karte abbricht, entſpricht in ihrem Umfange etwa dem 86. Breitengrade; es fehlen alſo für uns leider die nächſten vier Grade um den Pol herum.

Selbſtverſtändlich , ſagte Torm, müſſen Sie die Karte photographieren. Wir dürfen nicht mehr zwei - feln, ein Werk intelligenter Weſen vor uns zu haben, wenn ich mir auch nicht erklären kann, wer dieſe ſein mögen. Aber wenn das richtig iſt, was wir kontrollieren können, ſo müſſen wir ſchließen, daß auch die Teile des Polargebietes nach den Nordküſten von Amerika und Sibirien hin zuverläſſig dargeſtellt ſind. Und dann hätten wir mit einem Schlage eine vollſtändige Karte dieſes bisher unerforſchten Polargebietes.

Nun, ich denke, wir können mit dieſem Erfolg ſchon zufrieden ſein. Und bedenken Sie, wie nützlich die Karte für unſere Rückkehr werden kann. So damit brachte Saltner die photographiſche Kammer wieder an ihren Platz, ich habe drei ſichere Auf - nahmen. Aber der Ballon bewegt ſich ja ſchneller?

Jch glaube auch , ſagte Torm. Jch bitte nun um die Meinung der Herren, ſollen wir eine Landung26Zweites Kapitel.auf der Jnſel wagen, um dieſes Geheimnis zu er - forſchen?

Jch meine , äußerte ſich Saltner, wir müſſen es verſuchen. Wir müſſen zuſehen, mit wem wir es hier zu thun haben.

Gewiß , ſagte Torm, die Aufgabe iſt verlockend. Aber es iſt zu befürchten, daß wir zuviel Gas ver - lieren, daß wir vielleicht die Möglichkeit aufgeben, den Ballon weiter zu benutzen. Was meinen Sie, Dr. Grunthe?

Grunthe richtete ſich aus ſeinem Nachſinnen auf. Er ſprach ſehr ernſt: Unter keinen Umſtänden dürfen wir landen. Jch bin ſogar der Anſicht, daß wir alle Anſtrengungen machen müſſen, um uns ſo ſchnell wie möglich von dieſem gefährlichen Punkte zu entfernen.

Worin ſehen Sie die Gefahr?

Nachdem wir die eigentümliche Ausrüſtung des Pols und die Abbildung der Erdoberfläche geſehen haben, iſt doch kein Zweifel, daß wir einer gänzlich unbekannten Macht gegenüberſtehen. Wir müſſen an - nehmen, daß wir es mit Weſen zu thun bekommen, deren Fähigkeiten und Kräften wir nicht gewachſen ſind. Wer dieſen Rieſenapparat hier in der unzu - gänglichen Eiswüſte des Polargebiets aufſtellen konnte, der würde ohne Zweifel über uns nach Gutdünken verfügen können.

Nun, nun , ſagte Torm, wir wollen uns darum nicht fürchten.

Das nicht , erwiederte Grunthe, aber wir dürfen den Erfolg unſerer Expedition nicht auf’s Spiel ſetzen. 27Das Geheimnis des Pols.Vielleicht liegt es im Jntereſſe dieſer Polbewohner, den Kulturländern keine Nachricht von ihrer Exiſtenz zukommen zu laſſen. Wir würden dann ohne Zweifel unſere Freiheit verlieren. Jch meine, wir müſſen alles daran ſetzen, das, was wir beobachtet haben, der Wiſſenſchaft zu übermitteln, und es dann ſpäteren Er - wägungen überlaſſen, ob es geraten ſcheint, und mit welchen Mitteln es möglich ſei, das unerwartete Ge - heimnis des Pols aufzulöſen. Wir dürfen uns nicht als Eroberer betrachten, ſondern nur als Kundſchafter.

Die andern ſchwiegen nachdenklich. Dann ſagte Torm:

Jch muß Jhnen recht geben. Unſere Jnſtruktion lautet allerdings dahin, eine Landung nach Möglichkeit zu vermeiden. Wir ſollen mit möglichſter Eile in bewohnte Gegenden zu gelangen ſuchen, nachdem wir uns dem Pol ſoweit wie angänglich genähert und ſeine Lage feſtgeſtellt haben, und wir ſollen verſuchen, einen Ueberblick über die Verteilung von Land und Waſſer vom Ballon aus zu gewinnen. Dieſer Geſichts - punkt muß entſcheidend ſein. Wir wollen alſo ver - ſuchen, von hier fortzukommen.

Aber nach welcher Richtung? fragte Saltner. Darüber könnte uns die Polarkarte der Jnſel Aus - kunft geben.

Jch fürchte , entgegnete Torm, von unſerm guten Willen wird dabei ſehr wenig abhängen. Wir müſſen abwarten, was der Wind über uns beſchließen wird. Zunächſt laſſen Sie uns verſuchen, dieſem Wirbel zu entfliehen.

28Zweites Kapitel.

Jnzwiſchen hatte ſich der Ballon noch mehr der Jnſel genähert und ſeine Geſchwindigkeit begann zu wachſen. Zugleich aber erhob er ſich weiter über den Erdboden.

Die Luftſchiffer ſpannten nun das Segel auf und gaben ihm eine ſolche Stellung, daß der Widerſtand der Luft ſie nach der Peripherie des Wirbels treiben mußte. Da aber der Ballon viel zu hoch ſchwebte, als daß das Schleppſeil ſeine hemmende Wirkung hätte ausüben können, ſo mußte das Manöver zuerſt verſagen. Jn immer engeren Spirallinien aufſteigend näherte ſich der Ballon dem Zentrum des Wirbels und vermehrte ſeine Geſchwindigkeit. Jn großer Beſorgnis verfolgten die Luftſchiffer den Vorgang. Sie beeilten ſich, die Länge des Schlepptaus zu ver - größern. Jhre vorzügliche Ausrüſtung geſtattete ihnen, ein Schlepptau von tauſend Meter Länge zu ver - wenden, an welches noch ein hundertundfünfzig Meter langer Schleppgurt mit Schwimmern kam. Aber auch dieſe ſtattliche Ausdehnung des Seiles reichte nicht bis auf die Oberfläche des Waſſers.

Es bleibt nichts übrig , rief Torm endlich, wir müſſen weiter niederſteigen.

Er öffnete das Manöverventil. Das Gas ſtrömte aus. Der Ballon begann zu ſinken.

Wir wollen aber , ſagte Torm, da wir nicht wiſſen, wie wir hier davon kommen, doch verſuchen, eine Nachricht nach Hauſe zu geben. Laſſen Sie uns einige unſerer Brieftauben abſenden. Jetzt iſt der geeignete Moment. Was wir geſehen haben, muß man in Europa erfahren.

29Das Geheimnis des Pols.

Eilend ſchrieb er die nötigen Notizen auf den ſchmalen Streifen Papier, den er zuſammenrollte und in der Federpoſe verſiegelte, welche den Brieftauben an - geheftet wurde.

Saltner gab den Tierchen die Freiheit. Sie um - kreiſten wiederholt den Ballon und entfernten ſich dann in einer Richtung, die von der Jnſel fortführte.

Torm ſchloß das Ventil wieder. Sie mußten jetzt jeden Augenblick erwarten, daß das Ende des Schlepptaus die Oberfläche des Waſſers berühre. Der Ballon näherte ſich ſeiner Gleichgewichtslage.

Grunthe blickte durch das Relieffernrohr direkt nach unten, da es durch dieſes Jnſtrument möglich war, den breiten Sackanker am Ende des Schleppgurts zu ſehen und den Abſtand desſelben vom Boden zu ſchätzen. Plötzlich griff er mit größter Haſt zur Seite, erfaßte den nächſten Gegenſtand, der ihm zur Hand war es war das Futteral mit den beiden noch gefüllten Champagnerflaſchen und ſchleuderte es in großem Bogen zum Korbe hinaus.

Sakri, was fällt ihnen ein , rief Saltner ent - rüſtet, werfen da unſern ſaubern Wein ins Waſſer.

Entſchuldigen Sie , ſagte Grunthe, indem er ſich aus ſeiner gebückten Stellung aufrichtete, da er an der Bewegung der Wimpel bemerkte, daß der Ballon wieder im Steigen begriffen war. Entſchuldigen Sie, aber das Fernrohr konnte ich doch nicht hinauswerfen, und es war keine halbe Sekunde zu verlieren wir wären wahrſcheinlich verloren geweſen.

Was gab es denn? fragte Torm beſorgt.

30Zweites Kapitel.

Wir ſind nicht mehr über dem Waſſer, ſondern bereits am Rande der Jnſel. Das Ende des Seils war wohl kaum weiter als zehn Meter von der Ober - fläche der Jnſel entfernt. Wir hätten ſie berührt, wenn nicht das Sinken des Ballons momentan aufgehört hätte. Glücklicherweiſe genügten die Flaſchen unſern Fall aufzuhalten.

Und glauben Sie denn, daß wir die Jnſel nicht berühren dürfen?

Jch glaube es nicht, ich weiß es.

Wieſo?

Wir wären hinabgezogen worden.

Jch kann noch nicht einſehen, woraus Sie das ſchließen.

Sie haben mir doch beigeſtimmt , ſagte Grunthe, daß wir es nicht darauf ankommen laſſen dürfen, in die Macht der unbekannten Weſen ſie mögen nun ſein, wer ſie wollen zu geraten, welche dieſen un - erklärlichen Apparat und dieſe Koloſſalkarte am Nord - pol hergeſtellt haben. Es iſt aber wohl keine Frage, daß dieſer Apparat, an den wir mehr und mehr heran - gezogen werden, nicht ſich ſelbſt überlaſſen hier ſtehen wird. Sicherlich iſt die Jnſel bewohnt, es befinden ſich die geheimnisvollen Erbauer wahrſcheinlich in oder unter jenen Dächern und Pfeilern, die wir mit unſern Fernrohren nicht durchdringen können. Es iſt anzu - nehmen, daß ſie unſern Ballon längſt bemerkt haben, und ſo ſchließe ich denn, daß ſie denſelben ſofort zu ſich hinabziehen würden, ſobald unſer Schleppſeil in das Bereich ihrer Arme gelangt.

31Das Geheimnis des Pols.

Gott ſei dank , rief Saltner, daß Sie den dunkeln Polgäſten wenigſtens Arme zuſprechen; es iſt doch ſchon ein menſchlicher Gedanke, daß man ihnen zur Not in die Arme fallen kann.

Torm unterbrach ihn. Jch kann mich immer noch nicht recht dazu verſtehen , ſagte er, an eine ſolche überlegene Macht zu glauben. Das widerſpräche ja doch allem, was bisher in der Geſchichte der Polar - forſchung, ja der Entdeckungsreiſen überhaupt vor - gekommen iſt. Freilich die Karte aber was denken Sie überhaupt über dieſe Jnſel Sie ſprachen von einem Apparat, ſo ein Apparat müßte doch einen Zweck haben

Den wird er ohne Zweifel haben, wir ſind nur nicht in der Lage, ihn zu kennen oder zu begreifen. Denken Sie, daß Sie einen Eskimo vor die Dynamo - maſchine eines Elektrizitätswerks ſtellen; daß das Ding einen Zweck hat, wird er ſich ſagen, aber was für einen, das wird er nie erraten. Wie ſoll er begreifen, daß die Drähte, die von hier ausgehen, ungeheure Energiemengen auf weite Strecken verteilen, daß ſie dort Tageshelle erzeugen, dort ſchwere Wagen mit Hunderten von Menſchen mit Leichtigkeit hingleiten laſſen? Wenn der Eskimo ſich über die Dynamo - maſchine äußert, ſo wird es jedenfalls eine ſo kindiſche Anſicht ſein, daß wir ſie belächeln. Und um nicht dieſem unbekannten Apparat gegenüber die Rolle des Eskimo zu ſpielen, will ich mich lieber gar nicht äußern.

Torm ſchwieg nachdenklich. Dann ſagte er:

32Zweites Kapitel.

Was mich am meiſten beunruhigt, iſt dieſe un - erklärliche Anziehungskraft, die die Axe der Jnſel auf unſern Ballon ausübt. Und ſehen Sie, ſeitdem wir kein Gas mehr ausſtrömen laſſen, beginnt der Ballon wieder rapid zu ſteigen. Dabei wird er fortwährend um das Zentrum der Jnſel herumgetrieben.

Und wer ſagt Jhnen, was geſchieht, wenn wir in die Axe ſelbſt geraten? Jch halte unſere Situation für geradezu verzweifelt, aus dem Wirbel können wir nur heraus, wenn wir uns ſinken laſſen. Dann aber geraten wir in die Macht der unbekannten Jnſulaner.

Und dennoch , ſagte Torm, werden wir uns entſchließen müſſen.

Alle drei ſchwiegen. Mit düſteren Blicken beobach - teten Torm und Grunthe die Bewegungen des Ballons, während Saltner die Jnſel mit dem Fernrohr unter - ſuchte. Mehr und mehr verſchwanden die Details, die vorher deutlich ſichtbar waren, ein Zeichen, daß der Ballon mit großer Geſchwindigkeit ſtieg, auch wenn die Jnſtrumente, ja ſelbſt die zunehmende Kälte, dies nicht angezeigt hätten.

Da was war das? auf der Jnſel zeigte ſich eine Bewegung, ein eigentümliches Leuchten. Saltner rief die Gefährten an. Sie blickten hinab, konnten aber mit ihren ſchwächeren Jnſtrumenten nur bemerken, daß ſich helle Punkte vom Zentrum nach der Peripherie hin bewegten. Saltner ſchien es durch ſein ſtarkes Glas, als wenn eine Reihe von Geſtalten mit weißen Tüchern winkende Bewegungen ausführte, die alle vom Jnnern der Jnſel nach außen hin wieſen.

33Das Geheimnis des Pols.

Man giebt uns Zeichen , ſagte er. Sehen Sie hier durch das ſtarke Glas!

Das kann nichts anderes bedeuten , rief Torm, als daß wir uns von der Axe entfernen ſollen. Aber ſo klug ſind wir ſelbſt wir wiſſen nur nicht wie.

Wir müſſen das Entleerungs-Ventil öffnen , ſagte Saltner.

Dann ergeben wir uns auf Gnade und Ungnade , rief Grunthe.

Und doch wird uns nichts übrig bleiben , be - merkte Torm.

Und was ſchadet es? fragte Saltner. Viel - leicht wollen jene Weſen nur unſer Beſtes. Würden ſie uns ſonſt warnen?

Wie dem auch ſei wir dürfen nicht höher ſteigen , ſagte Torm. Wir werden ja geradezu in die Höhe geriſſen.

Schon hatten ſich alle dicht in ihre Pelze ge - wickelt.

Warten wir noch , ſagte Grunthe, wir ſind immer noch gegen hundert Meter von der Axe der Jnſel entfernt. Die Trübung hat ſich genähert, wir kommen in eine Wolkenſchicht. Vielleicht gelangt doch der Ballon endlich ins Gleichgewicht.

Unmöglich , entgegnete Torm. Wir haben bereits gegen 4000 Meter erreicht. Der Ballon war im Gleichgewicht, als das Gewicht des Futterals mit den Champagnerflaſchen ſeine Bewegung zu ändern vermochte. Wenn er jetzt mit ſolcher Geſchwindigkeit ſteigt, ſo iſt das ein Zeichen, daß uns eine äußereLaßwitz, Auf zwei Planeten. 334Zweites Kapitel.Kraft in die Höhe führt, die um ſo ſtärker wird, je mehr wir uns dem Zentrum nähern.

Jch muß es zugeben , ſagte Grunthe. Es iſt gerade, als wenn wir uns in einem Kraftfelde be - fänden, das uns direkt von der Erde abſtößt. Sollen wir einen Verſuchsballon ablaſſen?

Kann uns nichts neues mehr ſagen es iſt zu ſpät. Da wir ſind in den Wolken.

Alſo hinunter! rief Saltner.

Torm riß das Landungsventil auf.

Der Ballon mäßigte ſeine aufſteigende Bewegung, aber zu ſinken begann er nicht.

Die Blicke der Luftſchiffer hingen an den Jnſtru - menten. Wenige Minuten mußten ihr Schickſal ent - ſcheiden. Das Gas ſtrömte in die verdünnte Luft mit großer Gewalt aus. Brachte dies den Ballon nicht bald zum Sinken, ſo war es klar, daß ſie die Herr - ſchaft über das Luftmeer verloren hatten. Sie be - fanden ſich dann einer Gewalt gegenüber, die ſie, unabhängig von dem Gleichgewicht ihres Ballons in der Atmoſphäre, von der Erde forttrieb.

Und der Ballon ſank nicht. Eine Zeit lang ſchien es, als wollte er ſich auf gleicher Höhe halten, aber die wirbelnde Bewegung hörte nicht auf, die ihn der Axe der Jnſel entgegentrieb. Dieſe Axe, daran war ja kein Zweifel, war nichts anderes als die Erdaxe ſelbſt, jene mathematiſche Linie, um welche die Rotation der Erde erfolgt. Jmmer ſtärker wurden ſie zu ihr hingezogen. Aber je näher ſie ihr kamen, um ſo heftiger wurde der Ballon nach oben gedrängt. Schon35Das Geheimnis des Pols.begannen ſich die körperlichen Beſchwerden einzuſtellen, welche die Erhebung in die verdünnten Luftſchichten begleiten. Alle klagten über Herzklopfen. Saltner mußte das Fernrohr hinlegen, vor ſeinen Augen ver - ſchwammen die Gegenſtände. Atemnot ſtellte ſich ein.

Es bleibt nichts andres übrig , rief Torm. Die Reißleine!

Grunthe ergriff die Reißleine. Die Zerreißvor - richtung dient dazu, einen Streifen der Ballonhülle in der Länge des ſechsten Teils des Ballonumfangs auf - zureißen, um den Ballon im Notfall binnen wenigen Minuten des Gaſes zu entleeren. Aber die Vor - richtung verſagte! Er zerrte an der Leine ſie gab nicht nach. Sie mußte ſich am Netzwerk des Ballons verfangen haben. Es war jetzt unmöglich, den Schaden zu reparieren. Der Ballon ſtieg weiter. Von der Erde war nichts mehr zu ſehen, man blickte auf Wolken.

Die Sauerſtoffapparate! kommandierte Torm.

Obwohl man die Abſicht hatte, ſich ſtets in ge - ringer Höhe zu halten, konnte man doch nicht wiſſen. ob nicht die Umſtände ein Aufſteigen in die höchſten Regionen mit ſich bringen würden. Für dieſen Fall hatte man ſich mit komprimiertem Sauerſtoff zur Atmung verſehen. Es war jetzt notwendig, die künſt - liche Atmung anzuwenden.

Die Forſcher fühlten ſich neu geſtärkt; aber immer furchtbarer wurde die Kälte. Sie merkten, wie ihre Gliedmaßen zu erſtarren drohten. Die Naſe, die Finger wurden gefühllos, ſie verſuchten ihnen durch3*36Zweites Kapitel.Reiben den Blutzufluß wieder zuzuführen. Der Ballon ſtieg rettungslos weiter, und zwar immer ſchneller, je mehr er ſich dem Zentrum näherte. Siebentauſend achttauſend neuntauſend Meter zeigte das Baro - meter im Verlauf einer Viertelſtunde an. Die größte Höhe, welche je von Menſchen erreicht worden war, wurde nun überſchritten.

Unthätig ſaßen die Männer zuſammengedrängt ſie hatten den künſtlichen Verſchluß der Gondel her - geſtellt, da ſie nichts mehr am Ballon ändern konnten. Sie vermochten nichts zu thun, als ſich gegen die Kälte zu ſchützen. Kein Mittel der Rettung zeigte ſich ihre Thatkraft begann unter dem Einfluſſe der vernichtenden Kälte zu erlahmen. Der Flug in die Höhe war unhemmbar nichts mehr konnte ſie retten vor dem Erfrieren oder vor dem Erſticken. Was würde geſchehen? Es war ja gleichgiltig.

Und doch, immer wieder raffte ſich der Eine oder Andere mit Anſtrengung aller Willenskräfte auf noch ein Blick auf die Jnſtrumente die Thermometer waren längſt eingefroren und kaum glaublich das Barometer zeigte einen Druck von nur noch 50 Millimeter, d. h. ſie befanden ſich zwanzig Kilo - meter über der Erdoberfläche. Und jetzt ſchien es nicht als käme der Ballon zu ihnen herab? Die ent - leerte Seidenhülle ſenkte ſich über die Gondel die Gondel flog ſchneller als der Ballon wie aus einer Kanone geſchoſſen fuhr ſie in die Seide des Ballons hinein, die Jnſaſſen der Gondel waren verſtrickt in das Gewirr von Stoff und Seilen halb ſchon be -37Das Geheimnis des Pols.wußtlos bemerkten ſie kaum noch den Stoß, der ſie traf ſie waren in die Axe des von der Jnſel aus - gehenden Wirbels geraten.

Sie befanden ſich ſenkrecht über dem Pol der Erde das Ziel war erreicht, dem ſie ſo hoffnungs - froh entgegengeſtrebt hatten. Weit unter ihnen im hellen Sonnenſcheine lagen die glänzenden Wolken - ſtreifen und fern im Süden das grünlich ſchimmernde Land ausgebreitet, die kühnen Forſcher aber ſahen nichts mehr davon. Ohnmächtig, erſtickt erdrückt von der Laſt des Ballons, flogen ſie, eine formloſe Maſſe bildend, in der Richtung der Erdaxe den Grenzen der Atmoſphäre entgegen.

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Drittes Kapitel. Die Bewohner des Mars.

Unter dem Einfluſſe der geheimnisvollen Kraft, welche die Trümmer der verunglückten Expedition in der Richtung der Erdaxe vom Nordpole forttrieb, hatten ſie eine ungeheure Beſchleunigung erlangt. Der in die Falten des Ballons hineingetriebene Korb bewegte ſich jetzt mit raſender Geſchwindigkeit nach oben. Wenige Minuten mußten genügen, den Tod der Jnſaſſen zu bewirken, da der Verſchluß der Gondel ſie nicht hinreichend zu ſchützen vermochte.

Nicht mehr von der Erde aus erkennbar ſchien das ſeltſame Geſchoß einſam und verlaſſen den Welt - raum zu durcheilen, jeder menſchlichen Macht entrückt, ein Spielball kosmiſcher Kräfte

Und dennoch war der Ballon der Gegenſtand ge - ſpannteſter Aufmerkſamkeit.

Die Beobachter desſelben befanden ſich auf einer Stelle, wo kein Menſch lebende Weſen vermutet, ja nur eine ſolche Möglichkeit hätte verſtehen können. 39Die Bewohner des Mars.Daß der Nordpol von unbekannten Bewohnern beſetzt ſei, war ja äußerſt ſeltſam und überraſchend; aber er war doch ein Punkt der Erde, auf welchem lebende Weſen ſich aufzuhalten und zu atmen vermochten. Der Ort dagegen, von welchem aus man jetzt auf den verunglückten Ballon aufmerkſam wurde, befand ſich bereits außerhalb der Erdatmoſphäre. Genau in der Richtung der Erdaxe, und auf dieſer genau ſoweit von der Oberfläche der Erde entfernt, wie der Mittel - punkt der Erde unterhalb, alſo in einer Höhe von 6356 Kilometer, befand ſich frei im Raume ſchwebend ein merkwürdiges Kunſtwerk, ein ringförmiger Körper, etwa von der Geſtalt eines rieſigen Rades, deſſen Ebene parallel dem Horizont des Poles lag.

Dieſer Ring beſaß eine Breite von etwa fünfzig Meter und einen innern Durchmeſſer von zwanzig, im ganzen alſo einen Durchmeſſer von 120 Meter. Rings um denſelben erſtreckten ſich außerdem, ähnlich wie die Ringe um den Saturn, dünne, aber ſehr breite Scheiben, deren Durchmeſſer bis auf weitere zweihundert Meter anſtieg. Sie bildeten ein Syſtem von Schwungrädern, das ohne Reibung mit großer Geſchwindigkeit um den inneren Ring herumlief und denſelben in ſeiner Ebene ſtets ſenkrecht zur Erdaxe hielt. Der innere Ring glich einer großen kreis - förmigen Halle, die ſich in drei Stockwerken von zu - ſammen etwa fünfzehn Meter Höhe aufbaute. Das geſamte Material dieſes Gebäudes wie das der Schwung - räder beſtand aus einem völlig durchſichtigen Stoffe. Dieſer war jedoch von außerordentlicher Feſtigkeit und40Drittes Kapitel.ſchloß das Jnnere der Halle vollſtändig luft - und wärmedicht gegen den leeren Weltraum ab. Obwohl die Temperatur im Weltraum rings um den Ring faſt zweihundert Grad unter dem Gefrierpunkt des Waſſers lag, herrſchte innerhalb der ringförmigen Halle eine angenehme Wärme und eine zwar etwas ſtark ver - dünnte, aber doch atembare Luft. Jn dem mittleren Stockwerk, durch welches ſich ein Gewirr von Drähten, Gittern und vibrierenden Spiegeln zog, hielten ſich auf der inneren Seite des Rings zwei Perſonen auf, die ſich damit beſchäftigten, eine Reihe von Apparaten zu beobachten und zu kontrollieren.

Wie aber war es möglich, daß dieſer Ring in der Höhe von 6356 Kilometer ſich freiſchwebend über der Erde erhielt? Eine tief reichende Erkenntnis der Natur und eine äußerſt ſcharfſinnige Ausbildung der Technik hatten es verſtanden, dieſes Wunderwerk her - zuſtellen.

Der Ring unterlag natürlich der Anziehungskraft der Erde und wäre, ſich ſelbſt überlaſſen, auf die Jnſel am Pol geſtürzt. Gerade von dieſer Jnſel aus aber wirkte auf ihn eine abſtoßende Kraft, welche ihn in der Entfernung im Gleichgewicht hielt, die genau dem Halbmeſſer der Erde gleichkam. Dieſe Kraft hatte ihre Quelle in nichts anderm als in der Sonne ſelbſt, und die Kraft der Sonnenſtrahlung ſo umzuformen, daß ſie jenen Ring der Erde gegenüber in Gleich - gewichtslage hielt, das eben hatte die Kunſt einer glänzend vorgeſchrittenen Wiſſenſchaft und Technik zu - ſtande gebracht.

41Die Bewohner des Mars.

Jn jener Höhe, einen Erdhalbmeſſer über dem Pol, war der Ring ohne Unterbrechung der Sonnen - ſtrahlung ausgeſetzt. Die von der Sonne ausgeſtrahlte Energie wurde nun von einer ungeheuren Anzahl von Flächenelementen, die ſich in dem Ringe und auf der Oberfläche der Schwungräder befanden, aufgenommen und geſammelt. Die Menſchen verwenden auf der Erdoberfläche von der Sonnenenergie hauptſächlich nur Wärme und Licht. Hier im leeren Weltraum aber zeigte ſich, daß die Sonne noch ungleich größere Energiemengen ausſendet, insbeſondere Strahlen von ſehr großer Wellenlänge, wie die elektriſchen, als auch ſolche von noch viel kleinerer als die der Lichtwellen. Wir merken nichts davon, weil ſie zum größten Teile ſchon von den äußerſten Schichten der Atmoſphäre abſorbiert oder wieder in den Weltraum ausgeſtrahlt werden. Hier aber wurden alle dieſe ſonſt verlorenen Energiemengen geſammelt, transformiert und in ge - eigneter Geſtalt nach der Jnſel am Nordpol reflektiert. Auf der Jnſel wurden ſie, in Verbindung mit der von der Jnſel direkt aufgenommenen Strahlung, zu einer Reihe großartiger Leiſtungen verwendet; denn man hatte auf dieſe Weiſe eine ganz enorme Energie - menge zur Verfügung.

Ein Teil dieſer Arbeitskraft wurde nun zunächſt dazu gebraucht, ein elektromagnetiſches Feld von ge - waltigſter Stärke und Ausdehnung zu erzeugen. Die ganze Jnſel mit ihren hundertvierundvierzig Rund - baſtionen ſtellte gewiſſermaßen einen rieſigen Elektro - magneten vor, der von der Sonnenenergie ſelbſt ge -42Drittes Kapitel.ſpeiſt wurde. Die Konſtruktion war ſo angelegt, daß die Kraftlinien ſich um den Ring konzentrierten und dieſer, der Schwerkraft entgegen, ſchwebend gehalten wurde. Daß dies genau in der Entfernung des Erd - halbmeſſers vom Pole geſchah, hing mit einer Be - ziehung zwiſchen Elektromagnetismus und Schwere zuſammen, infolge deren ſich gerade an dieſer Stelle eine Art Knotenpunkt für die Wellenbewegung beider Kräfte zu bilden vermochte und das Gleichgewicht er - möglichte.

Allerdings wurde durch eine Reihe komplizierter und höchſt ſcharfſinnig ausgedachter Kontrollapparate dafür geſorgt, daß alle Schwankungen der Energie - mengen zur rechten Zeit ausgeglichen wurden. Einen ſolchen Apparat aufzuſtellen wäre indeſſen an keinem anderen Punkte der Erde möglich geweſen, als in der Verlängerung ihrer Rotationsaxe, alſo über dem Nord - pol oder über dem Südpol. Denn an jeder andern Stelle hätte, abgeſehen von tiefer liegenden Schwierig - keiten, die Verſchiebung der Erdoberfläche infolge der täglichen Umdrehung der Erde unüberwindbare Hinder - niſſe für die Herſtellung des Gleichgewichts zwiſchen der Schwerkraft und dem Elektromagneten geboten; auch hätte die gleichmäßige Sonnenſtrahlung gefehlt. Der Pol bietet aber in jeder Hinſicht die einfachſten Verhältniſſe wenn es gelingt, bis zu ihm zu ge - langen.

Nun, die unübertroffenen Jngenieure der Jnſel und des Ringes waren einmal da. Aber wo kamen ſie her? Wie waren ſie dorthin gelangt, ohne daß43Die Bewohner des Mars.die internationale Kommiſſion für Polarforſchung die geringſte Ahnung davon hatte? Und vor allem wenn ſie einmal da waren was hatte es für einen Zweck, jenen freiſchwebenden Ring über dem Pol zu balancieren? Und wenn einmal jener Ring da war, wie konnte man hinauf - und hinabkommen?

Jener Ring war überhaupt nur ein Mittel, um einen ganz andern Zweck zu erreichen. Er diente dazu, einen Standpunkt außerhalb der Atmoſphäre der Erde zu gewinnen, eine Station, um zwiſchen dieſer und der Erde nichts Geringeres auszuführen, als eine zeitweilige Aufhebung der Schwerkraft. Der Raum zwiſchen der inneren Oeffnung des Ringes von zwanzig Meter Durchmeſſer und der auf der Jnſel ſich befindenden Vertiefung, alſo ein Zylinder, deſſen Axe genau mit der Erdaxe zuſammenfiel, war ein aba - riſches Feld . Dies bedeutet, ein Gebiet ohne Schwere. Körper, welche in dieſen zylindriſchen Raum gerieten, wurden von der Erde nicht mehr angezogen. Dieſes abariſche Feld bewirkte, daß in der ganzen Umgebung des Feldes Spannungen im Raum vor - handen waren, wodurch etwa ſich nähernde Körper in das Feld getrieben wurden. Daher war es gekommen, daß der Ballon der Luftſchiffer allmählich der Jnſel und damit dem abariſchen Felde unentrinnbar zuge - führt worden war.

Die Erzeugung jenes Feldes, in welchem die Schwerkraft aufgehoben war für den innern Raum zwiſchen Jnſel und Ring, war dadurch möglich gemacht worden, daß man eine der Erdſchwere entgegengeſetzt44Drittes Kapitel.gerichtete Gravitationskraft herſtellte. Es war jenen Polbewohnern bekannt, wie man diejenigen Strahlen, welche hauptſächlich chemiſche Wirkung, Wärme und Licht liefern, in Gravitation überführen kann. Sie wurden zu dieſem Zwecke bis in den innern Teil des Ringes geleitet und traten hier in den Gravitations - generator . Dies war ein Apparat, durch welchen man Wärme in Gravitation umwandelte. Ein zweiter, ebenſo eingerichteter Gravitationserzeuger befand ſich in der zentralen Vertiefung im Jnnern der Jnſel. Beide Apparate wirkten derartig zuſammen, daß die Beſchleunigung der Schwerkraft im Jnnern zwiſchen Jnſel und Ring beliebig reguliert werden konnte. Man konnte ſie entweder nur verringern, oder ganz aufheben dann war das abariſche Feld im eigent - lichen Sinne hergeſtellt oder man konnte die Gegen - ſchwerkraft ſo verſtärken, daß die Körper innerhalb des abariſchen Feldes nach oben fielen , d. h. eine beliebig ſtarke Beſchleunigung entgegengeſetzt der Erd - ſchwere, alſo von der Erde fort, erhielten. Auf dieſe Weiſe war es möglich, mit jeder gewünſchten Ge - ſchwindigkeit Körper zwiſchen der Jnſel und dem Ringe ſowohl von unten nach oben als von oben nach unten in Bewegung zu ſetzen, indem man ſie in einen zu dieſem Zwecke konſtruirten Flugwagen einſchloß.

Es war nun die ſchwierige Aufgabe der Jngenieure an den beiden Endſtationen, den Betrieb ſo zu regulieren, daß jedesmal das abariſche Feld die nötige Stärke beſaß, um den Wagen nach oben zu treiben oder in ſeiner Bewegung aufzuhalten.

45Die Bewohner des Mars.

Als der Ballon der Polarforſcher in das abariſche Feld geriet, war dasſelbe gerade auf Gegenſchwere geſtellt, weil ſich ein Flugwagen auf dem Wege von der Jnſel nach dem Ringe befand. Jnfolgedeſſen wurde der nach dem abariſchen Felde hingedrängte Ballon, ſobald er in die Axe desſelben geraten war, mit großer Geſchwindigkeit in die Höhe geriſſen.

Äußerlich unterſchied ſich das Feld von der um - gebenden Luft in gar nichts. Nur ein ſtarker auf - ſteigender Luftſtrom und infolgedeſſen ein ſeitliches Zu - ſtrömen der Luft war natürlich vorhanden. Aber bei dem geringen Durchmeſſer des Feldes von zwanzig Meter war die in die Höhe getriebene Luftmaſſe ſo gering, daß es dadurch nicht zu einer merklichen Nebel - oder Wolkenbildung kam, zumal vom Ringe wie von der Jnſel aus eine ſo ſtarke Beſtrahlung ſtattfand, daß der ſich etwa kondenſierende Waſſerdampf ſofort wieder in Gasform aufgelöſt wurde.

Solange der Ballon ſich noch in den Luftſchichten bis ein oder zwei Kilometer befand, konnte das Aus - ſtrömen des Gaſes ſein Aufſteigen einigermaßen ver - zögern. Dann aber wurde die Beſchleunigung zu groß. Die Gondel, welche ſich im Zentrum des Feldes befand, erfuhr dabei eine größere Beſchleunigung nach oben als der an Maſſe zwar geringere, an Ausdehnung aber ſoviel größere Ballon. Denn da der Durchmeſſer des Ballons zwanzig Meter übertraf, ſo ragte er zum Teil über das abariſche Feld hinaus. Erſt als er durch den Verluſt an Gas zuſammengeſunken war, geriet er ganz in das abariſche Feld, und nun begann46Drittes Kapitel.jener koloſſal beſchleunigte Fall nach oben , der den Ballon binnen einer Viertelſtunde auf tauſend Kilometer emporgeriſſen hätte, wenn er nicht zum Glück nach kaum einer Minute aufgehalten worden wäre.

Als die Jngenieure der Jnſel den Ballon bemerkten, hatten ſie zunächſt verſucht, ihn durch Ergreifung des Schleppgurts feſtzuhalten. Dies hatte Grunthe durch das Hinauswerfen der Champagnerflaſchen verhindert, da er jede Berührung der Jnſel vermeiden wollte. So war der Ballon ſoweit geſtiegen, daß er nicht mehr ergriffen werden konnte, aber er war dadurch dem abariſchen Felde unrettbar überliefert. Hier hätten ihn nun die Bewohner der Jnſel freilich ſogleich auf - halten und zurückführen können, wenn ſie die Gegen - ſchwere im Felde abgeſtellt hätten. Dies war ihnen jedoch darum nicht möglich, weil ſich oberhalb des Ballons, längſt nicht mehr ſichtbar, ihr eigner Flug - wagen befand. Sie konnten alſo nicht eher eine Ver - änderung am Felde vornehmen, als bis ihr Wagen an der Station des Ringes angekommen war. Zum Glück für die Jnſaſſen des Ballons mußte dies in kürzeſter Zeit geſchehen.

Jnzwiſchen hatten aber auch die Jngenieure auf dem Ringe, obwohl ſie den Ballon nicht ſehen konnten, doch an ihren Gravitationsmeſſern eine Störung im abariſchen Felde wahrgenommen. Sie ſandten daher vom Ringe eine Depeſche nach der Jnſel.

Dieſe Übermittlung bot keine Schwierigkeit; denn ſie verſtanden es, die Lichtſtrahlen ſelbſt als Träger47Die Bewohner des Mars.für ihre Depeſchen zu benutzen. Der Raum zwiſchen Ring und Jnſel geſtatteten dies infolge der intenſiven Beſtrahlung auch beim feuchteſten Wetter.

Sie telegraphierten nicht nur, ſie telephonierten vermöge des Lichtſtrahls. Die elektromagnetiſchen Schwingungen des Telephons ſetzten ſich in photo - chemiſche um und wurden auf der andern Station ſofort am Apparat abgeleſen. Während die unglück - lichen Luftſchiffer, von der Seide des Ballons ein - gehüllt, ihre blitzſchnelle Fahrt auf der Erdaxe voll - führten, ging an ihnen eine Depeſche vom Ring nach der Jnſel vorüber, welche lautete:

E najoh. Ke.

Und von der Jnſel wurde zurückdepeſchiert:

Bate li war. Tak a fil.

Man hätte freilich alle bekannten Sprachen der Erde durchgehen können, ohne in irgend einer dieſe Sätze zu finden. Sie bedeuten:

Achtung! Störung! Was iſt vorgefallen?

Und die Antwort lautete:

Menſchen im abariſchen Feld. Abſtellen ſobald als möglich.

Der Empfänger dieſer Depeſche ſtand in der Be - obachtungsabteilung des ſchwebenden Ringes und kon - trollierte die Apparate, welche daſelbſt an einem großen Schaltbrett angebracht waren. Der Zeiger am Diffe - renzialbaroſkop wies ihm genau die Stelle, wo ſich der Flugwagen im Augenblick befand. Schon war dieſer nahe herangekommen. Einige Handgriffe des Beamten regulierten die Geſchwindigkeit des Wagens,48Drittes Kapitel.der nach wenigen Minuten auf der Endſtation erſchien. Das vorſpringende Fangnetz hielt ihn auf, er ruhte an ſeinem Ziele.

Der Beamte, es war der Vorſteher der Außen - ſtation ſelbſt, namens Fru, hatte bis jetzt keinen Blick von den Apparaten verwandt. Man hätte ihn für einen alten Mann halten mögen, denn langes, faſt weißes Haar flatterte um ſeine Schläfe. Eine un - gewöhnlich hohe Stirn wölbte ſich über den großen Augen, deren Pupillen einen tiefen Glanz zeigten. Die Haltung des Körpers aber war frei und leicht. Gewandt bewegte er ſich an dem langen Schaltbrett entlang von einem Apparat zum andern, ſeine Schritte glichen faſt einem Gleiten über den Boden. Er war offenbar daran gewöhnt, daß die Schwerkraft eine viel geringere war als auf der Erde. Denn hier, in der doppelten Entfernung vom Mittelpunkt der Erde als deren Oberfläche, betrug die Schwere nur ein Viertel von der uns gewohnten.

Die Thür des Flugwagens wurde jetzt geöffnet. Der Vorſteher der Ringſtation warf nur einen flüch - tigen Blick dorthin und wandte ſich dann wieder den Apparaten zu, um nach dem Pole zu telegraphieren, daß das abariſche Feld frei ſei.

Die Fahrgäſte verließen den Wagen und betraten die Galerie. Es mochten achtzehn Perſonen ſein, in ſeltſamer Tracht, mit eng anliegenden Kleidern. Jhre bedeutenden Köpfe zeichneten ſich meiſt durch ſehr helles, faſt weißes Haar und glänzende durchdringende Augen aus, die aber jetzt durch dunkle Brillen geſchützt waren. 49Die Bewohner des Mars.Sie durchſchritten die Galerie, deren Überſchrift in jener fremden Sprache beſagte, daß man ſich auf der Außenſtation der Erde befinde, und wandten ſich über eine Treppe der Ausgangsthür nach der oberen Galerie zu. Über der Thür ſtand in großen Buch - ſtaben: Vel lo nu , das bedentet: Zum Raumſchiff nach dem Mars.

Jener ſchwebende Ring war nichts anderes als der Marsbahnhof der Erde. Er war eine Station in der Nähe der Erde, durch deren Erbauung es den Be - wohnern des Planeten Mars möglich geworden war, zwiſchen ihrem Planeten und der Erde eine regel - mäßige Verbindung herzuſtellen. Die Fahrgäſte des Flugwagens waren Martier, die nach ihrer Heimat zurückkehren wollten.

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Laßwitz, Auf zwei Planeten. 4[50]
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Viertes Kapitel. Der Sturz des Ballons.

Die Regulierung des abariſchen Feldes hatte von der Ringſtation aus ſtattgefunden, um den empor - ſteigenden Flugwagen mit der nötigen Geſchwindigkeit zu leiten. Der Wechſel von Gegenſchwere und Erd - ſchwere erſtreckte ſich aber auf das ganze Feld und hatte natürlich zur Folge, daß auch der verunglückte Ballon den Schwankungen der Schwere unterlag. So wurde er zuerſt in ſeinem Fluge nach oben gemäßigt durchlief dann eine kurze Strecke mit unveränderter Geſchwindigkeit, und von dem Augenblicke an, in welchem der Flugwagen den Ring erreicht hatte, begann der Ballon wieder mit immer zunehmender Geſchwindigkeit zu fallen. Da in dieſen Höhen von einem Widerſtande der Luft nicht die Rede war, ſo fielen auch jetzt Ballon und Gondel mit gleicher Geſchwindigkeit. Der ſtark zuſammengeſunkene Ballon, der einen großen Teil ſeiner Gasmenge verloren hatte, bedeckte in dichten Falten den Korb.

51Der Sturz des Ballons.

Dieſer Umſtand hatte die Luftſchiffer vor einem ſofortigen Tode bewahrt. Zunächſt ſchützte ſie die Ein - hüllung in den Ballon vor dem Erfrieren; ja merk - würdigerweiſe ſtieg die Temperatur im Jnnern des Korbes wieder, als die Atmoſphäre der Erde durch - flogen war. Dies rührte von der Sonnenſtrahlung her, welche jetzt in voller Stärke, durch die Luft nicht mehr aufgehalten, den Ballon traf. Sie wurde durch die Hülle des Ballons abſorbiert und erwärmte alles, was ſich in derſelben befand.

Ein glücklicher Zufall hatte es aber auch ſo gefügt, daß ſich noch ein Teil des Gaſes im Ballon hielt, deſſen Stoff von ſo vorzüglicher Beſchaffenheit war, daß er die Diffuſion des Waſſerſtoffs ſelbſt gegenüber dem leeren Raume faſt völlig aufhob. Das Gas konnte nur durch das Landungsventil entſtrömen. Das Verſagen der Zerreißvorrichtung, das ihr Verderben erſchien, wurde jetzt die Rettung der Luftſchiffer.

Durch die Einſtülpung, welche der Ballon im abariſchen Felde erfahren hatte, war der untere Teil des Ballons ſo in den oberen hineingetrieben worden, daß das Ventil zwiſchen den Falten zuſammengepreßt lag und ein weiteres Ausſtrömen des Gaſes verhindert wurde. Freilich hätte auch dies nicht lange vorgehalten, aber der ganze Vorgang, von dem Augenblicke, in welchem Grunthe die Reißleine ergriff, bis zum Zu - ſammenklappen des Ballons und dann zum Abſtellen des abariſchen Feldes durch die Martier hatte nur wenige Minuten betragen.

Da es ſich bei dem Niedergang des Ballons im4*52Viertes Kapitel.abariſchen Felde um einen herabſteigenden Körper handelte, hatten die Jngenieure der Jnſel die Regu - lierung der Bewegung zu beſorgen. Sie konnten den - ſelben zwar der eingetretenen Bewölkung wegen nicht ſehen, aber ihre Jnſtrumente zeigten ihnen genau die Stelle, an welcher er ſich befand, und die Geſchwindig - keit, mit welcher er fiel. Sie gaben nun im geeigneten Moment dem Felde eine ſo ſtarke Gegenbeſchleunigung, daß der Ballon in der Höhe von etwa dreitauſend Meter über der Erde zur Ruhe kam, gerade in dem Augenblicke, in welchem er die Wolkendecke durchbrochen hatte und der Beobachtung durch das Fernrohr zu - gänglich geworden war. Der Ballon war jetzt den gewöhnlichen Verhältniſſen der Atmoſphäre überlaſſen. Das abariſche Feld wurde nun gänzlich abgeſtellt, ſo daß es ſich in nichts von den übrigen Teilen der Atmoſphäre unterſchied. Allerdings hatte der Ballon ſoviel Gas verloren, daß er ſich nicht in der Höhe halten konnte. Aber wenn die Luftſchiffer noch am Leben waren, durften die Martier annehmen, daß ſie durch Auswerfen von Ballaſt ihren Abſtieg nunmehr verlangſamen und ſelbſtändig regulieren konnten.

Doch was ſahen die Martier der Jnſel durch ihre Fernrohre? Der Ballon hatte ſich allerdings über dem Korbe wieder erhoben. Dieſer ſelbſt aber war gegen den Ring gepreßt und in das Gewirr der ihn tragenden Seile geraten und lag nun vollſtändig ſchief zur Seite. Das Schleppſeil hing nicht herab, ſondern hatte ſich um den Ballon herumgeſchluugen. Der Ver - ſchluß des Korbes war geöffnet. Ein großer Teil des53Der Sturz des Ballons.Jnhalts der Gondel ſchien dabei herausgeſtürzt. Die Laſt des Ballons war dadurch ſo ſtark erleichtert worden, daß die übrig gebliebene Gasmenge, ſo gering ſie auch war, ſie doch noch zu tragen vermochte. Der Ballon ſank nur ganz allmählich und wurde, da das abariſche Feld außer Thätigkeit geſetzt war, vom Winde ergriffen. So trieb der Ballon von der Jnſel fort über das Binnenmeer hin, nahezu in der entgegengeſetzten Rich - tung als in derjenigen, aus welcher die Luftfahrer ge - kommen waren.

Die Martier erkannten nun wohl, daß die Jnſaſſen des Ballons die Macht ihn zu lenken verloren hatten. Was konnten ſie aber zu ihrer Rettung thun? Sie hätten zwar durch Herſtellung des abariſchen Feldes bewirken können, daß ſich der Ballon dem Centrum wieder nähern mußte, doch ſie wollten ihn ja gerade von der Jnſel entfernen. Denn ſie durften durch dieſen fremden Körper nicht länger ihren Verkehr mit der Ringſtation ſtören laſſen.

Während die Martier ſich berieten, hatte der Ballon bereits die Jnſel überflogen und befand ſich über dem Meere. Zugleich war er auf etwa zweitauſend Meter geſunken. Würde er das gegenüberliegende Ufer er - reichen? Würde er in das Meer ſtürzen? Oder würde er an der Felswand des ſteil abfallenden Ufers zerſchellen? Das letzte ſchien das Wahrſcheinlichſte, wenn es nicht gelang, den Ballon entweder zu heben oder zu ſchnellem Sinken zu bringen.

Jn der halb umgeſtürzten Gondel des Ballons ſah es wüſt aus. Die Jnſtrumente zum Teil zertrümmert,54Viertes Kapitel.die Körbe und Kiſten zerbrochen, Vorräte und Menſchen in einem wirren Knäul, nur durch das Netz der viel - fach verſchlungenen Stricke am Herausſtürzen verhindert.

Von einem ſtechenden Schmerz im rechten Fuße erweckt öffnete Grunthe die Augen. Er ſah ſich zu ſeinem Erſtaunen am Rande des Korbes, der ſich auf der einen Seite mit dem Ringe verfangen hatte, zwiſchen dem Geflecht desſelben und einem der Anker des Ballons eingeklemmt. Dieſer hatte ihn am Fuße verletzt. Schnell kam Grunthe wieder zu vollem Be - wußtſein. Er konnte nur ſeinen Oberkörper und die Arme bewegen. Ein Blick auf den Zuſtand des Ballons ließ ihn befürchten, daß es unmöglich ſein würde, die Höhe des Gebirges jenſeits des Sees zu gewinnen. Unter ihm aber lag die Fläche des Meeres. Beſorgt blickte er ſich nach ſeinen Gefährten um. Torm vermochte er nirgends zu entdecken. Aber nun ſah er, wie unter einem zerbrochenen Korbe und einem Haufen von Decken ſich etwas bewegte und ein Kopf mit dunkelbraunem, lockigem Haar zum Vorſchein kam. Es war Saltner, der ebenfalls aus ſeiner Ohnmacht erwachte. Saltner, der keine Ahnung von dem Zu - ſtande des Ballons hatte, ſuchte ſich aus ſeiner un - bequemen Lage zu befreien. Grunthe aber erkannte, in welcher Gefahr der Reiſegenoſſe ſchwebte. Jede weitere Bewegung konnte ihn aus dem Korbe heraus - ſchleudern und hinabſtürzen laſſen.

Liegen Sie ſtill , rief er ihm zu, verhalten Sie ſich ganz ruhig, der Korb iſt gekentert halten Sie ſich feſt!

55Der Sturz des Ballons.

Sackerment , brummte Saltner unter der Decke, liegen Sie doch einmal ſtill, wenn Sie auf einer zer - brochenen Champagnerflaſche ſitzen! Hätten wir nur das ganze Zeug gleich ausgetrunken und die leere Flaſche hinausgeworfen!

Dabei warf er ſich mit einem Gewaltruck zur Seite, zugleich aber geriet er ins Rollen

Grunthe ſtieß einen Schrei des Schreckens aus. Er ſah den Gefährten am äußerſten Rande der Gondel ſchweben Saltner fuhr mit den Armen in die Luft, jedoch er fand keinen Halt der Körper ſtürzte hinaus ſeine Kniee hingen in der Schlinge eines Seiles in dieſer furchtbaren Lage, den Kopf nach unten, ſchwebte Saltner, mehr als tauſend Meter über dem Spiegel des Polarmeeres.

Jn der Aufregung des Augenblicks wandte Grunthe, mit beiden Händen ſich feſthaltend, ſeinen Körper ſo gewaltſam, daß es ihm gelang den Fuß unter dem Anker herauszureißen. Er achtete den Schmerz nicht; ſo ſchnell wie möglich, obwohl mit großer Vorſicht, kletterte er an den Tauen des Korbes nach Saltner hin. Er ſuchte nach einem Seile, daß er ihm zu - werfen konnte, um ihn wieder in die Gondel zu ziehen. Aber wo war in dieſem Gewirr von Stricken ſogleich ein paſſendes Tau zu finden? Hier hing eine weite Schlinge herab. Er verſetzte ſie in Schwingungen, er zerrte daran, und jetzt gelang es ihm, das Tau bis in Saltners Nähe zu bringen.

Zum Glück hatte dieſer keinen Augenblick ſeine Geiſtesgegenwart verloren. Als er das Tau im Be -56Viertes Kapitel.reich ſeiner Hände ſah, griff er danach. Es gelang ihm ſich feſtzuhalten, und nun verſuchte er an dem Tau ſich wieder zur Gondel emporzuarbeiten. Schon befand er ſich wieder in aufrechter Stellung. Mit den Händen am Seile höher greifend, zog er ſeine Füße aus der Schlinge, in welcher er hängen geblieben war, und ſetzte ſie auf den Rand des Korbes. Plötzlich entſtand über ihm ein Rauſchen und Krachen. Das Seil, an welchem er ſich hielt, war ein Teil des über den Ballon gefallenen Schlepptaus. Es löſte ſich jetzt mit ſeinem freien Ende vom Ballon und glitt ab - wärts. Kaum hatte Saltner noch Zeit ſich an der Gondel feſtzuklammern, als das Seil in ſeiner ganzen Länge hinabſauſte. Aber indem es über den Ballon hinwegglitt, verfing es ſich mit der Reißleine und zog dieſelbe mit voller Gewalt mit ſich. Jetzt trat die Zerreißvorrichtung in Funktion. Die Ballonhülle klaffte auseinander. Das Gas ſtrömte mit Ziſchen aus. Der Ballon drehte ſich um ſeine Axe und be - gann mit raſender Geſchwindigkeit zu fallen.

Hinauf in den Ring , rief Grunthe. Wir müſſen ſehen, die Gondel abzuſchneiden.

Aber wo iſt Torm? rief Saltner.

Sie riefen, ſie ſchrieen, ſie ſuchten Torm war nicht zu finden. Dennoch war es möglich, daß er ſich noch im Korbe befand ſie durften dieſen alſo nicht vom Ballon trennen, ſie konnten ihn auch nicht länger durchſuchen

Den Fallſchirm, den Fallſchirm! rief Grunthe wieder.

57Der Sturz des Ballons.

Er iſt fort!

Der Ballon wirbelte abwärts

Ein Schlag, ein Schäumen und Aufſpritzen das Meer ſchlug über der Gondel und ihren Jnſaſſen zuſammen

Wie eine rieſige Schildkröte ſchwamm die Hülle des Ballons, ſich aufblähend, auf dem Waſſer, die Expedition unter ſich begrabend.

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Fünftes Kapitel. Auf der künſtlichen Jnſel.

Das milde Licht des Polartages ſchien durch die breiten Fenſter eines hohen Gemaches, das im Stile der Marsbewohner ausgeſtattet war. An der Decke zogen ſich eine große Anzahl metalliſcher Streifen entlang, die in ihrer Geſamtheit ein geſchmackvolles Muſter darſtellten. Jn der Mitte ſchloſſen ſie ſich zu einer Roſette zuſammen, von welcher zahlreiche Drähte herabführten und in einem ſchrankartigen Auf - ſatze endigten. Dieſer Aufſatz befand ſich auf einem großen runden Tiſche und trug an ſeiner Außenſeite ringsum eine Reihe von Wirbeln oder Handgriffen; Aufſchriften über ihnen bezeichneten ihre Beſtimmung. Die den Fenſtern gegenüberliegende Wand war zu beiden Seiten der breiten Mittelthür von geſchnitzten Regalen bedeckt, die zur Aufbewahrung einer reich - haltigen Bibliothek dienten. Den darüber freibleibenden Raum ſchmückten Gemälde; ſie ſtellten Anſichten vom Mars dar. Doch hätte man glauben mögen, durch59Auf der künſtlichen Jnſel.eine Reihe von Oeffnungen plaſtiſche Darſtellungen, oder vielmehr die Natur ſelbſt zu ſehen. Denn die Abſtufungen der Farben waren ſo intenſiv, daß ſie den Eindruck vollſtändiger Wirklichkeit machten. Da ſah man in einer Landſchaft die Reflexe der Sonnen - ſtrahlen auf dem ſumpfigen Boden wie leuchtende Sterne, und dennoch vermochte man in dem tiefen Schatten der rieſigen Bäume die feinſten Nüancen deutlich zu unterſcheiden. Ueber der Thür leuchtete die lebensgroße Büſte Jmm’s, des unſterblichen Philo - ſophen der Martier, der ihnen die Lehre von der Numenheit enthüllt hatte.

Auf der Fenſterſeite blühten in Näpfen ſeltſame Gewächſe. Am merkwürdigſten war darunter die tanzende Blüte Ro-Wa , eine lilienartige Pflanze, deren lange Blütenſtengel ſich ſchlangengleich hin - und herbewegten und mit ihren zierlichen Knospen fort - während anmutige Bewegungen ausführten, indem ſie zugleich ein leiſes Zwitſchern wie von Vogelſtimmen hören ließen. Zwiſchen den Blumentiſchen ſtand auf der einen Seite eine Schreibmaſchine, auf der andern ein Apparat, der nichts anderes vorſtellte, als eine Maſchine zur Ausführung ſchwieriger mathematiſcher Rechnungen.

Die Fenſter reichten bis zum Boden des Zimmers. Dennoch ſchien es, als liefe an denſelben etwa bis zur Höhe von einem Meter eine Bekleidung entlang. Aber ſeltſam, dieſe Bekleidung ſchimmerte in einem dunkeln Grün und wogte leiſe auf und ab; und mit - unter leuchteten kleinere und größere Fiſche darin auf60Fünftes Kapitel.und ſtießen ihre Köpfe an die Scheiben. Es war das Meer, das bis zu Meterhöhe über den Boden des Zimmers hereinblickte. Denn jenes Zimmer befand ſich auf der Außenſeite der Jnſel, welche Torms ver - unglückte Expedition am Nordpol der Erde geſehen hatte.

Eine natürliche Jnſel war jedoch dieſe Anlage der Martier nicht. Sie hatten vielmehr in den Binnen - ſee, der am Nordpol ſich vorfand, eine künſtliche Jnſel, richtiger ein ſchwimmendes Floß von großer Ausdehnung, hineingebaut, das ihr Feld von rieſigen Elektromagneten zu tragen hatte. Denn dieſe Elektro - magnete brauchten ſie zur Balancierung ihrer Außen - ſtation und dadurch zur Errichtung des abariſchen Feldes. Auf der inneren Seite des ringförmig er - bauten Rieſenfloſſes befanden ſich die Arbeitsmaſchinen und Apparate, während die Außenſeite zu Wohn - räumen diente, ſowie zum Stapelplatz aller der Vor - räte und Werkzeuge, welche die Martier hier all - mählich anſammelten, um die Eroberung der Erde vom Nordpol aus vorzubereiten.

Ueber die Treppe, die von dem Dache der Jnſel nach dem Korridor und den angrenzenden Wohn - zimmern führte, ſtieg eine weibliche Geſtalt herab. Auf das Geländer geſtützt bewegte ſie ſich mühſam, wie durch eine ſchwere Laſt niedergebeugt. Sie zuckte ſchmerzlich zuſammen, ſo oft ihr Fuß mit einem krampfhaften Aufſchlag die nächſt niedere Stufe be - rührte. Darauf durchſchritt ſie ebenſo ſchwer und mühevoll den Korridor, indem ſie ſich gleichfalls mit den Händen an einem der Geländer unterſtützte, die61Auf der künſtlichen Jnſel.ſich den Korridor entlang zogen. Jetzt berührte ſie die Thür des Zimmers, die ſich geräuſchlos in ſich ſelbſt zuſammenrollte, und trat ein. Die Thür ſchloß ſich hinter ihr von ſelbſt.

Mit einem Schlage war die Haltung der Geſtalt verändert. Leicht und kräftig richtete ſie ſich empor. Jn einer anmutigen Bewegung warf ſie den Kopf zurück und atmete einige Mal tief auf. Sie glitt einige Schritte durch das Zimmer; nicht mehr gebeugt und mühſam, ſondern wie ſchwebend durchmaß ſie in graziöſer Haltung den Raum und blickte auf dem Tiſche nach dem Zifferblatt, das den Stand des Schwere - drucks im Zimmer angab. Ein helles Aufleuchten ihrer großen, glänzenden Augen mochte ihre Zufrieden - heit andeuten, denn ſie korrigierte kaum merklich die Stellung des Handgriffs, durch den ſie die im Zimmer herrſchende Schwerkraft regulieren konnte. Eine Ab - zweigung des abariſchen Feldes geſtattete den Be - wohnern der Jnſel, ihre Wohnräume den Schwere - verhältniſſen anzupaſſen, welche ihre Konſtitution er - forderte. Denn die Schwerkraft auf dem Mars beträgt nur ein Drittel von derjenigen auf der Erde.

Jetzt ſtreifte ſie mit einer leichten Bewegung die warme Hülle ab, die ihre Schultern bedeckte, und ohne ſich umzublicken warf ſie dieſelbe, wo ſie gerade ſtand, achtlos in die Höhe. Von ihrem Kopfe löſte ſie die Kapotte, die ſie draußen getragen hatte, und ſtieß ſie ebenfalls ziellos in die Luft. An ihren Handſchuhen drückte ſie auf ein Knöpfchen und ſtreckte dann ihre Hände mit geſpreizten Fingern leicht in die Höhe,62Fünftes Kapitel.worauf ſich die Handſchuhe von ſelbſt abſtreiften und emporſtiegen. Alle die nach oben geworfenen Gegen - ſtände flogen von ſelbſt einer Ecke des Zimmers zu, ſchlugen eine dort befindliche Klappe zurück und glitten hinter der Wand auf die ihnen beſtimmten Plätze, während die Klappe ſich wieder ſchloß. Sie waren ſämtlich mit einem von den Martiern entdeckten Stoffe gefüttert, der ſich nach Art der Pflanzenfaſer behandeln ließ, aber in äußerſt kräftiger Weiſe, ſo wie das Eiſen vom Magnet, von einem dazu eingerichteten Apparat angezogen wurde. Die anziehende Kraft trat in Thätigkeit, ſobald der Schluß gelöſt wurde, der die Gegenſtände am Körper befeſtigte. Bei der im Zimmer herrſchenden geringen Schwere genügte es, die Sachen einfach mit einem leichten Ruck nach oben zu werfen; die ſelbſtthätige Garderobe beſorgte das übrige. So war es den Martiern ſehr leicht gemacht, ihre Sachen in Ordnung zu halten. Denn durch die Konſtruktion der verſchiedenen Oeffnungen, welche die Garderoben - ſtücke zu paſſieren hatten, während ſie im Jnnern des Garderobenſchranks wieder herabfielen, wurden ſie automatiſch ſortiert, gereinigt und in die ihnen be - ſtimmten Fächer eingefügt, ſodaß ſie ſofort wieder zu bequemem Gebrauch bei der Hand waren.

Ohne ſich um die abgelegten Kleidungsſtücke weiter zu kümmern, näherte ſich die Dame dem Bücherregal und zog eines der dort ſtehenden Bücher hervor, indem ſie es an einem daran befindlichen Handgriff erfaßte. Sie begab ſich damit nach dem Sofa und ſtreckte ſich in bequemer Lage hin.

63Auf der künſtlichen Jnſel.

La war die Tochter des Jngenieurs Fru, des Vor - ſtehers der Außenſtation. Hätte ſie auf der Erde ge - lebt, ſo wäre ihre Lebenszeit auf mehr als vierzig Jahre zu berechnen geweſen. Als Bewohnerin des Mars aber, deſſen Jahre doppelt ſo lang ſind wie die der Erde, zählte ſie erſt einige zwanzig Sommer und ſtand in der Blüte ihrer Jugend. Jhr volles Haar, das ſie in einen Knoten geſchlungen trug, hatte eine auf Erden wohl nicht leicht zu findende Farbe, ein helles, etwas ins rötliche ſchimmerndes Blond, einiger - maßen der Theeroſe vergleichbar; in bezaubernder Zartheit erhob es ſich wie eine Krone über dem weißen, reinen Teint ihres feingebildeten Antlitzes. Die großen Augen, die allen Martiern eigentümlich ſind, wechſelten je nach der Beleuchtung von einem lichten Braun bis zum tiefſten Schwarz. Denn entſprechend den ſtarken Helligkeitsunterſchieden, welche auf dem Mars herrſchen, beſitzen die Bewohner desſelben ein ſehr weitreichendes Accomodationsvermögen, und bei ſchwachem Licht er - weitern ſich ihre dunklen Pupillen bis an den Rand der Augenlider. Das Mienenſpiel gewinnt dadurch eine überraſchende Lebhaftigkeit, und nichts pflegte die Menſchen mehr an den Marsbewohnern, nachdem ſie ſie kennen gelernt hatten, zu feſſeln, als der ausdrucks - volle Blick ihrer mächtigen Augen. Jn ihnen zeigte ſich die gewaltige Ueberlegenheit des Geiſtes dieſer einer höheren Kultur ſich erfreuenden Weſen.

Wie eine leichte Wolke umhüllte ein faltenreicher weißer Schleier die ganze Geſtalt und ließ nur den edelgeformten Hals und den unteren Teil der Arme64Fünftes Kapitel.unbedeckt. Darunter aber ſchimmerten die Formen des Körpers wie in einen glänzenden Harniſch ge - kleidet; denn in der That beſtand das eng anſchließende Kleid aus einem metalliſchen Gewebe, das, obgleich es ſich jeder Bewegung auf das bequemſte anpaßte und dem leichteſten Drucke nachgab, doch einen Panzer von größter Widerſtandsfähigkeit bildete.

Das Buch, welches La der Bibliothek entnommen hatte, beſaß wie alle Bücher der Martier, die Form einer großen Schiefertafel, und wurde an einem Hand - griff ähnlich wie ein Fächer gehalten, ſo daß die längere Seite der Tafel nach unten lag. Ein Druck mit dem Finger auf dieſen Griff bewirkte, daß das Buch nach oben aufklappte, und auf jeden weiteren Druck legte ſich Seite auf Seite von unten nach oben um. Man bedurfte auf dieſe Weiſe nur einer Hand, um das Buch zu halten, umzublättern und jede be - liebige Seite feſtzulegen.

La ſchien es mit ihrem Studium nicht eilig zu haben. Sie hielt das Buch geſchloſſen in der nach - läſſig herabhängenden Hand und gab ſich ihren Ge - danken hin. Nach einiger Zeit begann ſie die Lippen zu bewegen und Laute vor ſich hin zu ſagen, die ihr offenbar nicht geringe Mühe machten. Mitunter lachte ſie leiſe vor ſich hin, wenn ihr eines der unge - wohnten Worte nicht über die Lippen wollte, oder es lief momentan ein Ausdruck der Ungeduld über ihre Züge. Sie repetierte ein Penſum, das ſie für ſich er - lernt hatte. Aber nun blieb ſie ganz ſtecken und ſann eine Weile nach. Dann ſagte ſie für ſich:

65Auf der künſtlichen Jnſel.

Es iſt doch ein närriſches Kauderwelſch, das dieſe Kalaleks ſprechen!

Jetzt erſt erhob ſie das Buch und ließ die Blätter mit großer Geſchwindigkeit ſich herumſchlagen, bis ſie die gewünſchte Stelle gefunden hatte.

Das Buch enthielt eine Zuſammenſtellung alles deſſen, was die Martier bisher über die Lebensweiſe und Sprache der Eskimos hatten in Erfahrung bringen können. Durch die Eskimofamilie, welche ſie aufge - funden hatten und auf ihrer Station ernährten, war es ihnen gelungen, die Sprache der Eskimos zu er - forſchen. Ja ſie kannten ſogar von einer Anzahl Worte ihre Darſtellung in lateiniſcher Druckſchrift; denn der jüngere der beiden Eskimos hatte ſich eine Zeit lang auf einer Miſſionsſtation in Grönland auf - gehalten und war im Beſitze einer grönländiſchen Ueberſetzung des neuen Teſtaments, in welcher er zu buchſtabieren vermochte. La ſtudierte Grammatik und Wörterbuch der Eskimos oder Kalalek .

Nachdem ſie wieder eine Reihe von Worten und Redensarten vor ſich hingeſagt hatte, fiel ihr ein, ob ſie wohl auch die richtige Ausſprache getroffen habe. Die Prüfung war leicht; ſie brauchte nur die Em - pfangsplatte des Grammophons auf die betreffende Stelle des Buches zu legen, um den Laut ſelbſt zu hören; denn das Buch enthielt auch die Phonogramme der direkt vom Munde der Eskimos aufgenommenen Worte. Aber das Grammophon, welches die Phono - gramme hörbar machte, befand ſich in dem Schrank - aufſatz des Tiſches, und ſie hätte ſich zu dieſem ZweckLaßwitz, Auf zwei Planeten. 566Fünftes Kapitel.vom Sofa erheben müſſen; das war ihr zu un - bequem.

Ach, dachte ſie, es iſt doch eine zu ungeſchickt ein - gerichtete Welt! Daß man noch nicht einmal ſoweit iſt, daß der Selbſtſprecher zu Einem hergelaufen kommt!

Das Grammophon kam aber nicht. La blieb alſo liegen und begnügte ſich, das Buch neben ſich auf einem Tiſchchen zu deponieren.

Es iſt wirklich recht überflüſſig, ſpann ſie ihren Gedankengang weiter, ſich mit der Eskimoſprache ſoviel Mühe zu geben. Dieſe Eskimos ſind doch eine traurige Geſellſchaft, und der Thrangeruch iſt unerträglich. Sicher iſt die große Erde auch von Weſen feinerer Art bewohnt, die vermutlich eine ganz andere Sprache reden. Weiß doch ſogar unſer junger Kalalek mit Erſtaunen von der Weisheit ſeiner frommen Väter zu erzählen, die ihm das Buch in der ſeltſamen Schrift gegeben haben. Wenn wir erſt einmal Gelegenheit fänden, mit ſolchen Leuten zu verkehren, das möchte ſich vielleicht eher lohnen. Was mag das für ein Luftballon geweſen ſein, der heute über die Jnſel hinzog und dann in der Höhe verſchwand? Da waren doch gewiß keine Eskimos darin. Was mag aus den Luftſchiffern geworden ſein?

La blickte empor. An der Wand war die Klappe des Fernſprechers mit leichtem Schlage niedergefallen.

La, biſt Du da? fragte eine weibliche Stimme in dem halblauten Tone der Martier.

Hier bin ich , antwortete La in ihrer tiefen, langſamen Sprechweiſe. Biſt Du es, Se?

67Auf der künſtlichen Jnſel.

Ja, ich bin es. Hil läßt Dich bitten, ſogleich hinüber in das Gaſtzimmer Nummer 20 zu kommen.

Schon wieder hinaus in die Schwere. Was giebt es denn?

Etwas ganz beſonderes, Du wirſt es gleich ſehen.

Müſſen wir ins Freie?

Nein, Du brauchſt keinen Pelz. Aber komm gleich.

Nun gut denn, ich komme.

Die Klappe des Fernſprechers ſchloß ſich.

La erhob ſich und glitt in ihrem ſchwebenden Gang der Thüre zu. Sie öffnete ſie mit einem leiſen Seufzer, denn ſie ging nicht gern über die Korridore, auf denen die Erdſchwere herrſchte, ſodaß ſie nur gebückt einher - ſchleichen konnte.

Aber ſie war doch neugierig, was auf der Jnſel beſonderes paſſiert ſein ſollte. Waren neue Gäſte vom Mars gekommen? Oder hatte ſich der Ballon wieder gezeigt?

Als der zertrümmerte Ballon ins Meer ſtürzte, hatten die Martier der Jnſel bereits ihr Jagdbot bemannt, auf welchem ſie das Polarbinnenmeer zu durchforſchen pflegten. Eine von Accumulatoren ge - triebene Schraube erteilte ihm eine außerordentliche Geſchwindigkeit. Sechs Martier unter Führung des Jngenieurs Jo hatten in demſelben Platz genommen; auch der Arzt der Station, Hil, befand ſich dabei. Alle trugen die Köpfe in einer helmartigen Bedeckung, die ihnen ſowohl ihre Bewegungen in der Luft er -5*68Fünftes Kapitel.leichterte, als auch zugleich als Taucherhelm im Waſſer diente. Die Helme waren nämlich aus einem diaba - riſchen, d. i. ſchwereloſen Stoffe und hatten daher für ihre Träger kein Gewicht. Zugleich enthielten ſie in ihrer Kuppel einen ziemlich bedeutenden luftleeren Raum, ſo daß ſie eine, freilich nur geringe Zugkraft nach obenhin ausübten. Dennoch genügte dieſelbe, wenigſtens das Gewicht des Kopfes ſoweit zu mindern, daß die Muskeln des Nackens entlaſtet wurden und die Martier ihren Kopf faſt ebenſo frei wie auf dem Mars zu bewegen vermochten, wenn ſie auch ſonſt von dem ihnen ungewohnten Körpergewicht bedrückt wurden. Eben deshalb trugen ſie Taucheranzüge, um ſchwere Arbeiten möglichſt in das Waſſer zu verlegen. Denn hier nahm ihnen natürlich der Auftrieb des Waſſers die Laſt ihres Körpergewichts ab.

Schnell näherte ſich das Jagdboot dem Ballon, der von den Spuren des in ihm noch enthaltenen Waſſerſtoffes und der Luft, die ſich unter ihm verfangen hatte, auf dem Waſſer ſchwimmend erhalten wurde. Um zu dem von der Seide des Ballons bedeckten Korbe zu gelangen, tauchten die Martier unter und drangen vom Waſſer aus unter den Ballon. Sie fanden ſo - gleich die beiden verunglückten Menſchen und ſchafften ſie eiligſt in ihr Bot. Sodann löſten ſie die Gondel von ihren Verbindungeu und bargen ihren geſamten Jnhalt ebenfalls an Bord. Alles übrige ließen ſie vorläufig treiben, da es ihnen zunächſt darauf ankam, die aufgefundenen Menſchen in ihre Behauſung zu bringen.

69Auf der künſtlichen Jnſel.

Saltner und Grunthe hatten außer der Verletzung, die ſich letzterer bereits vor dem Abſturz am Fuße zu - gezogen hatte, weiter keine Beſchädigungen durch den Fall erlitten. Aber ſie hatten ſich nicht aus dem Waſſer herausarbeiten können. Keiner gab ein Lebens - zeichen von ſich. Jndeſſen begannen die Martier unter Leitung des Arztes ſofort die eifrigſten Wieder - belebungsverſuche, wie es ſchien ohne Erfolg.

Da hätten wir nun , ſagte Jo, endlich einmal ein paar wirkliche Bate, die keine Kalalek ſind, ein paar civiliſierte Erdbewohner, und nun müſſen die armen Kerle tot ſein.

Wir wollen noch hoffen , erwiderte einer der Martier. Der Körper iſt noch warm. Vielleicht haben die Bate ein zähes Leben.

Es wäre ein großes Glück , begann Jo wieder, wenn wir ſie retten könnten. Es ſind nicht bloß kühne Leute, es ſind offenbar beſonders hervorragende Männer ihres Volkes, ſonſt würden ſie nicht zu dieſem wunderbaren Unternehmen ausgewählt ſein.

Jch wußte gar nicht , ſagte ein andrer, daß die Bate Luftſchiffe haben.

Derartige Ballons ſind ſchon mehrfach beobachtet worden , erwiderte Jo, aber man wußte nicht ſicher, wozu ſie dienen, wenigſtens nicht, daß ſich die Bate damit ſelbſt in die Luft erheben. Jch habe immer geglaubt, ſie ließen dadurch nur irgend welche Laſten über die Erde heben oder ziehen. Gleichviel, für uns kommt alles darauf an, daß wir durch die Leute nähere Nachrichten von den kultivierten Gegenden der Erde70Fünftes Kapitel.erhalten. Alle unſere Pläne würden alsdann weſentlich gefördert werden. Hil, verſuchen Sie Jhre ganze Kunſt.

Der Arzt antwortete nicht. Seine Aufmerkſamkeit konzentrierte ſich auf die Bemühungen, die Atmung der Ertrunkenen wieder in Thätigkeit zu ſetzen.

Endlich richtete er ſich auf.

Geben Sie vollen Strom! rief er Jo zu. Es iſt eine leiſe Hoffnung da, aber hier im Freien bringen wir ſie nicht durch. Wir müſſen in einer Minute im Laboratorium ſein.

Das Boot ſauſte durch die Flut. Jn zehn Sekunden war die Jnſel erreicht. Es ſchoß durch die Einfahrt bis in den inneren Hafen. Jm Augenblick darauf waren die Verunglückten aufgehoben und in die Kranken - abteilung gebracht. Es war keine leichte Arbeit, denn jeder der beiden Männer hatte für die Martier, in Rückſicht auf ihre Fähigkeit Laſten zu heben, ein Gewicht, das für uns einem ſolchen von fünf Zentnern entſpricht. Sie hätten zwar ihre Krähne benutzen können, aber dies hätte zu lange gedauert. Und es kam auch nur darauf an, die Verunglückten bis über die Schwelle der Thür zu heben. Dann trat die Wirkung des abariſchen Feldes in Kraft und der Transport hatte keine Schwierigkeiten mehr.

Hil begann ſofort die Behandlung mit allen Hilfs - mitteln der martiſchen Heilkunſt. Er hatte bereits einige Erfahrung aus dem Studium der Eskimos ge - wonnen und daraus die Unterſchiede in der Funktion der Organe bei Menſchen und bei Marsbewohnern kennen gelernt, die übrigens keineswegs ſo bedeutend71Auf der künſtlichen Jnſel.ſind, wie man meinen möchte. Dem durchdringenden Scharfblick des Martiers genügten die Schlüſſe, die er aus der gewonnenen Erfahrung ziehen konnte, um das Richtige zu treffen.

Die Bewohner der Jnſel, ſoweit ſie nicht gerade mit einer dringenden Arbeit beſchäftigt waren, hatten ſich inzwiſchen aufs Lebhafteſte für die aufgefundenen Menſchen intereſſiert. Jm Vorraum des Kranken - zimmers war ein fortwährendes Kommen, Gehen und Fragen, die Klappen der Fernſprechverbindungen hoben und ſenkten ſich, aber noch immer konnte man nichts Beſtimmtes erfahren.

Endlich nach einer halben Stunde angeſtrengter Thätigkeit brach Hil ſein Schweigen. Er wandte ſich zu dem Direktor der Station, Ra, der neben ihm ſtehend aufmerkſam die merkwürdigen, wie tot da - liegenden Weſen betrachtete und ſagte:

Sie werden leben.

Ah!

Aber es iſt fraglich, ob wir ſie hier zum Bewußt - ſein bringen. Wir müſſen ſie in Verhältniſſe ſchaffen, die ihren Lebensgewohnheiten entſprechen. Vor allem dürfen wir ihnen die Schwere nicht entziehen, und ich glaube, auch die Temperatur des Zimmers muß höher ſein.

Gut, antwortete Ra, wir haben ja Gaſtzimmer genug, wir können ſie an der Außenſeite, bei unſeren Wohnungen unterbringen. Jch werde ſofort das Nötige anordnen.

Sobald Ra in den Vorraum trat und den hoffnungs - vollen Ausſpruch des Arztes mitteilte, pflanzte ſich die72Fünftes Kapitel.Nachricht durch die ganze Jnſel hin fort. Die Bate, die keine Eskimos ſind, waren der Mittelpunkt aller Geſpräche, obgleich erſt die wenigſten Martier ſie über - haupt geſehen hatten. Daß übrigens jemand, der bei der Pflege nichts zu thun hatte, neugierig hätte ein - dringen wollen, konnte bei dem feinen Taktgefühl der Martier ſelbſtverſtändlich nicht vorkommen.

Die beiden Geretteten wurden getrennt in geeigneten Räumen untergebracht und vollſtändiger Ruhe über - laſſen.

Stundenlang lagen ſie in tiefem Schlafe.

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Sechſtes Kapitel. Jn der Pflege der Fee.

Saltner ſchlug die Augen auf.

Was er da über ſich ſah, war es das Netzwerk des Ballons? Dieſe regelmäßigen, goldglänzenden Arabesken auf dem lichtblauen Grunde? Nein, der Ballon war es nicht der Himmel ſieht auch nicht ſo aus doch was war denn geſchehen? Er war ja ins Waſſer geſtürzt. Sieht es unten auf dem Meere ſo aus? Aber im Waſſer iſt man tot oder er wendete den Kopf, doch die Augen fielen ihm wieder zu. Er wollte nachdenken, doch die Fragen waren ihm zu ſchwer, er fühlte ſich ſo matt Jetzt bemerkte er, daß er einen Gegenſtand zwiſchen den Lippen hielt, ein Röhrchen. War es noch immer das Mundſtück des Sauerſtoffapparats? Nein. Ein ſeltſamer Duft umwehte ihn inſtinktiv ſog er an dem Rohr, denn er empfand einen brennenden Durſt. Ach, wie das wohlthat! Ein kühler erquickender Trank! Wein war es nicht Milch auch nicht gleichviel,74Sechſtes Kapitel.es mundete war es vielleicht Nektar? Seine Sinne verwirrten ſich wieder. Aber der Trank wirkte wunder - bar. Neues Leben rann durch ſeine Adern. Er konnte die Augen wieder öffnen. Aber was erblickte er? Alſo war er doch im Waſſer?

Ueber ihm, höher als ſein Kopf, rauſchten die Wogen des Meeres. Aber ſie drangen nicht bis zu ihm heran. Eine durchſichtige Wand trennte ſie von ihm, hielt ſie zurück. Der Schaum ſpritzte an ihr empor, das Licht brach ſich in den Wellen. Dennoch konnte er den Himmel nicht ſehen, ein Sonnendach mochte ihn abblenden. Hin und wieder ſtieß ein Fiſch dumpf gegen die Scheiben. Vergeblich verſuchte Saltner ſeine Lage ſich zu erklären. Er glaubte zunächſt, ſich auf einem Schiffe zu befinden, obwohl es ihn wunderte, daß ſich im Zimmer nicht die geringſte Bewegung ſpüren ließ. Aber nun blickte er etwas mehr zur Seite. War es denn nicht mehr Tag? Das Zimmer war doch von Tageslicht erhellt, aber dort links ſah er direkt in dunkle Nacht. Ein ihm unbekanntes Bau - werk in einem nie geſehenen Stile lag im Monden - ſchein vor ihm. Er blickte auf das Dach desſelben, das von den Wipfeln ſeltſamer Bäume begrenzt wurde. Und wie