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DIE GRUNDLAGEN DES NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS
II. HÄLFTE
DIE GRUNDLAGEN DES Neunzehnten Jahrhunderts
II. HÄLFTE
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MÜNCHENVERLAGSANSTALT F. BRUCKMANN A. -G. 1899
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BRUCKMANN’SCHE BUCH - UND KUNSTDRUCKEREI MÜNCHEN

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ABSCHNITT III DER KAMPF

Your high-engender’d battles. (Shakespeare. )[534][535]

EINLEITENDES

Mit dieser Abteilung betreten wir ein andres Feld: das eigentlichLeitende Grundsätze. historische. Freilich waren auch das Erbe des Altertums und die Erben Erscheinungen in der Geschichte, doch konnten wir diese Er - scheinungen gewissermassen herauslösen und sie somit zwar im Lichte der Geschichte betrachten, nichtsdestoweniger aber nicht historisch. Fortan handelt es sich in diesem Buche um Aufeinanderfolgen und Entwickelungsprozesse, also um Geschichte. Eine gewisse Überein - stimmung in der Methode wird sich trotzdem daraus ergeben, dass, ähnlich, wie wir früher im Strome der Zeit das Beharrende erblickten, wir nunmehr aus der unübersehbaren Menge der vorübereilenden Er - eignisse nur einzelne Punkte herauswählen werden, denen bleibende, heute noch wirksame, also gewissermassen » beharrende « Bedeutung zu - kommt. Der Philosoph könnte einwenden, jeder Impuls, auch der kleinste, wirke durch die Ewigkeit weiter; doch lässt sich darauf er - widern, dass in der Geschichte fast jede einzelne Kraft ihre individuelle Bedeutung sehr bald verliert und dann nur den Wert einer Komponente unter unzählbaren, unsichtbaren, in Wahrheit nur ideell noch vorhan - denen anderen Komponenten besitzt, während eine einzige grosse Resul - tante als wahrnehmbares Ergebnis der vielen widerstrebenden Kräfte - äusserungen übrig bleibt. Nun aber um den mechanischen Vergleich festzuhalten verbinden sich diese resultierenden Kraftlinien wiederum zu neuen Kräfteparallelogrammen und erzeugen neue, grössere, augen - fälligere, in die Geschichte der Menschheit tiefer eingreifende Ereignisse, von bleibenderer Bedeutung und das geht so weiter, bis gewisse Höhepunkte der Kraftäusserung erreicht sind, welche nicht überschritten werden. Einzig die höchsten dieser Gipfelpunkte sollen uns hier beschäftigen. Die geschichtlichen Thatsachen darf ich von nun an erst recht als bekannt voraussetzen; hier handelt es sich also536Der Kampf.lediglich darum, dasjenige deutlich hervorzuheben und zu gruppieren, was zu einer verständnisvollen Beurteilung unseres Jahrhunderts mit seinen widerstreitenden Strömungen, seinen einander durchquerenden » Resultierenden «, seinen leitenden Ideen unentbehrlich dünken muss.

Ursprünglich beabsichtigte ich diesen dritten und letzten Abschnitt des ersten Teils » Die Zeit der wilden Gährung « zu nennen, musste mir aber sagen, dass wilde Gährung viel länger als bis zum Jahre 1200 gedauert hat, ja, dass um uns herum der Most an manchen Punkten sich noch heute ganz absurd gebärdet. Auch musste ich die geplanten drei Kapitel aufgeben der Kampf im Staat, der Kampf in der Kirche, der Kampf zwischen Staat und Kirche da dies mich viel tiefer ins Historische hineingeführt hätte als mit dem Zweck meines Werkes vereinbar war. Doch glaubte ich in diesen einleitenden Worten jenes ersten Planes und der durch ihn bedingten Studien erwähnen zu sollen, da dadurch die jetzige weitgehende Vereinfachung mit der Einteilung in die zwei Kapitel » Religion « und » Staat « als ein letztes Ergebnis erkannt und gegen etwaige Bedenken geschützt wird. Zugleich wird begreiflich, inwiefern die Idee des Kampfes meine Darstellung beherrscht.

Die Anarchie.

Goethe bezeichnet einmal das Mittelalter als einen Konflikt zwischen Gewalten, welche teils eine bedeutende Selbständigkeit bereits besassen, teils sie zu erringen strebten, und nennt das Ganze eine » aristokratische Anarchie. « 1)Annalen, 1794.Für den Ausdruck » aristokratisch « möchte ich nicht einstehen, denn er impliziert stets auch wenn als Geistesaristokratie aufgefasst Rechte der Geburt; wogegen jene mächtige Gewalt, die Kirche, jedes angeborene Recht leugnet: selbst die von einem ganzen Volke anerkannte Erbfolge verleiht einem Monarchen die Legitimität nicht, wenn nicht die Kirche sie aus freien Stücken be - stätigt; das war (und ist noch heute) die kirchenrechtliche Theorie Roms, und die Geschichte bietet uns zahlreiche Beispiele davon, dass Päpste Nationen von ihrem Treueeid entbunden und zur Empörung gegen ihren rechtmässigen König aufgefordert haben. In ihrer eigenen Mitte anerkennt die Kirche keinerlei individuelle Rechte; weder Geburts - noch Geistesadel besitzen für sie Bedeutung. Und kann man sie auch gewiss nicht eine demokratische Gewalt nennen, so darf man sie noch weniger als eine aristokratische auffassen; jede Logokratie war ihrem tiefsten Wesen nach stets anti-aristokratisch und zugleich anti -537Einleitendes.demokratisch. Ausserdem regten sich in jener von Goethe aristo - kratisch genannten Zeit andere, echt demokratische Gewalten. Als freie Männer waren die Germanen in die Geschichte eingetreten, und lange Jahrhunderte hindurch besassen ihre Könige ihnen gegenüber weit weniger Gewalt als über ihre besiegten Unterthanen aus dem römischen Länderkomplex. Diese Rechte zu schmälern und bald abzuschaffen, dazu genügte der doppelte Einfluss Roms: als Kirche und als Gesetz. 1)Deutlicher als in allgemeinen Geschichtswerken, weil mit anschaulicher Ausführlichkeit, in Savigny’s: Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter zu ver - folgen; siehe namentlich im vierten Kapitel des ersten Bandes die Abschnitte über die Freien und die Grafen.Doch ganz unterdrückt konnte der Drang nach Freiheit nie werden, in jedem Jahrhundert sehen wir ihn sich regen, einmal im Norden, ein anderes Mal im Süden, bald als Freiheit zu denken und zu glauben, bald als einen Kampf um städtische Privi - legien, um Handel und Wandel, um die Wahrung von Standesrechten, oder als Empörung gegen solche, bald auch in der Form von Ein - fällen noch ungebundener Völker in die halb-organisierte Masse der nachrömischen Reiche. Dass dagegen dieser Zustand eines allseitigen Kampfes Anarchie bedeute, darin müssen wir Goethe unbedingt beipflichten. An Gerechtigkeit zu denken, hatte damals selten ein vereinzelter grosser Mann die Zeit; im Übrigen verfocht jede Gewalt rücksichtslos ihre eigenen Ziele, ohne die Rechte Anderer in Betracht zu ziehen: das war eine Existenzbedingung. Moralische Bedenken dürfen hier unser Urteil nicht beeinflussen: je rücksichts - loser eine Gewalt sich äusserte, um so lebensfähiger erwies sie sich. Beethoven sagt einmal: » Kraft ist die Moral der Menschen, die sich vor Andern auszeichnen «; Kraft war ebenfalls die Moral jener Epoche der ersten wilden Gährung. Erst als die Bildung von Nationalitäten deutlich zu werden begann, als in Kunst, Wissenschaft und Philo - sophie der Mensch seiner selbst wieder bewusst wurde, als er durch Organisation zur Arbeit, durch die Bethätigung seiner erfinderischen Gaben, durch das Erfassen idealer Ziele von Neuem in den Zauber - kreis echter Kultur, » in das Tageslicht des Lebens « trat, erst dann fing die Anarchie an zu weichen, oder vielmehr sie ward zu Gunsten einer endgültige Gestalt annehmenden neuen Welt und neuen Kultur nach und nach eingedämmt. Dieser Vorgang dauert noch heute fort, wo wir in jeder Beziehung in einer » mittleren Zeit « leben;2)Siehe S. 11. doch ist538Der Kampf.der Kontrast zwischen der früheren reinen Anarchie und der ge - mässigten Anarchie unserer Zeit auffallend genug, um den prinzipiellen Unterschied scharf hervortreten zu lassen. Den Höhepunkt erreichte die politische Anarchie wohl im 9. Jahrhundert; man vergleiche mit ihm das 19., und man wird zugeben müssen: trotz unserer Revolutionen und blutigen Reaktionen, trotz Tyrannei und Königsmord, trotz des ununterbrochenen Gährens hier und dort, trotz der Verschiebungen des Besitzstandes verhielt sich unser Säculum zu jenem wie der Tag zur Nacht.

In diesem Abschnitt handelt es sich um jene Zeit, wo es fast einzig Kampf gab. Später, sobald nämlich Kultur dämmerte, findet eine Verschiebung des Schwerpunktes statt; zwar dauert der äussere Kampf noch fort und mancher brave Geschichtsforscher erblickt auch ferner nur Päpste und Könige, Fürsten und Bischöfe, Adel und Innungen, Schlachten und Verträge; doch steht fortan neben diesen eine neue, unüberwindliche Gewalt, welche den Geist der Menschheit ummodelt, ohne dass jene anarchische Kraft-Moral bei ihr zur Anwendung käme; ohne zu kämpfen, siegt sie. Die Summe von Geistesarbeit, welche zur Entdeckung des heliozentrischen Weltsystems führte, hat das Fundament, auf welchem die kirchliche Theologie und damit zugleich die kirchliche Gewalt ruhte, ein für allemal unterminiert wie lang - sam und allmählich sich das auch herausstellen mag;1)Augustinus sah das recht wohl ein und gesteht ausdrücklich (De civitate Dei XVI, 9): wenn die Welt rund ist und Menschen leben an den Antipoden, » deren Füsse den unseren entgegengesetzt sind «, Menschen, durch Oceane von uns getrennt, deren Entwickelung ausserhalb unserer Geschichte vor sich geht, dann hat die heilige Schrift » gelogen «. Augustinus muss eben als wahrhaftiger Mann gestehen, dass dann der Heilsplan, wie ihn die Kirche lehrt, sich als durchaus unzureichend erweist und darum eilt er zu dem Schlusse: die Annahme solcher Antipoden und unbekannter Menschenrassen sei absurd, nimis absurdum est. Was hätte er erst bei der Feststellung des heliozentrischen Systems gesagt, sowie bei der Entdeckung, dass ungezählte Millionen von Welten sich im Raume bewegen? die Einführung des Papiers und die Erfindung des Druckes haben das Denken zu einer Weltmacht erhoben; aus dem Schosse der reinen Wissenschaft gehen jene Entdeckungen hervor, welche, wie Dampf und Elektricität, das Leben der gesamten Menschheit und auch die rein materiellen Kraft - verhältnisse der Völker vollkommen umwandeln;2)So z. B. ist die arme Schweiz im Begriff, einer der reichsten Industrie - staaten zu werden, da sie ihre ungeheure Menge Wasserkraft fast kostenlos in Elektricität umwandeln kann. der Einfluss der539Einleitendes.Kunst und der Philosophie z. B. solcher Erscheinungen wie Goethe’s und Kant’s ist unberechenbar gross. Hierauf komme ich aber erst in dem zweiten Teil dieses Bandes, welcher die Entstehung einer neuen germanischen Welt behandelt, zurück; dieser Abschnitt soll lediglich dem Kampfe der grossen, um Besitz und Vorherrschaft ringenden Gewalten gelten.

Wollte ich nun hier, wie das sonst zu geschehen pflegt, undReligion und Staat. wie ich es selber ursprünglich geplant hatte, dem Staat die Kirche ent - gegenstellen, nicht die Religion, und von dem Verhältnis zwischen Staat und Kirche reden, so liefen wir Gefahr, in lauter Schemen uns zu bewegen. Denn die römische Kirche ist selber in allererster Reihe eine politische, d. h. also eine staatliche Macht; sie erbte die römische Imperiumsidee und, im Bunde mit dem Kaiser, vertrat sie die Rechte eines angeblich göttlich eingesetzten, unumschränkt all - mächtigen Universalreiches gegen germanische Tradition und ger - manischen nationalen Gestaltungstrieb. Religion kommt hierbei nur als ein Mittel zur innigen Amalgamierung aller Völker in Betracht. Schon seit uralten Zeiten war in Rom der pontifex maximus der oberste Beamte der Hierarchie, judex atque arbiter rerum divinarum humanarum - que, dem (nach der rechtlichen Theorie) der König und später die Konsuln untergeordnet waren. 1)Siehe namentlich Leist: Graeco-italische Rechtsgeschichte, § 69.Freilich hatte der ausserordentlich ent - wickelte politische Sinn der alten Römer verhindert, dass der pontifex maximus jemals seine theoretische Gewalt als Richter aller göttlichen und menschlichen Dinge missbrauchte, genau so wie die nach der rechtlichen Fiktion unbeschränkte Gewalt des paterfamilias über Leben und Tod der Seinigen zu keinen Ausschreitungen Anlass gab;2)Vergl. S. 178. die Römer waren eben das extremste Gegenteil von Anarchisten ge - wesen. Jetzt aber, im entfesselten Menschenchaos, lebten der Titel und mit ihm seine Rechtsansprüche wieder auf; denn niemals hat man so viel vom theoretischen » Recht « gehalten, niemals so unaufhörlich auf verbrieften Rechtstiteln herumgeritten, wie in dieser Zeit, wo einzig Gewalt und Tücke regierten. Perikles hatte gemeint, das ungeschriebene Gesetz stehe höher als das geschriebene; jetzt dagegen galt nur das geschriebene Wort; ein Kommentar des Ulpian, eine Glosse des Tribonian auf ganz andere Verhältnisse berechnet entschied jetzt in Ewigkeit als ratio scripta über die Rechte ganzer Völker; ein Per -540Der Kampf.gament mit einem Siegel daran legalisierte jedes Verbrechen. Die Erbin, Verwalterin und Verbreiterin dieser staatsrechtlichen Auffassung war die Stadt Rom mit ihrem pontifex maximus, und selbstverständ - lich nützte sie diese Prinzipien zu ihrem eigenen Vorteil. Zu gleicher Zeit aber war die Kirche die Erbin der jüdischen hierokratischen Staats - idee, mit dem Hohenpriester als oberster Gewalt; die Schriften der Kirchenväter vom 3. Jahrhundert ab sind so gesättigt mit den Vor - stellungen und Aussprüchen des Alten Testamentes, dass man gar nicht bezweifeln kann, die Errichtung eines Weltstaates mit Zugrunde - legung des jüdischen Priesterregimentes sei ihr Ideal gewesen. 1)Natürlich sind die ältesten, die wie Origenes, Tertullian u. s. w., keine Ahnung einer möglichen vorherrschenden Stellung des Christentums besassen, auszunehmen.In diesen Beziehungen ist offenbar, ich wiederhole es, die römische Kirche als eine rein politische Macht aufzufassen: hier steht nicht eine Kirche einem Staate gegenüber, sondern ein Staat dem anderen, ein politisches Ideal einem anderen politischen Ideal.

Doch ausser dem Kampf im Staate, der nirgends so scharf und unerbittlich wütete, wie in dem Ringen zwischen römisch - imperialen und germanisch-nationalen Vorstellungen, sowie zwischen jüdischer Theokratie und christlichem » Gebet Cäsar, was Cäsar’s ist «, gab es einen anderen, gar bedeutungsschweren Kampf: den um die Religion selbst. Und dieser ist in unserem 19. Jahrhundert eben - sowenig beendet wie jener. In unseren laïsierten Staaten schienen zu Beginn des Säculums die religiösen Gegensätze alle Schärfe ver - loren zu haben, unser Jahrhundert hatte sich als eine Epoche der unbedingten Toleranz angelassen; doch seit dreissig Jahren sind die kirchlichen Hetzer wiederum eifrig am Werke, und so finster umhüllt uns noch die Nacht des Mittelalters, dass gerade auf diesem Gebiete jede Waffe als gut gilt und sich thatsächlich als gut bewährt, und sei es auch Lüge, Geschichtsfälschung, politische Pression, gesell - schaftlicher Zwang. In diesem Kampf um die Religion handelt es sich in der That um keine Kleinigkeit. Unter einem Dogmenstreit, so subtil, dass er dem Laien nichtig und insofern gänzlich gleichgültig dünkt, schlummert nicht selten eine jener für die ganze Lebensrichtung eines Volkes entscheidenden seelischen Grundfragen. Wie viele Laien z. B. giebt es in Europa, welche fähig sind, den Gegenstand des Streites über die Natur des Abendmahles zu verstehen? Und doch war es das Dogma von der Transsubstantiation (im Jahre 1215 erlassen, genau541Einleitendes.in demselben Augenblick, wo die Engländer ihrem König die Magna Charta abtrotzten), welches die unausbleibliche Spaltung von Europa in mehrere feindliche Lager herbeiführte. Zu Grunde liegen hier Rassenunterschiede. Doch ist Rasse, wie wir gesehen haben, ein plastisch bewegliches, vielfach zusammengesetztes Wesen, und fast überall ringen in ihr verschiedene Elemente um die Vorherrschaft; nicht selten hat der Sieg eines religiösen Dogmas die Präponderanz des einen Elements über das andere entschieden und damit zugleich die ganze fernere Entwickelung der Rasse oder Nation bestimmt. Das betreffende Dogma selbst hatte vielleicht auch der grösste Doktor nicht verstanden, denn es handelte sich um ein Unaussprechbares, Unausdenkbares; doch bei solchen Dingen ist die Richtung das Entscheidende, mit anderen Worten die Orientierung des Willens (wenn ich mich so ausdrücken darf). Und so begreift man leicht, wie Staat und Religion auf einander wirken können und müssen, und zwar nicht allein in dem Sinne eines Wettstreites zwischen universeller Kirche und nationaler Regierung, sondern auch dadurch, dass der Staat die Mittel besitzt (und bis vor Kurzem fast unbeschränkt besass), eine in der Religion sich äussernde, moralisch-intellektuelle Richtung auszurotten und damit zugleich sein Volk in ein anderes umzuwandeln, oder umgekehrt dadurch, dass der Staat selber, durch eine bis zum end - gültigen Siege durchgedrungene religiöse Anschauung auf völlig neue Bahnen gelenkt wird. Ein unbefangener Blick auf die heutige Karte Europa’s wird nicht bezweifeln lassen, dass die Religion ein mächtiger Faktor in der Entwickelung der Staaten und somit auch aller Kultur war und ist. 1)Besonders schön von Schiller am Anfang des I. Teiles seines Dreissig - jährigen Krieges ausgeführt.Nicht allein zeigt sie Charakter, sie zeugt ihn auch.

Ich glaube also meinem Zweck gemäss zu handeln, wenn ich aus dieser Epoche des Kampfes als die zwei Hauptzielpunkte alles Kämpfens die Religion und den Staat herausgreife: den Kampf in der Religion und um die Religion, den Kampf im Staate und um den Staat. Nur muss ich mich gegen die Auffassung verwahren, als postulierte ich zwei völlig getrennte Wesenheiten, die nur durch die Fähigkeit, auf einander zu wirken, zu einem Ganzen verbunden würden; vielmehr bin ich der Ansicht, dass die gerade heute so beliebte völlige Absonderung des religiösen Lebens vom staatlichen auf einem bedenklichen Urteilsfehler beruht. In Wahrheit ist sie unmöglich. 542Der Kampf.In früheren Jahrhunderten pflegte man die Religion die Seele, den Staat den Leib zu nennen1)Z. B. Gregor II. in seinem viel genannten Brief an Kaiser Leo den Isaurier.; doch heute, wo die innige Verknüpfung von Seele und Leib im Individuum uns immer gegenwärtiger wird, so dass wir kaum wissen, wo wir eine Grenze annehmen sollen, heute sollte uns jene Unterscheidung eher stutzig machen. Wir wissen, dass sich hinter einem Streite über Rechtfertigung durch den Glauben und Rechtfertigung durch die Werke, der sich ganz und gar im Forum der Seele abzuspielen scheint, recht » leibliche « Dinge enthüllen können; der Gang der Geschichte hat es uns gezeigt; und andererseits sehen wir die Gestaltung und den Mechanismus des staatlichen Leibes in weitreichendem Masse bestimmend auf die Be - schaffenheit der Seele wirken (z. B. Frankreich seit der Bartholo - mäusnacht und den Dragonaden). In den entscheidenden Augen - blicken fallen die Begriffe Staat und Religion völlig zusammen; ohne Metapher kann man behaupten, dass für den alten Römer sein Staat seine Religion, für den Juden dagegen seine Religion sein Staat war; und auch heute, wenn der Soldat sich in die Schlacht stürzt mit dem Rufe: für Gott, König und Vaterland! so ist das Religion und zugleich Staat. Dennoch, und trotz der Notwendigkeit einer solchen Verwahrung, dürfte die Unterscheidung sich als praktisch erweisen, praktisch für eine schnelle Uebersicht jener Gipfelpunkte der Geschichte und praktisch für die spätere Anknüpfung an die Erscheinungen und Strömungen unseres Jahrhunderts.

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SIEBENTES KAPITEL RELIGION

Begreifet wohl das Vorwärtsdrängen der Religion, thut was an euch liegt, um es zu fördern und suchet hierin eure Pflicht zu erfüllen. Zoroaster.
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Schon bei einer früheren Gelegenheit (siehe S. 250) habe ichChristus und Christentum. meine persönliche Überzeugung ausgesprochen, dass das Erdenleben Jesu Christi Ursprung und Quelle, Kraft und im tiefsten Grund auch Inhalt alles dessen ausmache, was jemals sich christliche Religion genannt hat. Das Gesagte will ich nicht wiederholen, sondern ver - weise ein für alle Mal auf das Kapitel über die Erscheinung Jesu Christi. Habe ich nun dort diese Erscheinung gänzlich aus allem historisch gewordenen Christentum herausgelöst, so beabsichtige ich hier das ergänzende Verfahren anzuwenden, indem ich von der Ent - stehung und dem Werden der christlichen Religion spreche und einige leitende Grundideen möglichst klar heraus - und hervorzuheben versuche, ohne die unantastbare Gestalt des Gekreuzigten auch nur zu berühren. Diese Scheidung ist nicht nur möglich, sondern notwendig; denn es wäre blasphematorische Kritiklosigkeit, die wunderlichen Strukturen, welche menschlicher Tiefsinn, Scharfsinn, Kurzsinn, Wirrsinn, Stumpf - sinn, welche Tradition und Frömmigkeit, Aberglaube, Bosheit, Dummheit, Herkommen, philosophische Spekulation, mystische Ver - senkung unter nie endendem Zungengezänk und Schwerter - geklirr und Feuergeprassel auf dem einen Felsen errichtet haben, mit dem Felsen selbst identifizieren zu wollen. Der gesamte Oberbau der bisherigen christlichen Kirchen steht ausserhalb der Persönlichkeit Jesu Christi. Jüdischer Wille gepaart mit arischem mythischen Denken haben den Hauptstock geliefert; dazu kam noch Manches aus Syrien, Ägypten u. s. w.; die Erscheinung Christi auf Erden war zunächst nur die Veranlassung zu dieser Religionsbildung, das treibende Mo - ment etwa wie wenn der Blitz durch die Wolken fährt und nun der Regen zur Erde herabfliesst, oder wie wenn auf gewisse Stoffe, die sonst keine Verbindung mit einander eingehen, plötzlich Sonnen - strahlen fallen und jene nunmehr, vom Lichte innerlich umgewandelt, unter zerstörendem Sprengen ihrer bisherigen Raumgrenzen zu einer neuen Substanz verschmelzen. Gewiss wäre es wenig einsichtsvoll,Chamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 35546Der Kampf.wollte man den Blitz, wollte man den Sonnenstrahl an diesen seinen Wirkungen messen und erkennen. Alle die auf Christus bauten, wollen wir dafür, dass sie es thaten, verehren, im Übrigen aber uns weder Blick noch Urteil trüben lassen. Es giebt nicht allein eine Vergangenheit und Gegenwart, es giebt auch eine Zukunft; für diese müssen wir unsere volle Freiheit bewahren. Ich bezweifle, ob man die Vergangenheit in ihrem Verhältnis zur Gegenwart überhaupt richtig zu beurteilen ver - mag, wenn nicht eine lebendige Ahnung der Bedürfnisse der Zukunft den Geist emporträgt. Auf dem Boden der Gegenwart allein streift der Blick zu sehr à fleur de terre, um die Zusammenhänge über - sehen zu können. Ein Christ war es, und zwar einer, welcher der römischen Kirche sympathisch gegenüberstand, der am Morgen dieses Jahrhunderts sprach: » Das neue Testament ist uns noch ein Buch mit sieben Siegeln. Am Christentum hat man Ewigkeiten zu stu - dieren. In den Evangelien liegen die Grundzüge künftiger Evange - lien. « 1)Novalis: Fragmente. Wer die Geschichte des Christentums aufmerksam betrachtet, sieht sie überall und immer im Flusse, überall und immer in einem inneren Kampfe begriffen. Wer dagegen im Wahne lebt, das Christen - tum habe nunmehr seine verschiedenen endgültigen Gestaltungen an - genommen, übersieht, dass selbst die römische Kirche, welche für besonders konservativ gilt, in jedem Jahrhundert neue Dogmen her - vorgebracht hat, während alte (allerdings minder geräuschvoll) zu Grabe getragen wurden; er übersieht, dass gerade diese so fest ge - gründete Kirche noch in unserem Jahrhundert Bewegungen, Kämpfe und Schismen erlebt hat wie kaum eine zweite. Ein Solcher wähnt: da der Entwickelungsprozess zu Ende sei, so halte er jetzt das Facit des Christentums in Händen, und aus dieser ungeheuerlichen An - nahme konstruiert er in seinem frommen Herzen nicht allein Gegen - wart und Zukunft, sondern auch die Vergangenheit. Noch viel unge - heuerlicher ist freilich die Annahme, das Christentum sei eine aus - gelebte, abgethane Erscheinung, die sich nur noch nach dem Gesetz der Trägheit auf absehbare Zeiten weiterbewege; und doch schrieb mehr als ein » Ethiker « in den letzten Jahren den Nekrolog des Christentums, redete von ihm wie von einem nunmehr abgeschlossenen geschichtlichen Experiment, an dem sich Anfang, Mitte und Ende analytisch vordemonstrieren lasse. Der Urteilsfehler, der diesen beiden entgegengesetzten Ansichten zu Grunde liegt, ist, wie man sieht,547Religion.ungefähr der gleiche, er führt zu ebenfalls gleich falschen Schlüssen. Vermieden wird er, wenn man den ewig sprudelnden, ewig sich gleichbleibenden Quell erhabenster Religiosität, die Erscheinung Christi, von den Notbauten unterscheidet, welche die wechselnden religiösen Bedürfnisse, die wechselnden geistigen Ansprüche der Menschen und was noch weit entscheidender ist die grundverschiedenen Gemütsanlagen ungleicher Menschenrassen als Gesetz und Tempel für ihre Andacht errichteten.

Die christliche Religion nahm ihren Ursprung in einer sehr eigen -Das religiöse Delirium. tümlichen Zeit, unter Bedingungen so ungünstig wie nur denkbar für die Errichtung eines einheitlichen, würdigen, festen Baues. Gerade in jener Gegend, wo ihre Wiege stand, nämlich im westlichsten Asien, nörd - lichsten Afrika und östlichsten Europa, hatte eine eigentümliche Durch - dringung der verschiedenartigsten Superstitionen, Mythen, Mysterien und Philosopheme stattgefunden, wobei alle an Eigenart und Wert wie nicht anders möglich eingebüsst hatten. Man vergegenwärtige sich zunächst den damaligen politisch-sozialen Zustand jener Länder. Was Alexander begonnen, hatte Rom in gründlicherer Weise voll - endet: es herrschte in jenen Gegenden ein Internationalismus, von dem wir uns heute schwer einen Begriff machen können. Die Bevölke - rungen der massgebenden Städte am Mittelländischen Meere und in Kleinasien entbehrten jeglicher Rasseneinheit: in Gruppen lebten Hellenen, Syrier, Juden, Semiten, Armenier, Ägypter, Perser, römische Soldaten - kolonien, Gallier u. s. w. u. s. w. durcheinander, von zahllosen halb - schlächtigen Menschen umgeben, in deren Adern alle individuellen Charaktere sich zur vollkommenen Charakterlosigkeit gemischt hatten. Das Vaterlandsgefühl war gänzlich geschwunden, weil jeder Bedeutung bar; gab es doch weder Nation, noch Rasse; Rom war für diese Menschen etwa, was für unsern Pöbel die Polizei ist. Diesen Zustand habe ich durch die Bezeichnung Völkerchaos zu charakterisieren und in dem vierten Kapitel dieses Werkes anschaulich zu machen ver - sucht. Durch dieses Chaos wurde nun ein zügelloser Austausch der Ideen und Gebräuche vermittelt; eigene Sitte, eigene Art war hin, fieberhaft suchte der Mensch in einem willkürlichen Durcheinander fremder Sitten und fremder Lebensauffassungen Ersatz. Wirklichen Glauben gab es fast gar nicht mehr. Selbst bei den Juden sonst inmitten dieses Hexensabbats eine so rühmliche Ausnahme schwankte er nicht unbedenklich in weitauseinandergehenden Sekten. Und doch, noch niemals erlebte die Welt einen derartigen religiösen Taumel,35*548Der Kampf.wie er sich dazumal von den Ufern des Euphrats bis nach Rom fort - pflanzte. Indischer Mysticismus, der unter allerhand Entstellungen bis nach Kleinasien eingedrungen war, chaldäische Sternenverehrung, zoroastri - scher Ormuzddienst und die Feueranbetung der Magier, ägyptische Askese und Unsterblichkeitslehre, syrisch-phönizischer Orgiasmus und Sakramentswahngedanke, samothrakische, eleusinische und allerhand andere hellenische Mysterien, wunderlich verlarvte Auswüchse pythago - reischer, empedokleischer und platonischer Metaphysik, mosaische Pro - paganda, stoische Sittenlehre das alles kreiste und schwirrte durcheinander. Was Religion ist, wussten die Menschen nicht mehr, versuchten es aber mit allem, von dem einen unklaren Bewusstsein getrieben, dass ihnen etwas geraubt war, was dem Menschen so nötig ist, wie der Erde die Sonne. In diese Welt fiel das Wort Christi; von diesen fieberkranken Menschen wurde das sichtbare Gebäude der christ - lichen Religion zunächst aufgeführt; die Spuren des Deliriums ver - mochte es nie ganz abzuschütteln.

Die zwei Grundpfeiler.
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Die Geschichte der Entstehung der christlichen Theologie ist denn auch eine der verwickeltsten und schwierigsten, die es überhaupt giebt. Wer mit Ernst und Freimut daran geht, wird heute viele und tief-anregende Belehrung empfangen, zugleich aber einsehen müssen, dass gar Vieles noch recht dunkel und unsicher ist, sobald nicht theoretisiert, sondern der wirkliche Ursprung einer Idee historisch nach - gewiesen werden soll. Eine endgültige Geschichte, nicht der Ent - wickelung der Lehrmeinungen innerhalb des Christentums, sondern der Art und Weise, wie aus den verschiedensten Ideenkreisen Glaubens - sätze, Vorstellungen, Lebensregeln in das Christentum eindrangen und dort heimisch wurden, kann noch nicht geschrieben werden; doch ist schon genug geschehen, damit ein Jeder erkennen kann, dass hier ein Legieren (wie der Chemiker sagt) der verschiedensten Metalle statt - gefunden hat. Der Zweck dieses Werkes gestattet mir nicht, diesen kom - plizierten Gegenstand einer genauen Analyse zu unterziehen, auch besässe ich dazu nicht die geringste Kompetenz;1)Besondere Werke namhaft zu machen, kommt mir wohl kaum zu; die Litteratur ist selbst in ihrem für uns Laien zugänglichen Teile eine grosse; die Hauptsache ist, dass man aus verschiedenen Quellen Belehrung schöpfe und sich nicht bei der Kenntnis der Allgemeinheiten beruhige. So sind z. B. die kurzen Lehr - bücher von Harnack, Müller, Holtzmann etc. in dem Grundriss der theologischen Wissenschaften (Freiburg bei Mohr) unschätzbar; ich habe sie fleissig benützt; doch wird gerade der Laie unendlich mehr aus grösseren Werken, wie z. B. aus Neander’s zunächst wird es genügen,549Religion.wenn wir die zwei Hauptstämme das Judentum und das Indo - europäertum betrachten, aus denen fast die gesamte Struktur auf - gezimmert worden ist und die das Zwitterwesen der christlichen Religion von Anfang an bis auf den heutigen Tag bedingen. Freilich wurde später manches Jüdische und Indoeuropäische durch den Einfluss des Völker - chaos, und zwar namentlich Ägyptens, bis zur Unkenntlichkeit gefälscht, so z. B. durch die Einführung des Isiskultus (Mutter Gottes) und der magischen Stoffverwandlung, doch ist auch hier die Kenntnis des Grund - gebäudes unentbehrlich. Alles Übrige ist im Verhältnis nebensächlich; so um nur ein Beispiel zu nennen die offizielle Einführung der stoischen Lehren über Tugend und Glückseligkeit ins praktische Christen - tum durch Ambrosius, der, in seiner Schrift De officiis ministrorum einen Abklatsch von Cicero’s De officiis gab, welch Letzterer wiederum vom Griechen Panaetius abgeschrieben hatte. 1)Ambrosius giebt dies auch implicite zu, siehe I. 24. Manches ist ja eine fast wörtliche Kopie. Wie viel bedeutender sind aber auch seine selbständigen Sachen, wie die Rede auf den Tod des Kaisers Theodosius, mit dem schönen, immer wiederkehrenden Refrain: » Dilexi! ich habe ihn geliebt! «Ohne Bedeutung ist so etwas gewiss nicht; Hatch zeigt z. B. in seinem Vortrag » über griechische und christliche Ethik «, dass die Moral, die heute in unserem praktischen Leben Gültigkeit besitzt, viel mehr stoische als christliche Elemente umfasst. 2)The influence of Greek ideas etc., p. 139 170. In diesem Vortrag kommt Hatch auf die genannte Schrift des Ambrosius zu sprechen und meint, sie sei durch und durch, nicht allein in der Anlage, sondern auch in der Ausführung der Details stoisch. Zwar werde überall das Christliche hinzugefügt, doch lediglich als Zusatz; die Grund - begriffe der Weisheit, der Tugend, der Gerechtigkeit, der Mässigkeit seien unge - schminkte griechisch-römische Lehren aus der vorchristlichen Zeit.Doch haben wir schon früher gesehen, dass Religion und Moral ziemlich unabhängig von einander bleiben (siehe S. 222 u. 456), überall dort wenigstens, wo jene von Christus gelehrte1)Kirchengeschichte, aus Renan’s: Origines du Christianisme u. s. w. lernen. Noch lehr - reicher, weil eine grössere Anschaulichkeit vermittelnd, sind die Werke der Specia - listen, so z. B. Ramsay: The Church in the Roman empire before A. D. 170 (1895, auch in deutscher Uebersetzung), Hatch: The influence of Greek ideas and usages upon the Christian Church (ed. 1897), Hergenröther’s grosses Werk: Photius, sein Leben, seine Schriften und das griechische Schisma, welches mit der Gründung Constantinopel’s be - ginnt und somit das Werden der griechischen Kirche von Anfang an mit voller Aus - führlichkeit darlegt, Hefele: Konziliengeschichte u. s. w. ad. inf. Unsereiner kann natürlich nur von einem kleinen Bruchteil dieser Litteratur ausführlich Kenntnis nehmen; doch, ich wiederhole es (weil es heutzutage zu häufig verkannt wird), nur aus Detailschilderungen, nicht aus zusammenfassenden Überblicken vermag man lebendige Ansicht und Einsicht zu schöpfen.550Der Kampf.» Umkehr « nicht stattgefunden hat; und ist es auch unterhaltend, einen Kirchenvater den Priestern seiner Diöcese die praktisch-weltbürgerliche (um nicht zu sagen rechtsanwältliche) Moral eines Cicero als Muster vorhalten zu sehen, so greift doch derartiges nicht bis auf den Grund des religiösen Gebäudes. Ähnliches liesse sich über manche andere Zuthat ausführen und wird uns später noch beschäftigen.

Jene beiden Hauptpfeiler nun, auf denen die christlichen Theo - logen der ersten Jahrhunderte die neue Religion errichteten, sind: jüdischer historisch-chronistischer Glaube und indoeuropäische symbo - lische und metaphysische Mythologie. Wie ich schon früher aus - führlich dargethan habe, handelt es sich hier um zwei grundverschiedene Weltanschauungen. 1)Siehe namentlich S. 220 fg. und S. 391 fg.Jetzt wurden diese beiden Anschauungen mit einander amalgamiert. Indoeuropäer Männer in hellenischer Poesie und Philosophie grossgezogen gestalteten jüdische Geschichtsreligion so um, wie es ihrem phantasiereichen, nach Ideen dürstenden Geist zusagte; Juden andererseits bemächtigten sich (schon vor der Entstehung des Christentums) der Mythologie und Metaphysik der Griechen, durch - tränkten sie mit dem historischen Aberglauben ihres Volkes, und sponnen aus dem Ganzen ein abstraktes dogmatisches Gewebe, ebenso unfass - bar wie die erhabensten Spekulationen eines Plato und doch zugleich alles Transscendent-Allegorische zu empirischen Gestalten materiali - sierend: auf beiden Seiten also das Walten eines unheilbaren Miss - verständnisses und Unverständnisses, wie es die gewaltsame Ablenkung aus der eigenen Bahn bedingt. Im Christentum diese fremden Elemente zusammenzuschweissen, war das Werk der ersten Jahrhunderte, ein Werk, das natürlich nur unter unaufhörlichem Kampfe gelingen konnte. Auf seinen einfachsten Ausdruck zurückgeführt, ist dieser Kampf ein Wettstreit zwischen indoeuropäischen und jüdischen religiösen Instinkten um die Vorherrschaft. Er bricht sofort nach dem Tode Christi aus zwischen den Judenchristen und den Heidenchristen, wütet Jahrhunderte lang auf das Heftigste zwischen Gnose und Antignose, zwischen Aria - nern und Athanasiern, wacht in der Reformation wieder auf und wird heute zwar nicht mehr in den Wolken oder auf Schlachtfeldern, jedoch unterirdisch auf das Lebhafteste weitergeführt. Diesen Vorgang kann man sich durch ein Gleichnis deutlich machen. Es ist als nähme man zwei Bäume verschiedener Gattung, köpfte sie und böge sie ohne sie zu entwurzeln gegeneinander und verbände sie dann551Religion.derartig, dass ein jeder das Pfropfreis des anderen würde. Für beide wäre fortan ein Wachstum in die Höhe ausgeschlossen; eine Ver - edelung träte auch nicht ein, sondern eine Verkümmerung, denn eine organische Verschmelzung ist, wie jeder Botaniker weiss, in einem solchen Falle ausgeschlossen und jeder der beiden Bäume (falls die Operation den Tod nicht herbeigeführt hätte) würde fortfahren, seine eigenen Blätter und Blüten zu tragen, und im Gewirr des Laubes stiesse überall Fremdes unmittelbar auf Fremdes. 1)Hamann deutet, wie ich nachträglich sehe, diesen Vergleich an: » Gehen Sie in welche Gemeinde der Christen Sie wollen, die Sprache auf der heiligen Stätte und ihr Vaterland und ihre Genealogie verraten, dass sie heidnische Zweige sind, gegen die Natur auf einen jüdischen Stamm gepfropft «. (Vergl. Römer XI, 24.)Genau also ist es dem christlichen Religionsgebäude ergangen. Unvermittelt stehen jüdische Religionschronik und jüdischer Messiasglaube neben der mys - tischen Mythologie der hellenischen Décadence. Nicht allein ver - schmelzen sie nicht, sondern in den wesentlichsten Punkten wider - sprechen sie sich. So z. B. die Vorstellung der Gottheit: hier Jahve, dort die altarische Dreieinigkeit. So die Vorstellung des Messias: hier die Erwartung eines Helden aus dem Stamme David’s, der den Juden die Weltherrschaft erobern wird, dort der Fleisch gewordene Logos, anknüpfend an metaphysische Spekulationen, welche die griechischen Philosophen seit 500 Jahren vor Christi Geburt beschäftigten. 2)Ich sage 500 Jahre, denn über die Identität des Logos und des Nus siehe Harnack: Dogmengeschichte § 22.Christus, die unableugbare historische Persönlichkeit, wird in beide Systeme hineingezwängt: für den jüdischen historischen Mythus muss er den Messias abgeben, wenngleich sich Keiner weniger dazu eignete; in dem neoplatonischen Mythus bedeutet er die flüchtige, unbegreifliche Sichtbarwerdung eines abstrakten Gedankenschemas er! das moralische Genie in seiner höchsten Potenz, die gewaltigste Individualität, die je - mals auf Erden gelebt!

Jedoch, wie sehr auch das notwendig Schwankende, Unzuläng - liche eines solchen Zwitterwesens einleuchten muss, man kann sich kaum vorstellen, wie in jenem Völkerchaos eine Weltreligion ohne das Zu - sammenwirken dieser beiden Elemente hätte entstehen können. Freilich, hätte Christus zu Indern oder Germanen gepredigt, so hätten wir seinem Worte eine andere Wirkung zu danken gehabt! Nie hat es eine weniger christliche Zeit gegeben wenn mir das Paradoxon erlaubt ist als diejenigen Jahrhunderte, in denen die christliche Kirche ent -552Der Kampf.stand. An ein wirkliches Verständnis der Worte Christi war damals nicht zu denken. Doch als nun von ihm in jene chaotische, verratene Menschheit die Anregung zu religiöser Erhebung hineingetragen worden war, wie hätte man für diese armseligen Menschen einen Tempel bauen können, ohne Zugrundelegung der jüdischen Chronik und der jüdischen Anlage, alles konkret-geschichtlich aufzufassen? Diesen Sklavenseelen, die keinen Halt in sich selbst und in dem sie umgeben - den Leben einer echten Nation fanden, war einzig mit etwas durch - aus Greifbarem, Materiellem, dogmatisch Sicherem gedient; sie brauchten ein religiöses Gesetz an Stelle philosophischer Betrachtungen über Pflicht und Tugend; daher waren ja schon viele zum Judentum über - getreten. Allein das Judentum als Willensmacht unschätzbar besitzt nur eine sehr geringe, beschränkt-semitische Gestaltungsfähigkeit; der Baumeister musste also von anderwärts geholt werden. Ohne die Formenfülle und Gestaltungskraft des hellenischen Geistes sagen wir einfach, ohne Homer, Plato und Aristoteles, und im weiteren Hinter - grunde ohne Persien und Indien hätte das äussere kosmogonisch - mythologische Gebäude der christlichen Kirche niemals der Tempel eines weltumspannenden Bekenntnisses werden können. Die frühen Kirchen - lehrer knüpfen sämtlich bei Plato an, die späteren ausserdem bei Ari - stoteles. Über die umfassende litterarische, poetische und philosophische Bildung der ältesten Väter, nämlich der griechischen, kann man sich in Kirchengeschichten unterrichten, und man wird dadurch den Wert dieses Bildungseinflusses für die grundlegenden Dogmen des Christen - tums hochschätzen lernen. Farbe und Leben konnte die indoeuro - päische Mythologie freilich unter so fremden Auspicien nicht erhalten, erst viel später half hier, soweit es ging, die christliche Kunst nach; jedoch, dank dem Einflusse des hellenischen Auges, erhielt diese Mythologie wenigstens eine geometrische und insoferne sichtbare Ge - staltung: die uralte arische Vorstellung von der Dreieinigkeit gab den kunstvoll aufgeführten kosmischen Tempel ab, in welchem der durchaus neuen Religion Altäre errichtet wurden.

Über die Natur dieser beiden wichtigsten konstruktiven Elemente der christlichen Religion müssen wir nun durchaus Klarheit besitzen, sonst giebt es kein Verständnis des unendlich verwickelten Kampfes, der vom ersten Jahrhundert unserer Ära an bis zum heutigen Tage namentlich aber während der ersten Säculi über die Glaubens - sätze dieser Religion tobte. Von den verschiedenen führenden Geistern werden die widersprechenden Auffassungen und Lehren und Instinkte553Religion.des jüdischen und des indoeuropäischen Elementes in den verschie - densten Verhältnissen miteinander gemischt. Betrachten wir also zu - erst den mythologisch gestaltenden Einfluss der indoeuropäischen Welt - auffassung auf die werdende christliche Religion, sodann den mäch - tigen Impuls, den sie aus dem positiven, materialistischen Geist des Judentumes empfing.

Eine ausführlich begründete Unterscheidung zwischen historischerArische Mythologie. Religion und mythischer Religion habe ich im fünften Kapitel gegeben;1)Siehe S. 391 bis 415. ich setze sie hier als bekannt voraus. Die Mythologie ist eine meta - physische Weltanschauung sub specie occulorum. Ihre Besonderheit, ihr Charakter auch ihre Beschränkung besteht darin, dass Ungesehenes durch sie auf ein Geschautes zurückgeführt wird. Der Mythus erklärt nichts, giebt von nichts den Grund an, er bedeutet nicht ein Suchen nach dem Woher und Wohin; ebensowenig ist er eine Morallehre; am allerwenigsten ist er Geschichte. Schon aus dieser einen Ueberlegung erhellt, dass die Mythologie der christlichen Kirche zunächst gar nichts mit alttestamentlicher Chronologie und mit der historischen Erscheinung Christi zu thun hat; sie ist ein neu umge - staltetes und von fremder Hand vielfach verunstaltetes, neuen Be - dürfnissen schlecht und recht angepasstes, altarisches Erbstück. 2)Man versteht, wie der fromme Tertullian, im Heidentum aufgewachsen, von den Vorstellungen der hellenischen Poeten und Philosophen sagen konnte, sie seien den christlichen tam consimilia! (Apol. XLVII).Um klare Vorstellungen über die mythologischen Bestandteile des Christen - tums zu gewinnen, werden wir wohl daran thun, zwischen äusserer und innerer Mythologie zu unterscheiden, d. h. zwischen der mytho - logischen Gestaltung äusserer und der mythologischen Gestaltung innerer Erfahrung. Dass Phöbus seinen Wagen durch den Himmel fährt, ist der bildliche Ausdruck für ein äusseres Phänomen; dass die Erinnyen den Verbrecher verfolgen, versinnbildlicht eine Thatsache des mensch - lichen Innern. Auf beiden Gebieten hat die christliche, mythologische Symbolik sehr tief gegriffen, und » die Symbolik ist nicht bloss Spiegel, sie ist auch Quelle des Dogmas «, wie der orthodox römisch - katholische Wolfgang Menzel sagt. 3)Christliche Symbolik (1854), I, S. VIII.Symbolik als Quelle des Dogmas ist offenbar mit Mythologie identisch.

Als ein vortreffliches Beispiel der nach äusserer Erfahrung ge -Äussere Mythologie. staltenden Mythologie möchte ich vor allem die Vorstellung der Drei -554Der Kampf.einigkeit nennen. Dank dem Einfluss hellenischer Denkart ist die Dogmenbildung der christlichen Kirche um jene gefährlichste Klippe, den semitischen Monotheismus (trotz der heftigen Gegenwehr der Juden - christen) glücklich vorbeigesteuert und hat in ihren sonst bedenklich » verjudeten « Gottesbegriff die heilige Dreizahl der Arier hinübergerettet. 1)Dass die Indoeuropäer ebenfalls im tiefsten Grunde Monotheisten sind, habe ich schon früher, dem weitverbreiteten populären Irrtum entgegen, hervorge - hoben (siehe S. 224 und 402), man |vergleiche auch Jak. Grimm in der Vorrede zu seiner Deutschen Mythologie (S. XLIV XLV) und Max Müller in seinen Vor - lesungen über die Sprachwissenschaft (II, 385). Die Art des Monotheismus bedingt jedoch eine prinzipielle Unterscheidung von der semitischen Auffassung.Dass die Drei bei den Indoeuropäern überall wiederkehrt, ist allbekannt; sie ist, wie Goethe sagt:

die ewig unveraltete, Dreinamig-Dreigestaltete.

Wir finden sie in den drei Gruppen der indischen Götter, später dann (mehrere Jahrhunderte vor Christo) zu der ausführlichen und ausdrück - lichen Dreieinigkeitslehre, der Trimûrti, ausgebildet: » Er, welcher Vishnu ist, ist auch Çiva, und er, welcher Çiva ist, ist auch Brahma: ein Wesen, aber drei Götter. « Und von dem fernen Osten aus lässt sich die Vorstellung bis an die Küsten des Atlantischen Ozeans verfolgen, wo Patricius das Kleeblatt bei den Druiden als Symbol der Dreieinig - keit vorfand. Bei poetisch-metaphysisch beanlagten Stämmen musste sich diese Dreizahl schon früh aufdrängen, denn gerade sie, und sie allein, ist weder ein Zufall (wie die von den Fingern entnommene Fünf - resp. Zehnzahl), noch eine rabbulistisch herausgerechnete Zahl (wie z. B. die von den vermeintlichen sieben Gestirnen entnommene Sieben), sondern sie drückt ein Grundphänomen aus, so zwar, dass die Vorstellung einer Dreieinigkeit fast eher eine Erfahrung als ein Symbol genannt werden könnte. Dass alle menschliche Erkenntnis auf drei Grundformen beruhe Zeit, Raum, Ursächlichkeit hatten schon die Verfasser der Upanishaden ausgesprochen, zugleich, dass daraus nicht eine Dreiheit, sondern (um mit Kant zu sprechen) eine » Einheit der Apperception « erfolge; der Raum sowie die Zeit sind unteilbare Einheiten, besitzen jedoch drei Dimensionen. Kurz, die Dreifaltigkeit als Einheit umringt uns auf allen Seiten als ein Urphänomen der Er - fahrung und spiegelt sich bis ins Einzelne wieder. So hat z. B. die neueste Wissenschaft bewiesen, dass ausnahmslos jedes Element drei555Religion. aber auch nur drei Gestalten annehmen kann: die feste, die flüssige, die luftartige; womit nur weiter ausgeführt wird, was das Volk längst wusste, dass unser Planet aus Erde, Wasser und Luft be - steht. Wie Homer sich ausdrückt:

Dreifach teilte sich Alles.

Geht man derartigen Vorstellungen mit Absichtlichkeit nach, so artet dies bald (wie bei Hegel) in willkürliche Spielerei aus;1)So z. B. die angeblich notwendige Progression der These, Antithese und Synthese, oder wiederum das Ansichsein des Absoluten als Vater, das Anderssein als Sohn, die Rückkehr zu sich als Geist. durchaus keine Spielerei ist dagegen die unwillkürliche, intuitive Ausgestaltung einer allgemeinen, doch nicht analytisch zergliederten (zugleich physischen und metaphysischen) kosmischen Erfahrung zu einem Mythus. Und aus diesem Beispiel ergiebt sich die tröstliche Gewissheit, dass auch im christlichen Dogma der indoeuropäische Geist seinem eigenen Wesen nicht ganz untreu geworden ist, sondern seine Mythen-schaffende Religion noch immer Natursymbolik blieb, wie das bei den Indoeraniern und bei den Slavokeltogermanen von jeher der Fall war. Nur ist freilich hier die Symbolik eine äusserst subtile, weil eben die philo - sophische Abstraktion in den ersten christlichen Jahrhunderten blühte, wogegen die künstlerische Schöpferkraft darniederlag. 2)Siehe den ganzen Schluss des ersten Kapitels.Auch das muss betont werden, dass der Mythus von der grossen Masse der Christen nicht als Symbol empfunden wurde; doch das galt bei den Indern und Germanen mit ihren Licht -, Luft - und Wassergöttern eben - falls; er ist auch nicht bloss Symbol, sondern die gesamte Natur ver - bürgt uns die innere, transscendente Wahrheit eines derartigen Dogmas und sichert seine Fähigkeit zu lebensvoller Weiterentwickelung. 3)Den ägyptischen Triaden hat man wohl früher einen grösseren Einfluss auf die christliche Dogmenbildung zugesprochen, als ihnen wirklich zukommt. Zwar scheint die Vorstellung des Gott-Sohnes in seinem Verhältnis zum Gott-Vater, der Sohn » nicht gemacht, nicht erschaffen, sondern erzeugt « (buchstäblich wie im Atha - nasischen Glaubensbekenntnis), spezifisch ägyptisch; wir finden sie in allen verschie - denen Göttersystemen der Ägypter wieder; doch ist die dritte Person die Göttin. (Man vergl. Maspero: Histoire ancienne des peuples de l’Orient classique, 1895, I, 151 und Budge: The Book of the Dead, p. XCVI.)

Solcher äusseren oder, wenn man will, kosmischen Mythologie enthält nun das christliche Dogmengebäude eine grosse Menge.

Zunächst so ziemlich Alles, was als Gotteslehre die Vorstellung der Dreieinigkeit ergänzt: das Fleischwerden des Logos, der Paraklet u. s. w. 556Der Kampf.Namentlich ist der Mythus von der Menschwerdung Gottes altindisches Stammgut. Er liegt in dem Einheitsgedanken des allerersten Buches des Rigveda eingeschlossen, tritt uns philosophisch umgestaltet in der Lehre von der Identität des Âtman mit dem Brahman entgegen, und wurde vollendet anschaulich in der Gestalt des Gottmenschen Krishna, zu deren Erklärung der Dichter des Bhagavadgîtâ Gott sprechen lässt: » Immer wieder und immer wieder, wenn Erschlaffung der Tugend eintritt und das Unrecht emporkommt, dann erzeuge ich mich selbst (in Menschengestalt). Zum Schutze der Guten, den Bösen zum Ver - derben, um Tugend zu festigen werde ich auf Erden geboren. « 1)Bhagavadgîtâ, Buch IV, § 7 und 8.Die dogmatische Auffassung des Wesens Buddha’s ist nur eine Modifikation dieses Mythus. Auch die Vorstellung, dass der menschgewordene Gott nur aus dem Leibe einer Jungfrau geboren werden konnte, ist ein alter mythischer Zug und gehört entschieden zu der Klasse der Natursymbole. Jene vielverspotteten Scholastiker, welche nicht allein Himmel und Hölle, sondern auch die Dreieinigkeit, die Menschwerdung, die Partheno - genese u. s. w. in Homer angedeutet und bei Aristoteles ausgesprochen finden wollten, hatten gar nicht Unrecht. Der Altar und die Auf - fassung des heiligen Mahles weisen ebenfalls bei den frühesten Christen eher auf die gemeinsamen arischen Vorstellungen eines symbolischen Naturkultes als auf das jüdische Sühnopfer für den erzürnten Gott (worüber Näheres gegen Schluss des Kapitels). Kurz, kein einziger Zug der christlichen Mythologie kann auf Originalität Anspruch erheben. Freilich erhielten alle diese Vorstellungen im christlichen Lehrgebäude eine weit abweichende Bedeutung nicht aber weil der mythische Hintergrund ein wesentlich verschiedener gewesen wäre, sondern erstens, weil nunmehr im Vordergrund die historische Persönlichkeit Jesu Christi stand, zweitens, weil Metaphysik und Mythus der Indoeuropäer, von den Menschen aus dem Völkerchaos bearbeitet, meistens bis zur Un - kenntlichkeit entstellt wurden. Man hat in unserem Jahrhundert die Erscheinung Christi als Mythus wegerklären wollen;2)Siehe S. 194. die Wahrheit liegt im genauen Gegenteil: Christus ist das einzige nicht Mythische im Christentum; durch Jesus Christus, durch die kosmische Grösse dieser Erscheinung (dazu der historisch-materialisierende Einfluss des jüdischen Denkens) ist gleichsam Mythus Geschichte geworden.

Entstellung der Mythen.
27

Ehe ich nun zur » inneren « Mythenbildung übergehe, muss ich kurz jener fremden umgestaltenden Einflüsse auf das sichtbare Religions -557Religion.gebäude gedenken, durch welche die uns eigenen, angeerbten mythischen Vorstellungen geradezu gefälscht wurden.

Dass z. B. der menschgewordene Gott aus dem Leibe einer Jung - frau geboren werde, war, wie gesagt, eine alte Vorstellung, doch ist der Kultus einer » Mutter Gottes « dem Christentum durch Ägypten vermittelt worden, wo seit etwa drei Jahrhunderten vor Christus das reiche, plastisch-bewegliche, für alles Fremde sehr empfängliche Pan - theon sich dieses Gedankens mit besonderem Eifer angenommen hatte, ihn natürlich, wie alles Ägyptische, zu einem rein empirischen Materialismus umgestaltend. Erst spät gelang es aber dem Isis - kultus, sich den Eintritt in die christliche Religion zu erzwingen. Im Jahre 430 wird die Benennung » Mutter Gottes « von Nestorius als eine gotteslästerliche Neuerung erwähnt; sie war soeben erst in die Kirche eingedrungen! In der mythologischen Dogmengeschichte ist nun nichts so klar nachweisbar wie der unmittelbare, genetische Zusammenhang zwischen der christlichen Anbetung der » Mutter Gottes « und der Anbetung der Isis. In den spätesten Zeiten hatte sich nämlich die Religion des in Ägypten hausenden Völkerchaos immer mehr auf die Anbetung des » Gottessohnes « Horus und seiner Mutter, Isis, beschränkt. Hierüber schreibt der berühmte Ägyptolog Flinders Petrie: » Dieser religiöse Brauch übte auf das werdende Christentum einen mächtigen Einfluss aus. Die Behauptung ist nicht zu gewagt, dass wir ohne die Ägypter in unserer Religion keine Madonna gekannt hätten. Der Kultus der Isis hatte nämlich schon unter den ersten Kaisern eine weite Verbreitung gefunden und war im ganzen römischen Reich so zu sagen Mode geworden; als er dann mit jener anderen grossen religiösen Bewegung verschmolz, so dass hinfürder Mode und tiefe Überzeugung Hand in Hand gehen konnten, war ihm der Sieg gesichert, und seitdem blieb bis auf den heutigen Tag die Göttin Mutter die herrschende Gestalt in der Reli - gion Italiens. « 1)Religion and conscience in ancient Egypt, ed. 1898, p. 46. Alljährlich entdeckt man in den verschiedensten Teilen von Europa neue Beweise von der allgemeinen Verbreitung des Isiskult an allen Orten, bis wohin der Einfluss des römischen Völkerchaos gedrungen war. Der Glaube an die Auferstehung des Leibes und die Mitteilung des unsterblich machenden Stoffes in einem Sakrament waren schon lange vor Christi Geburt Bestandteile dieser Mysterien. Die zahlreichsten Belege findet man im Musée Guimet vereint, da Gallien (nebst Italien) der Hauptsitz des Isiskult warDerselbe Verfasser zeigt dann auch, wie die Ver - ehrung des Horus als eines göttlichen Kindes auf die Vorstellungen558Der Kampt.der römischen Kirche überging, so dass aus dem gedankenschweren, männlich reifen Heilverkünder frühester Darstellungen zuletzt der über - mütige bambino italienischer Bilder wurde. 1)Interessant ist in dieser Beziehung der von demselben Verfasser geführte Nachweis, dass das bekannte, auf alten Monumenten häufige, doch auch heute noch gebräuchliche christliche Monogramm (angeblich khi-rho aus dem griechischen Alphabet) nichts mehr und nichts weniger ist als das in Ägypten übliche Symbol des Gottes Horus! Man sieht, hier arbeitet neben Indoeuropäertum und Judentum auch das Völkerchaos thätig mit an dem Ausbau des christlichen Kirchengebäudes. Ähnliches finden wir bei den Vorstellungen von Himmel und Hölle, von der Auferstehung, von Engeln und Dämonen u. s. w., und zugleich finden wir, dass der mythologische Wert immer mehr abnimmt, bis zuletzt fast blosser Sklavenaberglaube übrig bleibt, der vor den angeblichen Nägeln eines Heiligen fetischartigen Götzendienst verrichtet. Den Unterschied zwischen Aberglaube und Religion habe ich in der zweiten Hälfte des ersten Kapitels zu bestimmen gesucht; zugleich zeigte ich, wie die Wahn - vorstellungen des rohen Volkes im Bunde mit der raffiniertesten Philo - sophie gegen echte Religion erfolgreich anzustürmen begannen, sobald hellenische, poetische Kraft zur Neige ging; das dort Gesagte ist hier anwendbar und braucht nicht wiederholt zu werden (siehe S. 99 bis 106). Schon seit Jahrhunderten vor Christus waren in Griechen - land die sogenannten Mysterien eingeführt, in die man durch Reinigung (Taufe) eingeweiht wurde, um sodann durch den gemein - samen Genuss des göttlichen Fleisches und Blutes (auf griechisch » Mysterion «, auf lateinisch » sacramentum «) Teilhaber des göttlichen Wesens und der Unsterblichkeit zu werden; doch fanden diese Wahn - lehren dort ausschliesslich bei den an Zahl stets zunehmenden » Aus - ländern und Sklaven « Aufnahme, und erregten bei allen echten Hellenen Abscheu und Verachtung. 2)Siehe namentlich die berühmte Rede des Demosthenes De corona, und für eine Zusammenfassung der hierher gehörigen Thatsachen, Jevons: Introduction to the history of religion, 1896, Kap. 23.Je tiefer nun das religiös-schöpferische Be - wusstsein sank, um so kecker erhob dieses Völkerchaos das Haupt. Durch das römische Reich vermittelt, fand eine Amalgamation der ver - schiedensten Superstitionen statt, und als nun Constantius II, am Ende des 4. Jahrhunderts, die christliche Religion zur Staatskirche proklamiert und somit die ganze Schar der innerlich Nicht-Christen in die Gemeinde der Christen hineingezwungen hatte, da stürzten auch die chaotischen559Religion.Vorstellungen des tief entarteten » Heidentums « mit hinein und bildeten fortan wenigstens für die grosse Mehrzahl der Christen einen integrierenden Bestandteil des Dogmas.

Dieser Augenblick bedeutet den Wendepunkt für die Ausbildung der christlichen Religion.

Verzweifelt kämpften edle Christen, namentlich die griechischen Väter, gegen die Verunstaltung ihres reinen einfachen Glaubens, ein Kampf, der nicht seinen wichtigsten, doch seinen heftigsten und be - kanntesten Ausdruck in dem langen Streit um die Bilderverehrung fand. Schon hier ergriff Rom, durch Rasse, Bildung und Tradition dazu veranlasst, die Partei des Völkerchaos. Am Ende des 4. Jahr - hunderts erhebt der grosse Vigilantius, ein Gothe, seine Stimme gegen das pseudo-mythologische Pantheon der Schutzengel und Märtyrer, gegen den Reliquienunfug, gegen das aus dem ägyptischen Serapiskult in das Christentum importierte Mönchswesen;1)Pachomius, der Begründer des eigentlichen Mönchtums, war wie sein Vor - gänger, der Einsiedler Antonius, Ägypter und zwar Oberägypter, und als » national - ägyptischer Serapisdiener « hat er die Praktiken gelernt, die er später fast unverändert ins Christentum übertrug (vergl. Zöckler: Askese und Mönchtum, 2. Aufl. ; S. 193 fg.). doch der in Rom gebildete Hieronymus kämpft ihn nieder und bereichert die Welt und den Kalender durch neue Heilige aus seiner eigenen Phantasie. Die » fromme Lüge « war schon am Werke. 2)Vergl. S. 308. Über die » Rezeption des Heidentums « siehe auch Müller, a. a. O., S. 204 fg.

Soviel nur zur Veranschaulichung der Entstellungen, welche dieInnere Mythologie. äussere Mythengestaltung aus indoeuropäischem Erbe sich hat vom Völkerchaos gefallen lassen müssen. Wenden wir jetzt das Auge auf jene mehr innerliche Mythenbildung, so werden wir hier das indoeuropäische Stammgut in reinerer Gestalt antreffen.

Den Kern der christlichen Religion, den Brennpunkt, auf den alle Strahlen hinstreben, bildet der Gedanke an eine Erlösung des Menschen: dieser Gedanke ist den Juden von jeher und bis auf den heutigen Tag vollkommen fremd; ihrer gesamten Religionsauffassung gegenüber ist er einfach widersinnig;3)Vergl. S. 393 und auch die auf S. 330 citierte Stelle von Prof. Graetz. denn es handelt sich nicht um eine sichtbare, historische Thatsache, sondern um ein unaussprechliches, inneres Erlebnis. Dagegen bildet dieser Gedanke den Mittelpunkt aller indoeranischen Religionsanschauungen; sie alle drehen sich um die Sehnsucht nach Erlösung, um die Hoffnung auf Erlösung; auch560Der Kampf.bei den Hellenen lebt der Gedanke an Erlösung in den Mysterien, ebenso auch als Untergrund zahlreicher Mythen und ist bei Plato sehr deutlich (z. B. im VII. Buch der Republik) zu erkennen, wenn auch, aus dem im ersten Kapitel angegebenen Grunde, die Griechen der Blütezeit die innere, moralische und, wie wir heute sagen würden, pessimistische Seite solcher Mythen wenig hervorkehrten. Der Schwer - punkt lag für sie an anderem Orte:

Nichts sind gegen das Leben die Schätze mir Und doch zugleich mit dieser Hochschätzung des Lebens, als des herr - lichsten aller Güter, das Preislied auf den jung Hinsterbenden:

Schön ist alles im Tode noch, was auch erscheinet. 1)Ilias IX, 401 u. XXII, 73.

Doch wer den tragischen Untergrund der vielgenannten » griechischen Heiterkeit « erblickt, wird geneigt sein, diese » Erlösung in der schönen Erscheinung « als engverwandt mit jenen anderen Vorstellungen der Er - lösung zu erkennen; es ist dasselbe Thema in einem anderen Modus, dur statt moll.

Der Begriff der Erlösung oder sagen wir lieber die mythische Vorstellung2)Dass bei Homer das Wort » Mythos « dem späteren » Logos « entspricht, also gewissermassen jede Rede als Dichtung aufgefasst wird (was sie ja auch offenbar ist), gehört zu jenen Dingen, in denen die Sprache uns die tiefsten Aufschlüsse über unsere eigene Geistesorganisation giebt. der Erlösung umschliesst zwei andere: diejenige einer gegenwärtigen Unvollkommenheit und diejenige einer möglichen Ver - vollkommnung durch irgend einen nicht-empirischen, d. h. also in einem gewissen Sinne übernatürlichen, nämlich transscendenten Vor - gang: die erste wird durch den Mythus der Entartung, die zweite durch den Mythus der von einem höheren Wesen gewährten Gnaden - hilfe versinnbildlicht. Ungemein anschaulich wird der Entartungs - mythus dort, wo er als Sündenfall dargestellt wird, darum ist dies das schönste, unvergänglichste Blatt der christlichen Mythologie; wo - gegen die ergänzende Ahnung der Gnade so sehr ins Metaphysische hinübergreift, dass sie anschaulich kaum mitteilbar gestaltet werden kann. Die Erzählung vom Sündenfall ist eine Fabel, durch welche die Aufmerksamkeit auf eine grosse Grundthatsache des zum Be - wusstsein erwachten Menschenlebens gelenkt wird; sie weckt Er - kenntnis; wogegen die Gnade eine Vorstellung ist, die erst auf eine Erkenntnis folgt und nicht anders als durch eigene Erfahrung er -561Religion.worben werden kann. 1)Zur Etymologie und somit Erläuterung des Wortes Gnade: Grundbe - deutung » neigen, sich neigen «, gothisch » unterstützen «, altsächsisch » Huld, Hilfe «, alt-hochdeutsch » Mitleid, Barmherzigkeit, Herablassung «, mittel-hochdeutsch » Glück - seligkeit, Unterstützung, Huld « (nach Kluge: Etymologisches Wörterbuch).Daher ein grosser und interessanter Unterschied im Ausbau aller echten (mit Ausnahme der semitischen) Religionen je nach der vorwiegenden Begabung der Völker. Dort, wo das Bildende und Bildliche vorwiegt (bei den Eraniern und Europäern, in hohem Masse auch, wie es scheint, bei den Sumero-Akkadiern), tritt die Entartung als » Sündenfall « ungemein plastisch hervor und wird somit zum Mittelpunkt jenes Komplexes innerer Mythenbildung, der um die Vorstellung der Er - lösung sich gruppiert;2)Der Mythus der Entartung bildet bekanntlich einen Grundbestandteil des Vorstellungskreises der uns bis zum Überdruss als » heiter « gepriesenen Griechen. Wäre ich früher gestorben, wo nicht, dann später geboren! Denn jetzt lebt ein eisern Geschlecht: und sie werden bei Tage Nimmer des Elends frei noch des Jammers, aber bei Nacht auch Leiden sie Qual: und der Sorgen Last ist die Gabe der Götter! So ruft der » heitere « Hesiod aus (Werke und Tage, Vers 175 fg.). Und er malt uns ein vergangenes » golden Geschlecht «, dem wir das Wenige verdanken sollen, was unter uns Entarteten noch gut ist, denn als Geister wandeln diese grossen Männer der Vergangenheit noch in unserer Mitte; vergl. S. 113. wogegen dort, wo dies nicht der Fall ist (wie z. B. bei den metaphysisch so hoch beanlagten, als Bildner jedoch mehr phantasiereichen als formgewaltigen arischen Indern) man nirgends den Mythus der Entartung bis zur anschaulichen Deutlichkeit ausgeführt, sondern nur allerhand widersprechende Vorstellungen findet. Andererseits aber ist die Gnade bei uns der schwache Punkt des religiösen Lebens, für die allermeisten Christen ein blosses konfuses Wort die strahlende Sonne indischen Glaubens; sie bildet dort nicht etwa die Hoffnung, sondern das siegreiche Erlebnis der Frommen, und steht dadurch so sehr im Vordergrund alles religiösen Denkens und Fühlens, dass die Er - örterungen der indischen Weisen über die Gnade (namentlich auch in ihrem Verhältnis zu den guten Werken) die heftigsten Diskussionen, welche die christliche Kirche vom Beginn an bis zum heutigen Tage entzweit haben, im Vergleich fast kindisch und zuallermeist gänzlich verständnislos erscheinen lassen, wenn man einige wenige Männer einen Apostel Paulus, einen Martin Luther ausnimmt. Wer etwa bezweifeln wollte, dass es sich hier um die mythische Gestaltung unaus - sprechlicher innerer Erfahrungen handle, den würde ich, bezüglich derChamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 36562Der Kampf.Gnade, auf das Gespräch Christi mit Nikodemus verweisen, in welchem das Wort » Wiedergeburt « ebenso sinnlos wäre, wie in der Genesis die Erzählung von der Entartung der ersten Menschen durch den Genuss eines Apfels, handelte es sich nicht dort wie hier lediglich um die Sichtbarmachung eines zwar durchaus wirklichen, gegenwärtigen, doch unsichtbaren und darum dem Verstande zunächst unfassbaren Vor - ganges. Und bezüglich des Sündenfalles verweise ich ihn auf Luther, welcher schreibt: » Die Erbsünde ist der Fall der ganzen Natur «; und an anderer Stelle: » Es ist ja die Erde unschuldig und trüge viel lieber das Beste; sie wird aber verhindert durch den Fluch, so über den Menschen um der Sünde willen gegangen ist. « Hier wird ja, wie man sieht, Wesensverwandtschaft zwischen dem Menschen in seinem innersten Thun und der ganzen umgebenden Natur postuliert: das ist indoeuropäische mythische Religion in ihrer vollen Entfaltung (siehe S. 221 u. 392), welche nebenbei gesagt sobald sie in der Vorstellungsweise der Vernunft sich kundthut (wie z. B. bei Schopen - hauer), indoeuropäische metaphysische Erkenntnis bildet. 1)Luther’s Gedanken findet man in ziemlich undeutlicher Vorahnung im 5. Kap. der Epistel an die Römer, ganz ausführlich dagegen in den Schriften des von ihm so besonders verehrten Scotus Erigena (siehe De div. Nat., Buch 5, Kap. 36).

Durch diese Überlegung gewinnt man die tiefe und sehr wichtige Einsicht, dass unsere indoeuropäische Auffassung von » Sünde « überhaupt mythisch ist, d. h. in ein Jenseits übergreift! Wie ganz und gar die jüdische Auffassung abweicht, so dass dasselbe Wort bei ihnen einen durchaus anderen Begriff bezeichnet, habe ich schon früher hervor - gehoben (siehe S. 373); ich habe auch verschiedene moderne jüdische Religionslehren durchgenommen, ohne an irgend einer Stelle eine Er - örterung des Begriffes » Sünde « zu finden: wer das » Gesetz « nicht ver - letzt, ist gerecht; dagegen wird von den jüdischen Theologen das aus dem Alten Testament von den Christen entnommene Dogma von der Erbsünde ausdrücklich und zwar mit äusserster Energie zurück - gewiesen. 2)Man schlage als Beispiel Philippson’s Israelitische Religionslehre auf, II, 89.Sinnen wir nun über diese durch ihre Geschichte und Religion durchaus gerechtfertigte Position der Juden nach, so werden wir bald zu der Überzeugung kommen, dass auf unserem abweichenden Standpunkt Sünde und Erbsünde synonyme Ausdrücke sind. Es handelt sich um einen unentrinnbaren Zustand alles Lebens. Unsere Vorstellung der Sündhaftigkeit ist der erste Schritt auf dem Wege zu der Erkenntnis eines transscendenten Zusammenhanges der Dinge; sie bezeugt die be -563Religion.ginnende unmittelbare Erfahrung dieses Zusammenhanges, die in den Worten Christi: das Himmelreich ist inwendig in euch (siehe S. 199) ihre Vollendung erfuhr. Definiert Augustinus: » Peccatum est dictum, factum vel concupitum contra legem aeternam «,1)Sünde ist eine Verletzung des ewigen Gesetzes durch Wort, That oder Begierde. so ist das nur eine ober - flächliche Erweiterung jüdischer Vorstellungen, wogegen Paulus der Sache auf den Grund ging, indem er die Sünde selbst ein » Gesetz « nannte, ein Gesetz des Fleisches, oder, wie wir heute sagen würden, ein empirisches Naturgesetz, und indem er in einer berühmten, für dunkel gehaltenen und vielfach kommentierten, doch in Wirklichkeit durchaus klaren Stelle (Römer VIII) darthut, das kirchliche Gesetz, jene angebliche lex aeterna des Augustinus, habe über die Sünde, die eine Thatsache der Natur sei, nicht die geringste Macht, vielmehr könne hier einzig Gnade helfen. 2)Man vergl. namentlich Pfleiderer: Der Paulinismus, II. Aufl., S. 50 fg. Diese rein wissenschaftlich-theologische Darstellung weicht von der meinigen natürlich ab, bestätigt sie aber dennoch, namentlich durch den Nachweis (S. 59), dass Paulus das Vorhandensein eines Sündentriebes vor dem Falle annahm, was offenbar nichts anderes bedeuten kann, als ein Hinausrücken des Mythus über willkürliche historische Grenzen; dann auch durch die klare Beweisführung, dass Paulus entgegen der augustinischen Dogmatik die gemeinsame und immer gleiche Quelle alles sündigen Wesens im Fleisch erkannte (S. 60).Die genaue Wiedergabe des altindischen Gedankens! Schon der Vedische Sänger » forscht begierig nach seiner Sünde « und findet sie nicht in seinem Willen, sondern in seinem Zustande, der ihm sogar im Traume Unrechtes vorspiegelt, und zuletzt wendet er sich an den Gott, der die Einfältigen erleuchtet, » den Gott der Gnade «. 3)Rigveda VII, 86.Und in gleicher Weise wie später Origenes, Erigena und Luther, fasst die Çârîraka-Mîmânsâ alle lebenden Wesen als » der Erlösung bedürftig, doch einzig die Menschen ihrer fähig « auf. 4)Çankara: Die Sûtra’s des Vedânta, I, 3, 25.Erst aus dieser Auffassung der Sünde als eines Zu - standes, nicht als der Übertretung eines Gesetzes, ergiebt sich die Vorstellung der Erlösungsbedürftigkeit, sowie diejenige der Gnade. Es handelt sich hier um die innerlichsten Erfahrungen der individuellen Seele, welche, so weit es geht, durch mythische Bilder sichtbar und mitteilbar gestaltet werden.

Wie unvermeidlich der Kampf auf diesem ganzen Gebiete derDer Kampf um die Mythologie. Mythenbildung war, erhellt aus der einfachen Überlegung, dass der - artige Vorstellungen der jüdischen Auffassung von Religion direkt wider -36*564Der Kampf.sprechen. Wo findet man in den heiligen Büchern der Hebräer eine noch so leise Andeutung der Vorstellung eines dreieinigen Gottes? Nirgends. Man beachte auch, mit welchem genialen Instinkte die ersten Träger des christlichen Gedankens dafür sorgen, dass der » Er - löser « in keinerlei Weise dem jüdischen Volke einverleibt werden könne: dem Hause David’s war von den Priestern ewige Dauer ver - heissen worden (II Samuel XXIII, 5), daher die Erwartung eines Königs aus diesem Stamme; Christus aber stammt nicht aus dem Hause David;1)Man sehe die fingierten Genealogien in Matthäus I und Lucas II, welche beide auf Joseph nicht etwa auf Maria führen. er ist auch nicht ein Sohn Jahve’s, des Gottes der Juden, sondern er ist der Sohn des kosmischen Gottes, jenes allen Ariern unter ver - schiedenen Namen geläufigen » heiligen Geistes « des » Odems Odem «, wie ihn die Brihadâranyaka benennt, oder, um mit den griechischen Vätern der christlichen Kirche zu reden, des poietes und plaster der Welt, des » Urhebers des erhabenen Kunstwerks der Schöpfung «. 2)Siehe Hergenröther: Photius III, 428.Der Gedanke an eine Erlösung des Menschen ist den Juden von jeher und bis auf den heutigen Tag ebenfalls vollkommen fremd, und mit ihm zugleich (notwendigerweise) die Vorstellungen von Entartung und Gnade. Den treffendsten Beleg liefert die Thatsache, dass, obwohl die Juden den Mythus des Sündenfalls am Anfang ihrer heiligen Bücher selber erzählen, sie niemals von Erbsünde etwas gewusst haben! Ich habe schon früher Gelegenheit gehabt, hierauf hinzuweisen, und wir wissen ja, dass Alles, was die Bibel an Mythen enthält, ohne Ausnahme Lehngut ist, von den Verfassern des Alten Testamentes aus mytho - logischer Vieldeutigkeit zu der engen Bedeutung einer historischen Chronik zusammengepresst. 3)Siehe S. 235 u. 397 u. 410.Darum entwickelte sich aber auch um diesen Mythenkreis der Erlösung ein Streit innerhalb der christlichen Kirche, der in den ersten Jahrhunderten wild tobte und einen Kampf auf Leben und Tod der Religion bedeutete, der aber noch heute nicht geschlichtet ist und nie geschlichtet werden kann nie, so lange zwei sich widersprechende Weltanschauungen durch hartnäckiges Un - verständnis gezwungen werden, nebeneinander als eine und dieselbe Religion zu bestehen. Der Jude, wie Professor Darmesteter uns ver - sicherte (S. 399), » hat sich niemals über die Geschichte von dem Apfel und der Schlange den Kopf zerbrochen «; für sein phantasieloses Hirn565Religion.hatte sie keinen Sinn;1)Prof. Graetz a. a. O. I, 650 hält die Lehre von der Erbsünde für eine » neue Lehre «, von Paulus erfunden!! dem Griechen dagegen, und später dem Ger - manen, war sie sofort als Ausgangspunkt der ganzen im Buche Genesis niedergelegten moralischen Mythologie des Menschenwesens aufge - gangen. Darum konnten diese nicht umhin, » sich den Kopf darüber zu zerbrechen «. Verwarfen sie gleich den Juden den Sündenfall ganz und gar, so vernichteten sie zugleich den Glauben an die göttliche Gnade, und damit schwand die Vorstellung der Erlösung, kurz, Religion in unserem indoeuropäischen Sinne war vernichtet und es blieb lediglich jüdischer Rationalismus übrig ohne die Kraft und das ideale Element jüdischer Nationaltradition und Blutsgemeinschaft. Das ist es, was Augustinus deutlich erkannte. Andererseits aber: fasste man diese uralte sumero-akkadische Fabel, welche, wie ich vorhin sagte, Erkenntnis wecken sollte, als die Erkenntnis selber auf, glaubte man sie in jener jüdischen Weise deuten zu müssen, welche alles Mythische als historische, materiell richtige Chronik auffasst, so folgte daraus eine ungeheuerliche und empörende Lehre, oder, wie der Bischof Julianus von Eclanum (Anfang des 5. Jahrhunderts) sich ausdrückt: » ein dummes und gott - loses Dogma «. Diese Einsicht war es, welche den frommen Britten Pelagius und vor ihm, wie es scheint, fast das gesamte hellenische Christentum bestimmte. Ich habe verschiedene Dogmen - und Kirchengeschichten studiert, ohne die von mir hier dargelegte so ein - fache Ursache des unvermeidlichen pelagianischen Streites irgendwo auch nur angedeutet zu sehen. Von Augustin’s Gnaden - und Sünden - lehre meint z. B. Harnack in seiner Dogmengeschichte: » Als Ausdruck psychologisch-religiöser Erfahrung ist sie wahr; aber projiziert in die Geschichte ist sie falsch «, und etwas weiter: » der Bibelbuchstabe wirkte trübend ein «; hier streift er zweimal die Erklärung, doch ohne sie zu erblicken, und so bleibt denn auch die ganze weitere Darlegung eine abstrakt-theologische, aus welcher sich keine klare Vorstellung ergiebt. Denn, wie man sieht, es handelt sich hier (wenn ich mich einer popu - lären Redensart bedienen darf) um eine Zwickmühle. Indem Pelagius die grob-materialistische, konkret-historische Auffassung von Adam’s Fall mit Empörung verwirft, beweist er sein tief religiöses Empfinden und bewährt es in glücklicher Erhebung gegen platten Semitismus, zu - gleich indem er z. B. den Tod als ein allgemeines, notwendiges Naturphänomen nachweist, welches mit Sünde nichts zu schaffen566Der Kampf.habe ficht er für Wahrheit gegen Aberglauben, für Wissenschaft gegen Obskurantismus. Andererseits aber ist ihm (und seinen Ge - sinnungsgenossen) durch Aristotelismus und Hebraismus so sehr der Sinn für Poesie und Mythus abhanden gekommen, dass er selber (wie so mancher Antisemit des heutigen Tages) ein halber Jude geworden ist und das Kind mit dem Bade ausschüttet: er will von Sündenfall überhaupt nichts wissen; das alte, heilige, den Weg zur tiefsten Er - kenntnis des menschlichen Wesens weisende Bild verwirft er ganz und gar; dadurch schrumpft aber auch die Gnade zu einem nichts - sagenden Wort zusammen, und die Erlösung bleibt als ein so schatten - haftes Gedankending zurück, dass ein Anhänger des Pelagius von einer » Emanzipation des Menschen von Gott durch den freien Willen « reden durfte. Auf diesem Wege wäre man gleich wieder bei platt rationa - listischer Philosophie und beim Stoicismus angelangt, mit dem nie fehlenden Komplement krass-sinnlichen Mysteriendienstes und Aber - glaubens, eine Bewegung, die wir in den ethischen und theosophischen Gesellschaften unseres Jahrhunderts beobachten können. Kein Zweifel also, dass Augustinus in jenem berühmten Kampf, in dem er anfangs den grössten und begabtesten Teil des Episkopats, mehr als einmal auch den Papst, gegen sich hatte, die Religion als solche rettete; denn er verteidigte den Mythus. Doch wie allein ward ihm das möglich? Nur dadurch, dass er das enge Nessusgewand angelernter jüdischer Beschränktheit über die herrlichen Schöpfungen ahnungsvoller, intuitiver, himmelwärts strebender Weisheit warf und sumero-akkadische Gleichnisse zu christlichen Dogmen umgestaltete, an deren historische Wahrheit fortan Jeder bei Todesstrafe glauben musste. 1)Schwer genug mag dies Augustinus gefallen sein, der doch selber früher im 27. Kap. des fünfzehnten Buches seines De civitate Dei sich dagegen erhoben hatte, dass man das Buch der Genesis » als eine geschichtliche Wahrheit ohne alle Allegorie zu deuten versuche «.

Ich schreibe keine Geschichte der Theologie und kann diese Streit - frage nicht näher untersuchen und weiter verfolgen, doch hoffe ich durch diese fragmentarischen Andeutungen den unausbleiblichen Kampf über den Sündenfall veranschaulicht und in seinem Wesen charakterisiert zu haben. Jeder Gebildete weiss, dass der pelagianische Streit noch heute fort - dauert. Indem die katholische Kirche die Bedeutung der Werke, dem Glauben gegenüber, betonte, konnte sie nicht umhin, die Bedeutung der Gnade ein wenig herabzusetzen; keine Sophistereien vermögen es, diese Thatsache zu beseitigen, welche dann, weitergespiegelt, auf567Religion.Handeln und Denken von Millionen von Einfluss gewesen ist. Sünden - fall und Gnade sind aber so eng zusammengehörige Teile eines einzigen Organismus, dass die leiseste Berührung des einen auf den anderen wirkt und so wurde denn auch nach und nach die wahre Bedeutung des Mythus vom Sündenfall derartig abgeschwächt, dass man heute allgemein die Jesuiten als Semipelagianer bezeichnet, und dass sogar sie selber ihre Lehre eine scientia media nennen. 1)Nur einen einzigen, mässig und sicher urteilenden Zeugen will ich an - rufen, Sainte-Beuve. Er schreibt (Port-Royal, Buch 4, Kap. 1): » Les Jésuites n’attes - tent pas moins par leur méthode d’éducation qu’ils sont sémi-pélagiens tendant au Péla - gianisme pur, que par leur doctrine directe «.Sobald der Mythus angetastet wird, gerät man ins Judentum.

Dass von Anfang an der Kampf noch heftiger um die Vor - stellung der Gnade entbrennen musste, ist klar; denn der Sündenfall fand sich wenigstens, wenn auch nur als unverstandener Mythus, in den heiligen Büchern der Israeliten vor, wogegen die Gnade nirgends darin zu finden ist und für ihre Religionsauffassung gänzlich sinnlos ist und bleibt. Gleich unter den Aposteln loderte der Streit auf, und auch er ist noch heute nicht geschlichtet. Gesetz oder Gnade: beides zugleich konnte ebensowenig bestehen, wie der Mensch zur selben Zeit Gott und dem Mammon dienen kann. » Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn so durch das Gesetz die Gerechtigkeit kommt, so ist Christus vergeblich gestorben « (Paulus an die Galater II, 21). Eine einzige solche Stelle entscheidet; das Ausspielen anderer, angeblich » kanonischer « Aussprüche gegen sie (z. B. der Epistel Fakobi II, 14, 24) ist kindisch; handelt es sich doch nicht um theologische Wortklauberei, sondern um eine der grossen Erfahrungsthatsachen des inneren Lebens bei uns Indo - europäern. » Nur wen die Erlösung wählt, nur von dem wird sie em - pfangen «, heisst es in der Kâtha-Upanishad. Und welche Gabe ist es, welche uns dieser metaphysische Mythus durch Gnade empfangen lässt? Nach den Indoeraniern die Erkenntnis, nach den europäischen Christen der Glaube: beides eine Wiedergeburt verbürgend, d. h. den Menschen zu dem Bewusstsein eines andersgearteten Zuhammenhanges der Dinge erweckend. 2)Vergl. S. 204 und 413 und den Abschnitt » Weltanschauung « im neunten Kapitel.Ich führe wieder jene Worte Christi an, denn es kann nie zu häufig geschehen: » Das Himmelreich ist inwendig in euch «. Dies ist eine Erkenntnis oder ein Glaube, gewonnen durch göttliche Gnade. Erlösung durch Erkenntnis, Erlösung durch Glauben: zwei568Der Kampf.Auffassungen, die nicht soweit voneinander abweichen, wie man wohl gemeint hat; der Inder (sogar auch Buddha) legte den Nachdruck auf den Intellekt, der Graecogermane, belehrt durch Jesus Christus, auf den Willen: zwei Deutungen desselben inneren Erlebnisses. Doch ist die zweite insofern von grösserer Tragweite, als die Erlösung durch Erkenntnis, wie Indien zeigt, im letzten Grunde eine Verneinung pure et simple bedeutet, somit kein positives, schaffendes Prinzip mehr ab - giebt, indes die Erlösung durch den Glauben das menschliche Wesen in seinen dunkelsten Wurzeln erfasst und ihm eine bestimmte Richtung, eine kräftige Bejahung abtrotzt:

Ein feste Burg ist unser Gott!

Der jüdischen Religion sind beide Auffassungen gleich fremd.

Jüdische Weltchronik.
50

Soviel zur Orientierung und Verständigung über jene mytho - logischen Bestandteile der christlichen Religion, welche sicherlich nicht vom Judentum entlehnt waren. Wie man sieht, ist der Bau ein wesentlich indoeuropäischer, kein bloss der jüdischen Religion zu Ehren erbauter Tempel. Dieser Bau ruht auf Pfeilern und diese Pfeiler wieder auf Fundamenten, die alle nicht jüdisch sind. Jetzt aber er - übrigt es, die Bedeutung des vom Judentum empfangenen Impulses zu würdigen, wodurch zugleich die Natur des Kampfes innerhalb der christlichen Religion immer deutlicher hervortreten wird.

Nichts wäre falscher, als wenn man die jüdische Mitwirkung bei der Erschaffung des christlichen Religionsgebäudes lediglich als eine negative, zerstörende, verderbende betrachten wollte. Es genügt, sich auf den semitischen Standpunkt zu stellen (mit Zuhilfenahme jeder beliebigen jüdischen Religionslehre vermag man das leicht), um die Sache genau umgekehrt zu erblicken: das helleno-arische Ele - ment als das auflösende, vernichtende, religionsfeindliche, wie wir das schon vorhin bei Pelagius beobachteten. Aber auch ohne die uns natürliche Auffassung zu verlassen, genügt ein vorurteilsfreier Blick, um den jüdischen Beitrag als sehr bedeutend und zum grossen Teil als unentbehrlich zu erkennen. Denn in dieser Ehe war der jüdische Geist das männliche Prinzip, das Zeugende, der Wille. Nichts be - rechtigt zu der Annahme, dass aus hellenischer Spekulation, aus ägyp - tischer Askese und aus internationaler Mystik ohne die Glut jüdischen Glaubenswillens der Welt ein neues Religionsideal und damit zugleich neue Lebenskraft geschenkt worden wäre. Nicht die römischen Stoiker mit ihrer edlen, aber kalten, impotenten Morallehre, nicht die ziel -569Religion.lose, mystische Selbstvernichtung der aus Indien nach Kleinasien im - portierten Theologie, auch nicht die umgekehrte Lösung der Aufgabe, wie wir sie bei dem jüdischen Neoplatoniker Philo finden, wo der israeli - tische Glaube mystisch-symbolisch aufgefasst wird, und das hellenische Denken, greisenhaft verunstaltet, diese sonderbar aufgeputzte jüngste Tochter Israel’s umarmen muss (etwa wie David die Abisag) dies Alles hätte nicht zum Ziele geführt, das liegt ja deutlich vor Augen. Wie könnte man es sonst erklären, dass gerade um die Zeit, als Christus geboren wurde, das Judentum selber, so abschliessend seinem Wesen nach, so abstossend gegen alles Fremde, so streng und freude - los und schönheitsbar, einen wahren Triumphzug der Propaganda be - gonnen hatte? Die jüdische Religion ist aller Bekehrung abhold, doch die Anderen, von Sehnsucht nach Glauben getrieben, traten in Scharen zu ihr über. Und zwar trotzdem der Jude verhasst war. Man redet vom heutigen Antisemitismus; Renan versichert uns, diese Bewegung des Abscheues gegen jüdisches Wesen habe in dem Jahrhundert vor Christi Geburt viel heftiger gewütet. 1)Histoire du peuple d’Israël V, 227.Was bildet denn die geheime Anziehungskraft des Judentums? Sein Wille. Der Wille, der, im re - ligiösen Gebiete schaltend, unbedingten, blinden Glauben erzeugt. Dichtkunst, Philosophie, Wissenschaft, Mystik, Mythologie sie alle schweifen weit ab und legen insofern den Willen lahm; sie zeugen von einer weltentrückten, spekulativen, idealen Gesinnung, die bei allen Edleren jene stolze Geringschätzung des Lebens hervor - ruft, welche dem indischen Weisen ermöglicht, sich lebend in sein eigenes Grab zu legen, welche die unnachahmliche Grösse von Homer’s Achilleus ausmacht, welche den deutschen Siegfried zu einem Typus der Furchtlosigkeit stempelt, und welche in unserem Jahrhundert monumentalen Ausdruck sich schuf in Schopenhauer’s Lehre von der Verneinung des Willens zum Leben. Der Wille ist hier gewisser - massen nach innen gerichtet. Ganz anders beim Juden. Sein Wille streckte sich zu allen Zeiten nach aussen; es war der unbedingte Wille zum Leben. Dieser Wille zum Leben war das erste, was das Judentum dem Christentum schenkte: daher jener Widerspruch, der noch heute so Manchem als unlösbares Rätsel auffällt, zwischen einer Lehre der inneren Umkehr, der Duldung und der Barmherzigkeit und einer Religion ausschliesslicher Selbstbehauptung und fanatischer Un - duldsamkeit.

570Der Kampf.

Zunächst dieser allgemeinen Willensrichtung und mit ihr un - trennbar vereint ist dann die jüdische rein historische Auffassung des Glaubens zu nennen. Über das Verhältnis zwischen dem jüdischen Willensglauben und der Lehre Christi habe ich ausführlich im dritten Kapitel gesprochen, über sein Verhältnis zur Religion überhaupt im fünften; beide Stellen setze ich als bekannt voraus. 1)Siehe S. 241 fg. und 394 fg.Hier möchte ich nur darauf aufmerksam machen, welchen ausschlaggebenden Ein - fluss jüdischer Glaube als materielle, unerschütterliche Überzeugung bestimmter historischer Begebnisse gerade in jenem Augenblick der Geschichte, da das Christentum entstand, ausüben musste. Hatch schreibt hierüber: » Den jungen christlichen Gemeinden kam vor allem die Reaktion gegen reine philosophische Spekulation zu Gute, die Sehn - sucht nach Gewissheit. Die grosse Mehrzahl der Menschen war der Theorien überdrüssig; sie forderten Gewissheit; diese versprach ihnen die Lehre der christlichen Sendboten. Diese Lehre berief sich auf bestimmte historische Ereignisse und auf deren Augenzeugen. Die einfache Überlieferung von Christi Leben, Tod und Auferstehung be - friedigte das Bedürfnis der damaligen Menschheit «. 2)Influence of Greek ideas and usages upon the Christian Church, 6. Ausg. S. 312.Das war ein Anfang. Zunächst richtete sich das Augenmerk einzig und allein auf Jesus Christus; die heiligen Schriften der Juden galten als sehr ver - dächtige Dokumente; Luther berichtet empört über das geringe An - sehen, dessen das Alte Testament bei Männern wie Origenes und selbst noch (so versichert er) bei Hieronymus genossen habe; die meisten Gnostiker verwarfen es ganz und gar, Marcion betrachtete es geradezu als ein Werk des Teufels! Doch sobald eine schmale Schneide jüdischer historischer Religion Eingang in die Vorstellungen gefunden hatte, konnte es nicht fehlen, dass der ganze Keil nach und nach eingetrieben wurde. Man meint, die sogenannten Judenchristen hätten eine Niederlage er - litten, mit Paulus hätten die Heidenchristen den Sieg davongetragen? Das ist nur sehr bedingt und fragmentarisch wahr. Äusserlich, ja, ging das jüdische Gesetz mit seinem » Bundeszeichen « völlig in die Brüche, äusserlich drang zugleich der Indoeuropäer mit seiner Trinität und sonstigen Mythologie und Metaphysik durch, doch innerlich bildete sich im Laufe der ersten Jahrhunderte immer mehr zum eigentlichen Rückgrat der christlichen Religion die jüdische Geschichte aus jene von fanatischen Priestern nach gewissen hieratischen Theorien und571Religion.Plänen umgearbeitete, genial doch willkürlich ergänzte und konstruierte, historisch durch und durch unwahre Geschichte. 1)Siehe S. 425 und 431.Die Erscheinung Jesu Christi, über welche sie wahrhaftige Zeugnisse vernommen hatten, war jenen armen Menschen aus dem Völkerchaos wie eine Leuchte in dunkler Nacht aufgegangen; sie war eine geschichtliche Erscheinung. Zwar stellten erhabene Geister diese historische Persönlichkeit in einem sym - bolischen Tempel auf; doch was sollte das Volk mit Logos und Demiurgos und Emanationen des göttlichen Prinzips u. s. w.? Sein gesunder In - stinkt trieb es dort anzuknüpfen, wo es einen festen Halt fand, und das war in der jüdischen Geschichte. Der Messiasgedanke trotzdem er im Judentum lange nicht die Rolle spielte, die wir Christen uns einbilden2)Siehe S. 238, Anm. lieferte das verbindende Glied in der Kette, und nun - mehr besass die Menschheit nicht allein den Lehrer erhabenster Religion, nicht allein das göttliche Bild des Gekreuzigten, sondern den gesamten Weltenplan des Schöpfers von dem Augenblick an, wo er Himmel und Erde schuf bis zu dem Augenblick, wo er Gericht halten wird, » was in der Kürze geschehen soll. « Die Sehnsucht nach materieller Gewissheit, welche uns als das Charakteristicum jener Epoche geschildert wird, hatte, wie man sieht, nicht eher geruht, als bis jede Spur von Ungewissheit vertilgt worden war. Das bedeutet einen Triumph jüdischer, und im letzten Grunde überhaupt semitischer Weltanschauung und Religion.

Hiermit hängt nun die Einführung der religiösen Intoleranz zu - sammen. Dem Semiten ist die Intoleranz natürlich, in ihm drückt sich ein wesentlicher Zug seines Charakters aus. Dem Juden speciell war der unwankende Glaube an die Geschichte und an die Bestimmung seines Volkes eine Lebensfrage; dieser Glaube war seine einzige Waffe in dem Kampf um das Leben seiner Nation, in ihm hatte seine besondere Begabung bleibenden Ausdruck gefunden, kurz, bei ihm handelte es sich um ein von innen heraus Gewachsenes, um ein durch Geschichte und Charakter des Volkes Gegebenes. Selbst die stark hervortretenden negativen Eigenschaften der Juden, z. B. die bei ihnen seit den ältesten Zeiten bis zum heutigen Tage weitverbreitete Indifferenz und Ungläubig - keit hatten zur Verschärfung des Glaubenszwanges das ihrige bei - getragen. Nun trat aber dieser mächtige Impuls in eine gänzlich andere Welt. Hier gab es kein Volk, keine Nation, keine Tradition;572Der Kampf.es fehlte ganz und gar jenes moralische Moment einer furchtbaren nationalen Prüfung, welches dem harten, beschränkten jüdischen Gesetz die Weihe verleiht. Die Einführung des Glaubenszwanges in das Völker - chaos (und sodann unter die Germanen) bedeutete also gewissermassen eine Wirkung ohne Ursache, mit anderen Worten die Herrschaft der Willkür. Was dort bei den Juden ein objektives Ergebnis gewesen war, wurde hier ein subjektiver Befehl. Was dort sich nur auf einem sehr beschränkten Gebiet bewegt hatte, auf dem Gebiete nationaler Tradition und national-religiösen Gesetzes, schaltete hier völlig schranken - los. Der arische Drang, Dogmen aufzustellen (siehe S. 406) ging eine verhängnisvolle Ehe ein mit der historischen Beschränktheit und der prinzipiellen Unduldsamkeit des Juden. Daher der wildbrausende Kampf um den Besitz der Macht, Dogmen zu verkünden, der die ersten Jahr - hunderte unserer Zeitrechnung ausfüllt. Milde Männer wie Irenäus blieben fast einflusslos; je intoleranter, desto gewaltiger war der christ - liche Bischof. Diese christliche Intoleranz unterscheidet sich aber ebenso von jüdischer Intoleranz wie das christliche Dogma vom jüdischen Dogma: denn diese waren auf allen Seiten eingeschränkt, ihnen waren bestimmte, enge Wege gewiesen, wogegen der christlichen Intoleranz und dem christlichen Dogma das ganze Gebiet des Menschengeistes offen stand; ausserdem hat der jüdische Glaube und die jüdische In - toleranz nie weithinreichende Macht besessen, während die Christen bald mit Rom die Welt beherrschten. Und so erleben wir denn der - artige Ungereimtheiten, wie dass ein heidnischer Kaiser (Aurelianus im Jahre 272) das Primat des römischen Bischofs dem Christentum auf - zwingt, und dass ein christlicher Kaiser, Theodosius, als rein politische Massregel, den Glauben an die christliche Religion bei Todesstrafe an - ordnet. Jener anderen Ungereimtheiten ganz zu geschweigen, wie dass die Natur Gottes, das Verhältnis des Vaters zum Sohn, die Ewigkeit der Höllenstrafen u. s. w. ad inf. durch Majoritätsbeschlüsse (von Bischöfen, die häufig nicht lesen noch schreiben konnten) bestimmt und für alle Menschen von einem bestimmten Tage an, bindend werden, etwa wie unsere Parlamente uns Steuern durch Stimmenmehrheit auf - erlegen. Doch, wie schwer es uns auch werden mag, anders als kopfschüttelnd dieser monströsen Entwickelung eines jüdischen Ge - dankens auf fremdem Boden zuzusehen, man wird doch wohl zugeben müssen, dass es nie zur vollen Ausbildung einer christlichen Kirche ohne Dogma und ohne Intoleranz gekommen wäre. Auch hier sind wir also dem Judentum für ein Element von Kraft und Ausdauer verpflichtet.

573Religion.

Doch nicht allein das Rückgrat wurde von der werdenden christ - lichen Kirche dem Judentum entlehnt, sondern vielmehr das ganze innere Knochengerüst. Da wäre in allererster Reihe auf die Motivierung des Glaubens und der Tugend hinzuweisen: sie ist im kirchlichen Christen - tum durch und durch jüdisch, denn sie beruht auf Furcht und Hoffnung: hie ewiger Lohn, dort ewige Strafe. Auch über diesen Gegenstand kann ich mich auf frühere Ausführungen berufen, in denen ich den prinzi - piellen Unterschied hervorhob zwischen einer Religion, welche sich an die rein egoistischen Regungen des Herzens wendet, an Furcht und Begehr, und einer Religion, welche, wie die Brahmanische, » die Verzicht - leistung auf einen Genuss des Lohnes hier und im Jenseits « als die erste Stufe zur Einweihung in wahre Frömmigkeit betrachtet. 1)Siehe den Exkurs über semitische Religion im fünften Kapitel und vergl. namentlich S. 413 mit S. 426. Vergl. auch zur Ergänzung die Ausführungen über germanische Weltanschauung im betreffenden Abschnitt des neunten Kapitels.Ich will mich nicht wiederholen; doch sind wir jetzt in der Lage, jene Einsicht be - deutend zu vertiefen und dadurch wird man erst klar erkennen, welch unausbleiblicher und nie beizulegender Konflikt sich auch hier aus dem gewaltsamen Zusammenschweissen entgegengesetzter Weltanschauungen ergeben musste. Denn die geringste Überlegung wird uns davon über - zeugen, dass die Vorstellung der Erlösung und der Willensumkehr, wie sie den Indoeuropäern schon vielfach vorgeschwebt hatte und wie sie durch den Mund des Heilandes ewigen Ausdruck fand, von allen jenen gänzlich abweicht, welche das irdische Thun durch posthume Bestrafung und Belohnung vergelten lassen. 2)Am durchgebildetsten findet sich dieses System bei den Altägyptern, nach deren Vorstellungen das Herz des Gestorbenen auf eine Wage gelegt und gegen das Ideal des Rechtes und der Wahrhaftigkeit abgewogen wird; die Idee einer durch göttliche Gnade bewirkten Umwandlung des inneren Menschen war ihnen voll - kommen fremd. Die Juden haben sich nie zu der Höhe der ägyptischen Vor - stellung hinaufgeschwungen; der Lohn war für sie früher einfach sehr langes Leben des Individuums und künftige Weltherrschaft der Nation, die Strafe Tod und für die kommenden Geschlechter Elend. In späteren Zeiten nahmen sie jedoch aller - hand Superstitionen auf, aus denen sich ein durchaus weltlich gedachtes Gottesreich ergab (siehe S. 449) und als Gegenstück eine recht weltliche Hölle. Aus diesen und anderen, aus den tiefsten Niederungen menschlichen Wahnwitzes und Aberglaubens emporsprossenden Vorstellungen wurde dann die christliche Hölle (von der noch Origenes nichts wusste, ausser in der Form von Gewissensqualen!) gezimmert, während der Neoplatonismus, griechische Dichtung und ägyptische Vorstellungen der » Gefilde der Seligen « (siehe die Abbildungen in Budge: The book of the dead) den christlichen Himmel lieferten doch ohne dass dieser jemals die Deutlichkeit der Hölle erreicht hätte.Hier findet nicht allein eine Ab -574Der Kampf.weichung statt, sondern es stehen zwei fremde Gebilde nebeneinander, fremd von der Wurzel bis zur Blüte. Mögen auch die Bäume fest auf - einander gepfropft worden sein, ineinander verschmelzen können sie nie und nimmer. Und doch war gerade diese Verschmelzung das, was das frühere Christentum erstrebte und was noch heute für gläubige Seelen den Stein des Sisyphus bildet. Freilich im Uranfang, d. h. bevor im 4. Jahrhundert das gesamte Völkerchaos gewaltsam ins Christentum hineingezwängt worden war und mit ihm zugleich seine religiösen Vor - stellungen, war das noch nicht der Fall. In den allerältesten Schriften findet man die Androhung von Strafen fast gar nicht, und auch der Himmel ist nur das Vertrauen auf ein unaussprechliches Glück,1)Meist unter missverständnisvoller Anlehnung an Jesaia LXIV, 4. durch Christi Tod erworben. Wo jüdischer Einfluss vorherrscht, finden wir dann noch in jenen frühesten christlichen Zeiten den sogenannten Chilias - mus, d. h. den Glauben an ein bald einzutretendes tausendjähriges Reich Gottes auf Erden (lediglich eine der vielen Gestaltungen des von den Juden erträumten theokratischen Weltreiches); wo dagegen philosophische Denkart vorübergehend die Oberhand behält, so z. B. bei Origenes, treten Anschauungen zu Tage, welche von der Seelenwanderung der Inder und Plato’s2)Über das Verhältnis zwischen diesen beiden vergl. S. 80 u. 111. kaum zu unterscheiden sind: die Menschengeister werden als von Ewigkeit geschaffen gedacht, je nach ihrem Thun steigen sie hinauf und hinab, zuletzt werden ausnahmslos alle verklärt werden, sogar auch die Dämonen. 3)Ich verweise namentlich auf Kap. 29 der Schrift Über das Gebet von Ori - genes; in der Form eines Komentars zu den Worten: » Führe uns nicht in Ver - suchung «, entwickelt der grosse Mann eine rein indische Anschauung über die Be - deutung der Sünde als Heilsmittel.In einem solchen System besitzt, wie man sieht, weder das individuelle Leben selbst, noch die Ver - heissung von Lohn und die Androhung von Strafe einen Sinn, der mit der Auffassung der judaeo-christlichen Religion irgendwie congruieren könnte. 4)Übrigens hat Origenes das mythische Element im Christentum ausdrücklich anerkannt. Nur meinte er, das Christentum sei » die einzige Religion, die auch in mythischer Form Wahrheit ist « (vergl. Harnack: Dogmengeschichte, Abriss, 2. Aufl., S. 113.).Doch bald siegte auch hier der jüdische Geist, und zwar indem er, genau so wie beim Dogma und bei der Intoleranz, eine früher auf dem beschränkten Boden Judäa’s ungeahnte Entwickelung nahm. Höllenstrafen und Himmelsseligkeit, die Furcht vor den einen, die Hoffnung auf die andere, sind fortan für die gesamte Christenheit575Religion.die einzigen wirksamen Triebfedern; was Erlösung ist, weiss bald kaum einer mehr, da die Prediger selber unter » Erlösung « sich meist Erlösung von Höllenstrafen dachten und noch heute denken. 1)Man nehme z. B. das Handbuch für den katholischen Religionsunterricht vom Domkapitular Arthur König zur Hand und lese das Kapitel über die Erlösung. Nikodemus hätte nicht die geringste Schwierigkeit empfunden, diese Lehre zu verstehen.Die Menschen des Völkerchaos verstanden eben keine anderen Argumente; schon ein Zeitgenosse des Origenes, der Afrikaner Tertullian, erklärt freimütig, nur Eines könne die Menschen bessern: » die Furcht vor ewiger Strafe und die Hoffnung auf ewigen Lohn « (Apol. 49). Natürlich lehnten sich einzelne auserlesene Geister stets gegen diese Materialisierung und Judaisierung der Religion auf; so könnte z. B. die Bedeutung der christ - lichen Mystik vielleicht in dem einen Wort zusammengefasst werden, dass sie dies alles bei Seite schob und einzig die Umwandlung des inneren Menschen d. h. die Erlösung erstrebte; doch zusammenreimen liessen sich die zwei Anschauungen nie und nimmer, und gerade dieses Unmögliche wurde vom gläubigen Christen gefordert. Ent - weder soll der Glaube die Menschen » bessern «, wie Tertullian be - hauptet, oder er soll sie durch eine Umkehrung ihres gesamten Seelen - lebens völlig umwandeln, wie das Evangelium es gelehrt hatte; ent - weder ist diese Welt eine Strafanstalt, welche wir hassen sollen, was schon Clemens von Rom im 2. Jahrhundert ausspricht2)Siehe dessen zweiten Brief § 6. (und nach ihm die ganze offizielle Kirche), oder aber es ist diese Welt der gesegnete Acker, in welchem das Himmelreich gleich einem verborgenen Schatz liegt, wie Christus gelehrt hatte. Die eine Behauptung widerspricht der anderen.

Auf diese Gegensätze komme ich noch im weiteren Verlauf desDer unlösbare Zwist. Kapitels zurück; ich musste aber gleich hier empfinden lassen, wie sehr es sich um wirkliche Gegensätze handelt, und zugleich in welchem Masse das Judentum siegreich und als eminent positiv wirkende Macht durch - drang. Mit dem stolzen Selbstbewusstsein des echten indoeuropäischen Aristokraten hatte Origenes gemeint: » nur für den gemeinen Mann möge es genügen zu wissen, dass der Sünder bestraft wird «; nun waren aber alle diese Männer aus dem Völkerchaos » gemeine Männer «; Sicherheit, Furchtlosigkeit, Bestimmtheit verleihen nur Rasse und Nation; Menschen - adel ist ein Kollektivbegriff;3)Vergl. S. 312. der edelste Vereinzelte z. B. ein Augustinus bleibt in den Vorstellungen und Gesinnungen der Ge -576Der Kampf.meinen kleben und vermag es nie, sich bis zur Freiheit durchzuringen. Diese » gemeinen « Menschen brauchten einen Herrn, der zu ihnen wie zu Knechten redete, nach dem Muster des jüdischen Jahve: ein Amt, welches die mit römischer Imperialvollmacht ausgestattete Kirche über - nahm. Kunst, Mythologie und Metaphysik waren in ihrer schöpferischen Bedeutung für die damaligen Menschen völlig unbegreiflich geworden; das Wesen der Religion musste in Folge dessen auf das Niveau herunter - geschraubt werden, auf dem es sich in Judäa befunden hatte. Diese Menschen brauchten eine rein geschichtliche, beweisbare Religion, welche weder in Vergangenheit noch Zukunft, am allerwenigsten in der Gegen - wart für Zweifel und Unerforschliches Raum liess: das leistete einzig die Judenbibel. Die Antriebe mussten der Sinnenwelt entnommen sein: körperliche Schmerzen allein konnten diese Menschen von Frevelthaten abhalten, Verheissungen eines sorglosen Wohlergehens allein sie zu guten Werken antreiben. Das war ja das religiöse System der jüdischen Hierokratie (vergl. S. 426). Fortan entschied das vom Judentum über - nommene und weiter ausgebildete System der kirchlichen Befehle autoritativ über alle Dinge, gleichviel ob unbegreifliche Mysterien oder handgreifliche Geschichtsthatsachen (resp. Geschichtslügen). Die im Judentum präformierte, doch nie zur erträumten vollen Machtentfaltung gelangte Intoleranz,1)Dieser Traum hat seinen vollkommensten Ausdruck in dem Roman Esther gefunden. ward das Grundprinzip des christlichen Ver - haltens, und zwar als eine logisch unabweisliche Konsequenz aus den soeben genannten Prämissen: ist die Religion eine Weltchronik, ist ihr Moralprinzip ein gerichtlich-historisches, giebt es eine geschichtlich begründete Instanz zur Entscheidung jedes Zweifels, jeder Frage, so ist jegliche Abweichung von der Lehre ein Vergehen gegen die Wahr - haftigkeit und gefährdet das rein materiell gedachte Heil der Menschen; und so greift denn die kirchliche Justiz ein und vertilgt den Ungläubigen oder Irrgläubigen, genau so wie die Juden jeden nicht streng Orthodoxen gesteinigt hatten.

Ich hoffe, diese Andeutungen werden genügen, um die lebhafte Vorstellung und zugleich die Überzeugung wachzurufen, dass that - sächlich das Christentum als religiöses Gebäude auf zwei grundver - schiedenen, meistens direkt feindlichen Weltanschauungen ruht: auf jüdischem historisch-chronistischem Glauben und auf indoeuropäischer symbolischer und metaphysischer Mythologie (wie ich das auf S. 550577Religion.behauptet hatte). Mehr als Andeutungen kann ich ja nicht geben, auch jetzt nicht, wenn ich mich anschicke, einen Blick auf den Kampf zu werfen, der sich aus einer so naturwidrigen Verbindung unaus - bleiblich ergeben musste. Eigentliche Geschichte gewinnt nur dadurch Wahrheit, dass sie möglichst im Einzelnen, möglichst ausführlich zur Kenntnis genommen wird; wo das nicht möglich ist, kann der Über - blick gar nicht zu allgemein gehalten werden, denn nur dadurch gelingt es, eine Wahrheit höherer Ordnung, etwas Lebendiges und Unver - stümmeltes wirklich ganz zu erfassen; die wirklichen Feinde geschicht - licher Einsicht sind die Kompendien. In diesem besonderen Falle wird die Erkenntnis des Zusammenhanges der Erscheinungen dadurch sehr erleichtert, dass es sich um Dinge handelt, die noch heute in unserem eigenen Herzen leben. Den in diesem Kapitel angedeuteten Zwist beherbergt nämlich, wenn auch meistens unbewusst, das Herz eines jeden Christen. Tobte der Kampf in den ersten christlichen Jahrhunderten äusserlich heftiger als heute, so gab es doch niemals einen völligen Waffenstillstand; gerade in der zweiten Hälfte unseres 19. Jahrhunderts wurden die hier berührten Fragen immer kritischer zugespitzt, hauptsächlich durch die Thätigkeit der ewig geschäftigen, im Kampfe nie ermüdenden römischen Kirche; es ist auch gar nicht denkbar, dass unsere werdende Kultur jemals eine wahre Reife erlangen kann, wenn nicht die ungetrübte Sonne einer reinen, einheitlichen Religion sie erhellt; dadurch erst würde sie aus dem » Mittelalter « heraustreten. Leuchtet es nun ohne Weiteres ein, dass eine lebendige Kenntnis jener frühen Zeit des offenen, rücksichtslosen Kampfes von grossem Nutzen sein muss, damit wir unsere eigene Zeit verstehen, so hilft uns wiederum ohne Frage der Geist unserer Gegenwart gerade jene allererste Epoche des werdenden, ehrlich und frei suchenden Christentums begreifen. Ich sage ausdrücklich, nur die allererste Epoche lehren uns die Erfahrungen des eigenen Herzens verstehen; denn später wurde der Kampf immer weniger wahrhaft religiös, immer mehr rein kirchlich-politisch. Als das Papsttum den Höhe - punkt seiner Macht erklommen hatte (im 12. Jahrhundert unter Inno - cenz III. ), hörte der eigentliche religiöse Impuls (der noch kurz vorher, in Gregor VII., so kräftig gewirkt hatte) auf, die Kirche war fortan gewissermassen säkularisiert; ebensowenig darf die Reformation jemals auch nur einen Augenblick als rein religiöse Bewegung betrachtet und beurteilt werden, ist sie doch offenbar mindestens zur Hälfte eine politische; und unter solchen Bedingungen giebt es bald kein Ver -Chamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 37578Der Kampf.ständnis ausser einem pragmatischen, während das reinmenschliche auf ein Minimum hinabsinkt. Dagegen hat in unserem Jahrhundert, in Folge der fast gänzlichen Trennung von Staat und Religion in den meisten Ländern (was durch die Beibehaltung einer oder mehrerer Staatskirchen in keiner Weise berührt wird) und in Folge der veränderten, nun - mehr rein moralischen Stellung des äusserlich machtlos gewordenen Papsttums, eine merkliche Belebung des religiösen Interesses und aller Formen sowohl echter wie abergläubischer Religiosität stattgefunden. Ein Symptom dieser Gährung ist die reiche Sektenbildung unter uns. In England z. B. besitzen weit über hundert verschieden benamste christ - liche Verbände behördlich protokollierte Kirchen, resp. Versammlungs - lokale für den gemeinsamen Gottesdienst. Auffallend ist hierbei, dass auch die Katholiken in England fünf verschiedene Kirchen bilden, von denen nur die eine streng orthodox römisch ist. Unter den Juden ist das religiöse Leben auch sehr rege geworden; drei verschiedene Sekten haben in London Bethäuser und ausserdem giebt es daselbst zwei verschiedene Gruppen von Judenchristen. Das erinnert an die Jahrhunderte vor der religiösen Entartung: am Ende des zweiten Säculums z. B. berichtet Irenäus über 32 Sekten, Epiphanius, zwei Jahrhunderte später, über 80. Darum ist die Hoffnung nicht unberechtigt, dass wir den Seelenkampf echter Christen um so besser verstehen werden, je weiter wir zurückgreifen.

Paulus und Augustinus.
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Die lebhafteste Vorstellung des dem Christentum von Beginn an eigenen Zwitterwesens erlangen wir zunächst, wenn wir es in ein - zelnen ausserordentlichen Männern, z. B. in Paulus und Augustinus, am Werke sehen. Bei Paulus alles viel grösser und klarer und helden - hafter, weil spontan und frei; Augustinus aber dennoch allen Geschlechtern sympathisch, verehrungswürdig, zugleich Mitleid weckend und Bewunde - rung gebietend. Wollte man Augustinus einzig mit dem siegreichen Apostel vielleicht dem grössten Manne des Christentums in Parallele stellen, er könnte keinen Augenblick bestehen; doch mit seiner eigenen Umgebung verglichen, tritt seine Bedeutung leuchtend hervor. Augu - stinus ist das rechte Gegenstück zu jenem anderen Kinde des Chaos, Lucian, den ich im vierten Kapitel als Beispiel heranzog: dort die Frivolität einer dem Verfall entgegeneilenden Civilisation, hier der Schmerzensblick, der mitten aus den Trümmern zu Gott hinaufschaut; dort Geld und Ruhm das Lebensziel, Spott und Kurzweil die Mittel, hier Weisheit und Tugend, Askese und feierlich ernstes Arbeiten; dort Herunterreissen glorreicher Ruinen, hier das mühsame Aufzimmern579Religion.eines festen Glaubensgebäudes, selbst auf Kosten der eigenen Über - zeugungen, selbst wenn die Architektur im Vergleich zu den Ahnungen des tiefen Gemütes recht rauh ausfällt, gleichviel, wenn nur die arme chaotische Menschheit einen sicheren, wankenlosen Halt, die verirrten Schafe eine Hürde bekommen.

In zwei so verschiedenen Persönlichkeiten wie Paulus und Augu - stinus tritt natürlich das Zwitterwesen des Christentums sehr verschieden zu Tage. Bei Paulus ist alles positiv, alles bejahend; er hat keine un - wandelbare theoretische » Theologie «,1)Diese Behauptung wird vielfachem Widerspruch begegnen; ich will damit aber nur sagen, dass Paulus seine systematischen Ideen vielmehr als dialektische Waffen zur Überzeugung seiner Hörer gebraucht, als dass er bestrebt zu sein schiene, ein zusammenhängendes, allein gültiges und neues theologisches Gebäude zu er - richten. Selbst Edouard Reuss, welcher in seinem unvergänglichen Werk: Histoire de la Théologie Chrétienne au siècle apostolique (3e éd. ), dem Apostel ein durchaus be - stimmtes, einheitliches System vindiziert, giebt doch am Schlusse desselben zu (II, 580), dass die eigentliche Theologie gerade bei Paulus (und für Paulus) ein unterge - ordnetes Element bildete, und S. 73 führt er aus, die Absicht des Paulus gehe so ganz auf das populäre und praktische Wirken, dass er überall, wo Fragen theoretisch - theologisch zu werden beginnen, das metaphysische Gebiet verlasse, um auf das ethische überzugehen. sondern er ist ein Zeitgenosse Jesu Christi, dessen göttliche Gegenwart