PRIMS Full-text transcription (HTML)
Seifenblaſen.
Moderne Märchen
[figure]
Hamburg und LeipzigVerlag von Leopold Voß.1890.

Druck der Verlagsanſtalt und Druckerei Actien-Gesellschaft (vormals J. F. Richter) in Hamburg.

[1]

Prolog.

Wenn Frauen jedes Vorwort überſchlagen
Und Männer alles, was an Verſe ſtreift,
So darf man, hoff ich, von dem unſern ſagen,
Daß es zum höchſten Ziel der Kunſt gereift.
Denn rein als Selbſtzweck wird es vorgetragen,
Weil jeder gleich zu Text und Proſa greift;
Der Autor lieſt es ganz allein von allen
So wird es ſicher allgemein gefallen.
Doch ein Programm, auch wenn es niemand hört,
Soll im Prolog äſthetiſch uns verpflichten.
Das ſchickt ſich ſo! Und wer nicht willig ſchwört
Zu unſrer Fahne nun, der mag verzichten.
Er gilt uns ſelbſtverſtändlich als bethört,
Begreift uns nicht und braucht uns nicht zu richten
Vorausgeſetzt, daß er zu tadeln fand,
Denn loben darf auch, wer uns nicht verſtand.
Wir werden alſo erſtlich deduzieren,
Warum die Seife wohlgefallen muß;
Wir werden dann die Kugel demonſtrieren
Als Form für den berechtigten Genuß.
Und ſollten wir trotzdem nicht reüſſieren,
So bleibt uns keine Rettung zum Beſchluß
Als aus den Grenzen wachſamer Doktrin
Jns Reich der Dichtung ohne Paß zu flieh’n.
Laßwitz, Seifenblaſen. 12Prolog.
Wollt ihr die Zeit gewiſſenhaft verwenden,
Studiert zuvor ein Lehrbuch der Chemie;
Denn Seifenblaſen kann man erſt entſenden,
Wenn Fett gebunden ſich an Alkali.
Und weil ſich Kunſt wird anders nie vollenden
Als durch Natur und wahre Empirie,
So übt nur brav die Seifenſiederei
Dann will ich lehren, was das Schöne ſei.
Jhr denkt vielleicht, ſchön ſei der lichte Thau
Jm Morgenſchein am grünen Bergeshange?
Schön ſei das Auge der geliebten Frau,
Die ſanfte Glut, gehaucht auf ihre Wange?
Verzeiht! Was ſchön iſt, wiſſen wir genau
Und wir behaupten’s mit der Wahrheit Zwange:
Schön iſt, was von Jntereſſe frei ſich hält,
Nicht als Begriff, doch allgemein gefällt.
Und durftet ihr ſo leicht, was ſchön iſt, lernen,
(Jch hoffe doch, daß jeder es kapiert,)
Gebt acht, ob wir auch nirgend uns entfernen
Von der Erklärung, die wir acceptiert.
Der gilt uns wenig unter den Modernen,
Der nicht als Künſtler theoretiſiert
Und ſchnell für ſein äſthetiſches Jntereſſe
Sich ein Organ begründet in der Preſſe.
Nun denn Wer zweifelte, daß Seifenwaſſer
Das Wohlgefallen allgemein erregt?
Brummt dort vielleicht ein dunkler Menſchenhaſſer,
Wenn man das Haus durchſcheuert, kehrt und fegt?
Mit Unrecht ſchilt der zürnende Verfaſſer,
Wird ihm dabei ein Manuſkript verlegt,
Denn hin und wieder eingeſeift zu werden
Jſt ſchließlich doch der Dinge Los auf Erden.
3Prolog.
Doch halt! Jſt nicht Begriff die Seife nur,
Wenn zum Objekt des Denkens wir ſie machten,
Statiſtiſch als den Maßſtab der Kultur
Und nicht von Jntereſſe fern ſie dachten?
Um frei zu wandeln auf der Schönheit Spur
Gilt’s ohne Zweck die Seife zu betrachten,
Nicht weil ſie reinigt, ſondern in der Reinheit
Der bloßen Form zwecklos bezweckter Einheit!
Als Seife zwecklos, doch als Form bezweckt?
Wer wagt es, dieſes Dunkel aufzuhellen?
Wohlan! Die Löſung haben wir entdeckt,
Seit uns gelungen, das Problem zu ſtellen.
Es wird der Stoff geläutert und geſtreckt,
Und wenn ſich dann die feinſten Schaumlamellen
Geſchloſſen zur vollkomm’nen Spannung runden,
Hat Formenzweck den Stoffzweck überwunden!
So ſei als Seifen-Jdealgeſtaltung
Die Form der Kugeln einzig uns geprieſen!
Jn ihr kommt alles Leben zur Entfaltung
Und alle Einheit rundet ſich in dieſen.
Und da wir ſo mit philoſoph’ſcher Haltung
Das Recht der Seifenblaſenkunſt erwieſen,
Laßt endlich der Äſthetik uns entſagen
Und in der eignen Traumwelt frei behagen!
Um heut’gen Tags phantaſtiſch uns zu zeigen
Verſchmähen wir den unmodernen Tand,
Das Flügelroß der Muſen zu beſteigen
Zum Ritt in der Romantik altes Land.
Ganz andre Mittel ſind der Neuzeit eigen
Bei der Aëronautik hohem Stand:
Ein Wink, und auf der Schaum-Montgolfière
Frei ſchwimmen wir im Glanz der Atmoſphäre.
1 *4Prolog.
Ein Strohhalm und ein wenig Luft genügt
Und Stroh und Luft gehören zu den Dingen,
Worüber ſtets des Dichters Kopf verfügt
Das trübe Naß zur lichten Form zu zwingen.
Ein leichter Ball, der tauſend Farben lügt,
Hebt aus der Körper ſchwerem Stoff die Schwingen
Und bannt die Welt in ſeinen bunten Spiegel
Ein Spiel und doch ein Rätſel voller Siegel.
Jm Spiele darf das Wunder ſich begeben,
Denn nur die Wirklichkeit iſt rauh und ſcharf.
So ſpielen wir! Und was im ernſten Leben
Mit Recht der kritiſche Verſtand verwarf,
Die freie Laune wagt’s emporzuheben,
Weil ſie der eignen Thaten ſpotten darf.
Ein Kind der Stunde, lächelnd aufgeſtiegen,
Läßt ſie die Seifenbälle ſorglos fliegen.
Schwebt hin und ſchillert! Ob das Spiel euch tauge?
Ein rauher Griff, die Farbenhülle bricht
Und in der Hand bleibt nur ein Tröpfchen Lange
Vielleicht geriet die ganze Miſchung nicht.
Doch grüßt euch liebevoll ein Freundesauge,
Vor dem ihr ſchimmern dürft im Sonnenlicht,
Und bleibt es nur ein Weilchen euch gewogen,
So ſeid ihr nicht umſonſt hinausgeflogen.
[5]

Auf der Seifenblaſe.

Onkel Wendel, Onkel Wendel! Sieh nur die große Seifenblaſe, die wunderſchönen Farben! Woher nur die Farben kommen?

So rief mein Söhnchen vom Fenſter herab in den Garten, wohin es ſeine bunten Schaumbälle flattern ließ.

Onkel Wendel ſaß neben mir im Schatten der hohen Bäume, und unſere Cigarren verbeſſerten die reine, würzige Luft eines ſchönen Sommernachmittags.

Hm! ſagte oder vielmehr brummte Onkel Wendel zu mir gewendet, hm, erklär’s ihm doch! Hm! Bin neugierig, wie du’s machen willſt. Jnterferenzfarben an dünnen Blättchen, nicht wahr? Kenn ich ſchon. Ver - ſchiedene Wellenlänge, Streifen decken ſich nicht, und ſo weiter. Wird der Junge verſtehen hm?

Ja, erwiderte ich etwas verlegen, die phyſikaliſche Erklärung kann das Kind freilich nicht verſtehen aber das iſt auch garnicht nötig. Erklärung iſt ja etwas Relatives und muß ſich nach dem Standpunkte des Fragenden richten; es heißt nur, die neue Thatſache in einen gewohnten Gedankengang einreihen, mit gewohnten Vorſtellungen verknüpfen und da die Formeln der6Auf der Seifenblaſe. mathematiſchen Phyſik noch nicht zum gewohnten Ge - dankengang meines Sprößlings gehören

Nicht übel, hm! nickte Onkel Wendel. Haſt es ſo ziemlich getroffen. Kannſt es nicht erklären, nicht mit gewohnten Vorſtellungen verbinden giebt gar keinen Anknüpfungspunkt. Das iſt es eben! Erfahrung des Kindes ganz andere Welt giebt Dinge, für die alle Verbindung fehlt. Jſt überall ſo! Der Wiſſende muß ſchweigen, der Lehrer muß lügen. Oder er kommt ans Kreuz, auf den Scheiterhaufen, in die Witzblätter je nach der Mode. Mikrogen! Mikrogen!

Die beiden letzten Worte murmelte der Onkel nur für ſich. Jch hätte ſie nicht verſtanden, wenn ich nicht den Namen Mikrogen ſchon öfter von ihm gehört hätte. Es war ſeine neueſte Erfindung.

Onkel Wendel hatte ſchon viele Erfindungen gemacht. Er machte eigentlich nichts als Erfindungen. Seine Wohnung war ein vollſtändiges Laboratorium, halb Alchymiſtenwerkſtatt, halb modernes phyſikaliſches Kabinett. Es war eine beſondere Gunſt, wenn er jemand ge - ſtattete einzutreten. Denn er hielt alle ſeine Entdeckungen geheim. Nur manchmal, wenn wir vertraulich beiſammen - ſaßen, lüftete er einen Zipfel des Schleiers, der über ſeinen Geheimniſſen lag. Dann ſtaunte ich über die Fülle ſeiner Kenntniſſe, noch mehr über ſeine tiefe Ein - ſicht in die wiſſenſchaftlichen Methoden und ihre Trag - weite, in die ganze Entwicklung des kulturellen Fort - ſchritts. Aber er war nicht zu bewegen, mit ſeinen Anſichten hervorzutreten, und darum auch nicht mit ſeinen7Auf der Seifenblaſe. Entdeckungen, weil dieſe, wie er ſagte, ohne ſeine neuen Theorien nicht zu verſtehen ſeien. Jch habe ſelbſt bei ihm geſehen, wie er aus anorganiſchen Stoffen auf künſt - lichem Wege das Eiweiß darſtellte. Wenn ich in ihn drang, dieſe epochemachende Entdeckung, welche vielleicht geeignet wäre, unſere ſocialen Verhältniſſe gänzlich um - zugeſtalten, bekannt zu machen oder wenigſtens zu fruktifizieren, ſo pflegte er zu ſagen: Habe nicht Luſt, mich auslachen zu laſſen. Können’s doch nicht ver - ſtehn. Sind noch nicht reif, kein Anknüpfungspunkt, and’re Welt, and’re Welt! Tauſend Jahre warten! Laſſe die Leute ſtreiten, einer weiß ſo wenig wie der andere.

Jetzt hatte er das Mikrogen entdeckt. Jch weiß nicht recht, war es ein Stoff oder ein Apparat; aber ſo viel habe ich begriffen, daß er dadurch imſtande war, eine Verkleinerung ſowohl der räumlichen als der zeit - lichen Verhältniſſe in beliebigem Maßſtabe zu erzielen. Eine Verkleinerung nicht etwa bloß für das Auge, wie ſie durch optiſche Jnſtrumente möglich iſt, ſondern für alle Sinne; die ganze Bewußtſeins-Thätigkeit wurde ver - ändert, ſo, daß zwar qualitativ alle Empfindungsarten dieſelben blieben, aber alle quantitativen Beziehungen verengert wurden. Er behauptete, er könne ein beliebiges Jndividuum und mit ihm deſſen Anſchauungswelt ein - ſchrumpfen laſſen auf den millionſten, auf den billionſten Teil ſeiner Größe. Wie er das mache? Ja, dann lachte er wieder ſtill für ſich und brummte:

Hm, nicht verſtehen können kann’s euch nicht8Auf der Seifenblaſe. erklären nützt euch doch nichts. Menſchen bleiben Menſchen, ob groß oder klein, ſehen nicht über ſich hin - aus. Wozu erſt ſtreiten?

Wie kommſt du jetzt auf das Mikrogen? fragte ich ihn.

Sehr einfach, lieber Neffe. Das Mikrogen iſt für die heutige gelehrte Welt, was die Seifenblaſe für deinen Jungen iſt. Vielleicht ein Spielzeug, jedoch zum Ver - ſtändnis fehlt jeder Anhaltspunkt. Weil aber die Ge - lehrten keine Kinder ſind und alles zu verſtehen be - anſpruchen, würde es einen unendlichen Streit geben, wenn ich meine Lehre auskramen wollte. Gänzlich zweck - los, weil die Entſcheidung über alle heutige Einſicht hinaus liegt. Würden mich auslachen hm Jrren - haus

Ganz gleich, rief ich, die Wahrheit zu verkünden iſt Pflicht, und wenn ich auch das Martyrium der Ver - kennung auf mich nehmen müßte. Nur auf dieſem Wege ſind die Fortſchritte der Kultur errungen worden. Bringe deine Beweiſe.

Hm, ſagte der Onkel, wenn aber die Beweiſe niemand verſtehen kann? Wenn wir zwei verſchiedene Sprachen reden? Dann endet der Streit damit, daß die Minorität totgeſchlagen wird, phyſiſch oder moraliſch. Habe keine Luſt dazu.

Und trotzdem, erwiderte ich ſtolz, würde ich die Wahrheit bekennen, wenn ich die Beweiſe für mich in der Hand habe.

Vor Unmündigen und Blinden wie? Möchteſt9Auf der Seifenblaſe. du’s probieren? Ja? Sieh dir mal das Ding an.

Onkel Wendel zog einen kleinen Apparat aus der Taſche. Jch erkannte einige Glasröhrchen in Metall - faſſung, mit Schrauben und feiner Skala. Er hielt mir die Röhrchen unter die Naſe und begann zu drehen. Jch fühlte, daß ich etwas Ungewohntes einatmete.

Ah, wie ſchön die da iſt! rief mein Knabe wieder, auf eine neue Seifenblaſe deutend, die langſam von der Fenſterbrüſtung herabſchwebte.

Nun ſieh dir mal die Seifenblaſe an, ſagte Onkel Wendel und drehte weiter.

Mir ſchien es, als ob ſich die Seifenblaſe ſichtlich vergrößerte. Jch kam ihr näher und näher. Das Fenſter mit dem Knaben, der Tiſch, vor dem wir ſaßen, die Bäume des Gartens entfernten ſich, wurden immer un - deutlicher. Nur Onkel Wendel blieb neben mir; ſein Röhrchen hatte er in die Taſche geſteckt. Jetzt war unſere bisherige Umgebung verſchwunden. Wie eine matt - weiße, rieſige Glocke dehnte ſich der Himmel über uns, bis er ſich am Horizont verlor. Wir ſtanden auf der ſpiegelnden Fläche eines weiten, gefrorenen Sees. Das Eis war glatt und ohne Spalten; dennoch ſchien es in einer leiſe wallenden Bewegung zu ſein. Un - deutliche Geſtalten erhoben ſich hie und da über die Fläche.

Was geht hier vor! rief ich erſchrocken. Wo ſind wir? Trägt uns auch das Eis?

Auf der Seifenblaſe ſind wir, ſagte Onkel Wendel kaltblütig. Was du für Eis hältſt, iſt die Oberfläche10Auf der Seifenblaſe. des zähen Waſſerhäutchens, welches die Blaſe bildet. Weißt du, wie dick dieſe Schicht iſt, auf der wir ſtehen? Nach menſchlichem Maße gleich dem fünftauſendſten Teile eines Centimeters; fünfhundert ſolcher Schichten übereinandergelegt würden erſt einen Millimeter be - tragen.

Unwillkürlich zog ich einen Fuß in die Höhe, als könnte ich mich dadurch leichter machen.

Um Himmelswillen, Onkel, rief ich, treibe kein leichtſinniges Spiel! Sprichſt du die Wahrheit?

Ganz gewiß. Aber fürchte nichts. Für deine jetzige Größe entſpricht dieſes Häutchen an Feſtigkeit einem Stahlpanzer von 200 Meter Dicke. Wir haben uns nämlich mit Hilfe des Mikrogens in allen unſeren Ver - hältniſſen im Maßſtabe von Eins zu hundert Millionen verkleinert. Das macht, daß die Seifenblaſe, welche nach menſchlichen Maßen einen Umfang von vierzig Centimetern beſitzt, jetzt für uns gerade ſo groß iſt, wie der Erdball für den Menſchen.

Und wie groß ſind wir ſelbſt? fragte ich zweifelnd.

Unſere Höhe beträgt den ſechzigtauſendſten Teil eines Millimeters. Auch mit dem ſchärfſten Mikroſkop würde man uns nicht mehr entdecken.

Aber warum ſehen wir nicht das Haus, den Garten, die Meinigen die Erde überhaupt?

Sie ſind unter unſerm Horizont. Aber auch wenn die Erde für uns aufgehen wird, ſo wirſt du doch nichts von ihr erkennen, als einen matten Schein, denn alle optiſchen Verhältniſſe ſind infolge unſerer Kleinheit ſo11Auf der Seifenblaſe. verändert, daß wir zwar in unſerer jetzigen Umgebung völlig klar ſehen, aber von unſerer früheren Welt, deren phyſikaliſche Grundlagen hundertmillionenmal größer ſind, gänzlich geſchieden leben. Du mußt dich nun mit dem begnügen, was es auf der Seifenblaſe zu ſehen giebt, und das iſt genug.

Und ich wundere mich nur, fiel ich ein, daß wir hier überhaupt etwas ſehen, daß unſere Sinne unter den veränderten Verhältniſſen ebenſo wirken wie früher. Wir ſind ja jetzt kleiner als die Länge einer Lichtwelle; die Moleküle und Atome müſſen uns jetzt ganz anders be - einfluſſen.

Hm! lachte Onkel Wendel in ſeiner Art. Was ſind denn Ätherwellen und Atome? Ausgeklügelte Maß - ſtäbe ſind’s, berechnet von Menſchen für Menſchen. Jetzt machen wir uns klein, und alle Maßſtäbe werden mit uns klein. Aber was hat das mit der Empfindung zu thun? Die Empfindung iſt das Erſte, das Gegebene; Licht, Schall und Druck bleiben unverändert für uns, denn ſie ſind Qualitäten. Nur die Quantitäten ändern ſich, und wenn wir jetzt phyſikaliſche Meſſungen anſtellen wollten, ſo würden wir die Ätherwellen auch hundert - millionenmal kleiner finden.

Wir waren inzwiſchen auf der Seifenblaſe weiter - gewandert und an eine Stelle gekommen, wo durchſichtige Strahlen ſpringbrunnähnlich rings um uns in die Höhe ſchoſſen, als mich ein Gedanke durchzuckte, der mir vor Entſetzen das Blut in den Adern ſtocken ließ. Wenn die Seifenblaſe jetzt platzte! Wenn ich auf eines der ent -12Auf der Seifenblaſe. ſtehenden Waſſerſtäubchen geriſſen wurde und Onkel Wendel mit ſeinem Mikrogen auf ein anderes! Wer ſollte mich jemals wieder finden? Und was ſollte aus mir werden, wenn ich in meiner Kleinheit von ein Sechzigtauſendſtel Millimeter mein Lebelang bleiben mußte? Was war ich unter den Menſchen? Gulliver in Brobdignak läßt ſich garnicht damit vergleichen, denn mich konnte überhaupt niemand ſehen! Meine Frau, meine armen Kinder! Vielleicht ſogen ſie mich mit dem nächſten Atemzuge in ihre Lunge, und während ſie meinen un - erklärlichen Verluſt beweinten, vegetierte ich als unſicht - bare Bakterie in ihrem Blute!

Schnell, Onkel, nur ſchnell! rief ich. Gieb uns unſere Menſchengröße wieder! Die Seifenblaſe muß ja ſofort platzen! Ein Wunder, daß ſie noch hält! Wie lange ſind wir denn ſchon hier?

Keine Sorge, ſagte Onkel Wendel ungerührt, die Blaſe dauert noch länger, als wir hier bleiben. Unſer Zeitmaß hat ſich zugleich mit uns verkleinert, und was du hier für eine Minute hältſt, das iſt nach irdiſcher Zeit erſt der hundertmillionſte Teil davon. Wenn die Seifenblaſe nur zehn Erdſekunden lang in der Luft fliegt, ſo macht dies für unſere jetzige Konſtitution ein ganzes Menſchenalter aus. Die Bewohner der Seifenblaſe freilich leben wieder noch hunderttauſendmal ſchneller als gegenwärtig wir.

Wie, du willſt doch nicht behaupten, daß die Seifen - blaſe auch Bewohner habe?

Natürlich hat ſie Bewohner, und zwar recht kul -13Auf der Seifenblaſe. tivierte. Nur verläuft ihre Zeit ungefähr zehnbillionen - mal ſo ſchnell wie die menſchliche, d. h. ſie empfinden, ſie leben zehnbillionenmal ſo rapid. Das bedeutet, drei Erdſekunden ſind ſo viel wie eine Million Jahre auf der Seifenblaſe, wenn auch deren Bewohner den Begriff des Jahres in unſerm Sinne nicht ausgebildet haben, weil ihre Seifenkugel keine regelmäßige und genügend ſchnelle Rotation beſitzt. Wenn du nun bedenkſt, daß dieſe Seifenblaſe, auf der wir uns befinden, vor min - deſtens ſechs Sekunden entſtand, ſo mußt du zugeben, daß in dieſen zwei Millionen Jahren ſich ſchon ein ganz hübſches Leben und eine angemeſſene Civiliſation hier - ſelbſt entwickeln konnte. Wenigſtens entſpricht dies meinen Erfahrungen auf anderen Seifenblaſen, welche alle in ihren Produkten die Familien-Ähnlichkeit mit der Mutter Erde nicht verleugneten.

Aber wo ſind dieſe Bewohner? Jch ſehe hier wohl Gegenſtände, die ich für Pflanzen halten möchte, und dieſe halbkugelförmigen Kuppeln könnten eine Stadt vor - ſtellen. Doch etwas Menſchenähnliches kann ich nicht entdecken.

Sehr natürlich. Unſere Empfindungsfähigkeit, wenn ſie auch hundertmillionenmal ſo groß geworden iſt, als die der Menſchen, iſt doch noch hunderttauſendmal lang - ſamer als die der Saponier (ſo wollen wir die Be - wohner der Seifenblaſe nennen). Während wir jetzt eine Sekunde vergangen glauben, verleben ſie 28 Stunden. Jn dieſem Verhältniſſe iſt hier alles Leben beſchleunigt. Betrachte nur dieſe Gewächſe .

14Auf der Seifenblaſe.

Es iſt richtig , ſagte ich, ich ſehe deutlich, wie hier die Bäume denn dieſe korallenartigen Bildungen ſollen ja wohl Bäume ſein vor unſeren Augen wachſen, blühen und Früchte zeitigen. Und dort ſcheint ein Haus gewiſſermaßen aus dem Boden zu wachſen.

Die Saponier bauen daran. Jn dieſer Minute, während welcher wir zuſchauen, beobachten wir den Erfolg von mehr als zweimonatlicher Arbeit. Die Arbeiter ſelbſt ſehen wir nicht, weil ihre Bewegungen viel zu ſchnell für unſere Wahrnehmungsfähigkeit ver - laufen. Doch wir wollen uns bald helfen. Mittelſt des Mikrogens will ich unſern Zeitſinn auf das Hundert - tauſendfache verfeinern. Hier, rieche noch einmal. Unſere Größe bleibt dieſelbe, ich habe nur die Zeit - ſkala verſtellt.

Onkel Wendel brachte aufs neue ſein Röhrchen hervor. Jch roch, und ſofort fand ich mich in einer Stadt, umgeben von zahlreichen, rege beſchäftigten Ge - ſtalten, die eine entſchiedene Menſchenähnlichkeit beſaßen. Nur ſchienen ſie mir Alle etwas durchſichtig, was wohl von ihrem Urſprunge aus Glycerin und Seife herrühren mochte. Auch vernahmen wir ihre Stimmen, ohne daß ich jedoch ihre Sprache verſtehen konnte. Die Pflanzen hatten ihre ſchnelle Veränderlichkeit verloren, wir waren jetzt in gleichen Wahrnehmungsverhältniſſen zu ihnen wie die Saponier, oder wie wir Menſchen zu den Organismen der Erde. Was uns vorher als Spring - brunnenſtrahlen erſchienen war, erwies ſich als die Blütenſtengel einer ſchnell wachſenden hohen Grasart.

15Auf der Seifenblaſe.

Auch die Bewohner der Seifenblaſe nahmen uns jetzt wahr und umringten uns unter vielen Fragen, welche offenbar Wißbegierde verrieten.

Die Verſtändigung fiel ſehr ſchwer, weil ihre Glied - maßen, welche eine gewiſſe Ähnlichkeit mit den Armen von Polypen beſaßen, ſo ſeltſame Bewegungen aus - führten, daß ſelbſt die Geberdenſprache verſagte. Jn - deſſen nahmen ſie uns durchaus freundlich auf; ſie hielten uns, wie wir ſpäter erfuhren, für Bewohner eines andern Teiles ihres Globus, den ſie noch nicht beſucht hatten. Die Nahrung, welche ſie uns anboten, hatte einen ſtark alkaliſchen Beigeſchmack und mundete uns nicht beſonders; mit der Zeit gewöhnten wir uns jedoch daran, nur empfanden wir es ſehr unangenehm, daß es keine eigentlichen Getränke, ſondern immer nur brei - artige Suppen gab. Es war überhaupt auf dieſem Weltkörper alles auf den zähen oder gallertartigen Aggre - gatzuſtand eingerichtet, und es war bewundernswert zu ſehen, wie auch unter dieſen veränderten Verhält - niſſen die Natur oder vielmehr die weltſchöpferiſche Kraft des Lebens durch Anpaſſung die zweckvollſten Einrich - tungen geſchaffen hatte. Die Saponier waren wirklich intelligente Weſen. Speiſe, Atmung, Bewegung und Ruhe, die unentbehrlichen Bedürfniſſe aller lebenden Geſchöpfe, gaben uns die erſten Anhaltspunkte, Einzelnes aus ihrer Sprache zu verſtehen und uns anzu - eignen.

Da man bereitwillig für unſere Bedürfniſſe ſorgte und Onkel Wendel verſicherte, daß unſere Abweſenheit16Auf der Seifenblaſe. von Hauſe einen für irdiſche Verhältniſſe verſchwindenden Zeitraum nicht überſteigen könne, ſo ergriff ich mit Freuden die Gelegenheit, dieſe neue Welt näher kennen zu lernen. Ein Wechſel von Tag und Nacht fand zwar nicht ſtatt, aber es folgten regelmäßige Ruhepauſen auf die Arbeit, welche ungefähr unſerer Tageseinteilung entſprachen. Wir beſchäftigten uns eifrig mit der Erlernung der ſaponiſchen Sprache und verſäumten nicht, die phyſi - kaliſchen Verhältniſſe der Seifenblaſe, ſowie die ſocialen Einrichtungen der Saponier genau zu ſtudieren. Zu letzterem Zwecke reiſten wir nach der Hauptſtadt, wo wir dem Oberhaupte des Staates, welches den Titel Herr der Denkenden führt, vorgeſtellt wurden. Die Saponier nennen ſich nämlich ſelbſt die Denkenden , und das mit Recht, denn die Pflege der Wiſſenſchaften ſteht bei ihnen in hohem Anſehen, und an den Streitig - keiten der Gelehrten nimmt die ganze Nation den regſten Anteil. Wir ſollten darüber eine Erfahrung machen, die uns bald übel bekommen wäre.

Über die Reſultate unſerer Beobachtungen hatte ich ſorgfältig Buch geführt und reiches Material angehäuft, welches ich nach meiner Rückkehr auf die Erde zu einer Kulturgeſchichte der Seifenblaſe zu bearbeiten gedachte. Leider hatte ich einen Umſtand außer acht gelaſſen. Bei unſerer ſehr plötzlich notwendig werdenden Wieder - vergrößerung trug ich meine Aufzeichnungen nicht bei mir, und ſo geſchah das Unglück, daß ſie von den Wir - kungen des Mikrogens ausgeſchloſſen wurden. Natür - lich ſind meine unerſetzlichen Manuſkripte nicht mehr zu17Auf der Seifenblaſe. finden; ſie fliegen als unentdeckbares Stäubchen irgendwo umher und mit ihnen die Beweiſe meines Aufenthaltes auf der Seifenblaſe.

Wir mochten ungefähr zwei Jahre unter den Sa - poniern gelebt haben, als die Spannung zwiſchen den unter ihnen hauptſächlich vertretenen Lehrmeinungen einen beſonders hohen Grad erreichte. Die Überlieferung der älteren Schule über die Beſchaffenheit der Welt war nämlich durch einen höchſt bedeutenden Naturforſcher, Namens Glagli, energiſch angegriffen worden, welchem die jüngere progreſſiſtiſche Richtung lebhaft beifiel. Man hatte daher, wie dies in ſolchen Fällen üblich iſt, Glagli vor den Richterſtuhl der Akademie der Denkenden gefordert, um zu entſcheiden, ob ſeine Jdeen und Ent - deckungen im Jntereſſe des Staates und der Ordnung zu dulden ſeien. Die Gegner Glaglis ſtützten ſich be - ſonders darauf, daß die neuen Lehren den alten und unumſtößlichen Grundgeſetzen der Denkenden wider - ſprächen. Sie verlangten daher, daß Glagli entweder ſeine Lehre widerrufen oder der auf die Jrrlehre ge - ſetzten Strafe verfallen ſolle. Namentlich fanden ſie folgende drei Punkte aus der Lehre Glagli’s für irr - tümlich und verderblich:

Erſtens: Die Welt iſt inwendig hohl, mit Luft ge - füllt, und ihre Rinde iſt nur dreihundert Ellen dick. Dagegen wendeten ſie ein: Wäre der Boden, auf welchem ſich die Denkenden bewegen, hohl, ſo würde er ſchon längſt gebrochen ſein. Es ſtehe aber in dem Buche des alten Weltweiſen Emſo (das iſt der ſaponiſche Ariſto -Laßwitz, Seifenblaſen. 218Auf der Seifenblaſe. teles): Die Welt muß voll ſein und wird nicht platzen in Ewigkeit .

Zweitens hatte Glagli behauptet: Die Welt beſteht nur aus zwei Grundelementen, Fett und Alkali, welche die einzigen Stoffe überhaupt ſind und ſeit Ewigkeit exiſtieren; aus ihnen habe ſich die Welt auf mechaniſchem Wege entwickelt, auch könne es niemals etwas Anderes geben, als was aus Fett und Alkali zuſammengeſetzt ſei; die Luft ſei eine Ausſchwitzung dieſer Elemente. Hiergegen erklärte man, nicht bloß Fett und Alkali, ſondern auch Glycerin und Waſſer ſeien Elemente; dieſelben könnten unmöglich von ſelbſt in Kugelgeſtalt gekommen ſein; namentlich aber ſtehe in der älteſten Urkunde der Denkenden: Die Welt iſt geblaſen durch den Mund eines Rieſen, welcher heißt Rudipudi.

Drittens lehrte Glagli: Die Welt ſei nicht die ein - zige Welt, ſondern es gäbe noch unendlich viele Welten, welche alle Hohlkugeln aus Fett und Alkali ſeien und frei in der Luft ſchwebten. Auf ihnen wohnten eben - falls denkende Weſen. Dieſe Theſe wurde nicht bloß als irrtümlich, ſondern als ſtaatsgefährlich bezeichnet, indem man ſagte: Gäbe es noch andere Welten, welche wir nicht kennen, ſo würde ſie der Herr der Denkenden nicht beherrſchen. Es ſteht aber im Staatsgrundgeſetze: Wenn da Einer ſagt, es gäbe etwas, das dem Herrn der Denkenden nicht gehorcht, den ſoll man in Glycerin ſieden, bis er weich wird.

Jn der Verſammlung erhob ſich Glagli zur Ver - teidigung; er machte beſonders geltend, daß die Lehre,19Auf der Seifenblaſe. die Welt ſei voll, derjenigen widerſpräche, daß ſie ge - blaſen ſei, und er fragte, wo denn der Rieſe Rudipudi geſtanden haben ſolle, wenn es keine anderen Welten gäbe. Die Akademiker der alten Schule hatten trotz ihrer Gelehrſamkeit einen harten Stand gegen dieſe Gründe, und Glagli hätte ſeine beiden erſten Theſen durchgeſetzt, wenn nicht die dritte ihn verdächtig gemacht hätte. Aber die politiſche Anrüchigkeit derſelben war zu offenbar, und ſelbſt Glaglis Freunde wagten nicht, für ihn in dieſer Hinſicht einzutreten, weil die Behaup - tung, daß es noch andere Welten gäbe, als eine reichs - feindliche und antinationale betrachtet wurde. Da nun Glagli durchaus nicht widerrufen wollte, ſo neigte ſich die Majorität der Akademie gegen ihn, und ſchon ſchleppten ſeine eifrigſten Gegner Keſſel mit Glycerin herbei, um ihn zu ſieden, bis er weich ſei.

Als ich all das grundloſe Gerede für und wider anhören mußte und doch ſicher war, daß ich mich auf einer Seifenblaſe befand, die mein Söhnchen vor etwa ſechs Sekunden aus dem Gartenfenſter meiner Wohnung mittelſt eines Strohhalmes geblaſen hatte, und als ich ſah, daß es in dieſem Streite doppelt falſcher Meinungen einem ehrlich nachdenkenden Weſen ans Leben gehen ſollte denn das Weichſieden iſt für einen Saponier immerhin lebensgefährlich ſo konnte ich mich nicht länger zurückhalten, ſondern ſprang auf und bat um’s Wort.

Begehe keinen Unſinn, flüſterte Onkel Wendel, ſich an mich drängend. Redeſt dich ins Unglück! Ver - ſtehen’s ja doch nicht! Wirſt ja ſehen! Sei ſtill!

2*20Auf der Seifenblaſe.

Aber ich ließ mich micht ſtören, ſondern begann:

Meine Herren Denkenden! Geſtatten Sie mir einige Bemerkungen, da ich thatſächlich in der Lage bin, über Urſprung und Beſchaffenheit Jhrer Welt Auskunft zu geben.

Hier entſtand ein allgemeines Murren: Was? Wie? Jhrer Welt? Haben Sie vielleicht eine andere? Hört! Hört! Der Wilde, der Barbar! Er weiß, wie die Welt entſtanden iſt.

Wie die Welt entſtanden iſt, fuhr ich mit er - hobener Stimme fort, kann niemand wiſſen, weder Sie noch ich. Denn die Denkenden ſind ſo gut wie wir beide nur ein winziges Fünkchen des unendlichen Geiſtes, der ſich in unendlichen Geſtalten verkörpert. Aber wie das verſchwindende Stückchen Welt, auf dem wir ſtehen, entſtanden iſt, das kann ich Jhnen ſagen. Jhre Welt iſt in der That hohl und mit Luft gefüllt, und ihre Schale iſt nicht dicker, als Herr Glagli angiebt. Sie wird allerdings einmal platzen, aber darüber können noch Millionen Jhrer Jahre vergehen. (Lautes Bravo der Glaglianer.) Es iſt auch richtig, daß es noch viele bewohnte Welten giebt, nur ſind es nicht lauter Hohl - kugeln, ſondern viel millionenmal größere Steinmaſſen, bewohnt von Weſen wie ich. Und Fett und Alkali ſind weder die einzigen, noch ſind ſie überhaupt Elemente, ſondern es ſind komplizierte Stoffe, die nur zufällig für dieſe Jhre kleine Seifenblaſenwelt eine Rolle ſpielen.

Seifenblaſenwelt? Ein Sturm des Unwillens erhob ſich von allen Seiten.

21Auf der Seifenblaſe.

Ja, rief ich mutig, ohne auf Onkel Wendels Zerren und Zupfen zu achten, ja, Jhre Welt iſt weiter nichts als eine Seifenblaſe, die der Mund meines kleinen Söhnchens mittelſt eines Strohhalms geblaſen hat und die der Finger eines Kindes im nächſten Augenblicke zerdrücken kann. Freilich iſt, gegen dieſe Welt gehalten, mein Kind ein Rieſe

Unerhört! Blasphemie! Wahnſinn! ſchallte es durcheinander, und Tintenfäſſer flogen um meinen Kopf. Er iſt verrückt! Die Welt ſoll eine Seifenblaſe ſein? Sein Sohn ſoll ſie geblaſen haben! Er giebt ſich als Vater des Weltſchöpfers aus! Steinigt ihn! Siedet ihn!

Der Wahrheit die Ehre! ſchrie ich. Beide Par - teien haben Unrecht. Die Welt hat mein Sohn nicht geſchaffen, er hat nur dieſe Kugel geblaſen, innerhalb der Welt, nach den Geſetzen, die uns Allen übergeordnet ſind. Er weiß nichts von Euch, und Jhr könnt nichts wiſſen von unſerer Welt. Jch bin ein Menſch, ich bin hundertmillionenmal ſo groß und zehnbillionenmal ſo alt als Jhr! Laßt Glagli los! Was ſtreitet Jhr um Dinge, die Jhr nicht entſcheiden könnt?

Nieder mit Glagli! Nieder mit dem Menſchen ! Wir werden ja ſehen, ob Du die Welt mit dem kleinen Finger zerdrücken kannſt! Ruf doch Dein Söhnchen! So raſte es um mich her, während man Glagli und mich nach dem Bottich mit ſiedendem Glycerin hinzerrte.

Sengende Glut ſtrömte mir entgegen. Vergebens ſetzte ich mich zur Wehr. Hinein mit ihm! ſchrie die Menge. Wir werden ja ſehen, wer zuerſt platzt! 22Auf der Seifenblaſe. Heiße Dämpfe umhüllten, ein brennender Schmerz durch - zuckte mich und

Jch ſaß neben Onkel Wendel am Gartentiſche. Die Seifenblaſe ſchwebte noch an derſelben Stelle.

Was war das? fragte ich erſtaunt und erſchüttert.

Ein Hunderttauſendſtel Sekunde! Auf der Erde hat ſich noch nichts verändert. Hab noch rechtzeitig meine Skala verſchoben, hätten Dich ſonſt in Glycerin geſotten. Hm? Soll ich noch die Entdeckung des Mi - krogens veröffentlichen? Wie? Meinſt jetzt, daß ſie Dir’s glauben werden? Erklär’s ihnen doch!

Onkel Wendel lachte, und die Seifenblaſe zerplatzte. Mein Söhnchen blies eine neue.

[23]

Stäubchen.

Ein friſcher Oſt milderte die Kraft der Sonne. Jhr klarer Schein lag über dem langgeſtreckten Thale, ſtrahlte zurück von den blanken Eiſenſchienen und dem hellen Kies der kleinen Bahnhofsſtation und glänzte auf der Wolke von Dampf und Staub, in welcher der Schnellzug donnernd ſich entfernte.

Richard erinnerte ſich kaum der letzten Minuten, wie er Lenoren und ihrer Mutter gegenüber Platz ge - nommen. Sein guter Freund Viktor, mit dem wohl - genährten Geſichte und der goldenen Brille des prak - tiſchen Arztes, hatte auf dem Perron geſtanden und als Schluß des Handgepäcks Lenoren einen prächtigen Roſen - ſtrauß überreicht. Wie warm waren Blick und Worte, als ſie ihm dankte: Auf Wiederſehen!

Jn acht Tagen, hatte Viktor gerufen, eine lange Zeit! Zu ärgerlich, daß ich mich nicht eher hier frei machen kann. Unterhalte die Damen, Richard, und träume nicht! Du ſitzeſt vorwärts und auf der Wind - ſeite, aber Jhr Dichter legt ja wohl darauf kein Ge - wicht.

Durch die Bewegung des Zuges war das Geſpräch24Stäubchen. abgeſchnitten worden. Noch einmal winkte Lenore mit dem Roſenſtrauße hinaus und fragte dann ihre Mutter, ob ſie auch bequem ſitze. Sie ſei ſehr müde, erklärte die ſtattliche Dame und lehnte ſich behaglich in die Ecke.

Richard ſah ſchweigend auf ſein ſchönes Gegenüber. Der Wiederſchein eines breiten rotſeidenen Hutrandes hüllte ihre anmutigen Züge in ein reizvolles Dämmer - licht, aus welchem zwei dunkle Augen verführeriſch her - vorleuchteten. Er kannte dieſe Augen von Jugend auf. Die Träume des Jünglings waren von ihnen durch - leuchtet, und ihr Glanz hatte den Mann aus der Ferne zurückgezogen nach der Heimat. Nach langer Trennung war er jetzt in ihrem Schimmer ſeit Wochen gewandelt im leichten Verkehr ſommerlicher Erholung, unterm Waldesſchatten und friſchen Lufthauch der Berge. Hatte er wiedergefunden, was er hoffte erwarten zu dürfen? Die Knospe war erblüht; hauchte ſie auch den ſüß - belebenden Duft der Roſe? Wie anders hatte er ſich die Heimfahrt gedacht! Sollte fremd und unverſtanden bleiben, was ihm das innerſte Herz bewegte, und gab es keine Regung in dieſer ſchönen Hülle, die den Flug ſeiner Seele zu begleiten vermochte? Ein ſchmerzliches Lächeln zuckte um ſeinen Mund.

Der Zug rollte hinaus in die Ebene, und Lenore ſpielte zerſtreut mit dem Griff ihres Schirmes. Ein Sonnenſtrahl fiel ſchräg von der andern Seite des Wagens herein, und tauſend kleine Stäubchen tanzten zitternd im goldigen Scheine. Da blitzt es hervor wie25Stäubchen. ein helles Pünktchen, auf und ab wiegt es ſich und nun iſt’s hindurchgeſchwebt durch den ſchmalen Licht - ſtreif und verſchwunden im Dunkel. Woher kommt ihr, kleine Geſtalten, wohin geht ihr, und was ſucht ihr im weiten Raume? Was treibt euch in ewiger Unruhe zu ſpielen, zu irren, zu flüchten? Jm Lichte ſchwebt ihr, aber nur auf dem dunklen Hintergrunde des Schattens habt ihr Leben und Erſcheinung! Ach nur das Unerreichliche lockt die Sonnenkinder, das ewig Verlorene und das nie Geborene. Strebend nach dem Strahlenglanze des Glücks flattert ihr an der Nachtgrenze des Leides, Boten der Sehnſucht ſchweift ihr umher und findet nimmer!

Welch abſcheulicher Staub, ſagte Lenore und fuhr mit ihrem Sonnenſchirm in den Lichtſtreifen, daß die Stäubchen wild durcheinanderwirbelten.

Nun haben Sie den kleinen Weſen ihren ſchönen Tanz geſtört, ſagte Richard. Thut es Jhnen nicht leid?

Lenore ſah ihn verwundert an. Sie ſind ſeltſam, erwiderte ſie. Sie ſagen das ſo ernſthaft, daß man faſt einen Schreck bekommt, als könnte man auch dem Staube unrecht thun. Jch wundere mich nur, daß Sie mir dieſe intereſſante Geſellſchaft nicht förmlich vorge - ſtellt haben: Herr von Sonnenſtaub Fräulein Lenore. Jch hätte Luſt zu einem kleinen Luftwalzer. Sie lachte übermütig und ſchlug noch einmal in den Lichtſtreifen.

Sagen Sie den Herrſchaften, daß ſie mir ſehr26Stäubchen. gleichgiltig ſind. Staub iſt Staub und ſollte garnicht geduldet werden.

Warum nicht? fragte Richard ruhig. Glauben Sie nicht, daß jedes von dieſen kleinen Stäubchen ſeine Geſchichte hat, jedes vielleicht ſeinen eigenen Charakter und eine Aufgabe im großen Wirbeltanz, den man Welt nennt?

Jmmer beſſer! erwiderte Lenore ſpottend. Näch - ſtens behaupten Sie, daß auch das Sandkörnchen dort in der Cigarrenaſche auf dem Fenſterbrett einen Roman erlebt habe.

Ganz gewiß hat es ihn erlebt.

Das heißt, der Wind hat es irgend einmal her - eingeblaſen und wird es wieder hinausblaſen!

Aber wie wollen Sie wiſſen, woher und wohin? Das Körnchen und jenes Stäubchen, das dort wieder im Sonnenlicht aufblinkt, vielleicht haben ſie ſich ſeit Jahrtauſenden nicht geſehen und begrüßen ſich gerade jetzt mit zärtlichen Blicken? Vielleicht ſind ſie ſelbſt berufen, in unſer Leben einzugreifen und ſeinen Gang zu entſcheiden?

Sie werden unheimlich, Richard. Es iſt nicht be - haglich, ſich überall unter myſteriöſen Geſtalten und Gewalten zu ſehen. Verzeihen Sie mir, das ſind Phantaſtereien, die ich nicht liebe. Jch ſehe die Sachen, wie ſie ſind, und dann weiß ich, was ich zu thun habe. Aber natürlich Sie ſind ja ein Dichter, warum ſollen Sie nicht die Sprache des Staubes verſtehen? Jch begnüge mich damit, ihn abzu -27Stäubchen. wiſchen. Und ſie blies leiſe über den Griff ihres Sonnenſchirms hinweg.

Wer nicht mit den Dingen lebt, die ihn umringen, wer ſich nicht Eins fühlt mit dem geheimen Weben, welches das große All in ewigem Zuſammenhange durch - flutet, dem wird nur zu leicht auch jedes freiere Streben der Menſchen leer und nutzlos erſcheinen, ſoweit es ihm nicht die eigenen Zwecke fördert

Um Gottes Willen, keine Predigt ich glaube, ich habe Sie ſchon oft darum gebeten. Lieber erzählen Sie, was Sie an dem Stäubchen oder Körnchen ſo Abſonderliches finden.

Jch denke mir, begann Richard nach kurzem Be - ſinnen, weit im ſonnigen Süden auf hohem Berges - rücken einen kahlen Felsblock. Ein zartes Glimmer - blättchen ſchmiegt ſich an ein Quarzkörnchen, das neben ihm einſtmals aus gährendem Mutterſchoß der Erde erſtarrt war. Weithin ſchauten ſie über die Lande und hinab in die ſchattigen Haine von Lorbeer, Myrte und Oliven, in welchen die weißen Tempelſäulen ragten und Menſchen ſchritten in Feſtgewändern. Das Glimmer - blättchen ſehnte ſich hinaus in die Freiheit. Wenn die Muſen ihren Reigen führten auf ihrem heiligen Berge und es ihrem Sange lauſchte vom Leide der Götter und der Menſchen, da wäre es gern hinabgeſchwebt, mit ihnen die Herzen zu rühren und ſie nach ſich zu ziehen im Streben nach dem Unerreichlichen, nach dem Unerfüll - baren, welches das Ewige iſt. Aber aus alter Gewohn - heit haftete es an dem Quarzkörnchen, und das Quarz -28Stäubchen. körnchen ſagte: Kümmere Dich nicht um ſolchen Unſinn! Sind wir nicht hier auf einer anſtändigen Höhe! Was geht uns der Staub im Thale an? Das Glimmer - blättchen mochte es nicht länger ertragen, ſo reden zu hören, und es wünſchte erſt recht in die Ferne zu ſchweifen. Es dehnte und bog ſich in der Sonnenglut, Regen und Schnee ſcheuerten an ihm, und eines Tages kam der Sturm und riß es ab; als ein ganz winziges, kaum ſichtbares Splitterchen flog es in die Höhe, aber es war ſich genug; denn nun war es ein Sonnen - ſtäubchen geworden.

Nun wird es hoffentlich einmal etwas erleben, ſagte Lenore.

Lange flatterte es umher und freute ſich der Wonne des Schwebens, dann ſank es ermüdet auf den Sand. Da kam es daher wie Donner, Hufe der Roſſe ſtampften die Rennbahn und Staub wirbelte auf um die klin - genden Räder der Wagen, die um das Ziel raſſelten. Ein linder Weſt trug das Stäubchen mit Tauſenden ſeiner Genoſſen in die nahen Hallen des Heiligtums, und im ſchrägen Sonnenſtrahl tanzte es zum erſtenmal den Reigen der Sonnenkinder.

Ein trauerndes Weib lehnte an einer Marmorſäule und blickte mit thränenfeuchten Augen in den dämmern - den Lichtſtreifen, der ſich durch die Halle zog.

Weilſt Du unter ihnen Chloris? flüſterte ſie fragend. Seele meiner geliebten Kleinen, die ſie zu früh hinatmete in den Äther, ſpielſt Du mit den Ge - ſchwiſtern in Helios Strahlenreiche? Habt ſie lieb,29Stäubchen. flatternde Seelen, die ihr umherſchwebt als Sonnen - ſtäubchen; wie ich ſie liebte, ſo hütet ſie zärtlich! Und ihr Windgötter, hohe Gewalten, die ihr die Seelen der Geſchiedenen bewegt im Luftkreiſe, ehrwürdige Tritopa - toren, die ihr ſie zurückführt, damit ſie geboren werden zu neuem Erdenleben, ſchützt ſie, die Seele meiner Chloris, gebt ihr dereinſt eine glücklichere Mutter als mich, die Einſame!

Sie verhüllte ihr Antlitz mit dem Schleier und ſchritt die Stufen hinab, weinend.

Das Sonnenſtäubchen aber merkte, daß ihm die ge - heime Macht gegeben war, die Seelen der Menſchen emporzuziehen und zu erfüllen mit Sehnſucht nach dem, was ihnen lieb war, und heiligen Schmerz um das Verlorene in die Herzen zu ſtreuen. Stolz hob es ſich im Lichte, aber die Sonne ging hinter die Berge, ſein kurzer Glanz erloſch, und es ſtieß an eines der Weih - gefäße, die im Tempel ſtanden. Zum Unglück geriet es in eine Randverzierung, darin noch ein Tröpfchen Wein im Eintrocknen begriffen war, und dort blieb es kleben.

Das kommt davon, ſagte Lenore und ſchnappte das Schloß ihres Reiſetäſchchens zu, womit ſie geſpielt hatte. Richard ſah ſie enttäuſcht an. Wie ſchön war ſie und wie gleichgiltig ruhten dieſe Züge!

Das kommt davon, wiederholte er leiſe.

Jhr Stäubchen mag ſich übrigens tröſten, begann ſie wieder, an Wein und Gold ſind ſchon Beſſere kleben geblieben.

30Stäubchen.

Als Richard nichts erwiderte, fragte ſie: Nun und klebt es noch immer?

Es wurde ganz eingeſargt, antwortete Richard. Jn’s ſtille Heiligtum drang der Lärm der Waffen, Römerkrieger ſchleppten die Gefäße heraus, die goldene Schale ward zu einem Klumpen zuſammengeſchlagen und eingeſchmolzen, und das Glimmerblättchen geriet zum Unglück in irgend ein Goldſtück. Jn tiefem Schlummer lag es im goldenen Sarge und mit ihm ſchlief die Sehnſucht. Denn nur im Lichte leben die Sonnenſtäubchen und irren flatternd umher nach unbe - kanntem Ziele. Das Gold rollte ſeinen Weg durch der Menſchen Hände ein Jahrtauſend lang, gierig ſtreckten ſich die Finger danach aus, nach dem Sonnenſtäubchen fragte niemand.

Richard ſchwieg und Lenore unterdrückte ein leichtes Gähnen. Die römiſchen Goldſtücke ſind etwas plump, ſagte ſie. Jch habe eine Broſche aus einem ſolchen Himmel, wir haben doch die kleine Broſche nicht vergeſſen?

Sie iſt im Koffer, antwortete die Mutter mit halbgeöffneten Augen und legte das Taſchentuch unter ihre Wange, um beſſer weiter zu ſchlummern.

Richard ſah ſtumm zum Fenſter hinaus. Jch wußte es, dachte er ſchmerzlich bewegt. Was kümmert ſie das Stäubchen, das der Sturm vom Gipfel des Parnaſſos riß, um es unverſtanden zu begraben?

Was wurde nun aus dem Goldſtück? fragte Lenore. Das möchte ich doch wiſſen, vielleicht wird es jetzt luſtiger.

31Stäubchen.

Ein hartes Wort ſchwebte Richard auf der Zunge, aber er überwand ſich und fuhr nach kurzer Pauſe fort:

Grünes Weinlaub umrankt die enge Fenſteröffnung einer Kloſterzelle. Frühlingshauch trägt die Düfte des blühenden Flieders herein, und ein ſchmaler Sonnen - ſtreifen gleitet vorwitzig bis auf das weiße Pergament, auf welchem ein prächtiger Anfangsbuchſtabe im Ent - ſtehen begriffen iſt. Ein Mönch ſitzt davor und glättet an dem Goldgrund, den er ſorgfältig aufgetragen; ſeine Gedanken ſind ganz bei dem kleinen Bilde, welches die heilige Geſchichte zieren ſoll. Da verſchiebt er ein wenig das Pergament, die Sonne trifft auf das Gold und das glättende Elfenbein, und aus dem Golde löſt ſich das kleine ſchimmernde Glimmerſtäubchen. Der Mönch weiß nicht, daß er es ſieht, aber wie es im Lichte tanzt, muß ſein Auge dem Sonnenſtreifen folgen, bis dieſer im grünen Weinlaub ſich verliert, und nun Er ſieht nicht mehr die Zelle und das Fenſter, die ſtille Laube erblickt er im Ritterhofe des Vaters, wo er vor Jahren geſtanden, und ſchaut in zwei milde blaue Augen und ein Antlitz, von Liebe leuchtend, das ſich ihm zuneigt. Mit beiden Händen hält er Mathildens Hand umfaßt, und ihre Worte vernimmt er wieder, wie er zum letzten mal ſie hörte: Leb wohl, mein Freund! Verlieren ſoll er ſein Glück und ſeine Hoffnung und weiß doch, daß ſie ihn liebt, heiß und innig, und elend iſt im Scheiden, wie er. Warum, o warum? Es muß ſein, mein Freund. Lieben iſt ſüß, und Gehorſam iſt bitter; aber gehorchen werd ich und folgen dem Gebote des32Stäubchen. Vaters, und ihm, den er gewählt. Jch liebe dich, doch ich gehe in die Pflicht. Murre du nicht gegen Gottes Ordnung o könnt ich helfen dir und deinem Leid, einen Trank dir geben zu vergeſſen um mich ſorge nicht, ich bin ſtark und kräftig und will leben, und du biſt ein Mann. Wie einen letzten Kuß fühlt er’s brennen auf ſeinen Lippen in der Ferne ſah er einen Reiterzug verſchwinden es war ihm, als hörte er nächtliches Weinen in tiefem Schmerz ſtöhnte er auf.

Da verloſch der Sonnenſtrahl am Fenſter, in welchem das Stäubchen tanzte, er aber ſtürzte nieder vor dem Crucifix und griff nach der Geißel, die da - neben hing, und die Mönche in den Nachbarzellen ſagten: Der Bruder Kunibert treibt es heftig.

Lenore zuckte mit den Schultern. Jch weiß nicht, ſagte ſie, was Sie davon haben, immer ſolch traurige Geſchichten zu erzählen.

Jch hatte Jhnen ja geſagt, es iſt die Gabe des Sonnenſtäubchens, den Menſchen das Jnnerſte aufzu - rühren in der Sehnſucht um das Unerreichbare. Kämpfen nicht Pflicht und Liebe überall ihren unlöslichen Streit, und iſt’s nicht etwas Großes um das Können, die Bilder des Lebens aufzurollen der durchſchauerten Seele?

Das mag wohl über meinen Horizont gehen, ſagte ſie. Jch finde es ſehr unbequem und ungemüt - lich, immer an Unangenehmes zu erinnern; ſo etwas muß man vergeſſen

33Stäubchen.

Ganz richtig man muß vergeſſen.

Der Kloſterbruder kann Einem höchſtens leid thun. Da iſt Mathilde jedenfalls vernünftiger. Sie iſt hoffent - lich glücklich geworden?

Wir hoffen es, antwortete Richard trocken. Sie war ja eine ſtarke Natur , der die Sonnenſtäubchen nichts anhaben. Sie bekam ſieben Söhne und ſieben Töchter und alle haben ſich glücklich verheiratet.

Sie ſind abſcheulich, rief Lenore. Dann öffnete ſie ihr Täſchchen und holte eine elegante Bonbonniere hervor, die ſie ihm darbot.

Es ſoll Gnade für Recht ergehen, ſagte ſie. Hier haben Sie etwas Herzſtärkendes. Nun ſeien Sie aber vernünftig. Die Sehnſucht nach dem Uner - reichbaren mag ja ganz hübſch ſein für Sonnen - ſtäubchen, für unſer Einen ziehe ich etwas Solideres vor. Nehmen Sie dieſe Chokolade Sie danken? Jedenfalls aber erzählen Sie noch etwas Nettes vom Quarzkörnchen und nun nicht mehr ſentimental.

Richard verneigte ſich ironiſch. Auf die Gefahr, Jhnen noch mehr zu mißfallen. Das Quarzkörnchen langweilte ſich und dachte, wenn das Glimmerchen ein Sonnenſtäubchen geworden iſt, warum ſoll ich mich nicht amüſiereu? Jch bin eigentlich ein Kriſtall; ich habe eine elegante Figur und eine blanke Oberfläche. Man wird ſich freuen, mich in der Geſellſchaft zu be - grüßen. Man wird mir huldigen. Warum ſoll ich den Menſchen nicht einen Gefallen thun?

Ein Jahrtauſend und noch eins war vergangen,Laßwitz, Seifenblaſen. 334Stäubchen. ſeitdem das Glimmerblättchen entflogen, da ſprengte ein friſcher Nachtfroſt das Körnchen los und es glitt über die Schneewand zu Thale. Bald rollte es im Waſſer vom Bach zum Fluß und vom Fluß zum Meere; eine Woge ſchleuderte es auf den Strand, die Sonne trock - nete ſchnell ſeine Seiten, und es fand ſich zu ſeinem Vergnügen glatter und ſchöner wie je. Wenn mich das Glimmerchen jetzt ſehen könnte, dachte es, das würde ſich gleich wieder in mich verlieben. Ein Wirbel - wind erfaßte das Körnchen und warf es auf die Land - ſtraße.

Könnt ich mich nur erſt den Menſchen bemerklich machen, ſprach es bei ſich, wie würden ſie mich be - wundern!

Endlich kam ein Maultiertreiber vorüber, der trat auf das Körnchen mit ſeinen nackten Füßen und es bohrte ſich vergnüglich in ſeine Sohle. Nicht lange, ſo fand der Treiber das ungemütlich; er begann zu fluchen. Aha, dachte das Körnchen, er fängt ſchon an mich zu bemerken; das ſind die erſten Seufzer des Herzens. Und es bohrte recht kräftig weiter mit ſeinen Kanten und Ecken. Verwünſchter Weg! ſagte der Treiber, griff nach ſeiner Decke, die auf dem Maul - tier lag, und rieb damit ſeinen Fuß. Dann warf er die Decke wieder auf das Tier. Das Körnchen haf - tete an der Decke und rutſchte zwiſchen die Säcke, die das Maultier trug. Sie waren mit Korinthen gefüllt und wurden zu Schiffe gebracht. Das Körnchen war ziemlich zufrieden mit ſeinem erſten Erfolge, es kroch35Stäubchen. durch eine dünne Stelle des Gewebes und bettete ſich recht bequem zwiſchen den kleinen Roſinen. Es dachte ſogar nach: was der Menſch auf der Straße ſagte, war nicht übel, es ſchien ein Gedicht, das man auf mich machte; man könnte es in Muſik ſetzen. Doch darauf lege ich keinen Wert. Jch finde es ſehr rückſichtsvoll, daß man mich ſo mit Süßigkeiten umgeben hat. Und das war nur eine oberflächliche Bekanntſchaft! Wie werde ich erſt wirken, wenn man mich näher kennen lernt.

Sollten Sie dem Sandkörnchen nicht unrecht thun? unterbrach Lenore die Erzählung. Warum muß es ſo prätentiös ſein?

Es war eben ſo es war ein Sandkörnchen und dachte wie ein Sandkörnchen, und als ſolches war es ſich ſelbſt die Hauptſache.

Sie müſſen’s ja wiſſen.

Leider je länger ich dem Sandkörnchen folge, um ſo ſicherer weiß ich, daß ich nicht irre es war kein Sonnenſtäubchen

Und wollte auch keines werden, ſagte Lenore nachläſſig.

Richard warf einen langen Blick auf ſie und ſchwieg.

Jch möchte nur wiſſen, hub Lenore plötzlich wieder an, wozu nach Jhrer Jdee ſo ein Sandkörnchen eigentlich gut iſt. Jch denke, es hat alles ſeine ewige Aufgabe oder wie Sie das Ding nennen.

Gewiß, und auch das Körnchen erfüllt ſie nach ſeiner Art; und wenn es nur wäre

3*36Stäubchen.

Und wenn es nur wäre ?

Um Jlluſionen zu zerſtören

Ah laſſen Sie hören!

Wie Sie befehlen.

Eines Tages wurde es wieder hell um das Körnchen. Es fand ſich nebſt einigen Korinthen zwiſchen den Fingern eines Kindes, das eben von jenen naſchen wollte, als die älteſte Schweſter in das Zimmer trat und ihm auf das Händchen klopfte. Das Kind ließ die Roſinen los und begann zu weinen; das Körnchen war bis auf den Tiſch geflogen.

Man reißt ſich um mich, ſprach es, man gönnt mich niemand.

Das junge Mädchen, welches das Kind zurecht - gewieſen, trat an den Tiſch und ſagte: Da hat der Bruder wieder Streuſand ausgeſchüttet, und eins zwei drei hatte ſie das Quarzkörnchen mit dem Streuſand in die Büchſe gefegt. Die vom Streu - ſand moquierten ſich über ſeine Toilette; es ſei nicht einmal blau gefärbt, meinten ſie. Das Quarzkörnchen aber bemerkte hochmütig, auf dem Parnaß ſei Weiß Mode, und darauf käme es doch wohl an. Jndeſſen hatte ſich das junge Mädchen an den Tiſch geſetzt und einige Worte auf einen Zettel geworfen.

Lieber Werther. Erkundigen Sie ſich doch bei dem Kaufmann, wann er wieder friſche Orangen be - kommt. Nächſten Mittwoch erwarten wir Albert. Auf Wiederſehen! Lotte.

Einen Augenblick wurde ſie nachdenklich, danu37Stäubchen. trällerte ſie eine Françaiſe und tanzte einmal auf und ab durch die Stube. Sie faltete den Brief und gab ihn dem Boten.

Ein ernſter Mann ſtand in ſeinem Zimmer. Durch das Fenſter zog die Sonne des Sommerabends ihre Lichtſtreifen, und unſer Glimmerblättchen ſchwebte darin. Er preßte die Hände zuſammen, und ſein ſtarrer Blick folgte den Strahlen. Er ſah die großen ſchwarzen Augen jenes Mädchens vor ſich dieſe Augen und dieſe Lieblichkeit und Anmut niemand kann ſie beſchreiben, außer Einem, der hat’s gekonnt, und alle Welt hat’s geleſen

Wie ſoll das enden? rief er ſeufzend. Jch will ſie nicht wiederſehen und lebe doch nur in der Hoff - nung, daß ich ſie ſehen werde. Meine Arme ſtreck ich aus, eine Welt möchte ich umarmen und in’s Leere faſſ ich, das mit trügeriſchen Hoffnungen erfüllt ein Traum mir vorgegaukelt. Und ich wußte es, daß es ein Traum ſein müſſe und doch! O Lotte, Lotte!

Mit dieſem Seufzer griff er nach dem Zettel, der geöffnet neben ihm lag, er riß ihn mit ſehnſüchtiger Glut an ſeine Lippen und drückte einen heißen Kuß auf den Namen der Geliebten.

Endlich! ſagte das Körnchen und ſprang ihm zwiſchen die Zähne, daß ſie knirſchten. Und mit dem Tuche, das eben ſeine Thränen benetzt, wiſchte er ſich den Streuſand von den Lippen

Nun? fragte Lenore, da Richard ſchwieg. Und38Stäubchen. die Moral der langen Geſchichte, wenn ſie etwa zu Ende ſein ſollte?

Jch fürchte, ſie iſt es, ſagte Richard und ſah ihr mit tiefem Ernſt in das Geſicht. Oder halten Sie es nicht für ein gutes Ende, wenn man die Lippen zum Kuſſe der Sehnſucht öffnet und den Mund voll Sand bekommt? Als das Sonnenſtäubchen auf dem Boden von Werthers Zimmer das Quarzkörnchen wiederſah, mit welchem es auf dem Parnaß zuſammen gewohnt, da flatterte es ſehnſüchtig zu ihm nieder und wollte ſich an ſeine Seite ſchmiegen. Aber das Körnchen ſagte: Entſchuldigen Sie, ich bin jetzt erwachſen und in der Welt herumgekommen, und das ſchickt ſich nicht. Und das Stäubchen erzählte ihm, daß es die angeborene Göttergabe erprobt habe und nun hoffen dürfe, im Reigen der Sonnenkinder zu ſchweben, ein Führer den Menſchen zu lichten Höhen, wo das Leid der Erde ſich löſt im Schimmer der ewigen Schönheit. Da ſagte das Körn - chen: Jch mache mir nichts aus dem Herumfliegen, ich bin eigentlich ein Kryſtall und gehöre in eine gediegene Faſſung. Und wieder ſprach das Stäubchen: Du ſchöner, kalter Kryſtall, trotz alledem wenn Du mir nur wiederſpiegeln wollteſt einen Strahl meiner Sehn - ſucht, nur einen Funken innigen Mitgefühls, und ver - ſtehen wollteſt, was ich Dir ſage

Mit unterdrücktem Schmerzensruf fuhr Richard mit der Hand an ſein Auge, das er nicht zu öffnen ver - mochte. Er bedeckte ſein Geſicht und verſuchte das thränende Lid zu trocknen.

39Stäubchen.

Was iſt Jhnen? fragte Lenore.

Das Sandkörnchen, ſagte er und wandte ſich ab.

Es hatte lange genug am Fenſterbrette geſpielt; jetzt hielt es ſeine Zeit für gekommen, es ſprang in die Höhe und vom Winddrucke des Schnellzuges getrieben flog es in das Auge des Dichters. Lenore lachte laut auf und rief: Das iſt die Strafe, warum haben Sie das Quarzkörnchen ſchlecht gemacht! Sie ſehen furcht - bar komiſch aus, wenn Sie ſo zwinkern!

Richard lehnte ſich ſchweigend zurück. Es gelang ihm, nach einiger Zeit mit dem Zipfel ſeines Tuchs das Körnchen zu entfernen, aber das entzündete Auge ſchmerzte ihn, und er hielt es geſchloſſen. Der Zug raſſelte über Weichen, Häuſerreihen tauchten auf, man hielt am Bahn - hof. Lenore blickte hinaus. Ach, rief ſie, da iſt mein Bruder und Couſin Benno. Mit leichtem Sprunge war ſie aus dem Wagen.

Schneidiges Wetter heut koloſſaler Staub, ſchnarrte Couſin Benno, ihr Tuch und Taſche ab - nehmend.

Lenore wandte ſich zurück, ſie nickte Richard zu und ſagte zum Abſchied:

Und was hat Jhnen das Körnchen noch verraten?

Das Ende , erwiderte Richard kalt.

[40]

Apoikis.

Motto:

Jm Schoße der Götter.

Triſtan da Cunha,28. Dezember 1881.

Verehrter Freund! Fernab vom Wege des Welt - verkehrs, im ſüdlichen Teil des Atlantiſchen Ozeans ſchreibe ich Jhnen heute auf einſamer Berginſel, wo ich der ſiebenundachtzigſte Bewohner bin, und der acht - undachtzigſte wohl ſobald nicht ankommen wird, und ich thäte vielleicht beſſer, hier zu bleiben und ein beſchau - liches Einſiedlerleben zu führen, als aus der Gemein - ſchaft ſeliger Götter, die ich vor wenigen Tagen verlaſſen, wieder in das Barbarentum Europas zurückzukehren, das meine Berichte verlachen wird. Ach, hätten Sie einmal den Fuß in das Seelenſchiff geſetzt, einmal vom am - broſiſchen Tiſch gegeſſen und, wie ich, wenigſtens einen Blick in das intelligible Paradies geworfen! Sie würden gleich mir zwiſchen ſtolzer Wonne und unſtillbarer Sehn - ſucht nach dem Unerreichbaren ſchwanken. Doch Jhnen mit Jhrem zeitlichen Bewußtſein muß man ja in hiſtoriſcher Ordnung erzählen, wenn Sie hören ſollen.

Der Einladung Lord Lyttons folgend, hatte ich, wie Sie wiſſen, die Archäologie für einige Monate beurlaubt41Apoikis. und mich ganz der Reiſelaune unſeres generöſen Freundes anvertraut. Wir ſchwammen auf ſeiner Dampf-Jacht Moonſhine unter der Obhut des wackeren Kapitäns Clynch bei prächtigem Wetter in dem einſamen, ſelten beſuchten ſüdlichen Teile des Atlantic. Am 11. De - zember 1881, mittags um 12 Uhr, als wir unter 28° 34′ weſtlicher Länge (von Greenwich) und 39° 56′ ſüd - licher Breite uns gerade zum Frühſtück ſetzen wollten, wurde uns die Nähe von Eisbergen gemeldet. Bald tauchten nicht nur einzelne helle Maſſen, ſondern eine meilenlange, hohe, weißglänzende Mauer vor unſeren Blicken auf das ſeltſame Phänomen mußte unterſucht werden. Während ſich der Moonſhine in ſicherer Ent - fernung hielt, ruderten vier kräftige Matroſen den Arzt des Schiffes, Mr. Gilwald, und mich nach den glitzernden Koloſſen hin. Je näher wir dem Gebirge kamen, um - ſomehr bemerkten wir zu unſerem Erſtaunen, daß wir es garnicht mit ſchwimmenden Eismaſſen, ſondern mit dem ſteilen Felſenſtrande einer Jnſel zu thun hatten. Ein tief eingeſchnittener Fjord eröffnete unſerem Boote eine Einfahrt, und es gelang uns einen paſſenden Platz zum Anlegen zu finden. Und nun überzeugten wir uns zu unſerer Überraſchung, daß das vermeintliche Eis nichts Anderes war als eine Felſenwand von rieſigen Kalkſpat - Kryſtallen, die allerdings aus der Ferne mit ihren Reflexen im Sonnenlichte Eisbergen täuſchend ähnlich ſahen. Hierin lag jedenfalls der Grund, weshalb an dieſer Meeresſtelle auf der Karte zwar die Beobachtung von Eis - bergen, aber nichts von einer Jnſel verzeichnet war. Jch42Apoikis. begann die Felswand, deren Höhe etwa hundert Meter betragen mochte, hinaufzuklettern, da die vorſpringenden Kryſtalle das Unternehmen nicht ſehr ſchwierig machten.

Kaum hatte ich den oberen Rand erreicht und einen Blick hinüber geworfen, als ich wie bezaubert ſtehen blieb, unfähig vor Erſtaunen und Bewunderung mich zu rühren. Die Felswand fiel, einem Rieſenwalle ähnlich zuerſt ſteil ab, dann aber ging ſie in ein hügeliges Ge - lände über, das im blühenden Grün eines reichen Pflanzenſchmuckes prangend ſich allmählich zu einer ſtillen Meeresbucht herabſenkte. Hinter der Bucht erhoben ſich neue Hügel, auf denen zwiſchen dem Grün der Lorbeer - und Olivenbäume die glänzend weißen Häuſer und Paläſte einer ausgedehnten Stadt aufſtiegen, alles über - ragt von jenem Wunderbau der Akropolis, wie er einſt die Stadt der Pallas Athene geſchmückt hatte. Auf dieſem entzückenden landſchaftlichen Hintergrunde ſpielte ſich das regſte Leben ab; auf dem Meere Fahrzeuge von ſeltſamer Geſtalt und Menſchen, die über das Waſſer zu huſchen ſchienen, am Ufer eine zahlreiche Menge in lebhafter Bewegung, aber in Trachten und Formen, wie ich ſie noch nie beobachtet. Nach den erſten Augenblicken regungsloſen Hinſtarrens ſuchte ich mich zu beſinnen. Meinen Gefährten zuzurufen getraute ich mich nicht, weil ich noch garnicht an die Wirklichkeit des Geſehenen glaubte. Wie ſollte dieſe bunte Welt, die einerſeits ent - ſchieden an das griechiſche Altertum mahnte, anderer - ſeits aber wieder einen unbeſchreiblichen, mit nichts ver - gleichbaren Eindruck des Märchenhaften machte, wie ſollte43Apoikis. dieſe Welt in die Oede des Atlantiſchen Ozeans kommen? Während ich ſolcher Frage nachhängend auf das ſelt - ſame Treiben zu meinen Füßen ſtarrte, mochte ich wohl langſam auf dem Felſenwall fortgegangen ſein, denn ich befand mich plötzlich vor einer zwar ſteilen, jedoch gangbaren Treppe, welche von der Höhe nach den Hügeln hinabführte. Jetzt begann ich doch zu zweifeln, ob ich mich ohne meine Gefährten in dieſes unbekannte Reich wagen ſollte, aber ehe ich noch mit mir einig wurde, tauchte ein Einwohner des Landes vor mir auf, der mich durch eine Handbewegung einlud, die Stufen hinab - zuſteigen. Dieſer Aufforderung mußte ich Folge leiſten warum, das hätte ich nicht angeben können, aber die Einladung war zwingend wie der Wink einer Gottheit. Jch kann auch das Gefühl, das ich hatte, als ich gegen meine kurz vorher gehegte Abſicht nun unbedingt und doch willig dem Unbekannten nachgab, mit nichts Anderem vergleichen als mit der Stimme des Gewiſſens, das uns zu einer Handlung treibt ohne Wahl, es mag unſere Reflexion ſagen, was ſie will. Der Bewohner des Landes, der einen leichten Mantel von einem gold - glänzenden Stoffe über einem dichtanliegenden Unter - gewand trug, war von kleiner Statur, aber edler Haltung, eine Waffe konnte ich an ihm nicht bemerken; ſtolzen Ganges ſchritt er voran, während ich, gleichwie im Traume, machtlos ihm nachwandelte. Als wir an das Ufer der Meeresbucht gelangt waren, wendete er ſich nach mir um (daß ich ihm gefolgt war, ſchien er mit abſoluter Sicherheit zu wiſſen, denn er hatte ſich44Apoikis. während des zehn Minuten langen Weges nicht um mich bekümmert) und richtete eine Frage an mich. Die Sprache klang mir im erſten Augenblicke fremd, und ich hätte ihn vielleicht nicht verſtanden, wenn nicht der helleniſche Geſamt-Charakter unſerer Umgebung plötzlich den Gedanken in mir hätte aufleuchten laſſen: Das iſt griechiſch. Und als er ſeine Frage wiederholte, verſtand ich ſie auch, nur die ungewohnte Ausſprache hatte mich ſtutzig gemacht. Er fragte mich, aus welchem Lande ich ſtamme und wie ich auf dieſe Jnſel gekommen ſei, auch ob ich wüßte, welche Stadt vor meinen Augen läge. Es ſchien mir, daß er wohl keine Antwort auf ſeine Fragen erwartete, ſondern ſie nur geſtellt hatte, um ſich von meinem Barbarentum zu überzeugen; denn als ich nach beſtem Vermögen in klaſſiſchem Griechiſch, freilich in ihm offenbar befremdlicher, aber doch verſtändlicher Ausſprache Antwort gab, nahmen ſeine Mienen den Ausdruck freudigen Erſtaunens an. Er wurde plötzlich freundlich, reichte mir die Hand und ſagte: Willkommen in Apoikis, wer du auch ſeiſt; die Sprache der Hellenen bewahrt dir die Freiheit. Darauf nahm er vom Ufer - rande ein paar eigentümlich geformte Schuhe, die er mir reichte, während er ein gleiches Paar an ſeinen Füßen befeſtigte und damit aufs Waſſer hinaustrat, als ſei es feſtes Land. Jch ſtand natürlich höchſt verdutzt da, unwiſſend was ich beginnen ſollte, etwa wie ein Feuerländer, dem man ein Opernglas reicht mit der Bitte, ſich zu bedienen. Der Apoikier lächelte und er - klärte mir den Gebrauch der Anthydors, wie er die45Apoikis. Schuhe nannte. Jch muß geſtehen, daß ich ihn nicht ganz verſtand, und ich kam mir immer mehr barbariſch dieſem civiliſirten Hellenen gegenüber vor. Doch erſah ich ſo viel, daß die Sohlen, welche aus Metallſtreifen zuſammengeſetzt waren, bei der Berührung mit dem Waſſer dasſelbe unter lebhaftem Aufbrauſen ſo ſtark zerſetzten, daß ein Einſinken unmöglich wurde. Jch faßte Mut, legte die Anthydors an und bewegte mich, von meinem Führer geſtützt, zu Fuße über das Waſſer, nicht ohne Bangen und Beſchämung ob meiner Unkenntnis. Ach, mein Stolz auf die europäiſche Kultur des neunzehnten Jahrhunderts ſollte bald noch tiefer, ganz tief ſinken. Jch ſah jetzt, daß gleich uns viele andere über das Waſſer gemütlich fortſchritten, ich ſah aber zugleich in ihren Händen Jnſtrumente und rings um mich, auf dem Waſſer, an den Ufern und an den Häuſern Vorrichtungen aller Art, die mir gänzlich fremd waren. Ein Wilder, der eine unſerer europäiſchen Hauptſtädte betritt, kann vor allen Erfindungen der Neuzeit nicht dümmer ſtehen, als ich vor den Kunſtwerken von Apoikis.

Mein Führer bog aus einer Straße auf einen weiten Platz ein, als plötzlich aus dem uns umgebenden Gewühl von Menſchen ein Mann, in ähnlicher Kleidung wie mein Begleiter, hervorſtürzte und mir ungeſtüm um den Hals fiel. Ehbert, rief er auf deutſch, wie kommſt Du nach Apoikis? Mein Führer trat nicht ohne Ehrerbietung vor dem Herangekommenen zurück, während ich mich kurze Zeit beſinnen mußte, wen ich vor mir habe. Denn das ungewohnte Koſtüm befremdete mich. Dann46Apoikis. erkannte ich zu meiner freudigſten Ueberraſchung nun raten Sie unſeren lieben Studienfreund Philandros, mit dem wir im Sommer 1872 ſo herzerhebende Stunden in Heidelberg verlebten. Jetzt war ich geborgen. Phi - landros erklärte ſich zu meinem Gaſtfreunde er iſt hier eine höchſt angeſehene Perſönlichkeit und führte mich in ſein Haus. Meine ſtürmiſchen Fragen beant - wortete unſer Freund mit ſeinem ſtillen, olympiſchen Lächeln, das Sie an ihm kennen. Mit der Zeit, ſagte er, ſollſt Du erfahren, ſo viel Du vermagſt; nur halte Dich maßvoll, willſt Du beſtehen. Wir ſind nicht wie ihr an die ſinnliche Welt der Erſcheinung gebunden doch ich merke, daß Du augenblicklich von einem phänomenalen Hunger gequält wirſt.

Er ſtellte mich ſeiner Gattin vor, einer graziöſen, in Violett und Gold gekleideten Dame, die ich in dem Verdacht habe, daß ſie bei meinem Anblicke das Lachen nur mit Mühe unterdrückte. Jn der That mochte mein Erſtaunen über meine Umgebung bewirken, daß ich noch einfältiger ausſah, als ich bin. Sie führte mich indes durch einen freundlichen Wink in ein weites Gemach, das als Speiſekammer, Küche und Eßzimmer zugleich diente. Bei uns giebt es keine Bedienung, ſagte ſie, jeder bereitet ſeine Nahrung ſelbſt. Eine zweite Hand - bewegung wies mich auf die Vorräte an den Wänden hin, die ich nicht kannte, auf die Geräte, deren Gebrauch ich nicht verſtand ich zuckte die Achſeln, und Frau Liſſara lächelte nun wirklich, nur ein klein wenig, aber ich ſah es doch. Philandros nahm einige Früchte und47Apoikis. Fleiſchſtücke, legte ſie in eine Schale und goß eine Flüſſigkeit darüber, die er Diapetton nannte, und die Berührung mit derſelben vollbrachte in einer halben Minute die Wirkung eines trefflichen Bratofens. Vor mir ſtand ein garniertes Filet, deſſen Genuß mir nicht nur vorzüglich mundete, ſondern auch meine Seele in eine erhöhte Stimmung verſetzte, mich von jeder Müdig - keit befreite und mir die Luſt erweckte, einige der ſchwierigſten philoſophiſchen Probleme zu löſen, wie man etwa bei uns zum Nachtiſch Nüſſe knackt. Frau Liſſara fragte mich, was die europäiſchen Damen für Anſichten über die Jdentität des ethiſchen und logiſchen Noume - nons hätten, und ob meine Frau die Tranſcendenz oder die Jmmanenz des Gefühles vorzöge; und ſie ſchlug die Hände über dem Kopfe zuſammen, als ich ihr ſagte, daß bei uns weder Ethik noch Logik in der Mädchenerziehung eine Rolle ſpielten. Auch nicht im Leben? fragte ſie. Jhr Gatte erſparte mir die Ver - legenheit der Antwort, indem er ſich bereit erklärte, mir einige Aufhellung über die Verhältniſſe von Apoikis zu geben. Was ich von ſeinen Ausführungen verſtand, kann ich Jhnen nur ganz kurz ſkizzieren, ſo weit es über - haupt im Rahmen unſerer Begriffe möglich iſt.

Nach der Hinrichtung des Sokrates (399 vor Chriſti Geburt) verließ bekanntlich eine Anzahl ſeiner perſönlichen Freunde, Geſinnungsgenoſſen und Schüler Athen. Gleich ihrem Meiſter erkannten ſie, daß, nachdem der naive Glaube an die Unerſchütterlichkeit der Volksſitte einmal geſtört war, nicht das Zurückgehen auf das Alte, ſondern nur48Apoikis. die Erneuerung der Sitte von innen heraus zu helfen vermöge, daß aus dem Eingehen in das Bewußtſein des Einzelnen und die Berechtigung der freien perſönlichen Ueberzeugung der Fortſchritt von engherziger nationaler Starrheit zu edlem Menſchentum geſchehen müſſe. Jn der Abſicht, an noch unbeſiedelter Küſte, ſei es in Spanien oder in Afrika, ein ſelbſtändiges Staatsweſen zu gründen, welches nach den Grundſätzen ihrer Erkenntnis ver - waltet ſich vollſtändig frei entwickeln ſollte, rüſtete ein begütertes Brüderpaar, Chairephon und Chairekrates, von Megara aus, wohin ſie ſich, wie bekanntlich auch Platon, zunächſt begeben hatten, eine Anzahl von Schiffen, die mit allem verſehen wurden, was zur Gründung einer Kolonie gehörte. Jedoch ſollte dieſe Anſiedlung ſich möglichſt unabhängig ſtellen und nur auf ihre eigene Kraft bauen. Ein eigentümliches Geſchick wollte es, daß hier in der That die Pflanzſtätte eines neuen Menſchentums gelegt wurde, denn nachdem die Expedition die Rhede von Megara verlaſſen, hat kein Menſch auf dem Erdenrund mehr eine Kunde von ihr erhalten; die Ausgewanderten ſelbſt und ihre Nachkommen ſind von jedem Verkehr und Einfluſſe anderer Menſchen und Völker abgeſchnitten geweſen. Jch bin der erſte, dem es geſtattet iſt, Kunde von jenen erhabenen Weſen nach Europa zu bringen, auf das ſie mitleidig herabſehen.

Durch Stürme über die Säulen des Herkules hin - ausgetrieben, wurde die Expedition nach wochenlangen Gefahren bis an jene Felſeninſel verſchlagen, wo heute Apoikis ſteht. Hier fand ſie Rettung. Der Fjord,49Apoikis. in welchen auch unſer Boot eingefahren war, windet ſich weiterhin rückwärts und bildet das verſteckte Binnen - meer, an deſſen blühenden Ufern die Stadt Apoikis gegründet wurde. Das Land im Jnnern der Jnſel, ſobald man die hohen Kalkſpatmauern, die ſie umgeben, überſtiegen hatte, erwies ſich als außerordentlich frucht - bar, das Klima milde und angenehm. Eine Bevölkerung von 7000 bis 8000 Seelen findet hier reichliche Nah - rung, bei ſehr geringer Arbeit. Eine größere Zahl von Einwohnern aber hat Apoikis niemals erreicht. Denn, wie mein Gaſtfreund ſagte, das Glück eines Volkes be - ſteht nicht in der möglichſt großen Menge von einzelnen Centren des Bewußtſeins, ſondern in der intenſiven und gleichmäßigen Konzentration des Bewußtſeins in jedem einzelnen Jndividuum. Als ich ihn fragte, ob denn Apoikis nie an Übervölkerung leiden könne, da lächelte er und ſprach: Das kann ich Dir ſchwer erklären. Wenn Du die ganze Entwicklung unſeres Kulturzuſtandes kennteſt und die Tiefe unſerer ſittlichen Weltauffaſſung zu begreifen vermöchteſt, dann würdeſt du einſehen, daß Deine Frage zu jenen unberechtigten gehört, wie z. B.: warum die Welt exiſtiert, ob die Seele im Gehirn ſitzt, ob die Tugend blau oder grün iſt. Erzähle nur unſere Geſchichte weiter, warf Frau Liſſara ein. Als wir hierher kamen, fuhr Philandros fort, Schüler des Sokrates und Freunde des Platon, mit den Verſen des Sophokles auf den Lippen und vor den Augen die Erinnernng an die Bilder des Phidias, im Herzen die Lehren des weiſeſten der Menſchen, als wirLaßwitz, Seifenblaſen. 450Apoikis. hier ein ſorgenloſes Leben fanden, da bildeten wir eine kleine, aber glückliche Gemeinde philoſophiſcher Seelen, und frei von jeder Nötigung, äußeren Gefahren ent - gegenzutreten, richteten wir alle Kraft auf die harmo - niſche Ausgeſtaltung unſeres inneren Lebens, Ver - tiefung des Denkens, Erziehung des Willens, maßvollen Genuß heiterer Sinnlichkeit. Zwei volle Jahrtauſende verfloſſen, ohne daß ein Segel am Horizonte von Apoikis aufgetaucht wäre. Jn dieſer Zeit haben wir unter Be - dingungen, wie ſie die menſchenerfüllte Erde keinem Volke bieten kann, einer ungeſtörten, fortſchreitenden Entwicklung uns erfreut. Was wir indeſſen erreichten, das könnt Jhr nie und nimmer gewinnen, auch wenn Eure Kultur im gleichen Maße, wie in dem letzten Jahr - hundert, noch ein paar Jahrtauſende emporſtiege, denn Jhr ſteht auf ganz anderen hiſtoriſchen Grundlagen als wir. Hunderte von Millionen wollen glücklich werden, dazu müßt Jhr erſt das Leben in mühſeligem Kampfe erſtreiten und dann in hundert Millionen Herzen das Gefühl maßvoller Beſcheidung wecken; das letztere könnt Jhr vielleicht erreichen durch eine Religion, welche die Gemüter fortreißt. Aber leben müßt Jhr doch. Und wie Jhr geſtellt ſeid, ſo kann die Linderung des äußeren Elendes auch nur erreicht werden durch äußere Arbeit, und darum geht alle Eure Kultur nur auf Machtent - wicklung der Menſchheit. Sie muß darauf gehen, weil Jhr das Leben nicht anders zu bezwingen vermögt. Die unſere aber verachtet und kann verachten die ungemeſſene Höhe, auf welche der Menſch durch Bezwingung der51Apoikis. äußeren Kräfte der Natur gelangen kann. Denn ſie hat erreicht die Tiefe, in welcher das Bewußtſein die Welt der Erfahrungen geſtaltet und in welcher ihr alles Andere von ſelbſt zufällt. Jhr ſeht nur das Zifferblatt der großen Weltenuhr und ſtudiert den Gang der Zeiger; wir aber blicken in das Räderwerk und auf die treibende Feder, die wir ſelbſt ſind, und verſtehen das Werk zu rücken. Euch trifft damit kein Vorwurf, Jhr konntet nicht anders vorwärtsſchreiten, denn wo Jhr es verſuchtet, die Welt zu verachten und das Glück aus dem Jnnern zu gewinnen, da riß Euch immer die hungernde Maſſe in den Zwang der Wirklichkeit, ehe Jhr mit dem Be - wußtſein der Geſamtheit in das Jdealreich zu dringen vermochtet. Jhr konntet die äußere Macht nicht ent - behren. Um ſie zu gewinnen, mußtet Jhr die Natur, die Jhr verachten wolltet, wieder in Eure Rechnung aufnehmen; Jhr mußtet beobachten und ſammeln und nur durch Erfahrung könnt Jhr die Kenntnis gewinnen, die Euch mächtig macht. Und darin müßt Jhr fortfahren, Jhr habt kein anderes Mittel, denn Euer Denken iſt nicht anders fähig, die Welt zu erkennen. Sie iſt Euch nur zugänglich in Raum und Zeit und Notwendigkeit, und ſo müßt Jhr gehorchen.

Wir aber bedurften zwei Jahrtauſende lang nichts von der Natur, als was ſie uns von ſelbſt ſchenkte. Hier gab es keine darbende und unwiſſende Menge, keine habgierige und übermütige Geſellſchaft, keine Herren und Sklaven, ſondern nur eine beſcheidene Anzahl gleichmäßig harmoniſch durchgebildeter, ſich ſelbſt be -4*52Apoikis. ſchränkender Menſchen. Wir bedurften keiner Teilung der Arbeit und keiner Fachkenntniſſe, wir begnügten uns mit dem, was jeder verſtehen konnte. Und ſo kamen wir auf einem ganz anderen Wege als Jhr zur Kultur, die Jhr bei uns erblickt, und zu Erfindungen und Bequemlichkeiten, die Jhr nicht kennt. Jetzt freilich ſeht Jhr hier Prachtbauten und tauſenderlei Verfeinerungen, aber jeder macht nur freiwillig, was er gerade kann und will, und wir ſind jetzt ſo weit in der Kultur des Bewußtſeins, daß jeder den Geſamt-Zuſammenhang und ſich ſelbſt begreift, daß Pflicht und Wunſch in des Apoikiers Seele nicht mehr getrennt beſtehen. Wir ſind nicht Sklaven der Sitte, wie die Naturvölker, nicht Herren der äußeren Natur, wie die geſitteten Nationen Europas, wir ſind nur Herren von uns ſelbſt, Herren unſeres Willens, Herren des Bewußtſeins überhaupt, und darum ſind wir frei. Uns ſtört keine Sorge um darbende Völker, noch um eigennützige Tyrannen, wir haben keine Geſetze, denn jeder trägt das Geſetz in ſich ſelbſt. Wir haben keine Naturwiſſenſchaft und keine Jnduſtrie in Eurem Sinne, wir brauchen der Natur keine Geheimniſſe abzulauſchen und ihre Kräfte nicht in unſeren Dienſt zu zwingen. Die Entwicklung unſeres Geiſtes, frei von dem Druck der europäiſchen Millionen, ging einen andern Weg. Bei uns folgte auf Platon kein Ariſtoteles, keine Scholaſtik, kein Dogmatismus, ſo brauchten wir keinen Galilei, keinen Newton, keinen Darwin. Wir hatten keine Römerherrſchaft, keine Völker - wanderung, kein Feudalſyſtem, ſo brauchten wir keine53Apoikis. Revolution. Zu der Zeit, da Achaja römiſche Provinz wurde, da lehrte man bei uns, was Euch Kant und Schiller offenbarten. Als die chriſtlichen Märtyrer in den Gärten Neros brannten, da emancipierte ſich unſer Denken von den Schranken der Sinnlichkeit und lernte ſeine Bedingungen im Abſoluten kennen. Als in Euren Kloſterſchulen die ſpärlichen Reſte der Neuplatoniker ſtudiert wurden, da hatte man bei uns die Metaphyſik als em - piriſche Wiſſenſchaft begründet. Und während Eure Meta - phyſiker ſich luftige Wolkenbauten im unbeſchränkten Reich der Träume errichteten, da hatten wir die inneren Weſens - bedingungen des Bewußtſeins erfaßt und das Geheim - nis der Schöpferkraft uns angeeignet. Was Jhr nun meſſend und wägend und rechnend an Entdeckungen und Erfindungen der Natur abringt, das ſchaffen wir, nach - dem ſich unſer Verſtand aus ſeinen Feſſeln befreit und in Jntuitivkraft gewandelt hat, aus unſerem eigenen Selbſt in freier Wahl. Jn unſerer Welt beſteht kein Gegenſatz von Zwang und Freiheit. Wollen, Sollen und Können ſind nicht mehr getrennt. Und das haben wir errungen durch die alleinige Pflege des wollenden, fühlenden und denkenden Bewußtſeins. Jhr konntet es nicht, denn Jhr mußtet Völker ernähren und Kriege führen.

Jn den äußeren Formen haben wir die Über - lieferungen unſerer Vorfahren feſtgehalten, ſo weit ſie uns paſſend erſchienen; ſchönere haben wir bei Euch nirgends gefunden. Seit den letzten beiden Jahrhunderten, in denen, wenn auch ſelten, ſich hie und da Schiffe in unſeren Gewäſſern zeigten, haben wir uns auch um die54Apoikis. Geſchichte der übrigen Menſchheit gekümmert. Wir ſenden alle zehn Jahre einen Erwählten nach Europa, die Zeitverhältniſſe zu ſtudieren. Jch war der Letzte, der drüben war, und dabei lernten wir uns kennen. Wir verſchweigen die Exiſtenz unſeres Staates, denn wir würden nicht verſtanden werden und wollen nicht geſtört ſein.

Und fürchtet Jhr nicht, fragte ich, daß Europäer Euch entdecken, daß ſie Eure kleine Jnſel in Beſitz nehmen und Eure Freiheit unterdrücken? Mein Freund lächelte wieder. Jch ſehe, ſagte er, Du haſt unſer Weſen noch immer nicht begriffen. Frage Dich doch, konnteſt Du dem Winke des Apoikiers widerſtehen, der Dich zur Stadt führte? So wenig, als der Ehrliche das Unrecht zu wollen vermag. Deine Gefährten haben wir auf - gegriffen, das Schiff ſelbſt vorläufig weggenommen, um zum Vergnügen der Einwohner, welche die Stadt nicht verlaſſen, ihnen die fremden Barbaren zu zeigen. Wir werden Euch wieder freigeben, Jhr mögt nach Europa zurückkehren. Wir werden wollen, daß Deinen Gefährten jede Erinnerung an dieſes Land verſchwindet; keiner wird imſtande ſein zu erzählen, daß er unſere Jnſel geſehen. Du allein magſt eine Ausnahme machen. Du biſt nicht Gefangener, ſondern Gaſtfreund. Dich ſoll nichts binden; aber ich ſage Dir im voraus, daß Dir niemand glauben wird. Aber auch dies möge ſein; laſſ die Kriegsflotte Englands vor unſerer Jnſel auf - fahren, laſſ die Armeen Europas auf unſeren Kalk - ſpatwällen ſtehen wir werden wollen, und kraft55Apoikis. des Zuſammenhanges alles Bewußtſeins im Abſoluten werden die Kommandierenden keinen anderen Befehl auszuſprechen vermögen als den des Rückzuges.

Jch mochte wohl ein ſehr dummes Geſicht zu dieſen Worten machen, denn mein Freund fuhr fort: Jch ſehe wohl, Du kannſt das Geſagte nicht faſſen. Es iſt dies ebenſo, als wollteſt Du einem Jndianerſtamm klar machen, daß er nie die weißen Männer aus Amerika vertreiben könne, weil die moraliſche Macht der Civili - ſation die Beſetzung jenes Erdteils unumgänglich er - zwingt. Du kannſt ihn nur überzeugen durch die phyſiſche Macht, indem Du auf die Zahl der Kanonen und Gewehre hinweiſt. Du biſt uns gegenüber in dem unzureichenden Faſſungsvermögen des Jndianers, ſo will ich auch Deine Sprache reden. Wenige Minuten genügen, um unſere Jnſel mit einem Strome freien Äthers zu umziehen. Kein Körper kann dieſen Strom durchdringen, in Atome aufgelöſt, wird er fortgewirbelt werden. Gra - nate und Panzerſchiff verſchwinden in ihm wie der Strohhalm in der Flamme.

Jch ſchwieg. Das Mahl war zu Ende. Mein Freund führte mich durch die Stadt. Was ich ſtaunend ſah und erlebte, hoffe ich Jhnen mündlich zu erzählen, wie die Fahrt auf dem Seelenſchiff, die pſychiſche Schaukel, das Begriffsſpiel und zahlloſes Andere. Jm Hafen ſah ich das große ſubmarine Eilſchiff, welches alle zehn Jahre unter der Oberfläche des Waſſers nach Europa fährt. Die treibende Kraft iſt auch hier die chemiſche Zerſetzung des Waſſers, dieſe ſelbſt aber wird durch Ätherſtröme56Apoikis. bewirkt; der nähere Mechanismus iſt mir nicht bekannt. Zu Fahrten in der Nähe der Jnſel werden dreireihige Ruderboote gebraucht, die genau nach dem Muſter der atheniſchen Trieren gebaut ſind. Man betreibt dieſe Ruderfahrten als einen Sport. Dann führte mich mein Freund in das Haus, in welchem meine gefangenen Gefährten untergebracht waren. Man hatte es euro - päiſch eingerichtet, aber die eine Seite offen gelaſſen, dort ſtanden die Apoikier in dichten Schaaren und amüſierten ſich über unſere Leute, wie wir uns über die Feuerländer im zoologiſchen Garten amüſiert hatten. Und eben ſo verblüfft und verſtändnislos wie jene Wilden waren hier die Europäer. Lord Lytton las in einer alten Nummer des Standard, Capitän Clynch trank Grog, Dr. Gilwald mikroſkopierte ein hier gefangenes, unbekanntes Jnſekt. Ein Apoikier warf ihm ein kleines Rohr zu, Gilwald hielt es vor das Auge und an das Ohr, und da er nichts damit anzufangen wußte, warf er es fort unter dem Gelächter der Apoikier. Es war ein Noumenalrohr, das, auf den Nacken gelegt, die Raumvorſtellung aufhebt und das intelligible All-Eins empfinden läßt.

Die Abſchiedsſtunde nahte. Lord Lytton wollte nach ſeiner Entlaſſung ſeine Reiſe nach dem ſüdlichen Eis - meer fortſetzen, ich aber bat, meine ſchnelle Rückreiſe nach Europa zu ermöglichen. Man lud mich ein, eine Triere zu beſteigen, ſchlank und ſchön, wie ſie ſchmucker kein Nauarch in des Perikles Zeit aus dem Piräus geführt hat. Sie hieß der Odyſſeus und trug das57Apoikis. Bild des Dulders als Paraſemeion am Vorderteil, in lebensvoller Schönheit in Holz geſchnitzt. So mochte der verſchlagene Mann auf der meerumfloſſenen Ogygia, dem Eilande der Kalypſo, geſeſſen ſein, wenn er, die Augen mit der Hand beſchattend, ſehnſüchtig über das Meer hinausblickte und die unnahbare Ferne ſuchte. Und wie die Phäaken den Odyſſeus an Jthakas Strand, ſo ſetzten mich die Apoikier ſchlafend auf Triſtan da Cunhas Küſte aus und legten ihre Gaſtgeſchenke neben mich: einen goldenen Syllogismusbecher mit Urteils - würfeln und die am Feuer der Götterinſel verſengten Flügel meiner Pſyche. Als ich erwachte, ſtanden zwei nach Thran duftende Walfiſchjäger vor mir und ver - ſetzten mich durch einen Schluck aus der Rumflaſche in die Welt der Sinne zurück, in welcher Sie wehmütig grüßt Jhr R. Ehbert.

[58]

Aladdins Wunderlampe.

Wir hatten uns nach dem Abendeſſen um den runden Tiſch in der gemütlichen Ecke geſetzt, und der Profeſſor Alander bot mir ſeine Cigarren an, während unſere Frauen ihre Handarbeiten auswickelten.

Und was würden Sie wählen? ſagte er, das Geſpräch fortſetzend, zu meiner Frau, die Tarnkappe, oder den Mantel des Dr. Fauſt, oder den unerſchöpf - lichen Beutel Fortunats, oder den Apfel vom Baum des Lebens, oder

Den Mantel natürlich, den Mantel, rief meine Frau. Dann könnte man doch einmal ſich ſatt reiſen

Und zu den Mahlzeiten wieder zu Hauſe ſein; fiel Alanders junge Gattin lächelnd ein. Das wäre ja ganz nach Deinem Geſchmack, Georg.

Still! drohte Alander. Du nimmſt Dir doch die Tarnkappe überall dabei ſein und unſichtbar zu - ſchauen, das iſt ſo etwas für unſere Frauen. Und Sie wendete er ſich zu mir als Hypochonder, mit dem gefährlichen Druck bald rechts und bald links, bekommen den heilſamen Apfel, da bleibt für mich das große Portemonnaie, und das iſt mir gerade recht.

59Aladdins Wunderlampe.

Jhre Aufzählung von Zauber-Requiſiten war ſehr unvollſtändig, entgegnete ich. Mit dieſen beſchränkten Qualitäten bin ich nicht zufrieden. Wenn ich einmal in den Hexenſchatz greifen könnte, ſo wählte ich irgend ein Mittel, wodurch mir jeder Wunſch erfüllt würde

Um Himmelswillen, was würden Sie da für Unfug anrichten, unterbrach mich Frau Alander und rückte ein Stück zur Seite; dann ſitze ich nicht mehr neben Jhnen

Dann würde ich mir’s eben wünſchen müſſen, ſagte ich und hob ihr das herabgefallene Zwirnknäuel auf. Und das Knäuel

Ließen Sie natürlich liegen

Und wärſt der unglücklichſte Menſch der Welt, dem jede Laune erfüllt wird und der keine Wünſche mehr hat, bemerkte meine Frau.

Das ſehe ich nicht ein. Denn erſtens könnte ich ja jede etwaige Thorheit wieder reparieren, und zweitens

Könnten Sie ſich ja vorher den nötigen Ver - ſtand wünſchen, meinte Alander trocken.

Erlauben Sie, ſagte ich. Jch meine das Ding nicht ſo, daß jeder flüchtige Gedanke mir gleich zur That werden ſollte; nein, ich würde mir einen Apparat wählen, der erſt nach einer gewiſſen Überlegung benützt werden kann, der mir etwa einen gewaltigen, aber doch nicht allmächtigen Geiſt dienſtbar machte dadurch ſchon wäre eine wohlthätige Einſchränkung gegeben ich will einmal ſagen, Aladdins Wunderlampe.

60Aladdins Wunderlampe.

Und dann? fragte unſere liebenswürdige Wirtin.

Dann ſtellte ich Jhnen meinen Geiſt zur Ver - fügung.

Sie meinen hoffentlich den Geiſt der Lampe. Gut, ſo wollen wir uns einen hübſchen Wunſch überlegen.

Alander lächelte ſtill für ſich uud nahm von ſeinem Schreibtiſche einen Gegenſtand, den er auf den Tiſch ſtellte. Es war eine kleine antike Lampe von Kupfer mit ſeltſamen Verzierungen.

Die Lampe iſt da, ſagte er, ich bitte um den Geiſt.

Was haben Sie da für ein ſeltenes Stück? rief meine Frau, nach der Lampe greifend. Das habe ich ja noch nie bei Jhnen geſehen.

Es iſt heute erſt für das Muſeum zum Kauf an - geboten; ich hatte ſelbſt noch nicht Zeit zur näheren Unterſuchung.

Und woher ſtammt die Lampe?

Man hat ſie im Tigris gefunden, daran iſt kein Zweifel, die Belege ſind ſicher.

Wir betrachteten die Lampe, die meine Frau in der Hand hielt.

Jm Tigris gefunden? ſagte ſie. Daran lag ja doch wohl Bagdad, und in Bagdad

Stand Aladdins Palaſt.

Aber die Lampe iſt offenbar viel älter und nicht arabiſchen Urſprungs.

Das beweiſt nichts, ſagte ich. Aladdin entnahm die Lampe bekanntlich im Auftrage des afrikaniſchen61Aladdins Wunderlampe. Zauberers einem unterirdiſchen Gemache, wo ſie viel - leicht ſchon viele Jahrhunderte gebrannt hatte.

Na, da wollen wir doch gleich einmal daran reiben! rief Alanders lebhaftes Frauchen und griff nach der Lampe.

Was fällt Dir ein, Helene! unterbrach ſie der Profeſſor entrüſtet. Die ſchöne Patina! Du würdeſt die ganze Lampe entwerten!

Frau Alander warf das Köpſchen in die Höhe und griff wieder nach ihrer Arbeit.

Was nützt mir Aladdins Wunderlampe, wenn man ſie nicht reiben darf!

Jch hob das Zwirnknäuel zum zweitenmal auf und wollte eben noch ein Wort zu Gunſten des Reibungs - verſuches einlegen, als meine Frau ausrief:

Aber da unten ſteht eine Jnſchrift, ſehen Sie!

Wir fuhren wieder auf die Lampe zu.

Es iſt arabiſch, ſagte der Profeſſor. Er holte eine Lupe und zündete ein Licht an.

Wenn es doch Aladdins Lampe wäre! rief Frau Alander. Dann wird ſie gerieben trotz Patina!

Sie klopfte energiſch mit der Häkelnadel auf den Tiſch. Das Knäuel fiel hinab.

Jſt der Geiſt ſehr ſchrecklich, wenn er erſcheint?

Das kommt darauf an, wie ſtark man reibt, ſagte ich, mich bückend. Gewöhnlich erſcheint er in einer Wolke an der Decke; aber ich kann ihm ja befehlen, gleich unter den Tiſch zu kriechen, denn Jhr erſter Auf - trag würde doch wohl ſein, dieſes Knäuel ...

62Aladdins Wunderlampe.

Würden Sie ſich fürchten? fragte ſie meine Frau.

Aber Du thuſt wahrhaftig, ſagte Alander über die Jnſchrift gebeugt, als wenn es je einen Aladdin und einen Sklaven der Lampe gegeben hätte. Man muß doch den Unſinn nicht übertreiben.

O bitte, rief ich, da ſind Sie noch ſehr in der Kultur zurück, werter Freund! Es iſt wahr, bis vor kurzem hielt man die überlieferten Märchen und Geiſter - geſchichten für Produkte der Volksphantaſie und für Er - dichtungen, ſo gut wie die Wunderthaten der Heiligen als mythiſche Ausſchmückungen frommer Verehrung galten, oder die Heilungen im Asklepios-Tempel für Schwindel habgieriger Prieſter. Aber ſeitdem wir eine transſcendentale Pſychologie haben, eine Geſellſchaft für überſinnliche Experimente und eine Wiſſenſchaft der Myſtik ſeitdem Hellſeher, Geiſter-Citationen und Doppelgängerei als unwiderlegbare Thatſachen feſtgeſtellt ſind, ſeitdem weiß man auch, daß Menſchen wirklich mit ihrem transſcendentalen Aſtralleibe durch die Luft fahren können, und daß Asklepios einer Frau den Kopf wieder angeheilt hat, den man ihr abgeſchnitten hatte, um einen Wurm bequemer aus dem Leibe ziehen zu können. Alles, was Altertum und Mittelalter von Wunderdingen und Hexereien erzählen, iſt fälſchlich für Poeſie oder Aberglauben gehalten worden; man weiß jetzt, daß es ſich um wiſſenſchaftlich erklärbare That - ſachen handelte. Odyſſeus iſt wirklich im Hades ge - weſen und Dante von Virgil durch die Hölle geführt worden. Der heilige Antonius hat gleichzeitig in63Aladdins Wunderlampe. Montpellier gepredigt und in ſeinem Kloſter das Halle - lujah geſungen. So gut wie ein arabiſcher Scheich den Kalifen durch Verkürzung der Zeitanſchauung, in - dem er ihn den Kopf in einen Eimer Waſſer ſtecken ließ, thatſächlich viele Jahre des Elends durchleben ließ, ſo gut wird auch die Erzählung von Aladdins Wunder - lampe ſich als wahr beſtätigen. Man muß ſich nur die Mühe geben, die Wirkung und Macht des an die Lampe gebannten Geiſtes durch die Methode der Tran - ſcendental-Pſychologie zu erklären.

Alander richtete ſich von ſeiner Beſchäftigung auf; er hatte offenbar den letzten Teil meiner Rede gar - nicht mehr gehört.

Seltſam, ſagte er. Wiſſen Sie was hier ſteht? Ganz deutlich iſt zu leſen: Aladdin aus Bagdad : dahinter, ungefähr dem Sinne nach: Verſuche kein Gläubiger, was Allah hier verborgen!

Wir ſchwiegen, unwillkürlich betroffen.

Die Schrift iſt alt, fuhr Alander fort, im zwölften oder dreizehnten Jahrhundert eingeritzt. Höchſt intereſſant, wahrſcheinlich nur ein Zufall Aladdins hat es in Bagdad Tauſende gegeben denkbar aber wäre ja eine Beziehung auf das Märchen, und dann läge darin ein Beweis, daß der Urſprung desſelben ſehr viel älter iſt, als die uns vorliegende ägyptiſche Faſſung. Ein Scherz alſo, den man ſchon damals ſich gemacht vielleicht der Verſuch eines Betrügers, die Lampe als Wunderſtückchen an den Mann zu bringen jeden - falls höchſt intereſſant.

64Aladdins Wunderlampe.

So ſollten wir doch einmal verſuchen

Aber Helene, ich bitte Dich!

Hier unſer Freund behauptet, die Sache ließe ſich erklären

Alander lachte.

Nun, die Erklärung können wir uns ja einmal anhören. Schießen Sie los, Märchenphiloſoph.

Zunächſt behaupte ich, daß die Geſchichte von Aladdin und der Wunderlampe kein frei erfundenes Märchen iſt, ſondern auf einer Thatſache des myſtiſchen Lebens beruht. Natürlich nicht in allen Einzelheiten. An Ausſchmückungen mag es nicht fehlen. Aber der Kern der Sache ſcheint mir dieſer. Ein afrikaniſcher Zauberer, ſagt die Erzählung, erfährt von dem Vorhandenſein einer Wunderlampe, welche die Eigenſchaft hat, daß an ihren Beſitz der Gehorſam eines mächtigen Geiſtes ge - knüpft iſt. Um ſie zu erreichen bedarf er der Hand eines Knaben; durch einen Zufall bleibt der Knabe im Beſitze der Lampe und gewinnt dadurch Macht und Reichtum. Jm Lichte der Wiſſenſchaft ſtellt ſich die Sache folgendermaßen: Der Zauberer aus Afrika iſt ein Mann, welcher Kenntnis der Hieroglyphen beſitzt und aus einem aufgefundenen Papyros das Geheimnis der Lampe erfahren hat. Die Fundamental-Frage iſt nun dieſe: 1. Jſt es möglich, daß es Geiſter giebt, welche Dinge auszurichten vermögen, die den uns bekannten Naturgeſetzen ſcheinbar widerſprechen? 2. Jſt es möglich, daß der Wille dieſer Geiſter an den Beſitz eines ein - fachen Gerätes, wie dieſer Lampe, gebunden iſt? Jch65Aladdins Wunderlampe. wende mich zu der erſten Thatſache. Erfahrungsmäßig beglaubigt iſt ſie durch die Anſicht des Altertums und des Mittelalters im Orient wie Occident. Zahlloſe Zeugniſſe der Schriftſteller ſprechen dafür. Nur die Zweifelſucht des Aufklärungs-Zeitalters hat den mate - rialiſtiſch angehauchten Teil der modernen Welt dazu gebracht, ſich auf die bloß ſinnliche Erfahrung zu be - ſchränken, jeden überſinnlichen Einfluß zu leugnen. Aber Demokrit, Plato, Ariſtoteles, Epikur, Seneca, Plinius, Plotin, die Kirchenväter, Avicenna, Albert der Große, Thomas von Aquino, Paracelſus, Luther, Cardano, Kepler, Helmont, Swedenborg, Schopenhauer und Carlos v. Prellheim, die größten Geiſter aller Zeiten, ſind von der Wirkungsmacht der überſinnlichen Welt überzeugt geweſen. Die Thatſache iſt alſo erwieſen. Auf Grund der überſinnlichen Weltanſchauung iſt ſie unſchwer zu erklären. Es wäre lächerlich zu behaupten, daß es nicht außerhalb der Menſchheit noch andere bewußte Geiſter geben ſollte, die aber, mit anderen Sinnen aus - gerüſtet, nur bedingungsweiſe mit uns in Verkehr treten können. Solche Geiſter ſind unabhängig, zwar nicht von den Geſetzen der Natur, aber von der Art, wie dieſe Geſetze unſeren Sinnen in der Erfahrung erſcheinen. Sie können alſo Wirkungsmittel zu ihrer Verfügung haben, die uns noch vollſtändig unbekannt ſind, denen wir gegenüberſtehen wie die Wilden dem Fernrohr, der Dampfmaſchine, dem Telephon. So gut wie wir Schall - ſchwingungen durch Umwandlung in elektriſche Energie an einen entfernten Ort verſetzen, könnten ſie beliebigeLaßwitz, Seifenblaſen. 566Aladdins Wunderlampe. Materie von einem Ort an den andern übertragen. Denn was wir Stoff nennen, iſt nichts Anderes, als eine beſon - dere Form der Äther-Energie. Hier dieſer Körper, dieſes Metall, dieſer Muskel, dieſer Nerv werden in einer fortgeſchrittenen Zukunft in elektriſche Schwingungen um - gewandelt und fortgeleitet werden, ſo daß ſie an einem beliebigen Orte wieder zum Vorſchein kommen. Dieſe Geiſter können bereits jetzt, was wir in Jahrtauſenden ſelbſt können werden. Was thut denn der Geiſt der Lampe? Er bringt Speiſen, Schätze, Sklaven, er ver - ſetzt den Bräutigam der Kalifentochter in der Braut - nacht an einen nicht näher zu bezeichnenden Ort, wo er ihn auf den Kopf ſtellt; er erbaut in einer Nacht einen Palaſt und translociert ihn nach Afrika und zurück. Das Alles läßt ſich wiſſenſchaftlich erklären durch das einfache Prinzip der Telephorie der Materie. Dieſes Prinzip erſcheint uns nur wunderbar, weil es noch un - gewohnt iſt; aber neu iſt ja nur die Geſchwindigkeit der Übertragung. Auch wir bauen Paläſte und ver - rücken Stadtviertel; daß der Geiſt in kurzer Zeit durch große Diſtanzen wirkt, iſt nur ein quantitativer Unter - ſchied. Dafür ſteht er auf einem höheren Kulturſtand - punkte. Dies erklärt auch, daß er Menſchen zu ver - ſetzen vermag. Er iſt mit der Abtrennung des trans - ſcentendalen Bewußtſeins vertraut und organiſiert ſchnell einen zweiten Körper, das Phantom, welches er an einem andern Orte erſcheinen läßt. Dieſes Ver - fahren iſt unter dem Namen Majava-Rupa in Jndien ſeit den älteſten Zeiten bekannt. Die Mög -67Aladdins Wunderlampe. lichkeit der ſcheinbaren Zaubereien des Geiſtes iſt alſo erwieſen.

Aber

Bitte. Schwieriger iſt die zweite Frage. Woher ſtammt der Geiſt, und wie kann ſein Wille an den Beſitz der Lampe gebunden ſein? Jch muß geſtehen, ich bin zu ſehr Neuling in der Tranſcentendal-Pſycho - logie, um mit Sicherheit das Richtige zu treffen; andere werden beſſere Erklärungen geben können. Jch denke mir die Sache folgendermaßen: Die Jndividuen des Geiſterreiches bilden eine ethiſche Gemeinſchaft; es wird daher auch die Notwendigkeit einer Beſtrafung eintreten können. So wie ſich das tranſcendentale Jch einen menſchlichen Körper organiſiert, um ſeine Erfahrung durch die irdiſche Jnkarnation zu erweitern, und während deſſen an die Geſetze des ſinnlichen Organismus ge - bunden iſt, ſo wird ein ethiſch unreifer Geiſt auch zur Strafe an ein Kunſtprodukt, einen Ring, eine Lampe ge - feſſelt werden können. Denn Gerätſchaften ſind Organ - Projektionen, das heißt nichts Anderes, als Organiſa - tionen zweiter Ordnung; daher iſt die Strafe für den Geiſt eine härtere. Außer ſeinem Aſtralleib hat er jetzt nicht, wie wir, einen Eiweißleib, ſondern einen Metallleib. Das Reiben der Lampe entſpricht genau dem ſogenannten magnetiſchen Streichen beim Hypnoti - ſieren. Das tranſcendentale Bewußtſein wird dadurch frei, ſein Wille aber iſt von dem des Magnetiſeurs abhängig. Jch erinnere an die bekannten Erſcheinungen der Suggeſtion, wobei man dem Hypnotiſierten jede be -5*68Aladdins Wunderlampe. liebige Vorſtellung beibringen und ihn zu jeder Hand - lung beſtimmen kann. Es wäre ein Mangel an logiſcher Konſequenz, wollte man nicht auch dem an die Lampe gebundenen Tranſcendental-Bewußtſein die Fähigkeit zuſprechen, durch Streichen von ſeinem Leibe befreit zu werden; es iſt dann ganz ſelbſtverſtändlich, daß der Hypnotiſeur der Lampe den Geiſt nach ſeinem eigenen Willen lenken kann. Jch erkläre alſo mit voller Be - ſtimmtheit und aus meiner wiſſenſchaftlichen Überzeu - gung: Aladdins Sklave der Lampe hat exiſtiert und ſeine erſtaunlichen Thaten verrichtet. Wenn ſeine Strafzeit nicht ſchon beendet, ſo iſt er noch jetzt an die Lampe gebunden. Und wenn dieſe Lampe vor uns, wie mir zweifellos ſcheint, die echte Lampe Aladdins iſt, ſo bin ich bereit, empiriſch zu erweiſen, daß der Geiſt auch mir gehorchen muß.

Sehr ſchön demonſtriert! rief Alander beluſtigt. Das könnte wörtlich in der Sphinx ſtehen. Wenn ich nur ſicher wäre, daß mir der Geiſt auch die ab - geriebene Patina wieder reorganiſieren kann.

Schade, ſagte meine Frau, es war mir ſo nett zu denken, daß dies die Lampe Aladdins ſei. Aber nachdem Du die Sache philoſophiſch bewieſen haſt, bin ich überzeugt, daß kein Wort davon wahr iſt.

Das thut mir leid. Dir fehlt das Organ des wiſſenſchaftlichen Glaubens. Aber Sie, Frau Alander, Sie ſind ein Sonntagskind, Sie werden an dem Geiſte der Lampe nicht zweifeln.

Wiſſen Sie, ſagte Frau Alander, wenn ich ganz69Aladdins Wunderlampe. offen ſein ſoll, Jhre gelehrte Rede habe ich noch nicht ganz verſtanden; die müßte ich erſt einmal gedruckt leſen. Jch ſage ganz einfach, wenn die Geſchichte wahr wäre, ſo hätte der Zauberer die Lampe ſich ſelber ge - holt und wäre nicht erſt auf Aladdin verfallen.

O weh! Jch glaubte, ich hätte ſo ſchön populär geſprochen! Jhr Einwand iſt übrigens garnicht ſtich - haltig, denn bei allen myſtiſchen Operationen bedarf es erfahrungsgemäß eines Mediums, und jedenfalls hatte ſich der Zauberer überzeugt, daß Aladdin dazu geeignet ſei. Auch das Anzünden von Räucherwerk auf der Steinplatte vor dem Eingange ſpricht dafür, daß Aladdin in ſomnambulem Zuſtande handelte. Wie hätte er auch ſonſt drei Tage zu hungern vermocht?

Was iſt aber aus der Lampe nach Aladdins Tode geworden?

Er wird ſie vorher ſelbſt, um Mißbrauch zu ver - hüten, in den Tigris geworfen haben.

Und wie erklären Sie denn überhaupt die Exiſtenz des unterirdiſchen Gewölbes und die Aufſtellung der Lampe daſelbſt? fragte Alander.

Dieſe Frage ſetzte mich etwas in Verlegenheit. Jch hob daher erſt zum ſechstenmale das Zwirnknäuel meiner fleißigen Nachbarin auf und ſagte dann:

Jch könnte mich darauf berufen, daß wir hier eine hiſtoriſche Thatſache einfach hinzunehmen haben. Aber auch vom theoretiſchen Standpunkte iſt doch klar: So gut wie eine Pflanze zu ihrer Entwicklung einen geeigneten Nährboden haben muß, ſo gut wie ein tran -70Aladdins Wunderlampe. ſcendentaler Geiſt nicht aus der freien Luft ſich ſeinen Körper organiſieren kann, ſondern des Mutterſchoßes bedarf, ebenſogut kann auch der Metallleib des Lampen - geiſtes nur in der geeigneten Umgebung erzeugt werden. Vermutlich befand ſich dort eine tranſcendentale Gold - ſchmiede, wofür auch das Vorhandenſein der Edelſtein - früchte ſpricht. Der ägyptiſche Papyros, aus welchem der ſogenannte Zauberer ſeine Kenntnis entnahm, war vielleicht eine durch Hellſehen hergeſtellte geologiſche Karte des Altertums.

Sie ſind nicht zu widerlegen, lachte Alander, noch immer ungläubig. Jch will alſo hier dieſe ſchon etwas beſchädigte Stelle Jhrem Experimente preisgeben. Nun bin ich doch neugierig, wie Sie den Geiſt hervorzaubern werden.

Das iſt brav! Das iſt herrlich! riefen die Frauen wie aus einem Munde.

Jch ſtellte die Lampe vor mich auf den Tiſch. Feierlich näherte ich ihr meine Hand. Alle verhielten ſich ſtill. Es wurde mir doch etwas ängſtlich zu Mute. Jſt’s nicht ein Frevel, das Jenſeits zu verſuchen, den Jſisſchleier des Geiſterreichs zu lüften? Und ſetzte ich nicht die Anweſenden einer unbekannten Gefahr aus? Aber es galt eine wiſſenſchaftliche Theorie zu be - ſtätigen, es mußte ſein! Und wenn der Verſuch miß - lang? Wenn der Geiſt ſeine Strafzeit abgebüßt und ſeine leere Hülle zurückgelaſſen hatte? So war doch wenigſtens dies konſtatiert. Jch ſah die Augen der Frauen erwartungsvoll auf die Lampe gerichtet. Auch71Aladdins Wunderlampe. ihnen war es unheimlich. Nur Alander rauchte un - erſchütterlich.

Nicht zu ſtark, flüſterte ſeine Frau.

Jch ſtrich mit dem Finger leiſe über die Lampe, zwei -, dreimal; ich verſtärkte den Druck. Jch nahm die ganze Hand zu Hilfe. Der Geiſt erſchien nicht.

Meine Patina! rief Alander.

Sie haben die Sitzung unterbrochen! Gedulden Sie ſich noch!

Vielleicht muß ſie angezündet ſein, bemerkte meine Frau.

Davon ſteht nichts in der Geſchichte. Aber viel - leicht muß man ſie in der Hand halten.

Geben Sie her, rief Frau Alander, die wieder Mut bekommen hatte, ich will einmal tüchtig ſcheuern, wie Aladdins Mutter!

Nicht Sie!

Schnell ergriff ich die Lampe, zumal ſich auch Alander ihrer bemächtigen