PRIMS Full-text transcription (HTML)
Pſyche oder Unterhaltungen uͤber die Seele.
Fuͤr Leſer und Leſerinnen
Halle,im Verlag der Waiſenhaus Buchhandlung. 1791.

Meinem kindlich geliebten Vater P. Schaumann Prediger in Saltzwedel.

Das weiß ich, theurer Vater, daß es, um Sie meiner Liebe zu verſichern, dieſer oͤffentlichen Verſicherung nicht beduͤrf - te; aber das fuͤhl 'ich, daß das lieberfuͤllte Herz des Sohnes nicht genug Gelegenheiten finden kann, um das Gefuͤhl, das ihm ſo unausſprechlich ſuͤß iſt, zu aͤußern.

Aeußern? ja, ſagen kann ich's Jh - nen, daß kindliche Liebe, kindliche Dankbar - keit mein Herz erwaͤrmen; aber dieſe Liebe, dieſe Dankbarkeit beſchreiben, o mein Vater, das kann ich erſt dann, wenn die Zunge nicht mehr die Gefuͤhle des Herzens in Worte zerbricht, wenn wir, ein Geiſt den andern, uns ſchauen im Schoos der* 3ewi -ewigen, geiſtigen, himmliſchen Liebe. Liebe, Wort, wodurch die Sprache das goͤttlichſte Gefuͤhl bezeichnet, o wie matt, wie ohne Kraft und Leben biſt du gegen das Gefuͤhl in dieſem Herzen, das durch alle Adern ſtroͤmt, vor aͤngſtlichem Verlangen, ſich zu ergießen, klopft und nichts bewirken kann, als das Zittern der Feder, die ihm Luft machen ſoll und nicht kann !

Sie gaben mir das Leben, theurer Vater, und, was mehr iſt, Sie lehrten mich die Kunſt, das Leben zu gebrauchen, mit vaͤterlicher Sorgfalt und unausloͤſchli - chem Eyfer. Sie bildeten meinen Geiſt durch weiſen Unterricht, und erzogen mein Herz durch Lehre und Beyſpiel. Jede Gluͤckſeligkeit, die Geiſtesthaͤtigkeit und Herzensgenuß mir gewaͤhren und gewaͤhr -ten,ten, verdank 'ich Jhnen, denn Sie ſuch - ten, ſelbſt unter den mannigfaltigſten, Zeit und Kraft erfodernden Berufsgeſchaͤften, jede meiner Anlagen auf, um ſie mit Weis - heit zu bilden und bemuͤhten ſich, ſchon fruͤh die Gefuͤhle meines Herzens durch Tugend und Religion zu heiligen.

Vergolten koͤnnen und wollen vaͤterli - che Wohlthaten nicht werden aber in dem Guten, Edlen, Vollkommnen, was ſie in und an dem Kinde hervorbringen, waͤchſt ihnen eine Frucht entgegen, die mehr als Vergeltung in ſich ſchließt. Auch ich, mein Vater, will aus dem guten Saamen, den Sie in meinen Geiſt und in mein Herz ſtreueten, dieſe Frucht zu erziehen mich be - ſtreben und o moͤchte doch mein Beſtreben nicht umſonſt ſeyn!

* 4Mein

Mein Herz iſt ſo voll, daß meine Feder nicht weiter im Stande iſt, das Wort des Herzens zu fuͤhren. Jeder Gedanke an Sie, theureſter Vater, regt ſo mancherley Gefuͤhle in mir auf, die mir alle ſo ſuͤß ſind, daß ich mich denſelben ganz hingeben muß und den Genuß, den ſie mir gewaͤhren, un - moͤglich dadurch unterbrechen kann, daß ich darauf denke, wie das Gefuͤhl meines Her - zens in Buchſtaben zu faſſen ſey: vorzuͤglich itzt, da ich die Annaͤherung des Augenblicks fuͤhle, wo ich an Jhr Vaterherz eilen und am demſelben Leben und Gluͤckſeligkeit fuͤr Sie, geliebter Vater, von dem Vater aller Menſchen, erflehen kann.

Vor -

Vorrede.

Dieſe Unterhaltungen (deren Titel Pſy - che ich in keiner andern Bedeutung zu nehmen bitte, als welche das Wort in Pſycho - logie hat) wuͤnſchen die Aufmerkſamkeit des - jenigen Theils des Publikums, der geneigt iſt, ſich durch richtige Kenntniß ſeines eigenen Menſchen und Andrer das Praͤdikat klug zu verdienen und dem Befehl des Gottes der Weisheit, deſſen Befolgung das ſine qua non aller gruͤndlichen, intellektuellen und morali - ſchen Bildung iſt, Gehorſam zu leiſten.

Dieſer Wunſch gruͤndet ſich indeß nicht auf der Meynung des Verfaſſers, daß die - ſe Unterhaltungen, die fuͤr jeden Leſer und jede Leſerin noͤthige Menſchen - und Selbſtkenntniß ſelbſt enthalten, ſondern auf dem Glauben, daß der in ihnen angeſtellte Verſuch, zum* 5Nach -XNachdenken uͤber ſich ſelbſt und die menſchliche Natur zu veranlaſſen und in demſel - ben zu leiten, nicht ganz mißlungen ſey.

Der Verfaſſer beabſichtigte bey die - ſem Verſuch vornehmlich folgende beſondere Punkte:

1) Er wollte ſeine Leſer und Leſerinnen auf die Beobachtung der Phaͤnomene ihres eigenen Jchs hinlenken und zur Aufſuchung der Urſa - chen derſelben reizen; wollte ihnen, ſo weit es ihm moͤglich war, den Weg zeigen, auf dem ſie richtige Vorſtellungen von der Natur und den Kraͤften der Seele erlangen, die Gruͤnde ihrer Neigungen und die Quelle ihrer Gefuͤhle auffinden koͤnnen.

2) Weil er die richtige Kenntniß der Urſa - chen, wodurch die großen und kleinen Hand - lungen, die Neigungen, die Affekten der Men - ſchen hervorgebracht werden, fuͤr die Grund - lage aller geſelligen Tugenden, z. B. der To - leranz im Handeln und Urtheilen, der Geduld mit Andern, der Nachſicht u. ſ. w. haͤlt, wuͤnſchte er auch zur Befoͤrderung dieſer Kenntniß mitwirken zu koͤnnen.

JnXI

Jn Hinſicht auf dieſe beyden Punkte hat er ſich bemuͤht, die Natur einzelner Seelenver - moͤgen richtig vorzuſtellen, dasjenige, was auf dieſelben Einfluß haben kann, anzugeben, ein - zelne Gemuͤthszuſtaͤnde und Gemuͤthsbewe - gungen nach der Wahrheit zu ſchildern und auf ihre letzten Urſachen zuruͤckzufuͤhren.

3) Wuͤnſcht der Verf. durch dieſen Ver - ſuch auch etwas dazu beyzutragen, daß die Lek - tuͤre guter Gedichte, Schauſpiele, Romane, Erzaͤhlungen, Geſchichten u. ſ. w. fuͤr den Le - ſenden noch nuͤtzlicher und fruchtbarer werde. Ein großer Theil des leſenden Publikums ſchenkt bey der Lektuͤre ſeine Aufmerkſamkeit nur der Fabel des Stuͤcks, welches er lieſt und naͤhrt auf dieſe Weiſe nichts, als ſeine Neugierde; uͤber das, was dem Schriftſteller die meiſte Muͤhe koſtete und Hauptſache ſchien, die Charaktere der handelnden Perſonen, die Motivirung ihrer Handlungen u. ſ. w. gleitet das Auge hinweg, und das Werk, welches, um Verſtand und Herz zu naͤhren, componirt war, hat fuͤr den Leſer keinen andern Nutzen, als die Feenmaͤhrchen fuͤr Kinder, und dieVadeXIIVade mecums fuͤr Muͤßiggaͤnger. Um zur Ausrottung dieſer Suͤnde wider verdienſtvolle Schriftſteller und eines jeden wider ſich ſelbſt, ſo viel an ihm iſt, mitzuwirken, hat der Verf. verſucht, einige, fuͤr ſeinen Zweck gehoͤrende Stellen aus den beſten Dichtern zu entwickeln, und auf ſein Raͤſonnement anzuwenden, damit ein jeder ſehe, was er in guten Gedichten, Ro - manen ꝛc. leſen und aus denſelben lernen koͤnne, wenn er Luſt hat, das Auge ſeiner Seele zu oͤfnen.

4) Jeder Unterricht uͤber die Seele iſt ſei - ner Natur nach, moraliſch, d. h. er enthaͤlt die Praͤmiſſen zu den Regeln der Bildung des Herzens nach den Zwecken der Vernunft. Auch dieſe moraliſche Nuͤtzlichkeit wuͤnſchte der Verf. ſeinem Verſuche zu geben. Zwar konnte er nur hin und wieder Winke geben, wie dieſe oder jene Seelenkraft zu bilden, dieſe oder jene Neigung zu lenken, dieſe oder jene Leidenſchaft zu behandeln ſey, um ſich den Zwecken der moraliſchen Vernunft zu fuͤgen; indeß glaubt er, daß der aufmerkſame LeſeroͤftereXIIIoͤftere Veranlaſſungen finden wird, dieſe mo - raliſche Anwendungen zu machen.

Wie weit die Kraft des V. ſeinem guten Willen nachgekommen ſey, uͤberlaͤßt er, wie billig, gerechten Kritikern zu entſcheiden. Daß ſein Verſuch manche Unvollkommenheit und manche Maͤngel habe, davon iſt keiner mehr uͤberzeugt, als der Verf. ſelbſt. Dieſe Ueber - zeugung nimmt ihm indeß den Glauben nicht, etwas Nuͤtzliches geſchrieben zu haben: denn ohne dieſen wuͤrde er ſich nicht erdreuſtet haben, ſeine Schrift dem Publikum anzubieten, weil er einen Schriftſteller, der ohne den, nicht auf egoiſtiſchen, ſondern auf gepruͤften Gruͤnden beruhenden Glauben, durch ſeine Schrift Nutzen zu ſtiften, aus ſeiner Studier - ſtube hervortritt, fuͤr einen Verbrecher des be - leidigten Publikums haͤlt.

Die angefuͤhrten Fakta, aus welchen das Raͤſonnement abgeleitet und mit welchen es belegt iſt, ſind aus glaubwuͤrdigen Quellen entlehnt. Daß manche derſelben Manchem bekannt ſind, daruͤber befuͤrchtet der Verf. keinen Vorwurf, weil er nicht blos fuͤr dieſeMan -XIVManche ſchrieb, ſondern auch fuͤr ſolche, denen die Schriften, aus welchen ſeine Fakta genom - men ſind, nicht ſo leicht in die Haͤnde kommen, und weil Manches nicht in der Abſicht ange - fuͤhrt iſt, um als Faktum bekannt zu werden, ſondern um als Beyſpiel zu erlaͤutern.

Es wuͤrde ein großer Gewinn fuͤr die ſo wichtige Wiſſenſchaft der Seele und des Men - ſchen uͤberhaupt ſeyn, wenn Jeder, der ſich dazu geſchickt fuͤhlte, fuͤr ſich ein Magazin der Erfahrungs-Seelenkunde anlegte, in welches er die Beobachtungen, die er uͤber ſich ſelbſt und die Mitglieder ſeiner Familie zu machen Gelegenheit hat, niederlegte. Wenn dieſes von mehreren Einwohnern einer Stadt oder nicht zu entfernt von einander liegenden Oerter geſchaͤhe, und dieſe ihre geſammelten Beobach - tungen und Erfahrungen, Einem, oder mehre - ren dazu geſchickten Maͤnnern uͤbermachten, damit das Wichtige ausgeleſen und allgemein bekannt wuͤrde; ſo wuͤrde der Philoſoph zur Dankbarkeit fuͤr dieſes Werk manche neue Entdeckung uͤber die Natur der Seele liefern, manches unzulaͤngliche Geſetz verbeſſern undallge -XVallgemeiner machen, manchen Aufſchluß von wichtigen, praktiſchen Folgen geben koͤnnen. Es muͤſte aber dieſes Magazin nicht blos oder vorzuͤglich außerordentliche Erſcheinun - gen enthalten; ſondern ſolche hauptſaͤchlich auf - nehmen, die ſich oͤfters zeigen; weil die Regel der Natur nur aus dieſen erkannt werden kann, und das Außerordentliche unter die ſchein - baren Ausnahmen gehoͤrt.

Vorzuͤglich wichtige Beytraͤge hiezu koͤnn - te man von praktiſchen Erziehern erwarten, denen es ihr Beruf ſchon zur erſten Pflicht macht, die, welche ihnen anvertraut ſind, zu beobachten, um ſie kennen zu lernen und dar - nach die Manier ihrer Erziehung beſtimmen zu koͤnnen. Moͤchten doch alle diejenigen, welche die wichtigſte aller Pflichten, die Pflicht, Menſchen zu bilden, auf ſich genommen haben, die Wichtigkeit dieſer Verpflichtung fuͤhlen und daher auf das Studium des Menſchen, deſſen Kenntniß ſie allein geſchickt macht, ihren Beruf zu erfuͤllen, ihren ganzen Fleiß verwen - den. Ein Erzieher ohne Menſchenkenntniß iſt ein blinder Gaͤrtner. Das Unkrautſchießt,XVIſchießt, von ihm unbemerkt, in die Hoͤhe und erſtickt die zarten Pflanzen, die er nicht ſelbſt ſchon in ſeiner Blindheit zertreten hat. Statt Harmonie in den Charakter zu bringen, macht er denſelben disharmoniſch, geht vor den Sei - ten, auf welchen er einen Eingang in das Herz ſeines Zoͤglings finden koͤnnte, voruͤber, und ſucht von der Seite an denſelben zu gelangen, wo die Natur ihn nicht zulaͤßt.

Manche Gegenſtaͤnde ſind in dieſen Un - terhaltungen mehr beruͤhrt, als ausgefuͤhrt worden, wovon die Urſach theils darin liegt, daß manche Ausfuͤhrungen auf Unterſuchungen gefuͤhrt haben wuͤrden, die den Verf. genoͤthigt haͤtten, uͤber die Grenzen, welche er ſich durch die Beſtimmung dieſer Verſuche fuͤr den gebil - deten, oder nach Bildung ſtrebenden Theil des Publikums, geſteckt hatte, hinauszugehen: theils aber in dem Vorſatze des Verf., manche der hier nur beruͤhrten Gegenſtaͤnde in beſon - dern Verſuchen umſtaͤndlicher zu behandeln.

Halle, den 3ten April 1791. S.

Jnhalt.XVII

Jnhalt.

  • Erſter Theil.
    • 1. Unterhaltung. Von der Seele uͤberhaupt S. 1 bis 12 Anhang uͤber die phyſiologiſche Beſchaffen - heit des Gehirns und den Mechanis - mus der Empfindungbis 16
    • 2. Von den Hauptvermoͤgen der Seele 20
    • 3. Vom Bewußtſeyn und der Aufmerkſamkeit 35
    • 4. Von der Einbildungskraft 62
    • 5. Ueber die Wirkſamkeit der Einbildungs - kraft in Traumerſcheinungen 87
    • 6. Ueber den Zuſammenhang der Traͤume mit wirklichen Begebenheiten 98
    • 7. Ueber koͤrperliche und geiſtige Handlungen im Traume 118
    • 8. Von dem Gedaͤchtniß und der Erinne - rungskraft 136
    • 9. Vom Verſtande oder dem Vermoͤgen zu denken 160
    • 10. Von der Verruͤcktheit 179
    • 11. Ueber die Urſachen der Verruͤcktheit 193
    • 12. Ueber die Raſerey des Koͤnigs Lear in Shakeſpears Trauerſpiel: Leben und Tod des Koͤnigs Lear 208
    • Fragment eines Briefes; enthaltend eine Beſchreibung des Celliſchen Jrrenhauſes 234
    • 13. Von der Schwaͤrmerey 264
    • 14. Ueber die Bildung der Einbildungskraft und des Denkvermoͤgens 294
  • Zweyter Theil. Unterhaltungen uͤber das Begehrungsvermoͤgen.
    • 1. Unterhaltung. Allgemeine Bemerkungen uͤber das menſchliche HerzS. 297 306
    • 2. Ueber die Selbſtliebe 310
    • 3. Ueber die Liebe zum Leben 329
    • XVIII
    • 4. Unterhaltung. Ueber den Trieb zur Thaͤ - tigkeitbis S. 338
    • 5. Ueber den Trieb zur Veraͤnderung 344
    • 6. Ueber den Trieb der Nachahmung 363
    • 7. Ueber den Trieb in die Zukunft zu ſehen 373
    • 8. Ueber den Trieb nach Freyheit und Unab - haͤngigkeit 382
    • 9. Ueber den Trieb nach Ehre 393
    • 10. Ueber die Gruͤnde des Ehrtriebes 399
    • 11. Ueber den Stolz und die verſchiedenen Ar - ten deſſelben 426
    • 12. Ueber die Verſchiedenheiten des Stolzes in Ruͤckſicht auf die verſchiedenen Ar - ten ſeiner Gegenſtaͤnde 448
    • 13. Ueber die Verſchiedenheiten des Stolzes in Ruͤckſicht ſeiner Aeußerungen 464
    • 14. Ueber die Herrſchbegierde 469
    • 15. Ueber den Nachruhm 472
    • 16. Ueber die Neigung zum aͤußern Eigen - thum 488
    • 17. Ueber die Neigung zum Guten 498 Nachtrag zu dieſer Unterhaltung 515
    • 18. Ueber die Sympathie 532
    • 19. Ueber die Liebe 557
    • 20. Ueber die Liebe der Blutsverwandten 566
    • 21. Ueber den Haß 573
    • 22. Ueber den Enthuſiasmus und Muth 584
    • 23. Ueber die Ruͤhrung 592
    • 24. Ueber die Affekten der Verwunderung und Bewunderung 597
    • 25. Ueber die Freude 603
    • 26. Ueber die Traurigkeit 609
    • 27. Ueber die Furcht 615
    • 28. Ueber den Affekt der Schaam 624
    • 29. Ueber Verdruß, Aergerniß, Kraͤnkung 629
    • 30. Ueber den Zorn 640
Pſyche.

Pſyche. Erſter Theil. Unterhaltungen uͤber das Erkaͤnntnißvermoͤgen.

[1]

Erſte Unterhaltung. Von der Seele uͤberhaupt.

Jns Jnnre der Natur dringt kein Erſchaffner Geiſt.

Von Thales dem Mileſier an bis auf den heu - tigen Tag iſt die Unterſuchung uͤber den Urſprung und die Natur der Seele eine Haupt - beſchaͤfftigung der Philoſophen geweſen. Jch wuͤrde durch Folianten ermuͤden muͤſſen, wenn ich alle verſchiedne Meinungen hieruͤber mit den Beweiſen, welche ſie unterſtuͤtzen ſollen, nur hi - ſtoriſch anfuͤhren wollte. Jedes der vier Ele - mente iſt von irgend einem fuͤr den Urſtoff der Seele gehalten, ja, wenn es wahr iſt, was Ari - ſtoteles ſagt, ſo ſoll Empedokles ſie gar aus allen vier Elementen zuſammengeſetzt haben. Dieſer ließ ſie mit dem Koͤrper entſtehn und vergehn, je - ner nach dem Tode in einen andern Koͤrper ziehn, und ein andrer ſie vom Hermes, dem Geleits - mann der Seelen (ψυχοπομπος) ins Elyſium oder zum Tartarus fuͤhren und leben. DochAich2ich wollte ja nicht die verſchiednen Meinungen, die ich zum Theil mit Cicero's Epikureer deliran - tium ſomnia nennen koͤnnte, erzaͤhlen; allein das Reſultat dieſer ſo viel tauſend Jahre fortgeſetz - ten Unterſuchungen werden meine Leſer mit Recht von mir fodern.

Wir wiſſen von dem, was das Weſen der Seele iſt, nichts, dies iſt das Reſultat, welches ſich aus jeder Unterſuchung, die daruͤber angeſtellt iſt, ergiebt, und bey jeder wiederholten Betrachtung und Pruͤfung beſtaͤtigt. Dies iſt das Reſultat, worauf man laͤngſt gekommen waͤ - re, wenn man vor der Unterſuchung gefragt haͤt - te, was man denn eigentlich ergruͤnden wolle, und ob dazu das menſchliche Ergruͤndungs - vermoͤgen geſchickt ſey.

Wozu denn, hoͤr 'ich hier von vielen Seiten, Betrachtungen uͤber die Seele, wenn ſie ſich doch nicht von uns erkennen laͤßt?

Nur noch das Endurtheil ein wenig aufgehal - ten, Freund. Wenn ich behaupte, daß das Weſen unſrer Seele nicht fuͤr uns erkennbar iſt, heißt das, wir koͤnnen nichts von ihr erkennen? Wo iſt der Chymiker, der uns die Grundſubſtanz des Goldes lehren koͤnnte, erkennt er darum von dem Golde nichts? Wir ſind es uns bewußt, daß wir empfinden, denken, wollen; und daßdaher3daher in uns ein Grund des Wollens, Denkens und Empfindens ſey.

Dasjenige in uns, welches dieſen Grund ent - haͤlt, nennen wir Seele, und unterſcheiden es vom Koͤrper, weil wir in dem, was wir von ihm und ſeiner Einrichtung erkennen, den Grund jener Aeußerungen nicht finden, aus ihm ſie nicht erklaͤren koͤnnen. Dieſe Seelenwirkungen koͤnnen wir wahrnehmen, dieſe koͤnnen wir beob - achten und daraus die Geſetze ziehen, nach wel - chen ſie geſchehen. Und ſiehe da, genug fuͤr un - ſern Zweck ein weites, weites Feld fuͤr frucht - bare Unterſuchungen, fruchtbarer als alle De - duktionen, der Materialitaͤt oder Jmmaterialitaͤt, Einfachheit oder Zuſammengeſetztheit der menſch - lichen Seele. *)Es iſt ein ſonderbar ſcheinendes, aber ganz na - tuͤrlich zu erklaͤrendes Phaͤnomen in der Geſchichte des menſchlichen Verſtandes, daß die erſten Unter - ſuchungen ſich auf die am entfernteſten liegenden Gegenſtaͤnde bezogen. Der erſte Urſprung der Din - ge, die Natur der Goͤtter, das Weſen der Seele, die Groͤße und Ordnung der himmliſchen Koͤrper, dieſe und aͤhnliche Dinge waren es, welche die Auf - merkſamkeit der Weiſen in den fruͤheſten Zeiten auf ſich zogen. Hiſtoriſche Beweiſe hievon finden ſich in Meiners Geſchichte des Urſprungs, Fortgangsund

A 2Aber4

Aber wenn es denn unausgemacht iſt und bleiben muß, ob die Seele einfach und nicht ma - teriell iſt, wo bleiben denn die Beweiſe fuͤr die Unſterblichkeit der Seele? die dem Menſchen ſo noͤthig, ſo wichtig ſind.

Unſterblichkeit der Seele bedarf zur Stuͤtze der Beweiſe dieſer metaphyſiſchen Dogmen nicht; ſie gruͤndet ſich auf feſtre Fundamente. Kein Menſch, in dem die Vernunft ſich nur etwas mehr als in dem Jchtyophagen gebildet hat, kann ſich von der Verpflichtung zur Tugend, welche ihm die Vernunft durch das nothwendigſte Geſetz auf - legt, losſagen. Uebt er gleich das nicht, wasihm*)und Verfalls der Wiſſenſchaften in Griechenland und Rom, Lemgo 1781. 1ſter Band, S. 145. ff. und in der Geſchichte jedes einzelnen Volks und Mannes. Der in der Natur des menſchlichen Ver - ſtandes liegende Grund davon iſt dieſer: Je weni - ger man noch das ganze Feld und den eigentlichen Zweck der Erkenntniß uͤberſieht und verſteht, deſto leichter gleitet das Auge uͤber das, was am naͤchſten liegt, weg; weil man dies genau genug zu kennen glaubt, und jenſeits der in die Sinne fallenden Na - tur, die Phantaſie, die ſich am fruͤhſten wirkſam zeigt, einen freiern Spielraum hat, da hingegen dieſſeits ihr durch die Erfahrung oͤfters widerſpro - chen wird, welche Widerſpruͤche der Verſtand zu loͤſen, noch zu ungeuͤbt iſt. 5ihm die Vernunft gebeut, er iſt ſich's doch be - wußt, daß er es uͤben ſollte. Nun kann Ver - nunft ſich ſelbſt nicht widerſtreiten. Sie gebeut aber ebenfalls dem Menſchen, ſich das hoͤchſte Gut zum Zweck zu machen; es muß daher auch jenes Geſetz der Sittlichkeit hierauf ſich beziehen, zur Erlangung des hoͤchſten Guts fuͤhren. Allein in dieſem Leben kann ichs nicht erlangen; wohl das eine Jngredienz deſſelben, nemlich das Bewußt - ſeyn einer dauerhaften Gluͤckſeligkeit wuͤrdig zu ſeyn; aber noch nicht die dauerhafte Gluͤckſeligkeit ſelbſt.

Soll alſo das Gebot der Sittlichkeit vernuͤnf - tig ſeyn, wie es ſo uͤberzeugend iſt, ſo muß ich auch nach dieſem Leben ein andres hoffen, wo der Gott der Tugend, Tugend und Gluͤckſeligkeit in Uebereinſtimmung und Verbindung bringen wird. So wenig ich alſo meine Ueberzeu - gung von der nothwendigen Verpflichtung zur Tu - gend verlieren werde; ſo wenig darf ich auch fuͤrchten, daß der Glaube an Unſterblichkeit mir je entriſſen werden koͤnne.

Es iſt mir, werthe Leſer und Leſerinnen, als koͤnnt 'ich nun mit mehr Muth weiter gehn, da ich nicht mehr fuͤrchten darf, daß meine obige Erklaͤrung unſrer Unwiſſenheit uͤber das Weſen der Seele Sie mistrauiſch gegen mich gemacht habe: da ich aufs neue meine UeberzeugungA 3von6von einer Wahrheit erklaͤrt habe, an welche meine ſchwache Tugend ſich ſo oft, ſo oft gehalten hat. Jch lenke nun auf meinen vorgeſetzten Weg.

Wir denken, wollen und empfinden; den Grund der Moͤglichkeit hievon ſetzen wir in die Seele, den vorzuͤglichſten Theil der Menſchennatur: aber doch mit dem andern Theile derſelben, dem Koͤrper, in der innigſten Verbindung. Der Koͤrper uns ſichtbar, die Seele unſern Augen verborgen, und wie es uns vorkommt, von dem Koͤrper umgeben und in dem Koͤrper wirk - ſam. Wo iſt denn ihre Werkſtatt? welches iſt der Theil des Koͤrpers, den ſie zu ihrem Sitz erwaͤhlte, oder hat ſie ganz zu ihrer Wohnung ihn genommen? Fuͤr das eine ſo gut als fuͤr das andere ſind Beweiſe da, beyde gleich buͤn - dig und uͤberzeugend: das ſicherſte Merkmal, daß ſich uͤber den Ort der Seele nichts beſtimmen laͤßt, wenn gleich vom Kopfe bis zu den Zehen am Fuß faſt kein Fleck des Koͤrpers iſt, der nicht von dem einen oder dem andern, aͤltern oder neuern Phi - loſophen fuͤr das Haus der Seele angenommen waͤre. *)Die Meinungen uͤber den Ort der Seele ſind vom Anfang an ſehr verſchieden geweſen, und dieſe Verſchiedenheit hieng theils von der Vorſtellung ab, welche man ſich von der Natur und den EigenſchaftenderOrt7Ort iſt eine Stelle im Raum. Es kann mithin nur ſolchen Dingen ein Ort gegeben wer - den, welche ſich im Raum befinden, koͤrperlich, materiell ſind. Da wir nun dies von der Seele nicht behaupten koͤnnen, im Gegentheil mehr Gruͤnde zu der Vermuthung haben, daß ſie von dem, was Koͤrper heißt, verſchieden ſey; ſo iſt ſchon hieraus klar, daß wir im eigentlichen Sinne nicht von einem Ort der Seele reden koͤnnen. Fragen wir indeß darnach, ſo kann die FrageA 4nichts*)der Seele machte, theils davon, welchen Theil des Koͤr - pers man fuͤr den zum Leben und Empfinden noth - wendigſten hielt. Mehrere Philoſophen z. B. Py - thagoras und Plato unterſchieden in der Seele meh - rere Theile z. B. den vernuͤnftigen und thieriſchen Theil, von welchen ſie jenen in den Kopf, dieſen in das Herz oder andre Theile ſetzten. Strato von Lampſakus gab ihr die Erhabenheit zwiſchen den Augenbraunen zum Thron, damit ſie von dort aus den Menſchen und ſeine Handlungen beobachten koͤn - ne. Andre ſetzten ſie ins Zwergfell, andre in die Fingerſpitzen. Carteſius ſchraͤnkte ſie aufs Gehirn ein, und zwar in demſelben auf die Zirbel - druͤſe (glandula pinea). Andre ſetzen ſie mit Bon - net in die Hirnſchwuͤle, oder das corpus calloſum, und thun wohl, wenn ſie noch koͤrperlicher denken, hinzu, daß ſie aus der Hirnſchwuͤle zuweilen in die unter derſelben liegende Schleimdruͤſe ſpatziere, um ſich da ihres Unraths zu entledigen.8nichts anders bedeuten, als, mit welchem Theil des Koͤrpers ſcheint die Seele in der naͤchſten Verbindung und Beziehung zu ſtehen. So die Frage gefaßt, erhaͤlt ſie einen Sinn, und die Ant - wort: mit dem Gehirn. Wir ſchließen hiedurch keinesweges die uͤbrigen Theile des Koͤrpers von aller Beziehung auf die Seele aus; ſondern ſagen nur, das Gehirn iſt die Bedingung, ohne welche alle Gemeinſchaft der Seele mit dem Koͤrper un - moͤglich iſt, und ſtuͤtzen uns auf die Erfahrung, welche lehrt, daß, ſobald das Gehirn in ſeinem Jnnern zerſtoͤrt iſt, Leben, Empfinden und Denken zu Ende geht. Jch kenne nichts Scharfſinnigeres uͤber die Beſtimmung des Sitzes der Seele im Koͤrper, als was Herr Kant*)Traͤume eines Geiſterſehers erlaͤutert durch Traͤu - me der Metaphyſik. Riga und Mietau, 1766. S. 19. ff. daruͤber in den Traͤumen eines Geiſterſehers ſagt. Es iſt die Pflicht des Schriftſtellers, ſeinen Leſern das beſte, was er hat und weiß, zu geben; ich gebe daher dieſe kantiſchen Gedanken.

Wenn man bewieſen haͤtte, ſagt Herr Kant am angefuͤhrten Ort, die Seele des Menſchen ſey ein Geiſt, ſo wuͤrde die naͤchſte Frage, die man thun koͤnnte, eben dieſe ſeyn: Wo iſt der Ort dieſer menſchlichen Seele in der Koͤrperwelt? Jch9Jch wuͤrde antworten: Derjenige Koͤrper, deſſen Veraͤnderungen meine Veraͤnderungen ſind, iſt mein Koͤrper, und der Ort deſſelben iſt zugleich mein Ort. Setzet man die Frage weiter fort, wo iſt denn dein Ort (der Seele) in dieſem Koͤr - per? ſo wuͤrde ich etwas Verfaͤngliches in dieſer Frage vermuthen. Denn man bemerkt leicht, daß darin etwas ſchon vorausgeſetzt werde, was nicht durch Erfahrung bekannt iſt, ſondern vielleicht auf eingebildeten Schluͤſſen beruht; nemlich, daß mein denkendes Jch in einem Orte ſey, der von den Oertern andrer Theile desjenigen Koͤrpers, die zu meinem Selbſt gehoͤren, unterſchieden waͤre. Niemand aber iſt ſich eines beſondern Orts in ſei - nem Koͤrper unmittelbar bewußt, ſondern desje - nigen, den er als Menſch in Anſehung der Welt umher einnimmt. Jch wuͤrde mich alſo an der gemeinen Erfahrung halten und vorlaͤufig ſagen: wo ich empfinde, da bin ich. Jch bin eben ſo unmittelbar in der Fingerſpitze wie in dem Kopfe. Jch bin es ſelbſt, der in der Ferſe leidet und wel - chem das Herz im Affekte klopft. Jch fuͤhle den ſchmerzhaften Eindruck nicht an einer Gehirnner - ve, wenn mich mein Leichdorn peinigt, ſondern am Ende meiner Zehen. Keine Erfahrung lehrt mich einige Theile meiner Empfindung, von mir fuͤr entfernt zu halten, mein untheilbares Jch in ein mikroſkopiſch kleines Plaͤtzchen des GehirnesA 5zu10zu verſperren, um von da aus den Hebezeug mei - ner Koͤrpermaſchine in Bewegung zu ſetzen oder dadurch ſelbſt getroffen zu werden. Daher wuͤrde ich einen ſtrengen Beweis verlangen, um dasje - nige ungereimt zu finden, was die Schullehrer ſagten: Meine Seele iſt ganz im ganzen Koͤrper, und ganz in jedem ſeiner Theile. Der Einwurf wuͤrde mich auch nicht irre machen, wenn man ſagte, daß ich auf ſolche Art die Seele ausgedehnt und durch den ganzen Koͤrper verbreitet gedaͤchte, ſo ohngefehr wie ſie den Kindern in der gemahlten Welt abgebildet wird. Denn ich wuͤrde dieſes Hinderniß dadurch wegraͤumen, daß ich bemerkte: Die unmittelbare Gegenwart in einem ganzen Raume beweiſe nur eine Sphaͤre der aͤußern Wirkſamkeit, aber nicht eine Vielheit innerer Theile, mithin auch keine Ausdehnung oder Fi - gur, als welche nur ſtatt finden, wenn in einem Weſen vor ſich allein geſetzt ein Raum iſt, d. i. Theile anzutreffen ſind, die ſich außerhalb ein - ander befinden.

Das hier Beygebrachte ſcheint mir zur Wi - derlegung der Meinung, daß die Seele ſich in einem beſtimmten Theile des Koͤrpers eingeſchloſ - ſen befinde, vollkommen hinreichend zu ſeyn; wie man aber insbeſondere darauf gekommen ſeyn moͤ - ge, unter dieſem Theil das Gehirn zu verſtehen, erklaͤrt derſelbe Schriftſteller in einer Anmerkungauf11auf der 22ſten Seite des angefuͤhrten Buches, wie mich duͤnkt, ſehr ſcharfſinnig und ſinnreich folgendermaßen: Alles Nachſinnen erfodert die Vermittlung der Zeichen fuͤr die zu erweckenden Jdeen, um in deren Begleitung und Unterſtuͤtzung denſelben den erfoderlichen Grad der Klarheit zu geben. Die Zeichen unſrer Vorſtellungen aber ſind vornehmlich ſolche, die entweder durchs Ge - hoͤr oder das Geſicht empfangen ſind, welche beyde Sinne durch die Eindruͤcke im Gehirn bewegt werden, indem ihre Organe auch dieſem Theile am naͤchſten liegen. Wenn nun die Erweckung dieſer Zeichen, welche Carteſius ideas materiales nennt, eigentlich eine Reizung der Nerven zu ei - ner aͤhnlichen Bewegung mit derjenigen iſt, wel - che die Empfindung ehedem hervorbrachte, ſo wird das Gewebe des Gehirns im Nachdenken vornemlich genoͤthiget werden mit vormaligen Ein - druͤcken harmoniſch zu beben und dadurch ermuͤdet zu werden. Denn wenn das Denken zugleich affektvoll iſt, ſo empfindet man nicht allein An - ſtrengungen des Gehirnes, ſondern zugleich An - griffe der reizbaren Theile, welche ſonſt mit den Vorſtellungen der in Leidenſchaft verſetzten Seele in Sympathie ſtehen.

Ob wir nun aber gleich die Seele nicht in das Gehirn, wie die Spinne in den Mittelpunkt ihres Gewebes einſchließen duͤrfen; ſo muͤſſen wirdoch12doch dieſen Theil des Koͤrpers, wie ſchon oben er - innert worden, als die nothwendige Bedingung der Gemeinſchaft zwiſchen Seele und Koͤrper an - ſehen.

Anhang zur erſten Unterhaltung uͤber die phyſiologiſche Beſchaffenheit des Gehirns und den Mechanismus der Empfindung.

Das Gehirn, welches wir eben als denjenigen Theil des Koͤrpers kennen gelernt haben, ohne welchen die Seele in dem Menſchen nicht wirkſam ſeyn kann, iſt ein unter der Hirnſchaale einge - ſchloſſenes, markigtes und unelaſtiſches Eingewei - de, das ſich außer andern hier nicht ſo merkwuͤr - digen Eintheilungen in die gelbliche, roͤthliche oder aſchfarbige Rinde, welche ſehr weich und zart iſt, und in das Mark theilt, welches beym neugebor - nen Kinde roͤthlich, ſonſt aber weiß, mit vielen arterioͤſen, einfachen und gradlinichten Gefaͤßen durchwirkt, und feſter, auch an Maſſe ſtaͤrker, als die Rinde iſt. Eine Fortſetzung des Gehirn - marks iſt das Ruͤckenmark, eine ſehr weiche, mar -kigte13kigte Schnur, die bis zum zweyten Wirbelbein der Lende herabſteigt.

Aus dem Gehirnmark werden die Nerven ge - bildet, welches parallele außerhalb des Gehirns mit den Haͤuten der Hirnſchaale uͤberzogne Faſern ſind, welche ſich paarweiſe bilden, in ihrem Fort - gang ſich in Aeſte und Zweige theilen, und ſich entweder unter der Haut verlieren, oder an den Muſkeln und in die Eingeweide, Lunge u. ſ. w. hinlaufen.

Dieſe Nerven nun ſind es, welche die Eindruͤcke, die die Dinge auf den Menſchen machen, aufneh - men, und dieſelben nach der gemeinſten Meinung vermittelſt des Nervenſafts, einer ſehr feinen, un - ſichtbaren, aber, wie es ſcheint, mit der elektriſchen und magnetiſchen Materie verwandten Fluͤſſig - keit, bis zum Gehirn fortfuͤhren, von wo ihn die Seele auf eine uns natuͤrlich unbekannte Weiſe empfaͤngt.

Andre wollen mit Hartley, Prieſtley u. a. m. die Nerven durch Elaſticitaͤt wirken laſſen. Jch uͤbergehe die Gruͤnde, die dieſe und jene fuͤr ihre Meinung beybringen, ſo wie die Auseinan - derſetzung der Meinungen ſelbſt. Denn die Pſy - chologie gewinnt durch alle Nervenerklaͤrungen, und wenn ſie auch noch ſo kuͤnſtlich ſind, nichts. Die Nerven leiten die Jmpreſſionen von außen bis ins Gehirn, das laͤßt ſich leicht begreifen undnach -14nachſagen; aber wie nimmt denn nun die Seele dieſe Jmpreſſionen aus dem Gehirn auf und wie macht ſie dieſelben zu Vorſtellungen? Davon ſagen uns die Nervenhypotheſen ſo wenig, als irgend eine andre.

Das Vermoͤgen der Seele, nach welchem ſie Eindruͤcke von Dingen aufnehmen kann, iſt die Sinnlichkeit, welche in ſo fern die auf den Men - ſchen wirkende Dinge außerhalb ſeines Jchs ſich befinden, aͤußerer Sinn genannt wird, im Gegenſatz des innern Sinnes oder des Vermoͤ - gens, ſeine eignen Veraͤnderungen wahrzunehmen.

Wir koͤnnen aber vermittelſt des aͤußern Sin - nes auf fuͤnf verſchiedne Arten afficirt werden, da - her zaͤhlet man fuͤnf Sinne.

Von dieſen giebt man dem Geſicht und Ge - hoͤr den Namen der feinern und edlen Sinne, weil durch ſie das Herz vorzuͤglich zu feinen Ge - fuͤhlen geweckt wird, und ſie uͤberhaupt mit dem edelſten Theil des Menſchen, der Seele, im ge - naueſten Zuſammenhange ſtehen. Durch das Auge erfreut uns die Natur, erfuͤllt uns die Schoͤnheit mit Wohlgefallen und Liebe, und die Erhabenheit mit Bewundrung und Erſtaunen. Durch das Ohr dringt die harmoniereiche Spra - che der Muſik zu unſerm Herzen und bewegt uns und Auge und Ohr machen es moͤglich, was un -moͤg -15moͤglich ſcheint, unſichtbare Dinge, die Gedan - ken des Menſchen, zu empfangen.

Die uͤbrigen Sinne, welche mehr mit der thieriſchen Natur des Menſchen zuſammen haͤn - gen, der Geruch, der Geſchmack und das Ge - fuͤhl, heißen im Gegenſatz jener, die groͤbern, die niedrigen Sinne.

Jeder dieſer fuͤnf Sinne hat ſein Werkzeug, oder ſeine Werkzeuge, durch welche er die ihm zugehoͤrenden Eindruͤcke aufnimmt. Das Organ des Geſichts, Gehoͤrs, Geruchs und Geſchmacks iſt jedermann bekannt, die Organe des Gefuͤhls, (welches einige, um es von der Faͤhigkeit zu em - pfinden oder afficirt zu werden, zu unterſcheiden, den Tact oder den Sinn des Betaſtens nennen,) ſind die ſogenannten Gefuͤhlswaͤrzchen, oder die kleinen durch ein Vergroͤßrungsglas auf der Ober - flaͤche des Koͤrpers leicht zu bemerkende Erhoͤhun - gen.

Außer den durch Huͤlfe der fuͤnf Sinnen be - wirkten und empfundenen Veraͤnderungen giebt es noch andre allgemeine und auf beſondre Theile des Koͤrpers angewieſene Empfindungen, von denen ich, weil ſie alle bekannt ſind, hier nur des Hun - gers und Durſtes und des Geſchlechtstriebes ge - denke.

Hun -16

Hunger und Durſt beziehn ſich auf die Er - haltung des Jndividuums. Der Geſchlechtstrieb auf die Erhaltung des Geſchlechts.

Wer kann die weiſen Winke der Natur in der Staͤrke und oͤftern Wiederkehr dieſer Em - pfindungen verkennen? Hunger und Durſt ſind nicht zu unterdruͤcken und werden alltaͤglich empfunden; der Geſchlechtstrieb kann unterdruͤckt werden, und wird, wenn man der Natur nicht vorgreift, nur ſelten ſo ſtark, als jene, ſich regen. Jene mußten ſo ſtark ſeyn und ſo ofte empfunden werden, weil die koͤrperliche Maſchine nie ohne Nahrung ſeyn kann; dieſer konnte und mußte ſeltner und leichter zu unterdruͤcken ſeyn, weil ei - ne zu haͤufige Regung und Befriedigung deſſelben den Zweck der Natur die Erhaltung des Ge - ſchlechts nicht erfuͤllen und die Kraͤfte des Jndivi - duums zerſtoͤren wuͤrde.

Wohl dem, der auch in dieſem Stuͤck dem ſtoiſchen Grundſatz gemaͤß lebt: Folge der Na - tur!

Zweyte
17

Zweyte Unterhaltung. Von den Hauptvermoͤgen der Seele.

Jch ging an einem heitern Winterabend durch die ſtillen Straßen meiner Vaterſtadt am Arm meiner Freundin. Ein hellfunkelnder Stern zieht mein Auge an. Das iſt, ſagte meine Begleiterin, die Aehre der gefluͤgelten Jungfrau, welche Jm feſtlichen Schmuck ſchwebt und Halm 'in der Hand traͤgt und des Weines Laub. Jch dankte meiner Freundin fuͤr dieſe Vermehrung meiner Erkenntniß. Jch bin mit dem Dank nicht zufrieden, antwortete ſie; Sie muͤſſen er - wiedern. Jch habe Jhre Erkenntniß vermeh - ret, ſagen Sie? So hab' ich auf etwas gewirkt, wovon ich den deutlichen Begriff von Jhnen hoͤ - ren will. Was iſt Erkenntniß, Freund? Jtzt wagte ich es wieder die Augen aufzuſchlagen, welche mich das Andenken an Fontenelles Unter - redungen mit der Markiſe beſchaͤmt niederſchla - gen hieß. So hat doch, erwiederte ich, die Lan - geweile, welche mich geſtern im Schauſpielhauſe zu L. uͤberfiel, beſſer fuͤr mich geſorgt, als ich glaubte. Weil weder Schauſpiel noch Schau -Bſpieler18ſpieler mich intereſſiren wollten, ſuchte ich die lee - ren Augenblicke mit Nachdenken uͤber meine Lieb - lingsgedanken zu fuͤllen, und gerieth da, nachdem ich manche Gegenſtaͤnde der Erkenntniß durchlau - fen hatte, auf den Begriff der Erkenntniß ſelbſt. Hoͤren Sie meine Erklaͤrung.

Sie haben meine Erkenntniß vermehrt, in - dem Sie die Urſache ſind, daß ich nun eine Vor - ſtellung von jenem Sternbild des Zodiakus habe; daß ich es mir bewußt bin, daß eine Vorſtellung (Sternbild der Jungfrau) in meinem Gemuͤthe iſt, welche auf dieſen am Himmel glaͤnzenden Stern geht. So ſuche ich Jhnen eine Erkennt - niß von dem, was man Erkenntniß heißt, zu ge - ben, weil ich Jhnen eine Vorſtellung verſchaffen will, von welcher Sie, wenn Sie an Erkennt - niß denken, es ſich bewußt ſeyn koͤnnen, daß ſie den von ihr unterſchiednen Gegenſtand (Erkennt - niß) in Jhrem Gemuͤthe ausdruͤckt.

Laſſen Sie mich, fuhr ich zu meiner Freun - din fort, da ich einmal beym Entwickeln bin, noch einen pſychologiſchen Begriff durch ein Beyſpiel zu erlaͤutern ſuchen. Misgluͤckt es mir, ſo den - ken Sie an die Stunde, wo ich mir dieſe Er - laͤuterung machte und ein feindſeliger Daͤmon uͤber mir waltete.

Philophron wird aus dem Kreis der Freund - ſchaft, wo er treu und redlich, ſo viel er konnte,in19in der Stille nuͤtzte, auf einen groͤßern Schau - platz gerufen, um fuͤr ſeinen edlen Eifer lauten Ruhm zu erndten. Doch, denkt er mit dem Dichter ja wohl,

Reizvoll klinget des Ruhms lockender Silberton
Jn das ſchlagende Herz, und die Unſterblichkeit
Jſt ein großer Gedanke
Jſt des Schweißes der Edlen werth.
Aber ſuͤßer iſts noch, ſchoͤner und reizender
Jn dem Arme des Freundes wiſſen ein Freund
zu ſeyn.
So das Leben genießen
Nicht unwuͤrdig der Ewigkeit.

Er beſtimmt ſich, im ſtillern Kreiſe der Freund - ſchaft zu bleiben will nicht, fern von ihr, den lauteſten Ruhm.

Jch habe, meine Leſer und Leſerinnen, dieſe Unterredung aus meinem Gedaͤchtniſſe abgeſchrie - ben, um die beyden Hauptaͤußerungen der Seele, Erkennen und Wollen, zu erlaͤutern. Die Seele erkennt, d. h. ſie hat Vorſtellungen, welche ſie mit Bewußtſeyn auf einen von den Vorſtellun - gen verſchiednen Gegenſtand bezieht, und ſie will, d. h. ſie beſtimmt ſich, was ihr als gut vorkommt, zu waͤhlen, was ihr als nicht gut vorkommt, nicht zu waͤhlen. Sie muß alſo auch, da dieſe Aeuße -B 2rungen20rungen wirklich ſind, ein Vermoͤgen, ſich auf dieſe Weiſe zu aͤußern habe, ein Erkenntniß - und Wil - lensvermoͤgen. Jenes ſetzt das Vermoͤgen der Vor - ſtellungen voraus, iſt die Vorſtellung auch bey dieſem nothwendig? Jch ſetze: Der Kaiſer von China bietet mir Pecking oder Nanking an. Jch weiß nicht, was ich waͤhlen ſoll, ich kann mich nicht beſtimmen. Jch frage einen meiner Freunde nach den beyden Staͤdten, er beſchreibt ſie mir. Jch hoͤre von ihm, daß in Pecking eine aſtronomiſche Geſellſchaft und in Nanking die groͤßte Glocke in der Welt iſt. Nun kann ich mich beſtimmen, und waͤhle Pecking, weil mich Aſtronomie, ſey's auch ſineſiſche, doch mehr noch intereſſirt, als eine große Glocke. Warum konnt 'ich mich itzt beſtimmen, Pecking zu waͤhlen, und Nanking nicht zu waͤhlen? Weil ich nun von beyden eine Vorſtellung hatte und nach derſelben beurtheilen konnte, welche beſſer als die andre ſey.

Alſo ſowohl das Erkenntnißvermoͤgen, als das Willensvermoͤgen ſetzt das Vermoͤgen der Vor - ſtellungen voraus, welches wir daher der Seele als ihr Grundvermoͤgen beylegen.

Dritte21

Dritte Unterhaltung. Vom Bewußtſeyn und der Aufmerkſamkeit.

Jch weiß, daß ich es bin, der itzo ſeine Ge - danken uͤber das Bewußtſeyn und die Aufmerk - ſamkeit niederſchreiben will, weiß, daß itzt Vorſtellungen in meiner Seele ſind, die mir ge - hoͤren, und auf die Gegenſtaͤnde, die ich eben nannte, ſich beziehn ich bin mir meiner be - wußt. Denn, wenn der Menſch ſeine Vorſtel - lungen auf ſich, als ihren Urheber und zugleich auf ihren Gegenſtand bezieht; ſo ſchreibt man ihm Bewußtſeyn zu. Wo alſo kein Bewußtſeyn iſt, da iſt auch keine Vorſtellung, und wo keine Vor - ſtellung iſt, da iſt auch kein Bewußtſeyn. Be - wußtloſe Vorſtellungen finden alſo eben ſo wenig ſtatt, als Bewußtloſigkeit bey noch daſeyenden Vorſtellungen. Nicht immer aber iſt das Be - wußtſeyn in gleichem Grade klar, und bald ſticht das Bewußtſeyn der Perſon, die Vorſtellungen hat; bald das, der Vorſtellung und des Gegen - ſtandes, worauf die Vorſtellungen gehn, hervor.

Die Regeln, nach welchen dieſe Erſcheinun - gen ſich richten, ſcheinen mir folgende zu ſeyn:

B 31. Re -22

1. Regel des Bewußtſeyns und der Klarheit deſſelben uͤberhaupt.

Nur in dem Zuſtande, wo der Menſch der Vorſtellungen faͤhig iſt, findet das Bewußt - ſeyn ſtatt. Je faͤhiger der Menſch zu Vor - ſtellungen uͤberhaupt iſt, und je leichter er dieſelben faſſen und von einander ſondern kann, deſto klarer iſt ſein Bewußtſeyn uͤber - haupt.

Denn nur dann iſt das Bewußtſeyn moͤglich, wenn die Seele wirkſam iſt, und ihr Wirken wahrnimmt. Nun kann nur in jenem Zuſtande des Menſchen, den ich in der Regel nannte, die Seele wirkſam ſeyn, mithin findet auch in dieſem nur das Bewußtſeyn ſtatt. *)Eben ſo wird auch der Beweis fuͤr den Grad der Klarheit das Bewußtſeyn uͤberhaupt gefuͤhrt.

Daher fehlt im Schlaf und Ohnmacht, bey betaͤubendem Schmerz, Tod, das Bewußtſeyn ganz.

Daher verliert es ſich, wenn wir irgend et - was ſehn oder hoͤren, oder uͤberhaupt wahrneh - men, welches auf unſre Seele ſo viele oder große, oder neue Eindruͤcke macht, daß ſie dieſelben nicht ſogleich und auf einmal unter Vorſtellungen brin -gen23gen und faſſen kann. So ſtand gewiß der uͤppi - ge Polemo, als er vom naͤchtlichen Schmauſe kommend, in die offne Thuͤr der Akademie ging, und Xenokrates, der ihn erblickte, ſein Thema ver - ließ, und von Maͤßigkeit und Sittſamkeit redete, mehrere Augenblicke bewußtlos da, bis endlich ſeine Seele von der Menge der Eindruͤcke, unter wel - chen ſie erdruͤckt wurde, einige zu Vorſtellungen verklaͤrte, und nun Polemo die Kraͤnze des Ba - chus vom Haupt riß, und ſeine nackten Arme un - ter dem Mantel verbarg.

So blieb Aeneas, als der Goͤtterbote, der mit einemmale erſchien, (inuadit) von ihm ſchied, (medio ſermone reliquit) und ihm den Willen Jupiters verkuͤndete, von der geliebten Dido ſich zu trennen, in bewußtloſer Betaͤubung zuruͤck (adſpectu obmutuit amens) denn der Gedanke an die Beleidigung der Goͤtter und die Liebe zur Koͤ - nigin Carthagos unterdruͤckten ſeine Seele.

So brach gewiß manches Leſers Bewußtſeyn auf einige Momente ab, mit den ſtarken Worten des Dichters der Meſſiade, in welchen er den Tod des Erloͤſers ſchildert

Vater, (ſprach er) in deine Haͤnde befehl 'ich meine Seele! Drauf (Gott, Mittler, erbarme dich unſer!) Es iſt vollendet Und er neigte ſein Haupt, und ſtarb.
B 4Jn24

Jn Betaͤubung und Bewußtloſigkeit waͤre auch wohl ein andrer Koͤnig, als Ludwig der Sech - zehnte, gekommen, wenn er in die Situation ver - ſetzt worden waͤre, in welche dieſen ſeine erſte Reiſe, nach dem merkwuͤrdigen vierzehnten Julius, von Verſailles nach Paris verſetzte. Der Koͤnig der Franzoſen, als er durch die Straßen von Paris fuhr, ſo ſchildert ihn ein Meiſter in der Kunſt zu ſchildern*)Herr Rath Schulze in ſeiner Geſchichte der großen Revolution in Frankreich, S. 190., war blaß, ſichtbar un - ruhig, und ſahe, ohne den Kopf zu wenden, be - ſtaͤndig nach der rechten Seite in die Hoͤhe und uͤber die Gewehre und Stangen hinweg. Jn ſeinen Minen war kein beſtimmtes Gefuͤhl zu le - ſen; aber wohl eine Art von Betaͤubung, in die er durch das zahlloſe Gewimmel von Men - ſchen, durch das Geraͤuſch der Janitſcharen - muſik, durch das Geſchrey vieler Tauſende, durch den Anblick ſo vieler und ſo mannigfach bewaffneter Buͤrger, durch die Erinnerung an die blutigen Auftritte der vorigen Tage, und an das, was ſie veranlaßt hatte, ver - ſenkt worden war.

Wer wuͤrde es verhuͤten koͤnnen, wenigſtens auf einige Momente betaͤubt und bewußtlos zu werden, wenn er in den Saal des Coffeehauſesauf25auf den alten Boulewards traͤte, den derſelbe Schriftſteller alſo ſchildert:*)Ueber Paris und die Pariſer. Fuͤnfter Brief.

Denken Sie ſich einen langen Saal, an deſ - ſen Einem Ende ein foͤrmliches Orcheſter fuͤr Vo - kal - und Jnſtrumental-Muſik angebracht iſt; denken Sie ſich funfzig kleine Tiſche mit Marmor - platten belegt und mit Seſſeln ohne Lehnen um - pflanzt, auf welchen Alt und Jung, Klein und Groß bey einander ſitzt und lacht und weint, und ſchmaͤhlt und liebelt; denken Sie ſich das ſeltſame Geheul, Gewinſel, Gelaͤchter und Geziſch von zweyhundert jungen und alten lebhaften Gaͤſten, und nun laſſen Sie Heerpauken dazwiſchen don - nern, Trompeten ſchmettern, unreine Geigen kraͤchzen, Floͤten ziſchen, Baͤſſe grunzen und ble - cherne Kehlen dazwiſchen kraͤhen oder miauen; laſſen Sie dies ganze chaotiſche Geheul - und Ge - ſchrey - und Donner-Conzert von der niedrigen Decke des Zimmers zuruͤckprallen und Jhnen beym Eintritte toͤſend entgegen ſchlagen: ſo haben Sie eine hoͤr - und fuͤhlbare Schilderung dieſes ſeltſa - men Saals und Sie werden ſich damit begnuͤgen. Dies iſt ein Caffé à Concert.

Schon dieſe Schilderung iſt ſo trefflich, daß ſie betaͤubt und die Seele nicht ſogleich eine ganze Vorſtellung hervorbringen kann; was muß der Saal ſelbſt fuͤr Wirkung haben?

B 52. Re -26

2. Regel der Klarheit des Bewußtſeyns der vorſtellenden Perſon.

Das Bewußtſeyn der Perſon ſticht in verhaͤltnißmaͤßigen Gedanken hervor, wenn die in der Seele lebenden Vorſtellungen ſich auf Empfindungen des Subjekts beziehn, den Fall abgerechnet, wo die Empfindung zu ſtark iſt. (ſ. 1. Regel.)

Denn Empfindung iſt eine angenehme oder unangenehme Veraͤnderung des Zuſtandes der vor - ſtellenden Perſon; bey Empfindungsvorſtellungen alſo wird ganz natuͤrlich das Vermoͤgen des Be - wußtſeyns mehr auf die empfindende Perſon, als den Gegenſtand der Empfindung gerichtet wer - den, das Bewußtſeyn der Perſon mithin klarer ſeyn, als das, des Vorſtellungsgegenſtandes.

Daher iſt der Leidende gemeinhin ſeiner ſich nur gar zu gut bewußt, und des Gegenſtandes, der ſein Leiden wirkte, nur in ſo fern er in ihm zur Empfindung wird.

Als die liebende Dido von Aeneas Abreiſe hoͤrt, ſieht ſie nur ſich und iſt ſich nur deſſen be - wußt, was ihr Ungluͤck werden kann.

Ha, deinetwegen haſſen Lybiens Voͤlker mich und der Numidier Tyrannen die Tyrier ſindmir27mir feind ach deinet, deinetwegen loͤſcht 'ich Schaam und Keuſchheit aus, und meines Na - mens Ruhm, mit dem ich zu den Sternen ging. Wem uͤberlaͤßſt du mich, die Sterbende denn ſollt' ich weilen, bis Pygmalion mein Bruder meine Mauern in Ruinen wirft und bis der Gaͤtuler Jarbas mich in Feſſeln fuͤhrt?

*)Te propter Libycae gentes Nomadumque ty - ranni Odere; infenſi Tyrii: te propter eundem Exſtinctus pudor, et, qua ſola ſidera adibam, Fama prior. Cui me moribundam deſeris, hoſpes? Hoc ſolum nomen quoniam de conjuge reſtat. Quid moror? an mea Pygmalion dum moeni[ſ]frater Deſtruat, aut captam ducat Gaetulus Jarbas?

So wie ſie im Taumel der Freude uͤber Aeneas Ankunft und Liebe nur ſich, die Gluͤckliche ſah, und alles aus ihrem Bewußtſeyn ſcheuchte, was nicht zur freudigen Empfindung werden wollte. Auch ihren Fall bedeckte ſie mit dem beruhigenden Namen des Ehebundes.

Neo jam furtiuum Dido meditatur amorem Conjugium vocat; hoc praetexit nomine culpam.
So28

So iſt der wohlluͤſtige Trinker mit ganzer Seele auf ſeinem Gaum. Er verſchließt ſeine Augen; denn ſelbſt das labende Glas verlangt er nicht zu ſehn biegt den Kopf zwiſchen den Schultern und iſt, wie der feine Menſchenkenner Engel*)Engels Mimik 1. Th. S. 177. 178. ſagt, ganz in der Einen Empfindung beyſammen. **)Es iſt darum kein Wunder, daß die Perſonen, welche ſich den Magnetiſeurs uͤbergeben, in einen ſie von allem, was da iſt, nur nicht von ſich ſelbſt und ihrer magnetiſchen Empfindung, abtrennenden Schlaf uͤbergehn. Dieſe Art von Schlaf, wo vor dem Gegenſtande der Empfindung die Augen des Leibes und der Seele zuſammengekniffen oder verdreht werden, um ſich nur ſeiner einzigen Em - pfindung bewußt zu ſeyn, zeigt ſich bey jedem hohen Grade jeder Wohlluſt.

Eben daher kommt es, daß Perſonen bey ſchweren Krankheiten oft etwas thun oder reden, wovon ſie hernach durchaus nichts wiſſen. Die Vorſtellung von ſich und ihrem ſchmerzhaften Zu - ſtand, iſt ſo ganz allein in ihrem Bewußtſeyn, daß ſie auf die aͤußern Verhaͤltniſſe, in welchen ſie ſich befinden, daß ſie ſelbſt auf das, was ſie thun oder reden, gar nicht merken. Ja ſie koͤnnen oft nachher ſich nicht auf ſich ſelbſt und ihren Schmerz beſinnen, weil ihr nur auf den leidenden Theilihrer29ihrer Perſon eingeengtes Bewußtſeyn ſie in eine ſo eigne Situation verſetzt, daß wenn nachher das Bewußtſeyn aller ihrer aͤußern Verhaͤltniſſe wieder kommt, ſie ſich fuͤr jene nicht orientiren und die Vorſtellung derſelben alſo nicht wieder vor ihre Seele fuͤhren koͤnnen.

Als der Koͤnig der Franzoſen auf dem Thron im Hotel de Ville in Paris ſaß, und von allen Seiten Beweiſe der Umkehrung ſeines bisherigen Verhaͤltniſſes erhielt, lebte er einzig und allein in dem neuen Gefuͤhl, der erſte Diener ſeiner Na - tion zu ſeyn. Wie klar wird dieſes aus folgender vom Hrn. R. Schultz erzaͤhlten Anecdote. *)Geſchichte der großen Revolution in Frankreich, S. 194.Der Maire von Paris uͤberreichte dem auf dem Thron ſitzenden Koͤnig die National-Kokarde. Der Koͤnig nahm ſie in die Hand und hob ſie empor, um ſie dem Volke zu zeigen. Dieſes antwortete mit einem Geſchrey der Begeiſterung und des Dankes darauf. Er beſtrebte ſich, durch Haͤnde - klatſchen ſeine Freude zu bezeigen, da ihm aber die Kokarde in der einen Hand und der Hut unter dem andern Arm, dabey im Wege waren, ließ er letztern fallen und nahm erſtre in den Mund, ſtand auf und klatſchte in die Haͤnde.

3. Re -30

3. Regel der Klarheit des Bewußtſeyns des vorgeſtellten Gegenſtandes.

Das Bewußtſeyn des vorgeſtellten Ge - genſtandes ſticht in verhaͤltnißmaͤßigen Gra - den hervor, wenn die in der Seele lebenden Vorſtellungen ſich auf Erkenntniß des Sub - jekts beziehen, den Fall abgerechnet, wo der zu erkennende Gegenſtand fuͤr die Er - kenntnißfaͤhigkeit zu groß iſt. *)Jn der Sprache des gemeinen Lebens ſagt man in ſolchem Fall das iſt mir zu hoch das kann ich nicht begreifen das macht mich ſchwindeln. So z. B. wenn man ſich die Ewigkeit ausdenken will: man geraͤth an die Graͤnze der Endlichkeit, ver - liert alles und ſich ſelbſt, und wenn man ſich be - ſinnt, hat man gar keinen Gedanken gehabt.

Denn, wenn es um Erkenntniß zu thun iſt, verlangt man nicht ſeine Perſon, ſeinen actuellen Zuſtand, ſondern den Gegenſtand der Erkenntniß mit ſeiner Vorſtellung zu vergleichen: umfaßt da - her mit dem Bewußtſeyn inniger dieſen Gegen - ſtand, als ſich und es iſt daher in dieſem Fall das Bewußtſeyn des vorgeſtellten Gegenſtandes klarer, als das, ſeiner Perſon. **)Bey dem Denken (Erkennen) muß man ſich aus ſeiner perſoͤnlichen Jndividualitaͤt heraus verſetzen. Die Empfindung ſchließt uns in dieſelbe ein.

Darum31

Darum ſagte der im Sande zeichnende Ar - chimedes zu dem Soldaten, der ihn zu morden kam, nichts, als ein verwirre meine Kreiſe nicht denn ſein Bewußtſeyn war in dieſem Au - genblick in dieſen Kreiſen eingeſchloſſen.

Darum mußte ſich Tycho de Brahe, der ſich im Fahren nach dem Stand der Sterne richten wollte, von ſeinem Kutſcher einen klugen Mann im Himmel, aber einen Narren auf Erden ſchel - ten laſſen.

Darum ſieht man tief Nachdenkende ſehr oft Bewegungen und Geberden machen, welche das Lachen derer, die um ſie ſind, erregen, ohne daß ſie, weil ſie ſich ihres individuellen Verhaͤltniſſes zu Ort und Zeit und andern Perſonen nicht be - wußt ſind, etwas davon wahrnehmen, bis ſie entweder ausgedacht haben oder ein Geſtus, der zu ſtark mit dem, was gewoͤhnlich iſt, kontra - ſtirt, in ihre Empfindung greift, ſie erſchreckt und das Bewußtſeyn ihrer Perſon zuruͤckruft.

Fuͤrchten Sie nicht, werthe Leſer und Leſerin - nen, daß ich Sie oft mit Regeln, welche immer etwas trocken ſind, ermuͤden werde. Sind Sie uͤber die hier vorgelegten unzufrieden, ſo verzeihen Sie meinem Unvermoͤgen, die Gedanken anders einzukleiden, ohne dunkel und unbeſtimmt zu wer - den, und meiner Vorſtellung, die ich hierbey hatte, daß nemlich auch die trockenſte Regel, durchdas32das eigne Nachdenken befruchtet und intereſſant werden koͤnne.

Derjenige Zuſtand der Seele, wo dieſelbe ihre Thaͤtigkeit auf etwas richtet, um ſich Vor - ſtellungen davon zu verſchaffen, heißt Aufmerk - ſamkeit. Je faͤhiger und williger die Seele zur Thaͤtigkeit iſt, und je geſchickter die Ge - genſtaͤnde ſind, dieſelbe zu wecken, deſto groͤßer wird die Aufmerkſamkeit ſeyn.

Darum kann man aufmerkſam ſeyn, wenn die Seele frey, ihre Kraft nicht erſchoͤpft, oder von zu großer Anſtrengung oder koͤrperlicher Traͤg - heit gelaͤhmt iſt; und wird ſeine Aufmerkſamkeit auf dasjenige richten, was ſich vor andern Ge - genſtaͤnden hervordraͤngt, oder auf irgend eine Weiſe intereſſant zu ſeyn ſcheint.

Jch habe des Tages Laſt und Hitze getragen und Geiſt und Koͤrper ermuͤdet, ſelbſt Wielands Oberon kann mich nicht feſthalten, meine Seele iſt nicht vermoͤgend, noch thaͤtig zu ſeyn.

Coronatus koͤmmt vom Bachusfeſte zu Hauſe. Seine Gattin erzaͤhlt ihm die Geſchichte der Stun - den ihres Alleinſeyns. Er kann nicht aufmerken. Die Wallungen des Blutes im Fleiſch erlauben dem Geiſte nicht, ſich in Thaͤtigkeit zu ſetzen.

Craſſus ſitzt im Ruheſtuhl, ſeines Leibes zu pflegen. Sein Sohn recitirt ihm das, was er heute in der Schule lernte. Er hoͤrt nur Toͤneund33und gaͤhnt. Seine Seele hat nicht Luſt, ſich um Geiſtesſachen zu muͤhen, der weite Umfang ihres Tempels iſt hinreichend zu ihrer Weide.

Die fleißige Hausfrau ſitzt am Naͤhrahmen und arbeitet fuͤr die Familie. Ein ſtarker Knall, ſie horchet auf. Noch einmal, ſie ſieht aus dem Fenſter. Nun will ſie ſich nicht weiter darum kuͤmmern; denn ſie hat zu thun. Es ſchallt noch einmal, und ſie horcht doch wieder auf: denn ſtarke Eindruͤcke erzwingen die Aufmerkſamkeit.

Ferdinand koͤmmt aus einer frohen, ihn in - tereſſirenden Geſellſchaft auf ſein Zimmer. Er nimmt ſeinen Euclid, um dem Beweiſe weiter nachzudenken, den er noch nicht gefaßt hatte: und will ganz darauf merken. Allein zwiſchen jedem Satz der Demonſtration blitzt die Vorſtel - lung von dem genoßnen Vergnuͤgen auf, und trifft ihn er muß auf ſie merken.

Sorgfaͤltig merkt der Reiſende auf die Schoͤn - heiten der Stadt, welche er zum erſtenmal ſieht; indeß die Buͤrger derſelben unaufmerkſam vor - uͤbergehn. Jenem ſind ſie neu und regen daher die Begierde ſeiner Seele an, durch ihre Erkennt - niß die Summe der Vorſtellungen, welche ſie umfaßt, zu vermehren: Dieſe haben ſie ſchon oft geſehen, und indem ſie glauben, die Merkwuͤr - digkeiten ihres Wohnorts zu kennen, halten ſieCes34es der Muͤhe nicht werth, ihre Aufmerkſamkeit auf dieſelben zu richten.

Menſchen und Voͤlker, deren Erkenntniß - kreis noch ſehr eingeſchraͤnkt iſt, merken daher auf alles, was dem Ausgebildeten unwichtig und klein vorkoͤmmt. Wenn der Landmann, der noch nie die Stadt, und was in ihr ſich findet, ſah, zum erſtenmal zur Stadt koͤmmt, bleibt er allenthal - ben ſtehen und richtet Auge und Ohr mit großer Aufmerkſamkeit auf alles, was ſich ihm darbietet. Als der engliſche Kapitain Wilſon, in dem Poſt - ſchiff der engliſchen oſtindiſchen Kompagnie, an den Pelew-Jnſeln in der Weſtgegend des ſtillen Oce - ans Schiffbruch litt, zog er und ſeine Gefaͤhrten, und alles, was ſie bey ſich fuͤhrten, die groͤßte Aufmerkſamkeit der Pelewaner, die noch nie et - was Aehnliches geſehen hatten, auf ſich. Sie konnten ſich nicht ſaͤttigen an dem Anblick der weißen und bekleideten Englaͤnder, der auf dem Schiff befindlichen Hunde, des Schießgewehrs und der exercirenden Soldaten. Raakuk, der Bruder des Koͤnigs dieſer Jnſeln, welcher einige Tage vor dieſem ſchon mit den Englaͤndern umgegangen war, machte den Koͤnig auf die klein - ſten Gegenſtaͤnde aufmerkſam. Ein Schleif - ſtein, die ſehr aͤrmliche Kuͤchengeraͤthſchaft, ein Blaſebalg und der Koch ſelbſt wurden lange und aͤußerſt aufmerkſam angeſehn und betrachtet.

Jch35

Jch werde, wenn ich von Verwundrung und Bewundrung zu reden habe, noch einmal auf dieſe und aͤhnliche Erſcheinungen zuruͤckkommen, und ausfuͤhrlicher von denſelben reden.

Vierte Unterhaltung. Von der Einbildungskraft.

Ein froher Tag geht nicht mit der untergehenden Sonne voruͤber und die truͤben Stunden des Kummers werden nicht von dem Mondenlicht der Nacht fuͤr die empfindende Seele erhellet. Freu - de und Leid ſetzt ſich uͤber die wirkliche Empfindung hinaus fort oft in dieſer Fortſetzung eben ſo ſtark, als in der Wirklichkeit ſelbſt.*)Ja ſehr oft noch ſtaͤrker: denn in der Regel ſtellt man ſich eine Freude vorher oder hinterher noch groͤßer vor, als ſie wirklich iſt. Bey der Vorſtellung der Freude, bey dem ſogenannten Den - ken daran, liegen blos die Merkmale derſelben, an welchen Luſt haͤngt, in dem Horizont der Seele; allein bey dem wirklichen Genuß thut das Jndivi - duelle, Lokale, durchaus Beſtimmte allerley andre Dinge hinzu, welche ſelten durchaus mit Luſt fuͤr jedes Subjekt verknuͤpft ſind. Wenn man diePhan - EineC 2ange -36angenehme Reiſe wird nach der Zuruͤckkunft noch oft der Stoff der Unterhaltungen, und uͤber denVer -*)Phantaſie allein wirken laͤßt, ſo mahlt ſie ſich ihre Bilder mit den grelleſten Farben und voͤllig einarti - gen Zuͤgen; die unangenehmen fuͤrchterlich, die an - genehmen reizend: alles was ſeyn koͤnnte, ſtellt ſie als wirklich vor; entfernt alles, was nicht mit der Grundfarbe ihrer Vorſtellungen zuſammenſtimmt, und mahlt alles nach den Neigungen, Launen und Wuͤnſchen des Subjekts aus. Es iſt daher den Truͤb - ſinnigen und Melancholiſchen das beſtaͤndige Allein - ſeyn ſehr gefaͤhrlich, weil da nichts ſo leicht ihre Einbildungskraft von den Bildern, die ihre Trau - rigkeit und Schwermuth erſchafft, abziehen kann. Es iſt daher kein Verfuͤhrer gluͤcklicher als derjenige, welcher den Gegenſtand, fuͤr den er jemand gewin - nen will, nicht mit Augen ſehen, ſondern von der Phantaſie errathen und ausmahlen laͤßt.Nach dieſer Theorie verfahren die Pariſer Kupp - lerinnen, um in ihrem Geſchaͤffte deſto gluͤcklicher zu ſeyn. Herr Rath Schultze, welcher in ſeinen vortrefflichen Werken, womit er uns beſchenkt hat, ſo viele wichtige Beytraͤge zur Pſychologie (die uͤber - haupt nicht aus Compendien, wie ſie bis itzt wenig - ſtens waren, ſondern aus Erfahrung und Geſchichte erlernt werden muß) liefert, erzaͤhlt die Verfah - rungsart dieſer Verfuͤhrerinnen, in dem ſechsten Briefe ſeines Meiſterwerks uͤber Paris und die Pa - riſer:Sie37Verluſt eines Freundes wohl Jahre lang ge - trauert.

C 3Seine

*)Sie wiſſen, ſchreibt er ſeinem Freund, daß ge - wiſſe Dinge durch die Phantaſie ſchoͤner aufgemahlt werden, als man ſie in der Wirklichkeit vor ſich ſieht, und daß oft Neugier, mit den Taſchenſpieler, ſtreichen der Einbildungskraft verbunden, heftiger draͤngt, als ſinnlicher, durch Auge oder Gefuͤhl auf - geregter Reiz. Haͤtten Sie wohl geglaubt, daß nach dieſer Theorie die Sinnlichkeit hier verfolgt und oft gefangen wird? Als ich ein wenig vor dem geſchminkten Affen, (der vor der Bude eines Taſchenſpielers ſtand, um fuͤr dieſen Zuſchauer an - zuwerben) ſtill ſtand, trat eine aͤltliche Frau von der Seite zu mir, deren Weſen, wie ich mit halben Blicken unterſchied, etwas Scheues, aber nichts Furchtſames zeigte, und ſagte halb laut, halb leiſe, die Augen andaͤchtig auf den Affen und ſeinen Herrn gerichtet, folgendes hinter meinem Ruͤcken: Mon - ſieur, vous n' étes pas curieux de voir un joli enfant? Elle n' a que quatorze ans! Elle debu - te elle a peur de paroitre elle eſt bien près d'ici etc. Das betete ſie, wie auswen - dig gelernt, her. Da ſie wollte, daß niemand ihr Gewerbe merken ſollte, ſo ſchuͤttelte ich voll Scho - nung und ohne mich umzuſehen mit dem Kopf. Die Stimme von neuen: Monſieur, vous ſeriez bien content elle ſera elle ſera elle a elle eſt und hinter jedem dieſer Abſaͤtze Lobes -erhe -

38

Seinen Jupiter bildet der Bildner aus ſei - ner Seele, und die Goͤtter Griechenlands *)Ein vortreffliches Gedicht von Schiller. Deutſcher Merkur Maͤrz 1788. S. 250. erſchuf der begeiſterte Dichter.

Marc-Aurel iſt ſchon als Knabe die Hof - nung der Roͤmer, welche, Patriotismus im Her - zen, das Vaterland unter dem eiſernen Scepter verblendeter Hadriane ſehn und Antonin genießt ſchon im Leben die Freude uͤber den Segen, wel - chen jeder Edle ſpaͤterer Jahrhunderte uͤber dem Menſchenfreund ausſpricht.

Es

*)erhebungen deſſen, was einen Gimpel erwartet haͤtte, wenn er ihr gefolgt waͤre. Jch hatte mich an dem Affen ſatt geſehen und an der Stimme von hinten ſatt gehoͤrt, wandte mich kurz um und ging weiter. Laſſen Sie, ſetzt der Menſchenkenner hinzu, dies einem jungen Menſchen ohne Erfahrung ſagen, der das Abenteuerliche liebt, und welchen Aufforderun - gen und Beſchreibungen dieſer Art, ſtatt durch ihre Zudringlichkeit und Nacktheit abzuſchrecken, erhitzen: und Sie werden ſehen, wie bald er der Kupplerin folgen und einem joli enfant von dreyßig Jahren in die Arme rennen wird, das, wie er nachher mit Schmerzen bekennen mag, ſchon laͤngſt debuͤtirt hatte.

39

Es hat alſo die Seele ein Vermoͤgen, auch das, was ſie nicht als gegenwaͤrtig empfindet, ſich vorzubilden, fuͤr die angenehme Empfindung ein Aequivalent, fuͤr die unangenehme einen quaͤ - lenden Schatten, ein Nichts im Etwas zu ge - ben das Vermoͤgen, etwas was nicht gegen - waͤrtig iſt, in Seelenbildern zu repraͤſentiren. Das iſt's, was man Einbildungskraft, Jma - gination, Phantaſie heißt. *)Jch brauche dieſe drey Worte voͤllig ſynonymiſch da ſie Bezeichnungen eines und deſſelben Gegenſtan - des und nur als Worte verſchiedner Sprachen ver - ſchieden ſind.Sie zeigt dem Schwaͤrmer ſeine Chimaͤren, dem Traͤumenden ſeine Geſichter, dem Wachenden ſeine gehabten Empfindungen, oder das, was ſie aus ihnen zu - ſammentrug. Jhren Stoff nimmt ſie aus der Empfindung. Wie koͤnnte ſich auch die Seele ein Bild von einem Gegenſtande machen, der nie, weder ganz noch nach den einzelnen Theilen, aus wel - chen er zuſammengeſetzt iſt, von ihr wahrgenom - men waͤre? Auch zu den Abbildungen der Ge - genſtaͤnde, welche das Auge nie ſah und das Ohr nicht hoͤrte, entlehnt ſie die Farben aus ihren Em - pfindungen. Der Bewohner eines ebnen Landes bildet die Vorſtellungen von den Alpen aus ſeinen kleinen Huͤgeln: der Nachbar des Brockens aus dieſem. Kriegeriſche Nationen erwarten auch nachC 4dem40dem Tode ein Schlachtfeld und Feinde. Der wolluͤſtige Orientaler hingegen, volle Saͤttigung ſeiner Begierden in den Armen der Huris. Die Groͤnlaͤnder hoffen, auch kuͤnftig in einem Groͤnland zu leben, und Seehunde, Wallfiſche und Rennthiere, wie in ihrem itzigen Lande, nur mit leichtrer Muͤhe, zu fangen. Alles, was die Griechen im Leben genoſſen und thaten, hofften ſie auch jenſeit des Stix thun und genießen zu koͤnnen.

Seine Freuden traf der frohe Schatten
Jn Elyſiens Haynen wieder an;
Treue Liebe fand den treuen Gatten
Und der Wagenlenker ſeine Bahn;
Orpheus Spiel toͤnt die gewohnten Lieder,
Jn Alceſtens Arme ſinkt Admet.
Seinen Freund erkennt Oreſtes wieder,
Seine Waffen Philoktet.

Weil aber die Phantaſie nur aus der Schaale der Empfindung die Farben zu ihren Bildern ent - lehnen kann, erreicht ſie auch nur ſolche Gegen - ſtaͤnde, die fuͤr die Sinne gemacht ſind; und ſchwingt vergebens ihre Fluͤgel, um Jdeen ihr Bild abzuſtehlen. Gott im Bilde iſt ein Goͤtze, und der Geſetzgeber der Jſraeliten gab mit Recht ſeinem Volke die Lehre: Von Jehovah muͤßt ihr euch kein Bild oder Gleichniß machen. Darum41Darum ſtand uͤber dem Tempel der Jſis eine Auf - ſchrift, die die Hand eines Mannes verraͤth, der mehr, als ein Goͤtzendiener, war. Jch bin alles, was da iſt, was da war und was da ſeyn wird, und meinen Schleyer hat kein Sterblicher aufgedeckt.

Die Geſetze, nach welchen die Phantaſie ihre Bilder vor die Seele fuͤhrt, ſind die, nach wel - chen ſich Vorſtellungen uͤberhaupt mit einander verketten. Es verknuͤpfen ſich aber ſolche Vor - ſtellungen mit einander, welche entweder inner - lich oder aͤußerlich verbunden ſind. Jnnerlich verbunden ſind die, welche den Grund ihres An - einanderhangens in ſich enthalten; aͤußerlich aber die, welchen das, was ſie zuſammenhaͤngt, nicht weſentlich zugehoͤrt, ſondern außer ihnen liegt. Aehnlichkeit, urſachlicher Zuſammenhang, Kon - traſt u. dergl. gehoͤren zu den innerlichen Verbin - dungen, Zuſammenhang im Raum, oder in der Zeit zu den aͤußerlichen.

Saladin in Nathan dem Weiſen, dem Stolz der deutſchen Muſe, vergegenwaͤrtigt ſich das Bild ſeines verlornen Bruders Aſſad, weil er in dem Geſicht des gefangnen Tempelherrn Zuͤge ent - deckt, die denen ſeines Aſſad aͤhnlich waren.

Der Dichter des hohen Liedes von der Einzi - gen hoͤrt in der Begeiſterung alles toͤnen, was das Ohr reizen kann, und gebeut allem Schwei -C 5gen,42gen, weil nur ſein ſchoͤnſtes Lied toͤnen und ge - hoͤrt werden ſoll.

Schweig 'o Chor der Nachtigallen
Mir nur lauſche jedes Ohr.
Murmelbach! hoͤr 'auf zu wallen!
Winde laßt die Fluͤgel fallen,
Raſſelt nicht durch Laub und Rohr!
Halt' in jedem Elemente,
Halt 'in Garten, Hayn und Flur,
Jeden Laut, der irgend nur
Meine Feier ſtoͤren koͤnnte,
Halt' den Odem an, Natur.

Der klagende Orpheus fuͤhrt den Liebling der roͤmiſchen Muſe zu der klagenden Nachtigall, in den herrlichen Verſen:

Wie voll Schmerz Philomel 'in gruͤnender
Pappelumſchattung
Jhre verlohrenen Kinder betraurt, die ein grau -
ſamer Landmann
Spaͤhend dem Neſt entriß, die Federloſen; doch
jene
Weint in die Nacht und erneu't vielfaͤltige Toͤne
des Jammers
Sitzend im Laub' und ringsum erfuͤllt Wehklage
die Gegend.
Qualis43
Qualis populea moerens philomela ſub um -
bra
Amiſſos queritur fetus, quos durus arator
Obſervans nido implumes detraxit: at illa
Flet noctem ramoque ſedens miſerabile car -
men
Integrat et moeſtis late loca quaeſtibus im -
plet.
*)So knuͤpfen ſich der Aehnlichkeit wegen in der Seele des Traurigen nur traurige Bilder zuſam - men und laſſen troͤſtende Vorſtellungen nicht ein; bis dieſe nach und nach, ſo wie ſich die Wolken der Schwermuth zertheilen, Gelegenheit finden, ſich in den hellen Zwiſchenraͤumen feſtzuſetzen. Drum muß die Zeit das Beſte bey der Troͤſtung thun.
*)

Der Gedanke an das Schoͤpferwort Jeho - vah's: Es werde Licht gebahr in Pope's Phantaſie Newtons erhabne Grafſchrift:

All Nature and his Works ware hid in
Night;
God ſaid, Let Newton be! and all was Light.
Da die Natur noch tief in Nacht gewickelt
lag,
Sprach Gott einſt: Newton ſey! Er ward
und es war Tag.

Kain entflieht vor dem Angeſicht ſeiner Ver - wandten, weil er das fuͤrchterliche Bild des er -mor -44mordeten Bruders und mit demſelben Rache gegen den Moͤrder in ihrer Seele erweckt.

Der Niederlaͤnder ſieht oft noch das Bild ſeines Wilhelmus von Naſſawen, als den Genius ſeiner Freiheit und ſingt ihm: und der Name Preuße weckt in der Seele des Kriegers das lebendige An - denken an den Einzigen Koͤnig und die griechiſchen Schlachten, welche den Namen Preußen zum Namen unuͤberwindlicher Helden machten.

Die Nerone und Domitiane, die ihre Zepter zu Henkersbeilen und ihre Unterthanen zu Skla - ven machten, erinnern an die gluͤcklichen Jahre der Freiheit und Ruhe. Die Zeiten des Fre - vels, welche die Goͤtter von der Erde vertrieben, zeigen dem Dichter die goldne Zeit, wo unter Menſchen Goͤtter wandelten. Die erbitterte Juno will den Acheron erregen, weil ſie des Olympus Bewohner nicht beugen kann. Flectere ſi nequeo ſuperos, Acheronta mouebo.

Jch will meinen Leſern das Vergnuͤgen nicht rauben, den angefuͤhrten Beyſpielen, aus dem Schatz der ihrigen, noch mehrere zuzugeſellen. Nur noch einige zur Erlaͤuterung des Satzes: daß auch aͤußerliche Verbindungen die Vorſtellun - gen zuſammen verknuͤpfen.

So oft Marc-Aurel die Appiſche Straße be - tritt, lebt in ſeiner Jmagination das Bild ſeinesLehrers45Lehrers Euphorion auf, der ihn hier bey den Graͤ - bern ſeiner edlen Vaͤter der Tugend und dem Pa - triotismus weihte.

Der Name der Oder ruft das dankbar trau - rige Andenken an Herzog Leopold, den Menſchen zuruͤck, und bey dem Anblick des heiligen Grabes fuͤllen die Leiden und der Tod ſeines Erloͤſers die andaͤchtige Seele des Pilgers.

Der vierzehnte Tag des Julius rief die fran - zoͤſiſche Nation zum Feſt der Freiheit zuſammen, und oft werden noch die Vaͤter mit ihren Kindern des Tages gedenken, wo Leopold und Friedrich Wil - helm ihren Unterthanen den Frieden ſchenkten. *)Hier nur ſo viel uͤber die Aſſociation der Vorſtel - lungen, weil ich hier keine Theorie derſelben zu geben geſonnen bin, ſondern ſie nur, ſo fern ſie auf die Einbildungskraft Einfluß hat, betrachte. Ueber die Wirkung derſelben auf das Begehrungs - vermoͤgen, an ſeinem Ort.

Nicht immer ſchweben die Bilder der Jma - gination mit gleicher Klarheit und Lebhaftigkeit uͤber dem Geſichtskreis der Seele. Je ſtaͤrker und eingreifender die ſinnliche Jmpreſſion war, aus welcher die Phantaſie ihr Bild ſich erzog, und je ſchwaͤcher die Eindruͤcke gegenwaͤrtiger Gegenſtaͤnde, je geringer die Zerſtreuungen ſind, deſto klarer, deſto leb - hafter die imaginariſchen Vorſtellungen.

Mit46

Mit unausloͤſchlichen Zuͤgen praͤgte ſich das Bild des ſtolzen Tarquins, der die roͤmiſche Frei - heit entheiligte, und eine roͤmiſche Matrone ſchaͤn - dete, in das Herz des patriotiſchen Buͤrgers; indeß neben demſelben, eben ſo unausloͤſchlich, eines Bru - tus Gerechtigkeit glaͤnzte.

Nur mit matten Farben mahlt ſich in dem Buͤrger Deutſchlands das Erdbeben, welches Laͤnder und Staͤdte in Ruinen zuſammen warf; indeß der ungluͤckliche Calabreſe noch oft vor dem - ſelben ſchaudert.

Was man ſieht, praͤgt ſich tiefer ein, als was von den uͤbrigen Sinnen vernommen wird; darum haͤlt die Jmagination das Bild des ewigen Vaters von Angelo noch, wenn ihr ein Haͤndel - ſches Meiſterconcert ſchon lange entſchluͤpft iſt.

Nichts iſt dem, welcher ſich in dem Lande der Traͤume am beſten gefaͤllt, erwuͤnſchter, als Dunkelheit und Stille. Da ſtoͤrt ihn nichts in ſeiner chimaͤriſchen Wirkſamkeit: da laͤßt kein Sonnenſtrahl ſeine Juno in Nebel zergehen: da ſtraft kein Laut eines wirklichen Menſchen ſeine gauckleriſche Einbildungskraft Luͤgen. Daß Geſpenſter und Teufel nur im Finſtern herum - ſchleichen duͤrften, iſt eine eitle Erdichtung; ſie haben das Recht am Mittag ſo gut, als in der Mitternachtsſtunde zu ſpuken; nur daß, ſobald der Hahn zu kraͤhen anfaͤngt, das Geklirr ihrerKetten47Ketten und der dumpfe Ton ihrer Stimme nicht mehr gehoͤrt werden kann.

Die Regſamkeit der Jmagination und die Art der Vorſtellungen, mit welchen ſie am haͤu - figſten ſpielt, haͤngt von mancherley Urſachen ab, aus welchen ich nur die wichtigſten ausheben will.

Taͤndelnd und ſpieleriſch und feurig iſt die Einbildungskraft im Knaben und Juͤngling geſetzter im Manne, gelaͤhmt in dem Greiſe. Jedes Vergnuͤgen mahlt ſich die Jugend mit den reizendſten Farben. An der Spitze ſeiner Ge - ſpielen zaubert die Phantaſie den Knaben zum Jmperator der Welt, und die Schaar, die er fuͤhrt, zu Rittern der Vorzeit. Wie der Knabe uͤber ſein Steckenpferd und ſeinen hoͤlzernen Degen, freut ſich das Maͤdchen uͤber einen neuen Habit, ein Weihnachtsgeſchenk, eine Puppe. Der lie - bende Juͤngling ſchließt nicht ein Maͤdchen aus der wirklichen Welt in ſeinen Arm, er ent - ſchwingt ſich der Erde, um Engelsgefuͤhle mit ei - nem Engel zu fuͤhlen.

Il ne voit plus, que le paradis, les anges, les vertus des Saints, les deliçes du ſejour celeſte.

Der Freund, an deſſen Buſen er ſich draͤngt, iſt nicht ein Freund aus dem achtzehnten Jahr -hun -48hundert, es iſt ein Jonathan, ein Pylades, ein Damon.

Leicht, wie ſein Blut durch die Adern rollt, rollen die Vorſtellungen vor ſeiner Seele voruͤber: nur die angenehmen haͤlt er feſt. Seine Nerven ſind reizbar, ſein Gefuͤhl iſt gewaltig und uͤber - wiſcht die Bilder ſeiner Phantaſie mit den grelle - ſten Farben. Er ſieht noch nicht durch das Mikroſcop des verwickelten Jntereſſe die mannig - faltigen, verſchiednen, entgegengeſetzten Bezie - hungen der Dinge: was die Seite derſelben, welche ſein Auge grade trifft, ihm verheißt, nimmt er zutraulich und leichtglaͤubig an, bis eine min - der gefaͤllige Seite ſeinen Blicken entgegenſpringt, er ſich umwendet und durch das helle Fernrohr ſeiner jugendlichen Munterkeit nach einer neuen Freudenblume umherſchaut. Nicht ſo der Mann. Verſtand und Erfahrung thun in ihm der Jma - gination oͤfteren Einſpruch; ſein Koͤrper iſt weni - ger reizbar; ſein Blut nicht ſo feurig. Das Cen - trum ſeiner Gedanken iſt nicht, wie bey dem Juͤng - ling, das Vergnuͤgen, ſondern der Nutzen, der vom Phantaſiren nichts haͤlt. Er laͤßt ſich durch die erſte Anſicht der Dinge nicht taͤuſchen, ſon - dern beſchaut alle Seiten derſelben; und haſcht auf dieſe Weiſe zwar manche Freude weniger; aber haͤlt die ergriffenen feſter: und wird auch auf der andern Seite nicht ſo oft von Phantomen ge -ſchreckt,49ſchreckt, welche die fruchtbare und allzeit fertige Jmagination des Juͤnglings, wenn gleich nur auf Augenblicke erzeugt.

Klopſtock und Gleim errichteten ſich nicht im Alter ihre poetiſchen Monumente. Horaz ver - tauſchte in ſeinen ſpaͤtern Jahren den Dichter mit dem Philoſophen.

Spectatum fatis, & donatum jam rude, quaeris Maecenas, iterum antiquo me includere ludo. Non eadem eſt aetas, non mens Eſt mihi purgatam crebro qui perſonet aurem; Solue ſeneſcentem mature ſanus equum, ne Peccet ad extremum ridendus, et ilia ducat. Nunc itaque et verſus et cetera ludicra pono: Quid verum atque decens, curo et rogo, et omnis in hoc ſum.

*)Warum, Maͤcen, mich, den man lange ſchon genug geſehn und fernern Dienſts entlaſſen, von neuem zu dem alten Spiel zuruͤck zu noͤthigen? Jch bin an Jahren und an Sinnesart nicht mehr der Vorige. Auch mir, Maͤcen, raunt oft, ich weiß nicht welche Stimm 'ins Ohr:DSey

Un -50

Unverkennbar iſt die Einwirkung des Klima auf die Bildung des Menſchen uͤberhaupt und ſei - ne Einbildungskraft insbeſondre. Von ihm haͤngt zum Theil mit die Staͤrke oder Feinheit der Fibern, die Raſchheit oder Traͤgheit des Nervenſafts und des Bluts, die Staͤrke oder Schwaͤche der Mus - keln, u. ſ. w. mithin die Beſchaffenheit der Quelle ab, aus welcher die Einbildungskraft ſchoͤpft. Langſam fließt das dicke Blut in den Adern der Bewohner des rauhen Nordens, ſeine Nerven ſind hart, feſt und zaͤhe, daher weniger reiz - bar und empfindlich. Arm, wie die Natur in ſeinem Lande, iſt ſeine Phantaſie an Vorſtel - lungen. Seine Nahrung und was dazu ge - hoͤrt, ſein Brandtwein, ſeine Huͤtte, ſein Feuer und ſeine Ruhe ſind die verſchiednen Scenen auf der Buͤhne ſeiner Einbildungskraft: zwiſchen welchen zu Zeiten noch Goͤtter und Geiſter herumſchwaͤr -men,*)Sey klug und ſpann den alten Klepper noch in Zeiten aus, bevor er auf der Bahn, wo einſt der Sieg ihn kroͤnte, lahm und keuchend nicht weiter kann und zum Gelaͤchter wird. Gehorſam dieſer Warnung hab 'ich nun der Verſe mich und alles andern Spielwerks entſchlagen, und, was Wahr und Schoͤn, beſchaͤfftigt mich ganz und gar; ich leb' und webe drinn.Horaz, 1. Brief. 1. Buchs, nach der vortreff - lichen Wielandſchen Ueberſetzung.51men, die ſein Aberglaube ihn als die Urheber ſei - nes Gluͤcks oder Ungluͤcks anſehen laͤßt. Das heißeſte Klima iſt in ſeinen Wirkungen dem kaͤlte - ſten aͤhnlich. Hier macht die Derbheit der Ner - ven, dort die Schlaffheit derſelben den Menſchen unempfindlich. Der Nordpol ſtaͤhlt ihn, der heißeſte Suͤden ſchlaͤfert ihn ein. Er thut und denkt, hier ſo wenig, als dort, mehr, als noͤthig iſt, ihn nicht verhungern zu laſſen: und wo die Natur auch dies fuͤr ihn thut, iſt ſein ganzes Leben ein unthaͤtiger Schlummer. Die gedankenleere Mi - ne der Suͤdamerikaner, ſagt Robertſon in ſeiner vortrefflichen Geſchichte von Amerika, ihr ſtarrer, unbedeutender Blick, ihre lebloſe Unachtſamkeit, und ihre gaͤnzliche Unwiſſenheit in Dingen, wo - mit die Gedanken vernuͤnftiger Weſen ſich am er - ſten beſchaͤfftigen ſollten, machten auf die Spa - nier, als ſie dieſe rohen Leute zum erſtenmal ſahen, einen ſolchen Eindruck, daß ſie dieſelben fuͤr Thiere einer niedrigen Art hielten, und nicht glauben konnten, daß ſie zum Menſchengeſchlechte gehoͤr - ten. Man mußte das Anſehn einer paͤbſtlichen Bulle anwenden, um dieſen Wahn zu tilgen, und die Spanier davon zu uͤberzeugen, daß die Ame - rikaner zu den Geſchaͤfften der Menſchheit faͤhig und zu ihren Privilegien berechtigt ſeyen. Der klarſte Beweis von der ſehr geringen Regſamkeit und Traͤgheit der Jmagination in den rohen Ein -D 2woh -52wohnern heißer und mit allem, was zur Nahrung und Nothdurft gehoͤrt, verſehenen Laͤnder, iſt ihr tagelanges Stillſitzen in einer Poſitur. Ganze Tage uͤber, ſagt der vorhin angefuͤhrte Schrift - ſteller, bleiben manche Amerikaniſche Wilden in ihren Haͤngebetten ausgeſtreckt liegen oder voll - kommen muͤßig auf der Erde ſitzen, ohne ihre Poſitur zu aͤndern, ihre Augen von der Erde em - porzuheben, oder auch nur ein einziges Wort zu ſprechen. Eine ſo lange Unveraͤnderlichkeit laͤßt die Phantaſie, wo ſie ihr Spiel treibt, nicht zu. Zwar liegt auch zuweilen der Europaͤer mit der verzaͤrtelten, oder wie man es lieber nennt, cultivirten Sinnlichkeit in ſchlaffer Traͤgheit auf ſeinem Sopha und laͤßt ſich von ſeiner Einbil - dungskraft Traͤume uͤber Traͤume eingeben, ohne Hand und Fuß zu bewegen; aber dieſe Kunſt ver - ſteht der rohe Menſch noch nicht. Auch iſt unſer cultivirter Landsmann ſo muͤßig nicht, als jener. Man ſehe nur ſein hin und her gedrehtes, ge - ſchloßnes oder halbgebrochnes Auge und ſeine ſchmachtende Mine, und man wird bald gewahr werden, daß er ſich, wenn gleich nicht zum Thun, doch zum Genießen, verpflichtet glaubt. Beſſer kann der muͤßige Wilde mit unſerm Bauer ver - glichen werden, welcher ebenfalls halbe Sonntage ſitzen kann, ohne daß ſeine Einbildungskraft ſich mit etwas anderm beſchaͤfftigte, als etwa Geiſter -artige53artige Figuren aus dem Rauch ſeiner Tabacks - pfeife zu bilden.

Wenn aber durch andre Urſachen, als Regie - rungsform, Religion, Nahrung, beſonders Ge - traͤnke, der Bewohner der heißen Zonen einmal zum Phantaſiren angereizt wird; da wird er ganz Phantaſie; denn ſein Verſtand hat nicht Kraft genug, ſein Recht gegen dieſelbe auszuuͤben und ſie ſeinen Geſetzen zu unterwerfen. Er erſchafft Ungeheuer und Carrikaturen, belebt Steine und Holz, und giebt allen Geſchoͤpfen die Menſchheit. Die Jndianer bilden ſich Menſchen mit doppelten Leibern und verdoppelten Gliedmaßen. Die Sia - meſen halten es fuͤr unrecht, den Saamen und Kern einer Frucht zu verzehren, weil ſie in dem - ſelben eine lebendige Seele vermuthen; die Voͤl - ker der philippiniſchen Jnſeln ſehn in dem Croco - dil ihren Großvater und die Weiber einiger Staͤm - me in Paraguay laſſen mutterloſe Menſchenkin - der verhungern, um verlaßne Thiere mit ihren Bruͤſten zu naͤhren.

So wie in den gemaͤßigten Himmelsſtrichen die Natur ſelber im Gleichgewicht iſt; ſind es auch die verſchiednen Seelenvermoͤgen der unter denſel - ben wohnenden Menſchen.

Unter Joniens mildem Himmel ſang Ana - creon und mahlte Apelles nur auf attiſchemD 3Boden54Boden konnten die unſterblichen Werke griechiſcher Kuͤnſte gedeihen.

Aber nicht auf die Kaͤlte oder Hitze in einem Lande allein kommt es bey der Einwirkung des Klima auf die Einbildungskraft an. Auch die Beſchaffenheit des Bodens, die allgemeinſten Nahrungsmittel, die Luft beſonders muͤſſen mit in Erwaͤgung gezogen werden, wenn man die verſchiedne Beſchaffenheit der Einbildungskraft bey Voͤlkern, die gleich weit vom Aequator wohnen, erklaͤren will. Ueberhaupt aber muß man ſich huͤten, aus dem Klima oder jeder andern einzelnen Urſache zu viel erklaͤren zu wollen: da ſo viele andre Urſachen, die Wirkungen der einen faſt ganz zernichten koͤnnen. Jch bin daher auch bey der Aufzaͤhlung der einzelnen auf die Phantaſie wirkenden Dinge nur kurz; weil es mir unmoͤg - lich ſcheint, genau anzugeben, wie viel dies oder jenes zur Modifikation des Menſchen beytrage; da uns keiner gegeben werden kann, auf welchen nur eine der moͤglichen Urſachen allein gewirkt haͤtte.

Wie die Seele empfinden und was ſie fuͤr Vorſtellungen haben ſoll, haͤngt großentheils auch von dem Koͤrper und den koͤrperlichen Organen ab, aus welchen die Seele die Empfindungen aufnimmt: denn die Freundſchaft, ſagt Saladin ſo ſchoͤn im Moͤnch von Libanon,

Die55
Die Freundſchaft zwiſchen Den beyden iſt zu treu, als daß der eine Nicht ſpielen ſollte nach des andern Stimmung.

Daher iſt auch der Einfluß des Koͤrpers auf die Einbildungskraft nicht zu leugnen. Ein Koͤrper mit feſten Nerven, geſunden Saͤften und einem regelmaͤßigen Blutumlauf iſt nicht ſo reizbar, als der vollbluͤtige, kraͤnkliche und ſchwache. Daher auch bey jenem die Einbildungskraft regelmaͤßig und geſetzt, bey dieſem unordentlich und aus - ſchweifend. Allenthalben ſieht der Hypochondriſt Geſpenſter und Schreckbilder. Wenn ein hypo - chondriſcher Wind, laͤßt Buttler ſeinen Hudibras ſagen, in den Eingeweiden tobt; ſo kommt es darauf an, welche Richtung er nimmt; geht er abwaͤrts, ſo wird daraus der Ton, mit welchem Democrit das Gerede des Poͤbels vergleicht; ſteigt er aber aufwaͤrts, ſo iſt es eine Erſcheinung.

Boerhave, Tiſſot, Zimmermann und meh - rere Aerzte erzaͤhlen merkwuͤrdige Beyſpiele von den Wirkungen des Koͤrpers auf die Phantaſie, die ich hier nicht anfuͤhren will, da ſie ſchon von vielen nacherzaͤhlt ſind und ich alſo die Bekannt - ſchaft des Leſers mit ihnen vorausſetzen kann.

Auch Speiſe und Trank und uͤberhaupt Diaͤt wirken auf das itzt von uns betrachtete Ver - moͤgen der Seele. Denn aus der Nahrung be -D 4reitet56reitet ſich das Blut und aus dieſem die geiſtigen Saͤfte, welche das Gehirn und die Nerven durch - ſtroͤmen. Kalte und trockne Speiſen geben ein langſames und mattes Blut, welches die Einbil - dungskraft traͤge macht; daher man es den Dich - tern und uͤberhaupt den Virtuoſen in irgend einer ſchoͤnen Kunſt nicht verdenken darf, wenn ſie gern an wohlbeſetzten Tafeln erſcheinen und mit den Muſen zugleich den Gott des Weins verehren. Denn hitzige Getraͤnke haben bekanntlich die vor - zuͤgliche Kraft, die Phantaſie anzuregen und mit lebhaften Bildern zu erfuͤllen. Saltat Milonius, ſagt Horaz, der an Maͤcenas Tafel mit den Wir - kungen des Weins ſehr bekannt werden konnte, ut ſemel icto acceſſit furor capiti numerusque lucernis.

Die ſchwaͤrmende Einbildungskraft bey vielen orientaliſchen Voͤlkern iſt vorzuͤglich von dem haͤu - figen Gebrauch des Opiums herzuleiten; ob ich gleich auch mit Herrn von Pauw einſtimmig bin, welcher glaubt, daß die große Lebhaftigkeit und Unruhe der Phantaſie in einigen Orientalern in dem kurzen Schlaf, zum Theil wenigſtens, ihren Grund habe. Daß dies ſehr wahrſcheinlich ſey, wird ein jeder geſtehen, der auf ſich acht gegeben hat, wie ſonderbare Geſichter und monſtroͤſe Ge - ſtalten in ſchlafloſen Naͤchten in ſeiner Jmagina - tion geſehen werden.

Wenn57

Wenn eine Leidenſchaft, welcher Art ſie auch ſey, in dem Herzen iſt, ſo nimmt dieſe die Einbildungskraft gleichſam fuͤr ſich allein in Be - ſchlag, und laͤßt ſie in allem ein Bild ihres Gegen - ſtandes finden. Allenthalben traͤgt die Jmagina - tion dem Liebenden ſeine Geliebte nach:

Wenn ich beten und nachdenken wollte, ſagt Angelo bey Shakeſpear, ſo dachte und betete ich ganz verſchiedne Sachen; der Himmel hatte meine leeren Worte, indeß mein Gedanke, ohne ſich an meine Zunge zu kehren, an Jſabellen feſthieng. Der Himmel war in meinem Munde; als wenn ich blos ſeinen Namen verſchlingen wollte; aber in meinem Herzen war das ſtarke immer wachſende Uebel meiner Leidenſchaft.

Die uͤber den Tod ihres geliebten Kindes traurende Mutter wird allenthalben und durch al - les an ihr verlornes Kleinod erinnert. Bey jedem Tritt denkt ſie daran, daß ihr Kind nicht neben ihr wandelt, bey jeder Freude ſeufzt ſie, weil ſie dieſelbe mit dem, was ihr ſo lieb war, nicht theilen kann.

Wochen und Monate und Jahre begleitet der Schatten der Geliebten den verlaßnen Lieben - den auf allen ſeinen Wegen.

D 5Septem58
Septem illum (Orphea) totos perhibent ex ordine menſes Rupe ſub aëria deſerti ad Strymonis undam Fleviſſe, et gelidis haec evoluiſſe ſub antris.
*)Sieben Mond 'auf einander, erzaͤhlt man, hab' er (Orpheus) beſtaͤndig Unter dem luftigen Fels an Strymons oͤdem Ge - waͤſſer Thraͤnenvoll ſein Loos in den kalten Grotten durch - jammert.
*)

Furcht und Beſorgniß finden in jedem Ge - genſtand einen lauernden Feind, eine Quelle des Schreckens. Unaufhoͤrlich aͤngſtigten Philipp von Spanien die Geſpenſter ſeines eiferſuͤchtigen Arg - wohns.

Reiß't mir den Scorpion von meinem Kuͤßen Schlaf? Schlaf find 'ich in Eskurial So lange der Koͤnig ſchlaͤft, iſt er um ſeine Krone, der Mann um ſeines Weibes Herz.

Der von ſeinen Toͤchtern ſchrecklich gemis - handelte und bis zur Raſerey erzuͤrnte Lear ſieht, wo er geht und ſteht, nur Toͤchter. Er kommt mit Kent in die Huͤtte, in welcher der junge Ed - gar, als ein Raſender verkleidet, ſich befindet. Das erſte, was Lear fragt, iſt: Haſt du etwadeinen59deinen Toͤchtern alles gegeben, und biſt nun ſo weit gekommen? Wie? haben ſeine Toͤch - ter ihn ſo weit gebracht? Konnteſt du nichts fuͤr dich behalten? gabſt du ihnen alles? Nun! alle die raͤchenden Plagen, die in der herabhaͤngen - den Luft uͤber menſchlichen Uebelthaten ſchweben, fallen auf deine Toͤchter hinab!

Frankreich verdankt der Liebe ſeinen Corneil - le, und England derſelben Leidenſchaft ſeinen Ho - garth.

Ehrbegierde machte Moliere zu einem großen Theater-Dichter. Er lebte nemlich, wie Helve - tius erzaͤhlt, bey ſeinem Großvater, welcher ihn oft mit ſich ins Schauſpielhaus nahm. Sei - nem Vater misfiel es, daß durch dieſe Zerſtreu - ungen ſein Sohn von ſeinem Handwerk abgezo - gen und traͤge gemacht wurde. Er fragte daher ſehr erzuͤrnt, ob man denn ſeinen Sohn zu einem Comoͤdianten machen wollte: Plût à Dieu, ant - wortete der Großvater, qu'il fût auſſi bon acteur que Montroſe. (Wollte Gott, er wuͤrde ein ſo guter Schauſpieler, als Montroſe). Dieſe Worte frappirten den jungen Moliere: von nun an war der herrliche Schauſpieler Montroſe die Puppe ſeiner Phantaſie, ſein Handwerk ward ihm unertraͤglich, ſein einziger Eifer, Comoͤdien zu machen.

Mehr60

Mehr aber, als alles, was vorher genannt iſt, und mehr als alles, was noch genannt wer - den koͤnnte, z. B. Religion, Regierungsform, Geſellſchaft u. ſ. w. wirkt Gewohnheit und Uebung, oder, moͤchte ich lieber ſagen, alles was die uͤbrigen Urſachen auf die Einbildungs - kraft wirken, koͤmmt nur durch ihre Vermitte - lung zu Stande. *)Gewoͤhnung iſt es, welche in dem von Deſpo - tism gedruͤckten Orientaler die Neigung und Fertig - keit zu Allegorien erſchafft. Weil nemlich in einem Lande, wo man nach der Willkuͤhr des Tyrannen reden, denken und glauben muß, die Wahrheit nicht unbekleidet dargeſtellt werden darf; verſchafft man ſich unvermerkt die Fertigkeit alles in Allegorien zu kleiden. C 'eſt à la forme de leur gouvernement, ſagt Helvetius ſehr wahr, que les Orientaux doi - vent ce génie allégorique, qui fait et qui doit réellement ſaire le caractere diſtinctif de leurs ouvrages. Dans les pays les ſciences ont été cultivées, l'on conſerve encore le deſir d'écrire, l'on eſt cependant foumis au pou - voir arbitraire, par conſequent la vérité ne peut ſe préſenter que ſous quelque emblême, il eſt certain que les auteurs doivent inſenſi - blement contracter l'habitude de ne penſer qu'en allégorie. Ce fut auſſi pour faire ſentir à je ne ſais quel tyran l'injuſtice de ſes vexa -tions,Denn diejenigen Vorſtellun -gen,61gen, die man oͤfters gehabt hat, und welche da - her der Seele gelaͤufig geworden ſind, ſchließen ſich leicht an alles an, finden bald eine Aehn - lichkeit auch in den ſehr von ihnen verſchieden ſchei - nenden Gegenſtaͤnden. Daſſelbe Wort, wie ver - ſchiedne Vorſtellungen erweckt es in verſchiednen Subjekten? Derſelbe Gegenſtand, wie verſchied - ne Bilder bringt er hervor? Der Kloſter - bruder ſieht im Mond eine Glocke, die ſchmach - tende Dame ein Paar Liebende in trauter Umar - mung. Der Deutſche ſieht den Tod unter der Geſtalt eines ſcheuslichen Gerippes mit einer toͤd - tenden Senſe; der Grieche ſah 'ihn unter dem Bilde eines ſchoͤnen Juͤnglings mit umgekehrter Fackel. Man fuͤhre, ſagt Herr Richerz in einer Abhandlung zu Muratori's Schrift uͤber die Ein - bildungskraft, einen Krieger, einen Landmann und einen Mahler auf einerley Feld. Der Sol -dat*)tions, la dureté avec laquelle il traitoit ſes ſu - jets et la dépendance reciproque et néceſſaire qui unit les peuples et les Souverains, qu'un Philoſophe Indien inventa, dit-on, le jeu des échecs. Il en donna des leçons au tyran; lui fit remarquer que, ſi dans ce jeu les pièces de - venoient inutiles après la perte du roi, le roi, aprés la priſe de ſes pièces, ſe trouvoit dans l'impuiſſance de ſe défendre, et que dans l'un et l'autre cas la partie étoit également perdue. 62dat wird darauf achten, ob ſich Kriegsheere gut darauf in Schlachtordnung ſtellen laſſen. Der Landmann wird den Ertrag der Fruͤchte, den es geben koͤnnte, berechnen. Der Mahler wird be - merken, wie vortheilhaft ſich eine Zeichnung davon ausnehmen muͤſſe. Kurz, an jedem Objekte wer - den verſchiedne Menſchen auch verſchiedne Ver - haͤltniſſe zu andern ihnen gewoͤhnlich gegenwaͤrti - gen Objekten bemerken, ſo entfernt auch dieſelben zuweilen ſeyn moͤgen. Ganz die nemliche Bege - benheit werden der Knabe, der Juͤngling, der Mann, das Maͤdchen, welche insgeſamt Zeugen davon waren, auf eine ſo eigne Art erzaͤhlen, daß man glauben moͤchte, nur aͤhnliche, aber in der That doch verſchiedne Dinge von jedem unter ih - nen zu hoͤren.

Hier haben Sie, meine Leſer und Leſerinnen, einige Bemerkungen uͤber die Dinge, deren Ein - wirkung die Einbildungskraft unterworfen iſt. Jch fuͤge nichts weiter hinzu; weil es, wie ich ſchon oben bemerkte, unmoͤglich iſt, im Allgemeinen die Art und den Grad des Einfluſſes der verſchiede - nen moͤglichen Urſachen genau zu beſtimmen. Jn - deß werden dieſe Winke hinreichend ſeyn, auf das - jenige aufmerkſam zu machen, was bey einem ein - zelnen Subjekte die Einbildungskraft ſo und nicht anders modificirte.

Fuͤnfte63

Fuͤnfte Unterhaltung. Ueber die Wirkſamkeit der Einbildungskraft in Traumerſcheinungen.

Ob die Seele in dem Zuſtande des tiefen Schla - fes uͤberhaupt Vorſtellungen habe; und wenn die - ſes ſtatt faͤnde, ob dieſelben dunkler oder klarer, als beym Wachen ſeyen, iſt eine Frage, welche ſchon oft ſehr verſchieden beantwortet, aber, wie mich wenigſtens duͤnkt, doch noch nicht entſchie - den iſt, und ſich vielleicht gar nicht entſcheiden laͤßt. Jch habe mich zwar ſelbſt in einer Abhand - lung uͤber die Traͤume*)Philoſoph. Blicke ꝛc. von H. und V. 2tes Stuͤck. fuͤr die Meinung er - klaͤrt, nach welcher die Vorſtellungen im Schlafe viel klarer ſind, als im Wachen, weil die Seele von den ſie zerſtreuenden Empfindungen der aͤußern Sinne in ihrer Thaͤtigkeit nicht geſtoͤrt wird, und alſo ihre ganze Aufmerkſamkeit auf ſich ſelbſt an - wenden kann. Allein bey fernerem Nachdenken hieruͤber, iſt es mir vorgekommen, als wenn ſich dies doch nicht ſo feſt behaupten ließe. Denn ein auf ſichre Erfahrungen geſtuͤtzter Beweis iſt unmoͤglich. Kein Bewußtſeyn geſetzt auch,es64es faͤnde im Schlafe ſtatt reicht uͤber den Schlaf hinaus: der Schlafende kann ſich nicht ſelbſt beobachten, und ein andrer ſeine Vorſtellun - gen noch weniger wahrnehmen. Hernach aber ſetzt dieſe Behauptung voraus, daß die Seele auch ohne den Koͤrper thaͤtig ſeyn koͤnne, welches mir doch nicht bewieſen werden zu koͤnnen ſcheint;*)Jch folgte, wie auch in meiner angefuͤhrten Ab - handlung bemerkt iſt, in der Behauptung, daß die Seele im Schlafe Vorſtellungen, ja klarere Vorſtel - lungen, als im Wachen habe, Herrn Kant, welcher ſich in ſeinen Traͤumen eines Geiſterſehers erlaͤutert durch Traͤume der Metaphyſik, daruͤber alſo er - klaͤrt. S. 49. Anmerk. Gewiſſe Philoſophen glau - ben, ſich ohne den mindeſten beſorglichen Einſpruch auf den Zuſtand des feſten Schlafes berufen zu koͤn - nen, wenn ſie die Wirklichkeit dunkler Vorſtellun - gen beweiſen wollen; da ſich doch nichts weiter hie - von mit Sicherheit ſagen laͤßt, als daß wir uns im Wachen keiner von denjenigen erinnern, die wir im feſten Schlaf etwa mochten gehabt haben, und dar - aus nur ſo viel folgt, daß ſie beym Erwachen nicht klar vorgeſtellt worden, nicht aber, daß ſie auch damals, als wir ſchliefen, dunkel waren. Jch vermuthe vielmehr, daß dieſelben klarer und aus - gebreiteter ſeyn moͤgen, als ſelbſt die klareſten im Wachen; weil dieſes bey der voͤlligen Ruhe aͤußerer Sinne von einem ſo thaͤtigen Weſen, als die Seeleiſt,wenn65wenn man ſich nicht etwa auf die Gottheit, als ein ohne Koͤrper ewig wirkendes Weſen, berufen will; wogegen ich nur dies erinnern zu muͤſſenglaube,*)iſt, zu erwarten iſt, wiewohl, da der Koͤrper des Menſchen zu der Zeit nicht mit empfunden iſt, beym Erwachen die begleitende Jdee deſſelben ermangelt, welche den vorigen Zuſtand der Gedanken, als zu eben derſelben Perſon gehoͤrig, zum Bewußtſeyn verhelfen koͤnnte. Die Handlungen einiger Schlaf - wandler, welche bisweilen in ſolchem Zuſtande mehr Verſtand zeigen als ſonſt, ob ſie ſich gleich nichts davon beym Erwachen erinnern, beſtaͤtigt die Moͤg - lichkeit deſſen, was ich vom feſten Schlafe vermuthe. Die Traͤume dagegen, das iſt, die Vorſtellungen des Schlafenden, deren er ſich beym Erwachen er - innert, gehoͤren nicht hierher. Denn alsdenn ſchlaͤft der Menſch nicht voͤllig; er empfindet in einem ge - wiſſen Grade klar, und webt ſeine Geiſteshandlun - gen in die Eindruͤcke der aͤußeren Sinne. Daher er ſich ihrer zum Theil nachhero erinnert; aber auch an ihnen lauter wilde und abgeſchmackte Chi - maͤren antrifft, wie ſie es denn nothwendig ſeyn muͤſſen, da in ihnen Jdeen der Phantaſie und die, der aͤußern Empfindung unter einander geworfen werden. Jch habe dieſe Stelle abgeſchrieben, um den Leſer, indem ihm hier die beſten Gruͤnde dieſer Mei - nung vorgelegt ſind, in den Stand zu ſetzen, ſie genau zu pruͤfen.E66glaube, daß uns die Art und die Geſetze der goͤtt - lichen Wirkſamkeit an ſich ſelbſt unbekannt ſind, und daher eine Vergleichung zwiſchen derſelben und unſrer Seele nicht gut moͤglich ſeyn moͤchte.

So wie ich itzt die Sache anſehe, ſcheint mir vielmehr die Meinung wahrſcheinlicher zu ſeyn, nach welcher die Seele im tiefen, ruhigen Schlaf, d. h. demjenigen Zuſtand, wo alle Or - gane des aͤußern und innern Sinnes unbewegt ruhen, ohne Vorſtellungen iſt. Denn es iſt keine einzige Erfahrung, welche das Gegentheil unwiderleglich bewieſe; hingegen mehrere, welche die Meinung wahrſcheinlich machen, daß zur Her - vorbringung vollkommner Vorſtellungen in dem Menſchen die Seele die Empfindungswerkzeuge des Koͤrpers, gleichſam als Traͤger oder Ablieferer ihrer Vorſtellungen, noͤthig habe. Sobald man anfaͤngt zu ermuͤden, mithin die Sinnesorgane zum Dienſt der Seele traͤger werden, fangen auch die Vorſtellungen an matter und unmerkbarer zu werden: und von dem Augenblick des Einſchla - fens weiß man nichts, auch wenn man ſich noch ſo feſt vornahm, ihn zu bemerken. Jn einem betaͤubenden Schmerze, wo man alle Sin - ne verſchließt, um auf keinem Wege etwas einzulaſſen, weil man von allem Vermehrung der Pein fuͤrchtet, weiß man nichts von ſich, weder in dem gegenwaͤrtigen Augenblicke, noch nachher. Ja67Ja man kann ſich auch willkuͤhrlich durch ein en - ges Zuſammenſchließen des Koͤrpers, beſonders ein Zuſammenkneifen der Augen und Verſtopfen der Ohren, auf eine kurze Zeit in eine voͤllige Vor - ſtellungsloſigkeit verſetzen. Ein Menſch mit traͤgen Sinnen und gefuͤhlloſen Nerven hat we - nig Jdeen; wer lebhaft empfindet und reizbar iſt, viel. *)Wollte man mir hier die Schlafwandrer und Schlaf - redner entgegenſtellen, ſo wuͤrde ich antworten, daß dieſe ſich nicht in einem ruhigen und feſten Schlafe befinden. Denn was jene betrifft, ſo iſt durch die Erfahrung bewieſen,1) daß ihr Schlaf keine Ruhe iſt, da ſie ſich nach dem Paroxismus gewoͤhnlich ſehr ermattet fuͤhlen;2) daß nicht alle Wege der Empfindung ver - ſchloſſen ſind: beſonders das Gefuͤhl ſehr lebendig iſt;3) daß manche ſich an das, was ſie bey ihren Schlafwandrungen vornehmen, erinnern koͤnnen. Richerz Ueberſetzung von Muratori uͤber die Einbild. 1. 354. ff.Was aber das Sprechen im Schlafe betrifft, ſo bemerke ich dabey folgendes:1) Wenn ich Perſonen, von welchen ich ſicher vorausſetzen konnte, daß ſie feſt ſchliefen, hoͤrte; ſo waren es nicht zuſammenhaͤngende, ganze Worte,die

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Dieſer feſte und ruhige Schlaf aber, in welchem ich eine Vorſtellungsloſigkeit in der Seele vermuthe, und den ich allein den Bruder des Todes nenne, dau - ert ſelbſt bey den geſundeſten Perſonen nicht lange, und kraͤnkliche kennen ihn gar nicht. Sobald die von der Arbeit des Tages ermatteten Nerven ſichwieder*)die ſie von ſich gaben; ſondern zerbrochene, geſtam - melte Toͤne, die durchaus nicht zu verſtehen waren. Sie redeten nicht, wozu freylich Vorſtellungen ge - hoͤren; ſie gaben nur Toͤne von ſich, die nicht noth - wendig Vorſtellungen vorausſetzen. 2) Wenn jemand aber auch im Schlafe wirklich redet, ſo bezieht ſich ſeine Rede gewoͤhnlich auf das, woran er mit Leidenſchaft denkt, oder wodurch er ſehr heftig afficirt wurde. Einer meiner Freunde z. B. macht, ſo oft er ſich mit jemand, der ihn intereſſirt, erzuͤrnt hat, im Schlafe ſeine Apologie. Derſelbe ſpricht, wenn er am Abend ſeinem geliebte - ſten Freunde ſchrieb, faſt jedesmal im Bette von oder zu demſelben mit vieler Waͤrme.Leidenſchaft und Affekt aber laſſen nicht ruhig ſchlafen.3) Sehr vieles nimmt man fuͤr Sprechen im feſten Schlafe an; welches doch mit ganzem oder halbem Bewußtſeyn geſchah.4) Der Schlafende endlich ſowohl als der Schlaf - wandrer erwacht leicht, ſobald man ſeinen Namen nennt; ein ſichrer Beweis, daß weder der eine noch der andre ſehr feſt ſchlafen koͤnne. 69wieder geſtaͤrkt haben; oder irgend etwas von den vielen Dingen, die ſelbſt in der Nacht den Schla - fenden ſtoͤren koͤnnen, ſie aufreizt, ſobald nur ein Organ der Empfindung erwacht; faͤngt die Seele ihr Tagewerk wieder an. Bey Vielen kommt ſie nie zur voͤlligen Ruhe; weil entweder das Gelaͤrm 'der Leidenſchaften, oder das Ge - ſeufze des kraͤnklichen Koͤrpers ſie ſtoͤrt.

Jn dieſem Zuſtande nun, wo entweder die koͤrperlichen Geſchaͤfftstraͤger der Seele gar nicht zur Ruhe gegangen oder zum Theil*)Jch ſage zum Theil. Denn wenn alle Sinne wach ſind und die Urtheilskraft, durch ſie benachrich - tigt, dem Menſchen ſagt, wer er ſey und in welchem Verhaͤltniſſe er lebe; ſo wacht der Menſch. Frey - lich kann man auch wachend traͤumen; wenn man nemlich entweder ſeine wirkliche Perſon und ihre Verhaͤltniſſe nicht ſehen will; weil man ſich im Reiche der Phantaſie beſſer gefaͤllt; oder, wenn man der Stumpfheit und Kraͤnklichkeit der Sinne oder der Dummheit des Verſtandes wegen, ſich nicht ſehen kann. wieder er - wacht ſind, iſt es, wo der Menſch traͤumt. Traum, ſagen mehrere Pſychologen und Phyſio - logen, iſt ein Mittelſtand zwiſchen Wachen und Schlafen; ich glaube indeß, daß er jenem naͤher, als dieſem iſt und nenne ihn daher mit Herrn Plat - ner ſehr gern ein unvollkommnes Wachen.

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Wenn nemlich durch irgend eine von den unzaͤhligen moͤglichen, innern oder aͤußern Sen - ſationen, die Seele an ihr Daſeyn erinnert wird, eilt ſie auch ſogleich an ihr Geſchaͤfft, in Vorſtel - lungen thaͤtig zu ſeyn. Die Vorſtellungen aber, welche ſich ihr am erſten vergegenwaͤrtigen, ſind entweder ſolche, welche in ihr am gelaͤufigſten, lebhafteſten, neu'ſten ſind, oder ſolche, welche mit den Senſationen, wodurch ſie geweckt wur - de, Zuſammenhang haben. Wird z. B. das Ge - hoͤr afficirt, ſo geht die Einbildungskraft im Traum von einem Gehoͤrsgegenſtand aus; und faͤllt von einem brennenden Lichte ein Strahl in des Schlafenden Auge, ſo wird eine Geſichtsvor - ſtellung das Schauſpiel des Traums eroͤffnen.

Wenn man immer genau wuͤßte, was fuͤr Gegenſtaͤnde im Schlaf auf unſre Empfindung wirkten, ſo wuͤrden ſehr viele Traͤume erklaͤrbar ſeyn, welche man itzt unerklaͤrt laſſen muß. Oef - ters koͤnnte man wohl dieſelben auffinden, wenn man nur nicht aus Verachtung der aberglaͤubi - ſchen Traumdeuterey alles Traumdeuten fuͤr un - nuͤtz hielte.

Ein bekannter Gelehrter, welcher eine Zeit - lang viel von der Hypochondrie litt, traͤumte meh - rere Naͤchte hintereinander von nichts, als Ertrin - ken, Schwimmen und uͤberhaupt von ſolchen Be - gebenheiten und Handlungen, welche nur aufdem71dem Waſſer geſchehen koͤnnen. Er dachte