PRIMS Full-text transcription (HTML)
Pſyche. Zweyter Theil. Unterhaltungen uͤber das Begehrungsvermoͤgen.
T 4
Pſyche oder Unterhaltungen uͤber die Seele.
Fuͤr Leſer und Leſerinnen
Zweyter Theil.
Halle,im Verlag der Waiſenhaus-Buchhandlung. 1791.

Meinen innigſtgeliebten Freunden Magnus Friederich von Baßewitz aus Meklenburg und Daniel Heinrich Delius aus Weſtphalen.

Jn dem kleinen Cirkel, welchen das Band der Liebe vereinigte und die Wahrheit der Freundſchaft heiligte, iſt mein Geiſt, vorzuͤglich durch Sie, meine Theuren, ſo oft erquickt und aufgerichtet worden, daß mir bey der Beendigung einer meiner Gei - ſtesarbeiten Jhre Namen vor allen gegen - waͤrtig ſeyn muͤſſen. Sehen Sie, gelieb - teſten Freunde, in dieſer Zueignung einen Beweis, daß ich die Freuden, die mir durch Sie geworden ſind, tief im Herzen empfun - den habe, und die Urheber derſelben ſegne.

O, meine Theuren, es giebt neh - men Sie nur die elterlichen Freuden aus keine himmliſchere Freuden auf Erden, als die, welche dem Lehrer durch die Tugend ſei - ner Anvertrauten geſchenkt werden, und dieſe Freuden ſind mir durch Sie gegeben .

Es iſt doch ein ſuͤßes Gefuͤhl, mein innigſtgeliebter B., bey dem Ruͤckblick auf einen Zeitraum von vier Jahren ſich ſa -gengen zu koͤnnen, daß man dieſe ganze Strecke ſeiner Lebensreiſe an der Hand der Tugend zuruͤckgelegt habe und mit jedem Schritte ihrem Heiligthume naͤher gekommen ſey: es iſt ein ſuͤßes Gefuͤhl, die Fruͤchte ſeines Fleißes in der Vervollkommnung ſeines Gei - ſtes und der Vermehrung ſeiner Erkenntniß zu ſehen: es iſt ein ſuͤßes Gefuͤhl, die Freude vortreflicher und von Herzen geliebter Eltern, der Stolz ſeiner Lehrer, und die Hoffnung des Vaterlandes zu ſeyn. Wohl Jhnen, innigſtgeliebter Freund, daß dieſe ſuͤße Gefuͤhle Jhr Herz begluͤcken!

Und wohl auch Jhnen, mein theu - rer D., der Sie mit Jhrem Freunde die Gluͤckſeligkeit empfinden koͤnnen, welche aus einem vorwurfsfreyen Gewiſſen dem Herzen zufließt. Sie haben mich durch Jhren un - ſtraͤflichen Wandel, Jhr zartes Gefuͤhl fuͤr alles, was edel und gut iſt, Jhr wohlwol - lendes, menſchenfreundliches Herz und den treuen Eyfer in der Ausbildung der herrli -chenchen Talente, die Jhnen die Vorſehung ſchenkte, doppelt begluͤckt, als Jhren Leh - rer und als den Freund Jhres mir ſo theu - ren Vaters, deſſen edlem Beyſpiel Sie ſo manches von dem Guten, was in Jhnen iſt, verdanken.

Unſer bisheriges aͤußeres Verhaͤltniß, meine theuren Freunde, wird itzt aufge - hoben, aber nimmer das Verhaͤltniß, in welchem unſre Herzen Dank ſey's der Liebe und Freundſchaft ſtehen. Welche Freude wird es fuͤr mich ſeyn, Sie, meine Theuren, einſt als Maͤnner das erndten zu ſehen, was der Fleiß der Juͤnglinge ſaͤ'te!

Gott, den Jhr Herz verehrt und liebt, geleite Sie auf dem Wege, den Sie nun betreten, und auf dem Sie ſicher wandeln werden, wenn Sie an der Hand der Tu - gend und Religion gehen. Meine Liebe und Freundſchaft wird nie fern von Jhnen ſeyn und ich bin es uͤberzeugt, daß auch die Jhrige mir oͤfters zuſprechen wird.

Ver -

Vergeſſen Sie nie, meine innigſtge - liebten Freunde, der edlen Entſchluͤſſe, zu welchen wir uns in den einſamen Unterhal - tungen, denen niemand, als unſer Herz zu - hoͤrte, ermunterten; dann werden Sie die Gluͤckſeligkeit genießen, welche meine herzli - che Liebe Jhnen von dem Gott der Liebe erflehet; dann werden Sie die große Pflicht, fuͤr welche Jhr jugendliches Herz ſchon Ge - fuͤhl hatte, erfuͤllen, die Pflicht, das Wohl der Menſchheit, die Gluͤckſeligkeit Jhrer Bruͤder auch an Jhrem Theil zu befoͤrdern.

Wie viel haͤtte ich Jhnen noch zu ſagen, meine Theuren! und wie wenig kann ich Jhnen ſagen! Doch Sie verſtehen die Sprache des Herzens und da bedarf ich nicht des Mundes und der Feder, welche doch nicht die Liebe zu ſchildern vermoͤgen, mit welcher Sie, Edle Freunde, liebt Jhr treuer Freund Schaumann.

Erſte Unterhaltung. Allgemeine Bemerkungen uͤber das menſchliche Herz.

Wenn irgend ein Gegenſtand das Nachdenken erregen und die Aufmerkſamkeit feſthalten kann; ſo iſt es gewiß der, welchen jeder Menſch in ſeinem Buſen fuͤhlt, das Herz, aus welchem Ruhe, Zufriedenheit, Gluͤckſeligkeit quillen, aber auch Unruhe, Unzufriedenheit und Ungluͤckſelig - keit hervorſtuͤrmen.

Das Herz iſt der Punkt, in welchem die fei - nen Faͤden aller Neigungen und Gefuͤhle des Menſchen ineinander geknuͤpft ſind. Kein Menſch mag es ſich anmaßen, dies zarte und ineinander fließende Gewebe ganz auseinander zu legen. Dies kann nur der Finger der Gottheit, dem nichts zu fein und verfloͤßt iſt. Aber auch dem Men - ſchen bietet es eine Fuͤlle der fruchtbarſten Erkennt - niß dar; denn, wenn ſich gleich die feinſten Faͤ - den ſeinem Auge verbergen, ſo nimmt er doch die ſtaͤrkern wahr, in welche ſich jene verlieren, und fuͤhlt die Schwingungen, welche ſie bis zum Herzen fortpflanzen.

T 5Das298

Das Herz iſt der Jnbegriff und die Quelle der Gefuͤhle, Neigungen und Leidenſchaften, oder mit einem Wort, der Gemuͤthsbewegungen des Menſchen, und ſchließt die Faͤhigkeit, ſeinen eignen Zuſtand zu fuͤhlen und das Vermoͤgen ſich fuͤr oder wider etwas zu beſtimmen, in ſich. Jene iſt die Bewegerin von dieſem; denn je nachdem ich von etwas mit Luſt oder Unluſt afficirt werde oder afficirt zu werden glaube, be - ſtimme ich mich entweder fuͤr oder wider daſſelbe (begehre verabſcheue). Das Geſetz, nach welchem die Gefuͤhlsfaͤhigkeit bewegt wird, iſt:

Alles, was irgend eine Beziehung auf mei - nen Zuſtand mir vorſtellt, afficirt mich und um ſo ſtaͤrker, je gegenwaͤrtiger und wichti - ger dieſe Beziehung vorgeſtellt wird. Das allgemeine Geſetz, nach welchem das Begeh - rungsvermoͤgen wirkt, iſt:

Die Seele beſtimmt ſich fuͤr das (begehrt), wovon ſie Luſt erwartet, oder wovon ſie glaubt, daß es ihren Zuſtand gut erhalte oder beſſer mache.

Die Seele beſtimmt ſich wider das (ver - abſcheut), wovon ſie glaubt, daß es ihr Un - luſt bringe, oder ihren Zuſtand ſchlechter mache.

Was nun zuerſt die Gefuͤhlsfaͤhigkeit betrift, ſo wird man um ſo leichter afficirt werden, je ſchneller man etwas in Verbindung mit ſeinemeignen299eignen Zuſtand bringen kann; und um ſo ſtaͤrker, je gegenwaͤrtiger und wichtiger man ſich die Beziehung auf ſein Jch vorſtellt.

Wem die Natur eine reizbare und lebhafte Phantaſie verlieh, des Herz wird leicht von einem Gegenſtande getroffen, weil er ſich ſchnell alles vergegenwaͤrtigen, ſich ſelbſt bald in jedes Ver - haͤltniß ſetzen kann. Wer hingegen eine matte und traͤge Einbildungskraft hat, bedarf ſchon ſtaͤr - kerer Anregungen, wenn ſein Herz bewegt werden ſoll.

Wer bey dem Anblick der Geſtirne des Him - mels nur daran denkt, wie er ihre Bewegungen und Veraͤnderungen mit dieſem oder jenem Sy - ſtem reimen will, und ſie alſo als etwas von ihm ganz Abgeſondertes, und blos fuͤr ſeinen Verſtand Gehoͤrendes betrachtet, bleibt kalt und ungeruͤhrt. Wer ſie aber als empfindende Weſen anſieht, wel - che durch ihre Schoͤnheit das Herz erfreuen, ihn ſehn und an ihm Theil nehmen, der fuͤhlt ihre Gegenwart, und ſtimmt in die Begeiſterung ein, mit welcher Oßian zum Abendſterne redet:

Stern der daͤmmernden Nacht, ſchoͤn fun - kelſt du in Weſten, hebſt dein ſtrahlend Haupt aus deiner Wolke, wandelſt ſtattlich deinen Huͤ - gel hin. Wornach blickſt du auf die Haide? Die ſtuͤrmenden Winde haben ſich gelegt; von ferne kommt des Giesbachs Murmeln; rauſchen -de300de Wellen ſpielen am Felſen ferne; das Geſum - me der Abendfliegen ſchwaͤrmt uͤbers Feld. Wor - nach ſiehſt du ſchoͤnes Licht? Aber du laͤchelſt und gehſt; freudig umgeben dich die Wellen, und baden dein liebliches Haar. Lebe wohl, ruhiger Strahl.

Kalt und ungeruͤhrt bleibt bey dem Gedanken an die Gottheit der, welcher ſie ſich ohne Bezie - hung auf ſeine Handlungen und Schickſale, nur als ein Weſen, das fuͤr den Verſtand gehoͤrt, ge - denkt. Aber wer ihn als den Schoͤpfer der Wel - ten, den Regierer der Begebenheiten, den Rich - ter ſeiner Handlungen und ſeinen Vater erkennt, der wird geruͤhrt, wie der Dichter, der ihm einen Lobgeſang weiht:

Singe Jhn, den Herrn der Welten,
Singe Jhn, den Gott der Zeit.
Hoch ſieht er von Sternenzelten,
Alles Edle zu vergelten,
Auch auf mich, der, Jhm geweiht,
Tief anbetend hingeſunken
Jetzt der Ehrfurcht Opfer bringt,
Und von Seinem Anblick trunken
Kuͤhn des Geiſtes Fackel ſchwingt.
*)Lob des einzigen Gottes von Kleiſt. D. Merkur. 1789.
*)

Je ſinnlich klarer eine Vorſtellung des Ge - muͤths iſt, deſto leichter bewegt ſie mein Herz:ab -301abſtrakte Jdeen, welche ich in gar keiner Bezie - hung auf meinen fuͤhlbaren Zuſtand gedenke, laſſen es unbewegt.

Es war und iſt nicht die Jdee Freyheit, wel - che Griechen, Roͤmer und Franzoſen in Bewe - gung ſetzt; dieſe Wirkung gehoͤrt den vorgeſtellten Folgen eines Zuſtandes, wo die Thaͤtigkeit unein - geſchraͤnkt waͤre, an der vorgeſtellten Ehre, dem gehoften Reichthum, dem gewuͤnſchten Wohl - leben.

Die Vorſtellung von einem noch entfernten Gegenſtand, greift gar nicht oder ſehr matt in das Gefuͤhl; indeß die von einem nahen es ſtark be - wegt. Man erinnre den Wolluͤſtling noch ſo oft und ſo viel, daß er ſich den Weg zum Tode verkuͤrze dies ruͤhrt ihn nicht! Er haͤngt zu feſt in den Armen der Wolluſt; wuͤnſcht, durch nichts aus denſelben geriſſen zu werden; drum ruͤckt er ſich den Tod, den man ihm vorſtellt, noch weit aus den Augen, und glaubt, vor einem Feinde, den er nicht ſieht, auch wirklich ſicher zu ſeyn.

Stellt eine entfernte und gegenwaͤrtige Freu - de zuſammen, laßt jene viel groͤßer, als dieſe ſeyn; der groͤßte Theil der Menſchen wird von dieſer doch mehr bewegt werden, als von jener, weil er dieſe itzt haben ſoll, und gewiß iſt, daß ſie ihm nicht wieder entzogen, oder an ihrer Stelle eineandre302andre geſetzt wird, wie es bey jener der Fall ſeyn kann. Das Ploͤtzliche und Unerwartete greift ſtark in das Gefuͤhl: und ſetzt das Herz zuweilen in ſehr heftige Bewegung, die einem Zittern aͤhn - lich iſt. Das Unerwartete nemlich hemmt mit einemmal den Fluß der Vorſtellungen, in welcher die Thaͤtigkeit der Seele ſich itzo hinbewegte; und die Seele muß viel Anſtrengung und Kraft an - wenden, um die Vorſtellungen aufzufaſſen und zu halten, welche nichts im Gemuͤth vorfinden, woran ſie ſich ſchließen koͤnnten. Koͤmmt irgend etwas erwartet, ſo iſt die Seele ſchon vorbereitet, ſie darf nicht eine Vorſtellungsreihe zerreißen, und ihre ganze Kraft anſpannen, um eine ganz frem - de Vorſtellung zu faſſen.

Das Herz wird endlich von den Dingen am ſtaͤrkſten geruͤhrt, die ihm eine Aehnlichkeit mit ſeinem eignen Zuſtande vorſtellen: es ſieht ſich ſelbſt dann durch die Phantaſie in dieſem Zuſtande leiden und handeln. Eine Handlung, die ich ſelbſt einmal unternommen, eine Begebenheit, in deren aͤhnliche ich einſt verwickelt war, eine Lage, die ich aus meiner Erfahrung kenne, inte - reſſiren mich (wenn, wie natuͤrlich, das uͤbrige gleich iſt,) mehr, als Handlungen, Begebenheiten und Lagen, welche in meiner eignen Erfahrung noch nicht vorgekommen ſind.

Bis303

Bis ins Jnnerſte ſeines ganzen Seyns ward Werther erſchuͤttert, als er ſeiner Lotte dieſe Stelle aus Oßians Geſange las*)Goͤthe's Schriften. 1. Theil.:

Warum weckſt du mich Fruͤhlingsluft?
Du buhlſt und ſprichſt:
Jch bethaue mit Tropfen des Himmels!
Aber die Zeit meines Welkens iſt nahe,
Nahe der Sturm, der meine Blaͤtter herabſtoͤßt!
Morgen wird der Wandrer kommen,
Kommen, der mich ſah in meiner Schoͤnheit,
Ringsum wird ſein Auge im Felde mich ſuchen,
Und wird mich nicht finden.

Er fuͤhlte in dieſen Worten ſeinen ganzen Zu - ſtand geſchildert. Der Entſchluß zum nahen Tod war gefaßt; darum ſchlug er die Hofnung, doch noch vielleicht gluͤcklich werden zu koͤnnen, nieder, mit dem Gedanken: bald biſt du nicht mehr.

Alle Gefuͤhle ſind entweder Gefuͤhle der Luſt oder der Unluſt.

Mit Luſt wird das Herz afficirt, wenn das, wodurch das Gefuͤhl bewegt wird, mit der Natur des Subjekts harmonirt; mit Unluſt, wenn das Gegentheil ſtatt findet.

Weil nun die Natur der Menſchen, das heißt, ihre koͤrperliche und geiſtige Beſchaffenheit,ſo304ſo ſehr verſchieden iſt; weil ferner jeder einzelne Menſch zu verſchiednen Zeiten ſehr verſchieden ge - ſtimmt iſt; ſo haͤngt es nicht ſowohl von den Ge - genſtaͤnden, welche die erſte Urſach der Gefuͤhls - bewegung enthalten, ab, ob das Gefuͤhl mit Luſt oder Unluſt afficirt werden ſoll; als vielmehr von der Art und Weiſe, wie ſich die Vorſtellungen in dem Gemuͤthe formen, und was uͤberhaupt fuͤr eine Art des Gefuͤhls grade hervorſtechend iſt.

Schon die koͤrperlichen Verſchiedenheiten, die Beſchaffenheit der Organe des Empfindens, Ge - ſundheit und Krankheit u. ſ. w. koͤnnen einen großen Einfluß auf das Gefuͤhl haben, wie die Erfahrung taͤglich zeigt und leicht zu begreifen iſt. Aber mehr koͤmmt es hiebey auf die geiſtigen Ver - ſchiedenheiten an, wozu ich alle diejenigen rechne, welche ſich nicht an dem Koͤrper befinden.

Sehr heftige Emotionen des Gefuͤhls, wel - che, wie ein Sturm, ſtark, aber kurze Zeit auf - brauſen, und ſich gegen die Vernunft empoͤren, nennt man Affekten, deren es, wie der Gefuͤhls - bewegungen uͤberhaupt zwey Arten giebt, Affek - ten der Luſt und der Unluſt.

Was das Begehrungsvermoͤgen betrift, ſo aͤußert ſich auch dieſes nicht in allen Faͤllen auf gleiche und auf gleich ſtarke Art.

Hang, Neigung, Begierde und ihre Ge - gentheile bezeichnen eben ſo viel verſchiedne Gradeder305der Willensbeſtimmung. Wer leicht zu etwas beſtimmt werden koͤnnte, wenn Veranlaſſung da - zu vorkaͤme, dem eignet man einen Hang zu etwas zu. Wer nicht nur leicht zu etwas be - ſtimmt werden koͤnnte; ſondern ſchon wirklich be - ſtimmt iſt, hat Neigung dazu, und wer ſich heftig beſtrebt, zum Genuß deſſen zu gelangen, was ſeine Neigung an ſich zog, Begierde.

So koͤnnte man demjenigen, den man aus andern Beobachtungen als einen Gewinnſuͤchtigen, oder einen ſolchen, der Hin - und Herbewegungen des Herzens zwiſchen Furcht und Hofnung liebt, kennen lernte, Hang zum Spiele beylegen; weil er, wenn er gleich noch niemals geſpielt hat, doch leicht dazu beſtimmt werden kann, da er ſeine Rechnung dabey findet. Neigung zum Spiele wuͤrde derjenige haben, welcher entweder ſelbſt ſchon mit Vergnuͤgen geſpielt hat, oder doch, durch Andre mit der Beſchaffenheit des Spiels bekannt gemacht, gern einmal ſpielen moͤchte. Wer end - lich keine Gelegenheit zum Spiel voruͤbergehn laͤßt, ja ſelbſt Gelegenheit dazu machen ſucht, und Weib und Kind, und Amt und Pflicht ver - geſſen kann, wenn das Spiel ihn reizt, der hat Begierde zum Spiel.

Derjenige Zuſtand, in welchem die freye, vernuͤnftige Thaͤtigkeitskraft der Seele den Rei - zungen der Begierde unterliegt, und der MenſchUſich306ſich alſo nicht ſelbſt beſtimmt, ſondern von den Gegenſtaͤnden ſeiner Begierde fortgeriſſen wird, heißt Leidenſchaft.

Zweyte Unterhaltung. Ueber die Selbſtliebe.

Es iſt uͤber den letzten Grund der Beſtimmung des Willens, den Beweger des Begehrungsver - moͤgens eine große Verſchiedenheit der Meynun - gen geweſen. Jeder von den Philoſophen, wel - cher daruͤber dachte, ſuchte ihn mit ſeinen uͤbrigen Hypotheſen in Zuſammenhang zu bringen, und wich daher, wie in dieſen, ſo auch in jenem, von andern ab. Diejenigen, welche die Seelenlehre metaphyſiſch behandelten, waͤhlten zur Bezeichnung des letzten Grundes des Begehrens wenigſtens ei - nen metaphyſiſchen Namen, Trieb nach Vollkom - menheit, nach Jdeenbeſchaͤftigung u. dergl. ; andre, welche die Seele ſich nicht ſo geiſtig dach - ten, nahmen die koͤrperliche Empfindung (Senſi - bilité phyſique) als dasjenige an, wornach ſich der Menſch im Begehren oder Zuruͤckſtoßen rich - te. Jch will hier nicht alle verſchiedne Meynun - gen der Weltweiſen uͤber dieſe Sache beybringen, noch weniger mich in eine Kritik derſelben ein -laſſen,307laſſen, welches ich beydes den Verfaſſern gelehr - ter Compendien der Pſychologie uͤberlaſſe; ſon - dern nur ganz kurz und klar ſagen, was ich fuͤr den letzten Grund der Willensbeſtimmung halte, das heißt, wodurch ich glaube, daß die Seele beym Begehren und Verabſcheuen geleitet werde.

Und dies iſt nach meiner Meynung der Trieb des Subjekts zu ſeiner Erhaltung uͤberhaupt und ſeines Wohlbefindens insbeſondere, oder die Selbſtliebe.

Aus dieſer laſſen ſich alle Erſcheinungen des menſchlichen Begehrungsvermoͤgens ungezwungen und ohne Muͤhe erklaͤren, wenn man nur das Wort im natuͤrlichen Sinn nimmt, und es nicht, wie ſo oft geſchieht, mit Eigennutz und Selbſt - ſucht verwechſelt. Auch die Geſinnungen und Handlungen der alles aufopfernden Liebe, finden in der Selbſtliebe ihren Grund; denn was kann wohl fuͤr den, welcher fuͤhlt, ſuͤßer ſeyn, was mehr zur Erhoͤhung ſeines Wohlbefindens beytra - gen, als fuͤr den, mit welchem ſein Herz ihn in - nig verbindet, zu dulden, zu handeln, zu geben, was er hat?

Sie iſt unverkennbar in den Handlungen des uneigennuͤtzigſten, und alle aͤußere und koͤrperliche Guͤter verachtenden Stoikers; denn er ſetzt ſein hoͤchſtes Wohlbefinden in die Erhabenheit uͤberU 2das,308das, was andre Menſchen afficirt, und kennt kein andres Gut, als das geiſtige und moraliſche.

Selbſtliebe iſt es, welche den Schwaͤrmer treibt, ſeinen Leib zu quaͤlen, und ihn den haͤr - teſten Kaſteiungen zu unterwerfen, denn er hoft dadurch ſich zu heiligen und den Himmel zu ver - dienen, welches er hoͤher ſchaͤtzt, als alles, was ſeiner irdiſchen Sinnlichkeit angenehm iſt.

Was konnte auch die Natur wohl ſchicklicher zur Hauptfeder des Begehrungsvermoͤgens waͤh - len, als dieſen Trieb, ſich zu erhalten, ſich in einem angenehmen Zuſtand zu erhalten? Laßt uns nur nicht vor einem Namen, dem der Miß - brauch eine gehaͤſſige Bedeutung untergeſchoben hat, erſchrecken, und der Natur den Vorwurf machen, daß ſie ihrem Hauptzweck, Menſchen an Menſchen zu ſchließen, entgegen gehandelt habe; indem ſie die Liebe zum Jch zur Bewegerin des Willens gemacht hat. Wer dies tadeln will, tadelt die Natur in ihrer weiſeſten Einrichtung. Denn wodurch konnte ſie wohl jenen Zweck beſſer erreichen, als dadurch, daß ſie einen Menſchen von dem andern empfinden ließ, daß ſie das Wohl - befinden der Menſchen ſo innig verwebte?

Folgt nur den Befehlen und Einrichtungen der Natur, legt nur ihre Meynung nicht falſch aus! dann werdet ihr einſehn, daß die natuͤr - liche Selbſtliebe euch treibt, auch eure Bruͤderzu309zu lieben: dann werdet ihr fuͤhlen, daß ohne das Wohlbefinden Dieſer, auch euer Zuſtand nicht angenehm iſt!

Auch bey dieſem Triebe zeigt ſich die Wahr - heit des vortreflichen ciceronianiſchen Spruchs: Animi cultus eſt humanitatis cibus (Aufklaͤ - rung des Geiſtes iſt die Nahrung der Menſchlich - keit). Denn je weiter der Menſch in der aͤchten Cultur ruͤckt, deſto weiter wird auch der Begrif ſeines Selbſts. Das Kind rechnet dazu noch nichts, als ſeinen Koͤrper; wenn es Nahrung und Bequemlichkeit fuͤr dieſen hat, iſt's ihm ge - nug. Eben ſo der in der Rohheit lebende Menſch. Die Sinnlichkeit iſt ſein Selbſt; was dieſer be - hagt, das begehrt er, und ſtoͤßt zuruͤck, was ihr unangenehm iſt. Je mehr ſich die Faͤhigkeiten des Geiſtes und die Gefuͤhle des Herzens entwi - ckeln, deſto mehr waͤchſt auch die Anzahl der Ge - genſtaͤnde, die man mit ſeinem Selbſt verbindet. Jeder Schritt auf dem Felde der geiſtigen und moraliſchen Ausbildung gewaͤhrt neue Ausſichten zur Vergroͤßerung des Wohlbefindens, neue Hof - nung zur Freude und Luſt.

Aber freylich kann auch dieſer herrliche Grund - trieb der menſchlichen Seele verderbt werden: kann ſtatt nach dem Willen der Natur die Ge - meinſchaft und Verbruͤderung mit Andern zu befoͤr -U 3dern,310dern, eine feſte Scheidewand zwiſchen einem und den uͤbrigen auffuͤhren.

Dies geſchieht und muß geſchehen, ſobald Selbſtliebe in Selbſtſucht, Eigenſucht ausar - tet; das heißt, ſobald man dahin gekommen iſt, daß man allgemein oder doch von einigen Seiten ſein eignes Wohlbefinden im engſten Sinn, das iſt, mit Ausſchließung Andrer, vor Augen und im Herzen hat. Und man kann ſich dazu gewoͤhnen, denn

Gewohnheit gleicht in dieſem Stuͤck Meduſen Und fuͤr die Menſchheit ſelbſt verkehrt ſie uns in Stein.

Dritte Unterhaltung. Ueber die Liebe zum Leben.

Omnis natura vult eſſe conſervatrix ſui. (Cicero.)

Der beſte Beweis, daß aller Klagen ungeach - tet, doch des Guten auf der Erde mehr, als des Uebels iſt, und daß ſelbſt Lavaters Ausſichten in die Ewigkeit Traͤume der Phantaſie ſind, iſt die ſo allgemein ſich findende Liebe zum Leben. Man frage nur herum nach den Urſachen derſel - ben, und man wird entweder zur Antwort er - halten: Jch wuͤnſche zu leben, weil es doch aufErden311Erden ſo gut iſt, oder: weil ich nicht weiß, wie es dort ſeyn wird, und das Gewiſſe doch beſſer als das Ungewiſſe iſt.

Dies ſind alſo die beyden Gruͤnde der Liebe zum Leben: der Ueberſchuß der angenehmen Zu - ſtaͤnde uͤber die unangenehmen, und die Ungewiß - heit uͤber die jenſeits des Grabes ſich eroͤfnende Zukunft.

Warum wuͤrde ſonſt nicht jeder Leidende, den Religion und Pflicht nicht leiten, dem Gefuͤhl ſeines Leidens durch die Endigung ſeines Lebens ein Ende machen, wenn nicht bey allen ſeinen Klagen ſeine Empfindung widerſpraͤche, und die unbekannte Zukunft ihm hier zu bleiben anriethe?

Was hielt den von ſchrecklichen Leiden gefolter - ten Hamlet ab, ſich das Leben zu nehmen, als der Gedanke, vielleicht hoͤrt auch im Tode das Gefuͤhl der Leiden nicht auf. Was in jenem Schlafe des Todes, ſo ſpricht er mit ſich ſelbſt, wenn wir dieſes ſterblichen Getuͤmmels entledigt ſind, fuͤr Traͤume kommen koͤnnen, das verdient Erwaͤgung! Das iſt die Ruͤckſicht, die den Leiden ein ſo langes Leben ſchaft! Denn wer er - truͤge ſonſt die Geiſſel und die Schmaͤhungen der Welt, des Unterdruͤckers Unrecht, des Stolzen Schmach, die Qual verſchmaͤhter Liebe, die Zoͤ - gerungen der Geſetze, den Uebermuth der Großen, und die Verhoͤhnung des leidenden Verdienſtes vonU 4Un -312Unwuͤrdigen, da er ſich mit einem bloßen Dolch in Freyheit ſetzen koͤnnte! Wer wuͤrde Buͤrden tragen und unter der Laſt eines muͤhſeligen Lebens ſchwitzen und aͤchzen, wenn nicht die Furcht vor etwas nach dem Tode, vor dem unbekannten Lande, aus deſſen Bezirk kein Reiſender zu - ruͤckkehrt, unſern Entſchluß wankend machte, und uns riethe, lieber die Uebel zu dulden, die wir kennen, als zu andern hinzufliehn, die uns noch unbekannt ſind? *)Shakeſpears Hamlet, 3ter Aufz. 1ſter Auftritt.

Aber wir finden doch Beyſpiele, wo die Liebe zum Leben verlaͤugnet wird. Wie manches Men - ſchen erwaͤhnt die Geſchichte, der ſich ſelbſt deſſel - ben beraubte, oder es mit Freuden, wenigſtens mit Gleichguͤltigkeit, hingab!

Dies wird geſchehen koͤnnen, wenn jene Ur - ſachen zu wirken aufhoͤren. Die Neigungen des Menſchen werden von dem Wunſche regiert, ſich im Wohlbefinden zu erhalten, und ſich mithin von Leiden zu entfernen. Stellt er ſich alſo das Leben als eine Reihe von lauter ungluͤcklichen Zu - ſtaͤnden vor, oder glaubt er nach demſelben hoͤhere Freuden zu empfangen; ſo kann er die Neigung zu demſelben verlieren, oder wohl gar eine Abnei - gung gegen daſſelbe bekommen.

Wenn das Herz von Leiden gepreßt wird, welche es in ſeinen empfindlichſten Theilen angrei -fen313fen und zu zerreißen drohen; dann faͤrben ſich die Vorſtellungen der Phantaſie mit der Trauerfarbe des Herzens, und die Vergangenheit und Zu - kunft erhaͤlt den duͤſtern Anſtrich der gegenwaͤrti - gen Momente. Man ſieht ſeines Leidens kein Ende, und ſtellt ſich die genoßnen Freuden im Verhaͤltniß gegen das gegenwaͤrtige Elend als gar nicht zu achtende vor. Dann koͤmmt einem jeder Zuſtand, ja ſelbſt die Vernichtung ertraͤglicher vor; denn man meynt, es koͤnne doch wenigſtens nicht elender werden.

Gekraͤnkte Liebe und verletzte Ehre geben am leichteſten dem Leben eine ſo finſtre Anſicht, welche nichts als Elend in demſelben erwarten laͤßt. Denn Liebe und Ehrbegierde ſind diejenigen Leiden - ſchaften, welche das Herz am meiſten intereſſi - ren, die ganze Seele des Menſchen einnehmen, und ſich als die einzigen Gruͤnde der Gluͤckſeligkeit vorſtellen. Wenn alſo dieſe zerſtoͤrt werden, ſo kann leicht die Freude am Leben vergehen, und das Ende deſſelben angenehm ſcheinen. Cato von Utika kannte kein groͤßeres Gut, als repu - blikaniſche Freyheit, und kein ſchrecklichers Uebel als Caͤſars Oberherrſchaft. Die Freyheit ging unter; und Caͤſar ward Sieger. Cato ent - ſchloß ſich alſo zum Selbſtmord, weil ihm das einzige Gut ſeines Lebens, die Nahrung ſeines republikaniſchen Stolzes entriſſen, und das groͤßteU 5Uebel314Uebel, was er ſich vorſtellen konnte, vor ſeinen Augen war.

Werther hatte keinen andern Lebensgenuß als in Lottens Liebe. Sie ward eines Andern: und ihm keine Hofnung ſie je zu beſitzen. Drum entſchloß er ſich ein Leben zu enden, in welchem er nur Tage ſah, die das ſchmerzvolle Gefuͤhl ſei - ner grundloſen Hofnung truͤbte.

Romeo erfaͤhrt, daß ſeine Julie geſtorben ſey, das einzige Gluͤck ſeines Lebens. Er geht in ihre Gruft, und findet ſie im Sarge; in welchen ſie auf Veranſtaltung des Freundes ihrer Liebe, des Paters Lorenzo, obgleich nur durch einen Trank auf einige Zeit eingeſchlaͤfert, gelegt war. Romeo ſieht nun, da Julie in ſeinen Augen todt iſt, keine Ruhe, kein Gluͤck, keine Freude im Leben.

O, ſpricht er, hier, in dieſem Pallaſt der duͤſtern Nacht, will ich eine immerwaͤhrende Ruhe finden, und das Joch der ungluͤcklichen Geſtirne von dieſem der Welt muͤden Fleiſch ab - ſchuͤtteln. Jhr Augen, ſeht zum letztenmal! ihr Arme, nehmt eure letzte Umarmung! und ihr meine Lippen, die Thuͤren des Athems, verſiegelt mit einem rechtmaͤßigen Kuſſe dem wuchernden Tod, eine immerwaͤhrende Verſchreibung! Komm, bittrer Fuͤhrer! komm unangenehmer Wegweiſer! Du verzweifelnder Steuermann,lauf '315lauf 'ißt auf einmal mit meinem ſeekranken, muͤ - den Schiffe an die zerſchmetternden Klippen! Hier iſt Gluͤck zu erwarten, wohin du dich auch verſchlaͤgſt.

Und nun trinkt er das Gift, um bey Julien zu ſterben.

Julie erwacht, und ſieht ihren Geliebten todt neben ſich, und in ſeiner Hand den Giftbe - cher. Auch ihr iſt itzt das Leben ein Elend und der Tod eine Freude.

Boͤſer Mann, ſagt ſie, alles auszutrinken und keinen freundſchaftlichen Tropfen uͤbrig zu laſſen, um mir nachzuhelfen! Jch will deine Lippen kuͤſſen; vielleicht haͤngt noch ſo viel Gift daran, als noͤthig iſt, mir durch ein Erquickungs - mittel den Tod zu geben.

Aber der Weg duͤnkt ihr zu lang: ſie fuͤrch - tet aufgehalten zu werden; drum nimmt ſie den Dolch und erſticht ſich*)Shakeſp. Romeo und Julie, letzt. Act. letzt. Auftr..

Keine Angſt iſt fuͤrchterlicher, als die, wel - che aus dem Gewiſſen ins Herz dringt: keine Angſt kann ſo leicht zur Verzweiflung und dem Wunſch der Vernichtung des Lebens fuͤhren, als dieſe. Wohin der von dem Bewußtſeyn ſeiner Schuld erbleichende flieht, flieht mit ihm ſein boͤ - ſes Gewiſſen, verſehn mit den qualvollſten Fol - tern. Fallet uͤber mich Berge, und bedeckt michihr316ihr Huͤgel, ruft der Elende aus mit voller Zu - ſtimmung ſeines Herzens; denn ſo lang ſein Auge noch ſieht, und ſeine Bruſt noch athmet, leben in ihm die peinigenden Gefuͤhle der Furcht des Gewiſſens.

Meiſterhaft ſchildert der Dichter der Meſ - ſiade die Gewiſſensangſt des Verraͤthers Jſcha - rioth, und die Entſtehung und Befeſtigung des Entſchluſſes derſelben durch den Tod ein Ende zu machen.

Die Verdammung ſeines Herrn zum Tode erſchuͤtterte die Seele des Frevlers und weckte ſein Gewiſſen.

Er ging Jn den ſchweigenden Hallen der hohen Tempelge - woͤlbe. Als er die hangende Huͤlle des Allerheiligſten ſahe Wandt 'er ſich weg, ward bleicher, und zitterte laut! Dann erhub er Sich zu den Prieſtern, und ſprach mit wuͤthender Reue: Da habt ihr Euer Silber! (und warfs zu ihren Fuͤßen.) Der Fromme, Den ich verrieth, ſein Blut iſt Blut der Unſchuld! Das koͤmmt nun Ueber mein Haupt! Er ſprachs, und rollte die ofneren Augen.
Schon317

Schon hat der fuͤrchterliche Zuſtand ſeines Herzens den Gedanken, durch den Tod denſelben zu endigen, in ihm erregt. Er kann unter Men - ſchen nicht mehr weilen, denn auf jedem Geſichte lieſt er den Fluch des Verraͤthers. Er Ging, und eilte davon, floh der Menſchen Anblick, und riß ſich Aus Jeruſalem.

Seine Seele war von ſchrecklichen Gefuͤhlen zerriſſen. Liebe zum Leben kaͤmpft mit der Angſt des Gewiſſens und der wuͤthenden Reue: er ſtand, itzt ging er! itzt ſtand er! itzt floh er! Schaute mit wildem Antlitz umher, ob er Men - ſchen erblickte.

Denn er glaubte in jedem ſeinen Raͤcher, ſei - nen Verfolger zu ſehn, der ihm ſelbſt die ſchreck - liche Zuflucht, den Tod nicht vergoͤnnen wollte. Endlich Als er keinen erblickte, der Stadt nun ſtum - mes Getoͤſe Ganz ſich dem Ohr verlor, beſchloß er, zu ſter - ben.

Nichts ruͤhrte nunmehr ſeine Sinnen er empfand nichts als ſich ſelbſt, und in ſich die Hoͤlle des Gewiſſens. Nichts hielt alſo ſeinen Entſchluß auf, zu ſterben. Doch iſt die Stimme der Na -tur318tur noch nicht ganz von der Angſt ſeines Herzens betaͤubt. Sie ſtoͤrt ſeinen Entſchluß durch alle nur aufzufindende Zweifel. Aber wird deine Pein nach dem Tode auch aufhoͤren? wird ſie vielleicht nicht noch groͤßer werden?

Sie kann nicht, ſo entgegnet ihr ſein ganzes Gefuͤhl, Nein, ſie kann, nach dem Tode, nicht fuͤrch - terlicher mich faſſen, Dieſe namloſe Qual! Zu entſetzliche Qualen, o wuͤthet, Wuͤthet, ſo lang ihr noch koͤnnt! Wenn dies Auge ſich zuſchließt, und alles Dieſem Ohre verſtummt; ſo ſeh 'ich ſein Blut nicht, ſo hoͤr' ich Seine brechende Stimme nicht mehr!

Noch ſchweigt die Natur nicht: Gottes Be - fehl ſoll ſie ſchuͤtzen.

Der auf Horeb Sprach ja: Du ſollſt nicht toͤdten!

Welch 'ein Schlag fuͤr den Elenden! Sein Herz wird gedraͤngt zwiſchen dem Gefuͤhl ſeiner Qualen, und der dunklen Ahndung, daß der Tod ihn zu Gott fuͤhrt, deſſen Gebot er verletzt. Es bemaͤchtigt ſich ſeiner in dieſem Gedraͤnge die ra - ſendſte, bewußtloſeſte Verzweiflung;

Er iſt mein Gott nicht! Jch habeKei -319Keinen Gott mehr! Du Elend! du biſt mein Gott; du gebieteſt, Laut gebieteſt du mir den Tod! Jch gehorche! So ſtirb denn, Stirb, Verlorner!

Stirb! vor dem ſchrecklichen Worte ſchaudert ſeine Menſchheit aber bald erhaͤlt die Verzweiflung wieder die Oberhand, und giebt dem Entſchluß zum Sterben unerſchuͤtterliche Feſtigkeit.

Du bebſt? Hier ſtuͤrmts! Noch immer empoͤret Sich das Leben in dir! es ringt, zu leben! Ver - raͤther! Du willſt leben? gebrandmarkt vor allen, die jemals verriethen, Du? Er breitet vor mir wie ein weiteroͤfne - tes Grab ſich Fuͤrchterlich aus! Er iſt der baͤngſte der bangen Gedanken, Die ein Sterbender jemals empfand: Jch hab 'ihn verrathen! Stirb! Die Seele, die dir nach dem Tode noch elend zuruͤckbleibt. Toͤdte ſie auch! O die du in mir, als waͤrſt du unſterblich, Dich erhebſt, vernimm dein Schickſal, Seele des Todten! Sieh ich verwuͤnſche dich auch der Vernichtung!
So320

So ſprach der Verraͤther. Schwarze Phan - taſien draͤngten ſich nun vor ſeine Seele. Er ſah den durch ſeine Vermittelung gemordeten Meſ - ſias ſah 'ihn Rache in ſeinem Blute fordern, und erwuͤrgte ſich*)Klopſtocks Meſſiade. 7. Geſang..

Um ein groͤßeres Gut zu erlangen, wird ein kleineres willig aufgeopfert, beſonders wenn dieſe Aufopferung eine Bedingung iſt, ohne welche je - nes nicht erlangt werden kann. So iſts auch mit dem Leben. Wenn jemand durch die Dahin - gebung deſſelben ein Gut zu erlangen meynt, wel - ches ihm viel hoͤher und wichtiger duͤnkt, als ſein irdiſches Daſeyn, ſo wird die Liebe zu dieſem, der Begierde nach jenem vorzuͤglicherm Gute, wei - chen muͤſſen.

Dulce et decorum eſt pro patria mori. Suͤß und edel iſt der Tod fuͤrs Vaterland: ſo denkt der tapfre Held, und giebt, ſeines Namens Unſterblichkeit wegen, gern ſein Leben dahin.

Die indianiſchen Weiber halten es fuͤr eine ſo große Ehre, als die vorzuͤglichſt geliebteſten Gattinnen, mit des Gatten Leichnam auf dem Holzſtoß zu verbrennen, daß ſie nach des Man - nes Tode gerichtlich daruͤber ſtreiten, welche von dem Mann am meiſten geliebt ſey, und daß die - jenige, welcher der Vorzug der Liebe zuerkanntwird,321wird, mit großer und ſtolzer Freude den Schei - terhaufen beſteigt.

So kann auch endlich der Schwaͤrmer, wel - cher den Himmel vor ſich geoͤfnet ſieht, und von den Seligkeiten jenſeit des Lebens gewiſſe Ueber - zeugung hat, wohl dazu kommen, ſein irdiſches Leben dieſem himmliſchen aufzuopfern. Die Welt iſt ihm ohnedies verhaßt, weil er ſich in die Ver - haͤltniſſe derſelben nicht fuͤgen kann: nimmt ihm nun ſeine brennende Phantaſie den Schleyer der Ungewißheit von dem Zuſtande nach dem Tode hin - weg, und zeigt ſie ihm dieſen, ſo ganz ſeinen Nei - gungen, Trieben und Wuͤnſchen angemeſſen, ſo wird er leicht bewegt werden koͤnnen, ſeinen itzigen Zuſtand mit dem angenehmern zu vertauſchen.

Aber wenn gleich, wie eben gezeigt iſt, die Liebe zum Leben ſo tief daniedergedruͤckt werden kann, daß der Menſch zur Vernichtung deſſelben bewegt wird; ſo iſt doch dieſes ſo leicht nicht.

Lang und hartnaͤckig iſt der Kampf zwiſchen der Liebe zum Leben und dem Entſchluß es zu ver - nichten: es werden alle Zweifel, die dem Ent - ſchluß zuwider ſind, aͤngſtlich aufgeſucht, es wird uͤberlegt, beſonnen, widerſprochen Angſt und Zittern bemaͤchtigt ſich des Herzens, und die wider die Natur gemachte Verraͤtherey verraͤth ſich in den fuͤrchterlichen Minen, Geberden und Augen. Die That wird von einem MomentXzum322zum andern aufgeſchoben, und waͤre vielleicht noch niemals ausgefuͤhrt worden, wenn nicht die Ver - zweiflung uͤber das, was den Entſchluß zuerſt er - zeugte, und die Angſt nach gefaßtem Entſchluß das Herz ſo ſehr zerruͤtteten, daß bejammerns - wuͤrdige Wuth an die Stelle der Ueberlegung und Beſonnenheit und Unnatuͤrlichkeit an die Stelle der Natur tritt.

Jch kannte einen ſolchen Ungluͤcklichen, der den Entſchluß genommen hatte, ſich das Leben zu nehmen, weil er die Entdeckung eines Defekts bey der ihm uͤbergebnen Caſſe und aus dieſer Schande und Beſchimpfung fuͤrchtete. Er glaub - te alles verſucht zu haben, was ihm in dieſer Noth helfen konnte; aber es war vergeblich geweſen: und nun faßte denn die Verzweiflung den Vorſatz des Selbſtmords. Man las vorzuͤglich an dem Tage vor der Ausfuͤhrung ſeines Vorſatzes in ſeinem Angeſicht, daß ſchwarze Gedanken in ſeiner Seele waren eine aͤngſtlich machende Unruhe und Verwirrtheit hatte ſich uͤber ſein gan - zes Betragen ausgebreitet, er waͤre ſo gern vor ſich ſelbſt geflohen, und konnte doch nicht. Er ging noch am Abend vorher in ein oͤffentliches Haus, welches er oͤfters zu beſuchen pflegte, mit dem geheimen Wunſche, daß er doch auch itzt daſelbſt die ſchwarzen Wolken, die ſich um ſein Herz gedraͤngt hatten, zerſtreuen moͤchte, wie esſonſt323ſonſt wohl geſchehen war; aber ſtatt, daß er zu andrer Zeit der munterſte Geſellſchafter war, fiel er itzt in einen Schlaf. Man weckte ihn endlich er erſchrak. Es war ſchon ſpaͤt, doch jagte ihn die bange Verwirrung ſeiner Seele noch zu einem ſeiner Bekannten. So war er an dieſem Tage von einem zum andern getrieben, gleich als wenn er von Jedem Huͤlfe und Rettung erwartete, um die er zu bitten nicht im Stande war, wegen der Angſt, die ihn beklemmte. Gegen Mitter - nacht ging er zu Hauſe. Die That ſollte itzo ge - ſchehen aber die Liebe zum Leben verſchob die Ausfuͤhrung von einem Augenblick zum andern. Er oͤfnete das Fenſter, und wie es zu geſchehen pflegt, daß man in dem Zuſtande, wo alle na - tuͤrliche Hofnung verſchwunden iſt, auf alles, auch auf Wunder hoft, ſo ſchien auch er immerfort noch zu hoffen, ohne zu wiſſen worauf? So brachte er die Nacht zu, und die Daͤmme - rung verkuͤndigte ſchon den folgenden Tag, wel - cher die Veruntreuung des anvertrauten Gutes bekannt gemacht haͤtte. Da geſchah endlich die That, vor welcher ſeine Natur ſo lange und ſo weit ſie konnte, geflohn war.

Wie nun die Liebe zum Leben zuweilen unter - druͤckt werden kann, wenn nemlich die Regentin aller Neigungen des Herzens, die Selbſtliebe, ihre Rechnung beym Leben nicht findet, ſo kannX 2ſie324ſie auch auf der andern Seite andre Gefuͤhle un - terdruͤcken, und ſich zur Alleinherrſcherin des Be - gehrungsvermoͤgens machen.

Die unnatuͤrlichſten, graͤßlichſten Mittel wer - den zuweilen gebraucht, um ſich das Leben zu fri - ſten. Die Qual des Hungers und des Durſtes haben ſchon oft den Menſchen verfuͤhrt, die Dinge zu genießen, vor denen er ſonſt ſchauderte, und ſelbſt Menſchen zu ſchlachten, die aus ſeinem Blute entſprungen waren. So manche Belagerungs - geſchichte liefert hievon ſchreckliche Beyſpiele, und unter rohen Nationen kommen die Faͤlle noch haͤu - figer vor, weil bey dieſen die groben ſinnlichen Empfindungen die groͤßte Staͤrke haben, und die feinen Gefuͤhle des Herzens ſehr ſchwach ſind. Bey den Wilden, die um die Hudſonsbay woh - nen, ſoll, wie die Reiſebeſchreiber erzaͤhlen, zu - weilen der Fall eintreten, daß Eltern ihre Kin - der, Maͤnner ihre Weiber, und Bruͤder ihre Ge - ſchwiſter ſchlachten, um das Mark aus ihren Knochen zu ſaugen. Jch habe, erzaͤhlt Jere - mie*)Jn den Voyages au Nord., einen von dieſen Wilden geſehen, welcher mir ſagte, er habe ſeine Frau und ſechs Kinder verzehrt, und ſey nicht eher erweicht worden, als bey dem letzten, welchen er aufgezehrt hatte, weil er ihn am zaͤrtlichſten liebte. Als er dieſem den Kopf geoͤfnet habe, um ſein Gehirn zu verzehren,ſey325ſey er von dem vaͤterlichen Gefuͤhle geruͤhrt wor - den, und habe nicht Staͤrke genug gehabt, ihm die Knochen zu zerbrechen, um das Mark aus denſelben zu ſaugen.

So thieriſche Handlungen wirkt indeß mehr die unertraͤgliche thieriſche Empfindung des Hun - gers, als die Liebe zum Leben, oder, um deut - licher zu ſeyn, die Liebe zum Leben allein, ohne dieſe Qual der auf die Erhaltung des Koͤrpers zielenden Triebe, wuͤrde nicht zur Menſchenfreſ - ſerey verleiten.

Doch giebt es auch Menſchen, in welchen die Liebe zum Leben fuͤr ſich ſehr kleinlich, ſehr niedrig, ſehr ſchaͤndlich iſt. Die, welche niemals an ihre hoͤhere Beſtimmung gedachten, vor einer Zu - kunft, wo uͤber ihr Leben gerichtet wird, zu zit - tern haben; keine Guͤter kennen, als die auf der Erde genoſſen werden muͤſſen, und nichts in die Ewigkeit mitgeben; die beben vor dem Ausgang aus dem Leben, und koͤnnten ſelbſt Laſter begehen, um ſich vor der Senſe des Todes zu ſchuͤtzen. Wie Mancher, der uͤber Gott und Ewigkeit ſpottete, weil ſeinem Gewiſſen dieſe Gedanken ſchrecklich waren, hat auf dem Krankenbette ge - zagt und gezittert!

Wie Mancher, der weiter kein Gut auf Erden ſchaͤtzt, als ſeinen Mammon, moͤchte ſich in die Tiefe der Erde verbergen, wenn der NameX 3Tod326Tod genannt wird! weil dieſer ihn wegreißt von ſeinem Goͤtzen, der jenſeits des Grabes nicht mehr angebetet werden kann.

Bey Einigen iſt indeß dieſe aͤngſtliche Furcht vor dem Tode nicht ſowohl eine Folge der kleinli - chen Liebe zum Leben, als der ſchrecklichen Vor - ſtellung von dem, was dem Leben ein Ende macht. Aus dieſer Quelle fließt der Kleinmuth in Hinſicht des Sterbens bey denen, welche vor dem Tode ſich zu fuͤrchten nicht Urſach haͤt - ten, und in andern Stuͤcken ihre maͤnnliche Tu - gend bewieſen. Das Sterben iſt fuͤr jeden eine ſo neue, ungewoͤhnliche Situation; die Vorſtel - lungen von der Angſt derer, in welchen Tod und Leben mit einander kaͤmpfen, ſind ſo ſchauderhaft, daß auch der Mann wohl davor zittern kann. Sieht er uͤberdem einer ſchimpflichen grauſamen Todesart entgegen, ſo kann es um ſo leichter da - hin kommen, daß er verzagt wird, und alles an - wendet, ſich dieſer Todesart zu entziehen.

Diego de Almagro, welcher dem Wuͤtrich Pizarro zur Eroberung von Amerika zugeſellt war, entzweyte ſich mit dieſem, kriegte mit ihm, und wurde gefangen. Pizarro beſchuldigte ihn des Hochverraths, und verurtheilte ihn zum To - de. Almagro, der ſo oft dem Tode im Felde getrotzt hatte, wurde durch die Annaͤherung deſ - ſelben unter dieſer ſchimpflichen Geſtalt ſo erſchreckt,daß327daß er ſeine Zuflucht zu kleinmuͤthigen, ſeines vo - rigen Ruhms unwuͤrdigen Bitten nahm. Er bat, erzaͤhlt Robertſon*)Robertſ. Geſch. v. Amerika. Deutſche Ueberſ. v. Schiller. 2. Th. 242. 243., die Pizarros ſich der alten Freundſchaft zwiſchen ihrem Bruder und ihm zu erinnern, und wie viel er zum Gluͤck und Wohlſtande ihrer Familie beygetragen haͤtte. Er erinnerte ſie an die Menſchenliebe, womit er, den wiederholten Vorſtellungen ſeiner eignen getreuſten Freunde zuwider, ihr Leben geſchont, da er ſie in ſeiner Gewalt gehabt; er beſchwur ſie, ſich ſeines Alters und ſeiner Schwachheit zu erbarmen, und ihn den elenden Ueberreſt ſeiner Tage in Reue uͤber ſeine Verbrechen und Ausſoͤhnung mit dem Himmel zubringen zu laſſen.

Was bewog den alten Krieger zu dieſen klein - muͤthigen Bitten. Gewiß nicht die Furcht vor dem Tode; denn dieſen hatte er im Felde nicht ge - ſcheu't, und ging ihm auch nachher, als er ſahe, daß ſeine Bitten vergeblich waren, mit der Wuͤrde und Standhaftigkeit eines alten Kriegers entgegen. **)Ebend. S. 243. Es war die Furcht vor der Todesart. Der Kriegsheld zittert gewoͤhnlich eher, als ein Andrer vor dem Tode auf dem Kran - kenbette oder der Hinrichtung. Er denkt ſich kei - nen Tod, als den auf dem Bette der Ehre;X 4drum328drum iſt ihm eine toͤdliche Krankheit, die ihn um ſeinen Ruhm bringt, und das Schafot, welches ihn noch dazu beſchimpft, ſchrecklich. Bey Almagro verſtaͤrkte dieſe Furcht noch der Glau - be, daß er noch Zeit gebrauche, zur Verſoͤhnung mit Gott, und ſein ſchwaͤchliches Alter.

Ueberhaupt iſt die Furcht vor dem Tode in dem Alter ſtaͤrker, als in der Jugend, ſo na - tuͤrlich es auch auf der einen Seite ſcheint, daß der Juͤngling, welcher noch viel zu genießen er - wartet, und beſſer genießen kann, ſich mehr vor dem Verluſt des Lebens fuͤrchten muͤſſe, als der Alte, welcher ſchon genoſſen hat, und vieler Freuden des Lebens nicht mehr empfaͤnglich iſt. Aber es laͤßt ſich dieſe anſcheinende Ungereimt - heit ſehr leicht erklaͤren. Daß der Juͤngling das Leben lieber hat, als der Greis, iſt wohl nicht zu leugnen, da jener ſo viel noch Freuden im Le - ben genießt, als dieſer aber darum fuͤrchtet jener doch den Tod weniger, als der Greis. Der Juͤngling haͤlt den Tod noch fuͤr entfernt, der Alte ſieht ihn in der Naͤhe; darum muß er auf dieſen viel ſtaͤrker wirken, weil die Staͤrke des Eindrucks im umgekehrten Verhaͤltniß mit der Entfernung des Gegenſtandes, welcher Eindruck macht, ſteht. Dazu koͤmmt das leichtere Blut und der groͤßere Leichtſinn der Jugend, welche die Seele vor den Vorſtellungen vorbeyfliegen laſſen,in -329indem die Seele des Alten langſam vor ihnen vor - beyſchleicht, und ſie daher genauer betrachtet; und endlich die Schwaͤchlichkeit des Alters, welche auch den Geiſt und das Herz angreift, und klein - muͤthiger macht.

Vierte Unterhaltung. Ueber den Trieb zur Thaͤtigkeit.

Sunt autem clariora, vel plane perſpicua nec dubi - tanda indicia naturae, maxime ſcilicet in ho - mine, ſed in omni animali, ut appetat animus aliquid agere ſemper, neque ulla conditione quietem ſempiternam poſſit pati. (Cicero.)

So lange der Menſch lebt, und ſich ſeiner be - wußt iſt, fuͤhlt er in ſich den Reiz, bald dieſe, bald jene ſeiner Kraͤfte auf dieſe oder jene Art wirken zu laſſen. So iſt es bey Kindern, Juͤng - lingen, Maͤnnern und Greiſen; alle werden, wiewohl in verſchiednem Grade, von dem Triebe zur Thaͤtigkeit bewegt.

Es iſt nemlich zum Wohlbefinden des Men - ſchen nothwendig, daß er ſein Daſeyn wahrneh - me; denn nichts iſt unertraͤglicher, als der Ge - danke eine iſolirte Null in der Reihe der Dinge zu ſeyn: er kann ſich aber auf keine andre WeiſeX 5als330als Realitaͤt empfinden, als wenn er fuͤhlt, daß er wirkt, oder auf irgend etwas einen Einfluß hat. Darum muß der Menſch immerfort auf irgend eine Art thaͤtig ſeyn.

Die Grade der Staͤrke dieſes Triebes zur Thaͤtigkeit ſind freylich ſehr verſchieden. Man halte einen Sardanapal und Alexander, einen Abdul Hamid und Friedrich den Einzigen gegen einander, welch ein Unterſchied!

Je mehr Kraftgefuͤhl in dem Menſchen, deſto ſtaͤrker der Trieb ſeine Kraft anzuwenden oder thaͤtig zu ſeyn: je weniger Kraftgefuͤhl, deſto ſchwaͤcher dieſer Trieb. Wer ſich daran gewoͤhnt, nur zu genießen, ohne ſelbſt dazu wirkſam zu ſeyn, weicht ſeine Kraft auf, und kann daher von ihr nicht zur Thaͤtigkeit angereizt werden wer hingegen durch Uebung ſeine Kraͤfte ſtaͤrkt, ſchaͤrft eben dadurch auch die Antriebe, dieſelben zu gebrauchen.

Der Geiſt im Menſchen iſt es vorzuͤglich, der ſeine Thaͤtigkeit anregt: denn dieſer zeigt ihm mancherley Ziele, und eroͤfnet ihm mancherley Ausſichten, welche ihn zur Wirkſamkeit reizen koͤnnen. Er bringt die Vorſtellungen hervor, welche die erſten Keime der Handlungen enthalten, und weckt dadurch bald dieſe bald jene Neigung, die den Menſchen nicht unthaͤtig ſeyn laͤßt.

Je331

Je weniger Geiſt daher der Menſch hat, deſto geringer iſt ſein Thaͤtigkeitstrieb. Der Dumme oͤfnet den Mund, wo der geiſtige Haͤnde und Fuͤße gebraucht, weil er tauſend Gegenſtaͤnde ſieht, zu welchen dieſe ihn tragen und die er mit jenen ergreifen kann.

Jn traͤger Ruhe liegt der ungebildete Wilde, und regt ſich nur, wenn Jagd oder Krieg ruft, welches die einzigen Gegenſtaͤnde ſind, die lebhaf - te Vorſtellungen in ihm hervorbringen koͤnnen; indeß ſein ungluͤckliches Weib, welcher Sorge, Kummer, Schwaͤche und Furcht den Geiſt uͤben, Tag und Nacht arbeitet*)Robertſons Geſch. v. Amerika. 1. 437 ff..

Wenn irgend eine Leidenſchaft ſich des Her - zens bemeiſtert, welche bey jeder Gelegenheit an ſich erinnert, dann wird der Trieb zur Thaͤtigkeit ſehr lebhaft. Denn die Leidenſchaft erhaͤlt immer die Vorſtellung der Gegenſtaͤnde, die mit ihr ver - bunden ſind, und der Zwecke, die ſie hat, leben - dig, und erlaubt daher niemals, laͤßig und traͤge zu ſeyn.

Tag und Nacht denkt der Ehrſuͤchtige an das, was ſeiner Begierde Nahrung geben kann, und hat nie genug fuͤr ſeine Ehre gethan.

Tag und Nacht denkt der gewinnſuͤchtige Kaufmann auf neuen Gewinn, macht tauſend Verſuche, unterzieht ſich tauſend Beſchwerdenund332und Gefahren, weil er hinter ihnen immer das Ziel ſieht, zu welchem ſeine Gewinnſucht ihn hinzieht.

Tag und Nacht denkt der Selbſtſuͤchtige an die Vergroͤßerung, Erweiterung und Erhoͤhung ſeines geliebten Jchs. Er lebt in einem ewigen Planmachen, und laͤßt ſich keine Muͤhe verdrie - ßen, wenn er nur ſich ſelbſt dadurch verherrlicht ſieht.

Auch Gefuͤhl der Pflicht kann den Thaͤtig - keitstrieb wecken, und leitet ihn gewiß am ſicher - ſten, und belohnt ihn am edelſten. Denn durch Pflicht gefuͤhrt, verfehlt die Thaͤtigkeit nie ihres Ziels; ſie ſammelt wenigſtens dem Menſchen das Bewußtſeyn ein, ſeiner Beſtimmung Gnuͤge ge - leiſtet zu haben, und gewaͤhrt ihm dadurch eine unverſiegbare Quelle von Zufriedenheit, Ruhe und Gluͤckſeligkeit. Nichts aber kann den Trieb zur Thaͤtigkeit ſtaͤrker erregen, als wenn der Gedanke an den Werth und die Fluͤchtigkeit der Zeit dem Herzen beſtaͤndig gegenwaͤrtig iſt. Da iſt man aͤngſtlich um jede Minute, und hat keine Ruhe, wenn man nicht wirkt.

Die Langſamkeit der Amerikaner im Arbeiten leitet Robertſon mit aus der Urſache her, daß ſie die Zeit nicht zu ſchaͤtzen wiſſen. Wilden, ſagt er, die ſich ihres Unterhalts wegen nicht auf Be - muͤhungen eines ordentlichen Fleißes verlaſſen, iſtan333an der Zeit ſo wenig gelegen, daß ſie ſie gar nicht achten, und koͤnnen ſie eine Unternehmung nur ausfuͤhren, ſo bekuͤmmern ſie ſich nicht darum, wie lange ſie ſich damit beſchaͤftigen.

Alle Thaͤtigkeit zweckt entweder auf Nutzen oder auf Vergnuͤgen ab. Jene nenn 'ich Be - ſchaͤftigung, dieſe Spiel im allgemeinſten Sin - ne des Worts. Der Trieb zur Thaͤtigkeit findet ſich in allen Menſchen, doch nicht in allen der Trieb zur Beſchaͤftigung, wenigſtens iſt dieſer nicht ſo allgemein, als die Neigung zum Spiele.

Das Kind, welches noch gar die Vorſtellung von Nutzen nicht hat, ſpielt, ſo lange es nicht ſchlaͤft oder verlangt wenigſtens ſehr begierig dar - nach.

Der Landmann und Handwerker arbeitet die ganze Woche hindurch, um am Sonntag ſpielen und tanzen zu koͤnnen.

Selbſt der traͤge Wilde liebt allerley Arten von Spielen, und beſonders das Tanzen mit wil - der Heftigkeit. Spiel und hitzige Getraͤnke ſind außer den gewoͤhnlichen Maͤnnerbeſchaͤftigungen das Einzige, was den in Muͤſſiggang einſchlum - mernden aufwecken, und ihn zu ſolcher Leidenſchaft entflammen kann, daß er Haab und Gut, Weib und Kind, ja ſeine Freyheit ſelbſt aufs Spiel ſetzt, wie der roͤmiſche Geſchichtſchreiber derDeut -334Deutſchen ſelbſt von unſren die Freyheit uͤber al - les liebenden Vorfahren erzaͤhlt.

Daß die Neigung zum Spiel ſo allgemein und ſo lebhaft iſt, gehoͤrt gewiß mit unter die wei - ſeſten Einrichtungen der Natur. Wie bald wuͤr - de der Menſch ſich abſtumpfen und zu Geſchaͤften untuͤchtig machen, wenn er immer nur fuͤr ſeine oder irgend eines Andern Nutzen arbeitete, und nie Luſt haͤtte, ſich zu erholen und zu zerſtreuen.

Aber die Natur ſorgt dafuͤr, daß jeder Menſch das Beduͤrfniß der Erhohlung und Zerſtreuung fuͤhlen mußte; und pfropfte auf das Gefuͤhl dieſes Beduͤrfniſſes die Neigung zum Spiel, deren Quellen außer der angefuͤhrten hauptſaͤchlich fol - gende ſind.

Zuerſt die Beſchwerlichkeit der Langenweile, und die Unmoͤglichkeit alle ſeine Zeit mit nuͤtzender Thaͤtigkeit oder Ruhe auszufuͤllen. Beym Spiel vergeht die Zeit uns geſchwinder, weil wir nicht ihren Verlauf, ſondern vielmehr, da wir ſie an - genehm ausfuͤllen, ihren Verzug wuͤnſchen. Die Kraͤfte unſers Gemuͤths haben eine freyere Wirk - ſamkeit: ſie ſind auf nichts Beſtimmtes geheftet, und keinem Zwang unterworfen.

Eine andre Urſach der Neigung zum Spiele liegt in der angenehmen Unterhaltung, welche ſie der Sinnlichkeit oder irgend einer von den Kraͤf - ten des Gemuͤths gewaͤhren.

Die335

Die Schaukel, das Karuſſel und aͤhnliche Spiele gefallen wegen der angenehmen Empfin - dung, welche das durch die ſchnelle Bewegung bewirkte Durchziehen der Luft in dem Koͤrper her - vorbringt.

Das Soldaten -, das Richterſpiel und andre, welche ihnen aͤhnlich ſind, haben fuͤr den Kna - ben deswegen ſo viel Anziehendes, weil ſie die Phantaſie mit Bildern erfuͤllen, in welchen er ſich ſehr groß erſcheint.

Das Schachſpiel, Charaden - und Raͤthſel - ſpiel gefallen wegen der Unterhaltung, die ſie dem Verſtande gewaͤhren, und werden daher vor - nehmlich von denen geliebt, welchen Verſtandes - beſchaͤftigungen gefallen.

Andre Spiele endlich ſind deswegen intereſſant, weil ſie einer Neigung oder Leidenſchaft ſchmei - cheln, das Gemuͤth, dem Motion, eben ſowohl, wie dem Koͤrper angenehm und heilſam iſt, in Bewegung ſetzen, oder mit irgend einem Jntereſſe des Herzens zuſammenhaͤngen.

Dem Freunde des weiblichen, und der Freundin des maͤnnlichen Geſchlechts gefaͤllt das Pfandſpiel; dem Ehrgeizigen alle diejenigen Spie - le, wo es auf koͤrperliche oder geiſtige Geſchick - lichkeit ankoͤmmt; daher er auch diejenigen am liebſten ſpielt, in welchen er hervorſtechen kann dem Gewinnſuͤchtigen die Pharaobank, die ihm,wenn336wenn gleich ungewiſſe, doch angenehme Ausſich - ten in die Zukunft giebt.

Die Neigung ſehr vieler Menſchen zu dem Hazardſpiele uͤberhaupt, gruͤndet ſich auf die, durch das beſtaͤndige Hin - und Herfallen, aus einem Affekt in den andern, bewirkte angenehme Er - ſchuͤtterung, und bey Einigen auf die dadurch be - werkſtelligte Ausfuͤllung ihres leeren Herzens, wel - ches auf dieſe Weiſe doch durch ein Jntereſſe be - wegt wird.

Aus den angefuͤhrten Gruͤnden laͤßt ſich auch die große Liebe einiger Wilden zum Tanz und zu Wagſpielen, welche Robertſon vornehmlich von den Amerikanern bemerkt hat, erklaͤren. Als die Spanier, ſagt der philoſophiſche Ge - ſchichtſchreiber, zuerſt nach Amerika kamen, er - ſtaunten ſie uͤber die Liebe der Eingebornen zum Tanzen, und ſahen mit Verwunderung, ein in ſei - nen meiſten andern Geſchaͤften kaltes und ſchlaͤf - riges Volk aufleben, und ſich eifrig anſtrengen, ſo oft dieſer Lieblingszeitvertreib vorkam*)Robertſ. Geſch. v. Amerika. D. U. 1. Th. S. 456..

Wenn nun gleich bey dem Tanz der Ameri - kaner nicht, wie bey unſern geſitteten Taͤnzen, die Liebe, noch, wie bey dem ungeſitteten Tanzen, die grobe Begierde ihre Nahrung findet, weil ge - woͤhnlich jedes Geſchlecht beſonders ſeine Taͤnzefeyert337feyert*)Daſelbſt. S. 459.; ſo bewegt er doch auf eine andre Art das Gefuͤhl. Denn der Tanz iſt bey ihnen durch - aus mimiſch, und ſtellt dieſe oder jene feyerliche Handlung, dieſe oder jene intereſſante Begebenheit vor. Der Kriegstanz z. B. erinnert ſie an ihr Lieblingsgeſchaͤft, und muß daher fuͤr den Wilden, der weiter keine Beſchaͤftigung kennt, und doch zu - weilen das Beduͤrfniß fuͤhlt, ſeinem Gemuͤthe eine Bewegung zu machen, ſehr unterhaltend ſeyn**)Es iſt leicht zu begreifen, daß, ohnerachtet dem ro - hen Wilden alle anſtrengende Beſchaͤftigungen, wenn ſie nicht auch zugleich ſeine Leidenſchaften oder Be - gierden anfachen, zuwider ſind, doch auch der traͤge Muͤſſiggang auf die Laͤnge unertraͤglich werden muß. Das beſtaͤndige Stillſitzen macht das Blut traͤge und dick, und veranlaßt andre koͤrperliche Be - ſchwerden, welche hernach auch dem Herzen zur Laſt fallen und ihn verdrießlich machen. Hieraus fließt auch die ſtarke Neigung der Wilden zu hitzi - gen Getraͤnken und Schmauſereyen: denn dieſe ver - ſetzen ihn aus ſeinem traͤgen, beſchwerlichen Zuſtan - de, und geben ſeinem Blute und Lebensgeiſtern ei - nen raſchern Umlauf. Ein muͤſſiger Wilder, ſagt der ſchon oft genannte SchriftſtellerDaſ. S. 460., iſt ein trau - riges melancholiſches Thier; ſobald er aber den be - rauſchenden Trank koſtet, oder zu koſten hoft, wird er munter und froͤhlich. .

BeyY338

Bey den wilden Amerikanern kommt noch ein Grund hinzu, wodurch das Spiel und der Tanz fuͤr ſie intereſſanter wird. Sie halten ſie nemlich fuͤr Univerſalarzneyen und Univerſalſuͤhnopfer. So bald jemand krank wird, ſo verordnet man einen Tanz, als das wirkſamſte Arzneymittel zu ſeiner Wiederherſtellung; und kann er ſelbſt die Abmat - tung einer ſolchen Leibesuͤbung nicht aushalten, ſo tanzt der Arzt oder Zauberer an ſeiner Statt, als ob er die Wirkung ſeiner Munterkeit ſeinem Kran - ken mittheilen koͤnnte. Eben ſo werden auch die Spiele uͤberhaupt gebraucht*)Daſ. 455. 460..

Fuͤnfte Unterhaltung. Ueber den Trieb zur Veraͤnderung.

Es gehoͤrt nur eine ganz kleine Erfahrung dazu, um die Bemerkung zu machen, daß der Menſch einen Trieb zur Veraͤnderung fuͤhlt. Man mag nicht immer daſſelbe thun ſondern hat gern Abwechſelung im Handeln ſowohl als im Ge - nießen.

Auch wird es nicht viel Schwierigkeiten ha - ben, dieſen Trieb nach Abwechſelung aus der Na - tur der Seele zu erklaͤren, wenn man nur auf dieFolgen339Folgen Acht hat, welche mit der Thaͤtigkeit ſowohl als mit dem Genuß nothwendig verbunden ſind.

Alle Thaͤtigkeit iſt entweder Thaͤtigkeit des Geiſtes oder des Koͤrpers, und beyde entweder Beſchaͤftigung oder Spiel*)S. die vorige Unterhaltung..

Jſt der Geiſt beſchaͤftigt und die Beſchaͤfti - gung mit Schwierigkeiten verknuͤpft, welche durch das Jntereſſe nicht erſetzt werden, oder keine Sei - te zeigen, von welcher man ſie zu uͤberwinden hoffen koͤnnte; ſo erfordert dieſes eine ſtarke An - ſtrengung, bey der es der Seele nicht wohl iſt, weil dadurch das Gefuͤhl der Unvollkommenheit ſehr lebhaft und laͤſtig wird. Sie erlaubt daher der Phantaſie leichter auf irgend eine Weiſe eine Stoͤrung zu machen. Werden die Schwierig - keiten uͤberwunden, ſo gewaͤhrt dies freylich eine große Freude, und macht dieſe Beſchaͤftigung ſehr angenehm; indeß dann ſtoͤrt doch fuͤr den Augenblick die Freude ſelbſt, und verlangt wenigſtens eine kurze Zeit ſich ihrem Genuß zu uͤberlaſſen.

Koſtet eine Beſchaͤftigung nicht gar viele An - ſtrengung, ſo iſt die Ermattung freylich die Ur - ſach des Wunſches nach Abwechſelung nicht; in - deß die Abwechſelung ſelbſt geſchieht doch denn eben darum, weil man ſich nicht ſo ſtark anſtrengen darf, wird die Aufmerkſamkeit auch nicht ſo feſt ge - halten, und laͤßt ſich leicht auf etwas anders leiten.

Y 2Eben340

Eben ſo iſt es mit den Beſchaͤftigungen, bey welchen der Koͤrper und ſeine Gliedmaßen in Thaͤ - tigkeit ſind. Durch die Anſtrengung, ſie mag nun intenſiv oder extenſiv ſtark ſeyn, erſchlaffen die thaͤtigen Organe, und die Seele empfindet daher Unluſt uͤber der Beſchaͤftigung, weil ihre Befehle von dem ermatteten Koͤrper nur langſam und ſchlecht ausgefuͤhrt werden.

Ueberhaupt aber ſtrebt die Seele unaufhoͤr - lich nach einer Erweiterung ihres Vorſtellungs - kreiſes, beſonders dann, wenn ſie ſich ſo weit ent - wickelt hat, daß ſie nicht blos fuͤr die Sache des Koͤrpers thaͤtig iſt, wie bey dem ungebildeten Thei - le der Menſchen, welche man, und zwar allein in dieſer Hinſicht mit Recht, gemeine Leute nennt*)Gebildete Leute pflegen die Hirten und andre, wel - che einſame, nicht unterhaltende Geſchaͤfte betreiben muͤſſen, vorzuͤglich deshalb zu bedauren, weil dieſe Leute viel Langeweile haben, und in einem beſtaͤn - digen Einerley leben muͤſſen. Aber grade von die - ſer Seite empfinden ſolche Menſchen am wenigſten etwas, das Bedauren erregen duͤrfte. Sie fuͤhlen keine Langeweile ihr Jdeenkreis iſt ſo klein als ihre Huͤtte, und ſo wie dieſe ihnen nicht zu eng vor - kommt, weil ſie fuͤr ſich und die Kleinigkeiten, welche zu ihrer Wirthſchaft gehoͤren, Platz genug darin finden; ſo auch jener nicht, weil ſie ſelbſt unter derkleinen; ſondern ſich ſchon ihrer vorzuͤglichenBe -341Beſtimmung bewußt iſt, und das große Gebiet er - blickt hat, in welchem ſie wirken und Nahrung fuͤr ſich ſammlen kann.

Es giebt einen ungluͤcklichen Veraͤnderungs - trieb, welcher eine gewoͤhnliche Folge der ſogenann - ten Hypochondrie zu ſeyn ſcheint. Kaum hat man irgend ein Geſchaͤft angefangen, ſo iſt man deſſelben muͤde; kaum hat man dies oder jenes ſich zu vergnuͤgen unternommen, ſo iſt man deſſelben uͤberdruͤßig. Jch erklaͤre mir dieſe große Veraͤn - derlichkeit aus der von der aͤußerſt peinigenden Krankheit bewirkten Schwaͤche und Stumpfheit des Geiſtes; welcher nicht ſo viel Kraft hat, ſich in der Mitte und im Gleichgewicht zu erhalten, ſondern wenn er einmal aufgeweckt wird, alle ſei - ne Kraͤfte mit uͤbergroßer Heftigkeit anſtrengt, aber dann wieder ganz ſchlaff und unthaͤtig da liegt. Man faͤngt eine Arbeit an, aber bald wird man gewahr, daß es an Kraft zu derſelben fehle; dieY 3Angſt*)kleinen Zahl von Vorſtellungen noch immer genug finden, was ſie noch vielmal intereſſant genug un - terhaͤlt, weil ihr Verſtand nicht ſo ſcharf ſieht, daß er mit einem Blick den ganzen Jnhalt der Vorſtel - lung auffaßte. Man gebe nur Acht, mit welchem Jntereſſe der gemeine Mann auch das funfzigſte Mal noch von derſelben Sache ſpricht, und man wird ſich leicht uͤberzeugen, daß er ſowohl in den Beduͤrfniſſen ſeines Geiſtes, als ſeines Koͤrpers ſehr genuͤgſam iſt.342Angſt des Herzens verwirrt den Geiſt, und be - woͤlkt die Heiterkeit deſſelben: ſo wird man von einer Arbeit zur andern gejagt, man hoft immer bey der, die man vornehmen will, gluͤcklicher zu ſeyn, und ſieht, wenn man ſie wirklich vorgenom - men hat, ſeine Hofnung getaͤuſcht.

So wie nun der Trieb nach Veraͤnderung und Abwechſelung bey Beſchaͤftigungen wirkt; ſo wirkt er auch bey Spielen. Manche ermuͤden ſo gut, wie Beſchaͤftigungen den Geiſt oder Koͤr - per, und fordern deswegen zur Veraͤnderung auf; manche gefallen blos, weil ſie etwas anders, als das Gewoͤhnliche und Alte ſind, und hoͤren daher auf angenehm zu ſeyn, wenn ſie nicht mehr den Reiz der Neuheit haben. Ueberdem koͤnnen hun - dert zufaͤllige Urſachen dem Spiel das Anziehende rauben, und die Wuͤnſche auf andre Gegenſtaͤn - de leiten.

Genuß ermuͤdet endlich ſo gut wie Thaͤtigkeit, weil er die Organe des Empfindens, oder der Einbildungskraft anſtrengt, und die Aufmerkſam - keit anzieht.

Außer den angefuͤhrten Urſachen haben noch andre einen Einfluß in den betrachteten Trieb. Der Wille haͤngt uͤberhaupt von den Vorſtellun - gen ab, und wird alſo auch mit dieſen veraͤndert. Worin man heute blos etwas Angenehmes ent - deckt, und daher daſſelbe begehrt, da ſieht manmorgen343morgen vielleicht ſchon unangenehme Beſchaffen - heiten, und zieht ſich daher von demſelben zuruͤck.

Wer koͤnnte außerdem alle Urſachen aufzaͤh - len, durch welche der ganze innere und aͤußere Zuſtand des Menſchen, und das Verhaͤltniß der Dinge zu ihm geaͤndert werden kann, die indeß doch alle als Gruͤnde des Veraͤnderungstriebes berechnet werden muͤſſen.

Neben dieſem Trieb nach Veraͤnderung aber findet ſich auch in der Seele ein Hang ihren ge - genwaͤrtigen Zuſtand fortzuſetzen. Wie die Flieh - und Schwerkraft die Himmelskoͤrper in ih - rer regelmaͤßigen Bewegung erhalten, ſo dieſe beyden Triebe gemeinſchaftlich die Seele. So wie der Trieb nach unablaͤſſiger Aenderung und Abwechslung, ſagt einer der erſten Kenner der menſchlichen Natur, keine Fortdauer einer und derſelben voͤllig gleichen Faſſung verſtattet; ſo ver - ſtattet der Hang nach der Fortſetzung des jedes - maligen Zuſtandes der Seele keinen Sprung, kei - ne ploͤtzliche Umwaͤlzung, keine unmittelbare Fol - ge ganz entgegengeſetzter Zuſtaͤnde. *)Engels Mimik. 2. Th. S. 238. 239.

Der Grund dieſes Triebs liegt in dem Geſetze der Jdeenadſociation, welchem alle Bewegun - gen und Veraͤnderungen des Gemuͤths unterwor - fen ſind. Die Seele kann keine neue Reihe von Vorſtellungen anfangen, ohne die VermittlungY 4derer,344derer, welche gegenwaͤrtig in ihrem dunkeln oder klaren Bewußtſeyn ſind. Auch wenn die Ueber - gaͤnge aus einem Verlangen in das andere, einen Gemuͤthszuſtand in den andern, noch ſo abgebrochen zu ſeyn ſcheinen; ſo wird man doch bey ein wenig Ueberlegung finden koͤnnen, daß irgend eine an die gegenwaͤrtigen Vorſtellungen gebundene, oder durch ſie geweckte Vorſtellung, die Seele aus jenem Zu - ſtand in dieſen hinuͤberfuͤhrte. Der eben ange - zogne Meiſter in der Entwicklung der verſchiednen Seelenzuſtaͤnde des Menſchen, hat in dem Brief, aus dem ich die angefuͤhrten Worte entlehnte, mehrere hieher gehoͤrige vortrefliche Bemerkungen, beſonders in Beziehung auf die Uebergaͤnge aus einem Affekt in den andern gemacht, die ſich leicht allgemein anwenden laſſen.

Sechſte Unterhaltung. Ueber den Trieb der Nachahmung.

Mit dem bisher betrachteten Triebe der Thaͤtig - keit und Veraͤnderung haͤngt der Trieb zur Nach - ahmung*)Jch nehme hier Nachahmen im ganz allgemeinen Sinne, da es uͤberhaupt das Nachbilden fremder Beyſpiele bedeutet. Sonſt wird es eigentlich im en -gern innig zuſammen. Man wuͤnſcht im -mer345mer ſeine Kraͤfte anzuwenden und wirken zu koͤn - nen, und folgt darum, wenn man das Wie? nicht ſelbſt beſtimmen kann, Andern.

Y 5Die

*)gern Sinne gebraucht, und von Nachmachen, Nachthun, Nachaͤffen unterſchieden.Nachahmen bedeutet im letztern Sinn ſich das zu eigen zu machen ſuchen, was den innern Grund der aͤußern Erſcheinungen in den Handlun - gen oder uͤberhaupt der Natur andrer erhaͤlt, und ſteht in dieſer Bedeutung vorzuͤglich dem Nachaͤffen entgegen, welches eine blinde Copirung des Aeußern an andern Dingen ausdruͤckt, welches eine Eigen - ſchaft der Affen iſt. Der Nachahmer ſucht den Geiſt nachzubilden, der Nachaͤffer den Buchſtaben zu kopiren. Der Chriſt ſoll Chriſtus Beyſpiel nachahmen, d. h. ſolche Geſinnung und Denkungs - art, ſolche Tugend und Froͤmmigkeit ſich zu ver - ſchaffen ſuchen, als ſein großer Lehrer hatte.So ahmt man eines Schreibart nach, wenn man ſich bemuͤht, die Gruͤnde kennen zu lernen, durch welche jener ſich dieſe Manier zu eigen machte, und hiernach ſeine Ausdrucksfaͤhigkeit bildet: man aͤfft ſie nach, wenn man die Phraſen und Ausdruͤ - cke des Andern nachlallt, und ſeine Wortſtellungen, Perioden u. ſ. w. nachpinſelt, wie im zweyten und dritten Jahrhundert die ignoranten Nachaͤffer des Herodots und Thucydides, und zu unſern Zeiten manche Klopſtockianer und Lavaterianer.Jn

346

Die ganze Culturgeſchichte iſt ein Beweis von dem Daſeyn dieſes Triebes in dem Herzen der Menſchen.

Die

*)Jn Paris, erzaͤhlt Herr Rath Schulz in der Fortſetzung der Geſchichte der Revolution in Frank - reich im Braunſchweigiſchen Allmanach fuͤr 1791, aͤfften die Kinder die ſoldatiſchen Aufzuͤge der Alten nach. Es zogen ſich Hunderte von Kindern zuſam - men, die hinter Kindertrommeln und roſenrothen Fahnen mit hoͤlzernen Gewehren, Knitteln und Stangen bewafnet, und mit Grenadiermuͤtzen von bemahlten Papier auſgeputzt, ernſthaft einher mar - ſchirten, und eines Schreyens ſchryen: Hoch lebe die Nation! Man bemerkte, daß auch in dem Punkt die Kinder den Alten nachahmten, daß ſie in ihrem Korps Alle frey ſeyn und Alle be - fehlen wollten; daß ſie ihre Oberſten und Generale nach Willkuͤhr abſetzten; daß ſie ſogar einen darun - ter, der ſich auf die ihm anvertraute Macht und Gewalt berief, um einen Widerbeller zu beſtrafen, den Proceß machen, und ihn, alles nach der Weiſe der Alten, an einen Reverbere hinaufziehen wollten. Ein Detaſchement der Buͤrgerwache kam noch eben zu rechter Zeit, ihn zu retten.Nachmachen bedeutet: das Werk eines Andern nachbilden. So macht z. B. die Stickerin, die Blumen nach dem Muſter oder der Mechani - kus ein Jnſtrument, eine Maſchiene nach einem Modell.Nach -

347

Die Griechen ahmten den Egyptiern, den Griechen die Roͤmer, dieſen die Spanier, Fran - zoſen u. ſ. w. nach und daß die Deutſchen der Franzoſen Nachahmer ſind, davon ſind ja wohl gute und boͤſe Beyſpiele und Beweiſe genug.

Es iſt dieſes Nachahmen Andrer ſo natuͤrlich und oft ſo unwillkuͤhrlich, daß einzelne Menſchen oft, ohne daß ſie es bemerken, Andre kopiren, ihre Manieren, Gewohnheiten, Eigenheiten an - nehmen.

Auch iſt es nicht ſchwer die Gruͤnde dieſes Triebes, etwas Fremdes nachzubilden, ausfindig zu machen.

Der erſte Grund liegt in einem gewiſſen ſym - pathetiſchen Gefuͤhle, welches, wenn nicht etwas anders uns ſtaͤrker zuruͤckhaͤlt, uns reizt, das nachzuahmen, was wir wahrnehmen und uns in ein Mißbehagen verſetzt, wenn wir es nicht thun. So iſt es einem z. B. aͤußerſt zuwider, wenn, waͤhrend daß er eine Arbeit verrichtet, wel - che ihn zum Stilleſeyn noͤthigt, Andre um ihn her laͤrmen und unruhig ſind. Er fuͤhlt einen Reizes*)Nachthun heißt endlich eine Handlung nach dem Muſter eines andern einrichten. So thut es z. B. keiner Blanchard ſo leicht nach, daß er, wie dieſer, in dem Luftſchiff in die Hoͤhe ſteigt. Was Friedrich that, ſagt man, das thut ihm ſo leicht niemand nach.348es mitzumachen, und kann oder darf doch nicht. Dieſe Disharmonie zwiſchen der Neigung und Nothwendigkeit verurſacht denn die unangenehme Empfindung. Aber woher nun dieſer Reiz des Gefuͤhls? warum fuͤhlt man bey der Wahrneh - mung fremder Handlungen einen Trieb dieſelben nachzubilden?

Die Handlungen des Menſchen haͤngen von ſeinen Vorſtellungen ab. Die Vorſtellungen, die im Gemuͤthe lebendig ſind, enthalten die erſten Reize zu den Handlungen, auf welche ſie ſich be - ziehen, und bewirken die Handlungen auch wirk - lich, wenn nicht etwa andre Vorſtellungen, wel - che lebhafter ſind, ſie verdunkeln und unwirkſam machen. Jede koͤrperliche Handlung hat ihre er - ſte Urſach in einer Vorſtellung des Gemuͤths, und daß man ſich deſſen bey den alltaͤglichen Handlun - gen z. B. dem Bewegen der Haͤnde, Fuͤße und andrer Gliedmaßen nicht bewußt iſt, kommt blos daher, daß durch die nothwendige oͤftere Wieder - hohlung derſelben Action die Handlung ſo gelaͤufig geworden iſt, daß deren Reiz in der Vorſtellung ganz unmerkbar ſeyn kann, um die Handlung zu bewirken. Man kann es aber ſehr leicht gewahr werden, daß es ſich ſo verhaͤlt, wie eben bemerkt iſt, wenn man ſich nur an den Zuſtand erinnert, wo die Thaͤtigkeit mit der Traͤgheit zu kaͤmpfen hat, z. B. in dem Zuſtande, wo man ſich zwi -ſchen349ſchen Schlafen und Wachen befindet. Jn die - ſem Zuſtande kann man die zur Handlung anfor - dernden Vorſtellungen ſehr gut wahrnehmen, weil ſie lange antreiben muͤſſen, ehe das geſchieht, wo - zu ſie ermuntern.

Wenn man nun irgend eine Handlung wahrnimmt, ſo erweckt dieſe in dem Gemuͤth ei - ne Vorſtellung von ſich, welche in der Regel leb - hafter ſeyn muß, als wenn ſie ohne die Handlung, durch die Aſſociation der Jdeen, zum Bewußtſeyn gekommen waͤre, da ſie von dem ſinnlichen Ein - drucke, den die Wahrnehmung der Handlung macht, unterſtuͤtzt wird.

Dieſe Vorſtellung nun bringt in dem Wahr - nehmenden einen Reiz zu derſelben Handlung her - vor; ſetzt ſeine Thaͤtigkeitsfaͤhigkeit in Bewegung: die Handlung wird nachgeahmt.

Die harmoniſch geſpannte muſikaliſche Saite zittert einer andern nach, ſagt der tiefſinnige Te - tens*)Philoſophiſche Verſuche uͤber die menſchliche Natur und ihre Entwickelung 1. Band. S. 670., wenn letztere die Luft, und dieſe wieder die nachzitternde Saite auf eine aͤhnliche Art in Schwung bringt, wie die erſtere es ſelbſt iſt. Das Parallel hievon bey dem Menſchen iſt, daß der Vorgang des Einen dem Andern dieſelbigen Empfindungen beybringet, und ſeine thaͤtige Kraftauf350auf eine aͤhnliche Art zu einer aͤhnlichen Aeußerung reizet.

Die franzoͤſiſche Revolution hat bekanntlich in mehrern Laͤndern, und auch in unſerm lieben Deutſchland, Nachahmungen hervorgebracht. Gewiß haben vorher nicht blos einzelne Menſchen, ſondern auch wohl ganze Buͤrger - und Bauer - ſchaften den Druck empfunden, welchen ſie itzt als die Urſach des Aufſtandes angeben; aber ſie blieben in Ruhe, weil ſie noch keine aͤhnliche wirkliche Handlung vor ſich hatten, ſondern ſich dieſelbe allenfalls blos als moͤglich vorſtellen konnten. Sobald nun aber die laute Fama durch die Zeitungsblaͤtter oder politiſchen Declamatoren die Thaten der Franzoſen verkuͤndigte, empfan - den ſie auch einen Reiz aus ihrer Ruhe aufzuſte - hen, denn die Vorſtellung, daß Andere ſo etwas thaten, war von ſtaͤrkerer Wirkung, als das Gefuͤhl des Drucks, weil ſie manche andre Trie - be und Neigungen aufwiegelte, welche die Aus - fuͤhrung der Handlung, die ſie vorſtellte, beſchleu - nigen konnten.

Selbſt diejenigen, welche vielleicht bisher nie gefuͤhlt hatten, daß ihre Lage druͤckend war, wur - den dadurch rege gemacht; denn die Erzaͤhlungen aus Frankreich machten ſie darauf aufmerkſam, daß auch ſie Kraͤfte haͤtten, welche auf eine aͤhn -liche351liche Weiſe vielleicht nicht ohne Nutzen wirkſam ſeyn koͤnnten.

Auf dieſe Kraft, welche eine wahrgenomme - ne Handlung hat, den Wahrnehmenden zu ihrer Nachbildung zu beſtimmen, gruͤndet ſich der gro - ße Einfluß, welchen das Beyſpiel auf die Bil - dung des Menſchen hat. Die Handlungsart des Menſchen gruͤndet ſich auf ſeine Denkungsart: und diejenigen Vorſtellungen, welche ihm an gelaͤufigſten ſind, druͤcken ſich auch am haͤufigſten in ſeinen Handlungen und den Aeußerungen ſei - nes Begehrungsvermoͤgens uͤberhaupt aus. Oef - ters wahrgenommene Beyſpiele koͤnnen daher nie ohne einige Wirkung bleiben, weil ſie den, der ſie wahrnimmt, an die Vorſtellungen, welche ſich auf ſie beziehen, gewoͤhnen, und auf dieſe Weiſe in die Handlungsart uͤbergehen*)Niemand hat ſich oͤfter an den großen Einfluß des Beyſpiels auf das menſchliche Herz zu erinnern, als diejenigen, welche ihre Bruͤder lehren und bilden ſollen. Die feinſte Lehre und die treflichſte Moral wirkt das nicht, was ſie wirken koͤnnte, wenn das Leben des Lehrers und des Moraliſten nicht mit ſeiner Lehre uͤbereinſtimmt. Ja, je aner - kannt vortreflicher ein Lehrer, als Lehrer iſt; des ſto nachtheiliger kann er fuͤr die, die er bilden ſoll, werden, wenn er kein guter Menſch iſt. Der ſchon gebildete und feſte moraliſche Charakter wirdfrey -.

Es352

Es iſt erſtaunend, wie ſehr Mancher, der haͤufig mit einer Perſon, welche ſeine Aufmerk -ſam -*)freylich von dem vortreflichen Lehrer Nutzen zie - hen, ohne durch den ſchlechten Menſchen Scha - den zu leiden. Aber fuͤr dieſen wird ja auch nicht geredet und geſchrieben. Wer bilden und lehren will, hat den groͤßern Theil des Menſchen, das heißt, die noch nicht gebildeten, im Auge.Diejenigen, meine Bruͤder, welche wie ich den hohen Beruf, Menſchen zu Menſchen zu ma - chen, haben, werden von der Wahrheit des Ge - ſagten durch ihre eigne Erfahrung uͤberzeugt ſeyn, und die Wichtigkeit dieſer Wahrheit fuͤhlen!Wodurch wirkte ein Socrates, Chriſtus, Luther, Zollikofer, Spalding und ihnen aͤhnliche Maͤnner auf ihr Jahrhundert und die Nachwelt ſo vortheilhaft? Dadurch, daß ſie lebten, wie ſie lehrten, daß ſie ſelbſt ſo handelten, wie ſie's von Andern forderten.Maͤnner, die ihr eure Bruͤder lehren ſollt, die Religion, dieſe gute Freundin der Tugend, zu lie - ben und werthzuſchaͤtzen, vergeßt, vorzuͤglich itzt, wo hie und da der Leichtſinn in der Religion allgemeiner werden will, nicht, daß ihr, um eure er - habene Pflicht zu erfuͤllen, nicht blos Religion pre - digen, ſondern Religioſitaͤt in Herzen haben, und in eurem Wandel zeigen muͤßt! Jhr empfehlt euren Bruͤdern das Beyſpiel Jeſu Chriſti: ahmt ihr ſelbſt ſeinem Beyſpiel nach, und eure Lehren werdenwilli -353ſamkeit auf ſich zieht, umgeht, doch dieſen Um - gang veraͤndert, wie er ſo ganz das Gegentheil von dem werden kann, was er vorher war. Vom Aeußern faͤngt gewoͤhnlich die Veraͤnderung an, weil man dies am erſten und am haͤufigſten ſieht, und daher am leichteſten kopiren kann. Die Aus - ſprache, der Gang, die Tragung des Koͤrpers u. ſ. w. werden aͤhnlichen Aeußerungen des, den man zu ſeinem Original nimmt, nachgemacht. Aber dabey bleibt es nicht. Dieſe Nachahmung des Aeußern ſelbſt erleichtert die Nachbildung ſeines Jnnern. Man gewoͤhnt ſich an die Ge - ſinnung und Denkungsart des, dem man nach - ahmte.

Wohl

*)willigere Annahme finden, und in das Leben eurer Bruͤder uͤbergehen!O moͤchten doch alle Schriftſteller bedenken, daß nicht ihre Schriften allein, ſondern auch ihr Leben Einfluß hat; ja dieſes mehr Einfluß haben kann, als jene; vornehmlich itzt, wo man ſich ſo gern und ſo genau um das Privatleben gekannter Maͤnner bekuͤmmert!Wenn die warme Theilnehmung des Herzens, womit ein Wunſch geaͤußert wird, zu ſeiner Erfuͤl - lung mitwirken kann, ſo bleibt mein Wunſch, dem die Menſchheit mehr Autoritaͤt giebt, als der be - kannteſte Menſch ihm geben kann, gewiß nicht ganz unerfuͤllt

Z354

Wohl dem, deß Vorbild gut iſt! wehe dem, bey welchem das Gegentheil ſtatt findet!

Außer dieſem in der Natur der Vorſtellungen und der Macht der Gewohnheit liegenden Quelle des Nachahmungstriebes, kommen noch andre in Betracht, aus welchen derſelbe Leben und Nah - rung zieht.

Es iſt ein unmittelbar aus der Selbſtliebe zu erklaͤrender Wunſch eines jeden Menſchen, ſo viel Vollkommenheiten und Vorzuͤge in ſich zu ver - einigen, als moͤglich.

Wenn man daher an Andern etwas wahr - nimmt, welches man fuͤr vollkommen, ſchoͤn und gut haͤlt, ſo wird man ſich bemuͤhen, dieſes nach - zuahmen, und es um ſo leichter ſich zu eigen ma - chen, da unſre Meynung es fuͤr Vollkommenheit, mithin fuͤr etwas Wichtiges haͤlt, und unſre Auf - merkſamkeit alſo ſich mit Ernſt darauf richtet.

Man kann daher aus dem, was ein Menſch nachahmt, einen ziemlich ſichern Schluß auf das, was in ihm ſelbſt iſt, auf ſeine Denkungsart und ſeinen Charakter machen. Freylich mit Vor - ſicht und Urtheil. Denn es iſt, wie ſchon aus dem Vorigen erhellt, nicht immer noͤthig, daß man etwas fuͤr Vollkommenheit halte, um Nei - gung zur Nachahmung deſſelben zu bekommen. Es geht oft ſogar das in einen uͤber, was man fuͤrſehr355ſehr unvollkommen haͤlt, wenn es nur die Auf - merkſamkeit an ſich zieht.

Wie Mancher hat ſchon fuͤr den Spott uͤber die Fehler Andrer damit buͤßen muͤſſen, daß dieſe Fehler in ihn ſelbſt uͤbergingen. Wie Man - cher iſt z. B. uͤber dem verſpottenden Nachſtam - meln Andrer ſelbſt zum Stammler geworden! Wie dies moͤglich ſey, iſt aus dem zuerſt ange - fuͤhrten Grunde des Nachahmungstriebes leicht zu begreifen.

Bey Einigen endlich wird der Trieb zur Nach - ahmung durch den Wunſch erregt, ſich Anderen angenehm zu machen.

Der Menſch ſieht es gern, wenn Andre mit ihm harmoniren, und ihre Handlungen, Geſin - nungen und Meynungen den ſeinigen aͤhnlich ma - chen, weil dies ein Beweis iſt, daß er Autoritaͤt hat, und alſo ſeiner Eigenliebe dadurch geſchmei - chelt wird. Wenn daher jemandem um die Zu - neigung oder Gnade eines Menſchen zu thun iſt, ſo wird er dadurch bewegt werden, die Mittel zu gebrauchen, welche ihm das Verlangte verſchaffen koͤnnen, und daher auch zur Nachahmung gereizt werden.

Dies war der Grund des Nachahmungstrie - bes bey den Hofleuten des Großen Alexanders, welche die Nachbildung des Koͤnigs ſo weit trie - ben, daß ſie ſogar ihren Kopf, den AlexanderZ 2etwas356etwas ſchief trug, in dieſelbe Lage zu gewoͤhnen ſuchten.

Dies iſt der Grund, warum Verliebte oft ihre ganze Jndividualitaͤt, ſo weit ſie veraͤußerlich iſt, mit einander vertauſchen, und warum Schmeichler gewoͤhnlich, wenigſtens in dieſem Betracht, Pinſel im eigentlichſten Verſtande ſind.

So groß indeſſen die Macht des Nachah - mungstriebes uͤber den Menſchen auch iſt, ſo iſt er doch derſelben nicht unbedingt unterworfen, ſon - dern kann ſie, wenn er nur Willen und Kraft hat, gaͤnzlich ſchwaͤchen, oder wenigſtens ihren Einfluß nach Willkuͤhr modificiren.

Wer Gefuͤhl von eignem Werth und Voll - kommenheit hat, und ſeinen Willen durch den pruͤfenden Verſtand, nicht durch einen blinden Jnſtinkt beſtimmen laͤßt, wird kein ſclaviſcher Nachbilder werden, und ſelbſt das, was er an Andern Vollkommnes ſieht, nicht blos nachaͤffen, ſondern ſeinen innern Gruͤnden nach in ſich her - uͤbertragen, und es im eigentlichen Sinn ſich zu eigen machen.

Wer hingegen ſchwach iſt, das heißt, wer kein feſtes Zutrauen zu ſich ſelbſt hat, oder wegen des Gefuͤhls von Schwaͤche und Unvollkommen - heit nicht haben kann; wer ohne Urtheil und Scharfſinn iſt; wer ſeinen Verſtand, der allein Fuͤhrer ſeyn kann, von der blinden Neigungfort -357fortſchleppen oder fortreißen laͤßt; der wird frey - lich keinen Tritt thun, als der von einem Andern ſchon ausgetreten iſt; der wird auch wohl Fehler annehmen, und, ohne daß er es ſelbſt weiß, eine geſchmackwidrige Kopie werden. Jeder, der die Kunſt verſteht, einem ſolchen Schwaͤchling zu imponiren, das heißt, ſich ihm als wichtig und uͤber ihn erhaben vorzuſtellen, wird die Freu - de haben, von ihm nachgebildet zu werden. Jn - deß ſo empfaͤnglich dieſe Schwachen fuͤr jeden fremden Eindruck ſind; ſo genau ſie ſelbſt die ge - ringſten Eigenthuͤmlichkeiten ihres Originals, Ge - berden, Gang, Stellung und Stimme nach - formen; eben ſo ſchnell wird auch alles, was ſie angenommen haben, wieder ausgetilgt, ſobald ſie ein andres Muſter finden, welches ſtaͤrker auf ſie wirkt, oder ihr Gott, nach dem ſie ſich bilde - ten, vor ihren Augen verſchwunden iſt.

Zu große Geneigtheit zum Nachahmen ſetzt immer Schwaͤche voraus; aber auf der andern Seite muß ja nicht die Unwirkſamkeit des Nach - ahmungstriebes ſogleich einer Staͤrke der Seele zugeſchrieben werden. Wo dieſer Trieb wirken ſoll, muß Reizbarkeit des Gefuͤhls, und wenig - ſtens eine Art von Werthſchaͤtzung des Guten und Vollkommnen ſeyn. Aber es giebt, wie der vortrefliche Garve ſagt, ganz mittelmaͤßige Koͤpfe und Seelen, die nicht nachahmen, weilZ 3ſie358ſie nicht aufmerkſam ſind; weil ſie das Gute vom Schlechten nicht unterſcheiden; weil keine Art von Vortreflichkeit auf ſie Eindruck macht; weil ſie weder Ehrgeiz noch irgend einen lebhaften An - trieb haben. *)Philoſophiſche Anm. und Abh. zu Cicero von den Pflichten, 1. Th. S. 187.

Daß der Trieb zur Nachahmung, wie alles, was die Natur den Menſchen ſchenkte, ſehr wohlthaͤtig ſey, kann man ja wohl aus einer nur fluͤchtigen Betrachtung deſſen, was dadurch ge - wirkt werden kann und ſchon gewirkt iſt, leicht einſehn. Daß er aber auch, wie es der Wille der Natur war, mit Weisheit geleitet werden muͤſſe, wenn er wohlthaͤtig ſeyn und nicht ſchaͤd - lich werden ſoll, wird ſich ſchon aus den vorher - gehenden Betrachtungen ergeben, denen ich noch Folgendes beifuͤge, welches ich zum Theil dem Cicero und ſeinem philoſophiſchen Commentator verdanke.

Nicht alles, was an Einem vortreflich, ſchoͤn und gefallend erſcheint, erſcheint deshalb auch an dem andern ſo. Einen Mann von Anſehn und bewaͤhrter Tugend, ſteht Freymuͤthigkeit und offnes Urtheil uͤber Fehler Andrer ſehr wohl; in einem Menſchen ohne Tugend und rechtmaͤ - ßiges Anſehn aber, wuͤrde ſie Frechheit ſeyn. Daß der große Koͤnig ſeine Raͤthe und Diener genau beobachtete und ihnen ihre Fehler verwies,wird359wird ihm als Tugend angerechnet, da daſſelbe hingegen einen widrigen Eindruck auf uns machen muͤßte, wenn es von einem ſeiner Kuͤchenbedien - ten unberechtigterweiſe geſchehen waͤre.

Man muß daher, wenn man irgend etwas, das gut und vortreflich iſt, nachahmen will, vor - her genau berechnen, ob es auch mit den uͤbrigen Eigenſchaften und Beſchaffenheiten unſrer indivi - duellen Natur zuſammenpaſſe; ob es fuͤr uns in dem Grade erreichbar ſey, wo es gut und vor - treflich iſt, und ob es nicht in dem Andern blos deswegen ſo erſcheine, weil er Eigenſchaften hat, die wir nicht haben, in Umſtaͤnden iſt, in welchen wir uns nicht befinden. Wer bey der Nachah - mung ſeine Originalitaͤt, oder das, was ſeine Natur macht, und ſie von Andern unterſcheidet, aufopfert; der hat das hingegeben, was ſeinem Charakter Haltung und Gleichgewicht geben ſollte, und iſt dem Schiffe zu vergleichen, welches ohne Maſt und Steuerruder auf dem Meere treibt, ein Spiel der Winde iſt, und leicht auf den Strand gerathen, oder an den Klippen zerſchmiſſen werden kann.

Admodum*) Jeder bleibe bey dem, was ihm eigenthuͤmlich, und nicht an ſich fehlerhaft iſt. Dies iſt das beſte Mit - tel, immer den Anſtand zu erhalten. Die, ſagt Cicero, tenenda ſunt ſua cuique, non vitioſa, ſed tamen propria,Z 4quo360quo facilius decorum retineatur. Sic enim eſt faciendum, ut contra univerſam na -turam*)Die vornehmſte Pflicht iſt, nichts zu thun, was der allgemeinen Natur des Menſchen wider - ſpricht; die zweyte, unſrer beſondren Natur zu fol - gen. Dies Letztere geht ſo weit, daß ſelbſt, wenn wir an Andern etwas an ſich Vollkommneres und Edleres bemerken, wir doch unſre Beſtre - bungen nicht ſogleich darauf richten, ſondern ſie immer nach dem Maaßſtabe unſrer Natur einſchraͤnken muͤſſen. Denn es hilft zu nichts, ſeiner Natur Gewalt anzuthun, und nach etwas zu ſtreben, was man doch nicht erlangen kann weil nach der Erfahrung nichts gut ſteht, was nicht natuͤrlich iſt, was einen Zwang oder Affektation verraͤth. Wenn irgend etwas anſtaͤndig iſt, ſo iſt es gewiß am meiſten Gleichheit in unſrer ganzen Auffuͤhrung und Uebereinſtimmung aller einzelnen Handlungen miteinander. Dieſe iſt aber unmoͤg - lich zu erhalten, wenn wir fremde Charaktere nach - ahmen, unſre eignen verlaſſen. Dieſe Betrachtungen fuͤhren uns darauf, daß wir das Eigne unſers Charakters erforſchen, dieſes ausbilden und vor Ausſchweifungen bewahren, nicht etwas Fremdes affektiren muͤſſen, um zu verſuchen, ob wir uns dadurch ein groͤßeres Anſehen geben koͤn - nen. Dieſe Erwartung ſchlaͤgt gewiß fehl. Denn das ſteht einem jeden am beſten, was ihm am meiſten eigenthuͤmlich iſt. Es iſt alſo eine allge -meine361turam nihil contendamus: ea tamen conſer - vata, propriam naturam ſequamur: ut, etiam ſi ſint alia graviora atque meliora, tamen nos ſtudia noſtra noſtrae naturae regula metiamur. Neque enim attinet repugnare naturae, nec quidquam ſequi, quod aſſequi nequeas nihil enim decet inuita, ut ajunt, Minerva, id eſt, adverſante et repugnante natura. Om - nino ſi quidquam eſt decorum, nihil eſt pro - fecto magis, quam aequabilitas univerſae vi - tae, tum ſingularum actionum: quam conſer - vare non poſſis, ſi aliorum naturam imitans, omittas tuam.

Quae contemplantes exp[e]ndere oporte - bit, quid quisque habeat ſui: eaque modera - ri, nec[v]elle e[x]periri, quam ſe aliena dece - ant. Id enim[maxime quemque]decet, quod eſt cujusque maxime ſuum. Suum igitur quisqueZ 5noſcat*)meine Pflicht, die natuͤrlichen Anlagen ſei[nes]Gei - ſtes zu unterſuchen, und ſich zu einem ge[nauen]Rich - ter ſeiner Staͤrke und Schwaͤche, ſeiner guten und ſchlechten Seiten zu machen. Wir wuͤrden ſonſt in der wichtigſten Sache weniger Klugheit beweiſen, als die Schauſpieler bey[einer]minder wichtig[en .]Dieſe erw[]hlen ſich nicht die Rollen, welche an und fuͤr ſich die ſchoͤnſten, ſondern welche ihnen die an - gemeſſenſten ſind.362noſcat ingenium, acremque ſe et bonorum et vitiorum ſuorum judicem praebeat; ne ſcenici plus, quam nos, videantur habere prudentiae. Illi enim non optimas, ſed ſibi accommodatiſſimas fabulas eligunt.

Das Gefuͤhl greift oft der Vernunft vor, auch bey dem Nachahmungstriebe. Man em - pfindet einen Reiz etwas nachzuahmen, ohne ge - pruͤft zu haben, ob es auch nachahmungswerth ſey. Genug es gefaͤllt uns jetzt, und wir moͤch - ten uns gern daſſelbe zulegen.

Aber man wuͤrde ſehr thoͤricht handeln, wenn man dieſem Reiz des Gefuͤhls ſogleich folgen woll - te. Denn die Urſache, daß uns dies oder jenes als etwas ſehr Gutes vorkommt, liegt nicht immer in dem Dinge ſelbſt. Es koͤnnen theils zufaͤllige Umſtaͤnde die Urſache davon ſeyn; zum Beyſpiel, wenn wir uns in einer Geſellſchaft geiſtloſer Men - ſchen befinden, wo ein geiſtloſer Schwaͤtzer und Windmacher eine Rolle ſpielt, kann es uns wohl vorkommen, als wenn das Schwatzen und Wind - machen doch wohl keine uͤble Eigenſchaft ſey, be - ſonders wenn wir, da wir dieſe Kunſt noch nicht verſtehen, im Hintergrunde ſtehen muͤſſen. Theils kann die Urſache davon auch darin liegen, daß wir den angenehmen Eindruck, welchen das To - tale des Betragens oder des Charakters eines Menſchen auf uns macht, einer falſchen Urſache,zum363zum Beyſpiel, dem, was uns am meiſten aufge - fallen iſt, zuſchreiben.

Man muß daher erſt unterſuchen, ob der Reiz des Gefuͤhls auch wohl recht rathe, ehe man demſelben folgt, damit man nicht, in der Meynung eine Vollkommenheit nachzuahmen, et - was Fehlerhaftes, wenigſtens Sonderbares kopire.

Am meiſten haben in dieſer Hinſicht diejeni - gen aufmerkſam auf ſich zu ſeyn, welche einen Anſatz von der fuͤr die Natur toͤdtlichen Genie - ſeuche haben. Kranke dieſer Art pflegen durch ihre Sucht, Eigenheiten, oder vielmehr Singu - laritaͤten ſolcher Leute nachzuaͤffen, welche fuͤr Genie's oder große Geiſter gelten, am meiſten zu verrathen, daß ſie gerade das Gegentheil vom Genie ſind.

Genie laͤßt ſich gar nicht kopiren, wenigſtens hoͤrt die Kopie auf Genie zu ſeyn wer es da - her doch thun will, kann nur gewiſſe bey demſel - ben ſich findende aͤußere Zufaͤlligkeiten und Son - derbarkeiten nachpinſeln die mit dem wahren Genie verbunden nicht widrig auffallend ſind, weil ſie, wenn ſie es auch an ſich waͤren, von den uͤbrigen Vorzuͤgen geſchminkt werden; ohne das Genie aber eine laͤcherliche Karrikatur machen.

Siebente364

Siebente Unterhaltung. Ueber den Trieb, in die Zukunft zu ſehen.

Der Menſch iſt nicht damit zufrieden, daß es ihm in dem gegenwaͤrtigen Augenblicke wohl iſt. Und wenn er alles, was der Menſch zur Gluͤck - ſeligkeit fordert, beſaͤße, ſo wuͤrde ihn der gegen - waͤrtige Beſitz allein doch nicht gluͤckſelig machen, weil er nicht blos an die Gegenwart, ſondern auch an die Zukunft gedenkt.

Gedanken an die Zukunft melden ſich bey je - dem, den die Cultur wenigſtens eine Stufe uͤber die Thierheit hinaus gefuͤhrt hat. Der Unaufge - klaͤrte will ſein Schickſal in der Zukunft wiſſen, weil es ihm uͤberhaupt nur um Reſultate, nicht um die Gruͤnde und Quellen derſelben zu thun iſt; weil er fuͤr den großen Vorzug des Menſchen, ſeines Gluͤckes Meiſter zu ſeyn, kein Gefuͤhl hat, und es ihm laͤcherlich, wenigſtens unmoͤglich duͤnkt, daß das Vorherwiſſen des Zukuͤnftigen ein großes Uebel fuͤr ihn ſeyn wuͤrde. Der Auf - geklaͤrte will zwar das Zukuͤnftige nicht wiſſen, aber doch in der Gegenwart gern einen feſten Grund zu einer fortdauernden Gluͤckſeligkeit legen. Darum denkt auch dieſer uͤber den itzigen Augen -blick365blick hinaus, und ſieht in die Zukunft, um fuͤr dieſelbe arbeiten zu koͤnnen.

Wenn der Liebende mit ſeiner Geliebten am Arm durch die Fluren geht, ſpinnt Hofnung kuͤnftiger Vereinigung, oder Furcht zukuͤnftiger Trennung, ſo oft den Faden ihres Geſpraͤchs. Was? und wo? werden wir zehn Jahre weiter hinaus ſeyn? iſt der Gedanke, welchen oft der Freund in ſeinem Vertrauten weckt, mit dem die Phan - taſie in der Einſamkeit ſo gern ſpielt.

Warum arbeitet der Fleiß? warum ſammelt der Geiz? warum eifert die Ehrſucht? Fuͤr die Zukunft. So Mancher verſagt ſich aus Nothwendigkeit oder aus Leidenſchaft den gegenwaͤrtigen Genuß, um nur kuͤnftig genießen zu koͤnnen.

Nur das unmuͤndige Kind und der dem Kin - de gleiche rohe Wilde empfinden den Trieb nicht, auf die Zukunft zu ſehen. Beyde ruͤhrt, wie das vernunftloſe Thier, nur die Gegenwart, weil in beyden der Verſtand noch in den Windeln des ſinnlichen Gefuͤhls liegt, und noch nicht ſo ſcharf ſieht, daß er die Verbindung zwiſchen der Gegen - wart und Zukunft entdecken koͤnnte.

Wenn die ſorgſame Hausmutter aus ihrem Vorrath ſo viel verwendet, als ſie darf, um auch morgen und in der folgenden Zeit ſich und ihre Familie zu erhalten; ſo verzehrt dagegen dasKind366Kind von dem, was ihm gegeben wird, ſo viel, als ſeine Begierde zu ihrer Saͤttigung verlangt, und verſchmeißt die Ueberbleibſel, weil es ihm nun nicht mehr ſchmeckt, und es nicht daran denkt, daß es ihm morgen wieder ſchmecken wer - de. Es folgt nur dem Triebe der Sinnlichkeit, und iſt fuͤr Bewegungsgruͤnde der Vernunft noch nicht empfaͤnglich.

Eben ſo iſt der Wilde. Weder Hofnung eines kuͤnftigen Guts, noch Furcht vor einem kuͤnftigen Uebel koͤnnen ihn zur Thaͤtigkeit und Sor - ge fuͤr die Zukunft beſtimmen. Er ſaͤet und erndtet nicht; wenn der Hunger ihn treibt, ſtreift er umher, und ſucht ihn mit den Fruͤchten, die die Erde freywillig erzeugte, oder mit dem Wild, das der Wald hegt, oder mit den Fiſchen der Stroͤme und Fluͤſſe zu ſtillen. Wenn er Ueber - fluß hat, denkt er nicht daran, ſich von demſelben etwas fuͤr die folgenden Tage zu ſparen; ſondern verzehrt und verſchwendet alles, was da iſt.

Von den Hottentotten erzaͤhlt dieſes Herr Vaillant in ſeiner Reiſe in das Jnnere von Afri - ka*)Theil 1. S. 265.. So lange, ſagt er, die Hottentotten Ueberfluß an Lebensmitteln haben, ſind ſie außer - ordentlich gefraͤßig; dahingegen begnuͤgen ſie ſich bey Hungersnoth mit ſehr Wenigem; ſie gleichen darin gewiſſermaßen den Hyaͤnen und andernfleiſch -367fleiſchfreſſenden Thieren, die ihren Raub in einer Mahlzeit verſchlingen, ohne ſich um die Zukunft zu bekuͤmmern, und die nicht ſelten einige Tage lang ohne Nahrung verbleiben, und in der Zwi - ſchenzeit zur Stillung ihres Hungers etwas tho - nigte Erde zu ſich nehmen. Ein einziger Hotten - tott kann in einem Tage 10 12 Pfund Fleiſch verzehren, im Nothfall iſt er aber auch mit eini - gen Heuſchrecken, einer Scheibe Honig, ja ſogar mit einigen Stuͤcken von dem Sohlleder ſeiner Schuhe zufrieden. Den Meinigen*)Herr L. Vaillant wurde auf ſeiner Reiſe von meh - rern Hottentotten, die ihm theils aus dem Cap mit - gegeben waren, theils auf dem Wege ſich zu ihm geſellten, begleitet. konnte ich niemals begreiflich machen, daß es klug gehandelt ſey, etwas Vorrath fuͤr den kuͤnftigen Tag aufzu - bewahren, nicht allein fraßen ſie alles auf, ſon - dern gaben auch das Uebrige den Hinzukommen - den. Die Folgen dieſer Art von Verſchwendung ſchienen ſie weiter nicht zu beunruhigen; wir koͤnnen ja morgen wieder jagen, ſagten ſie, oder auch ſchlafen.

Es giebt, ſagt Robertſon in ſeiner ſchon oͤfter angezognen Geſchichte, in Amerika ver - ſchiedene Voͤlker, deren enger Verſtand nicht faͤ - hig zu ſeyn ſcheint, auf die Zukunft irgend etwas zu veranſtalten. So weit erſtreckt ſich weder ih -re368re Vorherſehung, noch ihre Vorſorge. Blind - lings folgen ſie dem Antriebe des Appetits, den ſie fuͤhlen; bekuͤmmern ſich aber im geringſten nicht um ferne Folgen, oder auch nur um diejeni - gen, die im geringſten Grade entfernt ſind, und nicht unmittelbar in die Sinne fallen. Dinge, die ſie ſogleich und augenblicklich gebrauchen oder benutzen, ſchaͤtzen ſie ſehr hoch. Diejenigen hin - gegen, die ſie nicht den Augenblick beduͤrfen, ach - ten ſie gar nicht. Wenn bey herannahendem Abend ein Caraibe ſich zur Ruhe niederlegen will, laͤßt er ſich durch nichts zum Verkauf ſeines Haͤngbetts bewegen. Wenn er aber des Mor - gens auf Geſchaͤfte oder Zeitvertreibe ausgeht, giebt er es fuͤr den elendeſten Tand hin, an dem er Geſchmack findet. Zu Ende des Winters, da ihm der Eindruck der Noth, die er von der ſtren - gen Witterung ausgeſtanden hat, noch friſch in den Gedanken ſchwebt, faͤngt der Nordamerika - ner eifrig an, die Materialien zur Erbauung ei - ner warmen Huͤtte auf den naͤchſten Winter zu - zuruͤſten. So bald aber das Wetter gelinder wird, vergißt er alles Vergangne, laͤßt ſeine Ar - beit liegen, und denkt nicht eher wieder daran, als wenn die Ruͤckkehr der Kaͤlte ihn noͤthigt, ſie, da es zu ſpaͤt iſt, aufs neue wieder vorzunehmen*)Geſch. v. Amerika, 1. Th. S. 355. Wie wenig Gewalt der Gedanke an die Zukunft uͤber mehrerewilde.

Der369

Der Grund dieſes Triebes auf die Zukunft zu ſehen, der dem thieraͤhnlichen Menſchen zwarfehlt,*)wilde Voͤlker habe, und wie ſo ganz allein ſie durch das gegenwaͤrtige Beduͤrfniß beſtimmt werden, be - weißt unter andern auch folgende Anekdote: Jm Jahr 1740 kam ein Jtaͤlmen und klagte einem Kauf - mann, daß alle Nacht zwey Zobel in ſein Vorraths - haus kaͤmen und Fiſche ſtaͤhlen. Der Kaufmann lachte daruͤber, und fragte ihn: Warum faͤngſt du ſie denn nicht? Was ſoll ich mit ihnen machen, antwortete der Jtaͤlmen, ich habe ja keine Schul - den zu bezahlen! Der Kaufmann gab ihm ein halb Pfund Toback, und ſagte: Nimm es, ſo haſt du Schulden. Nach zwey Stunden brachte ihm der Jtaͤlmen beyde Zobel gefangen, und bezahlte ſeine Schuld. Steller erzaͤhlt dieſe Anekdote in ſeine Beſchreibung von Kamtſchatka. Mir iſt indeß doch einiger Zweifel an der Wahrheit derſelben beygefal - len, nicht als ob dies Faktum uͤberhaupt bey einem rohen Wilden unmoͤglich waͤre, ſondern nur in die - ſem Fall ſcheint es mir unwahrſcheinlich. Denn wer, wie dieſer Jtaͤlme, ſo klug iſt ſich ein Vor - rathshaus anzulegen, der wuͤrde doch auch wohl ſo klug ſeyn, und dafuͤr ſorgen, daß der Vorrath in demſelben verwahrt waͤre. Wenn die Sorge fuͤr ſein Vorrathshaus den Jtaͤlmen nicht beſtimmte, die Zobel wegzufangen, wie ſollte ihn denn ein halb Pfund Toback, den er ohnedies nicht einmal noth - wendig gebrauchte, dazu beſtimmen?Aa370fehlt, aber in dem kultivirten um ſo lebhafter iſt, liegt in dem Gefuͤhl der Veraͤnderlichkeit unſrer Natur und dem maͤchtigen Triebe nach Veraͤnde - rung und Abwechſelung.

Man weiß es, daß man nicht ſo bleiben wird, wie man itzt iſt, und wuͤnſcht doch ſo ſehr, immer gluͤcklich zu ſeyn. Um dieſen Wunſch zur Wirk - lichkeit werden zu ſehn, moͤchte man gern wiſſen, was man zu thun habe, um den Zweck der Gluͤck - ſeligkeit nicht zu verfehlen: und um dies zu erfah - ren, ſtellt man ſich denn vor, was wohl in der Zukunft aus einem werden, in welche Verhaͤlt - niſſe, Lagen und Umſtaͤnde man kommen koͤnne.

Wenn man erſt eine Vorſtellung von dem hat, was der Menſch werden koͤnne, wie voll - kommen und wie gluͤcklich: dann fuͤhlt man ſich in keinem gegenwaͤrtigen Moment ſo weit, daß man nun ruhen koͤnne; ſondern will viel weiter. Man fuͤhlt ſeine Unvollkommenheit und hoft Vollendung.

Vorzuͤglich ſtark kann dieſer Trieb, ſich mit der Zukunft zu beſchaͤftigen, durch ſolche Leiden - ſchaften werden, welchen die Gegenwart ihre Be - friedigung verſagt. Denn Leidenſchaft fuͤllt uͤber - haupt die Seele, in welcher ſie wohnt, mit ſich und ihrem Zubehoͤr ganz aus, und ſpannt die Thaͤtigkeit, um ſich zu befriedigen. Wenn nun die Gegenwart dieſe Befriedigung nicht giebt, ſolenkt371lenkt ſie natuͤrlich die Seele dahin, wo ſie dieſelbe erwartet, auf die Zukunft.

Bittrer Haß, welcher ſich itzt noch nicht an der Rache ſaͤttigen kann, bruͤtet uͤber ſeinen ſchwar - zen Plaͤnen immerfort, weil er von der Zukunft hoft.

Auch die Liebe, welche itzt noch nicht genießen kann, ſieht mit froͤhlichem Auge auf die kuͤnftige Zeit, und harrt auf die Erfuͤllung ihrer innigſten Wuͤnſche.

Aber die Graͤnzen dieſes Erdenlebens be - graͤnzen nicht den Geſichtskreis der vorausſehen - den Vernunft. Sie kann ſich keinen letzten Punkt und kein Ende gedenken: ſondern ſieht eine Ewig - keit vor ſich*)Man pflegt wohl dieſes Hinſehen auf die Ewigkeit oder den Trieb nach dem Unendlichen, als einen Beweis fuͤr die Unſterblichkeit der Seele anzufuͤhren. Aber, wie mich duͤnkt, nicht mit Recht, wenn man ihn nicht als einen blinden oder angebohrnen Trieb, welches zwar ein Wort, aber keine Erklaͤrung iſt, anſehen will. Denn wo dieſer Trieb ſich finden ſoll, da muß eine Vorſtellung von der Ewigkeit ſich finden. Mit jemehr Ueberzeugung dieſelbe ver - knuͤpft iſt, deſto lebhafter wird dieſer Trieb ſeyn.. Je feſter die Ueberzeugung von der Unſterblichkeit, je groͤßer die Seele des Men - ſchen und je genauer er mit ſeiner hoͤhern Beſtim - mung bekannt iſt, deſto oͤfter werden ſeine Ge -Aa 2danken372danken uͤber dieſe Zeit hinaus in die Ewigkeit ſich richten und ſeine Beſtrebungen dahin zielen, aus dem gegenwaͤrtigen Leben einen Schatz mitzu - nehmen, der auch dort noch herrlichen Genuß giebt.

Wenn aus der Ueberzeugung von einem kuͤnftigen Leben der Trieb auf daſſelbe zu ſehen in dem Herzen belebt iſt, ſo wird, ſo wie der Vor - ſtellungskreis des Menſchen, auch ſeine Denkungs - art, erweitert. Ewigkeit wird ihm wichtiger, als die Gegenwart, und er fuͤhlt ſich ſtark genug, ſich einen Genuß zu verſagen, welchen die Sinn - lichkeit begehrt, die Vernunft aber, die Fuͤhrerin des Menſchen zur Ewigkeit, nicht erlaubt.

Es gehoͤrt gewiß nicht unter die kleinſten Vor - theile, welche das Chriſtenthum der Menſchheit gewaͤhrte, daß es die Ueberzeugung von der Un - ſterblichkeit unter den Menſchen allgemeiner mach - te. Dahin war alle große Tugend, alle Menſch - lichkeit, aller Adel der Seele unter dem Volke, das die Herrſchaft der Welt hatte. Man kannte keine andre Motive zum Handeln, als ſolche, welche aus dem engerm Kreis des Privatintereſſe genommen waren: und trat eine Stufe nach der andern der Thierheit und Verwilderung naͤher.

Die Philoſophie konnte dem Uebel nicht Ein - halt thun, ſondern wurde theils von dem Strom des Verderbens mit fortgeriſſen, theils zog ſieſich373ſich von Menſchen zuruͤck in den Umgang mit Daͤ - monen und Goͤttern.

Das Chriſtenthum war das Palladium der Menſchheit. Die erhabnen Lehren deſſelben von der hohen Beſtimmung des Menſchen und dem kuͤnftigen Leben und der menſchenfreundliche Geiſt der Liebe, den das aͤchte Chriſtenthum athmete, gewannen mehrere Menſchen, die ſonſt vielleicht ihr Zeitalter verdorben haͤtte, fuͤr das allgemeine Jntereſſe der Menſchheit.

Achte Unterhaltung. Ueber den Trieb nach Freyheit und Unab - haͤngigkeit.

Es iſt ein ſo altes, als wahres Spruͤchwort, daß des Menſchen Wille ſein Himmelreich iſt: das heißt, daß er ſich ſehr gluͤcklich fuͤhlt, wenn er nach ſeinen, blinden oder von der Vernunft ge - leiteten, Neigungen handeln kann.

Die hier zum Beweis dienenden Erfahrun - gen ſind in der Geſchichte