PRIMS Full-text transcription (HTML)
Alethia.
Jdeen.
Leipzig, beiFriedrich Auguſt Leo. 1796.

Alethia.

Der Titel dieſes Buͤchleins iſt ganz anſpruchlos. Weit entfernt von unbe - ſcheidener Anmaßung, ſoll er nur be - zeichenen, daß dieſe fluͤchtige Aufſaͤze der Wahrheit gewidmet ſind. Es ſind Kinder muͤßiger Momente, nicht Stunden; abgerißne Jdeen, hinausge - worfen, um hier und da uͤber manches der Menſchheit wichtige Anliegen Nach - denken zu erweken, und von weiſeren und talentvolleren Menſchen Ausbildung zu erwareten. Bewuͤrken ſie dieß, ſo iſt ihr Zwek erreicht; wo nicht, ſo moͤ - gen ſie mit ſo vielen Bruͤdern in das Meer der Vergeſſenheit hinabfluthen! Die Penfées eines Oxenſtiern, Beau - melle, Weiß und anderer werden uns bleiben!

Jnhalt.

Jnhalt.

  • 1. Kann man mehrere Weſen zugleich lie - ben? S. 1.
  • 2. Ueber die Bennennung: Sterb - licher. S. 15.
  • 3. Ueber ſinnliche Darſtellung des Todes. S. 19.
  • 4. Ueber Graͤber-Beſuche und Tod - ten-Feſte. S. 23.
  • 5. Warum trauert man nur fuͤr Ver - wandte? S. 29.
  • 6. Ueber Theilung der Gemeinde - Grund - ſtuͤcke. S. 36.
  • 7. Teutſche National-Tracht. S. 65
  • 8. Literariſches Konſultatorium. S. 86.
  • 9. Litterariſche Gerechtigkeit der Teu - ſchen gegen alle Nazionen. S. 97.
  • 10. Ungerechtigkeit der Teutſchen gegen ihre Schriftſteller. S. 102.
  • 11. Ueber oͤffentliche Heuraths - Nachfrag - gen. S. 109.
  • 12. Vertheidigung des Hanns-Wurſts. S. 128.
  • 13. Publizitaͤt der peinlichen Verhandlun - gen. S. 142.
  • 14. Beſiz iſt der Liebe Grab. - S. 149.
  • 15. Ueber Titulaturen, Komplimente u. ſ. w. S. 154.
  • 16. Ueber Getraide-Magazine. - S. 162.
  • 17. Ueber die Geſchwohrnen-Ge - richte. S. 189.
  • 18. Ueber die Bedeutung des Worts: Na - zional, in Teutſchland. - S. 193.
  • 19. Das Wir der Fuͤrſten und Rezen - ſenten. S. 196.
  • 20. Ueber Land-Wirthſchaft. - S. 198.
  • 21. Ueber Verhaͤltnis des Akerbaus und der Fabriken. S. 205.
  • 22. Man liebt nur Einmahl. - S. 212.
  • 23. Ueber das Degen-Tragen. S. 220.
  • 24. Ueber Hof-Narren. - S. 223.
  • 25. Ueber Trauer. S. 231.
I. Kann
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1. Kann man mehrere Weſen zugleich lieben?

Man kann nicht mehr als Ein We - ſen lieben. Dieß iſt der allgemeine Macht - Spruch der Konverſations-Philoſophie; vor - zuͤglich aber dem ſchoͤnen Geſchlechte heilig.

Jch wage viel, indem ich mich dage - gen erklaͤre. Aber Ueberzeugung gilt mir ſogar mehr als Damen-Gunſt, und dieſe Ueberzeugung war es die mich ſo ſehr fuͤr die Geſchichte des Grafen von GleichenA2intereſſirte, die mich bewog ihre Wahrheit mit Waͤrme zu vertheidigen, und ſie drama - tiſch zu bearbeiten.

Jſts moͤglich, ſo moͤgen die Damen mich wenigſtens hoͤren, eh 'ſie ihr Anathem aus - ſprechen.

Vor allen Dingen muͤſſen wir uͤber den Begriff des, mehr als alle mißgehandelten, Worts: Liebe einig ſeyn. Laͤngſt habe ich fuͤr die Empfindungen ein Buch wie Gi - rards Synonymes vermißt denn nirgend herrſcht mehr Verworrenheit der Begriffe, und Vermiſchung der Bezeichnungen als hier.

Jch kenne die Zartheit der Graͤnz-Linien der Empfindungen; aber ein reiner philoſo -3 phiſcher Kopf, verbunden mit einem fein und tief empfindenden Herzen, wuͤrde ſie fin - den und mit kuͤhner Hand ihre Markſteine ſezen koͤnnen. Und wie viel waͤre nicht da - durch fuͤr die Menſchheit gewonnen, wie viel Jrrthuͤmer, Mißverſtaͤndniſſe, wie viel Ausbruͤche der wildeſten und regelloſeſten Lei - denſchaften verhuͤtet, mit all ihren traurigen Folgen fuͤr Familien-Wohl, Menſchen - und Voͤlker-Gluͤk!

Unter allen Empfindungen iſt Liebe grade am ſchwerſten zu bezeichnen, ihre Um - riſſe gerade am zarteſten und ſchwankendſten, ihre Gradazionen am feinſten gegen andre Gefuͤhle abgeſchattet.

Mir iſt ſie der hoͤchſte Grad von aus - ſchließendem Wohlgefallen an einem andern4 Weſen, ausſchließender Behaglichkeit an des - ſen Gegenwart und Umgang, ausſchließender Theilnehmung an ſeinem Wohl und Weh, ausſchließender Sehnſucht, die nemlichen Em - pfindungen bei ihm zu finden. Doch was ringe ich nach einer Definizion da einer der groͤßten Teutſchen, unſer Wieland, ſie mit ſo weiſe gewaͤhlten und gluͤhenden Farben geſchildert hat: Was anders iſt's als Liebe und Liebe, Was uͤberall athmet, wirkt und webt, Und alles bildet und alles belebt? Jhr Weiſe ſagt, was ſonſt als Liebe, Jſt dieſer ſchoͤne Zuſammenklang Der Weſen, dieſer allmaͤchtige Drang, Der Gleiches an Gleiches druͤkt? Du ſelbſt, o Tugend, du hoͤchſte Hoͤh Der Menſchen-Seele, was biſt du als Liebe, Du Gott 'in uns?

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Aber meine Definizion ſcheint meinem eignen Saze zu widerſprechen? das Bei - wort ausſchließend ſpricht mein Urtheil?

Nein, jener Widerſpruch iſt nur anſchei - nend. Ausſchließend bezeichnet hier nicht mehr, als Abſondrung andrer Weſen. Alſo doch Abſondrung; dieſe wuͤrde das Wort: vorzuͤglich, nicht ausgedruͤkt haben. Aber Abſondrung engt den Begrif nicht auf ein einzelnes Weſen ein

Schwer iſt es, das gebe ich zu, daß daß man mehrere Weſen zugleich liebe, denn dazu gehoͤrt eine Fuͤlle von Empfindungen, die das Erbtheil weniger ſeyn moͤchten; aber unmoͤglich iſt es nicht. Mindeſtens kann ich in der Oekonomie der menſchlichen Seele kei - nen abſoluten Grund dieſer Unmoͤglichkeit finden.

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Wenn die Seele irgend einen Gegenſtand auffaßt, ſo ſcheint ſie allerdings alle ihre Kraft auf dieſe Leidenſchaft zu konzentriren, an ihm alle Quellen ihrer Empfindungen zu erſchoͤp - fen. Aber dieß iſt doch nur der Fall bei dem hoͤchſten Grad von Liebe, den man aus - zeichnungsweiſe Leidenſchaft nennt, der an Wahnſinn graͤnzt, vielmehr eine Krank - heit der Seele als ein eigenthuͤmliches Sym - ptom iſt.

Leidenſchaft mag man alſo nur fuͤr Ein Weſen fuͤhlen koͤnnen, aber darum nicht Liebe. Wenn nun die Seele eines We - ſens von dem zarteſten Gewebe, wenn ihre Empfaͤnglichkeit fuͤr das Schoͤne und Gute bis zu einem hohen Grade geſpannt iſt, wenn es nun dieſes Schoͤne und Gute unter meh - rere Weſen vertheilt, hier Sanftheit und7 intereſſante Schwermuth, dort Feſtigkeit und frohe Laune, hier Einſichten und Kul - tur, dort Wiz, allenthalben aber Seelen-Guͤ - te, Einklang der Empfindungen findet, ſoll - te es ſeine Gefuͤhle nicht theilen koͤnnen, nicht theilen muͤßen?

Sollte es ſie aufſparen, auf das Jdeal, das alles Schoͤne, Anmuthige und Gefal - lende vereinigt, und es von Pol zu Pol vergebens aufſuchen?

Ach! ich fuͤrchte dieſe Engheit des Herzens, zu der Uns unſre Sitten bannen, die ſie zum Waͤchter und Thuͤrhuͤter ihrer Reinheit brauchen, iſt es gerade, die unſre Sitten verderbt.

Jſt denn dein Herz zu eng zwei We - ſen mit gleicher Liebe zu umfaſſen? 8fragt meine Fatime den Grafen von Gleichen,*)Jn dem Schauſpiel Ernſt Graf von Gleichen. und ich habe die Lieblichkeit und Glorie dieſes Maͤdchens nicht ſtaͤrker be - zeichnen zu koͤnnen geglaubt, als durch dieſe Frage. Dieſes Streben, allein geliebt zu ſeyn, ausſchließend zu genießen, mag es immer in der Natur der Empfindung liegen, es iſt doch nur Egoismus, alſo kei - nes Schuzes, keiner Lobrede werth. Alle die Leidenſchaften, die es mit ſich bringt, alle die traurigen Folgen des Egoismus uͤber - haupt ungerechnet; beguͤnſtigt es dieſen Schwindel der Empfindungen, dieſen Sturm der Gefuͤhle, der Tugend, ſo wie es wahren Genuß vernichtet. Mag man mir einwerfen, das, was ich Liebe nenne, ſey nur Freundſchaft; ſo lange ein beſſerer Kopf9 nicht ein neues Lexikon der Empfindung aus - arbeiten wird, ſoll er Recht behalten. Mir iſt indeß Liebe, der Freundſchaft hoͤchſte Stufe zwiſchen Perſonen jeden Geſchlechts. Aber Wahnſinn eines Werthers, Schwaͤr - merei eines Siegwart, iſt mir mehr und weniger als Liebe. Kein Gottes-Ge - ſez verbiethet die Polygamie; den Chriſten verbiethen es buͤrgerliche Geſeze und buͤrger - liche Geſeze werden geſchaffen, von Zeiten, Sitten und Meinungen.

Daß eine allgemeine Freiheit der Poly - gamie unter allen Verhaͤltniſſen und zu al - len Zeiten der buͤrgerlichen Geſellſchaft ſchaͤdlich ſeyn wuͤrde: davon bin ich ſo uͤber - zeugt, als daß z. B. eine gaͤnzliche Erlaubt - heit aller Spiele, dem Wohl jedes Staats nachtheilig waͤre.

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Aber daß die menſchlichen Jnſtitute, die der Staat unter ſeine Aufſicht nehmen muß, wenn ſie der geſellſchaftlichen Ordnung und Gluͤkſeeligkeit nicht ſchaͤdlich ſeyn ſollen, daß dieſe deswegen wirklich ſchaͤdlich und allge - mein verwerflich waͤren, davon kann ich mich nicht uͤberzeugen.

Freilich hat auf dieſem Weege die Staats-Verwaltung eine Sorge weniger; aber ſie iſt ja nur da, um jede Abgleitung der freien Handlungen einzelner Glieder in das, was die Geſeze als ſchaͤdlich fuͤrs Gan - ze bezeichnet haben, abzurechnen. Außerdem waͤre es auch bequemer fuͤr ſie, die Thore der Staͤdte verſchloſſen zu halten, damit keine Jauner ſich einſchleichen koͤnnen.

Es iſt wahrhaftig unrichtig zu ſagen, die Polygamie wird unſre Sitten verderben,11 wird Eiferſucht, Familien-Zwietracht, ver - vermehrtes Elend der huͤlfloſen Wittwen und Waiſen, Vernachlaͤßigung der Kinder-Zucht u. ſ. w. hervorbringen. Denn das wird ſie allerdings, ſo wie die Sachen jezt ſtehen; aber gerade deswegen weil ſie unſern Geſezen und Sitten zuwider iſt: Wenn hingegen, die Geſezgebung ſich veraͤndert, werden und muͤſſen ſich die Sitten aͤndern; und alſo fragt ſichs dann erſt, was bringt dieſe Ver - aͤnderung hervor?

Schlimmer wuͤrden wir allerdings ſte - hen, waͤre die Polygamie allgemein erlaubt, als nun, da ſie allgemein verbothen iſt; aber iſt das ein vernuͤnftiger Grund zu einem allgemeinen Verboth? Die Macht der Geſezgebung kann nie weiter gehen, als das zu verbiethen, deſſen Unterlaſſung der12 Zwek der geſelligen Verbindung durchaus fordert. Der kleinſte Schritt uͤber dieſe Graͤnze iſt Tyrannei.

Hier kann aber jener Zwek nur for - dern, daß die Polygamie der Geſellſchaft nicht nachtheilig werde, weder das Jnter - eſſe Einzelner noch Aller verleze. Wo die - ſer Fall nicht exiſtirt, iſt das Verboth ohne Geiſt, alſo Willkuͤhr. Daraus folgt alſo nicht mehr und nicht weniger, als daß der Staat die Polygamie nur in dieſen Faͤl - lenerlauben koͤnne; wenn aber die Ex - iſtenz dieſes Falls wirklich erwieſen, wenn erhoben iſt, daß niemand widerſpricht, nie - mand verlezt wird, fuͤr den Unterhalt der Gattinnen, der Kinder, der Wittwen, der Waiſen geſorgt iſt, alſo auch der Staat kei - ne Gefahr laͤuft, erlauben muͤßte. Die Ge - ſeze beſtimmen ein Alter der Volljaͤh -13 rigkeit, aber ſie kuͤrzen den feſtgeſtellten Zeit-Punkt ab, wenn die Gruͤnde jener Be - ſtimmung fehlen, wenn der minderjaͤhrige die erforderlichen Einſichten beſizt. Sie ver - biethen die Einkindſchaftung, aber ſie erlauben ſie, wenn alle Theile einig ſind, wenn fuͤr aller Jntereſſe geſorgt iſt.

Ohne geſezliche Autoritaͤt muß alſo Po - lygamie immer verbothen bleiben; aber dieß berechtigt kein unbedingtes Verboth. Unter weiſen Einſchraͤnkungen wuͤrde ſie ſtatt die Sitten zu verderben, ſtatt das Wohl der Familien zu erſchuͤttern, jene verbeſſern und dieſes befeſtigen. Wie oft koͤnnten Trennungen, Maͤtreſſenſchaften, Ehebruch, zuͤgelloſe Ausſchweifungen, Verfall der Kin - der-Zucht dadurch vermieden werden! Und wie viel ſicherer iſt es wenn der Staat Triebe die er nicht erſtiken kann unter ſeine Auf -14 ſicht nimmt, ſtatt ſie im Finſtern ſchleichen und ein verzehrendes Gift ingeheim ver - breiten zu laſſen.

Ganz anders verhaͤlt ſichs mit der Po - lyandrie.

Auch alles, was Empoͤrendes gegen die Sitten, auch alles was die ſchoͤnſte weibliche Tugend, Sittſamkeit und Schaamhaftigkeit Zerſtoͤhrendes darin liegt, ganz abgerechnet, macht die Verſchiedenheit des Koͤrper-Bau - es an ſich ſie verderblich. Sie wuͤrde die wichtigſte Empfindung der Menſchheit und Geſellſchaft Eltern - und Kinder-Liebe entwur - zeln, durch die Ungewißheit der Abſtam - mung alle Faͤden der Moralitaͤt reißen und die Menſchheit zum Thier herabwuͤrdigen. Auch iſt ſelbſt unter den wildeſten und un - kultivirteſten Voͤlkern kaum Eine, die dieſe Sitte aufgenommen haͤtte.

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2. Ueber die Benennung Sterblicher.

Der Sprach-Gebrauch hat die Benennung der Menſchen: Sterbliche ſankzio - nirt.

Jſt ſie philoſophiſch richtig?

Wahrſcheinlich lag ihr Geiſt darin: Sie ſollte den Menſchen an die Hinfaͤlligkeit und Kuͤrze der Dauer ſeines irdiſchen Daſeyns mahnen, ſollte bei ihm ſtets die Erinnerung lebendig erhalten, daß er bald von dieſer Buͤhne wieder abtreten muß, daß alſo aller Genuß, alle Freuden dieſes Daſeyns nur ephemeriſch ſind, daß es alſo Thorheit iſt,16 ſich an ſie zu heften und daß er ſich gewoͤh - nen muß, ſie jeden Augenblik ohne Gram und Reue verlaſſen zu koͤnnen. Aber gerade dazu ſcheint mir jene Benennung ſehr un - richtig gewaͤhlt. Mit weit groͤßerm Rechte; mit weit mehr philoſophiſcher Richtigkeit mit weit groͤßerm Gewinn fuͤr die Moralitaͤt ſoll - te man den Menſchen: den Unſterblichen nennen.

Die erhabenſte Lehre der Welt-Weis - heit iſt: Unſterblichkeit unvertilgbare Fortdauer unſers Weſens. Jſt es alſo nicht unrichtig den ganzen Menſchen, alſo nicht den einzelnen koͤrperlichen und ſterblichen Theil deſſelben, nicht die abgeſonderte Huͤlle Sterblicher zu nennen? Beguͤnſtigt die - ſe Benennung nicht vielmehr den Materia - lismus? Muß nicht die Benennung: Un -ſterbli -17licher die Moralitaͤt unendlich mehr befoͤr - dern, indem ſie dem Menſchen ſtets ſein wahres ganzes Seyn, und deſſen wahren Zwek gegenwaͤrtig erhaͤlt, ihm ſtets ein dau - rendes Fortſchreiten des ſtufenweis zur Ver - edlung zu klimmen beſtimmten Weſens dar - ſtellt, indem ſie ſtets ſeine Jmaginazion mit Bildern hoͤherer und unvergaͤnglicher Freuden naͤhrt, alſo ſeine Seele zu deren Genuß be - fluͤgelt, und ihm Verachtung und Gleichguͤl - tigkeit gegen Genuß einfloͤßt, der unter ſei - nen Haͤnden welkte?

Der Name des Weſens entflammt den Muth, ſtaͤhlt die Kraft, ihn zu verdienen, ihm zu entſprechen; dieſe pſychologiſche Wahr - heit ſollte der Moral heilig ſeyn. Der Menſch der mit dem Titel: Unſterblicher in die Laufbahn tritt, wird alles was ſterb -B18lich iſt, unter ſeiner Liebe und Verehrung finden; dieſer Titel wird ihm Gefuͤhl fuͤr ſei - ne hohe Wuͤrde einfloͤßen; er wird erroͤthen, Neigungen und Empfindungen zu naͤhren, Handlungen zu begehen, die dem Stempel nicht gemaͤs ſind, den er, von der Gottheit aufgedruͤkt, auf ſeiner Stirne traͤgt, er wird zittern einen Namen zu ſchaͤnden, der ihn von allen andern beſeelten Geſchoͤpfen abſon - dert, und als ein uͤber ſie erhabnes We - ſen bezeichnet.

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3. Ueber ſinnliche Darſtellung des Todes.

Die Alten haben den Tod als einen kraft - vollen Juͤngling gebildet, weil er das irdiſche Weſen zermalmt. Jhre Darſtellung hat nichts Abſchrekendes; es war ein heitres la - chendes Bild.

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Wir haben eine ſcheußliche, ſchauerliche Allegorie, die lezte Reſte der verweßten Huͤl - le, ein Gerippe gewaͤhlt. Wir haben da - mit das Ungluͤk der Menſchheit, die Furcht, den Abſcheu des Todes erhoͤht.

Lukrez erinnert ſehr richtig, daß dieſe Furcht vorzuͤglich daher ruͤhre, weil der Menſch ſich ſtets neben ſeiner Leiche ſtehen ſieht. War es philoſophiſch einen ſolchen Jdeen - Gang zu beguͤnſtigen? Vom Tod, der nur Aufloͤſung der momentaneen Huͤlle iſt, gera - de nur ein einzelnes Bild, gerade nur das - jenige aus der Natur zu heben, was uns von ſeinem vollen Begriff eine theilweiſe und gerade die niederſchlagendſte Jdee vor die Seele ſtellt?

War es philoſophiſch richtig, den Tod d. h. die Abſtreifung einer Huͤlle, mit all dem Be -21 truͤbenden, Niederſchlagenden, Schrekenden und Widrigen zu umgeben, das doch nur die Welkung dieſer Huͤlle, die Ablegung des thieriſchen Weſens betrift, und alle andre weſentliche Beſtand-Theile des Tods, alles was er fuͤr das zur Veredlung beſtimmte We - ſen wohlthaͤtiges haben muß, aus unſrer ſinn - lichen Darſtellung und dadurch aus unſern Empfindungen zu verbannen?

Die natuͤrliche große Anhaͤngigkeit des Natur-Menſchen an ſeine thieriſche Exiſtenz hat dieſes Dunkel, dieſen Schauer geſchaffen, die den Tod umgeben; aber es iſt der Zwek der Weisheit, ſie zu zerſtreuen. Man ſollte alſo auf eine neue allegoriſche Vorſtellung des Todes denken. Das Attribut der um - geſtuͤrzten Fakel, genuͤgt mir allein nicht. Jch ſchlage vor: das Bild eines ver -22 ſchleierten Juͤnglings, der in einer Hand den Dolch oder die umgeſtuͤrzte Fakel traͤgt, in der andern einen Strahlen-Kranz. Der Schleier bezeichnet die Daͤmmerung des Uebergangs von einer Exiſtenz zur andern; der Dolch das Zerſtoͤhrungs-Geſchaͤft der thieriſchen Huͤlle; ſo wie die Fakel deren Aufhoͤren; der Strahlen-Kranz den in dieſer Zerſtoͤhrung liegenden Fortſchritt zur Veredlung.

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4. Ueber Graͤber-Beſuche und Todten - Feſte.

Die Sitte der Orientaler jaͤhrlich an einem beſtimmten Tage die Graͤber ihrer Voreltern zu beſuchen, iſt eine dem Weiſen ehrwuͤrdige Sitte. Warum nehmen wir ſie nicht auf? Jſt ihr großer Gewinn fuͤr die Moralitaͤt,24 fuͤr die Erhoͤhung der kindlichen Liebe und Achtung, fuͤr die Befeſtigung derjenigen Bande, die der menſchlichen Geſellſchaft am wichtigſten ſind, wohl verkennbar?

Die juͤdiſche Nazion, Gegenſtand unſers Hohns, unſrer Verachtung, hat dieſe Ge - wohnheit aus dem Orient zu uns heruͤber ge - bracht und erhalten; und dieſen ſchoͤnen Sit - ten-Zug bringen wir ihr nicht in Rechnung? Auch bei ihr, wie bei allen Orientalern, iſt alles heilig, was auf dieſen Graͤbern waͤchſt.

Auf einer meiner Beſizungen befindet ſich ein juͤdiſcher Kirchhof, und mit ſtiller Ehrfurcht gehe ich ſtets voruͤber vor den Baͤumen und Geſtraͤuchen, die ein ſo ehr - wuͤrdiger, die Natur der menſchlichen Seele ehrender Glaube mit dem Stempel der Si -25 cherheit und Unverlezbarkeit gezeichnet hat, und die ſich ruhig unter dem Schuze einer ſo ſchoͤnen Empfindung dem Olymp entgegen ſtreken.

Jrgend jemand hat juͤngſt vorgeſchla - gen, ein Todten-Feſt zu feiern. Dieſer Gedanke iſt ſo wahr, ſo ſchoͤn, ſo wohlthaͤtig fuͤr die Empfindung, ſo wichtig fuͤr die Mo - ralitaͤt, und doch hat er keine Senſazion ge - macht?

Wie? und die Menſchheit und ſelbſt un - ſre Nazion beſizt der edlen und guten und fuͤhlenden Weſen ſo viel und ſie koͤnnten ſich nicht ſchlingen in einen Bund, um der Religion dieſen ſchoͤnen Kranz aufzuſezen? Glaube iſt ja nur die Sache der Empfin - dung; und deren Strohm haͤtte die Dog -26 matik rein in ihre Schaale eingefaßt? ver - ſiegt und troken deren Beet?

Ja Theologie und Mythologie iſt fuͤr die ungebildeten Klaſſen der Menſchheit noth - wendig, und wohlthaͤtig. Ach! warum ſtrebt man nicht ſie den gebildetern Klaſſen werth zu machen! die Empfindung zu beſtechen, wo die Vernunft ſich empoͤrt, nicht zu beſtechen iſt und ſo die gebildete wie die ungebil - dete Menſchheit friedlich an den großen Punkt zu geleiten, wo der Vorhang der Wahrheit unaufhaltſam herauf rollt und vor ihrem Glanz aller, auch der wohlthaͤtigſte Wahn ſinkt!

Sollte es wuͤrklich noch nicht Zeit ſeyn der Religion bei den hoͤhern Volks-Klaſſen eine edlere Stuͤze zu geben, als Eigennuz und Herrſchſucht?

27

Apoſtel und Heilige haben ihre Feierta - ge. Laßt uns ein Todten-Feſt ſtiften, dem Andenken der Verſtorbenen, der Erinnerung ihrer Liebe, ihrer Tugenden, der Hoffnung des Wiederſehens, der Huldigung ihrer Aſche geweiht!

Feiert es in dem Bluͤthen-Monathe, wo die Natur wieder auferſteht, und uns das Pfand giebt jener ſchoͤnen Hoffnung des Er - wachens in einer edlern Form, jener geheimen Ahndungen des Wiederſehens und Wiederfindens, wo die Flamme un - ſrer Gefuͤhle am reinſten gluͤht, unſre Phan - taſie am uͤppigſten ſchwelgt!

Die Lehrer der Tugend, d. h. der Reli - gion, ſollen uns an dieſem Tage ſammeln: in einer Rede dem Andenken unſrer Verlohr -28 nen huldigen, mit uns wallen im feierlichen Zuge an die Graͤber unſrer Geliebten, ſie mit Blumen beſtreuen und die Dornen aus ihren Huͤgeln jaͤten.

Wolluͤſtig wird ſich an dieſem Feſt-Tage die Thraͤne des Verwaiſten ergießen. Er wird der Empfindung, der Moralitaͤt, der Familien-Liebe reines Gold gewinnen, und damit Wohl der Geſellſchaft, das auf je - nen einzig ruht.

Prieſter und Theologen aller Sekten, ihr, deren Exiſtenz naher Untergang droht, ſollte euch meine Jdee nicht willkommen ſeyn? Solltet ihr mich nicht verſtehn?

29

5. Warum trauert man nur fuͤr Ver - wandte?

Der Geiſt der Trauer Hoftrauern der Etikette ausgenommen iſt: den Schmerz der Hinterlaſſenen uͤber den Verluſt der Verſtorbenen oͤffentlich zu bezeugen. Die Empfindung hat ſie geſchaffen, ſie die wohlthaͤtigen Troſt, Balſam fuͤr die Wun - de der Sehnſucht nach Entriſſenen, darin findet, oͤffentlich dem Andenken des Ge - liebten zu huldigen. Dem Weiſen iſt dieſer Herold des innern Leids, dieſes Gewand, dieſe Verzierung des Schmerzes, wie ſie Hamlet nennt, ehrwuͤrdig, und er ſieht es nicht ohne Kummer allmaͤhlig vertilgen.

30

Die natuͤrliche Vorausſezung, daß die Ban - de des Bluts die engſte ſind, daß die Liebe vorzuͤglich von ihnen ausgeht und ſich fortpflanzt, hat die Trauer auf Bluts - Verwandte eingeſchraͤnkt und zugleich, je nach dem Grade der Verwandtſchaft, alſo der vorausgeſezten Staͤrke der Liebe, die Ab - ſtufungen derſelben geſchaffen.

Gut! Aber ſchließt dieſe Voraus - ſetzung die Wahrheit aus? Jſt Liebe aufdie Bande des Bluts und der Ehe einge - ſchraͤnkt? Tritt bei dem Freunde, bei der Geliebten, bei dem erhabnen We - ſen, das der Gegenſtand allgemeiner Ver - ehrung und Achtung iſt, der Geiſt der Trauer nicht auch in ſeiner ganzen Staͤrke ein?

31

Bei Verwandten und Ehegatten iſt das ſchwarze Gewand oft eine heuchleriſche Mas - ke geheimer Freude; doch die Aufrechthal - tung der oͤffentlichen Sitten gebiethet, ſie beizubehalten, wenn ſie auch ein falſcher He - rold iſt. Aber warum iſt dem Freunde, der oft, der vielleicht oͤfter, mit innigerer Zaͤrtlichkeit liebt, der ſuͤße Troſt entriſſen, oͤffentlich ſeinen entrißnen Geliebten den Zoll der Liebe, der Achtung und Dankbar - keit zu bringen? Warum verſagt die grillen - hafte Gewohnheit ihm das wohlthaͤtige Recht, die ganze Menſchheit zu Zeugen ſei - nes Schmerzes zu machen? Warum verſagt ſie ihm das Recht, aus dem Anblik ſeines feierlichen Trauer-Gewands erneuete Erin - nerung der entflohnen Freuden, und aus dieſer Balſam fuͤr die Wunde des Ver - luſts zu ſaugen?

32

Jſt das mehr als Vorurtheil? Wider - ſtrebt es nicht unwiderſprechlich dem Geiſte der nemlichen Gewohnheit, die Trauer ſchuf?

Eben ſo wichtig iſt es dem Weiſen, dem Freunde der Menſchheit, die Trauer fuͤr er - habne Weſen, in ihre Rechte einzuſezen. Oder iſt der Verluſt eines vorzuͤglich edlen, fuͤr Menſchen-Gluͤk, fuͤr Wiſſenſchaften wohlthaͤtigen und wichtigen Weſens, der allgemeinen Trauer jedes Fuͤhlenden und Denkenden, der allgemeinen Huldigung un - werth? Wenn ein Rouſſeau, ein Mengs ein Leopold von Braunſchweig, ein Men - delsſohn dieſe Welt verlaͤßt, ſo waͤre dieß kein Verluſt fuͤr die ganze Menſchheit? ſo haͤtte nicht jeder, der ihren Werth fuͤhlte und kannte, das Recht, die Pflicht ſogar,ſeinen33ſeinen Schmerz uͤber ihren Verluſt zu zei - gen?

Der Tod eines großen wohlthaͤtigen Weſens iſt eine oͤffentliche Kalamitaͤt, iſt ein Leid fuͤr die große Familie der Menſch - heit, iſt eine Familien-Trauer! Und ſie haͤtte nicht das Recht, ſich ohne Kritik, ohne Gefahr des Verdachts der Singularitaͤt, der Laͤcherlichkeit, der Affektazion den Augen der Welt zu zeigen? Jhr ſollte die Hof-Trau - er ſogar dieſes Recht ſtreitig machen? denn nur die Trauer fuͤr den wahren Vater des Volks iſt Landes-Trauer, iſt Zoll der Tugen - den; die Empfindung zollt keinem Range.

Jn unſern Meubles, in unſern Trink - Geſchirren ꝛc. in allem was uns umgiebt, hul - digen wir, gedrungen von dem Gefuͤhle des Einfachen, Allein-ſchoͤnen, dem Ge -C34ſchmake des Alterthums, und fuͤr die ſchoͤn - ſten Zuͤge ſeiner Gebraͤuche und Sitten, fuͤr diejenigen, die auf Veredlung und Moralitaͤt ſo weſentlich einwirken, haͤtten wir keinen Sinn? Bei den Griechen war der Tod eines großen Mannes der Gegenſtand allgemeiner Trauer; bei uns verhallt der Schmerz uͤber ſeinen Verluſt in einzelnen, geheimen und einſamen Klagen. Und welche Schwung-Kraft wuͤrde dieß nicht der Menſchheit geben, mit welcher Gluth wuͤrde der edle Menſch nicht die Glorie zu erringen ſuchen, der Gegenſtand oͤffentlicher Trauer zu werden!

Aber wer wird ſie anordnen? Die Allgemeinheit des Gefuͤhls, die Liebe, die Bewunderung, die Verehrung! Wird nicht die Adulazion ſich auch dieſer Ge - wohnheit bemaͤchtigen? Nein! denn die oͤffentliche Opinion iſt unbeſtechlich. Nur35 eine hoͤchſt leichtſinnige, karakterloſe Nazion kann im Schwindel der erſten Momente die Tugend durch einen ungerechten Tribut ent - weihen. Aber auch ſie wird bald erroͤthend den Trauerflohr zerreißen. Und welches menſchliche Jnſtitut kann wohl gegen Ent - heiligung undurchdringlich gepanzert wer - den? Sollten wir deswegen alle Hebel zur Tugend wegwerfen?

Als Franklin ſtarb, trauerte der Ame - rikaniſche Kongreß und der Franzoͤſiſche Na - zional-Konvent. Wenn irgend ein Glied der zahlloſen Menge der Regenten-Familien ſtirbt, ſey es auch ein Kind der Wiege, trauern die Diener aller Regenten um ein Weſen, deſſen Exiſtenz oft kaum der Verfaſſer des genealo - giſchen Handbuchs kennt! O Tugend! die ich anbete, und einzig anbete! O Sitten!

36

6. Ueber Theilung der Gemeinde - Grundſtuͤke.

Jn einem Zeit-Punkte, wo uͤber Staats - Wirthſchaft und Kultur ſo viel gedacht und geſchrieben wird, wo man die Abtheilun - gen der Gemeinde-Guͤther in mehreren Staaten, als ein wichtiges Mittel zu Be - foͤrderung der Land-Wirthſchaft, zu Erhoͤhung des Landes-Wohlſtands und der Staats-Ein - kuͤnfte, kurz, zu Befoͤrderung der allge - meinen Gluͤkſeeligkeit betrachtet und beſchaͤfftigt, wo noch neuerlich Herr Frie - drich Karl Gavord in ſeinen Staats - Wirthſchaftl. Betrachtungen uͤber das gerechte Verhaͤltnis der Zerthei - lung der Gemeinheits-Guͤther ſo37 ſtark daruͤber deraͤſonniret hat, in einem ſol - chen Zeit-Punkte ſcheint eine gruͤndliche Pruͤ - fung der Fragen nicht wichtig zu ſeyn:

  • Erſtens: Befoͤrdert die Theilung der Gemeinde-Guͤther die allgemeine Gluͤckſeeligkeit?
  • Zweitens: Welches iſt der gerechte und alſo richtige Maasſtab der Vertheilung derſelben?

Der Verfaſſer dieſes Aufſazes hat nicht allein dieſe Materie durchdacht; er hat ſelbſt mehrere Gemeinde-Guͤther-Abtheilun - gen vorgenommen, und glaubt alſo ohne Un - beſcheidenheit die Behauptung wagen zu duͤr - fen, daß er in dieſer Sache eine Stimme habe.

Die Erſte Frage kann durchaus nicht allgemein beantwortet werden.

38

Man muß

  • 1) die Lokal-Verhaͤltniſſe, und
  • 2) die Eigenſchaft der Grundſtuͤke unter - ſcheiden.
  • 1) Es ſind allerdings Lokal-Verhaͤltniſſe denkbar, wo ein großer Theil der un - ſtreitig mit den Gemeinde-Guͤther-Ab - theilungen verbundenen Vorthei - le aufgewogen wird.

Alles auf Erden, alſo insbeſondere in der Staats-Wirthſchaft, iſt Kalkul, oder ſollte es ſeyn.

Es muß alſo in jedem einzelnen Fall unterſucht werden:

  • a) ſind die allgemeine theoretiſche Vortheile der Gemeinde-Guͤther-Abthei - lungen vorhanden,
  • b) werden ſie nicht durch Lokal-Nachtheile aufgewogen?
39

Jch ſage vorſaͤzlich: Lokal-Nachthei - le, und ſchließe alſo alle allgemeine Nach - theile aus, weil dieſe nicht denkbar ſind.

Aus der Natur gezogene Beiſpiele bei - der Faͤlle, werden dieſe Saͤze erlaͤutern.

Jn dem Dorfe B. befinden ſich betraͤcht - liche Gemeinde-Waͤſen. Sie liegen aber am Ende einer fruchtbaren Markung, in einer Entfernung von 1 bis 1 und einer halben Stunde vom Dorfe.

Die aus der Naͤhe der Wohnungen reſultirende Vortheile des wechſelſeitigen Beiſtandes und Schuzes in Gefahr, der Hang zur Geſelligkeit, das Beduͤrfnis des Waſſers, des gemeinſchaftlichen Gottes - Dienſts, haben bei Entſtehung der geſell - ſchaftlichen Verfaſſung, gegen den urſpruͤng - lichen Geiſt des Akerbau-Stands, die Aker -40 bau-treibende Klaſſe veranlaßt, ihre Woh - nungen, zuſammen zu draͤngen. Na - tuͤrlich bauten ſie alſo allmaͤhlich dasjenige Land an, was ihren Wohnungen am naͤch - ſten lag, und ruͤkten damit nach dem Ver - haͤltnis der Zunahme der Volks-Menge und der Jnduſtrie weiter. Dieſes Fortruͤken konn - te aber nur bis auf den Punkt ſchreiten, den der Geiſt des Land-Baus vorzeichnete.

Sobald nemlich die Entfernung ſo weit ging, daß der Verluſt der Zeit mit dem Hin - und Hergehen der Arbeitenden, von und nach yren Wohnungen, mit den Dung-Heu - und Getraide-Fuhren, und die Unmoͤglich - keit der Auſſicht und des Schuzes gegen Ent - wendung, die Vortheile des Anbaus uͤber - wog, mußte die Kultur ſtille ſtehen, und daher jene Oedungen.

41

Alle dieſe Nachtheile exiſtiren noch, und alſo faͤllt auch der Vortheil des Anbaues und der Abtheilung hinweg.

Jn einem ſolchen Falle iſt nur die An - legung einer neuen Kolonie, an Ort und Stelle, alſo auf der Oedung ſelbſt, moͤg - lich.

Sie iſt aber, wenn nicht Waſſer-Man - gel es hindert, ſehr moͤglich.

Der Land-Mann, bei dem die Fruchtbar - keit groͤßer als in den Staͤdten iſt, der ſein Guth nur Einem ſeiner Kinder uͤberlaſſen kan, iſt ſtets gezwungen, die uͤbrige zu entfernen. Dadurch aber wuͤrde ihm der Weg geoͤffnet, ſeine Kinder in ſeiner Naͤhe anzuſiedeln. und ſie die manigfaltige Vortheile nachbar - licher Unterſtuͤzung genießen zu laſſen.

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Ein Beiſpiel des zweiten Falls, wo die Vortheile der Abtheilung durch Lo - kal-Nachtheile aufgewogen werden, iſt fol - gendes:

Jn den Dorfe S. befinden ſich durchaus nur ſolche Gemeinde-Glieder, die mit einer zu großen Zahl von Grundſtuͤken bereits ver - ſehen ſind. Hier wuͤrde aus der Abtheilung der Gemeinde-Grundſtuͤke der Nachtheil ent - ſtehen muͤſſen, daß nothwendig der Anbau der bereits urbaren Grundſtuͤke dadurch vernachlaͤſſigt wuͤrde.

Der Land-Mann wie der Fuͤrſt glaubt, nie zu viel Land beſizen zu koͤnnen.

Da er den Akerbau nicht nach Grund - ſaͤzen ſondern mechaniſch treibt, ſo hat43 er allergroͤßtentheils keinen Sinn dafuͤr, daß die Maſſe der Produkzion, nicht von der Erd-Flaͤche, ſondern von dem Grade der Kultur abhange.

Jn einem ſolchem Falle iſt alſo die Ab - theilung der Gemeinde-Gruͤnde der Kul - tur und der Viehzucht ſchaͤdlich, und nur dann vortheilhaft, wenn der Land-Mann be - wogen werden kann, neue Anſiedelungen zu geſtatten und einen Theil ſeiner uͤberfluͤs - ſigen Grundſtuͤke oder der Gemeinde-Waͤſen an neue Anbauer zu uͤberlaſſen.

Der Staat kann dieß ohne Verlezung der heiligen Eigenthums-Rechte nicht gebie - then, aber befoͤrdern, wenn er die Verein - zelung der großen konſolidirten Hoͤfe, bis auf eine ſolche Zahl von Grundſtuͤken, die bei44 einem mittlern Grad von Kultur zu reichlicher Ernaͤhrung einer Familie hinreicht, erlaubt und beguͤnſtigt; wenn er alſo ein richtiges Verhaͤltnis des Grund-Eigenthums-Beſizes herſtellt, der im Allgemeinen nicht nach Grundſaͤzen, ſondern durch Zufall entſtanden iſt.

Was 2) die Eigenſchaft der Grund - ſtuͤke betrift; ſo halte ich nur die Abtheilungen oͤder Gemeinde-Guͤther, und zwar ſolcher fuͤr vortheilhaft, die zu Feldern oder Wieſen hergerichtet werden koͤnnen.

Die Vertheilung urbarer Gemeind - Aeker oder Wieſen iſt im Allgemeinen ſchaͤdlich.

Es iſt allerdings raͤthlich, der Gemein - de, als ein geſellſchaftlicher Koͤrper betrach - tet, ein liegendes Vermoͤgen zu laſſen.

45

Es giebt Faͤlle allgemeiner Noth, z. B. Brand, feindliche Verheerung, Unterhaltung der Wege, Daͤmme, Bruͤken, ꝛc. wo die wechſelſeitige Unterſtuͤzung und Rettung aus den einzelnen Beitraͤgen der einzelnen Gemeinde-Glieder weit ſchwerer iſt, als aus einem gemeinſchaftlichen Vermoͤgen. Eigennuz und Egoismus ſtraͤubt ſich gegen jedes Opfer, das man aus ſeinem alleinigen Eigenthum mit fuͤr andere leiſten ſoll.

Das gemeinſchaftliche Vermoͤgen hingegen, iſt jedes einzelne Gemeinde-Glied gewohnt als ein ihm fremdes Eigenthum zu betrachten.

Jn ſolchen Faͤllen exiſtirt alſo ein ſichrer Fond, den allgemeinen Wohlſtand der Geſellſchaft wieder herzuſtellen.

46

Wird auch die Kultur gemeindlicher Grundſtuͤke gewoͤhnlich vernachlaͤſſigt, ſo iſt doch dieſer Fond gegen alle Leidenſchaften, gegen alle Gefahr untreuer Verwaltung u. ſ. w. ſicher geſtellet, die bei einem Kapital - Vermoͤgen unvermeidlich iſt. Auch haͤngt deſſen Werth nicht, wie der Metall-Werth, von den Launen der Zeit ab.

Nur dann wuͤrde zum Theil, eine Ab - theilung der gemeindlichen urbaren Guͤther raͤthlich und vortheilhaft ſeyn, wenn ihre Zahl, den fuͤr ſolche Faͤlle allgemeiner Noth erforderlichen Fond, oder die Zahl der ange - bauten eigenthuͤmlichen Privat-Guͤther uͤber - ſteigt, und damit nicht im Verhaͤltnis ſteht.

Die Abtheilung gemeindlicher Hoͤl - zer, halte ich im Allgemeinen fuͤr ſchaͤdlich.

47

Holz gehoͤrt unter die erſten Beduͤrf - niſſe.

Der Landmann kalkulirt groͤßtentheils nur auf einen ſehr eingeſchraͤnkten Zeit - Raum.

Ob ſeine Nachkommen noch dieß erſte, und unentbehrliche Beduͤrfnis finden? ob bei zunehmender Volks-Menge auch fuͤr dieſe noch das Erfordernis vorhanden ſey? iſt ihm gleichguͤltig.

Der langſame Wuchs des Holzes ſteht aber mit der Leichtigkeit der Verſchwendung nicht im Verhaͤltnis. Der Staat der uͤber das Wohl der Geſellſchaft nicht bloß fuͤr den Moment, ſondern in der Fortdauer wa - chen muß, hat alſo die Pflicht, mithin auch das Recht, die freie Benuzung des Holz - Eigenthums in ſo weit einzuſchraͤnken,48 als es das Wohl der Geſellſchaft unver - meidlich fordert.

Es iſt aber unſtreitig leichter dieſe noth - wendige Beſchraͤnkung des Eigenthums bei Grundſtuͤken auszufuͤhren, die der ganzen Geſellſchaft, als die den einzelnen Eigenthuͤ - mern gehoͤren.

Der Land-Mann, der fuͤr die groͤßere Ruͤkſicht des allgemeinen Wohls, groͤß - tentheils keinen, fuͤr den Begriff des Eigen - thums aber Sinn genug hat, ſieht jede Beſchraͤnkung der Eigenthums-Rechte als eine despotiſche Willkuͤhr an, gegen die er ſich ſtraͤubt, der er auf alle Art zu entge - hen und auszuweichen ſucht, und die nur durch anhaltende gewaltſame, alſo verhaßte Maas-Regeln aufrecht erhalten werden kann.

Er49

Er hat fuͤr Forſt-Wirthſchaft keinen Sinn, und unterwirft ſich allen deren Vor - ſchriften mit Murren und Widerwillen.

Holz ſollte alſo ſeiner Natur nach ei - gentlich nie Privat-Eigenthum, ſtets Staats-Eigenthum ſeyn. Dieß wuͤrde auch den Staat in Stand ſezen, die Graͤn - zen der Bevoͤlkerung, die Vortheile oder Nachtheile der Anlegung neuer Fabriken, richtiger zu beſtimmen, alſo die Nahrungs - Quellen mit weiſer Vorſicht zu berechnen, und das Gleich-Gewicht zwiſchen allen Klas - ſen der Staats-Buͤrger zu erhalten, deſſen Verluſt jedem Staat den Untergang bringt.

Vielleicht wuͤrden andere unter die Faͤlle, wo die Abtheilung eines oͤden Plazes nachtheilig iſt, auch den der Unfruchtbar - keit des Bodens rechnen.

D50

Allein Erfahrung hat mich uͤberzeugt, daß durchaus kein Boden ganz unfruchtbar iſt, d. h. durch Kultur nicht mehr Gewinn als durch Waide liefern koͤnne.

Wohl aber gehoͤrt hieher, der Fall: wenn das oͤde Grundſtuͤk unvermeidlich oͤfteren Ueberſchwemmungen ausgeſezt iſt; oder die Auflokung des Erd-Reichs einem Strohme Gelegenheit zu Waſſer-Riſſen geben wuͤrde.

Jene Lokal-Verhaͤltniſſe abgezogen aber, befoͤrdert die Abtheilung oͤder Gemeinde - Guͤther, die allgemeine Gluͤkſeeligkeit aller - dings.

Jch verſtehe unter allgemeiner Gluͤk - ſeeligkeit, daß auf einer angenommenen Erd-Flaͤche, ſich bei einem mittlern Grad51 von Kultur-Stande die groͤßte moͤgliche Zahl von Menſchen bequem ernaͤhren, d. h. alle ihrem Stande, ihrer Erziehung und Sit - ten angemeſſene Beduͤrfniſſe erhalten koͤnne. Es iſt wohl nicht moͤglich, dieß in der Allge - meinheit noch naͤher und ſchneidender zu be - ſtimmen.

Dieß angenommen, ſind die uͤberwie - gende Vortheile der Urbarmachung der oͤden Gemeinde-Gruͤnde unverkennbar.

Oekonomiſche Schriftſteller, wie Schu - bart, Meyer u. a. haben die Vortheile der Stall-Fuͤtterung uͤberzeugend dargethan. Zwi - ſchen der Nahrung, die das Vieh auf einer angenommenen oͤden Erd-Flaͤche erlangt, und der Maße der durch den Anbau daraus zu ziehenden Produkten, iſt durchaus kein Ver - haͤltnis.

52

Wenn man von einer behuͤthet werden - der Erd-Flaͤche denjenigen Flaͤchen-Jnhalt abzieht, der von dem Tritt des Viehes zu allem Keimen untuͤchtig gemacht, der durch den Dung und Urin zum Fras verdorben wird, ſo bleibt eine ſehr geringe Flaͤche zu Produkzion der Nahrung uͤbrig.

Rechnet man hiezu den ſo wichtigen Verluſt des Dungs, die der thieriſchen Orga - niſazion ſo nachtheilige Ermuͤdung vom Ge - hen und Ermattung von der Hize, den daraus entſtehenden Verluſt des Ertrags vom Melk - Viehe, ſo ſteigt die Bilanze zum Vortheil der Abtheilung der Gemeinde-Huthen unend - lich.

Die neuern Oekonomen haben zwar ſtets auf den in der Natur der thieriſchen Organiſation gegruͤndeten Grundſaz aufmerk -53 ſam gemacht, daß das oͤftere und allmaͤhli - ge Fuͤttern des Viehes zu deſſen Gedeihen und Wachsthume durchaus nothwendig ſey.

Es ſcheint aber ihrer Bemerkung bisher entgangen zu ſeyn, daß gerade die gewoͤhn - liche Art des ſeltenen und dann gehaͤuf - ten Fuͤtterns, der Waide den Vorzug vor der Stall-Fuͤtterung giebt, weil das Vieh dort ſeine Nahrung nur allmaͤhlig und in kleinen Porzionen dem Boden abzwingt, hier aber ſich aus der vollen Raufe auf Einmal bis zur Unverdaulichkeit uͤberlaͤdt.

Die Aufhebung der Waiden iſt alſo, nach meiner Ueberzeugung, nur dann raͤthlich, wenn die Stall-Fuͤtterung der Natur naͤher gebracht wird, welches freilich einen groͤßern Aufwand von Zeit und Aufmerkſamkeit for - dert, ihn aber auch reichlich belohnt.

54

Um die Groͤße und Wichtigkeit des Ge - winns bei der Abtheilung einer Oedung von nur mittelmaͤßig gutem Boden, anſchaulich zu machen, will ich einſt die Berechnung des Mittel-Ertrags eines von mir vor zwei Jah - ren urbar gemachten Huth-Waaſens hervorge - ben, und ſie wird Reſultate liefern, die jezt unglaublich ſcheinen.

Zweite Frage: Welches iſt der gerechte, und alſo richtige Maas - ſtab der Vertheilung der Gemeinde - Guͤther?

Gemeinde-Guͤther ſind ein Eigen - thum der kollektiven Geſellſchaft. So lan - ge es oͤd liegt, hat in der Regel (denn auch hier koͤnnen Lokal-Verhaͤltniſſe Ausnah - men bilden) der Grad des Antheils eines55 jeden einzelnen Glieds der Geſellſchaft keine genaue Beſtimmung, und bedarf ſie auch nicht. Die einzige ruhende Regel iſt, Gleich - heit des Antheils.

Sobald aber das gemeindliche Grund - ſtuͤk aufhoͤrt, das Eigenthum der kollekti - ven Geſellſchaft zu ſeyn, ſobald alſo der An - theil jedes einzelnen Glieds beſtimmt wer - den ſoll, tritt die Frage ein: Welches iſt der Grad des Antheils jedes Einzelnen am Ganzen? Nach welchen Grundſaͤzen muß dieſer Grad erhoben werden?

Gerecht muͤſſen dieſe Grundſaͤze ſeyn; das iſt unſtreitig. Gerecht kann aber der Maasſtab jenes Grads nur dann ſeyn, wenn die Lage jedes einzelnen Gemeinde - Glieds durch die Abtheilung nicht verſchlim -56 mert wird. Es folgt hieraus, daß ſelbſt da, wo der Antheil jedes einzelnen Glieds an den Vortheilen und Laſten der Geſellſchaft durch beſtimmte Gemeinde-Rechte feſtgeſezt iſt, die Abtheilung nach Gemeinde-Rech - ten keineswegs gerecht ſey.

Jene Beſtimmung iſt unter dem Ver - haͤltnis der Gemeinheit der Grundſtuͤke gemacht worden, iſt alſo nur auf dieſe Lage der Dinge berechnet, alſo auch nur auf dieſe Lage der Dinge anwendbar.

Bei einer ganz entgegengeſezten Lage des geſellſchaftlichen gemeinen Vermoͤgens, kann ſie alſo durchaus den richtigen Maas - ſtab zu der Aufhebung dieſer Gemeinſchaft, und der Abtheilung ihrer Vortheile nicht abgeben.

57

Jn ſolchen Verfaſſungen beſizt oft der bloße Handwerker, der Bauer mit 12 Mor - gen (Akern, Tagwerken, Jauchert) Landes, eben ſo gut Gemeinde-Recht als der von 60 Morgen. Nothwendig zieht der lez - tere bei beſtehender Gemeinſchaft, wegen ſeines ſtaͤrkern Viehſtands, mehr Vortheil aus dieſer Lage, als der erſtere. Bei der Abtheilung erhielte er aber nicht mehr Land als ſie; und wuͤrde alſo durch dieſe Veraͤnde - rung der Lage offenbar gegen jene verkuͤrzt.

Der Grad des Vortheils, der fuͤr jedes Glied der Geſellſchaft aus der bis - herigen Lage reſultirte, iſt alſo der ein - zigegerechte, alſo einzig richtige Maas - ſtab der Abtheilung. Dieſer, an ſich unwi - derſprechlich richtige Grundſaz hat aber zu andern Jrrthuͤmern verleitet.

58

Man hat alſo den gerechten und rich - tigen Maasſtab der Abtheilungen in dem Viehſtand geſucht, und nichts iſt irriger, alſo ungerechter.

Nothwendig muß bei der Abtheilung der Viehſtand des Zeit-Punkts zum Grund gelegt werden.

Der Viehſtand wechſelt aber nicht allein unaufhoͤrlich, ja nach der Jahrs-Zeit, der Wit - terung, dem Fall eingetretener Krankheiten u. ſ. w. er haͤngt auch ſehr von der mehrern oder mindern Jnduſtrie des Grund-Beſizers ab. Der vorige Beſizer eines angenom - menen Bauern-Guths, kann durch Kultur und Fleis ſeinen Viehſtand hoch getrieben, der jezige durch Mangel an Fleis ihn tief herabgeſezt haben. Wenn nun dieſem Bauern -59 Guth ſein Antheil an den gemeindlichen Grundſtuͤken, nach dem jezigen Verhaͤlt - nis zugetheilt wird, wird nicht der fleiſigere Enkel, der den Viehſtand wieder auf die Hoͤhe des Großvaters bringt, mit Recht uͤber Verkuͤrzung, uͤber Schmaͤlerung ſei - nes Antheils am gemeindlichen Vermoͤ - gen klagen?

Der Viehſtand iſt alſo als ein wan - delbarer und von Zufaͤllen abhaͤngiger Um - ſtand, durchaus kein feſter, ſicherer, alſo ge - rechter und richtiger Maasſtab zu einer dau - ernden und immerwaͤhrenden Beſtimmung des Grads des Antheils der einzelnen Glie - der am gemeinſchaftlichen Grund-Eigen - thum.

Der einzige ſichere, feſte, gerechte und al - ſo richtige Maasſtab liegt vielmehr in dem an -60 gebauten Grund-Beſiz des Ge - meind-Glieds.

Dieſer iſt feſt, ſicher bleibend und wech - ſelt nicht; denn die Zutheilung des Antheils am gemeindlichen Vermoͤgen, geſchieht nicht auf die Perſon des Beſizers, ſondern auf das angebaute Grundſtuͤk, das nie ver - loren gehen kann.

Er haͤngt nicht, wie der Viehſtand von dem Zufall oder dem Mehr oder mindern Grad der Jnduſtrie des Anbauers ab.

Er iſt gerecht, denn er allein mißt die abzutheilenden Antheil des einzelnen Ge - meind-Glieds genau nach dem Grade des Vortheils ab, den die Lage der Gemein - ſchaft dem Einzelnen gewaͤhrte.

61

Dieſer Vortheil beſteht nicht in dem wuͤrklichen, ſondern in dem daraus zu ziehen moͤglichen Gewinn; nicht in der wuͤrklichen vom Zufall abhaͤngigen Benuz - ung, ſondern in der bleibenden und unwan - delbaren Benuzungs-Faͤhigkeit.

Der Grad der daurenden Benuzungs - Faͤhigkeit liegt aber einzig in der Zahl der angebauten Privat-Grundſtuͤke. Ein Bauer, der 60 Morgen Grund-Eigenthum beſizt, wird bei gleicher Kultur, ohnwi - derſprechlich mehr Vieh halten, alſo mehr Nuzen von Vieh-Waiden ziehen koͤnnen, als der nur 40 beſizt.

Und da die Erd-Flaͤche nicht allein den Ertrag beſtimmt, ſo waͤre es, um die ſtrengſte Gerechtigkeit einzuhalten, auch noth -62 wendig, dieſe Privat-Grundſtuͤke nach der natuͤrlichen Guͤte des Erd-Reichs abzu - gleichen.

Man denke ſich alſo 8 Gemeinde-Glie - der, wovon 4 jeder 25 Morgen und 4,50 Morgen beſaͤßen, und unter die ein Gemeinde - Waaſen von 75 Morgen vertheilt werden ſollte.

Alſo wuͤrde jeder Morgen angebautes Feld 1 Viertel Morgen am Huth-Waaſen, jeder der erſtern 4 Gemeinde-Glieder alſo 6 und 1 Viertel Morgen, jeder der leztern 4 aber, 12 und 1 halben Morgen erhalten. Beſaͤßen aber die erſtern 4 ſolches Land, wovon z. B. 2 Morgen ihrer natuͤrlichen Fruchtbarkeit nach, eben ſo viel Ertrag liefer - ten, als 1 Morgen der 4 leztern, ſo wuͤrde je - der 21 und 7 Achtel Morgen erhalten.

63

Jenen Grundſaͤzen zu Folge, muͤßte die Zutheilung nicht einzig auf konſolidirte Grundſtuͤke, ſondern auch auf einzelne Felder und Wieſen geſchehen.

Dieß wuͤrde aber die Beſtimmtheit und Feſtigkeit des Maasſtabs nicht alteriren, denn die Abtheilung muͤßte Morgenweis ge - ſchehen und der Antheil an dem abgetheilten Gemeind-Waaſen wuͤrde alſo nicht dem temporellen Beſizer, ſondern dem blei - benden Grundſtuͤke anhangen.

Jch uͤbergebe dieſe, auf Nachdenken und Erfahrungen ſich gruͤndende, Jdeen dem Pruͤfungs-Geiſte weiſer und Menſchen - Freundlicher Oekonomen.

Ob es raͤthlich ſey, alle Vieh-Waiden abzuſchaffen, und alſo alle zu theilen? ob64 dabei nicht die Geſundheit alles, oder doch die Fruchtbarkeit des Melk-Viehes leide? moͤchte wohl die gruͤndliche Eroͤrterung erfahrner Oekonomen verdienen, da die Er - fahrung hier dafuͤr, dort dagegen ſpricht.

Jngleichen auch: Ob nicht die Horden - Fuͤtterung der allerdings unentbehrlichen Schaͤfereien, die Huth-Waͤſen, entbehrlich machen, wofuͤr doch die Erfahrung in gan - zen Laͤndern ſpricht.

7. Teutſche65

7. Teutſche Nazional-Tracht.

Oft ſchon haben Patrioten ihre Stimme erhoben, und uns eine teutſche Nazional - Tracht vorgeſchlagen.

Jſt die Jdee wahr, d. h. iſt ſie nuͤz - lich, gewaͤhrt ſie dem teutſchen Staats-Buͤr - ger reelle Vortheile, und iſt ſie ausfuͤhrbar?

Jm allgemeinen Sinne iſt Nazionaltracht diejenige Gattung Kleidung, welche die Sit - ten, die Gewohnheit des Volks eingefuhrt hat, im engern Sinne diejenige, die das Geſez vorſchreibt. Jn erſtern Sinne giebt es der Nazional-Trachten viele, beinah alle Nationen haben etwas eigenthuͤmli -E66ches in der Tracht; in Europa die Engli - ſche die Franzoͤſiſche, die Spaniſche, die Jta - lieniſche, die Pohlniſche, die Griechiſche, die Tuͤrkiſche; in den uͤbrigen Welt-Theilen die Perſiſche, Chineſiſche, Tartariſche, die der Einwohner der Suͤd-See, der Nomadiſchen Voͤlker von Afrika und Amerika u. ſ. w. deren Eigenthuͤmliches meiſt Klima und die von ihm abhaͤngige Sitten je ſtaͤrker oder ſchwaͤ - cher vor andern ausgezeichnet haben. Aber im zweiten Sinne hat kein Volk eine eigne Nazional-Tracht als das Schwediſche, dem ſie Guſtav der dritte gab.

Teutſchland als Nazion hat weder im erſten noch zweiten Sinne eine Nazional - Tracht. Bei den niedern Staͤnden hat je - des einzelne Land, oft jede einzelne Stadt eigenthuͤmliche Tracht. Vorzuͤglich groß iſt67 aber dieſe Mannichfaltigkeit bei dem weibli - chen Geſchlechte.

Auf dieſe ungeheure Verſchiedenheit hatte in Teutſchland weniger das Klima Einfluß als die Geſeze, die Regierungsverfas - ſungen, welche die Sitten bilden; und ſo wie die Haupt-Umriſſe dieſer in Abſicht der niedern Volks-Klaſſen ſeit Jahrhunderten unerſchuͤttert blieben, erhielt ſich auch bei den niedern Staͤnden ihre Tracht. Bei den hoͤ - hern Staͤnden, die mehr vom unmittelbaren Einfluß der Verfaſſung abhingen, drang natuͤrlich das Gefuͤhl fuͤrs Schoͤne empor und bewuͤrkte eine allmaͤhlige Revoluzion der Trachten. Sobald die teutſche Nation auf - hoͤrte ein kriegeriſches Volk zu ſeyn, ſobald die teutſche Ritter ihre Ruͤſtung ablegten, mußten die hoͤhern Staͤnde eine andre68 Tracht waͤhlen. Die Verbindung der Teut - ſchen mit der ſpaniſchen Monarchie, beguͤnſtig - te Anfangs von Karl des fuͤnften Zeiten an die Aufnahme der ſpaniſchen Tracht. Sie wurde alſo die Tracht der obrigkeitlichen Perſonen, der Hofleute, der Gelehrten, der Damen; und da wo man ſie auch nicht ganz adoptirte, trug ſie doch auf das vaterlaͤndiſche Gewand, das Steife und Feierliche uͤber; da - her die Allonge-Peruͤken, die Roben, die Reif-Roͤke.

Allmaͤhlig empoͤrte ſich das durch Wiſſen - ſchaften und Hand lungbeguͤnſtigte Gefuͤhl fuͤrs Schoͤne gegen das Steife, Unnatuͤrliche und Gezwungene. Die mannichfaltige Bezie - hungen der Teutſchen mit Frankreich, die haͤufigen Kriege der Franzoſen in Teutſch - land, das Gefaͤllige, Zwangloſe und Be -69 queme ihrer Manieren erwarben allmaͤhlig den Franzoſen die Herrſchaft in den Sitten der feinern Welt und alſo auch in deren Tracht. Von den hoͤchſten Staͤnden ging das Beiſpiel aus, und der vorzuͤglich in monarchiſchen Staaten ſtets rege Stolz, der Ehrgeiz ſich von den aͤußerſten Zirkeln immer naͤher zum Mittel-Punkt zu draͤngen, die Begierde zu gefallen, der Luxus dehnte dann dieſe Tracht von Stufe zu Stufe beinah bis zu den nie - derſten Volks-Klaſſen aus. Allenthalben machte das weibliche Geſchlecht, bei dem die Begierde zu gefallen natuͤrlicher iſt, und das mehr Zeit zum Puz verwenden kann, den Anfang und langſam ſchritt das maͤnnliche nach.

Lange, ſehr lange behauptete Frankreich dieſe Herrſchaft; die Teutſchen folgten ihr70 durch alle die muthwillige Launen der Mode durch all' ihr Gekiges, Buntes, Unnatuͤr - liches und Abentheuerliches.

Endlich erhielt ſie von England eine Ne - ben-Buhlerin. Die ungeheure Verirrung von der ſchoͤnen Einfalt der Natur empoͤrte all - maͤhlig das ſtets in der Tiefe der menſchlichen Seele unzerſtoͤhrbar liegende, aber mit Ge - wohnheit, Beiſpiel und Leidenſchaft raſtlos ringende Gefuͤhl fuͤrs Wahre. Die edle Simplizitaͤt des engliſchen Geſchmaks rang nun in Meublen, wie im Gewand, mit dem franzoͤſiſchen, und theilte mindeſtens die Herr - ſchaft mit ihm.

So ſtehen die Sachen noch jezt. Noch jezt iſt die Tracht der hoͤhern Staͤnde ein Ge - miſch von franzoͤſiſchem und engliſchem Ge -71 ſchmak. Noch jezt haben wir keine eigen - thuͤmliche teutſche Tracht.

Woher das? Hat der Teutſche uͤber - haupt keinen eigenthuͤmlichen Karakter? Fehlt es ihm, der in jeder Tugend, in je - der Kunſt, und in jeder Wiſſenſchaft die er - ſten Menſchen aufzuzeigen hat, fehlt es ihm uͤberhaupt an Originalitaͤt des Karakters?

Einſt hatte er doch einen eigenthuͤm - lichen Karakter; das bezeugt ſelbſt Tazitus. Ernſt, nachdenkend, feſt, unerſchuͤtterlich, bieder, beharrlich war der teutſche Mann; ſanft, ſtill, haͤuslich, keuſch dasteutſche Weib.

So wie allmaͤhlig die Vereinigungs - Bande der Nazion erſchlafften, verlohr ſich auch die Originalitaͤt des Karakters, und72 wich dem Einfluß des Kommerzes, der Re - gierungs-Formen, der von ihnen ausflie - ßenden Sitten.

Teutſchland hoͤrte auf Nazion zu ſeyn, und mit dem Umſturz ſeines Nazional-Da - ſeyns, ſtuͤrzt nothwendig auch alle Eigen - thuͤmlichkeit des Nazional-Karakters, mit - hin auch der allgemeinen teutſchen Tracht. Jſt denn alſo die Jdee einer Nazional-Tracht im engern Sinne ausfuͤhrbar?

Sie iſt es nicht: Wer Teutſchlands jezige Verfaſſung kennt, nicht wie ſie in den Reichs-Geſezen, ſondern wie ſie wuͤrklich exiſtirt, bedarf wohl keines Beweißes. Aber wenn die politiſche Revoluzionen raſtlos an der großen Kette der Nazion aͤzen, ſo iſt es die Sache der Sitten, ſie wieder zu ſtaͤhlen73 und jener Desorganiſazion entgegen zu ar - beiten. Denn an der Einheit der Nazion liegt ihr Wohl, ihre innere und aͤußere Sicherheit.

Laßt uns alſo auf eine Nazional-Tracht im allgemeinern Sinne denken! Die Flamme der Wahrheit iſt allmaͤchtig; ſobald ſie lodert, durchgluͤht ſie die Empfindung aller denkenden und fuͤhlenden Weſen; alſo nur ſie zu entflammen iſt die große Aufgabe.

Ueberzeugung iſt die unwiderſtehliche Beherrſcherin aller Sitten; Sie knuͤpft die entfernteſte Enden zuſammen und ſchafft eine ſtillſchweigende Konvenzion, die alles zer - malmt, ohne etwas zu beruͤhren.

Sezt alſo nur erſt dieſe Wahrheit auf ihren Thron: daß eine Nazional-Tracht74 dem teutſchen Staats-Buͤrger reelle Vortheile gewaͤhrt; ſo iſt auch ihre Herrſchaft geſichert, ſo bedarf es keines Geſezes.

Bei den gebildeten Klaſſen darf der Patriot und Philoſoph allerdings zuerſt den Nazional-Stolz, das Nazional-Ehr - Gefuͤhl in Rechnung bringen. So ſehr uns auch die Politik auseinander geriſſen hat, ſo beſteht doch noch das große Band der Sprache, alſo das Band der Wiſſenſchaf - ten. Der Teutſche muß alſo noch Gefuͤhl beſizen fuͤr den Werth des teutſchen Na - mens, fuͤr die Wuͤrde, als Teutſcher einer groͤßern Nazion anzugehoͤren; fuͤr den Werth, irgend eine Auszeichnung zu beſizen, die ſeine Beziehung mit dem allgemeinen Va - terlande bezeichnet; fuͤr den Werth, der Mitbuͤrger eines Leibniz, eines Leſſing, eines75 Kant, eines Gluk, eines Mengs; fuͤr den Werth, Glied einer großen Familie zu ſeyn, in deren Schooße er wieder allein Staͤr - ke und Sicherheit findet, mit deren Strah - len ſich das Jndividuum ſo gerne einfaßt, um ſeinen eignen ſubjektiven Werth zu erhoͤhen.

Am maͤchtigſten und wichtigſten muß dieß Gefuͤhl dem Teutſchen ſeyn, wenn er mit fremden Nazionen zuſammen kommt, bei fremden Nazionen ſich befindet, die die zahlloſe einzelne Nazionen Teutſchlands oft kaum dem Namen nach kennen, bei denen kein Stempel als der teutſche gilt, bei denen nurdieſer Achtung verſchaffen kann.

Wahr iſts, Teutſchland hat aufgehoͤrt eine Nazion zu ſeyn; aber warum? Weil man raſtlos ſtrebte, alle Allgemeinheit der76 Zuͤge zu vertilgen, und weil nichts dem ent - gegen arbeitete. Ob uͤberhaupt Herrſcher und Voͤlker dabei gewonnen haben? iſt eine an - dre Frage; aber den Sitten iſt es vorbehal - ten und allein vorbehalten, die Folgen oder Verirrungen der Ehrſucht zu verguͤten, und die zerrißne Faͤden wieder anzuknuͤpfen.

Es iſt unbeſiegbare, in der Natur der menſchlichen Seele liegende Wahrheit der, nach ſo manchen Verirrungen, erſt neuerlich die franzoͤſiſche Nazional-Konvenzion in ihrer Berathſchlagung uͤber das Koſtuͤm der Volks - Repraͤſentanten und oͤffentlichen Autoritaͤten gehuldigt hat, daß der Einfluß des Aeus - ſerlichen auf Sitten und Verfaſſung all - maͤchtig ſey. Es giebt zwei Wege, ſchlafen - den Empfindungen Leben und Daſeyn zu ge - ben: Ueberzeugung der Vernunft und Be -77 ruͤhrung der Taſten der Sinne. Beide ſind gleich ſicher, der lezte nothwendig allgemeiner. Der Unterſchied iſt nur, daß im leztern Fall das beruͤhrte Weſen die Empfindung gar nicht gekannt hat, und ſie fuͤr eine neue Schoͤpfung haͤlt. Vielleicht wuͤrde alſo eine Nazional-Tracht die Bande der Teutſchen feſter anziehen, mehr Gemein-Sinn ſchaffen als eine neue Konſtituzion von Papier. Viel - leicht wuͤrde der Teutſche allmaͤhlig mehr Werth darauf ſezen, die Uniform einer gro - ßen Nazion als eines einzelnen Hofs zu tragen.

Vielleicht liegt ein großer Theil des gaͤnzlichen Mangels an public spirit, an Einheit der Nazion darin, daß außer der Sprache durchaus kein ſinnliches Band dieſes Zuſammenhangs mehr exiſtirt.

78

Es iſt hier nicht von Kokarden, ſondern vom Gewand die Rede; ſo wenig an ſich die Kokarde um deswillen das Anathem ver - dient, welches man uͤber ſie ausgeſprochen hat, weil ſie zufaͤllig zum Vereinigungs - Punkte einer Empoͤrung diente. Sie kann eben ſo gut ein Vereinigungs-Mittel ſeyn, ſich zur Beſchuͤzung der Geſeze und der jezi - gen Verfaſſung, des Eigenthums, und der wahren Freiheit zu ſammeln.

Eine Nazional-Tracht wuͤrde aberauch dem teutſchen Staats-Buͤrger augenblikliche reelle Vortheile gewaͤhren.

Hier iſt nicht der Ort, die große Frage: ob und wie weit der Luxus ſchaͤdlich iſt? um - ſtaͤndlich zu beantworten. Aber gewiß iſt es, daß Nazional-Tracht den Luxus, ſo weit er79 ſchaͤdlich iſt, begraͤnzen wuͤrde. Gewoͤhnte ſich nur die Menſchheit, bei all ihren Hand - lungen nur von einem Zweke auszugehen und durchaus in dem Gleiße zu bleiben, das zu dieſem Zwek fuͤhrt, ſo wuͤrde ſie ſich auch in der Bekleidung unmoͤglich in die abentheu - erliche Launen und Grillen haben verwirren koͤnnen, welche die mannichfaltige Trachten der Nazionen bezeichnen. Schuz gegen Hize und Froſt, gegen die Stuͤrme der Witterung, Bedekung der Naktheit, als eine Folge der Schaam, Bequemheit, Anpaſſung in Abſicht der Bewegungen und thieriſchen Verrich - tungen, Verbergung der Maͤngel der Natur und Veredlung der Form dieß ſind die Zweke der Verkleidung, dieß muͤſſen ſie ſeyn! Wie weit iſt nicht die Menſchheit von ihnen ab - gekommen!

80

Das Gewand der mehreſten Nazionen gewaͤhrt entweder jenen Schuz nicht, oder es verunſtaltet die ſchoͤne Formen der Natur.

Welche ungeheure Caprice, von der Allon - ge-Peruͤke des Senators bis zum Puze des Geken, von der ſteifen Parade des Garniſon-Soldaten bis zur ungebundenen Natur des Hirten-Jungen, von der Dame im Hof-Kleide bis zum Bauer-Maͤdchen!

Wahr iſts, ſeit dem lezten Dezennium naht ſich die maͤnnliche und vorzuͤglich die weibliche Tracht mehr der Natur und der menſchliche Geiſt ſcheint auch hierin der Voll - endung ſeines Kraislaufs nahe zu ſeyn. Aber wie weit ſind auch die neuſten Trachten noch vom Zweke fern!

Wuͤrde81

Wuͤrde alſo durch die ſtille Uebereinkunft teutſcher Maͤnner und Weiber eine National - Tracht geſtiftet, gingen dieſe dabei vom Geiſte des Gewands aus, ſo waͤre warlich fuͤr die Nazion reiner Gewinn.

Allerdings muͤßte ſie dabei von andern Nazionen entlehnen, aber dieß bringt die Gleichheit der menſchlichen Form nothwen - dig mit ſich, und die Zuſammenſezung waͤre doch Originalitaͤt.

So wuͤrde der Mann die langen Bein-Kleider (Pantalons) von den Un - gern; die Weſte oder den kurzen Rok, und den kurzen an der linken Schulter hangenden Mantel, und die Form des Huths von dem Spanier, das rund abgeſchnittene Haar von den Quakern und von mehrern NazionenF82entlehnen, und das Ganze wuͤrde eine freie, bequeme, edle und natuͤrliche Tracht bil - den, die Schuz gegen die Witterung giebt, den Bewegungen des Koͤrpers vollen Spiel - Raum laͤßt und die ſchoͤne Form der Natur nicht entſtellt.

Das teutſche Weib wuͤrde von den Griechinnen die lange Bein-Kleider, das ungezwungen aufgeſchuͤrzte Ober-Gewand, den Guͤrtel unter dem Buſen kopiren; ver - bunden mit einem an den Koͤrper ſich an - ſchmiegenden Korſet mit Aermeln. Jhr Kopf-Puz koͤnnte immer ganz der Phantaſie uͤberlaſſen bleiben, wenn ſie nur vom Natuͤr - lichen ſich nicht zu weit entfernte.

Wie groß waͤre auch nicht bei ſolchen Trachten der Gewinn fuͤr die Kunſt. Sie83 wuͤrden die ſchoͤnen von den Launen der Mo - de mishandelten und verunſtalteten Formen der Natur wieder herſtellen, die einſt Praxi - tele, Zeuxes und Apelle ſchuf; Sie wuͤrden ſelbſt die Menſchen-Gattung veredeln, in - dem ſie der Phantaſie der Muͤtter nur ſchoͤ - ne und edele Umriſſe darſtellten und indem ſie der Ausdehnung und dem Spiel der Muskeln ungehemten Gang oͤffneten. Der Eitelkeit, der Glanzſucht, dem Eigenſinn, den Grillen der Mode bliebe in den Stoffen, und Farben der Tracht, in den mannichfal - tigen Verzierungen, im Kopf-Puz immer noch ein weiter Spiel-Raum.

Das allmaͤchtigſte und ſicherſte aller Zwangs-Geſeze: die Ueberzeugung, wuͤr - de vielleicht dann den Teutſchen die ſtille freie Uebereinkunft abdringen, ſich zu einer ſolchen84 Tracht nur inlaͤndiſcher Zeuche zu bedie - nen; dieß wuͤrde die Nazional-Jnduſtrie be - guͤnſtigen und der Bilanz des teutſchen Kom - merzes eine vortheilhafte Richtung geben.

Jch wiederhole es, nicht Geſeze, waͤren ſie auch fuͤr Teutſchland nach deſſen Verfas - ſung moͤglich, koͤnnen dieſe Revoluzion bewuͤr - ken. Der Menſch iſt mit Recht eiferſuͤchtig auf ſeine Freiheit, und die geſezgebende Ge - walt kann ihre Wuͤrkung uͤber die unmittel - baren Zweke derſelben: nemlich Sicherheit und Ordnung der Geſellſchaft, nicht ausdeh - nen, ohne deren Glieder zu empoͤren, ohne in diejenige Freiheits-Porzion einzugreiffen, die jeder derſelben bei dem geſellſchaftlichen Vertrage ſich vorbehalten hat. Alſo kann und darf dieſe Revoluzion in der Tracht nur das Werk der ſtillen Uebereinkunft der85 Nazion ſeyn; aber auch dieſe hat große Schwierigkeiten. Der groͤßte Theil fuͤrchtet, ſich durch den Anfang auszuzeichnen, ſich der oͤffentlichen Kritik auszuſtellen, inſolirt zu wer - den und alſo ſingulaͤr zu ſcheinen. Aber doch iſt jene ſtille Uebereinkunft uͤber ſo viele Ge - genſtaͤnde, z. B. die Abſtellung der Trauer - Kleider endlich zur Herrſchaft geworden. Sollte ſie es nicht auch hier werden koͤnnen?

Mag meine Jdee immer lange bei andern ſchoͤnen Traͤumen ſchlummern; ſie iſt denn doch in das Archiv der Menſchheit niederge - legt, und Urkunden die ihr frommen, wer - den oft ſpaͤt nachher aus dem Staube hervor - geſucht. Noch immer iſt es nicht Zeit zu ſa - gen, daß der gute Abt St. Pierre durchaus und allenthalben vergebens getraͤumt hat.

86

8. Litterariſches Konſultatorium.

Eine Geſellſchaft praktiſcher Aerzte zu Ham - burg hat ein Jnſtitut errichtet, deſſen Zwek iſt, auch entfernten Kranken, auf Anfrage, Rath und Huͤlfe zu ertheilen.

Der Mark-Graf von Baaden hat vor einigen Jahren ein Rathgebendes Kolle - gium niedergeſezt, bei dem ſich jeder Staats - Buͤrger, dem ein Rechts-Streit bevorſteht, uͤber die Rechtlichkeit ſeiner Anſpruͤche oder Behauptungen Belehrung verſchaffen kann, eh 'er dieſe gerichtlich verfolgt.

Beide Jnſtitute verdienen den Beifall jedes Weſens, dem Menſchen-Wohl heilig iſt.

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Sollte denn nicht fuͤr den Schriftſteller, mindeſtens fuͤr den angehenden, ein aͤhnliches litterariſches Konſultatorium errichtet werden koͤnnen?

Wie oft fehlt es dem angehenden Schrift - ſteller, nach ſeinen Lokal - oder andern Ver - haͤltniſſen an einem kritiſchen Freunde; und doch hat ſchon Horaz ſeine Wichtigkeit ſo lebhaft gefuͤhlt, doch iſt in Wiſſenſchaft und Kunſt unſre eigne Anſicht ſo truͤgeriſch, doch kann einzig fremde Anſicht unſer Gefuͤhl berichtigen, uns uͤber die Fleken und Maͤngel unſrer eignen Schoͤpfung aufklaͤren; doch kann ſie allein, entkleidet von der Favorit - ſchaft unſrer Neigungen und Leidenſchaften, die ſo oft mit unſern Geiſtes-Kraͤften in Widerſpruch ſtehen, dieſen ihren richtigen Wuͤrkungs-Kreiß anweiſen. Nicht immer88 iſt diejenige Wiſſenſchaft, zu der unſer Herz uns zieht, diejenige der auch unſer Geiſt ge - wachſen iſt: und nicht alles deswegen vor - trefflich, weil es con amore gearbeitet iſt.

Ein kritiſcher Freund ausgeruͤſtet mit Einſicht und mit dem Muthe, wahr zu blei - ben, mit der Kaͤlte, ſeinen Kopf nicht durch das Herz beſtechen zu laſſen, iſt ein ſehr ſchaͤz - bares, aber warlich ſehr ſeltenes Weſen.

Welcher Weg bleibt alſo dem angehen - den Schriftſteller, ſich zu berichtigen und fort - zuſchreiten, als die Preſſe? Den Beſcheid - nen und Aengſtlichen wird die Gefahr der Publizitaͤt zuruͤk ſchreken, alſo das aufkei - mende Genie feſſeln und erſtiken. Ueber - windet er auch dieſe Furcht, ſo wird ſtrenge Kritik ſeines erſten Ausflugs ihn betruͤben,89 ihn muthlos machen und vom Fortſchritt zu - ruͤkhalten.

Jn der litterariſchen Welt, wie in der Geſellſchaft und auf der Buͤhne, entſcheidet meiſt der Debuͤt auf immer; und doch muß er von dem groͤßern Theile der Schriftſteller auf die Gefahr gewagt werden, daß einſame Anſicht ihn getaͤuſcht, und ſeinen ſchriftſtelle - riſchen Ruf auf immer verkruͤppelt haben koͤn - ne. Wie oft wird nicht der in der Folge durch oͤffentliche Kritik belehrte und gebildete Schriftſteller wuͤnſchen ſeine erſte Produkte zuruͤknehmen, wie oft vergebens wuͤnſchen, ſelbſt das Ueble wieder vernichten zu koͤnnen, das dieſe Produkte ſtifteten, und das ſeine durch fremde Anſichten nicht berichtigte Par - theilichkeit und Vaterliebe, ihm damals verbarg!

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Wie viel klaſſiſche Werke mehr, wie viel unreife Produkte weniger wuͤrden wir beſiz - en, wenn dieſe Geburten durch fremde kal - te Pruͤfung erſt gezeitigt worden waͤren! Wie manchen Schriftſteller hindert Tod oder buͤrgerliche Verhaͤltniſſe, ein Einmal gedruktes Werk umzuarbeiten und in einer reinern, fuͤr Menſchheit und Wiſſenſchaft nuͤzlichern Geſtalt wieder zu geben! Wie manches unvollkommne oder unreife Werk kann, wegen des gerade davon herruͤhren - den Mangels an Abſaz der erſten Auflage, in keiner zweiten veraͤnderten und vollkomm - nern mehr erſcheinen! Wie viel zu nah an einander gedraͤngte neue Auflagen der nem - lichen Werke wuͤrden erſpart werden, die fuͤr die Fortſchritte der Wiſſenſchaften und fuͤr den Umlauf der Kenntniſſe nachtheilig ſind, weil ſie den Buͤcher-Ankauf erſchweren, wenn91 ſchon die erſte Auflage eines wichtigen Werks vollendeter erſchiene! Unverkennbar iſt alſo die Menge und Groͤße der Vortheile, wenn der Schriftſteller, vorzuͤglich aber der angehende, vor der Publizitaͤt ſeines Werks, ſich durch eine geheime Pruͤfung und Beurtheilung belehren und berichtigen koͤnnte.

Der Weg dazu waͤre die Errichtung eines Litterariſchen Konſultatori - ums. Eine Geſellſchaft Gelehrter vereinig - te ſich, die ihr von Schriftſtellern zugeſende - te Handſchriften ausfuͤhrlich zu zerglie - dern und zu beurtheilen; jeden Tadel und jeden Beifall mit Beweißen zu beurkun - den.

Der Raum der kritiſchen Blaͤtter macht es ihnen nur bei den wichtigſten Werken92 moͤglich in eine vollſtaͤndige Zergliederung einzugehen. Die Koſten des Druks und Papiers wuͤrden ſonſt die Journale zu einen zu hohen Preiß ſteigern; ſie wuͤrden ſelbſt an Jntereſſe verlieren; weil bei unvollkom - menen oder unwichtigen Werken nicht das ganze Publikum, nur der Schriftſteller bei einer ausfuͤhrlichen Beurtheilung intereſſirt iſt, und gewinnen kann. Die meiſten Re - zenſionen muͤſſen alſo kurz und oberflaͤch - lich ſeyn. Dadurch wird aber kein Genie gebildet, dadurch fuͤr die Wiſſenſchaften nichts gewonnen.

Wie ſoll es auch moͤglich ſeyn, daß ein Journal von hoͤchſtens 365 halben Bogen jaͤhrlich die Produkte von 6000 lebenden teutſchen Schriftſtellern ſo berechnet Meu - ſel ihr Heer gruͤndlich abfertige? der Ban -93 kerott iſt ja offenbar und muß mit jedem Jahr zunehmen.

Da es vom Schriftſteller abhinge, ſelbſt vor dem Konſultatorium anonym zu bleiben, ſo verſchwaͤnde durch eine ſolche ge - heime Pruͤfung fuͤr ihn alle Gefahr, ſeinen Ruf zu kompromittiren, oder bei den beſten Abſichten, und dem edelſten Beſtreben fuͤr Menſchen-Wohl ſich oft oͤffentlichen Kraͤnkun - gen und Demuͤthigungen, oft dem Hohn ſeiner Mitbuͤrger und der Schaden-Freude ſeiner Neider Preiß gegeben zu ſehen.

Oeffentliche Kritik hat oft auf das gan - ze Schikſaal eines Welt-Buͤrgers großen Ein - fluß: mancher hat durch ein unreifes Pro - dukt ſeine ganze Laufbahn verdorben. Ein gruͤndliches und beurkundetes Reſponſum94 wuͤrde manches furchtſame Genie entfalten, manchen von Eigenliebe verfuͤhrten Autor von der litterariſchen Bahn zuruͤkhalten und ihn entweder in einen andern der Geſell - ſchaft nuͤzlichern Wirkungs-Kreiß, oder zu ei - ner ſeiner Faͤhigkeit und Kraͤften angemeſſe - nen Sphaͤre hinweiſen.

Fuͤr den talentvollen aber noch unbe - kannten Schriftſteller wuͤrde ſolch ein Re - ſponſum eine Urkunde ſeyn, die ihm die de - muͤthigende Rolle erſparte, bei Verlegern um Aufnahme ſeines Werks zu betteln; und ſo manches ſchaͤzbare Produkt, das wegen Man - gels eines Verlegers unbekannt bleiben muß, wuͤrde unter der Aegide eines ſolchen Re - ſponſums Verlag finden, und alſo der gelehr - ten Welt geſchenkt werden.

95

Auch fuͤr den ehrwuͤrdigen Stand der Gelehrten waͤre ſolch ein Jnſtitut von we - ſentlichen Vortheilen. Nichts waͤre billiger, als daß ihnen, wie den Fakultaͤten, ihre auf die Pruͤfung der Manuſkripte verwendete Zeit bezahlt wuͤrde; ſo mancher Gelehrte wuͤrde alſo dabei ſeinen Unterhalt gewinnen, indeß er ſelbſt in den Wiſſenſchaften fort - ſchritte; denn Pruͤfung fremder Produkte ſtaͤhlt die Spann-Kraft des Geiſtes, ſchaͤrft die Beurtheilungs-Kraft, heiſcht tiefes Ein - dringen in den Kern der Wiſſenſchaften, und beguͤnſtigt alſo die Entdekung neuer Wahr - heiten; den Pruͤfer aber zwingt ſie, die Maſſe ſeiner eignen Kenntniſſe zu bereichern, und ſich zu dem Thron der Wiſſenſchaften hinaufſchwingen, der einzig zur Kritik berech - tigen kann.

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Wenn mich nicht alles taͤuſcht, ſo muͤßte ſolch ein Jnſtitut in den Wiſſenſchaften und Kuͤnſten denn auch auf dieſe ließe ſichs aus - dehnen eine ihnen und alſo der Menſch - heit ſehr wohlthaͤtige Revoluzion hervor - bringen.

9. Litte -97

9. Litterariſche Gerechtigkeit der Teutſchen gegen alle Nazionen.

Es iſt ein großer und ſchoͤner Nazional - Zug der Teutſchen, daß wir gerecht ſind ge - gen alle Voͤlker; daß wir alle ihre vorzuͤgliche Menſchen, Weiſe, Gelehrte, Kuͤnſtler und Helden kennen, bewundern, ſchaͤzen.

Der Teutſche allein lernt, außer den todten, auch beinah alle lebende Sprachen, verpflanzt alle intereſſante Werke aller Na - zionen auf ſeinen Boden, naͤhrt ſich von ih - nen, bereichert ſich mit ihren Einſichten und Kenntniſſen. Rouſſeau hat in Frankreich, Shakeſpear in England, Arioſt in Jtalien,G98Kamoͤns in Portugall, Lope in Spanien nicht waͤrmere Verehrer als in Teutſchland.

Die Litteratur aller Nazionen iſt das Eigenthum des teutſchen Gelehrten, alle ihre Schriftſteller des erſten und zweiten Rangs ſind in den Haͤnden des Teutſchen. Das Schoͤne, das Vortreffliche ihrer Genie - und Kunſt-Werke nimmt er oft mit groͤßerm En - thuſiasmus auf, als ſie ſelbſt.

Mag man immerhin die Wuth tadeln, mit der die Ueberſezer uͤber alles, was im Auslande erſcheint ohne Unterſchied herfal - len, ihr Daſeyn zeugt doch unwiderſprechlich von dem Hunger nach geiſtiger Unterhaltung, von der Sehnſucht nach Fortſchritt in der Ausbildung, die den Menſchen veredelt. Die Kritik wuͤrdigt dann was Gold iſt, und hinterlegt dieß zu dem Nazional-Schaze.

99

Dieſe Gerechtigkeit der teutſchen Na - zion, dieſes raſtloſe Streben nach Wahrheit und Ausbildung, dieſes reine Gefuͤhl fuͤrs Edle und Schoͤne, iſt warlich, vor dem Tri - bunale des menſchlichen Geiſtes, hohen Werths gegen die ungeheure Einſeitigkeit und Eingeſchraͤnktheit aller andern Voͤlker.

Warlich, der Teutſche hat vor allen andern Nazionen in allen Wiſſenſchaften und Kuͤnſten die groͤßte Maͤnner, ſo wie die groͤßere Zahl derſelben aufzuweiſen, hat in allen Wiſſenſchaften und Kuͤnſten die hoͤch - ſte Fortſchritte gemacht, und doch nennen ſich andre Nazionen die gebildetſten, ſehen mit Verachtung und Gleichguͤltigkeit auf uns herab und unſre groͤßten Geiſter, unſre tref - lichſte Werke ſind ihnen unbekannt.

100

Kaum kennen ſie unſren Leibniz, Kant, Wieland, Goͤthe, Schiller ꝛc. dem Namen nach. Garrik, als Litterator beruͤhmt, kann - te unſern Leſſing als Fabel-Dichter, nicht ſei - ne Emilie, nicht ſeine Mina, nicht ſeinen unſterblichen Nathan!! Und wo iſt die Nazion, die einen Leſſing, einen Wieland ꝛc. uns entgegenſtellen koͤnnte? Kaum haben die Franzoſen dem Gluk, die Spanier und Jta - liener dem Mengs, die Englaͤnder der Ange - lika, dem Haͤndel und Haydn verziehen, daß ſie Teutſche waren! Man hoͤre und leſe alle Erzaͤhlungen der Reiſenden uͤber die Kenntniſſe unſrer Litteratur und Kunſt in Frankreich, England, Jtalien, Spanien ꝛc. und erſtaune uͤber die tiefe Unwiſſenheit, uͤber den armſeeligen Nazio - nal-Stolz!

101

Warlich, vor dem partheiloſen allge - meinen Richterſtuhle des wahren Edeln, Schoͤ - nen und Guten, iſt der Teutſche ein großer Menſch, er verdient eine Nazion zu ſeyn oder wieder zu werden.

102

10. Ungerechtigkeit der Teutſchen gegen ihre eigne Schriftſteller.

Der Teutſche iſt gerecht gegen alle Nazio - nen, gegen ſeine eigne iſt er es nicht.

Teutſchland hat in jeder Wiſſenſchaft, in jeder Kunſt die erſten Genies, die groͤß - ten Koͤpfe aufzuweiſen; und keine Nazion iſt undankbarer gegen ihre erhabne Mitbuͤr - ger, gleichguͤltiger gegen Genie und Talent; nirgend iſt die Exiſtenz des hervorragenden Schriftſtellers ephemeriſcher.

Eine Menge guter trefflicher Koͤpfe bleibt ganz unbemerkt, und ihre Produkte ſchwim - men ungenoſſen und ungeſchaͤzt mit der Fluth103 der Alltags-Schriften in den Ozean der Vergeſſenheit hinab. Nur ein hoͤchſt ſeltenes, bizarres und monſtroͤſes Phaͤnomen kann ſich Auszeichnung und Aufmerkſamkeit ver - ſchaffen.

Freilich iſt der Umfang Teutſchlands, das Heer teutſcher Schriftſteller mit daran Schuld. Aber hat man wohl Recht, dieſe Fruchtbarkeit Teutſchland zur Suͤnde anzu - rechnen? Jſt es nicht Vorzug der Nazion, wenn Litteratur und Studium allgemein, wenn eine große Maſſe von Kenntniſſen im Umlauf, wenn Forſchungs-Geiſt und Liebe der Wiſſenſchaften weit verbreitet iſt? Mag auch eine große Zahl aus Schriftſtel - lern der zweiten und dritten Klaſſe beſtehen; die Wiſſenſchaften, der Zwek der Menſchheit: Veredelung des Geiſts, koͤnnen dabei nur104 gewinnen, je groͤßer die Zahl der Arbeiter iſt; und wo iſt das kompetente Tribunal, das in lezter Jnſtanz abſprechen koͤnnte: daß ein Werk nichts, gar nichts jezt oder kuͤnftig nuͤz - liches oder wahres enthielte? Jndeß entſchul - digt dieß die Ungerechtigkeit der Nazion nicht, die beſſern Koͤpfe mit den ſchlechtern der Vergeſſenheit zu uͤbergeben und den Maas - ſtab des Verdienſts nur von einigen Tag - Blaͤttern zu entlehnen. Es waͤre eine edle Arbeit, aus den fuͤnf leztern Jahr-Zehnden all' die vorzuͤgliche Werke in jeder Wiſſen - ſchaft auszuheben und der Vergeſſenheit zu entreißen, die die Wogen der Zeit verſchlun - gen haben.

Aber gelingt es auch einem Schriftſtel - ler ſich auszuzeichnen, ſo wird er bei dem gro - ſen Umfange Teutſchlands es ſelten ſo weit105 bringen, außer dem Kraiße ſeiner Provinz bemerkt und als Nazional-Schriftſteller aufgezeichnet zu werden. Daher dieſes trau - rige Haſchen der beſten Koͤpfe nach Para - doxen und Extremen, die Verirrung von Natur und Wahrheit, dieſes gezwungne Streben, empor zu ragen und zu glaͤnzen auf Koſten der Sittlichkeit oder ihres eignen reellen Werths. Wuͤrden nicht die Franzoſen, die Britten erſtaunen, wenn man ſie ver - ſicherte, daß ſelbſt die Litteratoren, die Aeſthe - tiker Teutſchlands die beſten Koͤpfe ihrer Nazion nicht kennen, wie erſt Eſchenburg be - wieſen hat?

Wahrlich, die Kaͤlte, mit der die edel - ſte Werke, Werke, die der Stolz jeder an - dern Nazion ſeyn wuͤrden, aufgenommen und vergeſſen werden, durchſchneidet das Herz106 des Teutſchen, der ſein Vaterland und deſſen große Maͤnner liebt!

Wir beten z. E. Roms Horaz an und Hey - denreich, nach meinem Gefuͤhl in der phi - loſophiſchen Ode mehr als Horaz, iſt kaum als Dichter bekannt.

Der Moͤnch von Libanon, nach meinem Gefuͤhl eines der ſchoͤnſten Geiſtes - Produkte in irgend einer Sprache, hat kei - ne Senſazion gemacht und kaum iſt der Na - me des Verfaſſers bekannt! Ach! daß Teutſch - land keine Nazion mehr iſt. Der gleichzei - tige Schriftſteller darf nicht einmal auf Jn - tereſſe, auf augenblikliche Bemerkung, auf Dank ſeiner Mitbuͤrger rechnen; aber noch groͤßer iſt die Ungerechtigkeit, auch die beſten Koͤpfe der Vorzeit, die von ihren Zeitgenoſ -107 ſen allgemeine Verehrung beſaßen, in kalte Vergeſſenheit zu begraben.

Gellert, Teutſchlands La Fontaine, Rabner, ſein Juvenal, Weiße, Schlegel, Brave, Lichtwehr, Roſt, Zachariaͤ, Hage - dorn, Blum, Romanus, Duſch und ſo viele andre vorzuͤgliche Schriftſteller der Nazion, die ihr Morgen-Roͤthe des Geſchmaks verkuͤn - deten, wer kennt, wer ließt, wer nennt ſie noch? Kaum iſt Uz, Kleiſt, Geßner ꝛc. der gaͤnzlichen Vergeſſenheit entronnen, und ein teutſcher Schriftſteller, ſo groß er auch ſey, begraͤbt ſeine litterariſche Unſterblichkeit unter ſeinem Erd-Huͤgel. Hoͤrt er auf, in je - dem Meß-Katalog zu erſcheinen, ſo wird er noch lebend vergeſſen. So lohnt, ſo ſpornt Teutſchland ſeine Genies! Ein Produkt verdraͤngt das andre. Litterariſcher108 Heißhunger verſchlingt alles, was die Zeit bringt, verdaut aber nichts und genießt nichts. Und doch iſt es das ſchoͤne Vorrecht der Liebe zu den Wiſſenſchaften, aus der Ver - gangenheit Genuß und Kraft zu holen fuͤr Gegenwart und Zukunft! Moͤchte doch ein edler Teutſcher das Andenken ſeiner großen Lands-Leute aus der Vorzeit, und zu - gleich Teutſchland von der Schande des Un - danks retten!

Daß Teutſchland bei all dem noch ſtets ſo viele große und edle Maͤnner hervorbringt, beweißt, welche Kraft in der Nazion liegt, zieht in den Augen jedes gerechten und fuͤh - lenden Weſens eine Glorie um ihr Haupt, aber es erhoͤht die Suͤnde des Undanks.

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II. Ueber oͤffentliche Heuraths-Nachfragen.

Kaum exiſtirt ein der Menſchheit interes - ſanter Gegenſtand, den die Philoſophie nicht bearbeitet, kaum ein menſchliches Jnſtitut oder Verbindung, deren Maͤngel, Gebrechen und Unvollkommenheiten ſie nicht angegeben hat. Hat ſie aber auch ſtets zwekmaͤßige, d. h. nicht auf idealiſche Vorausſezungen gebaute, alſo aus dem Geiſte des Jnſtituts geſchoͤpfte, auf das, was iſt und nach der Organiſa - zion der Menſchheit ſeyn muß, gegruͤndete, mithin ausfuͤhrbare Mittel angegeben, jenem Mangel abzuhelfen, dieſe Jnſtitute zu ver - edeln? Jch glaube, Nein!

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Es giebt eine abſtrakte Pſychologie, die von den Grund-Trieben der menſchlichen Seele ausgeht, und deren Schluͤſſe, ſo wie die Reſultate ihrer Unterſuchung, alle ſehr richtig ſeyn koͤnnen, ohne der Menſchheit zu frommen. Nur eine große Maſſe von Er - fahrung, Welt - und Menſchen-Kenntnis kann der Anwendung jener Reſultate al - lenthalben ihren richtigen Plaz anweiſen, und wie ſelten iſt dieſe mit reinen pſycho - logiſchen Kenntniſſen und kaltem ausdauern - den Forſchungs-Geiſte gepaart?

Die Ehe iſt einer jener Gegenſtaͤnde, uͤber deſſen Zwek und Weſen die Philoſophen aller Zeiten, vorzuͤglich aber die unſrer Na - zion nichts zu ſagen uͤbrig gelaſſen haben. Wer kennt nicht, unter zahlloſen andern Wer - ken, das vortreffliche Buch des edlen Unge -111 nannten uͤber die Ehe? dieſes Mannes, der den hohen Adel der Seele beſaß, allem ſchriftſtelleriſchen Ruhme zu entſagen, und ſeinen einzigen Lohn in dem eignen Bewußt - ſeyn ſeines wohlthaͤtigen Genius zu finden? Bei ihm und in ſo vielen andern philoſo - phiſchen, zum Theil in das Gewand der Romane und Schauſpiele gehuͤllten Schrif - ten findet man eine lange Reihe von Mit - teln angegeben, dieſes heiligſte Jnſtitut der geſelligen Menſchheit zu dem begluͤkend - ſten zu erheben. Aber warum iſt, troz ihrer Wahrheit und Staͤrke, ihre Wuͤrkung in der buͤrgerlichen Geſellſchaft ſo ſchwach, ſo wenig ſichtbar?

Jch will es verſuchen, dieß aufzuloͤßen: Alle dieſe Mittel ſind einzig auf Erhoͤhung der Moralitaͤt, auf Veredlung der Empfin -112 dungen berechnet. Und Dank ſey dafuͤr ihren freundlichen Schoͤpfern! Aber dieſe Hebel koͤnnen, nach der Natur der menſchlichen Seele, nur ſo langſam, ſo unſicher wuͤrken! Jhr Gang wird durch die Grund-Triebe der menſchlichen Seele, durch deren Krankhei - ten und die des Koͤrpers ſo oft gehemmt, ihre Wuͤrkung fordert einen ſo ununterbrochnen und anhaltenden Kampf mit all' dem, was unſre Begierden, Leidenſchaften und Schwach - heiten jeden Augenblik ſo gebietheriſch hei - ſchen, daß ſie nur durch den hoͤchſten Grad von ausdauernder Beharrlichkeit und See - len-Staͤrke errungen werden kann. Und iſt dieß wohl, kann das wohl das Erbtheil vieler Sterblicher ſeyn?

Noch mehr! der Philoſoph kann durch - aus nur allgemeine objektive Vorſchriftenange -113angeben. Aber bei der zahlloſen Mannich - faltigkeit der menſchlichen Verhaͤltniſſe, Ka - raktere und Temperamente, hat in der ſub - jektiven Frage: ob der einzelne Fall unter die Vorſchrift paſſe? Jrrthum, Seelen-Schwaͤche und Leidenſchaft einen ſo ungeheuern Spiel - Raum, daß er die allgemeinen Vorſchrif - ten in der ehelichen Verbindung ſchwerer, ſel - tener als irgend anders, wuͤrklich und leben - dig werden laͤßt.

Nur ſcheint es, der Grund: warum die Ehe der Bund zweier Weſen ver - ſchiedenen Geſchlechts zur Liebe, zur wech - ſelſeitigen Begluͤkung, zur Zuſammen - ſchmelzung ihres Seyns, deſſen hoͤchſte Bluͤthe uns dem Goͤtter-Stande ſo nahe bringt, und, ihrem Geiſte nach, bringen ſoll, warum er ſo ſelten dem Zweke entſpricht, und groͤß -H114tentheils die Quelle des Ungluͤks wird, liegt einzig in unſern Sitten.

Nach dem oben angegebenen Geiſte die - ſes Bunds heiſcht er ſchlechterdings zwei We - ſen, die ſich lieben, im vollen und rich - tigen Sinn dieſes Worts, in dem es auch den Wechſel der Neigung ausſchließt die ſich wechſelſeitig begluͤken, die zuſammen - ſchmelzen koͤnnen.

Aber wie, um aller Goͤtter willen, ſollen denn nach unſern Sitten dieſe Weſen ſich finden? Zugegeben, daß bei der je - zigen Stufe der Kultur, die Erhoͤhung des Luxus unvermeidlich mit ſich fuͤhren muß, daß die Wahl des Gatten durch tauſend aͤußre Verhaͤltniſſe eingeengt wird; ſo iſt dieß nur ein Grund mehr fuͤr den Beweiß, daß, ſo115 wie die Sachen jezo ſtehen, die meiſten Ehen ungluͤklich, daß die Mittel zwekmaͤßig zu waͤhlen, erweitert werden muͤſſen.

Nach unſern Sitten iſt es meiſt Zu - fall, der die eheliche Verbindungen ſchließt, und auf ihn ſind wir verwieſen, bei der wichtigſten Handlung und Verbindung un - ſers Lebens, bei der Entſcheidung des Gluͤks oder Ungluͤks unſers ganzen Daſeyns? Die ſcharfen Graͤnzlinien der Staͤnde, die ſteigende Zahl der Beduͤrfniſſe, der Luxus engen ohnehin die Wahl in ſo ſchmale Graͤn - zen ein, und unſre Sitten ſchließen vol - lends den Begriff der Wahl aus.

Werden die ewige Deklamazionen uͤber Konvenienz-Heurathen nicht ewig zwek - los bleiben und bei der fortſchreitenden Er -116 weiterung der Beduͤrfniſſe immer zwekloſer werden? Waͤre es nicht zwekmaͤßiger, vielmehr der Wahl einen freiern Spiel-Raum zu verſchaffen?

Aber dem weiblichen Geſchlechte iſt es ohnehin durch unſre Sitten ganz unterſagt, auf die Wahl eines Mannes auszugehen, ſelbſt die Aeußerung eines Wunſches der ehelichen Verbindung, alſo der Beſtimmung, die doch einzig ihrem Daſeyn in der Menſchheit Werth giebt, darf nur leiſe ſich hoͤren laſſen. Mag man denn immer bei Maͤdchen der hoͤchſten und liebenswuͤrdigſten ihrer Tugen - den, der Sittſamkeit und Schaamhaftigkeit, dieſes Opfer bringen, aber mindeſtens loͤſe man die Feſſeln der Maͤnner.

Wie ſelten muß nicht der Fall ſeyn, wo der Mann, der einer Gattin bedarf, durch117 ſeine Gluͤks-Umſtaͤnde, durch ſeine haͤusliche Verhaͤltniſſe im Stande iſt, ſie in einem weiten Kreiße zu ſuchen! Welche Menge von Konnexionen ſezt dieß voraus! Denn zur Wahl einer Gattin iſt es nicht genug, daß er das Maͤdchen ſieht, er muß es auch kennen lernen. Meiſt iſt er alſo auf ſeine Heimath, auf ſeine Vaterſtadt eingeſchraͤnkt, und auch da meiſt wieder auf den Zirkel, den ihm ſein buͤrgerlicher Stand, ſeine Fa - milien-Verbindungen anweiſen. Jn dieſen nun ſo ſehr eingeengten Kraiße ſoll und muß er alſo ſeine Gattin ſuchen und finden, und dann erſtaunt man noch, wenn der gluͤkliche Zufall ſo ſelten iſt, der ihm eine Gattin zu - fuͤhrt, bei welcher alle aͤußere Verhaͤltniſſe zu den ſeinigen paſſen, kein Hindernis von Seiten des Vermoͤgens, der Verwandten, des Alters, des Stands u. ſ. w. eintritt,118 die was doch Geiſt und alſo Zwek der Ehe iſt er liebt, die ihn liebt, und bei der auch die Faͤhigkeit ſich wechſelſeitig zu be - gluͤken, nach der eigenthuͤmlichen Beſchaffen - heit ihrer Karaktere, Temperamente u. ſ. w. wuͤrklich vorhanden iſt?

Und unter ſolchen Umſtaͤnden in einem ſo zuſammengeſchrumpten Kraiße kann man unſre eheliche Verbindungen noch Werk der Wahl nennen? kann man noch ſich wundern, wenn der Mann, in der Unmoͤglichkeit einer freien Wahl nach dem Geiſte der Ehe, dieſe nur als ein oͤkonomiſche Operazion be - trachtet und nach dieſem Sinne handelt?

Die Britten, dieſes zwar ſtolze und grillenhafte, aber helldenkende Volk, haben unter den europaͤiſchen Nazionen zuerſt hier -119 uͤber nachgedacht, haben zuerſt uͤber das nicht von Vernunft, nur von Gewohnheit gehei - ligte Vorurtheil ſich hinweggeſchwungen, das oͤffentliche Nachfrage nach einer Gat - tin verbiethet. Bei ihnen ſind zuerſt Ehe - Prokuratoren und oͤffentliche Heuraths-Ge - ſuche erſchienen.

Und doch ſind die Sitten dort weniger als irgendwo einer ſolchen Ruͤkkehr zur Wahr - heit guͤnſtig; nirgendwo iſt das Weib mehr zur Abgeſchiedenheit, Stille, und Sittſam - keit gebannt, nirgend die unvermeidliche Sittenloſigkeit der hoͤheren Staͤnde in einer monſtruoͤſen Hauptſtadt nothwendig abge - rechnet die Heiligkeit ehelicher Treue und weiblicher Ehre groͤßer.

Daher hat denn auch jene Ruͤkkehr zur Wahrheit wenig ausgebreiteten Einfluß,120 gehabt, und die Publizitaͤt der Verbindungs - Geſuche iſt noch immer mit dem Stempel der Laͤcherlichkeit und Unſchiklichkeit bezeichnet geblieben.

Jn Teutſchland iſt ſie vollends mit dem der Unſittlichkeit gebrandmarkt worden. Man hat ſogar die Buͤhne benuzt um ihr den Karakter der Jmmoralitaͤt und des Ridi - kuͤls aufzudruͤken. Der lezte iſt der maͤchtig - ſte, weil er den erſten Grund-Trieb der menſch - lichen Seele, die Eigenliebe, angreift. Der Menſch fuͤrchtet alſo minder, unſittlich zu ſcheinen, als laͤcherlich.

Der Forſcher der Wahrheit zittert fuͤr nichts, ihn darf nichts aufhalten, und wenn er den Kopf des Seneka nicht ſelbſt unter ei - ner Schellen-Kappe findet, ſo fehlt es ihm an Forſchungs-Geiſt oder Forſchungs-Trieb.

121

Jn Teutſchland ſind wenige mit oͤffent - lichen Nachfragen aufgetreten, und auch dieſe haben ſich ſorgfaͤltig und aͤngſtlich hinter das Bollwerk der Anonymitaͤt verſchanzt.

Worin liegt denn das Unſittliche oder Laͤcherliche: daß ein Mann der eine Gattin bedarf, und ſie in dem engen Kraiße ſeiner Bekannten nicht findet, ſie in einem weitern Zirkel ſucht, mit dem einzigen Mittel ſucht, das ihm ſeine Verhaͤltniſſe ge - ſtatten? Liegt dieſe Unſittlichkeit, dieſe Laͤcherlichkeit in der Vorausſezung, daß wenn der Mann einer Gattin, wie er ſie ſucht, wuͤrdig waͤre, er ſie ohne oͤffentliche Anfrage gefunden haben wuͤrde? Jſt denn dieß nicht eine untergeſchobene Vorausſez - ung? eine widerſinnige Vorausſezung, weil ſie den Bekanntſchafts-Kraiß des Mannes122 gegen die Wahrheit willkuͤhrlich ausdehnt? Jſt es denn nicht vielmehr laͤcherlich, zu fordern, daß der Mann gerade die Gattin, die er wuͤnſcht, durchaus in engen Kraiße ſeiner Bekanntſchaft finden muͤſſe? Liegt denn an ſich in dem Wunſche, eine Gattin zu beſizen etwas Laͤcherliches oder Unſittliches? Warum denn alſo in dem oͤffentlichen Be - kenntnis dieſes Wunſches? Das Laͤcherliche und Unſittliche liegt alſo einzig im Unge - woͤhnlichen; darin, daß nicht Nachden - ken uͤber Geiſt und Zwek ſeiner Handlungen, ſondern Mechanismus der allmaͤchtigen Ge - wohnheit, den Menſchen gaͤngelt.

Unleugbar muß durch die Erweiterung des Kraißes der Wahl, die Summe gluͤk - licher Ehen zunehmen, unleugbar muͤſſen dadurch Menſchen ſich zugefuͤhrt werden,123 die Mangel an Familien-Verbindung, Ent - fernung des Aufenthalts und tauſend andre Verhaͤltniſſe trennten, und die ohnedieß ſich nie gefunden haͤtten. Und wenn unter tau - ſend Ehen nur Eine gluͤkliche dadurch geſtif - tet wuͤrde, iſt dieß nicht reeller Gewinn fuͤr die Menſchheit?

Aber dieſe Erweiterung hat auch noch andre Vortheile fuͤr die große Familie. Durch die Einſchraͤnkung der Wahl auf die ſich be - kannten Familien wird das Pflanzenartige des Menſchen genaͤhrt; wird der Lokalis - mus und Egoismus und Abderitismus, wird dieſe Engheit der Einſichten und Geiſtes - und Seelen-Kraͤfte, dieſe erbaͤrm - liche Einſeitigkeit der Anſichten ge - pflegt, die den Flug der Seele hemmt, und der Schwung-Kraft der Menſchheit die Fittige laͤhmt.

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Es iſt Zeit, daß das Blut der Voͤlker - ſchaften ſich miſche; daß dieſe Miſchung jenen verderblichen Egoismus vertilge, daß insbeſondre Teutſchland wieder Ein Volk werde, daß aus der Verpflanzung der Fa - milien Nazional-Geiſt, und beſſer noch, Weltbuͤrger-Sinn, das Treibhaus alles Edlen und Guten, vorzuͤglich der Gaſtfreund - ſchaft, der Theilnehmung, der Wohlthaͤtig - keit, hervorbluͤhe, daß durch dieſe Reibung der Sitten die ſcharfe Eken des Lokalismus abgeſtoßen werden, und daß der Menſch zu - ruͤkgefuͤhrt werde in den Schooß der großen Familie, der er zuerſt angehoͤrt, und deren Ahnen-Tafel vor dem Tribunale der Weisheit und Tugend, und alſo vor dem hoͤchſten und lezten Tribunale des Menſchen, dieß - und jenſeits des Grabs, einzig gilt.

125

Der Staats-Oekonomiſt deklamirt fuͤr Bevoͤlkerung, der Welt-Weiſe empfiehlt die Beguͤnſtigung der Ehe; beide haben Recht, weil der Wuͤrkungs-Kraiß der ehe - lichen und aͤlterlichen Pflichten den Menſchen veredelt. Und noch neuerlich hat die franzoͤ - ſiſche Nazional-Konvenzion dieſer erhabnen Wahrheit gehuldigt.

Aber wird denn dieſer Zwek einzig durch die Vermehrung der Ehen erreicht? beruht denn das Wohl der Menſchheit in der Summe der Ehen uͤberhaupt oder der gluͤklichen Ehen? Sind ungluͤkliche Ehen nicht Molche des Menſchenwohls?

Jch hoͤre die Einwuͤrfe gegen meine Jdee: Offentliche Heurachs-Antraͤge werden Be - trug und Taͤuſchung beguͤnſtigen.

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Man gehe von dieſem Verdacht aus und erhoͤhe ſeine Vorſicht; der Betruͤger wird ſpaͤt oder fruͤh entlarvt werden. War Betrug und Taͤuſchung in unſrer jezigen Verfaſſung ausgeſchloſſen?

Ehe-Prokuraturen wuͤrden in Kuppelei ausarten, die Ruhe der Familien ſtoͤren und die Unſittlichkeit befoͤrdern.

Man nehme ſie unter die Aufſicht des Staats. Man vertraue ſie nur bejahrten und unbeſcholtnen Menſchen. Oder ſollte ſolch ein Gegenſtand der Aufmerkſamkeit der Staats-Verwaltung unwerth ſeyn?

Welches menſchliche Jnſtitut kann nicht irgend eine nachtheilige Seite haben? Kommt127 es nicht hier wie allenhalben auf das Mehr oder Weniger an?

Genug, daß auf dieſem Wege oft See - len ſich finden wuͤrden, die Natur und Gleich - heit der Empfindungen einander beſtimmten, die Entfernung und Verhaͤltniſſe trennten und ewig getrennt haben wuͤrden.

128

12. Vertheidigung des Hanns-Wurſts.

Moͤſer hat in ſeiner vortreflichen Abhand - lung Harlekin die Vertheidigung des Gro - teske-Komiſchen ſchon laͤngſt uͤbernommen. Dieſe Schrift iſt mit ungetheiltem Beifall aufgenommen worden, ſie hat mehrere Auf - lagen erlebt, ſeine Gruͤnde ſind unwiderlegt geblieben. Mehrere andre große teutſche Schriftſteller, Leſſing, Engel, Stolberg, (im 2ten Band ſeiner Reiſen) Floͤgel, haben den Harlekin in Schuz genommen, haben die Nothwendigkeit ſeiner Wiederauf - nahme gefuͤhlt und dieſe empfohlen, und doch iſt er noch immer von der teutſchen Buͤhne verbannt!

Moͤſer129

Moͤſer vorzuͤglich, hat gezeigt, daß die Karrikatur auf dem Theater die nemliche Rechte habe, als in der Mahlerei; daß der Karakter des Harlekins keineswegs gegen den Zwek des Schauſpiels ſey. Seine Gruͤnde haben Senſazion gemacht, aber keine Ueber - zeugung gewuͤrkt. Es iſt allerdings der Muͤhe werth, die Urſachen dieſes Anathems auf - zuſuchen und zu pruͤfen.

Das Daſeyn einer grotesken Perſon, einer Karrikatur, datirt ſich bei allen Nazionen bis zum Urſprung der Buͤhnen ſelbſt. Es hat dieſes Daſeyn allerdings dem Geiſte der Schauſpiel-Kunſt zu danken; dieſer beſteht zwar in der Darſtellung der menſchlichen Sitten und Handlungen, und das Schau - ſpiel iſt allerdings, wie es Mercier nennt, ein Gemaͤhlde der Natur. Aber zum Gei -J130ſte der Kunſt gehoͤrt nothwendig auch ihr Zwek. Und dieſer iſt: Beſſerung der Sitten und Beluſtigung zugleich.

Von dieſem unwiderſprechlich-richtigen Begriffe des Geiſtes der Schauſpiel-Kunſt ausgegangen, iſt Harlekins Sache gewon - nen. Beſſerung der Sitten fordert Dar - ſtellung der Thorheiten, des Laͤcherlichen, der Vorurtheile, ſo wie der Leidenſchaften.

Das Schauſpiel iſt eine Fresko-Mah - lerei. Um ſtarke Wuͤrkungen, ſtarke Erſchuͤt - terungen auf mehrere in ihrer Empfindungs - und Vorſtellungs-Art ſo ungleiche Menſchen zugleich hervorzubringen, muß es Ueber - treibungen aufnehmen. Wenn es dem tragiſchen Dichter erlaubt iſt, die Leidenſchaf - ten in ihrer hoͤchſten Spannung und Kraft131 darzuſtellen, wenn er nur dadurch wuͤrken, erſchuͤttern und Theilnehmung hervorbringen kann; warum ſollte es dem komiſchen ver - wehrt ſeyn? Auch ſeine Geißel kann auf Thorheiten und Laͤcherlichkeiten nur durch Karrikatur wuͤrken; auch er beſſert die Sit - ten.

Aber er beluſtigt zugleich. Und was fuͤr eine ſonderbare graͤmliche Weisheit iſt das, die unſre Froͤhlichkeit despotiſch in willkuͤhr - liche pedantiſche Formen von Anſtand, Ernſt und Wuͤrde preſſen will?

Freiheit iſt ihr unvertilgbarer Karak - ter. Jſt es denn ein unedler, unanſtaͤndi - ger oder unſittlicher Zwek des Schauſpiels: die Falten unſrer Stirne zu entrunzeln, un - ſere Kuͤmmerniſſe zu lindern, unſre Seele der132 Froͤhlichkeit, der Heiterkeit aufzuſchließen, und ſo die Laſten des Lebens zu erleichtern? Jſt der Zwek: die Summe allgemeiner menſch - licher Gluͤkſeeligkeit zu vermehren, des Wei - ſen unwerth?

Und doch ſcheint es, daß nur geheime Schaam den gebildetern Theil des Publi - kums abhaͤlt, den Harlekin laut zuruͤkzuru - fen, indeß er im Stillen wuͤrklich ſeine Stimme hat. Man lachte herzlich gerne bei Harlekins bunter Jake, aber man fuͤrchtet dadurch den Ruf der Kultur zu verlieren, man fuͤrchtet ſelbſt laͤcherlich zu werden. Wo - her dieſe Furcht?

Alle Nazionen hatten ihre Poſſen und Harlekins und viele haben ihn noch. Der ernſte Spanier lacht noch bei ſeinem Gra -133 zioſo und Entremeres. Der Franzoſe hat den Harlekin zwar auf ein beſondres Theater verbannt, aber er ſieht ihn mit immer glei - chem Vergnuͤgen; in Jtalien iſt er ohnehin zu Hauſe.

Als das Schauſpiel und mit ihm der Pikelhaͤring nach Teutſchland kam, mußte er nothwendig den Volks-Karakter anneh - men; alſo bei der niedern Stufe der Kultur der Nazion im Verhaͤltnis andrer, all' die Plumpheit und Wildheit des Nazional-Ka - rakters. Jm teutſchen Hanns-Wurſt wurden Harlekins Scherze Zoten, ſein Wiz Platt - heiten, ſeine Lazzis Unanſtaͤndigkeiten.

So fand ihn Gottſched, als er ſich zum Wiederherſteller des teutſchen Geſchmaks auf - warf. Er, der doch, ſtatt dem Geſchmak134 eine eigenthuͤmliche Nazional-Baſis zu ge - ben, aus Mangel an Kraft dazu, auch auf der Buͤhne den Teutſchen nur Affenmaͤ - ßig dem Franzoſen nachzubilden ſtrebte; der alſo mindeſtens auch im Grotesken dieſem Grundſaze haͤtte getreu bleiben ſollen, ver - bannte Pritſche und Jake gaͤnzlich, und uͤber - ſchwemmte das Theater dagegen mit waͤſſeri - gen Ueberſezungen.

Seitdem hat ſich der Geiſt der Nazion freilich aus eigner Kraft gehoben; Aber die Gattung des Grotesken iſt immer verbannt geblieben. Das Beduͤrfnis dazu hat man wohl hier und da gefuͤhlt, Hanns-Wurſt iſt von Zeit zu Zeit wieder erſchienen; aber ſo groß war die Furcht vor dem Schatten Gott - ſcheds, und ſeiner Genoſſen, Sonnenfels ꝛc. das er es nie wagte, wieder unter ſeinem ei -135 genthuͤmlichen Karakter und Namen aufzu - treten. Bald kam er als Krispin, Peter, bald als Bernardon oder Papageno zum Vorſchein, und noch jezt exiſtirt er als Kas - perle zu Wien, und iſt der Liebling aller Staͤnde.

Jndeß iſt es ein durchaus ungerechtes Vorurtheil, das den Harlekin druͤkt, ein ſchaͤd - liches Vorurtheil, weil es die Stimme der Froͤhlichkeit und alſo des Genuſſes mindert; es iſt eine durchaus falſche Schaam, die uns abhaͤlt, ihn in ſeiner eigenthuͤmlichen Geſtalt wieder auf die Buͤhne zu bringen. Die wahre Weisheit erroͤthet nicht uͤber den Wunſch, zu lachen.

Der teutſche Harlekin bedurfte allerdings Bildung, die teutſche Buͤhne mußte von je -136 nen ertemporiſirten Stuͤken, von Zoten und Unſittlichkeiten gereinigt werden; aber das war noch kein Grund, die Jake zu verban - nen, uns Teutſchen die ganze Gattung des Groteske-Komiſchen zu entreißen.

Man beſtimme nur den Begriff des Schauſpiels richtig, und man wird es laͤcher - lich finden, daß man ſich nicht die Abſicht laut geſtehen darf, beluſtigt zu werden. Man wird es aͤſthetiſch unrichtig finden, daß Harlekin außer den Graͤnzen der Schauſpiel - kunſt ſey. Jch wiederhole es, das Schau - ſpiel iſt Darſtellung, nicht Natur ſelbſt. Außerdem muͤßte man auch all' die Formen des Schiklichen und Anſtaͤndigen ver - werfen, durch welche, nach der allgemeinen Uebereinkunft aller Dramaturgen, die Natur und Wahrheit der Darſtellung begraͤnzt iſt. 137Es muͤßte erlaubt ſeyn, ſich auf der Buͤhne zu entkleiden, ſchlafen zu gehen ꝛc.

Jlluſion iſt alſo offenbar kein allge - meiner Zwek der Darſtellung, iſt es nur da, wo Jntereſſe, Theilnahme erregt werden ſoll; alſo nur bei einer einzelnen Gat - tung des Schauſpiels. Ueberdieß wird der Begriff der Jlluſion offenbar uͤbertrieben, wie noch erſt neulich, einer unſrer beſten Koͤpfe Hagemeiſter, bewieſen hat. Jlluſion iſt nicht Ueberredung, daß die dargeſtellte Handlung wuͤrklich vorgeht, denn das waͤre eine un - gereimte und abentheuerliche Forderung, ſie iſt Ueberredung, daß die dargeſtellte Handlung, ſo wie ſie dargeſtellt wird, habe vor - gehen koͤnnen. Warum hat die Oper, die offenbar weit unnatuͤrlicher iſt, als Harlekin, ihren Plaz behauptet? Mag Harlekin aber138 immer ein idealiſches Weſen ſeyn, ſelbſt ſeine Jdealitaͤt iſt zwekmaͤßig. Seine Jake exiſtirt nicht, ihr verzeiht man alſo alles. Er kann die Thorheiten und Laſter am ſicherſten geißeln, weil man ihn einmal fuͤr ein fanta - ſtiſches Weſen haͤlt. Jhm und bei ihm iſt nichts unnatuͤrlich. Aber eben deswegen er - ſezt ihn der luſtige Bediente nicht, den man ihm unterſtellen wollte; denn die Frech - heit eines ſolchen wuͤrklichen Menſchen empoͤrt, weil ſie nicht wahr iſt. Ueberdieß giebt ſie fuͤr die Menſchen ſeiner Klaſſe ein den Sitten ſehr nachtheiliges Beiſpiel.

Unbegreiflicher Widerſpruch der Menſch - heit! Wir gaͤhnen in Ritter-Stuͤken, Haupt - und Staats-Akzionen, oder Dramen, bei denen man nicht lachen noch weinen kann, und ſchaͤmen uns, es zu geſtehen; und um139 dieſe Schaam zu verbergen, haben wir die unnatuͤrlichſte Gattung, die Oper, auf den Thron gehoben, weil ſie doch noch Einen Sinn reizt!

Jndeß hat eben deswegen die Verbannung Harlekins dem Schauſpiel im Ganzen we - ſentlichen Nachtheil zugefuͤgt. Das Publi - kum, unbefriedigt durch das Schauſpiel, hat ſich an die koſtbare Oper, an die koſtbare Bal - lete, an koſtbare Dekorazionen und Kleidun - gen geheftet. Und all' das richtet die Schau - ſpiel-Kunſt zu Grunde. Eben deswegen koͤnnen wenig Staͤdte ein ſtehendes Schau - ſpiel unterhalten. Wechſelte die Poſſe mit dem ernſten Schauſpiel ab, ſo waͤre auch dieß gerettet. Eins wuͤrde dem andern die Hand biethen; Eins das andre unterhalten, und fuͤr alle Klaſſen des Publikums, fuͤr fuͤr jeden Geſchmak waͤre geſorgt.

140

Es iſt alſo Zeit, daß wir die Gattung des Groteske-Komiſchen vom Untergange retten und Harlekin wieder in ſeine Rechte einzuſe - zen. Aber freilich nicht den poͤbelhaften Zo - ten-Reißer, ſondern den gebildeten Satyr. Warum ſollte aber Hanns-Wurſt nicht eben ſo gut der Bildung und Veredlung faͤhig ſeyn, als Harlekin? Hanns-Wurſt iſt zwar ein tri - vialer Name, aber es iſt doch ein Nazional - Karakter, es iſt doch aͤchtes teutſches Produkt. Wollen wir denn nie original, nie ſelbſtſtaͤndig ſeyn? Mag er alſo immer Hanns-Wurſt heißen, wenn er nur von allen geilen Auswuͤchſen gereinigt iſt. Jſt einmal der erſte Schritt gethan, ſo wird es uns auch an Nazional-Poſſen nicht fehlen. Jch habe Bernardons-Karakter - und Jn - triken-Stuͤke geſehen, die mehr aͤchte vis co - mica enthielten, als der allergroͤßte Theil141 der Luſtſpiele mit denen wir ſeit zwanzig Jahren beſchenkt worden ſind.

Die Zeit hat ſo manches Vorurtheil verſcheucht und von ihr erwarte ich, daß ſie auch dieß vollends vertilge. Vielleicht er - ſcheint ein Zeit-Punkt, wo man auch die extemporiſirten Stuͤke, die pièces a cane - vas wieder auf unſre Buͤhne bringen darf: die wahre Schule des komiſchen Schauſpie - lers.

142

13. Publizitaͤt der peinlichen Verhandlungen.

Wie iſt es moͤglich, daß der menſchliche Geiſt von dem urſpruͤnglichen Zweke der ge - ſellſchaftlichen Verbindung, von dem ur - ſpruͤnglichen Zweke der aus jener reſultiren - den Nothwendigkeit der Strafen, ſich bis zu den Vehm-Gerichten verirren konnte?

Der Zwek der Strafe kann kein an - derer ſeyn, als die Zuͤglung der Leidenſchaf - ten; die Belehrung, die Abſchrekung durch Beiſpiel. Und doch verhoͤren wir noch jetzt in Teutſchland die Angeklagten ingeheim? noch erfaͤhrt ſelten das Publikum mit Gewiß -413[143] heit, was denn der Angeſchuldigte begangen haben ſoll? Weswegen er beſtraft wird?

Die Staats-Verwaltung iſt da, das Eigenthum des Staats-Buͤrgers im ausge - dehnteſten Sinne, alſo auch deſſen Leben und Freiheit zu ſchuͤzen. Dieß iſt ſogar der Zwek ihres Daſeyns; dafuͤr uͤbertrug ihr die Ge - ſellſchaft ſtillſchweigend oder ausdruͤklich die Pflicht, den Verlezer der buͤrgerlichen Ord - nung und der Geſeze zu beſtrafen, und durch dieſe Strafe andre zu warnen. Wo laͤge denn aber die Warnung, wenn der Staats - Buͤrger in den Kerker geworfen, im Kerker uͤber ſein Verbrechen vernommen, aus dem Kerker zur Strafe gefuͤhrt wird, ohne daß die Geſellſchaft das Weswegen? anders er - faͤhrt, als durch das Kamaͤleon des tauſend - zuͤngigen Geruͤchts? in deſſen Munde ſelten144 Wahrheit, nie reine Wahrheit liegt, das von den ins unendlich mannichfaltigen An - ſichten der Glieder der Geſellſchaft ſeine mon - ſtruoͤſe Form erhaͤlt?

Mag die Publizitaͤt der peinlichen Ver - hoͤre bisweilen neue Verbrechen gebaͤhren, mag ſie auch bisweilen der Sittlichkeit nach - theilig ſeyn, dieſe unvermeidliche Jnkonveni - enzen werden uͤberſchwenglich aufgewogen, durch die Kenntnis, die die Geſellſchaft von dem Gange des Verbrechens in der menſch - lichen Seele, erlangt, durch die Verwah - rungs-Mittel gegen die erſte Schritte zum Laſter, durch das ſchauerliche und abſchre - kende Gemaͤhlde der Folgen ungezuͤgelter Leidenſchaften, oder ungebildeter Rohheit der Seele, welche die Oeffentlichkeit der peinlichen Verhandlungen der Menſchheit darbiethet;durch145durch die wohlthaͤtige Schaam, die ſie in den nicht ganz verdorbenen nur verirrten See - len rege macht; am meiſten aber durch die Ue - berzeugung, die jeder Staats-Buͤrger erlangt, daß nur das wuͤrkliche Verbrechen, und daß dieſes den Geſezen gemaͤß beſtraft werde, und durch die Ruhe und Sicher - heit, durch den Seelen-Frieden, den gerade dieß dem ſchuldloſen Staats-Buͤrger gewaͤhrt, und was ſonſt als dieß kann der Zwek der Staats-Verwaltung ſeyn? End - lich aber auch durch die auf inneres Gefuͤhl gegruͤndete Achtung und Ehrfurcht vor den Geſezen und ihren Vollſtrekern, die dieß den Gliedern der Geſellſchaft einfloͤßt.

Die Staats-Verwaltung iſt allerdings von ihren Handlungen, von der Erfuͤllung ihrer Pflichten, von der treuen Beobachtung der Geſeze, der Geſellſchaft RechenſchaftK146ſchuldig. Nur dadurch kann ſie unbegraͤnz - tes Vertrauen und lebendigen d. h. auf Ge - fuͤhl und Ueberzeugung gegruͤndeten, Gehor - ſam erwerben. Wenn der Geſellſchaft eines ihrer Glieder entriſſen, wenn es der buͤrger - lichen Rechte, der Freiheit, des Eigenthums beraubt, wenn es mit Leiden belegt wird; ſollen die uͤbrigen Glieder nicht zittern, ſo lange ſie nicht uͤberzeugt ſind, daß nur die Verlezung der Geſeze jenes Mitglied in jene Lage geſtuͤrzt hat? daß es nur deswegen leidet?

Nein! nur da kann der Staats-Buͤr - ger ruhig ſchlafen, wo er mit dem hoͤchſten Grade von Gewißheit ſicher iſt, unter den Fittigen des Schuz-Engels ſeiner Unſchuld und eines reinen Gewiſſens.

Das Gefuͤhl der Rechtmaͤßigkeit dieſes Anſpruchs der Geſellſchaft, hat diejenige147 Rechenſchaft geſchaffen, welche die Staats - Verwaltung gewoͤhnlich bei Todes-Urthei - len durch die peinliche Urgicht dem Pub - likum ablegt Wie? und dieſes waͤre bei jeder andern Strafe nicht eben ſo intereſſirt, uͤberzeugt zu ſeyn, daß kein Unſchuldiger be - ſtraft werde, daß die Strafe den Geſezen angemeſſen iſt?

Es kann Faͤlle geben, wo zu fruͤhzeitige Bekanntmachung des Verbrechens dem all - gemeinen Wohl nachtheilig waͤre, aber keinen, wo die Geſellſchaft Strafe ſehen duͤrfte, ohne Verbrechen zu ſehen. Es kann andre Faͤlle geben, wo die Oeffentlichkeit der pein - lichen Unterſuchung gefaͤhrlich waͤre, aber im - mer muͤßten dieß nur Ausnahmen, ſeltne Ausnahmen ſeyn, und auch dieſe Ausnahmen muͤſſen mindeſtens dem Publikum, auch wo moͤglich nebſt ihren Gruͤnden, zur Kenntnis