PRIMS Full-text transcription (HTML)
Exempel Der unveraͤnderlichen Vor - ſehung Gottes.
Unter einer anmutigen und ausfuͤhrlichen Hiſtori vom Keuſchen Joſeph in Egypten / Ja - cobs Sohn.
Vorgeſtellt So wol aus Heiliger als anderer Hebreer / Egyptier / Perſer / und Araber Schrifſten und hergebrachter Sag / erſtlich
Daſelbſt drucktsHieronimus Grisenius. Beym Autore und Verleger zu finden. M. DC. LXVII.

Der Wohlgebornen Frauen / Frauen A. E. M. V. E. G. V. S. Seiner gnaͤdigen Frauen Eignet dieſes unterthaͤnigſt zu Dero unterthaͤnigſt gehorſamer Diener Samuel Greifnſon vom Hirſchfeld.

[1]

An den Leſer.

GRoßguͤnſtiger lieber Leſer / ich ha - be von vielen ſo hohen als nidern Stands - Perfonen die gern in der Bibel leſen / wuͤnſchen hoͤren / ſie wolten daß Joſephs Hiſtori etwas weitlaͤuffiger beſchrieben waͤre / weil dann nun der Juͤdiſche Geſchichtſchreiber Joſephus und andere Hebreer mehr / neben dem Mahume - tiſten / als Tuͤrcken / Perſern / Arabern und E - gyptiern / auch die Griechiſche und Armeniſche Chriſten viel ſeltzame Sachen von Joſephs Le - ben haben / die ſich nicht in der Bibel befinden; Als habc ich aus demſelben / was heiliger Schrifft nicht zu wider laufft / zuſammen getragen / und in diß Buch verfaſſt / denen ſo die Hiſtori Joſepbs ſo gern leſen / damit zu dienen / doch muß ich ge - ſtehen daß ich auch viel Dings / ſo gar zu fabel - hafftig lautet / als unnuͤtze Maͤhrlein ausgelaſſen; Solte aber diß Wercklein beliebt werden / ſo koͤnte man im Leben des Abendtheurlichen Mu - ſai (ſo in Egypten Joſephs Schaffner geweſen) einbringen / was diß Orts mit Fleiß außgelaſſen worden. Jndeſſen gehab ſich der Leſer wol / und nehme vor lieb.

A ijJn -2.[2]

Jnhalt dieſes Buchs.

DEmnach GOtt der Allmaͤchtig in ſeinem allerweiſeſten Rath be - ſchloſſen / das Geſchlecht Jacobs / ſo Er ihm vor allen andern Menſchen zu ſeinem Volck erwaͤhlet / aus der Cha - naneer Land in Egypten zuverſetzen / daß es ſich biß zur wider Außfuͤhrung durch Moyſen beſchehẽ / darinn vermeh - ren ſolte; Hat Er ſolche Vorſetzung durch ein allgemeine Wehrung die ſei - nes Volcks Ertzvattern den Jacob in Egypten zwingen muſte / ins Werck ſetzen wollen; Damit aber Jacob und ſeine Kinder zu ihrer Ankunfft auch Un - terſchleiff und Lebens-Mittel finden moͤchten hat die Goͤttliche ohnveraͤn - derliche Vorſehung Jacobs liebſten Sohn Joſeph dem ſeine Bruͤder ver - kaufften / vor ihm her geſandt / und dem - ſelben Mittel an die Hand gegeben / dardurch er den Jacob: ſeine Kinder / Kindes-Kinder und ſich ſelbſten ver - ſorgen koͤnnen; Wie es nun ihme Joſeph ergangen / biß alles dem Goͤttlichen Willen nach zu Faden geſchlagen wor - deu / ſolches wird in dieſem Buch einfaͤl - tig erzehlt.

Jo -3.[3]

Joſeph an Momum und Zoilum.

JHr artliche Geſpanen / wann weder Krafft noch Safft an mir iſt / ſo werdet ihr wenig an einem ſolchen doͤr - ren Bein zu nagen finden; Ein Hund thut ja faſt naͤrriſch / wann er ligt / und mit Unruhe und auffgeſperꝛtem Rachen nach magern Mucken ſchnappet / ſei[ne]n heißhungerigen Appetir zuſtillen / wann er Gelegenheit hat / ein rechtſchaffenes Wild zu ſeiner Erſaͤttigung zufangen; Derowegen wann ihr mich eurer Ge - wonheit nach nicht ungezopfft laſſen koͤnnet / ſo macht mich nur ſtrachs an - ders / damit ich mich deſto beſſer doͤrffe ſehen laſſen; Setzet auch gleich darzu / ob Kuben oder meine uͤbrige neun Bruͤ - der / welche gantz widereinander waren / dem Willen Gottes und deſſen Vorſe - hung folg gethan / als ich verkaufft wor - den; Alsdannn wird mein Author la - chen / daß ihr Sachen einbringt / die ei - gentlich zu keiner Hiſtori / ſondern in die Schulgehoͤren.

A iijDeß4.[4]

Des keuſchen Joſephs in Aegypten Lebens-Be - ſchreibung.

GLeich wie der Apffel nit weit vom Stamm faͤllt / alſo ſchlaͤgt kein Zweig aus ſeiner Art! Niemalen hat eine Taube einen Raben geboren / noch ein Nachteul eine Nachtigall gehaͤgt / ob zwar beyde von der Nacht ihren Namen herfuͤhren; Der Sara ſeltene Schoͤnheit war ſo beruͤhmt und vortrefflich / daß ſich auch Koͤnige: Nemlich der maͤchtige Pha - rao in Egypten und Abimelech der zu Gerara in Paleſtina darinn vernarre - ten! Wo haͤtte dann ein haͤßliches Ur - Encklein von ihr herkommen koͤnnen? Vornemlich aus einer ſolchen Mutter wie Rahel geweſen / um welcher himm -liſchen5.[5]liſchen Schoͤnheit wegen / Jacob gantze vierzehen Jaͤhrige: ob zwar freywillige / jedoch ſehr beſchwerliche Dienſtbarkeit gedultet; Warum aber das Geſchlecht Thare (welcher Abrahams Vatter ge - weſen / und von den Arabern Aſſar ge - nennt wird /) allein vor allen andern Menſchen ſo damalen gelebt / mit ſo ver - wunderlicher Schoͤnheit begabt gewe - ſen / davon ſagen die Araber / Perſer / und Chaldeer Naturkuͤndiger neben ihren Geſchichtbuͤchern dieſes; Daß obge - meldter Thare oder Aſar ein uͤberaus kuͤnſtlicher Bildhauer: Und deswegen bey dem groſſen Nimbrod in Dienſten ſehr beliebt / und zugleich ſeiner Goͤtzen Tempelwarter oder Pfleger geweſt ſeye; Der haͤtte ſo vollkommene ſchoͤne Bil - der verfertigt und unter Handen gehabt / daß ſich viel die ſie nur angeſehen / im erſten Anblick darein verliebt: und wei - len deſſen Haußfrau / Abrahams Mut - ter (aus welchen Geſchlecht auch Sara / Rebecca und Rahel entſproſſen /) dieſe Bilder ſtetig vor Augen geſehen / ſeyenA iiijdurch6.[6]durch ihre hefftige Einbildungen alle ihre Kinder denſelben an der Geſtalt aͤhnlich worden; Welche geraubte Schoͤnheit ihrem Geſchlecht biß ins vierdte Glied (ob es zwar auff der Liæ Seiten zeitlicher verhimpelt worden) angeklebt; Unter allen aber ſeye Joſeph der Sohn Jacobs der Kern und Aus - bund darvon: Und zwar ſo unaus - ſprechlich ſchoͤn geweſen / daß ſeine Schoͤnheit auch die hoͤchſte Schoͤnheit eines jeden Engels uͤbertroffen; Sol - ches nun iſt der Araber / Perſer und Me - ſopotamier Meinung von Joſephs Schoͤnheit; Es wird auch davor ge - halten / daß die Goͤtzen Labans ſo durch die Rahel wegen ihrer Raritet und ſon - derbahren Schoͤnheit ihrem Vatter ge - ſtohlen: Und nachmals durch den Ja - cob bey Sichem unter eine Aich begra - ben worden / ein ſonderbares Kunſt - und Meiſterſtuck des Aſars: Und die groͤſte Urſach beydes der Rahel und des Jo - ſephs Schoͤnheit geweſen ſeyen / weil Jo - ſephs und der Rahel Mutter dieſelbegeliebt:7.[7]geliebt: und im Anbeten ſolche ſtetigs vor Augen gehabt haben;

Aber uͤber dieſe hohe Gaab der Schoͤnheit / hat GOtt den Joſeph noch weit reichlicher geſegnet; So / daß man ihn wegen ſeiner Vortrefflichkeit wol den Edelſten Koͤnig: und wegen ſeiner Schoͤnheit daß er in dem herꝛlichſten Pallaſt wohnete / vergleichen moͤgen; Er hatte vollkommene Schoͤnheit von der Mutter / und eben ſo viel Verſtand von ſeinem Vatter auff ſich geerbet; Wolcher in ſeinen bluͤhenden Fruͤhlings - Jahren anzeigte was er vor Fruͤchte bringen wuͤrde; Ja ſein Verſtand war damalen bereits ſo hoch / ſcharff und faͤ - hig; Sein Gedaͤchtnuß ſo gut und ſtarck: und ſein Kopff etwas geſchwind zubegreiffen / ſo fertig? Daß ſchwerlich ein Urtheil zufaͤllen / ob dieſe ſeine innerli - che Gaben? oder die aͤuſerliche Geſtalt ſeines Leibs am verwunderlichſten zu - ſchaͤtzen? Dahero hat er gleich in ſeiner Jugend gefaſſt / was ſeinen Altvaͤttern[i]n ihrem mannlichen Alter zubegreiffenA vſchwer8.[8]ſchwer gefallen / er gruͤndet allen natuͤr - lichen Dingen nach / und kam in kuͤrtze ſo weit / daß man ihn billich ein Vorbild des weiſen Salomonis nennen mag; Erwar ein guter Aſtronomus und Ma - thematicus, und verſtunde die Magia oder vielmehr die Philoſophia naturalis vollkommen neben dem Ackerbau? Der Menſchen und Thier Eigenſchafften wuſte er / und konte derſelben Gebrechen durch Artzneymittel leichtlich helffen / wie dann auch ſeine Bruͤder von dergleichen Wiſſenſchafften bey ihnen haͤtten taͤg - lich Philoſophirten / aber ihme alleſa - men bey weitem das Waſſer nicht rei - chen konten / wie wol er deren eilff hatte.

Darbey ware er ſehr demuͤtig / fromb / auffrichtig / redſprechig / freundiich und holdſeliger Geberden / von den Laſtern wuſte er ſo gar nichts / daß er auch ihre Namen nicht verſtunde; Und ob zwar damal noch kein geſchriebene Geſetz vor - handen / darnach jeder zu leben haͤtte; So war er doch vom guͤtigen Himmel ſo erſchaffen: Und durch das Geſetz derNa -9.[9]Natur alſo unterwieſen / daß er nichts anders als Tugend wuͤrckte; Jn ſol - chem Stand befliſſe er ſich wie er ſeinem Vatter wol bedienen: Jhm vor Zorn und Sorg ſeyn: Und deſſen Haab ver - mehren helffen moͤchte / wordurch er den erwarb / daß ihn Ja[c]ob deſto hertzlicher liebte / ihne auch / weil ſich die Lieb nicht verbergen laͤſſt / mit einem ſchoͤnen bund - geſtickten Rock verehrte; Er lieſſe ihn ungern aus dem Geſicht / weil er ſeiner abgeſtorbenen Mutter der unvergleich - lichen Rahel / die Jacob ſo inniglich ge - liebt / im Angeſicht zwar etwas andet; an der Schoͤnheit ſelbſt / ſie aber hun - dertfaͤltig uͤbertraff. Gleich wie nun dem alten Patriarchen das Hertz im Leib vor Lieb auffhupffte / wann er ſeinen Joſeph vor ihm ſahe; Alſo lieff hinge - gen der Lia die Gall uͤber / wann ſie ihn nur erblickte; Keiner andern Urſachen halber / als darum / weil keiner von ihren Soͤhnen beym Vatter ſo ſchaͤtzbar war.

Endlich erbte ſolcher ſtieffmuͤtterliche Neid auch auff ſeine Stieffbruͤder / ſodaß10.[10]daß ſeine vollkommene Tugenden und Schoͤnheit nichts anders als einen ge - treuen liebreichen Vatter; Und hinge - gen an der Lia und ſeinen zehen Bruͤdern eilff abgeſagte Feind erworben / welches er doch niemalen gemerckt / weil er ſich eingebildet / es ſey ein jedes ſo Edel und auffrichtig geartet / wie er ſelbſten. Je mehr aber ſeine Tugenden von ſeinen mißgoͤnſtigen Bruͤdern beneidet wur - den / umb ſo viel deſto mehr wuͤrden ſol - che hingegen nicht allein von ſeinem Vatter ſondern auch von GOtt ſelbſt zum hoͤchſten beliebt; Dann der Him - mel offenbahrte ihm[i]m Traum / was vor eines Gluͤcks er ſich zu deroſelben Belohnung vor ſeinen Bruͤdern ins kuͤnfftig zugetroͤſten haͤtte; Wordurch er zugleich Anlaß bek[a]m / den Außlegun - gen der Traͤum obzuligen / deren Be - deutungen nachzuſinnen / und was ihm daran noch abgieng / von ſeinem Vat - ter zulernen; Sein erſter Traum den er ſeinen Vatter in Gegenwart ſeiner Bruͤder (zwar mehr von kurtzweil undWun -11.[11]Wunders wegen / daß einem ſo ſeltzame Ding im Schlaff vorkommen / als daß es ihm was ſonderlichs bedeuten ſolte /) erzehlte / war dieſes.

Mir traͤumte (ſagte er:) Als ich neu - lich mit meinen Bruͤderen in der Ernd war / und neben ihnen meine Nachtruhe hielte / es haͤtten ſich meiner Bruͤder Garben vor den meinigen die auffrecht geſtanden / von ſich ſelbſten zur Erden ge - neigt und nidergeworffen / gleichſamb als ob ſie die Meinige anbeteten; Dieſes bedeutet die / antwortet Jacob / daß du der beſte unter deinen Bruͤdern ſeyeſt / und in angefangenen Tugenden ſtand - hafftig verharꝛen werdeſt / weil deine Garben auch auffrechtig ſtehen blieben / daß deiner Bruͤder Garben aber nider - gefallen / und die deinige angebetet / be - deut ihnen nichts anders / als daß ſie erſtlich vom Tugendweeg abweichen: Eine unverantwortliche That begehen: Und alsdann in ihrem hoͤchſten Kum - mer dich in deinem Gluͤck und Wol - ſtand um Huͤlff und Gnad anflehenwer -12.[12]werden; Hieruͤber wurden die Bruͤ - der Joſephs viel unwilliger / als uͤber den Rock den ihn der Vatter hiebevor hat machen laſſen; Und als ſie in Ab - weſenheit Joſephs und ihres Vattern uͤber dieſen Traum und ſeine Auslegung murꝛeten / und ihre neidige Gemuͤhter noch mehr untereinander zu aͤrgerer Verbitterung hetzten; Sagte Judas (welches ein dapfferer verſtaͤndiger / und mit allerhand Tugenden wolbegabter Mann: Auch dem Joſeph nicht ſo gar verboſt abhold war) zu den uͤbrigen / es ſeye ein groſſe Thorheit an Traͤum glau - ben / weniger ſich ihrentwegen entweder zubekuͤmmern oder zuerfreuen; Joſeph haͤtte halt um ſelbige Zeit helffen ein - erndten / und wormit er des Tags um - gangen / das ſeye ihm des Nachts im Schlaff vorkommen; Daß nun der Vatter ein Prophezeyhung daraus ma - che / da muͤſſe man ihn reden laſſen / ſein Alter ehren und ihm zugeben;

Ruben antwortet hierauff / es pflege ihm ſelbſten dergleichen zuwiderfahrenwie13.[13]wie dem Joſeph; Dannals er erſt kuͤrtz - lich zu Sichem geweſen / die Waid zu - beſichtigen / haͤtte ihm getraͤumt als wann ihm etliche Fuͤchs und Leoparten das beſte Lamb aus ſeines Vatters Herd alldorten hinweg genommen / und in die Wildnuß gefuͤhrt / er haͤtte ſich zwar ge - waltig widerſetzt und doch nichts erhal - ten moͤgen; Als er aber durch die Wild - nuß kommen / haͤtte er ohngefehr daſſelbe Land wider angetroffen / aber nicht mehr gekant / dieweil es gantz guͤldene Woll getragen / ihn haͤtte gedeucht / daß er ſelb - ſten ein gut Kleid von ſolcher Woll be - kommen; Solte er nun aus dergleichen Poſſen ein kuͤnfftiges ſchlieſſen / ſo muͤſte er geſtehen / daß er billich vor ein Thoren zuhalten ſeye; Sintemal er ſich wol einbilden koͤnne / daß ihm dieſer Traum nicht vorkommen ſeyn moͤchte / wann er ſelbige Taͤg nicht vor die Herd geſorgt / und ſeine Zeit anderswo als auff derſel - ben Waid zugebracht haͤtte; Und eben alſo waͤre es auch mit Joſephs Traum beſchaffen.

Aſer /14.[14]

Aſer / Gad / Nephtalin und Dann / widerſprachen dieſen Beyden / und ſag - ten / wann ſchon die Traͤum nichtig und ohne Bedeutungen ſeynd / ſo wird je - doch ein als den andern weg der Jun - cker Joſeph vom Vatter uns allen vor - gezogen / und ſein einige Perſon von ihm mehr geliebt / als wir alle miteinander / welches uns zu hoͤchſtem Schimpſſ ge - reicht; Endlich giengen ihre Verſam - lung voneinander / ein jeder zwar mit un - ruhigem Hertzen; Der eine lieſſe es bey dem alten Groll / Neid und Mißgunſt verbleiben / der ander aber / ſonderlich der Maͤgd Soͤhne / wurden verbitterter.

Als aber die Ernd ein End hatte / und Jacob ſein gantzes Hauß durch ein herꝛ - liche Mahlzeit / die man bey uns die Erndganß nennet / nach gehabter Arbeit ergetzet / und ſich darbey ſehr froͤlich er - zeigt / erzehlet ihm Joſeph / welcher ſich ehender des Himmels Fall als ſeiner Bruͤder Neid verſehen haͤtte / widerum einen andern Traum / den er dieſelbe Nacht gehabt / nemblich daß Sonn /Mond15.[15]Mond und eilff Sterne ſich vom Him - mel gelaſſen: vor ſeinen Fuͤſſen gedemuͤ - tiget: und ihne angebetet haͤtten / der alte Jacob ſagte hierauff / dieſer Traum be - deutet dir weit ein groͤſſers als der vori - ge / dann ſihe / es wird die Zeit kommen / daß du nicht allein uͤber deine Bruͤder erhoͤhet / ſondern auch von Vatter und Mutter ſelbſten geehrt / und gleichſam angebetet wirſt werden; Mich zwar (haͤngt er ferner daran) wird hoͤchlich erfreuen / wann ich die Ehr habe / dich in ſolchem gluͤckſeligem Stand zu ſehen / und wolte GOtt daß dieſe ſeine Goͤttli - che Vorſehung nur bald ins Werck ge - ſetzt wurde / dieweil ich gewiß weiß / daß ſolches geſchehen muß; Um wie viel ſich nun Jacob wegen Joſe[p]hs kuͤnfftiger Hochheit erfreuet / um ſo v[ie]l deſto heffti - ger betruͤbteu ſich hingegen ſeine andere Kinder; Ja ihre ohne das genugſam vergallte Gemuͤhter wurden ſo erboſt / daß ihnen weder Eſſen noch Trincken ſchmeckte / ſondern ſie ſtunden nach und nach von der Tafel auff und verfuͤgten ſich in ihre Huͤtten.

Jacob16.[16]

Jacob vermuhte wol aus ihrem Un - willen was die Glock geſchlagen / und daß ſie ſeinen liebſten Sohn ſolch herꝛ - lich Gluͤck mißgonneten; Doch kont er ſchwerlich glauben / daß die Perſon Joſephs von einigem Menſchen in der Welt / geſchweige von ſeinen leiblichen Bruͤdern mit einem ſolchen Haß und Neid angefochten werden koͤnte / wie ſie ſchon gegen ihm gefaſſt hatten; Joſeph aber der keinem Frembden / geſchweige ſeinen Bruͤdern etwas Boͤſes zutrauete / hielte davor daß ſie deswegen ſo fruͤhe Feyrabend gemacht / damit ſie am Mor - gen deſto fruͤher ſich mit dem Viehe auff die Waid begeben moͤchten.

Die zehen Bruͤder ſchieden den Mor - gen von dannen / ohne daß einiger ſeinen Unmuth im geringſten hatte blicken laſ - ſen / ſie beſchirmten jhrer Gewonheit nach den Vatter / empfiengen ſeinen Se - gen und befohlen dem Joſeph ſeiner wol zupflegen; Aber ſo bald ſie ſich allein drauſſen auff dem Feld befanden / erhub ſich ihre Klag! Ah! ſagte Gad / ſollenwir17.[17]wir dann erleben daß wir unſers Bru - dern Sclaven werden muͤſſen? Ha! antwortet Aſar / ſiheſt du dann nicht / daß wirs allbereit ſeyn? Sitzt er nicht ſchon daheim beym Vatter zu Jun - ckern / als wann er Perlen ſchwitzen und Gold hofieren werde? Wird er nicht ſchon gehalten wie der groͤſte Printz von der Welt? Was mangelt / daß ſein eiteler Traum noch nicht erfuͤllt ſeye? Er hat ihn vielleicht darum erdichtet und erzehlet / damit wir auch wiſſen wie er von uns geehrt ſeyn wolle; Freylich mel - det der Dann / iſt ſein Traum ſchon er - fuͤllt worden / es wird ja keiner unter euch allen ſo alber ſeyn / der nicht in acht ge - nommen habe / was maſſen ihn unſer Vatter bereits vor laͤngſt in ſeinem Her - tzen mehr geehrt und angebetet / als ſonſt etwas in der Welt! Nephtalin bracht ſeine Wahr auch zu Marckt / und ſagte: Was gilts / wo ihn nicht unſer Vatter zu ſeinem einigen Erben erklaͤrt und uns ausſtoͤſt / oder mit unſern Kindern gar zu Joſephs Sclaven macht / damit desJun -18.[18]Junckern Traum wahr werde. Judas antwortet ihm / er ſolte ein beſſers vom Vatter gedencken / ſie waͤren alle ſo wol als Joſeph aus ſeinen Lenden geboren / er wuͤrde als ein ehrlicher auffrechter Mann ein ſolche Ungerechtigkeit an ſei - nem eignem Gebluͤt nicht veruͤben / noch ihm zur Schand in der Gruben nachſa - gen laſſen; Wer weiß? antwortet Dan / was geſchiehet? Haben wir nicht Ex - empel genug am Jſmael / dem gleiches widerfahren? Dergleichen Streich ſeynd nichts neues bey unſerm Ge - ſchlecht und Vorvattern geweſen; Ob nun zwar Ruben der Aeltiſte und Be - redteſte unter ihnen vorgewendet / daß jenes aus Willen und Antrieb der Sa - ræ geſchehen; Die Rahel Joſephs Mut - ter waͤre hingegen todt / die ihrige aber noch alle im Leben / die den Vatter wol anders bereden wuͤrden; Benebens auch die Bedeut - und Auslegung der Traͤume hoͤniſch genug verlacht / ihre Gemuͤhter anders zu biegen / ſo hat er doch nichts ausgerichtet / ſintemal dieſevier19.[19]vier Maͤgd Soͤhne die uͤbrige uͤber - ſchryen; Mit vorgeben / es ſey ja bekant genug / wie ihr Vatter mit ihrem Groß - Vatter und ſeinem leiblichen Bruder gehandelt / in dem er beyde betrogen / und den Vaͤtterlichen Segen der einem an - dern von Rechts wegen gebuͤhrt / zuſamt den Recht der erſten Geburt auff ſich ſelbſt gewendet; Doͤrffte nun ein Kind ſich kein Gewiſſen machen / mit ſeinem Vattern und Bruder ſo zu ſpielen / ſo wuͤrde es ſich auch nicht ſcheuen / ins kuͤnfftig ſeine eigene Kinder mit gleicher Muͤntz zubezahlen / man wuſte wol / was geſtalt er den Laban ſeinen Schwer / der ihm doch ſo viel guts erwieſen / beruͤckt / als er ihme deſſen meiſte Haab durch un - loͤbliche Mittel gantz vortelhafftig abge - zwackt; Was ſie wol vermeinten daß Joſeph anders daheim thue / und ſtetig bey dem Vatter zu ſitzen habe / als der - gleichen Stuͤck zu lernen / dardurch er ſie kuͤnfftig um ihr Erbtheil bringen moͤge; So ſie zwar nicht dem Vatter zur Schand: Sondern ſich zur Vorſich -tigkeit20.[20]tigkeit auffzumuntern gemeldet haben wolten; Was gilts / wann wir heim kommen / und nicht anders zur Sachen thun / wo nicht dem Joſeph endlich auch traͤumt / wie er 11. Stern auffſetze und mit Sonn und Mon darnach kugele;

Ruben / Judas und Levi hielten zwar Widerpart und verfochten ihres Vat - tern gepflogene Haͤndel nach Muͤglich - keit / in dem ſie alles was Jacob gethan / der Weiber Anſtifftungen zulegten / wel - cher Huͤlff Joſeph aber beraubt waͤre; Es waͤre aber alles vergeblich / dann dieſe Reden der uͤbrigen Bruͤdern ohne das vergallte / neidige und mißguͤnſtige Her - tzen durch Mißtrauen dem Joſeph noch gehaͤſſiger machte; Alſo daß ſie endlich beſchloſſen / ſich mit der Menge Viehe nach Sichem auff die jenige gute Waid zubegeben / die Ruben hiebevor ausge - ſpehet hatte / um ſich allda ſo lang auff - zuhalten / biß ſie ſehen was ihr Vatter thun wolte / und ob er allein mit dem Jo - ſeph wuͤrde hauſen wollen / auff welchen Fall / wann geſchehen ſolte was ſie un -noͤtig21.[21]noͤtig vermuhteten / ſie ſchon den beſten Theil der Herd in ihrem Gewalt haͤtten.

Alſo lieſſen ſich dieſe Gebruͤdere durch Eifer / Neid / Haß / Mißgunſt / Zorn und Mißtrauen umbtreiben / und zogen mit ihren Herden in das Waidreiche Land Sichem.

Jndeſſen gedachten weder Jacob noch Joſeph an gar nichts boͤſes / ſondeꝛn Joſeph muſte dem Alten ſeinen Traum noch eins erzehlen / und hingegen die Außlegung darvor widerum anhoͤren; Gewißlich liebſter Sohn ſagte Jacob / ich verſichere dich eigentlich / daß du zu einem groſſen Herꝛn wirſt werden; Aber alsdann ſey mir und deinen Bruͤdern behuͤlfflich / wann wir anders nach Ver - hångnuß GOttes deiner Huͤlff bedoͤrf - fen und dich darum anlangen werden; Dieſe Wort redet der Alte ſo beweglich: Endet ſie mit einem ſo inbruͤnſtigen Vaͤtterlichen Kuß: Und ſahe ſeinen Sohn darauff ſo andaͤchtig an / daß ſich Joſeph (weil er ſeinen Vatter ohne das mehr als ſich ſelbſten liebte) desBWei -22.[22]Weinens nicht enthalten konte / welches dann ſeiner Antwort ein gute Weil den Paß allerdings verſperꝛte / dannoch er ſich aber wider erholet / ſagte er / hertzlieb - ſter Vatter / nimmermehr gedencke / daß ich zugeben werde / daß deine graue Haar ſich vor mir buͤcken ſollen etwas bittweiß zubegehrn / wann ich anderer Geſtalt dein Anligen und wie dir zu helf - fen ſey errahten kan; Und ſolte ich gleich den Thron der Aſſirier beſitzen; So werde ich doch als ein getreues Kind dei - nes Alters Troſt verbleiben / ſo lang mir GOtt die Ehr und Gnad verleyhet / dich auff dieſer Welt zubedienen.

Nach vielen dergleichen Geſpraͤchen / hat Jacob den Joſeph geſegnet / ihne GOtt befohlen und zu der kuͤnfftigen Wuͤrdigkeit / als wann er ſie ſchon vor Augen ſehe / alles Gluͤck und Heyl hertz - lich angewuͤnſcht; auch auff ſein bittli - ches Begehren unterrichtet / wie er einen jeden Traum der etwas bedeute / leicht - lich auslegen koͤnne; Welche Kunſt er dann wegen ſeines klugen Verſtandsund23.[23]und hlerzu geneigten angebornen guten Art nicht allein mit geringer Muͤhe gleich begriffen / ſondern auch nachge - hends durch ſein eigenes ſcharpffes Nachſinnen ſo weit gebracht / daß in gantz Egypten / auch unter den allerwei - ſeſten keiner ſeines gleichen zu finden ge - weſen.

Der ſpate Abend kam dieſen Beyden viel fruͤher als ſonſten / weil ihnen ihr liebreich Geſpraͤch den Tag ſo unver - merckt gekuͤrtzt hatte; Sie waͤren auch der dunckelen Nacht ſelbſt noch nicht ge - wahr worden / wann Lia nicht zu ihnen getretten waͤr / anzeigende / daß die Soͤhn mit dem Viehe noch nicht ankommen / dieſe fragte zugleich ob ſie nicht wuͤſten / warum ſie wider ihr Gewonheit ſo ſpat ausblieben? Oder wohin ſie ſich doch mit der Herd begeben haben moͤchten; Weilen aber keiner von ihnen Beyden weder die Urſach ihres Ausbleibens noch den Ort da ſie ſich befinden moͤchten / ausſinnen koͤnnen; Haben ſie die Nacht an ſtatt des Schlaffs mit Unruhe undB ijSor -24.[24]Sorgen ſo betruͤbt zugebracht / als er - goͤtzlich ihnen der Tag zuvor gefallen.

Den folgenden Morgen vermehrte ſich dieſe Traurigkeit im gantzen Hauß / je eine Sohnsfrau fragte die andere / ob ſie nicht beym Abſchied ihres Manns vernommen / wohin ſie ſich miteinander zuverfuͤgen gewillt geweſen; Keine un - ter allen aber konte Nachricht geben als Rubens Liebſte / dann dieſe ſagte / ihr Haußwirth haͤtte ſich ohnlaͤngſt verneh - men laſſen / daß er in der Sichemiter Gegend ein ſolche hertzliche Waid ange - troffen / daß immer Schad ſeye / wann man dieſelbe ohnnuͤtzlich verderben lieſſe / hielte alſo davor / daß ihre Maͤnner ſich ohn Zweiffel dorten uͤber auffhalten muͤſten / vornemlich weil ſie den Kern des beſten Viehes bey ſich haͤtten.

Der bekuͤmmerte Jacob / ermaß die Naͤhe des Wegs / und erkante ohn - ſchwer / daß ſeine Soͤhn / wann ſie gleich - wol dort geweidet haͤtten / wol widerum daheim ſeyn koͤnnen / dann er dazumal zu Sieima / welches die Hebreer Su -choth25.[25]choth nennen / gewohnet / von welchem Ort es einen nicht ſo gar fernen Weg nach Sichem hat.

Darauff hin haben ihm nicht weni - ger ſein eigene Sorgen als ſein und ſei - ner Soͤhne Weiber und deren jungen Kinder unauffhoͤrlich Weheklagen in - ſtaͤndig eingerahten / daß er hinſchicken und erkundigen laſſen ſolte / ob ſie villeicht durch die Arabiſche Raͤuber angegriffen und weggefuͤhrt worden / oder ob ihnen ſonſt ein ander Ungluͤck begegnet waͤre; Joſepho dem Klugen / und zwar da - mals nur ſibenzehen jaͤhrigen Juͤngling wurde dieſe Verꝛichtung auffgetragen; Und damit er deſto eilender ein gute Bottſchafft zu ruck bringen: Oder wañ villeicht Gefahr vorhanden / deſto ge - ſchwinder entfliehen koͤnte / wuͤrde ihm ſeines Vattern beſter und ſchnelleſter Laͤuffer von Perſiſcher Art / den er aus Meſopotamia mit ſich gebracht hatte / untergeben / auff welchem er mit dem Segen Jacobs verſehen / der Herde Spur nachſtriche / ſeine geliebte BruͤderB iijzu -26.[26]zu ſuchen; Welche er auch gegen Ve - ſperzeit mit ſamt der Herd ehender / und zwar in ſo gutem Stand angetroffen / als ihn zuvor feine all zu groſſe Sorg und vor ſie habende Bekuͤmmernuß glauben laſſen; Maſſen ihn ſolcher ge - wuͤnſchte Anblick hertzlich erfreuete / als wann er jetzo die propheceyte Herꝛlichkeit haͤtt antretten ſollen.

Seine Bruͤder hingegen / als ſie ihn von weitem ſahen / ſprachen untereinan - der; Ach ſchauet: Dort kommt unſer Printz! Wolan legt euch nider und er - fuͤllet ſeine Traͤum; Sehet doch um Gottes Willen / der Juncker Traͤumer hat ſich auf unſers Vattern beſtes Pferd geſetzt / damit er unſere Ehrerbietung de - ſto Majeſtaͤtiſcher empfahen moͤchte! En warum ſitzen wir doch nicht alle auff un - ſeren Schindmerꝛen / damit ſie ſich gleich wie die Garben in ſeiner Phantaſey ge - than / vor dem ſeinigen neigen: Und wir zugleich dieſen gewaltigen Kerl mit an - beten moͤchten! Zwar warum nicht? Dann diß iſt der jenige dem Sonn undMond27.[27]Mond zugefallen vom Himmel ſteigen und ſich zu ſeinen Fuͤſſen legen! Diß iſt der Groſſe / von dem Vatter und Mut - ter erzittern / weil ſie nicht wiſſen / wie ſie ihn genug ehren ſollen; Ja der iſts! Den wir alle ſamt unſeren Kindern als Sclaven zu dienen vom Himmel zuge - eignet ſeyn! Villeicht komt er jetzt dar - umb in ſeinem bunden Rock ſo ſtattlich auffgebutzt / und ſo praͤchtig beritten da - her / uns ſeinen leibeignen Knechten ſcharffe Befelch zuertheilen / und zugleich die Pflicht des Gehorſams und ſchuldi - ger Unterthaͤnigkeit von uns zu empfa - hen? Ja: (hencken ſie ferner daran /) ehe wir dir zu Gebot ſtehen wollen / ehe ſoll dein bundter Fuͤrſten-Rock / in wel - chem du gleichſam Koͤniglich prangeſt / mit Blut beſudelt: Und dein ſtoltzer Leib von unſers Vattern Angeſicht hinweg geriſſen: Und in den innerſten Schlund der Erden verborgen werden; Und die - ſes ſey der Ayd den wir wollen geſchwo - ren haben.

B iiijSie28.[28]

Sie haben auch ſolches zu halten ſich hoch verpfaͤndet / doch etliche nicht des Willens ſolches ins Werck ſetzen zu helf - fen / ſondern darum / dieweil ſie von den Zornigſten hierzu gemuͤſſigt wurden / vornemlich der dapffere Ruben / welcher auff alle Mittel und weg gedachte / wie er dem Joſeph das Leben erhalten: Und ihn wider zu ſeinem Vatter ſchaffen moͤchte; Hat ihnen derowegen gleich Anfangs gerahten / ſie ſolten gar keine Hand an ihn legen / dann mit ſolchem Brudermord wuͤrden ſie GOtt zum hoͤchſten beleidigen / ihren alten Vatter auch zu todt kraͤncken / und ihnen ſelbſt einen im̃erwehrenden nagenden Wurm ihres boͤſen Gewiſſens erwecken; Dem - nach aber weder ihre zornige Ohren ihn hoͤren: Noch ihre ergrimte Gemuͤhter ſich anders lencken laſſen wolten / ſtellet er ſich als waͤre er anders Sinns / und zwar ihrer Meinung worden / ſagte de - rowegen / ihr lieben Bruͤder / wann es ja nicht anders ſeyn ſoll / ſo muͤſſen wir gleichwol auch mit der Sach behutſamum -29.[29]umgehen / und ſich nicht ůbereilen / dann ihn hier bey der Herd hinzurichten iſt nit rathſam / weilen wir von unſern Knech - ten moͤchten verrahten werden; Laſſet uns rathſchlagen / was Todts und an welchem Ort er ſterben ſoll; Mit nich - ten / ſagten die andere / er muß auff der Stell dran / dann laſſen wir dieſe Ge - legenheit aus Handen / ſo wird die Ver - hångnus keine mehr ſo gut goͤnnen / ſon - dern verſchaffen / daß wir als Gebunde - ne unter ſeinem Gewalt ſitzen: Und in harter Dienſtbarkeit kuͤnfftig unſeren ſaumſeligen Verzug bereuen muͤſſen.

Ruben / als er ihre Hartnaͤckigkeit und blutdurſtige Entſchlieſſung ſahe / antwortet / mein Meinung iſt ja nicht / daß man weder ihn ſelbſt noch dieſe Ge - legenheit aus Handen gehen laſſen: Sondern ſich vor der That weißlich be - rahten ſolle / damit die Sach alſo kluͤg - lich angegriffen und vollendet werde / daß ſie kuͤnfftig verſchwigen bleibe / und uns kein Schand oder Nachtheil brin -B vgen30.[30]gen moͤge / dann ihr wiſſet all / daß eilen nie kein gut thaͤt.

Eben damal kam Joſeph zu ihnen ge - ritten / er ſtig vom Pferd und neiget ſich gantz Ehrerbietiglich gegen ihnen / ver - meldet zum allererſten des Vattern Gruß und Segen / folgends wie bekuͤm - mert er ihrentwegen daheim ſåſſe / weil er nicht wuͤſte wo ſie waͤren / und ob es ih - nen wol oder uͤbel gienge; Hertzlich be - ſorgende es moͤchte ihnen villeicht ein Ungluͤck begegnet ſeyn; Haͤtte ihn dero - wegen geſchickt / zuvernemen.

Mit dem / und zwar ehe er ſeine Red vollenden konte / banden ſie ihn an / Si - meon muſte ihn binden und verwahren weilen er der ſtaͤrckſte unter allen war; Sie aber tratten beyſeits vom Ruben ferner zuvernemen / was er dann nun vermeinte das jetzo weiters zu thun ſey; Demſelben war nichts hoͤhers angele - gen / als wie er den frommen Joſeph da - von bringen mochte / und muſte doch be - ſorgen / wann er von neuem vor deſſen Leben reden wuͤrde / daß ſeiner Bruͤdergrim -31.[31]grimmige Gemuͤhter (die einmal dem Joſeph obgemeldten Ayd geſchworen / und ihn von der Koſt zu thun feſtiglich beſchloſſen hattẽ /) auch mit einem neuen Muth entzuͤndet werden doͤrffen / dar - durch Joſeph gleich im ſelben Augen - blick von ihnen haͤtte getoͤdtet werden koͤnnen; Hat derowegen ſeine Red fol - gender Geſtalt eingerichtet.

Hertzliebe Bruͤder / ſagt er / wann die Soͤhne Jacobs ins kuͤnfftig ein Ungluͤck treffen ſolte / ſo wuͤrde Ruben gewißlich nicht leer ausgehen! Wann die Kinder Jſrael zu Joſephs Sclaven werden ſol - ten; So wuͤrden ich und die Meinige ohn Zweifel ſeiner Dienſtbarkeit nicht entrinnen moͤgen / dann es heiſſet gleiche Bruͤder gleiche Kappen; Und ſolte es dahin kommen was ihr beſorgt / und ihm unſer Vatter ſelbſt weiſſaget (ob ich zwar nichts auff naͤrriſche Traͤum halte) ſo waͤre ich wol thorecht / wann ich ein beſſers hoffen wuͤrde / als mit euch uͤber einen Kamm geſchoren zu werden; Fin - de derowegen das beſte Mittel zu ſeyn /B vjd 32.[32]daß wir ihn aus dem Weg raumen; uns ſelbſten Sicherheit vor ihm ver - ſchaffen / und alſo durch ſein Verderben unſerem eignen Ungluͤck vorkommen; Jch werde keinem unter euch rahten / daß er ein gifftige Schlang im Buſen auff - erziehe / damit ſie ihn hernach erwuͤrgen ſolle / weil jeder unter euch mein lieber Bruder iſt! Warum wolte ich dann den gaͤntzlichen Untergang unſer aller Freyheit haͤgen / wann ich Mittel und Gelegenheit ſehe / uns ſamtlich ſolcher Gefahr zuentreiſſen? Daß ich aber ge - rahten habe / man ſoll kein Hand anle - gen: ſolches iſt noch mein Meinung! Aber man muß mich recht verſtehen: Dann toͤdten wir ihn ſelbſten / ſo begehen wir ein Bruder-Mord mit eignen Haͤn - den / und wird das unſchuldig Blut uͤber uns gen Himmel ſchreyen; Jn dem wir aber der Geſtalt unſern Vattern ſeines liebſten Kinds berauben / ſo nemmen wir[ihm]e auch zugleich ſein Leben / in dem wir ihn durch ſolche That in groſſes Hertzen - leyd: und durch ſolches Hertzenleyd ſeinEhr -33.[33]Ehrwuͤrdige graue Haar vorſetzlich in die Grube foͤrdern / welche That auch bey den wildeſten Voͤlckern die GOtt nicht kennen / verhaſſt: und uns und unſern Nachkoͤmlingen ein ewige Schand ſeyn wuͤrde; Das allergreulichſte aber iſt diß / daß wir den jenigen verderben / den GOtt ſelbſt liebt und ihne allen Segen und ſo groſſe Hochheit verſprochen; Und zwar / ſo thaͤten wir ſolches aus einer gar boͤſen Urſach (welches noch abſcheulicher und ſtraͤfflicher waͤre /) nemlich ausbloſ - ſen Neid und Haß / welche Laſter GOtt mißfallen / ja uͤber diß / waͤre ſolche Suͤnd groͤſſer als der Todtſchlag keins / weil wir uns ſeine erſchroͤckliche Straff kein Ex - empel ſeyn laſſen! Wie meinet ihr wol / hertzallerliebſte Bruͤder / wann wir ihm eigenhaͤndig das Leben genommen ha - ben werden / welches wir ihm nimmer - mehr wider zu geben vermoͤgen / wie haͤn - ckermaͤſſig uns hernach unſere eigne Ge - wiſſen martern und peinigen wuͤrden / wann ſchon der grundguͤtige Gott ſelb - ſten ſtillſchwige / und um unſerer VaͤtterFrom -34.[34]Fromkeit willen uͤberſehe? (Ruben ſah[e]wol daß er keinen von ſeinen Bruͤdern hiermit bewoͤgte / dann ſie ſahen alle ſtuͤr - miſch und moͤrderiſch aus / grißgram - ten / und biſſen die Zaͤhn auffeinander / mit groſſer Ungedult; Derowegen len - cket er ſeine Red auff folgenden Schlag hinaus.) Dieſes alles liebe Bruͤder / bring ich nicht darum vor euere Ohren / daß ihr den Joſeph mir und euch zum HErꝛn behalten ſollet; Sondern des - wegen: Damit wir ſo wol auſſer ſeiner Herꝛſchafft und Dienſtbarkeit nach un - ſerer Altvaͤtter Herkommen in Freyheit leben: Als auch unſere Haͤnd von ſei - nem unſchuldigen Blut rein und unbe - fleckt behalten moͤgen / und in alle Weg uns weißlich vorſehen ſollen / damit wir unſere Handlungen vor GOtt und der gantzen Erbarn Welt / wo nicht verant - worten / doch wenigſt beſchoͤnen koͤnnen; Was Rahts dann nun hertzliebſte Bruͤder? Wir haben einmal ein Ayd geſchworen zu ſeinem Verderben / der muß gehalten ſeyn / ſo lieb uns der jenig[e]Gott35.[35]GOtt iſt / der unſerem Beginnen den heutigen gantzen Tag zuſihet / auch zu - vor unſere Gedancken wuſte / ehe dieſelbe in unſere Hertzen geſtigen / ſolche auch ſamt der That zu ſeiner Zeit richten wird! Wolan dann nun liebe Bruͤder; Welche Tiger-Art hat Jacob geboren / dem liebſten Sohn Jſraels den erſten toͤdtlichen Streich zugeben? Nein: Nein: Das ſey ferne / daß wir ſich an GOtt / an unſerm Vatter und an unſe - rem Bruder dergeſtalt vergriffen! Jch weiß ein beſſern Raht / den Joſeph an Ort und End zubringen / daß er ſeines Vattern Angeſicht nimmer mehr ſehen: und jedoch unſerm Ayd genug geſchehen ſolle; Zabulon du weiſt die Wolffs - grube / ſo wir dieſer Tagen hier nechſt im Wald / miteinander gefunden haben / in dieſelbe wollen wir ihn ſtecken / ſo iſt er ſchon unſerem Ayd gemeß im Abgrund der Erden verborgen / darinnen wollen wir ihn andere Vaͤtter / Muͤtter und Bruͤder ſuchen laſſen / die ihn Ehren und anbeten moͤgen ſo lang ſie wollen / oderbiß36.[36]biß er ſelbſt in ſolcher Herꝛlichkeit ver - reckt; Gefaͤllt euch dann dieſer Vor - ſchlag nicht / ſo will ich ihn in eine ſolche ferne Wildnuß fuͤhren / da er entweder den Raͤubern oder den Wilden Thieren zu theil werden muß; So bleiben unſe - re Haͤnde ſeines Todtes halber un - ſchuldig.

Der erſte Vorſchlag den frommen Joſeph in die Grub zu werffen ward be - liebt / und als ein rechtmaͤſſige Verfah - rung und kluge Erfindung gelobt; Zu - gleich auch dem Ruben / Judæ Simeo - ne und Zabulon auffgetragen / ſolch Ur - thel zu vollziehen; Weilen aber ihr Ayd auch in ſich hielte / Joſephs koſtbarlichen Rock / der ſchier die groͤſte Urſach und zwar der Anfang ihrer Feindſchafft ge - weſen / mit Blut zubeſprengen; Haben ſie ihm denſelben ausgezogen / aus Zorn zimlich zerꝛiſſen / und in dem Blut eines jungen Zigenboͤckleins / ſo ſie zu dem End geſchlachtet / herum geſudelt; Jn - deſſen nun dieſe ihre Rach am Rock uͤb - ten / wie die Hund an den Steinen zuthun37.[37]thun pflegen / wann ſie den / ſo ſie damit geworffen / nicht beſchaͤdigen moͤgen / fuͤhrten jene vier den Joſeph zu der Gru - ben / und lieſſen ihn mit Seilern ohne ſeine Beſchaͤdigung hinunter; Ruben aber war bey ſich ſelbſt bedacht / ihme ohne ſeiner Bruͤder wiſſen noch ſelbige Nacht wider heraus zu helffen und ſei - nem Vatter heimzubringen.

Er danckte GOtt heimlich in ſeinem Hertzen / daß er ihm ſolchen Einfall ver - liehen und Gnad gegeben / daß ihm ſeine Bruͤder gefolgt haͤtten; Derſelbe Tag duncke ihn laͤnger zu ſeyn als ſonſt zween / weil ihn ſo hertzlich verlangt / ſein Vor - haben ins Werck zuſetzen; Er gieng eintzig hinweg / mit Vorwand ein beſſere Waid zuſuchen / aber ſein Verlangen war eintzig die finſtere Nacht: Jn wel - cher er die Vorhabende Erꝛettung ſeines Brudern ins Werck ſetzen moͤchte;

Nach ſeinem Abſchied kamen unver - ſehens etliche verirꝛte Jſmaeliter ſo Kauffmanſchafft halber aus Arabia in Egypten zogen / zu der Herd / keiner an -dern38.[38]dern Urſachen halber / als wider nach dem rechten Weg zufragen; Denſelben verkaufften ſie aus Rath Judæ ihren Bruder Joſeph umb dreiſſig ſilberne Pfenning in ewige Dienſtbarkeit / weil ſie davor hielten / es waͤre beſſer vor ſie / der jenige wuͤrde ſelbſten ein Sclav / deſ - ſen Sclaven zu werden ſie beſorgten; Jedoch mit dieſen austruͤcklichen Be - ding und Vorbehalt / daß ſie ihn ſo weit muͤglich aus dem Land fuͤhren: Und alsdann an den ferneſten Orten der Er - den wider verhandlen moͤchten; Neph - talin / ſo ein ſchneller Fußganger war / zeigte ihnen wider den rechten Weg / ſie waren aber kaum etlich Meilen fortkom - men / da kame die Bruͤder Joſephs alle ein Reu an / als ſie nemlich bedachten / was vor ein ſchlimmes Stuͤck ſie ihren Bruder erwieſen hatten.

Rubens verdruͤßlicher Tag ſtriche mit hin vorbey / und die wuͤnſchende Nacht herzu; Da er dann nicht ver - ſaumt hatte / einen mittelmaͤſſigen Tzi - nar Baum oder Platanum abzuhauen /und39.[39]und mit Stuͤmling deſſen Aeſten: oder wo ihm die Natur keine gegeben / mit eingeſchlagenen Naͤgeln / gleich wie einer Laiter / zum ſteigen bequem zumachen; Damit verfuͤgte er ſich zu der Wolff - oder Leopartengruben / dem jenigen wi - der heraus zuhelffen / den er kurtz zuvor ſelbſt hinein zuſetzen gemuͤſſigt worden; Er legte ſich zur Gruben auff die Erd nider / und ſchrye hinein; Joſeph lieb - ſter Bruder! Jhme antwortet aber nur der betruͤgliche Widerhall / mit eben den Worten / die er in deſſen Abgrund ge - ſchryen hatte; Ruben ruffte nochmals dieſelbige Wort / mit einer viel kraͤffti - gern Stimm; Echo aber thaͤt derglei - chen; Ruben ſchrye von aller Macht und was er erſchreyen konte / Bruder ſchlaͤffſt du? Darauff ward er auch ge - fragt ob er ſchlaffe; Er widerholet ſolch Geſchrey zu vielen malen; Echo aber unterließ nicht / ihme eben ſo unverdruͤß - lich von Joſephs wegen zu antworten / als offt er ſeinethalben ſo beweglich frag - te. Der Zorn und die Lieb ſeynd zwarzwo40.[40]zwo widerwaͤrtige: jedoch einsfalls ei - nige: und ſo beſchaffene Gemuͤhts-Be - wegungen / ſonderlich wann eins von beyden viel zu hefftig iſt / daß ſie den Men - ſchen gantz aus ſich ſelbſt bringen / und deſſen Verſtand alſo verfinſtern / daß er endlich nicht mehr weiß was er thut[;]Alſo geſchahe dem redlichen Ruben da - mals auch / er wurde bey der Gruben ſo beſtuͤrtzt / daß er nicht mehr wuſte wie er dran war; Er wuſte nicht ob Joſeph oder deſſen Geiſt mit ihm redet / weil er ſo willige Antwort empfieng / und ſich doch nicht darein richten konte / zumalen an nichts wenigers als an den natuͤrli - chen Widerſchall gedachte; Stehet alſo noch darum zu zancken / ob ihm damals ein Antwort kein Antwort: Oder kein Antwort / ein Antwort geweſen ſey? Zum letzten ſchrye er / ach Bruder ſag mir (gleichſam als ob die Todte redeten) biſt du todt? Das / was er foͤrchte / und ihn wider antworte nicht zu hoͤren begehrte / fafſeten ſeine Ohren am allererſten / nem - lich das letzte Wort! Ach! ſagte er / biſtdu41.[41]du todt! Ach warum bin ich dann nicht vor dich geſtorben? Von der Qual die ſein Hertz damals beruͤhrt / von dem Heu - len das er dannenhero anfieng / und biß an den anbrechenden Tag triebe: Nicht weniger von dem jaͤmmerlichen Her - tzens-Schmertzen / den er dieſelbe gantze Nacht uͤbertragen / kan ich der Urſachen wegen nichts ſchreiben / weil ſich mein ei - gene mitleidenliche Threnen mit der Dinten meiner elenden Feder vermi - ſchen: Was mein ſchwaches Vermoͤ - gen hiervon zu ſchreiben vornehme / zu leſen unduͤchtig machen: Und alſo den Frevel meines Beginnens ſtraffen wuͤr - den! Ja er / der ehrliche Ruben / wurde endlich ſo ohngehalten / daß er wegen der Unſchuld Joſephs / den er todt zu ſeyn ſchaͤtzte / ſo wol wider GOtt und den guͤ - tigen Himmel / die ſolchen unſchuldigen Todt verhaͤngt / als wider ſeine Bruͤder murꝛete / auch von allen nicht beym be - ſten redete; Er vorfluchte Sonn / Mond / Stern und alle Garben / und kame in ſolcher Weiß zu ſeinen Bruͤdern als ih -nen42.[42]neneben die Morgenroͤthe einen neuen Tāg verkuͤndigte.

O ihr Moͤrder! Jhr Schelmen und Dieb / ſchrye er auff / welcher hoͤlliſche Geiſt hat euch gerahten / euren unſchul - digen Bruder umbzubringen? O ihr Ehr und Gottes vergeſſene Schaͤnder des gantzen Stammes der redlichen Hebreer / welcher Verſtoſſene Engel zeucht euch durch dieſe That nach ſich in den Abgrund des ewigen Feuers? Was iſts doch vor ein Beſtia / oder viel mehr vor ein Teufel / der ſo verwegen geweſen iſt / auch nur in Sinn zunemmen / an der Unſchuld ſelbſten ein ſolche Mordthat zubegehen? Ach! Du gerechte Sonn! Haſt du dieſen ſchroͤcklichen Mord ge - ſter zugeſehen / und wilſt heut die Moͤr - der dannoch wider beſcheinen? Ach Mond! Hier fielen ihm Judas und Le - vi / auch Jſſaſchar und andere mehr in die Red / und ſagten: Hoͤr Bruder was fangſt du vor ein Jammer an? Wir haben den Joſeph mit dem Leben laſſen darvon kommen;

Ruben43.[43]

Ruben aber verſtunde ſie haͤtten ihm das Leben genommen / dann er war gantz nicht bey ſich ſelbſt; Ach! ſagt er / was habt ihr gethan? Was ſein Traum boͤ - ſes bedeutet von den Garben / habt ihr euch zur hoͤchſten Schand erfuͤllt; Was er ihm aber guts verheiſſen / deſſen / ſamt ſeines unſchuldigen Lebens / habt ihr ihn beraubt wie andere Schelmen.

Als er aber endlich verſtunde / daß er noch lebte / ihme auch zur Beſtaͤttigung deſſen von ſeinen Bruͤdern das aus ihm erloͤſte Geld vorgewieſen wurde; Spie - he er auffs Geld / und ſagte / ihr habt uͤbel gethan / daß ihr den unſchuldigen verkaufft habt / aber zu geſchehenen Sa - chen ſoll man das Beſte reden; Beſſer verkaufft als ermord; GOtt wird den Joſeph nicht verlaſſen / und ich verſichere euch / daß / wann ſchon alle lebendige Creaturen dieſe eure Schalckheit ver - ſchweigen / daß doch endlich die Stein reden und eure Verbrechen an Tag bringen werden; Wie troͤſten wir aber indeſſen unſern alten Vatter? Und wieleinen44.[44]leinen wir den Argwohn ab / mit wel - chem er und die gantze erbare Welt uns belegen wird? Sagen wir die War - heit / ſo kriegen wir einen ungnaͤdigen Vatter; Und ſehen ihn wegen ſeines Sohns Dienſtbarkeit auch in ewigen Kummer; Sagen wir dann den Jo - ſeph todt / ſo reden wir wie die Luͤgner / machen uns des Mords verdaͤchtig / und bringen gleichwol den Vatter in das groͤſte Hertzenleid; Darum rath jeder was zu thun ſey?

Erſt damal wuͤnſchte ein jeder von Hertzen / daß Joſeph von ihnen ohnbe - leidigt: Und noch vorhanden waͤre / oder daß ſie den geſtrigen Tag Rubens Red behertzigt haͤtten; Aber vergeblich. Sie bereueten zwar ihre That / und fien - gen an zu weinen wie die Weiber; Da - mit war aber weder ihren Vatter / noch dem Joſeph / noch ihnen ſelbſt geholffen; Ruben war am beſten getroͤſt und bey ſich ſelber / weil er unſchuldig und den jenigen noch lebendig wuſte / deſſen ver - meinten Todt er kurtz zuvor betauret:Und45.[45]Und ſein Hertz die gantze Nacht uͤber genugſam ausgelert hatte; Ja er war gegen ſeinen Bruͤdern gleichſam froͤlich zuſchaͤtzen / weil ſein Gewiſſen ſein eigen Unſchuld bezeugte.

Endlich hielten ſie davor es waͤre beſ - ſer gelogen / und den Vatter wegen Jo - ſephs Todt in ein kurtzes Leidweſen: Als die Warheit geſagt / und ihn ſeiner Dienſtbarkeit halber in ein ewige Sorg: (welche haͤrter zuertragen als die Dienſt - barkeit ſelber) ſich ſelbſten aber in ein immerwehrende Schand geſetzt; Es ſeye ſagten ſie / wol ehe einem Vatter ein lieber Sohn geſtorben / er ſeye darum nicht gleich hernach gefahren / ſondern das Leid haͤtte nach und nach mit der Zeit auffgehoͤret. Krafft dieſes Schluſ - ſes / hielten ſie vors Beſte / den Vatter zubereden / Joſeph waͤre von den Wil - den Thieren zerꝛiſſen worden; Sie zer - fleiſchten zu ſolchem End in Mangel an - derer Jnſtrumenten mit ihren Schaͤ - ferſtaͤben dem unſchuldigen koͤſtlichen Pferd / worauff Joſeph zu ihnen kom -Cmen /46.[46]men / ſeine hindere Schenckel als wanns die Woͤlff ſo zugerichtet haͤtten / damit derſelbe ſtumme Zeuge ihr Lugengedicht deſto glaubwuͤrdiger machen ſolt; Ge - gen der Nacht fuͤhrten ſie es ohnfern an ihres Vattern Wohnung / und lieſſens ſeine Begierd zur Krippen / ſeinem Stall zutreiben / um ihren Vatter die erſte Poſt von Joſephs Untergang zu brin - gen; Den Tag hernach folgten Jſſa - ſchar und Zabulon mit dem blutigen Rock welchen ſie ſelbſt aus Neid zerreiſ - ſen helffen / unter die That auff die un - ſchuldige Thier legten; Was Geſtalt aber Jacob dieſe Pottſchafft angehoͤrt / iſt muͤglicher zugedencken als zu ſchrei - ben! Ach! ſagte er / ihr betruͤgliche Traͤum / ihr falſche omina; Und du ver - logene Aſtrologia! Warum habt ihr mich zum Lugner gemacht? Jſt diß die Herꝛlichkeit / die ihr meinem Sohn ver - ſprochen? Ach Joſeph! Du haſt zwar Herꝛlichkeit genug im Schloß Abraha / aber an ſtatt / daß ich und deine Bruͤder dich Ehren / und unſerer gehabten Hoff -nung47.[47]nung nach / ſich deines Gluͤcks erfreuen haͤtten ſollen; Sihe ſo muͤſſen wir det - nen fruͤhzeitigen / und zwar ſehr erbaͤrm - lichen Todt beweinen! Er truckte den weiland ſchoͤnen / nunmehr aber zerꝛiſſe - nen Rock / welcher vom Blut noch bund - ter worden war / an ſeine Bruſt / und kuͤſte an ſtatt ſeines Sohns das ankle - bende Zuͤgenblut ſo inniglich / als wann es von ſeinem eignen Gebluͤt da geweſt waͤre; Ach! ſagte er zu ſelbigen Rock / du haſt mich erfreut / als dich Joſeph trug / nunmehr aber bringſt du mir eben ſo groſſen Schmertzen / weil wir beyde ſei - ner beraubt ſeyn muͤſſen; Alſo wuͤrde Jacob mit ſeines liebſten Sohns Roͤck betrogen / weil er hiebevor ſeinen Vatter auch mit ſeines liebſten Sohns Rock betrogen hatte; Wir wollen aber vor dißmal den Alten Jacob in ſeiner Trau - rigkeit laſſen / und hoͤren / wie es dem frommen Joſeph unter den Jſmaeliten gangen.

Dieſelbe Carawan oder reiſende Ge - ſellſchafft war kaum den VorkaͤuffernC ijaus48.[48]aus dem Geſicht / als ſie anfienge von des erkaufften Schoͤnheit zu reden / und ſich zuverwundern / daß dem Kaͤuffer um einen ſo ſchlechten Preiß ein ſolcher ho - her Werth zugeſtanden waͤre; Jeder Vornemſte wolte den Joſeph entwe - der allein / oder doch ſeinen gewiſen Theil an ihm haben; Etliche wolten ihn dem Kaͤuffer vierfach bezahlen / er aber goͤn - nete ihn gar keinen / ſondern wolte ihn als ſein erkaufftes Gut allein behalten; Alſo daß ſich dieſe Geſellſchafft nicht al - lein Joſephs wegen entzweyet / ſondern entdreyet oder wol gar entvieret; Dann die uͤbrige und zwar der mehrere Theil ſagten / der Kaͤuffer haͤtte ihn nicht ſich wie andere ſeine Wahr zur Cara - wan gebracht / er haͤtte ihn auch nicht auff einem offenen Marckt / oder wo ſonſt eine Niderlag der Handelſchafft ſeye: Sondern als die gantze Geſell - ſchafft verirꝛt geweſt / erkaufft; Gleich wie nun ein jede Carawan in aller Ge - fahr vor einen Mann zu ſtehen pflege / und jeder der ſich dabey befinde auff al -len49.[49]len widrigen Fall bey gemeinem Un - gluͤck ſein eigen Unheil gewaͤrtig ſeyn muͤſte; Alſo waͤre auch billich / daß die gantze Geſellſchafft an dem jenigen Gluͤck ſo jhnen die Goͤtter ohnverſehens beſchert / theil haͤtten; Wie? ſagten ſie ferner / wann wir an ſtatt der Verkaͤuffer in unſerer Verirꝛung Raͤuber antrof - fen / die uns ſelbſt angepackt und ver - kaufft haͤtten; Wuͤrde uns alsdann der Kaͤuffer erꝛettet / und uns den erlittenen Schaden wider erſetzt haben? Wir ſeynd alle ſo wol als der Kaͤuffer den ver - druͤßlichen Jrꝛweg umgangen / gerad als wann wir darzu verbannet und ver - hext worden waͤren; Warum ſoll er dann allein den Nutzen um ſeiner kahlen ausgelegten 30. Lari wegen davon ha - ben / und beſitzen was ſonſt mit 300. Tumain nicht zubezahlen iſt? Jn Sum - ma die Kerl wurden gantz ſchwuͤrig un - tereinander; Es waͤre auch zum Blut - vergieſſen kommen / wofern ſie nicht die Gegenwart einer groſſen Schaar Raͤu - ber ſo die Carawan wolte angreiffen /C iijeinig50.[50]einig gemacht haͤtte / um ſich zu forder iſt gegen dieſelbe tapffer zu wehren / damit ſie ſelbſt nicht zu Sclaven wuͤrden; Als ſie aber ſahen / daß der Raͤuber wol ze - hen gegen ihrer einen waren / ſchetzten ſie ſich verlohren / und lieſſen ihren Muht ſamt den Waffen ſincken.

Jn ſolcher Angſt ſchrye ein liſtiger / und vieler Sprachen kuͤndiger Elamit Muſai genannt (welcher wegen ſeines geſchwinden Kopffs und anderer Wiſ - ſenſchafften halber / gleichſamb vor ein Wunder der Welt gehalten: Ja eben ſo verſchmitzt / als Joſeph ſchoͤn geſchetzt worden / (man ſolte geſchwind dem Er - kaufften das Koͤniglich Kleid / ſo ſie dem Pharao zuverehren bey ſich haͤtten / an - ziehen / auch ihne auff das beſte gezierte Pferd ſetzen / und im uͤbrigen niemand kein Wort reden / ſo verhoffe er zuver - ſchaffen / daß die gantze Carawan ohne Verluſt eines eintzigen Haars davon kommen ſolte; Jhm wurde ſtrax ge - folgt / auch dem Joſeph ein Cron auff - geſetzt / und verguͤlte Bogen und Pfeil indie51.[51]die Haͤnd gegeben (welche Kleinodia die Kauffleut / ſo wol als das obgemelt Koͤ - niglich Kleid dem Pharao verehren wolten) nicht zwar daß jemand in ſol - cher eil gewuſt haͤtte / was es abgeben ſolte / ſondern darum / dieweil des Ela - miten Klugheit der gantzen Geſellſchafft genug bekant war;

Derſelbe rennet den Raͤubern in deſ - ſen Sporenſtreichs entgegen / und ſchrye uͤberlaut / O ihr Menſchenkinder / der groſſe Gott Apollo / welcher die Sonn und das Feuer regiert / iſt in menſchlicher Geſtalt bey uns zugegen / und laſſt euch ankuͤnden / daß er euch wuͤrdige ſeine himmliſche Geſtalt zuſehen; Und von ihm zubegehren / was etwan ins kuͤnfftig jeder gern haben moͤchte; Befihlet auch ernſtlich ihr ſolt alſobalden zu ihm kom - men;

Dieſes war den Raͤuberiſchen Bar - baren ein ſeltzamer Gruß / ſie fragten ſonſt ſo wenig nach den Goͤttern / als be - gierig ſie waren gute Beuten zu machen / und muſten ſich doch gleichwol vor deſ -C iiijſen52.[52]ſen Gegenwart entſetzen / welcher wie ſie beredt waren / kurtz zuvor Sodoma und Gomorra mit Stumpff und Still ver - brand haͤtte; Jhre raͤuberiſche Gewiſſen erwachten / ſie hufften zu ruck und ſcheue - ten ſich zuerſcheinen; Hingegen verfolg - te der liſtige Elamit ſeine Pottſchafft und trang auff ihre Erſcheinung um ſo viel deſto mehr / um wie viel er vermerck - te / daß ſie forchtſamer wurden; Erzeh - lende daß Apollo die gantze bey ſich ha - bende Geſellſchafft zu lauter Stum - men gemacht / weil ſie ihn nicht der Ge - buͤhr nach begruͤſt haͤtten / mit einem Wort / er wuſte ſich ſo artlich zuſtellen / und brachte es ſo weit / daß dieſe aber - glaubige Leut ihn wider an ſeinen Apol - linen (von welchem ſie Gluͤck hofften und Ungluͤck beſorgten) zu ruck ſchickten / ihme zuvermelden / daß die Vornemſte aus ihnen kommen wuͤrden ihm ſeine heilige Schuchſohlen zukuͤſſen / wann er ſolches nur vergoͤnnen wolte.

Muſai thaͤt was ſie und er begehrten / er fande den Joſeph in KoͤniglichemSchmuck53.[53]Schmuck zu Pferd ſitzen / deſſen er ohn - angeſehen der groſſen Gefahr / bey ſich ſelbſt lachen: und geſtehen muſte / wann er von dem Poſſen nichts wuſte und wie die Raͤuber uͤberredt waͤren / daß er den erkaufften ſelbſt mit Forcht und Zittern angebetet haͤtte; Und die Warheit zu - bekennen / ſo war Joſephs Geſtalt mehr als uͤberirꝛdiſch / ja gleichſam Goͤttlich; Niemand konte ſagen / ob der Koͤnigliche Schmuck die Perſon / oder die ſchoͤne Perſon den koͤſtlichẽ Schmuck ſchmuͤck - te; Muſai befahle allein / es ſolte nie - mand ſo lieb ihm ſein Leben waͤre / eini - ges Wort nicht reden / er wolte gleich wi - der kommen und die Sach zu gutem End bringen / ritte demnach wider ſchnell zu den Raͤubern und ſagte / der groſſe GOtt Apollo haͤtte ſie begnaͤdigt ſeine Schuch zu kuͤſſen; Wendet ſich darauff wider zu ruck / ihme aber folgte der gantze Hauff.

Die Carawan hatte dem Joſeph von hinderwerts mit einem halben Ring umgeben / welches mehrentheils Naba -C vtheer54.[54]theer oder Jſmaeliten / unter denſelben aber auch viel Elamiten / Meder / Par - ter / Meſopotamier und Chaldeer wa - ren / und mitten zwiſchen ihnen hielte Jo - ſeph gantz alleinig wie ein koͤſtlich Edel - ſtein in Eiſen gefaſſt / welches ein Ma - jeſtaͤtiſch und fremdes Anſehen gabe; Und ſchiene / als wann dieſer Gott vom Himmel kommen waͤre / allerhand Na - tionen zuverſamlen; Wie andaͤchtig aber die Raͤuber jhre Ceremonien gegen jhme verꝛichteten / und was vor ſeltzame Gaben und Gnaden ſie von ihm gebet - ten / ſolches werde ich im Leben Muſai geliebts GOtt / welcher damals des ge - dichten Apolli Mercurius geweſen / er - zehlen; Diß wolte ich allein noch ſagen; Wann Joſeph ſeine Bruͤder unter ih - nen geſehen haͤtte / ihne anbeten / wie die Raͤuber damals thaͤten / daß er fich wol einbilden und glauben moͤgen / diß waͤre die jenige Herꝛlichkeit davon ihm ge - traumt und ſein Vatter geweiſſagt hat - te / weil dieſe Herꝛlichkeit gleich wie ein Traum vergieng und nicht laͤnger tau -rete /55.[55]rete / als biß die Raͤuber durch ſolchen Betrug abgefertigt waren; Sintemal Joſeph gleich hernach die Gottheit ſamt dem Zierrath ablegen muſte; Doch gab er in ſolchem Habit den Raͤubern Be - felch / daß ſie der Hirten in ſelbiger Ge - gend verſchonen ſolten / damit er ſeine Bruͤder vor ihnen verſicherte.

Kaum war dieſe Gefahr uͤberſtan - den / da war der erſte Zanck unter der Caraban um ihren Erretter wider vor - handen; Keiner kan glauben wie hitzig und verbittert ſie um ihn geſtritten / er wuſte dann zuvor / wie hefftig die Orien - taliſche Voͤlcker die Schoͤnheiten der jungen Knaben lieben; Zwar nicht alle als abſcheuliche Sodamiten / ſonder nur darum / damit ſie ihre Augen in deren Anſchanungen / wie wir mit den ſchoͤnen Blumen oder Edelgeſteinen thun / belu - ſtigen moͤgen; Weil dann die auslaͤn - diſche Schoͤnheit Joſephs mehr als uͤbermenſchlich geſchetzt wurde / auch der angehabte Habit ſolche denſelben Tag verdoppelt haͤtte / ſo war der Zanck undC vjEifer56.[56]Eifer um ihn deſto groͤſſer; Ja wann gemeldter kluge Elamit Muſai / der die Raͤuber durch unſern Joſeph betrogen / nicht vorhanden geweſt waͤre / ſo haͤtte die gantze Geſellſchafft untereinander ſich ſelbſt auffgeopffert; Dieſer wurde zum willkuͤhrlichen Richter erbetten und legt durch folgende Red allen Zanck bey:

Liebſte Freund / ſagte er / daß die gan - tze Carawan Theil an dem Erkaufften habe; Erſcheint daraus / dieweil wir heut alle durch ihn errettet worden; Es will ſich nicht gebuͤhren / daß ein eintzele Privat Perſon von uns den jenigen be - herꝛſche / welchen die Goͤtter wie man heut geſehen / allein zu dem End geſchickt haben / uns alle durch ihn zuerhalttn; Der Erkauffte waͤre ſeiner vorigen Frey - heit wuͤrdig / dieweil die gantze Geſell - ſchafft ihme ſo wol um ihr eigne Freyheit als um ihr Hab zu dancken ſchuldig; Aber ſein Rath und Ausſpruch waͤre dieſer; Die Carawan ſolte aus gemei - nem Seckel dem Kaͤuffer 30. Lari wi - dergeben / hernach den Erkaufften als eingemein57.[57]gemein Gut behalten / und unterwegs aus gemeinem Seckel ſpeiſen; Sie waͤ - ren noch nicht in Sicherheit / und koͤnte wol kommen daß ſie ſeiner wie heut ge - ſchehen / wider bedoͤrfften; Kommen ſie dann in Egypten / ſo konten ſie ihne ent - weder dem Phharaone oder ſonſt einem groſſen Herꝛn da man ſchmieren muͤſte / als ein groſſe Raritaͤt verehren / oder ihn ſonſt mit groſſem Nutz verkauffen; Die - ſer Vorſchlag wurde beliebt / weilen Jo - ſeph keinem unter ihnen allein / ſondern der gantzen Geſellſchafft zugeſprochen worden; Wann auch des Richters Ur - thel anders als eben auff dieſen Schlag gefallen waͤre; So haͤtten die uͤbrige den Richter und den jenigen dem er den Jo - ſeph zuerkandt / aus Eiferſucht und Miß - gunſt todt geſchlagen;

Allein der Kaͤuffer beſchwerte ſich und wendte vor / er haͤtte gleichwol den Jo - ſeph dardurch ſie erhalten worden / er - kaufft / und wann er ſolches nicht ge - than / und ſie des Joſephs gemangelt haͤtten / ſo waͤren ſie ohn Zweifel alle vonden58.[58]den Raͤubern gepluͤndert und zu Leib - eignen gemacht worden; Derowegen die Carawan ſonſt niemand als ihm ih - re Wolfarth zu dancken; Nun aber ſey das der Danck vor ſeine Wolthat / daß man ihm ſein erkaufftes Gut nem - me / welches ſie ſelbſten 300. Tumain werth zu ſeyn geſchaͤtzt haͤtten; Wolle derowegen verhoffen / die Carawan wer - de dem Urthel eines ſo unbillichen Rich - ters nicht folgen / ſondern vielmehr be - dacht ſeyn / wie ſie ihn Kaͤuffern wider - gelten moͤchten / was ihnen heut vor Hail durch ihn und ſein erkaufftes Gut wi - derfahren ſey; Muſai antwortet ihm / wann es ſo redens gilt / ſo wird der Danck um unſere Erhaltung ſonſt nie - mand als mir zuſtehen / davor ich zwar keine Vergeltung begehre / weil jeder ſchuldig iſt / ſich ſelbſt und uns alle nach Muͤglichkeit zu erhalten / die Erfindung / wie man den Råubern durch den Er - kaufften eine Naſe drehen ſolte / war mein / alſo daß man dir keinen Danck drumb ſchuldig iſt / auch nicht daß duden59.[59]den Erkaufften gekaufft haft / dann haͤt - teſt du ihn nicht gekaufft / ſo haͤtte ihn ſonſt ein jeder um ein ſo lauſig Geld wol nicht dahinden gelaſſen; Jn dem er uns von allen Goͤttern zu unſerer Erhaltung zugeſchickt worden. Hoffe derowegen ich habe recht und billich geurthelt / und du die Carawan keiner Undanckbarkeit zubeſchuldigen. Hierauff wurde Mu - ſai von allen gelobt und ihm gewonnen gegeben / auch ſein Urthel alſobald voll - zogen / wie ſaur auch der Kaͤuffer drein ſahe.

Hieraus ſiehet man des guͤtigen Got - tes Vorſehung und Sorg vor die jenige ſo er beſchirmen will / dann hierdurch iſt Joſeph nicht allein von den Knaben - ſchaͤndern / in welcher Gewalt und Vie - hiſches Beginnen er haͤtte gerahten koͤn - nen / behuͤtet: Sondern auch verſchafft worden / daß die Carawan unterwegs ſeiner als eines Fuͤrſten pflegte; entwe[-]der weil ſie ſeine Schoͤnheit biß in Egyp - ten unverſehrt zuerhalten entſchloſſen / um ihn deſto hoͤher anzuwerden; Oderweil60.[60]weil ſie ſamtlich ſolche Schoͤnheit eben ſo hoch ehrten als hertzlich ſie die liebten; Der Abendtheurliche Muſai ſagte zum Joſeph aus der Chiromantia / du haſt 11. Bruͤder / alſo daß eurer Zwoͤlff ſeynd / und uͤber 13. Jahr wirſt du an - fahen zu zweyen zu werden / alſo daß dein Vatter auch dreyzehen / und mit dir ſelbſt vierzehen Soͤhn haben wird: Als - dann komt Muſai wider zu dir / deſſen erbarme dich / und verzeihe mir / daß ich gerahten hab / dich nicht frey zugeben / ſondern zuverſchencken / oder wider zu - verkauffen; Jch habs um deines beſten willen gethan / dann du biſt darzu verſe - hen / daß du durch Dienſtbarkeit zu groſ - ſer Herꝛlichkeit kommen ſolleſt; Dann wie du im End deiner Dienſtbarkeit ge - halten wirſt werden / das iſt dir heut im Anfang derſelbigen / als du wie ein Gott angebetet wurdeſt / von der Goͤttlichen Vorſehung als wie in einem Spiegel angezeigt worden.

Als nun die Reiß vollendet und die Carawan in der Koͤniglichen Reſidentz -Stadt61.[61]Stadt Thebe ankommen / war ihr erſtes Geſchaͤfft dem Pharao die Geſchenck zu præſentirn / warunter Joſeph ihrer und aller Welt Meinung nach / vor das principaliſte Stuͤck geſchaͤtzt wuͤrde; Aber Pharao war ein abgelebter eyfer - ſichtiger Herꝛ / der deſſen ſeltene Schoͤn - heit mehr haſſet als er der alten geitzigen Art nach die Barſchafft liebet; Er bil - det ſich ein / daß ſein ehrwuͤrdig Alter bey ſeinem Frauen-Zimmer ſchlecht æſtimirt werden moͤchte / wann daſſelbe die Goͤtt - liche Schoͤnheit ſeines Geſchencks er - blicken wuͤrde; Auffs wenigſt / gedachte er / leiden meine Weiber oder Toͤchtere ſeiner wegen / wo nicht am Leib / doch we - nigſt in den Gedancken an ihrer Keuſch - heit Schiffbruch; Laſſe ich ihn dann Muͤnchen / ſo wird ihr Schmertz deſto groͤſſer ſeyn / dieweil ſie ſeiner nicht genieſ - ſen koͤnnen / und weder doch ein als den andern Weg in Feuer leben muͤſten; Bedanckte ſich derowegen der Geſchenck und ſchenckt doch den geſchenckten Jo - ſeph den Kauffleuten wider / welche ſichver -62.[62]verwunderten / weil ſie nicht wuſten / warum es geſchehe / biß ihnen Muſai aus dem Traum halff. Als er ſagte: Man muͤſte ihn bey Wittwern oder jungen Wittiben und nicht bey alten Maͤnnern ans Geld bringen.

Dem Potiphar aber / des Pharaons damaligem Kuchenmeiſter welcher ein ausbuͤndiger Phiſiognomiſt war / be - liebte Joſeph viel beſſer / als ihm Muſai ſolchen zuverkauffen anbotte; Darum muſte er ihn auch um ſo viel deſto theurer bezahlen / wann er ihn anders haben wolte; Er ließ ſich aber hierzu kein Geld tauren; Als dieſer von dem Muſai ver - nommen / daß Joſeph von dem edelſten Geſchlecht der Hebreer / Erbaren und in allen Tugenden und Kuͤnſten / vornem - lich aber in der Wiſſenſchafft wol Hauß zu halten / aufferzogen worden waͤre / (wie dann jeder Kramer ſein Wahr lobt / und Muſai ſolches vor ein Meiſter konte / wiewol es Joſeph nicht bedorffte) hat er ihm noch mehrers gefallen / und ihn nicht wie andere ſeine Sclaven / ſon -dern63.[63]dern als ſeinen eigenen Sohn zu halten befohlen; Um fruͤhe zuerfahren / ob ſeine Art mit der Phiſiognomi uͤberein ſtim - me; Und ob ſeine Schenckel auch ſtarck genug ſeyen / ſo gute Sach zuertragen / als er ihm anzuthun gedachte. Er / der Potiphar war damals ein fuͤnfftzig jaͤh - riger Wittwer / weil ihm ſein Gemahlin an Niderkunfft ſeiner einzigen dieſer Zeit nur anderhalb jaͤhrigen Tochter geſtor - ben war; Und weil er wegen einer ſel - tzamen Prophezeyung worauff die alte Egyptier jederzeit viel gehalten / nicht mehr zu heurahten entſchloſſen / gedachte er mit Geſind zu hauſen; Demnach ihm aber bißhero ſonſt an nichts gemanglet / als an einem getreuen Kerl der ſeine Haußhaltung kluͤglich fuͤhre / als hat er ſolche dem Joſeyh vertraut / und ihn uͤber alles ſein Geſind geſetzt / auch verordnet / daß er benebens die Hierologlyphick (welche man damahlen nicht jedem auff die Naß bande / weil alle Egyptiſche Kuͤnſte / Wiſſenſchafften und Geheim -nuſſen64.[64]nuſſen darinnen begriffen und verbor - ben lagen) lernen ſolte.

Die gute Art Joſephs ſchickte ſich in dieſen Sattel ſo gerecht / als wann er ihm angegoſſen worden waͤre; Man ſahe gleich was ſein Gegenwart fruch - tete / ja / als das erſte Jahr voruͤber war / merckte Potiphar handgreifflich / daß er in ſo kurtzer Zeit mehr vorgeſchlagen hat - te / als ſonſt in zehen Jahren beſchehen moͤgen; Und gleich wie Joſeph ſeines Herꝛn Guͤter vermehrete / alſo ſamlet er auch ihm einen mercklichen Schatz der Kuͤnſt und Wiſſenſchafften; So / daß er ſich nicht ſcheuen doͤrffte / auch mit den Gelehrtiſten in Egypten zu diſputirn / weilen er gleich ſo bald deren Sprach be - griffen: Als ſeinem Herꝛn gewiſen hat - te / wie nutzlich er den Kauffſchilling von ihn ausgelegt;

Bey ſelbigem wurde er dahero je laͤn - ger je lieber / vor ſich ſelbſt aber und gegen jederman je laͤnger je demuͤtiger / holdſe - liger und freundlicher; Er trug zwar zum Zeichen habender Bottmaͤſſigkeittaͤg -65.[65]taͤglich ein Hutbeitſche in Handen / ſeiner untergebenen Faulheit mit Streichen ſtraffen zu laſſen / wie dann damals ein Gewonheit war; Sein eigen Exempel und liebliche Wort oder Vermahnun - gen aber vermochten mehr / als der jeni - gen Schaͤrpffe / die ſeines gleichen Stell zuvertretten hatten; So / daß auch dem Potiphar ſo lang Joſeph bey ihm gewe - ſen / kein einiger Sclav entloffen / ſondern auch die Freye gewuͤnſcht / unter Joſephs Befelch in Dienſten zu ſeyn.

Dahero vermehrten ſich unter ſeiner Verwaltung die Reichthumb ſeines Herꝛen augenſcheinlich; Sintemalen durch ſeine kluge Anſtalten die Gemuͤh - ter aller Dienenden gleichſam in einen Model gegoſſen (oder vielmehr ſo zu re - den / bezaubert worden / ſonſt auff nichts als auff ſeines Herꝛn Nutzen zugeden - cken; Darum ſagt die Heilig Schrifft nicht unrecht / daß GOtt den Potiphar um Joſephs willen geſegnet hab / dann ihm das Gluͤck zur ſelben Zeit gleichſam zu Thuͤren und Fenſtern hinein gefallen.

Als66.[66]

Als ſich nun Potiphars Hab der Ge - ſtalt zuſehens vermehrte / da vermehrten ſich auch ſeine Freund / und verlangte je - derman ſeine Gunſt und Verwand - ſchafft zu haben; Dahero hat ſich zwi - ſchen ihme und des Koͤniglichen Hoff - meiſters Dochter / der anmuhtigen Se - licha / die Mutter halber aus Koͤnigli - chem Stammen geboren war / ein Heu - rath angeſponnen / welcher auch gleich von beyderſeits Freundſchafft beliebt und eingangen worden; Weilen der Braut Eltern des Potiphars florirende Reichthum: Potiphar aber die Ehr ſo ihm aus ſolchem Heurath folgte / an - geſehen; Die Braut ſelbſten aber wol - te ſich mit einem ſechtzigjaͤhrigen Herꝛn ſchwerlich vermaͤhlen laſſen / als die viel - mehr einen Jungen verlangte.

Dem Joſeph wurden dieſe Heimlich - keiten von ſeinem Herꝛn vertrauet mit Vorwand das Beſte dabey zu rahten / in Ernſt und Warheit aber ſich als ein Unterhaͤndler gebrauchen zulaſſen; Jo - ſeph ſahe zwar wol daß dieſe Ehe demPoti -67.[67]Potiphar nicht vortraͤglich ſeyn konte / weil es ein ungleicher Zeug zuſammen war / ſich aber ihm zuwider ſetzen / dunck - te ihn unrathſam ſein / dieweil er ſeines Herꝛn Willen wuſte / der ſich allbereit ſtellete / wie alle alte vergeckte Buhler zu - thun pflegen / wann ſie den Narꝛn an ir - gends einer Schoͤnheit gefreſſen haben / und den Haſen lauffen laſſen; Uber das hatte Joſeph Wind bekommen / daß Potiphar hiebevor beym Trunck geſagt / er wuͤnſche nichts mehrers als daß ſeine Tochter ihr vollkommen Alter haͤtte / ſo damal eine Eilff Jahr alt war / ſo wolte er ſie ſonſt niemand als ſeinem Joſeph zum Gemahl goͤnnen / er ſelbſt aber ledigs Stands ſterben / damit er ihn und ſeine Tochter zu deſto reichern Erben hinter - laſſen moͤchte; Solte er nun dieſe bevor - ſtehende Ehe widerrahten / ſo wuͤrde es ihm uͤbel ausſchlagen / und Potiphar aus allerley Argwohn bewogen / ihme an ſtatt eines liebreichen Schwers zu ei - nem grauſamen Tyrannen werden; Als welcher wol wuſte / daß Joſeph hinter -bracht68.[68]bracht worden / weſſen er ſich wegen ſein und ſeiner Tochter Vereheligung ver - nemmen laſſen. Derowegen lobte er Joſeph Potiphars Vorhaben / und ver - hieſſe / die Selicha gewinnen zu helffen.

Er bekam darauff von ſeinem Herꝛn Vefelch / ſo beſchaffene Schanckungen an ſie verfertigen zulaſſen / und ihro ſei - netwegen neben gebuͤhrenden Ehrbezeu - gungen zu uͤberliefern / wie er ſelbſten ver - meinet / daß es am beſten und wolſtaͤn - digſten vor ihn ſeye; Alſo wurde Jo - ſeph zum Buhler ehe er verliebt ward / die jenige zuerleffeln / deren er nicht be - gehrte; Er gebotte ſeiner Witz zuſam - men / ſeinem gethanen Verſprechen ein Genuͤgen zu thun; Und griff in ſeines Herꝛn Seckel / der Geliebten wegen Po - tiphars ins Hertz zu greiffen; Sein Hoͤff - lichkeit und Schoͤnheit war ſo willkom - men: Und ſein artliche Reden bahneten die Bahn ſo eben; Daß die Sach ſo wol nach ſeines Herꝛn als bey derſeits Verwandten / aber nicht nach der Bꝛaut Wunſch von ſtatten gieng; Als welchelieber69.[69]lieber geſehen haͤtte / daß entweder Jo - ſeph ſelbſt Potiphar geweſen oder doch wen gſt ſein Kopff auff ihres Hochzeiters Leib geſtanden waͤre; Dennoch aber die Geliebte bey den boͤſen Naͤchten deren ſie ſich bey ihrem Alten verſahe / der gu - ten Taͤg / die ihr Joſephs Gegenwart verſuͤſſen kuͤnde / ſich getroͤſtete / brachte der Cupler das Jawort vor ſeinen Her - ren: vor ſich ſelbſt aber das Hertz der ſchoͤnen Selichaͤ deſto leichtlicher dar - von; Maſſen kurtz hernach das Beyla - ger mit dem Potiphar vollzogen wur - de.

Jm Anfang dieſer Ehe gieng es gleich wie es pflegt / wann man daͤs doͤr - re Holtz oben auffs gruͤne legt; das Hochzeitliche Feſt war noch nicht ver - uͤber / als Selicha anfieng / den Joſeph mit ſpielenden Augen anzuſehen / und durch liebreitzende Plag genugſam zu - verſtehen zugeben / welchen ſie mit ſol - cher Vermaͤhlung gemeint haͤtte; Jo - ſeph aber / deſſen angebohrne Art ohne daß in Gluͤck und Widerwertigkeit ohn -Dver -70.[70]veraͤndert verbliebe / erzeigte ſich auch dißfalls gantz kaltſinnnig; und ließ ſich anſehen als wann er nicht daß geringſte von ihrem Anligen merckte; Sie aber gedachte bey ihr ſelbſt / dieſer Menſch thut wie ein Stockfiſch / dem gleich gilt / ob man ihn klopfft oder in Rofenwaſſer einweichet / weil ſein Sinn Knechtiſch und deß Befehlens gewohnt iſt; beſorg - te derowegen / wann ſie anders etwas von ihm genieſſen wolte / ſo muͤſte ſie ihm auch mit austruͤcklichen Worten anbefehlen / das er ſie lieben und um - fahen ſolte / warvor ſie ſich noch zur Zeit ſchaͤmte; aber die Lieb lernte ſie hernach noch wohl andere Griff / damit ſie doch gleichwohl nichts ausrichtete; indeſſen geried ihr Hertz je laͤnger je mehr in voͤlli - ge Liebesflammen / welche ſie nicht mehr zuertragen: Geſchweige zuverbergen ver - mochte; ſpinntiſirt derohalben auff alle Mittel und Weg / wie ſie die Sach am ſchlaueſten angehen ſolte / damit ſie zu ihrem Zweck gelangen koͤnnte.

Zuvorderiſt wolte ſie ſich ihres Ehe -herrn71.[71]herrn zu ihr tragenden guten Vertrau - ens verſichern / welches durch inbruͤnſti - ge Liebsbezeugungen zuwegen gebracht werden muͤſte; damit wann ſie es mit Verfolgung ihrer loſen Liebe vielleicht ſo grob machte / daß auch die Bauren den Boſſen merckten / dannoch ihr Mann ein anders von ihr glaubte; De - rowegen machte ſie ſich zutaͤppiſcher bey ihm als ſie niemahl zuthuen im Sinn gehabt; und damit ſie ſolches deſto leich - ter ankaͤme / kuͤſte ſie den Potiphar am hertzlichſten / wann ſie von den Liebsbe - wegungen gegen dem Joſeph am aller - meiſten angefochten wurde; Alſo genoſ - ſe Potiphar die jenige liebreiche Anmuh - tungen / die einzig auff den Joſeph ge - richtet waren; und indem er ſolcher Ge - ſtalt ſein elende Schuldigkeit abrichtete / machte er ſich ſelbſt zum Hanrey; Je - doch hatte er hiedurch die allerbeſte Er - getzungen in ſeiner Ehe! Nemblich / wañ ihn ſein Liebſte im arm: den Joſeph aber im Hertzen hatte; dergeſtalt ſtall ſie dem Potiphar das Hertz ab / daß er in ſeinemD ijSinn72.[72]Sinn die herrlichſte Schloͤſſer auff ſei - ner Frauen Froͤmmigkeit bauete / es wa - ren in Warheit aber nur eleude Funda - menta / auff welchen Joſephs kuͤnfftig Gefaͤngnuß beſtunde.

Demnach Selicha nun ihr Sach ſo weit gebracht / das ſie ſich ihres Manns Mißtrauens und Eiferſucht halber / ge - nugſam verſichert zu ſeyn befande; ge - dachte ſie ſich auch ihrer eignen Qual / darinn ſie Joſephs Schoͤnheit geſetzt / dermaleins abzuhelffen; und das Feuer ſo deſſen Gegenward taͤglich vermehrt / aus der rechten Quell zu leſchen / weil ihr Mann viel zu fruͤhe zu ſolchem Ge - ſchaͤfft gebohren war; ein mahl ſie nahm das Hertz / dem Joſeph mit austruͤckli - chen Wortẽ zu ſagen wo ſie der Schuch truͤckte / weil er die Liebes-Blick ihrer Hertzen Rauberiſchen Augen ſo der Verliebten beſte und bequemſte Sprach iſt / nicht verſtehen wolte; zu ſolchem En - de erſpaͤhete ſie dieſe Gelegenheit.

Sie butzte ſich auffs beſte / und muͤſ - ſigt den Potiphar / mit ihr in ſeinemNeuen73.[73]Neuen Luſtgarten zu ſpatziren / eben als Joſeph dem neuen Gaͤrtner anzeigte; wie er ordentliche Austheilungen ma - chen: und alles anſtellen ſolte / damit ſein Herr ſo wohl mit dem Garten als dem Gaͤrtner zufrieden ſeye / und beydes Luſt und Nutz von ihrer Arbeit habe; Selicha aber gieng mit Verwilligung ihres Eheherrn den vorgenommenen Abweg / als wolte ſie heimlich verrichten / worzu wir Menſchen beyderley Ge - ſchlechts von Natur keine Zuſeher zube - gehren pflegen; das iſt / ſich etwas leich - ter zu machen; aber in Warheit ſo haͤtte ſie lieber ein Buͤrde auff ſich genom̃en / welche juſt ſo ſchwer als Joſeph geweſt waͤre; worzu man zwar auch keine Zeu - gen erbittet; ihr Meinung aber war vor dißmahl dem Joſeph offentlich anzuzei - gen / was er von ihr verdachter weiß nicht verſtehen wolte; es fuͤgte ſich ſo art - lich / das ſie ihn gerad hinder einer Zeil Tzinar-Baum antraff / eine Meßſchnur in Handen habende / um zu ſehen / wie ſolcher Luſtgang ordentlicher zu machenD iijwaͤre;74.[74]waͤre; Ach! ſagte ſie / miſſe dar vor mei - ne Liebes-Schmertzen / und wiſſe das al - les dir zugefallen geſchiehet / was ich meinen Mann vor Guͤnſte bezeuge. Lieb - ſter ſey nicht mehr gegen mir wie du dich bißher / ꝛc. Joſeph bedanckte ſich gegen ihr / weil eben der Gaͤrtner kam / als haͤtte ſie ihme ſonſt ein guten Abend ge - wuͤnſcht / alſo das Selicha vermeinte / er thaͤt ſolches darum / damit der Gaͤrt - ner nicht mercken ſolte was ſie ſuchte; ſintemahl ſie damahl Joſephs hohen Verſtand und Klugheit eben ſo wohl er - kundigt / als ſeine Schoͤnheit betrachtet hatte / und ihn dahero vor keinem Stockſiſch mehr halten konte; gleich - wohl wuſte ſie nicht eigentlich wie ſie dran war! Wie ſie aber die folgende Taͤg auff ihre beſtaͤndige Liebes-Blick vom Joſeph kein Gegenbezeugung eini - ger Lieb verſpuͤhrte; ſahe ſie wohl das ihr Anwurff nichts eranglet / ſondeꝛn daß ſie nur leer Stroh getroſchen hatte; und weil ſie ihr einbildet er muͤſſe ſie auch im Garten nicht verſtanden haben / als ent -ſchloſſe75.[75]ſchloſſe ſie ſich die aller deutlichſte Sprach zu gebrauchen / damit man auch dem groͤbſten Menſchen in der Welt ein ſo koͤſtliche Wahr / die ſie zu haben glaubte / anbieten koͤnte; ſie paſte nur auff / biß Potiphar den gantzen Tag bey Hof ſeyn muſte / alsdann getraute ſie ſchon zu recht zu kommen.

Als ſolche erwuͤnſchte Zeit kam / zierte ſie ſich auffs beſte / und ließ den Joſeph zu ſich kommen; ſo bald ſahe ſie ihn nicht an; ſo bald ward auch ihr Angeſicht ſo roth wie ein gluͤende Kohl / und bald wider ſo blaß als ein weiß Tuch: Alſo daß Joſeph aus ſolcher Veraͤnderung wohl leſen konte / was ihr Meinung war? Wann ſie gleich kein einzigs Wort gered haͤtte; Ach Joſeph! ſagte ſie mit einem hertzbrechenden Seuffzen / nach dem ſie ihn zuvor ein gute weil mit hoͤchſter Andacht angeſchauet. Du haſt mich vor deinen Herrn erworben; Aber wiſſe / das mein Hertz ſich dir vermaͤhlt hat! Ach Liebſtes mein! Wann du ſeit derſelben Zeit weder meiner Liebbezeu -D iiijgen -76.[76]genden Seuffzen wargenommen: noch meinen Augen die dich / ſeither als ſie dich das erſte mahl erblickt / wie einen Gott angebetet / nicht haſt glauben wol - len; Ach! warum haſt du dann neuli - chen meinen austruͤckenlichen teutſchen Worten im Garten nicht vertraut? Nun es mag ſeyn / du habeſt ſie auch nicht verſtanden; derohalben ſo faͤllt je - tzunder die jenige ſo deine Gebieterin ſeyn ſolte / dem jenigen der mir zu Gehorſam - men ſchuldig / zu Fuͤſſen / dich eben ſo de - muͤtig bittend als hertzlich liebend / du wolleſt mit denen Schmertzen die deinet - wegen getragen werden / ein Mitleiden haben / und mir deinen Troſt gedeyen laſſen; ſolche Red beſchloſſe ſie mit Wei - nen / dieweil ſie wohl wuſte / daß die Weibliche Traͤhnen beſſer die Hertzen der Mannsbilder zur Lieb erweichen: Als ihr feuriger Zorn dieſelbe als ein Zunder zuentzuͤnden bequem waͤren / Joſephs Schamhafftes Angeſicht ent - ferbte ſich / als ſeine keuſche Ohren dieſe unverſchaͤmte Wort hoͤren muſten; erſtelte77.[77]ſtelte ſich anders als ſie verhoffte / und antwortet; Ach! hochgebiedente Frau / mich wundert wie ihr belieben mag / de - ren Knecht ſo hoͤniſch zuſchertzen / ſo ihr zu nichts nutzt / mich aber in meinem Elend ſchmertzet; ich kan mir nichts au - ders einbilden / als daß ſie gedenckt mich durch ſolches Beginnen in meines Herrn Ungnad zubringen; beliebt ihr aber die Treu ſo ich meinem Herren zu leiſten ſchuldig bin / auch allbereit biß uͤber ze - hen Jahr lang wuͤrcklich im Werck er - wieſen habe; auff die Prob zuſetzen; ſo kan es ja auff ein andern Weg geſche - hen; ich ſehe mein hochgebiedente Frau vor ſo ehrlich / treu und redlich an / daß ich nichts anders glauben kan / als daß ihr dero Vorbringen kein Ernſt ſey; ſol - te es aber / ſo Gott ewiglich nicht in mein Hertz kommen laſſen wolle / daß ichs glaube / oder das dero Redlichkeit und Tugendhafftem Gemuͤth ich ſolches an - zuvertrauen gedencken doͤrffte. Ja ihr ernſtlicher Will ſeyn / ſo ſeye ſie veꝛſichert / daß / ehe ich ſolche Untreu an meinenD vHerrn78.[78]Herrn begehen wolte / daß ich ehe tau - ſend Toͤdt lidte; wornach ſie ſich / ſie hab im Sinn was ſie wolle / zurichten weiß. Damit gieng er anderwerts ſeine Ge - ſchaͤfften zuverrichten / ſie aber verblieb ſo beſtuͤrtzt ſitzen / daß ſie nicht wuſte wer ſie war.

Ach! ſagte ſie nach ſeinem Abſchied / ach! ich Elende! wohin bringt mich doch die Lieb oder vielmehr mein Ver - haͤngnuß? O grauſame Verhaͤngnuß! was iſt das? Einen Leibeignen Sclaven um ſolche Sachen zubitten und nicht erhoͤrt zu werden / deren Genuß die E - delſte Juͤngling deß gantzen Egypten wuͤnſchen: Ja ſich darum ſchlagen: und ſolche zu erlangen / Leib und Leben wagen doͤrfften! O Joſeph du grauſa - mer Tyrann / wie haſt du doch das Hertz in deiner eignen Sclaverey ein ſolche Dam / die ſich anmaſſen darff / Gewalt uͤber dein Leben zuhaben / ſo greulich zu martern? Wann du weiſt / daß ich maͤchtig genug bin / die dein Freyheit oder den Todt zu ſchencken /warum79.[79]warum biſt du dann ſo dum / daß du nicht das Beſte erwoͤhleſt? Oder pran - geſt du vielleicht damit / daß du mich deine Gebieterin doch als ein Knecht im Gefaͤngniß der Lieb toͤdten kanſt? Ach nein / nein Joſeph! du biſt nicht ſo ſchroͤcklich; du biſt nicht ſo unverſtaͤn - dig; du biſt auch nicht ſo Unmenſchlich! Sondern mein Verhaͤngnuß iſt un - gluͤckſelig! Weil du ſelbſt nicht weiſt wie du dran biſt; indem mein ſchaͤdlich - ſter Feind / das verhaſſte Mißtrauen / noch zur Zeit uns beyden den Paß zur Vergnuͤgung verlegt.

Sie haͤtte noch mehr dergleichen Liebsboſſen vorgebracht / wann ſie nicht geſehen / das ſich in einem Eck hinder den Tapeten etwas geregt; Derowegen ſchlug ſie ihre Augen unter / trucknet ih - re zarte Wangen und gieng ſo ſcham - hafftig als erſchrocken hin / zu ſehen wer da vorhanden waͤre? Der ſo wohl ihrer Liebes Klag als des Joſephs abſchlaͤgi - ge Antwort angehoͤret hatte; Als ſie den Teppich zuruck gezogen / da war es zuDvjih -80.[80]ihrem beſten Gluͤck ſonſt niemand als ihrer Mutter Schweſter und Poti - phars des Heliopolitaniſchen hohen Prieſters Tochter die ſchoͤne und unver - gleichliche Jungfrau Aſanath!

Zu deren ſagte Selicha mit bebender Stimm; Ach Schweſter! ich ſihe jetzt wohl daß die ſtumme Waͤnd auch Oh - ren haben; Ja! antwortet Aſaneth / dann ſonſt haͤtte ich nicht gehoͤret daß ihr buhlet! O wehe Schweſter was will das werden / wann ihr euch durch ſolche Thorheit verleiten laſſen wollet / euers Liebſten Knecht anzubeten wie ich ver - nommen? Selicha haͤtte gern gelaͤug - net / und vorgebracht / daß ſie den Jo - ſeph nur verſucht / wann ſie ſich in ihren letzten Diſcurs / den ſie allein mit ſich ſelbſt gefuͤhrt / nicht ſo weit verhauen haͤtte; weil ſie aber ſahe / daß ihr Aſaneth die Hand im Sack erwiſcht / fiel ſie ihr um den Hals / kuͤſte ſie und ſagte / Ach! hertzliebſte Schweſter / ihr habt die Wuͤrckung der ungeſtuͤmen Lieb noch nicht erfahren / ſoltet ihr aber die Schoͤn -heit81.[81]heit Joſephs ſehen / wuͤrdet ihr euch der Lieb vielweniger als ich entſchlagen koͤn - nen?

Sein Angeſicht hab ich zwar nicht geſehen / aber wohl ſeine Stimm gehoͤ - ret / die gefiehl mir ſchon nicht uͤbel / weil ſie auff Erbarkeit ziehlet! Ach Schwe - ſter! ich bitte ſchauet zu was ihr thut / damit unſerm Geſchlecht durch euch kein Schandfleck angehenckt werde; wiſt ihr nicht das dieſer Kerleuer Sclav iſt? Warum wolt ihr ihn dann zum Herrn uͤber euch ſetzen? Frau Schwe - ſter ich bitte euch / verſprecht mir von ſol - cher Thorheit abzuſtehen / oder ich ver - ſichere euch / daß ich auffhoͤren werde / euer Baaß zu ſeyn; Selicha konte nichts als Seufftzen und Weinen an ſtatt der Antwort herfuͤr bringen / daß es gleichſam das Anſehen hatte / als wolte ſie gantz in Thraͤnen zerflieſſen / alſo daß die ehrliche Aſanet ſelbſt ein hertzlichs Mitleiden mit ihr haben mu - ſte; und weil ſie aus ſolchem Leidweſen ohnſchwer abnehmen konte / wie weit ſieD vijſich82.[82]ſich in dieſer Lieb bereits verdiefft; ge - dachte ſie andere Mittel vorzunehmen / ſie wider zurecht zu bringen; ſagt dero - wegen zu ihr; nun wohlan Schweſter / handelt vernuͤnfftig / ich bin nicht kom - men euch uͤberlaͤſtig zu ſeyn / ſondern an - zuzeigen / daß etliche unſerer Baaſen / deren Maͤnner mit dem Koͤnig ausrei - ten ſollen / ſich Morgen auff den Mit - tag bey euch einfinden werden / zuſehen wie ſich die neue Haushaltung zu euch ſchickt / habt ihr alsdann Saltz und Brod zum beſten / ſo wollen wir damit verlieb nehmen.

Die Tugendreiche Aſanet / welche tauſendmahl mehr Verſtand und Schoͤnheiten als Jahr auff ſich hatte / verfuͤgte ſich alſobald zu ihren Schwe - ſtern und andern der Selichæ vertrau - ten Geſpielen und Freundinnen / erzeh - lende an was vor einem Fieber ihre Baaß kranck lege; und in welcher Ge - ſtalt ſie dieſelbe angetroffen und wider verlaſſen haͤtte; Nun rahtet zu: ſagte ſie ferner / was bey der Sach zu thun ſeye? Jch83.[83]Jch zwar hab mich und euch auff den Morgenden Mittag Jmbs bey ihr zu Gaſt geladen / weil euere Maͤnner ohne das nicht anheimiſch ſeyn werden / um die Gelegenheit zuergreiffen / ſie von ih - rem ſchaͤndlichen Beginnen abzuſchre - cken; weiß aber ein andere ein beſſer Mit - tel hier zu / ſo laſſe ſie es hoͤren; dieſe Wei - ber konten ſich nicht genug verwundern / das Selicha die ledigs Stands allweg das Lob einer frommen Damen behal - ten / ſich nun allererſt da ſie verheurath / dergeſtalt in ein Knecht vernarren ſolte; unglaublich aber kam es ihnen vor / das ein Leibeigner Juͤngling durch ſeiner ge - bietenten Frauen ſeltene Schoͤnheit und ſo freundlichs Zuſprechen / wie Aſanet erzehlet / nicht zur Gegenlieb ſolte bewegt worden ſeyn! Sie belobten der Aſanet Vorſchlag / und ſtelten ſich auff die be - ſtimte Zeit bey der Selicha ein / eben als ihre Maͤnner mit dem Pharaone aus - geritten waren / ſich am Ufer des Nils mit dem Fiſchfang zu beluſtigen; wor -bey84.[84]bey Potiphar Ambts wegen auch ſeyn muſte.

Selicha hatte auf ihre Gaͤſt Fuͤrſtlich zugeruͤſtet / und dieſelbe alle zur Tafel ge - noͤhtigt / ehe eine von ihnen ihr wegen ſo ſchaͤndlicher Lieb etwas haͤtte zuſprechen moͤgen / - weil ſie ihr zuvor wohl eingebil - det / ſie werde ein Puff Joſephs halber aushalten muͤſſen; ſie hatte einer jegli - chen Frauen ſo wohl als auch der aus - buͤndigen Jungfrauen Aſanet ein ſchaͤrffer Meſſer als ein Scharſach ne - ben den Deller legen: Und als die Mahl - zeit voruͤber war / jeglicher ein Citron richen laſſen / mit Verſprechen / welche die ihrige zum erſten geſchelet haben wuͤrde / die ſolte einen ſchoͤnen Ring / den ſie vom Finger nahm und auff die Tafel legte / gewonnen haben; als ſie nun im beſten Schelen waren / tratt Jo - ſeph aus Befehl ſeiner Frauen unver - ſehens ins Gemach / in einem Seide - nen Sommerkleid / darinnen man ihm das meiſte ſeiner ſchneweiſſen Arm / ein guten Theil der Bruſt: und die Knievon85.[85]von dem Mittel Theil der Schenckel an biß auff die halbe Waden ſehen kon - te; in der einen Hand hatte er ein vergul - tes Handbecken / und in der andern die Gießkande / denen Damen das Hand - waſſer zubringen; die alle ihre Augen auff ihn warffen; ſie erſtarreten ob ſeiner unglaublichen Schoͤnheit dermaſſen / daß keine mehr wuſte was ſie thaͤt / ja ſie wurden ſo gar entzuckt / daß (indem ſie dieſen holdſeligen Anblick beſchaue - ten und gleichwohl den Ring zugewin - nen eilents fortſcheleten) ſich jede / aus - genommen die Selicha ſelbſt nicht / in die Finger ſchnitte / daß das Blut her - nach floß; Selicha ſagt / was bedeut das / warum zerſchneidet ihr eure Haͤnd? Es gilt den Citronen! die Weiber ſag - ten / warum bezaubert uns dieſes Juͤng - lings Geſtalt / daß wir ſo aus uns ſelbſt kommen ſeynd? So recht! ſagte Seli - cha / ſo ſehe ich wohl / eure blutige Del - lertuͤcher ſollen Zeugen ſeyn und mich beurkunden / daß kein Weiblich Bild den Joſeph ohnverletzt anſehen koͤnne;Jch86.[86]Jch zwar hab mich nicht geſchnitten ſon - dern den Ring gewonnen; wañ ihr jetzt ſchon in die Finger hauet / da ihr ihn kaum anſehet / wie meinet ihr wohl daß eure Hertzen zerhackt wuͤrden / wann ihr taͤglich um ihn weret wie ich? Keine kun - te ihr hierauff antworten / auch die keu - ſche Aſanet ſelbſt nicht! Als welche ſich vor allen Weibern an Fingern am aller - meiſten: und in ihrem Hertzen mehr als Selicha ſelbſt verwund befand; ſie kam aber gegen den Weibern zurechnen / ſehr unſchuldig ins Gelag / dann die Wei - ber verwunderten nur die Geſtalt: Aſa - net aber die Tugend deß Joſephs / als welchen ſie hatte reden hoͤren / und wu - ſte was hinder ihm ſtacke; Solche ſelten Tugend / war der Aſanet ein Urſach und gleichſam ein Koͤder / auch ſeine Schoͤn - heit beſſer als andere zubetrachten / und folgents gar anzubeiſſen.

Selicha ließ zwar den Joſeph das Handwaſſer reichen / die jenige Finger zu waſchen / die ſeine Schoͤnheit zer - ſchnitten hatte / ihr Eiferſucht aber ge -ſtattet87.[87]ſtattet den Verwunden nicht / daß ſie etwas mit ihm haͤtten reden doͤrffen / ſondern er muſte ſich anderwerts hinpa - cken; ſo bald aber die Weiber wider hin - weg waren / fienge ſie das alte Lied wi - der mit ihm an / wo ſie es den vorigen Tag gelaſſen hatte; welches Geſang in Joſephs Ohren viel uͤbler klange als die Stimm ſeiner Bruͤder / wie ſie ſagten wir wollen dich in ewige Dienſtbarkeit verkauffen.

Joſeph: ſagte ſie / du muſt mich als deine Gebieterin reden hoͤren / wann du mir deine Ohren nicht als einer Liebha - berin goͤnſt; du weiſt das ich Gewalt hab / dich lebendig oder todt zulaſſen / wann ich deren eins von meinem Mann nur mit einem Winck begehre; auch du ſelbſt muſt bekennen / daß du mir zuge - horſamen ſchuldig biſt; warum ſolte dann nicht dein Schuldigkeit ſeyn / we - nigſt zuvernehmen was ich zubefehlen hab / oder auff das jenig zu antworten / was ich dich frage; ſag mir derowegen zuvorderſt liebſter Joſeph / biſt du vonStein88.[88]Stein oder Stahl oder von der Art eines wilden Thiers? das du dich eines ſchwachen Weibsbildes nicht erbarmen kanſt / welches du ſelbſt durch deine Schoͤnheit und herrliche Tugenden in die aͤuſerſte Noth haſt gebracht / du haſt geſter eine nichtige Ausred vorgewand / als wann du fuͤrchteſt / ich wolte dich probieren / auch darauff gered / als wañ ich / nachdem ich die Prob befinden moͤch - te / dich in deines Herren Ungnad zu - bringen gedaͤchte; ach liebſter Joſeph! woher komt dir ſolche Furcht? Jch ver - ſichere dich deß Widerſpiels und ſchwe - re dir beym Oſyrim und Jſim / das ich deine Schoͤnheit / Geſchicklichkeit und Adeliche Tugenden hoͤher liebe / dann ſonſt etwas in der Welt! Liebſter Jo - ſeph das iſts mit einem Wort ſo du haſt wiſſen ſollen; und mein Begehren (wie - wohl ich dir befehlen koͤnte) iſt hingegen / daß du mich mit gleicher Lieb und Treu hinwider zu meinen verſprecheſt.

Joſeph ſtunde gantz verſtumt da / und wuͤnſchte daß er noch in ſeiner Wolffs -gruben89.[89]gruben geſeſſen were / worin er zwar kei - nen andern Troſt gehabt / als Hungers zu ſterben; er konte in der Selicha An - geſicht wohl ſehen / wie Zorn und Lieb in ihrem Gemuͤth rumorten / er wuſte aber nicht ſo gleich Mittel zu finden / wie er dieſen beyden auff einmahl entgehen moͤchte; er ſahe wohl / wann er ihrem Zorn entrinnen wolte / das er ſich ihrer Lieb unterwerffen muͤſte / ſolches aber zu thun war ihm ungelegen; dann er ehe hundert Toͤdt gelitten haͤtte / als ſolche Suͤnd wider GOtt: und ſolche Untreu wider ſeinen Herren zubegehen.

Er wolte ſich derowegen mit einer mittelmaͤſſigen Antwort behelffen / zu ſehen ob er ſich vielleicht noch dißmahl aushelffen moͤchte / ſonderlich wann er ſein erdichtes Mißtrauen widerum vor - ſchuͤtzete; er ſagte mit demuͤtiger Refe - rentz; hochgebiedente gnaͤdige Frau / daß diſſelbige ſich wuͤrdigt / mir einige Tugenden zuzulegen / und ſich verneh - men laſſen / mir deßwegen vor andern ihren Dienern deſto gnaͤdiger zu ſeyn /deſſen90.[90]deſſen habe ich mich billich zubedancken und freylich Urſach mit unterthaͤniger gegen Treu und Lieb ſolche gnaͤdige Neigung widerum gehorſamlich zuver - dienen; was aber die uͤbrige Schertz - wort anbelangt / damit mein hochgebie - dente Frau abermahl ihr Kurtzweil hat; da iſt mein unterthaͤnige Schuldigkeit / dieſelbe um ſo viel deſto lieber zu gedul - ten / wann ich weiß das ſich mein hoch - gebiedente Frau damit delectirt; vor - nemlich / dieweil ich ihr Hoch-Adelich Gemuͤht alſo Tugendreich beſchaffen zu ſeyn vermeine / das kein andere als Eheliche Gedancken hinein kom̃en moͤ - gen; habe ich aber meiner hochgebieden - ten Frauen vielleicht Urſach geben / zu verſuchen und zuſehen was hinder ihrem Diener ſtecke; ſo muͤſte ichs auch dahin geſielt ſeyn laſſen; Jndeſſen wird man verhoffentlich in alle Weg mich zu allen ihren Dienſten fromm / getreu und auff - rechtig finden.

Was? Schriehe Selicha auff / hab ich dir nicht klar genug geſagt / was ichvon91.[91]von dir haben wolle? Deine Gegenlieb iſts / damit du mir am beſten dienen kanſt / hab ich dich bey den Oſyrim und Jſim nicht genugſam meiner inbruͤnſti - gen Lieb verſichert / welche deine Tugen - den werht ſeyn / was wilt du mehr?

Ach hochgebiedente Frau / antwor - tet Joſeph / ſie eriñere ſich das ſie ſolchen Eyd auch meinem Herren geſchworen / ihn Ehliche Treu zu leiſten / der muß zu - vorderſt gehalten ſeyn / wann ſie anders auch haben will / daß man ihr fuͤrderhin Glauben zuſtellen ſoll; Darneben bitte ich gehorſamlich / ſie laſſe mich in den Tugenden verharren / die ſie ihrem Vor - geben nach an mir erſehen / und ſo hoch liebet / damit ich ihrer Lieb nicht unwuͤr - dig geſchaͤtzt werde; wann ich ſolche Tu - genden wider Verhoffen verſchertzen ſolte; Selicha vermochte dieſe Wort weder zu heben noch zu legen / weil ſie ſich gefangen fande; ſie wuſte kein Ant - wort zu geben / ſondern ſaß dort wie ein geſchnitzt Bild / endlich bewegten die hefftige Liebes-Schmertzen ihr Gemuͤthdermaſſen92.[92]dermaſſen / daß ſie in ein Ohnmacht dorthin ſanck; Joſeph wolte ſie nicht an - ruͤhren / ſondern ruffte ihren zweyen Kammer Jungfern (welche beyde um ihrer Frauen Bulerey wuſten; und im Vorzimmer auffwarteten) mit Ver - melden daß ihrer Frauen uͤbel worden waͤre; er aber gieng ſeins Wegs und danckte GOtt / daß er auch vor dißmal gluͤcklich entronnen.

Als Selicha wider zu ſich ſelbſt kom - men / brachten ſie ihre Jungfern zu Bett; Joſephs Verachtung war nicht ſtarck genug / ihre Lieb in Haß zuverwandlen; dann da erhub ſich erſt ihre Liebes - Klag / Ach! ſagte ſie / ihr Goͤtter / war - um habt ihr doch dieſem Menſchen ei - nen ſolchen ſchoͤnen Leib: und hingegen ein Diamantmes Hertz gegeben / daß er ſo gar keine Lieb erkennen: noch ſich uͤber mich Elende erbarmen kan? Nein / nein / Joſeph: du biſt ſonſt gantz vollkom̃en / warum wolte dann der Himmel dir ein ſteinern Hertz geben haben? Dein Edle Seel iſts / die mir den Garaus macht /weil93.[93]weil ſie nichts anders als Recht thun kan / und von allen Laſtern ſo weit als die helle Sonn von der Erden entfer - net iſt; ja Joſeph! du haſt recht / und deiner Tugend gemeß geredet / als du mich des Eyds den ich meinem Gemahl geſchworen / erinnerſte; du haſt wohl ge - betten / als du begehrteſt / ich ſolte dich in deiner Tugend verharren laſſen; A - ber ach allerliebſter Joſeph; wie gehets aber mir armen Weib in deſſen? Ach! gedencke doch das diß kein Lob der Tu - gend ſeyn wird / wann man von dir ſagt / du habeſt ein ſchwaches Weibsbild ge - toͤdtet! Aber doch will ich lieber ſterben / dieweil du es ſo haben wilſt / als ohne Genieſſung deiner Lieb noch laͤnger le - ben; Kaum hatte ſie dieſe Meinung ge - red / da kame ſie wider auff ein andern Schrod / was! Tugenden? Sagte ſie / gehorſam ſolt ſein groͤſte Tugend ſeyn damit er mir verbunden iſt: Aber ſein Ungehorſam / und daß darmit man unſchuldige Leut ermordet / ſeynd keine Tugenden; Dieſer Moͤrder verwundetEzuvor94.[94]zuvor mit ſeiner Schoͤnheit / und als - dann toͤdtet er erſt mit ſeiner Unbarm - hertzigkeit; O ihr Goͤtter! Warum habt ihr ihm nicht ſeine Schoͤnheit genom - men ehe ich ihn geſehen / oder ſeyn Hertz von Himmliſchen Tugenden ausge - lehrt / damit ſein Himmliſche Schoͤn - heit auch zugenieſſen geweſt waͤre? Alſo hatte Selichaverwirrete Haͤndel / bald lobt ſie / bald ſchalte ſie den Joſeph / und ſtelte ſich ſo ſeltzam / daß ihre beyde Kam - mer Jungfern vermeinten / ſie ſey aller - dings im Kopff verruckt / wie dann die Verliebte ohne daß bisweilen in ihrem Verſtand nicht ſo gar richtig ſeyn. Sie ſprachen ihr zu ſo gut ſie konten / und wieſen ſie zur Gedult / mit angehencktem Troſt / er wuͤrde noch wohl zugewinnen ſeyn / der Baum fall nicht ſo gleich von wenig Streichen; was koͤſtlich ſey / koſte auch viel Muͤhe ſolches zubekommen; je laͤnger er ſich wehre / je laͤnger werde er heenach beſtaͤndig bleiben; es ſey kein Stahl ſo hart / er werde mit der Zeit durchboret; man muͤſſe nicht gleich ver -zwei -95.[95]zweifeln / ſondern die Sach der Zeit be - fehlen / welche einen Menſchen bald zu - veraͤndern pflege; Alſo wurde Selicha durch ſolches Zuſprechen zwar etwas zu - frieden / aber zugleich auch angefriſcht / ihre Liebes-Reizungen auff den Joſeph ſo lang loßgehen zu laſſen / bis ſie ihn endlich uͤberwinde.

Sie muthete ihren bey den Jungfern zu / das Beſte vor ſie beym Joſeph zure - den / damit er deſto leichter zugewinnen ſeyn moͤchte / aber ſie wolten die Com - miſſion nicht auff ſich nehmen / weil es ihnen als Jungfrauen uͤbel anſtuͤnde; weil ſie dann nun ſahe / daß ihr Heil / oder vielmehr ihr Unheil ferner zuſuchen auff ihr allein beruhete; ſpintiſirte ſie Tag und Nacht / und machte allerhand Garn und Strick zum Vorrath fertig / ihn damit endlich zuberuͤcken; Sie hatte ſich ihm zugefallen vielmahl auffs herr - lichſt gebutzt / und darbey weder der Schminck (ſo ſie zwar noch nicht be - dorffte) noch des guten Geruchs / oder etwas anders vergeſſen / ſo zum Wol -E ijluſt96.[96]luſt anreitzen konte; weil aber ſolches al - les nichts gefruchtet / wolte ſie es einmal auch nackend mit ihm probieren / ob viel - leicht ihr bloſſer Kreidenweiſſer Leib zu wuͤrcken vermoͤchte / was ihr ſchoͤne Klei - der und anderer Geſchmuck nicht ge - koͤnt / ſie verblieb derowegen im Bette liegen / und beredet ihren Mann ihr Kopfthue ihr wehe / wiewohl ihr Kranck - heit im Hertzen ſtacke.

Als nun erlich Tag hernach ein herr - lich Feſt gehalten werden ſolte / dabey Potiphar Ambrswegen nothwendig ſeyn muſte / gedachte ſie ſolche heilige Zeit zu ihrem Gottloſen Vorhaben anzu - wenden / weils ihr ſo bequem ſiel / ihren beſten Anſchlag werckſtellig zu machen; ihren Potiphar / der ſchier nie vom Bet - te kam / und groß Mitleiden gegen ſei - nem lieben Weib bezeugte; batt ſie / er wolte doch dem Joſeph befehlen / das wann ſie etwan in ſeiner Abweſenheit Schwachheit halber jemand bedoͤrffte / daß er ihr mit Huͤlff beyſpringen ſolte; ſolches geſchahe; Joſeph aber gedachte;wann97.[97]wann du wuͤſteſt / worzu mich dein Weib brauchen will / ſo wuͤrdeſt du mir das Widerſpiel befehlen; doch ſchwieg er ſtill / uͤnd aͤngſtigt ſich wegen des kuͤnfftigen Streits den er angehen ſolte / dermaſſen / das ihm alle Haar gen Berg ſtunden; er hub ſeine Augen gen Him̃el und ſein Hertz zu GOtt / bey ſich ſelbſt feufſtzende: Ach du GOtt meiner Vaͤt - ter / Abrham / Jfaac und Jacobs / ich bitte dich hertzlich / laſſe mich dieſen Tag nicht zu Truͤmern gehen; Sihe HErr! Jch ſetze mir veſtiglich vor / ehe tauſend - mahl zu ſterben als dich zu erzoͤrnen; die - ſen meinen gerechten Vorſatz / HErr! erhalte und ſtaͤrcke in mir / damit ich deinetwegen dapffer kaͤmpffe / und mir deinem Beyſtand meine Feind / die mich deiner Gnad durch die Suͤnd berauben wollen / Ritterlich uͤberwinden moͤge; Mit dieſem Gebet und ſtarcken Vorſatz gewaffnet / erwartet der Edle Held / wann ihm ſeine Liebhaberin oder viel - mehr ſeine Feindin die Schlacht anzu - gehen befehlen wuͤrde.

E iijPoti -98.[98]

Potiphar war noch nicht uͤber ein Stund lang hinweg / als Selicha nach dem Joſeph ſchickte; welcher demſelben Tag ſchoͤn geziert auffziehen muſte / weil es ein Feſt-tag war; Solcher Auffzug verdoppelte nicht allein ſeine Schoͤnheit / ſondern auch der Selicha Liebes-Be - gierdten; Er erſchiene mit einem unwil - ligen Gehorſam welches er nie gethan hatte / dieweil er dienete; und fand die Selicha auff einem Bette liegen in ſol - cher Poſtur / wie man die Venus ſelbſt dey uns zu mahlen pflegt; Nur ihr Kopf war mit etlichen Kleinodien: Der Hals ſambt den Armen mit Perlen: und die Finger mit koͤſtlichen Ringen geziert / ſonſt aber war ihr gantzer Leib nackent / und mit einem Leibfarben Seidenen Teppich bedeckt; der ſo duͤn und durch - ſichtig war / daß man ihre Schneeweiſ - ſe Haut und alle Gliedmaſſen eigentlich dardurch ſehen konte; der Buſen war nur ſo weit bloß; daß man ihre harte Bruͤſt / die ſo weiß als Alabaſter ſchie - nen / eben halber nackent in die Hoͤheſtar -99.[99]ſtartzen ſahe / und damit dieſe annemli - che Augenweid deſto Luſtreitzen der waͤre / waren die Umhaͤng zierlich auffgebun - den / der gantze Lufft mit lieblichem Ge - ruch erfuͤllt / und um und um alles mit Roſenblettern und andern wohlrichen - den ſo Blumen als Zweygen beſtreuet; alſo das alles zuſammen einen anmuh - tigen Anblick und Augenluſt / abgabe; Joſeph thaͤt ſein gewoͤhnliche Ehrbezeu - gung / und begehrt unterthaͤnig zuver - nehmen was ſein gebiedente Frau zube - fehlen beliebte / wiewohl er zuvor wohl wuſte was ſie verlangte; ſie antwortet / daß ſie Vorhabens geweſt waͤre / ein wenig auffzuſtehen; und weil ihre Jung - fern ſie allein nicht erheben moͤgen / het - te ſie ihm ruffen laͤſſen ihnen zu helffen; weil ſie aber nun noch ein we[i]lgen wolt liegen bleiben / ſo koͤnte er noch ein wenig verziehen / und unterdeſſen wohl ein biß - gen niderſitzen; Sie lieſſe ſich wohl im geringſten deß jenigen nicht mercken was ſie in Sinn hatte / damit ſie den Joſeph nicht gleich Anfangs ſcheuE iiijmach -100.[100]machte; ſie wolte zuvor ſeine Jugend durch ihr Anſchauung welches auch die aͤltiſte Graͤißen in Harniſch jagen moͤ - gen / Feur fangen laſſen; zu ſolchem End bewegte ſie die Decke ſo artlich / daß ihr Buſam offt gantz bloß zu ſehen war / und vergaß darneben nicht / dem Jo - ſeph zugleich nach und nach mit Liebrei - tzenden Blicken ihrer ſchoͤnen Augen / ſo gleichſam vor Begierde funckelten / zu - zuſetzen; zwar kan man leicht die Rech - nung machen / weil Joſeph auch Fleiſch und Blut hatte / daß er in dieſem Han - del von demſelben auch mercklich muß angefochten worden ſeyn! Weil er aus ſchuldigem Reſpect ſein gnaͤdige Frau anſehen muſte und ihr den Rucken nicht kehren dorffte; Aber ſein Vorſatz from zu ſeyn / uͤberwand doch!

Als es die Selicha nun Zeit ſeyn dunckte / gieng auff empfangene Loſung die eine Kammer-Jungfer hinweg / und gleich hernach / wurde die ander geſchickt die erſte zu holen / ſie blieben aber beyde aus / weil ſie wuſten was ihrer FrauenWill101.[101]Will war; Joſeph wolte ihnen folgen / aber vergeblich / dann weil Selicha ſchrye / ob ſie dann all von ihr lauffen wolten? muſte er bleiben. Ach! ſagte ſie himmliſcher Engel / wilſt du mir dañ auch nicht mehr goͤnnen / dein ſchoͤnes Angeſicht zu ſehen? Joſeph ſchwieg vor Scham ſtockſtill; Sie aber ſchaͤmte ſich deſto weniger / indem ſie ſich herum warff / und dem Joſeph ein zimlich un - verſchaͤmtes Einſehen machte; Wie Jo - ſeph; fuhr ſie weiter fort; wird dann die gebiedente Frau im Haus deßhalber ohnwuͤrdig geacht / mit ihr zu reden / weil ſie ſich gegen dir mehr als ein dienſt - bare Magd demuͤtigt? Gib mir aus ſchuldigem Gehorſam Antwort / wann du mich nicht wuͤrdigen wilſt / mit mir als mit einer Verliebten zureden: Jo -