PRIMS Full-text transcription (HTML)
Erinnerungen aus Paris im Jahre 1804.
Dritte unveraͤnderte Auflage.
Berlin1804bei Heinrich Froͤhlich.
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Erinnerungen aus Paris im Jahre 1804.
Erstes Baͤndchen.
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Vorbericht.

Jch lege meinen fluͤchtigen Bemerkungen keinen an - dern Werth bei, als den, daß ich sie selbst gemacht habe. Es sind meine Ansichten, ich habe Nieman - den nachgebetet. Wo ich urtheile, kann ich mich ir - ren, aber ich habe immer nach meiner Ueberzeugung geurtheilt. Wer mir etwa vorwuͤrfe, ich haͤtte Man - chen zu viel gelobt, dem muß ich antworten: es ist mir in der Censur dies und jenes weggestrichen wor - den, woraus hervorleuchtet, daß auch die schmeichel - hafteste Aufnahme mein Urtheil nicht zu bestechen ver - mogt hat. Jch habe kein Wort geschrieben, von des - sen Wahrheit ich mich nicht uͤberzeugt hielt; ich habe aber manches Wort geschrieben, daß der Leser hier nicht findet.

Weiter wuͤßte ich nichts zu sagen, bis die Ebbe und Flut der Zeit die Gestalten veraͤndert, und die Gefahr, von einem Meteor mit Steinen beregnet zu werden, voruͤber ist. Berlin, den 2ten April 1804.

A. v. Kotzebue.

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Fluͤchtige Reisebemerkungen als Einleitung.

Man hat das Leben so oft mit einer Reise verglichen; alle Gleichnisse hinken, auch dieses. Welch ein Un - terschied zwischen Leben und Reisen! Welche Vor - zuͤge sind dem letztern eigen! Der Reisende weiß doch gewoͤhnlich, daß und wohin er reisen will; der arme Lebende aber wird nicht gefragt, ob und war - um er leben will. Koͤnnten diese Fragen, vor seinem Eintritt in die Welt, ihm vorgelegt werden, wahrlich er wuͤrde die erste oft verneinend beantworten; denn wer giebt ihm genuͤgende Auskunft uͤber die letztere?

Ach! und welch einen Alles uͤberwiegenden Vorzug ge - nießt der Reisende schon dadurch, daß er das Bittere der Reise, den Abschied von seinen Lieben, im An - fang uͤbersteht, und das Wiedersehen am Ende ihn be - lohnt, indessen der Mensch umgekehrt mit jedem Schritt zum Ende, dem Abschied von seinen Lieben ent - gegen geht, und das Wiedersehn ihn nur im Traum - gewande der Hoffnung begluͤckt. Also wiederfinden am Ziel der Reise; verlassen am Ziel des Lebens!

So stoͤßt man uͤberall, im Kleinen wie im Großen, auf maͤchtige Unterschiede zwischen Leben und Reisen. Die wirthlichste Herberge, den dickbelaubtesten Baum darf der Reisende suchen, wenn boͤses Wetter ihn uͤberfaͤllt; nicht so der Pilger auf der Wallfahrt des Lebens. Er muß sich4 allen Stuͤrmen bloß stellen, und sinkt oft ermattet nieder. Jm frohen Umgang mit einem muntern Gefaͤhrten, sucht und findet der Reisende Erholung; aber im Arm des treuen Lebensgefaͤhrten kann man sich nie sicher der Freude uͤber - lassen: denn in dem Augenblick vielleicht, wo man ihn am herzlichsten an seinen Busen druͤckt, muß man ihn, wie eine welke Blume, ploͤtzlich fallen sehn! Genug!

Wohl dem Kummervollen, der reisen darf! Fremde Berge und Thaͤler, ach! und mehr noch fremde Gesich - ter, die nichts von ihm wissen, nichts von dem ahnen, was in ihm vorgeht, die muß er suchen, wenn er seines Lebens druͤckende Erinnerungen, eine nach der andern, von sich waͤlzen will. Wem das Feuer sein Haus zerstoͤrte, thaͤte thoͤricht, den rauchenden Truͤmmern gegenuͤber sitzen zu bleiben. Wohl mir! Jch entferne mich von ihnen!

Potsdam.

Welch ein Gewimmel und Getuͤmmel belebt des be - sten Koͤnigs sonst ruhige Wohnung! Uniformen von allen Farben malen die Straßen bunt, Fremden aus allen Ge - genden stroͤmen zum praͤchtigen Schauspiel; die dumpfe Trommel wirbelt, und das Geschuͤtz donnert, und des halben Mondes Gloͤcklein toͤnen freundlich dazwischen. Die Thore sind nicht weit genug, die schauende Menge zu fas - sen: sie druͤckt und draͤngt, preßt und schiebt sich; hier stoͤßt ein Elbogen, dort streift ein Rad; hier bleibt den zar - ten Schoͤnen ein Sporn im Kleide haͤngen; dort ruht der Kopf eines Gauls auf ihrer duͤnn - verschleierten Schulter: bis endlich aus des Thores weiten Munde die Wolke her - vorquillt, Huͤgel und Thaͤler uͤberschwemmt. Da stehen und wogen die Tausende, und heften ihre Blicke, von Ver - gnuͤgen trunken, auf die lange unabsehbare Fronte, uͤber5 der die Fahnen wallen, an der die gefluͤgelten Reiter auf und nieder eilen. Ein frohes Gemurmel verkuͤndet des Koͤ - nigs Erscheinen; den ungeheuren Koͤrper belebt ein einziges Wort, und Eine Seele bewegt die zahllosen Glieder. Mir aber, liebe Freundin, war das herrliche Schauspiel unserer Herbstmanoͤvers zu groß und froͤhlich; es uͤberfiel mich eine Angst bei all der lauten Freude, und nur im tie - fen stillen Sande hinter Potsdam, von duͤstern Nadelwaͤl - dern eingeschlossen, athmete ich wieder freier. Auch in Stuttgard waren, kurz vor meiner Ankunft, Manoͤvers gehalten worden, von welchen ein dichterischer Zeitungs - schreiber in einer Wirtembergischen Zeitung versichert: sie haͤtten eine schoͤne Physiognomie gehabt. Manoͤ - vers mit Physiognomien! so weit haben die Preu - ßen es doch noch nicht gebracht. Bald wird vielleicht ein militaͤrischer Lavater herumreisen, um die Manoͤvers zu silhouetiren und eine Physiognomik derselben her - auszugeben.

Zwischen Wittenberg und Duͤben.

Giebt es wohl einen Reisenden in diesen Gegenden, der noch nicht uͤber die Saͤchsischen Landstraßen geklagt oder geflucht haͤtte? Giebt es wohl einen Nichtreisenden, dem solche Klagen und Fluͤche nicht unzaͤhliche Mal zu Oh - ren gekommen waͤren? Wenn die Chineser, die bekannt - lich keinen Fremden bei sich dulden moͤgen, durch schlechte Landstraßen ihnen das Reisen erschwerten, so waͤre das kein Wunder; daß aber in Leipzig jaͤhrlich drei Messen ge - halten werden, und daß viele tausend Fremde die Produk - te aller Laͤnder auf grundlosen Wegen dahin fuͤhren muͤs - sen, waͤhrend ihre mannichfaltigen Abgaben die ohnehin ge - fuͤllten Kassen uͤberstroͤmen: das ist allerdings ein Wun -6 der, welches mein Wittenbergischer Postillion mir dieses Mal auf eine drollige Weise erklaͤrt hat. Ja, sagte er, indem er den brennenden Schwamm auf seine kurze Pfeife legte, und meine unmuthigen Klagen in eine Dampfwolke huͤllte: daß die Wege so schlecht sind und blei - ben, das kommt bloß daher, weil der Kur - fuͤrst katholisch ist. Der Dessauer Fuͤrst haͤt - te das schon laͤngst geaͤndert u. s. w. Darin haͤtte ich freilich den Grund der elenden Saͤchsischen Land - straßen nie gesucht. Jch lachte, aber es schmerzte mich zugleich, einen Lutheraner so intolerant zu finden. Ver - ketzerungssucht warf man vormals nur den Katholiken vor; bald wird es umgekehrt seyn: denn hoͤren Sie, als Pen - dant zu den Aeußerungen des lutherischen Postillions, was mir eine erzkatholische Magd in Neuhof, einem Fuldai - schen Staͤdtchen, sagte. Jst der Ort katholisch? hatte ich sie gefragt. Ja, war die Antwort. Aber der Fuͤrst nicht? Nein. So kann er ja wohl nicht selig wer - den? fuhr ich scherzend fort. Ei, warum denn nicht? wenn er sonst gut ist. Wir wollen ja alle in den Himmel. Recht! Aber die Katholi - ken kommen doch zuerst hinein? J nu, sagte sie, wenn wir nur Alle darin sind. Jst das nicht wahre Lebens - Philosophie? Und ich versichere Sie, die Magd hatte uͤbrigens eine Physiognomie wie eine Gans.

Noch eine Erinnerung aus dem Walde zwischen Wit - tenberg und Duͤben. Sie lesen da irgendwo auf einer hoͤl - zernen Tafel eine Jnschrift, durch welche besonders den Wuͤrtembergischen Ausgewanderten verboten wird, dem Walde Schaden zuzufuͤgen. Warum denn eben be - sonders diesen armen Leuten? Doch dabey will ich mich nicht aufhalten. Daß aber die Zahl der Wuͤrtember -7 gischen Auswanderer so groß ist, daß man sogar in frem - den Laͤndern genoͤthigt wird, eigne Verordnungen wegen ihres Durchzuges zu machen, das ist wohl der Aufmerk - samkeit werth.

Zwischen Erfurt und Gotha.

Hier, auf dieser trefflich unterhaltenen Chaussee, wird man einmal des Reisens froh, und alle die Segenswuͤn - sche, die der Reisende in Sachsen zuruͤckhalten mußte, stroͤmen jetzt reichlich uͤber den Herzog von Gotha aus. Zwar muß man viel Chausseegeld zahlen, aber man thut es gern. Die einzige Unbequemlichkeit ist das oͤftere Zahlen. Warum wird man alle Augenblicke auf der Stra - ße angehalten? Eine loͤbliche Gewohnheit, die bis jetzt nur im suͤdlichen Deutschland herrschte, ist auch vom Her - zog von Gotha eingefuͤhrt worden; die Straße ist nehm - lich zu beiden Seiten mit vielen tausend Obstbaͤumen be - pflanzt. Durstige und muͤde Wanderer werden kuͤnftig hier Schatten und Erquickung finden. Wahrlich! ein guter Weg, mit Obstbaͤumen eingefaßt, ist dem Fuͤrsten ein schoͤ - neres Denkmahl, als das kostbarste Gartenhaus in Chine - sischem oder sonst irgend einem Geschmacke. Schade, daß man fuͤr die Erhaltung der jungen Obstbaͤume auf der Straße nach Gotha nicht Sorge genug zu tragen scheint. Schoͤne, starke Pfaͤhle stehen zwar uͤberall neben den Baͤu - men; aber selten sind diese daran gebunden, sondern beugen sich schutzlos im Winde; auch sah ich die verdorr - ten nirgends ersetzt. Jch muß bey dieser Gelegenheit einen Gedanken laut werden lassen, der mir schon oft vor - schwebte. Der Obstbau ist doch wohl ohne Zweifel der hoͤch - sten Aufmerksamkeit der Regierung wuͤrdig, da er immer die Nahrung des Landmanns ansehnlich vermehrt, und ihn8 oft sogar vor Hungersnoth schuͤtzen kann. Nun ist aber die Unterhaltung der freistehenden Obstbaͤume zu we - nig mit dem Jnteresse der Forst - oder Wegebeamten ver - knuͤpft, als daß man von diesen die hoͤchste Sorgfalt erwarten duͤrfte; daher gehen besonders viele tausend jun - ge Staͤmme zu Grunde, die noch so manchem Muthwillen unterworfen sind. Wie, wenn ein Gesetz jedem Bauer auflegte, jedesmal wenn ihm ein Kind geboren wird, einen Obstbaum an den Weg zu pflanzen, der, mit einer Nummer bezeichnet, zwar sein Eigenthum bliebe, den er aber auch groß zu ziehen schuldig waͤre? Welch eine klei - ne, mit keinen Kosten verknuͤpfte Muͤhe, gegen den un - geheuren Vortheil, wenn ein Land in jedem Jahre ei - nen eben so großen Zuwachs an Obstbaͤumen, als an Kin - dern erhielte! Der Ertrag fuͤr die Zukunft ließe sich nicht berechnen. Das ganze Land wuͤrde bald einem Garten gleichen, und dieser Garten wuͤrde eine Art von Kalender fuͤr die Bauern seyn, und jeder Baum wuͤrde seinen ei - genen Freund und Beschuͤtzer haben, mit dem er heran - wuͤchse, der ihn lieben und pflegen wuͤrde. Mich duͤnkt, die Jdee hat, außer dem Nuͤtzlichen, auch viel Lachendes, was in der That eben nicht bei vielen kamera - listischen Jdeen der Fall ist.

Gotha.

Des wackern Salzmanns Jnstitut zu Schnepfenthal (von welchem ich aus Erfahrung ruͤhmen kann, daß es die Herzen der Juͤnglinge fuͤr alles Gute und Schoͤne em - pfaͤnglich macht und erhaͤlt) bluͤht noch immer vor - mals, und seine Bluͤthen geben manchem Lande reife Fruͤch - te. Weniger Gutes laͤßt sich in mancher Hinsicht von den weiblichen Erziehungs - Jnstituten sagen, an welchen9 Gotha einen Ueberfluß hat. Jhre Vorsteherinnen sind Theils Deutsche, Theils Franzoͤsische Damen, und sie haben den fuͤr Frauenzimmer großen Nachtheil, daß Adelige und Unadelige mit einander auf gleichem Fuß er - zogen werden. Natuͤrlich schmiegen die jungen Gemuͤther sich leicht aneinander, und die kleine Comtesse fragt noch nicht, ob der Vater ihrer Busenfreundin nur ein Se - kretair ist. Aber die erwachsene Comtesse denkt ge - woͤhnlich anders, oder tritt wenigstens in andere Verhaͤlt - nisse, die sie noͤthigen, sich von der Gespielin ihrer Ju - gend zuruͤckzuziehen; das thut denn natuͤrlich der Unade - ligen weh, das macht sie ungluͤcklich. Sie, die vielleicht bestimmt ist, die kleine enge Wirthschaft eines buͤrgerli - chen Kanzelisten zu fuͤhren, tritt aus einem frohen klaͤnzenden Cirkel, wo sie Arm in Arm mit Graͤfinnen und Baronessen das Leben durchflatterte, in die stille beschraͤnkte Wohnung eines Gatten, der sich tief buͤckt, wenn eine der vormaligen Jugendfreundinnen seiner Gattin an ihm voruͤber faͤhrt.

Es gehoͤrt in der That mehr Kraft dazu, als man bei einem Maͤdchen gewoͤhnlich voraussetzen darf, um sich ohne Murren und Seufzen in das beschraͤnktere Verhaͤlt - niß zu finden. Auch wenn sie nicht heirathet, wird ihr selten das Haus ihrer Eltern wieder das werden, was es vormals war. Kurz, diese gemischten Jnstitute sind faͤhig, den Keim einer Untugend zu entwickeln, der ohne - hin bey Frauenzimmern leichter gedeiht, als bei Maͤnnern, ich meine den Neid.

Frankfurt am Main.

Sie erwarten doch wohl nicht, daß ich Jhnen den Roͤ - mer beschreiben soll, auf welchem der neue Kaiser zu spei - sen pflegt? oder die goldene Bulle? oder die Pantoffeln10 Karls des Großen? Auf dem Roͤmer sind ringsumher alle Kaiser, die seit Anbeginn des heil. Roͤmischen Reichs ge - kroͤnt worden, in schmalen Nischen abkonterfeit; aber so schmal auch die Nischen sind (denn wirklich hat hier kein gemalter Kaiser so viel Platz, als eine Schildwache in ih - rem Haͤuslein), so ist dennoch fuͤr einen kuͤnftigen Caͤsar kein Plaͤtzchen mehr uͤbrig: welcher Umstand dem Groß - prahler Cuͤstine, als er hier war, die Prophezeihung inspirirt haben soll, der jetzige Kaiser werde der letzte seyn. Ei nun! die Franzosen haben ja den lieben Gott wieder in seine Rechte eingesetzt, so werden sie ja auch wohl in An - sehung des Deutschen Kaisers sich eines Bessern besinnen.

Die Domkirche enthaͤlt einige huͤbsche Gemaͤlde, vor - zuͤgliche aber nicht; denn wenn sie das waͤren, so haͤt - ten die kunstliebenden Franzosen sie mitgehn heißen. Ein alter, derber, Deutscher Ritter in Stein gehauen, Guͤnther von Schwarzburg, hat mir am besten gefallen. Man kann in der That die Deutsche Kraft nicht anschau - licher ausdruͤcken. Vom Frankfurter Theater lassen Sie mich schweigen. Jch habe einen sehr wackern Schauspieler gesehen, er heißt Werdy, und eine Madame Muͤller, von der es wohl mit Recht heißt: es giebt der Madame Muͤllers viele, sehr viele in der Welt. Jhr groͤßter Feh - ler war Gemeinheit. Man hat seit Kurzem neue Hoff - nungen fuͤr die hiesige Buͤhne erregt, indem man einen verdienstvollen Mann (Herrn von Meyer, Verfasser eines bekannten Gedichts Tobias) zum Jntendanten derselben ernannt hat; aber er darf, ohne Zuziehung des Com - mitte, weder gute Schauspieler annehmen, noch schlechte verabschieden, und folglich laborirt die neue Organisation abermals an einem Grunduͤbel.

11

Die fremde und einheimische schoͤne Meßwelt hat hier einen weit angenehmern point de réunion, als in Leip - zig, nehmlich keine offene, jeder Witterung ausgesetzte Straße, wie in Auerbachs Hof, sondern ein sehr geraͤu - miges Gebaͤude, in welchem alle Waaren des Luxus ein großes Viereck fuͤllen, dessen bunter Schmuck fast zu jeder Tageszeit durch eine noch buntere Menge belebt wird.

Darmstadt.

Das Monument, welches Friedrich der Große hier seiner Freundin errichtet hat, entspricht der Erwartung nicht. Es ist einfach niedlich: vom Koͤnig haͤtte ich etwas einfach Großes zu sehen gewuͤnscht. Ohne die beruͤhmte Jnschrift wuͤrde man wohl nie von diesem Denk - maͤhlchen geredet haben. Und selbst diese Jnschrift es moͤchte Leute geben, in deren Augen sie kein Kompliment fuͤr die Landgraͤfin waͤre. Foemina sexu, ingenio vir. Dem Geschlecht nach ein Weib, ein Mann an Geist. Also mit andern Worten, ein Mittelding von Mann und Weib. Man weiß laͤngst, daß diese Mischung keins von beiden Geschlechtern liebenswuͤrdig macht. Ein maͤnnliches Weib gefaͤllt eben so wenig als ein weibischer Mann. Von einem Frauenzimmer sagen, von Geist ein Mann, ist eben so viel als einer Blume nachruͤh - men: an Geruch eine Eiche.

Jn der Bergstraße.

Zum ersten Mal bin ich durch diesen Garten von Deutschland gefahren, in dem gleichsam die Vergan - genheit auf den Huͤgeln weilt und der schoͤnen Gegenwart zusieht, wie sie ihr fruchtbares Wesen treibt. Wie sich doch Alles in der Welt aͤndert! Die Raubschloͤsser, die vor -12 mals durch ihren Anblick dem Wanderer nur Schrecken ein - jagten, ergoͤtzen ihn jetzt durch ihre malerischen Ruinen.

O, dacht 'ich, moͤchte unsern Enkel in der zweiten Haͤlfte dieses Jahrhunderts die Ruhe wieder laͤcheln, wie die schoͤne Natur dem heutigen Pilger in der Bergstraße: moͤchten dann die Greuel der Revolutionen nur noch wie jene Ruinen von umuebelten Bergen ihnen schimmern, und, durch das Andenken an jene Schauer, das Gefuͤhl der gluͤcklichen Gegenwart nur erhoͤhen. Sie sehen, ge - liebte Freundin, ich dachte, wo ich nur fuͤhlen soll - te: ein Beweis, daß selbst diese Zauber der Natur, von welchen der Reisende einen ganzen Tag lang umweht wird, mir noch keinen reinen Genuß gewaͤhrten. Ach! was ist Genuß ohne Mittheilung! Jch meine, wir unterscheiden uns vorzuͤglich dadurch von den Thieren, daß selbst die groͤbern Genuͤsse, Essen und Trinken, den groͤßten Theil ihres Reizes fuͤr uns verlieren, wenn nicht gesellige Liebe sie theilt. Der gute gebildete Mensch kann nicht allein genießen. Alles, worauf ich in meinem Leben mich am meisten gefreut habe, Alles, was in meinem Leben mir die meiste Freude gemacht, gieng immer von Andern aus, oder zu Andern uͤber. Jn dem Auge eines geliebten Ge - genstandes Vergnuͤgen schaffen, ist ja wohl wahrhaftig ein goͤttliches Vergnuͤgen; denn, der uns schuf, kannte kein anderes. Jch, der nichts mehr habe als die Er - innerung, der ich noch obendrein alle Augenblicke die Vernunft mit Ketten nachsenden muß ich verließ die schoͤne Bergstraße wie ein Tauber ein Concert.

Heidelberg.

Wenn ein Ungluͤcklicher mich fragte, wo er leben muͤs - se, um dem lauernden Kummer dann und wann eine Stun -13 de zu entruͤcken, so nenne ich ihm Heidelberg; und wenn ein Gluͤcklicher mich fragt, welchen Ort er waͤhlen solle, um jede Freude des Lebens frisch zu kraͤnzen, so nenne ich ihm abermals Heidelberg. Romantische Lage, milde Luft, biedre Menschen, Zwanglosigkeit, bequeme Wohnungen, Wohlfeilheit: welche Vortheile! und doch bei weitem noch nicht alle: denn einen der groͤßten gewaͤhrt Heidelberg noch als Nachbarin so mancher schoͤnen angenehmen Stadt, so manches freundlichen Staͤdtchens. Will der Leidende mit seinem Gram allein seyn, und das moͤchte er ja an - fangs immer! so wandelt er am reizenden Ufer des Ne - ckar, oder auf den uͤppigen Bergen, oder in den majestaͤ - tischen Ruinen des Schlosses, oder er macht kleine Excur - sionen nach Weinheim, Heppenheim ꝛc. Hat aber erst sein Kummer aus dem Gebiethe der Verzweiflung sich entfernt, darf er Menschen und Menschengewuͤhl nicht mehr scheuen, so kann er meistens in einem halben, hoͤchstens in einem ganzen Tage, in Manheim, Stuttgard, Frankfurt am Main, im Theater sich erlustigen, er kann in Darmstadt, Heilbronn, Bruchsal, Hanau, Speier, Worms, Oppen - heim, Offenbach, kurz links und rechts, und uͤberall, Zer - streuung finden. Heidelberg selbst besitzt der kleinen Merk - wuͤrdigkeiten so manche. Die Ruinen des Schlosses sind einzig; die Aussichten wecken dort Gedanken an das bessere Leben. Die alten unterirdischen Gaͤnge beschaͤftigen eine rege Einbildungskraft. Sie sollen nach der Stadt fuͤhren, werden aber, um der Gefahr willen, weislich jetzt verschuͤttet. Vor einigen Jahren versank ein Emigrant, der seinem Fuͤhrer vorausgeeilt war. Gluͤcklicher Weise war er kurz vorher von einigen Knaben bettelnd verfolgt worden; sie hatten sich die Gegend gemerkt, in welcher er verschwunden war, man zog ihn wieder heraus. Er er -14 zaͤhlte, er sey in dem Gange eine große Strecke fortgewan - delt, weil er in der Ferne mancherlei Geraͤusch gehoͤrt, das aus der Stadt uͤber ihm herunter toͤnte. Endlich ver - nahm er das Geschrei der Suchenden, und kehrte um. Auch ein Seiltaͤnzer, der vor Kurzem auf dem Mark - te Pfaͤhle einschlug, um sein Seil daran zu befestigen, fand denselben Gang, in dem noch alte Waffen rosteten. Das famoͤse Heidelberger Faß ist eine elende Merkwuͤrdig - keit, die nicht einmal durch ihr Alterthum interessiert; denn das alte Faß ist auseinander gefallen, und Kurfuͤrst Karl Theodor hat sich durch Erbauung eines neuen nicht verewigt. Jndessen rathe ich doch jedem Reisenden, in den Keller zu gehen; denn er findet etwas, das er nicht sucht, und das ihn wie mich ergoͤtzen wird. Es ist nehm - lich die hoͤlzerne Bildsaͤule eines ehemaligen Hofnarren, Clemens genannt. Ja, das ist eine wahre Hofnar - ren - Physiognomie: in diesem Jndividuum erkennt man auf den ersten Blick die Gattung. Nicht sowohl Witz (dem man keine Wahrheit verzeiht), als Jovialitaͤt (der man nichts uͤbel nimmt) lebt und spricht in und aus diesem Gesichte. Jn dem Munde dieses Wohlgenaͤhrten wird Alles zum Scherz, wohl zum treffenden, aber nie zum bittern Scherz. Ja wahrhaftig, ich moͤchte einen solchen Narren um mich haben, und ich verdenke es allen gekroͤnten Haͤuptern, daß sie die nuͤtzliche Mode haben abkommen lassen. Die Bildsaͤule des ehrlichen Cle - mens scheint ihrem Untergange ziemlich nahe. Es waͤre in der That Schade darum. Mir hat seine bloße Phy - siognomie einen heitern Augenblick gewaͤhrt, und ich moͤch - te ihn weit lieber ins Leben zuruͤckrufen, als die beruͤhm - te Dame Morata aus Ferrara, deren Denkmahl Sie in der Peterskirche finden. Sie starb im neun und zwanzig -15 sten Jahre, und hat, Trotz ihrer Jugend, mehrere gelehr - te Sprachen verstanden, und zu Heidelberg Collegia gele - sen. Auch von ihrem Manne, einem gewissen Gruͤnd - ler, ist in der Jnschrift nebenher die Rede. Sie wissen, ich liebe die Frauenzimmer nicht, die so gelehrt sind, daß sie ihre Maͤnner dadurch zu einem Nebenher machen. Wenn Sie, liebe Freundin, jemals nach Heidelberg kom - men, so werden Sie vielleicht nach dem Wolfsbrunnen fragen, der so beruͤhmt und so lieblich war, und an dem auch unser guter einst Koͤnig gefruͤhstuͤckt haben soll. Ja, da - mals woͤlbten sich noch dreihundertjaͤhrige Linden zu einem Tempel uͤber den Brunnen zusammen, und ihre Zweige wa - ren so dicht in einander verwachsen, daß man sich ihrer wie des Fußbodens zum Gehen bedienen, daß man Ti - sche und Stuͤhle darauf setzen, und in der gruͤnen Daͤm - merung ein froͤhliches Wesen treiben konnte. Die frem - den Damen (so erzaͤhlen die Nachbarn) saßen oben in den Baͤumen mit Buͤchern oder Strickstruͤmpfen, oder ließen wohl gar ein Klavier darauf stellen, die Herren lauschten mit Floͤten in den dickbelaubten Aesten; unten in der kuͤh - len Nacht wurde Kaffee und Thee gekocht; die Quelle mur - melte heimlich und unsichtbar hinter der gruͤnen duften - den Wand. Nach alle dem duͤrfen Sie jetzt nicht mehr fragen, Sie finden nichts als ein viereckiges Bassin von Baumstruͤnken umgeben. Alle die praͤchtigen Linden sind vor wenigen Wochen abgehauen worden. Wer hat das befohlen! rief ich empoͤrt. Die Kurfuͤrstliche Hof - kammer, war die Antwort. Die dicken Baͤume geben schoͤnes Holz und die Forellen im Brunnen konnten den allzukuͤhlen Schatten nicht ver - tragen. Nun, so wollt 'ich, daß jeder Hof - Kam - merrath, der zu diesem Raube an der schoͤnen Natur ge -16 rathen hat, jaͤhrlich ein paarmal am heißesten Sommer - tage, in der Gluth der Mittagssonne lechzend, vergebens nach einem schattigen Plaͤtzchen umherirren muͤßte. O, es ist nicht die einzige Suͤnde, welche der kamerali - stische Geist, der nie uͤber einem solchen Paradiese schweben sollte, hier auf sich geladen, oder wenigstens auf sich la - den wollen. Die herrlichen Ruinen des Rittersaa - les hat man wollen abbrechen lassen, um die Stei - ne zu verkaufen. Den Garten zu Schwetzingen hat man zu Kartoffellaͤndereien verpachten wollen, weil er zu viel zu unterhalten kostet. Das heißt einen Dichter zum Rechenmeister machen. Zum Gluͤck ist gegen beides wirksam protestirt worden.

Mit dem Rittersaal wuͤrde man das alte Schloß sei - ner schoͤnsten Zierde berauben; und wenn Schwetzingen viele Kosten verursacht, so lockt es hingegen auch eine Men - ge verzehrender Fremden. O, wenn doch jede Hand ver - dorrte, die etwas zerstoͤren will, woran gute Menschen Jahrhunderte lang Freude hatten! Ehe wir Heidelberg ganz verlassen, muß ich Sie noch auf die schoͤne Bruͤcke fuͤhren, die im Jahr 1783 oder 84 durch eine Wasserfluth weggerissen wurde. Damals blieb, zum großen Jubel al - ler glaͤubigen Seelen, der Heil. Johannes ganz allein auf einem isolirten Pfeiler stehen. Trotz diesem unleugbaren Wunder, hat der gute Heil. Johannes auf der neuerbau - ten Bruͤcke dennoch der blinden Heidin Minerva wei - chen muͤssen! Jhr gegenuͤber steht die Bildsaͤule des Kur - fuͤrsten Karl Theodor. Bei einem im letzten Kriege vor - gefallenen Gefecht auf dieser Bruͤcke, ist sie ziemlich von Kartaͤtschenkugeln gemißhandelt worden, und qualificiert sich daher jetzt vollkommen zu einem Sinnbilde des Deut - schen Reichs.

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Mauren.

Man kann in der Geographie ziemlich bewandert seyn, ohne eben dieß Staͤdtchen oder Dorf (ich erinnere mich nicht recht, was es eigentlich war) zu kennen. Es ist die erste Station zwischen Heidelberg und Stuttgart, und ist mir bloß durch eine alte ungluͤckliche Frau merkwuͤrdig geworden. Jch zaͤhle es unter die schoͤnsten Vorrechte ei - nes vielgelesenen Schriftstellers, daß er dann und wann, durch ein Wort zu rechter Zeit gesprochen, das Elend aus den finstern Winkeln hervorziehen, und in die milden Strahlen des Mitleids stellen kann. Als ich in die Stu - be des Posthauses trat, sah ich ein achtzigjaͤhriges blin - des Muͤtterchen am Ofen sitzen, das ein Stuͤck Brod muͤh - sam im Munde zerdruͤckte und ein kleines Glas Wein da - bei trank; neben ihr stand eine Kruͤcke. Jn ihrer Jugend mußte die Frau schoͤn gewesen seyn: ihre noch immer ein - nehmende Physiognomie und der stille Gram, der daruͤber schwebte, machten sie mir interessant. Jch fragte die Post - halterin, ob es ihre Mutter sey? Ach nein, versetzte die - se; es ist eine sehr arme blinde Frau, die sich von frem - den Wohlthaten naͤhren muß, und dann und wann zu uns kommt; wir thun dann an ihr, was wir koͤnnen. Aber sie bettelt ja nicht. Nein, betteln thut sie nie; wer sie kennt, giebt ihr. Jch naͤherte mich der Alten: Sind Sie schon lange blind? hob ich an. Noch vor Kurzem, sagte sie, habe sie einen Schimmer gehabt, jetzt sey auch der verschwunden, und sie koͤnne noch immer nicht sterben. Trotz dem Antheil, den ich an ihr zu nehmen schien, bettelte sie doch nicht. Das ruͤhrte mich; ein Wort gab das andere: sie erzaͤhlte mir ihre traurige Geschichte. Sie war im Hannoͤverischen an einen Predi - ger verheirathet, hatte liebe Kinder, und lebte gluͤcklich. 18Da kam der siebenjaͤhrige Krieg, mit ihm Noth und Elend. Sie verlor alles Jhrige, sie darbte und behielt frohen Muth. Sie sah ihre Kinder sterben und hielt sich noch aufrecht. Endlich starb auch der Mann: das warf sie nieder. Eine lange Krankheit fraß den Rest ihres Ver - moͤgens. Nackt und blos mußte sie ihren Wohnort ver - lassen. Man rieth ihr, zu ihrem Schwager zu gehen, der Appellationsrath in Darmstadt war. Sie kannte ihn nicht, ein wunderlicher Heiliger sollte er seyn; sie wagte es, weil die Noth sie drang. Von armen Freunden kaͤrg - lich unterstuͤtzt, (denn, sagte sie, niemand hatte mehr, etwas zu geben) brachte sie die Reisekosten auf und kam mit dem Postwagen nach Darmstadt. Bebend tritt sie vor die Thuͤr ihres Schwagers. Eine Magd empfaͤngt sie ver - legen, weis't ihr jedoch ein gutes Zimmer an, und bringt ihr Erfrischungen. Sie bleibt mehrere Stunden allein; kein Schwager laͤßt sich sehen. Gegen die Nacht traͤgt die Magd ein gutes Abendessen auf; sie aber kann vor Bangigkeit und Wehmuth nicht essen, sondern fragt nur immer nach ihrem Schwager. Morgen, morgen, sagt die Magd, die ihre Aengstlichkeit gewahr wird und theilt: schlafen Sie nur erst ruhig aus. Sie beduͤrfen der Er - quickung. Sie schlaͤft nicht. Der Morgen kommt, da tritt das saͤmmtliche Hausgesinde zu ihr herein und be - kennt ihr weinend, der Schwager sey vor vierzehn Tagen begraben worden, und habe durch ein Testament sein gan - zes ansehnliches Vermoͤgen zu milden Stiftungen ver - macht. Hier fieng die Frau bitterlich an zu weinen: ich kann noch immer nicht sterben! sagte sie. Mir ist entfallen, wie sie in die Gegend kam, in der sie nun seit fast fuͤnfzig Jahren hungert und nicht sterben kann. Von Heidelberg aus wurde sie lange19 unterstuͤtzt; aber seit anderthalb Jahren erhaͤlt sie auch von dort nichts mehr. Da sie nun nicht bettelt, son - dern nur so still da sitzt, so wird ihre Jammergestalt oft uͤbersehen, und sie erhaͤlt wenig. Jm Gespraͤche ist sie etwas weitlaͤuftig; aber sie erzaͤhlt gut und zusammenhaͤn - gend, und die Frau von Erziehung ist ihr sogleich anzu - merken. Was man ihr giebt, nimmt sie mit verschaͤm - tem Anstand, und dankt herzlich ohne Kriecherei. Jhr Wunsch zu sterben, ihr Gebet um den Tod sind aͤußerst ruͤhrend. O, wie gern will ich dem Posthalter verzei - hen, daß seine Pferde auf dem Acker waren, und ich uͤber die Gebuͤhr bei ihm aushalten mußte, wenn diese kurze und schmucklose Erzaͤhlung die Veranlassung wird, daß gefuͤhlvolle Menschen, die des Weges reisen oder nicht rei - sen, die arme blinde Frau unterstuͤtzen! Lange wird sie ihren Wohlthaͤtern ja ohnehin nicht zur Last fallen; bald wird Freund Hayn ihren sehnlichen Wunsch erfuͤllen, und sie sanft zu ihrem Gatten, zu ihren Kindern geleiten.

Große Armuth und mehr Aufklaͤrung unter dem Landvolke, als noͤthig ist, hat der Krieg in dieser Gegend hinterlassen. Haͤufige Bettelei zeigt von jener; ein Ge - spraͤch zwischen zwei Bauern, die bei Wein und Kaͤse sa - ßen, mag von dieser zeigen. Seit dem unseligen Kriege, sagte der eine, sey es viermal schlechter zu leben, als vor - her; die Menschen waͤren gar nicht mehr dieselben, kei - ner helfe dem andern, jeder denke nur an sich. (Ja wohl ist der krasseste Egoismus ein Zeichen unserer Zeit!)

Neckargmuͤnd.

Als ich durch das Thor dieses Staͤdtchens fuhr; hat - te ich von neuem Gelegenheit, einen alten Wunsch zu wie - derholen, daß nehmlich doch alle diejenigen, welche oͤffent -20 liche Jnschriften setzen wollen, jemanden zu Rathe ziehen moͤchten, der die Sprache versteht. Ueber dem Tho - re von Neckargmuͤnd stehet geschrieben: Zu Ehren dem Vater des Vaterlandes, zur Zierde der Stadt, heilig dem Volke. Von dieser Jnschrift kann nur der mittelste Satz einleuchten, wenn nehm - lich das Thor schoͤn gebaut ist. Warum soll es aber dem Vater des Vaterlandes zur Ehre gereichen? Es ist ja kei - ne Ehrenpforte. Und warum soll es dem Volke heilig seyn? Das letztere ist ganz unverstaͤndlich, und kann hoͤch - stens bedeuten, daß man den Thorschreiber nicht um das Sperrgeld betriegen soll.

Sinzheim.

Dies Staͤdtchen gehoͤrt jetzt dem Fuͤrsten von Leinin - gen, der ein guter Fuͤrst seyn muß, weil ich uͤberall mit Liebe von ihm sprechen hoͤre. Besonders zugethan scheint man dem Erbprinzen, dessen bloße Erwaͤhnung auf alle Gesichter ein freundliches Laͤcheln lockt. Warum kann ich nicht dasselbe von allen Staaten sagen, durch die ich ge - reist bin! Jn dem einen herrscht Furcht mit eisernem Scepter; in dem andern erkennt man gleichguͤltig die wahren Verdienste eines Regenten, weil er sich zu abge - sondert von seinem Volke haͤlt, mit zu viel Ernst seine Wohlthaten spendet; hier ein Laͤndchen, wo man den klei - nen Despoten verwuͤnscht, dort ein anderes, wo die Menschenscheu des Fuͤrsten ihm die Herzen entfrem - det; u. s. w. Wie wohl thut es nach allen diesen und noch manchen andern Erfahrungen, wenn man die Men - schen im Leiningischen so heiter, so herzlich von ihrem Erb - prinzen sprechen hoͤrt! Jammerschade, daß die Großen die - ser Erde die schoͤne Gewohnheit haben abkommen lassen,21 dann und wann verkleidet unter ihren Unterthanen zu wandeln! Wie manche bittere aber heilsame Lehre wuͤrde der und der und der empfangen! Wie manchen Segen wuͤrde unser Friedrich Wilhelm von Lippen hoͤren, welche sonst in seiner Gegenwart die Ehrfurcht ver - schließt.

Wieder zu dem Fuͤrsten von Leiningen zuruͤckzukehren: so gefaͤllt es mir doch nicht, daß er den Franciskanern ihr noch unverkauftes Kloster wieder eingeraͤumt hat. Poli - tisch hat er freilich gehandelt; denn er gewann dadurch die vielen bigotten Seelen, an denen seine neuen Staaten Ueberfluß haben. Jch haͤtte auch sonst nichts dagegen, wenn es nur nicht eben Franciskaner waͤren, diese unnuͤtzen Bettelmoͤnche, die mit aller ihrer krassen Jgno - ranz wieder eingezogen sind, und auch bereits wieder ei - nen Novizen angenommen haben. Dieß Volk gleicht dem Schwamme in einem hoͤlzernen Gebaͤut ', der um sich frißt, bis alles verzehrt ist; nur der Schwamm ge - deiht und waͤchst ungeheuer.

Heilbronn.

Jmmer erregt es in mir eine angenehmschauerliche Empfindung, ein Blatt Papier oder Pergament zu sehen, welches von irgend einem beruͤhmten Biedermann aus al - ter Zeit eigenhaͤndig beschrieben worden. Meine Phanta - sie mahlt mir dann seine Gestalt so lebhaft: auf dem Pla - tze, wo seine Hand ruhte, seh 'ich seine Hand wirklich; die Zuͤge seines Gesichts finde ich gleichsam in den Zuͤgen seiner Schrift. Darum freute ich mich, nach Heilbronn zu kommen; denn ich wußte, daß in dem dortigen Archive noch eigenhaͤndige Briefe von unsern Deutschen Helden Goͤtz von Berlichingen und Franz von Sickin -22 gen aufbewahrt werden. Jch sandte daher gleich am an - dern Morgen zu dem Archivarius, mit der Bitte, mir ei - nen Besuch zu verstatten. Diese Bitte wurde zwar mit aller Hoͤflichkeit gewaͤhrt; aber ich rathe Jhnen, wenn Sie jemals nach Heilbronn kommen, sich vorher wohl zu erkundigen, ob der aͤchte und rechte Archivarius auch bei der Hand sey. Diesmal war er leider verreist, und sein Stellvertreter wußte durchaus weiter gar nichts, als daß er ein Paar Gewoͤlbe voll weißer Schraͤnke zu zeigen habe. Guten Willen muß ich ihm nachruͤhmen; denn er suchte mit großer Aengstlichkeit nach dem, was ich zu sehen be - gehrte, aber vergebens. Er gestand endlich sein Unvermoͤ - gen ein, und ich selbst war froh, daß er seine Leitern nur wieder bei Seite setzte. Jch kann Jhnen daher von dem Heilbronner Archiv weiter nichts sagen, als daß viel Pa - pier und Pergament darin befindlich ist.

Kann ich die Briefe nicht sehen, dachte ich, so will ich wenigstens den alten Thurm besuchen, worin Goͤtz von Berlichingen gefangen saß; ich will auf derselben Stelle gehen und stehen, wo dieser rauhe Biedermann den Hohn der Heilbronner Rathsherren erduldete. Diesen Thurm, meinte ich, werde jedes Kind mir nachweisen koͤnnen; aber da irrte ich sehr. Wenigstens ein Dutzend Menschen von allen Staͤnden wurden befragt, die alle nicht begriffen, wovon die Rede sey, und von welchen keiner den ehrlichen Goͤtz jemals hatte nennen hoͤren. (Also auch nach Jahr - hunderten gilt noch die traurige Wahrheit, daß ein beruͤhm - ter Mann, da, wo er einst wandelte, vergessen wird. Ach! alles Große und Gute wirkt der Mensch nur in die Ferne hinaus; die ihn umgeben, sehen es gleichguͤltig, oder wollen es gar nicht sehen. Endlich fand sich doch ein Haͤscher, der mir den Thurm zu zeigen versprach: Er23 gieng, holte eine Menge Schluͤssel, fuͤhrte mich in einen der schmutzigsten Winkel der Stadt zu einem alten vierecki - gen Thurme, mehrere abscheuliche Huͤhnertreppen hinauf, bis auf die Platteforme, die eine schoͤne Aussicht gewaͤhr - te. Aber, wo ist Berlichingens Kerker? Er erbot sich, mir in aufzuschließen: es saͤßen aber eben zwei Uebel - thaͤter darin. Wie? der Kerker wird noch gebraucht? Allerdings! Wird nicht als ein interessantes Denk - mal des Alterthums behandelt? Ach nein, es fehlt an Platz. Man hat ihn sogar abgetheilt, um noch mehr ar - me Suͤnder hineinsperren zu koͤnnen. So, nun habe ich genug. Die Thuͤr des Kerkers betrachtete ich von aus - sen; sie war im obersten Stockwerk des Thurms und sehr niedrig. Goͤtz, der sich bekanntlich sehr ungern buͤckte, muß beim Hineintreten sich gewaltig gebuͤckt haben. Unmuthig stieg ich wieder hinab. Wohl Schade, daß auch Jahrhunderte nicht im Stande waren, dem Magistrat von Heilbronn achtungsvollere Gesinnungen gegen Goͤtz von Berlichingen einzufloͤßen!

Was ich sonst noch von dieser alten Stadt Jhnen zu sagen weiß, ist blutwenig. Jn einer Kirche finden Sie die zwoͤlf Apostel rathen Sie einmal als was? als Karyatiden! wahrhaftig, als Karyatiden! Sie tragen ganz geduldig die Saͤulen des Gewoͤlbes, vielleicht als ein Symbol der christlichen Gelassenheit. An einem Hau - se lesen Sie in großen Buchstaben: daß Carl der Fuͤnfte sich im Monat December in einer Saͤnfte hineintragen lassen (vermuthlich, weil er krank war), und daß er im Januar zu Pferde wieder herausgeritten, (vermuthlich, weil er gesund geworden.)

24

Stuttgard.

Jch habe in Stuttgard das Theater besucht. Der Saal ist nicht imposant, und wird noch durch eine sehr schmutzige Lampe verunstaltet, die in der Mitte herab - haͤngt. Man gab die Oper Achilles, in welcher ich ei - nen braven Tenoristen hoͤrte, der Krebs heißt, ein schoͤ - ner Mann, und, was man so selten beisammen trifft, zugleich ein guter Schauspieler ist. Die Choͤre giengen gut, wurden auch lebhaft gespielt. Das Orchester, unter Kranzens Direktion, war vortrefflich. Alles uͤbrige verdient keine Erwaͤhnung. Daß Stuttgard eine beruͤhmte Bibelsammlung besitzt, koͤnnen Sie uͤberall lesen; das Bibelsammeln ist eine Liebhaberei, von der ich nichts begreife.

Hechingen und Duttlingen.

Fast mit derselben Empfindung, mit der ich am letz - ten Orte das Baͤchlein ansah, welches der Donau seinen Namen giebt, und fernerhin als ein majestaͤtischer Fluß zwischen bluͤhenden Ufern sich fortwaͤlzt, fast mit derselben Empfindung betrachtete ich zu Hechingen das al - te Schloß Hohenzollern, die Stammburg unsers gu - ten Koͤnigs. Dort oben war es also, wo die reine hei - tere Bergluft das Geschlecht seiner Ahnherren stark und wacker machte, daß es seine Tugenden forterben konnte, bis auf unsere Zeiten. Hier also ist das Baͤchlein ent - sprungen, das, jetzt ein maͤchtiger Fluß, so herrlich zwi - schen gesegneten Ufern stroͤmt! Jn stille, mannichfal - tige Betrachtungen versunken, sah ich lange mit unver - wandtem Blick hinauf; der Mondschein kam meiner Phan - tasie zu Huͤlfe, und ich glaubte endlich, den behelmten Kopf des alten Thassilo zu sehen, der uͤber die grauen25 Mauern herabschaute. Ja, wenn er das koͤnnte, die Freude moͤchte ich ihm goͤnnen!

Zuͤrch.

Sie sehen, ich bin in der Schweiz. Erwarten Sie aber gar keine mahlerische Beschreibung der großen Na - turschoͤnheiten, die ich hier gesehen habe. Der Reisen in die Schweiz giebt es bei Dutzenden, gute, mittelmaͤßige und schlechte, und es laͤßt sich uͤber die Naturwunder die - ses Landes nicht allein nichts Neues mehr sagen, sondern es waͤre auch von Anbeginn besser gewesen, man haͤtte gar nichts daruͤber gesagt. Denn aufrichtig gestanden hat noch je die Beschreibung einer schoͤnen Gegend, waͤre sie auch von Meisterhand, Jhnen ein deutliches Bild vor die Seele geschoben? Mir nie. Man kann mir freilich einen See, dessen Ufer mit lieblichen Landhaͤusern besaͤet ist, zur Rechten hinmahlen, man kann mir die Kette des Jura-Gebirges zur Linken zeigen, den Mont - blanc in den Hintergrund stellen, u. s. w.; man kann sich der poetischen Bildersprache dabei bedienen: in meiner Phantasie wird man doch immer nur ein verwirrtes Bild von allen diesen Gegenstaͤnden wecken; verwirrt und nicht einmal aͤhnlich schwimmt es vor mir herum, und ich su - che vergebens es festzuhalten. Darum war ich von jeher ein Feind von allen solchen Beschreibungen. Die Schweiz muß man selbst sehen, so wie man ein Concert selbst hoͤren muß. Wer mir mit Worten, Gegenden mahlt, der thut noch weniger, als der, der mir eine Symphonie vor - traͤllert. Jch kann und will also weiter nichts von der Schweiz sagen, als daß ich hier und da auf Stellen ge - standen habe, auf denen vermuthlich der liebe Gott stand, als er nach der Schoͤpfung die Welt ansah und sagte: sie26 ist gut. Der Rheinfall hat meine Erwartung nicht uͤber - troffen, aber in einem hohen Grade befriedigt. Manche Reisende hatten mir die Wirkung seines Anblicks geringer schildern wollen, als ich sie wirklich fand. Es ist ein im - ponirendes Schauspiel, an dessen Beschreibung sich keine Feder wagen darf. Die Gegend um Zuͤrich hat mir sehr gefallen, vielleicht doch nur mehr als alle uͤbrigen, weil der Aufenthalt durch gute Menschen mir interessant wurde. Die Aussicht vom Buͤrgeli uͤber den See nach Schneekoppen ist sehr reizend. Fast noch reizender, we - nigstens noch mannichfaltiger, ist die aus den Zimmern des Gasthofes (zum Schwerdt), welche ich bewohnte. Man hat dieser Aussicht im Vorbeigehen schon oft erwaͤhnt; ich will Jhnen etwas umstaͤndlicher nicht beschrei - ben (davor behuͤte mich Gott!) sondern nur aufzaͤhlen, was Sie alles sehen. Das Zimmer ist ein Eckzimmer. Oeffnen Sie ein Fenster linker Hand, so sehen Sie un - ter sich den Fluß, die Limmat, und eine sehr breite Bruͤcke daruͤber, welche zu beiden Seiten mit dichten bun - ten Reihen von Gemuͤse - und Obstverkaͤuferinnen besetzt ist; zwischen denselben spazieren die franzoͤsischen Chasseurs her - um, deren Wachthaus Sie jenseits der Bruͤcke gewahr wer - den, Sie glauben nicht, welch ein Leben und Gewimmel auf dieser Bruͤcke herrscht. Links hinunter erblicken Sie laͤngs dem Flusse zwei lange Straßen, und einen Theil der Stadt. Oeffnen Sie das Fenster rechter Hand, so haben Sie unter ihren Fuͤßen einen freien sehr lebhaf - ten Platz, und gerade vor sich den Zuͤricher See, von la - chenden Landhaͤusern eingefaßt, die wiederum von den Al - pen begraͤnzt sind, uͤber denen sich wiederum die Schnee - koppen erheben. Dies Amphitheater, aus sanfter und rauher Natur zusammengesetzt, mit dem Menschengewim -27 mel gerade unter sich, ist einzig. Die herrlichen Spa - ziergaͤnge um Zuͤrich wuͤrden selbst einen Podagristen zum Spazierengehen verleiten. Geßners Denkmahl ist so ein - fach und schoͤn erfunden, daß man einer Thraͤne sanfter Wehmuth sich kaum erwehren kann. Schade nur, daß die franzoͤsischen Chasseurs, die eben jetzt keine andere Ge - legenheit haben, ihre Namen zu verewigen, sich bemuͤhen, es auf diesem Marmor zu thun. An vielen Stellen fand ich das dreizehnte Regiment der Chasseurs angekritzelt, was sich denn freilich zu dieser Jdyllenwelt paßt, wie ei - ne Flinte zu einem Rosenstrauch. Auf der Bibliothek nun, da stehen viele Buͤcher. Mehr kann ein gewoͤhnli - cher Reisender wohl selten von einer Bibliothek sagen. Ein Paar eigenhaͤndige Briefe von der beruͤhmten und ungluͤck - lichen Johanna Gray haben mich interessirt. Sie sind in Religionsangelegenheiten, in sehr gutem Latein, und so schoͤn geschrieben, als habe sie jeden Zug dem Schreib - meister nachgemahlt.

Lavaters physiognomisches Kabinet habe ich nur fluͤch - tig gesehen. Das Merkwuͤrdigste darin sind nicht sowohl die vielen Gesichter, welche er gesammelt hat, als viel - mehr die Unterschriften, mit welchen er jedes bedeu - tende oder unbedeutende Gesicht beehrte. Man kennt sei - nen umwoͤlkten Lapidarstyl. Zuweilen scheint es ihm viel Muͤhe gemacht zu haben, recht viel Seltsames in dunkle oder neugemachte Worte zusammen zu pressen. Die Stimmung der Schweizer gleicht uͤberall noch immer ei - nem wogenden See, aus dem ein unterirdisches Feuer ploͤtzlich Klippen hervorgetrieben, an denen die eingeeng - ten Wellen jetzt ohnmaͤchtig schaͤumen. Die Waͤnde der Wirthshaͤuser sind oft mit bittern Ein - und Ausfaͤllen bekritzelt, die zuweilen nicht ohne Witz sind. Den heftig -28 sten Haß naͤhren die Schweizer gegen den General Ander - matt, den Bombardierer von Zuͤrich. Er lebt auf seinem Landgute ruhig, weil die tiefste Verachtung ihn schuͤtzt. Auf die Russen sind sie auch nicht gut zu spre - chen. Sie ruͤhmen dem General Korsakoff nach, daß er die Bibliothek fleißig besucht, und sich fuͤr die Wissenschaf - ten interessirt habe; uͤbrigens aber halten sie ihn fuͤr kei - nen geschickten General. Als man ihm rapportirte, die Franzosen haͤtten bereits einen Berg besetzt, der Zuͤrich dominirt, sagte er: tant mieux! c'est que je les at - tendois. Gleich darauf mußte er aber retiriren, und wußte nicht einmahl, aus welchem Thore er seine Flucht bewerkstelligen sollte; die Zuͤricher mußten ihm den Weg zeigen. Seine Bagage gieng dennoch verloren; die Fran - zoͤsischen Husaren machten große Beute, und hatten der beschwerlichen Laubthaler so viele in ihren Muͤzzen, daß sie gern zehn bis fuͤnfzehn fuͤr einen Louisd'or im Golde gaben, weil sie das Gold leichter fortbringen konnten. Jn der That muß man hierher nach Zuͤrich reisen, um aus jedem Munde eine Menge von merkwuͤrdigen Anekdo - ten zu hoͤren, die gar nicht bekannt geworden sind, und dennoch ein helles Licht auf die damaligen Begebenheiten werfen.

Baden, in der Schweiz.

Hier fand ich eine Verordnung des Sittengerich - tes angeschlagen, die eben kein Kompliment fuͤr den Geist unserer Zeit ist. Sie soll im Ganzen eine anstaͤndigere Beobachtung der Sonntagsfeier einschaͤrfen: sie verbietet Spielen, Tanzen, Vogelschießen, Fischefangen, Schwim - men u. dgl. am Sonntage, und befiehlt: daß alle ver - heirathete Buͤrger in der Kirche in Maͤnteln, die ledi -29 gen aber in Roͤcken und nicht in Jaͤckerlen erscheinen sollen. Das Frauenzimmer (heißt es weiter) wird im Anzuge jenen Anstand beobachten, der der Heiligkeit des Ortes, der Reinigkeit ihrer Gesinnungen, so wie der Schamhaftigkeit Ehre macht. Jch moͤchte in der That wohl einmahl unsere vermummten Uraͤltermuͤtter mit ihren halbnackten Urenkelinnen in die Kirche gehen sehen; wie schnell wuͤrden jene in ihre Graͤber zuruͤckkehren, und sich auf die Gesichter legen, um der entflohenen Scham unserer jungen Maͤdchen nicht nachschreien zu muͤssen! Uebrigens gereicht es der Schweiz zur Ehre, daß sie Sit - tengerichte hat; das kuͤndigt doch zum mindesten ein Bestreben an, die Sitten zu erhalten. Es faͤllt mir eben sonst kein Europaͤisches Land ein, wo man derglei - chen faͤnde. Gebaͤude, die den Einsturz drohen, pflegt man wohl zu stuͤtzen, damit sie die Voruͤbergehenden nicht todt schlagen. Sittenvernichtung aber, die nur Seelen vergiftet, laͤßt man in Gottes Namen um sich greifen, wie vor ein paar Jahren die Fichtenraupe, bis die Men - schen eben so saftlos dastehen, wie die Baͤume in jenen ver - heerten Waͤldern.

Bern Lausanne Genf.

Was kann ich von allen diesen Staͤdten Jhnen sagen, als daß ich da gewesen bin und gesehen habe, was hun - dert Andre vor mir sahen? Die Staͤdte gehoͤren nicht zu den Schoͤnheiten der Schweiz: sie sind, besonders die groͤßern, alt, winkelig, von engen, schmuzzigen Straßen durchschnitten, welchen hohe Haͤuser vollends die freie ge - sunde Luft benehmen. So gesund die Schweizer-Luft draußen vor den Thoren seyn mag, so ungesund ist sie ge - wiß in den Staͤdten; doch nehme ich einige der kleineren30 davon aus, besonders die am Genfer See so niedlich ge - legenen, freundlichen Staͤdtchen Morges und Rolle. Jch hatte mich darauf gefreut, das seit vierthalb Jahr - hunderten beruͤhmte Beinhaus bei Murten zu sehen, wo nach dem großen Siege uͤber Karl von Burgund 1476 die Gebeine der Erschlagenen gesammelt wurden. Lei - der wird dessen Staͤtte kaum mehr gefunden. Die Fran - zosen haben es im vorigen Jahre weggerissen, die Kno - chen in den See geworfen und zerstreut. Warum? das wissen sie vermuthlich selbst nicht. Eine kindische Zerstoͤ - rungssucht scheint sich ihrer oft zu bemaͤchtigen. Jndessen lagen doch noch so viele Rippen, Hirnschalen und Beine auf dem Platze, um welche sich niemand bekuͤmmert, daß er hieran wohl noch einige Jahre kenntlich bleiben wird.

Jn Genf habe ich bey einem Mahler St. Ours ein treffliches historisches Gemaͤhlde gesehen. Da diese Gat - tung von Mahlerei die einzige ist, die ich enthusiastisch liebe, und doch so selten kultivirt finde, so gewaͤhrte mir der Anblick desselben einen wahren Genuß. Es ist sehr groß, nimmt eine ganze Wand ein, und stellt die Olympi - schen Spiele dar, in dem Augenblick, wo der Sieger seinen dritten Gegner uͤberwunden hat, der zusammenge - sunken noch auf seinem starken Arme ruht. So tritt er vor den Kampfrichter, und fordert den Preis; der Rich - ter greift nach dem Kranze, das Volk umher jauchzt ih - nen zu, die Ueberwundenen werden fortgetragen. Der ent - zuͤckte Vater des Siegers steht unter den Zuschauern, auch Sokrates wird man gewahr, und die Priesterinnen der Ceres (die einzigen, welche den Spielen beiwohnen durften) sitzen dem Richter zur Seite. Diese Priesterinnen hat der Mahler als außerordentlich schoͤne junge Maͤdchen darge - stellt, und ihre Schoͤnheit wird durch das Costuͤm noch31 erhoͤht; eine derselben erhebt sich unwillkuͤhrlich von ihrem Sitze, und ihre mit liebenswuͤrdiger Naivetaͤt nach dem Sieger hinstrebende Stellung, scheint anzudeuten, daß sie mehr Theil an ihm nimmt, als einer Priesterinn ge - ziemt, auch wird sie von einer ihrer Schwestern sanft zu - ruͤckgedruͤckt. Diese Gruppe, so reizend sie ist, scheint mir deshalb ein Fehler in dem Gemaͤhlde, weil sie das Au - ge, von der Hauptsache ab, zu sehr auf sich, und immer wieder auf sich zieht. Auch ist vielleicht der Sieger ein wenig steif, und das Kolorit seines Koͤrpers nicht das be - ste. Doch ich bin, Gott sey Dank, nicht Kenner genug, um zu kritisiren; ich habe empfunden, das ist genug. Von St. Ours gieng ich zu dem beruͤhmten Deluc, einem sehr wakkern alten Manne, der mir sein schoͤnes Kabinet von Steinen, Laven und Conchylien mit der groͤßten Be - reitwilligkeit zeigte. Schade, daß ich so wenig davon ver - stehe! Er erklaͤrte sich sehr stark gegen die Hypothese, daß die sogenannten Mondsteine wirklich aus Mondvulca - nen auf unsere Erde herabgeschleudert wuͤrden. Das Gra - vitations-Gesetz, meinte er, lasse es durchaus nicht zu, daß irgend ein Staͤubchen sich von seinem Planeten ent - ferne. Was er uͤberhaupt uͤber die Vulcane und ihre Ent - stehung sagt, ist aͤußerst interessant. Ohne Seewasser, meint er, koͤnne es keine Vulcane geben: immer werde man diese nur in der Naͤhe der See finden; das Seewas - ser sey durchaus nothwendig, um jene Gaͤhrung hervorzu - bringen. Anfangs sey jeder Vulcan nur ein bloßes Loch in der Erde, welches nach und nach, durch das Jahrtau - sende lang fortgesetzte Auswerfen, zum Berge werde. Als ich ihm laͤchelnd einwandte, daß auf diese Weise eine un - geheure Zeit dazu gehoͤre, z. B. den Aetna zu schaffen, und daß dadurch das biblische Alter der Welt verdaͤchtig32 werde, leugnete er das, weil die Vulcane von Anbeginn sich vielleicht schon unter dem Wasser zu Bergen zu bil - den angefangen haͤtten, wie auch die vielen Seethiere auf ihren Gipfeln bewiesen. Jch haͤtte ihm gern noch Stun - den lang zugehoͤrt, aber freilich kann ich Laie Jhnen das nicht so wieder erzaͤhlen.

Das Theater in Genf fand ich nicht ganz schlecht. Man gab unter andern Monsieur de Crac dans son pe - tit Castel, worin einige gute Komiker auftraten. Die Lo - ge des Maire sieht aus, wie ein Papagaien-Kaͤfich; denn sie ist rings umher mit Drath beflochten. Eine sonderba - re Auszeichnung. Die haͤßliche Mode der Schauspie - ler, Loͤcher in den Vorhang zu reißen, um ihre Nasen hindurch zu stecken, herrscht zwar auch hier, aber wenig - stens hat man auf eine Weise, die ich noch nirgend gese - hen, dafuͤr gesorgt, daß aus den Loͤchern keine Schli - tzen werden! man hat sie nehmlich mit Blech eingefaßt. Jn Berlin verdankt man es Jffland (dem man so vieles verdankt), daß dieser Uebelstand von dem Vorhange ver - schwunden ist. Lieber, als alle Dekorationen des Gen - fer Theaters, haͤtte ich den Mont blanc gesehen, der mir leider nicht die Freude machte, aus seinem Wolkenschleier hervor zu treten. Doch dieser Altvater bleibt ja, wo er ist, und ich hoffe, ihn einmal auf derselben Stelle wieder zu finden. Eine andere Merkwuͤrdigkeit von Genf hinge - gen habe ich ungern vermißt. Die beruͤhmte Verfasserin der Delphine nehmlich hatte sich auch in ihren Schleier gewickelt, und war, ich weiß nicht wohin, gereist. Zum vollguͤltigen Ersatz fuͤr diese zerstoͤrte Hoffnung fuhr ich nach Ferney, und betrat dies Heiligthum mit klopfen - dem Herzen. Jch hatte in Petersburg das Modell davon gesehen, (es steht in der Eremitage in Voltaire's Biblio -33 thek), und erwartete daher, was die Gebaͤude betrifft, mehr als ich fand; so wie gewoͤhnlich eine gemahlte Stadt sich besser ausnimmt, als eine wirkliche. Doch um des sogenannten Schlosses Ferney willen war ich ja auch nicht hierher gekommen; nur den Ort wollte ich betreten, wo Voltaire gelebt, gewandelt, gedichtet; in den Empfindun - gen wollte ich schwelgen, die an einem solchen Orte eine reizbare Phantasie so leicht erweckt. Das Haus gehoͤrt frei - lich jetzt, ich weiß nicht welchem Kaufmann; aber er hat Achtung fuͤr Voltair's Andenken bewiesen, indem er dessen Schlafzimmer ganz so gelassen, wie Voltaire es bewohnte.

Da stand noch sein Bett mit den verblichenen gelbsei - denen Umhaͤngen, da hing noch Le Kains Portrait uͤber dem Bett, Friedrich der Große daneben, eine Stickerei der Kaiserin Katharina und so manches andere. Jn einer Nische war noch die Urne zu sehen, in welcher sein Herz gelegen, mit der Unterschrift: ich bin zufrieden, denn mein Herz bleibt unter euch. Jn einem andern Zimmer fanden wir noch das Billard, auf dem er zu spielen pfleg - te, und auch noch eine lebende Reliquie wandelt im Hause herum, ein alter Prediger, der 9 Jahre hier mit Voltaire gelebt hatte. Jch kann die sonderbare Weh - muth meiner Empfindungen nicht in Worte kleiden. Sie, liebe Freundin, so reich an Zartgefuͤhl, verstehn mich ganz, auch ohne Worte.

Hier endet meine Reisebeschreibung durch die Schweiz, der Sie wenigstens nicht Weitlaͤuftigkeit vorwerfen werden. Mache ich einst eine Fußreise in diesen romantischen Ge - genden (und das ist mein fester Vorsatz), dann ja dann hoffe ich auch mehr zu empfinden, als zu schreiben. Zu Fuß muß man die Schweiz besuchen; das Reisen im Wagen ist aͤußerst langweilig und sehr theuer. Wenn so34 ein Schweizer Kutscher mit seinen wohlgemaͤsteten Pfer - den Sie in einem Tage vier bis fuͤnf deutsche Meilen fort - geschneckelt hat (verzeihen Sie mir das neue Wort, es ist bezeichnend), so meint er Wunder wie viel gethan zu haben, und dann muͤssen Sie ihm fuͤr seine zwei Pfer - de drei Laubthaler bezahlen, und eben so viel fuͤr den an - dern Tag, wo er ledig zuruͤckgeht; dabei sind Sie gezwun - gen, Mittags und Abends still zu liegen, wo es ihm be - liebt, und sich in den theuren Wirthshaͤusern prellen zu lassen. Das letztere geschah jedoch, gegen meine Erwar - tung, weniger in kleinen Staͤdten und Doͤrfern, als in den besten Wirthshaͤusern der großen Staͤdte, die oft nicht einmal so gut waren, als die der kleinen. Fast uͤberall war die Bedienung schlecht. Ein Beyspiel mag fuͤr viele gelten. Jch fahre zu Lausanne in den goldnen Loͤwen, den Reichardts Guide de voyageurs als den besten Gasthof nennt. Jst hier Platz? frage ich den Kellner, der an den Wagen tritt. Ja. Aber, fahre ich fort (weil ich schon einigemal durch ein solches Ja betrogen worden war) auch guter Platz? O ja. Jch brauche zwei Zimmer. Zu Befehl. Man fuͤhrt mich drei schlechte Treppen hoch, durch allerlei schmu - tzige Winkel, und zeigt mir Ein Zimmer. Wo ist das andere? Zwanzig Schritte davon. Jch wuͤnschte die Zimmer zusammenhaͤngend. Sind nicht zu haben. Wohlan, ich begnuͤge mich, fin - de aber in beiden Zimmern keinen Tisch. Man bringt endlich Tische. Jch bestelle Thee. Nach einer gu - ten Stunde wird er fertig. Jch frage: wann kann ich morgen fruͤh Kaffee haben? So fruͤh Sie be - fehlen. Um fuͤnf Uhr? O ja. Der Morgen kommt, aber kein Kaffee. Jch will klingeln, aber es giebt35 keine Klingel. Jm Kamin unter der Asche glimmen noch Funken; ich will mir selbst Feuer machen, aber es ist kein Blasebalg da. Endlich bringt mein Bedien - ter um sechs Uhr den Kaffee. Warum so spaͤt? fra - ge ich. Alles schlaͤft noch im ganzen Hause; die brum - mende Koͤchin hat er herausgetrommelt. Und der Kell - ner, der gestern versprach? Er schlaͤft. Und der Hausknecht, der Feuer im Kamin machen soll? Er schlaͤft.

Alle diese Vernachlaͤßigungen und Hudeleien sind Klei - nigkeiten, wenn Sie wollen; aber gestehen Sie, daß man aͤrgerlich daruͤber werden kann, besonders wenn man, trotz der Unordnung, so uͤber alle Gebuͤhr bezahlen muß. Ein Wachslicht wurde mir in dem nehmlichen Hause zu ei - nem Franken (8 oder 9 gute Groschen) angerechnet, ein Abendessen von drei Schuͤsseln fuͤr die Person einen Laub - thaler u. s. w. Fuͤr einen Menschen, der, so wie ich, fruͤh aufzustehen gewohnt ist, ist es hoͤchst unangenehm, daß man in der Schweiz und in Frankreich so lange schlaͤft. Jn Genf, wo ich aux balances wohnte, sagte mir der Kellner geradezu: er koͤnne so fruͤh keinen Kaffee schaffen; denn die Russen und Englaͤnder traͤnken ihn weit spaͤ - ter. Am besten thut man, alles bei sich zu fuͤhren, mit eigenem Feuerzeuge ein warmes Zimmer zu machen, und beim Kamin seinen eigenen Kaffee zu kochen. Gluͤck - licher Weise gilt es auf Reisen vom Guten wie vom Boͤ - sen, daß man die Dinge oft anders findet, als man sie sich vorgestellt hatte. So war mir z. B. vor der franzoͤ - sischen Douane sehr bange gemacht worden: man visitire sehr streng, man werfe alles durch einander, man sey grob. Von dem allen fand ich das Gegentheil. Die Grenz - Zollbeamten waren sehr hoͤflich, warfen einen Blick in mei -36 nen Paß, oͤffneten meinen Koffer nur obenhin, und hiel - ten mich keine fuͤnf Minuten auf. Die Visitatoren nah - men zwar eine Kleinigkeit; aber ein anderer Beamter, der dabei stand, und mir mehr zu bedeuten schien, fand sich fast beleidigt, als ich ihm eine Erkenntlichkeit in die Hand druͤcken wollte. Einigen neueren Nachrichten zufolge hatte ich befuͤrchtet, die Haͤlfte des Werthes meines Rei - sewagens deponiren zu muͤssen; aber niemand dachte dar - an, mir etwas abzufordern. Das Gesetz gilt nur von Englischen Wagen, die zur See eingebracht werden.

Cerdon.

Unaussprechlich angenehm bin ich durch die Reise von Genf bis hierher uͤberrascht worden. Jch wußte nichts davon, daß ich hier Gegenden sehen wuͤrde, welche alles, was ich in der Schweiz erblickte, weit hinter sich lassen. Jedermann reist in die Schweiz, und sagt sein Woͤrtchen daruͤber, und meint, nun habe er das Herrlichste bewun - dert, was die Natur zur Schau gestellt; aber sicher wuͤr - den die meisten gleich mir staunen, wenn sie nun ihren Weg nach Lyon fortsetzten, wenn sie durch das Fort Eclu - se sich durchwaͤnden, wo zwischen dem rauschenden Rhone und den gethuͤrmten Felsen jeder Eidechse der Weg ver - schlossen scheint; wenn sie die wilden, fuͤrchterlich roman - tischen, schroffen Klippen saͤhen, von welchen in kleinen, kaum hundert Schritt weiten Entfernungen, die Wasser - faͤlle bald stuͤrzen, bald troͤpfeln, oft auch nur durch die Steine schwitzen, und ganze Berge mit einem flimmern - den Glanze uͤberziehen. So windet man sich bis in die Gegend von Avranchy, und sieht immer unter seinen Fuͤ - ßen die tausend Kruͤmmungen des murrenden Rhone, der vergebens seinen Schaum zu den zahllosen Weinbergen hin -37 aufzuspritzen strebt; bis er sich endlich bruͤllend in eine grundlose Felsenschlucht stuͤrzt, und ganz von der Ober - flaͤche der Erde verschwindet; dreihundert Schritte weiter bricht er mit Ungestuͤm wieder hervor, um aufs neue seiner Braut, der Saone, entgegen zu eilen. Die Strecke Landes, unter der er tief im Schooß der Erde fortrollt, ist oben mit ausgewaschenen und durchloͤcherten Felsenstuͤcken bedeckt; denn in der Regenzeit ist das Grab, welches den Rhone verschlingt und wieder ausspeit, zu klein, um alle seine Gewaͤsser zu verschlucken: sie waͤlzen dann zum Theil sich oben fort, und so laufen zwei Fluͤsse uͤber einander, nur durch eine duͤnne Felsenschicht geschie - den. Sie fahren weiter, und glauben jeden Augen - blick, das Ende des Weges vor sich zu sehen; aber dort, wo die Felsen sich zu schließen scheinen, kruͤmmt sich ploͤtz - lich der Pfad zwischen ihnen hindurch, und eine neue ro - mantische Welt oͤffnet sich Jhren erstaunten Blicken: bald ist es ein kleiner See, der einem Erdfall gleicht; bald sind es schroffe Felsen, an denen unbegreifliche Fußsteige sich hinaufwinden, und wo Sie zwischen bizarr gethuͤrm - ten Steinmassen der Natur einen Weinberg abgetrotzt se - hen; bald sind es einsame Muͤhlen an Klippen gelehnt, von welchen sich Wasserfaͤlle auf die Daͤcher herabzustuͤr - zen scheinen. Von ununterbrochenem Staunen gefesselt, gerathen Sie so bis in die Gegend von Nantua, in ein Thal, welches ich das Thal der Verzweiflung nennen moͤch - te. Etwas so wild Schauerliches sah ich nie. Die ein - zelnen zerstreuten Haͤuser scheint irgend ein Robinson er - bauet zu haben, der in der großen Welt Schiffbruch litt. Hier, wie auf Novazembla, ist die Sonne im Winter nicht sichtbar: die schwarzen nackten Felsen woͤlben sich zum Kerker, kein Vogelgesang mischt sich in das Rauschen der38 Quellen, die von den Klippen herabschaͤumen, und kuͤhle Moraͤste umschließen die kleinen Ackerplaͤtze, die der muͤh - same Fleiß des Menschen der wilden Natur abgebettelt hat. Doch siehe, eine abermalige Kruͤmmung des We - ges, und ploͤtzlich sind Sie mitten in Nantua, einem freundlichen Staͤdtchen, trotz den Felsen, die uͤber allen Haͤusern hervorragen. Aber kaum haben Sie es ver - lassen, so umgiebt Sie abermals die mahlerische Wildniß: Felsen und ein See klemmen den Reisenden; aber es sind nicht mehr die wellenfoͤrmigen Bergruͤcken; es sind seltsa - me Gestalten von aufrecht stehenden Steinen, die irgend eine Umwaͤlzung der Erde im grauen Alterthume in und auf einander schob, Gestalten, von denen man zuweilen schwoͤ - ren sollte, es waͤren riesenmaͤßige Statuͤen, in einem ro - hen Zeitalter verfertigt. Da steht unter andern gleich hin - ter Nantua rechter Hand eine Riesengestalt auf einer Klip - pe, und uͤberschaut, wie ein Koͤnig des Landes, vermuth - lich seit Jahrtausenden, die ganze umliegende Gegend. Jetzt erblicken Sie auch hier und dort Ruinen alter Bur - gen; Kluͤfte und Hoͤhlen, zu denen die Menschen sich nur mit Stricken hinaufwinden koͤnnen; tiefgefurchte Felsen, die seit Jahrtausenden von den Regenguͤssen zerackert wor - den; dazwischen wieder Weinberge und neue Kreuze, Zeugen des Fleißes und der wiederkehrenden Froͤmmigkeit. Endlich gerathen Sie in ein sehr enges kaltes Thal, von duͤstern Nadelwaͤldern beschattet; Sie sehen den Ausgang von einer Felsenwand geradezu versperrt, und hier ist es, wo die Natur hinter jener Felsenwand, in ihrer gan - zen Majestaͤt thronend Jhnen das uͤberraschendste Schau - spiel aufgespart hat. Denn ploͤtzlich treten Sie wie aus einer Coulisse hervor, sehen ein schmales lachendes Thal, sehen linker Hand große und kleine Wasserfaͤlle hoͤher und39 niedriger von den Felsen herabstuͤrzen, große und klei - ne Baͤche herunterrieseln, unten vereinigt durch gruͤne Wie - sen sich fortschlaͤngeln, sehen hinter sich eine zerfallene Burg auf einer gaͤnzlich unterwaschenen Klippe, und weiter links abermals die Ruinen eines Schlosses, dem der wohlerhal - tene Wartthurm auf dem entfernteren Bergruͤcken nicht mehr zum Schutze dient; sehen rechts mit ganz zuruͤckge - bogenen Nacken die schroffesten, gleich einer Wand von Quadersteinen abgeschnittenen Felsen, die hoch oben ein drohendes Gewoͤlbe bilden, unter welchem der Wanderer nur mit Grauen hinwegschleicht; denn hier und dort war - nen ihn abgerissene, herniedergerollte Steinklumpen; und unter diesem furchtbaren Gewoͤlbe schimmern dennoch hier und da die blauen Fruͤchte des Weinstocks herab, und dicht am Rande desselben steht ein neues Haus von hervorragenden Steinen in der Luft getragen; den Hin - tergrund dieses goͤttlich-schoͤnen Thales schließt das Staͤdt - chen Cerdon mit weißen freundlichen Haͤusern. Ver - zeihen Sie, wenn ich, meinem Vorsatz ungetreu, fast zu einer Beschreibung hingerissen worden bin. Ach! hier war es, wo mich zum ersten Male wieder ein Gefuͤhl wehmuͤ - thiger Heiterkeit ergriff. Wahrlich! die Schoͤnheiten des Weges von Genf bis Cerdon sind allein einer Reise werth, und vielleicht am meisten jetzt in der Weinlese, wo man uͤberall die frohen Menschen sich regen und be - wegen sieht, und wo jeder lachend bekennt, daß er nicht Gefaͤße genug hat, den Segen der Natur einzusammeln. Alle Augenblicke begegnen Jhnen große Wagen mit off - nen, voll Weintrauben gepfropften Faͤssern, oder die Faͤs - ser stehen in langen Reihen an der Landstraße, und Alt und Jung ist beschaͤftigt, die Trauben hineinzustampfen. Lockt Sie der Anblick, sind Sie durstig, so fordern Sie40 nur: alsobald erscheint eine artige Winzerin, und haͤlt Jhnen einen Korb voll auserlesener Trauben hin. Pre - nez tant que vous voudrez, sagt Jhnen der Herr des Weinberges, vous ne payerez rien. Hinter Cerdon wird die Gegend flacher und lieblicher, doch behaͤlt sie auch hier noch etwas Majestaͤtisches durch die Kette von Schneegebirgen, die man links in weiter Entfernung gleich lichten Wolken erblickt. Schade, daß diese herrliche Straße so oft von Doͤrfern und kleinen Staͤdten unterbro - chen wird, oder vielmehr, daß man durch diese hindurch fahren muß; denn etwas Schmutzigeres, als jene Woh - nungen, sah ich kaum in Polen.

Lyon.

Jch moͤchte diese große Stadt eine einzige ungeheure Bude nennen; denn ich habe fast kein Haus gesehen, in dem nicht irgend etwas zum Verkauf ausgestellt waͤre: die in der Revolution zerstoͤrten Haͤuser ausgenommen, de - ren, leider, sehr viele sind. Die Ruinen einer roͤmi - schen Wasserleitung sind praͤchtig, und erregen ein ange - nehmes Staunen. Das alte roͤmische Bad ist unbedeu - tend, und nur durch den Weinberg merkwuͤrdig, der es jetzt bedeckt. Sehr wohl erhalten ist es freilich, Dank sei - nem treflichen Cement, von dem unser Fuͤhrer mir er - zaͤhlte, daß selbst die Alles zerstoͤrenden Jakobiner verge - bens versucht haͤtten, mit ihren Saͤbeln etwas abzukratzen. Er zeigte mir die Spuren, welche diese Vandalen hinter - lassen hatten. Jn einer Kirche stehen vier kostbare Saͤulen, die, glaube ich, einst einen Altar Kaiser Augusts stuͤtzten; aber noch immer scheint der Vandalismus sich zu regen; denn ich fand so eben Arbeiter beschaͤftigt, mit ganz unsaͤglicher Muͤhe Loͤcher in diese harten Saͤu -41 len zu hauen und zu graben, um ein eisernes Gitter darin zu befestigen, daß sie eben so gut und weit leichter auf eine andere Art haͤtten befestigen koͤnnen. Leider wa - ren sogar schon oͤfters dergleichen Versuche gemacht wor - den; denn ich sah mehrere Loͤcher in den Saͤulen, die mit Kalk wieder zugefuͤllt waren. Ein angenehmer Spa - ziergang am Wasser fuͤhrt bis zu dem Zusammenfluß der Rhone und Saone, der jedoch bei weitem nicht den schoͤ - nen Anblick gewaͤhrt, wie der Zusammenfluß des Rheins mit dem Maine. Der Kay, von dem einst einer mei - ner Bekannten behauptete, er uͤbertreffe den Kay zu Pe - tersburg, ist mit diesem letztern gar nicht zu vergleichen. Dort die Breite, majestaͤtische Newa, mit den Pallaͤsten zu beiden Seiten, hier die schmale Rhone mit groͤßten Theils unansehnlichen Haͤusern; dort der Fußpfad und das Gelaͤn - der von Granit, hier ein gepflasterter Fußpfad und gar kein Gelaͤnder; dort der Strom mit Schiffen und niedlich geschmuͤckten Schaluppen bedeckt, hier mit großen platten Boͤten, in welchen lange Reihen von Waͤscherinnen schmu - tzige Waͤsche auf Baͤnken klopfen, und dann vor dem Au - ge des Spaziergaͤngers zum Trocknen aushaͤngen. Jn einer Fabrik, die ich besah, wurden eben Fensterkis - sen, zum Auflegen der Arme, fuͤr Bonaparte gemacht; sie waren auf blauem Grunde mit Gold und Silber sehr reich gestickt, und kosteten sicher mehr, als vormals das ganze Gehalt dieses außerordentlichen Mannes betrug. Das Theater in Lyon ist in jeder Ruͤcksicht mittelmaͤßig. Man gab Eugenie; die Rolle des ersten Liebhabers, Lord Clarendon, wurde von einem sechzigjaͤhrigen Manne ge - bruͤllt, und je aͤrger er bruͤllte, je toller klatschten die Zuschauer, auch wenn sie nichts verstanden hatten; denn der Laͤrm im Theater war fast noch aͤrger, als zuweilen42 in Berlin, welches bekanntlich viel sagen will. Alles schimpft hier auf die Revolution, entweder aus Ueber - zeugung, oder weil es jetzt Mode ist, darauf zu schim - pfen. Dennoch haben sich noch manche Ueberreste aus den Revolutionssitten erhalten; z. B. Maͤnner aus allen Klas - sen nehmen den Hut nicht mehr ab, Hausknechte und Postillione sogar treten mit dem Hut auf dem Kopfe zu Jhnen in's Zimmer. Wenn das bloß eine Mode waͤ - re, so moͤchte es immer hingehen, denn Frauenzimmer und Tuͤrken nehmen ja auch die Huͤte nicht ab; aber in so fern es ein Zeichen der hochbelobten égalité und fra - ternité seyn soll, in so fern ist es abgeschmackt.

Zwischen Lyon und Paris.

Wenn Sie jemals eine Reise durch Frankreich ma - chen, so rathe ich Jhnen, es ja nicht mit Jhrem eigenen Wagen, mit Extrapost zu thun: denn Sie werden zwan - zig Mal mehr ausgeben, als Sie sich vorgenommen hat - ten, und die Schikanen und Neckereien nehmen kein En - de. Zuerst sind die Postverordnungen in Ansehung der Anzahl der Pferde, welche Sie nehmen muͤssen, die son - derbarsten von der Welt, und Sie werden dadurch ganz in die Haͤnde des Posthalters gegeben. Zwei Personen muͤssen 3 Pferde nehmen und 4 bezahlen, 3 Personen muͤs - sen 4 Pferde nehmen und 5 bezahlen u. s. w. Dabei wird nicht die geringste Ruͤcksicht auf den Wagen und das Ge - paͤck genommen, es sey so leicht es wolle. Jn Genf spaͤnnte man mir 2 Pferde vor, denn in der That bedurf - te ich nicht mehr. Einige Stationen weiter gab man mir 3, in Lyon 4, und ich mußte 5 bezahlen; endlich drang man mir gar auch zwei Postillions auf, um des doppel - ten Trinkgeldes willen. Hierzu kommt denn noch das43 Geld fuͤr die Barriere, welches fuͤr jede Lieue erhoben wird, und jedesmal 12 Sous ausmacht. Noch nicht genug! Sie geben einen Louis zu wechseln, man bringt ihn nach einer Viertelstunde zuruͤck, und behauptet, er sey zu leicht, Sie muͤssen 20 bis 40 Sous daran verlieren; oder man sagt gar, er sey falsch, tauscht auch wohl Jhren aͤchten Louis ge - gen einen falschen aus, wie mir wirklich widerfuhr. Oder Sie bezahlen in Laubthalern, die nimmt man nicht, weil sie beschnitten sind. Oder Sie wollen in kleiner Muͤnze bezahlen, die giebt man ihnen zuruͤck, weil sie zu glatt ist, der Stempel darf nicht im Geringsten verwischt seyn. Zwar, wenn Sie Gold wechseln, so erhalten Sie sicher jedes Mal eine ganze Hand voll solcher glatten Muͤnze zuruͤck, und wenn Sie sie nicht nehmen wollen, so bewei - set man Jhnen Stuͤck fuͤr Stuͤck, daß sie aͤcht sey, und, dem Gesetz zu Folge, Jedermann sie nehmen muͤsse; wollen Sie aber dem nehmlichen Mann einige Minuten nachher wieder damit bezahlen, so schlaͤgt er sie ganz tro - cken mit den Worten aus: ça n'est pas marqué. Da moͤgen Sie sich aͤrgern, wie Sie wollen, es hilft nichts, und Sie bringen sicher am Ende eine ganze Tasche voll glatter Muͤnze mit nach Paris. Das ist noch nicht Alles. Reisen Sie mit Extrapost, so scheint das gleich - sam eine Aufforderung an alle Gastwirthe zu seyn, Sie ganz unverschaͤmt zu prellen. Sie werden es kaum fuͤr moͤglich halten, wenn ich Jhnen sage, daß ich einst in einer kleinen Stadt fuͤr einen Eierkuchen und eine Bouteille Landwein, (der an Ort und Stelle 8 bis 12 Sous kostet) zwei Laubthaler habe bezahlen muͤssen. Jn großen Staͤdten und Wirthshaͤusern kommt vollends noch die unersaͤttliche Habsucht der Domestiken hinzu; in Lyon z. B. waren deren nicht weniger als zehn, die44 Trinkgeld verlangten, die Koͤchin, zwei Stubenmaͤdchen, die Feuer machen und Essen bringen, eine andere, die das Bett macht; wieder eine andere, die Kaffee und Thee bringt, dann verschiedene Hausknechte, der Kutscher und endlich noch ein Stallknecht, der den Reisewagen gewa - schen hatte. Da koͤnnen Sie sich nicht anders durchschla - gen, als mit dem vollen Beutel in der Hand. Diese schreckliche Jagd auf fremde Beutel ruͤhrt zum Theil von der großen Armuth und von dem Mangel an Reisenden her, uͤber den ich uͤberall klagen hoͤrte. Die Englaͤnder, die sonst am meisten reisen und Geld verschwenden, duͤr - fen sich nicht mehr sehen lassen, und eine Menge anderer Reiseliebhaber lassen sich durch die kriegerischen Zeiten ab - halten. Das ungebuͤhrliche Erpressen der Gastwirthe und Posthalter ist aber wiederum auf der andern Seite Ursa - che, daß selbst die wohlhabendsten und angesehensten Leu - te in Frankreich nicht mehr mit Extrapost reisen. Un - zaͤhlige Diligencen, sogenannte Berlinen und Cabrio - lets durchkreuzen alle Straßen; sie sind saͤmmtlich be - quem, in Ressorts hangend, und gehen fast schneller als die Extraposten. Der Reisende kann, wenn er Bequem - lichkeit liebt, einige Plaͤtze mehr bestellen, als er wirklich braucht, ja er kann die ganze Berline fuͤr sich allein nehmen, und es wird ihm immer noch nicht die Haͤlfte von dem kosten, was er fuͤr Extrapost ausgeben muͤßte. Jn allen Wirthshaͤusern findet er einen guten Tisch fuͤr sehr maͤßige Preise; der Conducteur macht die Auslagen, und sorgt fuͤr Alles; mit den Postillionen hat er nichts zu schaffen, und fuͤr Wagenreparaturen braucht er nicht zu sorgen. Aller Aerger und alle Prellerei fallen auf die - se Weise hinweg, und ich rathe daher einem jeden, sei - nen eigenen Wagen in einem Grenzort stehen zu lassen,45 besonders wenn er etwa, so wie ich, seinen Reisewagen in Berlin gekauft hat; denn dort wird oft so schlechtes, muͤrbes Eisen verarbeitet, daß man auf den gepflasterten Chausseen in Frankreich alle Augenblicke genoͤthigt ist, et - was repariren zu lassen, und da ist denn oft der Schmidt so unverschaͤmt, fuͤr eine simple Schraube oder ein klei - nes zusammen geschmiedetes Stuͤckchen Eisen, zehn Thaler zu fordern. Verzeihen Sie mir diese klei - nen Details, zu Gunsten so mancher unerfahrnen Reisen - den, denen sie nuͤtzlich werden koͤnnen.

Jch schließe mit einer auffallenden Bemerkung: zu Montargis, und noch weiter hin an mehreren Orten fin - den Sie beim Ein - und Ausfahren eine Jnschrift, die irgendwo so angebracht ist, daß sie jedem in die Au - gen fallen muß; diese Jnschrift sagt ungefaͤhr: Citoyens! respectez les propriétés, elles sont le fruit de l'indus - trie, etc. *)Buͤrger! ehrt das Eigenthum, es ist die Frucht des Flei - ßes, u. s. w.Ruͤhrt das etwa noch aus den Zeiten der Revolution her? Warum streicht man es jetzt nicht durch? Oder ist eine solche Ermahnung jetzt noch noͤthig? das waͤre schlimm!

Wenn man von Lyon nach Paris kommt, stellt diese ungeheure Stadt sich praͤchtig dar, weil man, in einer geringen Entfernung, auf eine Anhoͤhe gelangt, von der man die ganze im Halbzirkel umherliegende Haͤusermasse fast mit einem Male uͤbersieht, und weil zugleich im Hin - tergrunde der Montmartre, sammt den uͤbrigen Huͤgeln, sich amphitheatralisch erheben. Von der Seite von Straß - burg hingegen wird man von Paris kaum eher etwas ge - wahr, bis man sich schon in den ersten schmutzigen Gas -46 sen befindet, wodurch natuͤrlich der erste Eindruck unguͤn - stig wuͤrkt. Uebrigens faͤhrt man so ungehindert in die Stadt Paris hinein, als ob man in sein eignes Haus fuͤhre. Keine Zollbeamten, keine Schildwachen, kein Visitiren, kein Fragen nach Stand, Namen und Ge - schaͤften; der Fremde gelangt bis ins Wirthshaus, ohne daß irgend Jemand eine Mine macht, sich um ihn zu bekuͤmmern; und selbst im Wirthshause fraͤgt Niemand nach seinem Passe.

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Die Straßen von Paris, in vier Briefen an eine Dame geschildert.

Erster Brief.

Liebe Freundinn! das Sprichwort: sage mir, mit wem Du umgehst, und ich will Dir sagen, welch ein Mensch Du bist, moͤchte wohl mancher Ausnahme unterworfen seyn, denn nur sehr unabhaͤngige Menschen koͤnnen ihren Umgang sich nach Belieben waͤhlen. Jch moͤchte dagegen ein anderes Sprichwort vorschlagen, und ihm das Buͤr - gerrecht verschaffen: sage mir, wie es in deiner Wohn - stube aussieht, und ich will Dir sagen, welch ein Mensch Du bist. Auch hier wuͤrden Ausnahmen zuweilen die Regel Luͤgen strafen; aber im Allgemeinen fordere ich jeden Leser auf, unter seinen Bekannten umherzuschauen, ob nicht die Physiognomie des Wohnzimmers gewoͤhnlich der Physiognomie des Bewohners auf ein Haar gleiche? Sie fragen, wozu dieser Eingang? Meine Antwort ist: wir sind jetzt in Paris; die Hauptstadt ist gleichsam das Wohnzimmer einer Nation, und wenn es mir also gelingt, Sie mit dem heutigen Paris ein wenig naͤher be - kannt zu machen, so denke ich Jhnen auch die Nation zum Theil geschildert zu haben.

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Jch bitte mir Jhren Arm aus! Wozu? Um bei dem schoͤnen Herbstwetter einen Spaziergang durch die Straßen von Paris zu machen. Er wird sie nicht gereuen. Kein Fremder sollte einen solchen Spaziergang versaͤumen, denn die Quays, Boulevards u. s. w. bieten vom Morgen bis zum Abend das unterhaltendste Schau - spiel dar. So oft Zeit und Witterung es mir erlaubten, bin ich zu Fuß herum geschlendert, bin uͤberall stehen ge - blieben, wo ein Haͤuflein sich sammelte, habe gesehen, gehoͤrt, auch gegafft, wenn Sie wollen, mich treflich amu - sirt, und nebenher auch nicht selten ein Koͤrnlein der Er - fahrung in mein Gedaͤchtniß niedergelegt. Folgen Sie mir getrost. Sieh da, ein Gluͤcksrad von Glas. Wun - dern Sie sich nicht. Die Extreme beruͤhren sich. Die auf - geklaͤrteste Nation von Europa scheint zugleich die aber - glaͤubigste. An allen Ecken und Enden der Stadt finden Sie listige Menschen, die unter allerlei Formen, auf al - lerlei Manier, die Voruͤbergehenden herbei locken, um ih - nen untruͤglich zu verkuͤndigen, welche Nummern bei der naͤchsten Ziehung aus den zahlreichen franzoͤsischen Lotto's hervorgehen werden, und immer ist ein solcher Prophet von einem dichten Kreise umgeben. Hier, dies schmutzige Gluͤcksrad, es hat oben ein viereckiges Loch; der zerlump - te Kerl, der da hinter steht, hat sich von einem Gaͤnse - ruͤckenknochen ein Ding gemacht, welches die spielenden Kinder in Deutschland einen Hippuff (Huͤpfe auf) zu nennen pflegen; das Ding setzt er mit vielem Ernste auf das Loch, ahmt, fast ohne die Lippen zu bewegen, die Sprache des Pulcinells nach, und es klingt gerade so, als ob ein kleiner Daͤmon in dem Rade saͤße, und die Vor - beigehenden anriefe. Treten nun die Neugierigen hinzu, so springt ploͤtzlich der Hippuff von dem Loche, und die49 geistige Stimme ladet unter glaͤnzende Versicherungen, die ohnehin schon zuckenden Haͤnde der Umstehenden ein, die gewinnenden Nummern zu ziehen. Zwei Sous ist der gewoͤhnliche Preis aller solcher unfehlbaren Weissagungen. Dort hat ein andrer eine große Tafel mit Buchstaben aufgestellt. Sagen Sie ihm nur den Anfangsbuchstaben Jhres Namens, sogleich zieht er ihn aus der Tafel, und in einem da hinter befindlichen Loche liegt alles, was Sie zu wissen wuͤnschen. Diese Art zu prophezeihen hat aber ein Dritter, wie billig, zu einfach gefunden. Be - trachten Sie einen Tisch, auf dem allerlei kleine, niedli - che Figuren, durch ein Uhrwerk getrieben, herumschnur - ren. Auf den ersten Blick sieht das gar nicht aus, wie das Heiligthum eines Lottopropheten, bald aber werden Sie gewahr, daß an der Mittelstange, die durch den Tisch geht, uͤber den Puppen ein Thierkreis befestigt ist, an dem die Monate zu lesen sind, und der sich auch mit her - um dreht. Noch hoͤher hinauf erblicken Sie abermals ei - nen Kreis, der die neunzig Zahlen traͤgt. Nun belieben Sie nur mit Jhrem Finger eine Puppe zu bezeichnen, auf deren Gabe der Weissagung Sie sich am meisten verlassen, etwa hier diesen tuͤrkischen Kaiser, der den Scepter so ma - jestaͤtisch in die Hoͤhe reckt; sogleich fangen saͤmmtliche Fi - guren an zu laufen, der Thierkreis dreht sich, die Lotto - nummern drehen sich gleichfalls und Sie harren gedul - dig. Jetzt ist das Uhrwerk abgelaufen, und der tuͤrkische Kaiser steht und deutet mit seinem Scepter auf den Monat August, grade uͤber diesem ist die Nummer 78 zu lesen, und was ist also natuͤrlicher und gewisser, als daß Sie im Mo - nat August diese Nummer besetzen, und große Summen darauf gewinnen werden. Sie lachen daruͤber, daß die Menschen sich so ernsthaft zu einem Kinderspiel hergeben? 50 Mit Gunst, ist es denn im Grunde etwas anders, als wenn ein Philosoph auf seinen Katheder tritt, und mit zwei demonstrirenden Fingern den Vorhang der Zukunft aufrollt, wie ein Stuͤck Papier? Lassen Sie uns wei - ter gehen, dorthin, wo die praͤchtige Jnschrift prangt: goldene Kette des Schicksals. Diese kostbare Ket - te besteht aus neunzig Patronen von Goldpapier, und ist wie abzuhaspelndes Garn auf ein Rad gewunden, wel - ches ein Blinder dreht. Sie waͤhlen eine von diesen Pa - tronen oder Huͤlsen, der Blinde oͤffnet sie, und die darin enthaltene Nummer macht abermals Jhr Gluͤck. Wol - len Sie aber durchaus Jhr Gluͤck im Lotto nicht machen, so werden Sie doch wenigstens neugierig seyn, Jhre kuͤnf - tigen Schicksale zu erfahren, auch die vergangenen, wenn es Jhnen beliebt. Dort vorm Pont-neuf steht ein sol - cher Wundermann, der sich sogar ausdruͤcklich als von der Polizei privilegirt ankuͤndigt, und der zwar auch sein Talent hauptsaͤchlich dem Lotto gewidmet hat, (weil die Menschen doch noch weit lieber Geld gewinnen, als in die Zukunft schauen), der aber auch nebenher auf Jhr Verlangen fuͤr zwei Sous das Buch des Schicksals aufschlaͤgt, und mit einer wundernswuͤrdigen Gelaͤufigkeit alles her erzaͤhlt, was geschehen ist und geschehen wird. Ob zwanzig oder dreißig Menschen hintereinander aus ver - schiedenen Staͤnden, Altern und Geschlechtern seine Kunst auffordern, das verwirrt ihn gar nicht; er fixirt Einen nach dem Andern, lies't in den Augen und der ganzen Physiognomie, spricht zu jedem Einzelnen wohl zwei Mi - nuten lang, ist dabei sehr ernsthaft, druͤckt sich vortreff - lich aus, sagt in einer halben Stunde (so lange ungefaͤhr stand ich dabei) gewiß die nemliche Sache nicht zweimal, stockt und stottert nie, macht am Ende eine kleine Ver -51 beugung, fordert nichts, wendet sich zu dem Folgenden, nimmt, was der Vorhergehende ihm in die Hand steckt, und faͤhrt damit in die Tasche, ohne es anzusehen. Der Mensch waͤre sicher in einer andern Lage ein trefflicher Red - ner geworden. Das Drolligste bei der Sache sind die Ge - sichter der Fragenden. Eine hohe Andacht, eine gaͤnzliche Ergebung und ein fester Glaube malen sich unverkennbar in allen Zuͤgen. Da der Mann sich, besonders was die Vergangenheit betrifft, immer mit einer so kuͤnstlichen Zweideutigkeit ausdruͤckt, daß es nicht fehlen kann, er muß mit Huͤlfe der bereitwilligen Einbildungskraft der Zu - hoͤrer hie und da die Wahrheit treffen; so hab 'ich oft ge - sehen, mit welchem Erstaunen man ihn angaffte, und wie manches Frauenzimmer mit Thraͤnen in den Augen sich von ihm wandte. Die nehmlichen Pariser also, die vor we - nigen Jahren die Goͤttin der Vernunft freilich nur auf den Schultern herumtrugen, die nemlichen glauben an Wahr - sagerey und umringen hundertweis den ersten besten ver - schmitzten Propheten. Unerschoͤpflich ist der Franzose in artigen, gefaͤlligen Wendungen, die, wenn man gleich weiß, es ist nichts dahinter, jedem Zuhoͤrer ein zufriede - nes Laͤcheln ablocken. Da steht ein Kerl, der auf seinem Zeigefinger ein Puppenroͤckchen dreht, dann und wann ein Teufelchen herausgucken laͤßt, und indem er die Hand ploͤtzlich gen Himmel schleudert, ruft: dort fliegt es! Diesen matten Spaß wuͤrzt er ganz allerliebst durch eine fließende Erzaͤhlung alles dessen, was das Teufelchen auf seinem Fluge uͤber Paris zu sehen bekommen wird, bald die Kanonierboͤte auf der Seine, von welchen er sogleich eine pompoͤse Beschreibung hinzufuͤgt, bald eine Jungfer, die eben aus dem Bette steigt, und die er so reizend als moͤglich schildert. So reichen Stoff aber auch sein dem52 diable boiteux nachgebildeter diable volant ihm noch gaͤ - be, so weiß er doch seine Unterhaltungen geschickt zu wech - seln. Ploͤtzlich ruft er einen Knaben aus dem Haufen her - vor; der Junge ist etwa zehn Jahr alt. Er legt ihm die Hand auf den Kopf: bist du verheirathet? fragt er ihn ganz feierlich. Der Junge gafft ihn mit großen Au - gen an, und sagt: nein! Schwoͤre, faͤhrt der Spas - macher mit hohler Stimme fort: schwoͤre daß du nicht verheirathet bist!

Der Junge muß die Hand in die Hoͤhe recken und schwoͤren. Nun so will ich dich gluͤcklich machen. Er giebt ihm eine Buͤchse, in welcher er nach Belieben so oder so viel hundert Louisd'or zu zaubern verspricht. Doch ehe er seine Gauckelei anfaͤngt, wendet er sich sehr galant zu dem Publikum. Sie koͤnnten fragen, meine Herren, warum ich, bei dieser Leichtigkeit Gold zu schaffen, nicht mich zuerst gluͤcklich mache? C'est que je le suis déjà. Jch bin es schon laͤngst. Alles was ich hier thue, ge - schieht blos zu Jhrem Vergnuͤgen. Und hierauf zau - bert er denn die Buͤchse voll Gold, wenigstens wird sie ihm so schwer in der Hand, als ob Gold darin sey. Frei - lich findet sich beim Aufmachen nur ein Stein, aber was kann der Kuͤnstler dafuͤr, daß der Knabe nicht ehelich ge - boren, oder doch von seiner Mutter in die Welt gelogen worden ist. Er versichert mit einer pfiffigen Mine, daß ihm das in Paris sehr selten widerfahre, und huͤpft schnell wieder auf einen andern Gegenstand. Alles das sind nur Possen fuͤr das Volk, aber sie werden ohne Schmutz vorgetragen, und sind doch in der That nicht ohne Witz. Gestehen Sie, daß die Nation, unter welcher das gemei - ne Volk solchen Witz herzlich belacht, in der That in sei - ner Bildung einen Schritt vor vielen Nationen voraus53 hat. Doch lassen Sie uns weiter zu seinem Nachbar gehen. Der paßt sorgfaͤltig auf, wenn der Witzling, den wir eben verließen, eine Pause macht, dann ruft er sogleich mit heller Stimme: Meine Herren, waͤhrend mein Nachbar Athem schoͤpft, erlauben Sie mir, ihnen ein hoͤchst merkwuͤrdiges Experiment zu zeigen. Ohne die Antwort abzuwarten, traͤgt er ein Kaͤstchen herum, aus welchem er Fragen ziehen laͤßt, die sich auf Geld, Gesundheit, Liebe, Treue oder Untreue des geliebten Gegenstandes, zu hof - fende Posteritaͤt u. dgl. beziehen. Waͤhrend man die Fra - ge aus dem Kaͤstchen greift, steht der beantwortende Tau - sendkuͤnstler fern davon, um zu beweisen, daß er gar nicht noͤthig hat, den Jnhalt der Frage zu kennen. Dann er - haͤlt man von ihm, fuͤr baare zwei Sous, erstens eine Beantwortung der Frage, zweytens eine voͤllige Cha - rakteristik des Fragenden, worin sein Humor, seine Feh - ler und Tugenden ihm aufgezaͤhlt werden, mit hinzuge - fuͤgtem guten Rathe, wie er sich kuͤnftig zu benehmen ha - be; endlich drittens auch noch die fuͤnf Nummern, welche bei der naͤchsten Ziehung des Lotto hervorkommen werden; alles gedruckt auf ziemlich weißes Papier. Wahr - haftig, ich begreife nicht, wie der Mann, bei seinen Aus - lagen, von den zwei Sous noch soviel profitiren kann, daß er das lustige Leben fristet. Dieser Gedanke draͤngt sich mir oft auf. Hoͤren sie z. E. den Menschen dort, der allen Voruͤbergehenden mit lauter Stimme fuͤr zwei Sous die Regel des Piquet Spiels gedruckt darbietet. Die Broschuͤre ist ein paar Bogen stark, ich sehe nicht Ei - nen unter Tausenden, der sie ihm abkauft, und doch fin - de ich ihn schon seit 14 Tagen immer auf derselben Stel - le, und doch lebt er. Hoͤren Sie jenes Maͤdchen, das taͤglich sich heiser schreit: cinquante cure-dents pour54 deux Sous! (50 Zahnstocher fuͤr zwei Sous). Auch dies Maͤdchen hat einen sehr geringen Absatz von ihrer Waare; sie ist haͤßlich, Niemand kauft ihr ab, und doch lebt sie. Nein, da lob 'ich mir die pfiffigen Koͤpfe, deren Jndustrie auf das unerschoͤpflichste Ding, die Neu - begier der Menschen berechnet ist. Hier steht ein altes Weib und liest mit kreischender Stimme von einem bedruckten Blaͤttchen Loͤschpapier, was in der letzten Si - tzung des Staatsraths vorgegangen. Kaum schließt sie den zahnlosen Mund, so eroͤffnet schon ihre aͤltere Nachbarin die blassen Lippen, ergießt sich in einen Strom von ge - druckter Beredsamkeit uͤber die Treulosigkeit der Englaͤnder; deutet dabei auf den Holzschnitt, der ihr Blatt verziert, und auf welchem der Koͤnig von England sehr uͤbel behan - delt wird. Den angenehmen Vortrag beider Weiber hoͤrt man gratis, und kauft ihre Blaͤtter fuͤr einen Sous. Lassen sie von den Hexengestalten zu jenem huͤbschen, run - den Maͤdchen uns wenden, die ein bescheidenes Tischchen aufgeschlagen, auf dem etwa ein halbes Dutzend zinner - ner und plattirter sehr schmutziger Leuchter stehen. Sie hat einen wollenen Lappen in der Hand, den sie in ein rothes Pulver taucht, und waͤhrend sie die Leuchter herr - lich blank putzt, preist sie mit einer aͤußerst gelaͤufigen Zunge und einem Gruͤbchen in den Wangen, die Wun - derkraft ihres Pulvers an. Sie fordert Fingerhuͤte und Schnallen von den Umstehenden, sie giebt sie neu zuruͤck, sie verspricht sogar die Flecken aus dem Gesichte mit ihrem Pulver zu vertreiben. Niemand wollte aber sein Gesicht zu diesem Experiment hergeben. Ein lustiger Kriegsmann zieht voruͤber; er zeigt ihr eine Narbe auf der Backe, er fragt lachend, ob sie auch wohl diese wegschaffen koͤnne? Sie antwortet, o ja! und verspricht ihm zu dem Ende ei -55 nen Besuch in der Daͤmmerung. Jch wette, das Maͤd - chen hat da ein Pulver erfunden, das mehr eintraͤgt und weniger kostet als das Goldpulver der beruͤhmten Alchy - misten. Aber was will den der Matrose mit seinem Mikroskop? wo hat er das beschmutzte mit Drath zusam - men geflickte Ding aufgetrieben? was zeigt er dadurch? Nichts mehr und nichts weniger als einen Floh. Dafuͤr bezahlt man ihm einen Sous. Ei nun, sein Nachbar, hundert Schritt davon, weiß auch aus Kleinigkeiten Vor - theil zu ziehen. Der Schlaukopf hat sich ein paar Bogen von dem Papier zu verschaffen gewußt, welches die Ma - ler zum Durchzeichnen brauchen, und zeigt nun dem erstaunten Poͤbel fuͤr einen Sous, wie man in der groͤß - ten Geschwindigkeit Gemaͤlde kopiren koͤnne. Treten wir einen Augenblick in diese Bude. Hochtoͤnend verkuͤn - det die Jnschrift ein Wunder: wer nicht glauben will, der komme und sehe! und was denn? einen Floh, der einen Elephanten zieht; einen Floh, der einen Wagen mit sechs Pferden, nebst Herren und Damen herumkutschirt; einen Floh, dem eine metallene Kugel mit einer goldenen Kette an den Fuß befestigt worden, und der lustig damit hin und her huͤpft. Alles das ist nicht erlogen. Es hat sich wirklich ein Mensch die ungeheure Muͤhe gegeben, Ele - phanten, Wagen, Ketten u. s. w. von Gold so fein zu verfertigen, und dem Floh Fesseln anzuschmieden. Was aber noch weit spashafter ist und von einer seltsamen Er - findungsgabe zeugt: der Tausendkuͤnstler producirt auch zwei Fliegen, die sich auf den Degen duelliren. Das hat er nemlich folgendermaßen zu Stande gebracht: Zwei Fliegen sind perpendikulaͤr hinter ihren Fluͤgeln an zwei Nadeln befestigt, so daß sie ihre sechs Beine vor sich hin halten. Sie werden einander gegenuͤber ziemlich nah56 gesteckt, und nun giebt man einer jeden eine kleine Kugel von Korkholz, in welcher ein kleiner Strohhalm befestigt ist. Sobald diese Kugel ihre Fuͤße beruͤhrt, fassen sie die - selbe, um sich daran zu halten; bei dieser Beruͤhrung wird die Kugel immer hin und her gedreht, und folglich der Strohhalm gegen den Feind hin bewegt. Da nun dieser von seiner Seite das nemliche thut, so gerathen die bei - den Strohhaͤlme oft aneinander, wie ein paar Degen, und das ist denn das Fliegenduell. Gleich neben diesem Spring - und Fechtboden ladet man uns ein, eine kleine Reise von einigen hundert Meilen auf mechani - schen Pferden zu unternehmen, und verspricht, daß man diese große, große Distanz in einer unglaublich kurzen Zeit zuruͤcklegen solle. Wohl! wir laͤcheln spoͤttisch, aber wir gehen doch hinein. Kaum hat der schmutzige Vor - hang sich gehoben, so uͤberzeugt uns freilich der erste Blick, daß wir nichts weiter vor uns sehen, als eine Art von Carussel, welches sich bloß dadurch unterscheidet, daß Nie - mand zum Drehen noͤthig ist, sondern daß der Reuter, indem er den Zuͤgel straff anzieht, auch das Rad in der Mitte in Bewegung setzt, und sich folglich selbst mit gro - ßer Geschwindigkeit dreht. Der Spaß hat uns vier Sous gekostet. Damit Sie aber nicht wieder einige Sous um - sonst ausgeben, so warne ich Sie vor dem Kahlkopf, der dort einen großen Tubus von Pappe aufgestellt, gegen den Himmel gerichtet hat, und Jedermann hoͤflich ersucht, hinauf zu schauen. Dabei macht er ein großes, dem Poͤ - bel sehr gelehrt duͤnkendes Gewaͤsch von den verschiedenen Duͤnsten und ihren Eigenschaften, und versichert, die Glaͤ - ser in seinem Tubus seyen so kuͤnstlich geschliffen, daß die Duͤnste sich vor demselben zu verschiedenen sonderbaren Ge - stalten koncentrirten. Nicht bei jeder Witterung, setzt er57 bedenklich hinzu, aber heute ist gerade ein Tag, an dem sich alles vortrefflich praͤsentiren wird. Jch gesteh' Jhnen, liebe Freundin, der Kahlkopf sprach neulich so gut und unbefangen daß ich mich verleiten ließ, vor seinen Tu - bus zu treten. Da zog er unvermerkt an einem Zwirns - faden, und siehe, zwischen meinem Auge und dem gewoͤhn - lichen Fensterglase huͤpfte ein Centaur vorbei, den er aus irgend einem Nuͤrnberger Bilderbogen ausgeschnitten hatte. Schnell zog ich den Kopf beschaͤmt zuruͤck und schlich fort, um einem Andern Platz zu machen. Aber warum sollt 'ich mich schaͤmen? dacht' ich auf dem Heimwege: geschieht es doch in meinem lieben Vaterlande taͤglich, daß die gro - ßen Dichter und Philosophen uns ihre Tubus mit maͤch - tigem Geschrei vor die Augen halten, indem sie uns, Gott weiß, welche Wunderdinge versprechen. Wir sind guther - zig, wir sehen hinein, und was erblicken wir? Jrgend ein kleines Nuͤrnberger Ungeheuer.

Doch ich sehe Jhnen an, daß Sie von dem Spazier - gange ermuͤdet sind. Wenn das Wetter so schoͤn bleibt, so setzen wir ihn wohl morgen ein Stuͤndchen fort, denn ich versichere Sie, wir haben noch viele artige und naͤrri - sche Dinge zu besehen.

Zweiter Brief.

Heute, liebe Freundin, verfolgen wir unsern Spa - ziergang bei trocknem Wetter. Nicht immer werden die Gegenstaͤnde so lustig seyn, und ich stehe Jhnen nicht da - fuͤr, daß nicht eine Thraͤne dann und wann sich in Jhr Auge stehlen wird. Da stoͤßt uns gleich ein armer Blin - der auf, er singt sein Lied in einfach ruͤhrenden Toͤnen; neben ihm liegt sein treuer Fuͤhrer, der zottige Hund,58 und schuͤttelt zuweilen seine Glocke. Nicht weit davon sitzt abermals ein Blinder, der vermuthlich nicht singen kann; statt dessen hat er eine Art von Geruͤste vor sich stehen, an welchem mehrere vielstimmige Glocken haͤngen, die er durch einige Faͤden in Bewegung setzt. Er bettelt nicht laut, sondern greift nur zuweilen in den Hut, der neben ihm liegt, um zu fuͤhlen, ob etwa ein Wohlthaͤtiger voruͤbergieng? meistens zieht er die Hand leer zuruͤck. Wir gehen nicht weit, so finden wir einen dritten Ungluͤck - lichen, dem der koͤstlichste Sinn fehlt; er hat auf dem Boulevard ein altes Klavier vor sich hingestellt, und ham - mert aus allen Kraͤften eine Sonate. Es bleiben Leute genug stehen, die ihm zuhoͤren, aber das zinnerne Naͤpf - chen, das da vorne an sein Jnstrument befestigt ist, er - klingt selten von der Gabe des Mitleids. Kaum ha - ben wir diesen verlassen, so begegnet uns wieder ein Blin - der, der die Herzen durch die Toͤne einer verstimmten Gei - ge zu ruͤhren sucht. Er spielt; sie gehend; sein Hund, der mit einem Kettchen an seinem Westenknopf befestigt ist, wandelt vorsichtig vor ihm her. Doch hab 'ich auch ein - mal gesehen, daß das arme Geripp, Hund genannt, durch einen weggeworfenen Knochen unwiderstehlich in einen Win - kel gelockt wurde, wo sein vertrauender Herr seinen gan - zen Reichthum, Kopf und Geige, fast gegen die Mauer zerschmettert haͤtte. Aber unter den vielen Blinden, welche singend, spielend und laͤutend die Pariser Stras - sen bewohnen, sammlen keine mehr Neugierige um sich, als ein Paar Piquetspieler, die den lieben lan - gen Tag nicht um Geld, sondern fuͤr Geld spielen, die mit bewundernswuͤrdig feinem Gefuͤhl die Karten be - tasten und nennen, jeden, der das Spiel nur ein wenig versteht, auf einige Minuten zu interessiren wissen, und59 am Abend, wenn sie aufstehen, immer beide gewonnen haben.

Doch hinweg von den Blinden, deren Anblick die Se - henden nur betruͤbt, obgleich, von der Gewohnheit gestaͤhlt, die Pariser groͤßtentheils gleichguͤltig voruͤber gehen. Am oͤftesten hab 'ich Frauen von gewissen Jahren, die ich, nach ihren Koͤrben zu urtheilen, fuͤr Koͤchinnen hielt, ihr Almosen spenden sehen; vielleicht wollten sie dadurch ihr Gewissen wegen der Marktpfennige beschwichtigen. Wen - den wir uns lieber zu jenem musikalischen Tausendkuͤnstler, dessen erworbene Fertigkeit in der That Bewunderung ver - dient. Er ganz allein spielt eine Symphonie concertan - te auf fuͤnf Jnstrumenten zugleich. Mit der einen Hand haͤlt und greift er ein doppeltes Flageolet, dessen beide Mundstuͤcke er stets vor seinen Lippen hin und her schiebt, oft auch blaͤst er auf beiden zugleich; mit der an - dern Hand spielt er die Harfe recht artig; mit dem einen Fuße schlaͤgt er ein Tambourin, und mit den Zehen des Andern bewegt er die Castagnetten. Sie hoͤren, es klingt in der That recht gut zusammen; der arme Mensch arbeitet sich so dabei ab, wie die Saͤngerin, Mamsell Maillard, in der großen Oper, und hat daher seine paar Sous reichlich verdient. Auch an Jenem dort wollen wir nicht voruͤbergehen, ohne eine kleine Silbermuͤnze auf seinen Teller fallen zu lassen. Zwar ist sein Harfengeklim - per nicht einladend, aber das arme junge Maͤdgen, das mit niedergeschlagenen Augen neben ihm steht und singt und immer singt, das verdient eine Gabe, eben weil ihre an den Boden gehefteten Blicke zu sagen scheinen: ich weiß wohl, daß ich schlecht singe, aber mein Vater hat kein Brod. Grade umgekehrt machen es die beiden kleinen Kinder, die auf der Bruͤcke eine Art von Duett singen. 60Der Text soll die Herzen ruͤhren, und wuͤrde es auch, wenn die Kinder nicht so gedankenlos plaͤrrten, und im - mer so frech um sich her schauten. Jetzt erregen ihr An - blick und ihre Klagetoͤne blos den Gedanken: das werden einmal ein paar Taugenichtse. Weit besser berechnet ist eine Kindergruppe, zu der ich Sie nicht fuͤhren will, weil sie das Herz zerreißt. Jn der Straße Vivienne nemlich hab' ich laͤnger als drei Wochen hintereinander (doch nur Abends, wenn es dunkel wurde) drei ungluͤck - liche Kinder im Korbe liegen sehen. Das aͤlteste derselben war ein Knabe von etwa zehn Jahren, der saß an der Mauer und hielt auf seinem Schooß ein anderes in Lum - pen gehuͤlltes Wesen, von hoͤchstens drei Jahren, welches gewoͤhnlich wimmerte. Daneben stand oder lag ein drit - tes Jammerbild, etwa fuͤnf Jahre alt. Diese Kinder bet - telten nicht, sondern hatten vor sich ein kleines Stuͤmp - gen Talglicht, neben dem auf einem Lappen ein geschrie - bener Zettel lag, des einfach-ruͤhrenden Jnhalts: Wir haben weder Vater noch Mutter. Selten blieb ein Voruͤbergehender ungeruͤhrt, und da die Straße sehr lebhaft ist, so war die Erndte immer reichlich. Mit Vergnuͤgen habe ich bemerkt, daß besonders die Soldaten gaben und viel gaben. Einen derselben sah ich eines Abends tief geruͤhrt. Er trug einen großen schwarzen Backenbart, der im wilden Contrast mit der Ruͤhrung in seinen Gesichts - Muskeln, von dem schwachen Schimmer des Talglichts aufwaͤrts beleuchtet, seinen Schatten auf eine Thraͤne warf. Er blickte einige Minuten still auf die Gruppe nie - der; der arme kleine Wurm wimmerte eben recht laut, weil ihn fror. Hastig griff der wackre Soldat in die Ta - sche, und gab dem aͤltern Knaben zwei Silbermuͤnzen, (ich glaube zwei zwoͤlf Sousstuͤcke) unter der Bedingung, daß61 er das Kind gleich nach Haus tragen und waͤrmen sollte. Drei oder viermal wiederholte er diese Bedingung, und ließ sich die Erfuͤllung derselben eben so oft von dem Kna - ben versprechen. Dann gieng er. Jndem er sich umwen - dete, stieß er auf mich. Sie sind gewiß Vater? rede - te ich ihn an. Oui, Monsieur! antwortete er ziemlich barsch und eilte davon. Jch blieb noch eine Weile und gab acht, ob der Knabe seine kleinen Geschwister verspro - chenermaßen heimfuͤhren werde? Er that es nicht. Daß uͤbrigens die Polizei dieses Schauspiel viele Wochen hin - tereinander duldete, gefaͤllt mir nicht. Fast scheint es mir unmoͤglich, daß die armen Kinder den Winter hindurch ge - sund bleiben koͤnnen.

Eigentlich angebettelt wird man in Paris selten oder nie. Nur dann und wann hoͤrt man ein: Monsieur, je meurs de faim! (Mein Herr, ich sterbe vor Hunger) hin - ter sich her fluͤstern. Gewoͤhnlich sucht jeder Arme sich ei - ne Art von guͤltigem Anspruch auf eine Gabe zu verschaf - fen. Der Eine laͤuft, mit dem Besen in der Hand, wenn Sie eben durch eine schmutzige Stelle gehen wollen, und fegt Jhnen schnell einen Fußsteig rein; der Andere benutzt einen Platzregen, der die Mitte der Straße mit Wasser fuͤllt, legt ein bequemes Brett daruͤber und steht freund - lich helfend daneben. Nach den Kleidern beurtheilt er die - jenigen, die ihm etwas geben koͤnnen oder sollen; alle die er fuͤr