PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Erinnerungen aus Paris im Jahre 1804.
Zweytes Baͤndchen.
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Das Thal von Montmorency und die Abtei St. Denis.

Wollen Sie sehen, wo Rousseau gewohnt hat? frag - te mich eines Tages Madame Recamier. Ob ich das sehen will? ist das auch eine Frage? Nun so finden Sie sich morgen fruͤh bei mir ein, ich will Sie hinfuͤh - ren. Fruͤh ist es eigentlich bei einer Pariser Dame noch um 1 Uhr Nachmittags, wo sie aufzustehen pflegt; doch die Grazien hatten sich diesesmal fruͤher bey der Toi - lette eingefunden, und wir saßen um 11 Uhr schon im Wagen. An der Barriere vertauschten wir die staͤdtische Equipage mit einer laͤndlichen, den verschlossenen Wagen mit einem offenen, die beiden stolztrabenden Kutschpferde mit einem raschen Postzuge. Obgleich in den letzten Ta - gen des Novembers, gab es doch freundliche Sonnen - blicke, eine frische erquickende Luft, welche die Wangen meiner schoͤnen Begleiterinn schminkte, und sie zwang, den indischen Shawl fester um die, wie gewoͤhnlich, leichte Bekleidung zu schlingen. Rasch flogen mir die Straße entlang, nach einiger Zeit kamen wir in ein Staͤdtchen, es war St. Denis. Haben sie die Ruinen der Abtei schon gesehen? die Graͤber unserer vormaligen Koͤ - nige? Nein. So lassen Sie uns einen Augen - blick aussteigen. Auch ich bin so oft hier durchgefahren, und habe meine Neugier noch nie befriedigt.

Wir nahmen den Weg zur Abtei. Ha! welch 'ein imposanter Anblick! Diese tausendjaͤhrigen Mauern, von4 keinem Dache mehr geschuͤtzt, die dem Himmel zu sagen schienen: Wir beduͤrfen keiner Decke, um deinen Wettern zu trotzen diese praͤchtigen, gleich Spitzen durchbroche - nen Waͤnde, die gestern fuͤr ein heutiges Fest erbaut schie - nen diese gothischen Saͤulen, die seit zwoͤlf Jahrhun - derten die ausgespannten Gewoͤlbe so leicht tragen, wie der Aetna die Wolken dazwischen an der Außenseite die verstuͤmmelten Zierrathen, die von den Vandalen ge - koͤpften Heiligenbilder und endlich, beim Hineintre - ten, die oͤde Groͤße, die truͤmmerreiche Wuͤste, durch wel - che die nistenden Voͤgel flattern, und in der die Mehlfaͤs - ser aufgeschichtet stehen. Sonderbarer Wechsel der Dinge! Hier wo sonst nur der Wurm an Koͤnigen schmaus'te, wird jetzt den Menschen Brod verwahrt.

Ein alter Schweizer fand sich ein, der schon seit 40 Jahren seinen Dienst hier verwaltet, und die Abtey in ihren letzten herrlichen Tagen gesehen hatte. Er wan - delt hier wie ein gespenstischer Anherr in der wuͤsten Burg, deren Pracht in seines Lebens Jugend ihm unverwuͤstbar schien. Seine Augen hingen an den kahlen Mauern mit einem bedeutenden Knopfnicken, als sey er da und dort von einem alten Freunde geschieden, dessen Bild jetzt vor ihm schwebe. Es waren die verschiedenen Denkmaͤler, die da gestanden, und einen lebendigen Abdruck in seiner See - le zuruͤckgelassen hatten. Der Mann war ein vollstaͤndi - ges Regiester alles Dessen, was vormals diese weiten Ge - woͤlbe enthielten. Bei jedem Schritte hielt er uns auf: Hier stand einer Koͤnigin Monument bey jeder Gru - be, in die er uns zu fallen warnte, mußten wir verwei - len: Hier ruhte ein Koͤnig oder Held. Wir folgten ihm, manche Stufe hinab, in einen Dunkeln unterirdi - schen Gang. Zu beiden Seiten desselben ragten noch aus5 der Mauer die steinernen Postamente hervor, auf welchen einst die Saͤrge standen, und beengten dermaßen den Gang, daß die schoͤne Lebendige an meinem Arm sich fe - ster an mich draͤngen mußte, um dem Ruhesitze der Tod - ten auszuweichen.

Hier in dieser Dunkelheit, wo nur ein fernes Licht, gleich einer bessern Zukunft, uns entgegen daͤmmerte, schien des alten Mannes Stimme aus der Unterwelt her - auf zu rufen: Hier lag Ludwig XJV. und dort Tuͤ - renne hier lag Ludwig XJJJ., dort Bertrand du Gues - clin und als wir fast durch den schmalen Gang hin - durch waren, in dem Hoheit und Ehrgeiz von dreißig Koͤ - nigen Raum gefunden hatten, da blieb er mit gefalte - nen Haͤnden und gesenktem Haupte stehen und sprach halb in sich hinein: Diese Bank trug den Sarg Heinrich des Vierten!

Sein und unser duͤsteres Schweigen ehrte den Platz und fuͤllte einige Minuten, in welchen Jeder mit seiner Wehmuth fertig zu werden suchte. Der Alte unterbrach die Stille, denn ihm lag noch auf dem Herzen uns zu erzaͤhlen, daß er dabei gestanden, als man Heinrichs Sarg oͤffnete; daß der Leichnam unversehrt in wohlbekannter Gestalt da gelegen; daß die entschlossensten umherstehen - den Boͤsewichter, selbst Roberspierre, bei diesem Anblicke unwillkuͤhrlich von ehrfurchtsvollem Schauder ergriffen worden; daß Dieser und Jener sich leise genaͤhert, und verstohlen einige Haare aus Heinrichs Bart gezogen, die sie seitdem als kostbare Reliquien in Ringen tragen.

Aber wo blieben all' diese Leichen? Auf Ro - bespierr's Befehl sollten sie, Tuͤrenne ausgenommen, saͤmmtlich verbrannt werden. Und sind wirklich ver - brannt worden? Hier stockte der Alte. doch da er6 in mir wohl den Fremdling erkannte, und meine schoͤne Begleiterinn so herzlich bewegt sah, faßte er Zutrauen, und bekannte, er habe die Gebeine nicht verbrannt, son - dern sie etwa hundert Schritte von der Abtey in stiller Nacht begraben. Wir baten ihn, uns dahin zu fuͤhren. Er versprachs.

Wir traten jetzt aus der langen finstern Gruft in eine helle unterirdische Kapelle, wo noch viele Bildsaͤu - len von Heiligen in Lebensgroͤße standen. Der Schwei - zer machte uns aufmerksam auf eine Jungfrau Maria, die, durch einen seltsamen Zufall, der ungluͤcklichen Koͤ - niginn Maria Antoinette so aͤhnlich sieht, daß Jeder, der diese nur einmal sah, bekennen muß, es gebe kein aͤhn - licheres Bild von ihr.

Aus dem beraubten Tempel des Todes stiegen wir wieder hinauf in die oͤden Hallen, an welchen die Zeit zum erstenmal es wagt ihre Sichel zu wetzen. Der Alte schmeichelt sich es noch zu erleben, daß die Abtey wieder hergestellt werde; seine Hoffnung gruͤndet sich auf einige Worte, die Bonaparte einst soll geaͤußert haben. Da der Bau aber große Summen kosten wuͤrde, so ist wenigstens vor der Hand nicht daran zu denken; doch wohl dem guten Greise, daß er noch hienieden an einer Hoffnung haͤngt! sie ist das letzte Oehl zu seinem Lebens - tochte; wer die ihm heute raubt, der findt ihn morgen todt.

Als wir die Abtey verließen, erfuͤllte er sein Ver - sprechen, und fuͤhrte uns, etwa hundert Schritt von da, auf einen kleinen Grasplatz, der sich durch Nichts, durch gar Nichts anszeichnete. Hier, auf einem Raume, den meine ausgebreitete Arme umspannten, lagen unter mei - nen Fuͤßen die Gebeine von mehr als vierzig Koͤnigen,7 Koͤniginnen, Prinzen und Helden. Was in einer Reihe von Jahrhunderten die Oberwelt bewegt, oft umgekehrt, geplagt, oder begluͤckt hatte, dem Allem hatte die Unter - welt ein Plaͤtzchen zugestanden, eben groß genug fuͤr ein Kind, das seine Puppe herumtummelt. Wen Ueber - muth und Ruhmsucht quaͤlen, der fliehe auf diese heilige Staͤtte! Denn, gleichwie die Furien den Orest am Eingang von Dianens Hayn verließen, so werden diese Leiden - schaften ihm bis hieher nicht zu folgen wagen; ja viel - leicht werden selbst, wenn er schon vom einfachen Gras - platze hinwegging, die lauernden ihm nicht mehr schaden.

Sind dann die Gebeine hier all' unter einander ge - mischt? fragte ich den Schweizer, Ach ja! sagte er, ich hatte nicht Zeit sie zu sondern, ich machte schnell eine Grube, und warf sie hinein. Den Einzigen, den Einzi - gen, den ich mir herauszufinden getraue, ist Heinrich der Vierte, denn ihn habe ich zuerst hinab geworfen, seine Knochen liegen ganz unten. Jch vermuthe wohl, daß diese Thatsache Mehreren in Paris bekannt seyn mag; da aber noch manches Jahr, vielleicht noch manches Jahrzehend, verstreichen kann, ehe die Zeit wiederkehrt, wo jeder Franzose laut wuͤnschen darf, die Gebeine des guten Heinrichs einer empoͤrenden Verges - senheit zu entreißen, so will ich, was ich erfuhr, in diese Blaͤtter niederlegen. Und sollte der alte Schwei - zer, sammt Allen, die etwa den Ort kennen, indessen sterben, so kann der Platz doch, so lange ich lebe, nicht verloren gehn, denn ich vergesse ihn nie!

Der Alte begleitete uns bis an den Wagen, und man sah ihm an, wie wohl es ihm gethan, sich einmal von Herzen ausreden zu koͤnnen. Wir saßen lange stumm, und bewegten in der Brust, was wir gesehen, gehoͤrt. Es8 war eine wuͤrdige Vorbereitung auf den Anblick von Rousseau's Einsiedeley, die, als wir eine Weile im Thal von Montmorency herumgekreuzt waren, von einem bu - schigten Huͤgel uns bescheiden winkte. Als wir uns naͤ - herten, sah ich im Geist den botanisirenden Rousseau auf den Anhoͤhen unter den Baͤumen, oder als gutmuͤthi - gen Zuschauer neben den Tanzplaͤtzen der Bauern. Das Haus, welches jetzt im Sommer von dem liebenswuͤrdi - gen alten Gretry bewohnt wird, ist sehr klein, sehr ein - fach, und wird im Winter nur durch eine alte Frau und ein junges Maͤdchen, ihre Tochter, bewacht. Wir fan - den bloß die letztere zu Haus, die uns mit freundlicher Bereitwilligkeit in Rousseau's Zimmer fuͤhrte, dessen Tapeten noch die naͤmlichen sind, wie zu seiner Zeit. Jch setzte mich an denselben Tisch, an dem er hor - chend niederschrieb, was die Natur ihm diktirte; ich zog die Schublade heraus, und fand dasselbe Dinten - faß, dessen er sich bedient hatte; auf dem Kamin stand auch noch sein Leuchter. Jch schweige von meinen Em - pfindungen. Wenn die Vergangenheit den Menschen mit einer starken Erinnerung ergreift, so raubt sie ihm auch gleich die Sprache. Fuͤr die Gegenwart gab der Himmel uns Toͤne, fuͤr die Vergangenheit nur Seuf - zer. Eine Taube flatterte im Zimmer umher, sie war so zahm, so gut wir oͤffneten ihr vergebens das Fenster. Gern haͤtten wir an die Seelenwanderung geglaubt.

Wir stiegen hinab in das Gaͤrtchen, wo Rousseau oft gepflanzt, gegraben. Jn einer Nische der Mauer steht seine Buͤste hinter einer Glasthuͤr, darunter ein artiger Vers, der mir entfallen ist. Um der Fremden willen, die vielleicht nach mir dahin kommen, und wenn sie meinen9 Namen unter Rousseau's Buͤste gekritzelt finden, mich ei - ner laͤcherlichen Eitelkeit beschuldigen moͤchten, erwaͤhne ich, daß nicht mir, sondern der schoͤnen Hand meiner muthwilligen Begleiterinn, diesen Suͤnde zugerechnet wer - den muß.

Ein wenig durchfrohren traten wir in die Kuͤche, setzten uns vor den Kamin, und hoͤrten die einfach ruͤh - renden Klagen des guten huͤbschen Maͤdchens mit an, dem man vor wenig Tagen seinen Bruder von der Seite ge - nommen, und als Soldat zu einer fernen Bestimmung versandt hatte. Nur zwei Soͤhne besaß die alte Mutter; der aͤltere war schon laͤngst hinaus, ich glaube an die spanische Graͤnze, und sie hatte Nichts wieder von ihm gehoͤrt. Den juͤngern, jetzt den einzigen, hoffte sie zu behalten, weil er ihr Stuͤckchen Feld baute und sie er - naͤhrte aber vergebens! er mußte fort. Von der Graͤnze der naͤchsten Provinz schrieb er noch einmal ein klaͤgliches Lebewohl, und nun meinte die Schwester mit feuchten Augen nun werden wir wohl auch Nichts mehr von ihm zu hoͤren bekommen.

Schon manchmal hat die Frage sich mir aufgedraͤngt: wenn Rousseau zu den Zeiten der Revolution und nach - her gelebt haͤtte, was wuͤrde er gesagt haben? Die Einsiedeley im Thal Montmorency haͤtte ihn nicht vor traurigen Eindruͤcken geschuͤtzt.

Wir flohen bald, wie der Mensch zu thun pflegt, den Anblick eines Kummers, dem wir nicht abhelfen konnten. Auch wurde es spaͤt, wir rollten nach Paris zuruͤck. Eine heitere Wehmuth bezeichnete den Rest dieses schoͤnen Tages.

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Das Kabinet der Antiken.

Die Zeit, deren Arme sich ins Unendliche dehnen, um Alles zu umspannen, und, uͤber das Meer der Vergessen - heit hoch hinrauschend, Alles hinabzuwerfen, laͤßt selten hie und da am Ufer dieses Meeres ein Staͤubchen aus dem Arme schluͤpfen, das der Mensch gierig auffaͤngt und heilig bewahrt, als Erinnerung an Das, was in den Wel - len begraben liegt. Das Beste und Schoͤnste, was von entwichenen Jahrtausenden uns uͤbrig blieb, bewahrt das herrliche, mit der Nationalbibliothek verbundene Kabinet der Antiken zu Paris. Noch ist leider kein Verzeichniß davon zu haben, aber der wackere zuvorkommende Jn - spektor des Kabinets, der beruͤhmte Millin, ersetzt die - sen Mangel dem Fremden vollkommen, und bei seiner un - ermuͤdeten Hoͤflichkeit und Regsamkeit wird man nie ge - wahr, daß er selbst seine Zeit zum kostbarsten Opfer bringt. Vormals standen die gelehrten Antiquare in dem Rufe der Pedanterie, sie mogten, außer ihrem Fache, von Nichts wissen und mit Nichts zu thun haben, am we - nigsten paßten sie in muntere Gesellschaften; die Dichter hingegen schwatzten uͤber Alles, lachten gern, und waren die Seele froher Geselligkeit. Heut zu Tage hat sich, wie Alles, auch dieß geaͤndert. Drei der gelehrtesten Anti - quare, die ich persoͤnlich zu kennen so gluͤcklich bin, Mil - lin, Boͤttiger und Koͤhler, sind zugleich die hu - mansten Maͤnner, die nicht allein keine Gesellschaft ver - derben, sondern wohl im Stande sind, eine verdorbene11 Gesellschaft, wie verschiedene Weinhaͤndler ihren umge - schlagenen Wein, zu verbessern. Hingegen kenne ich große Dichter, die ihre zahl - und maaßlosen Anspruͤche in Gesellschaften mit einer so steifen Derbheit zur Schau stellen, daß jede zarte Freude davon flattert. Millin ist ein sehr lebhafter, geistreicher Mann, mit blitzenden Augen. Sein Thé litéraire, zu dem an jedem Mitt - woche sich so manche ausgezeichnete, einheimische und fremde Gelehrte versammeln, ist schon oft beschrieben worden. Die Waͤnde des Gesellschaftssaals sind durch die seltensten Werke kostbar tapezirt, und in der Mitte desselben steht eine große Tafel, auf welcher man bestaͤn - dig das Neueste und Beste aus Literatur und Kunst, aus allen Sprachen, zur Schau ausgelegt findet. Man steht, sitzt, liest, blaͤttert, schwatzt in großen oder kleinen Gruppen, oder unter vier Augen, wenns beliebt, ißt und trinkt dabei, wenn man hungert oder durstet; kurz, man erfreut sich des vielfachsten Genusses, mit groͤßter Unge - zwungenheit verbunden.

Dem biedern Millin verdanke ich es, daß ich das Kabinet der Antiken mehr als einmal, theils allein, theils durch seinen Unterricht mir fruchtbar gemacht, gesehen habe. Als Kenner davon zu sprechen, ziemt mir nicht; aber der Leser wird es wohl gerne hoͤren, wenn ich ihm historisch aufzaͤhle, was sich etwa in mein Gedaͤchtniß grub, und das fromme Staunen, mit welchem ich diese Ueberreste des hohen Alterthums betrachtet habe, wird vielleicht sich Manchem mittheilen. An egyptischen Sel - tenheiten ist das Kabinet besonders reichhaltig. Jch schweige von der Menge der Goͤtzenbilder, unter welchen die Jsis mit ihrem Sohn Horus auf den Knieen, of - fenbar unsrer heiligen Jungfrau zum Vorbild gedient zu12 haben scheint. Die beruͤhmte, wohlerhaltene Jsista - fel, auf welcher die Figuren mit Silber eingelegt sind, ist schon laͤngst ein Gegenstand gelehrter Nachforschungen gewesen. Ein egyptisches Buch hat Bonaparte ge - schenkt; Schade, daß noch Niemand es zu lesen versteht. Mehrere Schriften auf Papyrus sind von Mumien abgeloͤs[e]t und sorgfaͤltig aufgeklebt worden. Die auch noch vorhandenen Mumien sehen ziemlich zerlumpt aus, weil Cuͤvier sie anatomirt hat, um die Speze - reien zu erforschen, mit welchen sie einbalsamirt worden. Allerlei Schmuck und kleines Hausgeraͤth der Egy - pter versetzt die Phantasie ploͤtzlich in ihre Wohnungen, in ihr haͤusliches Leben. Da sind Loͤffel, Gabeln, Re - chentafeln, Wuͤrfel u. dergl. Ein paar Mumien des Vogels Jbis, der bekanntlich von den Egyptern goͤtt - lich verehrt wurde, weil er ihre Gefilde von dem schaͤd - lichen Gewuͤrm befreiete. Ein Altar, (eins der sel - tensten Stuͤcke) mit Hieroglyphen beschrieben.

Der beruͤhmte Sardonix*)Jst seitdem gestohlen worden., Kaiser Augustus Apotheose darstellend, ist bekanntlich der groͤßte geschnit - tene Stein in der Welt. Germanicus steht vor dem Ti - ber, und in den Wolken schwebt die Familie, lauter Por - traits. Gluͤcklicher Weise haben die frommen Christen in dieser Vorstellung den Joseph zu erkennen geglaubt, wie er den Traum auslegt, und so ist dieses Kunstwerk dem heiligen Zerstoͤrungseifer entgangen. Dasselbe Gluͤck hat eine allerliebste Buͤste von gleicher Materie gehabt, Valentinian vorstellend. Der ehrliche Heide ist lan - ge bei christlichen Prozessionen als Heiliger herumgetra - gen worden. Ein kostbarer Kelch, gleichfalls ein Sar - donix, mag den frommen Kommunikanten wohl oft Heil13 und Trost auf die Lippen getraͤufelt haben, ist aber doch wohl vormals bei den Mysterien des Bacchus gebraucht worden, wie die eingeschnittenen Figuren zur Genuͤge offenbaren.

Jn demselben Schranke liegt die alte Krone der longobardischen Koͤnige, auch die kleinere der Koͤniginnen. Es sind nur Reife. Auf der ersten ist Agilulphus Name eingegraben. Das Ceremonien-Schwert des Großmeisters von Maltha, wird durch die Erinne - rung merkwuͤrdig, wie es hieher gekommen. Auf ei - ner großen silbernen Schaale sind Scenen aus der griechischen Geschichte, zwar sehr kuͤnstlich, aber mit ge - waltigen Zeitverdrehungen dargestellt. Jnteressanter noch war daran ein teursches Turnier, an welchem das Co - stum sehr treu ausgedruͤckt worden. Einen halben Schritt weiter findet man eine Menge kostbarer Dinge aufbewahrt, die aus dem Grabe des Koͤnigs Clovis, Childerichs Vater, genommen worden. Der ehemalige Gebrauch mehrerer derselben laͤßt sich bloß vermuthen, nicht mit Gewißheit bestimmen. Ein sehr altes Schwert und der koͤnigliche Siegelring befinden sich darunter. Gleich daneben liegt eine goldene Kapsel in Form ei - nes Herzeus, in welcher vormals das Herz der Anna von Bretagne verschlossen war. Eine Jnschrift sagt, daß es das beste Herz von der Welt gewesen. Ach! die besten Herzen, die hienieden liebevoll geschlagen ha - ben, bekommen selten goldne Kapseln.

An antiken geschnittenen Steinen ist die Sammlung hier so reich, wie wohl sonst nirgend, und was man hier, als zur zweyten oder dritten Klasse gehoͤrig, nur fluͤchtig uͤbersieht, das wuͤrde an andern Orten fuͤr Schaͤtze erster Ordnung gelten. Millin hat in seinen monumens an -14 tiques die vorzuͤglichsten und seltensten Steine beschrie - ben; auf dieß treffliche Werk verweise ich den lernbe - gierigen Leser. Michel Angelo's Siegelring aber hat, außer der Kunst, auch noch ein menschliches Jn - teresse. Dasselbe gilt von mehreren Portraͤts bekann - ter Personen, derer Aehnlichkeit geruͤhmt wird. Die Koͤ - niginn Elisabeth ist mir durch ihre Haͤßlichkeit, und Maria Stuart durch ihre Schoͤnheit aufgefallen. Daß uͤbrigens im Steinschneiden die Neuern sich wohl noch dann und wann mit den Alten messen duͤrfen, hat der Tyroler Pichler bewiesen, von welchem man hier einen Stein bewundert, mit dem er den groͤßten Kenner, Winkelmann selbst, so vollkommen angefuͤhrt, daß dieser eine eigene Abhandlung daruͤber geschrieben, und den Stein in Kupfer hat stechen lassen.

Die roͤmischen Alterthuͤmer, groß und klein, sind unzaͤhlig. Altaͤre und Grabsteine, Lampen aller Art, Urnen, Thraͤnen - Vasen, Pferdgeschirre, Schluͤssel, Schnallen, Glocken, Fingerhuͤte ein Rad, vermuth - lich von einem Staatswagen, die ersten Muͤnzen der Roͤmer, auffallend durch Groͤße und Plumpheit. Daneben die seltensten greichischen Muͤnzen. Auf der Erde stehen vier große steinerne Tafeln, uͤber und uͤber mit sehr kleinen griechischen Schriften bedeckt. Sie enthalten das noch vollstaͤndige Testament einer Griechinn, die ihr Vermoͤgen zu einer Sammlung von Kunstsachen vermacht. Daß sie zugleich eine gute gefaͤl - lige Gattinn gewesen, beweist die Ursache, welche sie von diesem Vermaͤchtnisse anfuͤhrt, ihr Mann habe es naͤm - lich gewuͤnscht. Viele, in Herculanum ausgegrabene Alterthuͤmer werden jeden Beschauer interessiren. Es befinden sich unter andern ein paar plumpe goldene Arm -15 baͤnder darunter, welche man einem Skelett abgenom - men, die aber doch bei weitem nicht so schwer sind, als sie aussehen. Ferner Dames-Ohrringe, die mir sehr unbequem geschienen.

Seltsam aufgefallen ist mir eine Tafel, auf wel - cher die Megarenser, auf Befehl des Orakels von Del - phos, einem gewissen Orippos ein Ehrendenkmaal er - richtet, weil er den Preis des Laufens in den olympi - schen Spielen zum erstenmal ganz nackend errungen. Vorher pflegte man immer Etwas um die Lenden zu be - halten, das wenigstens die Stelle eines Feigenblattes er - setzen konnte. Doch je nackender der Preisbewerber war, je leichter mußte ihm wohl das Laufen werden; das Ora - kal hat also wahrscheinlich nicht die groͤßere Geschicklich - keit des Orippos, sondern vielleicht seine Verachtung der Vorurtheile belohnen wollen.

Neben einem merkwuͤrdigen Stein mit phoͤnizi - scher Schrift steht eine sehr alte, und ausdrucksvolle Buͤste eines methodischen Arztes, medicus asiaticus ge - nannt, von dem die Jnschrift ruͤhmt, er habe viel Gu - tes und viel Boͤses in seinem Leben erfahren, und sey Oberhaupt der methodischen Sekte gewesen.

Aeußerst interessant ist ein schoͤner Stein, groͤßer als ein Kopf, mit Figuren und persepolitanischer Keilschrift, die, wo ich nicht irre, der gelehrte Lich - tenstein in Helmstaͤdt bereits zu erklaͤren versucht hat. Es soll ein Klagelied seyn; ich begreife aber nicht, wozu der Stein gedient haben kann? Zum Aufrechtste - hen ist er nicht gerichtet, denn er laͤuft oben und unten schmal zu; man sieht auch nicht, daß er irgend worin oder worauf befestigt gewesen. Zum Liegen ist er auch nicht eingerichtet, denn dann wuͤrde die Schrift auf einer16 Seite verdeckt werden. Jch verweise den Leser auf eine Abhandlung im teutschen Merkur.

Jch will Manches und Mannichfaltiges noch kurz zusammen fassen, um nicht lange bei Gegenstaͤnden zu verweilen, die gesehen und derer Werth empfun - den werden muß.

Mehrere Kleinigkeiten aus Persepolis eine kostbare, aber geschmacklose Schuͤssel eines persischen Fuͤrsten, Mumiensaͤrge, eine große Bade - wanne von Porphyr. Eine große, zu Rheims gefundene und mit Goldstuͤcken angefuͤllte goldene Schuͤssel, die vermuthlich in einem Tempel diente. Man erblickt darauf den Wettstreit im Saufen zwischen Herkules und Bacchus, der erstere ist offenbar schon bene - belt; auf dem Rande der Schuͤssel ist des Bacchus Tri - umphzug dargestellt, und Herkules wird betrunken nach Hause geschleppt. Ein Aschenkrug von Porphyr, in welchem die goldene Bulle eines jungen roͤmischen Patriciers gefunden wurde. Allerlei christliche Alterthuͤmer, Bischofsstaͤbe u. dgl., die durch den bereits gehabten Genuß etwas unschmackhaft werden. Die franzoͤsische Koͤnigskrone. Aufgestellte Ruͤstungen von Heinrich JV., Suͤlly und Mehreren. Chineser in ihren Trachten. Ein chinesisches Haus, in dem ein Hollaͤnder einen Besuch abstattet. Die ganze kaiserl. chinesische Familie, wovon eine Prinzessinn Tochter mit dem Kopfe wackelt. Ein chine - sisches Gebaͤude von Elfenbein, so fein gearbeitet, daß man darauf schwoͤren sollte, es waͤren Spitzen. Waf - fen, Pfeile, Kleider, Federn u. s. w. von Wil - den aus allerlei Nationen u. s. w. Auch eine neuere Merkwuͤrdigkeit befindet sich in dieser Art von Rumpel -17 kammer, naͤmlich die sehr zusammengesetzte Platte zu den vormaligen Assignaten.

Noch ein großer Schatz, mit dessen fluͤchtiger Er - waͤhnung ich meine kurze Nachricht beschließe, ist das herrliche Muͤnzkabinet, welches man gleichfalls hier aufgestellt findet. Es ist musterhaft eingerichtet. Die Staͤdte liegen nicht mehr, wie vormals, in alphabeti - scher Ordnung, sondern die Laͤnder beisammen, dann wiederum in jedem Lande die Staͤdte einzeln, und zuletzt die Koͤnige und Herren. Was man gewoͤhnlich schon in einzelnen Exemplaren fuͤr sehr selten haͤlt, findet sich hier bei halben Dutzenden, z. E. die Muͤnzen von Otho, doch nur Goldmuͤnzen (denn kupferne giebt es nicht von ihm. ) Mit Bewunderung des Fortschreitens der Kuͤn - ste betrachtet man die Kindheit der Stempelschneide - kunst in den ersten Muͤnzen der mazedonischen Koͤnige.

Moͤgte doch unser brave Landsmann, Winkler, der gleichfalls bey der Nationalbibliothek angestellt ist, seinem Amte so viel Zeit entwenden koͤnnen, um ein Ver - zeichniß dieses einzigen Kabinets anzufertigen, oder viel - mehr moͤchte es ihm zur belohnten Amtspflicht gemacht werden! Gewiß waͤre, durch Fleiß und Kenntnisse, Nie - mand geschickter dazu als er.

Der Pariser Laufbericht.

So hieß eine schlechte deutsche Zeitung, die bis zu An - fange dieses Jahres in Paris herauskam, und, wie man sagt, von einem gewißen Doktor Seyffert, einem Sach -18 sen, geschrieben wird, der vormals Leibarzt des Herzogs von Orleans war, und sich waͤhrend der Revolution durch gemaͤßigte Gesinnungen empfohlen (Andere behaupten, nicht empfohlen) haben soll. Doch das koͤnnte uns jetzt gleichviel gelten, wenn er nur unsre Muttersprache nicht revolutioniren, und den Parisern weiß machen wollte, er schreibe eine deutsche Zeitung fuͤr die Franzosen. Sie ist nun zwar schon zu Grabe gegangen, diese drollige Miß - geburt, aber es verlohnt der Muͤhe, sie noch einmal aus der Vergessenheit hervor zu ziehen, damit sie den einzig moͤglichen Nutzen stifte, naͤmlich unser Lachen errege.

Diese Afterzeitung erschien mehrere Male wochentlich, nie versaͤumte ich sie zu lesen, und immer bemerkte ich mir auf ein Zettelchen die auffallendsten Worte. Daraus ent - stand endlich ein drolliges Woͤrterbuch, welches wohl am meisten unterhalten wird, wenn ich versuche, es in einen Zusammenhang zu bringen. Jch habe daher Briefe im Styl des Pariser Laufberichts und mit dessen eige - nen Worten entworfen, die ich zum Scherz hier mittheile.

Mein Herr!

Ein Hirnfluß1)Katharr., der daher entstanden ist, daß ich im Traͤubler2)Vendemiaire. meine Baarhouke3)Peruͤcke. nicht aufge - setzt, und der mir sogar einen Saftkrampf4)Fieberparoxismus. zuzog, hat mich abgehalten, Jhnen mein Schaͤtzgefuͤhl5)Achtung. zu bezeigen, wie auch Jhnen die Merkgeschichtel6)Anekdoten. des hiesigen Freithums der Franzosen7)Franzoͤsiche Republik. mitzu - theilen. Der Oberregsrath8)Erster Konsul. und seine Feldge - huͤlfen9)Adjutant. und Nachschalter10)Substitut., sind jederzeit uͤb -19 schaͤftlich11)praktisirend. bemuͤht, bald Staatsrenner12)Kourier, fortzusenden, bald das Hinterhaltsheer13)Reservearmee. vor Ablaufer14)Desertion. zu schuͤtzen. Jn der Kriegskran - ken-Pflegerey15)Militaͤrhospital. ist waͤhrend des Hitzers16)Thermidor. und Oebstlers17)Fruktidor. ein Seuchdunst18)Miasma. und Luft - verdurb19)Miasma. entstanden, welche den Traulingen20)Patienten. des Stadtnaturforschers21)Stadtphysikus. uͤbel bekommen, und von den Gesundheitsbesorgern22)Officier de Santé. durch ihre Schriftfuͤhrer23)Sekretaͤr. regschaͤftlich24)offiziell angezeigt wor - den. Der kriegerische Vorschwung25)ist schwer zu erklaͤren. ist dem Schrift - thum26)Literatur. fristfaͤltig27)soll wohl heißen von Zeit zu Zeit. unguͤnstig. Man sagt, im Keimer28)Germinal. oder Bluͤmner29)Florial. werde es losgehn, und so gar das buhlseuchige30)kokett. Hofgeweibe31)Hofdame. belobklatscht32)applaudiren. diesen Vorsatz. Jch lebe unterdes - sen ganz unfaͤltig33)simpel., besehe die Oltdinge34)Antiquitaͤten., und gehe oft auf die Laͤngenheitsfachstube35)Bureau de longitudes. des Sternbeobachtungsthurmes36)Observatorium.. Jm hel - feyderschen Freythum37)Helvetische Republik. soll es jetzt unruhig aus - sehen. Wenn die guten Leute nur ihre Wortstaͤ - bung38)Sprache. fuͤr Verbuntung und Sprachkraͤtze39)Verunreinigung. huͤteten, gleich

Jhrem

Freunde, Hans Reinteutsch.

20

Ein dito.

Meine Frau! 40)Madam.

Jch eile, Sie von der neusten Schmuͤcklaune41)Mode und Behaͤublung42)Coeffuͤre. zu unterhalten. Auf Spazier - gaͤngen traͤgt man Heldinroͤcke43)Amazonen. wie auch Zaͤrtel - und Froͤstelroͤcke44)Douilletten. mit Knuͤpffluͤgeln45)Zum Zuknoͤpfen.. Die Lauschhaͤubchen46)Kornetten. empfangen jetzt große Gunst47)sind beliebt., auch die Tuͤrkenwickel48)Turban., und der wallschwester Putz49)weis ich nicht zu er - klaͤren. wird mit Blitzsteinen und Putzeicheln verziert, findet aber selten An - wand50)wird wenig getragen.. Nilschlaͤmmig und duͤrrlaubfarbig wird geliebt, das ist Alles, was ich von der Putz - tracht51)Mode. zu sagen weis. Jetzt komme ich auf mich selbst. Seit dem Windner52)Ventose. hat mich die Liebe zu Jhnen ganz rippsichtig53)Hypochonder. gemacht. Jch habe eine Stocksaͤftigkeit in den Schluͤpferdruͤsen, und oft solche Suchtsfaͤlle54)Paroxysmen., daß ich hundert Walz - stoͤße55)Pulsschlaͤge. in einer Zaude56)Minute. zaͤhle, mags57)obgleich. die Abflatung58)Stuhlgang. mit Huͤlfe des Arzeneyvermitt - lers59)Apotheker. und seiner Wißgenossen60)Kollegen. gehoͤrig unter - halten wird. O jeder meiner Blutwalze61)Puls. schlaͤgt fuͤr Sie! wann werden Sie einmal gesaͤnftet62)sanfter. werden! wann werde ich mit holder Abmundung63)Accent. das Wort von Jhnen hoͤren: Jch liebe dich! Jch bin21 zwar nur ein armer lehrwißlicher64)theoretischer. Schriftthum - ler65)Schriftsteller., aber durch viele Anheischige66)Abonnenten. habe ich gute Einnahme. Sprechen Sie, von welchem Augen - blicke darf ich mein Gluͤck bezeiten67)datiren.? O haͤtt 'ich Eilreuter68)Kourier., oder lieber noch eine Wortschleu - der69)Telegraph., um Jhnen taͤglich in jeder Selbe70)Sylbe. zu wiederholen, wie sehr mein Herz Sie in Eraͤchtniß nimmt71)Eigene Ausdruͤcke des Laufberichts., und wie ich mich fuͤr eingekaysert72)Eigene Ausdruͤcke des Laufberichts. und eingekoͤnigt73)Eigene Ausdruͤcke des Laufberichts. halten werde, so bald ich mich ganz nennen darf

Jhren

Hans Reinteutsch.

Damit man jedoch nicht glaube, ich wolle mich bloß uͤber den guten Hans Reinteutsch lustig ma - chen, und mehr auf seine Schultern buͤrden, als er zu tragen verdient, so will ich eine von ihm selbst gebaute Periode ganz unveraͤndert hieher setzen.

Die Sprachreinigung, Freund, ist tiefdenkend be - trachtet, vielleicht der staͤrkste Mittheil einer wahren Grundanlage der Gluͤckseligkeit eines gesitteten Volkes; sie bereitet das Grab des von der Wildniß uͤberbrachten und gesittet so kostlaͤstigen Betruges, vermindert die den Voͤlkern so laͤstige Streitfechterey u. s. w. kurz, ein ge - meiner Verstand reiner Sprache vermehrt das Vernunft - licht, vermindert die wilde Macht der Einbildung, er - klaͤrt das reiche Vorgetuͤmmel (?) und schwaͤcht die Menge des in gesitteten Staatsversellungen uͤberleiben - den Untertuͤmmels. (?) Was sagen nun meine Leser zu diesem Vorgetuͤmmel und Untertuͤmmel?

22

Hier auch ein Proͤbchen seines Witzes.

Die Schuͤlerinn und der Rechenmeister.

Die Schuͤlerinn. Bin ich schon weit im Rechnen, Herr Lehrer?

Rechenmeister. Gewiß, meine Schoͤne, schon an der 9.

Endlich auch noch ein Beweis, wie gut der Mann von Allem unterrichtet ist, was, die deutsche Sprache betreffend, in seinem Vaterlande vorgeht.

Friedrich der Zweite, sagt er, sey bis zum sieben - jaͤhrigen Kriege ein Feind der deutschen Sprache gewesen, dann aber habe er Gellerts Schriften alle gele - sen, und ihm versprochen, gleich nach dem Kriege in seinen Staaten alles Moͤgliche fuͤr die hochdeutsche Sprache zu thun. Er habe auch Wort gehalten, und seitdem bluͤhe das Hochdeutsche in den preußischen Staaten. Aus dieser Liebe endlich, fuͤr das Deutsche, habe Friedrich darauf bestanden, daß der Teschner Friedensschluß deutsch geschrieben werde. Das Lateinische werde jetzt nur noch von Quacksalbern gebraucht.

Natuͤrlich konnte ein solches dem Unsinn geweihte Blatt sich keine lange Dauer versprechen; es ist aber seitdem, durch einen andern Redakteur besser ausgestat - tet, aus dem Dunkel wieder ans Licht getreten.

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Kriminal-Justiz.

Die Neubegier trieb mich in das Palais de justice, um dem gerichtlichen Verhoͤr eines Delinquenten beizuwohnen. Jm Hintergrunde eines großes Saales erblickte ich drei Richter in langen schwarzen Amtskleidern, mit Baretten auf den Koͤpfen, sitzend an einer Tafel. Hinter ihnen an der Wand las ich die mit großen goldenen Buchsta - ben eingegrabenen Gesetze, welche den Richtern einschaͤrf - ten, daß sie nie ungehoͤrt verdammen, nie eine haͤrtere Strafe auflegen sollten, als das Gesetz vorschreibe u. s. w. Den Richtern zur Rechten, auf erhoͤhten Baͤnken, saßen die Geschwornen in gewoͤhnlichen Kleidern. Zur Linken, den Geschwornen gerade gegenuͤber, und noch erhoͤhter, befand sich der Angeklagte zwischen zwei Soldaten. Zu den Fuͤßen des Angeklagten saßen zwei Rechtsgelehrte, seine Vertheidiger. Vor der Tafel der Richter, und mit dem Ruͤcken gegen dieselben gekehrt, schrieb ein Protokollist; links und rechts, wo die erhabenen Sitze aufhoͤrten, befanden sich abermals zwei Schreiber, hinter welchen die Huissiers standen, die, so oft es noͤthig war, laut, Silence! riefen. Den Richtern gerade gegenuͤber waren niedrige Schranken, die sie vom Volke schied, und an derer innern Seite eine Bank herlief, welche fuͤr die Zeugen bestimmt war. Hinter diesen Schranken befand sich abermals ein ein - geschlossener Raum, welcher drei oder vier Baͤnke faßte, theils um die Zeugen nach abgelegtem Zeugnisse aufzu -24 nehmen, theils fuͤr distinguirte Personen unter den Zu - schauern. Dann folgten noch eine Menge Baͤnke hinter einander, die von einer niedern Volksklasse eingenommen waren, und endlich ein großer Raum zum Stehen fuͤr den Poͤbel. Das Ganze gewaͤhrte in der That einen im - posanten Anblick. Der Saal war sehr angefuͤllt, und auch oft geraͤuschvoll, doch konnte man sehr deutlich be - merken, daß, so oft ein Geraͤusch entstand, es nicht auf fremde Gegenstaͤnde, sondern auf die verhandelte Sache sich bezog, deren Untersuchung der ganze Haufe aufmerk - sam verfolgte. Jch muß hier abermals die gastliche Hoͤflichkeit der Franzosen ruͤhmen. Als ich kam, war das Verhoͤr schon im vollen Gange, und ich mußte mit einem Platze hinter dem Poͤbel vorlieb nehmen. Kaum aber hatte mein Lohnlaquay dem naͤchsten Huissier einen Wink davon gegeben, daß ich ein Fremder sey, als die - ser mir sogleich bis zu den Baͤnken der gemeinen Leute verhalf; und kaum hatte mich hier wiederum Einer der Protokollisten wahrgenommen, als er mir Platz machen und die Schranken der naͤchsten Baͤnke oͤffnen ließ, wo ich dann zum Theil unter den Zeugen saß, und Alles recht gut sehen und hoͤren konnte.

Der Delinquent war ein junger muthwilliger Ban - queroutier. Ein Zeuge nach dem andern wurde vorge - rufen, der mittelste Richter oder Praͤsident that die ge - woͤhnlichen Fragen an ihn, nach Namen, Alter, Stand, Verhaͤltnissen mit dem Angeklagten u. s. w. Dann fuͤgte er eine kurze Ermahnung hinzu, die Wahrheit getreulich zu berichten, ließ ihn aber nicht schwoͤren. Endlich schloß er mit den Worten: Erklaͤren Sie, Buͤrger, (denn hier allein hoͤrt man noch Etwas von Citoyen, und hier ist es auch ganz an seiner Stelle)25 erklaͤren Sie, Buͤrger, den Geschwornen, was Sie von der Sache wissen.

Der Zeuge wendet sich hierauf an die Geschwornen und erzaͤhlt. Die Geschwornen bleiben stumme Zuhoͤrer, der Praͤsident aber thut, wo es ihm noͤthig scheint, Fra - gen dazwischen, und, wenn er Nichts mehr zu fragen weis, ersucht er den Zeugen sich wieder auf seinen Platz zu verfuͤgen. Dann kehrt er sich zu dem Angeklagten, sprechend: Habt ihr Etwas gegen die Aussage des Zeugen einzuwenden? Worauf dann dieser seine Einwendungen vorbringt, der Zeuge auch wohl zum zweitenmal aufgerufen wird, und so gewißermaßen ein Gespraͤch zwischen dem Angeklagten, dem Praͤsidenten, und dem Zeugen entsteht, wobei alle Drei sich einer ge - wißen Urbanitaͤt befleißen, und das Harte, was sie et - wa zu sagen hatten, doch immer in einem hoͤflichen, voͤl - lig leidenschaftlosen Tone vortragen.

Der junge Banqueroutier, ein Meubelhaͤndler, schien mir ein großer Spitzbube. Trotz seiner Jugend wußte er sich immer sehr gut zu fassen, schob Alles und Alles auf seine Mutter, deren Geschaͤfte er bloß gefuͤhrt, da er selbst das erforderliche Alter noch nicht habe; und wenn er nicht weiter konnte so laͤugnete er gerade - zu. Der Richter wußte ihn jedoch einigemal ganz fein in seiner Aussage zu verwickeln, und dann entstand jedes - mal eine Art von Beifallsgemurmel unter dem versam - melten Volke, das einen sehr richtigen Takt voraussetzte.

Mit wahrem Vergnuͤgen brachte ich wohl einige Stunden hier zu; da aber die Zahl der abzuhoͤrenden Zeugen sehr groß war, so konnte ich das Ende nicht er - warten. Als der mir am naͤchsten sitzende Schreiber merkte, daß ich gehen wollte, naͤherte er sich mir sehr26 hoͤflich, und benachrichtigte mich, daß am dritten des kommenden Monats ein noch weit interessanteres Ver - hoͤr statt finden werde, als das heutige, zu welchem er mich einlade, wenn es mir Vergnuͤgen gewaͤhre. Dieses Zuvorkommen, welches ich schwerlich irgendwo in Deutsch - land haͤtte erwarten duͤrfen, uͤberraschte mich in der That. Jch dankte ihm herzlich, und ermangelte nicht mich am bestimmten Tage einzufinden.

Diesesmal waren der Angeklagten nicht Weniger als vierzehn. Da nun jeder seinen eignen Soldaten bei sich hatte, so war auf den fuͤr sie bestimmten Baͤnken kaum Platz fuͤr alle. Dazu kam noch, daß die rothen Federbuͤsche der Soldaten viele Gesichter der Delinquen - ten verbargen, und dadurch manche physiognomische Be - merkung verhinderten. Sie hatten saͤmmtlich an der fa - brikation falscher Banknoten Theil genommen. Ein Ku - pferstecher Namens Duclos, der sich anheischig gemacht hatte, die Platten zu stechen, spielte die verhaßte Rolle des Angebers, und wurde so eben abgehoͤrt, als ich hineintrat. Aus mehreren Aeußerungen der Angeklagten erhellte ziemlich deutlich, daß der Patron sich schwerlich verrathen haben wuͤrde, wenn er so viele Vorschuͤsse be - kommen haͤtte, als er unaufhoͤrlich verlangte. Nach sei - ner Anzeige an die Obrigkeit bediente sich die Polizey seiner, um die Uebrigen zu fangen. Er lockte saͤmmtli - che Spießgesellen zu einem Diner in Lyon. Keiner ahnete den Verrath, und so fielen sie alle auf einmal den Auf - passern in die Haͤnde.

Die Vertheidiger der Angeklagten warfen ihm diese Hinterlist bitter vor. Sie fuͤhrten unter andern an (und er konnte es nicht laͤugnen), daß Einige der Ver - hafteten mehreremal gegen ihn geaͤußert: sie wollten die27 Sache aufgeben, es reue sie, sie wollten Nichts weiter darmit zu thun haben. Warum, so apostrophirten sie den Angeber sehr feierlich, warum sagtet ihr diesen nicht, was ihr vorhattet? Traten diese auch bei, so so mußten die Uebrigen von selbst auseinander gehn, und vierzehn Hausvaͤter waͤren nicht in dieses unabsehbare Elend gestuͤrzt worden.

Duclos stotterte und wußte Nichts zu erwiedern. Ein allgemeines Gemurmel des Unwillens unter dem Volke antwortete statt seiner.

Der erste Delinquent war ein kecker Patron, er laͤugnete Alles frisch weg trotz der buͤndigsten Beweise. Seine immer wiederholte und einzige Antwort war: Jch weis von allem Dem Nichts. Der zweite machte es beina - he eben so. Der Richter verstand aber das Fragen sehr gut, und verwickelte die Laͤugner oft in ihre eigene Aus - sagen. Der Dritte erzaͤhlte die ganze Geschichte sehr aufrichtig, und wurde einigemal von seinen Thraͤnen un - terbrochen. Nachdem er die Erzaͤhlung vollendet hatte, fuͤgte er die ruͤhrenden Worte hinzu: Zu meiner Ent - schuldigung weis ich weiter Nichts zu sagen, als: Jch kam aus St. Domingo, hatte Alles verloren, Niemand wollte mir helfen, und meine Kinder hungerten. Der Mensch war gewiß mehr Ungluͤcklicher als Boͤse - wicht. Die Meisten wurden verdammt, mit ei - nem F. auf der Schulter gebrandmarket zu werden und sechs Jahre Ketten zu tragen. Ob, wenn diese sechs Jahre um sind, der Monsieur Duclos nicht noch die Fol - gen seiner Angeberei spuͤren wird, steht zu erwarten. Die Delinquenten schienen sehr erbittert gegen ihn und das Volk nicht minder. Es war sehr merklich, daß es, vor dem Richterstuhle des Gewissens, ihn fuͤr strafbarer hielt, als Jene.

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Jm Ganzen habe ich von der jetzigen Prozedur der Franzosen bei Kriminalverhoͤren eine sehr guͤnstige Mei - nung bekommen, und ich wuͤßte in der That nicht, wie sie zweckmaͤßiger eingerichtet werden koͤnnte.

Das Nachmachen des gemuͤnzten sowohl, als des Papiergeldes, ist jetzt ein haͤufig vorkommendes Verbre - chen, zu welchem das große Elend treibt. Aber je sinn - reicher die Fabrikanten sind, je wachsamer ist die Polizey. Am 22sten Oktober wurde Einer Namens Pescio St. Si - mon guillotinirt, weil er die neuen Fuͤnffrankenstuͤcke mit Bonaparte's Bildnisse nachgemacht hatte. Er kaufte zum erstenmal fuͤr 6 Sous Gemuͤse, und wechselte einen sei - ner falschen Thaler, den man sogleich fuͤr falsch erkannte, dem Wechsler nachsetzte, und ihn einholte, als er aber - mals 4 Sous Toback mit seiner fabrizierten Muͤnze be - zahlen wollte. Sobald er jedoch merkte, daß er in Ge - fahr sey, ließ er sein Geldstuͤck fallen, und entsprang gluͤcklich. Einige Tage nachher trieb ihn der Hunger doch wieder heraus, er wagte sich zu einem Fruchthaͤnd - ler, in dem Augenblicke, als nur die Frau desselben in der Bude war, von der er vermuthlich wußte, daß sie ein bloͤdes Gesicht habe. Jhr gab er ein Fuͤnffrankenstuͤck, sie verließ sich aber nicht auf ihre Augen, sondern rief ihren Mann herbei, der es sogleich fuͤr falsch erkannte, und den Pescio ersuchte, mit ihm zum Polizeykommis - sair zu gehen. Statt der Einladung zu folgen, lief er davon, der Fruchthaͤndler hinter ihm her, aus vollem Halse schreiend. Sogleich arretirten ihn die Voruͤberge - henden; als sie aber hoͤrten, warum man ihn der Po - lizey ausliefern wollte, bemuͤhten sie sich, (welches sehr merkwuͤrdig ist,) ihn wieder durchschluͤpfen zu lassen. Offenbar sieht also das Volk dieses Verbrechen nicht fuͤr so29 schwarz an, als es sollte, und es bestaͤttigt sich hier aber - mals, daß der groͤßere oder mindere Abscheu dagegen, bloß von der Art und Weise abhaͤngt, wie die Staats - gelder uͤberhaupt eingetrieben, oder verwandt werden.

Pescio kam dennoch nicht mehr durch. Jn dem Augenblicke seiner Verhaftnehmung machte er sich noch verdaͤchtiger, indem er ein Papier wegwarf, in welches noch vier falsche Frankenstuͤcke gewickelt waren. Er be - kannte sogleich Alles, nannte auch einen Mitschuldigen, einen Gensd'arme, von der sogenannten élite à cheval. Am 29sten Vendemiaire wurde er guillotinirt.

Sehr loͤblich scheint mir die Gewohnheit, den gan - zen Prozeß, mit sammt dem Urtheile, durch oͤffentlichen gedruckten Anschlag bekannt zu machen.

Gemuͤthsstimmung der Pariser.

Wenn man nicht wuͤßte, daß es uͤberhaupt eine unver - tilgbare Unart der Menschen ist, immer die Zukunft, nie die Gegenwart zu genießen, und folglich, wenn nun die Zukunft wirklich zur Gegenwart wird, des Ge - nusses bereits uͤberdruͤßig zu seyn; wenn, sage ich, diese Erbsuͤnde nicht auf allen Adamskindern haftete, so soll - te man die Franzosen fuͤr inkonsequenter halten, als die uͤbrigen Erdbewohner, denn ihre Revolutionen sammt al - len daraus entsprungenen Folgen haben sie herzlich satt, und die Meisten wuͤnschen die gute alte Zeit zuruͤck.

Jn einer Diligenze fuͤhrte der Zufall zehn Personen von verschiedenen Staͤnden zusammen: einen Unteroffizier,30 Landeigenthuͤmer, Kuͤster, Arzt, Zeitungsschreiber, Au - tor, Holzhaͤndler, Advokaten und Juden.

Schade, daß wir Frieden haben, hub der Sol - dat an, im Kriege hoffte ich mein Gluͤck zu machen, so aber bleibe ich nur Sergeant.

Der Landeigenthuͤmer. Freilich, die ganze Welt mag umgekehrt werden, wenn Sie nur avanziren. Jch wuͤnsche zwar auch Krieg, aber aus ganz andern Ursachen: die Kornpreise werden immer geringer, das Brod ist fast umsonst zu haben.

Der Holzhaͤndler. Ach! wenn wir nur wie - der ein paar tuͤchtige Winter erlebten! Aber der Kalen - der des Herrn Lamark verkuͤndet Nichts als Nebel, Re - gen und Suͤdwind. Ja sonst, da hatten wir noch zu - weilen 18 Grad Kaͤlte, aber jetzt

Der Advokat. Gott sey Dank, daß es warm bleibt! Die Advokaten muͤßten ja erfrieren. Man hat die Zahl der Rechtsgelehrten dermaßen vergroͤßert, man hat Friedensrichter und Vergleichsbuͤreaus eingefuͤhrt, man droht uns sogar mit einem Civilgesetzbuche wie in Preußen. Ja, sonst konnte man bei 40 Jahren sich mit 40000 Livres jaͤhrlicher Einkuͤnfte in Ruhe setzen.

Der Zeitungsschreiber. Wenn ihr klaget, was soll ich thun? Jm Kriege gab es taͤglich gewonnene und verlorne Schlachten, belagerte und eroberte Staͤdte, tausend widersprechende Verordnungen, uͤberall Aufruhr; da war keine Provinz, kein Staͤdtchen, die nicht ihr Erd - beben, ihre Ueberschwemmung gehabt haͤtten, und wie die Elemente, so kaͤmpften die Partheien mit einander; aber da ist ploͤtzlich ein Mann gekommen, der, wie Ne - ptun, Alles zum Schweigen gebracht hat. Hoͤchstens giebt es eine Hoͤllenmaschine, oder ein paar Steine, die aus dem Monde herabfallen.

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Der Arzt. Seitdem man nicht mehr Ader laͤßt, und nicht mehr soviel Tisane zu trinken giebt, ist unsre Kunst verloren. Die Vapeurs und Nervenkrankheiten sind ganz aus der Mode, keine huͤbsche Frau will auch nur ein paarmal woͤchentlich in Ohnmacht fallen, um in - teressant zu erscheinen. Jm Gegentheil sie laufen mir Nichts dir Nichts halbnackend herum, und bekommen hoͤchstens eine langweilige Schwindsucht.

Der Kuͤster. Das ist es eben, was auch mich in Verzweiflung bringt. Jch hatte das Begraben in meinem Kirchspiele gepachtet, und rechnete wenigstens auf zehn Todte woͤchentlich. Jch bin ruinirt.

Der Arzt. Meine Schuld ist es nicht. Von meinen Kranken stirbt immer richtig die Haͤlfte.

Der Jude. Uns geht es am schlimmsten. Jeder - mann will heut zu Tage Jude seyn. An jedem Hause liest man: Bureau de prêt, mont de piété, u. s. w. Der Name Jude wird ganz vergessen. Man geht, wenn man Geld braucht, zum Ersten, Besten, Christ oder Jude, und wird von Einem wie vom Andern bedient. Ueberdieß hat man den Termin der Volljaͤhrigkeit leider abgekuͤrzt, und die jungen Leute haben gar zu viele Mit - tel sich selbst zu helfen. Unter dem ancien regime hat - ten wir vier Jahre laͤnger zu arbeiten, und das wa - ren gerade die rechten Aerntejahre.

Der Autor. Und ich, meine Herren! liege ich denn auf Rosen? Meinen Sie, dem Schriftsteller fließe Milch und Honig? Seit 20 Jahren schreibe ich; und sehen Sie, wie mein Rock aussieht. Alles hab 'ich ver - sucht, Nichts ist gelungen. Jch hatte meinen Glaͤubi - gern ein herrliches Schauspiel verpfaͤndet; eh bien! es ist ausgepfiffen worden, denn man hat keinen Geschmack32 mehr. Endlich schrieb ich ein vortreffliches Werk uͤber das gelbe Fieber, als es gerade in Cadix herrschte. Was geschieht? Kaum ist mein Buch gedruckt, so hoͤrt das Fie - ber auf, und da liegen nun die Exemplare wie Blei. Ja, vor alten Zeiten, ehe man die Buchdruckerkunst er - fand, da galt ein Schriftsteller noch seinen Preis. Anno 1471 zahlte Ludwig XJ. 100 Goldthaler und 12 Mark Silber fuͤr eine Kopie eines schlechten arabischen Buchs uͤber die Arzeneikunst. Unter Ludwig XJJJ. gab der Kar - dinal Richelieu 600 Livres fuͤr sechs Verse. Das waren gute Zeiten!

Der Soldat. Unter Karl dem Kahlen gab es eine Schlacht bei Fontenay, wo 100000 Mann auf dem Platze blieben und die Unteroffiziere schnell avanzirten. Das waren gute Zeiten!

Der Landeigenthuͤmer. Anno 1336 war die Hungersnoth so groß, daß die Menschen sich unter - einander aufaßen, und das Maaß Mehl 50 Franken ko - stete. Das waren gute Zeiten!

Der Arzt. Anno 1269 herrschte eine so furcht - bare Pest in Paris, daß taͤglich 150 Personen starben. Die Aerzte konnten nicht umkommen

Der Kuͤster. Und die Kuͤster nicht Graͤber genug bestellen. Ach ja, daß waren gute Zeiten!

Der Advokat. Vor der Reform der Tribunaͤle hatte ich taͤglich wohl 10 Prozesse zu plaidiren, Bitt - schriften zu uͤberreichen etc. Zwanzig Familien weinten alle Morgen vor meiner Thuͤre. Das waren gute Zeiten!

Der Jude. Ehe die Banquiers, Maͤkler, Wechs - ler, Leihhaͤuser, Froͤmmigkeitsberge, u. s. w. in Schwang kamen, da waren gute Zeiten, denn Alles ge -33 hoͤrte uns. Damals nahm man auch die beschnittenen Thaler, heut zu Tage wiegt man Alles.

Der Zeitungsschreiber. 1793 und 94 gab es alle Tage Konspirationen, woͤchentlich drei bis vier Volksaufstaͤnde, monatlich 7 bis 8 Schlachten, in jedem Kanton einige Massakren, jeden Morgen 150 revolutio - naire Verurtheilungen, jeden Abend 50 bis 60 National - dekrete, Reden, Motionen, etc.

Obwohl dieses ganze Gespraͤch nur zum Scherz er - funden seyn mag, (da es sich in der ganzen Welt mit Wahrheit parodiren ließe) so kann man doch aͤhnliche Aeußerungen uͤberall hoͤren. Ganz zufrieden ist eigent - lich Keiner, nicht einmal der Emporkoͤmmling, denn er sieht noch einen Andern Emporkoͤmmling uͤber sich und meint, die Stelle habe ihm gebuͤhrt. Das ist der Lauf der Welt.

Die Graͤuel der Revolution werden allgemein verab - scheut, theils von Herzen, theils um die Mode mit zu machen. Diejenigen, die an jenen Graͤueln thaͤtigen An - theil genommen, werden nicht verfolgt, sondern ver - gessen; nicht einmal Groll scheint man mehr gegen sie zu hegen. Barras lebt zu Bruͤssel unter Menschen, wel - chen er viel Boͤses zugefuͤgt hat, und die dennoch freund - lich mit ihm umgehen.

Das die Pariser sich der alten Zeiten nicht ungern erinnern, wird bei hundert Gelegenheiten und aus hun - dert kleinen Zuͤgen bemerkbar. Das Portrait Ludwig XVJ. findet man in allen Bilderlaͤden. Am Abende meiner An - kunft besuchte ich die Oper Adrien, und hoͤrte mit Er - staunen die Worte: fidéle à mon roi, enthusiastisch be - klatschen. Der sogenannte Palast des Tribunats heißt wieder allgemein Palais royal, die letzte Post vor Paris,34 poste royale, die Straße de la loi wird haͤufig wieder rue Richelieu genannt. Eine Posthalterinn zwischen Lyon und Paris sagte wehmuͤthig, als sie den Stern auf meinem Kleide erblickte: en vous voyant, Mon - sieur, nous renaissons. Leute, die ihre Dienste an - bieten, zaͤhlen es unter die Empfehlungen, vormals von Adel gewesen zu seyn. Eine Dame, die einen Platz such - te, fuͤhrte ausdruͤcklich an: sie sey die Tochter ei - nes Ludwigsritters, und eine Andere ruͤhmte sich in derselben Absicht ihrer adelichen Abkunft; ja, diese Letztere ließ oͤffentlich in die Zeitung drucken: sie wuͤnsche bei einem Herrn oder Dame de sa classe die honneurs de la table zu machen. Die Minister werden wieder Exzellenz genannt; die Livreen vermehren sich taͤglich.

Die gelesensten Blaͤtter vertheidigen den Adel oft geistreich. Ein gewißer Familienstolz, sagt man, ist je - dem Rang und allen Klassen eigen. Vor der Revolution fand sich der Buͤrger, so gut als der Edelmann, durch eine Reihe rechtschaffener Ahnen geehrt, die etwa adeli - che Bedienungen gehabt hatten. Selbst der Landmann erkundigte sich sorgfaͤltig, ehe er seine Tochter verheira - thete, nach der Familie des kuͤnftigen Schwiegersoh - nes. Eine Art von Adel war selbst den Bauernhuͤtten nicht fremd, dort bestand er in der Achtung vor dem Al - ter und der anerkannten Redlichkeit einer Familie.

Die Philosophie hat jene Gefuͤhle zuweilen herabge - wuͤrdigt, die Revolution sie gar zerstoͤren wollen; Alles rief mit Juvenal: Stemmata quid faciunt? Was kuͤm - mern uns Voreltern? Die Weisheit grauer Jahrhun - derte hat diese Frage laͤngst beantwortet. Schon im Al - terthume faͤngt jeder Mensch, der uͤber seinen Namen und Stand befragt wird, darmit an, seine Vaͤter zu nennen. 35Sie sind gewißermaßen seine Buͤrgen. Die homeri - schen Helden unterlassen es nie. Plato selbst haͤlt es nicht fuͤr zu gering, zu bemerken, daß Alcibiades, durch den Eurysaces, bis zu Jupiter hinauf rechnen konnte, und daß Sokrates den Daͤdalus und Vul - kan zu Ahnherren hatte.

Was ist das fuͤr ein Volk, das bei den olympischen Spielen sich das Geschlechtsregister des Leonidas her - erzaͤhlen laͤßt? Was ist das fuͤr ein Volk, das die Ge - duld hat, von der Rednerbuͤhne herab den Caͤsar die lange Reihe seiner Ahnen nennen zu hoͤren? Die Griechen! die Roͤmer! Man waͤge auf einer Seite die Uebereinstimmung aller Voͤlker, aller Zeiten, unter allen Regierungen und Formen derselben; auf der andern die Weisheit einiger Tage, der man die große Ent - deckung verdanket, daß ein Sohn mit seinem Vater gar Nichts zu schaffen hat.

Was allgemein ist, kann kein Vorurtheil seyn. Nicht nur Europa, selbst die neue Welt haͤngt an diesem Glau - ben, und kein Wilder in Nordamerika verlaͤßt seine Woh - nung, ohne die Gebeine seiner Vaͤter mitzunehmen. Das aͤlteste bekannte Volk, die Chineser, verehrt seine Voraͤl - tern sogar noch abgoͤttisch. Vom Palast bis zur Huͤtte sucht der Mensch sein Andenken auf kommende Jahrhun - derte fortzupflanzen. Von diesem Wunsche beseelt, saͤet der Greis den Saamen eines Baumes, dessen drittes Blatt er vielleicht kaum erleben wird. Durch seine Voraͤltern (das heißt Erinnerungen) haͤngt er mit der Vergan - genheit zusammen; durch seine Kinder (das heißt Hoff - nungen) mit der Zukunft. Jn der physischen Ord - nung der Dinge gehen die Jndividuen unter, die Gattun - gen bleiben ewig; eben so in der moralischen. Der ist36 kein guter Mensch, der alle unsere Genuͤsse gleichsam iso - liren und auf den gegenwaͤrtigen Augenblick beschraͤnken will.

So raͤsonniren heut zu Tage die naͤmlichen Franzo - sen, die noch vor wenigen Jahren augenblicklich zum La - ternenpfahl mit Demjenigen gewandert seyn wuͤrden, der sich unterstanden haͤtte, Dergleichen laut werden zu lassen.

Gesellschaften und Vergnuͤgungen.

Gesellschaften giebt es freilich wohl noch, aber ohne Ge - selligkeit. Eine fremde Dame, welche schon seit meh - reren Jahren in Paris ein großes Haus macht, klagte mir einst: die Leute vom nouveau regime seyen nie uneini - ger unter sich selbst, als wenn sie mit denen vom an - cien regime zusammen kaͤmen. Die Letztern waͤren dann auch wieder gespalten, weil ein Theil der Altadelichen mit den neuen Menschen Umgang haͤlt, ein anderer hingegen zu stolz oder zu arm dazu ist. Hierzu kommt noch, daß man die liebenswuͤrdigsten Altadelichen nur sehr selten bei sich sehen kann, weil sie entlegen wohnen, nicht Soviel uͤbrig behalten haben, um einen Fiakre bezah - len zu koͤnnen, und man doch nicht wagt, ihnen einen Wagen zu schicken.

Jst es nun aber endlich gelungen, drei Menschen zu versammeln, so herrschen auch gewiß drei verschiedene Meinungen in dieser kleinen Gesellschaft. Das Mis - trauen gegen einander steht lesbar in ihren Zuͤgen, daher37 eine zerhackte Unterhaltung, Peinlichkeit des Wirths, und folglich keine Geselligkeit.

Die Mittagsgesellschaften sind noch ertraͤglich, weil die Tafelfreuden sie wuͤrzen, aber die abendlichen Zusam - menkuͤnfte, wo man kommt, geht, im halben Zirkel sitzt, wo kein Gespraͤch allgemein wird, und Jeder sich aͤngstlich nach Einem umsieht, dem er sagen koͤnne, was heute fuͤr Wetter ist; wo die Frau vom Hause, mit nicht im - mer gluͤcklich verhoͤlter Verlegenheit, bald Diesen, bald Jenen zu unterhalten strebt, indessen der Herr Gemahl bloß dadurch als Herr vom Hause kenntlich wird, daß er sich nicht die geringste Muͤhe giebt seine Langeweile zu verbergen, und sich hoͤchst nachlaͤßig auf alle Sofas streckt ja, solche Assembleen, denen ich auch ein paar - mal beizuwohnen das Gluͤck gehabt, bestaͤttigen leider auf - fallend die Bemerkungen jener geistreichen fremden Dame.

Eine geschmackvolle Wirthinn sucht natuͤrlich Alles hervor, um ihren nicht Karten spielenden Gaͤsten einen angenehmen Zeitvertreib zu verschaffen, und man bedient sich dazu vorzuͤglich dreier Mittel, die allerdings vor - trefflich, nur aber meistentheils schwer zu erlangen sind. Das erste ist der Abbe Delille, der beruͤhmte Dich - ter, der die Gefaͤlligkeit hat, in Haͤusern, wo er bekannt ist, seine Verse herzusagen, (nicht herzulesen, denn er ist fast ganz blind,) der Genuß des Zuhoͤrers beschraͤnkt sich dabei nicht bloß auf die mancherlei Gedichte selbst, die sein erstaunenswuͤrdiges Gedaͤchtniß alle auswendig weis, und die groͤßten Theils aus schoͤn versifizirten neuen Wendungen alter Gedanken bestehn; sondern man erfreut sich auch vorzuͤglich der unbefangenen Kindlichkeit des alten Mannes, die man uͤberall, und besonders in Paris, so selten trifft. Sehr gern erinnere ich mich ei -38 nes Abends, den ich mit ihm bei der eben so geistreichen als liebenswuͤrdigen russischen Fuͤrstinn Dolgorucki zuge - bracht habe. Er war gern in dem Hause und wer waͤre da nicht gern? Denn die aufmerksame Wirthinn kannte schon seine kleine Wuͤnsche und Beduͤrfnisse, und kam allen zuvor; selbst fuͤr fromage à la Crême, den er gern ißt, war gesorgt. Dagegen unterhielt er uns mit den schoͤnsten und feurigsten Bruchstuͤcken seiner un - gedruckten Werke, und so oft Einer der Mitgaͤste ihn an dieß oder jenes vormals Gehoͤrte erinnerte, war er gleich so gefaͤllig, es zu wiederholen. Schade nur, daß er so außerordentlich schnell spricht, daß selbst Franzosen Muͤhe haben, ihm zu folgen, fuͤr Auslaͤnder aber noth - wendig Vieles verloren geht.

Man begreift leicht, daß dieses treffliche Mittel, eine Gesellschaft zu unterhalten, nur in der Macht Der - jenigen steht, welche Delille mit seinem Wohlwollen beehrt. Hierzu kommt noch, daß es nicht einmal immer von ihm selbst abhaͤngt, ob er kommen will oder nicht, denn er wird, wie alle Dichter, von seiner Frau beherrscht. Ohne diese mit einzuladen, ist kein Besuch von ihm zu hoffen. Da nun Madame Delille singt und ihr Ge - sang ihren Gemahl entzuͤckt, so muß auch dafuͤr gesorgt werden, daß ein Jnstrument bereit stehe, sie zu akkom - pagniren. Waͤhrend ihr Gatte im Deklamiren eine Pau - se macht, ist es der Hoͤflichkeit gemaͤß, Madame De - lille zu ersuchen, eine Probe ihrer Kunst abzulegen; sie weigert sich ein wenig, giebt aber nach, und dann sitzt der Abbé Delille neben ihr am Klavier, hingerissen von der Schoͤnheit ihres Gesanges. Dagegen ist sie auf das Zaͤrtlichste fuͤr seine schwache Gesundheit besorgt, und giebt nicht zu, daß er zu viel Fromage à la Crême esse.

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Ein zweiter, nicht alltaͤglicher Zeitvertreib in den ersten Haͤusern von Paris ist die Gesellschaft irgend ei - nes vorzuͤglichen Schauspielers, besonders Talma oder Lafond. Diese sind so gefaͤllig, aus allen Trauer - spielen ihres Repertoirs die schoͤnsten Szenen oder Mono - loge mit allem Aufwand ihrer Kunst zu deklamiren, auch wohl andere lyrische Gedichte darunter zu mischen; und das gewaͤhrt allerdings zuweilen Stundenlang einen herr - lichen Genuß. Von Talma, dem Einzigen, werde ich noch bei einer andern Gelegenheit sprechen. Lafond zeich - net sich besonders durch ein aͤußerst angenehmes Organ und eine einnehmende jugendliche Gestalt aus, im uͤbri - gen ist er als Schauspieler ganz Franzose. Doch ist sein Spiel im Zimmer weit gemaͤßigter, und ich werde seinen Orosmann, (besonders die Worte: Zaire vous pleu - rez?) wie auch den Traum aus Athalia, nie verges - sen. Wie leicht ließe dieses treffliche Unterhaltungs - mittel sich auch in teutschen Gesellschaften einfuͤhren; wie angenehm waͤre es nicht, Bruchstuͤcke von Schil - ler oder Goͤthe gut deklamiren zu hoͤren, ohne durch ein laͤrmendes Parterre um die Haͤlfte gebracht zu wer - den; wie manchen gebildeten und wohlerzogenen Mann giebt es nicht auch unter unseren Schauspielern, der eine aus den ersten Staͤnden zusammengesetzte Gesell - schaft nicht verunzieren wuͤrde; aber da stoße ich ploͤtz - lich auf ein unuͤberwindliches Hinderniß! Unsere Schauspieler sind herzlich froh, wenn sie auf der Buͤhne ihre Rolle mit Hilfe des Souffleurs hergestottert haben, unsere Schauspieler wissen Nichts auswendig, koͤnnen den Souffleur nicht eine Minute entbehren; dem Franzosen hingegen fehlt nie ein Wort, er spricht, als ob ihm die Rede nur so eben aus dem40 Herzen floͤße, und bedarf nie einer Zurechtweisung. Das ist also fuͤr uns Teutsche Nichts.

Das dritte Unterhaltungsmittel endlich ist die Musik. Jch verstehe darunter nicht eigentliche Kon - zerte, sondern das Spielen und Singen einzelner Per - sonen, vom Klavier oder von einem andern Jnstrumente begleitet. Es waͤre undankbar, hier nicht der jungen schoͤnen Gemahlinn des Staatsraths Regnaud de St. Jean d' Angely zu erwaͤhnen, welche wirklich schoͤn und lieblich singt, und z. B. eine Szene vom Gluck mit tie - fem Gefuͤhl vortraͤgt. Wo aber die Wirthinn vom Hause solche Vorzuͤge nicht besitzt, da ist man besonders be - muͤht, den beruͤhmten Singer Garat in die Gesellschaft zu ziehen, und man wird schon mehrere Tage vorher ausdruͤcklich auf ihn, wie auf Delille, eingeladen.

Aber welch ein Unterschied zwischen ihm und Delille! Dieser ist vielleicht zu gefaͤllig, jener besitzt den unaus - stehlichsten Kuͤnstlereigensinn und Uebermuth, den ich je - mals zu verachten Gelegenheit gehabt habe. Dreimal fand ich mich ein, um ihn zu bewundern. Das erstemal hatte er sehr gewiß versprochen zu kommen, blieb aber ganz aus. Das zweitemal (bei Madame Regnaud de St. Jean d' Angely) kam er zwar, aber sobald ich ihn erblickte, wußte ich schon, woran ich war. Er trat in eine große geputzte Gesellschaft nachlaͤßig gekleidet, in Stiefeln und mit verworrenem Tituskopf, gab sich Airs, wie vormals nur ein verzogener Hoͤfling gethan haben mag, und war durch keine Bitten dahin zu bringen, daß er gesungen haͤtte. Das drittemal bei der tief - fuͤhlenden Verfasserinn der Valerie machte er es eben so. Jch sah lange von Ferne zu, wie man ihn mit Bitten bestuͤrmte; da ich aber sehr deutlich in seinen Zuͤ -41 gen las, daß diese Bitten ihm nicht unangenehm, son - dern ein nicht zu unterlassendes Vorspiel waren, das noch lange dauern konnte, ich hingegen solchen Zierereien in den Tod feind bin, so schlich ich fort, gerade einige Minu - ten vorher, ehe er zur Gnade sich neigte, kann also sein Talent nur auf Hoͤrensagen ruͤhmen.

Daß Delile, Talma, Lafond und Garat nicht gerade allein das Privilegium haben, den ersten Pariser Zirkeln einen geistigen Genuß zu gewaͤhren, ver - steht sich von selbst. Es giebt wohl wenige gute Haͤuser, in welchen nicht ein oder mehrere Vertraute der Musen heimisch waͤren; und wer nur zu essen geben kann, der hat auch gewiß, aus Mode oder Geschmack, Einige der schoͤnen Geister, von welchen Paris wimmelt, an seiner Tafel. So fand ich z. B. bei Madame von Beauhar - nois den alten Retif de la Bretonne (der einem gutmuͤthigen Faun gleicht, und dessen Romane wohl Kei - nem meiner Leser unbekannt seyn werden) Cailhava (dessen Buch l'Art de la Comédie einst gelesen, und dessen Schauspiele einst gespielt wurden), Dorat Cu - bieres (eigentlich Palmeseaux, der, ich habe ver - gessen warum, Dorats Namen angenommen) Volme - ranges, (der Verfasser verschiedener Boulevard-Stuͤcke) Vigée, (ein angenehmer Dichter und besonders guter Deklamateur) u. s. w.

Wer nun aber nicht so gluͤcklich ist, oder nicht Lust hat, seine Gesellschaften auf diese Weise zu beleben, ja, der muß wie gewoͤhnlich zu den Karten seine Zuflucht nehmen. Doch bleiben freilich in guten Haͤusern auch immer noch Leute genug uͤbrig, die nicht spielen, und unter welchen ein Fremder immer sehr interessante Be - kanntschaften macht. Da trifft man auch wohl zuweilen42 mit Fremden zusammen, denen man im Vaterlande zu begegnen nicht das Gluͤck hatte, und ich entsinne mich unter andern mit großem Vergnuͤgen, bei dem amerika - nischen Gesandten, Herrn Livingston, den Grafen Rumford gefunden zu haben, den mein Herz schon laͤngst verehrte. Die Gegenwart dieses achtungswerthen Menschenfreundes und die der hoͤchstliebenswuͤrdigen Schwiegertochter des Gesandten (einer juͤngern Schwe - ster der Venus pudique) haͤtten schon hingereicht, jede Erwartung des Fremdlings zu befriedigen.

Noch habe ich eines Hauses nicht erwaͤhnt, wo An - stand, Froͤhlichkeit und geistreiche Unterhaltung zwanglos vereiniget sind; ich meine das Haus des preußischen Mi - nisters, Marquis von Luchesini, dessen Geist sich nie erschoͤpft, wie seine Gefaͤlligkeit nie ermuͤdet. Die in der großen Welt erforderlichen Talente, die er alle in ei - nem ausgezeichneten Grade besitzt, haben einen leichten Firniß uͤber die Eigenschaften seines Herzens gezogen, der aber so durchsichtig ist, wie der Firniß auf einem koͤstlichen Gemaͤlde, und folglich nur dient, ihm Glanz zu leihen. Sein Geschmack ist so gelaͤutert, und seine Kenntnisse sind so mannichfaltig, daß er mit der groͤßten Leichtigkeit hier einen Politiker, dort einen Philosophen hier einen Dichter, dort einen Kuͤnstler, Jeden in seinem Fache unterhaͤlt, und in jedes Fach zu gehoͤren scheint. Dabei leuchtet unverkennbar eine gewiße Gutmuͤthigkeit hervor, die seinem Gaste Behaglichkeit und Zutrauen ein - floͤßt. Alle die Annehmlichkeiten, welche sein Haus ihm verdankt, weis seine geistreiche Gemahlinn noch zu erhoͤ - hen, und es wird wohl kein Fremder, der das Gluͤck ge - habt hat, ihm naͤher anzugehoͤren, Paris ohne eine blei - bende dankbare Erinnerung verlassen.

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Außer den ersten Haͤusern (wenn naͤmlich Glanz den Rang bestimmt) giebt es auch noch manche, die in an - derer Hinsicht Anspruch auf diesen Rang mit Recht machen duͤrften, und in welchen den Karten wie der Lan - genweile der Zutritt versagt ist. Dahin gehoͤren z. B. die Haͤuser mehrere Staatsraͤthe, die bekanntlich groͤß - tentheils aus dem Stande der Gelehrten gewaͤhlt worden. Des edlen Lagrange habe ich schon irgendwo erwaͤhnt. Jhm gleicht Fourcroy, der den Ruf eines großen Ge - lehrten mit dem eines hinreißenden Redners verbindet, und die gewaͤhlteste Gesellschaft an seiner runden Tafel sammelt. Auch Perrégaux, der erste Banquier der Regierung, weis durch anspruchlose Gastfreiheit sein An - denken dem Fremden lieb zu machen. Es wuͤrde mich zu weit fuͤhren, wenn ich alle die Haͤuser nennen wollte, wo aͤcht franzoͤsische Urbanitaͤt die Geselligkeit fesselt; es sind ihrer viele, und doch bleiben sie nur Ausnahmen, denn die Wuth, große Zirkel zu bilden, ist allgemein.

Einige große Maler und ihre Atteliers.

Der Ruhm von Davids Sabinerinnen ist schon durch ganz Europa geflogen, und hat nicht zu laut ge - blasen. Es ist ein herrliches Gemaͤlde! Krittler tadeln Manches, z. B. die Stellung des Roͤmers, und was weis ich was sonst noch. Jch habe vor lauter Genusse nicht zum Tadeln kommen koͤnnen. Der angreifende Sabiner ist die Schoͤpfung eines großen Meisters! und wie poe - tisch ist das Bild gedacht! welch 'eine lebendige Einbil -44 dungskraft hat es hervorgezaubert! Die Weiber rol - len ihre Kinder zwischen die Streitenden da hat sich ein zartes Weib um die Kniee des Sabiners geschmiegt kann der rauhe Mann ihr widerstehen? Ha! ein Bild voll schmerzlichen Lebens; und dennoch hat das Genie des Meisters ein Mittel gefunden, einen Kontrast von heiterer Ruhe anzubringen wie? wird man schwerlich errathen, und es ist doch so natuͤrlich. Zwischen den Fuͤßen des Roͤmers liegt Eines der hingeworfenen Kinder, welches eben seine erste Zaͤhne zu machen scheint, und deßhalb ganz unbefangen mit dem Finger im Munde spielt. Dieß zarte spielende Kind unter dem wuthschnau - benden Helden macht großen Effekt.

Wenn die deutschen Kuͤnstler konsequent sind, so duͤrfen sie das Bild freilich nicht loben, denn es sind wahrhaftig noch mehr Kinder darauf, als in meinen Hus - siten vor Naumburg vorkommen. Da nun dieses Stuͤck, besonders der Kinder wegen, so gruͤndlich bespoͤttelt wor - den, so hoffe ich, werde es dem wackern David nicht bes - ser ergehen, denn er und ich haben ganz aus der Acht gelassen, daß bei Darstellung einer Geschichte, in welcher Kinder die Haupttriebfeder der Handlung sind, durchaus keine Kinder sich zeigen muͤssen.

Man bezahlt, um die Sabinerinnen zu sehen, eine Kleinigkeit beim Eintritt, und kannzugleich eine Bro - schuͤre kaufen, in welcher David dieses Verfahren mit dem Beispiel der Alten entschuldigt, und behauptet, daß ihm vorzuͤglich daran gelegen sey, die Urtheile des Pub - likums auf diese Weise wie Apelles zu sammeln; da mag er dann auch wohl auf manchen Schuster stoßen. Nach andern Nachrichten soll es ihm nebenher gar nicht gleich - giltig seyn, auf diese Weise bereits 60000 Livres einge - nommen zu haben.

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Jndessen stehen noch ein paar Bilder in seinem At - telier, die wohl so Viel werth sind, als die Sabinerinnen, und die er einem Kunstliebhaber gratis zeigt. Die Ho - razier, die eben den feierlichen Schwur aussprechen, moͤchten wohl, in Hinsicht auf Komposition, Simplizitaͤt und Kraft, den Sabinerinnen noch vorzuziehen seyn: denn vielleicht ist es wahr, was Manche den Sabinerin - nen vorwerfen, daß man beim Anblick, besonders des Roͤ - mers, sich nicht enthalten kann, an die franzoͤsische Oper zu denken. Die Haͤnde der schwoͤrenden Horatier sind unaussprechlich schoͤn.

Minder hat mir Brutus gefallen, der seine Soͤhne zum Tode verdammt. Zwar ist der Ausdruck im Kopfe ganz gelungen, so wie die krampfige Angespanntheit sei - nes ganzen Koͤrpers, die bis in die Fußzehen sichtbar bleibt. Aber das Bild ist gleichsam in zwei Theile ge - theilt, die Mutter mit den beiden Toͤchtern und der Groß - mutter sind durch eine Saͤule und durch ein ausge - spanntes Tuch gleichsam abgesondert. Herrlich ist die zusammensinkende Figur der einen Tochter. Vielleicht wuͤrde sie etwas zu groß seyn, wenn sie sich aufrichtete. Jst es wahr, was man gewoͤhnlich behauptet, daß das Verhuͤllen den hoͤchsten Grad des Schmerzes ausdruͤ - cke, (woran ich doch zweifle,) so moͤchte es besser ge - wesen seyn, statt der Großmutter, die Mutter sich verhuͤllen zu lassen. Ein schoͤner Gedanke aber ist es, daß Brutus sich auf den Altar der Roma stuͤtzt, als seinen einzigen Trost in der schmerzlich erfuͤllten grausa - men Pflicht.

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Gerard.

Auch dieser brave Geschichtsmaler ist Dichter, das beurkundet sein herrlicher Belisar: denn die hoͤchst poetische Situation, in welche er auf diesem Bilde den blinden Greis gesetzt hat, ist seine eigene gluͤckliche, doch herzzerreißende Fiktion. Der Juͤngling, welcher dem Beli - sar zum Fuͤhrer diente, ist, durch den Stich einer Schlan - ge verwundert, gestorben. Belisar traͤgt ihn fort, die Schlange haͤngt dem Juͤnglinge noch am Fuße; die Son - ne ist eben im Untergehen begriffen. Der arme Blinde, seines Fuͤhrers beraubt, hat in unwegsamen Gegenden den Pfad verloren, die Nacht ist da, er sucht mit dem Stocke seitwaͤrts einen Weg, und weis nicht, daß ge - rade vor ihm ein Abgrund ist, dem er bereits ganz nahe steht. Das Bild erschuͤttert unglaublich. Der Athem stockt dem Beschauer. Man streckt unwillkuͤhrlich die Arme aus, um den blinden Greis vom Abgrund hinweg zu ziehen, oder man wendet sich schnell ab, um nicht Zeuge seines Sturzes zu seyn.

Da bei der bloßen Geschichtsmalerei die Kunst ei - gentlich nach Brod geht, so hat auch Gerard, wie Andere seines Gleichen, sich zum Portraitmalen herab - gelassen; doch weis sein Genie jedes Portait zu einem Tableau zu machen, das, Trotz der taͤuschenden Aehn - lichkeit, den hoͤhern bleibenden Werth durch seinen Pin - sel erhaͤlt. Jch habe treffliche Gemaͤlde der Art bei ihm gesehen. Die Generalinn Muͤrat z. B., die Schwester des ersten Konsuls, an einem Tische, halb stehend, halb sitzend, und auf dem Tische eine Wiege, mit ihrem juͤng - sten schlummernden Kinde, und das aͤltere um ihre Kniee spielend, beide Kinder voͤllig nackend. Auch Madame47 Recamiers noch nicht vollendetes Portrait in Lebens - groͤße, einer Venus gleich, unter einem duͤnnen Schleyer ruhend, ist ein sehr liebliches Gemaͤlde.

Drouais.

Leider hat der Tod diesen jungen hoffnungsvollen Kuͤnstler hingerafft. Er starb zu Rom an einem hitzigen Fieber, im 25sten Jahre, eben als er Riesenschritte zur Vollkommenheit that. Er war der einzige Sohn einer wohlhabenden Frau in Paris, der Nichts von ihm uͤbrig geblieben, als sein Marius, dargestellt in dem Augen - blicke, da der Cimbrier zu ihm hereintritt, um ihn zu er - morden; ein treffliches Bild, welches er der geliebten Mut - ter aus Rom schickte, und welches, so Viel man auch schon dafuͤr geboten, um keinen Preis ihr feil ist. Aber sie laͤßt es gern jeden Kunstliebhaber sehen, sie empfaͤngt die Fremden, die diesen Wunsch ihr aͤußern, mit vieler Hoͤflichkeit, und findet selbst einen Genuß darinn, den hier noch lebenden Geist ihres einzigen Kindes bewundert zu sehen. Wenn man das Bild lobt, so treten ihr gleich die Thraͤnen in die Augen. Die Gestalt des Marius ist wirklich ausnehmend schoͤn, aber unrichtig scheint mir die Jdee, daß der Cimbrier, weil er seinen Blick nicht ertragen kann, den Mantel vor die Augen haͤlt. So druͤckt kein mordlustiger Cimbrier seine Ehrfurcht vor ei - nem großen Manne aus.

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Jsabey.

Er ist eigentlich ein Miniaturmaler, man findet aber in seinem Attelier Stuͤcke, derer Vollendung bewunderns - wuͤrdig ist. Jch empfehle besonders einen alten Mann mit einem Juͤnglinge, das Vollkommenste was ich jemals in der Art gesehen habe. Madame Tal - lien rief aus, als sie dieß Bild sah: ça que l'huile.

Sehenswuͤrdigkeiten.

Jch werde unter dieser Rubrik noch Einiges kurz zusam - men fassen, wovon zwar Viel zu sagen waͤre, wovon aber ich gerade nicht Viel zu sagen weis.

Defaix's Denkmaal.

Es ist sehr geschmackvoll, und verziert einen Brun - nen auf einem oͤffentlichen Platze, in dem aber noch kein Wasser ist. Die Jnschriften sind kurz und kraͤftig. Was mir aber sehr misfaͤllt, ist, daß man am Fuße des Denk - maals die Namen aller Derjenigen eingegraben hat, wel - che durch Subskription zu Errichtung desselben bei - getragen. Diese steinerne Praͤnumerationsliste ist mir komisch vorgekommen. Gluͤcklicher Weise ist sie so ange - bracht, daß die Wasserschoͤpfenden sie bald ausloͤschen werden.

Les Chevaux de Conquête.

Die beruͤhmten vier Rosse, die manche artige Reise in der Welt gemacht, und, ich weis nicht wie lange,49 sogar im Wasser gelegen haben, stehen jetzt einzeln ver - theilt auf dem schoͤnen Gitter, welches den Hof der Tui - lerien vom Karousselplatze scheidet. Jch war sehr neugie - rig sie zu sehen, sie haben aber nur einen schwachen Ein - druck auf mich gemacht. Es sind vier sehr artige Klep - per, die, nach meinem Gefuͤhl, mit den vier Rossen auf dem Brandenburgerthore zu Berlin nicht zu verglei - chen sind, und die so ziemlich auf Schraͤnke gestellten Puppen aͤhneln. Vielleicht schadet es dem Effekt, daß sie nicht alle viere neben einander stehen. Man hat dieß aber unter andern auch deßwegen unterlassen muͤssen, weil sie nicht alle mit einerlei Fuß ausgreifen, und also nur paarweise gestellt werden durften.

Der Garten der Tuilerien

ist sehr reizend und freundlich. Unter den Fenstern des ersten Konsuls ist die Luft durch lange Rabatten von Reseda mit suͤßem Duft geschwaͤngert. Auf zwei schoͤ - nen Bassins schwimmen majestaͤtische Schwaͤne. Unzaͤh - lige Statuͤen, zum Theil von großem Werthe, locken den Kunstliebhaber aus einer Allee in die andere. Wenn das Wetter nur einigermaßen ertraͤglich ist, so findet man zu jeder Stunde, besonders aber um Mittag, eine wogende Menge von Spaziergaͤngern. Alte Weiber vermiethen Stuͤhle und Zeitungen. Froͤhliche Kinder - gruppen spielen in der Sonne. Wer Erquickung sucht, darf nur die Terasse des Feuillant besteigen, wo ein treff - licher Restaurateur, seinen Hunger zu stillen und seinen Gaumen zu kitzeln, bereit ist. Die ehemalige Reitbahn, in welcher ich einst Mirabeau donnern hoͤrte, ist weg - gerissen, und durch eine neue Straße wird der Platz von dieser Seite noch sehr verschoͤnert werden. Ein ruͤsti -50 ger Spaziergaͤnger, dem der große Garten dennoch nicht groß genug seyn sollte, kann, zwischen den herrlichen Pferdegruppen hinaus wandelnd, sich sogleich in die an - graͤnzenden elisaͤischen Felder begeben.

Tapetenfabrik der Gobelins.

Der herumfuͤhrende Cicerone zeigt gewissenhaft den An - fang und die Fortschritte dieser Kunst; man begreift aber dennoch Wenig davon. Weberstuͤhle hat Jedermann gese - hen, und diesen gleicht auch hier der Mechanismus; wie es aber zugehe, daß diese einzelnen Faͤden so herrliche Gemaͤlde hervorbringen, das bleibt, Trotz aller Erklaͤ - rung, des Anstaunens wuͤrdig. Es waren da schoͤne historische Gemaͤlde in der Arbeit, unter andern eine Jphigenia, wie sie den Orest erkennt, ein ausge - zeichnet schoͤnes Bild. Von dem eigentlichen Ko - stum der Jphigenia muß man wohl keine Spur mehr haben: denn so oft ich es noch, nach der Angabe von Kunstverstaͤndigen, gesehen, in Berlin, Weimar, Paris, u. s. w. so oft finde ich es ganz verschieden. Auf dem Gemaͤlde, vom welchem die Rede ist, ist ihr Gewand ganz weiß, sie traͤgt eine weiße Stirnbinde, und eine Art von Ordensband, mit Sternen und halben Monden besaͤet.

Die Gallerie der fertigen, zahlreichen Stuͤcke wird Kenner und Nichtkenner befriedigen. Die Entfuͤhrung der Orythia durch Boreas, und dann der Praͤsident Molé, unter den Frondeurs, zeichnen sich besonders aus. Alle werden jedoch durch den Mord des Ad - miral Coligny uͤbertroffen. Die dahin gehoͤrige Stelle aus der Henriade ist auf eine Tafel geschrieben und daneben aufgehaͤngt. Die Figur des Admirals ist51 seinem Geiste aͤhnlich, und weckt schaudernde Ehrfurcht. Ein paar Blumenstuͤcke und ein Fruchtstuͤck, von ei - nem Juͤnglinge von 18 Jahren, setzen in Erstaunen; man muß sich durch das Gefuͤhl uͤberzeugen, daß man bloß Bilder vor sich hat.

Diese Fabrik erfordert großen Aufwand, und muß von der Regierung ansehnlich unterstuͤtzt werden; auch ist diese es wohl, die der Fabrik den meisten Absatz ver - schafft, indem ihre erste Beamte sich keiner andern Ta - peten bedienen, auch oft Geschenke am fremde Hoͤfe da - mit gemacht werden.

Die Feuermaschine,

durch welche das Wasser aus der Seine heraufgepumpt wird, kann nur Derjenige zu besuchen wuͤnschen, der Lust hat, sich einen deutlichen Begriff von der Hoͤlle der Alten zu machen. Da sind Jxions Raͤder und Ketten, und die Faͤsser der Danaiden, und die schwarzen unterirdischen Gestalten. Halb gebraten und durch die fuͤrchterlichen Schlaͤge des Eisens betaͤubt, flieht man aus dieser Werk - staͤtte des Vulkans, deren Mechanismus uͤberdieß so zu - sammengesetzt ist, daß man mancherlei Vorkenntnisse mitbringen muͤßte, um Nutzen aus dem Beschauen zu ziehen. Dasselbe gilt auch zum Theil von der

Fabrik der Gebruͤder Perrier.

Hier werden Kanonen gegossen, und eine Menge anderer Maschinen verfertigt, z. B. Die englischen Ma - schinen zu der Baumwollenspinnerey. Sie waren, soviel ich davon verstehe, sehr gut gemacht, und kosten, nach Maaßgabe ihrer Groͤße, so viel Louis, als Spulen daran befindlich sind. Ein Mann und ein Kind setzen sie in52 Bewegung. Die Fabrik ist von großem Umfange; wenn man aber nicht schon vorher Etwas davon versteht, so gafft man bloß und lernt Wenig. Weit unterhalten - der ist

Die Spiegelfabrik,

welche 600 Menschen lustig und lebendig beschaͤfftigt, und wo man reine, klare Spiegel, von 9 Fuß Hoͤhe und 6 Fuß Breite sieht.

Die Bastille.

Der Platz, wo dieses Werkzeug gesetzloser Herrschaft einst gestanden, wird immer merkwuͤrdig bleiben. Mauern, Graben und Thore, sind noch vorhanden, auf dem gan - zen innern Raume aber ist Brennholz aufgestellt. Jch mag die Sage nicht verbuͤrgen, welche behauptet, ein republikanischer Held habe den Verlust der Bastille schon mehreremale herzlich beklagt. Ey nun! Da ist ja noch der sogenannte Tempel, wo Ludwig XVJ. gefangen saß, und der auch Raum fuͤr manchen Ungluͤcklichen hat. Er ist mit so hohen Mauern umgeben, daß man seine vier Thuͤrme, die einen fuͤnften einschließen, nur in ei - niger Entfernung erblickt. Der schrecklichen Vergangen - heit gedenkend, ergreift hier eine finstere Wehmuth den Voruͤbergehenden.

Das physikalische Kabinet des Professor Charles,

in welchem er auch seine Vorlesungen haͤlt, sollte von keinem Fremden unbesucht gelassen werden, denn es ist eines der schoͤnsten und vollstaͤndigsten in Europa. Die53 Elektrisirmaschine ist so ungeheuer groß, daß, wenn sie nur eben in Bewegung gesetzt wurde, sich in einer Ent - fernung von zwei Schritten die Haare auf meinem Kopfe empor straͤubten. Das Rad haͤlt fast 5 Fuß im Durchmesser. Hier findet man alle Jnstrumente fuͤr Physik, Mechanik, Optik, Akustik, u. s. w. auch ein Weltsystem, welches aber dem in Ber - lin weit nachsteht. Man versaͤume auch nicht einen Blick in die Camera obscura zu werfen, denn da das Kabinet im Louvre sich befindet, so gewaͤhrt das bestaͤndige Ge - wuͤhl in dieser Gegend einen sehr belustigenden Anblick. Charles war bekanntlich Einer der ersten Luftschiffer, und die Gondel, in welcher er seine Reisen vollbracht, ist auch hier zum Andenken aufgehaͤngt.

Das Hotel Dieu

wird von Sachverstaͤndigen nicht sehr geruͤhmt. Jch fand die meisten Betten leer, weis aber nicht, ob aus dem wuͤnschenswerthen Mangel an Kranken, oder aus andern Ursachen. Eine Jnschrift in Marmor, auf Befehl des ersten Konsuls eingegraben, sollte die Ver - dienste zweier Maͤnner, Desault und Bichat, ver - ewigen, derer Erster der Wiederhersteller der Wundarz - neykunst genannt, und dem Letztern große Verdienste um die Arzneykunde zugeschrieben wurden. Jch kann der - gleichen Ermunterungen zu Tugenden und Thaten nicht genug ruͤhmen, und begreife nicht, wie es zugeht, daß man derer in Deutschland so wenige findet. Ja, ich muß leider bekennen, daß die Deutschen nicht einmal empfindlich fuͤr solche Denkmaͤler zu seyn scheinen. Wenn das ist freilich, dann ist auch die Errichtung dersel - ben ganz uͤberfluͤßig: denn der Todte, den sie ehren,54 ist dahin; und der Lebende, den sie zur Nacheiferung anfeuern sollen, bleibt kalt, wie der Marmor. Eine aͤl - tere Jnschrift ruͤhmt, daß ein vornehmer Mann aus der Familie Bellievre sterbend verordnete, all' sein praͤchtiges Hausgeraͤth zum Dienste der Kranken im Hotel Dieu um - zuformen. Das ist nun wohl ganz gut; aber, da er selbst es doch nicht mehr brauchen konnte, so war das Opfer nicht groß, und verdient wohl kein Ehrendenkmaal. Wir wuͤrden ja vor lauter Denkmaͤlern bald nicht mehr gehen koͤnnen, wenn sie an solche Handlungen verschwen - det werden duͤrften. Uebrigens ist das Hotel Dieu mit der Charité in Berlin gar nicht zu vergleichen; aber es giebt in Paris sehr viel dergleichen Hospitaͤler, in Berlin nur eins. Ob es besser sey, die wichtige Sorge fuͤr hilflose Kranke unter mehrere zu vertheilen, oder nur einem anzuvertrauen? Diese Frage verdient Eroͤrterung, fuͤhrt aber zu weit.

Findelhaus. (Hospice de la maternite.)

Hier fand ich, zu meinem unaussprechlichen Ver - gnuͤgen, die naͤmliche alte Nonne wieder, die schon vor dreizehn Jahren durch ihre unbeschreibliche Muttersorge mich so geruͤhrt hatte. Nur in weltlichen Kleidern fand ich sie jetzt, und auch nur die Kleider waren ver - aͤndert an ihr. Durch Glauben und Vertrauen auf Gott war sie allen Stuͤrmen der Revolution gluͤcklich entgan - gen. Die andern Nonnen hatten sich furchtsam zu ihren Familien zuruͤckgezogen; und eben wollte auch sie, mit einem Buͤndelchen auf dem Ruͤcken, das Kloster traurig verlassen, als ihr auf der Treppe ein Volksrepraͤsentant entgegen trat, sie ersuchend, zu ihren Beschaͤftigungen zuruͤck zu kehren. Anfangs weigerte sie sich dessen; als55 man sie aber versicherte, sie solle in ihrem Glauben un - gekraͤnkt bleiben, und, die Ordenstracht ausgenommen, nach Gefallen leben, da kehrte sie muthig wieder um. Freilich erinnert sie sich mit Wehmuth des schoͤnen Klo - sters, das sie raͤumen mußten, und fuͤr das ihre jetzige Wohnung keinen Ersatz gewaͤhrt, aber sie ist dennoch heiter und zufrieden, im Bewußtseyn erfuͤllter Pflicht. Jch fand wenige Fuͤndlinge, denn sie werden, der gro - ßen Sterblichkeit halber, gleich aufs Land gegeben; nur die, welche am selbigen Morgen, und wenige Tage vor - her gebracht worden, lagen in reinlichen warmen Bet - ten. Jn einer Reihe von artigen Zellen, auf einem langen Gang, warteten die Ammen auf Fuͤndlinge, und saͤugten indessen ihre eigene Kinder. Die weibliche Be - dienung des Hauses bestand aus lauter groß gezogenen Fuͤndlingen. Ordnung, Sauberkeit, Freundlichkeit, Al - les war wie vormals.

Das Waisenhaus,

nicht weit vom Jardin des plantes, beherbergt 1100 Kin - der, wovon 600 bereits mit nuͤtzlichen Arbeiten beschaͤff - tigt werden. Ein Theil wird zu Soldaten erzogen, und diese stehen auch bereits Schildwach mit Ober - und Unter - gewehr. Die meisten sehen gesund und froh aus. Jhr Brod ist gut und schmackhaft. Ueberall herrscht Rein - lichkeit. Das Gebaͤude ist sehr weitlaͤuftig. Die Schlaf - saͤle sind luftig, doch scheinen mir die Betten einander zu nahe zu stehen. Die Schule ist in mehrere Klassen ge - theilt. Jn einer derselben, wo das Schreiben gelehrt wird, fand ich eine Menge Vorschriften angeheftet, die sehr zweckmaͤßig aus kurzen faßlichen Sentenzen bestan - den. (Jn Deutschland muß die liebe Jugend noch an56 vielen Orten mit biblischen Spruͤchen sich behelfen, und Davids Geschlechtsregister auswendig lernen.) Ganz passend waren indessen auch hier nicht alle Vorschriften: manche giengen wohl uͤber die Begriffe der Kinder, man - che konnten auch nachtheilig wirken; z. B. die Ver - soͤhnung mit einem Feinde ist selten von Dauer. Leider eine Wahrheit! aber was soll der Kna - be damit machen? Merkwuͤrdig ist, daß die Kirche dieses Waisenhauses, vermuthlich an Schaͤtzen leer, waͤh - rend der Revolution unberaubt und unberuͤhrt geblieben.

Das Haus der heiligen Perine.

ist ein neues, treffliches Jnstitut. Um darinn aufgenom - men zu werden, muß man entweder alt oder kraͤnk - lich seyn. Darinn gleicht es andern Hospitaͤlern; aber wodurch es sich von allen andern unterscheidet, und dem Geiste unsers Zeitalters Ehre macht, ist folgendes: Durch eine leichte Ersparung in juͤngern Jahren verschafft es dem hilflosen Alter ein sicheres Eigenthum, und be - darf keiner Unterstuͤtzung von der Regierung. Jeder naͤm - lich, der unterzeichnet, bezahlt zwischen dem 30sten und 40sten Jahre monatlich zwei Franken, zwischen 40 und 50 drei, zwischen 50 und 60 vier, zwischen 60 und 70 neun Franken, zusammen eine Summe von 2160 Franken, und das ist sein lebenslaͤngliches Eigenthum. Tritt er nach dem 30sten Jahre ein, so muß er dennoch das Versaͤumte nachzahlen. Doch erleichtert die Admini - stration Unbeguͤterten die Zahlung gern. Wirklich in das Haus ziehen kann der Unterzeichnete nicht fruͤher als in seinem 70sten Jahre, es waͤre denn, daß er schon vorher krank und hilflos waͤre.

Jm Hause hat Jeder sein eigenes, niedliches Zim -57 mer, (das ihm nach seinem Geschmack auszuschmuͤcken frei steht) mit einem im Fenster sinnreich angebrachten Kamin; aufmerksame Bedienung, am Tische (jede Ta - fel zu 12 Kouverts) das beste Brod und Fleisch. Des Morgens um 8 Uhr empfaͤngt er ein Brod, um 1 Uhr Suppe, Rindfleisch und Zugemuͤse, um 7 Uhr Abends Gemuͤse, Fruͤchte, Kaͤse, weißes Brod, so viel ihm be - liebt, jede Mannsperson taͤglich eine Bouteille, jedes Frauenzimmer eine halbe Bouteille Wein. Alle Mo - nat liefert ihm die Waͤscherinn ein paar reine Bettlaken, alle 5 Tage ein Hemde, Halstuch, Schnupftuch, und ein paar Struͤmpfe. Fuͤr die Kranken wird in beson - dern Zimmern gesorgt. Das Haus unterhaͤlt einen Apo - theker, Arzt, Wundarzt, Krankenwaͤchter. Was ei - ner an Mobiliarvermoͤgen mitbringt, erbt bei seinem Tode das Haus. Eine hohe gesunde Lage in der Straße Chaillot und anmuthige Gaͤrten vermehren die Annehmlichkeit des Hauses im Sommer, im Winter ein Gesellschaftssaal, in welchem Zeitungen und Jour - nale liegen. Das Resultat ist: ein Mensch muͤßte wohl sehr arm seyn und sehr Wenig verdienen, wenn er nicht im Stande seyn sollte, in einem Zeitraume von vierzig Jahren etwa 600 Thaler zuruͤck zu legen. Fuͤr eine jaͤhrliche Ersparniß von 15 Thaler also, erwirbt er sich nicht etwa Anspruch auf Barmherzigkeit sondern ein Recht, in seinen alten Tagen anstaͤndig ver - sorgt zu werden. Er genießt im Alter kein Almosen, sondern die Fruͤchte seines Fleißes. Welch ein Trost fuͤr zartfuͤhlende Seelen! Man kann auch fuͤr Andere unterzeichnen, wie bereits von Vielen gesche - hen, und gute Herrschaften finden hier ein treffliches Mittel, alte treue Diener zu versorgen.

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Die ersten Klassen der Einwohner von Paris haben sich fuͤr diese Anstalt interessirt. Zu dem Konseil, wel - ches sich dafuͤr gebildet hat, gehoͤren der Praͤfekt des Seinedepartements, der Polizei-Praͤfekt, der Erzbischof von Paris, der Bankdirektor u. s. w. Der erste Konsul hat fuͤr 30 Plaͤtze, seine Mutter fuͤr 4, und seine Gemah - linn fuͤr 25 unterzeichnet. Der zweite Konsul hat 10, der dritte 15, die verschiedenen Minister jeder 10 Plaͤtze u. s. w. Auch manche Auslaͤnder sind unter den Sub - skribenten, z. B. die russischen Generale Sprengpor - ten und Chitroff, der russische Kammerherr v. Balk, der Sekretair des Großfuͤrsten Konstantin Salrapeß - noff, u. s. w.

Der Muͤnzpalast. (Hotel des monnayes.)

Hier haͤlt in einem großen, schoͤnverzierten, auf Mar - morsaͤulen ruhenden Saale der beruͤhmte Le Sage che - mische Vorlesungen, dessen Buͤste seine dankbare Schuͤler im Nebenzimmer aufgestellt haben. Das Viereck des Saales ist in der Mitte zirkelfoͤrmig durch Glas - schraͤnke abgetheilt, in welchen auf der auswendigen Seite ein treffliches Mineralien-Kabinet verwahrt wird. Der inwendige Raum ist fuͤr die Zuhoͤrer mit bequemen und eleganten Baͤnken besetzt. Hinter dem Katheder stehen in einer Art von Hoͤhle zwei egyptische Bildsaͤu - len und zwischen ihnen alle zur Chemie gehoͤrige Oefen, Jnstrumente u. s. w. Eine breite Gallerie laͤuft um den Saal, und mehrere Zimmer graͤnzen an denselben. Man findet da viele Modelle von Fabrikgebaͤuden und Maschi - nen; alle Werkzeuge des Bergbaues im Kleinen; Schuͤs - seln von dem beruͤhmten Toͤpfer Palissy, der vor 300 Jahren lebte, der groͤßte Chemiker seiner Zeit war, und59 nie einen andern Titel annehmen wollte, als den: Mei - ster Toͤpfer.

Die chirurgische Schule.

Ein praͤchtiges Gebaͤude. Das Jnnere entspricht dem Aeußern. Die mit Wachs ausgespritzten Praͤparate sind erstaunenswuͤrdig; doch hab 'ich bey dem Geheimen - rath Loder in Halle sie eben so gut gesehen. Eine Menge in Wachs sehr taͤuschend nachgeahmter Krankhei - ten, unter andern ein vom Krebs zur Haͤlfte weggefres - sener Kopf, das Original liegt dabei, graͤßlich zu betrach - ten, und der Mensch hat dennoch gelebt, und hat immer noch leben wollen. Alles Essen wurde ihm, Gott weis wie, in die Gurgel gefloͤßt, denn Mund, Nase, Backen, Zaͤhne, Alles war weg; und dennoch hat er immer noch leben wollen. Welch eine Zauberei liegt dann im Daseyn! da selbst Der es nicht fahren lassen will, der ihm taͤg - lich fluchen muß. Skelette, Koͤpfe und Gebeine giebt es hier bei Hunderten, Misgeburten aller Art, zusam - mengewachsene Kinder, auch Eins mit einem Kroͤten - kopfe. Wenn ich ein solches elendes Geschoͤpf sehe, hoͤre ich auch immer den Jammer der armen Mutter, die mit Schmerzen gebahr, und nun, da sie den Lohn uͤberstan - dener Leiden an den vollen Mutterbusen druͤcken will, sich ploͤtzlich von einem Kroͤtenkopfe angrinsen sieht.

Allerlei Kuriositaͤten sind auch zu schauen: die Kopf - haut des beruͤchtigten Cartusch; der Zwerg des Koͤnigs von Polen, Bebe, in Wachs geformt, mit seinen eig - nen Kleidern angethan; das Skelett des vor einem Jahre verstorbenen Mannes, der weder Arme noch Beine, sondern nur Haͤnde und Fuͤße hatte, die gleich oben am Ellenbogen und unten am Leibe angewachsen wa -60 ren alle Steine die in thierischen Koͤrpern gefunden werden. Es sind fuͤrchterlich große Steine von Men - schen darunter. Das Schaf, vom ersten Augen - blicke seiner Entstehung, bis zu seiner Geburt, in mehr als fuͤnfzig Epochen. Eine kostbare Sammlung von chirurgischen Jnstrumenten aller Art, auch eine große Bibliothek, die doch nicht aus lauter zur Wissenschaft gehoͤrigen Werken besteht, denn ich fand zu meiner Ver - wunderung auch hier wieder Voltairs Werke. Das ganze Lokal, so schoͤn und groß es bereits ist, wird den - noch in diesem Augenblicke noch sehr erweitert. Jch will bei dieser Gelegenheit sogleich einige Worte uͤber die

Veterinairschule zu Charenton

einschalten. Sie ist eine Schoͤpfung des Exministers Fran - çois de Neufchateau, und wurde anfangs sehr unter - stuͤtzt, geraͤth aber jetzt immer mehr in Verfall, weil Geld fehlt, und sich Niemand darum bekuͤmmert. So geht es leider, nach der Versicherung wohlunterrichteter Leute, mit vielen hiesigen Jnstituten, die glaͤnzend wie Meteore heraufsteigen, und eben so zerplatzen. So gieng es unter andern einem kleinen Hospital, welches zu der école de medécine gehoͤrte, und zur Vervollkommnung der Zoͤglinge errichtet worden war, daher es auch le per - fectionnement genannt wurde. Man richtete mehrere Saͤle dazu ein, ein Chirurgus wurde dabei angestellt. Alles gieng eine kurze Zeit recht gut, und nun liegt Alles wieder im Schlummer begraben.

Das Jnstitut der Blindgebohrnen

ist, seitdem ich es nicht sah, noch erweitert worden. Man hat naͤmlich mit den 300 Blinden (quinzevingts),61 die Lehranstalt fuͤr junge Blinde vereinigt, in welcher sie zu allerlei Manufakturarbeiten, oder was ihnen sonst zu lernen moͤglich ist, angewiesen werden. Vom bloßen Gefuͤhle geleitet, lesen und drucken sie noch wie vor - mals, haben ihre geographische Karten en relief, ihre Musiknoten deßgleichen, lieben die Musik ganz besonders (weßhalb man auch in ihren Schlafsaͤlen fast Nichts als musikalische Jnstrumente sieht) gehen uͤberall frei um - her, ohne sich zu stoßen, sind immer lustig und guter Dinge. Die Maͤdchen spinnen. Der Unterhalt dieser gluͤcklichen Elenden schien mir aber bei weitem nicht so gut, als z. B. der der obenerwaͤhnten Waisenkinder. Das Haus ist groß und schmutzig. Man zeigt weniger Ach - tung darinn vor dem Publikum als sonst allgemein in Paris. Jch wollte einer oͤffentlichen Sitzung beiwohnen, sie war um 12 Uhr praͤzise angesagt. Das Wort praͤ - zise wird hier oft sehr uneigentlich gebraucht. Es war halb Eins, als ich hinkam, da saßen die Blinden noch und stimmten ihre Geigen. Jeder spielt sein eignes Stuͤckchen, und das waͤhrte so lange, und war so hoͤllisch anzuhoͤren, daß sie mich endlich nach J Uhr mit ihrer Teufelsmusik wirklich davon jagten, als die Sitzung noch immer nicht eroͤffnet war. Verschiedene ihrer Fabrikate lagen ausgebreitet, Bettdecken u. dgl.

Das Prytaneum.

Urspruͤnglich ist diese Erziehungsanstalt fuͤr solche Knaben bestimmt, derer Vaͤter auf dem Bette der Eh - ren fuͤrs Vaterland starben, und denen nunmehr die dankbare Nazion den Vater ersetzt. Es werden aber auch Pensionairs aufgenommen, welche fuͤr Unterricht, Kost und Kleidung jaͤhrlich die sehr maͤßige Summe von62 1000 Livres bezahlen, und, wenn sie sich auszeichnen, dem Gouvernement bei ihrem Austritte besonders empfoh - len werden. Der Zoͤglinge sind uͤberhaupt 450. Der Direktor der Anstalt ist ein sehr wackerer Mann, Na - mens Champagne. Saͤmmtliche Lehrer, so viele ich da - von gesehen, sind feingebildete Leute, und zuvorkommend bereit, Alles zu zeigen, Alles zu erklaͤren. Die sehr weitlaͤuftigen, vormals den Jesuiten gehoͤrigen Gebaͤude, enthalten mehrere große Hoͤfe, derer sich die Jugend zu Spielplaͤtzen bedient. Die verschiedenen Klassen, die Schlaf - Speise - Zeichensaͤle, die Kuͤche, Alles war ge - raͤumig, luftig, reinlich. Nur die Kleinern schlafen in Saͤlen beisamen, unter Aufsicht von Lehrern und Bedienten; die Groͤßern haben Jeder seine eigene Schlafkammer, eine seltene aber treffliche Einrichtung.

Die Zoͤglinge werden sehr gut genaͤhrt. Jch ließ mir ein Stuͤck von ihrem Brode reichen; es war besser und weißer als bei dem ersten Restaurateur Naudet im Palais royal. Alle sehen aber auch gesund und frisch aus Eine schoͤne Bibliothek von 3000 Baͤnden ist besonders reich im Fache der Geschichte. Man verdankt diese Bibliothek dem Minister Benezech, denn die vor - malige war in der Revoluzion ganz verschleppt und zer - streuet worden.

Jch habe das Prytaneum mehreremale besucht. Als ich zum erstenmale dahin kam, schlug die Uhr gerade Eins und das Hofgitter wurde eben geschlossen, weil die Zoͤglinge vom Essen kamen, und nun Erlaubniß hat - ten, eine Stunde auf den Hoͤfen herum zu spazieren, zu rennen, sich lustig zu machen. Der Thuͤrsteher fragte mich, ob ich Geduld haben wolle, bis die Rekreations - stunde voruͤber sey? Jch bejahte es, und er fuͤhrte mich63 in ein Sprachzimmer, wo ich Langeweile befuͤrchtete; doch mit Unrecht, denn hier war ich Zeuge von Szenen, die mir nie wieder aus dem Gedaͤchtniße kommen wer - den. Es war naͤmlich die Stunde, in welcher die ver - wittweten Muͤtter ihre Soͤhne besuchen. Der Saal schien darauf eingerichtet, eine Menge kleiner einzelner Grup - pen zu fassen, denn es standen rings umher wohl ein Dutzend kleiner, gruͤnbeschlagener Tische, um jeden ei - nige Stuͤhle. Die Muͤtter hatten sich schon eingefun - den, sie waren Alle fruͤher da, als die Stunde schlug, Mutterliebe eilt der Zeit voraus. Mit Sehnsucht und Erwartung waren ihre Blicke auf die Thuͤre geheftet. Ein Sohn nach dem andern wird gerufen. Er tritt ein, sein Blick schweift hastig umher, dann rennen Mutter und Kind einander in die Arme. Die Eine nahm ihren Sohn, einen derben Buben, von wenigsten 12 Jahren, auf den Schoos, und herzte ihn wie ein saͤugendes Kind. Eine Andere saß mit dem Liebling am Tische, sie hatte ihm Kastanien mitgebracht, die er mit großer Eßlust verzehrte, waͤhrend sie still weinte, und sich alle Augenblicke die Thraͤnen verstohlen abtrocknete. Eine Dritte emfieng froͤhlich ihren froͤhlichen Sohn, der aber kaum einen Augenblick am Mutterbusen gelegen hatte, als er zuerst bitterlich zu weinen begann. Alle Muͤt - ter hatten Etwas mitgebracht, in Ridikuͤles, Schnupf - tuͤchern, Koͤrben, Servietten. Manche Soͤhne nahmen das froͤhlich hin, bei manchen trocknete es die Thraͤnen nicht. Ein paar Knaben, die vermuthlich ganz ver - wais't waren, saßen ernst an einem Tische, und hoͤrten einem bejahrten Manne zu, der sehr guͤtig mit ihnen sprach, vielleicht ein Freund ihrer verstorbenen Eltern. Jhre Blicke schweiften immer nach den von ihren Muͤt -64 tern geliebkosten und beschenkten Kameraden. Auch eine Menge Schwestern, große und kleine, hatten sich eingefunden, doch sah ich keine darunter geruͤhrt. Ge - schwisterliebe ist ein Werk der Gewohnheit und nicht der Natur.

Sehr schnell verflog mir diese Stunde, Niemand nahm Notiz von mir, Alle waren nur mit sich beschaͤff - tigt, ich konnte ungestoͤrt beobachten. Endlich erschallte der Ruf der Trommel, noch eine letzte Umarmung, und Alles zerstreute sich. Der Sprachsaal war einfach, aber zweckmaͤßig, durch Buͤsten beruͤhmter Franzosen ver - ziert, zwischen welchen Zeichnungen und Risse hiengen, die von Zoͤglingen, des Hauses verfertigt worden, und welchen man, als Belohnung, diesen Platz angewiesen hatte. Jch wuͤnschte eben so viel Gutes von der

Polytechnischen Schule.

erzaͤhlen zu koͤnnen, aber ich weis Nichts weiter von ihr zu sagen, als daß die jungen Militairs daselbst zu Jn - genieurs, Wegbaumeistern u. s. w. gebildet werden. Es scheint, daß wenige Fremde dergleichen Anstalten besu - chen: denn man schickte mich lange von Einem zum An - dern; der Eine empfing mich graͤmlich, der Andere freund - lich, aber Jeder schickte mich zum naͤchsten Nachbar; und kurz, nachdem ich eine Stunde mich von Hof zu Hof, von Gang zu Gang vergebens herumgetrieben, fuhr ich weiter.

Das Athenaͤum von Paris,

ist ein seit 19 Jahren bestehendes vortreffliches Jnstitut, zu welchem sich die Herren jaͤhrlich mit 96 Franken, und die Damen mit 48 Franken abonniren. Dafuͤr er -65 halten sie nicht allein das Recht, taͤglich von 9 Uhr Morgens bis 11 Uhr Abends, in den schoͤnen Saͤlen des Athenaͤum unter gewaͤhlter Gesellschaft zuzubrin - gen, und alle daselbst befindliche periodische Schrif - ten zu lesen, ferner, den gutbesetzten Konzerten beizuwohnen, die monatlich zweimal gegeben werden, sondern was die Hauptsache ist sie koͤnnen dafuͤr auch fast alle Wissenschaften und Sprachen bei den besten Lehrern und Meistern erlernen: denn Mon - tags lesen Fourcroy und Mirbel daselbst uͤber Che - mie und Botanik; Dienstags Biot, Cuͤvier, Bol - doni, Physik, Naturgeschichte, italiaͤnische Sprache; Mittwochs Lavit, Sicard, Roberts, Perspek - tive, Grammatik, englische Sprache, auch ist derselbe Tag musikalischen Unterhaltungen bestimmt. Donners - tag Garat und Thenard, Geschichte und Chemie; Freitag Hassenfratz, Guinguené, Boldoni, Technologie, Literargeschichte, italiaͤnische Sprache; end - lich Sonnabends Biot, Suͤe, Vigée und Ro - bers, Physik, Anatomie, schoͤne Literatur, und engli - sche Sprache.

Jeder Abonnent erhaͤlt Sonntags in seiner Wohnung ein Buͤlletin von den Arbeiten der kuͤnftigen Woche; auch haͤngt in einem der Saͤle eine Tafel, auf welcher man lesen kann, was man taͤglich zu erwarten hat. Die Damen koͤnnen, wenn sie wollen, sich in ein fuͤr sie aus - druͤcklich bestimmtes Zimmer zuruͤckziehen. Außer den meist beruͤhmten Maͤnnern, welche als Lehrer bei die - sem Jnstitute angestellt sind, giebt es noch viele Andere, die zwar nicht eigentlich dazu gehoͤren, aber mit Ver - gnuͤgen dann und wann ihre Geistesfruͤchte da vorle - sen. Eine artige Bibliothek, die bestaͤndig mit den66 neuesten interessantesten Werken vermehrt wird, steht gleichfalls zum Gebrauche offen. Kurz, es ist wohl un - moͤglich, sich fuͤr kaum fuͤnf Friedrichsd'or acht Monate lang ein mannigfaltigeres und geistreicheres Vergnuͤgen zu verschaffen. Als Gast kann jedoch Niemand ein - gefuͤhrt werden, und es war allerdings eine große Aus - zeichnung, daß man bei mir eine Ausnahme von der Regel machte. Jch war bei der dießjaͤhrigen Eroͤffnung der Sitzungen gegenwaͤrtig. Garat, als Praͤsident, machte die Einleitung, Ginguené las uͤber die neuere Literaturgeschichte, Baour-Lormian gab eine Nacht von Young in Versen zum Besten. Ein großes Kon - zert machte den Beschluß. Jndessen habe ich von alle Dem sehr wenig Vortheil ziehen koͤnnen, denn ich kam etwas zu spaͤt, und fand den Saal so entsetzlich von Menschen uͤberfuͤllt, daß ich mich nicht ins Gedraͤnge wagen mogte, und folglich mir in der Ferne wenigstens aller Zusammenhang verloren gieng.

Das Athenaͤum der Fremden, (Athenée des étrangers.)

ist eine aͤhnliche Einrichtung, doch bloß mit