PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Tagebuch einer von Berlin nach den mittaͤglichen Laͤndern von Europa in den Jahren 1775 und 1776 gethanen Reiſe und Ruͤckreiſe.
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Leipzig,bey Weidmanns Erben und Reich. 1780.

Vorbericht.

Der Verfaſſer dieſes Tagebuchs unternahm die darin beſchriebene Reiſe auf Anrathen der Aerzte, und in der Hoffnung, dadurch ſeine Geſundheit wieder herzuſtellen. Als er die Reiſe antrat, war er ſehr ſchwach, und mit einem ſchlei - chenden Fieber behaftet; und da er alle Abende bey guter Zeit mußte ausſpannen laſſen, fiel es ihm ein, da er ohne Geſellſchaft war, ſich den Zeitvertreib zu machen, dasjenige, was er den Tag uͤber geſehen hatte, ſich wieder ins Gedaͤcht - niß zu bringen, und das Erheblichſte davon mit einigen Anmerkungen daruͤber aufzuſchreiben.

Hiebey hatte er nun freylich die Abſicht, etwas zu ſchreiben, das an das Tageslicht kommen ſoll - te, gar nicht. Denn was konnte er ſich zu einer ſolchen Abſicht von einer Reiſe verſprechen, auf welcher er aus dem Wagen in die Gaſthoͤfe, und aus dieſen wieder in den Wagen ſtieg, ohne Hoff - nung etwas anders zu ſehen und zu erfahren, als was er auf der Landſtraße wuͤrde gewahr werden?

DaVorbericht.

Da indeſſen nach ſeiner Zuruͤckkunft einige ſeiner Freunde von dem Tagebuche etwas gehoͤrt hatten, und es zu leſen verlangten, fand ſich einer darunter, der es der Muͤhe werth hielt, etwas davon auszuziehen, und durch das deutſche Mu - ſeum bekannt zu machen. Dieſes veranlaßte an - dere Freunde, und beſonders auch die Verleger, dem Verfaſſer ernſtlich anzuliegen, das ganze Ta - gebuch bekannt zu machen. Ob er nun gleich keinen Trieb dazu fuͤhlte, gab er doch nach.

Dieſes iſt die wahre Geſchichte des Buches, die hier deswegen erzaͤhlt wird, damit billige Le - ſer das Magere und Unerhebliche, was hier und da darin vorkommt, entſchuldigen. Der Ver - faſſer haͤtte es freylich koͤnnen ausſtreichen, und nur das Wichtigere ſtehen laſſen; dazu aber hatte er wegen der unaufhoͤrlich anhaltenden Leibesbe - ſchwerden keine Luſt. Und uͤberdem denkt er, daß es manchem Leſer eben ſo gehen wird, wie ihm ſelbſt: naͤmlich daß ihn auch Kleinigkeiten, wenn ſie nur nichts Ungereimtes oder Unartiges enthalten, in ſo weit unterhalten, daß er die Zeit, darin er ſie geleſen hat, nicht fuͤr ganz verloren achtet.

Nach -

Nachricht.

Das Monument, welches Jhre Majeſtaͤt der Koͤnig von Preuſſen dem Herrn Marquis d'Argens zu Aix errichten ließ, und deſſen der Herr Verfaſſer dieſes Werks S. 111 erwaͤhnt, wurde von Herrn Bridan, Profeſſor der Bild - hauerkunſt in Paris, verfertigt: Die Unſterb - lichkeit ſtellet den Medaillon des Marquis auf ihren Altar, und nimmt den Schleyer weg, der ihn bedeckt zu haben ſcheint. Dieß Kupfer hat man dem Titel des Buchs als eine Zierde beygefuͤgt.

Der ungemeinen Gefaͤlligkeit des Herrn Doct. Raſts in Lyon haben wir es zu verdanken, daß wir auch die S. 81 ſo ſehr geruͤhmten beyden an - tiken Denkmaͤler dieſem Werke beyfuͤgen koͤnnen.

Wir wollen hieruͤber Herrn Doct. Raſts ei - gene Nachricht hier einruͤcken.

Die -Nachricht.

Dieſe Steine ſind im Jahre 1766 von Herrn Valle - ton du Caſtelet aus Lyon, einem Freunde des Herrn D. Raſt, dem er ein Geſchenk damit gemacht, aus Aegypten mitgebracht worden. Man hat ſie dort aus den Hoͤhlen der Mumien bey Cairo, von der andern Seite des Nils, nicht weit von den Pyramiden, gezogen.

Der Abt Berand, ein Exjeſuit und guter Alterthums - kenner, legte der Akademie von den Aufſchriften des groſ - ſen Steins eine Erklaͤrung vor. Er behauptete, er ſtelle das Urtheil uͤber einen derjenigen, die dort begraben wor - den, vor, und glaubte auf dem obern Plane die Zueignung und die Gebete zu ſehen, in dem mittlern den Anfang zu dem Gerichte, und in dem unterſten das Endurtheil. Die Akademie aber gab ſeiner Erklaͤrung keinen Beyfall.

Herr Raſt hat eine andere Erklaͤrung von dieſem Denkmale gegeben; und ſie hat, ſelbſt in Gegenwart des Herrn Berand, in den Augen der Antiquare den Vorzug vor jener erhalten.

Nach ſeiner Meinung ſtellet der obere Plan in der Mit - te die Hieroglyphe des hoͤchſten ewigen Weſens vor, das alles umfaßt: ein Scarabaͤus in einem Zirkel. Dieſe Hieroglyphe iſt mit keiner großen Schwierigkeit verbunden. Zur Seite des Ewigen ſieht man Windhunde, ein Sinn - bild der Treue in ſeinen Verſprechungen; ſie tragen Maſ - ſen von Waſſer, zum Zeichen der Macht; uͤber ihnen ſind Augen, Zeichen der Vorherſehung. Den Windhunden gegenuͤber liegen Prieſter auf den Knien, in der ehrerbie - tigſten Stellung; ſie ſcheinen die Gebete, die in einer hie - roglyphiſchen Schrift unter ihnen ſtehen, vorzutragen.

JnNachricht.

Jn dem mittelſten Plane ſieht man die Jſis und den Oſiris mit ihrem gewoͤhnlichen Schmuck in Niſchen; ihr Koͤrper ſowohl als die aͤußerſten unteren Theile ſind wie Mumien gebunden: dies beweiſet, daß die Aegypter glaubten, ſie muͤßten gelebt haben. Die Blenden oder Niſchen, worinnen ſie liegen, koͤnnte man mit aufgeſtuͤtz - ten Bahren vergleichen. Prieſter, die da vor ihnen im An - geſichte ſtehen, thun Gebete zu ihnen, die durch die obere Schrift ausgedruͤckt ſind; Jſis und Oſiris ſcheinen ihnen das zu antworten, was unter ihnen ſteht. Man bemerkt hier, daß die Prieſter den Kopf und das Kinn, wie ge - woͤhnlich, geſchoren haben, mit einem Blatt vom Lotus, oder vielmehr von dem Baume Muſa (oder Piſang), dem ſchoͤnſten Blatte in der Welt, in der Hand. Sie haben eine lange Stole oder Binde an dem Vorderarme, die der - jenigen vollkommen aͤhnlich iſt, deren ſich die katholiſchen Prieſter bis ins 14 oder 15te Seculum bedienten. Jhr Chorhemde liegt obenher in kleinen Falten: ein Zeichen des Ueberfluſſes. An dem untern Theile iſt es mit Franzen beſetzt, wie der Leviten ihres. Die Fußbekleidung dieſer Prieſter verdient beſonders bemerkt zu werden. Man hat uns verſichert, daß die Malabaren ſich noch jetzt einer ſol - chen Bekleidung bedienten. Sie iſt ohne Abſatz und ohne Quartiere, und endigt ſich, wie die Schrittſchuhe, durch ein aufgekruͤmmtes Eiſen; vermuthlich um zu hindern, daß ſich nicht der Fuß an den Steinen verletze.

Auf dem unterſten Plane ſieht man zur Linken 1) eine ſitzende Frau mit einem Kleide in ſehr kleinen Faͤltchen, und einem aͤgyptiſchen Kopfputze, in Anſehung des unge - heuren Halsbandes von Perlen. Die Zuſammenfuͤgung dieſer Perlen kommt in ihren Abſaͤtzen ſehr, ſo wie dasje -nigeNachricht. nige der Prieſter der Jſis und des Oſiris, mit dem Hals - bande uͤberein, das man dem Manus beylegt. Dieſe Frau haͤlt einen Priap in der Hand, ein Zeichen der Fruchtbar - keit und des Eheſtandes. 2) Vor ihr ſteht ein Greis, der ſich von den Prieſtern unterſcheidet, weil er einen Bart hat; er haͤlt in ſeiner Hand eine Maſſe Waſſers, ein Zei - chen der Macht, und ſteht hierinnen mit den Windhunden in einem Range, die den Ewigen bewachen. Jn ſeiner linken Hand haͤlt er eine Art von Palmblatte, in Geſtalt eines Paraſols oder Faͤchers. 3) Dieſe beyden Perſonen nehmen die Gebete und brennbaren Opfer eines Prieſters von einer geringen Ordnung an. Die Gebete ſind durch Schrift, ſo wie die Antwort, bemerkt. 4) Dieſer Prieſter beut auf einem Credenztiſchchen, wie der in der katholiſchen Kirche gewoͤhnliche, Brodte dar, ſo wie man die Schau - brodte der Juden vorſtellet. Er haͤlt in der rechten Hand einen aͤgyptiſchen Apfel, und in der linken ein Jnſtrument, deſſen Erklaͤrung viel Muͤhe gekoſtet hat. Herr Raſt haͤlt es fuͤr ein hohles Rohr von warmem Metall. Dieſe Roͤh - re nimmt vermittelſt eines kleinen Trichters das Raͤucher - werk auf, das ſich verzehret, indem es den Dampf vor den Halbgoͤttern, Helden oder Koͤnigen herausſtoͤßt, denen man das Opfer darbringt. Unter dem Credenztiſche ſind zwo Urnen oder Kruͤge zu Waſſer oder Wein; an der Sei - te des Tiſchfußes iſt eine Vorſtellung von vier doppelten Zinnen. Man hat dieſe nicht anders erklaͤren koͤnnen, als daß man es fuͤr in einandergeſetzte Becher angenommen.

Wir bemerken bey dieſem Opfer, daß man blos le - benden Weſen Raͤucherwerk, Speiſen und Getraͤnke darge - bracht hat; man kann annehmen, daß dies der Koͤnig und die Koͤniginn waren, die damals in Aegypten herrſchten.

WirNachricht.

Wir bemerken noch in Anſehung der hieroglyphiſchen Schrift, die bey den Prieſtern der Jſis und des Oſiris ſteht, daß ſie auf der Rechten ſo wie auf der Linken von oben perpendicular herablaͤuft, daß ſie aber darnach von der Linken zur Rechten nach der rechten Seite zu, und von der Rechten zur Linken nach der linken Seite zu geht. Die erſte folget dem Gange der chineſiſchen Art zu ſchreiben; die zwote der tatariſchen.

Der zweyte Stein ſtellt ein Opfer der Jſis, einen Kalbskopf, durch einen Prieſter, mit einer Stole oder Handbinde, der mit einem Knie auf der Erde ruht, vor. Es iſt leicht, dieſen zu erklaͤren.

Der Schrank, worinnen dieſe Steine aufbehalten wer - den, traͤgt folgende Aufſchrift:

Tabulae ſepulchrales Aegyptiae pro Mortuis Deo ſacratae; Antiquam de immortalitate animae fidem adſtruentes. Ex Mumiarum cryptis juxta Cayrum. A D. Franciſco Valleton du Caſtelet Lugdunenſi anno 1766 erutae.

Amiens ex Egypto redux I. B. A. Raſt Doctori Medico Lugdunenſi Beneficii Memori D. D. anno 1774.

DieNachricht.

Die uͤbrigen eingedruckten Kupfer ſind nach des Herrn Verfaſſers Entwuͤrfen, ſo wie obige, von unſerm Herrn Profeſſor Oeſer gezeichnet, und von Herrn Geyſer in Kupfer geſtochen worden.

Leipziger Jubilatemeſſe 1780.

Die Verleger.

Tage -[1]

Tagebuch von meiner im Jahr 1775 nach Nizza ge - thanen Reiſe.

Weil mir verſchiedentlich angerathen worden, zuVeranlaſ - ſung der Reiſe. Wiederherſtellung meiner Geſundheit einen Winter in den mittaͤglichen und waͤrmern Gegenden von Europa zuzubringen, und nach eingezogenen Nachrichten die Stadt Nizza, als der vortheilhafte - ſte Ort, zu dieſer Abſicht gewaͤhlt worden, ſo trat ich den 23 Auguſt die Reiſe nach dieſem Ort an.

Da ich ſowohl durch die ſeit drey Jahren anhal - tende Bruſtkrankheit, als durch ein kurz vor meiner Abreiſe ausgeſtandenes gefaͤhrliches dreytaͤgiges Fieber ſehr geſchwaͤcht war, nahm ich mir vor, gemaͤchlich und ſo zu reiſen, daß ich anhalten koͤnnte, wo ich es fuͤr gut finden wuͤrde. Zu dem Ende miethete ich ei - nen Lohnkutſcher in Berlin, der mich in kurzen Tag - reiſen nach Leipzig bringen ſollte.

Meine erſte Tagreiſe war alſo uͤber Potsdam nachVon Berlin nach Pots - dam und Treuenbri - tzen. Treuenbritzen. Auf dieſem Wege habe ich nichts an - merkungswuͤrdiges beobachtet. Er iſt meiſt eben, durchgehends, beſonders von Potsdam aus, ſehr ſan - dig, folglich weit tuͤchtiger zu Fichtenwaldungen, der -Aglei -2Tagebuch von einer nach Nizzagleichen es viel auf dieſem Striche giebt, als zum Ackerbau. Von Potsdam aus trifft man betraͤchtliche Strecken Landes an, die wegen der Unfruchtbarkeit des Bodens ganz wuͤſte liegen.

Von Treuen - britzen nachWittenberg.

Den 24 Aug. Von Treuenbritzen uͤber Wit - tenberg bis mitten in den Duͤbbener Wald.

Von Treuenbritzen aus geht der Weg meiſtens uͤber ſehr magere, auch ganz unbebaute Felder. Alle Fremde, die von Leipzig aus nach Berlin reiſen, be - kommen einen ſehr nachtheiligen Begriff von der Mark Brandenburg, weil ſie von Wittenberg aus bis nach Berlin nichts als unfruchtbares Land und Fichtenwaͤlder ſehen. Doch iſt dagegen unweit davon an dem rechten Ufer der Havel das ſogenannte Havelland in einem hohen Grade fruchtbar.

Weil ich zu ſchwach war herumzugehen, und eini - ge mir bekannte gelehrte Maͤnner in Wittenberg zu be - ſuchen, ſo blieb ich den Mittag uͤber in einem ſchlech - ten Gaſthofe vor der Stadt, und mußte alſo dieſe be - ruͤhmte und gegenwaͤrtig mit verſchiedenen ſehr ge - ſchickten Maͤnnern beſetzte Univerſitaͤt vorbeyreiſen.

Graͤnzen zwiſchen Branden - burg und Sachſen.

Sobald man uͤber die Elbe gekommen iſt, trifft man ſchon merklich beſſeres Land an. Jch habe ſo - wohl hier, als bey vielen andern Reiſen bemerkt, daß bey der zufaͤllig ſcheinenden Eintheilung der Laͤnder doch meiſtentheils zwiſchen groͤßern benachbarten Staa - ten natuͤrliche Graͤnzen geſetzt ſind, und daß gemei - niglich die groͤßern an einander ſtoßenden Provinzen durch die Verſchiedenheit ihres Bodens und andre na - tuͤrliche Eigenſchaften ſich von einander unterſcheiden. Daraus laͤßt ſich einigermaßen begreifen, warum in ganz alten Zeiten ein Volk, das einem Lande den Na -men3gethanen Reiſe. men gegeben, ſich nicht weiter, als ſeine jetzigen Graͤn - zen ſind, ausgebreitet habe.

Jn einer geringen Entfernung von der ElbeDer Duͤbbe - ner Wald. kommt man in den Duͤbbener Wald, der einen groſ - ſen Umfang hat, und fuͤrtrefflich mit Holz beſetzt iſt. Das Land iſt etwas bergig, und der Wald hat hier und da ein ziemlich wildes Anſehen; aber mitten dar - in trifft man auch kleine und ſchmale hoͤchſt angenehme Thaͤler an, wo das Holz ausgeradet, das Land zu etwas Acker und Wieſen angebaut, und Jagdhaͤuſer oder Meyereyen angelegt worden, die ungemein an - genehme einſiedleriſche Wohnſitze ſind. Auf einem ſolchen recht romantiſchen Meyerhofe mitten in dem Walde nahm ich mein Nachtlager, und wurde beſſer bewirthet, als in mancher großen Stadt zu geſchehen pflegt; wie denn uͤberhaupt das ſaͤchſiſche Volk, und beſonders die Gaſtwirthe, verſtaͤndiger und weit gefaͤl - liger ſind, als im Brandenburgiſchen.

Den 25 Auguſt war die Tagreiſe von dieſer Meyerey uͤber Duͤbben nach Leipzig.

Faſt die Haͤlfte des Weges geht noch durch den ſchoͤnen Duͤbbener Wald, aus dem die Stadt Leip - zig einen großen Theil ihres Brennholzes zieht, das von den Bauren auf Wagen dahin gefahren wird, folglich etwas theuer zu ſtehen kommt.

Von Berlin nach Leipzig rechnet man 20 deut -Gemeſſener Weg zwi - ſchen Berlin und Leipzig. ſche Meilen. Jch hatte zu Meſſung der Wege eine von dem ſeligen Holfeld erfundene und verfertigte Ma - ſchine bey mir, die an ein Rad angeſchnallt wird, und die Umgaͤnge deſſelben zaͤhlt. Wenn man alſo den Diameter des Rades mißt, ſo kann man die Laͤn - ge des gemachten Weges im Fußmaaß haben. AufA 2die -4Tagebuch von einer nach Nizzadieſem Wege fand ich die Entfernung der Oerter fol - gendermaßen:

Von meinem Garten
*)Mitten zwiſchen Berlin und Charlottenburg.
*) bis Treuenbritzen
206617 Fuß
Von Treuenbritzen bis auf die Meyerey im Walde169498
Von da nach Leipzig144599
Folglich in allem520714 Fuß.

Rechnet man nun die deutſche Meile zu 25000 rheinlaͤndiſche Fuß, welches noch gegen die eigentliche geographiſche Meile, zu 15 auf den Grad, etwas zu viel iſt**)Wenn 15 deutſche Meilen auf einen Grad ſollen gerechnet werden, ſo iſt die Meile nur 23497⅗ rheinl. Fuß., ſo betraͤgt alſo der Weg

Von meinem Garten nach Treuenbritzen Meilen.
Von da nach der Meyerey6 $$\frac {19}{25}$$
Von da nach Leipzig5⅘
Jn allem ohngefaͤhr20⅘ Meilen.

Den 26 Aug. Ruhetag in Leipzig.

Jch brachte den Tag meiſtentheils in Geſellſchaft verſchiedener Gelehrten angenehm zu. Ein beſonderes Vergnuͤgen aber machte es mir, in Bekanntſchaft mit Hrn. D. Semler aus Halle zu kommen, der mit dem Herrn Profeſſor Thunmann nach Leipzig heruͤber ge - kommen war, um mir eine gluͤckliche Reiſe zu wuͤn - ſchen. Jch war dieſen Tag ſo ſchwach, daß meine Freunde wegen Fortſetzung meiner Reiſe ſehr beſorgt waren. Nur ich hatte das gute Zutrauen, daß ich die Reiſe nicht nur aushalten, ſondern in Abſicht auf meine Geſundheit Vortheil daraus ziehen wuͤrde. Jch miethete hier wieder einen Fuhrmann, der, weil nocheini -5gethanen Reiſe. einige Kaufleute von Leipzig auf die Meſſe nach Frankfurt reiſen wollten, außer einer halben Chaiſe, darin ich fuhr, eine vierſitzige Kutſche fuͤhrte, in wel - cher die Kaufleute waren, in deren Geſellſchaft ich die - ſe Reiſe machte. Fuͤr mich und meinen Bedienten bezahlte ich nicht mehr als ſechs alte Louisd'or, da ich von Berlin nach Leipzig ſieben Louisd'or hatte bezah - len muͤſſen.

Den 27 Aug. Reiſe von Leipzig nach Naumburg.

Von Leipzig nach Naum - burg.
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Der Weg iſt bis hinter Weißenfels meiſt ganz eben und durchaus angenehm. Auf dieſem We - ge ſah ich von weitem einige Gebaͤude, die zu den vor einigen Jahren bey Merſeburg entdeckten Salzquel - len gehoͤren. Weil die Saale durch dieſe Gegend fließt, ſo wird das Holz zur Salzkocherey auf dieſem Fluß gefloͤßt. Er hat hier ein ziemlich tiefes Thal ausgeſchwemmt, in welchem einige Doͤrfer liegen, wel - che von der Hoͤhe herunter eine angenehme Ausſicht machen. Das ganze Thal aber iſt oͤftern Ueber - ſchwemmungen ausgeſetzt, welche oft große Verwuͤ - ſtungen anrichten, und nicht ſelten dem Landmann die ganze Aerndte verderben. Aus dieſem Grunde ſind auch die Landeigenthuͤmer dieſes Thales von den mei - ſten Abgaben, die ſonſt in Sachſen ſo ſehr betraͤchtlich ſind, frey.

Die Landſtraße geht mitten uͤber das ehemaligeLuͤtzen. Schlachtfeld bey Luͤtzen. Man zeiget noch jetzt dicht neben der Landſtraße einen Stein, bey welchem der große Guſtav Adolph ſein Leben ſoll eingebuͤßt ha - ben. Aber der preußiſche Officier, der die ſchoͤnen Anmerkungen zu der franzoͤſiſchen Ueberſetzung des Gualdo gemacht, hat gezeigt, daß die Sage falſchA 3iſt,6Tagebuch von einer nach Nizzaiſt, und daß der Koͤnig auf der andern Seite der Land - ſtraße geblieben.

Weißenfels.
2

Weißenfels iſt eine artige kleine Stadt, die aber, ſeitdem kein Hof mehr da iſt, an ihrer Nah - rung viel verloren hat. Das Schloß iſt ein großes und feines Gebaͤude, das aber jetzt zerfaͤllt, weil auf die Unterhaltung deſſelben nicht das Geringſte verwen - det wird. Dies iſt der Fall von noch mehr andern ſchoͤnen Gebaͤuden, die vor nicht langer Zeit abgefun - denen Fuͤrſten von Nebenlinien der regierenden Haͤu - ſer zum Aufenthalte dienten. Es ſcheinet mir nicht wohl gethan, daß gegenwaͤrtig faſt durchgehends in ganz Europa die naͤchſten Anverwandten der regieren - den großen Herren ſich an dem Hofe des regierenden Fuͤrſten aufhalten muͤſſen. Dadurch werden zwar die Hauptſtaͤdte praͤchtig und ihre Buͤrger reich; aber die Provinzſtaͤdte leiden darunter. Wuͤrden die abgefun - denen Prinzen in die Provinzſtaͤdte geſetzt, zumal in ſolche, da ſchon anſtaͤndige Palaͤſte zu ihrem Hofſtaat gebauet ſind: ſo wuͤrde ihr Aufenthalt daſelbſt den Staͤdten mehr Nahrung geben; der herumliegende Adel genoͤſſe mehr Annehmlichkeit; unter den gemei - nen Buͤrger kaͤme mehr Cultur, und alle Kuͤnſte wuͤr - den dadurch im Lande mehr ausgebreitet. Es faͤllt uͤberhaupt in einigen Provinzen von Deutſchland ſehr auf, daß man ſo viele halb verfallene und faſt ganz verarmte kleine Staͤdte antrifft, von deren ehemaligem Wohlſtand doch noch Spuren anzutreffen ſind. Die - ſes kommt von mehr als einer Urſache her; die vor - nehmſte aber iſt die Vergroͤßerung der Hauptſtaͤdte und das Zuſammendraͤngen der unternehmendſten Ein - wohner an den Ort, wo der Hof ſeine Reſidenz auf -geſchla -7gethanen Reiſe. geſchlagen hat. Die Sache waͤre einer naͤhern Be - leuchtung um ſo mehr werth, da die Entdeckung der wahren Urſachen, die den Verfall einzeler Staͤdte be - wirkt haben, ohne Zweifel ein merkliches Licht uͤber den Verfall und die Aufnahme ganzer Laͤnder verbreiten wuͤrde. Man giebt ſich zwar ſeit einigen Jahren faſt in allen großen Staaten ſehr viel Muͤhe, die wahren Quellen des Nationalwohlſtandes zu erforſchen, und aus dieſen Unterſuchungen Grundſaͤtze und Maximen einer guten Staatsverwaltung herzuleiten. Dennoch hat man es meines Erachtens eben noch nicht ſehr weit darin gebracht. Die vornehmſten Schriftſteller in dieſem wichtigen Fach widerſprechen einander nicht ſel - ten, ſogar uͤber die erſten Grundſaͤtze der Staats - wirthſchaft: ein offenbarer Beweis, daß dieſe Wiſ - ſenſchaft in ihren erſten Gruͤnden noch ſehr ungewiß iſt. Man wird ſich aber daruͤber gar nicht wundern, wenn man bedenkt, wie ſehr ſchwer es iſt, genau zu beſtimmen, was fuͤr Folgen eine allgemein getroffene Landesanſtalt auch in der Folge der Zeit haben werde. Gewiß ſind alle mathematiſche Aufgaben, deren Auf - loͤſung dem großen Newton den Ruhm des erſten Genies der Welt erworben hat, Kleinigkeiten da - gegen.

A 4Ge -

*)Die Erwaͤgung der unuͤberwindlichen Schwierigkei - ten, die ſich der Feſtſetzung einer wahren Theorie der Staatswirthſchaft entgegenſtellen, bringt mich alle - mal auf den Gedanken, ob es nicht beſſer waͤre, daß man die ganze Unterſuchung aufgaͤbe, und das große Problem durch einen Umweg aufloͤſete. Jch ſtelle mir wenigſtens vor, daß ein Land, deſſen Einwohner uͤberhaupt verſtaͤndige, arbeitſame, ſparſame und da - bey redliche Menſchen waͤren, ohne viele Polizey - undFi -

8Tagebuch von einer nach Nizza

Gegen Naumburg zu wird das Land bergig, und ſowohl wegen der ſchoͤnen und mannichfaltigen Ausſichten, als wegen verſchiedener ſehr artigen Sce - nen, welche von großen Felſen gebildet werden, ſehr angenehm.

Verdruͤßlich war es mir auf dieſem ganzen We - ge zu ſehen, daß die groͤßern und kleinern ſteinernen Obelisken, die Auguſt der zweyte auf allen Landſtraßen in ſeinem Lande zu Ausmeſſung der Wege hat ſetzen laſſen, faſt durchgehends eingeſtuͤrzt ſind.

Naumburg.
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Naumburg iſt eine geringe, unanſehnliche, aber in einer fruchtbaren und ſehr angenehmen Gegend gelegene Stadt. Die ganze da herum liegende Ge - gend beſteht aus kleinen Bergen, und dazwiſchen liegen - den Ebenen und Thaͤlern. Sowohl dieſe als die Ber - ge ſind mit fruchtbarer Erde bedeckt, und zeigen folg - lich eine Mannigfaltigkeit von Waͤldern, Baͤumen, Wieſen, Weinbergen und Feldern, die ſich hier und da in Gegenden bilden, die man nicht leicht in irgend einem Lande ſchoͤner ſehen kann. Der Wein, derbey*)Finanzgeſetze ſo gluͤcklich und ſo maͤchtig ſeyn wuͤr - de, als es ſeine natuͤrliche Beſchaffenheit erlaubt. Dennoch wuͤrde das große Problem ſich auf dieſes leichtere zuruͤckfuͤhren laſſen: Wie iſt es zu veran - ſtalten, daß ein ganzes Volk verſtaͤndig, arbeit - ſam, ſparſam und redlich werde? Waͤre dieſe Fra - ge aufgeloͤſt, welches ich nicht fuͤr unmoͤglich halte, und eine Nation waͤre ſo weit gekommen, daß ſie den erwaͤhnten Charakter angenommen haͤtte, ſo koͤnnte man im Handel, im Ackerbau und andern Betrieb - ſamkeiten nur jedem die Freyheit laſſen, nach ſeinem Gutduͤnken zu verfahren; das Land wuͤrde unfehlbar in den hoͤchſten Wohlſtand kommen. Aldenn aber wuͤrde es keine ſehr ſchwere Sache ſeyn, die noͤthi - gen Landeseinkuͤnfte zuſammenzubringen.9gethanen Reiſe. bey Naumburg waͤchſt, iſt ſehr ſchlecht; nicht blos ſauer, wie alle im noͤrdlichen Deutſchland wachſende Weine, ſondern noch uͤberdem von ganz ſchlechtem Geſchmack. Dieſes aber koͤnnte wohl aus der ſchlech - ten Zubereitung deſſelben und von ſorgloſer Aufbe - wahrung herruͤhren.

Den 28 Auguſt ſetzte ich die Reiſe von Naum -Von Naum - burg nach Erfurt. burg bis Erfurt fort.

Der Weg geht uͤber Berge und durch ſchoͤ - ne fruchtbare Thaͤler; iſt uͤberhaupt angenehm, wiewohl hier und da wegen der ziemlich ſteilen Anhoͤhen beſchwerlich. Eine Stunde von Naum - burg kommt man neben der Schulpforte, einer derSchulpforte. anſehnlichſten Schulen in Deutſchland, vorbey. Die zu dieſer Schule gehoͤrigen Gebaͤude ſind nebſt ver - ſchiedenen dabey liegenden Gaͤrten, Wieſen und Ae - ckern mit einer Mauer umgeben. Außerhalb der Mauer iſt das Land ſehr angenehm, und hat ſchoͤne Spaziergaͤnge. Kann man alſo hier der Jugend ei - nen Geſchmack an den laͤndlichen Scenen der Natur beybringen, ſo kann es ihr in den guten Jahrszeiten an angenehmem Zeitvertreib in den Stunden der Er - holung nicht fehlen. Angenehm war mir, als ich an dieſem Ort vorbey fuhr, die Vorſtellung, daß Klop - ſtok ſeine erſten Juͤnglingsjahre hier zugebracht, und auf dieſen Spaziergaͤngen ſeine Phantaſie und Em - pfindung allmaͤhlig zu dem hohen poetiſchen Schwung, den wir in der Meßiade bewundern, geſtimmt hat.

Es war mir auf dieſem Wege doch auffallend,Geringe Aerndte in gutem Bo - den. daß des fuͤrtrefflichen Bodens ungeachtet die Aerndte, wie ich aus dem theils noch ſtehenden, theils abge - maͤhten und noch auf den Feldern liegenden Korn ur -A 5thei -10Tagebuch von einer nach Nizzatheilen konnte, nur mittelmaͤßig war. Jch habe im Brandenburgiſchen in weit ſchlechterem Boden eben ſo reiche Aerndten geſehen als hier, wo der Boden in der That fuͤrtrefflich iſt. Hieraus konnte ich ſchließen, daß hier der Feldbau nicht mit der erforderlichen Sorg - falt und Einſicht getrieben wird. Eine beſondere Pro - be hievon ſah ich ganz deutlich auf vielen Brachaͤckern, die eben zur kuͤnftigen Herbſtausſaat geduͤngt worden waren. Der Duͤnger beſtund mehr aus blos trockenem Stroh, als aus wirklichem Miſt. Wie das Duͤn - gen ohne Ueberlegung geſchieht, ſo mag es im Pfluͤ - gen vielleicht eben ſo gehen. Jch glaube uͤberhaupt auf meinen verſchiedenen Reiſen bemerkt zu haben, daß der Landmann in den noͤrdlichen Gegenden von Deutſchland den Ackerbau mit weniger Fleiß, minder Ueberlegung und geringerm Nachdenken treibt, als in Oberdeutſchland geſchieht.

Fruchtbares Land bey Er - furt.
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Jn der Naͤhe von Erfurt iſt das Land ſo gut, daß es vorzuͤglich zum Anbau der Kuͤchengewaͤchſe die - net, davon mehrere Arten hier beſſer als in den be - nachbarten Laͤndern fortkommen. Ueberhaupt muß man die Gegend um Erfurt unter die Gegenden Deutſch - lands zaͤhlen, die ſich durch ihre Fruchtbarkeit beſon - ders auszeichnen.

Von Erfurt nach Eiſe-nach.
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Den 29 Aug. Von Erfurt uͤber Gotha nach Eiſenach.

Von Erfurt aus iſt der Weg anfaͤnglich rauh, geht durch hohle Straßen und uͤber Berge. Jſt man aber einmal daruͤber hinaus, ſo wird er eben, und bey trockenem Wetter ſehr gut. Weil aber die Straßen durch viel fettes und leimiges Land gehen,und11gethanen Reiſe. und hier noch keine ordentlich gedaͤmmte Wege oderSchlimme Landſtraßen. Chauſſées ſind, ſo muͤſſen bey naſſem Wetter, beſon - ders im Fruͤhling und Herbſt, die Wege hoͤchſt be - ſchwerlich ſeyn. Man ſiehet dieſes auch deutlich an den hier und da aus den naſſen Jahrszeiten uͤbrig ge - bliebenen ſehr tiefen Geleiſen; denn dieſe Straße muͤſ - ſen die Fuhrleute nehmen, die aus Sachſen und Brandenburg Guͤter nach Frankfurt, oder von da nach dieſen Laͤndern fuͤhren. Es iſt kaum glaublich, was fuͤr Muͤhe und Beſchwerlichkeiten dieſe Fuhrleu - te bey lange anhaltender Naͤſſe auf ſolchen Straßen ausſtehen. Dieſes vertheuert natuͤrlicher Weiſe die Frachten gar ſehr, ſo daß es eine wahre Barbarey iſt, dergleichen wichtige Landſtraßen in ſo elendem Zuſtande zu laſſen. Es ſcheint, daß unter den guten menſchli - chen Anſtalten nichts langſamer zur Vollkommenheit komme, als die allgemeine Landespolizey.

Man ſiehet auf dieſer Straße von weitem ein paar zerſtoͤrte Bergſchloͤſſer, die ehedem den Grafen von Gleichen gehoͤrt haben. Und bey dieſer Gele - genheit erfuhr ich, daß in dieſen Gegenden das An - denken des beruͤhmten Grafen von Gleichen, der eine ſaraceniſche Gemahlinn von ſeinem Zuge nach Palaͤ - ſtina zuruͤckgebracht haben ſoll, ſich durch Ueberliefe - rung unter dem gemeinen Volk erhalten hat. Denn mein Fuhrmann ſagte mir, als er mir dieſe Schloͤſſer wies: ſie haben einem Grafen gehoͤrt, der mit zwey Frauen zugleich verheirathet geweſen ſey.

Auf der ganzen Straße hat man ſchoͤne Ausſich - ten in die gegen Mittag liegenden, mit vielen angeneh - men Hoͤhen beſetzten Laͤnder.

Den12Tagebuch von einer nach Nizza
Von Eiſe - nach nachHuͤnefeld.
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Den 30 Aug. Reiſe von Eiſenach nach Huͤnefeld im Fuldaiſchen.

Bey Eiſenach faͤhrt man nun in die Gebuͤrge hinein, die das mittaͤgliche Deutſchland von dem noͤrdlichen trennen, und die ſich faſt ununterbrochen vom Rhein bis an das ſchwarze Meer erſtrecken. Ehe - dem waren die Straßen uͤber dieſes Gebuͤrge von Ei - ſenach bis in das Fuldaiſche ſehr beſchwerlich; jetztSchoͤne Landſtraßen. aber, ſeitdem die da herumliegenden Fuͤrſten ſich ver - einigt haben, ſie zu beſſern, und uͤberall, wo es thunlich war, gedaͤmmte Wege anzulegen, ſind ſie durchgehends ſchoͤn und bequem. Gegenwaͤrtig kann man auf ſehr guten Wegen von Eiſenach bis Frank - furt, und von da bis an die aͤußerſten Graͤnzen von Frankreich kommen. Man ſagte mir, daß der jetzi - ge Fuͤrſt Biſchof von Fulda es durch ſeine Vorſtel - lungen bey den benachbarten Fuͤrſten dahin gebracht habe, daß die Straßen ſo gut gemacht worden. Eben dieſem Herrn ſoll man es auch zu danken haben, daß gegenwaͤrtig dieſe Straßen, die ehedem durch die Raͤu - ber hoͤchſt unſicher geweſen ſind, voͤllige Sicherheit ge - nießen. Die verſchiedenen Fuͤrſten, deren Laͤnder hier zuſammenſtoßen, unterhalten Huſarenpatrouillen auf den Feldern; und die Huſaren eines Herrn haben die Freyheit, einen Raͤuber auch bis innerhalb den Graͤnzen eines andern Herrn zu verfolgen, und dort noch ihn mit Gewalt wegzunehmen.

Der ganze Weg von Eiſenach bis Huͤnefeld geht beſtaͤndig uͤber Berg und Thal, und iſt wegen angenehmer Abwechſelungen der Ausſichten und ein -zeler13gethanen Reiſe. zeler geſperrter, zum Theil recht romantiſcher Gegen - den ungemein ergoͤtzend.

Den 31 Aug. Reiſe von Huͤnefeld uͤber FuldaVon Huͤne - feld nach Salmuͤn - ſter. nach Salmuͤnſter.

Jn Huͤnefeld erneuerte ſich auf eine lebhafte Art in mir das Andenken einer verdruͤßlichen Scene, die ich vor 13 Jahren an dieſem Orte gehabt hatte. Da - mals kam ich eben an dem Tage hier an, da die hier gelegenen franzoͤſiſchen leichten Truppen von den Hu - ſaren der alliirten Armee verjagt worden. Wegen der Verwirrung, die dieſer Auftritt verurſacht hatte, und der Gefahr, von hier durch feindliche Partheyen nach Fulda zu fahren, konnte ich keine Pferde bekommen, und mußte zwey Tage an dieſem elenden Orte liegen bleiben. Den zweyten Tag nach meiner Ankunft war ich auf dem Punkt, meinen Wagen von Huſaren der alliirten Armee gepluͤndert zu ſehen, als ein Officier, der von Geburt ein Berliner war, und mich kannte, dazu kam, und mich nicht nur vor der Pluͤnderung verwahrte, ſondern durch ernſtliche Drohung, die er gegen den Poſtmeiſter aͤußerte, mir Pferde zur Fort - ſetzung meiner Reiſe verſchaffte.

Eine beſondere Annehmlichkeit genoß ich diesmalSchoͤnes Obſt. auf dem ganzen Wege von Leipzig aus durch Sach - ſen, Thuͤringen und das Fuldaiſche dadurch, daß die vielen in der Nachbarſchaft aller Doͤrfer gepflanz - ten Obſtbaͤume, vornehmlich die Aepfelbaͤume, ſehr reichlich mit Fruͤchten beladen waren. Je weiter man gegen die Wetterau vorruͤckt, je mehr nimmt auch der Obſtbau zu. Jn dieſer Gegend iſt das Obſt ſchon ſo haͤufig, daß man es in fruchtbaren Jahren nichtan -14Tagebuch von einer nach Nizzaanders nutzen kann, als daß man Moſt daraus preßt. Zwiſchen Fulda und Salmuͤnſter wird in manchem Jahr ſehr viel von dieſem Getraͤnke gewonnen. Jn dieſen Gegenden faͤngt auch der Weinbau an. Ueber - haupt iſt der Theil des Bisthums Fulda, durch den die große Landſtraße nach Frankfurt geht, ſehr an - genehm und fruchtbar, obgleich ziemlich bergig.

Jch fuhr Fulda vorbey. Die Straße aber geht dicht neben dem Thore fort, in deſſen Naͤhe der bi - ſchoͤfliche Palaſt iſt, der auch von ferne Pracht undAnmerkung uͤber die Reſi - denzen geiſt - licher Fuͤr - ſten. große Annehmlichkeit zeiget. Jch habe bey mehr Ge - legenheiten bemerkt, daß die Reſidenzen reicher geiſtli - cher Fuͤrſten durchaus, wo nicht mehr Pracht, doch mehr Annehmlichkeit, und, wenn ich mich ſo ausdruͤ - cken kann, ein friſcheres, ergoͤtzenderes und feſtlicheres Anſehen haben, als die Palaͤſte der großen weltlichen Fuͤrſten. Waͤre die Beobachtung allgemein wahr, ſo koͤnnte ſie aus der Verſchiedenheit des Charakters der geiſtlichen und weltlichen Fuͤrſten und ihrer Regierun - gen leicht erklaͤrt werden. Ein großer weltlicher Fuͤrſt hat freylich ganz andere Sorgen, Geſchaͤffte und Gelegenheiten ſeine Einkuͤnfte anzuwenden, als daß das Bauen ſein Hauptgeſchaͤfft ausmachen und eine ſeiner vornehmſten Ausgaben ſeyn koͤnnte. Ubrigens will ich noch anmerken, daß ich hier und da in dem Fuldaiſchen ungemein viel Gutes und Ruͤhmliches von dem jetzigen Biſchof gehoͤrt habe.

Von Sal - muͤnſter nach Frank-furt.
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Den 1 Septemb. Von Salmuͤnſter uͤber Geln - hauſen und Hanau nach Frankfurt.

Der Weg von Salmuͤnſter nach Gelnhauſen iſt wegen der ſich mannigfaltig abaͤndernden ſchoͤnenAus -15gethanen Reiſe. Ausſichten angenehm. Die ehemalige Reichsſtadt, jetzt aber den Grafen von Hanau unterworfene Stadt Gelnhauſen iſt mit Bergen umgeben, und ſcheinet ziemlich ſtarken Weinbau zu haben. Von hieraus faͤngt der Anbau des ſogenannten tuͤrkiſchen Korns und des Tabaks an. Von beyden ſieht man große Felder beſetzt. Jenes brauchen weder die hieſigen Ein - wohner, noch, ſo viel ich weiß, irgend ein Landvolk in andern Gegenden Deutſchlands, zur Nahrung, wo - zu es in Jtalien dient, ſondern blos zur Viehmaſt. Der hanauiſche Tabak wird ſeit langer Zeit fuͤr den beſten in Deutſchland gehalten, und macht einen an - ſehnlichen Theil der Landesguͤter aus.

Jn der Gegend um Hanau ſind viel ſchoͤneHanau. Maulbeerbaͤume, aber, wie es ſcheint, erſt ſeit eini - gen Jahren gepflanzt, die ſo gut und ſchoͤn gewachſen ſind, als man ſie irgendwo ſehen kann. Es iſt kein Zweifel, daß nicht in wenig Jahren der Seidenbau hier werde betraͤchtlich werden. Ueberhaupt ſieht man im Hanauiſchen viel, das von der Thaͤtigkeit und dem Fleiß der Einwohner einen vortheilhaften Begriff giebt. Der Grund liegt ohne Zweifel darin, daß die Einwohner der Stadt Hanau ein Gemiſche von da - hin gefluͤchteten Wallonen, Franzoſen, Juden und andern fleißigen und unternehmenden Menſchen ſind, denen die Landesherren viele Freyheiten ertheilt haben; daher die Stadt ein bluͤhender, volkreicher und angenehmer Ort iſt. Hier iſt auch die Hauptnie - derlage des ſehr anſehnlichen Holzhandels, der auf dem Mayn getrieben wird. Jch werde an einem andern Orte Gelegenheit haben, dieſes wichtigen Handels umſtaͤndlicher zu erwaͤhnen.

Die16Tagebuch von einer nach Nizza

Die Stadt Hanau liegt in einer großen und fruchtbaren Ebene, die den auf dieſer Straße Herun - terreiſenden ſo viel angenehmer wird, da der bisherige Weg uͤber und zwiſchen Bergen gegangen. Es ſchien mir, daß ſeit 13 Jahren, binnen welcher Zeit ich dieſe Gegend nicht geſehen habe, der Bau des tuͤrki - ſchen Kornes merklich abgenommen habe. Jch ver - gaß aber, mich nach der Urſache dieſer Veraͤnderung zu erkundigen.

Weite des Weges von Leipzig nach Frankfurt.
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Der ganze Weg von Leipzig nach Frankfurt betraͤgt Tag fuͤr Tag nach meinen Ausmeſſungen fol - gende Weiten:

Von Leipzig nach Naumburg164646 Fuß od. 6 $$\frac {7}{12}$$ Meil.
Naumburg Erfurt178777 7⅛
(Erfurt Gotha)(72832)
Erfurt Eiſenach162252
Eiſenach Huͤnefeld165465 6⅗
Huͤnefeld Salmuͤnſter182745 7 $$\frac {8}{25}$$
(Salmuͤnſter Hanau)(126515) (5)
Salmuͤnſter Frankfurt183641 7 $$\frac {8}{25}$$
Von Leipzig nach Frankfurt1037526 41½

Alſo 41 und eine halbe Meile, die Meile zu 25000 Fuß gerechnet. Nimmt man aber die Meile zu 23497 Fuß, welches die eigentliche geographiſche Meile zu 15 auf einen Grad iſt, ſo betraͤgt der Weg uͤber 44 Meilen.

Frankfurtam Mayn.
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Den 2 und 3 September. Aufenthalt in Frank - furt.

Jch fand noͤthig, mich ein paar Tage in Frank - furt auszuruhen; da ich aber noch nicht ſtark genugwar17gethanen Reiſe. war herumzugehen, und vornehmlich keine Treppen beſteigen konnte, ſo kam ich nicht aus dem Hauſe, außer daß ich einmal um die Stadt herum ſpazieren fuhr. Die Lage dieſer anſehnlichen und ſchoͤnen Stadt iſt aͤußerſt angenehm, und die vielen ſchoͤnen Gaͤrten und Landhaͤuſer, womit ſie ganz umgeben iſt, vermeh - ren die Annehmlichkeiten des Orts, und zeugen zu - gleich von ſeinem Wohlſtande. Jn der That iſt ſie in dem ſuͤdlichen Theile Deutſchlands die einzige Reichs - ſtadt, an welcher man keinen Verfall gewahr wird. Nuͤrnberg iſt ſtark gefallen, und auch in Augsburg faͤngt man an den Verfall gewahr zu werden. Ulm faͤngt an, ein unbedeutender Ort zu ſeyn; und die kleinern Reichsſtaͤdte in Franken und Schwaben ſind nichts mehr.

Jch hatte doch in Frankfurt das Vergnuͤgen,Doct. Goͤthe. des bereits in ſeinen jungen Jahren durch verſchiedene Schriften in Deutſchland beruͤhmt gewordenen Doct. Goͤthens Beſuch zu genießen. Dieſer junge Ge - lehrte iſt ein wahres Originalgenie von ungebundener Freyheit im Denken, ſowohl uͤber politiſche als gelehr - te Angelegenheiten. Er beſitzt bey wirklich ſcharfer Beurtheilungskraft eine feurige Einbildungskraft und ſehr lebhafte Empfindſamkeit. Aber ſeine Urthei - le uͤber Menſchen, Sitten, Politik und Geſchmack ſind noch nicht durch hinlaͤngliche Erfahrung unter - ſtuͤtzt. Jm Umgange fand ich ihn angenehm und lie - benswuͤrdig.

Jn Frankfurt miethete ich einen Kutſcher, der mich in ſechs Tagen durch die Bergſtraße und die an dem rechten Ufer des Rheins liegenden Reichslaͤn - der nach Baſel bringen ſollte; dafuͤr bezahlte ich ihmBſieben18Tagebuch von einer nach Nizzaſieben franzoͤſiſche Louisd'or oder 77 Gulden leichtes Reichsgeld. Jch zog dieſen Weg dem andern etwas kuͤrzern und bequemern an dem linken Ufer des Rheins vor, weil nach meinem Beduͤnken die meiſten Laͤnder, durch welche der von mir gewaͤhlte Weg gehet, unter die angenehmſten in Deutſchland gehoͤren.

Darmſtadt.
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Den 4 Septemb. Von Frankfurt uͤber Darm - ſtadt nach Hoͤppenheim an der Bergſtraße.

Der Weg durch das Darmſtaͤdtiſche iſt etwas arm an Gegenſtaͤnden; der Bodeniſt von geringer Frucht - barkeit und meiſt ſandig. Jch fuhr an den Mauern von Darmſtadt vorbey, und hatte keine Luſt, die Stadt wieder zu ſehen, die ich ehedem etwas tod gefun - den habe. Sobald man aber in das Maynziſche kommt, wird das Land beſſer, und ſchien mir außer - ordentlich ſtark bevoͤlkert zu ſeyn, wenigſtens wimmel - te alles von Menſchen in den ſchoͤnen und großen Doͤr - fern und Flecken, durch die ich gekommen bin. Jch beſinne mich nicht, außer der Schweiz, irgendwo ſo ſtarke Bevoͤlkerung geſehen zu haben, als in dieſer Gegend.

Den 5 Septemb. Von Hoͤppenheim uͤber Hei - delberg nach Langenbruͤck.

Annehmlich - keit der Berg - ſtraße.
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Jch kenne keine angenehmere Landſtraße, als die iſt, durch welche ich heute gefahren bin, und die un - ter dem Namen der Bergſtraße bekannt iſt. Sie geht laͤngſt einer Reihe mittelmaͤßig hoher, aber meiſt ſchoͤn bewachſener Berge durch die herrliche und fruchtbare Ebene, die zwiſchen dieſen Bergen und dem Rhein liegt. Eigentlich ſind zwey neben einan -der19gethanen Reiſe. der hinlaufende Straßen: die obere, dicht am Fuß der Berge; und die untere, welche in einer geringen Entfernung von den Bergen ganz durch die Ebene geht. Dieſe nahm ich jetzt, da ich ehedem ſchon durch die andere gereiſt war, die ich doch noch fuͤr an - genehmer als die untere halte. Die ſchoͤnen, uͤber - all bewachſenen, hier und da mit alten, theils noch wohnbaren, theils verlaſſenen oder zerſtoͤrten Schloͤſ - ſern beſetzten Berge einerſeits, dann die hoͤchſtfrucht - bare Ebene anderſeits, geben dem Auge eine große Man - nichfaltigkeit der ſchoͤnſten Gemaͤlde zu ſehen. Die Landſtraße ſelbſt, ſo wie auch alle Nebenſtraßen, ſind durchaus mit hohen ſehr waldigen Wallnußbaͤumen, auch andern Obſtbaͤumen beſetzt. Selbſt die Felder ſind an vielen Orten mit fuͤrtrefflichen Obſtbaͤumen be - pflanzt. Dadurch bekommt das ganze Land das An - ſehen eines fruchtbaren Gartens. Jetzt war eben ſchoͤnes, aber ſehr heißes Wetter. Das Fahrenhei - tiſche Thermometer ſtieg im Schatten in freyer Luft uͤber 80 Grade.

Dieſe Landſchaft iſt, ſo viel ich weiß, die gelin - deſte in ganz Deutſchland; vielleicht deswegen, weil die Reihe Berge, deren ich bereits erwaͤhnt habe, die kalten Oſt - und Nordoſtwinde abhaͤlt. Man ſieht des - wegen hier den Caſtanienbaum, der an andern Orten Deutſchlands nur als eine Seltenheit gepflanzt wird, unter den gewoͤhnlichen Fruchtbaͤumen. Daß keine Maulbeerbaͤume zum Seidenbau hier angelegt ſind, befremdete mich. Außerdem ſcheint es mir, daß das Land die große Menge der Wallnußbaͤume beſſer nutzen koͤnnte, wenn man ſich die Muͤhe gaͤbe, feinesNußoͤl. Oel fuͤr den Gebrauch der Tafel, anſtatt des ſchlechtenB 2Oe -20Tagebuch von einer nach NizzaOeles, zu preſſen. Wenn das Wallnußoͤl mit Sorgfalt gepreßt wird, ſo kann es das feine Oel aus der Provence erſetzen. Jch habe etliche Tage lang taͤglich den Sallat mit feinem Nußoͤl angemacht gegeſ - ſen, und habe gefunden, daß es jenem gar nichts nachgiebt; und doch war dieſes Oel bereits zwey volle Jahr alt. Die Nuͤſſe geben allemal ſo feines Oel, wenn ſie gut, an einem ſchattigen, trockenen, aber zugleich luftigen Ort getrocknet, hernach beym Auf - knacken die, welche ſchon etwas angegangen ſeyn moͤchten, auf die Seite gethan, die guten aber kalt gepreßt werden. Denn ſo wie man in der Provence von denſelben Olivenbaͤumen gutes und ſchlechtes Oel gewinnt, nachdem man damit umgeht, ſo verhaͤlt es ſich auch mit den Wallnuͤſſen. Wenn man es ernſt - lich darauf anlegte, ſo koͤnnte Deutſchland uͤberhaupt das feine Olivenoͤl miſſen, ohne am Wohlleben etwas zu verlieren, wenn man ſich befliſſe, mehr Wallnuß - baͤume zu pflanzen, und auch feines Oel daraus zu verfertigen. Dieſe Art wuͤrde noch uͤber die Oliven - cultur den betraͤchtlichen Vortheil haben, daß man wegen des Preſſens an keine Zeit gebunden waͤre, weil die getrockneten Nuͤſſe ſich aufbehalten laſſen, da man die Oliven bald, nachdem ſie eingeſammelt worden, preſſen muß.

Lage der Stadt Hei - delberg.
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Bey Heidelberg, wohin ich gegen Mittag kam, ruͤhrte mich die ſonderbare Lage dieſer Stadt. Der Necker kommt hier in einem ſehr breiten, aber bey trockner Zeit halb trockenen, mit Steinen und mit groſ - ſen Felſenſtuͤcken angefuͤllten Bette aus dem Schlund der Berge heraus, um ſeinen uͤbrigen Lauf in der Ebe - ne fortzuſetzen. Die an ſeinen beyden Ufern liegen -den21gethanen Reiſe. den Berge ſind ziemlich hoch und ſteil; das Bett des Fluſſes aber nimmt die ganze Breite des Thales ein, das von der Ebene her gerade nach Morgen zwiſchen die Berge hineingeht. Die Landſtraße, auf der ich kam, geht an dem Berge des rechten Ufers als eine Terraſſe hoch uͤber dem Bette des Fluſſes in dieſen Schlund herein, und uͤber der Straße iſt der Berg mit Weinreben bepflanzt. An dem gegenuͤberſtehen - den linken Ufer liegt Heidelberg auf einer hohen Ter - raſſe, nach der Richtung des Ufers in die Laͤnge ge - baut. Neben dem obern oder oͤſtlichen Ende der Stadt erhebet ſich ein beſonderer von dem Hauptge - buͤrge etwas abſtehender hoher Huͤgel, auf welchem die ehemalige Burg oder Reſidenz der Churfuͤrſten von der Pfalz halb ruinirt liegt. Ueber der Stadt zwi - ſchen den Bergen hinein wird der Schlund immer en - ger, und dem Anſchein nach zu einer unfruchtbaren Wildniß, welche gegen die Schoͤnheit und Frucht - barkeit des außerhalb dieſes Schlundes liegenden Lan - des einen ſchoͤnen Contraſt macht. Dem Schloß ge - genuͤber iſt eine hoͤlzerne bedeckte Bruͤcke uͤber den Ne - cker gebaut, uͤber welche man nach der Stadt kommt. Dieſe ſchien mir etwas dunkel, da der Berg, der ge - rade hinter der Mittagsſeite ſich empor hebt, einen großen Theil von dem Licht des Himmels, das aus der ſuͤdlichen Gegend kommen ſollte, abhaͤlt.

Von Heidelberg aus nehmen die Berge, die man bis dahin dicht neben dem Wege gehabt, all - maͤhlig ab. Die Straße bleibt noch immer ange - nehm und das Land fruchtbar. Doch findet das Au - ge den Reichthum des Reizes, den es durch die Berg - ſtraße genoſſen hat, nicht mehr.

B 3Den22Tagebuch von einer nach Nizza

Den 6 Septemb. Von Langenbruͤck uͤber Bruch - ſal, Durlach und Carlsruh nach Raſtadt.

Langenbruͤck iſt ein ſehr ſchoͤnes, großes, und, aus der Groͤße und guten Beſchaffenheit der Haͤuſer zu ſchließen, reiches Dorf, das dem Biſchof von Speyer gehoͤrt. Von dieſem Ort aus nimmt die große Fruchtbarkeit des Landes allmaͤhlig etwas ab, und wird endlich in dem Baadenſchen bis Raſtadt und weiter hinaus noch geringer. Der Weg bleibt aber immer noch ganz angenehm.

Bruchſal.
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Als ich nach Bruchſal kam, wurde ich bey der Einfahrt in die Vorſtadt, die eigentlich die Reſidenz des Biſchofs ausmacht, von der Reinlichkeit, Schoͤn - heit und da herrſchenden Ordnung recht lebhaft ge - ruͤhrt. Schon das Thor, dadurch man in dieſe Vorſtadt kommt, iſt von edler Bauart, und kuͤndigt einen Ort an, wo der gute Geſchmack der Bauart herrſcht. Beym Eintritt in dieſe Vorſtadt kommt man auf einen ziemlich großen Platz, der mit vielen zum biſchoͤflichen Palaſt, deſſen Vorhof rechter Hand dieſes Platzes liegt, gehoͤrigen ſehr artigen Gebaͤuden umgeben iſt. Von dieſem Platz aus geht eine breite gerade Straße gegen das Thor der Stadt. Es herr - ſchet in dieſer Vorſtadt eine ſolche Reinlichkeit, Net - tigkeit und Zierlichkeit in allen, auch den geringſten Nebengebaͤuden, daß man beynahe eher eine Opern - decoration als einen wirklichen Platz in einer Stadt zu ſehen glaubt. Jch habe viele groͤßere und praͤch - tigere Plaͤtze geſehen, aber keinen ſo anmuthigen als dieſen. Jn dem Staͤdtchen ſelbſt ſah ich viele neue, theils fertige, theils angefangene kleine Buͤrgerhaͤuſer,alle23gethanen Reiſe. alle maſſiv und nach der beſten Art gebaut. Alles die - ſes machte einen ſo angenehmen Eindruck auf mich, daß ich mich den ganzen Weg uͤber bis nach Durlach damit beſchaͤfftigte.

Es macht mich allemal ſehr vergnuͤgt, wenn ichVom guten und ſchlech - ten Ge - ſchmack in Wohnungen Werke menſchlicher Haͤnde ſehe, die von guter Ueber - legung, Geſchmack und Fleiß zeugen, und wenn es auch nur, wie ich nachher auf dieſer Reiſe erfahren habe, ein beſonders wohl gepfluͤgter Acker, oder ein mit Ueberlegung bepflanzter Baumgarten waͤre. Hin - gegen macht mich nichts ſchneller und gewiſſer traurig, als wenn ich in einen ſchmuzigen, finſtern, uͤbel ge - bauten und ſchlecht im Bau unterhaltenen Ort kom - me, dergleichen man in dem noͤrdlichen Deutſchland, beſonders in Weſtphalen, ſo viele ſieht. Es beun - ruhigt mich ſehr, wenn ich mir dabey vorſtelle, wie ſchlecht es in den Koͤpfen und Herzen der Menſchen ausſehen muͤſſe, die ſo elend wohnen, ohne gewahr zu werden, daß ihnen in einem ſo weſentlichen Beduͤrf - niſſe etwas fehle. Solche Menſchen ſind nothwendig dumm und unempfindlich, es ſey, daß Armuth und Duͤrftigkeit, oder brutale Tyranney, oder irgend eine andere Peſt der Seelen ſie dahin gebracht habe.

Nichts iſt natuͤrlicher, als daß der etwas ruhige, und dabey denkende und empfindende Menſch etwas zur Verſchoͤnerung der Dinge, die ihn taͤglich umge - ben, unternehme. Selbſt wilde Voͤlker lieben den Schmuck an ihrer Kleidung. Die Wohnungen aber ſind gewiß ein eben ſo wichtiger Theil unſrer Beduͤrf - niſſe, als die Kleider. Wer darin Unordnung, Ver - fall und Unreinlichkeit nicht bemerkt, der muß beyna - he eine viehiſche Seele haben.

B 4We -24Tagebuch von einer nach Nizza

Weniger traurig, aber aͤrgerlich iſt es mir, wenn ich an Haͤuſern oder Geraͤthſchaften Arbeiten von ver - kehrtem Geſchmack ſehe: Zierrathen, fuͤr welche ſich gar kein Grund erdenken laͤßt, oder ſolche, die gera - de der Natur der Sache entgegengeſetzt ſind, die das Gerade krumm, und das Starke ſchwach machen. Dieſes zeuget geradezu von Narrheit und Wahnwitz.

Ueberhaupt kann man von dem Geſchmack, der an einem Ort in Gebaͤuden herrſcht, viel von dem Charakter des Volks erkennen, ſo wie man ein ge - lehrtes oder leſendes Volk aus dem Geſchmack der Werke, die es vorzuͤglich liebt, beurtheilen kann. Viele Gelehrte ſelbſt, die ſich nur mit hoͤhern Wiſſen - ſchaften, oder blos mit hiſtoriſchen Kenntniſſen abge - ben, ſehen die Werke des Geſchmacks mit einem ganz oder halb veraͤchtlichen Blick an. Aber ſie beweiſen dadurch, daß ſie den Menſchen nur ſchlecht kennen, da ſie nicht wiſſen, wie genau der gute Geſchmack mit der Urtheilskraft und den ſittlichen Empfindungen zu - ſammenhaͤngt.

Unter dieſen und vielen andern Gedanken, wozu mir Bruchſal Gelegenheit gegeben hatte, kam ich nach Durlach. Auf dieſer Straße ſah ich zum er - ſtenmal ein mit einer Art Bohnen (lupinus) ange - ſaͤtes Feld, die blos zum Duͤngen des Ackers dahin geſaͤt werden. Denn wenn die Bohnen abge - bluͤht haben, welches um dieſe Zeit geſchieht, ſo wer - den ſie auf dem Felde, wo ſie ſtehen, untergepfluͤgt. Dieſes iſt eine uralte Art, die Felder zu duͤngen, de - ren die alten Roͤmer ſich ſchon bedient haben*)Frutex lupini ſucciſus optimi ſtercoris vim prae - bet; ſagt Columella. S. auch Plin. Hiſt. Nat. L. XVII. c. 7.. Jchhabe25gethanen Reiſe. habe nachher in der Provinz Dauphine dieſes Duͤn - gen uͤberall angetroffen. So gut kann es freylich nicht ſeyn, als wenn der Acker mit gutem Miſt uͤberfahren wuͤrde; aber es verkuͤrzt die Arbeit gar ſehr, da ein Scheffel ſolcher Bohnen, der zur Beſaͤung eines Mor - gens hinlaͤnglich iſt, mit ungleich weniger Muͤhe aus - geſaͤt wird, als etliche Fuhren Duͤnger erforderten.

Durlach liegt in einer ſchoͤnen und fruchtbarenDurlach. Ebene. Der Ort kam mir etwas todt vor; ohne Zweifel hat er viel von ſeiner Nahrung verloren, ſeit - dem der Hof ſeinen Aufenthalt in Carlsruh feſtge - ſetzt hat. Man ſagte mir, daß die Durlacher die - ſes durch etwas mehr Gefaͤlligkeit gegen den Hof und eine demſelben zur rechten Zeit angebotene Summe Geldes haͤtten verhindern koͤnnen. Allem Anſehen nach wuͤrden ſie ſehr wohl daran gethan haben. Aber es iſt nur gar zu gewoͤhnlich, daß die Menſchen ihr Jntereſſe zu ſpaͤt einſehen.

Von hieraus geht eine ſchoͤne, in gerader Linie fort - laufende Chauſſée nach Carlsruh. Sie iſt zu bey - den Seiten mit italiaͤniſchen Pappeln beſetzt, die hier als Pyramiden gezogen ſind, und wegen ihres ſchoͤnen und lebhaften Wuchſes der Straße ein gutes Anſehen geben. Jch habe dieſen Baum nirgend in ſo ſchoͤnem Wachsthum geſehen, als hier. Neben der Chauſſée iſt ein ſchmaler Canal mit Schleußen angelegt, auf dem kleine Kaͤhne fahren koͤnnen.

Carlsruh, wo ich gegen Mittag anlangte, iſt anCarlsruh. ſich ein ſchlechter Ort, und gleichet mehr einem Luſtſchloß eines großen Herrn, als einer fuͤrſtlichen Reſidenz. Die Straßen zwar ſind breit und gerade, aber die Haͤuſer klein und ſchlecht. Hingegen iſt das Schloß und dasB 5zu -26Tagebuch von einer nach Nizzazunaͤchſt um daſſelbe liegende Quartier der Stadt wirk - lich ſchoͤn. Das Schloß liegt in dem Garten, an welchen ein ſehr ſchoͤner Wald ſtoͤßt, durch den viele ihrer Laͤnge halber faſt unabſehbare Alleen durchge - hauen ſind, die alle von der Mitte des Schloſſes, als ihrem Mittelpunkt, ausgehen. Das Schloß iſt groß, und ſonſt wohl gebaut; doch hat es die ſonderbare An - lage, daß die von dem Hauptgebaͤude laͤngſt dem Vor - hof herauslaufenden Seitenfluͤgel nicht in rechten, ſon - dern ſtumpfen Winkeln an daſſelbe ſtoßen. Ob dieſes ein Einfall des Baumeiſters geweſen, dem Gebaͤude dadurch ein perſpectiviſches Anſehen zu geben, oder ob es daher kommt, daß man alte Fundamente hat nutzen wollen, habe ich nicht erfahren.

Raſtadt.
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Von hieraus bis Raſtadt iſt der Boden ſandig und von geringer Fruchtbarkeit. Jch blieb die Nacht in Raſtadt, kam aber nicht aus dem Gaſthofe, wo ich abgetreten war. Es ſchien mir aber, daß der Ort ſeit 13 Jahren, binnen welcher Zeit ich ihn nicht geſehen, ſtark abgenommen habe. Es iſt auch ganz natuͤrlich, da die ehemalige Herrſchaft, die auf dem wirklich praͤchtig angelegten Schloß ihre Reſidenz hat - te, ausgeſtorben iſt.

Den 7 September. Von Raſtadt uͤber Offen - burg nach Kenzing.

Dieſen Tag hatte ich große Hitze auszuſtehen. Mein Thermometer ſtieg Nachmittags im Schatten und in freyer Luft beynahe auf 88 Fahrenheitiſche Grade. Jch hatte deswegen auch keine Luſt, mich nach irgend etwas umzuſehen. Jn Offenburg ſpei -ſete27gethanen Reiſe. ſete ich zu Mittag. Der Ort ſchien mir lebhaft und voll Menſchen, aber doch gering und arm.

Den 8 Septemb. Von Kenzing nach Freyburg.

Auf dieſem Wege ſchien mir das Land durchge - hends ſehr angenehm, fruchtbar und wohl bevoͤlkert; die Einwohner arbeitſam und verſtaͤndig. Das Land iſt ſehr gut angebaut; auch hier und da fand ich es mit Waid beſetzt. Beſonders aber trifft man auf die -Schoͤne Wieſen. ſem Wege fuͤrtreffliche Wieſen an, mit ſehr guten An - ſtalten zum Waͤſſern. Dieſe ſind, wo ich es nicht anderswo uͤberſehen habe, die erſten guten Wieſen, die ich auf dieſer Reiſe angetroffen habe.

Jch wuͤßte keinen Grund anzugeben, warum in den noͤrdlichern Theilen von Deutſchland die Cultur der Wieſen ſo ſehr vernachlaͤßigt wird. Jch habe doch genug Gegenden dort geſehen, die leicht zum ordent - lichen Waͤſſern eingerichtet werden koͤnnten. Das meiſte Heu, welches im Brandenburgiſchen einge - ſammelt wird, ſelbſt das, was man dort fuͤr ſehr gut haͤlt, wuͤrde in Schwaben und in der Schweiz blos zum Unterſtreuen gebraucht werden. Ueberhaupt glaube ich beobachtet zu haben, daß das Landvolk ar - beitſamer und verſtaͤndiger wird, je weiter man ge - gen die ſuͤdliche Graͤnze von Deutſchland hinkommt. Die meiſten Doͤrfer in Schwaben ſind, gegen die ſaͤchſiſchen und brandenburgiſchen gehalten, Staͤd - te, und die Bauernhaͤuſer beynahe Palaͤſte, in Ver - gleichung der elenden Huͤtten in Niederdeutſchland. Der Ackerbau wird in Schwaben beſſer getrieben; das Landvolk ſcheint hier durchaus verſtaͤndiger, arbeit -ſamer,28Tagebuch von einer nach Nizzaſamer, gerader und ehrlicher, und iſt auch weit beſ - ſer gekleidet als dort.

Freyburg.
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Freyburg, eine ehedem ſo ſtarke Feſtung, iſt jetzt ein offener Ort. Und obgleich oͤſterreichiſche Be - ſatzung darin liegt, ſo ſind keine Wachen an den Tho - ren; denn wer nicht durch die Thore aus - und einge - hen wollte, koͤnnte uͤber die niedergeriſſenen Waͤlle ge - hen. Die Einwohner haben noch nicht Zeit gehabt, oder es fehlet ihnen an Mitteln, den Platz der ehema - ligen Feſtungswerke eben zu machen, und in Gaͤrten oder Aecker zu verwandeln. Das, was ich davon ge - ſehen habe, liegt noch unter dem Druck der Zerſtoͤ - rung. Es fieng an finſter zu werden, als ich in die Stadt kam, und den andern Morgen reiſete ich mit Anbruch des Tages wieder ab; folglich kann ich nichts von der Stadt ſagen. Die Straße, wo ich abſtieg, iſt breit und ſchoͤn, und gab mir durch die Lebhaftig - keit, die bis in die Nacht hinein darauf herrſchte, ei - nen guten Begriff von dem Orte.

Den 9 September. Von Freyburg nach Baſel.

Die ehemals ſchoͤnen Dammwege (Chauſſées) von Freyburg aus fangen an, wegen Mangel der Unterhaltung, etwas ſchlecht zu werden. Die oͤſter - reichiſche Regierung hat, wo ich nicht irre, in Deutſch - land zuerſt das Beyſpiel guter Dammwege gegeben; aber es ſcheinet, daß die Anſtalten zur Unterhaltung derſelben verſaͤumt worden. Beſſer iſt fuͤr die neu angelegten, auf denen ich von Eiſenach aus herauf - gekommen bin, geſorgt; dieſe werden ſchon jetzt auf das fleißigſte unterhalten. An gar vielen Orten liegen Haufen zerſtoßener Kieſelſteine von 20 bis 30 Schrittvon29gethanen Reiſe. von einander neben dem Wege, und dazu beſtellte Leu - te bringen ſie dahin, wo etwa ein Anfang von Gelei - ſen erſcheinet, und ſtampfen ſie da feſt.

Das Land zwiſchen Freyburg und Baſel iſt ber -Schoͤne Aus - ſicht. gig, und zeiget dem Auge des Reiſenden, ſowohl in den Thaͤlern als auf den Hoͤhen, mannichfaltige Aus - ſichten. Hier und da ſieht es ſchon etwas wild aus, doch iſt guter Boden. Etwa zwey Stunden, ehe man nach Baſel koͤmmt, geht der Weg uͤber den breiten Ruͤcken eines maͤßigen Berges. Von dieſer Hoͤhe hat man eine hoͤchſt reizende Ausſicht auf die Stadt Baſel, das herumliegende ebene Land, durch wel - ches der Rhein in manchen Kruͤmmungen fließt, und auf die dieſen Canton und den Elſaß von der uͤbrigen Schweiz ausſchließenden hoͤheren Berge. Die Stadt nebſt der Menge um dieſelbe zerſtreuter Landhaͤuſer, verſchiedene Doͤrfer, der Rhein und ein allgemeiner Wald von Obſtbaͤumen und Weinbergen, aus deren Gruͤn die Doͤrfer und Luſthaͤuſer hervorſtechen, macht dieſes zu einer der ſchoͤnſten Ausſichten, die mir vorge - kommen ſind. Der Haupteindruck, den ſie macht, iſt die Vorſtellung von unbeſchreiblicher Mannichfal - tigkeit und von Reichthum der Natur. Jn der That iſt dieſes auch eine uͤberaus fruchtbare Landſchaft, und daher ſtark bewohnt.

Gegen vier Uhr Nachmittags langte ich in Baſel an. Der Weg, den ich von Frankfurt aus genom - men habe, wird weit ſeltener genommen, als der an - dre uͤber Oppenheim, Speyer, Worms und Straßburg. Er iſt etwas laͤnger als dieſer, und man findet auch in den Gaſthoͤfen nicht ſo gute Be - dienung, als auf der andern Straße; aber man wirddurch30Tagebuch von einer nach Nizzadurch die Schoͤnheit des Landes, wodurch man reiſet, reichlich entſchaͤdigt.

Von Frankfurt nach Baſel zeigte mein Wege - meſſer 63700 Umgaͤnge des Rades; der Diameter deſſelben war 5 Fuß 2 Zoll 10 Linien: folglich der Umfang 16. 44 Fuß. Demnach betraͤgt der ganze Weg 1046228 Fuß, oder 41 $$\frac {21}{25}$$ Meilen zu 25000 Fuß. Von Berlin nach Baſel aber ſind ohngefaͤhr 104 Meilen. Die beſondern Weiten ſind folgende:

Von Frankfurt nach Darmſtadt3 $$\frac {14}{25}$$ Meilen.
Darmſtadt Hoͤppenheim3 $$\frac {7}{25}$$
Hoͤppenheim Heidelberg3 $$\frac {17}{25}$$
Heidelberg Langenbruͤck3 $$\frac {21}{25}$$
Langenbruͤck Bruchſal1⅕
Bruchſal Carlsruh2⅗
Carlsruh Raſtadt2 $$\frac {23}{25}$$
Raſtadt Offenburg5 $$\frac {18}{25}$$
Offenburg Kenzing
Kenzing Freyburg3 $$\frac {6}{25}$$
Freyburg Baſel

Vom 10 bis zum 12 Sept. Aufenthalt in Baſel.

Jch hatte nach dieſer Reiſe noͤthig mich ein paar Tage auszuruhen, und konnte es in Baſel mit aller Ge - maͤchlichkeit thun. Noch hatte ich nicht Kraͤfte ge - nug, in einem ſo weitlaͤuftigen Ort, als Baſel iſt, herumzugehen und Beſuche zu machen. Jch hielt mich alſo zu Hauſe auf, um mich deſto beſſer auszu - ruhen. Am Herrn Stadtſchreiber Jſelin hatte ich ei - nen angenehmen und beſtaͤndigen Geſellſchafter daſelbſt. Auch hatte ich da das Vergnuͤgen, mit dem beruͤhm - ten Hofrath Koͤhlreuter aus Carlsruh in Bekannt -ſchaft31gethanen Reiſe. ſchaft zu kommen, der ſich eben in Baſel, wo er ſich vor kurzem verheirathet hatte, aufhielt. Da er hoͤr - te, daß ich Willens ſey, meinen Weg uͤber Bern zu nehmen, entſchloß er ſich, mich bis dahin zu be - gleiten, und bey dieſer Gelegenheit den beruͤhmten Haller daſelbſt zu beſuchen.

Jch miethete eine Kutſche, die mich in andert - halb Tagen nach Bern bringen ſollte. Jn der Schweiz ſind die Fuhren um ein betraͤchtliches theurer, als in Deutſchland; und man muß ſich dieſes gefal - len laſſen, weil durch dieſes Land keine oͤffentlichen Po - ſten angelegt ſind, außer den reitenden zu Fortſchaf - fung der Briefe, und einigen Landkutſchen.

Den 12 September Nachmittags reiſete ich al -Von Baſel nach Langen - bruͤck. ſo in der mir hoͤchſt angenehmen Geſellſchaft des Hrn. Koͤhlreuters von Baſel ab, und wir kamen auf den Abend etwas ſpaͤt nach Langenbruͤck. Der Weg geht von Baſel aus erſt eine Zeit lang durch ein ebe - nes und fuͤrtreffliches Land; hernach kommt man an die Berge, die hier die natuͤrliche Graͤnze zwiſchen Deutſchland und Helvetien ausmachen. Oben auf dieſem Gebuͤrge liegt das Dorf Langenbruͤck. Die Straße dahin iſt gegenwaͤrtig durchaus ſehr gut, und ſo bequem, als es in Bergen nur moͤglich zu machen war. Noch nicht vor langer Zeit waren die Land - ſtraßen durch die Schweiz faſt uͤberall enge und ſehr holprig, ſo daß man nicht wohl anders als zu Pfer - de oder in Litieren fortkommen konnte. Jetzt ſind ſie ſchoͤn und ſo bequem, als in irgend einem Lande; da faſt durchgehends ſehr gute Chauſſées gemacht ſind. Der Stand Bern fieng vor ohngefaͤhr 20 Jahren an den andern Staͤnden mit dem guten Beyſpiel dazu vor -zu -32Tagebuch von einer nach Nizzazugehen; und ſeit einigen Jahren ſind dieſe nachge - folget, ſo daß man jetzt mit viel Bequemlichkeit durch das ganze Land reiſen kann, und um ſo viel angeneh - mer, da man uͤberall, auch in Doͤrfern, reinliche Gaſthoͤfe antrifft, wo man recht gut bedient wird.

Man findet faſt auf allen Doͤrfern dieſes Cantons in den Haͤuſern des Landvolks ſogenannte Muͤhlenſtuͤh - le, worauf ſeidene Baͤnder verfertiget werden. Die - ſe Fabriken haben der Stadt Baſel betraͤchtlichen Reichthum erworben; und allem Anſehen nach werden ſie noch lange reiche Geldquellen fuͤr dieſe Stadt ſeyn; denn man wuͤrde in wenig andern Laͤndern ſie ſo wohl - feil machen koͤnnen. Man kann uͤberhaupt ſagen, daß die Schweiz zu vortheilhafter Betreibung der Fa - briken große Vorzuͤge vor vielen andern Laͤndern habe, weil man die zum Landbau uͤberfluͤßigen Arme dazu brauchen kann. Der Landmann hat durchgehends we - nig Acker und viel Kinder, die durch Feldarbeit nicht hinlaͤnglich koͤnnten beſchaͤfftiget werden. Man kann deswegen da Fabriken anlegen, ohne dem Feldbau Arbeiter zu entziehen. Dieſes iſt ohne Zweifel die ein - zige wahre Lage der Sachen, um die Fabriken einem Lande vortheilhaft zu machen.

Den 13 Septemb. Von Langenbruͤck uͤber So - lothurn nach Bern.

Man reiſet von Langenbruͤck immer bergab, bis an die ſogenannte Clus, wo man auf das ebene Land herauskommt. Der Weg bis an die Clus iſt wegen der mannichfaltig abwechſelnden Ausſichten in die Gebuͤrge, durch welche er geht, ganz ange - nehm. Sehr uͤberraſchend und reizend aber wird dieAus -33gethanen Reiſe. Ausſicht, wenn man gegen die Clus kommt, wo man nach den geſperrten und eng eingeſchraͤnkten Aus - ſichten, die man gehabt hat, ploͤtzlich eine ganz fuͤr - treffliche ebene Landſchaft uͤberſieht, die einen Theil der Cantone Solothurn und Bern ausmacht. Von da an iſt der Weg nach Solothurn meiſt eben und ſehr angenehm durch ein fruchtbares wohl angebautes Land.

Sobald man von dieſer Seite zum Thore bemeld -Solothurn. ter Stadt hereinkommt, wird man durch die praͤchti - ge neue Hauptkirche in nicht geringe Verwunderung geſetzt, in einer ſo kleinen Stadt ein ſo herrliches Ge - baͤude anzutreffen. Das Anſehen dieſer Kirche wird dadurch vermehrt, daß ſie frey auf einer hohen Terraſſe ſteht, dahin eine breite praͤchtige Treppe fuͤhret, an deren beyden Seiten ſchoͤne ſpringende Brunnen ſte - hen. Man verſicherte mich, daß der Bau dieſer Kir - che der Stadt, außer den daran geſchehenen Frohnar - beiten, 600000 Pfund, oder ohngefaͤhr eine Million franzoͤſiſcher Livres, gekoſtet habe. Die Stadt iſt nicht groß, aber ſowohl innerhalb, als wegen ihrer ſchoͤnen Lage, eine der artigſten Staͤdte in der Schweiz, auch regelmaͤßig und gut befeſtiget. Hier habe ich den be - ſten Gaſthof in Anſehung der guten Bedienung und de - licaten Eſſens angetroffen, den ich auf dieſer ganzen Reiſe geſehen habe.

Von Solothurn faͤhrt man in fuͤnf Stunden nach Bern durch eine bequeme Straße, die dadurch noch angenehmer wird, daß man uͤberall die fruchtbar - ſten Felder und fuͤrtrefflichſten Wieſen antrifft, in den Doͤrfern aber die deutlichſten Anzeigen des guten Wohl - ſtandes des dortigen Landvolks gewahr wird.

CGanz34Tagebuch von einer nach Nizza

Ganz nahe bey Bern faͤhrt man einen Berg her - unter, um an das dieſſeitige Thor an der Aare zu kommen. Ehedem war dieſer Weg ſteil und hoͤchſt beſchwerlich; jetzt iſt er mit koͤniglichem Aufwand ſo be - quem gemacht, als ob man auf der Ebene fuͤhre. Es iſt uͤberhaupt das Genie der Regierung in Bern, daß alles, was ſie zu allgemeinem Nutzen des Landes an Gebaͤuden und andern Unternehmungen veranſtaltet, das Gepraͤg einer edlen Groͤße ohne Prahlerey hat.

Von Baſel nach Bern habe ich den Weg nicht gemeſſen; er wird 18 Stunden gerechnet; und ich be - zahlte die Fuhre mit anderthalb franzoͤſiſchen Louisd'or, oder 9 Rthlr.

Bern.
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Den 14, 15 und 16 Septemb. Aufenthalt in Bern.

Das gleich den Tag nach meiner Ankunft einge - fallene kalte Regenwetter that eine ſo uͤble Wirkung auf mich, daß ich mich zu Bette legen mußte. Die ganze Zeit meines Aufenthalts in Bern mußte ich mich im Zimmer aufhalten; auch waren meine mei - ſten Bekannten abweſend. Doch hatte ich das Ver - gnuͤgen, meinen fuͤrtrefflichen Freund, den Hrn. Leib - arzt Zimmermann aus Hannover, da anzutreffen; und weil der alte Herr von Haller nahe an dem Gaſt - hofe, in dem ich abgetreten war, wohnet, ſo konnte ich doch mich ſo viel ermuntern, ihn zu beſuchen. Jch traf ihn zwar im Bett, aber bey voͤlliger Munterkeit des Geiſtes an. Ganz Europa kennt und verehrt das herrliche Genie, die erſtaunlich ausgebreiteten Kenntniſſe, und die bewundernswuͤrdige Arbeitſam - keit dieſes in der That großen Mannes: wer aber Ge -legen -35gethanen Reiſe. legenheit hat, mit ihm uͤber verſchiedene Dinge zu ſprechen, erſtaunet uͤber ſeine Kenntniſſe jeder Art, auch in Dingen, die eigentlich nicht zu ſeinen Studien ge - hoͤren, und uͤber die ungemeine Leichtigkeit, womit er uͤber jeden Gegenſtand ſpricht. Er iſt gleichſam ein lebendiges Lexicon der allgemeinen menſchlichen Kennt - niſſe. Es war mir uͤberaus erfreulich, dieſen fuͤr - trefflichen Mann noch einmal zu ſehen. Aber ich konnte wohl merken, daß er meinen Zuſtand ſehr be - denklich fand, und keine Hoffnung zu meiner Wieder - herſtellung hatte. Durch die Gefaͤlligkeit verſchiede - ner Freunde und Goͤnner, die mir die Ehre thaten, mich zu beſuchen, brachte ich doch die drey Tage, ob ich mich gleich inne halten mußte, ſehr angenehm zu; und da ich am vierten Tage mich wieder etwas geſtaͤrkt fand, entſchloß ich mich, die Reiſe fortzuſetzen.

Den 17 Septemb. Reiſe von Bern uͤber Morat und Avanches nach Payerne.

Die Gegend um Bern herum iſt von NaturVon Bern nach Payerne wild, mit mannichfaltiger Abwechſelung von Bergen, Thaͤlern, Waͤldern, Aeckern und Triften. Ehe das Land angebaut worden, mag es eine fuͤrchterliche Wildniß geweſen ſeyn; aber durch den Fleiß der Men - ſchen und die Veranſtaltungen einer weiſen Regierung iſt dieſe Wildniß in ein hoͤchſt angenehmes, dem Auge eine große Mannichfaltigkeit ergoͤtzender Gegenſtaͤnde darſtellendes Land verwandelt worden. Außer den nahen Ausſichten uͤber ein reiches, wohl angebautes und mannichfaltig abwechſelndes Gelaͤnde, hat man von Bern aus die Ausſicht in die hoͤchſten Alpen, die ſowohl durch ihre nackten, ſich weit uͤber die Wolken er -C 2he -36Tagebuch von einer nach Nizzahebenden kahlen Felſen, als durch andre mit ewigem Schnee, den man ganz in der Naͤhe glaubt, bedeck - te Hoͤhen, eine, ganz wunderbare Anſicht geben, die gewiß niemand ohne eine Art von Entzuͤckung ſehen kann.

Des beſtaͤndigen Herauf - und Herunterfahrens ungeachtet, iſt der Weg von Bern nach Murten oder Morat hoͤchſt angenehm. Man ſiehet alle Ar - ten der Schoͤnheit der Natur in beſtaͤndig veraͤnderten Scenen; bald von der Hoͤhe herunter uͤber benachbar - te Huͤgel, Thaͤler, kleine Ebenen, Doͤrfer und ein - zelne Haͤuſer, ja nahe an der Straße liegende Waͤl - der, wo alles von geſundem Wachsthum gleichſam ſtrotzet, und wo die wilde Natur ſich in der hoͤchſten Fruchtbarkeit zeiget. Dazu kommt, daß ſowohl die Menſchen als ihre Wohnungen und ihr Vieh durch ihre Schoͤnheit, Reinlichkeit und Munterkeit noch mehr zum Vergnuͤgen einladen. Dieſe erquickenden Gegenſtaͤnde ſieht man auf einer ſehr ſchoͤnen und be - quemen Landſtraße in immer abwechſelnden Geſtalten.

Die Bauerhaͤuſer dieſer Gegend ſind in ihrer Bauart und ganzen Einrichtung von denen in Deutſch - land ganz unterſchieden. Es fiel mir, ſo oft ich in einer andern Provinz andre Landanſtalten und eine an - dre Bauart der Haͤuſer des Landvolks ſah, allemal ein Gedanke ein, der mich immer eine Zeit lang intereſ - ſirte. Jede Provinz, und bald jeder kleine Diſtrikt durch Europa, hat im Charakter, in der Lebensart, der Bildung, der Kleidung und dem ganzen Anſehen des Landvolks, in der Bauart der Bauerhaͤuſer, in der Anlage ganzer Doͤrfer, in der taͤglichen Haus - und Feldarbeit, in dem Ackergeſchirr u. a. etwas ei -ge -37gethanen Reiſe. genes und charakteriſtiſches. Es macht einem auf - merkſamen Reiſenden nicht geringes Vergnuͤgen, die - ſe Verſchiedenheiten zu beobachten und gegen einander zu halten. Wenn nun ein geſchickter Landſchaftmaler verſchiedene Laͤnder durchreiſete, und in jedem Diſtrikt ein Dorf mit der umliegenden Gegend zeichnete; wenn er dabey nahe an dem Vorgrunde ein Haus ſo ausfuͤhr - te, daß man das Beſondere ſeiner Anlage und Ein - richtung ſehen koͤnnte; wenn er endlich mit dem wah - ren Ausdruck der Natur, ſo wie Chodowiecki, eine Familie vor dem Hauſe in verſchiedenen laͤndlichen Verrichtungen zeichnete: ſo wuͤrde jede Zeichnung die Landesart und faſt alles, was das Landvolk daſelbſt charakteriſtiſches hat, getreulich darſtellen. Eine Sammlung dergleichen Landſchaften wuͤrde hoͤchſt an - genehm, und in mehr als einer Abſicht ſehr intereſ - ſant ſeyn. Dieſes wuͤrde freylich großen Aufwand und eine betraͤchtliche Zeit erfordern; doch vermuthlich von beyden nicht mehr, als auf die merianiſche Topo - graphie verwendet worden. Merian hat die Staͤdte gezeichnet; und hier muͤßten Doͤrfer gezeichnet werden. Ein ſolches Werk, vollkommen nach der Natur gezeich - net und gut radirt, wuͤrde mir mehr Vergnuͤgen ma - chen, als manche große Bildergallerie.

Jch komme von dieſer Ausſchweifung wieder auf meinen Weg zuruͤck. Wenn man allmaͤhlig von dem hoͤhern Lande gegen Murten heranruͤckt, hat man ei - ne herrliche Ausſicht uͤber den Murterſee und die ihn umgebenden Huͤgel. Sie hat ſo viel Anmuth, daß man wuͤnſcht, einen ganzen Tag auf der Straße zu verweilen, um dieſe Ausſicht ganz und lange genug zu genießen.

C 3Jch38Tagebuch von einer nach Nizza
Pais de Vaud.
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Jch kam in der Mittagsſtunde in Murten an. Hier nimmt das Pais de Vaud ſeinen Anfang: ein Land, das ſeiner Schoͤnheit und vieler natuͤrlichen Vor - zuͤge halber beruͤhmt iſt. Hier iſt auch die Graͤnze, auf der die deutſche und welſche oder franzoͤſiſche Spra - che zuſammenſtoßen. Beyde Sprachen ſind um Murten herum dem Volke gleich gelaͤufig; das Land faͤngt hier an weniger bergig zu ſeyn. Jenſeit Mur - ten iſt eine ziemlich große Ebene; die Berge werden zu niedrigern Huͤgeln und die Luft wird milder.

Bald nachdem man uͤber dieſen Ort heraus iſt, kommt man auf das durch die Niederlage des maͤch - tigen Herzogs Carl von Burgund beruͤhmte Schlacht - feld an dem Murter See, den man rechter Hand die - ſes Schlachtfeldes hat. An dem Wege ſieht man ein Gebaͤude in Form einer Capelle, in welchem die Ge - beine des erſchlagenen burgundiſchen Heeres zuſam - men geſammelt worden. Die ſchoͤne lateiniſche Auf - ſchrift, welche die beyden Cantone Bern und Frey - burg, unter deren Herrſchaft dieſe Gegend jetzt ſteht, (nunc rerum dominae, wie ſie in der Aufſchrift ſich nennen,) bey Erneuerung des Gebaͤudes haben ſetzen laſſen, iſt bekannt.

Unweit von dieſer Capelle wohnet gegenwaͤrtig auf einem ſchoͤnen und großen Landgute der beruͤhmte Arzt Herrenſchwand, Geheimerrath und erſter Leibarzt des jetzigen Koͤnigs von Polen. Als vor etlichen Jahren die noch immer anhaltenden Unruhen in Polen ange - fangen hatten ernſtlich zu werden, verließ er dies Land, und begab ſich hieher in ſein Vaterland. Weil ich bey ſeiner Durchreiſe durch Berlin Bekanntſchaft mit ihm gemacht hatte, und nun dicht an ſeinem Gutevor -39gethanen Reiſe. vorbey mußte, ſtieg ich ab, um ihm einen Beſuch zu machen. Er noͤthigte mich ſehr freundſchaftlich, einige Tage bey ihm zu verweilen; aber ich ſah mich durch das heraneilende Ende der guten Jahrszeit genoͤthiget, meine Reiſe ohne Aufhaltung fortzuſetzen, weil ich einmal feſt entſchloſſen war, mich in Lauſanne eine Zeit lang aufzuhalten, um dem beruͤhmten Tiſſot Zeit zu laſſen, meinen Zuſtand kennen zu lernen.

Bald darauf kam ich durch Avanches, das ehe -Avanches. malige Averticum, welches eine betraͤchtliche roͤmi - ſche Colonie und die Hauptſtadt dieſes Landes geweſen. Von ſeiner ehemaligen Groͤße zeiget der Ort nur noch wenige Spuren, da der groͤßte Theil der ehemaligen Stadt jetzt mit dem Pfluge bearbeitet wird. Des Abends kam ich nach Payerne, einer artigen kleinen,Payerne. auch ſehr alten Stadt des ehemaligen burgundiſchen Koͤnigreichs. Es war hier ehedem ein beruͤhmtes Be - nedictinerkloſter, welches die Koͤniginn Bertha im zehnten Jahrhunderte geſtiftet hat. Dieſe Koͤniginn, ihr Gemahl Koͤnig Rudolf und verſchiedene Prinzen des alten burgundiſchen Hauſes ſind hier begraben.

Den 18 Sept. von Payerne uͤber Moudon nach Lauſanne.

Man kommt meiſtentheils durch ein ſchmales und ſehr angenehmes Thal nach Moudon, einer artigen und volkreichen kleinen Stadt am Ende des Thales. Die nicht hohen Berge, die dieſes Thal einſchließen, ſind meiſtentheils unbebaut. Die Hoͤhen ſcheinen uͤberhaupt in dieſer Gegend rauh und unfruchtbar. Viele kleine Berge ſind zu ſteil, um angebaut zu wer - den. Jndeſſen iſt gewiß, daß ſie, wo es nicht anC 4Ein -40Tagebuch von einer nach NizzaEinwohnern und an Fleiß fehlte, gar leicht in Terraſ - ſen abgetheilet und bebaut werden koͤnnten. Aber es iſt auf dieſem Wege von Payerne bis Lauſanne ziem - lich ſichtbar, daß das Land weder ſo gut bevoͤlkert, noch ſo fruchtbar iſt, als in dem deutſchen Theil desAnmerkung uͤber das Landvolk im Pais de Vaͤud. Cantons Bern. Das Landvolk ſieht hier etwas arm - ſelig aus, und man entdeckt ohne Muͤhe, daß es bey weitem nicht ſo arbeitſam und ſo ordentlich iſt, als ſei - ne deutſche Nachbarn. Vielleicht traͤgt auch der Hang des jungen Landvolks, außer Landes ſein Gluͤck zu ſuchen, gar viel zur Vernachlaͤßigung des Landbaus bey. Die jungen Bauern lieben fremde Kriegsdien - ſte; andre von beyden Geſchlechtern vermiethen ſich in den groͤßern Staͤdten, wo man gern welſche Bediente hat; gar viele geben nach England, um ihr Gluͤck zu ſuchen, und man findet ſie faſt in allen vornehmen Haͤuſern in London, wo ſie den einheimiſchen Be - dienten wegen ihres biegſamern Charakters und ihrer Sprache weit vorgezogen werden.

Auch iſt uͤberhaupt in dem Pais de Vaud das Gebluͤt bey weitem nicht ſo ſchoͤn noch ſo geſund, als in dem deutſchen Theil des Cantons, wo man unter dem Landvolk die ſchoͤnſten Manns - und Weibsperſo - nen antrifft. Jch zweifle, daß irgend eine Stadt in Europa ſey, wo man ſo viel ſchoͤne, und dabey einen weit uͤber ihren Stand und ihre Geburt erhabenen An - ſtand beſitzende Dienſtmaͤdchen ſiehet, als in Bern. Ein Fremder moͤchte in Verſuchung gerathen, ſie fuͤr verkleidete Damen von Stande zu halten*)Der geſchickte Landſchaftmaler Aberli aus Winter - thur, der ſich in Bern aufhaͤlt, hat vor ein paarJah -.

Von41gethanen Reiſe.

Von Moudon geht der uͤbrige Theil des Weges bis Lauſanne uͤber einen Berg, der ein Nebenaſt des Jura iſt. Die Straße uͤber denſelben iſt gut und ſo bequem, als es irgend die Beſchaffenheit des Berges zugelaſſen hat. Jm Herunterfahren, wenn man ſich der Stadt Lauſanne, die an der ſuͤdweſtlichen Seite dieſes Berges liegt, naͤhert, hat man eine Aus -Schoͤne Aus - ſicht gegen Lauſanne. ſicht von unbeſchreiblicher Mannichfaltigkeit und Schoͤn - heit. Man uͤberſieht den großen Genfer See faſt ganz, einen großen Theil ſeines dieſſeitigen reichen und mit vielen Staͤdten und Doͤrfern beſetzten Ufers. Jenſeit des Sees faͤllt der ſchoͤnſte Theil des Herzog - thums Chablais mit verſchiedenen Staͤdten, Doͤr - fern und mit abwechſelnden Huͤgeln und Ebenen, hin - ter dieſen die erſtaunlich hohen und ganz mit Schnee bedeckten ſavoyiſchen Alpen, und weiter gegen Morgen die wilden Gebuͤrge von Wallis, nebſt den daran ſtoſ - ſenden Berner Alpen, alles dieſes auf einmal ins Ge - ſicht. Jch zweifle daran, daß irgend an einem Orte des Erdbodens eine reichere und mannichfaltigere Aus - ſicht anzutreffen ſey. Man ſieht ein Stuͤck Landes von etwa 40 deutſchen Quadratmeilen vor ſich, auf dem ſich die hoͤchſte Fruchtbarkeit und der hoͤchſte Grad der Cultur, neben den wildeſten Gegenden der WeltC 5zei -*)Jahren angefangen, von dem Landvolke des Can - tons Bern aus jedem Diſtrikt eine Manns - und eine Weibsperſon genau in dem Eigenthuͤmlichen ihres Nationalcharakters zu malen, und auf einzelne Blaͤt - ter radirt und hernach uͤbermalt herauszugeben. Dieſe Blaͤtter (davon jetzt erſt ſechs heraus ſind,) beſtaͤtigen das, was ich hier von dem berniſchen Landvolke ſage.42Tagebuch von einer nach Nizzazeigen; beyde um einen ſehr großen, doch von der Hoͤ - he ganz zu uͤberſehenden See herum in der reizendſten Abwechſelung.

Gegen Abend traf ich in Lauſanne ein. Der Weg von Bern hieher wird 18 Stunden gerechnet. Jch habe ihn in der Ausmeſſung von Stadt zu Stadt folgender maßen gefunden:

Von Bern nach Morat87848 Fuß oder3 $$\frac {13}{25}$$ Meil.
Morat nach Avanches27128 1 $$\frac {2}{25}$$
Avanches nach Payerne32990 1 $$\frac {8}{25}$$
Payerne nach Moudon85952 3 $$\frac {11}{25}$$
Moudon nach Lauſanne60861 2 $$\frac {11}{25}$$
294779 oder11⅘ Meil.

Demnach kaͤmen auf dieſem Wege auf 1 Stunde 16376 Rheinl. Fuß.

Fuͤr die Fuhre von Bern nach Lauſanne bezahl - te ich 2 franzoͤſiſche Louisd'or, oder 12 Rthl.

Vom 19 September bis den 10 Octob. Aufent - halt in Lauſanne.

Hr. Tiſſot.
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Jch ließ gleich meine Ankunft dem Herrn Tiſſot melden, dem ich als ein kuͤnftiger Patient bereits durch meinen Freund Zimmermann war empfohlen wor - den. Er hatte die Gefaͤlligkeit mich gleich den andern Morgen zu beſuchen, und ſich ſehr genau nach den Umſtaͤnden meiner Krankheit zu erkundigen. Er fand mich doch noch mit einem ſchleichenden Fieber behaftet. Meiner bisherigen Lebensart und dem taͤg - lichen Gebrauch der Molken, ſo wie meinem Vorha - ben den Winter in einem waͤrmern Lande zuzubringen,gab43gethanen Reiſe. gab er ſeinen Beyfall, verordnete mir vorerſt auch weiter nichts, als ein gelinde abfuͤhrendes Mittel und einen taͤglichen Genuß der beſten Weintrauben aus den Weinbergen von la Vaud, oder dem ſogenann - ten Ryffthal, die unter die beſten Weintrauben in Europa gehoͤren. Nach wenig Tagen verlor ſich das ſchleichende Fieber, und ich befand mich die ganze Zeit uͤber in Lauſanne ziemlich wohl. Hr. Tiſſot beſuch - te mich taͤglich, ohne weiter etwas zu verordnen; und bey meiner Abreiſe gab er mir eine ſchriftliche Anwei - ſung, wie ich mich in den etwa zu erwartenden Faͤllen zu verhalten habe: alles mit ſo viel Freundſchaft, und mit ſolcher Entfernung von Eigennutz, daß er mich fuͤr immer ſich verbindlich gemacht hat.

Dieſer wuͤrdige Mann ſcheinet anfaͤnglich, ehe man naͤher mit ihm bekannt wird, in ſeinem Weſen etwas kalt und gleichguͤltig. Aber jeden Tag wird er waͤrmer und intereſſanter, ſo daß die Freundſchaft und Hochachtung fuͤr ihn immer zunimmt, je laͤnger man mit ihm umgeht.

Da ich mir vorgenommen hatte, einige Zeit hier zu bleiben, und meine eigene Nahrungsart hier zu be - folgen, ſo miethete ich mir ein paar Zimmer in einem angenehmen Landhauſe, ganz nahe an der Stadt, und nahm eine Koͤchinn an, um da voͤllig nach meiner Art leben zu koͤnnen.

Lauſanne liegt, wie ich ſchon geſagt habe, anBeſchrei - bung der Stadt Lau - ſanne und der umliegenden Gegend. dem Abhange eines Berges, der ſich von da laͤngſt dem See hinauf bis nach Vevay erſtrecket, gleich unter - halb Lauſanne aber gegen die ſogenannte Cote in ei - ne Ebene auslaͤuft. Von der Stadt aus geht der Fuß des Berges noch etwa eine halbe Stunde weither -44Tagebuch von einer nach Nizzaherunter bis an den See. Dieſes Vorland zwiſchen der Stadt und dem See beſteht aus Weinbergen, et - was Ackerland und ganz fuͤrtrefflichen Wieſen, Gaͤr - ten und Landhaͤuſern, und iſt uͤberall ſehr reichlich mit Obſt - und Wallnußbaͤumen beſetzt, welches ihm ein uͤberaus angenehmes Anſehen giebt. Es iſt ſehr un - eben, und beſtehet aus breiten natuͤrlichen Terraſſen, und dazwiſchen liegenden tiefen Tobeln*)Ein Tobel iſt ein ſchmales, an einem Berge herauf - laufendes und oben in eine Spitze ausgehendes Thal, oder Ravin., durch welche verſchiedene Baͤche fließen; wie denn uͤberhaupt auch der ganze Fuß des Berges voll ſchoͤner Waſſerquellen iſt. Dieſes kleine Stuͤck Land, das von der Hoͤhe, worauf die Stadt liegt, bis an den See nicht voͤllig eine halbe Stunde breit und keine ganze Stunde lang iſt, hat ſo viel Mannichfaltigkeit, ſo viel beſuchte und lebhafte, auch einſame und voͤllig wilde Wege zum Spazierengehen und Reiten, daß ein Fremder ſich lange Zeit nicht darein finden kann.

Die Stadt ſelbſt iſt auf eine Stelle gebaut, die ehedem ſehr wild muß ausgeſehen haben; denn ſie iſt auf drey ziemlich hohe und ſpitzige Huͤgel und die da - zwiſchen liegenden betraͤchtlichen Tiefen gebaut. Wenn man im Wagen in der Stadt herumfaͤhrt, ſo muß man an verſchiedenen Stellen ein Rad hemmen, um ohne Gefahr die ſteilen Straßen herunter zu kom - men. Noch beſchwerlicher wird das Herauffahren. Deſſen ungeachtet hat die Stadt auch an ſich ſelbſt viel Angenehmes, fuͤrnehmlich in dem obern Theil um die Gegend des großen Muͤnſters, oder der ehemaligen biſchoͤflichen Kirche. An der Abendſeite außerhalbder45gethanen Reiſe. der Stadt iſt eine von Natur gemachte ſehr große Ter - raſſe, die reichlich mit Baͤumen beſetzt iſt, und einen der ſchoͤnſten Spaziergaͤnge der Welt macht; denn da ſie noch hoch uͤber den See erhaben iſt, ſo hat man von derſelben die praͤchtigſte Ausſicht, die ſich erden - ken laͤßt. Der Genfer See bildet da gerade einen Ellbogen, und beuget ſich von hier aus rechts und links, oder auf der Morgen - und Abendſeite etwas ge - gen die mittaͤgliche Gegend herein, ſo daß man von hier gerade den ganzen See uͤberſehen kann. Wenn das Wetter zur Ausſicht guͤnſtig iſt, ſo ſiehet man von dieſem Platz eine Menge Staͤdte, Schloͤſſer und Doͤr - fer. An dem gerade gegen Lauſanne uͤber liegenden Ufer des Sees ſiehet man die Staͤdte Evian und To - non, das ſchoͤne Kloſter Ripaille, und dann von da gegen Genf herunter eine reiche, mit den angenehm - ſten niedrigen Huͤgeln und abwechſelnden fruchtbaren Ebenen beſetzte Kuͤſte, mit unzaͤhligen Doͤrfern und einzelen Haͤuſern. Oſtwaͤrts an derſelben Kuͤſte erhe - ben ſich allmaͤhlig hoͤhere an den See ſtoßende Berge, die ſich am obern Ende des Sees an die Walliſer und Berner Alpen anſchließen. Oben an dem See zei - get ſich Ville neuve, im Gouvernement Aigle. An dem dieſſeitigen Ufer uͤberſieht man die ganze ſoge - nannte Cote mit den Staͤdten Morges, Rolle, Nyon, Copet, und den ſich hinter dieſen allmaͤhlig erhebenden Hoͤhen, die mit den ſchoͤnſten Weinbergen und unzaͤhligen Landhaͤuſern bedeckt ſind.

Nahe um die Stadt ſiehet man eine Menge an - genehmer Landhaͤuſer, theils mitten in Weinbergen, theils mit den ſchoͤnſten Wieſen umgeben. Alles die - ſes macht eine bezaubernde Mannichfaltigkeit und Ab -wech -46Tagebuch von einer nach Nizzawechſelung der angenehmſten Gegenſtaͤnde aus. Man hat ſich alſo nicht zu verwundern, daß ſo viele vermoͤ - gende Fremde, die kein anderes Jntereſſe haben, als ihr Leben ruhig und vergnuͤgt zuzubringen, ſich in Lauſanne oder in der dortigen Gegend niederlaſſen.

Die verbuͤrgerten Einwohner von Lauſanne ſe - hen dieſe Stadt gleichſam als den Hof des Landes an. Die vornehmen Einwohner fuͤhren eine hofmaͤßige Le - bensart, indem ſie taͤglich geſellſchaftliche Zuſammen - kuͤnfte halten, darin der Abend mit Spielen und geſell - ſchaftlichen Unterredungen zugebracht wird. Fremde ſind in dieſen Geſellſchaften allezeit willkommen, und koͤnnen alſo das ganze Jahr durch taͤglich dieſen Zeit - vertreib genießen. Die Lebensart iſt uͤbrigens ſehr frey, und unter dem vornehmen Frauenzimmer viel - leicht zu frey. Bey dem allen bemerkt man doch oh - ne genaues Nachforſchen, daß dieſe Stadt uͤberhaupt ſich nur in mittelmaͤßigem Wohlſtand befindet, und daß die dortige Ueppigkeit mehr von dem Hange der Einwohner, als von Ueberfluß herkommt.

Selbſt der gemeine Buͤrger in Lauſanne haͤlt ſich zu vornehm, durch irgend ein Handwerk ſeinen Unterhalt zu verdienen. Die Handwerksleute ſind Fremde, meiſt deutſche Schweizer. Handlung iſt in Lauſanne wenig, und der gemeine Buͤrger lebt zum Theil von dem Einkommen kleiner Bedienungen bey der Stadt, auch bey der Landesregierung; zum Theil von dem Ertrag ſeiner liegenden Gruͤnde, die hier fuͤrtrefflich angebaut und hoch genutzt werden. Andre haben ihr Einkommen von Vermiethung ihrer Haͤuſer und von Penſionen der ſich da aufhaltenden fremden Studirenden. Ueberhaupt wiſſen ſie ſich ſoein -47gethanen Reiſe. einzuſchraͤnken, daß ſie bey einem geringen jaͤhrlichen Einkommen doch ohne Duͤrftigkeit leben.

Die hieſige Akademie iſt im Grunde blos ein Seminarium, zur Bildung junger Geiſtlichen fuͤr das Pais de Vaud. Fremde, die hier ſtudiren, muͤſſen beſondern Unterricht von den hieſigen Gelehr - ten nehmen, und denſelben ziemlich theuer bezahlen. Es halten ſich aber immer junge deutſche Fuͤrſten und reiche Edelleute hier auf, die außer den gewoͤhnlichen Leibesuͤbungen im Reiten, Fechten, Tanzen, auch in Wiſſenſchaften Unterricht genießen. Außer dieſen kommen auch viel junge Englaͤnder in gleicher Abſicht hieher, ſo daß der Ort allezeit ziemlich lebhaft iſt.

Um die Stadt herum ſind ſehr viele Landhaͤuſer, auf denen die Eigenthuͤmer ſich entweder das ganze Jahr oder den Sommer uͤber aufhalten. Sie ſind durchgehends gut und feſt gebaut, auch wohl einge - richtet, haben aber ſelten Luſtgaͤrten von einigem Be - lang. Das Land iſt hier zu koſtbar, als daß man be - traͤchtliche Stuͤcke blos zur Annnehmlichkeit widmen ſollte; zumal da die ganze umliegende Gegend ſelbſt als ein Luſtgarten kann angeſehen werden. Ein gutes bequemes Wohnhaus mit einem kleinen Blumengar - ten, in oder an einer ſchoͤnen mit vielen Obſtbaͤumen be - ſetzten Wieſe, oder an einem Weinberge, iſt das ge - woͤhnliche Landhaus der Lauſanner. Man ſiehet uͤbrigens in der ganzen Gegend herum uͤberall Proben einer ungemein fleißigen und guten Cultur, wodurch jeder Fuß breit Landes auf das beſte genutzt wird.

Da mein Zuſtand mir nicht erlaubte, in Geſell - ſchaften zu gehen und Beſuche zu machen, ſo brachte ich meine Zeit mit Spazieren ſowohl zu Fuß als zuPfer -48Tagebuch von einer nach NizzaPferde zu. Dabev mangelte es mir eben nicht an Geſellſchaft, da mir verſchiedene Herren von der hie - ſigen Akademie und andere die Ehre thaten, mich bis - weilen zu beſuchen. Unter dieſen muß ich beſonders die Guͤtigkeit und Freundſchaft des Herrn Polliers de Bottens, der Doyen oder Vorſteher der Geiſtlich - keit im Pais de Vaud iſt, der Herren Profeſſoren d'Apples und Traittorens, und des Hrn. de Mey - rolles, mit dankbarer Empfindung ruͤhmen. Auch hatte ich das Vergnuͤgen, den Hrn. de Luc aus Ge - neve hier kennen zu lernen, der jetzt Lecteur der Koͤni - ginn von England iſt, und ehedem in den letzten Un - ruhen in Genf ſich als den hauptſaͤchlichſten Verfech - ter der buͤrgerlichen Freyheit, in der gelehrten Welt aber durch ſein ſchoͤnes Werk uͤber die Barometer und Thermometer bekannt gemacht hat; ein liebenswuͤr - diger und ſehr verſtaͤndiger Mann. Er hielt ſich jetzt mit einem Frauenzimmer Namens Schwellenberg, einer Favoritinn der Koͤniginn von England, hier auf, die ihrer Geſundheit halber auf Reiſen gegangen war. Dieſes Frauenzimmer hatte ſich den verwichenen Win - ter mit Hrn. de Luc in Hieres aufgehalten, und bey - de machten mir von der Annehmlichkeit und dem ſchoͤ - nen Klima dieſes Orts eine ſo reizende Beſchreibung, daß ich mich entſchloß, einen Theil des Winters da - ſelbſt zuzubringen.

Hier lernte ich auch den Englaͤnder Brydon, der ſich durch ſeine ſchoͤne Beſchreibung von Sicilien und dem Berge Aetna bekannt gemacht hat, kennen: ei - nen jungen Mann voll Lebhaftigkeit, und von einem freundſchaftlichen offenen Charakter.

Un -49gethanen Reiſe.

Unter dieſen Umſtaͤnden brachte ich meine Zeit in Lauſanne auf eine ſehr angenehme Weiſe zu, und fand auch eine merkliche Beſſerung meiner Geſund - heit. Gern wuͤrde ich mich laͤnger an einem ſo ange - nehmen Ort aufgehalten haben, wenn nicht Hr. Tiſ - ſot ſelbſt mir gerathen haͤtte, vor dem ungewiſſen Ein - bruch des kalten Herbſtwetters die Provence zu er - reichen.

Hier bekam ich auch einige authentiſche Nachrich - ten von dem beruͤhmten Mr. Court de Gebelin, deſ - ſen großes Unternehmen, welches er unter dem Titel le Monde primitif bekannt gemacht, die Aufmerk - ſamkeit der Liebhaber der Litteratur auf ſich zieht. Er iſt in Lauſanne geboren, dahin ſich ſein Vater, ein proteſtantiſcher Prediger aus Languedoc, gefluͤchtet hatte. Nachdem der junge Court de Gebelin ſeine Studia da ſo weit getrieben hatte, daß er zum Pre - diger ordinirt worden, kehrte er wieder nach Frank - reich zuruͤck, und ließ ſich in Paris nieder, in Hoff - nung, da Gelegenheit zu finden, ſeinen Glaubensge - noſſen in Languedoc einige Dienſte zu leiſten.

Waͤhrend meines Aufenthalts in LauſanneWeg von Lauſanne nach Vevay. machte ich mir einen Tag den Zeitvertreib einer Spa - zierfahrt nach Vevay, einen Ort, von deſſen ſonder - barer Annehmlichkeit ich ſo oft habe ſprechen gehoͤrt. Dieſe Stadt liegt drey ſtarke Stunden ober - halb Lauſanne an dem obern Theil des Gen - fer Sees. Der Weg dahin iſt ſehr angenehm an dem Fuß des Berges, der ſich dicht an dem See von Lauſanne bis nach Vevay erſtreckt. Dieſer ganze Berg iſt an der Mittagsſeite, die eigentlich die Kuͤſte des Sees ausmacht, mit Weinreben beſetzt, einigeDweni -50Tagebuch von einer nach Nizzawenige ſchmale Striche ausgenommen, wo die herun - terlaufenden Baͤche tiefe Tobel ausgehoͤhlt haben. Weil aber der Berg durchaus ſehr ſteil iſt, ſo iſt er durch eine unzaͤhlbare Menge kleiner Mauren in Ter - raſſen abgetheilet, welche verhindern, daß das Re - genwaſſer die Erde nicht herunter ſpuͤhlet. Man muß die erſtaunliche Arbeit bewundern, die dieſen Berg durch ſo viele tauſend Mauren zum Anbau des Weins tuͤchtig gemacht hat. Es fiel mir bey dieſer Gelegenheit wieder ein, was ich gar oft bey aͤhnlichen Veranlaſſungen gedacht habe, naͤmlich: daß wenig cultivirte Grundſtuͤcke ſind, deren jetziger Werth, wenn ſie verkauft werden, die Arbeit bezahlt, die dar - an hat muͤſſen gewendet werden, um ſie urbar zu ma - chen, und in urbarem Stande zu erhalten. Hier hat es nicht nur erſtaunliche Arbeit gekoſtet, die Mauern aufzufuͤhren, und jede Terraſſe abzuebnen; ſondern es koſtet ſeit ſo viel Jahrhunderten faſt jedes Jahr neue Arbeit, ſie im Stande zu erhalten. Denn oft druͤckt die durch langen Regen weich gewordene Erde nach, und macht hier und da die Mauren berſten. Auch ſtuͤrzen an verſchiedenen Orten große Felſenſtuͤcke, die ſich auf der Hoͤhe des Berges losge - riſſen, uͤber dieſe Terraſſen herunter, und ſchlagen die Mauren ein, ſo daß man mit der Arbeit daran nie fertig wird. Durch dieſe Weinberge geht der Weg nach Vevay meiſtens in einer kleinen Erhoͤhung uͤber den See; nur hier und da geht die Straße herunter, und eine Zeit lang an dem Ufer deſſelben.

La Vaud.
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Etwa eine Stunde oberhalb Lauſanne faͤngt der kleine Diſtrikt an, der eigentlich La Vaud, im Deut - ſchen das Ryffthal genennt wird; wiewohl man einenan51gethanen Reiſe. an einem Berge fortlaufenden Strich Landes nicht ſchick - lich ein Thal nennen kann. Zu dieſem Diſtrikt ge - hoͤren die drey kleinen an dem Ufer des Sees liegenden Staͤdtchen Lutri, Cuilly, St. Saphorin und das Dorf Corſier oder Corſi. Dieſe Gegend iſt wegen ihres Weines beruͤhmt, der unſtreitig alle andre in der Schweiz wachſende Weine weit uͤbertrifft. Von den Weintrauben dieſer Gegend aber behaupten erfahrne Kenner, daß ſie allen andern Weintrauben den Vor - zug ſtreitig machen; und ich habe nichts dagegen ein - zuwenden, da ſie mir vor allen ſpaniſchen, franzoͤſi - ſchen und italiaͤniſchen Weintrauben, die ich ge - geſſen, den Vorzug zu haben ſchienen. Sie haben nicht einen ſo zaͤhen Honigſaſt, wie viele ſpaniſche Trauben, aber bey einer ſehr duͤnnen Haut und einem ganz fluͤßigen Saft eine ausnehmende Lieblichkeit.

Dieſes Weins halber ſind die Weinberge in laTheures Land. Vaud in ſehr hohem Werth, und vielleicht das theu - reſte Land von der Welt, wenn man die ſeltenen Laͤn - dereyen dicht an großen Staͤdten ausnimmt, die zu Gaͤrten oder zu Luſthaͤuſern gebraucht werden, und darum außer aller Proportion mit großen Laͤndereyen ſtehen. Ein Arpent oder Poſe, wie es hier genennt wird, (ohngefaͤhr vierzigtauſend rheinlaͤndiſche Qua - dratfuß,) iſt bisweilen mit 8 auch 10000 Pfund, das iſt, mit 13 bis 16000 franz. Livres bezahlt wor - den. Eine ſehr große Summe in Vergleichung deſ - ſen, was in den beſten und fruchtbarſten Gegenden Deutſchlands fuͤr ſo viel Land bezahlt wird.

Jch beſinne mich ehedem in Bruͤſſel von einem dortigen Finanzrath gehoͤrt zu haben, daß in derſel - ben Gegend ein Bonnier des beſten Landes, (ohngefaͤhrD 2zwey52Tagebuch von einer nach Nizzazwey ſolche Arpens oder Poſes, von denen ich geſpro - chen habe,) wenn es auf das vortheilhafteſte beſtellt wird, bis 1100 Gulden flamaͤndiſches Geld eintra - gen koͤnne. Nach dieſem erſtaunlichen Ertrag zu ur - theilen, muͤßte das Land um Bruͤſſel eben ſo theuer als hier ſeyn.

Unterwegens zeigte man mir einen Ort, wo ſich vor wenig Jahren eine ſeltſame Naturbegebenheit zu - getragen hat. Man fand naͤmlich an einem Morgen, daß ein kleines an dem ſteilen Berge liegendes Stuͤck Landes mit dem darauf ſtehenden Hauſe, nebſt den dar - auf ſtehenden Obſtbaͤumen und Weinreben, eine ziem - liche Strecke herunter geruͤckt war, ohne daß weder in dem Hauſe, noch an den Baͤumen die geringſte Ver - aͤnderung wahrzunehmen geweſen.

Vevay.
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Nach einer ſehr angenehmen Fahrt von etwa vierthalb Stunden kam ich in Vevay an. Dieſe kleine Stadt hat eine ganz beſondere Lage, wodurch ſie zum Wohnſitz ſtiller, von der Welt abgeſonderter und an romantiſchen Schoͤnheiten der Natur ſich ergoͤ - tzender Menſchen beſtimmt zu ſeyn ſcheinet. Der Genfer See iſt an ſeinem obern Ende mit ſehr hohen und ſteilen Bergen umgeben, die ganz an die Ufer deſſelben ſtoßen. Zu oberſt an dem rechten oder noͤrd - lichen Ufer entfernen ſich dieſe Berge etwas von dem See, und laſſen da ohngefaͤhr eine halbe Stunde We - ges laͤngſt dem Ufer ein niedriges Vorland, von dieſen Bergen umgeben, und nur an der Suͤdſeite oder ge - gen den See offen. Von dem Ufer an erhebt ſich dieſes niedrige Vorland allmaͤhlig gegen die es umge - benden Berge, und bildet durch verſchiedene Huͤgel ein gegen den See ſtehendes Amphitheater, in deſſenGrund53gethanen Reiſe. Grund die Stadt Vevay gebaut iſt. Die Berge, welche den hintern Grund deſſelben ausmachen, wer - den an der Nordſeite etwas niedriger, und dort geht von dem See aus der Weg nach dem Canton Frey - burg hinuͤber.

Durch dieſe Lage iſt alſo die Stadt von allen Sei - ten mit hohen Bergen umgeben, welche die Winde abhalten. Nur gegen Mittag, wo der See liegt, iſt es offen. Daher kommt es ohne Zweifel, daß die Winter hier gelinder ſind, als in den herumliegenden Gegenden. Das von der Stadt an gegen die Berge ſich allmaͤhlig erhoͤhende Land iſt ſowohl auf den ver - ſchiedenen Huͤgeln, als den dazwiſchen liegenden Tie - fen, ſehr fruchtbar, mithin in ſchoͤne Gaͤrten, Wie - ſen, Weinberge und Acker eingetheilt, und mit einer Menge artiger Luſthaͤuſer und anderer einzeler Wohn - haͤuſer beſetzt. Hinter dieſen aber ſieht man an den Hoͤ - hen und Bergen ganze Doͤrfer, ſo daß die Ausſicht von dem Ufer des Sees in dieſes Amphitheater eine große Mannigfaltigkeit von Gegenſtaͤnden zeiget. Gerade gegen der Stadt uͤber ſieht man an dem jenſeitigen Ufer des Sees die hohen, ſehr ſteilen und wilden Berge, die theils in Savoyen, theils im Gebiete der Republik Wallis liegen. Nach der ſuͤdweſtlichen Gegend aber hat man eine freye Ausſicht uͤber den See herunter, die ſo weit geht, als das Auge reichen kann.

Die Stadt ſelbſt beſteht aus wenigen langen und nicht breiten Straßen. Die Haͤuſer aber ſind durch - gehends wohl gebaut, und kuͤndigen einen betraͤchtli - chen Wohlſtand der Einwohner an. Dieſe ſelbſt ſcheinen ein freyes, vergnuͤgtes, ſeinen Wohlſtand fuͤhlendes, dabey angenehmes und gefaͤlliges Volk zuD 3ſeyn.54Tagebuch von einer nach Nizzaſeyn. Die betraͤchtliche Anzahl vermoͤgender Einwoh - ner, und die verſchiedenen fremden reichen Familien, die ſich hier blos der Annehmlichkeit dieſes Aufenthalts halben niedergelaſſen, haben in dem Ort den Ton ei - ner guten und angenehmen Lebensart eingefuͤhrt. Ein Fremder wird auf eine angenehme Weiſe uͤberraſcht, in einem ſo einſamen, von wilden Bergen eingeſchloſſe - nen und abgelegenen Winkel eine ſo artige, reinliche, nach Verhaͤltniß ihrer Groͤße reiche Stadt, und in derſelben ſo viel gute Lebensart, Hoͤflichkeit und gefaͤl - lige Sitten zu finden.

Der Ort iſt deswegen ſehr nahrhaft, weil hier die Niederlage vieler aus der Schweiz auf Genf und von da nach Frankreich gehender Waaren und Guͤ - ter iſt, die hier eingeſchifft werden, und weil das da herumwohnende wohlhabende Landvolk der beyden Can - tone Bern und Freyburg, wie auch der Republik Wallis, hier ſeine von außen herkommende Beduͤrf - niſſe einkaufet. Ein der Sachen ſehr kundiger Mann hat mich verſichert, daß hier jaͤhrlich nur an dem aus dem Canton Freyburg kommenden Kaͤſe, den man Gruyere nenut, fuͤr zwey Millionen Livres nach Frankreich eingeladen werde. Jn der That ſah ich auch in einem großen, an dem Hafen liegenden offenen Gebaͤude eine erſtaunliche Menge Faͤſſer liegen, die alle mit dieſem Kaͤſe angefuͤllt waren.

An der Abendſeite der Stadt liegt ein großer an den See ſtoßender offener Platz, der von der Stadt ſelbſt und von der ihr gegen Abend liegenden betraͤcht - lichen Vorſtadt eingeſchloſſen iſt, und den hieſigen Marktplatz ausmacht. Es war eben Wochenmarkt, als ich da war, und dieſer Platz war ſehr voll Men -ſchen55gethanen Reiſe. ſchen und Waaren. Ein beſonders angenehmes Schauſpiel fuͤr mich war es, viel gemeines Landvolk aus den umliegenden Gegenden hier zu ſehen, jedes in ſeiner eigenen Kleidungstracht und ſeiner von andern verſchiedenen Bildung und Geſtalt: Savoyarden, Walliſer, Deutſche und Welſche, Berner und Frey - burger, alle nahe Nachbarn, aber in allen Stuͤcken ſo von einander verſchieden, als wenn es Menſchen von verſchiedenen weit von einander entlegenen Laͤndern waͤ - ren. Von dieſen ſind die Deutſchen, Berner und Freyburger an Geſtalt und Bildung die anſehnlich - ſten, und ihre Kleidung kuͤndiget Leute von gutem Wohlſtand an. Hingegen hat das hoͤchſt elende An - ſehen der Savoyarden, die mit ganzen Schiffsladun - gen leichter, aus Tannenholz verfertigter, großer und kleiner Kiſten hieher kommen, mir Ekel und ſogar Entſetzen verurſachet. Dieſe elenden Geſchoͤpfe, be - ſonders die Weiber, ſind mit ſo ſchmuzigen und ſo gar keine beſtimmte Form an ſich habenden Lappen behan - gen, an Geſtalt und von Geſicht ſo haͤßlich, daß man in der That Muͤhe hat, die edle menſchliche Geſtalt an ihnen zu entdecken.

Man kann hier auf das deutlichſte ſehen, was fuͤr Einfluß eine gute und reichliche Nahrung, Freyheit und Wohlſtand auf die Bildung des menſchlichen Koͤr - pers haben. Dieſe elenden Geſchoͤpfe bewohnen eine Vevay gerade gegenuͤber an dem mittaͤglichen Ufer des Sees liegende wilde Gegend in den Bergen. Zu ihrer Nahrung waͤchſt da nichts als Caſtanien; und andern Verdienſt haben ſie auch nicht, als daß ſie Holzkohlen brennen, und aus den Tannen, womit ihre Berge bewachſen ſind, Kiſten von jeder GroͤßeD 4ver -56Tagebuch von einer nach Nizzaverfertigen, und beydes nach Vevay zu Markte bringen. Und doch muͤſſen dieſe armſeligen Geſchoͤpfe das Recht, in dieſer unfruchtbaren Wildniß zu wohnen und von Caſtanien zu leben, ihrem Landesherrn noch mit ſchwe - ren Abgaben bezahlen.

Die traurigen Vorſtellungen, die mir dieſe Leute erweckten, wurden durch angenehmere verdraͤngt, als ich neben erwaͤhntem Marktplatz unter hohen Caſtanien - baͤumen laͤngſt dem Ufer