PRIMS Full-text transcription (HTML)
SS. Anna et Maria.

Alle Tage deines Lebens habe Gott in deinem Herzen! (Tob. 4. 6.)

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Die Christliche Mutter.
Erbauungs - und Gebetbuch von Dr. Augustin Egger, Bischof von St. Gallen.
65. bis 70. Tausend.
Verlagsanstalt Benziger & Co. A. G. Typographen des hl. Apostol. Stuhles.Einsiedeln, Waldshut, Köln a. Rh. Straßburg i. E. New-York, Cincinnati, Chicago, bei Benziger Brothers
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IMPRIMATUR

Curiæ, die 9. Junii 1914

                                   GEORGIUS                                             EPP. CUR.

J. M. Balzer, Libr. Cens.

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Jésus, Marie, Joseph

Vorbemerkung.

Dieses Erbauungs - und Gebetbuch soll ein Seitenstück bilden zu dem vor einigen Jahren erschienenen Christ - lichen Vater . Wenn ich letzteres Buch damals auch den Müttern als Lektüre empfohlen habe, so sehe ich mich ver - anlaßt, hier diesen Wunsch zu wieder - holen. Dort ist manches gesagt, was auch die Mutter zu beherzigen hat, hier aber nur kurz angedeutet oder ganz übergangen wird, um für andere nicht weniger wichtige Belehrungen Raum zu gewinnen. Umgekehrt werden auch die Gatten und Väter in dem gegenwärtigen Buche mancher Bemer - kung begegnen, welche ihre Beachtung6 verdient. Soll die häusliche Erziehung in der heutigen Zeit ihr Ziel erreichen, so müssen Vater und Mutter dasselbe wissen und dasselbe wollen, im gleichen Geiste einträchtig zusammenwirken, und, was nicht das Letzte sein darf, eines Herzens und Sinnes sein im Gebete. Darum ist der Gebetsteil in beiden Büchern nahezu der gleiche.

Die Gnade Gottes möge die schwa - chen Worte zu fruchtbaren Samen - körnern machen und ihnen in den Herzen der Leser ein empfängliches Erdreich bereiten!

St. Gallen, den 21. Nov. 1897.

Augustinus Egger, Bischof.

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I. Selbsterkenntnis und Selbsterziehung.
Betrüglich ist die Anmut und eitel die Schönheit, ein Weib, das den Herrn fürch - tet, das wird gelobt werden.
(Sprichw. 31, 30.)
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Im Namen des Vaters & des Sohnes & des hl. Geistes. A.

1. Die christliche Mutter.

1.

Von der christlichen Mutter gelten die herrlichen Worte des weisen Sirach: Wie die aufgehende Sonne an Gottes hohem Himmel, so ist die Schön - heit des guten Weibes zur Zierde ihres Hauses. (Sir. 26, 21.)

Die Sonne ist für uns und die ganze Natur die Spenderin des Lichtes und der Wärme. Mit Freuden begrüßen wir ihre Ankunft am Morgen, wir nennen es schönes Wetter, wenn ihr Ange - sicht auf uns herniederleuchtet, und wenn sie es verhüllt, scheint die Natur zu trauern, es verstummt der Gesang der Vögel, keine Blüte öffnet ihren Kelch und10 auch über unser Gemüt scheint sich ein Schatten zu werfen. Wenn sie sich im Winter von uns wendet, erstarrt alles Leben unter Schnee und Eis, und mit Sehnsucht erwarten wir ihre Wieder - kehr im Frühling.

Aehnlich ist die Stellung der Mut - ter in der Familie. Wenn der Vater das Haupt der Familie ist, so ist die Mutter das Herz derselben. Sie ist der Mittelpunkt dieser Welt im Klei - nen, indem der Vater und die Kinder und alle Hausgenossen durch sie zur Einheit verbunden werden. Was ist eine Familie ohne die Mutter? Man möchte sagen ein Haus ohne Wohnstube, ein stockendes Uhrwerk, ein Körper ohne Pulsschlag. Ihr mütterliches Walten bringt Ordnung und Regelmäßigkeit in den Haushalt. Ihre Liebe und Sorg - falt, welche alle umfaßt, wirkt versöhnend und ausgleichend auf die Unebenheiten im Familienkreise, gießt Freude und Friede, Verträglichkeit und gegenseitige11 Anhänglichkeit in die Herzen der Ihri - gen, verklärt das ganze Familienleben wie wohltuender Sonnenschein.

Wenn die Mutter der Familie ent - rissen wird, oder auch nur zeitweilig abwesend oder krank ist, wie öde und langweilig ist es dann beim Tische und in der Wohnstube, wie oft stockt der Gang des Hauswesens, wie fühlen alle eine schmerzliche Lücke und sind trübe gestimmt, trüber als die äußere Natur, wenn die Sonne von Nebel und Ge - wölk verschleiert wird!

2. Die Sonne geht stille und ge - räuschlos ihren Weg, man merkt es kaum, was sie von einem Tag auf den andern in der Natur zu stande bringt, und doch ist sie es, welche die Blüten des Früh - lings hervorzaubert, welche die goldenen Saaten des Sommers und die köstlichen Früchte des Herbstes zur Reife bringt.

Ebenso still ist das Wirken der Mut - ter, die Oeffentlichkeit nimmt keine No - tiz davon, es wird auch in ihrer Um -12 gebung kaum beachtet. Aber die Früchte ihres Wirkens gehen weit über diesen engen Kreis hinaus, sie sind für Kirche und Vaterland, für die zeitliche und ewige Wohlfahrt von der größten Wich - tigkeit. Was Großes und Edles, Christ - liches und Heiliges in der Welt vor - handen ist, fand seine erste Pflege durch die christliche Mutter. Wohl ist es die Mutter nicht allein, welche das Werk der Erziehung zu besorgen hat, aber sie muß die Fundamente legen. Jahrelang ist sie fast einzig dabei thätig, das Herz des Kindes ist in ihrer Hand, sie kann es formen wie weiches Wachs, sie kann es lenken und leiten, wie eine Königin ihr Reich regiert. Und kommt die Zeit, in welcher auch andere eingreifen sollen, so muß die Hauptsache schon gethan sein, es handelt sich nur um den Wei - terbau auf dem Fundamente, welches die Mutter gelegt hat.

3. Nicht selten fallen die schönsten Werke, welche die Sonne geschaffen hat,13 gewaltsame Zerstörung anheim. Wenn die Saatfelder, die Weinberge und die Obstbäume in ihrem schönsten Schmucke dastehen, kommt unversehens ein Hoch - gewitter, um erbarmungslos alle diese Herrlichkeit zusammenzuschmettern. Lei - der muß auch die Mutter allzuoft ähn - liches erleben. Wenn sie unter Mühen und Sorgen ihre Kinder zu gläubigen und gottesfürchtigen Christen erzogen hat, so kommt die Welt, und sucht mit ihren Verführungskünsten wieder zu zer - stören, was die Mutter aufgebaut hat, und ihre Erfolge sind leider allzugroß.

Aber trotz aller Ungewitter hört die Sonne nicht auf, immer wieder neue Saaten und Früchte zur Blüte und Reife zu bringen, und die Wärme und die Fruchtbarkeit, die von ihr ausgehen, sind schließlich stärker als die zerstören - den Elemente. Aehnlich ist es mit der Mutter. Man könnte versucht sein, das Leben als einen Kampf zwischen der christlichen Mutter und der gottentfrem -14 deten Welt zu bezeichnen. So wenig sie scheinbar mit einander zu thun ha - ben, so sehr wirken sie thatsächlich ein - ander entgegen, liegen in einem förm - lichen Kriege gegeneinander. Oft muß die Mutter den Kürzeren ziehen. Wir sehen ja Scharen junger Christen, welche einst fromm und unschuldig gewesen, in der Welt untergehen. Aber im gro - ßen und ganzen wird die christliche Mut - ter doch der Welt überlegen sein. So lange in dem stillen Kreise der Fami - lien christliche Mütter walten, so lange werden christliche Generationen nach - wachsen, und was auch die Welt zu Grunde richten mag, die Völker mit christlichen Müttern werden christlich bleiben.

Das Wort des heiligen Augustin über seine Mutter gilt nicht bloß von dieser, sondern von hundert andern: Alles, was ich bin, verdanke ich mei - ner Mutter, sie hat mich nicht bloß für diese Welt geboren, sondern mir auch15 das Leben der Seele erlangt. Wie stünde es um das Reich Gottes, wenn die christliche Mutter nicht wäre! Es ist eine auffallende Erscheinung in der Geschichte der Kirche, daß die größten Heiligen, wie ein hl. Basilius, Gregor von Nazianz, Johannes Chrysostomus, Ambrosius, Gregor der Große u. s. w. heilige Mütter gehabt haben. Erheben wir uns im Geiste in den Himmel, fragen wir die Scharen der Auser - wählten, wem sie ihre Glückseligkeit ver - danken, so werden uns viele Werkzeuge der Gnade, viele wunderbare Wege des Heiles genannt werden, aber nichts wer - den wir so oft vernehmen, als die Na - men frommer Mütter.

4. In einem Punkte ist das Bild der Sonne für die Mutter nicht zutref - fend. Die Mutter ist mehr Planet als Sonne, da ihr Licht nicht ihr eigenes ist. Sie ist nicht selber die Quelle des Segens, der von ihr auf ihre Familie, auf ihre Kinder ausgehen soll. Christus16 muß die Sonne sein, in deren Lichte die Mutter wandelt, Er muß mit sei - ner Gnade und Wahrheit auf sie ein - wirken, sie muß für sich selbst eine wahre Christin sein, nur dann ist es ihr möglich, eine gute Mutter zu sein. Sie muß vor allem selber das sein, wozu sie ihre Kinder erziehen soll. Wenn die Er - ziehung, welche sie genossen hat, dieses nicht ganz zu stande gebracht hat, so muß sie diesen Mangel durch eigene Anstrengung zu ersetzen suchen. Darum wird hier zuerst in einem besonderen Abschnitt von der Selbsterkenntnis und Selbsterziehung gehandelt, und erst dann sollen die Pflichten der Gattin und Mutter erörtert werden.

2. Das Frauenherz.

1. Der heilige Gregor bezeichnet das Herz als die Triebfeder des Lebens, weil immer das Verlangen des Herzens es ist, was die Thätigkeit des Menschen17 anregt. Der Wunsch des Herzens, ir - gend ein wahres oder vermeintlichen Gut zu erlangen, oder ein Uebel fern zu halten, ist die bewegende Ursache aller Handlungen der Guten und der Bösen, die Quelle aller Begeisterung und Opferwilligkeit, aller Ausdauer in schwierigen Unternehmungen. Sobald das Herz aufhörte, zu wünschen und zu verlangen, würde auch die Thätigkeit erlahmen und das Leben stille stehen.

Der heilige Augustin hat das ei - gentliche Ziel für die Bestrebungen un - seres Herzens mit den Worten bezeich - net: Unser Herz ist unruhig, bis es ruhen wird in Dir, o Gott! Nur der Besitz eines vollkommenen und ewigen Gutes kann unser Herz sättigen und glücklich machen, und dieses Gut finden wir nur im Himmel und in Gott. Das Verlangen unseres Herzens muß dem höchsten Gute zugewendet sein, und wir dürfen keine Wünsche im Herzen unterhalten, die mit diesem Verlangen18 nicht im Einklang stehen, sonst täuschen wir uns selbst und gefährden unser ewiges Glück, indem wir ein trügerisches und vergängliches Glück suchen, ohne es zu finden.

Unruhig bleibt unser Herz, bis es ruhen wird in Gott. Auf Erden kann es also nimmer ruhen. Die heilige Hildegard sagt uns in einem Gleich - nisse, was wir während dieser Zeit der Unruhe mit dem Herzen anfangen sol - len. Sie vergleicht es mit einer Harfe, deren süße Akkorde zum Lobe Gottes ertönen und die Menschen erfreuen sol - len. Die Liebe soll das Herz erfüllen, sie soll sich in Wohlthun und Erbar - men gegen den Nächsten offenbaren, und das innere und äußere Leben zu einem Loblied auf den Allerhöchsten machen. Das Herz jedes Heiligen ist eine solche Harfe mit reinem und vol - lem Ton. Unsere Harfe ist leider arg mißstimmt durch die ungeordneten Be - gierden und Neigungen des Herzens. 19Es ist die erste Aufgabe für uns in diesem Leben, diese Harfe unseres Her - zens möglichst harmonisch zu stimmen, und je weiter wir es darin bringen, desto mehr Frieden werden wir hienie - den erlangen und desto mehr dürfen wir hoffen auf die einstige Ruhe in Gott.

Die Bildung des Herzens ist für alle wichtig, aber ganz besonders für die Frau. Von ihr kann man vorzugs - weise sagen, daß sie aus dem Herzen lebt. Die Gedanken ihrer Seele steigen in das Herz herunter und werden zu Gefühlen. Diese Gefühle wirken über auf ihre Reden und Handlungen, auf ihr ganzes Benehmen, selbst auf ihr Auge und ihre Gesichtszüge, sie geben ihrem ganzen Aeußern das Gepräge ihres Herzens, mag dieses nun gewinnend oder abschreckend sein. Die Frau lebt ans dem Herzen. Hier soll kurz der Grundzug berührt werden, welchen ihr der Schöpfer in das Herz gelegt hat.

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2. Bei der Erschaffung des Weibes sagte der Schöpfer: Lasset uns ihm (dem Adam) eine Gehilfin machen, die ihm gleich sei. (I. Mos. 2, 18.) Der heilige Paulus bestimmt dieses Verhältnis näher mit den Worten: Der Mann ist das Haupt des Weibes, wie Christus das Haupt der Kirche ist. So wie die Kirche Christo unterworfen ist, so auch seien es die Weiber ihren Männern in allem. (Eph. 5, 23. f.)

Ein Erklärer der heiligen Schrift bemerkt: Gott hat das Weib nicht aus den Füßen des Mannes genommen, als müßte es seine Sklavin sein, und nicht aus dem Kopfe, als sollte es über ihn herrschen, sondern aus der Brust, da - mit es ihm Gefährtin und Gehilfin sei, aus der Nähe des Herzens, weil die Liebe beide verbinden soll. Die Gattin tritt zum Mann in das Ver - hältnis der Abhängigkeit, sie nimmt seinen Familiennamen an, er übernimmt die Verwaltung ihrer Güter, sie darf21 nach außen nur einen Willen mit ihm haben und soll nach innen ihm unter - thänig sein. Sie verliert ihre Selb - ständigkeit zu Gunsten des Mannes.

Dieses Verhältnis ist aber für die Frau kein erzwungenes, der Schöpfer selber hat ihr die Hinneigung zu dem - selben in das Herz gelegt. Als einem katholischen Denker die Frage vorgelegt wurde, was das Weib sei, antwortete er: Das Weib ist ein Herz, um sich hinzugeben. Das ist der Grundzug sei - nes Wesens und bildet die natürliche Unterlage sowohl für den Heroismus weiblicher Tugenden, wie anderseits für die größte Verworfenheit. Der Psalmist vergleicht in einem anmutigen Bilde das Weib mit einem fruchtbaren Wein - stock an den Wänden des Hauses. (Ps. 127, 3.) Dem Weinstock, so schön er in dem Schmucke seiner Blätter, Blü - ten und Früchte prangt, haftet eine ge - wisse Unselbständigkeit an, er muß an einer Stütze hinaufranken können. Aehn -22 lich ist es mit der Stellung des Wei - bes. Es braucht einen festen Halt, an den es sich liebend anschließen kann. Hat es diesen gefunden, dann ist es fähig, eine bewunderungswürdige Ener - gie zu entfalten, Heldenthaten der Liebe, Geduld und Ausdauer zu vollbringen, wie sie uns die Geschichte und selbst die tägliche Erfahrung in Menge vor - führen.

3. Nicht alle Weiber sind berufen, Gattinnen und Mütter zu werden. Auch, diese haben ein Herz, sich hinzugeben. Es ist ein Vorrecht der katholischen Kirche, von Anfang an diesen Zug verstanden und richtig geleitet zu haben. Es ge - schah das in dem freigewählten jung - fräulichen Leben, welches in dem Or - densstande eine feste Gestaltung gefun - den hat. Die Seele, welche diesen Stand wählt, verleugnet nicht den angebornen Zug des weiblichen Herzens zur Hin - gebung, sondern sie folgt ihm in höherer und vollkommenerer Weise. Sie ver -23 zichtet nicht auf den irdischen Braut - kranz, um der Liebe zu entsagen, son - dern um diese einem höheren Bräuti - gam, Jesus Christus, zu schenken. Die Hingebung der Gattin wird von der Hingebung der christlichen Jungfrau weit überboten. Was jene opfert, das opfert diese auch und noch viel mehr dazu, die sinnliche Liebe, die Eingeb - ungen von Fleisch und Blut und alles, was irdisch ist. Sie verzichtet nicht bloß auf die Verwaltung des Vermögens, sondern auf das Eigentum selbst. Das einzige, was ihr bleibt, ist ihr Herz, aber nur, um es Christus in Entsag - ung, Armut und Gehorsam täglich aufs neue zu schenken. Wenn das Weib ein Herz ist, um sich hinzugeben, so hat es hier den Höhepunkt seiner Bestimmung erreicht. Freilich handelt es sich da nicht um einen allgemeinen Beruf. Chri - stus bemerkt ausdrücklich: Nicht alle fassen dieses Wort, sondern welchen es gegeben ist. Wer es fassen kann, der24 fasse es. (Matth. 19, 11.) Es handelt sich da um den besonderen Beruf einzelner. Wenn aber Weltkinder und Ungläubige in der freiwilligen Jungfräulichkeit etwas Unweibliches und Naturwidriges erblik - ken, so kommt das her von ihrem be - schränkten Gesichtskreis, der nicht über die Anschauungen von Fleisch und Blut hinausreicht.

3. Das Mutterherz.

1. Das Weib ist ein Herz, sich hin - zugeben, nicht bloß als Gattin, sondern auch als Mutter. Die Erwägungen hierüber im Anschluß an die vorher - gehenden lassen uns ersehen, daß das Herz des Weibes unter den Wunder - werken des Schöpfers nicht am wenig - sten seine Weisheit und Liebe offenbart. An die Mutterliebe muß in diesem Büchlein sozusagen auf jeder Seite ap - pelliert werden, und darum mögen hier einige allgemeine Bemerkungen am Platze25 sein über die natürliche, die christliche und die verkehrte Mutterliebe.

Ein Kind auf dem Schoße seiner Mutter fragte diese: Warum sehe ich mich in deinem Augenstern? Diese antwortete: Weil ich dich in meinem Herzen trage . In diesen einfachen Worten ist alles enthalten, was sich von der natürlichen Mutterliebe sagen läßt. Einen Anfang und gewissermaßen einen Schattenriß der Mutterliebe hat der Schöpfer selbst in die Tiere gelegt. Es ist allen bekannt, mit welcher Sorg - falt und Zärtlichkeit die Jungen von den Alten gepflegt und geschützt werden, bis sie sich selber helfen können. Der gött - liche Heiland hat es nicht verschmäht, seine eigene Liebe zu Jerusalem mit der mütterlichen Sorgfalt einer Henne zu vergleichen. Jerusalem, Jerusalem, wie oft wollte ich deine Kinder ver - sammeln, wie eine Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel sammelt! (Matth. 23, 37.)

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Der Mensch ist bei seiner Geburt hilfloser als die meisten anderen leben - den Wesen. Keines bedarf in so hohem Grade und so lange einer sorgsamen Pflege. Sehr lange Zeit kann das Kind nicht einmal andeuten, was ihm fehlt, es muß von einem wachsamen Auge und von einem liebenden Herzen erra - ten werden. Darum hat der Schöpfer das Mutterauge so scharfblickend ge - macht und das Mutterherz mit solcher Hingebung erfüllt. Wenn wir nur an die körperliche Pflege denken, welche das Kind jahrelang erfordert, an die öfteren Krankheiten desselben, so müssen wir die Bedeutung der Mutterliebe in dem menschlichen Haushalte bewundern. Das Leben der Mutter ist aber noch nach man - chen andern Seiten ein Opferleben, und sie wäre nicht fähig, alle die zahllosen Mühen und Sorgen bis zum Abschluß der Erziehung unverdrossen und hin - gebend auf sich zu nehmen, wenn nicht Gott sie ihr leicht gemacht hätte durch27 Einpflanzung der nie erschlaffenden Spannkraft hingebender Mutterliebe.

2. Die christliche Mutterliebe ist die Läuterung und Verklärung der natürlichen und in doppelter Weise über diese erhaben. Die natürliche Mutter - liebe ist auf in der Nähe liegende Ziel - punkte gerichtet. Sie ist besorgt für das augenblickliche Wohlbefinden des Kin - des und denkt wohl auch an seine ir - dische Zukunft, sein glückliches Fort - kommen in der Welt. Die Liebe der christlichen Mutter ist nicht gleichgül - tig gegen Wohlbefinden und zeitliche Wohlfahrt des Kindes, aber sie bleibt dabei nicht stehen. Ihr Auge ist auf ein höheres, auf das höchste Ziel gerichtet, für welches das Kind geschaffen ist, auf die ewige Seligkeit im Himmel. Ihr Kind zu diesem glückseligen Ziele zu führen, ist nicht die einzige, aber die wichtigste ihrer mütterlichen Sorgen. Sie will dieses Ziel um jeden Preis erreichen, indem das Wort des Herrn28 ihr als Leitstern dient: Was nützt es den Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, an seiner Seele aber Schaden leidet? (Luk. 9, 25.) Sie ist überzeugt, daß die Erziehung für den Himmel auch eine Bedingung der Erziehung für das irdische Glück ist, weil der Herr selber die Versicherung gegeben hat: Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und dieses alles wird euch hinzugegeben werden. (Matth. 6, 33.)

Der zweite Unterschied der christ - lichen Mutterliebe von der natürlichen liegt in der Gnade von oben, die ihr zur Verfügung steht. Die christliche Mutter hat in dem Sakramente der Ehe eine besondere Standesgnade er - halten, sie kann in den Gnadenmitteln ihrer Religion fortwährend neue über - natürliche Erleuchtung und Stärkung finden. So erfüllt sie ihre hohe und schwere Aufgabe nicht bloß durch die Liebe, welche der Schöpfer in ihr Herz gelegt hat, sondern kraft jener Welt -29 überwindenden Liebe, welche aus dem Herzen ihres Erlösers stammt.

Verkehrt ist die Mutterliebe, wenn sie ihr Auge von dem wahren Ziele der Erziehung abwendet und auf ein unrichtiges oder wenigstens unterge - ordnetes Ziel hinsteuert. Wenn sie den Himmel vergißt, unbekümmert um das Heil der Seele des Kindes ist, dann liebt sie im Kinde auch nur das ir - dische Geschöpf, ihre Liebe wird damit notwendig zu einer verkehrten Liebe, welche dem Kinde zum Verderben ge - reicht. Man nennt diese Liebe mit Recht eine blinde, weil sie nicht einsieht, wie sie selber durch Verzärtelung und Welt - sinn das Werk der Erziehung vereitelt und das Kind unglücklich macht.

3. Ein Sprichwort sagt: Etwas lieben muß der Mensch, sonst stirbt er. Das wird besonders gelten von dem Herzen, welches geschaffen ist, sich hin - zugeben. Wenn auch nicht alle berufen sind. Mütter zu werden, so darf auch30 in den Herzen dieser der Raum für die Mutterliebe nicht leer bleiben. Wie in der Jungfräulichkeit die Hingebung an einen Gatten durch eine edlere, höhere und umfassendere Hingebung ersetzt wird, so soll hier die Mutterliebe über die Bande von Fleisch und Blut empor - gehoben und zur opferwilligen Nächsten - liebe, zur christlichen Charitas erweitert werden. Die Braut Christi schöpft aus dem Herzen ihres Bräutigams einige Tropfen seines Opfergeistes und mit diesem geht sie hin, um die Elenden und Verlassenen als Kinder zu lieben, und für sie ihre Kräfte und ihr Leben schnell oder langsam hinzuopfern. Auch das ist Mutterliebe, aber nicht mehr die von Fleisch und Blut eingegebene, ihr Ursprung und ihr Ziel wie ihre Opfer sind höherer Art.

Das Weib ist ein Herz, sich hinzu - geben, auch dann, wenn es weder Gat - tin und Mutter, noch Ordensschwester ist. Sich hinzugeben, ist der Beruf des31 Weibes, der Zug seines Herzens, und wenn die Gelegenheit dazu fehlt, so ist sein Herz leer und unbefriedigt. Das begegnet sehr vielen in den niederen Schichten der Gesellschaft, aber auch nicht wenigen, die besser gestellt sind. Es gibt Frauenspersonen, die zu glücklich sind, um zufrieden zu sein. Sie sind nicht genötigt, ihre Kräfte im Kampfe des Lebens anzuspannen, Putz und Un - terhaltung sind fast ihre einzigen Sor - gen, ihre Arbeit wenig mehr als ein beschäftigter Müßiggang. Dieses zweck - lose Dasein, so beneidenswert es schei - nen mag, läßt den tiefsten Zug ihres Herzens, die Hingabe für eine edle Sache, unbefriedigt. Sie langweilen sich, weil bei allen Genüssen, die ihnen zu Gebote stehen, ihr Herz leer ausgeht. Und doch liegt die Befriedigung so nahe. Im Reiche Gottes soll es keine müßi - gen Existenzen geben. Die Liebeswerke stehen auf allen Gebieten in überreicher Auswahl zu Gebote, man greife zu und32 lerne für eine gute Sache Opfer brin - gen und man wird darin bald eine Be - friedigung finden, die dem Herzen bis - her gefehlt hat, und glücklicher macht, als alle eitlen Genüsse der Welt.

Uebler bestellt und zugleich viel zahl - reicher ist eine andere Klasse. Viele müssen bei irgend einer Arbeit jahrein jahraus sich wie Maschinenteile gebrau - chen lassen. Ihr Herz hat nichts davon und ist auch sonst verwaist und ver - lassen. Der Dienst der Hände wird kalt und karg besoldet, der Dienst des Her - zens wird von niemanden verlangt, das Herz, welches geschaffen ist, sich hinzu - geben, hat niemanden, der die Hingeb - ung annimmt, die Weinrebe findet keine Stütze, an der sie hinaufranken könnte. Mütter, die von Arbeiten und Sorgen fast erdrückt werden, Ordensschwestern, die unter der Last ihres Berufes früh - zeitig erliegen, die können sich hinge - ben und finden darin Befriedigung für den Zug ihres Herzens. Diese verlas -33 senen Seelen aber leiden unter dem Bewußtsein: Niemand bedarf meiner, niemand verlangt meine Hingebung, ich bin der ganzen Welt gleichgültig. Nichts kann schmerzlicher und nieder - drückender sein, als eine solche Verein - samung des Herzens. In dieser uner - träglichen Herzensqual wird gar leicht von zwei Dingen eines geschehen. Ent - weder biegen die Ranken des liebebe - dürftigen Herzens zurück auf das eigene Ich, das Weib wird zur unweiblichen Egoistin mit dem harten Herzen und der scharfen Zunge, eine Qual für ihre Umgebung und noch mehr für sich sel - ber. Oder diese Ranken, die nicht auf - wärts klimmen können, kriechen auf den Boden, umklammern selbst den Kot, das Weib geht unter in der Verwor - fenheit des Lasters. Da liegt der psy - chologische Grund es gibt natürlich auch noch andere für die Erniedrigung des weiblichen Geschlechtes in den Groß - städten.

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In der katholischen Kirche braucht weder das eine noch das andere zu ge - schehen. Jedes katholische Herz kann und soll den Frieden haben. Auch die Verlassensten können im religiösen Le - ben überflüssigen Ersatz finden für das, was die äußern Umstände ihnen ver - sagt haben. Auch der angeborne Zug der Hingebung, das Verlangen sich nütz - lich zu machen, braucht nicht müßig zu gehen. Die Kirche gleicht einem Haus, in welchem es für jedes Familienglied eine angemessene Arbeit, für jedes Herz ein heimisches Plätzchen gibt, an dem es sich wohl befindet und etwas leisten kann. Ein gesundes religiöses Leben, gut geleitete Vereine, die Gelegenheit, etwas, und sei es noch so wenig, für eine gute Sache zu thun, können auch die verlassensten Herzen aufmuntern und erwärmen, glücklich und stark machen. Jede Arbeiterin, jede Magd kann auf diese Weise auch unter schwierigen Verhältnissen einen festen sittlichen35 Halt und den Frieden des Herzens finden.

Erwägt man, wie das Christentum das Herz des Weibes in den verschie - densten Lagen des Lebens veredelt, er - hebt und beglückt, so möchte man sa - gen, das Wort Tertullians, die Seele sei von Natur aus eine Christin, habe beim Weibe doppelte Geltung. Sein Herz kann in unserer Religion vollen - dete Reinheit und Tugend, die volle Befriedigung seiner Bedürfnisse erlan - gen. Unsere Religion erweist sich dadurch als echt menschlich, d. h. den Bedürf - nissen des Herzens entsprechend, und zugleich als echt göttlich, d. h. mit ei - ner über Fleisch und Blut erhabenen Kraft ausgerüstet.

4. Die Tochter Evas.

1. Der Sündenfall hat über das menschliche Geschlecht zwei große Uebel gebracht, welche auch nach vollbrachter36 Erlösung auf uns lasten, das irdische Elend und die böse Begierlichkeit. Das Weib sollte an dieser traurigen Erb - schaft noch seinen besonderen Anteil be - kommen.

In Bezug auf die Leiden hat der Herr dem Weibe gleich nach dem Falle eine doppelte Strafe angekündigt, deren erster Teil also lautet: Du sollst un - ter der Gewalt des Mannes sein und er wird über dich herrschen. (I. Mos. 3, 16.) Es ist vielleicht nie ein anderes Strafurteil rücksichtsloser ausgeführt worden als dieses Wort des Herrn. Die Gehilfin des Mannes, als welche das Weib erschaffen wurde, ist auf lange Jahrtausende hin seine Sklavin gewor - den, die rechtlos und schutzlos seiner Willkür überlassen war. Die völlige Mißkennung der Würde des Weibes, die Verachtung, die Erniedrigung, die Mißhandlung des Weibes bilden einen hervorstechenden Zug des Heidentums.

Das Christentum hat außerordent -37 lich viel für die Erhöhung des Weibes aus seiner Erniedrigung gethan, aber es konnte nicht verhindern, daß das schwere Verhängnis, welches auf dem Weibe lastet, immer noch nachwirkt. Wie viele Thränen werden heute noch von Frauen geweint über gefühllose Härte, Untreue, Liederlichkeit, Pflicht - vergessenheit, rohe Mißhandlung von Seite ihrer Männer! Jeder Fehler des Mannes ist ein Stachel, der seine Spitze gegen seine Gefährtin wendet. So lange nicht alle Männer heilig sind, so lange wird es auch Gattinnen geben, die zu leiden haben.

Der andere Teil des Strafurteils über Eva lautet: In Schmerzen sollst du deine Kinder gebären. (I. Mos. 3, 16.) In diesem Hinweis auf die Schmerzen, durch welche das Weib zur Mutter wird, sind alle Leiden und Sorgen zusammenge - faßt, welche überhaupt auf der Mutter lasten. Die Androhung hat sich gleich an der ersten Mutter in erschütternder38 Weise erfüllt. Eines Tages stieß sie auf eine Leiche, die in ihrem Blute lag, die erste Beute de Todes auf dem Men - schengeschlechts. Es war ihr geliebter Sohn Abel und der Mörder war ihr Erstgeborner. Damit beginnt die lange Geschichte von den Leiden der Mütter, die so vieles und so Schauerliches zu erzählen weiß.

Früher wurde gesagt: Das Weib ist ein Herz, sich hinzugeben. Das ist die Bestimmung des Weibes nach den liebe - vollen Absichten des Schöpfers. Im Hinblick auf die Folgen des Sünden - falles muß man jetzt sagen: Das Weib ist ein Herz, um zu leiden. Opfern und leiden, das ist nunmehr die Auf - gabe des Weibes, das ist sein Beruf. Sollte es noch nötig sein, dieses zu be - weisen? Das Herz der Gattin und Mut - ter ist der Sammelpunkt aller Leiden und Sorgen des Familienlebens, kein Glied der Familie leidet, ohne daß sie mit ihm leidet, jede Störung und Un -39 ordnung im häuslichen Kreise, jeder Fehler des Gatten oder der Kinder wird zur Sorge und Unruhe, zum Schmerz, zur Bekümmernis für ihr Herz. Je besser ihr Herz, desto schwerer lasten die Sorgen auf ihm, ja wir können sagen, je glücklicher die Familie, desto bitterer der Schmerz. Fenelon hat das auffal - lende Wort gesprochen: Es gibt keine grausameren Schmerzen, als jene, welche die glücklichste Ehe bereitet. Dieses Wort findet seine Erklärung in dem Gesetze des Schmerzes. Nach diesem Gesetze müssen uns alle Dinge hinieden Schmerz bereiten, die einen, so lange wir sie haben, die andern, wenn wir sie ver - lieren.

Wenn die junge Braut den Kranz auf dem Haupte in festlichem Zuge an den Altar tritt, so mag sie voller Hoff - nung einer rosigen Zukunft entgegen - schallen. Sie kann auch glücklich werden, aber anders als sie vielleicht träumt. Denn in Wahrheit ist sie ein bekränz -40 tes Schlachtopfer, welches ein Opfer - leben beginnt. Das Weib ist ein Herz, um zu leiden. Wenn es das einsieht, und sich darein zu fügen und darnach sich zu benehmen lernt, dann kann es immer noch glücklich werden, aber nur als Christin im Herzen und im Leben.

2. Die zweite verhängnisvolle Folge des Sündenfalles ist die böse Begier - lichkeit. Vom Weibe hat die Sünde ihren Anfang genommen, sagt der weise Sirach (25, 33). Eva ist zuerst der Ver - führung erlegen und hat dann ihren Mann verführt. Damit ist auch das Herz des Weibes, welches der Schöpfer so edel gebildet hatte, der Unordnung und Verkehrtheit anheimgefallen. Die Harfe, welche nach der heiligen Hilde - gard das Herz sein soll, wurde arg zu - gerichtet, so daß sie mit ihren teils zerrissenen, teils falsch gestimmten Sai - ten oft die schrillsten Mißtöne verneh - men läßt. Das Frauenherz ist der41 Sammelpunkt unberechenbarer Wider - sprüche geworden.

Stellt man zusammen, was in der hei - ligen Schrift vom Weibe gesagt wird, so bekommt man zwei Bilder, die im schärfsten Gegensatze zu einander stehen. Auf der einen Seite wird das Weib mit den folgenden und ähnlichen Lobeser - hebungen gefeiert: Die Anmut eines fleißigen Weibes ergötzet ihren Mann und salbet seine Gebeine. Ihre Zucht ist eine Gabe Gottes. Ein verständiges und stilles Weib, eine wohlerzogene Seele ist mit nichts zu vertauschen. Gnade über Gnade ist ein fleißiges und schamhaftes Weib, und alles, was man schätzet, ist mit einer enthaltsamen Seele nicht zu vergleichen. Wie die aufgehende Sonne an Gottes hohem Himmel, so ist die Schönheit des guten Weibes zur Zierde ihres Hauses. Wie die glän - zende Lampe auf dem heiligen Leuchter, so ist die Schönheit ihres Gesichtes in den besten Jahren. Wie goldene Säu -42 len auf silbernen Gestellen, so stehen die Füße eines standhaften Weibes auf ihren Sohlen. Wie der Grund auf festen Stein gelegt ewig ist, so die Ge - bote Gottes in dem Herzen eines heili - gen Weibes. (Sir. 36, 16 ff.)

Diesen von Lob überfließenden Sätzen stehen andere Aussprüche gegenüber, welche die unergründliche Bosheit des Weibes in den grellsten Farben schil - dern. Ich wage nicht, sie hier anzu - führen, aus Furcht, sie könnten miß - braucht werden. Aber beide Schilderun - gen sind wahr, weil es Weiber von bei - den Arten gegeben hat und noch gibt, Frauen von bewunderungswürdiger Tu - gend und Heiligkeit, und wahre Unge - heuer von Verworfenheit und Bosheit. Die einen und die andern haben un - gefähr die gleichen guten und schlimmen Anlagen ihres Herzens von Eva er - erbt. Aber bei den einen hat das Un - kraut auf dem Acker ihres Herzens un - gehindert sich entwickelt, die guten Keime43 erstickt und schließlich so traurige Früchte gebracht. Bei den andern ist umgekehrt das Unkraut ausgerottet und der gute Same gepflegt worden. Wenn es vor - hin geheißen hat, das Weib ist ein Herz, um zu leiden, so kommt hier noch etwas Neues hinzu: Das Weib ist ein Herz, um zu entsagen, um sich zu über - winden. Beides gehört notwendig zu - sammen, wie es auch Christus verbun - den hat, als er sagte: Wenn mir je - mand nachfolgen will, so verleugne er sich selbst, und nehme sein Kreuz auf sich, und folge Mir nach. (Matth. 16, 24.)

In den nächsten Kapiteln müssen noch einige dunkle Falten des weiblichen Herzens naher beleuchtet werden. Hier folgt zum Schlusse noch eine tröstliche Erinnerung. Wie die Sünde vom Weibe ihren Anfang genommen hat, so sollte auch das Weib der Welt den Retter schenken. Eva ist die Mutter des sün - digen Geschlechtes, Maria die Mutter seines Erlösers. Von Eva ererbte das44 Weib das Los, zu leiden und zu ent - sagen. In beidem ist Maria sein er - hebendes Vorbild, im sittlichen Kampfe als die Schlangentöterin, wie sie schon im Anbeginn genannt wurde, und im Leidenskampfe als die Mutter der Schmerzen, die durch Leiden und Schmerz in die Herrlichkeit eingegangen ist.

5. Das schöne Geschlecht.

1. O wie schön ist ein keusches Ge - schlecht im Tugendglanze, unsterblich ist sein Andenken, und ewig trium - phiert es mit der Siegeskrone. (Weish. 4, 1. 2.) Die wahre Schönheit kann nicht bloß sinnlich sein, sie ist erst vor - handen, wenn die irdische Anmut von einem Strahle der ewigen Schönheit durchleuchtet wird. Wenn der Schöpfer dem Weibe äußere Vorzüge verliehen hat, deren Entfaltung übrigens gleich den Blüten des Frühlings bald vor - übergeht, so sind seine Absichten un -45 schwer zu erkennen. Schon Adam hat sie mit den Worten ausgesprochen: Der Mensch wird Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen. (I. Mos. 2, 24.) Den äußern Mitteln zu gefallen entspricht im Herzen die Sucht zu gefallen. Diese ist eine der schlimmsten Folgen des Sündenfalls, und ihre verhängnisvollen Irrwege müssen hier kurz angedeutet werden. Dem Bräutigam zu gefallen suchen, ist etwas Selbstverständliches, dem Gat - ten gegenüber ist es sogar Pflicht, der übrigen Welt darf das Weib als lie - benswürdig gelten, aber die Zunei - gung, welche es sucht und findet, muß immer durchdrungen und beherrscht sein von dem Gefühle, welches Achtung heißt. Wenn das Verlangen zu gefallen, diese Schranken überschreitet, so führt es die Seele auf ein klippenreiches Meer, auf dem viele Schiffbruch leiden und keine ohne Schaden wegkommt.

Bekanntlich sucht die Gefallsucht46 die natürlichen Vorzüge durch allerlei Mittel zu erhöhen, nötigenfalls zu er - setzen. Hauptsächlich geschieht das durch den Kleiderluxus, welcher mit der Ge - nußsucht bei dem männlichen Geschlechte einige Aehnlichkeit hat. Dort beugt man sich unter das Joch der Trink - sitten, hier unter die nicht weniger tyrannische Herrschaft der Mode. Die weibliche Eitelkeit gleicht einem un - heimlichen Dämon, dem die Seelen, die er in Besitz nimmt, alles opfern, Geld und Gut, die Annehmlichkeiten des Lebens und die Gesundheit, selbst Anstand und gute Sitte. Wenn die Mode gewisse Unschicklichkeiten in der Kleidung verlangt, so lassen sich na - mentlich in höheren Kreisen oft auch sonst anständige Frauen bei Bällen u. s. w. zu diesem Opfer herbei. Wie oft hört man von Martyrinnen der Eitelkeit, die selbst vor dem Opfer der Gesundheit nicht zurückschrecken! Nächst der Genußsucht ist die Mode die erste47 Feindin des Wohlstandes unter dem Volke. Die Magd will es der Herrin, die Arbeiterin der reichen Dame gleich - thun, sie hängen, was sie sauer ver - dienen und besser verwenden sollten, an eitle Flitter. Im Mittelstande ahmt man den Luxus der Reichen nach, selbst wenn man sich dafür Entbeh - rungen auflegen muß. Auch den Haus - halt läßt man durch diese Modesucht verwirren. Wenn immer möglich, muß ein vornehmes Besuchzimmer her, obschon man sonst kaum sich in der engen Behausung zu helfen weiß. Die Vornehmen opfern der Mode erstaun - liche Summen, die viel Elend lindern und die soziale Stimmung bei vielen Unzufriedenen verbessern könnten, wäh - rend sie jetzt nur Böses stiften, die Trägerinnen dieses Luxus zu eiteln Puppen machen und nach unten teils zur Nachäfferei aneifern, teils den Neid und die soziale Unzufriedenheit schüren. Die Ansprüche der Mode sind bereits48 so maßlos geworden, daß sich viele Männer dadurch von dem Eintritt in den Ehestand abschrecken lassen.

2. Die äußern Nachteile dieser unsin - nigen Modesucht sind groß, aber die innern sind noch beklagenswerter. Ab - gesehen davon, daß sie namentlich in den Städten manche dem moralischen Schiffbruche entgegenführt, hat sie eine nachteilige sittliche Wirkung, die ganz allgemein vorkommt. Wer zu sehr um das Aeußere besorgt ist, vergißt darüber das Innere, und so bekommt das ganze Seelenleben der eiteln Per - sonen eine grundverkehrte Richtung. Man sucht nicht bloß mit den Klei - dern zu gefallen, sondern auch mit seinen Reden und seinem Benehmen, seinem ganzen Auftreten. Das Be - wußtsein der Pflicht und die Stimme des Gewissens werden weniger beachtet, oft ganz beiseite gesetzt, dafür läßt man sich leiten von der Rücksicht auf die Außenwelt. Die eitle Seele wird49 zur Schauspielerin, die bei allem, was sie sagt und thut, die Wirkung nach außen im Auge hat. Sie wird un - aufrichtig und falsch, schmeichelt da und heuchelt dort, vielleicht ohne daß sie dessen nur bewußt wird, weil ihre nach außen verlorene Seele über ihren innern Zustand ganz im Unklaren ist. Während die christliche Seele bei allem nach dem Wohlgefallen Gottes strebt, berechnet die Eitelkeit ihr ganzes Beneh - men nach dem Wohlgefallen der Men - schen. Es kann diese weibliche Eitel - keit auch die Seele beherrschen, wo die äußern Mittel, sie zu befriedigen, nur sehr bescheiden sind.

Der Schaden und die Gefahr eines solchen Seelenzustandes müssen jedem Christen von selber einleuchten. Ich will hier nur die Nachteile für die Erziehung berühren. Eine eitle Mut - ter ist gar nicht fähig, ihr Kind christ - lich zu erziehen, sie kann nur das Ebenbild Gottes im Kinde in fast un -50 heilbarer Weise verunstalten. Der Geist der Eitelkeit läßt sich weder verbergen noch einschränken. Wer eitel ist, wird das auch im täglichen Leben und in der Erziehung nicht verleugnen kön - nen. Er macht die Eitelkeit zum Er - ziehungsgrundsatz. Das Kind wird zur Reinlichkeit und zu einem anstän - digen Benehmen angehalten der Leute wegen, es ist immer nett, oft wohl auch zu kostspielig gekleidet der Leute wegen, es muß in der Kirche sich tadellos verhalten, in der Schule fleißig lernen, auf dem Wege alle Ungezogenheiten meiden, damit Geistliche und Lehrer und jedermann in dem Kinde die Mutter loben, jugendliche Fehler wie Lügen, rohe Worte u. dgl. werden strenge gerügt und gestraft, weil man solche Dinge an seinen Kindern nicht in der Rede haben will. An sich wäre alles recht und gut, wenn nur der Beweggrund ein anderer, sagen wir ein christlicher wäre. So aber geht der51 Geist der Mutter ganz unvermeidlich auf das Kind über. Die eitle Rücksicht auf das Urteil und Gefallen der Men - schen wird zur verborgenen Triebfeder in der Seele des Kindes, und so edle Anlagen in derselben schlummern - gen, das Kind wird zu einem eiteln Wesen, zur Kokette erzogen. Vor ei - nigen Jahren berichteten die Blätter von der Tochter eines vornehmen Hau - ses, die auf dem Sterbebette lag und das Nahen des Todes fühlte. In diesem ernsten Augenblicke wandelte sie die Lust an, sich mit ihrem ganzen Leichenschmucke bekleidet noch selber zu sehen. Sie wurde mit demselben ange - than auf das Paradebett gelegt und dort vom Tode ereilt. Statt an Gott und ihre Seele zu denken, starb sie mit einem eitlen Blick auf ihr Totenkleid. Da sehen wir eine ausgereifte Frucht der Erziehungskunst einer eiteln Mutter.

Eine solche Erziehung wirkt na - mentlich in der heutigen Zeit viel ver -52 hängnisvoller, als man glauben möchte. Die christliche Erziehung begnügt sich nicht mit der äußern Zucht, die für sich allein bloße Dressur ist. Sie leitet das Kind an, den Beweggrund seines Verhaltens nicht außerhalb in den Menschen, sondern im Innern in Glau - ben und Gewissen, und über sich in Gott zu suchen. So wird der junge Christ unabhängig von der Welt und den Menschen, er trägt die Richtschnur seines Wandels in sich selbst, in seinem Gewissen und seiner Gottesfurcht. So erziehen aber kann die eitle Mutter nicht, und kein Unterricht und keine Seelsorge kann den Mangel ersetzen. Die Kinder erben den Geist der Mut - ter, sie wachsen auf als kleine Welt - diener, bei denen der christliche Geist, der Geist des Glaubens nie recht zum Durchbruch kommt. Daher die trauri - gen Erfahrungen, die mit so vielen, wie man meint, guterzogenen Kindern guter Familien gemacht werden. Jahre -53 lang ist man mit ihnen zufrieden und setzt auf sie die schönsten Hoffnungen, bis die Zeit der Probe kommt. Beim Eintritt in die Welt oder bei der Stan - deswahl lassen sie die Uebungen und Vorschriften ihrer Religion, das ganze Christentum, so leichten Herzens fahren wie ihr Kinderspielzeug, sobald ihre Herrin, die Welt, für die man sie er - zogen hat, auf diese Dinge keinen Wert mehr zu legen scheint. Der Bau der Erziehung war auf Sand gebaut. Eine eitle Erziehung muß notwendig eitle, d. h. unhaltbare Früchte bringen.

6. Das schöne Geschlecht.

(Fortsetzung.)

1. Betrüglich ist die Anmut und eitel die Schönheit, ein Weib, das den Herrn fürchtet, das wird gelobt werden. (Sprichw. 31, 30.) In dem Wort Eitelkeit liegen außer dem Begriff ei - ner sittlichen Schwäche noch der Neben -54 gedanke an Thorheit und Vergänglich - keit. Thöricht ist die Eitelkeit, weil sie für ihre Zwecke viel zu viel opfert und sie doch nicht erreicht. Das ist schon der Fall gegenüber der Welt. Diese ist viel mehr geneigt, zu benei - den als zu bewundern, und wer um ihre Gunst buhlt, wird sich auch ihre Bosheit gefallen lassen müssen. Präch - tige Kleider imponieren allfällig der Welt, wenn hinter ihnen ein großer Reichtum steckt, sonst sind sie in ihren Augen nur ein Theaterputz, über den sie spottet. Lächelnde Mienen und süße Worte und feine Manieren kom - men nicht besser an, die Welt ist ge - wohnt, sie als Falschheit hinzunehmen und mit gleicher Münze zu bezahlen. Wohl der größere Teil dieser Diene - rinnen der Mode bemüht sich, gesehen zu werden, ohne daß jemand sehen will, d. h. sie werden samt ihren Flit - tern nicht einmal beachtet.

Wer in der Welt die ihm gebüh -55 rende Geltung finden will, darf sich nicht mit dem Scheine behelfen, welchen die Welt gut genug kennt, weil sie selber lauter Schein ist, son - dern muß sich auf die Wahrheit stützen, welche die Welt achten muß, weil sie ihr fehlt. Wahr sei die Frau in ihrer Kleidung, sie ziere sich nicht über ihren Stand und ihr Vermögen hin - aus, eine standesgemäße, züchtige, eher bescheidene als kostbare Kleidung ist eine Empfehlung in den Augen aller Vernünftigen, und andern wird man doch kaum gefallen wollen. Wahr seien die Rede und das Benehmen, sie sollen auf dem Herzen kommen, wo - bei freilich nicht fehlen darf, daß das Herz ein gutes sei. So wird die Frau mit der Welt am erträglichsten aus - kommen, und wenn sie auch nicht glänzt, so wird sie doch geachtet werden. Ein wenig Weltverachtung ist das beste Mittel, bei der Welt das nötige An - sehen zu finden, während die Skla -56 vinnen der Welt von ihr innerlich verach - tet werden. Die Achtung ist dem Schat - ten vergleichbar, der vor dem flieht, der nach ihm hascht, aber dem folgt, der nicht auf ihn achtet.

Thöricht ist die Eitelkeit, weil sie nicht bekommt, was sie sucht, doppelt thöricht, weil sie wirkliche Güter für eine Einbildung opfert, nämlich das Glück ihres Herzens und ihrer Familie für einen trügerischen Schein von Glanz in der Welt. Ein französischer Schrift - steller schildert folgende Szene: Sehet da ein junges schönes Weib, auf sei - nen Fauteuil hingesunken, den Kopf in der Hand, wie eine Statue mit dem Ausdruck des höchsten Schmerzes. Warum weint sie? Hat der Tod ihr Kind weggerafft, oder ist von der Börse eine Unglücksbotschaft gekommen? Nichts von alledem. Ihr Gatte hat ihr einen Schmuck verweigert, und ver - kürzt um ihren Triumph beim näch - sten Balle, denkt sie eben an eine an -57 dere Dame, die glücklicher ist als sie ... Uebrigens wird auch sie diesen Schmck bekommen. Sie sagt es und schwört da - rauf ... Und in der That, sie bekommt ihn, aber wer bezahlt ihn? *)Pelletan.Dieses kleine Bild erlebt millionenfache Wie - derholungen. Wenn die Eitelkeit Ein - laß gefunden hat, so quält sie die Magd und Arbeiterin wie die hohe Dame mit ungeduldigen Begierden, mit Neid und Eifersucht, mit Aerger und Schmerz, und die Umgebung muß es mit entgelten, sobald Hindernisse entgegenstehen oder die Hoffnungen fehl - schlagen. Die Eitelkeit ist eine grau - same Friedenstörerin im Herzen, sie ist es auch in der Familie.

Die eitle Frau wird dem zur Last, dem sie zuerst und einzig gefallen sollte. Die aufgehende Sonne, als welche die Schönheit des guten Weibes in der heiligen Schrift gepriesen wird, sollte58 doch zuerst Licht und Wärme in der Nähe, d. h. im Schoße der eigenen Familie verbreiten. Freilich sind zu dieser Schönheit geschminkte Wangen und Haare und rauschende Kleider nicht genügend, da braucht es ein Herz, welches versteht, zu leiden und zu lie - ben, eine Hand, welche im Hause alles thut, und nimmer ruht, und den häus - lichen Herd allen Hausgenossen zum liebsten Aufenthalte macht, eine Zunge, welche von der Klugheit und Milde regiert wird und zur rechten Zeit zu schweigen weiß. Das ist die echte Schön - heit der Frau. Ihr wahrer Ruhm ist, daß ihre Kinder sie glücklich preisen und ihr Mann sie lobt. (Sprichw. 31, 28.) Findet sie diesen Ruhm in ihrer Nähe, so wird er ihr, so weit er überhaupt Wert für sie hat, auch außer diesem engen Kreise zu teil werden, ohne daß sie ihn mit Weltdienerei erkaufen muß.

Thöricht ist endlich die Eitelkeit, weil ihr Gegenstand vergänglich und59 hinfällig ist. Kurz ist das Leben, und die Blütezeit körperlicher Schönheit ist noch viel kürzer. Sei es auch, daß jemand ein paar Augenblicke finde, wonach die Eitelkeit verlangt, so folgt auf das Blühen rasch das Verwel - ken, bald wird die Welt ihre Augen wieder von ihr weg und andern zu - wenden und ihr zu verstehen geben, daß ihre Zeit vorüber sei. Aber wenn die äußern Vorzüge dahinwelken, die Leidenschaft im Herzen verwelkt nicht, sie lebt fort als nachteilige sittliche Verirrung und als Störerin des in - nern Friedens. Betrüglich ist die An - mut und eitel die Schönheit, ein Weib, das den Herrn fürchtet, das wird ge - lobt werden. (Sprichw. 31, 30.) Wa - rum sich lange abmühen um einen Schein, der von heute auf morgen zer - fließen wird? Es gibt eine Schönheit, die viel wohlfeiler zu haben ist, und die man noch behalten kann, wenn man alt geworden, weil sie ewig ist.

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2. Der hl. Apostel Petrus schreibt von den Weibern: Ihr Schmuck sei nicht der äußere in Haargeflechten, in Gold - gehängen oder in gesuchtem Anzuge, sondern der verborgene Herzensmensch in der Unvergänglichkeit eines stillen und sanften Geistes, der vor Gott ho - hen Wert hat. (I Petr. 3, 3. 4.) Die wahre Schönheit stammt von innen, von dem verborgenen Herzensmenschen. Auch dem Glase kann man den Schliff und die Farbe von Edelsteinen geben, nicht aber den innern Glanz. Und auch der echte Edelstein leuchtet erst in dem Feuer seiner Farben, wenn ein Sonnenstrahl auf ihn fällt. So ist es mit dem verborgenen Herzensmen - schen, welcher nach dem heiligen Pe - trus der Schmuck des Weibes sein muß.

Wenn ungeheuchelte Gottesfurcht und heilige Andacht das Herz der Jung - frau zu einem Altare weihen, wenn Bescheidenheit und Unschuld, Herzens -61 friede und Frohsinn aus ihren Blicken und Mienen leuchten, wenn sie als unbefangenes Kind vor den Menschen erscheint, und doch wieder unnahbar wie ein Engel, so daß in ihrer Nähe freche Zungen verstummen und freche Begierden sich scheu verbergen: so ist das die Schönheit des verborgenen Herzensmenschen, welche die Körper - hülle wie einen Schleier durchbricht. Diese Schönheit muß allen gefallen, ob sie nun aus gewöhnlichen oder fein - gebildeten Gesichtszügen herausschaue, ob ihr das Kleid einer Fürstin, der Ordensschleier oder der einfache Rock einer Arbeiterin als Umrahmung diene. Solche Schönheiten sind in den ersten Jahrhunderten vor die heidnischen Rich - terstühle getreten, der verborgene Her - zensmensch in ihnen hat die Angriffe des Henkers und Wüstlings zu Schan - den gemacht und die Doppelpalme des Martertums und der Jungfräulich - keit errungen. Die Kirche hat immer62 noch das Geheimnis dieser Schönheit des verborgenen Herzensmenschen und hoffentlich sind auch jetzt noch viele, welche dieselbe besitzen, in allen Ge - fahren dieses Lebens siegreich behaup - ten und unversehrt mit sich in das Grab nehmen. Wenn auch ihre Namen in der Welt nie genannt oder schnell vergessen werden, so gelten ihnen auf ewig die jubelnden Worte der heiligen Schrift und der Kirche: O wie schön ist ein keusches Geschlecht im Tugend - glanze, unsterblich ist sein Andenken, und ewig triumphiert es mit der Sie - geskrone. (Weish. 4, 42.)

Wie armselig erscheinen neben der Schönheit dieses verborgenen Herzens - menschen die eiteln Geschöpfe, welche mit körperlichen Reizen, die bereits zur Verwesung verurteilt sind und mit armseligen Flittern kokettieren, um an - gebetet zu werden, was meistens doch nicht geschieht, wenn sie es nicht selber vor dem Spiegel thun! Das sind63 Paradiesäpfel, die unter der lachen - den Oberfläche Moder verbergen, oder Lichtschwärmer, die um die Flamme kreisen, bis ihre Flügel verbrannt sind.

Der verborgene Herzensmensch ver - liert nichts an seiner Schönheit, wenn auch mit den Jahren die äußern Reize dahin - welken. Die Gattin und Mutter, welche Gott fürchtet und dem Manne zugethan und ergeben ist, welche Gebet und Arbeit gleich eifrig pflegt, deren Auge und Hand überall im Hause Ordnung hal - ten, die mit dem Schutzengel wetteifert in der Sorge für die Kinder, die un - erschütterlich auf Gott vertraut, im Verdrusse schweigt und ihre Thränen in der Ecke abwischt, für jedermann ein freundliches Gesicht und ein freund - liches Wort hat, bei allen häuslichen Sorgen auch des Armen nicht vergißt, ein solches Weib offenbart an sich auch die Schönheit des verborgenen Herzens - menschen, wenn auch der Ernst des Lebens vielleicht ihr die Züge einer64 Mater dolorosa aufzudrücken anfängt. Eine solche Gattin und Mutter ver - liert den Sinn für eitle Flitter, sie kleidet und benimmt sich, wie es ihr von dem verborgenen Herzensmenschen eingegeben wird, standesgemäß, einfach, wahr, ohne Sonderbarkeiten, aber auch ohne Weltdienerei, und wird es da - mit auch der Welt gegenüber am wei - testen bringen.

Es gibt selbst eine Schönheit der Greisin, aber nur durch den verborge - nen Herzensmenschen. Es kommt da - rauf an, wer die Furchen in ihr Gesicht eingegraben hat. Es fragt sich, ob Unzufriedenheit, Lieblosigkeit, Neid, Aerger und das ganze übrige Heer menschlicher Leidenschaften mit ihr alt und zähe geworden sind, oder ob sie als Christin in Gottesfurcht und Hin - gebung und Geduld die Arbeiten und Sorgen, die Leiden und Kämpfe ihres Lebenslaufes ausgehalten hat; und ob wohlwollende Liebe und Sorgfalt, ge -65 läuterte Hoffnung und Ergebung auch jetzt noch aus ihren Zügen herausleuch - ten. Eine solche Greisin ist schöner als ihre aufblühende Enkelin mit ih - rem noch unbeschriebenen Gesichte. Denn was diese erst in Gefahr und Kampf erringen muß, die Schönheit des ver - borgenen Herzensmenschen, das hat die Greisin erlangt, um es nicht mehr zu verlieren. Sie ist eine ausgereifte Frucht für das ewige Leben, welche auch in den Augen Gottes und der Himmelsbewohner als Schönheit gilt.

Was der verborgene Herzensmensch für die Erziehung zu bedeuten hat, muß jedermann einleuchten. Die Mut - ter kann dem Kinde nichts geben, was sie selber nicht hat. Wie der äußere Mensch, der Körper des Kindes aus dem Herzblute der Mutter aufgebaut wird, so muß am frommen Mutter - herzen die Seele des Kindes aufwachen zum Bewußtsein des Göttlichen, er - wärmt werden mit den Gefühlen hei -66 liger Andacht und Liebe. Nur der verborgene Herzensmensch vermag die - ses höhere Leben im Kinde anzufachen. Eine Mutter, deren Sinn in den Ei - telkeiten der Welt verloren ist, eine Mutter ohne religiöse Innerlichkeit und Wärme, ist zu dieser geistigen Le - bensmitteilung gar nicht fähig. Was sie dem Kinde Religiöses beibringt oder beibringen läßt, ist nur etwas Angelerntes, das nicht in die Tiefen der Seele dringt, um dort Wurzel zu fassen. Nur was lebendig ist, kann sich entwickeln und forterhalten. Eine Religion, die bloß angelernt ist, wird später mindestens so leicht vergessen, wie viele andere Schulkenntnisse. O hätten wir Mütter, die den Schmuck des verborgenen Herzensmenschen hoch - halten und anstreben, sie würden im stande sein, auch in einer verdorbenen Welt ein neues Geschlecht von Heili - gen zu erziehen.

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7. Das schwache Geschlecht.

1. Der heilige Apostel Petrus er - innert an die Schwäche der Weiber, um die Männer zu mahnen, daß sie vernünftig mit ihnen umgehen und sie trotz derselben in Ehren halten. Hier müssen diese Schwächen besprochen wer - den, um die Frauen selber vor denselben zu warnen. Es geschieht aber nicht ohne den tröstlichen Hinweis auf jenes Wort des heiligen Paulus: Das Schwache von der Welt hat Gott auserwählt, um das Starke zu beschämen. (I. Kor. 1, 27.) Schwach ist das Weib von Natur und durch die Sünde, stark kann und soll es werden durch die Gnade und die getreue Mitwirkung. Die Zahl der weiblichen Schwächen ist nicht ge - ring, und darum muß hier eine kleine Auswahl derselben genügen.

Unruhe und Unbeständig - keit. Bei dem weiblichen Geschlechte überwiegt das Gemütsleben gegenüber68 der Thätigkeit des Verstandes und Willens. Es lebt mit dem Herzen. Dieses wird leicht aufgeregt und da - rum durch Freud und Leid, Sorgen und Wünsche in fortgesetzter Unruhe erhalten. Selbst eine heilige Franziska von Chantal bekannte dem heiligen Franz von Sales: Es ist etwas in mir, das beständig zittert und nie zur Ruhe kommt. Bei einer wohlgeord - neten sittlichen Haltung ist diese Un - ruhe des Herzens nichts Schlimmes, sondern ist der Bestimmung und Auf - gabe des Weibes ganz angemessen und zuträglich. Wie der Leib dadurch lebt, daß das Herz ruhelos arbeitet und das Blut in Umlauf setzt, so dient diese Unruhe in einem christlichen Her - ren als Triebfeder, welche die Sorge um das Anvertraute wach erhaltet und zur Thätigkeit und treuen Pflichter - füllung anspornt.

Aber dabei bleibt es in vielen Herzen nicht. Während der Mann69 auch bei einer fehlerhaften Beschaffen - heit des Herzens und Gemütes eine gewisse Beständigkeit aufweist, wird vielfach dem Weibe unberechenbare Launenhaftigkeit nachgeredet. Der Bi - schof und spätere Kardinal Mermillod bemerkte einst in einem Vortrage: Die göttliche Offenbarung und die Erfahrungen der Welt stimmen in dem Urteil überein, daß das Herz des Wei - bes ein Ocean ist, unergründlich und uferlos zugleich, schon so oft erforscht, und immer noch unbekannt. Unver - sehens wechseln auf demselben glühende Hitze und eisige Kälte, völlige Wind - stille und die heftigsten Stürme, sanft gekräuselte Wellen und bergehohe Wo - gen, ein lachender Himmel und drohende Gewitternacht. Diese Unberechenbar - keit hat ihren Grund meistens in der Ei - genliebe, von welcher das Herz besessen ist. Der Egoismus spottet aller Berechnung der Vernunft und allen sittlichen Anforde - rungen, er bethört die Einbildungskraft70 die im Weibe besonders lebhaft ist, mit rasch wechselnden falschen Vorspiegelun - gen, er regt in der Tiefe des Herzens bald diese, bald jene verkehrte Neigung auf, und wird so zum Wettermacher für gewisse Weiberherzen, der bei wolken - losem Himmel urplötzlich ein Unge - gewitter heraufbeschwören kann. Eine Wetterregel für diese Stürme hat noch niemand ausfindig gemacht, weil es keine gibt. Selbst ein Sokrates hat nichts Besseres gefunden, als jedesmal dem Gewitter aus dem Wege zu gehen, wenn es losbrach.

2. Sentimentalität und Ner - vosität. Beides sind krankhafte Zu - stände, die heutzutage eine ganz be - denkliche Ausdehnung erlangt haben. Die Ursache liegt hauptsächlich in der heutigen Lebensweise und Erziehung. Es ist hinreichend bekannt, woher die vielen bleichsüchtigen, nervösen und früh - reifen Wesen kommen, welche der Auf - gabe des Weibes in keiner Lebensstellung71 gewachsen sind. In den untern Ständen können die Mängel der Erziehung und Lebensweise wenigstens zum Teil eine Entschuldigung finden, in den bessern Ständen wird manches, man möchte oft meinen, absichtlich, jedenfalls aber aus eigener Schuld verdorben. Man erzieht die Tochter zur Zierpuppe, die in allem verwöhnt und verzärtelt wird, die vie - les weiß und kann, nur das nicht, was sie sollte, die tändelt statt zu ar - beiten, die mit Klimpern und Lesen die Zeit vertreibt, nur an Putz und Vergnügen zu denken hat, und bei all dem die Langweile nicht los wird. Wenn sie statt zu arbeiten über den Romanen sitzt und sich in eine erträumte Welt hineinliest, wenn sie als verzär - teltes Kind die wirkliche Welt nicht kennen lernt, keine Ermüdung kennt, als die nach genossenen Lustbarkeiten; so ist sie auf dem bestem Wege, ner - vös, sentimental, träumerisch, unbrauch - bar für das Leben zu werden.

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Solche Leute sind zum Teil wirk - lich krank, aber noch viel mehr sind sie es in ihrer Einbildung, sie fühlen sich unglücklich, ohne zu wissen warum, die Umgebung sollte ihre Wünsche schon erfüllt haben, bevor sie ihnen einfallen, ein Verdruß, eine Kränkung bringt sie auf der Fassung, einer An - strengung sind sie nicht fähig, nicht einmal eines ernsten Entschlusses, das Leben ist eine Qual für sie, weil man sie nicht gewöhnt hat, seine Lasten zu tragen. Sie möchten durch dasselbe eilen wie ein Schmetterling, der von Blume zu Blume flattert. Unter den Härten, die das Leben nun einmal für alle hat, brechen sie mutlos zusammen.

Ein solch krankhafter Zustand ist bekanntlich nicht frei von sittlichen Ge - fahren, aber jedenfalls sind solche Leute ein Kreuz für sich selber mit ihren Einbildungen, ihrer innern Aufregung und Unruhe, und für ihre Umgebung durch ihr unerträgliches Benehmen. 73Es ist klar, daß die Folgen hievon für das eheliche und Familienleben, für die Erziehung und die körperliche und geistige Kraft des nachwachsenden Geschlechtes nur beklagenswerte sein können.

Ein solcher Zustand, und das mag noch als Trost dienen, ist selten von den Betreffenden selber verschuldet. Um so mehr sollen sie sich zusammen - nehmen, um so weit möglich ihre Schwächen zu heilen, um deren schlimme Wirkungen zu vermindern, um na - mentlich ihren Kindern durch eine vernünftige und christliche Erziehung ähnliche Leiden zu ersparen.

3. Maßlosigkeit. Die Aus - schreitungen der Leidenschaften kommen bei dem weiblichen Geschlechte seltener vor, wenn aber einmal das sittliche Gleichgewicht verloren ist, so sind sie um so maßloser. Weil das Gemüts - leben gegenüber dem Verstand und Willen überwiegt, so können Störun -74 gen desselben sehr weit führen. Eine Leidenschaft, heiße sie, wie sie wolle, sobald man sie ausbrechen läßt und den sittlichen Zügel aus der Hand ver - liert, kann wie ein böser Geist die Seele mit allen ihren Kräften in Be - sitz nehmen und bis zum Wahnsinn und zur Unheilbarkeit sich ausbilden. Niemand ist stolzer und ehrgeiziger, niemand unersöhnlicher, neidischer, ge - hässiger, selbst grausamer als das Weib, wenn eine dieser Leidenschaften in ihm zur Herrschaft gelangt ist. Niemand ist unbelehrbarer, unverbesserlicher als ein lasterhaftes Weib. So ist es z. B. allgemeine Ansicht, daß es nie von der Trunksucht geheilt werden könne, außer man mache ihm den Rückfall äußerlich unmöglich. Diese Maßlosig - keit der weiblichen Leidenschaften hat der weise Sirach im Auge, wenn er sagt: Die größte Bosheit ist Weiber - bosheit ... Alle Bosheit ist erträglich, nur nicht Weiberbosheit ... Kein75 schlimmerer Kopf als der Schlangen - kopf, kein größerer Zorn als Weiber - zorn. Besser wohnt man bei Löwen und Drachen als bei einem boshaften Weibe ... Alle Bosheit ist gering gegen die Bosheit des Weibes, das Los der Sünder werde ihr zu teil! (Sir. 25, 17 ff.) Widerstehe den An - fängen! Alle haben Grund, dieses Wort zu beherzigen, am meisten aber das schwache Geschlecht. Es ist befä - higet, mit seinem zartbesaiteten Ge - müte die liebenswürdigen Tugenden der Engel anzustreben, wenn es aber den Fall der Engel nachahmt, kann es in diabolische Bosheit und Verstockt - heit versinken.

Genug von den Schwachheiten, so viele ihrer auch sind! Nur noch die Bemerkung, daß sie heutzutage doppelt ernst zu nehmen sind, weil das Weib vielfach aus dem Kreise, den ihm Gott und die Natur angewiesen haben, her - ausgerissen und samt seinen Schwächen76 oft genug schutzlos mitten in eine ge - fahrvolle Welt hineingestellt wird. Lei - der ist nicht bloß die erste Mutter in in der Versuchung schwach gewesen, ihre Schwäche läuft vielen ihrer Töch - ter immer noch nach.

8. Das schwache Geschlecht.

(Fortsetzung.)

1. Wer wird ein starkes Weib fin - den? So fragt Salomon (Sprichw. 31, 10.) mit einem Blick aus die Schwachheiten des schwachen Geschlech - tes und mit halbem Zweifel. Aber diese Frage dient ihm doch nur als Ein - leitung zu einer erhebenden Schilde - rung der starken Frau, in welcher Kraft und Anmut und alle Tugenden ihres Geschlechtes in schönster Harmonie ver - einiget sind. Das Schwache von der Welt hat Gott auserwählt, um das Starke zu beschämen, (1 Kor. 1, 27.)

Es erregt gerechtes Staunen, wenn77 man erwägt, wie Frauenspersonen zum höchsten Heroismus befähiget wurden, nachdem die Gnade von oben das schwache Gefäß erfüllt hatte. Schon im alten Bunde rühmte man die See - lengröße einer Judith und Susanna; im neuen Bunde zählte man bald hun - derte, in denen der Starkmut beider vereiniget war und glänzende Triumphe feierte über das, was stark ist in der Welt. Wie Lämmer in der Mitte der Wölfe waren jene Jungfrauen, die man vor die Richterstühle und in die Höhlen des Lasters schleppte. Aber das Schwache hat das Starke beschämt, die wehrlosen Opfer haben gesiegt und die Bewunderung aller Zeiten und die ewige Herrlichkeit errungen.

Bald staunte die Welt über eine andere Art von Heroismus. Sie sah, wie die Töchter der berühmtesten Ge - schlechter Roms den glänzenden Luxus und das weichliche Leben verachteten, die Paläste ihrer Väter verließen, um78 in ärmlicher Zelle ein Leben der Ent - sagung zu führen. Sie haben in allen folgenden Jahrhunderten und bis heute unzählige Nachahmerinnen ihres Hel - denmutes gefunden und unter diesen eine lange Reihe von solchen, die Kro - nen zu opfern hatten.

In seiner Art noch bewunderungs - würdiger ist der Heroismus der Müt - ter. Man denke an die machabäische Mutter, von welcher die heilige Schrift erzählt: Ueberaus der Bewunderung und des Andenkens der Guten würdig ist die Mutter, die ihre sieben Söhne umkommen sah an einem Tage, und es starkmütig ertrug um der Hoffnung willen, die sie auf Gott hatte. Einen jeden derselben ermunterte sie in der vaterländischen Sprache kraftvoll und voll der Weisheit und fügte zu der weiblichen Gesinnung männlichen Mut. So rief sie dem Jüngsten, der zuletzt gemartert wurde, zu: Ich bitte, Kind, aufzuschauen, und Himmel und Erde79 und alles, was in ihnen ist, zu be - trachten, und zu erkennen, daß Gott dieses und das menschliche Geschlecht aus nichts gemacht hat. Darum fürchte dich nicht vor diesem Henker, sondern sei würdig deiner Brüder, und nimm, ihrer Leiden teilhaftig, den Tod an, damit ich dich in der Erbarmung (die wir erwarten) mit deinen Brü - dern wiederfinde. (II. Mach. 7, 20 ff.) Diese Mutter steht mit ihrem Helden - mut nicht vereinzelt da. In den Zei - ten der Märtyrer hat sie viele Nach - ahmerinnen gefunden, u. a. die hei - lige Felizitas und die heilige Sym - phorosa, welche beide eine ebenso große Schar von Söhnen mit dem gleichen Starkmute während ihrer Marter auf - munterten.

Es gibt auch einen Heroismus in Leiden. Als die heilige Elisabeth von Thüringen in rauher Winterszeit mit ihren vier kleinen Kindern aus ihrem fürstlichen Schlosse vertrieben wurde,80 mußte sie in einem Schweinstall über - nachten. Um Mitternacht hörte sie das Mettenglöcklein der Franziskaner, sie machte sich auf und wohnte der Mette bei und nach derselben ersuchte sie die Brüder, zum Danke gegen Gott ein feierliches Te Deum zu singen. Solche Seelengröße in einer solchen Lage übersteigt fast die menschliche Fas - sungskraft. Wo ist der Feldherr, der am Abend nach einer verlorenen Schlacht nicht beklommenen Herzens dasitzt? Die - ses junge Weib hat auf einmal alles verloren, aber ihr Glaube und ihr Gottvertrauen verleihen ihr den Hel - denmut, das Te Deum singen zu lassen. Ist das nicht bewunderungswürdiger Heldenmut!

2. Es gibt auch einen weiblichen Heroismus, der verborgen bleibt, weil er nicht in auffallenden Thaten, son - dern in einer langen Kette von un - scheinbaren Proben sich bewähren muß. Eine Arbeiterin oder Magd, welche in81 den schwierigen und selbst gefahrvollen Verhältnissen leben muß, in welche die heutige Zeit tausende von Frauens - personen hineinstößt, und die den from - men Sinn und das reine Herz durch alle Anfechtungen hindurch glücklich be - wahrt, ist eine starke Frau, wenn die - ses auch nirgends aufgeschrieben ist, als im Buche der Vergeltung. Nicht minder bewunderungswürdig ist die Starkmut, die man auch heute noch an mancher Gattin und Mutter beob - achten kann. Ihr Gatte ist mit Feh - lern behaftet, welche störend in das eheliche und hausliche Leben eingreifen. Um solche Leiden, welche oft ein le - benslängliches Martyrium bilden, mit christlichen Gesinnungen zu ertragen, braucht es auch den Mut und die Kraft einer Martyrin. Andere haben zeitlebens mit irdischer Not, selbst mit Nahrungssorgen zu kämpfen. Es ist zum Verwundern, wie schwache Geschöpfe unter der Last jahrelanger Sorgen und82 Anstrengungen niemals ermatten, nie - mals den Mut verlieren. Jeder Tag bringt neue Verlegenheiten und Schwie - rigkeiten, aber jeden Tag wehren sie sie sich aufs neue, bis sie daraus be - freit sind, ähnlich der Ameise, die in eine Sandgrube gefallen ist; in den Tagen der schwersten Heimsuchungen, in denen der Gatte mutlos wird, be - wahrt oft die Gattin den Mut und die Festigkeit und richtet den wieder auf, der ihre Stütze sein sollte. Und eine Mutter, die den Geist Christi hat, mit welchem Eifer, mit welcher Sorg - falt und Ausdauer ist sie besorgt um das Heil ihrer Kinder! Jahrelang Tag für Tag sind ihr Herz, ihr Auge, ihre Zunge unausgesetzt dieser Sorge geweiht, und keine Schwierigkeit, kein Mißerfolg vermag sie zu entmutigen, selbst wenn ihr nichts mehr übrig bleibt, als zu beten und zu weinen, wie der heiligen Monika. Solche Heldinnen der Tugend und Pflichttreue gibt es,83 Gott sei es gedankt, auch heute noch, und diese müssen helfen, in der Welt das Christentum fortzuerhalten.

Wie man von einem schwachen Ge - schlechte redet, so kann man auch von starken Frauen reden. Von Natur aus sind alle schwach, die Ungleich - heit beginnt damit, daß die einen sich willenlos an ihre natürlichen Schwachheiten hingeben, die andern die Mittel finden und benutzen, um das, was schwach ist in ihnen, stark zu machen.

3. In den Sprüchen Salomons wird die starke Frau mit einem Kaufmanns - schiff verglichen. (Sprichw. 31, 14.) Dieses Bild veranschaulicht uns in vortrefflicher Weise, wie die Schwäche des Weibes geheilt werden muß. Wenn der stolze Kauffahrer, beladen mit den Schätzen ferner Länder, glücklich in den heimischen Hafen einfährt, so ver - dankt er die günstige Fahrt vor allem zwei Ursachen, seiner Belastung und84 der guten Leitung. Ein leeres Schiff ohne Ladung darf sich nicht auf die hohe See wagen, es würde ein Spiel - ball der Winde und Wellen sein, könnte nicht die rechte Richtung einhalten und würde ebensowenig einen Sturm be - stehen können. Wenn ihm aber die Belastung einen gehörigen Tiefgang gibt, so vermag es die Wellen zu durch - schneiden und auch bei widrigen Win - den seinen Weg zu verfolgen.

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Weibe. Dasselbe ist ein Herz, um zu leiden und zu opfern. Arbeit, Leiden und Opfer sind für dieses Herz so notwendig, wie für das Schiff die Ladung. Die Damen und Fräulein, die bloß Zierpflanzen zu sein scheinen, ohne Arbeit und ohne Sorgen, haben ihre Bestimmung verfehlt. Weil ihnen nichts fehlt, so fehlt ihnen alles, es fehlt die Hingebung und das Opfer für eine edle Sache, und darum ist das Herz nicht in seinem Elemente,85 es ist unbefriedigt und sittlich gefähr - det. Nichts ist gefährlicher für ein Frauenherz, als wenn es vom Glück verwöhnt wird. Der heilige Paulus sagt von der Witwe, was wohl vom Weibe überhaupt gilt: Die, welche in Wollüsten lebt, ist lebendig tot. (I. Tim. 5, 6.) Ohne Sorgen und Opfer gleicht das Weib einem Schiffe ohne Ladung. Dieses haltet die Seestürme nicht aus, und jenes wird von seinen eigenen müßi - gen Einbildungen und Grillen in Versu - chung geführt, und wird in den ihm nahenden Gefahren so schwach sein, daß der Apostel es zum voraus für verloren gibt, noch lebend als tot ansieht.

Auch dem Herzen des Weibes müssen Arbeit und Sorgen und Opfer einen gewissen Tiefgang geben. Es soll in der Hingebung, in Dulden und Entsagen seine Stärke offenbaren. Wenn das in der rechten Richtung und im rechten Geiste geschieht, dann haben wir eine starke Frau vor uns. Die86 sittlichen Gefahren gehen für sie auf ein Minimum zurück, die oben be - rührten Schwachheiten ihres Geschlech - tes überwindet sie, indem sie dieselben vergißt oder großmütig zu ihren übri - gen Opfern legt, und bei allen Opfern und Sorgen ist sie zufriedener als andere im weichlichen Wohlleben, weil sie der Bestimmung entspricht, für welche sie geschaffen ist.

Das Schiff bedarf nicht bloß der Belastung, sondern auch einer guten Leitung. Dasselbe ist auch mit dem Herzen des Weibes der Fall. Sein Steuerruder muß der Glaube, sein Steuermann Christus sein. Das führt uns zur Besprechung eines Ehrentitels, den das weibliche Geschlecht seit dem Beginn des Christentums beansprucht hat.

9. Das fromme Geschlecht.

1. Die Gottseligkeit, sagt der hei - lige Paulus, ist zu allem nützlich, und87 hat die Verheißung dieses und des künftigen Lebens. (I. Tim. 4, 8.) Die Verheißung des künftigen Lebens, die Bedingungen und Mittel, derselben teil - haftig zu werden, sind für alle die gleichen, und darum kann in Bezug auf das Ziel und das Wesen der Fröm - migkeit zwischen beiden Geschlechtern kein Unterschied gemacht werden. Denn ihr alle, sagt der gleiche Apostel, seid Kinder Gottes durch den Glauben, der in Christo Jesu ist. Da ist weder Mann noch Weib; denn ihr alle seid eins in Christo Jesu. (Gal. 3, 28.) Die Pflich - ten gegen Gott, die Erfordernde des Seelenheiles, die Notwendigkeit eines frommen Lebens und die segensreichen Früchte desselben sind für Mann und Weib nicht verschieden.

Wenn trotzdem von einem frommen Geschlechte geredet wird, so muß der Grund in dem diesseitigen Leben ge - sucht werden. Er liegt in der Verschie - denheit einerseits der Anlagen, welche88 der Schöpfer in beide Geschlechter ge - legt hat, und anderseits der Aufgabe, welche beide im Reiche Gottes auf Er - den zu erfüllen haben. Das Wesen der Frömmigkeit ist die Hingebung an Gott, das Weib ist ein Herz, sich hinzugeben. Es besteht somit schon eine natürliche Wahlverwandtschaft zwischen dem Her - zen des Weibes und der Frömmigkeit. Es ist fast selbstverständlich, daß es für religiöse Eindrücke sehr empfänglich ist, leicht zu religiösen Gefühlen angeregt wird, und geneigt ist, dieselben öfter und lebhafter zu betätigen und nach außen kund zu geben. Eine Frau ohne religiöse Gesinnungen macht den Ein - druck des Unweiblichen, man kann sa - gen des Unnatürlichen.

Dieser natürliche Zug des Frauen - herzens zu religiösen Gefühlen und Uebungen ist nicht zufällig da, er hat eine große Bedeutung für den irdischen Haushalt des Reiches Gottes. Die einen sind berufen für das beschauliche Le -89 ben als gottgeweihte Jungfrauen, die an - dern für das thätige Leben, hauptsäch - lich als Gattinnen und Mütter. Die erstern arbeiten in Entsagung und Buße an ihrer Selbstheiligung und ziehen mit ihren Gebeten und Opfern die Gnade des Himmels auf die Kirche herab. Die zweiten sollen in einer werdenden Ge - neration das heilige Feuer des Glaubens, der Andacht und Liebe entzünden. Beide Thätigkeiten sind für das Reich Got - tes von der höchsten Wichtigkeit, und es ist darum providentiell, daß das weibliche Geschlecht für diese religiöse Thätigkeit schon eine natürliche Bereit - willigkeit besitzt.

Mit dem Gesagten wird selbstver - ständlich den Männern die Bestimmung und die Verpflichtung zur Frömmig - keit nicht abgesprochen, und ebensowenig der Mangel derselben entschuldiget. Auch der Mann muß fromm sein, nur muß er das nicht gerade in der Art des Weibes kund geben, sondern so, wie es90 seiner Natur und seiner Bestimmung entspricht. Er kann und soll fromm sein, wenn auch mit weniger lebhaften Ge - fühlen, um so mehr mit Ueberzeugung und heiligem Ernste. Er kann und soll seine religiösen Gesinnungen zur Gel - tung bringen auf Gebieten, welche dem Weibe kaum oder gar nicht zugänglich sind, man denke nur an die Verteidig - ung der Wahrheit und des Rechtes in der Wissenschaft und Politik, an die Förderung des Reiches Gottes in der Presse und in den Vereinen.

Mann und Weib werden fromm sein, wenn sie einen lebendigen Glau - ben haben. Nun muß leider zugegeben werden, daß die Männerwelt sich viel - fach im religiösen Leben lau und gleich - gültig zeigt. Wenn aber auch die Frauen durchschnittlich frömmer sind, so ist das für sie durchaus kein Grund zur Selbst - überhebung. Die Männer sind den Ge - fahren in der Welt vielmehr bloßge - stellt als die Weiber. Die Erfahrung91 zeigt, daß diese letzteren in ähnlichen Gefahren ebenfalls schwach sind, und wenn es so weit kommt, daß sie wanken, so sinken sie gar bald noch tiefer als die Männer. Die frommen Frauen sollen für ihr Glück demütig Gott danken, und sich bemühen, nach dem Wunsche des hl. Paulus, sofern dieses nötig ist, auch ihren Mann zum Heile zu führen. (I. Kor. 7, 16.)

2. Blicken wir zurück auf die bi - blische Vergleichung der starken Frau mit einem Kaufmannsschiffe. Für das Schiff ist die Belastung notwendig, aber nicht genügend, es bedarf einer treibenden Kraft und einer sicheren Leitung. Das Herz des Weibes ist geschaffen für Opfer und Sorgen und findet nur in diesen Schutz gegen seine eigenen Schwachheiten. Aber diese Last würde es erdrücken, wenn es nicht Religion und Glaube zur starken Frau machen würden. Die Erinnerung an Gottes Gegenwart er - füllt das Weib mit heiliger Furcht92 Gottes, schärft sein Gewissen und er - haltet es in seiner Reinheit. Der Glaube an die Vorsehung tröstet und stärkt es in den Leiden und Widerwärtigkeiten des Lebens, der Ausblick auf die Ewig - keit erhebt es über die vergänglichen Dinge und bewegt es mit heilsamer Furcht und beseligender Hoffnung zur Treue und Allsdauer im Dienste Got - tes. Die Erkenntnis der eigenen Schwach - heit und der Glaube drängen es zur Uebung des Gebetes und zur Benutz - ung der Gnadenmittel, und wenn das geschieht, wird Christus auch in diesem Schiffe mit seiner Macht und Gnade zugegen sein. Wer ein reines Gewissen hat, auf die Vorsehung vertraut, auf den Himmel hofft, und durch die Gnade und Liebe mit Christus vereinigt ist, der ist stark im Leiden, stark in der Versuchung, stark bei allen natürlichen Schwachheiten.

Wenn das schwer beladene Kauf - mannsschiff gut geleitet wird, so mögen93 die Winde es angreifen, der kundige Schiffmann wird sie so in die Segel fangen, daß sie das Schiff nur schneller vorwärts treiben müssen, die Wellen mögen sich erheben, sie werden von dem Schiffe entzweigeschnitten und müssen es wider ihren Willen zum Ziele tra - gen, dem es unter seinem erfahrenen Führer unentwegt zusteuert. Wo ist ein Steuermann, der mehr Einsicht und Stärke hätte, als Christus! Wer diesen im Schiffe hat, der ist gut versorgt und braucht nichts zu fürchten, was ihn auch bedrohen mag. Die Gott - seligkeit hat auch die Verheißung dieses gegenwärtigen Lebens. Eine Frau mit Glauben und Gottesfurcht und einer er - leuchteten Frömmigkeit wird eine starke und zugleich eine glückliche Frau sein. Es wird dies schon im Worte angedeu - tet: Die Gottseligkeit macht sie selig in Gott. Sie wird den innern Frieden ha - ben, wie unruhig es auch um sie her - gehen mag. Je schwerer ihre Aufgabe94 ist, desto mehr werden ihre Kraft und ihr innerer Friede sich bewähren, desto freudiger wird sie auf die stürmische Fahrt zurückblicken, wenn ihr Schiff einst landen wird an den Gestaden des ewigen Lebens. Die Gottseligkeit ist zu allem nützlich, und hat die Verheißung dieses und des künftigen Lebens.

10. Das fromme Geschlecht.

(Fortsetzung.)

1. Durch Gottesfurcht und Fröm - migkeit sollen die Schwächen des Weibes überwunden werden. Aber nicht selten gewinnt die eine oder andere Schwach - heit die Oberhand zum Nachteil der Frömmigkeit, die dadurch zu einer man - gelhaften und selbst falschen werden kann. Ein Fehler, den schon der heilige Pau - lus zu rügen für nötig erachtete, hat bis heute nicht aufgehört, großes Un - heil zu stiften. Es ist das die Klei - derhoffart, welche gerade die Kirche,95 den Ort des Gebetes, den Schauplatz der heiligsten Geheimnisse ausersehen hat, um da zum großen Schaden für die Seele ihre Befriedigung zu suchen. Der heilige Paulus fügt seinen Er - mahnungen über öffentliche Gebete die Bemerkung bei: Ich will demnach, daß die Männer an allen Orten beten, und reine Hände aufheben, ohne Zorn und Streitsucht. Desgleichen sollen sich auch die Weiber in anständiger Kleidung mit Schamhaftigkeit und Sittsamkeit schmücken, nicht mit geflochtenen Haaren, oder Gold, oder Perlen, oder kostbarem Gewande, sondern was sich ziemt für Weiber, die Gottesfurcht an den Tag legen, durch gute Werke. (I. Tim. 2, 8. f.) Der hl. Johannes Chrysostomus redet die eitle Kirchenbesucherin mit folgen - den strengen Worten an: Kommst du als Putzdocke in die Kirche, um zu tanzen? Suchst du hier Hochzeits - oder andere sinnliche Freuden? Bist du ge - kommen, dich zur Schau auszustellen? 96Das ist nicht das Gewand einer Bit - tenden. Du bist gekommen, Gott um Verzeihung für deine Sünden anzu - flehen, wie kannst du dich auf so über - triebene Weise schmücken?

Dieser Punkt ist viel wichtiger, als manche glauben mögen. Abgesehen von dem Aergernis, das auf diese Weise leicht an heiliger Stätte andern gege - ben wird, hat die Eitelkeit im Gottes - hause eine ganze Verkehrung des innern Menschen zur Folge. Statt vor Gottes Angesicht zu beten, sucht die eitle Seele die Augen der Menschen auf sich zu ziehen. Nach außen verloren, bringt sie es nicht zur innern Sammlung und Andacht. Vor Gott ist sie mit ihrem eitlen Sinn ein Gegenstand des Ab - scheus, ähnlich jenem Pharisäer im Tem - pel. Wo andere Gnade und Erbauung und Trost schöpfen, wird sie leer ent - lassen, und wer an heiliger Stätte nicht recht beten kann, wird auch anderwärts dazu nicht fähig sein. Die Gnaden -97 schätze des Himmels sind für sie ver - schlossen, und was sie auch äußerlich mitmachen mag, ihr Herz bleibt gna - denleer und sie gehört nicht mehr zum frommen Geschlechte, sondern zu jenen, bei denen der Hochmut dem Falle vor - ausgeht.

2. Andere Steine des Anstoßes für die weibliche Frömmigkeit gibt es noch eine ganze Menge. Einer liegt für manche darin, daß sie das Mittel ver - wechseln mit dem Zwecke. Sie verrich - ten eine Menge mündlicher Gebete, sind sehr fleißig im Kirchenbesuch und im Empfang der heiligen Sakramente, treten in alle Bruderschaften, halten viel auf besondere Andachten, Wall - fahrten u. s. w. und meinen, das sei Frömmigkeit. Es kann auch vorkom - men, daß man sich mit solchen religiö - sen Uebungen abgibt, wenn man besser thäte, zu Hause seine Obliegenheiten als Gattin und Mutter zu erfüllen.

Die genannten Uebungen sind alle98 sehr lobenswert und ganz angemessene Betätigungen der Frömmigkeit. Aber fürs erste müssen dieselben den Ver - hältnissen, in welchen man lebt, angepaßt werden. Schon der hei - lige Paulus macht einen Unterschied zwischen Frauen und Jungfrauen. Eine Jungfrau, schreibt er, ist auf das be - dacht, was des Herrn ist, damit sie an Leib und Geist heilig sei. Die Ver - heiratete aber ist auf das bedacht, was der Welt ist, wie sie dem Mann ge - fallen möge. (I. Kor. 7, 34.) Der wahre Gottesdienst ist die Erfüllung des Wil - lens Gottes, und in diesem Sinne soll das ganze Leben mit allen Arbeiten und Leiden ein Gottesdienst, ein im - merwährendes Gebet sein. Das eigent - liche Gebet bildet nur einen Teil, frei - lich einen bedeutungsvollen, dieses un - unterbrochenen Dienstes Gottes. Wann Gott will, daß man arbeite, soll man arbeiten, und wo Er das Gebet ver - langt, soll man beten. Wem es um99 die Erfüllung dieses göttlichen Willens zu thun ist, wird denselben leicht er - kennen. Dieser Wille verlangt nicht das Gleiche von der Ordensperson, die sich dem Herrn geweiht hat, und von der Hausmutter, deren Streben zwar das gleiche Ziel hat, aber in der Be - thätigung zwischen Himmel und Erde geteilt sein muß. Manche wird sich in den äußern religiösen Verrichtungen auf das unbedingt Notwendige beschrän - ken müssen. In Bezug auf freiwillige Uebungen müssen alle dieselben ihren übrigen Verpflichtungen anpassen, oder was dasselbe sagen will, nach dem Wil - len Gottes einrichten. Thun sie mit gutem Willen, was ihren Verhältnissen angemessen ist, dann wird Gott mit ihnen zufrieden sein und ihnen seine Gnade nicht vorenthalten, sollten sie auch mehr der Martha als der Maria folgen müssen.

Fürs zweite ist zu bemerken, daß es nicht bloß darauf ankommt, ob man100 viel oder wenig betet, sondern ob man mit den rechten Gesinnungen betet. Der Herr hat im alten und neuen Bunde das bloße Lippengebet auf das schärfste verurteilt, dagegen dem Gebete, das mit Glauben und Demut, Ver - trauen und Andacht verrichtet wird, die tröstlichsten Verheißungen gegeben.

Manche verfallen in den scheinbar entgegengesetzten Fehler, indem sie fühl - baren Trost suchen und in religiösen Gefühlen gewissermaßen schwelgen wol - len. Auch das heißt den Zweck verges - sen und das Mittel mißbrauchen. Der Zweck der religiösen Uebungen ist die Verehrung Gottes und die Erlangung von Gnaden. Ob man fühlbar erquickt werde oder nicht, ist reine Nebensache. Des Genusses wegen soll man sich nicht zum Gebete wenden, wie man es we - gen Unlust und Trockenheit nicht un - terlassen darf. Die Wirkungen des Ge - betes im letzteren Falle werden meistens sogar heilsamer sein.

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3. Der Zweck der religiösen Ueb - ungen ist nach der einen Seite die Ver - herrlichung Gottes, nach der andern die Erlangung von Gnaden. Und welches ist der Zweck der Gnaden? Kein anderer, als uns besser und hei - liger zu machen. Die Frömmigkeit muß notwendig verbunden sein mit dem ernstlichen Bestreben, sich selber zu hei - ligen. Darum verlangt der hl. Pau - lus, daß die Weiber sich schmücken mit Schamhaftigkeit und Sittsamkeit und durch gute Werke. (I. Tim. 2, 9.) In gleichem Sinne sagt der hl. Petrus: Ihr Schmuck sei der verborgene Her - zensmensch in der Unvergänglichkeit ei - nes stillen und sanften Geistes, der vor Gott hohen Wert hat. (I. Petr. 3. 4.) Religiosität und Tugendhaftigkeit ge - hören zusammen, und wenn die letztere fehlt, so wird die angebliche Frömmig - keit zum Aergernis. Es gibt Frauens - personen, welche auf fromme Uebungen viel halten, aber trotzdem ohne Demut102 sind, überall ihrer Zunge freien Lauf lassen, der Verleumdungssucht und Lieb - losigkeit ergeben sind, und durch ihr unerträgliches Wesen das Kreuz ihres Mannes und ihrer Hausgenossen wer - den. Solche Personen bringen die Frömmigkeit in Verruf und fügen dem Reiche Gottes großen Schaden zu. Män - gel und Schwächen haben freilich alle, und die Gnadenmittel sind gerade für die Schwachen notwendig, auch beachtet man an den Frommen die Fehler viel mehr als an andern, aber alles das beweist nur, was sich auch sonst von selber versteht, daß die Frommen bestrebt sein müssen, die Demütigsten, die Ge - duldigsten und die Liebevollsten zu sein. Das ist einer der wenigen Punkte, in welchen Gott und die Welt miteinan - der übereinstimmen.

4. Die oben genannten Fehler sind sehr nachteilig, wo immer sie vorkom - men mögen. Aber es gibt zwei andere Uebel, die in der heutigen Zeit noch103 viel mehr schaden, weil sie verbreiteter sind, die Nachlässigkeit und die Lauheit. Es gibt Frauen, denen religiöse Ge - sinnungen nicht fehlen, die aber mit Arbeit überhäuft sind. Da kommt es leicht dazu, daß sie bei dem häuslichen Gebete zwei Herren dienen, d. h. unter dem Beten noch arbeiten wollen. Ihr Gebet wird so zerstreut, oberfläch - lich, gedankenlos, innerlich wertlos und äußerlich ein Aergernis für Kinder und Hausgenossen. Sie sind oft ver - hindert, die Kirche zu besuchen, das Wort Gottes anzuhören, verschieben allzu lange den Empfang der heiligen Sa - kramente, und bald zeigen sich die nach - teiligen Folgen. Sie verlieren den Geist des Glaubens, die Stärkung durch die Gnade bleibt aus, sie werden bald auch ohne Not ihre religiösen Pflichten ver - säumen, in den Sorgen, Leiden und Versuchungen des Lebens fehlen Licht und Kraft und Trost von oben, die Gott für alle bereit hat, die Ihn im104 Glauben darum bitten. Das Schiff ist ohne Steuermann und ohne Kompaß dem Winde und den Wellen überlassen. Statt daß der Glaube und das Leben aus dem Glauben über die Hindernisse des Seelenfriedens und des Seelenheiles triumphieren, werden sie von denselben erstickt oder wenigstens unfruchtbar ge - macht.

Noch schlimmer steht es, wenn das Uebel von Innen heraus kommt. Es gibt Frauen, welche durch die Erzieh - ung oder durch die Einflüsse der Welt, wohl auch durch ihre Lektüre lau ge - worden sind. Niemand ist übler daran, als eine laue Frau. Es gibt mit - unter Menschen, die krank sind, ohne daß sie wissen, was ihnen eigentlich fehlt. Sie klagen über Schwäche Un - lust zum Essen und Arbeiten, sonst fehlt ihnen, wie sie meinen, nichts. Aehnlich ist es mit diesen lauen Christinnen. Sie sind nicht ungläubig, keine großen Sün - derinnen, aber der Glaube ist ermattet,105 das Herz kalt, das Gewissen halb ein - geschlummert, der Wille ohne Kraft. Sie sind ohne Andacht beim Gebete, ohne Ernst bei der Reue, ohne Selbst - verleugnung im Leben; die religiösen Uebungen sind ihnen eine Last, die sie mit Unlust tragen und oft genug so - gar abschütteln. Sie wollen es weder mit Christus noch mit der Welt ganz verderben, bis eine ernste Probe ihre Schwache und Untreue gegen Christus offenbart. Wie bedenklich ein solcher Zustand ist, ergibt sich aus dem Worte des Herrn: Ich kenne deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist; o, daß du kalt wärest oder warm! Weil du aber lau bist, und weder kalt noch warm, so werde Ich anfangen, dich auszuspeien aus meinem Munde. (Offenb. 3, 15.)

Solche laue Christinnen gibt es in der heutigen Welt in allzugroßer Zahl. Die Folgen für ihre eigene Seele, für das christliche Familienleben und die Erziehung sind überaus beklagenswerte. 106Solche Weiber vermögen weder das Glück noch das Unglück zu ertragen. Im Glücke werden sie eitle Weltkinder und sind in den Versuchungen des Le - bens nicht stärker, als ihre Mutter Eva es im Paradiese war, im Unglück bre - chen sie zusammen unter der Last der Leiden, in beiden sind sie der Spiel - ball ihrer eigenen Schwachheiten. Die Gottseligkeit ist zu allem nützlich, sie hat die Verheißung dieses und des künftigen Lebens. (1. Tim. 4, 8.) Es kann keine starke Frau und noch weniger eine glückliche Frau geben, die nicht eine fromme Frau ist.

11. Das Weib und die Welt.

1. Was die Welt ist. Der hl. Augustin sagt, man müsse die von den Menschen verdorbene Welt nicht ver - wechseln mit der von Gott geschaffenen. Die Welt im letzteren Sinne ist ein Werk der göttlichen Allmacht und ver -107 kündet die Größe und Herrlichkeit ihres Schöpfers. Hier ist von der Welt im schlimmen Sinne die Rede, sie besteht aus Menschen, und zwar aus solchen, in welchen die Folgen des Sündenfalles ungehindert fortwirken, die den An - schauungen und Bestrebungen des Flei - sches folgen und in ihrer Gesamtheit als Gegenreich zum Reiche Christi er - scheinen. Von dieser Welt sagt der hl. Johannes, daß sie im Argen liege, daß alles in ihr Fleischeslust, Augenlust und Hoffart des Lebens sei. Christus selber sagt von ihr, daß sie Ihn und die Seinigen hasse, und daß der Satan ihr Beherrscher sei.

In der heiligen Schrift wird auf der einen Seite gesagt, Gott habe die Welt so geliebt, daß Er seinen einge - bornen Sohn für sie dahingegeben habe, Christus wird das Lamm Gottes genannt, welches die Sünden der Welt hinweg - nimmt, Er heißt der Heiland der Welt, welcher nicht gekommen ist, die Welt108 zu richten, sondern sie selig zu machen. Auf der andern Seite warnen uns die Apostel eindringlich vor der Welt, wir sollen ihre verderblichen Lüste fliehen, wir dürfen sie nicht lieben, uns ihr nicht gleichförmig machen, sollen im Gegenteil dieselbe überwinden.

Wie passen diese zwei Arten von Ausdrücken zusammen? Christus liebt die Welt, d. h. die unsterblichen See - len in der Welt, für die Er sein Blut vergossen hat, und die Er retten will. In diesem Sinne dürfen und sollen auch wir die Welt lieben, für sie beten, und zu ihrer Rettung thun, was wir können. Wenn uns aber die Apostel vor der gleichen Welt warnen, so hat das seine guten Gründe. Die Welt ist eine gefährliche Verführerin und wir sind schwach und kurzsichtig, darum müssen wir uns vor ihren Fallstricken sorgfäl - tig in acht nehmen.

Es ist nicht leicht, die Welt gehörig zu kennen und richtig zu beurteilen. 109Sagt man, sie sei ungläubig, so ist das zu einem großen Teil wahr, aber gleich - wohl dienen sehr viele der Welt, die Glauben haben, vielleicht den Unglau - ben sogar bekämpfen. Nennt man die Welt einen Pfuhl von Lasterhaftigkeit und Ungerechtigkeit, so ist das vielfach zutreffend, aber wir könnten von Glück reden, wenn die Welt nicht weiter reichte, als die offenkundige Sittenlosigkeit. Wer gehört zur Welt? Auch viele von de - nen, welche über die Welt klagen, viele, welche meinen, gute Christen zu sein. Die Weltkinder und die Diener Christi sind nicht so ausgeschieden, wie zwei Heere in der Schlacht es sind. Beide können in allen Ständen und Lebens - verhältnissen untereinander gemischt sein. Um die nötige Klarheit zu bekommen, muß man das Leben der Welt, den Geist der Welt, die Macht der Welt etwas näher betrachten.

Der Geist der Welt macht sich da - durch bemerkbar, daß ihm der Geist des110 Evangeliums, der Geist der Demut, der Selbstverleugnung, der opferwilligen Ergebung zuwider ist. Das Evange - lium der Welt heißt: erwerben, genießen, glänzen, wie ihr schon der Apostel Jo - hannes nachgeredet hat. Jedes Wort des Herrn ist für sie ein Vorwurf und ein Hindernis. Darum wurde der Geist der Welt wie von selbst zu einem Geg - ner Christi und seiner Lehre. Die Fin - sternis hasset das Licht. Daher die feind - liche Stellung des Weltgeistes zu allem, was Kirche und Christentum, Religion und Offenbarung heißt. Dieser Welt - geist kommt nun nicht bei allen Welt - kindern zur vollen Entwicklung. Na - mentlich bei vielen Weibern kommt es nicht weiter, als daß sie von dem Geiste der Lauheit, der Gefallsucht, der Ver - gnügungssucht, der Menschenrücksichten besessen werden. Dagegen Leute, welche dem Windzuge des Zeitgeistes mehr ausgesetzt sind, kommen schnell weiter. Ihr Glaube erkaltet und stirbt ab. Sie111 werden schrittweise nachlässige Christen, Zweifler, Ungläubige, oft grimmige Hasser des Christentums. Ihr Wandel ist abhängig von den Versuchungen und der Umgebung. So zeigt sich der gleiche Geist der Welt sehr verschieden in seinen unscheinbaren Anfängen und in seiner letzten Durchbildung.

Das Leben der Welt ist die An - wendung des Weltgeistes auf den Wan - del, wie der Wandel des Christen die Anwendung des Evangeliums auf das Leben sein soll. Hier sind besonders zu beachten die Versuchungen und Ge - fahren, welche die Welt dem Christen bereitet. Man denke an die bösen Bei - spiele in der Welt, an die bösen Ge - legenheiten, an die Macht der Ver - führung. Die Welt gleicht einem Netze von Fallstricken, in welchem fortwährend unzählige unvorsichtige Seelen gefan - gen werden. Die christliche Mutter wird, soweit es sich um ihre Kinder handelt, später neuerdings an diesen112 Gegenstand erinnert werden, und was ihre Person betrifft, so scheint mir der Geist der Welt für sie viel gefährlicher zu sein als das Leben der Welt.

Noch eine kurze Bemerkung über die Macht der Welt. Nach Christus herrscht im Reiche des Satans eine gewisse Ord - nung und Einheit, zugleich bezeichnet Christus ihn als Fürsten dieser Welt. Es hat nun den Anschein, als ob er die Vereinigung der Kräfte auch in dem sichtbaren Teile seines Reiches zu hand - haben wisse. Kaum gibt es eine Ein - richtung in der Welt, Schule, Presse, Staatsgewalt, Gewerbe und Verkehr, welche der Weltgeist nicht seinen In - teressen dienstbar zu machen sucht, und allzuoft dienstbar macht. Es ist z B. ein Schauspiel von gewaltiger, aber schauerlicher Größe, wie fortwährend Millionen und Millionen Schriften ab - surdester Art unter das Volk geworfen werden, um den Glauben und die gu - ten Sitten zu untergraben, wie fort -113 während Tausende und Tausende von Seelen in die Netze der Verführung gelockt und gefangen werden, mit welchem ungeheuren Aufwand von Mitteln dem Volke die Genußsucht eingeimpft und die leibliche Wohlfahrt untergraben wird Ueberschaut man diese Uebermacht, mit der die Welt den Geist des Evangeliums und das Leben nach demselben bekämpft, so möchte man sich fast wundern, daß es noch Stätten gibt, wo Glauben und Tugend zu gedeihen vermögen. Glück - lich alle, denen die Welt mit ihrem Geiste und ihrer Macht noch nicht nahe gerückt ist, aber ihre Zahl dürfte im - mer geringer werden.

2. Die Verführerin und ihre Opfer. Darüber mögen zwei Worte genügen, ein Wort des Mitleidens und eine Warnung. Die Welt naht sich dem weiblichen Geschlechte bald als Wolf und bald als Schlange. Letzteres setze ich voraus bei den Leserinnen, und da - rum gilt ihnen die Warnung, während114 das Mitleid über ihren Kreis hinaus - geht. Es ist bekannt, wie es heuzutage Verhältnisse gibt, in denen junge Per - sonen bald der Macht der Versuchung erliegen, bald von teuflischer Bosheit mit List oder Gewalt eigentlich geraubt werden, wie Schafe von den Wölfen geraubt werden. Tausende von Seelen, die vielleicht die edelsten Anlagen be - sitzen, die unter andern Umständen ihrem Geschlechte zur Ehre und zum aufmunternden Vorbilde geworden - ren, werden in den Sumpf des Lasters hineingezogen und gehen unter in Schande und Elend. Die Dinge liegen so, daß auch Fernstehende es nicht bei einem wohlfeilen Mitleiden bewenden lassen dürfen. Ueberall gibt es Seelen, welche aus Leichtsinn und Unerfahren - heit dem Wolfe selber in den Rachen laufen, wenn nicht andere sie belehren, warnen und in Schutz nehmen. Es ist ein sehr verdienstliches Werk, bei dem Wir - ken für Mädchenschutz sich zu beteiligen.

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Wäre der Versucher als Wolf in das Paradies gekommen, so hätte er wahrscheinlich nicht viel angerichtet. Als Schlange ist er leider allzu glück - lich gewesen. Aus demselben Grunde naht die Welt den Leserinnen als Schlange. Sie legt es nicht darauf an, sie in den Abgrund des Lasters hinab - zuziehen. Sie ist zufrieden, wenn es ihr gelingt, im Herzen des Weibes ei - nen kleinen Winkel zu erobern, welcher Welt heißt. Damit hat sie schon sehr viel gewonnen. Denn in diesem Winkel setzt sich der Geist der Welt fest und wird bald das ganze Weib regieren. Es wird der Welt zu gefallen suchen, es wird den Umgang der Welt lieben und suchen, es wird sich der Welt gleich - förmig machen, es wird also in allem das Gegenteil von dem thun, was die Apostel uns einschärfen. Wenn das Herz einmal von Gefallsucht und Men - schenrücksichten regiert wird, so wird auch jenes Wort des Heilandes sich er -116 wahren, daß niemand zwei Herren dienen kann. In welchem Maße das Weib eine Dienerin der Welt wird, in dem - selben Maße wird es aufhören, eine Dienerin Gottes zu sein, wenn auch äußerlich nicht viel geändert wird. Wenn eine Mutter den Geist der Welt in sich aufgenommen hat, so wird sie, mag sie es nun wollen oder nicht, denselben un - fehlbar auch ihren Kindern einpflanzen, und in diesen wird er ohne Zweifel sich um einige Grade weiter entwickeln. So - mit hat die Welt eine wichtige Er - oberung gemacht, wenn es ihr gelingt, von dem Herzen einer Mutter Besitz zu nehmen.

Bei Frauen beschränkt sich das, was für sie die Welt ausmacht, auf einen ziemlich engen Kreis, die Verwandten, Freundinnen, Nachbarinnen, die nächste Umgebung. Der Verkehr besteht in dem täglichen Umgang, in der Teilnahme an Vergnügen und Unterhaltungen, in der Rücksichtnahme auf die sog. öffent -117 liche Meinung. Vielleicht kann die Lektüre sich auch als Beeinflussung durch die Welt herausstellen. Wenn in dem Kreise, in dem die Frau sich bewegt, durchweg ein guter Geist herrscht,