PRIMS Full-text transcription (HTML)
Die Philosophen aus dem Uranus.
Freymüthige Bemerkungen über den politischen, moralischen, und literarischen Zustand von Deutschland.
Si quis extiterit, qui se se laesum clamabit, is aut Conscientiam, prodet suam, aut certe metum. ERASMUS.      
Konstantinopel. 1796.
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Der Herausgeber an die Leser.

Nachdem Herrschel den neuen Planeten entdeckt, und durch diese Entdekung unter den Astronomen Europens, eine allgemeine Thätigkeit veranlaßt hatte, ihn zu beobachten und durch die tiefsinnigsten Rechnungen, seine Größe, seine Entfernung und seinen Lauf zu bestimmen; so ward von ihnen auch die Behauptung, als ein sichres Resultat ihrer Bemühungen festgesetzt, daß man im Uranus nicht wisse, daß wir Erdbürger, mit allen großscheinenden4 Armseligkeiten unsers Planetenballs existiren.

Indeß war diese Behauptung offenbar zu gewagt. Hätten sie die Astronomen mit der Einschränkung niedergeschrieben, daß die Existenz der Erde im Uranus unkannt seyn müßte, wenn nämlich seine Bewohner keine vollkommenere Werkzeuge zur Beobachtung entfernter Welt-Körper besizen, als wir; oder wenn sie eben so fest an ihren Planeten geheftet wären, als die Bürger der Erde an den ihrigen: nun dann hätte ihre Behauptung die höchste Evidenz gehabt; sie hätte ihrem Scharfsinn und ihrer Bescheidenheit gleich große Ehre gemacht, und sie wäre auch nicht, wie es wirklich geschah, durch den Erfolg widerlegt worden: deßwegen befanden sich diese Herren in einer5 nicht geringen Verlegenheit, und machten gewaltig grose Augen, als vor ganz kurzer Zeit zween Philosophen aus dem Uranus mitten in Deutschland auftraten, und ihnen dadurch ad oculum demonstrirten, daß auch unser Planet von ihnen beobachtet worden sey, gerade so, wie der ihrige von uns.

In einem Stücke behielten aber die Astronomen unsers Erdballs doch Recht. Die Philosophen aus dem Uranus bekannten ihnen, daß sie unsern Planeten auf dem ihrigen nicht beobachtet hätten, und bewiesen auch die Unmöglichkeit, einen Körper, der so viel mal kleiner ist, als derjenige, der ihnen zum Wohnplatz angewiesen worden, in einer so ungeheuren Entfernung zu bemerken; aber doch fuhren sie fort habt ihr zu oberflächlich und zu flüchtig geurteilt, und6 die Menschen im ganzen Weltall für so schwach und eingeschränkt angenommen, wie ihr selbst seyd. Wie sehr ihr euch hierinn betrogen habt, lehrt euch nichts deutlicher, als unsre Gegenwart. Eure Erde ist ein unbedeutender Punkt im grosen Schöpfungsreiche, und doch wähnet ihr, daß die Natur den ganzen Reichthum ihrer Gaben, über euch ausgegossen habe, und daß ihr nirgends übertroffen werdet. Gewiß euere Anmasung könnte kaum größer seyn!

Einer der wichtigsten Vorzüge, den der Himmel den Uranusbewohnern vor den Bürgern der Erde gegeben hat, ist das Vermögen, aus ihrem Planeten in andre Welt-Körper zu wandern, die Sprachen ihrer Bewohner zu verstehen, und sich ihnen wieder in denselben mitzuteilen. Von diesem7 Vorzuge machen besonders ihre Philosophen Gebrauch. Sie durchwandern dann ganze Systeme, und erstatten dann von ihren Bemerkungen ihren Königen, und dem wißbegierigen Theile ihrer Nationen, Bericht. Zween von diesen Philosophen Atabu und Elafu beobachteten während ihres Aufenthalts auf dem Jupiter, unsre Erde, und teilten diese wichtige Entdekung sogleich ihrem Könige mit. Dieser gab ihnen den schleunigen Befehl, sich ungesäumt reisefertig zu machen, und den neuen Planeten, dessen Existenz bisher auf dem Uranus unbekannt gewesen war, zu besuchen. Sie hatten den Auftrag, vorläufig nur eine Gegend der Erde zum Gegenstande ihrer Beobachtungen zu wählen, und dann, nach ihrer Zurükkunft, eine neue Gesandtschaft, die sich über den ganzen8 Welt-Körper ausbreiten sollte, zu unterrichten.

Atabu und Elafu liesen sich gerade in der Mitte von Deutschland nieder, und fiengen hier an, ihre Beobachtungen über die Erde und ihre Bewohner zu machen. Vor ihrer Rükreise verfaßten sie ihren Bericht an den König, der in ihrer Sprache Kalefa genennt wird; ein Wort, das ein einzelner Ausdruk aus unserer Sprache nicht erschöpft. Denn es bezeichnet einen Mann, der durch Weisheit und Tugend über Andre erhaben ist.

Die Philosophen würdigten den Herausgeber ihres Berichts, während ihres Aufenthalts auf der Erde, ihrer besondern Freundschaft; und Elafu hatte sogar das Zutrauen zu ihm, daß er ihm den ersten9 Entwurf ihres Aufsatzes als ein Geschenk zu seinem Andenken einhändigte. Zwar machte er sich dabey die Bedingung, daß ihn der Herausgeber sorgfältig in seinen Schrank verschliesen, und ja nicht in die Hände des Publikums kommen lassen sollte: denn er befürchtete, weil die Bewohner der Erde nichts weniger ertragen können, als Wahrheit, die ihre Eigenliebe beleidigt, die Bekanntmachung desselben dürfte für seine Brüder, die nach ihm unsern Planeten besuchen sollten, unangenehme Folgen haben. Allein ich glaube mein Gewissen nicht zu beschweren, wenn ich das Wort breche, das ich ihm gegeben habe. Denn ich halte dafür, teils, daß sich die Verbindlichkeit der Geseze der Moral, die dem Erdbewohner vorgeschrieben sind, nicht bis auf10 die Bewohner des Uranus erstrecke, teils, daß diejenigen, die sich durch die Urteile der Philosophen, beleidigt finden, klug genug seyn werden, ihr Griesgramen so viel möglich in sich zu verschliesen, und sich nicht erst durch die öffentlichen Ausbrüche desselben zu verrathen.

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An Kalefa, König auf dem Uranus.

Wir haben uns des Auftrags entledigt, den du, groser Kalefa! uns ertheilet hast. Wir legen hier die Beobachtungen, die wir in einem der grösten, volkreichsten, und mächtigsten Länder der neuentdekten Planeten gemacht haben, in tiefster Ehrfurcht vor deinem Throne nieder. Nichts ist uns schmeichelhafter als dein Beifall, und das Zeugniß wenn es dein Mund ausspräche 12 daß durch unsre geringen Bemühungen, die Kenntniß des unermeßlichen Reiches der Schöpfung etwas gewonnen habe. Zwar war es uns, bei der Kürze der Zeit, die uns zu dieser Entdekungsreise eingeraumt ward, unmöglich, etwas mehr als blose Bruchstücke zu liefern. Denn tiefe, und umfaßende Blike aufs Ganze, erfordern einen anhaltendern Fleiß, als wir, wenn wir deinem Befehl gehorsam seyn wollten, nicht anwenden konnten. Indeß haben auch fragmentarische Beoachtungen ihren grosen Werth, wenn sie nur richtig sind, und werden nicht selten die Veranlassung zur vollständigen Kenntniß der Sache, auf die sie sich beziehen. Wir werden übrigens mit all der Freymüthigkeit erzählen, die Kalefa so sehr zu schätzen weiß, und die wir uns zur gedoppelten Pflicht machen, einem Fürsten gegen über, der zu weise und zu gerecht ist, als daß sich die Wahrheit vor ihm in einen Schleyer verhüllen dürfte. Zwar kann es an sich keinen Fürsten auf dem Uranus beleidigen, wenn man ihm die Widersprüche, die Inkonsequenzien, und13 die Thorheiten erzählt, die dem Beobachter so haufenweise auf der Erde aufstoßen. Aber auf dem indirekten Wege, könnte doch der Erzähler für seine Ehrlichkeit und Treue den peinlichsten Lohn erndten, wenn seinen Nachrichten der Stempel der Aehnlichkeit mit den Begebenheiten in seinem eignen Kraise zu deutlich aufgedrukt wäre. Doch dieser Fall mag überall eintreffen, nur in dem Reiche des Kalefa nicht.

I.

Wir kamen gerade im schönsten Monate des Jahres, wo die Natur in ihrem lachendsten Gewande erscheint, und mit aller Schönheit pranget, die ihr der Schöpfer gegeben hat, auf der Erde an. Wir überließen die Richtung unsers Zuges ganz dem Zufall, und dieser führte uns denn in dasjenige Land, dessen Bewohner seit Jahrhunderten immer eine der ersten Rollen auf dem Erdtheater gespielt haben, nach Deutschland. So ziemlich im Mittelpunkte dieses grosen und schönen Landes mochten wir die Erde berührt haben. Es14 war ein schöner heitrer Morgen, als wir aus unserm Kahn traten, und eine ziemlich grose Stadt lag vor unsern Augen. Die Gegend umher, war mit allem Reize der Natur und der Kunst geschmückt, und die Straßen waren auf allen Seiten mit Menschen und Thieren besäet. Wir mischten uns unter sie, und zogen mit ihnen durch die Thore ein.

Es wäre unmöglich und zugleich auch unserm Zwecke zuwider die mannigfaltigen Eindrücke, die so viele neue Gegenstände auf uns machten, zu beschreiben. Wir befanden uns hier im eigentlichsten Sinn in einer andern Welt, wo beynahe alles mit den Sitten und Gebräuchen unsers Planeten im auffallendsten Kontraste stand. Wir waren kaum zu dem Thore hineingegangen, als sich uns sogleich die angenehme Bemerkung darbot, daß wir uns unter einem thätigen, industriösen und gewerbsamen Volke befinden. Denn alles war in Bewegung und geschäftig; unter dem Menschengewühle begegneten uns sehr viele Leute mit Werkzeugen zur Verfertigung der mannigfaltigsten Kunstprodukte,15 Lastträger und Verkäufer, und auf allen Straßen tönte das Geräusch der Wägen, auf denen Kaufmannsgüter hin und her geführt wurden. Ueberall fielen uns die Zeichen des Reichthums, des Ueberflusses, und des Luxus auf stolze Palläste, schöne Brücken, geschmakvolle Karossen, und ein auf dem Uranus ungewöhnlicher Pracht an Kleidern und Schmuck. Eine Art von Verzierung des Kopfes fiel uns als äuserst sonderbar auf, indem Männer und Weiber die Hare in krause Locken wickeln, und dergestalt mit Meel bestreuen, daß die natürliche Farbe derselben ganz verdeckt wird. Diese Beobachtung veranlaßte zwischen uns beyden einen sehr lebhaften Streit. Denn Elafu hielt diese weise Farbe der Hare für natürlich; Atabu aber für erkünstelt, und letztrer hatte das Vergnügen, von einem Erdbewohner selbst, bei dem wir über diese wichtige Angelegenheit Erkundigung einzogen, den Streit zu seinem Vortheil entschieden zu sehen.

Wir stellten uns auf dem Marktplatze der Stadt, auf die Stufen, die zum Hauptthore16 eines alten, grosen Tempels führen, und fuhren auf diesem erhabenen Standpunkte fort, das Menschengewühl zu unsern Füsen zu beobachten. Hier erst und das war in der That sonderbar fiel uns die kleine Statur der Erdbewohner auf. Zwar sind ihre Körper in Absicht auf die Form, genau so gebaut, wie die unsrigen, aber so schwächlich und zusammen geschrumpft, wie die Körper unsrer Zwerge. So sehr wir ihre Schwäche bewunderten, so sehr bewunderten sie unsre Gröse, und wir hörten sie hie und da zu einander sagen: sehet, zween Riesen aus einem fremden Lande! Die mannigfaltigsten Gestalten giengen vor dem Standpunkte, den wir gewählt hatten, vorüber. Da kamen Männer in schwarzen Talaren mit weissen Rädern um den Hals, und ungeheuren Harlocken, die bis auf die Hälfte des Rükens hinunter hiengen; andere mit schwarzen Mänteln und kleinen Schwerdtchen an der Seite, und einem ähnlichen Kopfputz, nur daß die Hare hinten in kleine schwarze Beutelchen zusammen gebunden waren; junge Herrn mit runden Hütchen,17 im leichten Gewande, und, in dieser schönen Jahrszeit, mit Handschuhen gegen die Kälte geschützt; Damen, deren Kopfputz genau die Form und die Gröse eines Bienenkorbes hatte, und die mit ihren langen Röcken, bei jedem Schritte eine Staubwolke hinter sich erhuben; ja einige Leute wurden gar in kleinen ledernen Häuschen getragen, eine Bequemlichkeit, die so sonderbar läßt, daß wir beide in lautes Lachen darüber ausbrachen. Ein ganzer Trupp bewaffneter Männer kam über den Platz herangezogen. Sie waren sehr niedlich gekleidet, und schienen nach einem festen Takt einher zu schreiten. Auch ihre Hare waren mit Meel bestreut, und auf ihrem Anzuge herrschte eine Pünktlichkeit und eine Reinigkeit, wie man sie kaum an den Gallatägen der Höfe auf dem Uranus findet. Ein Knabe, eben so gekleidet wie sie, trat stolz vor diesen Männern her, und schien ihr Befehlshaber zu seyn: Das sind unsre Helden! raunte dem Atabu ein neben ihm stehender Bürger ins Ohr. Helden? erwiederte Atabu, und ließ es gut seyn. Auf dem Markte liefen viele eckelhafte, schmuzige,18 und ärmlich aussehende Leute mit langen Bärten umher, und zeigten sich in allerhand Arten von Handlungsgeschäften äuserst thätig. Etliche von ihnen kamen zu uns auf die Treppe, und drangen mit der ungestimmsten Unverschämtheit in uns, daß wir ihnen allerhand Kleinigkeiten abkaufen sollten. Wir mochten ihnen sagen, was wir wollten, sie liessen nicht ab; und giengen diese, so kamen immer wieder andere. Noch zudringlicher als sie, war eine andre Art Menschen in zerlumpten Kleidern, welche schlechterdings Geschenke von uns haben wollten. Auch diese achteten all unsrer Demonstrationen nicht, und setzten uns in so grose Verlegenheit, daß wir die Stufen des Tempels verliesen, und uns in das Haus begaben, in dem wir durch die Vermittlung eines der obgenanten Helden, der sich uns wie sonderbar? zum Lehnlakay anbot, Herberge gefunden hatten.

II.

Wir erklärten unserm Lehnlakay, wie sehr wir uns dadurch geehrt finden, daß ein19 Verteidiger des Vaterlandes, ein Glied des ersten Standes im State, sich die Mühe gäbe, uns Fremdlingen Bekanntschaft und Bequemlichkeit in seinem Wohnorte zu verschaffen. Der gute Mann schien unsre Versicherungen nicht mit dem Ernst aufzunehmen, mit dem wir sie ihm ertheilt hatten. Wir glaubten deßhalb Ursache zu haben, sie zu wiederholen, und sie ihm mit noch verbindlichern Ausdrüken, aufs neue zu erteilen. Erst auf das wies er uns zu rechte, und sagte uns: Die Herrn scheinen aus einem fremden Lande zu seyn, wo der Stand der Soldaten vielleicht geehrter und reicher ist, als in dem unsrigen. Sie müssen aber wissen, daß in Deutschland die Soldaten gerade die ärmste, gedrükteste, und verachtetste Menschenklasse ausmachen, und daß ich sie gar nicht aus Wohlwollen oder Artigkeit bediene, sondern blos um der kleinen Belohnung willen, die ich von ihrer Güte erwarten zu dürfen glaube.

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Was? fiel ihm hie Elafu ein, die Vertheidiger des Vaterlandes, die Blut und Leben für die Ehre des Fürsten und für die Ruhe des Bürgers wagen, die sollen gerade die ärmsten, gedrücktesten, und verachtetesten Menschen in eurem Lande seyn? was ich unbegreiflich finde!

Nun war der Mann unerschöpflich in der Schilderung des Elends seines Standes. Es ist, sprach er, unter der ganzen Armee unsres Fürsten nicht ein Mann, der aus Neigung und Leidenschaft dient. Alle wählten eine andre Lebensart, wenn man uns nicht durch den härtesten Zwang in dem Kraise erhielte, in den man uns gröstenteils mit Gewalt hineingerissen hat. Unsre Löhnung ist so gering, daß wir uns bei ihr, wenn wir uns neben ihr nicht andre Nahrungsquellen öffneten, unmöglich des Hungersterbens erwehren könnten. Buben, die kaum erst der Schule entlaufen sind, macht man zu unsern Befehlshabern, weil sie der Zufall entweder mit einer glänzenden Geburt, oder mit grosen Reichthümern begünstigt hat. Diese21 machen sich’s zum Geschäfte, allen Muthwillen und alle Grausamkeiten, wozu die rohe Jugend am meisten aufgelegt ist, an uns auszuüben. Die Geseze, die uns vorgeschrieben sind, geben unsern Vorgesezten Schuz, bei allen Mißhandlungen, die sie sich gegen uns erlauben, und sagen ausdrüklich, daß wir uns erst dann über sie beschwehren dürfen, wenn wir das Unrecht, das sie uns zufügen wollen, schon erlitten haben. Bei dem geringsten Exzesse werden wir blutrünstig geschlagen, oder gar mit Ruthen auf den blosen Rücken gehauen, bis Haut und Fleisch auf die Erde fallen. Nur mit äuserster Mühe wirken wir die Erlaubniß aus, nach dem Rufe der Natur uns zu verheuraten, und haben wir sie erhalten, so bereiten wir uns gewöhnlich ein noch gröser Unrecht, und unsre Weiber und Töchter werden unsern Vorgesezten preis. Doch lassen Sie mich aufhören, meine Herrn! ich hab Ihnen genug gesagt, zum Beweise meiner Behauptung, daß in unserm State, kein Stand ärmer,22 gedrückter, und verachteter sey, als der Stand der Soldaten!

Schweigend sahen wir uns an, und fanden die Versichrungen des armen Mannes immer unbegreiflicher. Es dünkte uns schlechterdings nothwendig, daß unter einem Herrn, dessen Glieder mit der bittersten Armut ringen, und auf eine so unmenschliche Weise mißhandelt werden, aller Patriotismus und alle feinern Gefühle von Ehre und Tugend erstickt, der Mut am Tage der Schlacht gelähmt, und Treulosigkeit und Haß gegen die Vorgesezten erzeugt werden müsse; und unsre Vermutung ward zum Theil von ihm bestättigt. Gehts ins Feld fuhr er fort so lauft freylich alles davon, was Gelegenheit zum Ausreissen hat, und es ist nichts seltnes, daß die Officiere von ihren eignen Leuten, aus Rache erschossen werden. Demohngeachtet hat unser Heer bisher als eines der tapfersten auf der Erde geglänzt. Denn die ganze Art Krieg zu führen, ist bei uns so beschaffen, daß es bei weitem nicht so wohl auf den persönlichen Muth des gemeinen Mannes, als auf23 die weise Anordnungen der Vorgesezten ankommt, und man gewinnt Schlachten, während der Hälfte des Heers die Flucht viel lieber wäre, als der Sieg. Da ist eine Schaar gemeiner Streiter weiter nichts, als eine Maschine, die sich ohne Selbstthätigkeit, ganz mechanisch, nach dem Winke ihres Befehlshabers bewegt.

Die lezten Bemerkungen lösten einen grosen Theil unsrer Zweifel. Wir sagten dem gutmütigen Helden, wie die militärische Verfassung in unserm Lande durch die Weisheit und Milde unsers großen und guten Kalefa, eine ganz andre Einrichtung erhalten habe, und wie durch sie, unser Heer nicht nur stark und tapfer, sondern im eigentlichsten Sinn, unüberwindlich geworden sey. So fest wir ihn auch überzeugt sahen, daß derjenige Staat am besten beschüzt sey, zu dessen Verteidigung jeder waffenfähige Bürger bereit stehe, und wo eine grose Anzahl, gut belohnter und geehrter Männer, die mit dem reinsten Patriotismus noch den unerschütterlichsten Muth und die geprüfteste Erfahrung verbinden, den24 Gang der Unternehmungen leiten, so bewies er uns doch mit sehr vielen gewichtigen Gründen, daß diese Einrichtung in Deutschland so bald noch nicht anwendbar seyn dürfte, und erinnerte uns dadurch aufs neue, daß wir unser Glück, Bürger in dem Reiche des Kalefa zu seyn, bei weitem noch nicht genug kennen und schäzen.

III.

Unterdessen war der Besizer des Hauses, in dem wir Herberge genommen hatten, von dem Rathhause der Stadt zurückgekommen, auf dem er eine Stelle bei der Rechenkammer begleitet. Er sagte uns eine Menge angenehmer und verbindlicher Dinge, und wußte uns die Absicht unsrer Reise auf eine sehr feine Art abzulocken. Der Mann schien den wärmsten Patriotismus für sein Vaterland zu fühlen, und machte uns, in dem zuversichtlichsten, selbstgefälligsten Tone, die schönsten Schilderungen von dem Zustande desselben, nur blieb uns einiges in seinen Lobsprüchen dunkel, und manches stellte er als den glänzendsten Vorzug25 dar, bei dem wir, weil es Vernunft und Recht laut und dringend fordern, auf dem Uranus gleichgültig vorüber gehen würden. Er sprach viel mit Enthusiasmus von der Aufklärung seiner Nation und seines Zeitalters, und rechnete diese Aufklärung den Deutschen zu ihrem grösten Verdienste an, das sie auf eine sehr vortheilhafte Weise vor allen andern Völkern ihres Planeten, auszeichne. Dieser Ausdruk war uns neu, und schien uns desto bemerkenswerter, da der redselige Mann einen so ausserordentlichen Werth auf denselbigen legte. Wir waren daher äusserst gespannt, eine genaue, runde, und deutliche Bestimmung desselben, von ihm zu vernehmen, die er uns aber nicht zu geben vermochte, und aus seinen Reden selbst, konnten wir sie auch nicht ableiten, weil er mit dem besagten Ausdruck keinen festen Begriff verband, und ihn bald für umfassende Erkenntniß, bald für Freiheit von gemeinern Vorurtheilen, bald für Freigeisterei, bald für Empörungssucht, bald gar für sittliche Zügellosigkeit, zu nehmen schien. Eben so verwirrte26 er uns, als er von Toleranz und Preßfreiheit sprach, Ausdrücke, die wir auf dem Uranus nicht kennen, weil in der Masse unsrer Ideen, die Begriffe fehlen, die sie bezeichnen. Toleranz heißt nämlich die Duldung eines jeden Bürgers im Stat, ohne Rücksicht auf seine religiösen Ueberzeugungen, und Preßfreiheit, die Erlaubniß alle Resultate des Forschens über Gegenstände der menschlichen Erkenntniß, laut vor dem Publikum zu sagen; und dieß, daß man in Deutschland jene Duldung übe, und diese Erlaubniß jedermann gestatte, rechnete er seiner Nation zur grösten Ehre, und zum sichersten Merkmal ihres hohen Kulturzustandes an. Der Mann konnte sich nicht in unsre Verwunderung über die Sonderbarkeit seiner Lobsprüche finden, und geriet in eine sichtbare Bestürzung, als wir ihm rund und frey erklärten, jene Duldung und diese Freiheit, scheinen uns dieses Posaunentones gar nicht wert zu seyn. Denn, fuhren wir fort, der Schuz des States und der Genuß der bürgerlichen Rechte, sey von den religiösen Ueberzeugungen des Menschen27 ganz unabhängig, und die Bekanntmachung der Resultate des Forschens der Vernunft, sey ein so natürliches Recht des Menschen, daß es nur der abscheulichste Despotismus oder die finsterste Barbarey wagen können, es anzutasten. Ja, sezte Atabu hinzu, einen Stat wegen der darinn herrschenden Toleranz und Preßfreiheit mit Lobsprüchen krönen wollen, kommt mir gerade so vor, als wenn jemand sein Vaterland über das grose Glück priese, daß man darinn frey athmen dürfe. Denn nach Ueberzeugung zu glauben, und seine Ueberzeugungen laut zu sagen, ist ein eben so unveräusserliches Recht der Menschheit, als das Recht frey zu athmen. Und bemerkte Elafu, es deucht mir, man habe euch Deutschen diese Rechte etwa schon einmal genommen, weil ihr mit dem Besize derselben so viel Aufhebens macht. Denn gewöhnlich bleiben wir gegen die vortreflichsten Gaben der Natur gleichgültig, und fühlen ihren Werth bei weitem nicht ganz, so lange wir ruhig im Besize derselbigen gelassen werden. Aber haben wir sie einmal verloren, so sehen28 wir erst ein, wie sehr sie uns beglückt haben, und erhalten wir sie dann wieder, so tritt in die Stelle der vorigen Kälte und Gleichgültigkeit, die höchste Freude und die innigste Werthschäzung des wieder erlangten Gutes.

Diese kräftigen Widersprüche versenkten den redseligen Mann plözlich in ein tiefes Stillschweigen. Kommen Sie, unterbrach er es endlich, kommen Sie, meine Herrn! ich will sie zu einem meiner Hausgenossen führen, der ein gelehrter Mann und ein berühmter Schriftsteller ist; mag der die Sache unsrer Nation verteidigen! Ha sprach Atabu, ein Schriftsteller! wir wünschen uns Glük, ihm so nahe zu seyn. Aber merken Sie, ein Schriftsteller, nach den Begriffen unsres Landes, berechtigt zu grosen Erwartungen! Gewiß, Ihre Erwartungen werden nicht getäuscht, fuhr er fort, und hieß uns ihm nachfolgen.

IV.

Es gieng durch eine lange Wendeltreppe hoch hinauf bis unters Dach. Wir traten29 in ein kleines, dürftiges Stübchen, das auf allen Seiten, statt der Tapeten, mit Büchern ausgeziert war. Ein groses Pult, ein par hölzerne Stühle, und ein zerbrochener Krug verkündigten die eingeschränkten Bedürfniße des Bewohners. Auf dem Kamin lag eine Menge weißer, langer Röhren, am Ende mit runden Köpfchen, die alle mit Asche angefüllt waren, und zu chymischen oder physikalischen Versuchen zu dienen schienen. Ein kleines Männchen, in einem weiten Schlafrok eingehüllt, und mit einer härenen Müze eine in Deutschland sehr gewöhnliche Art von Kopfpuz bedeckt, sprang bei unserm Eintritt vom Schreibpulte auf, und versicherte uns mit tausend Bücklingen, wie sehr er sich freue, uns bei sich zu sehen. Der mißliche Eindruk, den die dürftige Dachstube, und die kleine ärmliche Zwergfigur auf uns gemacht hatte, ward noch vergrösert, als uns das Männchen sogleich, ohne Veranlassung, mit seinen schriftstellerischen Geburten und Planen bekannt machte, und von sich selbst in30 einem Tone sprach, als wenn sein Name im ganzen Reiche der Schöpfung bekannt wäre. Elafu, selbst Schriftsteller, und folglich aus eigner Erfahrung mit den Schwachheiten seiner Zunftgenossen bekannt, und aus eben dieser Erfahrung überzeugt, daß nichts für einen Schriftsteller beleidigender ist, als wenn er hören muß, daß nur ein Mensch auf Gottes Boden irgend eines seiner Produkte nicht kenne, Elafu entschuldigte sogleich unsre Unbekanntschaft mit den Schriften unsres Mannes auf eine ziemlich annehmliche Weise, mit der Entfernung unsers Vaterlandes von dem seinigen, und sezte noch das Kompliment hinzu, daß uns, so bald wir die Gränzen Deutschlands betretten haben, der Ruhm seines Namens entgegen gekommen sey, und daß uns dieser grose Ruf seiner Gelehrsamkeit veranlaßt habe, ihn um seinen Rath über die Einrichtung unsrer Wandrungen auf der Erde, zu bitten.

O wie bedaure ich’s, fiel hier das Männchen ein, in dem er sich zum Zeichen31 seines Aergers mit geballter Faust vor die Stirne schlug, wie bedaure ich’s, daß Sie nicht ein par Monate später gekommen sind! Sehen Sie, da hab ich eben eine Reisebeschreibung durch Deutschland in der Arbeit, und die wäre für Sie der sicherste Führer auf ihren Wandrungen gewesen. Sie umfaßt in gedrängter Kürze alles Interessante, was unser Vaterland enthält, und stellt die Quintessenz alles dessen dar, was die neusten Reisenden, Geographen, und Statistiker über Deutschland gesagt haben.

Sie ist also nicht eigentlich Darstellung Ihrer eignen Beobachtungen? unterbrach ihn Elafu.

Nichts weniger, fuhr das Männchen fort; ich habe mich auch in meinem ganzen Leben keine sechs Meilen aus meinem Mittelpunkt bewegt.

Also wäre, versezte Elafu, die Reisebeschreibung eine kleine Täuschung?

Ja! sagte das Männchen; oder wenn Sie lieber wollen, ein frommer Betrug. Sehen Sie, wir Schriftsteller müssen32 uns nach dem Geschmak unsrer Leser richten, sonst sezen wir unsre Produkte nicht ab, und arbeiten vergeblich. Gegenwärtig sind Reisebeschreibungen die Lieblingslektüre der Lesewelt. Da sammle ich denn die Materialien aus andern Schriften, und ordne sie so an, wie sie etwa einem Reisenden aufstosen würden, und damit ist das Buch fertig. Das Publikum erhält Unterhaltung und Belehrung, der Schriftsteller seinen Lohn, und beyde Theile sind befriedigt.

Es scheint demnach, bemerkte Atabu, daß Schriftstellerey eine Art von Gewerbe auf eurem Planeten ist?

Allerdings; erwiederte das Männchen mit der härnen Müze, nur ist unser Gewerbe das grundehrlichste, und das gemeinnüzigste (beydes, dachten wir, läßt sich noch bezweifeln) das man treiben kann: denn wir vereinigen immer mit unserm Vortheil den Nuzen des Publikums, und sättigen unsern Leib, während wir unsern Lesern Nahrung für den Geist verschaffen. Leyder aber ist unser Gewerbe bei weitem nicht mehr so einträglich,33 als es vor Zeiten war. Es haben sich zu viele Stümper in unsre Innung geschlichen, und wie es allen Manufakturisten geht, so geht es auch uns; je mehr sich die Menge ihrer Waare vergrösert, je tiefer fällt ihr Preis. Ich kann mich gar wol der schönen Zeit noch erinnern, da mir der gedruckte Bogen mit einem neuen Louisd’or bezahlt wurde; aber nun muß ich alle Triebwerke in Bewegung sezen, bis ich nur einen Thaler von meinem Verleger erbettle. Natürlich müßte man bei diesem Spottgelde hungern, wenn man die Kunst nicht verstünde, mit weniger Mühe viele Bögen zu füllen. Sehr leicht entschädigt sich ein Meister in der Kunst gegen die Niedrigkeit des Preises, durch die Menge der Waare, die er liefert.

Ein feiner Zunftgenosse! raunte Atabu dem Elafu in der Sprache des Vaterlands ins Ohr. Dieser war aber viel zu sehr entrüstet, als daß er im Stande gewesen wäre, mit dem Einwurf an sich zu halten, daß die Produkte eines Schriftstellers nothwendig in dem Maase an innerm Wert verlieren müssen, in welchem die34 Zahl derselben vergrösert wird. Es war aber dem kleinen Männchen ein leichtes, diese Bedenklichkeit hinwegzuweisen. Es ist, bemerkte er lächelnd, um den innern Wert der Bücher so eine eigne Sache. Ich halte dafür, daß man von keinem Buch im Allgemeinen sagen kann; es ist gut, oder schlecht, denn ein jeder Schriftsteller findet für sein Produkt ein gewisses Publikum, von dem es gelesen wird, und bei dem es gefällt. Für dieses ist sein Produkt immer gut, wenn es gleich in einem andern Cirkel mit Gleichgültigkeit hinweggelegt, oder gar als elend in den Kamin geworfen wird, denn es verschaft hier den Lesern Unterhaltung, Vergnügen, und Unterricht, und erreicht folglich die Absicht, die der Verfasser desselben bezielt hat. Dieser Grundsaz, fuhr er fort, bestimmt alle meine Urtheile über die literarischen Erzeugniße unsres Landes, die ich von Amtswegen in dem kritischen Journale fälle, dessen Redakteur zu seyn, ich die Ehre habe. Sie sehen hier zwölf dicke Bände desselben, und es erhält sich noch35 immer mit steigendem Beyfall, hauptsächlich durch die milden Grundsäze, nach denen die Recensionen der neuern Schriften gefertiget werden.

Ha fiel ihm hier Atabu ein, Sie erscheinen uns immer von einer wichtigern Seite. Sie sind also nicht blos Schriftsteller; Sie sind auch Richter über die Werke andrer; und dieß ist uns Beweis, daß Ihnen Ihr Vaterland den Rang vor dem grösten Theile ihrer Zunftgenossen angewiesen haben muß.

Je nun erwiederte das Männchen die Herren scheinen selbst von Profession zu seyn; wir dürfen also immer offenherzig mit einander sprechen. Es wird in Ihrem Vaterlande sich verhalten, wie in dem meinigen. Wir werden eigentlich nicht auf den kritischen Richterstuhl erhoben; wir sezen uns selbst darauf. Indeß wenn diese Würde gleich kein sichres Merkmal des hervorragenden Verdienstes ist, so gewährt sie doch mehr Gewinn, als jede andre Art von Schriftstellerey. Man wirbt Mitarbeiter,36 denen man eine Kleinigkeit bezahlt. Da finden sich überall Leute genug. Denn bei uns wenigstens, juckt einem jeden, der nur ein wenig mit der Feder umzuspringen weiß, der Schriftstellerkizel in den Fingern. Dann kommen die Autoren, und präsentiren dem Kritiker in submissen Briefen ihre Produkte, bitten um ein gnädig Urtheil, und fügen ihren Supliken gewöhnlich einen Küchengrus bei. Sind die Bücher rezensirt, so schlägt man sie im Aufstriche los, und das giebt so alle Jahre wieder ein hübsches Sümmchen. Dabei laufen für das Intelligenzblatt, das dem Journale beigelegt wird, Ankündigungen, Katalogen, Vertheidigungen, Selbstrezensionen, und andre Insertionsstüke ein, und jedes trägt, nach den Umständen seine Frucht.

Wir hatten nun genug gehört, und vermochtens nicht mehr, unsere immer höher emporsteigende Galle zurükzudrüken. Wir verabschiedeten uns von dem eigennüzigen, dummen, albernen Schuft von Schriftsteller, und bemitleideten eine Nation, die von37 ihren Lehrern auf eine so schurkenmäsige Weise geprellt wird. Elafu war gar aufs äuserste empört, und zürnte mit der heftigsten Entrüstung, die Treppe hinunter, über diesen Verfall seines Berufs auf der Erde, über den frommen Betrug über das Aequivalent für die Geistesnahrung über den gleichen Wert aller Bücher und über hie Küchengrüse der Autoren.

Das kleine Männchen ließ uns nicht Zeit von unserm Unwillen zurückzukommen. Wir hatten uns kaum auf unserm Zimmer ausgekleidet, als sein Junge mit einem ungeheuren Pack Bücher, und mit den Worten in die Thüre trat: Hier die sämtlichen Schriften des Herrn Magisters Staupizius! Zugleich überreichte er ein Zettelchen, worauf der Wert derselben auf fünf und zwanzig Reichsthaler berechnet, und die plözliche Berichtigung des Betrags mit den demüthigsten Ausdrücken erbeten ward. Elafu stimmte für die Zurücksendung des Pakets, und glaubte dadurch die Zudringlichkeit des unverschämten Schmierers am empfindlichsten bestrafen38 zu können. Atabu aber, in der Hofnung, das Paket als eine Beylage zu diesem Berichte nüzen zu können, nahm dem Jungen seine Bürde ab, und zahlte ihm die Forderung, unter dem heftigsten Schimpfen und Toben seines erzürnten Kollegen aus. Wir machten uns den Abend hindurch das Geschäfte, die opera omnia des saubern Autors durchzulaufen. Wir fanden aber darinn einen so unermeßlichen Schwall von Sottisen und Albernheiten, daß wir’s für die frevelhafteste Entweihung deines geheiligten Thrones, groser Kalefa! hielten, uns demselben mit diesen stinkenden Exkrementen des menschlichen Unsinns, zu nahen. Nachdem wir uns die Zwerchfelle ziemlich erschüttert hatten, übergaben wir das ganze, grose Paket unserm Lehnlakay, und stellten es ihm frei, es entweder an den Gewürzhändler zu Pfefferdüten zu verkaufen, oder seinen Kamin damit einzuheizen, oder es zu einem gewissen andern Gebrauche anzuwenden, den uns der Wohlstand, dem mächtigsten Könige des Uranus gegen über, zu nennen, verbeut. Mit den Betrachtungen,39 die sich uns bei dieser Gelegenheit, über den Zustand der Literatur unter einem Volke, zudrangen, unter dem Schriftstellerey bis zu einem eigentlichen Handwerke herabgesunken ist, und solch unsinniges und extradummes Zeug gedrukt und gelesen wird, wollen wir dich, weiser Kalefa! nicht belästigen, zumal da wir blos berufen sind, Thatsachen zu referiren, und da du überdieß, nach der Weise der meisten Grosen dieser Welt, in den Berichten deiner Diener die Kürze liebst.

V.

Am folgenden Tage feyerten die Bewohner der Stadt ein Fest zu Ehre ihrer Gottheit. Nichts war uns erwünschter, als diese Gelegenheit mit ihren religiösen Meinungen und Gebräuchen bekannt zu werden, weil uns die Religion eines Volkes eines der sichersten Kennzeichen seines Kulturzustandes zu seyn scheint. Wir verfügten uns in den grosen Tempel, auf dessen Schwellen wir den Tag zuvor unsre ersten Beobachtungen40 über die Bewohner der Erde gemacht hatten. Aber wie betretten waren wir, als wir in das Innere dieses heiligen Gebäudes hineingekommen waren? Stelle dir, groser Kalefa! das gerade Gegenteil unsrer uranischen Tempel vor, und deine Vorstellung wird demjenigen ziemlich entsprechen, in dem wir der Verehrung der Gottheit nach der Weise der Erdbewohner, beywohnten. In unserm Planeten scheinen längst alle Baumeister und all ihre Rathgeber darinn überein zu seyn, daß das Gebäude, in dem man sich versammlet, um dem höchsten Wesen seine Anbetung und Huldigung zu bringen, und sich durch die Betrachtung seiner Eigenschaften zum Guten zu ermuntern, Heiterkeit, Wohlbehagen und Freude in dem Herzen des Beters und des Zuhörers erwecken soll, und in unsern meisten Tempeln ist auch alles angewandt, was die Kunst des Baumeisters, des Bildhauers, und des Mahlers vermag, diese glüklichen Empfindungen hervor zu bringen, die die Seele den Eindrüken der Religion41 aufschlüsen. Nicht so in der deutschen Stadt, in der wir uns befanden. Der Erbauer dieses Tempels schien sein ganzes Talent aufgeboten zu haben, um alles, was Schauer, Furcht und Schwehrmut erregen kann, darinn zu vereinigen. Das mit der höchsten Kühnheit gesprengte Gewölbe, die ungeheuren Pfeiler, die kolossalischen Statüen, die mit elenden Figuren beklechsten Fensterscheiben, die in den Gemälden dargestellten Scenen aus der Hölle, die graue Farbe der Wände machen das Ganze so finster, traurig, und schauerlich, daß in dem Herzen dessen der hineintritt, nothwendig solche Empfindungen entstehen müssen, die denjenigen gerade entgegen gesezt sind, die man an diesem Orte am meisten rege zu machen suchen sollte. Ja, um das Schauerliche bis auf den höchsten Grad zu treiben, hatten sie so gar das Bild eines Gekreuzigten, mit allem Ausdruk eines schmerzhaften Todes, im Hintergrunde der Kirche, auf einem Altar aufgestellt.

42

Welche Begriffe, bemerkte Elafu, muß sich ein Volk von einer Gottheit machen, die es in einem solchen Tempel anbetet! Die Frage ward bald gelößt.

Die versammlete Gemeinde begann einen mit Musik begleiteten Gesang, der uns in der That innig rührte, und mit frommer Ehrfurcht, und anbetendem Gefühl der Majestät Gottes, erfüllte. Der Gesang schwamm so langsam und feierlich dahin, wie ein Gesang, der der Gottheit gesungen wird; und die ganze Menge der Anbetenden stand so stille und andachtsvoll, indem sie den Mund zum frohen Preise des höchsten Wesens öffnete! Nach einer kleinen Weile trat ein Priester, alt an Jahren, in ein schwarzes und weises Gewand gekleidet, und mit einer ungeheuren härenen Müze geziert, deren Locken sich auf dem weisen Rad, das seinen Hals umgab, weit ausbreiteten, in der Mitte des Tempels auf einer Rednerbühne auf. Wir waren sehr gespannt. Wir glaubten nach einem so rührenden Gesange berechtigt zu seyn, eine Rede von gleicher43 Würde und von dem nämlichen Nachdrucke zu erwarten. Allein wir wurden sehr getäuscht.

Der Redner versprach seinen Zuhörern die Frage zu beantworten: was haben wir zu thun, damit wir selig werden? durch dieses Versprechen spannte er unsre Aufmerksamkeit noch mehr: denn eine Beantwortung dieser Frage, ließ uns eine kurze Darstellung seiner ganzen Religionstheorie erwarten, da ein jeder Religionsunterricht keinen andern Zweck haben kann, als den, den Menschen zur Erreichung wahrer Glükseligkeit anzuweisen. Allein er behandelte die Frage so, daß wir unmöglich etwas Zusammenhängendes aus seinem Vortrage heraus nehmen konnten, und manches schien uns so sinnlos und widersprechend, daß wir’s nicht begreiflich fanden, wie sich in dem Kopfe eines Menschen solche absurde Vorstellungen bilden können, und dieß führte uns auf die Vermutung, daß der Redner von uns mißverstanden werden dürfte. Auf dem Uranus würde bei dieser Frage,44 in dem mittelmäsigsten Kopfe, zuerst die Idee von reiner Sittlichkeit als einziger Bedingung aller wahren Vollkommenheit und Glückseligkeit, erwachen; allein diese Idee schien unserm Priester ganz fremde, und er verbreitete sich mit groser Weitläufigkeit über andere, von der Hauptsache zum Teil ganz unabhängige Vorstellungen, während er diese nur mit zweyen Worten flüchtig berührte. Zuweilen schien im Strome der Gedanken jene richtige Idee sich mit einzumischen; aber er sprang jedesmal so gleich wieder von ihr ab, und es hatte das Ansehen, als wenn er sich geflissentlich bestrebte, ihr auszuweichen. Dagegen aber war er unerschöpflich, wenn er auf gewisse rohe, sinnliche Begriffe kam, die er auf alle Seiten wendete und drehte, und mit denen er sich besonders wol zu gefallen schien. So konnte er z. B. nicht häßliche Bilder genug finden, um das moralische Verderben der Menschen so grell als möglich abzumahlen. Er fiel hier in die grösten Uebertreibungen, die einen gänzlichen Mangel psychologischer Kenntniße45 verrieten, und widersprach sich auch mit unter selbst, in dem er dieses Verderben für natürlich erklärte, und doch zugleich die Schuld desselben, dem freyhandelnden Menschen zurechnete. Eben so lange wälzte er einen andern noch viel rohern Gedanken, der die niedrigsten Begriffe von den moralischen Eigenschaften des höchsten Wesens voraussetzte. Er behauptete nämlich ganz bestimmt und zu wiederholten malen, daß Gott voll Grimmes über die Menschen sey, die sich auf moralische Abwege verirrt haben; daß er sie ewigen, unendlichen Martern in der Hölle übergäbe, und daß sein Zorn nur durch Blut wieder gestillt werden könne; Vorstellungen, die alles übertreffen, was je falsche Philosophie, oder Mangel des Vernunftgebrauchs Unsinniges auf unserm Planeten ausgebohren hat. Am Ende seiner Rede ließ er einige bestimmte Worte über die Bedingung der Seligkeit fallen, und sezte sie in den Glauben an gewisse Lehren, ohne die reine Sittlichkeit auch nur von ferne zu berühren.

46

Durch diesen Vortrag wurden unsre Köpfe mit so vielen sich durchkreuzenden Ideen angefüllt, und so sehr auf dieselben hingehalten, daß wir die weitern gottesdienstlichen Uebungen des Volks, nicht mehr mit Aufmerksamkeit beobachten konnten. Wir wissen nun so viel als zuvor; sagte Elafu, als wir auf unser Zimmer zurükgekommen waren. Ich kann mich, fuhr er fort, unmöglich überzeugen, daß der Redner mit seinen Ausdrüken die nämlichen Begriffe verbindet, die er durch sie in uns geweckt hat: denn wäre unser Sinn der Seinige, so schien ja seine Religion ganz darauf angelegt, alle moralische Thätigkeit in dem Menschen zu unterdrüken, folglich gerade das Gegentheil von dem zu bewirken, was andre vernünftige Geschöpfe durch die Religion bezielen. Atabu war nicht ganz der Meinung seines Kollegen, und fand es sehr begreiflich, daß sich solche Ideen unter einem Volke, das noch auf einem niedrigen Grade der Kultur stehet, fixiren und eine Zeitlang erhalten; ja, fuhr er fort, diese Ideen47 scheinen bei allen Völkern die Elemente der Religionskenntniß zu seyn, aus denen sie, bei dem fortschreitenden Wachsthum der Vernunft, erst allmälich, die reinern Begriffe entwickeln. Elafu beharrte aber noch immer bei seiner Meinung, und glaubte, daß die andern Zeichen von Kultur, die wir schon in Deutschland bemerkt hatten, sichre Beweise seyen, daß die Nation jene reinern Begriffe längst schon entwikelt haben müsse. Doch bemerkte er schießt mir eben ein Gedanke durch den Kopf, der vielleicht das ganze Rätsel löst. Vielleicht teilen sich die Glieder der Religionsparthei des Predigers in zweyerlei Klassen, nämlich in die esaterische und exoterische, von denen die leztere für die reinern Ideen der ersten noch nicht empfänglich ist, und folglich, bis zur grösern Reife ihrer Geistes anlagen, durch sinnliche Begriffe geleitet werden muß! In diesem Gedanken gefiel sich Elafu so wohl, daß er jeden Einwurf darwider zuversichtlich hinwegwies, und seinem Amtsgenossen den Vorschlag machte, heute48 noch eine gottesdienstliche Versammlung zu besuchen. Vielleicht, sagte er, führt uns das Glück gerade in einen Tempel der Esoteriker!

VI.

Elafu hatte in der That das Vergnügen, seine Vermutung auf eine Weile bestättigt zu sehen. Wir giengen in einen Tempel zu nächst an unserm Wohnhause, und fanden hier zwar vieles so, wie in dem, welchen wir Vormittags besucht hatten; aber doch war dieses Gebäude weit freyer und heller, und nicht mit so vielen unnöthigen und geschmaklosen Zierrathen überladen, als das erstre. Sieh! sagte Elafu, als wir uns ein wenig darinn umgesehen hatten, gewiß der Tempel der Esoteriker! Je roher der Mensch, je weniger für sanfte Eindrüke empfänglich! Kannst du noch einen Augenblik zweifeln, daß der finstre, trübe Tempel, in den wir Vormittags traten, für die weniger Gebildeten bestimmt ist, auf deren Herzen man nur durch die Gestalten49 der Furcht und des Schrekens, wirken kann? Hier siehst du nichts von alle dem! Hier ist der Versammlungsplaz der Erleuchteten, die die Wahrheit ohne Hülle ertragen können, und ihre Kraft an sich erfahren, ohne daß sie durch einen Zusaz aus der Sinnenwelt verstärkt wird. Der Redner trat auf, und begann mit einem Gebete voll Würde und Feuer, das die reinsten Begriffe von dem höchsten Wesen atmete, und in der gebildetesten und kraftvollsten Sprache vorgetragen ward. Das Gebet war noch nicht geendigt, als Elafu seinen Kollegen, voll Freude über seine glükliche Vermutung, zu wiederholten malen recht derb, mit dem Elnbogen in die Seite stieß, und ihm triumphirend zuflüsterte: gelt! wie ich’s errathen habe!

Die Rede, die wir hier anhörten, war freylich das gerade Gegenteil von derjenigen, die einige Stunden zuvor, einen so zweydeutigen Eindruk auf uns gemacht hatte. Sie enthielt die reinste und erhabenste Philosophie über die Bestimmung des Menschen, in ein50 schönes und allgemein gefallendes Gewand eingekleidet. Der Redner sprach von dem Streben des Menschen nach stetem Wachsthum am moralischen Werte, so gründlich und richtig, als irgend ein Philosoph unsrer Akademie; in der Gewandtheit aber, mit der er die sublimsten Wahrheiten dem mittelmäsigsten Kopfe anschaulich zu machen, und allgemeines Interesse für sie zu erregen wußte, ließ er sie alle weit hinter sich zurücke. Er widersprach seinem Kollegen gerade zu, und schärfte es seinen Zuhörern dringend ein, daß nur Sittlichkeit den Menschen würdig und glükselig mache, und daß jeder Kräfte habe, in ihr stets zu wachsen und vollkommener zu werden. Er riß uns durch seine Beredsamkeit so dahin, und wir fühlten unsre Herzen so von ihm überwältigt, daß wir’s nicht mehr vermochten, ihm in der kritischen Rüksicht zuzuhören. Wir vergasen Esoteriker und Exoteriker; priesen das Glück einer Nation, unter der solche Religionsvorträge an Versammlungen aus allen Ständen, zum Teil aus dem niedrigsten Pöbel, gehalten werden, und beschlosen,51 sogleich nach geendigtem Gottesdienst, den weisen Priester zu besuchen.

Wir wurden von ihm mit der herzlichsten und unverstelltesten Gefälligkeit aufgenommen. Atabu erklärte ihm die Absicht unsres Besuches, und bat ihn besonders um Erläutrung über die Frage: wie sein Vortrag mit dem, den wir am Morgen des Tages gehört hatten, vereinbar sey? Dadurch veranlaßten wir den zuvorkommenden Mann, zu einer ausführlichen Darstellung des Religionszustandes in seinem Vaterlande, die uns vielleicht niemand treuer und richtiger hätte geben können, als eben er. Wir werden uns am wenigsten von der Wahrheit entfernen, wenn wir Dir, groser Kalefa! seine Schildrung, so weit uns unser Gedächtniß nicht täuscht, mit seinen eignen Worten wieder zu geben suchen.

Vor ungefehr achtzehnhundert Jahren, lebte in einem Lande, das in groser Ferne von uns gegen Morgen liegt, ein weiser Mann, mit den deutlichsten Merkmalen eines göttlichen Berufes ausgerüstet, voll uneigennüziger52 Menschenliebe, und reiner, unbeflekter Güte des Charakters. Jesus Christus war der Name dieses grosen, mit übermenschlichen Fähigkeiten begabten Mannes. Er, begeistert durch den edelsten Enthusiasmus für das Glük seiner Zeitgenossen und der Nachwelt, begann, mit der weisesten und rastlosesten Thätigkeit, auf den Verstand und das Herz der Menschen zu wirken; ihre religiösen Irrtümer und Vorurteile zu bestreiten, und sie zu einer vernünftigern und würdigern Verehrung der Gottheit anzuweisen. Das Volk, unter dem er auftrat, hieng an den schädlichsten, durch Unwissenheit und Eigennuz gebildeten Grundsäzen, von Gott und seinem Dienste; und noch tiefer als dieses, waren andre Völker der Erde, neben ihm in Finsterniß und Sittenlosigkeit, hingesunken. Zwar fühlten sie alle, das in dem Herzen des gebildeten Menschen unvertilgbare Bedürfniß, einer Verehrung der Gottheit. Aber bei der unter ihnen herrschenden Sinnlichkeit, gegen die sich die Vernunft einiger Weisen nur vergeblich auflehnte, sezten53 sie diese Verehrung in äusre, zwecklose Gebräuche, denen sie sich gewissenhaft unterwarfen, während sie den allein wahren Dienst Gottes, der durch reine Tugend geleistet wird, darüber versäumten. Diesen Irrthümern stemmte sich Christus, voll Eifers für Wahrheit, Sittlichkeit und Menschenwohl entgegen, und lehrte seine Zeitgenossen, die von ihnen verkannten Grundsäze, vom Vatersinn Gottes gegen die Menschen, vom hohen Werte wahrer Tugend, von der Gleichgültigkeit äussrer Gebräuche, und von der stets wachsenden Vervollkommung aller unsrer geistigen Kräfte, die durch reine Sittlichkeit bewerkstelliget wird.

Ob nun gleich Christus von dem grösten Teile seiner Zeitgenossen verkannt, und so gar als ein Uebertretter der Geseze des States und der Religion, hingerichtet wurde; so fand doch seine Lehre bei vielen Menschen, die Sinn für Wahrheit und Tugend hatten, Beyfall, und breitete sich, troz all der Verfolgungen, die sich der Fanatismus gegen ihre Bekenner erlaubte, mit einer unglaublichen54 Geschwindigkeit über einen grosen Teil der Erde aus, und wurde nach einem kurzen Zeitverfluß unter demjenigen Volke öffentliche und autorisirte Religion, dem die meisten andern Nationen unsres Planeten unterwürfig waren. Durch grose, politische Revolutionen geschah es in spätern Zeiten, daß diese Religion ihr Muterland, den Orient, verlies, und sich dagegen desto weiter in den occidentalischen Provinzen der Erde, verbreitete, und fest sezte.

Sehr bald kamen die Anhänger dieses grosen Meisters von der ursprünglichen Reinigkeit seiner Lehre zurück, und mehrere Jahrhunderte hindurch, schritten sie auf dem Pfade, der sie von seinem Sinn und Geist hinwegführte, immer weiter fort. Es traten in den ersten Zeiten des Christenthums, Leute von den mannigfaltigsten Sekten zu seinem Bekenntnisse über. Ein jeder bildete die christliche Religionstheorie in seinem Kopfe, nach dem System von Säzen, das zuvor in demselbigen gelegen war. Die Philosophie gab den religiösen Begriffen ihre Form. Man55 begnügte sich nicht Jesu Aussprüche willkürlich zu erklären, und durch selbsterfundene Zusäze zu erweitern, sondern man drang diese Erklärungen und Zusäze auch andern als notwendige Glaubenswahrheiten auf, und verfolgte so gar diejenigen mit Feuer und Schwerdt, die sich gegen diese empörende Tyranney auflehnten. Je mehr die Kirche Ruhe vor äusern Feinden erhielt, je mehr nahmen diese Entstellungen ihrer Lehre, überhand. Es vereinigte sich mit der falschen Philosophie des Zeitalters noch das Interesse der Priester, die sich all, nämlich zu weltlichen Herren aufwarfen, sich die unumschränkteste Obergewalt über Gewissen und Ueberzeugung anmaßten, und sich von dem Muster ihres Meisters so weit entfernten, daß auch nicht mehr ein Schatten desselben unter ihnen übrig blieb. Die von ihnen gebildete Religion, war nichts weniger mehr als Religion Christi, sondern vielmehr ein drükendes Joch für die Menschheit, ein Zaum für die Vernunft, ein Pfuhl für die Lasterhaften, und ein Werkzeug des Eigennuzes. Man fieng56 an, dieß Verderben zu fühlen, und es erhub sich eine grose Partei in der Christenheit, die sich von ihren Glaubensgenossen los rieß, die Lehren und die Gebräuche verbesserte, und sich bemühte, den Sinn Jesu, so viel möglich, wieder zu erreichen. Diese Partei gieng von dem sehr richtigen Grundsaze aus, daß nur das Religionswahrheit für den Christen sey, was Christus und seine ersten Schüler ausdrücklich gelehrt haben; und wäre sie diesem Grundsaz getreu geblieben, so hätt es gar nicht fehlen können, sie hätte die ursprüngliche Reinigkeit ihrer Religionslehre, wieder erreicht. Allein es wurden gewisse Erklärungen der Aussprüche Jesu festgesezt, und diese, als die allein richtigen, allen Anhängern der neuen Partei, als entschiedene Religions-Säze, vorgeschrieben. Dadurch verfiel man wieder in den alten Fehler, und stellte einen neuen Richter über Glauben und Ueberzeugung auf, die doch ihrer Natur nach, einem jeden Menschen frey gelassen werden müssen. Noch um so härter war dieses Joch, da jene Erklärungen in einem Zeitalter57 gegeben wurden, in dem die Gemüter noch vom Streite mit der alten Partey erhizt, und zu nichts weniger als zu einer festen und gründlichen Prüfung aufgelegt waren, und diejenigen Kenntniße, die man zur richtigen Auslegung der Aussprüche Jesu und seiner Schüler, unumgänglich nötig hat, noch in dicke Finsterniß eingehüllt lagen. Man grif daher oft statt eines hinweggeworfnen Irrtums, einen andern auf, und nahm manchen Saz ins System, der der eigentlichen Lehre Jesu ganz unbekannt war. So folgerte man z. B. aus einigen[nachdrüklichen] Schilderungen des Sittenverfalls unter den Menschen, die sich in unsern heiligen Büchern befinden, eine natürliche Unfähigkeit zum Guten, aus einigen Vergleichungen des Todes Jesu mit dem Tode der Opferthiere, die Notwendigkeit einer blutigen Versöhnung; aus einigen, nicht mit der genausten Bestimmung ausgedrükten Warnungen vor dem Vorurteil, daß der Zwek der Religion durch äusre Gebräuche erreicht werde, eine gänzliche Unabhängigkeit der58 Glükseligkeit von der Tugend. An dieser alten Erklärung hängt der Prediger, den Sie heute Vormittags gehört haben, noch fest und unzertrennlich. Sie haben seinen Sinn ganz richtig aufgefaßt, und ich denke, es wird Ihnen nun begreiflich seyn, daß er Säze vortragen konnte, die der gesunden Vernunft so laut widersprechen, die aber in der That nichts weniger, als Säze aus der Religion Jesu sind.

Von diesen finstern, dem Geiste Christi gerade zu entgegen stehenden Vorstellungen haben sich aber die meisten bessern Köpfe neuerer Zeiten, die Talente und Mut hatten, selbst zu prüfen, glüklich losgemacht; und es steht vielleicht so gar sehr lange nicht mehr an, so werden die reinern Begriffe, die so viele Jahrhunderte hindurch, von dem dichtesten Nebel umhüllt waren, eben so allgemein geltend seyn, als es die Theorie meines Herrn Amtsbruders vor hundert Jahren war: denn die Ueberzeugung breitet sich immer weiter aus, daß eine Offenbarung nichts enthalten dürfe, was die Probe59 der Vernunft nicht aushält; und wir haben durch tieferes Studium der alten Sprachen und der Geschichte, hinreichende Beweise dafür aufgefunden, daß das reine Christentum keinen Saz aufstelle, der der richtig gebildeten Vernunft zum Anstos gereichen könnte. Wir haben das Wesentliche vom Ausserwesentlichen gesondert; wir haben die Freiheit des einzelnen Menschen in Ansehung der Entwicklung seiner religiösen Begriffe gegen alle Antastungen gesichert; wir haben den einzig wahren Zwek aller Gottesverehrung auf gefunden; und unsre Religion ist die reinste Religion der Vernunft, beruhend auf dem gemeinfaßlichen, unerschütterlichen und fruchtbaren Postulat: Strebe aus dankbarer Liebe gegen Gott nach immer grösrer moralischer Vollkommenheit, dann wirst du in dieser und in der künftigen Periode deines Daseyns, an wahrer Glükseligkeit immer wachsen!

Wir waren ganz entzükt, über diesen glüklichen Umschwung, den die religiösen Vorstellungen60 der Menschen auf der Erde, genommen hatten, und fiengen an, die Nation glüklich zu preisen, die eine so hohe Stufe von Kultur erklimmt, und sich von den Ueberbleibseln finstrer und barbarischer Zeitalter beynahe ganz losgemacht zu haben scheint. Der Priester hieß uns aber gleich wieder einlenken, und gestand uns mit einem ehrlichen Lächeln: daß die religiöse Aufklärung hier fiel uns unser Hauswirt wieder ein, und Elafu schürzte einen Knoten ans Schnuptuch so ausgebreitet noch nicht sey, als wir etwa glauben, und daß auch die Zeit ihres Triumphes noch viel weiter entfernt liegen dürfe, als wir uns ohne Zweifel aus guter Meinung, träumen. Denn die alte Partey, fuhr er fort, an deren Spize der Herr Oberprediger steht, den Sie heute gehört haben, ist im Grunde doch noch immer die herrschende, und jeder gute Kopf sezt sich den lästigsten Verdrüßlichkeiten aus, wenn er laut gegen sie anstößt. Deßwegen müssen wir uns aufs künstlichste zu drehen und zu wenden wissen, um keine auffallende61 Abweichung von ihrem Systeme zu verraten, und uns immer das Ansehen zu geben suchen, als wenn wir bis aufs kleinste hinaus mit demselben harmonirten: denn so bald wir uns in unsern öffentlichen Vorträgen wesentliche Abweichungen erlauben, hören wir auf, Glieder, und folglich auch Lehrer unsrer Partei zu seyn. Wir machen uns ihres Schuzes, und der mit unsern Aemtern verbundnen Vorteile verlustig, und sezen uns dem abscheulichen Namen eines Kezers aus, mit dem gemeiniglich das ganze Glük eines Mannes zu Grunde geht.

Wie plözlich war uns unsre Freude wieder vereitelt, und wie stuzten wir über diesen dichten Schatten, neben so viel hellem Lichte! Denn was kann unsinniger und empörender seyn, als ein solcher Zwang der Vernunft, der ihr verbeut, die Resultate ihres Forschens bekannt zu machen, der mit dieser Ueberzeugung positive Vorteile, und mit der andern positive Nachteile verbindet, und allem Fortschreiten in religiöser Erkenntniß einen unübersteiglichen Damm entgegen62 sezt. Sie sagen uns hier etwas, bemerkte Elafu, was uns in verschiedner Hinsicht unbegreiflich scheint: Denn ist es wohl vernünftiger, dem Denken Geseze geben, als wenn einer eurer Fürsten durch ein öffentliches Mandat allen seinen Unterthanen gebieten würde, niemals krank zu seyn? Seyd ihr denn noch nicht so weit gekommen, daß ihr einsehet, daß man nur freye Handlungen durch Geseze leiten kann? Wahrlich, eine solche Verirrung hätt ich unter einem gebildeten Volke nicht erwartet! Denn die Thorheit derselben springt gleich bei ihrem ersten Anblike so deutlich ins Auge, daß sie nur einem Stockblinden unbemerkbar bleiben kann. Und die Folgen derselben Diese sind, fuhr der Prediger fort, doch so gefährlich weit nicht, als sie ihnen vielleicht scheinen. Die Vernunft geht ihren Gang, wenn sie gleich hie und da eine Weile gehemmt und erschwert wird. Und die Resultate unsres Forschens kommen aus ins Publikum, wenn sie gleich auf ihrem Pfade Umwege nehmen müssen. Wir machen es hier wie ein Baumeister, der63 ein altes, schadhaftes Gebäude nicht gerade zu abzubrechen wagt, sondern es allmälich, Teil für Teil, ausbessert und verschönert; die alten Riegel und Steine herausnimmt, und neue einschiebt, und mit seiner Arbeit so lange fortfährt, bis nur das Gute und Dauerhafte des alten Gebäudes noch übrig ist, und das andre erneuert und verschönert von seiner Hand dasteht.

Sehr wichtig, sagte Atabu, indeß sind wir keine Liebhaber von Gleichnißen, und auch gar nicht an sie gewöhnt: denn in unserm Planeten erscheint die Wahrheit immer nakt und blos, und ohne Hülle, und uns ist, gottlob! noch kein Gesez gegeben, das uns hinderte, sie laut zu predigen; sollten wir auch durch sie alle Tempel erschüttern, und alle Kronen wanken machen. Bei uns gilt der Grundsaz: was die Stimme der Wahrheit nicht ertragen kann, gehe zu Trümmern! Bei euch aber scheint man den Grundsaz umzukehren: was unserm Intereße gefährlich wird, werde unterdrückt, wenn auch gleich die heiligsten Rechte der64 Vernunft und der Menschheit darüber zu Grunde gehen!

Bei diesen Worten fühlte Elafu von ungefehr auf den Knoten seines Schnuptuches, und dieß gab dem Gespräche eine neue Wendung auf die Aufklärung, von der zuvor zwischen uns und unserm Hauswirt die Rede gewesen war.

VII.

Ich bedaure euch Herrn aus dem Uranus, sagte der Prediger, wenn dieser Begriff auser dem Vorrate eurer Ideen liegt; denn dieß scheint mir zu beweisen, daß ihr auch die Sache entbehren müßt, die er bezeichnet. Und diese Sache, fragten wir beide, wäre  ? Ja fuhr der Prediger fort das ist bei dem grosen Mißbrauche, den man auf der Erde mit diesem Worte treibt, so schnell nicht erklärt. Denn bei uns bezeichnet nur ein jeder die Materie und die Form seines Denkens mit diesem Ausdruke, der Nachbeter wie der Forscher, der Naturalist wie65 der Supernaturalist, der Sammler wie der Erfinder; ja in dem Munde vieler Leute heißt Aufklärung so gar eine gänzliche Verachtung der Geseze der Moral, und eine völlige Zügellosigkeit in den Sitten.

Nun wenn der lezte Sinn der richtige ist, unterbrach ihn Atabu, so dürfen wir uns Glük wünschen, daß die Sprache, unsres Landes keinen Ausdruk für eure Aufklärung hat!

Der Prediger nahm bei diesen Worten eine ernsthafte Miene an, und schien nicht zum Scherze aufgelegt. Er machte grose Umschweife, um sich den Weg zur Erklärung des Begriffes, von dem die Rede war, zu bahnen. Nachdem er unsre Gedult lange genug geprüft hatte, erschien er endlich mit dem Resultate: daß Aufklärung, in dem Sinn der bessern Denker der Nation, den eignen Gebrauch der Vernunft über alle Gegenstände der menschlichen Erkenntniß, bezeichne.

Es erregt eine äuserst widrige Empfindung, wenn ein Erzähler einen sehr verwikelten66 Knoten schürz, und ihn dann, statt aufzulösen, zerhaut. Diese Empfindung hatten wir beyde unserm Prediger gegen über: denn er hatte erst in dem nämlichen Posaunenton, wie unser Hauswirt, von der Aufklärung gesprochen, und ließ uns Wunderdinge erwarten, die in diesem Begriffe stecken sollten; aber siehe! nichts kam heraus, als das eine, daß in Deutschland einige Menschen anfangen, eine Gabe der Natur, die vorhin teils durch Barbarey, teils durch geschmaklose Erudition, begraben war, zu gebrauchen. Ist’s nichts als das, sagte Elafu, so dürft ihr euren Ton allerdings ein wenig mäsigen. Ich gestehe, daß ich mehr erwartet habe! Nun aber wird mir’s erst erklärbar, warum in unsrer Sprache ein Ausdruk für diesen Begriff mangelt. Denn eignen Vernunftgebrauch halten wir für etwas so natürliches, und er ist auf unserm Planeten auch so gemein, daß uns noch nie eine Notwendigkeit gedrungen hat, ein eignes Zeichen für denselben zu finden. Hier wäre also der67 Fall, wo der Mangel eines Zeichens den Besiz der bezeichneten Sache verriete! Der Prediger fand unsre Gleichgültigkeit, und unsre Versichrungen unbegreiflich, und gab uns auf eine ziemlich derbe Weise zu verstehen, daß er uns im Verdacht habe, daß wir unsre Nation auf Kosten der seinigen, über die Gebühr zu erheben suchen. Dieß sahen wir als ein Zeichen zum Aufbruche an, und nahmen unsern Abschied.

VIII.

Wir kamen unterwegs mit einander überein, auch den alten Exoteriker zu besuchen, der uns am Morgen des Tages, durch seine Predigt so sehr erbaut hatte. Vielleicht, dachten wir, erscheint auf seiner Studierstube ein ganz andrer Mann, als auf seiner Kanzel; oder wenigstens kann er uns von manchem, was er öffentlich sagte, und was sein Amtsgenosse als Ernst aufzunehmen schien, eine mehr genießbare Erläuterung geben, als wir bisher nicht erhalten hatten.

68

Wir wurden in ein schönes Haus, zunächst an dem grosen Tempel, geführt, und fanden den erbaulichen Prediger auf seiner Studierstube, unter einem grosen Haufen von Folianten und Quartanten begraben. Er empfieng uns nicht mit der holden, freundlichen Gefälligkeit seines Kollegen, sondern mit finsterm, in sich gekehrten Blike, und mit der zurükschrekenden Gebehrde verachtender Selbstgenügsamkeit. Sein ganzer Körper, so dick und rund wie er war, seine knochigte Stirne, seine funkelnden Augen, seine schwammigten hängenden Wangen, und die eigne Art, womit sich die Muskeln seines Mundes falteten bildeten zusammen ein vollendetes Gemälde desjenigen Stolzes, der jedermann schnöde hinwegwirft, auser sich kein Verdienst anerkennt, und sich selbst für den Mittelpunkt hält, um den sich alles herumdreht.

Als wir dem Mann mit der steinernen Stirne, die Absicht unsres Besuches eröfnet, und zugleich bemerkt hatten, daß uns manches in seiner Predigt bis izt noch dunkel geblieben69 sey, so sezte er sich mit der Miene der höchsten Wichtigkeit, in die Mitte des Zimmers auf einen Stuhl, sah mit einem Blike voll verstellter Demut auf die Erde, legte die rechte Hand auf die Brust, und fieng folgender Gestalt an zu orakeln.

Daß Ihnen, meine Herren! noch mancher Gedanke, den ich in meiner heutigen Predigt vorgetragen habe, nicht im hellsten Lichte erscheint, dünkt mich nichts weniger als sonderbar. Denn was im Geiste ausgesprochen wird, muß auch im Geiste gerichtet seyn. Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts, von diesem Geiste. Was er sagt, ist ihm Thorheit, und er kann es nicht erkennen. Denn die Vernunft ist voll Nacht, Finsterniß, und Blindheit, und geht beständig in der Irre, bis sie durch die Gnade erleuchtet wird. Durch die Vernunft gelangen wir keinen Schritt weiter auf dem Pfade des Heils. Sie ist dem blöden Auge eines Greisen gleich, der seinen Blik vermittelst der Brille schärft. So müssen auch wir die Brille des Glaubens70 zur Hand nehmen, wollen wir anders dasjenige richtig sehen, was uns durch den Geist dargestellt wird.

Wir stuzten gewaltig über diesen sinnlosen Galimathias, und die Blike eines jeden schienen dem andern zu sagen, daß die Erklärung noch viel dunkler und verworrener sey, als der Text selbst. Elafu konnte sich nicht enthalten, die[Demonstrationen] des Mannes zu unterbrechen. Wirklich sagte er, Sie haben recht! denn unsrer Vernunft scheint auch das Thorheit, was Sie hier im Geiste sprechen. Aber wir sehnen uns nach Erleuchtung, und bitten Sie um bestimmte und deutliche Erklärung Ihrer Begriffe. Sollte denn die Vernunft im Ernst so gar schwach seyn, daß sie schlechterdings nichts sehen könnte, in Sachen der Religion, ohne die Brille des Glaubens?

Schlechterdings nichts, erwiederte der Prediger, gar nichts! denn seit dem Sündenfall unsrer ersten Aeltern, ist die Vernunft mit einem dichten Nebel überzogen, und dergestalt71 verfinstert, daß sie gänzlich unvermögend ist, die Wahrheit, die uns selig macht, zu erkennen, oder auch nur etwas Gutes zu gedenken. Freilich will der natürliche Mensch das nicht glauben, denn er ist voller Stolz und Eitelkeit, und schämt sich seiner Gebrechen. O! ich war selbst einst ein solcher Thor, und wähnte mit meinem blöden Verstandes-Auge, die Tiefen der Gottheit ergründen zu können. Aber wie erschrak ich, als mir meine Finsterniß aufgedekt ward! Gott führte mich in hohe Versuchungen, und gab dem Engel des Satans Gewalt über mich, daß er mich mit Fäusten schlug, und mein ganzes grundloses System zertrümmerte. Dadurch lernte ich einsehen, daß alles, was ich von mir selber wußte, eitel Wahn und Tand war, und daß nichts bestehet, was nicht durch die Gnade in uns gewirket wird. Dieß führte mich zur Demut, und machte mich klein, und lehrte mich, die Vernunft zum Schweigen bringen, und meine ganze Seele dem Einfluße der Gnade aufschließen.

72

Eine grose Wahrheit bemerkte bei diesen Worten Atabu in der Sprache des Vaterlandes ist dem Manne unter vielem Unsinn doch in den Wurf gekommen, nämlich die: daß er seine Vernunft zum Schweigen gebracht habe. Doch wäre sie uns auch auf den Fall nicht entgangen, wenn es ihm gefallen hätte, sie uns nicht ausdrüklich mitzuteilen.

Ist das der Glaube ihrer ganzen Partey? fuhr Elafu fort.

Bei dieser Frage begann der Prediger zu seufzen und tief zu atmen. Ach! sprach er das sollte wol der Glaube unsrer ganzen Kirche seyn; aber es haben sich Wölfe unter die Heerde geschlichen, die den unschuldigen Lämmern nachstellen, und sie zerreissen. Das sind die Nealogen die Höllenbrände, die Verführer, welche die Vernunft zur Richterin über die Offenbarung erheben, und durch ihre lose Philosophie, die Aussprüche unsrer göttlichen Lehrer, meistern. Zwar mußten sie erscheinen, sollte anders die Weissagung erfüllt werden, daß73 in den lezten Zeiten Spötter kommen, und auch, wenn es möglich wäre, die Auserwählten verführen werden. Aber doch bängt es ein glaubiges Herz, wenn es sehen muß, wie sie ihr Gift überall ausgiesen, und wie es überall verschlungen wird. Indeß hoff ich zum Himmel, ihr Unwesen wird am längsten gewährt haben, denn die Zeit ist nahe, da der Herr, nach seiner Verheißung, die Schafe von den Böcken sondern, und über seine Feinde das Gericht der Rache halten wird. Bei diesen lezten Worten glühte das Gesicht des Mannes, seine Augen traten weit hervor, sein Mund spizte sich, ein spöttisches Lächeln regte sich um’s Kinn und um die Wangen; er war das leibhaftige Bild der gehässigsten Schadenfreude.

So gar schlimm wandte Elafu ein scheinen mir die Leute doch nicht, die Sie als Höllengeister, Wölfe, und Verführer zu betitteln belieben. Ihr System beruht doch auf dem Grundsaze, auf den am Ende jede Religion hinauslauft, ich meine auf dem Grundsaze, vom Wert und von der74 Notwendigkeit der Tugend. Ich denke, derjenige, der diesen Grundsaz fest hält, und ihm in seinen Gesinnungen und in seinem Wandel treu bleibt, ist der beste, der religiöseste, und der gottgefälligste Mann.

Bei diesen Worten schlug der Prediger die Hände empor, kreuzte und segnete sich, sprang vom Stuhle auf, rief laut, daß uns die Ohren gellten: Gott! der leibhaftige Indiferentismus! Sind auch Sie dieser Wölfe einer, oder sind sie einer der Verführten?

Wir fiengen über diese komische Aeuserung des Mannes, an, zu lachen. Ich bin weder Wolf noch Verführter, sagte Elafu, ich gehe, besonders in der Religion, gern meinen eignen Weg, ohne jemand blindlings zu folgen, aber auch ohne blinde Nachbeter in mein Gefolg zu ziehen. Doch was heißen Sie Indiferentismus?

Indiferentismus? erwiederte der Prediger; gerade Ihre Meinung; die schädlichste und abscheulichste, die je ausgehekt worden, daß nämlich jede Religion selig mache!

75

Sie thun mir sehr Unrecht, versezte Elafu; nichts weniger als meine Meinung! ich behaupte gerade das Gegenteil; ich behaupte, daß gar keine Religion selig mache!

Der Prediger fuhr mit einem wilden Ungestümm vom Stuhle auf, bestürmte den guten Philosophen mit einer unermeßlichen Menge Kezernamen, und sprach ein Anathema nach dem andern, in seinem heiligen Eifer, über ihn aus. Sie mißverstehen mich, fiel ihm Elafu ein ich bitte Sie, mäsigen Sie sich. Ich behaupte, keine Religion macht selig, sondern allein die Tugend, die durch die Religion gewekt und ausgebildet wird. Da wären Sie also wieder mit Ihrem indiferentistischen, sozinianischen Gift, fuhr ihn der schäumende Prediger an; fort mit Ihnen, (indem er ihn beim Knopfloch faßte, und der Thüre zuzog,) fort mit Ihnen Sie sind auch einer von der Horde mit Ihnen bleib ich nicht unter einem Dach die Schrift sagt: einen kezerischen Menschen meide.

76

Wir können noch nicht in den Ton der Erdbewohner stimmen, sagte Elafu, als wir auf die Strase herabgekommen waren, der Esoteriker hieß uns ziemlich deutlich den Abschied nehmen, und der Exoteriker führt uns gar zur Thüre hinaus, und das beide aus dem sonderbaren Grunde, weil wir nicht ihrer Meynung waren. Werden auch wol, sezte Atabu hinzu, noch mehr solche Abenteur erleben; denn es scheint nun schon, daß hienieden sich allenthalben die grösten Widersprüche durchkreuzen, und daß es sich in den Köpfen der Bewohner dieses Planeten, gerade so verhält, wie in der sichtbaren Welt, wo neben jedem Lichte der Schatten liegt. Aber eine stolze, eigensinnige, rechthaberische Art, bemerkte Elafu, die dem Denken Geseze giebt, und bei der jeder die Meynung des andern über seine eigne Form gedrükt wissen will; oder wol auch, fuhr Atabu fort, ein kurzsichtiges Völklein, das noch nicht bis zu dem Grundsaze durchgedrungen ist, daß es in Ewigkeit nie möglich wird, daß nur77 zween Menschen, von dem nämlichen Gegenstande der Erkenntniß, die nämliche Vorstellungsart haben. Je nun, endete Elafu das Gespräch, kennen sie diesen Grundsaz noch nicht, so ist alles Wahn und Täuschung, und Fabel, was sie uns bisher von der Bildung, Aufklärung und Philosophie ihres Zeitalters, vorgeprediget haben.

IX.

Am folgenden Tage, als wir uns kaum aus den Federn erhoben hatten, entstund ein groses Rennen und Laufen in der Strase, in der wir wohnten. Eine Menge Menschen zu Fuß und in Karossen, drängten sich dicht vor einem grosen Pallaste zusammen, der am Ende der Strase, unsrer Wohnung gegen über, lag. Wir erkundigten uns bei unserm Lehnlakai nach der Ursache dieses Auflaufes, und dieser sagte uns, daß heute das gnädigst privilegirte hochfürstliche Lotto gezogen werde. Wir konnten bei all diesen Worten nichts denken, weil der Hauptbegriff, der in denselbigen liegt,78 glüklicherweise, allen Bewohnern des Uranus ganz fremde ist. Der Lakay gab uns eine bestimmtere Erklärung, an deren Wahrheit wir aber heute noch zweifeln würden, wenn wir nicht durch unsre eigne Augen von ihr überzeugt worden wären. Lotto also, heißt in Deutschland eine Art von Hazardspiel, das der Landesherr mit seinen Unterthanen spielet. Erstaune noch nicht, groser und guter Kalefa! bei diesen Worten, die freylich schon empörendes genug enthalten; höre uns nur erst weiter an! dieses Spiel ist ganz darauf angelegt, daß derjenige, der die Bank desselben hält notwendig gewinnen, und der Mitspielende notwendig verlieren muß; wenigstens ist die Wahrscheinlichkeit eines beträchtlichen Gewinsts für den Mitspielenden, ein Null gegen die Wahrscheinlichkeit des Verlustes. Es finden viererley Spielarten dabei Statt, wobey jeder mit der Gröse des Gewinnstes die Unwahrscheinlichkeit desselben für den Mitspielenden, im gleichen Verhältniße steigt. Bei der ersten Spielart, wo die Gewinnste, gegen79 den Einsaz betrachtet, sehr unbedeutend sind, gewinnt der Lottodirekteur nach dem Calcul des Wahrscheinlichen, 85 mal, bis der Mitspielende 5 mal gewinnt. Schon ein sehr groses Mißverhältniß, aus dem bei Fortsezung des Spiels ungeheurer Verlust für den Spieler entstehen muß. Aber noch gröser wird dieß Mißverhältniß bei den folgenden Spielarten: Denn da gewinnt in der zweyten Art, der Direkteur 3995 mal, und der Spieler nur 10 mal; in der dritten Art gewinnt dieser eben so oft, während jener 117,470 mal gewinnt; in der vierten Art aber verhalten sich die Gewinnste des Spielers zu den Gewinnsten des Direkteurs, gar wie 5 zu 2,555,185. Und diese ehrlose, trügerische, ganz auf den Untergang des wagenden Teils hinwirkende Spiel, spielen in Deutschland die Fürsten mit ihren Untertanen! Eine Bemerkung, die keines Kommentars bedarf!

Aber sind denn die Leute so dumm, sagten wir dem Lakay, daß sie sich so abscheulich in einem Spiele prellen lassen, dessen80 Natur den Verlust gewiß, den Gewinnst aber beynahe unmöglich macht? Wie? erwiederte der Lakay; da gehen Sie nur hin, und sehen Sie diese Menge Menschen. Und meynen Sie wol, nur diese allein, die hier warten, haben Lose genommen? wol sechs mal mehr als diese, haben drausen auf dem Lande gesezt, wo besondre Collekteurs aufgestellt sind, die die Einlagen der Spieler einziehen. Ein jeder, fuhr er fort, möchte eben gern reich werden, und dieses Streben reich zu werden, betäubt die Leute dergestalt, daß sie nicht einsehen, daß das Lotto gerade der unsicherste Weg zu ihrem Ziele ist. Ich wenigstens, habe noch keinen gesehen, der dadurch reich geworden wäre, wol aber sehr viele, die Hab und Gut ins Comptoir getragen haben. Man fängt gewöhnlich klein an; man verliert einige Groschen, - man sucht den Verlust wieder einzubringen, - man gewinnt etwa eine lumpichte Ambe dadurch wird man noch mehr darauf erpicht, man verliert wieder, und nun macht man fort, bis man81 an den Bettelstab geraten ist. Die Pachter des Lotto

(Also giebt der Fürst um eine gewisse Summe Gelds, einigen Schurken die Erlaubniß, seine Untertanen um tausende zu betrügen?)

und die Collekteurs wenden alles an, daß die Leute gereizt werden, brav zu sezen. Sie sagen weislich nie, was von den Spielern an sie verloren worden ist; aber wenn einer unter tausenden eine Kleinigkeit gewonnen hat, so posaunen sie es in den Zeitungen aus, und machen einen mächtigen Lärm, damit durch die Hoffnung des nämlichen Vorteils, wieder mehrere ehrliche Leute in ihre Schlingen gelockt werden. Sie lassen auch alle Jahre einen Lottokalender drucken, worinn einem das Ding so süs eingegeben wird, daß man meint, es könne platterdings nicht fehlen. Aber so bald man es probiert, so sieht man gleich, daß alles lauter Spiegelfechterey ist, und flugs! geht das Geld zum Henker. Ja, ehe das Lotto hieher kam, hatten wir noch viele fleisige, haushälterische,82 brave, redliche Leute hier; aber nun wimmelt es allenthalben von Tagdieben, Betrügern, Schurken, und armen Schlukern.

Wer hat denn aber, unterbrach ihn Atabu, dieß verderbliche Spiel hier eingeführt?

Bei dem alten Fürsten, den Gott selig haben wolle, fuhr der Lakay fort, wußte man nichts von dergleichen Lumpereien. Aber als der Prinz Adolph zur Regierung kam, da giengs in allem höher weg: Da wurde der Hofstat und das Militair vermehrt; man errichtete das Theater; man baute das neue Lustschloß; man zog eine Menge Gäste an den Hof; alle Tage waren glänzende Feste; man veranstaltete kostbare Jagden und Reisen und da wollten denn natürlich die Einkünfte nirgends mehr reichen. Der Fürst ließ einen fremden Finanzverständigen kommen, der alles hervorsuchte, um neue Geldkanäle zu eröfnen; und dieser unbarmherzige Blutigel, auf dem so viele tausend Flüche von Offizianten, Soldaten, Geistlichen, Bürgern und Bauern liegen, denen er teils die83 Besoldungen beschnitt, teils unermeßliche Abgaben aufbürdete, dieser war es, der auch das leidige Lotto in unserm Lande[aufgerichtet] hat.

Da war man also nicht um guten Rat verlegen; sagte Elafu; plündern wir die Untertanen, so haben wir neues Geld zum Verschwenden! Welch eine Geisel für ein Volk ist ein solcher Fürst, und ein solcher Finanzminister!

Wir giengen auf die Strase, und mischten uns unter die harrende Menge vor dem Rathhause. Da waren Leute aus allen Ständen, Pöbel, Soldaten, Räthe, Höflinge, Priester, Minister alles durcheinander. Furcht und Hoffnung lag auffallend auf allen Gesichtern ausgedrückt, die uns umgaben. Aber auf eine sehr verschiedene Art äuserten sich diese Empfindungen bei verschiednen Menschen. Einige standen stockstill und sahen düstern Bliks auf die Erde. Andre blickten voll unruhiger Erwartung unablässig auf die Altane, von der die gezognen Lose verkündigt werden sollten. Andre liefen unstät hin und84 wieder, und krazten sich hinter dem Ohre, oder spielten am Uhrbande. Manche hörten wir sagen: gewinnen wir heute nichts, so hole der Teufel das Lotto!

Die Lose waren gezogen. Die ganze Menge drängte sich dicht an’s Haus. Es entstand eine grose Stille, und der Herold sprach.

Es war wie wenn die ganze unermeßliche Menschenmasse plözlich von einem elektrischen Schlag gerührt worden wäre. Der vorige Ausdruk der Ungewißheit, wandelte sich plözlich in den Ausdruk entschiedner Ueberzeugung, und ein allgemeines Geräusch tönte über den ganzen Haufen. Einige von den Zuschauern stampften mit den Füsen auf die Erde, einige schlugen sich mit geballter Faust vor die Stirne, einige standen starr und todesbleich, andre zerzausten sich die Hare, manche schimpften und fluchten, etliche weinten bittere Thränen, und ein Weib neben uns schlug die Hände über sich zusammen und jammerte: Das lezte Bettchen hab ich vollends hineingetragen auch das ist dahin, nun bleibt mir mit meinen85 armen Kindern nichts mehr übrig, als der Hungertod!

Was wir bei diesem Anblik empfanden, bedarf keiner Schildrung. Elafu knirschte mit den Zähnen, und vermocht es nicht, seinen Unwillen über dieß häßliche und abscheuliche Spiel, das blos auf die Beraubung des gewinnsüchtigen und leichtsinnigen Volkes abgesehen ist, in sich zurückzuhalten. Atabu hatte grose Mühe, den aufbrausenden Mann zu besänftigen, und eilte mit ihm, so schnell er konnte, auf unser Zimmer zurücke.

X.

Wir speisten in einem Gasthof in Gesellschaft zu Mittag. Während des Essens wurden die Zeitungen gebracht, und unter den Gästen ausgetheilt. Unglüklicher Weise fiel gerade dem Elafu ein Blatt in die Hände, das seinen kaum gestillten Unwillen, aufs neue erregen mußte. Er hatte es kaum flüchtig durchgelaufen, als er anfieng den Kopf zu schütteln, und dann das Blatt mit Entrüstung auf die Seite warf. Sie scheinen86 keine angenehmen Neuigkeiten gefunden zu haben? sagte ihm sein Nachbar lächelnd. Verzeihen Sie erwiederte er in Ihrem Lande geht man keinen Schritt für sich, ohne den Fus an eine neue Sotise zu stosen, und das ist für einen Fremden, der Sinn fürs Gute hat, um desto ärgerlicher, da ihr so viel Aufhebens mit der Kultur und Aufklärung eures Zeitalters macht. Die Gäste stuzten nicht wenig, über diese dreiste Aeuserung des Philosophen, und einigen stieg der Schreken, andern die Indigration sichtbar ins Gesicht. Elafu nahm das Blatt wieder auf, und fieng an zu lesen:

Demnach man höchster Orten in mißliebige Erfahrung gebracht, welcher gestalten eine kleine Drukschrift, betitelt: Träume eines Patrioten, im Lande herumgetragen und verkauft werde, worinn man sich nicht entblödet, verschiedene Verordnungen Serenissimi auf das frechste zu tadeln, und ohne einigen Beruf, allerhand Vorschläge, die dem87 Interesse des Landesherrn schnurstraks zuwider laufen, zu machen, wodurch notwendiger Weise, Unzufriedenheit und Ungehorsam unter unsern lieben und getreuen Untertanen angefacht und erregt werden müssen; Als ergehet hiermit an unsre sämtlichen Dikasterien, Magistrate, Ober - und Unterbeamten, wie auch Gerichte und Schöffen, unser so gnädigst als gemessenster Befehl, alle Exemplare dieser fameusen Skarteke aufzusuchen, und zu unserm geheimen Kabinet anhero einzusenden, auch sich alle Mühe zu geben, den Druker und Verfasser derselben zu entdeken, damit beyde zur verdienten Strafe gezogen werden können. Zugleich sollen sie überall öffentlich bekannt machen, und alles Ernstes darob halten, daß derjenige, der sich erfrechen würde, ein Exemplar bemeldter Schrift, zu unterschlagen oder zurückzuhalten, nach bewandten Umständen, entweder mit Cassation, oder mit Leibesstrafe, oder mit einer88 verhältnißmässigen Poen an Geld, unnachsichtlich belegt werden soll. Hieran geschiehet unser gnädigster Wille und Meinung und wir bleiben euch in Gnaden gewogen. Gegeben in unserer Residenz ꝛc.

Hans, Fürst.      

Ist das, fuhr Elafu fort, indem er das Blatt mit Heftigkeit auf den Tisch schlug, ist das eure Preßfreiheit in Deutschland, von der ihr einen so durchdringenden Posaunenton erschallen laßt? ist das ein Zeichen eurer Aufklärung, daß ihr’s nicht wagen dürft, die Fehler der Regierung zu tadeln, und Vorschläge zur Verbesserung derselben zu machen? - ist das ein Merkmal der Freiheit, daß man euch verbietet, eine Schrift zu lesen, in der ein patriotischer Bürger seine Stimme gegen die Gebräuche des States erhoben hat

Nicht so heftig, Freund Elafu fiel Atabu seinem Kollegen ein; vielleicht läßt sich doch noch einiges zur Verteidigung dieses Hofbefehles sagen. Es kommt vorerst hauptsächlich89 darauf an, in welchem Ton diese patriotischen Träume geschrieben sind. So bald der Verfasser die Absicht verrät, Gährung oder Aufruhr zu stiften, so kann der Stat bei seinem Beginnen unmöglich gleichgültig bleiben.

Aber versezte Elafu mit seiner gewöhnlichen Heftigkeit welch ein ungeheurer Zwischenraum liegt zwischen Gleichgültigkeit und einem solchen Hofbefehl, der nichts weniger und nichts mehr bezielt, als einen lächerlichen Despotismus über die Augen der Bürger auszuüben, und ihnen gebeut, was sie sehen und nicht sehen sollen. Entweder, fuhr er fort, hat der Verfasser dieser Broschüre recht oder nicht. Ist sein Tadel ungegründet, und sein Plan unanwendbar oder unnüz, so hätte der Hof am vernünftigsten gehandelt, wenn er ganz geschwiegen hätte. Denn die Bürger des Staates, die den Verfasser lesen, werden es in dem angenommenen Fall selbst einsehen, daß seine Aeussrungen keine Aufmerksamkeit verdienen, und das Buch gleichgültig auf die Seite legen. 90Sind seine Einwürfe gegen die öfentliche Verwaltung scheinbar oder trügerisch, so wäre es dem Hof ein leichtes gewesen, sich auch auf dem Wege der Publizität zu rechtfertigen, und die Scheingründe des Verfassers ins Licht zu sezen, das den betrüglichen Schimmer desselben verschwinden gemacht hätte. Und dadurch hätt er seine gute Sache am sichersten befestigt, und alle gefährlichen Eindrüke der verführerischen Schrift am glüklichsten vertilgt. Sind aber die Beschuldigungen des Patrioten gegründet, und seine Vorschläge gut und zweckmässig, nun so lohne der Stat den weisen und biedern Mann, seze seine Plane ins Werk, und gebe den Bürgern den erfreulichen Beweis, daß er bereitwillig ist, alles anzunehmen, und auszuführen, was zu ihrem Glüke und zu ihrer Ruhe dienlich ist. Aber gerade das Gegenteil thut dieser Hof. Er tastet die heiligen Rechte der Menschheit an, droht dem Prediger der Wahrheit mit Strafe, sucht Freymütigkeit und Patriotismus zu ersticken, wird selbst der Verräther seiner schlimmen Sache,91 und erteilt dem ihm gefährlich scheinenden Schriftchen ein sehr groses Interesse, das vielleicht ohne diese inkonsequente Drohung in wenigen Tagen vergessen worden wäre. Habe noch nie Despotismus und Unklugheit mit einem so engen schwesterlichen Bande verknüpft gesehen!

Während Elafu mit dieser Parrhesie deklamirte, herrschte hohes Stillschweigen unter der ganzen Gesellschaft. Auf einigen Gesichtern lasen wir Mißbilligung, auf andern Unwillen, und auf etlichen wenigen furchtsamen Beyfall. Nimm dich in Acht, Elafu! sagte ihm sein Amtsgenosse in der Sprache des Vaterlandes; verrathen es dir diese Gesichter nicht deutlich genug, daß in diesem Lande nicht blos die Freyheit der Preße, sondern auch die Freyheit der Zunge mit den engsten Schranken umzäunt ist?

Gleich als ob er uns verstanden hätte, öffnete einer der Gäste seinen Mund, zur Verteidigung seines Vaterlandes. Sie sprechen sehr ungerecht über uns ab, sagte er; wir genießen in der That die vollkommenste92 Preßfreiheit in unserm State. Es darf bei uns alles ohne Censur gedrukt werden, nur muß sich der Schriftsteller gefallen lassen, jedem seiner Produkte, seinen Namen auf die Stirne zu prägen. Elafu schlug den guten Mann, der wol etwas sehr gescheutes gesagt zu haben glauben mochte, ehe er noch gar ausgeredet hatte, durch ein lautes Gelächter nieder, und auch Atabu, obgleich weniger für die Eindrüke des Komischen empfänglich, konnt sich nicht enthalten, in den Ton seines Kollegen einzustimmen. Ihr Thoren, hätt ich bald gesagt, sprach Elafu, kann denn da noch von Freyheit die Rede seyn, wo die Willkühr Schranken gesezt hat? Seyd ihr denn so blöde, daß ihr die Schlange nicht merkt, die hier im Grase verborgen liegt? Glaubt sicher, man hat eure Schriftsteller mit dieser Bedingung blos geäfft. Sie sollen ihre Namen ihren Produkten vorsezen, damit man sie, falls sie etwas mißfälliges sagen, so gleich beim Kopfe nehmen kann. Wahrlich ein feiner Kniff, von Leuten, die bei sehenden Augen blind sind! Aber93 doch fein, in einer andern Rüksicht, sezte Atabu hinzu, denn da, wo nichts anonymisches gedrukt werden darf, wird gewiß auch höchst selten gegen die Vorurteile angestosen, denen bald der Stat, bald die Clerisey das Siegel der Heiligkeit und der Unverlezlichkeit aufgedrukt hat.

Die Gesellschaft schien unsrer Deklamationen müde zu seyn. Alles brach plözlich auf. Freymütige Leute! murmelte der eine von den Gästen zur Thüre hinaus; unverschämte Pursche! der andre; unsinnige Weltreformatoren, der dritte, die man ins Tollhaus bringen sollte!

XI.

Es waren uns vom ersten Augenblicke unsrer Niederlassung auf die Erde bis hieher, so viele Thorheiten und Sottisen, und eine so tyrannisch herrschende Macht der Vorurteile aufgestosen, daß wir in der That alle Hoffnung, irgend einmal eine Spur von Vernunft und Philosophie aufzufinden, anfiengen, fahren zu lassen. Ich denke94 doch nicht, sagte Atabu, daß unter Thoren und Schuften, nicht auch hie und da ein weiser und braver Mann, in der Stille sein Wesen haben sollte. Aber eben diese Stille hindert uns, die Lichter der Welt zu bemerken. Sie müssen in einem Lande, wo die Göttin Unvernunft auf dem Throne zu sizen scheint, notwendig unter einem Scheffel stehen. Würde irgendwo dieser Scheffel hinweggehoben, daß die Strahlen des verdeckten Lichtleins in unsre Augen schimmern könnten, gewiß wir würden befriedigt. Es kann auch seyn, daß uns ein unglüklicher Stern bisher gerade nur in die Zirkel der Thoren und Gecken geführt hat. Vielleicht finden wir auf unsrer Wandrung doch noch ein Provinzchen, in diesem grosen, weiten Lande, wo die Verteidiger des Stats, Menschenrechte genießen; wo die Exoteriker verstummt sind, wo der Landesherr nicht mit seinen Untertanen betrügerische Hazardspiele spielt, wo die Schriftsteller aus Patriotismus für ihre Mitbürger arbeiten, wo der Denker seine Ueberzeugung sagen95 darf, und wo der Nichtdenker Herr über seine Augen ist.

Wollen sehen, erwiederte Elafu, ob den gutmeinenden Atabu seine Hoffnungen nicht täuschen, und uns Morgen aus unserm Ruhepunkt erheben. Wollen aber erst noch ein wenig umherschlendern, in der Stadt, und alle Winkel ausspähen, ob wir nicht irgendwo die Strahlen des Lichtleins unter dem Scheffel entdecken.

Es war schon Abend, als wir die lange Strase, in die sich die Aussicht von unserm Wohnzimmer öffnete, hinabgiengen. Ein groses, in einem edlen Styl aufgeführtes, überall mit den Merkmalen des Reichtums bezeichnetes Gebäude, zog unsre Aufmerksamkeit auf sich. Während wir es betrachteten, kam eine stolze Karosse um die andre vor das Haus gerasselt, und prächtig gekleidete Herren und Damen stiegen unter der Thüre desselben ab. Viele eben so vornehme Leute zeigten sich an den Fenstern des Pallastes, und nickten, und winkten, und komplimentirten zu den Ankommenden96 auf die Straße herunter. Wir waren begierig, den Besizer oder die Bestimmung dieses Gebäudes zu kennen, in dem sich alles, was reich und glänzend in der Stadt ist, zu versammlen schien. Elafu zog bei einem Bedienten, der unter der Thüre stand, Erkundigung ein. Hier, antwortete dieser, ist das GesellschaftsHaus des Adels. Durch diese Nachricht wurde unsre Neugierde noch mehr gespannt, weil wir uns, wie sich’s nachher zeigte, unter dem Ausdrucke Adel ganz etwas anderes gedachten, als man sich in Deutschland gewöhnlich unter demselben denkt. Hier, fragte Elafu weiter, haben also die edlen Menschen dieser Stadt ihre Zusammenkunft? Ja doch! antwortete der Bediente, und lief dem Schlag einer wieder angekommenen Karosse entgegen.

Freund! sagte der Philosoph, voll hastiger Begierde, seinem Kollegen, deine Vermutung trifft ein. Gewiß, unser Stern hat uns diesmal zu dem grosen Scheffel geführt, unter dem alle Lichter der Stadt97 ihre erhellenden und erwärmenden Strahlen ausbreiten. Denke eine Versammlung edler Menschen, die sich durch Kopf und Herz vor ihren Mitbürgern auszeichnen, und unter sich einen besondern Zirkel bilden, natürlich weil ihnen die Albernheiten und Verirrungen ihrer minder edlen Zeitgenossen ungenießbar sind!

Atabu von Natur mißtrauischer als sein Amtsgenoße, und bei allen Empfindungen und bei aller Thätigkeit der Seele, ruhiger und kälter als er, konnte ein beginnendes Lächeln über seine Leichtglaubigkeit nicht unterdrücken. Gieb acht, Elafu! sagte er ihm, wir werden wieder getäuscht. Der Adel auf der Erde scheint mir etwas ganz anderes zu seyn, als der Adel auf dem Uranus. Ein Wort dieses Bedienten hat dich in Begeistrung gesezt, ohne erst untersucht zu haben, ob den Leuten, die hier zusammenkommen, auch die Zeichen des wahren Adels aufgedrükt seyen. Ich zweifle sehr daran, daß diese stolzen Karossen, diese prächtigen Equipagen, dieser verschwenderische98 Ueberfluß an Gold und Silber, dieser kühne, oft ins freche fallende, unnatürliche Puz, diese verachtenden stolzen Blike, die aus so manchem Wagen hervorblizten, ob all dieß Merkmale edler Menschen in unserm Sinne, sind. Indeß wollen wir sehen, was an der Sache ist. Gehen wir hinauf.

Auf dem Sale fanden wir einen niedlich gekleideten jungen Mann, der ernst auf und ab gieng, und uns nicht zu bemerken schien. Ein aus kostbaren Steinen zusammen gesezter Stern auf der linken Seite seines Rockes, verkündigte uns seinen hohen Rang. Wir giengen gerade zu auf ihn los, und wurden von ihm mit der feinsten, gebildesten Artigkeit aufgenommen.

Darf ich fragen, sagte er, wen ich in ihnen zu verehren habe?

Elafu. Wir sind Philosophen aus dem Uranus, gesandt von unserm Könige, den Zustand des Stats, der Wissenschaften, der Religion und der Sitten in Deutschland zu beobachten.

99

Er. Und ihre Absicht in diesem Hause wäre?

Elafu. Die edlen Menschen kennen zu lernen, die, dem Vernehmen nach, hier ihre Zusammenkünfte halten, und uns durch die Beobachtung ihrer Weisheit und Tugend, Freude und Genuß für Geist und Herz zu verschaffen.

Er. (in einiger Verlegenheit.) Sie sind sehr gütig, und hoffen vielleicht zu viel von unserm Adel. Sie treffen gerade auch unsern gnädigsten Landesherrn in unserm Klube an, der sich freuen wird, die Abgesandten seiner uranischen Majestät zu sehen. Sie sind ohne Zweifel von Geburt?

Elafu. Bei uns werden alle Menschen von Weibern gebohren. Auf ihrem Planeten wär es also nicht der nämliche Fall?

Er. Sie scheinen den Sinn meiner Frage nicht richtig gefaßt zu haben, oder vielleicht belieben Sie zu scherzen.

100

Elafu. Ich vermuthe selbst das erstre. Denn so, wie ich Ihre Frage verstand, kam sie mir äuserst unerwartet.

Er. Sie sind wol beyde auch von Adel? wollt ich fragen.

Elafu. Wir streben wenigstens darnach, es zu seyn, und eine immer höhere Stufe von moralischer Vollkommenheit zu erklimmen.

Er. (In noch größrer Verlegenheit und den Kopf schüttelnd.) Sind Sie von bürgerlichem Herkommen?

Elafu. Unsre Väter waren Bürger im Reiche des grosen Kalefa, und wir sind es auch. Aber wie kommen Sie, auf diese Frage?

Er. Diese Frage, mein Herr! ist hier äuserst wichtig. So lange Sie nicht so gütig sind, mir bestimmte Auskunft darüber zu geben, so lang kann ich auch die Ehre nicht haben, Sie meinem gnädigsten Fürsten und Herrn vorzuführen. Es scheint bisher, daß wir auf beyden Seiten unsre Ausdrüke nicht verstehen. 101 Also, wenn ich fragen darf, wie viel haben Sie Ahnen?

Elafu. Ahnen? das weiß ich in der That nicht. Doch wird daran eben sehr viel nicht gelegen seyn: Denn mich dünkt, es dürfte ein Mensch wol so viele Ahnen haben, als der andre.

Er. Noch verstehen wir uns nicht! Doch nun wer war ihr Vater?

Elafu. Mein Vater hatte die Ehre Leib-Kutscher unsres grosen Kalefa zu seyn.

Er. Und der Ihrige? (zu Atabu.)

Atabu. Ein biedrer, braver Bauer, in den Thälern von Schnipipsi.

Elafu. Aber warum fragen Sie so ängstlich genau nach unsrer Herkunft? Ich dächte im Zirkel der Edlen würde immer zuerst gefragt: wer ist er, in der sittlichen Rüksicht? und dann hintendrein, etwa beiläufig: wer ist sein Vater?

Er. Das mag vielleicht so Sitte auf dem Uranus seyn, nicht aber auf der Erde. 102Wer nicht wenigstens acht Ahnen zählt, kann an unsern Assambleen keinen Antheil nehmen, sey er auch in der sittlichen Rücksicht, wer er wolle. Leben Sie wol, meine Herren Philosophen! Hier kommen Sie mit all Ihrer Philosophie nicht an.

Da standen wir und gafften uns an. Das war wieder ein feiner Auftritt, sagte Elafu; da weiß ich mir gar nicht, was ich draus machen soll! Wir trollten uns die Treppe hinunter, und Atabu lachte seinen Amtsgenossen über diesen seltsamen Erfolg seiner voreiligen Hoffnungen herzlich aus.

Als wir in den Gasthof zurückgekommen waren, wo wir gewöhnlich speißten, legte Elafu das Räthsel, das wir selbst zu lösen noch nicht im Stande waren, der Tischgesellschaft vor. Ein junger Kaufmann, ein offner und sehr launigter Kopf, der in Handlungsangelegenheiten aus dem nördlichen Teile Deutschlands hieher gereist war, und in sehr vielen Stücken viel weiter und tiefer103 sah, als all seine Landsleute, die wir bisher kennen gelernt hatten, half uns aus dem Traume.

Sie haben sich, sprach er, meine liebe Herren! durch ein Wort irre führen lassen, das, was Ihnen das nächste beste Wörterbuch der deutschen Sprache hätte sagen können, einen gedoppelten Sinn hat. Sie hiengen sich unglücklicher Weise an den schönern und einleuchtendern, der aber gerade bei uns der ungewöhnlichere ist. Denn nur selten bezeichnet man im gemeinen Leben, mit dem Ausdrucke Adel, den Innbegriff derjenigen Vorzüge des Verstandes und des Herzens, wodurch der gute Mensch über den minder Guten erhaben wird. Ist vom Adel die Rede, so müssen Sie sich beynahe immer eine besondre Klasse von menschen denken, die den ersten Stand im Stat ausmacht, die die Person des Fürsten umgiebt, die die wichtigsten Aemter und Ehrenstellen begleitet, und endlich verschiedene eigentümliche Rechte geniest, deren sich die übrigen Bürger des States nicht erfreuen dürfen. Der Name104 dieser eminenten Klasse, läßt Sie vielleicht erwarten, daß sie gerade aus den weisesten und besten Menschen zusammengesezt sey, oder daß man sich nur durch ausgezeichnete Tugenden und Verdienste, in dieselbe schwingen könne. Aber damit irren Sie sehr. Blos die Geburt erteilt eigentlich den Adel. Ist mein Vater ein Edelmann gewesen, so bin ich auch einer, ich mag übrigens noch weniger wahren Wert haben, als der verachteteste Schuhflicker der Stadt. Zwar kann der Fürst Leuten, die nicht von Geburt sind, Sie verstehen nun diesen Ausdruk den Adel erteilen; aber dieser erworbene Adel, wenn man sich auch gleich desselben durch die glänzendsten Verdienste würdig gemacht hat, hat bei weitem den Wert des ererbten nicht, und schließt vom Genuß vieler Vorteile und Rechte aus, die von unsern Gesezen blos diesem zuerkannt sind. Diese hervorragende Klasse sucht sich insbesondre dadurch einen blendenden Glanz zu geben, daß sie sich, so weit es möglich ist, von den andern Ständen entfernt,105 und sich immer in ihrem eignen Kraise bewegt: Deßhalb ist jedem Nichtadelichen der Zutritt in ihre Assambleen verschloßen, und auch Sie wurden heute blos um deßwillen abgewiesen, weil ihre Ahnenprobe so äusserst seicht ausgefallen ist. Der Adel geht hierinn oft so weit, daß er durch seine übertriebene Delikateße nicht so wol schimmert, als vielmehr lächerlich und verächtlich wird. Er nimmt den unbedeutenden Fahnenjunker, der auf keiner Seite keinen Wert und kein Verdienst hat, mit offnen Armen in seinen Versammlungssal auf, wenn ihn nur das Ungefehr der Geburt begünstigt hat, während er dem Nichtadelichen Geheimen Rathe, um den sich die ganze Maschine der Statsverwaltung dreht, und dessen Wirkungskrais hundert tausende in sich schließt, die Thüre vor der Nase zuschlägt. Wären auch Sie einer von den Günstlingen jenes Ungefährs gewesen, man hätte Sie ohne Umstände eingeführt, hätte gleich das ganze Land laut über Ihre Laster und Ungerechtigkeiten geseufzt; hingegen als Nichtadelicher106 mußten sie sich trollen, und dieß wäre Ihr Los gewesen, wenn ganz Deutschland seine Stimme zum Lobe Ihres Verdienstes erhoben hätte. Verstehen Sie nun, meine Herren! was hier zu Lande Adel heißt?

Dank Ihnen, für Ihre Erklärung, erwiederte Elafu. Nun kann ich, wahrlich! meines Grams über unsre Hinwegweisung aus dem Zirkel der Edlen, gar leicht Meister werden. Wir würden kaum etwas gewonnen haben, wenn uns der Herr mit dem Stern seinen Genossen vorgeführt hätte: Denn wo der ganze Geist einer Verfassung auf die Erstickung des wahren Verdienstes und die Krönung des scheinbaren hinzuzielen scheint, da läßt sich wenig Kraft, wenig Anstrengung und wenig nüzliche Thätigkeit erwarten. Aber in der That, das gröste Paradoxon, das ich je gehört habe: die Geburt adelt den Menschen.

Ja wol ein groses Paradoxon, sezte Atabu hinzu, zumal da der Grund des Vorzugs so unzuverläßig ist. Denn es steht Niemanden an seiner Stirne geschrieben, welcher107 Vater ihm seinen Ursprung gegeben hat. Hätten sie doch ein weniger trügliches Merkmal wählen können, wenn es je aus dem Gebiete des Zufalls hergenommen seyn müßte. Denn wär es nicht eben so vernünftig gewesen, den sicherern Grundsaz aufzustellen: Die Kröpfe oder die Höker adlen den Menschen, als jenen höchst unsichern: die Geburt adelt ihn  ?

XII.

Führ uns hin, wo du willst! sagten wir am folgenden Tage, dem Kutscher, den wir gemietet hatten, um uns aus der grosen Stadt hinwegzubringen, in der unsren Augen so viel Schatten und so wenig Licht dargestellet ward. Das dünkte ihn sonderbar und er stuzte. Nun murmelte er vor sich hin wenn’s auf mich ankommt, so führ ich sie eben die besten Wege, und schone dadurch meinen Wagen, meine Pferdte und mich selbst. Und auch uns noch obendrein, sagte Elafu; also fahre zu!

108

Es gieng frisch und froh Berg auf, Berg ab, Durch Saten und Wiesen, durch Anger und Wälder, durch Städte und Dörfer, durch lachende Paradiese, und durch öde unfruchtbare Sandwüsten. Wir wurden mit unter von Wirten und Zollbedienten tüchtig geschröpft, und mußten Brükenzoll bezahlen, wo wir durchs helle klare Wasser fuhren, und Chausse-Geld, wo wir beinahe im Schlamm versanken.

Um ein wenig auszuruhen, stiegen wir in einem grosen Dorfe an der Straße ab. Die ganze Bürgerschaft des Dorfes war im Wirthshause versammlet, in der Absicht einen Schulmeister zu wählen. Der Prediger sas in der Eke des Zimmers am Tische, und schien die Wahl zu dirigiren. Es waren mehrere Kompetenten vorhanden, die dem Prediger zur Seite standen, und voll banger Sehnsucht der Erfüllung ihrer Hoffnungen, entgegen sahen. Vor der Wahl selbst gieng eine kurze Prüfung der Kandidaten voraus. Erst mußte ein jeder eine Probe in der Schreibekunst ablegen, wobei109 ihnen der Prediger einige, uns unverständliche, Säze in die Feder dicktirte. Ihre Schriftproben giengen dann bei den Gemeindegliedern herum, und kamen auf diese Weise auch in unsre Hände. Einige konnten wir wegen der ganz mißratnen Zeichnung der Buchstaben gar nicht entziffern; die andern aber waren voll der garstigsten Fehler gegen die Ortographie. Das fiel uns, in deren Vaterland sich’s der Stat zu einem so wichtigen Geschäfte macht, die künftigen Erzieher und Lehrer des Volks, durch die zwekmäsigsten Anstalten zu ihrer Bestimmung vorzubereiten, natürlich äusserst auf. Sind denn diese Leute hier, fragte Atabu seinen Nachbarn, keine eigentlich studierten Schulmeister? Studierte Schulmeister? erwiederte der Nachbar, indem er hoch auflachte; wenn erst die Schulmeister auch noch studieren müßten! wir haben genug studierte Leute, an unsern Pfarrern, Beamten, und Advokaten. Sehen Sie, fuhr er fort, der dort mit dem krausen Hare und mit der kupfernen Nase ist ein verdorbner110 Kaufmann aus der Stadt. Der im weißen Rocke mit dem lahmen Arm, ist ein Invalider Unteroffizier, aus unserm Dorfe gebürtig. Der Kahlkopf, der sich eben die Nägel abbeißt, ist Kaffeeschenk in der Stadt gewesen, bei dem’s aber auch die Quere gegangen seyn mag, denn ich wollte doch lieber kaffeeschenken, als schulmeistern. Der junge Mensch, dort neben dem Herrn Pfarrer im grünen Rocke, war bisher Lakay bei dem Herrn Konsistorialpräsidenten, und wird auch wol den Dienst bekommen: Denn er ist von seinem gnädigen Herrn sehr empfolen, und wird diesem auch aus einer gewißen Noth helfen, in der er mit dem Kammermädchen steckt, wie’s halt geht; eine Hand wäscht die andre!

Da sind die Sachen gut bestellt, dachten wir; und hatten nun schon deutlich genug bemerkt, daß auf diesem Planeten die Inkonsequenz nicht blos in den Städten, sondern eben so wol auch auf dem Lande wohnet. Elafu fieng mit seiner gewöhnlichen Hize an, den Gemeindegliedern, die an unserm111 Tische sasen, eine heftige Predigt über das Thema zu halten, daß man da nichts als Unheil und Verderben erwarten dürfe, wo die Erziehung der Jugend verdorbnen Kaufleuten, oder lahmen Invaliden, oder ausgetrockneten Kaffeeschenken, oder ehrlosen Lakayen anvertraut werde. Atabu bewies ihm aber, wie zwecklos seine Demonstrationen an dem gegenwärtigen Orte seyen, und welch verdrüßliche Folgen die Verkündigung der Wahrheit vor tauben Ohren, oft nach sich ziehe. Auf das brach er ab, und ergos seinen Unwillen in unverständlichen Tönen in die hole Hand. Bald aber begann sein Murmeln wieder laut und verständlich zu werden, da nämlich der Prediger anfieng die Kandidaten aus der Religion zu examiniren. Es dürfte schwer gewesen seyn zu unterscheiden, wer der unwissendere Theil war, der Examinator oder die zitternden Examinanden; wenigstens schienen die meisten Fragen eben so widersinnig als die Antworten, nur daß die leztern seltner waren, als die erstern. Die Prüfung war bald vorüber. Man stimmte, und der112 gutwillige Lakay, der dem Herrn Präsidenten aus der Not zu helfen versprochen hatte, trug den Preis davon.

Wir waren beyde sehr entrüstet. Schon genug zum Unwillen gereizt durch die Vernachlässigung der bessern Bildung der Erzieher, durch die Unwissenheit der Kandidaten, und durch die erbärmliche Prüfung des Predigers, kam nun noch das äusserste hinzu, daß gerade der ärgste Schurke die Palme erlangte, und das just um deßwillen, weil er der ärgste Schurke war.

Es ward dem neuen Schulmeister sein Besoldungsstand vorgelesen, und da vernahmen wir denn, daß der Mann, dem die Bildung der Jugend des Dorfes anvertraut ist, für allen Schweiß und für alle Mühe mit einem Jahrgehalt von fünfzig Reichsthalern bezahlt wird. Nimmt mich nun nicht mehr Wunder, sagte Atabu, daß nur ganz unbrauchbare Leute eure Schuldienste suchen; ein Mann von Kopf und Herz fände eine solche Besoldung tief unter seiner Würde. Bei uns sind die Nachtwächter113 und Abdeker besser belohnt, als bei euch die Schulmeister. Es scheint, bemerkte Elafu, indem er sich zu seinem treuherzigen Nachbarn wandte, der Herr Präsident will sein liebes Bäschen verhungern lassen, weil er sie einem Mann angehängt hat, der ihr das Brod nur kärglich zuschneiden wird. Hat sich wohl, erwiederte dieser, fünfzig Reichsthaler ist für einen Schulmeister immer noch genug. Schöne Begriffe vom Werte eines Schulmeisters, versezte der Philosoph; wem vertraut man mehr an als ihm? Wem? fiel der Nachbar ein. Warten Sie nur erst ein par Augenblicke. Wir werden sogleich einen neuen Hirten wählen, und der genießt aus unsrer Gemeindekasse an Geld und Früchten ein jährliches Einkommen, von wenigstens hundert Thalern. Aber sehen Sie, diesem Mann vertrauen wir den ganzen Sommer hindurch unser Vieh an, und er muß vom frühen Morgen bis in die späte Nacht rennen und laufen, während der Schulmeister das ganze Jahr keinen Fus müde macht. Herr! bei114 uns heißt es, wie die Arbeit, so der Lohn! Mag nicht warten, sagte Elafu; spann an Kutscher, und eile, daß wir über die Markung dieses Dorfes kommen, wo man das wichtigste Amt einem unwissenden Bedienten überträgt, weil er niederträchtig genug ist, sich von einem vornehmen Wollüstling mit Hörnern krönen zu lassen, und wo man dem Hirten mehr Besoldung giebt als dem Schulmeister, und wo dem Bauren an seinen Stieren und Kälbern mehr gelegen ist, als an seinen Kindern.

Wir schüttelten den Staub von unsern Füsen, und sasen ein.

XIII.

Haben wir nicht ein sonderbares Schicksal auf diesem Planeten! sagte Atabu; wo wir nur den Fus hinsezen, stosen wir an einem neuen Monumente der Unvernunft an, daß uns überall die Galle empor steigt, und Unwille und Aerger das Herz erschüttern. Aber der lezte Auftritt da, mit der Schulmeisterwahl, fuhr Elafu fort, war doch gar115 zu empörend. Welch ein kleines Fünklein Licht darf in das Dunkel der Vernunft des rohen Menschen fallen, um ihm die Säze klar und handgreiflich darzustellen, daß von der Erziehung gewöhnlich unser ganzer Geistes - und Herzenswert abhängt, daß folglich äuserst viel an dem Mann gelegen ist, der das Erziehungsgeschäft, oder wenigstens einen grosen Teil desselbigen besorgt, daß das gröste moralische Verderben einem Dorfe drohe, in dem dieß Geschäfte einem Mann aufgetragen wird, der ihm nicht gewachsen ist, und daß man endlich diesen Mann so belohnen muß, daß man berechtigt ist, grose Kraft und grose Anstrengung von ihm zu fordern. Aber in den Köpfen dieser Leute ist es dichte, stockfinstre Nacht! Doch wär es Lästerung der Menschheit auf der Erde, wenn wir von diesem einzelnen Falle deinen Schluß aufs Ganze machen wollten. Gewiß war das hier weiter nichts als ein Streich des Präsidenten, der sich von der Vertrauten seiner geheimen Freuden, gern los gemacht hätte. Glüklicher weise fiel er gerade116 auf den rechten Ort: Denn anderswo würden die Leute unmöglich so dumm gewesen seyn, sich aus Höflichkeit und aus Mitleiden, mit dem, in der Verlegenheit schwizenden Chef der Klerisey, sich einen so elenden Schuft von Schulmeister aufdringen zu lassen. Aber der Herr Chef muß auch ein Hauptschuft seyn, weil er keinen Anstand nimmt, Dummheit, und Barbarey, und Roheit in einem Dorfe zu verewigen, damit nur seine Schande gedekt werde. Gehen wir, fuhr er fort, in die nächste, beste Dorfschule; gieb acht, Atabu! unsre Erwartungen werden einmal befriedigt. Wahrscheinlich, erwiederte Atabu, wie im Gesellschaftshause des Adels zu Ypsilon.

Wir kamen durch zwey drey Dörfer, ohne die Beobachtung, die Elafu in Vorschlag gebracht hatte, machen zu können. In dem einen war die Schulstunde schon vorüber, in dem andern waren gerade Ferien und im dritten wurden wir versichert, daß den ganzen Sommer über der Unterricht eingestellt sey, weil man bei der Menge von ländlichen117 Geschäften, die Hände der Kinder nicht entbehren könne. Erst am folgenden Tage erhielten wir Gelegenheit, unsre Neugierde befriedigen zu können.

Wir traten in die Schulstube eines sehr artig gebauten Dorfes, in dem alles den höchsten Wohlstand zu verkündigen schien. Aber gerade diese Schulstube stach abscheulich mit den übrigen Zeichen des Ueberflusses und des guten Nahrungsstandes ab, ein finstres, dumpfes Loch, in das man einige Treppen hinabsteigen mußte, wie in einen Keller, und so niedrig, daß wir beyde sizend, an der Decke anstiesen. Die Fenster waren teils zerbrochen, teils mit ewigem Schmuz überwachsen; auf und unter den Tischen, die gerade nicht besezt waren, lagen allerhand Hausgeräte und gedörrte Pflanzen umher; und unter der Bank war ein Gitter angebracht, hinter dem Enten, Gänse, Hüner, und junge Schweine hausten. Der Schulmeister, ein Greis, der’s kaum mehr vermochte, sich aus der Stelle zu bewegen, sas auf einem erhabnen Stuhl, in der Eke des Zimmers. In der einen Hand118 hielt er ein Buch, und in der andern einen Stock. Hinter ihm war das Bild eines Esels, mit Oelfarbe auf ein Brett gemahlt, aufgehängt. Zu seinen Füsen sasen die Kinder an zween Tischen, und jedes derselben flüsterte vor sich in das Buch, so daß dieß Flüstern der Kinder, das Schlurken der Gänse und Enten, das Glucken der Hüner, das Grunzen der Schweine, in den lieblichsten Akorden zusammen tönte. Der Anblik dieser Kinder war abscheulich, wegen der eckelhaften Unreinlichkeit, die sie samt und sonders überzog. Gesichte, Hände, Füse, Kleider, Bücher alles war mit Schmuz bedekt, und ein tödtender Gestank breitete sich von ihnen über die ganze Stube aus.

Wir seufzten laut beim Anblike dieser traurigen Scene. Wir dünkten uns nicht in einem Schulzimmer, sondern in einem Gefängniß oder in einem Zuchthause zu seyn. Denn es schien absichtlich alles zusammengehäuft, was die Gesundheit der Kinder zerstören den Sinn für Ordnung und Reinlichkeit ersticken, und ihre geistigen und körperlichen Kräfte119 lähmen mußte. Den Fehlern, die gewöhnlich unwissende Aeltern in der häuslichen Erziehung machten, ward hier durch die öffentliche Erziehung die Krone aufgesezt.

Noch mehr erstaunten wir aber, als uns der Schulmeister, in einem sehr prätensionsvollen Tone, mit seinen pädagogischen Grundsäzen bekannt[machte].

Ein ziemlich ungesundes Zimmer! sagte Elafu, indem er sich mit dem Schnuptuche den Schweiß von der Stirne wischte.

Schulmeister. O im Sommer geht es wohl noch an; aber im Winter oder bei feuchter Witterung zerspringen uns beinahe die Köpfe, da lauft den ganzen Tag das Wasser die Wände herunter; sehen Sie nur, wie grün sie sind.

Elafu. Aber warum weist man dem Zimmer keinen gesundern Plaz im Hause an. Das liese sich vielleicht doch thun?

Schulm. Nicht wohl! Hier über der Schulstube ist zwar eine geräumige, luftige Tenne, die man aber zur Aufbewahrung des Futters bedarf. Denn hier in diesem120 feuchten Loch gieng das Futter alles zu Grunde.

Atabu. Schön! Damit das Futter nicht zu Grunde geht, läßt man die Kinder verfaulen. Beinahe das nämliche Histörchen, wie