PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes,
Tübingen, in derJ. G. Cotta’schen Buchhandlung1811.
[II]
[III]

Vorrede.

Die Veranlassung zur Herausgabe dieses Büchleins muß seinen Titel rechtfertigen, und der Titel die Herausgabe. Der Verfasser hat nemlich seit vier Jahren die Lesestücke des Badischen Landcalenders, genannt der rheinländische Hausfreund, geliefert, und die Cottaische Buchhandlung in Tübingen hegte die gute Meinung, es wäre schade, wenn die besten Aufsätze darinn, innerhalb des Marktkreises des Calenders und mit dem nemlichen Jahr, wofür sie geschrieben sind, wieder untergehen sollten, und druckt sie daher für ein eigenes Büchlein, samt den mittelmäsigen ab, damit sich jene besser herausheben.

Der geneigte Leser wird sich gefällig erinnern, mehrere der eingebrachten Erzählungen und Anekdoten anderswo auch schon gehört oder gelesen zu haben, wäre es auch nur im Vademecum, von welcher Almende oder Gemeinwiese sie der Verfasser zum Theil selber gepflückt hat. Doch ließ ers nicht beym blosen Abschreiben bewenden, sondern bemühte sich, diesen Kindern des Scherzes und derIV Laune auch ein nettes und lustiges Röcklein umzuhängen, und wenn sie darin dem Publikum wohlgefallen, so ist ihm ein schöner Wunsch gelungen, und er macht auf die Kinder selbst keine weiteren Ansprüche.

Uebrigens, sagt die Verlagshandlung, findet sich das Beste nicht sogleich am Anfang, sondern in der Mitte, und wie an einem Ballen Tuch am Ende des Büchleins, von welchem auch das letzte Muster im Morgenblatt abgeschnitten ist. Sie rechnete auf viele Leser, die, wie die Bekenner des mosaischen Gesetzes, dort zu lesen anfangen, wo andere aufhören.

[V]

Inhalt.

  • Seite
  • Allgemeine Betrachtung über das Weltgebäude1
  • Die Erde und die Sonne2
  • Denkwürdigkeiten aus dem Morgenlande8
  • Erstes Rechnungsexempel10
  • Von den Processionsraupen11
  • Fortsetzung über die Erde und Sonne13
  • Zwey Gehülfen des Hausfreundes22
  • Des Adjunkts Standrede im Gemüßgarten seiner Schwiegermutter25
  • Von den Schlangen30
  • Geiz und Verschwendung37
  • Kindesdank und Undank37
  • Das wohlfeile Mittagessen40
  • Auflösung des ersten Rechnungsexempels und ein Zweites41
  • Mancherley Regen42
  • Auflösung des zweiten Rechenexempels49
  • Drittes und viertes Rechnungsexempel50
  • Nützliche Lehren51
  • Guter Rath54
  • Das Mittagessen im Hof57
  • Der kluge Richter58
  • Der Mensch in Kälte und Hitze60
  • Der schlaue Husar64
  • Sommerlied66
  • Der Maulwurf68
  • Der Zahnarzt71
  • Nützliche Lehren74
  • Der Mond76
  • Auflösung des 3ten und 4ten Rechnungsexempels83
  • Zwey Erzählungen84
  • Nützliche Lehren86
  • Die Spinnen89
  • Die Planeten93
  • Das wohlbezahlte Gespenst99
  • VI
  • Seite
  • Der vorsichtige Träumer102
  • Nützliche Lehren103
  • Mißverstand104
  • Die Eidexen104
  • Unglück der Stadt Leiden108
  • Fliegende Fische110
  • Schlechter Gewinn112
  • Der wohlbezahlte Spaßvogel113
  • Eine sonderbare Wirthszeche114
  • Seltsamer Spazierritt116
  • Drey Wünsche117
  • Eine merkwürdige Abbitte120
  • Der große Sanhedrin zu Paris122
  • Der schlaue Pilgrim126
  • Untreue schlägt den eigenen Herrn128
  • Jakob Humbel131
  • Franz Ignaz Narocki135
  • Der Wegweiser137
  • Brodlose Kunst139
  • Glück und Unglück140
  • Abendlied142
  • Der Commandant und die Jäger in Hersfeld143
  • Pieve144
  • Die Planeten. Fortsetzung148
  • Kannitverstan154
  • Schlechter Lohn158
  • Der kann Deutsch158
  • Der Fremdling in Memel159
  • Das seltsame Recept161
  • Einfältiger Mensch in Mayland161
  • Der Barbierjunge von Segringen162
  • Merkwürdige Gespenster-Geschichte164
  • Gute Antwort169
  • Drey andere Wünsche170
  • Der Husar in Neisse171
  • Was in einer großen Stadt drauf geht174
  • VII
  • Seite
  • Ein Wort giebt das andere175
  • Moses Mendelsohn176
  • Ein theurer Kopf und ein wohlfeiler177
  • Theure Eyer178
  • Die drey Diebe178
  • Suwarow182
  • Klein und Groß183
  • Hohes Alter185
  • Kayser Napoleon und die Obstfrau in Brienne186
  • Das Bombardement von Koppenhagen188
  • Fürchterlicher Kampf eines Menschen mit einem Wolf192
  • Unglück in Koppenhagen194
  • Merkwürdige Schicksale eines jungen Engländers195
  • Der unschuldig Gehenkte200
  • Der Rekrut202
  • Böser Markt202
  • Die Cometen205
  • Der silberne Löffel211
  • Einträglicher Räthselhandel213
  • Des Seilers Antwort217
  • Der geheilte Patient218
  • Wie der Zundel-Frieder und sein Bruder dem rothen Dieter abermal einen Streich spielen221
  • Der kluge Sultan223
  • Wie man aus Barmherzigkeit rasirt wird225
  • Der Zirkelschmied225
  • Heimliche Enthauptung227
  • Der Staar von Segringen230
  • Wie man in den Wald schreit, so schreit es heraus232
  • Die falsche Schätzung233
  • Das letzte Wort234
  • Gutes Wort, böse That235
  • Der geduldige Mann236
  • Der schlaue Mann237
  • Der Heiner und der Brassenheimer Müller238
  • Der falsche Edelstein240
  • VIII
  • Seite
  • Das schlaue Mädchen243
  • Ein gutes Rezept244
  • Vereitelte Rachsucht246
  • Schreckliche Unglücksfälle in der Schweitz249
  • Wie eine gräuliche Geschichte durch einen gemeinen Mezgerhund ist an das Tageslicht gebracht worden254
  • Die Fixsterne256
  • Seltsame Ehescheidung261
  • Der listige Steyermarker262
  • Etwas aus der Türkey264
  • Das bequeme Schilderhaus265
  • Wie der Zundel-Frieder eines Tages aus dem Zuchthaus entwich und glücklich über die Gränzen kam266
  • Die leichteste Todesstrafe268
  • Nützliche Lehren269
  • Die Fixsterne. Fortsetzung271
  • Die Bekehrung275
  • Der fremde Herr277
  • Theures Späßlein279
  • Der General-Feldmarschall Suwarow280
  • Die zwei Postillione282
  • Der betrogene Krämer284
  • Rettung einer Officiersfrau286
  • Baumzucht288
  • Unverhoftes Wiedersehen292
  • Andreas Hofer294
[1]

Allgemeine Betrachtung über das Weltgebäude.

Dem geneigten Leser, wenn er zwischen seinen bekannten Bergen und Bäumen daheim sizt bey den Seinigen, oder bey einem Schöpplein im Adler, so ist’s ihm wohl, und er denkt just nicht weiter. Wenn aber früh die Sonne in ihrer stillen Herrlichkeit aufgeht, so weiß er nicht, wo sie herkommt, und wenn sie Abends untergeht, weiß er nicht, wo sie hinzieht, und wo sie die Nacht hindurch ihr Licht verbirgt, und auf welchem geheimen Fußpfad sie die Berge ihres Aufgangs wieder findet. Oder wenn der Mond einmal bleich und mager, ein andermal rund und voll durch die Nacht spaziert, er weiß wieder nicht, wo das herrührt, und wenn er in den Himmel voll Sterne hinaufschaut, einer blinkt schöner und freudiger als der andere, so meint er, sie seien alle wegen seiner da, und weiß doch nicht recht, was sie wollen. Guter Freund, das ist nicht löblich, daß man so etwas alle Tage sieht, und fragt nie, was es bedeutet. Der Himmel ist ein großes Buch über die göttliche Allmacht und Güte, und stehen viel bewährte Mittel darin gegen den Aberglauben und gegen die Sünde, und die Sterne sind die goldenen Buchstaben in dem Buch. Aber es ist arabisch, man kann es nicht verstehen, wenn man keinen Dolmetscher hat. Wer aber einmal in diesem2 Buch lesen kann, in diesem Psalter, und ließt darin, dem wird hernach die Zeit nimmer lang, wenn er schon bei Nacht allein auf der Strasse ist, und wenn ihn die Finsterniß verführen will, etwas Böses zu thun, er kann nimmer.

Also will jezt der Hausfreund eine Predigt halten, zuerst über die Erde und über die Sonne, darnach über den Mond, darnach über die Sterne.

Die Erde und die Sonne.

Nach dem Augenschein und nach dem allgemeinen Glauben wäre die Erde mit allen ihren Bergen und Thälern eine große runde Fläche gleich einer ungheuer großen Scheibe. Am Rande derselben weiter hinaus kommt nichts mehr, dort ist gleichsam der Himmel an sie angefügt, der wie eine große hohle Halbkugel über ihr steht und sie bedeckt. Dort geht am Tag die Sonne auf und unter, bald früher, bald später, bald links an einem gewissen bekannten Berg oder Haus, bald rechts, und bringt Tag und Nacht, Sommer und Winter, und bey Nacht den Mond und die Sterne, und sie scheinen nicht gar entsetzlich hoch über unsern Häuptern zu stehen.

Das wäre nun alles gut, wenn’s niemand besser wüßte, aber wir Sternseher und Kalendermacher wissen’s besser. Denn erstlich, wenn einer daheim weggeht, und will reisen bis an’s Ende der Erde, an den Rand, wo man einen aufgehenden Stern mit der Hand weghaschen und in die Tasche stecken kann, und er geht am 1. April von Hause aus, so hat er den rechten Tag gewählt. Denn er kann reisen, wenn3 er will durch Deutschland, durch Polen, durch Rußland, nach Asien hinein durch die Muhamedaner und Heiden, vom Land auf’s Wasser, und vom Wasser wieder auf’s Land, und immer weiter. Aber endlich, wenn er ein Pfeiflein Tobak einfüllt, und will daran denken, wie lang er schon von den Seinigen weg ist, und wie weit er noch zu reisen hat an’s Ende der Erde und wieder zurück, auf einmal wirds ihm heimlich in seinem Gemüth, es wird nach und nach alles, wie es daheim war, er hört seine Landessprache wieder sprechen, zulezt erblikt er von weitem einen Kirchthurm, den er auch schon gesehen hat, und wenn er auf ihn hingeht, kommt er in ein wohlbekanntes Dorf, und hat nur noch 2 Stunden oder drei, so ist er wieder daheim, und hat das Ende der Erde nie gesehen. Nemlich er reis’t um die Erde, wie man einen Strich mit Kreide um eine Kugel herumzieht, und kommt zulezt wieder auf den alten Flek, von dem er ausgieng.

Es sind schon mehr als 20 solcher Reisen um die Erde nach verschiedenen Richtungen gemacht worden. In zwei bis vier Jahren, je nachdem, ist alles geschehen. Ist nicht der englische Seekapitän Cook, in Einem Leben zweymal um die ganze Erde herum gereist, und von der andern Seite her wieder heimgekommen, aber das drittemal haben ihn die Wilden auf der Insel Owai ein wenig todt geschlagen, und gegessen.

Daraus und aus mehrern sicheren Anzeigen erkennen die Gelehrten folgendes: die Erde ist nicht blos eine ausgebreitete, rund abgeschnittene Fläche, nein sie ist eine ungeheure große Kugel. Weiters: sie hängt und schwebt frei und ohne Unterstüzung, wie4 seines Orts die Sonne und der Mond, in dem unermeßlichen Raum des Weltalls unten und oben zwischen lauter himmlischen Sternen. Weiters: sie ist rings um und um, wo sie Land hat, und wo die Hitze oder der bittere Frost es erlaubt, mit Pflanzen ohne Zahl besezt, und von Thieren und vernünftigen Menschen belebt. Man muß nicht glauben, daß auf diese Art ein Theil der Geschöpfe mit dem Kopf abwärts hänge, und in Gefahr stehe, von der Erde weg, und in die Luft herab zu fallen. Diß ist lächerlich. Ueberall werden die Körper durch ihre Schwere an die Erde angezogen, und können ihr nicht entlaufen. Ueberall nennt man unten, was man unter den Füßen hat; und oben, was über dem Haupt hinaus ist. Niemand merkt oder kann sagen, daß er unten sey. Alle sind oben, so lang sie die Erde unter den Füßen, und den Himmel voll Licht oder Sterne über dem Haupte haben.

Aber der geneigte Leser wird nicht wenig erstaunen, wenn er’s zum erstenmal hören sollte, wie groß diese Kugel sey: Denn

der Durchmesser der Erde beträgt in gerader Linie von einem Punkt der Oberfläche durch das Centrum hindurch zum andern Punkt, Eintausend sieben hundert und zwanzig deutsche Meilen. Der Umkreis der Kugel aber beträgt fünftausend vierhundert deutsche Meilen.

Ihre Oberfläche aber beträgt über neun Millionen Meilen in’s Gevierte, und davon sind zwey Drittheil Wasser, und Ein Drittheil Land.

Ihre ganze Masse aber beträgt mehr als zweytausend, sechs hundert und zwey und sechzig Millionen5 Meilen im Klaftermaaß. Das haben die Gelehrten mit großer Genauigkeit ausgemessen und ausgerechnet, und sprechen davon, wie von einer gemeinen Sache. Aber niemand kann die göttliche Allmacht begreifen, die diese ungeheure große Kugel schwebend in der unsichtbaren Hand trägt, und jedem Pflänzlein darauf seinen Thau und sein Gedeihen giebt, und dem Kindlein, das gebohren wird, einen lebendigen Odem in die Nase. Man rechnet, daß tausend Millionen Menschen zu gleicher Zeit auf der Erde leben, und bey dem lieben Gott in die Kost gehen, ohne das Gethier. Aber es kommt noch besser.

Denn zweitens die Sonne, so nahe sie zu seyn scheint, wenn sie früh hinter den Bergen in die frische Morgenluft hinauf schaut, so ist sie doch über zwanzig Millionen Meilen weit von der Erde entfernt. Weil aber eine solche Zahl sich geschwinder aussprechen, als erwägen und ausdenken läßt, so merke: Wenn auf der Sonne eine große scharf geladene Canone stünde, und der Constabler, der hinten steht und sie richtet, zielte auf keinen andern Menschen als auf dich, so dürftest du deswegen in dem nemlichen Augenblick, als sie losgebrannt wird, noch herzhaft anfangen ein neues Haus zu bauen, und könntest darinn essen und trinken und schlafen, oder du könntest ohne Anstand noch geschwinde heirathen, und Kinder erzeugen und ein Handwerk lernen lassen, und sie wieder verheirathen und vielleicht noch Enkel erleben. Denn wenn auch die Kugel in schnurgerader Richtung und immer in gleicher Geschwindigkeit immer fort und fort flöge, so könnte sie doch erst nach Verfluß von 25 Jahren von der Sonne hinweg auf der Erde6 anlangen, so doch eine Canonenkugel einen scharfen Flug hat, und zu einer Weite von 600 Fuß, nicht mehr als den sechzigsten Theil einer Minute bedarf.

Daß nun weiters die Sonne auch nicht bloß eine glänzende Fensterscheibe des Himmels, sondern wie unser Erdkörper eine schwebende Kugel sey begreift man schon leichter. Aber wer vermag mit seinen Gedanken ihre Größe zu umfassen, nachdem sie aus einer so entsetzlichen Ferne solche Kraft des Lichts und der Wärme noch auf die Erde ausübt, und alles segnet, was ihr mildes Antlitz bescheint? Der Durchmesser der Sonne ist 114 mal größer als der Durchmesser der Erde. Aber im Körper-Maas betragt ihre Masse anderthalb Millionen mal so viel als die Erde. Wenn sie hohl wäre inwendig, so hätte nicht nur unsere Erde in ihr Raum, auch der Mond, der doch 50,000 Meilen von uns absteht, könnte darinn ohne Anstoß auf - und untergehn, wie so, ja er könnte noch einmal so weit von uns entfernt seyn als er ist, und doch ohne Anstoß um die Erde herum spatzieren, wenn er wollte. So groß ist die Sonne, und geht aus der nemlichen allmächtigen Hand hervor, die auf der Erde das Magsaamen - oder Mohnsamenkörnlein in seiner Schale bildet und zur Reife bringt, eins so unbegreiflich, wie das andere. Der Hausfreund wenigstens wüßte keine Wahl, wenn er eine Sonne, oder ein Magsamenkörnlein machen müßte mit einem fruchtbaren Keim darin.

Lange nun glaubten selbst die gelehrtesten Sternforscher, diese ganze unermeßliche Sonnenmasse sey nichts anders, als eine glühende Feuerkugel durch und durch. Nur konnte keiner von ihnen begreifen, wo7 dieses Feuer seine ewige Nahrung faßt, daß es in tausend und aber tausend Jahren nicht abnimmt, und zulezt, wie ein Lämplein verlöscht; denn die gelehrten Leute wissen auch nicht alles, und reiten manchmal auf einem fahlen Pferd. Wer alles wissen will, dem ist schlecht zu trauen, sondern er treibt’s mit seinen Antworten, wie der Matheis, der das Eis bricht. Hat er keins, macht er eins nach dem Sprichwort.

Deswegen will es nun heut zu Tag den Sternforschern und andern verständigen Leuten scheinen, die Sonne könne an sich wohl wie unsere Erde ein dunkler und temperirter, ja ein bewohnbarer Weltkörper seyn. Aber wie die Erde ringsum mit erquickender Luft umgeben ist, so umgibt die Sonne ringsum das erfreuliche Licht, und es ist nicht nothwendig, daß dasselbe auf dem Sonnenkörper selbst eine unausstehliche zerstörende Hitze verursachen müsse, sondern ihre Strahlen erzeugen die Wärme und Hitze erst, wenn sie sich mit der irdischen Luft vermischen, und ziehen dieselbe gleichsam aus den Körpern hervor. Denn daß die Erde eine große Masse von verborgener Wärme in sich selbst hat, und nur auf etwas warten muß, um sie von sich zu geben, das ist daran zu erkennen, daß zwey kalte Körper mitten im Winter durch anhaltendes Reiben zuerst in Wärme, hernach in Hitze, und endlich in Glut gebracht werden können. Und wie geht es zu, je weiter man an einem hohen Berg hinaufsteigt, und je näher man der Sonne kommt, daß man immer mehr in die Hände hauchen muß, und zulezt vor Schnee und Eis nimmer weiterkommt, fragen die Naturkundiger, wenn die Sonne ein sprühendes Feuer seyn soll? 8Also wäre es wohl möglich, daß sie an sich ein fester mit mildem Licht umflossener Weltkörper sey, und daß auf ihr Jahr ans Jahr ein wunderschöne Pfingstblumen blühen und duften, und statt der Menschen fromme Engel dort wohnen, und ist dort, wie im neuen Jerusalem, keine Nacht und kein Winter, sondern Tag und zwar ein ewiger freudenvoller Sabbath und hoher Feyertag. Schon Doktor Luther hat einmal so etwas verlauten lassen, und der gelehrige Leser begreifts ein wenig, aber doch nicht recht.

(Die Fortsetzung folgt.)

Denkwürdigkeiten aus dem Morgenlande.

1.

In der Türkei, wo es bisweilen etwas ungerade hergehen soll, trieb ein reicher und vornehmer Mann einen Armen, der ihn um eine Wohlthat anflehte, mit Scheltworten und Schlägen von sich ab, und als er ihn nicht mehr erreichen konnte, warf er ihn noch mit einem Stein. Die es sahen, verdroß es, aber Niemand konnte errathen, warum der arme Mann den Stein aufhob, und ohne ein Wort zu sagen, in die Tasche steckte, und Niemand dachte daran, daß er ihn von nun an so bey sich tragen würde. Aber das that er. Nach Jahr und Tag hatte der reiche Mann ein Unglück, nemlich er verübte einen Spitzbubenstreich, und wurde deswegen nicht nur seines Vermögens verlustig, sondern er mußte auch nach dortiger Sitte zur Schau und Schande, rükwärts, auf einen Esel gesezt, durch die Stadt reiten. An Spott und Schimpf fehlte es nicht, und der Mann mit dem9 räthselhaften Stein in der Tasche stand unter den Zuschauern eben auch da, und erkannte seinen Beleidiger. Jetzt fuhr er schnell mit der Hand in die Tasche; jezt griff er nach dem Stein; jetzt hob er ihn schon in die Höhe, um ihn wieder nach seinem Beleidiger zu werfen, und wie von einem guten Geist gewarnt, ließ er ihn wieder fallen, und gieng mit einem bewegten Gesicht davon.

Daraus kann man lernen: Erstens man soll im Glück nicht übermüthig, nicht unfreundlich und beleidigend gegen geringe und arme Menschen seyn. Denn es kann vor Nacht leicht anders werden, als es am frühen Morgen war, und wer dir als Freund nichts nutzen kann, der kann vielleicht als Feind dir schaden . Zweitens, man soll seinem Feind keinen Stein in der Tasche, und keine Rache im Herzen nachtragen. Denn als der arme Mann den seinen auf die Erde fallen ließ und davon gieng, sprach er zu sich selber so: Rache an dem Feind auszuüben, so lange er reich und glücklich war, das war thöricht und gefährlich; jetzt wo er unglücklich ist, wäre es unmenschlich und schändlich.

2.

Ein anderer meinte, es sey schön, Gutes zu thun an seinen Freunden, und Böses an seinen Feinden. Aber noch ein anderer erwiederte: das sey schön, an den Freunden Gutes zu thun, und die Feinde zu Freunden zu machen.

3.

Es ist doch nicht alles so uneben, was die Morgenländer sagen und thun.

Einer, Namens Lockmann, wurde gefragt, wo er10 seine feinen und wohlgefälligen Sitten gelernt habe? Er antwortete: Bei lauter unhöflichen und groben Menschen. Ich habe immer das Gegentheil von demjenigen gethan, was mir an ihnen nicht gefallen hat.

4.

Ein anderer entdeckte seinem Freund das Geheimniß, durch dessen Kraft er mit den zanksüchtigen Leuten immer im guten Frieden ausgekommen sey. Er sagte so: Ein verständiger Mann und ein thörichter Mann können nicht einen Strohhalm mit einander zerreissen. Denn wenn der Thor zieht, so läßt der Verständige nach, und wenn jener nachläßt, so zieht dieser. Aber wenn zwey Unverständige zusammen kommen, so zerreißen sie eiserne Ketten.

Erstes Rechnungs-Exempel.

Man sollte nicht glauben, daß ein Mensch, der auf leichtfertigen Wegen sein Glück sucht, mit lauter Gewinnen immer verlieren, und zuletzt um Habe und Vermögen dabey kommen kann. Aber die Sache hat Grund. Man erzählt, daß ein Mensch, der sich, lieber im Müßiggang durch schlechte Mittel, als durch Fleiß und Arbeit ernähren wollte, einen Bund mit dem bösen Geist gemacht habe. Der Mann wohnte an einem Wasser, und der Böse versprach ihm, alles baare Geld, das er im Hause habe, zu verdoppeln, wenn er damit über die Brücke gehe, und verlange nichts dafür, als daß er ein 24 Kreutzer Stück davon ins Wasser werfe, wenn er wieder über die Brücke zurückgehe, und das dürfe er wiederholen, seinetwegen so oft er wolle. Der Einfältige11 schlägt mit Freuden ein, sucht alles baare Geld im Hause zusammen, macht die erste Probe, und diesmal scheint der schwarze Feind ehrlich zu seyn, denn er hält Wort, und der andere natürlicher Weise auch.

Wie oft und lange mag nun der Glückliche seinen Gang über die Brücke hin und her wiederholen? So lange es gut thut, so lange er etwas hinüber zu tragen hat, dreymal in allem. Denn als er zum dritten mal mit seiner verdoppelten Baarschaft zurückkehrte: und das drittemal den ausbedungenen Brücken-Zoll ins Wasser warf; so hatte der böse Feind sein Geld alles rein und baar bis auf den letzten rothen Heller, und der arme Betrogene gieng leer nach Haus, und hatte nichts mehr in den Strom zu geben, wenn er über die Brücke gieng, als Thränen um seine letzte verlohrne Baarschaft. Wer rechnen kann, wirds bald heraus haben, wie viel der Betrogene zum erstenmal Geld über den Strom zu tragen hatte, und daß alles natürlich zugieng. Und mancher, den die Erfahrung auch schon klug gemacht hat, wird denken: Accurat so gehts! die Auflösung wird bald nachfolgen.

Von den Processions-Raupen.

Oft fürchten wir, wo nichts zu fürchten ist, ein andermal sind wir leichtsinnig nahe bei der Gefahr. In unsern Eichwäldern hält sich eine Art von graufarbigen haarigen Raupen auf, die sich in sehr großer Anzahl zusammenhalten, und in ganzen grossen Zügen dicht aneinander und auf einander von einem Baum auf den andern wandern, deßwegen nennt man sie12 Processions-Raupen. Oft sieht man sie langsam auf der Erde fortkriechen, oder an den Eichenstämmen hinaufziehen; sie theilen sich bisweilen wie ein Strom in zwey und mehrere Arme, ziehn eine Strecke weit so fort, vereinigen sich dann wieder und schließen einen leeren Raum in der Mitte, wie eine Insel zwischen sich ein: Oft sieht man an der Länge eines ganzen Stammes hin eine unzählige Menge leere Bälge, welche sie bei der Häutung hängen ließen. Wer im Sommer oft in Eichwälder kommt, wird sich erinnern, dieses schon gesehen zu haben. Daß solche ganze Züge von gefräßigen Raupen an den Blättern der Bäume, wo sie hinkommen, große Verwüstungen anrichten, und das Gedeihen und die Gesundheit der Bäume hindern können, ist leicht zu erachten; doch ist das nicht das schlimmste, sondern sie können sogar dem menschlichen Körper gefährlich werden, wenn man ihnen zu nahe kommt, sie muthwillig beunruhigt, oder gar aus Unvorsichtigkeit mit einem entblößten Theil des Körpers berührt und drückt. Sie dulden es nicht ungestraft, wenn sie sich rächen können. Man hat schon einige traurige Beyspiele an Leuten erlebt, denen solches wiederfahren ist. Sie bekamen bald starke Geschwulst, heftige und schmerzhafte Entzündungen an der Stelle des Körpers, wo sie diese Raupen mit bloser Haut berührten, und nach dem Zeugniß erfahrner Aerzte könnte daraus noch größeres Unheil entstehen, wenn man nicht mit zweckmäßigen Heilmitteln zuvor käme. Aber wie das zugehen mag. Die Raupen lassen augenblicklich ihre kurzen, steifen stechenden Haare gehen, und drücken und schießen sie gleichsam wie Pfeile ihrem Feind in die zarte13 Haut des Körpers. Dies ist das Mittel, welches die Natur auch diesen verachteten Thieren zu ihrer Vertheidigung gegeben hat. Mehrere andere Arten von Haar-Raupen thun es auch. Aber bei den Prozessions-Raupen ist die Menge gefährlich. Der Körper bekommt unzählig viele kleine unsichtbare Wunden; in jeder bleibt der feine reizende Pfeil stecken, und viel kleine Ursachen zusammen thun eine große Wirkung, was man auch sonst im menschlichen Leben so oft erfährt, und doch so wenig bedenkt. Man soll also mit diesen Thieren keinen unnöthigen Muthwillen treiben; wenn man Ursache hat, an einem Baum hinauf zu klettern, soll man aufschauen, was daran ist; man soll in der Nähe von Eichbäumen halb nackte Kinder nicht auf den Boden setzen, ohne ihn zuerst zu besichtigen, und sie warnen, daß sie es nicht selber thun. Es ist leichter, Schaden zu verhüten, als wieder gut zu machen.

Fortsezung über die Erde und Sonne.

Nachdem in der vorhergegangenen Predigt zuerst von der Erde und hernach von der Sonne, jede für sich geredet worden ist, so wollen wir nur noch mit wenigem hören, wie sie unter einander in guter Freundschaft leben, und wie aus ihrer Liebe zu einander Tag und Nacht, Merzveilchen, Erndekränze, Wein und gefrorne Fensterscheiben entstehen.

Da die unermeßlich große Sonne in einer so unermeßlich weiten Entfernung von uns weg ist, so hat es den Sternforschern schon lange nicht mehr einleuchten wollen, daß sie unaufhörlich und je in 2414 Stunden um die kleine Erde herumspringen soll in einer unbegreiflichen Kraft und Geschwindigkeit, nur damit wir in diesem kurzen Zeitraum einmal Morgen und Mittag, Abend und Nacht bekämen, und wandelnde Sterne. Denn die Naturkündiger haben sich überzeugt, daß alles, was geschieht, auf eine viel einfachere und leichtere Art auch geschehen könnte. Allein ein rechtschaffner Sternseher, Copernikus genannt, hat bewiesen, daß es nicht nur so geschehen könnte, wie die Naturforscher denken, sondern daß es wirklich so geschieht, und die göttliche Weisheit hat früher daran gedacht, als die menschliche.

Der geneigte Leser wird jezt erfahren, was Copernikus behauptet und bewiesen hat, wird aber ersucht, zuerst alles zu lesen, ehe er den Kopf schüttelt, oder gar lacht.

Erstlich, sagt Copernikus, die Sonne, ja selbst die Sterne haben gegen die Erde weiters keine Bewegung, sondern sie stehen für uns so gut als still.

Zweitens, die Erde dreht sich in 24 Stunden um sich selber um. Nemlich, man stelle sich vor, wie wenn von einem Punkt der Erdkugel durch ihr Centrum bis zum entgegengesetzten Punkt eine lange Spindel oder Axe gezogen wäre. Diese zwei Punkte nennt man die Pole. Gleichsam um diese Axe herum dreht sich die Erde in 24 Stunden, nicht nach der Sonne, sondern gegen die Sonne, und wenn ein langer rother Faden ohne Ende, ich will sagen am 21sten Merz von der Sonne herab auf die Erde reichte, und Mittags um 12 Uhr, an einen Kirschbaum oder an einem Cruzifix auf dem Felde angeknüpft würde, so würde die Erdkugel diesen Faden in 24 Stunden einmal15 ganz um sich herum gezogen haben, und so jeden andern Tag.

Auf diese einfache Weise geschieht das Nemliche, was geschehen würde, wenn die Sonne in der nemlichen Zeit, einen Kreisgang von 132 Millionen Meilen rings um die fest stehende Erde herum wandeln müßte. Nemlich die eine Hälfte der Erdkugel ist gegen die Sonne gekehrt, und hat Tag, und eine Hälfte ist von der Sonne abgekehrt gegen die Sterne hinaus, und hat Nacht, aber nie die Nemliche, sondern wie die Erdkugel sich gleichsam an ihrer Axe gegen die Sonne dreht, löst sich immer an dem einen Rand der finstern Hälfte ein wenig von der Nacht in die Dämmerung auf, bis man dort die ersten Strahlen der Sonne erbliken kann, und meint, sie gehe auf, und an der andern Seite der erleuchteten Hälfte wird’s immer später und kühler, bis man die Sonne nicht mehr sieht, und meint, sie sey untergegangen, und den Morgen und Mittag und Abend, das heilige Osterfest und sein Glockengeläute wandeln in 24 Stunden um die Erde herum, und erscheinen nie an allen Orten zu gleicher Zeit, sondern in Wien zum Beispiel 24 Minuten früher als in Paris.

Drittens, sagt Copernikus, während die Erde, den Morgen und den Abend, und zu seiner Zeit das heilige Osterfest in 24 Stunden gleichsam um sich herum spinnt, bleibt sie nicht an dem nemlichen Ort, im unermeßlichen Weltraum stehen, sondern sie bewegt sich unaufhörlich, und mit unbegreiflicher Geschwindigkeit in einer großen Kreislinie, zwischen der Sonne und den Sternen fort, und kommt in 365 Tagen16 und ungefähr 6 Stunden um die Sonne herum, und wieder auf den alten Ort.

Deßwegen und weil alsdann nach 365 Tagen, und ungefähr 6 Stunden alles wieder so wird, und alles wieder so steht, wie es vor eben so viel Zeit auch gestanden ist, so rechnet man 365 Tage zu einem Jahr, und spart die 6 Stunden vier Jahre lang zusammen, biß sie auch 24 Stunden ausmachen, denn man darf nichts von der kostbaren Zeit verlohren gehn lassen. Deßwegen rechnet man je auf das 4te Jahr einen Tag mehr, und nennt es das Schaltjahr.

Die Sache fängt an, dem verständigen Leser einzuleuchten, und er wäre bald bekehrt, wenn er nur auch etwas von dem Drehen und Laufen der Erdkugel verspühren könnte! Deßwegen und

Viertens, sagt der Hausfreund, man kann die Bewegung eines Gefährtes, auf welchem man mitfahrt, eigentlich nie an dem Gefährte selbst erkennen, sondern man erkennt sie an den Gegenständen rechts und links, an den Bäumen und Kirchthürmen, welche stehen bleiben, und an denen man nach und nach vorbeikommt. Wenn ihr auf einem sanftfahrenden Wagen, oder lieber in einem Schifflein auf dem Rhein fahrt, und ihr schließt die Augen zu, oder ihr schaut eurem Cameraden, der mit euch fahrt, steif auf einen Rockknopf, so merkt ihr nichts davon, daß ihr weiter kommt. Wenn ihr aber umschaut nach den Gegenständen, welche nicht selber bey euch auf dem Gefährte sind, da kommt euch das Ferne immer näher, und das Nahe und Gegenwärtige verschwindet hinter eurem Rücken, und daran erkennt ihr erst, daß ihr vorwärts kommt, also auch die Erde. An der17 Erde selbst und allem was auf ihr ist, so weit man schauen kann, läßt sich ihre Bewegung nicht absehen; (denn die Erde ist selbst das grosse Gefährte, und alles was man auf ihr sieht, fahrt selber mit:) sondern man muß nach etwas schauen, das stehen bleibt, und nicht mitfahrt, und das sind eben nach Nro. 1. die Sonne und die Sterne, zum Beispiel der sogenannte Thierkreis. Denn 12 große Gestirne, welche man die 12 himmlische Zeichen nennt, stehn am Himmel in einem hohen Kreis um die Erde herum. Sie heissen: der Widder, der Stier, die Zwillinge, der Krebs, der Löwe, die Jungfrau, die Wage, der Skorpion, der Schütz, der Steinbock, der Wassermann, die Fische.

Eins folgt auf das andere, und das lezte schließt an das erste wieder an, nemlich die Fische an den Widder. Dieß ist der Thierkreis. Er steht aber noch viel höher am Firmament als die Sonne, und sie steht von hier aus betrachtet immer zwischen den zwei Linien, die seinen Rand bezeichnen, und in einem Zeichen derselben. Denn ob sie gleich noch weit herwärts desselben steht, so meint man doch wegen der sehr großen Entfernung, sie befinde sich in dem Zeichen selbst. Wenn sie aber heute in dem Zeichen des Steinbocks steht, so steht sie nach 30 Tagen nicht mehr im Zeichen des Steinbocks, sondern im nächsten, und je nach 30 Tagen immer in dem nächstfolgenden, und daran erkennt man, daß die Erde in ihrem Kreislauf unterdessen vorwärts gegangen sey. Es kann nicht fehlen. Zu dem allem sagt

Fünftens und leztens der Copernikus wieder, wenn gleichwohl die Axe der Erdkugel gegen die18 Sonne waagrecht läge, und die Erde drehte sich auch so, und sie bewegte sich waagrecht in einer vollkommen runden Cirkellinie um die Sonne, also daß die Sonne genau im Mittelpunkt des Cirkelkreises stünde, so müste Jahr aus Jahr ein, und auf allen Orten der Erde Tag und Nacht gleich seyn. Ja es müste mitten auf der Erde rechts und links um den rothen Faden ein ewiger Sommer glühn, weiterhin zu beiden Seiten am Abhang der Kugel milderte und kühlte sich die Hitze ein wenig, je schiefer die Sonnenstrahlen herab fielen, und näher gegen die Pole hin herrschte ein Winter ohne Trost und ohne Ende. Aber es ist nicht so, sagt der Sternseher. Die Axe der Erde liegt nicht waagrecht und nicht senkrecht gegen die Sonne, sondern schief in einem Winkel von 67 Graden, wer’s versteht. In dieser Richtung gegen die Sonne dreht sich die Erde in 24 Stunden um, in dieser Richtung wandelt sie in einem Jahr um die Sonne ebenfalls nicht senkrecht, sondern schief.

Wenn am 21sten Merz der geneigte Leser sich vor den rothen Adler stellt, vor das Wirthshaus, und sich mit dem Gesicht gegen Sonnenaufgang kehrt, so ist der Kreis, den an selbigem Tag der rothe Faden um die Erde zieht noch 1470 Stundenwegs, oder 735 Meilen rechts hinaus von ihm entfernt, sein Pol aber, dem er am nächsten ist, ist 1230 Stunden oder 615 Meilen von ihm entfernt links hinaus. In solchem Standpunkt steht der geneigte Leser am 21 Merz. Aber schon am 22sten legt sich der Faden nicht mehr ganz an das bewußte Cruzifix, und an seinen Anfang an, sondern er lauft etwas herwärts gegen uns daran vorbey, und so windet er sich von 24 Stunden19 zu 24 Stunden in einer Schraubenlinie fort, und kommt immer näher gegen uns bis zum 21 Juni, und ist alsdann gleichwohl noch nicht bey uns, sondern ist uns nur ungefähr um 705 Stunden, oder 352 1 / 2 Meile näher gekommen. Aber vom 21 Juni an kehrt der Faden in den nemlichen Windungen wieder zurük, immer weiter von uns weg, bis er ungefähr am 21 September in gleicher Entfernung von beiden Polen wieder satt an dem Cruzifix vorbeistreift. Von dieser Zeit an windet er sich jenseits gegen den andern Pol immer weiter und weiter von uns weg bis ungefähr zum 21 December, wo er 1440 Stunden weit, rechts hinaus von uns entfernt ist, kehrt alsdann eben so zurük, und trift am 21 Merz wieder richtig bei dem Cruzifix ein. Aber bis zu uns kommt er nie, weil wir so weit von ihm weg wohnen, hinaus gegen den Pol.

Aus dieser figürlichen Vorstellung ist nun zu erkennen, was zwar der geneigte Leser schon weiß, daß er während des Kreislaufs der Erde nicht immer in der nemlichen Richtung gegen die Sonne bleiben könne, aber die Astronomen haben daraus berechnet, in welcher schiefen Linie die Erde binnen Jahresfrist die Sonne umlaufen muß, damit diese Veränderungen und die 4 Jahreszeiten zu Stande kommen.

Der Frühling beginnt um den 21sten Merz, wann der rothe Faden gerade auf das Cruzifix herabreicht. Die Sonne steht gleich weit von beiden Polen über der Erde. Tag und Nacht sind gleich. Die Sonne scheint immer näher zu kommen, und immer höher am Himmel aufzusteigen, je mehr sich der rothe Faden20 nähert. Der Tag und die Wärme nehmen zu, die Nacht und die Kälte nehmen ab.

Der Sommer beginnt um den 21sten Juni, wenn der Faden am weitesten von dem Cruzifix entfernt, und am nächsten bey uns ist. Alsdann steht die Sonne am höchsten über dem Haupt des geneigten Lesers, und dieser Tag ist der längste. So wie sich der Faden wieder hinauswindet, kommt die Sonne immer schiefer gegen uns zu stehen, und die Tage werden kürzer.

Der Herbst beginnt am 21 September. Tag und Nacht sind wieder gleich, weil die Sonne, besage des Fadens wieder über dem Cruzifix steht. Aber je weiter er alsdann jenseits hinauslauft gegen den andern Pol, desto tiefer stellt sich gegen uns die Sonne. Die Tage und die Wärme nehmen immer mehr ab, die Nächte und die Kühle nehmen zu.

Der Winter beginnt, wenn am 20. December der Faden am weitesten jenseits von uns entfernt ist. Der geneigte Leser verschläft alsdann die längste Nacht, und die Sonne steht so tief, daß sie ihm noch früh um 9 Uhr durch des Nachbarn Caminhut in das Stüblein schauen kann, wenn die Fensterscheiben nicht gefroren sind.

Endlich wenn von diesem Tage an der Faden zurükkehrt, verlängern sich auch die Tage wieder. Am 22. Februar auf Petri Stuhlfeier kommt schon der Storch in seine alte Heimat zurük, und ungefähr am 20. Merz trift der rothe Faden wieder bey dem Cruzifix ein. Dieß hat noch nie fallirt.

Hieraus ist zu gleicher Zeit zu erkennen, daß nie auf der ganzen Erde die nemliche Jahrszeit herrscht. 21Denn zu gleicher Zeit, und in gleichem Maaße, wie sich die Sonne von unserm Scheitelpunkt entfernt, oder wir von der Sonne, kommt sie höher über diejenige zu stehen, welche jenseits des Cruzifixes gegen den andern Pol hinauswohnen, und umgekehrt eben so.

Wenn hier die lezten Blumen verwelken, und das Laub von den Bäumen fällt, fangt dort alles an zu grünen und zu blühen. Wenn wir in unserm Winter die längste Nacht verschlafen, schimmert dort der längste Sommertag, und der Hausfreund kann sich nicht genug über die göttliche Weisheit verwundern, die mit einer Sonne auf der ganzen Erde ausreicht, und in die winterlichste Landschaften noch einen lustigen Frühling, und eine fröhliche Erndte bringen kann.

Soviel für diesmal von der Erde. Gleichwohl wenn ein Mensch von derselben sich aufheben, und in grader Linie langsam oder geschwind zum Abendstern aufsteigen könnte, der unter allen Sternen der nächste ist, so würde er noch merkwürdige Dinge sehen. Der Stern würde vor seinen Augen immer größer werden, zuerst wie der Mond, bald darauf wie ein großes Rad, zulezt wie eine unübersehbare Kugel oder Fläche. Sein Licht würde ihm immer milder erscheinen, weil es sich immer über eine größere Fläche verbreitete, ja er würde in einer gewissen Entfernung davon schon Berge und Thäler entdecken, und allerley, und zulezt auf einer neuen Erde landen. Aber in der nemlichen Proportion müste unter ihm die Erde immer kleiner werden, und glänzender ihr Licht, weil es sich auf einen kleinern Raum zusammen drängt. In einer gewissen Entfernung hätte sie für ihn noch22 den Umfang wie ein großes Rad, hernach wie eine Schützenscheibe, hernach wie der Mond, und endlich wenn er gelandet wäre, würde er sie weit drausen am Himmel, als einen lieblichen Stern unter den andern erbliken, und mit ihnen auf und untergehn sehen. Sieh dort, würde er zu seinem ersten Bekannten sagen, mit dem er bekannt wird, sieh jenen lieblichen Stern, dort bin ich daheim, und mein Vater und meine Mutter leben auch noch dort. Die Mutter ist eine gebohrne so und so. Es müste ein wundersames Vergnügen seyn, die Erde unter den Sternen des Himmels und ganz als ihres Gleichen wandeln zu sehen, und der Hausfreund hat dem geneigten Leser diese Freude in dem Artikel von den Planeten zugedacht.

(Die Fortsetzung folgt.)

Zwey Gehülfen des Hausfreunds.

Es wird in Zukunft bisweilen, von einem Adjunkt die Rede seyn, was der geneigte Leser nicht verstehen könnte, wenn es ihm nicht erklärt würde. Als nemlich der Hausfreund den rheinländischen Calender noch schrieb, er schreibt ihn noch, hat er den Bezirk seiner Hausfreundschaft diesseits Rheins, wie die Franzosen das Land jenseits Rheins in zwey Provinzen getheilt, in die untere, und in die obere: und hat in die untere einen Statthalter gesezt, einen Präfekt, der aber nicht will genannt seyn, denn er ist kein Landskind. Auch nennt ihn der Hausfreund selber nicht leicht Statthalter, und niemand, sondern Adjunkt, denn selten ist jeder auf seinem Posten, sondern23 sitzen bei einander und schreiben mit einander neue hoch deutsche Reimen, oder sinnreiche Räthsel. Zum Exempel, Adjunkt, sagt der Hausfreund: Rathet hin, rathet her, was ist das?

Der arme Tropf
Hat keinen Kopf;
Das arme Weib
Hat keinen Leib,
Die arme Kleine
Hat keine Beine.
Sie ist ein langer Darm,
Doch schlingt sie einen Arm
Bedächtig in den andern ein.
Was mag das für ein Weiblein sein?

Hausfreund, sagt der Adjunkt, wenn ihr mir einen Groschen leiht, so will ich euch, für dieses Räthsel ein paar Bretzeln kaufen. Den Wein, den wir dazu trinken, bezahlt ihr. Rathet hin, rathet her, was ist aber das?

Holde, die ich meine,
Niedliche und kleine,
Ich liebe dich, und ohne dich
Wird mir der Abend weinerlich.
Auch gönnst du mir,
Nachrühm ich’s dir,
Wohl manchen lieblichen Genuß;
Doch bald bekommst du’s Ueberdruß,
Und laufst zu meiner tiefen Schmach
Ein feiles Mensch den Juden nach
Und dennoch Falsche aus und ein,
Hörst du nicht auf mir lieb zu seyn.

Ihr errathets nicht, sagt der Statthalter, wenn ichs euch nicht explicire. Es ist eine Adjunkts Besoldung,24 zum Exempel meine eigene, die ich von euch bekomme.

Allein der Adjunkt hat selber wieder eine Adjunktinn, nemlich seine Schwiegermutter, die Tochter hat er noch nicht, bekommt sie auch nicht, und der Hausfreund hat an ihm einen ganz andern Glückszug gethan, als sein guter Freund, der Doktor, auf seiner Heimreise aus Spanien an der Madridter Barbiergilde. Denn als er aus der großen Stadt Madrid heraus ritt, seinem Thierlein wuchsen in dem warmen Land, und bey der üppigen Nahrung die Haare so kräftig, daß er nach Landesart zwey Barbiere mit nehmen mußte, die auch ritten, und wenn sie Abends in die Herberge kamen, so rasirten sie sein Thierlein. Weil sie aber selber keine gemeine Leute waren, und die ganze Nacht Arbeit genug hatten, bis das Thierlein eingeseift, und rasirt, und wieder mit Lavendelöhl eingerieben war, so nahm jeder wieder für sein eigenes Thierlein zwey Barbiere mit, die ebenfalls ritten, und diese wieder. Als nun der Doktor oben auf dem pyrenäischen Berg zum erstenmal umschaute, und mit dem Perspektiv sehen wollte, wo er hergekommen war, als er mit Verwunderung und Schrecken den langen Zug seiner Begleiter gewahr wurde, und wie noch immer neue Barbiere zum Stadtthor von Madrid herausritten, und innwendig wieder aufsassen, sagte er bey sich selbst: Was hab ich denn nöthig länger zu reiten, es geht nun jezt Berg unter, und gieng früh am Tag in aller Stille zu Fuß nach Montlouis.

Also hat der Hausfreund mit seinem Adjunkte auch die Adjunktinn des Adjunkts gewonnen, ist aber nicht erschroken, und davon gelaufen. Wers noch25 nie erlebt hat, wie sie allen Leuten Red und Antwort gab, und schöne Schweitzerlieder vom Rigiberg singen, und wie sie sich verstellen kann, bald meint man, man sehe eine Heilige mitten aus dem gelobten Land heraus, bald die heidnische Zauberin Medea, und noch viel, wers nicht gesehen hat, stellt si’chs nicht vor.

Der freundlichen Schwiegermutter des Adjunkts, soll dieses Büchlein zum Dank und zur Freundschaft gewidmet seyn.

Des Adjunkts Standrede im Gemüßgarten seiner Schwiegermutter.

Sezt ohne Anstand die Hüte auf, gute Nachbarn und Freunde. Ich will nun von der Fruchtbarkeit und schnellen Verbreitung der Pflanzen mit euch reden. Es gieng ein Säemann aus, zu säen seinen Saamen, und etliches fiel auf ein gut Land.

1.

Man kann sich nicht genug über die Menge und Mannigfaltigkeit der Pflanzen verwundern, mit welchen die Natur alle Jahre die Erde bekleidet. In dem kleinen Raum, den das Auge auf einmal überschauen kann, welch eine Vielfachheit der Gestalten, welch ein Spiel der Farben, welche Fülle in der Werkstätte der reichsten Kraft und der unerforschlichen Weisheit? Nicht weniger muß man sich wundern über die Geschwindigkeit, mit welcher die Natur jede leere Stelle auf öden Feldern, verlassenen Wegen, kahlen Felsen, Mauern und Dächern, wo nur eine handvoll26 fruchtbare Erde hingefallen ist, ansäet und mit Gras, Kräutern, Stauden, und Buschwerk besetzt. Das sieht man oft und achtets nicht, eben weil man es von Kindheit an so oft sieht; die größte Weisheit verrathet sich in der einfachen und natürlichen Einrichtung der Dinge, und man erkennt sie nicht, eben weil alles so einfach und natürlich ist.

2.

Die meisten Pflanzen haben eine wunderbare Vermehrungskraft, wie jeder aufmerksame Landwirth wohl weiß. Tausend Saamenkerne von einer einzigen Pflanze, so lange sie lebt, ist zwar schon viel gesagt, nicht jede tragts, aber es ist auch noch lange nicht das höchste. Man hat schon an einer einzigen Tabackspflanze 40 000 Körnlein gezählt, die sie in einem Jahre zur Reife brachte. Man schätzt einer Eiche, daß sie 500 Jahre leben könne. Aber wenn wir uns nun vorstellen, daß sie in dieser langen Zeit nur 50mal Früchte trage, und jedesmal in ihren weit verbreiteten Aesten und Zweigen nur 500 Eicheln, so liefert sie doch 25 000 wovon jede die Anlage hat, wieder ein solcher Baum zu werden. Gesetzt, daß dieses geschehe, und es geschehe bey jeder von diesen wieder, so hätte sich die einzige Eiche in der zweiten Abstammung schon zu einem Walde von 625 Millionen Bäumen vermehrt. Wieviel aber eine Million oder 1 000 mal 1 000 sey, glaubt man zu wissen, und doch erkennt es nicht jeder. Denn wenn ihr ein ganzes Jahr lang vom 1. Jenner bis zum 31. Dec. alle Tage 1 000 Striche an eine große Wand schreibet, so habt ihr am Ende des Jahrs noch keine Million, sondern erst 365 000 Striche, und das zweite Jahr27 noch keine Million, sondern erst 730 000 Striche, und erst am 26. September des dritten Jahrs würdet ihr zu Ende kommen. Aber unser Eichenwald hätte 625 solcher Millionen, und so wäre es bey jeder andern Art von Pflanzen nach Proportion in noch viel kürzerer Zeit, ohne an die zahlreiche Vermehrung durch Augen, Wurzelsprossen und Knollen zu gedenken. Wenn man sich also einmal über diese große Kraft in der Natur gewundert hat, so hat man sich über den großen Reichthum an Pflanzen aller Art nicht mehr zu verwundern. Obgleich viele 1 000 Kerne und Körnlein alle Jahre von Menschen und Thieren verbraucht werden, viele Tausend im Boden ersticken, oder im Aufkeimen durch ungünstige Witterung und andere Zufälle wieder zu Grunde gehen, so bleibt doch Jahr aus Jahr ein, ein freudiger und unzerstörbarer Ueberfluß vorhanden. Auf der ganzen weiten Erde fehlt es nirgends an Gesäme, überall nur an Platz und Raum.

3.

Aber wenn jeder reife Kern, der sich von seiner Mutterpflanze ablöset, unter ihr zur Erde fiele und liegen bliebe; alle lägen auf einander, keiner könnte gedeihen, und wo vorher keine Pflanze war, käme doch keine hin. Das hat die Natur vor uns bedacht, und nicht auf unsern guten Rath gewartet. Denn einige Kerne, wenn sie reif sind, fliegen selbst durch eine verborgene Kraft weit auseinander, die meisten sind klein und leicht, und werden durch jede Bewegung der Luft davon getragen, manche sind noch mit kleinen Federlein besetzt, wie der Löwenzahn (Schlenke, Kettenblume) Kinder blasen sie zum Vergnügen28 auseinander, und thun damit der Natur auch einen kleinen Dienst, ohne es zu wissen, andere gehen in zarte breite Flügel aus, wie die Saamenkerne von Nadelholzbäumen. Wenn die Sturmwinde wehen, wenn die Wirbelwinde, die im Sommer vor den Gewittern hergehen, alles von der Erde aufwühlen und in die Höhe führen, dann säet die Natur aus, und ist mit einer Wohlthat beschäftiget, während wir uns fürchten, oder über sie klagen und zürnen; dann fliegen und schwimmen und wogen eine Menge von unsichtbaren Keimen in der bewegten Luft herum, und fallen nieder weit und breit, und der nachfolgende Staub bedeckt sie. Bald kommt der Regen und befeuchtet ihn, und so wirds auf Flur und Feld, in Berg und Thal, auf First und Halden auch wahr, daß etliches auf dem Weg von den Vögeln des Himmels gefressen wird, etliches unter den Dornen zu Grund geht, etliches auf trockenem Felsengrund in der Sonnenhitze erstirbt, etliches aber gut Land findet, und hundertfältige Frucht bringt. Weiter sind manche Kerne für den Wind zu groß und zu schwer, aber sie sind rund und glatt, rollen auf der Erde weiter, und werden durch jeden leichten Stoß von Menschen oder Thieren fortgeschoben. Andere sind mit umgebogenen Spitzen oder Häcklein versehen, sie hängen sich an das Fell der Thiere, oder an die Kleider der Menschen an, werden fortgetragen, und an einem andern Orte wieder weggestreift, oder abgelesen und ausgesäet, und der es thut, weiß es nicht, oder denkt nicht daran. Viele Kerne gehen unverdaut und unzerstört durch den Magen und die Gedärme der Thiere, denen sie zur Nahrung dienen sollen, und werden29 an einem andern Ort wieder abgesetzt. So haben wir ohne Zweifel durch Strich-Vögel schon manche Pflanze aus fremden Gegenden bekommen, die jetzt bey uns daheim ist, und guten Nutzen bringt. So gehen auf hohen Gemäuren und Thürmen Kirschbäume und andere auf, wo gewiß kein Mensch den Kern hingetragen hat. Noch andere fallen von den überhangenden Zweigen ins Wasser, oder sie werden durch den Wind und Ueberschwemmungen in die Ströme fortgerissen und weiter geführt, und an andern Orten durch neue Ueberschwemmungen wieder auf dem Lande abgesetzt. Ja einige schwimmen auch wohl auf den Strömen bis ins Meer, erreichen das jenseitige Gestade, und heimen sich alsdann in einer landesfremden Erde ein. Es sind da und dort schon Pflanzen als Unkraut aufgegangen, von denen man wohl wissen kann, daß der Samen dazu auf diese Art über das Meer gekommen sey. Also müssen alle Kräfte und Elemente die wohlthätigen Absichten des Schöpfers befördern, Schnee und Regen, Blitz und Hagel, Sturm und Winde, die seine Befehle ausrichten.

4

Aber das ist ja eben die Plage des Landmannes! daher kommt also das viele Unkraut im Garten-Gelände und auf den Acker-Furchen, das der schönen gereinigten Saat Raum und Nahrung stiehlt, so viel Mühe macht, und doch mit aller Geduld und Sorgfalt nicht vertilgt werden kann! Die Sache ist nicht so schlimm, wie sie scheint. Denn zum ersten, so ist der Mensch nicht allein auf der Erde da. Viele 1000 Thiere aller Art, von mancherley Natur und Bedürfnissen wollen auch genährt seyn, und warten30 auf ihre Speise zu seiner Zeit. Manche davon sind uns unentbehrlich und wir wissens wohl, manche schaffen uns grossen Nutzen, und wir wissens nicht; und es muß doch wahr bleiben, woran wir uns selber so oft erinnern, daß sich eine milde Hand aufthut, und sättiget alles, was da lebet mit Wohlgefallen. Zum andern, so hat doch der Mensch auch schon von manchem Kräutlein Nutzen gezogen, das er nicht selber gesäet und gepflanzet, nicht im Frühlingsfrost gedeckt, und in der Sommerhitze begossen hat. Und eine einzige unscheinbare und verachtete Pflanze, deren Kraft dir oder deinen Kindern, oder auch nur deinem Vieh eine Wunde heilt, einen Schmerz vertreibt oder gar das Leben rettet, bezahlt die Mühe und den Schaden reichlich, den tausend andere verursachen. Aber wer stellt den Menschen zufrieden? Wenn die Natur nicht so wäre, wie sie ist, wenn wir Baldrian und Wohlgemuth, Ehrenpreis und Augentrost, und alle Pflanzen in Feld und Wald, die uns in gesunden und kranken Tagen zu mancherley Zwecken nützlich und nöthig sind, selber ansäen, warten und pflegen müßten, wie würden wir alsdann erst klagen über des viel bedürftigen Lebens Mühe und Sorgen!

Von den Schlangen.

1.

Noch immer glauben Leute, daß die giftigen Schlangen mit der Zunge stechen. Allein es ist schon lange ausser Zweifel gesetzt, daß sie an der obern Kinnlade zwey Giftzähne habe, die sie in eine Scheide zurückziehen und wieder hervorstossen können. Diese31 Zähne sind hohl, und haben an den Spitzen eine feine Oefnung, hinter jedem derselben befindet sich eine Drüse, in welcher das Gift bereitet wird, und wenn das Thier beißt, so tritt das Gift aus der Drüse in den Zahn und durch die Oeffnung in die Wunde. Es ist also eine Fabel, daß die Schlangen, ehe sie ins Wasser gehen, das Gift unter einen Stein ablegen. Wenn ein solches Thier im Wasser nicht giftig ist, so hat es auch kein Gift ausser demselben. An jenen Zähnen hätte man also wohl ein Kennzeichen, die gefährlichen Thiere dieser Art von den unschuldigen zu unterscheiden. Aber wie kann man ihnen so lange sie leben, in den Mund schauen und wer wirds thun? Lieber geht man ihnen zur Sicherheit aus dem Wege oder schlägt sie todt. Allein so wird doch auch manches unschädliche und sogar nützliche Thier getödtet. Denn die Schlangen verzehren viel sogenanntes Ungeziefer, und helfen also, uns vor der schädlichen Menge desselben bewahren. Und ein guter und besonnener Mensch will doch lieber erhalten, als ohne Zweck und Noth zerstören, lieber leben lassen als tödten, wär es auch nur ein Thier im Staube. Und die Schlange, ob sie gleich mit dem Bauch auf der Erde schleicht, ist doch ein merkwürdiges und wirklich ein schönes Thier. Schon das verdient ja unsere Bewunderung, daß dieses Geschöpf ohne Füsse nur durch seine zahlreichen Muskeln sich so leicht fortbewegen kann. Ihre Gestalt ist so einfach und doch fehlt ihnen nichts, was ihnen zur Erhaltung und zum Genusse ihres Lebens nöthig ist. Mit welcher Geschwindigkeit und Gewandtheit gleiten sie in den mannigfaltigsten Wendungen ihres schlanken Körpers nach allen32 Richtungen dahin, und ereilen ihre fliehende Beute, oder retten ihr verfolgtes Leben? Mit welcher leichten Biegsamkeit wenden sie sich zwischen und über und unter den tausend Hindernissen durch, die ihrem Laufe überall im Wege liegen? Wer hat über den ganzen Körper hinab Schild an Schild und Schuppe an Schuppe gereiht und übereinander gelegt, daß sie bey jeder Bewegung in der größten Geschwindigkeit ausweichen, nachgeben, sich über einander schieben, und doch den zarten Körper bedecken, und allemal wieder in ihre vorige Lage zurückkehren? Wer hat sie mit der Schönheit und Mannigfaltigkeit ihrer Farben geziert? In Amerika wird eine Schlange mit rothen, schwarz eingefaßten Flecken, und citronengelben Querstreifen wegen ihrer ausnehmenden Schönheit zum Staat als Halsschmuck getragen, oder in die Haare geflochten. Auch von unsern Schlangen sind manche, zumal wenn sie sich noch nicht lange gehäutet haben, an Farbe und Zeichnungen schön, wenn man sie nur ohne Furcht und Abscheu betrachten kann.

2.

Aber wenn wir nur erst die gefährlichen unter ihnen kennten! Ein gelehrter Beobachter dieser Thiere hat folgende allgemeine Kennzeichen angegeben, die leicht zu merken sind. Wenn der Kopf breit, und mit dünnen Schuppen besetzt ist, so ist die Schlange verdächtig; wenn er aber mehr rund ist, so ist sie’s nicht. Ferner, wenn sich das Ende des Körpers fein zuspitzt, so ist nicht zu trauen; ist es aber stumpf und abgerundet, so hat man keine Gefahr. Doch giebt er diese Kennzeichen selber nicht für ganz untrüglich aus, und das beste an der Sache ist das, daß wir33 nur sehr wenige giftige Schlangen haben, die leicht zu kennen sind, und daß diese nicht muthwillig den Menschen angreifen, sondern nur sich selber vertheidigen, wenn sie beunruhigt, gereizt, gedrückt oder verletzt werden.

Zum Beyspiel, die sogenannte Otter hat einen fast herzförmigen Kopf, eine Länge von 1 bis 2 Fuß und ein spitziges Ende. Die Farbe ist nach den verschiedenen Häutungen, oben grau oliven braun, oder schwärzlich, unten hellgrau auch bläulich. Auf dem Kopfe steht ein grosser herzförmiger brauner Fleck, auf dem Halse dergleichen Punkte im Zickzack, dann Streifen und von der Mitte an noch einzelne grössere und kleinere Flecken, hie und da, die ebenfalls braun sind. Die Kupferschlange, auch Kreuzotter hat einen platten, eyrunden Kopf, dünnen Hals, eine Länge von 6, 8 bis 12 Zoll und einen zugespitzten Schweif. Oben ist sie rostfarbig, bald stärker bald schwächer. Sie hat auf dem Kopfe zwey voneinander abgekehrte Halbzirkel) (. Ueber den Rücken hinab lauft ein dunkelbrauner Streifen im Zickzack, und an den Seiten hin liegen braune Punkte. Der Unterleib ist aschgrau mit weißen Querbinden, auf welchem wieder schwärzliche Punkte stehn, und die Endspize ist braun.

Auch findet man hie und da noch eine giftige Schlange, die am ganzen Körper schwarz ist, und deßwegen auch die schwarze Otter genennt wird.

Alle halten sich gern in einsamen, waldigen, düstern und verwilderten Gegenden auf.

Jede Art von giftigen Schlangen bringt durch ihren Biß andere, aber allemal schmerzhafte, traurige, bisweilen sehr gefährliche Folgen hervor. Auch ist34 der Biß von der nemlichen Schlangen-Art nicht immer gleich furchtbar. Er ist gefährlicher, wenn das Thier alt, als wenn es jung ist, gefährlicher in der heißen und schwühlen Witterung, als in der kühlen, und desto gefährlicher, je mehr der Feind gereitzt und erbost ist. Auf alle Fälle soll man nicht säumen, oder sich auf Segensprechen und Sympathie verlassen, wenn man gebissen worden ist, sondern so geschwind als möglich einen erfahrnen Arzt oder Wundarzt zu Rathe ziehn.

Unterdessen soll man zum wenigsten die Wunde unterbinden, wenn es seyn kann, erweitern, mit Salzwasser auswaschen. Man empfiehlt auch ein Loch in die Erde zu graben, und das verwundete Glied hinein zu stecken. Jäger haben schon Schießpulver auf die Wunde gestreut, und angezündet, und haben die Wirkung gerühmt.

Auch mit den getödteten Schlangen von giftiger Natur muß man gar behutsam seyn. Man hat Beyspiele, daß unvorsichtige Personen durch die Giftzähne noch am abgeschnittenen Kopf einer Schlange gefährlich verwundet worden sind. Aber verschlucken könnte man solches Gift ohne Gefahr, wenn man nur innerlich gesund und unverletzt ist, denn es schadet nur, wenn es unmittelbar ins Blut kommt. Auch das Fleisch dieser Thiere ist unschädlich. Schon manche Schlange ist gegessen worden, ja man bereitet von dem Fleische der giftigen Otter für gewisse Kranke eine sehr nahrhafte und heilsame Brühe.

Aber an allen unsern Schlangen, die nicht Giftzähne haben, ist auch sonst nichts furchtbares und ihre Größe macht sie nicht gefährlich. Ob man gleich nicht genau sagen kann, wie alt sie werden, so hat man doch Ursache zu glauben, daß sie lange wachsen, und35 die ungewöhnliche Grösse mancher Schlangen bewiese also nur, daß ihr der Zufall viel Zeit gelassen hat, sich zu strecken.

3.

Es liesse sich noch viel merkwürdiges von diesen Thieren besonders aus fremden Ländern erzählen z. B. die giftige Klapperschlange in Amerika giebt mit mehrern beweglichen Gelenken am Schweif einen zischenden oder rauschenden Laut von sich, ehe sie angreift. Wer es hört, ist gewarnt und kann sich in Acht nehmen. Aber Eichhörnchen und andere Thiere, die zu ihrer Nahrung bestimmt sind, werden durch diesen Laut ordentlich herbeygelockt, und liefern sich selber zur Beute und die jungen Amerikaner, wenn sie Eichhörnchen fangen wollen, sind so keck, daß sie sich irgendwo im Gebüsche verbergen, das Rauschen der Klapperschlange nachmachen, die Eichhörnchen damit locken, und sich alsdann ihrer zu bemächtigen suchen.

Es gibt auch ungeheure große Schlangen in Afrika, Ostindien etc. die größte soll mehr als Mannsdicke und eine Länge von 40 Fuß auch drüber erreichen. Sie ist nicht giftig, aber durch ihre Größe und Stärke selbst dem grausamsten Raubthiere, dem Tiger, gefährlich. Sie umwindet ihn, und drückt ihm die Knochen im Leibe entzwey. Sie schlingen Thiere ganz hinab, die dicker als sie selbst sind, weil der Körper nachgibt, und sich über seine gewöhnliche Dicke ausdehnen läßt, werden aber alsdann träge und unbehülflich.

Man erzählt, daß ein Vater eben dazukam, als eine große Schlange sein Kind verschluckte. Augenblicklich und glücklich soll er sie getödtet, ihr den Bauch aufgeschnitten, und sein Kind lebendig und unversehrt36 heraus gezogen haben. Es gehört Glauben dazu, aber als ein äusserst glücklicher Zufall scheint es wenigstens möglich zu seyn.

Wenn die Neger in Afrika einer grossen Schlange die Haut abstreifen wollen, so ziehn sie dieselbe mit einem Strick an den Ast eines hohen Baumes auf. Einer klettert alsdann mit einem Messer hinauf, geht auf den Ast hervor, läßt sich an das Ungeheuer hinab, löst ihm die Haut unter dem Kopf, streift sie ab, und gleitet alsdann sachte mit der Haut, die er von oben nachzieht, an dem glatten Körper zur Erde hinab.

Grosse Schlangen wurden bey den Alten auch Drachen genannt. Aber wer dabey an geflügelte und feuerspeiende Unthiere denkt, oder an sogenannte Basilisken, der denkt an eine Fabel. Und es ist nur so viel an der Sache, daß es in fremden Welttheilen auf den Bäumen Eidexen giebt, die durch sogenannte Flughäute auf dem Rücken und am Hals, oder an den Seiten zwischen den vordern und hintern Beinen sich in der Luft schwebend erhalten und weite Sprünge machen können.

Man kennt auch eine Schlange, die auf dem Kopfe zwey bewegliche Auswüchse wie Hörner hat, und nennt sie deswegen die Gehörnte. Sie weiß sich sehr geschickt im Grase zu verbergen, so daß nur diese Auswüchse hervorschauen. Vögel, die dies sehen, haltens für Würmer, fliegen herzu und wollen anbeissen, werden aber augenblicklich von der Schlange erhascht, und gefressen.

So begegnet wohl auch manchem Menschen gerade dasjenige selber, was er aus Eigennutz oder Schadenfreude einem andern zugedacht hat. 37

Geiz und Verschwendung.

Der Geizige rafft Geld und Gut zwecklos zusammen; der Verschwender bringt es zwecklos durch.

Der Geizige hat keinen, der Verschwender hat einen unnützen Genuß von dem Seinigen.

Der Geizige kann auf die goldene Mittelstrasse zurückkehren, so bald er will; dem Verschwender wird es immer schwerer, je weiter er sich davon entfernt.

Der Geizige kann, aber er will es selten; der Verschwender möchte oft, aber er kann nicht mehr.

Der eine macht sich Feinde; der andere erwirbt Freunde, die schlimmer sind als ein Feind.

Jenen peinigt der Wunsch, immer weiter zu kommen; diesen die Reue, daß er schon so weit gekommen ist.

Geiz ist die Wurzel alles Uebels; Verschwendung ist ein Baum voll bitterer Früchte.

Den Geizigen verzehrt die Sorge; den Verschwender die Ausschweifung. Jenen lohnt am Ende die Furcht; diesen der Kummer.

Nicht selten wird der jugendliche Verschwender noch ein geiziger Greis.

Sehr oft kommt das Vermögen geiziger Sammler an verschwenderische und im eigentlichen Sinne, lachende Erben.

Kindesdank und Undank.

Man findet gar oft, wenn man ein wenig aufmerksam ist, daß Menschen im Alter von ihren Kindern wieder ebenso behandelt werden, wie sie38 einst ihre alten und kraftlosen Eltern behandelt haben. Es geht auch begreiflich zu. Die Kinder lernens von den Eltern; sie sehens und hörens nicht anders, und folgen dem Beispiel. So wird es auf die natürlichsten und sichersten Wege wahr, was gesagt wird und geschrieben ist, daß der Eltern Segen und Fluch auf den Kindern ruhe und sie nicht verfehle.

Man hat darüber unter andern zwei Erzählungen, von denen die erste Nachahmung und die zweite große Beherzigung verdient.

Ein Fürst traf auf einem Spazierritt einen fleißigen und frohen Landmann an dem Ackergeschäft an, und ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein. Nach einigen Fragen erfuhr er, daß der Acker nicht sein Eigenthum sey, sondern daß er als Tagelöhner täglich um 15 kr. arbeite. Der Fürst, der für sein schweres Regierungsgeschäft freilich mehr Geld brauchte und zu verzehren hatte, konnte es in der Geschwindigkeit nicht ausrechnen, wie es möglich sey, täglich mit 15 kr. auszureichen, und noch so frohen Muthes dabey zu seyn, und verwunderte sich darüber. Aber der brave Mann im Zwilchrock erwiderte ihm: es wäre mir übel gefehlt, wenn ich so viel brauchte. Mir muß ein Drittheil davon genügen; mit einem Drittheile zahle ich meine Schulden ab, und den übrigen Drittheil lege ich auf Capitalien an. Das war dem guten Fürsten ein neues Räthsel. Aber der fröhliche Landmann fuhr fort, und sagte: Ich theile meinen Verdienst mit meinen alten Eltern, die nicht mehr arbeiten können, und mit meinen Kindern, die es erst lernen müssen; jenen vergelte ich die Liebe, die sie mir in meiner Kindheit erwiesen haben, und von diesen hoffe39 ich, daß sie mich einst in meinem müden Alter auch nicht verlassen werden. War das nicht artig gesagt, und noch schöner und edler gedacht und gehandelt? Der Fürst belohnte die Rechtschaffenheit des wackern Mannes, sorgte für seine Söhne, und der Segen, den ihm seine sterbende Eltern gaben, wurde ihm im Alter von seinen dankbaren Kindern durch Liebe und Unterstützung redlich entrichtet.

Aber ein anderer gieng mit seinem Vater, welcher durch Alter und Kränklichkeit freilich wunderlich geworden war, so übel um, daß dieser wünschte, in ein Armen-Spital gebracht zu werden, das im nemlichen Orte war. Dort hoffte er wenigstens bey dürftiger Pflege von den Vorwürfen frei zu werden, die ihm daheim die lezten Tage seines Lebens verbitterten. Das war dem undankbaren Sohn ein willkommenes Wort. Ehe die Sonne hinter den Bergen hinabgieng, war dem armen alten Greis sein Wunsch erfüllt. Aber er fand im Spital auch nicht alles, wie er es wünschte. Wenigstens ließ er seinen Sohn nach einiger Zeit bitten, ihm die letzte Wohlthat zu erweisen, und ihm ein paar Leintücher zu schicken, damit er nicht alle Nacht auf bloßem Stroh schlafen müßte. Der Sohn suchte die 2 schlechtesten, die er hatte, heraus, und befahl seinem zehnjährigen Kind, sie dem alten Murrkopf ins Spital zu bringen. Aber mit Verwunderung bemerkte er, daß der kleine Knabe vor der Thür eines dieser Tücher in einen Winkel verbarg, und folglich dem Großvater nur eines davon brachte. Warum hast du das gethan? fragte er den Jungen bey seiner Zurückkunft. Zur Aushülfe für die Zukunft , erwiederte dieser kalt und bösherzig, wenn ich euch, o Vater!40 auch einmal in das Spital schicken werde.

Was lernen wir daraus? Ehre Vater und Mutter, auf daß es dir wohlgehe!

Das wohlfeile Mittagessen.

Es ist ein altes Sprüchwort: Wer Andern eine Grube gräbt, fällt selber darein. Aber der Löwenwirth in einem gewissen Städtlein war schon vorher darinn. Zu diesem kam ein wohlgekleideter Gast. Kurz und trotzig verlangte er für sein Geld eine gute Fleischsuppe. Hierauf forderte er auch ein Stück Rindfleisch und ein Gemüß, für sein Geld. Der Wirth fragte ganz höflich: ob ihm nicht auch ein Glas Wein beliebe? O freilich ja, erwiederte der Gast, wenn ich etwas Gutes haben kann für mein Geld. Nachdem er sich alles wohl hatte schmecken lassen, zog er einen abgeschliffenen Sechser aus der Tasche, und sagte: Hier, Herr Wirth, ist mein Geld. Der Wirth sagte: Was soll das heißen? Seid Ihr mir nicht einen Thaler schuldig? Der Gast erwiederte: Ich habe für keinen Thaler Speise von euch verlangt, sondern für mein Geld. Hier ist mein Geld. Mehr hab ich nicht. Habt Ihr mir zu viel dafür gegeben, so ists eure Schuld. Dieser Einfall war eigentlich nicht weit her. Es gehörte nur Unverschämtheit dazu, und ein unbekümmertes Gemüth, wie es am Ende ablaufen werde. Aber das Beste kommt noch. Ihr seyd ein durchtriebener Schalk , erwiederte der Wirth, und hättet wohl etwas anders verdient. Aber ich schenke euch das Mittagessen und hier noch ein Vierundzwanzig-Kreuzer-Stück41 dazu. Nur seyd stille zur Sache, und geht zu meinem Nachbarn, dem Bärenwirth, und macht es ihm eben so. Das sagte er, weil er mit seinem Nachbarn, dem Bärenwirth, aus Brodneid im Unfrieden lebte, und einer dem andern jeglichen Tort und Schimpf gerne anthat und erwiederte. Aber der schlaue Gast griff lächelnd mit der einen Hand nach dem angebotenen Geld, mit der andern vorsichtig nach der Thüre, wünschte dem Wirth einen guten Abend, und sagte: Bey eurem Nachbarn, dem Herrn Bärenwirth, bin ich schon gewesen, und eben der hat mich zu Euch geschickt und kein anderer.

So waren im Grunde beyde hintergangen, und der dritte hatte den Nutzen davon. Aber der listige Kunde hätte sich noch obendrein einen schönen Dank von beyden verdient, wenn sie eine gute Lehre daraus gezogen, und sich miteinander ausgesöhnt hätten. Denn Frieden ernährt, aber Unfrieden verzehrt.

Auflösung des ersten Rechnungs-Exempels, und ein Zweites.

Wie groß mag denn nun wohl die Baarschaft des betrogenen Mannes anfänglich gewesen seyn, den wir vorhin dreymal über die Brücke gehen ließen? Jedesmal verdoppelte sich sein Geld, jedesmal mußte er auf dem Heimweg dem bösen Feind ein 24-Kreuzer-Stück zum Opfer bringen. Antwort: 21 Kreuzer war seine Baarschaft, mit welcher er anfieng. Denn als sie sich das erstemal verdoppelte, hatte er 42 kr. und 24 kr. davon, bleiben 18 kr. Das zweytemal 36 kr. und 24 kr. davon, bleiben 12 kr. Das drittemal42 24 kr., und gerade so viel mußte er noch haben, um dem listigen Feind zum leztenmal Wort zu halten. Das war leicht zu errathen; aber folgende Aufgabe wird etwas mehr Nachdenken erfordern.

Um die Osterzeit, wo jede Mutter ihren Kindern gerne mit ein paar gefärbten Eyern eine Freude macht, verkauft eine Händlerin an ihre Nachbarsfrau die Hälfte von allen Eyern, die sie hatte, und noch ein halbes Ey dazu. Aber wohlverstanden! es darf keins zerbrochen oder getheilt werden. Es kommt die zweyte, diese kauft vom Rest wieder die Hälfte, und ein halbes dazu. So die dritte und die vierte, jedesmal vom Rest die Hälfte, und ein halbes mehr. Am Ende hatte die Händlerin noch ein einziges Ey übrig. Jezt ist die Frage: wie groß war ihr Vorrath vom Anfang?

Mancherley Regen.

Der beste Regen, meint der Adjunkt, sey doch immer der, mit welchem der Himmel unsere Felder und Weinberge tränkt, und den Segen fruchtbarer Zeiten sendet. Aber was sagen wir dazu, fragt der Adjunkt, wenn Schwefel oder Blut regnet, wenn Frösche, Steine oder gar Soldaten-Hüte regnen?

1. Schwefelregen.

Nach den Gewittern im Frühjahr, wenn sie mit starken Regengüssen verbunden waren, sieht man oft am Rande der Lachen, die vom stehenden Regen-Wasser entstanden sind, ein gelbes Pulver, das wie kleingeriebener Schwefel aussieht. Nun meinen ohnehin noch43 viele Leute, daß die Gewitter von schweflichten Dünsten entstehen, die sich in den Wolken erzeugen, und bilden sich alsdann ein, es sey mit dem Regen solcher Schwefel vom Gewitter herabgefallen, und denken daran, daß ja auch schon einmal Feuer und Schwefel vom Himmel regnete auf Sodom und Gomorra. Allein fürs erste wohnen wir Gottlob nicht in Sodom und Gomorra. Für das andere kann manchmal etwas so oder so aussehen, und es ist doch etwas anders, wie man schon oft mit Schaden erfahren hat. Und so ist auch das gelbe Pulver auf den Regenpfützen kein Schwefel: auch wenn es sich am Feuer entzündet, nicht, sondern Blüthenstaub von den Bäumen. In den Tulpen stehen inwendig im Ring herum sechs kleine Säulen, auf deren Spitzen ein schwarzer Staub sitzt. Wer daran riecht, bekommt daher eine schwarze Nase. Auf den Lilien ist er schön gelb, und wer an eine weiße Lilie riecht, bekommt davon eine gelbe Nase. Das ist Blüthenstaub. Er findet sich in allen Blumen und in allen Blüthen, denn er ist unentbehrlich und nothwendig, wenn aus der Blüthe Frucht und Saamen entstehen soll. Wenn es nun im Frühjahr, wo die Bäume blühen, starke Regengüsse giebt, so schwemmt der Regen diesen Staub von den Blüthen ab, und dieß ist auch eine Hauptursache, warum kein gutes Obst-Jahr zu erwarten ist, wenn es viel in die Blüthen geregnet hat. Wo nun viel solcher blühenden Bäume beysammen stehen, da schwemmt auch der Regen viel solchen Blüthen-Staub herab. Dieser sammelt sich alsdann wieder auf der Erde, und bleibt liegen, wenn das Wasser verdünstet, und das ist der vermeintliche Schwefelregen. Im Sommer44 und Spätjahr, wo doch die Gewitter meistens heftiger sind, wird niemand mehr etwas von Schwefelregen sehen, weil dann das Blühen ein Ende hat. Da regnen Aepfel, Nüsse, Eicheln etc. von den schweren Aesten der Bäume herab, aber kein eingebildeter Schwefel mehr.

2. Blutregen.

Im Frühjahr und im Sommer kann es wohl geschehen, daß man hie und da viel rothe Tropfen, wie Regentropfen, noch naß oder vertrocknet auf dem Laub oder auf Gegenständen von hellerer Farbe wahrnimmt, die auf der Erde liegen, z. B. auf Tuch, das zum Bleichen in Grasgärten ausgebreitet wird. Und weil man nicht begreifen kann, woher das kommen mag, und weil man lieber etwas unglaubliches, als etwas natürliches glaubt, so faßt mans kurz und sagt, es habe Blut geregnet, und das bedeute Krieg.

Allein, wie nicht alles Schwefel ist, was gelb aussieht, so ist auch nicht alles Blut, was eine rothe Farbe hat. Dießmal geht die Sache so zu. Aus einem kleinen Ey, das den Winter über irgendwo an einer Hecke oder an einem Baumzweig klebte, brütet im Frühjahr die Sommerwärme ein kleines lebendiges Räuplein aus. Nach wenig Wochen, wenn sich die Raupe groß und rund gefressen hat, kriecht sie irgendwo in die Höhe, wenn sie nicht schon oben ist, hängt sich mit dem Hintertheil des Körpers fest, mit dem Kopfe abwärts, streift die Raupenhülle ab, und verwandelt sich in eine eckige Gestalt, die man Puppe nennt, ohne Kopf, ohne Füße und Flügel. Man sieht dem Ding nicht an, was es seyn und werden45 soll. Aber wieder nach kurzer Zeit spaltet sich die Haut und es kommt etwas mit kleinen zusammengeschrumpften Flügeln und einem dicken unförmlichen Hinterleib hervor, dem man wohl ansieht, daß es gern ein Schmetterling oder Sommervogel werden möchte. Nach wenigen Stunden, wo es stille sitzen bleibt, sind die schönen farbigen Flügel gewachsen und ausgebreitet. Aus dem Hinterleib gehen sechs bis acht rothe Tropfen ab, die auf die Erde herabfallen, alsdann ist der Sommervogel gemacht, und flattert leicht und fröhlich in der Luft herum, und von Blume zu Blume. Das kann der liebe Gott, aus einer häßlichen und verachteten Raupe einen schönen und fröhlichen Sommervogel machen. Wo nun ganze Hecken oder Bäume im Frühjahr mit Gespinnst überzogen sind, in welchem viele tausend solcher Eyer verborgen seyn können, da brütet auch die Sonnenwärme alle auf einmal aus. Alle, die davon kommen, können daher auch, wenn sie reichliche Nahrung haben, zu gleicher Zeit ihre Vollkommenheit erreichen, zu gleicher Zeit sich in Puppen verwandeln, und zu gleicher Zeit als Schmetterlinge wieder aus der Puppe zurückkehren. Wo nun viele dergleichen nahe beisammen sind, da geben sie auch viele rothe Tropfen von sich, ehe sie davon fliegen. Hundert in einem Garten können schon 6 800 Tropfen geben, und das ist alsdann der eingebildete Blut-Regen.

3. Froschregen.

Man spricht auch von einem Froschregen. Aber das wird noch niemand gesehen haben, daß es Frösche aus der Luft herab regnete. Die Sache verhält46 sich ganz kurz so: Im Sommer bey anhaltend trockner Hitze zieht sich eine Art von Landfröschen in benachbarte Wälder und Buschwerke zurück, weil sie dort einen kühlern und feuchtern Aufenthalt haben, und verhalten sich ganz stille und verborgen, so daß sie niemand bemerkt. Wenn nun ein sanfter Regen fällt, so kommen sie in zahlreicher Menge wieder hervor, und erquicken sich in dem nassen, kühlen Gras. Wer alsdann in einer solchen Gegend ist und auf einmal so viele Fröschlein sieht, wo doch kurz vorher kein einziges zu sehen war, der kann sich nicht vorstellen, wo auf einmal so viele Frösche herkommen; und da bilden sich einfältige Leute ein, es habe Frösche geregnet. Denn aus lieber Trägheit läßt man eher die unvernünftigsten Dinge gelten, als man sich die Mühe giebt, über die vernünftigen Ursachen dessen nachzudenken oder zu fragen, was man nicht begreifen kann.

4. Steinregen.

Aber mit dem Steinregen verhält es sich anderst. Das ist keine Einbildung. Denn man hat darüber viele alte glaubwürdige Nachrichten und neue Beweise, daß bald einzelne schwere Steine, bald viele mit einander von ungleicher Größe, mir nichts, dir nichts, aus der Luft herabgefallen sind. Die älteste Nachricht, welche man von solchen Ereignissen hat, reicht bis in das Jahr 462. vor Christi Geburt. Da fiel in Thracien, oder in der jetzigen türkischen Provinz Rumili, ein großer Stein aus den Lüften herab, und seit jener Zeit bis jezt, also in 2267 Jahren, hat es, so viel man weiß, 38mal Steine geregnet. Z. B. im Jahr 1492. am 4. November fiel bey Ensisheim ein47 Stein, der 260 Pf. schwer war. Im Jahre 1672. bey Verona in Italien zwey Steine von 200 und 300 Pf. Nun kann man denken, von alten Zeiten sey gut etwas erzählen. Wen kann man fragen, obs wahr sey? Aber auch ganz neue Erfahrungen geben diesen alten Nachrichten Glauben. Denn im Jahr 1789. und am 24. July 1790. fielen in Frankreich, und am 16. Juny 1794. in Italien viele Steine vom Himmel, das heißt, hoch aus der Luft herab. Und den 26. April 1803. kam bey dem Ort l’Aigle im Orne-Departement in Frankreich ein Steinregen von 2000 3000 Steinen auf einmal mit großem Getöse aus der Luft.

Sonntags den 22. May. 1808. sind in Mähren Steine vom Himmel gefallen. Der Kaiser von Oestreich ließ durch einen sachkundigen Mann Untersuchung darüber anstellen. Dieß ist der Erfund.

Es war ein heiterer Morgen, bis um halb sechs Uhr ein Nebel in die Luft einrückte. Die Filial-Leute von Stannern waren auf dem Weg in die Kirche, und dachten an nichts. Plötzlich hörten sie drei starke Knälle, daß die Erde unter ihren Füßen zitterte; und der Nebel wurde auf einmal so dicht, daß man nur 12 Schritte weit zu sehen vermochte. Mehrere schwächere Schläge folgten nach, und lauteten wie ein anhaltend Flinten-Feuer in der Ferne, oder wie das Wirbeln großer Trommeln. Das Rollen und das Pfeifen, das zwischen drein in der Luft gehört wurde, brachte daher einige Leute auf den Gedanken, jetzt komme die Garnison von Telisch mit türkischer Musik. An das Kanoniren dachten sie nicht. Aber während als sie vor Verwunderung und Schrecken48 einander ansahen, fieng in einem Umkreis von ungefähr 3 Stunden ein Regen an, gegen welchen kein Mantel oder Maltersack über die Achseln schützt. Eine Menge von Steinen, von der Größe einer welschen Nuß bis zu der Größe eines Kindskopfs, und von der Schwere eines halben Lothes bis zu 6 Pfund, fielen unter beständigem Rollen und Pfeifen aus der Luft, einige senkrecht, andere wie in einem Schwung. Viele Leute sahen zu, und die Steine, welche sogleich nach dem Fallen aufgehoben wurden, waren warm. Die ersten schlugen nach ihrer Schwere tief in die Erde. Einer davon wurde 2 Fuß tief herausgegraben. Die spätern ließen es beym nächsten bewenden, und fielen nur auf die Erde. Ihrer Beschaffenheit nach sind sie inwendig sandartig und grau, und von aussen mit einer schwarzen glänzenden Rinde überzogen. Die Zahl derselben kann niemand angeben. Viele mögen in das Fruchtfeld gefallen seyn, und noch in der Erde verborgen liegen. Diejenigen, welche gefunden und gesammelt worden, betragen an Gewicht 2 1 / 2 Centner. Alles dauerte 6 bis 8 Minuten, und nach einigen Stunden verzog sich auch der Nebel, so, daß gegen Mittag alles wieder hell und ruhig war, als wenn nichts vorgegangen wäre. Dieß ist die Begebenheit. Was es aber mit solchen Steinen, die vom Himmel fallen, für eine Bewandniß habe, daraus machen die Gelehrten ein Geheimniß, und, wenn man sie fragt, so sagen sie, sie wissen es nicht.

5. Hutregen.

Am unbegreiflichsten ist es, daß es einmal Soldaten-Hüte soll geregnet haben. Ein Bürger aus einem49 kleinem Land-Städtchen irgendwo in Sachsen soll eines Nachmittags nicht weit von einem Berg auf seinem Felde gearbeitet haben. Auf einmal ward der Himmel stürmisch; er hörte ein entferntes Donnern; die Luft verfinsterte sich; eine große schwarze Wolke breitete sich am Himmel aus, und ehe der gute Mann es sich versah, fielen Hüte über Hüte rechts und links und um und an aus der Luft herab. Das ganze Feld ward schwarz, und der Eigenthümer desselben hatte unter vielen hunderten die Wahl. Voll Staunen lief er heim, erzählte was geschehen war, brachte, zum Beweis davon, so viel Hüte mit, als er in den Händen tragen konnte, und der Hutmacher des Orts mag keine große Freude daran gehabt haben. Nach einigen Tagen erfuhr man aber, daß hinter dem Berg in der Ebene ein Regiment Soldaten exerzirt hatte. Zu gleicher Zeit kam ein heftiger Wirbelwind oder eine sogenannte Windsbraut, riß den meisten die Hüte von den Köpfen, wirbelte sie in die Höhe über den Berg hinüber, und ließ sie auf der andern Seite wieder fallen. So erzählt man. Ganz unmöglich wäre wohl die Sache nicht. Indessen gehört doch eine starke Windsbraut und folglich auch ein starker Glaube dazu.

Auflösung des zweiten Rechnungsexempels.

Das Räthsel von den Eyern wird schon lange errathen seyn. Man muß nemlich auf eine Zahl denken, die selber ungerade ist, und nach dem Abzug der gekauften Eyer allemal eine ungerade Zahl zum Rest zurück läßt. Und das ist hier die Zahl Ein und Dreisig. Denn die Hälfte davon ist Fünfzehn und ein halbes,50 und noch ein halbes Ey dazu sind Sechszehn. Soviel Eyer kauft die erste Nachbarin und folglich bleiben Fünfzehn im Rest. Die Hälfte davon sind sieben und ein halbes und noch ein halbes dazu sind acht. So viel kauft die zweite, und so bleiben noch Sieben. Von diesen wieder die Hälfte und ein halbes dazu sind Vier, und es bleiben Drey, und die Hälfte von Drey mit einem halben mehr ist Zwey, und so bleiben alle Eyer ganz und die Händlerin behält Eins im Rest.

Drittes und viertes Rechnungsexempel.

3.

Zwey Schäfer begegnen sich mit Schaafen auf der Strasse. Hans sagte zu Fritz: Gieb mir eines von deinen Schaafen! Alsdann hab ich noch einmal so viel als du Fritz sagt zu Hans: Nein, gieb du mir eins von deinen! Alsdann hab ich eben so viel als du.

Nun ist zu errathen, wie viel ein jeder hatte.

Diese Aufgabe ist klein und leicht. Folgende ist auch nicht schwer aber artig. Nur muß man richtig rechnen, und nicht irre werden, was leicht möglich ist.

4.

Ein Mann hatte sieben Kinder zu einem Vermögen von 4900 fl. Da giengen ihn die jüngern Kinder öfters an, eine Verordnung darüber zu machen, damit sie in der Theilung nach seinem Absterben mehr bekommen sollten, als die ältern. Das kam dem guten Vater hart an, weil er eines von seinen Kindern51 liebte wie das andere, und weil er glaubte, Gott werde den jüngern, wenn sie fleißig und gut gesittet seyen, nach seinem Tode helfen, wie er den ältern bei seinen Lebzeiten geholfen habe. Weil sie ihm aber keine Ruhe ließen, und die ältern Brüder es auch zufrieden waren, so machte er folgende Verordnung:

Der älteste Sohn soll von dem ganzen Vermögen 100 fl. zum Voraus haben und von dem übrigen den achten Theil.

Der zweite soll alsdann 200 fl. wegnehmen, und von dem Uebrigen wieder den achten Theil.

Der dritte soll 300 fl. von dem nachfolgenden vorausempfangen und auch wieder den achten Theil vom Rest.

Und so soll jeder folgende 100 fl. mehr als der erste und dann von dem übrigen den Achtel erhalten, und der Letzte bekommt, was übrig bleibt, wie überall.

Damit waren die Kinder zufrieden. Nach dem Tode des Vaters wurde sein letzter Wille vollzogen, und es ist nun auszurechnen, wie viel ein jeder bekommen habe.

Nützliche Lehren.

1.

Die Menschen nehmen oft ein kleines Ungemach viel schwerer auf, und tragen es ungeduldiger, als ein grosses Unglück, und der ist noch nicht am schlimmsten daran, der viel zu klagen hat, und alle Tage etwas anders. Erfahrung und Uebung im Unglück lehrt schweigen. Aber wenn ihr einen Menschen wißt, der nicht klagt, und doch nicht fröhlich seyn52 kann, ihr fragt ihn, was ihm fehle, und er sagts euch kurz und gut, oder gar nicht, dem sucht ein gutes Zutrauen abzugewinnen, wenn ihr es werth seyd, und rathet und helft ihm, wenn ihr könnt.

2.

Ist denn der Mensch deswegen so schlimm und so schlecht, weil die bösen Neigungen zuerst in seinem Herzen erwachen, und das Gute nur durch Erziehung und Unterricht bei ihm anschlägt? Euer bester Ackerboden trägt doch auch nur Gras und Unkraut aus eigener Kraft, und euer Lebenlang keine Waizen-Erndte; und ein dürres Sandfeld, das nicht einmal aus eigener Kraft Unkraut treibt, wird auch euern Fleiß und eure Hoffnung nie mit einer Fruchtgarbe erfreuen. Aber wenn ihr den guten Boden ansäet zu rechter Zeit, sein wartet und pfleget, wie sichs gebühret, so steigt im Morgenthau und Abendregen eine fröhliche Saat empor, und die Raden und Kornrosen und mancherley taubes Gras möchten gern, aber es kann nicht mehr empor kommen. Die gesunde Aehre schwankt in der Luft, und füllt sich mit kostbaren Körnern. So ist es mit den Menschen und mit seinem Herzen auch. Was lernen wir daraus? Man muß nicht unzeitig klagen und hadern und die Hoffnung aufgeben, ehe sie erfüllt werden kann. Man muß den Fleiß, die Mühe und Geduld, die man an eine handvoll Fruchthalmen gerne verwendet, an den eigenen Kinder sich nicht verdrüßen lassen. Man muß dem Unkraut zuvorkommen, und guten Saamen, schöne Tugenden in das weiche zarte Herz hineinpflanzen, und Gott vertrauen, so wirds besser werden.

53

3.

Man vergißt im menschlichen Leben nichts so leicht, als das Multipliciren, wenn man es noch so gut in der Schule gelernt hat und kann. Und doch lernt man in der Schule für das Leben, und die Weisheit besteht nicht im Wissen, sondern in der rechten Anwendung und Ausübung davon.

Es kann jemand einen Tag in den andern nur einen Groschen unnöthigerweise ausgeben. Mancher, der den Groschen übrig hat, thut es, und meynt, es sey nicht viel. Aber in einem Jahre sind es 365 Groschen, und in dreißig Jahren 10950 Groschen. Facit 547 fl. 30 kr. weggeworfenes Geld, und das ist doch viel.

Ein anderer kann einen Tag in den andern zwey Stunden unnütz und im Müßiggang zubringen, und meynt jedesmal, für heute lasse es sich verantworten. Das multiplicirt sich in einem Jahr zu 730 Stunden und in dreißig Jahren zu 21900 Stunden. Facit 912 verlorene Tage des kurzen Lebens. Das ist noch mehr als 547 fl. wer’s bedenkt. Die Erde hat 5400 deutsche Meilen, oder 10800 Stunden im Umkreis. Das ist ein weiter Weg. Aber wenn man in gerader Linie fortgehen könnte, und es wollte jemand jeden Tag nur eine Stunde davon zurücklegen, so könnte er im dreißigsten Jahr wieder daheim seyn. Daraus ist zu lernen, wie weit ein Mensch in seinem Leben es nach und nach bringen kann, wenn er zu einem nützlichen Geschäft jeden Tag nur eine Stunde anwenden will, und wie viel weiter noch, wenn er alle Tage dazu benutzt, besser und vollkommener zu54 werden, und sein eigenes Wohl und das Wohl der Seinigen zu befördern. Aber wer nie anfängt, der hört nie auf, und wem Wenig auf einmal nicht genug ist, der erfährt nie, wie man nach und nach zu vielem kommt.

4.

Zum Erwerben eines Glücks gehört Fleiß und Geduld, und zu Erhaltung desselben gehört Mäßigung und Vorsicht. Langsam und Schritt für Schritt steigt man eine Treppe hinauf. Aber in einem Augenblick fällt man hinab, und bringt Wunden und Schmerzen genug mit auf die Erde.

Guter Rath.

Was ich jetzt sagen will, wird manchen, der es liest, geringfügig und vielleicht lächerlich scheinen; aber es ist nicht lächerlich; und mancher, der es liest, wird meynen, ich habe ihn leibhaftig gesehen und es wäre wohl möglich. Doch weiß ich’s nicht, und will niemand besonders meynen. Es giebt Gegenden hin und wieder, wo die Männer und Jünglinge im Ganzen recht gesund und stark aussehen, wie es bey guter Arbeit und einfacher Nahrung möglich und zu erwarten ist. Sie haben eine gesunde Gesichtsfarbe, eine starke Brust, breite Schultern, guten Wuchs, kurz, der ganze Körperbau ist wohlproportionirt und tadellos, bis unter die Kniee. Da kommts auf einmal so dünn und so schwach bis zu den Füssen hinab, und man meynt, die armen Beine müsen zusammen brechen unter der schweren Last, die sie zu tragen haben. Das wißt ihr wohl: Manchem,55 der sich vor dem Spiegel einbildet, ein hübscher Knabe zu seyn, geht es wie dem Pfau, wenn er auf seine Füße schaut, und deßwegen zieht ihr die starken ledernnen Riemen, mit welchen ihr die Strümpfe unter dem Knie zu binden pflegt, immer fester an, und setzt ihn in eine Schnalle ein, wo er nie nachgeben kann, damit das Fleisch ein wenig anschwellen, sich heraus heben, und etwas gleichsehen soll, und eben daher kommts. Denn der ganze menschliche Körper und alle seine Glieder erhalten ihre Nahrung von dem Blut. Deswegen lauft das Blut unaufhörlich von dem Herzen weg, zuerst in grossen Adern, die sich nachher immer mehr in unzählig viele kleine Aederlein vertheilen und vervielfältigen, durch alle Theile des Körpers bis in die äußersten Glieder hinaus, und kehrt alsdann durch andere Aederlein, die wieder zusammen gehen, folglich grösser und an der Zahl weniger werden, zu dem Herzen zurück, und das geht unaufhörlich so fort, so lange der Mensch lebt, und auf diesem Wege giebt das Blut dem Fleisch, den Knochen und allen Theilen des Körpers ihre Nahrung, ihre Kraft und Ausfüllung, und wird selber wieder auf eine andere Art durch tägliche Speise und Trank erhalten und ersetzt. Es geht da fast so zu, wie bei einer wohleingerichteten Wasserleitung. Da wird das Wasser aus dem grösseren Strom in kleinere Kanäle fortgeleitet. Aus diesen vertheilt es sich immermehr in kleinere Bäche und Bächlein, dann in Rausen, und endlich findet es jeden Grashalm auf einer Wiese, Klee - und Habermark, Liebfrauen-Mantelein, und was darauf wächst, und giebt ihm seine Erquickung. Aber wo56 wenig Wasser hinkommt, da bleiben auch die Pflanzen klein und schlecht, und was kann davor seyn? So ist es mit dem menschlichen Körper ungefähr auch, und je weniger derselbe durch die Kleidung gedrückt oder eingeengt wird, desto freier und reichlicher kann sich auch das Blut durch seine Adern bewegen, desto besser werden auch alle Theile des Körpers mit dem Wachsthum zu ihrer Kraft und Vollkommenheit gelangen und darin erhalten werden. Wenn ihr aber einen Arm oder ein Bein unterbindet und den Blutlauf aufhaltet, so wird auch diesem Glied seine Nahrung entzogen. Das geschieht nun, wenn man von früher Kindheit an, die Beine unter dem Knie mit einem ledernen Riemen durch eine Schnalle so fest bindet. Die feinen und größern Adern werden zusammengepreßt, es kann nicht so viel Blut ab - und aufsteigen als nöthig ist, die Knochen kommen daher kaum zu ihrer gehörigen Stärke und es setzt sich nicht genug Fleisch und Fett um dieselben an. Da zieht man nun den Riemen immer fester an, und das hilft ein wenig zum Schein, macht aber eigentlich nur das Uebel Aerger, wie es immer geht, wenn man nur auf den Schein sieht und zur Abhülfe eines Fehlers oder Gebrechens die rechten Mittel nicht zu wissen verlangt, und mit den nächsten besten sich begnügt. Mein guter Rath wäre also der: Ihr sollt’s machen wie andere vernünftige Leute auch. Man binde die Strümpfe mit geschmeidigern Bändern über dem Knie, oder wenn man bey der alten Weise bleiben will; so ziehe man wenigstens die Riemen nicht fester an als nöthig ist, um die Strümpfe oben zu erhalten. Man muß nie mehr Kraft57 anwenden, und mehr thun als nöthig ist, um seinen vernünftigen Zweck zu erreichen. Besonders müssen die Eltern frühe darauf sehen, daß ihre Kinder die Strümpfe nicht zu fest binden. Alsdann wird das Blut seinen Weg schon finden, und den Gliedern die Nahrung und Stärke geben, die ihnen gebührt. Diß ist mein guter Rath; und wer keinen Glauben daran hat, der frage nur einen Arzt oder den Herrn Pfarrer; die müßens auch wissen. Aber folgen muß man alsdann. Denn wem nicht zu rathen ist, dem ist auch nicht zu helfen.

Das Mittagessen im Hof.

Man klagt häufig darüber, wie schwer und unmöglich es sey, mit manchen Menschen auszukommen. Das mag denn freylich auch wahr seyn. Indessen sind viele von solchen Menschen nicht schlimm, sondern nur wunderlich, und wenn man sie nur immer recht kennte, inwendig und auswendig, und recht mit ihnen umzugehen wüßte, nie zu eigensinnig und nie zu nachgebend, so wäre mancher wohl und leicht zur Besinnung zu bringen. Das ist doch einem Bedienten mit seinem Herrn gelungen. Dem konnte er manchmal gar nichts recht machen, und mußte vieles entgelten, woran er unschuldig war, wie es oft geht. So kam einmal der Herr sehr verdrüßlich nach Hause, und setzte sich zum Mittagessen. Da war die Suppe zu heiß oder zu kalt, oder keines von beiden; aber genug, der Herr war verdrüßlich. Er faßte daher die Schüssel mit dem, was darinnen war, und warf sie durch das offene Fenster in den Hof hinab. Was58 that der Diener? Kurz besonnen warf er das Fleisch, welches er eben auf den Tisch stellen wollte, mir nichts, dir nichts, der Suppe nach, auch in den Hof hinab, dann das Brod, dann den Wein, und endlich das Tischtuch mit allem, was noch darauf war, auch in den Hof hinab. Verwegener, was soll das seyn? fragte der Herr, und fuhr mit drohendem Zorn von dem Sessel auf. Aber der Bediente erwiederte kalt und ruhig: Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihre Meynung nicht errathen habe. Ich glaubte nicht anders, als Sie wollten heute in dem Hof speisen. Die Luft ist so heiter, der Himmel so blau, und sehen Sie nur, wie lieblich der Apfelbaum blüht, und wie fröhlich die Bienen ihren Mittag halten. Diesmal die Suppe hinabgeworfen, und nimmer! Der Herr erkannte seinen Fehler, heiterte sich im Anblick des schönen Frühlingshimmels auf, lächelte heimlich über den schnellen Einfall seines Aufwärters und dankte ihm im Herzen für die gute Lehre.

Der kluge Richter.

Daß nicht alles so uneben sey, was im Morgenlande geschieht, das haben wir schon einmal gehört. Auch folgende Begebenheit soll sich daselbst zugetragen haben: Ein reicher Mann hatte eine beträchtliche Geldsumme, welche in ein Tuch eingenähet war, aus Unvorsichtigkeit verlohren. Er machte daher seinen Verlust bekannt, und bot, wie man zu thun pflegt, dem ehrlichen Finder eine Belohnung, und zwar von hundert Thalern an. Da kam bald ein guter und ehrlicher Mann dahergegangen. Dein59 Geld habe ich gefunden. Dieß wirds wohl seyn! So nimm dein Eigenthum zurück! So sprach er mit dem heitern Blick eines ehrlichen Mannes und eines guten Gewissens, und das war schön. Der andere machte auch ein fröhliches Gesicht, aber nur, weil er sein verlohren geschätztes Geld wieder hatte. Denn wie es um seine Ehrlichkeit aussah, das wird sich bald zeigen. Er zählte das Geld, und dachte unterdessen geschwinde nach, wie er den treuen Finder um seine versprochene Belohnung bringen könnte. Guter Freund , sprach er hierauf, es waren eigentlich 800 Thlr. in dem Tuch eingenähet. Ich finde aber nur noch 700 Thlr. Ihr werdet also wohl eine Naht aufgetrennt und eure 100 Thlr. Belohnung schon heraus genommen haben. Da habt ihr wohl daran gethan. Ich danke euch. Das war nicht schön. Aber wir sind auch noch nicht am Ende. Ehrlich währt am längsten und Unrecht schlägt seinen eigenen Herrn. Der ehrliche Finder, dem es weniger um die 100 Thlr. als um seine unbescholtene Rechtschaffenheit zu thun war, versicherte, daß er das Päcklein so gefunden habe, wie er es bringe, und es so bringe, wie ers gefunden habe. Am Ende kamen sie vor den Richter. Beyde bestunden auch hier noch auf ihrer Behauptung, der eine, daß 800 Thlr. seyen eingenäht gewesen, der andere, daß er von dem Gefundenen nichts genommen und das Päcklein nicht versehrt habe. Da war guter Rath theuer. Aber der kluge Richter, der die Ehrlichkeit des einen und die schlechte Gesinnung des andern zum Voraus zu kennen schien, grief die Sache so an: Er ließ sich von beiden über das was sie aussagten, eine60 feste und feierliche Versicherung gehen, und that hierauf folgenden Ausspruch: Demnach, und wenn der eine von euch 800 Thlr. verloren, der andere aber nur ein Päklein mit 700 Thlr. gefunden hat, so kann auch das Geld des Letztern nicht das nemliche seyn, auf welches der erstere ein Recht hat. Du, ehrlicher Freund nimmst also das Geld, welches du gefunden hast, wieder zurük, und behältst es in guter Verwahrung, bis der kommt, welcher nur 700 Thlr. verloren hat. Und dir da weiß ich keinen Rathh, als du geduldest dich, bis derjenige sich meldet, der deine 800 Thlr. findet. So sprach der Richter, und dabei blieb es.

Der Mensch in Kälte und Hitze.

Der Mensch kann nichts nützlicheres und besseres kennen lernen, als sich selbst und seine Natur; und manchem, der bei uns an einem heisen Sommertage fast verschmachten will, oder im kalten Jenner sich nicht getraut, vom warmen Ofen wegzugehen, wird kaum glauben können, was ich sagen werde, und doch ist es wahr.

Bekanntlich ist die Wärme des Sommers und die Kälte des Winters nicht in allen Gegenden der Erde gleich, auch kommen sie nicht an allen Orten zu gleicher Zeit, und sind nicht von gleicher Dauer. Es giebt Gegenden, wo der Winter den größten Theil des ganzen Jahrs Herr und Meister ist, und entsetzlich streng regiert, wo das Wasser in den Seen 10 Schuh tief gefriert, und die Erde selbst im Sommer nicht ganz, sondern nur einige Schuh tief aufthaut,61 weil dort die Sonne etliche Monate lang gar nicht mehr scheint, und ihre Strahlen auch im Sommer nur schief über den Boden hingleiten. Und wiederum gibt es andere Gegenden, wo man gar nichts von Schnee und Eis und Winter weiß, wo aber auch das Gefühl der höchsten Sommerhitze fast unerträglich seyn muß, zumal wo es tief im Land an Gebirgen und großen Flüßen fehlt, weil dort die Sonne den Einwohnern gerade über den Köpfen steht, und ihre glühenden Strahlen senkrecht auf die Erde hinabwirft. Es muß daher an beiderlei Orten auch noch manches anders seyn, als bey uns, und doch leben und wohnen Menschen, wie wir sind, da und dort. Keine einzige Art von Thieren hat sich von selber so weit über die Erde ausgebreitet, als der Mensch. Die kalten und die heißen Gegenden haben ihre eigenen Thiere, die ihren Wohnort freiwillig nie verlassen. Nur sehr wenige, die der Mensch mitgenommen hat, sind im Stande, die gröste Hitze in der einen Weltgegend und die grimmigste Kälte in der andern auszuhalten. Auch diese leiden sehr dabei, und die andern verschmachten oder erfrieren, oder sie verhungern, weil sie ihre Nahrung nicht finden. Auch die Pflanzen und die stärksten Bäume kommen nicht auf der ganzen Erde fort, sondern sie bleiben in der Gegend, für welche sie geschaffen sind, und selbst die Tanne und die Eiche verwandeln sich in den kältesten Ländern in ein niedriges unscheinbares Gesträuch und Gestruppe auf dem ebenen Boden, wie wirs auf unsern hohen kahlen und kalten Bergen auch bisweilen wahrnehmen. Aber der Mensch hat sich überall ausgebreitet, wo nur ein lebendiges Wesen fortkommen62 kann, ist überall daheim, liebt in den heisesten und kältesten Gegenden sein Vaterland und die Heimath, in der er geboren ist, und wenn ihr einen Wilden, wie man sie nennt, in eine mildere und schönere Gegend bringt, so mag er dort nicht leben und nicht glücklich seyn. So ist der Mensch. Seine Natur richtet sich allmählig und immer mehr nach der Gegend, in welcher er lebt, und er weiß wieder durch seine Vernunft seinen Aufenthalt einzurichten, und so bequem und angenehm zu machen, als es möglich ist. Das muß der Schöpfer gemeynt haben, als er über das menschliche Geschlecht seinen Segen aussprach: Seyd fruchtbar und mehret euch, und erfüllet (oder bevölkert) die Erde, und machet sie euch unterthan.

Ich will jetzt einige Beispiele anführen, was für hohe Kälte und Hitze die Menschen aushalten können.

Zu Jeniseisk in Siberien trat einst im Jenner 1735 eine solche Kälte ein, daß die Sperlinge und andere Vögel todt aus der Luft herabfielen, und alles, was in der Luft gefrieren konnte, wurde zu Eis, und doch leben Menschen dort.

Zu Kraßnaiarsk ebenfalls in Siberien, wurde im Jahr 1772 den 7 December die Kälte so heftig, daß eine Schaale voll Quecksilber, welches man in die freye Luft setzte, in ein festes Metall zusammengefror. Man konnte es wie Bley biegen und hämmern, und doch hielten es Menschen aus.

Eine ähnliche Kälte erlitten einst die Engländer in Nord-Amerika an der Hudsonsbay. Da fror ihnen selbst in den geheizten Stuben der Brantewein in Eis zusammen. Sie konnten ihn nicht flüßig erhalten. 63In den langen dunkeln Wintertagen erleuchtete man die Stuben mit glühenden Kanonenkugeln, und die starke Ofenhitze daneben konnte doch nicht hindern, daß nicht die Wände und Bettstätten mit Eiß und Duft überzogen wurden.

Was für eine Hitze hingegen wieder die nemliche Menschen-Natur aushalten kann, das sehen wir schon an unsern Feuerarbeitern, zum Beispiel in Glashütten, Eisenschmelzen, Hammerschmidten, wo die Leute sich durch schwere Arbeit noch mehr erhitzen müssen. In Breitlingen, das ist eine Erzgrube am Tammelsberg in Sachsen, mußte das feste Gestein unter der Erde durch Feuer mürbe gemacht werden. Da sind nun viele schweflichte Theile und Dünste, die in Entzündung gerathen, und eine so erstaunliche und unerträgliche Hitze verursachen, daß die Bergleute selbst noch den Tag nach der Löschung des Feuers nakt arbeiten und alle Stunde innehalten und sich wieder abkühlen müssen.

Manche Personen, die in Krankheiten viel aufs Schwitzen halten, kriechen in einen heißdünstigen Backofen, wenn das Brod herausgenommen ist, lassen nur so viel Oeffnung zu, als zum Atemholen nöthig ist, und schwitzen so nach Herzenslust. Das mag nun freylich nicht viel nützen, und ein vernünftiger Arzt wird es nicht gros loben.

Wer das aber weiß, der wird nun folgende wahre Erfahrungen nicht mehr so unglaublich finden. Vier bekannte und berühmte Männer, ließen einst ein kleines Zimmer so stark erhitzen, als nur möglich war. Da kam die Hitze der Luft fast der Hitze des kochenden Wassers gleich. Und doch hielten dieselben sie 1064 Minuten lang aus, wiewohl nicht ohne Beschwerden. Einer von ihnen trieb den Versuch noch weiter. In einer Hitze, wo frische Eier in 10 Minuten in der Luft hart gebacken wurden, hielt er 8 Minuten aus.

Das war nun freylich eine gemachte künstliche Hitze. Aber auch in der Natur geht es manchen Orten nicht viel besser. So weht bisweilen in heißen Gegenden auf einmal ein so trockener und heißer Wind von den Sandwüsten her, daß die Blätter an den Bäumen, wo er durchzieht, augenblicklich versengt werden und abdorren. Menschen, die alsdann im Freyen sind, müßen sich freylich ohne Verzug mit dem Gesicht auf die Erde niederlegen, damit sie nicht ersticken, und haben gleichwohl noch viel dabei auszustehen. Selbst in geschlossenen Zimmern kann man sich vor Mattigkeit fast nicht mehr bewegen. Aber gleichwohl übersteht man es, wenn man vorsichtig ist und Erfahrungen benutzt.

Wenn man so etwas liest oder hört, so lernt man doch zufrieden seyn daheim, wenn sonst schon nicht alles ist, wie man gerne mögte.

Der schlaue Husar.

Ein Husar im letzten Kriege wußte wohl, daß der Bauer, dem er jezt auf der Straße entgegen gieng, 100 fl. für geliefertes Heu eingenommen hatte, und heimtragen wollte. Deswegen bat er ihn um ein kleines Geschenk zu Tabak und Branntwein. Wer weiß, ob er mit ein paar Bazen nicht zufrieden gewesen wäre. Aber der Landmann versicherte und betheuerte bei Himmel und Hölle, daß er den eigenen letzten Kreuzer65 im nächsten Dorfe ausgegeben, und nichts mehr übrig habe. Wenns nur nicht so weit von meinem Quartier wäre, sagte hierauf der Husar, so wäre uns beiden zu helfen; aber wenn du hast nichts, ich hab nichts; so müssen wir den Gang zum heil. Alfonsus doch machen. Was er uns heute beschert, wollen wir brüderlich theilen. Dieser Alfonsus stand in Stein ausgehauen in einer alten, wenig besuchten Kapelle am Feldweg. Der Landmann hatte Anfangs keine große Lust zu dieser Wallfahrt. Aber der Husar nahm keine Vorstellung an, und versicherte unterwegs seinen Begleiter so nachdrücklich, der heil. Alfonsus habe ihn noch in keiner Noth stecken lassen, daß dieser selbst anfieng Hoffnung zu gewinnen. Vermuthlich war in der abgelegenen Kapelle ein Camerad und Helfershelfer des Husaren verborgen? Nichts weniger! Es war wirklich das steinerne Bild des Alfonsus, vor welchem sie jezt niederknieten, während der Husar gar andächtig zu beten schien. Jezt, sagte er seinem Begleiter ins Ohr, jezt hat mir der Heilige gewinkt. Er stand auf, gieng zu ihm hin, hielt die Ohren an die steinerne Lippen, und kam gar freudig wieder zu seinem Begleiter zurück. Einen Gulden hat er mir geschenkt, in meiner Tasche müße er schon stecken. Er zog auch wirklich zum Erstaunen des andern einen Gulden heraus, den er aber schon vorher bei sich hatte, und theilte ihn versprochenermaßen brüderlich zur Hälfte. Das leuchtete dem Landmann ein, und es war ihm gar recht, daß der Husar die Probe noch einmal machte. Alles gieng das zweitemal wie zuerst. Nun kam der Kriegsmann diesmal viel freudiger von dem Heiligen zurück. Hundert66 Gulden hat uns jezt der gute Alfonsus auf einmal geschenkt. In deiner Tasche müssen sie stecken. Der Bauer wurde todesblaß, als er dies hörte, und wiederholte seine Versicherung, daß er gewiß keinen Kreuzer habe. Allein der Husar redete ihm zu, er sollte doch nur Vertrauen zu dem heil. Alfonsus haben, und nachsehen. Alfonsus habe ihn noch nie getäuscht. Wollte er wohl oder übel, so mußte er seine Taschen umkehren und leer machen. Die Hundert Gulden kamen richtig zum Vorschein, und hatte er vorher dem schlauen Husaren die Hälfte von seinem Gulden abgenommen, so mußte er jezt auch seine Hundert Gulden mit ihm theilen, da half kein Bitten und kein Flehen.

Das war fein und listig, aber eben doch nicht recht, zumal in einer Kapelle.

Sommerlied.

Blaue Berge!
Von den Bergen strömt das Leben.
Reine Luft für Mensch und Vieh;
Wasserbrünnlein spat und früh
Müßen uns die Berge geben.
Frische Matten!
Grüner Klee und Dolden schießen;
An der Schmehle schlank und fein
Glänzt der Thau wie Edelstein,
Und die klaren Bächlein fließen.
Schlanke Bäume!
Muntrer Vögel Melodeien
Tönen im belaubten Reiß,
Singen laut des Schöpfers Preis.
Kirsche, Birn und Pflaum gedeihen.
67
Grüne Saaten!
Aus dem zarten Blatt enthüllt sich
Halm und Aehre, schwanket schön,
Wenn die milden Lüfte wehn,
Und das Körnlein wächst und füllt sich.
An dem Himmel
Strahlt die Sonn im Brautgeschmeide,
Weiße Wölklein steigen auf,
Ziehn dahin im stillen Lauf.
Gottes Schäflein gehn zur Waide.
Herzensfrieden,
Woll ihn Gott uns allen geben!
O dann ist die Erde schön.
In den Gründen, auf den Höh’n
Wacht und singt ein frohes Leben.
Schwarze Wetter
Ueberziehn den Himmelsbogen,
Und der Vogel singt nicht mehr.
Winde brausen hin und her,
Und die wilden Wasser wogen.
Rothe Blitze
Zuken hin und