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DIE BERÜHMTEN FRAUEN DER FRAN - ZÖSISCHEN REVO - LUTION 1789 1795
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WIEN, 1906 C. W. STERN (Buchh. L. Rosner) VERLAG
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Die berühmten Frauen der französischen Revolution 1789 1795.
[II][III]
Die berühmten Frauen der französischen Revolution 1789 1795.
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Wien1906C. W. Stern(Buchhandlung L. Rosner), Verlag.
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Druck von Gustav Rötting in Ödenburg.

[V]

Inhaltsverzeichnis:

VorwortVII
Madame Legros1
Théroigne de Méricourt12
Charlotte Corday26
Madame Roland[59]
Lucile Desmoulins157
Olimpe de Gonges182
Rose Lacombe198
Madame Bouquey205
Madame Tallien214
De Marquise von Condorcet228
Anhang244
Quellenliteratur279
[VI][VII]

Vorwort.

Dies Buch gilt den Frauen der grossen französischen Revolution. Nicht jenen allein, die den einzelnen Abschnitten des Buches ihren Namen geben; sondern all denen, die der grosse Augenblick, die gesteigerte Spannkraft allen Lebens zu Heldinnen machte, deren Taten unbeachtet blieben, weil sie für selbstverständlich galten. Die Revolution hatte Weiber entmenscht. Das Mitansehen von Hinrichtungen wurde weibliches Vergnügen; um die Zeit von einer Hinrichtung zur anderen nützlich zu verbringen, arbeitete man friedlich an einem Strickstrumpf; das Schauspiel der Guillotinierung selbst wurde mit Geschrei und Tänzen begleitet, deren abscheulicher Anblick den ruchlosen Weibern zuerst den Namen Sansculotten eintrug; mit tierischem Jubel wurde der Moment des Karpfensprungs und In den Sack niesen begrüsst, wenn das Blut aufspritzte und der Kopf hinabfiel. Immer neue Erfindungen perverser Blutgier halfen über die Abstumpfung der täglichen Wiederholung hinweg. Aber dieselbe Revolution hatte in jener anderen Gruppe von Frauen, der die Gestalten dieses Buches angehören und wie eine bessere, höhere Menschengattung von den Hyänen der Guillotine geschieden ist, die tiefsten, herzlichsten Instinkte geweckt, von dem tatkräftigsten Mitleid bis zum heroischen Kampf, von der stürmischsten Lebensenergie bis zur gleichgültigen Todesverachtung. Viele kämpften und starben mit dem Bewusstsein, dass ihr Andenken sich im Dunkel der Zeiten verlieren werde. Manche von ihnen, die nicht in die Zahl der grossen Gestalten aufgenommen werden kann,VIII verdient einen kleinen Gedenkstein in der Geschichte jener Zeiten.

Rose Bouillon, ein tapferes Weib, wollte ihrem Manne in die Schlacht folgen, sie verschaffte sich eine militärische Uniform und wurde eingereiht. Sechs Monate hindurch ertrug sie alle Strapazen des Kriegerlebens, als ihr Mann an ihrer Seite, in der Schlacht von Limbach, von drei Kugeln durchbohrt, fiel. Trotzdem kämpfte sie bis ans Ende der Schlacht mutig weiter. Dann kam sie um ihren Abschied ein; doch wurde er ihr verweigert. Da erst gab sie sich zu erkennen, indem sie sagte, sie fordere ihren Abschied, um ihren Kindern gegenüber ihre Pflicht als Mutter erfüllen zu können, so wie sie bis nun ihre Pflichten ihrem Manne und ihrem Vaterlande gegenüber erfüllt habe, soweit dies in ihrer Macht gelegen wäre. Man zollte ihr Bewunderung, sie bekam ihren Abschied und überdies eine Ehrenpension von einigen hundert Franken.

Rose Bouillon war nicht die einzige, die in den Kampf zog und sich durch Tapferkeit und Mut auszeichnete. Ferner sei zweier Schwestern gedacht, die im zarten Alter von dreizehn und sechzehn Jahren ihrem Vater in den Kampf folgten, um die Grenze mit ihm zu verteidigen. Es sind dies die Schwestern Félicité und Théophile Fernig. Frau Pochelat und Madeleine Petit Jean, diese, die Mutter zahlreicher Kinder, zeichnete sich in der Vendée durch ihr unerschrockenes Eingreifen in den Kampf aus. Zwei Mädchen, die achtzehnjährige Rose Marchant und die sechzehnjährige Elisa Quatre-Sous, hatten mehrere Feldzüge der republikanischen Armee mitgemacht. Claudine Bouget wurde als Volontär eingereiht. Alle glänzten durch einen Mut, der weit über den ihres Geschlechtes ging und überall Bewunderung hervorrief, wenn man erfuhr, dass sie dem weiblichen Geschlechte angehörten.

Vielleicht mag man in der Teilnahme an dem Krieg einen unweiblichen Zug erblicken, obwohl es sich in den meisten Fällen vor allem darum handelte, eine geliebteIX Person in alle Gefahren begleiten zu dürfen. Doch die Treue des Weibes bis in den Tod feierte ihre täglichen Triumphe, als der Schrecken der Bürgerverfolgungen wütete.

Häufig kam es vor, dass Frauen, die gar nicht zum Tode verurteilt waren, alles daran setzten, gleichzeitig mit ihren Männern auf dem Schafott zu sterben. So z. B. Madame Mouchy. Als ihr Mann ins Gefängnis des Luxembourg gebracht wurde, begab sie sich auch dahin. Man machte sie aufmerksam, dass im Verhaftsbefehl nur ihres Mannes, ihrer aber gar nicht erwähnt sei. Sie antwortete: Da mein Mann verhaftet ist, so bin ich es auch. Als ihr Mann vor das Revolutionstribunal geführt wurde, ging sie ebenfalls mit; als man ihr sagte, sie sei nicht vorgeladen, erwiderte sie: Da mein Mann vorgeladen ist, so bin ich es auch. Als er aufs Schafott stieg, ging sie ebenfalls mit. Man sagte ihr, dass sie nicht zum Tode verurteilt sei. Da mein Mann zum Tode verurteilt ist, so bin ich es auch. Sie war glücklich, mit ihrem Manne sterben zu können, den sie so sehr liebte. Der alte, kranke Mann einer jungen schönen Frau, namens Lavergne, sollte zum Tode verurteilt werden. Trotz des Missverhältnisses der Jahre liebte sie ihn innig und wollte seinen Tod nicht überleben, sondern sein Schicksal teilen. Aber es gelang ihr nicht sogleich, sie bat die Richter, diese höhnten sie, verwiesen sie auf ihre Jugend und Schönheit, spotteten über ihren alten Mann und meinten, sie könne nun einen jungen leicht finden. Zu ihrem Schmerz gesellte sich Empörung und Zorn. Sie erwartete, in der Menge stehend, die Stunde, in der ihr Mann vor dem Revolutionstribunal erscheinen sollte. Da er schwer krank war, trug man ihn auf einer Matratze hinein; er antwortete mit ersterbender Stimme auf die ihm vorgelegten Fragen. Als sein Todesurteil verkündet wurde, schrie Madame Lavergne mit markerschütternder Stimme Es lebe der König! Es lebe der König! Sie schrie so lange, bis sie das erreichte, was sie wollte. Sie wurde verhaftet und gab beim Verhör an, dass sie aus lauter Begeisterung für denX König in diesen Ruf ausgebrochen sei, und bis zu ihrem Tode nicht aufhören werde, ihren Gefühlen in dieser Weise Ausdruck zu verleihen! Sie wurde, wie sie es gewünscht, zum Tode verurteilt und fuhr im selben Karren wie ihr Mann zur Richtstätte. Ihr Mann lag mit geschlossenen Augen da. Sie rief ihn, er sah sie erstaunt und fragend an. Sie sagte ihm: Du weisst, dass ich ohne dich nicht leben kann, nun sterben wir gemeinsam!

Diese Frau nähert sich mancher Grösseren, die in gleicher Liebe das gleiche Schicksal über sich heraufbeschwor, deren ganze Lebensführung aber einen höheren Schwung aufweist, als jener Frauen, deren einzige Bedeutung in ihrer Liebe zum Gatten ruht.

Man verkannte damals, wie zu allen Zeiten die Tapferkeit und den Mut der Frauen, man fand es kaum der Mühe wert, diese Eigenschaften anzuerkennen und sich mit ihnen zu beschäftigen. Der Eifer, mit dem die Frauen die Revolution erfassten, entsprang ohne Zweifel dem Bewusstsein der moralischen Erniedrigung, in die sie gesunken waren.

Nur zwei Männer, Condorcet und Siéyès, beschäftigten sich mit der Lage der Frau in der Republik, sie fühlten, dass sie nicht weiter das bleiben konnte, was sie unter dem Königtum war, dass sie in einem Jahrhundert der Aufklärung nicht die bleiben konnte, die sie in den Zeiten der Barbarei war, das heisst, ohne Eigentum, ohne politische Rechte, ferngehalten von der Leitung der Geschäfte, kaum dazu berufen und zugelassen, die Angelegenheiten ihrer eigenen Familie zu führen, ihr Eigentum, das sie in die Ehe gebracht, zu verwalten, und auch über die Kinder, denen sie das Leben gegeben, rechtlichen Einfluss zu haben. Condorcet und Siéyès fanden, dass es im Staate genug Beschäftigungen gibt, die zu leisten die Frauen geradezu berufen, und zu denen ihre Anlagen besonders geschaffen seien.

Aber der Tod Condorcets machte all diese Pläne der Befreiung der Frau aus jahrhundertelanger Sklaverei zunichte.

XI

Manch eifrige Freundin der Revolution war in die politische Bahn gedrängt worden, weil ihr Freiheitsbedürfnis, das der Sensucht ihres eigenen Geschlechtes entsprang, sich mit dem allgemeinen Freiheitsrausch vereinigte. Die tätigen Revolutionärinnen Rose Lacombe und Olimpe de Gouges waren vor allem Kämpferinnen für die Rechte der Frau. Doch keine von allen, weder Madame Roland, deren geistige Bedeutung ein Goethe anerkannte, die Anteil an den Fragen der Tagespolitik nahm, noch die Tallien, die zu politischen Umwälzungen mit den Anstoss gab, noch Frau Bouquey, die sich in Kampf und Auflehnung gegen das herrschende Jakobinertum setzte, weil flüchtige Girondisten das Mitleid ihres Herzens weckten, ein Mitleid, fast so gross wie das der tapferen Frau Legros, die durch eine Tat des Mitleids die Bastille zerstören half, noch Charlotte Corday, die mit vollem Bewusstsein einen politischen Mord beging, noch die Frauen angefeindeter und verfolgter Staatsmänner, wie die Condorcet und Desmoulins, keine von ihnen ist über das Grab hinaus von den Freunden missverstanden, vom politischen Hass so besudelt worden, wie Théroigne de Méricourt.

So interessant, abwechslungreich und tragisch das Leben der Théroigne de Méricourt auch ist, so ist es nicht minder wahr, dass man die Geschichte der französischen Revolution schreiben könnte, ohne sie zu erwähnen, ohne dass die Darstellung eine Lücke aufwiese. Denn alles, was die geschichtlichen Darstellungen bis nun zu ihrem politischen Ruhme behauptet haben, ist historisch unhaltbar. Sie soll eine der Ersten bei der Erstürmung der Bastille gewesen sein, man sah sie sogar einen der Thürme erklettern! Sie soll bei den Vorgängen des 5. und 6. Oktober die Hauptrolle gespielt haben!! Und doch beruht dies alles nur auf Erfindung.

Im k. k. Haus -, Hof - und Staatsarchiv in Wien erliegt eine Art Selbstbiographie, die Théroigne de Méricourt im Gefängnis von Kufstein zu ihrer VerteidigungXII niedergeschrieben hat. Die Dinge, die sie darin über die Ereignisse der französischen Revolution, mit denen sie in Zusammenhang gebracht wird, sagt, sind gewiss wahr. Sie hätte sich all der ihr zugeschriebenen Taten lieber gerühmt, als sie in Abrede gestellt. Ueberdies hatte sie auch gar keine Ursache Dinge zu leugnen, die auf den Hochverratsprozess, den man ihr anhängig gemacht hatte, von gar keinem Einfluss gewesen wären. Und wie leicht hätte man ihr damals alles nachweisen können, falls es falsch gewesen wäre, wo die Ereignisse noch so frisch im Gedächtnis aller lebten!

Sie war eine Idealistin, die von allem Guten und Schönen, von der Freiheit begeistert, gewiss jeden Augenblick bereit gewesen wäre, ihr Leben zu opfern. Aber all das, was man ihr andichtet, ist sicherlich nicht wahr, nicht das Gute, nicht das Böse.

Viel länger als ein Jahrhundert existiert diese kostbare Selbstbiographie und noch immer wird Théroigne als Courtisane, als eine von Ausschweifungen völlig kranke Person dargestellt.

Da sie viel Geld hatte, so nahm man an, sie habe viele Liebhaber besessen, denn dass ihr Bräutigam ihr ein Vermögen geschenkt hatte, das wusste man nicht und erging sich daher in so lieblichen Phantasien. Auch an ihren garstigen Krankheiten ist kein wahres Wort. Der berühmte Psychiater Esquirol, der sie in der Salpêtrière viele Jahre hindurch behandelte, schrieb über ihre Geisteskrankheit; er erzählt, dass sie sich körperlich sehr wohl fühle, trotzdem sie in ihrer feuchten, finsteren, kleinen Zelle, ohne alle Einrichtung, ein Dasein führe, dass es geradezu ein Wunder sei, wie ihre Gesundheit all diesen bösen Einflüssen widerstehen könne. Selbst im Winter ging sie immer völlig unbekleidet, barfuss auf den Steinfliesen ihrer Zelle auf und ab. Sie goss überdies Wasser aus, das dann fror. Nie konnte sie, selbst in der grimmigsten Kälte, dazu gebracht werden, etwas anzuziehen, noch des nachts sich wärmerXIII zuzudecken. Während des Frostes, wenn sie nicht genug Wasser haben konnte, schlug sie das Eis in ihrer Zelle auf und wusch sich mit dem darunter befindlichen Wasser die Füsse und den ganzen Körper. Sie ass alles, was sie am Boden fand, Stroh, Brotkrumen, Abfälle, sie trank am liebsten Spülwasser, und dennoch lebte sie in dieser Weise fast fünfundzwanzig Jahre lang im Irrenhaus. Wie könnte ein von Krankheit zerstörter Körper diese Lebensweise ein Vierteljahrhundert aushalten. Um diesen schädlichen Einflüssen so lange standhalten zu können, dazu bedurfte es einer eisernen physischen Gesundheit. Und die musste sie wohl nach all dem besessen haben.

Als Théroigne de Méricourt ihre Selbstbiographie hinter den Festungsmauern von Kufstein niederschrieb, geschah es, um das mündliche Verhör zu vereinfachen; sie dachte dabei nicht an die Nachwelt, nicht an ihren Nachruhm, nicht an die Verleumdungen. Wie konnte sie nur einen Augenblick denken, dass die armseligen, mit Bleistift geschriebenen Blätter so sorgfältig aufgehoben werden würden. Das kam ihr gewiss nicht in den Sinn. Ihr war damals nur darum zu tun, ihre Freiheit wieder zu erlangen und den Beweis zu erbringen, dass sie weder Marie Antoinette nach dem Leben getrachtet, noch sich des Hochverrates schuldig gemacht habe.

Um so mehr kann man allen ihren Daten Glauben schenken und der Aufzeichnung ihrer Erlebnisse mehr Vertrauen entgegenbringen, als den phantasiereichen Erfindungen ihrer Zeitgenossen und ihrer vielen Feinde.

Man wird ihre biographischen Aufzeichnungen nicht ohne Rührung und Bewunderung lesen. Welche Liebe und welcher Zartsinn ist darin enthalten. Wie originell und schön weiss sie darzustellen, wie ist ihre Sprache urwüchsig, trotzdem sie so wenig gelernt hatte, sie, die ihre Jugendjahre in schwerer Arbeit und Pein, statt mit Lernen verbringen musste.

Mag der Leser sich ihrem Schicksal ebenso geneigtXIV zeigen, wie dem der übrigen Heldinnen, die dieses Buch zu schildern unternimmt.

Für die Benützung der Handschrift, deren Veröffentlichung hier zum erstenmale erfolgt, sowie für die freundliche[Unterstützung] bei der Entzifferung der Handschrift, bin ich den Herren Archivdirektor Hofrat Gustav Winter und Archivar Dr. Hans Schlitter zu besonderem Dank verpflichtet.

Madame Legros.
Quand l’Hydre despotique asservissoit la France:
Elle osa le braver pour servir l’innocence;
Latude, dans[les] fers, par l’intrigue abattu,
A son courage seul a du sa delivrance;
Sans biens et sans crédit, sa rare bienfaisance
A sçu vaincre la haine à force de vertu.
[1]

Madame Legros.

Madame Legros, Besitzerin eines kleinen Schnittwarengeschäftes, fand eines Tages auf der Strasse ein Bündel Schriften; die Hülle war durch die Feuchtigkeit zerfasert, die Siegel aufgeweicht. Mit Schaudern las die Finderin folgende Überschrift: Masers de Latude, ein unschuldig Gefangener, der seit 32 Jahren in der Bastille, in Vincennes und derzeit in Bicêtre bei Wasser und Brot, sechs Fuss unter der Erde gefangen gehalten wird. Sie ging sofort in ihre Wohnung zurück, liess ihren Geschäftsgang Geschäftsgang sein und las mit Begierde die hier geschilderten Einzelheiten von Latudes Leiden. Nachher schrieb sie alles für sich ab, und ihr Mann trug das Paket selbst an seinen Adressaten, den Präsidenten v. Gourgue.

Wer war dieser Latude, und was sein Verbrechen? Masers de Latude wurde am 23. März 1725 im Schlosse Cransech, nahe dem Schlosse Montagnac in der Provinz Languedoc, auf einem Gute, das dem Marquis v. Latude gehörte, geboren. Sein Vater war Ritter des königlichen Ordens und hoher Militär. Die Erziehung Latudes war die eines Edelmannes, der dazu bestimmt war, seinem Vaterlande und seinem Könige zu dienen. Er wurde, als er 23 Jahre alt war, nach Paris geschickt, um seinen Studien zu obliegen. Ein grosser Ehrgeiz beherrschte ihn, er hielt sich für sehr begabt, er wollte eine Rolle spielen.

Das Mittel, zu dem er griff, um sich Protektion zu2 verschaffen, war nichts weniger als sympathisch, es war dumm und gleichzeitig verwerflich, aber wie immer man es auch werten mag, die schwere Kerkerstrafe von 35 Jahren, die er in den verschiedenen Gefängnissen abbüsste, stand nicht im entferntesten im Verhältnis zu dem albernen Jugendstreich, zu dem ihn seine Phantasie verführt hatte.

Eines Tages, es war dies im Jahre 1749, befand sich Latude in den Tuilerien und war zufällig Ohrenzeuge eines Gespräches, das zwei Männer führten, die ihrer verächtlichen Meinung über die Pompadour, die damals noch unumschränkt herrschte, freien Lauf liessen. Nun kam Latude ein toller Gedanke; er wollte durch eine erfundene Geschichte die Pompadour vor einem ihr bevorstehenden Attentat warnen und sich auf diese Weise ihre Gunst und Protektion erwerben. Er schrieb ihr einen Brief, legte ein völlig unschädliches Pulver hinein, warf diese Sendung in den Postkasten und eilte spornstreichs nach Versailles. Er suchte an, vorgelassen zu werden, und erzählte ihr nun seine selbsterfundene Geschichte und warnte sie vor dem bevorstehenden Attentat. Er beschwor sie, die Pakete, die von nun an einlangen würden, mit der grössten Vorsicht zu öffnen. Er habe, fügte er noch zum Schlusse hinzu, die beiden Männer bis zur Post verfolgt, und gesehen wie sie ein Paket aufgegeben hätten, das gewiss, nach ihren Gesprächen zu urteilen, an sie gerichtet sei und wohl einen gefährlichen Inhalt enthalten dürfte. Die Pompadour war im ersten Augenblick sehr gerührt und reichte Latude eine mit Gold gefüllte Börse hin, um ihm ihre Dankbarkeit zu bezeugen, er aber lehnte das Geschenk ab und sagte, dass er sich berechtigt glaube, auf eine ihrer und seiner würdigere Belohnung Anspruch erheben zu dürfen!

Die Pompadour war misstrauisch und argwöhnisch nach Tyrannenart, sie forderte, er solle ihr seine Adresse aufschreiben, um ihm gegebenenfalls Nachricht zukommen lassen zu können. So jung und unbedacht war er, dass er die Falle, die ihm gelegt wurde, gar nicht bemerkte.

3

Das angekündigte Paket traf pünktlich ein, das Pulver wurde chemisch untersucht, als völlig ungefährlich befunden, die Schriften verglichen, und von ein und derselben Hand stammend erkannt. Die Pompadour sah in all dem einen blutigen Hohn, ja ein Verbrechen, und gab die strengsten Befehle, Latude dingfest zu machen. Er sass ahnungslos in seiner Wohnung und malte sich eben alle möglichen herrlichen Situationen aus, in die er durch die mächtige Protektion der Pompadour gelangen würde, als man kam, um ihn zu verhaften und in die Bastille zu führen, die er erst nach 35 Jahren, dank der kühnen, hochherzigen Bemühungen einer ihm völlig fremden Frau verlassen sollte.

Dem nur durch seine Qualen abwechslungsreichen Leben, das er so lange ertragen musste, suchte sich Latude wiederholt durch die Flucht zu entziehen: immer vergebens! Das erstemal wäre ihm die Flucht beinahe gelungen. Mit ihm war gleichzeitig ein Priester interniert, namens Saint-Sauveur, ein sehr gütiger Mensch, der den andern durch seine Gespräche und seine Bücher die Haft zu erleichtern suchte. Und eines Tages, nach neun Monaten der Gefangenschaft, als der Wunsch nach Freiheit wieder mächtig in Latude erwachte, benützte er die allgemeine Beliebtheit des Priesters, um zu entspringen.

Latude wurde täglich für zwei Stunden in einen der Bastille-Gärten hinabgeführt; wenn der Kerkermeister kam, um ihn zu holen, eilte er schneller als dieser die Treppe hinab. An jenem Tage, da er seinen Fluchtversuch im Sinne hatte, sprang er die Treppe in rasendem Tempo hinab; anstatt sich zum Garten zu wenden, lief er auf die entgegengesetzte Seite zu einem verschlossenen Tore, das aus dem Turm führte. Er klopfte, worauf die Wache öffnete, er fragte sie nach dem Abbé Saint-Sauveur und behauptete, dass er ihm schon zwei Stunden nachrenne, da der Priester ihm versprochen hätte, im Garten zu warten. Während Latude diese erfundene Geschichte hersagte, rannte er weiter, die Wache erkannte nicht, dass er ein Sträfling sei,4 und liess ihn unbehelligt durch. Mit der gleichen Frage verblüffte Latude noch weitere drei Wachen, die ihn alle unbehelligt durchliessen; als er die vierte passiert hatte, befand er sich ausserhalb der Gefängnismauern. Aber nicht lange, denn er wurde ausgeforscht und wieder eingebracht.

Die zweite Flucht gelang ihm, indem er aus seiner reichhaltigen Garderobe und seinem Wäschevorrat sechs Monate hindurch Strickleitern knüpfte, und dann durch den Schornstein seiner Zelle, über die Dächer und Türme der Bastille, mit tausend Lebensgefahren den Erdboden ausserhalb der Gefängnismauern erreichte! Aber wie immer nach allen Fluchtversuchen erwies er sich unvorsichtig und man fand ihn wieder.

Die Verfolger Latudes beschuldigten ihn eines gemeinen Diebstahls, sie taten es aber erst, als er nach einer missglückten Flucht wieder in Gewahrsam sass und keine Mittel hatte, sich zu verteidigen. Bei dieser neuen Niedertracht unterlag er unter der Schwere seiner Ketten. Er hatte alles ertragen, die Schrecken des Hungers, die Unbilden der Witterung in strengster Winterkälte, alle Entbehrungen mitsammen, aber die Gemeinheit, jene entsetzliche Tortur der unterdrückten Unschuld nein, er konnte nicht stillschweigend ihr Opfer werden. Er wandte sich um Hilfe und Unterstützung an seine Eltern und Verwandten, damit sie ihm dazu verhelfen sollten, seine Unschuld zu erweisen, aber sie antworteten ihm, dass er durch seinen Betrug selbst alle Bande freventlich zerrissen hätte, die ihn bis dahin mit seiner Familie verknüpft hätten, dass sie ihn von nun an nicht mehr kennten. Er verfiel in völlige Verlassenheit, er verlor allen Mut, alle Hoffnung und für lange sogar die Empfindung seiner Existenz. Er nahm in den verschiedenen Gefängnissen erborgte Namen an, um den seinen nicht zu beflecken.

Der Präsident v. Gourgue visitierte von Zeit zu Zeit die Gefängnisse und kam auch in die Bastille, in die Zelle Latudes. Er liess sich alles genau erzählen, er sagte dann5 Latude, man müsste jeder Empfindung bar sein, wenn man von seinem Schicksal nicht gerührt wäre; er beauftragte ihn dann, alles zu Papier zu bringen und gab dem Kerkermeister Befehl, ihm das fertiggestellte Schriftstück sogleich zu übermitteln dasselbe, das Madame Legros fand! Beim Abschied sagte der Präsident v. Gourgue zu Latude: Rechnen Sie auf mich, Ihre Leiden sind zu gross als dass man sie vergessen könnte. Leben Sie wohl. Latude war gezwungen, einen Teil seines Brotes zu verkaufen, um sich die nötigen Schreibrequisiten zu verschaffen. Er schrieb alles mit seiner Seele nieder, er liess seinen Empfindungen freien Lauf, voll Vertrauen zu diesem guten, mitleidigen Protektor; er schilderte seine Leiden mit der Beredsamkeit des Unglücks, er sagte alles ohne Bitterkeit, aber auch ohne Schonung. Er wagte es nicht, das Schriftstück dem Kerkermeister anzuvertrauen. Er hatte sich all die Jahre hindurch einen guten Anzug und etwas Wäsche aufgespart und gar nicht benützt, um an dem immer erhofften Tag der Befreiung anständig gekleidet sein zu können. Er verkaufte alles und gab den Erlös dem Wachposten, damit dieser das Schriftstück dem Präsidenten v. Gourgue übergebe. Unglücklicherweise, oder besser gesagt, glücklicherweise bemerkte er nicht, dass der Mann berauscht war.

Der Präsident v. Gourgue empfing Herrn Legros, der ihm das Paket überbrachte, mit grösster Freundlichkeit und voll Dank, dass er durch ihn in den Besitz der Schriften Latudes gekommen sei, die er von Latude selbst erbeten hatte. Er versicherte, dass er von dem Inhalte der Schriften sehr gerührt und gleichzeitig empört sei, dass er schon lange vorher sich für Latudes Schicksal interessiert und zu seinem Schmerze erfahren hätte, Latude sei wahnsinnig geworden, allerdings nur an periodischem Wahnsinn leide, aber da die Krankheit bereits 32 Jahre anhalte, keine Aussicht auf Heilung vorhanden sei. Latude sei dadurch gemeingefährlich und seinen Freunden bleibe nichts anderes6 übrig, als ihn zu beklagen und über sein Schicksal zu seufzen. Wäre der Gefangenwärter damals zufällig nüchtern gewesen, als er die Schriften an Herrn v. Gourgue zu übermitteln übernahm, so weiss man nun die Aussichten, die Latude gehabt hätte!

Als Herr Legros heimkam, sagte er seiner Frau, dass der Präsident v. Gourgue Latudes Verteidigung nicht übernehmen wolle. Sie war ausser sich. Sie las wieder die Darstellung seines Unglückes durch und war von der Wahrheit des Inhaltes völlig überzeugt. Sie erfüllte sich ganz mit dem Geiste, der jene diktiert hatte; an der Art, wie Latude seine Leiden schilderte, erkannte sie, dass er alle Bitternisse seiner Lage empfand; sie sah ein, dass ein Wahnsinniger sich nie so auszudrücken vermocht hätte, dass er sich nur aufzuregen, umherzuschlagen und sich von den Ketten, die so schwer drückten, zu befreien gesucht hätte, dass er aber nie jene kühne Sprache der Unschuld zu sprechen verstanden hätte, die sich nicht zum Betteln erniedrigen kann wie das Verbrechen. All diese Vorstellungen entflammten sie und klärten sie gleichzeitig auf, so dass sie nicht in denselben Irrtum verfiel wie der Präsident v. Gourgue.

Auch die Tatsache, dass man Latude keines Verbrechens beschuldigen konnte, sondern ihn einfach für wahnsinnig, für einen gefährlichen Narren erklärte, machte sie stutzig. Die Lektüre so vieler unmenschlicher Qualen rührte ihre empfindsame Seele und gleichzeitig erfasste sie ein Gefühl unsagbarer Empörung. Anfangs behielt sie alle ihre Pläne für sich, und pflegte während vieler Monate eifrig Nachforschungen, bis es ihr gelang, sich von der Wahrheit des Briefes und der Unschuld des Häftlings zu überzeugen. Dann aber machte sie seine Angelegenheit zu der ihrigen, wobei sie ihre eigenen Pflichten und Sorgen völlig vergass und drei Jahre hindurch keinem andern Gedanken zugänglich war, als den, einen ihr völlig Fremden, einen vom Unglück so sehr verfolgten Menschen zu befreien. Sie hatte weder einflussreiche Verwandte noch7 solche Freunde, sie besass weder Vermögen noch irgend welche Protektionen: und doch unterzog sie sich solch einem schier aussichtslosen Unternehmen. Sie war genötigt, vornehme Herren, Männer in hohen Stellungen für Latudes Schicksal zu interessieren. Es gelang ihr, sie ging zu ihnen und sprach mit jener Beredsamkeit der Seele, der gegenüber die Beredsamkeit des Verstandes verblasst. Bald machte man ihr Hoffnungen, dann foppte man sie herum oder stiess sie roh fort! Doch sie beharrte, sie wurde nicht müde, Vorstellungen zu machen, sie schreckte vor keiner Beschwerlichkeit zurück. Die Freunde, die sie sich durch ihr kühnes, mutiges Vorgehen erworben hatte, zitterten für ihr Leben und waren besonders um ihre Freiheit in Sorge, wenn sie die Gefahren sahen, in die sich Madame Legros blindlings stürzte, aber sie war für alle Vorstellungen, für alle Bitten taub. Sie befand sich damals im siebenten Monate guter Hoffnung, als sie an einem kalten Wintertag zu Fuss nach Versailles ging und erschöpft von Hunger, Kälte und Müdigkeit ihre Wohnung endlich am Abend wieder erreichte; dabei war sie gedrückten Herzens, da ihre Bitten abschlägig beschieden wurden. Die Nachtstunden hindurch arbeitete sie für ihren Unterhalt und begab sich am andern Morgen wieder nach Versailles. Erst nach achtzehn Monaten, voll der grössten Anstrengungen, Mühen, Demütigungen und Entbehrungen, gelang es ihr, im Gefängnis die Bekanntschaft Latudes zu machen, und in jenem Zeitpunkt erfuhr er erst von den unbekannten Freunden, die er ausserhalb der Kerkermauern besass. Als sie das unsägliche Elend mit eigenen Augen geschaut hatte, fand sie aufs neue Kraft und Mut, um allen Hindernissen und Gefahren Trotz zu bieten. Im Anfang jener schweren Zeiten war sie niedergekommen. Doch trennte sie sich sehr bald von ihrem Kinde, sie gab es in Pflege, um ihr begonnenes Werk zu vollenden.

In ihrer Aufopferung für den Unglücklichen kannte sie keine Grenzen. Sie rannte in die entlegensten Vorstädte,8 überallhin wo sie Leute vermutete, die sich für Latudes Schicksal interessieren könnten, sie hungerte, sie liess das Brot alt werden, damit sie nicht zu viel davon zu essen Lust bekomme; viele wollten ihr Unternehmen durch Geldspenden erleichtern, aber sie war nie dazu zu bewegen, auch nur das geringste anzunehmen. Ihr Mann, ein Lehrer der fremden Sprachen, brachte sich selbst sehr kümmerlich fort, doch hinderte er niemals seine Frau, das einmal begonnene Liebeswerk zu vollenden. Man bewunderte Madame Legros Ausdauer, man staunte über ihre Geschicklichkeit, die vielen Wege, die in die entgegengesetztesten Richtungen führten, oft in einem Tag zu bewältigen, dabei die Nacht nur zum kleinsten Teil zur Ruhe zu benützen. Sie arbeitete nicht allein für ihren Unterhalt, sondern sie setzte eine Ehre darein, die kleinen Schulden, die ihr Vater hinterlassen hatte, bei Heller und Pfennig zu begleichen. Sie ertrug diese ehrenhafte und ruhmvolle Dürftigkeit mit stoischer Ruhe. Latude empfand es unsagbar bitter, dass er ihr, die alles für seine Befreiung geopfert hatte, nichts zu bieten vermochte.

Madame Legros war diese drei Jahre, die bis zu Latudes Befreiung verstrichen, immer in Aufregung, immer in einer Hetzjagd. Sie verstand es alle möglichen Menschen, die vielleicht Latude zu helfen in der Lage waren, in Atem zu halten; sie war ohne Unterlass an ihren Türen, bei dem einen wusste sie das Mitleid anzufachen, bei dem andern wieder die Empfindsamkeit rege zu machen; diesem packte sie bei der Eitelkeit, jenem versprach sie Protektion irgend eines einflussreichen Mannes ihres neuen Bekanntenkreises. Es gelang Madame Legros, einen Höfling Marie Antoniettens für Latudes Schicksal zu interessieren. Er las eines Tages der Königin eben eine Schilderung des Unglücks vor, als ein anderer Höfling eintrat und ganz unbedacht erklärte, Latude sei wahnsinnig und die ganze Darstellung nichts als ein Lügengewebe. Das Blatt entfiel dem Vorleser und das eben erwachte Interesse9 und die Teilnahme der Königin und des Hofes verschwanden augenblicklich.

Der Kardinal Rohan nahm an dem Schicksal Latudes Anteil. Madame Legros machte lange vergebliche Versuche, vorgelassen zu werden, sie verstand es die Portierfrau für Latude zu interessieren und gelangte auf diesem Umweg endlich zum Prinzen. Er war von Madame Legros Eifer und Mut sehr gerührt und versprach ihr, seinen Einfluss geltend zu machen. Eine Kommission sollte die gerechte Sache Latudes noch einmal überprüfen. Während 35 Jahre hatte Latude umsonst jene höllischen Gewölbe mit seinen Seufzern und seiner Verzweiflung ermüdet, seine Seele war jeden Augenblick durch Wutanfälle wie gebrochen und ohne Unterlass durch Schmerz niedergedrückt. Alle seine Glieder waren durch das Reiben und das Gewicht der Ketten gequetscht, der Körper von dem widerlichsten Getier zerfressen, anstatt reiner Luft hatte er die Ausdünstung der Fäulnis einzuatmen, und als Übermass des Entsetzens erschien es ihm immer, dass man ihn mit allen Mitteln gesund pflegte, wenn der Tot endlich Miene zu machen schien, seinen unerträglichen Leiden ein Ziel zu setzen und ihn seinen Henkern zu entreissen. Das war sein Los während dieser langen Reihe von Jahren. Diejenigen für die die Zeit angenehm verläuft, die in Freiheit und Freude leben, denen scheint sie allzurasch zu entfliehen, aber für einen armen Gefangenen, der im Kerker schmachtet, scheint sie regungslos stille zu stehen. Man bedenke, wie viele Jahrhunderte diese 35 Jahre für Latude zu enthalten schienen, dessen immer erneute Leiden sich in der Erinnerung verzehnfachten und seinen Mut und seine Kräfte untergruben. Als er nach einem seiner missglückten Fluchtversuche wieder im Gewahrsam sass und die Öde der scheinbar stillstehenden Zeit nicht zu ertragen vermochte, erhielt er durch die Protektion eines Richters, der ihm mit Wohlwollen entgegenkam und Mitleid mit ihm empfand, einen Privatdiener, mit dem er sprechen durfte, denn allen Gefangenwärtern10 war es bei schweren Strafen untersagt, mit den Häftlingen zu reden. Aber der arme Teufel von Diener konnte diese Existenz nicht aushalten, er wurde ganz niedergeschlagen, er kränkelte von Tag zu Tag mehr, man entliess ihn nicht, trotzdem er und Latude darum ansuchten und die Vorgesetzten darum beschworen, man liess ihn hinsterben; es schien Latude, als ob man ihn auch mit diesem unglückseligen Anblick peinigen wolle. Man entfernte den Diener erst aus Latudes Zelle als er seinen letzten Seufzer aushauchte. Dieser junge Mensch war nicht imstande, dort drei Monate auszuhalten, wo Latude 35 Jahre verbringen musste und diese drei Monate sollen nach Latudes Behauptung noch verhältnismässig die besten gewesen sein, die er dort verlebt hatte. Latude sagt an einer Stelle seiner Memoiren: Ich müsste eigentlich jedesmal, wenn ich von meinen unmenschlichen, ungerechten Richtern spreche, Madame Legros Namen nennen, zur Ehre der Menschheit und um den Glauben an sie wiederzugewinnen.

Von den vielen guten Menschen, die sich um Latudes Befreiung bemühten, ist es hauptsächlich Madame Necker, deren Eifer es gelang, das schier Unmögliche möglich zu machen. Endlich hatte der Minister den Enthaftungsbefehl unterzeichnet, Madame Necker selbst davon in Kenntnis gesetzt und sie ermächtigt, Latude davon Mitteilung zu machen. Sonst war es Vorschrift, den Enthaftungsbefehl an das Polizeibureau zu schicken, welches es dann an den Häftling weiter beförderte. Der Polizeikommissär Le Noir, der Latude mit seinem Hass immer verfolgt hatte, entblödete sich nicht, dieses Schriftstück sechs Wochen lang zurückzuhalten, und ohne die energischen, mutigen Betreibungen Madame Neckers wäre der Befehl überhaupt unterschlagen worden, Latude hätte im Kerker verbleiben müssen und wäre in Ketten gestorben, trotz des Befehles, der alles aufhob. Aber kaum wird die Freilassung zur Tat, als ein neues Unglück Latude bedroht: eine Bedingung seiner Begnadigung war es, dass er in seinen Heimatsort zurückkehren müsse, dort unter strenger11 Polizeiaufsicht den Rest seines Lebens zu verbringen habe, und keine Stunde in Paris verbleiben dürfe. Was sollte er in der Heimat, die ihm längst zur Fremde geworden war, wo seine Blutsverwandten sich hartherzig von ihm abgewendet hatten? Madame Legros nahm mit ihren vielen neugewonnenen Freunden den schweren Kampf wieder auf. Nach unsäglichen Mühen und Qualen erreichte sie es, dass Latude in Paris bleiben durfte, sie und ihr Mann nahmen ihn bei sich auf und dort fand er alle Freundschaft und Zärtlichkeit reichlich ersetzt, die ihm seine eigene Familie entzogen hatte!

Madame Legros erlebte nicht die Erstürmung und Zerstörung der Bastille. Sie starb kurz vorher. Aber ihr gebührt mit der Ruhm, sie zerstören geholfen zu haben. Sie war es, die die Phantasie des Volkes mit Hass und Entsetzen für dieses Gefängnis, du bon plaisir erfüllte, in dem so viele Märtyrer des Glaubens und des Gedankens schmachteten. Die schwache Hand einer armen, vereinzelten Frau rüttelte an den massiven Eisengittern der Bastille und machte sie in ihren Grundfesten erbeben.

Das erste Auftreten der Frauen in der Laufbahn des Heroismus (ausserhalb der Familiensphäre) fand statt, wie man dessen gewärtig sein konnte, mit einer Tat des Mitleids.

Das war zu aller Zeit so, aber was wirklich dem grossen Jahrhundert der Humanität zuzuschreiben ist, was neu und originell ist, das ist die erstaunliche Beharrlichkeit in einem ungemein gefährlichen und unwahrscheinlichen Unternehmen, eine unerschrockene Menschlichkeit, die allen Gefahren Trotz bot, alle Hindernisse überwand und die Zeit bändigte! All das brachte die gute, einfache Madame Legros zustande. Ihr Name ist wert, neben den glänzendsten der grossen Revolution genannt zu werden.

12

Théroigne de Méricourt.

Théroigne de Méricourt, diese mit Unrecht verlästerte und unverstandene Amazone der französischen Revolution, wurde am 13. August 1762 in Marcour in der Provinz von Luxembourg geboren.

Sie hiess eigentlich Anne Josephe Terwagne, ein in Lüttich und im Luxembourg sehr häufiger Name, dessen Aussprache die französische Schreibweise wiedergiebt.

Théroigne verlebte eine traurige Kindheit, ihr Vater hatte durch unglückliche Prozesse und Unternehmungen sein Vermögen eingebüsst. Er war vorher ein wohlhabender Pächter gewesen und betrieb überdies einen kleinen Handel, wovon er und seine Familie behaglich leben konnten. Théroigne und ihre Brüder waren noch im zarten Alter, als ihre Mutter starb. Eine Tante, die sie in Lüttich hatte, nahm sich ihrer an. Anfänglich behielt sie das Mädchen bei sich, dann gab sie es in ein Kloster, wo Théroigne ein wenig nähen lernte. Als die Tante ein Jahr später heiratete, wollte sie nicht weiter im Kloster für ihre Nichte zahlen und nahm sie zu sich ins Haus. Doch sie behandelte das arme Kind so schlecht, dass dieses wieder zu seinem Vater zurückkehrte, der sich inzwischen ebenfalls wieder verheiratet hatte. Aber auch dort konnte Théroigne nicht lange bleiben, die Stiefmutter benahm sich gegen sie und ihre Brüder sehr herzlos, so dass die Kinder das elterliche Haus verliessen. Das Mädchen und ein jüngerer Bruder begaben sich zu Verwandten nach Xhoris. Théroigne war

Théorigne de Méricourt.

13 damals 13 Jahre alt und ihr Bruder in der zartesten Kindheit. Doch Arbeiten wurden von ihr gefordert, die zu ihrer Kraft und ihrem Alter in keinem Verhältnis standen, aber das hätte sie noch eher ertragen, als die Demütigungen, denen sie ausgesetzt war. Als diese unerträglich wurden, kehrte sie wieder zu der bösen Tante nach Lüttich zurück, aber diese behandelte sie nach wie vor so schlecht, dass Théroigne in die Provinz von Limbourg ging, wo sie ein Jahr hindurch die Kühe hütete. Nach Ablauf dieser Zeit kam sie wieder nach Lüttich, wo sie nähen lernte. Als sie 16 Jahre alt war, machte sie die Bekanntschaft einer englischen Dame, die sie zu sich nahm und sie in jeder Beziehung sehr gut behandelte. Ihr verdankte es auch Théroigne, dass sie in der Musik Unterricht bekam. Als sie 20 Jahre alt war, ging sie mit jener Dame nach England. Dort lernte sie in deren Hause einen jungen, reichen Engländer kennen. Er machte ihr in der ehrbarsten Weise den Hof[,]zeigte ihr bei jeder Gelegenheit, wie lieb und teuer sie ihm sei, auch ihr wurde der junge Mann immer sympathischer, und nach und nach erwachte heftige Liebe in beider Herzen. Die Dame nahm sich Théroignes mütterlich an, sie riet ihr, den Verkehr mit dem reichen Manne aufzugeben, da sie an den Ernst seiner Absichten nicht glaubte, sie ging sogar so weit, dem jungen Mann ihr Haus zu verbieten. Doch er liess von seinen Bewerbungen nicht ab. Eines Abends, als die Dame nicht daheim war, kam der junge Engländer zu Théroigne hinauf und sagte ihr tausend schöne Dinge, er sprach von seiner Liebe und schlug ihr vor, mit ihm davonzugehen und zu heiraten. Théroigne zitterte, sie wollte ihm entfliehen, er aber verfolgte sie und trug sie in seinen Wagen. Zuerst war sie entrüstet und machte ihm viele Vorwürfe, aber der junge Mann erneuerte seine Schwüre, und die Liebe erstickte schliesslich ihre Entrüstung wie auch ihr Bedauern, die Dame verlassen zu haben, der sie zu so grossem Danke verpflichtet war.

Der junge Liebhaber führte Théroigne auf seine Besitzungen14 in der Nähe von London, wo sie heiraten sollten. Théroigne verliess sich auf seine Ehrenhaftigkeit und seinen Zartsinn. Da er von Adel war und bei seiner Grossjährigkeit 10.000 Louisd’or[Louis d’or] Rente zu erwarten hatte, war er genötigt, sich seiner Familie gegenüber Rücksichten aufzuerlegen, da diese sicherlich nicht gleichgültig zugesehen hätte, dass er ein mittelloses Mädchen zur Frau nehmen wollte. Aber der junge Mann liebte Théroigne so innig, dass er allen Hindernissen zum Trotz sie auf der Stelle geheiratet hätte, wenn sie es gefordert hätte, aber wie alle Liebenden dachte sie nicht an die Zukunft und lebte nur dem Augenblick.

Die Zeit verging und mit dem Eintritt seiner Grossjährigkeit, da er über ein grosses Vermögen verfügen konnte, war gleichzeitig auch[Théroignes] Glück verschwunden. Er war von da an nicht mehr derselbe für sie.

Er schenkte Théroigne 200.000 Livres und führte sie nach Paris, wo er eine Zeitlang mit ihr blieb. Nun stürzte er sich dort in Ausschweifungen aller Art, Théroigne grämte sich derart darüber, dass sie krank wurde. Er schien davon empfindsam berührt. Vielleicht wäre es ihr gelungen, ihn auf den rechten Weg zurückzubringen, doch verfügte er zu seinem Unglück über ein allzugrosses Vermögen und hatte eine Gesellschaft von entarteten Geschöpfen um sich, die alles taten, um ihn zu sich hinunter zu ziehen. Nach und nach verlor er immer mehr seine gute Eigenschaften und sank von Stufe zu Stufe; trotzdem liebte ihn Théroigne immer noch und bot Alles auf ihn von Paris loszureissen. Sie hoffte, ihn, einmal aus den Händen seiner niedrigen und ehrlosen Freunde und Maitressen befreit, dazu zu bringen, seine früheren guten Sitten wieder anzunehmen. Es gelang Théroigne ihn zu bewegen, mit ihr nach England zurückzukehren, sie drang in so selbstloser Weise darauf, diesen für ihn so gefährlichen Ort rasch zu verlassen, dass sie alles stehen und liegen liess, ihre Möbeln nicht verkaufte und ihr Vermögen in fremden Händen zurücklassen musste.

15

Mit Befriedigung und voll Hoffnungsfreudigkeit machte sie sich auf die Reise, aber sie fand sich in all ihren Berechnungen getäuscht. Das Gift des Lasters hatte sein Herz angegriffen. Er liess sie allein auf dem Lande, er selbst ging nach London und überliess sich abermals derart der grössten Zügellosigkeit, dass er seine Gesundheit zerrüttete. Sie sah voraus, dass alles vergebens sein würde, dass er sich nie mehr würde ändern können, und sie selbst gab den Gedanken auf, sich mit einem Manne zu verbinden, der sich von Tag zu Tag ihrer unwürdiger machte. Sie dachte, es sei klüger, ihn seine Wege gehen zu lassen, da er nicht mehr die Kraft hatte seine Laster zu überwinden, als sich selbst dazu zu verurteilen, ihr ganzes Leben hindurch unglücklich zu sein. Théroigne verliess ihren Bräutigam im Jahre 1787 leiderfüllten Herzens, denn sie liebte ihn immer noch!

Théroigne wandte sich zunächst nach London. Da sie hier keine Bekannte hatte, kam ihr der Gedanke, zu ihrer Familie zurückzukehren, um ihr Geld mit ihr zu teilen. Sie wollte ihren Vater nicht kränken und beschloss, sich als Witwe vorzustellen, das Geld sei das Erbe nach ihrem verstorbenen Manne. Sie legte sich deshalb einen englischen Namen bei.

Während der Reise zu ihrem Vater erfuhr sie im Dorfe Jupille in den Ardennen, dass er gestorben sei. Nun änderte sie ihre Absichten, machte einen kurzen Besuch bei ihrer Stiefmutter und ihren Geschwistern; sie gab der ersteren etwas Geld und nahm ihre drei Brüder mit sich nach Paris, um sie dort ausbilden zu lassen, namentlich einen in Musik, einen anderen in der Malerei. So geriet sie in die Hände eines betrügerischen Musiklehrers. Er liess einen Kontrakt aufsetzen, den sie ohne zu lesen oder sich auch nur den Inhalt in seinen Hauptzügen übersetzen zu lassen (er war in italienischer Sprache abgefasst), unterschrieb. Der Lehrer bewog sie, mit ihm und den Brüdern nach Italien zu reisen, er wies auf die Vorteile hin, die sich für16 ihre eigene musikalische Ausbildung und die ihrer Brüder dort bot. Théroigne hatte keine Ahnung, dass der alte Mann böse Absichten habe und entschloss sich zu der Reise nach Italien. Dort erst erfuhr sie den Inhalt des Kontraktes, worin sie sich auch verpflichtet hatte auf dem Theater zu singen, etwas, wozu sie durchaus keine Neigung hatte, da die Theatersängerinnen damals sehr wenig Achtung genossen. Auch die Summe, die sie für den Unterricht hätte zahlen sollen, war viel höher veranschlagt. Aber der schlaue Betrüger hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Théroigne wandte sich an einen Rechtsfreund und entledigte sich bald des unehrlichen, zudringlichen Menschen.

Nun stand sie wieder unschlüssig da, sie wusste nicht, sollte sie nach Rom, nach London oder in die Heimat. Zur Ordnung ihrer Privatangelegenheiten hätte sie nach Paris gehen sollen. Mittlerweile war die Kunde zu ihr gedrungen, dass die Nationalversammlung zu tagen begonnen hatte. Sie beschloss sogleich, durch Frankreich zu reisen, um Zeuge eines so grossen Schauspieles zu sein.

Anfangs lebte sie in Paris völlig zurückgezogen. Sie beschäftigte sich mit Musik, und den Rest ihrer Zeit wandte sie an die Lektüre der Tagesblätter, deren politischen Inhalt, wie sie selbst bescheiden zugibt, nicht recht verstand. Trotzdem sie keinen Begriff von den Rechten des Volkes hatte, liebte sie die Freiheit ganz natürlich. Ein Instinkt, ein lebhaftes Gefühl, das sie sich selbst nicht recht deuten konnte, liess sie die Revolution gutheissen; denn die Kenntnisse mangelten ihr völlig und nur nach und nach konnte sie sich ein eigenes Urteil bilden, indem sie die Nationalversammlung regelmässig besuchte.

Ueber die Belagerung der Bastille erzählt sie selbst folgendes: Ich war im Palais Royal, als man die Nachricht brachte, die Bastille sei erstürmt. Bei allen Anwesenden zeigte sich unmittelbare lebhafte Befriedigung, viele weinten aus Freude, indem sie riefen, es gebe keine Bastille, keine17 geheimen Verhaftsbefehle. Als der König nach Paris kam, ich entsinne mich nicht mehr genau des Tages, ging ich mit den Soldaten in Reih und Glied ihm entgegen, ich war froh, die Rolle eines Mannes zu spielen, denn ich fühlte mich immer äusserst gedemütigt von der Sklaverei und den Vorurteilen, unter denen die Männer unser unterdrücktes Geschlecht halten. Trotzdem ich täglich ins Palais Royal ging, sprach ich nie öffentlich, weil ich nichts zu sagen wusste. Ich sah alle Augenblicke Kanonen, Säcke mit Mehl hinschleppen. Dann sah ich die französischen Garden, die das Volk aus dem Gefängnis befreit hatte. Den stärksten Eindruck auf mich machte der Anschein einer allgemeinen wohlwollenden Gesinnung. Der Geist der Selbstsucht schien verschwunden, alle Welt trug sich ohne Unterschied des Standes. In diesem Augenblick der Bewegung mischten sich die Reichen unter die Armen und verschmähten es nicht, weiter mit ihnen wie mit ihresgleichen zu reden. Alle Physiognomien schienen mir geändert, jeder wagte seine Eigenschaften und seine natürlichen Anlagen zu entfalten. Ich habe viele gesehen, die, trotzdem sie in Lumpen gehüllt waren, ein heroisches Ansehen hatten. Sofern man nur irgendwelches Gefühl hat, würde es nicht möglich gewesen sein, ein derartiges Schauspiel gleichgültig mitanzusehen.

Théroignes Begeisterung war gross, sie entschloss sich, nach Versailles zu gehen, um Zeuge der Beratungen der Nationalversammlung zu sein; sie bedauerte sehr, nicht von allem Anbeginne an dabei gewesen zu sein, da sie dadurch den schönsten Augenblick nicht miterlebt hatte. Sie kam, als die Beratung über die Erklärung der Menschenrechte begann. Sie war von früh bis abends in den Sitzungen der Nationalversammlung. Diese nahm sie ganz in Anspruch, so sehr, dass sie sich nach eigenem Geständnisse nicht einmal an jenem berühmten Zuge der Frauen vom 5. Oktober beteiligte, die nach Versailles kamen, um vom Könige Brot zu fordern. Sie sagt selbst, dass das Schauspiel der täglichen18 Beratungen eine mächtige Wirkung auf sie ausübte, dass es erhabene Gefühle in ihr wachrief, dass es ihrer Seele einen neuen Schwung gab. Sie gibt, wie immer, bescheiden zu, dass sie im Anfang nichts verstand, dass sie sich nach und nach belehrte und schliesslich dazu gelangte, die Sache des Volkes und die der Bevorrechteten zu kennen. Je mehr sie zur Ueberzeugung kam, dass die Gerechtigkeit und die Vernunft auf Seite des Volkes war, destomehr wuchs ihr Patriotismus.

Théroigne, die den Verhandlungen der Nationalversammlung auf der Galerie anwohnte, wurde dort mit verschiedenen ebenso eifrigen Besuchern bekannt. Sie machte einigen von diesen den Vorschlag, eine politische Gesellschaft mit ihr zu gründen, die der Klub der Menschenrechte heissen sollte. Etwa ein Dutzend Leute versammelte sich eine kurze Zeit hindurch in ihrer Wohnung. Diese Gesellschaft hatte weitsausschauende Pläne, die sie zur Ausführung bringen wollte, falls die Zahl ihrer Mitglieder gross genug würde. Doch diese Pläne kamen niemals zur Ausführung, da die Gesellschaft nie die Zahl von 50 Mitgliedern überschritt, von denen höchstens neun bis zehn zu den Beratungen erschienen.

Camille Desmoulins berichtet in seinem Journal de Révolutions de France et de Brabant , was sich bei einer Sitzung im Klub der Jakobiner zutrug, als Théroigne de Méricourt dort erschien. Bei ihrem Anblick rief ein ehrwürdiges Mitglied begeistert aus: Das ist die Königin von Saba, die ihren Salomo des Distriktes besuchen kommt! Théroigne bezog sich in der Einleitung ihrer Rede auf diesen Vergleich und sagte: Ja, der Ruf Ihrer Weisheit führt mich in Ihre Mitte. Beweisen Sie, dass Sie Salomo sind, dass es Ihnen vorbehalten war, den Tempel zu bauen, und beeilen Sie sich, einen für die Nationalversammlung zu errichten, das ist der Gegenstand meines Antrages. Können die guten Patrioten es weiter dulden, dass die Exekutivgewalt in einem Palaste wohnt, während die gesetzgebende19 Gewalt, bald unter Zelten, bald in der Direktion der Hofbelustigungen im Ballhaus, bald in der Reitbahn tagt, ganz wie Noas Taube, die keinen Ort hatte, wohin sie den Fuss setzen konnte? Der letzte Stein des letzten Kerkers der Bastille wurde dem Senat zu Füssen gelegt und täglich wird er im Archiv mit Entzücken betrachtet. Der Platz der Bastille ist freigelegt, 100.000 Arbeiter ermangeln der Beschäftigung. Was zögern wir, vortreffliche Cordeliers, Muster des Distriktes, Patrioten, Republikaner, Brüder, die Ihr mich anhört? Beeilen Sie sich, eine Subskription zu eröffnen, um an der Stelle der ehemaligen Bastille den Nationalpalast sich erheben zu lassen. Ganz Frankreich wird sich beeilen, Sie zu fördern. Das Land erwartet bloss das Signal, geben Sie es ihm, laden Sie die besten Arbeiter, die berühmtesten Künstler ein, eröffnen Sie eine Ausschreibung für die Architekten, fällen Sie die Zedern des Libanon, die Tannen des Berges Ida! Wenn je Steine sich hätten von selbst bewegen sollen, so gilt es nicht, die Mauern von Theben zu errichten, sondern den Tempel der Freiheit zu erbauen. Um dieses Bauwerk zu verschönern und zu verzieren, wollen wir uns alles überflüssigen Goldes und der wertvollen Steine entledigen. Ich werde als erste das Beispiel geben. Man hat es Ihnen schon wiederholt gesagt, die Franzosen gleichen darin den Juden, einem Volke das zum Götzendienst hinneigt. Das niedere Volk wird durch die Sinne gefangen genommen, es bedarf äusserliche Zeichen, an die es seinen Kultus knüpft. Wenden Sie den Blick von den Tuilerien, vom Louvre ab, um sie einer Basilika zuzuwenden, schöner als die von St. Peter in Rom, und die von St. Paul in London. Der wahre Tempel des Ewigen, der einzige der seiner würdig ist, ist der Tempel, in dem die Menschenrechte proklamiert wurden. Die Franzosen haben in der Nationalversammlung die Menschen und Bürgerrechte zurückgefordert. Dies ist ein Schauspiel, auf das das höchste Wesen zweifellos seinen Blick mit Wohlgefallen ruhen lässt, dies ist die Huldigung, die es gewiss20 mit mehr Vergnügen anhört, als das schönst gesungene Kyrie eleïson‘ oder das Salvum fac regem. Man kann sich vorstellen, welchen Eindruck eine so lebhafte Rede und diese Mischung der aus Pindar und der heiligen Schrift entlehnten Bilder auf die Zuhörer machte, besonders da sie aus so schönem Munde kam. Ein stürmischer Applaus rauschte durch den Saal, als sie geendet hatte. Man beschloss, einen Aufruf zu verfassen und an die 59 Distrikte und die 83 Departements zu verschicken. Entsprechend dem Kirchenbeschluss von Nicaea, der besagt, dass auch Frauen Seele und Verstand wie die Männer haben, musste man sie ermutigen, einen eben solch guten Gebrauch davon zu machen wie die Vorrednerin!

Aber ihre Teilnahme an den öffentlichen Vorgängen hatte Théroigne nicht bloss Freunde, sondern noch mehr Feinde geschaffen. Schon auf der Galerie der Nationalversammlung war sie vielen Unannehmlichkeiten ausgesetzt, da den dort anwesenden Aristokraten ihr Eifer und ihre Aufrichtigkeit[missfielen], sie stichelten und wussten ihr jeden Tag mit neuen Ungezogenheiten lästig zu fallen. Aber auch die eigenen Gesinnungsgenossen, die anstatt ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sie noch obendrein lächerlich machten, boten Grund zur Klage. Dazu kamen noch die ungerechten Verdächtigungen, sie sei an den Vorgängen des 5. und 6. Oktober schuld, man suchte sie mit der Drohung zu schrecken, man werde die Klage gegen sie erheben. Trotzdem sie sich völlig unschuldig wusste, dachte sie doch nicht ohne Angst an diese Möglichkeit, und erinnerte sich an all die schuldlos Verurteilten des Châtelet-Gefängnisses. Des einen war sie sich bewusst, sich durch ihr freimütiges Benehmen viele Feinde zugezogen zu haben. Dazu kam noch eines.

[Théroigne] hatte sich gewöhnt im Ueberfluss, ohne Berechnung, zu leben, so dass der Reichtum, der ihr von ihrem ehemaligen Bräutigam zugekommen war, mit der Zeit sehr zusammenschmolz. Sie sah ein, dass sie völlig21 verarmen würde, deshalb entschloss sie sich, Paris zu verlassen und mit ihrem Bruder nach Lüttich zu übersiedeln, wo sie eine bescheidene Lebensweise zu führen beabsichtigte.

Nach manchen Reiseabenteuern langte sie in ihrem Heimatsdorfe Marcour an. Sie konnte sich vor Freude gar nicht fassen, ihre Heimat, das Haus, in dem sie geboren wurde, all ihre Verwandten und einstigen Gespielen wieder zu sehen. Fast vergass sie im Ansturm ihrer Jugenderinnerungen die Revolution, sie träumte sich ganz in die Vergangenheit zurück und spielte mit ihren Freundinnen alle Jugendspiele mit einer harmlosen Freude wieder, als läge nicht eine Welt von Erfahrungen und Erlebnissen zwischen dem Jetzt und der Vergangenheit. Sie war so sehr für den ländlichen Frieden und die harmlosen Freuden eingenommen, dass sie sich entschloss, dauernd dort zu bleiben; sie wollte nicht wieder nach Frankreich zurückkehren und schickte ihren älteren Bruder nach Paris, um ihre Effekten zu holen. Sie hatte sogar ein kleines Grundstück und ein Häuschen von ihrem Onkel käuflich an sich gebracht, die Zahlungsbedingungen wurden ihr sehr leicht gemacht, sie konnte zahlen, bis sie Geld haben würde!

Inzwischen begab sie sich an ein noch ländlicher, noch stiller gelegenes Plätzchen mitten im Walde, nach La Boverie, um dort mit Musse die Ordnung ihrer Angelegenheiten abzuwarten. Da geschah nun etwas ganz unvorhergesehenes, etwas ausser aller menschlichen Berechnung liegendes, von dem sie auch nicht die leiseste Ahnung hatte, wovor sie sich nicht schützen konnte!

Mitten in der Nacht vom 15. zum 16. Jänner 1791, als die wenigen Bewohner dieses Weilers im tiefen Schlafe lagen, wurde an Théroignes Tür heftig gepocht, nach wiederholtem Rütteln an ihrer Türe erwachte sie halb und halb und öffnete. Nun traten zwei ihr völlig Unbekannte ins Zimmer. Der eine war ein gewisser Chevalier de la Valette, der zweite ein Graf von Saint-Malon. Ueberdies hatten sie noch einen Unteroffizier namens Lechoux in ihrer Begleitung. 22Diese Herren hatten sich gute Empfehlungsbriefe zu verschaffen gewusst und hofften auf fürstliche Belohnungen und Ehrenbezeugungen, wenn sie diese gefährliche Person in ein sicheres Gewahrsam bringen würden. Sie erfanden einen ganzen Roman, darin sie besonders angeklagt wurde, Maria Antoinette nach dem Leben getrachtet und sich überdies des Hochverrates gegen Leopold II. schuldig gemacht zu haben.

Als Théroigne sie schlaftrunken nach ihrem Begehren fragte, versicherten sie sie, gute Patrioten zu sein, die um sie in grösster Sorge seien und aus purer Freundschaft gekommen wären, um sie vor Verfolgungen der Aristokratie zu schützen. Während sie sich in Anwesenheit der Männer ankleiden musste, von dem einen fortwährend zur Eile angetrieben, schaute sich der andere überall um, und als er eine Menge von Papieren und Schriften erblickte, wickelte er alles zusammen und nahm sie an sich. Der Bruder Théroignes sah hilflos allem zu, und trotz seiner Verzweiflung musste er alles geschehen lassen. Théroigne war noch nicht recht zum Bewusstsein gekommen, als sie mit den drei Freunden im Wagen sass, der Kutscher hieb auf die Pferde ein, und über Stock und Stein ging es ins dunkle Ungewisse hinein.

Zuerst wurde Théroigne nach Freiburg im Breisgau geschleppt, wo sie am 25. Februar ankamen; sie blieb dort unter Aufsicht ihrer Entführer bis zum 9. März. An jenem Tage kam der Befehl des Hofkriegsrates, sie unter militärischer Bedeckung in die Gefängnisfestung nach Kufstein in Tirol zu bringen. Ihre Eskorte bestand aus dem Hauptmann Baron von Landresc, dem Leutnant Krause und zwei Unteroffizieren. Am 9. März gegen Abend verliess Théroigne mit diesen neuen Begleitern Freiburg. Während der ganzen langen Reise, die man damals noch mit dem Wagen in sehr beschwerlicher Weise zurücklegen musste, war Théroigne der Meinung, dass sie nach Wien gebracht würde, wo sie alle Hoffnung auf den Kaiser Leopold II. setzte, von dem23 sie ihre Freiheit wieder zu erlangen hoffte. Der Baron von Landresc benahm sich sehr gütig gegen sie, er sah ihre grosse Seelenerschütterung, liess sie bei dem sie beruhigenden Gedanken und verriet ihr nicht das wirkliche Ziel ihrer Reise. Am 17. März kamen sie endlich in Kufstein an. Man kann sich das Entsetzen und die Angst Théroignes vorstellen, als sie sich vor der Festung mit den schweren Eisentoren, den Türmen und den vergitterten Fenstern befand, als sie erfuhr, dass sie nun Gefangene sei. Gleich traten allerlei Schreckbilder vor ihr geistiges Auge, vielleicht würde sie nie mehr die Freiheit erlangen, vielleicht würde sie nun hinter diesen düstern Kerkermauern, allen Qualen ausgesetzt, ihr Leben hoffnungslos hindämmern müssen.

Sie weinte krampfhaft, sie bekam einen Nervenanfall und rief ein über das anderemal: Lieber sterben, als hinter diesen elenden Mauern ein verwünschtes Leben hinschleppen! Inzwischen war der Festungskommandant, Hauptmann Schöniger, herbeigekommen, er war an die Verzweiflungsausbrüche der Häftlinge so gewöhnt, dass ihn die von Théroigne kalt liessen.

Nun ging es durch düstere Höfe, über allerlei Treppen, an Wachposten vorbei, es rasselten Schlüsseln an den schweren Türschlössern, und alles war dazu angetan die Verzweiflung zu steigern und die Hoffnung auf jegliches Entkommen auszuschliessen

Endlich war die Zelle erreicht, nach einer gründlichen Durchsuchung und Notierung der Effekten wurde Théroigne mit sich und ihrer Verzweiflung allein gelassen. Ihre Haft dauerte schon viele Wochen; es war gegen Ende Mai, als endlich der von ihr so sehnlichst herbeigewünschte Untersuchungsrichter Hofrat Franz von Blanc in Kufstein anlangte. Seiner Menschenfreundlichkeit und seinem guten Willen ist es zu danken, dass die Untersuchung mit Eifer in kürzerer Zeit als dies meist üblich ist, geführt wurde und dass nach einigen Monaten der Prozess so weit gediehen war, dass Théroigne von der Anklage des Hochverrates freigesprochen24 wurde. Die Untersuchung ergab, dass es eine pure Erfindung der zwei französischen Schwindler war, als hätte Théroigne Maria Antoinette nach dem Leben getrachtet. Als der Prozess zu Ende war, fuhr sie unter starker Bedeckung nach Wien; um jedes Aufsehen zu vermeiden, reiste sie unter dem Namen Lahaye. Nach einigen Wochen erhielt sie vom Kaiser Leopold II. ein Gnadengeld von 600 fl. und den Befehl, Wien zu verlassen und die Stadt nie wieder zu betreten. Die zwei Franzosen hatten gar nichts erreicht und mussten schliesslich froh sein, eine kleine Summe von Hofrat von Blanc zu ihrer Rückreise geschenkt zu bekommen. Ende November 1791 verliess Théroigne Wien und begab sich zuerst nach Lüttich.

Zu Beginn des folgenden Jahres kam sie wieder nach Paris, aber sie fand nicht mehr die Beachtung und Bewunderung wie ehedem. Ihre Petitionen und[Ansprachen] waren unklar, verworren.

Am 26. Jänner 1792 kam sie in den Jakobiner-Klub und wurde in einer Ansprache gefeiert und zu den überstandenen Leiden und Verfolgungen beglückwünscht.

Armes Mädchen! Furchtbare Zeiten standen ihr noch bevor, der Tod wäre minder schrecklich gewesen als ihre letzten Lebensjahre.

Am 15. Mai 1793 erlitt Théroigne eine so schmähliche Behandlung, dass sich ihr Geist darob völlig verwirrte und umnachtete. Eine grössere Anzahl Weiber, die sich Mitglieder der Sociètè fraternelle nannten, machten sich selbst zu Aufsichtsorganen und hielten Leute, die ihnen verdächtig schienen, an. Sie stürzten sich auf Théroigne, die sich auf der Terasse der Feuillants befand, schrieen einüber das anderemal, sie sei eine Anhängerin Brissots und schlugen unbarmherzig darein; sie rissen ihr die Kleider vom Leibe, bis sie völlig entblösst dastand, dann peitschten sie sie gehörig, während die heulende Menge um sie herum tanzte und: Nieder mit Brissot und der Brissotine! schrieen. Es gelang einigen Männern nur mit Mühe, zu25 verhindern, dass man Théroigne in dem Teich des Parkes ertränkte, und sie retteten ihr das Leben. Aber hiess das sie retten? Die grausame Behandlung hatte ihre Nerven angegriffen, die Verletzung ihrer Schamhaftigkeit hatte ihren Geist getrübt. Théroigne de Méricourt war wahnsinnig geworden und erlangte nie wieder ihr klares Bewusstsein. In einer Zwangsjacke eng eingeschnürt, war sie im Irrenhaus Saint-Marceau, später in der Salpétrière interniert, sie sprach nur mehr völlig unverständliche Worte, sie bewegte unaufhörlich ihre Arme, als würde sie zum Kampfe anfeuern, und lebte so, in ihren wirren Phantasien befangen, noch ein Vierteljahrhundert lang im Irrenhaus. Die arme Théroigne glich den abgeschiedenen Schatten, von denen Vergil spricht, sie schien sich anzustrengen, ihr vergangenes Leben in die Erinnerung zurückzurufen, aber vergebens. Wie sehr ist sie nun verschieden, diese arme lallende, gebrochene um den Verstand gekommene Théroigne von jener stolzen, die in den Klubs begeisternde Reden hielt, die von allen bewundert wurde.

Die schöne Théroigne war dem Schaffott entgangen, auf dem so viele berühmte Menschen ihrer Zeit das Leben geendet hatten. Eine grausamere Strafe war ihr vorbehalten, sie erlitt in ihren Wahnvorstellungen hunderterlei schreckliche Tode!

Beim Klange von tausenden von Trompeten, die die Erlösung feierten, als man 3000 Vögel in Freiheit auffliegen liess, die Zettel um den Hals befestigt hatten, worauf geschrieben stand: Wir sind frei, ahmt uns nach , die der Welt verkünden sollten, dass Frankreich frei ist, kämpfte die Amazone der Revolution in ihrer einsamen Zelle den aussichtslosen Kampf mit ihren Phantomen, gehasst, verkannt, verachtet, den Geist für immer getrübt.

Arme Anna Terwagne! Warum musstest du dein friedliches Dorf, deine Wälder und Fluren verlassen! Dort hättest du weder die Wonnen des Triumphes, noch die Schmerzen der Niederlage kennen gelernt. Dein Leben wäre bloss eine liebliche Idylle gewesen. Welch innerer Trieb hat dich in die wilden Wogen der Revolution gestossen?

26

Charlotte Corday.

7. Juli 1793. Der Generalmarsch wirbelte, und auf dem riesigen, grünen Rasenteppich von Caen versammelten sich die Freiwilligen, die sich anschickten nach Paris zu ziehen, um dort einen Feldzug gegen Marat zu unternehmen. Es kamen ihrer Dreissig. Die schönen Damen, die sich ebenda mit den Abgeordneten eingefunden hatten, waren von dieser kleinen Anzahl überrascht und wenig erbaut. Ein Fräulein unter ihnen schien tieftraurig; es war dies Marie Charlotte Corday d’Armont, eine junge schöne Person, eine Republikanerin aus adeliger armer Familie, die in Caen bei ihrer Tante lebte. Pétion deutete ihre Traurigkeit ganz falsch und scherzte darüber; er wusste nicht, dass seine und seiner Genossen öffentliche Reden auf Fräulein Corday einen so grossen Eindruck gemacht hatten, dass sie in ihrem Herzen zum Schicksal wurden, das Leben oder Tod hiess. Auf dieser Wiese von Caen, die 10.000 Mann fassen kann und auf der nur Dreissig standen, hatte sie etwas gesehen, was keiner sah: das preisgegebene Vaterland! Die Männer taten so wenig; da kam ihr der Gedanke, dass es einer Frauenhand bedürfe.

Das einzige Bildnis, das von ihr existiert, ist knapp vor ihrem Tode verfertigt worden. Es zeigt eine ungemeine Sanftheit. Nichts steht weniger im Zusammenhang mit der blutigen Erinnerung, die ihr Name heraufbeschwört, als ihr Aeusseres. Es ist das Gesicht eines jungen Mädchens aus der Normandie, ein jungfräuliches Gesicht in seiner Frühlingsblüte. Sie sieht viel jünger aus als sie ist, als sonst Mädchen von 25 Jahren aussehen. In diesem tragischen Porträt scheint

[ Charlotte] Corday

27 sie ungemein vernünftig, verständig, ernst, so wie es die Frauen ihrer Heimat sind. Nimmt sie ihr Los leicht? Durchaus nicht, nur ist nichts von falschem Heroismus in ihr. Man muss bedenken, dass sie bloss eine halbe Stunde von der schrecklichen Feuerprobe trennte.

Sie hat aschblonde Haare, sie trägt ein weisses Häubchen und ein weisses Kleid. In ihren Augen liegt ein Ausdruck des Zweifels und der Traurigkeit. Dem Stärksten mögen, so entschlossen er auch immer sei, im letzten Augenblick fremdartige Zweifel aufsteigen. Wenn man genau in ihre traurigen und sanften Augen blickt, fühlt man noch etwas, das vielleicht ihr ganzes Schicksal erklärt: Sie war immer einsam gewesen! Ja, das ist das einzige wenig Zuversichtliche, das man in ihr findet. In diesem entzückenden, guten Wesen war jene unheilvolle Macht, der Dämon der Einsamkeit.

Sie hatte das Unglück ihre Mutter zu verlieren, als sie noch ein Kind war, sie wuchs ohne mütterliche Liebkosung auf. In Wahrheit hatte sie auch eigentlich keinen Vater, denn der ihre, ein armer Landedelmann, ein romantischer Kopf voller Utopien, der gegen den Gewaltmissbrauch der Adeligen schrieb, kümmerte sich viel um seine Bücher und wenig um seine Kinder. Mit dreizehn Jahren kam sie in die Abtei der Damen von Caen. Das Kloster lag sehr einsam, man hörte hier nur das Gekrächze der Raben und das Heulen des Windes, der um die Türme strich. Wie einsam sie auch dort war, kann man sich leicht vorstellen, wenn man weiss, wie die Reichen die Armen verachten, auch in jenen frommen Zufluchtsorten, die die geweihten Stätten der christlichen Gleichheit sein sollten. Die Seele der jungen Charlotte suchte ihre erste Zuflucht in der Frömmigkeit und der Freundschaft, die sie für zwei andere arme, adelige Mädchen empfand. Im Sprechzimmer der Aebtissin kam oft Gesellschaft zusammen, wohin auch junge Männer aus der Aristokratie Zutritt hatten; die Seichtheit dieser Leute trug noch überdies dazu bei, Charlotte zu28 veranlassen, deren Gesellschaft zu fliehen, sich mehr und mehr von der Welt zurückzuziehen und ihre Neigung zur Einsamkeit zu befestigen.

Ihre wahren Freunde waren ihre Bücher. Die Philosophie drang auch in die Klöster ein. Zufällige und wenig gewählte Lektüre kamen Charlotte in die Hände. Raynal und Rousseau, alles durcheinander, mit Ungestüm griff sie nach den entgegengesetzten Büchern. In ihrer Vorstellung lebte sie unter den Helden Plutarchs, im Elysium, unter jenen, die ihr Leben dahingegeben hatten, um ewig zu leben.

Als die Klöster aufgehoben wurden und ihr Vater sich wieder verehelichte, flüchtete sie nach Caen zu einer alten Tante, Madame de Breteville. Dort fasste sie auch ihren Entschluss. Nicht ohne Zaudern. Einen Augenblick wurde sie von dem Gedanken an die alte Dame, die sie so freundschaftlich aufgenommen hatte und die sie nun so grausam kompromittieren sollte, zurückgehalten.

Als ihre Tante sie eines Tages weinend fand und sie nach der Ursache fragte, sagte ihr Charlotte: Ich weine über Frankreich, über meine Verwandten und über Sie. So lange Marat lebt, ist niemand auch nur einen Tag seines Lebens sicher.

Seit der Abreise der Volontäre von Caen hatte Charlotte Corday nur einen Gedanken, der Ankunft dieser Männer in Paris zuvorzukommen, das Leben jener, das sie grossmütig opfern wollten, zu retten und ihre Vaterlandsliebe überflüssig zu machen, indem sie vor ihnen Frankreich von der Tyrannei erlöste. Aber abgesehen von ihrem Opfermut für diese Männer, war es vor allem ihre Vaterlandsliebe, die sie zu diesem Schritte antrieb.

Eine Vorahnung des kommenden Schreckens durchlief schon damals Frankreich. Das Schafott war in Paris aufgerichtet; man sprach davon, es in der ganzen Republik umherzuführen. Die Macht des Berges und Marats sollte siegen, und sollte sie sich nur durch die Hand des Henkers halten können. Man sprach davon, Marat hätte schon die29 Listen der zu Verbannenden geschrieben und die Häupter gezählt die er für seinen Argwohn und seine Rachsucht brauchte. 2500 Opfer waren in Lyon bezeichnet, 3000 in Marseille, 2800 in Paris, 3000 in der Bretagne und im Calvados. Der Name Marat machte erschaudern als wäre er mit dem des Todes gleichbedeutend. Um all dieses Blutvergiessen zu hindern, wollte sie sich opfern.

Sie wollte die Girondisten studieren und kennen lernen, sie wollte sie ergründen, ohne sich ihnen zu entdecken. Sie achtete sie genügend, um ihnen nicht einen Plan zu verraten, den sie für ein Verbrechen hätten ansehen können, dem sie gleich einer grossmütigen Verwegenheit zuvorgekommen wären. Sie besass die Standhaftigkeit, ihren Freunden den Gedanken zu verbergen, der sie selbst zu grunde richten sollte, um die andern zu retten. Sie gab Scheingründe an, um in die Intendantur zu gelangen, wohin die Bürger Zutritt hatten, falls sie den Abgeordneten ein Anliegen mitzuteilen hätten. Sie sprach mit einigen, auch mit Barbaroux zweimal, was gleich zu albernen Vermutungen, woran kein wahres Wort war, Anlass gab, da beide jung und schön waren.

Als einmal Pétion durch den allgemein zugänglichen Wartesaal ging, wo Charlotte Corday auf Barbaroux wartete, spöttelte er über ihren Eifer und sagte lachend: Da ist wieder die schöne Aristokratin, die die Republikaner besuchen kommt. Das junge Mädchen verstand das zynische Lächeln und die beleidigende Anspielung, sie antwortete errötend: Bürger Pétion, Sie beurteilen mich jetzt ohne mich zu kennen, eines Tages werden Sie erfahren, wer ich bin!

Charlotte Corday hatte sich von Barbaroux eine Empfehlung an den Minister geben lassen, um zu gunsten ihrer Jugendfreundin Fräulein v. Forbin um dessen Unterstützung zu bitten. Fräulein v. Forbin war von ihren Eltern gezwungen worden, mit ihnen in die Verbannung zu ziehen, sie litt nun in der Schweiz Not und Elend. Barbaroux gab ihr einen Brief an Lanze de Perret.

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Sie kam Donnerstag den 11. Juli gegen Mittag in Paris an, und stieg in der Rue Vieux Augustins Nr. 17, im Hôtel de la Providence ab. Sie war müde von der Reise, ging um 5 Uhr nachmittags zu Bette, und schlief bis zum darauffolgenden Morgen den Schlaf der Jugend und des guten Gewissens. Ihr Opfer war gebracht, die Handlung im Geiste vollführt, sie empfand weder Unruhe noch Zweifel.

Sie war ihres Vorsatzes so sicher, dass sie nicht das Bedürfnis empfand, dessen Ausführung zu beschleunigen.

Am anderen Morgen begab sie sich zu Lanze de Perret, den sie jedoch nicht traf; seine Tochter übernahm den Empfehlungsbrief Barbaroux, Lanze de Perret wurde erst abends zurückerwartet. Charlotte Corday kehrte in ihr Hôtelzimmer zurück und verbrachte dort den Tag mit Lesen und Nachdenken. Um 6 Uhr begab sie sich abermals zu Lanze de Perret, teilte ihm ihr Anliegen mit und bat ihn, sie zum Minister Garat zu führen, um ihre Bitte dort zu unterstützen. Dies war nur ein Vorwand, sie wollte einen jener Girondisten sehen, für die sie sich opferte.

Lanze de Perret versprach ihr, sie am nächsten Tag abzuholen und ihrem Wunsche zu entsprechen. Sie liess ihm Name und Adresse zurück. Bevor sie sich entfernte, sagte sie ihm: Erlauben Sie mir, Bürger, Ihnen einen Rat zu geben, verlassen Sie den Convent, Sie können daselbst nichts mehr Gutes tun, begeben Sie sich nach Caen, um daselbst mit Ihren Brüdern und Kollegen zusammenzutreffen . Doch der Abgeordnete erwiderte sehr bestimmt: Mein Posten ist in Paris und ich werde ihn nicht verlassen! Sie begehen einen Fehler, sagte Charlotte Corday; beinahe flehend fügte sie hinzu, Flüchten Sie! Flüchten Sie vor morgen Abend. Sie ging ohne seine Antwort abzuwarten.

Am andern Tag, zeitig früh, holte Lanze de Perret Charlotte ab, um mit ihr zum Minister Garat zu gehen. Der Minister empfing sie jedoch nicht. Lanze de Perret meinte dann, Garat könne ihr eher schaden als nützen, da31 er verdächtigt werde, und dass gerade in der Nacht zuvor der Konvent gegen ihn Massregeln ergriffen hätte. Charlotte Corday bestand nicht sehr darauf, wie man des Vorwandes nicht weiter bedarf, durch den man eine Handlung in günstiges Licht gestellt hat. Lanze de Perret verabschiedete sich von ihr auf der Schwelle des Hôteleinganges.

Sie tat als ob sie hineinginge. Doch bald trat sie wieder auf die Strasse und liess sich den Weg zum Palais Royal Strasse für Strasse weisen. Dort kaufte sie bei einem Messerschmied ein dolchartiges Messer mit schwarzem Griff für 40 Sous und verbarg es hinter dem Brusttuch. Auf dem Rückweg trat sie in den Garten und setzte sich auf eine Bank. Ihr erster Gedanke, den sie noch in Caen gefasst hatte, war, Marat inmitten der Bergpartei, während einer Versammlung zu töten, unter den Augen seiner Anhänger und Bewunderer. Sie hoffte, dass auch ihr eigenes Schicksal dann gleich entschieden sein würde, indem sie von der Wut des Volkes in Stücke gerissen würde, ohne ein anderes Andenken als das an zwei Leichname und der im Blute erstickten Tyrannei zu hinterlassen. Sie hoffte ihren Namen in der Vergessenheit zu begraben und ihren Lohn einzig in der Tat selbst zu gewinnen; ihre Schande oder ihr Ruhm musste sich vor ihrem Gewissen allein rechtfertigen, das in dem vollbrachten Guten Beruhigung fände. Doch Marat kam nicht in die Sitzungen, er lag krank daheim. Als sie im Park auf der Bank sass, spielte ein Kind in ihrer Nähe, das sich damit vergnügte, Sand in sein Schürzchen zu tun; das Gesicht Charlottens schien ihm zu gefallen, es kam zutraulich näher und lehnte sein Köpfchen an ihr Knie. Charlotte nahm das Kind auf ihren Schoss. Inzwischen hatte das Kind das Heft des Messers erblickt und es herausgezogen. Als Charlotte es bemerkte, erbleichte sie, stand auf, warf besorgte Blicke um sich, stellte das Kind zu Boden und entfernte sich, indem sie das Messer wieder hinter ihrem Fichu verbarg. Kaum zu Hause gelangt, beschloss sie, ihr Vorhaben auszuführen.

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Sie musste also zu ihm gehen, ihn in seinem Hause aufsuchen, durch die besorgte Wachsamkeit derer, die ihn umgaben, hindurch eindringen. Sie musste ihn täuschen, sich unter falschem Vorwande einschleichen, das kostete sie Ueberwindung, das machte ihr Skrupel und Gewissensbisse, das verletzte die natürliche Biederkeit ihrer Seele, verwandelte den Dolch in eine Falle, den Mut in List, und die Aufopferung in Meuchelmord!

Das erste Billet, das sie Marat schrieb, blieb unbeantwortet. Sie schrieb noch ein zweites, worin sich eine gewisse Ungeduld fühlbar machte und das Zunehmen der Leidenschaft deutlich zeigte. Sie ging sogar so weit, ihm zu schreiben, dass sie ihm wichtige Geheimnisse anzuvertrauen habe, dass sie verfolgt werde, dass sie unglücklich sei. Doch kam sie gar nicht dazu, das Billet abzugeben.

Am 13. Juli, um 7 Uhr abends, ging sie aus, bestieg auf der Place des Victoires eine Lohnkutsche und fuhr in die Rue des Cordeliers Nr. 20, wo Marat wohnte.

Charlotte Cordays Gesicht war weit entfernt Misstrauen einzuflössen, ganz im Gegenteil nahm ihre sittsame Tracht eines Provinzfräuleins im voraus für sie ein. Sie hatte ein weisses, einfaches Kleid an, ihr weisses Häubchen mit Spitzen umsäumt, ihre Wangen waren rosig, ihre Stimme sicher, nicht das mindeste Zeichen von Erregung.

Sie ging mit festen Schritten an der Portiersfrau vorüber, die sie vergebens zurückrief. Sie bestand die wenig freundliche Musterung Katherine Evrards, die auf das Geschrei hin die Türe halbgeöffnet hatte, und die sie einzutreten hindern wollte. Diese Verhandlung wurde auch von Marat gehört. Trotzdem er im Bade sass, befahl er gebieterisch, sie eintreten zu lassen. Das Zimmer war klein und dunkel, Marat sass in einer Badewanne, mit einem Leintuch bedeckt, vor sich ein Brett der Quere nach gelegt, worauf er schrieb, man sah nur seinen Kopf und seinen rechten Arm. Ein Tuch war um seine Haare gebunden. Mit seinem mageren, knochigen Gesicht und dem breiten Mund war er von33 erschreckender Hässlichkeit. Sie hatte ihm Nachrichten aus der Normandie versprochen; er fragte sie aus, besonders wollte er die Namen der nach Caen geflüchteten Abgeordneten wissen; sie nannte sie und er schrieb sie nacheinander auf. Als er fertig war, fügte er hinzu: Es ist gut, sie müssen alle auf die Guillotine. Diese Worte besiegelten sein Todesurteil und verstärkten Charlottens Kraft. Sie zog das Messer aus ihrem Kleid und stiess es ihm mitten ins Herz. Er hatte nur mehr die Kraft, die Worte: Zu Hilfe, meine liebe Freundin, zu Hilfe! hervorzubringen. Sie hatte ihn tödlich getroffen, das Messer hatte die Lunge und das Herz völlig durchstossen, er schwamm in seinem Blute. Auf seinen Hilfeschrei kamen sein Gehilfe Laurent Basse und das Dienstmädchen herbeigeeilt und fingen das bewusstlos sich neigende Haupt Marats in ihren Armen auf.

Charlotte Corday hatte gar nicht versucht zu entfliehen, sie blieb in der Nähe des Fensters, sie stand aufrecht, gelassen und unbeweglich. Basse schlug mit einem Stuhl nach Charlotte Corday und warf sie um, Katherine Evrard trat sie mit Füssen.

Man nahm den Leichnam Marats aus der Badewanne und trug ihn aufs Bett ins Nebenzimmer. Umsonst bemühten sich die Aerzte, das Blut zu stillen, es war alles vergebens, Marat hatte zu leben aufgehört.

Indessen hatte sich Charlotte Corday erhoben, stellte sich ans Fenster und sah ruhig hinunter.

Auf der Strasse schrie die angesammelte Menge, unter der sich die Kunde von der Tat rasch verbreitet hatte, sie wolle Charlotte Corday lynchen. Arme Leute, sagte sie, Ihr wollt meinen Tod und Ihr seid mir einen Altar schuldig, dass ich Euch von diesem Scheusal befreit habe. Die Menge sah die Tyrannei und die Befreiung nur in einem Menschen verkörpert. Auch Charlotte Corday teilte diese Meinung. Der Schatten Marats verdunkelte ihr die ganze Republik.

Eine Kommission, bestehend aus den Abgeordneten34 Maure, Chabot, Drouet und Legendre, die durch den Polizeikommissär von der Tat in Kenntnis gesetzt waren, begaben sich sogleich dahin und nahmen an Ort und Stelle ein Verhör auf. Als sie Charlotte Corday nach den Ursachen befragten, die sie zu dieser Tat veranlasst haben, antwortete sie: Da ich einen Bürgerkrieg in ganz Frankreich entbrennen sah und überzeugt war, dass Marat der Haupturheber des Unheils sei, habe ich es vorgezogen, das Opfer meines Lebens zu bringen, um mein Vaterland zu retten.

Chabot und Drouet fuhren mit ihr in das Militärgefängnis (l’Abbaye). Aber die in der Strasse angesammelte Menge war im höchsten Grade aufgebracht, seine Beute entführt zu sehen und verdoppelte ihr Geheul. Da fiel Charlotte in Ohnmacht, sie glaubte fest, ihre letzte Stunde herankommen zu sehen. Als sie aus ihrer Betäubung erwachte war sie sehr erstaunt, dass man ihr ihr Leben gelassen hatte. Sie war sicher, von der Menge gelyncht zu werden.

Im Militärgefängnis angekommen, wurde sie von Drouet und Chabot einem Verhör unterzogen, das bis Mitternacht währte. Zum Schluss sagte sie: Was mich betrifft, so habe ich meine Aufgabe erfüllt, andere werden das übrige tun.

Nach dem Verhör wurde Charlotte Corday vom Militärgefängnis in die Conciergerie überführt. Doch da ihre Wohnung nicht mehr auf Erden war, so war es ihr einerlei, in welches Gefängnis man sie brachte. Sie sah mit himmlischer Ruhe den Augenblick herannahen, um ihr Werk zu krönen. Sie hatte in dem kurzen Zwischenraum, von der Tat bis zum Vollzug der Todesstrafe, keine unmenschliche Behandlung zu erdulden. Fouquier-Tinville versuchte zweimal vergebens sie zu verhören, sie verweigerte jede Aussage, sie wollte erst vor dem Gerichtshof sprechen. Sie schrieb vom Gefängnis aus zwei Abschiedsbriefe, den einen an ihren Vater, den andern an Barbaroux. Sie lauten: Verzeihen Sie mir, mein lieber Vater, dass ich über mein Leben ohne Ihre Erlaubnis verfügt habe. Ich habe viele unschuldige Opfer35 gerächt, ich bin vielem Unheile zuvorgekommen. Das Volk, dem einst die Augen geöffnet sein werden, wird sich freuen, von seinem Tyrannen befreit worden zu sein. Wenn ich gesucht habe, Ihnen die Meinung beizubringen, als sei ich nach England gereist, so war es, weil ich gehofft hatte, auch nach der Tat mein Inkognito beibehalten zu können; aber ich sehe die Unmöglichkeit ein. Ich hoffe, dass man Sie nicht quälen wird. Wie dem auch sei, werden Sie in Caen Verteidiger finden.

Adieu mein lieber Vater, ich bitte Sie, mich zu vergessen, oder vielmehr, sich meines Loses zu freuen. Sie kennen Ihre Tochter. Ein tadelnswertes Motiv hätte sie niemals zu leiten vermocht. Ich umarme meine Schwester, die ich vom ganzen Herzen liebe, wie auch meine Verwandten.

Vergessen Sie nicht Corneilles Vers: Nicht das Schafott, das Laster macht die Schande.

Nun der Brief an Barbaroux: Sie haben den Wunsch ausgesprochen, die Einzelheiten meiner Reise zu erfahren. Ich werde Ihnen keine Anekdote erlassen. Werden Sie es glauben, Fauchet ist als mein Mitschuldiger eingesperrt, er, der nicht einmal etwas von meiner Existenz wusste! Ich bin von Chabot und Legendre einvernommen worden. Chabot glich einem Wahnsinnigen. Legendre behauptet, mich am Morgen bei sich gesehen zu haben, ich, die niemals an diesen Menschen gedacht habe! Ich kenne keine genug grossen Talente an ihm, um zu glauben, dass er der Tyrann eines Landes sein könnte, und ich hatte nicht die Absicht, alle Welt zu strafen. Uebrigens ist man wenig erbaut, nur eine Frau ohne Bedeutung zu haben, die man den Manen des grossen Mannes als Opfer darbringen kann. Verzeihung, Männer! Dieser Name entehrt Euer Geschlecht: es war ein wildes Tier, das den Rest Frankreichs durch die Flamme des Bürgerkriegs vernichten wollte. Jetzt lebe der Friede! Dank sei dem Himmel, er war kein geborener Franzose. Ich glaube, man hat die letzten Worte36 Marats gedruckt. Ich zweifle, dass er welche hervorbringen konnte. Aber hier die letzten, die er mir gesagt hat, nachdem er alle Namen jener Abgeordneten, die in Evreux sind, gehört hatte. Er sagte mir, um mich zu trösten, dass er Euch in Paris werde guillotinieren lassen. Diese letzten Worte entschieden über sein Schicksal.

In Paris begreift man nicht, wie eine überflüssige Frau, deren längstes Leben auch zu nichts gut wäre, dieses Leben kaltblütig opfern kann, um das Vaterland zu retten. Möge der Friede so rasch eintreten als ich es wünsche. Nun ist der grosse Verbrecher beseitigt, ohne diese Tat, würden wir nie Ruhe bekommen haben. Ich zweifle nicht, dass man meinen Vater quälen wird, ihn, der ohnehin an meinem Verlust genug zu tragen hat, der so sehr betrübt ist.

Ich bitte Sie, Bürger, und Ihre Kollegen, sich der Verteidigung meiner Verwandten anzunehmen, falls man sie beunruhigt. Ich habe in meinem Leben nur ein Wesen gehasst und ich zeigte, mit welcher Heftigkeit ich dies Gefühl empfand, aber es gab Tausende, die ich noch mehr liebte als ich ihn hasste. Ich erfreue mich in köstlicher Weise des Friedens, seit zwei Tagen bildet das Glück meines Vaterlandes das meine. Ich verbringe meine Zeit mit Verfassen von Gedichten.

Diejenigen, die meinen Verlust beklagen, werden sich freuen, mich in den elysäischen Gefilden mit Brutus und einigen Alten zu wissen; denn die Modernen reizen mich nicht, sie sind so niedrige Seelen. Es gibt wenige Patrioten, die für ihr Vaterland zu sterben verstehen, sie sind alle egoistisch.

Man hat mir zwei Gendarmen beigestellt, um mich vor der Langeweile zu schützen; ich habe diese Einrichtung für den Tag sehr gut befunden, aber nicht während der Nacht! Ich habe mich über diese Unschicklichkeit beklagt. Man hat es nicht für nötig erachtet, davon Notiz zu nehmen. Ich glaube, dass diese Wache eine Erfindung Chabots ist. Nur ein Kapuziner kann solche Ideen aushecken!

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Falls einige Freunde in diesen Brief Einsicht nehmen wollten, so bitte ich Sie, es keinem abzuschlagen. Ich muss einen Verteidiger haben, dies ist gesetzlich vorgeschrieben. Ich habe Gustav Doucet de Pontécoulant genommen. Ich denke, er wird diese Ehre zurückweisen, und es würde ihm doch nur wenig Mühe machen. Ich habe auch daran gedacht, Robespierre zu nehmen. Ich werde auch fordern, über mein Geld verfügen zu können. Ich vermache es den Frauen und Kindern jener braven Bewohner von Caen, die fortgezogen sind, um Paris zu erlösen.

Ich staune, dass das Volk sich bei meiner Ueberführung aus dem Militärgefängnis in die Conciergerie so ruhig verhalten hat. Dies ist ein neuerliches Zeichen seiner Mässigung.

Morgen um 8 Uhr werde ich gerichtet werden und mittags werde ich gelebt haben, um in der Sprache der Römer zu reden.

Man muss an die Tapferkeit der Bewohner von Calvados glauben, da die dortigen Frauen einiger Festigkeit fähig sind. Uebrigens weiss ich nicht, wie die letzten Augenblicke meines Lebens vorübergehen werden, und das Ende krönt das Werk. Ich habe nicht nötig, Unempfindlichkeit meinem Lose gegenüber zu erkünsteln, denn bis nun habe ich auch nicht die mindeste Angst vor dem Tode.

Ich werde das Leben nie anders als nach seiner Nützlichkeit schätzen. Ich hoffe, dass Duperret und Fauchet morgen in Freiheit gesetzt werden. Man behauptet, dass der letztere mich in den Nationalkonvent auf eine Galerie gebracht hätte. Wie sollte er dazu kommen, Frauenzimmer dahin zu führen? Als Abgeordneter hat er nicht auf der Galerie zu sein und als Bischof sollte er sich nicht mit Weibern abgeben. So hat er jetzt eine rechte Lehre bekommen. Aber Duperret hat sich keinen Vorwurf zu machen. Marat wird nicht ins Pantheon kommen, doch hätte er es so sehr verdient! Ich beauftrage Sie alle, eine38 passende Leichenrede für ihn zu verfassen und die nötigen Urkunden dazu zu sammeln.

Ich sage nichts meinen anderen Freunden; ich fordere bloss ein rasches Vergessen; ihre Betrübnis würde mein Andenken entehren.

Leben Sie wohl, Bürger, ich empfehle mich dem Andenken der Freunde des Friedens. Die Gefangenen in der Conciergerie, weit entfernt davon mich zu beleidigen, schienen sogar mich zu bemitleiden. Das Unglück macht teilnehmend. Das ist eine letzte Betrachtung.

Hier die Details des Verhöres:

Frage: Ist es wahr, dass Sie sich beim Bürger Marat eingedrängt haben, der sich damals im Bade befand und dass Sie den obgenannten Marat mit dem Messer, das wir Ihnen hier vorweisen, ermordet haben?

Antwort: Ja, ich erkenne das Messer.

Frage: Welcher Beweggrund hat Sie bestimmt, diesen Mord zu begehen?

Antwort: Da ich in ganz Frankreich den Bürgerkrieg sich entzünden sah und überzeugt war, dass Marat der Haupturheber des Unheils sei, habe ich es vorgezogen, das Opfer meines Lebens zu bringen, um mein Vaterland zu retten.

Frage: Es scheint uns nicht glaubhaft, dass Sie diesen fluchwürdigen Plan allein, aus eigenem Antriebe, gefasst haben. Nennen Sie uns die Personen, die Sie dazu bestimmt haben und auch die Namen der Personen, mit denen Sie in Caen am häufigsten verkehrt haben?

Antwort: Ich habe meinen Plan keiner sterblichen Seele mitgeteilt. Ich besass schon seit längerer Zeit den Reisepass, der nur zur Fahrt nach Paris nötig war. Als ich Dienstag von Caen fortfuhr, und die alte Verwandte verlies, bei der ich wohnte, sagte ich ihr, dass ich auf Besuch zu meinem Vater fahre. Sehr wenige Leute verkehren mit dieser alten Verwandten und niemand war von meinem Vorhaben unterrichtet.

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Frage: Nach Ihrer früheren Antwort ist Ursache vorhanden anzunehmen, dass Sie die Stadt Caen nur verlassen haben, um diese Mordtat zu vollführen?

Antwort: Es ist wahr, dass ich diese Absicht hatte, und dass ich Caen nicht verlassen hätte, wenn ich nicht das lebhafteste Verlangen getragen hätte, die Tat auszuführen.

Frage: Wo haben Sie sich das Messer verschafft, um diesen Mord auszuführen? Wer sind die Personen, die Sie seit Ihrer Anwesenheit in Paris gesehen haben ? Was haben Sie hier seit Donnerstag, dem Tag ihrer Ankunft, getan?

Antwort: Ich habe diesen Morgen um acht Uhr das Messer im Palais Royal gekauft. Ich kenne niemanden in Paris, wohin ich vorher niemals gekommen bin. Am Donnerstag, gegen Mittag, bin ich angekommen und habe mich zu Bett begeben. Ich bin erst Freitag Früh ausgegangen, und ging auf der Place des Victoires und im Palais Royal spazieren. Nachmittags bin ich gar nicht ausgegangen. Ich habe verschiedenes geschrieben, was Sie bei mir finden werden. Ich bin heute morgens ausgegangen. Ich war gegen sieben Uhr im Palais Royal. Ich habe dieses Messer gekauft, ich habe auf der Place des Victoires einen Wagen genommen, um mich zum Bürger Marat führen zu lassen, bei dem ich nicht vorsprechen konnte. Dann nach Hause zurückgekehrt, habe ich mich entschlossen, einen Brief mit der Stadtpost an ihn zu senden und unter einem erdichteten Vorwand eine Unterredung zu verlangen. Gegen halb acht Uhr abends habe ich abermals einen Wagen genommen, und bin wieder zu Marat gefahren, um dort eine Antwort auf meinen Brief zu verlangen. Aus Angst vor einer neuerlichen abschlägigen Antwort habe ich mich mit einem zweiten Brief versehen, den ich in meinem Portefeuille habe, es ist derselbe, den ich dem Bürger Marat zu übergeben dachte. Ich habe keinen Gebrauch von demselben gemacht, da ich von ihm empfangen wurde.

Frage: Wie sind Sie dieses zweitemal zum Bürger40 Marat vorgedrungen, und zu welcher Zeit haben Sie das Verbrechen an seiner Person begangen?

Antwort: Frauen haben mir die Türe geöffnet. Man hat mir den Eintritt zu Marat verweigert, aber als er mich auf mein Ansuchen bestehen hörte, verlangte er selbst, dass man mich einlasse. Er hat mehrere Fragen über die in Caen wohnenden Abgeordneten an mich gerichtet, er fragte mich um ihre Namen, wie auch um jene der Munizipalbeamten. Ich habe sie ihm genannt, und als Marat sagte, dass es nicht mehr lange dauern würde, dass er sie würde guillotinieren lassen, zog ich mein Messer, das ich im Busen versteckt hielt, und habe damit Marat im Bade den tötlichen Stoss versetzt.

Frage: Haben Sie nicht versucht, nachdem Sie dieses Verbrechen vollführt haben, zu entweichen?

Antwort: Ich wäre durch die Türe entwichen, wenn man sich dem nicht wiedersetzt hätte.

Frage: Es ist Grund vorhanden zu glauben, dass Sie uns imponieren wollen, indem Sie behaupten, dass niemand von Ihrem Vorhaben verständigt war, wie auch in Anbetracht der Menge des Bargeldes, womit Sie versehen sind, besonders viel für ein Mädchen Ihres Alters.

Antwort: Ich habe mich mit diesem Gelde, das mein Eigentum ist, versehen, weil ich von niemanden etwas verlangen wollte.

Frage: Sind Sie Mädchen?

Antwort: Ja.

Frage: Sind Sie nicht heute in Saint-Pelagie öder in anderen Gefängnissen dieser Stadt gewesen?

Antwort: Nein. Ich weiss nicht einmal wo diese Gefängnisse sich befinden.

Endlich war der furchtbare Tag, der 17. Juli 1794, herangekommen, an dem Charlotte Corday vor dem Revolutionstribunal erscheinen sollte.

Nachdem sie vorgeführt worden war, liess man sie auf der Anklagebank Platz nehmen und richtete die üblichen41 Fragen an sie. Da der Verteidiger, den sie genannt hatte, nicht erschienen war, teilte der Präsident der Angeklagten mit, dass der Gerichtshof den zufällig im Saale anwesenden Chauveau-Lagarde zu ihrem Verteidiger ernenne. Er begab sich an ihre Seite. Sie kannte ihn nicht und musterte ihn mit besorgten Blicken, als ob sie gefürchtet hätte, dass er eine Verteidigung unternehmen könnte, die sie unfehlbar in Abrede zu stellen genötigt sein würde. Sofort begann die Verhandlung. Der erste Zeuge war Katherine Evrard. Sie erzählte recht getreulich die beiden Versuche Charlotte Cordays, bei Marat einzudringen; als sie die Details des Attentates schildern wollte, unterbrach sie Charlotte mit diesen Worten: Wozu das, ich bin’s, die ihn getödtet hat. Der Präsident fragt: Wer hat Sie beredet diese Mordtat zu begehen? Sein Verbrechen, antwortet die Angeklagte. Was verstehen Sie unter seinem Verbrechen , fragt er weiter Das Unglück, an dem er seit der Revolution schuld ist.

Frage: Wer sind jene, die Sie dazu bestimmt haben diese Mordtat zu begehen?

Antwort: Niemand, ich selbst habe diesen Gedanken ersonnen.

Die Zeitung wurde verlesen, in der das Attentat geschildert war. Charlotte Corday bestätigte, dass die Tatsachen wahrheitsgetreu wiedergegeben seien.

Auch die Aussagen der Köchin und Portierin Marats wurden von ihr als richtig befunden. Auf die Frage, mit wem sie in Caen verkehrt habe, nennt sie einige wenige Personen. Da diese aber von gar keiner Bedeutung sind, kommt der Untersuchungsrichter immer wieder auf die Frage zurück, ob sie mit den geflüchteten Abgeordneten viel verkehrt habe. Sie verneint die Frage und erzählt von ihrer ganz oberflächlichen Bekanntschaft und dem geringen Verkehr, den sie mit ihnen gepflogen habe. Aut die Frage, bei welchen Priestern sie beichten gegangen sei, antwortete sie, dass sie überhaupt keine Beichte abgelegt habe.

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Sie haben wohl durch die Zeitungen erfahren, dass Marat ein Anarchist sei, fuhr der Untersuchungsrichter in seinem Verhöre fort. Ja, ich wusste, dass er Frankreich verderbe, antwortete Charlotte Corday, und sagte weiter: ich habe einen Mann ermordet, um Hunderttausende zu retten. Ich war übrigens lange vor der Revolution Republikanerin, und es hat mir nie an Willenskraft gefehlt.

Frage: Was verstehen Sie unter Willenskraft?

Antwort: Die Kraft jener, die ihren Privatvorteil beiseite lassen und es verstehen, sich für das Vaterland zu opfern.

Frage: Haben Sie sich eingeübt, um es zu ermöglichen, so sicher zu zielen?

Antwort: Oh! das Scheusal! es hält mich für eine Mörderin.

Der Präsident: Es ist indessen von Sachverstandigen erwiesen, dass, wenn der Stich statt der Breite der Länge nach ausgeführt worden wäre, Sie ihn nicht getödtet hätten.

Charlotte Corday: Ich habe den Stoss geführt wie es eben kam, das ist Zufall. Die Empörung, die mein Herz aufwallen machte, hat mir wohl den Weg gewiesen !

Frage: Sind Sie nie vordem in Paris gewesen?

Antwort: Nein .

Frage: Haben Sie seit Ihrer Ankunft Briefe aus Caen erhalten, oder welche dahin geschickt?

Antwort: Nein .

Der Abgeordnete Claude Fauchet, Exbischof, erscheint. Er kennt die Angeklagte nicht, hat sie niemals gesehen, und kann sie folglich auch nicht auf die Galerie des Konventes geleitet haben.

Charlotte Corday: Ich kenne Fauchet nur vom sehen, ich betrachte ihn als einen Menschen ohne Sitten und Prinzipien, den ich verachte.

Dann wird der Abgeordnete Duperret einvernommen. Charlotte Corday entlastet ihn völlig. Der Untersuchungsrichter43 fragt darauf Duperret, welche Meinung er sich nach dem Gespräch mit Charlotte Corday von ihr gebildet habe. Ich habe, sagt Duperret, in ihren Reden nur die Aeusserungen einer guten Bürgerin erblickt. Sie hat mir Bericht erstattet über das Gute, das die Abgeordneten in Caen leisten, und hat mir geraten, ihnen dahin zu folgen.

Frage: Wie konnten Sie eine Frau für eine gute Bürgerin halten, die Ihnen riet, nach Caen zu gehen?

Antwort: Ich betrachtete das als Ansichtssache.

Als man der Angeklagten das mit Blut befleckte Messer vorwies, wendete sie den Blick ab, und eine Regung des Entsetzens malte sich in ihren Zügen, sie machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung um es zurückzustossen, und sagte mit geängstigter Stimme: Ja es ist jenes, dessen ich mich bediente, um Marat zu ermorden.

Man verlas die beiden Briefe, die sie im Gefängnis geschrieben hatte. Den an Barbaroux hörte sie mit Gelassenheit an, sie lächelte sogar bei gewissen Stellen, wie der, die vom Kapuziner Chabot handelte. Aber ihre Augen füllten sich mit Tränen und ein tiefes Schmerzgefühl erschütterte sie einen Augenblick lang, als man den Brief an ihren Vater vorlas. Nachher nahm ihr Gesicht den gewohnten Ausdruck der Heiterkeit an und sie teilte dem Revolutionstribunal mit, dass das Komitee des Wohlfahrtsausschusses ihr versprochen habe, den Brief bestimmt Barbaroux zukommen zu lassen, damit er seinen Freunden von dem Inhalte Mitteilung machen könne. Was den zweiten Brief betreffe, so verlasse sie sich auf die Menschlichkeit des Tribunals, damit er sicher ihrem Vater zukomme.

Der Präsident resümierte in wenigen Worten die Verhandlungen. Der öffentliche Ankläger machte seine Anklage und beantragte die Todesstrafe.

Als er über die Grösse des Verlustes, den Frankreich erlitten, sprach, und sich in Lobeserhebungen über Marat erging, unterbrach ihn Charlotte Corday mit den Worten. Ihr Marat war ein Ungeheuer!

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Nun ergriff ihr Verteidiger das Wort. Wir lassen hier die Schilderung des Eindruckes, den Chauveau-Lagarde später einmal darstellte, folgen: Als ich mich erhob, hörte man einen dumpfen und verworrenen Lärm, wie vom Schrecken herrührend, und gleich darauf trat eine Totenstille ein, die einem bis ins innerste Herz erstarren machte. Während der öffentliche Ankläger sprach, liessen mir die Geschworenen sagen, ich sollte schweigen, und der Präsident verlangte, ich solle mich darauf beschränken zu behaupten, dass die Angeklagts wahnsinnig sei. Sie wollten alle, dass ich sie demütige. Was sie selbst betrifft, so war ihr Gesicht immer das gleiche. Nur sah sie mich in einer Weise an, die mir sagte, dass sie nicht gerechtfertigt sein wolle!

Uebrigens konnte ich nach dem Verhör nicht daran zweifeln, dies war unmöglich, da unabhängig von ihrem Geständnis der gerichtliche Beweis vorlag, dass sie einen vorsätzlichen Mord begangen habe. Indessen, ganz entschlossen, meine Pflicht zu erfüllen, wollte ich nichts sagen, was mein Gewissen und die Angeklagte missbilligen könnten. Mit einemmale kam mir der Gedanke, mich auf eine einfache Beobachtung zu beschränken, die in einer Volksversammlung oder in einer gesetzgebenden Versammlung als Grundstoff zu einer ganzen Verteidigung hätte dienen können, und ich sagte: Die Angeklagte gesteht kaltblütig die lange vorhergehende Ueberlegung, mit einem Wort, sie gesteht alles und sucht sich nicht einmal zu rechtfertigen. Das ist, Geschworene, Mitbürger, ihre ganze Verteidigung. Diese unveränderliche Gemütsruhe, diese Selbstverleugnung, die nicht einmal im Angesicht des Todes irgend welche Reue empfindet, diese Ruhe und Selbstaufopferung, erhaben in einem gewissen Betracht, existieren nicht in der Natur. Sie können sich nur durch die Begeisterung des politischen Fanatismus erklären, die ihr den Dolch in die Hand gedrückt haben. An Ihnen, meine Geschworenen, ist es zu urteilen, von welchem Gewichte diese Betrachtung in der Wagschale45 der Gerechtigkeit sein kann. Charlotte Corday schien mit dieser Verteidigung sehr einverstanden zu sein.

Die Geschworenen verurteilten sie einstimmig. Der Präsident verkündete ihr Todesurteil mit folgenden Worten: In Anbetracht des einstimmigen Verdiktes der Geschworenen, das erstens besagt, dass es zuverlässig sicher ist, dass Jean Paul Marat, Abgeordneter des Nationalkonvents, am 13. des laufenden Monats Juli, zwischen 6 und 7 Uhr abends, durch einen Messerstich in die Brust getötet wurde, während er im Bade sass, durch welchen Stich er auch augenblicklich verschied; zweitens: dass Marie Anne Charlotte Corday die Urheberin dieser Mordtat ist; drittens: dass sie die Tat vorsätzlich und in verbrecherischer kontrerevolutionärer Absicht verübt hat, wird Marie Anne Charlotte Corday zur Todesstrafe verurteilt. Es wird angeordnet, dass sie, mit einem roten Hemd angetan, zur Richtstätte geführt wird, dass ihr Vermögen der Republik zufällt und dass das gegenwärtige Urteil auf Antrag des öffentlichen Anklägers, auf der Place de la Revolution vollzogen wird.

Aller Blicke waren auf sie gerichtet und man forschte, ob die unerschütterliche Ruhe, die sie während der Verhandlung zeigte, sich im Angesicht der sicheren und unausweichlichen Todesstrafe nicht verleugnen würde. Vergebliche Erwartung. Die stolze Republikanerin blieb unempfindlich. Ihre Züge zeigten keine Erregung; sie war weder von dem schrecklichen Urteil, das sie dem Schafott weihte, noch von der eisigen Stille, die sie umgab, noch von der heiligen Scheu, die auch diese blutigen Entscheidungen des Strafgerichtes begleiten, erschüttert. Eine tiefe Ruhe lag auf ihrer Stirne während jener Augenblicke, in denen der Mut der Unerschütterlichsten gezwungen wird, der Regung der Natur nachzugeben.

Der Präsident fragte sie hierauf, ob sie etwas über die Anwendung der Gesetze zu bemerken habe. Als einzige Antwort liess sie sich vom Gendarmen zu ihrem Verteidiger führen und richtete mit vieler Grazie und Sanftmut folgende46 Worte an ihn: Mein Herr, ich danke Ihnen für den Mut mit dem Sie mich verteidigt haben, der einzigen Art, die Ihrer und meiner würdig war. Diese Herren konfiszieren mein Eigentum, aber ich will Ihnen den grössten Beweis meiner Dankbarkeit geben, indem ich Sie bitte, für mich das zu zahlen, was ich im Gefängnis schuldig bin. Ich rechne auf Ihren Edelmut .

Ihre Schulden beliefen sich auf 36 Francs, die Chauveau-Lagarde am darauffolgenden Tag dem Kerkermeister bezahlte.

Nach der Verhandlung wurde Charlotte Corday augenblicklich in die Conciergerie zurückgeführt, von der sie nur herauskam, um aufs Schafott zu steigen. Sie blieb völlig heiter und unverändert. Es dauerte nicht lange, so kam der Scharfrichter in die Zelle, um sie zum Richtplatz zu führen. Als er Charlotte Corday die Hände festband und die Haare abschnitt, sagte sie: Dies ist eine Toilette, die ich nur nicht gewohnt bin.

Im Augenblick als sie den verhängnisvollen Karren bestieg, ging ein heftiges Gewitter über Paris los und übertönte das Brüllen und Heulen der Menge, die sie zur Richtstätte begleitete. Nichts konnte die unerschütterliche Seele ausser Fassung bringen. Sie liess ihre sanften ruhigen Blicke über die Menge schweifen. Sie trug den Kopf hoch, ohne Stolz, sie hatte einen freien Blick ohne Verachtung, ihre Züge waren ausdrucksvoll und belebt, ganz ungezwungen. Das rote Hemd, das an sich so scheusslich anzusehen ist, schien ihre natürlichen Reize noch zu heben. Auf dem ganzen Weg, von der Conciergerie bis auf die Place de la Revolution, verliess sie ihre heldenhafte Ruhe auch nicht einen Augenblick. Das Blut strömte ihr beim Anblick des Schafottes ins Gesicht. Sie stieg die Stufen zum Schafott so rasch hinauf, als ihr das Gehen durch die auf dem Rücken zurückgebundenen Hände möglich war. Sie fiel mutig auf das verhängnisvolle Brett. Eine tiefe Stille herrschte und das fürchterliche Beil fiel.

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Der erbärmliche Scharfrichter, namens Legros, war so schändlich, dem abgehauenen Kopfe eine Ohrfeige zu versetzen, als er ihn in die Höhe hob. Die Tat dieses Nichtswürdigen erregte einen Ausbruch der Entrüstung.

Das Martyrium Charlotte Cordays machte Proselyten. Schon als sie ins Gefängnis eintrat, kam ein junger Mann herbeigeeilt, der sich erbot, sich statt ihrer als Gefangener zu stellen und für sie die Strafe über sich ergehen zu lassen. Adam Lux hatte den Mut, seine Bewunderung in einer Broschüre öffentlich auszudrücken.

Er hat sie geschildert, wie sie ihr friedliches Heim verlassen, wie sie sich niemandem anvertraut habe, ohne Stütze, ohne Rat, ohne Tröster da gestanden sei. Ihr Dasein bedeutet nichts für sie, sie geht das Dasein von Tausenden zu retten. Dieser einzige Gedanke gibt ihr eine Kraft und eine Sicherheit, die sie nicht verlassen. Ihr Brief an Barbaroux ergreift und begeistert den Verfasser der Broschüre, er könnte keinen ähnlichen ersinnen. Dieser Brief wird Schwärmer erzeugen und Helden hervorbringen. Charlotte Corday, hehres Mädchen, unvergleichliches Wesen! was hab ich nicht empfunden, als ich dich zum Richtplatz führen sah! Du, so schön, so zart! Als ich deine unerschütterliche Sanftmut inmitten des barbarischen Geheules sah! Dieser so sanfte und durchdringende Blick! Diese lebhaften, feurigen Funken, die aus deinen schönen Augen sprühten, aus denen eine ebenso zarte als unerschrockene Seele sprach. Bezaubernde Augen, die Steine hätten erweichen müssen! Einziges, unsterbliches Angedenken! Blicke eines Engels, die mein Herz innig durchdrungen haben, die es mit lebhaften, bis dahin unbekannten Regungen erfüllt haben, Regungen, deren Süssigkeit die Bitternis ausgleicht, und deren Empfindung nur mit meinem letzten Atemzug erlöschen wird.

Der Unglückliche forderte für sich die Guillotine heraus wie einen Altar, der durch das Blut der schönen Heldin geläutert war. Er sehnte sich darnach, sein Blut mit dem48 ihren zu vergiessen: Bedeckt mich mit Schmach wie sie, sättigt Euch zum zweitenmal an diesem tierischen Schauspiel. Oh! Pariser, ist’s inmitten Euerer Mauern, ehemals die Stätte des feinen Betragens, dass solche Greueltaten sich ereignen? Verzeihe, o Charlotte, wenn es mir unmöglich ist, in meinem letzten Augenblick einen Mut und eine Sanftheit gleich der deinen zu zeigen! Ich freue mich über deine Ueberlegenheit, denn ist es nicht gerecht, dass das angebetete Wesen den Anbetenden überragt? Er erschauerte vor Freude, als er festgenommen wurde und liess nur die Worte hören: Ich werde für sie sterben.

Tatsächlich erlitt er bald das gleiche Schicksal wie sie. Seine letzte Seligheit war, dass derselbe Stahl, der den schönen Hals derjenigen getroffen, die er geliebt hatte, auch den seinen treffen würde. Auf diesen einzigen Gedanken vereinigten sich alle Kraft, alle Fähigkeiten seines Daseins. Das längste Leben schien ihm mit diesem Augenblick des Todes nicht vergleichbar.

Madame Roland.
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Madame Roland.

Im Gefängnis von Saint-Pélagie am 9. August[1793]. Tochter eines Künstlers, Frau eines Gelehrten, der Minister geworden und ein rechtschaffener Ehrenmann geblieben ist, heute Gefangene, vielleicht zu einem gewaltsamen Tode bestimmt, habe ich das Glück und die Trübsal kennen gelernt, ich habe den Ruhm von der Nähe gesehen und Ungerechtigkeit erduldet.

Aus niedrigem Stande, aber von ehrenwerten Eltern geboren, habe ich meine Jugend inmitten der schönen Künste verbracht, erfüllt vom Zauber des Studierens, ohne anderes Vorrecht als das des Verdienstes, noch andere Grösse als die der Tugend zu kennen.

Im Alter, wo man sich zum Ehestand entschliesst, habe ich die Aussichten auf ein Vermögen verloren, welches mir eine meiner Erziehung entsprechende Partie hätte verschaffen können. Die Verbindung mit einem ehrenwerten Manne schien diesen Schicksalsschlag wieder gut zu machen, sie bereitete mir neue.

Ein sanfter Charakter, eine starke Seele, ein tüchtiger Verstand, ein sehr zärtliches Herz, ein Aeusseres, das all das ankündigte, haben mich bei denen beliebt gemacht, die mich kennen. Die Stellung, in der ich mich befunden habe, hat mir Feinde gemacht, ich als Person habe keine; diejenigen, die das Schlechteste über mich sagen, haben mich nie gesehen.

Es ist wahr, dass die Dinge selten das sind, was sie zu sein scheinen, dass die Abschnitte meines Lebens, in denen ich die meiste Wonne genossen oder den meisten50 Kummer empfunden habe, ihrem Wesen nach oft dem völlig entgegengesetzt sind, was andere darüber urteilen könnten. Weil das Glück mehr von den Gefühlen als von den Begebenheiten abhängt.

Ich nehme mir vor, die Musse meiner Gefangenschaft zu benützen, um mir alles, was mich persönlich betrifft, von meiner zartesten Kindheit bis zu diesem Augenblick, wieder ins Gedächtnis zu rufen. Es heisst ein zweitesmal leben, wenn man sich auf diese Weise zu allen Spuren seiner Lebensbahn zurückversetzt. Und was kann man im Gefängnis besseres tun, als sein Dasein durch eine glückliche Täuschung, oder durch interessante Erinnerungen, anderswohin zu verlegen? Wenn sich die Erfahrung weniger durch die Macht des Handelns als durch die des Nachdenkens über das, was man sieht und das was man tut, erwerben lässt, so kann sich die meinige durch das Unternehmen, das ich beginne, sehr steigern.

Die öffentlichen Angelegenheiten, meine persönlichen Empfindungen boten mir seit den zwei Monaten meiner Haft genug Stoff zu denken und zu schreiben, ohne dass ich es nötig hätte, auf so weit fernliegende Zeiten zurückzugreifen. Die fünf ersten Wochen waren der Aufzeichnung historischer Notizen gewidmet, deren Sammlung vielleicht nicht ohne Wert war. Sie sind eben vernichtet worden. *)Dies war ein Irrtum. Ein Fragment wurde gerettet, das im Beginn des I. Bandes ihrer Memoiren aufgenommen ist. (Anm. d. V.)

Ich habe die ganze Bitterkeit dieses Verlustes gefühlt, den ich nicht mehr werde gut machen können; aber ich würde mich gegen mich selbst empören, wenn ich mich, durch was immer es auch sei, niederschlagen liesse. In allen Leiden, die ich erduldet habe, ist der lebhafteste Eindruck des Schmerzes fast gleichzeitig von dem Streben begleitet, meine Kräfte dem Schmerz, dessen Gegenstand ich bin, entgegen zu stellen und ihn zu überwinden, entweder durch das Gute, das ich andern tue, oder durch die51 Steigerung meines eigenen Mutes. Auf diese Art kann mich das Unglück verfolgen, aber nicht zu Boden drücken. Die Tyrannen können mich quälen, aber erniedrigen niemals! Meine Notizen sind verloren, so werde ich Memoiren verfassen, und indem ich mich mit Klugheit meiner eigenen Schwäche in einem Augenblick anpasse, in dem ich auf das schmerzlichste betrübt bin, werde ich mich mit mir beschäftigen, um mich besser von mir abzulenken. Ich werde mich im Guten und Bösen mit gleicher Freimütigkeit vorstellen. Derjenige, der es nicht wagt, sich selbst ein gutes Zeugnis auszustellen, ist beinahe immer ein Feigling