PRIMS Full-text transcription (HTML)
Die Frau des Falkensteins.
Ein Roman in zwei Bändchen von der Verfasserin des Rodrich.
Zweites Bändchen.
BerlinbeiJulius Eduard Hitzig,1810.

Erstes Buch.

Nach langem Todesschlaf blickte Luise zuerst, wie durch einen Zauberspiegel, in die Umgebungen ihrer Kinderwelt. Hell, wie der Morgen des Lebens, stralten ihr die blaßrothen Wände ihres kleinen Zimmers in der mütterlichen Wohnung entgegen. Alles stand und lag hier wie ehemals. Die reiche Sammlung bunter Schmetterlinge, die Julius mit unsäglicher Liebe in der Schweiz und Italien für sie sammelte und in Rahmen von seltnen Holzarten einfassen ließ, hing wie sonst an den Pfeilern umher. Vom Kamin glänzten noch all die bunten Steinchen, Kristallspitzen und die tausend Spielereien, die er ihr ebenfalls von den Alpen und seinen andren Reisen mitbrachte. Ach! und die vielen Schildereien, unter denen sein Bild und das ihre so still aus jenen Tagen herübersahen, daß Luise unbewußt lächelte und durch die schneeweißen Gardinen des jungfräulichen Bettes wie in leichten, wogenden Morgenduft hineinsah.

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Ihr Innres war zusammengestürzt. Die Vergangenheit lag in dunkler Tiefe verschüttet, keine Spur führte dahin zurück, der gewaltige Schlag lag betäubend auf allen ihren Sinnen. Da traf ein leises Wimmern ihr Ohr. Sie richtete sich schnell in die Höhe, und sah Marianen, wie an jenem Tage, als der erste Schmerz ihr nahete, unter stillem Weinen an ihrem Bette stehn. Luise sah sie starr an, dunkle Gestalten schwebten an ihr vorüber, sie wollte sie festhalten, behielt aber nichts als das Bild des Todes. Schaudernd sank sie in die Kissen zurück. Allein das tiefe Schweigen ihrer Brust war nun gebrochen, die erstorbne Welt regte sich darin, und zahllose Erinnrungen fuhren wie Geister aus ihren Gräbern herauf. Von allen Seiten faßte es sie mit unnennbarer Angst, so daß sie laut aufschrie und die Arme fest auf der Brust zusammenschlang, als wolle sie das beginnende Leben darin ersticken.

Ihr banger Ruf hatte mehrere der Umstehenden herbeigelockt. Unter ihnen trat der alte Geistliche zunächst zu ihr hin, und fragte sie leutselig: ob sie irgend einen Schmerz empfinde. Aber Luise antwortete nicht, sondern ergriff mit Heftigkeit seine Hand, die sie vor wenig Monaten an Julius Seite einsegnete. Zufällig heftete sie den Blick auf die verschlungnen Hände. Der Trauring glänzte hell5 an ihrem Finger, und mahnte sie, wie das leuchtende Antlitz des Greises, an den gebrochnen Eid. O mein Gott! o mein Gott! stammelte sie wiederholt, und verhüllte unter lautem Schluchzen ihr Gesicht in die Decke. Der fromme Alte sah sie verwundert an. Ihm war wenig von der Veranlassung ihres Kummers bekannt, und wäre er auch davon unterrichtet gewesen, er würde schwerlich Luisen verstanden haben, da er durch ein langes, gedrängtes Leben jeder Widerwärtigkeit nur mit stillem Sinn zu begegnen wußte. Wenn Sie sich etwas sammeln könnten, hub er nach einer Weile an, ein Brief des Herrn Grafen wartet schon so lange auf Sie, vielleicht würde Sie dieser beruhigen. Luise sah auf, ihre Thränen stockten, ihr war, als bräche das Strafgericht über sie ein. Zitternd, ohne Muth, das unvermeidlich scheinende abzuwenden, saß sie aufgerichtet im Bette. Der Prediger hielt diese beredte Zeichen für eine stille Einwilligung. Den Brief vor sie hinlegend, stand er auf, und eilte, durch ein Amtsgeschäft berufen, sich für den Augenblick zu entfernen. Luise erbrach das Siegel, ohne recht zu wissen was sie that, und las Folgendes:

» Laß Dich nicht von dem Anblick dieser Zeilen erschrecken, liebe Luise. Es steht alles besser als Du denkst. Fernando lebt, und wird im Kloster6 bei den frommen Brüdern bald genesen. Ich bin ja nun auch nicht so unglücklich, als ich hätte werden können; und doch liegt es so schwer, so entsetzlich schwer auf meiner Seele, ich weiß auch nicht, wie das jemals anders werden soll! Ueberhaupt kann ich nicht mehr an den nächsten Augenblick denken. Es ist alles so losgerissen, so dunkel; ich weiß mich in nichts zu finden. Du eiltest auch so schnell vom Falkenstein! Ach Du hattest wohl Recht! Was solltest Du auch bei mir! Ich war Dir nichts, konnte Dir nie etwas sein! Ich habe das immer mit unsäglichem Schmerz gefühlt; aber es mußte so kommen, damit ich es Dir wie mir gestand. Nun ist alles aus; der lange, schöne Traum meines Glückes ist aus! Ach und ich habe Dich doch so sehr, so sehr geliebt. Sieh, ich könnte denken Du seist meine Schwester, und mit Dir reden wie ehemals. Aber dann fällt mir’s mit Todesangst ein, daß du das nicht bist, daß es sonst anders war, und ich frage mich und Gott und die Natur, was Du mir bist. Sage mir, Luise, was bist Du mir denn? Ich könnte über die Frage den Verstand verlieren! Zuweilen ist’s auch, als verwirrten sich mir alle Begriffe. Ich fodre Dich dann mit bittrem Trotz vom Schicksal, als mein heiligstes Eigenthum; ich will hin zu Dir, ich will7 Dich fragen, ob Du ein theuer gelobtes Wort brechen, ob Du alle göttliche Ordnung verhöhnen darfst? Ach ich vergesse, daß mein Glück wie mein Recht nur in dem kunstreichen Gewebe zweier geschäftigen Frauen erwuchs, daß mein Sinn zufällig in die Dichtung verstrickt ward, während der Deine sie weit überflog, daß nichts von dem allen wirklich bestand, als meine Liebe, meine qualvolle Liebe, die nun, da die bunten Fäden zerschnitten sind, in meiner Brust ihr Grab findet. Ach Luise, Luise, wie elend sind wir! Ja, Du bist es auch; ich fühle es wohl, wie Reue und Sehnsucht zerstörend um Dich kämpfen, wie alles in der Zukunft Dich anzieht und abstößt, wie Du zwischen mir und Fernando, zwischen dem alten, befreundeten Jugendgespielen, dem Liebling Deiner Mutter, und dem heißersehnten, durch Blut und Sünde erkauften, Geliebten dastehst, und bei keinem, keinem die Ruhe Deines Herzens wiederfindest. Armes Kind! wärst Du hier, Dir wäre doch wohl besser! Denn ich sieh, ich würde Dich in meine Arme nehmen und mit Dir weinen; wir ständen dann Beide an den Trümmern unsers Glückes! Aber nein, nein, bleib, o bleibe! Ich kann Dich nun nicht wiedersehn. Ich müßte Dich ja fragen, was Du8 mir bist? und das weißst Du nicht, und ich nicht, und kein Gott kann mir’s sagen.

Mir war leichter, als ich anfing mit Dir zu zu reden. Nun zieht sich wieder alles dicht um mich her; ich kann kaum athmen! Lebe wohl! ach lebe tausendmal wohl, Du schöne Frühlingsblume meines Lebens, Du hast Dir wie mir gelogen, der Sommer bleibt wohl ewig fern! Wärst Du todt, ich könnte sagen, was vergangen, ist dennoch gewesen; aber so ist nichts vergangen und nichts gewesen, und das süßeste Glück meines Lebens, ja mein ganzes Dasein, ist nur ein neckendes Traumgesicht. Noch schwebe ich oft am goldnen Saum des Traumes zwischen Wachen und Schlafen; wenn nun aber der volle bleibende Tag hereinbricht, dann muß ich vergehn wie alle Truggestalten der Nacht. O es ist erschrecklich, Luise, wenn uns die Vergangenheit so zur Lüge wird und wir hinter uns in das öde Nichts sehn!

Ich sollte Dir das alles wohl nicht sagen, aber Du fühlst es, um der Wahrheit willen, die in Deiner Seele ist und die nichts daraus verdrängen kann. Auch bestand ja von je mein lebendigstes Denken aus innren an Dich gerichteten Worten. Gönne mir noch eine Zeitlang die liebe Gewohnheit, sie ist mir zur Natur geworden.

Vielleicht freuet es Dich, wenn ich Dir sage,9 daß der Mönch seine Liebe und Sorgfalt zwischen mir und dem wiedergefundnen Sohne theilt. Du weißst ja wohl? oder weißst Du nicht? Er meint ja, Du habest die letzten Worte gehört, und seiest erst, nachdem Fernando fiel, verschwunden. Ja wohl, verschwunden! Vergebens strecke ich meine Arme nach Dir aus; das Luftbild ist zerronnen, meine Luise bleibt ewig fern.

Man sagt, Du seiest krank. Ich kann das wohl begreifen; und doch erschrickt’s mich nicht wie sonst. Der Tod scheint mir so wünschenswerth, so lösend und beruhigend. Ganz anders fühl ich die Schmerzen Deiner Seele. «

Luise ward für den Augenblick ruhiger. Fernando lebte, Julius redete zu ihr, keines seiner Worte verdammte sie, ihr Vergehn erschien ihr weniger groß, seit der Ausgang der letzten Begebenheiten milder war als sie fürchtete.

Nach und nach ward es heller in ihrer Seele. Sie konnte das Einzelne festhalten, ansehn und erkennen. Nur war ihr die Zeit zwischen jenem blutigen Ereigniß im Walde und ihrem jetzigen Erwachen ganz entfallen. Sie sann lange darauf, wie sie hieher gekommen sei, konnte aber nichts als einzelne vorüberfliegende Erinnrungen auffinden.

Mariane saß indeß unermüdet zu ihren Füßen und schien bereit, das lange Schweigen auf den10 ersten Wink zu brechen. Daher schöpfte sie tief Athem, als Luise sie nach den nähern Umständen ihrer Reise befragte, und erwiederte, nachdem sie die letzten Ereignisse noch einmal überflog: Lieber Himmel, gnädge Gräfin, das ging alles so wunderlich zu, daß ich’s noch heute am Tage nicht zu erklären weiß. Es war fast Mitternacht, als ich Sie vorigen Mittewochs ausgekleidet hatte, und mich ebenfalls anschickte, schlafen zu gehen, da trat Georg noch zu mir in die Stube, setzte sich still in einen Winkel und sagte lange kein Wort. Ich wußte nicht, was das zu bedeuten hatte, und sahe ihn verwundert an. Jungfer, sagte er endlich halblaut, es geht hier was vor, es ist seit einiger Zeit ein gewaltiges Gepolter in den langen Gängen. Gestern fiel’s in der Rüstkammer, daß der Boden dröhnte. Ich sagte es heute Morgen dem Herrn Grafen. Wir gingen hinein, und fanden das breite Schwerdt mit dem Siegelring am Knopf, von dem ich Ihnen oft er zählte, halb aus der Scheide heraus, am Boden liegen. Der Herr Graf nahm’s auf, besah’s und hing’s still wieder an, aber der Nagel war in der Mauer los geworden und fiel heraus. Da hat’s der Herr Graf mit auf sein Zimmer genommen. Jungfer, das ist ein Unglückszeichen. Der Todesengel wird kommen und sich’s abfordern. Sagen Sie, daß ich’s gesagt habe. 11Heute ist’s nun schon dreimal um das Schloß geritten, und so oft ich hinaus sah, war nichts da. Gott bewahre uns! rief ich, was sind das für wunderliche Grillen! aber ich zitterte, wie ich das sagte, und konnte den alten Georg nicht ansehn, der mir in der Angst ganz fremd vorkam. Da rief er mit einemmale: Herr Jesus, was war das! Ich hatte nichts gehört und nichts gesehn; aber ich erschrak so, daß ich mir mit beiden Händen die Augen zuhielt und nicht eher wieder aufsah, als bis der Jäger fluchend hereintrat und den fremden Herrn verwünschte, der nichts als Teufeleien im Schlosse anfange, wodurch ehrliches Gesinde geschoren werde. Er solle, sagte er, noch spät in der Nacht mit einem Handpferde nach Harzgerode reiten und dort Order erwarten. Der Herr Graf sei auch noch ausgegangen, das alles gelte sicher so ein italienisches Stückchen, eine Streiferei im Gebürge, die der Fremde angezettelt habe. Georg saß während dem immer noch mit gefalteten Händen, sein kleines schwarzes Mützchen weit über die Augen gezogen, ohne ein Wort zu sagen. Ja, ja, der Fremde! rief er jetzt, schob sich die Mütze aus den Augen und wankte zur Thür. Der Jäger folgte ihm. Ich war nun ganz allein, und so angst und bange, daß ich mich aufs Bett warf und die Decke dicht über den Kopf zog. Zuletzt mochte ich wohl eingeschlafen12 sein, als ich’s leise um mich herum gehen hörte. Der Athem stockte mir, ich zitterte am ganzen Leibe, und konnte nicht einmal beten, so schnürte mir’s die Brust zusammen. Da hörte ich meinen Nahmen; es zog erst sacht, dann stärker an meiner Decke, eine Hand fuhr mir über die Augen, so daß ich sie halb öffnen mußte; da standen Sie, gnädige Gräfin, nein niemals werde ich’s vergessen, Sie standen in den langen, dunkelrothen Shawl gewickelt, blaß wie der Tod neben mir, und sagten mit zitternder Stimme: steh auf, Mariane, laß anspannen, wir müssen fort, geschwind, geschwind. Ich weiß nicht, wie ich auf die Beine und zur Thür hinaus kam. Im Flur stieß ich auf Georg. Ich wiederholte ihm Ihren Befehl. Schon gut, sagte er, ohne weiter zu fragen, als wisse er alles. Ich konnte mich lange nicht finden, endlich erinnerte ich mich, daß Sie schon am Vorabend Anstalten zur Reise machten, daß ich eingepackt hatte und noch mancherlei besorgen müsse. Als ich nach einer Weile zu Ihnen zurückkehrte, standen Sie noch, wie zuvor, an mein Bett gelehnt, ohne sich um etwas zu bekümmern oder weiter zu befehlen. Endlich fuhr der Wagen vor. Auf sein erstes Geräusch gingen Sie zur Thür. Georg öffnete sie und sagte: es ist nun so weit. Im Hofe fanden wir das Gesinde versammelt. Der Jäger hielt zu13 Pferde mitten unter ihnen. Im Walde, hörten wir, sei ein Schuß gefallen, einer sei verwundet, der Herr Graf sei auch dabei; mehr konnten wir in der Eil nicht erfahren, denn Sie, gnädige Gräfin, riefen wiederholt: fort, um Gotteswillen fort! Ich und die Andern glaubten Anfangs, Sie wollten nach dem Walde fahren, der Kutscher lenkte auch dahin; aber als wir bei dem Wasserfall vorbei kamen, sagten Sie aufs neue: Mariane, mach daß wir nach Quedlinburg kommen, aber bald, recht bald! Wir nahmen den Weg dahin. Sie legten darauf den Kopf auf meine Schulter und schienen einzuschlafen. Da ward mir nun vollends erst recht beklommen. Sie lagen so kalt und unbeweglich in meinen Armen, dazu ward die Nacht immer finstrer, ich konnte nicht vor, nicht neben mir sehen, und wenn wir denn so hart an den Bäumen hinfuhren und die langen, dürren Zweige oft raschelnd an die Wagenfenster schlugen, dann fuhr ich zusammen und wußte vor Angst nicht meines Bleibens. So lange wir im Gebürge reisten, kam mir’s immer so vor, als ritte jemand neben dem Wagen, ich konnte aber nichts erkennen. Gegen Morgen zu hörte ich auch einmal ein Pferd dicht neben mir schnauben, dabei pfiff es wie ein kalter Wind durch den Wagen. Mir schauderte, wenn ich an alles zurückdachte. Als wir endlich in die14 Stadt kamen, redeten Sie ein paar Worte. Wir mußten Pferde wechseln, und Sie verlangten ausdrücklich, hierher gebracht zu werden. Nach einigen Stunden wurden Sie aber ganz still. Ihre Augen schlossen sich, die Brust flog wie im heftigsten Krampfe. So kamen wir hier an. Ich konnte vor Angst und Thränen kaum sprechen. Wir brachten Sie gleich in das nächste Zimmer und schickten eilends zum Doktor, der auch diese Tage immer hier blieb, während Sie im stärksten Fieber und dem ängstlichsten Schlaf dalagen und von nichts wußten, was um Sie vorging. In vorletzter Nacht ward der Doktor abgerufen. Er sagte, er müsse fort, versprach aber, heute vor Abend hier zu sein. Ich bin, so lange er fort ist, ganz trostlos gewesen. Ich glaubte gewiß, Sie müßten nun sterben. Ach Gott! was wäre dann aus mir geworden. Sie beugte sich bei diesen Worten über Luisens Hand, die sie unter stillen Thränen küßte.

Mariane hatte kaum geendet, als ein Wagen in den Hof fuhr, aus welchem Carl und der Doktor stiegen. Luise erfuhr nicht so bald, wer angekommen sei, als sie eine tiefe Beschämung fühlte, Jemand wiederzusehn, mit dem sie die letzten Tage auf dem Falkenstein verlebte. Sie war noch unschlüssig, ob sie nicht Carls Besuch abweisen sollte, als dieser schon hereintrat. Gottlob! rief er, Sie15 eben. Aber lieber Himmel, wie sehn Sie aus! Er blieb eine Weile schweigend vor ihr stehen. Ich möchte mir eine Kugel durch den Kopf jagen, fuhr er fort, wenn ich denke, daß ich an allem dem Schuld bin! Und doch ist’s so; mein verfluchter Streit mit dem Werner hat Sie erst recht in’s Elend gestürzt. Und dazu verließen wir Sie wie feige Buben. Sie hatten nun die Qual im Herzen und Angst und Gefahr von allen Seiten, da mußten Sie sich wohl an den Gott sei bei uns selber wenden. Denn daß Sie unschuldig sind, darauf verwette ich meine Seligkeit! Lieber Carl, sagte Luise sehr erschüttert, lassen Sie das Vergangene ruhen. Es läßt mich aber nicht ruhen, fiel er heftig ein. Ich kann an nichts anders denken, und Sie, wenn Sie aufrichtig sein wollen, haben zuverlässig auch keinen andren Gedanken. Zu was sollen wir einander hintergehn und hin und her sprechen, während uns ganz andre Dinge im Sinne liegen. Ich kann mir wohl vorstellen, wie Sie sich innerlich abquälen und doch gegen alle, die um Sie sind, nichts äußern dürfen. Gewiß, Ihre Lage ist recht trostlos!

Der Doktor näherte sich jetzt, nachdem er draußen überall weitläuftige Erkundigungen eingezogen hatte. Nun es geht ja gut, sagte er, Luisens Hand ergreifend. Sein Blick ruhete dabei16 mit seltsam zurückgedrängter Neugier bald auf Carl, bald auf Luisen. Sie müssen nur Ihr Gemüth beruhigen, fuhr er fort, denn was sich da verletzt und zerstört, kann ich nicht ausheilen, und das hat einen ganz erstaunlichen Einfluß auf den Körper. Das ist wohl leicht gesagt, unterbrach ihn Carl, aber beruhige einer mal, wenn es so recht wurmt und sticht. Der Doktor zuckte die Achseln. Der Wille thut viel, sagte er, indem er den Mund etwas nach der Seite und die Augenbraunen zusammen zog, was er gewöhnlich that, wenn er gerührt war, und dennoch die äußre, mit seinen Geschäften verbundene, Ruhe behaupten wollte. Der Wille wiederholte Carl, den hat erst alles recht zum Besten, Menschen, Umstände und so mancherlei in uns, was ich nicht nennen kann, was aber recht wie der Teufel hinterm Busche ’rausguckt und einen anpackt, daß man nicht wieder los kann. Das, dächte ich, hätten wir erst gestern gesehn. So ein gescheuter Mann, so fest und ruhig, und nun hin, daß es ein Erbarmen ist. Der Doktor winkte hier Carl bedeutend. Ja so! sagte dieser, und trat einige Schritte zurück. Der Doktor redete hierauf noch einiges mit Luisen und setzte sich dann, eine Zeitschrift aus der Tasche ziehend, in ein Nebenzimmer, um zu lesen.

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Carl, sagte Luise, der jener Wink nicht entgangen war, ist es Julius, den Sie eben jetzt meinten? Ich bitte Sie um Gotteswillen, sagen Sie mir die Wahrheit, ist er krank? gefährlich krank? Weiß der Himmel! rief jener nach kurzem Besinnen, wie mir’s bei Ihnen mit meinen Geheimnissen geht! Wenn ich einmal unversehens anschlage, so kommen Sie gewiß gleich auf die rechte Spur und erfahren allemal was Sie nicht wissen sollen, denn ableugnen kann ich nicht, und auf solche Kunststückchen, Sie auf falsche Fährte zu locken, verstehe ich mich gar nicht. Also ist es so! rief Luise ganz außer sich. O Gott, auch das noch! Beunruhigen Sie sich nicht vor der Zeit, sagte Carl, das Schlimmste ist noch nicht da, ist vielleicht noch sehr entfernt; aber wahr ist’s, Julius leidet viel. Ich traf gestern den Doktor auf dem Falkenstein, wohin ihn Georg in der Herzensangst rufen ließ. Julius hat ein paarmal heftige Fieberanfälle gehabt und sieht sich kaum noch ähnlich. Ich erschrak, als ich zu ihm hineintrat. Er saß da, bleich und abgefallen, wie ein Schatten. Guter Carl, sagte er, als ich ihm die Hand gab, Du hast es immer ehrlich mit mir gemeint, in unsern Kinderspielen wie im Leben selbst; ich danke Dir. Mir gingen diese Worte durch die Seele. Sie klangen wie ein Abschiedsgruß. Ich betrachtete ihn schweigend. 18So kurze Zeit, und diese Verändrung. Ich kam mir selber steinalt vor. Meine ganze Jugend sah ich mit ihm zu Grabe gehn. Du weißst doch, fuhr er fort, und die Welt weiß es wohl auch schon, was ich gefunden und verloren habe. Wollte Gott, rief ich, Du hättest nichts gefunden, so hättest Du auch nichts verloren! Das mag ich nicht denken, sagte er, immer gleich sanft und ergeben, Gott wollte sicher alles ganz anders, aber ein jeder von uns bat, wie es so oft im Leben geschieht, den eignen Wünschen gefolgt, und nun kreuzt sich’s so bunt durcheinander. Du gutes, treues Herz! rief ich unaussprechlich gerührt, was hast Du denn dabei verschuldet? So manche Ahndung, sagte er ernst, flog warnend an mir vorüber, ich habe sie überhört, und selbst das Netz geschürzt, worin ich nun gefangen liege. Ich fragte ihn, wie er das meine; allein er schüttelte schweigend den Kopf, und sah vor sich hin, ohne weiter auf mich zu merken. Mir schossen die Thränen in die Augen, so oft ich ihn ansah. Deshalb ging ich hinunter in den Garten. Aber da war es nun vollends erst recht traurig. Das Laub ist in den wenigen Tagen ganz gelb geworden, vieles liegt vertrocknet auf dem Boden, dort in den langen Alleen rauschte es unter meinen Füßen, oder zitterte knisternd an den Zweigen. Ich ging rasch an dem Rasensitz vorüber,19 wo wir den Tag versammelt waren, als die Bergleute kamen, es war mir gar zu wehmüthig, an die kurze Freude zu denken; aber wo ich ging und stand ward mir zu Muthe, als käme ich Nachts an einen Kirchhof. Ihre Blumentöpfe lagen meist vom Winde umgeworfen. Von dem einen Myrtenbaume hing die abgebrochne Krone am Bande, womit er angebunden war, und schlenkerte in der nassen Luft hin und her. Ich mochte nicht zu Ihren Fenstern aufsehn, und machte daß ich wieder in das Schloß zurückkam. Auf der Treppe begegnete ich dem Doktor. Ich befragte ihn über Julius. Er meinte, es sei in dem Augenblick vielleicht weniger Gefahr als man denke; allein es arbeite so vieles in seinem Innren, was über den Ausgang nicht entscheiden lasse.

Als ich am Abend mit Julius allein war, redete er sehr viel, und so schnell und heftig, wie ich es nie von ihm gehört hatte. Aber immer kam er auf den Vorgang im Walde zurück, und konnte sich nicht von den Erinnrungen losmachen, die ihn sichtlich ängsteten. Mir selbst ward ein paarmal ganz wunderlich, wenn er mich mit beiden Händen faßte und ausrief: Carl, denke Dir’s doch, denke Dir’s, es war ja mein Bruder, auf den ich zielte; Herr Jesus, wenn ich ihn getroffen hätte! Ich fragte ihn darauf, wie ihm das Pistol auch sogleich20 in die Hand und er in den Wald gekommen sei. Ich weiß nicht, erwiederte er, wie ich mir selbst vorkomme, wenn ich an alles zurückdenke! Werners Worte lagen mir immer im Sinn und befleckten und zerrissen mir alles, was mir bis dahin allein lieb war, weniger um das, worauf sie deuteten, als daß sie überall laut werden konnten. Mir war den ganzen Tag, als sei der Boden unter mir aufgewühlt, ich konnte nirgend fest auftreten. Nach langem Hin - und Hersinnen nahm ich mir vor, mit Fernando recht offen zu reden, und zu überlegen, was so unberufne Urtheile könne veranlaßt haben. Ich ging in dieser Absicht den Abend spät nach seinem Zimmer. Die Thür war angelehnt, er nicht darin, wohl aber der Maler, was mich befremdete, schlafend im Nebenzimmer. So wird Luise vielleicht noch wachen, dachte ich, und wandte mich dorthin. Sie wollte am andern Morgen verreisen, und ich muß die arme zagende Seele zuvor noch beruhigen. Allein auch hier fand ich die Thür, die nach dem Vorsaal geht, nur angelehnt. Ich trat hinein, alles war still, Luisens Kleider hingen über einem Stuhl, ihr Bett war noch unberührt, sie selbst nirgend zu finden. In dem Augenblick überfiel mich eine Angst, daß ich mich kaum aufrecht erhalten konnte. Ich stellte das Licht auf Luisens offnen Schreibtisch und lehnte21 mich an einen davor stehenden Stuhl, um Athem zu schöpfen. Meine Blicke fielen zufällig auf zerstreut liegende Papiere, deren Schriftzüge ich lange anstarrte, ohne zu wissen was ich las; doch nach und nach traten die Worte wie Nachtgesichte vor mich hin und fuhren schneidend in mein Innres. Ich besann mich; es waren fliegende Blätter aus Luisens Tagebuch, die vor mir lagen. Ihr Inhalt schüttelte mich wach. Ich erkannte damals, wie jetzt, die Qual, mit der sie rang, und beschloß, sie zu retten, gleichviel wie. Mit den Pistolen unter dem Arm, stürzte ich aus dem Hause. Im Hofe traf ich den Jäger, der aus dem Walde zurückkam. Ich fragte ihn, ob er dem Fremden begegnet sei. Ja wohl, sagte er, der muß was auf der Spur haben; ich sah ihn, durch die Schonung kommend, rechts über den Graben setzen und dann den Weg nach dem Kloster nehmen. Nach dem Kloster? fragte ich. Mich schüttelte es wie Fieberfrost. Sattle zwei Pferde! rief ich, reite nach Harzgerode und erwarte dort Nachricht. Ich weiß nicht recht, warum ich das sagte; ich dachte wohl an ein Unglück, an mögliche Flucht für Fernando; deutlich war mir nichts, selbst nicht mein Wille. Am Eingang der Buchenallee, die zum Kloster führt, sprang mir Luisens Hund entgegen. Er lief hin und her, bald vor - bald rückwärts. Ich folgte ihm athemlos,22 mit klopfender Brust, wie ein Getriebener. Plötzlich stand ich vor Beiden. O erlaß mir ich bitte Dich Er schwieg. Ach Gott, ich wußte ja das Uebrige und weinte aus Herzensgrunde mit ihm.

Luise hatte nicht den Muth, die Augen aufzuschlagen. Carls Worte fielen schonungslos in ihre Seele. Seine treue Schilderung zeigte ihr die Dinge wie sie waren, und gestatteten durchaus kein Verkleiden der Wahrheit, die sie derb anfaßte, und zwang, ihr in das strenge Antlitz zu sehen. Hier stand es mit Flammenzügen, die keine Macht der Erde auslöschte, sie habe das Böse herauf beschworen, dadurch, daß sie sich seinen frühesten Lockungen zagend hingab. Jetzt, das fühlte sie, hatte es sie berührt, und alles was ihr lieb war, bis auf die heiligsten Erinnrungen befleckt.

Der arme Julius, hub Carl auf’s neue an, hat nun seit dem nirgend Ruhe. Er sagte mir einmal, was ihn am meisten quäle, sei, daß er nicht wisse, wo er mit den eignen Gedanken hin solle. In der Vergangenheit sei ihm alles zusammengestürzt, die vertrautesten Bilder sehen ihn fremd an, er suche und suche, und finde weder Kindheit noch Jugend. Die Zukunft aber stehe wie ein bleiches Gespenst da; ihn schaudre wenn er darauf hinblicke. Ich sprach ihm Muth ein, und23 sagte, es könne ja noch alles besser werden. Was soll werden? fragte er; es ist ja nichts da, was werden könnte! Das ist mein Elend, daß nichts, nichts von allem dem wirklich ist, worin ich lebte, und ich nur wie eine dunkle Wolke an Luisens Himmel hinziehe. Es muß wohl so sein, wie er sagt, denn recht von Herzen ging es ihm, mir ward fast wie ihm dabei zu Muth.

Der Doktor war indeß, mit einem Licht in der Hand, vor die tausendmal gesehenen und besprochnen Schildereien getreten. Julius Bild, als Knabe gemalt, sprang in voller Beleuchtung hervor. Das Kind sah sinnend und sehr ernst aus großen etwas tief liegenden Augen hervor. Schlichtes Haar, nur an den Spitzen gekräuselt, theilte sich auf der Stirn, so daß diese, fast frei werdend, eine Falte über den Augenbrauen sehen ließ, die dem Gesichtchen etwas Ungewöhnliches, überaus Hohes, gab. Nur um den Mund schwebte ein kindliches Lächeln, das man fast schmerzlich nennen konnte, so wehmüthig fühlte man sich davon ergriffen. Ganz erstaunt getroffen, sagte der Doktor halbleise zu Marianen, die mit ihrer Arbeit zunächst dem Bilde saß; nicht wahr? zum sprechen. Luise hielt sich nicht länger. Ja, ja, es spricht! rief sie. Du liebes, frommes Kind, öffne nur den verschloßnen Mund, und nenne mein Leid und das Deine! 24Der Doktor wandte sich erschrocken zu ihr. Er glaubte sie zu sehr im Gespräch mit Carl vertieft, um auf jene rücksichtslos gesprochnen Worte zu achten. Luise begegnete seinen Blicken, die sich voll gutmüthiger Theilnahme auf sie richteten. Lassen Sie immerhin Ihr Gefühl laut werden, mein alter Freund, sagte sie gerührt, das Schweigen ist nun gebrochen; ach! und es liegt ja auch ohnehin alles so hell am Tage, mein Unglück und mein Vergehn!

Der Doktor ward lebhaft von der großen Störung eines ruhig bürgerlichen Verhältnisses ergriffen, das früher unter seinen Augen entstanden und in seiner Gegenwart bestätigt war. Diese Störung mehr als das persönliche Leid in’s Auge fassend, sagte er mit finsterm Ernst: mein Gott, wer hätte dies vor einem halben Jahre denken sollen, als wir alle das letztemal hier versammelt waren. Ich ahndete es lange, erwiederte der alte Geistliche, der von den Andren unbemerkt schon eine Weile im Zimmer war. Mir stellten sich recht wider Willen unheimliche Ahndungen in den Weg, und im entscheidenden Augenblick ging ich zum erstenmal im Leben zagend an meinen Beruf. Tod und Leben begegneten einander so wunderbar auf demselben Wege Die befangnen Sinne faßten alles unsicher auf, Niemand verstand sich selbst, der Schmerz25 riß Alle im Taumel fort. So im Streit mit Gottes Willen und den eignen Wünschen soll der Mensch nicht über sich bestimmen wollen. Die Liebe sollte siegen, aber der Tod mit seinen Qualen drängte sie zurück.

Carl stand mit gefalteten Händen vor dem Greise. Reden Sie nicht mehr vom Tode, sagte er erschüttert, ich habe ihn seit gestern immer vor Augen, und das ängstet mich entsetzlich. Der Alte sah den frischen lebenslustigen Jüngling an, nahm seine Hand und sagte: nun, so wollen wir vom Engel des Friedens reden, der alle bösen Träume und auch den Tod verjagt. Er sei uns hier und dort nahe.

Alle schwiegen. Luisen faßte ein leiser, wonniger Schauer. Der Friedensengel neigte sich zu ihr und küßte ihre wunde Brust. Dort und hier? dachte sie. Was birgt das dunkle Jenseit? Sollen dort Blumen blühen, die mir hier fremd waren? Ist der Himmel nicht der ewig Eine? Still dämmernd brach ein neuer Morgen in ihre Seele herein. Sie fühlte eine unaussprechliche Sehnsucht nach Julius, der versöhnend aus der Ferne winkte und das feuchte Auge voll Schmerz und Liebe auf sie heftete. Dahin, dahin, dachte sie, führt der Weg zum Himmel.

Haben Sie gelesen? fragte der Prediger, auf26 Julius Brief zeigend. Ja, ach ja, erwiederte Luise. Und soll ich fragte er weiter, soll ich Nein, unterbrach sie ihn, ich will selbst schreiben, diesen Abend noch, gleich. Das ist recht, fiel Carl ein, das kann vieles wieder gut machen! O! ich hoffte es immer. Hm sagte der Doktor kopfschüttelnd, und wandte sich ab. Der Riß ist einmal geschehn. Alle Theile sind aus ihren Fugen gesprengt, es hält schwer, so etwas wieder einzurichten. Ich weiß nicht, hub der Prediger an, was Ihre Worte bewirken sollen; aber rufen Sie einen stillen Sinn ans Licht, und den Willen, der zugleich demüthig ist und kühn, so machen Sie vieles gut. Luise drückte ihm schweigend die Hand. Bald darauf äußerte sie den Wunsch, allein zu sein, worauf sie Carl dringend bat, ihm ihre Aufträge nach dem Falkenstein mitzugeben, da er noch diese Nacht den Weg dahin antrete, und alsdann zum Onkel gehe, um dort den Klugen die Köpfe zurecht zu setzen. Die Baronin, setzte er hinzu, habe ihm gleich nach des Malers Rückkehr den fatalen Vorfall gemeldet. Ihre Worte haben wohl traurig, aber doch spitz und vornehm geklungen, weshalb er auch gleich hingewollt, zuerst aber doch zusehen müssen, wie die Dinge eigentlich stehen. Nun werde er wohl Rede und Antwort geben und die Seitenhiebe pariren können. Er ermahnte Luisen27 noch einmal, alles anzuwenden, das Geschehene ungeschehen zu machen und die Dinge ins vorige Geleis zu bringen. Was mich anbetrifft, setzte er treuherzig hinzu, ich werde keine Mühe sparen, wobei er ihr zuversichtlich die Hand schüttelte und den Andren folgte.

Sie war nicht so bald allein, als sie mit möglichster Anstrengung das Bett verließ und zum Schreibtisch eilte. Ihr Herz klopfte ängstlich, als sie die Feder ergriff. Voll Reue und Vertrauen wollte sie sich dem einzigen Wesen hingeben, das sie auf dieser Welt über alles liebte. Wahr, wie vor Gott, im Bekenntniß ihrer Schuld an die treueste Brust sinken und den verhaltnen Schmerz und die Kämpfe der zagenden Seele laut werden lassen. Demüthig barg sie ihr Gesicht in die gefaltnen Hände und betete noch einmal still. Als sie aufsah, fielen ihre Augen zufällig auf ein Packet ineinander geworfener Papiere. Die Worte zogen sie unwillkührlich an. Es war ihr Tagebuch, welches Mariane in der Nacht ihrer Abreise vom Falkenstein gedankenlos mit andern Sachen zusammengerafft und hier in den offen gefundnen Schreibtisch geworfen hatte. Ach! jene Blätter, die Julius den Todesstoß gaben, lagen obenauf. Der bange Ruf aus jener Zeit riß sie fort. Sie las gleich zuerst:

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» Was bedeutet die Angst, die mich bei des Fremden Anblick, ja bei seinem Nahmen, befällt! Alte Sagen sprechen viel vom Basilisken, dessen Blick vergiftend die fremde Brust berührt. Ich spüre etwas Aehnliches. Der seine zieht mein Herz zusammen. Und warum? Julius liebt ihn, er ist sein Freund. Was geht mich alles andre an! Und dennoch! Mir ist so bang, so wehmüthig! Ich möchte weinen über die schöne stille Zeit, die so rasch verflossen und so widrig gestört ist!

Kann die Natur auch lügen, oder sich in sich selbst widersprechen? Wozu all die Schönheit und Fülle und Herrlichkeit des Geistes, wenn alles ein Gaukelspiel ist und die Sünde und Arglist im Hinterhalt lauern! Ich war auch wohl nur eine Thörin! Das Fremde berührte mich vielleicht nur fremd. Ich werde mich versöhnen lernen.

Nein, nein, es ist vergebens! Ich finde nirgend Ruhe. Es peinigt mich die innre Unsicherheit und die wechselnden Eindrücke, die mich hin und her werfen zwischen Haß und Wohlwollen. Zuweilen besänftigt mich die leise, schmeichelnde Stimme, es wird still in mir, ich vergesse mich selbst und höre aufmerksam auf die Begebenheiten eines reichen Lebens. Dann fährt das Lächeln, das höhnende Lächeln, schneidend durch29 mich hin; ich erschrecke und fliehe wie vor dem bösen Feind.

Haß und Liebe! O hätte die erfahrne Frau doch nie gesprochen! Dies also, dies war die Todesangst? Und er weiß es, was mich quält und sieht vornehm darüber hin! Ich wußt es nicht, ach nein, ich wußt es nicht, darum mein Gott laß mich’s auch bald vergessen!

Ich glaubte, es solle besser werden, die vielen Menschen um mich her werden mich zerstreuen; Ja wohl zerstreuen! das haben sie gethan. Weniger gesammelt als je, verliere ich mich in bangen unsichern Ahndungen. Anfangs war mir leichter, ich konnte freier reden zu allen denen die nicht wußten wie mir zu Sinne ist. Jetzt aber, jetzt ! O Gott im Himmel, du siehst die Angst die mich aus allen Sinnen drängt. Fremd, verlegen, sitze ich in dem bunten Kreise, ohne Muth mich selbst zu behaupten, ohne Kraft, heimlichen Angriffen zu widerstehn. Wie gebannt liege ich in den Schlingen, die eine freche Hand über mich zusammenzieht. Zuweilen mahnt mich noch ein innrer Ruf, ich reiße mich aus der eignen Erniedrigung empor, ich stemme mich gegen die Gewalt, die auf mich eindringt, ach, und wenn dann mein scheuer Blick den seinen streift, der so kalt und hoch über mich hinfährt, dann sinke ich wie ein30 Kind zusammen, und beweine mein Elend und meine Thorheit. Es ist gewiß, seit er mich haßt, fühl ich doppelt was mir ewig ein Geheimniß bleiben sollte. Wüßt ich nur, wohin ich fliehen, an welche treue Brust ich mich verbergen könnte. Julius geht so still, so ruhig neben mir hin. Mein Julius ach Gott bewahre mich vor dem Frevel, Dein reines Herz mit diesem Mißton zu verletzen! Die Baronin drängt sich wohl an mich, aber sie weiß nicht was sie thut. Ein Spiel, mein Kind, sagte sie diesen Morgen, ein freches Spiel treibt er mit ihnen. O fühlt sie’s nicht, wie das die wunde Seele vollends zerreißt! Soll ich denn mit Gewalt verachten, was ich mit unsäglicher Qual und Verzweiflung liebe?

Es ist geschehen! Der Schleier ist zerrissen! Das innre Gift und meine Thränen nagten unaufhörlich an dem luftigen Gewebe. Was es verdeckte, liegt nun offen dar. Es ist laut geworden ihm und mir, was tief in Nacht das Licht scheuete. Was ist die Kraft, was der Stolz edler Naturen, wenn fremde Mächte so mit uns spielen! In sein Herz legte ich alle meine Sorgen nieder! Mir war so wohl, so unaussprechlich wohl. Der Friede lachte mir nach langem Streit. Ich war mit allem ausgesöhnt, ich scheuete Niemand, auch Julius nicht. Ach, ich hätte ihn umfangen und31 mit voller Wahrheit an meine Brust drücken mögen! Kann der Himmel auch die Hölle bergen? Um ein paar vorüberfliegende Sonnenblicke zu erhaschen, gab ich Ruhe und Glück, ja das Leben selbst hin. Denn ist das ein Leben zu nennen, was unaufhörlich das Leben zerreißt? Wie Grabesnacht sehen mich meine Umgebungen an, und drüber hinaus zieht es wie ein buntes Spiel, das nicht zu mir gehört. O Erinnrungen, könnte ich euch ersticken, daß ihr nicht mit euren Zauberklängen die Sinne wach erhieltet! Aber immer, immer werde ich die Stimme hören, die bald schmeichelnd, bald drohend mein Ohr berührte. Sie riß mich fort; ich mußte folgen! Ich muß auch jetzt O Julius, Julius! das herbste Gift ward Dir durch mich bereitet. Jetzt mußt Du alles wissen, das ist das härteste von allem, ich darf Dich nicht mehr schonen. Ach schonungslos zerriß ich ja Dich wie mich! «

Luise legte das Blatt still vor sich hin. Das also, dachte sie, hat Julius gelesen; so unverstellt lag die Wahrheit da, daß ihm kein Zweifel, ach nicht eine arme Hoffnung übrig blieb. Was kann ich ihm jetzt noch sagen, als daß wir Beide untergehn und einer wie der Andre das Leben beweinen müssen!

Sie blieb lange Zeit nachdenkend, als Carl32 auf’s neue zu ihr hereintrat und sie ungeduldig fragte, ob sie geschrieben habe und ihn nun mit ihren Befehlen beehren wolle, da er im Begriff sei, abzureisen. Grüßen Sie Julius, lieber Carl, erwiederte sie verlegen, sagen Sie ihm, wie Sie mich gefunden haben; ich kann heute nicht schreiben, mir ist alles noch so verworren, ich brauche Zeit. Also nicht? unterbrach sie Carl; das ist Schade! Ich habe mich so gefreut! Und Julius weiß nun nichts von Ihnen; denn was soll ich ihm sagen, als daß Sie betrübt sind und nicht schreiben mögen? Guter Mensch, erwiederte Luise, ihm dankbar die Hand reichend, Julius weiß wohl mehr von mir, als Sie und ich ihm sagen können. Aber beruhigen Sie sich, er soll dennoch bald von mir hören, recht bald. Gewiß? fragte Carl. Gewiß, sagte sie, worauf er sich voll neuer Hoffnungen von ihr trennte.

Am andern Morgen sprach Luise noch einige Augenblicke den Doktor, der, ohne sie nach ihrem Wohlsein zu fragen, viel von der eignen Schlaflosigkeit und den beunruhigenden Gedanken erzählte, die er seit den traurigen Begebenheiten nicht los werden könne. Und wie er sich unaufhörlich der verstorbenen Mutter erinnere, die, nur in der Zukunft lebend, alles so wohl darin begründet glaubte, daß sie ohne Sorgen diese Welt verließ. Luise33 drängte ihn über diese Betrachtungen mit der Bitte hinaus, ihr oft und bald Nachricht von Julius zu geben. Er zuckte bei diesen Worten unsicher die Schultern, und meinte, darüber lasse sich jetzt noch nichts Bestimmtes sagen, die Natur sei noch in der Arbeit, sie müsse erst selbst den Weg angeben, wo man ihr näher treten könne. Indeß zog er aus einer Brieftasche eine Pergament-Tafel, auf welcher er gewöhnlich alle bevorstehende Geschäfte, Krankenbesuche, Aufträge u.s.w. anzeigte, um auch jetzt Luisens Wunsch anzumerken und dem überhäuften Gedächtniß zu Hülfe zu kommen. Das früher Aufgeschriebene laut, und durch Nachsinnen unterbrochen, noch einmal überlesend, nannte er Kloster Augustin. Luise machte eine rasche Bewegung. Dort war Fernando. Eine flammende Röthe überzog ihr Gesicht, doch erstarb die Frage auf ihren Lippen. Hm sagte der Doktor, ihre Erschütterung flüchtig beachtend, da steht es gut. Es war nur eine Streifwunde in der rechten Seite unter den Rippen weg. Die Mönche greifen uns in’s Handwerk, und da es sogenannte Heilige sind, darf man nichts sagen. Hier, wo es nun nicht viel auf sich hatte, ging es mit der natürlichen Heilkunde wohl so ab, sonst haben dergleichen Pfuschereien schon manchem sein Grab bereitet. Der Herr Graf, fuhr er fort, indem er die Brieftasche schloß, und34 wieder zu sich steckte, der Herr Graf forderten mich auf, als ich auf dem Falkenstein war, dem Kranken einen Besuch zu machen. Ich that es ungern, indeß bin ich belohnt worden. Es ist ein ganz scharmanter Mann, von überaus feiner Bildung, sehr zuvorkommend, und dabei von vielen und großen Kenntnissen. Er sagte dies Letztre theils aus Ueberzeugung, theils um Luisen, die er durch frühere Aeußerungen verletzt glaubte, wieder zu versohnen, wobei er gutmüthig verschlagen lächelte, der frühern schmerzlichen Rückblicke und sorgenvollen Aeußerungen uneingedenk. Als aber Luise ernst vor sich hinblickte, wechselte er auch schnell Ton und Mienen; wie aus einem augenblicklichen Vergessen aufgeschreckt und zutraulich ihre Hand fassend, sagte er: Gott stärke Sie. Ihre Gesundheit beunruhigt mich weiter nicht. Sie sind jung, fest, die Natur beruhigt, das hat nichts auf sich; aber, aber ! Nun leben Sie wohl! Er blieb noch einmal vor Julius Bild stehen und ging dann mit den Worten: es ist doch Schade, sehr Schade! aus dem Zimmer.

Luise blieb von da an still und in sich gekehrt, wie jemand, auf dem das Leben gewaltsam lastet und der im Innern keinen Ausweg zu finden weiß. Sie sah, sie sprach Niemand. Viele Tage vergingen ihr so, ohne daß sie den Muth hatte, ihr Zimmer zu verlassen. Die Welt, ja die äußre lebendige35 Natur schien ihr fremd geworden, sie gehörte nicht mehr zu ihr, sie hatte sie ausgestoßen um der Frevel jener sinnverwirrenden Leidenschaft willen. An ihre Mutter konnte sie nur mit Bangigkeit denken, und nichts hätte sie vermocht, den Fuß in das stille Wäldchen zu setzen, das ihr Grab beschattete. Der Prediger kam wohl von Zeit zu Zeit zu ihr und brachte ihr Blumen, die er mit vieler Liebe aufzog; allein er setzte sie schweigend an ihr Fenster, und ging, ohne ihr düstres Sinnen zu unterbrechen. Einmal indeß, als sie ihm die Hand reichte und ihn mit dankbarem Blick begrüßte, sagte er: es arbeitet recht schwer in Ihrer Seele, ob durch Gottes oder fremde Macht, das muß sich zeigen, ich will’s indeß nicht stören, da ich weder etwas nehmen noch geben kann. Doch lassen Sie es bald Tag in sich werden.

Noch am nemlichen Tage rief Luise Marianen zu sich. Ich muß ihn sehn, sagte sie, ich kann nicht eher ruhig sein, darum wollen wir fort, morgen oder heute noch aber ganz in der Stille; hörst Du? Wohin denn? fragte Mariane zagend. Wohin? wiederholte Luise; kannst Du fragen? nach dem Falkensteine. Mariane schlug freudig in die Hände. Gottlob! rief sie, Gottlob! nun wird alles wieder wie zuvor, nun gehen die schönen Tage wieder an, das wird ein Jubel sein! Die schönen36 Tage? sagte Luise wehmüthig; ach, armes Kind, die sind längst untergegangen. Ich will nur noch einmal beten, damit ich ruhig die Augen schließen möge. Liebe Mariane, wie könnte ich sterben, wenn ich mich nicht zuvor in Julius Armen mit Gott versöhnte! Doch, Mariane, Niemand darf wissen, wohin wir gehn. Nenne meinen Leuten den ersten, besten Ort; sage, Geschäfte zwängen mich zu einer Reise. In der nächsten Station nehme ich Postpferde; kein Mensch weiß dann, auf welchem Wege wir sind.

Mariane war so voll Hoffnung, daß sie alles schnell betrieb, und sie nach wenigen Stunden schon im Wagen saßen. Bei den trüben herbstlichen Tagen und schlechten Wegen konnten sie indeß nur langsam reisen. Luisens Herz klopfte voll banger Ungeduld. Oft beugte sie sich zum Schlage hinaus und maaß mit unruhigen Blicken den Raum, der sie noch vom Ziele ihrer Reise trennte. Am Abend des folgenden Tages kamen sie endlich in die Nähe vom Falkenstein. Als Luise die Thürme der alten Burg erblickte, ließ sie halten. Den übrigen Weg wollte sie zu Fuß zurücklegen, deshalb stieg sie, von Marianen begleitet, aus, und befahl dem Postillon, sie zu erwarten. Wie sie ging, rauschten die Wipfel der alten Tannen in wunderlich gebrochnen Tönen; ein feuchter Wind blies ihr unbehaglich entgegen37 und jagte das Gewölk über einzelne hervorblickende Sterne, so daß es oft ganz dunkel um sie her ward und die zagende Mariane nichts als den Schleier ihrer Gebieterin sah, der, vom Winde gehoben, Luisens Gestalt umspielend, wie eine weiße Wolke vor ihr hin zog.

Als sie in den Schloßhof traten, leuchteten ihnen einzelne Lichte matt aus dem obern Stockwerk entgegen. Das weite Portal stand offen, die Thorflügel schlugen knarrend im Winde hin und her, kein lebendiges Wesen begegnete ihnen. Einen Augenblick blieb Luise am Eingang stehen, dann aber eilte sie durch die langen Gänge hin in eine Gallerie zunächst an Julius Zimmer, welches, den innern Raum eines der Schloßthürme einnehmend, so weit von Außen hervorsprang, daß man von der Gallerie zu den Fen stern hinein in das Innre desselben sehen konnte. Luisens erster Blick traf den bleichen Julius, zusammengesunken, in einem Armsessel sitzend, den Kopf in die Hand gestützt, während die andre matt zu dem kleinen Hunde hinabhing, der neben ihm auf einem niedren Tabouret lag, und von Zeit zu Zeit liebkosend an ihm aufblickte. Nach einer Weile fuhr Julius wie aus einem Traume auf. Er stand auf, schwankte zum Clavier, auf welchem er einzelne tiefe Akkorde anschlug, deren bebende Töne Luisen zu rufen schienen. 38Ohne weiteres Besinnen öffnete sie in dem Augenblick die Thür und sank sprachlos vor Julius nieder. Ach Luise, meine Luise! rief dieser in der heftigsten Erschüttrung. O Gott im Himmel, so sehe ich Dich wieder! Steh auf, Du armes, liebes Kind! steh auf, meine Luise! Er faßte sie in seine Arme, er kniete neben ihr. Die Stirn an seine Brust gelehnt, vergoß sie stille, selige Thränen. Weine nicht, weine nicht, bat er sie dringend; Du weißst ja, das brach mir von je das Herz; ach es ist noch darin wie ehemals! Ehemals! wiederholte Luise schluchzend. Julius sah sie fremd an ja freilich, sagte er, langsam aufstehend, es ist anders wie ehemals! weit, weit anders! Er reichte ihr die Hand und führte sie zum nächsten Stuhl. Beide saßen eine Weile schweigend neben einander. Es ist doch schön von Dir, hub er endlich an, daß Du gekommen bist. Er stockte auf’s neue. Plötzlich ließ er ihre Hand fahren, barg das Gesicht in sein Taschentuch und rief wiederholt: nein, nein, es ist nicht gut, daß Du gekommen bist! ach nein, es war so besser! Jede freundliche Täuschung flieht vor Deinem Anblick. Ich will auch gleich wieder fort, lieber Julius, sagte Luise; ich bin nur gekommen, Dich noch einmal zu sehn, meine Angst war so groß, ich konnte nicht mehr leben, bis Du wieder zu mir gesprochen hattest;39 der Friede, dacht ich Ach Julius, wir sind Beide recht unglücklich! Sie wandte sich ab, um ihren Thränen freien Lauf zu lassen. Wie gut Du bist! sagte Julius; Du dachtest so viel an mich, Du kommst sogar zu mir! Ich habe das wohl geglaubt und recht gut gefühlt, wie viel Du littest. Du wirst auch nicht eher ruhig sein, bis Du mich zufriedner weißst. Deshalb will ich fort aus dieser Gegend, Deine Nähe thut mir nicht wohl, die meine drückt Dich. Ich will in der Welt umherstreifen, fremde Menschen suchen, wie jemand, der nirgend zu Hause ist. Seh ich doch all mein Gut verschüttet, meine Heimath verödet; ich fliehe wie ein Vertriebener. Du gute Seele, fuhr er mildernd fort, als er Luisens heftigen Schmerz sah, Du treibst mich nicht; mein eignes, trübes Loos. Wir gehören nun einmal nicht zu einander. Ich wollte Dich vom Schicksal ertrotzen; den Trotz muß ich büßen. Sage das nicht, Julius, fiel Luise ein, sage das nicht, wir gehörten doch wohl zu einander, alles andre war ein Wahn. Nein, ach nein, erwiederte er sinnend. Und wenn es dennoch wäre, fuhr er schneller fort wenn Herr Gott im Himmel! es war wohl alles nur ein Traum, Du kamst, mich zu wecken; wie schön Du bist, Luise, wie fromm und bittend Dein Auge! Er hielt lange inne, als bekämpfe er sich selbst. 40 Geh, gutes Kind, sagte er plötzlich mit verändertem Ton, geh Du thust mir wehe, unaussprechlich wehe. Luise stand scheu und zagend auf. Wohin gehst du? fragte er sanft. Zu meiner einsamen Wohnung, erwiederte sie, wo ich Niemand, ach Niemand mehr habe als meinen Gram. O Julius! rief sie, vor ihm niederknieend, Du weißst, ich bin nun ganz allein, gieb mir Deinen Segen, sage, daß Du mir nicht fluchst, damit Dein Andenken wieder rein in mir leben und Du mir dennoch schützend zur Seite stehn mögest! Niemals, niemals! rief er, sie heftig an seine Brust drückend, wird dies Herz eine feindliche Regung kennen! Wie sollte ich Dir fluchen, ohne mich selbst nicht tausendfach zu verwunden! Wie könnte ich Dein Bild vergiften, was mich, wie der Maienmorgen unsrer Kindheit, hell und friedlich ansieht! Nein, Du armes, verwaistes Kind, meine Liebe kann Dich nie verlassen! sie erfleht Dir den Segen des Himmels, der Dich jetzt geleiten möge! Er sagte diese letzten Worte leise, mit erstickter Stimme, indem er sich sanft aus ihren Armen wand. Luise schwankte zur Thür. Lebe wohl, ach lebe wohl, Du schönes Traumgesicht! rief er noch einmal im heftigsten Kampf. Luise machte eine Bewegung, zu ihm zurückzukehren; aber er verhüllte das Gesicht, als scheue er ihren Anblick. Lebe wohl, mein Julius,41 sagte sie, in stiller Ergebung das Zimmer verlassend. Wie sich die Thür nun hinter ihr schloß, da schrie Julius, seines Schmerzes nicht mehr mächtig, laut auf. Luise schauderte zusammen, und dennoch hatte sie nicht den Muth, jene Thür wieder zu öffnen, wohl fühlend, daß es nicht die dünne Scheidewand, welche sie mit einem Fingerdruck wegräumen konnte, sei, die sie von seinem Herzen trennte. Sie faßte Marianen schweigend unter den Arm und zog diese mit sich aus der Gallerie. Also doch fort? fragte das weinende Mädchen, und wohin denn in der finstren Nacht? Zu dem ehrlichen Anton, im Walde, erwiederte Luise; doch komm, ich bitte Dich! Julius, der arme Julius! Hörtest Du nicht, wie ihn meine Nähe ängstet?

Sie eilten unbemerkt hinunter. Im Hofe warf Luise noch einen schmerzlichen Blick hinter sich und ging dann, still weinend, zu ihrem Wagen.

Nach einer Stunde hielten sie vor Antons Thür. Der Postillon fragte sie, ob sie hier übernachten wolle, in welchem Falle er seiner Wege reiten werde. Luise war es zufrieden, indem sie des andern Tages Pferde aus Ballenstädt bekommen konnte. Auf das Geräusch war die Frau aus dem Hause getreten. Sie erkannte nicht sobald Luisen, als sie freudig aufschrie und sie liebkosend in das bekannte kleine Stübchen führte.

42

Luise ward im Hereintreten seltsam von einer Gestalt ergriffen, die ihr das helle Kaminfeuer in unsichrem, flackernden Lichte zeigte. Es war ein alter, sehr bleicher Bergmann, der, der Flamme gegenüber, eine Cither im Arm, mit geschloßnen Augen, fast regungslos da saß. Zu seinen Füßen spielte die kleine Marie, die, in die Händchen klopfend, wiederholt rief: mehr, mehr singen! worauf der Alte die Saiten rührte, und, die erstorbnen Lippen öffnend, folgende Worte sang:

Im Tannenschatten ganz allein
Den Berg hinan auf öden Wegen,
Wenn Sterne seh’n zum Wald herein,
Zu Hauf in Wolken zeucht der Regen,
Da mag ich doch zum liebsten sein.
Ich klopf an Berg, ich sag ein Wort
Davor sich’s regt in seinem Herzen.
Mein Bub erwacht am dunklen Ort
Und ruft nach mir, und will mich herzen,
Nur will die Steinwand noch nicht fort.
Mußt fort zuletzt, du Stein, so hart;
Mein Spruch kann härtre Ding erweichen.
Horch! wie der Bub schon drinnen scharrt.
Er wird den seltnen Schatz mir reichen,
Der ihm im Berg zu Theile ward.
43
Ich weiß den Schatz, ich nenn ihn nicht,
Er ist ein Gold ohn alle Schlacken,
Und kenntet ihr sein süßes Licht,
Ihr Leut, ihr kämt mit Spat und Hacken,
Und fändet doch den Holden nicht.
Ihn kann aus seinem finstren Grab
Nur ein sündlos Geschöpf erwecken,
Drum fuhr mein frommer Bub hinab.
Im Anfang thät’s mich doch erschrecken,
Nun schüttl ich alles Bangen ab.

Die Frau hatte indeß, das Lied wenig beachtend, Stühle herbei geschoben, abgewischt und Luisen wiederholt zum Sitzen genöthigt, als diese sie unter innrem Schauern fragte, wer der wunderliche Alte sei. Es ist der wahnsinnige Claus, erwiederte diese leise. Sollten Sie den nicht auf dem Falkenstein gesehn haben? Er ist des alten Georgs Bruder, und streift überall umher. Ostern werden es vier Jahr, da verlor er sein einzig Kind, einen bildschönen Buben von funfzehn Jahren, der im Schacht verschüttet ward. Seitdem ist er irre geworden. Zu Anfang saß er Nacht und Tag auf der Felswand und pochte an, und hoffte, der Knabe solle ihm antworten. Damals mocht er wohl das Lied zuerst singen, was er zeither gehend und stehend44 hören läßt. Nun geht er nur ab und zu nach dem Berge, wo das Unglück geschah. Er sagt, es sei noch nicht an der Zeit. O er spricht Ihnen so vernünftig darüber, daß man wirklich denken sollte, es wäre alles so, wie’s ihm vorkommt. Er thut keinem Menschen etwas. Zur Winterzeit kommt er zu den Leuten in die Häuser; da hängen sich die Kinder ordentlich an ihn, und keines sagt ihm ein Leidwort. Da oben hinauf, im Gebürge, erzählen sie, er sei von je absonderlich gewesen, und habe wunderliche Dinge gesprochen von dem was unter der Erde vorgeht.

Marie war indeß an den Alten hinangeklettert, und strich mit ihren kleinen Fingern die Saiten der Cither. Du! sagt er ernst, schweig jetzt, hörst Du nicht wie’s im Feuer klingt? Ei, laßt’s klingen, sagte die Frau, indem sie das Kind von seinen Knieen hob, und rückt Euch da ein Bischen von der Seite, damit die gnäd’ge Frau auch Platz finde. Der Alte sah sie finster an. Ihr sprecht, wie Ihr’s versteht, sagte er; die Elemente reden seltsamlich mit einander, und geben Kunde von dem, was hier und dort vorgeht. Hat sie doch der alte Schlund geboren, der nun ächzt und stöhnt nach den rebellischen Kindern. Die kreisen derweil, und formiren in den Lüften und üben Gewalt über die Creatur, die sie nicht mehr versteht und ihrer45 nicht Herr wer den kann. Dann aber hat Gott Erbarmen und sendet seine Engel, die wilde Brut mit dem alten Geist zu versöhnen, damit Friede werde im Himmel wie auf Erden. Mein Knab war einer von diesen, er mußte hinunter in die Tiefe, und wenn er wiederkehrt, bringt er zum Unterpfand den reichen Schatz an’s Tageslicht. Mein Knab war schön wie die Engel sind, er verstand die Sprache der Thiere und jeden Laut in der Natur. Er hat mir’s seitdem zu Nachts gelehrt, daß ich nun weiß was kommen wird, und ruhig bin. Des Alten Blicke leuchteten, während er sprach, er hob sich immer mehr und mehr, so daß er gerade und feierlich da saß, als er mit gehobner Stimme sagte: vernehmt Ihr des Windes Rauschen und das Schwirren der Vögel, die langsam durch den Wald hinziehn? Dazu bricht sich die Flamme in wunderlichen Farben und zischt wie der alten Schlange Ruf. Es nahet irgend ein sündbeladnes Haupt, und drüber hin zieht der Tod.

Luisen faßte ein entsetzliches Grausen. Mariane war schon längst hinter einen großen Schrank geflüchtet und verhüllte Aug und Ohren. Da trat Anton herein; die Anwesenden flüchtig grüßend, wandte er sich zu seiner Frau, und sagte ihr, daß ihm ein Fremder auf den Fuß folge, der sich im Walde verirrt habe und hier den Aufgang des Mondes46 abwarten wolle. Er zündete dabei eine kleine Handlaterne an, und machte sich bereit, wieder hinaus zu gehn, um, wie er sagte, den Leuten und Pferden des Reisenden ein Obdach im nächsten Holzschuppen zu suchen, derweil die Frau für das Abendessen sorgen solle.

Luise fürchtete auf irgend einen Bekannten zu stoßen, und bereuete sehr, nicht nach Ballenstädt gefahren zu sein, wo sie im Gasthofe ein einsames Zimmer finden konnte. Sie trat daher zu Marianen, dieser ihre Besorgnisse mitzutheilen, während ihre Wirthin draußen beschäftigt war. Von dem altväterlichen, weit hervorspringenden Schrank verdeckt, redeten Beide mit einander, als die Thür aufging, und der angekündigte Gast, im dunklen, weiten Reisemantel und mit heruntergeschlagnem Hute, eintrat. Ei, sieh da! rief er, zum Bergmann tretend, alter Gesell, treff ich Dich hier? Wie steht’s mit dem Golde, ist es bald heraufbeschworen? Die Sünde, sagte dieser, hat das Gold verflucht; Ihr müßt Euch erst entsündigen, ehe ich den Schatz hebe! Da wird’s Weile haben! rief jener lachend, und warf Mantel und Hut auf den nächsten Sessel. Herr Gott im Himmel! schrie Luise, die beim ersten Ton der fremden Stimme bebte, und jetzt mit Entsetzen Fernando vor sich sah. Dieser wandte sich betroffen zu ihr. Von dem47 eignen Geschick ergriffen, welches ihn unwillkürlich zu dem trieb, was er vermeiden wollte, blieb er eine Zeit lang unbeweglich vor ihr stehen, dennoch aber, sich bald darauf fassend, sagte er mit unsichrer Stimme, welche die innre Bewegung seines Gemüthes verrieth: Sie sehn, schöne Luise, wir können einander nicht entfliehn. Da sei Gott vor! rief sie heftig, indem sie eine Bewegung machte, als wolle sie den frechen Ausspruch Lügen strafen. Wo wollen Sie hin? fragte Fernando schmeichelnd. In der Dunkelheit können Sie unmöglich weiter reisen. Luise erinnerte sich, daß sie den Postillon fortgeschickt, und sich, unbewußt, die schmerzlichste Verlegenheit bereitet hatte. Wie gebannt stand sie nun in dem engen Stübchen, von der erwachenden Liebe und allen Schrecknissen ihrer Lage hin und her geworfen. Vor ihr Fernando mit der süßen, lockenden Gestalt, daneben der wahnsinnige Alte, der, mit geschloßnen Augen, wie im Traume, seltsame Töne auf der Cither anschlug. Ihre Sinne schwankten verworren umher. Lassen Sie mich! lassen Sie mich! rief sie wiederholt, als solle Fernando sie frei geben. Luise, sagte dieser sehr ernst, ich fühle was Sie sich, was Sie der Welt schuldig sind, sein Sie versichert, ich fühle das. An mir ist es zu gehn. Ich zögre auch nicht, so bald Sie’s wollen. Nur hören Sie mich zuvor einen Augenblick. 48Er führte sie zu einer kleinen Bank im nächsten Fenster, und sich behend auf den Rand derselben zu ihr setzend, fuhr er leiser fort: mißverstehn Sie sich nicht, liebe Luise, Sie sind aufgeschreckt, in sich zerrissen, unsicher, Sie wollen mir, sich selbst entfliehn! Geben Sie Acht, daß Sie sich nicht ganz elend ma chen. Glauben Sie mir, Ihr Streben ist fruchtlos, Sie reißen sich nicht von mir los. Das ist das Vorrecht reiner Seelen, daß sie nur ein Bild in dem klaren Spiegel ihres Innren dulden können und es für alle Zeit darin bewahren. Das ist so wahr, daß Sie jetzt, jetzt, wo Sie mich zu hassen meinen, dennoch einer zärtlichern Regung nicht Herr werden können, die aus Ihren Blicken, ja aus dem süßen Zittern Ihres ganzen Wesens, spricht. Sie erschrecken; aber ich muß es dennoch sagen, liebe Luise: wir können nicht anders, wir müssen einander ewig lieben. Luise wollte hier aufstehn; allein er hielt sie bittend zurück. Hören Sie mich aus, sagte er; ich gehe, so gewiß ich Sie liebe, wenn Sie es dann noch wollen. Wir sind nicht umsonst durch tausend schmerzhafte und herbe Aufopferungen verbunden, um uns, wie zwei feindliche Kräfte, zu fliehen, die, nach zufälliger Berührung, in ihrem Grimm auseinander sprengen. Sagen Sie selbst, ist in Ihrem Herzen wohl ein recht wahres Gefühl, das mich verdammt? 49Was ist denn auch so Unerhörtes geschehn, das den Fluch des Himmels herabzöge! Die Natur ist mächtiger als alle menschliche Weisheit, daher verspottet sie jene kränkliche Verträge, die man ein Band der Gesellschaft nennt. Meine Luise, sei stärker als die Zeit in der Du lebst; gestehe Dir’s nur, Du gehörst mir, mir, keinem Andern! O wie viel Jammer hätte uns meine Mutter erspart, wenn sie, die Formen verachtend, freier, ja freimüthiger handelte. Sieh, was davon herkommt, geselligen Verträgen zu Lieb, sich selbst und die Wahrheit seiner Gefühle aufzuopfern! Schone sie, schmeichle Du ihnen jetzt immerhin, Du bist doch mit ihnen zerfallen. Die Welt verdammt Dich, Julius ist für Dich todt. Luise schauderte schmerzlich zusammen, ein tiefer Seufzer drang aus ihrer Brust; sie fühlte es wohl, sie war verloren. Wie eine abgerißne Blüthe hing sie in der frechen Hand, die sie um alle Hoffnungen des Lebens betrog. Unfähig, zu reden, lehnte sie den Kopf abwärts an das kleine Fenster, und die Stirn fest an die kalten Scheiben drückend, starrte sie hinaus in die Nacht. Fernando neigte sich vertraulich zu ihr, so daß der warme Hauch seiner Lippen sie wie ein leiser Kuß berührte. Wie Musik umspielte sie dabei das weiche Flüstern seiner Stimme, das unwillkührlich ihre Thränen hervorlockte. Du weinst, Luise? fragte er sanft; Du50 zitterst? erschrickst Du vor dem Gedanken, Niemand als mich zu haben, in dessen Brust Du die Welt, den Frieden und die Unschuld Deiner Seele wiederfinden kannst? Sieh um Dich, Du bist allein, ganz allein unter Menschen, die Dich nicht verstehn, nicht verstehn wollen. Im Kampf mit Dir selbst, zerreißst Du ein Leben, das so seelig, so unaussprechlich seelig sein könnte! Sei doch mitleidig gegen Dich selbst. Komm, fliehe mit mir. Dieser Augenblick entscheidet für uns Beide. Sieh, ich führe Dich in mein Vaterland, wo Du geliebt, wo Du glücklich sein wirst. Hier ? Was suchst Du hier? Was erwartest Du von Verhältnissen, die Dich hohl und kalt ansehn? Glaubst Du, die Freunde werden es Dir verzeihn, daß Du einen andern Weg gingst, als den sie Dir mit ihren Alltagsblicken vorzeichneten. Hoffst Du, Julius sei mehr als ein Mensch? Er verschmäht ein Herz, das sich und ihn belog. Komm denn, komm mit mir, Luise.

Georg! Georg! rief der Alte im Schlaf, laß Deine Thränen nicht so über die grauen Wimpern fließen! Sie tragen Dich auch bald hinunter. Hör nur, wie der Todtenvogel krächzt.

Mit schwerem Fittig fuhr jetzt eine Eule schreiend am Fenster vorüber. Luise sprang auf. Das Entsetzen gab ihr Kraft. Bleich stand sie vor51 Fernando. Sie müssen fort, stammelte sie. Die Natur hat eine Sprache, die ich fühle, wenn ich sie gleich nicht klar verstehe. Umsonst häuft sie so nicht ihre Schrecken. Sie hat mich geweckt. Ich weiß es, Sie müssen fort. Der Tod trat zwischen uns. Wir scheiden. Geben Sie, eilen Sie, Fernando. Ist das Ihr Ernst? fragte er. Mein heiligster, erwiederte sie. Nun dann! rief er, auf Wiedersehn in einer andren Welt! Ich gehe in französische Kriegsdienste. Ich hatte dies beschlossen, ehe ich Sie hier traf. Ihr Anblick erschütterte mich. Das Leben sah mich noch einmal lockend an. Ich glaubte einen Augenblick an eine friedlichere Bestimmung. Sie wollen’s anders. Ich gehorche. Sein Sie glücklich, recht glücklich. Mich reißt mein Schicksal fort! Ich stürze mich hinein, wie jemand der nicht vor, nicht hinter sich sehen mag, gleichviel wie’s endet! Ich habe oft mit dem Leben gespielt, sagte er, bitter lachend; nun spielt es mit mir! Stürmen Sie nicht so wild in die dunkle Nacht hinein, unterbrach ihn Luise sanft; scheiden Sie milder, Fernando. Ach Gott! ich habe es wohl um Sie verdient. Mein Sinn ist wild, erwiederte er; unsre Liebe war’s auch. Sie wissen ja, sie will ein blutig Ende, darum schicken Sie mich in den Krieg. O Fernando, Fernando! rief Luise erschüttert. Er stand erwartend vor ihr. Seine Blicke52 lagen gespannt auf den ihren. Sie zitterte heftig, und hatte kaum noch Kraft, sich aufrecht zu erhalten. Eine rasche Bewegung, als wolle er sie umfangen, schreckte sie auf. Um Gottes Willen! rief sie, lassen Sie mich! Sie haben es gelobt, Sie müssen, ja Sie müssen mich verlassen. In ihrem scheuen Blick, in dem Entsetzen, das über das bleiche Gesicht hinfuhr, lag etwas Gebietendes. Fernando gedachte unwillkührlich jener Nacht im Walde. Nun denn, alter Camerad! rief er, den Bergmann aus dem Schlaf rüttelnd, so komm, geleite mich durch den Wald. Du kennst ja Wege und Stege. Laß die dumpfe Cither vor uns her klingen. Der wahnsinnige Greis taumelte vom Schemel, und Fernando unter den Arm fassend, schwankten Beide hinaus. Luise barg den Kopf an Marianens Brust, um die vorüberklingenden Töne der Cither nicht zu hören, die noch lange vernehmlich durch den Wald hinzogen. Wie sie fernab rauschten und endlich verstummten, ward es auch stiller in ihr; der innre Sturm sänftigte sich. Sie holte aus tiefer Brust Athem und blickte seit lange zum erstenmal ruhig gen Himmel.

Die Wirthin trat bald darauf mit dem Abendessen herein, fast ärgerlich, daß sie der vornehme Gast so schnell verlassen habe. Luise gewann nach und nach Fassung genug, mit der gesprächigen Frau53 über vieles zu reden, was dieser lieb war, und als Anton späterhin hinzukam, hörte sie theilnehmend ihren aufblühenden Wohlstand rühmen, dessen Schöpferin sie war. So von sich selbst abgezogen, auf die stille Wirksamkeit einer glücklichen Familie gelenkt, stellte sich das innre Gleichgewicht ihrer erschütterten Sinne wieder her. Sie schlief die Nacht über, wie jemand, der einer großen Gefahr entronnen ist, und sich nun der Ruhe hingeben darf. In diesem Gefühl trat sie auch am folgenden Morgen die Rückreise an, von tausend Segenswünschen ihrer freundlichen Wirthe begleitet. Als sie indeß Abends spät so allein und verlassen die verödete Wohnung wieder betrat, und nun in dem engen Bezirk das Ziel wie den Ausgangspunkt ihrer früh beschloßnen Laufbahn umfaßte, da fiel ihr trübes Loos centnerschwer auf die zagende Seele. Alle freudige Gestaltungen ihres Lebens, die frühen Verheißungen von Liebe und Glück, alles, alles wich vor dem trüben Einerlei zurück, was ihr aus den menschenleeren, unbewohnten Zimmern entge entrat, die man sorglich bis zu ihrer Rückkehr verschlossen hatte. Ihr war, als öffne sich ein Gefängniß, wie sich der Schlüssel drehte und die verhaltne Luft aus der geöffneten Thür drang. So jung und so früh beendet, dachte sie, und sah betrübt im nahen Spiegel die blühende Gestalt, die in aller Frische54 der Jugend Anforderungen an ein freudigeres Dasein machte. Fernandos Worte drangen aus dem Grunde ihres Herzens herauf, und schienen eine Entsagung zu verspotten, der Schmerz und Reue folgten. Wehmüthig gedachte sie der vorüberrauschenden Klänge der Cither. Hier war alles stumm und todt. Nur die trägen Schritte ihrer müßigen Diener unterbrachen die tiefe Stille um sie her.

Wochenlang schleppte sie dies beengte, dumpfe, Leben mühsam mit sich fort, als ein schöner Herbsttag mit seinen sinkenden Nebeln und der hell hervorbrechenden Sonne sie unwillkürlich in’s Freie lockte. Ein klarer Luftstrom zog erfrischend durch das gepreßte Herz. Sie blickte um sich. Jenseits des Sees rollten sich die Dünste wie fallende Schleier zusammen, und zeigten ihr ein schönes, sonst so oft besuchtes Birkenwäldchen, das heut mit seinem goldgelben herbstlichen Schmuck fast fremd wie ein unbekanntes Eiland vor ihr lag. Sie ging den See entlang und trat in eine Fähre, die, durch ein Seil regiert, in das Wäldchen führte. Von dem ruhigen Wasserspiegel getragen, ward ihr leichter; die trübe Welt schien von ihr abgeschnitten, die kleinen kreisenden Wellen führten sie spielend in eine neue Heimath. So betrat sie das Ufer, und ging zwischen den Bäumen hin, der Landstraße zu, die hier vorüberführte. Ein lauer Wind trug vom nahen55 Dorfe einzelne Töne eines Kirchenliedes zu ihr her. Sie erinnerte sich, daß es Sonntag und die Gemeine um den frommen Greis versammelt sei. Eine Liebe, dachte sie, wehet durch diese Stimmen. O mein Gott, du bist so groß und gut, du sänftigst in einem Augenblick alle Schmerzen einer trüben, langen Woche! laß deinen Frieden auch über mich kommen. Da raschelte etwas neben ihr in den welken Blättern. Ein Reisender wollte vorübergehen. Georg! rief Luise, ihn erkennend, Georg! wie finde ich Dich hier? Der Alte stand alsobald mit einem Briefe vor ihr, und reichte ihr denselben, ohne ein Wort zu sagen. Schnell das Siegel erbrechend, las Luise Folgendes:

» Liebe Luise! Ich versprach Dir bei Deinem Hiersein, bald diese Gegend zu verlassen. Ich halte schneller Wort, als ich es damals glaubte. In wenig Stunden trete ich eine lange, weite, Reise an. Mir ist wohl und wehe, nun es so weit kommt. Ach wir werden uns wohl so bald nicht wiedersehn! Lebe denn wohl, meine Luise! Lebe wohl, mein höchstes Glück auf Erden. «

Wie denn, Georg, sagte Luise, und er blieb zurück? Der Alte senkte weinend die Augen zur Erde. Wollte er mich doch nicht mitnehmen, stammelte er leise. Ging er denn so weit von uns? fragte Luise. Ach ja! ach ja! wimmerte Georg,56 weit hin! wohin ihn die zunehmende Krankheit zeither unablässig rief, in den Tod! der hat ihn nun gefaßt! O mein Gott! seufzte Luise. Beide konnten lange nicht reden. Schweigend wankten sie neben einander an das Ufer hin, und traten in die Fähre, ohne recht zu wissen, was sie thaten. Ueber das Wasser hin klangen die Töne aus der Kirche immer vernehmlicher. Georg faltete andächtig die Hände, und während Luise im dumpfen Schmerz das schlaffe Seil des Fahrzeugs aufrollte, begleitete er die fernen Stimmen folgendermaßen:

Noch schauen wir im dunklen Wort;
Noch reißt uns mancher Irrthum fort,
Und unser wankender Verstand
Hat abgewandt
Von Gott, oft Gottes Rath verkannt.
[57]

Zweites Buch.

[58][59]

Ein Band nach dem andren hatte sich jetzt von Luisens Herzen gelöst. Die ausgestorbne Welt lag wie ein öder Kirchhof um sie her, in dessen kaltem Grabeshauch sie wie eine einsame Blume traurig hin und her schwankte. Ohne Liebe, ohne Hoffnung barg das Leben nichts mehr von allem, was allein Leben giebt. Jedes Geheimniß der innersten Seele schien ausgesprochen, jede Frage beantwortet, alles an seinem Ziel zu sein. Was sie that und was sie dachte, kehrte beziehungslos in sie selbst zurück, und drängte das Bild ihres verwaisten Daseins immer peinigender vor sie hin. Dazu verscheuchte der hereinbrechende Winter noch die letzten Spuren lebendiger Regsamkeit. Ueberall, überall war nichts als der Tod. Die einsamen Abende, die ewig langen Nächte, wanden sich drückend an der beklommnen Luise hin, die alles, bis auf die Träume, floh. Als lege sich der schwarze Saum der Nacht auf ihre Brust, so sah sie den Tag sinken und versank mit in die gestaltlose Dunkelheit.

60

Aber wie auch Wünsche und Erwartungen welken, so daß sie wie dürre Halme höhnend auf den entschwundnen Frühling hinweisen, so regt sich dennoch tief an ihrer Wurzel die ewige Sehnsucht, die erst leise, dann immer mächtiger sich dehnend, das Innre plötzlich mit solcher Gewalt erfaßt, daß sich’s, auf’s neue aus sich herausgedrängt, mit schmerzlichem Verlangen in die bunte Welt stürzt und das ungekannte Gut an sich reißen möchte. Luise konnte sich tausendmal sagen, es ist vorbei, es ist alles vorbei! so ergriff sie dabei eine Angst und eine Ungeduld, die zerstörend mit der gänzlichen Trostlosigkeit und dem Druck ihrer Lage stritt. Unwillkührlich sann sie auf Rettung, maß und erwog, überflog augenblicklich die scharfgezognen Linien weiblicher Beschränktheit, träumte sich in ferne Länder, unter fremde Menschen, die ein helleres, freudigeres, Dasein an das ihre anknüpften und so eine neue Welt um sie her schufen. Nach Italien wandte sich am liebsten ihr Blick. Dort, dachte sie, wehen laue Lüfte, dort müssen die innren Schmerzen heilen und alle Sorgen vor dem ewig reinen Himmel fliehen. Aber auch hier schreckte sie Fernandos Bild wie eine Aegide zurück. Und dennoch säuselten die lauen Lüfte so schmeichelnd und lockten sie hinüber in wunderliche, verworrne Träume, in denen Wille und Verlangen seltsam kämpften.

61

So in Widersprüchen verstrickt, fiel ihr Auge einst auf das elfenbeinerne Kästchen, welches Violas Bild und jene versiegelten Papiere enthielt. Luise öffnete es, als einzige Besitzerin von allem, was Julius zugehörte, und als Theilhaberin eines Geheimnisses, das hier nur näher bestätigt sein konnte. Wie sie die Haarflechte löste und die Blätter einzeln in ihre Hand fielen, zeigten ihr sogleich die ersten Worte, daß es Briefe der Markise an Viola waren, in welchen sie Fernandos nur zu oft gedachte. Mehrere durchlesend, fand sie einen, der sie mehr als alle andre ergriff, und folgendermaßen lautete:

» Wie dauerst Du mich, arme Viola! in Deinem strengen, farblosen Norden, wenn ich den reichen Schmuck und die Fülle und die Gluth unsrer blumigen Heimath betrachte! Kenne ich doch den lieben, beweglichen Sinn, der Dich wohl abwärts trieb, weil man ihn binden wollte, einst aber kosend, wie unsre erfrischende Seelüfte, über den bunten Schmelz des Lebens hinzog. Armes Herz! und Du sollst nun welken und vergehn unter den schweren Wolken eines fremden Himmels! Ich schreibe Dir aus meiner Villa, von dem wohlbekannten, niedren Balkon, nach der Wasserseite. Ach Viola! wie muß ich hier unsrer Jugend gedenken, und wie nun alles, alles so62 anders kam, als wir damals träumten! Erinnerst Du Dich der stillen Nächte, wenn wir von hier, über den Golf hinaus, nach den fernen Küsten schauten, und Dein Gesang Dich, halb sehnsüchtig, halb in frohem Uebermuth, zu den ungekannten Ländern trug, und Du vermessen aus der Ferne Dein Liebesglück heraufbeschworst. Es nahete Dir, aber von einer andern Seite, als Dir es ahndete. Noch sehe ich, unter den Pinien dort, den schlanken, blondlockigen, Nordländer hervortreten, und sein Erscheinen sittig und schmeichelnd mit dem Zauber Deiner Töne entschuldigen, die ihn unwillkührlich angelockt. Lieber, unglücklicher Eduard! wo irrst Du jetzt umher, jene Nächte verwünschend, wie Du sie einst segnetest! Viola, das Myrtenreis ist nicht wieder gewachsen, was damals brach, als er sich zuerst zu dem Balkon aufschwang. Dein schöner Knabe tritt jetzt auf den halbtrocknen Stamm und arbeitet sich zu mir herauf, um mich zum Spielen zu zwingen. Er wendet sich unwillig ab, da er mich schreiben sieht, was er in den Tod haßt, geht nach dem Ufer, sich zu baden, und ich Thörin überwinde mich kaum, ihn gehn zu lassen. Du tadelst es, daß er uns alle beherrscht. Aber sieh nur den süßen Trotz in Aug und Mienen, das schmeichelnde und gebietende Lächeln; Du63 widerständest auch nicht. Und laß es doch! Wem die Natur das Herrscherstegel so aufgedrückt, der herrscht, wie man ihn auch demüthige. Vor so einem beugt sich die Welt, und wo ihm das Geschick entgegensteht, da zertritt oder überspringt er es, und wird dennoch nicht unglücklich. Du willst ihn also nicht sehn? Er soll nie Curen deutschen Boden betreten? Du selbst wagst Dich nicht in Dein Vaterland zurück? Und dies alles um eines Traumes willen? Wie bist Du so anders geworden. Wehet dieser Geist in Euren Wäldern? Du quälst und arbeitest Dich ab, eine Zukunft zu berechnen, die Dir so furchtbar in ihrer Dunkelheit ist. Liebe Viola, der Wurf ist gethan, Du setzest ihm kein Ziel. Stelle und sträube Dich, umbaue und verbirg Dich, thue was Du willst, das Unvermeidliche ereilt Dich dennoch! Und Zeit und Ordnung überfliegend, wagst Du, das tief verborgne Geheimniß zweier kindlichen Herzen auszusprechen? Im Saamen bestimmst Du die Frucht; vor der Entwicklung die Reife? Viola, erinnre Dich, daß das Glück solche flieht, die es mit Gewalt erfassen wollen. Weißst Du, ob, was Du bindest, sich nicht ewig meiden wird? Was soll Dein trübsehender, in Schmerz und Reue erzeugter Julius mit der reizenden kleinen Luise, die Dir, wie Du selbst sagst, so ähnlich ist, bei64 deren heitrem Lächeln Du Dein eignes freudigeres Dasein noch einmal aufgehn siebst. Laß den armen Knaben Deine Schuld allein abbüßen und schicke mir das muntre Kind, damit ihr an Fernandos Seite ein blühenderes Loos werde. Aber ich tadle Dich und möchte eben jetzt dem Schicksal vorgreifen! Was kommen soll, wird geschehn! Niemand weiß, wie er endet! O könntest Du nur, wie ich, unsern holden Liebling sehn, wie er hier vor mir die schönen Glieder auf dem weißen Schnee der bläulichen Wellen wiegt, wie alles, Licht und Luft und die kleinen kreisenden Fluthen, mit ihm zu spielen scheint, und er dann von Zeit zu Zeit das Köpfchen hebt, die dunklen Locken schüttelt und unter den hohen Brauen zu mir hinsteht, als wolle er das ernstre Geschäft bannen und mich unwiderstehlich zu sich herabziehn. Armer Eduard! Arme Viola! «

O vermeßne, höchst vermeßne Viola! rief Luise, mit blutendem, gewaltsam bewegtem Herzen. Wie hast Du Dich an das Heiligste gewagt, und uns alle in Dein finstres Loos verstrickt! So nahe also, so ganz nahe lag mir mein Glück, und nun ! Ihr war, als hätten die Worte der Markise jene oft beweinten, immer noch lebendigen, Gefühle gerechtfertigt; ja sie sah sich als die frühere Verlobte Fernandos an, dem man sie absichtlich, widerrechtlich65 entrissen habe. Von da an wich jede stillere Ergebung, alle Süßigkeit sanfter, auflösender Schmerzen aus ihrer Seele. Verzweifelnd sträubte sie sich gegen die Hand des Schicksals, die fremde Gewalten vernichtend auf sie gelegt. Jener einzige Blick in eine hellere Welt zog ihre Umgebungen so eng zusammen, daß sie oft schreiend aus der gepreßten Brust athmete. Einzig beruhigte es sie, sich augenblicklich in die von der Markise flüchtig angedeuteten Verhältnisse zu versetzen. Die bange Zeit zurückdrängend, ging sie, ein glückliches Kind, spielend an Fernandos Hand, dem weiten Meer entlang, das so lockend und sehnsüchtig aus der Ferne herübersah. Leicht bewimpelte Fahrzeuge segelten vorüber, auf ihnen, Männer in fremder Tracht, oder leicht verschleierte Frauen. Von der Landseite beugten sich hohe Orangen zu ihnen herüber; Fernando wand sich behend den schlanken Stamm hinan und ließ die glühenden Früchte in ihren Schoos fallen. Zwischen hin erschien die Markise, eine milde weibliche Gestalt, an deren Herzen beide ohne Schmerz und ohne Störung heranwuchsen und vereint die erweiterten Kreise einer geahndeten, unaussprechlich reizenden Welt betraten. Wie anders! rief sie dann, von der nackten, dürren Gegenwart aufgeschreckt, wie anders wär es so gekommen! Und warum durft es nicht so sein? Sie konnte über66 die Frage nicht hinaus, und verhärtete und erbitterte ihr Gemüth gegen alles, was das Leben ihr noch Trostreiches geben konnte.

So umgewandelt, schroff und herbe, sich gegen das unvermeidliche Verhängniß auflehnend, sank ihr Innres immer mehr zusammen, ohne daß ein lebendes Wesen, ein vertrauliches Wort es erfrischend berührte. Die leichtgeknüpften, frühern Verbindungen hatte Julius Tod meist gelöst, entferntere Bekannte schwiegen, verlegen, wie sie ihre Theilnahme äußern sollten, ohne der störenden Mißverhältnisse zu gedenken. Der alte Geistliche lag krank, schon seit Monaten mit eignen Leiden kämpfend. Luise hatte es immer verschoben, ihn zu besuchen, weil sie, wie so viele Unglückliche, von jedem Tage etwas Neues, Ungewöhnliches, erwartete und mit beruhigterm Gemüth an das stille Lager zu treten hoffte. Als aber alles blieb wie es war, und das Verlangen nach dem sanften Trost ihres alten Freundes sie einmal recht lebendig erfaßte, machte sie sich auf den Weg, und trat durch das sauber geschnitzte, von dunkler Vinca umrankte Gitter des Pfarrhofes, als folgende Worte einer weiblichen Stimme aus dem Hause herüberklangen:

Weiß auf weißem Grund gewoben,
Blumen, seid so bleich und fremd,
67
Hab zum Brautschmuck euch erhoben,
Webte ja kein Todtenhemd.
Ach, ihr blasset, bunte Seiden,
Von der kranken Hand berührt,
Die im Spiel die eignen Leiden
Mühsam so herauf geführt.
Thau’ge Perlen, senkt euch nieder
Auf das luftige Gewand;
Schlingt euch um die Blumen wieder
In ein helles Thränenband.

Luise war indeß hineingegangen, und öffnete, da die Stimme schwieg, die Thür der Wohnstube, in deren Grunde ein schönes, bleiches Mädchen an einem Stickrahmen saß, und, überrascht durch ihr Erscheinen, von der Arbeit aufsah. Luise erkannte auf den ersten Blick eine frühere Gespielin, des Predigers Nichte, die vor mehrern Jahren sein Haus verlassen hatte, und jetzt, Luisen unbewußt, darin zurückgekehrt war. Willkommen, liebes Minchen! rief sie, von allen lieben Erinnrungen der Kindheit durchbebt, wie finde ich Sie so unerwartet hier? Sie kennen mich also dennoch wieder? fragte jene wehmüthig lächelnd. Wie sollte ich nicht, fiel Luise schnell ein; mir ist in diesem Augenblick, als sei noch alles wie sonst! wenn ich so kam und Sie abholte, und wir die ersten Veilchen68 auf dem Kirchhofe suchten. Ich werde das nie vergessen! Ich sehe noch die kleinen Kränze, die wir dann an die Linden über die Kirchmauer hingen, und uns freueten, wenn sie nach mehrern Tagen noch frisch und duftend im Winde spielten. Beide wandten sich unwillkührlich nach dem Fenster, der Mauer gegenüber. Die alte Linde streckte ihre nackten Zweige in den kalten Winter hinaus, weißer Reif überzog sie und hing in starken Tropfen herunter. Wie in einem Spiegel den trüben Wechsel ihres eignen Lebens erkennend, senkten Beide die Blicke zur Erde. Sie hatten eine Schwester, hub Luise endlich wieder an, ein schönes, frohes Kind. Sie ist recht freudig herangewachsen, entgegnete Wilhelmine, und feiert in Kurzem ihr Hochzeitfest. Ich sticke eben jetzt das Brautkleid. Also nicht das Ihre? fragte Luise. Ein leises nein, o nein! bebte auf Wilhelminens Lippen. Sie war zum Rahmen getreten, und rollte in großer Bewegung den feinen Mußelin auseinander, um Luisen die Arbeit zu zeigen. Die weißen, leicht hingeworfnen Blumen riefen dieser die trüben Worte des Liedes zurück. Es ist wohl recht mühsam? fragte sie, ihre Erschütterung zu verbergen. Gar nicht, erwiederte Minchen, wieder gefaßt und freundlich. Ich kann nur bei Tage so wenig dabei bleiben; ich muß dem Onkel fast immer69 vorlesen, wenn er nicht schläft, wie jetzt, daher arbeite ich meist des Nachts. Des Nachts? fragte Luise, so feine Stickerei? Warum nicht, entgegnete jene, dann ist alles so still und heimlich, Lottchen steht wie ein freundlicher Geist vor mir, ich sehe ihre hellen Blicke, und denke wie schön sie in dem Kleide sein wird, und alles geht leicht und gut. Der Alte rief aus dem Nebenzimmer. Wilhelmine eilte schnell zu ihm, kehrte indeß sogleich zurück, um Luisen zu dem guten Onkel zu führen, der herzlich nach ihr verlangte.

Während das sorgsame Mädchen, theils um den Kranken, theils in häuslichen Verrichtungen, auswärts beschäftigt war, sagte Luise dem Prediger, wie es sie überrascht habe, die alte Jugendfreundin so unerwartet zu finden, und wie sie sich freue, die liebreiche Pflegerin bei ihm zu wissen. Das fromme Herz! rief jener gerührt. Sie ringt so still mit dem großen Leid, das an ihr nagt, und überfliegt es oft, indem sie sich unaufhörlich in die thätigste Wirksamkeit für Andre verliert. Sie drückt der Schmerz nicht; er hebt sie und zieht sie unwiderstehlich zu denen, die noch etwas vom Leben erwarten, und denen sie freudig ihr ganzes Dasein opfert, ja sie schilt sich, wenn ihr eigne Sorgen den Sinn verfinstern und sie nicht mit der ganzen, lebendigen Kraft ihre seelige Bestimmung verfolgt. Und das70 ist alles so lieb und natürlich und so klar empfunden. Ich wüßte nicht, fuhr er nach einer Weile mit erheitertem Blicke fort, ich wüßte nicht was ich auf Erden noch wünschen könnte, als in den Armen dieses Engels zu sterben. Wilhelmine trat hier, mit einem Blumentopf im Arm, herein, und ihn auf ein Tischchen neben dem Bette des Kranken setzend, sagte sie: die Veilchen hat mir Gärtners Riekchen so mühsam gezogen, und nun ist sie noch früher als die kleinen Blumen verblüht. Also doch gestorben? fragte der Prediger; Du hofftest gestern noch. Ja, sagte sie, die Augen waren so klar und sie kannte mich auch; aber das war auch das letzte Aufblitzen des kleinen Lichtchens. Die beiden andern Kleinen bringen mir eben den Blumentopf, und bitten mich um ein Krönchen für die Schwester. Das liebe Kind! Sie starb so fromm, und wußte recht eigen um ihren Tod und dachte an mich und an Albert, von dem ich ihr gesagt, daß er im Himmel auf uns warte! Das liebe, liebe Kind! Große Tropfen fielen aus Wilhelminens Augen. Sie wandte sich ab und ging still zur Thür, als der Onkel sie fragte, wo sie hin wolle. Zu den Kleinen, erwiederte sie, die warten auf mich, sie wollen die Krone mitnehmen; ich muß sie nur winden, die arme Mutter verlangt es nach dem letzten Schmuck ihres Kindes.

71

Wer ist Albert? fragte Luise, als Minchen sie verlassen hatte. Ein junger Arzt, erwiederte der Alte, dem das arme Mädchen verlobt war. Ihre stillen Gemüther schlossen sich während einer langen Krankheit, aus der der milde Freund Wilhelminens Mutter rettete, fest aneinander. Derselbe Zug durch die Bedürftigkeit und Sorgen des Lebens hin den einzelnen Freuden nachzugehen und die arme Menschenbrust augenblicklich von dem großen Druck eines beengten Daseins zu erretten, führte sie zusammen, und machte ihre Verbindung zu der innerlichsten und heiligsten, als der Tod ihn wenig Tage vor der Hochzeit aus ihren Armen riß. Sie trug das herbe Geschick mit großer Kraft, und ist seitdem nur noch fester und innerlicher geworden, da sie nun nichts mehr auf dieser Welt für sich hofft. Aber in dem Maaße, wie sie sich in sich selbst abschließt, giebt sie sich Andren hin. Sie ermüdet nicht, jedem die Hand zu reichen, um ihn schnell durch die dunklen Gewinde irdischer Mühseligkeit durchzuhelfen, den klaren Blick dabei auf ein höheres Ziel richtend, dem sie still entgegengeht, wie sehr sie auch Schmerz und Sehnsucht oft beengen.

Der Alte redete noch lange so fort und erfrischte sich an dem reinen Stral des milden Gestirns, das den Abend seines Lebens erhellte, als Luise durch den sinkenden Tag an ihre Rückkehr erinnert ward. 72Wie sie zu Wilhelminen kam, fand sie diese mit dem Kranze beschäftigt. Die beiden Kinder standen vor ihr und spielten mit der kleinen Fahne von Zittergold, worauf eben Riekchens Nahme eingeschnitten war. Luise sah den blaßgrünen Roßmarin in einander flechten, und drüber hin in den spitzen Blättern flockige Purpurseide, wie den letzten Stral des sinkenden Abendroths spielen. Ach Minchen! rief sie bewegt, an ihre Brust sinkend, Todtenkronen und Brautkleider gehen durch Deine Hände, Du umwindest Dir selbst den Pfeil, den Du so immer tiefer in die wunde Brust drückst.

Dies also, dachte sie im Gehen, ist nun aller Lohn und aller Genuß des Lebens? Schmerzenslust! Wonne unter blutigen Thränen! Wer sieht euer doppeltes Antlitz und bebt nicht vor seinem eignen Loose zurück! Ein lautes Geräusch weckte sie indeß aus ihren Betrachtungen. Sie sah einen stattlichen Reisewagen an sich vorüber in ihren Hof fahren. Halb erfreut, halb verlegen, beflügelte sie die Schritte und trat fast zugleich mit zwei Damen in das Haus, in denen sie nicht ohne Erstaunen Augusten und Emilien erkannte Die Erstere ging ihr etwas feierlich entgegen, und sagte mit gehaltnem Ton, wie die kurze Bekanntschaft keinesweges ein so unerwartetes Erscheinen rechtfertige wohl aber die innigste Theilnahme, die ein Band sei, welches über Zeit73 und Verhältnisse hinausreiche. Emilie hingegen sank ihr weinend in die Arme und versicherte ihr liebkosend, daß sie so oft an sie gedacht und sich so herzlich nach ihr gesehnt habe, daß sie dem Wunsche nicht widerstehen könne, sie bei ihrer Durchreise zu begrüßen. Die Herzlichkeit des anschmiegenden Mädchen that Luisen wohl, und milderte einigermaßen die Verwirrung, welche Augustens Gegenwart in ihr erregte. Diese hatte sich ihr vormals mehr abstoßend als liebreich gezeigt, und sie war daher um so mehr verlegen, sich jetzt in ihrer Nähe zu befinden. Allein Luisens veränderte Lage war es gerade, was sie in Augustens Augen hob, welche es für eine Art zu lösender Aufgabe ansah, der Gefallnen ihren Schutz angedeihen zu lassen und deshalb willig in Emiliens Vorschlag einging, hier einen Tag zu verweilen.

Sie haben den Frühling um sich her gezaubert, sagte Auguste, im Hereintreten Luisens reichen Blumenflor beachtend. Sie thaten sicher wohl, denn die kleinen Zungen reden oft wahrer zu uns, als die schwankenden Menschenworte. Ja wohl! rief Emilie, ich muß bei ihrem Anblick an Alles denken, was ich lieb habe. Luise seufzte, und ein welkes Blatt zerdrückend, sagte sie: der Tod spricht nur so unmittelbar aus ihnen, wie schnell zerstiebt die Farbenpracht zwischen unsern Fingern, und wir74 sehen wehmuthig dem blassen Staube nach! Das höchste Entzücken, fiel Auguste ein, ist schmerzlich. Das liegt im Wechsel der Erscheinungen, den wir im flüchtigen Genuß vorempfinden, und über den hinaus wir das Ewige binden möchten. Aber dieser Wechsel, liebe Freundin, fuhr sie fast vertraulich fort, sollte dem wahrhaften Menschen eigentlich nichts anhaben. Wer die volle, gesammte Einheit in sich trägt, der könne, dünkt mich, dem Spiel der bunten Oberfläche ruhig zusehn. Er kennt die tief verborgne Bedeutung desselben und sieht in jedem Schmerz das Saamenkorn neuer Offenbarungen. Ich für mein Theil habe keinen Begriff von der Ewigkeit, der Trauer und jenem sehnsüchtigen Schmachten, das einen welken Schein über die ganze Schöpfung ausgießt, die Menschen in kränkliche Träume wiegt und sie in träger Hingebung mit Andacht und Frömmigkeit äfft, statt daß ein frischer Lebenshauch den Phönix aus der Asche erweckt.

Wie schön Du redest, sagte Emilie, die während dem beifällig mit dem Kopf genickt und Luisen wiederholt ihr Entzücken mitgetheilt hatte. Es wundert mich nicht, daß Du den kalten Sir Arthur gewannest. Du könntest Steine beleben. Aber Sie wissen wohl nicht, liebe Luise, fuhr sie fort, daß unsre Freundin mit dem jungen Engländer verlobt ist, den Sie bei meinen Eltern sahen.

75

Luise wußte es nicht, und erinnerte sich kaum ein flüchtiges Zeichen der Zuneigung zwischen Beiden bemerkt zu haben.

Die arme Auguste, sagte Emilie weiter, hat sich jetzt auf mehrere Monate von dem Geliebten getrennt, der erst kommenden Herbst, und vielleicht noch später, aus seinem Vaterlande zurückkehrt. Ich begreife kaum, wie sie den Schmerz der Trennung so überwindet. Den Menschen, hub Auguste sinnend an, den wir einmal wahrhaft sahen, den sahen wir, den werden wir ewig sehen! Zeit und Raum sind in dieser Hinsicht höchst untergeordnete Begriffe, die dem Wesen tief empfundner Liebe entgegenstehn.

Emilie bewunderte auf’s neue diese Stärke der Gesinnung, und sagte sehr naiv, daß sie den Geliebten entweder gar nicht aus ihren Armen gelassen, oder ihn gleich aufgegeben hätte, denn sie kenne sich und die Menschen, und wisse, daß über den ersten, entsetzlichen Schmerz der Trennung hinaus, die Welt gar zu lockend und lieblich auf die Herzen eindringe, die solch gegebnes Wort nur peinlich hin und her zerre. Von hier ging sie freudig zu den Verhältnissen zur Welt im Allgemeinen über, lobte das beweglichere Leben in den Städten, erzählte von ihrem nahen Aufenthalt in der Residenz, und schloß damit, Luisen dringend um ihre Begleitung76 dorthin zu bitten. Wider alles Vermuthen stimmte Auguste mit in diese Einladung, und bot ihr sehr gastlich einen schicklichen Aufenthalt in ihrem Hause an. Hierdurch wurden nothwendig Luisens frühere Verhältnisse berührt. Theilnahme erweckt Vertrauen. Das weibliche Herz erschließt sich um so leichter, je dringender ihm in manchen Augenblicken Mittheilung wird. Emiliens liebreiches Entgegenkommen rührte Luisen, und wenn ihr auch die Denksprüche und geformelten Phrasen der belesenen Auguste fremd blieben, so klangen sie doch gewichtig, und zwangen sie mit einer Art von Achtung zu der Rednerin aufzusehn, deren Urtheil sie ihre Unerfahrenheit unterwarf, und daher ohne Rückhalt zu Beiden sprach.

So verging dieser Tag und ein folgender, ohne daß sich Luise gleichwohl über jenen gethanen Antrag bestimmte. Allein Emilie hörte nicht auf, sie mit Liebe und Bitten zu bestürmen, und sagte ihr endlich in einem Augenblick, in welchem sie Auguste verlassen hatte, daß sie ihrer Theilnahme in einer ziemlich mißlichen Lage bedürfe, daß Auguste ihr zu fern stehe, und nur ein Herz wie das ihre sie verstehn könne. Hierauf entdeckte sie ihr ohne Weiteres ihre Liebe für den jungen Maler, die seit ihrer frühesten Kindheit ihr Herz erfüllte. Zugleich aber auch, wie lange Trennungen dies Verhältniß77 unterbrochen und ihre gegenseitige Zuneigung oftmals abwärts gelenkt hätten, weshalb auch ihre Mutter lange keinen Verdacht gehegt, neuerlich aber durch ein unvorsichtig verwahrtes Billet hinter die Wahrheit gekommen sei, und, ohne einen großen Zorn blicken zu lassen, nur erklärt habe, daß, da sie das Geschehene nicht ungeschehen machen könne, sie allein den Anstand für die Zukunft retten und so schnell als möglich eine schickliche Partie für sie suchen werde. Diese Partie, setzte Emilie hinzu, ist nun gefunden, und da wir Beide von der Unmöglichkeit einer gesetzlichen Verbindung nur zu sehr überzeugt sind, und die Gründe dagegen anerkennen müssen, so habe ich Steins Hand angenommen, der grade seine Bewerbung bei meiner Mutter erneuerte. Stein! rief Luise ganz entrüstet; Emilie, wo denken Sie hin, dies edle Gemüth wollen Sie hintergehn! Gott bewahre mich, erwiederte jene, ich will ihn gewiß recht glücklich machen. Mit diesem getheilten Herzen? fragte Luise. O das wird schon ruhiger schlagen lernen, entgegnete Emilie; und dann sagt Mutter, Pflicht und Gewohnheit ersetzten jede heftigere Neigung, und wenn ich sie selbst betrachte, so bin ich sehr geneigt, es zu glauben; sie lebte immer zufrieden an meines Vaters Seite, und ich bin gewiß, sie hat ihn nie geliebt. Aber Ihre Mutter selbst, unter brach sie Luise,78 war früher so entschieden gegen eine Verbindung mit Stein. So lange nur, erwiederte Emilie, als sie fürchtete, seine Leidenschaft könne mich unnatürlich entzünden, und, wie sie sagt, unversehens in eine Welt zaubern, in der ich höchst unbehaglich zu mir selbst kommen würde. Jetzt aber, da ich ihn mit ruhigem Gemüth allein aus Vernunft heiraten will, sieht sie weiter keine Gefahr für mich, und ist sehr gewiß, daß ich immer die Verschiedenheit unsrer Wege anerkennen, und durch Nothwendigkeit gehalten, den meinen recht still fortgehn werde. Luise ward lebhaft von der Herabwürdigung der allerheiligsten Verbindung ergriffen, die man hier, wie so oft im Leben, augenblicklichen Zwecken unterordnete, und rief daher, ganz rücksichtslos auf die Baronin: liebe Emilie, man täuscht Sie! man täuscht Sie absichtlich! Sie wissen nicht, was es beißt, eine verfehlte Wahl; Sie ahnden den Kampf gutgearteter Naturen nicht, die vielleicht ein langes Leben hindurch mit Theilnahme und Mitleid und den eignen qualvollen Wünschen ringen müssen. Noch viel weniger fühlen Sie, was dadurch in Ihnen verloren geht. Das Unschuldigste wird Ihnen unter den Händen zur Schuld; Frevel und Sünde treten Ihnen unversehens immer näher und näher, und fassen und halten Sie, bis die Ruhe und das Glück Ihres Lebens auf ewig vergiftet79 sind. Freilich, freilich! sagte Emilie, einigermaßen erschüttert; aber Mutter behauptet, einer Frau, die das Pflichtmäßige ihrer Verhältnisse nicht von selbst vor jeder Gefahr sichre, sei überhaupt nicht zu helfen. Kleine Abweichungen von der gewohnten Ordnung gehören der ungebundnen Jugend an. Wie wir aber in die wirkliche Welt treten, fasse uns der Ernst unsrer Bestimmung unwillkührlich an, und dränge uns unbewußt in den gemeßnen Gang häuslicher Thätigkeit; die Gewohnheit fände sich von selbst ein, und das ganze geträumte Wesen der Jugend liege plötzlich weit, weit hinter uns. O mein Gott! sagte Luise, so ist denn die Ehe nichts als ein bürgerlicher Verein, so wie noch tausend Andre, in denen Absichtlichkeit und Gesetz die Menschen zusammenhalten. Ihr reines Element wird ein trüber Sumpf, und die freieste Gabe des Herzens ein knechtisches Naturgebot! Aber wenn Sie sich auch finden lernen, fuhr sie gemäßigter fort, was soll aus dem Unglücklichen werden, dem sie so zuversichtlich die schwere Kette über den Nacken werfen? Wagen Sie es, auch für ihn gut zu sagen? Liebe Emilie, hoffen Sie nicht, ihn in den breiten Weg der Alltäglichkeit hineinzuziehn! In Steins Seele ist ein heller Tag aufgegangen; er macht andre Anforderungen an das Leben, als Sie es wünschen; ein volles, inniges Dasein will80 er mit Ihnen theilen. O Emilie, wenn diese höchst einfachen Anforderungen Sie drücken, und Sie das treue, begehrliche Herz durch Unvermögen, es zu begreifen, zerreißen werden, hoffen Sie dann noch, Ihren Weg still und ungestört fortzugehn? Wahrhaftig, sagte die Kleine halb weinend, Sie machen mich ganz bange! Ich habe das immer dunkel gefühlt. Aber es ist ja auch noch nicht alles verloren. Verlassen Sie mich nur nicht, beste Luise, ich bitte Sie, versagen Sie uns Ihre Begleitung nicht. Auguste kam hier auch herzu, und sagte noch vieles und manches über das unsichre Schwanken unsers Willens, und wie unersprieslich es sei, einen Entschluß zu verschieben, zu dem uns die innre Neigung vielleicht längst aufgefordert habe, so daß sich Luise entschied, und der folgende Tag zu ihrer Aller Abreise bestimmt ward.

Das ganze Haus gerieth bei dieser Nachricht in freudige Bewegung. Mariane sah nach monatlicher Trauer mit Entzücken einer willkommnen Veränderung entgegen, und auch für Luisen hatte die kleine Reise und die Aussicht in ein beweglicheres Leben, etwas Erfreuliches, ohnerachtet eine innre Bangigkeit sie wohl zuweilen die Neuheit ungewohnter Verhältnisse vorempfinden ließ.

Als sie am folgenden Morgen früh im halben Dämmerlicht an des Predigers Wohnung vorüberfuhren,81 öffnete Minchen schnell die Vorhänge und winkte Luisen noch ein herzliches Lebewohl zu. Diese ward innig dadurch gerührt. Der zitternde Tagesschein, der die Gegenstände mehr in einander schmolz, als bezeichnete, gab der Gestalt etwas schattenartiges, das Luisen unwillkührlich ergriff. Nur den tiefen Schmerz, den sie Minchen kannte, glaubte sie in ihren bleichen Zügen gesehen zu haben. Ihr war, als haben die weißen Arme, die sie grüßend bald hob und neigte, gestrebt, sie zurückzuhalten. Ihre Bewegung entging ihren Begleiterinnen nicht. Sie drangen in sie, und Luise sprach mit Wärme von Minchens Leiden und der stillen Ergebung, mit der sie sie trage, was Emilien häufige Thränen entlockte, Augusten aber in ein augenblickliches Nachdenken versenkte, aus welchem sehr bald folgende Worte hervorgingen. Mich dünkt doch, hub sie an, es sei keine rechte Einheit in diesem Gemüth! Entweder sie erwartet noch etwas vom Leben, oder sie begiebt sich aller Ansprüche daran. Ist das Erstere der Fall, warum dehnt sie die fruchtlose Trauer über das Grab des Geliebten hinaus? Warum? fragte Luise; lieber Himmel, kann sie denn anders? Darüber kann sie freilich nur selbst entscheiden, entgegnete Auguste, aber dann sollte sie auch nur konsequent sein, und sich gleich mit in das kühle Grab legen, das nun einmal das Ziel82 ihrer Wünsche umfaßt. Was will sie in der Welt? Sie zerreißt sich muthwillig. Beschränkte Naturen thun am Besten, sich gleich zu ergeben, da es ihnen an Kraft gebricht, die Nothwendigkeit zur Freiheit zu erheben. Beschränkte Naturen! rief Luise verletzt. O fühlen Sie denn nicht wie eine Schranke nach der andern vor diesen Augen fiel, die, ein höheres Ziel erfassend, muthig den dornigen Weg überschauen, der ausgebreitet daliegt? Kann sie den zarten Gliedern gebieten, nicht zu bluten, wenn die Dornen sie wund ritzen? Und sehen Sie nicht, wie der Schmerz, als ihr irrdisch Erbtheil, immer mehr hinter ihr zusammensinkt, und sie sich auf mächtigen Schwingen über sich selbst erhebt? Ich halte von solchen Kämpfen nicht viel, sagte Auguste kalt. Stehn ihr die Schwingen wirklich zu Gebot, wie Sie glauben, was überfliegt sie nicht gleich den mühseligen Weg, und erreicht so früher das Ziel? Weil sie, erwiederte Luise, ihre Kraft erst im Schmerze prüfte; weil ein wahrhaftes Leid den Menschen erschüttert und ihm alle Tiefen der Seele eröffnet, in denen er sich und die Welt und seine Bestimmung verstehen lernt. Glauben Sie das nicht, fiel Auguste ein, wer das Rechte von Anfang will, der findet es auch, der will denn auch nur das Eine in jeder wechselnden Gestaltung der Dinge, das ist seines Daseins ewiges unwandelbares Gebot.

83

Unter diesen und ähnlichen Gesprächen setzten sie ihre Reise fort. Luise fühlte sich sehr unbehaglich auf ihrem Platze. Emilie schlief, oder verlor sich doch mit geschloßnen Augen in lustige Träume; Auguste redete freilich, verletzte sie indeß unaufhörlich durch ihre dürre Sentenzen. Tausendmal ihren raschen Entschluß bereuend, sich der fremdartigen Gesellschaft angeschlossen zu haben, beugte sie den Kopf aus dem Wagenfenster, um, wo möglich, in den äußren Gegenständen eine erfreulichere Unterhaltung zu finden. Nicht lange, so bemerkte sie eine Chaise, die ihnen bald in geringer, bald in weiter Entfernung folgte, je nachdem der träge Gang der abgetriebnen Postpferde es gestattete. Unwillkührlich wendete sich Luise noch mehr zurück, um wo möglich zu entdecken, wer in dem Wagen sitze; allein er war dicht verschlossen, und sie mußte unbefriedigt von ihren wiederholten Versuchen abstehn. Zufällig traf es sich, daß jener Wagen, beim erneueten Wechseln der Pferde, jedesmal vor dem Posthause still hielt, wenn sie wieder abfuhren, wodurch auch die Neugier der beiden andren Damen erregt ward.

Da sie nun unterwegs übernachten mußten, und der Ort, den sie dazu bestimmten, wenig Ausbeute zur geselligen Unterhaltung gewähren konnte, so scherzten sie gegenseitig über die Möglichkeit, in ihrer84 unbekannten Begleitung irgend eine interessante Bekanntschaft zu machen. Wirklich waren sie kaum in den Gasthof eingezogen, als ein Wagen vor die Thür rollte, den Luise, ohnerachtet der fast hereingebrochnen Dunkelheit, für den besagten erkannte. Ein junger Mann, in einen weiten Pelz gewickelt, sprang heraus, und die dienstfertig entgegenkommende Wirthin bei der Hand fassend, sagte er: es ist verteufelt kalt, schöne Frau! Mein Zimmer, geschwind mein Zimmer! In drei Sätzen war er die Treppe herauf; eine Thür neben ihnen ward aufgeschlossen und er trat singend und lachend in das anstoßende Gemach. Die Stimme klang weich und fremd, die Leichtigkeit, das Benehmen ließ auf äußre Gewandheit und Lebenserfahrung schließen. Ohnerachtet der hohen Ruhe, mit welcher Auguste das bunte Spiel der Oberfläche betrachtete, fühlte sie doch keine geringe Begier, die neue Erscheinung näher in Augenschein zu nehmen. Sie empfahl indeß ihren Gefährtinnen die höchste Aufmerksamkeit, um durch kein Geräusch dem neuen Ankömmling ihre Anwesenheit zu verrathen, wodurch sie sich einigermaßen vor sich selbst rechtfertigen wollte, und zugleich auch den Fremden besser zu beobachten hoffte.

Nicht lange darauf hörten sie die Wirthin auf’s neue hineingehn. Tassen klapperten, ein wohlunterhaltenes85 Feuer knisterte im Kamin; der Fremde ward sichtlich mit Aufmerksamkeit bedient, während sie noch an allem Mangel litten, worüber Auguste fast alle Haltung verlor. Ein lautes, wiederholtes Kichern zeigte, wie wohl sich die Wirthin in ihren Geschäften befand, und daß sie vor der Hand noch nicht an sie denken werde. So wohl versehen und schon ganz behaglich eingewohnt, hörten sie ihren Nachbar nach einer Weile eine Kiste öffnen, einige Griffe auf einer Guitarre thun, und sich zu folgenden Worten auf dem Instrument begleiten:

Zierliche Blondine
Ging heut früh zu Walde,
Wollt beimkehren balde,
Pflückte Blümchen hier.
Sonnenhelle Miene,
Mund voll frischer Rosen,
Süß des Auges Kosen,
Freud’ges Liederspiel!
Traurige Blondine
Kam heut Abend wieder
Ohne lust’ge Lieder,
Seufzte tief und schwer.
86
» Was so trübe Miene?
Fandst Du keine Blumen?
Ach! ich brauch nicht Blumen,
Brauch kein Kränzlein mehr. «

Mein Gott, was ist Ihnen! rief hier Emilie, auf Luise zueilend, Sie sind bleich wie mein Tuch! Lassen Sie nur, sagte jene leise, es ist nichts, sicher nichts, eine vorübergehende Erschütterung. Die Worte, die dort herüberklangen; sie lehnte den Kopf an Emiliens Brust; ich hörte sie nur von Fernando, er selbst hat sie aus seiner Muttersprache in’s Deutsche übertragen, aber das beweist nichts, gar nichts. Die beiden Andren wurden hierdurch ebenfalls überrascht. Wenn er’s wäre, sagte Emilie, grade hier, mit uns auf einem Wege, es wäre doch fatal! Es ist unmöglich, unterbrach sie Luise schnell, ich sagte Ihnen ja, er sei in französische Kriegsdienste gegangen, was soll er hier wollen? Was sichert Sie denn, fiel Auguste ein, daß dies Vorhaben ausgeführt, ja daß es im Ernst gefaßt ward. Ich dächte, Sie wüßten, was von Aeußerungen aus diesem Munde zu halten sei. Hier trat endlich die Wirthin, von Marianen begleitet, und mit allem zu ihrer Bequemlichkeit Erforderlichen versehen, hinein. Kennen Sie den Fremden schon länger? fragte sie Auguste spöttisch, daß Sie87 ihm so viel Vorzüge vor Ihren übrigen Gästen einräumen? Gott nein! erwiederte jene betreten, es ist ja ein Ausländer, aber der Herr sind so ungestüm, daß man nur eilen muß, ihn zu befriedigen. Ein Ausländer? wiederholte Emilie; wissen Sie nicht, von welcher Nation? Ein Franzose, glaube ich, erwiederte sie. J, mein Gott, daß ich recht sage, ein Italiener; ja, ja, ein Italiener, man kunfundirt sich so leicht, und denn die Uniform! Eine Uniform? fragten alle Drei. Ja, ich weiß selbst nicht, ob es eine ist, sagte sie, aber es sieht so aus. Wenn es Ihnen gefällig wäre, fuhr sie fort, so könnten Sie miteinander speisen, die gnädigen Damen würden gewiß Unterhaltung finden. Gott bewahre uns! scholl es aus einem Munde; wir bitten Sie sogar, setzte Auguste hinzu, unsrer auf keine Weise gegen den Herrn zu erwähnen. Nun, wie Sie befehlen, sagte die Wirthin, durch ihre Heftigkeit aufmerksam gemacht, und wenig geneigt, der letzten Aeußerung zu achten.

Je mehr ich nachdenke, sagte Luise, als sie allein waren, je unwahrscheinlicher ist’s mir, daß Fernando ohne alles Gefolge, ohne allen äußren Glanz, in der Residenz erscheinen würde. Er fordert so viel vom Leben, er selbst thut so viel dafür; wie sollte er sich in dieser unbedeutenden Außenseite unter das bunte Gewühl einer Hauptstadt88 mengen! Sie vergessen, sagte Auguste, daß er mehrere Rollen hat; kennen Sie seine jetzigen Zwecke? Luise fuhr indeß fort, Gründe aufzusuchen, sich und die Andren vom Gegentheil zu überführen und die bange Wahrscheinlichkeit wo möglich durch einige Zweifel anzugreifen. Der Abend verging auf diese Weise schnell genug. Bei ihren Nachbar war es indeß ganz still geworden. Er schlafe, so schien es den Damen, welc