PRIMS Full-text transcription (HTML)
Schloß und Fabrik.
Erster Band.
Leipzig, Verlag vonAdolph Wienbrack. 1846.

Vorwort.

An dem Tage, wo ein Autor zu seinem Buche die Vorrede schreiben kann, sagt Jean Paul irgend wo, ist er glücklich.

Jean Paul hat mit diesem Wort so Recht, wie mit manch anderm ich fühle das jetzt und heute. Aber wenn ein Mensch eine glückliche Stunde hat, wie sie ihm selten kommt, so macht sie ihn öfter stumm, als beredt, so daß er zu all denen, welche ihm begegnen, oder zu ihm kommen, nicht anders zu reden weiß, als durch einen herzlichen Druck der Hand.

Und so denn auch Euch, meine Leser, jetzt kein Wort weiter, aber Gruß und Handschlag von

Meißen, im Januar 1846. der Verfasserin.

Schloß und Fabrik.
Erster Band.

I. Die Erziehungsanstalt.

Was er mir ist? O, frage Blumenkelche,
Was ihnen wohl der Thau, der sie besprengt?
(Betty Paoli. )

Zehn Uhr Abends. Um diese Stunde mußten in dem großen Hause des Herrn Doctor Nollin alle Lichter verlöscht und sollten alle Augen geschlossen sein. Und es waren viel schöne Augensterne, die da mit den Lichtern um die Wette zu leuchten aufhören mußten, statt daß manche von ihnen gewiß noch so gern abendlich geschwärmt und geblinkt hätten. Denn mehr als zwanzig junge Mädchen bewohnten dieses Haus auf der breiten, aber etwas einsamen Königsstraße einer Deutschen Residenz zweiter Größe. Herr und Madame Nollin leiteten nämlich ein Institut zur Erziehung und Ausbildung junger Mädchen aus den höheren Ständen. Das Institut war eben so vornehm, als kostspielig eingerichtet und daher auch nur von den Töchtern solcher Familien besucht, welchen Rang und Reichthum einen4 großen Aufwand gestattete. Dasselbe das erste der Residenz nennen zu können, war der Stolz von Madame Nollin.

Zehn Uhr Abends. Auch die junge Gräfin Elisabeth von Hohenthal hatte ihr Licht verlöscht und, der Hausregel folgend, das Lager gesucht. Aber sie richtete sich bald wieder unruhig auf, zog mit der kleinen Hand die Vorhänge ihres Himmelbettes auseinander, streckte das Köpfchen hervor und vom matten Mondlicht unterstützt, blickte und lauschte sie nach der nebenan offen stehenden Thüre, dann rief sie halblaut:

Aurelie!

Kichernd sprang auf diesen Ruf ein junges, leichtfüßiges Mädchen, in den leichten Schlafrock gehüllt, die niedlichen Pantoffeln, um Geräusch zu vermeiden, in den Händen, herein und warf sich in den Sessel neben Elisabeths Lager.

Nun, gestrenge Herrin, lachte sie, da bin ich zu Dero Befehl ich brenne nämlich vor Neugier, zu wissen, warum Du heute den ganzen Tag so blaß und schmachtend ausgesehen hast, und mit welchen großartigen Plänen Du umgingst, als Du heute Deine Stickerei drei Mal auftrennen mußtest, ehe sie sich vor kritischen Augen sehen lassen konnte nun beichte

Kann man nicht ernsthaft mit Dir reden, Aurelie? fegte Elisabeth mit etwas vorwurfsvoller Betonung.

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Nun, warum denn nicht? Wer weiß denn, daß Deine Geständnisse so gewaltig wichtig sind? Aber wirklich, was hast Du denn? und Aurelie, indem sie die letzten Worte mit liebreich theilnehmender Stimme sprach, nahm die Rechte der Freundin zwischen ihre beiden kleinen Hände.

Thalheim, begann diese, ist heute abermals außen geblieben

Nun, und was weiter?

Was weiter? Wäre nicht dies allein schon genug, um

Um Dich zu ärgern? Möglich! sagte Aurelie, indem sie zu gähnen begann, es thut mir zwar sehr leid, daß du dadurch verhindert worden bist, Deinen letzten geistreichen Aufsatz vortragen zu können, daß Du heute sein Lob nicht eingeärntet hast allein hat Deine heutige Sentimentalität keinen andern Grund, als diesen etwas lächerlich ehrgeizigen, so thut es mir wirklich leid um den Schlaf, den ich jetzt versäume.

Es sollte mir leid thun, hielte ich Dich von irgend einem Vergnügen zurück; ist Dir der Schlaf ein solches, dann, gute Nacht! versetzte Elisabeth kalt und lehnte sich in die Kissen zurück.

Aurelie stand stumm auf, öffnete leise das Fenster und sah hinaus. Sie that dies nur, um ein wenig Luft zu schöpfen oder vielmehr um Zeit zu gewinnen, sich mit der6 Freundin wieder auszusöhnen; zu schnell wollte sie dieselbe aber nicht versöhnen, um sich selbst Nichts von ihrer eignen Würde zu vergeben. Bald jedoch ward ihre Aufmerksamkeit durch Stimmen, welche sich auf der Straße hören ließen, gefesselt.

Zwei männliche Gestalten gingen unten vorüber und die Lauschende hörte die Worte:

So viel ist gewiß, dies ist das Institut, welchem sie angehören, aber wie aus einer so scharfbewachten Heerde gerade die Eine herausfinden, die man im Sinne hat und von der man nicht einmal weiß, ob sie Pauline oder Aurelie heißt

Das Wort Heerde klang Aurelien zwar etwas anstößig, sie konnte es nicht ohne Nasenrümpfen hören, doch als sie ihren eignen Namen verstanden hatte, strengte sie ihr Gehör auf’s Aeußerste an, um vielleicht noch ein die erregte Neugierde befriedigendes Wort zu vernehmen, und so hörte sie noch eine zweite Stimme sagen:

O, ich habe mir das Engelsgesicht zu deutlich gemerkt, um es je wieder vergessen zu können, wer sie auch sei, wie tyrannisch sie vielleicht auch bewacht sein mag, ich werde Mittel finden, mich ihr zu nähern.

Die erste Stimme ließ darauf ein wieherndes Gelächter vernehmen darüber schien die vorher friedliche Unterhaltung in ein Gezänk überzugehen, von dem Aurelie,7 da die Sprechenden sich immer weiter entfernten, kein Wort mehr verstehen konnte. Ueber diesem kleinen Vorfalle vergaß Aurelie ganz und gar, daß sie noch vor ein paar Minuten mit Elisabeth nicht im besten Vernehmen gewesen war sie trat zu dieser und berichtete, mit einem Denke Dir beginnend, umständlich und pathetisch das Erlauschte und stellte in einem langen Wortschwall Tausend Vermuthungen auf, die sich daran knüpfen ließen.

Elisabeth hörte geduldig zu und sagte dann lächelnd: Nun Du ein solches Abenteuer erlebt, bereust Du wohl nicht mehr die wenigen Minuten des verlornen Schlafes?

Da besann sich Aurelie erst wieder, daß jene ihr vorhin gezürnt und sie sagte weich: Vorhin wurdest Du mir böse ich will Dir zugeben, daß mir mit Deinen Worten Recht geschah, und so soll es wieder gehen wie immer ich bin vorlaut, Du bist stolz wir gestehen uns dies ein, und ich selbst bin die Erste, welche nachgiebt. So ist denn wieder Alles bei’m Alten und fiel ich Dir vorhin in’s Wort, so hast Du nun die Güte, es zu vollenden.

Elisabeth drückte die dargebotne Hand und begann nach einer Weile mit niedergeschlagenen Augen: Ihr nennt mich eitel und ehrgeizig und die Meisten der Gefährtinnen witzeln über mich. Ich bin es nicht, ich will nur den großen Vortheil nicht unbenutzt lassen, der mir zu Theil geworden, indem ein Thalheim unser Lehrer ist. Ich würde mich8 dieses Gefühlsunwerth fühlen, wenn ich nicht danach streben wollte, dies auch zu verdienen Aber wie kannst Du denken, nur Eitelkeit sei im Spiel, wenn ich darüber klage, daß Thalheim nicht gekommen?

Nun wirklich, lachte Aurelie pfiffig, da machst Du ein naives Geständniß, so bist Du wohl gar in Thalheim verliebt?

Welch einfältiges Wort und welcher noch einfältigerer Gedanke! Siehst Du dort , und Elisabeth legte sich mit dem Oberkörper ein wenig vor und deutete mit der Hand nach dem geöffneten Fenster, siehst Da da oben den kleinen Stern am Himmel, der gerade unter dem Orion steht? Er ist verschwindend klein gegen dies glänzende Sternbild und Niemand, der jenes nennt, nennt und zählt ihn mit aber deshalb ist er doch des Orion steter Begleiter. Was wär es denn weiter, wenn ich jener kleine Stern wäre und Thalheim mein Orion? Wenn ich in seiner Bahn ihm nachwandelte, unzertrennlich von ihm und doch immer in derselben Ferne wie ein Stern neben dem andern?

Was schwärmst Du wieder?

Ja, so seid ihr, seufzte Elisabeth und wieder den gewöhnlichen Gesprächston annehmend, sagte sie kurz: Thalheim’s Gattin ist dem Tode nahe, er will nicht von ihrem Schmerzenslager weichen und deshalb hat er sich bei uns entschuldigen lassen. Aber das ist nicht Alles. Erst gestern,9 als ich bei meiner Tante zum Besuch war, habe ich dort zufällig gehört, was mich in’s Innerste bewegt hat.

Nun, das wäre?

Thalheim soll so arm sein, daß er sich seiner Frau wegen die größten Entbehrungen auferlegt und jetzt durch ihre Krankheit in die größte Noth gestürzt Tag und Nacht allein an ihrem Lager wacht, jeden Dienst ihr leistet und unter den quälendsten Sorgen ringt. Ach, Aurelie, in diesem Augenblick, wo wir friedlich zusammen sprechen, kniet er vielleicht in Verzweiflung, daß er der sterbenden Gattin irgend einen Wunsch nicht erfüllen kann, an ihrem Schmerzenslager, und eine Hand voll elenden Goldes könnte sie zwar nicht dem Leben erhalten, aber es ihr doch leichter machen, zu sterben, und er wäre doch der niedrigsten aller Sorgen enthoben.

Das thut mir wirklich leid, wenn er so unglücklich ist Armuth muß doch sehr schlimm zu ertragen sein Aber wie können wir es ändern? Einem Bettler könnte man schon helfen ihm aber nicht.

Es ist freilich hier nicht so leicht, aber doch nicht unmöglich. Das ist es, worüber ich heute den ganzen Tag nachgedacht habe. Ich muß aber vor allen Dingen wissen, ob jenes Gerücht von Thalheim’s Armuth wirklich wahr ist. Ich habe mich heute bei unserm Laufmädchen nach seiner Wohnung erkundigt und erfahren, daß eine Blumenmacherin10 mit ihm in einer Etage wohnt, zu ihr will ich morgen gehen und hoffentlich erhalte ich da genaue Auskunft, vielleicht wird es mir auch gar durch diese möglich, ihm helfen zu können, oder der Zufall giebt mir irgend ein andres Mittel an die Hand. Willst Du mich nun morgen zu der Blumenmacherin begleiten? Wir sagen, daß wir zu Deinem Verwandten Obrist Treffurth gehen, schicken an der Hausthüre den Bedienten heim, thun dann erst unsern Gang und begeben uns dann zu Treffurth’s, wo der Bediente uns wieder abholen mag. Du kannst sie ja morgens von unserm Besuch benachrichtigen, den wir längst versprochen.

Aurelie war mit Allem zufrieden, hatte vermuthlich aber heute weiter keine Lust, noch mehr von Thalheim zu hören, und sagte deshalb der Freundin herzlich, aber schnell gute Nacht und legte sich zur Ruhe. Sie überließ sich den Gedanken über die am heutigen Abend gehörten Worte, die ihr anmuthige heitre Bilder vor die Seele zauberten, bis der Schlaf dieselben in wirrer gaukelnder Weise fortsetzte. Aber aus Elisabeth’s Augen schlich leise eine Thräne nach der andern und bis zum Morgengrauen entwarf sie sinnend einen Plan nach dem andern, wie sie ihren Zweck, Thalheim zu helfen, erreichen könne, und doch ward jeder dieser Pläne wieder von ihr verworfen.

Elisabeth war das einzige Kind eines Grafen von11 Hohenthal. Schön, begabt mit einem glänzenden Verstande und mannichfachen Talenten war sie der Eltern Stolz; all ihr Streben, ihr Ehrgeiz war auf diese gerichtet. Schon frühe war es dahin gekommen, daß fast jeder von Elisabeth’s Wünschen als Befehl galt, daß Alles im väterlichen Hause sich ihr unterordnete. Es konnte nicht anders kommen, als daß sie, dadurch irre geleitet, schon in früher Jugend etwas Herrisches und Gebieterisches annahm, das besonders die schwache, aber engelmilde Mutter zuweilen erschreckte und für das künftige Glück der theuern Tochter besorgt machte. Ein Hauslehrer und eine Gouvernante hatten Elisabeths Erziehung bis zu ihrer Confirmation geleitet; so war sie einsam, ohne Jugendgespielinnen, ohne Lerngefährtinnen aufgewachsen auf dem einsamen Stammschloß ihres Vaters. Den alten Grafen hielt auf denselben mittelalterliche Grille fest. Er konnte sich nicht mit dem neuen Zeitgeist befreunden, welcher allen alten Vorurtheilen, mithin auch der Würde des alten Adels den Krieg erklärt hat und seinen Feldzug gegen denselben allmälig immer siegreicher fortsetzt. Deshalb lebte er zurückgezogen auf seiner Herrschaft Hohenthal, wo er die ihn Umgebenden noch als seine Unterthanen betrachten und in ehrfurchtsvoller Ferne von sich halten konnte, wo man ihn trotz seines Stolzes, da er gerecht, freigebig und wohlthätig war, wie einen Vater und Fürsten verehrte und aus ehrfurchtsvoller12 Ferne mit Hochachtung zu ihm aufsah. Er hatte sich besonders, seit der Regent seines Vaterlandes diesem die mehr abgenöthigte als freiwillig verliehene Constitution gegeben hatte, nicht wieder entschließen können, in der Residenz zu erscheinen, welche durch die veränderte Zeitrichtung auch ein ganz verändertes Ansehen und Leben gewonnen hatte. Die Gräfin Hohenthal, die von fürstlicher Herkunft war, theilte die stolzen aristokratischen Ansichten ihres Gatten, doch in ihr hatten sie eine mehr poetische Grundlage und prägten sich auch poetisch und deshalb minder verletzend als bei dem prosaischen Grafen in ihrem sanften Charakter aus. Wenn der Graf mit allen neuen Zeitbestrebungen grollte, welche auf eine Ausgleichung der Verhältnisse, auf das Zunichtwerden veralteter Vorurtheile hinarbeiten, welche der Aristokratie die Uebermacht entreißen und bald jede frühere Willkühr und Ungebühr ihr unmöglich machen, war die Gräfin vorzüglich deshalb mit der Gegenwart zerfallen, weil alle jene äußern Lebensverherrlichungen, welche früher nur bei den höchsten Ständen zu finden gewesen, jetzt auch Eigenthum der bürgerlichen Stände wurden, welche, wie die Gräfin meinte, dieselben misbrauchten. Die Geldaristokratie, diese Geburt der neuen Zeit, die Macht in den Händen der Industriellen war es, welche ihr vornämlich die neue Zeit verhaßt machte, so daß auch sie, halb mit dem Leben zerfallen, es wünschenswerth fand, von seinen weitern Kreisen13 sich zurückzuziehen. Der nächste Nachbar ihrer Besitzungen trug jedoch noch unausgesetzt nicht wenig dazu bei, sie in der Trauer über die Sitten und aristokratischen Vorrechte entschwundener Zeiten zu bestärken. Es war dies Herr Christian Felchner, welcher vom Vater des jetzigen Grafen Hohenthal, als dieser durch einen Prozeß, den erst der Sohn gewann, seine Vermögensumstände sehr zerrüttet sah, ein ansehnliches Stück der zu den Hohenthal’schen Gütern gehörigen Ländereien gekauft und sie zur Anlegung einer großen Wollfabrik benutzt hatte. Graf Hohenthal, besonders durch seine Gattin dazu aufgemuntert, hatte dem Fabrikbesitzer enorme Summen geboten, um wenigstens theilweise und so viel, als irgend möglich, wieder den früher zu seinen Gütern gehörigen Grund und Boden in seinen Besitz zu bekommen allein Christian Felchner war nicht der Mann, der, wo er einmal sich angesiedelt, sich wieder vertreiben ließ, nicht der Mann, der je seine Ansprüche vor den Forderungen einer Aristokratie der Geburt gemäßigt hätte. Auf die Anträge des Grafen gab Christian Felchner nur kurz zur Antwort: er könne durchaus nicht darauf eingehen; und als jener seine Anerbietungen noch steigerte und nachdrücklicher zu machen suchte, traf er eines Tages an einer Stelle, die seinen Park begränzte und in Felchner’s Besitz war, eine Menge Arbeiter daselbst beschäftigt. Bald erhob sich an diesem Platz eine neue Spinnerei und bald14 schallte das Getöse der arbeitenden Dampfmaschinen weit hinüber in die stillsten Plätze des gräflichen Parkes, und die Fabrikarbeiter verzehrten an seinen mit prachtvollen Blumen und majestätischen Baumgruppen verschöntem Ausgang ihr Frühstück unter derben Scherzen oder rohem Gezänke. Der nächste Umgang des Grafen Hohenthal war ein Herr von Waldow, Rittmeister außer Dienst, dessen Rittergut auf der andern Seite das Eigenthum des Fabrikanten begrenzte. Herr von Waldow hatte während eines flotten Militärlebens ungleich mehr ausgegeben, als eingenommen, und um sich seinen guten Namen zu bewahren und zugleich sein glänzendes Leben fortsetzen zu können, ließ er willig von seinem Besitzthum ein Stück nach dem andern an Felchner gelangen, so daß dessen Besitzthum sich immer weiter ausbreitete, und was Hohenthal ihm an seiner Westgrenze gern wieder streitig gemacht hätte, das trat im Osten Waldow mit Vergnügen an Terrain ihm ab.

So verging Elisabeth’s Kindheit einsam im Schloß des Vaters, ohne daß eine Gespielin dieselbe erheitert hätte. Lehrer und Gouvernanten, welche man ihr hielt, betrachtete sie nicht als Personen, denen sie Gehorsam schuldig sei, sondern als solche, welche ihrem Willen sich zu fügen hätten. Bei ihren bedeutenden Geistesgaben und Talenten, verbunden mit einem angebornen Triebe nach Wissen, und einem früh erwachten Ernste und geistigen Stolz entwickelte sie sich15 früh und schnell, so daß die, welche ihre Erziehung leiteten, dies Geschäft dennoch belohnend fanden, obwohl Elisabeth immer eigenwillig, oft herrisch sich gegen sie zeigte und zeigen durfte. So war sie siebzehn Jahr alt geworden, als eine Verwandte ihrer Mutter, Baronin von Treffurth, mit ihrer Tochter Aurelie auf einige Zeit nach Hohenthal zu Besuch kam. Aurelie war zwei Jahr jünger als Elisabeth, weniger schön, weniger talentvoll und lernbegierig als diese aber lebendiger, kindlicher, heitrer. Frau von Treffurth bewohnte ebenfalls ein einsames Landgut und hatte deshalb beschlossen, die Erziehung ihrer ältesten Tochter in dem ersten Institut der Residenz vollenden zu lassen. Aureliens Abgang dahin war bereits bestimmt, und da sie und Elisabeth einander liebgewonnen hatten, so gab die Letztere bald den Wunsch zu erkennen, das elterliche Schloß auf einige Zeit mit jenem Institut zu vertauschen. Gräfin Hohenthal vernahm dies mit Freuden, denn sie hoffte auf diese Weise vielleicht den stolzen Eigenwillen ihrer Tochter brechen und im Kreise gleichfühlender Gespielinnen sie sanfter und zufriedener werden zu sehen, wie sie bis jetzt war.

So kam es, daß Elisabeth und Aurelie in Nollins Institut zusammen waren.

Als Elisabeth bei ihrer Ankunft sich die Namen ihrer Gefährtinnen hatte nennen lassen, ward bei jedem derselben ein Comtesse Baronesse u.s.w. vorgesetzt, nur16 eines dieser Mädchen nannte man ihr kurzweg als Pauline Felchner.

Als Elisabeth die Genannte befremdet mit kaltem Blicke maß, sagte ein schnippisches Fräulein bitter: Sie werden einander wohl nicht kennen, obwohl Sie eigentlich Nachbarinnen sind, denn Fabrikant Felchner’s Dampfmaschinen hört man ja wohl bis in das Schloß des Grafen Hohenthal lärmen.

Nein, wir kennen uns nicht, versetzte Elisabeth kalt.

Es wäre auch anders nicht möglich, nahm Pauline erröthend und mit bebender Stimme das Wort, denn seit meiner frühesten Kindheit, wo ich mutterlos ward, bin ich vom Vaterhaus entfernt gewesen. Desto mehr, fügte sie hinzu, indem ihre sanften blauen Augen unwillkührlich naß wurden, sehne ich mich nun dahin zurück.

Ward Pauline als das einzige bürgerliche Mädchen unter so vielen hochgeborenen zurückgesetzt und von diesen selbst geringschätzig behandelt, oder doch wenigstens allen Andern nachgesetzt, so hegte Elisabeth noch ein anderes Vorurtheil gegen sie; ihre Kameradin sollte die Tochter desselben Fabrikherrn sein, dessen Nachbarschaft mit dem Hohenthal’schen Schloß für dessen Besitzer schon so unbequem, als widerwärtig war. Zwar verschmähte es Elisabeth, die sanfte, bescheidne Pauline gleich den andern Mädchen absichtlich zu kränken und sich fühlbar über sie zu erheben,17 allein sie hielt sich immer fern von ihr, eine Annäherung schien zwischen Beiden unmöglich und sie waren gegenseitig nicht da für einander. Dies konnte Paulinen von Elisabeth aber weniger verletzen, als von jeder Anderen, denn für Elisabeth schienen überhaupt nur die Wenigsten da zu sein, nur an Aurelie schloß sie sich mit Wärme an, aber doch immer nur so, daß diese die geistige Ueberlegenheit Jener fühlte, sich ihr freiwillig unterordnete und ihr auch sonst in Allem zu Willen war.

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II. Ein Geständniß.

Herz ward vom Herzen blutend losgerissen,
Und jetzt auf meinem Sterbelager muß
Ich Deines Anblicks süßen Trost vermissen.
(Betty Paoli. )

In derselben Nacht, in welcher Elisabeth und Aurelie den Namen Thalheim flüsterten, wachte der, von dem sie sprachen, einsam und sorgenvoll am Krankenlager der Gattin.

Eine düster brennende Lampe beleuchtete matt das kleine Gemach. Die Fenster waren dicht verhangen. In der Nische des einen hing ein hölzerner Vogelbauer, dessen kleiner Inwohner zuweilen das bunte Köpfchen aus der dichten Federhülle hervorsteckte, als wolle er sehen, ob es noch nicht bald tage. Hie und da sang er auch leise unruhige Töne im Schlafe. Eine große Stutzuhr, deren prachtvolles Gehäus von Silber und Alabaster auffallend von der einfachen, ja armseligen Meublirung der Stube abstach, folgte mit hellem, forttönendem Klange den fliehenden Minuten. Außer ihr und den einzelnen Lauten des Vögelchens19 vernahm man Nichts, als die langen, unruhigen Athemzüge der Kranken.

In der dunkelsten Ecke des Gemaches saß der Gatte der Kranken in einem schwarzen Lehnstuhl. Sein Arm stützte sich auf eine Seitenlehne des Sessels, so daß die emporgehaltene Hand das müde herabgesenkte Haupt trug.

Thalheim mogte einige dreißig Jahre zählen. Die Züge seines Antlitzes waren von männlicher Schönheit und antiker Regelmäßigkeit; aber aus den leichten Furchen seiner hohen, breiten Stirn, Furchen, welche nur der Schmerz gezogen haben konnte, war bald zu lesen, daß manch hartes Geschick den Mann getroffen haben mogte, und die Blässe seines Antlitzes, das dunkle Feuer, das in seinen tiefblauen Augen brannte, das schmerzliche Zucken um den Mund, das die Oberlippe emporzog und ihn halb öffnete, so daß man eine Reihe großer mormorweißer Zähne gewahrte, deutete auch jetzt auf ein schmerzlichbewegtes Innere. Bei All dem aber konnte Thalheim’s Anblick auch in seiner jetzigen niedergebeugten Stellung weniger Mitleid, als Ehrfurcht erwecken. Etwas Unaussprechliches, Unnennbares prägte sich in seiner Gestalt, auf seinem Gesichte aus, etwas Heiliges, Unüberwindliches.

Er stand jetzt auf, denn die Kranke, welche er im Schlummer glaubte, hatte sich jetzt plötzlich rasch aufgerichtet und rief ungeduldig:

20

Johannes!

Im Augenblick stand er geräuschlos neben dem Bett und legte sanft seine Hand auf die fieberheiße seines Weibes, indem er flüsterte:

Willst Du etwas, gute Amalie?

Sterben! ächzte sie, indem sie beide Hände vor ihre Stirn schlug und das Haupt auf ihre Kniee legte. So zusammengebeugt seufzte sie laut und ungeduldig unter ihren Schmerzen. Er legte ihr die in einander gewühlten Kissen wieder zurecht, schlang den Arm sanft um ihre Schultern und wollte sie zärtlich aufrichten. Aber sie zuckte zusammen, als mache seine Berührung ihr Schmerz, verzog den Mund bitter und flüsterte ein zurückweisendes: Geh! und: Laß!

Thalheim nahm seinen Arm zurück und blieb eine Weile schweigsam stehen, seine Augen weilten unverändert mit zärtlicher Theilnahme auf der Kranken, die jetzt ihren Kopf aufrichtete, und hastig flehend sprach: Nur einen Wunsch erfülle mir noch, damit ich sterben kann auch mit bitter’m Tone hinzufügte: Du kannst es er kostet kein Geld.

Thalheim warf einen Blick an die Decke des Zimmers, einen Blick, der den Himmel suchte aber es schien kein Himmel über ihm zu sein, sein Blick traf nur die graue Decke. Amalie war schon lange krank, und er war arm21 diese Armuth wagte er Niemand einzugestehen, denn in der Stadt, in der er jetzt lebte, hatte er keine Freunde, die er um Hülfe hätte angehen können, und Bekannte in Anspruch zu nehmen, war er zu stolz. Sein Gehalt reichte nur gerade hin, ihn mit Weib und Kind zu ernähren, weiter nicht die lange Krankheit hatte ihn bereits in Schulden und Verbindlichkeiten verwickelt, die ihm unerträglich waren, und um sie nicht noch zu mehren, um nicht sich und seine Familie noch immer tiefer in eines jener Labyrinthe des Elends zu führen, aus welchen der Rückweg so schwer zu finden ist, hatte er der Kranken hie und da einen jener grilligen Wünsche unerfüllt lassen müssen, an denen Kranke gewöhnlich so reich sind, und deren Erfüllung ihnen weder Erleichterung noch Freude giebt, deren Verweigerung sie aber unmuthig macht. Thalheim hatte das Bewußtsein, daß er mit Aufopferung aller seiner Kräfte Alles für seine Frau that, was ihm irgend möglich war. Er hatte nie ein Wort des Dankes, der Anerkennung von ihr verlangt, denn er sagte sich, daß er nur seine Pflicht thue, aber statt eines milden Liebesblickes, nach dem er sich sehnte, gab sie ihm Vorwürfe. Aber jener einzige Blick aufwärts und ein schnell wieder unterdrücktes Zucken um den Mund war Alles, wodurch er einen Moment seiner heftigen innern Bewegung einen Ausdruck geben mußte, er sagte mit unveränderter Freundlichkeit: Und welchen Wunsch22 hast Du? Gewiß, ich werde Alles aufbieten, ihn Dir zu erfüllen!

Du weißt, daß ich sterben muß, begann sie milder, als sie vorhin sprach, und er fiel ihr in’s Wort und rief:

O, sprich nicht so!

Aber sie bat weiter: Unterbrich mich nicht, um mich zu schonen, es ist mir ja Erleichterung, wenn ich einmal frei sprechen darf. Suche mir das nicht zu verheimlichen, was ich ja doch wünschen muß. Laß mich reden. Höre mir zu. Du hast es selbst mit angesehen, wie oft der Tod zu mir gekommen ist er packte mich, warf mich hin und her, daß ich vor unsäglichen Schmerzen stöhnen und wimmern mußte, wie ein Kind aber die Stunde ging vorüber, und der Tod mit ihr ich blieb immer noch sein zuckendes Opfer und nun ist es mir klar geworden, warum ich nicht sterben kann ich soll nicht unversöhnt aus dem Leben gehen. Ich bedarf der Verzeihung zweier Menschen, an denen ich mich schwer vergangen habe Deiner und seiner

Sie hielt inne er sah sie fragend an und sprach kein Wort. Nach einer Pause fuhr sie fort:

Johannes! Auf dem Sterbebette lass mich nicht mehr heucheln. Nicht aus Liebe ward ich Dein Weib in diesem Herzen hat ewig nur das Bild eines Andern gelebt! sie sprach die letzten Worte kaum hörbar und mit23 niedergeschlagenen Augen, dann aber heftete sie dieselben weitgeöffnet ängstlich auf ihren Gatten, um zu erforschen, welchen Eindruck dieses Geständniß auf ihn mache.

Ueber seine ganze Gestalt rießelte es wie ein eisiger Schauer seine Hände ließen die Bettpfoste los, auf die sie sich vorhin gestützt hatten er sah auf sie, eben so starr, eben so fest, wie sie auf ihn doch lag ein ungläubiges Forschen in diesem Blick und eine innige Zärtlichkeit, welche flehte: nimm das Wort zurück ich verstehe Dich nicht.

Sie hielt diesen vertrauenden Liebesblick nicht aus, und indem sie ihr Gesicht abwendete, schrie sie auf: Fluch mir lieber! Ich kann das eher ertragen, als Deine Engelmilde, als Deine blindvertrauende Liebe ich habe Dich geachtet, ich habe Ehrfurcht vor Dir gehabt ich habe mir tausend Mal gesagt, daß Du edler, besser seiest, als all die andern Männer auch als er mein Geist hat es mir gesagt, nicht mein Herz mein Verstand, aber nicht mein Gefühl und so habe ich Dich niemals lieben können, wie Du Dich geliebt glaubtest niemals wie ihn und so habe ich doppelt gefehlt, an ihm, dem ich die Treue brach, und an Dir, dem ich Liebe heuchelte ich habe Euch Beide unglücklich gemacht, Ihr müßt mir Beide vergeben, damit ich versöhnt aus dem Leben gehen kann.

Johannes trat noch ein paar Schritte zurück und24 lehnte sich an den Ecktisch, auf dem die Nachtlampe stand durch den kleinen Stoß an den Tisch tauchte das Lämpchen unter das Oel, auf dem es schwamm, und verlöschte. Amalie schrie auf ihm gab der kleine Umstand die Fassung wieder er erinnerte ihn daran, daß er ja der Wärter einer Kranken sei, welche Schonung bedürfe. Er nahm das Feuerzeug zur Hand, und gab der Lampe ihre Flamme wieder, sie brannte aber jetzt unruhiger, flackernder als zuvor. Johannes sah, wie Amalie im Fieber glühte er warf einen besorgten Blick auf sie und setzte sich stumm neben ihr Bett.

Bin ich keines Wortes mehr werth? fragte Amalie seufzend.

Du wolltest mir einen Wunsch nennen, den ich Dir erfüllen könnte, sagte er ruhig und bezwang sogar das Beben seiner Stimme Warum nennst Du ihn nicht? Ich bin zu Allem bereit, was Du verlangst, wenn es in meiner Macht ist.

Versöhne mich mit ihm! rief sie.

Mit wem? fragte er tonlos.

Mit Jaromir von Szariny! flüsterte sie und drückte ihr erglühendes Antlitz in die Kissen. Ich kann nicht sterben, wenn er mir nicht vergeben! Ach, lass Dich beschwören, fuhr sie fort, der Tod lös’t ja alle Bande der Convenienz, macht Alles gleich im Angesicht seiner25 dürfen alle Schranken fallen und Seele zur Seele reden, wirf mit mir alle Vorurtheile bei Seite und erfülle meine Bitte, ich muß ihn sehen!

Wie wäre das möglich? sagte Johannes bestürzt. Ist der Graf denn hier? Und dann und er war zu betroffen von dem nun eben Gehörten, in dem er ja noch gar keinen Zusammenhang fand, um darüber ruhig denken und sprechen zu können, und dabei sagte er sich selbst unaufhörlich, daß er die Tod ranke schonen, jede Aufregung vermeiden müsse und doch war sein Herz so voll von eben darin erweckten Qualen, daß es Tausend verzweiflungsvolle Fragen, welche der Mund nimmer auszusprechen wagte, an die Gattin that.

Ach, Johannes, begann sie wieder, ich habe Dir Alles sorgfältig verborgen, was mich gemartert hat bis zu dieser Stunde. Darüber bin ich oft launenhaft und hart gegen Dich gewesen, denn es ist nicht leicht, sein Herz zu einem Gefühl überreden zu wollen, zu dem es ewig nein sagt.

Aber Amalie, ich beschwöre Dich! sagte er mit gepreßter Stimme.

Still, Johannes, fiel sie ihm in’s Wort, ich weiß, was Du sagen willst, schone mich nicht doch Du willst dies, und so will ich denn selbst für Dich reden. Du willst mich fragen, warum ich Dein Weib ward, da ich doch26 einen Andern liebte. Ach, ich war ein thörigtes, eitles Mädchen. Jaromir studirte in meiner Vaterstadt wir hatten uns gesehen, erst nur aus der Ferne, als wir uns schon liebten der schöne, stolze Graf, der liebenswürdige Pole, um dessen Zuneigung sich die vornehmsten Frauen und Fräuleins der Stadt vergebens bemühten er lag zu meinen Füßen, zu den Füßen des armen Mädchens, das Niemand kannte, Niemand beachtete, das um Lohn manche Stickerei für jene reichen Damen liefern mußte, die ihn in ihre Netze ziehen wollten. O, ich war selig! Meine Mutter machte erst Einwendungen gegen unser Liebesverhältniß, der Abstand der Verhältnisse machte sie mißtrauisch aber Jaromir besiegte ihre Einwendungen re wechselte den Ring mit mir, er erklärte uns, daß er selbst ziemlich so arm sei, wie wir, daß er ein Geächteter sei, dessen Güter der Russischen Krone verfallen, daß er keine Familie habe, die seine Wahl misbilligen werde, daß er, wenn er selbst ein andres Mädchen als mich lieben könne, doch zu stolz sei, als Bettler und Geächteter um die Hand einer Reichen und Hochgestellten zu werben und Allem fügte er hinzu, daß er mich über Alles liebe und daß dies ja der beste Grund sei, ihn nicht abzuweisen. Ach, wie beredt er immer sprach, und welch selige Stunden wir verlebten, als meine Mutter selbst unsere Liebe beschützte! Und Amalie lächelte, als sie so sprach, und blickte vor sich nieder, in selige Erinnerungen27 versunken, Erinnerungen, welche eine solche Gewalt über sie hatten, daß sie jetzt ihrer Sprache einen lebhafteren Ausdruck gaben, daß vor ihnen die Schwäche des kranken Körpers zu weichen, seine Schmerzen aufzuhören schienen. Unter entsetzlichen Qualen rang Johannes während dieses Geständnisses, er vermogte nicht mehr, die begeistert Sprechende anzusehen, er blickte vor sich nieder, und blieb stumm.

Nach einer Weile begann sie wieder: Niemand ahnte unser verborgenes Glück Jaromir galt in der Gesellschaft als ein Sonderling, den nur die Einsamkeit reize o, es war die Einsamkeit meines kleinen Zimmers, das für uns ein Paradies war. Aber so schön, so geistreich, wie er war, so unbedeutend kam ich mir neben ihm vor, und je leidenschaftlicher ich ihn liebte, desto häufiger quälten mich auch eifersüchtige Befürchtungen! Ein halbes Jahr, nachdem wir uns kennen gelernt, ward er auf der Universität in Händel verwickelt, welche ihn zwangen, diese und die Stadt zu verlassen. Wir nahmen traurig Abschied, und gelobten uns ewige Treue. Mein Leben ward furchtbar öde, da er fort war wir schrieben uns oft, wenn auch die Mutter darüber schalt, daß ich Tage lang schrieb, ohne zu nähen, und über das viele Postgeld. Aber nun ward die Eifersucht zu meinem Dämon ich hatte keine ruhige Minute mehr. Schrieb er mir einmal länger nicht, als gewöhnlich, so sprach ich im nächsten Brief meine Unruhe28 darüber aus, machte ihm Vorwürfe, nannte ihn untreu die Kranke unterbrach sich hier, sie fing an zu schluchzen, nach einer Weile sammelte sie sich wieder und fuhr fort: So war in stiller Pein ein halbes Jahr verstrichen, da wurdest Du der Lebensretter meiner Mutter sie war auf den vom Eise glatten Stufen gefallen, hatte den Arm gebrochen, Du hobst sie auf, brachtest sie zu dem Chirurgen, dann in unsre Wohnung Du sahst, wie arm wir waren, wie wir noch ärmer werden mußten, da die Mutter nun nicht mehr arbeiten konnte, Du bezahltest den Arzt, Du halfst überall, und doch warest Du selbst arm. So war ich Dir gleich, als ich Dich kennen lernte, zu Dank und Lohn verpflichtet.

Verpflichtet? O, mein Gott! rief jetzt Thalheim, sich vergessend, außer sich. Pflicht wo ich ein Herz bot für ein Herz, Dank und Lohn, diese Kinder des Hochmuthes und des Egoismus, wo ich nach wahrer Liebe mich sehnte! O, Amalie, wie jämmerlich klein mußt Du von mir gedacht haben! Und er sprang mit diesen Worten auf, ging an’s Fenster und drückte die brennende Stirn an die kühlen Glasscheiben.

Bleibe hier, Johannes, bat sie, ich gestehe Dir jetzt meine Schuld, damit ich versöhnt sterben kann. Warum klagst Du in schmerzlicher Ueberraschung? Ich habe es Dir29 zuvor gesagt, daß ich Deiner Vergebung ja so sehr bedarf! Komm, komm!

Vergieb mir, sagte er, diese Aufwallung, ich will still anhören. Und er setzte sich wieder auf sei nen vorigen Platz, drückte schmerzlich-lächelnd Amaliens Hand, die sie ihm entgegen streckte, und sah dann aufmerksam lauschend vor sich nieder. Niemand konnte es ihm mehr ansehen, welche widerstreitenden Gefühle in seiner Seele tobten.

Die Kranke begann wieder: Lass mich kurz sein. Du gingest oft bei uns aus und ein, meine Mutter hing mit der wärmsten Hochachtung und zugleich zärtlichsten Mutterliebe an Dir ich bewunderte Deine Großmuth, Deine Aufopferungen, Deine stete Milde aber mir war ewig, als stündest Du auf einer kalten, klaren Höhe, die ich nimmer erklimmen könnte, die mich auch nimmer lockte. Da war es wieder einmal, daß mir Jaromir lange nicht geschrieben, ein Gerücht nannte ihn als den Liebhaber einer schönen verwittweten Gräfin ich machte ihm eifersüchtige Vorwürfe, die er stolz ignorirte, endlich antwortete er aufgebracht, ich möge ihn nicht so unzart quälen, er thue es ja auch mir nie, denn er vertraue mir In diesen edlen Worten sah ich nur die Sprache der Gleichgültigkeit, mein Stolz überredete mich, daß er mich so sehr in seiner Gewalt zu haben glaube, daß neben ihm für mich jeder andere Mann verschwinden müsse dafür wollt ich ihn demüthigen,30 ich schrieb ihm begeistert von Dir, war auch freundlicher als zuvor gegen Dich, um ihm zu zeigen, daß noch andere edle Männer um meine Gunst sich bewerben könnten. O, er kannte mich nur zu gut! Er machte einen Scherz aus meinem Bestreben, seine Eifersucht zu erregen, wie er es durchschaute, und schrieb mir, daß er trotz dem meiner unveränderten Liebe gewiß sei ich hatte kaum diesen Brief, der meinen Stolz empörte, durchflogen, und ihn zürnend weggeworfen, als Du kamst, mir Deine Liebe gestandest, mir Deine Hand botest und wenn ich nun Ja! sagte, rief eine teuflische Stimme in mir, so wäre Jaromir doch gedemüthigt, und ich sagte Ja in derselben Stunde, und meine Mutter kam und segnete uns.

Amalie hielt erschöpft inne, und Johannes flüsterte zwischen den Lippen: Unüberlegte, kindische Rache eines eitlen Mädchens, und meine wahre, riesenstarke Liebe!

Sie fuhr nach einer Weile fort: Du warst so gütig, so edel, ich sah mich so unendlich geliebt, Du übtest einen mächtigen Zauber über mich meine Mutter dankte Dir ihr Leben und mehr, sie hatte längst gehofft, mit der Zeit werde mein Verhältniß zu diesem Jaromir enden, denn sie sah nicht ab, was daraus werden sollte sie war glücklich über meine Handlung, ich war wie eine Träumerin erst nach Wochen, als ein Brief Jaromir’s anlangte, worde er sein Befremden über mein längeres Schweigen ausdruckte,31 und ängstlich zärtlich fragte: ob ich krank, oder was sonst geschehen sei? da kam ich erst eigentlich zum klaren Bewußtsein dessen, was ich gethan hatte. Ich war in Verzweiflung meine Mutter schrieb für mich an Jaromir, besinnungslos unterschrieb ich den Brief ich ward krank, dadurch entging Dir mein tiefes Herzeleid. Ich hoffte immer noch, er würde wieder schreiben, mich beschwören, zu widerrufen dann wollte ich mein Wort von Dir zurückverlangen, es möchte daraus entstehen, was da wolle. Aber er schickte mir meinen Ring wieder und schrieb kein Wort dazu. Da wollte ich glücklich sein ihm zum Trotz. In solchen Momenten war ich dann so zärllich gegen Dich, wie ich es nur immer gegen ihn gewesen und es war doch nur eigentlich er, den ich in Dir liebkoste. Ach, ich habe untreu gegen ihn gehandelt, mein Gefühl konnte ihm nie untreu werden!

Sie hielt wieder inne, von Erinnerungen überwältigt. Das Nachtlicht flackerte unruhig, die Uhr im Zimmer schlug helltönend Mitternacht.

Nach einer langen Pause begann Amalie auf’s Neue: Meine gute Mutter starb, ich wäre verlassen und hilflos gewesen, wenn Du Dich meiner nicht angenommen. Du führtest mich zum Altar. Ich mußte das Schicksal segnen, das mir in Dir diese Stütze gab aber doch war ich nicht ruhig, nicht glücklich, ich konnte Jaromir nicht vergessen!32 Ach, Johannes, kannst Du mir das Alles vergeben? Kannst Du mir es vergeben, damit ich ruhig sterben kann?

Vergeben ist eine heilige Pflicht, sagte Johannes aufstehend und feierlich, aber mit gepreßter Stimme. Ich vergebe Dir Alles!

Du vergiebst mir nur aus kalter strenger Pflicht, nicht aus zärtlichem Herzen, Du vergiebst mir, weil es Deine strenge Tugend Dir so befiehlt flüsterte sie vorwurfsvoll, doch ja, ich verdiene das Du vergiebst doch ich danke Dir! Aber vollende, kröne Dein Werk, wenn ich, mit Dir versöhnt, sterben darf, so versöhne mich auch mit Jaromir, ich habe an ihm unrecht gehandelt, wie an Dir, ich habe ihn unglücklich gemacht, wie Dich !

Johannes sah sie fragend an und schwieg.

Nach einer Pause begann Amalie wieder hastig: Du willst mich nicht verstehen Jaromir ist hier, ich habe ihn wiedergesehen!

Auch noch das! sagte Johannes tonlos.

Einige Tage vorher, eh ich krank ward, sah ich ihn unter meinen Fenstern vorübergehen die fünf Jahre unsrer Trennung hatten ihn sehr verändert, er sah blaß und abgezehrt aus, und ein tiefer Gram wohnte in seinen früher so fröhlich glänzenden Augen, Mehrmals des Tages ging er vorüber, immer sah er herauf aber ich bezwang33 mich, und verbarg mich immer hinter den Blumen am Fenster nur ein Mal in der Abenddämmerung warf ich ihm eine geknickte Rose zu, an die ich einen Zettel mit den Worten gebunden hatte: Wir dürfen uns einander nicht nähern, aber mein Herz bewahrte für Jaromir immer dasselbe Gefühl. Er drückte die Rose an seine Brust, bedeckte sie mit Küssen, und obwohl es schon dunkelte, sah ich doch an allen seinen Bewegungen die eines Glücklichen. Am andern Tag ward ich so krank, daß ich das Bett nicht wieder verlassen konnte. Weiter habe ich ihn nicht gesehen und Nichts von ihm gehört, denn ich wagte nicht, Jemanden nach ihm zu fragen. Nun geht es mit mir zu Ende ich kann nicht sterben, bis ich ihn nicht noch ein Mal gesehen, bis er mir nicht vergeben. Der Sterbenden darfst Du es nicht verweigern, den letzten Abschied von dem zu nehmen, der dem Herzen, das bald nicht mehr schlägt, Alles war.

Thue, was Dir Dein Herz gebietet, sagte er, Du bist mir für keinen Deiner Wünsche, Deiner Gefühle mehr verantwortlich, seitdem ich weiß, daß ich Deine Liebe nie besessen. Du betrachtest Dich als eine aus dem Leben Scheidende aber Du kannst Dich irren; Du betrachtest den Mann Deiner Liebe als einen durch fünf lange Jahre sich gleich Gebliebenen und Du kannst Dich auch irren. Bedenke, daß es Dich dann reuen könnte, durch ein Wiedersehen,34 wie Du es ersehnst, dem Herkömmlichen, dem man Achtung schuldig ist, zuwider gehandelt zu haben.

Bemühe Dich nicht, mich von meinem Wunsch abzubringen fiel sie ihm bitter in’s Wort, seiner bin ich gewiß! Ich habe mich bezwungen, so lang ich lebte, dem Tod gegenüber hört dies elende Spiel auf, wie bald das elende Leben. Ich bin eine hilflose Kranke, es steht in Deiner Macht, mir meinen letzten Wunsch nicht zu erfüllen, und mich unversöhnt und qualvoll sterben zu lassen thu es und mein verzweifelnder, brechender Blick wird ewig vor Deiner Seele stehen Du wirst !

Spare Deine Worte, sagte er mild zu der Heftigen, gönne nun endlich Deinem Körper Ruhe, das viele Sprechen macht Dich matt. Ich will dem Grafen schreiben, daß er zu seiner sterbenden Amalie kommen soll und er wird kommen.

Aber länger konnte sich Johannes nicht beherrschen, er eilte zur Thüre hinaus in den finstern Vorsaal, riß draußen das Fenster auf und starrte in die Nacht hinaus.

Es wäre vergebens, schildern zu wollen, was ihn jetzt so heftig bewegte. Er liebte seine Gattin und all die Stunden, in denen er früher an ihrer Seite glücklich gewesen, sanken vor ihm in Nacht er war auch um seine Erinnerungen betrogen ein Betrug waren diese vier Jahre sie hatte ihn nie geliebt.

35

III. Jaromir.

Zu lieben mit dem reinsten, wärmsten Triebe,
Bis Dir das Herz im Rausch der Weihe bricht
Und grüßt Dich dennoch keine Gegenliebe,
Das ist der Leiden bitterstes noch nicht.
(Karl Beck. )

In einer geschmackvoll meublirten Stube lag im modischen Schlafrock ein junger Mann auf dem weichen Sopha bequem und schief ausgestreckt. In der einen feinen, weißen Hand hielt er eine glimmende Cigarre, mit der andern, an der ein kostbarer Siegelring blitzte, hielt er die Blätter eines Romanes, der vor ihm aufgeschlagen auf dem Tisch lag und in dem er eifrig las. Der junge Mann hatte eines jener Gesichter, deren ganzer Ausdruck in den Augen ruht; wenn sie mit diesen vor sich nieder sehen, so ist das ganze Gesicht höchst unbedeutend, sind dieselben aber gerad aus oder aufwärts auf irgend einen Gegenstand gerichtet, so genügen sie allein, den, dem sie gehören, schön und interessant36 zu machen. Die Augen des Lesenden waren von einem dunklen Braun, aber so glänzend und hell bei dieser tiefen Dunkelheit, daß man oft nicht wußte, ob man sie licht oder dunkel nennen sollte. Lange Wimpern beschatteten sie, und gaben ihnen einen schwärmerischen Ausdruck. Die braunen Haare fielen zu beiden Seiten des blassen Gesichtes in leichten Wellenlinien, ringsum in gleicher Länge die Halsbinde berührend, herunter, ein kleiner Bart umgab den Mund, um welchen ein verächtliches Lächeln spielte.

Eine malerische Unordnung herrschte in der Stube. Bücher lagen auf den Stühlen, ja hie und da auch darunter. Leere Cigarrenkistchen standen auf einem Bücherbreie, und mancher gelbe Glacehandschuh steckte seine fünf Finger aus einem Winkel des Schreibtisches, wie bedenklich drohend, hervor. Ein feiner schwarzer Filzhut saß verwegen genug auf einer weißen Büste Göthes, und eine gefüllte Geldbörse lag zu den Füßen einer niedlichen Statuette der Taglioni. Auf einem Seitentisch lagen Briefe, Visitenkarten, Journale u.s.w. wirr genug durcheinander. An den Fenstern hingen mehrere zierliche Diophonieen von Porzellan, an den buntgemalten Wänden hingen einige werthvolle Stahlstiche in goldenen Nahmen und manche niedliche Stickerei, die als irgend ein brauchbares Meubel diente. Luxus und Nachlässigkeit, die doch immer noch geschmackvoll und, wenn man will, ästhetisch blieb, reichten einander in diesem Zimmer37 die Hand. Sein Bewohner war Graf Jaromir von Szariny.

Die Thüre ward geöffnet, und ein junger Mann trat herein. Er war ziemlich lang und blond, hatte sehr lichte Augen, und sah überhaupt sehr farblos und sehr langweilig aus. Es war Baron von Füßli.

Die Herren begrüßten einander heiter und freundschaftlich, und Szariny entschuldigte sich leichthin, daß er noch nicht zum Ausgehen fertig sei, indem er die Zeit unbeachtet habe verstreichen lassen. Er schritt darauf zur Vollendung seiner Toilette, während sich Füßli in den Lehnsessel am Fenster warf und gähnend sagte:

Aber, mein Bester, wissen denn auch Sie gar nichts Neues?

O, ich sage Ihnen, diese Residenz ist eines der langweiligsten Nester, die ich kenne, selbst auf dem Gute meines Oheims war es nicht langweiliger, und Berlin würde ich im Leben nicht verlassen haben, wenn nicht Bella auf den wahnsinnigen Einfall gekommen wäre, sich hier engagiren zu lassen und ganz aufrichtig gestanden, auch sie fängt jetzt an mich zu langweilen. Wäre sie nur noch einige Monate in Berlin geblieben, so war meine Leidenschaft ruhig abgekühlt, und ich hätte sie ruhig reisen lassen, statt daß ich den dummen Streich machte, ihr zu folgen. Sechs Wochen bin ich nun schon hier! Und warum? Um mich so38 zu langweilen, daß mir diese sechs Wochen wie eben so viel Monate, ach, was sage ich, eben so viel Jahre erscheinen.

Nun, versetzte Jener, ich fange seit Kurzem an, mir einiges Amüsement zu versprechen. Neulich im Theater hab ich ein bildhübsches, muntres Mädchen gesehen, von dem ich jetzt weiß, daß es eine Pensionärin des Nollin’schen Instituts ist. Sie war jugendfrisch, wie eine Obstbaumblüthe, hatte blitzende Augen, die sich munter und keck nach allen Seiten drehten, lebendige Beweglichkeit kurz, ich glaube ein muntres Fischlein, das leicht zu fangen und wenn es dann an meiner Angel hängt wer weiß, im Nollin’schen Institut sind nur reiche Mädchen

Wahrhaftig, Sie amüsiren mich ein hübsches Kind gefällt Ihnen auf dem ersten Anblick, und Sie knüpfen sofort weitläufige Combinationen daran, welche bis zum Traualtar gehen. Alle Liebesverhältnisse arten in Langeweile aus aber bis zur Langeweile des ehelichen Lebens nein, dahin soll es mit mir nicht kommen, daran können auch Sie nicht ernsthaft denken!

Der Baron sagte achselzuckend: Je nun, eine reiche Partie ist oft das einzige Mittel, einige finanzielle Lücken auszufüllen man spielt eine neue Rolle in der Welt, wenn man das eigne Haus zum Mittelpunkt glänzender Feste machen kann. Und was wollen Sie? Eine fashionable39 Ehe lös’t doch nur ein Liebesverhältniß auf das, welches wir mit unsrer Gattin hatten, bevor sie solche war jedes andere wird dann nur um so pikanter.

Jaromir lachte und sagte dann kopfschüttelnd: Dann wählen Sie nur kein harmloses, unschuldiges Mädchen, sondern eine Kokette, die mit Ihren Grundsätzen übereinstimmt sonst sollte mir das arme Wesen leid thun. Zu einer solchen Scheinehe bin ich zu stolz, zu stolz, einem Wesen meinen Namen zu geben, dem ich nicht für immer mein Herz zu geben gedenke und da mich dieser Jugendwahn nicht mehr befallen kann so bleibt es denn bei meinem Entschlusse.

Aber es ist göttlich! rief der Baron mit lautem Lachen. Wie wir hier über Sein und Nichtsein der Heirath philosophiren, während wir uns doch anders amüsiren könnten wir machen eine Runde um die Stadt, und dann begleite ich sie zu Bella, sie war gestern göttlich als Lukrezia.

Gut, so wollen wir zu ihr gehen nach einer großen Opernpartie ist sie immer angegriffen, schmachtend, sanft und macht weniger ihre eigenwilligen Launen geltend, als an Tagen, wo sie sich heiser melden läßt, und in ihrem Muthwillen ausgelassen lustig darüber ist, ihren Mitsängern und der Direction einen ärgerlichen Streich gespielt zu haben.

40

Als sie zur Vorhausthüre heraustraten, kam der Briesträger die Treppe herauf. Von der Stadtpost, sagte er, und gab Jaromir einen Brief.

Eine unbekannte Hand und ein T im Siegel bemerkte der Empfänger.

Eine unbekannte Hand das ist in den meisten Fällen interessant, wenn es nicht von einem unsrer Handwerksleute und Lieferanten kommt doch die Mahnbriefe sind immer unfrankirt. Es scheint eine niedliche Damenhand zu sein so öffnen Sie doch nur, ich bin ungeheuer neugierig.

Nein, das ist eine Theologenhand, sagte Jaromir, der in Folge eines unerklärlichen Gefühls sich beinahe scheute, den Brief zu öffnen und ihn sinnend in der Hand hielt. Endlich war das Siegel gelös’t. Er las:

Klingt Ihnen der Name Amalie noch bekannt? Amalie, die Sie einst liebten, ist eine Sterbende, und hat auf dieser Welt nur noch den einen Wunsch, sich sterbend mit Ihnen zu versöhnen, Ihre Vergebung zu erlangen. Wenn Ihnen je der letzte Wunsch einer Sterbenden heilig war, so kommen Sie heut Nachmittag zwischen 4 und 6 Uhr in die Klosterstraße Nr. 18, zwei Treppen, links, wo Sie an der Thüre den Namen finden: Doctor Thalheim.

Eine ganze Vergangenheit wachte plötzlich vor Jaromir auf er starrte regungslos auf das Papier, und stand41 wie angewurzelt fest Amalie, Thalheim ganz recht, das war der Name ihres Gatten

Nun, fragte der Baron, wollen Sie ewig hier stehen bleiben? Worüber sind Sie so außer sich gerathen? Kommen Sie Bella wird Sie wieder beruhigen.

Bella? Gehen Sie allein zu ihr, ich kann nicht mitgehen. Aber was ist denn das? fuhr er fort, auf das Papier starrend. Klosterstraße Nr. 18 da wohnt ja Bella auch!

Aber was haben Sie denn? So kommen Sie doch nur! Was ist denn das für ein verhängnißvolles Billet, das Sie so gedankenlos, so verdreht macht so lassen Sie doch sehen! Oder ist es ein zu zartes Geheimniß, das einen Vertrauten nicht duldet?

Ja, rief Jaromir, indem er den Brief einsteckte, es ist ein Geheimniß, das einer frühern Zeit und einem frühern Menschen angehört, als der Szariny ist, der Ihr Freund ward! und ruhiger fügte er in seinem gewöhnlichen Ton hinzu: Rechnen Sie es mir nicht als Unart an, wenn ich Sie heute nicht zu Bella begleiten kann.

Was, und Sie versprachen mir noch gestern, mich sobald als möglich bei ihr einzuführen?

Sie werden ihr auch ohne Einführung von meiner Seite willkommen sein oder kommen Sie noch eine42 Augenblick in mein Zimmer, ich gebe Ihnen ein Billet von mir an sie mit, das ist der sicherste Weg zu ihr.

Jaromir kehrte eilig wieder in sein Zimmer zurück, und schrieb, während der Baron langsam und kopfschüttelnd nachkam, hastig an seinem Schreibtisch:

Leider ist es mir heute unmöglich, selbst nachzufragen, wie meiner schönen Freundin die gestrige Anstrengung bekommen ist. Ich lasse mich durch meinen vertrauten Freund, Baron von Füßli, bei Ihnen vertreten, der schon längst nach dem Glück Ihrer Bekanntschaft strebte. Sie werden in ihm einen geistreicheren und liebenswürdigeren Gesellschafter finden, als in ihrem ergebenen

Szariny.

Er las diese Zeilen hastig vor, siegelte sie dann rasch ein, und trieb damit den Baron zum Fortgehen, indem er ihm nochmals zurief: Sie werden Bella sehr schön finden, und ich bin es gern zufrieden, wenn sie alle Rechte, die mir ihre Freundschaft gewährt, auch auf Sie überträgt.

Der Baron fand Jaromir heute so sehr in seiner von ihm so genannten Sonderlingslaune, daß er es wirklich für das Beste hielt, nicht neugierig in ihn zu dringen, und so ging er.

Als er fort war, warf sich Jaromir in das Sopha, nachdem er die Thüre verriegelt hatte, und sagte: Endlich bin ich ihn los!

43

Er lehnte sein Haupt mit der Stirn auf das Sophakissen, drückte noch beide Hände vor, als wolle er gar Nichts sehen von der Außenwelt, und versank in ein tiefes Sinnen.

Polen war gefallen, und Jaromir war in den ersten Jünglingsjahren mit seiner deutschen Mutter nach Deutschland geflüchtet. Der Vater war im Kampf geblieben ein Bruder der Mutter nahm die armen Flüchtlinge auf seinem Gute auf. Die Gräfin Szariny, die in der letzten Zeit so viel erlebt hatte, alle Schrecknisse des Kriegs, alle Gefahren und blutigen Scenen der Revolution, den blutigen Tod des Gatten, den Verlust ihrer großen Standesherrschaft und all ihres Reichthums, so daß sie zuletzt in rascher Flucht Nichts retten konnte, als das Leben des einzigen, theuern Sohnes und ihr eigenes erlag bald so vielfachen Lebensstürmen und starb. Ihr Bruder, Graf Galzenau, versprach der Sterbenden, sich ihres Sohnes anzunehmen. Der Graf war verheirathet, und hatte selbst eine zahlreiche Familie, und ein im Verhältniß zu dieser und seinem Stand nicht eben beträchtliches Vermögen. Er selbst that für den Schwestersohn, was er thun konnte, aber die Seinigen sahen immer ein Wenig scheel auf den. Polenflüchtling, und behandelten ihn nie mit verwandtschaftlicher Herzlichkeit, sondern oft mit kaltem Stolz, mit verächtlicher Zurücksetzung. So lernte Jaromir früh das Leben von der ernstesten Seite kennen; er bezog ein Gymnasium, und dann die Universität. 44In den Ferien kam er nur auf den ausdrücklichen Wunsch seines Oheims in dessen Haus, wo er sich gedrückt fühlte. Jaromir war fest entschlossen, so bald als möglich die Wohlthaten seines Oheims nicht mehr anzunehmen, deshalb studirte er. Aber was konnte es ihm nützen? Konnte ein vertriebener Pole auf eine Anstellung in Deutschen Staaten rechnen? Er griff zu dem einzigen Mittel, welches ihm übrig blieb, um wenigstens im Augenblick eine kleine Quelle des Erwerbes sich zu öffnen er ward Schriftsteller! Er hatte Genie und er schrieb mit Begeisterung er wählte den neuen Beruf nicht allein aus Noth, und weil keine Wahl ihm blieb, er war ihm zugethan mit Lust und Liebe. Aber trauriges Schicksal des Armen, der in Deutschland der Muse leben will, und zugleich auch gezwungen ist, von ihr zu leben! Jaromir entging ihm nicht oft, wenn er sich gedrungen fühlte, die Feder zur Hand zu nehmen, und ein Lied niederschreiben wollte, wie er es tief im Herzen fühlte oft warf er das kleine Blatt Papier wieder weg, auf das er die erste Zeile geschrieben, und griff nach einem großen Bogen, denn noch heute mußte der Journalartikel fertig sein, den er zu liefern versprochen hatte, und den man ihm gut bezahlte; das Lied aber bezahlte ihm Niemand, kaum daß es im Winkel irgend einer Zeitschrift überhaupt auf einen Platz rechnen konnte, und so wurde es in der Geburt erstickt, der bestellte Artikel hingeschrieben45 ohne Lust und Behagen, und dann mit einem: Gott sei Dank, daß ich fertig bin! die Feder ärgerlich weggeworfen. Oder wenn er irgend eine Skizze, die ihm just durch den Sinn fuhr, für die er aber nicht gleich einen Verleger wußte, niederschreiben wollte, so sandte man ihm Polnische und Englische Blätter, und verhieß für die schnelle Uebersetzung ein gutes Honorar und er übersetzte dann warf er die Feder mit Ekel weg, und konnte sich oft lange nicht überwinden, sie wieder anzurühren, aus Verachtung vor ihr und sich selbst, daß er sie so oft halb gezwungen führen mußte. Er hatte es seinem Oheim gesagt, daß er allein für sich selbst sorgen könne, und nur mit Mühe hatte dieser ihn vermogt, wenigstens so lange, als die Zeit seiner Studien bestimmt sei, für diese das Geld von ihm anzunehmen. Jaromir hatte jenen edlen Stolz unabhängiger Charaktere, der Nichts gemein hat mit jenem gemeinen Stolz auf Rang und Ansehen. Daher hielt er sich auch entfernt von der höhern Gesellschaft, die seinen Rang und Stand, aber nicht seine übrigen Verhältnisse kannte, und begierig den schönen, geistreichen jungen Mann in ihre Kreise zu ziehen suchte. Da dies vergebens war, erklärte man ihn für einen Sonderling und Grillenfänger dadurch ward er nur noch mehr zum Gegenstand des allgemeinen Interesses, und manches zärtliche Briefchen kam auf einem geheimen Weg zu ihm, das ihm Theilnahme und46 Tröstung bei dem Kummer verhieß, der ihn zu drücken scheine. Er warf diese Billets, verächtlich lachend, in’s Camin, und ging zu seiner Amalie. Er hatte das schöne, arme Mädchen kennen und lieben gelernt er sah sich von ihm angebetet, und gab sich mit aller Innigkeit des ersten Liebeserwachens in einem noch von keinem unlautern Gefühl entweihten Herzen demselben hin. Er liebte Amalien wirklich und wahrhaftig mit der reinen Gluth, deren seine schwärmerische Seele fähig war, mit all der edlen Hingabe seines starken Charakters. Daß sie ein armes, bürgerliches Mädchen war, das kümmerte ihn nicht er war auch arm, und sein Grafentitel galt ihm Nichts. Er hoffte, sich später eine sorgenfreiere Existenz zu sichern, die er ihr bieten könnte, und ob seine Verwandten ihm über die Mesalliance zürnen würden kümmerte ihn nicht, er war ihnen nicht mehr verpflichtet. Von seiner eignen, festvertrauenden Liebe schloß er auf die Amaliens er hielt ihre Liebe für so fest, wie die seine, er war ruhig und glücklich im Besitz ihres theuern Herzens. Er wußte es, wie sie ihn liebte. Mußte nicht auch sie es wissen, da er es ihr einmal gesagt, wie wechsellos und treu er sie liebte? Wozu bedurfte es immer neuer Wiederholungen? Sein schönes Vertrauen nahm sie für Kälte. Ihr Geständniß gegen ihren Gatten erklärt, wie es zwischen ihr und Jaromir zum Bruch kommen konnte. Er lebte, wie in ***. als er es hatte47 verlassen müssen, eingezogen und einsam. Er war bald wieder in literarischen Verbindungen, da er sie suchte, denn der angenommene Name, unter dem er schrieb, hatte einen guten Klang bekommen. Er dachte an sein Liebchen, und schrieb fleißig an einem größern Werke, auf das er manche Hoffnung für sich und Amalien baute. Wohl kränkte ihn zuweilen ihre Eifersucht, allein er hielt diese mehr für eine weibliche Laune, die nur auf der äußern Oberfläche erscheine, nimmer aber aus der Tiefe des Herzens komme wußte er sich doch so frei von jeder kleinsten Regung, die einen Vorwurf verdient hätte. Es beruhte in Wahrheit: eine Polnische Gräfin, in deren Hause er zufällig wohnte, hatte ihn zu sich einladen lassen, und er hatte keinen Grund gehabt, die Einladung auszuschlagen. Aber bald fand er, daß es in ihrem Hause ein Wenig frivol zugehe, daß die Gräfin all ihre Koketterie-Künste anwende, um in ihm einen galanten Ritter zu finden da zog er in ein entlegenes Stadtviertel, und schickte der Gräfin eine Abschiedskarte. Ein Bekannter der Gräfin, der ihn in diesem Cirkel kennen gelernt hatte, traf ihn einige Zeit darauf zufällig, und als er ihm seine Verwunderung aussprach, daß er noch in Berlin sei, da er der Gräfin doch eine Abschiedskarte geschickt habe, sagte Jaromir: Für die Personen, denen man Abschiedskarten schickt, ist man nicht mehr da gleichviel, ob man die Stadt gewechselt hat, oder nur die Straßen. 48 So selbstbewußt nun durch diese und ähnliche Handlungen Jaromir sich fühlte, von Amalien auch nicht den kleinsten Zweifel an seiner Liebe zu verdienen, so glaubte er auch nicht daran, daß sie im Ernst an seiner Treue zweifeln, und daß sie selbst je anders handeln und fühlen könne, als er so fiel es ihm doch, wie er nun den Brief von Amaliens Mutter und seinen Ring mit der Anzeige ihrer Verlobung mit Thalheim erhielt, plötzlich wie Schuppen von seinen Augen. Sie hatte ihn nie geliebt, nie geliebt, wie er allein geliebt sein wollte! Sie hatte nie das große, heilige Gefühl verstanden, das ihn bewegte; er hatte seine edelsten Empfindungen, sein ganzes großes Herz weggeworfen an ein Wesen, das nur damit gespielt hatte! Es war über ein Jahr vergangen, und er hatte keinen andern Gedanken gehabt, als den: Amalie! Für sie hatte er gearbeitet, für sie gedarbt für sie seine Nächte am Schreibtisch, oft seine Neigungen in der Literatur dem sicheren Erwerb geopfert und jetzt sah er sich von ihr bei Seite geworfen, einem Andern geopfert! Wäre sie ihm entrissen worden durch den Tod, durch irgend eine Allgewalt der Verhältnisse, er hätte es mit edler, männlicher Entsagung ertragen aber durch ihre Untreue wurden die bittersten Gefühle in ihm rege, durch ihren Verrath sah er sich um das schönste Jahr seines Lebens schrecklich betrogen. Er mußte die Erinnerung an dieses Liebesglück fliehen denn49 dieses selbst erschien ihm jetzt als nichts Anderes, als eine ungeheure Lüge. Er schickte Amalien ihren Ring wieder, ohne ein Wort des Vorwurfs, ohne irgend eine Erklärung sie war seinem stolzen, edlen Herzen plötzlich so verächtlich, als sie ihm erst theuer gewesen. Er suchte jeden Gedanken an sie zu verbannen aber wie nun die tödtende Leere ausfüllen, die dadurch in seinem Innern, in seinem ganzen Leben entstand? Er stürzte sich in einen Strudel von Zerstreuungen, er trank und spielte, und wenn der Schlaf nach durchschwärmten Nächten auf ihn herabsank, so fand er ihn selten nüchtern. Wenn er schreiben wollte wie sonst, und er allein in seiner stillen Stube saß da stand Amaliens Bild plötzlich vor ihm, und er schaute es liebesselig an wie sonst aber dann besann er sich, daß das Alles ja vorüber und Nichts gewesen sei, als ein langer Betrug, und sprang auf, floh das Nachdenken, floh die Einsamkeit, um nur auch ihrem Bild zu entrinnen, und suchte wieder den goldnen Stern der Vergessenheit im goldnen Wein, Dies wilde Leben stürzte ihn in Schulden, er hatte bald mit der entsetzlichsten Noth, den peinlichsten Sorgen zu kämpfen. Da erhielt er einen Brief seines Oheims. Ein Verwandter Jaromirs in Rußland hatte diesem geschrieben. Jaromirs Standesherrschaft war der Russischen Krone verfallen, und er selbst durfte nicht wieder dahin zurückkehren, aber der Verwandte, der auf Rassischer Seite50 stand, und daselbst viel Einfluß hatte, hatte es dahin gebracht, daß Jaromir sein übriges beträchtliches Vermögen erhielt. Das schrieb ihm Golzenau, und übersandte ihm die betreffenden Documente. Der arme Jaromir erwachte eines Morgens und fand sich reich. Er frohlockte, der Reichthum gab ihm ja die Mittel, sich zu zerstreuen, zu betäuben. Er verließ Berlin und ging auf Reisen. Nach einem Jahre kehrte er wieder zurück. Er war nunmehr auch ein gern empfangner Gast auf Schloß Golzenau kam zuweilen dahin, weil der Graf ihn wie einen Sohn liebte, und weil er den alten Mann schätzte, der früher, trotz den Widersprüchen der eignen Familie, so väterlich an ihm gehandelt hatte. Jaromir hatte ihm Alles wieder erstattet, was er früher von ihm empfangen, und um so unbefangener konnte er ihm jetzt seine Dankbarkeit bezeugen. Uebrigens lebte Jaromir die folgenden Jahre in Berlin unter der großen Welt, der er so lange fremd geblieben war. Er galt für einen der ersten Salonherrn in diesen Kreisen und da er unter ihnen nicht nur seinem Aeußern nach der schönste, sondern zugleich auch der geistreichste war, da man es sich zuflüsterte, daß er ein Dichter, ein Journalist sei so gab dies seiner ohnehin bedeutenden Persönlichkeit noch einen besondern Glanz, der ihn für die Frauen besonder anziehend machte, und nicht wenig dazu beitrug, daß manch Männer ihn halb mit Neid, halb mit Furcht betracheter51 So beherrschte er die Gesellschaft durch hundert Eigenschaften, vor welchen eben diese Gesellschaft sich bewundernd neigt. Es war ein neues Leben im Aeußern für ihn aufgegangen. Er war ein andrer Mensch geworden. Er huldigte jeder Modethorheit, jeder Grille, die in ihm aufstieg er war heute der dienstbare Sklave irgend einer schönen Frau, um sich morgen über sie lustig zu machen. Er ließ heute wirklich sein Herz und seine Sinne von irgend einer blendenden, weiblichen Erscheinung verführen, und morgen stand sie wieder vor ihm all dieses Glanzes bar, den seine Phantasie um sie gewoben, und er wandte sich mit bitterm Lächeln ab. Er redete sich heute selbst ein, zu lieben und selig zu sein, wenn ein schönes Weib die Arme berauscht und berauschend um ihn schlang aber morgen verhöhnte er das eigne Gefühl und lös’te zürnend das raschgeknüpfte Band. Er achtete nicht darauf, daß wohl viel Thränen still um ihn flossen, daß manche Wange bleich ward, die er einst geküßt er hatte längst aufgehört, an das weibliche Herz zu glauben, was galten ihm da noch weibliche Thränen, Seufzer und Worte? Und sein eignes Herz blieb so leer und öde, wie eine Wüste, so hatte er ja das weibliche genannt. Er dachte nicht mehr an Amalien, die Erinnerung an sie war verloren. Nicht um den Gedanken an sie zu entfliehen, führte er ein zerstreuendes Leben ihr Bild erschien ihm schon lange niche mehr, sondern nur um52 die Leere seines Innern in den Augenblicken auszufüllen, wo er diese Leere am drückendsten fühlte, und jeder solcher Versuch zeigte ihm doch nur, welche vergebliche Mühe es war, ihn zu machen. Er war noch Schriftsteller, und jetzt glücklich: er brauchte nicht mehr für Geld zu schreiben diesen ungeheuern Fluch hatte ja der Reichthum von ihm genommen; er konnte schreiben, was der Geist ihm eingab, und er that es. In solchen Stunden war ihm dann am wohlsten. Aber seine Anonymität behauptend, war er zu der Gesammtliteratur in eine ziemlich schiefe Stellung gekommen. Seine Ansichten und Aussprüche machten ihm viele Freunde, und erwarben seinem angenommenen Namen Anerkennung aber er war und blieb allein, da er sich eben nicht selbst dazu bekannte, der Träger dieses Namens zu sein. Nicht die warmen, ehrlichen Herzen, die mit ihm zugleich schlugen, und auf dem Tummelplatz der Journale kämpften für Freiheit und Recht, waren seine Gefährten, sondern jene vornehmen, blasirten Stutzer mit prunkenden Titeln und hohen Namen, deren Augen nicht weiter reichten, als bis in die goldumrahmten Spiegel geschmückter Salons, und denen die wirkliche große Welt, die über und außer ihrer sogenannten großen Welt lag, ein unbekanntes Reich war. Mit einigen von ihnen theilte Jaromir ein gemeinschaftliches Interesse: das Theater. Während jene aber zumeist die Operngucker auf die verführerischen Bewegungen53 der Ballettänzerinnen richteten, saß Jaromir sinnend im Schauspiel, im Lustspiel, in der Oper, und war ein aufmerksamer, kritischer Beobachter, ob die Darsteller ihre Rollen richtig auffaßten, ob sie ihre schwierigen Aufgaben lös’ten. Er hatte in dieser Zeit eine förmliche Leidenschaft für das Theater, für die Kunst, und ließ es dann an öffentlichen oder privaten Aufmunterungen oder Zurechtweisungen nicht fehlen, wo ihm dies der Mühe werth schien. In der Rolle der Norma sah er Bella zuerst, und noch nie hatte er gesehen, wie diese Rolle, welche alle Leidenschaften und Gefühle des weiblichen Herzens zur Anschauung bringt, so vollkommen dargestellt würde. Gesungen hatten wohl schon Andere diese Arien und Recitative eben so gut aber Keine mit seelenvollerer Stimme, Keine hatte das Hochtragische in dieser Rolle so edel und richtig aufgefaßt, als Bella. Ihre schöne Gestalt, ihre anmuthigen Züge waren es nicht, was Jaromir zu ihr hinzog, sondern das große Künstlertalent, das ihn einen verwandten Genius, eine der seinen verwandte Begeisterung für die Kunst ahnen ließ. Er mußte sich ihr nähern, aber es war nicht leicht, Zutritt bei Bella zu finden sie war noch unvermählt, und lebte unter dem Schutze einer alten Verwandten, ziemlich eingezogen, und wußte ihre Schmeichler und Bewunderer immer in gehöriger Entfernung zu halten. Endlich aber, da Jaromir erst unter seinem Dichternamen einen Briefwechsel54 über ihre Kunst mit ihr angeknüpft hatte, nahm sie seinen Besuch an. Es währte nicht lange und Jaromir galt als Bella’s Liebhaber. Eine Zeit lang war dieses Verhältniß eine Quelle reinen Glückes für Beide aber bald bemerkte er, wie er sich getäuscht hatte, wenn er geglaubt, daß Bella’s Dienst am Altare ihrer Kunst der einer Priesterin sei, welche in edler Begeisterung auf demselben Alles opferte. Es war wahr, Bella liebte ihre Kunst, sie weihte sich ihr mit Eifer und that sich selten in einer Rolle genug, denn sie hatte ihren großen Beruf begriffen aber deshalb war sie nicht frei von jenem trotzigen Eigenwillen, jenen kleinlichen Ränken, mit denen Publikum und Theaterdirection sich so oft zum Besten haben lassen müssen. Der Weihrauch, den die enthusiastischen Berliner ihr streuten, verfehlte seine unheilvolle Wirkung nicht, sie ward eitler, stolzer, zugleich auch leichtfertiger und trotziger, als sie je gewesen war, und endlich überwarf sie sich in hochmüthiger Laune mit der Theaterintendanz, und vertauschte sofort Berlin mit der kleineren Residenz, in welcher sie jetzt lebte. Jaromir, obwohl er sie nicht mehr wirklich verehrte, wie einst, war doch noch zu sehr durch Hundert Bande zärtlicher Gewohnheit an sie gefesselt, als daß ihm Berlin ohne sie nicht bald hätte verödet sein sollen. Er folgte ihr also nach wenig Wochen in ihren neuen Wohnort. Noch eh er sie selbst55 gehend von Berlin mit ihr entzweit, und sie waren nicht in friedlicher Stimmung von einander geschieden, ging er mehrmals an dem Hause vorüber, das man ihm als ihre Wohnung bezeichnet hatte. Er hoffte, auf diese Weise sie zufällig zu sehen, einen Wink, einen Ruf von ihr zu erhalten lange war es aber vergebens, bis endlich eines Abends eine Rose zu seinen Füßen fiel, an welcher ein Zettel befestigt war. Wo anders her als von Bella konnte dieses Zeichen kommen, er drückte es entzückt an seine Lippen und las dann bei’m Schein der nächsten Laterne den Zettel. Es war offenbar hastig und mit zitternder Hand geschrieben es war nicht Bella’s zierliche Handschrift aber in der Eile war es wohl möglich, daß sie so nachlässig geschrieben hatte. Er las verwundert lächelnd: Wir dürfen uns einander nicht nähern, aber mein Herz bewahrt für Jaromir unverändert dasselbe Gefühl.

Er wußte sich diese Worte nicht recht zu deuten hatte Bella irgend ein andres Verhältniß angeknüpft, daß er sich ihr nicht nähern dürfe? Er mußte darüber Gewißheit haben, und eilte am nächsten Morgen zu ihr. Sie empfing ihn mit fröhlicher Ueberraschung. Er wollte endlich Ausschluß über die Rose das war vergebens, denn sie war nicht von Bella gekommen diese vermuthete endlich, eines ihrer Kammermädchen habe sich vielleicht einen schlechten Spas damit machen wollen man ließ die56 Sache auf sich beruhen, und vergaß sie bald in den ersten frohen Tagen zärtlichen Wiedersehens. Aber Wochen waren vergangen, und Jaromir erlag wieder dem Dämon, der ihn unaufhörlich verfolgte, seitdem er in der vornehmen Welt lebte: der Langeweile. Auch Bella war ihm langweilig geworden.

In solcher Stimmung erhielt er Thalheims Billet.

Er las den Namen: Amalie und die Erinnerungen seiner frühen Jugend wachten wieder auf.

Nicht Amaliens Bild war es, was ihn jetzt am Meisten bewegte, denn er hatte längst aufgehört, sie zu lieben ihn bewegte das Bild dessen, der er selbst in jenen Tagen gewesen war: glücklich und zufrieden bei allen Sorgen, denn er nannte ein Herz sein, für das er sich mühen, und an dem er dann ausruhen konnte er hatte stolz und selbstbewußt in’s Leben schauen können er hatte markige Jugend - und Geisteskraft in sich gefühlt, die ganze Welt zu erobern, er hatte sich vertrauend in die Arme des bewegten Lebens geworfen, und fröhlich auf die eigne Kraft gebaut er hatte wohl Schmerz und Kümmerniß empfunden aber nie Langeweile er hatte nie mit seinen Gefühlen gespielt, nie über das eigne Herz sich lustig gemacht, wie er es jetzt so oft that.

Und er streckte jetzt sehnend seine Arme aus nach dieser Vergangenheit, und er hatte sie für ewig verloren.

57

Amalie, die erste, die einzige reine und allmächtige Liebe seiner Jugend, war eine Sterbende und sterbend, wie sie, das fühlte er, war sein besseres, unentweihtes Selbst!

Er drückte die Hände vor die Stirn und versank wieder in lange, bange Gedanken.

58

IV. Nr. 18 in der Klosterstraße.

Die Kette, die die Herzen band,
ist nun zerstückt, zerschellt
(Otto v. Wenkstern. )

Die beiden Pensionärinnen, Elisabeth von Hohenthal und Aurelie von Treffurth, waren im Begriff, ihr Vorhaben auszuführen, welches sie in später Nacht beschlossen hatten. Sie wollten zu der Blumenmacherin gehen, welche mit Thalheim in einer Etage wohnte. Elisabeth, sonst nicht gewohnt, viel Zeit auf ihre Toilette zu verwenden, machte sie heute mit besondrer Sorgfalt. Sie war ganz in Weiß gekleidet, nichts Farbiges war in ihrem Anzug. Als sie in den Garten trat, wo Aurelie sie erwarten wollte, und die andern Mädchen versammelt waren, blieb Elisabeth in der Thüre stehen, weil sie die Gefährtinnen in Aufregung, wie es schien, in einem Streit gewahrte, und erst von fern sehen und hören wollte, was es gäbe, ehe sie sich in eine Sache mische, für welche sie vielleicht kein Interesse hatte. Sie ehnte sich an das von Ephen umrankte Portal des Einganges,59 die rechte Hand auf das zierliche Sonnenschirmchen gestützt, und blieb in lauschender Stellung.

Pauline Felchner stand in der Mitte der andern jungen Mädchen, welche theils mit hohnlachenden, theils hochmüthigen, zürnenden Blicken auf sie sahen.

Solches Gesindel in unsre Gesellschaft zu bringen!

Ich habe es immer gesagt, sie taugt besser zu dem Bettelvolk, als zu uns es ist ja ihres Gleichen.

Ihr Geld ist ja das Einzige, worauf sie stolz sein kann!

So und ähnlich schallten die Reden von Paulinen’s Gefährtinnen. Sie selbst brach endlich in Thränen aus und sagte: Ihr mögt mich schelten, wie Ihr wollt, hättet Ihr nur das arme Mädchen in Frieden gelassen ich bin es ja schon gewohnt, um Nichts von Euch verachtet zu werden.

O, sie thut noch hochmüthig sagte Aurelie, aber dort steht Elisabeth es ist Schade, daß sie nicht da war ein Wort von ihr würde Paulinen so imponirt haben, daß sie nicht zu antworten wagte.

Elisabeth ist kalt und stolz, aber sie ist nicht ungerecht, sie hat mich niemals beachtet, aber sie ist nicht fähig, Jemandem absichtlich Unrecht zu thun, sagte Pauline entschieden.

Elisabeth trat vor sie sah Paulinen groß und verwundert60 an womit hatte sie es verdient, um Paulinen verdient, daß diese eine so ehrende Meinung von ihr hegte? In diesem Augenblicke, als die stille Pauline ihre großen blauen Kinderaugen o vertrauend auf Elisabeth richtete, als suche sie bei ihr Schutz gegen die Unbilligkeiten der Andern, drang dieser Blick so tief in den Grund ihrer Seele, daß sie sich davon ungewohnt bewegt fühlte. Sie näherte sich ihr, ergriff ihre Hand freundlich und sagte: Rede doch! Was giebt es? Nie hatte Elisabeth so liebreich zu Paulinen gesprochen, wie sie jetzt diese wenigen Worte sagte Pauline drückte ihr die Hand und ließ sie nicht wieder los, während sie ihre Rede nur an sie richtete:

Wir waren hier bei einander, und warfen Reifen, als wir draußen an der Thüre eine weinende, bittende Stimme hörten, dazwischen scheltende Worte eines unsrer Dienstmädchen dabei ward mein Name genannt ich war deshalb Eine der Ersten, welche hinliefen, um zu sehen, was es gäbe. Ich muß durchaus mit Mamsell Paulinchen sprechen, der liebe Gott wird’s Ihnen segnen, wenn Sie mich zu ihr lassen hörte ich wieder sagen da macht ich rasch die Gartenthüre auf und ein ärmlichgekleidetes, blasses Mädchen, ein altes Körbchen mit Blumen am Arm, stand vor mir. Es sah sehr leidend und kummervoll aus, und sein Anzug war aus vielen Stücken mühsam zusammengenäht. Die Armuth mußte die61 andern Mädchen wohl sehr belustigen, sie brachen in ein lautes Gelächter aus, daß die Fremde hoch erröthete, und die Augen niederschlagend ein paar helle Thränen verschluckte. Ich nahm sie bei der Hand, indem ich ihr sagte, daß ich Pauline Felchner sei, und die Andern bat, doch nicht zu lachen sie lachten aber nur desto mehr, sagten, ich habe wohl solche Jugendfreundinnen die reichen Fabrikanten hätten immer Bettelvolk zu Verwandten, und ließen solche hämische Worte mehr fallen, so daß jene immer verwirrter ward, mir zu Füßen fiel, und schluchzend bat: Ach, Mamsell Paulinchen, meine Mutter hat Sie oft mit mir auf einem Arme zugleich getragen jetzt liegt sie hier auf den Tod, und die kleinen Geschwister sterben vielleicht auch bald vor Hunger. Sie hat mir oft erzählt, wie gut sie es in Ihrem Hause gehabt und wie ich nun hörte, daß Sie hier wären, so dacht ich in meinem Innern: die hilft euch vielleicht. Ich sah einmal bei Doctor Thalheim’s, wo ich die Aufwartung habe, ein Buch, auf welches Ihr Name gedruckt war da fragte ich den guten Herrn Doctor, ob er Etwas von Ihnen wisse und er erzählte mir, wie Sie hier so fromm und gut wären, daß Sie mir gewiß helfen würden nicht mir, sondern der kranken Mutter, den hungernden Kindern da faßt ich mir ein Herz und lief her, und da bin ich nun sie hielt inne, und barg ihr Gesicht unter der Schürze, es war vielleicht das erste Mal,62 daß sie fremdes Mitleid in Anspruch nahm und diese vornehmen Fräuleins antworteten ihr mit Gelächter sagte Pauline mit Bitterkeit, indem sie inne hielt.

Es war auch ein ganz närrischer Auftritt, sagte ein Fräulein die Bettlerin nahm sich sehr possirlich aus, und Pauline machte die Scene vollkommen, indem sie uns trotz dem besten Kanzelredner eine hochtrabende Strafpredigt hielt ihr Eifer war es, über den wir natürlich noch mehr lachen mußten, und darüber, daß sich überhaupt Mamsell Paulinchen unterstand, sich zu unsrer Gouvernante und Sittenrichterin aufzuwerfen.

Es kann sein, daß ich mich vergessen habe, sagte Pauline, aber ich war jetzt nicht die Erste von uns, der dies geschah

Lass das gut sein, unterbrach Elisabeth. Was antwortetest Du der Armen?

Ich hatte zum Glück in meiner Schürzentasche einen Thaler, da ich mir eben Etwas wollte holen lassen den gab ich dem Mädchen mit dem Bemerken, daß ich nächstens zur kranken Mutter kommen würde. Wenn sie Thalheim zu mir geschickt, so würde er mir auch sagen können, womit ihrer Noth am Besten geholfen sei. Sie wollte mir die Hand küssen, aber das duld ich von Niemand, so umarmte ich sie, und bat sie, so schnell als möglich zur kranken Mutter zu gehen, und drängte sie fort, denn ich wollte63 sie so schnell als möglich den Demüthigungen hier entziehen ich weiß ja, wie weh sie thun! Ich wollte dadurch, daß ich sie küßte, sie vergessen machen, was die Andern an ihr verbrochen und nun hast Du nur einen Theil von dem gehört, wie sie mich deshalb verhöhnen.

Elisabeth fiel Paulinen um den Hals, und sagte: Vergieb mir, daß ich Dich mit thörigtem Hochmuth gekränkt habe ich habe Dich früher ja nicht gekannt nun aber kenne ich Dich, und bitte Dich: sei meine Freundin! Und Ihr Andern, wenn Ihr sie wieder kränkt so kränkt Ihr mich auch. Das wird Euch freilich einerlei sein, und wie Ihr vorhin sie ausgelacht habt, so werdet Ihr mich jetzt auslachen aber Du, gute Pauline, wirst nicht mehr allein und unverstanden unter uns sein!

Und Pauline erwiderte innig die herzliche Umarmung, und vermogte weiter Nichts zu sagen, als: Ich danke Dir! und eine große, helle Freudenthräne fiel aus ihrem Auge auf Elisabeth.

Diese hatte eine solche Autorität bei sämmtlichen Pensionärinnen, daß ihr wenigstens in’s Gesicht keine ein Wort zu erwidern wagte. Einige griffen wieder zu den Reifen, als seien sie durch Nichts unterbrochen worden. Andere rümpften die Nasen, und tauschten halblaut spitzige Bemerkungen über die neue Freundschaft nur Aurelie, die immer muthwillig, und in ungezähmter heitrer Laune64 war, sagte: Ach, ich bitte Euch, welche sentimentale Scene! Ich glaubte eine solche heute wenigstens an einem ganz andern Ort, als hier, zu erleben, und niemals hätte ich mir träumen lassen, daß Du, Elisabeth, über eine Kinderei unsern wichtigen Ausgang ganz vergessen könntest! Ich warte schon lange auf Dich, und wir müssen sehr eilen, wenn Du nicht Dein ganzes Vorhaben aufgegeben hast.

Ja, wir haben Eile, sagte Elisabeth, aber auch Du, Aurelie, konntest?

O, ich war nicht im Geringsten besser, als die Andern. Wenn ich aber eine zu erwartende Strafpredigt von Dir ohne Unterbrechung anhören soll, so muß ich mir dabei ein Liedchen singen. Und indem sie dies gesagt hatte, fieng Aurelie an eine Tyrolienne zu jodeln.

Elisabeth antwortete nicht, nahm Aureliens Arm, und so gingen sie, von dem längst harrenden Diener gefolgt, schweigend durch die Straßen. Im Hause von Obrist Treffurth, als sie den Diener fortgeschickt hatten, sagte Elisabeth; Es ist zu spät geworden, als daß wir Beide zu der Blumenmacherin gehen könnten, geh Du nur immer herauf zu Deinen Verwandten, hier durch den Garten ist es nicht weit, und ich komme bald zurück.

Aurelie sah sie erstaunt an: Du willst uns Alle hofmeistern, und dies soll die Strafe sein, die Du für mich65 ausgesonnen hast, sagte sie erbittert, aber Du bist in meiner Hand, sobald ich Alles sage.

Du bist muthwillig, aber Du bist nicht hinterlistig Du wirst mich also nicht verrathen und wenn Du es thun könntest, so scheue ich auch das Unangenehme nicht, was mich allein trifft.

Elisabeth schlüpfte schnell durch den Garten, und hatte dann nur wenig Schritte zu gehen, so stand sie in der Klosterstraße vor dem Hause Nr. 18.

Mit klopfendem Herzen trat sie hinein und eilte schnell die breiten, hohen Treppen hinauf. Sie hatte sich außer Athem gelaufen, und mußte ein Wenig ausruhen, als sie in der 2. Etage anlangte. An der Thüre links, die nach dem Hintertheile des Hauses zu führen schien, stand der Name: Doctor Thalheim. Unwillkührlich lief Elisabeth nach der entgegengesetzten Thüre, und zog hastig an der Klingel: Wenn er jetzt käme! dachte sie ängstlich. An dieser Thüre war ein großes, rothes Schild befestigt, worauf mit goldnen, stattlichen Buchstaben zu lesen war: Blumenfabrik von Henriette Krauß.

Ein Dienstmädchen kam heraus, bat Elisabeth, einzutreten, indem sie ihr auch eine zweite Thüre öffnete.

Es war ein großes, helles Zimmer, ringsum mit Glasschränken, in welchen die von Sammt und Seide und andern kostbaren Stoffen künstlich geschaffenen Blumen in66 den mannigfaltigsten Gestalten und Farben prangten. Aus einer Nebenstube schallte helles Gelächter vieler weiblicher Stimmen. Es war das Arbeitslocal aus ihm trat jetzt die Leiterin dieses Geschäftes, Henriette Krauß, ein Mädchen von ungefähr dreißig Jahren, eine verblühte Schönheit, welche derselben durch etwas auffälligen, dabei nachlässigen Putz nachzuhelfen suchte. Ein Kind von etwa drei Jahren, mit einem braunen Lockenköpfchen und wunderbar großen, tiefblauen Augen drängte sich ihr nach.

Womit kann ich dem Fräulein dienen? fragte Henriette mit verbindlichem Knix, und Elisabeth verlangte ein Hutbouquet. Während sich nun das Gespräch um die Wahl dieser Blumen drehte und Elisabeth, dabei verlegen nachsinnend, wie sie wohl das Gespräch auf Thalheim bringen könnte, eine Anzahl blauer Blumen in der Hand hielt, sagte das Kind, sie groß ansehend:

Blau gefällt dem Papa am Besten nicht wahr blau? Und ich gehe auch blau, fügte es, auf sein blaues Kleidchen deutend, hinzu.

Geh hinein, Annchen, sagte die Verkäuferin, Du sollst nicht immer mit heraus kommen, wenn Damen da sind.

Ich habe aber die schönen Damen lieb, versetzte die Kleine.

67

Elisabeth neigte sich zu ihr: Mich auch? fragte sie. Kennst Du mich denn?

Nein, antwortete Annchen kleinlaut, und fing an mit der goldnen Kette zu spielen, welche an Elisabeths Halse herabhing. Diese fragte:

Wie heißt Du denn weiter, Anna?

Es ist das einzige Kind vom Doctor Thalheim, der mit mir in einer Etage wohnt, antwortete Henriette für das Kind. Die arme Mutter ist so krank, überhaupt immer so häßlich gegen das liebe Kind, daß ich es seit mehreren Wochen ganz mit zu mir herüber genommen habe.

Da war nun auf einmal Elisabeth der Erreichung ihres Zweckes so nahe!

Ist die Doctor Thalheim ohne Aussicht auf Rettung krank? fragte sie.

Es wäre ihr wohl eine baldige Erlösung zu wünschen, freilich mehr noch für Mann und Kind, denn sie ist die grilligste Kranke, die mir vorgekommen, und dadurch ist die Noth auf’s Höchste bei ihnen gestiegen man sieht es dem Doctor an, wie viel er leidet, obwohl er es Allen zu verbergen strebt er ist der edelste Mann, den ich kenne.

Während die Blumenfabrikantin so sprach, spielte das Kind noch immer mit Elisabeths Fingern unter dem seidnen Handschuh, und diese sagte jetzt zu jener leise: Ich mögte68 Etwas mit Ihnen allein reden, vor Allem darf es das Kind nicht hören.

Letzteres war bald entfernt, und Elisabeth nahm Henriettens Hand und sagte: Darf ich auf Ihre Verschwiegenheit rechnen? Ich bin beauftragt, diese Kleinigkeit an Doctor Thalheim gelangen zu lassen aber ich wußte nicht, wie ich es anfangen sollte, um ihn nicht zu beleidigen, und zugleich auch zu dessen Annahme zu vermögen. Sagen Sie ihm, daß es aus der Hand des Reichthums kommt, die sich am Fröhlichsten öffnet, wo sie es für Nothleidende kann, daß man es für seine Gattin bestimmt, daß es die Dankbarkeit sendet sagen Sie ihm Alles, wodurch Sie ihn bewegen können, es nicht zurückzuweisen, aber verschweigen Sie ihm, daß man mich als erste Mittelsperson gewählt hat wenn Sie mich kennen sollten verschweigen Sie überhaupt, daß es ein Mädchen Ihnen übergeben hat wenn Sie es nicht verschweigen, fuhr sie mit ängstlicher Stimme fort, könnte es leicht traurige Folgen für die Personen haben, welche Thalheims beste Freunde sind mit diesen Worten gab sie an Henriette ein Couvert, welches eine Banknote von 50 Thalern enthielt, und empfing dafür das feierlichste Versprechen, sowohl der pünktlichsten Abgabe, als des strengsten Schweigens.

Als Elisabeth an der Vorhausthüre, welche ihr Henriette öffnete, eben den letzten Knix empfing, öffnete sich69 auch die entgegengesetzte Thüre. Eine Scene anderer Art hatte unterdeß in dem Zimmer Statt gehabt, zu welchem diese Thüre führte.

Es war eben vier Uhr vorüber, als Graf Jaromir von Szariny an Thalheims Thüre schellte.

Er öffnete selbst.

Sie standen sich gegenüber.

Sie standen sich gegenüber, Jaromir, dem die Braut, Thalheim, dem die Gattin untreu geworden und Braut und Gattin waren eine Person.

Man hat mich hierher beschieden sagte Jaromir.

Es war Amaliens Wille, antwortete Thalheim.

Sind Sie Amaliens Gatte, und kamen die Zeilen, die ich diesen Morgen erhielt, von Ihrer Hand? Nur dann habe ich das Recht, hier zu erscheinen.

Ich bin Thalheim Sie werden unser Zusammentreffen hier seltsam finden, aber der Wille einer Sterbenden war mir heilig. Sie wartet jetzt auf uns mit Ungeduld, und deßhalb muß unsere Unterredung hier kurz sein. Es wird später Zeit sein zu einer nähern Erklärung. Amalie meint, nicht eher sterben zu können, bis sie Ihre Vergebung für ergangenes Unrecht und Weh erlangt hat. Sie werden sie ihr nicht verweigern. Sie haben sich hier wiedergesehen

Wiedergesehen? fragte Jaromir, Thalheim unterbrechend,70 ich habe gar nicht gewußt, daß sie hier ist.

Thalheim sagte, mit einem langen Blick auf den Grafen: Sie hat Ihnen eine Rose mit einem Zettel zugeworfen, als Sie unter ihren Fenstern weilten

Unter ihren Fenstern die Rose kam von Amalien? rief Jaromir, immer verwunderter und bestürzter. Wahrhaftig, der Zufall treibt ein närrisch Spiel mit mir! und ein bittres und schmerzliches Lächeln zuckte dabei um seinen Mund.

Thalheim starrte ihn verwundert an auch um seinen Mund zuckte ein bittres Lachen er verstand jetzt Alles: der Graf hatte Amalien längst vergessen, und nicht um ihret Willen sah er leidend aus, nicht um ihret Willen war er in diese Stadt gekommen aus andern zarten Händen hatte er gehofft, Rosen und geschriebene Worte zu empfangen, als aus ihren es war der Selbstbetrug der Liebe, welcher Amaliens Herz und Sinne gefangen genommen. So sagte er jetzt sehr ernst, beinah feierlich zu Jaromir:

Herr Graf, Amalie glaubt sich von Ihnen noch geliebt schonen Sie die Sterbende, ohne sie zu täuschen vergeben Sie ihr als ein milder, mitleidiger Richter. Er trat jetzt aus dem Vorsaal, in dem beide leise diese Unterredung71 geführt, in das Zimmer, in welchem Amalie angekleidet auf dem Bette lag, und sagte zu ihr mild:

Bist Du stark genug, Szariny zu empfangen? Er wartet draußen.

Ich hörte seine Stimme längst, warum läßt Du ihn warten? rief sie ungeduldig.

Szariny trat ein.

Welch ein Wiedersehen!

Er ein glücklicher, lebensfroher und lebensfrischer Jüngling, Sie ein glückliches, blühendes Mädchen beide glücklich allein durch die zärtliche Liebe, in welcher sie für einander schwärmten und glühten so hatten sie einst einander verlassen mit den heiligsten Liebesschwüren.

Vier Jahre waren seitdem vergangen.

Jetzt sahen sie sich wieder. Sie hatte ihn wieder erkannt, denn sie liebte ihn noch, und das liebende Frauenherz findet aus Tausenden den wieder heraus, dem es in Liebe schlägt und trotz der Macht der Jahre, jedes äußeren Einflusses den Gemüthsbewegungen und Leidenschaften, äußere und innere Leiden, ja selbst Lebensverhältnisse und Tracht auf eine Menschengestalt und ein Antlitz ausüben. So hatte sie ihn erkannt. Aber hätte man ihm nicht gesagt, diese bleiche Kranke sei Amalie er hätte es nimmer geglaubt.

Vielleicht hatten die innern, steten Kämpfe Amaliens72 dieses stete Ringen in einem zuckenden Herzen, das es sich selbst nicht einmal wissen lassen will, wie es stündlich kämpft dieses Ringen, das vielleicht nur die Frau mit seinen ganzen gräßlichen Qualen ganz verstehen kann, welche selbst an einen Mann gefesselt ist, den sie hochachten muß, aber für den ihr Herz sich vergebens bemüht, Liebe zu empfinden vielleicht hatte dieses Ringen Amalien schon vor ihrer Krankheit verändert. Es hatte ihr inneres Leben verbittert und dieses Verbittertsein prägte sich deutlich auf ihrem Gesicht aus, ihr Charakter war heftig und herrisch geworden, und dadurch, daß sie für Alles, was sie im Stillen litt, Niemand und nichts Anders verklagen konnte, als sich selbst, so nagte das Bewußtsein, nur selbst verschuldetes Weh zu tragen, und zwar durch Leichtsinn und Unrecht verschuldetes, nur um so zehrender an ihrem Innern. Und weder dies Bewußtsein, noch die Reue, die sie verbergen mußte, war geeignet, sie ergeben und friedlich zu machen sondern sie ward dadurch nur immer heftiger und so war auch aus ihrem Antlitz längst jede Spur von Milde und Friede gewichen ein unheimliches Etwas, das immer Unzufriedenheit und Unbehagen ausdrückte, war an dessen Stelle getreten. Anderen Frauen verleiht die Mutterwürde und das Mutterglück einen neuen, oft einen heiligen Zauber, auch dem Aeußeren, besonders dem Ausdruck der Züge bei Amalien war das nicht so. Sie liebte ihr73 Kind nicht, denn es war das Kind eines ungeliebten Gatten, und da sie allein sich seiner mühsamen Pflege hatte unterziehen müssen, oft kämpfen mit täglichen Entbehrungen, und manches Opfer bringen mußte, so erschien es ihr oft eher eine Last als ein Glück Mutter zu sein. Sie fühlte sich einmal nicht glücklich, und so ward Alles, was in andern Fällen geeignet ist, das Glück zu erhöhen, für die einmal Unzufriedene eine neue Quelle zur neuen Unzufriedenheit. Durch all dieses hatte ihr Gesicht schon längst jeden Ausdruck von Milde und Lieblichkeit verloren. Nun hatte die Krankheit ihre Wangen bleich und hohl gemacht, ihre Augen waren matt geworden, und hatten ihren früher schönen Glanz verloren; ihren bleichen Lippen konnte man es nicht ansehen, wie glühend sie einst geküßt hatten, und so glich ihre ganze Erscheinung einer verwelkten Blume.

Jaromir stand erschüttert vor ihr. Es war eine lange, peinliche Pause.

Jaromir, als er so das Weib seiner heiligen, ersten Liebe vor sich sah, hielt den Anblick kaum aus. Er drückte die eine Hand vor die Augen, und ihm war, als sehe er so seine eigene Jugend selbst vor sich, verwelkt und vergiftet, und langsam dahinsterbend diesem Weibe hatte er seine Jugend gegeben, und wie ein Gespenst, das keine Ruhe finden kann, stand sie jetzt vor seiner Seele wie ein schöner Traum, den er nur ein Mal geträumt, nicht wieder74 träumen kann, und der ihn doch immer mit Erinnerungen quält. Er konnte sich nicht fassen, er stand regungslos da, und war keines Wortes mächtig.

Thalheim hatte das Zimmer verlassen.

Nun Jaromir, flüsterte endlich Amalie, Du bist gekommen, aber Du hast kein Wort für mich?

Es liegt Viel zwischen dem Heut und unserer letzten Zusammenkunft, sagte er, aber auch eine lange Zeit ist seitdem verflossen, und wir könnten einander jetzt ruhig gegenüberstehen, wenn der Zufall uns anders zusammengeführt hätte, als heute und hier.

Als durch meinen Gatten, meinst Du? Jaromir, kannst Du mir vergeben, wenn ich Dir sage, was ich um Dich gelitten?

Sei ruhig, sagte er, ich habe Dir längst vergeben. Warum überhaupt diese Erinnerungen wecken an Schmerzen, die ja nun überwunden, an Kämpfe, die nun ausgekämpft sind?

Ja, ausgekämpft, wenn das Leben aus ist bei mir nicht eher! Jaromir ich habe es wohl gesehen, wie Du verlangend nach meinen Fenstern spähtest, bis ich Dir die Rose sandte ich sah, wie ich Dir noch theuer war, und deshalb dachte ich, wir müßten uns noch ein Mal in diesem Leben wiedersehen.

Es war ihm peinlich aber er nahm ihr ihren süßen75 Wahn nicht Thalheim hatte ihn ja selbst gebeten, ihn zu schonen.

Eine Thräne trat in seine Augen, er nahm ihre Hand und die Thräne fiel darauf.

Amalie zuckte zusammen, die innere Aufregung rief einen heftigen Anfall ihrer Körperschmerzen herbei. Thalheim eilte sogleich in das Zimmer, und an ihr Lager. Es war ein heftiger Krampfanfall, der sie in Zuckungen hin und her warf. Ich sterbe! stöhnte sie dazwischen. Vergebt mir Beide!

Beide! riefen Thalheim und Jaromir feierlich zugleich.

Ich danke Dir, sagte sie zu Jaromir. Seid Beide glücklich, ich segne Euch jetzt sterb ich schön und in Frieden.

Ihre Augen schlossen sich, und so sank sie in die Kissen zurück. Aber der Tod kam noch nicht.

Es war nur eine Ohnmacht, welche auf diese Krämpfe folgte, und dann ein sanfter, stiller Schlaf.

Mag sie es für einen Traum nehmen, sagte Jaromir, ich will sie verlassen, damit sie aufwachend mich nicht wiederfinde, und auf’s Neue sich aufrege. Doctor Thalheim ich danke für Ihr Vertrauen Amalie war meine erste Liebe aber ich habe ihr entsagt von da an, wo sie freiwillig sich von mir wandte für mich war sie76 nun längst gestorben und wie auch jetzt ihre Krankheit sich gestalte, und welchen Ausgang sie nehme für mich ist Amalie keine Lebende mehr, so hab ich sie immer betrachtet, wenn ich jetzt einmal träumend meiner Jugend und ihrer gedachte und so wird es immer bleiben.

Herr Graf, versetzte Thalheim, nur der sehnliche Wunsch einer Sterbenden konnte meine Aufforderung an Sie und diese Scene entschuldigen und heiligen es ist in Ihrer Macht, mich und Amalien dem allgemeinen Spott preiszugeben aber ich denke besser von Ihnen.

Das hoff ich zu verdienen. Sie werden nie Ursache haben, es zu bereuen, mir gegenüber der Stimme des Gefühls gefolgt zu sein. Ob und wie wir uns auch wieder im Leben begegnen, wir werden es mit dem Bewußtsein können, einander vertrauen zu dürfen.

So schieden sie von einander.

Als Thalheim die Vorsaalthüre geöffnet hatte, bot ihm Jaromir noch die Hand, die jener schweigend drückte.

Dies war der Augenblick, in welchem Elisabeth aus der entgegengesetzten Thüre trat, welche zu der Blumenfabrikantin führte.

Thalheim trat zurück und schloß die Thüre, ohne sie bemerkt zu haben. Aber sie hatte ihn und den Händedruck gesehen, mit dem er von dem Grafen schied, und war deshalb77 unwillkührlich einen Augenblick auf ihrem Platze stehen geblieben.

Jetzt begegnete ihr Auge dem des Grafen sein Blick auf sie ward immer schwärmerischer, leuchtender sie senkte schnell ihre Augenlider und eilte die Treppe hinab. Sein Weg führte ja auch hinunter, aber er folgte ihr nur langsam.

Für Amalien hatte er Nichts mehr empfinden können, als Mitleid er empfand jetzt dasselbe beinahe für sich selbst. Ihr Leben schien vergiftet und elend geworden zu sein von dem Augenblick an, wo sie das Liebesverhältniß zu ihm aufgelös’t hatte, und so war es ihm selbst auch ergangen. Von jenem Augenblick an hatte für immer seine glückliche Jugend mit all ihren glücklichen Zukunftsträumen geendet er war ein anderer Mensch geworden. Er dachte jetzt an dieses Jugendglück. Da fiel sein Blick auf Elisabeth auf diese schlanke, weißgekleidete Gestalt mit den schwärmenden Augen, der stolzen Stirn und den ernsten, fest aneinander geschlossenen Lippen, diese ganze Erscheinung, um welche der Zauber der heiligsten Jungfräulichkeit schwebte, einer schönen Unschuld, welche doch nicht mehr die eines spielenden Kindes war es war eine Unschuld, die Würde und Grazie zugleich hatte und von hohem Ernst zeigte neben dem Ausdruck unentweihten Engelfriedens.

78

Jaromir fühlte in diesem Augenblick ein neues Gefühl in seinem Herzen, das er aber nicht einmal zu fragen vermogte: woher kommst Du mir?

Als er so hinter ihr in ihrem Anblick verloren langsam die Treppe herabschritt, trat die Schauspielerin Bella aus dem Garten am Arme eines geschwätzigen Leutnants.

Sie suchten mich in meinem Zimmer, lieber Graf? sagte Bella zu Jaromir. Vermuthlich um Ihr unartiges Billet von diesem Morgen wieder zurückzufordern, oder wenigstens dessen Ausdrücke zu corrigiren? Nun kommen Sie als reuiger Sünder, wer weiß, ob nicht Vergebung für Sie zu hoffen ist ich bin gerade in gnädiger Laune.

Bella hätte zu jeder andern Stunde eher Jaromir begegnen und ihn wieder zu ihrem Sclaven machen können aber nur jetzt nicht!

Der Contrast der Stimmungen und der Erscheinungen war zu groß er fühlte plötzlich einen heftigen Widerwillen gegen Bella, und alle Höflichkeit, sogar alle gewöhnlichen Rücksichten vergessend, antwortete er heftig:

Es thut mir leid, daß ich in meiner jetzigen Stimmung unfähig bin, Ihr Gesellschafter zu sein, und eilte mit flüchtigem Gruß an ihr vorüber.

Elisabeth war eben zur Hausthüre herausgegangen, Bella hatte sie vorher auch begegnet, und war von der idealischen Schönheit des Mädchens überrascht gewesen. Wer79 ist diese junge Fremde, fragte sie sich jetzt, mit welcher Szariny es wagt, sich in demselben Haus ein rendez-vous zu geben, welches ich bewohne, und mit der er es zugleich verläßt? Daß sie den höchsten Ständen angehört, sah man auf den ersten Blick. Und trotz dieser stolzen Haltung und diesem hochmüthigen Ausdruck im Gesicht wagt sie es, um des Grafen willen, die Etiquette zu verletzen? Ja, Szariny ist ein Zauberer! Und indem Bella dies dachte, fühlte sie heute mehr, als jemals, welche Macht Jaromir über Frauenherzen besitzen müsse, da das ihre, das er so eben schwer verletzt, gerade heute glühender, als jemals, für ihn schlug.

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V. Eine Genesende.

Du aber, Mensch, dem Gott die Mittel gab
Das Elend Deines Bruders zu vermindern
Du legtest ihm zu seiner Noth die Qual
Der Täuschung noch und des Verlassenseins!
(H. Riedel. )

Der Tag, wo Jaromir und Amalie einander wiedersahen, war für den Zustand dieser ein entscheidender gewesen. Eine große Krisis war in ihrer Krankheit eingetreten. Von diesem Tage an besserte es sich mit ihr.

Ihr Arzt erklärte bald, daß jede Gefahr für sie vorüber sei. Schon hatte sie wieder Kraft, das Lager zu verlassen.

Unterdeß waren die Sorgen in Thalheim’s Familie auf’s Höchste gestiegen. Henriette Krauß hatte ihm zwar Elisabeth’s Geld gegeben, aber da sie hartnäckig den Namen der Person verschwieg, von der sie es empfangen, und da sie es an demselben Tag erhalten, an welchem Jaromir bei Thalheim gewesen war, so glaubte dieser nicht anders, als die Gabe komme von dem Grafen. Von ihm aber eine81 Gabe anzunehmen, vermogte er nicht; weder sein Stolz, noch sein Ehrgefühl duldeten es er siegelte die Banknote ein, und ohne ein Wort hinzuzufügen, adressirte er sie an den Grafen. Dieser ließ durch öffentliche Blätter bekannt machen, daß er durch einen Irrthum eine Banknote von funfzig Thalern zugeschickt erhalten, und forderte zu einer Erklärung darüber auf. Die Erklärung blieb aus, er gab später eine gleiche Summe an die Armencasse der Stadt.

Thalheim versah wieder pünktlich sein Lehramt am Institut. Aber wie verändert fanden ihn die Pensionärinnen, als er wieder in ihrer Mitte erschien! Die stille, edle Heiterkeit, welche sonst oft über sein ganzes Wesen gehaucht war, und den hohen Ernst seines Antlitzes milderte, war spurlos davon verschwunden. Gram und Sorgen schienen immer tiefere Furchen in seine Stirn zu graben. Er brachte keine Freudigkeit mehr mit zu seinem Geschäft, denn alle Freudigkeit seines Herzens war verschwunden. Amalie hatte ihm gestanden, daß sie ihn hintergangen, daß sie ihn nie geliebt hatte. Der letzte Sonnenblick war mit dem kalten Wettersturm dieses einzigen Wortes für immer aus seinem ehelichen Leben verschwunden; diese ganze Ehe war für ihn selbst zu einer entsetzlichen Lüge geworden; und wie sollte er eine solche Lüge ruhig ertragen, dessen ganzes Reden und Handeln Wahrheit war? Amalie war stiller, in sich gekehrter, sie behandelte den Gatten mit mehr Zartgefühl und82 Sanftmuth, als früher aber das verhängnißvolle Wort war doch gesprochen worden, es konnte nicht wieder zurückgenommen werden. Thalheims Milde gegen sie war unveränderlich, wie früher aber er näherte sich ihr mit keinem zärtlichen Wort, keinem innigen Blick mehr, er schlang nie mehr, wie sonst, seinen Arm um sie, er drückte keinen Kuß mehr auf ihre Lippen. Von Jaromir, von jener Stunde war zwischen ihnen niemals mehr die Rede, und doch stand die Erinnerung an sie immer lebendig vor Beiden, und also auch immer zwischen Beiden.

Thalheims Entschluß war gefaßt. Er hatte ihn lange geprüft und erwogen, nun stand er unerschütterlich fest. Freiherr von Waldow und Graf Osten suchten für ihre beiden Söhne einen Lehrer, welcher dieselben zugleich als Mentor auf Reisen begleiten könne. Er hatte sich dazu gemeldet, und war mit Freuden angenommen worden. Der Gehalt, den man ihm zusicherte, war bedeutender, als sein bisheriger.

Er hatte diesen Schritt gethan, weil er fühlte, er könne nicht mehr an der Seite seiner Gattin leben, er mußte fort von ihr, andere Luft, andere Menschen um sich haben.

Er liebte seine Gattin auch noch jetzt, wo er wußte, daß dieses Gefühl nie eine ähnliche Erwiderung gefunden. Ihre Fehler und Schwächen, die er nicht zu verkennen vermogt hatte, nahm er nicht für individuelle, er entschuldigte83 sie mit der Schwäche des ganzen weiblichen Geschlechtes. Amalie war sein nach Recht und Gesetz, nach dem Ausspruch und Segen der Kirche, sein durch jahrelange Gewohnheit des innigsten Miteinanderlebens, und er liebte sie als sein trautes Weib aber von jenem Augenblicke an, als sie ihm die ganze Wahrheit ihrer Gefühle gestanden hatte, ward dieses Verhältniß für ihn zu einer ungeheuern Lüge er konnte sie nicht mehr vor Gott als die Seine betrachten, und daß er es noch vor den Menschen mußte, war ihm peinlich. Deshalb suchte er eine Stelle, welche ihm Gelegenheit bot, sich von ihr zu trennen, ohne daß deshalb ihre Umgebung ihr ganzes Verhältniß durchschauen konnte.

Auch ihn hatten Sorgen und Arbeit kränklich gemacht, der Arzt rieth zu einer Reise. Thalheim hatte dazu keine Mittel, wenn er nicht diese Reise selbst mit seinem Beruf als Lehrer oder mit irgend einem Amt verbinden konnte er ergriff also die Gelegenheit, die jungen vornehmen Leute zu begleiten, und kehrte dann neugestärkt zu seiner Gattin zurück. Von diesem Standpunkt aus konnte seine Umgebung die Veränderung seiner Verhältnisse betrachten, obwohl nebenbei auch nicht gehindert werden konnte, daß andere Gerüchte darüber im Publikum umliefen.

Während er nun noch daheim weilte, und Amalie, welche wieder kräftig genug war, in den Zimmern umherzugehen,84 der neben ihr wohnenden Blumenfabrikantin den ersten Besuch gemacht hatte, und bei die ser unverholen klagte über die tägliche häusliche Noth, kam die Sängerin Bella auch herab, um für sich selbst einen Blumenschmuck auszuwählen.

Henriette Krauß war geschwätzig und gutmüthig zugleich, und erzählte Bella im Nebenzimmer, wie krank Amalie gewesen, und in welche Noth sie dadurch gekommen, und bat zugleich um eine Unterstützung für sie. Bella war leicht gerührt und immer überaus wohlthätig, sobald ihr dies keine große Mühe machte. Ihre Wohlthaten ertheilte sie immer auf eine einfache, vertrauliche und deshalb ungewöhnliche Weise. Sie schrieb einfach an Amalie:

Die Glücksgüter auf der Erde sind ungleich vertheilt. Indem ich mir einen Abend das Vergnügen mache, öffentlich zu singen, verdiene ich zuweilen Hunderte. Andere vermögen dies bei angestrengter Arbeit in Jahren nicht. Ich halte es also für meine Pflicht, wenigstens im Kleinen für eine Ausgleichung dieser Ungleichheiten zu sorgen, und da ich gehört habe, daß Sie minder glücklich sind, als ich, bitte ich, die beifolgende Kleinigkeit von meinem Ueberfluß anzunehmen. Lassen Sie aber von dem, was zwei Frauen unter sich ausmachen, keinen Mann etwas wissen, der männliche Stolz hat für mich oft etwas Beleidigendes. Wenn Sie85 mein Anerbieten nicht annehmen, kommt es in minder gute Hände, und das sollte mir leid thun. Bella.

Mit diesen aufrichtigen Worten erhielt Amalie am andern Tag eine kleine Summe in Geld, welche durch die ungezwungene Art, mit der sie geboten ward, ihr doppelt willkommen war. Sie erfüllte den Wunsch der Geberin, sprach mit ihrem Gatten nicht darüber, und befriedigte davon einige Bedürfnisse, deren Nothwendigkeit dem Männerauge entgangen war.

Nach einigen Tagen, als sie auch die Treppen allein zu gehen wagen konnte, ging sie zu Bella, um derselben ihren Dank zu sagen.

Die Kammerfrau öffnete sogleich die Thüre, welche in das Zimmer der Sängerin führte.

Amalie trat ein.

Sie warf einen Blick im Zimmer einher und sank an der Schwelle mit einem Schrei bewußtlos in sich selbst zusammen.

Amalie hatte auf dem Sopha neben Bella Jaromir gesehen.

Nur einen Blick hat die unglückliche Frau hingeworfen: er hatte ihr gezeigt, wie schön und lebendig Bella war wie geschmackvoll und prächtig Alles, was sie umgab, mit welchem feurigen Blick sie zu Jaromir aufsah, wie vertraulich ihre kleine weiße Hand auf seinem Arm ruhte. 86Mir diesem einen Blick sah Amalie, wie Jaromir es gewohnt sein müsse, diesen Platz einzunehmen wie heiter er eben jetzt gescherzt haben mogte sie liebten einander und waren glück lich und heiter vielleicht waren sie verlobt es war nur ein Moment, in dem Amalie dies Alles da