PRIMS Full-text transcription (HTML)
Von vor und nach der Reise
Plaudereien und kleine Geschichten
Zweite Auflage
[figure]
BerlinWF. Fontane & Co. 1894

Modernes Reisen. Eine Plauderei.

Zu den Eigentümlichkeiten unserer Zeit gehört das Massenreisen. Sonst reisten bevorzugte Individuen, jetzt reist jeder und jede. Kanzlistenfrauen besuchen einen klimatischen Kurort am Fuße des Kyffhäuser, behäbige Budiker werden in einem Lehnstuhl die Koppe hinaufgetragen, und Mitglieder einer kleinstädtischen Schützengilde lesen bewundernd im Schlosse zu Reinhardsbrunn, daß Herzog Ernst in fünfundzwanzig Jahren 50,157 Stück Wild getötet habe. Sie notieren sich die imposante Zahl ins Taschenbuch und freuen sich auf den Tag, wo sie in Muße werden ausrechnen können, wie viel Stück auf den Tag kommen.

Alle Welt reist. So gewiß in alten Tagen eine Wetter-Unterhaltung war, so gewiß ist jetzt eine Reise-Unterhaltung. Wo waren Sie in diesem Sommer, heißt es von Oktober bis Weihnachten; wohin werden Sie sich im nächsten Sommer4[ wenden]? heißt es von Weihnachten bis Ostern; viele Menschen betrachten elf Monate des Jahres nur als eine Vorbereitung auf den zwölften, nur als die Leiter, die auf die Höhe des Daseins führt. Um dieses Zwölftels willen wird gelebt, für dieses Zwölftel wird gedacht und gedarbt; die Wohnung wird immer enger und die Herrschaft des Schlafsofas immer souverainer, aber der Juli bringt es wieder ein . Ein staubgrauer Reise-Anzug schwebt vor der angenehm erregten Phantasie der Tochter, während die Mutter dem verlegenen Oberhaupt der Familie zuflüstert: Vergiß nicht, daß Du mir immer noch die Hochzeitsreise schuldest. So hofft es und heißt es in vielen tausend Familien. Wie sich die Kinder auf den Christbaum freuen, so freuen sich die Erwachsenen auf Mitsommerzeit; die Anzeigen der Saisonbillets werden begieriger gesucht als die Weihnachts-Annoncen; elf Monate muß man leben, den zwölften will man leben. Jede Prosa-Existenz sehnt sich danach, alljährlich einmal in poetischer Blüte zu stehen.

Die Mode und die Eitelkeit haben ihren starken Anteil an dieser Erscheinung, aber in den weitaus meisten Fällen liegt ein Bedürfnis vor. Was der Schlaf im engen Kreise der 24 Stunden ist, das ist das Reisen in dem weiten Kreise der 365 Tage. 5Der moderne Mensch, angestrengter wie er wird, bedarf auch größerer Erholung. Findet er sie? Findet er das erhoffte Glück?

Ja und nein, je nachdem wir das eine oder andere unter reisen verstehen. Heißt reisen einen Sommeraufenthalt nehmen, so ist das Glück nicht nur möglich, sondern bei leidlich normaler Charakterbeschaffenheit sogar wahrscheinlich; heißt reisen aber dauernde Fortbewegung , will sagen beständiger Wechsel von Eisenbahnen und Hotels, woran sich Bergerkletterungen und ähnliches blos anschließen, so muß man es gut treffen oder sehr bescheiden und sehr geduldig sein, um von seiner Reise das zu haben, was man wünscht: Freude, Glück.

In der That, es dreht sich alles um den Gegensatz von Sommerfrischler und Sommerreisenden.

Betrachten wir zunächst den Sommerfrischler, den Repräsentanten der guten Reiseseite.

Der kleine Beamte, der Oberlehrer, der Stadtrichter, der Archidiakonus, die sich in ein eben entdecktes Dünendorf begeben, wo ihnen gelegentlich die Aufgabe zufällt, den allerursprünglichsten Strandhafer abzuwohnen, diese alle können, wenn sie mit Sack und Pack und ausgerüstet wie eine Auswandererfamilie in ihrer Fischerhütte einziehn, unter Segeltuch und ausgespannten Netzen ein höchst glückliches Dasein6 führen. Sie werden, eh die Biederherzigkeit der alten Teerjacke, die erfahrungsmäßig höchstens drei Sommer aushält, in Gewinnsucht untergeht, für ein Billiges leben und die unvermeidlichen Ausgaben der eigentlichen Reise, der Locomotion als solcher, durch andauernden Blaubeeren - und Flundergenuß wieder balancieren können; die Kinder werden primitive Hafenanlagen im Sande machen, und die erwachsenen Töchter Muscheln und Bernstein suchen; unsagbar alte Garderobenstücke werden aufgetragen, Reminiscenzen an Cooper und Marryat neu belebt, vor allem auch Abmachungen auf Lieferung von Spickaal und Sprotten getroffen werden. Im ganzen wird man dankbar und wohlbefriedigt in die Heimat zurückkehren, gefestigt in allem Guten und gewachsen in der Kraft, die uns jede[ intimere] Berührung mit der Natur zu geben pflegt. Nur vereinzelt[ unangenehme] Eindrücke und Erfahrungen werden den Frieden einer solchen Sommerfrische gestört haben und der endliche Reiseüberschlag wird ergeben, daß man sich diese Erholung ohne nachträgliche Gewissensbisse wohl gönnen durfte. Die Extrafahrt nach Putbus war zwar teuer, aber bedenken wir auch, es ist eine Erinnerung fürs Leben.

So oder ähnlich wird es vieler Orten heißen und7 wenn ich Umschau halte, will es mir erscheinen, daß sich solche, in der Bescheidenheit ihrer Ansprüche Befriedigten immer noch zu Tausenden finden müssen, nicht blos an der Ostseeküste hin, auch in Schlesien, am Oberharz, und in den Thälern und Bergkesseln des Thüringer Waldes. Aber alle freilich, wie ich wiederholen muß, werden dieses ungetrübten Glückes nur teilhaftig geworden sein, wenn sie während ihrer Reisezeit sich damit begnügten, in gewissem Sinne zu den Halb-Nomaden zu zählen, mit anderen Worten, wenn sie vier Wochen lang auf ein und derselben Gebirgs - oder Strand-Oase aushielten.

So viel über den Sommer-Frischler, einen Glücklichen.

Aber sehr anders, wie schon angedeutet, liegt es bei dem Sommer-Reisenden, der, wenn nicht beständig, so doch vielfach unterwegs, immer in der Gefahr schwebt, seine Lagerstätte wechseln zu müssen. Es ist[ nicht] zu leugnen, das Glück des mehr oder weniger seßhaften Frischlers ist für den eigentlichen Reisenden, für den Tag um Tag seine Weideplätze wechselnden Voll-Nomaden nicht da. Keine wirkliche Wüstenfahrt, was sonst immer ihre Schrecken sein mögen, kann verdrießlicher und räuber-umschwärmter sein. Auch in Sachen der Fata Morgana hat der eigentliche Tourist zu leiden,8 wie nur je ein Wüstenfahrer. Immer neue Hotel-Schlösser tauchen verheißungsvoll am Horizonte vor ihm auf, aber der Moment der Erreichung ist auch jedesmal ein Moment der Enttäuschung für ihn. Er findet Kühle, nicht Kühlung.

Ist das alles ein Unvermeidliches?

Nein. Nichts davon, daß man es nicht anders gewollt, daß man ja das Recht gehabt habe ruhig zu Hause zu bleiben, und daß jeder, der sich leichtsinnig in Gefahr begäbe, nicht erstaunt sein dürfe, darin[ umzukommen]. Dies alles ist nicht nur falsch, es ist auch hart und grausam, denn die Reise-Benötigung, die bestritten werden soll, ist wirklich da. So gewiß für den Durstverschmachteten ein Zwang da ist zu trinken, so gewiß ist auch für den staub - und arbeitsvertrockneten Residenzler ein Zwang da nach einem Trunke frischer Luft, und wer ihm diesen Trunk verbittert und verteuert, der thut viel Schlimmeres als die Brauwirte, die dem Volke das Bier verteuern. Und doch geschieht es. Ja die traurige Erscheinung tritt ein, daß mit dem Wachsen des Bedürfnisses auch die Unmöglichkeit wächst, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Der vorhandene Notstand, statt die Frage anzuregen: wie heben wir ihn? regt nur die Frage an: wie beuten wir ihn aus! Der Reisedrang, je allgemeiner er9 geworden ist, hat nicht Willfährigkeit und Entgegenkommen, sondern das Gegenteil davon erzeugt. Vielfach reine Wegelagerei. Wirte, Mietskutscher und Führer überbieten sich in Gewinnsucht und Rücksichtslosigkeit, und wer im Gegensatz zu den vorgeschilderten, relativ seßhaften Reisenden sein Reiseglück auf diese drei Karten gestellt hat, der wird freilich wohl thun, mit niedrigsten Erwartungen in die Situation einzutreten.

War es immer so? Mit nichten. Wie ganz anders erwiesen sich die Wirte vergangener Tage! Nur noch Einzel-Exemplare kommen vor, an denen sich die Tugenden eines ausgestorbenen Geschlechts studieren lassen. Wer sie voll erkennen will, der lese die englischen Romane des vorigen Jahrhunderts. Auch noch in W. Scott finden sich solche Gestalten. Es gab nichts Liebenswürdigeres als solchen englischen Landlord, der in heiterer Würde seine Gäste auf dem Vorflur begrüßte und mit der Miene eines fürstlichen Menschenfreundes seine Weisungen gab. Er vertrat jeden Augenblick die Ehre seines Standes. Er war nicht dazu da, um in den drei Reisemonaten reich zu werden, still und allmählich sah er sein Vermögen wachsen und gab dem Sohne ein Eigentum, das er selbst einst vom Vater empfangen hatte. Er waltete seines Amts aus gutem Herzen10 und guter Gewohnheit. Er war wie ein Patriarch; sein Gasthaus eine Zufluchtsstätte, ein Hospiz.

Auch in Deutschland gab es solche Gestalten, wenn auch vereinzelter, und ich entsinne mich selbst noch, wenn ich Ende der zwanziger Jahre die damals viertägige Reise von der pommerschen Küste bis in meine Ruppinsche Heimat machte, an solchen Wirtstafeln, namentlich in den mecklenburgischen Städten, gesessen zu haben. Eine geräuschlose Feierlichkeit herrschte vor, der Wirt gab nur den Anstoß zur Unterhaltung, dann schwieg er und belauschte klugen Auges die Wünsche jedes Einzelnen. Kam dann die Abreise, so mußten seine verbindlichen Formen den Glauben erwecken, man habe seinem Hause eine besondere Ehre erwiesen. Damals war jede Mittagsrast ein Vergnügen, jedes Nachtlager ein wohlthuendes, von einer gewissen Poesie getragenes Ereignis. Ich denke noch mit Freuden an diese Ideal - und Idyllzeit des Reisens zurück.

Wie sind jetzt die Hotel-Erlebnisse des kleinen Reisenden! Ich antworte mit einer Schilderung, bei der ich (vielleicht leider) Persönliches in den Vordergrund treten lasse. Persönliches und mit ihm das bis hierher nach Möglichkeit zurückgehaltene Ich.

Der Zug hält. Es ist sieben Uhr abends. Jenseits des Schienenstranges steht die übliche Wagen -11 burg von Omnibussen, Kremsern und Fiakern; Hotelkommissionäre, Fremdenführer, Kutscher machen die bekannte Sturmattacke, allen vorauf ein zehnjähriger Junge, der sich mit unheimlicher Geschicklichkeit der kleinen Reisetasche zu bemächtigen trachtet. Alles wird siegreich von mir abgeschlagen, aber nicht zu meinem Heil. Es empfiehlt sich nicht, zu Fuß zu kommen und die bekannten Fragen zu stellen. Ein mitteleleganter Oberkellner ritt, als ich in das Hotel eintrat, bereits auf seinem Drehschemel. Kann ich ein Zimmer haben? Ich werde fragen. Er[ frug] aber nicht, schritt vielmehr gleich danach mit dem bekannten Silberblechleuchter die Treppe hinauf, mich der Mitteilung würdigend, daß No.  7 soeben frei geworden sei. Diese Mitteilung schien sich bestätigen zu sollen, denn beim Eintritt in die besagte Nummer fanden wir eine Magd bei dem herkömmlichen, in drei Akten: ausgießen, eingießen und überziehen sich vollziehenden Zimmer-Reinigungsprozeß vor. Ich war nicht begierig, Zeuge dieser Einzelheiten zu sein und zog mich deshalb lieber in den parterregelegenen Speisesaal zurück, um hier bei Beefsteak, Kulmbacher und den Fliegenden Blättern , nicht gerade Mitternacht, aber doch die zehnte Stunde heranzuwachen. Endlich war sie da; noch ein Sodawasser mit Cognac,12 und ich stieg wieder in meine nach dem Hof zu gelegene Stube hinauf, an deren niedriger Decke sich ein überklebter Balken hinzog. Oben angekommen, war mein Erstes eins der beiden Fenster zu öffnen, da mich die eigentümliche Stubenatmosphäre mehr und mehr zu bedrücken begann. Es schien auch zu helfen. Und nun schob ich mich, müde wie ich war, unter das Betttuch.

Ich mochte eine Viertelstunde geschlafen haben, als das Hinausfliegen mehrerer Stiefelpaare auf den Corridor und das Angespanntwerden eines Hotel-Omnibus (gleich nach 1 Uhr kam ein neuer Zug) mich aus tiefem Schlafe weckte. Zugleich empfand ich einen dumpfen Kopfschmerz, über dessen Ursache ich nicht lange in Zweifel bleiben sollte. Die frische Nachtluft , die ich, um der stickigen Stubenatmosphäre willen, einzulassen bemüht gewesen war, stieg leider nicht aus Himmelshöhen[ zu] mir nieder, sondern aus Hofestiefen zu mir herauf und war ein Brodem, wie ihn jeder aus Erfahrung kennt, der, um etliche Jahrzehnte zurück, noch im alten Münchener Hofbräu seinen Krug getrunken hat. Nur hatt ich hier die höhere Potenz.

Und an dieser Stelle mag ein kleiner Excurs gestattet sein! Daheim an den Ufern unserer guten Spree gehört es zum guten Ton, über unsere Ber -13 liner Luft zu skandalisieren, und es soll unbestritten bleiben, sie könnte besser sein. Aber was will die durchschnittliche Berliner Hausatmosphäre im Vergleich zu dem Dunstkreise sagen, der in den meisten Hotels und Nicht-Hotels Sachsen-Thüringens heimisch ist. Die Berliner Luft, auch wo sie am schlimmsten auftritt, ist ein Parvenu wie die Stadt selbst, jung, ohne Geschichte, ohne infernale Vertiefung. So schlecht sie sein mag, sie ist einfach, unkompliziert, so zu sagen frisch von der Quelle weg. Wie anders dagegen die Hausatmosphäre in den Früh-Kulturgegenden Mitteldeutschlands! Altehrwürdig tritt sie auf und man kann ohne Uebertreibung sagen: die Jahrhunderte haben an ihr gebraut. Sie ist geworden, vor allem sie ist undefinierbar, und wie man vom Kölnischen Wasser gesagt hat, das Geheimnis seiner Schöne läge in der Lagerung, so daß schließlich die Mannigfaltigkeit in einer höheren Einheit unterginge, so auch hier. Nur haben wir hier den Revers der Medaille.

Was aus Hofestiefen in mein Zimmer einströmte, gewann mehr und mehr an Gehalt, so daß ich als nächstes Rettungsmittel das Fenster schloß. Aber die Geister, die ich gerufen hatte, waren so schnell nicht wieder zu bannen. Sie waren mit mir, um mich und schienen wenig geneigt, sich so14 ohne weiteres austilgen zu lassen. Alle kleineren Mittel scheiterten; da kam mir der Gedanke, den Teufel durch Beelzebub auszutreiben. Ich steckte die Bougies an, ließ diese brennen, bis sich eine Schnuppe gebildet hatte und blies sie dann aus. Nachdem ich dies Verfahren dreimal wiederholt hatte, hatte ich eine Art grönländische Hüttenatmosphäre hergestellt, in deren Rauch und Qualm die Frische der Nachtluft endlich glücklich unterging.

Der nächste Morgen sah mich ziemlich spät an der Frühstückstafel. Der Wirt stand abwechselnd hinter und neben meinem Stuhl, was ich anfänglich geneigt war, als eine Auszeichnung anzusehen, bis ich gewahr wurde, daß die wirklichen Gegenstände seiner Aufmerksamkeit mir gegenüber saßen: eine kinder - und kofferreiche Familie, die, den Abend vorher und beinah gleichzeitig mit mir eingetroffen war. Der Koffer, zumal der im Plural auftretende, giebt den Ausschlag und der mitteldeutsche mittlere Hotelwirt (in den besseren Häusern ist es besser) bemißt nach ihm das Maß seiner Gnaden, ohne sich auf irgend ein anderes Kriterium einzulassen. Und wie der Herr, so die Diener. Nur im Moment der Zahlung rücken die Kleinen sofort in die Rechte der Großen ein und während bis dahin alles was ihnen geleistet wurde, auf der Höhe eines15 Maulwurfshügels stand, tritt jetzt die Rechnungsforderung wie ein Finsteraarhorn an sie heran. Und in diesem Vergleich ist der ganze, auf die Dauer unertragbare Zustand gekennzeichnet! Was in allem waltet, ist ein kolossales Mißverhältnis; weder der Ton, der herrscht, noch der Wert dessen, was geboten wird, entspricht dem Preise, der gezahlt werden soll. Ueber den einzelnen Fall wär es unschwer hinwegzukommen, aber die Fülle der Einzelfälle erzeugt schließlich einen Groll, der fast mehr noch in der Unbill, der man sich ausgesetzt fühlt, als in den direkten Einbußen seine Wurzel hat. Ein Gefühl von Ungehörigkeit, und zwar nicht bloß in Geldsachen, begleitet den Reisenden von Stunde zu Stunde und bringt ihn recht eigentlich um den Zweck seiner und jeder Reise, um die Glättung und Ruhigmachung seines Gemüts. Er will den Vibrierungen entfliehen und zittert häufiger als daheim. Aerger hängt sich an Aerger, und der nach nervenstillendem Ozon verlangende Körper findet jene vorbeschriebene frische Nachtluft , die ihn bis an den Rand des Typhus bringt. Die Prätensionen und die Preise richten sich wo möglich nach dem Clarendon-Hotel in London, während doch der alte Herbergs-Charakter immer noch umgeht und sich wie Banquo, die Gäste schreckend, mit zu Tische setzt.

16

Auf die eine oder andere Weise muß hier Wandel geschafft, müssen die Leistungen höher oder die Preise niedriger werden. Das letztere wäre das bessere und ein wahrer Segen. Weg mit dem abgetretenen, lächerlichen Teppichfetzen, weg mit der tabaksverqualmten Goldtapete, weg mit dem schäbigen Plüschsofa und der türkisch geblümten Steppdecke, deren bunte Dunkelfarbe jede Möglichkeit zuläßt, vor allem weg mit dem großen Reise-Tyrannen, dem Table d’hote’s-Unsinn, weg mit den sieben Gängen, die bis zum letzten Bissen nichts repräsentieren als einen Wettlauf zwischen Hungrigbleiben und Langerweile. Denn wer wäre je an Leib gesättigt und an Seele erfrischt von diesem Zwei-Stunden-Martyrium aufgestanden! Statt dieses elenden Plunders eine gut ventilierte Stube, ein Stuhl und ein Tisch, eine Matratze und eine wollene Zudecke; vor allem die Freiheit, essen zu können was man will und wann man will. Die Herren Wirte sind des Publikums willen da, nicht das Publikum der Wirte willen. Aber überall verkehrt sich der natürliche Lauf der Dinge und gegen die Verkehrtheit ankämpfende Gemeinplätze werden wieder zu Weisheitsregeln.

17

Nach der Sommerfrische.

1819

Wir sind nun also wieder da, Eveline, sagte der Hofrat Gottgetreu zu seiner Frau, denselben Abend noch, wo beide, nach einem sechswöchentlichen Aufenthalt in Ilmenau, wieder in die Residenz zurückgekehrt waren.

Wir sind nun also wieder da. Und es ist auch gut, daß wir wieder da sind, was ich hier aussprechen darf, ohne mich irgend einer Undankbarkeit gegen die schönen Wochen schuldig zu machen, die jetzt hinter uns liegen. Ja, schöne Wochen! Ich war ein andrer Mensch, und nicht ein einziges Mal hab ich von dem herrlichen Kickelhahn-Kamm in das Waldesmeer und die Waldesruhe niedergeblickt, ohne die Schönheit und Tiefe der dort oben eingerahmten Dichterzeilen an mir selber empfunden zu haben. Ueber allen Gipfeln ist Ruh‘. Ach, mehr als das; es war mir immer als ob ich es selber hätte schreiben können. Aber dies mag eine20 Täuschung sein, und wie mir krankhafter Ehrgeiz überhaupt fremd ist, so noch ganz im besonderen der dichterische. Der meinige, wie Du weißt, hält sich innerhalb vorgesteckter und erreichbarer Grenzen. Und ich hoffe, daß ich es erreiche. Freilich, all das liegt noch weit hinaus und ist im übrigen nicht das, worüber ich mich heute zu Dir aussprechen möchte. Was mich heute beherrscht und erfüllt, ist ausschließlich ein Gefühl des Dankes und der Freude. Denn, um es zu wiederholen, ich war ein andrer Mensch dort oben, eingehender auf Deine Wünsche, gerechter gegen Deine Vorzüge, vielleicht auch zärtlicher, wenn ich mich dessen rühmen darf.

Eveline sah vor sich hin.

Es waren schöne Wochen, und dies Anerkenntnis ist und bleibt unerschüttert. Aber je lebhafter ich dies alles empfinde, je lebhafter empfind ich auch, wie gut es ist, daß wir wieder da sind. Ich sehne mich nach Arbeit und nach Bethätigung einer erneuten Kraft, einer wiederhergestellten Gesundheit, und wenn es mir eine Freude war, die Feder aus der Hand zu legen, so find ich es eine noch größere fast, sie wieder aufnehmen und einer intensiven und bedeutenden Gedankenreihe, die mittlerweile höheren Orts für das Ganze gedacht wurde, Form und Ausdruck geben zu können. Und an welcher Stelle21 geschähe das hingebender, als an der, der ich anzugehören das Glück und den Vorzug habe. Ja, meine Teure, keinem anderen Zweige der Verwaltung möcht ich angehören; es ist der einzige, darin noch die Traditionen einer alten und besseren Zeit lebendig sind, ebenso der einzige, mein ich, an dessen Aufsaugung und Einverleibung von seiten des Fürsten noch nicht gedacht worden ist. Und vielleicht auch, daß er an unserem stillen Widerstande scheitern würde.

Eveline lächelte.

Wir sind nun also wieder da, und es ist gut, daß wir wieder da sind. Aber so gut es ist, und so sehr ich mich dieser Wieder-Einkehr in einen Zustand gewohnter Ordnung und erquicklicher gesellschaftlicher Gliederung freue, doch Eveline, dieser Aufenthalt in Gottes freier Natur, dies stündliche Stahlbad, dieser unausgesetzte Heilungsprozeß in Luft und Licht, all das, mein ich, darf nicht plötzlich wieder ein Ende haben. Ich will wieder ein bescheidenes Rad sein in der staatlichen Maschine, meinetwegen auch, wie die Malcontenten es ausdrücken, in der Alltags-Mühle des Hergebrachten und immer Wiederkehrenden, aber in meinem häuslichen und privaten Leben, wenn Du mir ein Ausharren in dem eben citierten Bilde gestatten willst, möcht ich nicht Rad22 in der Mühle, sondern ein in einer ewigen frischen Brise gehender Windmühl-Flügel sein. Es ist eben, wie Du längst bemerkt haben wirst, ein unbezähmbares Luft - und Bewegungs-Bedürfnis in diesen letzten Wochen über mich gekommen, und in dieser erfrischenden und mich beglückenden Rotation möcht ich bleiben, bis die Welle abgelaufen ist.

Du willst also, lieber Hermann, wenn ich Dich recht verstehe, den Dauerlauf in Permanenz erklären.

Ungefähr das … Und so gestatte mir denn die Specifizierung eines Programms, das ich Deiner Begutachtung und beziehungsweise Deiner Zustimmung unterbreiten möchte. Denn ohne diese geht es nicht. Eine staatliche Reform läßt sich erzwingen, eine Hausreform aber ermöglicht sich nur auf dem Wege friedlicher Kompromisse.

So laß mich hören.

Ich fange natürlich mit dem Anfang an. Es muß ein Ende haben mit dem ewigen Morgenschlaf und dem Einmummeln und der ganzen Bärenhäuterei. Nichts mehr von oder 9. Um 6 heraus. Und kein Unterschied ob Winter oder Sommer, und ein nasses Laken um, und scharf abgerieben. Und dann eine starke Bewegung, ein energischer Uebungsmarsch.

23

Ohne Frühstück?

Ohne Frühstück; ausgenommen ein Glas von unsrem Sprudel. Und dann vorwärts. Und jeder Platz ist gut. Ich denke, wir nehmen Schöneberg, immer an dem Botanischen vorbei, bis Steglitz oder Wilmersdorf. Oder auch den Lehrter Bahnhof. Es muß nur eine freie Stelle sein, an die die Luft heran kann und ein erfrischender Morgenwind. Und wenn es regnet, ich meine wirklich regnet, so haben wir die Halle mit dem Doppel-Perron und sehen wie der Zug abgeht. Ich sehe nichts lieber als das, und ist mir immer, als reist ich mit jedem einzelnen mit. Und dann zurück, und dann unser Frühstück, das in solchem Momente wieder einen Ernst und eine Bedeutung gewinnt, und jenes Dankesgefühl anregt, das in sich selber einer Andacht nahe kommt. Und auch daran liegt mir. Denn ich hab es satt, Eveline, so beziehungslos zu dem, was doch schließlich immer das Höchste bleibt, in den Tag hineinzuleben. Ich will Stellung nehmen, und wenn es sein muß (aber selbstverständlich ohne mich vorzudrängen), ein Zeugnis ablegen.

Und dann?

Und dann ins Bureau, freudig und frisch. Und mit dem Kopfweh, denk ich, soll es vorbei sein. 24Ein für allemal. Ich bilde mir ein, mich auf Präzisierung eines Gedankens zu verstehn und unter Umständen ein Widerspruchsvolles ins Lichtvolle kleiden zu können; aber es ist doch ein Unterschied, ob man sich am Stabe der Kritik ängstlich zu diesem Lichtpunkte heranfühlt, oder ob es Flügel der Morgenröte sind, auf denen wir, wie vom Geiste getragen, unserm Ziele mühelos entgegeneilen. Ich verspreche mir von dem Leben in und mit der Natur ein leichteres und besseres Arbeiten, und erinnere mich dabei mit Vorliebe jener allbekannten Zusammenhänge zwischen der physischen und geistigen Welt. An der Frage gefrühstückt oder nicht‘ haben mehr als einmal Entscheidungsschlachten gehangen, und ich sehe nicht ein, warum nicht an einem geschehenen oder nicht-geschehenen Morgenspaziergang ein mehr oder weniger klares oder unklares Reskriptum hängen soll. Es giebt ein Gedicht, in dem es immer wiederkehrend heißt: ich fühle so frisch mich, so jung‘; in dieser Zeile hast Du meine Situation. Und so gewiß mir die Konservierung eines solchen Zustandes eine heilige Pflicht ist, so gewiß auch seien diese Thüringer Tage gesegnet, die mir den Weg und die Mittel dazu gezeigt haben. In jener ebenmäßigen Anspannung, die das Leben in der Natur mit sich25 führt, erfrischt sich unsere Kraft nicht nur, sie steigert sich auch, und Du mußt selbst die Wahrnehmung davon gemacht haben.

Eveline, die keine Freundin von Reflexionen, aber desto gespannter auf die weiteren Programm-Einzelheiten war, entgegnete lediglich: Und wie denkst Du Dir unsren Nachmittag?

Als eine Kette bescheidener Vergnügungen, wie sie sich für unser Lebensalter und unsere Verhältnisse schicken. Um 3 Uhr nach Haus; um Uhr haben wir abgegessen und nehmen unsren Morgenspaziergang in Gestalt einer kleinen Nachmittagsreise wieder auf.

Aber Du bist seit Jahren an eine Nachmittags-Ruhe gewöhnt und wirst müde sein.

Ich werde nicht müde sein, weil ich nicht müde sein will. Es ist zuletzt alles Sache des Willens; er allein regiert und in nichts zeigt er sich größer als in der Ertötung des natürlichen Triebes. Wohin ich auch den Schlaf rechne. Nebenher aber bekenn ich Dir gerne, bei meiner neuen Entschlußfassung auch eine gewisse Lebensbegehrlichkeit mit zu Rate gezogen zu haben. Es wird Dir bekannt sein, daß ein erheblicher Bruchteil aller Schlagflüsse mit dem Nachmittagsschlafe zusammenhängt. Und ist auch das Folgerichtige. Denn26 es rächt sich jeder Abfall von der Natur und ihrem Gesetz. Die Nacht ist Schlafenszeit und nicht der Tag. Ich entsinne mich einer Stelle bei Shakespeare, wo dieser in einer beträchtlichen Anzahl von Zeilen den Schlaf apostrophiert und den Schiffsjungen beneidet, der im Halbschlummer in den Raaen hängt. Er geht dabei durch alle möglichen und nicht möglichen Situationen und sagt, wie gewöhnlich, unendlich viel Schönes und Großes; aber vom Nachmittagsschlaf sagt er nichts. Und warum nicht? Weil der Nachmittagsschlaf ein superfluum ist und ein periculum. Also nichts mehr von ihm. An seine Stelle treten Excursionen und Partieen.

Aber wohin?

Unter Vermeidung des Tiergartens, in dem der Moder brütet, überall hin, wo Wasser oder Wind ihr Tummelfeld haben. Ich sage Tummelfeld, denn auf das Moment der Bewegung kommt es an. Ein stehendes Wasser ist Tod, ein bewegtes Wasser ist Leben. Also Stralau, Treptow, Eierhäuschen. Am liebsten aber auf die Höhen, ohne Rücksicht ob Tempelhof oder Tivoli. Da hast Du Natur und Freiheit und schaust entweder unter Dir auf das beherrschte Samos hin oder wendest Dich und siehst die Drachen steigen. Und dies ist das schönste. Denn je höher er steigt und je strammer und un -27 sichtbarer die Strippe wird, desto sicherer sind wir eines Lebens - und Atmungsprozesses in einer reineren und allerreinsten Luft. Und Du weißt, wie viel ich dieser Luft verdanke. Sage selbst.

Und wie lange bleiben wir auf Tivoli?

Bis es dunkelt.

Es wird dann zu spät sein, um noch etwas vorzunehmen.

Aber muß denn etwas vorgenommen werden? Ich bitte Dich Eveline. Hat es denn nicht Zeiten gegeben ohne Concert und ohne Theater? Ach, meine Teure, das ist ja gerade das schöne dieser zurückliegenden Tage, daß ich den Weg zur Natur und zur Einfachheit des Daseins zurückgefunden habe. Muß es denn immer wieder ein Czardas sein? Oder die neunte Symphonie? Oder das Mysterium, erster und zweiter Tag? Oder gar ein Buffet? Ich bitte Dich, Eveline, wenn es etwas giebt, das ich hasse, so ist es der große Lachs auf seinem Paradebett von Petersilie. Nein, nein. Und die vier aufgespießten Krebse wie Schildhalter!

Aber Du wirst doch, lieber Hermann, unsere Gesellschaften nicht abschaffen wollen? Und auch nicht ein anständiges Abendbrot.

Im Gegenteil. Nur glaube mir, es giebt nichts Schwierigeres als eine Feststellung auf diesem28 Gebiet und die Beantwortung der einfachen Frage: was ist ein anständiges Abendbrot?‘ Ich kenne nur eins: eine saure Milch und ein geriebenes Schwarzbrot, nicht zu frisch aber auch nicht zu alt. Und nun wolle mir nicht einwenden, es gäbe dergleichen nicht mehr. In einer Stadt mit dreißig Kasernen und einer immer vollzähliger werdenden Garde, muß sich doch schließlich ein Schwarzbrod auftreiben lassen. Und ich fordere dies geradezu von Deiner Liebe. Vor allem aber, und darauf leg ich den Haupt-Accent, brech ich von heut ab ein für allemal mit dem Thee, diesem undeutschesten aller Getränke, das in seiner harmloseren Gestalt ein absurdes Absud von Hollunder und Johannisbrod, und in seiner perniciösen Form ein türkisch-orientalischer Haschisch ist, an den ich nicht Lust habe meine wiederhergestellten Nerven zu setzen. Und so resümier ich denn in aller Kürze: regelmäßiger und an keine Bedingungen geknüpfter Morgenspaziergang, absolute Vermeidung alles Nachmittagsschlafes und Einführung einer sauren oder süßen Milch an Stelle des Thees. Und um neun Uhr zu Bett.

Und er erhob sich, um den letzten Punkt seines Programms sofort ins Werk zu setzen.

Und andern Tages auch den Rest.

In aller Frühe war er auf, und da seine Rück -29 kehr aus dem Thüringischen in die Manövertage gefallen war, wo schon um fünf Uhr ein endloses Trommeln und Pfeifen das ganze Stadtquartier aus dem Schlafe rüttelte, so war er nicht blos in der angenehmen Lage rasch und mühelos aufstehen, sondern auch den abziehenden Bataillonen eine Stunde lang folgen zu können.

Aber kaum daß die Manövertage vorüber und die fremdherrlichen Offiziere wieder abgereist waren, um daheim ihrer hier geäußerten Bewunderung einige kritische Bemerkungen anfügen zu können, als auch schon das Kaiser Wilhelms-Wetter umschlug und eine Regen-Saison einsetzte.

Die Rätin, so sehr sie sonst auf helle Tage hielt, hatte diesem Wechsel, als dem einfachsten und natürlichsten Mittel zur Wiederherstellung eines status quo ante sehnsüchtig entgegengesehen, aber freilich nur um nachträglich einer allerempfindlichsten Täuschung zu begegnen. Wie die meisten Frauen, hatte sie zwanzig Jahre lang an ihres Mannes Seite gelebt, ohne von seiner Eigenart auch nur annähernd eine richtige Vorstellung gewonnen zu haben. Er war eben ein Charakter. Und dessen sollte sie jetzt gewahr werden.

Es regnet heute, lieber Hermann. Ich will Dich nicht zurückhalten. Aber[ Du] solltest wenigstens

30

Die Gummischuhe Nicht wahr? Ich bitte Dich, komme mir nicht mit solchen Weichlichkeiten. Außerdem ist der Gummischuh, was Du nicht zu wissen scheinst, ein sanitätlich überwundener Standpunkt. Es gilt vom Fuße genau dasselbe, was vom ganzen Menschen gilt: er braucht Freiheit und Luft. Einpferchung ist die Brutstätte jeder Krankheit.

Und so brach er denn auf und ging weit, erst den Asphalt und dann die Chaussee hinunter, bis er ins Freie kam, wo nichts mehr war, und nur noch der Sperling auf dem Telegraphendrahte saß und bei des einsamen Wanderers Anblick sagen zu wollen schien: Ist es möglich?

In dieser Weise verlief der erste Regentag, und dem ersten folgte der zweite. Wohl unterblieben die Nachmittags-Partieen, aber in allem andern, insonderheit in der Abendverpflegung, wurde keine Veränderung vorgenommen, und die Milch, die, bei der herrschenden Kälte, nicht Zeit gehabt hatte ganz zu gerinnen, erschien nach wie vor auf dem Tisch.

Ungeronnene Milch

Auch das ist ein überwundener Standpunkt entgegnete Gottgetreu, während er die Satte heranzog und es sich schmecken ließ. Oder sich wenigstens das Ansehen davon gab.

31

Als aber der dritte Regentag zur Rüste ging und der Rat sich wieder an seine Mahlzeit setzte, war es ihm, als ob die Milch eben so blau sei, wie die Satte selbst. Und als er sich nichtsdestoweniger bezwungen und gegessen und den Löffel wieder niedergelegt hatte, sah Eveline, daß er in ein Schwanken kam und immer zuckte.

Gott, Hermann, Du zuckst ja. Lieber Mann, es ist ja, wie wenn Dir der Tod über den Rücken liefe.

Der so zärtlich und ängstlich zugleich Angesprochene, versuchte zu lächeln. Aber seine Kraft war augenscheinlich im Abzug, und er litt es, daß man ihn zu Bette brachte. Kein Wort wurde laut und während er im Schüttelfroste lag, schrieb Eveline folgende Zeilen an den alten Geheimrat Krukenberg: Lieber Geheimrat. Ich belästige Sie nicht gern, aber mein Mann ist, fürcht ich, ernstlich erkrankt. Er kam schwer erkältet hier an und nahm diesen Erkältungszustand für eine Form höherer Gesundheit. Und seitdem hat er sich immer weiter abgehärtet und die Niederlage vorbereitet, die nun da ist. Ach, daß doch die besten Menschen so widerborstig sind. Ich bin recht in Sorge. Darf ich hoffen, Sie morgen mit herankommen zu sehn? Ihre Eveline G.

32

Und um die Mittagsstunde fuhr der alte Krukenberg vor, der schon im Hause von Evelinens Eltern als eine damals erst werdende Berühmtheit aus - und eingegangen war und in gnädiger Erinnerung an alte Zeiten eine Vorliebe für die ganze Familie (die Gottgetreus mit eingeschlossen) bewahrt hatte, trotzdem sie mehr oder weniger außerhalb seiner Sphäre lag. Und die Rätin nahm ihn bei Seit und berichtete kurz und hastig, wie’s mit ihrem Manne stände. Denn der alte Krukenberg, obwohl er sich in eigner Person die höchste Weitschweifigkeit gestattete, hielt doch bei seinen Patienten auf einen allerlapidarsten Lapidarstil. Und nun trat er zu dem Kranken selber heran, der in jenem bekannten drusligen Fieberzustande dalag, in dem man Sterne fallen oder durch einen schweren und graugelben Nebel hin allerhand Feuerpferde galoppieren sieht.

Nun, Gottgetreu. Wie geht es?

O gut genug Es muß etwas in der Milch gewesen sein

Allerdings. In der Milch ist immer etwas. Und wäre ja sonst kein Nahrungsmittel. Aber suchen wir die Schuld nicht an falscher Stelle; die Schuld liegt in der Regel an und in uns selber. Ich bitte Sie, Gottgetreu, Sie sind doch nun auch gegen funfzig

33

Zwei und funfzig simperte der Angeklagte ziemlich kleinlaut vor sich hin.

Um so schlimmer. Und anfällig wie Sie sind, mit Ihrer natürlichen Beanlagung für Asthma und Rheumatismus, Sie wollen einen alten Turnvater spielen und ohne Halstuch, frisch, fromm und frei, bei Sturm und Regen, in einem wahren Sündflutwetter, auf dem Kurfürstendamm spazieren gehn? Oder gar bis Wilmersdorf. Und abends eine Satte saure Milch? Und alles blos, weil Sie draußen in Thüringen ein paar hustenlose Tage gehabt haben? Es ist zum Lachen. Und nun hören Sie, wenn wir gute Freunde bleiben sollen: es wird morgens wieder ausgeschlafen, je länger, je besser; und danken Sie Gott, daß Sie nicht vor zehn Uhr früh an die Mitregierung des preußischen Staates heranmüssen. Und wenn Sie zwischen drei und vier, wie meine sächsischen Landsleute sagen, wieder daheeme‘ sind und sich’s haben schmecken lassen denn Ihre Frau versteht es; das weiß ich noch aus alten Zeiten und aus der Rosenthaler Straße her dann legen Sie sich auf’s Ohr und gönnen sich den Schlaf und die Ruhe des Gerechten.

Es schien, daß Gottgetreu replicieren wollte.

Der alte Geheimrat ließ es aber nicht dazu kommen und fuhr in superiorem Tone fort: Ich34 weiß, was Sie sagen wollen. Immer der alte Unsinn von Schlaf und Schlagfluß. Aber die Sache liegt einfach so: die meisten kriegen ihn von zu wenig. Und wenn ich ihn denn schon kriegen soll, ich meine den Schlagfluß, so krieg ich ihn lieber mit einem Rückblick auf glücklich ausgeruhte, als mit einem Rückblick auf fieberhaft abgehaspelte Stunden. Und das mit der Milch ist die Thorheit in der höchsten Potenz und eigentlich schon ein halbes Verbrechen. Unser Magen ist keine Molkerei, nicht einmal eine Selbelanger, und der civilisierte Mensch trinkt abends eine Tasse Thee; das erwärmt ihn und regt ihn an. Und dazu Brot und Fleisch. Oder doch etwas Tödter’schen Aufschnitt. Ohne das geht es nicht, und ich sag Ihnen geradezu, ohne Tödter tödten Sie sich.

In diesem Wortspiele hatte der alte Geheimrat seine gute Laune wiedergefunden und setzte, während er des Kranken Hand nahm, um noch einmal seinen Puls zu fühlen, in freundlicherem Tone hinzu: So viel also für die Zukunft und ins Allgemeine. Für den Augenblick aber erbitt ich mir ein absolutes Stillliegen und immer bis hundert zählen und ein dickes Feder-Deckbett an Stelle dieser nichtssagenden Steppdecke. Denn Sie schleppen einen wahren Erkältungs-Riesen mit sich herum, einen siebenmal35 aufeinander getürmten Katarrh. Und der muß erst heraus. Ich kenne die Sommerfrischlinge.

Diese letzten Worte waren eigentlich schon im Vorzimmer gesprochen worden, und Eveline, die dem alten Freunde die Hand drückte, frug ihn ängstlich mit ihren Augen. Is nichts beruhigte dieser. Aber es war doch nötig ihm den Kopf zu waschen. Er wird sonst rückfällig.

Und den dritten Tag danach saß der leidlich wieder hergestellte Rat in einem Polsterstuhl am Fenster, ein schottisches Reiseplaid um die Füße gewickelt. Es war immer noch ein Wetter zum Erbarmen. Eveline las ihm die Zeitung vor und sagte, während sie hinaus wies: Ich denke, Hermann, wir lassen ein Feuer machen. Es ist doch nichts behaglicher, als ein warmer Ofen, und eine Lampe mit durchbrochenem Schirm und ein dampfender Theekessel und Reisepläne für den nächsten Sommer.

Er aber nickte nur und sagte: wie Du willst, und bezeugte durch eine bedingungslose Nachgiebigkeit in diesem und jedem andern Stück, daß das innere Düppel einer starken Mannesseele gebrochen war.

3637

Im Coupé.

3839

Hier meine Dame, sagte der Schaffner und riß dienstfertig die Thür des Coupés auf, um sofort wieder im Gedränge zu verschwinden.

Es war auf einer Kreuzstation drei Stunden vor Köln und im Osten, von wo der Zug kam, zog schon dämmernd der Tag herauf.

Die junge Dame folgte der ihr so bestimmt gegebenen Weisung und stand eben im Begriff in das Coupé einzusteigen, als ihr aus dem Fond desselben ein Herr entgegentrat.

Pardon , sagte sie: Ich vermutete ein Damen-Coupé.

Ein Coupé für Nicht-Raucher, meine Dame. Wenn Sie jedoch befehlen Und er machte Miene, das Coupé zu verlassen.

Bitte, bleiben Sie, mein Herr Nur keine Störungen Uebrigens auch schon zu spät.

Und sie nahm ohne weiteres Zögern den sich ihr40 zunächst bietenden Platz ein, während ihr Partner sich in die Ecke schräg gegenüber zurückzog. Fertig klang von draußen die Stimme des Zugführers und beide Insassen hörten nur noch, wie der vorübereilende Schaffner die blos eingeklinkte Coupéthür schloß. Im selben Augenblicke setzte sich der Zug in Bewegung und nahm unter rasch wachsendem Rasseln und Klappern alsbald seine volle Fahrgeschwindigkeit.

In der Haltung der Dame drückte sich, trotz des Vertrauens, das sie bei dieser Begegnung gezeigt hatte, eine nur zu begreifliche Spannung und Erregtheit aus, was ihrem Gegenüber nach einer kleinen Weile Veranlassung gab, sich verbindlich und mit einem Anfluge von Humor an sie zu wenden. Ich glaube , begann er, sprechen ist besser als schweigen, wenigstens in der Lage, in der wir uns befinden.

Sie verneigte sich, während er seinerseits fortfuhr: Sie haben den Mut eines raschen Entschlusses gehabt, und ich bitte den Schluß daraus ziehen zu dürfen, daß Sie viel gereist sind, in fremden Ländern; international, eine Dame von Welt.

Ich könnte dies zugeben , sagte sie, während sie zu lächeln versuchte, wenn es nicht etwas Beängstigendes hätte, sich im ersten Moment einer Bekanntschaft als Dame von Welt‘ angesprochen zu41 sehen. Ein eigentümlich zweischneidiges Wort, schmeichelhaft und auch wieder nicht. Uebrigens muß eine Dame von Welt mindestens dreißig sein. Und ich bin erst siebenundzwanzig.

Sonderbar. Als ich siebenundzwanzig war (beiläufig das glücklichste Jahr meines Lebens), war ich in einer ganz ähnlichen Situation wie Sie.

Nur mit dem Unterschiede, daß Sie keine Dame waren.

Nein. Und das macht freilich einen Unterschied. Aber doch nur in einem Stück. In der großen Hauptsache von Leben und Sterben, eine Sache beziehungsweise Frage, die mir damals ziemlich ernsthaft durch den Kopf ging, ist es gleich.

Und wo war das?

In England.

Ah.

Sie waren drüben?

Nein. Nicht bis jetzt. Ich stehe nur auf dem Punkt Aber ich unterbrach Sie.

Nun denn also, ich kam damals von Brighton, Nachtzug, um auf der wundervollen Küstenbahn, die zum Teil hart am Meere hinläuft, nach Dover zu fahren. Es ging in rasender Schnelligkeit und nur auf Station Hastings war eine Minute Verzug. Ich saß allein im Coupé. Mit einem Male wurde42 die Thür rasch aufgerissen und ein Herr sprang herein, ohne daß sich ein Schaffner oder Eisenbahnbeamter gezeigt hätte. Fast im selben Augenblick erlosch das in der Mitte des Wagens hängende Lämpchen, und ich sah nur noch die brennende Cigarre meines Mitreisenden und das Glühen seiner Augen. So wenigstens schien es mir.

Und?

Daß ich’s Ihnen gestehe, ich ängstigte mich nicht wenig. Es war dasselbe Jahr, wo der in London lebende deutsche Schneidergeselle Franz Müller, unter Ausnutzung einer sehr verwandten Coupé-Situation, einen stattlichen rotblonden Engländer seiner Uhr und Kette, ja sogar seiner goldenen Brille beraubt und nach einem verzweifelten Kampfe und unter Oeffnung der Wagenthür schließlich auf die Schienen gestürzt hatte. Keine vier Wochen, daß ich in dem Studium des Prozesses ganz aufgegangen war. Und nun war ich vielleicht selber der rotblonde Engländer mit der Uhr und der Goldbrille. Daß ich umgekehrt der andere nicht war, wußt ich nur zu gut.

Erzählen Sie mir dies alles, bemerkte die Dame, um sich angenehm bei mir einzuführen? Oder wohl gar zu meiner Beruhigung?

In gewissem Sinne, ja. Wenn ich etwas Franz Müllersches an mir hätte, würd ich ein so43 naives avis au lecteur aller Wahrscheinlichkeit nach unterlassen und Sie lieber durch eine Geschichte höherer Tugend und Menschenfreundlichkeit einzulullen suchen.

Ah, ich verstehe. Nichtsdestoweniger wär es mir lieb, Sie ließen das Thema fallen. Es geht mir im Kopf herum und quält mich, nicht um des Augenblicks, wohl aber um meiner nächsten Zukunft willen. Ich will nämlich, wie Sie vielleicht überhört haben, eben jetzt nach England, einem Lande, von dem ich ohnehin die Vorstellung unterhalte, daß es ein Tauris oder Colchis sei, wo die Fremden irgend einem Götzen oder sonstigem Etwas zu Ehren geopfert werden.

Etwas davon trifft auch zu. Nur statt des goldenen Vließes von Colchis haben sie drüben das goldene Kalb. Und ihm fallen Opfer genug. Trotzdem ist dies England, über dessen shortcomings‘, ein unübersetzbares Wort, ich vollkommen aufgeklärt bin, vergleichungsweise das Land der Nicht-Verbrechen.

Sie setzen mich in Erstaunen.

Woraus ich nur ersehe, daß Sie die wichtigste Zeitungsrubrik, die der statistischen Notizen, von Ihrer Beobachtung ausgeschlossen haben. Sonst würden Sie weniger verwundert sein.

44

Eine Vermutung, mein Herr, die doch nicht zutrifft. Im Gegenteil, ich lese wöchentlich die große europäische Sterbetabelle: Breslau 40, Berlin 30, London 20.

Da haben Sie’s.

Was? In dieser Zahlenskala hab ich doch nichts als die Prozentsätze, nach denen man in den großen Städten lebt und stirbt.

Aber darin liegt alles andere. Denn dem vielzitierten napoleonischen Satze daß das Land mit den besten Nähnadeln auch das der besten Brauer und Bäcker, der geschicktesten Architekten und Kunstreiter sei und überhaupt alles am besten habe‘, diesem Satze möchte ich doch zustimmen dürfen. Es steht eben alles in einem inneren Zusammenhang. Der Drang nach Vollkommenheit, wenn er überhaupt erst Wurzel geschlagen, entwickelt sich von dem Augenblick an in jeder Branche des öffentlichen Lebens, und wo man, sagen wir, Epidemieen am besten in Check zu halten weiß, weiß man ebenso das Kriminale bestmöglichst in Check zu halten. Mit anderen Worten, wo die Gesundheitspflege dem Tod auf die Finger sieht, da sieht auch die Sicherheitspflege dem Dieb auf die Finger, dem Dieb, dem Einbrecher, dem Garotteur. Und so immer hinauf auf der Stufe des Verbrechens.

45

Ei, da seh ich ja bei dem Schritt über den Kanal, den ich vorhabe, meine Lebenschancen erheblich wachsen. Und mit der Lebenschance vielleicht auch meine Chancen auf Glück.

Gewiß, wenn Leben der Güter Höchstes ist. Aber ist Leben der Güter Höchstes? Schiller verneint es und ich meinerseits möchte von einem ja‘ und einem nein‘ sprechen dürfen. Nichts hängt an der Existenz an und für sich, nichts an dem Weg, den wir Leben nennen, als solchem, wohl aber alles an dem Zukünftigen, das diesen Weg begleitet. Und so gut bewahrt und äußerlich gesichert das Leben als solches in England ist, so wenig beneidenswert ist es in seinen Begegnungs-Einzelheiten für den, der sich nicht des Vorzugs erfreut, den oberen Zehntausend zuzugehören. Und welcher Fremde gehörte dazu? Kaum einer.

Und am wenigsten eine fremde Governeß, als welche Sie mir gestatten wollen mich Ihnen hiermit vorzustellen.

Da sind wir Kollegen. Ich war mehrere Jahre tutor in Rugby, Grafschaft Warwick. Aber wozu diese nähere Bezeichnung, als handle sich’s um eine Briefadresse? Wer Governeß ist, bedarf keiner Geographienachhilfestunde. Rugby. Keine vier Wochen, daß ich mich von ihm trennte! Nun liegt46 es zurück, auf immer, und nach einem kurzen Besuch in meiner Vaterstadt (ich sollte sagen auf dem Kirchhofe meiner Vaterstadt) will ich jetzt über das große Wasser. Hab ich doch praktisch sein in England gelernt und gehe jetzt über New-York nach Chicago, um daselbst eine Schule zu gründen. Ich bin guten Muts und fürchte mich nur ein wenig vor Heimweh und Einsamkeit, denn ein deutsches Herz, und nun gar ein Thüringisches, ich bin aus dem Schwarza-Thal, hört nicht auf, für seinen Duodezstaat und seine Kirchturmspitze zu schlagen. Aber was sprech ich davon? Heimweh und Einsamkeit, die meiner vielleicht harren, bedeuten nicht viel, sind jedenfalls nicht das Schlimmste; Hohlheit und Hochmut ertragen müssen, das ist schwerer und das wird Ihr Loos sein, wenn Sie nicht ein besonderes Glückskind sind. Ich hoffe, Sie wissen, welchen Schritt Sie thun und welchen Widerwärtigkeiten, ja vielleicht welchen Demütigungen Sie mit einer Art von Wahrscheinlichkeit entgegengehen.

Ich weiß es und weiß es auch nicht. Unter allen Umständen aber vertraue ich meinem guten Stern und möchte mich, wenn an nichts anderem, so doch an dem Ausspruche aufrichten dürfen, den ich eben erst Ihrer Güte verdanke: wo die Nähnadeln am feinsten sind, sind auch andere Sachen47 am feinsten. Und unter diesem anderen auch die Behandlungs - und Umgangsformen.

Gewiß. Aber nicht dem Untergebenen und Abhängigen gegenüber. Nein, meine Gnädigste, dem kann ich nicht zustimmen. Der napoleonische Satz, den ich so leichtsinnig war zu zitieren und auf den Sie sich jetzt berufen, sollte nur ausdrücken: wo eine Geschicklichkeit gedeiht, gedeiht zuletzt jede. Das sind alles Dinge, die mit dem Schulungs - und Lernevermögen der Menschen, mit Abrichtung und Drill zusammenhängen. Aber die Gesetze der physischen und moralischen Welt sind nicht dieselben, gehen vielmehr umgekehrt und mit einer gewissen Vorliebe sehr verschiedene Wege. Beste Bildhauer und beste Soldaten, das mag sich decken und Sie mögen hinzusetzen: beste Schauspieler und beste Kanzelredner auch. All das läßt sich lernen. Aber das Herz läßt sich nicht lernen. Das hat der eine und der andere hat es nicht. Und wie mit den Individuen, so mit den Völkern. Am meisten aber in England. In einem und demselben Hause kann die feinste gesellschaftliche Form und die schlechteste Menschenbehandlung nebeneinander hergehen. Auch in dieser schlechtesten Menschenbehandlung wird sich immer noch eine gewisse mildernde Form aussprechen und das eigentlich Brutale wird vermieden werden,48 aber Sie werden den Eishauch der Lieblosigkeit und Gleichgültigkeit fühlen und vor allem das Von-Oben-Herab, das so tief empört.

Ein jeder schafft sich seine Stellung.

Um Gotteswillen, meine Gnädigste, nur nicht das. Unter allen redensartlichen Sätzen ist das der redensartlichste. Stellung schaffen im Hause eines Lords, dessen Omnipotenz nur noch von der Hochfahrenheit seiner Lady, von den beleidigend in die Front gerückten Zähnen seiner Zwillingstöchter und vor allem von den Insolenzen seines dreizehnjährigen Masters übertroffen wird. Stellung schaffen! Es bedarf schon eines erheblichen Maßes von Entschlossenheit, aus solcher Umgebung auch nur zu fliehen und den Mut eines Rückzugs zu haben. Ich will Ihnen mit dem herkömmlichen Vergleiche vom Vogel und der Schlange nicht ernsthaft beschwerlich fallen, aber das ist wahr, ein nur halbwegs zaghaftes Herz kennt in solcher Lage keinen andern Ausweg als Unterwerfung.

Ich glaube doch, daß Sie die Kraft, die Gott auch den Schwachen gegeben, um ein Erhebliches unterschätzen. Ich habe manches erfahren und allerlei Schmerzliches, ja Schlimmeres als Schmerzliches ist mir nicht erspart geblieben. Aber ich darf doch sagen, ich bin immer siegreich aus solcher Bedrängnis49 hervorgegangen. Allerdings hat alles, was ich sage, eine ganz bestimmte Voraussetzung: ein Appell an Ehre, Pflicht und adlige Gesinnung muß möglich und eines Verständnisses und in diesem Verständnis auch einer Würdigung sicher sein. Mit einem Worte, das Haus, in das ich eintrete, muß noch ein Gewissen haben, wenn auch vielleicht ein tiefverschüttetes. Ist dies Gewissen aber da, so gewinn ich die Partie, so gestaltet sich alles zu einer Frage festen Auftretens und selbstverständlich des guten Rechts.

Und Sie haben das an sich selbst erfahren?

Ja. Und noch dazu im Herzen von Rußland. Ich bin in Ihrer Gewalt, Fürst, sagte ich, und Gott und der Zar sind weit und Sie haben die Macht und die Mittel, mir Ihren Willen aufzuzwingen. Wollen Sie’s? Gut. Erniedrigen Sie mich. Aber verlangen Sie nicht, daß ich die Hand dazu biete …‘

Und?

Von Stund an hatt ich gute Tage. Er war so liebenswürdig, wie nur russische Große sein können, und die Fürstin, eine große Dame, deren erstes Auftreten bei Hofe noch in die Kaiser Nikolaus-Tage fiel, verwöhnte mich wie ihren Papagei. Ich glaube, sie wußte, was vorauf gegangen. Vielleicht aus ihres Gatten eigenem Munde. Denn es war50 eine sonderbare Ehe Doch, Pardon, ich sehe Sie lächeln.

Ja. Doch ist es ein Lächeln, das einer ganz unpersönlichen Betrachtung gilt.

Und welcher, wenn ich fragen darf?

Der Betrachtung eines beständig fortschreitenden Amerikanismus, eines eigentümlich freiheitlichen Entwicklungsganges, den zu verfolgen seit Jahr und Tag meine Passion ist. Ein solcher Appell an Gesinnung und Ehre, nicht blos vom Standpunkte landläufiger Moral, sondern von einem Standpunkte der Ebenbürtigkeit aus, das stammt alles von drüben, das ist modern, ist amerikanisch. Und jede neue Wahrnehmung davon erquickt mich.

Ich mag Ihnen nicht widersprechen, war aber bisher umgekehrt des Glaubens, die neue Welt lebe von Errungenschaften der alten.

In Nebensachen, ja. Ganze Pilgerzüge von drüben überschwemmen die paar Inseln und Halbinseln, die sich Europa nennen, und überall begegnet man ihnen, in Dresden vor der Sixtinischen, in Rom vor dem Papst und in Oberammergau vor dem gekreuzigten Christus. Ja, da stehen sie zu Hunderten und Tausenden und starren und gaffen und kritzeln ihre Notizen in ihre Guides‘ und Handbooks‘ und am Abend alles nochmal in ihre51 Tagebücher. Aber was bedeutet es? Unser altes Europa hat den Charakter einer Reisesehenswürdigkeit angenommen, wie Troja, wie Mykenä, wie die Pyramiden, und man bewundert, von Station zu Station, alte Schlösser und alte Kirchen, alte Waffen und alte Bilder und schließlich auch alte Menschen. Denn ein Provinzial - oder Kreistags-Deputierter, auch wenn er erst dreißig Jahre zählt, was ist er anders als ein alter Mensch?

Es schien, daß seine Reisegefährtin antworten wollte. Er aber übersah es oder wollte es übersehen und fuhr seinerseits fort: Ich sage das alles von einem gewissen amerikanischen Standpunkte aus, den ich, noch eh ich die neue Welt betreten, schon ganz aufrichtig zu dem meinigen gemacht habe. Deutschland, Italien, das alles ist den Leuten drüben ein bloßer Ausstellungspark geworden, eine Kunstkammer, ein archäologisches Museum, und ich würde, wenn sich’s für Amerika um eine symbolische Darstellung unseres alten Europa handelte, Schliemann und Frau, mit dem Ausgrabungsspaten in der Hand, in Vorschlag bringen. Dabei trifft es sich glücklich, daß Schliemann ein Mecklenburger ist. Alles alt, alt. Auch das noch Unverschüttete wirkt schon wie ausgegraben. Zum Studium interessant, aber was frommt es dem lebendigen Leben? Und nun vergleichen Sie damit52 den Einfluß Amerikas auf uns. Unsere Daseinslust hat es auf der einen Seite gesteigert und das Elend, das aller Menschen Erbteil ist, hat es auf der anderen Seite, wenn nicht zum Schweigen gebracht, so doch eingelullt. Es bedeutet etwas und ist mindestens ein sinnreicher Zufall, daß wir der neuen Welt alle Mittel verdanken (oder doch die besten und wirkungsvollsten unter ihnen), unseren physischen Schmerz zu stillen. Und in der Geisteswelt ist es kaum anders. Amerika, wie viel es uns schulden mag, hat ein Recht, uns zuzurufen: Unser Schuldbuch ist zerrissen‘.

Und fürchten Sie nicht, sich durch Erlebnisse vielleicht widerlegt und umgestimmt zu sehn?

Nein. Das ist ausgeschlossen. Meine persönlichen Erwartungen können scheitern, aber ich kann in der großen Frage selbst ganz unmöglich anderen Sinnes werden. Es ist damit wie mit den zehn Geboten oder der Erscheinung Christi. Die zehn Gebote, zu denen ich mich freudig bekenne, mögen mir unbequem werden und die Heilslehre kann mir, sei’s durch meine Schuld oder mein Schicksal, ihren Dienst und ihren Segen versagen, aber ich kann nicht erschüttert werden in meinem Glauben an ihr Recht und ihre Größe.

Sie so sprechen zu hören, beglückt mich, und53 wie jede Begeisterung mit fortreißt, so fühl ich plötzlich eine Neigung in mir erwachen, England nur als eine Etappe zu nehmen und über kurz oder lang auch meinerseits den Schritt in die neue Welt hinüber zu wagen.

Sie sollten ihn wagen und zwar gleich, heute noch, und ich würde mich freudigen Herzens erbieten, auf lange hin, oder sagen wir lieber auf immer Ihr Führer, Ihr Anwalt und Beschützer zu sein. Darf ich erwarten, den Dienst, in den ich mich stelle, von Ihnen nicht zurückgewiesen zu sehen?

Am Horizont stieg der Ball herauf und im hellen Wiederschein desselben erglänzte, während nach unten zu noch alles im Nebel lag, das phantastische Zackenwerk des Kölner Doms. Die junge Dame ließ das Fenster herab und die frische Morgenluft drang ein.

Ueberlegen wir’s , sagte sie ruhig, aber in heiterem Tone. Jeder, der eine neue Rolle spielt, übertreibt leicht, auch wenn es die des Führers und Beschützers wäre. Quickness‘ soll ein amerikanisches Lebensprinzip sein. Aber man kann auch darin zu weit gehen.

Gewiß. Und nur in einem Punkte möcht ich widersprechen. Es ist kein amerikanisches Lebensprinzip, um das es sich hier handeln dürfte, sondern54 ein Allerweltprinzip, und es lautet: Man soll den Augenblick ergreifen. Ist es der rechte, so bedeutet es das Glück.

Er nahm ihre Hand und sie zog sie nicht zurück. Dann sagte sie: Und meine Lady drüben in London?

Wahrhaftig ich vergaß ihrer. Und wie hieß sie?

Lady Pimberton, Euston-Square.

Gut. Wir schreiben ihr morgen von Brüssel aus, sehr artig und wenn es sein muß sogar devot. Und Miß Arabella (so wird sie doch wohl heißen) wird ihren ungarischen Tanz auch unter anderer Anleitung spielen lernen. Ich kenne britischen Musik-Enthusiasmus und alle Pimbertons, darauf leb ich und sterb ich, spielen nur einen Tanz. Mehr wäre Virtuosentum. Und Virtuosentum ist low‘ und shocking‘. Aber da ist Köln. Ich denke, wir richten unsre nächsten Schritte nach dem Dom und reichen uns noch einmal die Hand vor seinem Altarbild und seiner die Welt und das Heil in Händen haltenden Himmelskönigin.

55

Der Karrenschieber von Grisselsbrunn.

5657

Der Sommer hatte mich nach Norderney geführt, nicht um zu baden, sondern lediglich um mal wieder die See zu sehen und bei der Gelegenheit ein Rendezvous mit ein paar alten Freunden zu haben, die regelmäßig ihre Ferien auf der, ohne schön zu sein, doch so reizvollen Nordsee-Insel zubrachten. Diese Regelmäßigkeit des Besuchs hatte auch zur Herrichtung eines Stammtisches geführt, in einem ziemlich abgelegenen Lokal, unmittelbar am Strande. Wir hätten, von seiner Höhe her, unseren Becher mit Leichtigkeit ins Meer werfen können, ganz wie der König von Thule. Statt dessen zogen wir es aber vor, über altes und neues zu plaudern, ja, verstiegen uns eines Abends bis zu dem Vorschlag, jeder solle, der Reihe nach, eine Geschichte zum besten geben, aber es müsse Selbsterlebtes sein. Das war Bedingung. Der letzte, der das Wort nahm, war Baurat Oldermann.

58

Ich möchte hob dieser an eine Geschichte von einem Karrenschieber erzählen und zwar, damit das Kind vom Anfang an einen Namen hat, die Geschichte vom Karrenschieber von Grisselsbrunn.

Nun Grisselsbrunn, vordem eine nicht unberühmte Heilquelle, war seit Anfang dieses Jahrhunderts nebenher auch noch ein großer Kaffeegarten geworden, unmittelbar vor der Stadt L., und als diese, wie Sie wissen, im Laufe der 70er Jahre sich auszudehnen und alle Vorörter und Nachbardörfer in sich aufzunehmen begann, kam auch Grisselsbrunn an die Reihe. Kaum daß man die immer noch in Ehren gehaltene Quelle respektierte. Die ringsherum stehenden Pavillons und Buden aber fielen sofort und die Platanen und Ahornbäume schließlich auch, alles um einem großen Hotelbau, samt einem Bazar im Erdgeschoß, Platz zu machen. Ich wurde, nach Gutheißung meiner Pläne, mit der Oberleitung des Ganzen betraut und überzeugte mich, gleich beim ersten Spatenstich, daß bei der meist sumpfigen Terrainbeschaffenheit, vor allem ein fester Untergrund geschaffen werden müsse. Damit ging ich denn auch vor und gab einem Bauführer und einem alten Polier, der uns als Ortsangehöriger gute Dienste leistete, die nötigen59 Weisungen. Lange Bretterreihen wurden gelegt und ein paar Dutzend Karrenschieber in Dienst gestellt, um den nötigen Kies und Sand, ganze Berge, heranzuschaffen und von oben her in die Baugrube hinabzuschütten. Zweimal des Tages sprach ich vor, um nach dem Rechten zu sehen, denn mir sowohl wie den Unternehmern lag daran, den Bau noch vor dem Herbst unter Dach zu bringen. Alles war ruhig, fleißig, geschickt, am geschicktesten aber ein rotblonder, schlanker, beinahe schöner Mann von Mitte dreißig, der sich, ohne daß er sich abgesondert oder den Aparten und Schweigsamen gespielt hätte, doch ganz ersichtlich von dem Rest der Mannschaft unterschied. Er war größer und stärker, Vollbart, die Augenlider gerötet, aber nur wenig. Statt der Jacke trug er ein enges Röckchen, dazu eine Militärmütze und dicksohlige Schnürschuhe, die mal einem Alpenreisenden gehört und gedient haben mochten. Alles war in desolatester Verfassung und überall von eigener Hand geflickt und zusammengenäht, aber der Schnitt dieser ramponierten Kleidung und vor allem die Haltung dessen, der darin steckte, machten es unmöglich, über ihn hinzusehen. In jeder seiner Bewegungen sprach sich, um das Modewort zu gebrauchen, ein besonderer Schick‘ aus, am meisten60 aber in der Art, wie er mit der Karre hantirte. Die Schiebebäume fest in der Hand haltend, hielt er mit dem Karrenrade genau die Mitte der Bretterlage, nicht viel anders, als ob es sich um ein Balancierkunststück im Zirkus gehandelt hätte, der eigentlichste Triumph seiner Geschicklichkeit aber war immer der Umkippungsmoment, wo er mit einem raschen und kräftigen Ruck den Inhalt der Karre von oben her in die Baugrube stürzte.

Das ging so Tage lang, und als anderthalb Wochen um waren, nahm ich Veranlassung mit dem Polier zu sprechen und mich nach dem Manne, der in allem so sehr von seiner Umgebung abwich, zu erkundigen. Aber der Polier war außer stande, meine Neugier zu befriedigen und wußte nichts, als daß sich der Betreffende vor etwa zehn oder zwölf Tagen zur Arbeit gemeldet habe. Und da nahm ich ihn. Denn karren kann jeder. Freilich, daß er nicht von uns ist, ist leicht zu sehen. Sehen Sie bloß seine Hände. Verbrannt, aber doch keine Arbeitshände. Dies war alles, was ich erfuhr. Wenig genug und half mir nicht weiter. Da nahm ich denn eines Tages Veranlassung, an den Gegenstand meiner Neugier, oder richtiger meiner Teilnahme, selber heranzutreten und ihm zu sagen, ich bäte ihn, mich nächsten Sonntag in meiner Wohnung61 zu[ besuchen]; von neun bis elf werd er mich sicherlich treffen.

Und er kam auch. Sein Anzug, was auf einen Zustand höchster Not deutete, war derselbe wie Alltags: dasselbe Röckchen, dieselben Schnürschuhe, nur alles sehr geputzt und gebürstet, so daß ich den Eindruck einer herabgekommenen Existenz, eines Mannes von ursprünglich guter Erziehung und besten Manieren im verstärkten Maße hatte. Er blieb in der Thür stehen, verbeugte sich und sagte: ich hätte befohlen‘. Dann bat ich ihn Platz zu nehmen. Er rührte sich aber nicht und sah mich nur an und wartete, bis ich ihn anreden würde. Das that ich denn auch. Sie werden erraten haben, weshalb ich Sie gebeten habe, zu mir zu kommen. Sie gehören einer anderen Gesellschaftsschicht an und die Karre zu schieben‘ ist Ihnen nicht an der Wiege gesungen worden. Sie sind aus einem guten Hause, haben Schulen besucht und sind dann früher oder später gescheitert, mit Schuld oder ohne Schuld, sagen wir mit, das ist das Wahrscheinlichere. Spiel, Weiber, Wechsel, vielleicht falsche. Und dann war es vorbei und die Geduld erschöpft und Sie hatten keine Familie mehr. Und so kam es, wie’s kam …‘

Jeden meiner Sätze hatte er mit einem leisen62 Kopfnicken begleitet und als ich abschließend und fragend hinzusetzte: Ist es so?‘ sagte er: Ja. Es ist so. Wir waren unserer neun; davon sechs auf Schulen und in der Armee. Der Vater konnte nicht mehr …‘

Gut; ich versteh. Ich weiß genug und will nicht in Geheimnisse eindringen. Und nun hören Sie. Ich bin nicht reich, aber ich habe Verbindungen und denke, daß ich Ihnen helfen kann, wenn Sie Hilfe wollen.

Er schwieg.

Ich werde, fuhr ich fort, mit dem Polier oder besser mit dem Bauführer sprechen; er wird Ihnen eine andere Stellung auf dem Bau geben, und ich werde für Ihre Kleidung sorgen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Sie sind groß und stark (ich hoffe auch innerlich) und Sie werden sich herausretten. Hier ist meine Hand. Alles wird davon abhängen, ob Sie die Kraft haben, diese Hand zu fassen und zu halten.

Er kam auf mich zu und ich sah, daß sich sein Auge mehr und mehr gerötet hatte. Dann sprach er mir kurz und knapp seinen Dank aus und ich fühlte, daß eine Thräne auf meine Hand fiel. Dabei war ich bewegt, wie er selbst und unter wiederholtem Zuspruche meinerseits schieden wir.[]

63

Noch denselben Tag sprach ich mit dem Bauführer, der, wie gewöhnlich, so auch an diesem Sonntage mein Tischgast war. Er ging auf alles ein und versprach, das Seine zu thun, aber freilich, bis vor Ende der Woche werde sich schwerlich was thun oder auch nur Rat schaffen lassen. Ich war einverstanden und trat an demselben Abend noch eine kleine Reise nach Dresden an, die mich drei Tage von meinem Bau fern hielt. Als ich zurückkam, war das Erste, daß ich nach meinem Karrenschieber aussah. Er war aber nicht da.

Sagen Sie, Polier, wo ist der Nun Sie wissen schon, wen ich meine.

Weiß. Er ist nicht wieder gekommen.

Ich war erschüttert und ließ Nachforschungen anstellen, wobei mich die Behörden aufs Bereitwilligste unterstützten. Aber umsonst. Es war keine Spur von ihm zu finden. Wohin war er? In die neue Welt oder weiter? 

6465

Eine Frau in meinen Jahren.

6667

Erlauben Sie mir, meine gnädigste Frau, Ihnen Ihren Becher zu präsentiren

Die Dame verneigte sich.

Und Ihnen auf Ihrer Brunnenpromenade Gesellschaft zu leisten. Immer vorausgesetzt, daß ich keine Verlegenheiten schaffe.

Wie wäre das möglich, Herr Rat! Eine Frau in meinen Jahren

Es giebt keine Jahre, die gegen die gute Meinung unserer Freunde sicher stellen. Am wenigsten hier in Kissingen.

Vielleicht bei den Männern.

Auch bei den Frauen. Und wie mir scheinen will, mit Recht. Ich erinnere mich eines kleinen anekdotischen Hergangs aus dem Leben der berühmten Schroeder

Der Mutter der Schroeder-Devrient?

Derselben.

68

Und was war es damit?

Eines Winters in Wien sprach sie von ihrem zurückliegenden Liebesleben und von dem unendlichen Glücksgefühl, all diese Thorheit nun endlich überwunden und vor den Anfällen ihrer Leidenschaft Ruhe zu haben. Und einigermaßen indiskret gefragt, wann sie den letzten dieser Anfälle gehabt habe, seufzte sie: vor zwei Monaten.

Und wie alt war sie damals?

Dreiundsechszig.

Also mehr als nötig, um meine Mutter zu sein. Und doch bleib ich bei meinem Ausspruch: eine Frau in meinen Jahren‘ Aber wer war nur die stattliche Dame, der Sie sich gestern anschlossen, um sie als Cavaliere servente bis an den Finsterberg zu begleiten?

Eine Freundin, Baronin Aßmannshausen, und seit vorgestern Großmutter, wie sie mir selbst mit Stolz erzählte.

Mit Stolz? Aber doch noch hübsch und lebhaft. Und dazu der feurige Name. Sehen Sie sich vor und gedenken Sie der Schroeder.

Ach, meine Gnädigste, Sie belieben zu scherzen. Ich, für mein Teil, ich darf sagen, ich habe abgeschlossen.

Wer’s Ihnen glaubt! Männer schließen nie69 ab und brauchen es nicht und wollen es auch nicht. Soll ich Ihnen, blos aus meiner näheren Bekanntschaft, die Namen derer herzählen, die noch mit Siebzig in den glücklichsten Ehestand eintraten? Natürlich Kriegshelden, die den Zug eröffnen und schließen Aber hier ist schon der Brückensteg und die Lindelsmühle. Wollen wir umkehren und denselben Weg, den wir kamen, zurückmachen oder gehen wir lieber um die Stadt herum und besuchen den Kirchhof? Er ist so malerisch und weckt der Erinnerungen so viele. Sonderbarerweise auch für mich. Oder besuchen Sie nicht gerne Kirchhöfe?

Grabsteine lesen nimmt das Gedächtnis.

Dem ließe sich auf einfachste Weise vorbeugen: man liest sie nicht Aber freilich, es giebt ihrer unter dem starken Geschlecht so viele, die sich überhaupt nicht gerne daran erinnern lassen, daß alles einmal ein Ende nimmt, mit anderen Worten, daß man stirbt.

Ich für meine Person zähle nicht zu diesen, mein Leben liegt hinter mir und ich darf Ihnen ruhig wiederholen: ich habe abgeschlossen.

Die Dame lächelte still vor sich hin und sagte: Nun denn also, zunächst um die Stadt und dann nach dem Kirchhof.

Und dabei passierten sie den Lindelsmühl-Steg70 und schlugen einen Wiesen - und Feldweg ein. Ueber ihnen zog Gewölk im Blauen und beide freuten sich des frischen Luftzuges, der von den Nüdlinger Bergen her herüberwehte. Hart am Weg hin blühte roter Mohn, und die Dame bückte sich danach und begann die langen Stiele zusammenzuflechten. Als sie schon eine Guirlande davon in Händen hielt, sagte sie: Der rote Mohn, er ist so recht die Blume, die mir zukommt; bis Sechszehn blühen einem die Veilchen, bis Zwanzig Rosen und um Dreißig herum die Verbenen, an deren deutschem Namen ich klüglich vorübergehe. Dann ist es vorbei, man pflückt nur noch Mohn, heute roten und morgen vielleicht schon weißen Mohn und flicht sich Kränze daraus. Und so soll es auch sein. Denn Mohn bedeutet Ruhe.

So schritten sie weiter, bis der von ihnen eingeschlagene Feldweg wieder auf eine breite, dicht neben einem Parkgarten hinlaufende Fahrstraße führte. Platanen und Ahorn streckten ihr Gezweige weit über das Gitter hin, aus dem Parke selbst aber, der einem großen Hotel zugehörte, rollten in eben diesem Augenblicke junge Sportsmen auf die fast tennenartige Chaussee hinaus, Radfahrer, Bicycle -71 Virtuosen, die hoch oben auf ihrem Reitstuhl saßen und unter Gruß und Lachen vorübersausten. Ihre kleinen Köpfe, dazu die hageren, im engsten Tricot steckenden Figuren, ließen keinen Zweifel darüber, daß es Fremde waren.

Engländer?

Nein Amerikaner, sagte die Dame, meine täglichen vis-à-vis an der Table d’hôte. Und sonderbar, mir lacht immer das Herz, wenn ich sie sehe. Das frischere Leben ist doch da drüben und in nichts war ich mit meinem verstorbenen Manne, der ein paar Jahre lang in New-York und an den großen Seen gelebt hatte, so einig, wie in diesem Punkt und wir schwärmten oft um die Wette. Die Wahrheit zu gestehen, ich begreife nicht, daß nicht alles auswandert.

Und ich meinerseits teile diesen Enthusiasmus und habe mich, eh ich ins Amt trat, ernsthaft mit dem Plan einer Uebersiedelung beschäftigt. Aber das liegt nun zwanzig Jahre zurück und ist ein für allemal begraben. Amerika, weil es selber jung ist, ist für die Jugend. Und ich

habe abgeschlossen, ergänzte sie lachend. Freilich, je mehr Sie mir’s versichern, je weniger glaub ich’s. Sehen Sie, dort ist der Finsterberg, nach dem Sie gestern Ihren langen Spaziergang72 richteten und der Sie jetzt zu fragen scheint: Wo haben Sie die Frau Baronin?‘ Wie hieß sie doch?

Ich denke, wir lassen den Namen und was den Finsterberg angeht, er sieht mich zu gut aufgehoben, um solche Fragen zu thun.

Unter solchem Geplauder waren sie bis an ihr vorläufiges Ziel gekommen und stiegen an dem Bildstöckl vorbei, die Steintreppe zu dem Kirchhofe hinauf. In dem gleich links gelegenen Meßnerhause standen alle Thüren auf und auf Dach und Fensterbrett quirilierten die Spatzen.

Ich übernehme nun die Führung, sagte die Dame. Grabsteine lesen, so bemerkten Sie, nimmt das Gedächtnis. Gut, es soll wahr sein. Aber ganz kann ich es Ihnen nicht erlassen. Sehen Sie hier Kindergräber; eines neben dem andern. Und nun lesen Sie.

Der Begleiter der Dame säumte nicht zu gehorchen und las mit halblauter Stimme: Hier ruht das unschuldige Kind Aber kaum, daß er bis zu diesem Wort gelesen hatte, so trat er aus freien Stücken näher an den Grabhügel heran, um73 neugierig den vom Regen halb verwaschenen Namen bequemer entziffern zu können.

O nicht doch unterbrach sie lebhaft. Hier ruht das unschuldige Kind‘, das reicht aus, das ist genug, und immer, wenn ich es lese, giebt es mir einen Stich ins Herz, daß gerade dies die Stelle war, wo die Preußen einbrachen, hier, durch eben dieses Kirchhofsthor, und das Erste, was sie niedertraten und umwarfen, das waren diese Kreuze mit ihrer schlichten, so herzbeweglichen Inschrift Aber kommen Sie, Kindergräber erzählen nicht viel und sind nur rührsam. Ich will Sie lieber zu Ruth Brown führen.

Zu Ruth Brown? das klingt so englisch.

Und ist auch so: Generalin Ruth Brown. Uebrigens ist die Geschichte, die sich an ihr Grab knüpft, und zwar ganz äußerlich an ihr Grab als solches, eigentlich die Hauptsache. Denken Sie, die Generalin hat hier eine Art Mietsgrab bezogen oder wenigstens ein Grab aus zweiter Hand.

A second-hand grave?

Ja, so könnte man’s beinah nennen. Dies Grab hier hatte nämlich ursprünglich einen anderen Insassen und war die leicht ausgemauerte Behausung eines bei Kissingen gefallenen Offiziers. Als dieser Offizier aber in seine, wenn ich nicht irre,74 westpreußische Heimat geschafft und die Gruft wieder leer war, wurde sie neugewölbt und neu gewandet und nun erst zog die Generalin ein. Es ist überhaupt ein Kirchhof mit beständig gestörter Ruhe, was niemand eindringlicher erfahren hat, als der hier

Und dabei war die Dame von dem Grabe der Generalin an ein Nachbargrab herangetreten, aus dessen Inschrift ihr Begleiter unschwer entzifferte, daß der Sattlermeister Karl Teschner aus Groß-Glogau seine letzte Wohnung darin gefunden habe.

Haben Sie gelesen?

Ja. Was ist damit?

Nichts Besonderes Und doch ein Grabstein, den ich nie zu besuchen unterlasse. Sehen Sie schärfer hin und Sie werden erkennen, daß es ein zusammengeflickter Stein ist. Und das kam so. Den 7. Juli 65 starb hier (denn leider auch Kurgäste sterben) der Groß-Sattlermeister, dessen Namen Sie soeben gelesen haben und wurde den 10. desselben Monats an dieser Stelle begraben. Und genau ein Jahr später, ja fast auf die Stunde, schlug hier, vom Altenberg her, eine preußische Granate mitten auf den Grabstein und schleuderte die Stücke nach allen Seiten hin auseinander. Etwas unheimlich. Aber das Ganze hat doch, Gott sei75 Dank, ein versöhnliches Nachspiel gehabt, denn kaum daß die Glogauer Bürgerschaft von dem Grabsteinunglück ihres Groß-Sattlermeisters gehört hatte, so zeigte sie sich beflissen für Remedur zu sorgen und hat die Grabsteinstücke wieder zusammenkitten und alles in gute Wege bringen lassen. Eine Mosaik, die mehr sagt, als manche Museums-Mosaik. Aber nun bin ich matt und müde geworden und Sie müssen mich, ehe ich Sie freigebe, noch bis an meine Lieblingsstelle begleiten.

Es war dies eine von einer Traueresche dicht überwachsene, ziemlich in der Mitte des Kirchhofes gelegene Bank, in deren unmittelbarer Nachbarschaft ein prächtiger und durch besondere Schönheit ausgezeichneter Granitwürfel mit Helm und Schwert hoch aufragte.

Wem gilt es?

Einem Freunde. Ja, das war er mir. Und daß ich es gestehe, mehr noch als das. Und dann kam das Leben, um uns zu trennen. Aber diese frühesten Eindrücke bleiben, wenigstens einem Frauenherzen. Fast ein Menschenalter ist darüber hingegangen (ich war noch ein halbes Kind damals) und wär ich gestorben, wie’s mein Wunsch und meine Hoffnung war, so hätt es auch auf meinem Grabsteine heißen dürfen: Hier ruht das unschuldige76 Kind. Aber ich starb nicht und that was alle thun und vergaß oder schien doch zu vergessen. Ob es gut und ob ich glücklich war? Ich habe kein Recht zu Konfidenzen. Aber es wurde mir doch eigen zu Sinn, als ich vor drei Wochen zum ersten Male diesen Kirchhof betrat und nach so viel zwischenliegender Zeit und ohne jede Spur von Ahnung, welches Wiederfinden meiner hier harren würde, diesem Denkmal und diesem mir so teuren Namen begegnete.

Was trennte Sie? Können Sie’s erzählen?

Eine Frau in meinen Jahren kann alles erzählen, ihre Fehler gewiß und ihre Fehltritte beinah. Aber erschrecken Sie nicht, ich bin allezeit entsetzlich conventionell und immer auf der graden Straße gewesen, fast mehr als mir lieb ist. Es heißt zwar, die Straße sei zu bevorzugen und es mache glücklich, auf einen glatten Lebensweg zurückblicken zu können. Und ich will es nicht gradezu bestreiten. Aber interessanter ist der Rückblick auf ein coupiertes Terrain.

So sprachen sie weiter und während ihr Gespräch noch andauerte, hatte sich ihnen der alte Meßner genähert, zwei Stocklaternen in der Rechten77 und einen großen Kirchenschlüssel an einem Lederriemen über den Arm gehängt.

Was giebt es?

Ein Begräbnis, gnädige Frau. In a Viertelstund müssens da sein. A Kind wie a Engel. Aber G’vatter Tod isch a Kenner un wenn er kann, nimmt er nichts schlechts. I werd a paar Stühl zurecht stelle für die gnädge Frau und den Herrn Gemoahl.

Nicht doch, Meßner, der Herr da ist nicht mein Gemahl. Er ist schon ein Witwer und hat abgeschlossen. Und dabei malte sie mit dem Sonnenschirm in den Sand.

Hätt i doch g’dacht, Sie wär’n a Paar, un a stattlich’s un glücklich’s dazu, so gut passe Sie zusammen. Und so charmant; besunners die gnädge Frau.

Aber Meßner, Sie werden mich noch eitel machen Eine Frau in meinen Jahren

Ach, die Jahre sind nichts, das Herz ist alles. Und so lang es hier noch schlägt, hat keiner abgeschlossen. Abschluß giebt erscht der Tod. Aber da kummen’s schon. Und’s is Zeit, daß i geh un die Lichter ansteck.

Indem auch hörte man schon Gesang von der Straße her und nicht lange mehr, so sahen sie den78 Zug die Steinstufen heraufkommen, erst die Chorknaben, mit Kerzen und Weihrauchbecken, und dann der Geistliche in seinem Ornat. Dahinter aber der Sarg, der von sechs Trägern, zu deren Seite sechs andere gingen, getragen wurde. Und hinter dem Sarg her kamen die Leidtragenden und zwischen den Gräbern hin bewegte sich alles auf die Kirchhofskapelle zu.

Sollen wir uns anschließen?

Nein, antwortete sie. Ich denke, wir bleiben, wo wir sind; es ist mir, als müßt es mich dadrinnen erdrücken. Aber mit unserem Ohre wollen wir folgen, die Thür steht auf und die Luft ist so still. Und ich glaube, wenn wir aufhorchen, so hören wir alles.

Und dabei flog ein Schmetterling über die Gräber hin und aus der Kirche her hörte man die Grabresponsorien.

Er nahm ihre Hand und sagte: Die Tote drinnen vorm Altar predigt uns die Vergänglichkeit aller Dinge, gleichviel ob wir in der Jugend stehen oder nicht. Uns gehört nur die Stunde. Und eine Stunde, wenn sie glücklich ist, ist viel. Nicht das Maß der Zeit entscheidet, wohl aber das Maß des Glücks. Und nun frag ich Sie, sind wir zu alt um glücklich zu sein?

79

Um abgeschlossen zu haben?

Es ist ein sonderbarer Zeitpunkt, den ich wähle, fuhr er fort, ohne der halb scherzhaften Unterbrechung, in der doch ein gefühlvoller Ton mitklang, weiter zu achten. Ein sonderbarer Zeitpunkt: ein Friedhof und dies Grab. Aber der Tod begleitet uns auf Schritt und Tritt und läßt uns in den Augenblicken, wo das Leben uns lacht, die Süße des Lebens nur um so tiefer empfinden. Ja, je gewisser das Ende, desto reizvoller die Minute und desto dringender die Mahnung: nutze den Tag.

Als die Ceremonie drinnen vorüber war, folgten beide dem Zuge durch die Stadt und eine Woche später wechselten sie die Ringe. Verwandte, Freunde waren erschienen. Bei dem kleinen Festmahl aber, das die Verlobung begleitete, trat eine heitere Schwägerin an Braut und Bräutigam heran und sagte: Man spricht von einem Motto, das Eure Verlobungsringe haben sollen. Oder doch der Deine, Marie.

Kannst Du schweigen?

Ich denke.

Nun denn, so lies.

Und sie las: Eine Frau in meinen Jahren‘.

8081

Onkel Dodo.

8283

Es war im Hochsommer, als ich in Beantwortung eines an einen gutsbesitzenden Freund gerichteten Briefes folgende Zeilen empfing:

Lieber Freund! Es freut sich alles hier, Dich wieder zu sehen, am meisten meine Frau, die nun mal von den großstädtischen Neigungen und Gewohnheiten nicht lassen kann. Du wirst auf der Veranda die herkömmlichen Dreistunden-Gespräche mit ihr führen und neben Litteratur und Theater vielleicht auch die kirchliche Controverse mit bekannter Unparteilichkeit beleuchten. Aber sei nicht zu gerecht. Frauen sind für Parteinahme, versteht sich, wenn es ihrer Partei zu gute kommt. Um diese Plaudereien, so denk ich mir, wirst Du nicht herum kommen, auch kaum herum kommen wollen, wenn Du nicht inzwischen ein anderer geworden bist. Im übrigen, und dies ist die Haupt -84 sache, werden wir sorglich im Auge behalten, was Dich zu uns führt: Du sollst von niemandem gestört werden, und ganz Deiner Erholung leben können. Sollte sich ein anderer Besuch einfinden, was nicht wahrscheinlich, aber bei der Nähe des Harzes und seiner sommerlichen Anziehungskraft immerhin möglich ist, so kennst Du ja unser Haus, und weißt, daß es Raum genug hat, sich darin zurückziehen zu können. Karoline vereinigt ihre Grüße mit den meinigen. Auch die Kinder freuen sich, und sind im voraus angewiesen, ihr Gepolter auf Flur und Treppen zu mäßigen. Komme denn also, je früher, je besser, und je länger, je besser. Ich denke, Du sollst alles finden, was Du suchest, am meisten aber Ruhe.

Dein Otto.

Zwei Tage später traf ich in Insleben ein, und freute mich, die lieben Gesichter wieder zu sehen. Alle Kinder traten an: Albert, der Aelteste, war gewachsen, Alfred hatte sich embellirt, Arthur desgleichen, und nur Leopold, der Jüngste, hatte nach wie vor sein gutmütig, breites Gesicht und seine Sommersprossen. Am meisten aber erfreuten mich Alice und Maud, die zu kleinen Damen herangewachsen waren. Es fehlte nicht an den üblichen Scherzen und Vergleichen, denn mein Freund, wie85 der Leser bereits bemerkt haben wird, hatte bei der Namensgebung an seine Kinder die britische Königsfamilie als Muster genommen. Ja, es war ein glückliches Wiedersehen, der Hausherr zeigte sich unverändert in seiner Freundschaft, und die noch schöne Mutter erschien unter ihren Kindern immer nur als die älteste Schwester. Auch die Plauderlust war geblieben, und wir saßen gleich am ersten Abend noch auf der Veranda, als das Dorf schon schlief und in dem ausgedehnten Parke vor uns nichts weiter hörbar war, als das Wasser, das über ein Wehr fiel. Alles war so still und die Lampe vor uns flackerte kaum.

Es war sehr spät, als ich treppauf in meine Stube ging. Sie hatte nur ein breites Fenster, ein sogenanntes Fall - oder Schiebefenster, an das ich mich nun setzte. Der Blick war derselbe wie von der Veranda aus, aber schöner und freier, und ich sah in die Sterne hinauf, und atmete höher und tiefer. Und bei jedem Atemzuge war mir, als ob ich Genesung tränke. Dann ging ich zu Bett, und die lieblichen Bilder der eben erst durchlebten Stunden setzten sich in meinem Traume fort. Ich sah grüne Wiesen, und Maud und Alice beim Reifen -86 spiel, und die Reifen flogen bis an den Himmel und fielen nicht wieder nieder. Und auf einer Graswalze saß die schöne Frau und sah dem Spiele zu, das die Mädchen mit einem leisen Gesange zu begleiten begannen. Aber die Mutter verbot es: Er schläft, und wir wollen ihn nicht wecken, auch nicht mit Gesang.

Ich war früh auf, ging durch den Park, und hatte den ganzen Tag über ein Gefühl, als ob sich mein Leben nach dem Traume der letzten Nacht gestalten solle: Kein lauter Ton traf mein Ohr, und Alt und Jung übte die Rücksicht, mich frei schalten und walten zu lassen. Ich wußte wohl, wem ich dies alles, und damit zugleich ein rascheres Fortschreiten meiner Reconvalescenz zu danken hatte. Luft und Licht heilen und Ruhe heilt, aber den besten Balsam spendet doch ein gütiges Herz.

Es war noch keine Woche vergangen und ich fühlte mich schon ein durchaus anderer. Du bist ja wie ausgetauscht, sagte Freund Otto beim Morgenkaffee. Ich denke, Karoline, wir dürfen ihm jetzt ein zweites Frühstücks-Ei verordnen. Und noch eine Woche, dann kriegt er einen gerösteten Speck. Und haben wir Dich erst bei dem Mause -87 braten, so haben wir Dich auch in der Falle und Du kommst so bald nicht wieder fort.

Ich stimmte zu, nahm an der Heiterkeit von ganzem Herzen Teil und machte, nachdem ich mich auf eine halbe Stunde verabschiedet hatte, meinen gewöhnlichen Morgenspaziergang. Als ich zurückkam, war der Frühstückstisch noch nicht abgeräumt, vielmehr fand ich das Ehepaar über Briefen, die mittlerweile vom Postboten abgegeben waren. Einige dieser Briefe reichte Otto zu seiner Frau hinüber. Ich konnte deutlich wahrnehmen, daß sich ein Lächeln um ihren Mund zog, als sie die eine Handschrift erkannte. Bald aber sah ich auch, daß sie mich von der Seite her anblickte, wie wenn sie mir etwas nicht ganz Angenehmes mitzuteilen habe. Sie besann sich aber wieder und sagte halblaut zu ihrem Manne: Es wird schon gehen, Otto, was dieser durch ein Kopfnicken bestätigte. Trotzdem konnt ich den ganzen Tag über eine gewisse Zerstreutheit an ihr bemerken, zugleich eine größere Heiterkeit, als ihr sonst wohl natürlich war und die, weil nicht ganz natürlich, mit Anflügen leiser Verlegenheit wechselte. Dies alles entging mir nicht, aber ich legte kein Gewicht darauf und erst am anderen Morgen war es mir zweifellos geworden, daß man ein Geheimnis vor mir habe.

88

Der Tag war heiß, dazu hatte mein Zimmer die Vormittagssonne; links neben dem Fenster aber lag alles in Schatten und an diese Schattenstelle schob ich jetzt Tisch und Stuhl und las. Freilich nur kurze Zeit. Eine Müdigkeit überfiel mich, die mir freilich unendlich wohl that und um so wohler, als ich darin ein neues Zeichen wiederkehrender Genesung sah. So that ich denn das Buch aus der Hand und lehnte mich in den Stuhl zurück. In dieser Lage mocht ich zehn Minuten oder auch mehr in einem erquicklichen Halbschlummer zugebracht haben, als ich durch ein lautes Getöse geweckt wurde, laut, wie wenn die wilde Jagd die Treppe herauf käme. Und eh ich mich noch zurechtfinden konnte, ward auch schon die Thür aufgerissen und der jüngste Sommersprossige stürzte mit dem Ruf auf mich zu: Er ist da, er ist da!

Wer denn?

Onkel Dodo.

Ich wußte nicht, wer Onkel Dodo war, war aber verständig genug, mich ohne weiteres zu freuen. Ei, das ist schön, sagte ich.

Freilich, rief der Junge. Freilich ist das schön.

Und damit war er wieder hinaus.

Eine Viertelstunde später kam der Diener, um89 mich zum zweiten Frühstück zu rufen. Es sei heut etwas früher, weil der alte Herr eben angekommen sei.

Onkel Dodo?

Zu Befehl.

Aber sagen Sie, Friedrich, wer ist das?

Das ist der Mutter-Bruder der gnädigen Frau. Regierungs - und Baurat. Aber schon lang a. D.

Verheiratet?

Nein. Alter Junggesell.

Nun gut. Ich komme gleich.

Und da man auf dem Lande nicht warten lassen darf, am wenigsten, wenn ein Besuch angekommen ist, so war ich in fünf Minuten unten und wurde vorgestellt.

Onkel Dodo schüttelte mir die Hand und lachte herzlich. Sie werden mir vorgestellt, aber ich nicht Ihnen. Meine liebe Karoline behandelt mich immer wie eine historische Person, die man kennen muß. Sagen wir wie Bismarck. Und ich habe doch nur dies hier mit ihm gemein. Und dabei wies er auf die Stirn. Aber ich meine nicht den Kopf. In dem, mein lieber Doktor, ist er mir über.

Ich bin ohne Titel, Herr Regierungsrat, absolut ohne Titel.

Desto besser! Uebrigens was ich sagen wollte,90 Kopf hin, Kopf her, es braucht nicht jeder ein Gehirn zu haben wie Kant oder wie Schopenhauer. Oder gar wie Helmholtz. Sie kennen Helmholtz? Der soll die größte Stirnweite haben, noch mehr als Kant, der im Uebrigen mein Liebling ist, von wegen dem kategorischen Imperativ. Aber das lassen wir bis später, das sind so Gespräche für eine Nachmittagspartie nach dem Waldkater oder der Roßtrappe. Denn es ist dummes Zeug, daß man unterwegs oder beim Steigen nicht sprechen solle. Gerade da. Das dehnt aus und der Sauerstoff strömt nur so in die Lunge. Natürlich muß man eine Lunge haben. Nu, Gott sei Dank, ich hab eine. Und Du auch, Leopold, nicht wahr, Junge? Wer Sommersprossen hat, wird doch wohl eine Lunge haben? Hast?

Freilich, Onkel. Aber hast Du uns auch was mitgebracht?

Prächtiger Kerl, Praktikus. Vor dem ist mir nicht bange. Natürlich hab ich was mitgebracht, natürlich. Und hier ist der Schlüssel, dieser dritte, und nun lauf auf mein Zimmer und schließe den Reisesack auf und pack aus. Ich komme gleich nach und werd alles verteilen, an Gerechte und Ungerechte. Oder seid Ihr alle Gerechte? Oder alle Ungerechte?

91

Ungerechte, Onkel.

Das ist brav, Ungerechte! Die Gerechtigkeit ist blos für die Komik. Da hab ich vorigen Winter was gelesen, ich glaube, die drei gerechten Amtmänner‘

Kammmacher, verbesserte Karoline.

Richtig, Kammmacher. Versteht sich, versteht sich, Kammmacher. Amtmänner ist Unsinn, Amtmänner sind nie gerecht Aber da kommt ja der Lammbraten. Das ist brav, Karoline. Du kennst meine schwache Seite; Lammbraten, er hat so viel Alttestamentarisches, so was Ur - und Erzväterliches. Und dabei nahm er Platz und band sich die Serviette vor. Aber nicht aus der Keule, lieber Otto, fuhr er fort. Wenn ich bitten darf, eine Rippe, das heißt ein paar; ich bin fürs Knaupeln und was am Knochen sitzt, ist immer das Beste.

So sprach er weiter, und weil ihn das Sprechen und Knaupeln ganz in Anspruch nahm, konnt ich ihn, ohne daß er’s merkte, gut beobachten. Er mochte Mitte fünfzig sein, eher drüber als drunter, und konnte füglich als das Bild eines alten behäbigen Garçons gelten. Er war ganz und gar in blanke graue Leinwand gekleidet, die fast einen Seidenschimmer hatte; die Weste war derartig weit ausgeschnitten, daß man hätte zweifeln können, ob er überhaupt92 eine trüge, wenn nicht vorne, ganz nach unten zu, zwei kleine Knöpfe mit einem dazugehörigen Stück Zeug sichtbar geworden wären. Auch der Rock wirkte zeugknapp und fipperich, eine seiner Seitentaschen aber, aus der ein großes Taschentuch heraushing, stand weit ab und das wenige blonde Haar, dessen er selbst schon scherzhaft erwähnt hatte, war in zwei graugelben Strähnen links und rechts hinter das Ohr gestrichen. Demohnerachtet wie schon die seidenglänzende Leinwand verriet gebrach es ihm nicht an einer gewissen Eleganz. Um den Hemdkragen, der halb hochstand, halb niedergeklappt war, war ein seidenes Tuch geschlungen, vorn durch einen Ring zusammengehalten, während auf seiner fleischigen und etwas großporigen Nase eine goldene Brille saß. Letztere war in gewissem Sinne das wichtigste Stück seiner Ausrüstung. Er nahm sie beständig ab, sah sich, zugekniffenen Auges, die Gläser an, zog aus der abstehenden Tasche sein Taschentuch und begann zu reiben, zu hauchen und wieder zu reiben. Dann fuhr er mit dem Tuche nach der Stirn, tupfte sich die Schweißtropfen fort und setzte die Brille wieder auf, um nach fünf Minuten denselben Prozeß aufs neue zu beginnen. Alles übrigens, ohne seinen Redestrom auch nur einen Augenblick zu unterbrechen.

93

An mir schien er allmälig ein Interesse zu nehmen und befragte mich nun mit seinen Augen. Aber es war kein eigentlich schmeichelhaftes Interesse, sondern nur ein solches, das ein Arzt an seinem Kranken nimmt. Er hatte schon gehört, daß ich Angegriffenheits halber aufs Land gekommen sei, was, neben einiger Mißbilligung, viel Heiterkeit in ihm wachgerufen hatte. Das kenn ich, das kenn ich; das sind diese modernen Einbildungen. Ich habe mir von diesen nervösen Herrchen erzählen lassen. Denke Dir, Karoline, von einem hab ich gehört, er könne nur in blau leben und in rot schlafen. Ei, da bin ich doch besser dran, ich sage Dir, ich schlafe den ganzen Tuschkasten durch. Uebrigens mit diesem hier ist es nicht so schlimm. Er hat sich verweichlicht und ist blos deshalb nicht recht im Zug. Aber sein Material ist gut und ich will von heut ab von Thee und englischen Biscuits leben, wenn ich ihn nicht in acht Tagen wieder auf die Beine bringe. Laß mich nur machen. Er muß nur erst wieder Vertrauen zu sich selbst fassen, und einsehen lernen, daß er, wenn nötig, einen Baum ausreißen kann. Es sind das Patienten, die durch wohlthätigen Zwang, oder, wenn Du willst, durch den kategorischen Imperativ, durch eine höhere Willenskraft wieder hergestellt werden müssen.

94

Ich war gleich nach dem gemeinsam eingenommenen Frühstück auf mein Zimmer zurückgekehrt und ohne jedes Wissen und Ahnen, welches Gespräch inzwischen über mich geführt wurde, hatte ich doch ein sehr bestimmtes Gefühl, daß nach Eintreffen dieses Besuches meine glücklichen Tage gezählt seien. Ich empfand, daß ein Wirbelwind in der Luft sei, der mich jeden Augenblick fassen könne, und so warf ich mich in einen Lehnstuhl und seufzte: Meine Ruh ist hin.

Es schien aber fast, als ob ich mich geirrt haben sollte, die nächsten Stunden vergingen stiller und ungestörter, als gewöhnlich, und eine flüchtige Hoffnung überkam mich, meine Situation doch für schlimmer und verzweifelter als nötig angesehen zu haben. Ich las also wieder, schrieb einen langen Brief und fütterte die Vögel, die sich auf mein Fensterbrett gesetzt hatten dann vernahm ich von fern her das Rufen des Kukuks und frug ihn: wie viel Tage bleib ich noch? Kukuk und dann schwieg er wieder. Nur einen Tag. Das schien mir doch zu wenig und ich mußte lachen!

Eine halbe Stunde später klangen die bekannten drei Schläge zu mir herauf, die regelmäßig zu Tisch riefen, denn im Hause meines Freundes wurde nicht geläutet, sondern mit einem Paukenstocke gegen ein95 chinesisches oder mexikanisches Schild geschlagen. Es war immer, als begänne der Opferdienst in Ferdinand Cortez.

Ich beeilte mich wie gewöhnlich, war aber doch der letzte (Maud ausgenommen, die dafür einen strafenden Blick erhielt) und gleich danach wahrnehmend, daß Onkel Dodo den Arm der Hausfrau nahm, nahm ich Maud am zweiten Finger ihrer linken Hand und sagte: Daß Du mich gut unterhältst, Maud.

Geht nicht. Und ist auch nicht nötig.

Aber warum nicht?

Ich fühlte, wie sie, während ich so fragte, mit dem Finger schelmisch in meiner Handfläche kribbelte. Zugleich hob sie sich auf die Zehenspitzen und flüsterte mir zu: Onkel Dodo.

Natürlich war es so, wir verstanden uns und kaum, daß sie das aufschlußgebende Wort gesprochen hatte, so nahmen wir auch schon unsere Plätze, die nicht mehr dieselben waren, wie die Tage vorher. Ich saß heute zwischen Maud und Alice, der Hausfrau gegenüber, die wiederum ihrerseits zwischen ihrem Gatten und Onkel Dodo placirt war, oder auch sich selber placirt hatte. Das Tischgebet, das sonst, trotz tiefwurzelnden Rationalismus im Inslebener Herrenhause Haussitte war, fiel aus Rück -96 sicht für Onkel Dodo fort, der, um ihn selber redend einzuführen, solche Kinkerlitzchen nicht liebte.

Wir hatten unsere Servietten eben erst auseinandergeschlagen, und uns über die große schöne Melone, die der Gärtner uns auf den Tisch gesetzt hatte, noch nicht ganz ausbewundert, als ich auch schon wußte, weshalb wir im Hause, zwischen Frühstück und Mittag, drei stille Stunden verlebt hatten: Onkel Dodo war mit den vier Jungen im Park gewesen, um in einem breiten stillen Wasser, das hier floß, ein paar neue, für Alfred und Arthur mitgebrachte Angelruten zu probieren. Sie hatten auch ’was gefangen, einen fetten Aland, der jetzt als zweites, etwas fragwürdiges Gericht in Aussicht stand.

Alles ließ sich gut und heiter an und Onkel Dodo vor allem, nachdem er die Serviette bandelierartig umgeknotet und seine Brille, zu vorläufiger Rast, unter den Rand der Melonenschüssel geschoben hatte, konnte füglich als ein Bild des Frohsinns und Behagens gelten. Und ihm war auch so, wie er aussah. Als er aber den dritten Löffel Suppe genommen hatte, zog er sein Sacktuch aus der Tasche, wischte sich die Schweißtropfen von Stirn und Nasensattel und sagte, während er sich osten -97 tativ fächelte: Kinder, es ist reizend bei Euch, aber eine kannibalische Hitze: wenn ich nicht Maud und Alice vis-à-vis hätte, würd ich glauben, in einem russischen Bade zu sitzen. Oder doch in einem römischen, was um einen Grad anständiger und civilisierter ist. Ich bitte das Fenster aufmachen zu dürfen.

Und er wollte sich erheben. Aber Karoline sagte: Du mußt verzeihen, lieber Onkel, unser Freund ist Reconvalescent und sehr empfindlich gegen Zug.

Onkel Dodo lachte. Zug, Zug. Es ist noch kein halbes Jahr, daß ich mit einem Australier, einem älteren Herrn aus Melbourne oder Sydney, von Meiningen nach Kissingen fuhr. Charmanter Kerl, noch frisch trotz seiner fünfzig. Er sagte mir, daß er alle zwei Jahre herüber käme, Geschäfte halber, und das erste Wort, das er jedesmal höre, wäre es zieht. Und gleich darauf würd alles herunter gelassen und hermetisch verschlossen. Ja, liebe Karoline, so sprechen Australier über Deutschland, Antipoden, Papuas und halbe Känguruhvettern. Und was das schlimmste ist, sie haben recht. Es giebt viele Lächerlichkeiten, aber das lächerlichste ist die Furcht vor dem Zug. Und damit müssen wir brechen. Denn was ist Zug? Zug ist eine Art98 Doppel-Luft. Und nun frag ich Dich, ist eine Doppelkrone schlechter als eine einfache? Besser ist sie. Was gut ist, wird in der Steigerung besser.

Ein paar Fensterflügel waren inzwischen aufgemacht worden, und Onkel Dodo, nachdem er ein paar Luftzüge gethan und tief aufgeatmet hatte, fuhr fort: Ich halte Luft für das nötigste Bedürfnis, anregend und nervenstärkend und bei Tisch ersetzt es mir den Tischwein. Und nun noch eins, lieber Doktor, worüber wir uns notwendig verständigen müssen. Ich hasse nichts mehr, als Zudringlichkeit mit Ratschlägen, lasse grundsätzlich alles gehen und kümmere mich um nichts, aber dies Unbekümmertsein hat schließlich seine durch Moral und Christenpflicht gezogenen Grenzen und wenn ein Kind über einen Schießplatz laufen will, so halt ich es zurück, und wenn einer auf dem Punkt ist, zu sticken, so bring ich ihn aus der Stickluft ins Freie. Doktor, Doktor, ich bitte Sie! Drinnen in der Stadt laß ich es mir gefallen, laß ich mir alles gefallen; gut, gut, ich bin kein Tyrann. Aber Sie sind jetzt grad eine Woche hier, hier am Fuße des Harzes, und fürchten sich vor Luft? Unerhört, unbegreiflich. Um was sind Sie denn hier? Um Bilder und Bücher willen? Oder um die Wache99 heraustreten zu sehen, wenn eine Prinzessin vorbeifährt? Um was geht man denn aufs Land? Um frischer Luft willen. Und nun haben Sie sie, können sie jeden Augenblick in vollen Zügen trinken und wollen den Erfrischungsbecher, um dessentwillen Sie hier sind, freventlich zurückschieben. Ich sehe wohl, ich bin zu rechter Zeit gekommen. Und wäre ich gleich hier gewesen, so säh es bereits anders mit Ihnen aus. Luft, Wasser, Bewegung, alles andere ist Gift. Ich wecke Sie morgen früh und dann beginnen wir unsere Kur. Um sechs Uhr ein Bad, natürlich kalt, daß uns die Zähne klappern, und dann abgerieben, bis wir rot wie die Krebse sind, und dann angezogen und eine Stunde durch den Park. Und danach das Frühstück. Und wenn wir dann morgen Mittag einen Zug hier haben, daß die Servietten flattern, als hingen sie noch draußen auf der Leine glauben Sie mir, es thut Ihnen nichts. Immer nur Courage haben und Vertrauen zu sich selbst. In jedem von uns steckt ein Held und ein Weichling, und es ist ganz in unseren Willen gegeben, ob wir’s mit der Kraft oder mit der Unkraft halten wollen. Ich habe meine Wahl getroffen und hab auch schon manchen bekehrt. Und nun sind Sie dran, das heißt am Bekehrtwerden zu Kraft und Genesung und in vierzehn Tagen ist100 es Ihnen gleich, ob wir einen Nordost oder eine Windstille haben.

Ich blickte verlegen vor mich hin und sagte dann, er habe gewiß recht und ich wolle auch keinen Versuch machen, ihn mit eigener Weisheit zu widerlegen. Ich berief mich nur auf den Sprüchwörter-Schatz deutscher Nation und erlaubte mir, ihm zwei davon in Erinnerung zu bringen: alte Bäume dürften nicht verpflanzt werden , das sei das eine, und das andere: aus einem Hasen sei kein Löwe zu machen.

Er lachte herzlich, und fuhr dann seinerseits fort: Hören Sie, Doktor, das gefällt mir. Sie sagen, aus einem Hasen sei kein Löwe zu machen. Sehen Sie, wer sich so preisgiebt, mit dem hat es noch gute Wege. Ja, Doktor. Und dann, was heißt Hase? Seien Sie nur ein richtiger, ein richtiger Hase könnt Ihnen Muster und Vorbild sein. Immer wachsam, immer im Kohl und wenn’s Not thut, anderthalb Meilen in zehn Minuten. Eine solche Force-Tour und Sie sind für immer aus der Misère heraus.

Ich glaub es.

Und Sie sind für immer aus der Misère heraus, wiederholte Onkel Dodo mit Nachdruck, ohne meiner leisen Verspottung zu achten.

Ich hatte so gesessen, daß ich bei Schluß der101 Mahlzeit ein Reißen in der ganzen rechten Seite fühlte, schwieg aber und führte Maud auf die Veranda, wo jetzt der Kaffee genommen wurde.

Dies war ein reizender, von wildem Wein überwachsener Platz, nach vorn hin offen, mit einem freien Blick auf einen quadratischen und von einer Böschung eingefaßten Teich. Auf dem Wasser schwammen Schwäne, und eine Strick-Fähre führte nach der von Baumgruppen umstellten Parkwiese hinüber, die sich jenseits des Teiches dehnte. Weit zurück aber, und über einen abschließenden Waldstrich hinweg, ragte der Brocken auf, mit seinem in der klaren Luft deutlich erkennbaren Brockenhause. Nähe und Ferne gleich schön. Um den Tisch her standen Garten - und Schaukelstühle, und Alice, die die Häusliche war, goß den Kaffee in die kleinen Meißner Tassen. Ein Diener reichte herum, während ein zweiter, ein Tablett in der Hand, je nach Wahl einen Cognac oder Allasch oder ein Basler Kirschwasser in die kleinen Krystallgläschen schenkte. Ah, das ist gut, sagte Onkel Dodo. Ich hasse, was sich Likör‘ nennt, und wenn er auf sette‘ endigt, so hass ich ihn doppelt. Es hat etwas Französisches, etwas Süßliches, ein Anisette, ein Noisette, ein Rosette. Aber wo die gebrannten Wasser anfangen, fang ich auch an. Wasser ist102 immer gut, gebrannt oder nicht. Ah, ein delikates Kirschwasser

In diesem Augenblick sah er, daß ich dankte. Präsentieren Sie dem Doktor nur noch ’mal; er wird schon nehmen. Ein solcher Rachenputzer ist auch ein kategorischer Imperativ. Er hat ’was Männliches und sonderbar, ich bin abhängig von solchen Dingen. Ich kann Freundschaft halten mit Leuten, die sich einen Rettig oder einen Limburger aufs Brod legen, und zwei, drei Nordhäuser herunter kippen, aber ich könnte nicht Freundschaft halten mit einem Manne, der von Baiser-Torte lebt und Crême de Cacao nippt.

Ich verneigte mich gegen ihn und sagte, daß ich ihm darin vollkommen beipflichtete. Nichts destoweniger könnt ich ihm nicht zu Diensten sein, ich hätte sehr empfindliche Membranen und mein Zäpfchen entzündete sich leicht.

Er lachte wieder. Ein Zäpfchen. Und nun gar ein entzündetes Zäpfchen. Aber woher das alles? Alles von dem unglücklichen Flanell und den Binden und Bandagen, die schon auf dem Fechtboden ein Unsinn sind und nun mit doppelter Watte mit ins Philisterium hinüber genommen werden. Immer Tücher und Kravatten, heute seidene, morgen wollene, ja, einen kannt ich, der be -103 ständig ein rotes Florett-Band trug, wahrhaftig, wie, wegen geheimnisvollen Mordes, vom Scharfrichter appliciert. Und es war noch ein Glück, daß ihm’s die Leute nicht zutrauten und auch nicht zutrauen konnten, denn er war die größte Milchsuppe, die mir in meinem Leben vorgekommen ist. Ich bitte Sie, was soll Ihnen die hohe Kravatte, die Sie da tragen und die vielleicht noch gefüttert ist. Ein Kopf muß so frei sitzen, wie wenn er sagen wollte: hier bin ich. Das kleidet. Und dazu braucht man einen uneingeschnürten Hals, einen Hals au naturel. Ein entzündetes Zäpfchen. Hab ich je so was gehört! Aber lassen wir’s. Und nun sage mir, Otto, fahren wir in den Wald oder bleiben wir?

Ich denke, wir bleiben, bat Alice.

Ja, Kind, das ist leicht gesagt, wir bleiben. Aber was nehmen wir vor? Wir können hier doch nicht vier Stunden auf der Veranda sitzen und darauf warten, ob die Brockenhaus-Fenster in der untergehenden Sonne glühen werden oder nicht.

O wir spielen.

Spielen. Gut; meinetwegen. Aber was mein kleiner Schatz, was? Ist eine Kegelbahn da?

Der Hausherr zuckte die Achseln.

Dacht ich’s doch. Ich glaube, Otto, Du hältst104 das Kegeln für nicht fein und vornehm genug, ist Dir zu spießbürgerlich und ärgerst Dich, wenn die Kugel so hindonnert und der Junge, der im besten Fall immer nur ein Hemd und eine Hose anhat, alle Neune schreit. Aber Du hast unrecht, Otto. Nichts ist fein oder unfein an sich, es kommt lediglich darauf an, wozu wir die Dinge machen oder wie wir uns dazu stellen. Das Allergewöhnlichste kann auch wieder das Aparteste sein. Ich sage Dir, eine gute Kegelpartie geht über alles: Rock und Weste weg und den Gurt angezogen und nun die Kugel in der flachen Hand gewogen, als ob es die Weltkugel wär oder die Schicksalskugel und es hinge Leben und Sterben dran. Und nun richtig aufgesetzt und siehe da, alle Hälse recken sich und am weitesten der, der an dem schwarzen Schreibebrett sitzt, und baff‘, da liegen sie wie gemäht. Und nun werden die alten Kegelwitze laut und der alte Conrektor sagt: wie Grummet sah man unsere Leute die Türkenglieder mähn‘. O, ich sage Dir, Otto, das ist wohl hübsch. Aber Du willst nicht und so haben wir denn blos die Wahl zwischen Boccia und Cricket.

Boccia, sagte Maud.

Ich bin für Cricket, unterbrach Onkel Dodo, trotzdem es englisch ist und alles Englische mir105 wider den Strich geht. Aber Cricket ist was gutes, (mehr als Boccia) und da heißt es denn aufpassen und die Beine in die Hand nehmen. Ich schlage den Ball und der Doktor muß laufen und ich freue mich schon kindisch darauf, ihn laufen zu sehn. Er muß laufen bis er fällt und wenn er, drüben auf der Wiese, die paar hundert Schritt zwischen dem Teich und der Sonnenuhr erst ein Dutzend Mal auf und abgelaufen ist und sich den rechten Arm beim Ballwerfen dreimal verrenkt hat, so hat er gar kein Zäpfchen mehr und trinkt morgen ein Basler Kirschwasser mit mir um die Wette und übermorgen ein Danziger Goldwasser.

Und während er noch so sprach, war schon alles die Böschung hinab ins Boot und die Kinder zogen am Strick, bis die Fähre drüben landete. Dann kam das Spiel, an dem ich anfangs widerwillig, dann aber vergnüglich teilnahm, bis der Abend da war. Alles hatte mich erfreut und erquickt, und ich stand einen Augenblick schon auf dem Punkt, mich mit meinem Schicksal, das doch nicht so schlimm sei, zu versöhnen. Als ich aber um die neunte Stunde, wie gewöhnlich, in mein Zimmer hinauf wollte, legte sich eine schwere Hand auf meine Schulter, eine Hand, die mich gleich fühlen ließ, wessen sie war, und Onkel Dodo sagte mit jener106 Miene von Wohlwollen und Bestimmtheit, der nicht zu widerstehen war: O nicht doch, Doktor, Sie dürfen noch nicht zur Ruhe. Ich habe schon mit Otto gesprochen und die Kinder folgen und tragen die Fackeln.

Aber, mein Gott, was giebt es? Soll wer begraben werden?

Im gewissen Sinne, ja.