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Menschenrassen und Völkertypen. Von

Hermann Tewes.

II. Heft.

Zweite Auflage.

Leipzig.

Verlag von F. E. Wachsmuth, 1913.

Menschenrassen und Völkertypen.

Material zu geographischen Unterredungen auf der Oberstufe mehrklassiger Volks - und Bürgerschulen.

Zugleich eine Erläuterung der gleichnamigen Bilderwerke.

Von

Hermann Tewes.

II. Heft.

Zweite Auflage.

Leipzig.

Verlag von F. E. Wachsmuth. 1913.

Vorwort zur zweiten Auflage.

Die nachfolgenden Erläuterungen, die ursprünglich das 2. Heft der Völkertypen "bildeten, erscheinen hier unter verändertem Titel, weil die Menschenrassen" in die Besprechung mit aufgenommen sind. Außerdem bringt das Heft die Erläuterung der beiden neu - erschienenen Bildertafeln Patagonier "und Siouxindianer", die beide an Stelle des Indianerbildes treten, dessen Erläuterung das 1. Heft enthält. Das ganze Bilderwerk umfaßt nun einschließlich der Menschenrassen "10 Tafeln. Es sind folgende:

  • Amerika: * 1. Menschenrassen. 2. Eskimo. * 3. Sioux. * 4. Patagonier. Asien: 5. Chinesen. * 6. Japaner. 7. Hindu. * 8. Beduinen. Afrika: 9. Neger. Australien: 10. Australier.

Die mit * bezeichneten Tafeln sind in dem vorliegenden Heft erläutert und dem Text in verkleinertem Maßstabe beigegeben. Eine weitere Vermehrung des Bilderwerkes ist in Aussicht ge - nommen.

Leipzig, August 1913.

Hermann Tewes.
1*

Die Menschenrassen.

Die Zahl der auf der Erdelebenden Menschen läßt sich nicht genau, sondern nur annähernd und schätzungsweise ermitteln. Gibt es doch weite Ländergebiete, die wie halb Asienund fast ganz Afrikanoch der genaueren Zählungen entbehren, trotzdem solche sich immer mehr einbürgern. Man nimmt aber an, daß es im ganzen ungefähr 1500 Millionen Menschen gibt, die sich auf die einzelnen Erdteile wie folgt verteilen:

  • Europa357 Millionen Asien826 Afrika188 Amerika123 Australien6

So verschieden nun alle diese Menschen in körperlicher und geistiger Beziehung, also hinsichtlich der Größe, der Hautfarbe, der Haare, der Schädel - und Gesichtsbildung sowohl als auch der Sprache, Sitten, Religion usw. sind, so ist doch an der Einheit des Menschengeschlechts und an einer gemeinsamen Abstammung aller Erdenbewohner nicht zu zweifeln. Es gibt demnach im zoologischen Sinne nur eine Art Mensch, die sich vom Tier durch wesentliche Merkmale unterscheidet. Alle, selbst die auf der niedrigsten Stufe der Entwicklung stehenden Menschen, unterscheiden sich von den am vollkommensten organisierten Tieren schon in physischer Be - ziehung mehr, als das bei zwei nebeneinanderstehenden Tierklassen der Fall ist. Dazu erscheint der Mensch durch seine Verbreitungs - fähigkeit von der Tierwelt abgesondert. Er ist ein Bürger der ganzen Erde, der weder an bestimmte geographische Länge und Breite, noch an Höhe und Tiefe oder auch an bestimmte Nahrung gebunden ist. Der Mensch unterscheidet sich vom Tier vor allem aber durch die Sprache und die nur ihm eigene Benutzung von Waffen, Werkzeugen und Gerätschaften; er hat Selbstbewußtsein,— 6 — freien Willen und Vernunft und besitzt die Fähigkeit, Erfahrung zu sammeln und sich in intellektueller und moralischer Beziehung fortzubilden. Darf man demnach auch an der Einheit des Menschen - geschlechts unbedingt festhalten, so ist doch über die Entstehung des Menschen nach Zeit und Art noch immer nichts Sicheres fest - gestellt und nur soviel klar, daß das Alter der Menschheit, nach unseren geschichtlichen Maßstäben gemessen, ein ungeheures sein muß. Der geistigen Einheit des Menschengeschlechts gegenüber ist die körperliche Verschiedenheit, so groß sie auch sein mag, von nur untergeordneter Bedeutung, und sie ist es um so mehr, als verschie - dene Ursachen, die auf die Körperlichkeit der Menschen umändernd und bestimmend einwirken, vorhanden und als solche klar erkannt worden sind. Außer zufälligen, vererbbaren Abweichungen gehören dahin die klimatischen Verhältnisse, die Nahrungs - und Lebensweise und die höhere oder niedere Zivilisation, also die Kulturstufe, auf welcher der Mensch steht. Was die beiden ersten Punkte betrifft, so ist ihr Einfluß auf die Körperlichkeit unbestritten, wennschon derselbe sich von Generation zu Generation erst nach längerem Zeitraume geltend macht. Wie in der Pflanzen - und Tierwelt, so hat eben auch für die Menschheit das biologische Gesetz Gültigkeit, daß Körperbau, Aufenthalt und Lebensweise einander bedingen und entsprechen. Daß aber mit steigender Bildung der körperliche Habitus sich ändert, dafür sind die freien Neger in den Vereinigten Staaten von Nordamerika ein Beispiel, die sich von ihren in Sklaverei und im Heidentum aufgewachsenen Brüdern vorteilhaft unterscheiden. Dieses Beispiel ist zugleich ein Beweis dafür, daß alle Menschen - stämme einer höheren geistigen Entwickelung fähig sind.

Was nun die körperliche Verschiedenheit anlangt, so hat man die Menschen unter große Hauptgruppen, die man Rassen nennt und die für die Art Mensch nur die Bedeutung von Spielarten haben, zu bringen versucht, wobei sowohl die Verschiedenheit der Hautfarbe, wie der Haare, der Schädelbildung und der Sprache zugrunde gelegt worden sind.

Nach der Hautfarbe unterscheidet man die weiße, die gelbe, die schwarze, die rote und die braune Menschenrasse. Nach der Schädelbildung hat ein schwedischer Gelehrter Lang - und Kurz - schädel und in jeder der beiden Hauptgruppen Senkrecht - und Ge - neigtzahnige unterschieden. Ein anderer Forscher teilt die Menschen nach ihrem Haar in Wollhaarige und Schlichthaarige und jene— 7 — wieder in Büschel - und Vließhaarige, diese in Straff - und Lockenhaarige ein. Über die Zahl der Rassen und die Zuge - hörigkeit einzelner Völkerschaften zu denselben herrscht noch große Verschiedenheit der Meinungen. Am gewöhnlichsten ist immer noch die von Blumenbachherrührende Einteilung in fünf Menschenrassen: Kaukasier, Mongolen, Neger, Amerikaner und Malaien. Manche Forscher lassen nur die drei ersten gelten und bringen die ameri - kanische und malaiische unter die mongolische Rasse. Was die

Die Menschenrassen.

Malaien betrifft, so dürfte es allerdings richtig sein, sie als einen Zweig der mongolischen oder gelben Rasse zu betrachten; dagegen sind die Forscher heut auch darüber einig, daß die Amerikaner als eine besondere Menschenrasse zu gelten haben. Die Schwan - kungen in der Zahl der Rassen rühren vor allem daher, daß sich die Grenzen zwischen den Hauptgruppen wegen der mannigfachen Abstufungen und Übergänge nicht scharf genug ziehen lassen. Diese Abstufungen lassen mit Sicherheit darauf schließen, daß Vermischun - gen der Rassen untereinander stattgefunden haben. Sie lassen— 8 — aber auch den Schluß zu, daß das Zahlenverhältnis der sich be - rührenden Rassen nicht sehr ungleich gewesen ist; denn wo wirklich eine auffällige Ungleichheit der Bestandteile vorkommt, da geht die Körperform der an Zahl kleineren Rasse in wenigen Generationen unter.

Auf einer im Verlage von F. E. Wachsmuth erschienenen bunt - farbigen Tafel sind die Menschenrassen mit einer Abänderung nach BlumenbachsEinteilung in fünf Charakterköpfen dargestellt. Diese Tafel zeigt uns je einen Vertreter der fünf Weltteile, nämlich in der Mitte den Kaukasier, links oben den Mongolen, unten den Neger, rechts oben den Australier und unten den Amerikaner. Zu dieser Form der Darstellung ist zu bemerken, daß zwar auch der Körper - bau im allgemeinen die Rassenunterschiede erkennen läßt, daß die - selben aber am Kopf des Menschen am besten und deutlichsten zutage treten.

1. Der Kaukasier.

Unser Bild zeigt uns den Idealtypus dieser Rasse; wir haben in demselben einen Europäer, offenbar einen Germanen, vor uns. Aber die weiße oder kaukasische Rasse, jetzt auch die mittel - ländische genannt, umfaßtzirka780 Millionen Menschen von sehr verschiedener Körperbeschaffenheit. Die Bezeichnung der kauka - sischen hat man gewählt, weil die Gebirgsvölker des Kaukasusals die schönsten Menschen der Erde angesehen wurden. Als mittelländische hat man sie bezeichnet, weil die wichtigsten Völker dieser Rasse in den Ländern um das Mittelmeerihren Wohnsitz haben.

Die Mittelländer oder Kaukasier werden charakterisiert durch ovale Schädelbildung, hohe gewölbte Stirn, große Augen, schmale Nase und helle Hautfarbe. Letztere findet sich vorzugsweise bei den Völkern Nordeuropas, geht aber bei den südlichen Nationen ins Gelbliche und Braune über. Sie haben senkrecht gestellte Zähne und wenig oder garnicht vorspringende Backenknochen. Ihr weiches, glattes und welliges oder großlockiges Haar ist von mannigfacher Färbung, blond, rot, braun und schwarz; und die Männer dieser Rasse zeichnen sich im allgemeinen durch starken Bartwuchs aus. Was endlich den Gesichtswinkel betrifft, der durch Verbindung des hervorragendsten Teils der Stirn mit der Mitte des Oberkieferzahn - randes und dem äußern Gehörgang gebildet wird, so ist derselbe— 9 — bei den Völkern der mittelländischen Rasse am größten und be - trägtzirka80 90 Grad.

Zu den Mittelländern gehören drei Völkerfamilien, von denen zwei nach Söhnen Noahs als Semiten und Hamiten bezeichnet werden. Für die dritte und wichtigste Völkerfamilie würde füglich der Name Japhetiten nicht unpassend erscheinen, doch zieht man es vor, sie nach den am weitesten voneinander entfernt wohnenden Völkern Indogermanen oder Arier zu nennen.

Von den drei Völkerfamilien stehen die ziemlich dunkelhäutigen Hamiten am tiefsten. Sie hatten ihren ursprünglichen Wohnsitz in den Ländern zwischen Euphratund Tigrisund den Küsten Palästinas, von wo aus sie nach Afrikaübergingen und das Niltalsamt den südlich davon gelegenen Küstenstrichen, sowie die Nord - küste Afrikas bevölkerten. Zu ihnen gehören die alten Ägypter, die heute noch in den Kopten fortleben, die Berber und die Äthiopier. Die Berber, auch Imoscharh genannt, sind die nomadisierenden Bewohner Nordafrikas, die die Oasen zwischen den arabischen Staaten im Norden und den Negerländern inne haben. Die einzelnen Stämme führen besondere Namen, unter denen sie näher bekannt sind. In der mittleren Saharafinden wir die Tuaregs, in der östlichen die Teda oder Tibbu und in den Ge - birgen von Algerienund Tunisdie Kabylen. Zu den Äthiopiern oder Ostafrikanern gehören die Nubier, Dankeli, Abessinier, Galla und Somali. Viele der genannten Völker sind nicht mehr reine Hamiten, sondern haben sich mit Semiten oder Negern ver - mischt.

Die Semiten bewohnen Vorderasienund Teile von Nordafrika. Zu der nördlichen Gruppe derselben gehören die Bewohner Syriens und des eigentlichen Mesopotamiens, von denen die meisten Teile der hamitischen Urbevölkerung in sich aufgenommen haben. Die südliche Gruppe bilden die Araber, die unter den Semiten zuletzt geschichtliche Bedeutung erlangten und jetzt auch die Nordküste Afrikas bewohnen. Echte Semiten sind auch die in allen Ländern der Erdezerstreut lebenden Hebräer oder Juden.

Die Indogermanen besitzen die Rassenmerkmale der mittel - ländischen Völker in höchster Vollkommenheit. Ihre Urheimat sucht man im Quellgebiet des Amuund Sir, während sie jetzt Süd - und Westasienund fast ganz Europamit Ausnahme der von— 10 — mongolenähnlichen Völkern eingenommenen Landstriche bewohnen. In Asiengehören dieser Völkerfamilie die Inder, die freilich stark mit der indischen Urbevölkerung, den Drawidas, vermischt er - scheinen, die Iranier, (in Persien, Afghanistanund Beludschistan) Armenier, Kurden und die Völkerstämme des Kaukasusan, in Europadie Kelten, Romanen, Germanen und Slaven. Kelten wohnen gegenwärtig im nordwestlichen Frankreich, in Walesund einem Teile von Irlandund Schottland. Zu den Romanen gehören Franzosen, Italiener, Spanier und Portugiesen, zu den Germanen Deutsche, Engländer und Skandinavier, zu den Slaven die Russen, Bulgaren, Serben, Slovenen, Polen, Tschechen, Slowaken und Wenden. Ihnen können wir auch die Letten in Livlandund Kurlandund die Litauer, Nachkommen der alten Preußen, zuzählen.

Die mittelländische Rasse ist jetzt auch in Amerikadurch Ein - wanderung die herrschende geworden und drängt mit fortschreitender Kolonisation der fremden Erdteiledie übrigen, namentlich tiefer stehenden Rassen, mehr und mehr zurück. Die Kaukasier sind die bildungsfähigste Rasse, die Träger der Zivilisation und der Welt - geschichte.

2. Der Mongole.

Der Typus des Mongolen tritt uns in dem Chinesen entgegen, der auf unserm Bilde dargestellt ist. Die Chinesen sind mit Rück - sicht auf Zahl und materielle und geistige Kultur das erste unter den mongolischen Völkern. Nach ihrem Wohnsitze könnte man die mongolische oder gelbe Rasse als die ostasiatische bezeichnen. Das hervortretende Merkmal derselben ist die Farbe. Die Haut, ob sie nun heller oder dunkler sein mag, ist stets gelb. Die Haare sind schlicht, grob und schwarz. Am Körper ist der Haarwuchs spärlich; auch der Bart ist dünn und besteht nur aus einzelnen Haaren am Kinn und in der Nähe des Ohres. Im Körpermaß bleibt der Mongole hinter dem Europäer auffallend zurück. Sein Schädel ist kurz, das Gesicht flach und breit. Die Backenknochen springen stark vor; dagegen ist die Nase flach und mit Rücken und Spitze wenig vortretend. Die Lidspalte der Augen ist schmal und schief und zwar so, daß sie außen höher steht als innen. Am innern Augenwinkel ist der obere Lidrand durch eine Falte, die mehr oder weniger ausgeprägt sein kann, bedeckt. Sie ist der gelben Rasse eigen und wird darum als Mongolenfalte bezeichnet.

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Als einen vorgeschobenen Zweig der gelben Rasse muß man die Malaien betrachten, die den größten Teil der Inselwelt zwischen Asienund Australienbewohnen. Das Gesicht des Malaien ist dem chinesischen Gesicht ähnlich, nur daß die mongolischen Merkmale stark abgeschwächt erscheinen. Auch die Malaien sind kaum mittel - groß und zeichnen sich durch gelbe Hautfarbe, straffes, schwarzes Haar mit bräunlichem Schimmer, schwachen Bartwuchs und spär - liches Körperhaar aus. Dagegen ist die Mongolenfalte nicht so ausgeprägt, auch die Schiefstellung der Augen nicht so auffallend wie bei den Chinesen, sodaß das Auge mehr dem des Europäers gleicht. Das breite Gesicht, die vorstehenden Backenknochen und die flache Nase sind dagegen wieder echt mongolisch.

Die gelbe Rasse umfaßt über 600 Millionen Menschen. Zu ihr gehören in Nordasiendie Naturvölker der Samojeden, Ostjaken, Tungusen, Jakuten und Tschuktschen, in Zentralasiendie Nomaden - völker der Kirgisen, Kalmücken, Turktataren und Tibetaner, die jedoch zum Teil neben der Viehzucht auch Ackerbau treiben, und in Ostasiendie Kulturvölker der Mandschu, Chinesen, Koreaner und Japaner. Die Mongolen sind in geringer Anzahl auch in Amerikaund Europavertreten. In Amerikasind es neben den eingewan - derten Chinesen die im hohen Norden wohnenden Eskimos, die der mongolischen Menschenrasse zugezählt werden müssen, in Europadie im nördlichen Rußlandwohnenden Finnen, zu denen auch die Esthen, Liven, Lappen (auch in Skandinavien) und Samojeden ge - hören, die Magyaren in der ungarischen Tiefebeneund die Türken samt den in Südrußlandnomadisch lebenden Tataren, Kirgisen und Kalmücken.

3. Der Neger.

Neger finden wir inMittelafrika- und Südafrikaund (durch gewalt - same Verpflanzung) auch in Amerika. Sie bilden die schwarze Rasse, die sich am meisten von der kaukasischen entfernt undzirka180 Millionen Menschen umfaßt. Man nennt sie wohl auch die äthiopische; aber diese Bezeichnung führt zu Irrtümern, weil die in Nordostafrikawohnenden Hamiten, also mittelländische Völker, als Äthiopier angesprochen werden. In der Negerrasse unterscheiden wir zwei größere Völkerfamilien, die Sudanneger in Mittelafrikaund die Bantuneger in Südafrika. Zu den ersten gehören beispiels - weise die Dinkaneger am Weißen Nil, die sich ziemlich rein und— 12 — unvermischt erhalten haben. (SieheVölkertypen, 1. Heft.) Sudan - und Bantuneger sind zwar durch ihre Sprache, aber nicht körperlich voneinander unterschieden, wenigstens nicht so sehr, daß es mög - lich wäre, in jedem Falle zu bestimmen, ob ein Neger der einen oder der anderen Gruppe zuzurechnen sei; nur im allgemeinen wird von Forschern behauptet, daß der Sudanneger die Eigenschaften des dunklen Afrikaners im gesteigerten Maße besitzt. Unter diesen Eigenschaften sind die dunkle Hautfarbe und das dunkle, krause Haar an erster Stelle zu nennen. Die Farbe der sammetweichen Haut schwankt allerdings und kommt in den verschiedensten Schattierungen vor; es gibt Neger mit schwarzbrauner, schokoladen - brauner bis ledergelber Färbung, immerhin muß man sie als die dunkelsten Bewohner der Erde betrachten. Neugeborene Kinder sind in der Regel nicht dunkler als europäische und erhalten die Farbe der Eltern erst allmählich nach Wochen und Monaten. Die Haare des Negers sind grauschwarz, grob, kraus und kurz und in der ersten Zeit nach dem Scheren zu kleinen, pfefferkornähnlichen Knäueln vereinigt. Am Körper ist der Haarwuchs spärlich, und bärtige Neger sind äußerst selten. Die Augen sind ziemlich groß; die Regenbogenhaut ist fast schwarz und von der Pupille kaum zu unterscheiden. Dagegen ist die harte Augenhaut, namentlich bei Kindern und jugendlichen Personen, fast immer rein weiß und macht das Negerauge durch den Kontrast mit der Haut und der schwarzen Iris schön. Dafür freilich ist der übrige Teil des Gesichts eher häßlich zu nennen. Die Nase ist niedrig, breit und flach; die Lippen sind dick und erscheinen wie umgestülpt. Der Schädel ist schmal, ebenso die Stirn, das Gebiß vorspringend, sodaß der Ge - sichtswinkel nur 70 75 ° beträgt. Die großen weißen Zähne sitzen etwas schief und nach vorn geneigt; sie sind meist gesund, was allerdings weniger Rasseneigentümlichkeit als die Folge sorgfältiger Zahnpflege sein dürfte, wie sie bei den meisten Afrikanern üblich ist. Die Klafterweite ist beim Neger bedeutend größer als beim Europäer und übertrifft die Körperhöhe ganz wesentlich; infolge - dessen reichen die Fingerspitzen bei herabhängenden Armen und gerader Körperhaltung tiefer gegen das Kniegelenk als bei uns. Künstliche Verunstaltungen des Körpers kommen bei den Negern ebenso vor wie bei anderen Naturvölkern und erstrecken sich be - sonders auf Zähne, Nase und Ohren. Erstere werden in ihrer Form verändert, teilweise auch, was namentlich die Schneidezähne— 13 — des Oberkiefers betrifft, ganz entfernt; Nase und Ohren werden durchbohrt und mit Ringen oder anderen Schmuckstücken verziert oder vielmehr verunstaltet.

Der Negerrasse müssen auch die in Südafrika, nordöstlich von den Hottentotten ansässigen Kaffern zugezählt werden. Sie sind wahrscheinlich durch Völker der mittelländischen Rasse, vielleicht Hamiten, von Nordosten her in ihre jetzigen Wohnsitze gedrängt worden. Ihr physischer Typus weicht von dem des Negers etwas ab; der Unterkiefer ragt nicht so stark vor, und die Nase ist nicht plattgedrückt wie beim eigentlichen Neger, sondern vorspringend und oft sogar gebogen. Die Hautfarbe ist ursprünglich gelbbraun, bald lichter, bald dunkler. Alle diese Abweichungen vom echten Negertypus lassen auf eine Vermischung mit Völkern der mittel - ländischen Rasse schließen.

4. Der Australier.

Die Eingeborenen Australiens bilden eine eigene Menschen - rasse, die sich von den Bewohnern der australischen Inselwelt, von den Papuas sowohl wie von den Melanesiern und Polynesiern unter - scheidet. Die Australier bieten in anthropologischer Hinsicht ein einheitliches Bild, wennschon die einzelnen Stämme Verschieden - heiten zeigen, die auf die verschiedene Lebensweise, namentlich die Ernährung, zurückzuführen sind. So finden wir an den Meeres - küsten und an den Ufern der Flüsse, wo Nahrungsmittel in reicherem Maße vorhanden sind, nicht selten größere und kräftiger gebaute Gestalten, in den sandigen Gebieten Inneraustraliens dagegen küm - merlich ernährte Menschen von hochgradiger Magerkeit. Im all - gemeinen sind die Australier Menschen von Mittelgröße mit auf - fällig kleinen Händen und schmalen Schultern. Die Muskulatur ist bei ihnen durchweg gering entwickelt, namentlich an den Glied - maßen, die infolgedessen dünn und mager erscheinen; irgendwelcher Fettansatz fehlt dem Australier gänzlich. Die sammetweiche Haut ist nicht schwarz, sondern schokoladenbraun und wird erst durch Beschmieren mit Fett und Ocker dunkler. Der Haarwuchs ist meist recht üppig, das Haar selbst glänzend schwarzbraun und wellig-kraus oder lockig. Es unterscheidet sich deutlich von dem wolligen Haar des Negers und ist auch nicht schlicht wie das Haar des Mongolen. Wo schlichthaarige Australier vorkommen, wie namentlich an der Nordküste, da kann man sicher auf eine— 14 — Mischung mit mongolenähnlichen Völkern, wie Malaien, schließen. Der Schädel des Australiers ist lang und ziemlich hoch, das Ge - sicht niedrig und breit und hat vortretende Backenknochen. Die schmale Stirn tritt auffällig zurück; die kräftig ausgebildeten Augen - brauenwülste überragen die Augenhöhlen, und die buschigen Augen - brauen sind nicht selten in der Mitte verwachsen. Das Gesicht des Australiers erscheint uns häßlich wegen der kurzen, dicken, am Grunde breiten Nase, des großen Mundes und der aufgeworfenen Lippen. Durch die gegeneinander nach vorn geneigten Zähne treten die Kiefer stark vor und verleihen dem Gesicht etwas ungemein Abstoßendes. Im allgemeinen sind die Weiber häßlicher als die Männer; letztere haben einen langen, krausen Bart und zeichnen sich auch sonst durch dichte Körperbehaarung aus.

5. Der Amerikaner.

Die amerikanische Rasse umfaßt ungefähr 15 Millionen Men - schen, mit den Mischlingen 24 Millionen, und ist auf Amerikabe - schränkt. Die Menschen dieser Rasse nennt man auch Indianer. Der Name rührt von dem Irrtum der Entdecker Amerikas her, die auf ihrer Fahrt nach Westen das reiche Indiensuchten und tat - sächlich meinten, als sie auf Guanahailandeten, zu den Bewohnern Indiens gekommen zu sein. Die amerikanische Rasse steht in der Mitte zwischen der kaukasischen und mongolischen, entsprechend der geographischen Mittelstellung ihres Landes zwischen Asienund Europa. Die mongolischen Züge, die man an den Amerikanern findet und früher sehr überschätzt hat, haben Gelehrte veranlaßt, sie der mongolischen Rasse zuzuzählen und zu der Annahme geführt, daß die Urbewohner Amerikas aus Asienüber die Beringstraßeein - gewandert seien zu einer Zeit etwa, als diese Straße noch keine Meerenge war, sondern eine Landbrücke vorstellte, und daß dem - nach die südliche Hälfte des amerikanischen Festlandes später be - siedelt worden sei als die nördliche. Eine Fülle von Zeugnissen aber spricht für das vorgeschichtliche Dasein des Menschen auch auf amerikanischem Boden, und man neigt jetzt allgemein der An - sicht zu, daß der Mensch hier ebenso alt ist wie in Europaund daß die Ausbildung des spezifisch amerikanischen Rassentypus jeden - falls auf amerikanischem Boden vorsichgegangen ist. Gewiß ist nicht zu leugnen, daß manches im Typus des Amerikaners an mongolische Züge erinnert, so das straffe, dunkle Haupthaar, die— 15 — Dürftigkeit des Haarwuchses an Kinn und Lippen, die vorstehenden Backenknochen und die bei manchen Indianerstämmen vorkommende Schiefe der Augenlinien; aber ebenso groß sind auch die Unter - schiede, die den Amerikaner vom Mongolen trennen. Dahin gehört vor allem die größere, scharfrückige, kräftig vorspringende Nase, die meist europäische Form der Augen, das braune Haar und die Bildung der Gliedmaßen. Man darf darnach mit Recht behaupten, daß die Amerikaner der kaukasischen Rasse mindestens ebenso nahe stehen wie der mongolischen. Nach der Farbe ihrer Haut hat man sie Rothäute genannt; ein irreführender Name, den die Indianer wegen ihrer Körperbemalung erhalten haben; denn ihre Hautfarbe ist durchaus nicht rot, sondern braun in verschiedenen Schattie - rungen. Die Indianer spalten sich in eine große Anzahl von Völker - schaften, die über 120 Breitengrade zerstreut sind, aber alle in gemeinsamer Gesichtsbildung, gleichen geistigen Eigenschaften und dem Bau ihrer Sprache eine deutliche Verwandtschaft zeigen. Es wird darum von keinem Forscher bestritten, daß alle diese Völker - schaften von der Nachbarschaft der Eskimos an bis zum Feuer - lande eine einzige Menschenrasse bilden, der die angeführten Merk - male zukommen. Allen ist auch ein gewisser, weicher Ausdruck des Mundes eigen, der nicht selten einen bald spöttischen, bald traurigen Charakter annimmt und zwar mit der ernsten, schweig - samen, insichgekehrten Natur des Indianers stimmt, dagegen mit dem strengen, düsteren Blick stark kontrastiert. Vom Standpunkte der einheimischen Kultur aus betrachtet, zerfällt die amerikanische Urbevölkerung in zwei Gruppen, Kultur - und Naturvölker. Zu jenen gehören die Mexikaner (Azteken) und die Peruaner (Inkas), zu diesen die übrigen Stämme Nord - und Südamerikas. Bekannte Indianervölker Nordamerikas sind: Delawaren, Mohikaner, Irokesen, Appalachen, Huronen, Sioux. In Südamerikahaben Botokuden, Cariben, Patagonier und Feuerländer ihren Wohnsitz.

Von manchen Gelehrten wird die Meinung vertreten, daß mit der körperlichen Verschiedenheit innerhalb des Menschengeschlechts eine Verschiedenheit des Temperaments Hand in Hand geht. Man spricht darum von Rassentemperamenten und will damit sagen, daß einer Rasse als solcher ein bestimmtes Temperament eigen - tümlich sei, eine Ansicht, die zwar nur ganz im allgemeinen— 16 — Gültigheit haben kann, aber nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen ist. Am deutlichsten bestätigt die Richtigkeit dieser An - sicht die Negerrasse. Neger sind Sanguiniker; sie leben dem Augen - blicke, gedenken weder der Vergangenheit, noch sorgen sie um die Zukunft und gleichen den Kindern, die zwar meist fröhlich und heiter, bei denen aber schroffe Übergänge aus einer Stimmung in die andere gewöhnlich sind. Der Mongole ist dagegen vorzugsweise Melancholiker. Seine Seelenstimmung ist auf die Vergangenheit gerichtet; für die Gegenwart zeigt er wenig Verständnis, und Neuerungen ist er sehr schwer zugänglich. Ausdauernd und schwer - fällig, hält er treu am Althergebrachten fest, wie uns das auffällig bei den Chinesen entgegentritt. Der Malaie ist verwegen, voll Leidenschaft in Liebe und Haß, in Spiel und Kampf; und man kann ihn darum mit Recht als den Choleriker unter den Völkern der Erde bezeichnen. Der Amerikaner endlich ist phlegmatisch. Seine wesentlichste Stimmung ist der Gleichmut, der bis zur Empfindungslosigkeit geht. Wie alle Phlegmatiker ist er jeder Übereilung im Denken, Reden und Handeln feind. Mit dem Tem - perament dieser Rasse hängt ihr rasches Verschwinden nach dem Vordringen der Europäer zusammen. Schwer dürfte es sein, sich bei der großen mittelländischen Rasse für ein bestimmtes Tempera - ment zu entscheiden; sie umfaßt so verschieden geartete Nationen, und leichter dürfte es fallen, einzelnen derselben ein bestimmtes Temperament zuzusprechen. Bekannt ist ja, daß die Franzosen als sanguinisch, die Engländer als melancholisch, die Deutschen als phlegmatisch und die Italiener als cholerisch bezeichnet werden.

Wo sich verschiedene Rassen begegnen, entstehen Mischlinge, deren Zahl sich fortwährend auf Kosten der reinen Rassen ver - größert, sodaß ein allmählicher Ausgleich stattfindet. In Amerika, wo drei Rassen sich berühren, gibt es für die Mischlinge aus diesen, wie für die Grade der Mischung besondere Bezeichnungen. Nachkommen von Weißen und Negern nennt man Mulatten, Nachkommen von Weißen und Indianern Mestizen und solche von Indianern und Negern Zambos. Die Mischlinge von Mulatten und Weißen, die den letzteren immer ähnlicher werden, hat man je nach dem Grade der Mischung Tercerones, Quar - terones und Quinterones genannt. Bei ihnen erkennt man nur noch in den braungefärbten Fingernägeln die Spuren der Negerrasse.

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Auch innerhalb einer und derselben Rasse haben Mischungen stattgefunden, sodaß Völker reiner Rasse kaum noch gefunden werden. Das ist namentlich innerhalb der mittelländischen Völker - familie der Fall, wo Germanen sich einerseits mit Romanen, anderer - seits mit Slaven vermischt haben.

Bei der gegenseitigen Berührung haben Mittelländer und Mongolen im Gegensatz zu den meisten dunkelfarbigen Rassen die größte Lebensfähigkeit gezeigt, und es ist nachgewiesen, daß in den neuentdeckten Weltteilen Amerika, Australienund Polynesiendie einheimische Bevölkerung vor den eingewanderten Europäern und Chinesen schnell dem Untergang entgegengeht. Nur die afri - kanischen Neger haben sich daneben als widerstandskräftig erwiesen, und sie dürften tatsächlich mit den beiden andern auch numerisch stärksten Rassen, den Mittelländern und Mongolen, aus dem harten Kampf ums Dasein, wie der Wiener Forscher F. Müllersagt, als Sieger hervorgehen.

Japaner.

Die Japaner bewohnen das ostasiatische Inselreich, das aus vier größeren und unzähligen kleinen Inseln besteht. Diese Inseln umzi umziehen das Japanische Meerin weitem, nach Westen geöffnetem Bogen. Die vier größeren Inseln sind Jesso, Hondo, Schikokuund Kiuschiu, zu denen nach Beendigung des russisch-japanischen Krieges 1905 noch die südliche Hälfte der Insel Sachalingekommen ist. Von den kleinen Inseln gehen die Kurilenam weitesten nach Norden, bis Kamtschatka; nach Süden läuft die Riukiukettegen Formosahin. Japan liegt unter denselben Breiten wie Nordchina, hat aber infolge der Inselnatur ein ozeanisches, darum milderes Klima. Seine Lage ist eine glückliche, nur die nördlich gelegenen Inseln Jessound Sachalinsind weniger günstig gestellt und darum auch dünner bevölkert. Die Inseln sind fast alle gebirgig, aber die meist vulkanischen Gebirgszüge haben keine bedeutende Höhe und sind durch breite, fruchtbare Ebenen geschieden, in denen Reisbau, Teekultur und Seidenraupenzucht mit gutem Erfolg be - trieben werden. Ein warmer Meeresstrom, von Süden kommend, bespült die japanischen Gestade und erleichtert den Verkehr. Die Japaner sind nicht die Ureinwohner des Landes, sondern von Westen her über Koreaeingewandert. Diese Halbinsel ist der nächste Punkt des Festlandes und die Brücke, über welche die Anfänge der Kultur ihren Weg von Chinaaus zu dem japanischen Inselreiche gefunden haben.

Die Japaner gehören der mongolischen Völkerfamilie an, haben gelbe, nicht selten weiße Hautfarbe und sind von mittlerem Wuchs. Ihr Haar ist schwarz und schlicht, auf dem Kopfe dicht und kräftig, an anderen Körperteilen schwach und dünn. Japaner mit schönem Vollbart bilden eine Ausnahme, denn in der Regel ist das Barthaar spärlich. Der Kopf des Japaners erscheint mit Rücksicht auf den Gesamtwuchs und im Vergleich mit dem Europäer groß, das Gesicht— 19 — breit; die Nase ist unschön und flach, das Auge klein, schwarz und hat schief geschlitzte Lider. Wie bei allen Mongolen macht das Gesicht des Japaners den Eindruck des Kindlichen; es spricht sich darin Offenheit und Sorglosigkeit aus und verleiht dem Mann bei fehlendem Bartwuchs einen weibischen Typus, sodaß bei der herr - schenden weiten Kleidung Männer - und Weibergesichter oft nicht sofort voneinander zu unterscheiden sind. In den niederen Volks - schichten, namentlich im nördlichen Teil des Inselreiches, trifft man auf dunklere Färbung der Haut und krauses oder wolliges Haar,

Japaner.

womit dann in der Regel ein derberer, grobknochiger Bau des Körpers Hand in Hand geht. Diese Körpereigenschaften geben der Vermutung Raum, daß sich die eingewanderten Japaner mit den Ureinwohnern des Landes, den Ainos, die sich heute noch auf den Kurilen,zum Teil auch auf Jessovorfinden, vermischt haben. Auch der Typus der auf den südlichen und südöstlichen Inseln wohnenden Japaner weist auf eine frühzeitige Vereinigung mit einem stamm - fremden Volke, vielleicht mit Malaien, hin.

In den niederen Volksschichten trägt der Mann bei der Arbeit enganliegende und einfache Kleidungsstücke, geht aber während der warmen Jahreszeit meist halbnackt einher. Vornehme Hofbeamte lieben weite, bauschige Gewänder aus baumwollenen, seidenen, über -2*— 20 —haupt kostbaren Stoffen; Frauen tragen fast ausnahmslos lange, schleppende Kleidungsstücke mit weiten Ärmeln. Die Grundform ist bei beiden Geschlechtern ein langer, kaftanähnlicher, vorn offener Rock, der bei den Männern durch einen einfachen Gürtel, bei den Frauen durch ein breites, kunstvoll gewebtes, auf dem Rücken schmetterlingsflügelartig geknüpftes Band zusammengehalten wird. Anliegende Beinkleider und Strümpfe werden von Männern nur während der rauhen Jahreszeit oder zum Schutz gegen Insekten getragen. In den Städten kommt unter der vornehmen Bevölkerung die europäische Mode immer mehr in Aufnahme; stets aber zeichnet sich die Kleidung durch Sauberkeit aus, wie denn der Japaner sich von seinem westlichen Nachbar, dem Chinesen, durch Reinlichkeit vorteilhaft unterscheidet. Als Fußbekleidung dienen, wo es trocken ist, Strohschuhe, die beim Betreten des Zimmers abgelegt werden; im andern Falle benutzt man hohe, mit Füßen versehene Holz - sandalen, die unschön sind und auf denen nur mühsam wie auf Stelzen gegangen werden kann. Holz - oder Strohsandalen werden mit einer Schnur befestigt, die zwischen der großen und zweiten Zehe durchgezogen wird, weshalb an den Strümpfen die große Zehe abgesondert ist. Die Männer scheren den Vorderkopf bis gegen den Scheitel hin; das stehengebliebene Haar wird, mit Pomade ein - gerieben, nach vorn gekämmt. Beim einfachen Arbeiter vertritt eine Binde ausBaumwollstoff den Hut; auf Reisen schützen sich die Japaner durch Weiden - oder Bambushüte, die umgestülpten Körben nicht unähnlich sind, vor Sonne und Regen. Die Frauen tragen das lange Haar in einem Knoten, der mit Nadeln auf dem Kopf befestigt wird. Sie schminken Gesicht und Hals weiß, Mäd - chen färben die Lippen rot und die Zähne schwarz. Letzteres ge - schieht am Tage der Verlobung oder Vermählung, spätestens aber mit dem zwanzigsten Jahre.

Unter den Nahrungsmitteln nimmt der Reis, der von arm und reich täglich in den verschiedensten Formen genossen wird, den ersten Platz ein. Daneben sind als Nutzgewächse Weizen, Gerste, Mais und Buchweizen zu nennen, sowie mehrere Bohnenarten, Yams, Kartoffeln und Rettig, für den die Japaner eine besondere Vorliebe zeigen. Im Gegensatz zu dem Chinesen ist der Japaner mäßig und anspruchslos; die animalische Kost tritt gegen die vegetabilische stark zurück. Geflügel kommt nur auf die Tafel der Reichen, und das Fleisch der Zuchttiere, des Rindes und Schafes, wird überhaupt— 21 — nicht gegessen. Dafür aber sind Fische, Krusten - und Weichtiere, an denen das japanische Meerso reich ist, Volksnahrung. Die Japaner gleichen den Chinesen darin, daß sie mit Stäbchen essen. Das beliebteste Getränk ist wie in China der Tee. Seine Kultur ist in Japan sehr alt; er wird längs der Ackerfelder und Land - straßen in entsprechenden Breiten angebaut und gedeiht ganz vor - trefflich. Man trinkt ihn nicht bloß in der Familie, sondern auch in öffentlichen Häusern, sogenannten Teehäusern, wo er von jungen Mädchen, Geeschas, verabreicht wird. Als Genußmittel ist der Tabak allgemein verbreitet. Er wurde vonJesuiten, die als Missionare in Japan wirkten, eingeführt und wird jetzt in mehreren Sorten kultiviert und von Männern sowohl wie Frauen in kleinen Pfeifen geraucht. Vom gemeinen Volke wird der Saki, eine Art Reisbrannt - wein, in ziemlicher Menge genossen, gewöhnlich aber nur des Abends, weil Trunkenheit am Tage unauslöschliche Schande bringt.

Die Häuser in Japan sind niedrig und bestehen der häufigen Erdbeben wegen nach ausdrücklichem Gesetz aus höchstens zwei Ge - schossen; sie sind leicht, die steinernen Grundmauern ausgenommen, aus Holz aufgebaut. Das Dach springt zum Schutz gegen Sonne und Regen weit vor und ist mit Stroh, Schindeln oder Ziegeln gedeckt. Zwischen der äußern und inneren Trägerreihe desselben bleibt ein Raum frei, der als Veranda dient. Die Häuser haben weder Keller noch Schornstein; der Rauch muß durch Türen, Fenster und die Ritzen der Wände nach außen entweichen. Die Fenster gleichen Schiebetüren, deren Gitterwerk mit geöltem Bastpapier überzogen ist. Man schützt sie durch Läden, die bei schöner Witterung herausgenommen werden. Die Größe der Zimmer richtet sich nach den Binsenmatten, mit denen man die Fußböden belegt und die durchgehendszirka2Meterlang und 1Meterbreit sind. Die Innen - wände sind verschiebbar, bestehen entweder aus Holz oder häufiger noch aus Pappe und sind in den Häusern der Vornehmen mit Tapeten überzogen. Öfen oder Kamine gibt es nicht, und die Wohnungen sind im Winter kalt und zugig. Man stellt wohl kupferne Gefäße, die mit glühenden Kohlen angefüllt sind, in die Zimmer, aber der Aufenthalt darin würde trotzdem für einen an die modernen Heiz - vorrichtungen gewöhnten Nordeuropäer unbehaglich bleiben. Die Wohnungen erscheinen mehr für den Sommer als für den Winter berechnet und entbehren außerdem aller derjenigen Einrichtungen, die bei uns auf Bequemlichkeit der Bewohner abzielen. Der— 22 — Europäer vermißt darin jegliches Hausgerät, Tische, Stühle, Sessel, Betten; aber der Japaner bedarf derselben auch nicht, er setzt sich mit untergeschlagenen Beinen auf den Fußboden und nimmt vor der reinlichen Matte aus Reisstroh, über welche wohl noch ein Tuch ausgebreitet wird, seine Mahlzeit ein. Auf dem Fußboden bereitet er auch sein Nachtlager, vor welches er einen hohen, mehr oder weniger verzierten Schirm stellt. Dieser und einige Schränke mit Schubladen bilden das dürftige Hausgerät, außer dem man im Zimmer vielleicht noch einige Waffen, Porzellangefäße, Vasen und dergleichen erblickt. Die Häuser werden meist fertig gekauft und dann aufgestellt. Äußerlich sehen alle, die der Vornehmen sowohl wie der weniger Bemittelten, sehr einfach aus, nur in der Größe unterscheiden sie sich. Bei reichen Leuten ist das Haus gewöhnlich von einem geräumigen Hof und einer Mauer umgeben, sodaß man von der Straße nur das Dach erblickt. Jedes Haus hat einen Garten, der nach den Vermögensverhältnissen mit Gemüsen oder Ziergewächsen bepflanzt ist. Die Häuser stehen nahe beieinander, und darum ist die Feuersgefahr groß; in volkreichen Städten sind verheerende Brände auch nicht ungewöhnliche Erscheinungen. Darum findet man hier seit langem eine geordnete Feuerwehr und bei jedem Hause bereitgestellte Wasserfässer. Der japanische Kaufmann be - wahrt zudem seine Kostbarkeiten nicht im Hause, sondern in eigenen, von der Wohnung entfernten Mauerhöhlen auf.

Wie alle Mongolen, so sind die Japaner von sanfter, friedlicher Gemütsart, mit der ihr melancholisches Temperament durchaus har - moniert. Von den Chinesen unterscheiden sie sich besonders da - durch, daß sie für fremde Ideen sehr empfänglich sind und die geistige Überlegenheit anderer achten und anerkennen. Während sie früher die chinesische Kultur begierig aufnahmen und weiter entwickelten, zeigen sie sich gegenwärtig den Ideen des Abendlandes in hohem Maße zugänglich. Besonders interessieren sich Volk und Regierung für deutsche Sprache und Wissenschaft, für unsere Fort - schritte auf den verschiedenen Gebieten der Industrie, kurz für alle Errungenschaften der modernen Kultur. Vornehme japanische Jüng - linge kommen nach Deutschland, um auf Kosten der Regierung oder auf eigene Kosten unsere Universitäten zu besuchen. Deutsche Pro - fessoren und Lehrer werden an Japans Schulen berufen und deutsche Schulbücher in die japanische Sprache übersetzt. Von ihren west - lichen Nachbarn unterscheiden sich die Japaner, wie schon erwähnt,— 23 — durch ihre Reinlichkeitsliebe und ihre Mäßigkeit. Und die erstge - nannte Eigenschaft, die mit den religiösen Anschauungen der Japaner eng zusammenhängt, ist es, die ihnen unter allen mongolischen Völ - kern eine isolierte Stellung verleiht. Rühmenswert sind ferner das höfliche und freundliche Benehmen der Japaner im gesellschaftlichen Umgange, das heitere, glückliche Familienleben, die Ehrerbietung gegen die natürlichen Autoritäten, das Bildungsbestreben und die Vaterlandsliebe des japanischen Volkes. Das Vorherrschen des Ver - standes, gegen den die Phantasie auffällig zurücktritt, ist eine Eigen - tümlichkeit, die wir bei allen Völkern mongolischer Rasse vorfinden. Ihre Kunsterzeugnisse zeichnen sich darum wohl durch eine gewisse Vollkommenheit, durch Akuratesse aus, lassen aber den idealen Schwung vermissen. Neben Talent und Streben macht sich nicht selten Oberflächlichkeit und Mangel an schöpferischer Kraft bemerkbar.

Gesetzlich ist dem Japaner die Vielweiberei erlaubt, doch be - gnügen sich die meisten mit einer Frau. Männer treten gewöhnlich mit dem 20., Mädchen schon mit dem 15. Jahre in die Ehe. Frauen und Mädchen genießen in Japangroße Freiheiten, doch lobt man ihren züchtigen und eingezogenen Wandel. Die Kinder werden ein - fach und naturgemäß erzogen, an den Wechsel der Witterung ge - wöhnt und ihren Neigungen und Spielen überlassen. Später besuchen sie dieVolksschule. Eine solche findet sich selbst in jedem Dorfe, und Unkenntnis im Lesen und Schreiben findet man darum im japa - nischen Volke nicht häufig. Die Mädchen erhalten sogar Unterricht in den weiblichen Handarbeiten. Um das höhere Schulwesen war es bis vor kurzem noch mangelhaft bestellt, sodaß wissensdurstige Jünglinge entweder auf Privatlehrer oder eigenes Studium ange - wiesen waren. Jetzt beginnt auch der höhere Unterricht sich zu heben, und es gibt bereitsMittelschulen,Gymnasien,höhere Mädchen - schulenundFachschulender verschiedensten Gattung. In Tokiobesteht eineUniversität. Für den Besuch derselben wird Kenntnis der deutschen Sprache gefordert; in der medizinischen Fakultät sind Vorbildung, Methode und Lehrmittel deutsch. Die Gesetze waren bis vor kurzem noch sehr streng und setzten auf die meisten schweren Verbrechen die Todesstrafe. Letztere galt für entehrend und war mit Einziehung des Vermögens verbunden. Als ruhmwürdig galt bei vornehmen Japanern eine gewisse Art des Selbstmordes, das Harakiri (die Leibaufschneidung), das in gewissen Fällen gesetzlich geboten war oder gewählt wurde, weil man einen ehrenvollen Tod— 24 — der entehrenden Strafe vorzog und weil man auf diese Weise vor dem Gesetz rein dastand und seiner Familie das Vermögen rettete.

Unter den einheimischen Waffen Japans ist vor allem das Schwert zu nennen, das gut gearbeitet und haarscharf geschliffen ist. Es ist das Abzeichen der vornehmen Stände. Die Bevölkerung zerfällt nämlich in acht Klassen, und die Mitglieder der oberen vier Klassen tragen, auch im Frieden, Waffen und zwar im Gürtel zwei Schwerter, eines auf jeder Seite. Feuerwaffen haben die Japaner durch Portu - giesen und Holländer kennen gelernt und frühzeitig selbst ange - fertigt. Ebenso haben die verbesserten europäischen Waffen der Neuzeit schnell Eingang gefunden; und diejapanische Armeeist nach dem Muster der modernen Heere des zivilisierten Abendlandes umgestaltet worden. Was sie zu leisten imstande ist, haben die siegreichen Kriege gelehrt, die Japanvor einigen Jahren mit Chinaund später mit Rußlandgeführt hat. Gymnastische Übungen sind in Japanbeliebt, und allenthalben sieht man die Jugend mit der Pflege der Turn - und Fechtkunst beschäftigt. Japanische Ringer haben ihr Gewerbe derartig ausgebildet, daß sie in neuerer Zeit durch ihre Erfolge bei uns berechtigtes Aufsehen erregt haben.

Die Hauptbeschäftigung der Japaner ist der Ackerbau und Reis die wichtigste Feldfrucht. Die Ackerfelder sind weder durch Gräben, noch durch Zäune voneinander getrennt und machen einen sehr freundlichen Eindruck. Die Bearbeitung des Bodens geschieht noch immer mit den einfachsten Werkzeugen, ist aber ganz vor - züglich, was bei dem Mangel an Viehdünger besonders anzuerkennen ist. Obst wird wenig gewonnen; für unsere Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen und selbst für den Wein eignet sich der japanische Boden nicht, denn diese Früchte verlieren dort ihr Aroma und verkümmern in Gestalt und Größe. Unter den kultivierten Handels - und Industrie - gewächsen sind besonders der Lackbaum, der Papiermaulbeerbaum und der Talg - oder Wachsbaum zu nennen. Der letztere liefert ein Pflanzenfett, das dem Bienenwachs ähnlich ist; und die Kultur des - selben ist um deswillen von großer Wichtigkeit, weil die Japaner bei dem Mangel an Viehzucht den Talg nicht kennen. Pferde und selbst Rinder werden fast nur als Lasttiere verwendet, die Milch der Kühe wird vom Menschen nicht benutzt. Schafe und Ziegen kannte man früher überhaupt nicht und sind erst durch die Europäer eingeführt worden; sie werden auch bloß infolge der Nachfrage durch diese und auch nur in der Nähe größerer Städte gezogen. Geflügel— 25 — gibt es viel, aber keine Gänse. Einen ganz hervorragenden Platz nimmt die Seidenzucht ein; und obschon sie auf die Insel Hondobe - schränkt ist, liefern ihre Produkte allein die Hälfte des Ausfuhrwertes.

Die Heimat der japanischen Industrie ist China; aber die Japaner haben ihre Lehrer überflügelt und leisten auf allen Gebieten des Ge - werbes Hervorragendes. Die Verarbeitung einheimischer und impor - tierter Rohprodukte steigert sich von Jahr zu Jahr und macht es der europäischen Einfuhr immer schwerer, mit der einheimischen Industrie erfolgreich zu konkurrieren. Ganz besonders sind es Lackierkunst, Porzellanfabrikation, Bronzeindustrie und Waffenschmiedekunst, in denen sich japanische Kunstfertigkeit und japanischer Kunstsinn zu erkennen geben; aber auch in der Textilindustrie, der Papier - und Lederwarenfabrikation, kurz auf allen Gebieten der Manufaktur haben die Japaner derartige Fortschritte gemacht, daß ihre Industrie vielfach bereits die europäische beeinflußt.

Das Verkehrswesen ist in Japanähnlich wie in China. Gute,zum Teil gepflasterte Straßen führen seit langem in allen Teilen des Reiches geradlinig fort, und zu ihnen sind in neuerer Zeit, nament - lich in den mit Bergschätzen gesegneten Provinzen des Landes, Eisen - bahnen gekommen. Das Verkehrstreiben hat einen durchaus anderen Charakter als bei uns. In Japanfällt dem Beobachter vor allem der Mangel an Reitern auf, dagegen gewahrt man mehr Fußläufer und vielmehr Last - als Zugpferde. Größere Lasten trägt man wie in Chinaan Bambusstäben, die auf den Schultern zweier hinter - einander herschreitender Träger ruhen. Zahlreich sind die von Menschen gezogenen Karren, besonders aber die kleinen, hohen, zweirädrigen Wagen, die noch gar nicht solange in Aufnahme ge - kommen sind, aber schnelle Verbreitung, teilweise auch bei uns, gefunden haben. Sie heißen Kuruma, haben eine Gabeldeichsel mit Querholz, einen sesselförmigen Kasten und ein Schutzdach aus Öl - papier. Ihre Ausstattung ist meist sehr elegant, und die japanische Industrie leistet in der Fabrikation dieser Fuhrwerke ganz Hervor - ragendes. Die Kuruma vertreten gleichsam unsere Droschken, und dieRegierunghat eine eigene Taxe für dieselben mit Berück - sichtigung der Lasten und Entfernungen festgesetzt. Auf ebenem Boden befördert ein guter Läufer den Wagen mit seinen Insassen täglich 65 km weit; und auch Europäer benutzen diese Beförderungs - mittel, da ihnen andere nicht zur Verfügung stehen.

Die Religion der Japaner ist keine einheitliche. Die ursprüng -— 26 — liche und darum gewissermaßen Staatsreligion ist der Shintoismus mit dem Mikado als Oberhaupt an der Spitze. Sie kennt ein un - sichtbares oberstes Wesen, das über den Wolken thront, aber zu er - haben ist, um in Tempeln oder unter einem Bilde verehrt zu werden. Ihm sind zahllose Götter untergeordnet, die teils eigentliche Götter, teils Geister berühmter Helden, Fürsten oder Gelehrten sind. Man nennt sie Kami. Ihrer Vermittlung bedient sich der Mensch, und ihnen wird in Tempeln göttliche Verehrung zuteil, die im Gebet und Opfer besteht. Menschen, die sich durch Tapferkeit, Gehorsam und Wohltätigkeit auszeichnen, werden nach ihrem Tode unter die Kami versetzt, unter denen sie einen bestimmten, vom Mikado be - zeichneten Rang einnehmen. Die Verehrung derselben erinnert an den Ahnenkultus, der in Chinaheimisch ist. Neben der Shinto - religion kam im 3. Jahrhundertnach Christusdie Sittenlehre des Konfutsein Aufnahme, zu der sich besonders die Gelehrten bekennen. End - lich hat der Buddhismus von Chinaaus Verbreitung gefunden, namentlich im gewöhnlichen Volk, als dessen eigentliche Religion er gelten kann. Seine Bekenner zerfallen in viele Sekten, die mehr oder weniger vom Shintokultus in sich aufgenommen haben. Über - haupt findet zwischenBuddhismusundShintoismus, die sich gegen - seitig stark beeinflußt haben, keine strenge Scheidung statt. Beide Bekenntnisse haben zahlreiche Tempel, die klein und einfach sind. In den buddhistischen Gotteshäusern finden sich Statuen des Buddha, in den Shintotempeln auf einem Tischchen ein Spiegel aus gegossenem Metall und das Gohei, weiße, aus einem Stücke Papier zusammen - hängend geschnittene, an den Rändern vergoldete Streifen, die Sinn - bilder des Glanzes und der Reinheit. Vor ihnen verrichtet der Andächtige sein Gebet und legt seine Opfer nieder; aber niemand betritt den Tempel, ohne vorher gebadet und Festkleidung angelegt zu haben. Eine bestimmte Sittenlehre kennt der Shintoismus nicht; eine solche hat derselbe aus der Moralphilosophie des Konfutseüber - nommen, die Sitte, nach heiligen Orten zu wallfahrten, aber den Anhängern des Buddhanachgeahmt.

Nach der Entdeckung Japans durch die Portugiesen im 16. Jahr - hundert wurde dasChristentumdurch dieJesuitenhierher ver - pflanzt; es verbreitete sich so schnell, daß nach 30 Jahren bereits 150000 Bekenner desselben mit 200 Kirchen vorhanden waren. Im 17. Jahrhundert aber wurden die christlichen Gemeinden gänzlich ausgerottet und das Christentum bei Strafe verboten. Die blutige— 27 — Verfolgung der Christen, die fast vierzig Jahre gedauert hat, war zum Teil durch das unvorsichtige und zügellose Betragen der Jesuiten verschuldet, die sich unklugerweise in die politischen Angelegen - heiten des Landes gemischt hatten. In Japanwar eine Revolution ausgebrochen, die dem Mikado, der zugleich geistlicher und welt - licher Herrscher war, die weltliche Macht ganz entriß und sie dem Befehlshaber der Armee übertrug, sodaß von diesem Zeitpunkte an zwei Herrscher, ein geistlicher und ein weltlicher, sich in die oberste Gewalt teilten. Zu derselben Zeit wurden die Portugiesen durch den Einfluß der Holländer vollständig aus Japanverdrängt und das Land für fremde Völker gesperrt. Nur Holländern und Chinesen war unter mancherlei Beschränkungen der Zugang zu einer kleinen Insel gestattet. Die Holländer hatten sich diese Vergünstigung durch Verrat am Christentum erkauft, denn unter ihren Geschützen war die letzte christliche Niederlassung in Trümmer gesunken. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts erzwangen die Amerikaner die Öffnung der Grenzen für die Fremden, und von diesem Zeitpunkte an hat auch das Christentum wieder Eingang gefunden. Gleich - zeitig wurde durch eine Revolution die Zweiherrschaft beseitigt und die Mikadoregierung wieder hergestellt. Der Kaiser, der jetzt alle Gewalt wieder vereinigt, trat aus der Abgeschiedenheit, zu der man ihn gezwungen hatte, wieder heraus; der Verkehr mit dem Auslande wurde gestattet und jedem freie Religionsübung zuge - sichert. Der Kaiser verlegte 1869 seine Regierung nach Tokio, empfing die Vertreter der fremden Mächte und richtete die Re - gierung des Landes nach europäischem Muster ein. Von dem Zeit - punkte der Aufklärung an zählen die Japaner ihre Jahre, stehen also jetzt, 1913, im 45.

Beduinen.

Der Name Beduinen "bedeutet soviel wie Wüstenbewohner, und man bezeichnet damit die nomadisierenden Völker Arabiens, Syriens und Nordafrikas. Sie sind Araber, gehören also zur großen Mittelländischen Rasse und zwar zum semitischen Zweig derselben. Von den ansässigen Arabern, mit denen sie in ihren übrigen Sitten und Gebräuchen übereinstimmen, unterscheiden sie sich nur durch ihre nomadische und räuberische Lebensweise. Man findet Beduinen von der persischen Grenzean bis nach Marokkoin Afrika. Ihr Hauptsitz ist das wüste Innere Arabiens, ein Plateau von Berg - wiesen und trockenen Steppen, das, durch unwirtbare Seeküste und Wüsten geschützt, von keinem Sturm barbarischer Völkerzüge ge - troffen wurde. Alle Heerstraßen im Norden, so die von Halebund Damaskusnach Bagdadund Basraführenden Karawanenstraßen, alle Pilgerstraßen im Innern Arabiensstehen unter ihrem Gebote.

Die Beduinen zerfallen in viele voneinander ganz unabhängige Stämme, von denen jeder seinen besonderen Wohnsitz hat. Sie leben meist in stetem Hader untereinander und vereinigen sich nur zu gemeinschaftlichen Raubzügen oder zum Schutz gegen fremde Eindringlinge. An der Spitze jedes Stammes steht ein Fürst, dessen Macht durch Sitte und Herkommen sehr eingeschränkt ist; man findet heute noch bei den Beduinen die patriarchalische Regierungs - form, wie sie vor Jahrhunderten und Jahrtausenden bestanden hat und die uns in der biblischen Welt des alten Testamentes entgegen - tritt. Der Fürst führt verschiedene Namen: Imam (Oberpriester), Scherif (Edler), Emir (Befehlshaber), Sultan (König) oder Scheich (Ältester).

Die Beduinen sind von mittlerem Körperbau, der das schönste Ebenmaß zeigt. Ihr Antlitz, ein regelrechtes Oval, ist dunkel, ihr welliges oder lockiges Haupt - und Barthaar schwarz und glänzend. Die Nase ist etwas adlerartig, das schwarze Auge funkelnd, die— 29 — Zähne sind weiß. Der Körper des Beduinen ist auffällig hager, sodaß Brust und Bauch kaum voneinander zu unterscheiden sind; die Füße bestehen fast aus lauter Sehnen ohne Waden. Dieser gänzliche Fettmangel ist allen Wüstenbewohnern eigen und macht den Eindruck körperlicher Schwäche, die aber durch die Kraft und Ausdauer in allen Leibesübungen widerlegt wird. Begründet ist die Magerkeit in der trockenen Wüsten - und Bergluft mit ihrer lebhaften Verdunstung und ihrem beschleunigten Stoffwechsel, in der mangelhaften Ernährung und der rastlosen Lebensweise, zu der die Dürftigkeit der heimatlichen Erde den armen Wüstenbewohner zwingt. Aber der stete Kampf ums Dasein hat den Körper ge - stählt und widerstandsfähig gemacht, und die damit zusammen - hängende Lebensweise, wie nicht minder die reine Luft der Wüste sind die Ursache, daß die Bewohner derselben sich eines ausge - zeichneten Gesundheitszustandes erfreuen. Wie die Erdoberfläche im allgemeinen, so zeigt die Wüste im besondern, wie der Mensch von der ihn umgebenden Natur abhängig ist. Das erkennt man namentlich in der Ausbildung der Sinneswerkzeuge, wie jeder Reisende, der einmal die Wüste betreten hat, zu bekunden weiß. Die majestätische Ruhe derselben, die grenzenlose Ausdehnung und ihre Luftreinheit haben Gehörs - und Gesichtssinn der Wüstenbe - wohner in einer Weise geschärft, die ans Wunderbare grenzt. Wo der Europäer mit seinem Fernglase noch nichts deutlich erblickt, da hat sein Führer mit bloßem Auge bereits die Lanzen entgegen - kommender Reiter erkannt. Nichts am weiten Horizonte entgeht seinem scharfen Auge; aber die Einwirkung des allzeit grellen Lichtes, das durch keinen Schatten gedämpft wird, ist zugleich die Ursache, daß der Wüstenbewohner trotz häufigen Gebrauchs von Schleiern im Alter seine Sehkraft einbüßt und an vollständiger oder einseitiger Blindheit leidet.

Die Kleidung des Beduinen ist ein wollenes Hemd und ein Mantel, der gewöhnlich durch einen Gürtel aus Leder oder Linnen zusammengehalten wird. In diesem stecken Säbel und Dolch; zu Pferde hat der Beduine auch die Lanze und gewöhnlich noch ein sehr langes Schießgewehr. Die Tracht der Frauen ist im ganzen der der Männer gleich, nur etwas weiter und länger und zeichnet sich durch größere Auswahl des Stoffes aus. Sie gehen in der Wüste mit unbedecktem Gesicht. Alle, Männer wie Frauen, tragen einen dichten, meist blau gefärbten oder gestreiften baumwollenen— 30 — Schal, der um den Kopf gewunden wird. Der heiße, sandige oder steinige Boden macht es nötig, sich einer Fußbekleidung zu be - dienen. Dazu nimmt man leinene Socken und über diese Pantoffeln, die man beim Reiten mit leichten Stiefeln aus dünnem Leder ver - tauscht. Als Schmuck tragen die Frauen Stirnbinden, welche von den Schläfen bis zur Brust herunterhängen und mit Gold - und Silbermünzen dicht benäht sind, auch Ringe um Arme und Finger und Perlenschnuren um den Hals, auf der Brust gewöhnlich auch ein in Leder genähtes Amulett oder einen in Silber gefaßten Stein.

Beduinen.

Tätowierung mit Indigo, das Gelbrotfärben der Hände und Füße und das Schwärzen der Lider ist bei Frauen sehr beliebt.

Der Beduine ist, wie schon das heiße Klima erfordert, überaus mäßig. Die Milch der Haustiere, die meist gesäuert genossen wird, Schaffleisch, Reis und Brot sind seine gewöhnliche Nahrung. Das letztere ist flach und kuchenförmig und wird aus Durra, einer Art Hirse, bereitet und mit Kamelmilch, Butter, Öl oder einer anderen Fettigkeit durchknetet; es hält sich nicht lange und wird darum alle Tage frisch gebacken. Gebuttert wird in einem Schlauche, der an drei Pfählen über einem schwachem Feuer hängt und hin und her geschwenkt wird. Fleischkost ist selten, Blut und Ein -— 31 — geweide werden nicht benutzt. Außer den genannten Speisen ge - nießt der Beduine gern Honig, Hülsenfrüchte, die in Öl gekocht werden, und Obst, besonders Datteln. Die Frucht der Dattelpalme hat für den Beduinen wie für jeden Wüstenbewohner eine größere Bedeutung als jedes andere Nahrungsmittel. In Hungerjahren ist er oft monatelang ausschließlich auf Datteln angewiesen, und der Beduine genießt außer dieser Frucht oft nur noch die Milch des Kamels. Dieselbe große Bedeutung, die das Kamel unter den Tieren der Wüste hat, besitzt die Dattelpalme unter den Pflanzen derselben. Als Volksnahrung hat die Dattel denselben Wert, der bei uns der Kartoffel zukommt; und nach einem arabischen Sprich - wort versteht eine gute Hausfrau einen ganzen Monat hindurch täglich ein neues Dattelgericht herzustellen. Die Art der Araber zu essen, erinnert an die Gewohnheit der Türken. Sie haben keinen Tisch, sondern ein Tuch von Leder, das auf der Erde aus - gebreitet wird und an dem sie essen. Das Tuch ist am Rande mit Ringen besetzt, durch welche ein Strick geht, sodaß es wie ein Sack zusammengeschnürt werden kann, in dem die Überbleibsel der Mahlzeit aufbewahrt werden. Messer und Gabel kennt man nicht; der Beduine nimmt die Speisen mit den Fingern, die er vor und nach der Mahlzeit reinigt. Während des Essens zu trinken, ist nicht gebräuchlich. Das gewöhnliche Getränk ist Wasser; Wein ist den Beduinen durch die Satzungen des Koran verboten, doch bereitet man aus Rosinen, die mit Wasser übergossen werden und in einem Topf unter der Erde gären müssen, ein weinartiges Getränk. Sehr beliebt ist der Kaffee, und die Beduinen können ohne den - selben, wie ohne Tabak, dessen sich auch das weibliche Geschlecht ebenso wie das männliche bedient, nicht leben.

Die Wohnung des Beduinen ist das Zelt. Es ist aus groben Zeugen hergestellt, die die Weiber aus Ziegen - oder Kamelhaaren gewebt haben. Das Zelttuch ist über mehrere Stangen gespannt und nicht ganz 2 Meter hoch. Durch einen Vorhang ist der Innen - raum in zwei Teile abgesondert, von denen der eine für die männlichen, der andere für die weiblichen Glieder der Familie be - stimmt ist. Führen auch die Araber im allgemeinen und die Beduinen im besondern kein Haremsleben, so waltet die Absonde - rung der Geschlechter doch auch hier. Die Zelte bilden ein Lager von runder Gestalt, in seiner Mitte steht das Zelt des Emirs und neben diesem das Herbergszelt, in dem die Angelegenheiten mit— 32 — den Nachbarn, die entstehenden Klagen und Streitigkeiten ver - handelt und Fremde verpflegt werden. Das Lager wird während der Nacht von gut abgerichteten Hunden sorgfältig bewacht, die jede Annäherung eines Fremden verhindern.

Der Beduine lebt von Viehzucht und Raub; sein Reichtum besteht in seinen Herden. Mit besonderer Sorgfalt widmet er sich der Zucht des Pferdes, und die Liebe zu diesem Tiere ist mit der Natur des Arabers, zumal des Beduinen, unzertrennlich. Das arabische Pferd ist ausgezeichnet durch schönen Körperbau und berühmt durch Ausdauer und Schnelligkeit. Es ist der Liebling der Familie, und der Araber beobachtet es mit ängstlichem Fleiße, erlernt seine Sitten, seine Bedürfnisse, besingt es in seinen Liedern und findet in ihm den Stoff seiner angenehmsten Unterhaltung. Das Fohlen wird mit besonderer Sorgfalt erzogen und wie ein Glied der Familie gehalten; man behandelt es mit Liebe und Zärtlichkeit, schlägt es nie, mutet ihm vor allen Dingen keine Arbeit zu, die es nicht leisten kann. Der Araber verwendet das Pferd nicht zum Ziehen und strengt es nur im Notfalle an; die Leistungen eines gut gezogenen Tieres edler Rasse sind dann aber auch ganz außer - ordentliche. (Der Araber und sein Pferd von Helmuth von Moltke.) Man führt gewissenhaft Buch über die Abstammung jedes einzelnen Tieres, und die Geschlechtsregister mancher Pferdefamilien reichen Jahrhunderte zurück. Die Tiere werden einige Male des Tages getränkt, nur abends mit reiner Gerste gefüttert und stehen stets gesattelt und gezäumt vor dem Zelte. Sie sind an die Lanzen gebunden, die man in die Erde gesteckt hat. Bei schlechtem Wetter nimmt der Beduine sein Pferd mit unter das Zelt. Das edle Tier ist des Nomaden Lust und Freude; aber er könnte es entbehren, während er ohne das Kamel nicht zu existieren vermag, denn an das Leben dieses Tieres ist sein eigenes geknüpft. Das Kamel gibt ihm Milch, die er täglich genießt und aus der er Butter und Käse bereitet, Wolle, aus der Kleidungsstücke und Zelttücher gewebt werden, und liefert ihm in seinem Fleisch die Festtags - speise und in der Haut das Material zu Wasserschläuchen und Sandalen. Alles von diesem Tiere wird benutzt, selbst sein Mist, der nicht nur als Dünger Verwendung findet, sondern getrocknet auch als Brennstoff verbraucht wird, was in der dürren Wüste von großer Wichtigkeit ist. Das Kamel ist das Lasttier, das allein im Sande der Wüste fortkommt, und vertritt die Stelle des— 33 — Reitpferdes, dem es zwar an Schnelligkeit etwas nachsteht, das es aber an Ausdauer bei weitem übertrifft. Ein Lastkamel trägt ein Gewicht von 5 Zentnern und macht trotzdem bei Wüstenreisen täg - lich 10 Stunden im Schritt; ein gutes Reitkamel legt durchschnitt - lich 15 km in einer Stunde zurück. Dabei vermag das Tier lange Zeit zu dursten und sich auf mehrere Tage mit Wasser zu ver - sehen. Aber es muß ins Bereich der Fabel verwiesen werden, daß dieser Wasservorrat im Magen des Kamels schon manchen Reisenden vom Tode des Verschmachtens errettet hat. Nicht minder an - spruchslos ist es in Bezug auf Nahrung; es kann 24 Stunden fasten und begnügt sich wie der Esel mit dem spärlichsten Futter, mit Disteln und allerlei stachlichten Gewächsen, wie sie die Wüste hervorbringt. Alles im Bau des Kamels ist auf die Wüste be - rechnet. An der Brust hat es eine große Schwiele, vier kleinere an den Vorderfüßen und zwei an den Hinterfüßen; diese Schwielen dienen ihm zum Aufstemmen, wenn es sich niederlegt und wieder aufsteht. Wollte man das Tier stehend beladen, so müßte man eine kleine Leiter ansetzen, denn es wird 2, zuweilen auch 2 1 / 2 m hoch. Darum ist das Niederknien des Dromedars höchst notwendig. Der Araber bindet den jungen Tieren die Beine unter den Leib, beschwert denselben mit Gewichten und läßt sie 14 bis 20 Tage in dieser Lage. Nach dieser Zeit legen sie sich nie mehr anders nieder. Unter den Fußsohlen befindet sich ein mit dicker Haut überzogener Ballen Fleisch, der wie ein Kissen den beschwerlichen Gang im Sande erleichtert. "

Der Beduine lebt nicht lange an ein und demselben Orte. Findet er keine Weide mehr für sein Vieh, so werden die Zelte abgebrochen und mit den übrigen Habseligkeiten auf die Kamele geladen. Das geschieht innerhalb weniger Stunden und ist eine Arbeit der Weiber. Die Männer steigen währenddessen zu Pferde und bilden, wie immer auf Reisen, die Vorhut. Die liebste Be - schäftigung des Beduinen ist der Raub. Derselbe wird wie ehe - mals bei uns von den Raubrittern nicht als unehrenhaft oder gar schimpflich betrachtet, sondern als rechtmäßiger Erwerb für völlig erlaubt gehalten. Der Reisende, der sich willig ausplündern läßt, wird dabei sanft und menschlich behandelt und nur, wenn er Widerstand ausübt, getötet. Der Räuber steigt gar nicht vom Pferde; der Überfallene muß sich selbst entkleiden und alles her geben, was er hat. Das Wüstenleben begünstigt eine derartige— 34 — Lebensweise nur allzusehr, und die völlige Straflosigkeit bei schnell ausgeführtem Raub verleitet den Beduinen und andere Wüsten - bewohner geradewegs dazu. Dem einzelnen Verfolger ist der Räuber an und für sich meist überlegen, und vor Übermacht schützt ihn die Wüste, deren Pfade und Wasserplätze er am besten kennt, deren drohende Gefahren aber die verfolgenden Feinde zu - rückschrecken.

Ackerbau zu treiben, hat der Beduine keine Zeit. Er ist in beständiger Wanderung begriffen, um immer neue Weiden für sein Vieh aufzusuchen; dies und die Beaufsichtigung seiner Herden nimmt ihn vollständig in Anspruch. Deshalb kann bei ihm auch von in - dustrieller Tätigkeit nicht besonders die Rede sein; sie beschränkt sich auf die Herstellung des für das Leben Notwendigen und geht über die Grenzen des eigenen Bedarfs nicht hinaus. Auch die Jagd wird nicht in dem Umfange betrieben, als man nach der Ärmlichkeit der Lebensweise und dem Vorhandensein des jagdbaren Wildes an - nehmen zu müssen glaubt. Wohl veranstaltet mitunter ein ganzer Stamm Treibjagden auf Gazellen, wohl fängt der Beduine den räuberischen Leoparden in Fallen oder erlegt ihn mit dem Feuer - gewehr und mit Hilfe der Hunde, aber ein Jäger von Passion ist der Araber nicht, und in gewinnsüchtiger Absicht liegt er solcher Jagd nicht ob. In anschaulicher Weise wird die Lebensweise der Beduinen durch folgendes Gedicht charakterisiert:

In weiter Ebne hauset der Nomade,
Nichts unterbricht um ihn das tiefe Schweigen
Als der Kamele laut Gebrüll bei Tag,
Bei Nacht der Schakal und der Todesvogel.
Sein Haus ist ein Stück Zeug, wohl ausgespannt
Und mit Gebein befestigt in dem Sand.
Erkrankt er, ist Heilmittel ihm Bewegung;
Will er sich selbst bewirten und die Gäste,
Jagt er vorerst den Strauß und die Gazelle.
Die Gräser, die Gott wachsen läßt im Feld,
Sie dienen seinem Vieh zur kargen Weide.
Bei ihm im Zelte weilt sein treuer Hund,
Der es ihm anzeigt, wenn ein Dieb sich naht.
Er hat sein Weib, des ganzer Schmuck besteht,
Aus Münzen, die zum Halsband sind gereiht,
Gewürznäglein und Perlen der Koralle.
Er kennt nicht andren Wohlgeruch als Teer
Und bisamduftenden Gazellenkot.
Und doch ist glücklich dieser Muselmann,
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Er preist sein Schicksal, segnet seinen Schöpfer:
Die Sonne ist der Herd, der mich erwärmt,
Das Licht des Mondes nächtens meine Fackel.
Der Erde Gräser sind mein ganzer Reichtum;
Die Milch von dem Kamel ist meine Nahrung
Und Kleidung mir die Wolle meiner Schafe.
Ich schlafe, wo die Nacht mich überrascht;
Zusammenstürzen kann mir nicht das Haus,
Geborgen bin ich vor des Sultans Laune.
Der Kinder Launen haben die Sultane
Und Löwenklauen doch; mißtrauet ihnen!
Ich bin der Vogel, dessen Spur kaum sichtbar;
Er sorgt auf seinem Flug für Vorrat nicht,
Er säet nicht, drum erntet er auch nicht,
Gott spendet, was zum Leben er gebraucht.

Die Sitten der Beduinen gleichen im allgemeinen denen des muhamedanischen Orients, nur daß sie noch unverdorben und reiner sind. Der außerhalb des Lagers so raubsüchtige arabische Nomade ist innerhalb desselben edel und menschenfreundlich, im gesell - schaftlichen Umgange offen, herzlich und zuvorkommend. Zank - sucht ist ihm fremd, und wenn er auch feurig und leicht zu er - zürnen ist, so kann man ihn doch ebenso leicht wieder besänftigen. Ehrerbietung gegen Ältere und Vornehme, Artigkeit und Zuvor - kommenheit gegen Fremde sind unter den Arabern verbreitet, aber die Gastfreundschaft ist ihre größte und allgemeinste Tugend. Von dem Beduinen sagt man, daß er sich mit seinem Mahl an den Ein - gang seines Zeltes setzt und jeden Vorübergehenden dazu einladet. Einige Stämme üben sogar die Sitte, zur Zeit des Essens einen der Ihrigen auf den nächsten Hügel zu schicken, um mit lauter Stimme jedermann zu Gaste zu bitten. Die biblische Sitte, dem Gaste zu - nächst Wasser zum Waschen der Füße zu bringen, wird auch von den Beduinen geübt, und sie muß da, wo man barfuß oder nur mit Sandalen bekleidet zu reisen gewohnt ist, als besonders wohltätig bezeichnet werden. Der Beduine ist treu und hält selbst dem Feinde das gegebene Wort; und wenn schon keine Karawane vor ihm sicher ist, so läßt er doch dem kein Haar krümmen, der sich vor der Wanderung seinen Schutz erkauft hat. Mannes - ehre steht ihm höher als das Leben, und die Schande wäscht er nur mit Blut ab. Eine Beleidigung nicht zu rächen, gilt für entehrend, und die Verpflichtung zur Blutrache geht bis ins fünfte Geschlecht.

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Die Anspruchslosigkeit, die den einzelnen Beduinen kennzeichnet, finden wir auch bei den Fürsten. Sie leben heute noch nach der einfachen Sitte uralter Zeit, sie satteln und zäumen ihre Pferde selbst, holen eigenhändig ein Lamm von der Herde und schlachten es. Die Fürstin besorgt die Küche, bäckt Brot und kocht Kaffee, und ihre Töchter gehen zur Quelle, um in Krügen, die auf dem Kopfe getragen werden, Wasser zu holen.

Der Araber darf vier rechtmäßige Frauen haben und soviel Sklavinnen kaufen, als er ernähren kann; aber die meisten, selbst die der höheren Stände, begnügen sich mit einer Frau. Die Hoch - zeitsfeierlichkeiten sind einfacher Art, der Ehekontrakt wird vor dem Kadi (Richter) unterzeichnet. Darin wird zugleich festgesetzt, welche Brautsteuer der Bräutigam zu bezahlen und was er der Braut zu entrichten hat, falls er sie verstoßen sollte. Die von den Eltern erhaltene Aussteuer bleibt unantastbares Eigentum der Frau, und da dieselbe bei reichen Leuten mitunter sehr bedeutend ist, so ist nicht selten der Mann hinsichtlich des Vermögens von seiner Frau abhängig. Die Ehen sind im allgemeinen friedlich und Ehe - scheidungen äußerst selten. Diese zu beantragen steht auch der Frau zu, wenn sie von ihrem Manne gemißhandelt wird. Ehebruch wird am Weibe nicht vom eigenen Gatten, sondern von einem ihrer Verwandten und sogar mit dem Tode bestraft. Die Kinder sind in den ersten Jahren der Obhut der Mutter anvertraut; die weitere Erziehung der Knaben ist Sache des Vaters. Im allgemeinen zeichnen sich die Kinder durch Wohlerzogenheit und Gehorsam aus.

Der Beduine ist wie alle Morgenländer von Natur ernsthaft; großer Hang zu Lustigkeit ist ihm fremd. Wenn er schon ein Freund heiterer Geselligkeit ist, so ist ihm doch vieles Lachen zu - wider, und Musik und Tanz gelten ihm als anstößige Vergnügen. Dem Aberglauben sind die Beduinen wie alle Orientalen sehr er - geben. Gefürchtet ist besonders der böse Blick; auch Geister und Zauberei wittern sie überall, und der Glaube, sich durch Talismane und Amulette ein Übel fernhalten zu können, ist allgemein ver - breitet. Den Geistern der Heiligen und Ahnen bringt man Opfer, um ihre Gunst und Hilfe zu erlangen. Geopfert wird nur das Blut der Tiere, das Fleisch aber von den dabei Anwesenden verzehrt. Der Beduine besitzt einen scharfen Verstand, der sich in schla - genden Witzen und sinnreichen Sprüchen äußert. Die Dichtkunst steht bei ihm in hohem Ansehen, aber sie ist weniger Sache des— 37 — Gefühls als einer glühenden Phantasie. Die Neigung und Fähigkeit, Verse zu machen, ist Gemeingut der Beduinen; ihre Gesänge pflanzen sich von Mund zu Mund fort, und das Erzählen von Märchen und Geschichten bildet ihre liebste Unterhaltung. Lesen und Schreiben ist bei den Beduinen eine seltene Kunst; sie haben keineSchulen, und die Kinder wachsen ohne Unterricht auf. Das Lesen und die Lehren des Koran lernen sie allein vom Vater.

Die Religion der Beduinen ist der Islam, der in Arabien seine Wiege hat und sich über alle Weltteile ausbreitete. Und zwar sind die Beduinen Sunniten, da sie außer dem Koran noch die mündliche Überlieferung festhalten.

Vor dem Jahre 600nach Christusgab es in Arabienein buntes Gemisch von Religionen, so daß von einer gemeinschaftlichen und gesetzlichen Gottesverehrung in dieser Zeit nicht geredet werden kann. Viele Araber hatten zwar als Nachkommen Abrahams den Glauben an einen Gott lange unter sich erhalten, aber zu Muhameds Zeiten war derselbe fast ganz verloren gegangen; andere bekannten sich zum Christentum, das damals in unzählige Sekten zerfallen und von Aberglauben, Irrtümern und Mißbräuchen entstellt war; die meisten aber verehrten Sonne, Mond und Sterne, waren also Heiden, die dem üppigsten Naturdienst huldigten. Zur Anbetung der Sterne führte sie naturgemäß der stete Aufenthalt im Freien, wo die Karawanen, um der Tagesglut zu entgehen, während der Nacht reisen und die Hirten sie durchwachen. Die Sterne wurden als Beherrscher der Jahreszeiten und der menschlichen Schicksale an - gesehen, und Astronomie und Astrologie fanden hier eine besondere Pflegstätte. Große Verehrung zollte man den vom Himmel gefallenen Steinen, Meteoriten, aber keiner derselben genoß ein höheres An - sehen, als der zu Mekkain der Kaaba (das istGotteshaus) befindliche. Dieser Tempel, der Sage nach von Adam erbaut und von Abrahamnach der Sintflut wieder aufgerichtet, war seit den ältesten Zeiten das Ziel der frommen Wallfahrer.

In der Nähe von Mekkawurde Muhamedgeboren, der dem arabischen Stamme der Koreischiten angehörte, als Stifter einer neuen Religion auftrat und die arabischen Stämme zu einem Ganzen vereinigte und sie in der Folge zu einem historischen Volke machte. Durch höhere Offenbarung, wie er vorgab, aufgefordert, machte er es sich zur Aufgabe, die Religion der Patriarchen in ihrer ersten Reinheit wieder herzustellen. Er erkannte zwar auch Mosesund— 38 — Christum als Gesandte Gottes an, bezeichnete sich selbst aber als dessen höchsten Propheten. Seine Anhänger erhielten den Namen Moslemin,das istRechtsgläubige, woraus später die Bezeichnung Muselmänner wurde. Ihr Glaube, der Islam, gipfelt in dem Satz: Es ist nur ein Gott, und Muhamedist sein Prophet. Fasten und Wallfahrten (nach Mekkaund Medinazum Grabe des Propheten), tägliche Gebete, Werke der Barmherzigkeit, Reinheit des Körpers und Ergebung in Gottes Willen werden im Koran, dem Religions - buche der Muhamedaner, von allen Gläubigen gefordert, unreine Speisen und Wein dagegen verboten. Der Himmel wird als ein Ort irdischer Freuden und Genüsse dargestellt und im Zusammen - hange damit die Vielweiberei erlaubt.

Von Muhameds Flucht von Mekkanach Medinaim Jahre 622 zählen die Araber ihre Jahre. Sie verbreiteten nach Muhameds Tode seine Lehre durch Feuer und Schwert über einen großen Teil Asiens, Afrikas und Europas. Den letztgenannten Erdteil betraten sie das erste Mal von Nordafrikaaus in Spanien. Hier wie über - all, wohin sie kamen, wurden sie die Träger einer neuen Kultur. In den großen Städten der von ihnen unterworfenen Länder, so in Cordova, Kairo, Bagdad, blühten Kunst und Wissenschaft und wurden durch das immer wandernde Volk weithin verbreitet. Die Araber wurden zu gleicher Zeit die Vermittler des Handels zwischen Orientund Okzidentund die Verbreiter nützlicher Kenntnisse; sie haben uns ihre Schriftzeichen mitgeteilt und den Gebrauch der Ziffern aus Indienzu uns gebracht. Jetzt ist ihre Herrschaft wieder auf ihr altes Vaterland und Teile von Nordafrikabeschränkt; nur die Lehre ihres Propheten hat sich in den meisten ihrer vormaligen Besitzungen erhalten, sodaß heute noch die Zahl der Moslemin in den außereuropäischen Erdteilen größer ist als die der Christen.

Der Beduine.
Ich leb 'im heißen Sonnenbrand,
Die Wüste ist mein Vaterland,
Die Heimat, wo mein Zelt erbaut,
Und wo ein grüner Weid'platz schaut.
Und wo ein dürftig Quellchen rinnt,
Ein Dattelbaum sein Mark gewinnt,
Wo müde das Kamel sich streckt,
Dort wird mein Lager ausgesteckt.
— 39 —
Ich hab ein Roß, das wie ein Pfeil
Vom Bogen fliegt mit Windeseil;
Es geht zur Weide zügelfrei
Und kommt auf meinen Ruf herbei.
Und auf der Haut vom Panther wild
Hängt Bogen, Köcher, Schwert und Schild,
Und hinter meines Zeltes Tor
Mein sicher treffend Feuerrohr.
Mein 'Habe hält kein Zaun umfaßt,
Ich bin mein Wirt und eigner Gast;
Mein nächster Nachbar neben mir
Wohnt hundert Meilen wohl von hier.
Ich bin von Welt und Menschen fern,
Hab 'keinen König, keinen Herrn;
Bin Fürst, wohin mein Wurfspieß reicht,
Bin Fürst, wohin mein Bolzen fleugt.
Frei, wie der Wind der Wüste weht,
Frei, wie die Antilope geht,
Zieh ich auf dem durchglühten Sand,
So weit die Eb'ne ausgespannt.
JosephFreiherrvonZedlitz.

Patagonier.

Die Eingeborenen Patagoniens werden auch Tehueltsche ge - nannt. (Die Silbe tsche bedeutet soviel wie Leute, und Tehueltsche heißt Südleute.) Ihr Gebiet ist der südlichste Teil von Südamerikamit Ausschluß des Feuerlandes, vom Rio Negrobis zurMagellanstraße. Den Namen Patagonier haben sie von den spanischen Entdeckern erhalten. Sie gehören der indianischen Rasse an, die als die Ureinwohner Amerikasüber das ganze Festland und die Inseln dieses Erdteils mit Ausnahme der von den Eskimos be - wohnten nördlichen Gebiete verbreitet ist.

Die Patagonier sind hochgewachsene, kräftige Gestalten mit breiten Schultern und robustem Körper. Man hat freilich ihre Größe lange Zeit überschätzt und sie als die größten lebenden Menschen betrachtet, doch werden sie nicht selten 1,80, ja bis 1,90Metergroß. Der Kopf ist dick, die Augen sind wie bei allen Indianern klein, meist horizontal liegend, Nase, Mund und Lippen dagegen groß. Die Form des Schädels ist nicht natürlich, denn bei den Patagoniern herrscht die Sitte, den Kopf des Kindes zwischen Brettern zu pressen und zwar derart, daß die Stirn zu - rückgedrückt, die entschiedene Kurzköpfigkeit noch erhöht wird. Man tut es in der Meinung, auf diese Weise Erschütterung beim Reiten zu verhüten. Der Haarwuchs ist stark, das Haar selbst wie bei fast allen Indianern grob, straff und glänzend-schwarz. Es wird nur auf dem Kopfe geduldet, während man Bart, Brauen, Wimpern und Körperhaare entfernt. Die Hautfarbe ist gegenüber den helleren Waldindianern der weiter nordwärts gelegenen Gebiete dunkel, fast kupferbraun, wahrscheinlich infolge des dauernden Aufenthaltes im offenen Steppenlande; doch ist sie selten natürlich, weil die Patagonier die Angewohnheit haben, das Gesicht mit einer Lösung von Tonerde zu bemalen, um die Haut gegen die rauhe Luft ihrer unwirtlichen Heimat zu schützen. Die Frauen stehen— 41 — den Männern an Größe wenig nach. Alle besitzen eine gewaltige Muskelkraft und eine Marschierfähigkeit, die Staunen erregt. Die Männer sind imstande, die Straußenbola (Wurfkugeln an Leder - riemen), eine charakteristische Waffe der Patagonier, 40 bis 50Meterweit zu schleudern. Diese Körpergröße und Körperkraft findet sich nicht selten bei Völkern mit gleicher Lebensweise und zeichnet den Nomaden gegenüber dem Ackerbauer aus.

Die Männer tragen einen Lendenschurz, der die Hüften und teilweise die Beine verdeckt, die Frauen ein sackartiges Gewand ohne Ärmel, das bis an die Knöchel reicht; es ist eine Art Hemd aus gewebten Stoffen, Baumwolle oder Leinen, die die Tehueltsche gegen Felle an den Küstenplätzen ihres von den Europäern wenig besuchten Landes eintauschen. Außerdem haben alle, Männer wie Frauen, einen warmen, weichen Mantel aus den Fellen junger Guanakos, der mit der haarigen Seite nach innen getragen wird, außen aber mit rotem Ocker gefärbt und mit allerlei Figuren in verschiedenen Farben, schwarz, weiß und blau, bemalt ist. Der Tehueltsche auf unserm Bilde, der sich ohne Zweifel an der Jagd beteiligen will, die sich unweit des Zeltlagers entwickelt hat, ist ohne diesen Mantel dargestellt. Die Männer benutzen hohe lederne Stiefel, die sehr einfach aus dem Hautstück an der Kniekehle des Pferdes oder aus dem Fell eines großen Pumafußes zugeschnitten werden. Von diesen Stiefeln rührt die Bezeichnung Patagonier her. Patagon heißt Großpfote, und groß sind allerdings die Fußtapfen, die diese Stiefel hinterlassen. Das volle Haar wird mit einem farbigen Netz oder mit einer gewebten wollenen Binde zusammen - gehalten. Während früher Tonsuren üblich waren, achten die Männer jetzt sehr auf ihr schönes Haupthaar, das sie sich gern von den Weibern mit einer Bürste aus den Haaren des Ameisen - bären ausbürsten lassen. Die Frauen tragen das Haar in einem umwickelten Zopf und benutzen als Schmuck Glasperlen, silberne Ohrringe und Nadeln. Letztere sind sehr groß und haben einen scheibenförmigen Kopf von über 10ZentimeterDurchmesser; sie dienen dazu, den Rock auf der Brust zusammenzustecken, wie wir das an der einen der vor dem Zelt sitzenden Frauen bemerken. An der - selben Frau nehmen wir auch den am meisten beliebten Schmuck wahr, der aus großen und breiten Ohrgehängen in Form von dünnen, mattweißen Silberplatten besteht. Neben den beiden Frauen sehen wir auf unserm Bilde ein eigentümlich gebettetes kleines Kind.

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Es ruht zwischen zwei Brettern oder Latten, die an den Seiten durchlöchert sind. Kreuzweis geführte Bänder schließen das Kind ein und halten es fest. In diesem Lattengestell trägt die Mutter auch das Kind auf dem Rücken und zwar an einem Bande, das sie sich um die Stirn legt. Der Silberschmuck, der ziemlich reich ist, wird von den Patagoniern heut meist aus Silberdollars durch Hämmerung hergestellt und erinnert in seiner Form sehr an die altperuanischen Schmuckstücke. Beide Geschlechter tätowieren sich wohl noch Zeichen, aber dann nur am Oberarm, indem sie Asche

Patagonier.

oder blaue Erde in die aufgeritzte Haut reiben. Früher war die Tätowierung reichlicher und am reichsten bei den angesehensten Tehueltschen; an ihre Stelle tritt jetzt mehr die Bemalung mit Ocker, schwarzer Erde und Fett.

Als Europäer zum erstenmal die Gestade Patagoniensbetraten, waren die Eingeborenen noch mit Pfeil und Bogen bewaffnet und jagten die Guanakos zu Fuß. Wenige Jahrzehnte später waren sie beritten und benutzten statt der ursprünglichen Waffen Lanze, Bolas und Wurfschlinge. Die Bolas, die gefährlichste und zugleich charakteristische Waffe der Patagonier, sind drei schwere Kugeln— 43 — aus Blei, Eisen oder Erz, mitunter auch aus hartem Lehm oder runden Kieseln, die jede für sich in Tierhaut eingenäht sind. Sie werden an derbe Riemen von 1 m Länge befestigt und mit - einander verbunden, indem man die Enden der Riemen zusammen - knüpft. Die eine Kugel, die meist eiförmig, kleiner und aus leichterem Stein ist, nimmt der Patagonier in die Hand und schwingt die beiden andern horizontal um den Kopf herum. Wenn er den Kugeln die nötige Kraft gegeben und das verfolgte Tier bis auf ungefähr 20 Schritt erreicht hat, läßt er sie los; sie fliegen so, daß beim Anprall des Riemens auf das flüchtige Wild die Schlag - kugeln sich um Hals oder Beine herumschwingen und das Tier erwürgen oder zu Boden reißen und unfähig machen, die Flucht fortzusetzen. Die alten Bolas, die bei manchen heute noch in Gebrauch sind, waren zwei Steinkugeln mit Rinne zur Befestigung des Riemens oder der aus Guanako - oder Straußensehnen gefloch - tenen Schnur, die neueren sind Metallkugeln ohne Rinne und in Leder genäht. Die dreikugelige Bola wird bei der Jagd auf Guanakos, die zweikugelige bei der Straußenjagd angewendet. Die Handhabung der Bolas erfordert große Geschicklichkeit und lange Übung, und ein Neuling verwundet sich oder sein Tier nicht selten lebensgefährlich. Eine Kugel aus demselben Stoff ist eine gefährliche Schußwaffe in der Hand des Patagoniers und wird an kurzem Riemen im Handgemenge auch zum Schlagen, also ähnlich wie ein Streithammer, gebraucht. Größere Tiere, wie Pferde und Rinder, werden mit dem Lasso gejagt. Diese auch bei den nord - amerikanischen Indianerstämmen und vor allem bei den Gauchos bekannte Waffe ist eine lange Schnur aus zusammengeflochtenen, dünnen Lederriemen mit einem Ring am Ende, mit dessen Hilfe eine Schlinge gebildet werden kann. Der Lasso ist 10 m lang und am Sattel befestigt, wird mit sicherem Blick geworfen und reißt, indem die Schlinge sich zuzieht, das verfolgte Wild oder den Feind zu Boden, weil das gut dressierte Pferd sofort stehen bleibt oder sich wendet, wenn der Wurf geschehen ist. Die hölzernen mit Eisenspitzen versehenen Lanzen der Patagonier sind bedeutend länger und schwerer als die leichten Bambusrohrlanzen der benach - barten Indianerstämme.

Guanako und Strauß sind im Haushalte der Patagonier die wichtigsten Tiere, denn ihr Fleisch bildet das Hauptnahrungsmittel dieser Nomaden. Auf unserm Bilde sehen wir im Vordergründe— 44 — die genannten Tiere als Jagdbeute und zwei Frauen, die damit beschäftigt sind, sie für das Mahl herzurichten. Der Guanako, zur Ordnung der Wiederkäuer gehörend, ist nächst dem ihm ähnlichen Lama das größte und wichtigste Landsäugetier Südamerikas; er gleicht in der Größe dem Edelhirsch und bildet, was seine Gestalt betrifft, ein Mittelding zwischen Kamel und Schaf. Er lebt im Gebirge, ist aber auch auf den Ebenen des südlichen Patagoniensnicht selten. Die Jagd auf Guanakos wird von den Südamerikanern leidenschaftlich betrieben, weil sie des schätzbaren Fleisches und Felles der Tiere wegen einen hübschen Gewinn abwirft.

Der südamerikanische Strauß ist unter dem Namen Pampa - strauß oder Nandu bekannt. Sein Körperbau stimmt im wesent - lichen mit dem des afrikanischen Verwandten überein; aber er ist etwas kleiner als dieser, und seine Flügel sind mehr entwickelt und die Füße dreizehig. Die Federn sind je nach den Körperteilen schwarz, bräunlich-aschgrau und schmutzigweiß. Das Fleisch des Nandu ist grob wie Pferdefleisch, wird aber von den Indianern gegessen, während Europäer nur junges Wildpret, das sehr schmack - haft sein soll, genießen. Die Steppenbewohner schätzen die Eier sehr hoch, sammeln davon, soviel sie erlangen können, und kochen die Dotter, nachdem sie das Weiße abgegossen haben, mit Pfeffer und Salz in der eigenen Schale. Indianer und Gauchos verfolgen den Strauß zu Pferde und erlegen ihn mit Wurfkugeln, oder sie hetzen ihn mit Hunden. Und wenn sie es nicht des Fleisches wegen tun, so tun sie es aus Lust an der Jagd und um ihre Ge - schicklichkeit im Gebrauch der Bolas zu zeigen und zu erproben.

Fleisch ist die Hauptnahrung der Patagonier, und daran fehlt es ihnen selten; denn was die Jagd nicht gewährt, das liefert ihnen der Ertrag der Viehzucht oder wird durch Diebstahl und Raub erlangt. Als Haustiere halten die Tehueltschen Hund und Pferd, die beide zur Jagd gebraucht werden. Fleisch von jungen Stuten genießen sie mit Vorliebe, aber sie schlachten Pferde gewöhnlich nur dann, wenn diese untauglich geworden sind. Das Fleisch der Hunde essen sie nicht, dafür aber außer Guanako - und Straußen - fleisch auch solches von Gürteltieren. Pflanzenkost tritt dagegen sehr zurück, wird auch nicht in eigenen Kulturen gewonnen, sondern von den Weibern und Kindern in Wald und Feld zusammengesucht, so Araukariensamen zum Essen, Distelmark zum Durstlöschen und Berberitzenbeeren zur Bereitung eines berauschenden Getränkes.

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Die Patagonier essen nie regelmäßig, sondern nur, wenn der Appetit sie mahnt; wenn sie dann viel haben, verzehren sie auch viel. Seit sie mit Europäern Bekanntschaft gemacht haben, genießen sie auch Fische und Muscheln, neuerdings auch europäisches Getreide und vor allem Branntwein. Vom Fischfang selbst verstehen sie nichts, und Kähne werden von ihnen nirgends benutzt. Die Pata - gonier kennen auch den Tabak; sie rauchen sogar leidenschaftlich und zwar aus kurzen Pfeifen mit dickem, hölzernem Kopf und metallenem Rohr.

Die Lebensweise der Patagonier schließt den Bau fester Wohnungen aus. Sie sind hordenweise über die weiten Ebenen ihres Heimatlandes zerstreut, ziehen nomadisierend umher und wandern schnell. Sie kommen bis an die südliche Meerengeund sind wenige Monate darauf schon wieder an den Ufern des Rio Negro, der 220 geographische Meilen von der Südgrenze ihres Landes entfernt ist. Eine Horde zählt nicht viel über 30 bis 40 Familien, von denen jede ihr eigenes Zelt hat. Dasselbe wird aus drei Reihen verschieden hoher Stangen, die mit Querstäben verbunden sind, her - gestellt und auf der Rückwand mit einer aus 40 bis 50 Guanako - fellen zusammengenähten Decke überzogen. Ein solches Zelt, Toldo genannt, ist auf drei Seiten geschlossen, an der vorderen, gewöhn - lich nach Osten gekehrten Seite, offen und im Innern durch Häute in einzelne Schlafplätze abgeteilt. Polster aus wollenen Decken, mit Guanakowolle ausgestopft und mit Sehnen vom Strauß oder Guanako zusammengenäht, bilden die Lagerstatt. Mehrere Zelte sind meist zu einem Zeltlager vereinigt, und große Zelte, sogenannte Tolderinos, dienen dazu, die Pferde aufzunehmen.

Die technischen Fertigkeiten der Patagonier beschränken sich auf Herstellung von Wohnung, Kleidung und Schmuckgegenständen, sowie der wenigen Hausgeräte, die sie bei ihrer wandernden Lebens - weise bedürfen. Die erforderlichen Arbeiten werden fast ausnahms - los von Frauen besorgt. Diese säubern mit einfachen Messern, deren Klinge in einem zusammengebogenen Aststück steckt, die Felle der erlegten Guanakos und gerben diese mit Fett und Leber; sie nähen Mäntel aus den zugerichteten Fellen und Decken für die Toldos, fertigen Kopfbinden, Schärpen, Stiefel und Polster und stellen Schmuckgegenstände her, indem sie geschickt Dollarstücke mit einfachen, früher nur steinernen Werkzeugen bearbeiten.

Eine feste Regierungsform fehlt den patagonischen Reiterstämmen— 46 — ganz. Jede Horde hat zwar einen erfahrenen Mann als Anführer, der die gemeinsamen Jagdzüge leitet und die Marschordnung be - stimmt, aber sein Einfluß ist damit auch schon erschöpft, und die Würde eines Häuptlings oder Fürsten geht ihm ab. Wenn zwei Stämme auf ihrer Wanderung sich begegnen, so werden Empfangs - feierlichkeiten veranstaltet, die man durch Entsendung von Herolden einleitet und bei denen Pferderennen, Würfel - und Kartenspiele, vor allem aber endlose Gelage die Hauptrolle spielen. Innerhalb der Horde geben Geburt, Eheschließung und Tod Veranlassung zu Feierlichkeiten mancherlei Art. Der Patagonier nimmt meist nur eine Frau. Die Toten werden sitzend, mit dem Gesicht nach Osten gewandt und in Mäntel gehüllt, begraben; ein über der Gruft er - richteter Steinhaufen bildet das Grabmal. Bei den erwähnten festlichen Gelegenheiten wird meist ein besonderes Zelt hergerichtet, in dem ein Tanz der mit weißer Farbe bemalten und mit Strauß - federn geschmückten Männer aufgeführt wird, der die Hauptnummer der Festordnung bildet; daneben finden auch die üblichen Pferde - opfer statt, die zur Abwehr böser Geister dienen sollen. Gestört wird das friedliche Leben des Stammes nicht selten durch Familien - zwistigkeiten, die mitunter einen blutigen Ausgang nehmen, denn die Blutrache spielt bei den Patagoniern wie bei so vielen anderen Naturvölkern eine große Rolle.

Der Charakter der Tehueltschen wird von Reisenden gerühmt, die sie als ehrlich, rücksichtsvoll und gastfreundlich schildern, ohne zu verhehlen, daß man von ihnen auch, wenn sie berauscht sind, alles zu gewärtigen habe.

Die Religion dieser Nomaden ist ein reiner Dämonenglaube. Sie kennen zwar auch einen guten Gott, den großen Geist, der als der Schöpfer aller Dinge betrachtet wird, und der Glaube an ihn kommt in verschiedener Form bei allen Indianern vor, aber er beherrscht ihr religiöses Denken nicht. Dagegen sind es die bösen Geister, die Dämonen, von denen der Patagonier sich umgeben wähnt, an die er sich mit Beschwörungen wendet, weil er sie fürchtet, und die er durch Opfer zu versöhnen trachtet. Daß er darnach an Träume und Ahnungen glaubt, in allen Dingen, Erlebnissen und Begegnungen gute und böse Vorbedeutungen sieht, Krankheiten auf die Einwirkung böser Geister zurückführt und die Hilfe des Zauber - arztes, der bei ihm in hohem Ansehen steht, fleißig in Anspruch nimmt, ist leicht erklärlich. Bei den Patagoniern ist eine religiöse— 47 — Sage verbreitet, nach der die belebten Geschöpfe ans Höhlen, den Wohnorten der guten Geister, hervorgegangen seien, eine Sage, die auch bei den Mexikanern und den Antillenbewohnern vorkommt. Es ist das eins unter vielen Beispielen, das die Geistesverwandt - schaft zwischen den Bewohnern der beiden amerikanischen Fest - landshälften dartut. Vorstellungen von einem zukünftigen Leben, das als eine unmittelbare Fortsetzung des jetzigen gedacht wird, finden sich überall; und wie es anderswo der Wunsch jedes tapferen Indianers ist, in den Jagdgründen des großen Geistes ein Leben fortzusetzen, das allein eines freien Mannes würdig ist, so hofft der Patagonier, in die Höhle, aus der einst auch seine Vorfahren hervorgegangen sind, zurückzukehren und bei dem guten Gott seines Stammes zu wohnen.

Sioux.

Die Sioux sind ein Stamm der nordamerikanischen Prärie - indianer. Als Indianer bezeichnet man die Ureinwohner Amerikas mit Ausnahme der jenseits des nördlichen Polarkreiseswohnenden Eskimos. Sie bilden eine eigene Menschenrasse, die amerikanische, nach ihrer Farbe fälschlich die rote genannt, und zeichnen sich durch straffes, dunkles Haupthaar, dünnen Bart, vorstehende Backen - knochen und große, schmale, meist gebogene Nase aus. Die dunklen Augen sind in der Regel von europäischer Form und haben nur bei einzelnen Stämmen eine schiefe Lidspalte. Rothäute hat man die Indianer wegen ihrer Körperbemalung genannt; aber ihre Haut ist nicht rot, sondern wechselt vom hellen bis zum dunkelsten Braun; am dunkelsten sind die in Südamerikalebenden Völker - stämme.

Infolge der beschränkten Anzahl von Nutzpflanzen und Nutz - tieren und der ungünstigen Lage des Landes ist der Amerikaner in der Kulturentwicklung gegen andere Menschenrassen zurück - geblieben, zum mindesten gegen Europäer und Mongolen. Im all - gemeinen stehen die Indianer Nordamerikas auf einer höheren Stufe der Gesittung als diejenigen Südamerikas. Dort finden wir den Zusammenschluß zu größeren Völkerschaften und eine Gleichförmig - keit, die das Entwerfen eines Gesamtbildes erleichtert, hier neben der Zersplitterung in viele kleine Horden bei aller Übereinstimmung in den Rassenmerkmalen doch die größte körperliche und geistige Verschiedenheit.

Nach Sprache und Kulturgemeinschaft kann man eine Anzahl natürlicher Gruppen unterscheiden; aber die Völker, die eine Kultur - gemeinschaft bilden, gehören oft ganz verschiedenen Sprachfamilien an, und Stämme wiederum, die zu einer und derselben Sprachfamilie gehören, stehen oft auf ganz verschiedenen kulturellen Stufen. Das— 49 — führt zu dem Schluß, daß unter den Völkern ausgedehnte Wande - rungen in vorkolumbischer Zeit stattgefunden haben.

Eine ausgedehnte und ziemlich einheitliche Kulturgemeinschaft bilden die Präriestämme Nordamerikas, zu denen die Sioux gehören. Sie stellen den Hauptanteil dieser Kulturgemeinschaft, sind über - haupt der Zahl nach einer der wichtigsten Indianerstämme. Sie heißen auch Dakota und zerfallen wieder in mehrere einzelne Stämme. (Die sieben Ratsfeuer.) Der Name Sioux stammt von französischen Kaufleuten des 17. Jahrhunderts her und ist eine Abkürzung des Namens Nadowessier oder Nadowessioux. Die Haupt - masse der Sioux bewohnte in historischer Zeit die Prärien im Westen des Mississippivon seinem Unterlaufe bis nach Manitoba. Aber ihr früheres Gebiet besitzen sie schon lange nicht mehr; das Vordringen der Europäer, die von ihnen selbst betriebene schonungslose Aus - rottung des Büffels, blutige Aufstände und die Einschleppung an - steckender Krankheiten, namentlich der Pocken, haben ihre Zahl stark vermindert und sie zur Abtretung des größten Teils ihres Landes gezwungen, so daß sie heute auf eine kleine Anzahl Gebiete ihrer ursprünglichen Heimat beschränkt sind.

Die wirtschaftliche Grundlage der Sioux war die Jagd, in erster Linie auf den Büffel, weiter nordwärts auf Biber, Hirsch und Bär. Den Büffel zu züchten verstanden sie nicht und lernten sie auch nicht, und so waren sie genötigt, seinen Herden zu folgen. Infolgedessen kam bei ihnen der eigentliche Jägernomadismus zur Entwicklung und der allen Jägernomaden eigene Hang zur Räuberei, der sich in fortwährenden Einfällen in die kultivierten Grenzgebiete äußerte. Das Auftreten der Europäer, das überall bei den Ein - geborenen Amerikas umgestaltend wirkte und auch auf die Lebens - weise der Sioux nicht ohne Einfluß blieb, war hier, wie erklärlich, nicht von so einschneidender Wirkung wie bei vielen anderen Völkerschaften. Während manche bisher seßhaften Stämme mit der Einführung des Pferdes erst zum Jägernomadismus übergingen, blieben die Sioux bei ihrer bisherigen Lebensweise, nur daß sie mit dem Pferde eine größere Beweglichkeit erlangten und die Büffeljagd nun beritten ausübten und zwar, wie schon erwähnt, in schonungsloser Weise. Sonst hatten sie sich wohl in Verkleidung an das Wild herangeschlichen und ein einzelnes Tier erlegt, jetzt ritten sie in die Herde hinein, töteten im blinden Eifer der Jagd, soviel sie erlangen konnten, und überließen das Fleisch, das sie— 50 —nur zum kleinsten Teil benutzen konnten, den Wölfen und Geiern zur Beute. Das geschah vornehmlich im Sommer; im Winter da - gegen bedienten sie sich der Rahmenschneeschuhe, die sich von Norden zu ihnen verbreitet hatten. Die Jagd übten sie mit Bogen und Pfeil aus, und auch nach dem Auftreten der Europäer behielten sie lange Zeit noch diese Waffen bei. Spät erst, Anfang des vorigen Jahrhunderts, lernten sie die Büchse kennen und erlangten in der Handhabung derselben bald eine bedeutende Fertigkeit.

Sioux.

Ihrer nomadisierenden Lebensweise entsprach die Behausung, das komische Fellzelt. Es diente Sommer und Winter als Wohnung und bestand aus einem Stangengerüst und dem Überzug. Der letztere setzte sich aus einer Anzahl gegerbter Büffelfelle zusammen, die man aneinander genäht und vorn bis auf einen niedrigen, dreieckigen Türausschnitt zusammengesteckt hatte. Der untere Rand war in die Erde gepflöckt, die oberen Zipfel legte man nach der gerade herrschenden Windrichtung so übereinander, daß der Wind den Überzug an die Stangen drückte. Bei der Bestimmung der Lage ihrer Siedlung war den Sioux Schutzbedürfnis das erste Motiv und die Nähe des Wassers das zweite. Sie waren und mit ihnen— 51 — alle übrigen Wald - und Steppenindianer auch vor der europäi - schen Zeit im Verhältnis zur Größe des von ihnen beherrschten Gebietes dünn verteilt; Siedlungen, die man als Städte hätte be - zeichnen können, hatten sie nie, allenfalls kleine Dörfer. So leicht das Zelt aufzurichten war, so leicht konnte es auch wieder abge - brochen werden, wenn man den Lagerplatz zu wechseln genötigt war. Das Weiterschaffen besorgten Hunde und Pferde, die je zwei Zeltstangen an einem über den Rücken gelegten Gurt nachschleiften. Wurden zwei solche Zeltstangen verbunden, so ergab sich gleich, wie unser Bild das sehr hübsch und deutlich zeigt, eine Trage fürs Gepäck und wohl auch noch ein Sitz für Kinder. Mußte man auf dem Zuge einen Fluß überschreiten, so benutzte man runde Kähne, die aus einem biegsamen mit Büffelhaut überspannten Gestell be - standen und einem ausgespannten Regenschirm ähnlich sahen. Mit solchen Booten setzten die Sioux wohl auch über den Missouri, aber etwas Besonderes im Schiffbau leisteten sie nicht.

Die innere Einrichtung der Zelte war einfach, ihre Lagerstatt eine Streu, wohl auch ein Lattengestell mit Fellen bedeckt, der Hausrat dürftig und bestand aus Töpfen von verschiedener Größe und Form, rohen Bänken, einigen Tellern und Schüsseln von Holz, geflochtenen Körben und Matten und Beuteln aus Leder und Fell. Von Weberei, Flechtkunst und Töpferei verstanden sie wenig, desto mehr von der Lederbearbeitung. Aus Leder, Büffelhorn und Holz oder Rinde waren ihre meisten Gefäße, und darin kochten sie so - gar und zwar durch Hineinlegen heißer Steine. In hölzernen und ledernen Mörsern zerstampften sie auch gedörrtes Bisonfleisch, das in dieser Form längere Zeit aufbewahrt werden konnte und ge - nießbar war. Das Herbeischaffen und Zerlegen der erlegten Jagd - beute, die Bearbeitung der Häute, das Räuchern der Fische und Nähen der Kleider war Sache der Frauen, während die Männer die Wohnungen bauten, auf die Jagd gingen und Waffen, Kähne und Pfeifen anfertigten. In der Zurichtung der Felle und Be - arbeitung des Leders leisteten sie Hervorragendes. Sie verstanden Felle geschmeidig zu machen, ohne sie zu enthaaren, und verfuhren dabei in folgender Weise. Die Häute wurden zunächst im Schatten aufgespannt, mit einer Mischung von frischem Büffelharn und Ton eingerieben und mehrere Tage feucht erhalten. Als Gerbstoff ver - wendeten sie Tiergehirn, Leber und Moos; sie machten die Felle wohl auch durch Hin - und Herziehen über ein Stück Holz ge -4*— 52 —schmeidig und hängten sie dann im Rauch auf. Das Räuchern ist eine echt indianische Erfindung.

Das Leder war weich wie Tuch und wurde zur Herstellung der Kleidung verwendet, die mit Rücksicht auf das Klima ziemlich vollständig sein mußte. Ein wichtiges Stück war der große Mantel aus Bisonfell, der auf der Innenseite reich bemalt war mit Bildern, die die Heldentaten seines Trägers darstellen sollten. Er wurde nach dem Auftreten der Europäer durch die wollene Decke ver - drängt, an deren Stelle schließlich Jacke und Hosen, die Kleidung der Zivilisation, traten. Eine Art Beinkleid trugen die Sioux schon früher, eigentlich Beinfutterale, sogenannte Leggings, aus weichem Leder, die am Gürtel befestigt wurden. Der Oberkörper war früher unbedeckt oder durch ein ledernes Ärmelwams geschützt; hackenlose Schuhe aus frisch gegerbtem, an den Füßen getrocknetem Wildleder, die Mokassins genannt wurden, vervollständigten den Anzug. Auch die Frauen trugen Beinkleider und ein Ärmelwams, das etwas länger war als das der Männer, später ein häßliches blaues Hemd, das bis an die Knie reichte und mit gelben und roten Mustern gesäumt war. Als Schmuckmaterial waren Haarbüschel und Federn, im besonderen des Adlers, Truthahns, Raben und der Eule beliebt, und an den Federn selbst, die nicht beliebig gewählt wurden, unter - schieden sich die Jäger - und Kriegerbanden. Ein bevorzugtes Schmuckmaterial waren früher die Stachelschweinborsten. Sie wurden fein zerspalten, gefärbt und in zierlichen Mustern aufge - näht. Man fand Streifen dieser Stickerei als Saum bei Hosen - und Jackennähten, auf der Oberfläche der Mokassins und als Ver - zierung bei Geräten und Waffen. Meist richtete sich der Schmuck nach Rang und Ansehen des Jägers. Männer, die sich im Kriege oder auf der Jagd ausgezeichnet hatten, trugen einen panzerartigen Brustschmuck aus Hirsch - oder Vogelknochen; der höchste Schmuck, der den Häuptling zierte, war die große Lederhaube, deren Federn bis zum Erdboden reichten. Mit dem Auftreten der Europäer kamen Glasperlen in Gebrauch; aber die alten Muster wurden gewöhnlich beibehalten und diejenigen der Stachelschweinborsten - stickerei nun mit Glasperlen nachgeahmt. Auch Silbermünzen, die man im Verkehr mit Europäern erhielt, wurden als Schmuckstücke verwendet. Bemalung des Körpers, besonders des Gesichts, diente den verschiedensten Gemütsstimmungen zum Ausdruck und war beim Tanz, namentlich dem Kriegstanz, ganz allgemein. Zum Be -— 53 — malen des Gesichts wurden roter und gelber Ocker, weiße Infusorien - erde oder Kreide, Ruß und Graphit verwendet. Beim Kriegstanz reichte die Bemalung von den Augen bis zum Kinn; auch Frauen und Mädchen übten diesen Brauch, letztere besonders dann, wenn sie verlobt waren. Die Haare wurden bei beiden Geschlechtern lang getragen, gescheitelt und mit verzierten Bändern zu Zöpfen geflochten und mit Federn geschmückt. Die gleichen Federn dienten neben Haarbüscheln als Zierat an Jacke und Hosen, an den Lanzen, den Zügeln der Pferde, kurz überall, wo sie sich an - bringen ließen.

Mit dem Auftreten der Europäer änderten sich nicht bloß Kleidung und Schmuck, sondern vor allem die Waffen der Sioux. War das Material früher neben dem Holz der Stein, so trat nun das Eisen an seine Stelle. Pfeil und Bogen wurden, wie unser Bild zeigt, anfangs wohl noch neben der Flinte gebraucht, aber schließlich durch diese ganz verdrängt. Die Bogen waren zusammen - gesetzte Hornbogen; die kurzen Pfeile hatten hochhinaufgehende Befiederung und waren aus Holz. Daneben hatten die Sioux Lanze, Streitkolben, Lasso und Skalpiermesser. Die eigenartige Waffe dieses Stammes wie aller Prärieindianer war jedenfalls der Streit - kolben, Tomahawk; der Name wurde später auf die eingeführten europäischen Eisenäxte übertragen. Ursprünglich war es ein spitzen - förmiger, mit federndem Griff versehener Doppelhammer aus Stein, der zum Schlagen und Werfen gebraucht wurde und im Hand - gemenge eine fürchterliche Waffe war. Am Gürtel hing der Lasso, den die Sioux ebenso geschickt handhabten wie die Patagonier (siehe dort). Das Skalpieren des getöteten, oft nur verwundeten Feindes war allgemeine Kriegssitte; die kurzen Skalpiermesser hatten reich verzierten Griff und staken in ebensolcher Scheide. Skalpe schmück - ten das Innere des Zeltes, den Wigwam, und jeder neuerbeutete Skalp, selbst der von Frauen und Kindern, erhöhte des Kriegers Ruhm. Die Skalpprämien der Europäer haben zur Verbreitung der barbarischen Sitte viel beigetragen. Als Schutzwaffe diente ein runder Schild aus Büffelhaut; er war mit allerlei Figuren und mit dem üblichen Federschmuck versehen.

Die Präriestämme trieben lebhaften Handel untereinander. Gegenstand desselben war besonders der rote Pfeifenstein, der zwischen Mississippiund Missouriin einem bestimmten Gebiet der Prärie gefunden wurde. Aus ihm fertigten die Männer die knieförmigen— 54 — Pfeifenköpfe, die dann noch mit einem runden oder flachen, ge - drehten Holzrohre versehen wurden. Die Tabakspfeife war ein gar wichtiges Gerät und spielte selbst im öffentlichen und religiösen Leben der Indianer eine gewisse Rolle.

Die Religion der Prärieindianer stand auf sehr niedriger Stufe. Obschon von ernster Religiosität erfüllt, hatten die Indianer doch religiöse Anschauungen, die sehr verworren und ganz eigentümlicher Art waren. Der Glaube an Seelen und übersinnliche Wesen war allgemein verbreitet, ebenso die Annahme mehrerer Seelen, von denen eine mit dem Körper stirbt, die andere als Schattenseele weiter existiert. Sie führte zur Ahnenverehrung und äußerte sich besonders in der Art der Totenbestattung und der Feier des Todes - tages der Verstorbenen. Die zunächst oberirdisch auf Plattformen und in den Ästen hoher Bäume bestatteten Toten wurden nach einem längeren Zeiträume bei dem großen Totenfeste in ein Massengrab gelegt. Das Jenseits dachte man sich als eine unmittelbare Fort - setzung des irdischen Lebens, und so fehlten die glücklichen Jagd - gründe mit zahllosen Büffeln diesem Jenseits natürlich nicht. Die ganze Natur war nach der Meinung dieser Prärieindianer beseelt und die Verehrung gewisser Tiere davon die natürliche Folge. Vogelartige Wesen verursachten durch ihren Flügelschlag den Donner, ein Dämon, den niemand wahrnehmen konnte, den Wind. Der Glaube an bestimmte Schutztiere, wahrscheinlich durch Träume oder Visionen verursacht, die bei den Sioux und allen andern Präriestämmen eine große Rolle spielten, war allgemein und beeinflußte in hohem Maße die Gesellschaftsbildung. Alle, die mit einem bestimmten, als Schutz - geist verehrten Tiere blutsverwandt zu sein meinten, von ihm ab - zustammen glaubten, schlossen sich zu einer Gruppe zusammen. Äußerlich brachten sie das zum Ausdruck durch den Namen, den sich die Sippe beilegte, durch Wappen und Abzeichen, die sie führten. Jede der Sippen hatte ihr Totem,das heißtihr Symbol, das meist dem Tierreich entnommen war; Adler und Rabe war unter den Gruppen oder Clans meist immer vertreten. Das Totemtier tätowierte man sich auf den Körper und bildete man auf allerhand Gebrauchs - gegenständen ab; mit seinen Federn, wenn es ein Vogel war, schmückte man den Körper, das Pferd und die Waffen.

Neben diesen auf religiöser Grundlage entstandenen Klubs oder Geheimbünden gab es auch Männergesellschaften, die nichts anderes als eine Einteilung nach Altersklassen vorstellten. Unter ihnen— 55 — spielten die der Jünglinge und unverheirateten Männer meist eine besondere Rolle. Die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und die Rechtspflege lag nicht selten diesen Gesellschaften ob. Daneben war das Häuptlingswesen nicht besonders entwickelt. Der Häuptling traf wohl die Anordnungen bei der Jagd und führte die Krieger an, aber wichtige Entscheidungen selbständig zu treffen, war er nicht befugt. Diese wurden in gemeinsamer Versammlung beschlossen, bei der jeder einzelne Krieger seine Ansicht äußerte und die Mehrheit der Stimmen entschied.

Ein höchstes Wesen nahmen die Sioux wohl an, wie schließlich alle Indianer, aber sie verehrten es nicht und bezeichneten es auch ganz unbestimmt, etwa als den guten Geist oder den Herrn des Lebens oder in ähnlicher Weise. Im Mittelpunkte ihrer religiösen Handlungen, wenn von solchen überhaupt geredet werden kann, stand dasselbe nicht. Im Grunde bestand ihr Kultus aus Zauber - handlungen, die darauf hinausliefen, die durch Dämonen drohenden Übel abzuwenden oder die sich mit den Jagdtieren beschäftigten, von deren Gedeihen das Wohl des Stammes abhing. In dieser Beziehung bezweckten die Zauberhandlungen, den erlegten Büffel zu versöhnen, die Herde anzulocken und für ihre Vermehrung zu sorgen. Zu solchen magischen Handlungen gehörten das Anblasen des getöteten Büffels mit Tabaksrauch und die Tänze, die man, mit Büffelfellen maskiert, aufführte. Der Zauberarzt oder Schamane stand auch bei den Sioux in großem Ansehen; ihm lag es vor allen Dingen ob, bei Krankheiten und andern Unglücksfällen helfend ein - zugreifen. Er arbeitete mit Trommeln, ledernen