PRIMS Full-text transcription (HTML)
Phyſikaliſches Woͤrterbuch
oder Verſuch einer Erklaͤrung der vornehmſten Begriffe und Kunſtwoͤrter der Naturlehre
mit kurzen Nachrichten von der Geſchichte der Erfindungen und Beſchreibungen der Werkzeuge begleitet in alphabetiſcher Ordnung
Erſter Theil von A bis Epo mit ſieben Kupfertafeln
Neue Auflage.
Leipzig,im Schwickertſchen Verlage1798.

Vorrede.

Ich fuͤhle es mit der lebhafteſten Ueberzeugung, daß ſich gegen die anjetzt ſo gewoͤhnliche Methode, wiſſenſchaftliche Gegenſtaͤnde in alphabetiſcher Ordnung vorzutragen, ſehr viele gegruͤndete Einwendungen laſſen. Inzwiſchen hat doch auch dieſe Methode gewiſſe ganz unverkennbare Vorzuͤge. Es iſt allerdings nothwendig, daß der Anfaͤnger die erſte Ueberſicht einer Wiſſenſchaft durch ein in ſyſtematiſchem Zuſammenhange abgefaßtes Lehrbuch erhalte; bey weiterm Fortgange aber wird er ſich oft wuͤnſchen, alles, was einen und den andern einzelnen Gegenſtand betrift, und was in den Lehrbuͤchern durch mancherley Stellen zerſtreut iſt, zuſammengebracht und unter einerley Geſichtspunkt vereiniget zu finden eine Zuſammenſtellung, die oft ſelbſt fuͤr den Kenner der Wiſſenſchaft bey Bearbeitung einzelner Gegenſtaͤnde wuͤnſchenswerth, oder wenigſtens bequem und erleichternd iſt. Ueberdies giebt die alphabetiſche Anordnung, bey welcher jeder in der Wiſſenſchaft gebraͤuchliche Name an ſeiner Stelle vorkoͤmmt, die ſchoͤnſte Gelegenheit zu richtiger und feſter Beſtimmung der Hauptbegriffe, auf welche ſich alle wiſſenſchaftlichenIV Saͤtze gruͤnden, und der eigentlichen Bedeutung der Worte, welche ſelbſt in den beſten Lehrbuͤchern bisweilen in einem ſchwankenden Sinne, und aneiner Stelle anders, als an der andern gebraucht werden, zu geſchweigen, daß die Ordnung der Buchſtaben oft auf Namen von Gegenſtaͤnden fuͤhrt, an welche man bey dem gewoͤhnlichen Vortrage der Wiſſenſchaft gar nicht oder doch nur im Vorbeygehen denket. Daß endlich die hiſtoriſchen und litterariſchen Nachrichten, welche ſo viel zur gruͤndlichen Kenntniß der Wiſſenſchaften beytragen, ſich bey dieſer Ordnung mit vorzuͤglicher Bequemlichkeit beybringen laſſen, faͤllt von ſelbſt in die Augen.

Dieſe Vorzuͤge der alphabetiſchen Methode, welche ſich durch das Beyſpiel mhrerer guten Woͤrterbuͤcher, undbeſonders des Macquerſchen, von Herrn Leonhardi ſo ſchoͤn bearbeiteten chymiſchen, hinlaͤnglich beſtaͤtigen, bewogen mich bereits im Jahre 1783, den Antrag einer Ueberſetzung des von Sigaud de la Fond in franzoͤſiſcher Sprache herausgegebnen phyſikaliſchen WoͤrterbuchsDictionnaire de Phyſique par Mr. Sigaud de la Fond, Proſeſſeur de Phyſique experimentale, Membre de la Societé Royale des Sciences de Montpellier etc. à Paris. 1781. IV Tomes. 8. nicht ganz ohne Aufmerkſamkeit zu uͤbergehen, und mir in dieſer Abſicht ſowohl das genannte Werk ſelbſt, als auch das zu gleicher Zeit herausgekommene Briſſonſche WoͤrterbuchDictionnaire raiſonné de phyſique par Mr. Briſſon, anzuſchaffen. Allein ich fand es bey genauerer Unterſuchung beyder WerkeV〈…〉〈…〉VI der Elektricitaͤt duͤ Fay, Nollet und Iallabert ganz allein ſeine Helden ſind. Ich gab daher den Gedanken, eines dieſer Werke zu uͤberſetzen, gaͤnzlich auf, und glaubte beſſer zu thun, wenn ich ſelbſt den Verſuch machte, ein dem gegenwaͤrtigen Zuſtande unſerer phyſikaliſchen Kenntniſſe angemeſſeneres Woͤrterbuch auszuarbeiten.

Wie dieſer Verſuch ausgefallen ſey, und ob es der Muͤhe lohne, ihn fortzuſetzen, daruͤber wird das Urtheil der Kenner und die Aufnahme dieſes erſten Theiles meiner Arbeit entſcheiden. Ich habe den Plan dazu ſo angelegt, daßich das Ganze binnen einigen Jahren in vier Baͤnden zu vollenden hoffen kan. So lange meine Verufsgeſchaͤfte noch nicht alle Stunden ausfuͤllen, die ich zur Arbeit anwenden darf, kenne ich kein groͤßeres Vergnuͤgen, als den Gedanken, durch meine geringe Kenntniß der Mathematik und Naturlehre irgend etwas Nuͤtzliches bewirket zu haben. Und da dieſes der einzige Zweck meiner Bemuͤhungen iſt, ſo wird mir jeder gegruͤndete Tadel und jeder freundſchaftliche Rath willkommen, und wenn er mich auf beſſere Wege leitet, oder von einer unbrauchbaren Arbeit abhaͤlt, in hohem Grade ſchaͤtzbar ſeyn.

Bey allem dem, was ich an den Werken des Briſſon und la Fond auszuſetzen gefunden habe, muß ich dennoch dankbar geſtchen, daß ſie mir bey meiner eignen Arbeit keinesweges unbrauchbar geweſen ſind. VIIIch habe mich nicht allein bey Zuſammentragung der Worte, welchen die Artikel dieſes Woͤrterbuchs gewidmet ſind, mit Nutzen bedient, ſonedrn auch bey der Ausfuͤhrung ſelbſt, beſonders aus dem Briſſon, man ches aufgenommen, deſſen Herbeyholung aus andern Quellen mir mehr Zeit und Muͤhe wuͤrde gekoſtet haben. Ueberhaupt wird Niemand in dieſem Woͤrterbuche neue Erfindungen ſuchen; eine Arbeit dieſer Art kan nicht viel mehr, als Compilation aus andern Schriftſtellern ſeyn. Ich habe daher, um mich keines Plagiats ſchuldig zu machen, am Ende eines jeden Artikels mit kleinerer Schrift diejenigen Quellen angezeigt, aus welchen ich bey Abfaſung deſſelben geſchoͤpft habe. Man wird, wieich hoffe, finden, daß ich gute Quellen gewaͤhlt, auch daß ich dieſelben nie ſclaviſch und ohne Beurtheilung gebraucht habe. Wo dergleichen Quellen nicht angegeben ſind, habe ich entweder gar keine, oder bloß die im Texte ſelbſt angezeigten Schriften gebraucht.

Mit Vorſatz habe ich, vielleicht wider den Geſchmack des gegenwaͤrtigen Zeitalters, an verſchiedenen - Stellen dieſes erſten Theils, mathematiſche Berechnungen und durch Formeln ausgedruͤckte Beweiſe eingeruͤckt, theils weil ſich gewiſſe wichtige Saͤtze gar nicht anders oder doch nicht kuͤrzer ausdruͤcken und beweiſen laſſen, theils auch, um deutlich zu zeigen, daß zu einer wahren und richtigen Kenntniß der Natur die Bekanntſchaft mit der hoͤhern Mathematik ganz[unentbehrlich]VIII ſey. Daß ich bey den in die Chemie einſchlagenden Artikeln das Macquerſche Woͤrterbuch mit Herrn Leonhardi Zuſaͤtzen zum Grunde gelegt, und nur da, wo es erforderlich war, die neuern Entdeckungen nach getragen habe, wird Niemand, dem die Vorzuͤge dieſes Werks bekannt ſind, tadeln.

Ein großer Theil der Artikel dieſes Woͤrterbuchs iſt der Geſchichte der Meinungen und Erfindungen gewidmet, welche wenigſtens fuͤr mich jederzeit ein ſehr lehrreiches und angenehmes Studium ausgemacht hat. Mehrentheils laͤuft auch alles, was wir von einem phyſikaliſchen Begriffe oder Gegenſtande ſagen koͤnnen, auf eine Erzaͤhlung deſſen hinaus, was die Menſchen bisher uͤber denſelben gedacht und erfahren haben und ſo iſt die Naturlehre ſelbſt großentheils Geſchichte. Au erdem bietet aber auch die alphabetiſche Ordnung eine beſondere Bequemlichkeit dar, hiſtoriſche Nachrichten bey jedem einzeinen Gegenſtande beyzubringen, welche bey einer ſyſtematiſchen Anordnung den Zuſammenhang der Saͤtze allzu oft unterbrechen wuͤrden, und ich habe nicht umhin gekonnt, dieſe Bequemlichkeit, ſo viel moͤglich war, zu benuͤtzen, auch in den meiſten Artikeln die vornehmſten Schriſten, aus welchen man mehrern Unterricht ſchoͤpſen kan, anzuzeigen.

Briſſon hat in der, ſeinem Woͤrterbuche beygefuͤgten, Einleitung eine Ordnung angegeben, in welcherIX man die Artikel deſſelben leſen ſoll, wenn man es als ein vollſtaͤndiges Lehrbuch uͤber die Naturlehre gebrauchen will. Ob ich gleich die Moͤglichkeit nicht laͤugne, aus einem wohl abgefaßten Woͤrterbuche auf dieſe Art eine Wiſſenſchaft zu erlernen, ſo wuͤrde ich doch eine ſolche Methode nie anrathen. Ich beſtimme den Verſuch, deſſen Anfang ich hiemit dem Publikum uͤbergebe, nicht fuͤr diejenigen, welche die ganze Naturlehre erlernen wollen, ſondern fuͤr die, welche umſtaͤndliche, deutliche und richtige Belehrung uͤber einzelne Gegenſtaͤnde derſelben ſuchen, oder, wenn ſie bereits den Umfang der Wiſſenſchaft uͤberſehen haben, ſich alles desjenigen, was darinn einen beſondern Gegenſtand angeht, aufs neue zu erinnern wuͤnſchen. In dieſer Abſicht habe ich mich bemuͤht, die in dieſer Wiſſenſchaft vorkommenden Begriffe deutlich zu erklaͤren die Bedeutung der Worte genau zu beſtimmen, bey jedem einzelnen Gegenſtande eine kurze Geſchichte der daruͤber vorhandenen Meynungen, angeſtellten Erfahrungen und daraus gezognen Folgen und Muthmaßungen beyzubringen, die vornehmſten fuͤr gewiß erkannten Saͤtze vorzutragen und zu beweiſen, die zu Anſtellung der Verſuche noͤthigen Werkzeuge zu beſchreiben, uͤberall aber, nach meinen beſten Einſichten und Kraͤften, bloß nuͤtzliche Wahrheiten mitzutheilen, Vorurtheile hingegen und eingebildetes Wiſſen zu beſtreiten. XMoͤchte ich doch beym Schluſſe dieſer Arbeit ſo gluͤcklich ſeyn, durch meine geringen Bemuͤhungen etwas zur Verbreitung einer Wiſſenſchaft, die mir ungemein werth iſt, beygetragen zu haben!

Leipzig, in der Iubilatemeſſe 1787.

D. Johann Samuel Traugott Gehler. 1

Phyſikaliſches Woͤrterbuch oder Verſuch einer Erklaͤrung der vornehmſten Begriffe und Kunſtworte der Naturlehre, in alphabetiſcher Ordnung.

A

Abdampfen, Abrauchen, Evaporatio, Evaporation.

Eine chymiſche Arbeit, durch welche man vermittelſt der Luft und eines gewiſſen Grades der Waͤrme fluͤchtige Subſtanzen von feuerbeſtaͤndigen oder weniger fluͤchtigen ſcheidet. So laͤßt man z. B. aus Salzaufloͤſungen das uͤberfluͤſſige Waſſer an der warmen Luft abdampfen, um die Salze, welche alsdann in Kryſtallen anſchießen, uͤbrig zu behalten.

Das Abdampfen iſt von der Deſtillation nur darinn unterſchieden, daß man die fluͤchtige Subſtanz beym Deſtilliren aufſammelt, beym Abdampfen aber davon gehen laͤßt; daher geſchieht das Abdampfen in ofnen und flachen Gefaͤßen, welche der Luft viel Oberflaͤche ausſetzen, z. B. in Schaalen, Naͤpfen, Scherben. Der noͤthige Grad der Waͤrme richtet ſich nach den Graden der Fluͤchtigkeit und Feuerbeſtaͤndigkeit beyder Subſtanzen und nach der Staͤrke ihres Zuſammenhangs. Iſt die Subſtanz, welche zuruͤckbleiben ſoll, weniger feuerbeſtaͤndig, und haͤngt ſie feſt an der fluͤchtigen, ſo muß die Waͤrme gelind und langſam wirken. Im entgegengeſetzten Falle iſt ein hoͤherer Grad der Waͤrme, und ein auf die Oberſlaͤche der Miſchung gerichteter Luftzug dienlich.

Macquers chymiſches Woͤrterbuch, Art. Abdampfen.

Abend, Abendgegend

Occidens, Plaga occidentalis, Occident, Oueſt. Diejenige Welt - oder Himmelsgegend, an welcher die Geſtirne untergehen. Man hat ſie zur Rechten, wenn man das Geſicht nach Mittag kehret. 2

Abend, Abendzeit, Veſpera, Soir.

Die Zeit, um welche die Sonne untergehet, die Stunden vor und nach dem Augenblicke des Untergangs mit begriffen.

Abenddaͤmmerung, ſ. Daͤmmerung.

Abendpunkt, Weſtpunkt, Occidens, Occident, Couchant, Oueſt.

Der Durchſchnittspunkt des Aequators mit dem Horizonte an derjenigen Seite des Himmels, an welcher die Geſtirne untergehen. Er iſt einer von den vier Haupt-oder Cardinalpunkten, durch welche im Horizonte die vier Hauptgegenden beſtimmt werden. ſ. Weltgegenden. Die Schiffer nennen ihn Weſten. Von ihm heißt die ganze umliegende Gegend des Himmels die Abendgegend, und man ſagt von dem, was ſich in dieſer Gegend zutraͤgt, es geſchehe gegen Abend. An den Tagen der Nachtgleichen (um den 21 Maͤrz und 21 Sept.), wenn die Sonne im Aequator ſteht, geht ſie im Abendpunkte ſelbſt unter. An den uͤbrigen Tagen des Jahres ſtehen die Punkte des Horizonts, in welchen die Sonne untergeht, von dieſem wahren oder eigentlichen Abendpunkte ab, und fallen bey uns im Sommer weiter gegen Mitternacht, im Winter weiter gegen Mittag. Die Untergangspunkte der Sonne am laͤngſten und kuͤrzeſten Tage ſind vom wahren Abendpunkte am weitſten entfernt, und fuͤhren bisweilen die Namen des Sommer - und Winterabendpunkts (Occident d'été, Occident d'hiver). Fuͤr Leipzig ſtehen ſie vom wahren Abendpunkte um 39°35′39″ ab.

Abendſtern

Heſperus. Ein Beyname der Venus, wenn ſie, nach ihrer obern Conjunction mit der Sonne, auf der Morgenſeite derſelben erſcheint, und alſo Abends nach Sonnenuntergang geſehen wird. ſ. Venus.

Abendweite, Amplitudo occidua, Amplitude occaſe ou occidentale.

Taf. I. Fig. 1. Die Abendweite OS iſt der Abſtand des Punktes S, in welchem ein Geſtirn untergeht, vom wahren Abendpunkte O. Dieſer Abſtand iſt, wie die Figur zeigt, ein Bogen des Horizonts HR. Iſt derſelbe, wie in der Figur, von O aus gegen Mitternacht3 gerichtet, ſo heißt die Abendweite noͤrdlich (ſeptemtrionalis); gienge aber das Geſtirn in S unter, daß OS von O aus nach Mittag gekehrt waͤre, ſo hieße die Abendweite ſuͤdlich (meridionalis). Man ſieht leicht, daß die Geſtirne in der noͤrdlichen Halbkugel AOQP eine noͤrdliche, hingegen die in der ſuͤdlichen Halbkugel AOQp eine ſuͤdliche Abendweite haben.

Um die Abendweite OS eines Geſtirns zu finden, muß ſein Abſtand vom Aequator DS oder ſeine Abweichung, nebſt der Aequatorhoͤhe des Orts, welche dem Winkel O gleich iſt gegeben ſeyn. Dann iſt im Dreyeck ODS wo OS noͤrdlich oder ſuͤdlich iſt, je nachdem DS das eine oder das andere iſt. Fuͤr ſin. tot = 1, giebt dies die Formel

Vermittelſt dieſer Formel laͤßt ſich eine Tafel berechnen, in welcher man fuͤr die Polhoͤhe eines jeden Orts und die Declination eines jeden Geſtirns die zugehoͤrige Abendweite aufſchlagen kan, dergleichen ſich in der Berliner Sammlung aſtronomiſcher Tafeln (Band lll. S. 255) unter dem Titel: Tafel für die Weiten in Oſt und Weſt, findet.

Fuͤr Leipzig, deſſen Polhoͤhe 51° 19′ 41″ iſt, findet man die Abendweite der Sonne am laͤngſten und kuͤrzeſten Tage (wo die Abweichung = 23° 28′ 8″ betraͤgt) = 39° 35′ 39″. Anden Tagen der Nachtgleichen hingegen iſt die Abendweite der Sonne = 0.

Die Berechnung der Abendweiten der Sonne nuͤtzt vorzuͤglich den Seefahrern zu Beobachtung der Abweichung der Magnetnadel.

Abirrung des Lichts, Aberratio lucis, Aberration de la lumiere.

Eine ſcheinbare Bewegung der Sterne, vermoͤge welcher ſie jaͤhrlich am Himmel eine kleine Ellipſe zu durchlaufen ſcheinen, deren große Axe 20 Secunden eines groͤßten Kreiſes betraͤgt.

Dieſe merkwuͤrdige Erſcheinung ward von Jacob4 Bradley entdeckt, als er im Jahre 1725 in Kew bey London mit einem von Graham verfertigten Sector von 24 Fuß Halbmeſſer, deſſen Gradbogen nur einige Minuten vom Kreiſe enthielt, die Abſtaͤnde einiger Sterne vom Zenith verſchiedene Tage nach einander beobachtete, um zu ſehen, ober dabey irgend ein Merkmal einer jaͤhrlichen Parallaxe der Erdbahn wahrnehmen koͤnnte, ſ. Parallaxe der Erdbahn. Er ſetzte ſeine Beobachtungen hieruͤber bis ins Jahr 1728 fort, und bemerkte, daß alle Fixſterne zu der Zeit, wenn ſie am Tage durch den Mittagskreis giengen, taͤglich etwas weiter gegen Suͤden fortruͤckten; zu der Zeit hingegen, wenn ſie des Nachts culminirten, von Tag zu Tag weiter gegen Norden giengen; uͤberhaupt aber alle nach Verlauf eines Jahres wieder in ihre vorige Stelle zuruͤck kamen, nachdem ſie mittlerweile eine Ellipſe durchlaufen hatten, deren große mit der Ekliptik parallele Axe 40″ betrug, die kleinere auf der Ekliptik ſenkrecht ſtehende aber, bey Sternen in der Ekliptik ſelbſt, Null, im Pole der Ekliptik ebenfalls 40″ war, und in den Zwiſchenſtellen ſich, wie der Sinus der Breite des Sterns, verhielt; daher der Stern γ oder B im Drachen, welcher nahe am Nordpole der Ekliptik ſteht, einen Kreis von 40″ im Durchmeſſer zu beſchreiben ſchien. Dieſe Bewegung aber erfolgte gar nicht nach den Regeln, nach welchen ſich eine aus der jaͤhrlichen Parallaxe der Erdbahn entſtehende ſcheinbare Bewegung haͤtte darſtellen muͤſſen.

Als Bradley verſichert war, daß dieſe Bewegung ein allgemeines Phaͤnomen aller Fixſterne ſey, ſo unternahm er es, die Urſache derſelben zu erforſchen. Es mußte eine jaͤhrlich wiederkehrende und allgemeine Urſache entdeckt werden, deren Wirkung ſich, wie der Sinus der Breite des Sterns, verhielt, und bey ihrem groͤßten Werthe 40″ betrug.

Gluͤcklicher Weiſe bemerkte Bradley, daß dieſe 40″ genau den Bogen der Erdbahn ausmachen, den die Erde in 16 Minuten Zeit durchlaͤuft, und es fiel ihm bey, daß das Licht gerade eben dieſe Zeit von 16 Minuten brauche,5 um den Durchmeſſer der Erdbahn zu durchlaufen, ſ. Licht. Er konnte ſich nun ſogleich vorſtellen, daß wir die in der Ekliptik ſtehenden Sterne, wenn ſie in Conjunction mit der Sonne ſind, und alſo hinter ihr und weiter von uns ſtéhen, um 16 Minuten ſpaͤter erblicken muͤſſen, als wenn ſie in Oppoſition, d. i. auf eben der Seite der Sonne mit uns ſelbſt, und alſo uns um den Durchmeſſer der Erdbahn naͤher ſtehen, und daß wir ſie eben deswegen im erſtern Falle um 40″ weniger fortgeruͤckt erblicken, als im letztern, woraus ſich die Phaͤnomene der Abirrung fuͤr die in der Ekliptik ſtehenden Sterne, welche ſtatt der Ellipſe eine gerade Linie zu beſchreiben ſcheinen, vollkommen erklaͤren.

In Abſicht auf die außer der Ekliptik ſtehenden Sterne fiel Bradley auf den gluͤcklichen Gedanken, die Bewegung des Lichts mit der Bewegung der Erde nach den Geſetzen der Zuſammenſetzung der Bewegungen (ſ. Zuſammenſetzung der Bewegungen) zu verbinden, und nachdem er ſeine Erklaͤrung mit allen Beobachtungen uͤbereinſtimmend gefunden hatte, ſtattete er davon im Jahre 1728 oͤffentlich Bericht ab. (Philoſ. Transact, No. 406.)

Es ſey E (Taf. I. Fig. 2.) ein Stern, der den Lichtſtrahl EB zu uns ſendet, AB ein kleiner Theil der Erdbahn, und CB der Weg, den der Stral durchlaufen hat, indem die Erde von A bis B gieng, daß ſich alſo CB und AB, wie die Geſchwindigkeiten des Lichts und der Erde, d. i. wie 10313: 1 verhalten muͤſſen. Man verzeichne das Parallelogramm ABCD, ſo wird ſich die Bewegung des Lichtſtrals CB, in die beyden Bewegungen CD = BF und CA = DB zerlegen laſſen (ſ. Zuſammenſetzung der Bewegungen). Von dem Theile BF kan das in B anlangende Auge nichts empfinden, weil die Bewegung BF mit der Bewegung des Auges durch AB nach einerley Richtung geht; es empfindet daher nur den Theil DB, und ſieht den Stern E nach der Richtung BD, alſo von ſeinem wahren Orte E um den Winkel EBD entfernt, welcher = ACB iſt, und der Abirrungswinkel genannt wird. 6

Iſt der Winkel B ein rechter, und CB: BA, wie 10313: 1, ſo giebt die Trigonometrie den Abirrungswinkel ACB = 20 Secunden.

Iſt hingegen, wie Taf. I. Fig. 3, CB gegen AB geneigt, ſo iſt ACB kleiner, als im vorigen Falle, oder wie die Trigonometrie lehrt, = 20″ multiplicirt in den Sinus des Winkels CAB. Auch ruͤckt die Abirrung den ſcheinbaren Ort des Sterns E jederzeir nach derjenigen Gegend fort, nach welcher die Erde ſelbſt fortgehet.

Nun ſey Taf. I. Fig. 4. CROH die Erdbahn um die Sonne S, in e ein Stern unter der noͤrdlichen Breite eSG, ſo wird derſelbe mit der Sonne S in Conjunction erſcheinen, wenn die Erde in C, in Oppoſition hingegen, wenn ſie in O ſtehet. In beyden Faͤllen treffen die von e einfallenden uͤberall mit eS parallelen Lichtſtralen eC und eO unter rechten Winkeln auf die Richtungen der Erdbahn bey C und O, es iſt alſo der Abirrungswinkel beydemal 20″, und zwar bey der Conjunction weſtlich nach c, bey der Oppoſition oͤſtlich nach o gerichtet. Daher der Abſtand der beyden ſcheinbaren Orte c und o, 40″ betragen muß.

In den mittlern Zeitpunkten hingegen, wenn des Sterns Laͤnge um 90° vom Orte der Sonne unterſchieden iſt, d. i. wenn die Erde in R und H ſteht, machen die von e einfallenden Lichtſtralen eR und eH mit der Richtung der Erdbahn in R und H Winkel, welche der Breite des Sterns eSG gleich ſind; daher iſt hier die Groͤße der Abirrung = 20″ multiplicirt in den Sinus der Breite des Sterns, und zwar das Einemal nach r, das Anderemal nach h zu gerichtet, wodurch im erſten Falle die Breite vermindert, im andern vergroͤßert wird. Der Unterſchied beyder Breiten in r und h betraͤgt daher 40″ multiplicirtin den Sinus der Breite. Die Erde in C, R, O, H ſieht alſo den Stern in der Ellipſe c, r, o, h gehen, deren große der Ekliptik parallele Axe co = 40″, die kleine rh = 40″ multiplicirt in den Sinus der Breite iſt.

So beſchreibt Arktur, deſſen noͤrdliche Breite beylaͤufig 30 Grad betraͤgt, eine jaͤhrliche Abirrungsellipſe, deren7 kleine auf die Ekliptik ſenkrechte Axe = 40″. fin. 30° = 20″ betraͤgt. Den 13 October am Tage ſeiner Conjunction mit der Sonne ſteht er im aͤußerſten weſtlichen Theile derſelben zur Rechten, den 11 Jan. am unterſten oder ſuͤdlichen Ende der kleinen Axe, den 12 April, am Tage der Oppoſition am meiſten oſtwaͤrts, und den 12 Jul. am meiſten nordwaͤrts.

Dieſe Veraͤnderung des Ortes der Sterne in ihrer Abirrungsellipſe aͤndert ihre Laͤnge, Breite, gerade Aufſteigung und Abweichung. Wie viel jede dieſer Veraͤnderungen betrage, laͤßt ſich durch trigonometriſche Rechnungen beſtimmen. Bey den Planeten und Kometen ſind die Wirkungen der Abirrung ſo groß, als der Winkel, unter welchem ihre Bewegung in der Zeit, in welcher das Licht von ihnen zu uns koͤmmt, von der Erde aus in die Augen faͤllt, und laſſen ſich alſo aus ihren Entfernungen und Bewegungen leicht berechnen.

Die Abirrung des Lichts hat uͤbrigens den Aſtronomen einen ganz neuen und directen Beweis von der Wirklichkeit des Umlaufs der Erde um die Sonne verſchaft, und dadurch die Wahrheit der Lehren des Copernicus auf eine unerwartete Weiſe beſtaͤtiget, ſ. Weltſyſtem.

de la Lande aſtronomiſches Handbuch, §. 772 und f. Smith's Lehrbegrif der Optik, durch Kaͤſtner, 4 Buch, 7 Cap. Seite 353 Bode Erklaͤrung der Sternkunde, §. 615.

Ableiter, ſ. Blitzableiter.

Abſolut

nennt man dasjenige, was bloß an ſich, und ohne Beziehung auf etwas anderes aͤhnliches betrachtet wird. Dem Abſoluten wird das Relative, bisweilen das Specifiſche, entgegengeſetzt. Beyſpiele hievon findet man in den Artikeln: Bewegung, Geſchwindigkeit, Gewicht, Kraft, Ort, Schwere.

Abſorbirend, Abſorbentia, Abſorbant.

heißen uͤberhaupt alle Subſtanzen, welche ſich mit Saͤuren zu verbinden im Stande ſind, z. B. die Laugenſalze und Kalcherden, Hauptſaͤchlich fuͤhren die letztern, z. B. der Kalchſtein, die8 Kreide, die Krebsaugen, gebrannten Knochen u. dergl. den Namen der abſorbirenden Materien. Wenn dieſe Materien ein gebundenes Gas in ſich enthalten, ſo entſteht bey ihrer Verbindung mit den Saͤuren ein Aufbrauſen.

Abſtand, ſ. Entfernung.

Abſtand vom Scheitel, Diſtantia a vertice, Diſtance au Zenith.

Der zwiſchen dem Scheitelpunkte oder Zenith und einem Geſtirne oder andern Punkte des Himmels enthaltene Bogen eines Scheitelkreiſes. Da der Scheitelpunkt uͤberall um 90° vom Horizonte entfernt iſt, ſo macht eines Geſtirns Abſtand vom Scheitel mit deſſen Hoͤhe jederzeit 90° aus, oder: der Abſtand vom Scheitel iſt das Complementder Hoͤhe. Iſt z. B. die Hoͤhe eines Sterns 55°, ſo wird ſein Abſtand vom Scheitel 35° ſeyn.

Die Sonne hat den geringſten Abſtand vom Scheitel am Mittage des laͤngſten, den groͤßten am Mittage des kuͤrzeſten Tages. Jener betraͤgt fuͤr Leipzig 27° 51′ 33″, dieſer 74° 47′ 49″.

Abſtand der Nachtgleiche vom Mittage, Diſtantia aequinoctii a Sole, Diſtance de l'équinoxe au ſoleil ou au meridien.

heißt in der Sternkunde die Anzahl von Graden oder von Stunden, welche der Fruͤhlingspunkt von dem Augenblicke des Mittags an noch zu durchlaufen hat, ehe er in den Mittagskreis gelangt.

Dieſer Abſtand der Nachtgleiche vom Mittage iſt, in Graden ausgedruͤckt, jederzeit 360° weniger der geraden Aufſteigung der Sonne. Man ſetze z. B. die gerade Aufſteigung der Sonne ſey 90°, oder die Sonne komme mit dem 90ſten Grade des Aequators zugleich in den Mittagskreis, ſo wird in dem Augenblicke, da dieſes geſchieht, der Fruͤhlingspunkt oder Anfang des Aequators 90° weiter gegen Abend ſtehen, und alſo noch 270° zuruͤckzulegen haben, ehe er den ganzen Cirkel'vollendet, und alſo das Naͤchſtemal wieder in den Mittagskreis tritt. Daher iſt ſein. Abſtand vom Mittage 270° = 360° 90°.

Will man dieſen Abſtand in Zeit ausdruͤcken, ſo muͤſſen9 die Grade deſſelben in Zeit verwandelt werden, ſ. die Artikel: Sternzeit, Sonnenzeit. Sogeben 270° in dem angenommenen Beyſpiele 18 Sternſtunden oder 17 St. 57 Min. 3 Sec. mittlere Sonnenzeit. So viel Zeit verfließt alſo noch, vom Mittage an gerechnet, ehe der Fruͤhlingspunkt den Mittagskreis erreicht.

In den beſten aſtronomiſchen Kalendern (z. B. Bode aſtronomiſchem Jahrbuch) findet man fuͤr jeden Mittag des Jahres dieſen Abſtand in Sternzeit, unter der Rubrik: Oeſtlicher Abſtand

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von der Sonne, angegeben. Man gebraucht ihn, um die Stunde zu finden, zu welcher jeder Stern durch den Mittagskreis geht, ſ. Culmination.

Abſteigende Knoten, ſ. Knoten.

Abſteigende Zeichen, ſ. Thierkreis.

Abſteigung, gerade, Deſcenſio recta, Deſcenſion droite.

iſt mit der geraden Aufſteigung voͤllig einerley. Es wird nemlich darunter der Bogen des Aequators verſtanden, welcher zwiſchen dem Fruͤhlingspunkte und dem Abweichungskreiſe eines Geſtirns enthalten iſt. Der letzte Punkt dieſes Bogens geht in den Laͤndern, wo die Sterne unter rechten Winkeln auf - und untergehen, mit dem Sterne zugleich auf und unter; er begrenzt alſo deſſen gerade Aufſteigung und Abſteigung zugleich, daher beyde einerley ſind. ſ. Aufſteigung.

Abſteigung, ſchiefe, Deſcenſio obliqua, Deſcenſion oblique.

Derjenige Bogen des Aequators, welcher zwiſchen dem Fruͤhlingspunkte oder Anfange des Aequators, und dem mit einem Geſtirne zugleich untergehenden Punkte deſſelben, enthalten iſt. Zur Vergleichung ſ. den Artikel: Aufſteigung, ſchiefe.

Der Unterſchied der geraden und ſchiefen Abſteigung eines Geſtirns heißt ſeine Deſcenſionaldifferenz. Dieſe iſt bey Geſtirnen, die ihre Lage gegen die Fixſterne nicht merklich aͤndern, mit der Aſcenſionaldifferenz einerley, ſ. Aſcenſionaldifferenz. Aus ihr findet ſich die ſchiefe Abſteigung durch die Formel10 wo man bey negativem Werthe der Deſcenſionaldifferenz, ſtatt zu addiren, ſubtrahiren muß.

Abweichung, aſtronomiſche oder Declination der Geſtirne, Declinatio, Declinaiſon.

heiſt in der Sternkunde der Abſtand der Geſtirne vom Aequator, durch den Bogen eines groͤßten Kreiſes gemeſſen. Wenn Taf. I. Fig. 5. durch den Stern S und die beyden Weltpole P und p ein groͤßter Kreis PSDp gefuͤhrt wird, welcher auf dem Aequator AQ ſenkrecht ſtehet, weil er durch deſſen Pole geht: ſo heiſt dieſer Kreis des Geſtirns Abweichungskreis oder Declinationscirkel. Der zwiſchen dem Geſtirne S und dem Punkte des Aequators D enthaltene Bogen dieſes Kreiſes SD iſt des Geſtirns Abweichung.

Wenn das Geſtirn zwiſchen dem Aequator und dem Nordpole P ſteht, ſo heiſt ſeine Abweichung SD noͤrdlich (borealis), ſuͤdlich (auſtralis) hingegen, wenn ſich das Geſtirn zwiſchen dem Aequator und dem Suͤdpole befindet. In den Formeln kan man die noͤrdlichin Abweichungen poſitiv, die ſuͤdlichen negativ, ſetzen. Die Abweichung eines im Aequator ſelbſt ſtehenden Geſtirns iſt = 0; eines im Pole ſtehenden Abweichung waͤre = 90°. Auch erhellet, daß keine Abweichung uͤber 90° betragen koͤnne.

Durch die Abweichung SD und die gerade Aufſteigung

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D (ſ. Aufſteigung) wird die Stelle eines Geſtirns am Himmel beſtimmt, und von den Stellen aller uͤbrigen Geſtirne unterſchieden. Es iſt daher fuͤr den Sternkundigen eine ſehr wichtige Arbeit, die Abweichungen der Geſtirne durch Beobachtungen zu erforſchen.

Man findet aber die Abweichungen der Geſtirne ſehr leicht durch Beobachtungen ihrer Mittagshoͤhen. In dem Augenblicke, in welchem ein Geſtirn durch den Mittagskreis geht, coincidirt ſein Abweichungskreis mit dem Mittagskreiſe, als welcher allezeit durch die Weltpole, und in dieſem Augenblicke auch durch das Geſtirn geht. Mithin iſt die Abweichung dem zwiſchen dem Geſtirne und dem Aequator enthaltenen Bogen des Mittagskreiſes gleich, welcher in11 dieſem Augenblicke den Unterſchied zwiſchen der Hoͤhe des Geſtirns und der Hoͤhe des Aequators im Mittagskreiſe ausmacht. Iſt nun die letztere fuͤr den Ort der Beobachtung bekannt (ſ. Aequatorhoͤhe), ſo laͤßt ſie, von der Mittagshoͤhe des Geſtirns abgezogen, die Abweichung deſſelben uͤbrig z. B.

Mittagshoͤbe der Sonne zu Paris d. 21 Jun. 173864°38′10″(Caſſini Elem. de
Aequatorhoͤhe von Paris41950l'Aſtr. L. ll. ch. 4)
Abweichung der Sonne232820noͤrdlich.

Iſt die Mittagshoͤhe des Geſtirns kleiner, als die Aequatorhoͤhe, ſo bleibt eine negative oder ſuͤdliche Abweichung uͤbrig.

Die Aſtronomen haben durch haͤufige Beobachtungen der Mittagshoͤhen die Abweichungen der meiſten Fixſterne gefunden, und in die Fixſternverzeichniſſe (Catalogos fixarum) eingetragen. Aus deh geraden Aufſteigungen und Abweichungen der Sterne laſſen ſich ihre Laͤngen und Breiten berechnen; und dieſe von Tycho de Brahe mehr in Gang gebrachte Methode iſt leichter und ſichrer, als ein gewiſſes Verfahren der Alten, welche die Laͤngen und Breiten unmittelbar durch Beobachtungen ſuchten. Tycho hat zu Beſtimmung der Mittagshoͤhen den in der Mittagsflaͤche befeſtigten Quadranten (Mauerquadrant, quadrans Tychonicus) eingefuͤhrt.

Die Abweichung der Sonne iſt in unſern Laͤndern im Fruͤhling und Sommer noͤrdlich, im Herbſt und Winter ſuͤdlich. An den Tagen der Nachtgleichen (den 21 Maͤrz u. 21 Sept.) iſt ſie = 0, an den Tagen der Sonnenwenden (den 21 Jun. u. 21 Dec.) hingegen am groͤßten, und der Schiefe der Ekliptik gleich, d. i. jetzt 23° 28′ 8″. ſ. Schiefe der Ekliptik. Man berechnet die Abweichung der Sonne fuͤr jeden Tag im Jahre aus der Schiefe der Ekliptik und dem Orte oder der Laͤnge der Sonne, durch die Formel: Dadurch laſſen ſich Tafeln berechnen, in welchen man die Abweichung der Sonne fuͤr jeden Punkt ihrer Bahn durch12 Aufſchlagen finden kan, dergleichen die Berliner Sammlung aſtronomiſcher Tafeln (B. 1. S. 274. Taf. XXI. ) unter dem Titel: Die Abweichung der Sonne für die Schiefe der Ecliptik 32° 28′ 15″ nebſt Verbeſſerung für eine Minute Veränderung dieſer Schiefe, liefert.

Abweichung, dioptriſche

oder Abirrung der Glaͤſer, Aberratio lentium, Aberration des verres, heißt derjenige Unterſchied, der bey Glaͤſern, Fernroͤhren und Mikroſkopen daraus entſteht, daß ſich die aus einem Punkte des Gegenſtandes kommenden Lichtſtralen nicht wieder genau in einem Punkte vereinigen. Da aber zu einem deutlichen Bilde erfordert wird, daß alles aus einem Punkte des Gegenſtandes gekommene Licht, wieder in einem Punkte vereiniget werde, ſo ſtoͤrt dieſe Abweichung die Deutlichkeit der Bilder, und man muß ſie daher bey allen dioptriſchen Werkzeugen, ſo viel moͤglich, zu vermeiden ſuchen. Sie entſteht aber aus einer doppelten Urſache, und theilt ſich daher in zweyerley Abweichungen, von welchen die beyden folgenden Artikel handeln.

Abweichung wegen der Geſtalt der Glaͤſer

Aberratio ob figuram ſ. ſphaericitatem lentium, Aberration de ſphèricité. Dieſe entſteht daher, weil eine Glaslinſe, deren Oberflaͤchen eine ſphaͤriſche Kruͤmmung haben, die aus einem Punkte des Gegenſtandes kommenden Lichtſtralen nie wieder voͤllig in einen Punkt vereiniget. Jedoch vereinigen ſich diejenigen Stralen, welche nahe bey der Axe oder um die Mitte des Glaſes einfallen, in einem ſehr engen Raume, und fuͤr ſie iſt alſo dieſe Abweichung geringer, als fuͤr die weiter von der Axe ab und gegen den Rand zu einfallenden Stralen. Man vermeidet daher den groͤßten Theil dieſer Abweichung, wenn man den Rand der Glaͤſer mit etwas Undurchſichtigem bedeckt, und nur in der Mitte eine kreisrunde Oefnung frey laͤßt. ſ. Blendung und Apertur. Gewoͤhnlich werden dadurch die Wirkungen dieſer Abweichung ſo ſtark vermindert, daß man den noch uͤbrigbleibenden Fehler fuͤr unbetraͤchtlich halten kan. 13

Man ſchrieb ehedem die Undeutlichkeit, die in den dioptriſchen Werkzeugen noch immer unvermeidlich blieb, ganz allein dieſer Art von Abweichung zu, und ſuchte daher zu Verbeſſerung der Fernroͤhre noch andere und wirkſamere Mittel zu finden, als die damals gewoͤhnlichen ſtarken Bedeckungen waren. Die Theorie der Brechung lehrt, daß planconvexe Glaͤſer, mit elliptiſchen Hinterflaͤchen von einer beſtimmten Kruͤmmung, Parallelſtralen genau in einen Punkt vereinigen; Glaͤſer mit hyperboliſchen Vorderflaͤchen aber die aus ihrem Brennpunkte kommenden Stralen wieder parallel ausſenden. Man dachte daher, nach dem Vorſchlage des Carteſius, die Abweichung wegen der Geſtalt der Glaͤſer durch Linſen mit elliptiſch und hyperboliſch gekruͤmmten Flaͤchen zu vermeiden. D. Wrenn gab dazu (Philoſ. Transact. no. 53.) ein ſinnreiches Mittel an; ja Newton ſelbſt beſchaͤftigte ſich im erſten Anfange ſeiner Unterſuchungen mit Schleifung optiſcher Glaͤſer von anderer als ſphaͤriſcher Geſtalt.

Nachdem aber der Letztere im Jahre 1666 die zweyte weit betraͤchtlichere Abweichung der Glaͤſer entdeckt hatte, verwarf er ſogleich dieſe Bemuͤhungen, elliptiſche und hyperboliſche Glaͤſer zu ſchleifen, als unnuͤtz, weil jede andere Brechung eine andere Geſtalt der Glaͤſer erfordere, und alſo bey der verſchiedenen Brechbarkeit des Lichts ein Glas von beſtimmter Geſtalt nur fuͤr eine gewiſſe Gattung von Lichtſtralen, keinesweges aber fuͤr alle Stralen, die Abweichung heben koͤnne. Ueberdieß fand er die Wirkungen der zweyten neuentdeckten Abweichung mehrere tauſendmal groͤßer, als die Wirkungen der bisher bekannten, und ſchloß daher mit Recht, daß die Unvollkommenheiten der Fernroͤhre faſt gaͤnzlich auf die Rechnung der zweyten Art der Abweichung zu ſetzen waͤren, daher es uͤberfluͤßig ſey, fuͤr die Vermeidung der erſtern weiter Sorge zu tragen, bevor man nicht Mittel gefunden habe, der zweyten abzuhelfen, von welcher der folgende Artikel handelt.

Abweichung wegen der verſchiedenen Brechbarkeit der Lichrſtralen, Aberratio ob diverſam refrangibilitatem14 lucis, Aberration de refrangibilité.

Dieſe Abweichung ruͤhrt daher, daß die Lichtſtralen nach Newtons Entdeckung bey der Brechung zertheilt, und in Stralen von verſchiedenen Farben zerſtreut werden, deren einige eine ſtaͤrkere, andere eine geringere Brechung leiden. ſ. Brechbarkeit, Farbenzerſtreuung. Daher werden unter den von einem Punkte ausgehenden Stralen einige naͤher, andere weiter hinter dem Glaſe vereiniget, und es entſtehen ſo viele Bilder des Gegenſtandes, als das Licht Farben enthaͤlt. Das von den blauen oder violetten Stralen entſtandene Bild ſteht dem Glaſe am naͤchſten, wie bey B, Taf. I. Fig. 6: das von den rothen Stralen gebildete am weiteſten bey R. Beyder Abſtand BR betraͤgt, wenn die Stralen nahe bey der Axe DC einfallen, ohngefaͤhr (1 / 30) von BC, ſonſt noch mehr. Bey dem im Jahre 1774 in Paris angeſtellten Verſuchen mit einer hohlen mit Weingeiſt gefuͤllten Linſe, von welcher nur ein 6 7 Lin. breiter Ring am Rande offen gelaſſen war (ſ. Brennglas), fand Briſſon (Mém. de Paris 1774.) die Entfernung des Vereinigungspunkts der Sonnenſtralen vom Mittelpunkte der Linſe

Sch.Zoll.Lin.
fuͤr rothe Stralen10311 1 / 2
orangegelbe10210
gelbe1023
blaue9710 1 / 2
violette964 1 / 2

wo BR, 9 Zoll 7 Lin., oder (1 / 12) von BC ausmacht.

Da ſich nun die von einem Punkte kommenden Stralen auf die in der Figur deutlich vorgeſtellte Art durchkreuzen, ſo kan weder in B oder R ſelbſt, noch irgendwo zwiſchen dieſen Punkten, ein deutliches Bild des ſtralenden Punktes entſtehen. In B z. B. wird das deutliche Bild, welches die blauen Stralen machen, mit Lichte von andern Farben, und am Rande mit rothem Lichte aus eben dem Punkte des Gegenſtandes, umgeben ſeyn; daher dieſe Abweichung dem Bilde zugleich falſche Farben und farbichte Raͤnder giebt. 15

Sobald Newton dieſe Abweichung entdeckt hatte, berechnete er, daß ſie bey den gewoͤhnlichen Fernroͤhren auf die Undeutlichkeit des Bildes 5000mal ſtaͤrker wirke, als die Abweichung wegen der Geſtalt des Glaſes, daß ſie alſo das vornehmſte Hinderniß ausmache, welches der Vollkommenheit der Fernroͤhre im Wege ſtehe, von denen es, wie er ſagt, zu verwundern ſey, daß ſie die Gegenſtaͤnde noch ſo deutlich zeigten, als es wirklich geſchaͤhe.

Er dachte nunmehr auf Mittel, dieſe Abweichung aufzuheben, ward aber ungluͤcklicher Weiſe durch gewiſſe von ihm angeſtellte Verſuche und daraus gefolgerte Saͤtze verleitet, es fuͤr unmoͤglich zu halten, daß man jemals bey Glaͤſern die Wirkung der Farbenzerſtreuung werde aufheben koͤnnen. Er gieng von dieſer Zeit an ganz von den Gedanken an die Verbeſſerung der Glaͤſer ab, und ſchlug ſtatt der Fernroͤhre mit bloßen Glaͤſern die mit Spiegeln vor, ſ. Spiegelteleſcop, weil bey der Zuruͤckprallung des Lichts von Spiegeln keine Farbenzerſtreuung ſtatt findet. Dadurch iſt die weitere Unterſuchung dieſer Materie beynahe um ein ganzes Jahrhundert verſpaͤtiget worden.

Endlich machte in neuern Zeiten, auf eine von Herrn Euler gegebne Veranlaſſung, der engliſche Kuͤnſtler Dollond die wichtige Entdeckung, daß es allerdings moͤglich ſey die Farbenzerſtreuung auch bey Fernroͤhren mit Glaͤſern zu vermeiden, wenn man zu dieſer Abſicht die Glaͤſer aus verſchiedenen Glasarten zuſammenſetze. Hierauf gruͤndet ſich die Erfindung der Dollondiſchen achromatiſchen Fernroͤhre, in welchen die Abweichung wegen der Farbenzerſtreuung vermieden wird, wovon man den Artikel: Achromatiſche Fernroͤhre, nach ſehen kan.

Abweichung, katoptriſche

oder Abirrung der Hohlſpiegel, Aberratio ob figuram ſpeculorum, Aberration de ſphèricité des miroirs, heißt der Unterſchied, welcher bey Hohlſpiegeln und Spiegelteleſcopen daher entſteht, daß die ſphaͤriſchen oder Kugelſpiegel die aus einem Punkte ausgegangenen Lichtſtralen nicht wieder in einen Punkt vereinigen, woraus eine Undeutlichkeit des Bildes16 entſteht Sollte dieſe Abweichung wegfallen, ſo muͤßte der Spiegel, wenn der Gegenſtand ſehr entfernt iſt, eine paraboliſche Kruͤmmung haben. Denn die Parabel hat die Eigenſchaft, Stralen, welche mit ihrer Axe parallel einfallen, in ihrem Vrennpunkte genau zu vereinigen. Man hat daher den Metallſpiegeln, die zu Teleſcopen dienen ſollen, eine paraboliſche Kruͤmmung zu geben geſucht, wovon man unter dem Artikel: Paraboliſche Spiegel, ein mehreres finden wird.

Abweichung der Magnetnadel, Declinatio ſ. Variatio acus magneticae, Declinaiſon ou Variation de l' aimant.

So nennt man denjenigen Winkel, um welchen die Richtung der Magnetnadel von der wahren Mittagslinie abweicht. Obgleich insgemein geſagt wird, der Magnet habe die Eigenſchaft, ſich mit einem gewiſſen Punkte nach Norden zu richten, und theile dieſe Eigenſchaft, die man ſeine Polaritaͤt nennt, auch den mit ihm beſtrichenen Nadeln mit, ſo gilt doch dieſe Behauptung nur mit einiger Einſchraͤnkung. Sowohl der Magnet ſelbſt, als auch die Nadeln, richten ſich in den wenigſten Faͤllen genau nach Norden; ſie weichen faſt allezeit von der wahren Richtung der Mittagslinie um einige Grade, gegen Oſten oder Weſten, ab.

Allem Anſehen nach hat man die Abweichung der Magnetnadel bald nach dem erſten Gebrauche des Compaſſes zur Schiffahrt entdecken muͤſſen. Auch verſichert Thevenot in ſeiner Reiſebeſchreibung (Recueil des voyages. Paris, 1681. 8. ), aus einem Briefe des Peter Adſigerus geſehen zu haben, daß deſſen Verfaſſer ſchon im Jahre 1269 eine Abweichung der Magnetnadel von 5 Graden wahrgenommen habe. Inzwiſchen finden ſich doch die erſten zuverlaͤßigen Beobachtungen dieſer Abweichung nicht eher, als im ſechszehnten Jahrhunderte. Herr de l'Isle beſaß ein Manuſcript eines Piloten Crignon aus Dieppe, vom Jahre 1534, welches dem Admiral Sebaſtian Chabot zugeeignet war, und worinn die Abweichung der Magnetnadel erwaͤhnt ward; daher es ein Misverſtaͤnduiß17 zu ſeyn ſcheint, wenn Riccioli (Geograph. reform. L. VIII, c. 12.) den Chabot ſelbſt nebſt dem Gonzalez von Oviedo als die Erfinder der Abweichung der Magnetnadel nennet. Levin Hulſius (Deſcriptio et vſus viatorii et horologii ſolaris, Norib. 1597. 12mo) fuͤhrt an, daß Georg Hartmann in Nuͤrnberg im Jahre 1536 bey Verfertigung von Sonnenuhren die Abweichung 10 1 / 4 Grad gefunden habe, und 1550 ward ſie zu Paris von Orontius Fineus 8 Grad oͤſtlich beobachtet. (Man ſ. Petr. van Muſſchenbroek diſſ. phyſica experimentalis de Magnete, in ſeinen Diſſert. phyſ. et geometr. Lugd. Bat. 1729. 4. ingl. Doppelmayr Nachricht von den Nuͤrnbergiſchen Mathematicis und Kuͤnſtlern. Nuͤrnberg, 1750. Fol. S. 57.) Die aͤltern Naturforſcher pflegten das Abweichen der Nadel gegen Morgen, Graeciſſare, das gegen Abend, Magiſtriſſare zu nennen.

Die Abweichung der Magnetnadel zu beobachten, zieht man auf dem feſten Lande eine Mittagslinie, ſetzt einen gewoͤhnlichen Compaß oder eine Bouſſole (ſ. Compaß) ſo auf dieſelbe, daß der Stift, auf welchem die Nadel ruht, auf der Mittagslinie ſteht, und die Linie, welche durch den Anfang der Theilung des Compaſſes geht, mit der Richtung der Mittagslinie concidiret, ſo zeigt der Grad, auf welchen die Nadel ſpielet, die Groͤße ihrer Abweichung an. Man pflegt einen hiezu eingerichteten Compaß einen Abweichungscompaß (Declinatorium) zu nennen. Die Herren Brander und Hoͤſchel haben im Jahre 1779 eine Beſchreibung der von ihnen verfertigten Compafſe unter dem Titel: Beſchreibung des magnetiſchen Declinatorii und Inclinatorii, desgleichen eines beſonders bequemen und nutzbaren Sonnenquadranten, zu genauer Beſtimmung der Mittagslinie, Augſpurg. 8. herausgegeben.

Auf der See, wo ſich dieſe Methode nicht anwenden laͤßt, pflegt man ein Bleyloth ſo uͤber dem Seecompaß aufzuhaͤngen, daß deſſen Schatten durch den Mittelpunkt des Compaſſes geht; ſo giebt der Rhumb oder Theilungspunkt18 des Compaſſes in dem Zeitpunkte, da der Schatten am kuͤrzeſten iſt, die Groͤße der Abweichung an, weil in dieſem Zeitpunkte der Schatten die Richtung der Mittagslinie bezeichnet. Man kan auch die Weltgegenden, in welchen die Sonne, oder ein Stern auf - und untergeht, oder auch die Gegenden, in welchen die Sonne oder ein Stern gleiche Hoͤhen auf der Morgen - und Abendſeite erreicht, auf dem Compaſſe bemerken, ſo wird der zwiſchen beyden enthaltene Bogen, in zwo gleiche Helften getheilt, den wahren Mittags - und Mitternachtspunkt bezeichnen, und man wird die Abweichung der Nadel von demſelben leicht bemerken koͤnnen. Eine dritte Methode, bey welcher aber die geographiſche Breite oder Polhoͤhe des Orts als bekannt vorausgeſetzt wird, iſt dieſe. Man beobachte die Gegend des Compaſſes, in welcher die Sonne, oder ein Stern, auf - oder untergeht; man berechne ferner aus der gegebnen Abweichung der Sonne oder des Sterns und der Polhoͤhe, deſſelben Morgen - oder Abendweite (ſ. den Artikel: Abendweite), ſo wird der Unterſchied zwiſchen der berechneten Morgenweite und dem Abſtande der beobachteten Anfangsgegend von Oſten; oder zwiſchen der berechneten Abendweite und dem Abſtande der beobachteten Untergangsgegend von Weſten, die Abweichung der Magnetnadel angeben.

Durch Beobachtungen dieſer Art mußte man bald wahrnehmen, daß die Abweichung der Magnetnadel nicht allein an verſchiedenen Orten der Erde verſchieden, ſondern auch, ſelbſt an einerley Beobachtungsorte, zu verſchiedenen Zeiten veraͤnderlich ſey. Dieſe Veraͤnderung der Abweichung an einerley Orte (Variatio Declinationis ſ. Variationis) geht bisweilen ſo weit, daß die Nadeln ſchon binnen einer Stunde ihre Richtung merklich aͤndern. Laͤnger fortgeſetzte Beobachtungen hieruͤber ſcheinen zuſammengenommen etwas Regelmaͤßiges zu zeigen. Man hat zu Paris und London dergleichen Beobachtungen ſeit langer Zeit ununterbrochen fortgeſetzt. Die vornehmſten Reſultate der Pariſer Beobachtungen enthaͤlt folgende Tabelle:19

JahrAbweichung
155010′oͤſtlich
15801130
161080
164030
166600
JahrAbweichung
167030′weſtlich
1680240
1685410
1692550
1695648
1700812
1705825
1710935
17151050
1720130
17251315
17301425
17351540
17401545
17451615
17501715
1760180
1770190
17721955

In den Mémoires de l' Acad. Royale des Sc. vom Jahre 1770. S. 459 bemerkt Herr le Monnier von der Abweichung der Nadel in Paris, ſie habe von 1666 bis 1769 jaͤhrlich immer um etwas zugenommen, zuerſt um 15 bis 16, dann um 9 Minuten, womit auch obige Tabelle uͤbereinſtimmt. Jetzt aber ſcheint die weſtliche Abweichung daſelbſt wieder abzunehmen.

In London, wo Gellibrand im Jahre 1625 zuerſt genaue Beobachtungen angefangen, und in dieſer Abſicht eine eigne Mittagslinie gezogen hat, war die Abweichung der Nadel nach Halley (Philoſ. Trans. n. 195. p. 564.) 20

im Jahre158011°15′oͤſtlich
1622536
163445
165700
1672230weſtlich
1683430
(Phil. Trans. Vol. LXIV. P. 2.) 17742116

Wenn man aus mehrern an vielerley Orten der Welt angeſtellten Beobachtungen auf einer Landkarte die Orte bemerkt, an welchen die Magnetnadel fuͤr eine gewiſſe Zeit einerley Abweichung gehabt hat, und durch dieſe Orte Linien zieht, ſo kommen verſchiedene beſonders gekruͤmmte Zuͤge, Abweichungslinien, zum Vorſchein, welche ſich auf gewiſſe Gegenden zu beziehen ſcheinen. Halley hat dies zuerſt entdeckt, und eine ſolche fuͤr das Jahr 1700 eingerichtete Karte verzeichnet, welche ſich in den Philoſ. Transact. no. 195, ingleichen in den Miſcellaneis curioſis Vol. l. p. 80, und in Muſſchenbroeks oben angefuͤhrter Diſſ. de Magnete findet. Eine neuere fuͤr das Jahr 1772 hat Lambert aus den neuſten Beobachtungen entworfen, und ich habe ſie hier Taf. II. aus dem Berliner aſtronomiſchen Jahrbuche fuͤr 1779 mitgetheilet. Aus der Betrachtung dieſer Karte laſſen ſich fuͤr das Jahr 1770 folgende merkwuͤrdige Saͤtze ziehen:

1. In ganz Europa, Afrika, dem oͤſtlichen Theile von Nordamerika und dem ſuͤdlichen Theile von Aſien, nebſt den angrenzen den Meeren war die Abweichung der Nadel durchaus weſtlich.

2. Im Ocean, weſtwaͤrts von Grosbritannien, und oſtwaͤrts vom Vorgebirge der guten Hoffnung, war ſie am groͤßten, und betrug daſelbſt 25°.

3. Die bey den fuͤr die Abweichung von 15° gezognen Linien kreuzen ſich mitten in Afrika. Dieſe Linien ſind zwar nicht unmittelbar aus Beobachtungen beſtimmt, die in Afrika ſelbſt angeſtellt waͤren; aber ſie haben doch ohne Verletzung der Analogie nicht anders koͤnnen gezogen werden. 21

4. Vom weißen Meere aus geht durch Aſien, das ſuͤdliche China und die philippiniſchen Inſeln eine Linie, in welcher gar keine Abweichung ſtatt findet.

5. Dieſer Linie gegen Morgen faͤngt die Abweichung an oͤſtlich zu werden, und bleibt dies bis an eine Linie, welche von Florida aus an der braſilianiſchen Kuͤſte hin bis an den erſten Meridian unter 40° ſuͤdlicher Breite geht, in welcher Linie wiederum gar keine Abweichung iſt.

6. Die groͤßte oͤſtliche Abweichung von 25° findet unterhalb der ſuͤdlichen Spitze von Amerika ſtatt.

7. Halley hatte in ſeiner Karte die Linien fuͤr die groͤßten Abweichungen von 25°, bey Afrika und Amerika um 15° weiter gegen Morgen, bey Grosbritannien 40 50° weiter gegen Abend geſetzt, wie die punktirten Linien der Karte andeuten; um ſo viel haben ſich alſo dieſe Linien ſeit 70 Jahren verruͤckt.

Eben dergleichen Abweichungslinien ſind auch fuͤr das Jahr 1744 auf einer von Mountaine und Dodſon entworfenen Karte (ſ. Philoſ. Transact. Vol. L. P.I. p. 329), und fuͤr 1755 auf einer von Zegollſtroͤm (Diſſ. de theoria decl. magn. Vpſal. ), ingleichen auf des Herrn Profeſſor Funk zu Leipzig Karten unter dem Titel: Die noͤrdliche und ſuͤdliche Erdoberflaͤche auf die Ebne des Aequators projicirt. Leipzig, 1781. verzeichnet.

Man hat die Abweichung der Magnetnadel und deren Veraͤnderungen durch verſchiedene Hypotheſen zu erklaͤren verſucht. Anfaͤnglich, als die beobachteten Veraͤnderungen noch gering waren, ſchrieb man dieſelbe, ſo wie die ganze Abweichung, nur der groͤßern oder geringern Kraft des Magnets, mit dem die Nadel be ſtrichen worden, zu oder auch dem Umſtande, daß die Nadeln bald naͤher an den Polen des Magnets, bald weiter von denſelben, geſtrichen wuͤrden. Man glaubte nemlich, eine genau an dem Pole eines ſtarken Magnets geſtrichene Nadel werde gar keine Abweichung zeigen. Dieſe Meynungen aber wurden gar bald durch die Erfahrung widerlegt.

William Gilbert (De magnete magneticisque corporibus, et de magno magnete tellure phyſiologia22 nova. Lond. 1600. fol.), der Erſte, der gruͤndlich uͤber den Magnet geſchrieben, und keine Thorheiten mehr daruͤber vorgebracht hat, nahm an, die Erde ſey ein Magnet das Waſſer aber nicht; folglich muͤſſen ſich die Nadeln uͤberall nach derjenigen Gegend kehren, nach welcher das meiſte und naͤchſte Land liege. Nach dieſer Vorausſetzung muͤßte in den Azoriſchen Inſeln, welche von Afrika und Amerika beynahe gleich weit entfernt liegen, gar keine, von ihnen gegen Afrika zu eine oͤſtliche, und gegen Amerika zu eine weſtliche Abweichung ſtatt finden. Am Vorgebirge der guten Hofnung muͤſte wiederum gar keine oder nur eine ſehr geringe Abweichung ſeyn, weil die Nadel von beyden Seiten des feſten Landes gleich ſtark angezogen wuͤrde u. ſ. f. Dieſes ſchien auch mit den damals bekannten wenigen Beobachtungen der Oſtindienfahrer ziemlich uͤbereinzuſtimmen; aber Halley ſetzt dieſer Theorie das Beyſpiel der braſilianiſchen Kuͤſte entgegen, an welcher ſich die Nadel ganz vom Lande abwendet, und gegen Oſten abweicht, da doch das Land der Kuͤſte weſtwaͤrts liegt.

Descartes ſuchte die Urſache der Abweichung in den Eiſenerzen und Magneten, welche im Innerſten der Erde und im Meergrunde verborgen laͤgen; Auzout darin, daß der Strom der magnetiſchen Materie durch die in der Erde entſtandenen natuͤrlichen und kuͤnſtlichen Aushoͤhlungen geſtoͤrt, und von ſeinem eigentlichen Wege abgelenkt werde; Hevel in einem Schwanken der Erde, und dergleichen; aber alle dieſe Hypotheſen ſind von Halley und Muſſchenbroek gruͤndlich widerlegt worden, und fallen von ſeloͤſt zu Boden, wenn man nur einen Blick auf Halley's oder Lamberts Karte wirft und bemerkt, wie viel Regelmaͤßiges und welche geometriſche Beziehung auf gewiſſe Punkte aus dem ganzen Abweichungsſyſteme unverkennbar hervorleuchte.

Halley ſetzte daher an die Stelle der vorigen eine neue Theorie (A theory of the variation of the magnetical compaſs by Mr. Edmund Halley, in Philoſ. Transact. num. 143. pag. 208), die er auf eine zahlreiche Sammlung von Beobachtungen baute, aus welchen er auch ſeine23 Abweichungskarte zuſammengeſetzt hat. Er zog aus dieſen Beobachtungen folgende allgemeine Saͤtze fuͤr das Jahr 1700.

1. In ganz Europa iſt jetzt die Abweichung weſtlich, gegen Morgen zu ſtaͤrker, als gegen Abend, ſcheint auch durchgaͤngig von Abend gegen Morgen zuzunehmen.

2. An der Kuͤſte von Nordamerika iſt die Abweichung ebenfalls weſtlich, und wird groͤßer, je weiter man gegen Norden geht, ſo daß ſie in Neufowndland 20, in der Hudſonsſtraße 30, in der Baffinsbay ſogar 57 Grad betraͤgt; ſie wird hingegen geringer, je weiter man von dieſer Kuͤſte oſtwaͤrts ſegelt. Hieraus folgert Halley, daß irgendwo zwiſchen Europa und Nordamerika, vielleicht um die Inſel Terceira, eine oͤſtliche Abweichung, oder wenigſtens keine weſtliche mehr, ſtatt finden muͤſſe.

3. An der Kuͤſte von Braſilien iſt die Abweichung oͤſtlich, und waͤchſt weiter ſuͤdwaͤrts immer mehr, ſo daß ſie bey Cap Frio 12, und beym Platafluß 20 1 / 2 Grad betraͤgt. Suͤdweſtwaͤrts nach der magellaniſchen Straße zu nimmt ſie wieder ab, und iſt an der weſtlichen Einfahrt der Straße nur 14 Grad.

4. Oſtwaͤrts von Braſilien nimmt dieſe oͤſtliche Abweichung ab, wird bey St. Helena und Aſcenſion ſehr gering, und verliert ſich endlich 18 Grad weſtwaͤrts vom Cap der guten Hoffnung ganz und gar.

5. Noch weiter oſtwaͤrts faͤngt wieder eine weſtliche Abweichung an, welche ſich durch den ganzen indiſchen Ocean erſtreckt, und unter dem Aequator in dem Mittagskreiſe von Madagaſcar bis auf 18 Grad ſteigt. In eben dieſem Mittagskreiſe, unter dem 30ſten Grade ſuͤdlicher Breite, findet ſie ſich 27 1 / 2 Grad, und nimmt von hier aus ab, ſo daß ſie bey Cap Comorin nur 8, an der Kuͤſte von Iava nur 3 Grad betraͤgt, und endlich in den Molucken, ſo wie auch weſtwaͤrts von Van Diemensland, ganz verſchwindet.

6. Weiter oſtwaͤrts entſteht unter ſuͤdlicher Breite eine neue oͤſtliche Abweichung, die aber weder ſo ſtark, noch24 von ſo weitem Umfange, als die vorige, iſt: denn auf der Inſel Rotterdam iſt ſie ſchon merklich kleiner, als an der Kuͤſte von Neuguinea, und nach dem Verhaͤltniſſe, in welchen ſie abnimmt, laͤßt ſich annehmen, daß 20 Grad weiter oſtwaͤrts, oder bey 225 Grad Laͤnge von London aus, unter dem 20ſten Grade ſuͤdlicher Breite wiederum eine weſtliche Abweichung anfange.

7. Die Abweichungen in Baldivia und der magellaniſchen Straße zeigen, daß die Num. 3. angefuͤhrte oͤſtliche Abweichung ſehr ſchnell abnehme, und ſich wahrſcheinlicher Weiſe nur bis auf einige Grade uͤber die Kuͤſten von Peru und Chili hinaus in die Suͤdſee erſtrecke, wo denn wieder eine weſtliche Abweichung in der Gegend der unbekannten Laͤnder zwiſchen Chili und Neuſeeland anfangen muß.

8. Von St. Helena nordweſtwaͤrts bis an den Aequator bleibt die Abweichung oͤſtlich, aber ſehr gering und immer gleich groß, daß alſo in dieſer Gegend die Linie, in welcher die Abweichung Null iſt, nicht nach der Mittagslinie, ſondern nach Nordweſt geht.

9. Die Einfahrt der Hudſonsſtraße und die Muͤndung des Plata liegen beynahe unter einerley Meridian; dennoch weicht die Nadel an dem einen Orte 19 1 / 2 Grad weſtlich, am andern 20 1 / 2 Grad oͤſtlich ab.

Aus dieſen Saͤtzen nun zog Halley die Hypotheſe, die Erdkugel ſey ein großer Magnet mit vier magnetiſchen Polen oder Anziehungspunkten, von denen je zween und zween nahe an jedem Pole des Aequators laͤgen. An den Orten, welche ſich nahe an einem dieſer magnetiſchen Pole befaͤnden, richte ſich die Nadel nach demſelben, und uͤberhaupt behalte jederzeit der naͤhere Pol die Oberhand uͤber den entferntern.

Den Pol, der unſern Laͤndern am naͤchſten ligt, ſetzt Halley in den Meridian von Lands-end, nicht uͤber 7 Grad vom Nordpole entfernt. Dieſer beſtimme die Abweichung der Nadel in Europa, der Tartarey und dem25 Eismeere, obgleich auch mit Beziehung auf den andern Nordpol, der ohngefaͤhr in den mitten durch Californien gehenden Meridian, 15 Grad vom noͤrdlichen Erdpole falle. Nach dieſem richte ſich die Nadel hauptſaͤchlich in Nordamerika und den daranſtoßenden Meeren von den Azoren weſtwaͤrts bis Japan.

Die beyden ſuͤdlichen Pole ſollen vom Suͤdpole der Erde etwas weiter abſtehen. Der eine wird 16 Grad weit vom Suͤdpole in einen 20 Grad weſtwaͤrts von der magellaniſchen Straße abſtehenden Meridian geſetzt, und ſoll die Nadel in Suͤdamerika, der Suͤdſee und einem groſſen Theile des aͤthiopiſchen Meeres lenken. Der vierte bekoͤmmt ſeine Stelle 20 Grad weit vom Suͤdpole in dem Meridiane, der 120 Grad oſtwaͤrts von London durch Neuholland und die Inſel Celebes geht. Die Kraft dieſes Poles ſoll, weil er am weitſten vom Pole der Erde abſteht, uͤberall den ſtaͤrkſten Einfluß haben, und ſich uͤber den ſuͤdlichen Theil von Afrika und Aſien und die daran grenzenden Meere erſtrecken. Dies iſt nun nach Halley die Stellung des Magnetismus der Erde fuͤr das Jahr 1700, aus welcher er die aus den Beobachtungen gezognen Saͤtze auf folgende Art erklaͤrt.

1. Den europaͤiſchen Pol im Meridiane von Landsend in England haben alle Orte in Europa auf der Weſtſeite ihres Meridians. Sie muͤſſen alſo eine weſtliche Abweichung haben, welche immer groͤßer wird, je weiter man oſtwaͤrts geht.

2. Auf der Weſtſeite des Meridians von Lands-end wuͤrde die Nadel eine oͤſtliche Abweichung erhalten, wofern ſie nicht wegen der Annaͤherung des amerikaniſchen Nordpols, der etwas mehr Kraft, als der erſtere, zu beſitzen ſcheint, weſtwaͤrts gezogen wuͤrde, welcher Zug auch unter dem Meridian von Lands-end ſelbſt noch einige weſtliche Abweichung verurſacht. In der Gegend des Meridians von Terceira mag vielleicht der europaͤiſche Pol ſoviel uͤberwiegen, daß daſelbſt eine oͤſtliche, oder wenigſtens keine weſtliche Abweichung mehr, ſtatt findet. Weſtwaͤrts von den Azoren aber uͤberwiegt der amerikaniſche Pol, und26 verurſacht an den Kuͤſten von Nordamerika eine weſtliche Abweichung, die deſto groͤßer wird, je weiter man gegen Norden geht, deſto geringer aber, je mehr man ſich oſtwaͤrts dem europaͤiſchen Pole naͤhert. In Nordamerika ſelbſt nimmt dieſe weſtliche Abweichung wieder ab, iſt in dem Meridian, der durch Californien geht, Null, und muß weiter weſtwaͤrts gegen Yedſo und Japan ohne Zweifel oͤſtlich ſeyn, bis ſie wieder der durch den europaͤiſchen verurſachten weſtlichen begegnet.

3. Gegen den Suͤdpol zu erfolgen aͤhnliche Wirkungen, nur daß hier der Nadel ſuͤdliche Spitze angezogen wird. Liegt alſo der magnetiſche Pol 20 Grad weſtwaͤrts von der magellaniſchen Straße, ſo muß die Abweichung an der braſilianiſchen Kuͤſte, dem Platafluſſe u. ſ. w. oͤſtlich ſeyn, und ſich uͤber einen großen Theil des aͤthiopiſchen Meeres erſtrecken.

4. Endlich aber wird ſie noch weiter oſtwaͤrts von der Kraft des aſiatiſchen Suͤdpols uͤberwogen, welches ohngefaͤhr zwiſchen dem Cap der guten Hoffnung und den Inſeln des Triſtan d'Aeunha geſchieht.

5. Noch weiter oſtwaͤrts zieht der aſiatiſche Pol die ſuͤdliche Spitze der Nadel, und verurſacht dadurch eine weſtliche Abweichung, welche wegen der weiten Entfernung dieſes Pols vom Suͤdpole der Erde ſtark ſeyn und ſich ſehr weit erſtrecken muß, bis ſie endlich in den Molucken um den Meridian der Inſel Celebes, in welchem dieſer Pol ſelbſt liegt, verſchwindet, und einer neuen oͤſtlichen Raum giebt.

6. Dieſe oͤſtliche Abweichung reicht ohngefaͤhr bis in die Mitte der Suͤdſee.

7. Hier faͤngt, wegen der Wirkung des amerikaniſchen Suͤdpols, zwiſchen Neuſeeland und Chili wieder eine weſtliche an.

8. In der heißen Zone, und beſonders unter dem Aequator, muß man auf alle vier Pole ſehen. So iſt z. B. in dem von St. Helena nordweſtwaͤrts gerichteten Striche die Abweichung oͤſtlich und ſehr gering, weil hier die27 Wirkung des amerikaniſchen Suͤdpols, der dieſen Gegenden am naͤchſten liegt, und eigentlich eine große oͤſtliche Abweichung verurſachen ſollte, durch die entgegengeſetzten vereinten Wirkungen des amerikaniſchen Nordpols und des aſiatiſchen Suͤdpols geſchwaͤcht wird, der europaͤiſche Nordpol aber ohnehin beynahe in den Meridian dieſer Gegenden ſelbſt faͤllt.

9. Auch wird hieraus begreiflich, wie die Abweichung unter einerley Meridiane an einem Orte oͤſtlich, am andern weſtlich ſeyn kan.

So erklaͤrt Halley den Zuſtand der Abweichungen fuͤr das Jahr 1700. Weil er aber auch auf die Veraͤnderungen der Abweichung ſehen, und alſo nothwendig eine Bewegung ſeiner magnetiſchen Pole annehmen muſte, wobey die Fragen entſtanden: ob ſich alle vier Pole zugleich, ob ſie ſich um die Pole der Erde, und mit welcher Geſchwindigkeit ſie ſich bewegten, ſo ſuchte er dieſe Fragen in einem andern Aufſatze (An account of the cauſe of the change of the variation of the magnetical needle, by Edm. Halley, in den Philoſ. Transact. num. 195. p. 563.) durch Folgendes zu beantworten.

Der aͤußere Theil der Erde macht nach ſeiner Meynung nur eine Rinde aus, umſchließt einen concentriſchen kugelfoͤrmigen Kern, und der Raum zwiſchen beyden iſt mit einer fluͤßigen Materie angefuͤllt. Kern und Rinde drehen ſich zwar beyde taͤglich um ihre Axen, aber die Umdrehungszeit des Kerns iſt von der Umdrehungszeit der Rinde um ein kleines Zeittheilchen unterſchieden; dieſer Unterſchied wird nach oft wiederholter Umdrehung merklich, und die Stellen der Rinde treffen alsdann nicht mehr mit den vorigen Stellen des Kerns zuſammen.

Nimmt man nun an, beydes Rinde und Kern ſeyen Magnete mit zween Polen, ſo aͤndern fich freylich die Stellungen dieſer vier Pole gegen einander, und wenn man, wie natuͤrlich, die Pole der Rinde als die unbeweglichen betrachtet, ſo muß man alsdann den Polen des Kerns eine beſtaͤndige Bewegung beylegen. Unter den Nordpolen iſt der bewegliche der europaͤiſche,28 unter den Suͤdpolen der amerikaniſche, weil in den Gegenden um dieſe Pole die Veraͤnderungen am groͤßten ſind. Die Bewegung geht nach Weſten; alſo bleibt die innere Kugel, bey der taͤglichen Umdrehung von Weſten nach Oſten, ein wenig zuruͤck, welches davon herkommen kan, daß beym erſten Anfange der Umdrehung der der aͤußern Rinde ertheilte Stoß ſich dem Kerne nicht ganz hat mittheilen koͤnnen. Um die Erdaxe ſcheint dieſe Bewegung nicht zu gehen, weil ſonſt die Abweichungen in einem Parallelkreiſe immer dieſelben bleiben, und nur von einem Punkte zu andern fortruͤcken muͤßten; welches doch der Erfahrung nicht gemaͤß iſt. Da dieſe Bewegung ſehr langſam iſt, ſo laͤßt ſich aus ſo wenigen und neuen Beobachtungen nichts Zuverlaͤßiges uͤber die Dauer ihrer Periode beſtimmen; doch ſcheint ſich der amerikaniſche Pol in 90 Jahren um 46 Grad weſtwaͤrts bewegt zu haben, woraus ſich die Dauer der Umlaufszeit ohngeſaͤhr auf 700 Jahre ſetzen ließe.

So weit Halley. Man kan dem Scharfſinne und geometriſchen Geiſte, mit welchem er aus ſo vielen ohne Ordnung durch einander liegenden Beobachtungen die Linien ſeiner Karte gezogen, und ſeine Schluͤſſe hergeleitet hat, die verdiente Bewunderung nicht verſagen; aber die Hypotheſe von vier Polen, deren zween beweglich ſind, und die daraus entſprungene Idee von Kern und Rinde bringen etwas Sonderbares und Unwahrſcheinliches in ſeine Erklaͤrung.

Der juͤngere Herr Euler (Recherches ſur la declinaiſon de l'aiguille aimantée, in Mémoires de l' acad. des Sc. à Berlin, ann. 1757. p. 175) hat daher zu zeigen geſucht, daß man zu Erklaͤrung der beobachteten Abweichungen keinesweges noͤthig habe, vier Pole anzunehmen, indem ſich von allen Erſcheinungen aus dem Daſeyn zweener Pole Rechenſchaft geben laſſe. Er berechnet zu dem Ende Formeln, wodurch ſich die halleyiſchen Abweichungslinien aus der gegebenen Lage zweener magnetiſcher Pole wuͤrden beſtimmen laſſen, wenn dieſe Pole 1) einander nach dem Durchmeſſer entgegengeſetzt, 2) in zween entgegengeſetzten29 Meridianen, 3) in einerley Meridian, 4) in zween verſchiedenen Meridianen laͤgen. Wenn er nun annimmt, daß der magnetiſche Nordpol 14, der Suͤdpol 35° von den Polen der Erde abſtuͤnde, die durch beyde gezognen Meridiane aber 63° von einan der entfernt waͤren, ſo findet er nach dieſen Formeln die Abweichungslinien ziemlich uͤbereinſtimmend mit der fuͤr das Jahr 1744 entworfenen Karte des Mountaine und Dodſon. Er theilt die Zeichnung einer nach ſeinen Formeln entworfenen Karte mit, in welcher der magnetiſche Nordpol uͤber Amerika, der Suͤdpol hingegen unter Neuſeeland faͤllt, und die Abweichungslinien fuͤr 12° 5′ oͤſtliche Declination ſich einmal im rothen Meere, das anderemal weſtwaͤrts von Californien nahe am Wendekreiſe kreuzen. Die Linien, in welchen gar keine Abweichung ſtatt findet, fallen bloß etwas weiter oſtwaͤrts, als in der Taf. II. mitgetheilten Karte des Herrn Lambert. Nach Herrn Eulers eigner Vermuthung wuͤrden ſeine Formeln mit den Beobachtungen noch beſſer uͤbereinſtimmen, wenn er den Nordpol 17 und den Suͤdpol 40 Grad von den Polen der Erde entfernt haͤtte. Es iſt alſo durch dieſe Bemuͤhungen des Herrn Euler wenigſtens ſo viel erwieſen, daß es uͤberfluͤßig ſey, vier magnetiſche Pole anzunehmen.

Unter den ungedruckten Abhandlungen des großen goͤttingiſchen Aſtronomen, Tobias Mayers, befindet ſich eine uͤber den Magnet, welche er der daſigen Societaͤt der Wiſſenſch aften im Jahre 1762 vorgeleſen hat. Den Nachrichten der Herren Erxleben und Lichtenberg zufolge (ſ. Erxlebens Anfangsgr. der Naturlehre nach der Lichtenbergiſchen Ausgabe, §. 709.) erklaͤrt Mayer daſelbſt die Erſcheinung ſehr natuͤrlich daraus, daß in der Erde ein Magnet anzutreffen ſey, den man in Vergleichung mit der Erde ſelbſt fuͤr unendlich klein annehmen koͤnne. Dieſer Magnet liege vom Miitelpunkte der Erde etwa 120 Meilen weit entfernt nach dem Theile der Erde zu, den das ſtille Meer bedecke. Eine gerade Linie durch die Mittelpunkte dieſes Magnets und der Erde ſchneide die Erdflaͤche in einer Laͤnge von 201 Graden von der Inſel Ferro, und unter 17 Grad noͤrdlicher Breite. Der Magnet30 entferne ſich jaͤhrlich etwa um (1 / 1000) des Halbmeſſers der Erde von dem Mittelpunkte derfelben, wodurch die Laͤnge des erſtgedachten Durchſchnittspunktes jaͤhrlich um 8, die Breite um 14 Minuten abnehme. Es habe dieſer Magnet zween Pole: ſeine Axe ſtehe ſenkrecht auf der von ihm in den Mittelpunkt der Erde gezognen Linie, und liege in einer Ebne, welche mit der Ebne des Meridians, in welchem jene nach dem Mittelpunkte gezogene Linie liege, einen Winkel von 11 1 / 2 Grad, und zwar bey uns nach Oſten zu, mache, Auch wachſe dieſer Winkel jaͤhrlich etwa um 8 1 / 4 Minuten. Die Totalkraft dieſes in der Erde liegenden Magneten verhalte ſich verkehrt, wie der Wuͤrfel der Entfernung.

Aus dieſer Hypotheſe folgert Mayer Groͤßen der Abweichungen fuͤr verſchiedene Orte der Erde, welche von den wirklich beobachteten nicht ſehr unterſchieden ſind. So findet er z. B. die Abweichung fuͤr Paris 14° 2′, fuͤr Berlin 12° 2′ weſtlich, da man ſie um das Jahr 1760 am erſten Orte gegen 18°, am zweyten 12° 40′ gefunden hat. Nach Herrn Lichtenbergs richtigem Urtheile muß man eine ſolche Uebereinſtimmung bewundern, wenn man bedenkt, was fuͤr unvollkommne Beobachtungen Mayer bey Feſtſetzung der Hauptgroͤßen ſeiner Hypotheſe zum Grunde legen mußte. Man kan alſo Mayers Erklaͤrung wenigſtens als eine gute Vorſtellungsart von der Urſache der Abweichungen gelten laſſen, um in Zukunft mehrere Beobachtungen damit zu vergleichen, und ſie nach denſelben zu berichtigen, und zu pruͤfen. Es iſt nicht zu zweifeln, daß man durch haͤufigere und genauere Beobachtungen mehr Licht uͤber die Urſachen der Abweichungen erhalten werde, wenn man auf dem von Halley, Euler und Mayer vorgezeichneten Wege fortgehen wird, auf welchem Geometrie und Analyſis ſo wirkſame Unterſtuͤtzungen darbieten.

Man hat kugelrunde Magnete unter dem Namen der Terrellen (terrellae) gemacht, um durch Beobachtung der Stellungen des Compaſſes an verſchiedenen Punkten derſelben, die Phaͤnomene der Abweichung an verſchiedenen Stellen der Erde zu erklaͤren. Sie haben aber noch wenig Dienſte geleiſtet. Zwar verſichert Adams (Eſſay31 on megnetism, in ſeinem Eſſay on electricity, London 1784. 8. ), Magellan habe neuerlich eine Terrelle angegeben, von der ſich mehr hoffen laſſe. Es faͤllt aber in die Augen, daß ſich bey einem ſolchen Kuͤgelchen nie die wahren Verhaͤltniſſe der Groͤßen des Compaſſes und der Groͤſſen und Entfernungen auf der Erde ſelbſt darſtellen laſſen, und daß es daher nichts mehr, als ein phyſikaliches Spielwerk ſey.

Außer der bekannten immer fortgehenden Veraͤnderung hat ſchon Graham im Jahre 1722 noch eine taͤgliche periodiſche Veraͤnderung in der Abweichung der Magnetnadel entdeckt, uͤber welche Wargentin und Canton weitere Beobachtungen angeſtellt haben. Der Letztere theilte ſeine Verſuche hieruͤber im Jahre 1759 der koͤniglichen Societaͤt der Wiſſenſchaften zu London mit. (An attempt to account for the regular diurnal variation of the horizontal magnetic needle, by Iohn Canton, in Philoſ. Transact. Vol. LI. P. I. p. 398). Er hatte ſeine Beobachtungen vom Ende des Jahres 1756 an, 603 Tage lang fortgeſetzt, und dieſe taͤgliche Veraͤnderung an 574 Tagen regelmaͤßig gefunden. Die weſtliche Abweichung der Nadel nahm von 8 oder 9 Uhr Morgens bis 1 oder 2 Uhr Nachmittags zu; alsdann ſtand die Nadel eine Zeitlang ſtill, endlich gieng ſie wieder zuruͤck, bis ſie in der Nacht oder am naͤchſten Morgen wieder in ihre vorige Stelle zuruͤckkam.

Dieſe taͤgliche Veraͤnderung der Abweichung erklaͤrt Canton aus dem Satze, daß die anziehende Kraft des Magnets durch die Waͤrme geſchwaͤcht werde. Er beweiſet dieſen Satz durch folgende Verſuche. Er ſtellte an die Gegend Oſt-Nord-Oſt eines Compaſſes einen kleinen Magnet, ſo weit ab, daß die Kraft ſeines Suͤdpols gerade im Stande war, den Nordpol der Nadel auf Nord - Oſt, oder auf 45° zu halten. Dieſen Magnet beſchwerte er mit einem Gewichte von 16 Unzen, und goß 2 Unzen ſiedendes Waſſer in daſſelbe, wodurch der Magnet 7 8 Minuten lang erhitzt ward. Waͤhrend dieſer Zeit gieng die Nadel 3 / 4 Grad weſtwaͤrts, binnen 9 Minuten kam ſie32 um 1 / 4 Grad oder bis 44 1 / zuruͤck, brauchte aber einige Stunden Zeit, ehe ſie ihre vorige Stellung auf 45° wieder erhielt. Er ſtellte ferner auf jede Seite des Compaſſes einen Magnet ſo, daß die Suͤdpole auf den Nordpol der Nadel gleich ſtark wirkten, und ſie in ihrer gehoͤrigen Stellung erhielten; ward aber einer weggenommen, ſo zog der andere die Nadel bis 45°. Jeder Magnet ward mit einem Gewichte von 16 Unzen beſchweret, und auf den oͤſtlichen wurden 2 Unzen ſiedendes Waſſer gegoſſen. Die Nadel bewegte ſich in der erſten Minute um einen halben Grad, und kam in 7 Minuten auf 2 3 / , wo ſie ſtill ſtand, nach 34 Min. vom erſten Anfange gerechnet, auf 2 1 / 2, und in 50 Minuten auf 2 1 / zuruͤckkam. Er fuͤllte nun das weſtliche Gewicht mit ſiedendem Waſſer, wobey die Nadel in der erſten Minute auf 1 1 / zuruͤckkam, nach 6 Min. 1 / oͤſtlich ſtand, und etwa 40 Minuten darnach in ihre anfaͤngliche Stellung zuruͤckkehrte.

Aus dieſen Verſuchen iſt klar, daß die magnetiſche Anziehung durch die Waͤrme geſchwaͤcht werde. Wenn nun, ſagt Canton, die magnetiſchen Theile der Erde auf der Oſtſeite Vormittags von der Sonne eher erwaͤrmt werden, als die auf der Weſtſeite, ſo iſt es klar, daß ſich die Nadel mehr weſtwaͤrts bewegen muß; wenn die Waͤrme der anziehenden Theile auf jeder Seite gleich ſtark zunimmt, ſo muß die Nadel ſtill ſtehen, und die Abweichung ein Groͤßtes ſeyn; wenn die weſtlichen Theile ſchneller erwaͤrmt werden, oder langſamer abkuͤhlen, als die oͤſtlichen, ſo muß die weſtliche Abweichung der Nadel wieder kleiner werden, und ein Kleinſtes ſeyn, wenn die Theile auf beyden Seiten gleich geſchwind abkuͤhlen. Auch muß nach dieſer Theorie die taͤgliche Veraͤnderung im Sommer groͤßer, als im Winter, ſeyn; ſie iſt auch in der That im Iunius und Iulius faſt doppelt ſo groß, als im December und Januar, gefunden worden.

Unregelmaͤßige kleine Veraͤnderungen der Abweichung hat Canton ſeltner, etwa zwey-bis dreymalmonatlich, und faſt jederzeit mit einem Nordlichte begleitet gefunden. Er iſt geneigt, ſie aus ploͤtzlichen Veraͤnderungen der unterirdiſchen33 Waͤrme herzuleiten, da auch das Nordlicht, als eine elektriſche Erſcheinung, ſich, wie die Elektricitaͤt des Turmalins, aus ploͤtzlicher Erwaͤrmung oder Erkaͤltung der Luft erklaͤren laſſe.

Einige Kuͤnſtler haben ſich bemuͤht, Nadeln oder magnetiſche Ringe zu verfertigen, welche die Mittagslinie ohne Abweichung zeigten. Muſſchenbroeks Verſuche hieruͤber ſind vergeblich geweſen. Le Maire, ein franzoͤſiſcher Kuͤnſtler, verfertigte neuerlich nach Briſſons Zeugniß (Dictionnaire raiſonné de phyſique, art. Aimant) ſpiralfoͤrmige Nadeln und magnetiſche Ringe, deren Pole ſo geſtellt waren, daß ſie einander ſtoͤrten, und dadurch fuͤr den Ort, fuͤr welchen er ſie eingerichtet hatte, die Abweichung vermieden. Man ſieht leicht, daß ſie fuͤr andere Orte, und im Fortgange der Zeit ſelbſt fuͤr den nemlichen Ort, dieſen Dienſt zu leiſten aufhoͤren muͤſſen.

Abweichungskreis, Circulus declinationis, Cercle de declinaiſon.

Ein groͤßter Kreis der Himmelskugel, welcher durch die beyden Pole und ein Geſtirn geht. So iſt Taf. I. Fig. 5. PSDp der Abweichungskreis des Geſtirns S. ſ. Abweichung, aſtronomiſche.

Wenn das Geſtirn in den Mittagskreis koͤmmt, ſo iſt dieſer mit dem Abweichungskreiſe einerley. Auch ſind die Abweichungskreiſe einerley mit den Stundenkreiſen, welche ebenfalls durch beyde Pole gehen. Wenn z. B. das Geſtirn vor einer Stunde durch den Mittagskreis gegangen iſt, ſo faͤllt ſein Abweichungskreis auf den erſten Stundenkreis u. ſ. w. Nur bleiben die Stundenkreiſe unbeweglich, die Abweichungskreiſe hingegen gehen mit der taͤglichen Bewegung der Geſtirne fort. ſ. Stundenkreis.

Accord, ſ. Conſonanz.

Achromatiſche Fernroͤhre

Tubi achromatici, Lunettes achromatiques, heiſſen diejenigen Fernroͤhre, in welchen die Abweichung wegen der verſchiedenen Brechbarkeit der Lichtſtralen, ſ. Abweichung, dioptriſche, vermieden und der betrachtete Gegenſtand ohne bunte Raͤnder und falſche Farben dargeſtellt wird. Das Wort34 achromatiſch iſt griechiſch und bedeutet farbenlos, nicht faͤrbend.

Newton, der die verſchiedene Brechbarkeit der Lichtſtralen entdeckt, und die daraus entſtehende Abweichung der Glaͤſer mit Recht fuͤr die Haupturſache der Undeutlichkeit in den Fernroͤhren erkannt hatte, ließ ſich bey dieſer wichtigen Entdeckung dennoch zu einem Irrthume verleiten. Er glaubte nemlich, die verſchiedenen bey der Brechung von einander geſonderten Farbenſtralen wuͤrden von allen brechenden Mitteln in einerley allgemeinem Verhaͤltniſſe zerſtreut; wenn alſo die Brechung der Stralen von der mittlern Gattung beſtimmt ſey, ſo ſey dadurch auch die Brechung derer von den aͤußerſten Gattungen, d. i. der rothen und violetten gegeben, das brechende Mittel moͤchte ſeyn, welches man wolle. Dieſen Satz ſahe er als eine nothwendige Folge eines ſeiner Verſuche an. Er glaubte nemlich gefunden zu haben (Newtoni Optice lat. redd. a Sam. Clarke. Lond. 1706. 4. L. I. Part. II. Exp. 8.), daß das Licht, durch wie vielerley verſchiedene brechende Mittel es auch immer gehen moͤchte, allezeit weiß bleibe, wenn des Strales Richtung beym Ausgange der beym Eingange parallel ſey; hingegen allezeit in Farben zerſtreut werde, wenn der ausgehende Stral eine andere Richtung nehme, als er beym Eingange gehabt habe. Weil nun aus dem Objectivglaſe eines Fernrohrs die von entlegnen Punkten einfallenden Stralen ſo ausgehen muͤſſen, daß ſie nach dem Brennraume zuſammenlaufen, und alſo ihre Richtung beym Ausgange nie mit ihrer Richtung beym Eingange in das Glas parallel bleiben kan, ſo hielt er es fuͤr eine entſchiedene Unmoͤglichkeit, durch das Objectivglas eines Fernrohrs weiſſes Licht und ungefaͤrbte Bilder zu erhalten. Er zog daher ſeine Gedanken von Verbeſſerung der Objectivglaͤſer gaͤnzlich ab, und verwendete alle ſeine Bemuͤhungen blos auf die Spiegelteleſcope.

Bey dem großen Anſehen, in welchem Newtons Behauptungen und Verſuche ſtanden, blieb die Frage von Vermeidung der Farbenzerſtreuung bey Objectivglaͤſern auf achtzig Jahre lang unberuͤhrt, bis endlich Euler35 (Sur la perfection des verres objectifs des lunettes par M. Euler, in den Mém. de l'acad. roy des Sc. de Pruſſe 1747. p. 274.) im Jahre 1747 den Vorſchlag that, die Objectivglaͤſer zu Vermeidung der Farbenzerſtreuung aus verſchiedenen Materien zuſammenzuſetzen, und ſtatt eines Glaſes, deren zwey, mit dazwiſchen gefuͤlltem Waſſer, zu gebrauchen. Dieſer Gedanke Eulers gruͤndete ſich theils auf einen von Newton ſelbſt in anderer Abſicht gegebnen Wink, theils auf die Betrachtung der Mittel, deren ſich die Natur bey dem Baue des menſchlichen Auges bedienet hat.

Schon Newton, ſagt Euler, hat vermuthet, daß Objectivglaͤſer aus zwo Linſen, deren Zwiſchenraum mit Waſſer angefuͤllt waͤre, zur Verbeſſerung der Fern roͤhren in Abſicht auf die Abweichung wegen der Geſtalt der Glaͤſer dienen koͤnnten: aber den Gedan ken, daß man durch eben dieſes Mittel den Raum ver kleinern koͤnne, durch welchen ſich die Vereinigungspunkte der verſchiedenen Farbenſtralen ausbreiten, ſcheint er da bey ganz und gar nicht gehabt zu haben. Mir hingegen iſt es ſogleich vomerſten Anfange wahrſcheinlich geweſen, daß man durch gewiſſe Zuſammenſetzungen verſchiede - ner durchſichtiger Mittel auch dieſem Fehler werde abhel fen koͤnnen, und ich bin uͤberzeugt, daß die verſchie - denen Feuchtigkeiten in unſerm Auge ſo geord - net ſind, daß durch dieſelben die Ausbreitung und Zerſtreuung der Vereinigungspunkte gaͤnz - lich gehoben wird. Dies iſt, ſo viel ich glaube, eine ganz neue Seite, von welcher der Bau des Auges unſere Bewunderung verdient: denn waͤre es nur darauf ange kommen, Bilder der Gegenſtaͤnde im Auge darzuſtellen, ſo waͤre dazu ein einziger durchſichtiger Koͤrper hinreichend geweſen, wofern er nur die dazu noͤthige Geſtalt gehabt haͤtte: ſollte aber das Auge ein vollkommnes Werkzeug ſeyn, ſo mußten mehrere verſchiedene durch ſichtige Ma terien dazu gebraucht, und in gehoͤriger Geſtalt nach den Regeln der erhabenſten Geometrie verbunden werden, da mit die Deutlichkeit des Bildes nicht durch die verſchie dene36 Brechbarkeit der Stralen geſtoͤrt wuͤrde. Dieſe ſcharfſinnige Bemerkung uͤber die Abſicht des Schoͤpfers bey dem Bau des Auges iſt fuͤr Eulern hoͤchft ruͤhmlich; inzwiſchen iſt ſie ſchon laͤngſt vor ihm von David Gregory (Catoptricae et Dioptricae elementa, Oxon. 1697. 8. ) gemacht, und als Vorſchlag zur Verbeſſerung der Fernroͤhre vorgetragen worden; allein man hat ſie damals gleichguͤltig uͤberſehen. Euler unterſuchte durch Rechnung, welche Geſtalten und Verhaͤltniſſe ſolche aus Glas und Waſſer zuſammengeſetzte Objectivglaͤſer erforderten; aber die nach ſeinen Rechnungen angeſtellten Proben hatten nicht den gewuͤnſchten Erfolg.

Inzwiſchen erregte Eulers Abhandlung die Aufmerkſamkeit des John Dollond, eines geſchickten engliſchen Kuͤnſtlers, der dieſe Rechnungen ſorgfaͤltig durchgieng, aber ſie nothwendig falſch finden mußte, weil er ſie nach Newtons Grundſaͤtzen pruͤfte. Euler wagte noch nicht, Newtons Verſuche zweifelhaft zu machen, er begnuͤgte ſich blos im Allgemeinen zu antworten, daß ſich der Bau des Auges gar nicht wuͤrde erklaͤren laſſen, wenn man nach Newtons Beyſpiele die Vermeidung der Farbenzerſtreuung bey allen Brechungen durch erhabne Glaͤſer fuͤr unmoͤglich erklaͤren wollte.

Endlich ruͤckte Herr Klingenſtierna im Jahre 1754. in den ſechszehnten Band der ſchwediſchen Abhandlungen eine geometriſche Pruͤfung des oben angefuͤhrten newtoniſchen Verſuchs ein (Anmerkung uͤber das Geſetz der Brechung bey Lichtſtralen von verſchiedener Art, wenn ſie durch ein durchſichtiges Mittel in verſchiedene andere gehen, von Samuel Klingenſtierna in den ſchwediſchen Abhdl. 1754. der deutſchen Ueberſ. S. 30.), worin er bewieß, daß, wenn dieſer Verſuch eine allgemeine Richtigkeit haͤtte, daraus nicht einerley beſtimmtes Geſetz der Farbenzerſtreuung, ſondern unzaͤhlige verſchiedene Geſetze folgen wuͤrden, die ſowohl gegen einander ſelbſt, als gegen das von Newton angenommene ſtritten; und daß vielmehr das Licht nach dem Durchgange durch verſchiedene37 Mittel noch gefaͤrbt ſeyn koͤnne, wenn gleich der ausfahrende Stral mit dem einfallenden parallel ſey.

Durch dieſe ſehr gruͤndlich angeſtellte Unterſuchung ward Dollond ſelbſt bewogen, an der Richtigkeit des newtoniſchen Verſuchs zu zweifeln, und zur Anſtellung eigner Verſuche uͤberzugehen. Er kuͤttete daher zwo Glasſcheiben mit den Raͤndern ſo zuſammen, daß daraus ein prismatiſches Gefaͤß entſtand, kehrte deſſen Schaͤrfe niederwaͤrts, ſtellte ein glaͤſernes Prisma mit der einen Schaͤrfe aufwaͤrts hinein, und fuͤllte den uͤbrigen Raum mit Waſſer an. Wenn nun der Winkel, den beyde Glasſcheiben mit einander machten, gerade ſo groß war, daß ein Gegenſtand, durch dieſes doppelte Prisma betrachtet, eben ſo hoch, als mit bloßen Augen, erſchien, alſo beyde Brechungen, die durchs Glas, und die durchs Waſſer geſchehene, einander aufhoben, und der ausgehende Stral dem einfallenden parallel war, ſo ſollte nach Newtons Grundſaͤtzen der Gegenſtand in ſeiner natuͤrlichen Farbe erſcheinen. Allein er erſchien vielmehr eben ſo ſtark mit prismatiſchen Farben umringt, als ob er durch ein einziges glaͤſernes Prisma mit einem Winkel von etwa 30° waͤre betrachtet worden. Hiebey hat alſo Dollond eine ſtarke Faͤrbung ohne Brechung erhalten, und konnte es alſo nicht mehr fuͤr unmoͤglich anſehen, auch eine Brechung ohne Farben zu bewerkſtelligen.

Er erhielt dieſe auch wirklich, da er einen Keil von gemeinem Tafelglaſe, deſſen Winkel etwa betrug, eben ſo, wie vorhin das glaͤſerne Prisma, in ein keilfoͤrmiges, mit Waſſer gefuͤlltes Gefaͤß aus zwey Glasſcheiben ſetzte. Denn, wenn er nun den Winkel beyder Glasſcheiben ſo lang vergroͤßerte, bis der betrachtete Gegenſtand ohne fremde Farben erſchien, ſo ſahe er denſelben weit von dem Orte verruͤckt, an welchem er dem bloßen Auge wuͤrde erſchienen ſeyn. Es war alſo klar, daß die Farbenzerſtreuungen einander aufgehoben hatten, obgleich die Brechungen von einander verſchieden waren; alſo ward Newtons Satz, vermoͤge deſſen ſich die Farbenzerſtreuungen, wie38 die Brechungen, verhalten ſollten, dadurch hinlaͤnglich widerlegt.

Dollond fieng daher an, zu vermuthen, daß dasjenige, was er hier bey den Brechungen durch Waſſer und Glas wahrgenommen hatte, auch bey Brechungen durch verſchiedene Glasarten ſtatt finden werde, und nahm ſich daher vor, Prismen von verſchiedenen Glasarten zu ſchleifen und an einander zu legen, um zu ſehen, ob auch hiebey die Brechung in andern Verhaͤltniſſen, als die Farbenzerſtreuung, verſchieden ſeyn wuͤrde. Sobald er dies im Jahre 1757 vorgenommen hatte, zeigten ſogleich die erſten Proben, daß die Sache die aͤußerſte Aufmerkſamkeit verdiene. (An Account of ſome experiments concerning the different refrangibility of light, by Mr. Iohn Dollond, in den Philoſ. Transact. Vol. L. Part. II. p. 733.)

Er fand nemlich das Verhaͤltniß der Farbenzerſtreuung gegen die Brechungen in einigen Glasarten weit ſtaͤrker verſchieden, als er zu hoffen gewagt hatte. Beſonders war dieſer Unterſchied bey zwoen Glasarten ſehr betraͤchtlich. Das engliſche Kryſtallglas oder Flintglas, eine ſehr helle und weiße Glasart, zerſtreute die Farben am ſtaͤrkſten, eine andere mehr gruͤnliche, das Crownglas, am wenigſten, da doch beyder Brechungen faſt gleich waren. Dieſe Entdeckung ſuchte Dollond ſogleich zur Verbeſſerung der Fernroͤhren zu nuͤtzen. Er fieng an, Objectivglaͤſer aus dieſen beyden Glasarten zuſammenzuſetzen, welche das Licht ohne Farben brechen ſollten. Damit die beyden mit einander verbundenen Glaͤſer das Licht nach entgegengeſetzten Seiten zerſtreuen moͤchten, mußte das eine ein erhabnes, das andere ein Hohlglas ſeyn; und da die Stralen ſich wirklich in einen Punkt der Axe vereinigen ſollten, ſo mußte das erhabne die ſtaͤrkſte Brechung verurſachen, und daher aus derjenigen Glasart verfertiget werden, welche bey ſtaͤrkerer Brechung dennoch nur eine gleich große Farbenzerſtreuung giebt, indem beyder Glaͤſer Farbenzerſtreuungen einander aufheben, und alſo gleich groß ſeyn muſten. Dieſe Betrachtungen zeigten ihm, daß er ſeine Objectivglaͤſer aus einem Hohlglaſe von Flintglas39 und einem erhabnen von Crownglas zuſammenſetzen muͤſſe. Dieſer ſichern Gruͤnde ohngeachtet fand er doch bey der Ausfuͤhrung ſelbſt noch unzaͤhlbare Schwierigkeiten, die er endlich durch anhaltende Geduld und ungemeine Geſchicklichkeit uͤberwand, und ſich im Jahre 1755 im Stande ſahe, Fernroͤhre mit ſo großen Oefnungen, und ſo ſtarken Vergroͤßerungen, in Vergleichung mit ihrer Laͤnge, zu verfertigen, daß ſie nach dem Urtheile der beſten Kenner alles, was man bisher geleiſtet hatte, bey weitem uͤbertrafen.

Der Ruf von dieſer Entdeckung und von den neuen Dollondiſchen Fernroͤhren verbreitete ſich bald unter den Naturforſchern und Kuͤnſtlern. Weil aber Dollond die Verhaͤltniſſe, nach welchen die Glaͤſer ſeiner Objectivlinſen gekruͤmmt und zuſammengeſetzt waren, nicht bekannt machte, ſo ſuchte Clairaut, der ſich ſchon vom Anfange des Streits viel mit dieſer Sache beſchaͤftiget hatte, eine vollſtaͤndige, auf einige Verſuche gegruͤndete, Theorie davon auszuarbeiten, welche man in den Mémoires de l' academie royale des Sc. à Paris von den Jahren 1756 und 1757 findet. Dieſe Arbeit hat nachher d' Alembert im dritten und vierten Bande ſeiner Opuſcules mathematiques, und in den Mém. de l' acad. des Sc. in den Jahren 1764, 1765, 1767 vollſtaͤndiger ausgefuͤhrt. Im Jahre 1762 gab die Akademie der Wiſſenſchaften zu Petersburg die Preißfrage auf: wie die Unvollkommenheiten der optiſchen Werkzeuge, welche von der verſchiedenen Brechbarkeit und der Kugelgeſtalt herruͤhren, zu heben ſeyen? wobey die Abhandlung des Herrn Klingenſtierna (Tentamen de definiendis et corrigendis aberrationibus luminis in lentibus ſphaericis refracti, et de perſiciendo teloſcopio dioptrico. Petrop. 1762. gr. 4.) den Preiß erhielt. Ohngeachtet aber dieſe großen Mathematiker faſt alles erſchoͤpft hatten, was die Rechnung in dieſem Fache leiſten kann, ſo waren doch ihre Arbeiten den Kuͤnſtlern groͤßtentheils unbrauchbar, und die Englaͤnder verfertigten ohne Anwendung dieſer Formeln weit beſſere Fernroͤhre, als von den Auslaͤndern, ſelbſt unter unmittelbarer Aufſicht40 dieſer geſchickten Rechner, konnten zu Stande gebracht werden.

Euler, welcher zu dieſer Entdeckung die erſte Veranlaſſung gegeben hatte, war jetzt gerade derjenige, der ſich am ſchwerſten von der Richtigkeit der Dollondiſchen Verſuche und Erfindungen uͤberzeugen ließ. Er hatte ſchon im Jahre 1747 in den Mém. de l' acad. des Sc. de Pruſſe eine Theorie der Farbenzerſtreuungen feſtgeſetzt, mit welcher Dollonds Verſuche gar nicht uͤbereinſtimmten. Er ſchrieb daher die außerordentlichen Wirkungen der Dollondiſchen Fernroͤhre, von welchen er durch unwiderſprechliche Zeugniſſe uͤberfuͤhrt ward, blos der Kruͤmmung der Dollondiſchen Glaͤſer zu, welche durch einen gluͤcklichen Zufall ſo ausgefallen ſey, daß ſie eben dieſelbe Wirkung thun wuͤrden, wenn ſie auch nur aus einerley Glasart beſtuͤnden. Endlich aber ward er durch die Verſicherungen, die ihm Clairaut von der Richtigkeit der Dollondiſchen Verſuche gab, bewogen, ſeine Theorie aufzugeben, und fieng nunmehr ſelbſt an, die Dollondiſche Erfindung durch eigne Berechnungen aufzuklaͤren, und Vorſchlaͤge zum Gebrauch in der Ausuͤbung anzugeben. Aus ſeinen vielen akademiſchen Abhandlungen hieruͤber iſt ſeine Dioptrik (Leonh. Euleri Dioptrica, Petrop. et Lipſ. 1771. To. II. gr. 4.) entſtanden, aus welcher Herr Fuß in Petersburg zum Gebrauch der Kuͤnſtler einen Auszug von Vorſchlaͤgen zu achromatiſchen Fernroͤhen in franzoͤſiſcher Sprache herausgegeben hat. (Nik. Fuß umſtaͤndliche Anweiſung, wie alle Arten von Fernroͤhren in der groͤßten moͤglichen Vollkommenheit zu verfertigen ſind; aus dem Franz. von G. S. Kluͤgel. Leipzig, 1778. 4.)

Im Jahre 1758 trieb Dollond die Verbeſſerung der Fernroͤhre noch hoͤher, indem er ſeine Objectivlinſen aus drey Glaͤſern zuſammenzuſetzen anfieng. Sein Sohn Peter Dollond hat nachher dieſe dreyfachen Objectivglaͤſer in noch groͤßerer Vollkommenheit verfertiget. Sie beſtehen aus zween erhabnen Linſen von Crownglas und einer dazwiſchen ſtehenden hohlen von Flintglas, ſ. Taf. I. Fig. 7. Sie werden zu galilaͤiſchen Fernroͤhren mit einem41 hohlen, zu aſtronomiſchen mit zwoen, und zu Erdfernroͤhren mit noch mehrern erhabnen Augenglaͤſern verbunden. Ich will hier aus der angefuͤhrten Schrift des Herrn Fuß die Abmeſſung dreyer achromatiſchen aſtronomiſchen Fernroͤhre mittheilen, welche bey geringer Laͤnge dennoch ungemein ſtarke Vergroͤßerungen mit gehoͤriger Deutlichkeit geben.

Vergroͤßerung im Durchmeſſer2560320
I. Brennweite des Objectivglaſes6,251580
Durchmeſſer der Apertur -1,002,4012,80
Der erſten convexen Linſe von Crownglas Brennweite2,786,6835,64
Halbmeſſer der Vorderflaͤche5,3212,7068,04
-- der Hinterflaͤche2,044,9026,14
Abſtand der Mitte dieſer Linſe von der Mitte der zweyten0,140,341,81
Der zweyten auf beyden Sei - ten gleich viel vertieften Linſe von Flintglas Brennweite1,704,0821,73
Halbmeſſer jeder ihrer Flaͤchen1,974,7325,22
Abſtand ihrer Mitte von der Mitte der dritten Linſe -0,140,341,81
Der dritten auf beyden Seiten gleich viel erhabnen Linſe von Crownglas Brennweite2,756,6135,23
Halbmeſſer jeder ihrer Flaͤchen2,927,0037,35
II. Abſtand des Objectivs vom erſten Ocular --.6,0014,7579,74
III. Des erſten Oculars von Crownglas Brennweite -0,470,490,51
Halbmeſſer jeder der beyden Flaͤchen --0,500,520,54
IV. Abſtand des erſten Oculars vom zweyten -0,330,340,34
V. Des zweyten Oculars von Crownglas Brennweite -0,170,170,17
Halbm. jeder der beyden Flaͤchen0,180,180,18
VI. Entfernung des Auges vom letzten Ocular --0,090,090,09
VII. Durchmeſſer des Geſichts - feldes -2°13′56 1 / 2′10 2 / 3′
VIII. Laͤnge des Fernrohrs6,8416,2085,60

Nimmt man hiebey 1 Zoll fuͤr die Einheit an, ſo kan durch ein ſieben Fuß langes Fernrohr eine 320 fache Vergroͤßerung im Durchmeſſer erhalten werden, wozu ſonſt, ohne Gebrauch eines achromatiſchen Objectivglaſes, eine Laͤnge von 200 Fuß noͤthig geweſen waͤre, welche das Fernrohr ganz unbrauchbar wuͤrde gemacht haben. Sollte man ja bey einer ſo kleinen Einheit, als 1 Zoll iſt, die bis auf Hunderttheile vorgeſchriebne Genauigkeit der Maaße zu verfehlen fuͤrchten, ſo wird man, durch Annehmung einer Einheit von 2 Zollen, noch immer die 320 fache Vergroͤſſerung bey einer Laͤnge von 14 Fuß, und die 60 fache bey einer von 3 Fuß erhalten koͤnnen.

Man kan die dreyfachen Objectivglaͤſer, welche weit mehr, als die doppelten, leiſten, leicht von den letztern unterſcheiden, wenn man ihnen ein Licht vorhaͤlt, deſſen Flamme ſich in jeder Glasflaͤche ſpiegelt, und alſo bey dem dreyfachen Objectivglaſe ſechsfach, bey dem doppelten nur vierfach erſcheint. Unter dieſen Bildern der Lichtflamme ſind beym dreyfachen Objectivglaſe drey umgekehrte, weil die Flaͤchen 2, 3, 6, Taf. I. Fig. 7. gegen das vor 1 gehaltene Licht zu hohl ſind; die uͤbrigen drey Bilder erſcheinen aufrecht.

Die engliſchen Kuͤnſtler, vorzuͤglich beyde Dollonds, Ramsden, Pyefinch u. a. haben ſolche achromatiſche Fernroͤhre ſeit ihrer Erfindung jederzeit in groſſer Vollkommenheit verfertiget, ob ſie ſich gleich dabey mehr auf Proben und Verſuche (tâtonnement) verlaſſen, als etwa die von Clairaut, d' Alembert und Euler angegebnen Formeln und Berechnungen gebraucht haben. Herr Bernoulli (Lettres aſtronomiques. Berlin 1771. 8. lettre 5.) meldet, ihm ſey von glaubwuͤrdigen Perſonen verſichert worden, daß der juͤngere Dollond eine43 große Menge Linſen von beyderley. Glasarten auf Gerathewohl zu ſchleifen, und ſo lang verſchiedentlich zu combiniren pflege, bis er eine Zuſammenſetzung finde, die im verfinſterten Zimmer ein ſcharf begrenztes farbenloſes Bild gebe; ja Dollond habe ihm ſelbſt geſagt, daß er faſt alles durch praktiſche Vortheile und durchs Probiren ausrichte. Die Urſache, warum man mit der Theorie allein nicht weit komme, ſey der erſtaunliche Unterſchied unter den Glasmaſſen. Man pflege in den engliſchen Glashuͤtten das Glas in hohle Cylinder zu rollen, aus welchen die daſigen Optiker, denen man dies erlaube, ſich leicht die beſten ausſuchen koͤnnten: hernach aber ſchmelze man die uͤbrigen Cylinder in ganze Maſſen mit unebnen Oberflaͤchen zuſammen, an welchen kein Menſch ſehen koͤnne, ob das Glas Blaſen oder Streifen habe oder nicht. Auswaͤrtige Kuͤnſtler koͤnnten das Glas faſt nie anders, als in der letzten Geſtalt, erhalten, und bekaͤmen es daher meiſtentheils ſo ſchlecht, als moͤglich. Aehnliche Klagen findet man in Macquer's chymiſchem Woͤrterbuche unter dem Artikel: Verglaſung. Nach Herrn Kaͤſtners Anfuͤhren (Anfangsgr. der angewandten Mathematik, dritte Auflage. Goͤttingen, 1780. Dioptrik. S. 314.) klagen ſogar die engliſchen Kuͤnſtler, daß das Flintglas in England ſelbſt ſchon lange nicht mehr in der vorigen Vollkommenheit verfertiget werde.

Man hat uͤber die Beſtandtheile der oft angefuͤhrten beyden Glasarten, des Flintglaſes und Crownglaſes, Unterſuchungen angeſtellt, und Compoſitionen von gleicher Wirkung ausfindig zu machen geſucht. Johann Ernſt Zeiher, nachmaliger Profeſſor der Mathematik zu Wittenberg, entdeckte noch waͤhrend ſeines Aufenthalts in Rußland, daß die Farbenzerſtreuung der Glasarten ſtaͤrker werde, wenn man viel Bleykalch zu der Zuſammenſetzung derſelben nehme (ſ. ſeine Abhdl. von denjenigen Glasarten, welche eine verſchiedene Kraft, die Farben zu zerſtreuen, beſitzen. Petersburg 1763. 4. ), ingleichen, daß ein Zuſatz von Laugenſalzen zu einem Gemenge von Bleykalch und Kieſel die Brechungskraft des Glaſes vermindere,44 ohne die Farbenzerſtreuung im Geringſten zu aͤndern. Er verfertigte auf dieſe Art ein Glas, welches das engliſche Flintglas in Abſicht dieſer Wirkungen zu Verbeſſerung der Fernroͤhre noch weit uͤbertreffen ſollte, weil es das Licht dreymal ſo ſtark, als das gemeine Glas, zerſtreute, da doch das Verhaͤltniß der mittlern Brechung nur etwas weniges mehr, als beym Flintglaſe betrug. Inzwiſchen haben dieſe an ſich merkwuͤrdige Entdeckungen den Kuͤnſtlern wenig Vortheile verſchaft, theils weil es bey uns Schwierigkeiten macht, ſolche ungewoͤhnliche Glascompoſitionen nach den gehoͤrigen Verhaͤltniſſen auf den Glashuͤtten zu erhalten, theils weil die Hauptſache auf Vermeidung der Adern und Streifen ankoͤmmt, welche dergleichen aus Materien von ſehr verſchiedener Dichte zuſammengeſetzte Glasarten noch weit haͤufiger, als das gewoͤhnliche Glas, annehmen. Man ſ. hievon den Artikel: Flintglas. Statt des Crownglaſes haben die Kuͤnſtler, welche außerhalb Englands achromatiſche Fernroͤhre verfertiget haben, ihre einheimiſchen Glasarten gebrauchen koͤnnen; das Flintglas aber hat man mehrentheils aus England kommen laſſen. Inzwiſchen hat die Unvollkommenheit der Glasarten noch bisher den groͤßten Theil der Vortheile verhindert, welche die Dollondiſche Erfindung im erſten Anfange zu verſprechen ſchien.

Wie groß uͤbrigens ſchon diejenigen Vortheile ſind, die man wirklich erhalten hat, wird folgende Vergleichung lehren. Nach Herrn le Gentil (Mém. de l' acad. des Sc. de Paris. 1755. p. 462.) vergroͤßerte ſein Fernrohr von 18 pariſer Fuß Laͤnge 63mal, und da ſich ſonſt die Laͤngen, wie die Quadratzahlen der Vergroͤßerung, verhalten mußten, ſo wuͤrde eine 126 fache Vergroͤßerung 72 Fuß Laͤnge erfordert haben. Das achromatiſche Fernrohr des Herrn Meſſier hingegen (Mém. de l' acad. des Sc. 1775. p. 213.) vergroͤßerte 120mal bey einer Laͤnge von 40 Zollen, d. h. es that faſt gleiche Wirkung mit dem vorigen, ob es gleich uͤber 21 mal kuͤrzer war. Man kan nemlich durch achromatiſche Fernroͤhre bey einer ſehr geringen Laͤnge dennoch weit betraͤchtlichere Vergroͤßerungen,45 ohne Schaden der Deutlichkeit erhalten; und obgleich die Spiegelteleſcope eben dieſes auch leiſten, ſo behalten doch die Fernroͤhre den Vorzug, daß ſie die Gegenſtaͤnde lebhafter darſtellen, auch wohlfeiler und von unwandelbarerer Dauer ſind.

Prieſtley Geſchichte und gegenwaͤrtiger Zuſtand der Optik, durch G. S. Kluͤgel. S. 339. u. f. I. E. Zeiher programmata II. de novis dioptricae augmentis. Viteb. 1768 et 1773. 4.

Adhaͤſion, Anhaͤngen, Adhaeſio, Adhéſion, Adhérence.

Dieſer Name wird dem allgemeinen Phaͤnomen der Attraction in dem beſondern Falle beygelegt, wenn zween verſchiedene Koͤrper bey ihrer Beruͤhrung mit einander, oder bey ſehr geringer Entfernung von einander, ſo verbunden werden, daß eine aͤußere Kraft noͤthig iſt, um ſie wieder zu trennen. Hauptſaͤchlich wird dieſer Name gebraucht, wenn von gedachten Koͤrpern der eine fluͤßig, der andere feſt iſt, und man ſagt alsdann, daß ſich der fluͤßige an den feſten anhaͤnge.

So haͤngt ſich das Waſſer an den darein getauchten Finger oder an eine Glasroͤhre an: es bleibt nach dem Herausziehen etwas Waſſer an dem eingetauchten Koͤrper haͤngen. Man ſagt im gemeinen Leben, der Finger oder das Glas werde naß oder benetzt; und das anhaͤngende Waſſer geht nicht herab, bis es durch eine aͤußere Kraft, durch Abreiben, durch die Wirkung der Waͤrme u. dgl. hinweggenommen, d. i. bis der benetzte Koͤrper durch irgend eine aͤußere Einwirkung getrocknet wird. Alle dergleichen Benetzungen feſter Koͤrper mit fluͤßigen ſind Beyſpiele der Adhaͤſion bey einer wirklich vorgegangenen Beruͤhrung.

Das Waſſer und andere Fluͤßigkeiten ziehen ſich aber auch in Schwaͤmmen, Loͤſchpapier u. dgl., die man nur zum Theil eintaugt, nach und nach in die Hoͤhe. Dies ſind Beyſpiele einer Adhaͤſion oder eines Anziehens, das auch in einiger, wiewohl ſehr geringer, Entfernung ſchon wirkſam iſt.

Nothwendig muͤſſen die Theilchen einer fluͤßigen Materie, welche ſich an einen feſten Koͤrper anhaͤngen, von46 dieſes Koͤrpers Oberflaͤche ſtaͤrker angezogen werden, als ſie unter ſich ſelbſt zuſammenhaͤngen. Denn die anhaͤngenden Theile reiſſen ſich ja von den uͤbrigen los, um an dem Koͤrper zu bleiben, oder ſich an ihn zu haͤngen. Wenn daher die Wirkungen des Anhaͤngens nicht erfolgen, ſo kann man ſchließen, daß die Theile der fluͤßigen Materie unter ſich ſelbſt ſtaͤrker zuſammenhaͤngen, als ſie von dem feſten Koͤrper angezogen werden. So muß der Zuſammenhang der Theile des Queckſilbers unter einander ſelbſt, ſtaͤrker als ihr Anhaͤngen an die Epidermis oder an das Glas ſeyn; denn der Finger oder die Glasroͤhre werden vom Queckſilber nicht benetzt, ſondern trocken herausgezogen.

Queckſilber benetzt Bley, Gold, Silber und andere Metalle, da es hingegen Eiſen, Glas rc. trocken laͤßt. Waſſer haͤngt ſich an die meiſten Koͤrper, nur dann nicht, wenn ihre Oberflaͤchen mit Oel und andern fetten Materien, mit Baͤrlapp oder Hexenmehl (ſemen lycopodii) rc. bedeckt ſind. Schon dieſe wenigen Beyſpiele zeigen, daß ſich verſchiedene Materien mit verſchiedener Staͤrke anziehen, und daß das Anhaͤngen bisweilen ſtaͤrker, bisweilen ſchwaͤcher, als der Zuſammenhang der Theile fluͤßiger Koͤrper unter einander ſelbſt, ſey. Einige Naturforſcher haben hieruͤber das allgemeine Geſetz annehmen wollen, daß fluͤßige Maſſen mit ſpecifiſch ſchwereren feſten Maſſen ſtaͤrker, mit ſpecifiſch leichtern hingegen ſchwaͤcher, als unter ſich, zuſammenhaͤngen. Dieſe Behauptung wird zwar dadurch wahrſcheinlich, daß ſchwere Fluͤßigkeiten, wie Queckſilber, ſich nur an wenige, und an die ſchwerſten feſten Koͤrper, leichte hingegen, wie Waſſer, ſich faſt an alle feſte Koͤrper, haͤngen. Es iſt aber die Allgemeinheit des Satzes bey weitem noch nicht erwieſen, und die Erfahrung ſtimmt nicht allezeit mit ihm uͤberein: wenn man auch gleich die noͤthige Einſchraͤnkung beyfuͤgt, daß man ihn nicht von der ſpecifiſchen Schwere der ganzen Zuſammenſetzung, ſondern von der Schwere der einzelnen Theile der Koͤrper verſtehen muͤſſe. Die einzelnen Theile eines Koͤrpers nemlich koͤnnen ſpecifiſch47 ſchwerer als Waſſer ſeyn, wenn gleich der ganze Koͤrper in ſeiner Zuſammenſetzung ſpecifiſch leichter, als daſſelbe, iſt.

Die Urſache der Adhaͤſion iſt wohl ein fuͤr uns unerforſchliches Geheimniß; ich beziehe mich hieruͤber gaͤnzlich auf dasjenige, was unter dem Artikel Attraction hievon geſagt wird, und begnuͤge mich, dasjenige, was hier mit dem Namen Adhaͤſion bezeichnet wird, als ein unlaͤugbares, durch unzaͤhlige Erfahrungen bewieſenes, Phaͤnomen anzuſehen.

Die Wirkungen der Adhaͤſion ſind ſehr zahlreich. Außer dem Benetzen oder Naßwerden eingetauchter Koͤrper, gehoͤren dabin noch folgende Phaͤnomene.

Fluͤßige Koͤrper nehmen in Gefaͤßen aus ſolchen Materien, welche von ihnen benetzt werden, keine vollkommen horizontale Oberflaͤche an; ſie ſteigen vielmehr um den Rand der Gefaͤße herum etwas in die Hoͤhe. In Gefaͤſſen hingegen, welche nicht von ihnen benetzt werden, ſtehen ſie am Rande etwas tiefer, als in der Mitte. So hat Waſſer im glaͤſernen Gefaͤße eine Oberflaͤche, die in der Mitte vertieft, und ringsumher am Rande des Glaſes aufwaͤrts gekruͤmmt iſt: Queckſilber im Glaſe hingegen zeigt eine in der Mitte erhabne und ringsumher am Rande unterwaͤrts gekruͤmmte Oberflaͤche. Leicht auf dem Waſſer ſchwimmende Koͤrper bewegen ſich dahin, wo des Waſſers Oberflaͤche am hoͤchſten ſteht; daher ſcheinen ſie von dem Rande der Gefaͤße angezogen zu werden.

Tropfen einer fluͤßigen Materie zerfließen auf den Oberflaͤchen ſolcher Koͤrper, welche dieſe fluͤßige Materie benetzt; ſie behalten hingegen ihre Kugelgeſtalt (welche nur durch das Gewicht der obern Theile des Tropfens ein wenig platt gedruͤckt wird) auf ſolchen Koͤrpern, welche von ihnen nicht benetzt werden. So zerfließt Waſſer auf Glas, Queckſilber auf Bley; eine platte Kugelgeſtalt aber behaͤlt das erſtere auf Hexenmehle, auf polirten Metallflaͤchen, auf den Blaͤttern vieler Gewaͤchſe (daher die Thautropfen entſtehen), auf fetten Flaͤchen, das letztere auf Glaſe und den meiſten Koͤrpern uͤberhaupt. 48

Waſſer aus einem glaͤſernen Gefaͤße gegoſſen, laͤuft leicht am aͤußern Rande des Gefaͤßes herunter, beſonders, wenn man langſam gießt, oder wenn das Gefaͤß ſehr voll iſt. Ein ausgeſchweifter Rand oder geſchneutzter Ausguß verhindert dies, weil er dem auslaufenden Waſſer eine Richtung giebt, die es bey geſchwindem Gießen ſchnell vom Glaſe abfuͤhrt. Queckſilber hingegen laͤuft nie am Glaſe, wohl aber an metallenen Gefaͤßen herab.

Ein Waſſertropfen, der an einem ſchief gehaltenen Glaſe auswendig herabrinnt, nimmt eine unregelmaͤßige Geſtalt an, welche den Streit zwiſchen dem Gewichte, dem Zuſammenhange und dem Anhaͤngen ſeiner Theile an das Glas ſehr deutlich zeigt.

Auch beym Durchfließen einer fluͤßigen Materie durch die engen Zwiſchenraͤume der Leinwand, des Loͤſchpapiers u. dgl. muß dieſe Anziehung zwiſchen den Theilen beyder Koͤrper das ihrige beytragen. So kan man Quckeſilber in einem Beutel von Leinwand oder gar von Flor tragen, ohne daß es durchfließt, da doch das viel leichtere Waſſer ſogleich durchfließen wuͤrde. Durch das weit dichtere Leder laͤßt ſich Qeuckſilber mit maͤßiger Kraft durchdruͤcken.

In ſehr engen Roͤhren entſtehen aus dem Anhaͤngen der fluͤßigen Materien Wirkungen, welche beſonders betrachtet zu werden verdienen. ſ. Haarroͤhren.

Auch die Luft haͤngt ſich an die meiſten feſten Koͤrper, und es koſtet in ſolchen Faͤllen, wo ſie hinderlich faͤllt, z. B. bey der Verfertigung der Barometer, nicht wenig Muͤhe, die Glasroͤhren ganz von der an ihnen anhaͤngenden Luft zu befreyen.

Erxleben Anfangsgr. der Naturlehre. Sechſter Abſchnitt. §. 180. u. f.

Aeolipile, ſ. Windkugel.

Aequator, Gleicher Aequinoctialkreis, Aequator, Circulus aequinoctialis, Equateur.

heißt am Himmel derjenige groͤßte Kreis der Sphaͤre, welcher von den Weltpolen uͤberall um 90 Grad entfernt iſt, deſſen Pole49 alſo die Weltpole ſelbſt ſind, ſo wie ſeine Axe die Weltaxe ſelbſt iſt. Es ſtehen daher alle durch die Weltpole gehende Kreiſe (Mittagskreis, Abweichungskreiſe, Stundenkreiſe) auf ihm ſenkrecht, und alle groͤßte Kreiſe der Sphaͤre, z. B. Horizont, Ekliptik u. ſ. w. ſchneiden ſich mit ihm unter gleichen Helften. Die taͤgliche Bewegung der Geſtirne um die Pole geſchieht nach der Richtung dieſes Kreiſes, d. i. jedes Geſtirn beſchreibt aller 24 Stunden einen mit dem Aequator parallel laufenden Tagkreis.

Der Aequator theilt die ganze Himmelskugel in zwo gleiche Helften, die noͤrdliche und ſuͤdliche Halbkugel (Hemiſphaerium boreale et auſtrale) ein.

Von ſeinen beyden Durchſchnittspunkten mit dem Horizonte faͤllt dem gegen Mittag gekehrten Zuſchauer der eine, der Morgenpunkt, zur Linken, der andere, der Abendpunkt, zur Rechten. Jederzeit und an allen Orten der Erde iſt die eine Helfte des Aequators uͤber, die andere unter dem Horizonte. Wenn alſo die Sonne in dieſen Kreis tritt, ſo iſt an allen Orten der Erde Tag und Nacht gleich; hievon ſind ſeine Benennungen herzuleiten.

Seine beyden Durchſchnittspunkte mit der Ekliptik oder jaͤhrlichen Sonnenbahn, heißen eben daher die Punkte der Nachtgleichen, und insbeſondere derjenige, in welchen die Sonne jaͤhrlich um den 21 Maͤrz tritt, der Fruͤhlingspunkt, der andere, welchen die Sonne jaͤhrlich um den 21 Sept. erreicht, der Herbſtpunkt.

Der Aequator iſt fuͤr die Sternkunde von der groͤßten Wichtigkeit. Schon in den aͤlteſten Zeiten hat man ihn gebraucht, um die Lagen der Geſtirne gegen ihn zu beſtimmen. In dieſer Abſicht theilt man ihn jetzt, wie jeden andern Kreis, in 360 Grade, und dieſe ferner in Minuten, Secunden u. ſ. f. Man faͤngt dieſe Theile vom Fruͤhlingspunkte (der daher des Aequators Anfangspunkt iſt) morgenwaͤrts zu zaͤhlen an. Nach ſolchen Graden und ihren Theilen werden die geraden Aufſteigungen der Geſtirne angegeben, ſ. Aufſteigung, gerade.

Auch bedient man ſich dieſes Kreiſes ſehr vortheilhaft zum Maaße der Zeit. Da die taͤgliche Bewegung50 mit vollkommen gleichfoͤrmiger Geſchwindigkeit erfolgt, ſo ſchieben ſich in gleichen Zeiten gleich große Bogen des Aequators durch den Mittagskreis. Da nun alle 360° zu dieſem Durchſchieben 24 Stunden brauchen, ſo gehen 15° des Aequators in 1 Stunde, in (1 / 15) Stunde oder in 4 Minuten, 1′ des Aequators in 4 Secunden u. ſ. f. hindurch. Sind alſo z. B. in der Zwiſchenzeit zwiſchen zween Augenblicken 4 Grade des Aequators durch den Mittagskreis gegangen, ſo ſchließt man nach der Regel de Tri und findet dieſe Zwiſchenzeit 16 Minuten. Die auf dieſe Art beſtimmte Zeit iſt Sternzeit oder Zeit der erſten Beweguͤng, ſ. Sternzeit. Umgekehrt kan man auch leicht berechnen, wie viel Grade, Minuten u. ſ. w. des Aequators in jeder gegebnen Zeit durch den Mittagskreis gehen. Man nennt dieſes: Sternzeit in Bogen des Aequators, und Bogen des Aequators in Sternzeit verwandeln. Da das Verhaͤltniß der Sternzeit zur mittlern Sonnenzeit gegeben iſt, ſ. Sonnenzeit, ſo laͤßt ſich auch fuͤr mittlere Sonnenzeit dieſe Verwandlung leicht bewerkſtelligen. Die Sammlungen aſtronomiſcher Tafeln enthalten Tabellen, welche zur Erleichterung ſolcher Verwandlungen dienen.

Aequator der Erde, die Linie, Aequinoctiallinie, Aequator telluris, Linea aequinoctialis, Equateur de la terre, la Ligne, Ligne équinoxiale, heißt auf der Erdkugel derjenige groͤßte Kreis, welcher von den Polen der Erde uͤberall 90° weit abſteht, mithin die Pole der Erde ſelbſt zu ſeinen Polen, und die Erdaxe zu ſeiner Axe hat. Alle Mittagskreiſe ſtehen, weil ſie durch die Pole gehen, auf ihm ſenkrecht. Die taͤgliche Umdrehung der Erde um ihre Axe erfolgt nach ſeiner Richtung, d. i. jeder Ort der Erde beſchreibt aller 24 Stunden einen mit dem Aequator parallel laufenden Kreis von Abend gegen Morgen.

Auf der Erdflaͤche durchſchneidet dieſer Kreis Afrika, geht unter Aſien hinweg durch die Inſeln Sumatra, Borneo, Celebes und Gilolo, erſtreckt ſich hierauf weit durch51 die Suͤdſee, erreicht und durchſchneidet Amerika in der ſuͤdlichen Helfte an der Grenze von Terraferma, und laͤuft dann durch das große Weltmeer wieder bis an Afrika. Alle Orte, die er durchſchneidet, haben den Aequator des Himmels uͤber ihrem Scheitel, und ſehen daher die Sonne jaͤhrlich zweymal (um den 21 Maͤrz und 21 Sept.) im Mittage uͤber ihrem Haupte ſtehen. Auch iſt bey ihnen das ganze Jahr hindurch Tag und Nacht gleich, ſ. Sphaͤre, welcher Umſtand die Benennung dieſes Kreiſes veranlaſſet hat. Den Namen der Linie pflegen ihm die Schiffer zu geben.

Er theilt die Erde in die noͤrdliche und ſuͤdliche Halbkugel (Hemiſphaerium boreale et auſtrale) ein.

Die Geographen zaͤhlen von ihm aus die Breiten der Orte, ſ. Breite, geographiſche, theilen ihn, wie jeden Kreis, in 360 Grade, und geben in ſolchen Graden die Unterſchiede oder Abſtaͤnde der Mittagskreiſe von einander an, ſ. Mittagskreiſe der Erde. Will man die Grade des Aequators der Erde von einem beſtimmten Anfangspunkte aus zaͤhlen, ſo iſt die Wahl dieſes Punktes willkuͤhrlich, daher ihn verſchiedene Geographen an verſchiedene Orte ſetzen. Iſt aber dieſer Punkt gewaͤhlt, ſo heißt der durch ihn und beyde Pole gehende Kreis der erſte Mittagskreis, und man zaͤhlt alsdann von demſelben aus die Grade des Aequators von Abend gegen Morgen.

Aequatorhoͤhe, Elevatio aequatoris, Hauteur meridienne de l' équateur.

So heißt der Bogen, um welchen der im Mittagskreiſe ſtehende Punkt des Aequators uͤber den Horizont erhaben iſt. Wenn Taf. I. Fig. 5. HOR den Horizont des Orts, P, p die bey den Pole, PAHpRP den Mittagskreis, AOQ den Aequator vorſtellt, ſo iſt der Bogen AH die Aequatorhoͤhe. Dieſer Bogen mißt nach den Saͤtzen der Sphaͤrik den Winkel, welchen die Ebne des Aequators mit der Horizontalebne macht, oder den Winkel AOH, unter welchem der Aequator uͤber den Horizont hervorſteigt. Weil52

HAPR =HA+AP+PR=180°
AP=90°
ſo iſt HA+PR=90°

oder die Aequatorhoͤhe macht mit der Polhoͤhe des Orts jederzeit eine Summe von 90° aus. Kennt man daher die Polhoͤhe eines Orts, ſ. Polhoͤhe, ſo giebt ſie, von 90° abgezogen, deſſelben Orts Aequatorhoͤhe. Z. B.

90°=89°59′60″
Polhoͤhe von Leipzig=511941
Aequatorhoͤhe in Leipzig=384019

Aequinoctialkreis, ſ. Aequator.

Aequinoctiallinie, ſ. Aequator der Erde.

Aequinoctialpunkte, Punkte der Nachtgleichen, Puncta aequinoctiorum, points équinoxiaux, ſind die beyden Durchſchnittspunkte des Aequators mit der Ekliptik oder jaͤhrlichen Sonnenbahn, welche, wie alle Durchſchnittspunkte zweener groͤßten Kreiſe, einander dem Durchmeſſer nach entgegenſtehen, oder um 180° von einander entfernt ſind. Wenn die Sonne bey ihrem ſcheinbaren jaͤhrlichen Umlaufe dieſe Punkte erreicht, und alſo in den Aequator koͤmmt, ſo iſt an allen Orten der Erde Tag und Nacht gleich, ſ. Aequator, woher auch der Name dieſer Punkte koͤmmt. Derjenige, welchen die Sonne um den 21 Maͤrz erreicht, wird der Fruͤhlingspunkt, oder der erſte Punkt des Widders (

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), der, in welchen ſie um den 21 Sept. tritt, der Herbſtpunkt, der erſte Punkt der Wage (

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) genennt. ſ. Fruͤhlingspunkt, Herbſtpunkt.

Aequinoctium, ſ. Nachtgleiche.

Aerometrie, Aërometrie, Aërometrie.

So heiſt die mathematiſche Betrachtung der Eigenſchaften der Luft, z. B. ihrer Schwere, Elaſticitaͤt, Temperatur, Feuchtigkeit u. ſ. w. Der Freyherr von Wolf hat zuerſt verſchiedene ſchon vor ihm angeſtellte mathematiſche Unterſuchungen uͤber die Eigenſchaften der Luft, nebſt ſeinen eignen,53 geſammelt, und im Jahre 1709 zu Leipzig unter dem Titel: Elementa Aërometriae, herausgegeben. Seitdem iſt es gewoͤhnlich geworden, dieſe Wiſſenſchaft als einen beſondern Theil der angewandten Mathematik anzuſehen, und man hat ihr nach der Zeit mehrere wichtige Erweiterungen und Zuſaͤtze beygefuͤgt. Denn

1) ſind die Werkzeuge, wodurch ſich die Eigenſchaften der Luft wahrnehmen und zum Theil abmeſſen laſſen, ſeit des Herrn v. Wolf Zeiten ungemein verbeſſert worden, wovon man die Artikel: Luftpumpe, Barometer, Thermometer, Hygrometer u. a. nachſehen kan.

2) iſt die Theorie der Hoͤhenmeſſungen mit dem Barometer ſeitdem weit mehr bearbeitet und berichtiget worden, ſ. Hoͤhenmeſſungen; barometriſche.

3) hat man in neuern Zeiten außer der atmoſphaͤriſchen Luft viele andere elaſtiſche fluͤßige Materien kennen gelernt, die in Abſicht auf Druck, Elaſticitaͤt u. ſ. f. auf aͤhnliche Art wirken. ſ. Gas. Daher laſſen ſich jetzt die Unterſuchungen der Aerometrie auf alle elaſtiſche fluͤßige Materien uͤberhaupt anwenden, und man muß unter dem Namen der Luft oft alle dieſe Luftgattungen oder Gasarten verſtehen, ſo wie in der Hydroſtatik, Hydraulik rc. der Name Waſſer alle fluͤßige Materien bedeutet.

4) Die ganz neue Erfindung der Aeroſtaten oder Luftbaͤlle, wovon der naͤchſtfolgende Artikel mehrere Nachricht giebt, hat einen neuen Abſchnitt der Aerometrie veranlaſſet, welchem man den Namen der Aeroſtatik beygelegt hat. Dieſer Name iſt zwar nicht ganz ſchicklich, da Aeroſtatik eigentlich die Lehre vom Gleichgewicht der Luft mit ſich ſelbſt und mit fremden Koͤrpern bedeutet; er ſcheint aber bereits angenommen zu ſeyn. ſ. Aeroſtatik.

5) Da die vom Herrn von Wolf geſammelten Unterſuchungen groͤßtentheils blos ſtatiſch waren, oder den Zuſtand des Gleichgewichts betrafen, ſo hat man ſeitdem auch die Bewegung elaſtiſcher fluͤßigen Materien in Betrachtung gezogen, und den Unterſuchungen daruͤber den Namen der Pnevmatik gegeben. So, wie Anwendungen der hoͤhern Mathematik auf die Lehre von Druck und54 Bewegung feſter und fluͤßiger Koͤrper die Namen der Dynamik und Hydrodynamik fuͤhren, ſo koͤnnte man den aerometriſchen und pnevmatiſchen Unterſuchungen, welche Anwendungen der hoͤhern Mathematik erfordern,