PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Der Schutzgeist.
Eine dramatische Legende in sechs Akten nebst einem Vorspiel
Leipzig,bei Paul Gotthelf Kummer. 1814.

An Ihro Kaiserliche Majestaͤt Elisabeth Alexiewna.

Das Wunder jener grauen Zeit, Es hat in unsern Tagen sich erneut; Der Russe darf der Nachwelt kuͤhn erzaͤhlen, Wie, zu Zeit des Gluͤckes Unterpfand, Um eine Menschen-Huͤlle zu beseelen, Gott seinen Engel herab gesandt.

[1]

Der Schutzgeist.

Dramatische Legende in sechs Akten nebst einem Vorspiel.

A[2]

Personen.

  • Otto der Große,

    deutscher Kaiser.

  • Berengar,

    Koͤnig von Italien.

  • Adelheid,

    verwitwete Koͤnigin von Italien, (die spaͤter unter die Heiligen versetzt worden.)

  • Der Geist des ermordeten Koͤnigs Lothar.
  • Markgraf Azzo von Este,

    Burggraf zu Canossa.

  • Oswald,

    sein alter Knappe.

  • Astulf,

    dessen Vater.

  • Eugenia,

    dessen Mutter.

  • Antonio,

    ein alter Fischer.

  • Margarethe,

    seine Tochter.

  • Herrmann Willing,

    Herzog der Sachsen.

  • Conrad der Welse,

    Herzog der Franken.

  • Heinrich,

    Herzog in Bayern, Otto's Bruder.

  • Ludolf,

    Herzog in Schwaben, Otto's Sohn.

  • Harald,

    ein Daͤnenkoͤnig.

  • Der Burgvoigt des festen Schlosses zu Como.
  • Der Schultheiß von Pavia.
  • Gesandter der Westfranken.
  • Tribut bringende Slaven.
  • Burgundische Frauen der Koͤnigin.
  • Lombardische Frauen der Koͤnigin.
  • Reiter.
  • Waͤchter.
  • Trabanten.
  • Fischer und Fischerinnen.
    • Der Bischoff,
    • Der Stadtgraf,
    • Geistlichkeit und Buͤrger
    • von Pavia

    (Die Zeit faͤllt in die Mitte des zehnten Jahr - hunderts.)

[3]

Das Vorspiel.

(Die Straße nach Pavia, an derselben ein Grab - mal. Auf einer Bahre liegt der todte Guido. Der alte Vater steht vor ihm mit gefalteten Haͤnden, wehmuͤtig den Leichnam betrachtend.)
Astulf.
Gehab dich wohl mein schoͤner Traum!
Die herrliche Bluͤte sie ist gefallen!
Entwurzelt steht der alte Baum
Mir soll kein Kind den Vaternahmen lallen!
Sind es doch funfzehn Jahre kaum,
Noch toͤnt der Ruf in meine Ohren:
Astulf! dir ist ein Knabe gebohren!
Da fuͤhlt 'ich ploͤtzlich in Mark und Bein
Die Glut der Freude stroͤmend ergossen
Ich sah der Mutter Haupt umflossen
A2Von4
Von einem milden Heilgenschein
Ich sah vertilgt auf blassen Wangen
Die Schmerzens-Spur mit Himmels-Lust
Hielt sie den Knaben laͤchelnd umfangen,
Und druͤckt 'ihn laͤchelnd an ihre Brust!
Und als er sich lebendig regte,
Und als im roͤthenden Morgenstrahl,
Die Mutter das Kind zum Erstenmal
Auf meine Vaterarme legte
Da wurde mir das Herz so groß!
Da lebt' ich stolz in diesem Sohne!
Und nicht um eine Koͤnigskrone
Vertauscht 'ich meiner Armuth Loos!
Die Erdennoth sie war verschwunden,
Verschwunden die enge Gegenwart
Und alle des Lebens Feyerstunden
Mir fuͤr die Zukunft aufgespart
Sie ist gekommen im schwuͤlen Gewit - ter
Ein Blitz durchzuckte den jungen Baum
Mein5
Mein Kelch ist leer die Hefe bitter!
Gehab dich wohl mein schoͤner Traum!
Die Mutter
(wankt heran mit einem Korbe voll Blumen.)
Hier bring ich Blumen zur letzten Weihe,
Gepfluͤckt von bebender Mutterhand
Bethaut mit Thraͤnen Nimm sie und streue
Sie auf der Lieb 'entseeltes Pfand!
Astulf.
(den Leichnam mit Blumen be - streuend.)
Mir bricht das Herz indem ich scheide
Von meines Alters Hoffnungsstab!
Eugenia.
Mit ists gebrochen! jede Freude
Faͤllt mit den Blumen in dieß Grab?
Astulf.
Noch gestern in schoͤner Jugendfuͤlle,
Der Eltern Hoffnung Freude Trost
Euge -
6
Eugenia.
Und heute nur eine kalte Huͤlle,
Erstarrt in ewgem Todesfrost!
Astulf.
Du wirst nicht mehr die Stirn mir kuͤhlen
Am heißen Tag auf lechzender Flur!
Eugenia.
Wirst nicht mehr um die Mutter spielen,
Du Kind der Unschuld und Natur!
Astulf.
Genug! wir segnen den schlummernden
Knaben,
Wir scheiden von ihm mit nassem Blick
Laß unsern Todten uns begraben
Dem Staube geben wir Staub zuruͤck.
Eugenia.
O laß, eh mich die Thraͤnen ersticken,
Nur Einmal noch der Trennung Kuß
Auf die erblaßten Lippen druͤcken!
O goͤnne mir den letzten Genuß!
(sie wirft sich auf den Leichnam.)
Astulf.
7
Astulf
Was auch ein trauernd Vaterherz empfinde,
Die ihn gebohren nagt ein and'rer Schmerz;
Denn von dem heißgeliebten Kinde
Reißt auch der Tod kein Mutterherz!
Eugenia
(auffahrend und zuruͤckbebend.)
Er lebt!
Astulf.
Verwirrt der Gram ihre Sinne?
Eugenia.
Des Lebens Waͤrme hab 'ich verspuͤrt
Astulf.
Hinweg du quaͤlende Taͤuschung! zerrinne!
Eugenia.
Dein Athem hat mich sanft beruͤhrt
Astulf.
Laß dein Gebet den eitlen Wahn zerstreuen.
Eugenia.
Woher der Schauder, der mich durchbebt?
Ists8
Ists nicht mein Kind? was darf ich scheuen?
Ich bin seine Mutter! er lebt! er lebt!
(sie wirft sich wieder auf ihn.)
Astulf.
(hinzutretend und bittend)
Eugenia! Ihr himmlischen Maͤchte!
Taͤuscht mich die gaukelnde Hoffnung nicht?
Gott! Gott! du gehest mit deinem Knechte
In ein erbarmendes Gericht!
Eugenia.
Aus dem erstarrten Busen windet
Ein leiser Athem sich herauf
Astulf.
Des Todes bleiche Farbe schwindet
Eugenia.
Er laͤchelt
Astulf.
Er seufzt
Eugenia.
Er schlaͤgt die Augen auf;
Beide stuͤrzen auf ihre Knie.
Wir beugen uns vor dir im Staube!
Wir9
Wir jauchzen und preisen dich fuͤr und fuͤr!
Beschaͤmt empfaͤngt der schwache Glaube
Der Allmache Wunder-Geschenk von Dir!
Guido
(die Arme gen Himmel breitend)
Gott! ich gehorche.
Eugenia.
Wir haben dich wieder?
Astulf.
An jener Eiche traf dich ein Blitz.
Guido
(ohne auf sie zu achten)
Auf Strahlen deines Lichts schwebt 'ich her - nieder
Und nahm von diesem Leichnam still Besitz.
Astulf.
Guido besinne dich, du bist genesen.
Eugenia.
Warum entziehst du dich der Mutter Kuß?
Guido.
Ihr seyd auf Erden Guidos Eltern gewesen,
Ich kenn 'Euch wohl. Empfangt des Sohn - nes Gruß.
Astulf.
10
Astulf.
Du lebst! wir leben im erwachten Sohne!
Eugenia.
Durch dich so ploͤtzlich arm, und wieder reich!
Guido.
Ja, Euer Guido lebt vor Gottes Throne,
Doch ich was hab 'ich zu schaffen mit Euch?
Astulf.
Seltsame Rede
Eugenia.
Heimlich Grauen
Befaͤllt mich dieser Schmuck so fremd
Das Silber mit dem Aetherblaue
So flimmernd gemischt, war nicht sein
Todtenhemd
Astulf.
Und diese Gestalt wie so erhaben
In seinem Auge ein strahlend Licht!
Eugenia.
Sind das die Blicke des scheuen Knaben?
Nein das ist Guido's fromme Einfalt nicht!
Guido.
11
Guido.
Wo sich der Allmacht Wunder offenbaren,
Die keines Sterblichen Zunge lallt;
Wo ewger Lobgesang der Engelschaaren
Aus einem Lichtmeer wiederhallt,
Stand ich vor Gott, als Eurem Erden - staube
Die Seele Guido's sich entwand.
Und keiner Unschuld kindlich frommer Glaube
Am Thron des Richters Gnade fand.
Doch kaum ist ihm das Urtheil zugewogen.
Als fernes Stoͤhnen die Wolken zerreißt
Und sieh 'es schwebt herauf am Sternen - bogen
Ein bleicher, Wehe rufender Geist!
Es ist Lothar, der Lombardey Gebieter,
Den weder Tugend, seiner Krone Zier,
Noch die gezuͤckten Waffen treuer Huͤter
Geschuͤzt vor Mord und Herrschbegier.
Auf Erden bluͤht ihm eine schoͤne Blume,
Ein12
Ein Weib, hienieden schon verklaͤrt,
In dem die Nachwelt einst zu Gottes Ruhme
Die heil'ge Adelheid verehrt.
Doch jeder Willkuͤhr, jeder Schmach zum
Raube
Erbebt sie jezt im Lasterschlund!
In Geyers Krallen eine weiße Taube,
Die edle Koͤnigstochter von Burgund.
Und ihre Seufzer stiegen aus der matten,
Von Angst gequaͤlten Brust empor,
Und schmiegten sich an das Gebet des Gatten,
Und drangen zu des Richters Ohr.
Da winkte Gott ich lauschte seinem
Winke,
Vernahm in Demuth das Gebot:
Hinab zu der entweihten Erde sinke,
Wo Unschuld weint, Gewalt ihr droht;
Beseele dort den Koͤrper dieses Knaben,
Den noch der Eltern Schmerz umgibt;
Sie moͤgen an dem Himmels-Trost sich
laben:
Er13
Er ist nun mein, den sie geliebt.
Du aber, zu der edeln Fuͤrstin eilend
Sey du ihr Schutzgeist in der kalten Welt,
Bis einem hoͤherm Geist ', auf Erden weilend,
Sie mein Verhaͤngniß zugesellt.
Nur mit beschraͤnkter Macht sollst du voll - ziehen,
Gleich Sterblichen, was Huͤlfe schafft;
Doch sey der Taͤuschung Gabe dir verlie - hen
Und des Gebetes Wunderkraft,
Bis du bekaͤmpft des Lasters freche Hyder,
Dann loͤse sich das lockre Erdenband,
Und schwinge dich mit luftigem Gefieder
Herauf zu mir! Er sprachs ich schwand.
Im Nu durchflattert' ich die Himmelsraͤume
Mich senkend in die Erden-Nacht
Hinab ins duͤstre Land der schwuͤlen Traͤume
Und Euer Guido ist erwacht.
Astulf
14
Astulf und Eugenia
(die ihm staunend zugehoͤrt, jetzt scheu zuruͤckweichend.)
Nicht unser Guido
Guido.
Doch! denn keine Schranke
Trennt Geister wo ist hoch? wo tief?
Was lebt und webt ist doch nur Ein Ge - danke
Der Allmacht, die das Werde rief.
Schaut uͤber Euch auf zahllos funkelnde Sterne,
Aus ihrem Kreis scheint ihr gebannt,
Und doch, in unermeßlich weiter Ferne
Sind durch das Licht sie Euch verwandt.
Im All nichts fremdes wo das Licht er - scheinet,
Von ihm umflossen, nichts getrennt;
Im ewgen Lichte wir Alle vereinet,
Licht ist der Geister Element!
Drum nenne mich Sohn, ich will dich Mut - ter nennen;
(zu Astulf.)
Dich15
Dich Vater begruͤßen nach Erdenbrauch,
Bis wir uns dort am Thron des Lichts er - kennen
Als Eines Geistes einzgen Hauch.
Eugenia.
O Guido! sey mir Sohn nicht Engel!
Sey wieder in kindlicher Einfalt mein!
Was kuͤmmern die Mutter des Kindes Maͤngel?
Sie will nur lieben geliebt nur seyn!
Astulf.
Laß ihn! wer mag ins Dunkel dringen,
Wenn die geweihte Lippe spricht?
Berufen ist er zu hohen Dingen,
Moͤg 'er mit Gott das Goͤttliche vollbringen!
Wir scheiden von ihm und murren nicht.
Waͤchst doch leicht wieder die Weidenruthe,
Vom Stamme geloͤst, fuͤr sich allein;
Und ob des Stammes Wunde blute,
Wird es dem Daͤumchen kuͤmmernd seyn?
So loͤsen sich auch vom Vaterherzen,
Vom Mutterbusen die Kinder ab.
Das16
Das Schicksal spart der Trennung Schmer - zen
Den Eltern nicht bis an das Grab!
In der Erinnerung kaltem Lohne
Ruft eng beschraͤnkt des Alters Gluͤck;
Der Eltern Blicke folgen dem Sohne,
Doch vorwaͤrts nur schweift Sohnes Blick.
Drum ziehe hin! das ist die Straße,
Die nach Pavia fuͤhrt Leb wohl!
Bald ruhen die Herzen unter dem Grase,
Die jetzt noch seufzen: Lebe wohl!
Guido.
Ja, nach Pavia fuͤhl 'ich mich gezogen!
Es trozt mein freyer Geist des Koͤrpers
Haft,
Und in des Erdenlebens blutige Wogen
Stuͤrz' ich hinab mit rettender Himmels - kraft!
Dort fodert einst, hoch uͤber dem Sternen - bogen,
Der mich gesandt die hohe Rechenschaft!
Dann17
Dann werf 'ich von mir die entlehnte Huͤlle
Und stammle: Herr! es ist vollbracht dein
Wille!
(Er eilt fort. Astulf und Eugenia mit ausge - breiteten Armen ihm nach, doch als sie den Fliehenden nicht erreichen koͤnnen, sinken beyde auf ihre Knie und heben ihre Haͤnde segnend empor!)
Der Vorhang faͤllt.
BErster18

Erster Akt.

Gemach der Koͤnigin Adelheid.
(Ueber einem Sessel haͤngt ein Pilger-Gewand; Auf der Tafel liegt ein Pilgerhut.)

Erste Scene.

(Eine Kammerfrau in Trauer bringt einige Schmuckkaͤstchen, welche sie seufzend auf die Ta - fel stellt und sich wieder entfernen will, Mark - graf Azzo tritt herein.)
Azzo.
Melde der Koͤnigin, Markgraf Azzo wolle
Von ihr beurlaubt seyn.
(Die Kammerfrau geht.)
Ja19
Ja besser so!
Ich tauge nicht fuͤr eine Hoͤflings-Rolle;
Und nimmer werd 'ich hier des Lebens froh.
Mag, wem es gnuͤgt, um eitlen Prunk sich
muͤhen,
Mir ekelt vor der schaalen Gleisnerey;
In meine alten Mauern will ich fliehen,
In meinen Waͤldern athm' ich wieder frey!
Hier, wo ich stets mit Haß und Liebe
ringe,
Ist mir die muntre Lebenslust verscheucht,
Doch wenn ich meinen Jagd-Spieß wieder
schwinge,
So wird auch wohl das Herz mir wieder
leicht.
Nur Einmal noch verbirg das wilde Feuer!
Ehrfurcht gebietend ist ihr stummer Schmerz.
Sie kommt! so ruͤhrend schoͤn im Witt - wenschleyer!
Bewache dich du ungestuͤmes Herz!
B 2Zweyte20

Zweyte Scene.

Adelheid, Azzo.

Adelheid.
Herr Markgraf, wie? auch Ihr wollt mich
verlassen?
Hier, wo mein Fuß den Rand des Abgrunds
streift,
Muß ich den letzten Freund mit Angst um - fassen!
Den letzten fuͤhlt, wie mich das Wort
ergreift!
Azzo.
Ja, Euer Freund, ich bin's und werd 'es
bleiben;
Weiß Gott ich bleibs! Nah oder fern,
gleichviel.
Adelheid.
Was kann Euch ploͤtzlich aus Pavia treiben?
Azzo.
Frau Koͤnigin, die Luft ist mir zu schwuͤl.
Ich21
Ich koͤnnte Vorwand in Geschaͤften suchen,
Doch hab ich nie Verstellungskunst erborgt;
Ich moͤchte unbelauscht dem Schicksal flu - chen
Wer darf das hier, wo jede Mauer horcht?
Ich bin ein freyer, stolzer Mann gebohren.
Darin ist Freyheit der Gesundheit gleich:
Erkannt wird erst ihr Werth, wenn sie ver - loren,
Und arm ist nur, der gluͤcklich war und
reich.
Seit Herrschgier uns den milden Koͤnig raubte,
Ist Sclaverei uns auf die Stirn gepraͤgt,
Da Berengar auf fluchbeladnem Haupte
Die alte Krone der Lombarden traͤgt.
Ich mag nicht laͤnger sehen, wie geschaͤndet
Ihn das Geschmeiß umkriecht, den Fuß ihm
leckt,
Und, wenn er die geraubten Schaͤtze spendet,
Wie Jeder dann die Haͤnde gierig streckt.
Ich mag nicht laͤnger hoͤren laut gepriesen
Ver -22
Verhoͤhntes Recht und Mißbrauch der Ger - walt;
Ich will mich fest in meine Burg verschlie - ßen
Auf daß mein eigner Seufzer dort verhallt.
Wenn in der Brust die letzte Kraft ver - glommen,
Entwichen ist der Freiheit Genius,
Dann gute Nacht! dann ist die Zeit ge - kommen,
Wo sich der Redliche verbergen muß.
Adelheid.
Ihr geht ich tadl 'es nicht doch ich,
der Frauen
Ungluͤcklichste! ich bleib allein zuruͤck!
Mir oͤffnet sich kein Busen mit Vertrauen,
Kein Auge schenkt mir einen nassen Blick!
Wo darf hinfort des Jammers Thraͤne rinnen,
Wenn mir der letzte Freund Lothar's ent - wich?
Denn23
Denn wißt, auch meine treuen Dienerinnen,
Mir aus Burgund gefolgt, verlassen mich!
Noch heute, noch in dieser bangen Stunde,
Trennt des Tyrannen Wille sie von mir,
Und ich mit meiner tiefen Herzens-Wunde
Steh 'unter Fremden eine Fremde hier!
Azzo.
Ha! wie? er wagt ?
Adelheid.
Was darf der Mann
nicht wagen,
Der mit des Gluͤckes bunter Wimpel schifft?
Er hat das Graͤßlichste gewagt! muß ich
noch sagen,
Wie mein Gemahl ?
Azzo.
Ich weiß er starb
an Gift.
Adelheid.
An Gift! in seines Lebens Jugendfuͤlle!
Man24
Man log, er sey durch Zauberey verdorrt;
Allein die Flecken der entseelten Huͤlle
Verriethen deutlich den verfluchten Mord.
Der Undankbare! dem mein edler Gatte
Ein warnender Freund, ein rettender Engel
war,
Als Koͤnig Hugo schon beschlossen hatte,
Sich zu befrey'n von diesem Berengar;
Der ihm den Paß gezeigt in den Gebirgen,
Daß er nach Deutschland unverfolgt entwich;
Den konnt 'er nun mit kaltem Blute wuͤr - gen!
Und taͤglich mordet seine Hand auch mich!
Azzo.
So flieht und suchet Schutz im Vaterlande,
Wo Euch die Mutter-Arme offen stehn?
Adelheid.
Gewahrt Ihr nicht, daß mich zum Unter - pfande
Von seiner Macht der Wuͤtrich ausersehn?
Mich25
Mich liebt das Volk, das weiß er meine
Guͤter
Sie haben schnoͤde Habsucht angefacht
Darum bewachen tausend feile Huͤter
Den kleinsten meiner Schritte Tag und Nacht.
Wenn ich die Schwelle des Pallasts betrete,
Steht schon bereit ein lauernder Trabant;
Wenn ich am Grabe meines Gatten bete,
Wird mir der Seufzer von der Lipp 'ent - wandt;
Wenn ich der Armuth stille Huͤlfe bringe,
Schleicht bis zur Huͤtte mir ein Lauscher nach,
Und horcht, und zahlt genau die Silber - linge,
Und wiegt die Worte, die ich troͤstend sprach.
In stiller Nacht hoͤr' ich den Fußtritt kni - stern,
Der an die Thuͤr des Lauschers Ohr mir
traͤgt;
Zu meinem Gott darf ich nur leise fluͤstern,
Ich bebe wenn zu laut mein Herz mir schlaͤgt.
Azzo.
26
Azzo.
Ha! es soll anders werden! los und ledig
Sind wir des Schwurs, den er von uns
erzwang;
Wir stehn bereit so wahr ein Gott uns
gnaͤdig!
Mit Gut und Blut zu seinem Untergang!
Schon gaͤhrt es uͤberall in den Gemuͤthern
Und Gottes Rache-Schwert ist schon ge - zuͤckt!
Vergriffen hat er sich an Kirchenguͤtern
Und Mailands frommen Erzbischoff gedruͤckt;
Und der von Como seufzt und Wehe ru - fen
Die Edlen, die gebeugt am Joche stehn;
Und an des deutschen Kaiserthrones Stufen
Beschlossen alle, Rettung zu erflehn.
Wenn Einer nur von Allen, die sich ruͤsten,
Nur Einen guͤnst'gen Augenblick ersah,
Des Wuͤtrichs Wachsamkeit zu uͤberlisten.
Vertrauet mir, dann ist die Huͤlfe nah,
Dann27
Dann sind gezaͤhlt die Thraͤnen, die hier
fließen,
Denn Deutschlands maͤcht'ger Kaiser schwingt
den Speer.
Adelheid.
So hat auch mir ein Traumbild juͤngst ver - hießen
Ich nenn es Traum es war wohl mehr.
Ich lag ermattet durch Wachen und Weinen,
Am Grabe Lothars ich schlummerte nicht
In halber Ohnmacht lag ich auf den Steinen,
Die Grabes-Lampe warf ein duͤstres Licht
Hinab in die Halle, wo die Marmor-Saͤu - len
Wie schwarze Riesen standen im Schatten - reich;
Es flatterten im hohen Dom die Eulen
Mit dumpfem Gekreisch, der Geister Aech - zen gleich:
Da sah ich Nebel aus den Gruͤften steigen,
Der28
Der seine Streifen nach und nach geballt,
Sah ihn herab in Wellenform sich neigen
Bis er geworden eine Luftgestalt.
Die Lampe flackerte hin starrt 'ich be -
bend
Und schmiegte mich verhuͤllt ins Trauerge - wand
Es war Lothar mir langsam naher schwe - bend,
Er trug die Kaiser-Kron' in seiner Hand
Und sie allein umfloß ein milder Schim - mer
Mit duͤsterm Laͤcheln wandt 'er seinen Blick
Auf sie und mich doch nur ein leises Ge - wimmer
Schwamm in der Luft er schwieg er
wich zuruͤck
Und die Gestalt zerfloß im Saͤulengange
Und schwand allmaͤhlig mir aus dem Gesicht,
Nur sah ich durch den Nebelstreif noch lange
Die Krone schimmern wie ein weißes Licht.
Azzo.
29
Azzo.
Vertraut dem Winke. Ehe noch die Blaͤt - ter
Sich faͤrben in des Herbstes kuͤhler Nacht,
Erscheinet uns und Euch der Held als Ret - ter,
Dem schon die halbe Welt Tribut gebracht.
Doch wenn ein neuer Sturm Euch hier um - brauset,
Eh 'Eurem Henker Gottes Rache blitzt,
So denkt, daß in Canossa Einer hauset,
Der froͤhlich dann sein Blut fuͤr Euch ver - spruͤzt.
(ab.)
Adelheid.
Gott sey mit ihm! O daß er von mir
scheidet,
Der letzte, der mir unverwandelt blieb!
An ihm hat sich Erinnerung geweidet;
Des Gatten Freund wird auch der Gattin
lieb.
Dritte30

Dritte Scene.

Waͤhrend ihrer letzten Worte find drey tief be - truͤbte Frauen in Trauerkleidern schuͤchtern hereingetreten: hinter ihnen drey Andere in bunten Gewaͤndern mit hei - tern Gesichtern.
Adelheid.
(ihre Frauen erblickend)
Ha!
( Eine Pause, in welcher sie sich zu fassen sucht)
Tretet naͤher
(bei Seite)
Aus der Leidensschaale
Ein bittrer Zug!
(laut)
Ich weiß, warum Ihr kommt
Ich weiß, wir sehen uns zum letzten Male
Seyd standhaft wo zu klagen doch nicht frommt.
(Die fremden Frauen erblickend.)
Wer seyd Ihr? und wie moͤgt Ihr Euch erkuͤhnen
Herein zu treten ohne mein Geheiß?
Eine
31
Eine der Frauen.
Uns ward geboten Euch hinfort zu dienen.
Adelheid.
Wohl! so gehorcht und geht!
( Die Frauen ent -
fernen sich.)
Den Trauerkreis,
Den kummervolle Lieb 'um mich gezogen
Entweihen soll ihn mir kein fremdes Herz;
Der um die lezte Freude mich betrogen,
Belausche nicht den letzten, heil'gen Schmerz.
Ihr weint? ein Balsam fuͤr die leidende
Seele
Der Thraͤnen Thau auf bleichem Angesicht!
Mein Aug ist heiß in seiner trocknen Hoͤhle
Ihr habt noch Thraͤnen ach! die hab'
ich nicht!
Wir sollen uns fuͤr diese Welt nun tren - nen
Auch Euch entreißt mir hoͤhnende Gewalt!
Ich soll die theuern Nahmen nicht mehr
nennen,
Die32
Die in der Wiege schon das Kind gelallt.
Von Eltern und von Vaterland geschieden
Stand ich umringt von lauter Fremden da;
Ach! da gewaͤhrt 'es mir oft stillen Frieden,
Wenn ich die wohlbekannten Zuͤge sah.
(Zu der Ersten.)
Auf deinem Arm, in kindlich frohen
Scherzen,
Hab 'ich die ersten Jahre suͤß vertraͤumt;
Auf deinem Arm, an deinem Mutterherzen
Hat meine erste Geisteskraft gekeimt.
(Zu der Zweiten.)
Und du, Gespielin meiner Kindheit
Schwester!
Die mir ein gleiches Alter zugesellt
Ein suͤßes Band umschlang uns beide fester,
In dieser neuen, ach! so fremden Welt.
(Zu der Dritten.)
Camilla, du von meiner muntern Jugend
Die ernste, doch so milde Fuͤhrerin,
Du33
Du zeigtest mir den steilen Pfad der Tugend
Und streutest Blumen freundlich druͤber hin.
Dir hofft ich einst die Augen zuzudruͤcken
Euch allen zu vergelten waͤhnt 'ich suͤß
Fuͤrwahr, mich selbst wollt' ich in Euch be -
gluͤcken
Versunken ist mein Hoffnungs-Paradies!
Zch bin ein armes, armes Weib geworden!
Mein Loos die Sclaverey, mein Wit - thum Harm!
Ich sah schon laͤngst mir jede Freude morden
Und selbst an Thraͤnen bin ich arm!
Doch ohne meiner Liebe letzte Gabe
Von mir Euch trennen, sollt Ihr nicht.
Da, nehmt und theilt s'ist alles was ich
habe
Mir ziemt der Schmuck nicht mehr, ver - schmaͤht ihn nicht.
(sie giebt ihnen die Schmuckkaͤstlein.)
Auch die Gewaͤnder, die ich einst getragen,
CIn34
In meiner Herrlichkeit, in meinem Gluͤck
Sie rufen Euch von unsern bessern Tagen
Die wehmutsvoll 'Erinnerung zuruͤck.
Nehmt alles hin! mir ist kein Gold ge - sponnen!
(sie deutet auf das Pilgerkleid)
Mir bleibe nur dieß haͤrne Bußgewand,
In dem zu spaͤt die Wallfahrt ich begon - nen
Zur heilgen Jungfrau in der Roͤmer Land.
Im Pilgerkleid hofft 'ich das theure Leben
Von ihrem Wunderbilde zu erflehn,
Und mußte mir den Witwenschleyer weben,
Denn ach! daheim schon wars um ihn
geschehn!
Vergebens hatt' ich mit bethraͤnten Wan - gen,
Mit wunden Knieen heißer mich gefleht!
Auch seinen letzten Seufzer zu empfangen
Es war mir nicht vergoͤnnt ich kam zu
spaͤt!
Ver -35
Verstumme endlich, klagend Herz, ver - stumme!
Denn ach! wer hoͤrt dich, wer versteht dich
hier?
In dieses kalten Drohnenschwarms Gesumme
Die Einzigen, die Letzten, raubt man dir!
Gehabt Euch wohl! des Wiedersehens
Freude
Im Vaterland vergaͤll 'um mich kein Schmerz;
Verheimlichet dem Vater was ich leide
Und schont mir auch das weiche Mutter - herz.
Mein Kindergaͤrtchen wollet kuͤnftig pflegen
Die alten Diener Jeder sey gegruͤßt
Noch einmal meinen Dank und meinen
Segen
Nun fort! fort eh mir Blut vom Auge
fließt!
(Die Frauen kuͤssen weinend ihre Haͤnde und ge - hen.)
C 2Vierte36

Vierte Scene.

Adelheid.
Sie ziehen fort zum schoͤnen Vaterlande
Ziehn ohne mich! Zerreissen mußt 'ich
sie,
Des Erdenlebens starke Doppelbande,
Lieb' und Gewohnheit Arme Phantasie!
Wenn kuͤnftig du in bittersuͤßer Freude
Mit Sehnsucht nach der Heimath mich er - fuͤllst,
Auf Wolken mich im ersten Fluͤgelkleide
Zu den geliebten Bergen tragen willst;
Was bleibt dir, um die luftigen Gestalten
Hervorzurufen oder fest zu halten?
Kein Ton der Stimme, kein bekannt Gesicht!
Die holde Muttersprache hoͤrst du nicht!
Und will die Sehnsucht mir das Blut vom
Herzen schroͤpfen
Nur aus dir selber kannst du Nahrung schoͤ - pfen!
Fuͤnfte37

Fuͤnfte Scene.

Vorige. Eine Kammerfrau.

Kammerfrau.
Verzeiht, wenn ungerufen ich es wage
Ein junger Fremdling bittet um Gehoͤr.
Adelheid.
Was sucht er? Huͤlfe? weg mit eitler
Klage!
Des Ungluͤcks Freistatt ist bei mir nicht
mehr.
Die Kammerfrau.
Umsonst versuchten wir ihn abzuweisen.
Adelheid.
Wohlan er komme.
Kammerfrau
(oͤffnet die Thuͤr.)
Fremdling, tritt herein.
(sie entfernt sich)
Sechste38

Sechste Scene.

Guido erscheint.
Adelheid.
Was willst du?
Guido.
Mir hat juͤngst ein Traum
verheißen,
Ich solle kuͤnftig Euer Diener seyn.
Und wenn am schoͤnsten unter allen Gaben
Den Dienenden die Treue ziert,
So nehmt ihn auf den armen Knaben,
Den Lieb und Treue hergefuͤhrt.
Adelheid.
Von wannen trugen dich die Lebenswellen?
Guido.
Dem Vater hab ich Schweigen angelobt.
Adelheid.
Du wolltest dich dem Ungluͤck zugesellen?
Guido.
39
Guido.
Im Ungluͤck wird die Treue ja erprobt.
Adelheid.
Nur der Gewalt muß hier die Treue froh - nen.
Guido.
Nur um Vertrauen buhlt sie und ist reich.
Adelheid.
Es kann die Witwe Treuer Dienst nicht
lohnen.
Guido.
Auch fodert Guido keinen Lohn von Euch.
Adelheid.
Was willst du hier? Furcht, Gram und
Sorgen theilen?
Guido.
Ja theilen, wohl auch mildern was Euch
nagt.
Adelheid.
O! meine Wunden kann der Tod nur heilen.
Guido.
40
Guido.
Es ist ein Gott Ihr kennt ihn und ver - zagt?
Adelheid.
Hier kann die Tugend keinen Sieg erringen.
Guido.
Doch unbesiegt ein Fels im Meere stehn.
Adelheid.
Du sollst nicht nothlos in die Wellen sprin - gen.
Guido.
Euch retten oder mit Euch untergehn.
Adelheid.
Wie? Tausende, die schamlos mich verrie - then,
Sobald der Pfeiler meines Gluͤcks gewankt,
Beschaͤmt des Knaben freundliches Erbieten,
Der mir aus bessern Zeiten nichts verdankt?
Mir hat kein Herz, mit Wohlthat uͤber - schuͤttet,
In41
In Ungluͤcks Feuerprobe sich bewaͤhrt;
Und dieser Knabe, der nichts will, nichts
bittet,
Der meinen Gram zu theilen nur begehrt
Nein! nein! mich soll der Jugend Leichtsinn
jammern;
Der Knab 'ist fremd, er kennt nicht Hof
noch Welt;
Er soll nicht an das schwache Rohr sich klam - mern,
Das muͤhsam nur im Sturme sich erhaͤlt.
Er soll nicht Glanz noch Waͤrme hoffen
Von meiner Abendsonne truͤben Blick.
Es steht dir ja die Welt noch freundlich
offen;
Geh Knabe, such' ein bessres Gluͤck.
Guido.
Verstoßt mich nicht! Ihr duͤrft mich nicht
verstoßen!
Ich schmiege mich an Euch, sanft aber fest.
Ich42
Ich waͤre ja so gern der Hoffnungslosen
In Lebensglut ein Kuͤhlung bringender
West;
Ich boͤte gern die eigne Brust zum Schilde,
Abwendend was Gefahr Euch droht;
Jung schein 'ich zwar, doch bin ich ernst und
milde
Und stark im Kampf und huͤlfreich in der
Noth.
Adelheid.
Bedarf ich deiner? Bald hab ich voll - endet
Mein Ziel die Gruft warum dich nach
mir ziehn?
Guido.
Vertrauet mir! ich bin von Gott gesen - det; Mir ist, zu Eurem Schutz die Kraft ver - liehn.
Siebente43

Siebente Scene.

Berengar tritt auf. Vorige.
Berengar.
Seyd mir gegruͤßt! noch Thraͤnen auf der
Wange?
Die letzten sey zu trocknen mir vergoͤnnt.
Fort mit des Hofes kaltem, laͤstgen Zwange,
Der jedes trauliche Verstaͤndniß trennt!
Ich bin gekommen, frei mit Euch zu ko - sen;
Es ist mein Herz, das mich heruͤber zieht;
Zu lange schon verscheucht der Gram die
Rosen
Von Wangen, die so lieblich einst gebluͤht.
Doch sind wir nicht allein? hm! ich er - staune!
Aus welchem Lande kam der Unhold her,
Den warlich die Natur in boͤser Laune
So haͤßlich schuf? o sprecht, was soll Euch
der?
Adelheid.
44
Adelheid.
Ihr nennt den Knaben haͤßlich?
Berengar.
Wie? ein Knabe?
Adelheid.
An Muth ein Juͤngling.
Berengar.
Nun fuͤrwahr! mich deucht,
Es mach 'ihn reif, und uͤberreif zum Grabe
Der graue Bart, der bis zum Guͤrtel reicht.
Adelheid.
Ihr scherzt.
Guido.
Bisweilen taͤuscht der Schein
Berengar.
Im Blicke
Traͤgst du ein grelles Licht was willst du
hier?
Ists doch als ob mich etwas fremdes druͤcke!
Laß uns allein! mir ist nicht wohl bei dir
Guido.
45
Guido.
Ich gehe wenn die Koͤnigin gebietet,
Sie warnend werde mein Beruf erfuͤllt!
Denn was in Eures Herzens Tiefe bruͤtet,
Das steht vor meinen Augen unverhuͤllt.
Berengar.
Du wagst?
Adelheid.
Was soll das Knabe? geh! ich will es.
Guido.
Besinnt Euch! dieser Mann ist Berengar.
Adelheid.
Vernommen hast du mein Gebot, erfuͤll 'es!
Guido.
Durch ihn gemordet fiel Lothar.
Berengar.
Ha! Wache!
(Trabanten dringen herein.)
Greift ihn!
Adelheid.
Flieh!
Berengar.
46
Berengar.
An Ketten geschlossen
Zum schmaͤhlichsten Tode werd 'er aufbewahrt!
Guido
(zu Adelheid)
Du wirst bereuen, daß du mich verstoßen.
(zu Berengar)
Dir wird die neue Blutschuld noch erspart.
(Er geht. Die Trabanten treten mit gesenkten Spießen ihm entgegen. Er winkt sie wei - chen zuruͤck, erheben ihre Spieße und bilden ein Dach, unter welchem er ruhig hinaus schreitet.)
Berengar.
Was ist das? meine Wachen seh 'ich beben?
Ein Trabant.
Ein unwillkuͤhrlich Grauen packt uns an.
Berengar.
Ihr Memmen! fort! Ihr buͤßt mit Eurem
Leben,
Wenn Euch der alte Boͤsewicht entrann.
(die Trabanten ab)
Achte47

Achte Scene.

Berengar. Adelheid.

Berengar.
Ich hoffe nicht, dem Frevler sey gelungen
Argwohn zu wecken in der edlen Brust.
Adelheid.
Was er laut sprach, das haben tausend
Zungen
Schon oft gefluͤstert waͤrs Euch unbe - wußt?
Berengar.
Das ist des Poͤbels alte naͤrrische Weise,
Daß er so oft ein Großer ploͤtzlich faͤllt
Kopfschuͤttelnd steht und aus der Fuͤrsten
Kreise
Gewaltsam ihn hinausgestoßen haͤlt.
Da hoͤren wir nicht selten Volkspropheten
Aus Mißgeburten schwere Deutung ziehn,
Und Sonnen-Finsternisse und Kometen
Mit unsern Erdenhaͤndeln keck bemuͤhn,
Doch48
Doch laͤchelnd stehen wir, die Eingeweihten,
Vergoͤnnend und benutzend Poͤbelwahn,
Und frei von Kinderglaubens Fesseln schrei - ten
Wir ohne Furcht auf angestaunter Bahn.
Adelheid.
Nicht scheuen moͤgt Ihr Euch vor Finster - nissen, Noch vor dem drohenden Kometenschweif; Doch Einen Schrecken gibts er heißt Gewissen!
Berengar
(spottend)
Ich weiß, der Tugend Schatz bewacht ein
Greif.
Auch so ein Maͤhrchen aus der Ammenstube.
Wer hat fuͤr Leidenschaft Ziel oder Maaß?
Im tiefsten Herzen ist die Loͤwengrube,
Aus der kein Beten rettet, glaubt mir das.
Und soll der Mensch fuͤr seine Leidenschaften
Sprecht! fuͤr das Blut in seinen Adern haft - ten?
Schuf49
Schuf er dieß Blut? konnt 'er die Lagen
waͤhlen,
In die der Zufall ihn geschleudert hat?
Er ist gebohren um sich selbst zu quaͤlen,
Gleichviel ob Antonin, ob Herostrat;
Was ihn bestimmt, wornach er hier ge - rungen
Das waͤhlt' er nicht, das wurd 'ihm aufge - drungen.
Adelheid.
Es mag Vernunft an solchen Klippen schei - tern,
Nicht fromme Einfalt, die an Tugend glaubt;
Nur dieser Glaube kann die Nacht erheitern
Und Wehe dem, der ihn dem Volke raubt.
Berengar.
Wohl moͤgen Einzelne die Tugend lieben,
Der stumpfe Bloͤdsinn staunt den Dulder an;
Ein Volk kann Tugend ehren, nicht sie
uͤben.
DDas50
Das eben war Lothars gutmuͤthger Wahn
Unwuͤrdig und verderblich einer Krone
Des Herzens truͤgende Sophisterei:
Daß Tugend auch in einem Volke wohne.
Daß sie ein Zuͤgel fuͤr die Menge sey.
Adelheid.
Der schoͤne Irrthum, ja, er war ihm eigen.
Berengar.
Wer leugnet, daß er Gutes stets gewollt?
Und hab 'ich selbst Ihr moͤgt es mir be - zeugen
Nicht laut und willig Achtung ihm gezollt?
Adelheid.
O laßt die Witwe dessen nicht gedenken.
Berengar.
Doch mit dem Herzen, wird kein Volk re - giert.
Nur der vermag das wilde Thier zu lenken,
Der es mit starker Faust an Ketten fuͤhrt,
Vielkoͤpfig ists, doch jedes Haupt am Rumpfe
Ein51
Ein Sitz der Thorheit, trotzig und verzagt;
Im Ungluͤck feig und grausam im Triumpfe;
Das heute nichts, und morgen Alles wagt;
Das jedem Schwaͤrmer taub und blind ver - trauet,
Stets nach dem Neuen gierig hascht und
laͤuft;
Das heute seinem Herrn Altaͤre bauet
Und morgen bruͤllend ihn zum Richtplatz
schleift.
So hat Lothar es nicht erkannt; sein Stre - ben,
Geliebt und immer nur geliebt zu seyn,
Was hats gefrommt? er setzte Kron 'und Leben
An einen matten Heiligenschein?
Die Krone fiel, der Schein ist ihm geblie - ben
Ein Stern, wenns Euch beliebt, kein Erden - licht.
Drum wollen wir in ihm den Menschen
lieben,
D 2Den52
Den Koͤnig bewundern duͤrfen wir nicht.
Habt Ihr doch selbst in Euren Marmor - hallen
Mit Argwohn stets gekaͤmpft, in Furcht ge - haust;
Denn ihm gebrach hochmuͤthige Vasallen
Zu baͤndigen die starke Koͤnigsfaust.
Adelheid.
Vasallen? ich entsinne mich so eben,
Daß Ihr der Markgraf von Yvrea wart.
Berengar.
Jetzt schimmert Euch, von neuem Glanz um - geben, Des Thrones Gluͤck, mit Sicherheit ge - paart.
Adelheid.
Mir? Gluͤck? Ihr scherzt. Wohl hab ich es genossen, Und daß mein Herz um das Verlorne klagt, Ist jetzt mein Gluͤck.
Berengar.
53
Berengar.
Fuͤnf Monden sind verflossen,
Seit Ihr den Witwenschleier tragt;
Den Wohlstands-Pflichten thatet Ihr ein
Gnuͤge,
Und, wie sichs ziemt, ehrt 'ich die Trauer - zeit;
Doch nun begehr' ich, daß der Gram sich
fuͤge,
Wenn Liebe bittet und Vernunft gebeut.
Ich lieb 'Euch schoͤne Frau
Adelheid.
Ha! mir das!
Berengar.
Lange
Schon liebt 'ich Euch, doch nur mit stiller
Pein;
Die Zeit ist endlich da, vom laͤstgen Zwange
Den ungestuͤmen Busen zu befreyn.
Ich bitt' Euch Herz und Hand. Noch Ein - mal steiget
Auf54
Auf diesen Thron, den Euch die Liebe beut;
Empfangt noch einmal diesen Purpur
Adelheid.
Schweiget!
Ihr mahnt mich nur an meine Niedrigkeit.
Jetzt erst gewahr 'ich kann den Schimpf
nicht raͤchen
Wie tief, wie tief das Schicksal mich ver - warf,
Weil so zu seiner Koͤnigin zu sprechen
Ein Berengar sich keck erdreisten darf.
Berengar.
Ich bin jetzt Euer Koͤnig.
Adelheid.
Laut verlesen
Ward es dem Volke bei Trompetenschall;
Ihm seyd Ihr Koͤnig was Ihr mir
gewesen,
Das seyd Ihr noch und bleibt es mir
Vasall.
Berengar.
55
Berengar.
Viel kann die Liebe hoͤren und ertragen.
Adelheid.
Entweiht der Liebe heilgen Namen nicht.
Berengar.
Wohlan, so moͤgt Ihr die Vernunft befragen.
Adelheid.
Mich lehrt mein Herz die ewig theure Pflicht.
Berengar.
Der Koͤnigs-Toͤchter Herzen muͤssen schweigen.
Adelheid.
Sind einer Witwe Thraͤnen nicht vergoͤnnt?
Berengar.
Die Fuͤrstin gilt dem Staate fuͤr leibeigen.
Adelheid.
Die Sklavin hat noch Rechte, die sie kennt.
Berengar.
Wo Volks und Koͤnigs Wuͤnsche sich ver - schwistern,
Heischt Eure Pflicht des neuen Bundes Schwur.
Adelheid.
56
Adelheid.
Bekennt, Ihr seyd nach meinem Brautschatz
luͤstern?
Pavia leiht mir Schmuck und Liebreiz nur.
Berengar.
Warum nicht gern des Staates Ruhe gruͤn - den,
Auch wenn die Klugheit nur den Plan ent - warf?
Adelheid.
Nehmt hin Pavia, mich laßt Ruhe finden
In heilgen Mauern, wo ich weinen darf.
Berengar.
Genug der Thorheit aus dem schoͤnen Munde!
Ihr werdet mein, Ihr muͤßt es werden!
Adelheid.
Wie?
Die Hand soll ich zu frevelhaftem Bunde
Dem Moͤrder meines Gatten reichen?
Nie!
Berengar. 57
Berengar.
Reizt nicht den Zorn, der schon die Brust
erschuͤttert.
Adelheid.
Wo Wahrheit Zorn erweckt, ist das Gewis - sen wund.
Berengar.
Ihr seyd in meiner Gewalt! bedenkts und
zittert!
Adelheid.
Vor dir? die Koͤnigstochter von Burgund?
Berengar.
Mein letztes Wort ich will es noch ver - schwenden
Der naͤchste Morgen findet uns vermaͤhlt.
Noch Einmal liegt das Loos in Euren Haͤn - den:
Hier Thron und Liebe dort ein Kerker
waͤhlt!
(ab)
Neunte58

Neunte Scene.

Adelheid.
Die Wahl ist leicht: hinab zum tiefsten
Thurme!
Daß nie dorthin dein giftger Athem dringt.
Nun fuͤhl 'ichs: wenn von Truͤmmern sich
im Sturme
Der Schiffer auf die steile Klippe schwingt,
Wo finstre Nacht und Grausen ihn umge - ben,
So ist das nicht der schrecklichste Moment!
Noch hofft er nahes Land er hofft mit
Beben
Erst wenn es tagt, erst wenn sein Aug' er - kennt,
Daß Wolken nur und Wellen ihn umflie - ßen,
Kein leckes Boot ihm Rettung bringen kann
Erst dann muß er das Licht mit starrem Blick
begruͤßen,
Und59
Und die Verzweiflung packt ihn graͤßlich an!
So ist die letzte Hoffnung mir geschwun - den!
Auch stille Thraͤnen sind mir nicht vergoͤnnt
Kein Tropfen Oel in meine Herzens-Wun - den
Von Allen, die ich liebte, weit getrennt
Mit schweren Ketten an den Mann gebun - den,
Den meine Lippe nur mit Schaudern nennt
In liebender Brust die fremde Qual zu
hassen!
So steh 'ich da von Gott und Welt verlas - sen!
Von Gott? der sich erbarmend zu dem
Staube
Des Wurmes neigt? Vergib die Laͤste - rung!
Du lebst! es lebt in mir der feste Glaube
An deine Macht, an deine Vorsehung!
Nicht60
Nicht der Verzweiflung schufst du mich zum
Raube
Mein Geist erhebet sich mit Adlerschwung
Vernimm, es Gott! ich schuͤttle meine Ket - ten
Vertrauend seufz 'ich: du, du wirst mich rett - ten!
(sie geht, die Haͤnde ringend, in tiefen Gedanken auf und nieder.)
Die Flucht wohin? gleichviel!
ich muß entweichen.
Fort in die Mutter-Arme will ich fliehn!
Und sollt ich auch die Heimath nicht errei - chen,
Mir wird in jeder Huͤtte Schutz verliehn.
Aus niedern Huͤtten Elend zu verscheuchen,
Es war ja oft mein freundliches Bemuͤhn;
Deß werden die Bewohner nun gedenken
Und freundlich mir im Elend Huͤlfe schen - ken.
Doch61
Doch ach! wem soll wem darf ich
mich vertrauen?
Hier herrscht mit tausend Augen der Des - pot
Kein Herz hab 'ich zu jenen fremden Frauen,
Mir aufgedrungen durch ein fremd Ge - bot
Auf keines Dieners Treue darf ich bauen
Der Markgraf ging der letzte Freund in
Noth
Und jeder Seufzer, den die Lippen senden,
Toͤnt mir zuruͤck von kalten Marmor - waͤnden.
Wohlan ich geh 'allein! Gefahren
schrecken
Die Unschuld nicht hervor mein Pilger - kleid!
(sie wirft es hastig uͤber.)
Vorlaͤngst hat im Gebet zu frommen Zwecken
Der Gattin heiße Liebe dich geweiht.
Der62
Du sollst mich nun vor Spaͤher-Augen dek - ken
Der Strick umguͤrte mir die Niedrigkeit,
Und vor des Lichts verraͤtherischen Strah - len
Verberge mich der Hut mit Muschelscha - len.
(sie setzt den Hut auf und ergreift den Pilger - stab)
Es daͤmmert schon ich sehe Sterne
blinken
Was zaud'r ich noch? Geworfen ist mein
Loos.
Oft in Gefahren muß der Mensch versin - ken,
Nicht, rasch befolgend was er klug be -
schloß.
Drum soll mir Hesperus nicht zweimal win - ken,
Ich fliehe, stille Nacht, in deinen Schoos!
Ich63
Ich wandre muthig fort am Pilgerstabe,
Wo nicht zur Heimath doch zum sichern
Grabe!
(sie eilt fort.)

Ende des ersten Akts.

Zweiter64

Zweiter Akt.

(Das feste Schloß zu Como vorn See umflossen. Ein Soͤller tritt hervor, doch mit eisernen Staͤ - ben vergittert, hinter welchen ein duͤsteres Laͤmp - chen flimmert. Nacht und Mondschein. Ein Fi - scherboot ist auf das Ufer gezogen. Zwei Waͤch - ter gehn am Strande auf und nieder.)

Erste Scene.

Berengar tritt hastig auf. Ihm folgt der
Burgvoigt.
Berengar.
O wiederhol 'es mir! Sie ist ergriffen?
Burg -
65
Burgvoigt.
Bis Como, bis zum See gelang die Flucht;
Hier wollte sie an fremdes Ufer schiffen,
Und sucht 'ein Fischerboot in dieser Bucht;
Doch als die Pilgerin Verdacht erregte,
Gewohnte Koͤnigswuͤrd' ihr Stolz verlieh,
Und doch die Angst in jeden Blick sich
praͤgte;
Ward mirs gemeldet, ich erkannte sie.
Zu meinen Fuͤßen sah ich nun sie zittern
Und manche Thraͤne ihr vom Auge floß;
Doch konnte sie die Treue nicht erschuͤttern,
Und seufzt gefangen nun im festen Schloß.
Berengar.
Hab Dank. Um reichen Lohn sey unbe -
kuͤmmert.
Burgvoigt.
Verloren hat sie das gewagte Spiel.
Schaut hin, wo jenes Laͤmpchen duͤster flim -
mert,
Dort fand verwegne Flucht ihr Ziel.
EBe -
66
Berengar.
Doch daß sie nicht zum zweiten Mal entrinne!
Hat deine Wachsamkeit
Burgvoigt.
Seyd unbesorgt;
Kaum dringt in diesen Kerker eine Spinne;
Wenn sie von Schwalben nicht die Fluͤgel
borgt,
So wird sie jenen starken Eisenstaͤben,
Die ihr Gemach vergittern, nicht entfliehn,
Auch ist vom See die Feste rings umgeben,
Fuͤrwahr, so waͤre eitel ihr Bemuͤhn.
Am Ufer hier noch Wachen aufzustellen
Schien 'unnuͤtz, doch ich that es wie Ihr
seht.
Berengar.
Sobald der Mond sich taucht in diese Wellen,
Aus ihrem Schoos die Morgensonn 'ersteht,
Soll festlich man die Schloßkapelle schmuͤk - ken,
Wo67
Wo ein geschmeidger Priester uns vereint;
Denn Morgen will ich diese Rose pfluͤcken
Und waͤre sie von Dornen rings umzaͤunt.
Burgvoigt.
Wollt Ihr indeß der kurzen Ruhe pflegen?
Mit einem harten Lager nehmt vorlieb.
Berengar.
Zum Pfuͤhle magst du einen Stein mir le - gen,
Wenn ihr Besitz mir unbestritten blieb.
Versuch 'es nun Empoͤrung anzufachen,
Ein Markgraf Azzo mit der Priester Schaar
In ihrem Arm will ich hinfort erwachen,
In ihrem Arm verspott' ich die Gefahr.
Ich weiß, was gegen mich die Fuͤrsten bruͤten,
Ich weiß, was unter heißer Asche glimmt;
Doch ist sie mein, so trozt ohnmaͤchtgem
Wuͤten
Der auf des Gluͤckes reissendem Strome
schwimmt.
(ab mit dem Burgvoigt)
E 2Zweite68

Zweite Scene.

Die beiden Waͤchter.
Erster Waͤchter.
Der Koͤnig wars. Er ist heraufgezogen
Mit Roß und Mann aus seiner Koͤnigs - stadt.
Der Zweite.
Schnell wie ein Sturmwind ist er hergeflo - gen,
Weil wuͤthger Zorn sein Roß gestachelt hat.
Von einem Knappen hoͤrt 'ich schon erzaͤh - len:
Wie er, die Flucht vernehmend, wild gerast;
In Marterkammern ließ er Zofen quaͤlen
Und mancher Waͤchter Blut floß im Pallast.
Der Erste.
Fuͤrwahr ich bin ein armer Kriegsgeselle,
Doch ungern steh ich hier. Um alles Gold
Erkauft 'ich nicht des Koͤnigs Ehrenstelle.
Der
69
Der Zweite.
Was kuͤmmerts uns? wir haben Brod und
Gold.
Adelheids Stimme hinter dem Gitter.
Keinen Trost kann mein Gebet erfassen!
Alles schlaͤft nur mein Verfolger wacht;
Wehe! Wehe! mich hat Gott verlassen!
Ich verschmachte in des Kerkers Nacht!
Der erste Waͤchter.
Hoͤrst du die Klagetoͤn 'heruͤber schallen?
Mir schneiden sie durchs Herz o waͤr' ich
taub!
Der Zweite.
Was kuͤmmerts mich?
Der Erste.
Einst hochgeehrt von allen,
Und nun ihr Schmerzenslager duͤrres Laub!
Der Zweite.
Was haben wir denn? Kalte nasse Steine,
Und70
Und uͤbern See bestreicht uns der Nordest;
Ein giftger Nebel schwimmt im Monden - scheine
Und Mark und Dein durchschuͤttelt Fieberfrost.
Der Erste.
Ein Wirbelwind erhebt sich.
Der Zweite.
Sieh, da oben
Gestaltet er die Wolken wunderlich;
Hu! wilde Jagd! Der See beginnt zu to - ben
Am Ufer brechen schaͤumende Wellen sich
Der schwarze Himmel will den Mond ver - schlucken,
Hat ihm den Trauermantel umgethan.
Der Erste.
'sist eine Nacht, in der die Geister spuken
Ich wollt es kraͤhte schon der Hahn.
Der Zweite.
Wer da!
Der71
Der Erste.
(faͤhrt erschrocken zusammen)
Was siehst du?
Der Zweite.
Siehst du nichts? da
druͤben
An jenem Baum es regt sich eine Ge - stalt
Der Erste.
(sich kreutzigend)
Ich habe meine Seele Gott verschrieben.

Dritte Scene.

Vorige. Guido tritt auf als Fi - scherknabe.
Der zweite Waͤchter.
Wer da!
Guido.
Ein armer Fischerbube.
Der zweite Waͤchter.
Halt!
Der
72
Der Erste.
Laß ihn mir luͤpft das Haar ein heim - lich Grauen
Der Zweite.
Mir nicht. Was suchst du hier in dunkler
Nacht?
Guido.
Der Fischer will nach seinen Netzen schauen.
Der Zweite.
Weg da! hier wird das Ufer scharf bewacht,
Guido
(leise betend)
Laß deinen Wolkenschleyer niederfallen,
Daß er das schwache Mondenlicht erstickt!
Laß kuͤhle Duͤnste sich zum Nebel ballen,
Der den getaͤuschten Augen mich entruͤckt!
Der Zweite.
Was murmelst du? wo bist du? bist
verschwunden?
(zu dem Ersten)
Siehst du nichts mehr?
Der
73
Der Erste.
Ich sehe nichts.
Der Zweite.
Fuͤrwahr,
Den Ruͤckweg hat der Bube schnell gefun - den.
Der Erste.
Wenns kein Gespenst um uns zu necken war.
Guido.
Sie stehn geblendet.
Der Zweite.
Hm! was kanns bedeuten?
Die Ammenfurcht hab 'ich schon laͤngst be - siegt,
Sieh nur den dichten Nebel sich verbreiten,
Ists da ein Wunder, wenn das Auge truͤgt?
Der ganze See will sich in Duͤnste loͤsen
Erkenn' ich doch dich selbst nicht mehr.
Der Erste.
Das geht
Un -74
Unheimlich zu, das ist ein Werk des Boͤ - sen
Wer weiß, was noch erfolgt!
Der Zweite.
Ungluͤcksprophet.
Guido.
Wird Adelheid auch jetzt noch widerstre - ben?
Wohl jedem Sterblichen, ihm unbewußt,
Ward auf der Welt ein Schutzgeist zugege - ben,
Der in der Noth sich schmiegt an seine Brust;
Der wenn sich Erd und Himmel hart
verschworen
Durch Flammen noch den Rettungspfad ent - deckt,
Und wenn der Hoffnungsanker schon verlo - ren,
Oft ploͤtzlich ungekannte Kraͤfte weckt.
Doch moͤgen nur die Kinder ihm vertrauen;
Heran75
Heran gereift, schwand ihre Zuversicht
Und weil sie ihn mit Augen nimmer schauen,
So ahnen sie sein freundlich Daseyn nicht.
Daß er sie oft gehoben und getragen,
Wenn Muthwill 'gaukelt' um das offne Grab,
Das haben sie vergessen! Maͤnner zagen,
Wo sich das Kind dem Schutzgeist kuͤhn er - gab
Mensch! laß die freudige Ahnung dir nicht
rauben:
Er schwebt um mich! versinken kann ich
nie!
O moͤchte sie nur dießmal kindlich glauben!
Denn warlich! nur der Glaube rettet sie.
(er geht den Kahn loszubinden und vom Ufer in den See zu schieben)
Der erste Waͤchter.
Vernimmst du nichts?
Der Zweite.
Wohl hoͤr 'ich, wie mit Grimme
Der See an's Ufer schlaͤgt; was sonst?
Der
76
Der Erste.
Es summt
Mir vor dem Ohr, es fluͤstert eine Stirn - me
In unsrer Naͤhe
Der Zweite.
Wer da!
Der Erste.
Sie verstummt
Der Zweite.
Wo war es?
Der Erste.
Dort!
Der Zweite.
Will uns ein Spuk verwir -
ren?
Der Erste.
So scheints.
Der Zweite.
Ein guter Christ bleibt ungeschreckt.
Gehn wir drauf los!
Der
77
Der Erste.
Wir koͤnnten uns verirren,
Mir sind die Augen wie mit Flor bedeckt.
Der Zweite.
Taumel 'ich doch selbst in dichten Nebelkap - pen.
Und steif ist mir das bleierne Genick;
Doch wenn wir auch die Gegend blind durch - tappen
Uns fuͤhret stets der Wellen Geraͤusch zuruͤck.
Der Erste.
Es koͤnnte leicht die Dunkelheit uns trennen.
Der Zweite.
Dann rufen wechselnd wir einander zu.
Der Erste.
Mag ich doch kaum den naͤchsten Banm er - kennen
Der Zweite.
Ich will voraus dir schreiten folge du.
(beide tappen fort, indem sie mit den Speeren die Luft vor sich her theilen) (ab)
Vierte78

Vierte Scene

Guidohat sich indessen in das Boot gesetzt, und rudert bis unter den Soͤller.)
Adelheid
hinter dem Gitter)
Keinen Trost kann mein Gebet erfassen!
Alles schlaͤft nur mein Verfolger wacht!
Wehe! wehe! mich hat der Gott verlassen!
Ich verschmachte in des Kerkers Nacht!
Guido.
(hinaussprechend)
Wohl einen Trost kann dein Gebet erfassen;
Nicht alles schlaͤft, dein Schutzgeist wacht;
Vertraue nur, dich hat Gott nicht verlassen,
Es dringt ein Strahl in deines Kerkers
Nacht.
Adelheid.
Ha! welche Stimme!
Guido.
Moͤchtet Ihr sie kennen!
Es ist der Guido, den Ihr von Euch stießt.
Adelheid.
79
Adelheid.
O! wie so tief mich Scham und Reue
brennen.
Da des Verschmaͤhten Stimme mich begruͤßt.
Guido.
Auf leckem Boote kam ich angeschwommen,
Doch muß im Sturm es unbeweglich stehn.
Mein Wort zu loͤsen bin ich hergekommen:
Euch retten oder mit Euch untergehn!
Adelheid.
Mich retten? ach! unmoͤglich frommer Knabe!
Guido.
Was ist unmoͤglich dem der glaͤubig fleht.
Adelheid.
O wuͤßtest du, wie ich gebetet habe
Guido.
Vertrauen ist das kraͤftigste Gebet.
Adelheid.
Kann ich das Eisen dieses Gitters brechen?
Guido.
80
Guido.
Warum nicht! wenn der Glaub 'Euch Kraft
verleiht.
Adelheid.
Willst du noch Hohn dem schwachen Weibe
sprechen?
Guido.
Nur der ist schwach, den Glaube nicht er - freut.
Natur entsagt den ewigen Gesetzen,
Nach jenem Wink, den ihr ein Gott-Mensch
gab;
Des Glaubens Senfkorn Berge solls ver - setzen!
Und Euch verwirrt ein duͤnner Eisenstab?
Auf Koͤnigin! mit Freudigkeit erhebe
Das Auge sich zum starken Gott empor!
Mit Zuversicht und Glauben faßt die Staͤbe,
Brecht und zersplittert sie wie duͤrres Rohr!
Adelheid.
81
Adelheid.
Dein Hauch beseelt mein Herz wird
groß ich hebe
Zum starken Gott das nasse Aug 'empor
Mit glaͤub'ger Zuversicht faß ich die Staͤbe
Und schuͤttle sie und breche sie wie Rohr.
(sie zerbricht das Gitter)
Ha! neue Hoffnung will den Busen schwel - len,
Da seiner Magd Gott Wunderkraft verliehn!
Guido.
So stuͤrzt Euch nun herab in diese Wellen!
Herab in meinen Arm, durch Glauben kuͤhn.
Adelheid.
Wie? meinen Gott versuchen? darf ichs wa - gen?
Ein Abgrund gaͤhnt herauf dein Arm ist
schwach
Guido.
Noch immer koͤnntet Ihr an dem verzagen,
Durch den der Glaube dieses Eisen brach?
FAdelheid.
82
Adelheid.
Nein! nein! ich will ich muß warum
dieß Zaudern?
In schwarze Tiefe stuͤrzt der scheue Blick
Wenn Seel 'und Koͤrper, sich entsetzend,
schaudern
Ach! unwillkuͤhrlich bebt der Fuß zuruͤck!
Guido.
Schon ist Verderben uͤber Euch beschlossen,
Seit Berengar in diese Mauern drang,
Und der Verbrecher kalte Mitgenossen
Bereiten grinsend Euch den Untergang,
Schon sind die Hochzeitkerzen angezuͤndet,
Schon hat der Priester den Altar geschmuͤckt
Und eh 'die Sonne sich dem Meer entwindet
Hat Eure Seufzer die Gewalt erstickt.
Adelheid.
Halt ein!
Guido.
(bittend)
Herab zu mir!
Adelheid. 83
Adelheid.
Wie Dolche dringen
Mir deine Wort 'ins Herz
Guido.
Herab geschwind!
Adelheid.
Ja, lieber in des Todes Rachen springen,
Als Ketten tragen, die mir schimpflich sind!
Guido.
Es daͤmmert schon.
Adelheid.
Hinab! Weh mir! die
Wellen
Guido.
Die Wellen tragen den, der Gott vertraut
Adelheid.
Die Angst
Guido.
Horch! Schluͤssel klirren! Stimmen
gellen!
F 2Adelheid.
84
Adelheid.
Sie kommen
Guido.
Sie ergreifen die Braut.
Adelheid.
Allmaͤchtger! rette mich!
Guido.
Er will dich retten.
Adelheid.
Vor mir und hinter mir ein offnes Grab!
Guido.
Die Pforte knarrt
Adelheid.
Er kommt!
Guido.
Zerbrich die Ketten!
Adelheid.
Er ists! Gott schuͤtze mich! hinab! hinab!
(sie springt in die Wellen. Guido rettet sie, und der Nachen gleitet, von ihm gerudert, leicht uͤber
die85
die Wogen dahin. Berengar tritt mit einer Fackel auf den Soͤller, schaut wild um sich erblickt mit Entsetzen die Fliehenden, und schleu - dert ihnen die Fackeln nach. Der Vorhang faͤllt.)
Ende des zweites Akts.
Dritter86

Dritter Akt.

Eine laͤndliche Gegend am Comer See mit einer Fischerhuͤtte. Der Morgen ist angebrochen.

Erste Scene.

Der alte Fischer Antonio
tritt aus der Huͤtte)
Die buͤchnen Tische blank gescheuert
Die Becher von Buxbaum ausgeschwenkt
Die Kessel tuͤchtig unterfeuert
Die Kuchen mit suͤßem Oel getraͤnkt
Die schoͤnsten Fische sind erlesen,
Wir haben gezapft vom besten Wein,
Und87
Und horch! es fegen schon die Besen
Die niedrige Stube zum Tanze rein.
Die Kerzen flackern vor der Madonne,
Die schnurrenden Geigen werden gestimmt,
Und uͤberall hochzeitliche Wonne,
In der das junge Voͤlkchen schwimmt.
He! Margarethe! bist du fertig?
Die Dirne inwendig.
Gleich Vater, gleich.
Antonio.
Das putzt sich noch,
Des schmucken Braͤutigams gewaͤrtig
Und luͤstern nach dem Ehstandsjoch.
So spielen die Fischlein im klaren Gewaͤsser
Und wiegen behende sich her und hin;
Sie habens wohl gut und haͤttens gern
besser,
Und schluͤpfen ins Netz und zappeln
drin,
Zweite88

Zweite Scene.

Margarethe. Antonio.
Margarethe.
Da bin ich Vater.
Antonio.
Wohl auf Margarethe!
Bevor ich mit dem Schleier dir
Im Kreis der Verwandten entgegen trete,
Vernimm noch ein trauliches Woͤrtchen von
mir.
Du hast den froͤhlichen Kindermorgen
Durchflattert mit Behaglichkeit;
Du, in der Aeltern Huͤtte geborgen,
Was kuͤmmerten dich des Lebens Sorgen?
Sie kommt nicht wieder die schoͤne Zeit!
Der Jugend Frohsinn Allen vertrauend,
Nie hinter sich, nie um sich schauend,
Den jedes Bluͤmchen kindisch freut,
Dem alles Gold ist, wenns nur blinket.
Den89
Den jeder Pfennig ein Schatz beduͤnket,
Und Jahresfrist eine Ewigkeit
Sie kommt nicht wieder die schoͤne Zeit!
Oft wirst du ihrer noch gedenken,
Wenn Sorgen in deine Brust sich senken,
Erkennen, was oft im Jugendrausch
Wohl unbeachtet dir geblieben:
Wie Aeltern sorgen, wie Aeltern lieben,
Und was du verloren beim froͤhlichen Tausch.
Du sollst nun eine Hausfrau werden.
Es ist der edelste Stand auf Erden,
Des Gluͤckes Grund auf ihn gebaut;
Dich wird der Mutter Name zieren,
Du wirst die Wesen, dir anvertraut,
Zu Ordnung, Fleiß und Tugend fuͤhren,
Dein Haus mit Ernst und Milde regieren,
Stillwirkend und schaffend fruͤh und spaͤt;
Nicht karg die Nothdurft zugemessen,
Doch auch das Kleinste nicht verschmaͤht.
Der Armuth wolle nie vergessen,
Ihr90
Ihr Segen bringt und mehrt das Gluͤck;
Und kehrt dein Gatt 'am Abend muͤde
Vom sauern Tagewerk zuruͤck,
Empfange ihn der haͤusliche Friede
Und seiner Gattin freundlicher Blick.
Nagt dir bisweilen ein Gram die Seele,
Ei den verrathe nicht ohne Noth,
Daß ihm der froͤhliche Muth nicht fehle
Zur maͤnnlichen Sorg' ums taͤgliche Brod.
Vor Allem bleibe fest im Glauben,
An deinem Gotte halte fest!
Laß dir den Himmelstrost nicht rauben,
Der nie zu Schanden werden laͤßt;
Den Himmelstrost, vor Gott zu treten,
Wenn Erdennoth die Seele druͤckt;
Wer beten kann, von Herzen beten,
Der kann auch tragen was Gott ihm schickt.
Dieß letzte Wort von Vaters wegen
Mußt 'ich ans kindliche Herz dir legen.
Genug schon werden die Gaͤste laut,
So91
So ziehe denn hin mit meinem Segen,
Geliebte Tochter! fromme Braut!

Dritte Scene.

Fischer und Fischerinnen fuͤhren den Braͤuti - gam mit Gesang und Tanz. Vor ihnen her zieht ein Knabe und ein Maͤdchen. Der Knabe traͤgt eine brennende Fackel, das Maͤdchen einen Schleier.
Froͤhlicher Marsch und Chor.
Zur Hochzeit! ihr Alten und Jungen,
Am Ufer des Comer See
Da werde die Fackel geschwungen,
Die Braut verschleiert,
Die Liebe gefeiert,
Gesungen, gesprungen,
Mit lautem Juchhe!
Antonio.
Seyd mir gegruͤßt, ihr Nachbarn alle!
Ich dank 'Euch, daß Ihr willig und froh
Herauf -92
Heraufgezogen mit Jubelschalle
Zum alten Nachbar Antonio.
Verdoppelt wird am Hochzeittage
Des Vaters Freude wie ihr wißt,
Wenn er bei solchem Ehrengelage
Die guten Nachbarn nicht vermißt.
Der Tochter karges Brautgeschmeide
Noch Eines so herrlich schimmert es dann;
Denn was ist Gluͤck, und was ist Freude,
Wenn sie der Mensch nicht theilen kann?
Noch Einmal, willkommen in meiner
Huͤtte!
Doch eh 'ich nun, wie sichs geziemt,
Die Braut verschleire nach alter Sitte;
So werde dankbar in Eurer Mitte
Der Gott gepriesen, der Engel geruͤhmt,
Der ploͤtzlich mir nach langen Sorgen
Den Lebensfaden freundlich spann;
Denn ists Euch allen doch unverborgen:
Ich war ein armer, blutarmer Mann,
Den93
Den oft in seinem muͤhseligen Leben
Des Fleißes Hoffnung hart betrog,
Wenn er bei Tag und Nacht mit Beben
Das leere Netz ans Ufer zog!
Nur Einmal ist mirs doch wie heute!
Es zappelt 'im Netz ein großer Fisch,
Ein koͤstlicher Fisch war meine Beute,
Erlesen fuͤr des Koͤnigs Tisch.
Da spracht ihr Nachbarn: Antonio, eile!
Die Fuͤrstentochter von Burgund
Wird unserm guten Koͤnig zu Theile
Durch einen frommen Liebesbund,
Schon ziehen die stattlich geschmuͤckten
Gaͤste,
Voran der erzbischoͤffliche Hirt,
Auf allen Straßen zum herrlichen Feste,
Das in Pavia bereitet wird.
Drum eile! des Koͤnigs Tafel zu schmuͤcken
Ist dieser koͤstliche Fisch wohl werth;
Wer weiß was dir an Silberstuͤcken
Die Hand der Baut dafuͤr bescheert.
Da94
Da fuͤllt 'ich die Mulde mit klarem Ge -
waͤsser,
Und warf den lebenden Fisch darein,
Und baut' in die Luft mir herrliche Schloͤsser,
Und wanderte lustig die Welt war mein!
Und Gott sey Dank! mein kuͤhnstes Hoffen
Mir selber schien es ungereimt
Doch wurd 'es dießmal uͤbertroffen!
Von Silber hatt' ich nur getraͤumt,
Eine Hand voll Gold sah ich mir spenden!
Und daß die Braut, so wunderhold,
Es mir gereicht mit eignen Haͤnden,
O warlich! das war mehr als Gold!
Denn Fuͤrsten Huld zerbrochene Scherbe
Verwandelt sie in Edelstein!
Von Weib und Kindern und Gewerbe
Und wie wir leben und wie wir gedeihn,
Mnßt ich erzaͤhlen mit breiten Worten,
Sie hoͤrte den Schwaͤtzer freundlich an,
Und wahrlich! meines Herzens Pforten
Hatten sich weit weit aufgethan.
Ich95
Ich meint 'ich muͤßte sie in mich saugen
Die holde Gestalt der Koͤnigin;
Sie schwebt mir immer noch vor Augen,
Sie schwebt mir ewig vor dem Sinn!
Mein Fleiß, der ihr Geschenk verzinste,
Trug Gottes Segen mir ins Haus,
Und mit dem redlichen Gewinste
Statt 'ich die Tochter nun dankbar aus.
Doch ach! im schwarzen Witwenkleide
Haͤrmt sich die fromme Koͤnigin!
Gott troͤste sie in ihrem Leide!
Gott troͤste meine Wohlthaͤterin!
Alle.
Gott troͤste sie!
Antonio zieht die Muͤtze ab und betet still. Alle thun ein Gleiches.)
Antonio.
Nun reicht mir den Schleier.
Die96
Die brennende Fackel reicht mir auch,
Auf daß ich die Verlobungs-Feier
Mir Ernst beginne nach altem Brauch.
(er verschleiert die Braut)
Mit diesem Schleier, dicht gewoben,
Verhuͤllt dein Haupt die Vaterhand;
Von keinem werd 'er aufgehoben,
Bis du geknuͤpft das heilige Band.
(er schwingt die Fackel uͤber ihn.)
Und vor der geschwungenen Fackel weiche
Der boͤse Geist in ewige Schmach!
Die Flamme nicht loͤsche noch erbleiche,
Bevor der Priester den Segen sprach.
(Die Fackel wird vor der Huͤtte aufgepflanzt.)
Antonio
(umarmt den Braͤutigam)
Mein Sohn! von meines Lebens Reste
Vertrau ich nun die Obhut dir!
Vierte97

Vierte Scene.

Adelheid und Guido (landen mit dem Boote)
Antonio.
Sieh da! es kommen noch mehr der Gaͤste.
Gleichviel woher, willkommen mir!
Guido.
Gott sey mit Euren grauen Haaren!
Und hoch gepriesen die himmlische Macht,
Die, an der Unschuld sich zu offenbaren,
Auf leckem Boot uns hergebracht.
Antonio.
Habt Ihr gewagt den See zu befahren
Im Sturme der entwichnen Nacht?
Guido.
Gewagt mit Gott!
Antonio.
Still wurd 'es heute,
Doch grimmig hat der See getobt.
Ihr kommt fuͤrwahr in Gottes Geleite.
GGuido.
98
Guido.
So ists.
Adelheid.
So ists. Gott sey gelobt!
Antonio.
So thut Euch guͤtlich in meiner Huͤtte,
Wenn gleich mir fremd von Angesicht;
Ihr seyd willkommen in unsrer Mitte.
Woher des Landes? fragen wir nicht.
Verknuͤpft die Freude doch alle Wesen,
Ist doch die Welt ihr Vaterland,
Mit Roͤmern und mit Calabresen
Durch Freude der Lombarde verwandt!
Adelheid.
Vergoͤnnt mir heute unter Euch zu weilen,
Um Stand und Nahmen unbefragt,
Wenn gleich der Freude Taumel hier zu theilen
Ein herbes Schicksal mir versagt.
Antonio.
Wie ist mir? Blendet mich die Sonne?
Mir99
Mir werden die Augen wacker und klar
So helfe mir Gott zur ewigen Wonne!
Ich sehe die Witwe des Lothar!
Alle.
Die Koͤnigin!
Guido.
Sie ists.
Adelheid.
Erbarmen!
Verrathet eine Fliehende nicht,
Die sich entwunden verhaßten Armen,
Die ihre schimpflichen Ketten zerbricht.
Antonio.
Ihr auf der Flucht? wir Euch verrathen?
Ha! lieber den martervollsten Tod!
Wenn auch der Papst durch seinen Lega - ten
Uns mit dem ewigen Bannfluch droht!
Hier soll keine Muͤcke Euch verwunden,
Saͤh 'gleich die Hoͤlle dazu scheel!
G 2Durch100
Durch Wohlthun habt Ihr uns gebunden
Und Euer sind wir mit Leib und Seel!
Alle.
Ja, Euer sind wir mit Leib und Seel!
Adelheid.
Gott! wenn das Herz im Brechen und
Scheiden
Die letzte Hoffnung zuckend begruͤßt,
So traͤufelst du in den Kelch der Leiden
Den Tropfen der Liebe, der Alles versuͤßt!
Antonio.
Habt Ihr, seit Eurem Ehrentage,
Des alten Fischers wohl gedacht,
Der Euch zum frohen Brautgelage
Vom Comer See den Fisch gebracht?
Ich war es, der Geringsten Einer,
Gewuͤrdigt Eures gnaͤdigen Blicks.
Adelheid.
Recht Alter, ich entsinne mich Deiner,
Du sahst mich auf dem Gipfel des Gluͤcks!
Antonio.
101
Antonio.
Nun, damals haben Lieb und Treue
Im Herzen Euch Altaͤre gebaut;
Durch Euch erbluͤhte mein Gluͤck aufs neue,
Durch Euch ist dieses Maͤdchen Braut;
Und was ich habe, und was ich besitze,
Von Eurer Gnad 'ists ein Geschenk:
Nun fragt noch, ob ich Euch beschuͤtze,
Der Koͤnigs-Milde eingedenk?
Wir Alle, so gering wir scheinen,
Wir achten die Treue ein Ehrenkleid,
Nun fragt noch, ob wir Alle fuͤr Einen
Im Kampfe stehn fuͤr Adelheid?
Doch seyd getrost! zu unsern Huͤtten
Verirrt kein Spuͤrhund sich so leicht,
Denn wo die Armuth eingeschritten,
Da wird die Habsucht bald verscheucht.
Adelheid.
So bleib 'ich ruhig in Euren Haͤnden
Und halte mich verborgen still,
Bis102
Bis nach Canossa mich zu wenden,
Erneute Kraft vergoͤnnen will.

Fuͤnfte Scene.

Vorige. Eine junge Dirne eilt herzu.
Ach Huͤlfe! Huͤlfe! des Koͤnigs Reiter
Sie suchen und fluchen sie toben und
pochen
Sie haben verschlossene Thuͤren erbrochen
Sie dringen im Dorfe mit Ungestuͤm wei - ter
Durchstoͤbern die Winkel und forschen und
fragen
Kaum bin ich entronnen Euchs anzusagen.
Adelheid.
Ich bin verloren!
Antonio.
Ei mit nichten?
Wie viele sind ihrer?
Die
103
Die Dirne.
Zwei.
Antonio.
Nur Zwei?
Und waͤrens Zwanzig, vor solchen Wich - ten
Seyd ruhig tragen wir keine Scheu.
Ist Ihnen mit Geld der Mund zu stopfen,
Mein letztes geb 'ich her wo nicht,
So wollen wir sie mit Rudern klopfen,
Bis auf den Koͤpfen das letzte bricht.
Doch moͤchte, wenn ichs schlau bedenke,
Auch eine List hier wohl gedeihn,
Und wenn ich die alte Sitte kraͤnke,
So moͤg 'in der Noth mirs Gott verzeihn.
Der Sittsamkeit den Schleier entwenden,
Die Braut enthuͤllen vor der Zeit
Ist wohl ein Frevel von kuͤhnen Haͤnden,
Doch Freunde, hier gilts Dankbarkeit.
Fuͤr unsre Koͤnigin nichts zu theuer!
Sie104
Sie hat im Ungluͤck uns vertraut.
Wohlan! herunter mit dem Schleier;
(Er nimmt seiner Tochter den Schleier und verhuͤllt Adelheid damit.)
Ihr meine Tochter, Ihr die Braut.
Adelheid.
Ha! redlicher Greis!
Antonio.
Still! folgt meinem Rathe.
Wir taͤuschen die Buben. Sprecht kein
Wort.
Und daß die Angst Euch nicht verrathe
Fort in die Huͤtte! eilig fort!
(Er schiebt sie sanft hinein.)
Sie werden die Landessitte ehren,
Und wenn sie die brennende Fackel sehn,
Den lauten Hochzeitjubel hoͤren,
So werden sie ruhig voruͤbergehn.
O! Gott! laß nur dieß Eine gelingen!
Dann fahre zur Grube mein graues Haar!
Sie105
Sie kommen! jubelt mit Singen und
Springen,
Als wuͤrdet ihr sie nicht gewahr.
Chor und Tanz.
Zur Hochzeit ihr Alten und Jungen!
Am Ufer des Comer See.

Sechste Scene.

Vorige. Ein alter und ein junger Reiter.
Der Alte.
Gluͤck auf! so lustig?
Antonio.
Kein truͤbes Woͤlkchen
Steht heut an unserm Firmament.
Der Alte.
Was giebts denn hier?
Antonio.
Das junge Voͤlkchen
Sey106
Sey ihm die seltne Freude vergoͤnnt
Es huͤpft wie auf der Himmels-Leiter.
Gott schenkte mir einen frohen Tag!
Seyd mir willkommen, ihr Herren Reiter,
Bei meiner Tochter Brautgelag.
Ein guter Wein, vollauf zu essen
Macht Euchs bequem, die Koller sind schwer.
Der Alte.
Uns ist die Zeit karg zugemessen,
Wir jagen rastlos hin und her.
Die Koͤnigin Adelheid ist entsprungen,
Da druͤben aus Como's festem Schloß,
Ihr wohl durch Zaubermittel gelungen,
Da ihren Kerker der See umfloß.
Doch wird sie auch das Wagstuͤck buͤßen
Und waͤre sie in der Kirche versteckt.
Dem ist ein herrlicher Lohn verhießen,
Der die verlorne Spur entdeckt.
Antonio.
Was zwang die Edle zu entfliehen,
Von der ganz Mailand ruͤhmlich spricht?
Der
107
Der junge Reiter.
Was kuͤmmerts uns, warum? vollziehen
Des Koͤnigs Befehl ist unsre Pflicht.
Antonio.
In Gottes Namen! Gluͤck auf die Reise!
Der alte Reiter.
Ist, die wir suchen, nicht unter Euch?
Antonio.
Schaut selbst umher in diesem Kreise,
Sieht Eine hier einer Koͤnigin gleich?
Der alte Reiter.
Ich habe die Koͤnigin nie gesehen,
Stand auf der Grenzwacht Jahre lang,
Und darum koͤnnt 'es leicht geschehen,
Daß mir entginge der koͤstliche Fang.
Antonio.
Und Ihr? kennt Ihr sie?
Der junge Reiter.
Wie mich selber.
Ich war ja taͤglich ihr nahe genug.
Wenn108
Wenn durch der Vorhalle weite Gewoͤlber,
Almosen spendend, ihr Weg sie trug.
Oft stand sie lange im dichten Kreise
Mit vollem Seckel in der Hand,
Gab hier dem Kinde, dort dem Greise,
Bis auch der letzte Heller schwand.
Antonio.
So habt ihr sie gesehn und koͤnntet
Nun sie verfolgen?
Der junge Reiter.
Scheint es doch,
Als ob ihr mir den Preis nicht goͤnntet?
Mir ist dergleichen viel zu hoch.
Der Koͤnig befiehlt, ich muß gehorchen;
Soldat und Gruͤbeln, das steht nicht fein.
Obs recht und gut? sind seine Sorgen,
Und die Verantwortung ist sein.
Drum auf Kamerad! was nuͤtzen die Fra - gen?
Hier steht sie nicht, doch ihre Flucht
Hat109
Hat schwerlich weiter sie getragen;
Die Huͤtte blieb noch undurchsucht.
Antonio.
Verschonen wollet ihr diese Huͤtte,
Denn was sie birgt die Fackel verraͤth,
Ihr kennt des Vaterlandes Sitte;
Dort harret die Braut im stillen Gebet.
Der junge Reiter.
Die Braut? wir muͤssen sie betrachten.
Antonio.
Sie ist verschleiert wie sichs ziemt.
Der junge Reiter.
Hier duͤrfen wir der Sitte nicht achten.
Antonio.
Es werde Schonung euch nachgeruͤhmt.
Der junge Reiter.
Wir wollen ihr kein Leid zufuͤgen;
Wir schauen sie an und damit gut.
Antonio.
Verlangt ihr Geld? Da, laßt euch gnuͤgen.
Nur keinen frechen Uebermuth!
Der
110
Der alte Reiter.
Ich daͤchte, Kamerad, wir gingen,
Der junge Reiter.
Mit nichten, denn mir waͤchst Verdacht.
Antonio
(tritt vor die Thuͤr)
In meine Huͤtte soll Niemand dringen!
Der junge Reiter.
Hinein! und waͤr 'sie vom Satan bewacht!
(er schleudert Antonio auf die Seite und geht hinein)
Antonio.
Auf Nachbarn! Freunde! Bruͤder! Soͤhne!
Verflucht, wer seinen Schwur nicht haͤlt!
Wer duldet, daß der Knecht uns hoͤhne?
Ergreift was euch in die Haͤnde faͤllt.
(Alle bewaffnen sich mit Rudern und Knuͤtteln)
Der alte Reiter.
He! Kinder, bleibt ruhig bei euren Netzen!
Bedenkt doch kluͤglich was euch droht!
Wollt ihr dem Koͤnig euch widersetzen?
Ihr hoͤrt, es ist des Koͤnigs Gebot.
Antonio.
111
Antonio.
(Und stuͤnd 'ich an der Todespforte,
Die heilige Pflicht gebietet hier!
Der alte Reiter.
He Alter! was bedeuten die Worte?
Nun weckst du auch Verdacht in mir

Siebente Scene.

Vorige. (Der junge Reiter zieht Adelheid nach sich)
Der junge Reiter.
Heraus an's Licht mit deinem Schleier!
So wahr ich ein ehrlicher Kriegsmann bin,
Kamerad, hier ist es nicht geheuer,
Das ist die Gestalt der Koͤnigin.
Der alte Reiter.
Wie magst du doch so seltsam traͤumen,
Die Koͤnigin eine Fischersbraut?
Der junge Reiter.
Sie zittert wie Laub auf Espenbaͤumen,
Warum? Wenn ihr vor uns nicht graut?
Antonio.
112
Antonio.
Kein Wunder! sie mag wohl zittern und
beben,
Da ihr so toͤlpisch sie gefaßt;
Denn wahrlich! sie sah in ihrem Leben
Noch keinen so ungeschliffenen Gast.
Der junge Reiter.
Gleichviel, doch jetzt den Schleier herunter!
Was gilts, ich halte Fortunen beim Schopf?
Antonio
(zwischen Adelheid und den Reiter tretend.)
Herr! laßt euch rathen! machts nicht noch
bunter;
Es tanzt mein Knuͤttel euch auf dem Kopf!
Der junge Reiter.
Ihr wollt mir meine Pflicht verwehren?
Der alte Reiter.
Laß gut seyn komm 'sist doch nicht
recht,
Daß wir die Hochzeitfreude stoͤren.
Antonio.
113
Antonio.
Da hoͤrt ihrs!
Der junge Reiter.
Gleichviel, gut oder schlecht;
Ihr wagt des Koͤnigs Befehlen zu spotten?
Auf eure Gefahr! mein Schwert! heraus!
Will sich das Voͤlkchen zusammen rotten,
So treibe den Ungehorsam aus.
Antonio.
He da! ich warn 'euch, kecker Geselle,
Eh' ihr den Ernst der Drohung spuͤrt!
Der ist des Todes auf der Stelle,
Deß Fingerspitze den Schleier beruͤhrt!
Der junge Reiter.
Drauf will ichs wagen. Zuruͤck!
Antonio.
Auf Bruͤder!
Schlagt ihn zu Boden, den trotzigen Wicht!
Der junge Reiter.
Graukopf zuruͤck! ich stoße dich nieder!
HAdel -
114
Adelheid.
Halt! halt! ich bins!
(sie schlaͤgt den Schleier zuruͤck. Guido, der waͤh - rend dieser ganzen Scene mit verschraͤnkten Armen ein ruhiger Zuschauer gewesen, schmiegt sich jetzt behende an Adelheid und man erblickt statt ihres Gesichts ein ganz fremdes. Alle stutzen. Pause.)
Der junge Reiter.
Nein, sie ists nicht.
Antonio.
(stammelnd)
Nein, sie ists nicht
Der junge Reiter.
Was staunt ihr alle?
Adelheid.
Ich bin es nicht?
Der junge Reiter.
Wars nun wohl recht,
Daß ihr um nichts getobt? die Galle
Mir aufgereizt? ihr Thoren, sprecht!
Antonio.
(fromm gen Himmel blickend)
Nein, sie ists nicht! wohl waren wir Thoren!
Wohl115
Wohl unser Beginnen frevelhaft!
Weil wir den schoͤnen Glauben verloren
An eine schuͤtzende Wunderkraft!
Der junge Reiter.
Ich meint es ja ehrlich mit euch allen.
Nun schoͤne Dirne, so erschreckt?
Laß nur den Schleier wieder fallen;
Muthwillig wirst du nicht geneckt.
(Adelheid verschleiert sich wieder)
Der alte Reiter.
Und wenn kein Groll dir nachgeblieben
Soll doch eine Braut sanftmuͤthig seyn
So geh um Gastfreundschaft zu uͤben
Und hol uns einen Becher voll Wein.
Antonio.
Geh, bringe den Wein, geh ohne Zagen,
Es droht dir ferner keine Gefahr.
Nun darf beherzt der Glaube fragen:
Wer kruͤmmt der Unschuld hier ein Haar?
Adelheid.
(geht in die Huͤtte)
H 2Der
116
Der alte Reiter.
Auch ihr, laßt uns in Frieden scheiden.
Glaubt mir, es ist ein saurer Gang,
Wenn oft zum Werkzeug fremder Leiden
Den Knecht des Herren Wille zwang.
(Adelheid bringt Wein.)
Antonio.
So trinkt und alles sey vergessen.
Der alte Reiter.
(trinkt)
Auf die Gesundheit der schoͤnen Braut!
Der junge Reiter.
(trinkt)
Vergebt mir, war ich zu vermessen,
Dem Schein hatt 'ich zu rasch vertraut.
Der alte Reiter.
Der Wein kann jeden Groll ersaͤufen.
Der junge Reiter.
Wir muͤssen fort. Gehabt euch wohl!
Ihr thut euch guͤtlich bei Trommeln und Pfeifen,
Indessen wir das Land durchstreifen
Bis an die Graͤnze von Tyrol.
Der
117
Der alte Reiter.
So treibt nun wieder mich alten Knaben Bergauf Bergab der leidige Stand. Wir, die wir keine Heimath haben, Oft nicht einmal ein Vaterland, Und taͤglich die Haut zu Markte tragen, Des Gluͤckes Ball und Wuͤrfel sind, Und wenn wir den kargen Sold erjagen, Ihn nicht verzehren mit Weib und Kind, Nur immer nach Betaͤubung streben; Uns bleibt es doch wohl unverdacht, Wenn oft das wilde, muͤhselige Leben Uns rauh und unempfindlich macht?
(Beide ab.)

Achte Scene.

Vorige, ohne die Reiter.
Antonio.
Fort sind sie die Gefahr verschwun - den.
Wie118
Wie ist mir denn? war es ein Traum?
Ob sie die Koͤnigin gefunden?
Ob nicht? weiß ich nun selber kaum.
Adelheid.
(entschleiert sich)
Ich bins.
Antonio.
Ja, ja, nun seyd ihrs wieder!
Es senkte sich mit taͤuschender Kraft
Ekw himmlisch Blendwerk auf euch nieder.
Adelheid.
Wie ist mir alles noch so raͤthselhaft?
Entschleiert und dem Schicksal mich erge - bend,
Wie wurd 'ich ploͤtzlich von der Angst be - freit?
Guido.
Vertraut ihr nun der Macht, die euch um - schwebend,
Bedraͤngter Unschuld eine Wolke leiht?
Adelheid.
119
Adelheid.
(betend)
Ja. Du hast mir die Huͤlle zart gewoben!
Von Dir verschleiert stand ich unerkannt!
Vertrauen will ich kindlich Dir geloben,
Und Vater, Vater sey von mir genannt!
Ich fuͤhle mich ermuthigt und erhoben,
Und kraftvoll jede Nerve mir gespannt;
Du, dessen Engel schuͤtzend mich begleiten,
Wirst nach Canossa meine Schritte leiten!
Antonio.
Duͤnkt unsre Huͤlf 'euch schon entbehrlich?
O zoͤgert! scheidet nicht zu bald!
Der Weg ist weit, auch wohl gefaͤhrlich,
Er fuͤhrt durch einen dichten Wald,
Die Pfade laufen krumm verworren,
Es ist die heiße Erntezeit,
Wo Baum und Strauch in Glut verdorren,
Kein Labetrunk Erquickung beut.
Adelheid.
O laßt mich ziehn! mit ungehemmten Schrit - ten
Eilt120
Eilt nach Canossa der befluͤgelte Fuß;
In jenen Mauern, wie in euren Huͤtten,
Wohnt noch der Treue maͤchtger Genius.
Doch will ich ewig dieses Tags gedenken,
Wenn betend sich mein Herz mit Gott be - spricht;
Und wird mein Schicksal sich zum bessern
lenken,
So sey Vergeltung meine erste Pflicht.
(sie verschleiert die Braut.)
Den Schleier, der mich barg vor Raͤuber - blicken,
Nimm ihn zuruͤck und Segen sey dein Lohn!
Nur eine Myrthenkrone wird dich schmuͤcken,
Doch stille Haͤuslichkeit ist auch ein Thron.
Dir soll kein Diadem die Schlaͤfe druͤcken,
Fern bleibt von dir der Herrschsucht Scor - pion!
Lebt wohl, erhalt euch Gott den stillen Frieden!
Mir ist ein andres bittres Loos beschieden.
(ab mit Guido)
Antonio. 121
Antonio.
O Freunde! Nachbarn! hier auf dieser Stelle,
Wo durch ein Wunder Gott ihr Schutz ver - lieh,
Erbauen wir und weihen die Kapelle
Der heil'gen Jungfrau zum Gebet fuͤr sie!
Doch was beduͤrfen wir der Mauern?
Bruͤder!
Der erste Christentempel war ein Stall;
Drum werft euch flugs im Staube nieder,
Denn unser Gott ist uͤberall!
(Er kniet. Alle mit ihm. Der Vorhang faͤllt.)
Ende des dritten Akts.
(Die Musik des Zwischenakts, die anfangs das Ge - bet der Fischer sanft begleitet, wird nach und nach wild und rauschend, ein Ungewitter vorberei - reitend.)
Vierter122

Vierter Akt.

Wald und Felsen, Sturm und Donner.

Erste Scene.

Berengar tritt auf von mehrern Trabanten be - gleitet.
Des Donners Bruͤllen hallt vom Felsen
wieder
Es rauscht der Wald die Wipfel beugen
sich,
Der Himmel senkt den schwarzen Schoos
hernieder
Empoͤrte123
Empoͤrte Natur! wen willst du schrecken? mich? Umsonst! ich bebe nicht vor Donnerkeilen, Noch wenn die Blitzentladne Wolke kracht, Doch wirst du mir die Fluͤchtige ereilen, So sey willkommen! huͤlle sie in Nacht! Gieß Stroͤm 'herab, daß ihre stolzen Traͤume Der kalte Schauer aus dem Busen schwemmt! Zerschmettre um sie her die alten Baͤume, Auf daß der Schrecken ihren Fußtritt hemmt!
(Zu den Trabanten.)
Hier ist der Kreuzweg Theilt Euch
Dorthin reitet
Zu dem Gestade, das der See umbraust
Ihr Andern hierher dieser Hohlweg leitet
Euch nach Canossa, wo der Markgraf haust.
Ja, sicher hat zu seiner Burg die Schlaue
Sich einen Weg zu bahnen schon versucht;
Doch wenn ich einer leisen Ahndung traue,
So hemmt wohl noch mein Gluͤck die kuͤhne<