PRIMS Full-text transcription (HTML)
Deutscher Novellenschatz.
[Band 12]
BerlinGlobus Verlag G. m. b. H. [1910]

Inhalt:

Kurt von Koppigen.

A. Bitzius (s. über ihn Bd. VII, S. 8 unserer Sammlung) hat außer den Schilderungen seiner ländlichen Umgebung eine Anzahl romantischer Erzählungen geschrieben, welche jedoch im Ganzen nicht eben glücklich sind, bis auf eine, die freilich nur mit Unrecht dieser Klasse beigezählt wird, da sie vielmehr zwischen seinen romantischen und seinen Dorfgeschichten höchst eigenthümlich mitten inne steht und eine tote die andere der beiden Gattungen übertreffen dürfte. Denn obgleich Kurt von Koppigen im Mittelalter spielt und sogar mit legendenartigen Wunderbegebenheiten schließt, so ist diese Geschichte dennoch nichts weniger als romantisch, sie ist im Gegentheil realistisch durch und durch. Gotthelf zeichnet das dreizehnte Jahrhundert von der ländlichen Seite im Gegensatze zu der höfischen, die zwar nicht allen Edelsitzen auf dem Lande fehlte, aber dem ganzen Deutschland jenes Jahrhunderts doch nur so flüchtig und zerbrechlich erglänzte, wie der Regenbogen im Wasserfall. Er stellt uns auf den Boden, auf welchem ein Herzog von Urslingen, am Kaiserhofe in den höchsten Würden, sich von feinen ländlichen Standesgenossen als simpler Freiherr behandeln lassen mußte; aus den Boden, auf welchem ein Schenk von Winterstetten, der unter Friedrich II. Reichsschenke, Statthalter in Schwaben und Erzieher des Königs Heinrich gewesen, völlig verarmt zu Fuß mit seinem Knechte von einem Herrn zum andern betteln ging. Wie mit einer Art Intuition schildert er jene Zustände, in welchen das mittelalterliche Leben Deutschlands nach seiner wahren Gestalt erscheint; Zustände, welche, als das Reich Schiffbruch litt und mit ihm die entlehnte, in der Blüthe schon vom Wurme benagte Bildung versank, mit einer nur deßhalb nicht überraschenden Plötzlichkeit hervorbrachen, weil sie schon vorher, schwach niedergehalten, das eigentliche Wesen der Gesellschaft ausgemacht hatten. Sieht man jedoch näher zu, so wird man gewahr, daß er sich eines einfachen Kunstmittels bedient und eben damit den rechten Punkt trifft, indem er nämlich frischweg mit einem Griff in die nächste Nähe seine Bauern in die alten Eisenkleider steckt und sie in diesen als vollkommene Repräsentanten des wilden Adels jener zuchtloseren Zeiten hanthieren läßt. Durch diese Verwerthung eines lebendig angeschauten Materials erlangt er ohne sonderliches Studium des historischen Details eine Lebenswahrheit, mit welcher seine Dichtung sich nicht unwürdig neben die aus dem Mittelalter selbst stammende berühmte Erzählung vom Meier Helmbrecht stellen darf, die freilich einen unnachahmlichen Reichthum von Einzelzügen bietet und auch weiterhin ein vollständigeres Zeitbild entfaltet, indem sie uns den festen Stand des freien Bauern gegenüber dem adeligen Räuber kennen lehrt. Hierin steht Gotthelf zurück, aber was er giebt, ist ganz und voll gegriffen, und seine Gestalten wetteifern an Fleisch und Blut mit den lebendigen Gestalten jener alten Erzählung. Dies ist um so bewundernswerther, als er, wie gesagt, sich wenig mit dem alten Costüm zu schaffen macht. Ja, selbst der Ton des Erzählers, obwohl markig, wie von Gotthelf zu erwarten, ist nichts weniger als alterthümlich. Und nicht bloß dieses: sogar an jenen Seitensprüngen und Seitenhieben, mit welchen er bei jeder Gelegenheit die Gegenwart zu bedienen gewohnt ist, fehlt es auch bei diesem so ungelegenen Anlasse nicht; so daß man sich freilich mehr als einmal versucht fühlen könnte, die störenden modernen Auswüchse wegzuschneiden. Allein wir hielten uns in diesem wie in ähn­lichen Fällen zu einem eigenmächtigen Verfahren nicht berechtigt; und nur eine einzige Stelle von nicht ganz einem Dutzend Worten (S. 104 des Originaldrucks), die uns geradezu unmöglich schien, glaubten wir mit gutem Gewissen auslassen zu dürfen. Ein Bedenken anderer Art möchte Manchem der schon oben berührte Schluß erregen, der mit seinen Wundererscheinungen, die sich nicht als bloße Vision geben wollen, allerdings hart and die äußerliche Grenze der Novelle greift. Indessen ist es denn doch dem Gemälde aus einer Zeit so blühender Sagenbildung nicht eben ungemäß, eine große psychologische Wendung in dass Gewand dieser Zeit zu neiden, die eine innere Umkehr und Umwandlung ohne das sichtbare Hereintragen einer höheren Zeit für ein Unding angesehen hätte; und was man auch an Einzelheiten der Erzählung aussetzen mag, dem Ganzen wird Niemand den Ebenwerth der besten geist - und charactervollsten Holzschnitzereien, wie sie aus den Händen der Meister jener lebenskräftigen Zunft hervorgegangen sind, streitig machen.

Die Gestalt der Erde geht vorüber, gleich bleibt sich das Menschenherz für und für. Es wechseln über dem Schooße der Erde die Jahreszeiten, aber es wandelt sich nicht der Schooß der Erde. Lieblich ist's im weichen, warmen Frühlingswehen, aber wer des Eises gewohnt ist, sehnt nach des Nordpols eisigen Winden sich. Wer gewohnt ist an milde Sitten, an ein weichlich Leben, den schaudert vor der Rauhheit vergangener Zeiten; wer in jenen Zeiten gelebt, den würde, in unsere Zeit versetzt, der Ekel tödten, gleich dem Fische des Meeres das süße Wasser. So hat Gott es geordnet, der Mensch wird es nicht ändern. Aber Gott will auch, daß der Mensch betrachte die vergangenen Zeiten; nicht als Eintagsfliege ohne Zukunft hat Gott den Menschen geschaffen, und wer die ihm geordnete Zukunft genießen will, muß sich dazu stärken an der Vergangenheit. Wie jede Jahreszeit ihre Vorzüge hat und ihre Einflüsse, so jede Zeit im Weltenlauf. Aus den vergangenen Zeiten soll der Mensch das Gute nehmen und damit bessern sich und seine Zeit, mit dem Schlimmen jener Zeiten soll er Frieden und Genügen bringen ins alte Herz, welches von Natur weder Frieden noch Genügen hat, welches alle Tage geführt werden muß an den Born der Zufriedenheit, aus welchem die Freude an Gottes Ordnung quillt und der Dank für jede gute Gabe, die kommt aus der gesegneten Hand, welche sich öffnet zur geeigneten Zeit und speiset und tränket Alles, was da lebt, auf geeignete Weise.

Vor 600 Jahren war es anders als jetzt im Schweizerlande. Da war es wild nicht bloß in den Bergen, sondern auch im ebenen Lande; gering war der Anbau, gering dessen Ertrag, desto größer war der Wald, desto zahlreicher die Gewässer, von denen man oft nicht wußte, sollte man See oder Sumpf, Bach oder Fluß sie heißen. Viel Wild war in den Wäldern, mächtige Fische in den Gewässern; wer Herr sei im Lande, der Mensch oder das Thier, schien nicht entschieden, denn eben so oft, als der Mensch des Thieres Lager zerstörte, zerstörte das Wild des Menschen Anbau. Düstere Thürme waren zerstreut durchs Land, sie ragten aus den schwarzen Tannen heraus und über sie empor, wie greise Helden aus niederem Volke. Breit wie eine Henne über ihren Küchlein lag hie und da ein Kloster im Thale ruhig und gutmüthig; höher schienen die Bäume, grüner das Gras in seiner Nähe. Heitere Gehöfte, wie sie jetzt blitzen mit ihren hellen Fenstern Stunden weit über das Land herein, sah man wenige oder keine in niedrigerm Lande; mehr in Wald und Sumpf, als im Hause, lebte damals der Mensch. Darum wandte man auch wenig Sorgfalt auf des Hauses Ausstattung oder gar Verzierung. Bäuerinnen wohnten schlechter, als heute Bettlerinnen; wenn Edelfrauen es gehabt hätten in ihren kahlen, kalten Schlößchen, wie heutzutage Bäuerinnen auf ihren reichen Gehöften, sie wären von Königinnen beneidet worden. Damals ging es einfach zu: Gold und Silber war wenig im Schweizerlande; die Dienstmägde von jetzt haben vielleicht mehr Seide am Leibe, als damals zu finden gewesen wäre im ganzen Lande.

Im schönen weiten Aarthale, nicht weit davon, wo es von der wilden Emme fast rechtwinklig durchschnitten wird, da, wo jetzt das reiche Dorf Koppigen steht im Bernbiet, stand damals, wo jetzt noch auf dem Hügel, der Bühl genannt, Spuren zu sehen sind, ein kleines Schlößchen. Von Koppigen hießen die Edeln, welchen es gehörte. Die Gegend war nicht im Glanze, wie jetzt; gar mancher Kraft war noch keine Schranke gezogen, zerstörend konnte sie walten nach Belieben; keine Dämme faßten die Emme ein und hinderten sie, ihr Bett zu verlassen, rechts und links lustwandelnd durch die Fluren. Ihr beliebtester Spaziergang war rechts bei Kirchberg vorbei über die weiten Felder gegen Koppigen hin, den großen Sümpfen und kleinen Seen zu, welche noch jetzt zwischen Koppigen und der Aare liegen. Spärlich bewohnt war diese Gegend, und sehr arm waren die Bewohner, arm wie die Edeln im Schlößchen.

Dieses arme Schlößchen war nebst der Emme auch eine Ursache von der Armuth der Gegend. Es glich einem alten offenen Schaden, welcher die gesunden Säfte eines Körpers verzehrt, dem Wirbel im Strome, der Alles an sich reißt, was in seinen Bereich kommt. Wir sind gar weit von der Ungerechtigkeit entfernt, dieses Schlößchen einem Krebsschaden zu vergleichen, eben weil es ein Schlößchen war. Wir wissen zu wohl, daß in jenen Zeiten viele Schlösser der süßen Quelle glichen, welche die Umgegend befruchtet, den müden Wanderer erquickt, der Magnet ist, welcher die Anwohner zieht, nicht um sie zu verzehren, sondern um sie zu laben. Klöster und Schlösser waren sehr oft in jener Zeit, was jetzt noch die Oasen sind in den afrikanischen Wüsten. Aber in Koppigen war es anders: die Herren von Koppigen waren ein angesehenes Geschlecht, aber seit Jahren waren sie um so ärmer geworden, je vornehmer sie sich dünkten. Schöne, stattliche Männer waren die Herren von Koppigen. Schon damals fiel es den Menschen bei, sich durch Heirathen zu heben und ihre persönlichen Vorzüge so gleichsam als Einsatz in dem verwegenen Spiel geltend zu machen. So heiratheten die stattlichen Männer in vornehme Familien, erhielten zur Mitgift hohen Stolz, vornehme Angewöhnungen und Verwandte, welche sie gebrauchten, wenn es ihnen commod war, hinterher dann thaten, als hätten sie sie nicht gebraucht. Es giebt keine gefährlichere Stellung auf Gottes Erde, als den Kopf gen Himmel zu strecken, während man Nichts unter den Füßen hat. Hochmuth zieht die Hoffart nach, hinterher kommt die Armuth; wo diese drei in einem Menschen oder einem Geschlechte hausen, da ist ein gefährlich Dabeisein, ehedem wie jetzt. Hoffart und Hochmuth schämen sich begreiflich der Armuth, greifen zu allen Mitteln, um wenn auch nicht reich zu werden, so doch die Armuth zu verdecken. Je nach Stand und Zeit wird List und Gewalt versucht, doch zumeist umsonst; während man Andere arm macht, wird man selbst alle Tage ärmer, hochmüthiger und verachteter. Die Schwierigkeit, reich zu werden, wird zur Unmöglichkeit, in Schmach und Noth geht der Mensch oder die Familie unter. Dies ist die Geschichte von tausend und abermal tausend Familien oder Menschen. Auf diesen Wegen wandelten eben auch die Herren von Koppigen.

Im wilden Leben war die Familie zusammengeschmolzen; zur Zeit, in welcher unsere Geschichte beginnt, lebten im Schlößchen nur noch Mutter und Sohn, jung war der Vater erschlagen worden, als er eine Heerde Kühe rauben wollte. Grimhilde hieß die Frau von Koppigen, und nie paßten Name und Person besser zusammen, als bei ihr. Sie war eine Gräfin gewesen aus vornehmem Hause und hatte den Herrn von Koppigen geheirathet, weil sie nicht fromm genug war für ein Kloster und den Grundsatz hatte: wenn sie keinen reichen Mann kriegen könne, so nehme sie einen armen denn einer sei jedenfalls besser als gar keiner. Als sie diesen Grundsatz ins Werk setzte, war sie zu sehr vernünftigen Jahren gekommen. Der wilde Koppiger auf seinem magern Rosse, der sich an ihr Haus zu klammern suchte, wie ein in den Strom Gefallener an einen Weidenzweig, fand erst Gnade in ihren Augen, als alle Hoffnung aus was Besseres durchaus verschwunden war. Von je böser als schön, hatte sie jetzt borstige, gerade herausstehende Haare um den Mund wie sie bei den Katzen üblich sind. Sie war lang und hager, hatte schwarze, stechende Augen, eine krumme Nase, hatte eine Stimme, welche tönte wie Peitschenhiebe, und wenn sie ging, machte sie Schritte, als wolle sie über den Schloßgraben springen. Sie besaß von ihrer alten Herrlichkeit nichts mehr als den Hochmuth, desto greller trug sie ihn zur Schau; ihren Zorn, deß sie nichts Anderes hatte, ließ sie an Allem aus, was in den Bereich ihrer langen Arme kam; sie war fürchterlich unbarmherzig. Zu ihrem Schlößlein gehörte ein kleines Gebiet, auf welchem eigene Leute wohnten, aber spärlich, wie auf magerem Ackerlein dünn die Halme stehen. Es hat eine eigenthümliche Bewandtniß mit Land und Leuten; beide wollen weich gepflegt, freigebig genährt sein, dann gedeihen sie üppig, dann ist ihr Ertrag ein reicher; unter einer harten Hand verkümmern sie, je mehr man von ihnen begehrt, desto weniger geben sie: der ausgesogene Acker giebt keine Ernte, ausgesogene Leute zahlen keine Steuern, und wenn der Acker keine Ernte giebt, geht der Zehenten von selbsten ein. Der Ertrag steht also im umgekehrten Verhältniß mit dem Bedarf; je nöthiger Einer wird, desto weniger wird ihm; der ärmste Bauer, welcher das Geld am nöthigsten hätte, hat zumeist den magersten Hof, der nichts abträgt. Es liegt hierin eine große staatswirthschaftliche Lehre, welche beachtet werden sollte; aber es ist noch immer so, daß den Unmündigen offenbar wird, was den Weisen der Welt verborgen bleibt. Je nöthiger die Herren von Koppigen wurden, desto mehr sogen sie ihre Leute aus; wenn sie selbst nichts mehr hatten, nahmen sie das Erste Beste, was sie fanden. So geschah es, daß Pferde und Kühe Raritäten wurden im Koppiger Gebiete. Wenn nun aber der Bauer kein Vieh mehr hat, was helfen ihm da Aecker, und wenn der Bauer seine Aecker nicht mehr baut, was helfen dann dem Junker Zehenten und Bodenzinse. So hatten die Herren von Koppigen gewirthschaftet, unter Frau Grimhilde ward es nicht besser. Wie gesagt, hatte Frau Grimhilde nichts mitgebracht, als großen Hochmuth und etwas Weniges an Schmuck und Kleidern. Sie rechnete viel auf ihre Familie, trieb einstweilen Hoffart so viel und so lange sie konnte, schonte Nichts, hätte gerne den großen Grafen von Buchegg, Burgdorf und Andern es gleichgethan. Als ihr Mann vom wilden Küher erschlagen worden, erfuhr sie, wie viel Rechnungen einer vornehmen Tochter, welche arm geheirathet, welche sie auf ihre Familie macht, werth sind. Man ist glücklich, sie vergessen zu können, braucht alle Mittel, ihr die Erinnerungen an ihre Familie zu vertreiben. So ward Koppigen durch Frau Grimhilde ärmer, als es je gewesen war, ihre Kostbarkeiten waren dahin, Zufluß von außen kam ihr nicht; Hunger litt sie freilich nicht: Wald und Wasser waren bevölkerter als jetzt. Schon damals belebte die Forelle die klaren Bäche, und größer und mächtiger als jetzt. Der Lachs stieg zur Laichzeit die Bäche herauf, hellen Kies suchend für seine Nachkommenschaft; der schwerfällige Karpfe, der glatte Aal und manche andere gemeinere Fischart lebten in dem Gewässer. Das Wildschwein fand sich häufiger als jetzt der Hase; in Rudeln strich das Reh durch den Wald, weidete auf den Fluren; stolze Hirsche brachen durch die Büsche, schwammen durch die Flüsse, verschwanden, wenn Hunde an sie setzten, in des Jura's dunklen Klüften. An Wild und Fischen hatte also Frau Grimhilde nicht Mangel, auch das Holz, sie zu kochen, brauchte sie nicht zu sparen. Auch war sie nicht gezwungen, selbst zu fischen und zu jagen, das that Jörg, der Knecht, der einzige dienstbare Geist, welcher ihr übrig geblieben war. Früher war er Geselle des Ritters gewesen, seither Alles in Allem geworden: Burgvogt, Jägermeister, Fischverwalter, Erzieher, Waffenmeister, und wenn sie eine Kuh hatten, so war er es, der sie fütterte und molk. In Kurt, dem Junker, wuchs ihm ein immer tüchtigerer Gehülfe zu. Kurt war ein Kind der freien Luft, gutmüthig von Natur, aber nichts als Jäger und Fischer fast von der Mutter Brust weg; was er mit List und Gewalt erbeuten konnte, war sein, Beute zu machen, so viel möglich, ward ihm zur Religion, eine andere hatte er nicht. Von Schreiben und Rechnen wußte er nichts, es waren damals noch keine Schulmeister in Koppigen. Kurt war Jürgens Freude, dagegen der Gegenstand von der Mutter Schelten; zerfallen mit der ganzen Welt, goß sie die Galle darüber über die nächste Umgebung aus, wie üblich. Wie einem armen Weibe Erdäpfelsuppe lästig wird, wenn es dreimal im Tage Erdäpfelsuppe essen soll, so hatte es Frau Grimhilde mit Fischen und Wildpret. Der arme Junker Kurt mochte seiner Mutter bringen, was er wollte, den fettesten Rehbock, den schönsten Salm, die Mutter schalt ihn aus. Der leibeigene Junge konnte seiner Mutter das Gleiche bringen, trotz allen adeligen Rechten, denn wo keine Gewalt mehr ist, da hören auch alle Rechte auf. Kurt hätte Lust gehabt, gegen seine Mutter sich zu empören, aber das war eine gewaltige Frau: erst beugte er sich ihrem Arm, später ihrem Geiste, sie regierte ihn wie ein Bärenführer seine Bären: sie knurren wohl und tanzen doch. Dagegen ward Jürg sein Freund. Derselbe liebte ihn als den Sohn seines Herrn, behandelte ihn mit dem Respect eines Knechtes und unterrichtete Kurt in Allem, was er liebte, und stärkte ihn täglich im Glauben, daß erlaubt sei Alles, wozu man gelangen könne mit List oder Gewalt. Dieser Unterricht bewährte sich als sehr naturgemäß; Kurt faßte ihn mit der größten Leichtigkeit und übte sich darin mit der größten Freudigkeit. Es entwickelte sich in ihm ein gewaltiger Körperbau, er wagte sich täglich an gefährlichere Thiere, dem Wildschwein ward sein Spieß gefährlich, dem Bären ging er nicht mehr aus dem Wege, aber freundliche Worte erbeutete er deßwegen von seiner Mutter nicht. Eines Tages hatte man in Koppigen eine seltene Erscheinung: ein Hausirer stand unterm Thore und bot seine Waare feil, Schmucksachen für hohe und niedere Weiber. Frau Grimhilde besah sich die Herrlichkeiten mit funkelnden Augen, und als sie sich endlich von ihnen losreißen mußte, weil sie kein Geld hatte, schossen ihre Augen tödtliche Blitze. Als der Hausirer die leeren Hände und die glühenden Augen sah, machte er, daß er fortkam, dachte, da sei er zum letzten Male gewesen. Er hatte Recht, doch nicht so, wie er es meinte, denn nicht lange ging's, kam Kurt mit dem ganzen Kram des Hausirers wieder zum Thore herein. Er hatte der Mutter Gier gesehen und gedacht, wenn je, so sei jetzt die Gelegenheit, ihr Freude zu machen und gute Worte abzugewinnen, und im nächsten Busche erschoß er mit der Armbrust den Hausirer. Er hatte Recht gehabt, die Mutter hatte Freude, lobte ihn, es war ihr, als breche ein junger Tag für sie an, an welchem sich verwirklichen würden ihre bereits verblichenen Träume von Glanz und Reichthum. Für sie waren die Tage des geselligen Verkehrs, wo man sich gerne schmückt, gerne prangt mit seiner Leibesgestalt, vorüber, und die Tage waren Frau Grimhilden gekommen, wo der Mensch gerne das Sammeln beginnt in immer ängstlicherer Hast, als ob er Leib und Seele vom Tode freikaufen könnte. Sie verschloß daher die neuen Schätze in alte Truhen, welche seit undenklichen Zeiten leer gestanden; ermunterte zum entschiedenen Fortschritt auf der begonnenen Laufbahn. Jürg war damit vollkommen einverstanden; auch ihm war durch Kurt's unerwartete Heldenthat ein Licht aufgegangen, ein neues Leben mit seinen alten Knochen zu beginnen, hoffte auch er. Die allergrößte Freude hatte jedoch Kurt selbst; hatte er es doch einmal der Mutter recht gemacht, hatte er doch jetzt den Anfang gemacht, mächtig und reich zu werden! Von Gewissensbissen war begreiflich keine Rede, List und Gewalt üben, war ja sein Gottesdienst. Die Ausführung hatte jedoch ihre Schwierigkeit: die Gegend um Koppigen war arm und öde, doch liefen zwei Straßen nicht ferne dabei vorbei. Die eine, etwa eine Stunde entfernt, führte von Burgdorf ins Aargau; die andere, viel näher noch bei Koppigen, von Burgdorf auf Solothurn. Diese Straßen waren nicht unbesucht, manch reicher Fang ließ darauf sich thun, aber das Ding war gefährlich. Den Grafen im Lande war an der Sicherheit der Straßen viel gelegen, sie hatten den Nutzen davon, und wenn auf denselben geraubt werden mußte, wollten sie es selbst thun; nun ist's kitzelig, Mächtigen ins Handwerk zu greifen. Wäre es bekannt geworden, der junge Koppigen mache die Straßen unsicher, sein Leben wäre verfallen gewesen, sein Schlößlein geschleift worden, und seine Mutter hätte zusehen können, wo sie einen ruhigen Platz zum Sterben finde. Kurt hatte auch kein schnelles Roß, um zu erscheinen und zu verschwinden wie ein Blitz; er mußte wie ein gemeiner Räuber zu Fuß sich versuchen. Das that denn auch der wilde Junge mit Lust und Geschick; anfangs begleitete ihn wohl der alte Jürg, half ihm aus oder führte die Verfolger auf falsche Fährte; aber allmählich ward ihm dieses Leben zu Fuße beschwerlich. Frau Grimhilde entbehrte ihn nicht gerne, dem raschen Kurt war der Alte oft zu langsam, daß er je länger je lieber allein ging. Er wäre ein schöner Jägerjunge gewesen, an welchem selbst Diana, die heidnische Göttin der Jagd, Freude gehabt, wenn sie noch gelebt hätte, wenn er manierlich geschoren und gewaschen gewesen wäre; aber absichtlich geschwärzt und von Natur behaart, glich er eher einem Waldteufel als einem Menschen. So strich er mehr als halbwild Tage, Wochen herum bis er Beute fand zum Heimbringen. Er trieb sich zwischen Solothurn und Büren, zwischen Solothurn und dem Aargau, zwischen dem Aargau und Burgdorf herum, kannte alle Wildwege durch Wald und Sumpf, aber spärlich war doch seine Beute; das Beste durfte er nie fassen, weil nach dem Werthe der Waare dieselbe bewacht und beschirmt war. Er wagte sich wohl an Zwei, sprang, wenn der Erste vom Bolzen der Armbrust fiel, auf den Zweiten mit der Keule ein; aber zu Solchem fand die Gelegenheit sich selten, und oft bei der größten Gefahr war die Beute am kleinsten. Damals war gar viel herrenloses Gesindel im Lande, das unstät lebte und so gut als möglich vom Raube. Mit solchem mußte Kurt bekannt werden; er wurde es Zuerst mit dem Speer in der Hand, als ein halbes Dutzend wilder Gesellen aus einem Busche sprangen, um mit ihm eine von ihm erlegte Beute zu theilen. Aber wie Gleiches und Gleiches sich gerne gesellt, wurde bald der Friede vermittelt und gute Bekanntschaft gemacht. Das Leben in der neuen Genossenschaft machte Kurt glücklich, gefiel ihm unendlich; nun hatte er Zeugen seiner Heldenthaten, die hoch zu rühmen wußten, was er vollbrachte, und gar sehr vervielfältigten sich die Gelegenheiten zu denselben, da mit Mehreren mehr zu unternehmen war und weit in der Runde ihnen Alles verkundschaftet wurde. Dann ward in Klüften und Wäldern reich getafelt, mit wilden Dirnen ein wildes Spiel getrieben und, war man dessen satt, mit den Männern um die Beute gewürfelt. Das war ein ander Leben im weiten Wald bei lustigen Dirnen, als im engen Schlößlein zu Koppigen bei der keifenden Mutter; darum sah man ihn auch immer seltener im engen Schlößlein. Diesem hätte Frau Grimhilde eben so viel nicht nachgefragt, aber Kurt kam auch immer mit leereren Händen; das war, was ihr Kurt's Leben mißfallen ließ. Er wurde in der Theilung betrogen und verlor am Ende noch in dem gedoppelten Spiele das Wenige, was ihm zugefallen war; darum hatte sie ihn nicht zum gemeinen Räuber gerathen lassen, wo sie nichts hatte davon und Kurt auch nichts, als die einförmige Aussicht auf einen simplen Galgen. Auch Jürg, dem Knecht, war dieses Leben nicht recht, so hatte er es doch nicht gemeint, als er anfänglich dazu die Hand bot; er war einer der Knechte, welche am Hause hängen fast eben so sehr als am Herrn, welche Alles dran setzen, des Hauses Glanz zu mehren, seinen Verfall zu wenden. Im Räuberleben sah er nichts Unrechtes; aber da hatte es der Vater doch anders getrieben, als der Sohn, nicht als ein Buschschleicher, sondern auf ritterliche Weise zu Roß mit Schwert und Lanze, und er, Jörge, hintendrein, nicht viel geringer anzusehen als der Ritter selbst. Daß das Schloß zu Koppigen nichts Besseres werden solle als eine gemeine Räuberhöhle, in die und aus welcher man leise zu Fuß schlich, wie die Maus aus ihrem Loche, so hatte er es sich nicht gedacht, das wollte nicht in seinen alten Kopf. Frau Grimhilde schalt, Jörg bat; aber nun hatte Kurt seinen Kopf und keinen Glauben zu Mutter und Knecht. Das neue Leben in der wilden Gesellschaft gefiel ihm allzu wohl, ein lustigeres hatte er nicht erlebt, was fragte er der Zukunft nach, da er so lustig lebte, was fragte er Koppigen nach, da es so lustig war im weiten grünen Walde! Je mehr man ihn mit solchem Gerede plagte, desto weniger kam er heim, es ging ehedem accurat wie heute.

Es kam der Herbst und mit ihm ein Markt zu Solothurn. Dort wohnte von je ein lustiges Volk, welches sein wahres Leben mehr außerhalb des Hauses als im Hause selbst hatte, lieber Gast war, als Gäste hatte, darum, wer lustig leben wollte, im lustigen Solothurn zahlreich an den Märkten sich fand, wo man die weiten Herbergen voll Lustbarkeit und Solothurner fand. Begreiflich waren für Kurt und seine Freunde solche Tage, was Schweinemetzgen für Krähen ist im Winter. Von Weitem her kommen die schwarzen Vögel geflogen, sobald ein Schwein zu seufzen und zu schreien beginnt; von Weitem sperren sie die Schnäbel auf nach Schweinefleisch und Blut. Mit den Männern kommen die Dirnen gezogen, die jungen als Lockvögel, die alten als Spürhunde, durch den Markt streifen sie, wie die Schwalben fliegen durch die Luft nach Beute. Da findet sich viel Gesindel zusammen, wie von allen Winden zusammengetragen, und kennt sich von Weitem. Da giebt es viele Concurrenz, findet sich alte Liebe, entsteht neuer Haß; was man des Tags gemeinsam erbeutet, zerstört man des Nachts im wilden Streite. Kurt war auch dort, verließ aber bald die Stadt. Bestmöglichst hatte er sich unkenntlich gemacht, doch sah er bekannte Augen, welchen er ebenfalls bekannt vorzukommen schien. Zudem ärgerte ihn das fremde Gesindel aus dem Buchsgau herauf und von den Ufern der Ergolz her. Dasselbe war vertraut mit seinen Bekannten, behandelte ihn aber gröblich und schnöde. Kurt hatte noch nicht die Weise der Erfahrenen, welche sich alsbald und unmittelbar Respect zu verschaffen wissen. Ihm schien, seine alten Freunde thäten nicht das Gehörige, ihm zum Respect zu verhelfen. Zudem schienen ihm ihre Dirnen dem Bangah, so hießen die von der Ergolz her ihr jeweiliges Haupt, überflüssige Aufmerksamkeit zu erweisen. Es war ein Bursche von schlüpfrigem Ansehen mit weitem Maul und schlechten Gliedern. Kurt hätte ihn gerne zwischen seine Finger genommen; denn ihn plagte Eifersucht von allen Sorten, aber Solothurn war zu nahe bei Koppigen, sein Incognito durfte er nicht gefährden. Mißmuthig marschirte er nach Subigen, wo sie zwischen Wald und Sumpf eine sichere Stätte hatten, wohin nach der Abrede zunächst die Beute des Marktes geschleppt werden sollte. Groll in wildem Gemüthe kommt gar gewaltig in Gährung in der Einsamkeit, rumpelt und poltert dumpf wie eine Gewitterwolke am fernen Horizont, bis er endlich loskracht und Feuer speit. Nach und nach fanden sich einzelne Glieder ihrer Bande ein; da Kurt mürrisch that, thaten sie ebenfalls nicht höflich mit ihm. Dies hielt Kurt für absichtliche Verhöhnung, für eine allgemeine Verschwörung gegen sich. Als es dunkel ward, schlüpften Dirnen herbei, hinter ihnen her der Bangah und hinter dem Bangah eine ansehnliche Portion Wein, um welche er des Pfaffen Köchin zu Kriegstetten erleichtert hatte. Nun kam Feuer ins Pulverfaß. Wegen Kurt's Unliebenswürdigkeit und anfechtigem Wesen, und weil am Ende Gleiches und Gleiches zusammenhält, die Niederen nicht ungern die Gelegenheit ergreifen, sich zusammenzuthun gegen einen Höheren, wenn auch nur für Augenblicke, waren Alle gegen ihn, erst mit Worten, dann handgreiflich, bis Kurt das Bewußtsein schwand. Als er wieder zu sich selbst kam, war es Tag, einsam um ihn, er wußte lange nicht, war er auf Erden oder des Teufels. Ganz natürlich schienen ihm Busch und Bäume, aber Kopf und Glieder brannten ihm, mit dem Feuer, mit welchem nach dem Glauben, welchen Kurt oft verlacht, der Teufel die ihm Zugefallenen brennen soll. Curios dünkte ihm, daß er einsam sei. Wär's die Hölle, dachte er, müßten Viele da sein, der Bangah namentlich, ein viel gräulicherer Sünder als er. Da kam es ihm endlich, daß er noch im Subiger Walde sei, aber zum Tode matt, und daß Wunden ihn brannten, als wäre höllisches Feuer betritt. Nach und nach kam ihm das Gedächtniß wieder; neu loderte in ihm der Zorn auf, ein Glück war's, daß er an Niemand ihn auslassen konnte, aber für immer schwur er der alten Gesellschaft ab, schwur ihr Rache nach seinen Kräften. Der Durst trieb ihn auf, mühsam schleppte er sich zu einem der vielen Bäche, stärkte sich und wusch sich rein. Er mußte heim, doch nicht gern kam er mit leeren Händen, und daß man seinen Antheil an der Beute ihm nicht hatte liegen lassen, versteht sich. Kurt knurrte wohl gegen die Mutter, aber innerlich hatte er doch großen Respect vor ihr. Wenn die Mutter ein räs resolut Weib ist, ihre Zunge zu handhaben weiß in Hohn und Zorn wie einen zweischneidenden Dolch, so hat ein Sohn, wie stark und wild er auch wird, Furcht und Bangen vor der Mutter. Es ist seltsam und doch so, daß man die Gewalt über die Söhne viel öfter bei den Müttern als bei den Vätern findet. Es war Herbst, die Fastnachtszeit des Wildes im Walde, denn da schüttelt ihnen die milde Hand, welche sich aufthut jeglicher Creatur, wahre Herrenfressen von der mächtigen Eiche und der rothbelaubten Buche, die ein Aussehen hat, wie ein alter Ritter, der sein Antlitz täglich von früh bis spät mit Rheinwein feucht erhalten hat. Auch that sich das Wild gütlich in Laub und Gras. Zahlreich, fast wie Heuschrecken, flatterten die wilden Tauben in den reichbehängten Aesten, und kühn und trotzig führten die alten Schweine die jungen spazieren unter die wohlbekannten großgeästeten Bäume. So wild Kurt war, so leise konnte er gleiten durch der Wälder Schatten, wenn er Etwas beschleichen wollte. Ein altes Schwein that mit einem Rudel Jungen unter einer großen Buche sich gütlich. Kurths Speer warf ein Thier nieder, über dem Geräusch erschrak der Haufe, rannte weiter, die Alte mit. Daß ein Junges fehle, merkte sie nicht. Kurt war von je nicht gewohnt, nach Grenzsteinen sich umzusehen, in seiner gegenwärtigen Stimmung that er es vollends nicht; daß er in des Herrn von Halten Gebiet war und zunächst seinem Schlößlein, achtete er nicht. Der Herr von Halten war ein ehrbarer Mann, aber so eine Art von Nachthaube, wie man heutzutage sagen würde: er dachte nicht viel, that nicht viel, und trank desto mehr und so gut wie er es haben konnte, doch war er leider auch bloß so gleichsam vornehm, aber nicht reich. Seine zahlreichste Habe waren neun Töchterlein, die um so vornehmer thaten, je ärmer sie wurden, und um so spröder sich geberdeten, je lieber sie einen Mann gehabt. Sie waren nicht so arm wie die von Koppigen, sie hatten noch Pferde und Kühe, sie spotteten daher grimmig über die von Koppigen, und doch wäre unter allen Neunen vielleicht nicht Eine zu finden gewesen, welche es verschmäht hätte, Frau von Koppigen zu werden; daß es keine ward, lag bloß daran, daß Kurt nicht von ferne daran dachte, eine Frau zu nehmen. Sie waren auch im Walde, lasen ebenfalls Buchnüsse zusammen, um Oel zu pressen zu ihren Lämplein, welche sie brennen mußten zur Winterszeit in ihrem dunklen Schlößlein, das noch heutzutage zu sehen ist. In diese hinein lief Kurt unversehens mit dem jungen Schweine auf der Achsel. Es ging den Fräuleins fast wie dem alten Schweine und seinen Jungen. sie wollten davonlaufen, als sie den Burschen erblickten, so wild und wüst anzusehen. Aber alsbald sahen sie, daß es Kurt ging wie ihnen, daß er lieber einige hundert Schritte weiter wäre als mitten unter ihnen. Denn so viel hatte er doch von einem Ritterssohn, daß er sich schämte, unter den benachbarten Fräuleins zu erscheinen in solchem Aufzug wie ein Räuber und als Wilddieb. Trotzig und stumm ging er vorüber, sie aber höhnten hinter ihm her, manch bitteres Wort kam bis zu seinem Ohr, klebte sich an seine Seele, einer Klette gleich, welche man nichtw ieder los werden kann. Es juckte ihm die Hand, den Speer unter die Fräuleins zu werfen, wie früher unter die Schweine, doch hatte er so viel Verstand, dem Gelüste zu wehren, denn so viel Macht hatte der Herr von Halten noch, daß er einen solchen Frevel blutig und mit der Zerstörung von Koppigen hätte rächen können. Aber jetzt kam ihm, was Jörg und die Mutter ihm längst gesagt hatten: es war, als hätte man ihm ganz andere Augen eingesetzt. Er begriff, wie nichtsnutzig ein Bursche sei, der von Gesindel und von einem Bangah sich mußte schlagen, von Weibern höhnen lassen, was ein Leben sei in solcher Schmach, und wie weit es führe, wenn man zur Noth als Beute vieler Tage ein junges Schwein nach Hause bringe? Und als er nun heim kam, die Mutter ihn schalt, Jürg ärgerlich und traurig sich von ihm wandte, da ward Kurt gar elend im Gemüthe, fast wäre ihm das Weinen ge - kommen, er verdrückte es wohl, aber da saß es innerlich. Wie finstere Wolken am Himmel jagen und streiten, bis endlich ein Gewitter sich geballt hat und losbricht, so stürmten seine Gedanken durch die Seele, bis der Entschluß sich festgestellt, ein anderes Leben zu versuchen, ein ritterliches, so weit es ihm möglich, um auf dieser Bahn wieder zu Geld und Ehren zu kommen. Als er einmal recht wußte, was er wollte, theilte er es Jürgen mit. Der hatte große Freude, zog die Schleußen seines Gedächtnisses auf und erzählte Tage lang von alten Heldenthaten, von Ehren und Reichthümern, von Schlössern und Turnieren, von Kriegslisten und Fräuleins. Was Kurt des Tags gehört, träumte er des Nachts und erwachte am Morgen mit heißem Verlangen, auszuführen, was er geträumt. Mit großem Eifer schleppten sie aus allen Winkeln altes Rüstzeug zusammen, feilten und nagelten, bis sie so gleichsam eine neue Rüstung hatten, Putzten einen verrosteten Schuld neu auf und schlissen ein altes Schwert. Wenn Kurt zur Uebung diese Rüstung getragen hatte, den Tag über mit dem Schwerte Aeste von den Bäumen gehauen und Jürg mit einer Axt tapfer auf den Schild gehämmert hatte, so hatte Kurt des Nachts um so wildere Träume, fuhr als ein großer Kriegsheld in der Welt herum, baute ein großes Schloß und im Schloß ein, tiefes schauerliches Verließ, in das Verließ warf er alle neun Fräulein von Halten und fütterte sie ihr Lebenlang mit alten Buchnüssen und schwarzen Eicheln. Das waren so kurzweilige Mittel, einen langen Winter zu verkürzen, daß mancher laichende Lachs mit dem Leben wieder zur Aar und von da weiter kam, statt in Koppigen verspeis't zu werden, mancher Eber die nächsten Eicheln noch erlebte und Wölfe ungestraft brüllten in der Nähe. Endlich dämmerte der Frühling, die günstige Zeit, dem Glück entgegenzureiten, nahte. Der Junker war fertig genagelt und gefeilt, sogar ziemlich eingehauen, nur Eins fehlte, um auszureiten, und welches in der That für Jemand, der ausreiten will, von ziemlicher Bedeutung ist, ein Pferd nämlich. Vor alten Zeiten waren Pferde in Koppigen gewesen, aber längst den Weg alles Fleisches gegangen, andere zu kaufen hatte man kein Geld, sie zu stehlen war die Gefahr größer als bis dahin das Bedürfniß. Jetzt war das Bedürfniß da, und wenn Kurt gleich mit dem Raub weiter ritt in die weite Welt hinaus, die Gefahr nicht groß. Jetzt war Noth am Mann, jetzt mußte eins gestohlen werden, ohne Roß konnte begreiflich der Junker nicht ausreiten, die Welt zu erobern. Guter Rath war theuer. Denn zum Pferdestehlen war die Zeit gar zu ungünstig. Bekanntlich stiehlt man Pferde am Leichtesten von der Weide; aus wohlverwahrten Ställen aber in aller Stille einen Hengst zu bringen von bekannten Stuten weg und mit unbekannten Händen, ist ein vermessenes Stücklein. Gern hätte Jürg für seinen Zögling einen rechten Staatshengst gehabt, einen Aus - bund mit Brüllen, Schlagen und Beißen, aber solche Hengste sind eben schwer zu stehlen, noch schwerer zu reiten, und in diesem war leider Kurt kein Ausbund. Lange spionirte Jürg im Lande herum nach etwas Dienlichem für einen armen Junker, stöberte endlich einen Klosterhengst auf, welchem bei einem Klostermaier das Gnadenbrod gegeben wurde, der es sicher zu haben glaubte, dort sein Leben in Ruhe verbringen zu können. Es ist aber halt Alles ungewiß in der Welt, wie sicher man sich auch gestellt glaubt. In einer dunklen stürmischen Nacht verschwand der Hengst aus des Meiers Stall, der Meier ließ sich nie ausreden, daß nicht der Teufel den Hengst geholt. Ohne Brüllen und Beißen hätte der sich nicht abführen lassen von menschlichen Händen, behauptete der Meier. Der Meier dachte nicht an seinen Klosterschlaf, der so dick war wie der Vorhang vor dem Allerheiligsten im Tempel zu Jerusalem und sieben Mal dicker als der Schlaf des Holofernes, der bekanntlich auch erst merkte, was Trumpf war, als Judith ihm den Kopf bereits vom Halse gestohlen hatte. Nun war Kurt's Abreise unvermeidlich. Der alte Hengst brüllte gar gewaltiglich, als man ihn in Koppigen installiren wollte, erregte dadurch Aussehen ringsum. Unter den Erlenstöcken hervor schossen die Wasserhühner, streckten neugierig ihre Hälse über das Wasser empor, die Enten flogen auf mit schwerem Flügelschlag und schossen einem entfernten Wasser zu. Die Rehe sprangen auf und horchten mit zitternden Beinchen, was die ungewohnten Töne zu bedeuten hätten, das wilde Schwein grunzte zornig, daß in seinem Revier ein neues Schwein ihn störe. Zwei alte Jagdhunde aber sprangen auf, heulten gar herzinniglich und wedelten aufs Zärtlichste mit ihren kurzen Schwänzen über die heimeligen, so lange nicht gehörten Töne, welche sie an die Herrlichkeit vergangener Tage erinnerten. Doch nicht bloß Hühner und Rehe kamen in Verlegenheit und in Zorn das wilde Schwein, denn zorniger als das Schwein ward die alte Grimhilde und verlegener als Reh und Huhn Jürg und Kurt. Zornig ward Grimhilde, als sie sah, daß es Ernst war mit Kurt's Einfall in die Welt. Sie hatte es wie viele Eltern, sie betrachtete die Kräfte, welche sie genährt und erzogen, als ihr Eigenthum, über welches sie allein verfügen, allein es nutzen konnte. Wenn Kurt fortging, wie sollte sie es machen können? Mit ihm entwich aus dem Hause die rüstige Kraft, was sollte sie beginnen allein mit dem alten Jürgen? Der schaffte ihr kaum genug Nahrung; geschweige, daß er ihr Beiträge lieferte für ihre Truhen, wie sie sich deren von Kurt zu erfreuen gehabt. Früher, als Kurt's Fahrt bloß so ein Gedanke, oder, wie man im gemeinen Leben zu sagen Pflegt, eine Idee war, fand sie dieselbe beides prächtig und zeitmäßig; jetzt, da sie in Wirklichkeit treten, verkörpert werden, ihre Selbstsucht Opfer bringen sollte, empörte sich der kurze Sinn, welcher gerne beim Alten wohnt, welcher alle Tage das Gewohnte haben will. Da schrie sie, als ob man sie am Messer hätte. Es ging halt nicht anders, als es oft geht, daß, was von Weitem prächtig, ist in der Nähe häßlich, daß herrliche Ideen und Theorien in der Ausführung abscheulich werden oder auch wiederum nur abscheulich scheinen. So belferte Grimhilde gar bitterlich, und doch war nicht dieses Belfern der Hauptgrund der Verlegenheit der beiden Andern. Man war dessen gewohnt, Jürg sagte, sie hätte es immer so gemacht und doch Niemanden jemals Plätzen damit abgesprengt. Aber es ging ihnen, wie der Grimhilde, sie erfuhren, daß einen Gedanken fassen und denselben ausführen zwei ganz verschiedene Dinge sind. Wohin sollte Kurt reiten und zu wem? Sie fühlten jetzt, was eine Menge Eltern nicht denken, sondern erst fühlen, wenn sie ihre Kinder in die Welt schicken wollen, den Mangel an ehrbarer gewichtiger Bekanntschaft nämlich. Commode wäre es gewesen, wenn er so geradezu auf einen Edelsitz hätte reiten und sagen können: bon jour mit einander! ich bin der Kurt von Koppigen, Vater und Mutter lassen grüßen und sagen, es wäre ihnen anständig, wenn ihr mich eine Weile behieltet und mir in der Welt forthülfet; ich bin ein tüchtig Stück Mensch, gereuen wird es euch nicht. Aber das konnte leider Kurt nicht, seine Name war keine Empfehlung, sein Vater gestorben, seine Mutter aller Bekanntschaft abgestorben, weil eben Alle diesen Namen lieber gar nicht mehr hörten. Sie konnten also keinen Hafen ins Auge fassen, in welchem Kurt zu landen hätte, sie hatten bloß die Wahl zwischen den vier Weltgegenden; die sind weit; aber eben das war's, was sie in Verlegenheit setzte. Damals war es eine schöne Zeit für junge und alte Freibolde oder Freischärler, wie man sie jetzt nennen würde, für Leute, welche im Recht des Stärkeren ihr Heil suchten und ein Leben auf Kosten Anderer.

Einst war kein König in Israel, Jeder that, was ihm wohlgefiel, so steht's geschrieben; ungefähr so war es damals in Deutschland. Kein Kaiser war da, welcher Ordnung hielt; Jeder lebte, so lange es ging, auf eigene Faust.

Kaiser Friedrich war ein hochgesinnter Mann und gewaltiger Held gewesen, aber über seiner Zeit und seinen Kräften lag, was er wollte. Den Papst wollte er unter dem Kaiser, die Kirche unter dem Reiche haben, wollte über alle Fürstenkronen die kaiserliche setzen und in des Kaisers Hand die Kräfte sämmtlicher Fürsten Deutschlands vereinigen. Mit Kühnheit und Kraft rang er nach diesem Ziele. Aber wie ein edles Pferd durch Wespen und Hornissen zu Tode gehetzt werden kann, so kann der größte Held kleineren Feinden erliegen, wenn sie ihn unablässig hetzen, nimmer zur Ruhe kommen lassen. Für solche Feinde sorgten die Päpste, wandelten sogar in solche des Kaisers Söhne um, brannten in Deutschland das Feuer des Aufruhrs an, wenn der Kaiser in Italien war; eilte derselbe nach Deutschland, so stand alsbald Italien in Flammen. Nach dem Höchsten strebte Friedrich, und erreichte Weniges, kaum einen ruhigen Tod, kaum ein geweihtes Grab. Nach seinem Tode ging es wild und frei zu in Deutschland, d. h. es ging drunter und drüber, überall Streit und Fehde, Keiner mächtig genug, die losgelassenen Kräfte zu binden und Frieden zu machen. Wem das Schicksal wollte, wer das Fischen im Trüben verstand, dem konnte leicht ein prächtiger Fang gelingen. Im Westen dagegen war mehr Zucht und Ordnung, war ein geregeltes Leben. Die Städte übten ihre Macht, Ordnung war das Element ihres Gedeihens. In Bern's Bärenklauen zu kommen, war nicht gerathen. Freiburg sorgte ebenfalls für Sicherheit nach seinen Kräften, und des Landes große Grafen mußten einigermaßen auf Ordnung halten um der Städte willen. Nach langem Bedenken calculirte daher Jürg, der Weg nach Osten, dem freien Deutschland zu, möchte am sichersten und schnellsten zu Geld und Ehren führen; das Land hinunter sollte Kurt also reiten, sobald vorüber war die Fastenzeit sammt dem Osterfeste. Nicht daß sie sich um die Fasten kümmerten, sie aßen das ganze Jahr durch, was sie hatten, und zwar ohne Dispens, ebensowenig um Ostern. Sie bedurften keinen Erlöser, da sie keine andere Sünde kannten, als einen Fang sich entgehen zu lassen, den sie hätten machen sollen; da sie geschickte Leute waren, so begingen sie diese Sünde selten, und geschah es einmal, so machten sie dieselbe alsbald durch verdoppelte Anstrengung wieder gut. Ostern bezeichnete ihnen bloß den Frühlingsanfang. Schon glaubte Frau Grimhilde, der Plan sei aufgegeben, und ärgerte sich bitterlich über den Hengst, der sie gefährde und nichts nütze.

Ein schöner Aprilmorgen war es, als Kurt eine doppelte Portion Hafermuß, zu welchem der Hafer nicht auf ihren Feldern gewachsen war, verzehrte, ein gewaltig Stück Fleisch verschlang; denn er wußte nicht, wann er wieder zum Essen kam; Jürg sattelte ihm den Hengst, es war der Tag des Aufbruches. Als er gegessen hatte, im Nothfalle für einige Tage, kündete er der Mutter seine Abfahrt an. Potz blind blau, wie loderte die Frau, spie Feuer und Flammen und sagte, wer Meister sei im Schlößchen. Kurt der Gewaltige schlotterte und wäre daheim geblieben, aber Jürg war nicht auf den Kopf gefallen, er sagte, sein erschlagener Herr wolle es, daß Kurt fortreite, er sehe ihn täglich im Stalle. Wenn die Frau es verhindere, so müsse sie sich gefaßt machen, was geschehe, er für sich wolle keine Schuld haben, aber wenn er was zu rathen hätte, so solle Kurt machen, daß er fort komme; Frau Grimhilde war nun nicht die, welche von ihrem Willen alsbald abstand, welche zugab, sie fürchte sich vor irgend einem Mann, sei es ein Lebendiger oder ein Todter. Indessen brauchte sie nicht Gewalt, schlug die Thore nicht zu, ließ Kurt ungefährdet ziehen. Als sie ihn so stolz zu Rosse sah, sah, wie seine mächtige Gestalt fast das Thor füllte, da kamen plötzlich mütterliche Gefühle über sie, wenn er nicht wiederkommen würde, dachte sie, und heiß schoß es ihr in die Augen. Unglücklicherweise hüpfte ein alter Rabe ihr um die Füße, der ward zum Sündenbock, erhielt einen Fußtritt, der ihn lähmte; denn wenn eine Grimhilde weich wird, so folgt alsbald der Zorn, und herhalten muß, wer zuerst in Schußweite kommt.

Als hoch zu Roß der große Kurt durchs enge Thörchen ritt, schwellte Stolz seine breite Brust, stolz sah Jürg ihm nach, stolz fast wie ein Schneider, wenn er an einem Löwen des Tages die Arbeit seiner Hände bewundert. Was werden sie draußen dazu sagen, wie wird die Welt sich wundern und nach dem Meister fragen! Accurat das Gleiche dachte auch Jürg. Verwundert schauten die Bewohner der verfallenen Hütten ihrem aufgeputzten Junker nach, wie wilde Katzen schlüpften nackte Kinder durch die Gebüsche, um zu erkundigen, was das zu bedeuten hätte und wohin er wolle. Bei Kurt blieb der Stolz nicht lange das vorherrschende Gefühl. Sicher und wohlgemuth schritt er über die Erde, strich durch die Wälder, dürftig bedeckt, die Keule auf der Achsel, Bogen und Speer in der Hand. Aber unheimlich ward es ihm auf dem alten Klosterhengst, die Lanze am Bügel, und unwohl in der steifen, starren eisernen Rüstung. Wild und scheu ritt er langsam und mühsam das Land hinab und studirte im Schweiße seines Angesichts an der Lösung der Frage: was um sein Glück in der Welt zu machen zweckdienlicher sei, den Ersten, welcher ihm begegne, zu spießen, oder demüthig ihn um Dienst zu bitten. Anfänger sind oft pedantisch und handeln gern nach vorgefaßten Grundsätzen, also entweder oder: entweder spießen oder entweder bitten. Erfahrene ziehen Umstände und Gelegenheit zu Rathe. Das Auftreten in der großen Welt hat immer seine Schwierigkeiten, wie keck sich Einer auch geberden mag in gewohnter engerer Umgebung. Gegenwärtig weiß man jungen Leuten die Sache ungemein zu erleichtern, man schickt sie ein Jahr ins Welschland, oder thut sie ein halbes Jahr in eine Schreibstube, muntert sie zu einem Schnauz auf und giebt ihnen einen Hakenstock in die Hand, Stiefel an die Füße, dann kommt die Keckheit von selbst und im Ueberfluß, wie Schilf im Sumpfe. Das Land von Koppigen bis Seeberg war ihm so bekannt wie das Koppiger Schlößchen. Wenn er es früher durchstreifte, erwartete er nichts Besonderes als einen fetten Rehbock oder gar einen Hirsch, aber jetzt, hoch zu Roß, abenteuerlich aufgeputzt, erwartete er auch absonderliche Abenteuer, etwas ganz Neues. Mit der größten Spannung rückte er Schritt vor Schritt vor, in weiter Ferne glaubte er die seltsamsten Töne zu hören, Töne, wie sie noch kein Mensch gehört, in der Nähe aber war Alles accurat wie sonst, Wald und Wild und Wasser und sonst nichts. Endlich erblickte er durch Buchen die Burg von Seeberg, wo ein armer Junker haus'te mit einer halbwilden Familie. Er stellte die Lanze hoch, riß am Hengst herum, machte sich gewaltig im Sattel, hoffte von oben her angeblasen und eingeladen zu werden als unbekannter Ritter und sich dann zu zeigen als der ihnen wohlbekannte wilde Koppiger Junker. Aber still blieb es oben, wahrscheinlich war der Junker weder neugierig noch hatte er überflüssigen Proviant, vielleicht auch hatte sein Weib Kopfweh oder Zahnweh oder war sonst nicht in gastlicher Stimmung. Er mußte fürbaß und war ärgerlich. Als er bald darauf das Schlößlein des Edelknechts von Denz sah, dachte er an Jürgens väterlichen Rath, nicht blöde zu sein, sondern kühn zu klopfen ans erste beste Thor, ehe der Hunger ihm über den Kopf wachse. Dessen hatte es zwar noch keine Gefahr, so weit von heim war er nicht, aber wußte er, was zwischen hier und dem nächsten Thore ihm begegnen konnte und wann er wieder zum Essen kam? Der Hengst mußte ähnliche Gedanken wie sein Reiter haben, er hob höher seine alten Beine, stieß ein fröhliches Gewieher aus, was dem Junker das Hörnen vor verschlossenem Thore ersparte, denn als er zu selbigem kam, war es offen, im Hofe der Burgherr bereit zu freundlichem Empfang. Der Edelknecht von Denz gehörte freilich zum niedrigsten Adel, aber er hatte Etwas, welches schon damals nicht unangenehm war, er hatte bedeutende Güter und drei schöne Töchter. Er war ein munterer lustiger Mann, früher ein wackerer Haudegen, jetzt ein tapferer Trinker. Er brauchte die Sorgen sich nicht über das Haupt wachsen zu lassen, hatte Freude, wenn Jemand kam und mit ihm trank; kam Niemand, so trank er alleine oder suchte wackere Zecher auf, gleichviel, fand er sie in Burgen oder Klöstern. Von Kurt hatte er Allerlei munkeln gehört, denn wenn schon nicht Alles an die Sonne kommt, so geschieht doch wenig unter der Sonne, von dem man nicht Wind hat. Als er nun auch Kurt's Schild, das Koppiger Zeichen, erkannte, wußte er, wen er vor sich hatte, und als er ihn so seltsam ausstaffirt auf seinem steifen Hengste sah und in Verlegenheit, wie und auf welcher Seile er herunter sollte, da lachte er gar herzlich. Kurt wußte nicht, wie er es nehmen solle, und ob etwa der Fall eingetreten sei, nach dem Spieß zu greifen und mit dem Spießen den Anfang zu machen. Kurt war ein gewaltiger Bengel und hübscher als häßlich, wenn er gesäubert gewesen und angezogen wie bräuchlich. Aber struppicht sah er aus dem alten Zeug heraus, wußte nicht, was mit seinen Gliedern machen, er glich eher einem jungen Waldthier, als einem ehrbaren Menschen. Der alte Herr ließ Kurt nicht zur Lanze kommen, sondern ihm vom Pferde helfen, und führte ihn freundlich zur Halle. Eine Halle von damals war bekanntlich kein Salon von heute, indessen sah die von Denz doch anders aus als die von Koppigen. Alles was Kurt darin sah, kam ihm überschwänglich üppig und reich vor. Wein wie hier hatte er noch keinen getrunken, von wegen der Herr von Denz pflanzte ihn nicht selbst an der ersten besten Halde, sondern ließ ihn sich kommen vom Rheine her, vom Seman her, kurz allenthalben her, wo er was Gutes wußte und die Wege fahrbar waren. In den Speisen war mehr Gewürz, als Frau Grimhilde in einem Jahre verbrauchte; die drei Töchter dagegen waren Mädchen accurat wie man sie noch frisch im Gebirge und im Lande findet; dieweil wohl alle Moden wechseln, Mieder bald kurz, bald lang, die größten Narrheiten bald hinten, bald vorn gesehen werden, die menschliche Natur dagegen die gleiche bleibt trotz allen Constitutionen und Schulmeistern. Kurt gefiel ihnen und doch saß ihnen der Spott in allen Zügen, sie schossen sich Blicke, sie kicherten, sie lachten ihn aus fast offenbar, kurz sie trieben es, wie noch heutzutage junge Mädchen es treiben, welche durch keine ernste Zucht in Schranken gehalten werden. Zu einer solchen nun war der gute Herr nicht geschickt, die Mutter ihnen frühe gestorben, sie hatte mit ihrem Mann treuherzig gezecht, bis sie die Zeche mit dem Leben bezahlen mußte.

Kurt mußte Bericht geben, so gut er konnte, denn das Kichern von Mädchen ist einem jungen Redner nicht förderlich, von der Ursache seiner Erscheinung und seinem Vorhaben. Der alte Herr schüttelte bei seiner besseren Erfahrung den Kopf und sagte: Du guter Junge meinst, das Glück sei gleich einer Wildsau, du brauchest nichts als mit dem Speer zu werfen, so stecke es daran. Er bot ihm an, einige Zeit bei ihm zu bleiben, unterdessen wolle er ihm einen tüchtigen Waffenmeister suchen, der ihn zurüste zu einem tüchtigen Kämpfer.

Der junge Herr nahm begreiflich solche Reden schief, das Kichern der Mädchen noch schiefer; der schöne Wein, den er trank, als wäre er Schattenseite an der Glarner Seite gewachsen, da, wo Schiefern und Schabzieger geboren werden, machte ihn am allerschiefsten, denn er machte eine Postur wie ein Schiff, welches nur auf Eine Seite geladen hat, und dazu brauste ihm ein Muth durch die Adern, daß er mit seiner Lanze auf den Riesen Goliath losgefahren wäre. Er war also nicht zu halten, sondern pressirte fort und dachte bei sich, wenn er 'mal zurückkehre als vornehmer Ritter, so wolle er es den Mädchen eintreiben, daß sie seiner gedenken sollten. Er hatte also bereits zwei Mädchenrudel auf dem Kerbholz zur einstigen Abrechnung. So ging es sicher schon manchem jungen ungeleckten Junker, und sicher mancher kriegte mehr als ein Dutzend auf das Kerbholz, ehe er standesgemäß geleckt war. Der Junker von Denz hintersinnete sich deßwegen nicht, er war nicht von denen Einer, welche meinen, sie müßten Alles erzwingen, sondern von denen Einer, welche sich gleichmüthig drein schicken, wenn Andere was erzwingen. Er dachte bloß, er hätte Ursache Gott zu danken, daß er nicht des Junkers Nase sei, die werde was zu leiden haben in der Welt draußen, und wenn er sie' mal halb heimbringe, so habe er von großem Glück zu sagen. Das setzte aber noch was ab, ehe Kurt, der Schiefe, auf seinem Hengste saß und denselben zum Thore hinaus hatte. Dem Hengst hatte es hier gefallen; wahrscheinlich meinte er, für seine alten Beine sei die Tagereise hinlänglich groß gewesen, er drehte sich immer wieder dem Stalle zu, statt dem Thore, und lautes Lachen vom Thurme her begleitete jedesmal des Hengstes sinniges Streben. Kurt ward immer zorniger, der Hengst immer eigensinniger; der Ausgang des Kampfes wäre bei Kurt's Ungeübtheit nicht zweifelhaft gewesen, aber der alte Herr fühlte Erbarmen, Knechte bugsirten Roß und Reiter zum Thore hinaus und machten es zu. Da begriff endlich der Hengst, woran er war, und zottelte mißmuthig weiter St. Urban zu, welches der Herr von Denz ihm zur Nachtherberge angerathen hatte. St. Urban war ein junges Kloster, aber bereits ein reiches; reich war es begabt worden, lag in der körn -, wild - und fischreichsten Gegend der Schweiz, noch jetzt wachsen um dasselbe herum die schönsten Edelkrebse von der Welt.

Das Kloster war zwei gute Stunden von Denz, der Weg führte durch Wald und Sumpf, hie und da glitzerte ein kleiner See durch das junge Laub. Der Herr von Denz war der Mönche guter Freund, jagte und tafelte oft mit ihnen und nicht zu ihrem Schaden, er hatte eine offene Hand, war kein Schmarotzer und gehörte nicht zu den Strauchdieben, welche das Brandschatzen von Wittwen, Waisen, Klöstern für eine Ehre halten und davon leben. Fast hätte Kurt diesen Nachmittag ein Abenteuer erlebt: eine wilde Jagd stob an ihm vorüber mit Hollah und Hussasah; wahrscheinlich war es der Herr von Aarwangen mit seinen Gesellen. Die letzten im Zuge, Stallbuben vermuthlich, spotteten im Vorbeifliegen des unbehülflichen, schwerfälligen Reiters, waren aber längst entschwunden, als Kurt die Lanze eingelegt, den Hengst in mühseligen Trab gesetzt hatte, überflüssige Bewegung schien derselbe nicht zu lieben; um so mehr wunderte sich Kurt, als er bald darauf den Kopf auswarf, die Nase hoch in die Lüfte hielt, in fröhliches Gewieher ausbrach und einen stattlichen Galopp anschlug. Der alte Bursche hatte das Kloster gewittert und geberdete sich fast wie ein Hund, welcher in ferner Haft gehalten, sich losgerissen hat und die Nähe seines Herrn wittert. Die Mönche empfingen Kurt gastlich, warteten gut ihm auf mit Speise, Trank und Rath; sie riethen ihm, gen Zürich sich zu wenden, die Stadt liege mit ihren Nachbarn in beständiger Fehde, auf beiden Seiten sei Hülse willkommen, Sold und Beute reich. Die guten Aussichten machten Kurt früh munter, hellgemuth und wohlgenährt wollte er zu Pferde weiter. Der Hengst aber war anderer Meinung, wollte nicht vom Flecke, thate wie wüthend mit Bocken, Beißen, Schlagen; er zeigte viel Gesinnung, weder mit Liebe noch mit Gewalt brachte man ihm eine andere Meinung bei, er hatte seinen Beruf erkannt, er begriff, wo er hin gehöre, da wollte er bleiben lebendig oder todt. Voll Zorn und ohne Rath stand Kurt da; die Knechte lachten, sie riethen auf den wahren Grund und hatten ihre Freude dran. Die Mönche waren gute und verständige Menschen, sie begriffen, daß Kurt nicht den gleichen Beruf zum Kloster hatte wie der Hengst, und es denn doch ein grober Zwang gewesen wäre, wenn man ihm denselben aufgedrungen hätte; sie schenkten ihm einen tüchtigen Klepper, damit er in die Welt hinaus seinem Berufe nachreiten könne. Der Klepper paßte auch besser zu Kurt als der steife Hengst; er war Stall und Kloster satt, trug rasch und gern den Junker ins Freie, und der Junker fand sich alle Tage besser im Sattel zurecht, fand aber keine Abenteuer und leer den Weg. Hie und da stießen ihm Gestalten auf, welche ihm verdächtige Blicke zuwarfen oder scheu huschten über den Weg; er begriff gleich, was sie trieben, ihn gelüstete oft vom Klepper zu springen und mit ihnen zu laufen. Das war doch ganz ein ander Leben im grünen Walde, auf keinen Weg beschränkt, durch kein Gesetz gebunden, ein freies Leben zu führen, als so umher zu traben, hie und da vor einer Burg zu harren, lange umsonst, bis endlich ein graues Gesicht den Bescheid brachte, der Ritter sei nicht zue Hause und in seiner Abwesenheit öffne sich die Burg nicht, so am Hungertuche nagen oder vorlieb nehmen zu müssen, was Landleute aus gutem Willen gaben, ungefähr wie heutzutage die gemeinsten Bettler. So ritt er mehrere Tage am gleichen Stück, welches man jetzt in einem Tage durchreiten kann. Damals waren noch keine obrigkeitlichen Wegknechte und keine obrigkeitlichen Ingenieure, von denen die Letztern immer für neue Straßen sorgen, die Erstern zuweilen für die alten, und wenn man auch politische Parteien hatte, so war es doch noch keiner in Sinn gekommen, die Vaterlandsliebe in der Straßenliebe zu verkörpern und im Glanze derselben in aller Stille sich zu mästen. So war Kurt gezogen, bis an einem heißen Mittage er in einer Herberge hörte, selben Abend noch werde er zu Zürich am Thore sein, ohne daß er scharf zu reiten brauche. Das machte ihm denn doch bange; seit er in der Welt war, fühlte er, daß das Präsentiren eben nicht seine starke Seite sei; er sann vor der Herberge, wo er über Mittag eingeritten, ernstlich über die Rede nach, welche er zu Zürich am Thore halten wolle, denn er hatte gehört, sein Glück dort hänge hauptsächlich von seiner Rede ab. Reden sei dort die gangbarste Münze.

Ungewohnte Arbeit macht durstig; der Krug mit Züricher Rebensaft wurde Kurt mehr als einmal gefüllt, über dem letzten schlief er ein; wahrscheinlich in der Hoffnung, da er die rechte Rede nicht ersinnene konnte, eine zu träumen, eine Kunst, welche wirklich im Stande wäre, manchem Rednertalent beträchtlich auf die Beine zu helfen. Er träumte wirklich, aber leider keine Rede, er hatte aber auch keine nöthig; er träumte von einem großen schwarzen Eber, er sah ihn durch die Büsche brechen, er streckte ihm den Speer entgegen, der Speer glitt ab, Kurt glitt aus, mit seinen Hauern hieb der Eber Kurt in die Seite; er fuhr auf und vor ihm hielt auf hohem Rosse ein stolzer Ritter, der ihn mit der Lanze etwas unsanft geweckt hatte. Kurt verstand sonst nicht Spaß und hätte ein solch Wecken sich gern verbeten, aber er war zu verblüfft dazu und gab knurrigen Bescheid auf die gestellten Fragen. Als der Ritter vernommen, wer der große Bursche sei, und was er da wolle, was Kurt auch ohne Rückhalt sagte, lud der Ritter ihn ein, mit ihm zu reiten, wo er ein besseres Leben und reichere Beute fände, denn er sei der Freiherr von Regensperg. Gerade der war Zürich's mächtigster und kühnster Feind.

Solchen Reichthum und prächtigen Haushalt hatte Kurt nie gesehen, wie er ihn in Regensperg fand. Da war des Herrn von Denz Wohnsitz Bettlerwerk dagegen, ein solch bewegtes Leben hatte er sich kaum geträumt: Jagden, Fehden, Besuche wechselten jeden Tag, und wenn irgendwie eine ruhige Beschäftigung vorgenommen wurde, so war es eine in der Halle hinter dem Humpen, wobei es oft laut genug herging. Soe lustig und wild bewegt hier das Leben war, hatte Kurt doch ein böses Sein. Mehr in der Wildniß als unter Menschen hatte er gelebt, war wild und scheu oder mißtrauisch wie ein Gemsbock aus den Walliser Bergen. Solche Gemsböcke wissen ihre Hörner zu brauchen; wehe dem Jäger, der sie reizt, nicht tobtet, ihnen nicht ausweichen kann. Der Freiherr hatte Kurt's Tüchtigkeit theilweise erkannt und bald ganz erprobt; wie selten Einer, verband er Kraft und Schlauheit, in seinem Bereiche nämlich: er konnte durch den Wald huschen fast wie ein Indianer, aber auch einrennen wie ein Urochse. Er brauchte ihn oft als Kundschafter, hatte ihn gerne in seinem Begleit. Das wäre schön gewesen, aber es dünkte Kurt doch, dabei komme er zu Nichts, oder vielleicht erst, wenn er graue Haare hätte. Die Ungeduld unserer Jungen, welche ihren Dienst gerne als Feldherren anfangen, oder wenigstens als Brigadiers, war auch beim Junker von Koppigen, kam eben aus Mangel an Bildung. Daneben lebte er wie Hund und Katze mit dem jüngeren Theile der Dienerschaft des Freiherrn; um die Gunst des Herrn beneideten sie ihn, und weil er Necken nicht vertrug, neckten sie ihn beständig, wie es üblich und bräuchlich ist bis Dato. Es ist, als ob die Welt den Teufel im Leibe habe, was wahrscheinlich auch sein wird: was Einer nicht mag, das muß er haben, wenn Einer nicht kann Pfeifen hören, so wird ihm gepfiffen, und wenn Einer nicht Spaß versteht, so wird ihm dessen desto mehr aufge-e tischt. Nun war es freilich nicht ungefährlich, mit Kurt zu sehr zu spielen; er hatte Tatzen wie ein junger Löwe, und schlug alsbald drein wie ein junger Löwe. Aber bald wußte man sich zu sichern, ließ sich nicht in seine Nähe, bald hetzte man die Gefolge von Gästen an ihn, welche dann mit ihm sich lustig machten; bald schlug ihm ein Alter auf die Tatzen, wenn er die Krallen zu tief einschlagen wollte. So kam er fast immer zu kurz, wie man zu sagen pflegt, und gewann nichts als Zorn und Beulen. Bis einer sich eingefügt hat in der Welt, kostet es ihn viel und gewinnen thut er nichts, und Mancher wird sein Lebtag nie eingefügt. Lehrgeld muß bezahlt werden in der Welt, so lange die Welt besteht, und wenn auch alle Zölle aufgehoben werden; Lehrgeld entweder beim Antritt der Lehrzeit, oder nach Verlauf derselben; je früher man es zahlt, desto wohlfeiler kommt man weg.

Wäre dieses nicht gewesen, so hätte es Kurt vielleicht doch nach und nach zu Regensperg gefallen. Das war ein prächtig Leben mit Jagen und Reiten, Essen und Trinken und kämpfen nach Belieben; da erst lernte Kurt fest sitzen auf dem Roß und jegliche Kampfesweise mit jeglicher Waffe. Rasch ward er bei seiner großen Kraft und mitgebrachten Behendigkeit einer der Besten im Waffenspiel, aber dadurch nicht besserer Laune, und seine Verträglichkeit nahm nicht zu. Eines Tages hatte der Freiherr ihn mit noch Einem ausgesandt, sich auf die Lauer zu legen und einen Zug der Züricher auszukundschaften. Hans von Melligen hieß Der Andere, war Kurt's Nebenbuhler in Allem bis ans Verhältniß zu den Andern. Hans war beliebt, hatte Einfluß, von ihm aus gingen die meisten Neckereien, welche Kurt erdulden mußte. Kurt haßte ihn daher bitterlich, konnte ihm aber wenig anhaben, da Hans neben der eigenen Waffenfertigkeit noch im Schutze der Andern stand. Keiner von Beiden kam nach Regensperg zurück; man glaubte sie aufgefangen von den Zürichern, später fand man Hans erschlagen, Kurt blieb verschwunden, was aus ihm geworden, vernahm man in Regensperg nimmer. Hans hatte Kurt geneckt mit spöttischen Worten; Kurt, im Wortgefecht unbehülflich, hatte mit dem Schwerte geantwortet und Hans erschlagen. Begreiflich konnte Kurt nicht nach Regensperg zurück, sondern ritt wild und zornig ins Weite, traf auf einen Reiter, warf diesen ohne Complimente über den Haufen. Dieser, welchem Ähnliches schon öfter begegnet sein und der in der Welt so viel erfahren haben mochte, dass er blutigen Streit lieber vermied als suchte, versuchte keinen Widerstand, gab auch nicht zornige Worte, sondern setzte sich an des Weges Rand, lud Kurt ein, sich neben ihn ins Gras zu setzen und Bescheid zu tun aus einer großen Flasche, welche er am Sattel hängen hatte. Der Reiter, welcher seinen Fall so kaltblütig nahm, hatte ein altes verwittertes Gesicht, in welchem trotz seiner Wildheit ein Zug von Gutmüthigkeit nicht zu ver - kennen war. Er gehörte zu den Gesellen, welche ihr Leben lang einem guten Schicke nachziehen und ihn nie machen, weil sie jedem Genusse sich hingeben; sie sind Knechte des Augenblicks, werden daher nie Herren ihres Lebens, erreichen nie das vorgesetzte Ziel. Er hatte in der halben Welt herumgefochten, aber nichts davongebracht als Wunden und manchmal eine volle Flasche, aus welcher er soeben Kurt zutrank. Kurt hatte anfangs gute Lust, ihm diese Gastlichkeit mit einem guten Lanzenstoß zu vergelten, weil er in seinem mißtrauischen Wesen diesen heitern Gleichmuth für Spott hielt, that aber endlich doch Bescheid, setzte sich neben den Alten, aber mit lockerm Dolche, er hoffte Rath zu finden, den er eben nicht hatte.

Die Flasche war noch nicht zu Ende, als Kurt bereits Vertrauen gefaßt, dem Alten erzählt hatte, wo er gewesen, was er gethan, und wie er jetzt nicht wisse, wo aus? Der Alte war auf den Herrendienst, wo man sein Blut vergieße, während die Herren die Beute machen, nicht gut zu sprechen; er suchte begreiflich die Ursache seiner Lage und seiner Unzufriedenheit, wie andere Gelehrte auch, nicht bei sich, sondern anderswo und bei Andern. Er hatte den Glauben gefaßt, selbstständig komme er am weitesten, aber ein tüchtiger Gehülfe hätte ihm gefehlt, das Glück hatte ihm einen zugeführt. Als er Kurt vorschlug, selbst die Herren zu spielen und Krieg zu führen auf eigene Faust, fand er bei demselben Anklang und Beifall. Kurt war das Beugen unter einen Herrn, die Fessel eines fremden Willens, äußerst peinlich gewesen; seine alte Freiheit kam ihm vor, wie Adam und Eva das Paradies vorgekommen sein mag, wenn sie auf dem verfluchten Acker schwitzten. Er erzählte seinem Gefährten Uli von Gütsch, was er früher getrieben, wie er gewandt sei im Handwerk und viel erbeutet, obgleich er es nur ganz gemein und zu Fuße getrieben; jetzt, wie sie es treiben wollten, auf ritterliche Art so gleichsam, werde die Beute noch viel reicher sein, meinte Kurt. Uli von Gütsch schüttelte den Kopf und war nicht so hoffnungsvoll. Allweg sei es das Beste, was sie vornehmen könnten, aber ganz richtig sei das Ding nicht und viel gefährlicher, als ganz gemeine Räuberei, meinte er. Die adeligen Herren, sagte er, hätten es mit dem Wegelagern wie mit der Jagd: beide seien erlaubt, aber in ihrem Revier ihnen allein und niemanden Anderm, und wenn sie in ihrem Revier über Jagd oder Raub ergriffen, den hingen sie an den ersten Baum oder schmiedeten ihn fest auf einen Hirsch. Man müsse klug und vorsichtig sein, sagte er, und nie verzweifeln, auch wenn man die Schlinge schon am Halse habe, er rede aus Erfahrung; gehe aber endlich einmal die Schlinge zu im Ernste, so geschehe, was doch einmal geschehen müsse, ob endlich einen Tag früher oder einen Tag später. Man sieht, Uli von Gütsch hatte viel Gesinnung, und nicht blos viel, sondern auch die wahre für dieses Handwerk. Uli von Gütsch hatte aber nicht bloß viel Gesinnung, sondern auch viele Kenntnisse; die sind allezeit was werth, wenn man sie recht zu gebrauchen weiß. Uli von Gütsch kannte nämlich Stege und Wege weit um in der Runde, kannte Schluchten und Höhlen, kannte die Zeichen der meisten Herren, hatte nicht unbedeutende Bekanntschaften unter dem niedrigsten Volke. Im Gebiete der Reuß, von Luzern weg bis sie in die Aare läuft, oder weiter hinauf der Wigger zu, trieben sie ihr Handwerk, doch immer so, daß sie es an Fremden ausübten, oder, wenn an Einheimischen, doch an Herrschaften, denen sie sich überlegen glaubten; des niedern Volkes schonten sie sorgfältig, ja sie brachten manch Stück Geld in arme Hütten, theilten mit Hungrigen gute Bissen, daher wandte sich ihnen die Theilnahme zu und die Lust, welche immer im Niedrigen entsteht, wenn der Höhere gefährdet wird. Dagegen suchten sie verdächtig zu machen die Herren und trieben ihre Streiche bald in des Einen, bald in des Andern Namen. Nun ist wohl nichts unangenehmer, als wenn man von solchen Stücklein nichts haben soll als den bösen Namen; wer nicht muß, läßt solches sich nicht in Frieden gefallen. Anfänglich jedoch griff jeder der Herren nach dem Unrechten, den Herren wurden die Haare zusammengeknüpft; diese wußten, wie viel Jedem zu trauen war, darum nahm Einer den Andern in Verdacht, lauerte ihm auf und trieb es ihm ein. Indessen verständigten sie sich schneller, als es Kurt und Uli lieb war. Der Letztere meinte, erfahren in der Welt, sie sollten sich einen Patron auf der Welt gewinnen, wie Fromme nach einem solchen in dem Himmel trachteten. Das sei eine leichte Sache, meinte er, er wüßte Keinen, der gegen einen Theil der Beute sie in seinem Gebiete nicht sicher ließe, wenn sie ihm Namen und Gebiet ruhig ließen. Aber Kurt wollte das nicht, er wollte frei sein und thun, was ihm beliebte; selb war von je ein gefährlich Handwerk; länger als üblich konnten sie es treiben, weil sie in den Hütten natürliche Verbündete hatten. Das machte sie sicher, sie verließen den Schauplatz ihrer Thaten nicht, wie Klugheit sonst gerathen hätte. In dieser Gegend hatte der Freiherr von Eschenbach große Güter, war ein großer Herr und selten daheim, wie heutzutage auch die kleinen Herren zu thun pflegen; er lebte hier und dort bei großen Herren, deren Freund und Rath er war. Der weilte unerwartet einige Zeit im Aargau, vernahm, was auch unter seinem Wappen getrieben worden, und bot nun große Jagd, wie man hie und da auf Wölfe und Wildschweine anstellt, auf in aller Stille, um die fremden Schnapphähne zu fangen. Kurt und Uli hatten eben im Gebiete des Eschenbach einen Züricher Metzger überritten, waren mit seinem Gelde thalauswärts geritten und saßen in armseliger Hütte eines Freundes, harrten des Essens und zählten die Beute, als ein junges Mägdlein geschlichen kam und sagte, der Eschenbach biete seine Leute auf, sende Boten aus an seine Freunde, jagen wolle er auf die unbekannten Räuber, bis er sie hätte; wissen wolle er, wer sie seien. Sie hielten Kriegsrath, glaubten die Gegend um das Städtchen Zofingen am sichersten, indem man dort am wenigsten sie suche. Sie hatten dort sich nicht versündigt, die Bürger waren handliche Leute, selbst die Bürgerinnen sehr kriegerisch, liebten beiderseits Speise und Trank, und wer ihnen irgendwie in der Sonne stand, lief Gefahr, um seinen Schatten zu kommen. Alsbald machten sie sich auf, zogen fürbaß und hofften, namentlich in den Klüften, Sümpfen, Wäldern, welche zwischen Zofingen und St. Urban lagen, sichere Ruhe zu finden. Zu Fuße gehend, die Pferde, um sie auf den schlechten Pfaden zu schonen, hinter sich, waren sie ihrem Ziele nahe gekommen, bogen bei Tagesanbruch um eine Waldecke, als plötzlich ihre Pferde hellauf wieherten und es lebendig ward im Gebüsche. Es waren die Zofinger, welche von der Jagd gehört und gerne wissen wollten, wie sie gemeint sei, was dabei herauskomme, dabei Spectakel liebten und ihren Weibern gerne was Neues erzählten. Was Neues, das wußten die Zofinger damals schon, ist bei Weibern, was ein Blitzableiter bei Gewittern. Sie hatten ein Zunftessen gehabt, waren bei einander gewesen, daher ihr Aufbruch so rasch, daß sie auf dem Anstand lagen, fast ehe die Jagd begonnen. Flinke Gesellen hatten Den alten Uli von Gütsch niedergeworfen, ehe er aufs Pferd kam; er ward gebunden und im Triumph gegen Zofingen geschleppt als was Neues, so alt er auch war. Er aber verlor seinen heitern Muth nicht, er hatte Gesinnung, wie er redete, so war es ihm auch, er hielt eben dafür, daß nicht jede Schlinge zugehe, welche man bereits am Halse habe (wahrscheinlich hatte er sich lange um Luzern herum aufgehalten, wo es eben heutzutage noch so geht, mit der Schlinge das Ding so zweifelhaft ist), und gehe sie einmal zu, so werde es so haben sein müssen. Er reizte nicht, aber antwortete heiter auf die zornigen Vorwürfe, entwaffnete dadurch die Zornigen, und ehe man mit ihm in Zofingen Spectakel machte, hatten Alle, wenn er ihnen auch nicht lieb geworden, Erbarmen mit ihm, und er wurde nicht gehangen, wenigstens in Zofingen nicht. Kurt, rascher und hinter Hans, der den Wegweiser machte, war im Sattel, ehe Zofinger Hände, welche nicht mehr gerne lassen, was sie einmal in den Fingern haben, ihn faßten, und stob instinktmäßig, ohne an Hans von Gütsch zu denken, von dannen. Es kam ihm wohl, daß er nicht auf einem alten Klosterhengst saß und reiten konnte; sein freiherrlicher Gaul ließ die bürgerlichen Verfolger bald hinter sich, war über Hergiswol hinaus im Umsehen. So konnte Kurt, da kein Hufschlag mehr hinter ihm hörbar war, das Thier wieder zu Athem kommen lassen, wahrend er selbst seine Gedanken sammelte. Uli von Gütsch hatte ihm oft erzählt von seinem besten Freunde, der ein Mordkerl gewesen, und jetzt Einsiedler oder Waldbruder sei. Lahm gehauen, habe er den blöden Leib mit einer frommen Kutte bedeckt; lebe jetzt von seiner Schlauheit und der Menschen Dummheit, wie früher von seiner Kraft und Anderer Schwäche. Er hatte ihm oft erzählt, welche lustige Tage er bei dem Waldbruder verlebt habe in dessen düsterer Hütte, welche in der Nähe von Willisau lag; wie derselbe Schabernack getrieben mit den Menschen, ihren Aberglauben ausgebeutet, und gerade bei denen am meisten, welche keinen zu haben glaubten und sich für Weise hielten. Diesen Waldbruder aufzusuchen, beschloß Kurt, bei ihm konnte er entweder sich bergen oder guten Rath finden, wo Schutz und Schirm für ihn sei.

Wer aufgewachsen ist in Feld und Wald, findet sich ungefragt und ungeführt leichter zurecht, als ein schönes, zartes Stadtkind mit einem Plane in der Hand und hundert Anweisungen in der Tasche. Kurt ritt durch Schluchten und Thäler, fand sich immer besser zurecht: sah endlich vor sich des Waldbruders Klause oder Höhle, sie war, wie die meisten, Beides. Vor derselben saß der Einsiedler, neben ihm eine Frau; sie legte ihm von einem mächtigen Schinken vor, er aber trank ihr zu aus einem ansehnlichen Kruge, in welchem schwerlich Wasser war. Vertieft in ihre Arbeit, hörten sie Kurts Nahen nicht, bis Fliehen oder Verbergen unmöglich war. Die Frau merkte Kurt zuerst. Jesus Maria! schrie sie, sprang auf und ward kreideweiß. Der Waldbruder war nicht so erschrockener Natur, Geistesgegenwart besaß er selbst für Leute seines Schlages in beträchtlichem Maaße; gelassen sah er über seinen Krug weg, und sein geübtes Auge erkannte alsbald des Fremdlings Natur. Frau Gertrude, sagte er, seid nur ruhig und sitzet wieder ab; euer Herr, der Pfarrer von Zell, hat euch nicht zu einem Sündenwerk ausgesandt, darob ihr Furcht haben müsset, sondern einen Kranken und durch langes Fasten Matten zu stärken. Esset und trinket nur ruhig, auf frommen Wegen seid ihr müde geworden; Stärkung bedürft auch ihr zum Heimgänge. Du aber, Junge, wandte er sich nun zu Kurt, gieb Bericht, was du willst und wer dich gesandt! Für wessen Seele soll ich beten, wen gesund machen, ein krankes Kalb oder einen lahmen Hund? Uli von Gütsch läßt Euch grüßen, er ist's, der mich hergewiesen hat, antwortete Kurt. Diese Antwort gab des Waldbruders Kaltblütigkeit einen Stoß, denn diese Art von Bekanntschaften brachte er doch nicht gerne zur Kenntniß von des Pfarrers Köchin; er stellte das Fragen ein, hieß Kurt sein Roß abzäumen, sich hersetzen und Theil nehmen an ihren Stärkungen. Wahrscheinlich rechnete der Waldbruder darauf, die Köchin werde alsbald vor dem Burschen mit dem verwilderten Angesichte die Flucht nehmen, allein er verrechnete sich, er kannte die Schnapphähne besser als die Köchinnen; es schien ordentlich, als werde die Köchin breiter auf ihrem Sitze, als lasse sie sich recht wohlig auseinander, spitzte erst das vierzigjährige Mäulchen, that zimpferlich, machte dann Witze, neigte sich zur Traulichkeit; kurz, that accurat wie eine heutige Köchin, welche im entschiedenen Fortschritte begriffen ist. Der Waldbruder brauchte all seine Kunst, die Beiden auseinander zu halten, und da sie immer größeres Gefallen an einander zu finden schienen, suchte er die Köchin zum Aufbruch zu stimmen. Es lasse sich zu einem Wetter an, sagte er; wer heute noch weiter wolle, dem wäre Eile zu rathen. Wenn er nach Zell wolle, sagte die Köchin zu Kurt, so wolle sie ihm den Weg zeigen. Es kam ihr wahrscheinlich sehr angenehm vor, mit Kurt spazieren zu gehen. Kurt hätte wider das Spazierengehen und die Köchin so weit nichts gehabt, aber den Weg nach Zell begehrte er einstweilen nicht kennen zu lernen; derselbe führte durch das offene Land, und von dort konnte man schnurstracks auch nach Zofingen. Er nahm daher das Anerbieten der Köchin kühl auf, sagte kurz (denn wenn er auch eingehauen war, so war er doch nicht gehobelt), nach Zell begehre er nicht, das Wetter fürchte er nicht; einstweilen sei ihm wohl da. Die Antwort machte die Köchin ebenfalls kühl. Nichts für ungut für das Anerbieten, Jeder macht's wie ihm beliebt, sagte sie, grüßte kalt den Waldbruder, accurat wie eine beleidigte Schönheit es thut, welche sich hintangesetzt glaubt und es einzutreiben gedenkt, und ging ab. Dem Waldbruder machte diese Mißstimmung offenbar keinen Kummer, er schien der Mittel zur Versöhnung sicher zu sein; er wandte sich rasch zu Kurt und fragte nach seines Freundes Bestellung. Kurt erzählte und fragte um Rath. Diese Frage schien dem Waldbruder ungleich bedenklicher als der Köchin Stimmung; nachdem er genau gefragt, wo sie überfallen, ob er gesehen worden und wie weit verfolgt, sagte er endlich: Mußt weiter reiten, hier bist du nicht sicher; die Herren werden das Aeußerste aufbieten, auch dich zu fangen, denn Jeder will den Verdacht von sich abwälzen, als sei er euer Hehler und Bundesgenosse. Ich hörte von euerm Treiben, glaubte, es treibe dies unter der Hand einer der Herren auf seine Rechnung; dachte nicht daran, daß Uli von Gütsch, der alte Fuchs, so was Tolles unternehme und sämmtlichen Herrschaften ins Handwerk Pfusche, wo sämmtliche nichts eifriger thun werden, als es ihm legen. Ein Glück für ihn ist, daß er in der Zofinger Hände gefallen, die treiben viel, doch nicht Straßenraub, haben also nicht Ursache zum Brotneid, und Uli wird sich aus ihrer Schlinge schwatzen, vielleicht gar in ihren Dienst hinein. Um so rachsüchtiger werden sie dich verfolgen, vor ihrem Zorne vermag ich dich nicht zu schützen; vor einem Heiligen, wie ich, haben die Herren keinen Respect, ihr Interesse ist ihr Gott; vor den Bauern wärest du sicher hier, bei ihnen findet sich der wahre Glaube noch. Und doch heile ich den Herren ihr Vieh umsonst, bereite ihnen manchen Trank umsonst, aber da ist keine Dankbarkeit; wären die Bauern nicht, ich müßte verhungern. Aber eben daß die Bauern es so gut mit mir meinen, bringt die Pfaffen gegen mich auf, aus Brotneid predigen sie gegen mich, daß die Wände krachen, heißen mich einen Wolf im Schafpelze, einen unsaubern Heiligen, und hetzen die Herren gegen mich. Ach Gott! wenn sie erst Alles wüßten, was ich kriege und wer es bringt, die würden noch ganz anders predigen; und je ärger sie predigen, desto mehr läuft das Volk mir zu, desto williger bringt es mir seine Gaben. Aber eben deßwegen muß ich mich desto mehr hüten, daß die Pfaffen nichts Bestimmtes an mich bringen können und vor die Herren, bei welchen weder Glaube noch Dankbarkeit ist; hätten sie einmal eine sichere Handhabe, dann gute Nacht, Waldbruder! , trink, und höre, wo Sicherheit ist für dich; reite, so viel du kannst, den Bach hinauf, sonst an dessen Ufern, dann da, wo er aus der Erde bricht, rechts über den Berg, so kommst du in ein langes Thal, dieses reitest du hinauf; zu oberst, wo es sich zu schließen scheint, die Berge ihre Füße zusammenstrecken ins Thal wie ein Rudel Mädchen ihre Füße in eine Badewanne, da steht ein Kirchlein und über demselben eine starke Burg; wenn du dich sputest, bist du dort, ehe die Sonne untergeht. In der Burg wohnt der beste Ritter im Lande, ein Mann für dich, des Tages zu Roß, des Nachts, wenn Ruhe ist und kein Streich ob Handen, ein tapferer Zecher; er hat ein gutes Herz, aber Federlesens macht er nicht, sondern was ihm wohlgefällt. Macht Einer ihn böse, so zertritt er ihn, gelüstet ihn was, so greift er zu; wer ihn ruhig läßt und nichts hat, welches ihm wohlgefällt, den läßt er auch ruhig, und wer ihm es treffen kann, oder gar Hülfe ihm leistet, der hat bei ihm das beste Leben und sonst, was er will. Barthli von Luthernau, du hast schon von ihm gehört, ist Land ab Land auf gefürchteter als der Teufel, an ihn wagt sich Niemand, und wo er erscheint, da werden alle Herzen steif vor Angst: die Welt hat es ihm schlecht gemacht, jetzt treibt er ihr es ein. Er war nicht reich, doch seine starke Burg und reichen Vettern, welche keine Kinder hatten, berechtigten ihn lustig zu leben, als wäre er schon reich und sollte es nicht erst werden. Er borgte von den Vettern, dachte begreiflich nicht ans Wiedergeben, das wäre ja dumm gewesen und eine unnöthige Mühe, da ja einmal Alles sein war; er suchte im Gegentheil die Schuld täglich größer zu machen. Die Vettern wurden zäher, wollten Vetter Barthli nicht immer begreifen, ihre Hände nicht mehr öffnen nach seinem Belieben. Aber Barthli achtete sich wenig, dachte auch, mit solch alten Knaben mache man nicht viel Federlesens, ritt bei ihnen ein mit vielen Leuten, siedelte sich da an als wär's für die Ewigkeit, bis sie froh waren, ihre Truhen zu öffnen und ihm zu geben, was er begehrte. Die Vettern waren griesgrämliche Leute, konnten keinen Spaß verstehen, fingen an, den Vetter zu hassen, sich immer schlechter gegen ihn zu benehmen, gegen den leiblichen Vetter. Dieser züchtigte sie, wie recht und billig, immer schärfer ihrer schlechten Gesinnung wegen; da kam, statt daß sie sich gebessert und den Vetter zu versöhnen gesucht, der Teufel vollends über sie, sie vergabeten all ihre Habe, Land, Leute, Gülten zu Bau und Aufschwung des Klosters St. Urban. Das war schlecht, daher begreiflich Ritter Barthli gar nicht recht; er bot Himmel und Hölle auf gegen diese Vergabung, aber Niemand wollte ihm zu seinem Recht verhelfen: geschrieben sei geschrieben, hieß es überall. Da hob er seine Faust auf, drohte von Luzern bis St. Urban das Land zu verheeren; aber man spottete ihn aus und forderte zu Allem noch die alten Schulden ein. Darüber ist er wüthend mit Recht, will nun selbst Schulden eintreiben und nehmen, was ihm gehört, wie billig, und fehdet nun das Kloster, welches von niederträchtigen Herren, die den Barthli hassen wegen seiner Mannheit, begünstigt wird, ohne Unterlaß. In den nächsten Tagen versucht er wieder was, wozu er tüchtige Leute braucht; du wirst ihm willkommen sein, sage nur, Jost im Tobel habe dich gesandt. Kurt war durch sein Handwerk mißtrauisch, es fiel ihm auf, daß Jost im Tobel, der erst noch so bitter über die Herren gesprochen, ihn jetzt zu einem Herren senden wollte, er sagte: Warum soll ich das Thal aufreiten, um zu einem der Herren zu kommen? ich erspare mir Mühe, wenn ich sie hier erwarte. Du jagst auf falscher Fährte, sagte der Wald - bruder; es ist nicht ein Herr wie der andere Herr und nicht ein Pfaff wie der andere Pfaff; wie in allen Regeln Ausnahmen sind, so sind auch in allen Ständen Solche, welche nicht auf der gleichen Saite geigen, nicht zu den Andern zu gehören scheinen, und um deßwillen bitterlich angefeindet werden von den Andern. So ist der von Luthern rundum von allen Edeln gehaßt, wie alle Pfaffen rundum mich hassen, von wegen wir leben beide auf eigene Faust, und was die Hauptsache ist, wir leben beide Wohl dabei, besser als die Andern, welche nach dem allgemeinen Brauch leben Einer wie der Andere, wie eine Gans der andern nachwatschelt, wie die erste vorwatschelt. Sieh ', darum sind ich und der von Luthern Freunde, weil wir auf der gleichen Fährte jagen; Jeder macht was er kann, lebt so gut als möglich nach dieser Regel und fragt den Andern nichts nach; begreifst? Kurt begriff, hatte aber doch gegen den neuen Herrendienst viel einzuwenden. Er sei ihm nicht entlaufen, um ihn von Dornen wieder anzufangen, sagte er. Jost setzte ihm auseinander, wie zwischen allen Dingen ein Unterschied sei; so sei ein Unterschied zwischen Kurt, welcher zum Freiherrn gekommen, und dem Kurt, welcher zu Barthli von Luthernau komme: der erste Kurt sei ein blöder Junge gewesen, der zweite Kurt ein derber Kerl mit Haar ums Maul. Der Freiherr sei halt ein Herr gewesen mit Dienern und einem vornehmen Haushalt, Barthli sei ein Mann, habe Gesellen und einen Haus - halt, wo es sich ein Jeder so bequem mache als er könne, und zwischen Kamerad und Knecht sei eben ein großer Unterschied. Als der Waldbruder glaubte, Kurt habe seine Vorlesung hinlänglich begriffen, trieb er Kurt fort; es sei hohe Zeit, sagte er; rasch müsse er machen, daß er fortkomme, sei er einmal über dem Berg, könne er langsam weiter. Dort treffe er ein Haus, richte er seinen Gruß aus, kriege er, was er begehre.

Kurt zögerte, bis es ihn selbst dünkte, er wittere in der Weite Roß und Reiter. Sobald derselbe fort war, kreuzte sich der Waldbruder, räumte alles Verdächtige weg, zog Weiden z'weg zum Flechten und sang ein geistlich Lied, d. h. eins mit geistlicher Weise, aber sehr ungeistlichen Worten. Nicht lange saß er so, hörte man schon einzelne Hörnerstöße, hörte zerstreute Reiter zusammensprengen, dann geraden Wegs die Schlucht herauf, dem Waldbruder zustürmen. Der saß da wie der heilige Feierabend, als ob ihn die ganze Welt nichts anginge; sang und flocht, daß es herzbrechend war und als ob er sein Lebtag nichts Anderes gethan hätte. Die Reiter hatten offenbar nicht großen Respect vor ihm, der Waldbruder indessen den sichern Takt, laß er sein Verzücktsein und Redestehen so gut zu mischen wußte, daß er Nichts verrieth, weder sich noch Kurt, und doch jeder Gewaltthätigkeit entging. Es blieb bei Drohungen und unehrerbietigen Titeln, Beides störte den Waldbruder nicht am Korben; Drohungen thaten nicht weh und auf Titel hielt er nichts, er war gar nicht ehrsüchtig. Sie suchten und fanden Nichts, sie thaten wie Hunde, welche einen Hasen im Versatz verloren, welche kein Jäger immer aufs Neue den Ring schlagen läßt; sie kriegten Langeweile, setzten endlich ab Einer nach dem Andern, und wenn Einer anfängt, geht es nicht lange, bis der Letzte abzieht.

Unbelästigt ritt Kurt über den Berg bis zu dem Hause, welches ihm Jost empfohlen hatte, oder dem er so gleichsam empfohlen worden war. Es war vor mehr als sechshundert Jahren, als Dieses Kurt begegnete, aber curios ist es, er geberdete sich damals schon accurat wie Dato ein sogenannt gebildeter, vielleicht vornehmer, selbst fürstlicher Europäer, der vom Vicekönig von Aegypten, oder irgend etwelchem Machthaber, oder sonst irgend welcher potenzirten Person Empfehlungen hat in Aegypten oder Italien. Man kann lesen in ihren Reiseberichten, wie sie den Leuten in die Häuser fallen, wie Heuschrecken übers Land, die Leute aus dem Schlafe pochen und poltern wie Janitscharen mit einem Firman des Sultans, sich es bequem im Hause machen, daß die Besitzer kaum mehr Platz darin haben, Speisen und Getränke auf die unanständigste Weise beschnüffeln, ehe sie solche genießen, wie verwöhnte Hunde ein Stück Brot, und dann hinterher dem erstaunten Europa erzählen, nach was der Wein gerochen, und ob das Fleisch zäh gewesen oder nicht zäh. Daß es Kurt so machte, soll uns nicht wundern, er machte nicht Anspruch, ein Gentleman zu sein, und war nicht im Welschland gewesen, sondern umgekehrt im Züribiet. Er stellte sein Roß an den besten Platz im Stalle, setzte sich auf die beste Stelle am Herde und ließ sich tractiren, und die Leute ließen es sich gefallen und thaten das Möglichste, accurat wie man es noch heutzutage mit den modernen Reisenden macht, welche, nach allerneuesten Berichten, im Morgenlande als die eilfte Plage angesehen werden. Die guten Leute fürchteten Ungelegenheit, sie kannten Jost's Verbindungen, wußten auch nicht, wie weit Kurt noch kommen und es erzählen könnte (von Drucken war bekanntlich damals noch nicht die Rede), wenn sie ihm nicht das Beste aus Keller und Küche gegeben, der Wein nach was gerochen, das Fleisch zäh gewesen. Kurt hatte alle Ursache zufrieden zu sein; wohl gepflegt ritt er endlich weiter, und Abend ward's, als er vor sich das Kirchlein von Luthern sah und über demselben die alte graue Burg.

Es war ein wildes Bergthal, doch sah man an den Thalwänden gute Gehöfte; rar waren die Kühe nicht im Thale, Barthli stahl keine aus dem Thale, aber manche außerhalb demselben gestohlene Kuh lief darin herum. Die Burg stand offen, der Ritter von Luthern fürchtete keinen Ueberfall, es wohnte kein Mensch im Thale, der, wenn er was Verdächtiges bemerkt, es dem Ritter nicht alsbald gemeldet hätte, denn sie hatten Alle Antheil an seinem Raube, und wenn seine Hand schon hart war, so wohnte es sich doch sicher unter derselben. Wild sah es im Hofe aus; aus einer offenen Thüre flog eben ein Knecht heraus, wie der Stein von der Schleuder, kroch dann weiter winselnd und heulend. Fluchend kam ein gewaltiger Mann nach und hätte wahrscheinlich noch nachgebessert und vollends zerschlagen, was der Knecht noch Ganzes an sich hatte, wenn ihm nicht Kurt's fremde Erscheinung in die Augen gefallen wäre. Es war der Ritter in eigener Person, der mit selbsteigener Hand einem Knechte, der Pferde mit Fußtritten mißhandelte, Verstand gegen die Thiere einbläute. Der Ritter von Luthernau war ein Mann wie eine Eiche, schon hatte es ihm auf den Schädel geschneit, aber heiß rann doch das Blut unter der weißen Decke und heißer am Abend als am Morgen, wie es übrigens noch heutzutage bei vielen Edeln und Unedeln der Fall sein soll. Fast war's, als wollte er den Rest seines Zornes an Kurt auslasten; barsch fuhr er ihn an, was er da wolle? Doch Kurt war nicht erschrockener Natur, er bringe einen Gruß von Jost im Tobel, sagte er. Das Losungswort zog, ein heller Schein flog über des Ritters dunkeles Gesicht, er führte Kurt in die Halle, wo auf dem Tische Essen und Trinken die Fülle stand, und zwar den ganzen Tag. Wer Etwas mochte oder sonst nichts zu thun hatte, setzte sich an den Tisch, besondere Eßstunde war keine. Er hatte, wie es schien, durch Kurt eine Botschaft erwartet, auch das Begehren um Dienst war ihm nicht unangenehm, jedoch vergaß er besondere Vorsicht nicht. Schon damals war es Sitte, Jemanden, an den man offen nicht kommen konnte, einen falschen Freund in den Busen zu schieben, der dann mit Verrath vollbringt, was Gewalt nicht vermochte. Indessen Kurt bestand gut im Examen und gewann des Ritters Vertrauen. Derselbe kannte Uli von Gütsch wohl und war dessen Freund gewesen, war auch ein Feind Derer, die des Ritters Feinde waren. Zudem hatte derselbe Kurt's Vater wohl gekannt und mit ihm manchen Streich verübt. Als Kurt sich als des Vertrauens würdig ausgewiesen, vernahm er, daß morgen schon ein Auszug vorbereitet sei, des Klosters Gebiet zu plündern und zu verbrennen, was brennen wollte. Barthli hatte Lust, das Kloster selbst zu zerstören, indessen war es zur selben Zeit etwas bedenklich, Hand an geweihte Mauern zu legen, das Ding konnte schwere Folgen haben. Früh ward es lebendig in der Burg zu Luthern. Die Leute schienen aus dem Boden heraus zu wachsen, waren in Wetter und Krieg 'gehärtet und gestählt und gar heiteren Muthes, sie hofften auf reiche Beute. Das Wort Beute hat seinen schönen Klang behalten bis auf den heutigen Tag, nur mit dem Unterschied, daß das moderne Bewußtsein sich des Raubens und Stehlens schämt, es indessen doch thut und je mehr je lieber, hinterdrein es dann ableugnet, gedruckt und ungedruckt mit moderner Unverschämtheit. Der Ritter wäre gerne durch Wald und Berg gebrochen nach Etlswyl, Huttwyl, Rohrbach u. s. w. das reiche Thal hinab, welches die Langeten bewässert. Aber dort wohnten viele Edle, Freunde des neuen Klosters, absonderlich auch die Edlen von Madiswyl. Alle hätte er aufgejagt, ans seine Fährte gezogen, und viele Hunde sind bekanntlich des Hasen Tod. Er zog daher östlich, das Thal abwärts, Großdietwyl und Altbüren zu. Mancher Freund gesellte sich zu ihm auf dem Wege, und als er seine angeschwollene Schaar übersah, drängte es ihn, an St. Urban selbst sich zu versuchen, mit einem kühnen Streich all dem Ding ein Ende Zu machen. Er wußte, daß einer seiner Vettern dort sich aufhielt: konnte er den als Geisel in seine Hände bekommen, so hatte er von den Folgen des Ueberfalls nicht viel zu fürchten. Er hielt, zog Kunde ein, aber sie gefiel ihm nicht; er vernahm, daß viele Edle mit Gefolge im Kloster sich aufhielten, daß noch mehr erwartet würden, ein Ueberfall also nicht räthlich sei. Er bog links ins waldige Gebirge, durch dasselbe konnte er unbemerkt bis gegen die reichen Langenthaler Höfe ziehen, dieselben Plündern und auf der dortigen Straße vielleicht einen reichen Fang thun, Einen schnappen, der nach dem Kloster wollte.

In Langenthal ruhte die ländliche Arbeit, das Vieh war eingetrieben, das Gesinde heimgekehrt, die Mutter kochte, die Töchter kämmten ihre Haare, was von jeher in Langenthal stark getrieben wurde, nicht allein wegen der Hoffart, sondern wegen der Kurzweit. Ob dem Kämmen glitt die Zeit vorüber, ganz gleich wie durch die Finger die Haare, und je glatter die Haare glitten, desto rascher lief ihnen auch die Zeit vorüber. Die Nacht dämmerte herauf, leise nahte sich im Schatten der Nacht der Schlaf den Augen der Menschen, machte aber heute nicht gute Geschäfte. Es wollte ihm Niemand warten, es war eine ungewohnte seltsame Unruhe auf der Straße, auf der berühmten Kastenstraße, welche schon zu der Römer Zeiten den Osten Helvetiens mit dem Westen verbunden haben soll. Ein große Weinfuhr für das Kloster war am selben Abend durch den Ort gekommen; zur selben Zeit war eine Weinfuhre ein Ereigniß, selbst in Langenthal, wo sonst von Zeit zu Zeit etwas Merkwürdiges vorkam. Wahrscheinlich waren aber damals noch seltener als die Weinsuhren die Weinreifenden, welche der Sage nach gegenwärtig vor Langenthal sich oft aufstauchen, wie in Paris die Menschenmasse vor dem Theater, wenn die Rachel spielt, die Eingänge zu klein sind, die Menge derer, welche hinein wollen, zu groß ist. Weder das Straßenpflaster, noch die Straßenbeleuchtung, für welche in jüngster Zeit ein löblicher Gemeinderath eine selten gewordene Prämie erhalten hat, waren damals in Langenthal zu der Vollkommenheit gekommen, in welcher man sie jetzt findet. Zwei Weinwagen blieben stecken, an dem einen brach die Hintere Achse, am andern die Deichsel, mit aller Mühe konnte min sie nicht flott machen, sie mußten in Langenthal zurückgelassen werden. Nun lebte damals in Langenthal eine große Familie, zu welcher fast die ganze Einwohnerschaft gehörte, die wahrscheinlich ausgestorben sein wird, Namens Durstig, sie hatte die Eigenthümlichkeit, daß sie den Wein mehr liebte als das Wasser. Zwei Weinwagen auf offener Straße eine ganze Nacht durch war ein nie erlebtes Ereigniß. Da Langenthal zum Kloster gehörte, die Wagen auf des Klosters Grund und Boden standen, so war die Bedeckung mit den andern Wagen nach dem Kloster gezogen, nur die Fuhrleute blieben bei den Wagen zurück, blieben aber nicht alleine. Von allen Seiten trappete es heran, Jeder wollte die merkwürdigen Wagen sehen, und wer sie einmal ansah, dem ging es wie der Eva im Paradies. Als sie den Apfel einmal recht angesehen, konnte sie auch nicht mehr davon los, bis sie drein gebissen. Man stand um die Wagen her, rieth über die Größe der Fässer, die Güte des Weines, und je mehr man rieth, desto zahlreicher ward die Familie Durstig um die Wagen herum. Gut wäre es doch, sagte endlich Einer, wenn Einige die Nacht über bei den Wagen wachen würden, die Uebrigen könnten nach Hause gehen. Er werde meinen, sagte eine Frau, er sei alleine klug, und Niemand merke, warum sie nach Hause sollten; Einem recht, dem Andern billig: wenn er über den Wein wolle, so wolle sie auch daran; übrigens sei versuchen erlaubt, wenn die Herren da wären, sie schlügen selbst eins der Fässer auf; man könne es ja auch machen, wie die Fuhrleute, mit Wasser wieder zufüllen, so merke ja Niemand etwas. Ist man einmal mit dem Rathe so weit, so ist die Ausführung auch nicht mehr fern; man bohrte vorsichtig an, und vorsichtig ließ man anfangs nur wenig heraus, damit der Abgang oder das Wasser im Weine nicht gemerkt werde. So wie man bohrte, war Alles nach Trinkgeschirren davon gestoben, und jetzt stob Alles heran wie Tauben auf einen Hanfacker, den soeben der Säemann verlassen. Das Gedränge um die Wagen wurde groß, Jeder wollte seinen Theil, und hatte er ihn, so wollte er noch einen. Die Weiber zeichneten sich durch gewaltiges Schlucken aus; hatte ein Weib einmal ein Geschirr am Maul, so war es, als ob sie zusammenwüchsen, und von einander brachte sie keine irdische Macht mehr, so lange ein Tropfen von einem ins andere rann. Ein Loch in einem Faß genügte nicht mehr, ein zweites entstand, man wußte nicht wie, und befriedigte noch lange nicht das immer wachsende Bedürfniß der immer größer werdenden Familie Durstig. Die Unmöglichkeit, die Sache zu vertuschen, ward immer klarer, ward auch begriffen und rasch der Entschluß gefaßt, den sämmtlichen Wein sich zuzueignen, Wagen und Fässer bei Seite zu bringen, und dann zu sagen, der wilde Barthli sei gekommen und hätte sie geholt. Um die Lüge glaubwürdiger zu machen, könne man ein altes Scheuerlein anzünden, Lärm machen und Botschaft ins Kloster senden, so ward gerathen. Ein altes Sprüchwort sagt: Der Teufel ist ein Schelm, und wenn man vom Wolfe spricht, so ist er weit oder nah. Kaum hatte man die Ausführung jenes Rathes begonnen, so hörte man Lärm von der Bergseite her, und kaum hatten die Köpfe dorthin sich gedreht, erhob sich wildes Geschrei von der andern Seite. Pferde hörte man sprengen, in vollem Lauf brauste eine Schaar die Straße herauf, voran auf schwarzem Roß ein Ritter, schwarz gerüstet. Der Barthli! der Barthli! fuhr wie Ein Schrei aus Aller Mund, und erschrocken, wie wenn unter leichtsinniger trunkener Menge der grausame Teufel plötzlich erscheint, stob wie Spreu im Winde die Menge auseinander, es bebten Aller Glieder, und vergangen war Allen der Durst; an Widerstand dachte Niemand, selbst für gehörige Flucht fehlte den Meisten der Verstand, sie liefen, wie bei einem Brande das Vieh ins Feuer, dem Feinde blind in die Hände. Der Ritter von Luthern wußte seine Dispositionen zu machen, so gut als heutzutage in ähnlichen Fällen ein Husarengeneral. Wie das Wetter von allen Seiten zugleich war er über den Ort gekommen, mit seinen Rossen dem Menschenknäuel zugesprengt, den er zu so ungewohnter Zeit auf der Straße sah; es konnten Feinde sein, zu seinem Empfang gerüstet. Erst als derselbe auseinanderstob, wie ein Haufen dürrer Blätter, in welche der Wind weht, sah er die beladenen Wagen, erkannte er den unerwarteten, aber um so willkommeneren Fund. Barthli wird den Livius kaum gelesen haben, wußte darum nicht, wie es dem Hannibal in Capua ging, erlaubte seiner Bande, während man aus allen Gehöften das Vieh zusammentrieb, das Werthvollste zur Hand nahm, kurz eine tüchtige Plünderung kündig betrieb, zu trinken nach Belieben, was sie denn auch that, und zwar eifrig, und je eifriger sie dieses Geschäft betrieb, desto mehr beliebte es ihr.

Die Hauptfuhre war in St. Urban glücklich angekommen und mit großen Freuden empfangen worden. Die glückliche Ankunft war ein Ereigniß im Kloster; wenn sie schon nicht empfangen wurde mit großem Gepränge, wie eine kostbare Reliquie, so war doch die Freude um so inniger, und besonders bei den vielen Edlen, welche wirklich ins Kloster eingeritten waren. Wer das Fest nicht kannte, welchem ihr Eintritt galt, hätte geglaubt, wie ein Bauer seine Freunde zu einem Wurstmahl ladet, so hätten die Klosterherren ihre Freunde geladen, den Wein zu begrüßen und zu kosten. So war es nun nicht, aber deßwegen war die Freude nicht weniger herzlich, das Kosten nicht weniger gründlich. Während diese Proben gemacht wurden, war dem Abt Bericht erstattet worden, und namentlich, daß zwei Fuder in Langenthal zurückgeblieben seien. Der Abt war ein sehr kluger Mann, kannte seine Leute und namentlich die Familie Durstig in Langen - thal, er wußte, daß 'diese, wenn sie Wein in der Nähe hatten, nicht mehr wußten, was sie thaten, wie auch eine Koppel Jagdhunde, welche einen Hasen in die Nase kriegen, blindlings ins Gebüsch sich stürzen. Darum sandte der Abt zwei seiner besten Leute nach Langenthal, Wache und Ordnung zu halten. Diese, nur ihren Austrag im Auge, geriethen im Walde gegen Langenthal hin unter des Ritters Bonde, wurden aber nicht erkannt; der Eine schlich sich sogleich zurück, Barthli's Nähe zu melden, während der Andere das Weitere zu erspähen suchte. Der Abt machte auf den ersten Bericht nicht unnöthigen Lärm, sondern ließ bloß in aller Stille rüsten, was bei solcher Lage üblich ist, und spähen ums Kloster herum, ob etwa ein Ueberfall bereitet werde. Bald brachte der zweite Bote die Nachricht, es gelte Langenthal, so eben breche der wilde Ritter dort ein, und werde sich wohl säumen bei der unerwarteten Beute. Die Herren und Brüder waren eben in der allerlustigsten Laune, noch nicht schwerfällig, sondern in dem Tempo, wo man gerne etwas Tolles treibt oder Händel sucht. Diesmal behielt der Abt den Bericht nicht für sich, sondern theilte ihn den Herren mit, und wie eine Flamme in eine Tonne voll Branntwein fiel die Nachricht unter sie. In wildem Jubel fuhr Alles auf und ohne Rath war Alles einig, dem Barthli über den Hals zu kommen so schnell als möglich. Manch Klosterbruder gesellte sich den Herren bei, fuhr kundiger in eine Rüstung als aus der Klosterkutte, und als er in der Rüstung war, glich er dem besten Ritter, und als er zu Roß war, hätte keine Seele ihn für einen Mönch gehalten. Er war wahrscheinlich auch länger Ritter gewesen als Mönch. Müde der Welt hatte er Ruhe gesucht im Kloster, hatte begraben geglaubt den alten Menschen, und siehe, da erwachte er wieder bei der ersten Gelegenheit mit der alten Lust. Selten mag wohl eine lustigere, muthigere Schaar, so eben recht in der Stimmung zu einem wilden Strauße, aus einer Klosterpforte geritten sein. An Zahl waren sie dem Barthli weit überlegen, an Kunde und Kraft standen Mehrere ihm nicht nach, und als sie Langenthal sich näherten, hatte der Instinkt des Handwerkes Stille gebracht in die wilden Haufen, sogar die Pferde schienen leiser aufzutreten, um so unerwarteter über den Feind zu kommen.

Unterdessen ging es lustig und laut zu in Langenthal, und ungestört in die Nähe zu kommen, war eben keine Kunst. Des Ritters Leute schienen den Langenthalern verwandt und wirklich auch von der Familie Durstig zu sein, sie klebten an den Fässern, wie Wespen an den Trauben, je mehr sie tranken, desto besser dünkte sie der Wein. Dem Ritter schien es Zeit aufzubrechen, aber seinen Leuten nicht, und diese waren gar seltsam zusammengewürfelt, gar lose die Bande, welche sie an den Ritter knüpften. Ihm schien die Sache nicht geheuer, er setzte sich zu Roß, mehr und mehr schien ihm, als höre er verdächtiges Getrappel; er mahnte, aber umsonst, er hieb ein Faß auseinander, und erweckte mehr Wuth als Gehorsam. Da brauste es wieder die Straße herauf, es kam eine gewaltige Schaar in wildem Rosseslauf. Das begriffen Einige, warfen sich mit Kurt und dem Ritter dem Feinde entgegen; der Ritter von Luthernau sah aber alsbald, daß die Macht zu groß sei, ein Hinhalten, bis die Trunkenen besonnen geworden, die Beute in Sicherheit sei, unmöglich, er wich aus dem Streite, welcher ihm zu unbedeutend war, um Leben oder Freiheit in ihm zu wagen, die Andern folgten ihm bis auf Kurt. Kurt, vom Weine aufgeregt, in den Jahren, wo man gerne in das, was man thut, die Seele legt, sah der Andern Rückzug nicht, stritt, als ob es ginge ums Himmelreich, fesselte den Streit mit seiner gewaltigen Leibeskraft. Die Feinde fochten anfangs nicht mit dem gleichen Ernste, den Tod suchten sie nicht bei solchen Sträußen; wo wenig zu gewinnen war, ging man damals mit Manier mit einander um, fing gern lebendig Roß und Mann, oder rettete Roß und Leben. Indessen ward das Ding einem riesigen Klosterbruder endlich langweilig; er ritt Kurt an, fing dessen Schwerthieb mit wohlbeschlagener Keule auf, schmetterte sie dann gleich einem Blitzstrahl auf dessen Helm, daß er splitterte wie Glas, das Haupt sich beugte, die Glieder erschlafften, der ganze Körper bewußtlos zur Erde sank.

Dieser Schlag endete den Kampf, wie oft ein gewaltiger Donnerschlag der Schluß eines Gewitters ist. Die Verfolgung der Fliehenden dauerte noch fort, doch nicht lange, in der dunklen Nacht nützte sie nicht viel und war gefährlich. Der Ritter von Luthernau entkam glücklich, die Hitzigsten wendeten um und fanden die Behaglicheren um die Fässer geschaart und bemüht, zu retten, was zu retten war, d. h. vor Allem zum eigenen Genuß; ob dann noch Etwas für das Kloster übrig blieb, überließen sie der Vorsehung. Als die Langenthaler den Ausgang merkten, fanden sie sich auch wieder ein, vor Allem war die Familie Durstig zahlreich auf dem Platze, rühmte sich ihrer Heldenthaten und wie sie dem Barthli heiß gemacht und wie sie ihm noch heißer gemacht hätten, wenn die Herren nicht selbst gekommen wären, so daß es wirklich ein himmelschreiendes Unglück für Langenthal schien für ewige Zeiten, daß die Herren gekommen und die Heldenthaten der Einwohner, welche sie im Sinne gehabt, nun im Sacke blieben. Im Glück ist man nicht mißgünstig, man tröstete die guten Leute mit vollen Bechern und ein lustiger Morgen ging über den Ort auf, denn da war Mancher, der zwei Sonnen am Himmel sah, Viele noch dazu Mond und Sterne; die Glücklichsten merkten noch, daß er voll Geigen war, konnten kein Bein mehr feststellen, sondern liefen wie Sonne, Mond und Sterne rund um.

Als endlich der Wein nicht mehr laufen wollte, kamen Einigen die Gedanken wieder, sie mahnten zum Ausbruch; man suchte die Pferde, suchte überhaupt zusammen, was herum am Boden lag, fand so auch Kurt. Die Rüstung gefiel; an den Leib, der drinnen stak, dachte man nicht, glaubte ihn todt. Als man die Rüstung nahm, fand man noch Leben im Leibe, wußte nur nicht, was mit ihm machen; die Einen wollten ihn liegen lassen, Andere ihn mitnehmen, noch Andere ihn todtschlagen; da kam ein dicker Herr, der munter zu Roß und im Streit gewesen war, doch noch muntrer beim Faß, jetzt waren ihm die Beine etwas schwach, die Augen hell dabei, er schien des Zustandes nicht ungewohnt; derselbe erkannte Kurt nach einigem Besehen, hatte Mitleid mit ihm, befahl zweien seiner Leute, ihn aufzunehmen und heim nach Denz zu bringen. Es war der Alte von Denz, der dieses befahl; wahrscheinlich dachte er, in Denz sei er näher seiner Mutter, es möge gehen, wie es wolle; dachte vielleicht, wenn er genese, habe er an ihm einen tapfern Gefährten beim Becher; dachte vielleicht auch gar nichts, sondern gehorchte einfach einem guten