PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Geiſtige Arbeit als Beruf
Vier Vorträge vor dem Freiſtudentiſchen Bund Zweiter Vortrag:
Max Weber
Politik als Beruf
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München und LeipzigVerlag von Duncker & Humblot1919
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Der Vortrag, den ich auf Jhren Wunſch zu halten habe, wird Sie nach verſchiedenen Richtungen not - wendig enttäuſchen. Jn einer Rede über Politik als Beruf werden Sie unwillkürlich eine Stellungnahme zu aktuellen Tagesfragen erwarten. Das wird aber nur in einer rein for - malen Art am Schluſſe geſchehen anläßlich beſtimmter Fragen der Bedeutung des politiſchen Tuns innerhalb der geſamten Lebensführung. Ganz ausgeſchaltet werden müſſen dagegen in dem heutigen Vortrag alle Fragen, die ſich darauf beziehen: welche Politik man treiben, welche Jnhalte, heißt das, man ſeinem politiſchen Tun geben ſoll. Denn das hat mit der allgemeinen Frage: was Politik als Beruf iſt und bedeuten kann, nichts zu tun. Damit zur Sache!

Was verſtehen wir unter Politik? Der Begriff iſt außer - ordentlich weit und umfaßt jede Art ſelbſtändig leitender Tätigkeit. Man ſpricht von der Deviſenpolitik der Banken, von der Diſkontpolitik der Reichsbank, von der Politik einer Gewerkſchaft in einem Streik, man kann ſprechen von der Schulpolitik einer Stadt - oder Dorfgemeinde, von der Politik eines Vereinsvorſtandes bei deſſen Leitung, ja ſchließlich von der Politik einer klugen Frau, die ihren Mann zu lenken trachtet. Ein derartig weiter Begriff liegt unſeren Betrach - tungen vom heutigen Abend natürlich nicht zugrunde. Wir wollen heute darunter nur verſtehen: die Leitung oder die Be - einfluſſung der Leitung eines politiſchen Verbandes, heute alſo: eines Staates.

Was iſt nun aber vom Standpunkt der ſoziologiſchen Be - trachtung aus ein politiſcher Verband? Was iſt: ein Staat ? Auch er läßt ſich ſoziologiſch nicht definieren aus dem Jnhalt deſſen, was er tut. Es gibt faſt keine Aufgabe, die nicht ein politiſcher Verband hier und da in die Hand genommen hätte, anderſeits auch keine, von der man ſagen könnte, daß ſie jeder - zeit, vollends: daß ſie immer ausſchließlich denjenigen Ver - bänden, die man als politiſche, heute: als Staaten, bezeichnet, oder welche geſchichtlich die Vorfahren des modernen Staates waren, eigen geweſen wäre. Man kann vielmehr den modernen1*4Staat ſoziologiſch letztlich nur definieren aus einem ſpezifiſchen Mittel, das ihm, wie jedem politiſchen Verband, eignet: der phyſiſchen Gewaltſamkeit. Jeder Staat wird auf Gewalt ge - gründet, ſagte ſeinerzeit Trozkij in Breſt-Litowſk. Das iſt in der Tat richtig. Wenn nur ſoziale Gebilde beſtänden, denen die Gewaltſamkeit als Mittel unbekannt wäre, dann würde der Begriff Staat fortgefallen ſein, dann wäre eingetreten, was man in dieſem beſonderen Sinne des Wortes als Anarchie bezeichnen würde. Gewaltſamkeit iſt natürlich nicht etwa das normale oder einzige Mittel des Staates: davon iſt keine Rede , wohl aber: das ihm ſpezifiſche. Gerade heute iſt die Beziehung des Staates zur Gewaltſamkeit beſonders intim. Jn der Vergangenheit haben die verſchiedenſten Verbände von der Sippe angefangen phyſiſche Gewaltſamkeit als ganz normales Mittel gekannt. Heute dagegen werden wir ſagen müſſen: Staat iſt diejenige menſchliche Gemeinſchaft, welche innerhalb eines beſtimmten Gebietes dies: das Ge - biet , gehört zum Merkmal das Monopol legitimer phyſiſcher Gewaltſamkeit für ſich (mit Erfolg) be - anſprucht. Denn das der Gegenwart Spezifiſche iſt: daß man allen anderen Verbänden oder Einzelperſonen das Recht zur phyſiſchen Gewaltſamkeit nur ſo weit zuſchreibt, als der Staat ſie von ihrer Seite zuläßt: er gilt als alleinige Quelle des Rechts auf Gewaltſamkeit. Politik würde für uns alſo heißen: Streben nach Machtanteil oder nach Beeinfluſſung der Machtverteilung, ſei es zwiſchen Staaten, ſei es innerhalb eines Staates zwiſchen den Menſchengruppen, die er umſchließt.

Jeder Herrſchaftsbetrieb, welcher kontinuierliche Verwaltung erheiſcht, braucht einerſeits die Einſtellung menſchlichen Handelns auf den Gehorſam gegenüber jenen Herren, welche Träger der legitimen Gewalt zu ſein beanſpruchen, und andrerſeits, ver - mittelſt dieſes Gehorſams, die Verfügung über diejenigen Sachgüter, welche gegebenenfalls zur Durchführung der phy - ſiſchen Gewaltanwendung erforderlich ſind: den perſonalen Ver - waltungsſtab und die ſachlichen Verwaltungsmittel.

Das entſpricht im weſentlichen ja auch dem Sprachgebrauch. Wenn man von einer Frage ſagt: ſie ſei eine politiſche 5Frage, von einem Miniſter oder Beamten: er ſei ein poli - tiſcher Beamter, von einem Entſchluß: er ſei politiſch be - dingt, ſo iſt damit immer gemeint: Machtverteilungs -, Macht - erhaltungs - oder Machtverſchiebungsintereſſen ſind maßgebend für die Antwort auf jene Frage oder bedingen dieſen Ent - ſchluß oder beſtimmen die Tätigkeitsſphäre des betreffenden Beamten. Wer Politik treibt, erſtrebt Macht, Macht entweder als Mittel im Dienſt anderer Ziele idealer oder egoiſtiſcher oder Macht um ihrer ſelbſt willen : um das Preſtigegefühl, das ſie gibt, zu genießen.

Der Staat iſt, ebenſo wie die ihm geſchichtlich voraus - gehenden politiſchen Verbände, ein auf das Mittel der legi - timen (das heißt: als legitim angeſehenen) Gewaltſamkeit ge - ſtütztes Herrſchaftsverhältnis von Menſchen über Menſchen. Damit er beſtehe, müſſen ſich alſo die beherrſchten Menſchen der beanſpruchten Autorität der jeweils herrſchenden fügen. Wann und warum tun ſie das? Auf welche inneren Recht - fertigungsgründe und auf welche äußeren Mittel ſtützt ſich dieſe Herrſchaft?

Es gibt der inneren Rechtfertigungen, alſo: der Legitimi - tätsgründe einer Herrſchaft um mit ihnen zu beginnen im Prinzip drei. Einmal die Autorität des ewig Geſtrigen : der durch unvordenkliche Geltung und gewohnheitsmäßige Ein - ſtellung auf ihre Jnnehaltung geheiligten Sitte: traditio - nale Herrſchaft, wie ſie der Patriarch und der Patrimonial - fürſt alten Schlages übten. Dann: die Autorität der außer - alltäglichen perſönlichen Gnadengabe (Charisma), die ganz perſönliche Hingabe und das perſönliche Vertrauen zu Offenbarungen, Heldentum oder anderen Führereigenſchaften eines einzelnen: charismatiſche Herrſchaft, wie ſie der Pro - phet oder auf dem Gebiet des Politiſchen der gekorene Kriegsfürſt oder der plebiszitäre Herrſcher, der große Dem - agoge und politiſche Parteiführer ausüben. Endlich: Herr - ſchaft kraft Legalität , kraft des Glaubens an die Geltung legaler Satzung und der durch rational geſchaffene Regeln begründeten ſachlichen Kompetenz , alſo: der Einſtellung auf Gehorſam in der Erfüllung ſatzungsmäßiger Pflichten: eine6 Herrſchaft, wie ſie der moderne Staatsdiener und alle jene Träger von Macht ausüben, die ihm in dieſer Hinſicht ähneln. Es verſteht ſich, daß in der Realität höchſt maſſive Motive der Furcht und der Hoffnung Furcht vor der Rache magiſcher Mächte oder des Machthabers, Hoffnung auf jenſeitigen oder diesſeitigen Lohn und daneben Jntereſſen verſchiedenſter Art die Fügſamkeit bedingen. Davon ſogleich. Aber wenn man nach den Legitimitäts gründen dieſer Fügſam - keit fragt, dann allerdings ſtößt man auf dieſe drei reinen Typen. Und dieſe Legitimitätsvorſtellungen und ihre innere Be - gründung ſind für die Struktur der Herrſchaft von ſehr erheblicher Bedeutung. Die reinen Typen finden ſich freilich in der Wirk - lichkeit ſelten. Aber es kann heute auf die höchſt verwickelten Abwandlungen, Übergänge und Kombinationen dieſer reinen Typen nicht eingegangen werden: das gehört zu dem Problem der allgemeinen Staatslehre . Uns intereſſiert hier vor allem der zweite von jenen Typen: die Herrſchaft kraft Hingabe der Gehorchenden an das rein perſönliche Charisma des Führers . Denn hier wurzelt der Gedanke des Berufs in ſeiner höchſten Ausprägung. Die Hingabe an das Charisma des Propheten oder des Führers im Kriege oder des ganz großen Demagogen in der Ekkleſia oder im Parlament bedeutet ja, daß er perſönlich als der innerlich berufene Leiter der Menſchen gilt, daß dieſe ſich ihm nicht kraft Sitte oder Satzung fügen, ſondern weil ſie an ihn glauben. Er ſelbſt zwar lebt ſeiner Sache, trachtet nach ſeinem Werk , wenn er mehr iſt als ein enger und eitler Emporkömmling des Augenblicks. Seiner Perſon und ihren Qualitäten aber gilt die Hingabe ſeines Anhanges: der Jüngerſchaft, der Gefolgſchaft, der ganz perſönlichen Parteigängerſchaft. Jn den beiden in der Vergangenheit wichtigſten Figuren: des Magiers und Propheten einerſeits, des gekorenen Kriegsfürſten, Bandenführers, Condottiere ander - ſeits, iſt das Führertum in allen Gebieten und hiſtoriſchen Epochen aufgetreten. Dem Okzident eigentümlich iſt aber, was uns näher angeht: das politiſche Führertum in der Geſtalt zuerſt des freien Demagogen , der auf dem Boden des nur dem Abendland, vor allem der mittelländiſchen Kultur, eigenen7 Stadtſtaates, und dann des parlamentariſchen Parteiführers , der auf dem Boden des ebenfalls nur im Abendland boden - ſtändigen Verfaſſungsſtaates gewachſen iſt.

Dieſe Politiker kraft Berufes in des Wortes eigent - lichſter Bedeutung ſind nun aber natürlich nirgends die allein maßgebenden Figuren im Getriebe des politiſchen Macht - kampfes. Höchſt entſcheidend iſt vielmehr die Art der Hilfs - mittel, die ihnen zur Verfügung ſtehen. Wie fangen die politiſch herrſchenden Gewalten es an, ſich in ihrer Herrſchaft zu behaupten? Die Frage gilt für jede Art von Herrſchaft, alſo auch für die politiſche Herrſchaft in allen ihren Formen: für die traditionale ebenſo wie für die legale und die charis - matiſche.

Der Verwaltungsſtab, der den politiſchen Herrſchaftsbetrieb wie jeden anderen Betrieb in ſeiner äußeren Erſcheinung dar - ſtellt, iſt nun natürlich nicht nur durch jene Legitimitäts - vorſtellung, von der eben die Rede war, an den Gehorſam gegen - über dem Gewalthaber gekettet. Sondern durch zwei Mittel, welche an das perſönliche Jntereſſe appellieren: materieller Entgelt und[ſoziale] Ehre. Lehen der Vaſallen, Pfründen der Patrimonialbeamten, Gehalt der modernen Staatsdiener, Ritterehre, ſtändiſche Privilegien, Beamtenehre bilden den Lohn, und die Angſt, ſie zu verlieren, die letzte entſcheidende Grundlage für die Solidarität des Verwaltungsſtabes mit dem Gewalthaber. Auch für die charismatiſche Führerherrſchaft gilt das: Kriegsehre und Beute für die kriegeriſche, die spoils : Ausbeutung der Beherrſchten durch Ämtermonopol, politiſch bedingte Profite und Eitelkeitsprämien für die dem - agogiſche Gefolgſchaft.

Zur Aufrechterhaltung jeder gewaltſamen Herrſchaft bedarf es gewiſſer materieller äußerer Sachgüter, ganz wie bei einem wirtſchaftlichen Betrieb. Alle Staatsordnungen laſſen ſich nun danach gliedern, ob ſie auf dem Prinzip beruhen, daß jener Stab von Menſchen: Beamte oder wer ſie ſonſt ſein mögen , auf deren Gehorſam der Gewalthaber muß rechnen können, im eigenen Beſitze der Verwaltungsmittel, mögen ſie beſtehen in Geld, Gebäuden, Kriegsmaterial, Wagenparks,8 Pferden, oder was ſonſt immer, ſich befinden, oder ob der Verwaltungsſtab von den Verwaltungsmitteln getrennt iſt, im gleichen Sinn, wie heute der Angeſtellte und Proletarier inner - halb des kapitaliſtiſchen Betriebes getrennt iſt von den ſach - lichen Produktionsmitteln. Ob alſo der Gewalthaber die Ver - waltung in eigener von ihm organiſierter Regie hat und durch perſönliche Diener oder angeſtellte Beamte oder perſönliche Günſtlinge und Vertraute verwalten läßt, welche nicht Eigen - tümer: Beſitzer zu eigenem Recht, der ſachlichen Betriebsmittel ſind, ſondern vom Herrn darin dirigiert werden, oder ob das Gegenteil der Fall iſt. Der Unterſchied geht durch alle Ver - waltungsorganiſationen der Vergangenheit hindurch.

Einen politiſchen Verband, bei dem die ſachlichen Verwaltungs - mittel ganz oder teilweiſe in der Eigenmacht des abhängigen Verwaltungsſtabes ſich befinden, wollen wir einen ſtän - diſch gegliederten Verband nennen. Der Vaſall z. B. im Lehnsverband beſtritt die Verwaltung und Rechtspflege des ihm verlehnten Bezirks aus eigener Taſche, equipierte und ver - proviantierte ſich ſelbſt für den Krieg; ſeine Untervaſallen taten das gleiche. Das hatte natürlich Konſequenzen für die Machtſtellung des Herrn, die nur auf dem perſönlichen Treu - bund und darauf ruhte, daß der Lehnsbeſitz und die ſoziale Ehre des Vaſallen ihre Legitimität vom Herrn ableiteten.

Überall aber, bis in die früheſten politiſchen Bildungen zurück, finden wir auch die eigene Regie des Herrn: durch perſönlich von ihm Abhängige: Sklaven, Hausbeamte, Dienſt - leute, perſönliche Günſtlinge und aus ſeinen Vorratskammern mit Natural - und Gelddeputaten entlehnte Pfründner ſucht er die Verwaltung in eigene Hand zu bekommen, die Mittel aus eigener Taſche, aus Erträgniſſen ſeines Patrimoniums zu be - ſtreiten, ein rein perſönlich von ihm abhängiges, weil aus ſeinen Speichern, Magazinen, Rüſtkammern equipiertes und verproviantiertes Heer zu ſchaffen. Während im ſtändiſchen Verband der Herr mit Hilfe einer eigenſtändigen Ariſtokratie herrſcht, alſo mit ihr die Herrſchaft teilt, ſtützt er ſich hier entweder auf Haushörige oder auf Plebejer: beſitzloſe, der eigenen ſozialen Ehre entbehrende Schichten, die materiell9 gänzlich an ihn gekettet ſind und keinerlei konkurrierende eigene Macht unter den Füßen haben. Alle Formen patriarchaler und patrimonialer Herrſchaft, ſultaniſtiſcher Deſpotie und bureau - kratiſcher Staatsordnung gehören zu dieſem Typus. Jns - beſondere: die bureaukratiſche Staatsordnung, alſo die, in ihrer rationalſten Ausbildung, auch und gerade dem modernen Staat charakteriſtiſche.

Überall kommt die Entwicklung des modernen Staates da - durch in Fluß, daß von ſeiten des Fürſten die Enteignung der neben ihm ſtehenden ſelbſtändigen privaten Träger von Verwaltungsmacht: jener Eigenbeſitzer von Verwaltungs - und Kriegsbetriebsmitteln, Finanzbetriebsmitteln und politiſch verwendbaren Gütern aller Art, in die Wege geleitet wird. Der ganze Prozeß iſt eine vollſtändige Parallele zu der Ent - wicklung des kapitaliſtiſchen Betriebs durch allmähliche Ent - eignung der ſelbſtändigen Produzenten. Am Ende ſehen wir, daß in dem modernen Staat tatsächlich in einer einzigen Spitze die Verfügung über die geſamten politiſchen Betriebsmittel zuſammenläuft, kein einziger Beamter mehr perſönlicher Eigen - tümer des Geldes iſt, das er verausgabt, oder der Gebäude, Vorräte, Werkzeuge, Kriegsmaſchinen, über die er verfügt. Vollſtändig durchgeführt iſt alſo im heutigen Staat das iſt ihm begriffsweſentlich die Trennung des Verwaltungs - ſtabes: der Verwaltungsbeamten und Verwaltungsarbeiter, von den ſachlichen Betriebsmitteln. Hier ſetzt nun die aller - modernſte Entwicklung ein und verſucht vor unſeren Augen die Expropriation dieſes Expropriateurs der politiſchen Mittel und damit der politiſchen Macht in die Wege zu leiten. Das hat die Revolution wenigſtens inſofern geleiſtet, als an die Stelle der geſatzten Obrigkeiten Führer getreten ſind, welche durch Uſurpation oder Wahl ſich in die Verfügungsgewalt über den politiſchen Menſchenſtab und Sachgüterapparat geſetzt haben und ihre Legitimität einerlei mit wieviel Recht vom Willen der Beherrſchten ableiten. Eine andere Frage iſt, ob ſie auf Grund dieſes wenigſtens ſcheinbaren Er - folges mit Recht die Hoffnung hegen kann: auch die Expro - priation innerhalb der kapitaliſtiſchen Wirtſchaftsbetriebe durch -10 zuführen, deren Leitung ſich trotz weitgehender Analogien im Jnnerſten nach ganz anderen Geſetzen richtet als die politiſche Verwaltung. Dazu nehmen wir heute nicht Stellung. Jch ſtelle für unſere Betrachtung nur das rein Begriffliche feſt: daß der moderne Staat ein anſtaltsmäßiger Herrſchaftsverband iſt, der innerhalb eines Gebietes die legitime phyſiſche Gewalt - ſamkeit als Mittel der Herrſchaft zu monopoliſieren mit Er - folg getrachtet hat und zu dieſem Zweck die ſachlichen Be - triebsmittel in der Hand ſeiner Leiter vereinigt, die ſämtlichen eigenberechtigten ſtändiſchen Funktionäre aber, die früher zu Eigenrecht darüber verfügten, enteignet und ſich ſelbſt in ſeiner höchſten Spitze an deren Stelle geſetzt hat.

Jm Verlaufe dieſes politiſchen Enteignungsprozeſſes nun, der in allen Ländern der Erde mit wechſelndem Erfolge ſpielte, ſind, und zwar zuerſt im Dienſte der Fürſten, die erſten Kat - egorien von Berufspolitikern in einem zweiten Sinn auf - getreten, von Leuten, die nicht ſelbſt Herren ſein wollten, wie die charismatiſchen Führer, ſondern in den Dienſt von poli - tiſchen Herren traten. Sie ſtellten ſich in dieſem Kampfe den Fürſten zur Verfügung und machten aus der Beſorgung von deſſen Politik einen materiellen Lebenserwerb einerſeits, einen ideellen Lebensinhalt anderſeits. Wieder nur im Okzident finden wir dieſe Art von Berufspolitikern auch im Dienſt anderer Mächte als nur der Fürſten. Jn der Vergangenheit waren ſie deren wichtigſtes Macht - und politiſches Expropria - tionsinſtrument.

Machen wir uns, ehe wir näher auf ſie eingehen, den Sach - verhalt, den die Exiſtenz ſolcher Berufspolitiker darſtellt, nach allen Seiten unzweideutig klar. Man kann Politik treiben alſo: die Machtverteilung zwiſchen und innerhalb politiſcher Gebilde zu beeinfluſſen trachten ſowohl als Gelegenheits - politiker wie als nebenberuflicher oder hauptberuflicher Poli - tiker, genau wie beim ökonomiſchen Erwerb. Gelegenheits - politiker ſind wir alle, wenn wir unſeren Wahlzettel abgeben oder eine ähnliche Willensäußerung: etwa Beifall oder Proteſt in einer politiſchen Verſammlung, vollziehen, eine politiſche Rede halten uſw., und bei vielen Menſchen beſchränkt ſich11 ihre ganze Beziehung zur Politik darauf. Nebenberufliche Politiker ſind heute z. B. alle jene Vertrauensmänner und Vorſtände von parteipolitiſchen Vereinen, welche dieſe Tätig - keit wie es durchaus die Regel iſt nur im Bedarfsfalle ausüben und weder materiell noch ideell in erſter Linie daraus ihr Leben machen . Ebenſo jene Mitglieder von Staats - räten und ähnlichen Beratungskörperſchaften, die nur auf An - fordern in Funktion treten. Ebenſo aber auch ziemlich breite Schichten unſerer Parlamentarier, die nur in Zeiten der Seſſion Politik treiben. Jn der Vergangenheit finden wir ſolche Schichten namentlich unter den Ständen. Stände ſollen uns heißen die eigenberechtigten Beſitzer militäriſcher oder für die Verwaltung wichtiger ſachlicher Betriebsmittel oder per - sönlicher Herrengewalten. Ein großer Teil von ihnen war weit davon entfernt, ſein Leben ganz oder auch nur vorzugs - weiſe oder mehr als gelegentlich in den Dienſt der Politik zu ſtellen. Sie nützten vielmehr ihre Herrenmacht im Jntereſſe der Erzielung von Renten oder auch geradezu von Profit und wurden politiſch, im Dienſt des politiſchen Verbandes, nur tätig, wenn der Herr oder wenn ihre Standesgenoſſen dies beſonders verlangten. Nicht anders auch ein Teil jener Hilfskräfte, die der Fürſt im Kampf um die Schaffung eines politiſchen Eigenbetriebes, der nur ihm zur Verfügung ſtehen ſollte, heranzog. Die Räte von Haus aus und, noch weiter zurück, ein erheblicher Teil der in der Curia und den anderen beratenden Körperſchaften der Fürſten zuſammentretenden Rat - geber hatten dieſen Charakter. Aber mit dieſen nur gelegent - lichen oder nebenberuflichen Hilfskräften kam der Fürſt natürlich nicht aus. Er mußte ſich einen Stab von ganz und aus - ſchließlich ſeinem Dienſt gewidmeten, alſo hauptberuflichen, Hilfskräften zu ſchaffen ſuchen. Davon, woher er dieſe nahm, hing zum ſehr weſentlichen Teil die Struktur des entſtehenden dynaſtiſchen politiſchen Gebildes und nicht nur ſie, ſondern das ganze Gepräge der betreffenden Kultur ab. Erſt recht in die gleiche Notwendigkeit verſetzt waren diejenigen politiſchen Verbände, welche unter völliger Beſeitigung oder weitgehender Beſchränkung der Fürſtenmacht ſich als (ſogenannte) freie 12Gemeinweſen politiſch konſtituierten, frei nicht im Sinne der Freiheit von gewaltſamer Herrſchaft, ſondern im Sinne von: Fehlen der kraft Tradition legitimen (meiſt religiös ge - weihten) Fürſtengewalt als ausſchließlicher Quelle aller Auto - rität. Sie haben geſchichtlich ihre Heimſtätte durchaus im Okzident, und ihr Keim war: die Stadt als politiſcher Verband, als welcher ſie zuerſt im mittelländiſchen Kulturkreis aufgetreten iſt. Wie ſahen in all dieſen Fällen die hauptberuflichen Politiker aus?

Es gibt zwei Arten, aus der Politik ſeinen Beruf zu machen. Entweder: man lebt für die Politik oder aber: von der Politik. Der Gegenſatz iſt keineswegs ein exkluſiver. Jn aller Regel vielmehr tut man, mindeſtens ideell, meiſt aber auch materiell, beides: wer für die Politik lebt, macht im innerlichen Sinne ſein Leben daraus : er genießt entweder den nackten Beſitz der Macht, die er ausübt, oder er ſpeiſt ſein inneres Gleichgewicht und Selbſtgefühl aus dem Bewußt - ſein, durch Dienſt an einer Sache ſeinem Leben einen Sinn zu verleihen. Jn dieſem innerlichen Sinn lebt wohl jeder ernſte Menſch, der für eine Sache lebt, auch von dieſer Sache. Die Unterſcheidung bezieht ſich alſo auf eine viel maſſivere Seite des Sachverhaltes: auf die ökonomiſche. Von der Politik als Beruf lebt, wer danach ſtrebt, daraus eine dauernde Einnahmequelle zu machen, für die Politik der, bei dem dies nicht der Fall iſt. Damit jemand in dieſem ökonomiſchen Sinn für die Politik leben könne, müſſen unter der Herrſchaft der Privateigentumsordnung einige, wenn Sie wollen, ſehr triviale Vorausſetzungen vorliegen: er muß unter normalen Verhältniſſen ökonomiſch von den Einnahmen, welche die Politik ihm bringen kann, unabhängig ſein. Das heißt ganz einfach: er muß vermögend oder in einer privaten Lebensſtellung ſein, welche ihm auskömmliche Einkünfte ab - wirft. So ſteht es wenigſtens unter normalen Verhältniſſen. Zwar die Gefolgſchaft des Kriegsfürſten fragt ebenſowenig nach den Bedingungen normaler Wirtſchaft wie die Gefolgſchaft des revolutionären Helden der Straße. Beide leben von Beute, Raub, Konfiskationen, Kontributionen, Aufdrängung von wert -13 loſen Zwangszahlungsmitteln: was dem Weſen nach alles das Gleiche iſt. Aber das ſind notwendig außeralltägliche Er - ſcheinungen: in der Alltagswirtſchaft leiſtet nur eigenes Ver - mögen dieſen Dienſt. Aber damit allein nicht genug: er muß über - dies wirtſchaftlich abkömmlich ſein, d. h. ſeine Einkünfte dürfen nicht davon abhängen, daß er ſtändig perſönlich ſeine Arbeitskraft und ſein Denken voll oder doch weit überwiegend in den Dienſt ihres Erwerbes ſtellt. Abkömmlich in dieſem Sinne iſt nun am unbedingteſten: der Rentner, derjenige alſo, der vollkommen arbeitsloſes Einkommen, ſei es, wie die Grund - herren der Vergangenheit, die Großgrundbeſitzer und die Standesherren der Gegenwart, aus Grundrenten in der Antike und im Mittelalter auch Sklaven - oder Hörigenrenten oder aus Wertpapier - oder ähnlichen modernen Rentenquellen bezieht. Weder der Arbeiter, noch was ſehr zu beachten iſt der Unternehmer , auch und gerade der moderne Großunternehmer iſt in dieſem Sinn abkömmlich. Denn auch und gerade der Unternehmer der gewerbliche ſehr viel mehr als, bei dem Saiſoncharakter der Landwirtſchaft, der landwirtſchaftliche Unternehmer iſt an ſeinen Betrieb ge - bunden und nicht abkömmlich. Es iſt für ihn meiſt ſehr ſchwer, ſich auch nur zeitweilig vertreten zu laſſen. Ebenſo - wenig iſt dies z. B. der Arzt, je hervorragender und beſchäf - tigter er iſt, deſto weniger. Leichter ſchon, aus rein betriebs - techniſchen Gründen, der Advokat der deshalb auch als Berufspolitiker eine ungleich größere, oft eine geradezu be - herrſchende Rolle geſpielt hat. Wir wollen dieſe Kaſuiſtik nicht weiter verfolgen, ſondern wir machen uns einige Kon - ſequenzen klar.

Die Leitung eines Staates oder einer Partei durch Leute, welche (im ökonomiſchen Sinn des Wortes) ausſchließlich für die Politik und nicht von der Politik leben, bedeutet not - wendig eine plutokratiſche Rekrutierung der politiſch führen - den Schichten. Damit iſt freilich nicht auch das Umgekehrte ge - ſagt: daß eine ſolche plutokratiſche Leitung auch zugleich be - deutete, daß die politiſch herrſchende Schicht nicht auch von der Politik zu leben trachtete, alſo ihre politiſche Herrſchaft14 nicht auch für ihre privaten ökonomiſchen Jntereſſen auszunutzen pflegte. Davon iſt natürlich gar keine Rede. Es hat keine Schicht gegeben, die das nicht irgendwie getan hätte. Nur dies bedeutet es: daß die Berufspolitiker nicht unmittelbar für ihre politiſche Leiſtung Entgelt zu ſuchen genötigt ſind, wie das jeder Mittelloſe ſchlechthin in Anſpruch nehmen muß. Und andrerſeits bedeutet es nicht etwa, daß vermögensloſe Politiker lediglich oder auch nur vornehmlich ihre privatwirt - ſchaftliche Verſorgung durch die Politik im Auge hätten, nicht oder doch nicht vornehmlich an die Sache dächten. Nichts wäre unrichtiger. Dem vermögenden Mann iſt die Sorge um die ökonomiſche Sekurität ſeiner Exiſtenz erfahrungsgemäß be - wußt oder unbewußt ein Kardinalpunkt ſeiner ganzen Lebens - orientierung. Der ganz rückſichts - und vorausſetzungsloſe politiſche Jdealismus findet ſich, wenn nicht ausſchließlich, ſo doch wenigſtens gerade, bei den infolge ihrer Vermögensloſig - keit ganz außerhalb der an der Erhaltung der ökonomiſchen Ordnung einer beſtimmten Geſellſchaft ſtehenden Schichten: das gilt zumal in außeralltäglichen, alſo revolutionären, Epochen. Sondern nur dies bedeutet es: daß eine nicht plutokratiſche Rekrutierung der politiſchen Jntereſſenten, der Führerſchaft und ihrer Gefolgſchaft, an die ſelbſtverſtändliche Vorausſetzung gebunden iſt, daß dieſen Jntereſſenten aus dem Betrieb der Politik regelmäßige und verläßliche Einnahmen zufließen. Die Politik kann entweder ehrenamtlich und dann von, wie man zu ſagen pflegt, unabhängigen , d. h. vermögenden Leuten, Rentnern vor allem, geführt werden. Oder aber ihre Führung wird Vermögensloſen zugänglich gemacht, und dann muß ſie entgolten werden. Der von der Politik lebende Berufspolitiker kann ſein: reiner Pfründner oder be - ſoldeter Beamter . Entweder bezieht er dann Einnahmen aus Gebühren und Sporteln für beſtimmte Leiſtungen Trink - gelder und Beſtechungsſummen ſind nur eine regelloſe und formell illegale Abart dieſer Kategorie von Einkünften , oder er bezieht ein feſtes Naturaliendeputat oder Geldgehalt, oder beides nebeneinander. Er kann den Charakter eines Unternehmers annehmen, wie der Kondottiere oder der Amts -15 pächter oder Amtskäufer der Vergangenheit oder wie der amerikaniſche Boss, der ſeine Unkoſten wie eine Kapitalanlage anſieht, die er durch Ausnutzung ſeines Einfluſſes Ertrag bringen läßt. Oder er kann einen feſten Lohn beziehen, wie ein Redakteur oder Parteiſekretär oder ein moderner Miniſter oder politiſcher Beamter. Jn der Vergangenheit waren Lehen, Bodenſchenkungen, Pfründen aller Art, mit Entwicklung der Geldwirtſchaft aber beſonders Sportelpfründen der typiſche Ent - gelt von Fürſten, ſiegreichen Eroberern oder erfolgreichen Parteihäuptern für ihre Gefolgſchaft; heute ſind es Ämter aller Art in Parteien, Zeitungen, Genoſſenſchaften, Kranken - kaſſen, Gemeinden und Staaten, welche von den Parteiführern für treue Dienſte vergeben werden. Alle Parteikämpfe ſind nicht nur Kämpfe um ſachliche Ziele, ſondern vor allem auch: um Ämterpatronage. Alle Kämpfe zwiſchen partikula - riſtiſchen und zentraliſtiſchen Beſtrebungen in Deutſchland drehen ſich vor allem auch darum, welche Gewalten, ob die Berliner oder die Münchener, Karlsruher, Dresdener, die Ämterpatronage in der Hand haben. Zurückſetzungen in der Anteilnahme an den Ämtern werden von Parteien ſchwerer empfunden als Zuwiderhandlungen gegen ihre ſachlichen Ziele. Ein parteipolitiſcher Präfektenſchub in Frankreich galt immer als eine größere Umwälzung und erregte mehr Lärm als eine Modifikation des Regierungsprogramms, welches faſt rein phraſeologiſche Bedeutung hatte. Manche Parteien, ſo nament - lich die in Amerika, ſind ſeit dem Schwinden der alten Gegen - sätze über die Auslegung der Verfaſſung reine Stellenjäger - parteien, welche ihr ſachliches Programm je nach den Chancen des Stimmenfangs abändern. Jn Spanien wechſelten bis in die letzten Jahre in Geſtalt der von obenher fabrizierten Wahlen die beiden großen Parteien in konventionell feſt - ſtehendem Turnus ab, um ihre Gefolgſchaft in Ämtern zu verſorgen. Jn den ſpaniſchen Kolonialgebieten handelt es ſich ſowohl bei den ſogenannten Wahlen wie den ſogenannten Revolutionen ſtets um die Staatskrippe, an der die Sieger gefüttert zu werden wünſchen. Jn der Schweiz repartieren die Parteien im Wege des Proporzes die Ämter friedlich unter -16 einander, und manche unſerer revolutionären Verfaſſungs - entwürfe, ſo z. B. der erſte für Baden aufgeſtellte, wollte dies Syſtem auf die Miniſterſtellen ausdehnen und behandelte ſo den Staat und ſeine Ämter als reine Pfründnerverſorgungs - anſtalt. Vor allem die Zentrumspartei begeiſterte ſich dafür und machte in Baden die proportionale Verteilung der Ämter nach Konfeſſionen, alſo ohne Rückſicht auf die Leiſtung, ſogar zu einem Programmpunkt. Mit ſteigender Zahl der Ämter infolge der allgemeinen Bureaukratiſierung und ſteigendem Begehr nach ihnen als einer Form ſpezifiſch geſicherter Verſorgung ſteigt für alle Parteien dieſe Tendenz und werden ſie für ihre Gefolgſchaft immer mehr Mittel zum Zweck, derart verſorgt zu werden.

Dem ſteht nun aber gegenüber die Entwicklung des modernen Beamtentums zu einer ſpezialiſtiſch durch langjährige Vor - bildung fachgeſchulten hochqualifizierten geiſtigen Arbeiterſchaft mit einer im Jntereſſe der Jntegrität hochentwickelten ſtändiſchen Ehre, ohne welche die Gefahr furchtbarer Korruption und gemeinen Banauſentums als Schickſal über uns ſchweben und auch die rein techniſche Leiſtung des Staatsapparates bedrohen würde, deſſen Bedeutung für die Wirtſchaft, zumal mit zu - nehmender Sozialiſierung, ſtetig geſtiegen iſt und weiter ſteigen wird. Die Dilettantenverwaltung durch Beutepolitiker, welche in den Vereinigten Staaten Hunderttauſende von Beamten, bis zum Poſtboten hinunter, je nach dem Ausfall der Präſi - dentenwahl, wechſeln ließ und den lebenslänglichen Berufs - beamten nicht kannte, iſt längſt durch die Civil Service Reform durchlöchert. Rein techniſche, unabweisliche Bedürfniſſe der Verwaltung bedingen dieſe Entwicklung. Jn Europa iſt das arbeitſteilige Fachbeamtentum in einer Entwicklung von einem halben Jahrtauſend allmählich entſtanden. Die italieniſchen Städte und Signorien machten den Anfang; von den Monarchien die normanniſchen Erobererſtaaten. Bei den Finanzen der Fürſten geſchah der entſcheidende Schritt. Bei den Ver - waltungsreformen des Kaiſers Max kann man ſehen, wie ſchwer ſelbſt unter dem Druck der äußerſten Not und Türkenherrſchaft es den Beamten gelang, auf dieſem Gebiet, welches ja den17 Dilettantismus eines Herrſchers, der damals noch vor allem: ein Ritter war, am wenigſten vertrug, den Fürſten zu depoſſe - dieren. Die Entwicklung der Kriegſtechnik bedingte den Fach - offizier, die Verfeinerung des Rechtsganges den geſchulten Juriſten. Auf dieſen drei Gebieten ſiegte das Fachbeamtentum in den entwickelteren Staaten endgültig im 16. Jahrhundert. Damit war gleichzeitig mit dem Aufſtieg des Abſolutismus der Fürſten gegenüber den Ständen die allmähliche Abdankung ſeiner Selbſtherrſchaft an die Fachbeamten, durch die ihm jener Sieg über die Stände erſt ermöglicht wurde, eingeleitet.

Gleichzeitig mit dem Aufſtieg des fachgeſchulten Beamten - tums vollzog ſich auch wennſchon in weit unmerklicheren Übergängen die Entwicklung der leitenden Politiker . Von jeher und in aller Welt hatte es, ſelbſtverſtändlich, ſolche tatsächlich maßgeblichen Berater der Fürſten gegeben. Jm Orient hat das Bedürfnis, den Sultan von der perſönlichen Verantwortung für den Erfolg der Regierung möglichſt zu entlaſten, die typiſche Figur des Großweſirs geſchaffen. Jm Abendland wurde die Diplomatie, vor allem unter dem Einfluß der in diplomatiſchen Fachkreiſen mit leidenſchaftlichem Eifer geleſenen venezianiſchen Geſandtſchaftsberichte, im Zeit - alter Karls V. der Zeit Macchiavellis zuerſt eine be - wußt gepflegte Kunſt, deren meiſt humaniſtiſch gebildete Adepten ſich untereinander als eine geſchulte Schicht von Eingeweihten behandelten, ähnlich den humaniſtiſchen chineſiſchen Staatsmännern der letzten Teilſtaatenzeit. Die Notwendigkeit einer formell einheitlichen Leitung der geſamten Politik, einſchließlich der inneren, durch einen führenden Staatsmann entſtand endgültig und zwingend erſt durch die konſtitutionelle Entwicklung. Bis dahin hatte es zwar ſelbſtverſtändlich ſolche Einzelperſönlichkeiten als Berater oder vielmehr der Sache nach Leiter der Fürſten immer wieder gegeben. Aber die Organiſation der Behörden war zunächſt, auch in den am weiteſten vorgeſchrittenen Staaten, andere Wege gegangen. Kollegiale höchſte Verwaltungsbehörden waren entſtanden. Der Theorie und, in allmählich abnehmendem Maße, der Tatſache nach tagten ſie unter dem Vorſitz des Fürſten perſön -Weber, Geiſtige Arbeit als Beruf. II. 218lich, der die Entſcheidung gab. Durch dieſes kollegialiſche Syſtem, welches zu Gutachten, Gegengutachten und motivierten Voten der Mehrheit und Minderheit führte und ferner dadurch, daß er neben den offiziellen höchſten Behörden ſich mit rein perſön - lichen Vertrauten dem Kabinett umgab und durch dieſe ſeine Entſcheidungen auf die Beſchlüſſe des Staatsrats oder wie die höchſte Staatsbehörde ſonſt hieß abgab, ſuchte der Fürſt, der zunehmend in die Lage eines Dilettanten geriet, dem unvermeidlich wachſenden Gewicht der Fachſchulung der Beamten ſich zu entziehen und die oberſte Leitung in der Hand zu behalten: dieſer latente Kampf zwiſchen dem Fach - beamtentum und der Selbſtherrſchaft beſtand überall. Erſt gegenüber den Parlamenten und den Machtaſpirationen ihrer Parteiführer änderte ſich die Lage. Sehr verſchieden gelagerte Bedingungen führten doch zu dem äußerlich gleichen Ergebnis. Freilich mit gewiſſen Unterſchieden. Wo immer die Dynaſtien reale Macht in der Hand behielten wie namentlich in Deutſch - land , waren nun die Jntereſſen des Fürſten mit denen des Beamtentums ſolidariſch verknüpft gegen das Parlament und ſeine Machtanſprüche. Die Beamten hatten das Jnter - eſſe daran, daß auch die leitenden Stellen, alſo die Miniſter - poſten, aus ihren Reihen beſetzt, alſo Gegenſtände des Beamtenavancements, wurden. Der Monarch ſeinerſeits hatte das Jntereſſe daran, die Miniſter nach ſeinem Ermeſſen und aus den Reihen der ihm ergebenen Beamten ernennen zu können. Beide Teile aber waren daran intereſſiert, daß die politiſche Leitung dem Parlament einheitlich und geſchloſſen gegenübertrat, alſo: das Kollegialſyſtem durch einen einheitlichen Kabinettſchef erſetzt wurde. Der Monarch bedurfte überdies, ſchon um dem Parteikampf und den Parteiangriffen rein formell enthoben zu bleiben, einer ihn deckenden verantwort - lichen, das heißt: dem Parlament Rede ſtehenden und ihm entgegentretenden, mit den Parteien verhandelnden Einzel - perſönlichkeit. Alle dieſe Jntereſſen wirkten hier zuſammen in der gleichen Richtung: ein einheitlich führender Beamten - miniſter entſtand. Noch ſtärker wirkte in der Richtung der Vereinheitlichung die Entwicklung der Parlamentsmacht da,19 wo ſie wie in England die Oberhand gegenüber dem Monarchen gewann. Hier entwickelte ſich das Kabinett mit dem einheitlichen Parlamentsführer, dem Leader , an der Spitze, als ein Ausſchuß der von den offiziellen Geſetzen igno - rierten, tatsächlich aber allein politiſch entſcheidenden Macht: der jeweils im Beſitz der Mehrheit befindlichen Partei. Die offiziellen kollegialen Körperſchaften waren eben als ſolche keine Organe der wirklich herrſchenden Macht: der Partei, und konnten alſo nicht Träger der wirklichen Regierung ſein. Eine herrſchende Partei bedurfte vielmehr, um im Jnnern die Gewalt zu behaupten und nach außen große Politik treiben zu können, eines ſchlagkräftigen, nur aus ihren wirklich führenden Männern zuſammengeſetzten, vertraulich verhandelnden Or - ganes: eben des Kabinetts, der Öffentlichkeit, vor allem der parlamentariſchen Öffentlichkeit gegenüber aber eines für alle Entſchließungen verantwortlichen Führers: des Kabinettſchefs. Dies engliſche Syſtem iſt dann in Geſtalt der parlamentariſchen Miniſterien auf den Kontinent übernommen worden, und nur in Amerika und den von da aus beeinflußten Demokratien wurde ihm ein ganz heterogenes Syſtem gegenübergeſtellt, welches den erkorenen Führer der ſiegenden Partei durch direkte Volkswahl an die Spitze des von ihm ernannten Beamtenapparates ſtellte und ihn nur in Budget und Geſetz - gebung an die Zuſtimmung des Parlaments band.

Die Entwicklung der Politik zu einem Betrieb , der eine Schulung im Kampf um die Macht und in deſſen Methoden erforderte, ſo wie ſie das moderne Parteiweſen ent - wickelte, bedingte nun die Scheidung der öffentlichen Funktio - näre in zwei, allerdings keineswegs ſchroff, aber doch deutlich geſchiedene Kategorien: Fachbeamte einerſeits, politiſche Be - amte anderſeits. Die im eigentlichen Wortſinn politiſchen Beamten ſind äußerlich in der Regel daran kenntlich, daß ſie jederzeit beliebig verſetzt und entlaſſen oder doch zur Dis - poſition geſtellt werden können, wie die franzöſiſchen Präfekten und die ihnen gleichartigen Beamten anderer Länder, im ſchroff - ſten Gegenſatz gegen die Unabhängigkeit der Beamten mit richterlicher Funktion. Jn England gehören jene Beamten2*20dazu, die nach feſter Konvention bei einem Wechſel der Par - lamentsmehrheit und alſo des Kabinetts aus den Ämtern ſcheiden. Beſonders diejenigen pflegen dahin zu rechnen, deren Kompetenz die Beſorgung der allgemeinen inneren Verwal - tung umfaßt; und der politiſche Beſtandteil daran iſt vor allem die Aufgabe der Erhaltung der Ordnung im Lande, alſo: der beſtehenden Herrſchaftsverhältniſſe. Jn Preußen hatten dieſe Beamten nach dem Puttkamerſchen Erlaß, bei Vermeidung der Maßregelung, die Pflicht, die Politik der Regierung zu vertreten , und wurden, ebenſo wie in Frank - reich die Präfekten, als amtlicher Apparat zur Beeinfluſſung der Wahlen benutzt. Die meiſten politiſchen Beamten teilten zwar nach deutſchem Syſtem im Gegenſatz zu anderen Ländern die Qualität aller anderen inſofern, als die Er - langung auch dieſer Ämter an akademiſches Studium, Fach - prüfungen und einen beſtimmten Vorbereitungsdienſt gebunden war. Dieſes ſpezifiſche Merkmal des modernen Fachbeamten - tums fehlt bei uns nur den Chefs des politiſchen Apparates: den Miniſtern. Preußiſcher Kultusminiſter konnte man ſchon unter dem alten Regime ſein, ohne ſelbſt jemals eine höhere Unterrichtsanſtalt beſucht zu haben, während man Vortragen - der Rat grundsätzlich nur auf Grund der vorgeſchriebenen Prüfungen werden konnte. Der fachgeſchulte Dezernent und Vortragende Rat war ſelbſtverſtändlich z. B. unter Althoff im preußiſchen Unterrichtsminiſterium unendlich viel infor - mierter über die eigentlichen techniſchen Probleme des Faches als ſein Chef. Jn England ſtand es damit nicht anders. Er war infolgedeſſen auch für alle Alltagsbedürfniſſe der Mäch - tigere. Das war auch nichts an ſich Widerſinniges. Der Miniſter war eben der Repräſentant der politiſchen Macht - konſtellation, hatte dieſe politiſchen Maßſtäbe zu vertreten und an die Vorſchläge ſeiner unterſtellten Fachbeamten anzulegen oder ihnen die entſprechenden Direktiven politiſcher Art zu geben.

Ganz ähnlich ſteht es ja in einem privaten Wirtſchafts - betrieb: der eigentliche Souverän , die Aktionärverſammlung, iſt in der Betriebsführung ebenſo einflußlos wie ein von Fach -21 beamten regiertes Volk , und die für die Politik des Be - triebes ausſchlaggebenden Perſönlichkeiten, der von Banken beherrſchte Aufſichtsrat , geben nur die wirtſchaftlichen Direk - tiven und[leſen] die Perſönlichkeiten für die Verwaltung aus, ohne aber ſelbſt imſtande zu ſein, den Betrieb techniſch zu leiten. Jn - ſofern bedeutet auch die jetzige Struktur des Revolutionsſtaates, welcher abſoluten Dilettanten, kraft ihrer Verfügung über die Maſchinengewehre, die Macht über die Verwaltung in die Hand gibt und die fachgeſchulten Beamten nur als ausführende Köpfe und Hände benutzen möchte, keine grundsätzliche Neue - rung. Die Schwierigkeiten dieſes jetzigen Syſtems liegen anderswo als darin, ſollen uns aber heute nichts angehen.

Wir fragen vielmehr nun nach der typiſchen Eigenart der Berufspolitiker, ſowohl der Führer wie ihrer Gefolgſchaft. Sie hat gewechſelt und iſt auch heute ſehr verſchieden.

Berufspolitiker haben ſich in der Vergangenheit, wie wir ſahen, im Kampf der Fürſten mit den Ständen entwickelt im Dienſt der erſteren. Sehen wir uns ihre Haupttypen kurz an.

Gegen die Stände ſtützte ſich der Fürſt auf politiſch ver - wertbare Schichten nichtſtändiſchen Charakters. Dahin gehörten in Vorder - und Hinterindien, im buddhiſtiſchen China und Japan und in der lamaiſtiſchen Mongolei ganz ebenſo wie in den chriſtlichen Gebieten des Mittelalters zunächſt: die Kleriker. Techniſch deshalb, weil ſie ſchriftkundig waren. Überall iſt der Jmport von Brahmanen, buddhiſtiſchen Prieſtern, Lamas und die Verwendung von Biſchöfen und Prieſtern als poli - tiſche Berater unter dem Geſichtspunkt erfolgt, ſchreibkundige Verwaltungskräfte zu bekommen, die im Kampf des Kaiſers oder Fürſten oder Khans gegen die Ariſtokratie verwertet werden konnten. Der Kleriker, zumal der zölibatäre Kleriker, ſtand außerhalb des Getriebes der normalen politiſchen und ökonomiſchen Jntereſſen und kam nicht in Verſuchung, für ſeine Nachfahren eigene politiſche Macht gegenüber ſeinem Herrn zu erſtreben, wie es der Lehnsmann tat. Er war von den Betriebsmitteln der fürſtlichen Verwaltung durch ſeine eigenen ſtändiſchen Qualitäten getrennt .

Ein zweite derartige Schicht waren die humaniſtiſch ge -22 bildeten Literaten. Es gab eine Zeit, wo man lateiniſche Reden und griechiſche Verſe machen lernte, zu dem Zwecke, politiſcher Berater und vor allen Dingen politiſcher Denk - ſchriftenverfaſſer eines Fürſten zu werden. Das war die Zeit der erſten Blüte der Humaniſtenſchulen und der fürſtlichen Stiftungen von Profeſſuren der Poetik : bei uns eine ſchnell vorübergehende Epoche, die immerhin auf unſer Schulweſen nachhaltig eingewirkt hat, politiſch freilich keine tieferen Folgen hatte. Anders in Oſtaſien. Der chineſiſche Mandarin iſt oder vielmehr: war urſprünglich annähernd das, was der Humaniſt unſerer Renaiſſancezeit war: ein humaniſtiſch an den Sprach - denkmälern der fernen Vergangenheit geſchulter und geprüfter Literat. Wenn Sie die Tagebücher des Li-Hung-Tſchang leſen, finden Sie, daß noch er am meiſten ſtolz darauf iſt, daß er Gedichte machte und ein guter Kalligraph war. Dieſe Schicht mit ihren an der chineſiſchen Antike entwickelten Konventionen hat das ganze Schickſal Chinas beſtimmt, und ähnlich wäre vielleicht unſer Schickſal geweſen, wenn die Humaniſten ſeiner - zeit die geringſte Chance gehabt hätten, mit gleichem Erfolge ſich durchzuſetzen.

Die dritte Schicht war: der Hofadel. Nachdem es den Fürſten gelungen war, den Adel in ſeiner ſtändiſchen politiſchen Macht zu enteignen, zogen ſie ihn an den Hof und verwendeten ihn im politiſchen und diplomatiſchen Dienſt. Der Umſchwung unſeres Erziehungsweſens im 17. Jahrhundert war mit da - durch bedingt, daß an Stelle der humaniſtiſchen Literaten hof - adelige Berufspolitiker in den Dienſt der Fürſten traten.

Die vierte Kategorie war ein ſpezifiſch engliſches Gebilde; ein den Kleinadel und das ſtädtiſche Rentnertum umfaſſendes Patriziat, techniſch gentry genannt: eine Schicht, die urſprünglich der Fürſt gegen die Barone heranzog und in den Beſitz der Ämter des selfgovernment ſetzte, um ſpäter zu - nehmend von ihr abhängig zu werden. Sie hielt ſich im Beſitz der ſämtlichen Ämter der lokalen Verwaltung, indem ſie die - ſelben gratis übernahm im Jntereſſe ihrer eigenen ſozialen Macht. Sie hat England vor der Bureaukratiſierung bewahrt, die das Schickſal ſämtlicher Kontinentalſtaaten war. 23

Eine fünfte Schicht war dem Okzident, vor allem auf dem europäiſchen Kontinent, eigentümlich und war für deſſen ganze politiſche Struktur von ausſchlaggebender Bedeutung: die univerſitätsgeſchulten Juriſten. Die gewaltige Nachwirkung des römiſchen Rechts, wie es der bureaukratiſche ſpätrömiſche Staat umgebildet hatte, tritt in nichts deutlicher hervor als darin: daß überall die Revolutionierung des politiſchen Be - triebs im Sinne der Entwicklung zum rationalen Staat von geſchulten Juriſten getragen wurde. Auch in England, ob - wohl dort die großen nationalen Juriſtenzünfte die Rezeption des römiſchen Rechts hinderten. Man findet in keinem Gebiet der Erde dazu irgendeine Analogie. Alle Ansätze rationalen juriſtiſchen Denkens in der indiſchen Mimamſa-Schule und alle Weiterpflege des antiken juriſtiſchen Denkens im Jſlam haben die Überwucherung des rationalen Rechtsdenkens durch theologiſche Denkformen nicht hindern können. Vor allem wurde das Prozeßverfahren nicht voll rationaliſiert. Das hat nur die Übernahme der antik römiſchen Jurisprudenz, des Produkts eines aus dem Stadtſtaat zur Weltherrſchaft aufſteigenden poli - tiſchen Gebildes ganz einzigartigen Charakters, durch die italie - niſchen Juriſten zuwege gebracht, der Usus modernus der ſpätmittelalterlichen Pandektiſten und Kanoniſten, und die aus juriſtiſchem und chriſtlichem Denken geborenen und ſpäter ſäku - lariſierten Naturrechtſtheorien. Jm italieniſchen Podeſtat, in den franzöſiſchen Königsjuriſten, welche die formellen Mittel zur Untergrabung der Herrſchaft der Seigneurs durch die Königsmacht ſchufen, in den Kanoniſten und naturrechtlich denkenden Theologen des Konziliarismus, in den Hofjuriſten und gelehrten Richtern der kontinentalen Fürſten, in den niederländiſchen Naturrechtslehren und den Monarchomachen, in den engliſchen Kron - und den Parlamentsjuriſten, in der Noblesse de Robe der franzöſiſchen Parlamente, endlich in den Advokaten der Revolutionszeit hat dieſer juriſtiſche Rationalismus ſeine großen Repräſentanten gehabt. Ohne ihn iſt das Entſtehen des abſoluten Staates ſo wenig denkbar wie die Revolution. Wenn Sie die Remonſtrationen der franzö - ſiſchen Parlamente oder die Cahiers der franzöſiſchen General -24 ſtände ſeit dem 16. Jahrhundert bis in das Jahr 1789 durch - ſehen, finden Sie überall: Juriſtengeiſt. Und wenn Sie die Berufszugehörigkeit der Mitglieder des franzöſiſchen Konvents durchmuſtern, ſo finden Sie da obwohl er nach gleichem Wahl - recht gewählt war einen einzigen Proletarier, ſehr wenige bürgerliche Unternehmer, dagegen maſſenhaft Juriſten aller Art, ohne die der ſpezifiſche Geiſt, der dieſe radikalen Jntellek - tuellen und ihre Entwürfe beſeelte, ganz undenkbar wäre. Der moderne Advokat und die moderne Demokratie gehören ſeitdem ſchlechthin zuſammen, und Advokaten in unſerem Sinn, als ein ſelbſtändiger Stand, exiſtieren wiederum nur im Okzident, ſeit dem Mittelalter, wo ſie aus dem Fürſprech des formaliſtiſchen germaniſchen Prozeßverfahrens unter dem Einfluß der Rationaliſierung des Prozeſſes ſich entwickelten.

Die Bedeutung der Advokaten in der okzidentalen Politik ſeit dem Aufkommen der Parteien iſt nichts Zufälliges. Der politiſche Betrieb durch Parteien bedeutet eben: Jntereſſenten - betrieb wir werden bald ſehen, was das beſagen will. Und eine Sache für Jntereſſenten wirkungsvoll zu führen iſt das Handwerk des geſchulten Advokaten. Er iſt darin das hat uns die Überlegenheit der feindlichen Propaganda lehren können jedem Beamten überlegen. Gewiß kann er eine durch logiſch ſchwache Argumente geſtützte, in dieſem Sinn: ſchlechte Sache dennoch ſiegreich, alſo techniſch gut , führen. Aber auch nur er führt eine durch logiſch ſtarke Argumente zu ſtützende, in dieſem Sinn gute Sache ſiegreich, alſo in dieſem Sinn gut . Der Beamte als Politiker macht nur allzu oft durch techniſch ſchlechte Führung eine in jenem Sinn gute Sache zur ſchlechten : das haben wir er - leben müſſen. Denn die heutige Politik wird nun einmal in hervorragendem Maße in der Öffentlichkeit mit den Mitteln des geſprochenen oder geſchriebenen Wortes geführt. Deſſen Wirkung abzuwägen, liegt im eigentlichſten Aufgabenkreiſe des Advokaten, gar nicht aber des Fachbeamten, der kein Demagoge iſt und, ſeinem Zweck nach, ſein ſoll, und wenn er es doch zu werden unternimmt, ein ſehr ſchlechter Demagoge zu werden pflegt. 25

Der echte Beamte das iſt für die Beurteilung unſeres früheren Regimes entſcheidend ſoll ſeinem eigentlichen Beruf nach nicht Politik treiben, ſondern: verwalten , un - parteiiſch vor allem, auch für die ſogenannten politiſchen Verwaltungsbeamten gilt das, offiziell wenigſtens, ſoweit nicht die Staatsräſon , d. h. die Lebensintereſſen der herrſchenden Ordnung, in Frage ſtehen. Sine ira et studio, ohne Zorn und Eingenommenheit ſoll er ſeines Amtes walten. Er ſoll alſo gerade das nicht tun, was der Politiker, der Führer ſowohl wie ſeine Gefolgſchaft, immer und notwendig tun muß: kämpfen. Denn Parteinahme, Kampf, Leidenſchaft ira et ſtudium ſind das Element des Politikers. Und vor allem: des politiſchen Führers. Deſſen Handeln ſteht unter einem ganz anderen, gerade entgegengeſetzten Prinzip der Ver - antwortung, als die des Beamten iſt. Ehre des Beamten iſt die Fähigkeit, wenn trotz ſeiner Vorſtellungen die ihm vorgeſetzte Behörde auf einem ihm falſch erſcheinenden Befehl beharrt, ihn auf Verantwortung des Befehlenden gewiſſenhaft und genau ſo auszuführen, als ob er ſeiner eigenen Über - zeugung entſpräche: ohne dieſe im höchſten Sinn ſittliche Dis - ziplin und Selbſtverleugnung zerfiele der ganze Apparat. Ehre des politiſchen Führers, alſo: des leitenden Staatsmannes, iſt dagegen gerade die ausſchließliche Eigenverantwortung für das, was er tut, die er nicht ablehnen oder abwälzen kann und darf. Gerade ſittlich hochſtehende Beamtennaturen ſind ſchlechte, vor allem im politiſchen Begriff des Wortes ver - antwortungsloſe und in dieſem Sinn: ſittlich tiefſtehende Politiker: ſolche, wie wir ſie leider in leitenden Stellungen immer wieder gehabt haben: das iſt es, was wir Beamten - herrſchaft nennen; und es fällt wahrlich kein Flecken auf die Ehre unſeres Beamtentums, wenn wir das politiſch, vom Standpunkt des Erfolges aus gewertet, Falſche dieſes Syſtems bloßlegen. Aber kehren wir noch einmal zu den Typen der politiſchen Figuren zurück.

Der Demagoge iſt ſeit dem Verfasſungsſtaat und vollends ſeit der Demokratie der Typus des führenden Politikers im Okzident. Der unangenehme Beigeſchmack des Wortes darf26 nicht vergeſſen laſſen, daß nicht Kleon, ſondern Perikles der erſte war, der dieſen Namen trug. Amtlos oder mit dem im Gegenſatz zu den durchs Los beſetzten Ämtern der antiken Demokratie einzigen Wahlamt: dem des Oberſtrategen, be - traut, leitete er die ſouveräne Ekkleſia des Demos von Athen. Die moderne Demagogie bedient ſich zwar auch der Rede: in quantitativ ungeheuerlichem Umfang ſogar, wenn man die Wahl - reden bedenkt, die ein moderner Kandidat zu halten hat. Aber noch nachhaltiger doch: des gedruckten Worts. Der politiſche Publiziſt und vor allem der Journaliſt iſt der wichtigſte heutige Repräſentant der Gattung.

Die Soziologie der modernen politiſchen Journaliſtik auch nur zu ſkizzieren, wäre im Rahmen dieſes Vortrags ganz un - möglich und iſt in jeder Hinſicht ein Kapitel für ſich. Nur weniges gehört unbedingt hierher. Der Journaliſt teilt mit allen Demagogen und übrigens wenigſtens auf dem Kon - tinent und im Gegenſatz zu den engliſchen und übrigens auch zu den früheren preußiſchen Zuſtänden auch mit dem Advo - katen (und dem Künſtler) das Schickſal: der feſten ſozialen Klaſſifikation zu entbehren. Er gehört zu einer Art von Paria - kaſte, die in der Geſellſchaft ſtets nach ihren ethiſch tiefſt - ſtehenden Repräſentanten ſozial eingeſchätzt wird. Die ſeltſamſten Vorſtellungen über die Journaliſten und ihre Arbeit ſind daher landläufig. Daß eine wirklich gute journaliſtiſche Leiſtung mindeſtens ſo viel Geiſt beanſprucht wie irgendeine Gelehrten - leiſtung vor allem infolge der Notwendigkeit, ſofort, auf Kommando, hervorgebracht zu werden und: ſofort wirken zu ſollen, bei freilich ganz anderen Bedingungen der Schöpfung, iſt nicht jedermann gegenwärtig. Daß die Verantwortung eine weit größere iſt, und daß auch das Verantwortungsgefühl jedes ehrenhaften Journaliſten im Durchſchnitt nicht im min - deſten tiefer ſteht als das des Gelehrten: ſondern höher, wie der Krieg gelehrt hat , wird faſt nie gewürdigt, weil natur - gemäß gerade die verantwortungsloſen journaliſtiſchen Leiſtungen, ihrer oft furchtbaren Wirkung wegen, im Gedächt - nis haften. Daß vollends die Diskretion der irgendwie tüch - tigen Journaliſten durchſchnittlich höher ſteht als die anderer27 Leute, glaubt niemand. Und doch iſt es ſo. Die ganz un - vergleichlich viel ſchwereren Verſuchungen, die dieſer Beruf mit ſich bringt, und die ſonſtigen Bedingungen journaliſtiſchen Wirkens in der Gegenwart erzeugen jene Folgen, welche das Publikum gewöhnt haben, die Preſſe mit einer Miſchung von Verachtung und jämmerlicher Feigheit zu betrachten. Über das, was da zu tun iſt, kann heute nicht geſprochen werden. Uns intereſſiert hier die Frage nach dem politiſchen Be - rufsſchickſal der Journaliſten, ihrer Chance, in politiſche Führerſtellungen zu gelangen. Sie war bisher nur in der ſozialdemokratiſchen Partei günſtig. Aber innerhalb ihrer hatten Redakteurſtellen weit überwiegend den Charakter einer Beamtenſtellung, nicht aber waren ſie die Grundlage einer Führerpoſition.

Jn den bürgerlichen Parteien hatte ſich, im ganzen genommen, gegenüber der vorigen Generation die Chance des Aufſtiegs zur politiſchen Macht auf dieſem Wege eher verſchlechtert. Preſſeeinfluß und alſo Preſſebeziehungen benötigte natürlich jeder Politiker von Bedeutung. Aber daß Parteiführer aus den Reihen der Preſſe hervorgingen, war man ſollte es nicht erwarten durchaus die Ausnahme. Der Grund liegt in der ſtark geſtiegenen Unabkömmlichkeit des Journa - liſten, vor allem des vermögensloſen und alſo berufsgebundenen Journaliſten, welche durch die ungeheure Steigerung der Jn - tenſität und Aktualität des journaliſtiſchen Betriebes bedingt iſt. Die Notwendigkeit des Erwerbs durch tägliches oder doch wöchentliches Schreiben von Artikeln hängt Politikern wie ein Klotz am Bein, und ich kenne Beiſpiele, wo Führernaturen dadurch geradezu dauernd im Machtaufſtieg äußerlich und vor allem: innerlich gelähmt worden ſind. Daß die Beziehungen der Preſſe zu den herrſchenden Gewalten im Staat und in den Parteien unter dem alten Regime dem Niveau des Jour - nalismus ſo abträglich wie möglich waren, iſt ein Kapitel für ſich. Dieſe Verhältniſſe lagen in den gegneriſchen Ländern anders. Aber auch dort und für alle modernen Staaten galt, ſcheint es, der Satz: daß der journaliſtiſche Arbeiter immer weniger, der kapitaliſtiſche Preſſemagnat nach Art etwa28 des Lord Northcliffe immer mehr politiſchen Einfluß ge - winnt.

Bei uns waren allerdings bisher die großen kapitaliſtiſchen Zeitungskonzerne, welche ſich vor allem der Blätter mit kleinen Anzeigen , der Generalanzeiger , bemächtigt hatten, in aller Regel die typiſchen Züchter politiſcher Jndifferenz. Denn an ſelbſtändiger Politik war nichts zu verdienen, vor allem nicht das geſchäftlich nützliche Wohlwollen der politiſch herrſchenden Gewalten. Das Jnſeratengeſchäft iſt auch der Weg, auf dem man während des Krieges den Verſuch einer politiſchen Be - einfluſſung der Preſſe im großen Stil gemacht hat und jetzt, wie es ſcheint, fortſetzen will. Wenn auch zu erwarten iſt, daß die große Preſſe ſich dem entziehen wird, ſo iſt die Lage für die kleinen Blätter doch weit ſchwieriger. Jedenfalls aber iſt bei uns zurzeit die journaliſtiſche Laufbahn, ſo viel Reiz ſie im übrigen haben und welches Maß von Einfluß und Wirkungsmöglichkeit, vor allem: von politiſcher Verantwortung, ſie einbringen mag, nicht man muß vielleicht abwarten, ob: nicht mehr oder: noch nicht ein normaler Weg des Auf - ſtiegs politiſcher Führer. Ob die von manchen nicht allen Journaliſten für richtig gehaltene Aufgabe des Anonymitäts - prinzips darin etwas ändern würde, läßt ſich ſchwer ſagen. Was wir in der deutſchen Preſſe während des Krieges an Leitung von Zeitungen durch beſonders angeworbene ſchrift - ſtelleriſch begabte Perſönlichkeiten, die dabei ſtets ausdrücklich unter ihrem Namen auftraten, erlebten, hat in einigen be - kannteren Fällen leider gezeigt: daß ein erhöhtes Ver - antwortungsgefühl auf dieſem Wege nicht ſo ſicher gezüchtet wird, wie man glauben könnte. Es waren ohne Partei - unterſchied zum Teil gerade die notoriſch übelſten Boule - vard-Blätter, die damit einen erhöhten Abſatz erſtrebten und auch erreichten. Vermögen haben die betreffenden Herren, die Verleger wie auch die Senſationsjournaliſten, gewonnen, Ehre gewiß nicht. Damit ſoll nun gegen das Prinzip nichts geſagt ſein; die Frage liegt ſehr verwickelt, und jene Er - ſcheinung gilt auch nicht allgemein. Aber es iſt bisher nicht der Weg zu echtem Führertum oder verantwort -29 lichem Betrieb der Politik geweſen. Wie ſich die Ver - hältniſſe weiter geſtalten werden, bleibt abzuwarten. Unter allen Umſtänden bleibt aber die journaliſtiſche Laufbahn einer der wichtigſten Wege der berufsmäßigen politiſchen Tätigkeit. Ein Weg nicht für jedermann. Am wenigſten für ſchwache Charaktere, insbeſondere für Menſchen, die nur in einer ge - ſicherten ſtändiſchen Lage ihr inneres Gleichgewicht behaupten können. Wenn ſchon das Leben des jungen Gelehrten auf Haſard geſtellt iſt, ſo ſind doch feſte ſtändiſche Konventionen um ihn gebaut und hüten ihn vor Entgleiſung. Das Leben des Journaliſten aber iſt in jeder Hinſicht Haſard ſchlechthin, und zwar unter Bedingungen, welche die innere Sicherheit in einer Art auf die Probe ſtellen wie wohl kaum eine andere Situation. Die oft bitteren Erfahrungen im Berufsleben ſind vielleicht nicht einmal das Schlimmſte. Gerade an den erfolgreichen Journaliſten werden beſonders ſchwierige innere Anforderungen geſtellt. Es iſt durchaus keine Kleinigkeit, in den Salons der Mächtigen der Erde auf ſcheinbar gleichem Fuß, und oft allgemein umſchmeichelt, weil gefürchtet, zu ver - kehren und dabei zu wiſſen, daß, wenn man kaum aus der Tür iſt, der Hausherr ſich vielleicht wegen ſeines Verkehrs mit den Preſſebengeln bei ſeinen Gäſten beſonders recht - fertigen muß, wie es erſt recht keine Kleinigkeit iſt, über alles und jedes, was der Markt gerade verlangt, über alle denkbaren Probleme des Lebens, ſich prompt und dabei über - zeugend äußern zu ſollen, ohne nicht nur der abſoluten Ver - flachung, ſondern vor allem der Würdeloſigkeit der Selbſt - entblößung und ihren unerbittlichen Folgen zu verfallen. Nicht das iſt erſtaunlich, daß es viele menſchlich entgleiſten oder entwerteten Journaliſten gibt, ſondern daß trotz allem gerade dieſe Schicht eine ſo große Zahl wertvoller und ganz echter Menſchen in ſich ſchließt, wie Außenſtehende es nicht leicht vermuten.

Wenn der Journaliſt als Typus des Berufspolitikers auf eine immerhin ſchon erhebliche Vergangenheit zurückblickt, ſo iſt die Figur des Parteibeamten eine ſolche, die erſt der Entwicklung der letzten Jahrzehnte und, teilweiſe, Jahre30 angehört. Wir müſſen uns einer Betrachtung des Partei - weſens und der Parteiorganiſation zuwenden, um dieſe Figur in ihrer entwicklungsgeſchichtlichen Stellung zu begreifen.

Jn allen irgendwie umfangreichen, das heißt über den Be - reich und Aufgabenkreis kleiner ländlicher Kantone hinaus - gehenden politiſchen[Verbänden] mit periodiſchen Wahlen der Ge - walthaber iſt der politiſche Betrieb notwendig: Jnter - eſſentenbetrieb. Das heißt, eine relativ kleine Zahl primär am politiſchen Leben, alſo an der Teilnahme an der politiſchen Macht, Jntereſſierter ſchaffen ſich Gefolgſchaft durch freie Werbung, präſentieren ſich oder ihre Schutzbefohlenen als Wahlkandidaten, ſammeln die Geldmittel und gehen auf den Stimmenfang. Es iſt unerfindlich, wie in großen Ver - bänden Wahlen ohne dieſen Betrieb überhaupt ſachgemäß zu - ſtande kommen ſollten. Praktiſch bedeutet er die Spaltung der wahlberechtigten Staatsbürger in politiſch aktive und politiſch paſſive Elemente, und da dieſer Unterſchied auf Frei - willigkeit beruht, ſo kann er durch keinerlei Maßregeln, wie Wahlpflicht oder berufsſtändiſche Vertretung oder der - gleichen ausdrücklich oder tatsächlich gegen dieſen Tatbeſtand und damit gegen die Herrſchaft der Berufspolitiker gerichteten Vorſchläge beſeitigt werden. Führerſchaft und Gefolgſchaft, als aktive Elemente freier Werbung: der Gefolgſchaft ſowohl wie, durch dieſe, der paſſiven Wählerſchaft für die Wahl des Führers, ſind notwendige Lebenselemente jeder Partei. Ver - ſchieden aber iſt ihre Struktur. Die Parteien etwa der mittelalterlichen Städte, wie die Guelfen und Ghibellinen, waren rein perſönliche Gefolgſchaften. Wenn man das Statuto della[parte] Guelfa anſieht, die Konfiskation der Güter der Nobili das hieß urſprünglich aller derjenigen Familien, die ritterlich lebten, alſo lehnsfähig waren , ihren Aus - ſchluß von Ämtern und Stimmrecht, die interlokalen Partei - ausſchüſſe und die ſtreng militäriſchen Organiſationen und ihre Denunziantenprämien, ſo fühlt man ſich an den Bolſchewis - mus mit ſeinen Sowjets, ſeinen ſtreng geſiebten Militär - und in Rußland vor allem Spitzelorganiſationen, der Ent - waffnung und politiſchen Entrechtung der Bürger , das heißt31 der Unternehmer, Händler, Rentner, Geiſtlichen, Abkömmlinge der Dynaſtie, Polizeiagenten, und ihre Konfiskationen er - innert. Und wenn man auf der einen Seite ſieht, daß die Militärorganiſation der Partei ein nach Matrikeln zu ge - ſtaltendes reines Ritterheer war und Adlige faſt alle führen - den Stellen einnahmen, die Sowjets aber ihrerſeits den hoch - entgoltenen Unternehmer, den Akkordlohn, das Taylorſyſtem, die Militär - und Werkſtattdisziplin beibehalten oder vielmehr wieder einführen und nach ausländiſchem Kapital Umſchau halten, mit einem Wort alſo: ſchlechthin alle von ihr als bürgerliche Klaſſeneinrichtungen bekämpften Dinge wieder an - nehmen mußten, um überhaupt Staat und Wirtſchaft in Be - trieb zu erhalten, und daß ſie überdies als Hauptinſtrument ihrer Staatsgewalt die Agenten der alten Ochrana wieder in Betrieb genommen haben, ſo wirkt dieſe Analogie noch frappanter. Wir haben es aber hier nicht mit ſolchen Ge - waltſamkeitsorganiſationen zu tun, ſondern mit Berufs - politikern, welche durch nüchterne friedliche Werbung der Partei auf dem Wahlſtimmenmarkt zur Macht zu gelangen ſtreben.

Auch dieſe Parteien in unſerem üblichen Sinn waren zu - nächſt, z. B. in England, reine Gefolgſchaften der Ariſto - kratie. Mit jedem aus irgendeinem Grunde erfolgenden Wechſel der Partei ſeitens eines Peer trat alles, was von ihm abhängig war, gleichfalls zur Gegenpartei über. Die großen Familien des Adels, nicht zuletzt der König, hatten bis zur Reformbill die Patronage einer Unmaſſe von Wahl - kreiſen. Dieſen Adelsparteien nahe ſtehen die Honoratioren - parteien, wie ſie mit Aufkommen der Macht des Bürgertums ſich überall entwickelten. Die Kreiſe von Bildung und Be - ſitz unter der geiſtigen Führung der typiſchen Jntellektuellen - ſchichten des Okzidents ſchieden ſich, teils nach Klaſſeninter - eſſen, teils nach Familientradition, teils rein ideologiſch bedingt, in Parteien, die ſie leiteten. Geiſtliche, Lehrer, Profeſſoren, Advokaten, Ärzte, Apotheker, vermögliche Land - wirte, Fabrikanten in England jene ganze Schicht, die ſich zu den gentlemen rechnet bildeten zunächſt Gelegenheits -32 verbände, allenfalls lokale politiſche Klubs; in erregten Zeiten meldete ſich das Kleinbürgertum, gelegentlich einmal das Prole - tariat, wenn ihm Führer erſtanden, die aber in aller Regel nicht aus ſeiner Mitte ſtammten. Jn dieſem Stadium beſtehen interlokal organiſierte Parteien als Dauerverbände draußen im Lande überhaupt noch nicht. Den Zuſammenhalt ſchaffen lediglich die Parlamentarier; maßgebend für die Kandidatenaufſtellung ſind die örtlichen Honoratioren. Die Programme entſtehen teils durch die Werbeaufrufe der Kandidaten, teils in Anlehnung an Honoratiorenkongreſſe oder Parlamentsparteibeſchlüſſe. Nebenamtlich und ehrenamtlich läuft, als Gelegenheitsarbeit, die Leitung der Klubs oder, wo dieſe fehlen (wie meiſt), der gänzlich formloſe Betrieb der Politik ſeitens der wenigen dauernd daran Jntereſſierten in normalen Zeiten; nur der Jour - naliſt iſt bezahlter Berufspolitiker, nur der Zeitungsbetrieb kon - tinuierlicher politiſcher Betrieb überhaupt. Daneben nur die Parlamentsſeſſion. Die Parlamentarier und parlamentariſchen Parteileiter wiſſen zwar, an welche örtlichen Honoratioren man ſich wendet, wenn eine politiſche Aktion erwünſcht erſcheint. Aber nur in großen Städten beſtehen dauernd Vereine der Parteien mit mäßigen Mitgliederbeiträgen und periodiſchen Zuſammenkünften und öffentlichen Verſammlungen zum Rechen - ſchaftsbericht des Abgeordneten. Leben beſteht nur in der Wahlzeit.

Das Jntereſſe der Parlamentarier an der Möglichkeit inter - lokaler Wahlkompromiſſe und an der Schlagkraft einheitlicher, von breiten Kreiſen des ganzen Landes anerkannter Pro - gramme und einheitlicher Agitation im Lande überhaupt bildet die Triebkraft des immer ſtrafferen Parteizuſammenſchluſſes. Aber wenn nun ein Netz von örtlichen Parteivereinen auch in den mittleren Städten und daneben von Vertrauensmännern über das Land geſpannt wird, mit denen ein Mitglied der Parlamentspartei als Leiter des zentralen Parteibureaus in dauernder Korreſpondenz ſteht, bleibt im Prinzip der Charakter des Parteiapparates als eines Honoratiorenverbandes un - verändert. Bezahlte Beamte fehlen außerhalb des Zentral - bureaus noch; es ſind durchweg angeſehene Leute, welche33 um der Schätzung willen, die ſie ſonſt genießen, die örtlichen Vereine leiten: die außerparlamentariſchen Honoratioren , die neben der politiſchen Honoratiorenſchicht der einmal im Par - lament ſitzenden Abgeordneten Einfluß üben. Die geiſtige Nahrung für Preſſe und örtliche Verſammlungen beſchafft allerdings zunehmend die von der Partei herausgegebene Parteikorreſpondenz. Regelmäßige Mitgliederbeiträge werden unentbehrlich; ein Bruchteil muß den Geldkoſten der Zentrale dienen. Jn dieſem Stadium befanden ſich noch vor nicht allzu langer Zeit die meiſten deutſchen Parteiorganiſationen. Jn Frankreich vollends herrſchte teilweiſe noch das erſte Stadium: der ganz labile Zuſammenſchluß der Parlamentarier und im Lande draußen die kleine Zahl der örtlichen Honoratioren, Programme durch die Kandidaten oder für ſie von ihren Schutzpatronen im Einzelfall bei der Bewerbung aufgeſtellt, wenn auch unter mehr oder minder örtlicher Anlehnung an Beſchlüſſe und Programme der Parlamentarier. Erſt teil - weiſe war dies Syſtem durchbrochen. Die Zahl der haupt - beruflichen Politiker war dabei gering und ſetzte ſich im weſent - lichen aus den gewählten Abgeordneten, den wenigen An - geſtellten der Zentrale, den Journaliſten und in Frankreich im übrigen aus jenen Stellenjägern zuſammen, die ſich in einem politiſchen Amt befanden oder augenblicklich ein ſolches er - ſtrebten. Die Politik war formell weit überwiegend Neben - beruf. Auch die Zahl der miniſtrablen Abgeordneten war eng begrenzt, aber wegen des Honoratiorencharakters auch die der Wahlkandidaten. Die Zahl der indirekt an dem politiſchen Be - trieb, vor allem materiell, Jntereſſierten war aber ſehr groß. Denn alle Maßregeln eines Miniſteriums und vor allem alle Erledigungen von Perſonalfragen ergingen unter der Mit - wirkung der Frage nach ihrem Einfluß auf die Wahlchancen, und alle und jede Art von Wünſchen ſuchte man durch Ver - mittlung des örtlichen Abgeordneten durchzuſetzen, dem der Miniſter, wenn er zu ſeiner Mehrheit gehörte und das er - ſtrebte daher jedermann , wohl oder übel Gehör ſchenken mußte. Der einzelne Deputierte hatte die Amtspatronage und überhaupt jede Art von Patronage in allen[Angelegenheiten]Weber, Geiſtige Arbeit als Beruf. II. 334ſeines Wahlkreiſes und hielt ſeinerſeits, um wiedergewählt zu werden, Verbindung mit den örtlichen Honoratioren.

Dieſem idylliſchen Zuſtand der Herrſchaft von Honoratioren - kreiſen und vor allem: der Parlamentarier, ſtehen nun die modern - ſten Formen der Parteiorganiſation ſcharf abweichend gegenüber. Sie ſind Kinder der Demokratie, des Maſſenwahlrechts, der Notwendigkeit der Maſſenwerbung und Maſſenorganiſation, der Entwicklung höchſter Einheit der Leitung und ſtrengſter Disziplin. Die Honoratiorenherrſchaft und die Lenkung durch die Parlamentarier hört auf. Hauptberufliche Politiker außerhalb der Parlamente nehmen den Betrieb in die Hand. Entweder als Unternehmer wie der amerikaniſche Boss und auch der engliſche Election agent es der Sache nach waren oder als feſt beſoldeter Beamter. Formell findet eine weitgehende Demokratiſierung ſtatt. Nicht mehr die Parlamentsfraktion ſchafft die maßgeblichen Programme und nicht mehr die örtlichen Honoratioren haben die Auf - ſtellung der Kandidaten in der Hand, ſondern Verſammlungen der organiſierten Parteimitglieder wählen die Kandidaten aus und delegieren Mitglieder in die Verſammlungen höherer Ordnung, deren es bis zum allgemeinen Parteitag hinauf möglicherweiſe mehrere gibt. Der Tatſache nach liegt aber natürlich die Macht in den Händen derjenigen, welche kon - tinuierlich innerhalb des Betriebes die Arbeit leiſten, oder aber derjenigen, von welchen z. B. als Mäcenaten oder Leitern mächtiger politiſcher Jntereſſentenklubs (Tammany - Hall) der Betrieb in ſeinem Gang pekuniär oder perſonal abhängig iſt. Das Entſcheidende iſt, daß dieſer ganze Menſchen - apparat die Maſchine , wie man ihn in den angelsächſiſchen Ländern bezeichnenderweiſe nennt oder vielmehr diejenigen, die ihn leiten, den Parlamentariern Schach bieten und ihnen ihren Willen ziemlich weitgehend aufzuzwingen in der Lage ſind. Und das hat beſonders Bedeutung für die Ausleſe der Füh - rung der Partei. Führer wird nun derjenige, dem die Maſchine folgt, auch über den Kopf des Parlaments. Die Schaffung ſolcher Maſchinen bedeutet, mit anderen Worten, den Einzug der plebiszitären Demokratie. 35

Die Parteigefolgſchaft, vor allem der Parteibeamte und - unternehmer, erwarten vom Siege ihres Führers ſelbſtver - ſtändlich perſönlichen Entgelt: Ämter oder andere Vorteile. Von ihm nicht oder doch nicht nur von den einzelnen Par - lamentariern: das iſt das Entſcheidende. Sie erwarten vor allem: daß die demagogiſche Wirkung der Führerperſön - lichkeit im Wahlkampf der Partei Stimmen und Mandate, damit Macht zuführen und dadurch jene Chancen ihrer An - hänger, für ſich den erhofften Entgelt zu finden, möglichſt aus - weiten werde. Und ideell iſt die Genugtuung, für einen Menſchen in gläubiger perſönlicher Hingabe und nicht nur für ein abſtraktes Programm einer aus Mittelmäßigkeiten be - ſtehenden Partei zu arbeiten: dies charismatiſche Element allen Führertums, eine der Triebfedern.

Jn ſehr verſchiedenem Maß und in ſtetem latenten Kampf mit den um ihren Einfluß ringenden örtlichen Honoratioren und den Parlamentariern rang ſich dieſe Form durch. Jn den bürgerlichen Parteien zuerſt in den Vereinigten Staaten, dann in der ſozialdemokratiſchen Partei vor allem Deutſch - lands. Stete Rückſchläge treten ein, ſobald einmal kein all - gemein anerkannter Führer da iſt, und Konzeſſionen aller Art müſſen, auch wenn er da iſt, der Eitelkeit und Jntereſſiertheit der Parteihonoratioren gemacht werden. Vor allem aber kann auch die Maſchine unter die Herrſchaft der Partei - beamten geraten, in deren Händen die regelmäßige Arbeit liegt. Nach Anſicht mancher ſozialdemokratiſcher Kreiſe ſei ihre Partei dieſer Bureaukratiſierung verfallen geweſen. Jndeſſen Beamte fügen ſich einer demagogiſch ſtark wirken - den Führerperſönlichkeit relativ leicht: ihre materiellen und ideellen Jntereſſen ſind ja intim mit der durch ihn erhofften Auswirkung der Parteimacht verknüpft, und die Arbeit für einen Führer iſt an ſich innerlich befriedigender. Weit ſchwerer iſt der Aufſtieg von Führern da, wo wie in den bürger - lichen Parteien meiſt neben den Beamten die Honora - tioren den Einfluß auf die Partei in Händen haben. Denn dieſe machen ideell ihr Leben aus dem Vorſtands - oder Ausſchußmitgliedspöſtchen, das ſie innehaben. Reſſentiment3*36gegen den Demagogen als homo novus, die Überzeugung von der Überlegenheit parteipolitiſcher Erfahrung die nun einmal auch tatsächlich von erheblicher Bedeutung iſt und die ideologiſche Beſorgnis vor dem Zerbrechen der alten Partei - traditionen beſtimmen ihr Handeln. Und in der Partei haben ſie alle traditionaliſtiſchen Elemente für ſich. Vor allem der ländliche, aber auch der kleinbürgerliche Wähler ſieht auf den ihm von alters her vertrauten Honoratiorennamen und mißtraut dem ihm unbekannten Mann, um freilich, wenn dieſer einmal den Erfolg für ſich gehabt hat, nun ihm um ſo uner - ſchütterlicher anzuhängen. Sehen wir uns an einigen Haupt - beiſpielen dieſes Ringen der beiden Strukturformen und das namentlich von Oſtrogorſki geſchilderte Hochkommen der ple - biszitären Form einmal an.

Zunächſt England: dort war die Parteiorganiſation bis 1868 eine faſt reine Honoratioren-Organiſation. Die Tories ſtützten ſich auf dem Lande etwa auf den anglikaniſchen Pfarrer, daneben meiſt den Schulmeiſter und vor allem die Groß - beſitzer der betreffenden county, die Whigs meiſt auf ſolche Leute wie den nonconformiſtiſchen Prediger (wo es ihn gab), den Poſthalter, Schmied, Schneider, Seiler, ſolche Handwerker alſo, von denen weil man mit ihnen am meiſten plaudern kann politiſcher Einfluß ausgehen konnte. Jn der Stadt ſchieden ſich die Parteien teils nach ökonomiſchen, teils nach religiöſen, teils einfach nach in den Familien überkommenen Parteimeinungen. Jmmer aber waren Honoratioren die Träger des politiſchen Betriebes. Darüber ſchwebte das Parlament und die Parteien mit dem Kabinett und mit dem leader , der der Vorſitzende des Miniſterrates oder der Oppoſition war. Dieſer leader hatte neben ſich die wichtigſte berufs - politiſche Perſönlichkeit der Parteiorganiſation: den Ein - peitſcher (whip). Jn ſeinen Händen lag die Ämterpatronage; an ihn hatten ſich alſo die Stellenjäger zu wenden, er benahm ſich darüber mit den Deputierten der einzelnen Wahlkreiſe. Jn dieſen begann ſich langſam eine Berufspolitikerſchicht zu ent - wickeln, indem lokale Agenten geworben wurden, die zunächſt unbezahlt waren und ungefähr die Stellung unſerer Ver -37 trauensmänner einnahmen. Daneben aber entwickelte ſich für die Wahlkreiſe eine kapitaliſtiſche Unternehmergeſtalt: der Election Agent , deſſen Exiſtenz in der modernen, die Wahl - reinheit ſichernden Geſetzgebung Englands unvermeidlich war. Dieſe Geſetzgebung verſuchte, die Wahlkoſten zu kontrollieren und der Macht des Geldes entgegenzutreten, indem ſie den Kandidaten verpflichtete, anzugeben, was ihn die Wahl ge - koſtet hatte: denn der Kandidat hatte weit mehr, als dies früher auch bei uns vorkam außer den Strapazen ſeiner Stimme auch das Vergnügen, den Geldbeutel zu ziehen. Der Election Agent ließ ſich von ihm eine Pauſchalſumme zahlen, wobei er ein gutes Geſchäft zu machen pflegte. Jn der Machtverteilung zwiſchen leader und Parteihonoratioren, im Parlament und im Lande, hatte der erſtere in England von jeher, aus zwingenden Gründen der Ermöglichung einer großen und dabei ſtetigen Politik, eine ſehr bedeutende Stellung. Jmmerhin war aber der Einfluß auch der Parlamentarier und Parteihonoratioren noch erheblich.

So etwa ſah die alte Parteiorganiſation aus, halb Honoratioren - wirtſchaft, halb bereits Angeſtellten - und Unternehmerbetrieb. Seit 1868 aber entwickelte ſich zuerſt für lokale Wahlen in Birming - ham, dann im ganzen Lande, das Caucus - Syſtem. Ein non - conformiſtiſcher Pfarrer und neben ihm Joſef Chamberlain riefen dieſes Syſtem ins Leben. Anlaß war die[Demokrati - ſierung] des Wahlrechts. Zur Maſſengewinnung wurde es notwendig, einen ungeheuren Apparat von demokratiſch aus - ſehenden Verbänden ins Leben zu rufen, in jedem Stadt - quartier einen Wahlverband zu bilden, unausgeſetzt den Betrieb in Bewegung zu halten, alles ſtraff zu bureaukratiſieren: zunehmend angeſtellte bezahlte Beamte, von den lokalen Wahlkomitees, in denen bald im ganzen vielleicht 10% der Wähler organiſiert waren, gewählte Hauptvermittler mit Kooptationsrecht als formelle Träger der Parteipolitik. Die treibende Kraft waren die lokalen, vor allem die an der Kommunalpolitik überall der Quelle der fetteſten materiellen Chancen intereſſierten Kreiſe, die auch die Finanzmittel in erſter Linie aufbrachten. Dieſe neuentſtehende, nicht mehr parlamentariſch geleitete38 Maſchine hatte ſehr bald Kämpfe mit den bisherigen Macht - habern zu führen, vor allem mit dem whip, beſtand aber, ge - ſtützt auf die lokalen Jntereſſenten, den Kampf derart ſiegreich, daß der whip ſich fügen und mit ihr paktieren mußte. Das Reſultat war eine Zentraliſation der ganzen Gewalt in der Hand der wenigen und letztlich der einen Perſon, die an der Spitze der Partei ſtand. Denn in der liberalen Partei war das ganze Syſtem aufgekommen in Verbindung mit dem Empor - ſteigen Gladſtones zur Macht. Das Faszinierende der Glad - ſtoneſchen großen Demagogie, der feſte Glaube der Maſſen an den ethiſchen Gehalt ſeiner Politik und vor allem an den ethiſchen Charakter ſeiner Perſönlichkeit war es, der dieſe Maſchine ſo ſchnell zum Siege über die Honoratioren führte. Ein cäſariſtiſch-plebiszitäres Element in der Politik: der Diktator des Wahlſchlachtfeldes, trat auf den Plan. Das äußerte ſich ſehr bald. 1877 wurde der Caucus zum erſtenmal bei den ſtaatlichen Wahlen tätig. Mit glänzendem Erfolg: Disraelis Sturz mitten in ſeinen großen Erfolgen war das Reſultat. 1866 war die Maſchine bereits derart vollſtändig charismatiſch an der Perſon orientiert, daß, als die Home-rule-Frage auf - gerollt wurde, der ganze Apparat von oben bis unten nicht fragte: Stehen wir ſachlich auf dem Boden Gladſtones?, ſondern einfach auf das Wort Gladſtones mit ihm abſchwenkte und ſagte: Was er tut, wir folgen ihm und ſeinen eigenen Schöpfer, Chamberlain, im Stich ließ.

Dieſe Maſchinerie bedarf eines erheblichen Perſonenapparates[. ]Es ſind immerhin wohl 2000 Perſonen in England, die direkt von der Politik der Parteien leben. Sehr viel zahlreicher ſind freilich diejenigen, die rein als Stellenjäger oder als Jnter - eſſenten in der Politik mitwirken, namentlich innerhalb der Gemeindepolitik. Neben den ökonomiſchen Chancen ſtehen für den brauchbaren Caucus-Politiker Eitelkeitſchancen. J. P. oder gar M. P. zu werden, iſt naturgemäß Streben des höchſten (normalen) Ehrgeizes, und ſolchen Leuten, die eine gute Kinderſtube aufzuweiſen hatten, « gentlemen » waren, wird das zuteil. Als Höchſtes winkte, insbeſondere für große Geldmäzenaten die Finanzen der Parteien beruhten zu39 vielleicht 50% auf Spenden ungenannt bleibender Geber die Peers-Würde.

Was war nun der Effekt des ganzen Syſtems? Daß heute die engliſchen Parlamentarier mit Ausnahme der paar Mit - glieder des Kabinetts (und einiger Eigenbrödler) normaler - weiſe nichts andres als gut diszipliniertes Stimmvieh ſind. Bei uns im Reichſtag pflegte man zum mindeſten durch Er - ledigung von Privatkorreſpondenz auf dem Schreibtiſch vor ſeinem Platz zu markieren, daß man für das Wohl des Landes tätig ſei. Derartige Geſten werden in England nicht verlangt; das Parlamentsmitglied hat nur zu ſtimmen und nicht Partei - verrat zu begehen; es hat zu erſcheinen, wenn die Einpeitſcher rufen, zu tun, was je nachdem das Kabinett oder was der leader der Oppoſition verfügt. Die Caucus-Maſchine draußen im Lande vollends iſt, wenn ein ſtarker Führer da iſt, faſt ge - ſinnungslos und ganz in den Händen des leader. Über dem Parlament ſteht alſo damit der faktiſch plebiszitäre Diktator, der die Maſſen vermittelſt der Maſchine hinter ſich bringt, und für den die Parlamentarier nur politiſche Pfründner ſind, die in ſeiner Gefolgſchaft ſtehen.

Wie findet nun die Ausleſe dieſer Führerſchaft ſtatt? Zu - nächſt: nach welcher Fähigkeit? Dafür iſt nächſt den über - all in der Welt entſcheidenden Qualitäten des Willens natürlich die Macht der demagogiſchen Rede vor allem maß - gebend. Jhre Art hat ſich geändert von den Zeiten her, wo ſie ſich, wie bei Cobden, an den Verſtand wandte, zu Gladſtone, der ein Techniker des ſcheinbar nüchternen die-Tatſachen - ſprechen-laſſens war, bis zur Gegenwart, wo vielfach rein emotional mit Mitteln, wie ſie auch die Heilsarmee ver - wendet, gearbeitet wird, um die Maſſen in Bewegung zu ſetzen. Den beſtehenden Zuſtand darf man wohl eine Diktatur, beruhend auf der Ausnutzung der Emotionalität der Maſſen , nennen. Aber das ſehr entwickelte Syſtem der Komitee - arbeit im engliſchen Parlament ermöglicht es und zwingt auch jeden Politiker, der auf Teilnahme an der Führung reflektiert, dort mitzuarbeiten. Alle erheblichen Miniſter der letzten Jahrzehnte haben dieſe ſehr reale und wirkſame Arbeitsſchulung40 hinter ſich, und die Praxis der Berichterſtattung und öffentlichen Kritik an dieſen Beratungen bedingt es, daß dieſe Schule eine wirkliche Ausleſe bedeutet und den bloßen Demagogen ausſchaltet.

So in England. Das dortige caucus-Syſtem war aber nur eine abgeſchwächte Form, verglichen mit der amerikaniſchen Parteiorganiſation, die das plebiszitäre Prinzip beſonders früh und beſonders rein zur Ausprägung brachte. Das Amerika Washingtons ſollte nach ſeiner Jdee ein von gentlemen ver - waltetes Gemeinweſen ſein. Ein gentleman war damals auch drüben ein Grundherr oder ein Mann, der Collegeerziehung hatte. So war es auch zunächſt. Als ſich Parteien bildeten, nahmen anfangs die Mitglieder des Repräſentantenhauſes in Anſpruch, Leiter zu ſein wie in England zur Zeit der Honoratiorenherrſchaft. Die Parteiorganiſation war ganz locker. Das dauerte bis 1824. Schon vor den zwanziger Jahren war in manchen Gemeinden die auch hier die erſte Stätte der modernen Entwicklung waren die Parteimaſchine im Werden. Aber erſt die Wahl von Andrew Jackſon zum Präſi - denten, des Kandidaten der Bauern des Weſtens, warf die alten Traditionen über den Haufen. Das formelle Ende der Leitung der Parteien durch führende Parlamentarier iſt bald nach 1840 eingetreten, als die großen Parlamentarier Calhoun, Webſter aus dem politiſchen Leben ausſchieden, weil das Parlament gegenüber der Parteimaſchine draußen im Lande faſt jede Macht verloren hatte. Daß die plebiszitäre Maſchine in Amerika ſich ſo früh entwickelte, hatte ſeinen Grund darin, daß dort, und nur dort, das Haupt der Exekutive und darauf kam es an der Chef der Amtspatronage ein plebiszitär gewählter Präſident und daß er infolge der Gewaltenteilung in ſeiner Amtsführung vom Parlament faſt unabhängig war. Ein richtiges Beuteobjekt von Amtspfründen winkte alſo als Lohn des Sieges gerade bei der Präſidentenwahl. Durch das von Andrew Jackſon nun ganz ſyſtematiſch zum Prinzip erhobene spoil system wurde die Konſequenz daraus gezogen.

Was bedeutet dies spoil system die Zuwendung aller Bundesämter an die Gefolgſchaft des ſiegreichen Kandidaten für die Parteibildung heute? Daß ganz geſinnungsloſe Parteien41 einander gegenüberſtehen, reine Stellenjägerorganiſationen, die für den einzelnen Wahlkampf ihre wechſelnden Programme je nach der Chance des Stimmenfanges machen in einem Maße wechſelnd, wie dies trotz aller Analogien doch ander - wärts ſich nicht findet. Die Parteien ſind eben ganz und gar zugeſchnitten auf den für die Amtspatronage wichtigſten Wahl - kampf: den um die Präſidentſchaft der Union und um die Governorſtellen der Einzelſtaaten. Programme und Kandidaten werden in den Nationalkonventionen der Parteien ohne Jnter - vention der Parlamentarier feſtgeſtellt: von Parteitagen alſo, die formell ſehr demokratiſch von Delegiertenver - ſammlungen beſchickt wurden, welche ihrerſeits ihr Mandat den primaries , den Urwählerverſammlungen der Partei, verdanken. Schon in den primaries werden die Delegierten auf den Namen der Staatsoberhauptskandidaten gewählt; innerhalb der einzelnen Parteien tobt der erbittertſte Kampf um die Frage der Nomination . Jn den Händen des Präſidenten liegen immerhin 300 000-400 000 Beamten - ernennungen, die von ihm, nur unter Zuziehung von Senatoren der Einzelſtaaten, vollzogen werden. Die Senatoren ſind alſo mächtige Politiker. Das Repräſentantenhaus dagegen iſt politiſch relativ ſehr machtlos, weil ihm die Beamtenpatronage entzogen iſt, und die Miniſter, reine Gehilfen des vom Volk gegen jedermann, auch das Parlament legitimierten Präſi - denten, unabhängig von ſeinem Vertrauen oder Mißtrauen ihres Amtes walten können: eine Folge der Gewalten - teilung .

Das dadurch geſtützte spoil system war in Amerika techniſch möglich, weil bei der Jugend der amerikaniſchen Kultur eine reine Dilettantenwirtſchaft ertragen werden konnte. Denn 300 000 400 000 ſolcher Parteileute, die nichts für ihre Quali - fikation anzuführen hatten als die Tatſache, daß ſie ihrer Partei gute Dienſte geleiſtet hatten, dieſer Zuſtand konnte ſelbſtverſtändlich nicht beſtehen ohne ungeheure Übelſtände: Korruption und Vergeudung ohnegleichen, die nur ein Land mit noch unbegrenzten ökonomiſchen Chancen ertrug.

Diejenige Figur nun, die mit dieſem Syſtem der plebiszitären42 Parteimaſchine auf der Bildfläche erſcheint, iſt: der Boss . Was iſt der Boss? Ein politiſcher kapitaliſtiſcher Unter - nehmer, der für ſeine Rechnung und Gefahr Wahlſtimmen herbeiſchafft. Er kann als Rechtsanwalt oder Kneipwirt oder Jnhaber ähnlicher Betriebe oder etwa als Kreditgeber ſeine erſten Beziehungen gewonnen haben. Von da aus ſpinnt er ſeine Fäden weiter, bis er eine beſtimmte Anzahl von Stimmen zu kontrollieren vermag. Hat er es ſo weit gebracht, ſo tritt er mit den Nachbarbosses in Verbindung, erregt durch Eifer, Geſchicklichkeit und vor allen Dingen: Diskretion die Aufmerkſamkeit derjenigen, die es in der Karriere ſchon weiter gebracht haben, und ſteigt nun auf. Der Boss iſt unentbehrlich für die Organiſation der Partei. Die liegt zentraliſiert in ſeiner Hand. Er beſchafft ſehr weſentlich die Mittel. Wie kommt er zu ihnen? Nun, teilweiſe durch Mitgliederbeiträge; vor allem durch Beſteuerung der Gehälter jener Beamten, die durch ihn und ſeine Partei ins Amt kamen. Dann durch Beſtechungs - und Trinkgelder. Wer eines der zahlreichen Geſetze ungeſtraft verletzen will, bedarf der Konnivenz der Bosses und muß ſie bezahlen. Sonſt erwachſen ihm un - weigerlich Unannehmlichkeiten. Aber damit allein iſt das er - forderliche Betriebskapital noch nicht beſchafft. Der Boss iſt unentbehrlich als direkter Empfänger des Geldes der großen Finanzmagnaten. Die würden keinem bezahlten Parteibeamten oder irgendeinem öffentlich rechnunglegenden Menſchen über - haupt Geld für Wahlzwecke anvertrauen. Der Boss mit ſeiner klüglichen Diskretion in Geldſachen iſt ſelbſtverſtändlich der Mann derjenigen kapitaliſtiſchen Kreiſe, welche die Wahl finanzieren. Der typiſche Boss iſt ein abſolut nüchterner Mann. Er ſtrebt nicht nach ſozialer Ehre; der professional iſt verachtet innerhalb der guten Geſellſchaft . Er ſucht aus - ſchließlich Macht, Macht als Geldquelle, aber auch: um ihrer ſelbſt willen. Er arbeitet im Dunklen, das iſt ſein Gegenſatz zum engliſchen leader. Man wird ihn ſelbſt nicht öffentlich reden hören; er ſuggeriert den Rednern, was ſie in zweck - mäßiger Weiſe zu ſagen haben, er ſelbſt aber ſchweigt. Er nimmt in aller Regel kein Amt an, außer dem des Senators43 im Bundesſenat. Denn da die Senatoren an der Amtspatronage kraft Verfaſſung beteiligt ſind, ſitzen die leitenden Bosses oft in Perſon in dieſer Körperſchaft. Die Vergebung der Ämter erfolgt in erſter Linie nach der Leiſtung für die Partei. Aber auch der Zuſchlag gegen Geldgebote kam vielfach vor, und es exiſtierten für einzelne Ämter beſtimmte Taxen: ein Ämter - verkaufsſyſtem, wie es die Monarchien des 17. und 18. Jahr - hunderts mit Einſchluß des Kirchenſtaates ja auch vielfach kannten.

Der Boss hat keine feſten politiſchen Prinzipien , er iſt vollkommen geſinnungslos und fragt nur: Was fängt Stimmen? Er iſt nicht ſelten ein ziemlich ſchlecht erzogener Mann. Er pflegt aber in ſeinem Privatleben einwandfrei und korrekt zu leben. Nur in ſeiner politiſchen Ethik paßt er ſich natur - gemäß der einmal gegebenen Durchſchnittsethik des politiſchen Handelns an, wie ſehr viele von uns in der Zeit des Hamſterns auch auf dem Gebiete der ökonomiſchen Ethik getan haben dürften. Daß man ihn als professional , als Berufspolitiker, geſellſchaftlich verachtet, ficht ihn nicht an. Daß er ſelbſt nicht in die großen Ämter der Union gelangt und gelangen will, hat dabei den Vorzug: daß nicht ſelten parteifremde Jntelligenzen: Notabilitäten alſo, und nicht immer wieder die alten Partei - honoratioren wie bei uns, in die Kandidatur hineinkommen, wenn die Bosses ſich davon Zugkraft bei den Wahlen ver - ſprechen. Gerade die Struktur dieſer geſinnungsloſen Parteien mit ihren geſellſchaftlich verachteten Machthabern hat daher tüchtigen Männern zur Präſidentſchaft verholfen, die bei uns niemals hochgekommen wären. Freilich, gegen einen Outsider, der ihren Geld - und Machtquellen gefährlich werden könnte, ſträuben ſich die Bosses. Aber im Konkurrenzkampf um die Gunſt der Wähler haben ſie nicht ſelten ſich zur Akzeptierung gerade von ſolchen Kandidaten herbeilaſſen müſſen, die als Korruptionsgegner galten.

Hier iſt alſo ein ſtark kapitaliſtiſcher, von oben bis unten ſtraff durchorganiſierter Parteibetrieb vorhanden, geſtützt auch durch die überaus feſten, ordensartig organiſierten Klubs von der Art von Tammany Hall, die ausſchließlich die Profiterzielung44 durch politiſche Beherrſchung vor allem von Kommunalver - waltungen auch hier des wichtigſten Ausbeutungsobjektes erſtreben. Möglich war dieſe Struktur des Parteilebens in - folge der hochgradigen Demokratie der Vereinigten Staaten als eines Neulandes . Dieſer Zuſammenhang nun be - dingt, daß dies Syſtem im langſamen Abſterben begriffen iſt. Amerika kann nicht mehr nur durch Dilettanten regiert werden. Von amerikaniſchen Arbeitern bekam man noch vor 15 Jahren auf die Frage, warum ſie ſich ſo von Politikern regieren ließen, die ſie ſelbſt zu verachten erklärten, die Antwort: Wir haben lieber Leute als Beamte, auf die wir ſpucken, als wie bei euch eine Beamtenkaſte, die auf uns ſpuckt. Das war der alte Standpunkt amerikaniſcher Demokratie : die Sozialiſten dachten ſchon damals völlig anders. Der Zuſtand wird nicht mehr ertragen. Die Dilettantenverwaltung reicht nicht mehr aus, und die Civil Service Reform ſchafft lebenslängliche penſionsfähige Stellen in ſtets wachſender Zahl und be - wirkt ſo, daß auf der Univerſität geſchulte Beamte, genau ſo unbeſtechlich und tüchtig wie die unſrigen in die Ämter kommen. Rund 100 000 Ämter ſind ſchon jetzt nicht mehr im Wahl - turnus Beuteobjekt, ſondern penſionsfähig und an Qualifikations - nachweis geknüpft. Das wird das spoil system langſam mehr zurücktreten laſſen, und die Art der Parteileitung wird ſich dann wohl ebenfalls umbilden, wir wiſſen nur noch nicht, wie.

Jn Deutſchland waren die entſcheidenden Bedingungen des politiſchen Betriebes bisher im weſentlichen folgende. Erſtens: Machtloſigkeit der Parlamente. Die Folge war: daß kein Menſch, der Führerqualität hatte, dauernd hineinging. Geſetzt den Fall, man wollte hineingehen, was konnte man dort tun? Wenn eine Kanzleiſtelle frei wurde, konnte man dem betreffenden Ver - waltungſchef ſagen: ich habe in meinem Wahlkreis einen ſehr tüchtigen Mann, der wäre geeignet, nehmen ſie den doch. Und das geſchah gern. Das war aber ſo ziemlich alles, was ein deutſcher Parlamentarier für die Befriedigung ſeiner Macht - inſtinkte erreichen konnte, wenn er ſolche hatte. Dazu trat und dies zweite Moment bedingte das erſte : die ungeheure Bedeutung des geſchulten Fachbeamtentums in Deutſchland. 45

Wir waren darin die erſten der Welt. Dieſe Bedeutung brachte es mit ſich, daß dies Fachbeamtentum nicht nur die Fachbeamtenſtellen, ſondern auch die Miniſterpoſten für ſich beanſpruchte. Jm bayeriſchen Landtag iſt es geweſen, wo im vorigen Jahre, als die Parlamentariſierung zur Diskuſſion ſtand, geſagt wurde: die begabten Leute werden dann nicht mehr Beamte werden, wenn man die Parlamentarier in die Miniſterien ſetzt. Die Beamtenverwaltung entzog ſich über - dies ſyſtematiſch einer ſolchen Art von Kontrolle, wie ſie die engliſchen Komitee-Erörterungen bedeuten, und ſetzte ſo die Parlamente außer ſtand von wenigen Ausnahmen ab - geſehen , wirklich brauchbare Verwaltungſchefs in ihrer Mitte heranzubilden.

Das dritte war, daß wir in Deutſchland, im Gegenſatz zu Amerika, geſinnungspolitiſche Parteien hatten, die zum mindeſten mit ſubjektiver bona fides behaupteten, daß ihre Mitglieder Weltanſchauungen vertraten. Die beiden wichtigſten dieſer Parteien: das Zentrum einerſeits, die Sozialdemokratie anderer - ſeits, waren nun aber geborene Minoritätsparteien und zwar nach ihrer eigenen Abſicht. Die führenden Zentrumskreiſe im Reich haben nie ein Hehl daraus gemacht, daß ſie deshalb gegen den Parlamentarismus ſeien, weil ſie fürchteten, in die Minderheit zu kommen und ihnen dann die Unterbringung von Stellenjägern wie bisher, durch Druck auf die Regierung, erſchwert würde. Die Sozialdemokratie war prinzipielle Minder - heitspartei und ein Hemmnis der Parlamentariſierung, weil ſie ſich mit der gegebenen politiſch-bürgerlichen Ordnung nicht be - flecken wollte. Die Tatſache, daß beide Parteien ſich aus - ſchloſſen vom parlamentariſchen Syſtem, machte dieſes unmöglich.

Was wurde dabei aus den deutſchen Berufspolitikern? Sie hatten keine Macht, keine Verantwortung, konnten nur eine ziemlich ſubalterne Honoratiorenrolle ſpielen und waren in - folgedeſſen neuerlich beſeelt von den überall typiſchen Zunfts - inſtinkten. Es war unmöglich, im Kreiſe dieſer Honoratioren, die ihr Leben aus ihrem kleinen Pöſtchen machten, hoch zu ſteigen für einen ihnen nicht gleichgearteten Mann. Jch könnte aus jeder Partei, ſelbſtverſtändlich die Sozialdemokratie46 nicht ausgenommen, zahlreiche Namen nennen, die Tragödien der politiſchen Laufbahn bedeuteten, weil der Betreffende Führer - qualitäten hatte und um eben deswillen von den Honoratioren nicht geduldet wurde. Dieſen Weg der Entwicklung zur Honoratiorenzunft ſind alle unſere Parteien gegangen. Bebel z. B. war noch ein Führer, dem Temperament und der Lauter - keit des Charakters nach, ſo beſcheiden ſein Jntellekt war. Die Tatſache, daß er Märtyrer war, daß er das Vertrauen der Maſſen niemals täuſchte (in deren Augen), hatte zur Folge, daß er ſie ſchlechthin hinter ſich hatte und es keine Macht innerhalb der Partei gab, die ernſthaft gegen ihn hätte auf - treten können. Nach ſeinem Tode hatte das ein Ende, und die Beamtenherrſchaft begann. Gewerkſchaftsbeamte, Partei - ſekretäre, Journaliſten kamen in die Höhe, Beamteninſtinkte beherrſchten die Partei, ein höchſt ehrenhaftes Beamtentum ſelten ehrenhaft darf man, mit Rückſicht auf die Ver - hältniſſe anderer Länder, beſonders im Hinblick auf die oft beſtechlichen Gewerkſchaftsbeamten in Amerika, ſagen , aber die früher erörterten Konſequenzen der Beamtenherrſchaft traten auch in der Partei ein.

Die bürgerlichen Parteien wurden ſeit den achtziger Jahren vollends Honoratiorenzünfte. Gelegentlich zwar mußten die Parteien zu Reklamezwecken außerparteiliche Jntelligenzen heranziehen, um ſagen zu können: dieſe und dieſe Namen haben wir . Möglichſt vermieden ſie es, dieſelben in die Wahl hineinkommen zu laſſen, und nur wo es unvermeidlich war, der Betreffende es ſich nicht anders gefallen ließ, geſchah es.

Jm Parlamente war der gleiche Geiſt. Unſere Parlaments - parteien waren und ſind Zünfte. Jede Rede, die gehalten wird im Plenum des Reichſtages, iſt vorher durchrezenſiert in der Partei. Das merkt man ihrer unerhörten Langeweile an. Nur wer als Redner beſtellt iſt, kann zu Wort kommen. Ein ſtärkerer Gegenſatz gegen die engliſche, aber auch aus ganz entgegengeſetzten Gründen die franzöſiſche Gepflogenheit iſt kaum denkbar.

Jetzt iſt infolge des gewaltigen Zuſammenbruchs, den man Revolution zu nennen pflegt, vielleicht eine Umwandlung im47 Gange. Vielleicht nicht ſicher. Zunächſt traten Ansätze zu neuen Arten von Parteiapparaten auf. Erſtens Amateur - apparate. Beſonders oft vertreten durch Studenten der ver - ſchiedenen Hochſchulen, die einem Mann, dem ſie Führer - qualitäten zuſchreiben, ſagen: wir wollen für Sie die nötige Arbeit verſehen, führen Sie ſie aus. Zweitens geſchäftsmänniſche Apparate. Es kam vor, daß Leute zu Männern kamen, denen ſie Führerqualitäten zuſchrieben, und ſich erboten, gegen feſte Beträge für jede Wahlſtimme die Werbung zu übernehmen. Wenn Sie mich ehrlich fragen würden, welchen von dieſen beiden Apparaten ich unter rein techniſch-politiſchen Geſichtspunkten für verläßlicher halten wollte, ſo würde ich, glaube ich, den letzteren vorziehen. Aber beides waren ſchnell aufſteigende Blaſen, die raſch wieder verſchwanden. Die vorhandenen Apparate ſchichteten ſich um, arbeiteten aber weiter. Jene Erſcheinungen waren nur ein Symptom dafür, daß die neuen Apparate ſich vielleicht ſchon einſtellen würden, wenn nur die Führer da wären. Aber ſchon die techniſche Eigentümlichkeit des Verhältniswahlrechts ſchloß deren Hochkommen aus. Nur ein paar Diktatoren der Straße entſtanden und gingen wieder unter. Und nur die Gefolgſchaft der Straßendiktatur iſt in feſter Disziplin organiſiert: daher die Macht dieſer verſchwindenden Minderheiten.

Nehmen wir an, das änderte ſich, ſo muß man ſich nach dem früher Geſagten klarmachen: die Leitung der Parteien durch plebiszitäre Führer bedingt die Entſeelung der Gefolgſchaft, ihre geiſtige Proletariſierung, könnte man ſagen. Um für den Führer als Apparat brauchbar zu ſein, muß ſie blind ge - horchen, Maſchine im amerikaniſchen Sinne ſein, nicht geſtört durch Honoratioreneitelkeit und Prätenſionen eigener Anſichten. Lincolns Wahl war nur durch dieſen Charakter der Partei - organiſation möglich, und bei Gladſtone trat, wie erwähnt, das gleiche im Caucus ein. Es iſt das eben der Preis, wo - mit man die Leitung durch Führer zahlt. Aber es gibt nur die Wahl: Führerdemokratie mit Maſchine oder führerloſe Demokratie, das heißt: die Herrſchaft der Berufspolitiker ohne Beruf, ohne die inneren, charismatiſchen Qualitäten, die48 eben zum Führer machen. Und das bedeutet dann das, was die jeweilige Parteifronde gewöhnlich als Herrſchaft des Klüngels bezeichnet. Vorläufig haben wir nur dies letztere in Deutſchland. Und für die Zukunft wird der Fortbeſtand, im Reich wenigſtens, begünſtigt einmal dadurch, daß doch wohl der Bundesrat wiedererſtehen und notwendig die Macht des Reichſtages und damit ſeine Bedeutung als Ausleſeſtelle von Führern beſchränken wird. Ferner durch das Verhältnis - wahlrecht, ſo wie es jetzt geſtaltet iſt: eine typiſche Erſcheinung der führerloſen Demokratie, nicht nur weil es den Kuhhandel der Honoratioren um die Placierung begünſtigt, ſondern auch weil es künftig den Jntereſſentenverbänden die Möglichkeit gibt, die Aufnahme ihrer Beamten in die Liſten zu erzwingen und ſo ein unpolitiſches Parlament zu ſchaffen, in dem echtes Führertum keine Stätte findet. Das einzige Ventil für das Bedürfnis nach Führertum könnte der Reichspräſident werden, wenn er plebiszitär, nicht parlamentariſch, gewählt wird. Führertum auf dem Boden der Arbeitsbewährung könnte ent - ſtehen und ausgeleſen werden vor allem dann, wenn in den großen Kommunen, wie in den Vereinigten Staaten überall da, wo man der Korruption ernſtlich zu Leibe wollte, der plebiszitäre Stadtdiktator mit dem Recht, ſich ſeine Bureaus ſelbſtändig zu - ſammenzuſtellen, auf der Bildfläche erſcheinen würde. Das würde eine auf ſolche Wahlen zugeſchnittene Parteiorganiſation bedingen. Aber die durchaus kleinbürgerliche Führerfeindſchaft aller Parteien, mit Einſchluß vor allem der Sozialdemokratie, läßt die künftige Art der Geſtaltung der Parteien und damit all dieſer Chancen noch ganz im Dunkel liegen.

Es iſt daher heute noch in keiner Weiſe zu überſehen, wie ſich äußerlich der Betrieb der Politik als Beruf geſtalten wird, noch weniger infolgedeſſen: auf welchem Wege ſich Chancen für politiſch Begabte eröffnen, vor eine befriedigende politiſche Aufgabe geſtellt zu werden. Für den, der von der Politik zu leben durch ſeine Vermögenslage genötigt iſt, wird wohl immer die Alternative: Journaliſtik oder Parteibeamten - ſtellung als die typiſchen direkten Wege, oder eine der Jnter - eſſenvertretungen: bei einer Gewerkſchaft, Handelskammer, Land -49 wirtſchaftskammer, Handwerkskammer, Arbeitskammer, Arbeit - geberverbänden uſw., oder geeignete kommunale Stellungen in Betracht kommen. Weiteres läßt ſich über die äußere Seite nichts ſagen als nur dies: daß der Parteibeamte mit dem Journaliſten das Odium der Deklaſſiertheit trägt. Lohn - ſchreiber dort Lohnredner hier wird es leider immer, ſei es noch ſo unausgeſprochen, in die Ohren klingen; wer dagegen innerlich wehrlos iſt und ſich ſelbſt nicht die richtige Antwort zu geben vermag, bleibe dieſer Laufbahn fern, die in jedem Falle neben ſchweren Verſuchungen ein Weg iſt, der fort - währende Enttäuſchungen bringen kann. Was vermag ſie nun an inneren Freuden zu bieten, und welche perſönlichen Vorbedingungen ſetzt ſie bei dem voraus, der ſich ihr zu - wendet?

Nun, ſie gewährt zunächſt: Machtgefühl. Selbſt in den formell beſcheidenen Stellungen vermag den Berufspolitiker das Bewußtſein von Einfluß auf Menſchen, von Teilnahme an der Macht über ſie, vor allem aber: das Gefühl, einen Nervenſtrang hiſtoriſch wichtigen Geſchehens mit in Händen zu halten, über den Alltag hinauszuheben. Aber die Frage iſt nun für ihn: durch welche Qualitäten kann er hoffen, dieſer (ſei es auch im Einzelfall noch ſo eng umſchriebenen) Macht und alſo der Verantwortung, die ſie auf ihn legt, gerecht zu werden? Damit betreten wir das Gebiet ethiſcher Fragen; denn dahin ge - hört die Frage: was für ein Menſch man ſein muß, um ſeine Hand in die Speichen des Rades der Geſchichte legen zu dürfen.

Man kann ſagen, daß drei Qualitäten vornehmlich ent - ſcheidend ſind für den Politiker: Leidenſchaft Verantwortungs - gefühl - Augenmaß. Leidenſchaft im Sinn von Sachlichkeit: leidenſchaftliche Hingabe an eine Sache , an den Gott oder Dämon, der ihr Gebieter iſt. Nicht im Sinne jenes inneren Gebarens, welches mein verſtorbener Freund Georg Simmel als ſterile Aufgeregtheit zu bezeichnen pflegte, wie ſie einem beſtimmten Typus vor allem ruſſiſcher Jntellektueller (nicht etwa: allen von ihnen!) eignete und welches jetzt in dieſem Karneval, den man mit[dem] ſtolzen Namen einer Revolution Weber, Geiſtige Arbeit als Beruf. II. 450ſchmückt, eine ſo große Rolle auch bei unſern Jntellektuellen ſpielt: eine ins Leere verlaufende Romantik des intellektuell Jntereſſanten ohne alles ſachliche Verantwortungsgefühl. Denn mit der bloßen, als noch ſo echt empfundenen, Leiden - ſchaft iſt es freilich nicht getan. Sie macht nicht zum Politiker, wenn ſie nicht, als Dienſt in einer Sache , auch die Ver - antwortlichkeit gegenüber ebendieſer Sache zum ent - ſcheidenden Leitſtern des Handelns macht. Und dazu bedarf es und das iſt die entſcheidende pſychologiſche Qualität des Politikers des Augenmaßes, der Fähigkeit, die Realitäten mit innerer Sammlung und Ruhe auf ſich wirken zu laſſen, alſo: der Diſtanz zu den Dingen und Menſchen. Diſtanzloſigkeit , rein als ſolche, iſt eine der Todsünden jedes Politikers und eine jener Qualitäten, deren Züchtung bei dem Nachwuchs unſerer Jntellektuellen ſie zu politiſcher Unfähigkeit verurteilen wird. Denn das Problem iſt eben: wie heiße Leidenſchaft und kühles Augenmaß miteinander in derſelben Seele zuſammengezwungen werden können? Politik wird mit dem Kopfe gemacht, nicht mit anderen Teilen des Körpers oder der Seele. Und doch kann die Hingabe an ſie, wenn ſie nicht ein frivoles intellektuelles Spiel, ſondern menſch - lich echtes Handeln ſein ſoll, nur aus Leidenſchaft geboren und geſpeiſt werden. Jene ſtarke Bändigung der Seele aber, die den leidenſchaftlichen Politiker auszeichnet und ihn von den bloßen ſteril aufgeregten politiſchen Dilettanten unter - ſcheidet, iſt nur durch die Gewöhnung an Diſtanz in jedem Sinn des Wortes möglich. Die Stärke einer politiſchen Perſönlichkeit bedeutet in allererſter Linie den Beſitz dieſer Qualitäten.

Einen ganz trivialen, allzu menſchlichen Feind hat daher der Politiker täglich und ſtündlich in ſich zu überwinden: die ganz gemeine Eitelkeit, die Todfeindin aller ſachlichen Hin - gabe und aller Diſtanz, in dieſem Fall: der Diſtanz, ſich ſelbſt gegenüber.

Eitelkeit iſt eine ſehr verbreitete Eigenſchaft, und vielleicht iſt niemand ganz frei davon. Und in akademiſchen und Gelehrten - kreiſen iſt ſie eine Art von Berufskrankheit. Aber gerade beim51 Gelehrten iſt ſie, ſo antipathiſch ſie ſich äußern mag, relativ harmlos in dem Sinn: daß ſie in aller Regel den wiſſenſchaft - lichen Betrieb nicht ſtört. Ganz anders beim Politiker. Er arbeitet mit dem Streben nach Macht als unvermeidlichem Mittel. Machtinſtinkt wie man ſich auszudrücken pflegt gehört daher in der Tat zu ſeinen normalen Qualitäten. Die Sünde gegen den heiligen Geiſt ſeines Berufs aber be - ginnt da, wo dieſes Machtſtreben unſachlich und ein Gegen - ſtand rein perſönlicher Selbſtberauſchung wird, anſtatt aus - ſchließlich in den Dienſt der Sache zu treten. Denn es gibt letztlich nur zwei Arten von Todsünden auf dem Gebiet der Politik: Unſachlichkeit und oft, aber nicht immer, damit identiſch Verantwortungsloſigkeit. Die Eitelkeit: das Be - dürfnis, ſelbſt möglichſt ſichtbar in den Vordergrund zu treten, führt den Politiker am ſtärkſten in Verſuchung, eine von beiden, oder beide zu begehen. Um ſo mehr, als der Demagoge auf Wirkung zu rechnen gezwungen iſt, er iſt eben deshalb ſtets in Gefahr, ſowohl zum Schauſpieler zu werden wie die Verantwortung für die Folgen ſeines Tuns leicht zu nehmen und nur nach dem Eindruck zu fragen, den er macht. Seine Unſachlichkeit legt ihm nahe, den glänzenden Schein der Macht ſtatt der wirklichen Macht zu erſtreben, ſeine Verantwortungs - loſigkeit aber: die Macht lediglich um ihrer ſelbſt willen, ohne inhaltlichen Zweck, zu genießen. Denn obwohl, oder viel - mehr: gerade weil Macht das unvermeidliche Mittel, und Machtſtreben daher eine der treibenden Kräfte aller Politik iſt, gibt es keine verderblichere Verzerrung der politiſchen Kraft, als das parvenumäßige Bramarbaſieren mit Macht und die eitle Selbſtbeſpiegelung in dem Gefühl der Macht, überhaupt jede Anbetung der Macht rein als ſolcher. Der bloße Macht - politiker , wie ihn ein auch bei uns eifrig betriebener Kult zu verklären ſucht, mag ſtark wirken, aber er wirkt in der Tat ins Leere und Sinnloſe. Darin haben die Kritiker der Macht - politik vollkommen recht. An dem plötzlichen inneren Zuſammen - bruche typiſcher Träger dieſer Geſinnung haben wir erleben können, welche innere Schwäche und Ohnmacht ſich hinter dieſer protzigen, aber gänzlich leeren Geſte verbirgt. Sie iſt Produkt4*52einer höchſt dürftigen und oberflächlichen Blaſiertheit gegen - über dem Sinn menſchlichen Handelns, welche keinerlei Ver - wandtſchaft hat mit dem Wiſſen um die Tragik, in die alles Tun, zumal aber das politiſche Tun, in Wahrheit verflochten iſt.

Es iſt durchaus wahr und eine jetzt hier nicht näher zu begründende Grundtatſache aller Geſchichte, daß das ſchließliche Reſultat politiſchen Handelns oft, nein: geradezu regelmäßig, in völlig unadäquatem, oft in geradezu paradoxem Verhältnis zu ſeinem urſprünglichen Sinn ſteht. Aber des - halb darf dieſer Sinn: der Dienſt an einer Sache, doch nicht etwa fehlen, wenn anders das Handeln inneren Halt haben ſoll. Wie die Sache auszuſehen hat, in deren Dienſt der Politiker Macht erſtrebt und Macht verwendet, iſt Glaubensſache. Es kann nationalen oder menſchheitlichen, ſozialen und ethiſchen oder kulturlichen, innerweltlichen oder religiöſen Zielen dienen, er kann getragen ſein von ſtarkem Glauben an den Fortſchritt gleichviel in welchem Sinn oder aber dieſe Art von Glauben kühl ablehnen, kann im Dienſt einer Jdee zu ſtehen beanſpruchen oder unter prinzipieller Ablehnung dieſes An - ſpruches äußeren Zielen des Alltagslebens dienen wollen, immer muß irgendein Glaube da ſein. Sonſt laſtet in der Tat das iſt völlig richtig der Fluch kreatürlicher Nichtigkeit auch auf den äußerlich ſtärkſten politiſchen Erfolgen.

Mit dem Geſagten ſind wir ſchon in der Erörterung des letzten uns heute abend angehenden Problems begriffen: des Ethos der Politik als Sache . Welchen Beruf kann ſie ſelbſt, ganz unabhängig von ihren Zielen, innerhalb der ſittlichen Geſamtökonomie der Lebensführung ausfüllen? Welches iſt, ſozuſagen, der ethiſche Ort, an dem ſie beheimatet iſt? Da ſtoßen nun freilich letzte Weltanſchauungen aufeinander, zwiſchen denen ſchließlich gewählt werden muß. Gehen wir reſolut an das neuerdings wieder nach meiner Anſicht in recht ver - kehrter Art aufgerollte Problem heran.

Befreien wir es aber zunächſt von einer ganz trivialen Verfälſchung. Es kann nämlich zunächſt die Ethik auftreten in einer ſittlich höchſt fatalen Rolle. Nehmen wir Beiſpiele. Sie werden ſelten finden, daß ein Mann, deſſen Liebe ſich von53 einer Frau ab - und einer andern zuwendet, nicht das Bedürfnis empfindet, dies dadurch vor ſich ſelbſt zu legitimieren, daß er ſagt: ſie war meiner Liebe nicht wert, oder ſie hat mich ent - täuſcht, oder was dergleichen Gründe mehr ſind. Eine Un - ritterlichkeit, die zu dem ſchlichten Schickſal: daß er ſie nicht mehr liebt, und daß die Frau das tragen muß, in tiefer Un - ritterlichkeit ſich eine Legitimität hinzudichtet, kraft deren er für ſich ein Recht in Anſpruch nimmt und zu dem Unglück noch das Unrecht auf ſie zu wälzen trachtet. Ganz ebenſo verfährt der erfolgreiche erotiſche Konkurrent: der Gegner muß der wertloſere ſein, ſonſt wäre er nicht unterlegen. Nichts anderes iſt es aber ſelbſtverſtändlich, wenn nach irgendeinem ſiegreichen Krieg der Sieger in würdeloſer Rechthaberei be - anſprucht: ich ſiegte, denn ich hatte recht. Oder, wenn jemand unter den Fürchterlichkeiten des Krieges ſeeliſch zuſammenbricht und nun, anſtatt ſchlicht zu ſagen: es war eben zu viel, jetzt das Bedürfnis empfindet, ſeine Kriegsmüdigkeit vor ſich ſelbſt zu legitimieren, indem er die Empfindung ſubſtituiert: ich konnte das deshalb nicht ertragen, weil ich für eine ſittlich ſchlechte Sache fechten mußte. Und ebenſo bei dem im Kriege Be - ſiegten. Statt nach alter Weiber Art nach einem Kriege nach dem Schuldigen zu ſuchen, wo doch die Struktur der Geſellſchaft den Krieg erzeugte , wird jede männliche und herbe Haltung dem Feinde ſagen: Wir verloren den Krieg ihr habt ihn gewonnen. Das iſt nun erledigt: nun laßt uns darüber reden, welche Konſequenzen zu ziehen ſind entſprechend den ſachlichen Jntereſſen, die im Spiel waren, und die Hauptſache angeſichts der Verantwortung vor der Zukunft, die vor allem den Sieger belaſtet. Alles andere iſt würdelos und rächt ſich. Verletzung ihrer Jntereſſen verzeiht eine Nation, nicht aber Verletzung ihrer Ehre, am wenigſten eine ſolche durch pfäffiſche Rechthaberei. Jedes neue Dokument, das nach Jahrzehnten ans Licht kommt, läßt das würdeloſe Gezeter, den Haß und Zorn wieder aufleben, ſtatt daß der Krieg mit ſeinem Ende wenigſtens ſittlich begraben würde. Das iſt nur durch Sachlichkeit und Ritterlichkeit, vor allem nur: durch Würde möglich. Nie aber durch eine Ethik , die in Wahrheit eine54 Würdeloſigkeit beider Seiten bedeutet. Anſtatt ſich um das zu kümmern, was den Politiker angeht: die Zukunft und die Verantwortung vor ihr, befaßt ſie ſich mit politiſch ſterilen, weil unauſtragbaren Fragen der Schuld in der Vergangenheit. Dies zu tun, iſt politiſche Schuld, wenn es irgendeine gibt. Und dabei wird überdies die unvermeidliche Verfälſchung des ganzen Problems durch ſehr materielle Jntereſſen