PRIMS Full-text transcription (HTML)
Jenseit des Tweed.
Bilder und Briefe aus Schottland.
Berlin. Verlag von Julius Springer.1860.

Seinemlieben Freunde und ReisegefährtenBernhard von Lepel.

[I]

Eine Reise an der Seite eines Freundes ist eine Freundschaftsprobe, wie die Ehe eine Liebesprobe ist. Wir haben sie bestanden. Wem anders könnt ich dieses Buch zueignen, als Dir, dem besten, dem nachsichtigsten aller Reisegefährten. Freilich, je mehr ich empfunden habe, wie gut sich’s mit Dir wandert, desto lebhafter ist auch die Rückerinnerung an einen alten Pakt in mir geworden, an ein gegenseitiges, halb verjährtes Versprechen, an das diese Zeilen Dich leise mahnen mögen.

Entsinnst Du Dich des Sylvestertages 1846? Wie gestern stehen die Stunden vor meiner Seele, wo wir durch die winterstille, märkische Haide fuhren und endlich vor dem Gutshaus Deines Vaters hielten. Den alten Herrn fesselte damals schwere Krankheit auf dem fernen Rügen, Todesahnung hatte sein Herz beschlichen und die Weisung war an Dich gekommen, in alten Schränken nach alten Familienpapieren zu suchen. Es galt ein Testament, die Bestellung seines Hauses; das führte uns[II] hinaus. Wie ein verzaubertes Schloß im Mährchen lag das alte, graue Steinhaus da, eine hohe Schneemauer um sich her und überragt von den halb dunklen, halb glitzernden Edeltannen des Gartens. Stille draußen und drinnen. Auf unser wiederholtes Klopfen und Klingeln erschien ein alter Diener, verwöhnt und mürrisch wie alle alten Diener sind. Zögernd, mit sauersüßem Gesicht fand er sich endlich in Deine Autorität. Wir öffneten die Fensterläden, schafften Luft und Licht in den halb spukhaft gewordenen Räumen und fanden endlich was wir suchten die Papiere. Inzwischen war es wohnlicher geworden in dem großen Gartensaal, ein Feuer prasselte im Kamin, statt des Staubes breitete sich ein Tischtuch über die Tafel und das frugale Mahl, das angerichtet war, adelte sich selbst durch die Flasche alten Rheinweins, die auf dem Tische stand. Wir setzten uns und plaudernd von diesem und jenem, lief mein Auge an den rothen Sammttapeten hin und musterte die Bilderschätze,[III] die in langer Reihe daran hingen. Ich sah zum ersten Male den schönen Kopf der Beatrice Cenci und vor allem den Stolz eures Hauses, das Werth - und Prachtstück der Sammlung das Modell des Moses von Buonarotti’s eigener Hand. Meine Fragen drängten sich und Deine Lippen nicht Freunde sonst von vielem Reden flossen über bei der Erinnerung an schöne, italische Tage. Wir füllten die Gläser bis zum Rand und stießen an auf ein Reisebündniß und ein gemeinschaftliches jenseits der Alpen .

Der Wunsch jener Stunde ist uns bis heute versagt geblieben. Nicht Deine Hand hat mich den kapitolinischen Hügel hinauf - oder in die Campagna hinausgeführt, sondern umgekehrt, die meinige übernahm Führerdienste, wenn wir in alten Douglas-Schlössern umherforschten oder die Stelle suchten, wo Fitzjames und Rhoderick Dhu mit einander gekämpft. Aber die alten Zusagen bleiben in Kraft, und während ich Dir dies Buch überreiche, das[IV] die Bilder zwischen dem Tweed und dem Moray-Busen noch einmal vor Dir entrollen soll, sprech ich zugleich die Hoffnung aus, daß auch der Tag kommen möge, wo wir, wie auf Edinburg-Castle, so auf Castell St. Elmo gemeinschaftlich stehen. Welche Wege aber auch die heiteren Reisegötter in Zukunft uns führen mögen, vor allem mög uns gute Kameradschaft auf dem Lebenswege beschieden sein, den wir, seit zwanzig Jahren nun, in Leid und Freude zusammengehn.

Th. F.

[1]

Bilder und Briefe aus Schottland.

[2][3]

I. Von London bis Edinburg.

Geschlagen, gestoßen, gepreßt, gepufft,
Zehn Meilen die Stunde ging’s durch die Luft.
Altes Lied. (Die Hexen von Inverneß.)

Nach Schottland also! Die Koffer waren gepackt, die Billets gelöst, und als der Spätzug sich endlich in Bewegung setzte und majestätisch aus der Halle des Kings-Cross - Bahnhofes hinausglitt, überlief es mich ähnlich wie vierzehn Jahre früher, wo es zum ersten Male für mich hieß: Nach England!

Aehnlich sag ich, denn vierzehn Jahre sind eine lange Zeit und nehmen uns viel von Begeisterung und Fähigkeit zur Freude. Wie steht jener Tag noch klar vor meiner Seele, der damals über meine Reise entschied. Ich war Soldat und auf Königswache. Der Offizier hatte seine liebe Noth mit uns, denn wir waren zwanzig Freiwillige oder mehr, und Jeder, der Soldat gewesen ist, weiß, was es mit solchen Volontair-Wachen auf sich hat. An Disciplin war Mangel, aber Ueberfluß an guter Laune, und während die Einen über Tisch und Bänke sprangen, spielten die Anderen Dreikart, oder4 gaben sich durch Vortrag von Hauptmanns - und Compagnie-Anekdoten ein möglichst martialisches Ansehen. Es war ein kostbarer Maitag; begierig nach frischer Luft hatte ich eben draußen in der Säulenhalle Platz genommen und blickte, den ungewohnten Helm hin und her schiebend, auf den schönen, breiten Opernplatz, der sonnenbeschienen vor mir lag. Da weckte mich ein leiser Schlag auf die Schulter. Als ich aufblickte, stand ein Freund vor mir, sonnenverbrannt, in Reisekleidern, jener Glücklichen einer, an die sich das beatus ille des Dichters richtet. Er lachte über den Grenadier der ihm noch neu an mir war und fragte dann kurz: willst Du mit nach England? ich reise morgen Abend. Aber Urlaub! Das ist Deine Sache. Das Gespräch gedieh nicht weiter; der Posten draußen rief uns mit lauter Stimme an die Gewehre. Wir traten an. Ablösung vor. Fünf Minuten später schilderte ich schon vor dem Gouvernements-Gebäude in der Wallstraße. Niemals wohl hat der alte Müffling eine Schildwacht vor seiner Thür gehabt, der das Herz so hoch geschlagen hätte, wie mir an jenem Nachmittage.

Voll so hoch schlug mir das Herz jetzt nicht, aber es schlug doch freudig und dankbar zugleich, als mein diesmaliger Reisegefährte dem hinter uns verschwindenden London ein Lebewohl zuwinkte und mit Genugthuung die Worte wiederholte: nach Schottland also.

Wir fuhren dritter Klasse, halb Ersparungs - halb Beobachtungshalber und hatten trotz einiger Unbequem -5 lichkeiten nicht Ursach, unsere Wahl zu bereuen. Der bis auf den letzten Platz besetzte, durch keine Zwischenwände geschiedene Wagen glich einem Auswandrerschiff. Die Mittelbank, auf der wir saßen, zog genau die Grenzlinie zwischen zwei verschiedenen Elementen, aus denen unsere Reisegesellschaft bestand, zwischen armen Engländern und sparsamen Schotten. Denn der Engländer fährt nur dritter Klasse, wenn er muß, der Schotte, wenn er kann. Nachdem die ersten Tunnel und Ueberbrückungen passirt waren, schwand die gegenseitige Zurückhaltung rasch und der Austausch jener kleinen Dienste und Bequemlichkeiten begann, wie er nicht auszubleiben pflegt, wo sich 40 oder 50 Menschen, wenn nicht zu gemeinsamer Gefahr, so doch zu gemeinsamer Strapaze zusammen gepfercht finden. Dick zusammengefaltete Tücher wurden den Damen angeboten, um die Ecken und Kanten minder scharf, das Holz der Bänke minder hart zu machen und über das Oeffnen und Schließen der Fenster kamen die Erkältungsgeneigten mit den Ventilations-Bedürftigen zu einem gefälligen Compromiß. Vor uns saßen die Engländer. Da waren zunächst zwei arme Frauen mit ihren Kindern, vier oder fünf an der Zahl. Sie hatten die Doppelbank am äußersten Rande des Wagens inne und hausten darin wie in einer Privatkajüte. Milch wurde gewärmt, die Brust gegeben (mit jener Unbefangenheit, die den englischen Frauen der unteren Stände eigenthümlich ist) und die Flaggen, die dann und wann zum Fenster hinauswehten, waren6 im Einklang mit all dem Uebrigen. Vor ihnen saßen zwei junge Leute, augenscheinlich aus guter Familie, Schüler, die eine Ferienreise nach Schottland machten und unter Lachen behülflich waren, wenn die Kinderstube in ihrem Rücken diese oder jene Dienstleistung wünschenswerth machte. Neben ihnen eine alte Lady in Trauer. Freundlich aber abgehärmt, schmucklos aber sauber und in wahrem Rigorismus selbst die hölzerne Rückenlehne ihres Sitzes verschmähend, so saß sie da, ersichtlich die Frau eines Officiers, der, an der Dschumna vielleicht oder im Pendschab gefallen, ihr einen geachteten Namen und nichts weiter hinterlassen hatte.

Heitrer, farbenreicher sah es in der zweiten Wagenhälfte aus, der wir den Rücken zukehrten. Das schottische Element bewährte sich in seinem pittoresken Reiz. Keine nacktbeinigen Kiltträger waren zugegen, aber die blauwollene schottische Mütze mit ihren lang herabhängenden Seidenbändern (eine Tracht, deren Karrikatur wir nur in unseren deutschen Städten kennen), saß malerisch auf den Köpfen der jungen Männer; Plaids in allen Mustern und Farben dienten diesem als Mantel und jenem als Kissen, während grau und weiß karrirte Tücher sich überall hin ausspannten und dem ganzen den Charakter eines romantischen Feldlagers gaben.

So ging es dahin. Die bekannten Bilder englischer Landschaft zogen an uns vorüber. Die Sonne war längst unter, auch das Abendroth schwand jetzt und nur jenes zauberhafte, dunkle Blau lag noch in breiten Streifen7 am Himmel, das in diesem Lande so gern und so schön einen klaren Tag beschließt. Ohne Aufenthalt brausten wir durch ein halbes Dutzend Stationsplätze hindurch; erst in Peterborough (einer Kathedralen-Stadt, 15 deutsche Meilen von London) machten wir Halt, um einen anderen Zug abzuwarten. Inzwischen war es Nacht geworden und jeder schickte sich an, der Ruhe zu pflegen, so gut es die Wände und Bänke irgend erlaubten. Die Schüler lagen schnarchend auf harter Diele, die Kinder schliefen, die Flaggen waren eingezogen; nur die alte Lady saß noch immer aufrecht, fest entschlossen, stärker zu sein als Schlaf und Ermattung.

Die Geschwindigkeit, mit der wir fuhren, wuchs jetzt, 40 engl. Meilen die Stunde. Man überantwortete sich seinem Gott und schlief ein. Dann und wann hielt der Zug und unbekannte, wenigstens unverstandene Worte trafen das Ohr, endlich aber schüttelte das in Traum und Halbschlaf lang herbeiersehnte: York, York, fifteen minutes den Schlaf von aller Augen und halb schiebend, halb geschoben, fanden wir uns endlich an einer langen Tafel wieder, auf der die Zugehörigkeiten eines englischen Frühstücks servirt waren. Tea, Coffee, Soda-Water, klang es hier fordernd durch einander. Funfzehn Minuten sind wenig Zeit für hundert Gäste und drei verschlafene Kellner. Meine Tasse Thee war erst halb geleert, als die Glocke draußen schon wieder lärmte. Das war also York! rief ich dem Freunde zu, mich neben ihm in die Ecke drückend. So gehen uns die8 Wünsche unsrer Jugend in Erfüllung. Statt des Doms ein Bahnhof und statt des Platzes, drauf Percy starb, eine Restauration mit doppelten Preisen.

Als wir Newcastle erreichten, dämmerte bereits der Morgen; zu unserer Linken lag die Stadt, schwarz und finster, wie aufgebaut aus Kohlenblöcken. Eine Stunde später waren wir an der schottischen Grenze. Berwick, Berwick! riefen die Schaffner und gönnten uns Zeit, einen Umblick zu halten. Der ganze Platz macht immer noch den Eindruck einer Grenzlokalität, auch jetzt noch, wo der alte, halb zerfallene Wartthurm nichts mehr bedeutet, als eine Mahnung an Zeiten die nicht mehr sind. Der Tweed geht hier ins Meer und sein Bett, das mehr einer weiten Felskluft, als einer Flachlandsrinne gleicht, unterstützt die Vorstellung, daß wir hier an einem Grenzfluß stehen.

Die Morgensonne lacht freundlich, während wir die schottische Landschaft durchfliegen. Die Felder, die Art der Bestellung, das Seltenerwerden der Hecken, alles weicht ab von dem in England Ueblichen und ruft uns (wie vieles andere noch, auf das wir stoßen werden) die Bilder deutscher Heimath mehr und mehr ins Gedächtniß zurück. Bei Dunbar gesellt sich noch ein anderer Gruß aus der Heimath hinzu, wir haben uns der Küste bis auf wenige tausend Schritt genähert und das deutsche Meer liegt leise schäumend zu unserer Rechten. Hier wendet sich die Bahn, die bis dahin ununterbrochen nordwärts lief, plötzlich nach Westen, und ungefähr die9 Linie innehaltend, die ihr der schöne Meerbusen des Forth vorschreibt, führt sie uns, nach einer kurzen halben Stunde, durch eine bald im Morgennebel bald im Sonnenglanze daliegende Landschaft, dem ersten Ziel unserer Reise entgegen. Villen und Parks, chaussirte Wege und Brücken, Häuser, Menschen und immer wachsender Verkehr, verkünden uns, daß wir einer großen Stadt, einem Mittelpunkt weiter Bezirke uns nähern, und ehe wir noch Zeit gefunden haben, uns in dem immer bunter werdenden Bilde zurecht zu finden, läßt der Zug in seinem Fluge nach und die 10 Stock hohen Steinhäuser Edinburg’s tauchen grau und majestätisch vor uns auf.

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II. Johnstons Hotel. Erster Gang in die Stadt.

Waterloo Place, any hotel you like Waterloo-Platz ins erste beste Hotel! Mit diesem Zuruf vertrauten wir uns der Führung unsres Cabkutschers an und harrten der Dinge die da kommen würden. Ich lieb es bei solchen und ähnlichen Gelegenheiten, mich dem blinden Zufall zu überlassen und habe die Erfahrung für mich, daß man mindestens nicht schlechter dabei fährt, als wenn man unschlüssig hin und her schwankt und hinterher den Aerger hat, doch nicht das Rechte getroffen zu haben. Wer die Wahl hat, hat die Qual.

Unser Cab hielt nach fünf Minuten schon vor Johnstons Hotel, Waterloo-Place, und es wäre unbillig dem Kutscher nachzureden, daß er seine diskretionäre Gewalt absonderlich mißbraucht hätte. Johnstons Hotel gehört zu jener Klasse von Gasthäusern, die unter dem Namen der Commercial and Temperance Hotels in allen Ländern, wo das angelsächsische Element herrscht, eine Art von Notorität erlangt haben. Der Temperanz-Seite dieser Etablissements leg ich herzlich wenig Ge -11 wicht bei; es ist diese zur Schau gestellte Mäßigkeit derselben halb Lüge, halb Karrikatur, und in bestem Falle Lockung und Aushängeschild; was aber diesen Gasthäusern in dem kostspieligen, aufgesteiften, selbstquälerischen England eine Bedeutung giebt, das ist der Umstand, daß sie in ihrer ausgesprochenen Einfachheit die Kehrseite jenes modernen Prachtbaus sein wollen, der unter dem Namen Hotel so viele erträumte Reize und so viele prosaische Wirklichkeiten umschließt. Es ist Affektation oder Selbsttäuschung, wenn wir auf Reisen plötzlich glauben, ohne Eleganz, ohne zehn Gänge und ohne gräfliche Nachbarschaft nicht leben zu können; was uns aber wirklich Noth thut, das ist ein unpretensiöses, freundliches Entgegenkommen und eine angemessene Bewirthung um unseres Geldes, nicht aber blos um Gottes willen. Der alte Satz mag fortbestehen: daß die großen Hotels die besten sind. Aber ein anderer Satz stellt sich ihm gleichberechtigt an die Seite und zwar der, daß die vornehmen Gasthäuser nicht die angenehmsten sind.

In Johnstons Hotel hatten wir vollkommen das süße Gefühl der Hingehörigkeit statt des bloßen Geduldetseins; sonst fehlte freilich manches. Die beblümten Teppiche auf Flur und Treppen hatten längst ihren Blumenfrühling hinter sich und die altmodischen Bettstände mit ihren verschossenen Quasten und Damastgardinen standen unheimlich da wie in alten Schlössern aufgekaufte Paradebetten in denen Lords und Häuptlinge von Geschlecht zu Geschlecht das Zeitliche gesegnet hatten. Das sind nicht Bilder, die den12 Schlaf leicht und die Träume heiter machen, wenn wir sie auch im Einklang finden mit all den Lieblingsvorstellungen die wir von Jugend auf an den Namen Schottland geknüpft haben. Aber jedenfalls rechten wir nicht darüber und erinnern uns gern der Wahrheit, daß man überall schläft, wenn man nur müde ist. Weniger freilich als der leise Schauer, der uns angesichts dieser blutrothen Bettvorhänge überläuft, will uns der Fettbrodem gefallen, der, aus der Küche aufsteigend, alle Etagen des Hauses durchdringt und nur widerwillig erinnern wir uns des correspondirenden Satzes: man ißt überall, wenn man nur hungrig ist.

Aber wir sind wirklich hungrig und nachdem wir die Uebernächtigkeit aus den Augen gewaschen und in Eil unsre Toilette gemacht haben, suchen wir das Frühstückszimmer auf, das sich hoch und breit und behaglich durch die halbe erste Etage zieht. Hier weht ein andrer Geist, die Ventilation ist trefflich und kein gelegentlicher Zugwind plaudert vorschnell die Geheimnisse der Küche aus. Das schöne schottische Weizenbrot lacht uns an und bald sitzen wir vor einer wohlbesetzten Tafel, auf der uns, neben den üblichen Erfordernissen eines englischen Frühstücks, Haferbrötchen und Dundee-Marmelade daran mahnen, daß wir auf schottischem Grund und Boden sind. Ein alter Kellner von viel über sechszig trippelt freundlich und geschäftig um uns herum, befriedigt seine Neugier durch Vorlegung eines Fremdenbuchs und erzählt uns plauderhaft von den Geschicken seines Lebens. Fran -13 zösische Säbel, unter die sein Hinterkopf während des spanischen Krieges gerieth, haben seiner Laufbahn und seinem Verstand ein rasches und bescheidenes Ziel gesetzt, aber was er bei Astorga an Hirn verloren hat, ist seinem Herzen zu Gute gekommen und er spricht mit Vorliebe von den Frenchmen , unbekümmert darum, ob sie vor 40 Jahren ihm die Beförderungsleiter abgebrochen haben oder nicht. Nun aber treibt er uns zur Eil und mahnt uns aufzubrechen, um die Stadt, auf die er stolz ist, in ihrer besten Beleuchtung d. h. unter leis bewölktem Himmel zu sehn. Wir folgen seinem Rath und biegen nach rechts hin in die Neustadt ein.

Waterloo-Place und Princes-Street bilden eine einzige grade Linie, von der Edinburg in ähnlicher Weise durchschnitten wird, wie etwa Paris von der Rue Rivoli. Die große Mittelader der schottischen Hauptstadt sondert sich gleich auf den ersten Blick in drei Theile von ziemlich gleicher Größe, in zwei Flügel und ein Centrum. Der eine Flügel heißt Waterloo-Place, der andere West-Princes-Street; die halb boulevard - halb platzartige Erweiterung aber, die zwischen beiden liegt, führt den Namen der eigentlichen Princes-Street. Dieser platzartigen Erweiterung gehen wir jetzt entgegen und nehmen in der Mitte derselben unseren Stand, genau da, wo sich das im gothischen Styl ausgeführte, thurmartige Monument Walter Scotts bis zu einer Höhe von 200 Fuß erhebt. Hier halten wir Umschau. Hinter uns die Neustadt mit ihrer Fülle nobler und moderner Bauten, links die pitto -14 resken Felsparthieen der Salisbury Craigs, rechts die langen Straßen der Stadt mit ihren Kirchen und Palästen, so nach allen Seiten hin in Anspruch genommen, wird unser Auge doch immer wieder nach vornhin gerichtet, wo sich, nur durch eine flußbettartige Vertiefung von uns getrennt, die berühmte High-Street der Altstadt-Edinburg sammt ihren Ausläufern und Seitenstraßen erhebt. Parallellaufend mit Princes-Street, zeigt die gegenüberliegende Altstadt-Straße doch dadurch einen völlig verschiedenen Charakter von jener, daß sie nicht flach und gradlinig sich hin erstreckt, sondern dem natürlichen Zuge und selbst den Capricen des Hügels folgend, auf dem sie steht, einen malerischen und abwechslungsreichen Anblick gewährt. Der Hügel steigt langsam an, läuft dann, wie seine Kräfte sparend, in horizontaler Linie weiter, bis er plötzlich zu einem letzten Sprunge sich zusammenraffend, kegelartig in die Höhe schießt und nun den Weg überschaut, den er eben zurückgelegt. Auf dem langsam ansteigenden Theile der Berglinie erhebt sich Canon-gate; unmittelbar vor uns von dem gradlinigen First des Hügels grüßt High-Street selbst zu uns herüber; zur Rechten aber, die Situation vom Felsen aus beherrschend, ragt Edinburg-Castle mit seinen Wällen und Kanonen in die Luft.

Jeder ehrliche Schotte hält diesen Punkt für den schönsten in der Welt, eine Ansicht, worüber er sich mit den Bewohnern von Neapel und Palermo und noch mehr mit jenen auseinandersetzen mag, die aus tristeren Ge -15 genden nach dem Süden pilgernd, jene schönen Punkte unter dem Vortheil des Contrastes und mit verklärendem, feiertäglichem Auge sehn. Der Freund an meiner Seite war jener Glücklichen einer; er enthielt sich aber weislich des Vergleichs und entwand sich dem Pressenden meiner Frage durch das bekannte: jedes in seiner Art.

Lassen wir also das Paralleleziehen und das ängstliche Forschen nach einem mehr oder weniger; freuen wir uns der Schönheit, die unbestritten vor uns liegt. Diese Schönheit beschreiben zu wollen wäre eitles Unterfangen, aber die Frage läßt sich wenigstens beantworten, aus welchen Elementen sich diese Schönheit auferbaut. Es ist nicht die Lage allein, die diese Eindrücke schafft, es sind eben so sehr die Dinge, die sich diese Lage zu Nutze gemacht und sich, derselben entsprechend, auf ihr errichtet haben. Die Solidität des Materials wie des Baustils steht ebenso untereinander wie mit der ganzen Oertlichkeit im Einklang und giebt dem Ganzen jenen großstädtischen Charakter, den ich, mehr noch wie ihre Schönheit, als den eigentlichen und frappantesten Zug dieser Stadt hervorheben möchte. Auf grauen Felsen steigen graue, acht Stock hohe Felsenhäuser in die Luft, phantastisch schnörkelt sich, einer silbergrauen Brautkrone nicht unähnlich, der Thurm von St. Giles über die Häuser empor und gemeinschaftlich über dem Ganzen liegt jener graue Nebelschleier, der den Zauber dieser nordischen Schönheitsstadt vollendet. Der Reiz der Farbe16 fehlt, aber man vermißt ihn nicht, ja erschrecken würd es uns, den vollendeten Carton, der vor uns liegt, in einen Buntfarbendruck verwandelt zu sehen. Das Grau dieser Häuser entspricht jenem unbestimmten Farbenton, der uns inmitten alter Dome so oft entzückt und zur Andacht gestimmt hat.

Nicht die Farbe würde die Wirkung der vor uns liegenden Altstadt von Edinburg erhöhn, aber was die Farbe nicht vermöchte, das vermag das Zauberspiel von Schatten und Licht. Allabendlich, wenn die Nebel sich dunkler zu färben beginnen und die grauschwarze Steinwand der Häuser mit den grauschwarzen Nebeln allmälig in eins zusammenfließt, blitzen plötzlich Lichter aus diesem Chaos heraus und immer heller, zahlreicher werdend, durchleuchten sie endlich die aus Nacht und Nebel gewobene Hülle, die nun wieder von ihrem dunklen Hintergrunde sich loslösend, wie ein durchsichtiger Schleier um die immer schwärzer werdenden Häuser schwebt. Wenn dann vom Schloß herab durch die stillgewordene Nacht die Hornsignale in langen Tönen ziehn, beschleicht es uns, als ob das ganze eine Zauberschöpfung sei, die ein Klang in’s Dasein rief und die verschwinden muß, sobald der letzte Ton erstirbt.

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III. Holyrood-Palace.

Dieser so berühmt gewordene Palast liegt unmittelbar vor der Stadt in einem weiten, mehrfach geöffneten Thalkessel, der von verschiedenen Hügeln, vom Calton Hill im Norden, von den Salisbury Craigs im Osten und Süden und von dem hochgelegenen Alt-Edinburg im Westen, begrenzt und gebildet wird. Da, wo die letzten Häuser von Canongate (siehe das vorige Kapitel) ins Thal hinunter steigen, erhebt sich, kaum durch die Breite eines Markt-Platzes von ihnen getrennt und die vor ihm liegende Hügelstraße hinaufblickend, der Palast von Holyrood. Vom Mittelpunkt der Stadt aus ihn zu erreichen, lassen sich zwei Wege einschlagen, der eine durch die Altstadt (High-Street und Canongate), der andere parallel damit durch Princes Street und Waterloo-Place, an einer Reihe hübscher Gartenanlagen hin, die sich bereits außerhalb der Stadt, am Fuße des Calton Hill entlang ziehen. Da ich noch oft Gelegenheit haben werde, den Leser auf dem erstgenannten Wege durch High-Street und Canongate zu geleiten, so wählen18 wir heut den Weg am Fuß des Calton Hill entlang, der uns, auf einem kleinen Umwege durch den Regents Road nach dem Palaste führt. Hübsche Landschaftsbilder breiten sich vor uns aus, sobald wir Waterloo-Place im Rücken haben, nichts besonderes aber fesselt unsren Blick, mit Ausnahme eines seltsamen Steinackers unmittelbar zu unsrer Rechten, von dem wir nicht wissen, ob er mehr einem Friedhof oder einem Schutthaufen gleicht. Auf unsre Frage erhalten wir folgende Antwort. Als Terrain geschafft werden mußte für das schottische Eisenbahnnetz, das in Edinburg seinen Centralpunkt hat, entschied man sich begreiflicherweise für Ankauf jener flußbettartigen, die Altstadt von der Neustadt trennenden Vertiefung, die ich im vorigen Kapitel beschrieben habe. In dieser Vertiefung, feucht und ungesund wie sie war, stand eine alte Kirche mit ihrem Gottesacker drum herum. Die Schiene brauchte Platz, der schottische Unternehmungsgeist war stärker als die schottische Kirchlichkeit und binnen Kurzem war der alte Bau ein Trümmerhaufen. Man wußte nicht was damit zu machen, oder konnte sich nicht einigen über den Verkauf, kurzum die ehemalige Kirche sammt ihren tausend Grabsteinen wurde wie Schutt vor die Stadt gefahren und dort auf einem, nunmehr umzäunten Felde abgeladen. Da liegen nun hoch aufgeschichtet die Trümmer von Sockel und Capitäl, von Kreuz und Leichenstein, das Ganze eine seltsame Ruhestatt, darauf man einen alt gewordenen Kirchhof begraben hat.

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Unmittelbar hinter diesem Acker halten wir uns rechts und biegen in eine aus ärmlichen und zerstreuten Häusern bestehende Straße ein, die uns innerhalb weniger Minuten vor das Portal des Palastes führt. Ehe wir dasselbe erreichen, werden wir durch einen jungen Schotten der uns begleitet, auf das Badehaus der Maria Stuart aufmerksam gemacht. Wiewohl sein Finger eine ganz bestimmte Richtung angiebt, so fragen wir doch wo? Aber die halb erschrockene Frage ändert nichts und die Fingerspitze deutet unverrückt auf ein kleines, halb backofenartiges Eckhaus das wir eher für das Waschhaus einer armen Frau, als für das Badehaus einer Königin halten würden. Es ist so niedrig, daß man die Hand auf die untersten Dachziegel legen kann und ein etwas vorspringender klumphafter Giebel, der dem Ganzen das Ansehen giebt, als ob ein dicker Mann auf den Schultern eines dünnen säße, ist nicht angethan, der Erscheinung einen gesteigerten Reiz zu leihen. Kopfschüttelnd darüber, daß so viel Schönheit hinter solchen Mauern heimisch gewesen sein soll, schreiten wir weiter, erreichen nach kaum hundert Schritten eine platzartige Auffahrt, machen linksum und stehen in Front des Palastes.

Der Palast ist ein Viereck von mäßigen Proportionen, ziemlich niedrig, an den beiden hausartig vorspringenden Frontecken von je vier Spitzthürmen flankirt; das Ganze ohne Styl, ohne Schönheit, ohne Stattlichkeit, aber doch nicht geradezu häßlich und unverkennbar mit jenen Zügen ausgestattet, die eine Physiognomie interessant machen. 20Dies ist Holyrood-Palace. Neben demselben, aber etwas zurückgelegen, so daß beide Baulichkeiten nur an einer einzigen Ecke statt mit ihren vollen Seiten[ zusammentreffen], erhebt sich eine Ruine: die Royal Chapel von Holyrood, das einzige Ueberbleibsel jener reichen und stolzen Abtei, die hier mit ihren Klösterhöfen, ihrer Kapelle und ihren Gärten weite Morgen Landes bedeckte. Lange bevor es einen Holyrood-Palace gab, gab es eine Holyrood-Abtei. David I. von Schottland, der fromme Gründer der Abteien von Melrose und Kelso, gründete auch diese Abtei von Holyrood (um 1150) und erst 350 Jahre später begannen neben derselben sich jene schlichten Mauern und Thürmchen zu erheben, die in ihrer damaligen äußerst begrenzten Ausdehnung kaum den Namen eines Palastes beanspruchen konnten. Es war ein Schwalbennest, das sich, wie Schutz suchend, an die stattliche, alte Abtei anklebte. Seitdem ist diese zu einer Ruine geworden, während der Palast ihr mit der Hälfte ihres Raumes zugleich das Ganze ihres Ruhmes genommen hat. Die Abtei hat längst aufgehört, eine Pilgerstätte zu sein, der Palast ist es geworden, und die wenigsten unter den Tausenden die dieser Stätte zuströmen, haben eine Ahnung davon, daß Wand an Wand mit dem Palaste von Holyrood noch eine gleichnamige Abtei ihrer harrt.

Wir besuchen diese zunächst. Die uns zugekehrte Front, ein Thurm und ein Portal, sind verhältnißmäßig gut erhalten und geben am deutlichsten Zeugniß für die nicht gewöhnliche Schönheit des Kapellenbaues der sich21 einstens hier erhob. Eintretend haben wir einen nach allen vier Seiten hin geschlossenen Raum vor uns, das Dach ist eingestürzt und der Fußboden gleicht einem Kirchhof; ein Rasenstück, aus dem sich zahlreiche Grabsteine erheben. Umschau haltend, wächst das Interesse, so lange wir unsere Aufmerksamkeit auf die Fülle des Details richten, das entweder durch Alter und Eigenthümlichkeit oder bei Schöpfungen einer späteren Epoche durch Schönheit imponirt. Von dem Augenblick an aber, wo wir Miene machen, uns in dem Ganzen zu orientiren, sind wir verloren und bezahlen unsere Wißbegier mit immer wachsender Unruhe. Wir fordern etwas, was uns die Dinge nicht mehr gewähren können. Vielfach zerstört und geschädigt, theilweis niedergerissen, um den Neubauten des Palastes Platz zu machen, schließlich (vor etwa 100 Jahren) unter die Hände eines pietät - und kenntnißlosen Architekten gerathen, gleicht das Ganze nur noch einer willkürlich zusammengesetzten Scherbenmosaik. Der Kitt hat Alles thun müssen. Nicht die Frage paßt es hat den Architekten beschäftigt, sondern immer nur die Frage klebt es . Die Grabsteine rings umher tragen manchen berühmten Namen, aber doch nicht berühmt genug, um einer besonderen Erwähnung werth zu sein. Nur einen Stein, am äußersten Ende der Kapelle, kündigt unser Führer mit gehobener Stimme an, den Stein, auf dem Maria Stuart und Darnley knieten, als der Bischof von Brechin ihre segenslose Ehe segnete. Man sagt, daß die Königin bei dieser Gelegenheit ein schwar -22 zes Kleid trug, dasselbe, das sie am Begräbnißtage ihres ersten Gemahls getragen hatte.

Die beiden Namen aber, die wir eben vernommen, mahnen uns daran, daß auch wir nicht nach der Kapelle von Holyrood, sondern nach dem Palaste gleichen Namens unsere Wallfahrt angetreten haben und an der Flanke desselben hin, denselben Weg zurücknehmend, auf dem wir in die Kapelle eintraten, werfen wir jetzt von der platzartigen Auffahrt her nochmals einen Blick auf den Palast, zumal auf die berühmt gewordenen Stockwerke und Thürmchen an der Nordwestecke, und treten dann ein.

Das Portal, unter dem wir uns zunächst befinden, zeigt durchaus nichts Stattliches oder Schloßartiges, es ist ein gepflasterter Thorweg, dessen Ueberbau von rohen Säulen getragen wird. Zur Linken befindet sich eine Pförtner -, zur Rechten eine Wachtstube; Gewehre der Mannschaften hängen an den Wänden und die Schmucklosigkeit des Ganzen erinnert an einen Kasernen-Eingang, der vierzehn Tage vorher auf Regimentsbefehl geweißt worden ist. Wir passiren diesen Thorweg und haben jetzt den geräumigen, nach allen Seiten hin geschlossenen Hof des Palastes vor uns. Die Zimmer im rechten Flügel heißen die Queen’s Apartments . Die Königin, um die es sich dabei handelt, ist nicht Queen Mary sondern Queen Victoria. Alljährlich, wenn die Königin nach Balmoral geht, um die Sommermonate auf dieser reizenden Besitzung (zwischen Inverneß und Aberdeen) zu verbringen, pflegt sie auf der Durchreise eine Nacht in23 Holyrood Palace zu verbringen. Ich habe diese Queens Apartments gewissenhaft in Augenschein genommen, führe aber meine Leser absichtlich nicht treppauf in den Flügeln des Gebäudes umher, sondern halte sie, um ihnen das Bild des Ganzen so wenig wie möglich zu verwirren, unter dem frischgeweißten Thorweg fest, und erzähl ihnen lieber, was von jenen Apartments mit hohen Fenstern und herabgelassenen Rouleaux zu wissen Noth thut. Alle dahin gehörigen Zimmer sind modern, moderne Bilder, zum Theil kein Dutzend Jahre alt, hängen an den Wänden, beblümter Zitz zieht sich sorglich über Stühle und Ottomanen, und die nicht sonderlich interessante Inspektion schließt man mit der beruhigenden Gewißheit, daß kein Rizzio in diesen Räumen ermordet worden sei.

Um diesen ermordeten Rizzio handelt es sich nun aber mal, die ganze Berühmtheit dieses Ortes knüpft sich an jenen baufälligen alten Nordwestthurm, der der Zeuge jener Ermordung war. Diesem Nordwestthurm gilt jetzt unser Besuch; aus dem Thorweg tretend biegen wir links kurzum, schreiten an der Rückseite des Frontflügels entlang, und treten da, wo der linke Flügel auf den Frontflügel stößt, durch eine Eckthür ein. Die Räumlichkeiten dieses Thurmes liegen in drei Etagen: Hochparterre die Zimmer Darnley’s und eine Gemälde-Gallerie; eine Treppe hoch die Zimmer Maria Stuarts; zwei Treppen hoch niedrige Zimmerchen, in denen einige Damen vom Haushalt der Königin (vielleicht die sogenannten vier Marien ) gewohnt haben mögen.

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Ueber diese vier Marien möchte ich hier ein paar Worte einschalten. Sie waren die Töchter aus vornehmen schottischen Familien, standen im selben Alter wie die Königin, hatten schon in Frankreich die nächste Umgebung derselben ausgemacht und waren mit ihr nach Schottland zurückgekehrt. Ihre Namen waren Mary Fleming, Mary Beaton, Mary Livingstone und Mary Seaton. Die Letztere stand ihr besonders nah und war ihre einzige Gesellschafterin während ihrer Gefangenschaft in Schloß Lochleven. Die Idee, eine Königin Maria mit vier Marien zu umgeben, wie man einen Edelstein mit vier ihm verwandten Steinen umgiebt, scheint schon zu Lebzeiten Marias die Poëten des Landes vielfach angeregt zu haben und so existiren mehrere alte Balladen, in denen diese vier Marien eine Rolle spielen. Die vier oben angeführten Familiennamen werden dabei nicht immer festgehalten, und so führt z. B. die schönste und ergreifendste der Marien-Balladen die Ueberschrift: Maria Hamilton.

Wir kehren nach dieser Abschweifung zu unserm Nordwestthurme zurück. Das erste, was wir in Augenschein nehmen, ist die Gemäldegallerie. Diese ist ein Unicum und insofern ganz an ihrem Platze hier, als sie ein heiteres Gegengewicht gegen die Schrecknisse dieses Ortes bildet. Sie enthält hundert und zehn Portraits der schottischen Könige von Fergus I. (330 vor Christo) bis auf Karl Stuart. Der Künstler, der sie schuf, hieß Jakob de Witt, ein Vlamänder. Der Con -25 tract, durch den er sich zur Herstellung dieser Portraits verpflichtete, existirt noch; er ist aus dem Jahre 1684 und lautet dahin: Jakob de Witt verpflichtet sich zur Lieferung von 110 Portraits in zwei Jahren, so wie auch zur Beschaffung der dazu nöthigen Farben und Leinwand; das Gouvernement andererseits zahlt besagtem de Witt jährlich 120 Lstr. und macht sich verbindlich, ihm die nöthigen Originale zu liefern. Sehr komisch ist die Kostüm - und Familienähnlichkeit aller, so daß es Niemandem auffallen würde, wenn man die Nummern durcheinander werfen und die Namen hinterher durch Loos bestimmen wollte. Englische Dragoner zerhieben während des Stuart-Aufstandes (1745) ein Dutzend dieser Portraits, wogegen nicht viel zu sagen ist; das aber muß überraschen, daß man sich hinterher die Mühe gegeben hat, diese zersäbelten Kunstschätze wieder zu restauriren. Der Saal, in dem sich diese Portrait-Gallerie befindet, ist dadurch interessant, daß der Prätendent oder Prinz Charlie wie ihn die Schotten zu nennen pflegen, während seiner kurzen Residenz in Holyrood einen prächtigen Ball in demselben gab. Hier tanzten jene Gestalten, die W. Scott in seinem Waverley auf viele Jahrhunderte hin der Vergessenheit entrissen hat: Fergus und Flora Mac Ivor, der alte Bradwardine und seine reizende Tochter.

In gleicher Höhe mit der Gemälde-Gallerie befinden sich die Zimmer Lord Darnley’s. Alte Bilder und Tapeten hängen an den Wänden, aber nichts, was unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen könnte; nur das26 Schlafzimmer wird dadurch interessant, daß es an einen halbversteckten Treppenthurm grenzt, dessen spiralförmige Steintreppe damals eine geheime Verbindung nach unten und nach oben unterhielt. Nach Oben führte diese Vertraulichkeits-Treppe in die Gemächer der Königin, nach Unten auf die Straße. Personen, die im Palast nicht gesehen werden sollten, machten mit Hülfe dieser Treppe ihren Besuch bei Lord Darnley; auch die Verschwörer gegen Rizzio stiegen am Abend des 9. März hier hinauf. Nachdem sie einig geworden, sammelten sie sich draußen auf den obersten Stufen der einen, und den untersten Stufen der andern Treppe (der Raum ist so eng, daß an Flur und Treppenabsatz gar nicht zu denken ist) um nun Mann hinter Mann, nicht unähnlich wie man eine Sturmleiter erklimmt, in die Zimmer der Königin vorzudringen. Wir hatten vor, denselben Weg zu machen und wanden uns die Spirale hinauf, auf der an jenem Märzabend Darnley und seine Freunde hinan gestiegen waren. Es ward uns ein wenig unheimlich dabei und dies Gefühl wuchs noch, als wir plötzlich vor einer kleinen, kaum mannsbreiten Thür standen und vergeblich auf die rostige Klinke drückten, um zu öffnen. Lord Ruthven und seine Leute würden durch einen kräftigen Fußtritt das unerwartete Hinderniß rasch aus dem Wege geräumt haben, wir aber fanden uns veranlaßt, kehrt zu machen und auf dem eigentlichen Treppenaufgang nunmehr unser Glück zu versuchen.

Die sogenannten Queen Mary’s Apartments, also27 die Zimmer der Königin Maria, befinden sich unmittelbar über den Zimmern Lord Darnley’s und umfassen vier Räume von verschiedener Größe. Wir treten zuerst in das Audienz-Zimmer, dem es seiner Zeit an Eleganz und Farbenfrische nicht gefehlt haben mag; Gobelintapeten, Holzgetäfel an Wand und Decke und in der Mitte des Zimmers eine Art Staatsbett, in dem Karl I. bei seinem letzten Besuche in Schottland geschlafen haben soll. Hundert Jahre später ruhte Prinz Charlie (nach dem Siege von Preston-Pans) auf diesen Kissen aus, schwerlich träumend, daß er sieben Monate später schon ein gehetzter Flüchtling sein und sein Besieger (der Herzog von Cumberland) auf eben jenen Kissen schlafen werde. Vielleicht daß das Bett vor hundert Jahren einladender war als jetzt; wie es da vor mir stand, weckte es nur die Empfindung, daß ich mir ein angenehmeres Lager gesucht und selbst ein Bivouac auf schottischer Haide vorgezogen haben würde. Was diesem Audienzzimmer eine größere Bedeutung leiht als die Gardinen und die historischen Erinnerungen dieses Betts, ist der Umstand, daß die vielfachen Begegnungen zwischen John Knox und der Königin an dieser Stelle stattfanden. Hier war es, wo sie unter Zorn und Thränen ausrief: Was kümmert euch meine Heirath? wer giebt euch das Recht zu dieser Sprache? wer und was seid ihr in diesem Lande? und wo der Mann im Genfer Käppchen, ungeblendet durch Schönheit und unerschüttert durch Macht, standhaft erwiederte: Ich bin ein Unterthan dieses Lan -28 des, geboren darin; und ob ich auch kein Graf oder Herr bin, doch bin ich ein nützliches Glied dieser Gemeinschaft.

Aus dem Audienzzimmer treten wir in das Schlafzimmer, dasselbe, an dessen wurmstichiger Thür wir von außen gepocht hatten. Das Zimmer ist ein Quadrat, aber durch Fenster, Thüren, Kamin und Nischen so vielfach unterbrochen, daß es mehr den Eindruck eines Vielecks als eines Vierecks macht. Die Einrichtung ist so ziemlich dieselbe, wie die des Audienzzimmers, aber hundert Kleinigkeiten, die durch die Hand der schönen Frau gingen, ihr dienten oder sie erfreuten, finden sich hier zusammen und machen dies Zimmer zu dem interessantesten, das man vielleicht irgendwo betreten kann. Das Bett mit seinen Scharlachbehängen, seinen Schnüren und Quasten ist wohl erhalten und auf den Polstern und Decken liegt der zwei Hand breite Rest von einer jener wollnen Decken, die nach englisch-französischer Sitte schon damals statt des Federbetts dienten. Es ist bekannt, wie leicht solche Dinge ins Lächerliche umschlagen, aber die ganze Umgebung ist der Art, daß Frivolität nicht aufkommen kann und sich bescheidet, anderen Gedanken das Feld zu räumen. Die Gobelin’s, die an den Wänden hängen, stellen den Fall des Phaëton dar; man kann darin nicht gut, wie einige gewollt haben, ein sinniges Spiel des Zufalls erkennen, da der Fall der schönen Königin sicherlich keine Vergleichungspunkte mit dem des Phaëton bietet. Sie strebte nie zu hoch, im Allgemeinen nicht hoch genug; als sie dem Bothwell die Hand reichte,29 entschlug sie sich ihrer Würde als Königin und als Frau, das stürzte sie. Unter den Kleinigkeiten, deren das Zimmer so viele besitzt, sind Stickereien von der Hand der Königin Elisabeth, die diese der Maria Stuart für deren eben geborenen Sohn, den späteren Jakob VI. zum Geschenk machte; daneben Handarbeiten Maria Stuarts selbst, Körbchen, Kästchen, Necessaires u. s. w.

Von diesem Schlafzimmer aus führen zwei Thüren, nach rechts und links hin, in zwei angrenzende kleine Räume, von denen der eine den Namen eines Ankleide-Zimmers (dressing room) der andere den eines Eßzimmers (supping room) führt. Der dressing-room hat kein Blatt in der Geschichte; desto mehr Blätter gehören dem supping-room. Wir werfen noch einen Blick auf die mehrerwähnte, wurmstichige kleine Thür, die wir jetzt kaum Fuß breit zur Rechten haben und treten nunmehr in den unmittelbar daneben gelegenen supping-room ein. Wir sehen darin allerhand Rüstungsstücke (Brustharnisch, Schwert, Sporen), die dem Lord Darnley gehört haben sollen; an anderer Stelle befindet sich ein Marmorblock und ein auf Stein gemaltes kleines Altarbild, Dinge die einstens der Hauskapelle der Königin zugehörten und nun wie in einem Curiositäten-Laden, in diesem supping-room eine Stelle gefunden haben. So unpassend wie möglich. Dies Zimmer müßte kahl und leer sein, nackte, graue Wände, nichts weiter. Hier empfing Rizzio die ersten Dolchstiche. Was den Eintretenden mit ganz besondrem Schauder erfaßt, das ist die überraschende Kleinheit und30 Enge dieses Gemachs. Es ist nur 10 Fuß lang und 9 Fuß breit. Man war hier auf Dolche angewiesen. In diesem Zimmer befanden sich am Abend des 9. März 1565 sieben Personen: Maria Stuart; ihr Halbbruder Lord Robert Stuart; Arthur Erskine, Hauptmann von der Garde; ein Kammerherr; eine Hofdame; die Gräfin von Argyle und Rizzio. Rechnet man den Tisch hinzu, an dem sie saßen, so muß das Zimmer gefüllt gewesen sein. Aber die draußen stehenden waren entschlossen, Platz zu schaffen. Zuerst erschien Darnley, setzte sich neben die Königin und schlang seinen Arm um ihren Leib, um sie nach Möglichkeit auf ihrem Sitze festzuhalten. Dann trat Lord Ruthven ein, hager, blaß, todtkrank, das Haupt unbedeckt, aber sein Leib in Eisen gekleidet; mit ihm kamen Kerr von Falkonside und George Douglas; Bewaffnete und Fackelträger schlossen den Ausgang. Es gilt nicht Euch, hohe Frau, rief Ruthven, nur jenem Schuft da. Rizzio sprang auf und barg sich hinter der Königin. Es war jetzt unmöglich, ihn zu treffen; der enge Raum des Zimmers war abgesperrt, eine lebendige Hecke, dahinter der Sänger. Gebt ihn heraus schrie Kerr von Falkonside und legte sein Pistol auf die Königin an. Die geängstigte aber entschlossene Frau folgte ihm mit den Augen. Diesen Moment benutzte Douglas; über die Schulter der Königin hinweg, traf er jetzt den dahinter geborgenen Sänger. Rizzio sank zusammen; man zog ihn hervor, zerrte ihn durch das Schlaf - und Audienzzimmer; draußen an31 der Treppenstufe ließ man ihn liegen. Sechsundfunfzig Dolchstiche hatten ihr Werk gethan. Lord Ruthven schritt in das Zimmer der Königin zurück und forderte einen Becher Wein. Er war so matt, daß er sich mühsam aufrecht hielt; eine Woche später war er nicht mehr. Der Tod schien nur gewartet zu haben, um nicht zwischen ihn und diesen Mord zu treten.

All das stand vor unserer Seele, als wir uns in dem elenden Zimmerchen umsahen. Wir verließen es wieder ohne ein Wort zu sprechen. Als wir bis an die Treppe gekommen waren, rief uns einer der Aufseher nach; wait a moment, gentlemen, you did’nt see the blood yet. Warten Sie einen Augenblick meine Herren, Sie haben das Blut noch nicht gesehen. In der That standen wir auf dem Punkt, an dem Blute Rizzio’s ohne weitere Theilnahme vorbeizugehen. Wir hielten an und sahen nun den großen braungrauen Fleck, das sichtbare Zeichen der Schrecknisse jenes Abends. Zu sagen, daß wir viel dabei empfunden hätten, wäre Lüge. Diese Dinge dürfen einem nicht in Substanz auf den Leib rücken. Die rothen Flecke, die das Gewissen der Lady Macbeth sieht, wo sie nicht sind, werden ewig ihr Grauen für uns behalten; aber es ist vorbei damit, wenn man uns das Blut tischbreit auf die Diele malt. Auch die Vorstellung kann nicht retten, daß es vielleicht das ächte sei.

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IV. Von Holyrood bis Edinburg-Castle.

Aus Holyrood-Palace heraustretend und den mehrerwähnten Platz passirend, der unmittelbar vor dem Palaste liegt, treten wir jetzt in den untern Theil jener hügelansteigenden, malerisch gelegenen Straße ein, deren Profil-Linien ich im zweiten Kapitel bereits beschrieben habe. Der untere Theil der Straße, am Hügelabhang gelegen, heißt Canongate; der obere Theil, den Rücken des Hügels einnehmend, ist High-Street.

Canongate, so geheißen, weil die Chorherren (Canon’s) von Holyrood die ersten Häuser hier aufführten, war vor drei Jahrhunderten der Lieblingssitz der Reichen und Vornehmen des Landes. Die unmittelbare Nähe des Palastes machte es, daß man diesem Faubourg (denn das war Canongate damals) selbst den Vorzug vor der stattlicheren High-Street gab. Lange Zeit hindurch blieben diese Dinge unverändert und noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts hatten Herzöge, Grafen und Lords ihre Paläste hier. Wenn man sich jetzt in dieser Straße umsieht, so kann man freilich ein gewisses Staunen nicht33 unterdrücken, daß z. B. noch um 1750 herum, fünfundzwanzig Grafen (der Lords und Barone zu geschweigen) ihre Paläste hier gehabt haben sollen. Unscheinbare Häuser zu beiden Seiten der Straße führen noch jetzt den Namen alter und berühmter Geschlechter und beweisen im innigsten Zusammenhange mit den Thaten, die hier geschehen, welch Zustand verhältnißmäßiger Rohheit und Unkultur hier noch herrschte, als das übrige West-Europa bereits unter dem Einfluß der wiedererwachten Künste war. Geschmack und Comfort fanden hier sehr spät eine Stätte. Als Schottland während des 16. Jahrhunderts in die nächste politische Beziehung zu Frankreich trat, waren die Zustände des Landes noch so arm und hoffnungslos, um in der Bevölkerung desselben nicht einmal den Gedanken an Mitbewerbung oder Nacheiferung aufkommen zu lassen. Den Rest that der Puritanismus; was noch von Schätzen und Vorbildern guten Geschmacks übrig war, das brannte er nieder oder entkleidete es seiner Schönheit. Abgeschiedenheit, Armuth und das ausschließlich auf’s Innerliche gerichtete religiöse Leben des schottischen Volks vereinigten sich dahin, der Kunst und ihrem nie fehlenden Gefolge, dem Comfort und dem Luxus, die Niederlassung, das Bürgerrecht in diesem Lande zu erschweren. Das Haus blieb hier ein bloßer Steinbau mit kleinen Thüren und dürftigen Fenstern, eine Schutzwehr gegen Wind und Wetter, ein Castell, fest, eng, warm, aber schmucklos.

Wer geneigt sein könnte einen Zweifel hiergegen zu34 erheben, der sehe sich um in Canongate. Kein englischer Fisch - und Gemüsehändler würde jetzt Raum, geschweige Comfort genug in einem jener grauen Steinhäuser finden, drin noch vor 100 Jahren die Träger berühmter Namen sich’s wohl sein ließen.

Nur einige Häuser zeichnen sich auch jetzt noch durch ihre Geräumigkeit oder durch jene Apartheiten in der Bauart aus, die uns sofort muthmaßen lassen, daß es nicht alltägliche Dinge gewesen sein können, die sich darin zugetragen haben. Da haben wir zunächst zur Linken Queensberry-House. Die ehemalige Wohnung der Herzöge gleichen Namens ist seit 50 Jahren und mehr zu einem Hospital und Armenhaus geworden, eine Umwandlung, der man es lassen muß, daß sie im Einklang steht mit dem spukhaften Mauerwerk und der finstren Geschichte, die sich daran knüpft. Diese Geschichte ist folgende. Es war am 5. Mai 1703, an demselben Tage, an dem die Union zwischen England und Schottland, die bis dahin nur als Personal-Union bestanden hatte, durch Abgeordnete beider Länder zum Abschluß gebracht wurde. Die glückliche Beendigung der dahin abzielenden Schritte war das Werk und Verdienst des schottischen Herzogs von Queensberry. Der Herzog verließ früh das Haus, um beim Abschluß der Verhandlungen zu präsidiren. Ganz Edinburg war auf den Straßen. Auch die Dienerschaft von Queensberry-House hatte das herzogliche Palais verlassen, Niemand war im Hause zurückgeblieben, als des Herzogs ältester Sohn, wahnsinnig in35 seiner Zelle, und ein Küchenjunge hinterm Herd. Gegen Mittag waren die Verhandlungen geschlossen, Kanonenschüsse vom alten Schloß her rollten über die Stadt hin. Alles strömte heim, auch die Dienerschaft von Queensberry-House. Was fanden sie vor? Die Eisenstäbe der Zelle waren zerbrochen; in der Küche stand der Wahnsinnige und drehte den Spieß; an dem Spieß steckte der Küchenjunge. Das Grausige dieser Geschichte wächst noch durch den leisen Beisatz von Komischem, der unser Gefühl in einen gewissen Zwiespalt und uns vor uns selber fast unter die Anklage der Frivolität bringt.

Hundert Schritte aufwärts von Queensberry-House haben wir Murray-House an derselben Seite der Straße. Die blanken Fenster und die geputzten Messinggriffe sagen uns hier, daß noch Bewohner hinter diesen sauber gehaltenen Wänden leben, die, wenn nicht an Rang und Reichthum, so doch an Sitte und vornehmer Gewöhnung jenen Königlichen Murray’s verwandt sein müssen, die vor zwei Jahrhunderten hier heimisch waren und dem Hause seinen Namen gaben. Im Vorübergehen gewahren wir an den Fenstern des ersten Stocks einen schmucklosen eisernen Balkon. Die Geschichte, die sich daran knüpft, erzähl ich in einem späteren Kapitel.

Zwischen Queensberry-House und Murray-House, an der andern Seite der Straße, liegt die alte Kirche von Canongate. Die Kirche ist häßlich und interesselos, und selbst die Grabsteine, die nach allen vier Seiten hin sie umlagern, weisen keinen einzigen Namen von Bedeutung36 auf. Um den Namen Adam Smith’s scheint diese Begräbnißstätte durch einen Zufall oder eine Laune gekommen zu sein. Das Grab des Schöpfers der Nationalökonomie befindet sich seitab in einiger Entfernung vom Kirchhof. Kirchlicher Rigorismus kann dabei nicht maaßgebend gewesen sein, da Adam Smith auch in kirchlichen Dingen durchaus jene Harmlosigkeit zeigte, die ihm in allen Lebensbeziehungen eigen war. Von dieser Harmlosigkeit sei es mir gestattet, hier einen anekdotischen Zug als Probe einzuschalten. Der Verfasser des Reichthums der Nationen, der beiläufig bemerkt, wie fast alle Nationalökonomen, in der Verwaltung seiner eigenen Angelegenheiten hinter den bescheidensten Anforderungen zurückblieb, war unverheirathet, stand aber statt dessen unter der strengen Herrschaft einer Anverwandten, die ihm die Wirthschaft führte. Er hatte wenig Neigungen und Bedürfnisse, nur ein Stückchen Zucker liebte er dann und wann aus der Schaale zu naschen. Diese Neigung zu befriedigen war aber nicht immer leicht, da die Zuckerschaale unter der besonderen Aufsicht der Dame des Hauses stand. Er pflegte zu diesem Zwecke im Zimmer auf und ab zu gehen, die Anverwandte in ein Gespräch zu verwickeln und dabei abzuwarten, bis sie endlich der Schaale den Rücken zukehrte; diesen Moment benutzte er dann, um seinen Ueberfall mit Muth und Geschicklichkeit auszuführen.

Unmittelbar neben der alten Kirche liegt das Gefängniß von Canongate, ein wenigstens um etwas bemerkens -37 wertherer Bau, wenn auch nur seiner lateinischen Inschrift halber. Dieselbe lautet: sic itur ad astra, als ob der Weg durch das Canongate-Gefängniß eine besondere Anwartschaft auf den Himmel böte. Niemand in Edinburg hat mir diesen Wiedersinn erklären können. Vielleicht, daß das Gebäude in alten Zeiten einem völlig verschiedenen Zwecke gedient hat.

Wir haben jetzt Canongate passirt, d. h. haben den am Hügelabhang liegenden Theil der großen Verbindungsstraße zwischen Holyrood-Palace und Edinburg-Castle hinter uns und treten jetzt da, wo die Straße den Hügelrücken erreicht hat und in horizontaler Linie sich fortzusetzen beginnt, in High-Street ein. An dieser Stelle nimmt die eigentliche Altstadt-Edinburg ihren Anfang. Hier befand sich in früheren Jahren, wenn ich nicht irre, ein Thor, das die eigentliche Stadt von der Vorstadt schied, ähnlich wie sich Temple-Bar noch jetzt zwischen City und Westminster, oder die Porte St. Martin zwischen der Stadt und dem Faubourg erhebt. Gleich das erste Haus, das wir zur Rechten haben, wo Canongate sich plötzlich in die breitere High-Street erweitert und dadurch eine Art Eckhaus bildet, ist ein Gebäude von hohem Interesse. In diesem Hause lebte John Knox. Und dies dieselbe High-Street , so sagten wir uns, die der muthige Mann so oft und so freudig entlang schritt, um in der alten St. Giles-Kirche den Zorn Gottes auf die Gottlosen‘ herabzurufen! und dies dasselbe Canongate, so setzten wir hinzu, das er zögernd hinab -38 stieg, wenn es andern Tags galt, die Drohworte von St. Giles vor der Königin in Holyrood-Palace zu entschuldigen oder zu wiederholen! Das Gebäude, wie es da ist, läßt an altem Ansehn nichts zu wünschen übrig, dennoch ist es, so viel ich weiß, eine Art Kunstprodukt, zu dessen Herstellung man im Lauf der letzten zehn Jahre geschritten ist. Man kam zu einer Art Compromiß und behing so zu sagen einen neu hergestellten Leib mit den alten Kleidern. Wie man von baufälligen Kirchen eine Reihe von Freskobildern loszulösen und diese Bilder dann neuaufgerichteten Wänden wieder anzufügen versteht, so hat man auch das alte Haus des John Knox einem unerläßlich gewordenen Umbau zu unterwerfen gewußt, ohne dadurch die Formen und Verhältnisse des Hauses zu zerstören oder gar gewisse Apartheiten und Ornamente desselben zu beseitigen. Die Weise, in der dabei von Seiten der Bauverständigen verfahren wird, entgeht zwar niemals den Angriffen der antiquarischen Enthusiasten, aber wer könnte ihnen genügen? Hier in London hab ich vor Kurzem den Beauchamp-Thurm*)Der Beauchamp-Thurm ist unter den vielen Thürmen und Plätzen, die im Tower gezeigt werden, so ziemlich der interessanteste. Er diente während des 16. Jahrhunderts (unter den Tudor’s) als Staatsgefängniß. Im Jahre 1852, als ich ihn zuerst sah, war er noch wohl erhalten und allem Anschein nach durchaus intakt; das Hauptzimmer mit seinen zahlreichen in den Kalk gekratzten Sprüchen und Wappenbildern, (Inschriften von den Dudley’s, den Poole’s etc.) machte den Eindruck völliger Aechtheit. Seitdem hat man das Innere des Thurms ganz umgebaut und in die Mörtelbekleidung der neuen Wände basreliefartig alle die alten, mit mehr oder min - (im Tower) nach39 einem ähnlichen Prinzip wie oben beschrieben, restauriren sehen. Die von außen wahrnehmbaren Sehenswürdigkeiten des John Knox’schen Hauses bestehen aus drei Dingen: Erstens aus dem kleinen Eckfenster im ersten Stock, von wo herab der Reformator häufig zu dem unten versammelten Volk gesprochen haben soll; zweitens aus einer Inschrift, die da lautet: Love God above all and your Neighbour as yourself (liebe Gott über Alles und Deinen Nächsten wie Dich selbst) und drittens aus einer bunt bemalten kleinen Holzpuppe, die sich unmittelbar neben jenem Eckfenster befindet und den Reformator selber, wie er zum Volke predigt, darstellen soll. Diese Puppe, wahrscheinlich nicht älter als 50 Jahre, ist das Produkt guten Willens und wenig Geschmacks. Sie hat nur das Gute, daß sie das Haus in unverkennbarer Weise markirt und dem Fremden ein Führer oder Fingerzeig wird, ohne dessen Hülfe das ziemlich unscheinbare Haus unter einer Masse ähnlicher Baulichkeiten verschwinden würde.

High-Street weiter hinauf gehend, haben wir jetzt, zumal wenn wir uns auf der rechten Seite der Straße halten, einen Ueberblick über die drei Kirchen, die den Weg von Canongate bis Edinburg-Castle in drei fast gleiche*)drer Sorgfalt losgelösten Stücke eingefugt. Gegen das Prinzip, das diesem Verfahren zu Grunde liegt, läßt sich gewiß nichts Erhebliches sagen, aber das wie , die Art der Ausführung, hätte allerdings eine sorglichere und pietätsvollere sein können. Man hat die historische Patina hinweggeputzt, ohne welche diese Dinge aufhören, sie selbst zu sein.40 Theile theilen und, ohne selber besonders schön zu sein, nicht wenig zu dem malerischen Effekt der ganzen Straße beitragen. Vom Monumente Walter Scotts aus (siehe das zweite Kapitel), wo High-Street und Canongate im Profile vor uns liegen und eine Seiten-Vue gestatten, ist dieser Effekt freilich am größten, aber auch en face die Straße hinansteigend, so bald wir nur die eine Linie vermeiden, auf der die erste Kirche (Tron Church) die beiden andren deckt, genießen wir eines prächtigen Anblicks.

Wir befinden uns jetzt in gleicher Höhe mit Tron Church, haben diese alte, nichts besonderes bietende Kirche unmittelbar zu unserer Linken, und blicken nun, die Strecke bis zur St. Giles-Kirche hin überschauend, in den schönsten und historisch-berühmtesten Theil von High-Street hinein. Die Dinge unterscheiden sich hier wesentlich von dem, was wir in Canongate gesehen. Die Häuser, die sich zu beiden Seiten der Straße erheben, sind eben so alt oder noch älter als dort; die Leute, die drin leben, haben eben so wenig oder noch weniger irgend etwas gemein mit jener Aristokratie, die hier wie dort einst ihre Paläste hatte; Schmutz, Armuth und Hökerkram haben hier wie dort ihre Wohnung aufgeschlagen. Aber was den Unterschied macht, das ist das Massenhafte der Bauart, der wir hier begegnen. Die grauen Quaderhäuser mit breiten, vielfenstrigen Fronten steigen sechs und sieben Stock hoch in die Luft und geben der ganzen Straße das Ansehn einer Reihe von Palästen. Daß diese Paläste räuchrig und41 schmucklos, zum Theil schmutzig und halb verfallen sind, reicht nicht aus, der Straße diesen ihren Charakter zu nehmen. Die Häuser von Canongate gleichen vernachlässigten Sommerresidenzen, in denen der Adel früherer Jahrhunderte seinen temporären Aufenthalt nahm, hier auf dem Rücken des Hügels aber haben wir wirkliche Schlösser; hoch, fest, imposant. Diesen Charakter des Schloßartigen hat die Straße in so hohem Maaße, daß die stattlichen Neubauten (Bank, Börse, Rathhaus, Parlament), die man hier und dort zu beiden Seiten der Straße aufgeführt hat, nicht im Stande gewesen sind, den imponirenden Eindruck des Ganzen zu steigern, gegentheils. Ich komme später auf diesen Punkt zurück.

Die einzelnen Häuser, selbst die besten, zu beschreiben, ist nicht möglich. Was über sie zu sagen ist, das ist gesagt. Eines gleicht dem andern. Grau, steinern, schmucklos, steigen sie in die Luft, unmalerisch einzeln, aber pittoresk als Ganzes und immer wirksam durch Masse und Proportion. Was ihnen bei genauerem Einblick einen aparten Zug verleiht, das sind die sogenannten Engen , jene wunderlichen Kreuzungs-Produkte von Hof, Mauergang und Sackgasse, die unter dem Namen der Closes von Edinburg in ganz England eine Art von Notorität erlangt haben. Diese Closes , wie schon aus meiner obigen Umschreibung hervorgeht, sind nicht geradezu etwas neues und besondres. Neben jenem Mischlingscharakter, der sie allerdings eigenthümlicher erscheinen läßt als sie sind, verdanken sie ihren Ruf wohl zu -42 meist dem Umstande, daß es in ganz England wenig alte Städte giebt, d. h. Städte die sich noch in ihrem ehemaligen alten Aufzuge der Welt präsentiren. In unseren alten deutschen Städten ist an solchen Close’s kein Mangel; unsre Höfe in Wien, Augsburg, Leipzig, Danzig, sind im wesentlichen dasselbe. Noch ähnlicher sind ihnen die Courts in den alten Stadttheilen London’s: besonders am Strand, um Drury-Lane herum, und in Fleet-Street. Die letztere Straße ist so reich daran, daß man sie der High-Street von Edinburg fast an die Seite setzen könnte. Aber was diesen Close’s, weit über ihren eigentlichen Anspruch hinaus, wenigstens den Schein von etwas Besonderem leiht, das ist ihre ganz aparte Enge. Man passirt zuerst einen schmalen, überwölbten, leider oft als Rinnstein dienenden Gang, der sich durch die ganze Tiefe des Hauses zieht, etwa wie ein Festungsthor durch die ganze Tiefe der Mauer läuft. Hat man, nach vorsorglicher Applizirung eines Taschentuches, diesen in Dunkeln fließenden Schleichbach hinter sich, so steht man auf einem mal stein -, mal fliesenbedeckten Hofe, der bei der Höhe der Häuser, die ihn dicht umschließen, mehr einem Rauchfang als einem Hofe gleicht. Treppen münden hier aus, unbeschreiblicher Schutt und Hausrath liegt in den Winkeln umher und durch alle Etagen hindurch hängt Wäsche an Stöcken und Stangen zum Fenster hinaus. Wie viel Tage die Letztere braucht, um hier ohne Luft und Licht zu trocknen, hätt ich gern erfahren. Das sind die Close’s von Edin -43 burg. Sie zu betreten ist mißlich; aber von der Straße aus, durch den dunklen schmalen Gang hindurch, in den Hof und sein Getreibe hineinzublicken, verlohnt sich doch der Mühe. Neben manchem bloß Pikanten bietet sich auch Malerisches und durch Reiz und Schönheit Fesselndes dar. Ich entsinne mich einzelner Häuser, in denen der schmale Gang des Vorderhauses sich über den Hof fort noch durch die ganze Tiefe des Hinterhauses zog. In einem anderen Falle lief neben dem letzteren eine offene, als Garten benutzte Passage her. Dieser Gartenstreifen, kaum vier Fuß breit, hatte nach vorn hin eine Gitterthür; ein dahinter stehender Rosenstrauch reichte seine Rosen durch die Eisenstäbe hindurch in den Hof hinein, über Gitter und Strauch aber schwebte ein Stück Himmel, auf dessen blauem Hintergrunde sich das bunte Leben von Princes-Street, wie ein Camera obscura - Bild, auf und ab bewegte.

Auf dem Wege von Tron-Church bis St. Giles haben wir das eigentliche High-Street-Leben um uns her. Wenig Fuhrwerk auf dem Straßendamme, aber desto mehr Verkehr auf dem Trottoir und dem Bürgersteige. In den Mittagsstunden und beim Dunkelwerden, wenn Feierabend begonnen hat, gesellt sich zu diesem Tages - und Geschäfts-Verkehr noch eine andere Art von öffentlichem Leben, das, so weit ich es kenne, in dem nördlichen Europa nichts Gleiches hat und durchaus an das Treiben italienischer Städte erinnert. Die Buntheit, die Heiterkeit des Südens fehlt, aber das Stehen und Schwatzen44 vor den Thüren ist allgemein und geht rasch in jenes stille, behagliche Auf und Ab, in jene mußevolle Bewegung über, die kein Ziel verfolgt und sich selber Zweck ist. Die armen Leute von Edinburg gehen allabendlich auf ihrer High-Street spatzieren. Das klingt nicht viel, ist aber eine große Sache und giebt jedenfalls der ganzen Straße einen Charakter, der uns durch seine Neuheit völlig frappirt. Unsre nordischen Straßen haben aufgehört Versammlungsplätze zu sein, sie dienen ausschließlich dem Verkehr und gleichen abgesteckten Rennbahnen, auf denen nur gelaufen wird.

Aber selbst die Buntheit des Südens sollten wir nicht lange vermissen, als wir High-Street entlang schritten. An allen Ecken standen Hochlandssöhne mit Kilt und Plaid, nicht genau in die Farben ihrer Clan’s gekleidet, aber immer noch bunt genug, um das Bild zu beleben. Es waren Werbe-Unteroffiziere von den Highlanders, Kameraden von der hohen Nummer , was in England einen stolzen Klang hat, wo die Nummern 72. und 93. auf den Hochlands-Schultern zweier berühmter Regimenter stehen. Vieles ist gegen die Hochlandstracht im Allgemeinen gesagt und geschrieben worden und gewiß mit Recht, aber malerisch ist und bleibt sie. Selbst das Zwitterkostüm der Hochlands-Regimenter, die oben den abgeschnittenen rothen Frack der Engländer adoptirt, nach unten hin aber den Kilt und die Nacktbeinigkeit in aller Integrität bewahrt haben, ist immer noch eine Schöpfung von relativer Geschmacksfülle. Unter allen45 Umständen fehlt die Hose, dieser Triumph des Praktischen über die Schönheit. Kurz vorher, eh wir nach Schottland aufbrachen, hatten wir in London die Straßen und Plätze besucht, auf denen der englische Werbe-Unteroffizier sein Wesen treibt. Es war uns somit eine vortreffliche Gelegenheit zum Vergleich gegeben. Der Vergleich fiel sehr zu Gunsten Schottlands aus. In beiden Fällen, hier wie dort, war das Bierhaus Station und Sammelplatz; aber der ächte Hochländer, der, wie das Sprüchwort sagt, sich schon die Muttermilch mit Whisky verdünnt, scheint dem Werbegeschäft besser gewachsen zu sein. Er bleibt nüchtern. Breakfast und Lunch (zweites Frühstück) waren längst vorüber, doch unangefochten, fest, gradlinig, gravitätisch, schritten ein paar Sergeanten vom Sutherland-Regimente auf und ab, uns musternd und dann grüßend, als wir an ihnen vorübergingen. Sie hatten in meinem Gefährten den alten Offizier herauserkannt. Dasselbe passirte uns in Stirling ein paar Tage später. Das Ganze gab ein schönes Bild; auf dem dunklen Hintergrunde hoben sich die bunten Trachten trefflich ab, gegenüber stiegen die grauen Häuser thurmartig in die Luft und aus der Ferne, nur leise von Nebel umhüllt, grüßte Edinburg-Castle.

Dieser Gruß mahnt uns zur Eile. Zunächst erreichen wir die Börse, die sogenannten Exchange Buildings. Vor derselben, den Rücken gegen das Gebäude, machen wir Halt, um Umschau zu halten. Wir blicken zunächst gegenüber auf die linke Seite der Straße. High-Street46 buchtet sich hier, nach Süden hin, platzartig aus; die St. Giles-Kirche indeß, die sich inmitten dieser Ausbuchtung (Parlaments-Square geheißen) erhebt und mit einer ihrer Seitenfronten bis in High-Street vorspringt, stellt dadurch die unterbrochene Straßenlinie wieder her. Wir befinden uns, angesichts dieses Platzes, im Mittelpunkte von High-Street und in mehr als einer Beziehung am wichtigsten Punkte Edinburgs überhaupt. Den ehrwürdigen Bau, in dem Knox predigte, unmittelbar vor uns, übersehen wir zu gleicher Zeit die Mehrzahl der Gebäude, die sich hakenförmig um diese Kirche herum gruppiren; das Rathhaus, das Parlaments-Gebäude und die Gerichtshöfe. Alle diese Häuser, einschließlich des Börsen-Gebäudes, an das wir lehnen, sind entweder neu oder doch neuerlichst so gründlich reparirt, daß sie den Eindruck von Neubauten machen. Es soll damit kein Tadel ausgesprochen sein, um so weniger, als die Aenderungen, die vorgenommen wurden, aus Verkehrs - und Gesundheits-Rücksichten dringend geboten erschienen. Auch wär es unbillig, in Abrede zu stellen, daß der Platz wie er da ist immer noch den Eindruck des Stattlichen, des Großstädtischen macht. Das alles sei zugegeben. Aber andrerseits freilich trägt dieses Rathhaus, das z. B. den athenischen Tempel des Erechtheus kopirt, ein völlig fremdes Element in die alte High-Street von Edinburg hinein und erzeugt nothwendig den Wunsch in uns, daß es auf eine kurze halbe Stunde wieder so sein möchte wie vordem. Da war alles aus einem Guß; eckig,47 winklich, verbaut, aber malerisch. Links vor uns an der Nordostecke der Kirche erhob sich das Wahrzeichen der Stadt, das City-Kreuz , während rechts an der Nordwestecke das alte Tolbooth-Gefängniß mit seinen Erkern und Thürmen aufwuchs und die High-Street beinah absperrte. Nichts von Säulen und Pilastern zog sich damals an den Steinfacaden der alten Gerichts - und Parlaments-Gebäude entlang und statt der ängstlichen Sauberkeit des frisch abgeputzten St. Giles, präsentirte sich der alte Bau im Schmuck seiner Buden und Kramläden, die sich eng und niedrig unter die gothischen Fenster gekauert oder in voller Breite zwischen den Strebepfeilern etablirt hatten. Das Mittelalter hatte doch Recht, und unsere Purifikation, wo immer sie sich breit macht, hat oft herzlich wenig von dem guten Geschmack an sich, den sie in großen Buchstaben auf ihre Fahne schreibt. Die alten Kirchen wuchsen wie aus dem Leben des Volks hervor und deutungsreich war es, wenn Bürger und Händler am Mauerwerk ihrer Kirche ihr Nest zu bauen liebten. Es war eine Verwachsenheit da, die jetzt fehlt. Kalt, sauber, sonntäglich, erheben sich unsere Kirchen neben uns und wir sehen uns in ein festtägliches Verhältniß zu jenen Plätzen gebracht, wo sonst der Umgang, die Liebe, die Vertraulichkeit, auch wohl die Ungenirtheit des alltäglichen Lebens war.

Mit der St. Giles-Kirche und ihrer Umgebung haben wir den Höhenpunkt des Interesses erreicht, das uns die High-Street gewähren kann. Weiter hinauf werden die48 Häuser wieder baufälliger und kümmerlicher und die paar Ausnahmen, die uns begegnen, bieten nicht Stoff genug, um bei ihnen zu verweilen. Wir befinden uns jetzt in gleicher Höhe mit der dritten und letzten der High-Street-Kirchen (der sogenannten Assembly Hall, in der alljährlich die General-Synode sich zu versammeln pflegt), biegen aber, anstatt den kahlen Wänden einer neugebauten schottischen Kirche einen bloßen Anstandsbesuch zu machen, lieber in die gegenübergelegene Gasse und ein dicht daran anstoßendes Gärtchen ein, um der Poeten-Wohnung Allan Ramsay’s, dieses nordischen Hans Sachs, einen Blick zu gönnen. Aber auch nur einen Blick; die Stille, die Abgeschlossenheit, die Lieblichkeit des Orts, die uns zu einer andern Zeit gewiß auf längere Minuten gefesselt hätte, hält uns heute nicht, denn immer näher hören wir militairische Musik die Wege und Windungen des Hügels heraufkommen. Die Neugier treibt uns zu sehen, was es giebt. In demselben Augenblick, wo wir den Platz erreichen (Esplanade genannt), der vor dem Mauer - und Festungswerk von Edinburg-Castle sich ausdehnt, erscheinen auch, Musik vorauf, die ersten Sektionen eines englischen Regiments zu unsrer Rechten und marschiren, den Platz in seiner Breite überschreitend, dem geöffneten Festungsthore zu. Es sind dies die Sussex-Milizen unter Führung ihres Obersten, des Herzogs von Richmond. Bis vor wenig Tagen in Dover garnisonirt, hat eine vielleicht unerwünschte Ordre sie aus dem Süden Englands plötzlich nach Edinburg geführt. Edinburg-Castle49 tritt an die Stelle von Dover-Castle. Schaaren von Volk, jung und alt, Weiber und Kinder, folgen ihnen nach, um an den Southrons (d. h. die Südlichen) ihren Witz und ihre Malice zu üben. Auch wir schließen uns dem Zuge an, und während das Britische Grenadiere lustig weiter klingt, und die Schloßwache ins Gewehr tritt, ziehen wir durch allerhand Thor - und Gitterwerk lachend mit ein in Schloß Edinburg.

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V. Edinburg-Castle.

Wer kennte nicht das Edwin Landseer’sche Bild Der Frieden ? Grasbewachsene Dünenhügel ziehen sich am Strand hin; glatt wie ein Spiegel dehnt sich die Meeresfläche; Kinder spielen, Schaafe weiden umher; eines der Schaafe aber naht sich der Oeffnung einer rostigen, halb im Grase versteckten Kanone und nagt die Halme ab, die ihm friedlich daraus entgegen blühn. An dieses Bild mußt ich denken, als ich oben auf Edinburg-Castle stand. Alles ringsum athmete Frieden; selbst die Halb-Mond-Batterie, die ein Dutzend Geschütze oder mehr aus dem Wall - und Mauerwerk hervorstreckt, erschien mir so friedlich wie jene rostige Kanone im Grase. Die ganze Burg, mit ihren kriegerischen Pretensionen, ein gutherziger Polterer und nichts mehr! Mit einer Art Staunen hört ich, daß im Jahre 1570 noch eine wirkliche Belagerung dieser Felsenfestung stattgefunden hat. Philipp le Grange, ein Anhänger Maria Stuarts, hielt sich hier 33 Tage lang gegen die vereinigten Anstrengungen einer englisch-schottischen Belagerungs-Armee. 51Drei und dreißig Minuten würden jetzt ausreichen, sämmtliches Mauerwerk dieser Festung in einen Schutthaufen zu verwandeln. Daß im Jahre 1745 Prince Charlie keinen Angriff auf Edinburg-Castle unternahm und die Burg in den Händen der englischen Besatzung ließ, während die Stadt in seinen Händen war, darf auf keinen Fall als ein Beweis für die Festigkeit des Platzes gedeutet werden. Die Sache war die, daß die nacktbeinigen Hochländer viel Muth aber keine Kanonen hatten und daß es nutzlos gewesen wäre, mit dem Kopf gegen die Wand zu laufen. Edinburg-Castle, so scheinbar gebieterisch seine Lage ist, hat nichts mehr zu gebieten, seitdem eine Höhe von 300 Fuß aufgehört hat eine Unerreichbarkeit für Kugel und Wurfgeschoß zu sein. Daher fallen alle historischen Erinnerungen die sich an die Vertheidigung oder Eroberung dieser Felsenfestung knüpfen in das 14. und 15. Jahrhundert, Zeiten, in denen man jenseits des Tweed noch keine Geschütze kannte. Die interessanteste dieser Erzählungen ist eine Ueberrumpelung der Festung durch Randolph, Grafen von Murray, die 1313, also kurze Zeit vor der Schlacht von Bannockburn, stattfand. Sie wurde nach dem Erfahrungssatz ausgeführt, daß man da angreifen muß, wo sich der Feind am sichersten fühlt. Murray und 30 auserlesene Leute kletterten in einer Nebelnacht die senkrechte, für unersteiglich gehaltene Südwand des Felsens empor. Ihr Führer bei diesem Wagstück war ein alter Soldat, der auf dem Schloß geboren und großgezogen, in jungen52 Jahren die Wachsamkeit seines strengen Vaters oftmals getäuscht und die Südwand des Felsens hinab und hinaufkletternd, die Nächte bei seiner unten in der Stadt wohnenden Geliebten zugebracht hatte. Ich nahm Gelegenheit, mir auf diese Erzählung hin ein Paar Tage später die ganze Felsenlokalität von unten her anzusehn. Wenn nicht die Liebe dem Glauben darin gleichkäme, daß sie Berge versetzen, also am Ende auch erklettern kann, so würde man billigerweise die Wahrheit der ganzen Geschichte bezweifeln müssen. Es geht wirklich senkrecht in die Höh, an manchen Stellen mehr denn senkrecht. Der vielbesungene Schwimmer zwischen Sestos und Abydos erscheint im Vergleich mit diesem Schotten wie ein Usurpator, der Kränze trägt, die ihm nicht gebühren.

Schottland besitzt, laut der Unions-Akte, 4 Festungen: Edinburg-Castle, Stirling-Castle, Blackneß und Dumbarton. Sie gleichen sich wie Brüder unter einander und sind alle, um sie durch ein einziges Wort zu bezeichnen, verkleinerte, niedrig gelegene, mehr burg - als festungsartige Königsteins. Für den, der in London war, vergleich ich sie in mancher Beziehung noch besser mit dem Tower. Edinburg-Castle ins Besondere rechtfertigt diesen Vergleich. Beiden gemeinschaftlich ist unter andern der Umstand, daß sie als Aufbewahrungsplätze für die sogenannten Regalien (Kronjuwelen) dienen. Wir ließen uns in das Zimmer führen, wo der schottische Königsschmuck gezeigt wird, empfanden aber Angesichts desselben wo möglich noch weniger, als beim Anblick der53 verschiedenen Kronen und Scepter, die im Tower zu London gezeigt werden. Pflichtschuldigst sieht man sich solche Dinge an, hört mit halbem Ohr die hergeleierten Erklärungsworte, bezahlt den üblichen Sixpence und ist froh, wenn man aus dem Zimmer mit seinem großen sechseckigen Glaskasten wieder heraus ist. Ich legte mir die Frage vor: woher diese Indifferenz? Der Hauptgrund scheint mir der zu sein, daß diese Dinge in ihrer Allgemein-Verwendetheit den Reiz des Besonderen, so zu sagen des Persönlichen verlieren. Alles Reliquienwesen müssen wir auf eine ganz bestimmte Person zurückführen können. Dies ist das Gebetbuch Jane Gray’s, dies der Eisenhut des großen Kurfürsten, dies die Tabacksdose des alten Fritz , das hat ein Interesse; die Person selbst steht wie aus dem Grabe auf, trägt wieder die Sache oder stellt sich hinter dieselbe und giebt ihr dadurch ihren Reiz und Werth. Was soll aber vor unser geistiges Auge treten, wenn wir hören das ist das Reichsschwert von Schottland! nichts; alle die sieben Jakob’s, die sich herzudrängen, selbst wenn wir was von ihnen wissen, verwirren uns nur, und wir sind schließlich froh diesem wirren Getriebe entkommen zu können.

Die meisten Gebäude, die sich auf Edinburg-Castle vorfinden, sind, wie beim Londoner Tower, von modernem Datum. Während der Tower indeß neben seinen Barracken, Speichern und Munitionshäusern noch ein Dutzend wirkliche Sehenswürdigkeiten: Traitors-Gate, den Bell-Tower, den Beauchamp-Thurm, den Blutthurm,54 die Kapelle St. Peter ad vincula und vor allem den erinnerungsreichen, theilweis intakt erhaltenen White-Tower aufweist, reduciren sich die historisch interessanten Baulichkeiten von Edinburg-Castle eigentlich auf zwei Punkte, auf eine kleine, schmucklose, bis in die Pikten-Zeit zurückreichende Kapelle, in der jetzt die zur englischen Episkopal-Kirche gehörigen Soldaten der Besatzung ihre Kinder taufen lassen, und auf ein anderes an der Südostecke des Hügels gelegenes, unscheinbares Wohnhaus, in dem Maria Stuart, drei Monate nach der Ermordung Rizzio’s, den späteren König Jakob VI. gebar. Zwei Zimmer sind es, die in diesem Wohnhaus gezeigt werden: eine Art Vorsaal oder Wachtstube, mit langen Tischen und Bänken darin, und daran anstoßend das Closet der Königin selbst. In jenem Vorsaal befinden sich zwei Bildnisse, das eine davon Maria Stuart darstellend. Wiewohl eine Copie en miniature nach diesem Oelfarbenbildniß (Bruststück) existirt, die erweislich schon über 150 Jahre alt ist, so glaub ich dennoch nicht an die Aechtheit dieses Portraits. Weder ist es den beiden, unzweifelhaft beglaubigten Bildnissen der Königin irgendwie ähnlich, noch deutet die Technik auf irgend einen Maler des 16. Jahrhunderts, von dem es bekannt geworden wäre, daß er damals in England oder gar in Schottland gelebt hätte. Es ist vielleicht am Ort, hier einiges über die ziemlich zahlreich vorhandenen Portraits der Königin einzuschalten. Die Kunstausstellung in Manchester enthielt deren sieben, meist Miniatüren nach55 den verschiedensten Oelbildern, nach vorgeblichen Originalen, die zum Theil gar nicht mehr vorhanden sind. Sind diese Portraits wirklich alle ächt, d. h. bei Lebzeiten der Königin und Angesichts derselben gemacht, so muß man es aufgeben, sich eine Vorstellung davon zu machen, wie sie denn eigentlich ausgesehen habe. Im Großen und Ganzen herrscht kaum irgend eine Aehnlichkeit zwischen all den Portraitköpfen, Miniatur - wie Oelbild, die ich von ihr kenne. Von Oelbildern habe ich fünf gesehen: eines im Schlosse zu Hampton-Court, eines dem Grafen von Morton gehörig, eines in Windsor-Castle, eines in Edinburg-Castle und eines in Abbotsford; das letztere, blos das abgeschlagene Haupt der Königin darstellend, zeigt in einer Ecke den Namen eines italienischen Malers, in der anderen die Ortsangabe Fotheringhay ; trotz alledem bezweifle ich aufs Entschiedenste, daß das Ganze etwas Anderes sei, als eine Schöpfung freier Phantasie. Das Portrait in Edinburg-Castle ist sehr wahrscheinlich das Bildniß einer ganz anderen Person, und nur die drei erstgenannten Bilder, das in Hampton-Court, in Windsor-Castle und das dem Grafen Morton zugehörige, sind ächt, und so viel ich weiß, ziemlich unangefochten in ihrer Aechtheit. Auf dem ersteren Bilde ist sie in der Schwesterntracht jenes französischen Klosters, in dem sie bekanntlich erzogen wurde, abgebildet; auf dem anderen Bilde (dem Graf Morton’schen) als Königin, reich geschmückt, mit jener Haube und zumal mit jener aufrechtstehenden hohen Halskrause, die jeder unter56 dem Namen Maria-Stuart-Kragen kennt. Zwischen beiden Bildern herrscht eine gewisse Aehnlichkeit, nicht gerade in den Zügen, aber darin, daß beide Leben und Wahrheit verrathen und nichts haben von jener Puppenkopfmanier, der es genügt, einem erfundenen Schönheits-Ideal einen möglichst schönen Teint gegeben zu haben.

Wir kehren jetzt in die Zimmer zurück, die die einzigen in Schloß Edinburg sind, die noch an die Königin Maria erinnern. Aus dem Vorsaal oder der Wachtstube treten wir in das Closet der Königin. Dies Zimmerchen mit seinem braunen Wandgetäfel macht noch jetzt den Eindruck einer gewissen Eleganz, wenigstens des Niedlichen und Wohnlichen, wobei man freilich von der fast erdrückenden Kleinheit des Raumes absehen muß. Es gleicht durchaus einer braungetäfelten, altmodischen Schiffskajüte. Besonders werth gehalten scheint der Raum nicht zu werden. An der Stelle, wo das Bett der Königin stand, befindet sich jetzt ein kleiner Tisch, auf dem Beschreibungen und Ansichten von Schloß Edinburg feilgeboten werden. Wie sich von selbst versteht, hat ein Zimmerchen von dieser Ausdehnung nur ein Fenster. Aus diesem Fenster wurde Jacob VI., den die Gegner Maria’s schon damals in ihre Gewalt zu bekommen trachteten, wenige Tage nach seiner Geburt in einem Korbe herabgelassen und unten am Fuße des Berges von Anhängern der Königin in Empfang genommen. Der Felsen ist hier vollkommen steil. Schwindelnd sah ich aus dem Fenster in die Tiefe hinunter. Die Königin57 muß starke Nerven gehabt haben, daß sie nicht vor dem Gedanken erschrak, ihr Kind diese grauenhafte Luftreise machen zu lassen. Daß der junge Prinz sie glücklich machte und wohlbehalten unten ankam, mag nachträglich wie ein Zeichen gedeutet werden, daß er, im Gegensatz zu den Geschicken seiner Familie, in der von jeher ein früher und unnatürlicher Tod die Regel war, bestimmt war, zu leben.

Ich habe Edinburg-Castle mehrfach mit dem Tower verglichen und es gegen den Letzteren zurückgestellt. Gewiß mit Recht. Aber eines hat es voraus, das ist die Schönheit seiner Lage. Auch vom Tower, zumal von den kleinen Eckthürmen des White-Towers aus, genießt man einer reizenden Aussicht auf die City, das Themsetreiben und die gegenüberliegenden Surrey-Ufer, aber auch der eingefleischteste Cockney und wäre er aus dem vorschriftsmäßigen Bezirk, innerhalb dessen man die Glocken von Bow-Church hört würde schwerlich den Muth haben, die Tower-Aussicht mit jenem Panorama zu vergleichen, das man von Edinburg-Castle aus vor Augen hat. Zur Rechten stehen der Calton Hill und die Salisbury Craigs wie ein Paar Wächter unmittelbar vor den Thoren der Stadt, linkshin dehnt sich eine lachende Landschaft aus, unten, den Fuß des Hügels mit einer Curve fast umschreibend, ziehen sich die Linien der Glasgow-Eisenbahn, vor uns aber steigt die Neustadt mit ihren Plätzen und Palästen, mit ihren Kirchen und Statuen auf, bis endlich die dünner werdenden Linien58 sich in Villen und Gärten und freies Feld verlieren. An klaren Tagen wächst der Zauber dieses Bildes mit der Ausdehnung und dem Reichthum der Landschaft. Dann sehen wir jenseits der Gärten und Felder den blauen Wasserstreifen des Firth of Forth, die kleinen Felseninseln darin und blicken selbst über das blaue Band hinfort bis weit in die fruchtbaren und erinnerungsreichen Thäler der Grafschaft Fife hinein.

Wir standen auf der Halbmondbatterie und freuten uns des herrlichen Anblicks; Freund B., wie gewöhnlich, nahm sein Skizzenbuch aus der Tasche, um seinem Gedächtniß bescheiden mißtrauend, das schöne Bild in Linien und Strichen festzuhalten. Neben uns, auf dem Wallrand, stand ein schottischer Matrose, ein altes Inventarstück des Schlosses, der an Königin-Geburtstag etc. die Salutschüsse abzufeuern hat, und sah von Zeit zu Zeit neugierig in das Skizzenbuch, drin allmälig ein niedliches Bildchen entstand. Als die Sache halb gethan war, marschirte, vom andern Ende der Bastion her, eine Schildwacht auf uns zu, um uns, nachdem sie vorher mit andern Milizsoldaten, die harmlos umherlungerten, ein Gespräch gehabt hatte, das Zeichnen zu untersagen. Dergleichen sei verboten. Der Unverstand lag klar zu Tage; gewöhnt aber, gegen Schildwachts-Ermahnungen keine lange Opposition zu machen, klappte Freund B. sein Buch zu und schickte sich an, den Platz zu räumen. Nur der alte Matrose war indignirt. Nonsense! diese young hands (etwa so viel wie unser diese Gelbschnä -59 bel ) sind kaum zwei Stunden hier und wollen Ordre’s geben; Unsinn, wissen nichts vom Dienst etc. Das Komische war, daß sein schottischer Patriotismus diese Southrons wie Eindringlinge, wie Feinde behandelte, als ob ein Königreich Großbritannien gar nicht existire und das siegreiche England nur wieder mal erschienen sei, um eine Besatzung in die eroberte schottische Hauptstadt zu legen. Diesem Gefühl eines Gegensatzes zwischen Sieger und Besiegten bin ich auf meinen Wanderungen durch Schottland außerordentlich oft begegnet. Die Engländer kennen diesen Spezial-Patriotismus ihrer nördlichen Nachbarn sehr wohl und lachen darüber, die Schotten aber, anstatt einzustimmen in die Heiterkeit, werden durch die gute Laune der Southrons (in die sich allerdings ein gut Theil Ueberlegenheit mischt) nur noch gereizter in ihrem Gefühl.

Unsrem Matrosen indeß war ein völliger Triumph über die young hands vorbehalten. Gleich nachdem wir die Bastion verlassen hatten, wandten wir uns an den wachthabenden Offizier, der eben von Posten zu Posten ging, um den ziemlich verlegen dreinschauenden Milizen, die Instruktion für Edinburg-Castle[ ]vorzulesen. Das war just unser Mann. Auf unsre Beschwerde antwortete er mit vieler Artigkeit, daß er selber nicht wisse, was erlaubt und verboten sei, daß er indeß höheren Orts anfragen und uns den Bescheid in wenigen Minuten zugehen lassen werde. Er kam dann selbst, um uns sein Bedauern auszusprechen, daß wir unter dem60 mißverstandenen Diensteifer der Schildwacht zu leiden gehabt hätten. Das Regiment käme von Dover, wo sie bis jetzt in Garnison gewesen wären; die Schildwacht habe ohne Noth die strengen Instruktionen von Dover-Castle auf Edinburg-Castle übertragen. Dieser kleine Vorfall interessirte uns nach mehr denn einer Seite hin, besonders auch deshalb, weil also, den Worten des Offiziers nach zu schließen, in Betreff der Kanal-Befestigungen strengere Instruktionen vorzuliegen scheinen, als mit Rücksicht auf den minder exponirten Norden. Daß es übrigens hinsichtlich der Festungen an beiden Seiten des Kanals noch irgend etwas zu verrathen geben sollte, darf billig bezweifelt werden. Ich glaube, man kennt Dover-Castle in Paris so gut wie in London.

Wir nahmen jetzt unseren Stand auf der Halbmond-Batterie wieder ein; die arme Schildwacht schlich verlegen um uns her, bis wir sie durch einige Gemüthlichkeitsfragen von unsrer versöhnlichen Gesinnung überzeugt hatten. Die Skizze war längst beendet, als wir noch immer an der Brüstung standen und hinausschauend das zauberhafte Bild vor uns in seiner stets wechselnden Beleuchtung auf uns wirken ließen. Endlich rollten die Abendnebel langsam vom Meere aus auf die Stadt zu; immer dichter legten sich die Schleier über Land und Stadt, bis diese endlich, schwarz in grau, wie ein Schatten im Schatten verschwand.

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VI. High-Street und Canongate.

Ich habe in einem früheren Kapitel bereits den Leser durch Canongate und High-Street geführt, vor Allem in der Absicht, die Erscheinung und das Treiben der alten Straße als ein Totalbild auf ihn wirken zu lassen. Wir sind dabei, um unsern Gang von Holyrood-Palace bis Edinburg-Castle nicht allzu oft zu unterbrechen, an verschiedenen Plätzen von historischem Interesse vorüber gegangen und wollen deshalb in diesem Kapitel eine Art Nachlese halten. Wir beginnen mit

1. Moray-House.

Auf der langen Linie von Holyrood-Palace bis Edinburg-Castle ist kein Haus besser erhalten und wohnlicher in seiner Erscheinung als Moray-House. Höhere und auch jetzt noch imponirendere Gebäude ziehen sich in Menge zu beiden Seiten der High-Street entlang, aber sie gleichen einer meistbietend verkauften alten Wanduhr, deren62 Gehäuse jetzt als Wandschrank für arme Leute dient, während Moray-House, um im Vergleich zu bleiben, der Roccoco-Pendule im Zimmer des Sammlers entspricht.

Moray-House ist ungefähr 200 Jahre alt; es besteht aus einem Hause und einem Nebengebäude, jenes für die Herrschaft, dieses für die Dienstleute. Beide liegen in gleicher Linie, haben beide den Blick auf Canongate hinaus, aber keinen Ausgang auf die Straße. Die Thüren befinden sich seitwärts und münden auf den gemeinschaftlichen hofartigen Zwischenraum, der zwischen den beiden Häusern liegt. Dieser hofartige Zwischenraum hat nach vornhin eine Feldsteinmauer und in der Mitte derselben eine thorartige Einfahrt. Es ist vorzugsweise diese Einfahrt, die dem ganzen Hause einen besonderen Charakter leiht; sie besteht nämlich aus ziemlich niedrigen, nur wenig über die Mauer erhobenen Steinpfeilern, auf denen sich unverhältnißmäßig hohe Obelisken erheben, in ihrer völligen Zuspitzung unseren alten schindelgedeckten Kirchthurmspitzen, wie wir ihnen so oft in den Dörfern der Mark begegnen, nicht unähnlich. Ueber die Mauer hinweg hat man einen theilweisen Einblick in die kostbaren Gärten, die sich hinter dem Hause ausdehnen. Anlagen, die jetzt freilich durch größere Schöpfungen der Art vielfach übertroffen sind, früher aber eine Sehenswürdigkeit von Edinburg bildeten.

Was indessen dem alten Moray-House seine eigentliche Bedeutung giebt, knüpft sich weder an seine Gärten, noch an seine Obelisken, sondern an den eisernen Balkon,63 der sich an den vier Fenstern der Bel-Etage entlang zieht. Die Geschichte, die sich hier zutrug, ist folgende:

Die puritanische Sache hatte triumphirt, die Königlichen unter Montrose waren geschlagen. Auf denselben Haiden, auf denen wenige Jahre zuvor der siegreiche Montrose den puritanischen Grafen von Argyle gejagt hatte, jagten jetzt die Leute Argyle’s den umherirrenden Montrose. Argyle selbst war in Edinburg, jeder Tag konnte die Nachricht bringen vom Tode oder von der Gefangennehmung seines Gegners; der Sieg war da und Freude und Hochzeit sollte diesen Sieg beschließen. Die Häuser Moray und Argyle, seit langer Zeit befreundet und derselben Sache dienend, kamen überein, die alten Bande durch ein neues, engeres Band zu befestigen.

Es war am 11. Mai 1650, als Archibald, ältester Sohn des Grafen von Argyle, mit seiner Braut, der Tochter des Grafen von Moray, zum Altare trat. Die Hochzeit wurde in Moray-House gefeiert; Festlichkeit folgte auf Festlichkeit; die ganze Stadt nahm Theil an der Freude beider Häuser. Die Festlichkeiten waren eben auf ihrer Höhe, als die Nachricht durch die Stadt lief, Montrose sei gefangen und werde eingebracht. Fast gleichzeitig mit der Nachricht kam er selbst. Man hatte ihn in Leith auf eine abgetriebene alte Mähre gesetzt, um ihn in diesem erniedrigenden Aufzuge durch die Straßen Edinburgs zu führen. Er hielt jetzt am Eingange von Canongate. Dem Haß des Pöbels aber genügte dieser Aufzug nicht und eine Art Schlitten wurde her -64 beigeschafft, um ihn auf demselben durch die Stadt zu schleifen. Unter Hohn und Jubel ging es Canongate hinauf. Als der Zug sich Moray-House näherte, das noch in hochzeitlichem Schmucke stand, erschienen die Moray’s und die Argyle’s auf den Balkonen ihrer Fenster, um sich am Unglück des gefallenen Feindes zu weiden. Argyle murmelte Verwünschungen. Ruhig, beinahe heiter blickte Montrose zu den dichtbesetzten Balkonen auf; dem alten Argyle starb die Verwünschung auf der Lippe, seine Lady aber bog sich weit hinaus über die Brüstung und spie hinunter nach dem verhaßten Feind.

Das war 1650. Fünfunddreißig Jahre später kam wieder ein Zug die alte Straße von Edinburg hinauf und nahm seinen Weg an Moray-House vorbei. Die Royalisten hatten darauf bestanden, daß dieser Weg gewählt werde und kein anderer. An der Spitze des Zuges, neben sich den Mann mit dem Beil, schritt Archibald Graf von Argyle, derselbe, dessen Hochzeitstag (wider sein Verschulden) in einen Tag der Rache verkehrt worden war. Sein Vater hatte längst vor ihm das Haupt auf den Block gelegt. Die alte Kirche von St. Giles umschließt die Leiber von Freund und Feind; Moray-House aber steht da wie eine Mahnung gegen den Uebermuth der Partei und als ein Erinnerungszeichen an den Wechsel ihrer Siege.

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2. City-Croß und Old-Tolbooth.

City-Croß und Old-Tolbooth, in einem früheren Kapitel bereits flüchtig genannt, befanden sich mitten in High-Street und erhoben sich rechts und links, an den beiden Ecken der Nordfront von St. Giles. Old-Tolbooth war zu gleicher Zeit der nächste Nachbar des Parlaments-Gebäudes, das sich, wenn auch verändert, noch diesen Augenblick im Rücken der alten, oftgenannten Kirche (St. Giles) erhebt. Zwischen diesen vier Plätzen: Parlament, Old-Tolbooth, City-Kreuz und St. Giles, herrschte ein innerlicher Zusammenhang, der dieselben in der Vorstellung des Volks fast noch näher brachte, als es durch ihre äußere Lage ohnedies geschah. Sie waren, in den politischen Kämpfen des Landes, die rasch auf einander folgenden Stufen einer Leiter, der Leiter vom Leben zum Tod. Das Parlament sprach und verurtheilte, die alten Mauern der Tolbooth nahmen den Verurtheilten auf und am Fuße des City-Kreuzes fiel wenig Wochen später sein Haupt, um in den Familiengewölben von St. Giles die letzte Ruhestatt und nach hundert Jahren vielleicht ein Marmorbild über dem Grabe zu finden. Ich spreche zuerst vom City-Croß.

Es bestand aus einem Postament, das eine zwanzig Fuß hohe Säule trug, die letztere wiederum mit einer Steinfigur geschmückt, die das schottische Einhorn darstellen sollte. Die Säule existirt noch (auf einem Land -66 gut in der Nähe Edinburgs), Einhorn und Postament aber sind zerstört. Das letztere galt seinerzeit als eine Curiosität und glich mehr einem hausartigen Unterbau als einem bloßen Sockel. Es war in der That ein achteckiger, abgestutzter, mit einer etwas vorspringenden Brüstung gekrönter Thurm, der nur dadurch wieder seinen Thurmcharakter verlor, daß sein Durchmesser seiner Höhe gleichkam oder sie noch übertraf. Dieser weite Durchmesser schuf um die Stelle herum, wo die Säule in den Unterbau eingelassen war, eine geräumige Plattform, die zu den mannigfachsten Zwecken benutzt wurde. Es war eine Art Schaubühne, auf der sich vor versammeltem Volk das öffentliche Leben der Stadt und bei mehr als einer Gelegenheit das des ganzen Landes abspielte. Hier erschienen die City-Herolde, um unter Trompetenschall öffentliche Erlasse und Anrufe zu verkünden, hier verlasen die puritanischen Lords ihren Protest gegen die schwächlichen Proklamationen König Karl’s, hier fielen die Häupter Montrose’s und der beiden Argyle’s und hier endlich, unter dem Schwerterkreuzen seiner Hochländer, erschien Prinz Charlie an der Brüstung, um von der Edinburger Bevölkerung tausendstimmig begrüßt und zum Herrn des Landes ausgerufen zu werden. Auch Geister, ächt oder unächt, bedienten sich dieser Plattform, um, versteht sich zu üblicher Geisterstunde, von hier aus warnend oder ermuthigend zum Volke zu sprechen. Als Jakob IV. (ich spreche in einem späteren Kapitel ausführlich darüber) im Jahre 1513 zu seinem stolzen, aber67 unüberlegten Kriegszuge gegen England sich anschickte, sprach, während der König in Holyrood sein letztes Nachtlager nahm, eine Geisterstimme von dieser Plattform aus in die Nacht hinein, warnte und nannte zugleich die Namen aller derer, die fallen würden, wenn seine Stimme ungehört verhallen sollte. Der erste Name war der des Königs selbst.

Aber nicht immer ging es hier gespenstisch her und nicht immer hingen so böse Tage über Schottland wie damals, wo das Blut der Argyle’s das Blut des beschimpften Montrose sühnen mußte; auch zu Lust und Heiterkeit, zu Gasterei und Trinkgelagen versammelten sich hier die guten Bürger von Edinburg und die Chronik der Stadt erzählt von manchem Festmahl, das die Würdenträger der Stadt hier ihren Gästen und sich selber gaben. Auch politische Zweckessen gab es damals schon. Die Loyalität der nordischen Hauptstadt schien während der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in London gerechten Bedenken zu unterliegen und das schlechte Gewissen des Edinburger Magistrats trieb diesen dazu, die Geburtstage der beiden ersten George mit ganz besondrem Pomp zu feiern. Eine Loyalität von gestern überschlägt sich immer in ihren Schaustellungen. Eins dieser ostensiblen Gastmähler, das wie gewöhnlich auf der Plattform des City-Kreuzes stattfand, wurde durch einen heftigen Gewitterschauer unterbrochen. Alles floh und suchte Schutz. Als die halbdurchnäßten Magistrate zu ihren Plätzen zurückkehrten, fanden sie natürlich Wasser68 statt Wein in ihren Gläsern. Das war zu gut, als daß der Witz der Jacobiten nicht hätte davon profitiren sollen. Eine Stuart’sche Dame ließ am andern Tage folgende Verse circuliren:

Einstens zu Cana, als bei Tisch
Sich’s um den fehlenden Wein gehandelt,
Hat der König des Himmels frisch
Alles Wasser in Wein verwandelt.
Gestern, als zu Braunschweigs
*)Das Haus Braunschweig, in der Fülle seiner unpoetischen Eigenschaften, gab damals, wie in Schottland so auch in England, beständig Stoff zu Epigrammen. In London errichtete die Gemeinde von Bloomsbury (der Stadttheil, der das Britische Mu -
*) Ehr
Zechten unsre City-Prasser,
Sprach der Himmel: nimmermehr!
Wandelnd ihren Wein in Wasser.

Walter Scott, der in seiner epischen Dichtung Marmion eine Beschreibung des City-Kreuzes gegeben und das alte Wahrzeichen dadurch für immer der Vergessenheit entrissen hat, hat einen ähnlichen und noch größeren Dienst dem alten Bau geleistet, der sich an der Südwest-Ecke von St. Giles erhebt. Einen seiner berühmtesten Romane hat er nach dem alten Tolbooth-Gefängniß benannt, dem er dabei seine populairere Bezeichnung ließ: Das Herz von Midlothian. Woher dieser Name stammt, vermag ich nicht zu sagen. Die Grafschaft, in der Edinburg liegt, heißt bekanntlich Midlothian , das alte Tolbooth-Gefängniß ist aber keineswegs der Mittelpunkt oder das Herz derselben. Vielleicht mahnt der Ausdruck an Zeiten, wo Kerker und Schaffot69 noch Haushaltsworte und nur allzuoft die Achse, das Herz waren, um das sich das Leben drehte. Dieser alte Bau, von dem jetzt, wie vom City-Croß, keine Spur mehr existirt, stand bis zum Jahre 1817 mitten in High-Street, und erschwerte, die ganze Breite der Straße beinah einnehmend, die Communication auf’s Aeußerste. Dies führte endlich zu seiner Abtragung. Die Communication, der man heutzutage so leicht geneigt ist, noch größere Opfer zu bringen, hat dadurch gewonnen, das Malerische des Platzes aber außerordentlich verloren. Als City-Croß und Tolbooth noch standen, allerhand Buden sich an die Pfeiler von St. Giles und allerhand Kramläden an die Mauern des alten Gefängnisses lehnten, wird es hier sehr eng, sehr verworren, vielleicht auch sehr schmutzig gewesen sein, das Ganze aber muß einen fesselnderen Anblick gewährt haben, als die jetzt breite Straße, an der, so hübsch sie ist, doch ihre Erinnerungen unbedingt das Hübscheste sind.

Old-Tolbooth verdient sein Beiwort old mit Fug und Recht. Schon zu Zeiten Maria Stuarts war es*)seum umgiebt) eine neue Kirche. Man ging in der Loyalität so weit, Georg I. im Costüm eines römischen Imperators, oben auf die Thurmspitze zu stellen. Dort steht er noch als der Schutzheilige von Bloomsbury. Man knüpfte an diese Geschmacklosigkeit folgendes Epigramm:Unser Heinrich der Achte, vom Papste verletzt, Hat sich selbst an die Spitze der Kirche gesetzt, Doch unser Georg hat’s höher gebracht, Man hat ihn zur Spitze des Thurmes gemacht. 70 ein alter Bau. Seine früheste Bestimmung war wahrscheinlich die einer städtischen Burg, um, in den Zeiten schottischen Raubritterthums, die damals aus einer einzigen Straße bestehende Stadt gegen Ueberfälle der Hochländer von Norden und der Moßtrooper und Borderer (Grenzer) von Süden her zu schützen. 1561 erweitert und umgebaut, diente es von da ab bis zum Jahre 1640, wo das alte, in veränderter Gestalt noch jetzt existirende Parlamentshaus gebaut wurde, als Sessions-Gebäude für die Sitzungen des Parlaments und der Gerichtshöfe. Von 1640 an sank es zu einem bloßen Gefängniß herab. Sein Aeußeres muß etwas Unheimliches und durchaus die Miene von Gefangenwärter und Nachrichter gehabt haben. Alle Beschreibungen stimmen darin überein. Sein einziger Schmuck waren die Buden und Kramläden (Krame’s genannt) die zerfallen und bettelhaft, aber doch heiter und farbenbunt den alten Griesegram umlagerten. Er selber stand inmitten derselben da, grau und verräuchert, aus kleinen vergitterten Fenstern trübselig in die Welt blickend. An jeder Seite erhoben sich ein paar Treppenthürme, die das zwingerhafte Aussehn noch unterstützten, ohne seiner Schönheit irgendwie Vorschub zu leisten. Das gegenwärtig lebende Geschlecht scheint wenig oder nichts mehr von den Aeußerlichkeiten des alten Bau’s zu wissen; man muß zu alten Bildern seine Zuflucht nehmen, wenn man sich orientiren will. Aber wenn sich auch Niemand mehr kümmert um die Stelle wo er stand oder um die Zahl71 und Form seiner Thürme, so lebt doch sein Name und seine Geschichte im Gedächtniß der Edinburger fort. Diese Geschichte, wie sich von selbst versteht, ist mit Blut geschrieben, aber sie hat doch auch heitere Blätter und bei diesen wollen wir einen Augenblick verweilen.

Old-Tolbooth war immer berühmt durch die Leichtigkeit, mit der man ihm entwischen konnte. In Zeiten, wo man das Blutgeschäft im Großen treibt, ist man nicht ängstlich mit Rücksicht auf den Einzelnen. Findet er sich nicht selber wieder, so findet sich doch ein anderer. Der Laxheit im Verurtheilen entspricht die Leichtigkeit im Entkommen. Graf Schlabrendorff (um aus moderner Blutzeit ein Beispiel zu geben) entging der Guillotine, weil seine Stiefel nicht gewichst waren. *)Schlabrendorff war im Gefängniß; die Hinrichtungen erfolgten jeden Morgen nach der Zellen-Nummer. Als er abgeholt werden sollte (der Karren hielt bereits vor der Thür, um die gewöhnliche Morgenladung zu empfangen), suchte er vergebens nach seinen Stiefeln. Ich muß doch am Ende ein Paar Stiefel anhaben; nehmt mich morgen statt heute. Dem Schließer leuchtete das ein. Am andern Morgen standen andere Nummern auf dem Zettel und Schlabrendorff war vergessen und gerettet. Was unsern Kerker von Edinburg angeht, so hatte jeder, der List und guten Willen genug besaß, mindestens eine Chance, trotz Schloß und Riegel, trotz Ketten und Gitterfenster, ihm glücklich zu entkommen. War der Gefangene aber gar reich oder vornehm, so steigerte sich diese Chance bis zur Wahrscheinlichkeit. Wenn trotzdem einzelne Grafen und Herren von Old-Tolbooth aus auf’s Schaffot72 geführt wurden, so hatte das seinen Grund darin, daß ihre ganze Sache darniederlag, daß die Freunde todt, die Anhänger zersprengt waren, und daß sie, als die Führer einer geschlagenen Partei, dem Tod wie ihrem Schicksal, oft wie ihrer Erlösung entgegengingen. Dies letztere gilt zumal vom Herzoge von Argyle, der hier ruhig seinen Tod erwartete.

Die Geschichte dieser Befreiungen liest sich gut, doch paßt im Ganzen auf dieselben, was von den Lustspiel-Motiven aller Länder und Literaturen gilt: es sind immer dieselben. Was in einem Fall die Horcher an der Thür, die Wandschränke, die Briefverwechselungen sind, das sind im andern Fall die betrunken gemachten Schließer, die Frauenkleider, die ausgestopften Puppen und vor allem die Särge, die Waschkörbe und Bücherkisten, in denen der Held der Geschichte, wo möglich von seinen eignen Schergen, hinausgetragen wird. Nur eines scheint mir eine wirkliche Eigenthümlichkeit des Platzes gewesen zu sein, der Schutz nämlich, den er zu verschiedenen Zeiten politisch Verfolgten gewährt hat. Old-Tolbooth wurde wider Wissen und Willen zu einem Sanktuarium. Personen, die, wenn sie unfreiwillig die Schwelle dieses Gefängnisses passirt hätten, aus demselben gewiß nur wieder geschritten wären, um straßenabwärts neben oder auf dem Postament des City-Kreuzes das Schaffot zu besteigen, lebten hier unerkannt und ungestört, weil sie den Muth gehabt hatten, sich im Rachen des Löwen einzuquartieren. Robert Ferguson, bekannt durch seine her -73 vorragende Theilnahme am Rye-House-Complott (gegen Karl II. ) lebte hier wochenlang in der Zelle eines befreundeten Schuldgefangenen und im Einklange damit fanden hier 1746 mehrere Anhänger des Prätendenten Schutz und endliche Rettung, während englische Soldaten die Spur der in die Acht Erklärten bis weit in’s Hochland hinein verfolgten. Daß solche Dinge möglich waren, zeigt am besten, wie es damals mit der Rechtspflege und vor allem mit der Gefängniß-Verwaltung stand. Old-Tolbooth war wie ein Hospital nach der Schlacht, wo man auch Freund und Feind ohne Auswahl durcheinander wirft, davon ausgehend, daß jeder traurig genug daran ist, dem das Loos zufällt an solchem Orte leben oder sterben zu müssen. Ein Eindringling wird nicht vermuthet.

1817 wurde Old-Tolbooth niedergerissen. Edinburg verlor damit eine seiner vorzüglichsten Sehenswürdigkeiten. Wenig oder nichts mehr existirt von dem alten Bau, selbst die Stelle, wo er stand, ist bei den großen Veränderungen, die die Straße erlitten hat, nicht mehr mit vollster Genauigkeit anzugeben. Nur das alte Portal mit Thür und Vorlegeschloß ist noch vorhanden. Es wurde beim Abtragen des Gebäudes, von Seiten der Stadt an Walter Scott geschenkt, der nicht zögerte, seiner romantischen Musterkarte, gemeinhin Abbotsford geheißen, auch diese Probe steinerner Romantik einzuverleiben. Dort hab ich es später gesehen. Es macht indeß in dieser Verpflanzung nur den Eindruck, den ein einzelner74 probeweis aufgestellter Spitzbogen in den gothischen Höfen des Kristall-Pallastes macht. Auch solche Dinge haben ein Leben; aus ihrem feuchten alten Boden gerissen, vertrocknen sie wie die zwischen Papier gelegte Pflanze.

3. Straßenfegen oder Hie Douglas, hie Hamilton.

Unmittelbar im Rücken von High-Street und Canongate und zwar parallel mit beiden, läuft eine andere alte Straße Edinburgs Cowgate geheißen. Durch eine Menge schmaler kleiner Gassen hängt sie vielfach mit jener Hauptverkehrs-Ader der Altstadt zusammen. Wenn schon High-Street und Canongate von ihrem ehemaligen Glanze nichts weiter zeigen als jene vielstöckigen Steinhäuser, die in der Nähe eben so unelegant und wenig einladend sind, als malerisch aus der Ferne, so gilt das doppelt und dreifach von Cowgate. Es ist eine alte, enge, schmutzige Straße und nichts weiter. Und doch erhoben sich auch hier Paläste und Herrensitze als Edinburg noch nicht daran dachte, eine schöne Stadt sein zu wollen, und seine Häuser hinbaute, wo Platz war, oder wo Höhe oder Tiefe, je nach Bedürfniß, den Bauherrn dazu einlud. Unter den Herrensitzen in Cowgate waren zwei von besonderem Belang, der eine den Erzbischöfen75 von Glasgow, der andere den Bischöfen von Dunkeld gehörig. Beide Häuser lagen ziemlich einander gegenüber, die Straße war schmal, und an hellen Tagen konnte man sich in die Fenster sehen.

Der 12. April 1520 war ein solcher heller Tag, man sah sich in die Fenster, aber man hätte sich lieber in die Herzen gesehen. Im erzbischöflichen Palast war seit gestern der Graf von Arran abgetreten, das Haupt der Hamiltons. Es handelte sich bei der Minderjährigkeit des Königs (Jakob V.) um die Einsetzung einer Regentschaft und die Frage mußte heute noch entschieden werden: wer statt seiner regieren solle? Der Graf von Arran und der Erzbischof von Glasgow waren übereingekommen, sich in die Regierung zu theilen. Sie hatten zu dem Zweck ihren Anhang in die Stadt gezogen und aller Ecken und Enden standen die Hamiltons und reizten und erschreckten durch ihre waffenklirrende Anmaaßung die guten Bürger von Edinburg.

Graf Angus, das Haupt der Douglas, war nicht gewillt die Parthie ohne Gegenzug verloren zu geben. Er war ein Douglas, das hieß die Vormundschaft gebührte ihm. Alles wozu er sein Herz bestimmen konnte war das: dem Beschluß der Großen Raths-Versammlung Gehorsam zu leisten, aber dieser Beschluß sollte ein freier sein, nicht zu Stande gebracht unter den gleisnerischen Worten des Erzbischofs oder unter der drohenden Haltung der stündlich in den Straßen wachsenden Zahl der Hamiltons. Die Gefahr wuchs mit jeder Stunde;76 Graf Angus wollte sich vergewissern was die Hamiltons vorhätten, ob Berathung oder Gewalt, und von wenigen Anhängern gefolgt, kam er jetzt eine der schmalen Gassen herab, die von High-Street bergab nach Cowgate führen, hielt sich links und trat in das Haus des Bischofs von Dunkeld. Der damalige Bischof von Dunkeld war Gawain Douglas, ein Onkel und Parteigenosse des Angus. Sie hatten ein kurzes Gespräch miteinander, worin Angus dem Bischof seine Befürchtungen mittheilte, dann trat dieser aus seinem Hause, schritt dem gegenüber gelegenen Palaste seines Kirchenfürsten zu und fragte den an langer Tafel sitzenden Erzbischof: Erzbischof Beaton, was habt Ihr vor? Auf mein Gewissen , erwiederte dieser, ich weiß von nichts. Dabei schlug er mit der Hand an die Brust, um seine Aussage zu bekräftigen. Unter dem priesterlichen Kleide aber trug er einen Harnisch, den er Kampfes wegen bereits angelegt hatte. Gawain Douglas hörte und verstand den Klang und antwortete kurz: Euer Gewissen klingt hohl. Er kehrte über die Straße zurück, wo Graf Angus seiner wartete. Nachdem er erzählt hatte was ihm begegnet war, setzte er hinzu: Du siehst, Angus, es gilt Kampf; raffe zusammen was Du an Leuten hast und vor allem sei rasch. Diese letzte Mahnung war nicht in den Wind gesprochen. In weniger als einer halben Stunde standen die Douglas, festgegliedert, eine compacte Masse, auf der High-Street von Edinburg zusammen und begannen in voller Breite die Straße77 zu fegen. Die Hamiltons die truppweis und ohne Führer an den Straßenecken umher standen, wurden leicht bei Seite gedrückt und flohen, rechts hin, links hin, zumeist nach Cowgate hinein, wo Graf Arran und der Erzbischof eben den Haupttrupp der Hamiltons ordneten, um nun ihrerseits zum Angriff überzugehen. Wer High-Street hatte, war Sieger. Die Hamiltons waren noch immer die stärkeren, aber das Terrain war gegen sie. Die Straße, um deren Besitz es sich handelte, war nicht anders zu erreichen, als die krummen engen Gassen hinauf, die stark bergan von Cowgate bis High-Street liefen. Bald hier, bald dort drangen die Hamiltons aus diesen Gassen vor, aber immer nur eine dünne Linie bildend, glichen sie einem vorgestreckten Arm, der von den Douglas mal für mal ohne Mühe abgehauen wurde. Endlich hatte man hügelabwärts eine unbesetzte Straße gefunden, und diese rasch benutzend, glückte es jetzt, in High-Street einzuschwenken und nun ebenfalls mit ganzer Kraft zu einem compacten Front-Angriff überzugehen. Der Kampf schwankte geraume Zeit, und wer weiß wem der Preis des Tages zugefallen wäre, wenn nicht schließlich die guten Bürger von Edinburg den Ausschlag gegeben hätten. So alt wie in Schottland die Gegnerschaft zwischen dem Norden und Süden ist, so alt auch ist der Gegensatz zwischen dem Osten und Westen. Die ganze Westküste (nördlich vom Clyde) ist noch diesen Augenblick eine unkultivirte Fläche, damals galt sie als ein unbestrittener Sitz der Barbarei. Edinburg und das78 Haus Douglas gehörten dem Osten an und diese Gemeinschaft entschied jetzt den Kampf. Als die Edinburger sahen wie hart die Hamiltons andrängten, reichten sie aus den Fenstern des Erdgeschosses lange Speere zu den unten kämpfenden Douglas-Leuten hinab. Lauter Jubel war Antwort und Dank. Die neuen Waffen gingen rasch von Hand zu Hand, bis endlich die ersten Glieder ganz mit Speeren bewaffnet waren. Dagegen war kein Halten mehr. Die Douglas ihrerseits drangen jetzt vor und warfen mit leichter Mühe die Hamiltons vor sich nieder. Graf Arran und sein Sohn Sir James Hamilton retteten sich durch die Flucht; Sir Patrick Hamilton, ein Bruder des Grafen, wurde erschlagen, mit ihm ein Sohn Lord Montgomery’s und noch viel andere Herren von der Westküste. Erzbischof Beaton suchte Zuflucht in der Blackfriars-Abtei, würde aber am Altar ermordet worden sein, wenn nicht Gawain Douglas rechtzeitig erschienen wäre und seinen Kirchenfürsten gerettet hätte.

Das war am 12. April 1520. Von dem Tage an war die erschütterte und fast gebrochene Macht des Hauses Douglas aufs Neue gefestigt. Die Erinnerung an diesen Kampf aber hat sich in Edinburg lebendig erhalten bis auf diesen Tag und Jeder erzählt gern vom Cleanse the Causeway oder dem Straßenfegen der Douglas.

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4. Archibald Bell the Cat.

In einer der Gassen, die von Cowgate nach High-Street hinaufführen, stand auch das Haus von Archibald Douglas, genannt Bell the Cat. Ich habe vor von ihm zu erzählen. Seinem Rang und Titel nach war er Graf von Angus, aber sein Zuname verdrängte bald jede andere Bezeichnung und jedes Kind im Lande hieß ihn Archibald Bell the Cat . Diesen Zunamen erhielt er bei folgender Gelegenheit.

König Jakob III[.] zog allerhand Günstlinge an seinen Hof, zum Theil Leute aus niederem Stande; eine Mignon-Wirthschaft, wie sie 150 Jahre später am Hofe Ludwig XIII. herrschte, war in Schottland während der Regierungszeit jenes Stuarts bereits im vollsten Schwunge. Der Adel des Landes war endlich entschlossen dieser Sache ein Ende zu machen und die Mignons wohl oder übel zu beseitigen. Der König sammelte grade damals ein Heer zum Zuge gegen England und beschied seine Barone in die Nähe von Melrose. Die mißgestimmten Lords fanden sich ein, weniger aber um dem Kriegsrufe des Königs Folge zu geben, als vielmehr um ihre eigenen, langgehegten Pläne auszuführen. Sie hielten zu dem Zweck eine letzte Versammlung in der Kirche zu Lauder, einem alten Burgflecken nahe am Tweed, und sprachen hier, da man in der Hauptsache längst einig war, nur die Mittel und Wege durch, wie gegen die Günstlinge80 am besten vorzuschreiten sei. Ihr Haß richtete sich besonders gegen Cochrane, Grafen von Mar. Allerhand Vorschläge wurden gemacht, rasch, blutig, rücksichtslos, aber man kam zu keinem Beschlusse, vielleicht weil die Furcht einiger noch größer war als ihr Haß. Da bat Lord Gray ums Wort, bog sich lächelnd über den Tisch und erzählte die alte Fabel von der Katze und den Mäusen. Die Mäuse, so sprach er, waren unzufrieden mit der Katze; sie sahen sich oft überrascht und noch öfter bedroht. Sie beschlossen endlich, um sicher zu gehen, der Katze eine Glocke um den Hals zu hängen (to tie a bell round the neck of the cat), nur schade, so schloß er, es fand sich keine Maus, die das Wagstück unternommen hätte. In diesem Augenblick erhob sich Graf Angus von seinem Platz und rief über den Tisch hin: I will bell the cat! Er war der Mann zu halten was er gesagt hatte. Nach kurzer Zeit schon erschien Cochrane und sein Gefolge am Thor der Kirche, begehrte Einlaß und trat unter die Versammlung. Er war prächtig gekleidet und trug eine schwere goldne Kette als Zeichen Königlicher Huld. Angus schritt auf ihn zu, musterte spöttisch den kostbaren Anzug und riß ihm dann die Kette mit den Worten ab: dahin gehört ein Strick! Cochrane begriff noch immer nicht was um ihn her vorging und erniedrigte sich vollends durch die feige Frage: ob das Scherz sei oder Ernst? Der nächste Tag brachte die Antwort darauf. Der König hatte sich umsonst gemüht seinen Günstling zu retten. Ein halbes81 Dutzend Galgen war über Nacht errichtet worden, an dem höchsten hing Cochrane, Graf von Mar, Archibald Douglas aber hieß von dem Tage an: