Eine leichte Betrachtung des vorliegenden Luſt - ſpiels wird zeigen, daß die gegenwaͤrtige Abwe - ſenheit des Verfaſſers von Deutſchland und keine andre Veranlaſſung den Beyſtand einer fremden Hand bey der Bekanntmachung des Werks noͤthig machte. Es bedarf nemlich ſo wenig einer Em -*IIpfehlung, daß diesmal, ganz der gewoͤhnlichen Ordnung entgegen, der Herausgeber viel mehr durch den Amphitryon, als die eigenthuͤmliche, auf ihre eigne Hand lebende Dichtung durch den Herausgeber empfohlen werden kann.
Eigenthuͤmlich und im edelſten Sinne des Werks original iſt dieſe Bearbeitung des Moliere; denn ob die Natur unmittelbar, oder das Werk irgend eines vorangegangenen Meiſters den Dich - ter aufregte, verſchlaͤgt wohl nichts: die Poeſie gedeiht am herrlichſten, wenn ſie nur eine Hand kennt, die ihr das Werkzeug und das Material darreicht; wenn ſie vom Moliere eben ſo unbe - fangen, rein und eigenthuͤmlich zu empfangen weiß, als von der Natur oder der eignen Phan -III taſie. Die Einbildung irgend einer gluͤcklichen Stunde iſt noch nicht das Gedicht, vielmehr das, was entſteht durch die Beruͤhrung, durch das Ge - ſpraͤch und den Umgang eines ſolchen Bildes mit dem Kunſtgeiſte, der in uns lebt, das iſt Poeſie. — Daher ſind die bleibenden Geſtalten des herrlich - ſten Gedichts ſo wenig bedeutend fuͤr den, der den Rythmus und die Bewegung, in denen vornem - lich ſich der Kunſtgeiſt offenbart, nicht wahr - nimmt.
Zu wiſſen, wo die Stoffe eines aͤchten Dich - ters hergenommen, gewaͤhrt einen beſondern Ge - nuß, der nicht auf der Vergleichung des todten Mechanismus beruht, ſondern darum erfreut, weil der poetiſche Sinn des Leſers durch Betrach -* 2IVtung des Stoffs und des Werks hingeriſſen wird, aus beiden etwas eigenthuͤmliches und hoͤheres zu bilden. So ward Kleiſt angetrieben, als er aus der Betrachtung des Moliere und ſeines Stoffs — der alten Mythe vom Amphituyon — ſein Luſt - ſpiel bildete. Moͤge der Leſer, wenn er in Be - trachtung dieſes Jupiters und dieſer Alkmene ſich der Seitenblicke auf den Moliere, oder den Plau - tus, oder die alte Fabel ſelbſt, durchaus nicht er - wehren kann — den Woͤrterbuͤchern, den Kunſtleh - ren, und den Alterthumsforſchern, die ihm da - bei an die Hand gehen moͤchten, nicht zu viel trauen: das alterthuͤmliche Coſtuͤm giebt die An - tike noch nicht; ein tuͤchtiger, ſtrenger metriſcher Leiſten giebt noch nicht den poetiſchen Rythmus; und das Geheimniß der Claſſicitaͤt liegt nicht inV der bloßen Vermeidung von Nachlaͤſſigkeiten, die leiſe verletzen, aber nicht aͤrgern, nicht verunſtal - ten, oder verdunkeln koͤnnen das Urſpruͤngliche und Hohe, das aus dem Werke herausſtrahlt. Mir ſcheint dieſer Amphitryon weder in Antiker noch Moderner Manier gearbeitet: der Autor verlangt auch keine mechaniſche Verbindung von beiden, ſondern ſtrebt nach einer gewiſſen poetiſchen Gegenwart, in der ſich das Antike und Mo - derne — wie ſehr ſie auch ihr untergeordnet ſeyn moͤchten, dereinſt wenn gethan ſeyn wird, was Goͤthe entworfen hat — dennoch wohlgefallen werden.
Erwaͤgt man die Bedeutung des deutſchen und die Frivolitaͤt des Moliereſchen Amphitryon, er -VI waͤgt man die einzelnen von Kleiſt hinzugefuͤgten komiſchen Zuͤge, ſo muß man die Gutmuͤthigkeit bewundern, mit der die komiſchen Scenen dem Moliere nachgebildet ſind: der deutſche Leſer hat von dieſer mehrmaligen, Ruͤckkehr zu dem franzoͤſi - ſchen Vorbilde den Gewinn kraͤftig an das Ver - haͤltniß des poetiſchen Vermoͤgens der beiden Na - tionen erinnert zu werden.
Einen Wunſch kann der Herausgeber nicht un - terdruͤcken, nemlich den, daß im letzten Acte das thebaniſche Volk an den Unterſchied des goͤttlichen und irrdiſchen Amphitryon gemant werden moͤchte, wie Alkmene im zweiten Act. Gewollt hat es der Autor, daß die irrdiſche Liebe des Volks zu ih -VII rem Fuͤhrer ebenſowohl zu Schanden werde, als die Liebe der Alkmene zu ihrem Gemahl — aber nicht ausgedruͤckt.
Adam H. Muͤller.
[VIII][1]Heda! Wer ſchleicht da? Holla! — Wenn der Tag Anbraͤche, waͤr mir’s lieb; die Nacht iſt — Was? Gut Freund, ihr Herrn! Wir gehen eine Straße — Ihr habt den ehrlichſten Geſell’n getroffen, Bei meiner Treu, auf den die Sonne ſcheint —A 24Vielmehr der Mond jetzt, wollt ich ſagen — Spitzbuben ſind’s entweder, feige Schufte, Die nicht das Herz, mich anzugreifen, haben: Oder der Wind hat durch das Laub geraſſelt. Jedweder Schall hier heult in dem Gebirge. — Vorſichtig! Langſam! — Aber wenn ich jetzt Nicht bald mit meinem Huth an Theben ſtoße So will ich in den finſtern Orkus fahren. Ei, hohl’s der Henker! ob ich muthig bin, Ein Mann von Herz; das haͤtte mein Gebieter Auf anderm Wege auch erproben koͤnnen. Ruhm kroͤnt ihn, ſpricht die ganze Welt, und Ehre, Doch in der Mitternacht mich fortzuſchicken, Iſt nicht viel beſſer, als ein ſchlechter Streich. Ein wenig Ruͤckſicht waͤr’, und Naͤchſtenliebe, So lieb mir, als der Keil von Tugenden, Mit welchem er des Feindes Reihen ſprengt. Soſias, ſprach er, ruͤſte dich mein Diener, Du ſollſt in Theben meinen Sieg verkuͤnden Und meine zaͤrtliche Gebieterinn Von meiner nahen Ankunft unterrichten. 5Doch haͤtte das nicht Zeit gehabt bis morgen, Will ich ein Pferd ſein, ein geſatteltes! Doch ſieh! Da zeigt ſich, denk ich, unſer Haus! Triumph, du biſt nunmehr am Ziel, Soſias, Und allen Feinden ſoll vergeben ſein. Jetzt, Freund, mußt du an deinen Auftrag denken; Man wird dich feierlich zur Fuͤrſtin fuͤhren, Alkmen’, und den Bericht biſt du ihr dann, Vollſtaͤndig und mit Rednerkunſt geſetzt Des Treffens ſchuldig, das Amphitryon Siegreich fuͤr’s Vaterland geſchlagen hat. — Doch wie zum Teufel mach ich das, da ich Dabei nicht war? Verwuͤnſcht. Ich wollt: ich haͤtte Zuweilen aus dem Zelt geguckt, Als beide Heer’ im Handgemenge waren. Ei was! Vom Hauen ſprech’ ich dreiſt und Schie - ßen, Und werde ſchlechter nicht beſtehn, als Andre, Die auch den Pfeil noch pfeifen nicht gehoͤrt. — Doch waͤr’ es gut, wenn du die Rolle uͤbteſt? Gut! Gut bemerkt, Soſias! Pruͤfe dich. 6Hier ſoll der Audienzſaal ſein, und dieſe Latern’ Alkmene, die mich auf dem Thron erwartet.
Durchlauchtigſte! mich ſchickt Amphitryon, Mein hoher Herr und euer edler Gatte, Von ſeinem Siege uͤber die Athener Die frohe Zeitung euch zu uͤberbringen. — Ein guter Anfang! — „ Ach, wahrhaftig, liebſter Soſias, meine Freude maͤßg’ ich nicht, Da ich dich wiederſehe. “— Dieſe Guͤte, Vortreffliche, beſchaͤmt mich, wenn ſie ſtolz gleich Gewiß jedweden andern machen wuͤrde. — Sieh! das iſt auch nicht uͤbel! — „ Und dem theuren Geliebten meiner Seel’ Amphitryon, Wie geht’s ihm? “— Gnaͤd’ge Frau, das faß ich kurz: Wie einem Mann von Herzen auf dem Feld’ des Ruhms. — Ein Blitzkerl! Seht die Suade! — „ Wann denn kommt er? “ 7Gewiß nicht ſpaͤter, als ſein Amt verſtattet, Wenn gleich vielleicht ſo fruͤh nicht, als er wuͤnſcht. — Potz, alle Welt! — „ Und hat er ſonſt dir nichts Fuͤr mich geſagt, Soſias? “— Er ſagt wenig, Thut viel, und es erbebt die Welt vor ſeinem Nahmen. — Daß mich die Peſt! Wo koͤmmt der Witz mir her? „ Sie weichen alſo, ſagſt du, die Athener? “— Sie weichen, todt iſt Labdakus, ihr Fuͤhrer, Erſtuͤrmt Phariſſa, und wo Berge ſind, Da hallen ſie von unſerm Siegsgeſchrei. — „ O theuerſter Soſias! Sieh, das mußt du Umſtaͤndlich mir, auf jeden Zug, erzaͤhlen. “— Ich bin zu euern Dienſten, gnaͤdge Frau. Denn in der That kann ich von dieſem Siege Vollſtaͤnd’ge Auskunft, ſchmeichl’ ich mir, er - theilen: Stellt euch, wenn ihr die Guͤte haben wollt, Auf dieſer Seite hier —
Phariſſa vor8 — Was eine Stadt iſt, wie ihr wiſſen werdet, So groß im Umfang, praeter propter, Um nicht zu uͤbertreiben, wenn nicht groͤßer, Als Theben. Hier geht der Fluß. Die Unſrigen In Schlachtordnung auf einem Huͤgel hier; Und dort im Thale haufenweis der Feind. Nachdem er ein Geluͤbd’ zum Himmel jetzt ge - ſendet, Daß euch der Wolkenkreis erzitterte, Stuͤrzt, die Befehle treffend rings gegeben, Er gleich den Stroͤmen brauſend auf uns ein. Wir aber, minder tapfer nicht, wir zeigten Den Ruͤckweg ihm, — und ihr ſollt gleich ſehn, wie? Zuerſt begegnet’ er dem Vortrab hier, Der wich. Dann ſtieß er auf die Bogenſchuͤtzen dort; Die zogen ſich zuruͤck. Jetzt dreiſt gemacht, ruͤckt er Den Schleud’rern auf den Leib; die raͤumten ihm das Feld Und als verwegen jetzt dem Hauptkorps er ſich nahte,9 Stuͤrzt dies — halt! Mit dem Hauptkorps iſt’s nicht richtig. Ich hoͤre ein Geraͤuſch dort, wie mir daͤucht.
Wenn ich den ungeruf’nen Schlingel dort Bei Zeiten nicht von dieſem Haus entferne, So ſteht, beim Styx, das Gluͤck mir auf dem Spiel, Das in Alkmenens Armen zu genießen, Heut in der Truggeſtalt Amphitryons Zevs der Olympiſche, zur Erde ſtieg.
Es iſt zwar nichts und meine Furcht verſchwindet, Doch um den Abentheuern auszuweichen, Will ich mich vollends jetzt zu Hauſe machen, Und meines Auftrags mich entledigen.
Du uͤberwindeſt den Merkur, Freund, oder Dich werd ich davon abzuhalten wiſſen.
Doch dieſe Nacht iſt von endloſer Laͤnge. Wenn ich fuͤnf Stunden unterwegs nicht bin, Fuͤnf Stunden nach der Sonnenuhr von Theben, Will ich ſtuͤckweiſe ſie vom Thurme ſchießen. Entweder hat in Trunkenheit des Siegs Mein Herr den Abend fuͤr den Morgen angeſehn, Oder der lockre Phoͤbus ſchlummert noch, Weil er zu tief ins Flaͤſchgen geſtern guckte.
Mit welcher Unehrbietigkeit der Schuft Dort von den Goͤttern ſpricht. Geduld ein wenig; Hier dieſer Arm bald wird Reſpeckt ihm lehren.
Ach bei den Goͤttern der Nacht! Ich bin verloh - ren. Da ſchleicht ein Strauchdieb um das Haus, den ich11 Fruͤh oder ſpaͤt am Galgen ſehen werde. — Dreiſt muß ich thun, und keck und zuverſichtlich.
Wer denn iſt jener Toͤlpel dort, der ſich Die Freiheit nimmt, als waͤr er hier zu Hauſe, Mit Pfeifen mir die Ohren vollzuleyern? Soll hier mein Stock vielleicht ihm dazu tanzen?
— Ein Freund nicht ſcheint er der Muſik zu ſein.
Seit der vergangnen Woche fand ich keinen, Dem ich die Knochen haͤtte brechen koͤnnen. Mein Arm wird ſteif, empfind’ ich, in der Ruhe, Und einen Buckel von des deinen Breite Ihn ſuch’ ich juſt, mich wieder einzuuͤben.
Wer, Teufel hat den Kerl mir dort gebohren? Von Todesſchrecken fuͤhl’ ich mich ergriffen, Die mir den Athem ſtocken machen. 12Haͤtt’ ihn die Hoͤlle ausgeworfen, Es koͤnnt’ entgeiſternder mir nicht ſein Anblick ſein. — Jedoch vielleicht geht’s dem Hanswurſt wie mir, Und er verſucht den Eiſenfreſſer bloß, Um mich ins Bockshorn ſchuͤchternd einzujagen. Halt, Kauz, das kann ich auch. Und uͤberdies, Ich bin allein, er auch; zwei Faͤuſte hab’ ich, Doch er nicht mehr; und will das Gluͤck nicht wohl mir, Bleibt mir ein ſichrer Ruͤckzug dort — Marſch alſo!
Halt dort! Wer geht dort?
Ich.
Was fuͤr ein Ich?
Meins mit Verlaub. Und meines, denk’ ich, geht Hier unverzollt gleich Andern. Muth Soſias!
Halt! mit ſo leichter Zech’ entkommſt du nicht. Von welchem Stand biſt du?
Von welchem Stande? Von einem auf zwei Fuͤßen, wie ihr ſeht.
Ob Herr du biſt, ob Diener, will ich wiſſen?
Nachdem ihr ſo mich, oder ſo betrachtet, Bin ich ein Herr, bin ich ein Dienersmann.
Gut. Du misfaͤllſt mir.
Ei das thut mir leid.
Mit einem Wort, Verraͤther, will ich wiſſen, Nichtswuͤrd’ger Gaſſentreter, Eckenwaͤchter, Wer du magſt ſein, woher du gehſt, wohin, Und was du hier herum zu zaudern haſt?
Darauf kann ich euch nichts zur Antwort geben Als dies: ich bin ein Menſch, dort komm ich her, Da geh ich hin, und habe jetzt was vor, Das anfaͤngt, Langeweile mir zu machen.
Ich ſeh’ dich witzig, und du biſt im Zuge, Mich kurzhin abzufertigen. Mir aber kommt Die Luſt an, die Bekanntſchaft fortzuſetzen, Und die Verwicklung einzuleiten, werd’ ich Mit dieſer Hand hier hinter’s Ohr dir ſchlagen.
Mir?
Dir, und hier biſt deſſen du gewiß. Was wirſt du nun darauf beſchließen.
Wetter! Ihr ſchlagt mir eine gute Fauſt, Gevatter.
Ein Hieb von mittlern Schrot. Zuweilen treff’ ich Noch beſſer.
Waͤr’ ich auch ſo aufgelegt, Wir wuͤrden ſchoͤn uns in die Haare kommen.
Das waͤr’ mir recht. Ich liebe ſolchen Umgang.
Ich muß, jedoch, Geſchaͤfts halb’, mich em - pfehlen.
Wohin?
Was geht’s dich an, zum Teufel?
Ich will wiſſen, Sag’ ich dir, wo du hingehſt?
Jene Pforte Will ich mir oͤffnen laſſen. Laß mich gehn.
Wenn du die Unverſchaͤmtheit haſt, dich jener Schloßpforte dort zu naͤhern, ſieh, ſo raſſelt Ein Ungewitter auf dich ein von Schlaͤgen.
Was? ſoll ich nicht nach Hauſe gehen duͤrfen?
Nach Hauſe? ſag’ das noch einmal.
Nun ja. Nach Haus.
Du ſagſt von dieſem Hauſe dich?
Warum nicht? Iſt es nicht Amphitryons Haus?
Ob dies Amphitryons Haus iſt? Allerdings,17 Halunk, iſt dies das Haus Amphitryons, Das Schloß des erſten Feldherrn der Thebaner. Doch welch ein Schluß erfolgt? —
Was fuͤr ein Schluß? Daß ich hinein gehn werd’. Ich bin ſein Diener.
Sein Die —?
Sein Diener.
Du?
Ich, ja.
Amphitryons Diener?
Amphitryons Diener, des Thebanerfeldherrn.
— Dein Name iſt?
Soſias.
So —?
Soſias.
Hoͤr’, dir zerſchlag’ ich alle Knochen.
Biſt du Bei Sinnen?
Wer giebt das Recht dir, Unverſchaͤmter, Den Namen des Soſias anzunehmen?
Gegeben wird er mir, ich nehm’ ihn nicht. Mag es mein Vater dir verantworten.
Hat man von ſolcher Frechheit je gehoͤrt? 19Du wagſt mir ſchamlos ins Geſicht zu ſagen, Daß du Soſias biſt?
Ja, allerdings. Und das aus dem gerechten Grunde, weil es Die großen Goͤtter wollen; weil es nicht In meiner Macht ſteht, gegen ſie zu kaͤmpfen, Ein And’rer ſein zu wollen als ich bin; Weil ich muß Ich, Amphitryons Diener ſein, Wenn ich auch zehenmal Amphitryon, Sein Vetter lieber, oder Schwager waͤre.
Nun, wart’! Ich will dich zu verwandeln ſuchen.
Ihr Buͤrger! Ihr Thebaner! Moͤrder! Diebe!
Wie du Nichtswuͤrdiger, du ſchreiſt noch?
Was? Ihr ſchlagt mich, und nicht ſchreien ſoll ich duͤrfen?
Weißt du nicht, daß es Nacht iſt, Schlafenszeit Und daß in dieſem Schloß Alkmene hier, Amphitryons Gemahlin, ſchlaͤft?
Hohl euch der Henker! Ich muß den Kuͤrzern ziehen, weil ihr ſeht, Daß mir zur Hand kein Pruͤgel iſt, wie euch. Doch Schlaͤg’ ertheilen, ohne zu bekommen, Das iſt kein Heldenſtuͤck. Das ſag’ ich euch: Schlecht iſt es, wenn man Muth zeigt gegen Leute, Die das Geſchick zwingt, ihren zu verbergen.
Zur Sach’ alſo. Wer biſt du?
Wenn ich dem Entkomme, will ich eine Flaſche Wein Zur Haͤlfte opfernd auf die Erde ſchuͤtten.
Biſt du Soſias noch?
Ach laß mich gehn. Dein Stock kann machen, daß ich nicht mehr bin. Doch nicht, daß ich nicht Ich bin, weil ich bin. Der einz’ge Unterſchied iſt, daß ich mich Soſias jetzo der geſchlagne, fuͤhle.
Hund, ſieh, ſo mach’ ich kalt dich.
Laß! Laß! Hoͤr auf, mir zuzuſetzen.
Eher nicht, Als bis du aufhoͤrſt —
Gut ich hoͤre auf. Kein Wort entgegn’ ich mehr, Recht ſollſt du haben, Und Allem, was du aufſtellſt, ſag’ ich ja.
Biſt du Soſias noch, Verraͤther?
Ach! Ich bin jetzt, was du willſt. Befiehl, was ich Soll ſein, dein Stock macht dich zum Herren meines Lebens.
Du ſprachſt, du haͤtteſt dich Soſias ſonſt genannt?
Wahr iſt’s, daß ich bis dieſen Augenblick ge - waͤhnt, Die Sache haͤtte ihre Richtigkeit. Doch das Gewicht hat deiner Gruͤnde mich Belehrt: ich ſehe jetzt, daß ich mich irrte.
Ich bin’s, der ſich Soſias nennt.
Soſias —? Du —?
Ja Soſias. Und wer Gloſſen macht, Hat ſich vor dieſen Stock in Acht zu nehmen.
Ihr ew’gen Goͤtter dort! So muß ich auf Mich ſelbſt Verzicht jetzt leiſten, mir von einem Betruͤger meinen Namen ſtehlen laſſen?
Du murmelſt in die Zaͤhne, wie ich hoͤre?
Nichts, was dir in der That zu nahe traͤte, Doch bey den Goͤttern allen Griechenlands Beſchwoͤr’ ich dich, die dich und mich regieren, Vergoͤnne mir, auf einen Augenblick, Daß ich dir offenherz’ge Sprache fuͤhre.
Sprich.
Doch dein Stock wird ſtumme Rolle ſpielen? Nicht von der Unterhaltung ſein? Verſprich mir, Wir ſchließen Waffenſtillſtand.
Gut, es ſei. Den Punkt bewill’g’ ich.
Nun ſo ſage mir, Wie kommt der unerhoͤrte Einfall dir, Mir meinen Namen ſchamlos wegzugaunern? Waͤr’ es mein Mantel, waͤr’s mein Abendeſſen; Jedoch ein Nam’! Kannſt du dich darin kleiden? Ihn eſſen? trinken? oder ihn verſetzen? Was alſo nuͤtzet dieſer Diebſtahl dir?
Wie? Du — du unterſtehſt dich?
Halt! halt! ſag ich. Wir ſchloſſen Waffenſtillſtand.
Unverſchaͤmter! Nichtswuͤrdiger!
Dawider hab ich nichts. Schimpfwoͤrter mag ich leiden, dabei kann ein Geſpraͤch beſtehen.
Du nennſt dich Soſias?
Ja, ich geſteh’s, ein unverbuͤrgtes Geruͤcht hat mir —
Genug. Den Waffenſtillſtand Brech’ ich, und dieſes Wort hier nehm’ ich wieder.
Fahr’ in die Hoͤll’! Ich kann mich nicht ver - nichten, Verwandeln nicht, aus meiner Haut nicht fahren, Und meine Haut dir um die Schultern haͤngen. Ward, ſeit die Welt ſteht, ſo etwas erlebt? Traͤum’ ich etwa? Hab ich zur Morgenſtaͤrkung Heut mehr, als ich gewoͤhnlich pfleg’, genoſſen? Bin ich mich meiner voͤllig nicht bewußt? Hat nicht Amphitryon mich hergeſchickt, Der Fuͤrſtin ſeine Ruͤckkehr anzumelden? Soll ich ihr nicht den Sieg, den er erfochten, Und wie Phariſſa uͤberging, beſchreiben? 26Bin ich ſo eben nicht hier angelangt? Halt’ ich nicht die Laterne? Fand ich dich Vor dieſes Hauſes Thuͤr herum nicht lungern, Und als ich mich der Pforte naͤhern wollte, Nahmſt du den Stock zur Hand nicht, und zer - blaͤuteſt Auf das unmenſchlichſte den Ruͤcken mir, Mir ins Geſicht behauptend, daß nicht ich, Wohl aber du Amphitryons Diener ſeiſt. Das Alles, fuͤhl ich, leider, iſt zu wahr nur; Gefiel’s den Goͤttern doch, daß ich beſeſſen waͤre.
Hallunke, ſieh, mein Zorn wird augenblicklich, Wie Hagel wieder auf dich niederregnen! Was du geſagt haſt, Alles, Zug vor Zug, Es gilt von mir: die Pruͤgel ausgenommen.
Von dir? — Hier die Laterne, bei den Goͤttern, Iſt Zeuge mir —
Du luͤgſt, ſag’ ich, Verraͤther. 27Mich hat Amphitryon hieher geſchickt. Mir gab der Feldherr der Thebaner geſtern, Da er vom Staub der Mordſchlacht noch bedeckt, Dem Temp’l enttrat, wo er dem Mars geopfert, Gemeßnen Auftrag, ſeinen Sieg in Theben, Und daß der Feinde Fuͤhrer Labdakus Von ſeiner Hand gefallen, anzukuͤnd’gen; Denn ich bin, ſag’ ich dir, Soſias, Sein Diener, Sohn des Davus, wackern Schaͤfers Aus dieſer Gegend, Bruder Harpagons, Der in der Fremde ſtarb, Gemahl der Charis, Die mich mit ihren Launen wuͤthend macht; Soſias, der im Thuͤrmchen ſaß, und dem man Noch kuͤrzlich funfzig auf den Hintern zaͤhlte, Weil er zu weit die Redlichkeit getrieben.
Da hat er Recht! Und ohne daß man ſelbſt Soſias iſt, kann man von dem, was er Zu wiſſen ſcheint, nicht unterrichtet ſein. Man muß, mein Seel, ein Bischen an ihn glauben. 28Zu dem, da ich ihn jetzt ins Auge faſſe, Hat er Geſtalt von mir und Wuchs und Weſen Und die ſpitzbuͤbſche Miene, die mir eigen. — Ich muß ihm ein Paar Fragen thun, die mich Aufs Reine bringen.
Von der Beute, Die in des Feindes Lager ward gefunden, Sagſt du mir wohl, wie ſich Amphitryon Dabei bedacht, und was ſein Antheil war?
Das Diadem ward ihm des Labdakus, Das man im Zelt deſſelben aufgefunden.
Was nahm mit dieſem Diadem man vor?
Man grub den Namenszug Amphitryons Auf ſeine goldne Stirne leuchtend ein.
Vermuthlich traͤgt er’s ſelber jetzt —?
Alkmenen Iſt es beſtimmt. Sie wird zum Angedenken Des Siegs den Schmuck um ihren Buſen tragen.
Und zugefertigt aus dem Lager wird Ihr das Geſchenk —?
In einem goldnen Kaͤſtchen, Auf das Amphitryon ſein Wappen druͤckte.
Er weiß um Alles. — Alle Teufel jetzt! Ich fang im Ernſt an mir zu zweifeln an. Durch ſeine Unverſchaͤmtheit ward er ſchon Und ſeinen Stock, Soſias, und jetzt wird er, Das fehlte nur, es auch aus Gruͤnden noch. Zwar wenn ich mich betaſte, wollt’ ich ſchwoͤren, Daß dieſer Leib Soſias iſt — Wie find ich nun aus dieſem Labyrinth? — Was ich gethan, da ich ganz einſam war, Was Niemand hat geſehn, kann Niemand wiſſen,30 Falls er nicht wirklich Ich iſt, ſo wie ich. — Gut, dieſe Frage wird mir Licht verſchaffen. Was gilt’s? Dies faͤngt ihn — nun wir wer - den ſehn.
Als beide Heer’ im Handgemenge waren, Was machteſt du, ſag’ an, in den Gezelten, Wo du gewußt, geſchickt dich hinzudruͤcken?
Von einem Schinken —
Hat den Kerl der Teufel —?
Den ich im Winkel des Gezeltes fand, Schnitt ich ein Kernſtuͤck mir, ein ſaftiges, Und oͤffnete geſchickt ein Flaſchenfutter, Um fuͤr die Schlacht, die draußen ward gefochten, Ein wenig Munterkeit mir zu verſchaffen.
Nun iſt es gut. Nun waͤr’s gleich viel, wenn mich31 Die Erde gleich von dieſem Platz verſchlaͤnge, Denn aus dem Flaſchenfutter trinkt man nicht, Wenn man, wie ich, zufaͤllig nicht im Sacke Den Schluͤſſel, der gepaßt, gefunden haͤtte.
Ich ſehe, alter Freund, nunmehr, daß du Die ganze Portion Soſias biſt, Die man auf dieſer Erde brauchen kann. Ein Mehreres ſcheint uͤberfluͤſſig mir. Fern ſei mir, den Zudringlichen zu ſpielen, Und gern tret’ ich vor dir zuruͤck. Nur habe die Gefaͤlligkeit fuͤr mich, und ſage mir, Da ich Soſias nicht bin, wer ich bin? Denn etwas, giebſt du zu, muß ich doch ſein.
Wenn ich nicht mehr Soſias werde ſein, Sei du’s, es iſt mir recht, ich will’ge drein. Jedoch ſo lang’ ich’s bin, wagſt du den Hals, Wenn dir der unverſchaͤmte Einfall kommt.
Gut, gut. Mir faͤngt der Kopf zu ſchwirren an, Ich ſehe jetzt, mein Seel’, wie ſichs verhaͤlt,32 Wenn ich’s auch gleich noch voͤllig nicht begreife. Jedoch — die Sache muß ein Ende nehmen; Und das Geſcheideſte, zum Schluß zu kommen, Iſt, daß ich meiner Wege geh’. — Leb wohl.
Wie, Galgenſtrick! So muß ich alle Knochen Dir laͤhmen?
Ihr gerechten Goͤtter! Wo bleibt mir euer Schutz? Mein Ruͤcken heilt In Wochen nicht, wenn auch Amphitryon Den Stock nicht ruͤhrt. Wohlan! Ich meide denn Den Teufelskerl, und geh’ zuruͤck ins Lager, So finſter dieſe Hoͤllennacht auch glotzt. — Das war mir eine ruͤhmliche Geſandtſchaft! Wie wird dein Herr, Soſias, dich empfangen?
Nun, endlich! Warum trollteſt du nicht fruͤher? 33Du haͤtt’ſt dir boͤſe Riſſe ſparen koͤnnen. — Denn daß ihn eines Gottes Arm getroffen, Die Ehre kuͤmmert den Hallunken nicht: Ich traf ihn wie der beſte Buͤttel auch. Nun, mag es ſein. Geſuͤndigt hat er g’nug, Verdient, wenn auch nicht eben heut, die Pruͤgel; Er mag auf Abſchlag ſie empfangen haben. — Wenn mir der Schuft mit ſeinem Zeterſchrei, Als ob man ihn zum Braten ſpießen wollte, Nur nicht die Liebenden geweckt! — So wahr ich lebe, Zevs bricht ſchon auf. Er kommt, der Goͤtter - vater, Und zaͤrtlich giebt Alkmen’, als waͤr’s ihr Theurer Gemahl Amphitryon, ihm das Geleit.
Laß, meine theuerſte Alkmene, dortC34Die Fackeln ſich entfernen. Zwar ſie leuchten Dem ſchoͤnſten Reiz, der auf der Erde bluͤht, Und keiner der Olympier ſah ihn ſchoͤner; Jedoch — wie ſag ich? Sie verrathen den, Den dieſer Reiz hieher gelockt, Geliebte, Und beſſer wird es ein Geheimniß bleiben, Daß dein Amphitryon in Theben war, Sie ſind dem Krieg geraubt, die Augenblicke, Die ich der Liebe opfernd dargebracht; Die Welt koͤnnt ihn mißdeuten, dieſen Raub; Und gern entbehrt’ ich andre Zeugen ſeiner, Als nur die Eine, die ihn mir verdankt.
Amphitryon! So willſt du gehn? Ach, wie So laͤſtig iſt ſo vieler Ruhm, Geliebter! Wie gern gaͤb ich das Diadem, das du Erkaͤmpft, fuͤr einen Strauß von Veilchen hin, Um eine niedre Huͤtte eingeſammelt. Was brauchen wir, als nur uns ſelbſt? Warum Wird ſo viel Fremdes noch dir aufgedrungen, Dir eine Krone und der Feldherrnſtab? 35Zwar wenn das Volk dir jauchzt, und ſein Entzuͤcken In jedem großen Namen ſich verſchwendet, Iſt der Gedanke ſuͤß, daß du mir angehoͤrſt; Doch dieſer fluͤcht’ge Reiz, kann er vergelten, Was ich empfinde, wenn im wilden Treffen Der Pfeil auf dieſen theuern Buſen zielt. Wie oͤd’ iſt, ohne dich, dies Haus! Wie traͤge, Biſt du mir fern, der muntre Reih’n der Stunden, Wenn ſie den Tag herauf mir fuͤhren ſollen! Ach was das Vaterland mir alles raubt, Das fuͤhl’ ich, mein Amphitryon, erſt ſeit heute, Da ich zwei kurze Stunden dich beſaß.
Geliebte! Wie du mich entzuͤckſt! Doch eine Beſorgniß auch erregſt du mir, die ich, So ſcherzhaft ſie auch klingt, dir nennen muß. Du weißt, daß ein Geſetz der Ehe iſt, Und eine Pflicht und daß, wer Liebe nicht er - wirbt, Noch Liebe vor dem Richter fordern kann. C 236Sieh dies Geſetz, es ſtoͤrt mein ſchoͤnſtes Gluͤck. Dir moͤcht ich, deinem Herzen, Theuerſte, Jedwede Gunſt verdanken, moͤchte gern Nicht, daß du einer Foͤrmlichkeit dich fuͤgteſt, Zu der du dich vielleicht verbunden waͤhnſt. Wie leicht verſcheuchſt du dieſe kleinen Zweifel? So oͤffne mir dein Inn’res denn, und ſprich, Ob den Gemahl du heut, dem du verlobt biſt, Ob den Geliebten du empfangen haſt?
Geliebter und Gemahl! Was ſprichſt du da? Iſt es dies heilige Verhaͤltniß nicht, Das mich allein, dich zu empfahn, berechtigt? Wie kann dich ein Geſetz der Welt nur quaͤlen, Das weit entfernt, beſchraͤnkend hier zu ſein, Vielmehr den kuͤhnſten Wuͤnſchen, die ſich regen, Jedwede Schranke gluͤcklich niederreißt?
Was ich dir fuͤhle, theuerſte Alkmene, Das uͤberfluͤgelt, ſieh, um Sonnenferne, Was ein Gemahl dir ſchuldig iſt. Entwoͤhne,37 Geliebte von dem Gatten dich, Und unterſcheide zwiſchen mir und ihm. Sie ſchmerzt mich, dieſe ſchmoͤlige Verwechslung, Und der Gedanke iſt mir unertraͤglich, Daß du den Laffen bloß empfangen haſt, Der kalt ein Recht auf dich zu haben waͤhnt. Ich moͤchte dir, mein ſuͤßes Licht, Dies Weſen eigner Art erſchienen ſein, Beſieger dein, weil uͤber dich zu ſiegen, Die Kunſt, die großen Goͤtter mich gelehrt. Wozu den eitlen Feldherrn der Thebaner Einmiſchen hier, der fuͤr ein großes Haus Juͤngſt eine reiche Fuͤrſtentochter freite? Was ſagſt du? Sieh’, ich moͤchte deine Tugend Ihm, jenem oͤffentlichen Gecken, laſſen, Und mir, mir deine Liebe vorbehalten.
Amphitryon! Du ſcherzeſt. Wenn das Volk hier Auf den Amphitryon dich ſchmaͤhen hoͤrte, Es muͤßte doch dich einen Andern waͤhnen, Ich weiß nicht wen? Nicht, daß es mir ent - ſchluͤpft38 In dieſer heitern Nacht, wie, vor dem Gatten, Oft der Geliebte aus ſich zeichnen kann; Doch da die Goͤtter Eines und das And’re In dir mir einigten, verzeih ich dieſem Von Herzen gern, was der vielleicht verbrach.
Verſprich mir denn, daß dieſes heitre Feſt, Das wir jetzt frohem Wiederſehn gefeiert, Dir nicht aus dem Gedaͤchtniß weichen ſoll; Daß du den Goͤttertag, den wir durchlebt, Geliebteſte, mit deiner weitern Ehe Gemeinen Tag’-lauf nicht verwechſeln willſt. Verſprich, ſag’ ich, daß du an mich willſt denken, Wenn einſt Amphitryon[zuruͤckgekehrt] —?
Nun ja. Was ſoll man dazu ſagen?
Dank dir! Es hat mehr Sinn und Deutung, als du glaubſt. Leb’ wohl, mich ruft die Pflicht.
So willſt du fort? Nicht dieſe kurze Nacht bei mir, Geliebter, Die mit Zehntauſend Schweigen fleucht, vollen - den?
Schien dieſe Nacht dir kuͤrzer als die andern?
Ach!
Suͤßes Kind! Es konnte doch Aurora Fuͤr unſer Gluͤck nicht mehr thun, als ſie that. Leb’ wohl. Ich ſorge, daß die anderen Nicht laͤnger dauern, als die Erde braucht.
Er iſt berauſcht, glaub’ ich. Ich bin es auch.
Das nenn’ ich Zaͤrtlichkeit mir! Das mir Treue! Das mir ein artig Feſt, wenn Eheleute Nach langer Trennung jetzt ſich wiederſehn! Doch jener Bauer dort, der mir verbunden, Ein Klotz iſt juſt ſo[zaͤrtlich] auch, wie er.
Jetzt muß ich eilen und die Nacht erinnern, Daß uns der Weltkreis nicht aus aller Ordnung kommt. Die gute Goͤttin Kupplerin verweilte Uns ſiebzehn Stunden uͤber Theben heut; Jetzt mag ſie weiter ziehn, und ihren Schleier Auch uͤber and’re Abentheuer werfen.
Jetzt ſeht den Unempfindlichen! da geht er.
Nun ſoll ich dem Amphitryon nicht folgen? 41Ich werde doch, wenn er ins Lager geht, Nicht auf die Baͤrenhaut mich legen ſollen?
Man ſagt doch was.
Ei was! Dazu iſt Zeit. — Was du gefragt, das weißt du, damit Baſta. In dieſem Stuͤcke bin ich ein Lakoner.
Ein Toͤlpel biſt du. Gutes Weib, ſagt man, Behalt’ mich lieb, und troͤſt’ dich, und was weiß ich?
Was, Teufel, kommt dir in den Sinn? Soll ich Mit dir zum Zeitvertreib hier Fratzen ſchneiden? Eilf Eh’ſtandsjahr’ erſchoͤpfen das Geſpraͤch, Und ſchon ſeit Olims Zeit ſagt’ ich dir Alles.
Verraͤther, ſieh Amphitryon, wie er, Den ſchlecht’ſten Leuten gleich, ſich zaͤrtlich zeigt,42 Und ſchaͤme dich, daß in Ergebenheit Zu ſeiner Frau, und ehelicher Liebe Ein Herr der großen Welt dich uͤbertrifft.
Er iſt noch in den Flitterwochen, Kind. Es giebt ein Alter, wo ſich Alles ſchickt. Was dieſem jungen Paare ſteht, das moͤgt’ ich Von Weitem ſehn, wenn wir’s veruͤben wollten. Es wuͤrd’ uns laſſen, wenn wir alten Eſel Mit ſuͤßen Brocken um uns werfen wollten.
Der Grobian! Was das fuͤr Reden ſind. Bin ich nicht mehr im Stand? —
Das ſag’ ich nicht, Dein offner Schaden laͤßt ſich uͤberſehen, Wenn’s finſter iſt, ſo biſt du grau; doch hier Auf offnem Markt wuͤrd’s einen Auflauf geben, Wenn mich der Teufel plagte, zu ſcharwenzeln.
Ging ich nicht gleich, ſo wie du kamſt, Verraͤther, Zur Plumpe? Kaͤmmt’ ich dieſes Haar mir nicht? Legt’ ich dies reingewaſchne Kleid nicht an? Und das, um ausgehunzt von dir zu werden.
Ei was ein reines Kleid! Wenn du das Kleid Ausziehen koͤnnteſt, das dir von Natur ward, Ließ ich die ſchmutz’ge Schuͤrze mir gefallen.
Als du mich freiteſt, da gefiel dir’s doch. Da haͤtt’ es Noth gethan, es in der Kuͤche Beim Waſchen und beim Heuen anzuthun. Kann ich dafuͤr, wenn es die Zeit genutzt?
Nein, liebſtes Weib. Doch ich kann’s auch nicht flicken.
Hallunke, du verdienſt es nicht, daß eine Frau dir von Ehr und Reputation geworden.
Waͤrſt du ein wenig minder Frau von Ehre. Und riſſeſt mir dafuͤr die Ohren nicht Mit deinen ew’gen Zaͤnkereien ab.
Was? ſo mißfaͤllt’s dir wohl, daß ich in Ehren Mich ſtets erhielt, mir guten Ruf erwarb?
Behuͤt’ der Himmel mich. Pfleg’ deiner Tugend, Nur fuͤhre ſie nicht, wie ein Schlittenpferd, Stets durch die Straße laͤutend, und den Markt.
Dir waͤr’ ein Weib gut, wie man ſie in Theben Verſchmitzt und voller Raͤnke finden kann, Ein Weib, das dich in ſuͤße Wort’ ertraͤnkte, Damit du ihr den Hahnrei niederſchluckſt.
Was das betrifft, mein Seel’, da ſag’ ich dir: Gedankenuͤbel quaͤlen nur die Narren, Den Mann vielmehr beneid’ ich, dem ein Freund Den Sold der Ehe vorſchießt; alt wird er, Und lebt das Leben aller ſeiner Kinder.
Du waͤrſt ſo ſchamlos, mich zu reizen? Waͤrſt So frech, mich foͤrmlich aufzufordern, dir Den freundlichen Thebaner, welcher Abends Mir auf der Faͤhrte ſchleicht, zu adjungiren?
Hohl mich der Teufel, ja. Wenn du mir nur Erſparſt, Bericht daruͤber anzuhoͤren. Bequeme Suͤnd’ iſt, find ich, ſo viel werth, Als laͤſt’ge Tugend; und mein Wahlſpruch iſt, Nicht ſo viel Ehr’ in Theben, und mehr Ruhe — Fahr’ wohl jetzt, Charis, Schatzkind! Fort muß ich. Amphitryon wird ſchon im Lager ſein.
Warum, um dieſen Niedertraͤchtigen Mit einer offenbaren That zu ſtrafen, Fehlt’s an Entſchloſſenheit mir? O ihr Goͤtter! Wie ich es jetzt bereue, daß die Welt Fuͤr eine ordentliche Frau mich haͤlt!
Steh, Gaudieb, ſag’ ich, mir, vermaledeiter Hallunke! Weißt du, Taugenichts, daß dein Geſchwaͤtz dich an den Galgen bringen wird? Und daß, mit dir nach Wuͤrden zu verfahren, Nur meinem Zorn ein tuͤcht’ges Rohr gebricht?
Wenn ihr’s aus dieſem Ton nehmt, ſag ich nichts. Befehlt, ſo traͤum’ ich, oder bin betrunken.
Mir ſolche Maͤhrchen ſchamlos aufzubuͤrden! Erzaͤhlungen, wie unſre Ammen ſie Den Kindern Abends in die Ohren lullen. — Meinſt du, ich werde dir die Poſſen glauben?
Behuͤt’! Ihr ſeid der Herr und ich der Diener, Ihr werdet thun und laſſen, was ihr wollt.
Es ſei. Ich unterdruͤcke meinen Zorn, Gewinne die Geduld mir ab, noch einmal Vom Ei den ganzen Hergang anzuhoͤren. — Ich muß dies Teufelsraͤthſel mir entwirren, Und nicht den Fuß ehr ſetz’ ich dort ins Haus. — Nimm alle deine Sinne wohl zuſammen, Und ſteh mir Rede, puͤnctlich, Wort fuͤr Wort.
Doch, Herr, aus Furcht vergebt mir, anzuſtoßen, Erſuch’ ich euch, eh’ wir zur Sache ſchreiten, Den Ton mir der Verhandlung anzugeben. Soll ich nach meiner Ueberzeugung reden,48 Ein ehrlicher Kerl, verſteht mich, oder ſo, Wie es bei Hofe uͤblich, mit euch ſprechen? Sag ich euch dreiſt die Wahrheit, oder ſoll ich Mich wie ein wohlgezog’ner Menſch betragen?
Nichts von den Fratzen. Ich verpflichte dich, Bericht mir unverhohlen abzuſtatten.
Gut. Laßt mich machen jetzt. Ihr ſollt be - dient ſein. Ihr habt bloß mir die Fragen auszuwerfen.
Auf den Befehl, den ich dir gab —?
Ging ich Durch eine Hoͤllenfinſterniß, als waͤre Der Tag zehntauſend Klaftern tief verſunken, Euch allen Teufeln, und den Auftrag gebend, Den Weg nach Theben, und die Koͤnigsburg.
Was, Schurke, ſagſt du?
Herr, es iſt die Wahrheit.
Gut. Weiter. Waͤhrend du den Weg ver - folgteſt —?
Setzt ich den Fuß ſtets einen vor den andern, Und ließ die Spuren hinter mir zuruͤck.
Was! Ob dir was begegnet, will ich wiſſen!
Nichts, Herr, als daß ich salva venia Die Seele voll von Furcht und Schrecken hatte.
D’rauf eingetroffen hier —?
Uebt ich ein wenig Mich auf den Vortrag, den ich halten ſollte,D50Und ſtellte witzig die Laterne mir, Als eure Gattin, die Prinzeſſin, vor.
Dies abgemacht —?
Ward ich geſtoͤrt. Jetzt koͤmmts.
Geſtoͤrt? Wodurch? Wer ſtoͤrte dich?
Soſias.
Wie ſoll ich das verſtehn?
Wie ihr’s verſtehn ſollt? Mein Seel! Da fragt ihr mich zu viel. Soſias ſtoͤrte mich, da ich mich uͤbte.
Soſias! Welch’ ein Soſias! Was fuͤr Ein Galgenſtrick, Hallunke, von Soſias,51 Der außer dir den Nahmen fuͤhrt in Theben, Hat dich geſtoͤrt, da du dich eingeuͤbt?
Soſias! Der bei euch in Dienſten ſteht, Den ihr vom Lager geſtern abgeſchickt, Im Schloſſe eure Ankunft anzumelden.
Du? Was?
Ich, ja. Ein Ich, das Wiſſenſchaft Von allen unſern Heimlichkeiten hat, Das Kaͤſtchen und die Diamanten kennt, Dem Ich vollkommen gleich, das mit euch ſpricht.
Was fuͤr Erzaͤhlungen?
Wahrhaftige. Ich will nicht leben, Herr, beluͤg ich euch. Dies Ich war fruͤher angelangt, als ich,D 252Und ich war hier, in dieſem Fall, mein Seel, Noch eh’ ich angekommen war.
Woher entſpringt dies Irrgeſchwaͤtz? Der Wiſch - waſch? Iſt’s Traͤumerei? Iſt es Betrunkenheit? Gehirnverruͤckung? Oder ſoll’s ein Scherz ſein?
Es iſt mein voͤll’ger Ernſt, Herr, und ihr werdet, Auf Ehrenwort, mir euren Glauben ſchenken, Wenn ihr ſo gut ſein wollt. Ich ſchwoͤr’s euch zu, Daß ich, der einfach aus dem Lager ging, Ein Doppelter in Theben eingetroffen; Daß ich mir glotzend hier begegnet bin; Das hier dies eine Ich, das vor euch ſteht, Vor Muͤdigkeit und Hunger ganz erſchoͤpft, Das Andere, das aus dem Hauſe trat, Friſch, einen Teufelskerl, gefunden hat; Daß dieſe beiden Schufte eiferſuͤchtig Jedweder, euern Auftrag auszurichten, Sofort in Streit geriethen, und daß ich53 Mich wieder ab ins Lager trollen mußte, Weil ich ein unvernuͤnft’ger Schlingel war.
Man muß von meiner Sanftmuth ſein, von meiner Friedfertigkeit, von meiner Selbſtverlaͤugnung, Um einem Diener ſolche Sprache zu geſtatten.
Herr, wenn ihr euch ereifert, ſchweig ich ſtill. Wir wollen von was Andern ſprechen.
Gut. Weiter denn. Du ſiehſt, ich maͤß’ge mich. Ich will geduldig bis an’s End’ dich hoͤren. Doch ſage mir auf dein Gewiſſen jetzt, Ob das, was du fuͤr wahr mir geben willſt, Wahrſcheinlich auch nur auf den Schatten iſt. Kann man’s begreifen? reimen? Kann man’s faſſen?
Behuͤte! Wer verlangt denn das von euch? In’s Tollhaus weiſ’ ich den, der ſagen kann,54 Daß er von dieſer Sache was begreift. Es iſt gehauen nicht und nicht geſtochen, Ein Vorfall, koboltartig, wie ein Maͤhrchen, Und dennoch iſt es, wie das Sonnenlicht.
Falls man demnach fuͤnf Sinne hat, wie glaubt man’s.
Mein Seel’! Es koſtete die groͤßte Pein mir, So gut, wie euch, eh’ ich es glauben lernte. Ich hielt mich fuͤr beſeſſen, als ich mich Hier aufgepflanzt fand laͤrmend auf dem Platze, Und einen Gauner ſchalt ich lange mich. Jedoch zuletzt erkannt’ ich, mußt’ ich mich, Ein Ich, ſo wie das Andre, anerkennen. Hier ſtand’s, als waͤr’ die Luft ein Spiegel vor mir, Ein Weſen voͤllig wie das meinige, Von dieſem Anſtand, ſeht, und dieſem Wuchſe, Zwei Tropfen Waſſer ſind nicht aͤhnlicher. Ja, waͤr’ es nur geſelliger geweſen,55 Kein ſolcher muͤrr’ſcher Grobian, ich koͤnnte, Auf Ehre, ſehr damit zufrieden ſein.
Zu welcher Ueberwindung ich verdammt bin! — Doch endlich, biſt du nicht in’s Haus ge - gangen?
In’s Haus! Was! Ihr ſeid gut! Auf welche Weiſe? Litt ich’s? Hoͤrt ich Vernunft an? Unterſagt’ ich Nicht eigenſinnig ſtets die Pforte mir?
Wie? Was? Zum Teufel!
Wie? Mit einem Stocke, Von dem mein Ruͤcken noch die Spuren traͤgt.
So ſchlug man dich?
Und tuͤchtig.
Wer — wer ſchlug dich? Wer unterſtand ſich das?
Ich.
Du? Dich ſchlagen?
Mein Seel’, ja, ich! Nicht dieſes Ich von hier, Doch das vermaledeite Ich vom Hauſe, Das wie fuͤnf Ruderknechte ſchlaͤgt.
Ungluͤck verfolge dich, mit mir alſo zu reden!
Ich kann’s euch darthun, Herr, wenn ihr’s be - gehrt. Mein Zeuge, mein glaubwuͤrdiger, iſt der Gefaͤhrte meines Mißgeſchicks, mein Ruͤcken. — Das Ich, das mich von hier verjagte, ſtand57 Im Vortheil gegen mich; es hatte Muth Und zwei geuͤbte Arme, wie ein Fechter.
Zum Schluſſe. Haſt du meine Frau geſprochen?
Nein.
Nicht! Warum nicht?
Ei! Aus guten Gruͤnden.
Und wer hat dich, Verraͤther, deine Pflicht Verfehlen laſſen? Hund, Nichtswuͤrdiger!
Muß ich es zehn und zehnmal wiederholen? Ich, hab’ ich euch geſagt, dies Teufels ich, Das ſich der Thuͤre dort bemaͤchtigt hatte; Das Ich, das das allein’ge Ich will ſein; Das Ich vom Hauſe dort, das Ich vom Stocke, Das Ich, das mich halb todt gepruͤgelt hat.
Es muß die Beſtie getrunken haben, Sich vollends um das Bischen Hirn gebracht.
Ich will des Teufels ſein, wenn ich heut mehr Als meine Portion getrunken habe. Auf meinen Schwur, mein Seel’, koͤnnt ihr mir glauben.
— So haſt du dich unmaͤß’gem Schlaf vielleicht Ergeben? — Vielleicht daß dir ein boͤſer Traum Den aberwitzgen Vorfall vorgeſpiegelt. Den du mir hier fuͤr Wirklichkeit erzaͤhlſt —?
Nichts, nichts von dem. Ich ſchlief ſeit geſtern nicht Und hatt’ im Wald’ auch gar nicht Luſt zu ſchlafen, Ich war erwacht vollkommen, als ich eintraf, Und ſehr erwacht und munter war der and’re Soſias, als er mich ſo tuͤchtig walkte.
Schweig. Was ermuͤd’ ich mein Gehirn? Ich bin Verruͤckt ſelbſt, ſolchen Wiſchwaſch anzuhoͤren. Unnuͤtzes, marklos-albernes Gewaͤſch, In dem kein Menſchenſinn iſt, und Verſtand. Folg’ mir.
So iſt’s. Weil es aus meinem Munde kommt, Iſt’s albern Zeug, nicht werth, daß man es hoͤre. Doch haͤtte ſich ein Großer ſelbſt zerwalkt, So wuͤrde man Mirakel ſchrei’n.
Laß mir die Pforte oͤffnen. — Doch was ſeh ich? Alkmene kommt. Es wird ſie uͤberraſchen, Denn freilich jetzt erwartet ſie mich nicht.
Komm, meine Charis. Laß den Goͤttern uns Ein Opfer dankbar auf den Altar legen. Laß ihren großen, heil’gen Schutz noch ferner Mich auf den beſten Gatten niederflehn.
O Gott! Amphitryon!
Der Himmel gebe, Daß meine Gattin nicht vor mir erſchrickt, Nicht fuͤrcht’ ich, daß nach dieſer fluͤcht’gen Tren - nung Alkmene minder zaͤrtlich mich empfaͤngt. Als ihr Amphitryon zuruͤckgekehrt.
So fruͤh zuruͤck —?
Was! dieſer Ausruf, Fuͤrwahr, ſcheint ein zweideutig Zeichen mir,61 Ob auch die Goͤtter jenen Wunſch erhoͤrt. Dies: „ Schon ſo fruͤh zuruͤck! “iſt der Empfang, Beim Himmel, nein! der heißen Liebe nicht. Ich Thoͤrigter! Ich ſtand im Wahn, daß mich Der Krieg zu lange ſchon von hier entfernt; Zu ſpaͤt, war meine Rechnung, kehrt ich wieder. Doch du belehrſt mich, daß ich mich geirrt, Und mit Befremden nehm’ ich wahr, daß ich Ein Ueberlaͤſt’ger aus den Wolken falle.
Ich weiß nicht —
Nein, Alkmene, Verzeih. Mit dieſem Worte haſt du Waſſer Zu meiner Liebe Flammen hingetragen. Du haſt, ſeit ich dir fern, die Sonnenuhr Nicht eines fluͤcht’gen Blicks gewuͤrdigt. Hier ward kein Fluͤgelſchlag der Zeit vernommen, Und unter rauſchenden Vergnuͤgen ſind In dieſem Schloß fuͤnf abgezaͤhlte Monden Wie ſo viel Augenblicke hingeflohn.
Ich habe Muͤh’, mein theurer Freund, zu faſſen, Worauf du dieſen Vorwurf gruͤnden magſt. Beklagſt du uͤber meine Kaͤlte dich, So ſiehſt du mich verlegen, wie ich dich Befried’gen ſoll. Ich denke geſtern, als Du um die Abenddaͤmmrung mir erſchienſt, Trug ich die Schuld, an welche du mich mahnſt, Aus meinem warmen Buſen reichlich ab. Kannſt du noch mehr dir wuͤnſchen, mehr begeh - ren, So muß ich meine Duͤrftigkeit geſtehn: Ich gab dir wirklich Alles, was ich hatte.
Wie?
Und du fragſt noch! Flog ich geſtern nicht, Als du mich heimlich auf den Nacken kuͤßteſt, Ich ſpann, in’s Zimmer warſt du eingeſchlichen, Wie aus der Welt entruͤckt, dir an die Bruſt? Kann man ſich inn’ger des Geliebten freun?
Was ſagſt du mir?
Was das fuͤr Fragen ſind! Du ſelber warſt unmaͤß’ger Freude voll, Dich ſo geliebt zu ſehn; und als ich lachte, Inzwiſchen mir die Thraͤne floß, ſchwurſt du Mit ſeltſam ſchauerlichen Schwur mir zu, Daß nie die Here ſo den Jupiter begluͤckt.
Ihr ew’gen Goͤtter!
D’rauf als der Tag ergluͤhte, Hielt laͤnger dich kein Flehn bei mir zuruͤck. Auch nicht die Sonne wollteſt du erwarten. Du gehſt, ich werfe mich auf’s Lager nieder, Heiß iſt der Morgen, ſchlummern kann ich nicht, Ich bin bewegt, den Goͤttern will ich opfern, Und auf des Hauſes Vorplatz treff ich dich! Ich denke, Auskunft, traun, biſt du mir ſchuldig, Wenn deine Wiederkehr mich uͤberraſcht,64 Beſtuͤrzt auch, wenn du willſt; nicht aber iſt Ein Grund hier, mich zu ſchelten, mir zu zuͤrnen.
Hat mich etwan ein Traum bei dir verkuͤndet, Alkmene? Haſt du mich vielleicht im Schlaf Empfangen, daß du waͤhnſt, du habeſt mir Die Forderung der Liebe ſchon entrichtet?
Hat dir ein boͤſer Daͤmon das Gedaͤchtniß Geraubt, Amphitryon? hat dir vielleicht Ein Gott den heitern Sinn verwirrt, daß du Die keuſche Liebe deiner Gattin, hoͤhnend, Von allem Sittlichen entkleiden willſt?
Was? Mir wagſt du zu ſagen, daß ich geſtern Hier um die Daͤmm’rung eingeſchlichen bin? Das ich dir ſcherzend auf den Nacken — Teufel!
Was? Mir wagſt du zu leugnen, daß du geſtern Hier um die Daͤmm’rung eingeſchlichen biſt? 65Daß du dir jede Freiheit haſt erlaubt, Die dem Gemahl mag zuſtehn uͤber mich?
— Du ſcherzeſt. Laß zum Ernſt uns wieder - kehren, Denn nicht an ſeinem Platz iſt dieſer Scherz.
Du ſcherzeſt. Laß zum Ernſt uns wiederkehren, Denn roh iſt und empfindlich dieſer Scherz.
— Ich haͤtte jede Freiheit mir erlaubt, Die dem Gemahl mag zuſtehn uͤber dich? — War’s nicht ſo? —
Geh, Unedelmuͤthiger!
O Himmel! Welch’ ein Schlag trifft mich! So - ſias! Mein Freund!
Sie braucht fuͤnf Grane Nieſewurz; In ihrem Oberſtuͤbchen iſt’s nicht richtig.
Alkmene! Bei den Goͤttern! du bedenkſt nicht, Was dies Geſpraͤch fuͤr Folgen haben kann. Beſinne dich. Verſammle deine Geiſter. Fortan werd’ ich dir glauben, was du ſagſt.
Was auch daraus erfolgt, Amphitryon, Ich will’s, daß du mir glaubſt, du ſollſt mich nicht So unanſtaͤnd’gen Scherzes faͤhig waͤhnen. Sehr ruhig ſiehſt du um den Ausgang mich. Kannſt du im Ernſt ins Angeſicht mir laͤugnen, Daß du im Schloſſe geſtern dich gezeigt, Falls nicht die Goͤtter fuͤrchterlich dich ſtraften, Gilt jeder andre ſchnoͤde Grund mir gleich. Den innern Frieden kannſt du mir nicht ſtoͤren, Und auch die Meinung, hoff’ ich, nicht der Welt: Den Riß bloß werd’ ich in der Bruſt empfinden, Daß mich der Liebſte grauſam kraͤnken will.
Ungluͤckliche! Welch eine Sprach’! — Und auch Schon die Beweiſe haſt du dir gefunden?
Iſt es erhoͤrt? die ganze Dienerſchaft Iſt, dieſes Schloſſes, Zeuge mir; es wuͤrden Die Steine mir, die du betrat’ſt, die Baͤume, Die Hunde, die deine Knie umwedelten, Von dir mir Zeugniß reden, wenn ſie koͤnnten.
Die ganze Dienerſchaft? Es iſt nicht moͤglich!
Soll ich, du Unbegreiflicher, dir den Beweis jetzt geben, den entſcheidenden? Von wem empfing ich dieſen Guͤrtel hier?
Was einen Guͤrtel? du? Bereits? Von mir?
Das Diadem, ſprachſt du, des Labdakus, Den du gefaͤllt haſt in der letzten Schlacht.
Verraͤther dort! Was ſoll ich davon denken?
Laßt mich gewaͤhren. Das ſind ſchlechte Kniffe, Das Diadem halt’ ich mit meinen Haͤnden.
Wo?
Hier.
Das Siegel iſt noch unverletzt!
Und gleichwohl — truͤgen mich nicht alle Sinne —
Schnell oͤffne mir das Schloß.
Mein Seel, der Platz iſt leer. Der Teufel hat es wegſtipitzt, es iſt Kein Diadem des Labdakus zu finden.
O ihr allmaͤcht’gen Goͤtter, die die Welt Regieren! Was habt ihr uͤber mich verhaͤngt?
Was uͤber euch verhaͤngt iſt? Ihr ſeid doppelt, Amphitryon vom Stock iſt hier geweſen, Und gluͤcklich ſchaͤtz’ ich euch, bei Gott —
Schweig Schlingel!
Was kann in aller Welt ihn ſo bewegen? Warum ergreift Beſtuͤrzung ihn, Entgeiſterung, Bei dieſes Steines Anblick, den er kennt?
Ich habe ſonſt von Wundern ſchon gehoͤrt, Von unnatuͤrlichen Erſcheinungen, die ſich Aus einer andern Welt hieher verliehren; Doch heute knuͤpft der Faden ſich von jenſeits An meine Ehre und erdroſſelt ſie.
Nach dieſem Zeugniß, ſonderbarer Freund, Wirſt du noch laͤugnen, daß du mir erſchienſt Und daß ich meine Schuld ſchon abgetragen?
Nein; doch du wirſt den Hergang mir erzaͤhlen.
Amphitryon!
Du hoͤrſt, ich zweifle nicht. Man kann dem Diadem nicht widerſprechen. Gewiſſe Gruͤnde laſſen bloß mich wuͤnſchen, Daß du umſtaͤndlich die Geſchichte mir Von meinem Aufenthalt im Schloß erzaͤhlſt.
Mein Freund, du biſt doch krank nicht?
Krank — krank nicht.
Vielleicht daß eine Sorge dir des Krieges71 Den Kopf beſchwert, dir, die zudringliche, Des Geiſtes heitre Thaͤtigkeit befangen? —
Wahr iſt’s. Ich fuͤhle mir den Kopf benommen.
Komm, ruhe dich ein wenig aus.
Laß mich. Es draͤngt nicht. Wie geſagt, es iſt mein Wunſch, Eh’ ich das Haus betrete, den Bericht Von dieſer Ankunft geſtern — anzuhoͤren.
Die Sach’ iſt kurz. Der Abend daͤmmerte, Ich ſaß in meiner Klauſ’ und ſpann, und traͤumte Bei dem Geraͤuſch der Spindel mich ins Feld, Mich unter Krieger, Waffen hin, als ich Ein Jauchzen an der fernen Pforte hoͤrte.
Wer jauchzte?
Unſre Leute.
Nun?
Es fiel Mir wieder aus dem Sinn, auch nicht im Traume Gedacht’ ich noch, welch’ eine Freude mir Die guten Goͤtter aufgeſpart, und eben Nahm ich den Faden wieder auf, als es Jetzt zuckend mir durch alle Glieder fuhr.
Ich weiß.
Du weißt es ſchon.
Darauf?
Darauf Ward viel geplaudert, viel geſcherzt, und ſtets73 Verfolgten ſich und kreuzten ſich die Fragen. Wir ſetzten uns — und jetzt erzaͤhlteſt du Mit kriegeriſcher Rede mir, was bei Phariſſa juͤngſt geſchehn, mir von dem Labdakus, Und wie er in die ew’ge Nacht geſunken — und jeden blut’gen Auftritt des Gefechts. Drauf — ward das praͤcht’ge Diadem mir zum Geſchenk, das einen Kuß mich koſtete; Viel bei dem Schein der Kerze ward’s betrachtet — Und einem Guͤrtel gleich verband ich es, Den deine Hand mir um den Buſen ſchlang.
Kann man, frag’ ich, den Dolch lebhafter fuͤhlen?
Jetzt ward das Abendeſſen aufgetragen, Doch weder du noch ich beſchaͤftigten Uns mit dem Ortolan, der vor uns ſtand, Noch mit der Flaſche viel, du ſagteſt ſcherzend, Daß du von meiner Liebe Nektar lebteſt,74 Du ſeiſt ein Gott, und was die Luſt dir ſonſt, Die ausgelaſſ’ne, in den Mund dir legte.
— Die ausgelaſſ’ne in den Mund mir legte!
— Ja, in den Mund dir legte. Nun — hier - auf — Warum ſo finſter, Freund?
Hierauf jetzt —?
Standen Wir von der Tafel auf; und nun —
Und nun?
Nachdem wir von der Tafel aufgeſtanden —
Nachdem ihr von der Tafel aufgeſtanden —
So gingen —
Ginget —
Gingen wir — — — nun ja! Warum ſteigt ſolche Roͤth’ in’s Antlitz dir?
O dieſer Dolch, er trifft das Leben mir! Nein, Nein, Verraͤtherin, ich war es nicht! Und wer ſich geſtern um die Daͤmmerung Hier eingeſchlichen als Amphitryon, War der nichtswuͤrdigſte der Lotterbuben!
Abſcheulicher!
Treuloſe! Undankbare! — Fahr hin jetzt Maͤßigung, und du, die mir Bisher der Ehre Fordrung laͤhmteſt, Liebe,76 Erinnerung fahrt, und Gluͤck und Hoffnung hin, Fortan in Wuth und Rache will ich ſchwelgen.
Fahr hin auch du, unedelmuͤth’ger Gatte, Es reißt das Herz ſich blutend von dir los. Abſcheulich iſt der Kunſtgriff, er empoͤrt mich. Wenn du dich einer Andern zugewendet, Bezwungen durch der Liebe Pfeil, es haͤtte Dein Wunſch, mir wuͤrdig ſelbſt vertraut, ſo ſchnell dich Als dieſe feige Liſt zum Ziel gefuͤhrt. Du ſiehſt entſchloſſen mich das Band zu loͤſen, Das deine wankelmuͤth’ge Seele druͤckt; Und ehe noch der Abend ſich verkuͤndet, Biſt du befreit von Allem, was dich bindet.
Schmachvoll, wie die Beleid’gung iſt, die ſich Mir zugefuͤgt, iſt dies das Mindeſte, Was meine Ehre blutend fordern kann. Daß ein Betrug vorhanden iſt, iſt klar, Wenn meine Sinn’ auch das fluchwuͤrdige77 Gewebe noch nicht faſſen. Zeugen doch Jetzt ruf’ ich, die es mir zerreißen ſollen. Ich rufe deinen Bruder mir, die Feldherrn, Das ganze Heer mir der Thebaner auf, Aus deren Mitt’ ich eher nicht gewichen, Als mit des heut’gen Morgens Daͤmmerſtrahl. Dann werd’ ich auf des Raͤthſels Grund gelangen, Und Wehe! ruf’ ich, wer mich hintergangen!
Herr, ſoll ich etwa —?
Schweig, ich will nichts wiſſen. Du bleibſt, und harrſt auf dieſem Platze mein.
Befehlt ihr Fuͤrſtin?
Schweig, ich will nichts wiſſen, Verfolg mich nicht, ich will ganz einſam ſein.
Was das mir fuͤr ein Auftritt war! Er iſt Verruͤckt, wenn er behaupten kann, daß er Im Lager die verfloß’ne Nacht geſchlafen. — Nun wenn der Bruder kommt, ſo wird ſich’s zeigen.
Dies iſt ein harter Schlag fuͤr meinen Herrn. — Ob mir wohl etwas Aehnliches beſchert iſt? Ich muß ein wenig auf den Strauch ihr klopfen.
Was giebt’s? Er hat die Unverſchaͤmtheit dort, Mir maulend noch den Ruͤcken zuzukehren.
Es laͤuft, mein Seel, mir uͤbern Ruͤcken, da ich Den Punkt, den kitzlichen, beruͤhren ſoll. Ich moͤchte faſt den Vorwitz bleiben laſſen, Zuletzt iſt’s doch ſo lang wie breit,79 Wenn man’s nur mit dem Licht nicht unter - ſucht. — Friſch auf, der Wurf ſoll gelten, wiſſen muß ich’s! — Helf dir der Himmel Charis!
Was? du nahſt mir noch, Verraͤther? Was? du haſt die Unverſchaͤmtheit, Da ich dir zuͤrne, keck mich anzureden?
Nun, ihr gerechten Goͤtter, ſag, was haſt denn du? Man gruͤßt ſich doch, wenn man ſich wieder ſieht. Wie du gleich uͤber nichts die Fletten ſtraͤubſt.
Was nennſt du uͤber nichts? Was nennſt du nichts? Was nennſt du uͤber nichts? Unwuͤrd’ger! Was?
Ich nenne nichts, die Wahrheit dir zu ſagen, Was nichts in Proſa wie in Verſen heißt,80 Und nichts, du weißt, iſt ohngefaͤhr ſo viel, Wie nichts, verſteh mich, oder nur ſehr wenig. —
Wenn ich nur wuͤßte, was die Haͤnde mir Gebunden haͤlt. Es kribbelt mir, daß ich’s Kaum maͤß’ge, dir die Augen auszukratzen, Und was ein wuͤthend Weib iſt, dir zu zeigen.
Ei, ſo bewahr’ der Himmel mich, was fuͤr ein Anfall!
Nichts alſo nennſt du, nichts mir das Verfahren, Das du dir ſchamlos gegen mich erlaubt?
Was denn erlaubt ich mir? Was iſt geſchehn?
Was mir geſchehn? Ei ſeht! Den Unbefan - genen! Er wird mir jetzo, wie ſein Herr, behaupten, Daß er noch gar in Theben nicht geweſen.
Was das betrifft, mein Seel! Da ſag’ ich dir, Daß ich nicht den Geheimnißvollen ſpiele. Wir haben einen Teufelswein getrunken, Der die Gedanken rein uns weggeſpuͤlt.
Meinſt du, mit dieſem Pfiff mir zu entkommen?
Nein Charis. Auf mein Wort. Ich will ein Schuft ſein, Wenn ich nicht geſtern ſchon hier angekommen. Doch weiß ich nichts von allem, was geſchehn, Die ganze Welt war mir ein Dudelſack.
Du wuͤßteſt nicht mehr, wie du mich behandelt, Da geſtern Abend du ins Haus getreten?
Der Henker hol’ es! Nicht viel mehr, als nichts. Erzaͤhl’s, ich bin ein gutes Haus, du weißt,F82Ich werd’ mich ſelbſt verdammen, wenn ich fehlte.
Unwuͤrdiger! Es war ſchon Mitternacht, Und laͤngſt das junge Fuͤrſtenpaar zur Ruhe, Als du noch immer in Amphitryons Gemaͤchern weilteſt, deine Wohnung noch Mit keinem Blick geſehn. Es muß zuletzt Dein Weib ſich ſelber auf die Struͤmpfe machen, Dich aufzuſuchen, und was find’ ich jetzt? Wo find’ ich jetzt dich, Pflichtvergeſſener? Hin auf ein Kiſſen find’ ich dich geſtreckt. Als ob du, wie zu Hauſ’, hier hingehoͤrteſt. Auf meine zartbekuͤmmerte Beſchwerde, Hat dies dein Herr, Amphitryon, befohlen, Du ſollſt die Reiſeſtunde nicht verſchlafen, Er denke fruͤh von Theben aufzubrechen, Und was dergleichen faule Fiſche mehr. Kein Wort, kein freundliches, von deinen Lippen. Und da ich jetzt mich niederbeuge, liebend, Zu einem Kuſſe, wendeſt du, Hallunke, Der Wand dich zu, ich ſoll dich ſchlafen laſſen.
Brav, alter, ehrlicher Soſias!
Was? Ich glaube gar du lobſt dich noch? Du lobſt dich?
Mein Seel, du mußt es mir zu Gute halten. Ich hatte Meerrettig gegeſſen, Charis, Und hatte Recht, den Athem abzuwenden.
Ei was! Ich haͤtte nichts davon geſpuͤrt, Wir hatten auch zu Mittag Meerrettig.
Mein Seel. Das wußt’ ich nicht. Man merkt’s dann nicht.
Du koͤmmſt mit dieſen Schlichen mir nicht durch. Fruͤh oder ſpaͤt wird die Verachtung ſich, Mit der ich mich behandelt ſehe, raͤchen. F 284Es wurmt mich, ich verwind’ es nicht, was ich Beim Anbruch hier des Tages hoͤren mußte, Und ich benutze dir die Freiheit noch, Die du mir gabſt, ſo wahr ich ehrlich hin.
Welch’ eine Freiheit hab’ ich dir gegeben?
Du ſagteſt mir und warſt ſehr wohl bei Sinnen, Daß dich ein Hoͤrnerſchmuck nicht kuͤmmern wuͤrde, Ja daß du ſehr zufrieden waͤrſt, wenn ich Mit dem Thebaner mir die Zeit vertriebe, Der hier, du weißt’s, mir auf der Faͤhrte ſchleicht. Wohlan, mein Freund, dein Wille ſoll geſchehn.
Das hat ein Eſel dir geſagt, nicht ich. Spaß hier bei Seit. Davon ſag ich mich los. Du wirſt in dieſem Stuͤck vernuͤnftig ſeyn.
Kann ich es gleichwohl uͤber mich gewinnen?
Still jetzt, Alkmene kommt, die Fuͤrſtin.
Charis! Was iſt mir, Ungluͤckſel’gen, widerfahren? Was iſt geſchehn mir, ſprich? Sieh dieſes Kleinod.
Was iſt dies fuͤr ein Kleinod, meine Fuͤrſtin?
Das Diadem iſt es, des Labdakus, Das theure Prachtgeſchenk Amphitryons, Worauf ſein Namenszug gegraben iſt.
Dies? Dies das Diadem des Labdakus? Hier iſt kein Namenszug Amphitryons.
Unſeelige, ſo biſt du ſinnberaubt? Hier ſtuͤnde nicht, daß man’s mit Fingern laͤſe, Mit großem, goldgegrabnen Zug ein A?
Gewiß nicht, beſte Fuͤrſtin. Welch ein Wahn? Hier ſteht ein andres fremdes Anfangszeichen. Hier ſteht ein J.
Ein J?
Ein J. Man irrt nicht.
Weh mir ſodann! Weh mir! Ich bin verloren.
Was iſt’s, erklaͤrt mir, das euch ſo bewegt?
Wie ſoll ich Worte finden, meine Charis, Das Unerklaͤrliche dir zu erklaͤren? Da ich beſtuͤrzt mein Zimmer wieder finde,87 Nicht wiſſend, ob ich wache, ob ich traͤume, Wenn ſich die raſende Behauptung wagt, Daß mir ein Anderer erſchienen ſei; Da ich gleichwohl den heißen Schmerz erwaͤg’ Amphitryons, und dies ſein letztes Wort, Er geh’ den eig’nen Bruder, denke dir! Den Bruder wider mich zum Zeugniß aufzuru - fen; Da ich jetzt frage, haſt du wohl geirrt? Denn Einen aͤfft der Irrthum doch von beiden, Nicht ich, nicht er, ſind einer Tuͤcke faͤhig; Und jener doppelſinn’ge Scherz mir jetzt Durch das Gedaͤchtniß zuckt, da der Geliebte, Amphitryon, ich weiß nicht, ob du’s hoͤrteſt, Mir auf Amphitryon den Gatten ſchmaͤhte, Wie Schaudern jetzt, Entſetzen mich ergreift Und alle Sinne treulos von mir weichen, — Faſſ’ ich, o du Geliebte, dieſen Stein, Das einzig, unſchaͤtzbare, theure Pfand, Das ganz untruͤglich mir zum Zeugniß dient. Jetzt faſſ’ ich’s, will den werthen Namenszug, Des lieben Luͤgners eignen Widerſacher,88 Bewegt an die entzuͤckten Lippen druͤcken: Und einen andern fremden Zug erblick’ ich, Und wie vom Blitz ſteh’ ich geruͤhrt — ein J!
Entſetzlich? ſolltet ihr getaͤuſcht euch haben?
Ich mich getaͤuſcht!
Hier in dem Zuge, mein ich.
Ja in dem Zug meinſt du — ſo ſcheint es faſt.
Und alſo —?
Was und alſo —?
Beruhigt euch. Es wird noch Alles ſich zum Guten wenden.
O Charis! — Eh will ich irren in mir ſelbſt! Eh’ will ich dieſes innerſte Gefuͤhl, Das ich am Mutterbuſen eingeſogen, Und das mir ſagt, daß ich Alkmene bin, Fuͤr einen Parther oder Perſer halten. Iſt dieſe Hand mein? Dieſe Bruſt hier mein? Gehoͤrt das Bild mir, das der Spiegel ſtrahlt? Er waͤre fremder mir, als ich! Nimm mir Das Aug’, ſo hoͤr’ ich ihn; das Ohr, ich fuͤhl ihn; Mir das Gefuͤhl hinweg, ich athm’ ihn noch; Nimm Aug’ und Ohr, Gefuͤhl mir und Ge - ruch, Mir alle Sinn’ und goͤnne mir das Herz: So laͤßt du mir die Glocke, die ich brauche, Aus einer Welt noch find’ ich ihn heraus.
Gewiß! Wie konnt’ ich auch nur zweifeln, Fuͤrſtin? Wie koͤnnt’ ein Weib in ſolchem Falle irren? 90Man nimmt ein falſches Kleid, ein Hausge - raͤth, Doch einen Mann greift man im Finſtern. Zudem, iſt er uns Allen nicht erſchienen? Empfing ihn freudig an der Pforte nicht Das ganze Hofgeſind’, als er erſchien? Tag war es noch, hier muͤßten tauſend Au - gen Mit Mitternacht bedeckt geweſen ſein.
Und gleichwohl dieſer wunderliche Zug! Warum fiel ſolch’ ein fremdes Zeichen mir, Das kein verletzter Sinn verwechſeln kann, Warum nicht auf den erſten Blick mir auf? Wenn ich zwei ſolche Namen, liebſte Charis, Nicht unterſcheiden kann, ſprich, koͤnnen ſie Zwei Fuͤhrern, iſt es moͤglich, eigen ſein, Die leichter nicht zu unterſcheiden waͤren?
Ihr ſeid doch ſicher, hoff’ ich, beſte Fuͤr - ſtin? —
Wie meiner reinen Seele! Meiner Unſchuld! Du muͤßteſt denn die Regung mir misdeuten, Daß ich ihn ſchoͤner niemals fand, als heut. Ich haͤtte fuͤr ſein Bild ihn halten koͤnnen, Fuͤr ſein Gemaͤhlde, ſieh, von Kuͤnſtlershand, Dem Leben treu, in’s Goͤttliche verzeichnet. Er ſtand, ich weiß nicht, vor mir, wie im Traum, Und ein unſaͤgliches Gefuͤhl ergriff Mich meines Gluͤcks, wie ich es nie empfunden, Als er mir ſtrahlend, wie in Glorie, geſtern Der hohe Sieger von Phariſſa nahte. Er war’s, Amphitryon, der Goͤtterſohn! Nur ſchien er ſelber Einer ſchon mir der Verherrlichten, ich haͤtt’ ihn fragen moͤgen, Ob er mir aus den Sternen niederſtiege.
Einbildung, Fuͤrſtin, das Geſicht der Liebe.
Ach, und der doppeldeut’ge Scherz, o Charis Der immer wiederkehrend zwiſchen ihm92 Und dem Amphitryon mir unterſchied. War er’s, dem ich zu eigen mich gegeben, Warum ſtets den Geliebten nennt’ er ſich, Den Dieb nur, welcher bei mir naſcht? Fluch mir, Die ich leichtſinnig dieſem Scherz gelaͤchelt, Kam er mir aus des Gatten Munde nicht.
Quaͤlt euch mit uͤbereiltem Zweifel nicht. Hat nicht Amphitryon den Zug ſelbſt anerkannt? Als ihr ihm heut das Diadem gezeigt? Gewiß, hier iſt ein Irrthum, beſte Fuͤrſtin. Wenn dieſes fremde Zeichen ihn nicht irrte, So folgt, daß es dem Steine eigen iſt, Und Wahn hat geſtern uns getaͤuſcht, geblen - det; Doch heut iſt Alles, wie es ſoll.
Und wenn er’s fluͤchtig nur betrachtet haͤtte, Und jetzt mit allen Feldherr’n wiederkehrte, Und die Behauptung raſend wiederholte,93 Daß er die Schwelle noch des Hauſes nicht be - trat! Nicht nur entbloͤßt bin ich von jedem Zeugniß, Ein Zeugniß wider mich iſt dieſer Stein. Was kann ich, ich Verwirrte, dem entgegnen? Wohin rett’ ich vor Schmerz mich, vor Vernich - tung, Wenn der Verdacht der Maͤnner ihn gepruͤft? Muß ich nicht eingeſtehn, daß dieſer Zug Der Namenszug nicht des Amphitryon? Nicht eingeſtehn, daß ein Geſchenk mir nicht Mit fremden Zeichen von ihm kommen kann? Ja, ſchwoͤr’ ich auf den Altar gleich, daß er Mir das Geſtein ſelbſt geſtern uͤberreicht, Bin ich wohl ſicher, ſprich, daß ich auch geſtern Das Zeichen, das hier ſteht, von ihm empfing?
Faßt euch. Hier iſt er ſelbſt. Jetzt wird ſich’s loͤſen.
Mein Herr und mein Gemahl! Vergoͤnne mir, Daß ich dir knieend dieſes Kleinod reiche. Ich lege treu mein Leben dir zu Fuͤßen, Haſt du mir dieſen Stein, betracht’ ihn wohl, Mit eines fremden Nahmens Zug gegeben, So kuͤß’ ich ihn vor Luſt und wein’ auf ihn; Gabſt du ihn nicht, und laͤugneſt du ihn mir, Verlaͤugneſt ihn, ſo ſei der Tod mein Loos Und ew’ge Nacht begrabe meine Schmach.
Mein ſchoͤnes Weib! Werd’ ich den Stein ergrei - fen, Da ſolch ein Werth vor mir im Staube liegt. Erhebe dich. Was willſt du? Faſſe dich.
Mein zuverſichtlich Wort hat dich beleidigt, Ich fuͤhlte damals ſchuldlos mich und ſtark. 95Doch ſeit ich dieſen fremden Zug erblickt, Will ich dem innerſten Gefuͤhl mistrauen: Ich glaub’s — daß mir — ein Anderer — er - ſchienen, Wenn es dein Mund mir noch verſichern kann.
Mein großes Weib! Wie ſehr beſchaͤmſt du mich. Welch’ eine Luͤg’ iſt deiner Lipp’ entflohen? Wie koͤnnte dir ein Anderer erſcheinen? Wer nahet dir, o du, vor deren Seele Nur ſtets des Ein — und Ein’gen Zuͤge ſtehn? Du biſt, du Heilige, vor jedem Zutritt Mit diamantnem Guͤrtel angethan. Auch ſelbſt der Gluͤckliche, den du empfaͤngſt Entlaͤßt dich ſchuldlos noch und rein, und Alles, Was ſich dir nahet, iſt Amphitryon.
O mein Gemahl! Kannſt du mir guͤtig ſagen, Warſt du’s, warſt du es nicht? O ſprich! du warſt’s!
Ich war’s. Sei’s wer es wolle. Sei — ſei ruhig, Was du geſehn, gefuͤhlt, gedacht, empfunden, War ich: wer waͤre außer mir, Geliebte? Wer deine Schwelle auch betreten hat, Mich immer haſt du, theuerſte, empfangen, Und fuͤr jedwede Gunſt, die du ihm ſchenkteſt, Bin ich dein Schuldner, und ich danke dir.
Nein, mein Amphitryon, hier irrſt du dich. Jetzt lebe wohl auf ewig, du Geliebter, Auf dieſen Fall war ich gefaßt.
Alkmene!
Leb’ wohl! Leb’ wohl!
Was denkſt du?
Fort, fort, fort —
Mein Augenſtern!
Geh, ſag’ ich.
Hoͤre mich.
Ich will nichts hoͤren, leben will ich nicht, Wenn nicht mein Buſen mehr unſtraͤflich iſt.
Mein angebetet Weib, was ſprichſt du da? Was koͤnnteſt du, du Heilige, verbrechen? Und waͤr ein Teufel geſtern dir erſchienen, Und haͤtt’ er Schlamm der Suͤnd, durchgeiferten, Aus Hoͤllentiefen uͤber dich geworfen, Den Glanz von meines Weibes Buſen nicht Mit einem Mackel fleckt er! Welch ein Wahn!
Ich Schaͤndlich-hintergangene!
Er war Der Hintergangene, mein Abgott! Ihn Hat ſeine boͤſe Kunſt, nicht dich getaͤuſcht, Nicht dein unfehlbares Gefuͤhl! Wenn er In ſeinem Arm dich waͤhnte, lagſt du an Amphitryons geliebter Bruſt, wenn er Von Kuͤſſen traͤumte, druͤckteſt du die Lippe Auf des Amphitryon geliebten Mund. O einen Stachel traͤgt er, glaub’ es mir, Den aus dem liebegluͤh’nden Buſen ihm Die ganze Goͤtterkunſt nicht reißen kann.
Daß ihn Zevs mir zu Fuͤßen niederſtuͤrzte! O Gott! Wir muͤſſen uns auf ewig trennen.
Mich feſter hat der Kuß, den du ihm ſchenkteſt, Als alle Lieb’ an dich, die je fuͤr mich Aus deinem Buſen loderte, geknuͤpft. Und koͤnnt’ ich aus der Tage flieh’ndem Reigen Den geſtrigen, ſieh, liebſte Frau, ſo leicht99 Wie eine Dohl’ aus Luͤften niederſtuͤrzen, Nicht um olympſche Seligkeit wollt’ ich, Um Zevs unſterblich Leben, es nicht thun.
Und ich, zehn Toden reicht’ ich meine Bruſt. Geh’! Nicht in deinem Hauſ’ ſiehſt du mich wieder. Du zeigſt mich keiner Frau in Hellas mehr.
Dem ganzen Kreiſe der Olympiſchen, Alkmene! — Welch ein Wort? Dich in die Schaar Glanzwerfend aller Goͤtter fuͤhr ich ein. Und waͤr’ ich Zevs, wenn du dem Reigen nahteſt, Die ew’ge Here muͤßte vor dir aufſtehn, Und Artemis, die ſtrenge, dich begruͤßen.
Geh, deine Guͤt’ erdruͤckt mich. Laß mich fliehn.
Alkmene!
Laß mich.
Meiner Seelen Weib!
Amphitryon, du hoͤrſt’s! Ich will jetzt fort.
Meinſt du, dich dieſem Arme zu entwinden?
Amphitryon, ich will’s, du ſollſt mich laſſen.
Und floͤh’ſt du uͤber ferne Laͤnder hin, Dem ſcheußlichen Geſchlecht der Wuͤſte zu, Bis an den Strand des Meeres folgt’ ich dir, Ereilte dich, und kuͤßte dich, und weinte, Und hoͤbe dich in Armen auf, und truͤge Dich im Triumph zu meinem Bett zuruͤck.
Nun dann, weil du’s ſo willſt, ſo ſchwoͤr’ ich dir,101 Und rufe mir der Goͤtter ganze Schaar, Des Meineids fuͤrchterliche Raͤcher auf: Eh’ will ich meiner Gruft, als dieſen Buſen, So lang’ er athmet, deinem Bette nahn.
Den Eid, kraft angebohrner Macht, zerbrech’ ich Und ſeine Stuͤcken werf’ ich in die Luͤfte. Es war kein Sterblicher, der dir erſchienen, Zevs ſelbſt, der Donnergott, hat dich beſucht.
Wer?
Jupiter.
Wer, Raſender, ſagſt du?
Er, Jupiter, ſag’ ich.
Er Jupiter? Du wagſt, Elender —?
Jupiter ſagt’ ich, Und wiederhol’s. Kein anderer, als er, Iſt in verfloſſner Nacht erſchienen dir.
Du zeih’ſt, du wagſt es, die Olympiſchen Des Frevels, Gottvergeſſ’ner, der veruͤbt ward?
Ich zeihe Frevels die Olympiſchen? Laß ſolch’ ein Wort nicht, Unbeſonnene, Aus deinem Mund mich wieder hoͤren.
Ich ſolch’ ein Wort nicht mehr —? Nicht Fre - vel waͤr’s —?
Schweig, ſag ich, ich befehl’s.
Verlohrner Menſch!
Wenn du empfindlich fuͤr den Ruhm nicht biſt,103 Zu den Unſterblichen die Staffel zu erſteigen, Bin ich’s: und du vergoͤnnſt mir, es zu ſein. Wenn du Kalliſto nicht, die herrliche, Europa auch und Leda nicht beneideſt, Wohlan, ich ſag’s, ich neide Tyndarus, Und wuͤnſche Soͤhne mir, wie Tyndariden.
Ob ich Kalliſto auch beneid’? Europa? Die Frauen, die verherrlichten, in Hellas? Die hohen Auserwaͤhlten Jupiters? Bewohnerinnen ew’gen Aetherreichs?
Gewiß! Was ſollteſt du ſie auch beneiden? Du, die geſaͤttigt voͤllig von dem Ruhm, Den einen Sterblichen zu Fuͤßen dir zu ſehn.
Was das fuͤr unerhoͤrte Reden ſind! Darf ich auch den Gedanken nur mir goͤnnen? Wuͤrd’ ich vor ſolchem Glanze nicht verſinken? Wuͤrd’ ich, waͤr’ er’s geweſen, noch das Leben In dieſem warmen Buſen freudig fuͤhlen? 104Ich, ſolcher Gnad’ Unwuͤrd’g’? Ich, Suͤn - derin?
Ob du der Gnade werth, ob nicht, koͤmmt nicht Zu pruͤfen dir zu. Du wirſt uͤber dich, Wie er dich wuͤrdiget, ergehen laſſen. Du unternimmſt, Kurzſicht’ge, ihn zu meiſtern, Ihn, der der Menſchen Herzen kennt?
Gut, gut, Amphitryon. Ich verſtehe dich, Und deine Großmuth ruͤhrt mich bis zu Thraͤnen, Du haſt dies Wort, ich weiß es, hingeworfen, Mich zu zerſtreun — doch meine Seele kehrt Zu ihrem Schmerzgedanken wiederum zuruͤck. Geh du, mein lieber Liebling, geh’, mein Alles, Und find’ ein andres Weib dir, und ſei gluͤcklich, Und laß des Lebens Tage mich durchweinen, Daß ich dich nicht begluͤcken darf.
Mein theures Weib! Wie ruͤhrſt du mich? Sieh doch den Stein, den du in Haͤnden haͤltſt.
Ihr Himmliſchen, ſchuͤtzt mich vor Wahn!
Iſt’s nicht ſein Nam. Und war’s nicht geſtern meiner? Iſt hier nicht Wunder Alles, was ſich zeigt? Hielt ich nicht heut dies Diadem noch in Verſiegeltem Behaͤltniß eingeſchloſſen? Und da ich’s oͤffne, dir den Schmuck zu reichen, Find’ ich die leere Spur nicht in der Wolle? Seh’ ich’s nicht glaͤnzend an der Bruſt dir ſchon?
So ſoll’s die Seele denken? Jupiter? Der Goͤtter ew’ger, und der Menſchen, Vater?
Wer koͤnnte dir die augenblickliche Goldwaage der Empfindung ſo betruͤgen? Wer ſo die Seele dir, die weibliche, Die ſo vielgliedrig fuͤhlend um ſich greift, So wie das Glockenſpiel der Bruſt umgehn, Das von dem Athem lispelnd ſchon erklingt?
Er ſelber! Er!
Nur die Allmaͤcht’gen moͤgen So dreiſt, wie dieſer Fremdling, dich beſuchen, Und ſolcher Nebenbuhler triumphir’ ich! Gern mag ich ſehn, wenn die Allwiſſenden Den Weg’ zu deinem Herzen finden, gern. Wenn die Allgegenwaͤrtigen dir nahn: Und muͤſſen nicht ſie ſelber noch, Geliebte, Amphitryon ſein, und ſeine Zuͤge ſtehlen, Wenn deine Seele ſie empfangen ſoll?
Nun ja.
Du himmliſche!
Wie gluͤcklich bin ich! Und o wie gern, wie gern noch bin ich gluͤcklich! Wie gern will ich den Schmerz empfunden haben,107 Den Jupiter mir zugefuͤgt, Bleibt mir nur Alles freundlich wie es war.
Soll ich dir ſagen, was ich denke?
Nun?
Und was, wenn Offenbarung uns nicht wird, So gar geneigt zu glauben ich mich fuͤhle?
Nun? Und? du machſt mir bang —
Wie, wenn du ſeinen Unwillen — Du erſchrickſt dich nicht, gereizt?
Ihn? Ich? gereizt?
Iſt er dir wohl vorhanden? Nimmſt du die Welt, ſein großes Werk, wohl wahr? 108Siehſt du ihn in der Abendroͤthe Schimmer, Wenn ſie durch ſchweigende Gebuͤſche faͤllt? Hoͤrſt du ihn beim Geſaͤuſel der Gewaͤſſer, Und bei dem Schlag der uͤpp’gen Nachtigall? Verkuͤndet nicht umſonſt der Berg ihn dir Gethuͤrmt gen Himmel, nicht umſonſt ihn dir, Der felszerſtiebten Katarakten Fall? Wenn hoch die Sonn’ in ſeinen Tempel ſtrahlt Und von der Freude Pulsſchlag eingelaͤutet, Ihn alle Gattungen Erſchaff’ner preiſen, Steigſt du nicht in des Herzens Schacht hinab Und beteſt deinen Goͤtzen an?
Entſetzlicher! Was ſprichſt du da? Kann man Ihn froͤmmer auch, und kindlicher, verehren? Vergluͤht ein Tag, daß ich an ſeinem Altar Nicht fuͤr mein Leben dankend, und dies Herz, Fuͤr dich auch du Geliebter, niederſaͤnke? Warf ich nicht juͤngſt noch in geſtirnter Nacht Das Antlitz tief, inbruͤnſtig, vor ihm nieder, Anbetung, gluͤh’nd, wie Opferdampf, gen Himmel Aus dem Gebrodel des Gefuͤhls entſendend?
Weshalb warfſt du auf’s Antlitz dich? — War’s nicht, Weil in des Blitzes zuckender Verzeichnung Du einen wohlbekannten Zug erkannt?
Menſch! Schauerlicher! Woher weißt du das?
Wer iſt’s, dem du an ſeinem Altar beteſt? Iſt er’s dir wohl, der uͤber Wolken iſt? Kann dein befangner Sinn ihn wohl erfaſſen? Kann dein Gefuͤhl, an ſeinem Neſt gewoͤhnt, Zu ſolchem Fluge wohl die Schwingen wagen. Iſt’s nicht Amphitryon, der Geliebte ſtets, Vor welchem du im Staube liegſt?
Ach, ich Unſeel’ge, wie verwirrſt du mich. Kann man auch Unwillkuͤhrliches verſchulden? Soll ich zur weißen Wand des Marmors beten? Ich brauche Zuͤge nun, um ihn zu denken.
Sieh’ſt du? Sagt’ ich es nicht? Und meinſt du nicht, daß ſolche Abgoͤtterei ihn kraͤnkt? Wird er wohl gern Dein ſchoͤnes Herz entbehren? Nicht auch gern Von dir ſich innig angebetet fuͤhlen?
Ach, freilich wird er das. Wo iſt der Suͤnder, Deſſ’ Huld’gung nicht den Goͤttern angenehm.
Gewiß! Er kam, wenn er dir niederſtieg, Dir nur, um dich zu zwingen ihn zu denken, Um ſich an dir, Vergeſſenen, zu raͤchen.
Entſetzlich!
Fuͤrchte nichts. Er ſtraft nicht mehr dich, Als du verdient. Doch kuͤnftig wirſt du immer Nur ihn, verſteh’, der dir zu Nacht erſchien, An ſeinem Altar denken, und nicht mich.
Wohlan! Ich ſchwoͤr’s dir heilig zu! Ich weiß Auf jede Miene, wie er ausgeſehn, Und werd’ ihn nicht mit dir verwechſeln.
Das thu’. Sonſt wagſt du, daß er wiederkoͤmmt. So oft du ſeinen Namenszug erblickſt, Dem Diadem verzeichnet, wirſt du ſeiner Erſcheinung auf das Innigſte gedenken; Dich der Begebenheit auf jeden Zug erinnern; Erinnern, wie vor dem Unſterblichen Der Schreck am Rocken dich durchzuckt; wie du Das Kleinod von ihm eingetauſcht; wer dir Beim Guͤrten huͤlfreich war, und was Beim Ortolan geſchehn. Und ſtoͤrt dein Gatte dich, So bitteſt du ihn freundlich, daß er dich Auf eine Stunde ſelbſt dir uͤberlaſſe.
Gut, gut, du ſollſt mit mir zufrieden ſein. Es ſoll in jeder erſten Morgenſtunde. 112Auch kein Gedanke fuͤrder an dich denken: Jedoch nachher vergeſſ’ ich Jupiter.
Wenn alſo jetzt in ſeinem vollen Glanze, Geruͤhrt durch ſo viel Beſſerung, Der ew’g’ Erſchuͤtterer der Wolken ſich dir zeigte. Geliebte! ſprich, wie wuͤrdeſt du dich faſſen?
Ach, der furchtbare Augenblick! haͤtt’ ich Doch immer ihn gedacht nur beim Altar, Da er ſo wenig von dir unterſchieden.
Du ſahſt noch ſein unſterblich Antlitz nicht, Alkmene. Ach, es wird das Herz vor ihm In tauſendfacher Seeligkeit dir aufgehn. Was du ihm fuͤhlen wirſt, wird Glut dir duͤnken, Und Eis, was du Amphitryon empfindeſt. Ja, wenn er deine Seele jetzt beruͤhrte, Und zum Olymp nun ſcheidend wiederkehrt, So wirſt du das Unglaubliche erfahren, Und weinen, daß du ihm nicht folgen darfſt.
Nein, nein, das glaube nicht, Amphitryon. Und koͤnnt’ ich einen Tag zuruͤcke leben, Und mich vor allen Goͤttern und Heroen In meine Klauſe riegelfeſt verſchließen, So willigt’ ich —
Wahrhaftig? thaͤtſt du das?
So willigt’ ich von ganzem Herzen ein.
Verflucht der Wahn, der mich hieher gelockt!
Was iſt dir? zuͤrn’ſt du? Kraͤnkt’ ich dich, Ge - liebter?
Du wollteſt ihm, mein frommes Kind, Sein ungeheures Daſein nicht verſuͤßen? Ihm deine Bruſt verweigern, wenn ſein Haupt, Das weltenordnende, ſie ſucht,H114Auf ſeinen Flaumen auszuruhen? Ach Alkmene! Auch der Olymp iſt oͤde ohne Liebe. Was giebt der Erdenvoͤlker Anbetung Geſtuͤrzt in Staub, der Bruſt, der lechzenden? Er will geliebt ſein, nicht ihr Wahn von ihm. In ew’ge Schleier eingehuͤllt, Moͤcht’ er ſich ſelbſt in einer Seele ſpiegeln, Sich aus der Thraͤne des Entzuͤckens wieder - ſtrahlen. Geliebte, ſieh! So viele Freude ſchuͤttet Er zwiſchen Erd’ und Himmel endlos aus; Waͤr’ſt du vom Schickſal nun beſtimmt So vieler Millionen Weſen Dank, Ihm ſeine ganze Fordrung an die Schoͤpfung In einem einz’gen Laͤcheln auszuzahlen, Wuͤrd’ſt du dich ihm wohl — ach! ich kann’s nicht denken Laß mich’s nicht denken — laß —
Fern ſei von mir, Der Goͤtter großem Rathſchluß mich zu ſtraͤuben. 115Ward ich ſo heil’gem Amte auserkohren. Er, der mich ſchuf, er walte uͤber mich Doch —
Nun? —
Laͤßt man die Wahl mir —
Laͤßt man dir —?
Die Wahl, ſo bliebe meine Ehrfurcht ihm, Und meine Liebe dir, Amphitryon.
Wenn ich nun dieſer Gott dir waͤr’ —?
Wenn du — Wie iſt mir denn? Wenn du mir dieſer Gott waͤrſt — — Ich weiß nicht, ſoll ich vor dir nieder - fallen,H 2116Soll ich es nicht? Biſt du’s mir? Biſt du’s mir?
Entſcheide du. Amphitryon bin ich.
Amphitryon —
Amphitryon, dir ja. Doch wenn ich, frag’ ich, dieſer Gott dir waͤre, Dir liebend vom Olymp herabgeſtiegen, Wie wuͤrdeſt du dich dann zu faſſen wiſſen?
Wenn du mir, Liebſter, dieſer Gott waͤrſt — ja, So wuͤßt’ ich nicht, wo mir Amphitryon waͤre, So wuͤrd’ ich folgen dir, wohin du gehſt, Und waͤr’s auch, wie Euridike, zum Orkus.
Wenn du nicht wuͤßteſt, wo Amphitryon waͤre. Doch wie, wenn ſich Amphitryon jetzt zeigte?
Wenn ſich Amphitryon mir — ach, du quaͤlſt mich. Wie kann ſich auch Amphitryon mir zeigen, Da ich Amphitryon in Armen halte?
Und dennoch koͤnnt’ſt du leicht den Gott in Armen halten, Im Wahn, es ſei Amphitryon. Warum ſoll dein Gefuͤhl dich uͤberraſchen? Wenn ich, der Gott, dich hier umſchlungen hielte, Und jetzo dein Amphitryon ſich zeigte, Wie wuͤrd’ dein Herz ſich wohl erklaͤren?
Wenn du, der Gott, mich hier umſchlungen hielteſt Und jetzo ſich Amphitryon mir zeigte, Ja — dann ſo traurig wuͤrd’ ich ſein, und wuͤnſchen, Daß er der Gott mir waͤre, und daß du Amphitryon mir bliebſt, wie du es biſt.
Mein ſuͤßes, angebetetes Geſchoͤpf! In dem ſo ſeelig ich mich, ſeelig preiſe! So urgemaͤß, dem goͤttlichen Gedanken, In Form und Maaß, und Sait’ und Klang, Wie’s meiner Hand Aeonen nicht entſchluͤpfte!
Amphitryon!
Sei ruhig, ruhig, ruhig! Es wird ſich Alles dir zum Siege loͤſen. Es draͤngt den Gott Begier, ſich dir zu zeigen, Und ehe noch des Sternenheeres Reigen Herauf durch’s ſtille Nachtgefilde zieht, Weiß deine Bruſt auch ſchon, wem ſie ergluͤht — Soſias!
Herr!
Auf jetzt, mein treuer Diener, Auf daß ſich dieſer Tag verherrliche! 119Alkmene hat ſich liebend mir verſoͤhnt: Und du, du gehſt, und rufſt zu einem Feſte Im Lager mir, wo du ſie triffſt, die Gaͤſte.
Was haſt du da gehoͤrt, Unſeelige? Olympſche Goͤtter waͤren es geweſen? Und der ſich fuͤr Soſias hier mir giebt, Der waͤre einer der Unſterblichen, Apollon, Hermes, oder Ganymed?
Der Blitzgott! Zevs ſoll es geweſen ſein.
Pfui, ſchaͤme dich, wie du dich aufgefuͤhrt.
Mein Seel’, er war nicht ſchlecht bedient. 120Ein Kerl, der ſeinen Mann ſtund, und ſich Fuͤr ſeinen Herrn ſchlug, wie ein Panterthier.
Wer weiß auch, irr’ ich nicht. Ich muß ihn pruͤfen.
Komm, laſſ’ uns Frieden machen auch, Soſias.
Ein Andermal. Jetzt iſt nicht Zeit dazu.
Wo gehſt du hin?
Ich ſoll die Feldherrn rufen.
Vergoͤnne mir ein Wort vorher, mein Gatte.
Dein Gatte —? O, recht gern.
Haſt du gehoͤrt, Daß in der Daͤmmerung zu meiner Fuͤrſtin geſtern,121 Und ihrer treuen Dienerin, Zwei große Goͤtter vom Olymp geſtiegen, Daß Zevs, der Gott der Wolken, hier geweſen, Und Phoͤbus ihn, der herrliche, begleitet?
Ja wenn’s noch wahr iſt. Leider hoͤrt’ ich’s, Charis. Dergleichen Heirath war mir ſtets zuwider.
Zuwider? Warum das? Ich wuͤßte nicht —
Hm! Wenn ich dir die Wahrheit ſagen ſoll, Es iſt wie Pferd und Eſel.
Pferd und Eſel! Ein Gott und eine Fuͤrſtin!
Der auch koͤmmt Wohl vom Olymp nicht.
Du beliebſt Mit deiner ſchlechten Dienerin zu ſcherzen. 122Solch ein Triumph, wie uͤber uns gekommen, Ward noch in Theben nicht erhoͤrt.
Mir fuͤr mein Theil, ſchlecht iſt er mir bekommen. Und ein gemeſſ’nes Maaß von Schande waͤr’ mir So lieb, als die verteufelten Trophaͤen, Die mir auf beiden Schultern prangen. — Doch ich muß eilen.
Ja, was ich ſagen wollte — Wer traͤumte, ſolche Gaͤſte zu empfangen? Wer glaubte in der ſchlechten Menſchen Leiber Zwei der Unſterblichen auch eingehuͤllt. Gewiß, wir haͤtten manche gute Seite, Die unachtſam zu Innerſt blieb, mehr hin Nach außen wenden koͤnnen, als geſchehn iſt.
Mein Seel’, das haͤtt’ ich brauchen koͤnnen, Charis. Denn du biſt zaͤrtlich gegen mich geweſen, Wie eine wilde Katze. Beſſre dich.
Ich wuͤßte nicht, daß ich dich juſt beleidigt? Dir mehr gethan als ſich —
Mich nicht beleidigt? Ich will ein Schuft ſein, wenn du heute Morgen Nicht Pruͤgel, ſo geſalzene verdient, Als je herab ſind auf ein Weib geregnet.
Nun was — Was iſt geſchehen denn?
Was geſchehn iſt, Maulaffe? Haſt du nicht geſagt, du wuͤrdeſt Dir den Thebaner holen, den ich juͤngſt Schon, den Hallunken, aus dem Hauſe warf? Nicht mir ein Hoͤrnerpaar