Jch ſehe vorher, daß diejeni - gen, welche ſich an meinen Schriften, zu der Zeit, als ſie eintzeln heraus kamen, ſo ſehr geaͤrgert haben, uͤber gegenwaͤrtige Sammlung derſelben gleichfals erbaͤrmlich ſeufzen wer - den. Allein, wie ſehr ich ſie auch desfals beklage, ſo kan ich ihnen doch nicht helfen.
Jch habe es dem Herrn Verleger nicht verwehren koͤnnen, meine Schriften zu - ſammen drucken zu laſſen. Mit dem muͤſ - ſen ſie es ausmachen. Jch bin unſchuldig, und wuͤrde vor mich ſelbſt nimmer daraufa 2ver -4(o)verfallen ſeyn, an eine Sammlung und neue Auflage ſolcher Kleinigkeiten zu geden - cken, die vieleicht kaum des erſten Drucks wuͤrdig geweſen ſind.
Sind meine ſchwachen, murriſchen, eigenſinnigen und ſcheinheiligen Leſer mit dieſer Entſchuldigung nicht zu frieden, ſo weiß ich nicht, wie ich es anfangen ſoll, ih - ren Zorn von mir abzuwenden. Buß - Thraͤnen muͤſſen ſie von mir nicht erwar - ten. Denn, wie wenig ich auch in meine Schriften verliebt bin, ſo ſehe ich ſie doch nicht mit ſolchem Abſcheu an, als Buchka ſeinen Muffel. Es gereuet mich nicht, daß ich ſie gemacht habe. Jch liebe ſie als meine Kinder, und meine Abſicht iſt nicht, ſie in dieſer Vorrede zu verfluchen. Jch ertheile ihnen, da ich ſie von neuen in die Welt ſchicke, meinen vaͤterlichen Seegen.
Dieſes iſt die lezte Pflicht, die ich ihnen leiſte. Um ihr Schickſal werde ich mich wenig bekuͤmmern. Sie haben ſchon Gu - tes und Boͤſes erfahren, und es kan ihnen nicht viel aͤrger ergehen, als es ihnen er - gangen iſt, da ſie das erſte mahl in der Welt erſchienen. Wenigſtens werden ſie, allem Anſehen nach, nicht mehr ſo vielen ungleichen Urtheilen unterworfen ſeyn,als5(o)als ehemahls; weil ſie, eben darum, daß ſie nicht mehr neu ſind, wenig Kaͤufer und Leſer finden werden.
Dieſes kan vieleicht den Herrn Verleger verdrieſſen: Aber mich nicht. Jch weiß, das ſatyriſche Schriften, die wieder eine gewiſſe Perſon gerichtet ſind, nur eine kur - tze Zeit geſuchet werden. Man hat ihrer bald ſatt; und wer einen Ruhm ſuchet, der dauren ſoll, und ſeinen Nahmen unſterb - lich machen will, der muß ſeine Sachen gantz anders anfangen, als ich. So hohe Abſichten habe ich in meinem Schreiben nicht gehabt. Die Luſt, die mit der Zeu - gung geiſtlicher Kinder verknuͤpfet iſt, iſt mein eintziger Endzweck geweſen. Dieſen Endzweck habe ich erreichet. Damit bin ich zu frieden, und es ſoll mir gleich viel ſeyn, ob die Nachwelt ſich noch an meinen Schriften ergetzet, oder ob man noch bey meinem Leben aufhoͤret, dieſelbe zu leſen. Die Unſterblichkeit ſuche ich nicht. Jch will lieber
Jch bin verſichert, daß man mich mit die - ſer Ehre verſchonen wird. Durch meine Schriften habe ich ſie zum wenigſten nicht verdienet. Jch habe in ſelbigen die Bloͤſſe gewiſſer Leute aufgedecket, die ſo ſchon of - fenbar genug war. Das iſt keine Helden - that, und ich gebe es auch nicht davor aus. Jch weiß wohl, daß ich keine Rieſen erle - get; ſondern nur mit Zwergen gekaͤmpfet habe: Und nichts in der Welt iſt ſo geſchickt, mich demuͤthig zu machen, als der Sieg, den ich uͤber dieſelbe erhalten habe.
Viele haben es mir ſehr verdacht, daß ich mich mit ſolchen Leuten in einen Kampf ein - gelaſſen; Sie haben geſagt,
und von meinem Verfahren Urtheile gefaͤl - let, die mir eben nicht ruͤhmlich ſind. Al - lein, zu geſchweigen, daß dieſe Herren in der Verachtung, die ſie gegen meine Geg - ner bezeugen, vielleicht gar zu weit gehen, ſo hofe ich, ſie werden von meinem Ver - fahren milder urtheilen, wenn ſie ſehen, wie unſchuldig und unvermuthet ich mit dieſen ehrlichen Maͤnnern in Haͤndel ge - rathen bin. Jch will ihnen zu dem En -de7(o)de die Geſchichte dieſer Haͤndel aufrichtig erzehlen.
Der erſte, mit dem ich verfiel, war der Herr Mag. Sievers, ein junger Menſch aus Luͤbeck gebuͤrtig, woſelbſt ſein Vater Cantor war. Eine gar zu vor - theilhafte Einbildung von der Groͤſſe ſei - ner Gaben, die an ſich nicht zu verachten waren, hatte in ihm von Jugend auf ei - ne Begierde gewircket, ſeinem Nechſten zu dienen, die groͤſſer war, als ſein Ver - moͤgen. Er ward gantz fruͤhe Meiſter der freyen Kuͤnſte, unterrichtete die ſtudiren - de Jugend zu Roſtock, und theilte der Welt in kurtzer Zeit eine ſolche Menge Schriften in gebundener und ungebunde - ner Rede mit, daß er ſchon in ſeinem 21ten Jahr im Stande war, eine Sammlung derſelben in Zween Octav Baͤnden her - auszugeben.
Alle dieſe Schriften waren nicht weit her, und, aufs beſcheidenſte davon zu re - den, nichts anders, als ein Miſchmaſch gemeiner, unreifer, und gutentheils ge - ſtohlner Gedancken, die entweder, mit vieler Muͤhe, in deutſche Reime gezwun - gen, oder durch ein plattes und barbari ſches Kuͤchen-Latein noch mehr verſtelet waren.
a 4Jch8(o)Jch laß ſie, und lachte daruͤber, wie viele andere: Aber es kam mir nicht in den Sinn, gegen dem Hrn. Mag. Sievers zu ſchreiben. Jch hielte dieſes der Muͤhe nicht werth. Und ſo war ich noch geſin - net, als er im Jahr 1732. die Paßion mit Anmerkungen herausgab. Dieſe Anmer - kungen waren ſo laͤppiſch, daß ich noch nicht begreifen kan, wie der Hr. M. Sie - vers es wagen moͤgen, einen ſo ehrwuͤrdi - gen Text damit zu ſchaͤnden. Jndeſſen haͤt - te er es meinentwegen noch aͤrger machen moͤgen. Jch bekuͤmmerte mich ſo wenig um ihn, und ſeine Schriften, daß ich mir nimmer die Muͤhe wuͤrde genommen ha - ben, ihn zu demuͤthigen, wenn er nicht ſelbſt, auf gewiſſe Maaſſe, Gelegenheit dazu gegeben haͤtte.
Seine Anmerkungen uͤber die Paßion waren kaum herausgekommen, ſo wur - den ſie in dem Hamburgiſchen Correſpon - denten recenſirt. Dieſe Recenſion war zwar ſatyriſch aber dabey ſo fein, und hoͤf - lich, daß der Hr. Mag. Sievers, wenn er nicht gar zu ſehr von ſich ſelbſt waͤre ein - genommen geweſen, ſich unmoͤglich daruͤ - be[r]haͤtte entruͤſten koͤnnen, und ich warſo9(o)ſo unſchuldig daran, als der Hr. M. Sie - vers ſelbſt. Allein der Hr. M. Sievers war gar zu empfindlich. Er zog ſich die ihm angethane Beſchimpfung zu ſchmertzlichen Gemuͤthe: Er ließ einen trotzigen Aufſatz in das 33te Stuͤck des hamburgiſchen Cor - reſpondenten ruͤcken, in welchem er den Verfaſſer der anzuͤglichen Recenſion einen boßhaftigen und neidiſchen Menſchen nen - nete, und ſein Unſtern wollte, daß er, oh - ne alle Urſache, und wider alle Wahrſchein - lichkeit, mich vor den Urheber dieſer un - gluͤckſeeligen Recenſion halten muſte.
Jch ſuchte ihm dieſen ungegruͤndeten Verdacht zu benehmen, und ließ ihn durch Leute, die mit ihm umgiengen verſichern, daß ich an der Recenſion ſeiner Anmerkun - gen uͤber die Paßion keinen Theil haͤtte: Allein, es half alles nichts. Er blieb da - bey, ich ſey ſein Verfolger, und ſprach in allen Geſellſchaften laͤſterlich von mir. Die - ſes waͤre genug geweſen, einen andern in Harniſch zu jagen: Aber ich war ſo gelaſ - ſen, daß ich ihn ſprechen ließ, und gedach - te an keine Rache.
Wie indeſſen zu der Zeit jederman in Luͤ - beck von dem neuen Buche des Hrn. Mag. a 5Sie -10(o)Sievers redete; ſo kam ich auch mit ei - nem meiner Freunde davon zu ſprechen. Wir wunderten uns, daß ein ſonſt nicht unvernuͤnftiger Menſch, ſich nicht ſchaͤ - mete, der Welt, ſo kindiſche Anmerkun - gen vorzulegen: Wir entſchuldigten ihn mit ſeiner Jugend, und ich ſagte unter an - dern, daß es mir, wenn ich ſo ſchreiben wollte als der Hr. Mag. Sievers, ein leichtes ſeyn ſollte, alle 24 Stunden ein Buch zu machen. Man frug mich, wie ich das anfangen wollte? Jch antwortete: Jch duͤrfte nur die Hiſtorie von der Zerſtoͤ - rung der Stadt Jeruſalem, welche der Hr. Mag. Sievers ſeiner erlaͤuterten Pa - ßion angehaͤnget hatte, nehmen, und An - merkungen daruͤber machen.
Dieſer Einfall gefiel meinem Freunde ſo wohl, daß er mich bat, denſelben zur Wuͤrcklichkeit zu bringen. Jch that es, und war in weniger, als 24 Stunden mit meinen Anmerkungen uͤber die Ge - ſchichte von der Zerſtoͤrung der Stadt Jeruſalem fertig. Meine Abſicht war noch nicht, daß dieſelbe gedruckt wer - den ſollten. Jch ſchickte ſie meinem Freun - de, zu ſeiner privat Beluſtigung zu, unddabey11(o)dabey waͤre es geblieben, wenn meine Schrift nicht einem andern guten Freunde in die Haͤnde gerathen waͤre. Dieſer be - hielte ſie, und ließ ſie drucken; welches ich vieleicht wuͤrde verhindert haben, wenn der Hr. Mag. Sievers ſich beſcheidener aufgefuͤhret, und mich durch ſein loſes Maul nicht wieder ſich gereitzet haͤtte.
Auf ſolche Art kamen meine Anmer - ckungen uͤber die Geſchichte von der Zerſtoͤrung der Stadt Jeruſalem ans Licht. Sie ſind meine erſte Schrift wieder den Hrn. Mag. Sievers, und nehmen auch in dieſer Sammlung den erſten Platz ein.
Die andere Schrift, welche ich wieder den Hrn. Mag. Sievers geſchrieben ha - be, iſt das Schreiben des Ritters Ro - bert Clifton an einen Gelehrten Sa - mojeden ꝛc. Jch verſprach dieſes Schrei - ben in dem Verzeichniſſe meiner Schrif - ten, welches ich, nach Art des Hrn. M. Sievers, meinen Anmerckungen uͤber die Hiſtorie von der Zerſtoͤrung der Stadt Jeruſalem angehaͤnget hatte. Jch glaub - te aber nicht, daß ich dieſes Verſprechen jemahls erfuͤllen wuͤrde.
Der12(o)Der Hr. Mag. Sievers wolte mit al - ler Gewalt ein Naturkuͤndiger ſeyn. Jch weiß nicht, ob dieſe Begierde eine Frucht, oder eine Urſache der unverdienten Ehre war, die ihm die Koͤnigl. Preußiſche So - cietaͤt der Wiſſenſchaften erwieß. So viel iſt gewiß, daß er, nachdem ihm dieſe be - ruͤhmte Geſellſchaft, aus Urſachen, die ihr allein bekannt ſind, zu ihrem Mit - gliede erkohren hatte, beſtaͤndig an dem Ufer der Oſtſee herumirrete, und bunte Steine ſuchte. Die er fand ließ er ſo gleich in Kupfer ſtechen, ſchreib ein lateiniſches Briefchen dabey, und verſandte ſie in gantz Deutſchland an unterſchiedene beruͤhmte Maͤnner. Dieſes war nun freylich ein bequemes Mittel, ohne groſſe Unkoſten in der Welt bekannt zu werden: Allein ich hielte es doch vor Kinderey, von einem jeden bunten Quarck ſo viel Aufhebens zu machen, und wollte dem Hrn. M. Sie - vers dieſes durch den Titel des Schreibens des Ritters Clifton an einen gelehrten Sa - mojeden, auf eine hoͤfliche Art, zu verſte - hen geben. Jch nannte zu dem Ende die Betrachtungen dieſes Ritters uͤber eine ge - frorne Fenſter-Scheibe, Vitrea fracta, oder nichtswuͤrdig, laͤppiſch Zeug. Dermu -13(o)muſicaliſche Stein, den der Hr. Mag. Sievers gefunden hatte, gab mir vor - nehmlich Anlaß dazu. Man machte viel Wercks aus dieſem Stein, auf welchem man ſich muſicaliſche Noten zu entdecken einbildete. Das Geruͤcht deſſelben er - ſchallete weit und breit; ja man hat gar geſaget, der verſtorbene Koͤnig von Poh - len habe ihn nach Dreßden in die Kunſt - Kammer verlanget. Er ſoll auch, nach - dem ihn der Hr. Mag. Sievers vorher, in perpetuam rei memoriam, abmah - len laſſen, wuͤrcklich dahin geſchicket ſeyn. Jch habe dieſen Stein nicht geſehen: A - ber, nach dem Kupfer zu urtheilen, ſo muß man juſt eines Cantors Sohn ſeyn, um Noten darauf zu ſehen.
Jndeſſen war ich nicht geſonnen, ein ſolches Schreiben an einen Samojeden, als ich verſprochen hatte, wuͤrcklich zu ver - fertigen. Jch haͤtte es bey dem Titel be - wenden laſſen, wenn man mir nicht in einer Geſellſchaft geſaget haͤtte, die Erfuͤl - lung meines Verſprechens ſey ſchlechter - dings unmoͤglich. Jch hielte mich Ehren halber verbunden, das Gegentheil zu be - haupten, und fieng von der Zeit an, an, auf meine Fenſter-Scheibe zu ſinnen. Esge -14(o)gelung mir einmahl des Morgens beym The, ein Blaͤttchen Papier mit ſo viel wunderlichen Figuren zu bemahlen, als ich zu meinem Zweck noͤthig zu haben ver - meinte. Das war das wichtigſte. Mit dem Schreiben an dem Samojeden ward ich bald fertig. Es wurde gedruckt, und der Hr. Mag. Sievers hatte den Ver - druß, auch ſo gar ſeinen Raritaͤten-Ka - ſten, den Grund aller ſeiner Hofnung, und den eintzigen Troſt in ſeinen Noͤthen, laͤcherlich, gemacht zu ſehen. Er ward zwar in dem Schreiben an den Samoje - den nicht genennet; Allein er merckte doch wohl, daß es auf ſeine bunte Steine ge - muͤntzet war, und daß Mr. Mackewind niemand anders ſeyn konnte, als er ſelbſt. Er fand ſich aber auch in dieſes Ungluͤck, that vor wie nach groß, und fluchte und drohete ſeinen Verfolgern.
Dieſe Aufuͤhrung machte, daß ich ſo viel weniger Bedencken trug die dritte Sa - tyre gegen ihn zu ſchreiben. Der Hr. M. Sievers war zu der Zeit, als meine An - merckungen uͤber die Geſchichte der Zer - ſtoͤrung der Stadt Jeruſalem heraus ka - men, ſo wenig Meiſter von ſeinen erſten Bewegungen geweſen, daß er mich in St. An -15(o)Annen-Kloſter, auf oͤfentlicher Cantzel, verfluchet, und in den Abgrund der Hoͤl - len verdammet hatte. Viele Leute, und inſonderheit gewiſſe einfaͤltige und mur - riſche Prieſter, hegten ein ſo unvernuͤnf - tiges Mitleiden mit dem Hrn. M. Sie - vers, daß ſie das, was ich wieder denſelben vorgenommen hatte, vor ein ſtrafbahres Beginenn hielten, und meine Schriften vor ſchaͤndliche Pasquillen ausriefen, und einige wollten darinn einen ſtrafbaren Miß - brauch bibliſcher Redens-Arten entdecket haben. Jch hielte vor noͤthig, ſo wohl den Hrn. M. Sievers wegen ſeines un - beſonnenen Eyfers, als auch die elende Schaar ſeiner gar zu mitleidigen Freun - de, und andere unbillige Richter meiner Schriften, wegen ihrer laͤcherlichen Ur - theile, zu zuͤchtigen, und verfertigte, zu dem Ende eine eigne Schrift, welche in dieſer Sammlung die dritte iſt.
Jch gab ihr den Titel: Der ſich ſelbſt entdeckende X. Y. Z. ꝛc. und ſtellete mich, als wenn ich mich dem Hrn. Mag. Sie - vers entdecken wollte; weil derſelbe oͤf - ters geſaget hatte, er wollte ſeinem Geg - ner ſchon antworten, wenn er nur wuͤſte; wer es waͤre. Da es nun aber meine Ab -ſicht16(o)ſicht gar nicht war, dem Hrn. M. Sie - vers meinen rechten Nahmen zu ſagen, ſo borgte ich ſo lange einen fremden, und Herr Lucas Hermann Backmeiſter, ein gelehrter Candidatus Miniſterii, der ſich durch ſeinen ſtillen und unſchuldigen Wandel, durch ſeine ſittſahmen Geberden, und durch die beſondere Hoͤflicheit ſeiner Sitten, von vielen ſeines gleichen, auf ei - ne ihm ſehr vortheilhafte Art, unterſchei - det, muſte den ſeinigen hergeben.
Jch war genoͤthiget, zu einem Candi - dato Miniſterii meine Zuflucht zu nehmen, weil ich mich auf dem Titel meiner An - merckungen uͤber die Geſchichte von der Zerſtoͤrung der Stadt Jeruſalem vor einen Candidatum Miniſterii ausgegeben hatte, und glaubte nicht, daß man mir dieſes uͤ - bel deuten wuͤrde; zumahl, da ich die Beſcheidenheit gebrauchte, mich nur bloß der ſtummen Buchſtaben des Nahmens das Hrn. Backmeiſters zu bedienen, auf welche ich eben ſo viel Recht zu haben ver - meinte, als dieſer ehrliche Mann, ohne mich an den Laut-Buchſtaben deſſelben, die doch die Seele eines Nahmens ſind, und ohne welche die ſtummen Buchſtaben nichts bedeuten, im geringſten zu vergreifen. Al -lein17(o)lein, ich habe nachdem erfahren muͤſſen, daß, nicht nur der Hr. Backmeiſter, ſon - dern auch andere mir dieſes hoͤchſtens ver - dacht haben. Jch finde nicht noͤthig, mich gegen dieſe letzten zu vertheidigen. Denn gegen diejenigen, die den Hrn. Backmei - ſter niemahlen geſehen haben, getraue ich mir nicht, mein Verfahren zu rechtferti - gen, und diejenigen, welche die Ehre ha - ben, dieſen wackern Mann von Perſon zu kennen, die werden mir, wenn ſie denſel - ben nur einmahl recht betrachten, den Feh - ler, den ich begangen habe, gerne vergeben. Den Hrn. Backmeiſter aber, der allein berechtiget iſt, ſich uͤber den Mißbrauch ſei - nes Nahmens zu beſchweren, bitte ich hie - mit oͤfentlich um Vergebung. Jch beken - ne, ich habe mich an ihm verſuͤndiget: Al - lein die Freyheit, die ich mir in Anſehung ſeines Nahmens genommen habe, hat ihm ſo wenig geſchadet, daß er gar keine Urſa - che hat, auf mich zu zuͤrnen. Keine See - le in Luͤbeck hat jemahls den geringſten Ver - dacht, auf ihn gehabt, daß er die Schrift, vor deren Urheber ich ihn ausgab, gemacht haͤtte. Die gantze Stadt hielt dieſes vor ſchlechterdings unmoͤglich. Da er nun un - ſtreitig zu dem auserwehlten Haͤuflein der -bje -18(o)jenigen gehoͤret, die meine Schriften, als aͤrgerlich und gottloß, verdammen; ſo muß er nothwendig die allgemeine Ueberzeu - gung von ſeinem chriſtlichen Gemuͤthe, die eine groſſe und volckreiche Stadt ſo einmuͤ - thig an den Tag geleget hat, vor ſeinen hoͤchſten Ruhm achten, und es mir noch Danck wiſſen, daß ich ihm zu dieſem oͤfent - lichen Zeugniſſe von ſeiner ausnehmenden Tugend verholfen habe.
Uebrigens kam dieſe Schrift, der ich des Hrn. Backmeiſters Nahmen vorgeſetzet hatte, allererſt im Jahr 1733, und alſo zu einer Zeit zum Vorſchein, da man mei - ner Haͤndel mit dem Hrn. Mag. Sievers faſt vergeſſen hatte. Jch hatte ſo wenig Luſt, dieſe Haͤndel fortzuſetzen, daß ich mich nicht entſchlieſſen konnte, eine Schrift drucken zu laſſen, die nothwendig den Hrn. Mag. Sievers, und viele andere noch mehr wieder mich erbittern muſte. Aber endlich muſte ich den Vorſtellungen meiner Freun - de weichen. Mein Backmeiſter ward ge - druckt, und mit demſelben hatte mein Streit mit dem Hrn. M. Sievers ein Ende.
Jch bin, eigentlich zu reden, der Urheber deſſelben nicht geweſen. Der unbillige Verdacht, den der Hr. Mag. Sievers aufmich19(o)mich warf, und die ungegruͤndeten Klagen, die er gegen mich fuͤhrete, gaben Anlaß da - zu. Jch habe ihm zwar nichts geſchencket, und viele glauben, ich ſey gar zu unbarm - hertzig mit ihm umgegangen. Allein ſeine Schriften waren unertraͤglich, und ſein Stoltz verdiente eine Zuͤchtigung. Er ſelbſt wird niemahls leugnen, daß meine Saty - ren ihm ſehr heilſahm geweſen ſind, und ihn von vielen Ausſchweifungen abgehal - ten haben. Jch glaube dieſes darum, weil ich verſichert bin, daß er jetzo! da er zu reifern Jahren gekommen iſt, ſeine Schrif - ten mit gantz andern Augen anſiehet, als vor dieſen. Er hatte viel Gutes an ſich, und ich habe ihn immer vor den beſten und vernuͤnftigſten von allen meinen Geg - nern gehalten. Seine Perſon iſt mir al - lemahl lieb geweſen; ob ich gleich ſeine Schriften verabſcheuet habe, und noch verabſcheue. Jch goͤnne ihm auch noch alles Gutes, und habe mit Freuden ver - nommen, daß er in Schweden befordert iſt. Es iſt dieſes ein Gluͤck, daß er vie - leicht in ſeinem Vaterlande nicht erlebet haͤtte, und mir fallen, ſo oft ich daran gedencke, die Worte des Cicero an den Trebatius ein: Eſt quod gaudeas, te inb 2iſta20(o)iſta loca veniſſe, ubi aliquid ſapere vi - derêre(3)Epiſt. ad Famil. Lib. VII. ep. 10. . Jch wuͤnſche indeſſen von Her - tzen, daß er nicht als Compaſtor an der deutſchen Kirche zu Nordkoͤping ſterben; ſondern bald zu einer beſſern, und ihm an - genehmern Stelle in ſeine Vater-Stadt zuruͤck berufen werden moͤge.
Der andere Held, mit dem ich gekaͤm - pfet habe, iſt der Hr. D. Johann Ernſt Philippi, ehemahliger Profeſſor der deut - ſchen Wohlredenheit zu Halle. Er iſt der andere Sohn eines Hof-Predigers zu Mer - ſeburg, der vor einigen Jahren geſtorben iſt, und den Ruhm hinterlaſſen hat, daß er ein frommer und exemplariſcher Mann geweſen. Der Sohn hat nimmer in den Wegen ſeines Vaters gewandelt, ſondern allezeit einen unruhigen Kopf gehabt.
Jm Jahr 1726 gab er eine Schrift wie - der die damahlige groſſe Lotterey in Sach - ſen heraus, und ward dieſes Muthwil - lens wegen auf das Schloß zu Meiſſen gefangen geſetzet. Er kam endlich wieder loß, und begab ſich nach Merſeburg, wo - ſelbſt er advocirte: Aber mit ſo ſchlech - tem Gluͤcke, daß ihm faſt in allen Urtheln bald ein derber Verweiß, bald eine Geld -Stra -21(o)Strafe vor die gebrauchten Jnjurien zu - erkannt wurde.
Ohngefehr im Jahr 1729 gerieth er in Haͤndel, die ihn zwangen Merſeburg zu verlaſſen. Er begab ſich aus Verzwei - felung nach Halle, und ward daſelbſt Profeſſor der deutſchen Beredſamkeit. So bald er dieſen Poſten erhalten hatte, gab er unterſchiedene Schriften heraus, die er ietzo vieleicht wuͤnſchet, nimmer ge - ſchrieben zu haben. Denn ſie ſind die Quellen ſeines Ungluͤcks.
Sie waren an ſich im hoͤchſten Grad elend, und unterſchiedene Gelehrte in Sachſen hielten ſie einer ſcharfen Ahndung um ſo viel wuͤrdiger, je groͤſſer ſich der Ver - faſſer damit wuſte. Allein es hatte nie - mand das Hertz, mit dem Hrn. Prof. Phi - lippi anzubinden. Man fuͤrchtete ſich vor deſſen Vater, der im Ober-Conſiſtorio zu Dreßden viele Freunde hatte, und der Hr. Prof. Philippi blieb eine gute Zeit in der ſuͤſſen Einbildung, die er von der Groͤſſe ſeiner Verdienſte hatte, ungeſtoͤret. Jch vor meine Perſon konnte natuͤrlicher Wei - ſe nicht die geringſte Begierde haben, ihm dieſe ſtoltze Zufriedenheit mit ſich ſelbſt zu rauben; weil ich, was auch ſeineb 3wun -22(o)wunderlichen Schriften in Sachſen vor Aufſehen gemacht hatten, nicht wuſte, daß er in der Welt war. Allein das Maaß ſeiner gelehrten Ausſchweifungen war voll, und ich muſte, wieder alles Vermuthen, ſeine Geiſſel ſeyn.
Meine Anmerckungen uͤber die Geſchich - te von der Zerſtoͤrung der Stadt Jeruſa - lem gaben Gelegenheit dazu. Einer mei - ner Freunde brachte dieſe Anmerckungen nach Sachſen, und ſie hatten das Gluͤck, ge - wiſſen Leuten daſelbeſt zu gefallen. Man glaubte, eine Satyre von eben der Art, wuͤrde dem Hrn. Prof. Philippi ſehr heil - ſahm ſeyn, und ich ward inſtaͤndig erſu - chet, mich auch uͤber dieſen elenden Scri - benten zu erbarmen. Man ſchickte mir zu dem Ende ſeine ſechs deutſche Reden, und ertheilte mir eine umſtaͤndliche Nach - richt von ſeiner Perſon und von ſeinen Um - ſtaͤnden.
Jch geſtehe, es kam mir hart vor, gegen einen Menſchen zu ſchreiben, den ich nicht kannte, und der mir niemahlen das gering - ſte zuwieder gethan hatte. Allein ich trug, aus gewiſſen Urſachen, Bedencken, denen - jenigen, die mich darum erſuchten, ihr Begehren abzuſchlagen. Jch laß uͤberdemdas23(o)das Helden-Gedicht auf den Koͤnig von Pohlen, nebſt den ſechs deutſchen Re - den, und muß bekennen, daß ich uͤber die - ſe zwo Proben der heroiſchen Beredſam - keit des Hrn. Prof. Philippi erſtaunte. Siehe! ſprach ich, hier iſt mehr, als Sie - vers, und verfertigte, ohne mir weiter den geringſten Scrupel zu machen, meine Lob - rede auf dem Hrn. Prof. Philippi, der ich den Titel, Briontes der juͤngere, gab.
Man mag von dieſer Satyre ſagen, was man will, ſo wird man doch bekennen muͤſ - ſen, daß ſie nichts, als eine Critick der ſechs deutſchen Reden des Hrn. Prof. Phi - lippi in ſich faſſet, und ſo beſcheiden ein - gerichtet iſt! daß man leicht ſehen kan, daß mich nicht ein Haß gegen die Perſon des Hn. Prof. Philippi, ſondern bloß ein gerechter Eifer wieder ſeine laͤcherliche Beredſamkeit bewogen habe, dieſelbe zu ſchreiben. Zum wenigſten glaubte man in Sachſen, der Hr. Prof. Philippi ſey noch zu gelinde davon gekommen; und dieſer haͤlliſche Redner haͤt - te alſo Urſache gehabt, GOtt zu dancken, daß er ihn in meine Haͤnde fallen laſſen. Allein ſo gerieth er in die aͤuſſerſte Wut. Er glaubte, ſeine Ehre ſey auf das empfind - lichſte verletzet. Es verdroß ihn, daß mei -b 4ne24(o)ne Schrift wider ihn mit Luſt geleſen wur - de; ja das ſo gar ſeine Zuhoͤrer den Bri - ontes mit ins Collegium brachten, und einander, in ſeiner Gegenwart, gantze Stellen daraus vorlaſen, und gab ſich da - her alle Muͤhe von der Welt, meine Schrift zu unterdruͤcken.
Er bediente ſich zu dem Ende eines, zwar gemeinen, aber doch ſehr unredli - chen und tuͤckiſchen Mittels. Sein Vater muſte an zwey geiſtliche Glieder des Ober-Conſiſtorii zu Dreßden, die ſeine Freunde waren, einen beweglichen Brief ſchreiben, und flehentlich bitten, man moͤchte doch eine mit ſo entſetzlicher Religi - ons-Spoͤtterey angefuͤllte Schrift nicht ſo oͤfentlich verkaufen laſſen. Jch weiß nicht, was dieſe Herren vor Muͤhe angewandt haben, ihren flehenden Amts-Bruder zu vergnuͤgen: Das weiß ich aber, daß das Ober-Conſiſtorium kluͤger war, als der Hr. Prof. Philippi und ſein Vater; denn alles, was ſie erhalten konnten, das war ein kaltſinniger Befehl an die Buͤcher - Commißion zu Leipzig, zu unterſuchen, ob ſich die Sache ſo verhalte. Dabey blieb es, und der Briontes ward vor wie nach in Leipzig verkauft.
Wer25(o)Wer der Verfaſſer dieſer Satyre ſey, das konnte der Herr Prof. Philippi un - moͤglich errathen. Er ſuchte ihn in Sach - ſen, und der Hr. Prof. Gottſched hatte das Ungluͤck, daß der ſtaͤrckſte Verdacht auf ihn fiel. Der Hr. Prof. Philippi ſetz - te auch wuͤrcklich in der erſten Hitze eine heftige Schrift gegen den Hrn. Gottſched auf, und wuͤrde ſie haben drucken laſſen, wenn dieſer nicht einen hoͤflichen Brief an ihn geſchrieben, und ihn heilig verſichert haͤtte, daß er den Briontes nicht gemacht habe. Er ſoll auch dem Hrn. Prof. Phi - lippi in eben dieſem Schreiben vertraulich eroͤfnet haben, daß ich der Verfaſſer die - ſer Satyre ſey. Jch glaube dieſes gerne; denn er war einer von denen, die es am beſten wiſſen konnten. Allein das glaube ich nicht, daß der Hr. Prof. Gottſched, wie Herr Philippi vorgiebt, den Bri - ontes vor ein infames Pasquill erklaͤret habe. Denn ich habe eine viel zu gute Mei - nung von dem Hrn. Gottſched, als daß ich mir ſollte einbilden koͤnnen, daß er, aus Furcht, vor einem gar nicht furchtbaren Manne, einer Schrift, die ihm gewiß nicht zuwider war, und die er wenigſtens vorb 5er -26(o)ertraͤglich hielte, wider ſein Gewiſſen ei - nen ſo ſchimpflichen Titel beygeleget habe.
Er mag indeſſen an den Hrn. Prof. Phi - lippi geſchrieben haben, was er will, ſo trauete dieſer doch ſeinen Verſicherungen ſo wenig, als ſeinen vertraulichen Nach - richten, und hielt ihn dennoch vor ſeinen Feind und Verfolger. Zwar wuſte er nicht gewiß, ob Herr Gottſched den Brion - tes gemacht habe, oder wer ſonſt der Ver - faſſer deſſelben ſey? Allein dieſe Ungewiß - heit hinderte ihn nicht, ſeine Ehre gegen ſeinen unbekannten Feind zu retten. Er ſchrieb zu dem Ende noch im Jahr 1732. ſeine ſieben neue Verſuche(4)Die Titel dieſer neuen Verſuche waren folgende: 1) Rede von dem Character der kleinen Redner, als eine vorlaͤufige Abfertigung der Satyre Bri - ontes; 2) Daß der Verſtand alle Gewalt uͤber - trefe; 3) Der Character der Freygeiſterey und wahrer Verdienſt ꝛc. 4) Von groſſen, mittelmaͤßi - gen und kleinen Genies, beſonders von der Nieder - traͤchtigkeit der kleinen Geiſter; 5) Send-Schrei - ben wegen Guͤltigkeit der Woͤrter: Tuckmaͤuſer, Saalbader, Charletan und Pedant ꝛc. 6) Die großmuͤthige Verachtung, als eine erlaubte Noth - wehre gegen unrechtmaͤßige Gewalt, Unverſtand und Verlaͤumbdung; 7) die Bedaurung von Red - lichgefinnten, als ein Bewegungs-Grund ſich mit Pasquillanten in keine Streitſchriſten einzulaſſen. Jn in der dent -ſchen27(o)ſchen Beredſamkeit, und die Schrift: Gleiche Bruͤder, gleiche Kappen ꝛc. So hurtig er mit dieſen Schriften fertig war, ſo langſam gieng es mit dem Druck. Niemand wolte ſie verlegen, und er bot ſie in Leipzig und Hamburg vergebens aus. Sein Manuſcript indeſſen gerieth an bey - den Orten, ich weiß nicht, auf was Art, meinen Freunden in die Haͤnde, welche mir einen vollſtaͤndigen Auszug aus den Kappen, in ſo ferne ſie mich angiengen, und eine Abſchrift von dem erſten der ſie - ben neuen Verſuche, welcher wider die Geſellſchaft der kleinen Geiſter gerichtet war, zuſchickten. Jch entſchloß mich gleich, beydes drucken zu laſſen, und zu beant - worten. Nicht darum, daß ich dieſeselen -(4)Jn dem 15ten Stuͤcke des Hamburgiſchen Cor - reſpondenten von 1733. wird zwar geſagt, der Hr. Prof. Philippi habe ſeine ſieben neuen Verſu - che zu Hamburg unter die Preſſe gegeben. Allein das war nur Schertz. Jn Hamburg wollte ſie nie - mand haben. Man ſchickte ſie dem Hrn. Prof. Philippi wieder, und ich weiß nicht, was er damit gemacht hat. Jch glaube, er hat ſie untergeſteckt, oder wenigſtens das vornehmſte daraus in der Vor - rede zu ſeinem Windbeutel, und in ſeinen Mo - raliſchen Biloniſſen, mit welchen er die Maxi - mes de la Marquiſé de Sablé erlaͤutert hat, ange - bracht.28(o)elende Zeug der geringſten Antwort wuͤr - dig ſchaͤtzte, ſondern aus gantz andern Ur - ſachen.
Jch hatte, ſeit dem ich, um meiner Suͤnden willen, ein Scribent geworden war, ſo viel ungereimte und laͤcherliche Urtheile von der ſatyriſchen Schreib-Art uͤberhaupt, und von meinen Schriften ins beſondere anhoͤren muͤſſen, daß ich es nicht laͤnger erdulden konnte. Zwar kan ich mich nicht daruͤber beſchweren, daß man gar zu veraͤchtlich von meinen Schrif - ten geredet haͤtte; Man lobte ſie mehr, als ſie es verdienten. Allein auch dieje - nigen, welche ſie lobten, begleiteten ihr gezwungenes Lob mit einem haͤmiſchen Aber, das mir empfindlicher war, als wenn man meine Art zu dencken und zu ſchrei - ben gerade weg getadelt, oder mich gar mit meinen poßierlichen Gegnern in eine Claſ - ſe geſetzet haͤtte.
Dieſes Aber ſollte die Weißheit und Bil - ligkeit des Heuchlers andeuten, der ſich deſ - ſelben bediente: Allein es war doch nichts, als eine Frucht der Einfalt und Boßheit, und weit unchriſtlicher und verdamm - licher, als alle meine Satyren. Man ſprach: „ Es ſey doch gleichwohl unbilligund29(o)und unchriſtlich, daß ich ehrliche Leu - „ te ſo empfindlich kraͤnckte, die mir nim - „ mer etwas zuwieder gethan haͤtten. Es „ gienge mich ja nicht an, ob die Schriften „ dieſer Leute gut oder ſchlecht gerathen waͤ - „ ren. Man muͤſſe ſich nicht klug duͤncken „ laſſen, jederman zu tadeln. Die ſatyri - „ ſche Schreibart ſey einem Chriſten unan - „ ſtaͤndig. Meine Schriften waͤren Pas - „ quille, und ich muͤſte ein ſehr boßhaftes „ Gemuͤth haben. Jch bezeugte auch eine „ ſchlechte Ehrerbietung gegen die heilige „ Schrift, mißbrauchte bibliſcher Redens - „ Arten, und man ſaͤhe wohl, daß ich wenig „ Religion haͤtte, weil alles, was ich ge - „ ſchrieben mit Religions-Spoͤttereyen an - „ gefuͤllet ſey u. ſ. w. ‟
Es haͤtte mich nicht verdrieſſen ſollen, wenn dieſe unbilligen Urtheile nur von Leuten waͤren gefaͤllet worden, denen ihre Einfalt, oder ihr Amt ein Recht giebt, zu ſagen, was ſie wollen: Allein ſo muſte ich ſie auch von Leuten hoͤren, die klug ſeyn wollten, und die es, ohne Verletzung ihres Gewiſſens, ſeyn konnten. Jch ler - nete daraus, daß ein geſunder Verſtand ſeltener iſt, als man insgemein glaubet, und fand vor noͤthig, meinen unbilligenRich -30(o)Richtern zu zeigen, daß es ihnen haupt - ſaͤchlich daran fehle.
Dasjenige, was mich vornehmlich dazu bewog, das war der Vorwurf von der Religions-Spoͤtterey, der ungegruͤndete - ſte, und boßhafteſte von allen. Es ver - droß mich, daß man, obgleich meine Schrif - ten von keinen Religions-Materien han - delten, dennoch ſo dreiſte und verwegen von meinem Glauben und Unglauben ur - theilete, als wenn ich einen Catechiſmus geſchrieben haͤtte, und ich verfertigte dem - nach im Jahr 1733. die Unpartheyiſche Unterſuchung der frage: Ob die be - kannte Satyre Briontes der juͤnge - re mit entſetzlichen Religions-Spoͤtte - reyen angefuͤllet, und eine ſtrafbare Schrift ſey? ꝛc.
Jch bemuͤhete mich in dieſer Schrift, den mich richtenden Phariſaͤern einmahl vor allemahl das Maul zu ſtopfen. Jch glaube nicht, daß ich ſie gaͤntzlich bekehret habe: doch fiengen ſie an, ſich zu ſchaͤmen, und wurden ſtille.
Weil indeſſen der Hr. Prof. Philippi den Vorwurf von Religions-Spoͤtterey - en, durch welchen er das Ober-Conſiſto - rium wieder den Briontes haͤtte aufbrin -gen31(o)gen wollen, in ſeinen ſo genanten Kap - pen wiederholet, und zur Vertheidigung ſeiner ſechs deurſchen Reden unterſchie - denes vorgebracht hatte; ſo bediente ich mich der Gelegenheit, auch ihm ſeine Ab - fertigung zu geben, und ruͤckte den mir zugeſchickten Auszug aus ſeinen, damahls noch ungedruckten, Kappen in meine unpartheyiſche Unterſuchung ein. Jch bewieß, daß dieſe Schrift im hoͤch - ſten Grad albern, und ſo beſchafen ſey, das es nicht zu glauben, daß der Hr. Prof. Philippi ſie gemacht habe. Jch ſprach ſie ihm auch wuͤrcklich aus vierzehn wichti - gen Gruͤnden ab. Allein der Hr. Prof. Philippi hat ſich dennoch nicht geſchamet, dieſes abentheurliche Werckchen oͤfentlich vor das ſeine zu erkennen, und es im Jahr 1735, als einen Anhang zu ſeinem ruͤchti - gen Buche: Cicero, ein groſſer Wind - beutel ꝛc. drucken zu laſſen.
Eben dieſes Buͤchlein pranget noch mit einem andern Anhange, welcher Acht Vertheidigungs-Schriften wieder eben ſo viel Chartequen in ſich faſſet. Eine derſelben iſt wieder meine unpar - theyiſche Unterſuchung gerichtet, und gantz poßierlich. Der Hr. Prof. Philip -pi32(o)pi zieht 80 ſeltſame Reden aus meiner Schrift, und ſagt Dinge daruͤber, die luſtig genug zu leſen ſind; aber den elen - den Zuſtand des armen Menſchen ſo klar an den Tag legen, daß ich mich ein Ge - wiſſen gemacht habe, darauf zu antworten.
Damit ich nicht noͤthig habe, ferner von dem Buche: Cicero ein groſſer Windbeutel ꝛc. zu reden, ſo muß ich noch ſagen, daß man einen vollſtaͤndigen Auszug aus demſelben in dem 12ten Stuͤ - cke der Niederſaͤchſiſchen Nachrichten auf das Jahr 1735 findet. Der Aus - zug iſt von mir, und faſſet alle Selten - heiten dieſer laͤcherlichen Schrift, und zu - gleich eine Critick derſelben in ſich. Es hat auch der Hr. Prof. Philippi wegen ſeines an dem Cicero veruͤbten Frevels in dem 20ten Stuͤcke des Hamburgiſchen Correſpondenten von 1735 ſein Urtheil aus dem Seneca empfangen.
Nachdem ich alſo der Welt den Auszug einer Schrift mitgetheilet hatte, der ſie ſonſt noch eine ziemliche Zeit wuͤrde ha - ben entbehren muͤſſen; ſo ſaͤumete ich nicht, auch die Rede des Hrn. Prof. Philippi an die Geſellſchaft der kleinen Geiſter, von der ich eine Abſchrift erhalten hatte, zumDruck33(o)Druck zu befordern. Jch gab ihr den Titel: Stand-oder Antritts-Rede, welche der Hr. Prof. Philippi in der Geſellſchaft der kleinen Geiſter gehal - ten hat ꝛc. Jch beantwortete ſie im Nah - men des Aelteſten dieſer Geſellſchaft. Die - ſe Antwort iſt unſtreitig die giftigſte Schrift, die ich gegen dem Hrn. Prof. Philippi gemacht habe,(*)Und dennoch ſagt der Doctor Hartmann zu Erfurt, in ſeiner Anleitung zur Hiſtorie der Leibnitz - Wolfiſchen Philoſophie p. 951. 952. daß Phi - lippi dieſe Schrift gemacht habe, und daß darinn der mathematiſche Verſuch wider jederman verthei - diget werde. Es iſt dieſes ein Fehler, den er nicht wuͤrde begangen haben, wenn er ſich nur feſte an ſei - nen, ihm ſo nuͤtzlichen Vorgaͤnger, den Hrn. Lu - dovici, den er vor Augen gehabt zu haben ſcheinet, gehalten haͤtte: Aber da er kluͤger ſeyn will, ſo ſagt er etwas, das eben ſo wahr iſt, als daß, wie er p. 134. meinet, die Socinianer kurtz nach dem Ni - ceniſchen Concilio entſtanden. und ich glau - be nicht, daß er jemahlen auf eine unbarm - hertzigere Weiſe gemißhandelt worden. Allein er empfieng, was ſeine Thaten werth waren. Warum gab er ſich mit mir ins Spotten? Warum wagte er ſich in die Jronie, eine Figur, die ihm zu hoch war? Uber mich kan er ſich nicht beſchwe - ren, und thut er es, ſo antworte ich ihm:
cHæc34(o)Jndeſſen war dieſes meine eintzige Ab - ſicht nicht; ſondern ich hatte noch einen andern Zweck. Der Hr. Prof. Philippi hatte zwo Schriften ausgehen laſſen, an welchen wenig geſundes war. Die eine war ſeine thuͤringiſche Hiſtorie / und die andere ſein mathematiſcher Ver - ſuch von der Unmoͤglichkeit einer ewi - gen Welt Der Hr. Prof. Philippi hatte in der erſten dem Chur-Hauſe Sach - ſen die Bißthuͤmer Merſeburg und Naum - burg gaͤntzlich abgeſprochen; ja er war gar ſo thoͤrigt, daß er ſich einbildete, fei - ne elende Schrift habe zu unterſchiedenen harten Reſcripten Anlaß gegeben, wel - che zu der Zeit, als der kaͤyſerliche und ſaͤchſiſche Hof, bekannter maaſſen, nicht wohl mit einander ſtanden, dieſer Biß - thuͤmer wegen an den verſtorbenen Koͤnig von Pohlen ergiengen. Man hatte mich erſuchet, den Hrn. Prof. Philippi dieſes Frevels und Stoltzes wegen zu zuͤchtigen, und ihm zu weiſen, daß ſeine thuͤringi ſche Hiſtorie kein Werck ſey, auf wel -ches35(o)ches er ſich viel einzubilden Urſache haͤtte. Dieſes ſuchte ich, meinem in einer Anmer - ckung zu dem Briontes gethanen Ver - ſprechen zu Folge, in dieſer Beantwor - tung der philippiſchen Anrede an die Ge - ſellſchaft der kleinen Geiſter, ins Werck zu richten, und der mathematiſche Ver - ſuch von der Unmoͤglichkeit einer ewi - gen Welt muſte, bey der Gelegenheit, mit an den Tantz.
Jch war nicht der eintzige, dem dieſe letzte Schrift laͤcherlich vorkam. Sie war ſchon, ehe ich dieſelbe geſehen hatte, in zwo unterſchiedenen Satyren, mit unter - ſchiedenem Gluͤcke, angegrifen worden. Die erſte war das Sendſchreiben der fuͤnf Schweſtern an den Hrn. Prof. Philippi. Die fuͤnf Schweſtern waren die fuͤnf Sinnen, und die Satyre war, ſo viel ich mich erinnere, artig genug ge - ſchrieben. Sie gieng nur zu Leipzig im Manuſcript herum, und der Hr. Prof. Philippi, dem eine Abſchrift davon in die Haͤnde fiel, ließ ſie unter dem Titel: Wun - derſeltſames Fuͤndel-Kind ꝛc. im Jahr 1733 mit Anmerckungen drucken. Jch habe dieſer Anmerckungen in meiner un - partheyiſchen Unterſuchung erweh -c 2net,36(o)net, und dem Hrn. Prof. Philippi, wie die Kappen, abgeſprochen. Der Hr. Prof. Philippi meinet in dieſen Anmer - ckungen, daß ich Vater zu dem ſo genann - ten Fuͤndel-Kinde ſey. Allein er thut mir Unrecht. Jch bin an dieſer Satyre unſchuldig, und habe auch nimmer erfah - ren koͤnnen, wer der Verfaſſer derſelben ſey.
Die andere Satyre, welche wieder den mathematiſchen Verſuch heraus kam, fuͤhrte den Titel: Abgeſtrafter Vor - witz eines unbeſonnenen Critici ꝛc. Sie war in Verſen geſchrieben, welche der Verfaſſer mit Anmerckungen erlaͤuter - te. Er nennete ſich Grimaldo, und gab ſich auf dem Titel vor einen dem Hrn. Prof. Philippi wohlbekannten Weiſſenfelſer aus. Er hieß aber Gruͤtzner, und war ein Student aus Jena. Jch kenne den Menſchen nicht: Aber, nach ſeiner Schrift zu urtheilen, iſt es ein armer Suͤnder, der nur immer haͤtte zu Hauſe bleiben moͤgen. Der Hr. Prof. Philippi hat ihn auch in dem Anhange zu ſeinem Windbeutel nach Verdienſt gezuͤchtiget, und mir ſelbſt kam ſein Geſchmier ſo abſcheulich und unertraͤg - lich vor, daß ich eine ſcharfe Cenſur deſ -ſelben37(o)ſelben in das 80te Stuͤck des Hambur - giſchen Correſpondenten von 1733 ſe - tzen ließ. Der gute Grimaldo empfand dieſes ſo hoch, daß er drohete, er wollte auch wieder den Verfaſſer des Correſpon - denten ſchreiben. Es iſt aber, ſo viel ich weiß, nichts daraus geworden.
Der Hr. Prof. Philippi indeſſen war viel zu ſtreitbar, als daß er meine Stand - oder Antritts-Rede haͤtte unbeantwor - tet laſſen ſollen. Er gab, auf friſcher That, eine kleine Schrift dagegen heraus, welche er ein Bedencken der patrioti - ſchen Aſſemblée nennete. Jch weiß den Jnhalt dieſer Schrift nicht mehr; So viel weiß ich, daß ſie ſehr grob und einfaͤltig ge - rathen war.
Mittlerweile nun, daß ich mit der Ver - fertigung meiner Antwort auf die phi - lippiſche Stand-Rede beſchaͤftiget war, ſpielte man dem Hrn. Prof. Philippi ei - nen Streich, deſſen er ſich nicht verſahe. Es war dieſer kurzweilige Redner in ein reiches und junges Frauenzimmer zu Leip - zig ſterblich verliebt geweſen, und hatte dieſer ſeiner Goͤttin zu Ehren ein Schaͤ - fer-Gedicht gemacht, welches die Frau von Ziegler in Verwahrung hatte, undc 3ſehr38(o)ſehr geheim hielt. Es fiel aber doch, ich weiß nicht, durch was vor einen Zufall, gewiſſen Leuten zu Leipzig in die Haͤnde; die ſchickten es nach Hamburg, und ba - ten, man moͤchte es daſelbſt zum Druck befordern. Von Hamburg ward es an mich nach Luͤbeck geſchickt, und ich gab ihm den Nahmen: Sottiſes champêtres, oder Schaͤfer-Gedicht des Hrn. Prof. Philippi ꝛc. machte eine kurtze Vorrede dazu, und ſchickte es wieder nach Ham - burg, woſelbſt es, nachdem ein anderer guter Freund den Jnhalt dazu gemacht hatte, eiligſt gedruckt ward.
Die frau von Ziegler empfand die Bekanntmachung dieſes Schaͤfer-Gedich - tes ſehr hoch. Jch weiß nicht, was ſie vor Urſachen dazu hatte; doch kan ich ver - ſichern, daß, wenn ich dieſes vorher gewuſt haͤtte, die beſondere Ehrerbietung, welche ich gegen dieſe Dame hege, mich wuͤrde abgehalten haben, das geringſte zu der Herausgabe dieſes philippiſchen Schaͤfer - Gedichtes beyzutragen.
Was den Hrn. Prof. Philippi anlan - get, ſo ſetzten ihn die Sottiſes champêtres in der aͤuſſerſte Wut. Er verfiel wieder auf die alten Grillen, daß Hr. Gottſchedſein39(o)ſein Verfolger ſey, und gab, unter dem Nahmen eines Freyherrn von frohen - muth, gegen dieſen gantz unſchuldigen Mann eine Schrift heraus, die er Sotti - ſes galantes nennete, und in welcher er den Hrn. Prof. Gottſched, auf eine recht raſende Art, angrif. Der Hr. Prof. Gott - ſched wehlte, ſtatt der Rache, ein groß - muͤthiges Stillſchweigen, und er that wohl daran. Eine ſo ehrenruͤhrige Schand - Schrift war keiner Beantwortung wuͤr - dig.
Als der Lerm wegen der Sottiſes cham - pêtres und galantes vorbey war, kam al - lererſt die Stand - und Antritts-Rede ans Licht. Jch gedachte, dieſes ſollte mei - ne lezte Schrift gegen den Hrn. Prof. Phi - lippi ſeyn: Aber ich muſte noch einen Gang mit ihm wagen.
Er gab im Jahr 1734 eine Uberſetzung der Maximes de la Marquiſe de Sablé heraus, welche er mit 366 moraliſchen Bildniſſen erlaͤutert hatte. Von dieſer Uberſetzung ward in dem 83ten Stuͤcke des Hamburgiſchen Correſpondenten von 1734 ſehr veraͤchtlich geurtheilet, und der Hr. Prof. Philippi nahm dieſe Freyheit, welcher der Verfaſſer des Cor -c 4reſpon -40(o)reſpondenten ſich gegen ihn bedienet hatte, ſo uͤbel, daß er ſich bey dem Rath zu Ham - burg daruͤber beſchwerete, und ſeinen Brief an den Rath, ich weiß nicht, warum, drucken ließ. Aus dieſem Briefe, der auf gewiſſe Maaſſe, nicht ohne Wirckung war, leuchtete ſo viel Boßheit, und ein ſo uner - traͤglicher Stoltz hervor, daß ich, ſo bald ich ihn laß, den Entſchluß faſſete, die laͤ - cherliche Schrift, uͤber deren Cenſur der Herr Prof. Philippi ſich beſchwerete, noch ſchaͤrfer vorzunehmen, als der Ver - faſſer des Correſondenten gethan hatte. Denn, die Wahrheit zu ſagen, es ver - droß mich, daß der Hr. Prof. Philippi, nach aller meiner Muͤhe, die ich mir ge - geben hatte, ihn zu demuͤthigen, ſich doch noch ſo trotzig geberdete, und unverſchaͤmt genug war, mit Ungeſtuͤm zu verlangen, daß die Leute anders, als mit Verachtung und Abſcheu von ſeinen Schriften reden ſolten.
Jch wolte ihm demnach den Reſt geben, und ſchrieb den glaubwuͤrdigen Bericht eines Medici von dem Zuſtande, in welchem er den Hrn. Prof. Philippi den 20ten Junius 1734 angetroffen. Jch fuͤhrte in dieſem Bericht den HerrnProf.41(o)Prof. Philippi redend ein. Er muſte ſei - ne Fehler bereuen, ſeine Schriften ver - fluchen, und von ſeiner Uberſetzung der Maximes de la Marquiſe de Sablé, und allen ihren Zuſaͤtzen, ſo viel boͤſes ſagen, als ich glaubte, daß eine ſo laͤppiſche Schrift verdiente. Jn der Vorrede ſagte ich, der Hr. Prof. Philppi ſey den 21ten Junius wuͤrcklich geſtorben. Dieſes Vorgeben war falſch: Aber daß der Hr. Prof. Philip - pi Schlaͤge bekommen hatte, das war mehr, als zu wahr. Er bekam ſie unge - fehr um die Zeit, als ich geſaget hatte, in einem Wirthshauſe zu Halle, von zwe - en Officieren, gegen welche er ſich ſehr unnuͤtze gemacht hatte. Ja er war von dieſen unbarmhertzigen Kriegs-Knechten ſo zugerichtet worden, daß man ihn hat - te nach Hauſe tragen muͤſſen.
Dieſes war die Begebenheit, welche mich veranlaſſte, meiner Satyre die Tour zu geben, die ich ihr gegeben habe. An die andern Schlaͤge, die der Hr. Prof. Philippi kurtz darauf von hoͤherer Hand bekommen hatte, habe ich nicht gedacht. Jch hielte es vor niedertraͤchtig, uͤber ei - nen Unfall zu ſpotten, der einem jeden ehrlichen Manne haͤtte begegnen koͤnnen,c 5und42(o)und beklagte den Hrn. Prof. Philippi von Hertzen.
Jndeſſen hatten dieſe letzten Schlaͤge den Hrn. Prof. Philippi gezwungen, Hal - le, und ſeine auſſerordentliche Profeſſur zu verlaſſen, und ihn in einen Stand geſetzet, daß er, ich weiß nicht was, dar - um haͤtte geben ſollen, daß meine Nach - richt von ſeinem Tode wahr geweſen waͤ - re. Er war unſtet und fluͤchtig, und hat - te alle Muͤhe von der Welt, den Haͤnden der Merſeburgiſchen Regierung zu entge - hen, die ein Urtheil an ihm vollziehen woll - te, in welchem ihm, ich weiß nicht wa - rum, ein zweyjaͤhriges Gefaͤngniß zu er - kannt war. Aber, dem allen ungeachtet wollte er doch nicht tod ſeyn. Er ließ, wiewohl nicht in ſeinem Nahmen, von Goͤttingen aus einen Aufſatz in die ham - burgiſchen Berichte ruͤcken, in welchem ich, der ich ihm dieſes nachgeredet hatte, ein nahmloſer Pasquillant genennet, und aller Welt kund gethan wurde, der Hr. Prof. Philippi ſey noch am Leben, und befinde ſich in Goͤttingen.
Das war nun wohl der Muͤhe werth, und es ſtand dem Hrn. Prof. Philippi, der in allen Stuͤcken etwas beſonders hat -te,43(o)te, wohl an, auf eine ſo ernſthafte Art eine Nachricht zu wiederſprechen, die je - derman vor Schertz hielte. Nach meiner Meynung hat der Hr. Prof. Philippi nie - mahlen etwas laͤcherlicheꝛs begangen. Allein er ließ es dabey noch nicht bewenden; ſon - dern gab eine Schrift gegen den glaub - wuͤrdigen Bericht eines beruͤhmten Medici heraus, in welcher er Dinge ſag - te, die mich im geringſten nicht angien - gen. Sie hatte den Titel: Der gehei - men patriotiſchen Aſſemblée anderwei - tiges Bedencken an den Herrn Prof. Philippi ꝛc. und war ſo wunderlich ein - gerichtet, daß man Muͤhe hatte, klug daraus zu werden. Ein ſo genannter Her - molaus Barbarus, welches, wo mir recht iſt, des D. Langens juͤngſter Sohn ſeyn ſollte, und ein gewiſſer Profeſſor zu Hal - le, der nur mit den Buchſtaben F. W. angedeutet wurde, behielten nicht vor ei - nen Heller Ehre darinn. Der Hr. Prof. Philippi hatte, aus Urſachen, die mir un - bekannt ſind, einen Verdacht auf dieſe Leu - te geworfen, und glaubte gantz feſte, der glaubwuͤrdige Bericht eines Medici ſey in Halle gedruckt worden; weil das Exemplar, daß er bekommen hatte, nochnaß44(o)naß geweſen war. Allein er betrog ſich; denn ich hatte dieſe Schrift in Mecklen - burg auf dem Lande gemacht, und zu Lauenburg drucken laſſen.
Was man uͤbrigens in dem Bericht des Medici den ſterbenden Philippi von ſich und ſeinen Schriften hatte ſagen laſ - ſen, das uͤbergieng die geheime patrioti - ſche Aſſemblée, ob es gleich das Haupt - werck war, mit Stillſchweigen, und be - muͤhete ſich nur, zu beweiſen / daß der Hr. Prof. Philippi noch lebe. Es gab alſo der ehrliche Mann ſeine, ihm ſonſt ſo liebe, Schriften Preiß, um ſein Leben zu retten. Denn tod wollte er mit Ge - walt nicht ſeyn. Er hielte es vor eine Beſchimpfung, daß ich dieſes von ihm ge - ſaget hatte: Er ſtieß die groͤbſten Schelt - worte wieder mich aus, und ſtellete ſich nicht anders, als wenn ein ſeeliger Tod eine Sache geweſen waͤre, der ſich ein ehrlicher Mann zu ſchaͤmen haͤtte.
Mir kam dieſes Verfahren ſehr wun - derlich vor. Jch gedachte bey mir ſelbſt: Es ſind ſo viele ehrliche Leute geſtorben, und der Hr. Prof. Philippi meint, es ſey ihm eine Schande!
Lumina45(o)Lumina ſis oculis etiam bonus Ancus reliquit, Qui melior multis quam tu fuit improbe re - bus; Inde alii multi reges, rerumque po - tentes Occiderunt, magnis qui gentibus im - peritarunt ............. Ipſe Epicurus obit decurſo lumine vitæ, Qui genus humanumingenio ſupera - vit, & omnes Præſtrinxit ſtellas, exortus uti æthe - reus Sol. Tu’ vero dubitabis & indignabere obire Mortua cui vita eſt prope jam vivo atque vident. (6)Lucret. Lib. IV.
Dieſe Gedancken veranlaſſeten mich, es mit der geheimen patriotiſchen Aſſem - blée aufzunehmen, und ihr aus Gruͤnden die ſie mir, durch ihren laͤcherlichen, un - noͤthigen und unbedachtſamen Wieder - ſpruch, ſelbſt an die Hand gegeben hatte, zu beweiſen, daß der Hr. Prof. Philippi dennoch geſtorben ſey.
Jch46(o)Jch ſchrieb zu dem Ende zu Anfang des 1735ten Jahrs meine beſcheidene Be - antwortung der Einwuͤrfe, welche einige Freunde des Hrn. Prof. Phi - lippi wieder die Nachricht von deſ - ſen Tode gemacht haben. Der Herr Prof. Philippi hat nicht darauf geant - wortet. Und daran hat er, meines Er - achtens, ſehr weißlich gehandelt. Denn wenn er haͤtte fortfahren wollen, im Nah - men der patriotiſchen Aſſemblée, auf eben dem Fuß, gegen mich zu ſchreiben; ſo wuͤrde die Sache, woruͤber wir ſtrit - ten, ſo zweifelhaft geworden ſeyn, daß niemand, und ſo gar er ſelbſt, zuletzt nicht gewuſt haben wuͤrde, ob er lebe, oder tod ſey. Man kan hieraus lernen, wie ungluͤcklich die Leute ſind, die keinen Schertz verſtehen, und wie nothwendig ſolche Leu - te, denen, welche ihnen die Ehre thun, mit ihnen zu ſcherzen, durch ihre Heftig - keit, und durch ihren ernſthaften und un - noͤthigen Wiederſpruch, die Waffen in die Hande geben muͤſſen, ſie noch laͤcher - licher zu machen. Meine Abſicht war, den Hrn. Prof. Philippi zu guter letzt wenigſtens noch von dieſer Wahrheit zu uͤberfuͤhren. Nach der Zeit habe ich weiter mit ihm nichts zuthun gehabt.
Er47(o)Er gerieth auch kurtz darauf in einen Zuſtand, daß man ſeiner, ohne Suͤnde, ferner nicht ſpotten konnte. Da er, wie ich ſchon erwehnet habe, genoͤthiget wur - de, Halle zu verlaſſen, ſo begab er ſich nach Goͤttingen. Allein, auſſer, daß die merſeburgiſche Regierung ihn noch immer verfolgte, und auf ſeine Auslieferung drang, ſo wollte es auch ſonſt daſelbſt mit ihm nicht fort. Er fieng an zu leſen, und ſeinen Freydenck er herauszugeben. Man wollte es aber nicht leiden, und es ward ihm ſo wohl das leſen, als das Buͤcher ſchreiben gaͤntzlich verboten. Jch bekenne, die Diaͤt, welche man ihm durch dieſes Verbot vorſchrieb, war ſeinem innern Menſchen ſehr heilſam; aber der aͤuſſere muſte nothwendig dabey zu kurtz kommen, und das, deucht mich, war zu hart. Al - lein nicht lange darauf gieng es ihm noch aͤrger. Er bekam das Conſilium abeun - di, und ward, wie man mir berichtet hat, bey hellem Tage zum Thor hinaus ge - bracht. Ob nun gleich dadurch erfuͤllet ward, was ich von ſeiner ploͤtzlichen Ver - ſchwindung in meiner letzten Schrift ge - weiſſaget hatte; ſo habe ich ihn dennoch von Hertzen bedauret, und haͤtte lieberein48(o)ein falſcher Prophet ſeyn, als ihn derge - ſtalt beſchimpfet ſehen moͤgen.
Was man in Goͤttingen vor Urſachen gehabt habe, ſo hart mit einem Manne zu verfahren, der doch, was er ſonſt auch vor Schwachheiten an ſich hatte, einmahl ein Doctor und Profeſſor war, das kan ich nicht ſagen. Jch habe das Verbre - chen des Hrn. Prof. Philippi nimmer er - fahren koͤnnen. Vermuthlich hat er ſein Un - gluͤck ſeinem Freydencker zu dancken. Denn in dieſer elenden Wochen-Schrift ſoll er keines Menſchen verſchonet haben. Neun Stuͤcke habe ich davon geſehen, und ich glaube nicht, daß ſie weiter fortgeſetzet iſt, weil man dem Hrn. Prof. Philippi das Handwerck gar zu bald legte.
Was nun dieſem ehrlichen Manne nach ſeiner Vertreibung von Goͤttingen begeg - net iſt, das weiß ich ſo eigentlich nicht. Viel Freude hat er, allem Anſehen nach, nicht gehabt. Denn er hat nach der Zeit ſeinen Vater verlohren, und, wie man ſagt, auch zu Jena das Conſilium abeun - di bekommen. Er ſoll aber, wie ich hoͤre, jetzo wieder da ſeyn.
Auf meine Schriften gegen dem Hrn. Mag. Sievers und den Hrn. Prof. Phi -lippi49(o)lippi folget in dieſer Sammlung eine Sa - tyre, die gegen niemand ins beſondere ge - richtet iſt. Sie handelt von der Vor - treflichkeit und Nothwendigkeit der elenden Scribenten. Jch verſprach die - ſe Schrift in dem Schreiben des Rit - ters Clifton an den Samojeden, und dieſes Verſprechen erfuͤllete ich im Jahr 1734.
Es hat dieſe Satyre unter allen mei - nen Schriften den beſten Abgang gehabt, und iſt ſchon im Jahr 1736 wieder aufge - leget worden. Jch ſchlieſſe daraus, daß es doch noch Leute gegeben haben muͤſſe, welche dieſelbe mit andern Augen angeſe - hen, als Herr Reimmann. Dieſem Pre - laten will ſie gar nicht gefallen.
ſagt er(7)in Catalogo Biblioth. Reimmanniana Cap. III. §. 468. p. 732. ,
eos eſſe judicat autor, qui, quicquid in buccam defluit, in chartam conjiciunt, & mo - numenta ſine ratione (p. I-78) & ordi - ne (p. 78-90) & ornatu (p. 90-97) corrogata in vulgus ſpargunt. Atque ad hunc cenſum ſpectare cum aliis ſex - centis Happelium, Menantem, Uhſe - nium, Hubnerum (p. 53) D. J. E. Phi -dlippi,50(o)lippi, S-v-s, R-d-gſtum (p. 8. 36. 42. 43. 49. 50. 71. 85. 90). Nec deſunt, qui temere negligenterque libros ad compo - nendos ſe accingunt, nullo delecturerum & verborum habito. Scribimus indocti doctique poemata paſſim. Sed accuſat tantummodo non coarguit Autor, quorum nomina profert, nec ullo documento oſtendit, eos eſſe ta - les, contra quos ingeminat tremulos na - ſo criſpante cachinnos. Nec qui vilio - ris ſunt ordinis ſcriptores exſibilandos propinat ſolum; Sed & rectores Reipu - blicæ & doctores Eccleſiæ (p. 18. 28. 29. 41). Dicta etiam S. S. non raró ſannis conſpuit. Et quam in aliis redarguit culpam interdum ipſemet committit, & ordinem in ſcribendo negligit Vsque adeo in ſeſe tentat deſcendere nemo Sed præcedenti ſpectatur mantica tergo.
Jch weiß nicht, ob man veraͤchtlicher von einem Buche urtheilen kan? Darum aber werde ich doch nicht boͤſe. Hr. Reim - mann hat mein Buch bezahlet: Er hat es in ſeiner Bibliotheck: Er kan davon ſa -gen,51(o)gen, was ihm gut duͤncket. Dieſes iſt ein Recht, das ich ihm nicht ſtreitig mache. Nur bitte ich mir die Erlaubniß aus, ihm zu ſagen, daß ich Muͤhe habe, in dem Urtheile, welches er von meiner Schrift faͤllet, die Ueberlegung, die Billigkeit und die Unpartheylichkeit zu finden, die ich von ihm vermuthet haͤtte. Jch will nicht unterſuchen, was ſeine zaͤrtliche, und ihm ſo unanſtaͤndige Neigung zu gewiſſen laͤ - cherlichen Schreibern vor Urſachen hat: A - ber ich beklage, daß er ſich durch dieſe un - gluͤckſeelige Zaͤrtlichkeit verleiten laſſen, von meiner Schrift ein Urtheil zu faͤllen, daß ſo unbillig, und ihm ſo wohl, als mir nachtheilig iſt.
Er rechnet es mir als ein groſſes Ver - ſehen an, daß ich mit keinem Worte be - wieſen habe, daß die enigen, welche ich in meiner Schrift unter die elenden Scri - benten zehle, wuͤrcklich elende Scriben - ten ſind. Jch ſage ihm aber, daß, ohne dieſes Verſehen, mein Buch das albern - ſte Buch von der Welt ſeyn wuͤrde. Jſt ihm dieſes zu hoch, ſo beliebe er folgendes zu mercken.
Meine Abſicht war nicht, zu beweiſen, daß dieſer oder jener ein elender Scribentd 2ſey;52(o)ſey; ſondern, daß die elenden Scribenten die vortreflichſten, beſten und nuͤtzlichſten unter allen ſind. Ein elender Scribent ſeyn, das war folglich, nach meiner Mei - nung, eine ruͤhmliche Eigenſchaft. Ruͤhm - liche Eigenſchaften kan ich aber einem bey - legen, ohne daß ich noͤthig habe, zu be - weiſen, daß er dieſelben wuͤrcklich beſitze: Ja wenn ich einen recht loben will, ſo ſe - tze ich, als bekannt, voraus, daß er mein Lob verdienet. Jch lobte diejenigen, die ich in meiner Schrift nenne, und war al - ſo nicht nur berechtiget; ſondern auch, nach den Regeln der ironiſchen Hoͤflichkeit, ver - bunden, ſie, ohne den geringſten Beweiß, in die Claſſe der elenden Scribenten zu ſe - tzen. Haͤtte ich es anders gemacht, ſo haͤt - te ich meinem Caracter entgegen gehan - delt: Mein verſtelltes Lob wuͤrde alle An - nehmlichkeit verlohren haben, und meine Satyre ein ungeſalzenes Gewaͤſche gewor - den, und gantz aus dem Gelencke gekom - men ſeyn. Wer dieſes nicht begreifen kan, der weiß nicht, was Jronie und Satyre iſt, und muß von meinem Buche nicht urtheilen.
Jch muͤſte uͤberdem einen ſchlechten Be - grif von den Einſichten meiner Leſer ge -habt53(o)habt haben, wenn ich ihnen weitlaͤuftig haͤtte beweiſen wollen, daß Happels Mord - Geſchichte, Menantes Romane, Uhſens wohl informirter Redner, und Huͤbners Oratorie elende Buͤcher ſind. Wer zwei - felt daran? Niemand anders, als einfaͤl - tige Leute, oder Schul-Knaben, die nicht wiſſen, was recht und linck iſt. Was Philippi, Sievers und Rodigaſt anlan - get, ſo waren dieſe drey Helden ſchon ſo ruͤchtig, daß es ſich nicht der Muͤhe ver - lohnte zu beweiſen, daß ſie elende Scri - benten waͤren, und es wundert mich ſehr, daß Herr Reimmann ſich desfalls den ge - ringſten Scrupel macht. Er muß dieſe Leute gar nicht kennen, und meine Sa - tyren gegen Sievers und Philippi nicht geleſen haben. Denn ſonſt wuͤrde er ſich ja entſehen, dieſen armſeeligen Scriben - ten das Wort zu reden, und von mir zu verlangen, daß ich beweiſen ſollen, was weltkuͤndig iſt. Ofenbahre Wahrheiten beduͤrfen keines Beweiſes, und wer nicht glauben will, daß Sievers und Philippi elende Scribenten ſind, der leſe ihre Schrif - ten, und meine Satyren. Hat er die geleſen, und zweifelt doch noch daran, ſo weiß ich ihm nicht zu helfen. Vor ſolched 3Leute54(o)Leute kan ich wohl beten: Aber uͤberzeu - gen kan ich ſie nicht.
Herr Reimmann ſpricht ferner: Jch ſuchte ſo gar die Regenten und die Lehrer der Kirche laͤcherlich zu machen. Aber er thut mir Unrecht. Jch ſage von den Re - genten nichts, als was Salomon und Ju - venal vor mir geſagt haben. Nicht in der Abſicht, die Majeſtaͤten zu laͤſtern, wie Herr Reimmann meinet; ſondern bloß den Mangel der Vernunft zu ent - ſchuldigen, den man meinen Bruͤdern, den elenden Scribenten, vorwirft. Mein Character verband mich dazu, und gab mir ein unſtreitiges Recht, alles zuſammen zu ſuchen, was in meinen Kram dienete. Da ich nun beym Salomo fand, daß Un - verſtand unter den Gewaltigen gemein ſey, und ſahe, daß Juvenal den Guͤnſt - lingen der Groſſen faſt alle Vernunft ab - ſprach: So darf man ſich nicht wundern, daß ich mir dieſes zu Nutze gemacht habe. Man kan mir dieſes um ſo viel weni - ger verdencken, weil ich gar die Be - hutſahmkeit gebrauchet habe, die harten Ausdruͤckungen der Scribenten welche ich anfuͤhre, zu mildern, und nichts mehr ſage, als daß nicht allemahl die Kluͤgſtenam55(o)am Ruder ſitzen. Welches eine Wahrheit iſt, die ich mir getraue, allen Koͤnigen in die Augen zu ſagen, ohne daß ſie es mir ungnaͤdig nehmen ſollen. Solche allge - meine Wahrheiten verletzen die Ehrer - bietung nicht, die man den Goͤttern auf Erden ſchuldig iſt. Die Groſſen dieſer Welt ſind auch ſo wunderlich nicht, daß ſie ſich uͤber den geringſten Schertz, der keinen von ihnen insbeſondere trift, ent - ruͤſten ſollten, und wenn die Prieſter nur halb ſo billig waͤren, ſo haͤtte ich nicht noͤ - thig, das, was ich in meiner Schrift von ihnen geſagt habe, zu rechtfertigen. Al - lein, ich weiß nicht, wie es zugehet? Die - ſe Herren ſind ſo argwoͤhniſch, daß ſie ſich immer einbilden, man ſpotte ihrer, wenn man von ihnen redet. Dieſes iſt eine Auffuͤhrung, die man kaum einer bloͤden unerfahrenen Jugend, gebrechlichen Per - ſonen, oder Leuten, die kein gut Gewiſ - ſen haben, und ſich ofenbahrer Maͤngel bewuſt ſind, zu gute haͤlt. Mich deucht, alten, geſetzten und ehrwuͤrdigen Maͤn - nern wuͤrde ein wenig mehr Großmuth, und eine gewiſſe Zuverſicht zu ſich ſelbſt beſſer anſtehen, als ein ewiges Klagen, daß man ſie auslachet. Doch gienge esd 4noch56(o)noch hin, wenn ſie es bey dem Klagen be - wenden lieſſen: Allein ſo ſind ſie, was ſie auch andern von der Gedult vorpredigen, empfindlicher als alle andere Menſchen, und man hat Urſache, es nicht mit ihnen zu verderben.
Jch muß alſo auch dasjenige, weſſen Hr. Reimmann mich, in Anſehung ihrer, beſchuldiget, von mir ablehnen.
Da ich meine Schrift nicht bey der Hand habe, ſo iſt es mir zwar unmoͤglich, die Stel - len nach zuſchlagen, die Hr. Reimmann, zum Beweiß ſeiner Beſchuldigung, aufuͤhret. Allein ich glaube doch, daß mein gantzes Verbrechen darinn beſtehet, daß ich den Mangel der Vernunft, den man an den elenden Scribenten wahrnimmt, da - durch zu rechtfertigen geſuchet habe, daß auch die Gottesgelehrten die Vernunft verwerfen. Man bildet ſich vieleicht ein, ich wolle dadurch zu verſtehen geben, daß die Gottesgelehrten eben ſo albern ſind, als die veraͤchtliche Schaar der elendenSchrei -57(o)Schreiber, auf deren Unkoſten ich mich luſtig mache. Aber dieſes iſt wahrlich mei - ne Abſicht nicht. Jch muͤſte ja gantz ra - ſend ſeyn, wenn ich nicht begrife, daß zwiſchen einem Menſchen, der ſeine Ver - nunft in Glaubens-Sachen gefangen nimmt, und einem ofenbahren Gecken, der gar keine Vernunft hat, ein unend - licher Unterſcheid ſey. Jch erklaͤre mich hiemit oͤfentlich, daß ich diejenigen Got - tesgelehrten, die am meiſten wieder den Mißbrauch der Vernunft in goͤttlichen Dingen eyfern, vor die beſten und ver - nuͤnftigſten halte. Es iſt mir nimmer in den Sinn gekommen, uͤber ihre Auf - fuͤhrung zu ſpotten, und wer andere Ge - dancken von mir hat, der irret ſich. Jch bemuͤhe mich in meiner Schrift, unter der Larve eines elenden Scribenten, der boͤ - ſen Sache meiner Bruͤder einen guten Schein zu geben: Aber ich bin ſo dumm nicht, daß ich nicht ſehen ſollte, daß alles, was ich ſage, Sophiſtereyen ſind. Jch ſchertze nur, und verlange mit Recht, daß Leute, welche von meinem Buche urthei - len wollen, wenigſtens ſo viel Verſtand haben, daß ſie Schertz und Ernſt unter - ſcheiden koͤnnen.
d 5Habe58(o)Habe ich ſonſt etwas geſagt, daß die Geiſtlichen verdrieſſen koͤnnte, ſo bin ich verſichert, daß es entweder in dem, was ich bißher geſchrieben habe, ſeine Ent - ſchuldigung finden wird; oder ich habe auch wahre Fehler an ihnen getadelt, wel - che rechtſchaffene Gottesgelehrte ſelbſt nicht billigen: Und dieſes iſt kein Verbrechen.
Auf die Laͤſterung des Hrn. Reimmans, daß ich auch oft uͤber Spruͤche der heiligen Schrift, wie er gar nachdruͤcklich ſagt, meinen ſatyriſchen Geifer ausſchuͤtte, will ich alsdann antworten, wann es ihm ge - fallen wird, die Stellen meiner Schrift an - zuzeigen, da ich dieſes gethan habe. Vor - ietzo ſage ich nur mit ihm:
Dieſes iſt das weiſe Epiphonema, mit welchem Hr. Reimmann ſein Urtheil von meiner Schrift beſchlieſſet. Er will mir dadurch, auf eine hoͤfliche Art, zu verſte - hen geben, daß ich nicht befugt geweſenbin,59(o)bin, der elenden Scribenten zu ſpotten, weil ich ſelbſt zuweilen den Fehler begehe, den ich an ihnen tadele, und unordentlich ſchreibe. Er ſagt es ausdruͤcklich: Aber da ich nicht wiſſen kan, worinn die Un - ordnung, der er mich beſchuldiget, beſte - hen ſoll; ſo kan ich mich nicht verantwor - ten. Jch will es auch nicht thun; ſon - dern, wie groſſe Urſache ich auch habe, zu zweifeln, ob er geſchickt ſey, von der Ord - nung und Unordnung einer ironiſchen Schrift zu urtheilen, dennoch ſo hoͤflich ſeyn, und glauben, daß er es einmahl recht getrofen hat. Jch beobachte alſo in mei - ner Schrift nicht allemahl die Ordnung, die ich haͤtte beobachten ſollen: Aber iſt die - ſer Fehler ſo groß, daß er mir das Recht nehmen ſollte, den elenden Scribenten die ihrigen vorzuwerfen? Jch glaube es nicht. Denn wenn es noͤthig waͤre, die Thorheiten anderer ſo lange ohne alle Er - innerung hingehen zu laſſen, biß man ſelbſt ohne Fehler iſt; ſo muͤſte man alle Beſtra - fung und Ermahnung biß in jene Welt verſparen, da man ihrer nicht mehr be - darf: Das Amt eines unwiedergebohr - nen Prieſters wuͤrde, wider die Meinung unſerer reineſten Gottesgelehrten, gantzund60(o)und gar unkraͤftig, und Herr Reimmann ſelbſt, wie fromm und eremplariſch auch ſein Wandel iſt, wuͤrde nicht befugt ſeyn, wider die Laſter zu eyfern, ſo lange er noch, ſo oft er zur Beichte gehet, beken - nen muß, daß er mit Gedancken, Wor - ten und Wercken wider alle zehn Gebote geſuͤndiget habe.
Gefallen ihm dieſe Folgen nicht, ſo muß er auch bekennen, daß er ſein Epiphone - ma nicht wohl angebracht hat, und mir erlauben, uͤber ofenbahre Thorheiten zu lachen, ob ich gleich ſelbſt nicht vollkom - men bin. Denn das wird er mir doch laſ - ſen, daß ich gerechter bin, als diejenigen, welche ich tadele. Haͤlt er aber die Unord - nung, welche er in meiner Schrift bemer - cket, vor einen Fehler, der dieſelbe eben ſo ſcheußlich machet, als die Buͤchlein der elenden Scribenten, und will er, wie es das Anſehen hat, mich, durch den hoͤhni - ſchen Seufzer aus ſeinen Perſius, als ei - nen elenden Tropf herunter machen, der gar keine Ehre zu ſprechen hat; ſo muß ich es zwar geſchehen laſſen: Aber es ſollte mir doch ſeinentwegen leid ſeyn. Denn mir kan es nicht ſchaden.
Egoenim61(o)enim ne pilo quidem minus me ama - bo(9)Cicero Lib. II. ad Qv. Frat. Epiſt. 15..
Jch ſehe wohl, daß meine Schrift ge - wiſſen Leuten unmoͤglich gefallen kan, weil ſie nicht nach ihrem Geſchmack eingerich - tet iſt. Sie iſt ſatyriſch und im hoͤchſten Grad ironiſch. Gleichwie es nun nicht je - dermanns Werck iſt, ſolche Schriften zu machen; ſo iſt es auch nicht allen gegeben, von denſelben geſchickt zu urtheilen. Eine hochgetriebene Jronie gebuͤhrend einzuſe - hen, das iſt eine Sache, die eine gewiſſe Hurtigkeit und Biegſahmkeit des Verſtan - des erfordert, welche in lateiniſchen Koͤ - pfen, durch die poßierliche Schul-Gra - vitaͤt gemeiniglich erſticket wird. Wenn nun ein ſolcher Kopf uͤber ein Buch geraͤth, in welchem er keine ſteife und ehrbare Schulweißheit antrift; ſo koͤmmt er in ein fremd Land, und verirret ſich gar zu leicht. Jch ſage nicht, daß dem Hrn. Reim - mann dieſes Ungluͤck auch begegnet iſt; Nur ſage ich noch, daß drey oder vier ſol - che Urtheile, als dasjenige iſt, welches er von meiner Schrift gefaͤllet hat, genug ſind, ſeinen gantzen Catalogum, derſonſt62(o)ſonſt angenehm zu leſen iſt, in uͤbeln Ruf zu bringen.
Jch bitte uͤbrigens den Hrn. Reimmann, die Freyheit, die ich mir nehme, von ſei - nem Urtheile zu urtheilen, nicht uͤbel zu deuten. Jch bilde mir ein, daß ich es mit einer beſcheidenen Aufrichtigkeit gethan habe, die ihm gefallen wird. Koͤmmt ihm aber dennoch das, was ich zu meiner Vertheidigung ſage; zu hart vor, ſo muß er bedencken, daß er Gelegenheit dazu gegeben hat:
Jch finde bey dieſer Satyre ſonſt wenig zu erinnern. Nur muß ich kuͤrtzlich von einem Nahmen Rechenſchaft geben, der oft darinn vorkoͤmmt. Dieſes iſt der Nah - me Rodigaſt. Jch habe den Menſchen, der dieſen Nahmen fuͤhret, im Jahr 1733. aus ſeinem Avertiſſement von einem be - reits im Druck habenden Corpore Juris Civilis Juſtinianeo-Caſuali zu erſt kennen ler -nen.63(o)nen. Er nennete ſich auf dem Titel, D. Samuel Chriſtoph Rodigaſt JC. und war eine Art von Melchiſedech, ter - ræ filius, von dem ich weiter nichts er - fahren konnte, als daß es ein junger Menſch von etwan 19. Jahren ſey, der ſich in Dreß - den aufhalte, und ſich eigenmaͤchtig zum Doctor gemacht habe. Weil ich nun eben zu der Zeit, als mir ſein Avertiſſement in die Haͤnde fiel, beſchaͤftiget war, der Schmierſucht gewiſſer elenden Scribenten Einhalt zuthun, ſo hielte ich vor noͤthig auch dem Ungluͤck vorzubeugen, welches dieſer Rodigaſt, als ein Comet, der ge - lehrten Welt zu drohen ſchien. Jch brach - te zu dem Ende meine Gedancken von ſei - nem Vorhaben zu Papier, und ließ ſie in das 123te Stuͤck des Hamburgiſchen Correſponden ten von 1733. ſetzen. Rodi - gaſt ward daruͤber ſo boͤſe, daß er eine Schrift von 4 Bogen in 4to unter dem Nahmen von Martin Albrecht, wieder den Verfaſſer des Correſpondenten, der doch gantz unſchuldig war, heraus gab. Der Titel dieſer Schrift war ſo naͤrriſch, und der Jnhalt ſo raſend, daß ich wahr - haftig davor erſchrack. Doch weil ich die - ſe Haͤndel angefangen hatte, ſo gab ich demMar -64(o)Martin Albrecht, welches Rodigaſt ſelbſt war, einen kurtzen Beſcheid, der in dem 173ten Stuͤcke des Hamburgi - ſchen Correſponden ten von eben dem Jah - re zu leſen iſt.
Kurtz darauf kamen mir eben die - ſes Rodigaſts Gedancken uͤber den Spruch: Viele ſind berufen; aber wenig ſind auserwehlet; imgleichen uͤber die Worte: Und ſie meynten, ſie ſaͤhen ein Geſpenſt ꝛc. zu Geſicht, woraus man ſiehet, daß der Verfaſſer vor dieſen ſich der Gottes-Gelahrtheit be - fliſſen hat. Jch habe niemahlen etwas elenders geleſen, und darum fuͤhre ich den Rodigaſt als ein Muſter eines vollkom - men elenden Scribenten an. Jch wuͤrde ihm aber dieſe Ehre nicht erwieſen haben, wenn ich zu der Zeit, als ich meine Satyre ſchrieb, gewuſt haͤtte, daß, wie ich hernach erfuhr, der arme Rodigaſt wuͤrcklich in Raſerey gefallen ſey, und in dem elendeſten Zuſtande zu Dreßden lebe. Jch habe nach der Zeit von ihm nichts ge - hoͤret, und kan alſo nicht ſagen, ob er noch lebe, oder ob er geſtorben ſey.
Jch habe die Hrn. Sievers und Philip - pi, mit dieſem elenden Scribenten in ei -ne65(o)ne Claſſe geſetzet. Allein meine Meynung iſt nicht, dadurch anzudeuten, daß ich ſie vor eben ſo albern halte, als den Rodi - gaſt. Jch ſehe den Unterſcheid zwiſchen ihnen, und dieſem armen Suͤnder wohl ein. Doch, da dieſer Unterſcheid, wie groß er auch ſeyn mag, nicht verhindert, daß ſie alle drey elende Scribenten ſind; So habe ich geglaubt, ſie haͤtten ſich eben der Geſellſchaft eines Menſchen nicht zu ſchaͤmen, der die Ehre hat ihr Bruder zu ſeyn; ob ſie gleich gewiſſe Vozuͤge vor ihm haben, die ich ihnen nicht ſtreitig ma - chen will.
Uber die Neue Geſellſchaft, die ich ih - nen gegeben habe, werden ſie ſich ver - muthlich nicht beſchweren. Jch beſorge auch nicht, daß der Hr. Prof. Manzel, und der Hr. Mag. Hillige es mir uͤbel deuten werden, daß ich ſie zween ſo be - ruͤhmten Maͤnnern zugeſellet habe.
Jch habe alſo meinen Leſern von allen meinen ſatyriſchen Schriften Rechenſchaft gegeben. Von der ernſthaften Schrift gegen den Hrn. Prof. Manzel, die in die - ſer Sammlung die Letzte iſt, ſage ich nichts. Jch werde eine eigne Vorrede zu derſelben machen, weil die gegenwaͤrtigeeſo66(o)ſo ſchon lang genug iſt: Doch bitte ich mir von meinen Leſern die Freyheit aus, nur noch ein paar Worte mit gewiſſen Leu - ten zu reden, die in dem Wahn ſtehen, daß ich mich durch meine Satyren ſehr ſchwer an GOtt und meinem Nechſten verſuͤn - diget habe.
Wenn ich wollte, ſo koͤnnte ich mein Verfahren durch die ironiſchen Ausdruͤ - ckungen, die in der Bibel vorkommen, eben ſo gruͤndlich rechtfertigen, als gewiſſe hitzige Prieſter ihre Grobheit durch eini - ge harte Worte, der ſich die Propheten, Chriſtus, und die Apoſtel bedienet haben. Allein ich will es nicht thun. Jch will ihnen, auf eine andere Art, weiſen, daß ſie nicht wiſſen, was ſie ſagen, wann ſie meine Satyren verdammen, und ſie da - hin bringen, daß ſie ſelbſt meine Verthei - diger werden ſollen.
Jch gebe ihnen demnach zu, daß man in der Chriſtenheit von keinen Satyren wiſſen wuͤrde, wenn es den Apoſteln ge - lungen waͤre, alle Welt ſo weiſe zu ma - chen, als ſie es ſelbſt waren. Aber ſehen ſie dann nicht, daß man, auf den Fall, auch von Krieg und Krieges-Geſchrey nichts hoͤren wuͤrde? Jſt es nicht ofenbahr,daß67(o)daß man, wenn es mit dem Eyfer, mit der Andacht, mit der Selbſt-Verleugnung, und mit der Entfernung von aller Eitel - keit, welche die Chriſten in der erſten Hi - tze von ſich blicken lieſſen, Beſtand ge - habt haͤtte, von Proceſſen, von Oſt-und Weſtindiſchen Compagnien, von Manu - facturen, Tantzen, Fechten und derglei - chen nicht das geringſte wiſſen wuͤrde? Es wuͤrde niemand Buͤcher ſchreiben, und ſich in Wiſſenſchaften vertiefen, die ſo viel Zerſtreuung in ſich faſſen; Die Sal - bung wuͤrde uns alles lehren, und wir die Zeit, die wir vom Ackerbau, und von anderer unumgaͤnglich noͤthiger Hand - Arbeit uͤbrig haͤtten, mit Wercken der Liebe, und im Gebet zubringen. Dar - um aber haͤlt niemand, als ein Qvaͤcker - und Wiedertaͤufer, den Krieg vor uner - laubt und ſuͤndlich. Die Prieſter zwoer im Krieg verwickelter chriſtlichen Republi - cken bitten von beyden Seiten, GOtt moͤ - ge die Waffen der ihrigen geſegnen, und ſingen, ohne Scrupel, das Te Deum, wenn ihre Parthey einen Sieg erhalten hat. Kein Prieſter in einer Handels - Stadt macht ſich ein Gewiſſen, auf der Cantzel vor einen Schiffer zu beten, dere 2mit68(o)mit Schif und Volck nach Bourdeaux ge - gangen iſt; wohin er doch niemahlen kom - men wuͤrde, wenn er ſo geſinnet waͤre, als die erſten Chriſten zu Jeruſalem: Ja der Prieſter thut dieſe Vorbitte zuweilen aus Abſichten, die er nicht haben wuͤrde, wenn der Geiſt der Apoſtel auf ihm ruhete. Ein Kaufmann, ein Soldat, ein Advocat, ein Fechtmeiſter, ein Tantzmeiſter, das ſind alles Leute, von denen niemand glaubt, daß ihre Profeßion ſie ungeſchickt mache zum Reiche GOttes. Und wer verdam - met die Gelehrten?
Man muß alſo geſtehen, daß man ohne Suͤnde etwas thun koͤnne, das mit der Voll - kommenheit, welche die Regeln des Chri - ſtenthums zum Endzweck haben, nicht be - ſtehen kan, und welches nimmer geſchehen wuͤrde, weñ alle Welt dieſe Regeln genau be - obachtete. Jch verlange nichts mehr, als daß man nach dieſem Satz, den man, ohne ſich zu wiederſprechen, und, ohne die gantze heutige Chriſtenheit zu verdammen, nicht leugnen kan, die ſatyriſche Schreibart beur - theile. Jch bin ſehr hoͤflich: Aber es ſey darum. Jch will zu frieden ſeyn, wenn man nur ſo billig iſt, und dieſer unſchul - digen Schreibart mit dem Kriege und mitden69(o)den Proceſſen gleiches Recht wiederfah - ren laͤſſet Thut man dieſes nicht, ſo ſa - ge ich, daß man Muͤcken ſeiget, und Ca - meele verſchlucket.
Es koͤmmt wahrlich laͤcherlich heraus, daß man ſich ſtellet, als koͤnne man ein unſchuldiges Spotten mit dem Sinne des Chriſtenthums nicht reimen; Da man doch ſo kuͤnſtlich iſt, daß man Krieg und Blutvergieſſen, Aufruhr und Zwietracht als Dinge vorſtellen kan, die mit dem Chriſtenthum gar wohl beſtehen koͤnnen. Jch habe wider die Gruͤnde, die man zu dem Ende anfuͤhret, nichts einzuwen - den. Jch bekenne, Krieg und Proceſſe ſind ein nothwendiges Ubel, und werden durch die vorhergegangene Beleidigung ſo erlaubt und unſchuldig, als ſie ſonſt an ſich verwerflich ſind. Aber ich bin auch verſichert, daß eine Satyre wieder ein naͤrriſches Buch (denn von ſolchen rede ich nur) durch die Thorheit des Scribenten, der ein ſolches Buch heraus giebt, gantz und gar entſuͤndiget wird. Benimmt uns das Chriſtenthum das Recht nicht, uns wieder Unrecht zu wehren; ſo wird es uns auch ja die Befugniß laſſen, der Uberhand nehmenden Schmierſucht alberner Schrei -e 3ber70(o)ber zu ſteuren. Jch weiß nicht, ob es na - tuͤrlicher iſt, eine angethane Beleidigung zu raͤchen, als uͤber das, was laͤcherlich iſt, zu lachen! Man wird ſprechen: „ Die er - „ laubte Rache werde von der Obrigkeit „ ausgeuͤbet, die das Schwerd nicht um - „ ſonſt fuͤhret: Hergegen wuͤrden die Sa - „ tyren von Leuten gemacht, die nicht das „ geringſte Recht haͤtten, ihren Nechſten „ auszu hoͤhnen. ‟ Aber man muß wiſſen, daß ein Menſch der leſen und ſchreiben, und von einem Buche urtheilen kan, auf ſeine Art, eben ſo wohl ein geiſtlicher Koͤnig iſt, als ein Chriſt, und ſeine Feder ſo wenig umſonſt fuͤhret, als die Obrigkeit ihr Schwerd. Die Rache, die ein ſolcher an einem elenden Scribenten ausuͤbet, der ihn ins beſondere nicht beleidiget hat, und den er oft gar nicht kennet, kan nicht als eine privat Rache angeſehen werden. Sie iſt folglich erlaubt, und gruͤndet ſich auf ein Recht, welches ich in meiner unpar - theyiſchen Unterſuchung ſo nachdruͤck - lich behauptet habe, daß es nicht noͤthig iſt, hier desfalls ein Wort mehr zu ſagen. Die Herren die ſo hurtig geweſen ſind, mich zu verdammen, werden indeſſen wohl thun, wenn ſie das, was ich bißher geſagt habe,reiflich71(o)reiflich uͤberlegen. Sie werden finden, daß meine Verdammniß unzaͤhlige Seelen mit ins Verderben reiſſen wird und mich daher, um ſo vieler Unſchuldigen willen, begnadigen. Soll ich aber allein der Suͤnder ſeyn: So muß ich es zwar geſche - hen laſſen, daß ein ſo unbarmhertziges Ge - richt uͤber mich ergehet: Aber kluge Leute werden wohl ſehen, wie partheyiſch ſie richten; und ich muß mich damit troͤſten, daß mein Gewiſſen mich von aller Boß - heit loßſpricht, die ſie in meinem Verfah - ren bemercken.
Was habe ich dann gethan? Jch habe einigen elenden Scribenten, die ſich duͤn - cken lieſſen, ſie waͤren etwas, da ſie doch nichts waren, im Lachen die Wahrheit ge - ſaget. Sollte dieſes eine ſo groſſe Suͤn - de ſeyn? Jch will es glauben, wenn man mir erſt wird bewieſen haben, daß GOtt dieſe Art Menſchen in ſeinen beſondern Schutz genommen, und ihnen die Frey - heit gegeben habe, die Welt durch ihre al - berne Schriften zu qvaͤlen, ohne daß an - dere ehrliche Leute das Recht haͤtten, auch zu dem unertraͤglichſten Schmierer zu ſa - gen: Was machſt du? Man ſage mir nicht, daß ein Chriſt auch einen ſolchen Schmie -e 4rer72(o)rer mit Geduld tragen muͤſte: Denn die chriſtliche Geduld verbindet uns nicht zur Unempfindlichkeit. Wir fangen, ohne Suͤnde, Floͤhe: wir ſchlagen die Muͤcken tod: Wir vertilgen die Fliegen. Der Heilige thut es ſo wohl, als der Suͤnder. Warum wollte man ſich dann ein Gewiſ - ſen machen, daß gelehrte Ungeziefer aus - zurotten? Diejenigen, weche ein ſo dickes Fell haben, daß ſie die Biſſe dieſes Unge - ziefers nicht fuͤhlen, die ſind gluͤcklich: Al - lein es ſtehet ihnen uͤbel an, daß ſie die Empfindlichkeit anderer verdammen, wel - che die Natur mit einer zarteren Haut ver - ſehen hat. Es waͤre wahrhaftig zu wuͤn - ſchen, daß man noch empfindlicher waͤre, und ſich mehr Muͤhe gebe, die Welt von dieſem Ungeziefer zu befreyen. Es nimmt von Jahr zu Jahr zu; und ich weiß nicht, wo es damit endlich hinaus will? Die greu - liche Menge der elenden Scribenten iſt eben ſo geſchickt, eine Barbarey einzufuͤh - ren, als ein Schwarm von Oſt-und Weſt - Gothen: Und dennoch traͤgt man Be - dencken, den Anwachs dieſer Schmierer zu hemmen!
Man glaubt es ſey wieder die chriſtliche Liebe, die Bloͤſſe dieſer Leute aufzudecken,und73(o)und ſie ſo laͤcherlich zu machen, als ſie es verdienen. Aber man muß wahrlich, um dieſes zu glauben einen wunderlichen Be - grif von der chriſtlichen Liebe haben. Soll - te ſie uns verbinden auch die Thorheiten un - ſers Nechſtens vor Weißheit zu halten, und einen elenden Scribenten, zum Verdruß aller ehrlichen Leute und zum Aergerniß der Schwachen, nach eigenem Belieben, un - gehindert ſchwaͤrmen zu laſſen? Man kan ja dieſen Leuten ſeine Liebe nicht beſſer bezeu - gen, als wenn man ſie zur Erkaͤnntniß ih - res Elendes zu bringen ſucht, und ſie irren ſich, wenn ſie meinen, man haſſe ſie, wenn man ihnen die Wahrheit ſaget. Jch habe zum wenigſten meine Gegner, ſo ferne ſie, Menſchen ſind, nicht gehaſſet; ſondern al - lezeit den Scribenten von dem ehrlichen Manne ſorgfaͤltig unterſchieden. Daß mich aber die chriſtliche Liebe verbinden ſollte, die Thorheiten dieſer Leute mit dem Mantel der Liebe zuzudecken, die ſie, als Weißheit, vor den Augen aller Welt auskramen, und mit welchen ſie ſich bruͤſten, das glaube ich nicht.
Eine ſolche Auffuͤhrung macht auch die elendeſten und preßhafteſten Perſonen alles Mitleidens unwuͤrdig. Wenn der Lah -e 5me74(o)me vor der ſchoͤnen Thuͤr, den Petrus ge - ſund machte, an ſtatt zu betteln, alle die in den Tempel giengen, mit lauter Stim - me erſuchet haͤtte, ſich an einem ge - wiſſen Orte zu Jeruſalem einzufinden, und ſeine Luft-Spruͤnge anzuſehen, ſo bin ich verſichert, daß die Apoſtel Petrus und Johannes, wie ehrbar ſie auch ſonſt wa - ren, uͤber den Narren gelachet, und nim - mer ein Wunder an ihm gethan haben wuͤrden. Und ich ſoll nicht lachen, wenn Sievers und Philippi Buͤcher ſchreiben, und ein Handwerck treiben wollen, wo - zu ſie vieleicht ungeſchickter ſind, als der Lahme vor der ſchoͤnen Thuͤr zum Tan - tzen? Kein vernuͤnftiger Menſch wird ei - nes Blinden ſpotten: Aber, wenn er ſich unterſtehet von Farben zu urtheilen, ſo kan man ihm ohne Suͤnde ſagen, daß er nicht ſehen kan. Man wird nimmer uͤber die Auffuͤhrung eines Bauren lachen, wie ſehr er auch wieder den Wohlſtand ſuͤn - diget. Er iſt nicht ſchuldig die Regeln des Wohlſtandes zu wiſſen, und giebt ſich auch nicht davor aus. Allein die Bocks-Spruͤn - ge und Verdrehungen eines anderen, der recht manierlich thun will, und ſich ein - bildet, er wiſſe zu leben koͤnnen auch denErnſt -75(o)Ernſthafteſten zum lachen bewegen. Ein elender Scribent gleichet einem ſolchen voll - kommen, und muß es ſich alſo nicht be - fremden laſſen, wenn man auch uͤber ihn lachet. Der Mangel des Verſtandes, der aus ſeinen Schriften hervorleuchtet, iſt es nicht, der ihm dieſes Ungluͤck zuziehet. Die - ſes waͤre ein Fehler, den man ihm ſo wohl, als vielen andern ehrlichen Leuten zu gu - te halten koͤnnte, weil er nicht willkuͤhr - lich iſt. Aber der laͤcherliche Stoltz, der ihn verleitet, ſich, ſeiner Schwachheit ungeachtet, vor einen Lehrer der Unwiſ - ſenden aufzuwerfen, die Unverſchaͤmtheit mit welcher er von der Welt verlanget, ſein Geſchmier zu leſen, und die Verach - tung, die er dadurch vor dieſelbe bezeuget, das ſind Dinge, die nicht zu dulden ſind, und denen er es eintzig und allein zu dancken hat, daß man ſeiner ſpottet.
Die Scheinheiligen meinen, dieſes Spot - ten ſey unerlaubt: Sie ſprechen, Ernſt und Sanftmuth ſtehe einem Chriſten beſ - ſer an. Jch ſage ihnen aber, daß das Spot - ten zuweilen unumgaͤnglich noͤthig iſt, und daß ein Chriſt auch lachen und ſchertzen kan, ohne Suͤnde. Wir reden hier von ſolchen Spoͤttereyen, durch welche einScri -76(o)Scribent, ſo ferne er ein Scribent iſt, oder viel mehr ſein Buch, laͤcherlich ge - macht wird. Wenn dieſe Spoͤttereyen uͤberhaupt ſuͤndlich ſind, ſo weiß ich nicht, wie man es anfangen ſoll, wenn man ge - wiſſe Scribenten wiederlegen will? Die armſeeligſten Schreiber wuͤrden, auf den Fall, die wenigſte Anfechtung zu beſor - gen haben, weil niemand, ohne ſelbſt ein Narr zu werden, ernſthaft wieder die Gril - len ſolcher Troͤpfe ſchreiben kan. Einer ernſthaften Wiederlegung ſind nur dieje - nigen Scribenten wuͤrdig, die, auch wenn ſie Jrrthuͤmer behaupten, Proben eines geſunden Verſtandes von ſich geben. Die - jenigen hergegen, mit denen es ſo ſchlecht beſtellet iſt, daß auch die Wahrheit unter ihren Haͤnden laͤcherlich, und die Spruͤ - che Salomons in ihrem Munde Thorheit werden, die verdienen, daß man ſie aus - ziſchet. Jene wiederlegt man in der Ab - ſicht, daß ſie ſich beſſern, und der Welt immer nuͤtzlicher werden ſollen: Dieſe aber nicht ſo wohl in Abſicht auf ihre eigene Beſſerung, als andern zum Schrecken. Solche Leute muͤſſen gar nicht ſchreiben. Da nun eine ſcharfe Satyre das eintzige Mittel iſt, ſie zum Stillſchweigen zu brin -gen;77(o)gen; ſo kan man das Spotten uͤberhaupt nicht verwerfen; es ſey dann, daß man den elenden Scribenten eine unumſchraͤnck - te Freyheit zuſchreiben wolle, zur Schan - de des menſchlichen Geſchlechts, und zur Quaal der klugen Welt, ſo lange zu ra - ſen, biß ſie von ſich ſelbſt muͤde werden. Jch koͤnnte dasjenige, was ich hier von der Nothwendigkeit des Spottens in gewiſſen Faͤllen, ſage, mit Exempeln erlaͤutern: Aber ich finde es unnoͤthig, weil ich in mei - ner unpartheyiſchen Unterſuchung ſchon von eben dieſer Materie gehandelt habe. Jch bin auch uͤberdem nicht geſon - nen, meine ehemahligen Gegner von neuen zu kraͤncken; und es ſoll mir nicht zuwider ſeyn, wenn meine Leſer gedencken wollen, daß alles, was ich bißher zur Vertheidi - gung des Spottens geſchrieben habe, mei - ne Satyren nicht rechtfertige.
Mein Verfahren wird darum nicht we - niger unſchuldig ſeyn. Jch habe geſpot - tet: Jch bekenne es: Aber auf eine ſolche Art, daß, wenn ich gleich die Ernſthaf - tigkeit, die einem Chriſten ſo wohl anſte - hen ſoll, aus den Augen geſetzet habe, mein Spotten dennoch mit dem ſanftmuͤthigen Geiſte, mit welchem man ſeinen Bruder,der78(o)der von einem Fehl uͤbereilet wird, wieder zurecht zu helfen verbunden iſt, ſehr wohl beſtehen kan. Jch gehe mit meinen Geg - nern um, als ein Vater mit ſeinem Kin - de. Ein Kind gewoͤhnt ſich oft an, das Maul zu verdrehen, die Augen zu verſchieſ - ſen, oder ſonſt etwas, das ihm nicht wohl anſtehet. Der Lehrmeiſter dieſes Kindes, ein ſtrenger Mann, den Amt und Chriſten - thum verbinden, ernſthaft zu ſeyn, beſtra - fet deſſelbe wegen der unanſtaͤndigen Ver - drehung des Geſichtes, und ſtellet ihm ſo gruͤndlich, als beweglich vor, wie ſehr es ſich dadurch an ſeinem Schoͤpfer verſuͤndige, von dem es doch ſo wohl gebildet ſey: Er laͤſſet ein wenig vom vierdten Gebote, und von der Nothwendigkeit des Gehorſahms gegen Eltern und Lehrer mit einflieſſen, und ſchlieſſet ſeinen Sermon mit einer ernſtli - chen Drohung; welche er denn auch, nach Gelegenheit, mit einem anſtaͤndigen Amts - Eyfer, ins Werck ſetzet. Man ſiehet, daß dieſer Schulmeiſter es ungefehr ſo macht, als es die Feinde der Satyren haben wol - len: Aber er predigt tauben Ohren: Das Kind hoͤrt ſein Geſchwaͤtz an, und beſſert ſich doch nicht. Der Vater indeſſen, der nicht ſo gelehrt, und folglich kluͤger iſtals79(o)als der Schulmeiſter wird den Fehler des Kindes gewahr: Macht ihm ſeine Verdre - hungen, auf eine geſchickte Art nach, und fraͤgt: Wie laͤßt mir das? Das Kind ſchaͤmt ſich, und faſſet von Stund an den Ent - ſchluß, ſich zu beſſern. Die geſchickte Nach - ahmung durch welche dieſer Vater ſein Kind bekehret, iſt nichts anders, als eine liebrei - che und ſanftmuͤthige Spoͤtterey, wodurch er den Fehler ſeines Kindes, zu deſſen Be - ſten, laͤcherlich macht: Und meine erſten Satyren gegen Sievers und Philippi ſind nichts anders, als eine Nachahmung deſ - ſen, was ich in ihren Schriften zu tadeln fand? Wie konnte ich liebreicher und ſanft - muͤthiger mit ihnen verfahren? Jch frug ſie gleichſahm: Wie laͤßt mir das? Und gab ihnen ſtillſchweigend die Lehre: Cauendum eſt, ne quid in agendo dicendove facias, cujus imitatio rideatur(11)Cicere in Bruto. . Dieſe Lehre haͤtten ſie annehmen, und ſich bedancken ſollen. Denn gewiß, ich begegnete ihnen beſcheidener und hoͤflicher, als ſie es verdien - ten. Man ſehe ihre Schriften an. Wer die geleſen hat, und doch meine Satyren, als gar zu ſcharf, unchriſtlich und ſuͤndlich laͤ - ſtert, der verdienet nicht, daß ich mich um ihn bekuͤmmere.
Was80(o)Was uͤbrigens den Mangel der Ernſt - haftigkeit betrift, den man mir vorwirft, ſo begehre ich nicht zu leugnen, daß ich geſcher - tzet, und uͤber die Fehler meiner Gegner gela - chet habe. Jch glaube aber nicht, daß dieſes eine Suͤnde ſey. Man kan nicht allemahl ehrbar ſeyn. Der Schertz hat oft ſeinen Nutzen, ſo wohl als der Ernſt.
....... Ridiculum acri Fortius & melius magnas plerumque ſecat res(12)Horas. Lib. 1. Sat. 10. .
Jch habe uͤber die Fehler meiner Gegner ge - lachet: Aber waren ſie nicht laͤcherlich? Soll - te ich daruͤber weinen? Sollte ich mich uͤber fremde Thorheiten betruͤben? So traurig bin ich nicht. Wer es thun will, der thue es im̃erhin: Aber er muß wiſſen, daß er in mei - nen Augen noch laͤcherlicher iſt, als derjeni - ge, uͤber deſſen Thorheit er ſich betruͤbet. Ein ſolcher Schwermuͤthiger kan unmoͤglich ei - ne froͤliche Stunde haben, und ich moͤchte lieber nicht gebohren ſeyn, als in einem ſol - chen Zuſtande leben. Wollen die Feinde der Freude mich darum unter die Unwiederge - bohrnen rechnen, ſo muß ich es geſchehen laſ - ſen: Sie werden mir aber dann auch er - lauben, daß ich ihre murriſche Schwer -muth81(o)muth nicht vor eine Frucht der Wiedergeburth, ſon - dern vor eine Kranckheit halte, die gemeiniglich aus einen dicken Gebluͤte zu entſtehen pfleget.
Jch will jetzo nicht unterſuchen, wie es in der Welt ausſehen wuͤrde, wenn es dieſen neuen Heili - gen gelingen ſollte, alle Freude aus derſelben zu ver - bannen, und das menſchliche Geſchlecht in die tiefe Schwermuth zu ſtuͤrtzen, die ſie als den Gipfel der chriſtlichen Vollkommenheit anſehen, und auf wel - che ſie ſich ſo viel einbilden: Sondern ich frage nur; was ſie von der Gottheit vor einen Begrif haben, wenn ſie glauben, ſie koͤnne nicht leiden, daß ihre Creaturen froͤlich ſind?
Jch kan mir einen ſo traurigen und ſchimpflichen Begrif von GOtt nicht machen; ſondern ich bin ver - ſichert, daß es ihm nicht zuwider iſt, wenn man ſich nach der Vorſchrift Salomons richtet. Jch eſſe demnach mein Brod mit Freuden, und trincke mein Wein mit gutem Muth. Denn das iſt mein Theil. Jch entſchlage mich aller traurigen Gedancken, ſo viel mir moͤglich iſt, und mache mir ſo viele gute Ta - ge, als ich kan. Die boͤſen kommen wohl ohne un - ſere Bitte. Jch ſehe alles, was in der Welt vor - gehet, mit Gelaſſenheit, und groͤſten theils von der laͤcherlichen Seite an: Und ich befinde mich wohl dabey. Meinen Satyren inſonderheit habe ich man - che luſtige Stunde zu dancken, und ich erinnere michfnoch82(o)noch mit Vergnuͤgen der Zeit, da ich ſie machte. Jch bin auch mit allen Folgen, die ſie gehabt haben voll - kommen zufrieden, und alſo nicht im Stande, die Suͤnde, die ich begangen haben ſoll, zu bereuen.
Wiewohl es mir nun unmoͤglich iſt, meine alten Suͤnden zu bereuen; ſo werde ich mich doch, allem Anſehen nach, vor neue huͤten. Jch bin zum Ta - deln nicht ſo geneigt, als Leute, die mich nicht genau kennen, ſich vieleicht einbilden. Meine Verachtung gegen die elenden Scribenten nimmt auch, mit der Anzahl derſelben, taͤglich zu. Jch leſe ihre Buͤch - lein nicht, und es iſt alſo nicht wahrſcheinlich, daß ich ſie weiter beunruhigen werde.
Jnzwiſchen laͤſſet ſich von zukuͤnftigen Dingen nichts gewiſſes ſagen. Verredet habe ich es eben nicht: Doch koͤnnen die beyden Herren, die ſich neulich in einer gewiſſen Reichs-Stadt uͤber mich und meine Schriften ſo luſtig gemacht haben, verſi - chert ſeyn, daß ich mich an Leuten ihrer Art nimmer vergreifen werde. Der eine iſt ein Juͤngling, qui animas negotiatur, & experimenta per mortes agit. Jch kenne den guten Menſchen nicht, und weiß nicht, was ihn bewogen hat, uͤbel von mir zu reden, und zu prahlen, wie er mich abfertigen woll - te, wenn ich mit ihm anbaͤnde. Er kan meinent - wegen ruhig ſchlafen. Jch weiß nicht, ob er mehr als ein Recept ſchreiben kan: Und Recepte wieder - lege ich nicht.
Der andere iſt ein elender Schulmeiſter, den niemand kennen wuͤrde, wenn ich ihn gleich mit Nahmen nennete: Ein Menſch von ſo erſtaunender Unwiſſenheit, daß er auch die Knaben in ſeiner eige - nen Claſſe, welche von unten auf die erſte iſt, in dieſem Stuͤcke uͤbertrift. Dieſer ehrliche Mann hat laͤſterlich auf mich geſcholten, und endlich gar ge - drohet, er wolle wieder mich ſchreiben.
Aber ſein Schelten ruͤhrt mich ſo wenig, als ſein Drohen. Er ſchreibe wider mich, wenn er es vor gut findet. Dieſes iſt das aͤrgſte, was ich ihm wuͤnſchen koͤnnte, wenn ich noch ſo rachgierig waͤre. Doch muß er wiſſen, daß ich ihm nim - mer antworten werde.
Wenn er ſich dieſe Verſe von einem guten Freun - de erklaͤren laͤſſet, ſo wird er erfahren, weſſen er ſichf 2zu84(o)zu mir zu verſehen hat. Jch werde mich ſo wenig um ihn; als um den Doctor bekuͤmmern, und nimmer mit Leuten abgeben, quos natos non puto. Jch uͤbergebe den Doctor dem Schulmeiſter, und den Schulmeiſter dem Doctor. Sie koͤnnen einander, nach den Regeln ihrer Kunſt, das Blut abzapfen, ſo iſt ihnen beyden geholfen.
Nun iſt es, deucht mich, einmahl Zeit, daß ich dieſe Vorrede ſchlieſſe. Sie koͤmmt mir ſelbſt ſchon zu lang vor. Jch ſage alſo nichts von den Auszuͤgen aus gewiſſen woͤchentlichen Blaͤttern, welche man dieſer Sammlung meiner Schriften angehaͤnget hat. Wer ſie leſen wird, der wird finden, daß man daran nicht uͤbel gethan hat, und daß viele derſelben zur Erlaͤuterung einiger Stellen dieſer Vorrede unumgaͤnglich noͤthig ſind.
Meinen Nahmen wird man weder auf dem Ti - tel-Blatt, noch zu Ende dieſer Vorrede finden. Jch mag denſelben nicht gerne gedruckt ſehen, und habe geglaubt, es koͤnne meinen Leſern gleich viel ſeyn, wie ich heiſſe.
Hiermit endige ich meine Vorrede. Meine Le - ſer werden daruͤber ſo froh ſeyn, als ich es ſelbſt bin, und mir das gewoͤhnliche Abſchieds-Compli - ment gerne ſchencken.
Kurtze, aber dabey deutliche und erbauliche Anmerckungen, uͤber die Klaͤgliche Geſchichte, von der Jaͤmmerlichen Zerſtoͤhrung der Stadt Jeruſalem; nach dem Geſchmack des (S. T.) Hn. M. Hen. Jac. Sievers verfertiget, und als eine Zugabe zu deſſen Anmerckun - gen uͤber die Paßion, ans Licht geſtellet, von X. Y. Z. Rev. Miniſt. Cand. Franckfurt und Leipzig, 1732.
[2]Jch uͤberliefere dir hiemit ein Werckgen, welches zwar, dem er - ſten Anſehen nach, von ſchlechter Wichtigkeit zu ſeyn ſcheinet; aber doch ver - muhtlich ſolche Sachen in ſich faſſet, daß es dich nicht gereuen wird, einige Augen - blicke auf deſſen Durchblaͤtterung gewen - det zu haben.
Die Regeln der Beſcheidenheit verbie - ten mir, meine eigene Arbeit zu loben und ich habe auch dieſes um ſo viel weniger noͤh - tig, weil dajenige, was ich auf dem Ti - tul-Blat geſaget habe, hinlaͤnglich iſt, dir ei - nen guten Begriff von ſelbiger zu geben. Meine Anmerckungen ſind nach dem Ge -A 2ſchmack4Vorrede. ſchmack des (S. T.) Hn. M. Hen. Jac. Ste - vers geſchrieben. Sie koͤnnen alſo nicht anders als wohl gerahten ſeyn, wofern ich nur geleiſtet, was ich verſprochen. Ob dieſes aber geſchehen ſey, muß der Augenſchein geben.
Jch beſcheide mich zwar gerne, daß meine Anmerckungen unmoͤglich ihrem Urbilde vollkommen aͤhnlich ſeyn koͤnnen: Allein ich bin zu frieden, wenn ich nur einen merck - lichen Grad der Aehnlichkeit erreichet habe, und verlange gar nicht, daß man meine An - merckungen den Anmerckungen des Hn. M. gleich ſchaͤtze. Jch habe mir dieſes vortrefli - chen Mannes Schriften zu einem Muſter vorgeſtellet. Jch folge ihm, wie wohl mit ungleichen Schritten:
Darinn ſuche ich meinen Ruhm, und hoffe, der geneigte Leſer wird ſo billig ſeyn, und geſtehen, daß ich wohl gewaͤhlet habe.
Jch haͤtte hier die ſchoͤnſte Gelegenheit, dem Hn. M. Sievers eine Lob-Rede zu halten: allein ich thue es nicht, denn ich kenne ſeine Beſcheidenheit, und weiß, wie wenig ihm mein Lob nuͤtzen kan. Es ſind auch uͤberdem die Verdienſte deſſelben ſobe -5Vorrede. bekannt, und alle Welt ſtimmet ſo ſehr darinn uͤberein, daß ſie ausnehmend ſind, daß ich nur der Sonnen eine Fackel anzuͤn - den wuͤrde, wenn ich durch mein unge - ſchicktes und unnoͤhtiges Lob Jhm und dem geneigten Leſer verdrießlich fallen wolte.
Jch wennde mich vielmehr zu dem Zoi - lus und Momus. Es iſt nunmehro leider! in dieſen letzten Zeiten in der Welt dahin ge - kommen, daß ein ehrlicher Mann faſt nichts ſchreiben kan, das nicht von naſeweiſen Leuten aufs unbarmhertzigſte durch die Hechel ſolte gezogen werden. Dieſes, glau - be ich, ſchrecket viele gute Gemuͤhter ab, der Welt mit ihrem Talent zu dienen. Nun tadele ich zwar dieſe behutſame Per - ſonen desfals nicht: Allein ſie werden mir doch erlauben, daß ich aufrichtig bekenne, es mehr mit denen hertzhafften Scribenten zu halten, die ſich durch die hoͤniſchen Ur - theile tadelſuͤchtiger Menſchen nicht abhal - ten laſſen, ihre Gedancken der Welt mit - zutheilen, ſondern, ohne zu bedencken, was die boͤſe Welt etwan ſagen werde, ge - troſt darauf loß ſchreiben, und in allen wi - drigen Begebenheiten, ſich mit dem Zeug - niſſe ihres Gewiſſens, und einer lebhafften Empfindung ihrer eigenen Vollkommen -A 3heiten6Vorrede. heiten aufrichten, und in ihrem Kaͤmmer - lein, bey ſich ſelbſt, laͤchelnd, ſprechen:
Alle diejenigen, ſo ihr Vergnuͤgen dar - inn ſuchen, daß ſie ihres Nechſten wahre oder vermeynte Fehler auffdecken und be - lachen, koͤnnen demnach verſichert ſeyn, daß es mir ſehr gleichguͤltig, was ſie von mir und meinen Anmerckungen urtheilen werden. Jch ſchreibe aus keinen eiteln Abſichten: Nicht ums Brod; nicht um Ruhm zu erjagen; ſondern bloß meinem Nechſten zu dienen, und mit dem mir bey - gelegten Pfunde zu wuchern. Die Er - bauung, welche ſo viele fromme Seelen in und auſſer dieſer guten Stadt, aus den herrlichen Anmerckungen des Hn. M. Sievers uͤber die Geſchichte des Leidens und Sterbens JEſu Chriſti ziehen, hat mich auf die Gedancken gebracht, es waͤre nicht uͤbel gethan, wenn man, ſtatt einer Zugabe zu dieſen Anmerckungen, die Ge - ſchichte von der Zerſtoͤhrung der Stadt Jeruſalem, welche der Hr. M. mit dru - cken laſſen, mit eben ſo kurtzen, nachdruͤck - lichen und erbaulichen Noten erlaͤuterte. Viele andaͤchtige Perſonen beyderley Ge -ſchlechts,7Vortede. ſchlechts, welche die Sieverſchen An - merckungen mit unbeſchreiblichem Vergnuͤ - gen leſen, und die Vortreflichkeit derſelben nicht genug zu erheben wiſſen, haben mich angefriſchet, ſelbſt Hand an ein ſo loͤbli - ches Werck zu legen; und die Hoͤflichkeit ſo wohl, als die chriſtliche Liebe hat mir nicht zugelaſſen, ihnen dieſes gottſeelige Begehren abzuſchlagen.
Meine Abſicht iſt alſo, wie du mein Le - ſer ſieheſt, lauter und untadelich. Jch erlaͤutere eine lehrreiche Geſchichte mit Anmerckungen, die ich, wenn ich ſie nicht ſelbſt gemacht haͤtte noch lehrreicher nennen wolte: zu keinem andern Ende, als die Lehr - Begierde einiger gottſeeligen Perſonen zu vergnuͤgen, die ungemein beklagen, daß es dem Hrn. M. Sievers nicht gefallen, auch uͤber dieſe Geſchichte, die er ſeinem Wercklein beygefuͤget hat, ſeine Gedancken der Welt mitzutheilen; und hoffe alſo, der geneigte Leſer werde ſo guͤtig ſeyn, und die - jenigen Fehler, ſo er etwan in meiner Arbeit entdecken moͤchte, meiner guten und unſchul - digen Abſicht wegen, geneigt und groß - guͤnſtig uͤberſehen. Jch meine es doch gut, und wer meiner ſpottet, der verſuͤndiget ſich an mir.
A 4Wie8Vorrede.Wie beweglich und nachdruͤcklich indeſ - ſen ich hier auch meinen Leſern zurede, ſo muß ich doch beſorgen, es werde an Spoͤt - tern nicht mangeln, die bey einer jeden Zeile meiner Anmerckungen etwas zu er - innern haben werden.
Da wird der Eine ſprechen: Meine An - merckungen waͤren laͤppiſch; ich zeigte dar - inn weder Verſtand noch Gelehrſamkeit, ſondern verriehte nur meine Einfalt ſo mercklich, daß man ſagen koͤnnte, ich haͤt - te es, wenn meine Abſicht geweſen, alle Welt zu uͤberfuͤhren, daß ich ein elender Stuͤmper, nicht beſſer anfangen koͤnnen. Er wird hertzlich lachen, daß ich einige griechiſche Stellen angefuͤhret, und Stein und Bein ſchweren, ich verſtuͤnde nichts davon: Ja wer weiß, ob er nicht gar ſagen wird, ich koͤnne nicht einmahl griechiſch leſen.
Der andere wird ſich ſtellen, als wenn er mit dieſem freyen und ziemlich plumpen Urtheil nicht zu frieden waͤre, und ſagen: Man muͤſſe es mit mir ſo genau nicht neh - men; Jch ſey noch jung, und mein Fleiß und gute Abſicht verdiene, daß man gnaͤ - dig mit mir verfahre: Nuͤtzten meine An - merckungen den Gelehrten nicht, ſo koͤnn -ten9Vorrede. ten ſich doch die Ungelehrten daraus erbau - en: Dieſes ſey auch, allem Anſehen nach, mein Endzweck geweſen, und darnach muͤſ - ſe man meine Arbeit beurtheilen.
Der dritte wird von dem Urtheil des an - dern Gelegenheit nehmen, ſtillſchweigend zu verſtehen zu geben, daß er unter die Zahl derer gehoͤre, denen meine Anmerckun - gen nichts nuͤtzen koͤnnen, und folglich ge - lehrt ſey. Er wird mein Buͤchlein in die Haͤnde nehmen, darinne blaͤttern, es dar - auf mit einer hoͤniſchen Mine wieder nie - derlegen, und ſprechen: Jch leſe dergleichen Geſchmier nicht.
Der vierdte, fuͤnffte und vielleicht auch der ſechſte wird ſeine Gedancken von mei - nem Wercke noch auf eine andere Art, ent - weder feiner oder groͤber entdecken; Alle aber werden darinn uͤbereinkommen, daß ich beſſer gethan haben wuͤrde, wenn ich es nicht geſchrieben haͤtte, und ich muͤſte ſehr fremd in der Welt ſeyn, wenn ich mir einbil - den wolte, daß unter hundert einer zu finden, der unpartheyiſch und nach der Wahrheit von mir uñ meiner Schrifft uꝛtheilen weꝛde.
Allein ein jeder mag ſagen, was ihm be - liebt, ich bleibe darum doch wohl, wer ich bin. Mich wird auch das freieſte undA 5beißigſte10Vorrede. beißigſte Urtheil nicht befremden, weil ich mir das ſchlimmſte vorſtelle. Richtet, mei - ne Herren, ſpottet, lachet, ſo ſcharff, ſo grob, ſo fein und ſo laut, als ihr immer wollet, ihr werdet mich dadurch nicht zum Zorn bewegen. Mein Eſſen und mein Trincken ſoll mir darum eben ſo gut ſchmecken als ſonſt: Jch werde deswegen keine unruhige und ſchlafloſe Naͤchte haben: Ja ihr werdet durch eure Spoͤttereien meine Zufrieden - heit, wider euren Willen, vermehren: Denn je aͤrger ihr mit mir umſpringet, je aͤhnlicher werde ich demjenigen vortreff - lichen Mann, deſſen Schrifften ich mir zu einer Richtſchnur auserkohren habe: Und dieſes iſt es, was ich ſuche.
Jch habe Urſache zu vermuhten, daß ich meines Wunſches werde gewehret wer - den: Denn da man ſich nicht geſcheuet hat, einen Mann, deſſen Schrifften ſo vor - treflich ſind, das eine der beruͤhmte - ſten gelehrten Geſellſchafften in der Welt dadurch bewogen worden, ihn, aus eigener Bewegniß, zu ihrem Mitgliede zu erweh - len, auf die allerſchaͤndlichſte Art, ſo gar in den oͤffentlichen Zeitungen, herum zuneh - men, ſo wird man gewiß mit mir nicht ſaͤuberlicher verfahren. Geſchicht das amgruͤnen11Vorrede. gruͤnen Holtz, was will am duͤrren wer - den?
Jch ſage indeſſen nochmahl, ein jeder mag ſagen, was ihm beliebt: ich werde auch die widrigſten Urtheile mit Gelaſſenheit anhoͤren, weil dasjenige, was dem Hn. M. Sievers begegnet iſt, mich voͤllig uͤber - fuͤhret, daß dergleichen Urtheile nichts, als Neid und Einfalt zum Grunde haben.
Unpartheyiſche urtheilen gantz anders von den Anmerckungen dieſes wackern Mannes, als derjenige, deſſen haͤmiſches Urtheil man in den hamburgiſchen Cor - reſpondenten geruͤcket hat. Jch redete noch neulich mit einem ehrlichen Manne, der nicht ſtudiret hat, der bekannte mir auf - richtig, daß er wuͤnſche, daß viele ſolche Buͤcher geſchrieben wuͤrden: Denn, ſprach er, wann ich des Hn. M. Sievers An - merckungen leſe, ſo duͤncke ich mir gantz ge - lehrt. Dieſes Bekaͤnntniß gereichet dem Hn. M. Sievers zu groſſen Ehren. Denn da der Entzweck eines Scribenten iſt, ſeine Leſer zu unterrichten, ſo iſt es ja unſtreitig, daß derjenige ſeine Sachen ſehr wohl muͤſſe gemachet haben, deſſen Schrif - ten die Leſer gleichſam zwingen, zu beken - nen, daß ſie eine Veraͤnderung in ihremVer -12Vorrede. Verſtande wahrnehmen, und einen Wachsthum ihrer Erkaͤnntniß ſpuͤren. Und in der That, die Anmerckungen des Hn. M. Sievers ſind der Art. Er ver - knuͤpfft in ſelbigen mit einer angenehmen Kuͤrtze, die groͤſſeſte Deutlichkeit, die man wuͤnſchen kan, welches nach der Meinung eines groſſen Dichters, ſo wenigen gegeben, daß gemeiniglich eine kurtze Schreib-Art mit einer verdrießlichen Dunckelheit ver - geſellſchafftet iſt.
Es ſolte mir uͤberdem nicht ſchwer fal - len, zu beweiſen, daß in den Anmerckungen des Hn. M. Sievers Sachen vorkom - men, die man bey andern Auslegern verge - bens ſuchet, und an welche vor ihm kein Menſch gedacht hat; woraus dann ſeine Scharfſinnigkeit und tiefe Einſicht zur Gnuͤge erhellet: Allein ich will mich dabey nicht aufhalten, ſondern nur ſo viel ſagen, daß das groſſe Lob, welches ein beruͤhmter Gottes-Gelehrter, dem der Hr. M. Sievers ſeine Anmerckungen, ehe ſie gedruckt wor - den, gezeiget, dieſem ausbuͤndig ſchoͤnen Wercke ertheilet hat, mehr als hinlaͤnglich ſeyn wuͤrde, den Spoͤttern das Maul zu ſto -pfen,13Vorrede. pfen, wenn es nur die Beſcheidenheit des Hn. M. zulieſſe, dasjenige, was unter ihnen ins - geheim geredet worden, nach allen Umſtaͤn - den bekannt zu machen.
Was meineſt du, geehrter Leſer? Solte der Beyfall eines ſolchen Mannes nicht mehr gelten, als das alberne Urtheil des boͤ - ſen und neidiſchen Menſchen, der neulich ſeine elenden Spoͤttereyen uͤber die Anmer - ckungen des Hn. M. Sievers in die Zeitun - gen ſetzen laſſen. Und muß man nicht be - kennen, daß dieſer Elende durch die Schmaͤh-Schrifft, mit welcher er dem Hn. M. wehe thun wollen, ſeine Einfalt, und ſei - nen verdorbenen Geſchmack zu ſeiner eige - nen Schande verrahten?
O daß er doch immer zu Hauſe geblieben waͤre! was hat er vor Ehre davon, daß er uͤber ein Werck ſpottet, ſo die gantze kluge Welt mit Erſtaunen anſiehet, und, als ein anderer Midas, der eintzige iſt, der nicht zwar dem Apollo ſelbſt, doch einem Lieb - ling und Schooßkinde dieſes Gottes Hohn zu ſprechen, das Hertze hat?
„ Judicium ſanctique placet ſententia montis „ Omnibus: arguitur tamen atque in - juſta vocatur„ Vnius14Vorrede. „ Vnius ſermone Midæ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Ovid. Met. Lib. IX.
Er verdienete wahrlich, daß ein eben ſo ſtrenges Gericht uͤber ihn ergienge, als uͤ - ber dieſen phrygiſchen Koͤnig. Und ich mei - ne, er iſt geputzet. Wie hat ihm nicht der Hr. M. Sievers durch die ſcharfſinnige und hertzhaffte Antwort, die gleichfals in dem hamburgiſchen Correſpondenten zu leſen iſt, das Maul geſtopffet? Er iſt verſtum - met, und wird ſich auch, wofern er nicht gantz verblendet iſt, eben ſo wenig weiter regen, als der Hr. M. Sievers aufhoͤren wird, Buͤcher zu ſchreiben. Dieſer mu - thige Scribent wird ſich durch ſolche arm - ſeelige Spoͤttereyen nicht abſchrecken laſſen, die Welt ferner mit ſeinen koͤſtlichen Schriff - ten zu erfreuen. Er verſpricht uns dieſes in der gemeldten Abfertigung des Spoͤt - ters, der ſich an ihm reiben wollen. Er hat auch, als ein redlicher Mann, ſein Wort gehalten, und eine Schrifft in ge - bundener Rede ans Licht geſtellet, die ſei - nen Anmerckungen uͤber die Paßion, an Schoͤnheit, nichts nach giebt, ja denſelben ſo aͤhnlich iſt, als Zwillinge einander zu ſeyn pflegen.
So recht, groſſer und fruchtbahrer Geiſt! Verlache15Vorrede. Verlache die Spoͤtter, und laß dich nichts irren: Vollende, wie du es angefangen haſt:
Sey fruchtbahr, und mehre die Anzahl deiner Schrifften taͤglich: Fahre fort, alle Monathe mit ſo wohlgebildeten Zwillin - gen nieder zu kommen, ſo wird dein Ruhm ſchnell wachſen, und, ehe man ſichs verſiehet, bis an die Sterne ſteigen.
O gluͤckſeeliges Vaterland! das du mit einem ſo wohlgerahtenen Kinde prangen kanſt. Aber erkenneſt du auch dein Gluͤck? Ja, ich weiß, du erkenneſt es, und wirſt nicht ſaumen, die Verdienſte eines Sohnes, der dir ſo viele Ehre bringet, und ſo manche Luſt machet, nach Vermoͤgen zu belohnen. Jſt es alſo wohl glaublich, daß die Schmaͤh - Schrift wider den Hn. M. Sievers, die wir in dem Hamburgiſchen Correſponden - ten geleſen, aus Luͤbeck nach Hamburg ge - ſand worden, wie man uns bereden will? Aus16Vorrede. Aus der Stadt, da niemand, von dem Vornehmſten an bis auf den Geringſten zu finden, der nicht vor den Hn M. eine Hochachtung hege, die mit der Groͤſſe ſei - ner Verdienſte uͤbereinſtimmet? Aus der Stadt, da auch auf den Gaſſen ‒ ‒ ‒ ‒ doch, geneigter Leſer, es iſt Zeit, daß ich ſchlieſſe. Ein Eyfer fuͤr die Ehre eines Mannes, den ich hoch ſchaͤtze, ſetzet mich ſo gar auſſer mir, daß ich nicht einmahl mercke, wie noͤthig es ſey, Abſchied von dir zu nehmen, und mich dir beſtens zu empfehlen. Lebe demnach wohl, geneig - ter Leſer!
CHriſtus ſelbſt) Matth. XXIV. Jhnen) den Juͤden.
Ein Comet,) Es giebt Leute, die nichts glau - ben, und alſo auch leugnen, daß die Cometen was Boͤſes bedeuten, wie vornemlich der gott - loſe Bayle in ſeinen Penſées diverſes ſur la Comete ſich zu behaupten bemuͤhet. Allein ein from - mer Chriſt laͤſſet ſich durch das boͤſe Geſchwaͤtz dieſer Leute nicht irren. Von den Meynun - gen der alten Weltweiſen von den Cometen, v. Plutarchum de Placitis Philoſophorum Lib. III. cap. 2.
Von jederman,) Nemlich von allen Leuten, die nicht blind waren.
Ein gantz Jahr,) Nicht daß er immer ſtille geſtanden, ſondern er iſt, ein gantz Jahr durch, alle Tage auf und untergegangen.
Der ungeſaͤutten Brod,) Nemlich zu der Zeit, da die Juͤden die Oſtern hielten. Exod. XII. 8. 15. XXIII. 15. XXXIV. 18.
Des Monaths Aprilis,) Das war der 14. Tag des Monaths Niſan.
B201820 Maͤnner anheben muſten,) Vermuth - lich, weil es ſehr ſchwer war.
Um die ſechſte Nacht-Stunde, Das iſt um 12 Uhr, da es gemeiniglich zu ſpucken pflegt.
Etliche ſagen,) Jch wolte wohl wetten, daß dieſe etliche Unrecht haben; Denn wenn ſich dieſes zu der Zeit des Leidens Chriſti begeben haͤtte, ſo haͤtten es die Evangeliſten wohl ange - mercket.
Gemeinen Mannes Sohn,) Darum nicht geleugnet, daß er auch eine Mutter gehabt: Denn alle Menſchen werden von Weibern gebohren, wie der chriſtliche Leſer ohne mein Erinnern ſchon wiſſen wird.
Kommen,) Es iſt zu vermuhten, daß er zu Fuſſe dahin gegangen, weil er eines gemei - nen Mannes Sohn geweſen. Wiewohl eini - ge Ausleger anderer Meynung ſind. Vid. Phlege - ton l. c.
Sondern,) Dieſes iſt nicht die Conjunctio adverſativa; Sed; ſondern das adjectivum, ſin - gularis, welches man um der Einfaͤltigen willen anfuͤhren wollen.
Vom Morgen,) Es wird hier nicht verſtan - den die Zeit des Tages, ſo man Morgen nen - net, gleich wie auch das Wort Abend hier nicht die Zeit andeutet, da die Sonne untergehet; ſondern man muß darunter Oſten und Weſten verſtehen.
Tag und Nacht aneinander,) Man kan hieraus ſchlieſſen, daß er nicht geſchlaffen; wie -wohl19wohl einige dafuͤr halten, daß dieſes eine hy - perbole.
Nicht gerne hoͤreten,) Nach Art aller Men - ſchen. Denn es iſt bekannt, daß niemand ger - ne etwas hoͤret, das ihm unangenehm iſt.
Doch nicht auf,) ſondern ſchrie immer fort.
Dieſen Menſchen,) Den Jeſus, genannt A - nani, eines gemeinen Mannes Sohn, der aus einem ſondern heftigen Geiſt ſo geſchrien.
Die Roͤmer da hatten,) Denn die hatten in allen ihren Provintzen gewiſſe Stadthalter, welche nach dem Unterſcheid der Provintzen Procon - ſules, Prætores, Proprætores, oder Præſides ge - nennet wurden. Denn es iſt zu wiſſen, daß die Provintzen nicht alle einer Art geweſen. Anfangs theilte man ſie in Conſulares & Præ - torias. Vid. Sigonius de antiquo jure provincia - rum Lib. II. cap. I. Nachdem eignete ſich Au - guſtus einige zu, und ließ dem Rath die an - dern. Dio Caſſius Lib. LIII. p. 503. Strabo Lib. XVII. fin. Wodurch zwar der erſte Unterſcheid nicht aufgehoben ward; weil ſo wohl die Kaͤy - ſerlichen als raͤthlichen Provintzen in Conſulares & Prætorias eingetheilet wurden. Salmaſius ad Capitolinum in vita M. Antonini Cap. XXII. p. 375. edit. Hack. Jedoch wurden diejenigen Stadt - halter, ſo der Kaͤyſer in ſeine Provintzen ſetzte, eigentlich Præſides genennet. Gruterus Inſcript. p. 457. Inſcript. 4. Spanhemius de U. & P. Numiſm. Diſſert. XVII. p. 180. Egypten hatte was beſon - ders: Denn dahin ward kein Proconſul oderB 2Præſes20Præſes geſandt, ſondern der Stadthalter daſelbſt heiſt nur Præfectus Auguſtalis, und hatte kei - ne faſces. Arrianus de Expeditione Alexandri M. Lib. III. cap. 5. Tacitus Annal. XII. Cap. 6. Hiſt. Lib. I. cap. 2. Dio Lib. LIII. p. 504. Und dieſes ei - ner alten Prophezeihung wegen. Trebellius Pollio in Æmiliano. Der Landpfleger in Syrien, wo - von hier die Rede iſt, war ein Præſes.
Zaͤhren und Thraͤnen gelaſſen,) Das iſt, er hat nicht geweinet.
Ohne unterlaß) Doch hat er zuweilen Athem geholet, und denn hat er nicht geſchrien, quia nemo poteſt ſimul ſorbere & flare.
Uberlaut geſchrien) Denn leiſe Schreyen hat - te er nicht gelernet, ſo wenig als ich und der ge - neigte Leſer.
Albinus der Richter,) Dieſer Albinus war der Landpfleger oder Præſes Syriæ. Joſephus de Bello Jud. Lib. II. Cap. 13. ſaget nicht viel gutes von ihm.
Nicht viel mit Leuten umgangen) Man kan daraus gar wahrſcheinlich ſchlieſſen, daß er me - lancoliſch geweſen.
Oder dichtet) Nicht als wenn alle Dichter Thoren und wuͤtende Leute waͤren: Denn das waͤ - re manchem zu nahe geredet; Sondern dichten heiſt hier nur ſo viel als dencken.
Nicht muͤde worden) Hiedurch wird meine Muthmaſſung beſtaͤrcket, daß er nicht geſchlaffen: denn hier ſteht ausdruͤcklich, daß er nicht muͤde geworden. Man ſchlaͤfft aber nicht, wenn man nicht muͤde iſt.
Die21Die Stadt,) Jeruſalem.
Ungewoͤhnliche Worte,) Das iſt kein Wun - der. Denn damahls war die deutſche Spra - che noch nicht ſonderlich bekannt zu Jeruſalem. Daher war es freylich was ungewoͤhnliches, daß dieſer Jeſus Anani: Au wey mir! rief. Man kan indeſſen ſo viel hieraus lernen, daß er der erſte geweſen, der ſich dieſes Seuffzers be - dienet, welches vor mir niemand angemercket; ſo wenig als daß hier der Text verdorben. Denn in den gedruckten editionen der Hiſtorie von der Zerſtoͤhrung Jeruſalem ſtehet, er habe: Weh auch mir! geſchrien: Da doch ein jeder leicht ſehen kan, daß es: Au wey mir! heiſſen ſoll: Denn ſo ſagen die Juden. Vermuthlich iſt dieſe Verderbung des Textes auf folgende Art entſtanden. Es hat nemlich derjenige, ſo Schuld daran, ſich verſchrieben, und an ſtatt Au wey mir! Wey au mir geſetzet. Dieſes hat ein anderer verbeſſern wollen, und Wehe auch mir daraus gemacht, zum deutlichen Be - weis, daß es wahr ſey was der Heil. Hierony - mus epiſt. 28. ad Lucinium von den ungeſchickten und dabey naſeweiſen Abſchreibern ſagt. Scri - bunt non quod inveniunt, ſed quod intelli - gunt, &, dum alienos errores emendare nitun - tur, oſtendunt ſuos. Dieſe Muthmaſſung iſt ſehr wahrſcheinlich, und wird noch dazu durch ei - nen alten niederſaͤchſiſchen Codicem beſtaͤrcket, der mir neulich durch einen ſonderbaren Zufall in die Haͤnde gerahten iſt.
Ohngefehr,) Da ſage ich nein zu: Denn esB 3ge -22geſchicht nichts von ohngefehr; und ſind das ro - he Leute, welche ſagen, ohngefehr werden wir gebohren, Sap. II. 2. Fromme Chriſten wiſſen, daß alles von GOtt koͤmmt.
Todt blieben,) O der arme Schelm! waͤre er von der Mauer geblieben, ſo haͤtte er vermuht - lich noch lange leben koͤnnen.
Stephanus ſagt,) Act. VII. 52.
Enderung und Zerruͤttung,) Denn Friede ernehrt, Unfriede verzehrt, und Saluſtius ſagt gar wohl. Concordia res parvæ creſcunt, dis - cordia maximæ ſæpe dilabuntur. Wie dann auch Chriſtus ſelbſt ſagt, daß ein jeglich Reich, ſo es mit ihm ſelbſt uneins wird, wuͤſte wird, und nicht beſtehen kan. Luc. XI. 17. 18.
Rotten,) Der chriſtliche niederſaͤchſiſche Le - ſer muß nicht meynen, daß Jeruſalem mit Ra - tzen geplaget worden, und daß es den Juͤden damahls eben ſo gegangen, als dem Ertz-Biſchoff Hattoni zu Mayntz. ſ. die Acerram Philologi - cam p. m. 201. ſq. Mit nichten: Sondern Rotten heiſſen hier die unterſchiedene Partheyen in welche ſich die Juden theileten; wie man auch zur Noth, ohne mein Erinnern, aus dem nach - folgenden ſehen kan.
Nero,) Der bekannte Tyrann. Er war ein Schweſter Sohn des Kaͤyſers Caligula, und folgte im Jahr 54. dem Claudio im Regi - ment. Die erſten 5 Jahre regierte er loͤblich, und verbarg ſein boͤſes Naturel ſo, daß auch ſein Lehrmeiſter Seneca ſeine Buͤcher de Cle -mentia23mentia ihm zu Ehren geſchrieben: aber nachge - hends ward er grauſam, und ließ nicht nur ſei - nen Lehrmeiſter den Seneca, ſondern auch ſo gar ſeine eigne Mutter die Agrippina hinrichten. Er zuͤndete auch einmahl Rom an, um ſich dabey die Zerſtoͤhrung von Troja lebhafft vorzuſtel - len, hernach warf er die Schuld auf die Chri - ſten, und verfolgte ſie jaͤmmerlich, wie dann unter andern die beyden Apoſtel Petrus und Pau - lus unter ſeiner Regierung hingerichtet ſind, und erzehlen die Geſchicht-Schreiber, daß das abgehauene Haupt Pauli noch dreymahl JEſus gerufen habe. V. Suetonium in Nerone. Tacit. Annal. Lib. XIII. XIV. XV. XVI. Er pflegte im Sprich - wort zu ſagen. 〈…〉〈…〉. Artem quævis terra alit. Wer etwas kan, koͤmmt allenthalben fort. Suetonius l. c. cap. 40.
Florus,) Der war noch aͤrger als Albinus, und machte es noch plumper. V. Joſeph. de Bello Jud. Lib. II. cap. 13.
Der ſeinen,) Van den Sinigen, ſagt mein alter Cod. MSt. Es iſt aber hier die Rede nicht von ſeinen Verwandten: Denn es iſt nicht glaublich, daß die Floriſche Familie ſo ſtarck ge - weſen; ſondern ſeine Soldaten werden die ſeini - gen genennet, weil ſie ſeine Soldaten, und er ihr General war.
Gottes Verhaͤngniß,) Nicht als wenn GOtt ſie zur Rebellion gereitzet haͤtte. Nein; denn GOtt iſt nicht ein Verſucher zum Boͤſen Jacob. I. 13. Er concurrirt zu dem Boͤſen nicht effectivèB 4ſondern24ſondern nur permiſſivè. V. Dieterici Inſtit. Cate - chet. p. m. 240. Cauſas vero, cur Deus homines peccare permittat, eleganter explicat Damaſcenus L. 2. orthod. fid. cap. 29. p. 149. Vid. etiam Quen - ſtedius, Scherzerus, Brochmannus, Hollazius &c. loco de Providentia, ni fallor.
Von ihnen,) Den Roͤmern.
Das erfuhr,) Nemlich, daß ſie von den Roͤ - mern abgefallen.
Seinen Sohn,) Des Veſpaſiani Sohn. Denn Nero hatte keine maͤnnliche Erben.
Orient,) Morgenland.
Tranquillus,) Das iſt der offt angefuͤhrte C. Suetonius Tranquillus. Wir haben von ihm, auſſer denen Leben der 12. erſten Kaͤyſer, noch 2. Buͤcher de illuſtribus Grammatticis, & claris Rhetoribus. Inter recentiores editiones eminet Schildii, quæ prodiit Lugd. Bat. 1667. in 8vo. cum notis variorum. Ornatior & copioſior e - ditio Sam. Pitiſci cum ſelectis annotationibus & elegantiſſimis Iconibus Traject. ad Bhenum 1690. II. volum. in 8vo. Laudabilior & editio I. G. Græuii cum integris Iſ. Cauſaboni & alio - rum notis, ac locupletiſſimo Berneggeri indice Trajecti 1672. in 4. quæ editio repetita eſt Hag. Comitis 1691. auctior illa quidem & additis ico - nibus elegantior, ſed minus emendata. In u - ſum Delphini publicavit Auguſtinus Babelo - nius Paris. 1684. in 4. Vid Olai Borrichii Con - ſpect. Scrip. Linguæ latinæ p. m. 73. 74.
Stoltz,) Wie es allezeit zu gehen pflegt. Wie25Wie wohl haͤtten die Leute gethan, wenn ſie be - dacht haͤtten, was die chriſtliche Kirche im guͤlde - nen A. B. C. ſinget:
„ Erheb’ dich nicht in deinem Gluͤck
„ Es hat noch wunderbahre Tuͤck.
Oder was der alte Comicus Græcus ſagt:〈…〉〈…〉.
Hauptleute,) Das war ein groſſer Schade. Denn da die Philiſter ſahen, daß ihr Staͤrckeſter todt war, lieſſen ſie den Muth fallen. 1. Sam. XVII. 51.
Des Kaͤyſers,) Neronis.
Galilaͤa,) So hieß das Theil des juͤdiſchen Landes, ſo gegen Mitternacht an dem Berg Liba - non und See Genezareth liegt.
Kein Ende) Nicht, daß er ewig gewaͤhret. Denn es hat ſchon lange ein Ende gehabt; ſon - dern Veſpaſianus mordete, raubte und brannte ſo lange, als etwas zu morden, rauben und brennen war. Das es ſo zu verſtehen, wird nie - mand leugnen, der nur einmahl gehoͤret hat, quod talia ſunt prædicata, qualia permittuntur eſſe à ſuis ſubjectis.
Auf einmahl,) Nicht auf einen Hieb, das gienge ſchwerlich an, ſondern einer nach dem andern.
Wehrhafftige Leute,) Leute, die zum Krie - ge tuͤchtig. Denn daß es Leute geweſen, die nach Deutſchem Gebrauch wehrhafft gemacht, glaube ich nicht.
B 5Kinder26Kinder in der Wiegen,) O der Grauſam - keit! Allein, ſo gehts im Kriege: Da wird ver - acht, und nicht betracht, was recht und loͤblich waͤre.
Eigene Leute,) Egene Luͤde. Cod. MSt. cit. Nicht, daß ſie von ſonderlichem Eigenſinn ge - weſen, ſondern ſie wurden als Leibeigene verkaufft; wie ex conſequentibus erhellet.
Jſthmus) Jſt ein ſchmaler Strich Landes zwiſchen zweyen Meeren. Vid. Amos Comenius in orbe ſenſualium picto p. m. 17. Hier wird von demjenigen geredet, durch welchen Morea, vor dieſem Peloponeſus genannt, an dem uͤbrigen Griechenland haͤnget. Es haben ſich viele un - ternommen, dieſen Jſthmum zu durchgraben: Allein es hat noch keinem gelingen wollen. Ver - muhtlich, weil GOtt nicht haben will, daß man die von ihm dem Meer geſetzte Graͤntzen aͤndere. Dieſe Anmerckung iſt nicht meine, ſondern der Chriſtliche Leſer hat ſie dem ſel. Hn. Johann Huͤbnern zu dancken. Vid. deſſen Geographi ſche Fragen p. m. 94. welches ich aus Beſcheidenheit nicht verſchweigen wollen.
Herab geſtuͤrtzet,) Einige wollen behaupten, daß wenige, und vielleicht gar keine mit dem Le - ben davon gekommen: Aber ich halte vor ſiche - rer, daß man in einer Sache von ſo groſſer Unge - wißheit das〈…〉〈…〉 ergreiffe.
Faſt gelehrt) ſehr gelehrt. Nicht vix ſondern valde.
Oberſten einer im Krieg,) Er war uͤber Gali -laͤa27laͤa geſetzet, wie er ſelbſt erzehlet. Lib. II. de Bello Jud. Cap. 25.
Ergriffen) Wie es zugegangen. V. Beym Joſeph. l. c. lib. III. cap. 14.
Noch Kaͤyſer werden,) Joſephus l. c. Und es iſt auch eingetroffen.
Raͤuberiſches Volck) V. Joſeph. de Bello Jud. Lib. IV. cap. 5.
Abermahl) Denn es war ſchon vorher geſchehn.
Arme Stadt,) Nemlich die Einwohner; con - tinens pro recontenta.
Offt,) Vaken. Cod. MSt. cit.
Wetter,) Ungluͤck, Noht, Jammer.
Dreyerley Ungluͤck,) Nach dem Sprichwort: Nulla calamitas ſola. Ein Ungluͤck iſt ſelten alleine.
Tyrann,) Das Wort Tyrannus hat vorzei - ten eine gute Bedeutung gehabt: nachgehends a - ber iſt es in einem boͤſen Verſtande genommen worden.
Um der Herrſchafft,) Nam ſi violandum eſt jus, regnandi gratia violandum eſt, aliis re - bus pietatem colas. Euripides.
Gadarener,) V. Marc. V. 1. Luc. VIII. 27. Sie hieſſen auch Gergeſener. Matth. VIII. 29. Und waren wohl boͤſe Leute, weil ſie Chriſtum nicht bey ſich leiden wolten. O Blindheit!
Gadara die Stadt,) Die Stadt Gadara.
Nahm er gefangen,) Durch ſeine Leute. Nam quod quis per alium facit, ipſe feciſſe pu - tandus. Vid. Compendium Metaphyſices, quod pri - mum tibi inciderit in manus.
Andere28Andere,) Nicht ſecunda, ſondern reliqua plebs.
Stuͤrtzet ſich in den Jordan,) Jch glau - be, wo ſie nicht ſchwimmen koͤnnen, ſind ſie alle erſoffen.
Asphaltiten,) Von dieſem See hat Joſephus ein eigen Capitel, welches das 6te iſt in ſeinem 5ten Buche de Bello Judaico, und woraus ein geneigter Leſer viele ſchoͤne Sachen lernen kan.
Zu Ausgang des Winters,) Da kan man ſehen, daß vor Alters die Jahrs-Zeiten in eben der Ordnung auf einander gefolget als jetzo.
Lentz,) Fruͤhling. Froͤhjahr. Cod. MSt. cit.
Nero todt war,) Er erſtach ſich ſelbſt. Sue - tonius in Nevone cap. 49.
Lag er,) Nicht, daß er eben geſtreckt gele - gen, ſondern er hielte ſich daſelbſt auf. He was to Ceſarea. Cod. MSt. cit.
Eilend auf,) Quia periculum in mora.
Veſpaſianus,) Er war ein guter Regent; aber etwas geitzig, indem er ſo gar auf die Secre - te ſ. v. einen Tribut legte, und dabey zu ſagen pflegte: Lucri bonus odor ex re qvalibet. Wie er merckte, daß er ſterben wolte, ſtand er auf, und ſprach: Imperatorem decet ſtantem mori. Svetonius in Veſpaſ. c. 16. 24.
Tito,) Das war ſein Sohn.
Entkam ſchwerlich,) Mit nauer Not. Cod. MSt. cit. Man mercke beylaͤuffig, daß es ein Feh - ler an einem General, wenn er ſich zu ſehr wagt.
Eine29Eine viertel Meile von der Stadt,) Denn er war gewitziget. Piſcator ictus ſapit: und er - innerte ſich des Sprichworts: Procul à Jove pro - cul à fulmine.
Part) Theil.
Zeloten,) Eyferer, à Græco〈…〉〈…〉. unde〈…〉〈…〉〈…〉〈…〉, æmulator, æmulus, ſectator,〈…〉〈…〉, ajunt Stoici,〈…〉〈…〉.
Boͤs heuchliſch Volck,) Nicht daß alle Ze - loten und Eyferer ein boͤſes heuchliſch Volck, ſon - dern es iſt nur von dieſen Zeloten zu verſtehen, von welchen hier die Rede iſt: Quod probe notandum contra Indifferentiſtas & Fana - ticos, ſpeciatim Chriſtianum Thomaſium, Ar - noldum & Dippelium.
Nicht koͤnnen los werden,) Es waͤre alſo beſſer geweſen, man haͤtte dieſe Gaͤſte nicht ge - laden, quia.
Turpius ejicitur quam non admittitur hoſpes.
Der Hunger,) Nam graue tormentum fa - mes. Hunger iſt ein ſcharffes Schwerdt.
Jhre hoͤchſte Macht,) Denn auch ein Wurm kruͤmmt ſich vor dem Tode.
Es war aus,) Et was ut. Cod. MSt. cit.
Aus dem Munde geriſſen,) Ut dem Mule reten. Cod. MSt. cit. Man ſagt dahero auch noch, wenn man ſich ihrer zwey um ein Stuͤ - cke Brod reiſſen ſiehet: da geht es her, wie bey der Zerſtoͤhrung Jeruſalem.
Sich eines des andern erbarmet,) Dennein30ein jeder iſt ſich ſelbſt der Naͤchſte. Proximus ſum egomet mihi.
Scheffel,) Schepel. Cod. MSt. cit.
Kuh. Miſt,) Koh-Dreck. Cod. MSt.
Unflat,) Schiet. Cod. MSt.
Vielmehr Arbeit,) Denn es war eine ſtar - cke Feſtung.
Trompeter mit der Poſaunen,) Entweder dieſer Trompeter hat mehr als ein Jnſtrument verſtanden, oder es iſt auch eine Trompete, und keine Poſaune geweſen, damit er ein Zei - chen gegeben.
Alle erſchlagen,) Faſt alle; denn einige ſind bey Nacht in die Stadt entkommen.
Kein verſchonen,) Denn Chriſtus hatte geſagt, es ſolte kein Stein auf dem andern blei - ben. Matth. XXIV. 2.
Weder mit Draͤuen noch vermahnen,) O der Hartnaͤckigkeit!
Duͤrffte man keiner Prieſter mehr,) Da kan man ſehen, was die Fanatici vor gefaͤhrli - che Abſichten haben, wenn ſie die Kirchen, und den aͤuſſerlichen Gottes-dienſt verwerfen, denn die Folge iſt richtig: wenn man keine Kirchen und oͤffentlichen Gottes-dienſt hat, ſo braucht man keiner Prieſter.
Bald ein Geruͤcht,) Denn „ Fama malum, qua non aliud velocius ullum. „ Mobilitate viget, viresque acqvirit eundo. Virgil. Æneid. Lib. IV.
Jn einer Nacht umkommen,) Was thut der leidige Geitz nicht!
quid31(o)„ ‒ ‒ ‒ qvid non mortalia pectora cogis „ Auri ſacra fames. ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Virgil. Æneid. Lib. III.
Nicht toͤdten ſolte,) Denn er war gar ein gnaͤdiger Printz, daher er auch, wenn ein Tag verſtrichen, an welchem er niemand gutes gethan, zu ſagen pflegte: Amici, diem perdidi, Welche Auffuͤhrung ihm dann den Titel: Deliciæ generis humani, zu wege gebracht. O daß doch alle Fuͤrſten dieſem Kaͤyſer gleichten!
Jch ſehe vorher, daß meine Anmer - ckungen uͤber die Hiſtorie von der Zerſtoͤrung der Stadt Jeruſalem bey dem geneigten Leſer eine Begierde erwecken werden, zu wiſſen, ob ich ſonſt nichts ge - ſchrieben. Nun wuͤrde ich freylich nicht ermangelt haben, demſelben, nach Art al - ler rechtſchaffenen Gelehrten, um meinem Buche die rechte Figur eines Buchs nach der Mode zu geben, mit einem Verzeichniß meiner Schrifften ſo ſchuldig, als willig aufzuwarten: Allein der geneigte Leſer wird mich entſchuldiget halten, daß ich vor dieſes mahl einem ſo loͤblichen Gebrauch nicht nachlebe: Denn ich kan auf meine Ehre verſichern, daß dieſe Anmerckungen die erſte Kraft meines Verſtandes ſind, und ich ſonſten noch nichts geſchrieben habe: Weil man mir in meiner Jugend weiß ge - macht hat, ein junger Menſch muͤſſe erſt et - was lernen, ehe er die Feder anſetzte, undſich,41(o)ſich, andere zu lehren, unter finge. Dieſes Vorurtheil hat mich bishero abgehalten, der Welt mit meinem Talent zu dienen: Al - lein, da ich auf das, was in der gelehrten Welt taͤglich vorgehet, genauere Acht ge - habt, bin ich gewahr worden, wie ſchaͤndlich man mich betrogen habe, und begreiffe nu - mehro gantz deutlich, daß man gar fuͤglich ein beruͤhmter Scribent ſeyn koͤnne, ohne die geringſte Wiſſenſchafft zu beſitzen, und daß es folglich eine unnuͤtze Muͤhe ſey, wenn man durch vieles Studiren ſeinen Ver - ſtand, und ſeine Geſundheit ſchwaͤcht. Jch halte demnach das Vorurtheil, ſo man mir in meiner Jugend beygebracht hat, vor hoͤchſt ſchaͤdlich, und bin verſichert, daß, wenn man ſich nach ſelbigem richten wolte, in kurtzem die Buchdrucker und Buchhaͤnd - ler an den Bettel-Stab kommen wuͤrden. Uber mich ſollen dieſe Leute nicht ſeufftzen; Jch will ihnen, wo ich lebe, genug zu ſchaffen geben: Niemand verachte meine Jugend. Jch bin, GOtt Lob! uͤber mein 21tes Jahr: Wer aber uͤber ſeine 3 mahl 7 Jahre iſt, kan, wie bekannt, in allen Geſell - ſchafften, und folglich auch in der gelehrten Welt ein Wort mit ſprechen. Jch weiß wohl, daß es gemeiniglich heiſt: Ver -C 5ſtand42(o)ſtand koͤmmt vor Jahren nicht: Allein ich weiß auch, daß dieſes Sprichwort von alten Leuten herruͤhre. Die Alten ſind, wie jederman weiß, neidiſch und ei - genſinnig. Die guten Leute meinen, ſie haͤtten alle Weißheit gefreſſen: Was ſie ſagen, das muß vom Himmel herab geredet ſeyn, und was ein junger Menſch vorbringet, das muß Kinderey heiſſen, es ſey auch ſo klug, als es wolle. Aber es giebt, zu allem Gluͤcke, ſo viele alte Narren, daß niemand an der Wahrheit des Sprichworts: Alter ſchadt der Thor - heit nicht, zweifeln kan, und die Alten ſind ſelbſt ſo wenig in Abrede, daß die Kraͤffte ihres Verſtandes mit den Jahren abnehmen, daß vielmehr die Em - pfindung dieſer Abnahme ihnen die bitterſten Klagen auspreſſet: Ja die Macht der Wahrheit iſt ſo groß, daß ſie offt, wieder ihren Willen, mit Unmuth beken - nen, und ſprechen muͤſſen: Die Jungen ſind immer kluͤger als die Alten. Ein Menſch, der den Vorſatz hat, ſich durch ſeine Schrifften um die Welt verdient zu machen, thut demnach ſehr wohl, wenn er bey zei - ten anfaͤngt, und die Zeit, da ſein Verſtand in ſeiner beſten Bluͤthe iſt, mit dieſer edlen Bemuͤhung zu - bringet. Die Buͤcher, welche wir ſchreiben, ſind die Kinder unſers Verſtandes, und die Zeugung dieſer geiſtlichen Kinderſetzt eben ſo wohl, als die Zeugung der leiblichen eine Beſchaffenheit unſerer Kraͤffte voraus, die man bey den Alten vergebens ſuchet, und nirgends beſſer, als bey friſchen Juͤnglingen findet. Wir heyrathen alſo, wann wir noch jung ſind, und dieſes hat, nach einem ſehr bekannten Sprichwort, noch niemand gereuet. Die Urſache davon iſt leicht zu begreiffen: Denn auf ſolche Art koͤnnen wir hoffen,unſere43(o)unſere Kinder groß zu ſehen, und an ihnen, in unſerm Alter unſere Freude zu haben. Die Freude, die wir an den Kindern unſers Verſtandes erleben, iſt gewiß nicht geringer, alsdas Vergnuͤgen, welches uns un - ſere leibliche Kinder geben; und folglich handelt der - jenige, der das Buͤcherſchreiben bis ins Alter ſparet, eben ſo thoͤrigt, als ein Greiß, der erſt heyrathet, wann er ſchon einen Fuß im Grabe hat. Wer dieſes recht bedencket, der wird mit mir den Schluß machen, daß man ſchreiben muͤſſe, wann man noch jung iſt, ut nos metipſi, wie Cicero ſagt, vivigloria noſtra perfrua - mur. Die Zeit, wann man anfangen muͤſſe, iſt zwar ſo eigentlich nicht zu benennen, doch deucht mich, daß man einem Scribenten, der 3 mahl 7 Jahr alt iſt, nicht vorwerfen koͤnne, er habe zu jung angefangen; und hoffe, ein jeder, der weiß, was vor Geheimniſſe in den Zahlen ſtecken, werde mir Beyfall geben. Jch behalte mir vor, dieſes alles in einem eigenen Wercke, zum Troſt aller jungen Scribenten, weitlaͤuftiger auszufuͤhren, und verſichere zum Beſchluß den ge - neigten Leſer, daß ich hinfort kein Papier und Dinte ſparen, ſondern durch Herausgebung der herrlichſten Wercke ihn zu vergnuͤgen, und mich in der Welt be - kannt zu machen nicht ermangeln werde. Die Wer - cke aber, welche ich theils unter Haͤnden, theils zum Druck fertig liegen habe, ſind folgende:
VITREA FRACTA, Oder des Ritters Robert Clifton Schreiben an einen gelehrten Samojeden, betreffend die ſeltſamen und nachdencklichen Figuren, welche Derſelbe den 13. Jan. ſt. v. Anno 1732. auf einer gefrornen Fenſter-Scheibe wahrgenommen; Aus dem Engliſchen ins Deutſche uͤberſetzet. Franckfurt und Leipzig, 1732.
[46]Nimmer habe ich mich ſo ſehr gefreuet, als da mir, zu Ausgang des vorigen Jahres, der Hr. William Medley Dero vortref - liche Ode auf den Tod Kayſers Peters des erſten, ſamt Dero gelehrten Nachricht von dem Zuſtande der Jnſul Nova Zembla vor der Suͤnd - fluth, von Archangel aus zuſchickte.
Jch bin zwar niemahlen ſo leichtglaͤubig geweſen, daß ich alles vor unſtreitige Wahrheiten angenom - men haͤtte, was die gemeinen Buͤcher von der Bar - barey ſagen, die in den Nord-Laͤndern herrſchen ſoll; noch weniger hat mir der hochmuͤthige Wahn vieler meiner Lands-Leute gefallen wollen, die ſich einbil - den, daß aller Witz in den Graͤntzen unſerer Jnſul eingeſchloſſen ſey: Der Umgang, den ich, auf mei - nen ehemahligen Reiſen, mit vielen gelehrten und ſcharfſinnigen Laplaͤndern gehabt habe, hat mich eines andern belehret: Allein das haͤtte ich mir doch nimmer traͤumen laſſen, daß in einem Lande, wel - ches man uns als eine Wuͤſteney, und als eine Wohnung der Ohim und Zihim beſchreibet, ein Mann von ſcharffem Verſtande, und von ſo groſ - ſer Gelehrſamkeit anzutreffen ſey, als aus ihren Schrifften hervor leuchtet.
Jn48(o)Jn Spanien buder ſich der Poͤbel ein, ein Ketzer ſey ein Thier, das Hoͤrner und Klauen hat. Unſer Jrr - thum, in Anſehung der Samojeden, iſt gewiß nicht kleiner geweſen. Kaum hat man bishero geglaubet, daß ihr Vaterland von vernuͤnfftigen Creaturen be - wohnet werde: So ſcheußlich hat man uns deſſen Einwohner abgemahlet. Urtheilen Sie demnach, mein Herr, wie groß meine Verwunderung geweſen ſeyn muͤſſe, als ich Dero herrliche Schrifften geleſen.
Gewiß, mein Herr, ich bin erſtaunet, daß ein Poet, der in einem ſo kalten Lande gebohren iſt, in ſeinen Ge - dichten ſo viel Feuer zeigen koͤnne, und muß bekennen, daß die Einfaͤlle unſerer Dichter, gegen die ihrigen zu rechnen, kaͤlter ſind, als alle Eis-Berge in der Meer - Enge Weygatz.
Sie ſchreiben ſo hoch und praͤchtig, als ein Araber, und ich wuͤſte keinen unter den Alten, der ihnen gleich zu ſchaͤtzen ſey, als den Pindarus. Jch weiß nicht, ob Sie denſelben geleſen haben; das weiß ich, daß ihre vortreffliche Ode eben die Bewegungen in mei - nem Gemuͤthe erreget, die ich ſpuͤre, wann ich dieſen alten Griechen leſe: Und einer meiner Freunde hat mir zu geſchworen, er verſtuͤnde von ihrer Ode eben ſo viel, als vom Pindarus.
Jch glaube es ihm gerne, und bin verſichert, daß al - le unſere Gelehrten, die ſich ſo klug duͤncken, und ſo ge - neigt ſind andere zu verachten, von Jhren Schrifften nicht das Geringſte verſtehen. Jch habe noch keinen geſehen, der nicht Naſe und Maul aufgeſperret haͤtte, wann er von den herrlichen Nachrichten gehoͤret, die Sie uns von Nova Zembla geben. Wie groß wird nicht ihre Beſturtzung ſeyn, wann ſie des Hn. Medleyvor -49(o)vortrefliche Uberſetzung dieſer gelehrten Geſchichte erſt leſen, und mit ihren Augen ſehen werden, wie wenig Urſache ſie haben, die nordiſchen Voͤlcker zu verach - ten. Jch wolte wuͤnſchen, daß ſie dadurch beſcheide - ner wuͤrden, und begreiffen lerneten, daß ihr Wiſſen Stuͤckwerck ſey: Allein ich weiß nicht, ob ich es hof - fen kan. Wo fern ich unſere Gelehrten recht kenne, werden ſie lieber alles, was Sie uns von Nova Zem - bla erzehlen, vor erdichtet ausgeben, als geſtehen, daß ſie es bishero nicht gewuſt haben.
Jch werde mich dieſer Suͤnde nicht theilhaftig ma - chen; ſondern allemahl bekennen, daß ich aus ihren Schrifften unglaublichen Nutzen geſchoͤpffet habe. Jch werde es dem Herrn Medley, ſo lange ich lebe, Danck wiſſen, daß er mir Dero Bekantſchafft zuwe - ge gebracht, und ein beſtaͤndiger Verehrer ihrer Ver - dienſte leben und ſterben.
Dieſe Erklaͤrung habe ich ſchon lange auf meinem Hertzen gehabt, und auch beꝛeits etliche mahl die Fedeꝛ ergriffen, mich derſelben in einem Schreiben an Sie zu entledigen. Allein es hat mir bis auf dieſe Stunde nicht gluͤcken wollen: Jch habe wohl dreymahl ange - fangen; aber auch drey mahl wieder ausgeſtrichen, was ich geſchrieben hatte.
Es iſt dieſes an Leuten meiner Art etwas unge - woͤhnliches. Wir, die wir von den Spoͤttern aꝛmſelige Scribenten betitelt werden, haben auch bey unſern Feinden den Ruhm, daß wir nicht lecker ſind, und daß uns alles geraͤth, was wir anfangen. Jch wuͤſte noch keinen von allen meinen Bruͤdern, der ſich jemahlen geſchaͤmet haͤtte, etwas vorzubringen, ſo die leckere und verwehnte Welt vor laͤppiſch haͤlt, und ich ſelbſtDerkenne50(o)erkenne gar wohl, daß die Schamhafftigkeit eine Tu - gend ſey, die mir und meines gleichen eben ſo ſchaͤdlich iſt, als einem Duͤrftigen. Jch erkenne dieſes, ſage ich, und bewundere die Vollkommenheit meiner Bruͤder: Jch muß aber zugleich meine Schwachheit geſtehen. Jch ſtreiche noch aus, und ſcheue das Urtheil derer, die ſich klug duͤncken. Dieſes iſt das einzige, das meine Freunde an mir tadeln. Allein, ich bin nun ſo, und mein Schickſal will, daß ich mich mit dieſer Unvollkom - menheit ſchleppen ſoll.
Jch fuͤhle am beſten, wie beſchwerlich es iſt, und wer da wuͤſte, was mich bloß der Anfang dieſes Schreibens vor Muͤhe gekoſtet hat, der wuͤrde ein Mitleiden mit mir haben. Als ich das erſte mahl die Feder anſetzte, fing ich folgender Geſtalt an: „ Nach - „ demmalen ich aus Dero Schrifften erſehen, daß ſie „ ein feiner gelehrter Mann, habe ich nicht unterlaſſen „ wollen, dieſe geringe Zeilen an Sie abzulaſſen, und „ Sie unterdienſtlich zu erſuchen, mir ihre hoͤchſt ſchaͤtz - „ bare Gewogenheit zu goͤnnen. ‟ Mancher von mei - nem Orden wuͤrde fortgefahren ſeyn: Allein ich ſtutz - te, und die Furcht, es moͤchte mir eben ſo gehen, als je - nem, der ein Danckſagungs-Schreiben, an, ich weiß nicht wen, faſt auf gleiche Art angefangen hatte, mach - te, daß ich dieſen Eingang, ohne alle Barmhertzigkeit, wegſtrich.
Jch fieng darauf wieder von vorne an, und brachte, nach einem halbſtuͤndigen Gruͤbeln, nachfolgendes zu Papier: „ Gleich wieder Magnet das Eiſen, ein Beu - „ tel voll Ducaten einen Geitzigen, groſſe Titel einen „ Hochmuͤthigen, die Hoffnung des Gewinns den „ Kuͤnſtler, ein Glaß Wein und huͤbſches Maͤdgen„ einen51(o)einen Wolluͤſtigen, und ein geriebenes Stuͤck Bern - „ ſtein und Siegel-Lack leichte Sachen an ſich ziehet: „ alſo reiſſet mich, groſſer Mecenat, Dero Vortreflich - „ keit zu Sie. „ Aber auch dieſer Anfang wolte mir nicht gefallen; denn, wie mir der erſte etwas zu ſchlecht und baͤuriſch vorkam, ſo klang mir der andere Comoͤdian - tenhafft. Jch ſtrich ihn alſo gleichfalls weg, uñ befand mich in einem erbaͤrmlichen Zuſtande. Da ich indeſſen den Muht nicht ſincken ließ; ſondern alle Kraͤfte mei - nes geringen Verſtandes anſpannete, etwas taugli - ches zu Marckte zu bringen; ſo iſt es mir endlich gelun - gen, und ich hoffe, mein Herr, Sie werden aus dem, ſo ich bisher geſchrieben, die Groͤſſe der Hochachtung, welche ich gegen Sie hege, zur Gnuͤge erkennen.
O wie gluͤcklich waͤre ich nun, wenn ich Witz genug beſaͤſſe, dasjenige, was ich Jhnen noch zu ſagen habe, mit dem Eingange meines Schreibens, auf eine ge - ſchickte Art zu verbinden! Abermal eine eitle Sorge, wovon meine vortreflichen Mit-Bruͤder frey ſind. Dieſe Herren ſind uͤber alle Regeln, und ſehen es als eine unertraͤgliche Sclaverey an, wann ein Scribent gehalten ſeyn ſolte, das, was er ſchreibet, allemal ge - ſchickt mit einander zu verknuͤpffen. Sie ſprechen, die - ſes nehme viele Zeit weg, hemme den Lauff der Gedan - cken, und mache, daß manchmahl die beſten Einfaͤlle verlohꝛen giengen. Sie haben recht; aber ich mag mich doch dieſer Freyheit nicht bedienen: Nicht aus Beyſor - ge, daß Sie, mein Herr, es mir uͤbel nehmen moͤgten. Ach nein! Jch weiß gar wohl, daß man es in ihrem Lande ſo genau nicht nimmt: Allein ich fuͤrchte nur die giftigen Zungen unſerer uͤberklugen Gelehrten.
Eingeſchickter Kopfdieſer Jnſul ſchrieb neulich ei -D 2nen52(o)nen gelehrten Brief an einen gewiſſen Lord uͤber das bekannte: Stultorum plena ſunt omnia, und fieng, nach dem er ſich die Gnade dieſes Herrn in einem wohl ausgeſonnenen Eingange ausgebeten hatte, die Ab - handlung ſeiner Materie auf folgende Art an: Dantur autem ſtulti varii generis. Mein GOtt! wie hat man nicht uͤber dis dantur autem geſpottet. Aus keiner andern Urſache, als weil man den Zuſammen - hang dieſer Worte mit dem vorhergehenden Com - pliment nicht einſehen konnte.
Mein Brief iſt eben der Art, als derjenige, von welchem ich rede. Jch ſchreibe ihn nicht an Sie allein; ſondern zugleich an die gantze Welt. Er wird ge - druckt, und von jederman geleſen. Nur iſt dieſes zwi - ſchen Jhnen und andern Leſern der Unterſcheid, daß ich Jhnen ein Exemplar auf Schreib-Papier zu - ſchicke, das ſauber eingebunden, und auf den Schnitt verguͤldet iſt; andere aber, wenn ſie eines haben wollen, ihren Beutel aufthun muͤſſen. Wie wuͤrde es mir alſo nicht ergehen, wenn ich, nachdem ich Sie mei - ner Hochachtung gegen Sie verſichert, ploͤtzlich zufah - ren und ſagen wolte: „ Die Figuren aber, die ich auf der „ gefrornen Fenſter-Scheibe wahrgenom̃en habe, ſind „ ſeltſam und wunderbar! ‟ Ja wuͤrden Sie ſelbſt, mein Herr, nicht gedencken: Was will der Kerl?
Damit ich nun weder Jhnen noch andern Anlaß geben moͤge, uͤber meinen Vortrag zu lachen, ſo will ich verſuchen, ob es nicht moͤglich ſey, von der Verſiche - rung meiner Hochachtung auf meine gefrorne Fen - ſter-Scheibe zu kommen, ohne einen ſo gefaͤhrlichen Sprung zu thun, als der erwehnte Scribent in ſeinem Schreiben an einen Lord gethan hat, und habe dem -nach53(o)nach die Ehre, Jhnen zu ſagen, daß ich, um Jhnen noch deutlicher zu erkennen zu geben, wie hoch ich Sie ſchaͤtze, mir die Freyheit nehmen wollen, meine weni - gen Gedancken uͤber eine gefrorne fenſter-Schei - be ihrer Beurtheilung zu unterwerffen.
Sie werden ſich vielleicht wundern, mein Herr, daß ich eine ſo gemeine und nichtswuͤrdige Sache zu einem Gegenſtand meiner Betrachtungen erwaͤhlet. Eine gefrorne Fenſter-Scheibe, werden Sie dencken, iſt ei - ne gefrorne Fenſter-Scheibe: Was kan ein ſolcher Quarck an ſich haben, ſo das Nachſinnen eines vernuͤnftigen und gelehrten Mannes verdiene? Aber, mein Herr, erlauben Sie mir, daß ich Jhnen zu Ge - muͤthe fuͤhre, wie keine Sache ſo geringe ſey, daß ein Kluger nicht Gelegenheit finden ſolte, daruͤber nuͤtzli - che Betrachtungen zu haben. Eine Lauß iſt ein ver - aͤchtlich Thier, ſchimmelicht Brodt freſſen auch die Hunde nicht, und es iſt kein Bauer ſo einfaͤltig, daß er nicht wiſſen ſolte, was ein Stroh-Halm ſey. Aber dennoch haben kluge und geſchickte Maͤnner dieſe ge - ringſcheinende Sachen ihrer Betrachtung nicht un - wuͤrdig geſchaͤtzet. Ja ſie haben ſich nicht begnuͤget, dieſelben mit bloſſen Augen anzuſehen, ſondern ſo gar die Vergroͤſſerungs-Glaͤſer zu Huͤlffe genom̃en; und, was noch mehr iſt, zu keinem andern Ende die Kunſt, dieſe Glaͤſer zu verfertigen, durch viele Muͤhe und lan - ges Nachſinnen, zu einer ſo groſſen Vollkommenheit gebracht, als, um dadurch die Betrachtung ſolcher Kleinigkeiten zu erleichtern. Sie kennen den beruͤhm - ten Lewenhoeck; Sie haben von Swammerdam ge - hoͤret. Was haben dieſe Maͤnner nicht vor ſchoͤne Sa - chen entdecket? Haben ſie aber wohl einen Wurm,D 3das54(o)das veraͤchtlichſte unter allen Geſchoͤpffen, uͤbrig ge - laſſen, den ſie nicht hinten und vorne betrachtet, und uns nach allen Theilen beſchrieben?
Aber was bemuͤhe ich mich viel, mein Verfahren zu rechtfertigen? Belieben Sie nur den Abriß meiner gefrornen Fenſter-Scheibe anzuſehen: Jch bin verſi - chert, Sie werden uͤber die ſeltſamen Figuren erſtau - nen, und geſtehen, daß die Natur, ſo viel wir wiſſen, noch niemahlen etwas hervor gebracht hat, das mit ſelbigẽ zu vergleichen waͤre. Sie wohnen in einem Lan - de, da die Kaͤlte ſo ſtrenge iſt, als an einem Orte in der Welt: aber eriñern Sie ſich dergleichen geſehen zu ha - ben? Jch will eben nicht ſagen, daß die Natur bey Jh - nen nicht eben ſo ſpiele, als bey uns: Jch glaube gerne, daß, wer ſich die Muͤhe geben wolte, ihre Eis-Berge zu durchſuchen, viele ſonderbare Entdeckungen ma - chen koͤnnte: Allein es gehet Jhnen und ihren Lands - Leuten, wie allen andern Menſchen. Wir achten nicht auf das, was wir taͤglich ſehen, und bewundern nur was ſelten iſt. Selbſt bey uns, da die Kaͤlte kaum einige Monate anhaͤlt, herrſcht eine unglaubliche Nachlaͤßigkeit in Unterſuchung der Wirckung des Froſtes; und ich zweifele nicht, daß vielemeiner Lan - des-Leute mich auslachen werden, daß ich aus einer gefrornen Fenſter-Scheibeſo viel Weſens mache.
Aber ich will dieſen Herren rahten, daß ſie nicht ſo laut lachen, daß ich es hoͤre. Jch werde ſie fragen, was dann die Kleinigkeiten, daruͤber ſie gantze Buͤcher ſchreiben, wohl ſonderbares an ſich haben? Wie durchwuͤhlen ſie nicht unſer Ufer, um ein Steinchen zu finden, das wehrt iſt, in Kupffer geſtochen, und ſeiner Seltenheit wegen umſtaͤndlich beſchrieben zu weꝛden? Jch55(o)Jch tadele ihre Bemuͤhung nicht. Sie thun es, wie ſie vorgeben, zu GOttes Ehren; ſie wollen die Men - ſchen zur Bewunderung der Goͤttlichen Weisheit aufmuntern. Jhr Zweck iſt loͤblich: Aber ſie wer - den dann auch ſo guͤtig ſeyn, und mir erlauben, daß ich zu eben dem Ende meine Betrachtungen uͤber Dinge anſtelle, dieich derſelben wuͤrdig achte.
Meine gefrorne Fenſter-Scheibe iſt gewiß ſo be - ſchaffen, daß alle ihre ſchoͤne Raritaͤten, und alles, was ſie daruͤber ſchwatzen und ſchreiben, gegen dieſel - be und meine Betrachtungen, aufs beſcheidenſte da - von zu reden, eitel Kinderſpiel und Thorheit iſt. Man ſehe nur ihre wunderbaren Steine und andere ſchoͤne Sachen an, ſo wird man finden, daß die Einbildungs - Krafft des Beſchauers der Natur zu Huͤlffe kommen muͤſſe, um die Figuren hervor zu bringen, welche der ſinnreiche Naturkuͤndiger, der ſich breit damit macht, darauf entdecket. Gewiß, viele dieſer Seher gemah - nen mich nicht viel anders, als die Bauren, die beym Untergang der Sonnen offt ſtreitende Krieges-Heere, Tuͤrcken-Koͤpffe, Thiere, und ich weiß nicht was in den Wolcken erblicken. Denn wie dieſe Heere, dieſe Koͤpffe, dieſe Thiere nur in dem Gehirn des phantaſi - renden Bauren zu finden ſind, ſo haben auch die mei - ſten Seltenheiten unſerer Forſcher ihren Grund in ei - ner ſtarcken, und von einer unbaͤndigen Begierde, Wunder-Dinge zu erzehlen, in Unordnung gebrach - ten Einbildungs-Krafft. Und wenn dann ja die ſelte - nen und wunderbaren Figuren, ſo man der Welt zur Bewunderung darſtellet, wuͤrcklich auſſer der Phan - taſie des Naturkuͤndigers vorhanden ſind; ſo ſind ſie doch gemeiniglich ſo klein, daß man nothwendig einD 4Ver -56(o)Vergroͤſſerungs-Glas gebrauchen muß, wofern man ſie ſehen will. Hiedurch aber wird alles wunderbare, das man darinn findet, vernichtet: Denn es iſt keine Sache in der Welt, an welcher man, wenn man ſie durch ein Vergroͤſſerungs-Glas betrachten will, nicht Dinge entdecken ſolte, die einem, der dieſe Sache nie - mals anders, als mit dem bloſſen Auge angeſehen hat, nothwendig fremd und ſeltſam ſcheinen muͤſſen.
Meine Fenſter-Scheibe iſt vor ſolchen Vorwuͤrf - fen ſicher. Die Figuren, womit ſie von der ſpielen - den Natur gezieret iſt, ſind deutlich, und man braucht nicht mehr, als ſeine Augen aufzuthun, wenn man die - ſelbe ſehen will. Sie ſehen darauf, mein Herr, in der Mitten ein Menſchen-Angeſicht, auf deſſen Stirne die Zahl 666. ſich deutlich zeiget. Das Haupt iſt mit einer Art von Muͤtzen gezieret, die Anfangs immer ſpi - tzer wird, endlich aber ſich zu beyden Seiten, als eine Flagge, ausbreitet, in deren Mitten ein halber Mond zu ſehen, welcher zur Rechten und Lincken mit Cara - cteren umgeben iſt, die den arabiſchen und malaba - riſchen Buchſtaben aͤhnlich ſind. Um den Hals iſt ein doppelter Kragen: auf der Bruſt ſiehet man gantz deutlich ausgedruckte hebraͤiſche Buchſtaben, und der zu dieſem Geſichte gehoͤrige Coͤrper laͤufft unter - werts immer ſpitzer zuſammen, und gewinnet endlich faſt die Geſtalt eines Fiſch-Schwantzes. Zu beyden Seiten des Kopfes ſehen ſie zweene foͤrmliche Sterne. Sie ſehen ferner auf meiner Fenſter-Scheibe Come - ten, Donner-Keile, chymiſche Zeichen, magiſche Cara - cteres, lateiniſche Buchſtaben, Zahlen, Geſichter, Blumen, Baͤume, ein vierfuͤßiges Thier mit einem menſchlichen Antlitze, Bocks-Hoͤrnern und einem Ra -tzen -57(o)tzen-Schwantz, des Neptuns Dreyzack, den Jupiter mit zween Trabanten, die Jahrs-Zahl, eine foͤrmliche Veſtung, muſicaliſche Noten, und ich weiß nicht was fuͤr andere ſeltſame Figuren mehr. Mich deucht, eine ſolche Fenſter-Scheibe iſt werth, daß man ſie bewun - dere; ſie iſt geſchickt, allen guten Gemuͤthern zu erbau - lichen Gedancken Anlaß zu geben, und ich ſcheue mich nicht zu ſagen, daß, wer dadurch nicht geruͤhret wird, ein vollſtaͤndiger Atheiſte ſey.
Wennich dem Exempel unſerer neuen Naturkuͤn - diger folgen wolte, ſo koͤnte ich hier ſchlieſſen, und Sie GOtt befehlen. Dieſe Herren haben die Gewohn - heit, daß ſie ſich begnuͤgen von einem kuͤnſtlich gebilde - ten Steinchen, oder einer andern dergleichen Raritaͤt, ihrem Leſer eine magere Beſchreibung zu geben, ſich darauf von ihm zu beurlauben, und ihre Schrift mit einem andaͤchtigen Seufzer zu beſchlieſſen. Allein ich ſchaͤme mich, es eben ſo zu machen, und halte mich ſchuldig, Jhnen meine Gedancken uͤber die Wunder mitzutheilen, die ich entdecket habe.
Jch hoffe, mein Herr, Sie werden es mir zu gute hal - ten, wenn ich es, uͤber Verhoffen, nicht allemahl tref - fen ſolte. Jch ſchreibe von einer Sache, daran vor mir kein Menſch gedacht hat. Jch habe alſo keinen Vor - gaͤnger, den ich ausſchreiben koͤnnte. Jch muß alles, was ich ſchreibe, aus meinem Kopfe nehmen. Dieſes iſt muͤhſam, und ein Scribent, der ſich in ſolchen Um - ſtaͤnden befindet, verdienet, daß man Gedult mit ihm hat. Es giebt ſehr wenige, die dieſes erkennen, weil es wenige giebt, die wiſſen, was es ſey, aus ſeinem eigenen Kopfe zu ſchreiben. Die meiſten waͤhlen ih - nen ſolche Materien, von denen andere bereits allesD 5ge -58(o)geſagt haben, was zu ſagen iſt. Jch preiſe ſolche Scri - benten gluͤcklich: Jch lobe ſie: Aber ich bitte ſie auch hergegen zu bedencken, daß es mich weit mehr Muͤhe koſten muͤſſe, vier oder fuͤnff Zeilen zu ſchreiben, als es ſie koſtet, gantze Bogen zu beklecken. Nichts iſt leichter als nachbeten, was mir ein anderer vorſagt. Schrie - be ich z. E. von einem Stern-Steine, ſo wolte ich bald fertig werden. Jch koͤnnte nur ſagen, man finde ſol - che Steine an unterſchiedenen Orten. Der und der habe dieſes und jenes davon geſchrieben, und ich haͤt - te nichts mehr zu ſagen, als daß ich auch einen gefun - den haͤtte, der ſo und ſo ausſaͤhe. Jch konnte, wenn die - ſes noch nicht genug, hinzuſetzen, was man von den Wirckungen und Kraͤfften eines ſolchen Steines ſa - get, und durch Anfuͤhrung vieler Scribenten, deren keinen ich mit Augen geſehen, vielweniger geleſen, mir den Ruhm eines gelehrten und beleſenen Mannes er - werben.
Dieſe Art zu ſchreiben iſt ſo leicht, daß ich mir ge - traue, von meinem Hunde, der ſonderlich artig gezeich - net iſt, ein feines Werckgen zu ſchreiben, wenn ich es ſo machenwolte. Denn daß es viele bunte Hunde ge - be, das iſt bekannt, daß ich auch einen habe, das iſt ge - wiß: Dieſer aber iſt andern bunten Hunden nicht vollkommen aͤhnlich. Wenn ich dieſes ſagte, und dabey mein Huͤndgen in Kupffer ſtechen lieſſe, ſo waͤre mein Buͤchlein fertig.
Aber es iſt mir wohl verboten, dieſen leichten und luſtigen Weg zu wandeln, wenn ich auch gleich Luſt dazu haͤtte. Gefrorne Fenſter-Scheiben, die ſo viele Seltenheiten in ſich faſſen, als die meine, ſind nicht ſo gemein, als ein Stern-Stein und bunte Hunde.
Jch59(o)Jch bin der erſte, der davon ſchreibt. O was wird es mich nicht vor Muͤhe und Nachdencken koſten, mein wichtiges und nuͤtzliches Vorhaben ſo auszufuͤhren, daß ich Ehre davon habe! Jch bin ſchuldig, fals ich mich um diejenigen rechtſchaffen verdient machen will, die etwan, durch mein Beyſpiel aufgemuntert, nach dieſem von eben dieſer Materie ſchreiben werden, alles zu ſagen, was geſagt werden kan, damit ihnen ihre Arbeit deſto leichter werde, und ich das Vergnuͤ - gen haben moͤge, die troſtreichen Worte: Vid. Do - ctisſimus Robertus Clifton, magnum illud An - gliæ Sidus, auf allen Seiten ihrer Schrifften zu le - ſen. Die bloſſe Vorſtellung dieſes Vergnuͤgens ver - ſuͤſſet mir meine Arbeit, und machet, daß ich alle Schwierigkeiten verachte.
Jch wende mich demnach, ohne fernere Weitlaͤuf - tigkeit, zur Sache ſelbſt, und werde die Ehre haben, Jhnen ſowohl meine wenigen Gedancken von den Figuren meiner Fenſter-Scheibe zu eroͤffnen, als auch zu ſagen, was andere davon geurtheilet haben. Denn, mein Herr, Sie koͤnnen leicht gedencken, daß ich uͤber eine Sache von der Wichtigkeit, Leute, die gelehrter, als ich, zu Rathe gezogen. Als Nebucadnezar einen bedencklichen Traum gehabt hatte, und ſein Sohn Belſazer die unbekannte Schrifft an ſeiner Wand nicht leſen konnte, wurden alle Weiſen und Chaldaͤer zuſammen geruffen. Nun will ich eben meine gefrorne Fenſter-Scheiben nicht mit dem Traum, und der Schrifft vergleichen, wodurch dieſe beyde Monar - chen ſo verwirrt gemacht worden: So viel kan ichaber60(o)aber ſagen, daß ich ungemein dadurch geruͤhret wor - den, und wenn Sie wiſſen wollen, wie mir zu Muthe geweſen, als ich den 13 den Jenner des Morgens zwi - ſchen 8. und 9. Uhr meine wunderbare Fenſter-Schei - be zuerſt erblickte, ſo kan ich Jhnen meinen Zuſtand nicht beſſer beſchreiben, als wenn ich ſage, daß ich eben ſo beſtuͤrtzt geweſen, als Belſazer.
Jch ließ demnach alle Weiſen und Gelehrten, die ich kannte, zu mir bitten, und wenn ich einen Zaube - rer zu finden gewuſt haͤtte, wuͤrde ich nicht ermangelt haben, auch denſelben um Rath zu fragen. Sie fan - den ſich in ziemlicher Anzabl ein, und ich legte ihnen ei - nen Abriß von meiner Fenſter-Scheibe vor. Nachdem ſie nun die ſeltſamen Figuren wohl betrachtet, und ſich hoͤchſtens daruͤber gewundert hatten, fieng der D. Bromley, ein Mann von ziemlicher Gelehrſamkeit, aber auch von ſehr wunderlichen Einfaͤllen, mit ſeiner gewoͤhnlichen Beredſamkeit an, zu behaupten, die Bilder auf meiner gefrornen Fenſter-Scheibe waͤren prophetiſch, und voller Geheimniſſe.
Er wiſſe wohl, ſetzte er hinzu, daß unſere Kirche nicht viel von neuen Offenbahrungen halte: Allein er wiſſe auch, daß ſie dieſes nur in Anſehung der Lehr - Puncren thaͤte, und gerne zugebe, daß GOtt auch noch heutiges Tages das zukuͤnfftige Schickſal ſei - ner Kirche gewiſſen Leuten offenbaren koͤnne. Es ſey, fuhr er fort, offenbar, daß meine gefrorne Fenſter - Scheibe eben zu ſolchem Ende mit ſo lehrreichen Bil - dern gezieret worden. Er bat die gantze Geſellſchafft, ihm zu ſagen, ob das in der Mitten befindliche Geſicht mit der hohen Muͤtze wohl etwas anders, als das Bild der groſſen Hure, ſeyn koͤnne? Die Zahl desThieres,61(o)Thieres, die an der Stirn dieſes Bildes ſo deutlich zu ſehen, koͤnne, ſprach er, auch den Hartnaͤckigtſten von dieſer Wahrheit uͤberfuͤhren.
Der halbe Mond bedeute den Tuͤrcken, und daß die Flagge, auf welcher derſelbe zu ſehen, mit der hohen Muͤtze zuſammen haͤnge, ſey nicht von ungefehr ge - kommen; ſondern um anzudeuten, daß die beyden Antichriſte in der Verfolgung der Glaͤubigen mit ein - ander uͤberein kaͤmen. Daß nun uͤber das Pabſt - thum ſowoh!, als uͤber das Tuͤrckiſche Reich, ein ſchweres Gericht ergehen werde, koͤnne man aus dem Cometen und Donner-Keil, zweyen deutlichen und unſtreitigen Zeichen des Goͤttlichen Zornes, ſchlieſſen. Die Zeit aber, wann dieſes Gericht werde vollzogen werden, ſey ſo deutlich bemercket, daß man deßfalls nicht den geringſten Scrupel haben koͤnnte. Denn die Jahrs-Zahl 1732. laſſe ſich unten in der Ecke zur Lincken ſo deutlich leſen, daß derjenige gantz verſtockt und verblendet ſeyn muͤſte, der noch daran zweifeln wolte, daß noch vor Ablauff dieſes Jahres der Anti - Chriſt in Orient und Occident fallen werde. Es ſey uͤberdem die Jahres-Zahl ſo artig geſetzet, daß man ſich nicht genug daruͤber wundern koͤnnte. Denn wenn man die Zahlen, ſo wie ſie unter einander ſtuͤn - den, zuſammen ſetzte, ſo kaͤmen die beyden Jahrhun - derte heraus, in welchen das Pabſtthum unter dem ruͤchtigen Hildebrand aufs hoͤchſte geſtiegen, und der Luͤgen-Prophet Mahomet aufgeſtanden.
Die uͤbrigen Figuren, fuhr er fort, wuͤrden unſtrei - tig auch ihre Bedeutung haben, die, wenn ſie be - kannt waͤre, ſeine Erklaͤrung ungemein bekraͤfftigen wuͤrde: Allein, gleichwie viele Weiſſagungen der Artwaͤren,62(o)waͤren, daß ſie durch nichts, als durch den Erfolg ver - ſtaͤndlich wuͤrden, ſo muͤſſe man auch die Erklaͤrung der uͤbrigen Figuren meiner Fenſter-Scheibe ſo lange ausſetzen, bis das, was durch ſelbige vorher verkuͤn - diget, wuͤrcklich geſchehen ſey. Doch was die Noten anlange, wolle er uns nicht verhalten, wie er vor ſeine Perſon feſte verſichert ſey, daß, gleichwie auf der gan - tzen Fenſter-Scheibe der Fall Babels vorher verkuͤn - diget werde, alſo die Noten nichts anders, als das Triumph-Lied der Glaͤubigen andeuten ſolten.
Die gantze Verſammlung ſchuͤttelte die Koͤpffe zu dieſer wunderlichen Erklaͤrung: Aber was dann ei - gentlich die ſeltſamen Figuren bedeuten ſolten, daruͤ - ber konnte ſie ſich nicht vergleichen. Der eine fand darinn die Uberfahrt des Don Carlos nach Jtalien; der andere die Unruhe in Corſica; der dritte, ein Eid - Weigerer, das Schickſal des Praͤtendenten; der vierte, ein Mathematicus, behauptete, wenn man die auf meiner Fenſter-Scheibe befindliche Zahlen, auf eine gewiſſe Art, mit einander vermehrte und theilte, ſo wuͤrde man die quadraturam circuli finden. Die - ſemwiderſprach der fuͤnfte, und ſuchte uns zu uͤberre - den, daß in den Zahlen eine ſchoͤne Anleitung zu Er - findung des Steins der Weiſen ſtecke. Er meinte, wer die Zahlen 1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 auf alle moͤgliche Arten verſetzte, und die Summe, ſo alle dieſe Verſetzungen, zuſammen genommen, ausmachten, mit 666 ver - mehrte, und darauf mit 96 theilte, der wuͤrde ſeine Zeit nicht uͤbel anwenden. Der ſechſte ſprach hierauf laͤ - chelnd: Meine Herren, ich wundere mich, daß keiner von ihnen der hebraͤiſchen Buchſtaben gedacht hat, die recht mitten auf der Fenſter-Scheibe zu ſehen ſind. Wer63(o)Wer da einſiehet, was dieſe Buchſtaben ſagen wollen, der verſtehet alle uͤbrige Figuren. Jch getraue mir, durch Huͤlffe der Cabbala, hinter den wahren Ver - ſtand derſelben zu kommen: Allein, dieſes erfordert viel Nachſinnen, und es iſt hier der Ort nicht, viel davon zu reden. Aber auch dieſer fand kein Gehoͤr; ſondern ein jeder meinte, ſeine Erklaͤrung ſey die beſte, und lachte die andern aus.
Auf ſolche Art zanckten ſie ſich eine geraume Zeit mit einander, und ich dachte bey alle dem Geplau - dere: Feciſtis probé incertior ſum multó quam dudum. Jn dieſer Ungewißheit, ſagte ich zu dem Ritter Cockburn, der noch ſeinen Mund nicht aufge - than haͤtte: Sie ſehen, mein Herr, wie ſcheinbar ein je - der dieſer Herren ſeine Meinung vortraͤgt, und daß es ihre Schuld nicht iſt, wenn ich mir nicht einbilde, daß ich einer hohen Offenbahrung gewuͤrdiget worden. Sagen ſie mir, wie bin ich daran? Und wer hat, nach ihrer Meynung, Recht? Keiner, war ſeine Antwort; denn die Figuren auf ihrer Fenſter-Scheibe ſind zu - faͤlliger Weiſe entſtanden, und bedeuten nichts; hat aber ja die Natur eine Abſicht gehabt, ſo iſt es keine andere, als den verworrenen Zuſtand des Geſtirnes vieler Gelehrten abzubilden, die ſich nicht ſchaͤmen, mit der groͤſſeſten Ernſthafftigkeit die elendeſten Gril - len vorzubringen. Dieſer kurtze und nachdruͤckliche Ausſpruch endigte alle unſere Betrachtungen, und ein jeder gieng hin, wo er hergekommen.
Als ich mich nun allein befand, wiederholete ich in Gedancken alles, was geredet woꝛden, und ob ich zwar wenig Troſt darinnen fand; ſo lernete ich doch ſo viel daraus, daß die Gedancken, welche die Gelehrtenuͤber64(o)uͤber eine dunckele Sache wachend haben, den Traͤu - men der Schlaffenden nicht ungleich: Denn, gleich - wie dieſe ihren vornehmſten Grund in den Verrich - tungen des vorigen Tages haben; ſo findet ein Ge - lehrter dasjenige, worauf er ſeine Gedancken vornem - lich zu richten gewohnet iſt, allenthalben.
Jch faſſete alſo den Entſchluß, mich an alle dieſe wachende Traͤumer nicht zu kehren; ſondern zu verſu - chen, ob ich nicht durch eigenes Nachſinnen der Na - tur hinter die Kuͤnſte kommen, und die wahre Urſache der wunderbaren Figuren auf meiner gefrornen Fen - ſter-Scheibe ergruͤnden koͤnte.
Die Muͤhe, ſo mich dieſe Unterſuchung gekoſtet hat, iſt gewiß groß geweſen: Aber ſie iſt mir auch durch die vortrefliche Entdeckung, die ich gemacht habe, mehr als doppelt belohnet worden. Ein jeder, der mich kennet, wird mir das Zeugniß geben, daß ich gar nicht prahlhaft bin. Jch halte von mir maͤßiglich, und habe mich, auſſer dem Nothfall, noch niemahlen ſelbſt gelo - bet. Jch will es auch jetzo noch nicht thun, in der feſten Hoffnung, daß Sie, mein Herr, meine Scharffſinnig - keit erkennen werden, ohne daß ich noͤthig habe, mit Hindanſetzung deꝛ mir angebohꝛnen Sittſamkeit, Jh - nen die Wichtigkeit und Vortrefflichkeit der von mir entdeckten neuen und nuͤtzlichen Wahrheiten anzu - preiſen. Die That mag vor mich reden: Und wofern ſie jemahlen etwas gehoͤret und geleſen haben, das mit den tiefſinnigen Gedancken, die ich uͤber meine gefror - ne Fenſter-Scheibe gehabt habe, nur einiger maſſen in Vergleichung zu ziehen iſt, ſo gebe ich Jhnen die Freyheit, ins kuͤnfftige nichts von mir zu halten.
So bald demnach die Geſellſchafft, die ich bey mirge -65(o)gehabt, aus einander gegangen war, fieng ich an zu gruͤbeln: nicht zwar, was doch die ſeltſamen Figuren meiner Fenſter-Scheibe vor Geheimniſſe in ſich faſſen moͤchten: Denn dieſen Wahn, daß die Figuren etwas ſonderliches zu bedeuten haͤtten, hatte mir der Rit - ter Cockburn ſchon benommen: ſondern nur, woher dieſelben entſtanden?
Jch wuſte, daß nichts ohne Urſache geſchicht, und daß alſo auch ein zureichender Grund vorhanden ſeyn muͤſte, warum die Figuren meiner Fenſter-Scheibe ſo wunderbar geworden. Jch bilde mir ein, daß ich dieſen Grund entdecket habe.
Sie wiſſen, mein Herr, daß die Fenſter nur frieren wann es ſehr kalt iſt, und daß ſie nicht frieren, als in ei - nem Zimmer, das bewohnet und geheitzet wird. Die Urſache davon iſt dieſe, weil ein warm gemachte Stu - be mehr Ausduͤnſtungen hat, als ein Zimmer, das nicht geheitzet wird. Jch ſetze demnach voraus, daß das Eis, welches wir zu Winters-Zeit an den Fen - ſtern wahrnehmen, von nichts anders, als von den Ausduͤnſtungen der in dem Zimmer befindlichen Coͤr - per entſtehet. Es iſt keine Zeit des Jahres, da nicht ſol - che Ausduͤnſtungen vorhanden: Aber bey gelindem und warmem Wetter bleiben ſie unſichtbar, weil nichts iſt, das ihre Ausbreitung und Verfliegung ver - hindert. Sie zerflattern alſo in der Luft, ohne daß wir derſelbẽ anders, als etwan durch den Geruch, gewahr werden. Jm Winter aber, wann die Kaͤlte groß iſt, koͤnnen ſie ſich nicht ſo ausbreiten. Sie ſuchen zwar dann ſowohl, als ſonſt eine Oeffnung: aber die Kaͤlte verwehret ihnen den Ausgang. Zuruͤcke koͤnnen ſie nicht: ſo muͤſſen ſie alſo nothwendig an den FenſternEſitzen66(o)ſitzen bleiben. Jſt nun die Kaͤlte drauſſen maͤßig, ſo erblicken wir ſie in der Geſtalt eines Waſſers, und es heiſſt, die Fenſter ſchwitzen. Jſt es aber ſehr kalt, ſo verliehret das Waſſer, durch die gewaltſame Zuſam - mendruͤckung, ſeine Fluͤßigkeit, und aus dem Schweiſ - ſe der Fenſter wird ein foͤrmliches Eis.
Da nun alſo dieſes Eis aus den Ausduͤnſtun - gen der in einem Zimmer befindlichen Coͤrper entſte - het; ſo iſt es klar, daß man alles, was an dieſem Eiſe merckwuͤrdiges iſt, aus den Ausduͤnſtungen, woraus es entſtanden, erklaͤren muͤſſe.
Die Ausduͤnſtungen ſind nicht alle einer Art; ſon - dern, nach Beſchaffenheit der Coͤrper, unterſchieden. Es muß alſo das aus ſelbigen an den Fenſtern ent - ſtehende Eis, nach dem Unterſcheid der Ausduͤnſtun - gen, auch unterſchiedene Geſtalten bekommen: und folglich iſt der Grund aller Figuren, die man auf ei - ner Fenſter-Scheibe ſehen kan, in dem Unterſcheid der Ausduͤnſtungen zu ſuchen.
Meine Fenſter-Scheibe iſt auch eine Fenſter - Scheibe, und mit gewiſſen Figuren bemahlet. Wenn ich, alſo wiſſen will, warum dieſe Figuren ſo, und nicht anders geworden ſind, ſo muß ich nothwendig auf ih - ren Urſprung zuruͤck gehen, und unterſuchen, wie die Ausduͤnſtungen beſchaffen geweſen, aus welchen ſie entſtanden ſind.
So dachte ich, mein Herr, und dieſe Gedancken ge - reuen mich noch nicht. Denn wie einfaͤltig ſie auch, beym erſten Anblick, ſcheinen; ſo ſind doch die Folgen, die ich gantz ungezwungen daraus gezogen habe, ſo herrlich, ſo vortrefflich, ſo nuͤtzlich, daß ich es nicht aus - ſprechen kan. Nachdem ich dieſen Gꝛund geleget hatte,war67(o)war es mir leicht, hinter die Wahrheit zu kom - men.
Jch hatte den Tag vorher eine groſſe Geſellſchafft gelehrter Leute von allerhand Art bey mir gehabt. Jn einer ſolchen Geſellſchafft wird gemeiniglich viel gere - det. Jch gerieht alſo auf die Gedancken, daß der Athem dieſer gelehrten Verſammlung ein groſſes zu den wunderbaren Figuren meiner Fenſter-Scheibe beygetragen habe, wo nicht gar die einzige Urſache der - ſelben geweſen ſey: Und dieſe Gedancken kamen mir um ſo viel gegruͤndeter vor, je unſtreitiger es iſt, daß die ſtaͤrckſte Ausduͤnſtung des menſchlichen Coͤrpers durch den Athem geſchiehet. Die Ausduͤnſtungen aber der in einem Zimmer befindlichen Coͤrper ſind die Urſache, warum die Fenſter bey kaltem Wetter mit Eis beleget werden.
Jch hatte alſo gluͤcklich entdecket, was es vor Duͤn - ſte geweſen, welche verurſachet, daß meine Fenſter ge - froren. Aber darum wuſte ich noch nicht, woher die ſeltſamen und nachdencklichen Figuren entſtanden. Jch muſte alſo weiter nachſinnen: Solte nun meine Muͤhe nicht vergeblich ſeyn, ſo war es noͤthig, daß ich die Natur der Ausduͤnſtungen, die den Stoff zu den ſeltſamen Figuren meiner Fenſter-Scheibe abgegeben hatten, genauer unterſuchte. Jch that es, und befand, daß dieſe Ausduͤnſtungen in dem Athem der in mei - ner Stuben verſammleten Gelehrten beſtanden; daß dieſer Athem groͤſten Theils von ihnen gegangen ſey, wann ſie geſprochen, und daß ſie nur geſprochen, um ihre Gedancken auszudruͤcken. Aus dieſen unſtreiti - gen Wahrheiten machte ich folgenden Schluß, den ein jeder, der faͤhig iſt, von der Staͤrcke undE 2Schwaͤ -68(o)Schwaͤche eines Beweiſes zu urtheilen, nothwendig vor buͤndig und unumſtoͤßlich erkennen muß.
Unſere Gedancken ſind Bilder der Dinge, ſo auſſer uns ſind: Die Worte, die wir ſprechen, ſind Bilder unſerer Gedancken. Sprechen iſt nichts anders, als den Athem auf eine gewiſſe Art von ſich laſſen. Der Athem beſtehet in gewiſſen Ausduͤnſtungen. Folg - lich ſind die Worte, die wir ſprechen, nichts als Aus - duͤnſtungen unſers Coͤrpers. Da nun aber die Wor - te Bilder unſerer Gedancken, und die Gedancken Bil - der der Dinge, die auſſer uns ſind; ſo ſind auch die Ausduͤnſtungen unſers Mundes, wann wir ſprechen, Bilder der Dinge, die auſſer uns ſind. Wann nun dieſe Ausduͤnſtungen, durch die Kaͤlte zuſammrn ge - druͤcket, ſichtbar werden; ſo werden auch die Gedan - cken, deren Bildniß dieſe Ausduͤnſtungen vorſtellen, ſichtbar. Werden die Gedancken ſichtbar; ſo muͤſſen wir auch noth wendig die Bilder der Dinge, die auſ - ſer uns ſind, und von welchen wir reden, in dieſen ſicht - bar gewordenen Ausduͤnſtungen erblicken. Q. E. D.
Nach dieſer tieffinnigen Betrachtung war mir al - les auf meiner Fenſter-Scheibe klar und deutlich. Jch erinnerte mich der gefuͤhrten Reden, und war al - ſo im Stande, faſt von einer jeden Figur meiner ge - frornen Fenſter-Scheibe eine gruͤndliche Urſache zu geben.
Wir hatten von der Mathematic, Aſtronomie, Chymie, und Mythologie, von der hebraͤiſchen, ara - biſchen, chineſiſchen und malabariſchen Sprache, vom Feſtungs-Bau, von Cometen, von Donner und Blitz, und, ich weiß nicht, von wie viel andern Dingen geredet. Der D. Bromley, der in den Figurenmeiner69(o)meiner Fenſter-Scheibe ſo hohe Geheimniſſe gefun - den, hatte uns eine lange Stelle aus ſeiner Erklaͤrung der Offenbarung Johannis vorgeleſen, in welcher von der groſſen Hure, die auf den Waſſern ſitzet, und von der Zahl des Thiers gehandelt wurde.
Alle dieſe ſchoͤne Raritaͤten ſehen Sie auf meiner gefrornen Fenſter-Scheibe Zwar in ziemlicher Un - ordnung: Aber dieſes iſt kein Wunder; ich wundere mich vielmehr, daß eine ſolche Menge Ausduͤnſtun - gen von ſo unterſchiedener Art nicht noch auf wunder - lichere und verwirrtere Weiſe vermiſchet worden. Es iſt, meines Beduͤnckens, noch ziemlich ordentlich hergegangen, und, auſſer dem Thier mit dem Men - ſchen-Kopf, den Bocks-Hoͤrnern und dem Ratzen - Schwantze, wuͤſte ich keine einzige Figur auf der gan - tzen Fenſter-Scheibe, deren Urſprung ich nicht erklaͤ - ren wolte. Vielleicht ergruͤnde ich auch noch, woher dieſes Thier entſtandẽ. Da es mir mit meiner Fenſter - Scheibe ſo weit gelungen iſt, ſo verzage ich an nichts.
Es iſt mir ſchon mit den muſicaliſchen Noten ſo ge - gangen. Anfangs wuſte ich in der That nicht, was ich daraus machen ſolte. Jch erinnerte mich nicht, daß wir von der Muſic geredet hatten, und wunderte mich alſo ungemein, wo dieſe deutliche Noten hergekom - men. Endlich fiel mir bey, daß ein Saͤnger aus der O - pera, der mit einem von der Geſellſchafft, welcher ein Poete war, etwas zu reden gehabt hatte, auf einige Minuten in meiner Stube geweſen war. Da ver - ſchwand meine Verwunderung, uñ ich bin gewiß ver - ſichert, daß man die Urſache dieſer Noten in dieſem Saͤnger ſuchen muß. Es ſey nun, daß er mit dem Poe - ten, ohne daß ich es gewahr worden, von der Muſic ge -E 3redet70(o)redet, oder daß die Ausduͤnſtungen ſeines Coͤrpers uͤberhaupt ſo harmoniſch geweſen, daß ſie nicht an - ders, als in der Geſtalt des Anfangs einer Arie ſicht - bar werden koͤnnen. Jch will mir daruͤber den Kopf nicht zerbrechen; ſondern zu wichtigern Dingen ſchreiten.
Den D. Bromley,(*)Es iſt wuͤrcklich ein D. Bromley in Engelland, der uͤber die Offenbahrung Johannis geſchrieben hat: Welches ich aber zu der Zeit, als ich dieſes ſchrieb, nicht wuſte. der, als ein Geiſtlicher, kei - nen Widerſpruch vertragen kan, und inſonderheit in ſeinen Erklaͤrungen der Offenbahrung Johannis eben ſo verliebt iſt, als der bekannte Jurieu war, hat es ſehr geſchmertzet, daß ich die Figuren meiner gefror - nen Fenſter-Scheibe aus natuͤrlichen Urſachen zu er - klaͤren geſucht, und dadurch die vortrefflichen und er - baulichen Gedancken, die er daruͤber gehabt hat, um - geſtoſſen habe. Er hat ſich demnach bemuͤhet, meine Erklaͤrung laͤcherlich zu machen.
Sie werden ſehen, mein Herr, daß alles, was er zu dem Ende geſagt, nichts heiſſe: Aber die Aufrichtig - keit, die ich in der Unterſuchung meiner Fenſter - Scheibe bisher gewieſen habe, erfordert, daß ich Jh - nen auch von den Einwuͤrffen, die man mir gemacht hat, Nachricht gebe.
Er frug mich neulich gantz hoͤniſch, warum dann, wenn die Figuren meiner Fenſter-Scheibe bloß von dem Athem der in meiner Stube verſammleten Ge - lehrten entſtanden, nicht alle Fenſter ſo bemahlet wor - den? Uñ was dann die einzige Scheibe ſonderbares an ſich gehabt habe, wesfalls alle die gelehrten Ausduͤn - ſtungen ſich auf derſelben verſammlet? Jch antwor -tete71(o)tete ihm kuͤrtzlich: Es ſey darum geſchehen, weil ſie zerbrochen geweſen. Denn da die Luft den ſtaͤrckſten Zug nach der in der Fenſter-Scheibe befindlichen Oeffnung gehabt; ſo ſey es kein Wunder, daß alle Aus - duͤnſtungen mit dahin geriſſen worden: Und weil nun wegen der Menge der Duͤnſte ein Gedraͤnge ent - ſtanden, ſo ſey es gar was Natuͤrliches, daß ein gut Theil derſelben zuruͤcke bleiben muͤſſen: und zwar eben auf der zerbrochenen Fenſter-Scheibe, als zu wel - cher ſie ſich alle gedrungen, und alſo auch ſonſt nir - gends, als auf derſelben, die Verwandelung leiden koͤnnen. Jch erlaͤuterte das, was ich geſagt hatte, mit dem Gedraͤnge einer Menge Volcks, das zu einer Thuͤꝛ hinaus will, und der gute D. Bromley verſtummete.
Sonſt hat niemand wider meine Erklaͤrung etwas einzuwenden gehabt: Und wie waͤre es auch moͤglich, da ſie ſo gruͤndlich iſt? Mich deucht, ich habe mit un - wie dertreiblichen Gruͤnden dargethan, daß die Figu - ren meiner Fenſter-Scheibe von dem Athem der in meiner Stube verſammleten Gelehrten entſtanden. Und dieſes iſt eine Entdeckung, die nicht nur gantz neu, ſondern auch von ſo groſſer Nutzbarkeit iſt, daß ich mich in meinem Gewiſſen verbunden achte, noch bey gegenwaͤrtiger Parlaments-Verſammlung Jh - ro Maj. unſerm allergnaͤdigſten Koͤnige ſowohl, als den beyden Haͤuſern, dieſelbe im Vertrauen be - kannt zu machen. Jch werde dadurch die Pflichten eines wohlgeſinneten Buͤrgers erfuͤllen, und mich um meine Nation, ja um die gantze Welt, unſterblich verdient machen.
Lachen Sie nicht, mein Herr! Jch rede die Wahr - heit: Und wenn Sie nur belieben, der Sache ein we -E 4nig72(o)nig nachzudencken, werden Sie befinden, daß kein beſſerer Vorſchlag zu gluͤcklicher Entdeckung aller wider die Regierung, und die Ruhe eines Landes ge - ſchmiedeten Anſchlaͤge koͤnne erdacht werden, als der - jenige iſt, den ich zu thun willens bin. Denn da die Figuren auf meiner gefrornen Fenſter-Scheibe ſo au - genſcheinlich zeigen, daß man alles, was zu Winters - Zeiten, wann es ſtarck frieret, in einem Zimmer vor - gegangen, und geredet worden, aus den gefrornen Fenſtern leſen kan; ſo, deucht mich, waͤre es eine heil - ſame Sache, wenn es der Regierung gefallen wolte, zu verordnen, daß zu ſolchen Zeiten alle Morgen die Fenſter in allen verdaͤchtigen Haͤuſern beſichtiget wer - den ſolten. Jn dem mitternaͤchtligen Theile von Groß-Brittañien waͤre eine ſolche Beſichtigung am noͤthigſten, weil daſelbſt die Zahl der Mißvergnuͤgten ſo groß iſt, als die Kaͤlte. Jch hoffe, die Regierung wird dieſes erwegen, und meinen berrlichen Vor - ſchlag nicht nur billigen; ſondern auch belohnen.
Sie, mein Herr, wohnen in einem Lande, da es un - gemein ſtarck frieret. Meine Entdeckung kan alſo bey Jhnen ſaſt noch mehr Nutzen ſchaffen, als bey uns, und Sie werden wohl thun, wenn Sie Jhrer Monarchin Nachricht davon geben. Jch bin Jh - nen gut davor, daß Sie diejenige Belohnung erhal - ten werden, die man vor einen Vorſchlag von der Wichtigkeit von einer ſo freygebigen und großmuͤthi - gen Prinzeßin, als Jhre Beherrſcherin iſt, hoffen kan.
Jch verlange nicht, mein Herr, daß Sie die Be - lohnung, die Sie bekommen, mit mir theilen ſollen. Jch bin zufrieden, wenn Sie mir nur die Ehre der er - ſten Erfindung laſſen, und werde meine Muͤhe voruͤber -73(o)uͤberfluͤßig belohnet halten, wenn Sie belieben wer - den, die Wunder, die der Froſt wircket, nach der ſchoͤ - nen Gelegenheit, die Jhnen Jhr Clima giebt, weiter zu erforſchen, und mir Jhre Entdeckungen mit zuthei - len. Jch erſuche Sie darum, mein Herr, und habe aus keiner andern Urſache Jhnen von meiner gefror - nen Fenſter-Scheibe eine ſo umſtaͤndliche Nachricht gegeben, als um Sie zur Betrachtung einer Sache aufzumuntern, welche Sie, weil ſie bey Jhnen gar zu gemein iſt, vielleicht bishero ihrer Unterſuchung nicht werth geachtet haben. Jch habe zu eben dem Ende an einen Gelehrten in der Terra del fuogo, und nach ei - ner unbekannten Jnſul unter dem Suͤd-Pol, Angel - pont genannt, welche der zu Brinn ſitzende Printz von Chabanois, der ſich einen Koͤnig davon ſchreibt, entdecket, und nach ſeiner Gemahlin Angelique du Pont, alſo betitelt haben will, geſchrieben: So bald ich Antwort erhalte, werde ich nicht ermangeln, Jh - nen auch von den Gedancken Nachricht zu geben, welche die daſigen Gelehrten uͤber meine gefrorne Fenſter-Scheibe haben.
Jndeſſen, mein Herr, will ich Sie noch mahlen in - ſtaͤndigſt gebeten haben, meine Entdeckung, die ich mir gemacht zu haben einbilde, nach der groͤſſeſten Schaͤrffe zu beurtheilen. Sie ſind geſchickt dazu, daß weiß ich, und koͤnnen mich nicht allein, wenn ich, uͤber Verhoffen, gefehlet, eines beſſern unterrichten; ſondern auch durch die Anmerckungen, die Sie viel - leicht ſchon gemacht haben, meine Gedancken beſtaͤr - cken. Jch kehre mich an diejenigen nicht, die mich aus - lachen, daß ich einem Samojeden viel von einer gefror - nen Fenſter-Scheibe vorſchwatze, und behaupten, daßE 5man74(o)man in einem Lande, welches mit einer faſt im̃erwaͤh - renden Finſterniß bedecket iſt, Quod latus mundi ne - bulæ, malusque Jupiter urget, und deſſen Einwoh - ner wie die Thiere in Hoͤhlen und Loͤchern liegen, nicht einmahl wiſſe, was ein Fenſter ſey. Jch traue dem Hn. Medley, der ihren Pallaſt in Bereſowa, und ihr praͤchtiges Luſt-Schloß unfern Sobskaja an dem Oby, mit ſeinen Augen geſehen hat, mehr, als den elen - den Buͤchern, in welchen die abgeſchmackteſten Fa - beln von ihrer vortreflichen Nation enthalten ſind.
Wofern Sie es vor gut finden, koͤnnen Sie dieſen Brief in der Verſammlung der vortreflichen Koͤpfe verleſen, welche, wie ich von dem Hn. Medley verneh - me, woͤchentlich vier mahl, unter Dero Aufſicht, zu - ſammen kommen. Es wird mir eine Ehre ſeyn, ſol - chen Leuten bekannt zu werden, und Sie wuͤrden mich Jhnen ungemein verbinden, wenn Sie die Guͤte haben wolten, dieſe gelehrte Geſellſchafft, in meinem Nahmen, gehorſamſt zu erſuchen, mich, in Betracht meiner groſſen Verdienſte, aus eigener Bewegniß, zu ihrem Mitgliede anzunehmen.
Jch koͤnte Sie dieſer Muͤhe uͤberheben, und nur ſelbſt in einem wohl geſetzten Schreiben der Geſell - ſchafft die groſſe Begierde zu erkennen geben, welche ich habe, die Zahl ihrer Glieder zu vermehren: Aber dieſes iſt nicht Sitte in unſerm Lande. Werbey uns Luſt hat, in eine gelehrte Geſellſchafft aufgenom̃en zu werden, der begnuͤgt ſich, an das Haupt derſelben ei - nen, mit einem Wunder-Bilde begleiteten, Brief zu ſchreiben; ſo iſt die Sache richtig. Dieſer Gebrauch geſaͤllt mir wohl: Denn auf ſolche Art iſt die Auf - nahme dem neuen Mitgliede um ſo viel ruͤhmlicher,weil75(o)weil es laͤſſt, als ſey ſie ohne ſein Geſuch geſchehen. Jch habe mich alſo von der loͤblichen Gewohnheit meiner Lands-Leute nicht entfernen wollen, und glau - be, daß dieſer Brief mir Jhren Vorſpruch bey der gelehrten Geſellſchaft, deren Haupt Sie ſind, und die Ehre, ein Mitglied derſelben zu heiſſen, zuwege brin - gen werde.
Jch bin zwar nicht ehrgeitzig: aber ich kan Jh - nen doch nicht bergen, daß es mir eine ſonderliche Freu - de ſeyn wuͤrde, wenn meine Lands-Leute durch meine Aufnahme in eine ſo beruͤhmte Geſellſchafft, als die ih - rige iſt, uͤberfuͤhret werden moͤchten, daß es auſſer die - ſer Jnſul Leute gebe, die meine Verdienſte beſſer zu erkennen wiſſen, als mein undanckbares Vaterland.
Gewiß, mein Herr, ich moͤchte Blut weinen, wann ich daran gedencke, wie ſehr der Geſchmack meiner gantzen Nation verdorben iſt. Sie werden vermuth - lich wohl gehoͤret haben, wie lecker wir Engellaͤnder in Eſſen und Trincken ſind; wie wir an unſern Speiſen kuͤnſteln, und alles vor abgeſchmackt halten, was nicht unſern verwehnten Gaumen aufs empfindlich - ſte kuͤtzelt. Dieſes Verderben einer ſonſt vortreflichen und klugen Nation iſt zu beklagen: aber noch mehr iſt zu bedauren, daß wir in Anſehung der Nahrung unſerer Seelen, eben ſo lecker, und eben ſo unmaͤßig ſind, als in unſerm Eſſen und Trincken.
Jch kan mit Seneca ſagen: Quemadmodum omnium rerum, ſic litterarum quoque intempe - rantia laboramus. Dieſe Unmaͤßigkeit im Wiſſen hat ſich unter den Gelehrten dieſer Jnſul ſo ſehr ausgebreitet, daß ich und meines Gleichen, die wir durch unſere Reden und Schrifften unſer gerechtesMiß -76(o)Mißfallen daruͤber an den Tag legen, dieſem Unweſen zu ſteuren nicht vermoͤgend ſind; ja noch dazu, wegen der Maͤßigkeit im Wiſſen, der wir uns befleißigen, vor einfaͤltige, ungelehrte Leute gehalten, und als elen - de und armſelige Scribenten, wie man uns gar ver - aͤchtlich nennet, faſt von jederman ausgeziſchet wer - den. O tempora! o mores! Man gehet mit uns um, daß es zu bejammern iſt, und ich ſelbſt habe es mehr als einmahl erfahren, daß alle Bemuͤhung, den Beyfall unſerer leckern Gelehrten zu erhalten, vergeb - lich ſey.
Ob man mir demnach gleich rahten wollen, der hie - ſigen Koͤniglichen Societaͤt der Wiſſenſchafften von meinen Entdeckungen Nachricht zu geben, und meine Gedancken uͤber die gefrorne Fenſter-Scheibe dem Urtheil derſelben zu unterwerffen: So habe ich doch Bedencken getragen, dieſem Raht zu folgen. Was kan ich von einer Geſellſchafft hoffen, deren Glieder mit allen Gelehrten meiner Art faſt in offenbarem Kriege leben, und vor unſern herrlichen Schrifften ei - nen faſt unuͤberwindlichen Eckel bezeugen?
Ein Gelehrter, der einen Brief, als derjenige iſt, den ich die Ehre habe an Sie zu ſchreiben, an eine ge - lehrte Geſellſchafft richtet, erwecket bey dem Leſer den Verdacht, daß er einen Platz in derſelben ſuche, und wenn er dieſer Ehre nicht gewuͤrdiget wird, ein allge - meines Gelaͤchter. Jch mag nicht, daß man mich aus - lache: und daß mich unſere Societaͤt der Wiſſen - ſchafften, meiner gefrornen Fenſter-Scheibe wegen, in die Zahl ihrer Glieder aufnehmen werde, kan ich oh - ne Thorheit nicht hoffen.
Jch begehre es auch nicht. Denn wer will mir gutdavor77(o)davor ſeyn, daß ſie mich nicht, wenn ich fortfuͤhre, nach meinem Geſchmack zu ſchreiben, unter dem Vor - wand, ſie habe Schimpff von mir, wieder ausſtoſſen wuͤrde? Jch kenne ſie gar zu wohl. Sie verſteht kein Ehren-Wort, und wenn man ihr, aus Hoͤflichkeit, verſpricht, ſich zu beſſern, und ſich zu bemuͤhen, ſolche Schrifften ans Licht zu ſtellen, welche faͤhig, zu ver - hindern, daß die getroffene Wahl ſie nicht gereue, ſo macht ſie Ernſt daraus, und haͤlt ſich berechtiget, die - ſes, als eine Schuldigkeit, zu fordern. Jch liebe die Freyheit, und laſſe mir die Haͤnde ſo nicht binden. Wuͤrde es mir alſo nicht eben ſo gehen, als meinem wehrten Freunde, Mr. Makewind?
Dieſer junge Menſch iſt einer der vortreflichſten Koͤpfe unſerer Zeit, und wird wenige ſeines gleichen haben. Man hat an ihm, von ſeiner Kindheit an, vie - len Witz, und eine ungemein ſtarcke Einbildungs - Kraft wahrgenommen. Dieſe vortrefliche Gemuͤths - Gaben ſind mit den Jahren immer ſtaͤrcker gewor - den, und alle, die ihn kennen, geben ihm das Zeugniß, daß er in ſeinem 14ten Jahre Dinge gethan, daruͤber man erſtaunen muß.
Die Eltern ſparten nichts an ſeiner Erziehung, weil ſie ſich von einem Knaben ſo guter Hoffnung mit Recht groſſe Dingeverſprechen konnten. Sie gaben ihm die geſchickteſten Lehr-Meiſter: Aber keiner von allen war ſo geſchickt, daß er ihm eine Luſt zu den Anfangs-Gruͤnden der Wiſſenſchafften haͤtte bey - bringen koͤnnen, in welchen junge Leute pflegen unter - richtet zu werden. Er ſahe dieſes als Kleinigkeiten an, und trachtete nach hoͤhern Dingen.
Man ſchickte ihn demnach, wie er kaum 17. Jahralt78(o)alt war, nach Cambridge. Jch weiß nicht warum. Denn man will vor gewiß ſagen, daß er ſich ſchon ſeit ſeinem 12ten Jahre nicht undeutlich mercken laſſen, daß er mit der gemeinen Art zu ſtudiren nicht zufrieden ſey, und es als eine groſſe Thorheit anſaͤhe, daß man die ſchoͤnſte Zeit des menſchlichen Lebens mit einem verdrießlichen Lernen zubraͤchte, die man mit mehrerm Ruhm anwenden koͤnte, andere zu lehren. Jch weiß nicht, ob ſich dieſes ſo verhaͤlt: So viel weiß ich, daß er ſeine Lehrer zu Cambridge nicht vor wuͤrdig gehalten, das Geringſte von ihnen zu lernen. Ein ſo auſſeror - dentlicher Kopf brauchte keines Unterrichts. Er war kluͤger, als ſie alle, und fieng ſein Studiren da an, wo andere Gelehrte aufhoͤren.
Es fand ſich zu der Zeit die, allen rechtſchaffenen Gelehrten ſo noͤthige Dreiſtigkeit, bey ihm ein. Er ſchrieb demnach Buͤcher, und zeigte alſo, daß es groſ - ſen Koͤpfen ein leichtes, auch ohne etwas gelernet zu haben, von allerhand Materien die ſchoͤnſten Sachen zu ſchreiben. Oxford war der Ort, da er anfieng ſich hervor zu thun. Er that es mit ſonderlichem Gluͤcke, und alles, was er anfieng, gieng ihm um ſo viel beſſer von ſtatten, je weniger er in ſeiner Arbeit von der ver - drießlichen Eigenſchafft des Verſtandes, welche man die Beurtheilungs-Krafft nennet, beunruhiget und gehindert wurde.
Dieſe gluͤckſelige Beſchaffenheit ſeines Gemuͤths machte, daß die gelehrte Welt mit einer vortreflichen Schrift nach der andern beſchencket, und in die aͤuſ - ſerſte Beſtuͤrtzung geſetzet wurde. Niemand war faͤ - hig zu begreiffen, woher einem ſo jungen Menſchen die Weisheit gekommen, und jederman wunderteſich,79(o)ſich, wie ein Menſch, der nicht eine Wiſſenſchaft recht ſtudiret, in allen ſo beſchlagen ſeyn koͤnnte. Viele be - ſorgten, er wuͤrde ſich endlich erſchoͤpffen, und einige propheceyeten ihm gar einen fruͤhen Tod. Der Aus - gang hat gewieſen, daß die Sorge der erſten unnoͤthig geweſen, und ich wuͤnſche, daß die Weiſſagung der letzten falſch ſeyn moͤge. GOtt verleihe dem Herrn Makewind ein langes Leben! Wir wuͤrden an ihm gar zu viel verlieren.
Aber wieder auf die Schriften dieſes groſſen Man - nes zu kommen, ſo waren ſie alle von ausnehmender Schoͤnheit, und kan man mit Wahrheit ſagen, daß die Welt dergleichen nicht geſehen.
Der Haupt-Zweck aller ſeiner Arbeit war, die leichte und gemaͤchliche Schreib-Art, die wir in unſerer Sprache Bombaſt nennen, und welche ſeit einiger Zeit ziemlich in Abnahme und Verachtung gerathen iſt, wieder in den Gang zu bringen, die Scribenten von dem ſchweren Joche der Sprach-Kunſt zu befreyen, und, durch Widerlegung des Horatz und Boileau, die Herrſchafft des Reims, uͤber die Vernunft, zu be - haupten. Gewiß ein Unternehmen, das vielen Muth und Geſchicklichkeit erforderte, und welches von dem Hrn. Makewind auf eine ſo ſonderbare Art ausgefuͤh - ret worden, daß man noͤthwendig ſeine Klugheit be - wundern, und geſtehen muß, daß niemand, als er, ge - ſchickt dazu geweſen.
Er ſahe wohl, daß es eine vergebliche Arbeit ſeyn wuͤrde, wenn er gerade zu, und ohne Umſchweiff, den Bombaſt vertheidigen, die Sprach-Kunſt verwerf - fen, und den Horatz und Boileau widerlegen wolte. Er war viel zu ſchlau, als daß er nicht haͤtte mercken ſol -len,80(o)len, daß dieſes, bey ſo verderbtem Zuſtande der Welt, ein ſicher Mittel, ſich laͤcherlich zu machen. Er war demnach ſo liſtig, daß er nicht eigene Regeln vom Bombaſt gab, ſondern ſandte nur allerhand kleine Schrifften von unterſchiedlichem Jnhalt in die Welt, in welchen dieſe vortrefliche Schreib-Art in ihrer gan - tzen Schoͤnheit zu ſehen war. Er ſchrieb kein eigen Buch wider die Tyranney der Sprach-Kunſt, ſon - dern begnuͤgte ſich, in ſeinen Schrifften keine einige ihrer Regeln zu beobachten. Den Horatz und Boi - leau griff er nicht nahmentlich an: Er lobte ſie viel - mehr zum Schein: Aber er verfertigte ſelbſt Gedich - te, die ſo beſchaffen waren, daß kluge und nachdencken - de Leſer wohl ſahen, daß ſie dieſen beyden groſſen Dichtern, und den von ihnen gegebenen Regeln zum Trotz geſchrieben.
Wer da weiß, daß ein gutes Exempel mehr aus - richtet, als die beſten Lehren, der wird mit mir beken - nen, daß der Hr. Makewind ſich derjenigen Klugheit und Behutſamkeit bedienet habe, die zu Ausfuͤh - rung eines ſo wichtigen und nuͤtzlichen Vorhabens erfordert wird.
Jch, und alle andere, ſo genannte, armſelige Scri - benten freueten uns von Hertzen, daß in unſern Tagen ein ſo hertzhaffter Mann aufgeſtanden, und ſchmei - chelten uns mit der Hoffnung, durch die Huͤlffe dieſes Helden unſern verloſchenen Ruhm wieder hergeſtellet zu ſehen. Allein die Schaar der leckern und naſewei - ſen Schreiber verdoppelte ihre Wuth wider uns, und handthierte inſonderheit unſern Goliath ſo uͤbel, daß ein Mann von geringerm Muth und einiger Scham - hafftigkeit ſich wuͤrde haben abſchrecken laſſen, und esver -81(o)verſchworen haben, jemahlen die Feder wieder anzuſe - tzen. Allein ſie fand an dem Hn. Makewind, was ſie ſuchte, und nichts war faͤhig, unſern Helden von ſei - nem loͤblichen Vorhaben abwendig zu machen. Er kehrte ſich an alle Spoͤttereyen ſeiner Neider nichts, ſondern blieb unbeweglich:
Er fuhr fort, uns armſelige Scribenten durch ſeine herrlichen Schrifften zu erbauen, und unſere Gegner zu quaͤlen. Seinem Beyſpiel folgten viele, und es ge - wann das Anſehen, als ob die gute Sache endlich triumphiren wuͤrde.
Unſern Feinden ward allgemach nicht wohl dabey zu Muthe. Sie ſahen, daß das lehrreiche Beyſpiel des Hn. Makewind von unbeſchreiblicher Kraft war. Sie ſahen, daß dieſer tapffere und ruͤſtige Scribent durch Spott und Drohungen nicht zu ſchrecken: Sie ſuch - ten ihn alſo auf eine andere Art zu gewinnen, in der fe - ſten Hoffnung, mit dem Reſt der armſeligen Scriben - ten leicht fertig zu werden: Und die Koͤnigliche So - cietaͤt der Wiſſenſchafften muſte dem Herrn Make - wind einen Platz anbieten.
Dieſes war, ihrer Meynung nach, ein liſtiger Streich, und unſere Feinde machten ſich die ſichere Rechnung, der Hr. Makewind wuͤrde, wo nicht durch das Beyſpiel ſeiner Collegen gantz umgekehrt, deñoch durch die Ehre, welche ihm eine ſo beruͤhmte Geſell -Fſchafft82(o)ſchafft erwieſen, bewogen werden, ſeine Hand von uns abzuziehen, und es nicht mehr ſo offenbar mit uns zu halten.
Wie aber den wenigſten dieſe geheime Abſicht der Societaͤt bekannt war, ſo gerieht gantz Londen in die aͤuſſerſte Verwunderung, als es kund ward, daß Mr. Makewind in die Societaͤt der Wiſſenſchafften aufgenommen ſey. Man konnte ſich nicht darinn fin - den, daß eine ſo beruͤhmte Geſellſchafft einen Men - ſchen zu ihrem Mitgliede erwehlet, deſſen Schriften ih - ren Abſichten ſo ſehr entgegen waren, uñ von welchem ſie alſo, menſchlichem Anſehen nach, mehr Schande, als Ehre zu erwarten hatte: Und wenn ich ihnen die Verwirrung, die Beſtuͤrtzung, und den Lerm, ſo dieſer unveꝛmuthtete Entſchluß der Societaͤt in dieſer Stadt erregte, nach allen Umſtaͤnden beſchreiben wolte, ſo muͤſte ich eine Beredſamkeit beſitzen, die mir fehlet. Jch ſage nur ſo viel, Londen gerieht faſt in den Zuſtand, in welchem ſich Egypten befand, als der Wuͤrge-Engel ausgieng, die Erſt-Gebuhrt zu ſchlagen.
Dreyen der vornehmſten Frauen gieng es daruͤber unrichtig. Vier ſaͤugende Muͤtter lieſſen, vor Be - ſtuͤrtzung, ihre Kinder auf die Erde fallen, von denen zwey auf der Stelle todt blieben, und zwey ſo viel bekamen, daß ſie vermuthlich Zeit ihres Lebens ge - brechlich bleiben werden. Ein gewiſſer Lord wolte,wie83(o)wie er hoͤrte, was ſich begeben hatte, die Achſeln zu - cken, und ſiehe! die eine Schulter erſtarrete, und iſt ſeit dem immer hoͤher geweſen, als die andere. Mr. Phips, der ehedeſſen die Ehre vergebens geſuchet hat - te, die dem Hn. Makewind ohne ſeine Bemuͤhung wiederfahren war, machte es wie Ahitophel, und er - hieng ſich aus Verzweiffelung, ſelbſt. Und, was das erbaͤrmlichſte, ſo ſtarb die Mutter des Hn. Makewind vor Freuden. Ein wunderbar Gemiſch von Beſtuͤr - tzung und Freude beklemmte ihr muͤtterliches Hertze dergeſtalt, daß ſie, indem ſie ihren Sohn aufs zaͤrt - lichſte umarmete, und demſelben Gluͤck wuͤnſchen wolte, eben wie jene Roͤmerin, die ihren Sohn, den ſie todt geglaubet, aus der Schlacht wieder kommen ſahe, in Ohnmacht fiel, niederſanck, und in den Ar - men ihres geliebten Sohnes den Geiſt aufgab. Ru - he ſanft, gluͤckſeliger Leib, der du einen ſo vortreflichen Mann getragen haſt! Jch weiß, mein Herr, Sie wuͤnſchen ihr mit mir:
Die Spoͤtter indeſſen waren nicht faul, ſich uͤber dieſe unvermuthete Aufnahme des Herrn Makewind luſtig zu machen. Der eine ſprengte aus, die Socie - taͤt der Wiſſenſchaften haͤtte den Herrn Makewind mit eben der Bedingung aufgenommen, unter wel - cher ehedeſſen Sylla einem ſchlechten Poeten ſeine Veꝛſe belohnet, das iſt, eꝛ habe eydlich angeloben muͤſ - ſen, ferner nichts zu ſchreiben. Ein anderer ſprach: Die Societaͤt waͤre uͤppig worden, und wolte durch ſolche Mitglieder, als der Hr. Makewind, den Glantz ihrer Schoͤnheit vermehren, wie das FrauenzimmerF 2durch84(o)durch die Schoͤnpflaͤſtergen. Ja der Hertzog von N … war gar ſo arg, daß er zu dem Frantzoͤſiſchen Geſandten, dem Grafen von B …, der ſich auch uͤber das Verfahren der Societaͤt wunderte, auf Frantzoͤſiſch ſagte: Pourquoi s’en étonner, Mon - ſieur? Ne ſauez vous pas que la Societé eſt un corps myſtiqve? II faut donc, qu’elle ait ſes par - ties honteuſes.
Was mich und andere ehrliche Leute anlanget, ſo waren wir aͤuſſerſt betruͤbt, daß man uns einer ſo groſ - ſen Stuͤtze berauben wolte. Anfangs war dieſes unſer Troſt, daß entweder der Herr Makewind die ihm angebotene Ehre ausſchlagen, oder, wenn er ſie annehme, vielleicht die gantze Societaͤt der Wiſſen - ſchafften mit der Zeit auf unſere Seite ziehen wuͤrde: Aber wie beſtuͤrtzten wir nicht, als derſelbe ein Danck - ſagungs-Schreiben an die Societaͤt drucken ließ, in welchem er bekannte, daß ſeine Schrifften bishero nicht viel wehrt geweſen, und heilig angelobte, ſich zu aͤndern, uñ ins kuͤnftige in allem nach dem Geſchmack der Geſellſchafft zu richten. Dieſes Bekaͤnntniß, dieſe Zuſage war ein Donnerſchlag in unſern Ohren; wir ſahen nunmehro wohl, daß wir auf die Art von dem Herrn Makewind weiter nichts gutes zu hoffen haͤtten, und unſere Feinde konnten die Freude, welche ſie daruͤber empfanden, daß ſie uns einen ſolchen Mann abſpaͤnſtig gemacht, nicht bergen.
Doch dieſe Freude waͤhrete nicht lange, und mit derſelben endigte ſich auch unſere Betruͤbniß.
Naturam expellas furca tamen usque recurret.
Mr. Makewind, der, durch die ihm unvermuhtet angetragene Ehre geblendet, in der erſten Hitze ein ſounbe -85(o)unbedachtſames Verſprechen gethan hatte, kam end - lich wieder zu ſich ſelbſt. Das Gewiſſen wachte auf. Er ſahe, wie ſehr er ſeine Bruͤder betruͤbet hatte. Er be - reuete es, und ſchrieb, zu groſſem Troſte des betruͤbten Haͤufleins der elenden Scribenten, ſolche Buͤcher, daß man wohl ſehen kunte, daß alles, was er in ſeinem Danckſagungs-Schreiben der Geſellſchafft Gutes vorgeſagt hatte, nur Ehren-Worte geweſen, die ihm nicht von Hertzen gegangen.
Der Societaͤt gefiel dieſes nicht: Doch ſchwieg ſie Anfangs ſtille dazu. Sie hielte davor, man muͤ - ſte mit Mr. Makewind, als einem jungen Menſchen, Gedult haben. Die Beſſerung geſchehe nicht durch einen Sprung: Er wuͤrde noch wohl werden. Al - lein dieſe Hoffnung ſchlug fehl. Mr. Makewind legte das Stillſchweigen der Societaͤt ſo aus, als wenn ſie ſeine Auffuͤhrung billigte. Er wagte es demnach, und trat voͤllig wieder auf unſere Seite. Er gab Schrifften ans Licht, die, eben wie die vorigen voller Bombaſt, und Uebertretungen der Geſetze der Sprach-Kunſt waren. Jn ſeinen Gedichten war der Reim das Haupt-Werck, und die Vernunfft er - ſchrecklich gemißhandelt. Sie koͤnnen leicht geden - cken, wie ſehr uns dieſes erfreuet, und wie hergegen un - ſere Feinde, und das Haupt derſelben, ich meine die Societaͤt der Wiſſenſchafften, ſich geaͤrgert habe, als ſie geſehen, daß ihr liſtiger Anſchlag zu ihrem eigenen Schaden ausgeſchlagen. Und gewiß, die Societaͤt war uͤbel daran: Solte ſie ein, nach ihrer Meynung, unwuͤrdiges Mitglied auf eine gewaltſame Art von ihren Coͤrper abſondern; ſo muſte ſie ihre eigene Un - vorſichtigkeit im waͤhlen bekennen, und die Rache, ei -F 3nes86(o)nes ihr ehedeſſen ſo gefaͤhrlichen Mannes, befuͤrchten. Solte ſie ferner zu der Auffuͤhrung des Hn. Make - wind ſtille ſchweigen, ſo war zu beſorgen, man moͤgte dencken, ſie billige alles, was er vornehme. Und in der That fanden ſich Leute, die dieſes ausſprengeten, und die Societaͤt kam dadurch in einen Ruf, den ſie ſich nicht vor ruͤhmlich hielt. Es vergieng ihr demnach die Gedult, und ſie machte den unerhoͤrten Schluß, den Hn. Makewind, als ein faules Gliedmaß, von ihrem Coͤrper zu trennen. Er ward alſo foͤrmlich ausgeſtoſſen, und ſein Nahme in dem Regiſter der Glieder der Societaͤt ausgeloͤſchet.
Sehen Sie, mein Herr, ſo ſpringet man hier mit ehrlichen Leuten um. Wolten Sie es mir alſo wohl rathen, daß ich einen Platz in einer Geſellſchafft ſu - chen ſolte, der man es ſo wenig zu Danck machen kan, daß auch Mr. Makewind in ihre Ungnade gefallen? Jch habe Jhnen die Hiſtorie dieſes geſchickten Kopfes etwas umſtaͤndlich erzehlet, damit Sie die Verdienſte deſſelben, und den Eigenſinn der Societaͤt, welcher auch ein ſolcher Mann nicht gut genug geweſen iſt, de - ſto beſſer erkennen moͤgen. Sie werden, hoffe ich, aus dem, was ich bisher geſchrieben habe, zur Gnuͤge erſe - hen, daß meine Klagen uͤber den bedraͤngten Zuſtand der Gelehrten meiner Art, nicht ungegruͤndet ſind, und daß wir Urſache haben, bey auswaͤrtigen Natio - nen, und entlegenen Voͤlckern, den wohlverdienten Ruhm zu ſuchen, welchen uns unſer Vaterland ſo halsſtarrig verweigert.
Sagen Sie mir, iſt es nicht was unerhoͤrtes, ſomit87(o)mit einem Manne zu verfahren, der von ſo groſſen Verdienſten iſt, als der Hr. Makewind? Mit einem Manne, dem, auch nach dem Zeugniß ſeiner Feinde, unſere gantze Nation unendlich verbunden iſt? Jch habe gar offt gehoͤret, daß man geſagt hat, die Schrif - ten des Hn. Makewind bewegten die Leſer zum Mit - leiden und Lachen. Mich deucht, ein Scribent, der dieſe zwo Gemuͤths-Bewegungen bey einer Nation erregen kan, die, ihrer Schwermuͤthigkeit und Grau - ſamkeit wegen, ſo ruͤchtig iſt, verdienet die Ehrerbie - tung eines gantzen Volcks, und eine oͤffentliche Belohnung.
Allein ſtatt dieſer Belohnung hat man dem Herrn Makewind den empfindlichſten Schimpff angethan. Sie koͤnnen leicht erachten, wie ſehr den ehrlichen Mann dieſes ſchmertzen muͤſſe. Er war Anfangs untroͤſtbar, und flohe alle menſchliche Geſellſchaft. Ja er hatte ſo boͤſe Stunden, daß man beſorgte, er moͤchte gar von Sinnen kommen; und es fehlte nicht viel, ſo waͤre er ſeinem Vater, der vor Kummer uͤber den Unfall ſeines Sohnes, wie die Mutter vor Freu - den uͤber deſſen Gluͤck, ploͤtzlich geſtorben iſt, in die Ewigkeit gefolget.
Noch lebet er: und faͤngt an, ſich in ſein Un - gluͤck zu finden. Er thut wohl daran: Und mich deucht, ich thue auch nicht uͤbel, wenn ich mich an ſeinem Exempel ſpiegle, und nicht ferner vergebliche Muͤhe anwende, meinen eigenſinnigen und undanck - baren Landes-Leuten zu gefallen. Wollen ſie mei -F 4ne88(o)ne Verdienſte nicht erkennen, ſo koͤnnen ſie es bleiben laſſen. Jch habe gethan, was ein ehrlie - bender Scribent thun kan: Da alle meine Arbeit vergebens iſt, ſo ſchuͤttele ich den Staub von mei - nen Fuͤſſen, und gehe von nun an rein zu den Sa - mojeden.
Nehmen Sie mich auf, mein Herr, und glauben, daß ich des Beyfalls einer ſo politen Nation, als die Jhrige iſt, nicht unwuͤrdig bin. Jch werde gewiß Jhre Geſellſchafft nicht verunzieren. Dieſer Brief, den ich Jhnen ſchreibe, wird Sie von meiner Ge - ſchicklichkeit uͤberfuͤhren, und die Wuͤrckung haben, die ich wuͤnſche.
O wie werden meine Lands-Leute grißgrammen, wenn ich mich hinfort Societatis Scientiarum Ar - cticæ, quæ Bereſovæ eſt, Socium nennen werde! Es wird ihnen dieſes durch die Seele gehen. Aber wer kan ihnen helffen? Sie haben es um mich, und alle Scribenten meiner Art wohl verdienet, daß ich ihnen dieſen Verdruß mache. Sie haſſen uns, und ich bin verſichert, ſie wuͤnſchen, daß uns der Teufel alle nach Nova Zembla fuͤhrte. Aber ſie wiſſen nicht was ſie bitten. Sie ſolten uns wohl miſſen, wenn wir nicht mehr vorhanden. Denn waͤren wir nicht, womit wolten ſie wohl ihre Zeit hinbrin - gen? Wo wolten ſie wohl etwas zu lachen und zu ſpotten finden? Wo wolten ſie wohl mit ihren ſinnreichen Einfaͤllen hin? Jch ſehe es nicht ab: und mache dahero den Schluß, daß wir einem Lan - de unentbehrlich ſind. Abermahl ein Beweiß unſererVor -89(o)Vortreflichkeit, welchen ich Sie, nicht aus der Acht zu laſſen, bitte, und welchen ich mit leichter Muͤhe noch weiter ausfuͤhren koͤnte.
Jch will mir aber vorbehalten, dieſe bishero noch nicht erkannte Nothwendigkeit und Vortteff - lichkeit der elenden Scribenten, in einer eigenen Schrifft, ſo gruͤndlich zu behaupten, daß, wofern noch ein Fuͤnckgen Redlichkeit in unſern Feinden iſt, dieſe Ungluͤckſelige hoffentlich in ſich gehen, und aufhoͤren werden, uns ferner zu kraͤncken.
Jch nehme mir die Freyheit, Jhnen einige Sel - tenheiten zu uͤberſenden, die ich neulich mit einem Schiffe aus Groͤnland erhalten habe. Sie beſtehen in einem Schach-Spiel von Eis, welches von der ſpie - lenden Natur ſo gebildet worden, in einigen ſeltenen Voͤgeln, und in einer gewiſſen gelblichten Materie, welche von demjenigen, der mich damit beſchencket hat, vor einen ſchwefelichten Auswurff des Berges Hekla ausgegeben, von andern aber vor den Auswurf eines groͤnlaͤndiſchen oder ißlaͤndiſchen Bauren ge - halten wird. Jch uͤberlaſſe es Jhnen, zu unterſu - chen, wer recht hat: Und geſtehe gerne, daß ich in ſolchen Sachen unerfahren bin. Es ſey, was es wolle: ſo iſt es doch eine Raritaͤt.
Der Herr Makewind, der eben bey mir iſt, em -F 5pfiehlt90(o)pfiehlt ſich Jhnen beſtens, und wird ſich eheſtens die Freyheit nehmen, ſelbſt an Sie zu ſchreiben. Waͤre es nicht moͤglich, daß Sie dieſem ehrlichen Manne, dem es unertraͤglich iſt, nach dem Un - gluͤck, ſo er gehabt hat, in ſeinem Vaterlande zu leben, bey Jhnen eine anſtaͤndige Bedienung ver - ſchaffen koͤnnten? Dencken Sie darauf, mein Herr, ich bitte Sie. Der Herr Makewind ver - dienet es. Sie duͤrfen nicht befuͤrchten, daß es ihm bey Jhnen zu kalt ſeyn werde. Er iſt ein Poet; und der Microcoſmus eines Dichters hat ein ſo ſtarckes Central-Feuer, daß er eben der Sonne nicht bedarf. Mr. Makewind wuͤrde al - ſo in Nova Zembla noch ſchwitzen.
Haben Sie die Guͤte, und beehren mich, ſo bald es geſchehen kan, mit einer Antwort; Sie werden mich dadurch ungemein erfreuen.
Jch habe die Ehre, mit aller erſinnlichen Hoch - achtung zu ſeyn,
Mein Herr, DERO ergebenſter Diener, R. Clifton.
Der ſich ſelbſt entdeckende X. Y. Z, Oder L_c_s H_rm_n B_ckm_rs Rev. Miniſt. Candid. Aufrichtige Anzeige, der Urſachen, die ihn bewogen, die Geſchichte von der Zerſtoͤrung der Stadt Jeruſalem mit kurtzen Anmerckungen zu erlaͤutern, und dieſe Anmerckungen unter einen fal - ſchen Nahmen ans Licht zu ſtellen, zur Beruhigung und Troſt des (S. T.) Herrn Mag. Sievers, imgleichen zu Rettung der Unſchuld ſeiner Abſichten wider allerhand ungleiche Urtheile und Deutungen zum Druck befoͤrdert. Leipzig, 1733.
[92]Es iſt nunmehro ungefehr ein halb Jahr, daß mir gegenwaͤrtiges MSt. zu Haͤnden kam, und ich bin verſichert, der geneigte Leſer werde es mir ſchlechten Danck wiſſen, daß ich ihm eine Schrift, die unſtreitig, wo er nicht gar zu murriſch iſt, viel zu ſeiner Beluſti - gung beytragen wird, ſo lange vorent - halten habe. Doch hoffe ich, wegen dieſer Verzoͤgerung leicht Vergebung zu erhal - ten, wenn ich ſage, daß ich nimmer die Her - ausgabe meines MSt. ſo lange wuͤrde aufge - ſchoben haben, wenn ich nur verſichert geweſen waͤre, daß es dem Verfaſſer deſ - ſelben nicht entgegen ſeyn wuͤrde, ſeine Arbeit ohne ſein Vorwiſſen in oͤffentli - chem Druck erſcheinen zu ſehen.
Leute meiner Art ſind zwar wegen ihres engen Gewiſſens in dieſem Falle nicht ſonderlich beruͤhmt: Allein, was man auch von dem Eigennutz der Buch - haͤndler ſagt, ſo kan ich doch verſichern, daß ich bedencken getragen habe, einemScri -94(o)Scribenten durch die Gemeinmachung ei - ner Schrift Verdruß zu machen, die er viel - leicht nur zu ſeinem Zeitvertreib verferti - get hat, und mir alſo alle Muͤhe von der Welt gegeben, den wahren Uhrheber des ſich ſelbſt entdeckenden X. Y. Z. ken - nen zu lernen, um von ihm ſowohl die Einwilligung zu der Herausgebung ſei - ner Schrift, als auch eine Erklaͤrung ei - niger darin vorkommenden dunckeln, und verderbten Stellen, zu erlangen.
Allein alle meine Bemuͤhung iſt ver - geblich geweſen. Derjenige, von dem ich das MSt. erhandelt habe, verſicherte mich zwar, daß der X. Y. Z. ſelbſt Verfaſ - ſer deſſelben ſey, und dieſe Satyre zu kei - nem andern Ende geſchrieben habe, als um ſich theils an dem Hn. M. Sievers we - gen einiger in der erſten Wuth gegen ihn ausgeſtoſſenen harten Reden zu raͤchen, und theils einigen elenden Troͤpfen, und ſcheinheiligen Heuchlern, die ſeine An - merckungen uͤber die Hiſtorie von der Zerſtoͤhrung der Stadt Jeruſalem vor ein Paſqvill ausgeruffen, und ihn ei - nes Mißbrauchs der Schrift beſchuldi - get haͤtten, ihre Unwiſſenheit, und Thor - heit vorzuſtellen. Um mich hievon zuuͤber -95(o)uͤberzeugen, berief er ſich auf die Gleich - heit der Schreib-Art: Aber durch alles, was er mir vorſagte, ward ich nicht kluͤ - ger, weil er mir nicht ſagen konnte, wer denn eigentlich der X. Y. Z. ſey.
Jch ſchrieb dahero an einen beruͤhm - ten Mann in Luͤbeck, und erſuchte ihn, mir zu melden, wer denn eigentlich der X. Y. Z. und wo er anzutreffen ſey? Seine Antwort war: „ Es ſey ihm „ unmoͤglich, mein Verlangen zu er - „ fuͤllen. Weil er ſelbſt nicht vor ge - „ wiß ſagen koͤnnte, wer die Anmerckun - „ gen uͤber die Hiſtorie von der Zerſtoͤh - „ rung der Stadt Jeruſalem gemacht „ habe. Man habe zwar anfangs ei - „ nen gewiſſen Mann in Luͤbeck dieſer - „ wegen in Verdacht gehabt: Allein, „ da der Herr M. Sievers oͤffentlich ge - „ ſaget habe, und noch beſtaͤndig behaup - „ te, daß dieſer Mann ein elender „ Stuͤmper, und der duͤmmſte Jgno - „ rant ſey, ſo falle dieſer Verdacht von „ ſelbſt weg. Uberdem achte dieſer „ Mann den Herrn M. Sievers ſo we - „ nig, daß er nur daruͤber lachte, wenn „ er hoͤrte, was derſelbe von ihm ur - „ theile; Und ſey es alſo nicht wahr -„ ſcheinlich,96(o)„ ſcheinlich, daß er ſich einen Gegner wuͤr - „ de auserleſen haben, an dem, ſeiner „ Meynung nach, ſo wenig Ehre zu erja - „ gen, oder daß er, wenn er ja einmahl „ habe verſuchen wollen, einen ſtoltzen „ Juͤngling zur Erkaͤntniß ſeines Elendes „ zu bringen, ſich weiter mit einem Men - „ ſchen abgeben werde, an dem alle Hof - „ nung verlohren, u. ſ. w.
Da ich nun auch in dieſer Antwort ſo wenig Troſt fand, verzweiffelte ich, und ließ alle Hoffnung, den wahren X. Y. Z. jemahlen kennen zu lernen, gaͤntzlich fahren. Es haben ſich zwar nach der Zeit viele gefunden, die mir bald dieſen, bald jenen, als den rechten Uhrheber der Anmerckungen uͤber die Hi - ſtorie von der Zerſtoͤrung der Stadt Je - ruſalem genennet haben: Allein ich habe mich an dieſe Nachrichten ſo wenig ge - kehret, als an das Vorgeben desjenigen, der mir neulich, als ein ſonderbahres Ge - heimniß offenbahrte, daß nicht der X. Y. Z. ſondern ſein Bruder der noch ein aͤr - gerer Spoͤtter ſey, das MSt. ſo ich jetzo der Welt vor Augen lege: verfertiget habe.
Es kan mir endlich gleich viel gelten, wer der X. Y. Z. und ſein Vertheidigerſey.97(o)ſey. Jch bin zufrieden, daß ich der Welt eine Schrift mittheilen kan, die ihr nothwendig gefallen, und mir denjenigen Vortheil bringen muß, den ich mir ſicher verſprechen kan, wenn ich den guten Abgang der Sa - tyre anſehe, auf welche ſie ſich beziehet.
Der Verfaſſer derſelben wird es indeſſen nicht uͤbel nehmen, daß ich ſeine Arbeit wider ſein Wiſſen und Willen herausgebe. Jch kenne ihn nicht, und er kan es mir unmoͤglich verdencken, daß ich meinen Vortheil und die Ehre, etwas zum Vergnuͤgen der klugen Welt beygetragen zu haben, allen andern Betrachtungen vorziehe.
Nur bedaure ich, daß ich nicht im Stande bin, die Luͤcken meines MSt. auszufuͤllen, und dieſes um ſo viel mehr, weil, ſoviel ich urtheilen kan, in der einen der verdorbenen Stellen die Tumheit derjenigen, die eine Satyre vor ein Paſqvill anſehen, und in der an - dern die alberne Scheinheiligkeit eines gewiſſen Suͤnders, der ſich an einigen bibliſchen Redens - Arten geſtoſſen hatte, ſo lebhaft abgebildet geweſen, daß man es unſtreitig mit Luſt wuͤrde geleſen haben.
Jndeſſen liefere ich gegenwaͤrtige Schrift, ſo, wie ich ſie bekommen, ohne die geringſte Verfaͤlſchung. Mehr kan ich nicht, und hofe der Leſer wird mit mir zu frieden ſeyn, und mir beſtaͤndig gewogen verbleiben.
Gar nachdenckliche Worte ſind es, geneig - ter und andaͤchtiger Leſer, die wir bey dem groſſen roͤmiſchen Redner Cicero leſen, wenn es heiſt: Negligere qvid de ſe qvis - qve ſentiat, non ſolum arrogantis eſt, ſed etiam hominis omnino diſſoluti. „ Nicht achten, was die Leute von einem ſagen, zeigt nicht nur einen Hochmuth, ſondern auch eine groſſe Liederlichkeit an.
Es will der vortrefliche Tullius hiemit ſo viel ſagen, daß man ſich beſtreben muͤſſe, einen guten Nahmen zu haben. Negligere, ſpricht er, qvid de ſe qvisqve ſentiat, non ſolum arrogantis eſt, ſed etiam hominis omnino diſſoluti. Man muß nicht meynen, daß dieſer groſſe Mann durch dieſe guͤldenen Worte die Menſchen zu einem thoͤrigten Ehrgeitz verleiten wolle; ſeine Abſicht iſt nur, die - ſelbe zu bereden, es ſey nicht gleich viel, was die Welt von uns dencke.
Das Wort, das im Grunde liegt, iſt von gar beſonderm Nachdruck. Es heiſt: Negligere qvid de ſe qvisqve ſentiat. Qvisqve heiſt einjeder, alle Menſchen ohne Ausnahme. Er will demnach ſo viel ſagen, daß man nicht aller Menſchen Ur - theil verachten muͤſſe. Non - omnium hominum. Welches eben ſoviel geſagt iſt, als, man muͤſſe einiger Menſchen Urtheil nicht verachten; nach dem bekannten
Jederman weiß, daß die Menſchen nicht alle einer Art ſind. Einige ſind klug und tugendhaft, andere aber dumm und boͤſe. Ein ehrlicher Mann kehrt ſich wenig daran, was dieſe letzten von ihm ſa - gen oder dencken. Er verlanget nicht von ihnen gelobet zu ſeyn, und achtet es nicht, wenn ſie ihn laͤſtern. Er ſpricht:
Aber der Beyfall kluger und tugendhafter Per - ſonen iſt eine Sache, die er eyferig ſuchet. Es iſt ihm nicht gleichviel, was ſolche Leute von ihm ſagen, und ſo wenig er darnach fraͤgt, was die dumme Welt von ihm urtheilet, ſo ſehr erquicket ihn das Lob, ſo ihm die Klugen beylegen. Er iſt geſinnet, wie der Hector beym Naͤvius. Lætus ſum, ſpricht er, laudari me abs te, pater, lau - dato viro. Denn ea profecto jucunda laus, qvæ ab iis proficiſcitur, qvi ipſi in laude vixerunt. Zu reden mit dem Cicerone Lib. XV. ep. 6.
Jſt es nun einem gelehrten Mann angenehm, von rechtſchaffenen Leuten gelobet zu werden, ſo ſo iſt es ihm hergegen ein empfindliches Creutz, wenn ſolche Perſonen ungleiche Gedancken von ihm haben. Jch rede aus der Erfahrung, geneig - ter Leſer, und habe ſeit einigen Monathen mit Verdruß empfunden, was die widrigen Urtheile, ſolcher Leute, denen wir zu gefallen ſuchen, einem Menſchen vor Kummer verurſachen, den ſein Ge - wiſſen uͤberzeuget, daß er dieſelben nicht verdiene.
Der Chriſtliche Leſer weiß, daß vor nicht lan - ger Zeit eine kleine Schrift zum Vorſchein gekom -G 2men100(o)men iſt, in welcher die Geſchichte von der Zerſtoͤh - rung der Stadt Jeruſalem mit Anmerckun - gen erlaͤutert worden. Der Urheber dieſer Schrift nennet ſich X. Y. Z. und giebt ſich auf dem Titel vor einen Nachahmer des Hn. M. Sievers aus. Der Ruhm welchen ſich dieſer gelehrte Mann durch ſeine vielen und herrlichen Schriften erworben hat, hat gemacht, daß die Anmerckungen des X. Y. Z. weil ſie nach dem Geſchmack des Hn. M. Sievers geſchrieben, begierig geleſen worden, und jeder - man iſt ſo billig geweſen, daß er dem Verfaſſer die Ehre, ein wahrer Nachfolger des Hn. M. Sie - vers zu heiſſen, nicht ſtreitig gemacht bat. Allein, gleichwie groſſe Verdienſte gar ſelten unbeneidet zu ſeyn pflegen, ſo haben ſich auch Leute gefunden, die, aus einem heimlichen Widerwillen gegen den Hn. M. Sievers, die Anmerckungen uͤber die Ge - ſchichte von der Zerſtoͤhrung der Stadt Jeruſalem vor eine ſatyriſche Schrift ausgegeben, und ohne Scheu behauptet haben, der Verfaſſer derſelben ſuche die vortreflichen Anmerckungen uͤber die Paßi - on, die der Hr. M. Sievers ans Licht geſtellet hat, laͤcherlich zu machen. Man hat faſt aus einem je - den Worte dieſer Schrift einen, ich weiß nicht wie tiefen, myſtiſchen Verſtand gezogen; Ja eini - ge ſind gar ſo unverſchaͤmt geweſen, daß ſie die gantze Schrift vor ein Pasqvill geſcholten haben. Der Hr. M. Sievers ſelbſt iſt durch die gemeine Sage verfuͤhret worden, zu glauben, daß der ſoge - nannte X. Y. Z. ein haͤmiſcher Spoͤtter ſey, der ſich auf ſeine Unkoſten luſtig machen wolle, und hat ſich alle Muͤhe gegeben, zu entdecken, wer denn ei -gentlich101(o)gentlich dieſer X. Y. Z. ſey, mit der angehaͤngten Drohung, denſelben, wenn er es nur wuͤſte, nach Verdienſte zu zuͤchtigen.
Jch bin der X. Y. Z. und gebe demnach dem geneigten Leſer zu bedencken, wie nahe es mir muͤſ - ſe gegangen ſeyn, daß ſo viel kluge Leute, und un - ter denſelben der Hr. M Sievers, ein Mann, vor welchen ich eine beſondere Hochachtung hege, mir, ich weis nicht was vor boͤſe Abſichten beygeleget. Jch muͤſte gantz unempfindlich ſeyn, wenn ich zu ſolchen Beſchuldigungen ſtill ſchwiege, und nicht, nach allem Vermoͤgen, meine Unſchuld, die an ſich zwar offenbahr genug iſt, zu retten ſuchte. Ein Spoͤt - ter, ein Pasqvillant ſind Ehren-Titel, vor welche ich mich ſehr bedancke, und die einem Menſchen von meiner Profeßion gar nicht anſtehen. Es erfor - dert demnach die Liebe, die ich mir ſelbſt ſchuldig bin, daß ich zur Rettung meiner Ehre, die Feder ergrei - fe, und denenjenigen, die von mir ſo ungleiche Ge - dancken hegen, ihren falſchen Wahn, wo moͤglich, benehme.
Jch bin um ſoviel mehr gezwungen, dieſes zu thun, weil mir ſchon von meinen Patronen, denen ich meine Schrift noch ungedruckt gezeiget habe, nicht undeutlich zu verſtehn gegeben worden, ſie machten ſich ein Gewiſſen, einen Menſchen von ſo boßhaftem Gemuͤthe, als ich ſeyn muͤſte, wenn ich die Abſichten gehabt haͤtte, die man mir beymiſſet, zu einem Geiſtlichen Amt zu befordern. Jch geſte - he, dieſe Erklaͤrung meiner Goͤnner hat mir manche unruhige Nacht gemacht, und bin ich oft auf die verzweifelten Gedancken gefallen, eine andere Handthierung zu ergreifen.
Die102(o)Die Medicin gefiel mir vor allen andern; Denn dieſes iſt, nach der Meynung eines gewiſſen Fran - tzoͤſiſchen Printzen, eine Kunſt, in der man ohne Gefahr ein Stuͤmper ſeyn kan; C’ eſt un art, où I’on peut étre impunement ignorant: Aber die Zaͤrtlichkeit meines Gewiſſens, und die Furcht, mich zu verſuͤndigen, wenn ich meine Hand vom Pflug zoͤge, iſt Urſache, daß ich dieſe boͤſe Gedancken fahren laſſe, und mich entſchloſſen ha - ben, erſt zu verſuchen, ob ich nicht, durch eine kla - re Darthuung meiner Unſchuld, die uͤble Meynung, die man von mir hat, umſtoſſen koͤnne.
Jch weiß nicht, ob ich hoffen kan, meinen Zweck bey dem groͤſſeſten Hauffen zu erreichen; das weiß ich aber gewiß, daß der Hr. M. Sievers, wenn er nur die Guͤte haben will, meine Entſchuldigun - gen zu leſen, mich voͤllig losſprechen wird. Erlan - ge ich dieſes, ſo bin ich zu frieden; ſo bin ich der Gunſt meiner Befoͤrderer verſichert, und werde mich uͤber dem gluͤcklich ſchaͤtzen, etwas zu der Beruhigung des Hr. Mag. Sievers beygetragen zu haben.
Qvi -103(o)Der Zweck, den ich mir in dieſer Schrift vorgeſetzet habe, iſt, die Unſchuld meiner Abſichten, wider die ungleichen Urtheile zu retten; die von meinen Anmerckungen uͤber die Geſchichte von der Zerſtoͤhrung der Stadt Je - ruſalem gefaͤllet worden ſind. Jch werde mich bemuͤhen, dieſes auf eine ſo gruͤndliche Art zu thun, daß alle Unpartheyiſche mit Haͤnden greiffen moͤ - gen, wie ſehr mir zu nahe geſchehen ſey.
Um alle Verwirrung zu vermeiden, theile ich meine unbilligen Richter in drey Claſſen. Zu der erſten rechne ich diejenigen, welche meine Schrift vor ein Pasquill ausgeben: Zu der andern dieje - nigen, welche behauptet haben, meine Abſicht ſey geweſen, des Hn. Mag. Sievers zu ſpotten, und zu der dritten diejenigen, welche, ohne von meinen Achſichten zu urtheilen, eines und das andere an meinen Anmerckungen auszuſetzen gefunden haben.
Diejenigen, welche meine Schrifft vor ein Pas - quill ausgerufen haben, verdienen zwar nicht, daß ich ihrer erwehne. Jhre Unbilligkeit und Einfalt faͤllt ſo ſehr in die Sinne, daß ich nicht noͤthig ha - be, mich gegen ſie zu vertheidigen: Und mich deucht, ich erweiſe ihnen ſchon zu viel Ehre, daß ich ihrer Meldung thue. Sie duͤrffen alſo nicht be - ſorgen, daß ich ſie ſo abfertigen werde, wie ſie es ver - dienen. Jch habe aber ihre Laͤſterung nur darum nicht mit Stillſchweigen uͤbergehen wollen, damitG 4ich104(o)ich Gelegenheit haben moͤchte, ihnen aus Chriſtli - cher Liebe, die wohlgemeynte Erinnerung zu geben, daß es ihrer Ehre ſehr zutraͤglich ſeyn wuͤrde, wenn ſie belieben wolten, ſich auf einander mahl nicht ſo zu uͤbereilen, und eine Schrifft nicht eher vor ein Pasquill auszugeben, als bis ſie gelernet haben, was eigentlich dieſes Wort vor eine Bedeu - tung haben. Jn Poſtillen und in ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ deſunt non nulla ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒. Dieſes iſt es, was ich ihnen zu ſagen habe. Wofern ſie klug ſind, werden ſie meinen Rath folgen, und ſich nicht durch ferneres Laͤſtern des Glimpfs un - wuͤrdig machen, den ich jetzo, in Betracht ihrer Unwiſſenheit gegen ſie gebrauche.
Jch wende mich zu denen, die meine Schrift vor ſatyriſch angeſehen haben. Deren iſt nun eine groſſe Menge, und viele ſind darunter, denen ich, ihres Standes und ihrer Verdienſte wegen, eine beſon - dere Ehrerbietung ſchuldig bin. Es iſt mir dem - nach ſehr leyd, daß ich mich genoͤthiget ſehe, ihnen zu ſagen, daß ihre Gedancken von der Abſicht mei - ner Anmerckungen uͤber die Geſchichte von der Zer - ſtoͤhrung der Stadt Jeruſalem, gantz und gar irrig ſind.
Es wird ſchwer halten, daß ich ihnen dieſes be - greiflich mache. Denn die falſche Einbildung, daß ich ein Spoͤtter ſey, hat in den Gemuͤthern derer, die meine Schrift geleſen haben, ſo tiefe Wurtzel geſchlagen, daß ich glaube, die meiſten ſchwuͤren einen Eyd, daß ſie recht haben. Jch muß mich wundern, wie ſo viele kluge Leute auf eine ſo we - nig wahrſcheinliche Meynung verfallen koͤnnen, undkan,105(o)kan, wie viel ich auch darauf gedacht habe, nicht ergruͤnden, was ihnen Anlaß gegeben, meine un - ſchuldigen Worte ſo uͤbel auszulegen.
Sie thun mir gewiß zu viel Ehre, wenn ſie glauben, daß ich geſchickt ſey, eine Satyre zu ſchreiben, und beleidigen mich, wenn ſie ſich ein - bilden, daß ich Luſt habe durch eine ſo unchriſtli - che Schreib-Art mein Gewiſſen zu beflecken. Jch bin mit allem, was in der Welt vorgehet, ſehr wohl zu frieden, und mehr geneigt jedermann zu loben, als zu tadeln.
Jn Anſehung der Schriften, die heraus kom - men, bin ich uͤberdem von Natur ſo wenig lecker, als jemand in der Welt, und die Buͤcher, die ich nothwendig leſen muß, ſind ſo beſchafen, daß mein Geſchmack unmoͤglich dadurch verwehnet werden kan. Durch dieſe taͤgliche Koſt iſt mein Gaumen ſo ausgehaͤrtet, daß ich alles, was ge - druckt iſt, ohne Eckel leſen kan, und es mir gleich viel iſt, ob ich eine Hiſtorie in meinem Almanach, oder ob ich in der Europaͤiſchen Fama leſe. Und wenn ich auch gleich von Natur zur Spoͤtterey ge - neigt waͤre, ſo wuͤrde mich doch meine natuͤrliche Bloͤdigkeit abhalten, meinem Triebe zu folgen, und mir ohne Noth Feinde zu machen. Jch weiß wohl, wie gefaͤhrlich es iſt, Satyren zu ſchreiben:
Jedermann haſſet den, der dieſes Handwerck treibt, und flieht ihn, als ein gefaͤhrliches Thier. Man ſpricht:
Es iſt wahr, man lacht uͤber die Einfaͤlle eines ſolchen Menſchen. Man lobet ihn, wenn er es gut gemacht hat. So bringt es der verderbte Lauf der Welt mit ſich! Aber auch diejenigen, die an ſeinen Spoͤttereyen einen Gefallen haben, und ſich uͤber den Unfall ihres armen Nechſten ergetzen, wi - der welchen dieſelbe gerichtet ſind, haſſen denjeni - gen in ihrem Hertzen, der ihnen dieſe Luſt machet. Boileau wuſte es wohl, darum ſchreibt er am an - gefuͤhrten Ort:
Jch glaube wohl, es giebt ſo wunderliche Ge - muͤther, die ſich durch die Hoffnung des eiteln Lobes, welches ein luſtiger Einfall ſeinem Urheber zu Wege zu bringen pfleget, ſo ſehr blenden laſſen, daß ſie dieGefahr,107(o)Gefahr, welche damit verknuͤpfet iſt, verachten. Sie haben ihren Willen: Aber ich vor meine Per - ſon bekenne aufrichtig, daß ich ſo nicht geſinnet bin. Jch bin nicht eitler Ehre geitzig, noch weniger von denen, welche
Jch laſſe einen jeden in ſeinen Wuͤrden; So bleibe ich auch wer ich bin. Jch kehre vor meiner eigenen Thuͤr, und wuͤnſche von Hertzen, daß ein jeder ſo waͤre, wie ich. Dieſes ſind meine wenigen Gedancken von dem unchriſtlichen und gefaͤhrlichen Handwercke der Spoͤtter, unter welche man mich, ohne mein Verſchulden, zehlen will. Jch bitte alle diejenigen, welche dieſes thun, das, was ich hier ſchreibe, reiflich zu erwegen, ſo werden ſie, wie ich hoffe, befinden, wie unwahrſcheinlich es ſey, daß ich meiner Erkaͤnntniß ſo ſehr habe entgegen handeln wollen. Jch weiß, die Herren, mit denen ich hier zu thun habe, ſind ſo guͤtig geweſen, daß ſie von der Faͤhigkeit meines Verſtandes eben kein ſchlim - mes Urtheil gefaͤllet haben. Wenn ſie demnach auch glauben, daß die Boßheit meines Willens die Er - kaͤnntniß meines Verſtandes habe uͤberwiegen koͤn - nen, ſo werden ſie mir doch die Einfalt nicht zutrau - en, daß ich mich an den Herrn Mag. Sievers wuͤr - de gewaget haben.
Dieſer geſchickte Kopf hat ſchon gewieſen, daß er ein Meiſter in der feinen Satyre ſey. Jch will ſeines Satyriſchen Patrioten nicht erwehnen, ob - gleich dieſe Blaͤtter alles, was Rom, Griechenland,und108(o)und alle andere Laͤnder in dieſer Schreib-Art gutes aufzuweiſen haben, weit uͤbertreffen. Nur bitte ich meine Leſer, ſich der vortreflichen Gedaͤchtniß - Muͤntzen zu erinnern, die der Hr. M. Sievers, wie wohl nur in Idea und mit dem Stempel ſei - nes Verſtandes, auf den Schwaͤrmer Gerhard gepraͤget hat.
Man kan mit Wahrheit ſagen, daß der Hr. M. Sievers in dieſer kleinen Schrift ſich ſelbſt uͤber - trofen habe. Der ſchaͤbigte Bullen-Beiſſer, auf welchem er den M. Gerhard, zum Troſt aller Rechtglaͤubigen, einhertraben laͤſſet, hat mir fuͤr - nehmlich wohl gefallen; Und ich kan mich, ſo offt ich daran gedencke, welches ich dann, zu Anfeu - rung meines Eyfers wider die Jrrglaͤubigen, alle Wochen wenigſtens etliche mahl thue, noch nicht enthalten, auszuruffen:
Faceté, lepidé, laute: nihil ſuprá.
Jch habe die Apophtegmata der Alten bey dem Plutarchus geleſen: Auch beym Cicero, Macrobius und andern viele bona dicta (bons mots) und ſcharfſinnige Einfaͤlle gefunden: Aber der Bullen - Beiſſer, der ſchaͤbigte Bullen-Beiſſer, uͤber - trift alles, was man in den Schriften der Alten und Neuern ſchoͤnes in dieſem Stuͤcke antrift. Durch dieſes Sinnbild hat der Hr. M. Sievers gewieſen, wie weit ſich die Kraͤfte des menſchli - chen Witzes erſtrecken, und wuͤſte ich in dem gan - tzen Alterthum nichts, das mit ſelbigem einiger - maſſen in Vergleichung zu ziehen ſey, als die ſcharf - ſinnigen Worte des Thraſo beym Terentius:
Eóne109(o)Weil ich weiß, daß es Leute giebt, welche mei - nen, der Hr. M. Sievers habe mit dieſen Ge - daͤchtniß-Muͤntzen den armen Gerhard zu hart an - gegriffen, ſo ergreiffe ich hier mit vielem Vergnuͤ - gen die Gelegenheit, den Hn. M. wider ſolche un - beſonnene Richter zu vertheidigen, und ſage ihnen ohne Scheu, daß ſie einfaͤltige Troͤpfe, wo nicht gar heimliche Ketzer und Jndiferentiſten ſind: Denn entweder ſie wiſſen nicht, daß gegen einen Feind alles erlaubt iſt. Hoſti in hoſtem omnia licent; und daß man den Feinden der Kirchen auch, wenn man Luſt hat, fluchen kan, oder ſie halten auch den Schwaͤrmer Gerhard hoͤher, als es ſich gebuͤhret. Und was hat dann endlich der Hr. M. Sievers dem Gerhard vor Grobheit bewieſen? Jſt es nicht hoͤflich genug, daß er ihn auf den Bul - len-Beiſſer geſetzt hat, und reiten laͤſſet? Haͤtte er ihn doch eben ſo leicht auf allen vieren kriechen, und von dem Bullen-Beiſſer weidlich koͤnnen zerzauſen laſſen.
Jch ſchaͤme mich in einer ſo klaren Sache mehr Worte zu verſchwenden. Jch kehre wieder zu mei - nem Zweck, und frage einen jeden Unpartheyiſchen, ob es wohl glaublich ſey, daß ich, da mir die ſpi - tzige Feder des Hn. M. Sievers mehr als zu wohl bekannt iſt, eine Satyre wider dieſen gelehrten Mann habe ſchreiben wollen? Da er den guten Gerhard, der ihm mein Tage nichts zu wider ge - than hatte, in die Back-Pfanne gelegt hat, umdem110(o)dem Teufel einen fetten Braten zuzurichten, ſo wuͤr - de das wenigſte, das ich haͤtte befuͤrchten koͤnnen, dieſes geweſen ſeyn, daß er mich in Stuͤcken zerhackt, auf den Roſt geleget, und dem Beelzebub als eine Carbonnade wuͤrde vorgeſetzet haben.
Ein Mann, der mit denen, welchen er nicht gewogen iſt, ſo ſcharf verfaͤhret, kan auch den kuͤhnſten abſchrecken, ſich an ihm zu reiben? Jch bin von Natur furchtſam, und ſoll doch wider den H. M. Sievers eine Satyre geſchrieben haben. Die - ſes, deucht mich, iſt etwas, das nicht den gering - ſten Schein der Wahrheit hat.
Aber was bemuͤhe ich mich viel, durch allerhand Gruͤnde dieſen falſchen Verdacht von mir abzuleh - nen? ubi rerum teſtimonia adſunt non opus eſt verbis. Meine Schrift liegt vor jedermans Au - gen. Jch biete allen meinen unbilligen Richtern Trotz, mir das geringſte darinne zu zeigen, welches zur Beſchimpfung des Hn. M. Sievers gereiche. Man leſe meine Vorrede, ſo wird man meine wah - re Abſicht erfahren.
Mein Zweck iſt, meinem Naͤchſten mit meinem Talent zu dienen, und dem Herrn M. Sievers nachzuahmen. Wer kan mich desfalls tadeln? Das Sieges-Zeichen des Miltiades machte dem Temiſtocles unruhige Naͤchte, und Caͤſar ſeuffzete, als er zu Cadix das Bildniß Alexanders des Groſ - ſen ſahe, und bedachte, daß er in einem Alter, da dieſer ſchon die halbe Welt bezwungen, noch nichts gethan haͤtte. Was iſt es dann Wunder, daß ich, der ich unſtreitig aͤlter bin, als der Hr. M. Sie -vers,111(o)vers, zu einer gleichen Nacheyferung angefeu - ret worden, da ich dieſen vortreflichen Mann an den Ecken aller Buchlaͤden in Effigie haͤn - gen geſehen? Jch habe mich demnach unterwun - den, ſeinen Fußſtapffen zu folgen, und durch aller - hand nuͤtzliche Schriften mich in den Stand zu ſe - tzen, daß ich mich auch einmahl mit Ehren in Ku - pfer ſtechen laſſen, und neben ihm haͤngen koͤnnte.
Dieſe Begierde, dem Hn. M. Sievers nach - zuahmen, und demſelben, ſo viel moͤglich, gleich zu werden, iſt eintzig und allein hinlaͤnglich, mich bey allen, welche die Billigkeit lieben, auſſer Ver - dacht zu ſetzen. Man ahmet gewiß keinem nach, den man nicht vor vortreflich haͤlt, und was einer vor vortreflich haͤlt, das wird er nimmer laͤcher - lich zu machen ſuchen. Woher koͤmmt es dann, daß man mir eine ſo alberne Auffuͤhrung beymiſ - ſet?
Jch ſolte nicht meynen, daß es daher ruͤhre, weil ich meine Schrift unter einem falſchen Nah - men herausgegeben habe. Jch habe darinn viele vortrefliche Maͤnner zu Vorgaͤngern, und kluge Leute pflegen eine Schrift nach ihrem Jnhalt, und nicht nach dem vorgeſetzten Nahmen zu beurthei - len. Damit ich aber meinen Ubelwollenden das Maaß voll mache, will ich ihnen aus Hoͤflich - keit, auch die Urſachen von dieſem meinem Verfahren kuͤrtzlich melden. Die Anmerckun - gen uͤber die Geſchichte von der Zerſtoͤhrung der Stadt Jeruſalem ſind meine erſte Schrift. EineBehut -112(o)Behutſamkeit, die allen angehenden Scribenten natuͤrlich iſt, bewog mich demnach, meinen wah - ren Nahmen zu verſchweigen, um mit deſto meh - rer Sicherheit, und weniger Gefahr zu verneh - men, was kluge Leute von meiner Arbeit urthei - len wuͤrden. Man hat meine Schrift geleſen: Man hat ſie beurtheilet, und die Urtheile ſind ſo ausgefallen, daß ich weiter keine Urſache habe, mich zu verbergen, ja faſt gezwungen bin, mich kund zu geben. Denn da man eines theils meine Schrift gelobet, und einhellig geſaget hat, daß ich dem Hn. M. Sievers gluͤcklich nach - geahmet habe; ſo kan ich, ohne Gefahr einiger Schande, ſagen, wer ich bin: Jndem man aber andern theils mir Schuld giebt, daß ich dem Hn. M. Sievers durch meine Nachahmung beſchimpf - fen wollen: ſo bin ich genoͤthiget, mich zu melden, und dieſer Beſchuldigung zu widerſprechen. Jch finde in dieſem Verfahren nichts, als Unſchuld. Nachdem ich alſo auch dieſen Stein des Anſtoſſes aus dem Wege geraͤumet, und gewieſen habe, daß ich nicht gefaͤhrlicher Weiſe einen falſchen Nah - men angenommen, ſo fahre ich weiter fort, und frage diejenigen, die, ungeachtet ich in der Vor - rede meiner Schrift meine Abſicht aufrichtig und deutlich entdecket habe, mir dennoch den ſtraf - bahren Vorſatz beylegen, daß ich den Hn. M. Sie - vers habe laͤcherlich machen wollen, was ſie auf ſolche Gedancken gebracht hat? Glauben ſie etwan meinen Worten nicht? Jch ſolte es faſt dencken: Aber was bewegt ſie denn zu dieſem Mißtrauen? Bin ich denn vor einen Luͤgner bekannt? Koͤnnenmeine113(o)meine Leſer klagen, daß ich ſie ſchon eher betrogen habe? Jch glaube es nicht: Denn ich habe ja ſonſt noch niemahlen etwas drucken laſſen. Jch kan alſo nicht ergruͤnden, warum man ſo unglaͤubig iſt. Will man dem unbilligen Verdacht, den man wider mich hat, einigen Schein geben, ſo muß man entweder voraus ſetzen, daß ich des Hn. M. Sievers Feind bin, und daß folglich eine ſo groſſe Hochachtung gegen denſelben, als ich vor - gebe, nicht von mir zu vermuthen ſey: Oder man muß auch weiſen, daß in meiner Schrift Dinge enthalten ſind, die mit der vorgegebenen Abſicht derſelben ſtreiten. Beydes aber iſt unerweißlich. Jch habe die Zeit meines Lebens mit dem Hn. M Sievers keinen Streit gehabt, und daß ich in meiner Schrift meinen vorgegebenen Abſichten ſol - te entgegen gehandelt haben, das laͤuft wider den Augenſchein.
Jch habe dem Hn. M. Sievers nachahmen wollen. Und alle Welt ſaget, ich habe es gluͤck - lich gethan. Jch bezeuge eine Hochachtung gegen den Hn. M. Sievers. Und darum iſt meine gan - tze Schrift voll von ſeinem Lobe. Jch bewundere darinn ſeine Verdienſte. Jch rette ſeine Ehre wider diejenigen, die ſeiner ſpotten. Wer dieſes nicht ſiehet, der muß blind ſeyn.
Warum aber will man dann meinen Worten nicht trauen? Warum ſpricht man, ich ſuche den Hn. M. Sievers zu beſchimpfen? Es iſt dieſe Ein - bildung ſo laͤcherlich, und ſo offenbahr irrig, daß ich mich faſt entſehe, dieſelbe weitlaͤuftig zu wider - legen, und von Hertzen bedaure, daß ſo viele weiſeHund114(o)und ehrwuͤrdige Maͤnner derſelben Platz gegeben haben. Sie ſtreitet augenſcheinlich wider den er - ſten Grund-Satz aller menſchlichen Erkaͤnntniß, nach welchem das, was einen Widerſpruch in ſich faſſet, nicht wahr ſeyn kan. Jch wuͤſte nicht, was einander mehr entgegen ſeyn koͤnnte, als Lob und Beſchimpfung. Jenes iſt eine Bewunderung und Ausbreitung der Vollkommenheiten unſers Nechſten; Dieſe iſt eine Aufdeckung ſeiner Maͤn - gel. So wenig nun Vollkommenheit und Man - gel bey einander ſtehen koͤnnen, ſo wenig iſt es wahrſcheinlich, daß ein Menſch, der eines andern Vollkommenheiten bewundernd ausbreitet, die Abſicht haben ſolte, eben durch dieſe Ausbreitung deſſen Maͤngel aufzudecken.
Jch ſehe vorher, daß viele, die nicht gerne ohne Urſache gelacht haben wollen, dieſen meinen unum - ſtoͤßlichen Beweiß, weil er ihrem Vergnuͤgen ent - gegen iſt, anfechten werden. Sie werden ſagen; es ſey bekannt, daß man durch ein verſtelltes Lob einen aufs allerempfindlichſte beſchimpfen koͤnne; und ſey dieſes eben das ſchlimmſte an meiner Schrift, daß ich mich geſtellet haͤtte, als ſuche ich den Hn. M. Sievers zu loben, da doch in der That meine Abſicht ſey, ihn durch meine Lobes-Erhebungen laͤcherlich zu machen. Dieſes iſt ihre eintzige Aus - flucht. Darauf beſtehen ſie, und haben dadurch manches gutes Gemuͤth auf ihre Seite gebracht. Jch erſchrecke aber vor dieſem Einwurff gar nicht, wie groß ſie ſich auch damit wiſſen, ſondern ant - worte darauf mit der Freymuͤthigkeit, die ein gu - tes Gewiſſen giebet, in aller Kuͤrtze folgendes: 1) Daß115(o)Daß es ein ſehr lahmer Schluß iſt, wenn man daher, daß etwas geſchehen kan, folgern will, es ſey wuͤrcklich geſchehen: A poſſe ad eſſe non va - let conſeqventia: und daß es 2.) eine groſſe Verwegenheit ſey, wenn man ſich zu einem Her - tzens-Kuͤndiger aufwirft, und ſich von den inner - ſten Gedancken ſeines Nechſten zu urtheilen unter - faͤngt.
Dieſes kan zu Abfertigung derer, die mir die - ſen Einwurf machen, genug ſeyn. Jch bleibe dabey, daß ich, wie es der Augenſchein giebt, den Hn. M. Sievers nicht geſchimpfet, ſondern gelobet habe. Jch verlange mit Recht, daß man glaube, daß dieſes im Ernſt von mir geſchehen ſey, und daß man mei - ne Worte verſtehe, wie ſie lauten. Wer dieſe For - derung vor unbillig haͤlt, der giebt gar zu deutlich zu erkennen, daß er ſelbſt die Billigkeit nicht liebe, und verdient nicht, daß man ſich weiter Muͤhe ge - be, ihn zu beſſern Gedancken zu bringen. Jch wer - de mich auch wenig bekuͤmmern, ob diejenigen, die bißhero, von meinen Abſichten ſo ungleich geurthei - let haben, nach dieſem von ihrer ungegruͤndeten Meynung abſtehen werden, oder nicht. Jch habe meine Unſchuld gruͤndlich dargethan, und werde zu frieden ſeyn, wenn nur der Hr. M. Sievers ſeinen wider mich gefaſten Zorn fahren laͤſſet. Um dieſes von ihm zu erhalten, nehme ich mir die Freyheit, ihn allhier ins beſondere anzureden.
Jch bitte ihn demnach zu erwegen, daß ich in meiner gantzen Schrift nichts gethan habe, als daß ich ihn, nach Verdienſt, gelobet. Meine Worte ſind ſo klar, daß er dieſes ſelbſt nicht wird leugnen koͤnnen. H 2Er116(o)Er weiß, daß man ohne dringende Noht, von den klaren Worten eines Scribenten nicht abweichen muͤſſe. Dieſe Regel iſt ſo gruͤndlich, daß auch un - ſere Gottes-Gelehrten dieſelbe in Erklaͤrung heili - ger Schrift zum Grunde legen. Der Hr. M. Sie - vers weiß dieſes ſo gut, als jemand in der Welt. Warum weicht er dann von meinen klaren Wor - ten ab? Warum ſucht er, mit Verwerfung des buchſtaͤblichen Verſtandes, einen geheimen Sinn?
Jch dencke nicht., daß er ſagen werde, es ſey eine dringende Noth vorhanden, die ihn zwinge dieſes zu thun. Denn dieſe Antwort wuͤrde ihm gar nicht ruͤhmlich ſeyn. Die eintzige Urſache, warum man eine Schrift, in welcher jemand gelobet wird, vor ſatyriſch haͤlt, iſt, wenn derjenige, der gelobet wird, von den guten Eigenſchaften, wesfalls man ihn lobet, nichts, oder wohl gar das Gegentheil an ſich hat. Wenn ich demnach z. E. den Hn. Prof. Philippi in Halle als einen groſſen Redner und Poeten, und den P. Girard wegen ſeiner Keuſchheit gelobet haͤtte, ſo wuͤrde man mir nicht Unrecht thun, wenn man ſagte, ich habe ſpotten wollen: Aber da ich an dem Herrn M. Sievers nichts, als ſolche Tugenden lobe, die er alle in einem hohen Grad beſitzet, ſo haͤtte ich vermuthet, man wuͤrde eher ſagen, mein Lob ſey vor ſeine Verdienſte noch zu geringe, als mich vor einen Spoͤtter halten. Gewiß diejenigen, welche dieſes thun, muͤſſen des Hn. M. Sievers Freunde nicht ſeyn. So nachtheilig ihr Urtheil mir iſt, ſo ſchimpf - lich iſt es dem Hn. M. Denn der Satz, den ſie zum Grunde deſſelben legen, muß nothwendig dieſerſeyn:117(o)ſeyn: Daß es unglaublich ſey, daß einer den Hn. M. Sievers im Ernſt loben koͤnne, weil er nichts lobenswuͤrdiges an ſich habe. Jch gebe dem Hn. M. zu bedencken, ob ſein aͤrgſter Feind wohl was ſchlimmers von ihm ſagen koͤnne? Er mag ſelber urtheilen, ob er Urſache habe auf mich, der ich ihn lobe, zu zuͤrnen, oder auf diejenigen, welche ſagen, das Lob, das ich ihm beylege, komme ihm nicht zu. Mich deucht, es iſt offenbahr, daß nicht ich, ſondern dieſe letzten ihn beſchimpfen. Jch kan mich dahero nicht genug wundern, wie der Hr. M. Sievers dieſen Leuten Beyfall geben, und ſich einbilden koͤnnen, ich ſpotte ſeiner. Jhm, als einem Weltweiſen, der es unſtreitig in der Erkaͤnntniß ſein ſelbſt hochgebracht hat, muß die Groͤſſe ſeiner Verdienſte am beſten bekannt ſeyn. Wie kan er alſo glauben, daß man ſeiner ſpotte, wenn man ihn lobt? Durch einen ſolchen Ver - dacht beleidiget er ſich ſelbſt.
Jch habe Urſache zu vermuthen, daß der Herr M. Sievers, nach der ihm beywohnenden Scharf - ſinnigkeit, die Wahrheit deſſen, was ich hier ſchrei - be, einiger maſſen erkenne. Denn ob man mir gleich anfangs |geſagt hat, er ſey ſo ſehr auf den X. Y. Z. erbittert, daß er gegen ihn ſchreiben wol - le, ſo iſt dieſes doch noch zur Zeit nicht geſchehen. Jch glaube, er hat begrifen, daß er es nicht mit Ehren thun koͤnne. Einen Menſchen widerlegen, der uns lobet, heißt ſich ſelbſt ſchelten. Jch habe geſagt, der Hr. M. Sievers ſey ein vortreflicher Mann, ein wackerer Mann; er ſey ſcharfſinnig; ſeine Anmerckungen uͤber die Paßion wuͤrden gelobtH 3u.118(o)u. ſ. w. Was haͤtte er mit Vernunft dawider ſagen koͤnnen, wo er nicht, zu ſeinem ſchlechten Ruhm, haͤtte behaupten wollen, er ſey nichts weniger als ein vortreflicher, wackerer und ſcharfſinniger Mann, und ſeine Anmerckungen wuͤrden von jedermann getadelt? Uberdem ſind meine Anmerckungen uͤ - ber die Geſchichte von der Zerſtoͤhrung der Stadt Jeruſalem an ſich ſo beſchaffen, daß er ſie uͤber - haupt nicht vor laͤppiſch ausgeben koͤnnen, ohne ſeine eigene Arbeit zu ſchimpfen, weil ſie derſelben in allem aͤhnlich; und die darinn von mir vorge - tragene Wahrheiten inſonderheit zu widerlegen, iſt ebenfalls unmoͤglich. Jch moͤchte den ſehen, der mir leugnen wolte, daß alle Menſchen von Weibern gebohren werden; daß oft, auf Nieder - ſaͤchſiſch vacken heiſt; daß die Jahr-Zeiten vor dieſen eben ſo auf einander gefolget, als itzo, u. ſ. w. Dieſes ſind Wahrheiten, die eben ſo unſtrei - tig ſind, als diejenigen, welche wir in den An - merckungen des Hn. Mag. leſen, wenn er z. E. be - hauptet, daß die Juͤden bey Nacht Licht angezuͤn - det haben, um im Dunckeln deſto beſſer zu ſehen; daß ein Fuͤllen auf Niederſaͤchſiſch Valen, und Zwilling, Tweſecke heiſt, u. ſ. w.
Es hat demnach der Hr. M. Sievers ſehr wohl gethan, daß er nicht wider mich geſchrieben. Leute, die ſo ſchreiben, als wir, die ſind unwider - leglich. Und ich ſchaͤme mich nicht zu bekennen, daß ich dieſe Art der Paſſauiſchen Kunſt von dem Hn. Mag. gelernet habe. Jch dancke ihm davor, daß er mir durch ſein Beyſpiel zur Erkaͤnntniß dieſes biß - her verborgenen Geheimniſſes Anleitung geben wol -len -119(o)len. Jch wuͤrde ihm aber noch mehr verbunden ſeyn, wenn er belieben wolte, alle die widrigen Gedan - cken, die er von mir hat, fahren zu laſſen. Er kan verſichert ſeyn, daß ich es redlich mit ihm meyne, und daß diejenigen, welche vorgeben, ich habe den Hn. Mag. laͤcherlich machen wollen, etwas ſagen, das ihm ſchimpflich iſt.
Jch habe dieſes ſo deutlich dargethan, daß ich hoffe, der Hr. Mag. werde endlich anders Sinnes werden, und nicht mehr wider mich, ſondern wider diejenigen eyfern, die es verdienen. Solte er aber, uͤber Vermuthen, noch den Scrupel dabey haben, daß es doch gleichwohl nicht glaͤublich ſey, daß die gantze Stadt ſo einmuͤthiglich ſagen wuͤrde, meine Schrift ſey eine Satyre, wenn es nicht wahr waͤ - re: So bitte ich ihn, zu erwegen, daß die Menge der Jrrenden einen falſchen Satz nicht wahr mache. Multitudo errantium non parit errori patrocini - um. Und uͤberdem habe ich die Ehre, ihm zu ſagen, daß es noch in Luͤbeck ſo unpartheyiſche Gemuͤther giebt, die der falſchen Einbildung, welche der groͤ - ſte Haufe von meiner Schrift hat, widerſprechen.
Jch hatte neulich bey dem Vogel-Schieſſen der Kloſter Kinder die Ehre, eine verſtaͤndige Ma - trone aus St. Annen-Kloſter zu ſprechen, die ſagte mir, ſie haͤtten in ihrem Kloſter die Schrift des X. Y. Z. etliche mahl mit Bedacht durchgele - ſen; Aber niemand von ihnen haͤtte finden koͤnnen, daß der Hr. Mag. Sievers darin geſchimpfet ſey. Sie konnte ſich alſo nicht genug wundern, wie der Hr. M. Sievers dieſe Schrift ſo uͤbel aufnehmen koͤnnen, und glaube gantz gewiß, es muͤſten boͤſeH 4Leute120(o)Leute darunter ſtecken, die dem Hn. M. Sievers das wohlverdiente Lob, welches der X. Y. Z. ihm beygeleget habe, nicht goͤnneten.
Jch kan nicht leugnen, daß dieſes gegruͤndete Urtheil eines ſo andaͤchtigen, wiewohl verachteten Haͤufleins mich inniglich erquicket hat. Jch ſcheue mich nicht, daſſelbe allen falſchen Deutungen, die andere von meiner Schrift gemacht haben, entge - gen zu ſetzen, und bitte den geneigten Leſer, daſſelbe nicht aus der Acht zu laſſen. Man darf nicht mey - nen, die Leute in St. Annen-Kloſter haͤtten die verborgene Abſicht meiner Schrift, wegen ihrer Einfalt, nicht einſehen koͤnnen. Wer ſo denckt, der kennet dieſe Leute nicht. Seit dem der Hr. M. Sie - vers ihnen das Evangelium geprediget hat, weichen ſie an Wiſſenſchaft in der Theologie und Kirchen - Hiſtorie, und an Geſchicklichkeit, von einem Bu - che zu urtheilen, dem gelehrteſten nicht. Dieſer ge - lehrte Mann laͤſt ſich die Muͤhe nicht verdrieſſen, dieſe ehrbare Verſammlung in das innerſte der Theologie zu fuͤhren. Er ertheilet ihr Nachricht von allerhand alten und neuen theologiſchen Buͤ - chern; Er unterrichtet ſie in den neuern Religions - Streitigkeiten, und laͤſſet ſo gar die alten Ketzer, welches in dieſen indiferentiſtiſchen und laulichten Zeiten was rares iſt, nicht in der Erden ruhen.
Der Saame, den er ausſtreuet, faͤllt auf ein gutes Land. Man redet numehro in St. Annen - Kloſter nicht mehr von Kleinigkeiten, und gemei - nen Dingen. Man ſpricht von Gnoſticis, Va - lentinianern, Manichaͤern, Marcioniten, Dona - tiſten, Novatianern, Sabellianern, Photinia -nern,121(o)nern, Arrianern, Neſtorianern, von den tribus capitulis, von Theodorus Mopsveſtenus, von Aphtardoceten, Patripaßianern, Monotheliten, Euthychianern, Priscillianiſten, Roſen-Creutzern, Widertaͤufern, Qvaͤckern, und mit einem Wort, von allen alten und neuen Ketzern. Man ſtellt ſich vor, wie artig es wol gelaſſen habe, als Simon der Zauberer den Halß gebrochen, und eine alte Bad-Stube dem Cerinthus uͤber den Kopf eingefallen ſey, und alſo die Kirche von die - ſem Buben befreyet habe. Man ſchilt den Gro - tius, eyfert wider Thomaſius, flucht Gerhard und Dippeln, und laͤſt keinem Schwaͤrmer vor einen Heller Ehre. So groß iſt die Einſicht, und der Eyfer dieſer andaͤchtigen Perſonen! Und das iſt kein Wunder: denn der Herr M. Sie - vers predigt gewaltig.
Die Frau, mit welcher ich redete, verſicherte mich, daß ſie oͤffters, wann ſie aus des Hn. M. Sievers Predigten kaͤme, wider Dippeln inſon - derheit ſo erbittert waͤre, daß ſie oft wuͤnſche, den Buben vor ſich zu haben, um ihm die Augen aus - zukratzen. Sie ſagte mir ferner, daß dergleichen Gemuͤths-Bewegungen in den Zuhoͤrern des Hn. Mag. Sievers nichts ſeltenes waͤren. Sehen ſie wol, mein Herr, ſprach ſie, den Mann mit dem blauen Auge? Und indem ſie dieſes ſagte, wieſe ſie mir einen wohlgekleideten Buͤrger, der unter dem Hauffen ſtand. Dieſer Mann fuhr ſie fort, hat eine Frau, die des Hr. Mag. Sievers Predigten, die er zu St. Annen haͤlt, fleißig beſuchet, und aus ſelbigen einen ſo groſſen Haß gegen die Ketzer,H 5in -122(o)inſonderheit gegen Dippeln geſchoͤpffet hat, daß ſie, wo ſie gehet und ſtehet, auf ihn flucht. Weil ſie nun beſtaͤndig mit ſo chriſtlichen Gedancken umge - het, ſo muß es ihr neulich im Traum vorkommen, als zancke ſie ſich mit Dippeln; Sie faͤngt alſo im Schlafe mit greßlicher Stimme an zu ſchreyen: O du ſchaͤdlicher Unflat der hoͤlliſchen Schmeiß-Fliegen! ſchlaͤgt um ſich, und trift ihren Mann auf das rechte Auge, daß es ihm braun und blau geworden iſt.
Jch gebe einem jeden zu bedencken, ob Leute, die das Gluͤck haben, des Unterrichts eines Man - nes zu genieſſen, deſſen Predigten ſo erſtaunende Dinge wuͤrcken, und die in ihrem Glauben ſo wohl gegruͤndet, und von den Rechten der Glaͤubigen wider die Ketzer ſo wohl unterrichtet ſind, nicht Faͤhigkeit genug beſitzen, von einer ſo ſchlechten Schrift, als die meinige iſt, zu urtheilen: und ob ich alſo nicht Urſache habe, mich auf ſie zu beruf - fen? Der Hr. M. Sievers kan das Urtheil der frommen und ſcharfſinnigen Matronen aus St. Annen-Kloſter um ſo viel weniger verwerffen, weil er zu erſt ſeine Zuflucht zu dieſen andaͤchtigen Per - ſonen genommen, und ihnen ſeine Noth geklaget hat. Er muß alſo ihnen eine Faͤhigkeit zutrauen, von der Beleidigung, die ich ihm, ſeiner Meynung nach, zugefuͤget habe, zu urtheilen.
Jch ſage nicht, daß er hieran uͤbel gethan hat, aber ich moͤchte wuͤnſchen, daß er ſeine Klage in St. Annen-Kloſter mit einer groͤſſeren Gelaſſenheit, als vielleicht geſchehen ſeyn mag, angebracht haͤt - te. Jch mache dieſe Sache ungerne wieder rege,und123(o)und wolte was darum geben, daß es in meiner Macht ſtuͤnde, den Fehler, den der Hr. M. Sie - vers in dieſem Stuͤcke begangen hat, gaͤntzlich aus dem Gedaͤchtniſſe der Menſchen zu reiſſen. Jch ſchreibe mit Verdruß davon. Qvam vellem ne - ſcire literas! Aber ich kan unmoͤglich das verheh - len, was coram facie Eccleſiæ, und in einer groſſen Verſammlung geſchehen iſt; Und die chriſt - liche ſowohl, als die beſondere Liebe, womit ich dem Hn. Mag. zu gethan bin, treibt mich an, ihm, mit aller Ehrerbietung, die ich ihm ſchuldig bin, zu ſagen, daß er ſehr uͤbel gethan habe, zu St. Annen auf oͤfentlicher Cantzel, mich, den Drucker meiner Schrift, den Verkaͤufer derſel - ben, und alle, die ſie geleſen, zu verfluchen, und in den Abgrund der Hoͤllen zu verdammen. Wenn ich Luſt zu ſpotten haͤtte, ſo koͤnnte ich wahrlich keine beſſere Gelegenheit, als dieſe wuͤnſchen. Jch koͤnnte ſeine Klugheit loben, daß er ſeinen Eyfer wider mich an einem Ort ausgeſchuͤttet, wohin ich niemahlen komme, und woſelbſt ich ihm, wenn ich gleich zugegen geweſen waͤre, doch nicht haͤtte antworten duͤrffen. Jch koͤnnte ſagen, er habe verſuchen wollen, ob ihm das Anathema Ma - haram Motha, leichter auszuſprechen ſey, als die hebraͤiſche Uberſchrift des Creutzes Chriſti. Jch koͤnnte ſprechen: er habe durch ſein Fluchen gewie - ſen, daß er ein guter Hacke werden wuͤrde, und aus keiner andern Urſache wider den X. Y. Z. ei - nige Luft-Streiche gethan, als um zu ſehen, ob er eben ſo geſchickt ſey, den Hammer des Geſetzes gegen die Suͤnder zu gebrauchen, als das Schwerdtdes124(o)des Geiſtes wider die Ketzer zufuͤhren. Jch koͤnte die allerhand laͤcherliche Ungluͤcks-Faͤlle erzehlen, die mir begegnet, ſeit der Zeit ich unter ſeinem Fluch geſtanden; und wenn ich der Mann waͤre, wovor er mich haͤlt, ſo thaͤte ich es. Allein ich bin ein Feind von ſolchen Thorheiten, und will mir die Freyheit nehmen, dem Hn. Mag. ſeine Uber - eilung im Ernſt vorzuſtellen. Jch werde dieſes, obgleich der Schimpf, den er mir angethan hat, weit groͤſſer iſt, als die Schmach, die er, ſeiner Mey - nung nach, von mir erlitten hat, ſeyn wuͤrde, und wenn er ſich gleich in ſeiner Meynung nicht betroͤ - ge, mit der Sanftmuth und Beſcheidenheit thun, daß er zugleich aus meinen gegruͤndeten Vorſtel - lungen Nutzen ſchoͤpfen, und ſich aus meinem Exempel, wo es ihm beliebt, wird erbauen koͤnnen.
Jch bitte ihn demnach, zu bedencken, ob er nicht, als ein Chriſt, zur Gedult in allem Leyden, und, als ein Geiſtlicher, andern mit einem guten Exempel vorzuleuchten verbunden ſey? Er weiß, daß man auch ſeine Feinde lieben, und die, welche uns fluchen, ſegnen muͤſſe, und ſeine Zuhoͤrer wu - ſten es auch. Wie meynet er dann wohl, daß ſie ſich uͤber ſeine Heftigkeit, und uͤber ſein unartiges Fluchen geaͤrgert haben?
‒ ‒ ‒ ‒ ‒ tantæ ‒ ne animis cœleſtibus iræ? haben ſie unſtreitig, wie wohl nur auf deutſch, ge - dacht: Ja ſie wuͤrden ſich daruͤber geaͤrgert haben, und wenn auch die Beleidigung, die ihn ſo ſehr auſ - ſer ſich geſetzet hat, noch groͤſſer waͤre, als er ſie ſich, wie wohl ohne allen Grund, einbildet.
Wir wollen den Fall ſetzen, ich haͤtte die Boß -heit125(o)heit gehabt, zu ſchreiben: „ Der Hr. M. Sievers, „ der ſich vor groſſer Begierde beruͤhmt zu ſeyn, nicht „ zu laſſen weiß,
„ hat die Paßion mit Anmerckungen herausgegeben. „ Dieſe Anmerckungen ſind im hoͤchſten Grad al - „ bern. Um dieſes recht lebhaft vorzuſtellen, will „ ich die Hiſtorie von der Zerſtoͤhrung der Stadt „ Jeruſalem mit eben ſo laͤppiſchen Anmerckungen „ erlaͤutern, und zugleich dem Hn. M. Sievers „ wohlmeynentlich gerahten haben, ſich hinfuͤhro „ des Buͤcher-Schreibens zu enthalten, und ſich „ erſt in den Wiſſenſchaften, die einem Menſchen, „ der ſich mit Ehren in der gelehrten Welt ſehen „ laſſen will, noͤthig ſind, noch einige Jahre um - „ zuſehen, u. ſ. w.
Wir wollen, ſage ich, den Fall ſetzen, ich haͤt - te ſo geſchrieben. So wuͤrde doch der Hr. M. Sie - vers, wie plump auch das Compliment geweſen waͤre, und wie ſehr ich auch der Wahrheit ſo wohl als dem Hn. Mag. dadurch zu nahe getreten haͤtte, nicht chriſtlich gehandelt haben, wenn er mich des - falls auf der Cantzel haͤtte verfluchen wollen. Es waͤren dieſes kleine Haͤndel zwiſchen uns beyden ge - weſen, um welche ſich kein Menſch in der Welt, am wenigſten die Leute in St. Annen-Kloſter zu bekuͤmmern gehabt haͤtten, und die gar nicht auf die Cantzel gehoͤren. Ja es wuͤrde dem Hn. Mag. gar nicht erlaubt geweſen ſeyn, einen ſo heiligen Ort mit ſolchen Kleinigkeiten zu entweihen, und wenn er gleich ſchon ein beruffener und verordneterDiener126(o)Diener des Worts waͤre. Auch ein ordentlicher Prediger iſt nicht befugt, ſeine eigene Haͤndel auf die Cantzel zu bringen. Thut er ers, ſo klopfft man ihm in allen wohleingerichteten Staaten auf die Finger. Was meint alſo der Hr. M. Sievers wohl, daß er vor einen Verweiß wuͤrde zu gewar - ten gehabt haben, wenn diejenigen, welche ihm denſelben zu geben berechtiget ſind, ſeinen Fehler nicht guͤtig uͤberſehen haͤtten; theils weil er denſel - ben zu einer Zeit begangen hat, da er nicht bey ſich ſelbſt war. Ira furor brevis eſt; theils weil ſie wuſten, daß man einen Betruͤbten nicht noch mehr betruͤben muͤſte? Jch habe mich nicht entbrechen koͤnnen, durch dieſe ehrerbietige und glimpfliche Vorſtellung dem Hn. M. Sievers zu zeigen, wie ſehr er ſich vergangen hat. Er kan glauben, daß es mir in der That ſauer angekommen iſt, einen Mann, der ſo viel Gutes an ſich hat, und den ich, ſeiner Vortreflichkeit wegen, ſo hoch ſchaͤtze, einer Ubereilung zu beſchuldigen. Jch befuͤrchte ſo we - nig, daß er die Erinnerung, die ich ihm aus gu - tem Hertzen gebe, uͤbel aufnehmen werde, daß ich vielmehr mir die Hoffnung mache, es werde die Freymuͤthigkeit, mit welcher ich ihn beſtraffe, ihm den ungegruͤndeten Verdacht, als ob ich ihm durch ein haͤmiſches und gezwungenes Lob zu ſchaden ge - ſuchet haͤtte, gaͤntzlich benehmen. Die Aufrich - tigkeit, die ich hier beweiſe, iſt ſo groß, daß ſie mich hoffentlich, nicht nur in dem Gemuͤthe des Hn. M. Sievers rechtfertigen, ſondern auch an - dere bewegen wird, von meinen Abſichten milder zu urtheilen.
Die127(o)Die gewiſſe Rechnung, die ich mir darauf mache, macht mich ſo kuͤhne, daß ich meinen Nahmen, nach welchem ſo viel Fragens geweſen iſt, und den der Hr. M. Sievers inſonderheit ſo ſehnlich zu wiſſen verlanget hat, ungeſcheut nenne, doch nur auf eine Art, daß es den meiſten ſchwer fallen wird, ihn zu errahten. Man ſage nicht, daß ich daran unge - ſchickt handele. Man wuͤrde dazu berechtiget ſeyn, wenn ich mit jemand anders, als mit dem Hn. M. Sievers zu thun haͤtte. Einem Manne, der ſeinen Talmud ſo fertig, als ſeinen Abend-See - gen lieſet, entdecke ich mich deutlich genug: der wird einen deutſchen Nahmen leicht ohne Puncte leſen koͤnnen. Der Hr. M. Sievers ſiehet alſo oh - ne Muͤhe, wer ich bin, und wie ich heiſſe. Jch weiß wohl, der Hr. M. Sievers hat ſich verlau - ten laſſen, er wolle, wenn er nur wuͤſte, wer ich waͤre, mich dergeſtalt abwuͤrtzen, daß ich bereuen ſolte, mit ihm angebunden zu haben: Aber dieſe Drohung macht mir keinen Kummer. Jch habe die Unſchuld meiner Abſichten ſo deutlich darge - than, daß ich von der Billigkeit des Hn. M. hof - fen kan, er werde mich wieder zu Gnaden anneh - men, und ſeinen Eyfer wider diejenigen kehren, deren unbeſonnenes Urtheil von meiner Schrift ihn anfangs wider mich in Harniſch gejaget. Wir ſind Freunde. Valeant qvi inter nos diſſidium volunt.
Solte ich mich aber in meiner Hoffnung be - trogen ſehen, ſo werde ich zwar nicht wieder auf die verzweifelten Gedancken verfallen, ein Medi - cus zu werden; Denn ich hoffe, daß meine Un -ſchuld128(o)ſchuld wenigſtens meinen Goͤnnern in die Augen leuchten wird; Doch will ich es auf den Fall hie - mit verredet haben, jemahlen wieder etwas drucken zu laſſen. Jch muͤſte nicht klug ſeyn, wenn ich mich ferner in Gefahr ſetzen wolte, von jederman aufs unbarmhertzigſte gerichtet zu werden. Jch mercke wohl, daß es mit ſolchen Leuten, als der Hr. M. Sievers und ich, nicht anders beſchafen iſt, als mit den Jnvaliden. Die thun noch gute Dien - ſte in Feſtungen: Aber ins Feld kommen ſie nicht; Uns laͤſt es wahrlich auch nicht beſſer, als wenn wir, bis am Guͤrtel wenigſtens, bedeckt ſtehen. Hinter einer Bruſtwehr, und ſolte ſie auch nur von Holtz ſeyn, thun wir Thaten. Wagen wir uns ins freye Feld, ſo ſind wir verlohren. Wir haben es, deucht mich, beyde erfahren: Noch habe ich es einmahl verſuchen wollen. Gehts mir dieſes mahl nicht gut, ſo will ich hinfort in meinem Elemente bleiben, und alle meine Weißheit auf der Cantzel auskramen.
Wie manchmahl habe ich nicht Sachen auf der Cantzel vorgebracht, die gewiß nicht kluͤger geweſen ſind, als meine Anmerckungen, an wel - chen ein jeder zum Ritter werden will, und es hat kein Hund oder Hahn darnach gekraͤhet? Jch mag ſchwatzen, was ich will, man hoͤrt mir an - daͤchtig zu; Man ſeuftzt; man weint nach Gele - genheit, und wann die Predigt aus iſt, ſo lobt man mich. Das macht die anſtaͤndigen Gebaͤr - den, und der Ton der Stimme giebt unſern Wor -ten,129(o)ten, wann wir auf der Cantzel ſtehen, eine An - nehmlichkeit, die ihnen fehlt, wenn ſie zu Papier gebracht ſind, und der Ort, an welchem wir re - den, ſammt unſerer Kleidung wuͤrcket in den Ge - muͤthern unſerer Zuhoͤrer, eine Ehrerbietung, die ſie antreibet, alles, was wir ſagen, vor gur zu halten, und welche ſie nicht haben, wenn ſie uns nicht vor ſich ſehen, ſondern nur unſere Schriſten leſen. Un predicateur, ſagt der P. Mallebran - che dans ſa recherbhe de la verité T. I. Liv. I. ch. 18. a raiſon dans tout ce qu’il auance, & il n’y a pas jusqu’ à ſon colet, & à ſes man - chettes qui ne prouve quelque choſe. Jch will alſo bey meinem Leiſten bleiben. Jch will pre - digen, und das Buͤcher-ſchreiben andern uͤberlaſ - ſen. Es waͤre was Gutes, wenn der Hr. M. Sievers einen gleichen Entſchluß faſſen wolte. Er koͤnnte dadurch vieler Verdrießlichkeiten uͤberhoben ſeyn. Jch geſtehe, die gelehrte Welt wuͤrde an uns beyden viel verliehren: Aber wer kan ihr helf - fen? Sie wuͤrde es ihr ſelbſt zu dancken haben. Denn warum begegnet ſie uns nicht beſſer?
Nun muß ich noch, ehe ich ſchlieſſe, ein Wort in Vertrauen, mit derjenigen Art meiner Tadler reden, die ſich, ohne von meinen Abſichten zu ur - theilen, einige Fehler in meiner Schrift zu entde - cken einbildet. Jn dieſer Claſſe ſetze ich diejenigen oben an, die ſich daran aͤrgern, daß ich in meiner Vorrede geſchrieben: Geſchicht das am gruͤnen Holtz, was wil am duͤrren werden? und in der Entſchuldigung an den Leſer geſagt habe: Niemand verachte meine Jugend.
JSie130(o)Sie bilden ſich ein, dieſes ſey ein unverantwort - licher Mißbrauch der Heil. Schrift. Jch geſtehe dieſe Cenſur hat mich ſehr befremdet, und ich weiß faſt nicht, was ich darauf antworten ſoll. Kaum kan ich mir einbilden, daß es Ernſt damit ſey. Denn es iſt ſchwer zu begreifen, wie kluge Leute ihre Gottſeligkeit ſo gar hoch treiben koͤnnen. Wenn ich alſo arg wolte, ſo koͤnnte ich die Herren, die ſich ſo gar ohne Urſach an meiner Schrift geaͤrgert haben, ziemlich laͤcherlich machen. Aber auch bey dieſer Gelegenheit zu zeigen, wie wenig ich zum Spotten geneigt ſey, ſo will ich ihnen ihre Scru - pel mit aller Sanftmuth zubenehmen ſuchen, und ernſthaft mit ihnen reden.
Es verdienet auch uͤberdem ihr zaͤrtliches Gewiſ - ſen, mehr ein Mittleiden, als daß man daruͤber lache. Jch bedaure ſie von Grund meiner Seelen. Sie ſetzen ſich durch ihre gar zu groſſe Heiligkeit in den Stand, daß ſie ohne Gefahr zu ſuͤndigen, nicht einmahl Eſſen und Trincken fordern koͤnnen. Plagt ſie der Durſt, ſo duͤrfen ſie nicht ſagen, daß ſie duͤrſte. Und wann ſie auf Reiſen in ein Wirths-Haus kommen, iſt es ihnen nicht erlaubt zu fragen: Habt ihr nichts zu eſſen? Leute mit denen es ſo beſchaffen iſt, die ſind vor andern eines liebreichen Unterrichts wuͤrdig; Und ich mache mir ein Gewiſſen, ſie auszuhoͤhnen.
Jch bitte ſie demnach zu bedencken, daß dasje - nige, was ich vom gruͤnen Holtz geſaget habe, ein Sprichwort ſey. Unſer Heyland hat ſich deſſelben bedienet, das weiß ich wohl: Aber ich ſolte nicht meinen, daß dadurch die Natur dieſes Sprichworts geaͤndert ſey, und das menſchliche Geſchlecht et -was131(o)was von ſeinem Recht auf daſſelbige verlohren ha - be. Jch glaube alſo nicht, daß es eine Suͤnde ſey, ſich deſſelben zu bedienen, und das um ſo viel weniger, weil auch die andaͤchtigſten alten Wei - ber ſich kein Gewiſſen daruͤber machen.
Was das anlanget, daß ich geſaget habe: Nie - mand verachte meine Jugend: So moͤchte ich wohl von den gewiſſenhafften Perſonen, die mir dieſes zur Suͤnde deuten, belehret ſeyn, wie ein Menſch, der ſagen will, man ſolle ihn ſeiner Jugend wegen nicht verachten, ſeine Worte ordnen muͤſſe, wenn er ſich nicht verſuͤndigen wil. Jch vor meine Per - ſon wuſte es nicht kurtzer und deutlicher auszudruͤ - cken, und kan nicht davor, daß Luther eine gewiſſe Stelle in den Briefen Pauli eben ſo uͤberſetzet hat. Jch halte es fuͤr eine gar zu groſſe Beſchwerlich - keit, allezeit, wenn man etwas reden oder ſchreiben will, die Naſe in der Concordantz zu haben, um zu ſe - hen, ob die Redens-Arten, der man ſich bedienen will, auch in der Bibel ſtehen. Meine heiligen Richter muͤſſen dieſes thun, falls man nicht muth - maſſen ſoll, daß es mit ihrem engen Gewiſſen nicht viel zu bedeuten habe. Jch beklage ſie desfals und gehe weiter. Doch muß ich noch demjenigen ‒ ‒ ‒ hiatus in MSt. ‒ ‒ ‒ Jch habe in meinen Anmerckungen p. 18. gemuthmaſſet, Jeſus Ana - ni ſey, weil er eines gemeinen Mannes Sohn ge - weſen, zu Fuſſe nach Jeruſalem gegangen: Die - ſe Muthmaſſung will einem gelehrten und beruͤhm - ten Manne in Sachſen nicht gefallen. Er hat mir die Ehre gethan, desfalls an mich zu ſchreiben, und die Hoͤflichkeit, mit welcher er meine Mey -J 2nung132(o)nung beſtreitet, verdienet, daß ich ſie oͤffentlich lobe. Jch war willens, ſeinen Brief, weil er viele beſondere Anmerckungen in ſich faſſet, hier gantz einzuruͤcken: Aber da derſelbe durch und durch mit Lobes Erhebungen, der ich mich gantz unwuͤrdig ſchaͤtze, angefuͤllet iſt, ſo hat es mir meine Demuth nicht zulaſſen wollen. Meine Leſer werden zu frieden ſeyn, wann ich ihnen ſa - ge, daß der gelehrte Mann behauptet, Jeſus Anani ſey nicht zu Fuſſe nach Jeruſalem ge - gangen, ſondern er habe dem Poſt-Knecht ein Trinckgeld gegeben, und ſich vor dem Thor auf die Poſt geſetzt. Folglich ſey er nach Jeruſa - lem gefahren. Ob ich nun gleich vieles wider die Zeugniſſe der Scribenten, aus welchen er dieſes zu beweiſen ſuchet, einzuwenden haͤtte, ſo will ich mich doch lieber bemuͤhen, unſere Mey - nungen zu vergleichen, als mit einem ſo vor - treflichen Manne uͤber eine Sache von ſo we - niger Wichtigkeit zancken. Wir haben, deucht mich, beyde recht. Jeſus Anani hat ſich un - terwegens auf die Poſt geſetzet, und ſo lange er auf der Poſt geſeſſen, iſt er nicht gegangen. So weit hat mein Gegner recht. Aber ich glaube, dieſer geſchickte Mann, wird mir auch nicht ſtreiten, daß Jeſus Anani vor dem Thor zu Jeruſalem abſteigen muͤſſen. Denn dieſes muͤſſen ſich alle diejenigen gefallen laſſen, die der Poſt-Knecht vor ein Trinckgeld aufnimmt. Er iſt alſo unſtreitig zu Fuſſe nach Jeruſalem gekommen. Und auf ſolche Art waͤre dieſer Streit gehoben.
Jch133(o)Jch eile zum Ende, und will dahero dasjeni - ge, was auſſer dieſem noch an meiner Schrift getadelt worden, nur mit ein paar Worten un - terſuchen.
Einige haben mich desfalls einer Grobheit be - ſchuldigen wollen, daß ich in meinen Anmer - ckungen geſaget habe, was Kuͤh-Miſt und Un - flat auf Niederſaͤchſiſch heiſſe. Die Sittſamkeit dieſer gar zu feinen Leute koͤmmt mir eben ſo wunderlich vor, als die uͤbergroſſe Heiligkeit de - rer, die ſich einbilden, ich mißbrauche der Schrifft: und ich wuͤſte ſie auch an meinem Bru - der nicht zu billigen: Sehen ſie dann nicht, daß ich nichts mehr thue, als daß ich anfuͤhre, was in meinem Codice Mst. ſtehet? Mich deucht nicht, daß es billig iſt, mir zu zumuthen, daß ich ſalva venia dabey ſetzen ſollen.
Doch vielleicht iſt ein ſolcher Codex MStus nicht in der Welt? Jch weiß wohl, es giebt Leute, welche vorgeben, ich aͤffe meine Leſer, wenn ich meinen Codicem anfuͤhre. Aber dieſe Herren muͤſ - ſen andere Leute nach ſich ſelbſt beurtheilen. Jch bin nicht der Mann, der andern etwas vorzuluͤ - gen faͤhig iſt. Was ich ſage, das kan man glau - ben. Und wer meinen Worten nicht trauet, der komme zu mir, ſo will ich ihm meinen Codicem weiſen.
Nach dem ich alſo alle ungleiche Urtheile, die von meiner Schrift gefaͤllet worden, beantwortet habe,J 3ſo134(o)ſo bitte ich zum Beſchluß meine Leſer nochmahl, das, was ich geſchrieben, wohl zu behertzigen. Jch ſchmei - chele mir mit der Hofnung, daß Unpartheyiſche die Gruͤndlichkeit meiner Verantwortung einſehen, und mir recht wiederfahren laſſen werden. Bin ich ſo gluͤcklich, ſo werde ich mich wenig daran kehren, was die Einfaͤltigen von mir und meiner Schrift urthei - len. Jch bin zu frieden, wenn nur der Hr. M. Sievers und der kluͤgſte Theil dieſer Stadt eine gute Mey - nung von mir hat. Der Reſt mag ſagen, was ihm be - liebt: doch warne ich meine Laͤſterer zum Beſchluß wohlmeinentlich, es nicht gar zu bunt zu machen. Jch bin von Hertzen fromm: Aber macht man mich boͤſe, ſo tauge ich auch nicht viel.
Briontes der juͤngere, oder Lobrede, auf den Hochedelgebohrnen und Hochgelahrten Herrn, Herrn D. Johann Ernſt Philippi, oͤffentlichen Profeſſoren der deutſchen Bered - ſamkeit auf der Univerſitaͤt Halle, wie auch Churſaͤchſiſchen immatriculirten Advocaten ꝛc. ꝛc. nach den Regeln einer natuͤrlichen, maͤnnlichen und heroiſchen Beredſamkeit, gehalten in der Geſellſchaft der kleinen Geiſter, in Deutſchland, von einem unwuͤrdigen Mitgliede dieſer zahlreichen Geſellſchaft. 1732.
[136]Die Geſellſchaft der kleinen Geiſter hat einige Aehnlichklit mit der un - ſichtbaren Kirche. Sie iſt in der gantzen Welt ausgebreitet, und doch kan niemand ſagen: ſiehe hie oder da iſt ſie. Jch ſage dieſes, um dem Vorwitz meiner Leſer vorzubeugen, die ſich ohne Zweifel bemuͤhen werden zu entdecken, wo gegen - waͤrtige Lobrede eigentlich gehalten wor - den. Jch gebe Jhnen mein Wort, daß ſie dieſes ſo wenig errathen werden, als ſie errathen werden wer der aͤltere Herr Bri - ontes ſey. Sie duͤrffen aber darum nicht zweifeln, ob eine ſolche Geſellſchaft auch wuͤrcklich vorhanden ſey. Sie glauben eine unſichtbare Kirche: Sie glauben eine Patriotiſche Aſſemblée, und eine ſtille Todtengeſellſchaft zu Friedensburg. Sie glauben alſo, ob ſie gleich nicht ſehen. Warum wollen ſie denn die Wuͤrcklichkeit der Geſellſchaft der kleinen Geiſter in Zweifel ziehen, weil ſie unſichtbar iſt? Jch verſichere ſie, daß ſie in der Welt iſt. Sie koͤnnen mir trauen. Jch luͤge nicht. Es ſind darinn viele groſſe und beruͤhmte Maͤnner, die ich nahmhaft machen koͤnn - te, wenn ich nicht beſorgte, ſie moͤgten es uͤbel nehmen. Die Mitglieder unſererJ 5Geſell -138(o)Geſellſchaft ſind von ſo groſſer Beſchei - denheit, daß ſie lieber ſterben, als ſich kund geben: Und der Leſer kan glauben, daß ich mir lieber die Zunge abbeiſſen, als mei - nen Namen ſagen wuͤrde.
Jch halte vor unnoͤthig, mich wieder den Momus zu verwahren. Wer meine Re - de tadeln will, der thue es immer hin. Jch werde mir desfals weder einigen Kummer machen, noch meine Tadler haſſen. Jch bin verſichert, daß diejenigen, denen meine Rede am wenigſten gefallen wird, meine wuͤrdigſten Mitbruͤder ſind, ohne daß ſie es ſelbſt wiſſen. Man darf ſich daruͤber nicht wundern. Unſere Geſellſchaft hat allent - halben die ihrigen, und viele, die es ſich nicht einbilden, ſtehen mit mir in einer un - ſichtbaren Gemeinſchaft. Es wird mir ei - ne Freude ſeyn, bey dieſer Gelegenheit ei - nige dieſer Herren kennen zu lernen, und ich bitte ſie ſamt und ſonders verſichert zu ſeyn, daß ich als dann nicht ermangeln wer - de, meine Schuldigkeit gegen ſie zu beob - achten, und ihnen diejenigen Liebesdienſte zu leiſten, die ich ihnen, als meinen wehr - ten Bruͤdern, ſchuldig bin, aber bißhero nicht habe erweiſen koͤnnen, weil ich nicht die Ehre gehabt ſie zu kennen.
Hoch -[139]Es lebe der Herr Profeſſor Philippi! Hoch! Sie erſchrecken nicht, Meine Herren, daß ich meine Rede mit einem Geſchrey1)Jch bruͤllte hier greßlich, und halte es vor eine der vor - nehmſten Pflichten eines Redners, ſeine Stimme, nach Erforderung der Sachen, zu erheben und fal - len zn laſſen. Jch bedaure, daß der geneigte Leſer mich nicht gehoͤret hat. Jch kan Jhn verfichern, daß ich es, ohne Ruhm zu melden recht artig machte. anfange, ſo ſich eher auf der Gaſ - ſen, als in einem engen Zimmer, und beſſer in ei - ner Schaar ſchwaͤrmender Studenten, als in der Verſammlung ſittſamer Perſonen ſchicket. Es iſt die Freude, ſo ich uͤber das Gluͤck eines ſo auſ - ſerordentlichen Geiſtes, als der vortrefliche Mann, dem ich in dieſer Stunde eine Lobrede halten ſoll, empfinde, ſo unbaͤndig, daß ich, ohne mir die groͤſſeſte Gewalt anzuthun, unmoͤglich in den Schrancken des gemeinen Wohlſtandes bleiben kan.
Jch ſetze alle Betrachtung der Ehrerbietung, die ich einer ſo anſehnlichen Verſammlung ſchuldig bin, aus den Augen, und laſſe meinem Triebe den freyen Lauf. Jch140(o)Jch ſchreye mit Macht, und aus vollem Halſe, daß die Pfoſten beben, daß es weit und breit erthoͤnet, die Nachbarſchaft in Unruhe ſetzt, und die halbe Stadt rege macht: Es lebe der Herr Prof. Philippi! Hoch!
Jch wuͤrde nicht ermangeln, meine Herren, die - ſen frohen Ausruf mit dem gewoͤhnlichen Anhange3)Kluae Leſer mercken leicht, daß ich auf das bekannte: Ein H .... moquirt ſich! ziele. Jch habe hier alſo gewieſen, daß man auch von unflaͤtigen Dingen reden koͤnne, ohne ein unziemliches Wort zu ſagen. Welches gewiß was ſchoͤnes iſt. zu begleiten, wenn ich nicht verſichert waͤre, daß es eines ſolchen Trumpfs in einer Verſammlung nicht beduͤrfte, welche aus Perſonen beſtehet, die alle von der Vortreflichkeit des Herrn Prof. Philippi eben ſo ſtarck uͤberfuͤhret ſind als ich, und folglich, da ihre Freude uͤber deſſen Erhebung nicht geringer als die meinige iſt, ohne Zweifel mit mir Vivat! ruffen wuͤrden, wenn ſie ſich nicht ein Gewiſſen machten, die wohlhergebrachten Rechte eines oͤfentlichen Redners zu verletzen.
Es wuͤrde demnach eine unzeitige Hoͤflichkeit ſeyn, wenn ich mein Schreyen gegen eine Verſammlung entſchuldigen wolte, die, wenn ich ſchwiege, ſelbſt, vielleicht noch aus einem hoͤhern Ton, anſtimmen wuͤrde. Jch ruffe, meine Herren, in ihrer aller Namen: Es lebe der Herr Prof. Philippi! Hoch!
Aber wie wird mir? 4)Hier trat ich ungefehr drey Schritte zuruͤcke.Jch bin niemahlen miteiner141(o)einer groͤſſern Freudigkeit aufgetreten eine Rede zu halten, als jetzo, und doch, da es recht angehen ſoll, befinde ich mich in einer Verwirrung, die ich nicht wohl zu beſchreiben vermag. Jch laſſe die Haͤnde ſincken5)Hier ließ ich wuͤrcklich die Haͤnde ſincken, und zitterte mit dem gantzen Leibe., meine Lenden ſchuͤttern, und mir wird gruͤn und gelbe vor den Augen. Es ſcheinet, als wenn Traurigkeit und Freude, zwo Gemuͤthsbewegun - gen, die einander gerade entgegen lauffen, wenn ſie einen gewiſſen Grad erreichet haben, faſt von einer - ley Wuͤrckung ſind. Eine gar zu groſſe Traurigkeit macht uns ſtarr:
Und mir laͤhmet eine uͤbermaͤſſige Freude die Zunge. Jch verſtumme beym Anfang meiner Rede7)Hier ſchwieg ich einige Minuten ſtill. Der geneigte Leſer beliebe zu mercken, wie meine Beſtuͤrtzung ſtufenweiſe zugenommen. Welches Kunſtſtuͤck um ſo viel groͤſſer, je genauer es mit der Natur uͤber - ein koͤmmt. … .... Wundern Sie ſich nicht, Meine Herren, uͤber einen ſo beſondern Zufall. Bedencken Sie vielmehr die Groͤſſe der Laſt, ſo Sie mir aufzulegen belieber. Jch ſoll zu Bezeugung der innigſten Freude, ſo un - ſere Geſellſchaft uͤber die Erhebung des Herrn D. Philippi zu der Profeſſion der Deutſchen Beredſam - keit in Halle, empfindet, einem Manne eine Lobre - de halten, der bisher aus ſonderbahrer Demuth ſeine Vortreflichkeit ſo geſchickt zu verbergen gewuſt, daßman142(o)man alle Muͤhe von der Welt hat, ſich einen rechten Begrifvon ſelbigen zu machen.
Jch geſtehe, Meine Herren, ich habe dieſe Muͤhe uͤberſtiegen. Jch habe die Sechs deutſche Reden, ſo der Herr D. Philippi durch den Druck bekannt ge - macht hat, ja, was noch mehr iſt, ich habe ſein Helden - Gedicht geleſen; und ſehe alſo die Verdienſte dieſes groſſen Mannes voͤllig ein*)Als ich dieſe Rede hielte, war die beruͤhmte Thuͤringiſche Hiſtorie des Hrn. Prof. Philippi noch nicht aus Licht ge - treten; ich behalte mir alſo vor, das Lob dieſes vortref - lichen Buches bey einer andern Gelegenheit unſerer Geſell - ſchaft kund zu machen.. Aber, Meine Herren, dadurch wird meine Verwirrung nicht gemindert; ſie nimmt vielmehr zu, und die Menge und die Groͤſſe der vortreflichen und ausnehmenden Eigenſchaften, ſo ich an|dem Herrn Prof. Philippi erblicke, macht mir den Mangel der Beredſamkeit, den ich allemahl bey mir ſpuͤre, empfindlicher als jemahls.
Wie fange ich es alſo an, daß ich mit Ehren wie - der von dieſem Platz komme? Jch wolte wohl den Apollo bitten, mir ſchoͤne Gedancken einzublaſen, und das Band meiner Zunge zu loͤſen: Allein der ſtum - me Goͤtze vermag es nicht. Jch wolte den Herrn Brockes wohl um ſeinen Mund anſprechen8)S. das Heldengedicht des Hrn. Philippi p. 5.: Aber ich bin zu bloͤde. Er braucht ihn ſelber, und uͤber dem ſoll ich kein Gedichte machen. Koͤnnte ich, wie dort Saul den Samuel, die alten graubaͤrtigen und vermoderten Redner, Demoſthenes und Cicero, be - ſchwoͤren, aus ihrer Gruft hervorzutreten9)S. die Sechs deutſchen Reden des Hrn. Philippi p. 12., ſo wol -te143(o)te ich ſelbige um Huͤlffe in dieſer Noth anruffen. Al - lein ich kan nicht hexen, und ich bin uͤber dem zweifel - haft, ob alle Beredſamkeit dieſer beyden Alten zurei - chen moͤgte, den Hrn. Prof. Philippi nach Wuͤrden zu erheben. Jch wuͤrde alſo untroͤſtbar ſeyn, und mit Schanden abtreten muͤſſen, wenn ich nicht ſelbſt bey dem groſſen Geiſte Troſt faͤnde, deſſen Vortref - lichkeiten mich in dieſe Verwirrung geſetzet haben.
Es mag demnach Demoſthenes, Cicero, Apollo, ja Brockes ſelbſt einen guten Tag haben. Jch be - darf ihrer Huͤlffe nicht: Jch halte mich an den Herrn Prof. Philippi. Dieſer groſſe Mann hat mir durch ſein Beyſpiel gewieſen, wie ich und meines gleichen kuͤmmerliche Redner es machen muͤſſen, wenn wir etwas ſagen wollen, und nicht wiſſen was es ſeyn ſoll. Er hat die Kunſt erfunden, wie ein Redner das, was ihm mangelt, geſchickt von ſeinen Zuhoͤ - rern entlehnen kan. Er ſaugt Glut aus den Augen der Hochgeſchaͤtzten Anweſenden, und wenn ſeine matte Faͤhigkeit zum Dencken, und eine ſchaam - haftsvolle Furcht ihm allen Muth benimmt, und ſeinen Geiſt entkraͤftet, ſo nimmt Er ſeine Zuflucht zu ſeinen Zuhoͤrern und ſpricht:
Jedoch es iſt noch Rath: Wann DeroHuld erlaubtDaß mein Gedancke ietzt denſelben et -was raubt;Will ich das Feuer nur aus Dero Au -gen faſſen,So wird mein Mund beredt .......10)S. das Heldengedicht p. 5.10)
Jch wolte nicht um wie viel, daß von dem Herrn Prof. Philippi dieſer vortrefliche Handgrif nicht er - funden waͤre. Haͤtte ich von ihm nicht gelernet, wie man Feuer aus den Augen der Zuhoͤrer faſſen muͤſte, was koͤnte ich wohl machen? Aber ſo bin ich aller meiner Sorge entlediget. Jch faſ - ſe das Feuer aus dero Augen, und ſpreche:
Saͤh’ alſo Jhre Huld mich ietzt aufsſchaͤrfſte an,So koͤnnt wohl Dero Glut auch in mirGlut erwecken.Wie oft wird das entzuͤndt, das ſelbſtnicht brennen kan,So kan ihr Feuer auch ietzt meinen Geiſtanſtecken. 11)S. das Heldengedicht p. 5.
Ob alſo gleich Ehrfurcht und Ohnmacht mir billig ein Stillſchweigen auflegen ſolten, ſo laſſe ich doch den Muth nicht ſincken; ſondern da Dero, aus un - verdienter Guͤtigkeit, auf mich unverwandt gerich - tete Augen, hoch wehrteſte Anweſende! mir be - fehlen, daß ich in meiner Rede noch nicht aufhoͤren, ſondern fortfahren ſolle; Zumahl in den Geſetzen un - ſerer Verſammlung verſehen, daß wir bey dergleichen Begebenheiten lieber das Hertz, als die Kunſt, das Wort fuͤhren laſſen wollen: So gehorche denn, und ſehe zugleich in voraus, daß, wo ich reden ſoll, als es mir wahrhaftig ums Hertze iſt, ich eher einen An - fang, als Ende meiner auszudruͤckenden Bewegun - gen, werde antreffen koͤnnen12)S. die ſechs deutſchen Reden p. 21. ſq. . Wie vermoͤgte ichauch145(o)auch, mich weiter des Redens zu enthalten, da die un - wandelbare hoͤchſt-erfreuliche Nachricht von der unvermutheten Erhebung des Herrn Prof. Philippi durch das Hertz aller redlichgeſinnten, mithin auch vornehmlich durch die Jhrigen, gleich einem gewalt - ſamen Strohm, den keine Daͤmme aufhalten, hin - durch bricht und die Freude durch alle Glieder des Lei - bes, um nicht bey weiterer Beklemmung in den Her - tzen, es gar zu zerbrechen, einen ungehinderten Aus - gang zu nehmen trachtet? Sind demnach gleich meine Worte zu niedrig, als daß ſie den hohen Grad unſers Vergnuͤgens auszudruͤcken vermoͤgten, und laͤſſt ſich gleich ein erhabner Cedernbaum nicht mit einem geringen Maaßſtabe von Cypreſſenholtz ausmeſſen; So ſoll doch dasmahl mein Hertz vor mich reden, und Dero eigene gerechte Freude uͤber die Beforderung des Herrn Prof. Philippi ſoll mir zur Regel und zum Maaßſtabe dienen, um darnach die Gerechtigkeit der Freude aller Verehrer dieſes groſ - ſen Mannes auszumeſſen.
Es breche alſo nunmehr ungehindert die verborge - ne Freude meines Hertzens aus der Quelle der Ehr - erbietigkeit hervor, und ohnerachtet ſolche Dero aller - ſeits hellen Gemuͤths-Augen bereits unverborgen iſt; ſo vermenge ſich doch mein Freudenton mit dem In dulci jubilo aller, ſo die Verdienſte des Hn. Pr. Philippi kennen, und erfuͤlle die Lufft mit einem hel - len und deutlichen Vivat! mit einem freudigen Hoch! und mit einem frohlockenden Jubelgeſchrey13)Wann der geneigte Leſer hier einen Unterſcheid in der. Es lebe der Herr Prof. Philippi! Hoch!
KMich146(o)Mich deucht, meine Herren, ich nehme in Dero unverwandt auf mich gerichteten Augen, aus wel - chen ich dasjenige Feuer gefaſſet, ſo jetzo in die Flam - men eines auſſerordentlichen Freudengeſchreyes aus - bricht, einen heimlichen Widerwillen wahr. Sie befuͤrchten, ich ſehe es Jhnen an, ich duͤrfte meines Hauptzweckes vergeſſen, und die Zeit, ſo beſtimmet iſt, den Herrn Prof. Philippi zu loben, mit bloſſen Wuͤnſchen vor das Wohlſeyn eines ſo vortreflichen Mannes zubringen. Und gewiß, Meine Herren, bald ſolte ich mich dieſer Liſt bedienen, um mich einer Laſt zu entledigen, die mir faſt zu ſchwer fallen will. Was ſoll ich von einem Manne ſagen, den ich nicht kenne? Jch kan mit gutem Gewiſſen einen Eyd ſchweren, daß ich nicht eher gewuſt habe, daß der Herr Prof. Philippi in der Welt ſey, als biß derſelbe, aus GOttes gerechtem Verhaͤngniß, erkohren worden, den Hochmuth einer Academie zu daͤmpfen, die un - ſerer Geſellſchaft bißhero ein Dorn im Auge geweſen iſt, und Derſelben zu einer Geiſſel hat dienen muͤſſen. Es iſt wahr, Meine Herren, ich habe die vortreflichen Reden des Herrn Prof. Philippi geleſen. Jch ken - neihn alſo aus ſeinen Schriften. Aber dieſe Schrif - ten ſind, nach dem Urtheil der Kenner, mit ſolcher Kunſt verfertiget, daß man Muͤhe hat, die Kunſtdarinn13)Schreib-Art wahrnimmt, ſo wiſſe Er, daß ich hier dem Herrn Prof. Philippi nachzuahmen geſuchet. Siehe deſſen Sechs deutſche Reden p. 24. 25. Jch erinnere dieſes darum, damit man das Lob, wel - ches Gedancken ſolcher Art und ſo beſondere Ausdruͤ - ckungen verdienen, nicht mir ertheile, ſondern dem Herrn Philippi.147(o)darinn zu finden. Artis eſtcelare artem. Die - ſes Kunſtſtuͤck hat der Herr Prof. Philippi in ſei - nen Reden meiſterlich angebracht. Er hat mit ſol - cher Sorgfalt ſeine Geſchicklichkeit verborgen, daß zu deren Entdeckung die Einſicht eines groſſen Staats-Mannes erfordert wird14)S. in den Sechs deutſchen Reden, die Vorerinnerung zu der dritten Rede p. 48., und die Weisheit der Schulgelehrten dazu nicht hinlaͤnglich iſt15)S. in den Sechs deutſchen Reden die der vierten Rede vorgeſetzte Anmerckung p. 80.. Dieſe Nachteulen blendet ein ſo groſſes Licht.
Es wuͤrde mir daher nicht zu verdencken ſeyn, wenn ich ietzo, da ich, zu Bezeugung unſerer Freude, Hoch! gerufen, ohne ferner ein Wort zu ſagen, nach Hau - ſe gienge, und daſelbſt die ſeltenen Eigenſchaften des Herrn Prof. Philippi ſtillſchweigend bewunderte. Aber, Meine Herren, ich habe mich ſchon ſo weit herausgelaſſen, daß ich dieſes mit Ehren nicht thun kan. Jch habe ſchon bekannt, daß ich die Verdien - ſte des Herrn Prof. Philippi voͤllig einſaͤhe. Die - ſes Bekaͤnntniß wiederufe ich nicht. Jch bin voͤl - lig uͤberzeuget, daß der Herr Prof. Philippi ein Red - ner iſt, der ſeines gleichen nicht hat. Doch verlan - ge ich darum nicht, Meine Herren, daß Sie mich den gemeinen Gelehrten vorziehen, und von mei - ner Scharfſichtigkeit gar zu groſſe Begrife haben ſol - len. Jch wuͤrde mit allen Gelehrten meiner Art, ſee - lig geſtorben ſeyn, ohne zu dieſer Erkaͤnntniß zu gelangen, wenn nicht der Herr Pr. Philippi die Guͤ - te gehabt haͤtte, auf dem Titelblat ſeiner ſechs deut -K 2ſchen148(o)ſchen Reden zu melden, daß ſie nach denen Regeln einer natuͤrlichen, maͤnnlichen, und heroiſchen Beredſamkeit ausgearbeitet ſind.
Dieſes Zeugniß, welches der Hr. Prof. Philippi ſich ſelbſt giebt, iſt ſo glaubwuͤrdig, daß derjenige ſehr un - verſchaͤmt ſeyn muͤſte, der ſich geluͤſten laſſen wolte, an der Geſchicklichkeit des Herrn Prof. Philippi zu zweifeln. Es giebt uns diejenige gute Meynung von dem Herrn Prof., welche noͤthig iſt, die verborgene Schoͤnheiten ſeiner Reden einzuſehen, und nach die - ſer Einſicht von der Vortreflichkeit des Verfaſſers zu urtheilen: Und man muß bekennen, der Herr Prof. Philippi hat durch daſſelbe die Pflicht, mit welcher Er ſich und ſeinem Naͤchſten verwandt iſt, vollenkom - men erfuͤllet, indem Er dadurch die vortheilhaften Ge - dancken, die Er von ſeiner eigenen Arbeit hat, aufs beſcheidenſte an den Tag leget, und andern die Ge - legenheit benimmt, ſich, durch Entziehung des ihm gebuͤhrenden Lobes, an ihn zu verſuͤndigen.
Jch weiß wohl, es hat ein alter Wahn das menſch - liche Geſchlecht ſo ſehr bethoͤret, daß die meiſten es als eine Unanſtaͤndigkeit anſehen, wenn einer ſich ſelbſt lobet; und es gibt wuͤrcklich ſo eigenſinnige, neidi - ſche Gemuͤther, die ſich an dem Titelblatte der ſechs deutſchen Reden des Herrn Philippi aͤrgern, und es dieſem groſſen Mann zur Suͤnde deuten, daß Er ſei - nen Leſer zum voraus einen guten Begrif von ſeiner Arbeit zu geben ſuchet. Aber gleich wie Leute von die - ſer Art gemeiniglich erhabenen und tugendhaften Ge - muͤthern, als der Herr Prof. Philippi iſt, zu ſolchen Voꝛwuͤrfen dienen, daran ſie deꝛſelben ihre Schwach -heiten149(o)heiten deutlich erkennen, und ihre Edelmuth in groß - muͤthiger Ertragung ſolcher unverſchuldeten Urtheile ruͤhmlichſt erweiſen lernen16)S. den Vorbericht zu den Sechs deutſchen Reden.; ſo hoffe ich auch, Mei - ne Herren, Sie werden den Eigenſinn dieſer Tadler mit mir verabſcheuen, und, nach der Jhnen beywoh - nenden Klugheit, wohl begreifen, daß der Herr Prof. Philippi eines theils, wie ich ſchon erwieſen, wichti - ge Urſachen gehabt, ſich ſelbſt zu loben, und andern theils auf dem Titelblatte nichts geſetzet hat, von deſ - ſen Wahrheit nicht ein jeder, der ſeine Reden lieſet, beym erſten Anblick uͤberfuͤhret werden ſolte.
Er ſpricht, ſeine Reden waͤren nach den Regeln einer natuͤrlichen, maͤnnlichen, und heroiſchen Be - redſamkeit ausgearbeitet. Er redet die Wahrheit. Wer will leugnen, daß ſeine Beredſamkeit natuͤrlich ſey? Ein jeder ſiehet leicht, daß es mit ſeinen ſechs Reden ohne Hexerey zugegangen iſt. Sie iſt maͤnn - lich: Denn der Herr Prof. Philippi iſt ein Mann und kein Weib. Sie iſt heroiſch; weil der Herr Prof. Philippi ſich an die gemeinen Regeln der Re - dekunſt gantz und gar nicht kehret. Mich deucht, Meine Herren, ein ſolcher Redner iſt werth, daß ihn alle Welt lobet, und ich zweifele nicht, es werde Jh - nen allerſeits ſehr angenehm ſeyn, wenn ich Jhnen die ſo ſehr verſteckten Schoͤnheiten ſeiner Reden ſo deutlich, als es mir moͤglich iſt, zur Bewunderung darſtelle.
Jch bin verſichert, Meine Herren, daß keiner un - ter ihnen iſt, der nicht die ſechs deutſchen Reden desK 3Herrn150(o)Herrn Prof. Philippi ein, ja mehrmahl, durchgeleſen habe. Jch frage ſie demnach auf ihr Gewiſſen, ob Sie jemahlen etwas geleſen, ſo mit denſelben zu vergleichen iſt? An ihren Augen, Meine Herren, ſehe ich es Jhnen an, daß Sie mir dieſe Frage mit nein beantworten werden. Aber ich moͤgte doch faſt wet - ten, daß Sie die verborgene Abſicht des Herrn Phi - lippi nicht ſo tief einſehen, als erfordert wird, um recht zu erkennen, wie ſehr unſere Geſellſchaft dieſem auſ - ſerordentlichen Redner verpflichtet iſt.
Sie wiſſen, Meine Herren, wie ſchwer es die alten Griechen und Roͤmer gehalten haben, eine geſchickte Rede zu verfertigen. Cicero zweiffelt, ob jemahls ein vollkommener Redner geweſen ſey, oder ſeyn wer - de. Wir duͤrffen uns uͤber dieſes Verfahren der Griechen und Roͤmer nicht wundern, wenn wir nur bedencken, daß ſie die Redekunſt der Vernunftleh - re auf eine ſchaͤndliche Art unterworffen, und ſich ein - gebildet haben, man muͤſſe erſt dencken lernen, ehe man ſich zu reden unterſtuͤnde. Das Licht des Evan - gelii, welches die Finſterniß, in der die Heiden wan - delten, vertrieb, hat auch dieſen ſo boͤſen und ſchaͤd - lichen Wahn verjaget. Die Heil. Kirchenvaͤter, und ihre wuͤrdige Nachfolger haben ſich ein Gewiſ - ſen gemacht, den Weg der Gottloſen zu wandeln, ſondern eine ſolche Art der Beredſamkeit durch ihre Beyſpiele eingefuͤhret, daß es einem Menſchen, der nicht ſtumm iſt, und nur Hertz genug hat, das heraus - zuſagen, was ihm zu erſt ins Maul koͤmmt, nim - mer fehlen kan, den Ruhm eines guten Redners da - von zu tragen. Jedermann hat ſich beſtrebet, die -ſem151(o)ſem Exempel ſo ehrwuͤrdiger Perſonen zu folgen, und die Welt iſt von einer entſetzlichen Menge groſſer Redner uͤberſchwemmet worden. Es hat zwar im - mer einige eckele und naſeweiſe Gemuͤther gegeben, die da mit der gemeinen Beredſamkeit nicht zu frieden geweſen ſind, und es vor beſſer gehalten haben, wenn man ſich nach dem Geſchmack der Griechen und Roͤ - mer richtete: Aber es ſind ihrer allzeit ſo wenige gewe - ſen, daß ſie gegen die groſſe Menge ihrer Gegner nicht aufkommen koͤnnen. Dieſes ſchreckt dieſe verwegene nicht ab: Und viele von Jhnen, deren Namen ich nicht einmal nennen mag, haben ſich un - terſtanden, ihre Grillen in Regeln zu bringen, und aller Welt die Nachahmung der Alten, als den eintzigen Weg zur wahren Beredſamkeit, anzu - rathen.
Jch irre ſehr, oder der Herr Prof. Philippi hat zu keinem andern Ende ſeine ſechs deutſchen Reden herausgegeben, als dem Unheil, das ſolche Schrif - ten anrichten koͤnnen, vorzubeugen. Man hat Ur - ſache zu hoffen, daß er ſeinen Zweck erreichen werde. Denn da dieſe naſeweiſe Herren durch ihre Regeln allen Lehrbegierigen eine Laſt auflegen, die auch unſere Vaͤter nicht zu tragen vermogt, und von ei - nem Redner ſo viel Vernunft, Scharfſinnigkeit und Wiſſenſchaft erfordern, daß viele gute Gemuͤh - ter, denen es ſonſt weder an Worten, noch Drei - ſtigkeit, fehlet, nothwendig in Verzweiflung gerah - ten muͤſſen; auch uͤber dem ſich nicht ſchaͤmen, bey ſo hellem Lichte des Evangelii, die blinden HeidenK 4als152(o)als rechte Muſter vollkommener Redner vorzuſtellen: So hoffe ich, daß alle diejenigen, die ihr eigen Be - ſtes lieben, und ihr Gewiſſen betrachten, ſich innig - lich freuen werden, daß der Herr Prof. Philippi auf eine ſo feine Art die Nichtigkeit ſolcher Einfaͤlle zeigen, und durch ſein eigen Beyſpiel unwiderſprech - lich darthun wollen, wie leicht es ſey, auch ohne ſich an ſo beſchwerliche Regeln zu binden, und ohne Ab - ſicht auf die blinden Heiden, ein natuͤrlicher, maͤnn - licher und heroiſcher Redner zu werden.
Sie, Hochgeſchaͤtzte Anweſende, haben um ſo viel mehr Urſache uͤber dieſes heldenmuͤthige Unternehmen des Herrn Prof. Philippi zu frolocken, je genauer daſſelbe mit dem Endzweck ihrer Geſellſchaft uͤber - einſtimmet, und je gewiſſer Sie hoffen koͤnnen, daß dadurch ihre Abſichten ungemein werden befordert, und die Zahl ihrer Glieder, den Neidern zum Trotz, vermehret werden.
Jch vor meine Perſon weiß mich faſt vor Freu - den nicht zu laſſen, und es fehlet wenig, ich huͤpfte auf einem Beine17)Bey dieſen Worten hub ich wuͤrcklich das eine Bein empor, um den Affect, in welchem ich war, lebhaft auszudruͤcken; welches Verfahren der geneigte Leſer nicht vor ungereimt halten wird, wenn er ſich nur erinnert, daß der Herr Prof. Philippi davor haͤlt, es wuͤrde einen ungemeinen Eindruck geben, wenn der Redner im Stande waͤre, durch die Kunſt eine Ohnmacht, oder andern Hertzbrechenden Affect an - zunehmen. S. ſeine Sechs deutſche Reden p. 25., wenn ich mir vorſtelle, was einſo153(o)ſo vortreflicher Mann unſerer Geſellſchaft vor Vor - theil bringen wird. O! wie gluͤcklich waͤren wir ....... Doch, Meine Herren, ich maͤſſige mich, und behalte das, was ich jetzo ſagen wolte, auch mit Gefahr meiner Geſundheit, auf dem Hertzen, weil Dero huldreiche Augen18)S. die Sechs deutſche Reden p. 86. Jch traue mei - nen Leſern nicht zu, daß ſie es mir uͤbel nehmen, daß ich ſo oft mit den Augen meiner Zuhoͤrer zu thun ha - be. Ein Redner, der zu leben weiß, bedient ſich ſol - cher Ausdruͤckungen, und ich muß bekennen, daß mei - ne Hochachtung gegen den Herrn Profeſſor Philippi um ein groſſes zugenommen, da ich geſehen, daß die - ſer hoͤfliche Mann beſtaͤndig mit ſeinen Zuhoͤrern lieb - aͤugelt, nicht anders, als wenn er ſeine Dulcineam vor ſich haͤtte., welche mit einer ehrer - bietigen, und zugleich hoͤchſtverbindlichen Freymuͤ - thigkeit anjetzo anſchauen zu duͤrfen, vor einen groſ - ſen Theil meiner Gluͤckſeeligkeit achte, und meinen ſicheren Anfuͤhrer, und beſtaͤndigen Wegweiſer ſeyn laſſe, mir einen Winck geben, daß ich Jhnen keinen groͤſſern Gefallen erweiſen koͤnne, als wenn ich zu der Vorſtellung, der in denen Reden des Herrn Philip - pi verborgenen Schoͤnheiten, zu welcher ich mich an - heiſchig gemacht, ohne fernere Umſchweiffe ſchreite: So gehorche denn. Aber was unterwinde ich mich? Meine ſchwache Schultern erſincken unter einer ſol - chen Laſt, und meine unbeſchnittene Lippen verhin - dern mich, ſo unausſprechliche Seltenheiten nach dem Leben vorzuſtellen, und nach Wuͤrden zu er - heben.
K 5Jch154(o)Jch wende mich alſo zu dir, Großmaͤchtigſte Koͤnigin Beredſamkeit19)Da der Hr. Prof. Philippi in ſeinen Sechs deutſchen Reden p. 30. die Tugend auf ſolche Art angeredet, ſo wird ſich der geneigte Leſer uͤber die Titel, ſo ich der Beredſamkeit gebe, um ſo viel weniger wundern. Mich deucht, man gehe nicht ſicherer, als wenn man einem ſo groſſen Meiſter in der Beredſamkeit folget, und ich halte die Bemuͤhung, dem Hrn. Prof. Philip - pi nachzuahmen, vor die groͤſſeſte Zierde meiner Rede.! Du allgewaltige Hertzenszwingerin, deren Gegenwart, wie ſie der gantzen Welt, alſo auch mir armer Suͤnder, un - entbehrlich iſt, einen Mann nach Verdienſt zu prei - ſen, der dazu erſehen, daß Er das elende Haͤuf - lein deiner wahren Verehrer, wider die boͤſe Rotte der Naſeweiſen vertrete, welche die Ober-Hand ſich mit Liſt und Macht mehr und mehr herauszunehmen ſcheinen, und dich ſelbſt durch Erhebung der gar - ſtigen Hure der Vernunft unterdruͤcken wollen. Jch flehe dich an, laß diejenigen Vollkommenheiten, damit der Geiſt deines im hohen Maaß geſalbten, des groſſen und auſſerordentlichen Redners Philippi, reichlich geſchmuͤcket iſt, mir in dieſer Stunde zu Huͤlffe kommen. Erleuchte meine Au - gen, damit ich durch den Vorhang der Beſcheiden - heit dringen koͤnne, hinter welchen die vornehmſten Schoͤnheiten der Reden unſers groſſen Philippi ver - borgen ſind, und loͤſe das Band meiner Zungen, damit ich geſchickt ſey, die Wunder, die ich erblicke, aller Welt kund zu machen.
Jch155(o)Jch fuͤhle, Meine Herren, daß dieſer Seufzer nicht ohne Wuͤrckung iſt. Machen Sie ſich dem - nach gefaſt, ſolche Sachen zu hoͤren, daruͤber Sie erſtaunen werden. Neigen Sie ihre Ohren20)Da der geneigte Leſer mich nun nicht hoͤren kan, ſo wird Er ſo guͤtig ſeyn, und ſtatt der Ohren, ſeine Augen brauchen, und meine Rede, die er nunmeh - ro gedruckt leſen mag, eines geneigten Anblicks wuͤr - digen. zu meiner Rede, und bewundern mit mir die ausneh - menden Eigenſchaften eines Redners, der ſeines glei - chen nicht hat.
Dero huldreicher Anblick verſpricht mir diejenige Aufmerckſamkeit, welche Sachen von der Wich - tigkeit mit Recht verdienen, ſie moͤgen auch ſo ſchlecht vorgetragen werden, als ſie wollen; und die groſſe Begierde Dero ſehnliches Verlangen zu ſtillen, macht, daß ich nicht lange nach ſinne, wie ich Jhnen die ſo groſſe Anzahl der Schoͤnheiten, welche ich in den Reden des Herrn Philippi wahrnehme, ohne Verwirrung vor Augen legen ſoll.
Jch nehme, mit Dero guͤtigen Erlaubniß21)Wie ich dieſes mit einer wohlanſtaͤndigen Beugung des Leibes geſaget hatte, ſo naͤherte ich mich auf eine un - gezwungene, jedoch ſittſame Art dem Fenſter, als in welchem ich die Reden des Herrn Philippi, aus Ver -ſehen,, die Reden des Herrn Prof. Philippi ſelbſt zur Hand. Jch werde ſie nach der Reihe durchblaͤttern, und, was ich ſchoͤnes in denſelben finde, aufrichtig vortragen.
Die156(o)Die erſte Rede iſt eine Antrittsrede, die der Herr Prof. Philippi in der vertrauten Rednerge - ſellſchaft zu Leipzig gehalten hat. Sie handelt von dem Rechte der in den roͤmiſchen Geſetzen verworfenen Loͤ - wen-Geſellſchaft. Jch weiß nicht, Meine Her - ren, ob ich in derſelben mehr des Herrn Prof. tiefe Einſicht in die Rechtsgelahrtheit, oder die ſinn - reiche und feine Art zu ſpotten, bewundern ſoll? Doch da diejenigen Stellen, aus welchen man zur Noth ſchlieſſen kan, daß der Herr Prof. Philippi ein groſſer Juriſt ſey, nur ſolche Urtheile in ſich faſ - ſen, die auch oft von Leuten gefaͤllet werden, welche die Pandecten, uͤber deren Unordnung ſie ſeufzen, mit keinem Auge angeſehen haben, und die roͤmiſchen Rechtsgelahrte, die ſie aushoͤhnen, weiter nicht, als dem Namen nach, kennen, ſo will ich mich dabey nicht aufhalten, ſondern Sie, Meine Herren, nur gehorſamſt erſuchen, die artigen Spoͤttereyen des Herrn Prof. zu betrachten.
Wie ſinnreich ſpottet Er nicht uͤber die Weißheit des Kaͤyſers Juſtinianus? Haͤtte Er wohl die ma - gere Wiſſenſchaft dieſes Printzen lebhafter vorſtellen, und deſſen Verehrern ihre Thorheit auf eine empfind -lichere21)ſehen, hatte liegen laſſen. Doch nahm ich mich in Acht, daß ich nicht, als ich mich wieder nach meinem Platz verfuͤgte, meinen Zuhoͤrern den Ruͤcken zukehrete. Das wuͤrde wider die Hoͤflichkeit geweſen ſeyn. Jch halte vor unnoͤthig, zu ſagen, wie ich dieſen Un - ſtand vermieden: Geuͤbte Leſer koͤnnen dieſes ohne mein Erinnern errathen.157(o)lichere Art vorruͤcken koͤnnen, als wenn Er ſagt: Juſtinianus habe nicht nur das A. B. C. verſtan - den, ſondern er ſey biß in den Donat, ja gar biß in die Fabeln des Eſopus gekommen22)S. die ſechs deutſchen Reden p. 6.?
Wie artig ſtehet dem Herrn Prof. nicht der an - genommene Eyfer, mit welchem Er den Anbetern des Roͤmiſchen Rechts es als ein groſſes Verſehen vorwirft, daß ſie in dem blutigen Kriege wegen der Spaniſchen Nachfolge, nicht eine condictionem ex lege wider den Koͤnig in Franckreich anzuſtellen gerathen haben23)ibid. p. 7.? Dieſer Eyfer koͤmmt ſo natuͤrlich heraus, und die unter demſelben verborgene Spoͤtte - rey iſt ſo fein, daß der Herr Prof. Philippi es vor noͤ - thig erachtet hat, ſeinen Leſern in einer eigenen Anmer - ckung zu ſagen, daß er ſpotten wollen.
Sie iſt aber zugleich eine recht heroiſche Spoͤtte - rey. Der Herr Prof. legt zum Grunde derſelben, daß der Koͤnig von Franckreich in dem Kriege we - gen der Spaniſchen Nachfolge, eben dergleichen Theilungstractat vorgehabt habe, als dort der Loͤwe in der Fabel. Ein gemeiner Redner, der bloß ſei - ner Vernunft gefolget, und die Freyheiten und Rech - te eines heroiſchen Redners nicht gewuſt haͤtte, wuͤr - de Bedencken getragen haben, ſeine Spoͤtterey auf einen Satz zu gruͤnden, der ſo uͤbel mit der Hiſtorie uͤberein koͤmmt. Er wuͤrde ſich erinnert haben, daß zwar der Koͤnig in Franckreich noch bey Lebzeiten desandern158(o)andern Carls mit dem Koͤnig William einen Thei - lungstractat wegen der Spaniſchen Monarchie geſchloſſen: Daß aber dieſer Tractat niemahls zur Wuͤrcklichkeit gekommen, ſondern der Koͤnig von Franckreich, ſo bald der Hertzog von Anjou durch ein foͤrmliches Teſtament, zum Erben der gantzen ſpaniſchen Monarchie eingeſetzet worden, ſich deutlich erklaͤret habe, daß Er an dem Thei - lungstractat nicht ferner gebunden ſeyn wolte. Er wuͤrde alſo, in ſeiner Einfalt gedacht haben, es kaͤme laͤppiſch heraus, die Juriſten damit zu ſchee - ren, daß ſie ſich des L. 29. ff. pro Socio, nicht wi - der den Koͤnig in Franckreich bedienet haͤtten, in ei - nem Streit, in welchem es nicht auf die Rechte ei - ner Geſellſchaft, ſondern auf die Guͤltigkeit eines Teſtaments ankam.
Aber der Herr Prof. Philippi, als ein heroiſcher Redner, hat ſich durch ſolche Betrachtungen nicht abhalten laſſen, einen Spaß zu machen, der ſo ſcharfſinnig iſt, daß der Herr Prof. nimmer ein ru - higes Gewiſſen wuͤrde gehabt haben, wenn Er den - ſelben, um ſolcher Kleinigkeiten willen, haͤtte bey ſich behalten wollen: Zumahl, da Er bey der Gele - genheit einer ſehr anmuthigen, aber ziemlich alten Hiſtorie, von jenem Hof-Mann, der den Koͤnig in Franckreich ex L. Aquilia belangen wollen, durch eine geſchickte Anwendung einen neuen Glantz geben konnte.
Jch zweifele nicht, Meine Herren, dieſe heroiſche Aufuͤhrung des Herrn Prof. Philippi wird Jhnenſon -159(o)ſonderlich wohl gefallen: Aber ich beſorge, der gute Begrif, den Sie dadurch von dem Herrn Prof. be - kommen, duͤrfte durch die Anmerckung, mit welcher Er ſeinen feinen und heroiſchen Schertz erlaͤutert, ei - nen Stoß leiden, indem der Herr Prof. in derſelben ſich vor einen Thomaſianer ausgiebt.
Ein Thomaſianer? werden Sie dencken. Be - wahre GOtt! Ach! iſt es nicht ewig Schade, daß ein ſo geſchickter Mann an den boͤſen Lehren dieſes Unſeeligen, einen Gefallen findet, der unſerer Ge - ſellſchaft, und vornehmlich dem ehrwuͤrdigſten Theil derſelben ſo vielen Dampf angethan hat? Wir ge - dachten an dem Hrn. Prof. Philippi noch viele Freu - de zu erleben, und ſahen ihn bereits als die groͤſſte Zier - de, und vornehmſte Stuͤtze unſerer Geſellſchaft an: und ſiehe! nun iſt er ein Thomaſianer. Ach das GOtt erbarm! .... Aber gemach, Meine Herren! ge - baͤrden Sie ſich nicht ſo uͤbel. Der Herr Prof. Philippi iſt kein Thomaſianer. Jch ſchwere es ih - nen zu. Er ſagt es zwar: Aber Er meint es ſo boͤſe nicht. Er iſt nur in ſo weit ein Thomaſianer, daß Er mit dem Thomaſius mißbilliget, wenn einfaͤltige Rechtsgelahrte das Roͤmiſche Recht zur Unzeit an - fuͤhren. Seine Worte geben es deutlich zuerkennen, daß dieſes ſeine Meynung ſey. Er ſpricht: Jch bin NB. hierinn ein Thomaſianer. Und wie waͤre es auch moͤglich, daß der Herr Prof. Philippi ein voͤl - liger Thomaſianer ſey, da er in der Leichenpredigt, ſo Er der Koͤnigin von Pohlen gehalten hat, und welche unter ſeinen ſechs deutſchen Reden die andere iſt,ſo160(o)ſo viele deutliche Proben einer ausnehmenden An - dacht und Heiligkeit gegeben, daß man ſchweren ſol - te, Er ſey ein Schooß-Juͤnger des Knechts GOt - tes Jochen in Halle24)S. des Herrn Rambachs Denckmahl der Liebe p. 5.?
Sie erlauben mir, Meine Herren, daß ich zum Beweiß dieſes Satzes ihnen eine Stelle, ja wenns auch noch mehrere waͤren25)S. die ſechs deutſchen Reden p. 39., aus der gemeldten Gedaͤchtnißrede vorleſe. Sie werden daraus er - kennen, daß der Herr Prof. Philippi einer der gotts - fuͤrchtigſten Rechtsgelahrten iſt, die iemahls gele - bet haben. Wahrlich, Meine Herren, ich kan ohne in - nigliche Bewegung meiner Seelen, an die ſeltenen, hohen, und zaͤrtlichen Ausdruͤckungen nicht geden - cken, deren Er ſich in der zierlichen Anrede an die GOttesfurcht, die ich Jhnen jetzo vorleſen werde, bedienet hat. Nachdem der Herr Prof. vorhero auf die beweglichſte Art mit der Großmaͤchtigſten Koͤnigin Tugend complimentiret, und dieſelbe inſtaͤn - digſt gebeten hat, noch etwas hier auf Erden zu ver - weilen, ſo koͤmmt Er auf die GOttesfurcht der Koͤni - gin, und bricht, nachdem Er geſaget, daß die Koͤnigin, als eine wahrhafte Chriſtiana, ſich der ungeheuchel - ten Froͤmmigkeit zu einem voͤlligen Eigenthum Le - benslang gewidmet, und mit ihr, wie er ſich gar nachdencklich ausdruͤcket, anders nicht, als leben und ſterben zu wollen, verlanget, in dieſe guͤldene Worte aus: Aber o! du Flaͤmmlein aus goͤtt -licher161(o)licher Flamme, du ungeheuchelte GOttes - Furcht! ſteigeſt du denn nicht deiner Natur nach, lieber aufwaͤrts in die Hoͤhe, als her - unter in die Tiefe? Ach freylich! dein maͤchti - ger Strahl dringet, aus dem ewigen Lichte des Unſichtbaren und Allmaͤchtigen, in die Hertzen derer, die dich begierig auffaſſen, und ſchlaͤget von da nach beſchehener Entzuͤn - dung des von Natur eiskalten Hertzens, in ſei - nen erſten Urſprung wiederum zuruͤck.
Dieß Steigen und Fallen des goͤttlichen Liebes-Feuers, das bald aus dem Hertzen zu GOtt empor ſteiget, bald aus dem Altar des Heiligthums herunter faͤllt, und die goͤttlich - entzuͤndeten Hertzen immer noch mehr durch - gluͤet, waͤret denn in einer wunderbaren Ab - wechſelung, und in einem beſtaͤndigen Lauf - Feuer ſo lange, bis davon endlich das Sterb - liche in das Unſterbliche, der Tod in das Le - ben verſchlungen, und, gleich jenem Waſſer um den Brand-Opfer-Altar, von dem himm - liſchen Feuer gaͤntzlich verzehret, mithin die zerſtoͤrliche menſchliche Leibes-Huͤtte in eine unzerſtoͤrliche, und alleredelſte Natur verſe - tzet wird26)S. die ſechs deutſchen Reden p. 32. 33..
Was meinen Sie, Hochgeehrte Herren, ſind dies Reden eines Thomaſianers? Oder vielmehr, ſind es Reden eines ſich ſelbſt gelaſſenen Menſchen? Jch betriege mich ſehr, oder Ausdruͤckungen dieſer Art haben einen hoͤhern Urſprung, als die ihr ſelbſtLgelaſſene162(o)gelaſſene Vernunft des Redners. Jch finde hier deutliche Spuren einer Entzuͤckung, und bin nicht vermoͤgend weder in dem vorhergehenden, noch nach - folgenden etwas zu entdecken, woraus ich ſchlieſſen koͤnnte, wie dieſe koͤſtliche Stelle, natuͤrlicher Wei - ſe, in dieſe Rede gekommen iſt.
Aber o! wie ungluͤcklich bin ich, daß ich ſo tiefe Gedancken, und ſo hohe Worte nicht, wie ich wuͤnſchte, voͤllig verſtehen kan! Mein unerleuchte - ter Verſtand findet hier nichts, als Dunckel und Finſterniß. Jch begreife nicht, was der Herr Prof. Philippi von der GOttes-Furcht haben will. Die Frage, ſo Er an dieſes Flaͤmmlein aus goͤttli - cher Flamme ergehen laͤſſet, iſt mir ſo dunckel, als die Antwort, die Er ſich ſelbſt ertheilet. Mich uͤberfaͤllt ein heiliger Schauer, wann ich von dem Steigen und Fallen des goͤttlichen Liebes-Feuers, und von dem beſtaͤndigen Lauf-Feuer hoͤre, und ich empfinde itzo, mit Verdruß, die Wahrheit eines Satzes, den ich ehedeſſen bey einem myſtiſchen Scri - benten geleſen habe, daß, nemlich, wer die Sprache der Heiligen verſtehen wolle, den Geiſt der Heiligen ha - ben muͤſſe.
Jndeſſen, ob gleich meine natuͤrliche Blindheit mir im Wege ſtehet, ſo hohe Geheimniſſe zu ergruͤn - den, ſo zweifele ich doch im geringſten nicht, daß Sie, Meine Herren, dieſelbe tiefer einſehen wer - den, als ich. Solten Sie aber, vielleicht, eben wie ich, nichts als Verwirrung und Dunckelheit in den beweglichen und zaͤrtlichen Worten des Herrn Prof. Philippi finden: So hoffe ich doch, Sie werden denn auch darinn mit mir einer Mei -nung163(o)nung ſeyn, daß man die Urſache dieſer Dunckelheit groͤſſeſten Theils in dem Verſtande des Leſers ſuchen, oder, dafern auch ja der Herr Pr. ſelbſt nicht gantz unſchuldig, doch desfals dieſen groſſen und gottſeeli - gen Redner nicht tadeln muͤſſe.
Man kan aus |den zaͤrtlichen Ausdruͤckungen, deren Er ſich gegen das Flaͤmmlein aus goͤttlicher Flamme, die ungeheuchelte GOttes-Furcht, in ſei - ner Anrede bedienet, die bruͤnſtige Liebe, ſo Er zu dieſer Koͤnigin aller Tugenden traͤget, ſo deutlich ab - nehmen, daß es eine Unbilligkeit ſeyn wuͤrde, wenn man von ihm verlangen wolte, daß Er mit mehre - rer Kaltſinnigkeit und Gelaſſenheit reden ſollen. Verliebte, Meine Herren, ſind, wie Sie wiſſen, oftmahls gantz auſſer ſich, wann ſie mit der geliebten Perſon reden, und eine kleine Verwirrung, abge - brochene Worte, und dergleichen Merckmahle eines abweſenden Verſtandes, ſtehen ihnen ungemein wohl an. Die Reden ſolcher Perſonen ſind niemahls uͤberzeugender, als wenn kein Menſch, ja ſie ſelbſt nicht wiſſen, was ſie ſagen wollen. O! wie wohl hat demnach der Herr Prof. Philippi gethan, daß Er ſeine Anrede an die ungeheuchelte GOttes-Furcht ſo eingerichtet hat, als es der Zuſtand eines Hertzens erfordert, das von einem ſo reinen und heiligen Feuer entzuͤndet iſt, als das ſeinige.
Hochgeehrteſte Herren! Jch bemercke mit vielem Vergnuͤgen, daß Sie uͤber dieſe Probe der Froͤm - migkeit des Herrn Prof. Philippi eine Freude em - pfinden, die Jhnen zu bergen faſt unmoͤglich faͤllt. Es fehlet nicht viel, ſo brechen ihre huldreiche Au - gen in Freuden-Thraͤnen aus. Aber, Meine Her -L 2ren,164(o)ren, ſparen Sie dieſe edle Feuchtigkeit noch einen Augenblick. Jch rathe es Jhnen: Denn wenn Sie ſich jetzo muͤde weinen, was wollen Sie denn thun, wenn ich Jhnen den Herrn Prof. Philip - pi in der beweglichſten Stellung zeige, wie Er, zum Beſchluß ſeiner Gedaͤchtniß-Rede, auf der Erden liegend, mit gebogenen Knien, ausgebreiteten Ar - men, und kindlich zu GOTT erhabenen Augen, ſo kraͤftig betet, daß ſeine Zuhoͤrer alle vor Freuden, wie die Kinder, weinen muͤſſen27)S. die ſechs deutſchen Reden p. 44. 45.? Jch verden - cke es Jhnen nicht, Meine Herren, wenn Jhnen bey einem ſo unvermutheten Anblick die Augen uͤber - gehen. Ein ſo auſſerordentliches Bezeigen eines Redners, von dem man gantz was anders, als aus der Offenbahrung Johannis entlehnte Seufzer ver - muthet haͤtte, verdienet die heiſſeſten Zaͤhren. Der Herr Prof. Philippi iſt der erſte, der ſich die Frey - heit genommen, eine weltliche Rede auf eine ſo prie - ſterliche und erbauliche Art zu ſchlieſſen. Er verdie - net dahero, daß man ſeine GOttes-Furcht lobet, und ſeinen Heldenmuth bewundert. Die Welt, Meine Herren, liegt ſo gar im Argen, daß ihr al - les, was den geringſten Schein der Gottſeeligkeit hat, laͤcherlich und thoͤrigt vorkoͤmmt. Man kan alſo nicht anders, als uͤber die heilige Hertzhaftigkeit des Herrn Philippi erſtaunen, der ſich nicht geſcheuet hat, durch ſeine andaͤchtige Gebaͤrden der boͤſen Welt zu trotzen. Er hat wohl vorher geſehen, daß ſein Verfahren, auſſer der gottſeligen Verſammlung, in welcher Er ſeine Rede gehalten hat, wenig Bey -fall165(o)fall finden wuͤrde. Wie gut auch der Begrif iſt, den Ervon ſich und ſeinen Reden hat, und wie feſt Er auch, in dem Vorbericht zu ſeinen Reden, ver - ſichert zu ſeyn ſcheinet, daß keiner ſeiner Leſer ein Momus ſeyn werde, ſo vermuthet Er doch, daß viele uͤber die heilige Tour lachen werden, die Er ſeiner Rede gegeben, und welche ſeinen heiligen Zuhoͤrern beſſer als alle Kunſt-Grife der Beredſamkeit gefal - len hat. Aber Er kehrt ſich an das Lachen ſolcher Spoͤtter nicht. Er ſetzt einen Trumpf darauf, und erklaͤrt alle, die uͤber ſeine andaͤchtige Seufzer, und ſeinen vor GOtt gethanen Fuß-Fall lachen, gerade weg vor Religions-Spoͤtter.
Er hat vielleicht gedacht die Gottloſen dadurch zu ſchrecken: Aber, Meine Herren, ich habe mit Be - ſtuͤrtzung erfahren muͤſſen, daß dieſe Halsſtarrige noch Recht uͤbrig zu haben vermeynen, und durch die Anmerckung, in welcher der Herr Philippi ſie Religi - ons-Spoͤtter heiſſet, noch mehr erbittert worden ſind.
“Was? ſprach neulich einer zu mir, ſolte man „ darum gleich ein Spoͤtter der Religion werden, „ wenn man uͤber einen Menſchen lacht, der durch „ eine unzeitige Andacht eine Geſellſchafft, die bloß „ die Uebung der Beredſamkeit zum Zweck hat, in „ eine Qvaͤcker-Verſammlung verwandelt? Oder „ meint der Herr Prof. Philippi, daß dieſes das „ Kenn-Zeichen eines rechten Chriſten ſey, wenn „ man, ohne Betrachtung des Wohlſtandes, und „ ohne Zeit und Ort zu unterſcheiden, zur Erden nie - „ derfaͤllt, und, unter den greßlichſten Verdrehun - „ gen, GOtt mit einer Menge hebraͤiſcher Titel zu „ uͤbertaͤuben ſucht? Jch bete auch: Aber in mei -L 3„ nem166(o)„ nem Kaͤmmerlein. Jch rufe GOtt an: Aber ich „ gebaͤrde mich nicht dabey als ein Beſeſſener. Jch „ kan mit GOtt reden, ohne daß ich noͤthig habe, „ den Pſalter, und die Offenbahrung Johannis aus - „ zupluͤndern. Ein ſo wuͤſtes Geplapper gefaͤllt „ GOtt nicht. Jch rede, als ein Deutſcher, deutſch „ mit ihm, und ich dencke, er verſtehe mich. Jch „ will dieſe Art zu beten dem Herrn Prof. Philippi „ nicht aufdringen. Er kan mit ſeinem GOtt ſo hoch „ und unverſtaͤndlich reden, als es ihm beliebt. Er „ kan es thun, in welcher Leibes-Stellung er will. „ Nur thue er es nicht zur Unzeit. Auf der Can - „ tzel kan er beten, ſo lange es ihm gut deucht: Auf „ der Catheder aber muß er den Prieſtern nicht nach - „ aͤffen. Thur er es, ſo lacht man ihn aus: Und „ wirft Er denn mit Religions-Spoͤttern um ſich, „ ſo haͤlt man ihn vor einen ſcheinheiligen Laͤſterer, „ und das von Rechts wegen.
So redete der Boͤſewicht. Allein, Meine Her - ren, ich bin von ihrer bekannten GOttes-Furcht ſo uͤberfuͤhret, daß ich feſtiglich glaube, Sie werden darum von dem Verfahren des Herrn Prof. Phi - lippi nicht anders urtheilen, als der Herr Prof. ſelbſt und, Trotz allen Religions-Spoͤttern, ein ſo gott - ſeeliges Bezeigen vor hoͤchſt erbaulich halten. Jch bin auch verſichert, daß keiner unter Jhnen ferner unſern Bet-Ernſt, in Verdacht haben wird, daß Er ein Thomaſianer ſey, und wenn Er es gleich ſelbſt ſagte. Seine Thaten rechtfertigen ihn, und ich brauche weiter kein Wort vor ihn zu reden.
Jch gehe demnach, mit Dero Erlaubniß wieder zuruͤcke, um diejenigen Schoͤnheiten, welche ich indieſer167(o)dieſer unvergleichlichen Gedaͤchtniß-Rede uͤbergan - gen habe, nachzuhohlen. Es iſt deren, Meine Herren, eine ſolche Menge, daß, wenn ich dieſelben alle bemer - cken wolte, ich etliche Stunden damit zu bringen wuͤr - de. Jch begnuͤge mich demnach, die vornehmſten kuͤrtz - lich vorzuſtellen.
Jndem ich darauf ſinne, wo ich zuerſt anfangen ſoll, faͤllt mir diejenige Stelle in die Augen, woſelbſt der Herr Prof. Philippi der beyden Frantzoͤſiſchen Printzeſſinnen erwehnet28)S. die ſechs deutſchen Reden p. 19. 20.. Dieſe Stelle iſt voll - kommen heroiſch, und die darinn enthaltenen Ge - dancken ſind ſo beſchafen, daß niemand als der Herr Prof Philippi dieſelbe haben koͤnnen. Wenn es mir vergoͤnnet iſt, Meine Herren, ſo will ich die gan - tze Stelle herleſen.
Der Herr Prof. hatte vorher ausgegruͤbelt, war - um doch die Ruſſiſche Catharina, der Engliſche Ge - org, und die Koͤnigin von Pohlen faſt zu einer Zeit geſtorben? Ob es darum geſchehen, weil der Be - herrſcher des unterirrdiſchen Reiches auch die gedritte Zahl liebe? Oder ob es eine Anzeige ſeyn ſolle, daß das Reich der Todten ſo wohl, als das Reich der Lebendigen fruchtbarer an Heldinnen, als Hel - den? Er ſetzt dieſe tiefſinnige Gedancken nicht wei - ter fort, ſondern verfaͤllt auf die Frantzoͤſiſchen Prin - tzeſſinnen.
Lebten wir annoch, ſpricht er, in denen Zeiten des Heydenthums, ſo wuͤrden wir uns in dergleichen Begebenheit wohl kaum zufin - den wiſſen, ſondern uns bereden, die GoͤttinL 4des168(o)des Schickſals koͤnne mit gleich guͤltigen Au - gen den bald hinter einander erfolgten Ver - luſt zweyer groſſen Printzeſſinnen anſehen, weil ſie in Franckreich mit einmahl zwey Printzeſſinnen davor gebohren werden laſſen, die, wo kein Cron-Printz nachkommen ſolte, wohl noch das Frantzoͤſiſche Scepter erlan - gen, und alſo eine der groͤſſeſten und bisher nicht erhoͤrten Veraͤnderungen in Europa verurſachen, ja durch ihre einmahl erfolgen - de Verheyrathung, wohl noch mehrere Cro - nen zuſammen bekommen duͤrften.
Jch frage Sie, Meine Herren, haben ſie jemah - len etwas geleſen, das dieſer tiefen Betrachtungen gleich kaͤme? Jn dieſer Stelle hat der Herr Prof. gewieſen, daß die Gottesfurcht einem Menſchen nicht hinderlich ſey die Staats-Lehre zu verſtehen. Sein erleuchteter, und durch das Flaͤmmlein aus goͤttlicher Flamme durchgluͤeter Verſtand iſt ſo durch dringend, daß er auch zukuͤnftige Begebenhei - ten vorher ſiehet, und auf Muthmaſſungen verfaͤllt, die vor ihm keinem Menſchen in den Sinn gekom - men ſind. Jch zweifele ſehr, ob auſſer dem Herrn Prof. Philippi ein Menſch in der Welt zu finden iſt, dem es auch nur im Traum eingefallen ſey, daß, wenn kein Dauphin in Franckreich waͤre, die Toͤchter des Koͤ - niges das Frantzoͤſiſche Scepter erlangen wuͤrden. Man hat bisher immer geglaubet, und in allen Buͤ - chern geſchrieben, daß die Frantzoͤſiſche Crone nicht auf die Toͤchter fallen koͤnne, que le Roïaume de France ne tombe jamais en quenouïlle. Es iſt zu vermuthen, daß dem Herrn Prof. Philippi die -ſes169(o)ſes nicht unbekannt; Aber dem allen ungeachtet nimmt Er ſich die Freyheit, ſich an dieſen gemeinen Wahn nicht zu kehren. Er lacht uͤber das Sali - ſche Geſetz, und haͤlt es vor ein Unding, und giebt uns alſo hier nicht nur eine Probe einer Heroiſchen Schreib-Art, die an keine Regeln gebunden iſt, ſon - dern auch zugleich Gelegenheit an die Hand, ſeine groſſe Erkaͤnntniß in politiſchen Dingen zu bewun - dern.
Jch bitte Sie, Meine Herren, entziehen Sie dem Herrn Prof. das Lob nicht, das ihm wegen ei - ner Anmerckung von Rechts wegen gebuͤhret, die wir bloß ſeiner Guͤte zu dancken haben, und die wir nach der Einrichtung ſeiner Rede vernuͤnftiger Weiſe weder hoffen noch verlangen konnten. Jch vor meine Perſon, kan ſchweren, je mehr ich in den Re - den des Herrn Philippi blaͤttere, je mehr erſtaune ich uͤber die Groͤſſe ſeiner Verdienſte; und erbiete mich hiemit wohlbedaͤchtlich gegen jederman zu behaup - ten, daß dieſer vortrefliche Mann den Platz, den er be - kleidet, vollen kommen verdienet, und, in recht eigentli - chen Verſtande, eine auſſerordentlicher Redner iſt. Hat jemand Luſt mit mir darob zu kaͤmpfen, der melde ſich: Jch will ihm Kampfs nicht verſa - gen, ſondern Streits ſatt geben. Doch darauf werde ich lange warten muͤſſen. Am allerwenigſten vermuhte ich, daß in dieſer anſehnlichen Verſamm - lung einer zu finden iſt, der mit mir dieſerwegen ein Speer zu brechen verlangen ſolte. Jch ſehe viel - mehr aus Dero huldreichen Augen, daß Sie mit mir einer Meynung, und begierig ſind, noch im - mer mehr und mehr darinn beſtaͤrcket zu werden. Jchwerde170(o)werde mein Beſtes thun, dieſer Jhrer Begierde ein Genuͤgen zu leiſten.
Betrachten Sie demnach mit mir, Meine Her - ren, die ungemein-bewegliche Vorſtellung des groſ - ſen Schmertzens, den der Herr Prof. Philippi uͤber den Tod der Koͤnigin empfunden hat. Alles iſt in die - ſer Beſchreibung natuͤrlich, und ſo lebhaft vorge - ſtellet, daß mich deucht, ich ſehe vor meinen Augen, die mancherley heftigen Bewegungen29)S. die ſechs[deutſchen] Reden p. 21. des Schreckens, des Schmertzes, der Furcht, der Bangig - keit und des Wehklagens, mit welchen der Hertzens - Schrein des Herrn Prof. angefuͤllet geweſen. Jch ſe - he, wie der geheime Schmertz ſich geſtreubet, und we - der vor, noch hinter ſich gewolt hat30)ibid. . Jch ſehe, wie die Zunge, die beredte und nie genug zu preiſende Zunge, gebebet. Nur eins iſt mir zu hoch. Jch kan mir die Verſchmachtung der Augen31)ibid. nicht vorſtellen: Doch daruͤber betruͤbe ich mich nicht. Dieſe Bloͤdigkeit meines Verſtandes verhindert mich nicht zu begreifen, wie viel Kunſt in dieſer Stel - le verborgen iſt.
Betrachte ich ferner, wie artig der Herr Prof. Philippi ſich von dieſem groſſen Schmertz erhohlet; Gleich darauf aber vor Ehr-Furcht und Ohnmacht ſtutzig wird, und eine Weile ſtille ſchweiget: Wie Er durch die aus unverdienter Guͤtigkeit auf ihn un - verwandt gerichtete Augen der Hochwertheſten An - weſenden ſich den Mund wieder oͤfnen laͤſſet: Wie Er, nachdem Er ſeine Zuhoͤrer, die nichts mehrwuͤn -171(o)wuͤnſchen, als daß Er fort reden moͤge, um ein guͤn - ſtiges Gehoͤr angeflehet, und angefangen hat ſeine Heldin zu preiſen, wieder von einem neuen Schrecken, und einer auſſerordentlichen Beſtuͤrtzung uͤberfallen wird. Wie Er dieſes Schreckens, und dieſer Verſtuͤr - tzung ungeachtet, mit groſſer Sittſamkeit, und einer nicht geringern Beredſamkeit ſeine Ungeſchicklichkeit entſchuldiget: Wie Er dennoch, da der Schmertz, den Er empfindet, zu allen Glieder heraus will, um allem Ubel vorzukommen, die verborgene Weh - muht ſeines Hertzens aus der Qvelle der Ehrerbie - tigkeit hervor brechen laͤſſet, und endlich, da er ſich eben fertig macht, die Luft mit lauter gebrochnen Seufzern, mit einem bangen ach! und mit einem wehmuͤthigſten Geſchrey zu erfuͤllen, in eine wahre, ungekuͤnſtelte, und hertzbrechende Ohnmacht danie - der ſincket32)ibid. p. 21. 25.: So werde ich durch dieſen ſo wunderbaren Zufall, und durch ſo ſeltene, und ſo wunderbar unter einander gemiſchte, und noch auf eine wunderbarere Art ausgedruͤckte Gedancken ſo ſehr geruͤhret, daß, wenn mir Dero huldreicher An - blick nicht ſtatt eines kraͤftigen Balſams diente, mir gantz gewiß eine Ohnmacht anwandeln wuͤrde. Es iſt ein Gluͤck vor Sie, Meine Herren, daß Sie aus meinem unvollkommenen Vortrage die erſtau - nenswuͤrdige Beredſamkeit des Herrn Prof. Philip - pi ſich nicht ſo vollenkommen vorſtellen koͤnnen, als Sie es thun wuͤrden, wenn Sie deſſen Worte mit gehoͤrigem Bedachte laͤſen. Jch bin verſichert, Sie wuͤrden mir hier alle unter den Haͤnden todt bleiben, wenn Sie die in ſeinem Vortrage verborgene Kuͤn -ſte172(o)ſte in der Geſchwindigkeit tief genug einſehen koͤnn - ten.
Aber da ich Jhnen nun, werthgeſchaͤtzte Anwe - ſende, noch keine Todten-Farbe anſehe33)ibid. p. 27.; So hofe ich, ſie werden noch ſo viel bey ſich ſelbſt ſeyn, daß Sie mit mir das guͤtige Schickſal bewundern koͤnnen, welches verurſachet, daß der Herr Prof. Philippi in eine Ohnmacht fallen muͤſſen, die ſeiner Rede eine ungemeine Zierde, und ihm Gelegenheit gegeben hat, ſeine Geſchicklichkeit und groſſe Bered - ſamkeit auf eine ausnehmende Art an den Tag zu le - gen. Man muß, man will, oder will nicht, den Herrn Prof. Philippi als einen gantz auſſerordentlichen Menſchen anſehen, wenn man erweget, daß die ihm zugeſtoſſene Ohnmacht ein Zufall, der alle Kraͤfte der Seelen und des Leibes in Unordnung, und den - jenigen, dem er begegnet, in die aͤuſerſte Beſtuͤrtzung ſetzet, ihn ſo wenig in ſeinen Gedancken geſtoͤret, daß Er, ſo bald Er nur wieder zu recht gebracht iſt, nichts anders, als wenn Er ſich nur etwan die Naſe geſchneutzet haͤtte, in ſeiner Rede, ohne die geringſte Verwirrung, fortfahren koͤnnen. Jch glaube gewiß, Meine Herren, es werden wenige ſeyn, die es Jhm nachthun ſolten. Zwar ich will eben nicht leug - nen, daß man endlich zur Noht, wenn man voͤllig wieder zu ſich ſelbſt gekommen, eine angefangene Rede fortzuſetzen im Stande ſeyn moͤgte: Aber was der Herr Prof. Philippi gethan hat, das hat etwas mehr zu bedeuten, und uͤberſteiget allen Glauben.
So bald hat ihn nicht der huldreiche Anblick ſei -ner173(o)ner Zuhoͤrer, und die geſchaͤftige Mitleidenheit der zu beyden Seiten ſitzenden annehmlichſten Kinder, aus ſeinem ohnmaͤchtigen Schlummer erwecket: So ſtattet Er denen, ſo ihm dieſen Dienſt erwieſen, eine ſo verbindliche und kuͤnſtliche Danckſagung ab, daß man ſchweren ſolte, er habe die ihm zugeſtoſſene Ohn - macht im Geiſte vorher geſehen, und das wohlge - ſetzte Compliment an die annehmlichſten Kinder, bey guter Muſſe, und mit gutem Bedachte zum voraus verfertiget. Dieſes giebt uns von der Geſchicklich - keit des Herrn Prof. Philippi einen Begrif, den wir gewiß nicht haben wuͤrden, wenn er nicht in Ohnmacht gefallen waͤre.
Es verdienet alſo dieſer Zufall eine ſonderliche Betrachtung. Er hat ſich gewiß nicht von ohnge - fehr zugetragen, wie der Herr Prof. Philippi in der Anmerckung meinet. Erlaube mir, Groſſer Phi - lippi, daß ich Dir in dieſem Stuͤcke widerſpreche: und ſey verſichert, daß der Himmel dir vor andern hold iſt. Er ſorget ſelbſt vor die Vermehrung deines Ruhms, weil du auserſehen biſt, eine neue, und gantz wunderbare Beredſamkeit einzufuͤhren. Er ſchickt dir eine Ohnmacht zu, damit du Gelegenheit haben moͤgeſt, aller Welt zu zeigen, daß du, wenn du halb todt biſt, eine beſſere Rede halten kanſt, als alle andere Redner.
O nimium dilecte Deo, tibi militat æther! Der Herr Prof. Philippi, Meine Herren, iſt dieſe Gnade nicht unwuͤrdig. Er wendet die ihm zu - geſtoſſene Ohnmacht zum Beſten ſeines Nechſten an. Sie muß ihm dienen, allen Lieb habern der Beredſam -keit174(o)keit einen neuen Kunſt-Griff an die Hand zu geben, wovor ſie ihm nimmer genug dancken koͤnnen. Es wuͤrde, ſchreibt Er in der Anmerckung, bey einer dergleichen Trauer-Rede einen unge - meinen Eindruck geben, wenn der Redner im Stande waͤre, durch die Kunſt ſo eine dergleichen Ohnmacht, oder andern hertz - brechenden Affect anzunehmen, als mich hier ehedem in der Rede von ohngefehr befiel. Doch muͤſte die Kunſt es voͤllig natuͤrlich machen, und ſich gehoͤrig wieder zu recht zu finden, wiſſen.
O! erwuͤnſchte Ohnmacht, die du zu Erfindung einer ſo unerhoͤrten Regel Anlaß gegeben haſt. Die Alten haben in ihrer Einfalt davor gehalten, ſolche gar zu nachdruͤckliche Vorſtellungen eines Afects, ſchickten ſich wohl auf dem Schauplatz, aber nicht in einer Rede, und ſie haben allemahl einen Unteꝛſcheid unter einem Redner und Comoͤdianten gemacht. Cicero ſelbſt, ob er gleich wohl erkannte, daß ein ieder Redner auf ſeine Art ein Roſcius ſeyn muͤſſe34)Cicero de Oratore Lib. I. ; iſt doch ſo verblendet, daß er denen, die ſich der Rede - Kunſt befleißigen, anraͤth, ſich vor eine gar zu groſſe Aehnlichkeit mit den Comoͤdianten zu huͤten35)Quis neget, ſpricht er Lib. I. de Orat. opus eſſe orato - ri, in hoc oratorio motu ſtatuque, Roſcii geſtum & ve - nuſtatem? Tamen nemo ſuaſerit ſtudioſis dicendi adoleſcentibus in geſtu diſcendo hiſtrionum more ela - borare. Und Lib. III. heiſt es: Omnes autem hos mo - tus ſubſequi debet geſtus, non hic verba exprimens, ſccnicus, ſed univerſam rem & ſententiam, non de -mon -. Lobſey175(o)ſey dir demnach, O! auſſetordentlicher Philippi, daß du zur Aufnahme der wahren und hertzbrechen - den Beredſamkeit, einen Handgrif ans Tages Licht gebracht haſt, von dem die Alten nichts gewuſt haben, und der wohl immer wuͤrde verborgen geblieben ſeyn, wann du nicht durch deine Ohnmacht darauf geleitet, und von deinem heroiſchen Geiſt angefeuret worden waͤreſt, denſelben ohne alle Furcht der Ur - theile, ſo daruͤber ergehen wuͤrden, kund zu machen. Dieſem alle Schrancken der gemeinen Rede-Kunſt durchbrechenden Heldenmuth haben wir alles zu dancken, was in den Reden des Herrn Pr. Philippi ſeltenes, ſchoͤnes und anmuthiges iſt.
Wir Chriſten ſtellen uns den Ort, wohin die ſeeligen Seelen der Glaͤubigen, nach ihrem Abſchiede aus dem Coͤrper, verſetzet werden, als einen Platz vor, den wir uͤber uns ſuchen muͤſſen. Die Hey - den hergegen haben in ihren Fabeln den Verſtor - benen eine unterirrdiſche Wohnung angewieſen. Darinn aber kommen Heyden und Chriſten uͤber - ein, daß in iener Welt der Unterſchied des Standes und der Wuͤrde aufhoͤre. Dieſe Begrife legen die gemeinen Redner allemahl zum Grunde, wenn ſie von dem Zuſtande der Verſtorbenen reden, und hal - ten es nicht nur einem Chriſten unanſtaͤndig, die Sprache der Heyden anzunehmen, ſondern ſie ha - ben auch eine eigene Regel, die ihnen verbietet, die Fabeln der Heyden mit den Wahrheiten des Chri -ſtenthums35)monſtratione, ſed ſignificatione declarans, laterum inflexione hac forti, ac virili, non ab ſcena & hiſtrio - nibus, ſed ab armis aut etiam a palæſtra. 176(o)ſtenthums zu vermengen. Es iſt leicht zu begreifen, Meine Herren, daß ſie ſich durch eine ſolche Ein - ſchraͤnckung viele unnoͤthige Muͤhe aufbuͤrden, und ihre Reden unzaͤhliger Annehmlichkeiten berauben. Wohl hat demnach der Herr Prof. Philippi gethan, daß er alle dieſe aberglaͤubige Regeln, auf eine heroi - ſche Weiſe mit Fuͤſſen getreten, und ſo wohl durch Einmiſchung heidniſcher Begrife, als durch deren liebliche Vermengung mit denen chriſtlichen, ſeiner Rede eine Zierde gegeben hat, die unausſprechlich iſt, und alle, die ſie hoͤren, oder leſen, ungemein ver - gnuͤgen muß.
Ohne dieſe Heldenmuͤthige Ubertretung der ge - meinen Regeln wuͤrden wir nicht folgende anmuthi - ge Stelle leſen. Es werden, ſpricht der Herr Prof. Philippi36)S. die ſechs deutſchen Reden p. 29. 30., aber davor die unterirr - digen Grotten mit dieſer neu ankommenden Preißwuͤrdigſten Goͤttin begluͤckſeeliget, und ſie wird von allen deren Jnwohnern auf das ehrerbietigſte und zaͤrtlichſte empfangen; dar - uͤber ſolten wir denn nun auch uns ſelbſt hoͤchlich erfreuen, weil wir ia uns, gleich nach unſer Geburth, als Unterthanen des Reichs derer Todren haben einſchreiben laſ - ſen, und deſſen oberſter Beherrſcher, der nicht etwan, wie die blinden Heyden dichten, Plu - to heiſt, ſondern Jehovah Zebaoth iſt, wir den Eyd der Treue, und daß wir unſer Leben bioß von ihm zu Lehen tragen, allbereit abgeleget haben.
Was177(o)Was duͤnckt Jhnen, Meine Herten, haͤtte der Herr Prof. Philippi wohl mit auserleſenen Wor - ten von dem Einzug ſeiner Heldin in das Paradiß reden, und ſie eine Preißwuͤrdigſte Goͤttin nennen koͤnnen, wenn Er ſich nach denen Regeln der gemei - nen chriſtlichen Redner haͤtte richten wollen? Haͤtte Er wohl ſagen koͤnnen, die unterirrdigen Grotten, o - der, chriſtlich zu reden, die Wohnungen der Seeligen wuͤrden durch die Ankunft der Koͤnigin begluͤckſeeli - get, wenn Jhm ſeine heroiſche Beredſamkeit zugelaſ - ſen haͤtte, zu bedencken, daß es vielmehr ein Gluͤck vor ſeine Preißwuͤrdigſte Goͤttin, daß ſie in die Schaar der Heiligen aufgenommen, und dieſe vollkommen gluͤckſeelige Geiſter durch die Ankunft einer Koͤnigin, wo anders unſer Glaube nicht irrig iſt, nicht gluͤck - licher werden koͤnnen? Aber ſolche Betrachtungen, womit ſich nur bloͤde Gemuͤther quaͤlen, kommen ei - nem heroiſchen Redner nicht in den Sinn. Unſer Herr Prof. Philippi iſt weit uͤber ſolche Kleinigkei - ten erhaben, und wann ihn ſein heroiſcher Redner - Geiſt treibet, ſo vergiſt Er gar, daß Er ein Chriſt iſt. Es ſcheinet, Er glaube, ein Redner muͤſſe, wie ein Staats-Mann, ohne Weib, ohne Schaam, und ohne Religion ſeyn. Eine vortheilhafte Einbil - dung, wodurch der Herr Pr. Philippi zur Erkaͤnntniß ſolcher Geheimniſſe gekommen, die auch denen Hei - ligſten unbegreiflich geblieben. Wenn der Herr Prof. Philippi den Koͤnig von Pohlen nur von fer - ne ſiehet, ſo bekoͤmmt Er durch dieſes Anſchauen ſeines allergnaͤdigſten Landes-Vaters, ein Bild, wie die Auserwehlten, durch das Anſchauen GOttesMam178(o)am hoͤchſten werden begluckſeeliget werden37)S. die ſechs deutſchen Reden p. 57.. Er iſt gluͤcklich. Aber nimmer wuͤrden ſo vortrefliche Worte aus ſeinem beredten Munde gegangen ſeyn, wenn Er ſich erinnert haͤtte, daß, wie die gemeine Rede gehet, noch kein Auge geſehen, kein Ohr ge - hoͤret, und in keines Menſchen Hertz kommen iſt, was GOtt bereitet hat denen, die ihn lieben. Paulus, Mei - ne Herren, ward, wie Sie wiſſen, biß in den drit - ten Himmel entzuͤckt, und kam ſo klug wieder, als Er hingegangen war. Was, meinen Sie, wuͤrde uns der Herr Prof. Philippi nicht vor ſchoͤne Sachen erzehlen, wenn ihm ein ſolches Gluͤck begegnen ſolte, da Er ſchon durch das bloſſe Anſchauen ſeines Landes - Vaters mehr gelernet hat, als Paulus im Paradiß? Solte man nicht aus ſeinen Worten ſchlieſſen, daß Paulus, nur immer zu Hauſe bleiben, und die wei - te Reiſe ſparen koͤnnen?
Da nun der Herr Prof. Philippi die gemeinen Meynungen der Chriſten ſo wenig achtet, wenn ſie ſeiner heroiſchen Einbildungs-Kraft entgegen laufen, was iſt es denn Wunder, daß er die thoͤrichten Re - geln blinder Heyden verlachet? Weil ich weiß, Meine Herren, daß Sie insgeſammt, wie es rechtſchaffenen Gliedern unſerer Geſellſchafft zuſte - het und gebuͤhret, abgeſagte Feinde dieſer Regeln ſo wohl, als der Regeln der geſunden Vernunft ſind, ſo kan ich leicht vorher ſehen, wie ſehr ihre Hochachtung gegen den Herrn Prof. Philippi wirdver -179(o)vermehret werden, wenn ich Jhnen eine Stelle aus ſeinen Reden vor Augen lege, in welcher Er dieſe Jhnen und mir ſo verhaſſten Regeln ſo heroiſch uͤber - ſchritten hat, daß man daruͤber erſtaunen muß.
Belieben Sie demnach zu hoͤren, wie Er in der Lob-Rede auf den Koͤnig in Pohlen von der Gene - ſung dieſes groſſen Printzen redet. Doch da nu - mehro, ſpricht er, dasjenige, was unſerm Großmaͤchtigſten und unuͤberwindlichem Koͤnige den hoͤchſt verdienten Ruhm der Un - ſterblichkeit einigermaſſen noch ſtreitig zu machen, ſchien, durch den gewaltigen Arm des Koͤniges aller Koͤnige, voͤllig aus dem Wege geraͤumet worden; Ueberdieß das ver - aͤnderliche Schickſahl, das wohl eher die groͤ - ſten Potentaten voͤllig zu Boden geworfen, und von dem hoͤchſten Gipfel der Ehren her - abgeſtuͤrtzet hat, ſich nur ehedem an die Zehe, als einen entbehrlichen Reſt von der geheilig - ten Perſon unſers Koͤniges wagen duͤrfen: So ſehen wir numehro mit Freuden, daß unſer Theureſtes Ober-Haupt weit uͤber allen Wechſel der Zeit, und des Gluͤcks, erhaben werden; hingegen alle unſere Glieder, Kraͤfte und Bluts-Tropfen, an ſich ein unzulaͤngli - ches Loͤſe-Geld geweſen ſeyn wuͤrden, das Leben, die Geſundheit, und gluͤckſeeligſte Re - giment, unſers Allerruhmwuͤrdigſten Beherr - ſchers zu erhalten, wenn nicht, nach dem Ra - the der heiligen Waͤchter ſelbſt, Jhro Maje - ſtaͤt uns noch laͤnger waͤren geſchencket, undM 2unſer180(o)unſer einmuͤthiges Flehen dadurch gnaͤdigſt von GOtt erhoͤret worden39)S. die ſechs deutſchen Reden p. 53. 54..
Sie ſehen, meine Herren, daß der Herr Prof. Philippi ſich in dieſer Stelle ſo heroiſch gebaͤrdet, als Er ſonſt noch nicht gethan hat. Er ſcheuet ſich nicht, gleich zu Anfange dem gantzen menſchlichen Ge - ſchlechte ins Angeſicht zu wiederſprechen; indem Er ſich nicht undeutlich mercken laͤſſet, Er glaube, daß ein Menſch ewig leben koͤnne. Er ſpricht; es ſey dasjenige, ſo dem Koͤnige den hoͤchſtverdienten Ruhm der Unſterblichkeit noch einigermaſſen ſtreitig ge - macht, numehro aus dem Wege geraͤumet. Der wahre Sinn dieſer Worte kan auf gut deutſch kein anderer ſeyn, als daß der Koͤnig, da Er dieſes mahl wieder geſund worden, numehro gar nicht ſterben, ſondern ewig leben werde.
O! was wolte ich nicht darum geben, daß dieſes wahr waͤre! Billig ſolten ſolche Koͤnige, als derjenige, den der Herr Prof. Philippi lobt, nicht ſterben. Und wir haͤtten Urſache uns zu freuen, wenn der Herr Prof. Philippi ein ſo wahrhafter Prophet waͤre, als er ein heroiſcher Redner iſt, der, nach den Regeln ſeiner Kunſt, Dinge ſagen muß, die nicht geſchehen koͤnnen, und die kein Menſch glaubt. Aber ſo ſehen wir wohl, daß der Hr. Prof. Philippi hier nicht hat weiſſagen, ſondern nur durch ſeine wun - derbare Ausdruͤckungen uns von der Natur der he - roiſchen Beredſamkeit einen Begriff geben wollen.
Er hat ſeinen Zweck voͤllig erreichet. Was iſt wohl heroiſcher, als ſich der gantzen Welt, ent -gegen181(o)gegen ſetzen, und alle Einrede der geſunden Ver - nunft und Erfahrung großmuͤthig in den Wind ſchlagen?
Wie kanſt du demnach verlangen, o! eckeler und eigenſinniger Longin, daß der Herr Prof. Philippi ſich nach deinen critiſchen Grillen richten ſollen? Verdencke es, ſo lange du wilt, dem Theopompus, daß Er eine praͤchtige Beſchreibung der Ankunft ei - nes Koͤniges von Perſien in Egypten durch die ohne Noth aufgethuͤrmte Berge von geſaltzenem Fleiſche verdorben hat40)Longinus de ſublimi Cap. XXXIV. . Der Herr Prof. Philippi muß freye Haͤnde haben. Dieſem groſſen Manne ſte - het es frey, von groſſen und geringen Sachen durch einander, nach eigenem Belieben, bald hoch, bald niedrig, zu reden. Er iſt befugt, von der Zehe ſei - nes Koͤniges zu ſprechen, wann es ihm gut duͤnckt: Er kan ſagen: “Daß das veraͤnderliche Schick - „ ſal, das wohl eher die groͤſſten Potentaten voͤllig zu „ Boden geworfen, und von dem hoͤchſten Gipfel „ der Ehren herab geſtuͤrtzet hat, ſich nur ehedem an die „ Zehe, als einen entbehrlichen Reſt von der gehei - „ ligten Perſon des Koͤniges, wagen duͤrfen. Nie - „ mand wundere ſich, daß der Herr Prof. hier zu ei - ner Zeit, da er recht praͤchtig ſchreiben will, von der krancken Zehe eines Koͤniges ſpricht. Jch bin verſi - chert, daß der Herr Prof. Philippi kein Bedencken tragen wuͤrde, nach Beſchaffenheit der Umſtaͤnde, auf die praͤchtigſte Art von Verſtopfungen und Cly - ſtiren zu reden. Dieſes erfodern die Regeln einer na -M 3tuͤrli -182(o)tuͤrlichen Beredſamkeit: Und mich deucht, daß dieſes Steigen und Fallen einer Rede eine groſſe Anmuht giebt, und fuͤglich mit denen Diſſonantzen in der Mu - ſic verglichen werden koͤnne. Laß demnach, O! theurer Philippi, die eckele Welt die Naſe ruͤm - pfen. Laß den laͤngſt vermoderten Grillenfaͤnger Lon - gin ſchwatzen was er will. Behaupte du deine Rech - te: Rede wie es einem natuͤrlichen, maͤnnlichen und heroiſchen Redner zuſtehet, und ſcheue den Teufel nicht.
Mich deucht, Meine Herren, ich ſehe aus Dero huldreichen Augen die ſtille Zufriedenheit hervorleuch - ten, mit welcher Sie die Seltenheiten betrachten, die ich Jhnen vorzutragen die Ehre habe. Verzeihen Sie mir demnach, daß ich Sie darinnen ſtoͤhre, und durch einen etwas verdrießlichen Vortrag unru - higere Bewegungen in ihren huldreichen Hertzen errege.
Es giebt Leute, Meine Herren, die, weil ſie nicht ergruͤnden koͤnnen, warum der Herr Prof. Philippi die Zehe, von welcher Er redet, einen entbehrli - chen Reſt genennet hat, die Ausdruͤckung entſetzlich aushoͤhnen. “Ein Reſt, ſprechen ſie, iſt dasjenige, „ das von einer verlohrnen oder vernichteten Sache „ uͤbrig bleibet. Wenn alſo der Herr Prof. Philippi „ nicht im hoͤchſten Grad kauderwelſch reden will, ſo „ muß Er behaupten, daß von ſeinem Koͤnige nichts „ mehr, als die eine Zehe uͤbrig ſey. Glaubt er das nun, „ ſo ſteht es ihm ſehr uͤbel, daß Er dieſen Reſt eines „ groſſen Koͤniges einen entbehrlichen oder unnuͤtzen „ Reſt nennet. Er muͤſte auf dieſem Fall die noch„ uͤbrige183(o)„ uͤbrige Zehe ſeines Landesvaters in Spiritus legen, „ und als eine koͤſtliche Reliqvie bewahren.
Die hoͤniſchen Gebaͤrden, Meine Herren, welche ich ietzo an Jhnen wahrnehme, laſſen mich hoffen, Sie werden ſich uͤber ſolche laͤppiſche Spoͤttereien nicht ſo ſehr aͤrgern, als ſich uͤber die Uhrheber der - ſelben erbarmen. Leute, Meine Herren, die ihrer verderbten Vernunft zuviel Gehoͤr geben, ſind wahr - lich zu beklagen, und die Vermeſſenheit, mit welcher ſie auch von Sachen urtheilen, die ſie nicht verſtehen, und alles, was Jhnen etwan zu hoch iſt, als unge - reimt verwerfen, iſt dadurch ſchon genug beſtrafet, daß ſie desjenigen Vergnuͤgens entbehren muͤſſen, welches eine ſtille und demuͤthige Bewunderudg er - habener und unbegreiflicher Ausdruͤckungen mit ſich fuͤhret.
Wenn wir, Meine Herren, das Ungluͤck haͤtten, dieſen Leuten gleich zu ſeyn, wuͤrden wir denn wohl in den Reden des Herrn Prof. Philippi ſo viele Suͤſ - ſigkeiten finden? Was wuͤrden uns nicht vor ver - drießliche und ſchwermuͤhtige Gedancken aufſteigen, wenn wir leſen: Und wahrlich, da ein jeder treu-geſinnete Saͤchſiſche Unterthan ſein Hertz gleichſam auf den Weg leget, den Jhro Majeſtaͤt zu nehmen allerhoͤchſt geſonnen, damit Selbe, als fuͤhren ſie auf lauter Hertzen ihrer getreuen Unterthanen dahin, und als wuͤrden Sie von ſelbigen unterwegs getra - gen, in hoͤchſt-erwuͤnſchtem Wohl zuruͤckkeh - ren, uñ ſo oft Sie, unter waͤhrender Reiſe, Ru - heſtart halten, auf eben ſolchen getreuen Her -M 4tzen184(o)tzen ihrer Unterthanen, als einem gar ſanf - ten Kuͤſſen, Sich zu lagern, geruhen moͤgen: So laͤſſt die ſchnelle Durchfarth Jhro Ma - jeſtaͤt in allen unſern Hertzen weit kenntbarli - chere Fußſtapfen von Jhro allerhoͤchſt ge - wuͤrdigten Durchreiſe durch hieſige Lande, als der groͤſte Steuer-Mann, auf der See zu erhalten, nicht vermag, wenn er gleich, auf Schifen vom erſten Rang, die Waſſer mit dem Ruder durchſchnitten, und einige bald verſchwindende Spuhren ſeiner Durchfarth hinterlaſſen41)S. die ſechs deutſchen Reden p. 63. 64.. Wir wuͤrden|uͤber den| ſo koſt - bar gepflaſterten Weg erſtaunen, und, ich weiß nicht was, dawider einzuwenden haben. Wir wuͤrden nicht begreifen koͤnnen, wie der Herr Prof. Philip - pi Jhro Majeſtaͤt zumuthen moͤgen, allemahl, wenn Sie Ruheſtatt hielten, aus der Kutſche zu ſteigen, und ſich auf die auf dem Weg gelegte Hertzen zu la - gern. Noch weniger wuͤrden wir begreifen koͤn - nen, was Er verlanget, wenn Er ſpricht, der Koͤ - nig ſolle ſich auf den Hertzen ſeiner Unterthanen lagern, als fuͤhre er auf lauter Hertzen derſelben da - hin, und wuͤrde von ſelbigen unterwegs getragen. Es wuͤrde uns ſchwer fallen mit dieſem Lagern die ſchnelle Durchfahrt zu reimen. Es wuͤrde uns vor - kommen, als gaͤbe der Herr Prof. Philippi uns von der Tiefe der Fußſtapfen, ſo der Koͤnig in den Her - tzen ſeiner Unterthanen hinterlaſſen, einen gar gerin - gen Begrif, indem Er nichts mehr ſagt, als ſie wuͤr - den nur kennbarer ſeyn, als die Spuren einesSchifes185(o)Schifes im Waſſer, welche Salomon vor ſo un - ſichtbar gehalten, daß er daher des Schifs Weg auf dem Meer unter die Dinge gerechnet hat, die er nicht wiſſe. Wir wuͤrden uns wundern, warum der Herr Prof. des Steuermanns, und noch dazu des groͤſſeſten Steuermanns, Meldung gethan; da doch gewiß, daß der Steuermann, er ſey ſo geſchickt, als er wolle, nichts zu denen Spuren beytrage, die ein Schif im Waſſer hinterlaͤſſet. Wir wuͤrden nicht ergruͤnden koͤnnen, was der Herr Prof. mit den Schifen vom erſten Rang haben wolle. Wir wuͤr - den nicht begreifen koͤnnen, warum Er dieſe Schife mit Rudern verſehen, und was doch immer der arme Steuermann ihm muͤſſe zuwider gethan haben, daß Er ihn ohne alle Barmhertzigkeit zur Ruder - Banck verdammet, und auf ſeine neue Galeren ge - ſchmiedet. Mit einem Worte, Meine Herren, wir wuͤrden in dieſer, an ſich ſo ſchoͤnen, Stelle, nichts als Verwirrung, und einen verdrießlichen und uner - traͤglichen Galimatias finden.
Aber, Meine Herren, ſo ſind wir gantz anders geſinnet. Wir entſchlagen uns ſo boͤſer Gedancken. Wir glauben einfaͤltiglich, daß unter ſo wiederſin - nigen Gedancken und ſo unbegreiflichen Worten, die groͤſſeſte Weißheit verborgen liege. Wir verlachen nicht, was unſere Begrife uͤberſteiget: Und wir be - finden uns wohl dabey.
Jch erſuche Sie, Meine Herren, betrachten Sie mit ſo glaͤubiger Ehrfurcht die folgenden Reden das Herrn Philippi. O! was werden Sie nicht vor herrliche Dinge in ſelbigen finden! Sie werden mit Vergnuͤgen gewahr werden, wie der Herr PhilippiM 5in186(o)in ſeiner Antritts-Rede, die er als auſſerordentli - cher Profeſſor der deutſchen Beredſamkeit gehalten, alle Schaͤtze ſeiner philoſophiſchen und politiſchen Weißheit aufgethan, und verſchwenderiſch ausge - ſtreuet hat. Sie werden ſich wenig bekuͤmmern, ob die - ſe Weißheit an dem rechten Ort angebracht ſey, oder nicht, und zufrieden ſeyn, wenn Sie allenthalben nuͤtz - liche Wahrheit finden, welche Jhnen um ſo viel an - genehmer ſeyn muͤſſen, je unvermutheter der Herr Philippi Sie damit uͤberfaͤllt.
Wie werden Sie ſich nicht freuen, wenn Sie ſo unverhoft in dieſer vortreflichen Antritts-Rede einen vollkom̃enen Abriß eines wohl eingerichteten Staats antrefen42)S. die ſechs deutſchen Reden p. 120. ſqq. ? Wie wird ſie nicht die ſo gelehrte, tiefſinnige und nach den Regeln der Vernunft, Be - ſcheidenheit uñ Gelindigkeit angeſtellte Betrachtung uͤber den Urſprung und Bedeutung des Vivatrufens, und des damit verknuͤpften Woͤrtlein Hoch! ſamt der ſo gluͤcklich entdeckten Etymologie des Worts: Mucker, erqvicken43)ibid. p. 106 — 117. zumahl da dieſes, wie der Herr Prof. Philippi p. 117. gar wohl anmercket, eine Ma - terie iſt, die ſonſt wenig, oder gar nicht vorkommt.. Sie werden ſich freuen, daß der Herr Prof. Philippi die Jenaiſchen Studenten ihrer unanſtaͤndigen Aufuͤhrung wegen, auf eine ſo ſcharfſinnige und feine Art durchgehechelt hat44)ib. p. 110. ſqq. : Und ſie werden in eine angenehme Beſtuͤrtzung gerah - ten, wenn Sie ſehen, wie beweglich der Hr. Prof. Phi - lippi zum Beſchluß ſeinen alten 63jaͤhrigen Vateranredet187(o)anredet45)ib. p. 146. ſq. Jch habe nachher erfahren, daß vie - le, welche von der heroiſchen Beredſamkeit keinen Be - grif haben, dieſes dem Herrn Prof. als eine Schwach - heit auslegen wollen.. Ja was ſoll ich von dem artigen Neu - Jahrs-Wunſch ſagen, den der Herr Prof. Philip - pi an ſeine Hochwertheſte Eltern, als deroſelben Ge - horſamſte andre Sohn ſchriftlich abgeſtattet hat? Leſen Sie ihn, Meine Herren, mit gehoͤriger Andacht und Demuth, ſo werden Sie befinden, daß er den Reden des Herrn Prof. Philippi an Schoͤnheit und Vortreflichkeit nicht allein nichts nachgiebt, ſondern ſie auf gewiſſe Maaſſe uͤbertrift. Er iſt voll ho - her Gedancken. Jch will Jhnen, Meine Herren, mit Dero Erlaubniß, einen kleinen Vorſchmack da - von geben.
Faͤllt mir eben, ſpricht der Herr Prof.46)ibid. p. 150. der Gedancken ein, wo wir wohl heute uͤber tauſend Jahr ſeyn duͤrften: So leget eine un - ſtraͤfliche Unwiſſenheit mit zwat ein ehrerbie - tiges Stillſchweigen auf, daß ich dieſes nicht ſagen koͤnne. Gleichwohl wenn heute vor tauſend Jahren etwan einige unſer Vorfah - ren auch ſo gedacht haͤtten: So wuͤrden wir Jhnen nunmehro die Antwort leicht geben koͤnnen, wo ſie waͤren, und wie wir ſelbigen in der Reihe nachgefolget.
Herrliche Gedancken! Aber noch weit mehr iſt die Demuht und Beſcheidenheit des Herrn Prof. zu188(o)zu bewundern, der ſich nicht unterſtehet, auf eine ſo hohe Frage zu antworten.
Glaube mir, unvergleichlicher Philippi, eine ſolche Sittſamkeit ſtehet einem Manne von deinen Verdienſten nicht wohl an. Verſtelle dich ſo viel du wilt. Wir wiſſen doch wohl, wer du biſt, und was du vermagſt. Du wirſt uns nimmer weiß machen, daß du auf die Frage, ſo du aufwirfſt nicht antworten koͤnneſt. Jndem du geſteheſt, es wuͤrde dir leicht ſeyn, einem unſerer Vorfahren auf dieſe Frage Beſcheid zu geben, ſo haſt du deine wich - tige Frage ſchon entſchieden. Qvaͤle demnach deine Verehrer nicht ferner, durch eine Beſcheidenheit, die ſich nur vor Leute von mittelmaͤſſigen Verdien - ſten ſchicket, und nimm dasjenige Weſen an, ſo groſſe Leute noch ehrwuͤrdiger macht.
Jch wuͤrde Sie groͤblich beleidigen, Meine Her - rer, wenn ich nicht von Jhnen allerſeits glaubte, daß Sie den Rath, welchen ich hier dem Herrn Prof. Philippi gebe, billigen. Sie erkennen alle die wurderbaren Eingenſchaften dieſes groſſen Man - nes, der in unſern Tagen aufgeſtanden iſt, die deut - ſche Beredſamkeit auf einen gantz andern Fuß zu ſetzen. Sie erkennen, ſag ich, ſeine Verdienſte: Aber Sie erkennen ſie nur halb, dafern Sie nur das Wenige an Jhm bewundern, das ich von ihm ge - ſagt habe. Jch uͤbergehe eine gute Anzahl dererSchoͤn -189(o)Schoͤnheiten, die in ſeinen Reden zu finden, mit Stillſcheigen, und wenn ich ſie gleich alle, ohne eine einzige auszulaſſen, nach der Reihe hergezehlet, und durch alle Kunſt-Grife der Rede-Kunſt in das hel - leſte Licht geſetzet haͤtte, ſo wuͤrde doch noch die Helfte ſeiner Vortreflichkeiten verborgen bleiben.
Jch habe den Herrn Prof. Philippi nur als ei - nen groſſen, und gantz beſondern Redner vorgeſtellet. Aber, Meine Herren, er iſt noch mehr als das. Er iſt auch ein Poet. Jch berufe mich desfals auf das vortrefliche Heldengedicht, das Er verfertiget hat, und bedaure nichts mehr, als daß mir die Zeit nicht vergoͤnnet, mich in demſelben gebuͤhrend um - zuſehen. O! was wolte ich Jhnen vor Herrlich - keiten zeigen! Aber, Meine Herren, ich mache mir ein Gewiſſen ihrer Geduld zu mißbrauchen. Wie aufmerckſam Sie mir auch bisher zugehoͤret haben, und wie feſt ich auch verſichert bin, daß alles, was man Jhnen von einem Manne, den Sie ſo hoch ſchaͤtzen, vorſaget, Jhnen ein unausſprechliches Ver - gnuͤgen giebt, ſo muß ich doch beſorgen, durch die Weitlaͤuftigkeit, wozu mich die entſetzliche Menge, der in dem Heldengedichte des Herrn Prof. Phi - lippi enthaltenen poetiſchen Seltſamkeiten48)Jch ziele hier auf eine Sammlung unterſchiedlicher finnreichen Gedichte, ſo unter dieſem Titel heraus gekommen. Derjenige, ſo dieſe Sammlung beſor - get, wuͤrde ſeinem Wercke keine geringe Zierde ge - ben, wenn er auch dem Heldengedicht des Herrn Prof. Philippi einen Platz in ſelbigem goͤnnen wolte., verleiten wuͤrde, Jhnen verdrießlich zu fallen, jaſelbſt190(o)ſelbſt meiner Geſundheit Schaden zu thun. Denn, Meine Herren, ich wuͤrde mit der bloſſen Erzehlung derſelben heute nicht zu Ende kommen. Das, was der Herr Prof. Philippi in ſeinem Heldengedicht von einem Naturaliencabinet ſchreibet, ſchickt ſich, mit einer kleinen Veraͤnderung, gar wohl hieher, und ich kan mit Fug ſagen:
Nennt in der Poeſie mir irgend eine ArtVon Raritaͤten, die nicht da gefundenward.Solt ichs von Stuͤck zu Stuͤck mit Nah -men nur beſchreiben,Jch muͤſte wenigſtens ein gantz Jahrdruͤber bleiben49)S. das Heldengedicht p. 13.
Jch begnuͤge mich demnach nur uͤberhaupt zu ſa - gen, daß die Poeſie des Herrn Prof. Philippi ſo heroiſch iſt, als ſeine Beredſamkeit. Es iſt eine Luſt anzuſehen, wie wenig Er die unnuͤtzen Regeln beob - achtet, wodurch man heutiges Tages die Dichtkunſt ſo ſchwer machet. Er giebt ſich alle Freyheiten, die einem Manne von ſeiner Art zukommen koͤnnen. Abſchnitt, Sylbenmaaß und Fuͤſſe ſind bey ihm gar veraͤchtliche Sachen, und ſeine einzige Sorge gehet auf das einige Nothwendige in der Poeſie, ich meine den Reim. Dieſes muß ihm nothwendig die Hochachtung aller Kenner erwerben, die den Sinn des Spruͤchworts: In fine videbitur cujus toni gebuͤhrend einſehen, und, nach Art der Och -ſen -191(o)ſenkaͤuffer, aus dem Hintertheil eines Verſes, von deſſen Guͤte zu urtheilen wiſſen.
Was ich bisher geſagt, betrift nur die aͤuſſerliche Geſtalt dieſes wunderbaren Heldengedichts. Sieht man nun daſſelbe nach ſeiner innerlichen Beſchaffen - heit an, ſo muß man nothwendig in die aͤuſſerſte Verwunderung gerathen.
Es iſt eine gemeine Sage, Meine Herren, daß die Poeten nicht gemacht, ſondern gebohren werden. Jch kan nicht leugnen, die Gedichte unterſchiedener Poeten haben mir dieſe ſo gemeine Einbildung ver - daͤchtig gemacht: Aber durch das Heldengedicht des Herrn Prof. Philippi bin ich von dem Ungrund derſelben voͤllig uͤberfuͤhret worden. Man kan mit Haͤnden greifen, Meine Herren, daß der Herr Prof. kein gebohrner Poete ſey. Ein jeder Vers ſeines Heldengedichts zeiget von der groſſen Gewalt, die Er ſeiner Natur anthun muͤſſen, um dieſe Probe ſei - ner Geſchicklichkeit, und dieſen Vorwurf unſerer Bewunderung hervor zubringen Dieſe Erkaͤnnt - niß, Meine Herren, erhoͤhet die Begrife unendlich die wir ſchon von dem Herrn Philippi, und ſeinem auſſerordentlichen Geiſte haben. Wer muß nicht uͤber den Fleiß, die Muͤhe, und das Nachſinnen erſtaunen, die es dem Herrn Prof. Philippi geko - ſtet hat, ſich eine Geſchicklichkeit zu erwerben, wel - che die Natur, die ſonſt gegen Jhn ſo verſchwende - riſch geweſen, aus einem Eigenſinn, den ich nicht begreifen kan, Jhm verſaget hatte?
Auf dieſe Art ein Poete werden, iſt weit ruͤhmli - cher, als wenn man dieſe Eigenſchaft einem natuͤr -lichen192(o)lichen Geſchicke zu dancken hat. Jch muß immer lachen, Meine Herren, wenn ich den Ovidius und Canitz, ihrer Poeſie wegen, ruͤhmen hoͤre, die doch beyde aufrichtig geſtanden, daß ſie von Jugend auf einen unuͤberwindlichen Trieb zum Dichten, bey ſich geſpuͤret haben. Es iſt groß Wunder, daß man auch nicht an ihnen lobet, daß ſie gegeſſen haben, wenn der Hunger ſie geplaget. Dieſer Trieb zum Eſſen war ihnen nicht mehr natuͤrlich, als die Nei - gung und Geſchicklichkeit zur Poeſie.
Die beſte Eigenſchaft, Meine Herren, zu welcher wir nichts beytragen, kan uns nicht zum Ruhm gereichen. Es haben ſchon andre angemer - cket, daß derienige, der, um den Cato recht groß zu machen, ſagte: Cato habe nicht anders ge - konnt, als Gutes thun50)Vellejus Paterculus Lib. II. Cap. 35. nunquam recte fecit, ut videretur, ſed quia aliter non poterat. , ſich ſchlecht um den - ſelben verdient gemacht hat; Und Socrates wuͤrde nicht die Helfte der Hochachtung verdienen, die man ietzo vor ihm heget, wenn nicht ſein eigen Ge - ſtaͤndniß, daß ſein Naturel grund boͤſe, und ſeine Tugend gekuͤnſtelt ſey, ſeine Weißheit ſo bewunde - rungs-wuͤrdig gemachet haͤtte.
Was vor Lob verdienet demnach nicht die ſo ſehr gekuͤnſtelte, und unnatuͤrliche Poeſie des Herrn Prof. Philippi? Und was vor Ehrerbietung ein ſo groſſer Poet? Jch weiß, Meine Herren, dieje - nige, die Sie gegen ihn hegen, iſt ſo groß, als es ſeine Verdienſte erfordern.
Ja, groſſer Dichter, wir verehren dich, alseinen193(o)einen Mann, der in ſeiner Art der einzige iſt. Fah - re nur fort, deine matte Faͤhigkeit zum Dencken, und zum Dichten, uͤber welche du klageſt51)S. das Helden-Gedicht p. 5., mit Nachdruck zu beſtreiten: Zeige der Welt, daß Horatz ein Gecke geweſen, da er geſchrieben:
Dein Helden-Gedicht lehret uns, daß man auch ohne der Minerven Wiſſen und Willen in der Dicht-Kunſt groß ſeyn koͤnne: und dir, Chriſtlicher Philippi, ſtehet es vor andern wohl an, dieſer heid - niſchen Goͤttin zum Poſſen, ein Handwerck zu trei - ben, dazu du nicht gebohren biſt. Schreib dem - nach, unvergleichlicher Dichter, und ſchone kein Papier. Die Schaar der Muſen giebt dir von den Zehn tauſend Ballen, die ſie geſchenckt bekommen hat53)S. das Helden-Gedicht p. 16., gerne einige Ballen wieder zuruͤcke. Kehre dich nicht daran, wenn deine verderbte Vernunft dir zu - ruft: Schreibe nicht! oder wenn andere uͤber deine Verſe ſpotten. Jenes iſt eine Anfechtung die Leute dei - ner Art leicht uͤberwinden, und dieſes ein Unfall, den du mit vielen vortreflichen Dichtern gemein haſt. Die Geſellſchaft der kleinen Geiſter wird darum eben ſo wenig von der Hochachtung gegen dich etwas fallen laſſen, als du ſelbſt, und dich alle Zeit, du magſt wol - len oder nicht, als ein Mitglied anſehen, das ihr die meiſte Ehre bringet.
NJch194(o)Jch ſcheue mich nicht, Meine Herren, dieſes in Jhrer aller Namen zu verſprechen. Sie werden mich nicht zum Luͤgner werden laſſen. Dero huld - reicher Anblick verſichert mich, daß ich nichts geſagt habe, das Sie nicht genehm halten, und, wo es mir er - laubt iſt, von unſerer gantzen Geſellſchaft nach denen - jenigen Regungen zur urtheilen, die ich ſelbſt empfin - de, ſo weiß ich gewiß, daß dieſelbe uͤber die Erhebung des Herrn Philippi zur Profeſſion der deutſchen Be - redſamkeit eine Freude empfindet, die allen Verdruß weit uͤberwieget, den die fruchtbare Schaar ihrer Wi - derſacher derſelben verurſachet. Sie vergiſſet daruͤber alle ihres Leides, und wo etwas iſt, das ihr Vergnuͤgen mangelhaft machet, ſo iſt es der ſchwache Geſundheits-Zuſtand des Herrn Prof. Philippi
Jch ſehe mit Beſtuͤrtzung, Meine Herren, daß der Herr Prof. Philippi den Ohnmachten ſo ſehr unterworfen iſt. Die eine verurſachte ihm der bloſſe Anblick eines koͤniglichen Bildniſſes, und die andere wandelte ihm in der Gedaͤchtniß-Rede auf die Koͤ - nigin in Pohlen an. Es iſt gewiß, Meine Herren, daß, wenn ihm nicht das erſte mahl ſeine damahls gegenwaͤrtige leibliche Frau Mutter, nebſt dem redlichen Hrn. Commiſſions-Rath und Crayß - Amtmann Fleuter aufgerichtet54)S. die ſechs deutſchen Reden p. 40., und das an - deꝛe mahl die geſchaͤftige Mitleidenheit einiger añehm - lichſten Kinder, durch einen kraͤftigen Balſam wie -der195(o)der zu recht gebracht haͤtte55)S. die ſechs deutſchen Reden p. 25., ſo wuͤrden die unter - irrdigen Grotten durch die Ankunft eines groſſen Red - ners und Poeten begluͤckſeeliget ſeyn, mit welchem jetzo das Reich der Lebendigen noch pranget. Aber, Meine Herren, da es nicht zu glauben, daß ein Mann, der zu ſo groſſen Dingen gebohren iſt, ſo bald den Weg alles Fleiſches gehen werde, ſo hoffe ich, daß die Vor - ſtellung ſeiner Sterblichkeit nicht faͤhig ſeyn wird, unſere gegenwaͤrtige Zufriedenheit zu ſtoͤhren, und uns zu verhindern, einander auf die Geſundheit des Herrn Prof. Philippi in gebuͤhrender Maaſſe, und ehrerbietigſter Beſcheidenheit eines zuzu - bringen56)ibid. p. 75.. Sie kan uns vielmehr antreiben un - ſere Wuͤnſche vor das lange Leben eines ſo unent - behrlichen Mannes zu verdoppeln.
Lebe demnach, Theurer Philippi, und vollen - de das groſſe Werck, das du angefangen haſt. Zerſtoͤh - re das Reich der falſchen Beredſamkeit; und erweite - re, nach der Gelegenheit, die dir dein Amt giebt, die Graͤntzen unſerer Geſellſchaft, die dich als ihren Aug-Apfel hoch haͤlt. Laß die Spoͤtter immerhin ſchwatzen, man habe dich zu einem auſſerordentli - chen Bekenner der deutſchen Beredſamkeit erkoh - ren, um durch dein Lehr-reiches Beyſpiel die Jugend auf eben die Art beredt zu machen, als die alten La - cedaͤmonier ihre Kinder durch das Exempel truncke - ner Knechte zur Maͤſſigkeit anfuͤhrten. Diejenigen,N 2welche196(o)welche wiſſen, wie unentbehrlich du der Welt biſt, werden nicht aufhoͤren, vor dein Wohl - ſeyn zu ſeuftzen, und die Geſellſchaft der klei - nen Geiſter, die dich als ihre vornehmſte Stuͤ - tze und ihren eintzigen Troſt in dieſen betruͤb - ten Zeiten, anſiehet, wird nicht muͤde werden deinen Ruhm bey aller Gelegenheit auszubrei - ten.
Was ich ſage, Meine Herren, das dencken Sie; und weil ich nun deſſen verſichert bin, ſo vermag ich dieſer meiner geringfuͤgigen Re - de, deren hochgeneigte Aufnahme, und Bede - ckung der untergelauffenen Fehler, mir noch - mahlen gehorſamſt und ergebenſt ausbitte, kei - nen beſſern Schluß zu machen, als damit ich angefangen habe57)S. die ſechs deutſchen Reden p. 147.. Es lebe der Herr Prof. Philippi! Hoch!
DIXI.
Unpartheyiſche Unterſuchung der Frage: Ob die bekannte Satyre, Briontes der Juͤngere, oder Lobrede auf den Herrn D. Johann Ernſt Philippi, Profeſſor der deutſchen Wohlredenheit auf der Univerſitaͤt Halle, mit entſetzlichen Religions-Spoͤttereyen ange - fuͤllet, und eine ſtraf bare Schrift ſey? Bey welcher Gelegenheit zugleich augenſcheinlich gezeiget wird, daß der Herr Profeſſor Philippi die Schrift: Gleiche Bruͤder, gleiche Kappen ꝛc. unmoͤglich gemacht haben koͤnne. Leipzig, 1733.
[198]Sich in fremde Haͤndel miſchen,Eingang. und um Sachen bekuͤmmern, die einen nicht angehen, das wird von allen klugen Leuten vor ein ſo vorwitziges Unternehmen gehal - ten, dem die Reue auf dem Fuſſe zu folgen pfleget. Dieſe Betrachtung ſollte mich be - wegen, meine Gedancken uͤber die Frage, wel - che ich zu unterſuchen willens bin, bey mir zu behalten: Allein die Unſchuld vertreten, und die Jrrenden auf den rechten Weg bringen, das iſt eine Pflicht, der ein Vernuͤnftiger ſich nicht entſchlagen kan. Und daher deucht mich, ich werde nicht uͤbel thun, noch von Leuten, die Vernunft und Billigkeit lieben, eines Vor - witzes, oder einer Verwegenheit beſchuldiget werden, wenn ich von denen Urtheilen, die uͤber die im vorigen Jahr unter dem Titel: Brion - tes der juͤngere, oder Lobrede auf den Hrn. Prof. Philippi, heraus gekommene Satyre gefaͤllet worden, auf eine unpartheyi - ſche und beſcheidene Art, meine Meinung ſage.
Jch ſetze voraus, daß alle diejenigen, welcheEndzweck dieſer Schrift. ſich die Muͤhe nehmen werden, gegenwaͤrtige Schrift durchzublaͤttern, auch die Satyre, ſoN 4mir200(o)mir Gelegenheit gegeben hat dieſelbe zu verferti - gen, gelefen haben. Sie werden alſo wiſſen, daß in Halle ein Profeſſor der deutſchen Wohl - redenheit iſt, der Philippi heifft; daß dieſer, um ſeine Geſchicklichkeit zu zeigen, ſechs deut - ſche Reden durch den Druck bekannt ge - macht; und daß ein ungenannter, dem dieſe Reden nicht gefallen, eine ziemlich ſcharfe Sa - tyre, unter dem Nahmen einer Lob-Rede, wie - der den Hn. Prof. Philippi heraus gegeben hat.
Jch glaube daher, es werde nicht noͤthig ſeyn, daß ich meinen Leſern von dem Endzweck und der Beſchaffenheit dieſer Satyre eine weit - laͤuftige Nachricht gebe, der ſie leicht entbehren koͤnnen. Mein Zweck iſt nur, zu unterſuchen, ob die wiedrigen Urtheile, welche von derſelben gefaͤllet worden, gegruͤnder ſind oder nicht.
Jch ſehe vorher, daß viele meiner Leſer den - cken werden, dieſes ſey eine unnoͤthige Arbeit: Sie werden ſich einbilden, eine Schrift, die ſo wohl aufgenommen worden, koͤnne ſolchen Ur - theilen unmoͤglich unterworffen ſeyn, und koͤn - nen mich alſo leicht vor einen Menſchen halten, der mit ſeinem eigenen Schatten kaͤmpft. Al - lein alle diejenigen, die dieſe Gedancken haben, muͤſſen mir erlauben, ihnen zu ſagen, daß ſie ſich in ihrer Meinung betriegen, und daß eine Saty - re, ſie mag ſo wohl gerathen ſeyn, und mit ſo vieler Begierde geleſen werden, als ſie immer will, dennoch einer weit ſchaͤrfern Cenſur unterworfen iſt, als irgend eine andere Schrift.
Jch201(o)Jch geſtehe, wenn man bedencket, daß dieSatyren mißfallen den mei - ſten. Menſchen ungemein geneigt ſind, ſich uͤber den Unfall ihres Naͤchſten zu erfreuen, ſo ſol - te man glauben, eine, auch nur mittelmaͤſſi - ge, Satyre muͤſſe allemahl mit allgemeinem Beyfall aufgenommen werden. Aber dieſer Schluß iſt trieglich, und die Erfahrung giebt es, daß eine Satyre, ſie mag auch noch ſo wohl geſchrieben ſeyn, den meiſten mißfalle, und daß der Verfaſſer derſelben, auch ſo gar von denen, welche ſeine Schrift mit Luſt leſen, und dieſelbe loben, dennoch ge - tadelt werde.
Denn obgleich die luſtigen Einfaͤlle, welche eine Satyre beliebt machen, alle Leſer kuͤ - tzeln, und zum Lachen gleichſam zwingen, ſo gehet doch dieſes Lachen den meiſten eben ſo wenig von Hertzen, als dasjenige, ſo durch ei - ne leibliche Kuͤtzelung verurſachet wird. Die Empfindung, welche in unſerm Coͤrper entſtehet, wenn er gekuͤtzelt wird, iſt einer ſehr zweydeutigen Natur, und, wie angenehm ſie auch ſcheint, mit einer Art des Schmertzes un - termiſchet. Mit der geiſtlichen Kuͤtzelung hat es eben die Bewandniß, und das Vergnuͤ - gen, das eine Satyre ihren Leſern giebt, iſt faſt allemahl mit einem heimlichen Verdruß verge - ſellſchaftet.
Die Urſachen dieſes Verdruſſes ſind nichtDie Urſa - chen da - von: 1) der Wahn daß ſich ein Spoͤtter ſchwer zu errathen. Die erſte iſt der gemeine Wahn, daß einer, der ſich klug genug duͤncket andere zu tadeln, eine groſſe Einbildung vonN 5ſich202(o)gar zu viel einbilde.ſich ſelbſt haben, und ſich allein vor weiſe hal - ten muͤſſe. Jch unterſuche hier nicht, ob die - ſer Wahn gegruͤndet ſey: Jch mercke nur an, daß ein ſolcher Wahn ungemein geſchickt iſt, ſolche Bewegungen in den Hertzen derer, die eine Sache leſen, zu erregen, wodurch ſie ver - hindert werden, dieſelbe unpartheyiſch zu be - urtheilen.
Der Hochmuht iſt zwar allemahl eine ver - haſſte Eigenſchaft, nimmer aber unertraͤgli - cher, als wenn er von derjenigen Einbildung herruͤhret, die ein Menſch von ſeinem eigenen Verſtande hat. Denn in Anſehung des Ver - ſtandes, goͤnnt keiner dem andern den Vorzug. Niemand iſt mit dem ſeinen uͤbel zufrieden, und kan alſo denjenigen nicht anders, als mit ſcheelen Augen anſehen, von dem er glaubt, daß er thoͤrigt genug, ſich allein vor klug zu halten. Die Satyren-Schreiber haben das Ungluͤck, daß der groͤſſeſte Haufe dieſes von ihnen arg - wohnet, und folglich muß nothwendig die Zahl derer ſehr groß ſeyn, die einen heimlichen Wie - derwillen gegen ſie hegen. Ein ieder ſiehet leicht, was dieſer Wiederwille, natuͤrlicher Weiſe, vor Wuͤrckungen haben muͤſſe, und daß es gar kein Wunder, wenn ſich die meiſten dadurch verleiten laſſen, von den Abſichten, und von dem Verfahren der Spoͤtter aufs ſchlimmſte zu urtheilen.
Es waͤre ein Gluͤck vor diejenigen, die Sa - tyren ſchreiben, wenn die Urtheile uͤber ihre Schriften nur allein aus dieſer Qvelle floͤſſen,und203(o)und es nicht Leute gebe, deren Mißfallen uͤber eine Satyre noch aus einer andern Urſache herruͤhrete. Allein ſo zeigt es die Erfahrung, daß ein unvernuͤnftiges Mitleiden, mit denen Thoren, die in einer Satyre laͤcherlich ge - macht werden, den meiſten auch die gluͤcklich - ſten Einfaͤlle, und unſchuldigſten Reden ver - haſſt und verdaͤchtig mache.
Man darf nicht lange nachſinnen, wo -Urſachen dieſes Mit - leidens: 1) die Men - ge der Tho - ren. her doch immer dieſes Mitleiden entſtehe. Ei - ne Satyre greift allemahl eine gewiſſe Art der Thorheit an, und macht dieienigen laͤ - cherlich, welche damit behaftet ſind. Dieſes muß nothwendig vielen nicht anſtehen, weil die Menge der Thoren unzaͤhlig iſt. Es iſt demnach etwas gar natuͤrliches, daß derieni - ge, der in einer Satyre angegriffen wird, ei - nen groͤſſern Anhang findet, als derienige, der ſie geſchrieben hat. Dieſer iſt ein gemeiner Feind, und iener ein bedraͤngtes Bruͤder - gen, deſſen Nothſtand ein ieder zu Hertzen nimmt. Wie muß es alſo dem frechen Spoͤtter, der in der Perſon desienigen, wie - der welchen er ſeinen Gift ausgelaſſen, ſo vie - le ehrliche Leute beleidiget hat, nicht ergehen, und wie kan man mit Vernunft hofen, daß man, einiger luſtigen Einfaͤlle halber, ſeine Schmaͤh-Schrift nicht aufs ſchaͤrfſte richten werde?
Das Gewiſſen iſt ein wunderlich Ding. Man denckt: Heute mir, morgen dir, und lie - ſet alſo eine Satyre mit Furcht und Zittern.
Jch nehme mir demnach die Freyheit, bey die - ſer Gelegenheit allen denen, die zum Spotten Luſt haben, wohlmeinentlich zu rahten, daß ſie dieſe boͤſe Neigung mit aller Macht beſtreiten.
Sie bilden ſich ein, durch ihre artigen Ein - faͤlle der Welt eine Luſt zu machen, und ihren Leſern zu gefallen. Jch gebe ihnen zu, daß ſie, was das erſte anlanget, ihren Zweck ei - niger maſſen erreichen. Aber was wird ih - nen dafuͤr? Wenn ſie nur belieben wollen zu erwegen, daß, wie ich ſchon geſagt, das Biß - gen Luſt, ſo man bey Leſung einer Satyre empfindet, ſehr genau mit einem empfindli - chen Verdruß verbunden iſt, ſo werden ſie be - greifen, daß ſie durch ihre Schriften bey ihren Leſern eben ſo wenig Danck verdienen koͤnnen, als wenn ſie im gemeinen Leben al - le, die ihnen begegnen, und mit denen ſie um -gehen,205(o)gehen, anfallen und kuͤtzeln wollten. Ei - ne ſo wunderliche Aufuͤhrung wuͤrde ihnen unſtreitig viele Feinde machen, und wo ſie ihrer Tadelſucht keine Graͤntzen ſetzen, wird es ihnen gleichfalls nicht daran mangeln.
Sie duͤrfen nicht dencken, es habe dieſes nichts zu bedeuten, wenn ſie ſich der Beſtra - fung allgemeiner Thorheiten enthielten, und ſich nur an ſo elende Troͤpfe machten, die auch von ihres gleichen vor ausgemachte Ge - cken gehalten werden. Die Erfahrung wird ſie lehren, daß ſie ſich in ihrer Hofnung be - triegen, und daß es zu allen Zeiten wahr iſt, was Horatz ſagt:
Wer nur einen Phantaſten angreift, der hat ſo -Einigkeit der Tho - ren wenn ſie von ei - nem aus - waͤrtigen Feinde an - gegriffen werden. gleich die gantze Schaar der Thoren auf dem Halſe. Jch bekenne, das Reich dieſer Her - ren ſcheint ſonſt ſo gar einig nicht zu ſeyn. Sie leben in beſtaͤndigem Krieg, und lachen einander um die Wette aus. Aber ein Frem - der muß ſich dieſe Freyheit nicht nehmen. Sobald werden ſie nicht von einem auswaͤr - tigen Feinde angegrifen, ſo vergleichen ſie ſich, und ſtehen vor einen Mann. Dieſes iſt nicht ſo wohl eine Wuͤrckung ihrer Klug - heit, als eine Folge desjenigen Mitleidens, das ſie, aller innerlichen Uneinigkeit ungeachtet, mit ihren geaͤngſtigten Bruͤdern hegen. Es iſt dieſerAfect206(o)Afect unter Geſchoͤpfen einer Art ſo natuͤr - lich, daß man auch bey unvernuͤnftigen Thie - ren einige Spuren davon findet. Wenn nur das kleineſte Ferckel ſeine Noth durch ein klaͤgliches Geſchrey bekannt machet, ſo grun - tzet die gantze Heerde, und eilet ihrem noth - leidenden Gliede zu Huͤlfe. Thun dieſes nun unvernuͤnftige Thiere, was werden Menſchen nicht thun? Und ſolten alſo wohl die Tho - ren einen von ihrem Orden huͤlflos laſſen, wenn er belachet wird? Die Erfahrung giebt es, daß ſie es nicht thun, und bekraͤftiget den Ausſpruch des Poeten:
Man greife nur einmahl dem Narren an die Schellen, So fangen Laff, und Mops, und Melac an zu bellen. Schlot p. 8.
Jch bitte alle Spoͤtter dieſes wohl zu beher - tzigen, und frage numehro meine Leſer, denen zu gefallen ich dieſe Ausſchweiffung gemacht ha - be, ob es wohl zu bewundern ſey, daß es Leute ge - geben, denen die Lob-Rede auf den Hn. Prof. Philippi nicht gefallen wollen? Jch bilde mir ein, deutlich gezeiget zu haben, daß dieſes das gemeine Schickſal aller Satyren, und mich deucht nicht, daß diejenige, von welcher wir handeln, ſo beſchaffen ſey, daß ſie ein beſſeres Gluͤck verdiene.
Zwar muß ich bekennen, der Briontes iſt von vielen mit groſſem Vergnuͤgen geleſenwor -207(o)worden. Man hat die darinn enthalteneder Verfaſ - ſer doch ei - ner Religi - ons-Spoͤt - terey be - ſchuldi - get. Einfaͤlle und Spoͤttereyen ſcharfſinnig gefun - den, und ich kan zum Ruhm unſers Vater - landes ſagen, daß noch niemand des Hn. Prof. Philippi Parthey oͤfentlich genommen, oder dieſen Haͤlliſchen Redner beklaget hat. Alle Welt, die Klugen ſo wohl, als die Thoren, ſtimmen darinn uͤberein, daß dem Hrn. Prof. Recht geſchehen iſt, und ſeine Re - den eine ſo ſcharfe Lauge voͤllig verdienet haben. Es iſt alſo gar kein Streit dar - uͤber, ob der Briontes gut, und die Reden, und das Helden-Gedicht des Hn. Prof. Phi - lippi ſchlecht geſchrieben ſind. Dieſes ſind Wahrheiten, daran kein Menſch zweifelt. Allein ob nun gleich die natuͤrliche und lebhaf - te Vorſtellung der, in den philippiſchen Re - den vorkommenden, abentheurlichen Schni - tzer jederman wohl gefallen, und niemand an der Schreib-Art, und gantzen Einrich - tung des Briontes noch zur Zeit etwas auszuſetzen gefunden hat: So hat doch dieſe Satyre dem Ungluͤck, welches allen Schriften dieſer Art eigen iſt, ſo wenig ent - gehen koͤnnen, daß man vielmehr ſagen kan, ſie ſey noch auf eine unbarmhertzigere Weiſe, als ſonſt gebraͤuchlich, mitgenommen wor - den. Denn da man ſonſt nichts dagegen vorzubringen gewuſt, ſo hat man ſich begnuͤget Religions-Spoͤttereyen darinn zu entdecken, und den Verfaſſer einer Verachtung der H. Schrift zu beſchuldigen. Mich deucht, einſol -208(o)ſolches Urtheil iſt weit aͤrger, als wenn man bloß die Schreib-Art, und Einfaͤlle als al - bern und kaltſinnig tadelt. Denn dieſe Cenſur haͤtte, wenn ſie Grund gehabt, den Verfaſſer nur laͤcherlich gemacht: Da berge - gen ein ſo harter Ausſpruch, er mag gegruͤn - det ſeyn oder nicht, weit ſchlimmere Wuͤrckun - gen haben kan.
Jch verdencke es meinen Leſern nicht, wenn es ihnen unwahrſcheinlich vorkoͤmmt, daß es Leute gebe, die von dem Verfaſſer des Bri - ontes ein ſo liebloſes Urtheil zu faͤllen faͤhig ſind. Jch haͤtte mir ſelbſt nicht eingebildet, daß es moͤglich ſey, und ob ich gleich ſahe, daß in den Niederſachſiſchen Nachrichten dem Verfaſſer des Briontes gerathen wur - de, ſich kuͤnftig ſolcher Ausdruͤckungen zu ent - halten, aus welchen man eine ſchlechte Ehr - erbietung gegen die H. Schrift ſchlieſſen koͤnn - te, ſo hielte ich doch, nach der Liebe, davor, der Herr Verfaſſer dieſer Nachrichten habe durch dieſen guten Rath nicht ſo ſehr ſeine ei - gene Meinung, als ſeine wohlgemeinte Sor - ge, daß andere ſo urtheilen moͤchten, an den Tag legen wollen. Und ich geſtehe dieſe Sor - ge kam mir unnoͤthig vor. Allein ich erken - ne nunmehro, daß der Hr. Verfaſſer der Nie - derſaͤchſiſchen Nachrichten weiter geſehen hat als ich, und ſchaͤme mich meiner Einfalt.
Jch haͤtte wiſſen ſollen, daß der Verfaſſer des Briontes nicht der erſte iſt, dem dieſes Un -gluͤck209(o)gluͤck begegnet. Jſt es dem D. Schwift wohlontes iſt nicht der erſte Sa - tyren - Schreiber den man zum Reli - gions - Spoͤtter gemacht hat. beſſer gegangen? Hat nicht Wotton die Dreiſtigkeit gehabt, in ſeinen Reflections upon Learning zu ſchreiben: That the Tale of “a Tub is a deſign’d Banter upon all that „ is eſteem’d Sacred among Men; and that „ God and Religion, Truth and moral Ho - „ neſty, Learning and Induſtry, are ma - „ de a May-Game. S. the complete Key to „ the Tale of a Tub. pag. 28 Und haben ſich auch nicht in Deutſchland Leute von ſo ſchlechten Nachſinnen gefunden, die dieſes unvernuͤnftige Urtheil des Wottons nachge - betet? Haͤtte ich dieſes bedacht, ſo wuͤrde ich wohl begriffen haben, daß nichts in der Welt ſo wunderlich ſey, das man nicht von ei - nem boͤſen Scribenten, der durch eine Saty - re in Wuth gebracht iſt, vermuthen muͤſſe.
Leute dieſer Art wiſſen in ſolcher AngſtBoͤſe Scri - bentenfaſ - ſen die Hoͤrner des Al - tars, und handeln kluͤglich daran. nicht, was ſie thun. Sie ſehen, daß jeder - mann ihre Thorheit erkennet, und niemand iſt, der ſich ihrer annimmt. Wenn ſie dann nicht wiſſen, wo ſie ſich hinwenden ſollen, ſo faſſen ſie aus Verzweifelung die Hoͤrner des Altars. Jch kan nicht anders, als einen ſo klugen Entſchluß loben. Es findet ſich ſelten ein Benaja, der das Hertz haͤtte auch in dem Heiligthum einem ſolchen Stuͤmper den Kopf abzureiſſen, und dieſer findet gemeiniglich Schutz.
Man darf ſich alſo nicht wundern, war - um die nothleidenden Scribenten ihre Ver - folger, mit denen ſie nicht auskommen koͤn - nen, allemahl einer Gottloſigkeit beſchuldigen. Dieſes iſt unſtreitig das gemaͤchlichſte, ſicher - ſte und kraͤftigſte Mittel ſeinen Feind zu un - terdruͤcken, und man koͤmmt weiter damit, als wenn man ſich in einen ordentlichen Kampf einlaſſen wolte. Es gleicht, wie ein gewiſſer Scribent ſagt, einer Mine, durch wel - che der Feind, ehe er ſichs verſiehet, in die Luft ge - ſprenget wird, und es iſt ſelten ohne Wuͤrkung.
Die Religion hat ſo was ehrwuͤrdiges an ſich, daß auch der bloſſe Nahme derſelben ſelbſt Leuten, welche am wenigſten Luſt haben, die Pflichten, wozu die Religion uns verbindet, zu erfuͤllen, eine ſonderbare Ehrerbietung einpraͤget. Es muß folglich ein Satyren - Schreiber, der das Ungluͤck hat, vor einen Veraͤchter der Religion gehalten zu werden, ein Greuel in jedermans Augen ſeyn. Es iſt niemand, der ſich nicht verbunden achten ſolte, wieder einen ſolchen Menſchen zu ey - fern. Ein ſolcher Eyfer ſtehet allen recht - ſchaffenen Chriſten ſonderlich wohl an, und kan bey vielen aufrichtig ſeyn. Allein er iſt es nicht bey allen. Viele wenden ihn nur vor, damit man ſie vor Leute halten moͤge, denen die Schrift und Religion vor andern lieb iſt; und bey den meiſten muß er demjeni - gen Mitleiden, das ſie mit den Thoren hegen, zum Deckmantel dienen.
Jch211(o)Jch will hier nicht unterſuchen, ob derHr. Pꝛofeſſ. Philippi hat wohl gethan, daß er es auch ſo ge - macht. Eyfer, den man wieder einige in dem Bri - ontes vorkommende Ausdruͤckungen hie und da bezeuget, aus ſo boͤſen Quellen herflieſſe, oder ob er aufrichtig ſey. Er mag meinent - wegen beſchafen ſeyn, wie er will. Jch ſa - ge nur, daß es kein uͤbler Fund von dem Hn. Prof. Philippi ſey, daß er, an ſtatt ſich durch ei - ne unmoͤgliche Vertheidigung ſeiner begange - nen Fehler noch laͤcherlicher zu machen, uͤber Religions-Spoͤttereyen zu ſeufzen angefan - gen. Er hat dadurch wenigſtens ſo viel zu wege gebracht, daß Leute, denen es entweder an Zeit gefehlet, den Briontes ſelbſt zu leſen, oder auch die Faͤhigkeit gemangelt, deſſen Sinn einzuſehen, den Verfaſſer dieſer, ſonſt ſo belieb - ten Satyre, vor einen Veraͤchter der Schrift und gottloſen Menſchen halten.
Mir koͤnnte dieſes freilich gleich viel gelten. Warum es aber der Verfaſſer nicht lei - den koͤnne, und den Ur - heber des Briontes vertheidi - ge?Jch kenne dieſen ungenannten Scribenten ſo wenig als den Hn. Prof. Philippi: Allein die Liebe, die ich meinem unbekannten Nech - ſten ſo wohl, als denen, die ich kenne, ſchul - dig bin, bewegt mich, den Verfaſſer des Bri - ontes von einem ſo unbilligen Verdacht zu befreyen, und denen, welche ihn einer Gott - loſigkeit beſchuldiget, ihre Uebereilung aufs glimpflichſte vorzuſtellen. Jch halte dieſes um ſo viel noͤthiger, weil ſo gewaltige Verdre - hungen unſchuldiger Worte, als diejenige, wodurch man aus einigen Stellen des Bri - ontes Religions-Spoͤttereyen erpreſſet, vielenO 2Un -212(o)Unfug anrichten, und ehrlichen Leuten Ver - druß machen koͤnnen, und hoffe demnach es werde mein Unternehmen, welches auf die Rettung der Unſchuld zielet, von keinem, derEntſchul - digung an den Leſer. die Billigkeit liebet, getadelt werden. Nur will ich meine Leſer erſuchen, daß ſie es mir nicht uͤbel, oder zur Einfalt deuten, wenn ich Dinge widerlege, die es kaum zu verdienen ſcheinen. Die Schuld iſt nicht meine, ſon - dern derer, die vor gut befunden haben, ſo ſchwache Beweißthuͤmer ihrer Beſchuldigung vorzubringen.
Meine Unterſuchung der Gruͤnde, wodurch man darthun will, daß in dem Briontes Re - ligions-Spoͤttereyen enthalten ſind, braucht dieſer Entſchuldigung unumgaͤnglich. Denn es ſind dieſe Gruͤnde von Hertzen ſchwach, und zeugen von einer groſſen Verzweifelung; da - her ich auch niemand als den Herrn Prof. Philippi vor den Urheber derſelben halten kan. Unpartheyiſche Leſer des Briontes ſehen leicht, daß die Stellen, die man als verdaͤchtig ange - geben hat, nichts in ſich faſſen, das auch dem eigenſinnigſten und heiligſten aͤrgerlich ſchei - nen koͤnne.
Es ſind dieſe Stellen drey. Der Ver - faſſer des Briontes ſoll ein Religions -Spoͤtter213(o)Spoͤtter ſeyn, 1) Weil er in dem Vorbe -Spoͤtterey - en beſtehen ſollen. richt gleich zu Anfange ſagt: Die Geſellſchaft der kleinen Geiſter habe einige Aehnlichkeit mit der unſichtbaren Kirche; 2) Weil er meint, man koͤnne erhoͤrlich beten, oder mit GOtt reden, ohne daß man noͤthig ha - be, den Pſalter und die Offenbahrung Jo - hannis auszupluͤndern: Und endlich 3) weil er von Paulus Entzuͤckung aͤrgerlich und veraͤchtlich redet.
Es wird mir ein leichtes ſeyn, augenſchein - lich darzuthun, daß in dieſen angefuͤhrten Stellen nichts boͤſes enthalten iſt. Jch will ſie zu dem Ende nach der Reihe unterſuchen.
Ehe ich aber weiter gehe finde ich noͤthig,Vorlaͤufi - ge Erinne - rung, wie die Leſer dieſer Schrift be - ſchaffen ſeyn ſollen. nachfolgende Erklaͤrung zu thun. Der Bri - ontes iſt eine Satyre, in welcher von Anfang biß zu Ende eine immerwaͤhrende Jronie herr - ſchet. Jch ſetze alſo ſolche Leſer voraus, die nicht allein in der Schule gelernet haben, was eine Jronie ſey, ſondern auch die Faͤhigkeit, und die Luſt beſitzen, dieſe Figur, wann ſie hoch getrieben, und lange fortgeſetzet wird, gebuͤh - rend einzuſehen. Wer nun entweder ſo bloͤ - des Verſtandes iſt, daß er den verborgenen Sinn einer Jronie nicht zu erreichen ver - mag, oder auch ſo ſchwermuͤthig, daß er al - len Schertz vor ſuͤndlich haͤlt, und in den unſchuldigſten Schriften, wenn ſie nicht nach der Salbung ſchmecken, nichts als Greuel entdecket, der wiſſe, daß ich vor ihn nicht ſchreibe. Mit ſolchen Leuten habe ich nichtsO 3zu214(o)zu thun, und ich ſehe gern, wenn ſie meine Schrift nicht leſen.
Jch bin nicht gedungen ſie klug zu machen. Doch will ich ihnen, aus gutem Hertzen ei - nen Raht geben, dabey ſie ſich wohl befin - den werden. Sie wuͤrden meiner Meinung nach, kluͤglich handeln, wenn ſie gar keine Satyren leſen, oder doch wenigſtens durch ein unbeſonnenes Urtheil ihre Schwaͤche nicht verriethen. Die Schwachen, Einfaͤl - tigen und Bloͤden muͤſſen ſich an ihren Ku - bach halten, und die Schwermuͤthigen wer - den in Wudrians Creutz-Schule, und in der Betrachtung der vier letzten Dinge mehr Troſt und Erquickung finden. Wollen aber dieſe letzten doch manchmahl eine Sa - tyre leſen, ſo muͤſſen ſie vorhero den Geiſt der Traurigkeit, der ſie unruhig macht, be - ſchwoͤren, und den Gratien ein Opfer bringen.
Man ſiehet aus dieſer vorlaͤufigen Erin -Ablehnung der erſten Beſchuldi - gung, daß der Verfaſ - ſer des Bri - ontes der unſichtba - ren Kirche geſpottet habe. i nerung, was ich vor Leſer verlange. Sind nun dieſelbe ſo beſchafen, als ich es wuͤnſche, ſo werden ſie ohne Muͤhe ſehen, daß zum we - nigſten die Laͤſter-Worte, die der Verfaſſer des Briontes wieder die unſichtbare Kirche geredet haben ſoll, ſo gar groß nicht ſind. Er ſagt: “Die Geſellſchaft der kleinen Geiſter haben einige Aehnlichkeit mit deꝛ unſichtbaren „ Kirche, weil ſie in der gantzen Welt ausge - „ breitet ſey, und doch niemand ſagen koͤnne, ſie - „ hehie oder da iſt ſie.” Dieſe Vergleichung kom̃t gewiſſen Leuten anſtoͤſſig vor, und man ſpricht der Verfaſſer des Briontes treibe ſein Geſpoͤt - te mit der unſichtbaren Kirche. Jch geſtehe, dieſes waͤre eine That, die nicht zu billigen. Aber ich begreife nicht, warum man dem Verfaſſer des Briontes ſo boͤſe Abſichten bey - miſſet. Mich deucht es iſt ofenbahr, daß es ihm niemahlen in den Sinn gekommen ſey, der unſichtbaren Kirche zu ſpotten.
Er giebt ſich vor ein Mitglied der Geſell -1) Die Ver - gleichung der Geſell - ſchafft der kleinen Gei - ſter mit der unſi chtba - ren Kirchẽ iſt dem Cara - cter des Verfaſſers des Brion - tes gemaͤß. ſchaft der kleinen Geiſter aus, und dieſer ange - nommene Caracter verbindet ihn, von ſeiner Geſellſchaft die hoͤchſten Begrife zu haben. Wie kan man ihm denn verdencken, daß er die - ſelbe, um ſie recht groß zu machen, mit einer ſo ehrwuͤrdigen Sache, als die unſichtbare Schaar der wahren Glaͤubigen iſt, verglichen hat? Es ſtehet ihm dieſes ſo wohl an, daß ich vor meine Perſon dieſe laͤcherliche Vergleichung, und die gantze Vorrede vor das Beſte in demO 4Bri -216(o)Briontes halte. Ja es wuͤrde ihm wohl an - ſtehen, wenn auch die Vergleichung noch wunderlicher und verwegener waͤre, als ſie in der That iſt. Denn, da er, ſeinem Vorge - ben nach, zu der Geſellſchaft der kleinen Geiſter gehoͤret; dieſe Geſellſchaft aber die Unterdruͤ - ckung der geſunden Vernunft, und die Ein - fuͤhrung der wahnſinnigſten Schwaͤrmerey zum Endzweck hat, ſo wuͤrde er ſeine Pflicht gemaͤß gehandelt haben, wenn er gleich aufs aͤrgſte geſchwaͤrmet haͤtte.
Allein ſo bedarf er dieſer Entſchuldigung gar nicht. Seine Vergleichung, wie unge - woͤhnlich ſie auch iſt, hat doch ihren guten Grund. Sie gruͤndet ſich auf zweene Saͤtze, an deren Wahrheit niemand zweifelt. Denn daß GOtt allenthalben die Seinen habe, iſt ſo gewiß, als daß die gantze Welt voller Nar - ren iſt. Stultorum plena ſunt omnia. Jch frage die Herren, welche ſich an der, von dem Verfaſſer des Briontes angeſtellten Verglei - chung aͤrgern, ob ſie dieſe beyden Saͤtze nicht eben ſo wohl vor wahr halten als der Verfaſ - ſer des Briontes? Sie werden mir unſtreitig mit ja antworten; und ich glaube es iſt kein Glied der unſichtbaren Kirche, das nicht eben der Meinung ſeyn ſolte. Die unſichtbare Kirche ſelbſt wird alſo nimmer leugnen koͤn - nen, das zwiſchen ihr und der Geſellſchaft der kleinen Geiſter in Anſehung der weitlaͤuftigen Ausbreitung eine Aehnlichkeit ſey; und folg - lich kan ſie ſich unmoͤglich vor beleidiget ach -ten,217(o)ten, wenn von ihr etwas geſaget wird, wel - ches ſo wahr iſt, daß ſie es ſelbſt geſtehen muß.
Wie iſt es dann moͤglich, daß es Leute geben koͤnnen, die ſich eingebildet haben, die unſicht - bare Kirche ſey von dem heilloſen Verfaſſer des Briontes ſo ehrenruͤhrig angegrifen, daß ſie es nimmer auf ſich ſitzen laſſen koͤnne? DochWarum ſie den einfaͤl - tigen verdaͤchtig vorkom - me? und das Mitlei - den des Verfaſſers mit dieſen guten Leu - ten. ich mercke wohl, wo dieſer Jrrthum herruͤh - ret. Die guten Leute ſtehen in dem Wahn, es ſey allemahl ein unehrerbietiges, und oft fuͤndliches und aͤrgerliches Verfahren, wenn man etwas groſſes ehrwuͤrdiges und heiliges, und eine geringe nichtswuͤrdige und veraͤchtli - che Sache auf gewiſſe Maaſſe mit einander vergleichet. Jch geſtehe dieſe Einbildung iſt ziemlich einfaͤltig, und hat bey vielen vieleicht eine kleine Boßheit zum Grunde. Es ſchei - net alſo, diejenigen, welche das Ungluͤck ha - ben, von ſo boͤſen Gedancken geplaget zu wer - den, verdienten kaum, daß man ſich bemuͤhe, ſie auf den rechten Weg zu bringen: Allein da es gar wohl moͤglich iſt, daß Leute, die bey einem auſſerordentlich zaͤrtlichen Gewiſſen ein ſehr geringes Maaß von Verſtands-Kraͤf - ten beſitzen, aus guter Meinung auf ſolche Grillen verfallen: So kan ich es nicht uͤber mein Hertz bringen, dieſen bloͤden Seelen den - jenigen Unterricht zu verſagen, deſſen ſie ſo ſehr beduͤrfen, und ohne welchen ſie allezeit Gefahr laufen, ihr Gewiſſen zu verletzen, ih - ren Naͤchſten zu beleidigen, und ſich ſelbſt laͤ - cherlich zu machen. Meine verſtaͤndige LeſerO 5werden218(o)werden es mir nicht unguͤtig deuten, daß ich ſie eine Weile mit Kleinigkeiten aufhalte. Stehet es doch bey ihnen, dieſelbe uͤberzuſchlagen.
Es mercken demnach alle diejenigen, die es nicht wiſſen, daß, gleich wie in der gantzen Welt nicht zwey vollkommen aͤhnliche Dinge anzutreffen, alſo auch nicht zwey Dinge zu fin - den ſind, die nicht e[ini]ge Aehnlichkeit mit einan - der haben ſolten. Es mag demnach eine Sache ſo geringe, ſo klein, ſo nichtswuͤrdig, ſo ver - aͤchtlich ſeyn als ſie will, ſo wird ſie doch etwas an ſich haben, worinnen ſie mit einer hoͤhern, groͤſſern, und ehrwuͤrdigern uͤberein koͤmmt: Und es iſt nichts ſo groß, ſo hoch, ſo vornehm, ſo ehrwuͤrdig und ſo heilig, das nicht in einem Stuͤcke mit geringen und niedrigen Dingen einige Aehnlichkeit haͤtte.
Dieſe Aehnlichkeit hebt den weſentlichen Unterſcheid zwiſchen dem groſſen und kleinen, hohen und niedrigen, ehrwuͤrdigen und ver - aͤchtlichen gar nicht auf: Und folglich iſt es falſch, daß derjenige, der etwas groſſes und ehrwuͤrdiges mit einer geringen und nichts - wuͤrdigen Sache auf gewiſſe Maaſſe verglei - chet, allemahl den Vorſatz habe, das groſſe zu verkleinern, und das ehrwuͤrdige laͤcherlich zu machen. So lange eine ſolche Vergleichung den weſentlichen Unterſcheid dieſer Dingen nicht angreiffet, ſo lange iſt dieſes nicht zu vermuthen. Legt man aber einer groſſen und ehrwuͤrdigen Sache, die man mit einer geringen und ver - aͤchtlichen vergleichet, diejenige Eigenſchaft bey,welche219(o)welche eben die gringe und veraͤchtliche Sache gering und veraͤchtlich macht, ſo wird die Ver - gleichung der groſſen und ehrwuͤrdigen nach - theilig.
Jch erlaͤutere das, was ich jetzo geſaget habe2) durch Exempel. mit Exempeln. Die Apoſtel Petrus und Pau - lus ſagen, des Menſchen Sohn werde kommen als ein Dieb in der Nacht. Dieſe Ver - gleichung leſen wir ohne Aergerniß. War - um? Weil die Aehnlichkeit, ſo die heiligen Ur - heber derſelben zwiſchen des Menſchen Sohn und einem Diebe wahrnehmen, nur die unver - muthete Ankunft, und nicht eine Eigenſchaft eines Diebes betrift, die ihn juſt zum Diebe macht. Ein Dieb iſt darum kein Dieb, weil er unangemeldet koͤmmt. Wer aͤrgert ſich wohl, wann ein Hof-Prediger auf der Cantzel ſagt: Ein Koͤnig iſt vor GOtt nichts mehr als der geringſte Bettler? Die Urſache iſt die - ſe: Weil man wohl ſiehet, daß der Koͤnig darum doch Koͤnig, und der Bettler ein Bett - ler bleibt; ob ſie gleich darinn einander aͤhnlich ſind, daß ſie beyde GOtt vor ihren Herrn er - kennen muͤſſen. Wolte ich aber ſagen, der Koͤnig gleiche dem geringſten ſeiner Untertha - nen darinn, daß er, wenn er wieder die Geſetze handelt, eben ſo wohlſtrafbar ſey, als ein ande - rer, ſo wuͤrde ich ſeine Majeſtaͤt beleidigen, weil dieſe Vergleichung den weſentlichen Unter - ſcheid zwiſchen einem Koͤnig und ſeinen Un - terthanen aufhebet.
Wenn220(o)Wenn demnach der Verfaſſer des Briontes geſagt haͤtte; die unſichtbare Kirche ſey der Geſellſchaft der kleinen Geiſter ſehr aͤhnlich, weil ſie, eben wie dieſe, aus lauter elenden und wahnſinnigen Gliedern beſtuͤnde; ſo haͤtte er unverantwortlich geredet, und ich wolte den erſten Stein wieder ihn aufheben. Allein ſo hat er nicht einmahl die unſichtbare Kirche mit der Geſellſchaft der kleinen Geiſter, ſondern die - ſe mit jener verglichen. Die Schwachen mer - cken dieſen Unterſcheid. Sie koͤnnen von mir lernen, daß es nicht einerley, ob ich im Schertz eine ehrwuͤrdige und erhabene Sache mit einer veraͤchtlichen und niedrigen, oder dieſe mit je - ner vergleiche. Denn ob gleich jenes, nach - dem die Sache beſchaffen, nicht allemahl un - zulaͤſſig ſeyn wuͤrde; ſo giebt es doch gewiſſe Dinge, mit welchen man keinen Schertz trei - ben muß. Die unſichtbare Kirche verdient, daß man ſie in dieſe Claſſe ſetze. Aber hat denn der Verfaſſer des Briontes mit derſelben ſeinen Schertz getrieben? Jſt es ſein Endzweck, ſich auf Unkoſten der unſichtbaren Kirche luſtig zu machen? Legt er ihr die Eigenſchaften der Geſellſchaft der kleinen Geiſter bey, um ſie zum Schertz kleiner und geringer zu machen? Der Augenſchein giebt, daß er dieſes nicht gethan hat.
Eine verſtellte Verkleinerung groſſer und ehrwuͤrdiger Sachen iſt nicht ſo angenehm, als die Erhebung geringſchaͤtziger und veraͤcht - licher Dinge. Das Bildniß eines Rieſen miteiner221(o)einer kleinen Peruͤcke und mit einem kleinenſchimpf - lich. Degen vergnuͤgt das Geſicht bey weiten nicht ſo ſehr als die poſſierlichen Figuren des Zwer - gen-Cabinets; Und ich wuͤrde nicht gelachet haben, wenn der Verfaſſer des Briontes ſeinen Witz durch eine laͤcherliche Erniedrigung der unſichtbaren Kirche haͤtte zeigen wollen. Allein dieſes iſt ſeine Abſicht im geringſten nicht. Er will nicht die unſichtbare Kirche klein, ſondern die Geſellſchaft der kleinen Geiſter durch eine Vergleichung mit der unſichtbaren Kirche groß machen. Und dieſes thut er auf eine ſo beſcheidene Art, daß die unſichtbare Kirche in ihren Wuͤrden bleibt. Denn diejenigen Eigenſchaften, in Anſehung welcher der Ver - faſſer des Briontes die Geſellſchaft der kleinen Geiſter mit der unſichtbaren Kirche vergleichet, ich meine die Unſichtbarkeit und weitlaͤuftige Ausbreitung, ſind der unſichtbaren Kirche ſo wenig eigen, daß ſie dieſelbe vielmehr, ihrer Ehre unbeſchadet, nicht nur mit der Geſell - ſchaft der kleinen Geiſter, ſondern ſo gar mit den Spitz-Buben und Beutelſchneidern ge - mein hat.
Wie kan man demnach ſagen, die unſicht -Daß der Verfaſſer des Brion - res keine boͤſe Ab - ſicht ge - habt, be - wieſen 1) durch ein Gleichniß. bare Kirche ſey geſchimpfet? Was thut es ihr, daß, auſſer ihr, noch andere unſichtba - re, und in der gantzen Welt ausgebreitete Ge - ſellſchaften ſind? Solte es eine Suͤnde ſeyn, etwas zu ſagen, das ſo unſtreitig iſt als dieſes? Oder ſpottet man der unſichtbaren Kirche, wenn man durch eine, ihrem Anſehen gar nichtnach -222(o)nachtheilige, Vergleichung mit derſelben die groſſe und verborgene Menge der Thoren dem Scheine nach, ich weiß nicht wie hoch, erhebet, in der That aber laͤcherlich macht? Jch ſolte es nicht meinen. Wenn mir die Luſt ankaͤme, zum Lobe der Schwein-Schneider eine Rede zu ſchreiben, und in dieſer Rede meine Helden mit den Koͤnigen zu vergleichen, weil dieſelbe eben ſo wohl als der groͤſſeſte Monarch Naſe und Ohren haben, ſolte dann wohl ein ſo wahn - witziger Tyrann unter den Groſſen dieſer Welt zu finden ſeyn, der ſich durch dieſe Verglei - chung beleidiget achten ſolte? So weit iſt es noch nicht gekommen, und ein unſchuldiger Schertz iſt allemahl erlaubet geweſen.
Man hat Reden, die zum Lobe des Eſels, der Lauß, des Flohes, der Blindheit, des vier - taͤgigen Fiebers u. ſ. w. verfertiget ſind, und was dieſe Reden, beliebt machet, iſt hauptſaͤch - lich dieſes, daß die Urheber derſelben denen Kleinigkeiten, von welchen ſie geſchrieben, Ei - genſchaften groͤſſerer Sachen, auf eine ſo poſ - ſierliche Art, beyzulegen gewuſt haben, daß man nothwendig uͤber ihre Einfaͤlle lachen muß. Wer hat aber jemahlen ſich daran geaͤr - gert, oder dieſe aufgeweckte Koͤpfe in dem Ver - dacht gehabt, als ſuchten ſie diejenigen Dinge, mit welchen ſie ihre Kleinigkeiten verglichen laͤcherlich und veraͤchtlich zu machen?
Jch habe in den Arlequinianis ein Gedicht geleſen, welches zum Lobe der Kraͤtze gemacht, und voller poſſierlichen Vergleichungen iſt. Der223(o)Der Verfaſſer dieſes Gedichts vergleicht eine kraͤtzige Hand mit den Thuilleries, und ſpricht:
Quel plaiſir, quelle joye égaleCelle de viſiter ſa galleLorsque l’ on a quelque loiſir?Deux mains diverſement fleuriesPar cent objets divers viennent plaireà nos yeux.Et ces objets delicieuxValent au moins les Thuilleries.
Er iſt noch nicht zufrieden, daß er die Kraͤtze mit den Thuilleries in Vergleichung gezo - gen hat. Er wagt ſich auch an die Groſſen, und niemand iſt ſo vornehm, dem derjenige, der die Kraͤtze hat, nicht gleich zu ſchaͤtzen ſey.
Un galeux, ſchreibt er, eſt par tout diſtin -gué reſpectéComme un homme de qualite,Par exemple vent-il manger ou boire,Il a toûjours ſon fait à part,Toûjors ſon verre eſt à l’ écart,Aucun ne le prophane, & n’y portela boucheOn n’oſe toucher ce qu’il touche.
Ja endlich ſagt er gar, die Kraͤtze, ſey zu allen Zeiten ein Bild der Weisheit geweſen, ſie mache die Leute klug, und habe eine groſſe Aehnlichkeit mit der Philoſophie.
De plus la galle de tout tempsFut un Simbole de Sageſſe,Un224(o)Un proverbe des vieilles gensDeja tout uſé de vieilleſſe,En prouve fort bien la Nobleſſe;Tout ainſi que trop galler cuit,Tout de même trop parler nuit.Tu connois bien par ce langage,Que la galle reud l’ homme ſageQu’elle inſtruit de bonne facon,Et qu’ avec la philoſophie.Elle a tres grande Simpathie.
S. die Arlequiniana, p. 96. 68. 99.
Man ſiehet, daß die Thuilleries, die Groſ - ſen, ja die Weisheit ſelbſt, alles, was ſie ſchoͤ - nes und ehrwuͤrdiges an ſich haben, hergeben muͤſſen, um eine ſo garſtige und ſcheußliche Sache, als die Kraͤtzeiſt, groß und annehmlich zu machen. Niemand hat aber darum dem Verfaſſer dieſes Gedichtes Schuld gegeben, er verachte die Thuilleries, laͤſtere alle Leute von hohem Stande, und treibe ſein Geſpoͤtte mit der Welt-Weisheit. Und ich moͤchte dem - nach wohl wiſſen, womit es der Verfaſſer des Briontes verdienet hat, daß man mit ihm ſo unbillig verfaͤhret. Mich deucht, wo es unver - nuͤnftig iſt, einen Menſchen, der im Schertz ſa - get: Die Kraͤtze habe viele Aehnlichkeit mit der Philoſophie, in dem Verdacht zu haben, er treibe ſein Geſpoͤtte mit der Welt-Weisheit, ſo iſt es gleichfals thoͤrigt gehandelt, einem an - dern, der im Lachen ſagt: die Geſellſchaft der kleinen Geiſter habe einige Aehnlichkeit mit derun -225(o)unſichtbaren Kirche, eine Verſpottung der Ge - meine der Heiligen beyzumeſſen.
Es thut hierwieder nichts, daß die Welt -Ein Ein - wurf wird beantwor - tet, und be - wieſen, wie unglaub - lich es ſey, daß der Verfaſſer des Brion - tes der un - ſichtbaren Kirche ſpotten wollen. Weisheit bey weiten nicht ſo heilig und ehr - wuͤrdig iſt als die unſichtbare Kirche. Denn wenn ich dieſes gleich zugebe, ſo wird doch uͤberhaupt wahr bleiben, daß es eine Unbillig - keit ſey, einem Menſchen, der etwas kleines, mit dem, was groß iſt, aus Poſſen, vergleichet, Schuld zu geben, ſeine Abſicht gehe dahin, das groſſe zu verkleinern. Hat aber der Verfaſſer des Briontes in Anſehung der unſichtbaren Kirche dieſe boͤſe Abſicht gehabt, ſo will ich ger - ne geſtehen, daß ein naͤrriſches Vorhaben nim - mer naͤrriſcher ausgefuͤhret ſey als dieſes. Er ſagt nicht das geringſte, woraus man mer - cken koͤnne, daß er der unſichtbaren Kirche habe einen Stich geben wollen. Jch weiß aber nicht, ob dieſes von einem Spoͤtter zu vermuthen, der eine ſo beiſſende Schreib-Art hat. Er wuͤrde es gewiß mercklicher gemacht haben; und da dieſes nicht geſchehen, ſo faͤllt die Thorheit, die man ihm beymiſſet, auf ſeine Anklaͤger zu - ruͤcke.
Was mag aber nun dieſe Leute wohl bewo -Urſachen, warum ei - nige dieſes geglaubt, ſamt deren Unzulaͤng - lichkeit, uñ dem Cara - cter ſolcher Leute. gen haben, in Anſehung des Verfaſſers des Briontes die Regeln der Billigkeit und der Vernunft ſo ſehr zu uͤberſchreiten? Meinen ſie etwan, es ſey doch gleichwohl eine Schande, daß er der unſichtbaren Kirche in ſeiner ſchertz - haften Schrift erwehnet? Jch glaube faſt, daß ſie ſolche Gedancken haben. Allein wo -Pmit226(o)mit wollen ſie beweiſen, daß die unſichtbare Kirche ſo heilig und ehrwuͤrdig ſey, daß man mit Furcht und Zittern von ihr reden, und ſo - gar ihren Rahmen nicht anders als auf dem Catheder, der Cantzel, oder hoͤchſtens nur in ei - ner Erweckungs-Rede nennen muͤſſe? Die unſichtbare Kirche iſt von Hertzen demuͤthig, und verlanget nicht, daß man unnoͤthige Com - plimente mit ihr mache, und eine abgeſchmack - te Behutſamkeit gegen ſie gebrauche. Jch glaube alſo nicht, daß ſie das, was der Ver - faſſer des Briontes von ihr geſagt, uͤbel genom - men hat. Sie iſt ſo empfindlich nicht. Sie be - ſtehet aus Gliedern, die alle gerne leiden, wenn ſie jemand ſchilt, wenn ſie jemand ſchlaͤget, ja wenn man ſie gar ſchindet, und ihnen ins An - geſicht ſtreicht: Sie wuͤrde alſo, wenn ſie gleich wuͤrcklich beleidiget waͤre, die ihr angetha - ne Schmach in der Stille verſchmertzen, und desfalls keine Weitlaͤuftigkeit machen, und die Herren, mit denen ich hier zu thun habe, wer - den mir demnach nicht verdencken, wenn ich einigen Zweifel hege, ob die unſichtbare Kir - che ihnen Vollmacht ertheilet habe, ihre Ehre zu retten. Jch kan nicht leugnen, ihr Eyfer koͤmmt mir verdaͤchtig vor, weil ihm die Klugheit feh - let: Und ſie ſelbſt ſcheinen mir etwas hitziger vor der Stirne zu ſeyn, als wahre Glieder der unſichtbaren Kirche es zu ſeyn pflegen. Jch bit - te ſie demnach um Vergebung, daß ich ſie noch zur Zeit nicht vor Glieder der unſichtbaren Kir -che227(o)che halten kan. Jch thaͤte es gern: Aber ih - re Sprache verraͤth ſie, und das wunderbare Urtheil, das ſie von den Abſichten des Ver - faſſers des Briontes faͤllen, giebt zu erkennen, daß ſie wuͤrdige Glieder derjenigen Geſellſchaft ſind, welche dieſer Scribent in der Perſon des Hn. Prof. Philippi, ſo empfindlich betruͤbet hat. Sie verdienen alſo kein Gehoͤr, weil ſie par - theyiſch ſind: und keine Antwort, wenn ſie vor die Ehre der unſichtbaren Kirche eyfern, mit der ſie keine Verwandſchaft haben. Was bekuͤmmern ſie ſich um Dinge, die ſie nicht an - gehen? Culpa eſt immiſcere ſe rei ad ſe non pertinenti. Pomponius L. 36. ff. de diverſ. reg. jur. Sie koͤnnen es als eine Hoͤflichkeit anſehen, daß ich mir ihrentwegen ſo viel Muͤhe gegeben habe, und es ſoll mich dieſe Muͤhe nicht verdrieſſen, wenn ſie nur nicht vergeblich angewendet iſt.
Jch will das Beſte hoffen, und mich wiederAntwort auf die an - dere Be - ſchuldi - gung von Auspluͤn - derung der Schrift. zu derjenigen Art meiner Leſer wenden, denen mein weitlaͤuftiges Geſchwaͤtz nothwendig Verdruß erwecken muß, weil ſie meines Unter - richts nicht beduͤrfen, und die vor ſich klug ge - nug ſind zu begreifen, daß der Verfaſſer des Briontes der unſichtbaren Kirche nicht in ihre Ehre geredet habe. Von dieſen vernuͤnftigen Leuten habe ich nun auch die Hoffnung, daß ſie ſich an die in dem Briontes vorkommende Aus - druͤckung von Auspluͤnderung des Pſalters und der Offenbahrung Johannis um ſo viel weniger ſtoſſen werden.
P 2Der228(o)Der Herr Prof. Philippi hatte ſeine Ge - daͤchtniß-Rede auf die Koͤnigin von Pohlen mit einem Gebet beſchloſſen, und in einer An - merckung erwehnet, daß er dabey auf die Knie niedergefallen waͤre. Er hatte auch allen und je - den dieſe, wider den Wohlſtand lauffende, pha - riſaͤiſche Gauckeley, als ein ſonderbar heiliges Verfahren, zur Nachahmung angeprieſen. Wie aber nun der Hr. Philippi wohl vorher geſehen, daß viele uͤber eine ſo ungewoͤhnliche und unzeitige Andacht lachen wuͤrden, ſo hatte er zum voraus alle diejenigen, die das Hertz ha - ben wuͤrden, ſeine Scheinheiligkeit zu tadeln, oh - ne Umſchweif vor Religions-Spoͤtter erklaͤ - ret, und alſo ſeine begangene Thorheit durch eine Grobheit rechtfertigen wollen, und Feh - ler mit Fehler gehaͤufet.
Es iſt nicht zu verwundern, daß der Ver - faſſer des Briontes ihn davor zu gebuͤhrender Strafe gezogen, und ihm durch den Spoͤtter, den er p. 32. redend einfuͤhret, die Wahrheit fein derbe hat ſagen laſſen. Alles, was dieſer Spoͤtter ſagt, iſt vernuͤnftig; Nur koͤmmt es einigen bedencklich vor, daß er unter andern ſagt: Er koͤnne mit GOtt reden, ohne daß er noͤthig habe den Pſalter und die Offenbah - rung Johannis auszupluͤndern.
Jch begreiffe nicht, was ſie in dieſem Aus - druck anſtoͤſſiges finden. Es iſt wahr, der Verfaſſer des Briontes haͤtte nicht noͤthig ge - habt, ſich deſſelben in ſeiner Sermocination zu bedienen. Sein Zweck war nicht, die in -nerliche229(o)nerliche Beſchafenheit der philippiſchen -ſondern wider die gezwunge - ne Art ſchriftmaͤſ - ſig zu be - ten gerich - tet. Seufzer zu unterſuchen; ſondern nur zu zei - gen, daß der Hr. Prof. Philippi keine Urſache gehabt, diejenigen, ſo uͤber ſeine ungewoͤhnli - che und unzeitige Andacht lachen wuͤrden, vor Religions Spoͤtter zu ſchelten. Da aber der Hr. Prof. Philippi, ſo viel ich mich erinnere, auch bibliſche Redens-Arten in ſeinem Gebet angebracht hat, ſo glaube ich, daß der Verfaſſer des Briontes, dem es vieleicht geſchienen, als habe der Hr. Prof. Philippi die aus der Schrift entlehnte Stellen uͤbel und unfoͤrmlich zuſam - men gehaͤnget, dadurch bewogen worden, dar - uͤber zu ſpotten. Jch bekuͤmmere mich wenig, ob der Hr. Prof. Philippi wuͤrcklich die bibli - ſchen Spruͤche ungeſchickt zuſammen geſetzet hat. Es mag der Verfaſſer des Briontes ſich dieſes ohne Urſache eingebildet haben. Jch ge - be ſie daruͤber zuſammen, und ſage nur ſo viel, daß es unbillig ſey, den Verfaſſer des Briontes darum einer ſchlechten Ehrerbietung gegen die H. Schrift zu beſchuldigen, weil er das Ver - fahren ſolcher Leute, die ſich einbilden, ſie muͤ - ſten ihre Gebeter aus allerhand zuſammen ge - ſtoppelten bibliſchen Spruͤchen auf eine wun - derliche Art zuſammen flicken, eine Auspluͤn - derung der Schrift nennet. Denn da dieſer Ausdruck nur die That ſolcher Perſonen als thoͤrigt vorſtellen ſoll, ſo tritt der Verfaſſer des Briontes dadurch der Schrift, welche ſich nur leidend dabey verhaͤlt, im geringſten nicht zu - nahe.
P 3Solte230(o)Solte es nun aber eine ſo groſſe Suͤnde ſeyn, daß der Verfaſſer des Briontes von Leuten et - was hoͤniſch redet, die ſo uͤbel in ihrem Chri - ſtenthum unterrichtet ſind, daß ſie glauben, ſie muͤſten nothwendig die Sprache Canaans mit GOtt reden, und ihr Gebet werde nicht erhoͤ - ret, wo ſie nicht ihres Hertzens Anliegen mit ſolchen Worten vortruͤgen, deren ſich ehedeſ - ſen der Koͤnig David auch bedienet? Jch glaube es nicht: Denn eine ſolche Einbildung ſetzt einen nicht geringen Aberglauben voraus, und aller Aberglaube iſt laͤcherlich. Jch weiß wohl, unſere GOttes-Gelehrten rathen, man ſolle, ſo viel moͤglich mit Worten der Schrift reden, wenn man betet. Allein dieſer Rath, wie gut und vernuͤnftig er auch an ſich ſeyn mag, iſt doch kein Geſetze. Er verbindet niemand, ſo lange unſere GOttes-Gelehrte den Worten der Schrift noch keine magiſche Kraft beyle - gen; und ich wuͤſte nicht eine Lehre unſerer Kir - che, aus welcher die Nothwendigkeit einer ſo gezwungenen Art zu beten flieſſen ſollte.
Der Verfaſſer des Briontes iſt demnach weder ein Luͤgner, noch ein Ketzer wenn er ſpricht: daß er mit GOtt reden koͤnne ohne daß er noͤhtig habe, den Pſalter und die Of - fenbahrung Johannis auszupluͤndern. Er redet auch nicht uͤberhaupt von denen veraͤcht - lich, die mit Worten der Schrift beten. Jch ſehe nicht warum man ihn in dem Verdacht haben will, als wenn er allen Gebrauch bibli - ſcher Redens-Arten vor unerlaubt und thoͤrigtausge -231(o)ausgeben wolle. Eben der Ausdruck von Auspluͤnderung des Pſalters und der Ofen - bahrung Johannis zeiget, daß er nur wieder eine gezwungene und aberglaͤubige Zuſam - menraſpelung Bibliſcher Spruͤche, und deren unfoͤrmliche und abgeſchmackte Verbindung in einem Gebete rede. Wer kan ihm verden - cken, daß er eine ſo laͤcherliche Bemuͤhung, ſchriftmaͤſſig zu beten, vor den nechſten Weg zu demjenigen Geplapper anſiehet, vor wel - chem Chriſtus ſeine Juͤnger warnet? Mich deucht, man kan von einem auf ſolche Art eingerichtetem Gebete eben das ſagen was Au - ſonius in der Vorrede zu ſeinem Centone nuptiali p. m. 174. von ſolchen Centonibus uͤberhaupt ſagt: “Peritorum concinnatio miraculum: imperitorum junctura ridi - „ culum. „
Jch wende mich zu der dritten Beſchuldi -Antwort auf die dritte Be - ſchuldi - gung, daß der Verfaſ - ſer des Bri - ontes von Pauli Ent - zuͤckung veraͤchtlich geredet. gung. Dieſe beſtehet darinn, daß der Verfaſ - ſer des Briontes von der Entzuͤckung Pauli veraͤchtlich geredet hat. Laſſt uns ſehen, ob dieſe Anklage beſſern Grund habe, als die beyden vo - rigen.
Es ſcheinet, man habe den Verfaſſer des Briontes hier auf friſcher That ertappet. Er ſpricht ausdruͤcklich: Paulus ſey ſo klug wieder gekommen als er hingegangen. Dieſes klingt veraͤchtlich, und iſt allemahl ein Vorwurf, den ungeſchickte Bothen hoͤren muͤſſen. Allein es hat nichts zu bedeuten, und dient die - ſe Beſchuldigung weiter zu nichts als dieP 4Billig -232(o)Billigkeit meiner Forderung zu beweiſen, da ich gleich anfangs ſolche Leſer verlangte, die faͤ - hig waͤren, den verborgenen Sinn einer Jronie zu erreichen. Haͤtten diejenigen, welche in dem, das der Verfaſſer des Briontes von Paulo ſagt, ich weiß nicht was vor Greuel finden wol - len, dieſe Faͤhigkeit beſeſſen, ſo wuͤrden ſie nim - mer ein ſo unbilliges Urtheil gefaͤllet haben. Jch muß ihnen alſo das Verſtaͤndniß oͤfnen.
Sie werden ſich zu erinnern belieben, daß der Verfaſſer des Briontes, ehe er ſich an dem Apoſtel Paulus ſo unverantwortlich vergreift, von derjenigen Stelle der ſechs Philip - piſchen Reden handelt, woſelbſt der Herr Prof. Philippi ſagt: “Die unterirrdigen „ Grotten waͤren durch die Ankunft einer „ preißwuͤrdigſten Goͤttin, (ein Titel, welchen „ er den Koͤnigin von Pohlen giebt), begluͤck - „ ſeeliget worden.” Um dieſe wunderliche Aus - druͤckungen laͤcherlich zu machen, ſpricht er: “Es ſcheine, der Herr Philippi glaube, daß „ ein Redner, wie ein Staats-Mann, ohne „ Weib, Schaam und Religion ſeyn muͤſſe. Weil es nun ſein Endzweck iſt, alle Thorheiten des Hn. Prof. Philippi zu loben, ſo faͤhrt er fort, und ſagt: “Dieſes ſey eine vortheilhaf - „ te Einbildung; denn der Hr. Prof. Philip - „ pi komme dadurch zur Erkaͤnntniß ſolchet „ Geheimniſſe, die auch denen Heiligſten ver - „ borgen geblieben. Er beweiſet dieſes mit ei - ner Stelle aus der Lob-Rede, die der Hr. Prof. Philippi auf dem Koͤnig von Pohlen gehaltenhat,233(o)hat, und in welcher er ſagt: “Er habe durch das Anſchauen dieſes groſſen Printzen ein Bild „ bekommen, wie die Auserwehlten im ewigen „ Leben durch das Anſchauen GOttes am „ hoͤchſten werden begluͤckſeeliget werden.” Man kan nicht leugnen, daß dieſes eine abge - ſchmackte Schmeicheley. Der Verfaſſer des Briontes durfte aber nicht gerade zu ſagen, daß der Hr. Prof. Phlippi geſchwaͤrmet habe. Dieſes waͤre ſeinem Caracter nicht gemaͤß ge - weſen. Er lobt alſo den Hn. Prof. Philippi auch in dieſem Stuͤck. Er preiſet ihn gluͤckſeelig: Aber auf eine ſo haͤmiſche Art, daß die ſchoͤnen Sa - chen, die er dem Hn. Philippi ſagt, dieſem ungluͤckſeeligen Redner hoch genug zu ſte - hen kommen. Seine wahre Abſicht iſt, durch ein verſtelltes Lob die Thorheit, die er dem Hn. Philippi beymiſſet, ſo hoch zu treiben, daß ſie handgreiflich, und dem Hn. Philippi ſelbſt ſcheußlich werden moͤge. Zu dem Ende nen - net er es eine gemeine Rede, wenn Paulus ſagt, es habe kein Auge geſehen, kein Ohr gehoͤ - ret, und ſey in keines Menſchen Hertz kommen was GOtt bereitet hat, denen die ihn lieben. Er geht noch weiter, und verachtet dieſen groſ - ſen Apoſtel gegen den Hn. Philippi. “Pau - lus, ſpricht er, ſey biß in den dritten Himmel „ entzuͤckt worden, aber er ſey ſo klug wieder ge - „ kommen, als er hingegangen. Wenn dem „ Hn. Philippi dieſes Gluͤck begegnen ſolte, „ wuͤrde er uns weit ſchoͤnere Sachen erzehlen; „ weil er aus dem bloſſen Anſchauen ſeines „P 5Landes234(o)„ Landes-Vaters mehr gelernet, als Paulus „ im Paradiß. Er faͤhrt fort, und ſagt: „ Man ſolte aus den Worten des Hn. Phi - „ lippi faſt ſchlieſſen, daß Paulus nur immer „ zu Hauſe bleiben, und ſeine weite Reiſe ſpa - „ ren koͤnnen.
Jn dieſer Stelle ſoll nun das Verbrechen ſtecken, deſſen man ihn beſchuldiget. Jch muͤſte aber einen uͤbeln Begrif von dem Ver - ſtande meiner Leſer haben, wenn ich nicht glaubte, ſie wuͤrden, ohne mein Erinnern, ſe - hen, daß alles, was der Verfaſſer des Brion - tes von Paulus ſagt, nichts, als eine unge - reimte Folge ſey, die er aus den Worten des Hn. Prof. Philippi ziehet. Dieſe Verkleine - rung der Entzuͤckung Pauli, und der Vor - zug, den der Verfaſſer des Briontes ſeinem Helden vor dieſem Apoſtel giebt, gereicht eben dem Hn. Prof. Philippi zur groͤßſten Schan - de, und ſoll ihn als einen Menſchen vorſtellen, der Zeug ſchwatzet, aus welchem man ſchlieſſen ſolte, er halte ſich hoͤher, als den Apoſtel Pau - lus. Denn der Verfaſſer des Briontes ſchlieſſet ſo: Jſt es wahr, daß der Hr. Prof. Philippi, wie er ſagt, durch das Anſchauen des Koͤniges von Pohlen ein Bild bekommen, wie die Auserwehlten im ewigen Leben durch das Anſchauen GOttes am hoͤchſten werden begluͤckſeeliget werden, ſo folgt, daß es falſch, was Paulus von der Unmoͤglichkeit einer ſol - chen Erkaͤnntniß in dieſem Leben ſagt. Es folget, daß der Hr. Prof. Philippi durch dasAnſchauen235(o)Anſchauen ſeines Koͤniges kluͤger geworden, als Paulus durch ſeine Entzuͤckung. Denn Paulus, nachdem er wieder zu ſich ſelbſt ge - kommen, kunnte ſich ſo groſſer Einſichten nicht ruͤhmen, als der Herr Prof. Philippi durch das Anſchauen ſeines Koͤniges bekom - men zu haben vorgiebt. Er geſtehet aufrich - tig, er habe nicht gewuſt, wie ihm geſchehen, und unausſprechliche Worte gehoͤret. Es folget alſo weiter, daß, wo es moͤglich hier auf dieſer Welt zu einem Begrif der Freude jenes Lebens zu gelangen, die Entzuͤckung Pauli| un - nuͤtz und vergeblich geweſen iſt.
Dieſes iſt die Meinung des Verfaſſers desSein Aus - druck in Anſehung der Entzuͤ - ckung Pau - li iſt ſeinem Caracter gemaͤß, und iro - niſch. Briontes, die einem jeden, nothwendig in die Augen fallen muß, der ſeine Schrift mit Bedacht lieſet. Jch vor meine Perſon finde dar - inn nichts aͤrgerliches, und traue meinen Leſern nicht zu, das ſie durch die eintzige Ausdruͤckung: Paulus ſey ſo klug wieder gekommen, als er hingegangen, ſich bewegen laſſen werden, an - ders zu urtheilen. Jch bekenne, es iſt dieſes eine veraͤchtliche Umſchreibung der unaus - ſprechlichen Worte, wovon Paulus re - det: Allein mich deucht auch, daß ein ſo ver - aͤchtlicher Ausdruck in dem Munde des Ver - faſſers des Briontes ungemein wohl ſtehet, weil die Abſicht deſſelben war, den Apoſtel Pau - lus und deſſen Erkaͤnntniß von dem Zuſtande jener Welt gegen den Hn. Prof. Philippi, und ſeine Erleuchtung gering zu machen. Wenn er noch veraͤchtlicher geredet haͤtte, waͤre esnicht236(o)nicht unrecht geweſen, und niemand, der weiß, was eine Jronie iſt, wuͤrde ſich daran geaͤrgert haben. Man ſiehet leicht, daß der Verfaſſer des Briontes nicht uͤber die Entzuͤ - ckung Pauli ſpottet. Es iſt ſein Vorſatz nicht, dieſen groſſen Apoſtel recht im Ernſt zu verklei - nern. Was er veraͤchtliches von ihm ſagt, iſt, ſeiner Meinung nach, eine Folge des wunder - baren Einfalls, den der Hr. Prof. Philippi uͤber das Anſchauen ſeines Koͤniges gehabt hat, und man muß demnach, wo man billig ver - fahren will, alles, was man in ſeinen Anmer - ckungen aͤrgerliches, greuliches und gottloſes findet, auf des Hn. Philippi Rechnung ſetzen. Dieſer auſſerordentliche Redner muß, wo er nicht eine Thorheit begangen haben will, be - haupten, er habe durch das Anſchauen ſeines Koͤniges mehr gelernet, als Paulus im Para - diß: Paulus ſey ſo klug wieder gekommen als er hingegangen, und er habe alſo nur immer zu Hauſe bleiben koͤnnen. Dieſes meint der Ver - faſſer des Briontes, folge aus derjenigen Stel - le der Philippiſchen Lob-Rede auf den Koͤnig in Pohlen, welche er laͤcherlich machen will. Weil er aber nicht gerade heraus ſagt, daß die - ſes ſeine Meinung iſt, ſo hat er das Ungluͤck, daß die Einfaͤltigen ihn des Verbrechens beſchul - digen, welches er dem Hn. Philippi aufbuͤrden will.
Es wird ihm dieſe Beſchuldigung bey klu - gen Leuten wenig ſchaden, und dahero goͤnne ich es ihm recht gern, daß er ſo angelaufen iſt. Er237(o)Er hat es an dem Hn. Prof. Philippi wohlHerrn Prof. Phi - lippi unrecht. verdienet. Denn er thut ihm unrecht. Es hat, ſo viel mir wiſſend, dieſes noch niemand angemercket; Weil der Einfall des Verfaſſers des Briontes was Blendendes an ſich, und der Hr. Prof. Philippi das Ungluͤck hat, daß man gern das aͤrgſte vom ihm glaubt. Aber ich bin unpartheyiſch, und laſſe einem jeden Recht wiederfahren. Jch habe den Verfaſ - ſer des Briontes vertheidiget, und muß alſo auch ein Wort vor den Hn. Prof. Philippi reden. Der Herr Verfaſſer des Briontes wird mir dieſes nicht uͤbel nehmen. Da er ſich berechtiget haͤlt, andern Leuten ihre Fehler auf die empfindlichſte Art zu zeigen, ſo muß mir dieſes in Anſehung ſeiner auch erlaubt ſeyn.
Jch habe demnach die Ehre, ihm mit allerHr. Prof. Philippi wird ver - theidiget. Beſcheidenheit zu ſagen, daß er die Worte des Hn. Prof. Philippi, uͤber welche er hier ſpot - tet, nicht recht angeſehen, und folglich ſeine Einfaͤlle, die er daruͤber hat, wie ſinnreich ſie ihm und andern auch ſcheinen moͤgen, keinen Grund haben. Er bildet ſich ein, der Herr Prof. Philippi ruͤhme ſich, daß er durch das Anſchauen des Koͤniges von Pohlen einen deutlichen Begrif von der Freude der Seeligen in jener Welt bekommen habe: Und dieſe Ein - bildung hat ihn verfuͤhret, den Hn. Prof. Phi - lippi als einen Menſchen abzubilden, der ſich hoͤher und kluger halte, als den Apoſtel Pau - lus. Allein der Hr. Prof. Philippi iſt wahr - lich in dieſem Fall unſchuldig. Er ſagt nicht,daß238(o)daß er durch das Anſchauen des Koͤniges von Pholen einen deutlichen und vollſtaͤndigen Be - grif von der Freude jenes Lebens bekommen; ſondern er ſpricht nur, daß er dadurch ein Bild bekommen, wie die Auserwehlten im ewigen Leben durch das Anſchauen GOttes am hoͤch - ſten werden begluͤckſeeliget werden. Was findet der Hr. Verfaſſer des Briontes daran zu tadeln? Jſt es nicht ofenbahr, daß der Hr. Prof. Philippi nichts mehr thut, als daß er von dem kleinern aufs groͤſſere ſchlieſſet? Da mir, will er gleichſam ſagen, der bloſſe Anblick ei - nes Koͤniges, der nur ein ſterblicher Menſch iſt, ein ſo groſſes Vergnuͤgen gegeben, wie groß und unausſprechlich muß denn nicht die Freude der Auserwehlten im ewigen Leben ſeyn, die das Gluͤck haben, GOtt ſelbſt von Angeſicht zu Angeſicht zu ſchauen?
Was iſt an dieſem Schluſſe auszuſetzen? Er iſt ſo gruͤndlich, als erbaulich. Mich deucht daher, der Hr. Verfaſſer des Briontes habe ſich zur Unzeit daruͤber luſtig gemacht, und er haͤtte fuͤglich alles, was er davon geſagt, bey ſich behalten koͤnnen. Die Entzuͤckung Pauli ſchickte ſich hieher nicht. Jch wundere mich, daß der Hr. Verfaſſer des Briontes dieſes nicht eingeſehen hat. Leute ſeiner Art ſolten billig be - hutſamer ſeyn, und ſich nicht durch eine gar zu groſſe Begierde zu ſpotten verleiten laſſen, Din - ge vorzubringen, die den Stich nicht halten. Jch wolte es ihm nicht verdencken weñ ihn die Noth gezwungen haͤtte, auf ſo ungegruͤndete Spoͤtte -reyen239(o)reyen zu verfallen: Allein ſo konnte es ihm nim - mer an Materie zu ſpotten gebrechen; weil er es mit einem Manne zu thun hatte, uͤber welchen auch ſeine aͤrgſten Feinde nicht klagen koͤnnen, daß er ihnen nicht genugſame Bloͤſſe gebe. Er kan alſo den Fehler, welchen er hier begangen, mit nichts entſchuldigen, und ich befuͤrchte nicht, daß er meine, desfalls gethane, Erinne - rung uͤbel deuten werde. Jch habe vielmehr das Vertrauen, er werde, nach ſeiner Scharf - ſinnigkeit, das Urtheil, welches ich uͤber ſeine Spoͤtterey faͤlle, ſo gegruͤndet, und billig finden, als dasjenige, das andere von ſeinen Abſichten gefaͤllet haben, ungegruͤndet und unbillig iſt.
Jch bilde mir ein, dieſes letzte auf eine un - wiedertreibliche Art dargethan zu haben, und hoffe demnach, daß diejenigen, ſo aus Einfalt oder Boßheit den Verfaſſer des Briontes vor einen Religions-Spoͤtter ausſchreyen, ſich ſchaͤmen, und andere, die den Klagen der Einfaͤltigen, und dem unvernuͤnftigen Ge - ſchrey der Thoren ohne Unterſuchung Gehoͤr geben, hinfort behutſamer ſeyn werden.
Nachdem ich nun deutlich erwieſen, daßOb der Briontes aus an - dern Urſa - chen ſtraf - bar? die Satyre Briontes der juͤngere nicht mit entſetzlichen Religions-Spoͤttereyen angefuͤl - let iſt, ſo gehe ich weiter und unterſuche, ob denn dieſe Schrift aus einem andern Grunde ſtraf - bar ſey.
Wenn eine Schrift nichts in ſich faſſet, ſoWas eine Schrift ſtrafbar mache? und wieder die Religion laͤuft, ſo kan ſie nicht an - ders ſtrafbar und unzulaͤſſig ſeyn, als wenn ſieentweder240(o)daß der Briontes nicht eh - tenruͤhrig.entweder aufruͤhriſch oder auch den guten Sitten, und dem guten Leumund und ehr - lichem Nahmen eines Menſchen nachtheilig iſt. Daß der Briontes nicht mit Religions - Spoͤttereyen angefuͤllet ſey, habe ich, deucht mich, klaͤrlich dargethan: daß er der Ruhe des Staats, und den guten Sitten zuwieder ſey, wird vermuthlich niemand, ja der Hr. Prof. Philippi ſelbſt nicht ſagen. Es iſt alſo nichts mehr uͤbrig, warum dieſe Satyre ſtrafbar ſeyn koͤnne, als weil der Hr. Prof. Philippi darinn auf eine ehrenruͤhrige und paßquillanti - ſche Art angegriffen iſt. Nach den Titeln der ſieben neuen Verſuche zu urtheilen, mit welchen der Hr. Prof. Philippi der gelehrten Welt drohet, ſo ſtehet der Hr. Prof. wuͤrcklich in dem Wahn und es giebt uͤberdem ſo einfaͤlti - ge Leute, die ſich einbilden, eine jede Spoͤtterey, ein jeder luſtiger Einfall, ſey eine ſtrafbare Mif - ſethat, und die dahero gantz wunderlich von dem Briontes urtheilen. Jch werde alſo nicht uͤbel thun, wenn ich ſo wohl dem Hn. Prof. Philippi ſeinen Wahn benehme, als auch die andern Unwiſſenden, Einfaͤltigen, Bloͤden und Schwachen unterrichte, und ſie auf den rechten Weg bringe.
Es wird zu dem Ende noͤthig ſeyn, daß ich ihnen einen rechten Begrif von der Ehre gebe, und unterſuche, wie weit die Obrigkeit vor die Ehre ihrer Unterthanen zu ſorgen, und dieſel - be zu beſchuͤtzen verbunden iſt. Die boͤſen Scribenten haben von dieſen Dingen gantzeigene241(o)eigene Gedancken, und ihre Menge giebt ihnen Gelegenheit, dieſelbe weit auszubreiten, und viele, die nicht wohl auf ihrer Hut ſind, damit anzuſtecken.
Jch verſtehe durch die boͤſen ScribentenWas ei - gentlich boͤſe Scri - benten ſind? nicht alle Leute, in deren Schriften Jrrthuͤmer und Thorheiten enthalten. Wenn ich es ſo genau nehmen wolte, ſo wuͤrde man gar keine gute Scribenten haben. Alle Menſchen koͤnnen irren, und irren auch wuͤrcklich. Viele an ſich kluge und verſtaͤndige Maͤnner werden durch die Erziehung, und andere Umſtaͤnde, die nicht in ihrer Gewalt ſind, verleitet und gleichſam ge - noͤhtiget, allgemeine Thorheiten, die den Schein der Weisheit haben, in ihren Schriſten zu ver - theidigen. Sie koͤnnen dieſes aus guter Mei - nung, und aufrichrig thun: Aber man kan ſie nicht unter die boͤſen Scribenten rechnen, ſo lange ſie nur bloß ihren beſten Fleiß anwenden, allgemeine Thorheiten, als heilſame Lehren vor - zuſtellen. Denn ſie koͤnnen dem ungeachtet, Proben von ihrem guten Verſtande geben, und wenn ſie dieſes thun, ſo iſt es nicht ihre Schuld, daß ſie nichts kluͤgers vorbringen, ſondern ein Fehler der Materie, von welcher ſie ſchreiben.
Jch verſtehe auch durch die boͤſen Scriben - ten nicht alle diejenigen, denen es an Ordnung, Deutlichkeit und einer zierlichen Schreib-Art mangelt. Denn ſolche Leute koͤnnen die Maͤn - gel, ſo man in ihrem Vortrage und an ihrer Schreib-Art wahrnimmt, durch die herrlichen und vortreflichen Sachen, die ſie vorbringen,Qoft242(o)oft doppelt erſetzen. Sondern boͤſe Scriben - ten ſind, nach meinem Begrife, diejenigen, welche allerhand abgeſchmackte Grillen, und laͤppiſche Einfaͤlle, die ihnen eigen ſind, und de - ren Thorheit alle Leute, die nur ihre fuͤnf Sin - ne haben, begreifen koͤnnen, in einer albernen und ſcheußlichen Schreib-Art ſo verworren und undeutlich vortragen, daß man mit Haͤn - den greifen kan, daß ſie nicht wohl unter dem Hut verwahret ſind, und daß ſie ſelbſt nicht wiſſen, was ſie haben wollen.
Dieſe Ungluͤckſeelige werden allemahl bey ihrer tieffen Unwiſſenheit, oder doch nur ſehr magern und unordentlichen Wiſſenſchaft, von einer laͤcherlichen Ehrgierde geplaget: und die - ſe Verbindung ſo koͤſtlicher Eigenſchaften ſetzt allezeit eine ſo elende Miſchung der Afecten voraus, welche alle diejenigen, die das Ungluͤck haben, ſo gebohren zu werden, gemeiniglich auslachenswuͤrdig und veraͤchtlich macht. Solche Leute ſind, ordentlicher Weiſe zu allen Geſchaͤften im buͤrgerlichen Leben untuͤchtig, weil es ihnen an Witz und Muth gebricht, und, da ihre Aufuͤhrung laͤcherlich iſt, ſo ſind ſie ein Spott aller, mit denen ſie umgehen. Dieſes daͤmpft ihren Hochmuth nicht, und iſt lange nicht hinlaͤnglich, die Einbildung, im geringſten zu mindern, die ſie von ihrem Verſtande, und von ihrer Weisheit haben. Sie ſeufzen uͤber die blinde Welt, und raͤchen die Schmach, die ſie von derſelben leiden, an dem unſchuldigen Pa - pier. Sie ſperren ſich ein, und ſchreiben Buͤcher,in243(o)in der Hofnung durch dieſen Weg zu demjeni - gen Grad der Ehren und des Anſehens zu gelan - gen, welchen ſie durch Verrichtungen, die dem gemeinen Weſen nuͤtzlich, und durch eine kluge Aufuͤhrung, die ſie im gemeinen Umgange be - liebt und angenehm machen koͤnnte, ſich nicht zu erreichen getrauen. Sie thun wohl daran. Denn gedruckte Thorheiten haben ein beſſeres Anſehen, als diejenigen, welche muͤndlich vorgetragen werden, und die Fehler einer Schrift fallen nicht ſo ſehr in die Augen, als die Laͤcherlichkeit einer That, uͤber welche auch die Ungelehrten urtheilen. Die boͤſen Scri - benten nehmen das Weſen groſſer Schreiber an ſich, und blenden dadurch die Einfaͤltigen. Der groͤſſeſte Haufe ſtehet in dem Wahn, wer ein Buch geſchrieben hat, der muͤſſe gelehrt und folglich klug ſeyn, und richtet ſeine Urtheile darnach ein.
Und es mangelt alſo den boͤſen Scriben -Boͤſe Scri - benten ſind empfind - lich, und ruffen die Obrigkeit um Huͤlfe an, wenn ſie geſtrie - gelt wer - den. ten niemahls an Bewunderern. Dieſe Be - wunderung der Thoren uͤberſchuͤttet ſie mit un - ausſprechlicher Freude, weil ſie ſich einbilden, ſie wuͤrden dadurch auf den hoͤchſten Gipfel der Ehren geſetzet.
Wie muß es ſie demnach nicht ſchmertzen, wenn ein unbeſcheidener und unbarmhertziger Spoͤtter die Dreiſtigkeit hat, ihnen die LarveQ 2abzu -244(o)abzuziehen, und einen Spiegel vorzuhalten, welcher ihnen ihre ſcheußliche Geſtalt aufrich - tig vorſtellet? Sie ſind in ſolchem Unfall un - troͤſtbar, und gerathen in die groͤſſeſte Wuth. Der Spiegel wird zur Erden geſchmiſſen, mit Fuͤſſen getreten, und muß es entgelten, daß ſie nicht beſſer gebildet ſind. Sie indeſſen duͤncken ſich doch ſchoͤn, und heiſſen denjenigen, der ih - nen durch einen Liebes-Dienſt, den ſie nimmer genug erkennen koͤnnen, zu der Erkaͤnntniß ih - rer ſelbſt Anleitung geben wollen, einen Pas - quillanten und einen Ehren-Dieb. Sie thun klaͤglich, und ſtimmen ein jaͤmmerliches: Porro Quirites! an. Denn Ehre verlohren, alles verlohren. Sie ſuchen Himmel und Erde ge - gen ihren Feind zu bewegen, und geberden ſich nicht viel kluͤger, als jener Gecke in der Fabel, der von einem Floh gebiſſen wurde. S. Les Fables de M. de la Fontaine Liv. II. Fab. 5. Denn wie dieſer es dem Hercules verwieß, daß er die Welt auch nicht von dem ihn plagen - den Ungeheuer befreyet haͤtte, und vom Jupiter verlangte, ſeinen Peiniger mit Donner und Blitz zu vertilgen, ſo rufen ſie die Obrigkeit um Schutz an, und nehmen es uͤbel, wenn dieſe ih - rem Jammer ohne Erbarmung zuſiehet, und dem Frevel ihrer Verfolger nicht ſteuret.
Allein ſie muͤſſen wiſſen, daß ihr Geſchrey unvernuͤnftig, und ihre Forderung unbillig iſt. Die Obrigkeit iſt ſchuldig in allen Stuͤcken vor das wahre Beſte ihrer Unterthanen zu ſorgen: Aber, ſie koͤmmt, wo ſie klug iſt, den thoͤrig -ten245(o)ten Begierden derſelben nicht zu Huͤlffe. Sie ſorget wohl vor die Geſundheit ihrer Unter - thanen, aber ſie iſt nicht ſchuldig, ihnen gute Schmincke zu verſchafen. Sie beſſert die Wege aus, zum Beſten der Reiſenden; aber nimmer erſtreckt ſich ihre Vorſorge ſo weit, daß ſie ſich bemuͤhen ſolte, die Luft-Schife zur Vol - kommenheit zu bringen, um gewiſſen Gecken den Weg nach dem Mond zu bahnen.
Die boͤſen Scribenten ſind demnach gar nicht berechtiget, von der Obrigkeit zu verlan - gen, daß ſie ſich in ihre Haͤndel miſchen, und ſie bey derjenigen Ehre ſchuͤtzen ſolle, welche ſie durch ihre laͤcherliche Schriften ſich erlanget zu haben einbilden.
Es iſt wahr, die Obrigkeit muß nicht zuge - ben, daß auch der geringſte ihrer Unterthanen an ſeinem ehrlichen Nahmen, und guten Leu - mund angegrifen werde: Aber ſie iſt nicht ver - pflichtet, den thoͤrigten Hochmuth ihrer Buͤr - ger zu naͤhren.
Die Ehre beſtehet uͤberhaupt in der gutenWas die Ehre ſey? und ihre Grade. Meinung, die andere von uns, und unſerm Thun und Laſſen haben. Jhr wird entgegen geſetzet die Schande, welche alſo nichts anders iſt, als die boͤſe Meinung, die man von uns und unſern Thaten heget. Unſere guten und boͤ - ſen Thaten ſind nicht alle gleich gut und gleich boͤſe: Folglich hat auch die Ehre, die uns dar - aus erwaͤchſet, ihre gewiſſe Grade. Wer auf der unterſten Stuffe der Weisheit ſtehen blei - bet, und ſich begnuͤget, die Regeln der Gerech -Q 3tig -246(o)tigkeit zu beobachten, von dem ſagt man, daß er nicht grund boͤſe iſt. Dieſes Urtheil wuͤrcket nur den unterſten Grad der Ehre, der in nichts, als einem Mangel der Schande beſtehet, und eigentlich der ehrliche Nahme genennet werden kan. Wer aber weiter gehet, und nicht nur die Regeln der Gerechtigkeit beob - achtet, und ſich vor Thaten huͤtet, die aͤuſſerſt boͤſe ſind, ſondern noch daruͤber auch die Re - geln des Wohlſtandes und der innerlichen Tu - gend nicht uͤberſchreitet, und durch tugend - hafte, und loͤbliche Verrichtungen andern ei - nen vortheilhaften Begrif von ſich beybrin - get, der erlanget dasjenige Lob, welches die eigentliche Ehre ausmachet.
Den ehrlichen Nahmen verliehrt man durch aͤuſſerſt boͤſe, und wieder die Gerechtigkeit lauf - fende Thaten, mit einem Worte, durch ſtraf - bare Verbrechen. Dasjenige Lob hergegen worinn die eigentliche Ehre beſtehet, wird durch Laſter, die nicht beſtrafet werden, und durch allerhand menſchliche Fehler und Schwach - heiten verſchertzet. Wer demnach einen an - dern ſtrafbarer Verbrechen beſchuldiget, oder ihm ſolche Titel beyleget, die uͤberhaupt einen grundboͤſen und unehrlichen Menſchen aus - druͤcken, der greift deſſen ehrlichen Nahmen an.
Die Frage iſt: Ob dieſes erlaubt ſey? Man muß darauf mit Unterſcheid antworten. Da dem gemeinen Weſen daran gelegen, daß das Boͤſe nicht ungeſtraft bleibe, ſo iſt es nicht ver - boten, einen, der ein Verbrechen begangenhat,247(o)hat, als einen Miſſethaͤter anzuklagen. Werwas ein Pasqvil - lant ſey? den ehrlichen Nahmen ſeines Naͤchſten auf die - ſe Art angreifet, der thut nichts boͤſes, weil der Angeklagte ſich verantworten kan, und alſo nicht durch die Anklage, ſondern durch ſeine be - gangene Miſſethat, und das daruͤber gefaͤllte Urtheil des Richters, ſeinen ehrlichen Nahmen verliehret, und der Anklaͤger, wo er ſeine Be - ſchuldigung nicht hinlaͤnglich beweiſet, Ge - fahr laͤuft, als ein Calumniant geſtraft zu werden. Wenn aber einer ſich geluͤſten laͤſſet, ſeinen Mit-Buͤrger auſſer Gericht, es ſey muͤndlich oder ſchriftlich ſolcher Verbrechen zu beſchuldigen, auf welche die Strafe der Obrig - keit, und der Verluſt des ehrlichen Nahmens nothwendig folgen muß, der begeht eine ſtraf - bare That. Denn unſer ehrlicher Nahme flieſſet aus der Beobachtung der Regeln der Gerechtigkeit, und aus derjenigen Enthaltung von aͤuſſerſt-boͤſen Thaten, wozu uns die Ge - ſetze der Obrigkeit verbinden. Ob wir dieſe Geſetze gehalten haben oder nicht, das iſt eine Frage, welche niemand, als die Obrigkeit ent - ſcheiden kan. Folglich koͤmmt unſer ehrlicher Nahme hauptſaͤchlich auf diejenige gute Mei - nung, welche die Obrigkeit von uns hat, und auf das Urtheil an, das ſie von unſern Thaten, ſo ferne dieſelbe den Geſetzen unterworfen ſind, faͤl - let. Wenn nun einer dieſes Urtheil der Obrigkeit nicht erwartet, ſondern uns eigenmaͤchtig, auf eine tuͤckiſche Weiſe, vor Uebertreter der Geſetze erklaͤret, und unehrlich machen will, ſo greiftQ 4er248(o)er der Obrigkeit ins Amt. Denn da es al - lein der Obrigkeit zuſtehet die Verbrechen zu beſtrafen, und diejenigen, welche ſie begangen, mit Schande zu belegen, ſo koͤmmt ihr auch einſeitig die Macht zu, zu urtheilen, ob dieſer oder jener die auf die Miſſethaten geſetzte Stra - fe und Schande verdiene. Derjenige, der ſich dieſer Macht ungebuͤhrlich anmaſſet, beleidi - get demnach ſeine Obrigkeit ſo wohl, als ſei - nen Naͤchſten. Jene, weil er ihr Eingrif thut: Dieſen, weil er demſelben an Ehre, Gut, ja oft an Leib und Leben zu ſchaden ſuchet. Die - ſes iſt nun eine Bosheit, die in den Geſetzen verboten iſt, und wer ſie in Schriften begehet, der iſt ein Pasqvillant, und der ſchaͤrfſten Stra - fe wuͤrdig.
Aus dem, was ich geſagt habe, erſieht man nun, was ein Pasquillant ſey, und daß die O - brigkeit vor den ehrlichen Nahmen ihrer Unter - thanen ſorge. Weiter bekuͤmmert ſie ſich um die Ehre derſelben nicht. Dasjenige, was man eigentlich Lob, Ehre und Ruhm nennet, ent - ſpringet, wie ich oben erwehnet, aus der Be - obachtung der Regeln des Wohlſtandes, und der innerlichen Tugend, und alſo aus Thaten, dazu uns die Obrigkeit durch die Geſetze nicht verbindet. Denn die Obrigkeit wuͤnſchet zwar, daß alle ihre Unterthanen ſo tugendhaft ſeyn moͤchten, als es immer moͤglich iſt: Allein da ſie durch ihre Macht dieſen Wuͤnſchen kei - nen Nachdruck geben kan, weil die Tugend keinen Zwang leidet, ſo begnuͤgt ſie ſich, durchdie249(o)die ihr verliehene Gewalt den Ausbruch der groͤbſten Bosheit zu verhindern, und iſt zu - frieden, wenn ihre Unterthanen die unterſte Stafel der Weisheit betreten, und nichts begehen, das mit dem Endzweck der buͤrgerli - chen Geſellſchaft ſtreitet. Das uͤbrige ſtellet ſie eines jeden Gutbefinden anheim.
Da nun die Ehre aus ſolchen Thaten entſte - her, welche die Obrigkeit in unſere Willkuͤhr ſtellet, deren Verrichtung ſie nicht unumgaͤng - lich von uns fordert, und um deren Unterlaſ - ſung ſie uns nicht ſtrafet; ſo kan man dieſelbe als eine Sache anſehen, um welche ſich die Obrigkeit wenig bekuͤmmert, und woruͤber ſie ſich keine Erkenntniß anmaſſet. Denn da die Obrigkeit, als Obrigkeit, nicht von der Guͤte und Beſchafenheit derer Thaten urthei - let, durch welche wir Ehre erlangen, ſo kan ſie auch von der Ehre ſelbſt nicht urtheilen. Sie kan dieſelbe niemand geben oder nehmen, ſon - dern wir haben ſie von unſern Mit-Buͤrgern zu gewarten. Auf deren Urtheil von unſerer Aufuͤhrung beruhet ſie. Ein jeder hat dem - nach die Freyheit von den Thaten anderer Leute, ſo ferne dieſelbe den Geſetzen, und der Erkaͤnntniß des Richters nicht unterworfen ſind, ſeine Gedancken zu ſagen. Er kan loben, was ihm gefaͤllt, und tadeln, was ihm nicht an - ſtehet, ohne Gefahr dem Richter in die Haͤnde zu fallen.
So ſtrafbar es demnach iſt, ſeinen Naͤch -Ueber Feh - ler die ſten eines Todſchlages, Raubes, Diebſtahls,Q 5Ehe -250(o)nicht ſtraf - bar, kan man ſpot - ten.Ehebruchs und anderer Verbrechen zu beſchul - digen, ſo erlaubt iſt es, ihm ſolche Fehler bey - zumeſſen, die nicht beſtrafet werden, und ſei - nen ehrlichen Nahmen nicht beſchmitzen. Jch kan alſo von einem Menſchen ſagen, daß er hochmuͤthig, geitzig, argwoͤhniſch, eigenſin - nig, lecker in Eſſen und Trincken, furchtſam, verwegen, ein Verſchwender, ein Muͤſſig - gaͤnger und Saͤufer ſey, ohne daß er mich darum verklagen koͤnnte. Jch habe dieſes gleichfals nicht zu beſorgen, wenn ich uͤber ſei - ne Aufuͤhrung in Geſellſchaften ſpotte. Wer will mir z. E. wehren, uͤber einen geſchoſſe - nen Seladon zu lachen, der mit ſeiner Clarimene à l’ Hombre ſpielet, und alle - mahl, wann er die Charten giebt, ſeine Schoͤne mit verſchmachtenden Augen anſiehet, und die Charten, die ſie haben ſoll, aufs zaͤrtlichſte kuͤſſet? Eine wunderli - che Tracht, ein naͤrriſcher Gang, eine ungereim - te und verdrießliche Art zu complimentiren und dergleichen Fehler geben mir gleiches Recht, und uͤberhaupt alle Schwachheiten, die ich je - tzo genennet habe, ſamt noch vielen andern, die mir nicht beyfallen, koͤnnen ohne Verletzung des ehrlichen Nahmens derer, die zu ihrem Un - gluͤck damit behaftet ſind, laͤcherlich gemacht werden. Dieſe Fehler und Gebrechen ſind es e - ben, an welchen ein Spoͤtter ſeine Kunſt bewei - ſen kan; Daher ſie dann auch Cicero materiem ridiculorum nennet. Er thut es an demjenigen Ort, da er unterſuchet, wie weit es einem Red -ner251(o)ner erlaubet ſey zu ſpotten, qua tenus ſint ridi - cula tractanda oratori. Er ſpricht:
Die - ſe Regel, welche Cicero giebt, gruͤndet ſich in dem, was ich geſaget habe, und wer dieſelbe nur nicht uͤberſchreitet, und in ſeinem Spotten nicht weiter gehet, als ich es haben will, der iſt kein Pasqvillant; er begeht nichts ſtrafbares, weil das, was er thut, zu allen Zeiten erlaubt ge - weſen iſt. Noch habe ich nicht gehoͤret, daß um ſolcher den ehrlichen Nahmen eines Menſchen nicht angreifenden Spoͤttereyen willen, viele Jnjurien Proceſſe entſtanden ſind. Denn wo iſt wohl ein ſo einfaͤltiger Tropf zu finden, der nicht ſehen ſolte, daß er ſich durch ſeine abge - ſchmackte Klage noch laͤcherlicher machen wuͤr - de?
Jſt es nun erlaubt, ſeinem Naͤchſten gewiſ -Man kan einem Maͤn - ſe Laſter und Gebrechen vorzuwerfen, unddar -252(o)gel vor - werffen die nicht Wil - kuͤhrlich.daruͤber zu ſpotten, ſo wird es noch vielmehr vergoͤnnet ſeyn, ſich uͤber noch geringere Feh - ler luſtig zu machen. Unſere wahre Ehre koͤmmt auf die Beſchafenheit unſers Willens an. Kan ich nun, ohne ein Pasquillant und Laͤſterer zu werden, meinen Mit-Buͤrger eines verdorbenen Willens beſchuldigen, und ihm auf eine beiſſende Art gewiſſe Fehler vorruͤcken, die zwar nicht ſtrafbar ſind, aber doch die Hoch - achtung, die man ſonſt vor ihn gehabt hat, ver - ringern, ſo kan ich um ſo viel weniger ſo boͤſe Ti - tel verdienen, wenn ich nur uͤber ſolche Maͤngel ſpotte, die eben darum, weil ſie nicht willkuͤhr - lich ſind, demjenigen, der damit behaftet iſt, nicht ſchimpflich ſeyn koͤnnen.
Jch rechne zu ſolchen Maͤngeln die Leibes - Gebrechen, den Mangel zeitlicher Guͤter, die Schwachheit des Verſtandes und den Man - gel der Wiſſenſchaft. Jch weiß wohl, die Vollkommenheit des Coͤrpers, der Reichthum, ein ſcharffer und durchdringender Verſtand, und eine groſſe Gelehrſamkeit ſind Eigenſchaf - ten, die demjenigen, der damit begabet iſt, oft mehr Anſehen zu wege bringen, als die tugend - hafteſte Aufuͤhrung: Aber es iſt doch gewiß, daß die wahre Ehre eines Menſchen auf dieſe Eigenſchaften nicht beruhet. Es iſt ſo aus - gemacht, daß einer ohne dieſelbe ein ehrlicher Mann ſeyn kan, als es ofenbahr iſt, daß oft die aͤrgſten Boͤſewichter dieſelbe beſitzen. Es giebt auch ſchoͤne, reiche, verſchmitzte und ge - lehrte Buben, die dem ungeachtet, doch nichtwerth253(o)werth ſind, daß ſie unter ehrlichen Leuten ge - duldet werden.
Man kan demnach, ohne was ſtrafbaresVon dem Vorwurf der Leibes - Gebrechen. zu begehen, dieſe Eigenſchaften einem Men - ſchen abſprechen. Jch kan ſagen: Der Menſch ſieht nicht gut aus, er hincket, er ſchie - let, erhat einen Puckel, einen ungeſchickten Fuß, und ich weiß nicht was, ohne daß er ſich desfals beleidiget halten, und mich als einen Ehren-Schaͤnder verklagen kan. Ja wenn ich es gleich nicht bey dem bloſſen Sagen bewen - den laſſe, ſondern gar uͤber ſein Gebrechen ſpot - te, ſo muß ers haben, und er wuͤrde ungereimt handeln, wenn er mit mir zum Richter wan - deln, und ihn durch ſeine Gegenwart uͤberfuͤh - ren wolte, daß ich die Wahrheit geredet haͤtte. Der Hr. Prof. Philippi hat in ſeiner Thuͤrin - giſchen Hiſtorie p. 166. in einer Anmerckung, uͤber das ſtock finſtere Geſicht und das Au - gen-Blitzen eines Menſchen, den er vie - leicht nicht gewogen iſt, geſpottet. Wer wolte ihm aber desfals Schuld geben, daß er dieſen Menſchen an ſeiner Ehre angegrifen habe? Al - les was man dawieder ſagen kan, iſt dieſes, daß es ein Zeichen eines niedertraͤchtigen Gemuͤhts, und einer thoͤrigten Rachgierde iſt, einem Men - ſchen ein Gebrechen vorzuwerfen, das er vie - leicht nicht heben kan. Und derjenige, auf welchen der Hr. Prof. Philippi zielet, und wel - chen er beſſer kennet, als ich, wuͤrde ihn, ob ihn gleich der Hr. Philippi als einen tuͤcki - ſchen Menſchen, vor dem man ein Creutzmachen254(o)machen muͤſſe, vorgeſtellet hat, nicht verkla - gen koͤnnen, wenn der Herr Prof. ihn gleich mit Nahmen genennet haͤtte.
Jch kan ſagen, der Mann iſt nicht reich, er iſt blut arm, er hat nicht, wo er ſein Haupt hinleget, und niemand kan mich desfals ſtra - fen. Jch bekenne es ſtehet ſehr geringe, einen ehrlichen Mann durch den Vorwurf ſeiner Ar - muth zu kraͤncken. Allein ich behaupte, daß ein Menſch, der ſich nicht ſchaͤmet, ſo laͤppiſch zu ſpotten, nicht vor Gericht belanget werden kan. Was will mir ein Edelmann thun, wenn ich ihn einen armen Land-Juncker nenne? Der Juncker kan boͤſe werden: Er kan mir mit Schlaͤgen drohen; Er kan ſeine Drohungen wuͤrcklich ins Werck ſetzen: Al - lein ſo wunderlich wird er nimmer ſeyn, daß er mir einen Proceß an den Halß werfen ſolte. Es giebt viele arme Ritter, die darum ehrliche Leute ſind, und ein armer Land-Juncker iſt eben kein Schelt-Wort.
Was den Verſtand und die Wiſſenſchaft anlanget, ſo glaube ich, alle Welt werde darinn mit mir einig ſeyn, daß keiner verbunden ſey, ei - nen Menſchen vor kluͤger und gelehrter zu hal - ten, als er ſich in ſeinen Reden und Schriften be - zeiget. Mehr ſage ich nicht, ſondern ich bitte nur diejenigen, die ſich etwan eingebildet haben, der Hr. Prof. Philippi ſey von dem Verfaſſer des Briontes auf eine ehrenruͤhrige Art angetaſtet worden, dieſe Satyre, mit denen Wahrheiten zuſam̃en zuhalten, die ich, zu ihꝛem beſten, ſo deut -lich,255(o)lich, und um meine Leſer, die meiner Unterwei - ſung nicht beduͤrfen, nicht verdrießlich zu ma - chen, ſo kurtz, als es mir nur moͤglich geweſen iſt, bißhero vorgetragen habe. Es muͤſte viel ſeyn, wenn ſie dadurch nicht erkennen ſolten, wie uͤbel ſie geurtheilet, und wie noͤhtig ihnen ins kuͤnftige die Behutſamkeit in Beurtheilung einer Satyre ſey.
Jch frage ſie: Ob der Verfaſſer des Bri -Der Ver faſſer des Briontes gꝛeiffer den Hr. Philip - pi nicht an ſeiner Eh - re an, ſon - dern ur - theilt nur von ſeinen Schriften. ontes den Hn. Prof. Philippi eines einigen ſtrafbaren Verbrechens, einer eintzigen unred - lichen That beſchuldiget habe? Hat er uͤber ſei - ne Sitten und Aufuͤhrung geſpottet? Hat er ſeine Perſon angegriffen, und ihn durch Vor - werfung einiger Leibes-Gebrechen, laͤcherlich machen wollen. Er hat es nicht gethan, und kan ſeine Tadler dreiſte fragen:
Wie kan man ihm dann Schuld geben, daß er was unzulaͤſſiges begangen hat? Wie kan man ſagen, der Hr. Prof. Philippi habe groſſe Urſache ſich uͤber ihn zu beſchweren?
Der Hr. Prof. Philippi bleibt ein ehr - licher, braver, feiner, wackerer, und vieleicht auch gelehrter und geſchickter Mann; der Ver -faſſer256(o)faſſer des Briontes macht ihm dieſe Ehre nicht ſtreitig. Er hat nur mit ſeinen ſechs deut - ſchen Reden, und mir ſeinem Helden - Gedichte zu thun. Dieſe beyde Schriften beurtheilet er, und weiſet, daß der Hr. Prof. Philippi weder ein geſchickter Redner noch ein guter Poet ſey. Jſt dieſes nun ein ſo ſtrafbares Beginnen, daß es die Obrig - keit nothwendig ahnden muͤſte? Jſt es nicht vielmehr ein erlaubter Gebrauch derjenigen Freyheit, die alle Welt hat, uͤber ein Buch zu urtheilen? Denn
Ein jeder, der ſchreibt, unterwirft ſich durch die Herausgebung ſeiner Schrift dem Eigen - ſinn ſeiner Leſer. Quiſcribit, multos ſumit judices, alius in alterius livet ac graſſatur ingenium, ſagt der heil. Hieronymus Ep. 29. ad Præſidium Diaconum. Wie kan es alſo ein Scribent uͤbel nehmen, wenn man von ſeinem Buche ſeine Meinung ſagt? Haͤt - te er doch daſſelbe ungedruckt laſſen, und vor ſich die Vollkommenheit ſeiner Geburt in allerStille257(o)Stille bewundern koͤnnen. So bald er ſein Buͤchlein ans Licht giebt, muß er es ihm auch gefallen laſſen, daß man es lieſet, und nach be - finden davon urtheilet. Die Obrigkeit kan ihn wieder die Urtheile ſeiner Leſer nicht ſchuͤtzen, noch ihnen eine Freyheit nehmen, die ſie, wie die Juriſten reden, titulo oneroſo beſitzen. Wann ich ein Buch kaufe, ſo erkaufe ich zu - gleich das Recht, davon zu ſagen, was ich will. Jch kan es loben, wenn es mir gefaͤllt, und es aufs unbarmhertzigſte richten, wenn es mir ab - geſchmackt ſcheinet.
Es ſchickt ſich nicht von dieſem Gericht anVon die - ſem Urtheil kan nicht an die O - brigkeit appelliret werden. die Obrigkeit zu appelliren. Eine kluge Obrigkeit nimmt eine ſolche Appellation nicht an; Sie erkennet keine Proceſſe, ſondern verweiſet den thoͤrigten Appellanten ad judi - cem à quo. Die Gelehrten muͤſſen ihre Haͤn - del, die ſie mit einander haben, unter ſich aus - machen. Die Obrigkeit miſchet ſich nicht darinn; es ſey dann, daß es, wenn es zwiſchen ihnen von Worten zu Schlaͤgen koͤmmt, noͤ - thig ſey, Frieden zu gebieten. So lan -Rge258(o)ge es nur darauf ankoͤmmt, ob eine Lehre wahr oder falſch, ob ein Buch gut, oder ſchlecht ge - ſchrieben ſey, ſieht ſie dem Streit gelaſſen zu, und maſſet ſich keiner Erkaͤnntniß daruͤber an. Solche Streitigkeiten gehoͤren vor die Obrig - keit nicht. Sie laſſen ſich durch einen Macht - Spruch nicht abthun, und ſieh in das Ge - zaͤnck zu mengen, das ſteht der Obrigkeit nicht wohl an. So tief muß ſie ſich nicht herunter laſſen. Will man ſagen, die Obrigkeit koͤn - ne doch beyden Partheyen das Stillſchweigen auflegen; So gebe ich zu, daß dieſes ihr ein leichtes ſey. Allein ſie wuͤrde durch ein ſolches Gebot alle Unterſuchung der Wahrheit, und alle Beſtreitung des Jrrthums aufheben, das Aufnehmen der Wiſſenſchaften hindern, die Vernunft unterdruͤcken, den Jrrthuͤmern und Thorheiten Platz machen, und bey nie - mand, als albernen und boͤſen Scribenten Danck verdienen. Die koͤnnten alsdann in ſtoltzer Sicherheit ſchmieren, und wuͤrden al - le Schaam und Scheu bey ſeit ſetzen, und unertraͤglich haußhalten.
Jch ſehe nicht, was dieſes dem gemeinen Weſen vor Vortheil bringen koͤnne, und glaube demnach, daß die Obrigkeit ſehr wol thut, wenn ſie ſich um das, was in der gelehr - ten Welt vorgehet, nicht weiter bekuͤmmert, als daß ſie dahin ſiehet, daß die Gelehrten nichts lehren, oder ſchreiben, das dem Staat nachtheilig. Sie kan urtheilen, ob eine Lehre dem gemeinen Weſen nuͤtzlich, oder ſchaͤdlich iſt,und259(o)und ſie alſo, nach Befinden, entweder verbie - ten, oder frey geben. Sie kan urtheilen, ob ein Buch mit nuͤtzlichen Lehren angefuͤllet, oder ob es Saͤtze in ſich faſſe, die der allgemeinen Ruhe zuwieder ſind. Allein von der Wahr - heit oder Falſchheit einer Lehre ein Urtheil zu faͤllen, das koͤmmt ihr nicht zu. Denn der Ver - ſtand iſt keinem Geſetze unterworfen. Ob ein Buch gut, oder ſchlecht geſchrieben; ob einer ein alberner oder kluger und verſtaͤndiger Scri - bent ſey, das kan ſie nicht ausmachen. Die - ſes koͤmmt auf den Ausſpruch der Kenner an.
Die gelehrte Welt hat alſo vollkommeneEin jeder Gelehrter hat das Recht uͤber die Schrif - ten ande - rer zu ur - theilen. Gewalt, uͤber die Schriften zu urtheilen, die herauskommen, und ein jeder Gelehrter in - ſonderheit iſt befugt ſich dieſer Gewalt zu be - dienen. Dieſe Befugniß flieſſet aus der be - ſondern Verfaſſung der Republick der Gelehr - ten. Die Gelehrten haben kein ſichtbares Ober-Haupt, und folglich kein ſichtbares Tri - bunal, das uͤber ihre Schriften urtheilen koͤnnte. Sie erkennen die Vernunft vor ihre Koͤni - gin, die mit leiblichen Augen nicht zu ſehen iſt, und es iſt kein Gelehrter, der ſich nicht einbilde, ſeine Beherrſcherin habe in ſeinem Gehirne ih - ren Thron aufgeſchlagen. Man kan es kei - nem verwehren dieſe Einbildung zu haben, und folglich auch keinem Gelehrten das Recht ab - ſprechen, die Ehre ſeiner Monarchin, mit wel - cher er ſo genau vereiniget iſt, und an deren Ma - jeſtaͤt er ſo viel Antheil hat, wieder alle diejeni - gen zu retten, die er vor ihre Veraͤchter haͤlt. R 2Da260(o)Da nun ein boͤſer Scribent die Majeſtaͤt der geſunden Vernunft, als des unſichtbaren Haupts der gelehrten Welt beleidiget, ſo kan ein jeder Gelehrter ihn desfals abſtrafen, ohne daß er ſich uͤber Unrecht beſchweren koͤnne: Ein ſolcher Stuͤmper iſt, ſo zu reden, vogelfrey. Es kan ihn ſchlagen wer ihn findet.
Ein Gelehrter nun, der ſich dieſes, ihm un - ſtreitig zuſtehenden Rechtes bedienet, thut nichts unrechtes, nemini facit injuriam qui jure ſuo utitur. Ein boͤſer Scribent, der empfaͤhet, was ſeine Thaten werth ſind, darf ſich nicht vor beleidiget achten. Er hat nicht Urſach uͤber Gewalt zu ſchreien. Und dieſes um ſo viel weniger, weil es ihm allemahl erlaubt iſt, ſeine Nothdurft vorzubringen. Die Sententz, die ein Gelehrter uͤber ihn, und ſeine Schrift geſprochen, wird nicht gleich rechts - kraͤftig. Er kan davon an die gantze Schaar der Gelehrten appelliren; ja er kan, wenn es ihm beliebt, aus eigener Macht, dieſelbe vor ungerecht erklaͤren. Es ſtehet ihm allemahl frey, ſelbſt ſeine Richter zu richten. Nur koͤmmt es darauf an, daß er wohl richtet. Thut er dieſes nicht, ſo bekraͤftiget er den, wieder ihn gefaͤllten Spruch, und wird immer laͤcherli - cher. Und wenn er ſich dann gleich auch noch ſo uͤbel verantwortet, und zu ſeiner Vertheidi - gung ſo ungereimte Dinge vorbringet, daß al - le Welt das Urtheil, wodurch er ſich beleidiget achtet, vor gegruͤndet haͤlt, ſo hat er doch noch vollkommene Freyheit, nicht nur ſeine un -billige261(o)billige Richter, ſondern auf das gantze menſch - liche Geſchlecht auszulachen und ſich vor ſo klug, ſo weiſe, ſo gelehrt, und ſo vortreflich zu hal - ten, als es ihn immer gut deucht. Dieſes wehrt ihm niemand, und er kan verſichert ſeyn, daß es immer einige Narren geben wird, die ihn, Trotz allen Spoͤttern, hochſchaͤtzen.
Da nun die Urtheile, die uͤber eine Schrift gefaͤllet werden, dem Verfaſſer derſelben nicht einmahl diejenige Ehre, die er in der gelehrten Welt hat, gaͤntzlich rauben koͤnnen; ſo ſehe ich nicht, wie es moͤglich, daß auch die ſchaͤrfſte Cenſur eines Buches, dem Scribenten, der es verfertiget hat, an ſeinem guten Leumund, und an derjenigen Ehre nachtheilig ſeyn koͤnne, die man in der buͤrgerlichen Geſellſchaft haben muß, wo man mit einigem Vergnuͤgen in der Welt leben will. Es bedeutet alſo nichts, wenn einige gar zu mitleidige Perſonen ſagen; “Es ſey zwar nicht zu leugnen, daß den Gelehr - „ ten das Recht zuſtehe, uͤber die Schriften „ ihrer Bruͤder zu urtheilen, und die darinn „ enthaltene Fehler und Jrrthuͤmer anzuzeigen, „ und zu wiederlegen: Allein man muͤſſe es „ doch ſo machen, daß derjenige, den man ta - „ delt, und wiederlegt, bey Ehren bleibe.”
Jch begreife nicht, was man durch dieſeDas Ur - theil ſo die Gelehrten uͤber eine Schꝛift faͤl - len, nimmt dem Ver - faſſer die Ehre nicht, Einſchraͤnckung haben will. Die Urtheile der Gelehrten uͤber unſerer Schriften koͤnnen uns zwar, nachdem ſie beſchafen, bey der ge - lehrten Welt in Anſehen, oder in Verachtung bringen: Allein ordentlicher Weiſe haben ſieR 3auſſer262(o)die er in der buͤrgeꝛ - lichen Ge - ſellſchaft hat.auſſer der gelehrten Welt, keine Wuͤrckung. Unſere Oberen, und die meiſten unſerer Mit - Buͤrger, nehmen dieſelbe nicht als eine Regel an, nach welcher ſie ihre gute Meinung von uns einrichten muͤſten. Sie urtheilen von unſern Verdienſten aus andern Thaten, als aus der Verfertigung eines Buches. Unſere Ehre beruhet alſo nicht auf den Werth unſerer Schriften. Man kan dieſe verachten, oh - ne daß dem Anſehen das geringſte abgehet, das wir durch unſere gute Aufuͤhrung uns in der Geſellſchaft, in welcher wir leben, erworben ha - ben. Ein Gelehrter, der ein gut Buch ge - ſchrieben hat, wird darum in gemeinen Leben nicht mehr geehret; er wird nicht vornehmer; er bekoͤmmt keinen groͤſſern Rang. Die wenig - ſten wiſſen es, und die es wiſſen, die achten es nicht. Vermehrt nun ein gut Buch die Eh - re ſeines Verfaſſers in der buͤrgerlichen Geſell - ſchaft nicht, ſo kan auch ein ſchlechtes unmoͤg - lich ſeinen Urheber ſchaͤnden. Ein ſolcher Menſch wird dadurch im gemeinen Leben nicht veraͤchtlich. Er behaͤlt alle Ehre, die er ſonſt gehabt hat, ſein Amt, ſeine Wuͤrde, und alle Vortheile, die er, als ein guter Buͤrger, und tu - gendhafter Mann, verlangen kan. Die Erfah - rung bekraͤftiget, was ich ſage, und daher tra - ge ich kein Bedencken zu behaupten, daß kein Urtheil uͤber eine Schrift ſo ſtrenge, keine Sa - tyre ſo ſcharf ſeyn koͤnne, daß dadurch derjeni - ge, der dieſe Schrift gemacht, an ſeiner Ehre Schaden nehmen ſolte.
Jch263(o)Jch glaube wohl, daß zuweilen ein boͤſerWas es vor Scri - benten ſind, die auch im ge - meinen Le - ben wegen eines ſol - chen Ur - theils laͤ - cherlich werden? Scribent, dem man die Larve abgezogen, und deſſen Thorheit jedermann ofenbar gemacht worden, auch dieſer wegen im gemeinen Leben von Leuten verſpottet und ausgeziſchet werde, die nicht zur gelehrten Welt gerechnet werden koͤnnen, und die nicht im Stande ſind vor ſich zu urtheilen, ob die Schriften desjenigen, uͤber deſſen Unfall ſie ſich freuen, taugen, oder nicht: Allein wenn man diejenigen, denen dieſes Un - gluͤck begegnet, nur ein wenig genau anſiehet, ſo wird man befinden, daß es allemahl Leute ſind, die ſich ſchon, ehe ſie noch unter die Spoͤt - ter gefallen, und von denſelben laͤcherlich ge - macht worden, durch ihre abgeſchmackte Aufuͤh - rung, und einen laͤcherlichen Stoltz, die Verach - tung ihrer Mit-Buͤrger zugezogen haben. Sol - chen ſtoltzen, und dabey albernen Phantaſten goͤnnt es ein jeder gern, wenn ſie geſtriegelt wer - den. Man freuet ſich daruͤber, und haͤlt ſich um ſo viel mehr berechtiget ſie auszulachen. Man ſage mir aber, ob dieſe Art der elenden Schreiber dieſe Verſpottung dem ſchlimmen Urtheil, das man von ihren Buͤchern gefaͤllet hat, zu dancken habe? Jſt es nicht ofenbar, daß alle die Be - wegung, die ein ſolches Urtheil unter den Ungelehrten erreget, ihren Grund in der vor - hergehenden Aufuͤhrung des Scribenten hat? Haͤtte dieſer ſonſt keine Gebrechen, als daß er eine Schrift verfertiget, in welcher man Feh - ler entdecket, ſo wuͤrde niemand uͤber ihn lachen, als der faͤhig iſt von ſeiner Schrift zu urtheilen.
R 4Wer264(o)Wer nut ſonſt Verdienſte hat, die ihn der Hochachtung ſeiner Mit-Buͤrger wuͤrdig ma - chen, dem wird es wenig an dem Anſehen ſcha - den, zu welchem er durch ſeine gute Aufuͤhrung im gemeinen Leben gelanget iſt, wenn ihm et - wan eine Schrift nicht geraͤth, und andere Ge - lehrte ihm zeigen, daß er die Sache von welcher er geſchrieben, nicht recht verſtanden hat. Dieſes ſind Kleinigkeiten, an welche der ehrliche Nahme, und das Anſehen eines ehrlichen Man - nes nicht haͤnget. Man kan ſie ihm vorwerfen, und aufs aͤrgſte daruͤber ſpotten, ohne daß er ſich beſchweren koͤnne, man nehme ihm ſeine Ehre, ſo lange man ihm nur ſeine andern guten Eigenſchaften laͤſſet. Es kan einer ein ſchlech - ter Scribent, und doch dabey ein ehrlicher und dem gemeinen Weſen nuͤtzlicher Mann ſeyn. Es kan ſeine Schreib-Art unzierlich und ver - drießlich, hergegen ſein Umgang manierlich und angenehm ſeyn. Es kan in ſeinem Buche eine groſſe Unordnung herrſchen; in ſeinem Hauſe aber alles wohl zuſtehen. Es kan ſeine Wiſſenſchaft geringe, und ſeine Klugheit und Redlichkeit groß ſeyn. Mit einem Worte, er kan bey den Schwachheiten, die ihn ver - hindern, in der gelehrten Welt mit Ehren fort - zukommen, alle Tugenden eines ehrlichen Mannes und guten Buͤrgers beſitzen, und al - ler Ehren werth ſeyn.
Von dem Hn. Prof. Philippi inſonderheit zu reden, ſo ſehe ich nicht ab, wie ſeine Ehre durch die Spoͤttereyen ſeines Gegners geſchmaͤ -lert265(o)lert werden koͤnne, und warum ſich der HerrProfeſſ. Philippi nicht. Prof. dieſes einbilde. Ob ich gleich nicht die Ehre habe, ihn weiter zu kennen als aus ſeinen ſechs deutſchen Reden, und dem Hel - den-Gedicht, auf den Koͤnig in Pohlen, ſo will ich doch hofen, daß er nicht von derjeni - gen Art der Scribenten iſt, die, weil ſie wenig Hofnung ſehen, durch eine vernuͤnftige und kluge Aufuͤhrung die Hochachtung ihrer Mit-Buͤrger zu erlangen, aus Verzweifelung zu einer Handthierung greifen, welche ihnen ein natuͤrlicher Mangel der Beurtheilungs - Kraft, und ein hoher Grad der Unverſchaͤmt - heit leichte machet. Ein Scribent von die - ſem Schlage ſchreibt allemahl mit Luſt und ohne Muͤhe, und iſt ungemein mit ſich ſelbſt zufrieden.
Weil er nun hoffet, daß alle ſeine Leſer ſo ge - ſinnet ſeyn werden, wie er, ſo haͤlt er ſein Schmieren vor den geradeſten Weg zum Tempel der Ehren, und ſuchet ſeinen Ruhm bloß in ſeinen Schriften. Es iſt gar natuͤr - lich, daß ein ſolcher Menſch es vor ein ehren -R 5ruͤhri -266(o)ruͤhriges Beginnen haͤlt, wenn man ſeine Schriften tadelt, und daß er denen thoͤrichten Weibes-Perſonen gleicht, die es nicht ſo hoch empfinden, wenn jemand ihre Keuſchheit in Zweifel ziehet, als wenn man ihnen ihre Schoͤn - heit ſtreitig macht. Einen ſolchen Scribenten kan der beſcheidenſte Widerſpruch, die feineſte und unſchuldigſte Spoͤtterey auſſer ſich ſetzen. Aber der Hr. Prof. Philippi hat keine Urſache ſich des Briontes wegen ungebaͤrdig zu ſtellen, es ſey denn, daß er glaube, er koͤnne nicht mit Ehren in der Welt leben, wo ihn nicht jeder - mann vor einen groſſen Dichter, und vor ei - nen natuͤrlichen, maͤnnlichen und heroi - ſchen Redner halte. Es giebt viele ehrliche, geſchickte und kluge Maͤnner, die weder groſſe Poeten, noch auſſerordentliche Redner ſind, und doch von jedermann hoch gehalten wer - den, und ich will hofen, daß der Hr. Prof. Phi - lippi noch viele gute Eigenſchaften beſitzet, die nicht ſo zweifelhaft ſind, als ſeine Geſchicklich - keit in der Beredſamkeit und in der Dicht - Kunſt. Er kan ein groſſer Welt-Weiſer, ein gu - ter Juriſte, ein geſchickter Advocat ſeyn, ja ich bin verſichert, daß er ein ehrlicher und tugend - hafter Mann iſt. Derjenige, der ihn als einen ungeſchickten Redner und unertraͤgli - chen Reimer vorgeſtellet hat, laͤſſet ihm, auſſer den Ruhm eines Redners und Dichters, alle Verdienſte, die ein gelehrter Mann und ehrli - cher Buͤrger haben kan. Was hat er dann zu klagen? Meint er aber, alle ſeine Ehre gruͤn -de267(o)de ſich auf ein kahles Buch: Faſſen ſeine ſechs deutſche Reden alles in ſich, was an ihm ſchaͤtzbar iſt, und hat er ſonſt keine Verdienſte, als die aus ſeinem Helden-Gedichte hervor - leuchten, ſo beklage ich ihn zwar von Hertzen; allein ich weiß ihm, auf den Fall, keinen beſſern Rath, als daß er ſein Hauß beſtelle, und ſich je eher, je lieber, zu ſeinen Vaͤtern verſammle.
Aus dieſen allen werden meine Leſer hoffent -Fernere Beant - wortung des Ein - wurfs lich begreifen, daß diejenigen, mit welchen ich bisher geſtritten habe, ſich ſehr betriegen, wenn ſie ſich einbilden, eine Satyre, oder eine Cenſur einer Schrift, koͤnne ſo ſcharf ſeyn, daß ſie der Ehre des Verfaſſers nachtheilig werde. Jch ha - be gewieſen, daß einer ein unertraͤglicher Scri - bent, und doch ein ehrlicher Mann ſeyn koͤnne. Verſtehen aber dieſe mitleidige Leute durch die Ehre denjenigen Ruhm, den ein Scribent durch ſeine Schriften erlanget, ſo gebe ich ih - nen zu, daß unſtreitig dieſer Ruhm durch eine Satyre, oder andere Widerlegung, geſchmaͤ - lert und vernichtet werden koͤnne; allein ich leugne, daß darum eine ſolche Satyre, oder ei - ne ſo ſtarcke und nachdruͤckliche Widerlegung allemal unzulaͤſſig ſey. Jch beweiſe dieſes auf folgende Art.
Ein Gelehrter hat eine unumſchraͤnckte Ge -Regeln,