PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Großmuͤthiger Feldherꝛ Arminius oder Herrmañ,
Als Ein tapfferer Beſchirmer der deutſchen Freyheit / Nebſt ſeiner Durchlauchtigen Thußnelda
Jn einer ſinnreichen Staats - Liebes - und Helden-Geſchichte Dem Vaterlande zu Liebe Dem deutſchen Adel aber zu Ehren und ruͤhmlichen Nachfolge Jn Zwey Theilen vorgeſtellet / Und mit annehmlichen Kupffern gezieret.
Leipzig /Verlegt von Johann Friedrich Gleditſchen Buchhaͤndlern /undgedruckt durch Chriſtoph Fleiſchern /Jm Jahr 1689.
Unter Jhrer Roͤm. Kaͤyſerl. Majeſtaͤt ſonderbaren Begnadigung.

Dem Durchlauchtigſten / Großmaͤchtigen Fuͤrſten und Herrn / Herrn Friedrich dem Dritten / Marggrafen zu Brandenburg / Des Heil. Roͤm. Reichs Ertz-Caͤmme - rern und Chur-Fuͤrſten / in Preußen / zu Magde - burg / Juͤlich / Cleve und Berge / Stettin / Pom - mern / der Caßuben und Wenden / auch in Schleſien zu Croßen und Schwibuß Hertzogen / Burggrafen zu Nuͤrnberg / Fuͤrſten zu Halberſtadt / Minden und Cammin / Graſen zu Hohen-Zollern / der Marck und Ravensberg / Herꝛen zu Ravenſtein / der Lande Lauenburg und Buͤtow / ꝛc. Meinem genaͤdigſten Chur-Fuͤrſten und Herrn.

Durchlauchtigſteꝛ Großmaͤchtiger Chur-Fuͤrſt / Gnaͤdigſter Chur-Fuͤrſt und Herr.

ARminius / vor welchem das Welt-beherꝛſchende Rom mehrmals gezitteꝛt / hatte das Abſehen / ſeine ſieg - haffte Waffen / welche nebſt Jhm vor mehr als tauſend Jahren zu Staub und Aſche worden / wiederum ans Tagelicht zu bringen / und ſolche Eur. Chur-Fuͤrſtl. Durchl. Erlauchteſtem Herrn Vater /bZuſchrifft. hoͤchſtruͤhmlichen Andenckens zu Fuͤſſen zu legen. Die - ſer deutſche Held zohe Jhmund ſeinen Landes-Leu - ten das Roͤmiſche Joch recht unerſchrocken vom Hal - ſe / darunter viel Koͤnige ſeuffzeten / und wiedmete die eroberten Roͤmiſchen Adler / Waffen und Beile nach der Variſchen Schlacht ſeinen Goͤttern. Was Wun - der: daß er ſich mit ſeinen Sieghafften zu dem groſſen Europeiſchen Friedrich Wilhelm zu wenden begehret? als zu einem viel rechtern GOtt / weil Gott der Goͤtter die Beherrſcher der Erden ſelbſt ſo nennet; als einem hertzhafften Vertheidiger Deutſchlandes; welches wegen der vor wenig Jahren ſo tapfer ver - fochtenen Freyheit (die gleich denen beym Helleſpont auf des Proteſilaus Grabe wachſenden Baͤumen von der herꝛſchensſuͤchtigen Aufblaͤhung des gegen uͤber lie - genden Jliums ſchon zu knacken anfieng /) ſeinen bluti - gen Degen zu kuͤſſen / und gleich dem Xenophon / deſſen Sohnin der Mantineiſchen Schlacht vors Vaterland ruͤhmlich geſtorben / zu verehren Urſache hat; als einem Uberwinder; deſſen Siege faſt alle vier Theile der Welt geſchmecket / und offt als einen Blitz empfinden muͤſſen. Die Tugend iſt wol ihr ſelbſt-Lohn undZuſchrifft. braucht keines Anſtriechs; Gleichwol aber hat Homer des Achilles / andere anderer Helden Gedaͤchtnuͤs biß auf unſere Zeiten erhalten muͤſſen. Dem Arminius iſt ſein Vaterland dieſe danckbare Pflicht ſchuldig ge - blieben; und die nach ſo viel hundert Jahren beym Schluſſe dieſes loͤblichen Vorhabens beſchaͤfftigte vaͤteꝛ - liche Hand hat das Goͤttliche Verhaͤngnuͤs durch all - zufruͤhzeitigen Tod unterbrochen: daß nunmehr der Sohn dieſem hochverdienten Helden hierdurch vol - lends ans Licht hilfft / und ſolch Werck / nach dem zu hoͤchſtem Leidweſen Deutſchlands unſer groſſer Ce - der-Baum / daran ſich manch Staat ſicher gelehnet / nicht ohne erbebenden Donner-Knall in Stuͤcken zer - fallen / Eur. Chur-Fuͤrſtl. Durchl. bey nun - mehr angetretener Regierung / als einem nichts min - der klugen und hertzhafften Nachfolger / zum ſchuldig - ſten Opfer / nebſt ſeinem Hertzen / als der beſten Beyla - ge / in aller Unterthaͤnigkeit liefert.

Arminius bleibt nun Zweifels ohne in dem be - ruͤhmten Berlin / deſſen Verherꝛlichung einen Auguſt zum Beherꝛſcher andeutet / unteꝛ die Helden aufgethroͤ -b 2Zuſchrifft. net / welchem Eurer Chur-Fuͤrſtl. Durchl. gleich Dero Erlauchteſtem Herrn Vor - fahr / weil von Adlern nur Adler gebohren werden / aller Welt zur Nachfolge lebhafftes Bild / gleich der Sonne bey denen Perſiern oder denen Sineſiſchen Koͤnigen mehr mit verdecktem Munde und Angeſicht ſtillſchweigend zu verwundern / als duꝛch eine ohnmaͤch - tige Feder abzuzirckeln. Denn Tinte und Farbe iſt allzuſchlecht hieꝛzu; und das Alterthum hat ſchonlaͤngſt ſeinen Phidias und Silanion / Welſchland ſeinen Ber - nin / wir Deutſchen aber unſern Rauch-Muͤller ver - lohren; wiewol auch dieſe noch nicht die rechten Werck - zeuge der Verewigung ſind; ſondern Eur. Chur - Fuͤrſtl. Durchl. anbetenswuͤrdige Vollkom̃enhei - ten ſahe man voꝛ Dero wuͤrcklichen Regierungſchon in die Sternen gezeichnet / und feſter / als alle in ſtum - men Marmel und Alabaſter gehauene Ehren-Saͤu - len / in die danckbaren Gemuͤther der itzig - und kuͤnffti - gen Welt / als die lebhaften und unvergaͤnglichen Be - haͤltnuͤße / geſetzet. Anitzo aber ſchauet gantz Europa Eur. Chur-Fuͤrſtl. Durchl. in Dero Er -Zuſchrifft. lauchteſten Herrn Vatern Fußſtapfen voll - koͤmmlich getreten zu ſeyn; in dem Selbte ſo wol zu groſſeꝛ Verwundeꝛung aller Fuͤrſten / als hohem Ver - gnuͤgen aller aufrichtig-geſinnten deutſchen Hertzen die deutſche Freyheit zu beſchirmen allbereit einen hoͤchſt - ruͤhmlichen und die Unſterbligkeit verdienenden An - fang gemacht haben; alſo Selbte nicht minder als ein ander Heermann / wie vor Dero eigene Laͤn - der / als des gantzen deutſchen Reichs Wolſtand zu ſorgen bemuͤhet ſind.

Jch verhoffe die gluͤckſeligſten Zeiten / und darinnen meinen Angel-Stern erreichet zu haben / da in Dero nunmehr durch eine wieder aufs neue aufgegangene Sonne beſtrahlten Himmels - und Erden-Kreiße ich meinen wuͤrcklichen Sitz gefunden / in welchem Gerech - tigkeit und Eriede ſich kuͤſſen / Kuͤnſte und Waffen ſich umbarmen / und der heilige Gottesdienſt die Grund - feſte iſt; alſo ein ieder Unterthan mit mehrerm Recht / als die Egyptier / welche ihren Segen weder dem Himmel / noch ihren Koͤnigen / ſondern eintzig dem Nilus zuſchreiben / vor die ewige Erhaltung des zeit -b 3Zuſchrifft. her vom Tod und Verhaͤngnuͤs heftig erſchuͤtterten Erlauchteſten Chur-Hauſes Branden - burg den Allerhoͤchſten hertzlich anzuruffen / und nebſt mir ſich gluͤckſelig zu ſchaͤtzen und zu ruͤhmen Urſach hat Eur. Chur-Fuͤrſtl. Durchl.

Allerunterthaͤnig-gehorſamſter Knecht Daniel Caſpar von Lohenſtein.

Vorbericht an den Leſer.

Hochgeneigter Leſer.

HJer ſtellet ſich / unſer vor etlichen Jahren gethanen Ver - troͤſtung nach / nunmehr der Großmuͤthige Armi - nius auf den Schau-Platz der Welt. Er ſuchet bey denen Sieg-prangenden Helden dieſer Zeit guͤnſtige Erlaubnuͤs / Jhm einen Eintritt in dero Ruͤſt-Kam - mern zu verſtatten; Und lebet der guten Hoffnung: ob Er gleich in der heutigen Kriegs-Kunſt / ſo wol wegen Aenderung der Zeiten / als anderer Zufaͤlle und Ge - legenheiten ſich nur unter derſelben Schuͤler oder / Lehrlinge zehlen moͤchte / daß ſie ihm dennoch nichts minder ſeinen theuer-er - worbenen Lorber-Krantz / als auch eine Stelle in denen Ehren-Saͤlen unter anderer Helden-Bildern goͤnnen / und ihm den Nahmen eines hertzhafften Feldherrn deßwegen in keinen Zweifel ziehen werden; weil Er die Kriegs - Kunſt und Staats-Klugheit zu ſeiner Zeit an dem Welt-geprieſenen Hofe des maͤchtigſten Kayſers Auguſtus / da die Krieg - und Friedens-Kuͤnſte gleich - ſam mit einander umb den Vorzug kaͤmpften / vollkommentlich erlernet / her - nach aber bey Antretung ſeiner Regierung und obriſten Feldhauptmannſchafft in Deutſchland / vor die Beſchirmung der gleichſam in letzten Zuͤgen liegenden Freyheit / gegen die ſtoltzen Roͤmer hoͤchſt-ruͤhmlich angewendet; ja nicht allein ſeinen bedraͤngten Lands-Leuten das ſchwere Joch der Roͤmiſchen Dienſtbar - keit / daran einige Roͤmiſche Kayſer ſo gar ſelbſt einen Greuel gehabt / gaͤntzlich vom Halſe geſtreifft / andere deutſche Fuͤrſten zu gleichmaͤßiger Heldenmuͤthiger Tapferkeit aufgemuntert / und wider die hochmuͤthigen Roͤmer in Harniſch gebracht / ſondern auch derogeſtalt ſiegen gelernet: daß das durch ihn geſchwaͤch - te groſſe Rom unterſchiedliche mahl erzittert / Auguſten ſein Gluͤcke zwei - felhafft gemacht / und von derſelben Zeit an das ſtreitbare Deutſchland vor un - uͤberwindlich gehalten worden.

Man wuͤnſchte zwar wol: daß der Herr uͤber Tod und Leben dem ſeli - gen Herrn Verfaſſer dieſer Geſchichte noch ſo viel Tage zugeſetzet / als Er be - durfft haͤtte / daß Er ſeinem Arminius oder Herrmann in dieſem Vor - berichte ſelber das Wort reden / und Jhm einen Geleits - oder Beglaubigungs -BrieffVorbericht an den Leſer. Brieff in die Welt mitgeben / auch zugleich ſeinen itzigen Auftritt beſtens ent - ſchuldigen koͤnnen.

Wir wollen aber den hochguͤnſtigen Leſer indeſſen an den groſſen Lehrmei - ſter und Fuͤrſten der Staats-Klugheit / den Cornelius Tacitus gewieſen haben / und mit dem vergnuͤgt ſeyn: daß derſelbe als ein auslaͤndiſcher Ge - ſchicht-Schreiber und Feind der Deutſchen ſehr wol geurtheilet / wie man auch an ſeinem Feinde die Tugend loben muͤſſe. Welch Zeugnuͤs denn um ſo viel mehr von der Heucheley und Laſter der Dienſtbarkeit entfernet / umb wie viel verdaͤchtiger auch der glaubwuͤrdigſten Freunde Urtheil iſt; als denen offt wider ihren Vorſatz / wo nicht Heucheley / doch allzuguͤtige Gewogenheit anhaͤnget. Dieſes hat Er auch damit bewehret: daß Er von unſerm Arminius das herr - lichſte Zeugnuͤs von der Welt abgeleget und dabey geruͤhmet: Er habe Rom / das Haupt der Welt / da es in der groͤſten Bluͤte ſeiner Macht geſtanden / und ſchon mit auslaͤndiſchen Feinden fertig geweſen / hertzhafft angegriffen / keine Gefahr geſcheuet / und ſich in allen Treffen dergeſtalt tapfer verhalten: daß Er niemals gaͤntzlich geſchlagen / noch uͤberwunden worden.

Warumb aber unſer ſeliger Lohenſtein ihm eben die Beſchreibung die - ſes Helden zu ſeiner Neben-Arbeit erwehlet / wollen wir zwar zu ergruͤnden uns nicht bemuͤhen; ſondern einem ieden uͤber deſſen Urſachen ein freyes Ur - theil abzufaſſen erlauben; Gleichwol aber dieſes melden: daß vornehmlich ſo wol einige hohe Standes-Perſonen / als andere vertraute Freunde ihn hierzu veranlaſſet und erſuchet: daß Er von unſern Deutſchen / gleich wie andere Voͤlcker von ihren Helden / auch etwas gutes ſchreiben moͤchte; als welchen ſie insgemein / gleich wie Homer dem Achilles / Xenophon dem Cyrus / und andere Andern zu viel / wie wir unſerer kaltſinnigen Art nach / den Unſrigen zu wenig zugeeignet. Weil Er denn weder jener Befehl fuͤglich abzulehnen / noch de - rer Bitte abzuſchlagen vor moͤglich / ſondern beyden etwas zu verſagen vor ein ſtraffwuͤrdiges Laſter gehalten; ſo hat Er ihm / nach dem faſt alle Hel - den ihre Geſchicht-Schreiber uͤberkommen haben / die Lieb - und Lebens - Geſchichte des Arminius / als welche Er zu ſeinem Zweck am beqvem - ſten zu ſeyn vermeinet / zu beſchreiben vorgenommen / damit ja dieſer unver - gleichliche Held auch zu dieſer Zeit noch einen herrlichen Glantz bey ſieinen Lan - des-Leuten bekommen / und ſein Ruhm nicht gaͤntzlich in dem Staube der Ver - geſſenheit begraben bleiben moͤchte. Dieſe deutſche Geſchichte nun hat er ausdemVorbericht an den Leſer. dem tieffen Alterthum hervor geſucht / und ſelbige in eine ſolche Ordnung zu - ſammen zu bringen ſich bemuͤhet / die dem Leſer weder allzutunckel noch ver - druͤßlich fallen moͤchte. Dabey wolle ſich aber der beſcheidene Leſer nicht be - frembden laſſen: daß Er nicht den Lateiniſchen Nahmen Arminius behal - ten / ſondern ihn durchgehends nach der deutſchen Sprache Herrmann be - nennet. Maſſen er ſich dißfals / wie andere in deſſen Benahmung ſeiner Frey - heit gebrauchet; weil beyde Nahmen doch einerley ſind / die meiſten deutſchen Geſchichtſchreiber aber ſeiner unter dem Nahmen Herrmann gedencken.

Sonſt hat unſer ſeliger Uhrheber in dieſer Geſchichte / wie andere Ge - lehrten nach dem Triebe ſeines Gemuͤths-Geiſtes dies geſchrieben / worzu er von Natur ſo viel Luſt / als wegen ſeiner Amts-Geſchaͤffte Zeit und Gelegenheit gehabt. Und wird man Jhm umb ſo viel deſto weniger dieſe Schreibens-Art uͤbel deuten koͤnnen / weil nicht allein bey andern Voͤlckern / ſondern auch in un - ſerm Deutſchlande die Edelſten unter den Sterblichen ſich dergleichen bedie - net; ja ſo gar vor wenig Jahren Durchlauchtige Haͤnde einen hoͤchſt - ruͤhmlichen Anfang darinnen gemacht und genungſam gezeiget: daß wir nunmehr andern Voͤlckern in der Kunſt-Liebe / wo nicht es zuvor thun / doch die Wage halten koͤnnen; alſo / daß wir der auslaͤndiſchen Uberſetzungen vor itzo ſo wenig / als ihrer deßwegen uͤber uns gefuͤhrten Hoͤhnerey bedoͤrffen werden.

Vornehmlich aber hat eine hochgedachte Erlauchte Feder / und zwar eben in den Cheruskiſchen Landen / welche weyland unſer Arminius beherꝛ - ſchet hat / zu groſſer Vergnuͤgung aller edlen Gemuͤther / mit den wichtigſten Beweiß-Gruͤnden herrlich aus gefuͤhret: daß dergleichen Arbut ein Zeitver - treib des Adels ſeyn ſolle / und demſelben inſonderheit wol anſtehe; in dem der Menſch vielmehr verpflichtet waͤre den Gemuͤths-als Leibes-Ubungen obzu - liegen. Welches auch hoffentlich keine vernuͤnfftige Zunge in der Welt wird wiederſprechen / noch die geſchickteſte Feder wiederlegen koͤnnen. Maſſen es doch allzuwahr iſt: daß eine gute Feder einen Edelmann nicht minder in der Hand / als auf dem Helme zieret. Denn ob zwar der Adel an ſich ſelber ein ſchoͤner Zierrath und helleuchtendes Kleinod des Menſchen iſt; ſo wil es doch aber auch noͤthig ſeyn: daß Er in das ſeine Gold guter Sitten und Wiſſen - ſchafften verſetzet werde; ſonſt wird er deſſen Beſitzer eine ſchlechte Folge des Anſehens oder Hochachtung geben koͤnnen. Die Edlen ſollen die Eigenſchafft der Adler / wovon ſie nicht ohne Urſach den Nahmen fuͤhren / an ſich haben / undcſichVorbericht an den Leſer. ſich unaufhoͤrlich nach der Sonne der Tugend und guter Kuͤnſte ſchwingen / und ſo wol bey Krieg-als Friedens-Zeiten nicht nur den Leib durch die Waffen und anſtaͤndige Ritterſpiele / ſondern auch den Verſtand durch die Buͤcher und das Schreiben uͤben. Denn hierdurch kan ſich der Menſch allein edel machen; indem das Gebluͤte nur den Leib / Tugend und Wiſſenſchafft aber den gantzen Menſchen edel macht. Der Adel iſt / wie Salicetus ſagt / eine Tochter der Wiſſenſchafft; und hat / wie Marius beym Saluſtius redet / ſeinen Uhrſprung aus der Tugend genommen. Er iſt des Menſchen Ehre; die Ehre aber nach des Ariſtoteles Ausſpruche der Tugend Lohn. Dahero iſt es unverantwort - liche Thorheit / ſich bereden laſſen / als ob nach Wiſſenſchafft ſtreben und den Buͤchern obliegen einem Edelmanne verkleinerlich waͤre / oder daß es Jhn zu andern Ubungen unfaͤhig mache; da doch alle wolgeſittete Voͤlcker iederzeit dafuͤr gehalten: daß es ruͤhmlicher ſey den Adel von der Tugend / als von den Ahnen zu zehlen. Deßwegen / ſpricht Livius / habe zu Rom ein ieder / der nur tugendhafft geweſen / auch edel werden koͤnnen. Was kan aber den Menſchen eher tugendhafft machen / als gute Kuͤnſte und wiſſenſchafften erlernen; als wordurch der Verſtand nicht nur geſchaͤrffet / ſondern auch das Gemuͤthe / ja der gantze Menſch ermuntert / und zu allem guten faͤhiger gemacht wird? Der groſſe Alexander iſt nicht zu ſchaͤtzen geweſen: daß Er aus dem Stamm der Macedoniſchen Koͤnige / noch der Caͤſar: daß Er aus dem Hauſe der Julier ge - bohren worden; ſondern daß beyde ſich durch Tugend und Tapferkeit groß ge - macht haben. Haͤtten ſelbige auch nicht die Weißheit zur Gefaͤrthin gehabt / wuͤrde ihr Ruhm einen ſchlechten Glantz zum Beyſatze haben. Denn es iſt nichts ſchaͤndlichers / als / ſo zu reden / dem Jupiter zu wieder den Bacchus im Haupte / und die Pallas im Bauche fuͤhren; oder nur bloß allein edel von Ge - bluͤte und leer von Weißheit ſeyn; daß man ſo denn nur allein zu dem Gedaͤcht - nuͤs oder Ehren-Bildern ſeiner Ahnen fliehen / und von der Vorfahren Glan - tze entlehnen; alſo es ſolcher Geſtalt nicht viel beſſer machen muͤſſe / als bey den Alten die Ubelthaͤter / welche / wenn ſie verfolget wurden / ihre Zuflucht zu den Altaͤren / Begraͤbnuͤßen oder Bilder-Saͤulen der Kayſer zu nehmen pflegten. Maſſen ſolche Menſchen nichts beſſerem / als denen mit zierlichen Sattel-Decken prangenden Bucephalen vergliechen werden koͤnnen. Aller Gegen-Einwendungen aber ungeachtet / wird es doch ſonder Zweifel noch fer - ner / ſo lange tugendhaffte Menſchen in der Welt ſeyn werden / dabey bleiben: daß die Tugend der beſte Adels-Brieff / und / wie Pontanus ſpricht / ſcheinba -rerVorbericht an den Leſer. rer als die Sonne ſey / weil jene auch die Blinden / dieſe aber ſie nicht ſehen koͤnnen. Und waͤre zu wuͤnſchen: daß alle edle Menſchen glauben lernten / daß es auch noch heute in der Welt / wie weyland zu Rom / gehe / da niemand in den Tempel der Ehren kommen konte / er muſte denn zuvor durch den daneben gebauten Tempel der Tugend gehen; ſo wuͤrden ſich vielleicht ihrer viel dem Gluͤck zu Trotz aus iedem Stande lobwuͤrdig erheben koͤnnen; Allermaſſen wie der deutſche Homerus unſer Opitz von einem gelehrten Ritter Schaff - gotſche / der einen artlichen Poeten abgegeben habe / redet: der Stand durch Verſtand bluͤhet / und wer nur Verſtand hat / auch mit Stande / Gut und Adel begabet wird. Wie denn deſſen unſer ſeliger Lohenſtein ſelber ein Beyſpiel abgeben kan / wie diß an Jhm wahr worden / was Syrach ſaget: daß die Weißheit Jhn zu Ehren gebracht / und neben die Fuͤrſten geſetzet hat.

Was nun dieſe ſeine Arbeit anbelanget / ſo wolle der hochgeneigte Leſer ſolche nicht durchgehends vor ein bloſſes Getichte / oder ſo genennten Roman halten. Denn ob man zwar wol geſtehen muß: daß die Grich - und Roͤmi - ſchen Geſchichtſchreiber nicht ſo viel wunderliche Zufaͤlle und weitlaͤufftige Umſtaͤnde anfuͤhren; ſo wird man ſich doch diß nicht gantz befrembden laſſen / ſondern dabey glauben: daß unſer Uhrheber viel des jenigen / was Er nicht bey den Geſchichtſchreibern gefunden / theils aus ſeinen alken Muͤntzen / theils aus den Uberſchrifften und Gedaͤchtnuͤs-Maalen / die er ihm inſonderheit hier - innen uͤberaus wol zu Nutz zu machen gewuſt / zuſammen geſucht / ſolche gehoͤ - riger Orten kluͤglich angewehret / und alſo den Mangel damit hin und wieder erſetzet hat. Weßwegen zwar zuweilen ein - oder die andern Umbſtaͤnde als er - tichtet zu ſein ſcheinen; doch aber / daß ſie nicht durchgehends vor bloſſes Fabel - werck zu halten ſind / entweder in der alten oder neuen Geſchichte ihre gewiſſe Urſachen und die Wahrheit zum Grunde haben. Welches der in den alter - thuͤmern und Geſchichten bewanderte Leſer leicht mercken / die Raͤthſel aufloͤ - ſen / und die rechten Trauben von den gemahlten zu unterſcheiden wiſſen wird.

Es iſt zwar unſer Uhrheber bey ſeinen Lebzeiten niemals geſonnen gewe - ſen / dieſe Geſchichte durch den Druck ans Tagelicht zu ſtellen / und ſich damit den ungleichen Urtheilen der Welt zu unterwerffen. Nicht / daß er ſeine Ar - beit iemanden mißgegoͤnnet / oder ſich iemals dergeſtalt in ſeine Gedancken ver - liebt haͤtte: daß er andere neben ſich vor Kebsweiber gehalten; ſondern weil er ſelbige / wie alle ſeine Sachen / niemals vor etwas geachtet / was der Welt mitzutheilen wuͤrdig ſey. Maſſen Er dieſes alles bloß zu obgemeldter vorneh -c 2merVorbericht an den Leſer. mer Perſonen und guten Freunde eigenen Gefallen und Vergnuͤgung / in de - nen / wegen ſeines muͤhſamen Amptes haͤuffigen Geſchaͤffte und ſchwerer Rechts-Haͤndel / wenig uͤbrigen Stunden / beſonders aber meiſtens in ſeinem Gicht - oder Geduld-Bette zum Zeitvertreib und Gemuͤths-Beruhigung ge - ſchrieben / und zuweilen ihnen etwas davon mitgetheilet / die ſich denn mit deſ - ſen Durchleſung nichts weniger / als er mit der Arbeit beluſtiget / und ihn im - mer mehr aufgemuntert haben.

Das Abſehen dieſer Arbeit wird der kluge Leſer gleichfals leicht wahr - nehmen koͤnnen: daß er der Welt dadurch einen guten Nutzen zu ſchaffen ge - trachtet; weil er vornehmlich angemercket: daß ins gemein junge Standes-Per - ſonen allzuzeitlich einen Eckel vor ernſthafften Buͤchern zu bekommen / und lie - ber die mit vielen Eitelkeiten und trockenen Worten angefuͤlleten Liebes-Buͤ - cher / als den la Motte / oder den Spaniſchen Saavedra / da doch dieſe Buͤcher ihre Gelehrſamkeit und ihren Nutzen haben / zu leſen pflegen. Dahe - ro unſer Lohenſtein auf die Gedancken gerathen: ob man nicht unter dem Zucker ſolcher Liebes-Beſchreibungen auch eine Wuͤrtze nuͤtzlicher Kuͤnſte und ernſthaffter Staats-Sachen / beſonders nach der Gewohn - und Beſchaffenheit Deutſchlands / mit einmiſchen / und alſo die zaͤrtlichen Gemuͤther hierdurch gleichſam ſpielende und unvermerckt oder ſonder Zwang auf den Weg der Tu - gend leiten / und hingegen ihnen einen Eckel vor andern unnuͤtzen Buͤchern er - wecken koͤnte. Weßwegen er auch hierinnen allerhand froͤliche und traurige Abwechſelungen von luſtigen / verliebten / ernſthafften und geiſtlichen Sachen gebrauchet / umb die Gemuͤther deſto aufmerckſamer zu machen; auch uͤber diß mehr auf anmuthige Reden / gute Gleichnuͤße und ſinnreiche Spruͤche / als all - zuweitlaͤufftige Umbſtaͤnde und Verwickelungen der Geſchichte geſehen. De - rowegen wolle der beſcheidene Leſer auch nicht uͤbel vermercken / wenn er da o - der dort einigen Jrrthum entweder in dem Nahmen oder der Zeit-Rechnung befinden moͤchte. Maſſen der ſeelige Verfaſſer wegen ſeines geſchwinden Abſter - bens das gantze Werck nicht gaͤntzlich durchleſen koͤnnen / da Er ſonder Zweifel wol noch eines oder das andere ab - oder zugethan haben wuͤrde. Ob Er nun ſchon ſeinen Zweck nicht in allem nach Wunſch erreichet haben doͤrffte; ſo wird Er doch zum wenigſten hierinnen die Bahn gebrochen / und ſo wol den Nach - kommen ein Licht aufgeſteckt / als die Lehre eines gewiſſen Auslaͤnders beob - achtet haben: daß dergleichen Buͤcher ſtumme Hofemeiſter ſeyn / und wie die Redenden gute Lehren und Unterricht geben; alſo dieſe neben denſelbendurchVorbericht an den Leſer. durch allerhand Beyſpiele die Wuͤrckung des Guten / und die Folge des Boͤ - ſen / die Vergeltung der Tugend / und die Beſtraffung der Laſter vorſtellen ſollen.

Dahero / wenn ja iemanden beduͤncken moͤchte / als ob ein oder das an - dere Laſter zuweilen hierinnen mit ſchoͤnen oder zu freyen Worten beſchrieben waͤre; ſo wolle doch derſelbe ihme von unſerm ſeeligen Herꝛn Uhrhebeꝛ keine uͤbele Gedancken machen / ſondern vielmehr glauben: daß er in der Gerechtigkeit / in der Tugend und Liebe zu GOtt feſt gegruͤndet geweſen / und wol keinem Chriſten in der Welt hierinnen nachgegeben. Sein Hertz war von allem Ei - gennutz entfernet; hingegen ſein Gemuͤthe deſto mehr nach Weißheit begierig und in derſelben unerſaͤttlich. Deßwegen hielt er iederzeit gleich dem beruͤhm - ten Engellaͤnder Bradfort / die Unterredung mit gelehrten Leuten / die er faſt taͤglich zu ſeinen Beſuchern wuͤnſchte und auch hatte / vor eine Erqvickung der Seelen / und ſahe es uͤberaus gerne / wenn ſie an ſeinem Tiſche vor lieb nah - men / und durch kluge Geſpraͤche ihm ſeine Speiſen wuͤrtzten. Jn Ermange - lung derſelben aber waren gute Buͤcher ſeine unzertrennliche Gefaͤrthen; und war ihm nicht moͤglich einen eintzigen Augenblick muͤßig zu ſeyn. Denn er ſchaͤtzte die vergebens hinſtreichende Zeit mit dem weiſen Demetrius vor den koſtbarſten Verluſt; und hielt dies / was andere Arbeit und Muͤhe nennen / vor ein ſtaͤrckendes Labſal und die allerſuͤſſeſte Gemuͤths-Erleichterung. Daher er - wehlte er ihm außer ſeinen Ampts - und andern Verrichtungen eine beſtaͤndige und immerwehrende Arbeit / die ihm nach des Himmels Bewegung oder Son - nen-Lauff gleichſam in einem unauffhoͤrlichen Zirckel fuͤhrte. Sie war ihm ein rechtes Spielwerck; alſo / daß man wol mit Warheit betheuern kan: daß ihm ſolche niemals einigen Schweiß ausgepreßt / noch etwan Verdruß oder Ungeduld erwecket hat. Denn er war in der Arbeit uͤberaus gluͤcklich; Er wuſte ihm die ſchwerſten Sachen dergeſtalt leicht und annehmlich zu ma - chen: daß ihn etwas zu verfertigen faſt wenig oder gar keine Muͤhe gekoſtet. Maſſen ſein Kopff ein rechtes Behaͤltnuͤs der Wiſſenſchafften zu ſeyn ſchien / darinnen er die allerwichtigſten Beweiß-Gruͤnde geſammlet hatte; und zu aller Zeit ſo wol aus dem Munde / als der Feder von ſich geben / und gleichſam wie eine Schale den Balſam der Gerlehrigkeit nur immer reichlich ausgieſſen konte. Hierinnen aber hat er wie andere als ein Menſch geſchrieben / und als ein rechtſchaffener Chriſt nach ſeiner Schuldigkeitc 3geglau -Vorbericht an den Leſer. geglaubet; auch eine und die andere Begebenheit bloß zu einem Beyſpiel vor - geſtellet / und zwar mit einer ſolchen Art / die dem Leſer eine Begierde ſo wol das Gute als Boͤſe zu betrachten / beydes aber zu unterſcheiden / erwecken moͤchte. Denn allzulange auf einer Seite ſpielen / oder immer einen Thon hoͤren / iſt den Ohren verdruͤßlich / und dem Gemuͤthe zu wieder. Zu dem weiß man ja wol: daß den Reinen alles rein iſt; und tugendhaffte Gemuͤther auch aus Leſung des Boͤſen wie die Scheide-Kuͤnſtler aus gifftigem Napel etwas Gutes zu zie - hen pflegen.

Denn weil alles der Veraͤnderung unterworffen iſt; und wir Menſchen in der Welt meiſt die Abwechſelung der Dinge / als die Mutter der Vergnuͤ - gung lieben / ob ſolche gleich nicht allemal eine freundliche Stirne / und den Mund voll Biſam hat; So folgen wir billich hierinnen dem Beyſpiel des Himmels; der bald truͤbe / bald klar / bald ſtille / bald ſtuͤrmeriſch zu ſeyn / und zuweilen mit Blitz und Donner zu ſpielen pfleget / damit etwas gutes daraus folgen koͤnne / was wir uns weder verſehen / noch deſſen Urſachen / warumb diß oder jenes geſchehen / ergruͤnden koͤnnen. Derowegen wird ihm ein ieder bedachtſamer Leſer die auf ſolche beſchriebene Laſter allemal gefolgten grauſa - men Straffen hierinnen eben ſo wol / als in dem heiligen Haupt-Buche zu einer Warnung und Schrecken dienen laſſen. Denn haͤtte niemand die Klippen Scylla und Charybdis ausfuͤhrlich beſchrieben / und die See-fahrenden vor der Gefahr gewarniget / ſo wuͤrden noch viel Schiffer daran ſcheitern / und ſie an - itzo niemand ſo kluͤglich zu meiden wiſſen. Ein ieder Ort hat ſeine Wunder - wercke und ſeine Mißgeburten / wie ſeine Tage und Naͤchte; Und wo Sonnen ſind / da giebt es auch Finſternuͤße. Dannenhero wir alle Sachen in der Welt gleichſam als in einem Spiegel beſchauen / die boͤſen meiden / die guten anneh - men / und ſtets gedencken ſollen: daß wie alle / auch die geringſten Laſter ihre ge - wiſſe Straffen; alſo die Tugenden allezeit ihre herrliche Belohmmgen zu ge - warten haben. Denn beydes das Gute und auch das Boͤſe ſind gewiſſe Zah - ler einem ieden / wie Er es verdienet. Wer boͤſe geartet iſt / wird gleichwol boͤſe bleiben / wenn er ſchon nicht den Arminius geleſen haben wird. Zu dem koͤnte man wol fragen: was koͤnnen die Steine davor / daß der / ſo glaͤſern iſt / ſich daran zerſtoͤſſet? Wer nicht wol verſetzen kan / muß niemals fechten / noch ſich ohne guten Wind zu tieff in die See begeben. Man ſoll bey Leſung der Buͤ - cher ein adeliches Hertz haben / und mit Verachtung alles / was weibiſch oder un - edel iſt / bey Seite ſetzen; hingegen ſeine Hand wie der unter des LicomedesJung -Vorbericht an den Leſer. Jungfrauen in Weiber-Tracht verborgene Achilles nach wuͤrdigen Sachen ausſtrecken. Denn als dieſe mit Anſchauung des vom verkleideten Ulyſſes zum verkauffen dahin gebrachten Weiber-Schmucks beſchaͤfftiget waren / Achilles bloß nach der darunter verborgenen Wehre grieff / und alſo hierdurch vom U - lyſſes erkennet ward. Mancher lieſet zwar die heiligſten Buͤcher / hoͤret tau - ſend guter Lehren und nachdruͤckliche Vermahnungen / dennoch aber wil ihn keines beſſern; ſondern er unterſtehet ſich vielmehr wol gar die allerherrlichſten Dinge / wie Lucianus / zu einem Geſpoͤtte zu machen. Wie denn auch noch heute zu Tage nichts gemeiners in der Welt iſt / als uͤber andere Sachen ſeltzame Ur - theile faͤllen und tadeln koͤnnen. Ja es giebet ſo gar Menſchen / welche lieber ohne Zunge als Stichreden ſeyn wolten; alſo daß es mancher entweder vor kei - ne ſinnreiche Erfindung / oder ihm vor einen Schimpff halten wuͤrde / wenn er nicht von iedem Dinge etwas boͤſes oder ſtachlichtes zu reden wuͤſte. Denn dadurch meinen dergleichen Leute / welche ſich gleichwol die Warheit zu reden einbilden / bey der gelehrten Welt vor helleuchtende Sternen angeſehen zu wer - den; da ſie doch kaum dampfende Pech-Fackeln ſind / welche / was auch immer ihr Schwefel und Rauch vor Blaͤndungen vorbilden kan / ſich doch ihres Ge - ſtancks halber ſelbſt verrathen / und ihre eigene Vertunckelung befoͤrdern. Die - ſe reden insgemein nie zierlicher / als wenn ſie am uͤbelſten nachreden; und glaͤn - tzen niemals mehrers / als wenn ſie am meiſten brennen. Sie ſind wie die Loͤ - wen / welche / wenn ſie einmal Blut von ihren Klauen gelecket / noch immer groͤſſere Begierde darnach haben; oder wie die Scorpionen / die nur allezeit zu ſtechen bereit ſind. Hingegen haben alle rechtſchaffene Gemuͤther iederzeit eine Abſcheu vor Spoͤtternzu tragen pflegen; weil ihre Worte und Tinte ein laute - res Gifft iſt / ſo die Nahmen und alles das / was ſie benennen / vergifftet. Wie denn jener auslaͤndiſche Ritter und kluge Raths-Herr zu Venedig gar nach - dencklich hiervon geurtheilet: daß kein ehrlicher Mann mit gutem Gewiſſen dergleichen weder reden noch ſchreiben koͤnte; Und gleich wie man Verraͤtherey liebte / den Verraͤther aber haſſete; alſo man auch Spott - oder Stachel-Reden zwar lobte / aber vor derſelben Uhrheber einen Abſcheu truͤge; ja einem derglei - chen Liebhaber an ſtatt des verhofften Lobes gar hoch vernuͤnfftig zur Antwort ſchrieb: Diſteln ſaͤen und Satyriſche Schrifften machen / waͤre ſeines Beduͤn - ckens einerley; wenn ſodenn Dornen daraus wuͤchſen / muͤſte man nicht das Gluͤcke / ſondern ſeine eigene Thorheit anklagen. Und ob ſelbte zwar bey den Zuhoͤrern ein Gelaͤchter erregten / ſetzten ſie doch gemeiniglich den Uhrheber inLeid.Vorbericht an den Leſer. Leid. Dannenhero dieſe der groſſe Alexander recht Koͤniglich verlachet / Ti - berius verſtellet / und Titus gar nicht angehoͤret; Maſſen dieſes ſuͤſſe Gifft ſeine eigene Straffe mit ſich fuͤhret. Solche Menſchen / ſo ihren herrlichen Verſtand und Vernunfft nur zum Boͤſen und des Nechſten Nachtheil anwen - den / werden offtmals / weil ſie mit ſchaͤdlichem Rauch gehandelt / auch wie des Alexander Severus Diener / Turinus mit Rauch geſtraffet; und koͤnten nicht unbillich ein Beyſpiel vom Peryllus nehmen / als welchen die Goͤttliche Ra - che nicht ohne Urſach ſtraffte: daß / weil er die ſchoͤne Kunſt aus Ertzt Bildnuͤſ - ſe der Goͤtter und fuͤrnehmer Helden zu guͤſſen endlich mißbrauchte / und dem grauſamen Phalaris zu Liebe einen Ertztenen Ochſen / als ein Werckzeug die Menſchen zu peinigen machte / er auch darinnen zu erſt die Wahrheit bewehren / und ſeinen verbrennten Leib den hoͤlliſchen Goͤttern zu einem Schnupff-Pulver werden laſſen muſte.

Gleich wie es nun allerhand wunderlich-geartete Menſchen in der Welt giebt; alſo muͤhen ſich einige / die einen Gran wichtiger als die itzt beſchriebe - nen ſeyn ſollen / nichts / als unnoͤthige Gruͤbeleyen / und eitel unnuͤtze Fragen auf die Bahn zu bringen; Und wollen mit einiger Noth wiſſen: weſſen Tochter He - cuba geweſen? was Achilles / als er unter des Licomedes Jungfrauen verbor - gen geweſen / vor einen Nahmen gefuͤhret? was vor ein Lied die Syrenen zu ſingen pflegen? Jn welche Hand Diomedes die Venus verwundet? An wel - chem Fuße Philippus gehuncken? durch wen Auguſtus des Brutus Kopff nach Rom geſchickt? und dergleichen mehr; oder leben gar wie Domitianus: daß ſie ſich lieber taͤglich etliche Stunden mit einer treflichen Fliegen-Jagt / als ei - nem nuͤtzlichen Buche zu erluſtigen pflegen. Hingegen ſind andere wol ſo gott - loß: daß ſie die allernuͤtzlichſten Sachen haſſen / und ſich nicht allein unterſtehen ſchaͤdliche und nichtige Dinge / wie Favorinus das viertaͤgichte Fieber / Dio die lange Haarlocken / Syneſius die Glatzen / Lucianus die Fliegen zu loben / ſon - dern andere wol gar den Fuͤrſten der Finſternuͤs mit Lobſpruͤchen zu verehren. Jhrer viel ſind auch / die nicht nur den Neptun wegen ſeines der Augen halben nicht recht gebildeten Ochſens / Minervens Hauß wegen ſeiner Unbeweglig - keit / des Vulcanus Menſchen-Bild wegen der nicht durchſichtigen Bruſt zu tadeln; ſondern ſo gar den himmliſchen Koͤrper ſelbſt / als das groͤſte Uhrwerck des hoͤchſten Schoͤpffers nach ihrer Einbildung einzurichten und zu ſtellen ſich beduͤncken laſſen.

Derowegen koͤnnen wir uns umb ſo vielmehr leicht die Rechnung ma -chen:Vorbericht an den Leſer. chen: daß wie nicht alle Sachen allen gefallen; ja das groſſe Welt-Licht die Sonne ſelbſt von den Perſen angebetet / von den Mohren hingegen verfluchet wird; noch die beſten Speiſen iedwedem Munde ſchmecken; alſo auch dieſer un - ſer Arminius nicht nach eines ieden Gehirne eingerichtet ſeyn; ſondern ein ieder nach ſeiner Einbildung / oder nach der Gewogenheit zu deſſen Verfaſſer gut oder boͤſe davon urtheilen / und alſo ihm nicht beſſer gehen werde / als des Jupiters Bildnuͤße / umb deſſen Kopff die Spinnen ihr Gewebe ziehen. Denn / denen Ungeduldigen oder allzu vieles Qveckſilber-habenden wird vermuthlich dieſe Schreibens-Art zu weitlaͤufftig / den Ungelehrten zu hoch und hiſtoriſch / den Scheinheiligen zu frey / denen Welt-geſinnten mit zu vieler Weltweißheit und geiſtlichen Sachen angefuͤllet / denen uͤbrigen aber auf dieſe oder jene Art nicht recht ſeyn / und da oder dort ſeine Fehler haben; alſo / daß man wol mit dem Auſonius Urſach zu ſagen haben moͤchte: wem dieſes unſer Spiel nicht ge - faͤllig iſt / der leſe es mcht; oder wenn er es geleſen / ſo vergeſſe er es wieder; der ſo er es nicht vergeſſen moͤchte / ſo verzeihe er uns.

Allein es wolle der hochgeneigte Leſer nur gedencken: daß ein Menſch kei - ner Engliſchen Krafft fahig iſt; ja auch dem Fleiſche der Heiligen ſelber Schwachheiten anhangen: und daß man das jenige Buch / welches lauter gleichgewogene Leſer oder Liebhaber bekommen / und allen Menſchen gefallen wird / unter die ſieben Wunderwercke der Welt zehlen / deſſelben Verfaſſer aber zum Oberhaupt und Richter aller Buͤcherſchreiber ſetzen werde. Viel / die der - gleichen Geſchicht-Buͤcher verachtet / haben weder ſelber was beſſers zu ſchrei - ben / noch ſonſt durch ihr Beyſpiel die Welt froͤmmer zu machen gewuſt. Man hat auch noch niemals weder gehoͤrt noch geleſen: daß es aus ihrem Haupte Gold geregnet haͤtte / vielleicht / weil kein Bergwerck darinnen geweſen. Denn ein ieder mag ſich nur beſcheiden: daß zwar alle Meere Schaum und Sand / aber nicht Perlen und Korallen herfuͤr bringen koͤnnen.

Schluͤßlich aber wolle ja niemand meinen: daß unſer Uhrheber die Zeit nur bloß allein an dieſes Werck oder ſeine Poetiſche Getichte gewendet habe. Wer von ſeiner andern Arbeit und Ampts-Verrichtungen Zeugnuͤs begehret / denſelben wollen wir nicht allein an das Breßlauiſche Raty-Hauß / und den beruͤhmten Welt-klugen Herrn Frantz Freyherrn von Neſſelrode / den Maͤcenas dieſer Zeit / ſondern auch an die jenigen / ſo ihn gekennet / gewie - ſen haben; als welche hoffentlich ohne alle Heucheley oder Partheyligkeit ihmddasVorbericht an den Leſer. das Ehren-Lob nachzuruͤhmen ſich nicht wiedern werden: daß er die kurtzen Jahre ſeines Lebens / ſo wol vor die Stadt / als die jenigen / die ſich ſeinem Rath und Beyſtandes anvertrauet / treulich und redlich gearbeitet / ſeine groͤ - ſte Luſt in der Arbeit geſucht / und gnungſam gewieſen / ja ſein Corpus Ju - ris zeugen wird: daß er ſo wol ein groſſer Rechtsgelehrter und kluger Staats - Mann / als ſinnreicher Poet geweſen; und daß man gar wol in der einen Hand der Aſtrea Wagſchale / in der andern aber auch des Apollo Leyer fuͤhren koͤnne. Denn wo Themis und Minerva in einem Tempel beyſammen geſtanden / ha - ben ſie allezeit denſelben beruͤhmter gemacht / und einander die beſte Handrei - chung thun koͤnnen. Dahero auch eine Erlauchte Perſon von unſerm Lohenſtein artlich zu ſchertzen Anlaß genommen: Es haͤtte das Gluͤcke in Austheilung der Ehren-Aempter entweder geirret / oder ihm unrecht gethan; in dem es ihn zu einem Staats-Diener nicht einer Stadt / ſondern eines groſ - ſen Koͤnigs machen ſollen / weil er zu dergleichen Dienſten vor andern faͤhig / und gar fuͤglich des Plinius Baum / der einen gantzen Garten mit allerhand Fruͤchten vorſtellte / oder auch des Auſonius Bacchus-Bilde / ſo von allen Goͤt - tern etwas eigentliches gewieſen / und er es daher Pantheon / oder alle Goͤtter genennet / zu vergleichen geweſen.

Dannenhero werden weder Plato / noch alle die jenigen eigenſinnigen Kluͤglinge / welche der Poeſie / ſamt allen andern denen Gelehrten mehr ſchoͤ - nen Zierrath als groſſen Reichthum erwerbenden edlen Kuͤnſten eine Grufft zu bauen / oder zum minſten nur ihrem Purpur einen Schandfleck zu machen bemuͤhet ſind / einen Schluß abzufaſſen Urſach haben / keinen Poeten in Rath oder zu weltlichen Ehren-Aemptern zu nehmen. Da doch Rom und Grichen - land nie beruͤhmter geweſen ſind / als da die Poeſie auch bey Burgermeiſtern und andern Groſſen zu Hauſe war. Daher wird es auch hoffentlich unſerm Breßlau / ſo lange nur gute Kuͤnſte und Sitten in der Welt bluͤhen werden / eben ſo wenig / als der Stadt Rom / weil der Burgermeiſter Cicero ein groſſer Redner daſelbſt geweſen und Buͤcher geſchrieben / als ſonder welche er in der Welt vielleicht weniger bekannt ſeyn wuͤrde / niemals zu einiger Schande und Verkleinerung ihres Anſehens gereichen / wenn man gleich ſagen wird: daß Hofmannswaldau / Lohenſtein / und fuͤr ihnen viel andere ihres gleichen Getichte geſchrieben / und die Poeſie zur hoͤchſten Vollkommenheit ge -brachtVorbericht an den Leſer. bracht haben. Die allergroͤſten Helden-Geiſter ſind entweder ſelber Poeten oder doch groſſe Liebhaber / ja der erſte deutſche groſſe Kayſer Carl / den Oſt und Weſt angebetet / der Uhranheber der deutſchen Tichter-Kunſt geweſen. Die Leſung des Homerus Getichte hat dem groſſen Alexander mehr Feuer / als ſeiner Diener Rath zu Heldenmuͤthigen Entſchluͤſſungen gegeben; Und es haͤtte ihm jener frembde Bothe / der mit einem freudigen Geſichte zu ihm kam / auf ſeine Frage: Ob Homerus von den Todten auferſtanden waͤre? keine froͤ - lichere Zeitung ſagen / als wenn er haͤtte Ja ſprechen koͤnnen. Unſer Armi - nius kan auch ſelber Zeugnuͤs ablegen: daß er an dem maͤchtigen Kayſer Auguſt / nichts minder einen geſchickten Redner und Poeten / als groſſen Herrſcher gefunden habe; der auch ſchon im zwoͤlfften Jahre ſeiner Groß-Mut - ter Julia eine offentliche Leich-Rede gehalten / hernach aber bey ſeiner Kayſer - lichen Wuͤrde es ſeinem hohen Anſehen gantz nicht verkleinerlich geachtet / daß er ſo gar ſeines Staats-Dieners Maͤcenas Tod mit einem Leich-Getichte be - ehret hat. Und ob zwar Plato in ſeinen Geſetz-Buͤchern uͤbel von den Poeten geredet; ſo hat er doch mehr den Mißbrauch / als die Kunſt beſtraffen wollen; Jm uͤbrigen aber von einem Poetiſchen Rath ſo viel gehalten: daß er ſie anders - wo Vaͤter und Fuͤhrer der Weißheit / ja ein Goͤttliches Geſchlecht genennet. Jſt auch gleich nicht eben mit Abſterben der Poeten eine Stadt zu Grunde gegan - gen; ſo hat man doch zum wenigſten allemal nicht ohne Nachdencken beobach - tet: daß ſo bald aus einem Orte die darinnen zum hoͤchſten geſtiegene Tichter - Kunſt ſich verlohren / derſelbe auch in kurtzem ein gantz anderes und verſtelltes Geſichte bekommen hat.

Jedoch damit wir nicht die Graͤntzen einer Vorrede allzuweit ausſtecken / wollen wir dißfals weder eine Lobſchrifft noch Schutz-Rede oder Vertheidigung der Poeſie machen, ſondern nur letzlich den geduldigen Leſer hiermit gebuͤhrends erſuchet haben: daß er von unſerm ſeligen Lohenſtein gleichfals ein gutes Urtheil faͤllen; indeſſen aber den Erſten Theil ſolcher ſeiner Arbeit gewogen aufnehmen / und kuͤnfftige Michael-Meſſe / geliebts GOTT / des Andern nebſt vollſtaͤndigen Regiſtern gewaͤrtig ſeyn; auch alle Fehler darinnen zum beſten kehren / und gewiß glauben: daß wo er es ja nicht in allem wol getroffen / doch wol gemeinet / und nicht allein damals bey den Freu -d 2dens -Vorbericht an den Leſer. densbezeugungen uͤber des itzigen Allerdurchlauchtigſten Koͤnig Joſephs in Ungarn hoͤchſterfreulichen Geburt gleichſam aus einem Poetiſchen Triebe gewahrſaget hat: daß derſelbe ſeines Groß-Anherrn-Vatern / Kayſer Carl des Fuͤnfften Fußſtapffen betreten / alle ſeine Tugenden und Gluͤcke beſitzen / und nach Anzeigung des anfaͤnglich verlauteten Geburts-Tages / eben wie dieſeꝛ ruhmwuͤrdigſte Kayſer / ſo wol von Sieg als Friede beruͤhmt werden wuͤrde; Sondern er hat auch gleich wie wir / iederzeit dieſen andaͤchtigen Wunſch in ſeinem Hertzen gefuͤhret: daß der groſſe GOTT / als der hoͤchſte Beſchir mer und Erhalter aller Koͤnigreiche und Laͤnder unſern itzigen Allerdurchlauchtigſten Oeſterreichiſchen Herrmann / den Groſſen LEOPOLD / einen nichts minder großmuͤthigen Feldherrn / als preißwuͤrdigſten Beſchir - mer deutſcher Freyheit in unverrucktem Wolſtande erhalten / fernere gluͤckliche und Siegreiche Waffen wieder alle die deutſche Freyheit kraͤnckende Feinde verleihen / und unter Seine Fahnen lauter tapfere / keinen Eigennutz / ſondern nur das Vaterland und die Eintracht liebende Heer - Maͤnner ſenden / auch das gantze hochloͤblichſte und allerguͤtigſte Ertzhauß Oeſter - reich dergeſtalt ſegnen wolle: daß deſſen Stamm ſich durch die gantze Welt ausbreiten / ſeine Zweige aber biß in den Himmel reichen moͤgen.

WasEhren-Getichte.
WAs iſt der kurtze Ruff der mit ins Grab verſinckt /
Dafern Er aus der Grufft nicht ewig wider ſchallet?
Ein ſchneller Blitz / der zwar von Oſt biß Weſten blinckt /
Doch bald vergeſſen iſt / wenn drauf kein Donner knallet /
Ein Rauch der bald verfliegt / ein Wind der bald verſtreichet /
Ein Jrrlicht / deſſen Schein fuͤr neuer Sonn erbleichet.
Wie bald verkocht in uns die Hand voll kuͤhnes Blut!
Wie eilends pflegt das Tacht des Lebens auszubrennen!
Noch Hand noch Schaͤdel weiſt den edlen Geiſt und Muth.
Wer wil den Zunder in der todten Aſch erkennen?
Der welcher unſer Lob erhalten ſolt auf Erden /
Muß deſſ in kurtzer Zeit ein ſtummer Zeuge werden.
Was hilffts denn / daß ein Menſch nach groſſem Nahmen ſtrebt /
Wenn ſein Gedaͤchtnuͤß nicht kan zu der Nachwelt dringen!
Fuͤr Agamemnons Zeit hat mancher Held gelebt /
Dehn Seiner Tugend Preiß zun Sternen koͤnnen bringen;
Weil aber kein Homer zu Jhm ſich hat gefunden /
Jſt Seiner Thaten Glantz in tunckler Nacht verſchwunden.
Braucht allen Aloe und Balſam Alter Welt /
Bemahlt nach Sothis Art die theuren Leichen-Kittel /
Schnitzt feſte Zedern aus mit fremdem Leim verkwellt /
Bezeichnet Tuch und Sarch mit Bildern groſſer Tittel /
Wird nicht ein Oedipus die ſchwartze Bruſt entdekken /
Bleibt im Verweſen doch Eur Stand und Weſen ſtekken.
d 3BautEhren-Getichte.
Baut hohe Graͤber auf / bedeckt mit einer Laſt
Von Jaſpis und Porphir die dorrenden Gebeine /
Schreibt Nahmen / Thun und Amt in Taffend und Damaſt /
Jn Holtz / in Gold und Aertzt / in feſten Stahl und Steine;
Zeit / Moder / Faͤule / Roſt weiß alles zu entſtalten:
Des Nachruhms Ewigkeit iſt anders zu erhalten.
Sucht in des Coͤrpers Glutt fuͤr todten Nahmen Licht /
Es wird ſein Glaſt ſo bald als dieſe Flamme ſchwinden.
Ein unverzehrlich Oel wenn ſein Gefaͤſſe bricht
Muß durch die Lufft beruͤhrt ſamt Eurem Ruhm erblinden.
Der Mahler pflegt ſein Licht mit Schatten zu erhoͤhen;
Jn ſchwartzen Schriften bleibt die Tugend helle ſte -
(hen.
Weil im Pelaßger Land die Kuͤnſte hilten hauß /
Sind ſeine Lorbeer-Zweig auch unverſehrt bekliben.
Rom breitte Seinen Ruhm durch Schwert und Feder aus:
Was Caͤſar hat gethan das hat er auch geſchriben.
Der Teutſchen Tichterey der Barden Helden-Lider
Belebten Mannens Geiſt Tuiſeons Aſche wider.
Wem waͤr Epaminond ohn kluge Schrift bekant?
Wer wolte nach Athens und Spartens Fuͤrſten fragen?
Wo blibe Lyſimach der Leuen uͤberwand?
Wuͤrd auch die Welt was mehr vom groſſen Grichen ſagen?
Es haͤtt Jhr Nahme laͤngſt wie Sie vermodern muͤſſen /
Wenn Sie kein weiſes Buch der Sterbligkeit entriſſen.
JtztEhren-Getichte.
Jtzt waͤr Horatz von Rom auf beyden Augen blind /
Die Flamme kuͤhner Hand die ſich ſo frey vergriffen
Und freyer noch geſtrafft verrauchet in den Wind /
Duil umbſonſt ſo oft Er Eſſen ging bepfiffen /
Roms Schutz-Stab Scipio verfaulet und zubrochen /
Wenn nicht ein Livius fuͤr Sie das Wort geſprochen.
Doch weil der Eitelkeit ein enges Ziel geſtekkt /
Weil Buͤcher auch vergehn und Ehren-Saͤulen wanken /
Sigs-Zeichen fallen umb / und Grauß den Marmol dekkt /
Weil Schriften ſich verlir’n aus Augen und Gedanken /
Muß Sie ein kluger Geiſt zu Zeiten wider regen
Und auf die alte Muͤntz ein neues Bildnuͤß pregen.
Eh Guttenberg die Kunſt zu ſchreiben ohne Kil /
Zu reden fuͤr das Aug und Woͤrter abzumahlen
Jn Teutſchland aufgebracht / als nur ein Rohr vom Nil /
Als Leinwand oder Wachs / als Blaͤtter oder Schalen /
Als eines Thieres Haut allein gedint zu Schriften /
Werkonte da der Welt ein lang Gedaͤchtnuͤß ſtifften?
Wie ſind Polybius und Dio mangelhafft!
Was hat uns nicht die Zeit vom Tacitus genommen /
Vom Curtius geraubt / vom Criſpus weggerafft?
Was iſt vom Ammianin unſre Haͤnde kommen?
Viel andre haben zwar von andern viel geſchrieben /
Jhr Nahmen aber ſelbſt iſt uns kaum uͤbrig blieben.
SoEhren-Getichte.
So hat der leichte Wind vorlaͤngſt darvon gefuͤhrt
Was Libys aufgeſetzt / die Barden abgeſungen.
Wo wird der zehnde Theil von dieſem mehr geſpuͤrt /
Was noch zu Celtens Zeit geſchwebt auf tauſend Zungen?
Und muß was uͤbrig iſt nicht vollends untergehen /
Weil kaum der Teutſche mehr den Teutſchen kan verſtehen?
Manch Ritter edlen Bluts beſang was Er gethan /
Obgleich ſein Helden-Reim nicht klang in zarten Ohren.
Man trifft von alter Zeit mehr als ein Merkmahl an /
Daß unſer Schleſien zur Tichterey gebohren /
Wann Silber defſen Fuͤrſt / ein Heinrich / uns ſein Liben (Und anders mehr vielleicht) in Lidern hat beſchriben.
Die Stuͤkke ſind zwar ſchlecht die auf uns kommen ſein /
Und kan man wenig Licht in ſolchem Schatten finden /
Die Funken geben bloß aus bleichen Kohlen Schein /
Doch ſind ſie unſren Sinn noch faͤhig zu entzuͤnden /
Und daß die Kinder auch was Ahnen thaͤten / lernen /
So muß ein neuer Glantz ihr tunckles Grab beſternen.
Ein fremder ſchreibt von uns mit ungewiſſer Hand /
Siht mit geborgtem Aug und redt mit anderm Munde /
Jhm iſt des Landes Art und Gegend unbekant /
Gemeiner Wahn und Ruff dint Jhm zu falſchem Grunde:
Oft nimmt Er Ort fuͤr Mann / und was Er recht ſoll nennen /
Wird doch der Lands-Mann kaum in ſeiner Sprache kennen.
RomEhren-Getichte.
Rom klebt die Hoffart an: was nach der Tiber ſchmekkt
Geht Tagus goͤldnen Sand und Jſters Perlen oben.
Wird nicht der Nachbarn Ruhm durch Eyferſucht beflekkt /
So ſiht man ſelten doch den Feind nach Wuͤrdenloben.
Weil ſich die halbe Welt gelegt zu ſeinen Fuͤſſen /
Hat aller Barbarn Preiß fuͤr Jhm verſtummen muͤſſen.
Des Grichen Buch iſt oft ein leerer Fabel-Klang /
Der eingebildte Witz umbnebelt ſein Gehirne /
Und weil der Teutſchen Schwert Jhm biß zum Hertzen drang /
So ſcheint Jhm noch der Gram zu ſtekken in der Stirne.
Zeugt nicht von ſeinem Haß und Jrthum zur Genuͤge /
Daß Er den Galliern ſchreibt zu der Teutſchen Zuͤge?
Koͤmmts auf die neue Zeit: wo ſelbe Francken ſeyn /
Die haben Teutſch zu ſein durch Lufft und Zeit vergeſſen /
Jhr ſtoltzer Hochmuth waͤchſt / macht andre Voͤlcker klein /
Und trachtet allen Ruhm ſich ſelber beyzumeſſen.
Wil man den Spanier / wil man den Welſchen fragen /
Jhr wen’ge werden uns gleich-zu vom Teutſchen ſagen.
Doch ſchwaͤtze fremder Feind / und Neyder was Er wil /
Das Lob der Tapferkeit muß unſren Teutſchen bleiben.
Jſt ihre Redligkeit verſchmitzter Nachbarn Spil /
Doch kan ſie keine Liſt aus ihrem Lager treiben:
Und / was nicht fremde Fauſt der Wahrheit wil vergoͤnnen /
Wird noch wol von ſich ſelbſt der Teutſche ſchreiben koͤnnen.
eWasEhren-Getichte.
Was aus Minervens Stadt zum Capitol ward bracht /
Des weiß ſich unſer Land mit Nutzen zu bedinen.
Die Straſſ iſt zum Parnaß aus Teutſchland laͤngſt gemacht /
Man ſiht manch Lorber-Reiß bey unſern Palmen gruͤnen.
Corinthus und Athen hat Teutſche Fauſt erſtigen:
Wer weiß ſchreibt Sie nicht auch von ihren Ritter-Sigen.
Nur umb die Helden iſts am meiſten itzt zu thun /
Die durch die lange Zeit zum andern mahl geſtorben /
An unbekantem Ort ohn einig Denckmahlruhn:
Doch haben ſie nunmehr was Sie geſucht erworben.
Begehrt iemand Bericht / was Teutſche vor geweſen /
So kan Er Lohenſteins beruͤhmten Herrmann leſen.
Das Feuer dieſes Geiſts iſt Teutſcher Welt bekant /
Man weiß / wie Mund und Kil mit Nachdruck konte ſpielen.
Was Er fuͤr Land und Stadt fuͤr Arbeit angewandt /
Wird noch mit mehrem Danck die ſpaͤte Nachwelt fuͤhlen.
Was ich bey dieſer Schrift am ſeltzamſten gefunden /
Jſt / daß Sie die Geburt der ſeltnen Neben-Stunden.
Floͤſt Argenis mit Luſt der Klugheit Lehren ein;
So ſpuͤrt man ſolche hir mit vollem Strome kwellen.
Entdekkt man hir und dar Poetſcher Farben Schein;
Der Teutſche pflag ſein Lob in Tichterey zu ſtellen.
Hat ſich Erlauchte Hand bemuͤht mit Aramenen /
So muß ein Lorber auch die Schreibens-Art bekroͤnen.
WasEhren-Getichte.
Was ſonſten Muͤh und Fleiß aus hundert Buͤchern ſucht /
Wird hir als im Begriff mit Luſt und Nutz geſunden.
Wie Chauz und Catte ſtreitt / Cherusk und Friſe ſucht /
Wie Quad und Hermundur verachten Tod und Wunden /
Vom alten Gottesdienſt / der Fuͤrſten Reyh und Leben
Kan dieſes edle Werck vergnuͤgte Nachricht geben.
Doch bindt ſich dis nicht nur an Teutſcher Graͤntze Zil;
Es zeigt den Kern von Roms und Morgenlands Geſchichten.
Wer ſich gelehrt / verliebt / und Stats-klug weiſen wil /
Siht was Er nur verlangt in Reden und Getichten.
Er kan auch wil Er ſich zu ſuchen unterwinden /
Jn dieſem Buche viel von naͤhern Zeiten finden.
Den Mann und Ort verkehrt der Zeiten ſchneller Lauff /
Ein neuer Schauplatz zeigt was Vorwelt auch geſehen.
Loͤſt doch mit Unterſcheid manch Nahmens-Raͤthſel auf /
So findt ihr was vorlaͤngſt und neuer iſt geſchehen.
Das Wachsthum Oeſterreichs den Ruhm von ſeinen Helden /
Wird Euch der Unterricht von Herrmanns Vorfahrn mel -
den.
Ziht itzt die Sein an ſich der Tiber alte Pracht /
Trachtt durch Gewalt und Liſt zu ſeyn das Haupt der Erden /
Genung daß Herꝛmañ noch fuͤꝛ Teutſchlands Fꝛeyheit wacht /
Daß Varus und Segeſth von Jhm beſiget werden /
Der Sonn aus Oeſterreich die Neben-Sonnen weichen /
Die Hochmuth aufgefuͤhrt / und Stambols Monden bleichen.
e 2DisEhren-Getichte.
Dis hat der kluge Geiſt gewuͤntſcht und vorgeſagt /
Der Sultan Jbrahims verdinten Fall beſungen.
Wenn Er die Zeit erlebt / da dieſer Wunſch vertagt /
Haͤtt Er mit Herrmañs Lob noch hoͤher ſich geſchwungen.
Er haͤtte diſes Buch noch weiter fuͤhren muͤſſen /
Und mit dem hoͤchſten Ruhm der Kayſer-Sige ſchliſſen.
Wir nehmen unterdeß zum frohen Zeichen an /
Daß Jene wie diß Buch ſolln ſein ohn Schluß und
Ende.
Daß aber auch die Welt den Schatz geniſſen kan /
Jſt dieſes Buches Schluß erſetzt durch Freundes Haͤnde.
So lange man nun wird der Tugend Ehre geben /
Wird unſer Lohenſtein in ſeinen Schrifften leben.

Hanß Aßmann von Abſchatz.

MirEhren-Getichte.
MJr / Bruder / ſtehts nicht zu des Bruders Ruhm erheben /
Es waͤren Stoppeln nur / des Neides Gauckelſpiel.
Der deutſche Herrmann kan dir tauſend Leben geben;
Ob ſchon dein zeitliches noch vor der Welt verfiel.
Armin hat Stock und Beil den Deutſchen abgeriſſen /
Und dennoch ſahe man: daß Deutſchland ſein vergaß.
Allein itzt muß die Welt von ihm und dir erſt wiſſen /
Am meiſten / da der Wurm von beyder Aſche fraß.
Es dreut der Weſten Stern / ſo ſich ſonſt Sonne nennet /
Uns Deutſchen wiederumb aufs neue Mord und Brand.
Wer aber ſeinen Schein / des Mohnden Ohnmacht kennet /
Armin am Leopold / der Deutſchen Goͤtter Band /
Wird ſehen ſeinen Glantz zu Regenbogen werden /
Und dieſes Schwantz-Geſtirn ſelbſt blutig untergehn.
Jndeſſen bleibt dein Leib die Schale zwar der Erden /
Dein Geiſt bey Sonne / Mond und dem Geſtirne ſtehn.
Die Nachwelt iſt verpflicht und Deutſchland hoch verbunden
Der Hand / ſo ſeinen Ruhm aus Grufft und Graͤbern hebt.
Umb deines hat Armin Zypreſſen ſelbſt gewunden /
Und keiner Spinne Kunſt dein Sterbe-Kleid gewebt.
Du liegeſt im Armin / Armin in Dir begraben /
Und Deutſchland iſt der Stein / ſo beyder Aſche netzt.
Dem Bruder goͤnne nur den Ruhm dabey zu haben:
Daß Er ein Ende hat dem deinen nachgeſetzt.

Hannß Caſper von Lohenſtein.

e 3Vorſtel -Ehren-Getichte.

Vorſtellung des Lupffer-Tituls.

AUf Deutſchland! kanſt du noch der fremden Schmach
vertragen?
Faͤllt dir Qvintilius und Druſus noch zu ſchwer?
Jſt das verhaßte Joch noch nicht entzwey geſchlagen?
Auf Deutſchland! ruͤſte doch ein außerleßnes Heer.
Darf denn ein ſtoltzer Feind dir Haar und Kleider rauben?
Gibt man den Freyheits-Ring ſo unbedachtſam hin?
Auf Deutſchland! wafne dich; ſonſt muß ich ſicher glauben /
Daß ich in Sybariß und nicht in Deutſchland bin.
Die junge Mannſchafft wird verwegen hingeriſſen /
Die Aecker umbgepfluͤgt / der Landmann ausgepreſt /
Da unterdeſſen Staͤdt und Doͤrffer brennen muͤſſen /
Jndem ſich keine Huͤlff und Rettung ſpuͤren laͤßt.
Diß kan zwar ein Segeſt / ein Marobod verſchmertzen /
Weil Gold und Eigennutz ihr wahres Zil verruͤckt /
Doch zeucht Arminius diß Unrecht ihm zu Hertzen /
Und hat das blancke Schwert vor aller Heil gezuͤckt.
Auf Held! Auf Hertzog! geh! ermahne deine Bruͤder /
Bring dein behertztes Roß in den erhitzten Streit.
Zeit und Gelegenheit koͤmmt nicht ſo ſchleunig wider /
Drumb daͤmpfe / weil du kanſt / das Gift der Dinſtbarkeit.
Jhr aber die Jhr noch auf Baͤren-Haͤuten liget /
Und Deutſchlands Untergang mit trocknen Augen ſchaut /
SeidEhren-Getichte.
Seid ihr durch Zauberey in traͤgen Schlaf gewiget?
Jſt das erfrorne Hertz denn noch nicht aufgethaut?
Ach feige! wolt ihr nicht des Nachbarn Hauß erretten /
So wird das Eurige gewiß zu Grunde gehn /
Und der gefaugne Fuß in ungeheuren Ketten /
Und Feſſeln / die Jhr euch ſelbſt angeleget / ſtehn.
Wie aber ſeh ich nicht den tapfern Arpus eilen?
Ganaſch und Jubil ſind auf gleichen Schluß bedacht.
Es denckt ſich Seſitach nicht laͤnger zu verweilen /
Schaut wie dem Cattumer das Hertz vor Freuden lacht.
Auf Helden! foͤrdert euch! die Bahn iſt ſchon gebrochen /
Der Feldherr geht voran; es muß gefochten ſeyn;
Das Unrecht wird allein durch Feur und Schwert gerochen /
Brecht derowegen keck in Waͤll und Laͤger ein.
Man hat euch biß hieher durch wunderliche Kuͤnſte
Recht umb das Licht gefuͤhrt / und Naſen angedraͤht /
Nun aber zeiget ſich ein nichtiges Geſpinſte /
Das ein geſchwinder Oſt im Augenblick verweht.
Auf denn! Ermuntert euch! denckt an der Ahnen Thaten /
Denckt an die Siges-Pracht / die euch zu hoffen ſteht.
Kaͤmpft ſtandhaft! Kaͤmpft behertzt! als tapfere Soldaten /
Denckt / daß euch Well und Flut biß an die Lippen geht.
Die Nachwelt wird von euch mit Ruhm und Ehre ſprechen /
Und wenn ein Tacitus nicht redlich ſchreiben mag /
So wird ein Lohenſtein durch Nacht und Wolcken brechen /
Dergleichen kluge Fauſt bringt alles an den Tag.
JhrEhren-Getichte.
Jhr moͤgt euch immerhin biß an die Sternen ſchwingen /
Er folgt / und laͤſt den Kil / der nichts von Moder weiß /
Biß in das innerſte des duͤſtren Alters dringen;
Diß iſt / verſichert euch / der allerbeſte Preiß.
Jhm ſteh’n Tanfanens Hayn und Heiligthuͤmer offen /
Er weiß / was Libys ſpricht / und was Velleda denckt.
Jhr habt von Jhm allein die Ewigkeit zu hoffen /
Die weder Zeit noch Tod in enge Faͤſſel zwaͤngt.
Unſterblich-groſſer Geiſt! ſo lang als deutſche Helden /
Und deutſche Tapferkeit auf deutſchem Boden bluͤhn /
So lange wird man dich der greiſen Nachwelt melden /
Und einen Lorber-Strauch auf deiner Gruft erziehn.
Du haſt uns ſchon vorlaͤngſt dein Ebenbild gewiſen /
Das hohe Trau’rſpil zeigt wie deine Feder prangt.
Man hat der Schleſier beſonders Gluͤck gepriſen /
Das ſie durch deine Hand in dieſem Stuͤck erlangt.
Laſt nur Cleopatren und Agrippinen kommen /
Stellt die Epicharis und Sophonisben vor;
Du haſt dem Sophocles vorlaͤngſt den Preiß genommen /
Und Eſchyluß beſeuffzt / was er durch dich verlohr.
Es will der Seneca dir mehr als willig weichen /
Corneille ſchaͤmt ſich nicht bald hinter dir zu gehn.
Und Taßo denckt ihm nicht den Gipfel zu erreichen /
Auf welchem Lohenſtein wird eingegraben ſtehn.
DochEhren-Getichte.
Doch iſt es nicht allein mit Reimen ausgerichtet /
Arminius entdeckt die wahre Siges-Bahn.
Schau! wie Heliodor ſich gantz erſchrocken fluͤchtet:
Schau! was Barclajus ſelbſt und Scudery gethan;
Schau! wie Marini ſtarrt / wie Sidney ſich entſetzet /
Und wie Biondi faſt vor Neid zerberſten wil.
Sie haben ja vorhin die kluge Welt ergoͤtzet:
Jedweder ſehnte ſich nach ihrem Helden-Spil.
Jtzt aber iſt es aus: du haſt allein geſiget /
Du haſt Jtalien und Engelland gezaͤhmt /
Und Franckreich / das ſich ſonſt nur an ſich ſelbſt vergnuͤget /
Zu aller Deutſchen Troſt / durch deine Schrifft beſchaͤmt.
Unſterblich-hoher Geiſt! wie ſoll dir Deutſchland dancken?
Das deiner Trefligkeit ſo hoch verbunden bleibt. (Schrancken /
Dein Ruhm weiß auſſer dem faſt nichts von Graͤntz und
Weil ihn der Zeiten Ruff biß an die Wolcken treibt.
Vor dieſem haͤtte man dir Tempel und Altaͤre /
Und Saͤulen von Porfyr und Jaſpis aufgeſetzt.
Man thaͤt es auch noch itzt / wenn nicht die frembden Heere
Uns bis auf Blut und Marck durch Schwert und Brand ge -
Doch bleibt das Vaterland / wie ſehr es ausgeſogen / (ſchaͤtzt.
Wie groß auch immermehr ſein Unvermoͤgen iſt /
Dem wunderbahren Fleiß / der ſchoͤnen Muͤh gewogen /
Die ſeiner Helden Lob zu ihrem Zweck erkiſt.
Mich daͤucht / ich ſah es naͤchſt vor deinem Grabe ligen /
Es brach / faſt außer ſich / in dieſe Woͤrter aus:
fHirEhren-Getichte.
Hir ligt mein theureꝛ Sohn / mein einiges Veꝛgnuͤgen /
Hir iſt mein Paradiß / mein außerkohrnes Hauß.
Jhr Kinder eifert nicht / daß ich bey dieſer Baare
Mehr als bey andern bin: ich kenn euch alle wol.
Jch weiß / ihr ehret mich: ihr kroͤnet meine Haare:
Und ider foͤrdert diß was er verrichten ſoll.
Allein / hir muß ich was beſonderes ablegen: (bracht.
Kom̃t! hoͤrt / was meinen Sinn auf dieſen Schlus ge -
Mich hat Arminius vor Zeiten durch den Degen /
Jtzt aber Lohenſtein durch Schrifften groß ge -
macht.

Chriſtian Gryphius.

Uber das Bildnuͤs Herrn Daniel Caſpers von Lohenſtein.

HJer ſpielt ein edler Stein / dem Jovis Blitz faſt weichet /
Und dem kein Diamant aus Bengala ſich gleichet.
Dort trotzt Er Tod und Neid / weil ihn kein Maaß umbgraͤnzt /
Und Erin Gottes Hand als eine Sonne glaͤntzt.

F. N.

Daniel
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Daniel Caſpers von Lohenſtein Heldenmuͤthige Liebes - und Lebens-Beſchichte von dem theuren Freyheits-Beſchirmer des bedraͤngten alten Deutſchlandes Arminius oder Herrmann und ſeiner Durchlauchtigen Thußnelda / Erſter Theil

Jnhalt Des Erſten Buches.

DJe Beſchaffenheit des Roͤmiſchen Reichs unter dem Kaͤyſer Auguſtus. Her - zog Herrmann kommt mit denen Deutſchen / vom Qvintilius Varus / wi - der den Sicambriſchen Hertzog Melo / verſchriebenen Fuͤrſten / in dem Deutſchbur giſchen Heyn / zuſammen. Tanfanens Heiligthum. Herrmann opffert durch den Prieſter Libys. Die Leiche der Sicambriſchen Fuͤrſtin WalpurgisErſter Theil. Awird2Erſtes Buchwird beerdiget / welche ſich / umb dem geilen Varus zu entkommen / im Siegeſtrome er - traͤnckt hatte. Herrmann richtet den Fuͤrſten ein Gaſtmahl aus; und ermahnet ſie / ihre verſammlete Waffen wider die Roͤmer zu brauchen / mit Vorbildung ihrer Tyran - ney. Arpus der Catten Hertzog faͤllet ihm bey; und ſchlaͤgt den Herrmann zum allge - meinen Feld-Herrn fuͤr. Segeſthes der Caſuarier und Eulgibiner Hertzog gibt die Schuld des Roͤmiſchen Uberfalls den Deutſchen / widerraͤth den Frieden zu brechen / ſondern den Varus zu verklagen. Haͤlt ihnen den ungluͤcklichen Auffſt and der Gallier / Pañonier und Dalmatier fuͤr / und daß der maͤchtige Koͤnig Marbod mit den Roͤmern in gutem Verſtaͤndnuͤße lebe. Jubil des Bojiſchen Koͤnigs Brittons / den Marbod ermordet / Sohn / flucht auff den Marbod / und raͤth ſolchen ſelbſt zu bekriegen. Ganaſch der Chautzen Hertzog mißt dem Segeſthes die Urſache bey: daß die Chautzen von Tiberius uͤberfallen worden. Jngniomer der Bructerer Fuͤrſt aber entſchuldigt Segeſthen und beſaͤnfftigt ſie; und dieſer erbeut ſich den Uberfall der Roͤmer ſelbſt ein - zurichten. Segimer Segeſthens Bruder und alle Anweſende erklaͤren den Hertzog Herrmann zum Feld-Herrn. Jn dem fuͤr der Walpurgis Leiche eroͤffneten Grabe wird eine zweyfache Wahrſagung gefunden. Die Prieſter ſetzen den Feld-Herrn auff einen geweyheten Wagen / und haͤndigen ihm drey alte Kriegs-Fahnen ein. Das Heer nimmt den neuen Feld-Herrn mit Freuden an. Des Feld-Herrn Ruͤſtung und Re - de zum Heere. Hertzog Segimer und unter ihm ſein Sohn Seſitach / wie auch Ca - tumer der Cattiſche Printz fuͤhren den Vortrab. Ein unbekannter Ritter bittet beym Feld-Herrn / um den Ausſchlag kuͤnfftigen Krieges zu erforſchen / gegen einem Roͤmer einen Zweykampff aus / darinnen der vermeinte Roͤmer mit dem ſtuͤrtzenden Pferde ohnmaͤchtig zu boden faͤllt / durch ſeines Gefaͤrthen Klag-Geſchrey fuͤr eine Koͤnigin er - kennet / und in das Schloß Deutſchburg getragen wird. Der Feld-Herr kriegt Nach - richt: daß der Vortrab von Roͤmern uͤberfallen worden / und Segeſthes zum Fein de - bergegangen ſey; worauff er ſelbten zu Huͤlffe rennt / Jgniomern und Arpus das Heer nachfuͤhren laͤßt. Segimer verfolgt die weichenden Roͤmer / und verfaͤllt in dem Deutſchmeyeriſchen Thale auff ihr gantzes Heer / welches das Laͤger verlaſſen hatte / und ſich zwiſchen die Weſer und Aeder an die Feſtung Cattenburg ziehen wollen. Herrmann befiehlet: daß Hertzog Jubil mit einem Theile des Hinterhalts einen Umſchweiff neh - men / und dem Feinde den Weg abſchneiden ſolte. Segimer / Catumer und Seſitach fechten an einem Furthe wider das gantze Heer. Der Feld-Herr macht ihm einen an - dern Weg / trifft auff des Varus Leib-Wache und den Eggius. Herrmann reißt die - ſen vom Pferde / wird aber umgeben / von Adgandeſtern wieder zu Pferde bracht / aber von den Roͤmern / welchen der Segeſthes einen neuen Furth gewieſen / ſo wohl als Se - gimer gantz umringt. Catumer und Seſitach werden verwundet. Das deutſche Heer entſetzt ſie. Der Vortrab zeucht ſich zuruͤcke auff eine Flaͤche / den Roͤmern Platz zu ei - ner Schlacht-Ordnung zu machen; und die Roͤmer dringen wider den Willen ihrer Feld - Oberſten nach / alſo / daß ſie zu ſchlagen genoͤthigt werden. Die Roͤmiſche und Deutſche Schlacht-Ordnung. Segimer fuͤhrt ein Theil der Reuterey / wird vom Zeno Printzen aus Armenien verwundet / und muß ſeine Stelle ſeinen Sohn Seſitach vertreten laſ - ſen. Ein Ritter geraͤth mit dem Zeno in einen hefftigen Streit / wird aber zur Erde ge -faͤllt /3Arminius und Thußnelda. faͤllt / fuͤr Jßmenen des Feld-Herrn Schweſter erkennt und gefangen weggefuͤhret. Ze - no und Seſitach ſind verliebt in ſie; fallen dahero einander grimmig an. Hertzog Ganaſch kommt dieſem zu Huͤlffe / faͤllet den Zeno und nimmt ihn gefangen. Die Roͤ - miſche Reuterey wird auff dieſer Seiten / und Vala Numonius auff der andern vom Printzen Catumer in die Flucht geſchlagen. Eggius / Vir idomar und Guͤnterich fech - ten imrechten Fluͤgel tapffer. Jngniomer trifft auff ſie mit groſſer Hertzhafftigkeit. Catumer bricht mit der Reuterey in denrechten Fluͤgel ein / Viridomar wird von ihm zu Boden gerennet und ertreten. Catumer toͤdtet Hertzog Guͤntherichen. Um den Roͤmiſchen Adler wird verzweiffelt gefochten. Jngniomer hauet dem Eggius die Hand ab und ſtoͤſt ihm das Schwerdt durch die Gurgel. Der Roͤmiſche Faͤhnrich erſticht ſich ſelbſt. Jngniomer erobert den Adler / und Catumer der fluͤchtigen Gallier Fahne. Rhemetalies trifft mit ſeinen Thraciern im lincken Fluͤgel. Hertzog Arpus bringt die Roͤmer in Unordnung. Die Menapier und Bituriger und Cejonius fechten laulicht. Rhemetalies und Arpus gerathen aneinander / jener wird in Schenckel dieſer in Arm verletzt. Printz Seſitach bricht mit der Reuterey in lincken Roͤmiſchen Fluͤgel ein. Cejonius weichet / Rhemet alies wird gefangen. Herrmann und Varus treffen mit dem mitlern Groß ihrer Heere zuſammen. Des Varus Verrichtungen in Syrien und Deutſchland. Wie vortheilhafftig Herrmann die Schlacht-Ordnung gemacht. Die traurigen Anzeigungen bey den Roͤmern fuͤr der Schlacht. Varus / Caͤditius / Caͤ - lius / Britomar / Arbogaſt / fechten auff einer / die Deutſchen auff der andern Seite ſcharff und zweiffelhafft. Herrmann bemuͤhet ſich an Varus zu gerathen / bricht mit dreyhundert Edelleuten zu Pfer den ins Roͤmiſche Fuß-Volck. Der Ritter / welcher fuͤr der Schlacht die fremde Koͤnigin uͤberwunden / trifft auff den verkleideten Sege - ſthes. Jenem zerſpringt der Degen / Segeſthestoͤdtet ihm und dieſer wieder ihm das Pferdt / reißt ihm den Helm ab; als er aber: daß es Segeſthes ſey / erkennet / zeucht er den Streich zuruͤcke und laͤßt den Degen fallen. Herrmann will dem Segeſthes einen Streich verſetzen / der Ritter aber faͤngt ſelbten auff und wird ſelbſt verwundet; giebt ſich hierauf fuͤr die Fuͤrſtin Thußnelde / Segeſthens Tochter / zu erkennen; faͤllt ihrem Vater zu Fuſſe / reicht ihm ein Schwerdt / und verlangt von ſeiner Hand zu ſterben. Segeſthes erken - net ſein Verbrechen / wuͤnſcht zu ſterben / wird aber auff des Feldherrn Befehl in Ei - ſen geſchlagen. Thußnelde wird ohnmaͤchtig und nach Deutſchburg bracht. Her - tzog Herrmann nimmt den Caldus Caͤlius gefangen / verwundet den Varus / reißt dem Manlius den Haupt-Adler aus. Das gantze Roͤmiſche Heer fleucht / Varus erſticht ſich ſelbſt. Seſitach ſteckt ſeinen Kopff auff eine Lantze. Hertzog Jubil trifft auffs neue auff den Vala Numonius / den Caͤditius / Britomarn und Arbogaſten / als ſie nach der Cattenburg zu entrinnen vermeinen. Unter dieſen wil einer hier / der andere dort hinaus. Jubil durchrennt den Numonius / verwundet den Britomar. Die Roͤ - mer verkriechen ſich in Wald. Es erreget ſich ein hefftiger Platzregen. Der Wald wird rings um mit Deutſchen beſetzt. Die Deutſchen machen ſich die Nacht durch luſtig mit Wolleben und Geſaͤngen. Ein ſchrecklicher Sturmwind ſchlaͤgt viel Baͤume nie - der. Dieſe erſchlagen die Roͤmer mit den ihrigen erbaͤrmlich. Jſmene des Feld-Herrn Schweſter wird erledigt. Die Deutſchen ſuchen aus dem Walde den Feind herfuͤr;A 2pluͤn -4Erſtes Buchpluͤndern ſeine Wagen und Feld-Geraͤthe / erlegen den Reſt / nehmen viel Weiber und Kinder gefangen; kommen fuͤr das Roͤmiſche Laͤger / darein Caͤditius und Arbogaſt mit einem Theil ihres Volcks entronnen. Herrmann macht Anſtalt zum Sturme. Catumer ſetzt durch die Lippe und beſchleuſt auff der andern Seite das Laͤger. Her - tzog Jubil wil gegen die Feſtung Aliſon ſich ziehen / verfaͤllt aber auff zwey Legionen Roͤmer unter dem L. Aſprenas. Herrmann laͤſt Jngniomern fuͤrm Laͤger / zieht dem Aſprenas entgegen. Jubil treibt der Roͤmer Vortrab zuruͤcke. Die im Laͤger ma - chen mit ihren Zeichen: daß Aſprenas Stand haͤlt. Fuͤrſt Marcomir gehet mit den U - ſipetern zum Jubil uͤber. Die Roͤmer ſetzen Jubiln harte zu / und muß er ſich zuruͤcke ziehen. Aſprenas verfaͤllt auffs gantze Deutſche Heer / erfaͤhrt von einem Gefangenen des Varus Niederlage; zeucht ſich alſo / indem Caͤcina und Silvanus Plautius mit der Reuterey fechten / zuruͤck. Die Roͤmiſche Reuterey wird in die Flucht bracht. Herr - mann erlegt den Plautius. Der Roͤmer Niederlage. Jubil verwundet den Caͤcina / Printz Sigesmund den Aſprenas / welcher mit dem Uberreſte bey anbrechender Nacht ſich zwiſchen die Suͤmpffe / hernach aber durch den Wald gar zuruͤcke gegen Aliſon zeucht. Der Marſen Hertzog Malovend ſchlaͤgt ſich durch den Catumer durch / und kommt ins Roͤmiſche Laͤger. Catumer laͤßt einen Theil ſeines Volcks fuͤrm Laͤger / und gehet mit einem Theil fuͤr Aliſon. Ganaſch verfolgt den Aſprenas. Herrmann fodert das Laͤger auff. Malovend widerraͤthet / Cejonius ſchleußt ſich zu er geben; befiehlt im Laͤger die Waffen uͤber einen Hauffen zu tragen. Malovend und Apro - nius verſtecken den dritten Roͤmiſchen Adler in einen Sumpff. Herrmann bemaͤch - tiget ſich des Laͤgers. Cejonius / Malovend / und Arbogaſt werden in Feſſel geſchlagen / die Gefangenen eingetheilt und fortgetrieben. Grauſamkeit der Deutſchen gegen die Gefangenen / inſonderheit der Hermegildis gegen den Titus Labienus / welcher ihres Ehemanns Moͤrder / und ihrer Tochter Ehrenſchaͤnder gegen ſie verthaͤdiget hatte; als auch andere Sach-Redner. Das Laͤger wird geſchleifft. Die Fuͤrſten kommen auff die erſte Wahlſtadt. Muſtonius und Qvintus Julius Poſthumus / die des Va - rus Leichnam beerdiget / werden befehlichet ihn wieder auszugraben. Sie weigern es / Printz Seſitach aber laͤßt ſelbten gleichwohl ausſcharren. Die Deutſchen ſo in der Schlacht blieben / werden theils verbrennt / theils weggefuͤhret. Herrmanns Einzug in Deutſchburg. Er wird von Prieſtern und Jungfrauen herrlich bewillkommt. Ca - tumer und Ganaſch kommen beym Feld-Herrn mit unterſchiedenen Gefangenen / dar - unter auch Roͤmiſche Frauen an / nachdem ſie Aliſon erobert und den daraus entkom - menen Lucius Caͤditius verfolgt. Des Feld-Herrns gebliebene Grafen werden praͤchtig verbrennt / und die Aſche begraben. Emma des Ritter Waldecks: Wit - tib beerdigt ihres Eh-Herrns Gebeine und erhenckt ſich ſelbſt uͤber ſein Grab. Der Deutſchen Ritterſpiele bey den Begraͤbnißen. Herrmann ſchlaͤgt viel die ſich wohl ge - halten zu Rittern. Des Varus Waffen werden in Tanfaniſchen Tempel gelieffert / ſein Haupt auff Tuiſcons Altar gelegt / die Roͤmiſchen Adler den Goͤtter nauffgehenckt. Die Gefangenen werden auff hundert Altaren geopffert; viel Koͤpffe aber auͤffgehoben. Malovend / Apronius und Emilian weꝛden begnadigt Cejonius wird in einem Sumpffe erſteckt. Sextus Catulus verdammt die deutſchen Opffer. Caldus Caͤlius ſchlaͤgtihm5Arminius und Thußnelda. ihm den Kopff mit ſeinen Feſſeln entzwey und hierauff auch Catulus. Fuͤrſt Seſi - tach will des Varus Leib nicht auff dem Altare verbrennen laſſen. Fuͤrſt Siges - mund erzehlt: wie er das Roͤmiſche Prieſterthum verlaſſen / und opffert des Varus Leiche ſelbſt auff. Neßelrod ziehet einen Brieff herfuͤr / den Segeſthes fuͤr der Schlacht an Varus geſchrieben. Das Kriegs Volck wird auff Segeſthen dadurch hefftig er - bittert / begehret an die Prieſter ihn zum Tode zu verdammen. Segeſthes wird ge - holet / Herrmann hieruͤber bekuͤmmert. Ganaſch dringt auff Segeſthens Tod / Herr - mann redet fuͤr ihn. Segeſthes erkennet ſeine Schuld / und wil ſterben. Libys wird gezwungen auszuſprechen: Segeſthes muͤſſe entweder vom Hencker / oder / da er ſeinem Urſprunge und Buͤrgerrechte abſchwuͤre / von Prieſtern ſterben. Segeſthes erkieſet vom Hencker zu ſterben; bittet aber ihm einen eigenhaͤndigen Tod zu erlauben. Thuß - nelde verdammet den Eigenmord / und erbeut ſich vermoͤge ihrer Landes-Geſetze den Tod fuͤr ihren Vater auch wider ihren Willen auszuſtehen. Bey aller Anweſenden Erſtarrung will ſie dem Prieſter Libys das Opffer-Meſſer aus der Hand reißen; Herrmann verhindert es. Thußnelda verweiſet ihm die Verwehrung ihres Todes / und entdeckt zugleich ihre zuſammen gepflogene Liebe. Libys ſireicht die ſeltzamen Schi - ckungen der guͤtigen Goͤtter heraus und erkennet: daß die Liebe und Verlobung mit dem Feld-Herrn Thußnelden vom erkieſeten Tode errette. Segeſthes willigt in ſei - ner Tochter Heyrath. Der Verlobten Vergnuͤgen / des Volcks Freude hieruͤber. Ari - nia wirfft zu Befreyung des Fuͤrſten / Zeno und Rhemetalies ihnen ihren Krantz und Guͤrtel zu. Alle ziehen nach Deutſchburg zuruͤcke.

Des Erſten Theiles Erſtes Buch.

KOm hatte ſich bereit ſo vergroͤſſert: daß es ſeiner ei - genen Gewalt uͤberlegen war / und es gebrach ihm itzt nichts mehr / als das Maaß ſeiner Kraͤfften. Denn nach dem Buͤrger ge - wohnt waren / gantze Koͤnigceiche zubeherꝛſchen / fuͤr Landvoͤgten ſich große Fuͤrſten beugten / die Buͤrgermeiſter Koͤnige fuͤr ihre Siegs-Wagen ſpanneten / konte die Gleichheit des Buͤrgerli - chen Standes ihren Begierden nicht mehr die Wagehalten. Hieraus entſpannen ſich die in - nerlichen Kriege / welche dem Kaͤyſer Julius das Hefft allein in die Hand ſpielten / als der großePompejus in der Pharſaliſchen Schlacht ſeine Kraͤfften / das Roͤmiſche Volck aber ſeine Frey - heit verlohr / und jenem uͤber Hoffen die Erde zum Begraͤbnuͤße gebrach / dem ſie kurtz vor - her zu Ausbreitung ſeiner Siege gefehlet hatte. Deñ ob zwar der andere großmuͤthige Brutus / durch einen in des Julius Bruſt geſtochenen Dolch / das Joch der Roͤmer zu zerſchneiden / dem Vaterlande die Freyheit / ſeinem Geſchlechte zum andernmal den Nahmen eines Erloͤſers zuerwerben trachtete / ſo ſchlug doch ſein nichts ſchlimmerer Anſchlag viel aͤrger als des erſten Brutus aus. Alſo haͤnget ein gewuͤnſchter Aus - ſchlag nicht von der Gerechtigkeit der Sache / nicht von der Kuͤhnheit eines hertzhafften Unter -A 3fan -6Erſtes Buchfangers / ſondern von dem unwandelbaren Ge - ſetze des unerbittlichen Verhaͤngnuͤßes. Wie nun Brutus vom Antonius erdruͤckt war / alſo enteuſerte ſich der furchtſame Lepidus ſeiner Ho - heit und fiel dem Auguſt in einem Trauerkleide zu Fuße. Derletzte unter den Roͤmern Caßi - us toͤdtete ſich aus Einbildung eines fremden Todes. Des Sextus Pompejus Kopf ſchwam im Meere; Cato und Juba fielen lieber in ihre eigene Schwerdter / als in die Haͤnde des Octa - vius. Anton verlohr ſich durch eigene Wolluͤ - ſte / blieb alſo niemand von den großen uͤbrig als Auguſt und ſein Anhang.

Da nun dieſer die Gemuͤther der Kriegsleute mit Geſchencken / den Poͤfel mit ausgetheiltem Getraͤide / den Adel mit Freundligkeit / alle mit fuͤrgebildeter Suͤßigkeit des Friedens gewon - nen hatte / war niemand / der nicht lieber eine glimpfliche Herrſchafft / als eine ſtets blutende Freyheit verlangte. Ja die auch ſelbſt im Her - zen die einhaͤuptige Herrſchafft verfluchten / tra - ten von ihrem Anhange und Meinung ab / nach dem der Stadt Rom Schutz-Gott ſolche vorher geaͤndert haͤtte. Alle Widerwaͤrtigen erkenneten das Abſehen des Verhaͤngnuͤßes / die toͤdtliche Kranckheit ihrer Buͤr gerlichen Herr - ſchafft / und nahmen wahr: daß das zwiſtige Vaterland nur unter einem Hute zubefriedi - gen / und die bey denen Buͤrgerlichen Kriegen zerfleiſchte Freyheit unter einem Fuͤrſten einzu - buͤſſen der Roͤmer groͤſtes Gluͤcke war. Und biemit fiel das Looß auf den Auguſt; gegen wel - chem die ſich ihm widerſetzende Tugend ungluͤck - ſeelig; die Tapfferkeit ſelbſt unvermoͤgend ward. Dahero ging nun iederman in ſeinen Palaſt / nach dem / wie ſie ſelbſt ſagten / ihnen das Gluͤcke zu ſelbtem und zu ihrer Schuldigkeit den Weg gewieſen hatte / und wohin die Goͤtter vorherge - gangen waren. Ja die der Tugend und frey - en Kuͤnſten hold waren / ſchrieben dieſem Fuͤr - ſten an die Pforte: Wer fuͤr unrecht hielte / daß der Himmel uͤber ſeinem Wuͤrbel ſchwebte / daßdie Sonne ſo hoch ſtuͤnde / haͤtte alleine ſich zu be - ſchweren: daß der wuͤrdigſte Kaͤyſer waͤre. Sein Verdienſt ſetzte ihn auf eine ſo hohe Staffel / wo - hin ihm weder der Unwille ſeiner Mißgoͤnner nachſteigen / noch das Auge der Ehrſuͤchtigen nachſehen konte. Feindſchafft und Aufruhr erſtickte in ſich ſelbſt; der Haß gegen ihn ver - wandelte ſich in Verwunderung / die Wider - ſetzligkeit in Liebe. Und hiemit uͤbertraf dieſes Schoskind des Geluͤckes bey weitem den Juli - us. Er kam dem Numa gleich in dem / daß er den Tempel des Janus nach Erbauung der Stadt zum dritten mal zuſperrete / daran aber: daß er das groͤſte Theil der Welt be - herrſchte / uͤberſtieg Er ſo wol alle ſeine Vor - fahren / als anderer abgelebter Beherrſcher Bothmaͤſſigkeit. Die ſeltzamſten Zufaͤlle ſpiel - ten ihm mehr als er wuͤntſchte in die Hand / und noͤthigten ihn gleichſam die Graͤntzen ſei - nes Gebietes zu erweitern / ob er gleich das Roͤ - miſche Reich in denen uͤberkommenen Schran - cken zu erhalten entſchloſſen war. Weil die Uberlaſt nichts minder eine Urſache iſt: daß all - zu groſſe Herrſchafften als uͤberbauete Schloͤſſer einfallen / und groſſe Leiber den meiſten Schwachheiten unterworffen ſind. Alleine wo GOtt und das Verhaͤngnuͤs etwas vergroͤſ - ſern wil / da muͤſſen auch die Schrancken der Natur ſich ausdehnen / und die Zuͤgel der menſchlichen Gemuͤths-Regungen zerreiſſen; oder es laͤſt ſich der Ehrſucht nicht ſo leicht ein Ziel / als Laͤndern einen Graͤntz-Stein ſetzen. Das Gluͤcke belegte fuͤr die Roͤmiſchen Gewalt - haber den hoffaͤrtigen Phrat mit Bruͤcken / und die Zeit baͤhnete ihnen die ſandichten Wuͤſteney - en des innern Libyens; alſo / daß die Graͤntze des Roͤmiſchen Reichs von den weiſſen Britten / biß zu den ſchwartzen Mohren / von dem Ge - buͤrge deß Caucaſus / biß auſſer den Saͤulen des Hercules ſich erſtreckte; und das Jndiſche Meer nichts minder die Rubinen der Morgen-Roͤthe / als das / worinnen die Sonne zu Golde gehet /ſeine7Arminius und Thußnelda. ſeine Perlen dem Kayſer zinſete. Weßwegen Auguſt nicht ſo wol umb den Anfang aller von Rom außgehenden Meilen zu rechnen / als das Reichthum ſeines guͤldnen Reiches zu be - zeichnen / auff den Marckt zu Rom eine Saͤule aus Golde ſetzte. Ja nicht nur das Reich uͤber - ſtieg die Schrancken allervorigen / ſondern Rom ſelbſt das Maaß aller Staͤdte; deſſen Umbkreyß zwey und viertzig Roͤmiſche Meilen betrug; deſſen Haͤuſer ſechs Millionen Menſchen be - herbergten; und derogeſtalt das uͤbrige Jtalien nicht nur oͤde und einſam machte / ſondern ſchier aller Voͤlcker der Welt Aufenthalt war; und in einem Tage der vorwitzigen Eitelkeit zehen tau - ſend Pfund zuſammen geleſener Spinnen lie - fern konte. Dieſemnach denn die Welt ſie fuͤr ihr groͤſtes Wunder / das menſchliche Geſchlech - te ſie fuͤr ihre Gebieterin zu verehren gezwungen ward / nach dem Gluͤcke und Zeit ihr die Ober - hand und die Ewigkeit entraͤumte. Bey ſol - cher Beſchaffenheit ſchickte Phraates dem Kay - ſer die dem Craſſus und Antonius abgenomme - ne Adler wieder / und trat ihm gantz Armenien als ein Kauff-Geld des Friedens ab. Die Parther verſicherten ihm ihre Treue durch Geiſſel / und vertraueten ihm die Auferziehung ihrer Koͤnige. Die herrſchſuͤchtige Candace meynte Egypten zu gewinnen / und buͤſſete ihren Koͤniglichen Sitz Tanape ein. Largus drang biß ins Hertze deß gluͤckſeligen Arabiens / und Koͤnig Samos blieb in ſeinen Sand-Bergen nicht von den Roͤmiſchen Waffen unbeirret. Der Jndianiſche Koͤnig Porus ſchickte nach Rom die erſten Tieger / Pirimal auß der Jnſel Taprobana Wuͤrtzen / und Edel-Geſteine / umb hierdurch ſich beym Auguſtus einzulieben / und der Roͤmer Freundſchafft zu erlangen. Die Deutſchen / welche der Kayſer und andere groſſe Koͤnige wegen ihrer Treue und Tapferkeit ins gemein zu ihrer Leib-Wache erkieſeten / ſtunden den Roͤmern in ihren Kriegen zu Dienſte. Die Cimbrer beſchenckten ihn mit dem bey ihremReiche fuͤr das groͤſte Heyligthum und Kleinod gehaltenem Tiegel / und die / welche ihre Kraͤff - ten uͤber die Gewalt der unſterblichen Goͤtter herauß ſtrichen / lernten nach und nach ver - ſchmertzen: daß Druſus deß Kayſers Stief - Sohn durch etliche zwantzig am Rhein-Stro - me erbauete Feſtungen ihrer Freyheit gleichſam einen Kap-Zaum anlegte; daß Tiberius biß an die Elbe drang / die Chauzen fuͤr ſeinem Stu - le die Waffen niederlegten / ja daß deß Kayſers Feld-Hauptmann Quintilius Varus ſie nicht ſo wol mehr mit den Waffen im Zaume hielt / als taͤglich nach der Schaͤrffe der Roͤmiſchen Geſetze / oder vielmehr nach dem Wahne ſeiner luͤſternen Begierden verurtheilte.

Unter dieſem Joche ſchmachtete die Welt und Deutſchland / ſo daß nach dem allererſt gebaͤn - digten Dalmatien niemand war / der wider die Roͤmer einen Degen zuckte / denn der großmuͤ - thige Hertzog Melo mit ſeinen Sicambern und Angrivariern; als zu dem großmuͤthigen Herr - mann der Cherusker Hertzoge ſich ein Ausbund der Deutſchen Fuͤrſten (welche Quintilius Va - rus wider den ſeiner Meynung nach aufruͤhri - ſchen Melo guten theils verſchrieben hatte) eingefunden / und auf ſeine bewegliche Aufmun - terungen in dem Deutſchburgiſchen Forſt an der Lippe ihre Heer - Spitzen verſammlet hatten. Die Sonne trat gleich in die Wa - ge / und war ſelbigen Tag ſchon zu Golde ge - gangen / nach Mitternacht ſolte auch gleich der volle Mond eintreten / als Hertzog Herr - mann die Groſſen in dem Haͤyn der Goͤt - tin Tanfana einleiten ließ. Es war ein Thal / welches ungefaͤhr eine Meilweges im Umb - kreiſſe hatte / rings herumb mit ſteilen Felſen umbgeben / welche allein von einem abſchuͤſ - ſenden Waſſer zerthellet waren. An dieſer Gegend hatte die andaͤchtige Vor-Welt dem Anfange aller Dinge / nehmlich dem Schoͤpfer der Welt zu Ehren auf ieder Seiten eine drey - fache Reye uͤberaus hoch und gerade emporwach -7[8]Erſtes Buchwachſender Eich-Baͤume gepflantzet / und wie dieſes gantze Thal / alſo auch inſonderheit den in der Mitte gelegenen Huͤgel / und die in ſelbtem von der Natur gemachte Hoͤle / als auch den darauß entſpringenden Brunnen fuͤr eines der groͤſſeſten Heiligthuͤmer Deutſchlands vereh - ret / auch den Glauben: daß in ſelbtem die An - dacht der Opfernden durch einen Goͤttlichen Trieb gefluͤgelt / und das Gebete von den Goͤt - tern ehe als anderwerts erhoͤhet wuͤrde / von mehr als tauſend Jahren her auf ihre Nach - kommen fortgepflantzet. Denn die alten an - daͤchtigen Deutſchen waren bekuͤmmerter Gott recht zu verehren / als durch Erbauung koͤſtlicher Tempel die Gebuͤrge ihres Marmeis zu berau - ben und ihre Ertzt-Adern arm zu machen. Die - ſemnach ſie fuͤr eine der groͤſten Thorheiten hiel - ten Affen / Katzen und Crocodilen / ja Knobloch und Zwibeln mit Weyrauch zu raͤuchern; wel - che bey den Egyptiern mehr die auß Jaſpis und Porphyr erbaueten / oder auß einem gantzen Felſen gehauene Wunder-Tempel vorſtellten / als durch derſelben Pracht einiges Anſehen ih - rer ſchnoͤden Heßligkeit erlangeten. Nichts minder verlachten ſie die zu Rom angebetete Furcht und das Fieber / als welche Kranckheiten wol unvergoͤttert / ja abſcheulich bleiben / wenn gleich zu Uberfirnßung ihrer Bilder und Hey - ligthuͤmer alle Meere ihr Schnecken-Blut / und gantz Morgen-Land ſeine Perlen und Edel-Geſteine dahin zinſet. Da hingegen eine wahre Gottheit eben ſo ein auß ſchlechtem Raſen erhoͤhetes Altar / und ein mehr einem ſin - ſtern Grabe als einem Tempel aͤhnliches / aber von dem Feuer andaͤchtiger Seelen erleuchte - tes Heyligthum; wie die Sonne alle duͤſtere Wohnungen mit ihrem eigenen Glantze er - leuchtet und herrlich macht; alſo daß ohne die Gegenwart des groſſen Auges der Welt alle geſtirnte Himmels-Kreyſe duͤſtern / in Abweſen - heit einer weſentlichen Gottheit alle von Rubin und loderndem Weyrauch ſchimmernde Tem -pel irrdiſch ſind. Denn ob wol GOtt in und auſſer aller Dinge iſt / ſeine Macht und Herr - ſchafft ſonder einige Beunruhigung ſich uͤber alle Geſchoͤpfe erſtrecket / ſeine Liebe ohne Er - muͤdung allen durch ihre Erhaltung die Haͤnde unterlegt / ob er gleich ohne Außdehnung alles außwendig umbſchleuſt / alles innwendig ohne ſeine Verkleinerung durchdringet; und er alſo in / uͤber / unter und neben allen Sachen / iedoch an keinen Ort angebunden / noch nach einigem Maaſſe der Hoͤhe / Tieffe und Breite zu meſſen / ſeine Groͤſſe nirgends ein - ſein Weſen nir gends außzuſchluͤſſen iſt; ſo iſt doch unwiderſprechlich: daß GOtt ſeiner Offenbarung nach / und wegen der von denen Sterblichen erfoderten Andacht einen Ort fuͤr dem andern / nicht etwan wegen ſeiner abſonderlichen Herrligkeit / ſondern auß einer unerforſchlichen Zuneigung / ihm belieben laſſe / ja mehrmals ſelbſt erkieſet habe.

Uber dem Eingange nun dieſer ebenfals fuͤr andern erwehlten Hoͤle waren nachfolgende Reymen in einen lebendigen Stein-Fels ge - graben / iedoch gar ſchwer zu leſen; weil ſie nicht allein mit denen vom Tuiſco erfundenen Buch - ſtaben geſchrieben / ſondern auch vom Regen abgewaſchen und vom Mooß verſtellet wa - ren:

Jhr Eiteln weicht von hier! der Anfang aller Dinge /
Der ch als dieſer Fels und dieſer Brunn-Quell war /
Hat hier ſein Heyligthum / ſein Wohn-Haus / ſein Altar;
Der wil: daß man ihm nur zum Opfer Andacht bringe.
Die iſt das Eigenthum der Menſchen. Weyrauch / Blut /
Gold / Weitzen / Oel und Vieh iſt ſein ſelbſteigen Gut.
Die Opfer die ihr ihm auf tauſend Tiſchen ſchlachtet /
Die machen ihn nicht feiſt / und keine Gabe reich.
Jhr ſelbſt genuͤſſet es / wenn ihr den Schoͤpfer gleich
Durch eure Erſtlingen hier zu beſchencken trachtet.
Euch ſcheint der Fackeln Licht / ihr ruͤcht des Zimmets Brand;
Ja / was ihr gebt / bleibt euch mit Wucher in der Hand.
GOtt heiſcht diß zwar / doch nicht aus luͤſterner Begierde.
Denn was er geitzt das Meer ihm an der armen Flut
Des Thaues? welcher Stern wuͤntſcht ihm der Wuͤrmer Glut /
Die bey den Naͤchten ſcheint / und der Rubinen Zierde?
Jhr weyht GOtt nur das Hertz zum Zeichen euer Pflicht;
Euch ſelbſt zu eurem Nutz / ihm zur Bergnuͤgung nicht.
So9Arminius und Thußnelda.
Ja auch die Andacht ſelbſt weiß GOtt nichts zu zufroͤmen;
Denn eignet ſie uns zu gleich ſeine Gnad und Heil;
So hat ſein Wolſtand doch nicht an dem unſern Theil /
Wie unſre Freude rinnt auß ſeinen Wolthats-Stroͤmen.
Hingegen wie kein Dunſt verſchrt der Sonnen Licht /
So verunehrt auch ihn kein Aberglaube nicht.
Der Laͤſterer ihr Fluch thut ihm geringern Schaden /
Als wenn ein toller Hund den vollen Mond anbillt.
Es ruͤhmt als Nichter ihn was in der Hoͤlle bruͤllt;
Wie’s Lob der Seligen preiſt ſeine Vater-Gnaden.
Den groſſen GOtt bewehrt die Kohle / die dort gluͤht /
So wol / als die / die man wie Sterne glaͤntzen ſicht.
So iſts nun Ubermaaß / unſaͤglich groſſe Guͤtte /
Daß GOtt die Betenden hier wuͤrdigt zu erhoͤrn!
Weicht Eitele! umb nicht diß Heyl’ge zu verſehrn!
Denn daß GOtt in diß Thal nur einen Blick außſchuͤtte /
Jſt groͤß’re Gnad / als wenn das Auge dieſer Welt
Den ſchlechtſten Sonnen-Staub mit ſeinem Glautz / erhaͤlt.

Jn dieſer andaͤchtigen Einfalt beſtunden die alten Heyligthuͤmer. Nachdem aber die Roͤ - mer uͤber den Rhein gediegen / und iede Land - ſchafften auch ſo gar dem Kayſer Auguſtus haͤuf - fig Tempel aufrichteten / lieſſen die Hartz - und Marßlaͤnder ſich von ihrer alten und einfaͤlti - gen Andacht ableiten: daß ſie nach der Roͤmi - ſchen Bau-Art auf dieſen Huͤgel einen rundten und praͤchtigen Tempel von viereckichten Stei - nen aufbaueten. Gleich als ob es in der Willkuͤhr der Sterblichen ſtuͤnde: die Goͤtter nichts minder in gewiſſe Geſtalten zu verwandeln / wie ſie auß denen Geſtirnen nicht nur uͤppige Bulſchafften / ſondern Baͤren / Hun - de und andere wilde Thiere in dem Abriſſe ihrer tummen Einbildung gemacht haͤtten / oder auch / als ob es die Goͤtter mehr ver gnuͤgte / wenn die Sterblichen ihnen Steine an ſtatt ihrer Hertzen einweyhen / und mit koſtbarer Eitelkeit ihren kaltſinnigen GOttes-Dienſt uͤberfirnſen.

Wiewol nun an etlichen Orten Deutſch - lands die Sonne unter der Geſtalt eines halb - nackten auf einen hohen Pfeiler geſetzten Man - nes / deſſen Haupt mit Feuer-Stralen umb - geben war / und der auf der Bruſt ein brennen - des Rad hielt; der Mond unter dem Bildnuͤſſe eines Weibes / mit einem kurtzen Rocke / einerKappen mit langen Ohren / mit gehoͤrnten Schuhen und dem Monden auf der Bruſt; der Tuiſco in der Haut eines wilden Thieres / mit einem Zepter in der Hand verehret ward; ſo hatte doch gegenwaͤrtiger Ort noch dieſe Reinigkeit erhalten: daß ſie in dieſen ihren erſten Tempel kein Bild ihres GOttes entwe - der nach menſchlicher Aehnligkeit / oder Geſtalk eines Thieres ſetzten. Sintemal ſie nicht nur den abſcheulichen Mißbrauch der Goͤtter Bil - dung darauß wahrnahmen: daß Praxiteles nach ſeiner Bey-Schlaͤferin Gratina / viel an - dere nach der unzuͤchtigen Phryne die Goͤttin Venus / Phidias nach einem mißbrauchten Knaben Pantauches / den Olympiſchen Jupi - ter abgebildet hatten; und wie ſchwer der Bild - Schnitzer ſein eigen Gemaͤchte anbeten koͤnne / beobachteten / ſondern auch ehrerbietig glaubten: Man koͤnne zwar gewiſſe Bildnuͤſſe zum Zei - chen der daſelbſt verehrten GOttheit in gemein / zu welchem Ende im Anfange der Dinge die Sterblichen zu ihrem GOttes-Dienſte Lanzen ſollen aufgeſteckt haben / die Morgen-Laͤnder ihren Jupiter durch einen groſſen rundten ober - halb laͤnglichten / die Araber durch einen viereckichten Stein / die Perſer durch einen Fluß / die Druiden durch einen hohen Eich - Baum / oder durch einen Degen und Gezelt; die Paphier ihre Venus mit einer Kugel ange - deutet haben / oder zum Unterſchiede eines ge - wiſſen GOttes-Dienſts / der an einem Orte im Schwange gienge / als durch den Blitz / daß Ju - piter / durch den Spieß / daß Pallas / durch die Saͤule / daß Hercules / durch das wilde Schwein / daß die Goͤttin Herta / durch ein altes Schwerdt / daß Marß / (welchem die Scythen unter dieſer Geſtalt ihre Gefangenen opffern) durch einen Sebel / daß die Diana (womit ſie die Taurer abbildeten) allda verehret wuͤrde / an heiligen Oertern auffſtellen / oder ſelbte gar nach der Gewohnheit ihreꝛ Vorelteꝛn mit in die Schlach - ten nahmen / oder zu ihren Heer-Fahnen brau - chen; Die Groͤſſe aller himmliſchen Geiſter a -Erſter Theil Bber10Erſtes Buchber wuͤrde verunehret / wenn man ſie ſelbſt mit zerbrechlichem Ertzt oder Steinen abbilden / oder in durch Menſchen Haͤnde gemachte Mauren einſchlieſſen wolte. Denn der groſſe Umkreiß der Welt ſey der groͤſte / eine andaͤchtige Seele a - ber der angenehmſte Tempel Gottes. Ja das kleineſte Mooß / das an den niedrigſten Stau - den waͤchſt / ſey die Groͤſſe Gottes fuͤrzubilden groß genug. Der geringſte Wurm diene zum Beweißthume ſeiner lebhafften Gegenwart und unendlichen Verſehung. Dahero auch Pythagoras ſeinen Nachfolgern auffs ſchaͤrffſte verbot / keinen Ring / oder was anders / darein Gottes Bild gegraben waͤre / zu tragen. Hier - durch auch ſie zugleich erinnerte: daß ſie ihre Glaubens-Geheimniße von GOtt bey dem al - bern Poͤfel nicht gar zu gemein machen ſolten. Nichts minder hat Numa verboten / GOtt durch eines Menſchen oder Thieres Bild fuͤr - zuſtellen / weil es verkleinerlich waͤre / das hoͤch - ſte Ding mit ſo geringen zu vergleichen / und die unſichtbare Unbegreiffligkeit durch die Au - gen denen Sterblichen gemein zu machen. Wie - wohl hernach mit dem Verderb der Roͤmiſchen Sitten auch dieſe einſchlich: daß ſie / nach Ge - wohnheit der Egyptier / auch ihrer in Edelge - ſteine geſchnittener Goͤtter Bildniße mit Rin - gen an Fingern trugen.

Der Prieſter Libys / ein ſteinalter Mann / deſſen eyßgraues Haar zwar den Schimmel der Zeit / und die Vergaͤnglichkeit des Leibes / ſein munteres Antlitz aber gleichſam ein Vor - bild der unſterblichen Seele darſtellte / trat aus der Hoͤle dieſen Deutſchen Helden entgegen / und erweckte ſo wohl gegen ihm als dieſem heiligen Ort eine ungemeine Ehrerbietung; Zumal die Deutſchen ohne diß gegen ihre Prieſter groͤſſere als gegen Koͤnige zu bezeugen gewohnt waren. Seinen Leib / von den Schultern biß auff die Fuͤſſe / bedeckte ein ſchneeweißes Gewand / wel - ches ein Guͤrtel / darauff die zwoͤlff himmliſchen Zeichen geſtickt ſtanden / uͤber den Lenden zuſam - men zog. Das Haupt war mit einem Lorber -Krantze umflochten / in der lincken Hand trug er einen Dreyzancks-Stab; auff deſſen mittelſter Spitze die Sonne / auff denen zwey euſſerſten der Mond und das Feuer abgebildet war. Den unter dem Schatten dieſer dreyen natuͤrlichen Geſchoͤpffe betete ein Theil der Deutſchen eine dreyeinige Gottheit an. Jn der rechten Hand hatte er einen Sprengwedel / welchen er drey - mahl in das aus der Hoͤlehervor rinnende Qvell - Waſſer eintauchte / und damit die ſich naͤhernden Helden beſpruͤtzte. Alſo fort fiel Hertzog Herr - mann fuͤr der Hoͤlen auff ſein Antlitz / und ruff - te mit ausgebreiteten Haͤnden des Orts Gott - heit um Erhoͤrung und gluͤckliche Ausfuͤhrung ſeines Anſchlags an. Hierauff zuͤndeten die Opfferknechte das Feuer auff dem unferne von der Hoͤle auffgerichteten Altare an / brachten Beile / allerhand Gefaͤſſe mit Waſſer zur Reini - gung des Opffers / und endlich zwey weiſſe Ochſen herbey; welche um den Hals mit Kraͤn - tzen aus allerhand wohlriechenden Blumen umwunden waren. Der Prieſter wuſch ſeine Haͤnde aus dem Brunnen / legte die lincke auff den Kopff des Opffer-Viehes / ſeufftzete und be - tete bey ſich / die Augen ſtarr gegen dem auffge - henden Monden haltende. Nach dieſem ſchnitt er ein wenig Haare von der Stirne der Ochſen warff ſie mit Weyhrauch vermenget ins Feuer / und ſchlingte ihnen einen Strick um den Hals / mit welchem ohne diß die foͤrdern Fuͤſſe gebunden waren. Als nun die Opffer - Knechte ſelbte damit zu Boden faͤlleten / nahm der Prieſter das Meſſer und ſtach darmit durch ihre Kehle / fing das herausſpritzende Blut in ei - ne ſteinerne Schuͤſſel auff / und goß es in die Flamme / welche davon gantz ſpitzig in die Hoͤhe klimmete. Endlich ſchnitt er den gantzen Bauch auff / beſahe das Eingeweide / zertheilte mit den Veilen die Ochſen / wuſch ſie ab / beſprengte die Viertel mit Meel und Saltz / und verbrenn - te alles zu Aſchen.

Nach derogeſtalt vollbrachtem Opfer rief er mit lauter Stimme dem Hertzoge zu: Er ſolteaufſte -11Arminius und Thußnelda. aufſtehen / die GOttheit haͤtte ſein Gebete gnaͤ - dig aufgenommen / und das Opfer deutete in allem an: daß das Verhaͤngnuͤß ſeinem Fuͤrha - ben geneigt waͤre. Hertzog Herrmann ſprang hierauf mit gleichen Fuͤſſen empor / neigte ſich gegen dem Altare / und weil ſein Hertze ſo wenig die Freude / als ſeine groſſe Hoffnung eines gluͤcklichen Außganges verbergen konte / ſteckte er ſeine lincke Hand gegen dem aufgehenden Voll-Mond aus / und thaͤt ein Geluͤbde: daß er alle edle Roͤmer / welche von ihm wuͤrden ge - fangen werden / aufopfern wolte. Hiemit wendete er ſich gegen die Fuͤrſten und andere Groſſen / welche unfern von ihm bey dem Opfer auch ihrer Andacht gepfleget hatten / und erſuch - te ſie: daß ſie ihm / als einem Wegweiſer hinter den Huͤgel und Tempel nachfolgen moͤchten. Sie hatten aber kaum etliche Schritte fortge - ſetzt / als ſie von Weſten her gegen dem Tempel ſich einen Todten-Aufzug naͤhern ſahen; wel - ches ſie aus aller Begleitenden ſchwartzen Trau - er-Kleidern und ihren umbhuͤlleten Haͤuptern erkenneten. Zufoͤrderſt giengen zwantzig Edel - Leute / welche die Bilder der Sicambriſchen Fuͤrſtlichen Ahnen vortrugen; dieſen folgten drey Sicambriſche Prieſter mit Opfer-Beilen / und hierauf alſofort ein mit Blumen-Kraͤntzen uͤber und uͤber bekleideter Sarg / welcher von zwoͤlf weiſſe Wachs-Fackeln tragenden Edel - Knaben umbgeben / und von ſo viel edlen Jung - frauen getragen ward; die alle ſo viel Thraͤnen uͤber ihre Wangen fluͤſſen lieſſen / daß es ſchien / als haͤtten ihre Augen ſich in das regnende Sie - ben-Geſtirne verwandelt. Jhre Vorgaͤnge - rin / eine anſehnliche Frau / alleine hatte trockene Augen / es ſahe ihr aber eine heftigere Beſtuͤr - tzung aus dem Geſichte / als welche mit Weinen fuͤrzubilden iſt. Der Leiche folgten eine ziemli - che Anzahl Sicambriſche Edel-Leute / und zu - letzt die Opfer-Thiere / welche auf denen Be - graͤbnuͤſſen zwar geſchlachtet / nicht aber ver - brennet / ſondern von denen Leidtragendenverſpeiſet zu werden pflegen. So bald ſie fuͤr den Eingang deß Tempels kamen / ward die Baare niedergeſetzet / der Sarg eroͤffnet / in welchem eine eingebalſamte Leiche eines Frauen-Zimmers zu ſehen war. Nachdem ſie alle gegen der heiligen Hoͤle ſich biß auf die Erde niedergebuͤckt / und ein kurtzes Gebete gethan hatten; kehrte ſich die dem Sarche vortretende edle Frau zu denen anweſenden Fuͤrſten / und fieng nach etlichen tieffen Seufzern halb re - chelnde an zu reden: Wundert euch nicht / groſſe Helden / wer ihr auch ſeyd / daß ſo viel beſtuͤrtztes Frauen-Zimmer und traurige Frembdlinge eu - re heilige Rath-Schlaͤge ſtoͤren. Unſre Leiche und Sache vertraͤget nichts als Wehklagen; bey de - nen Deutſchen aber iſt den Maͤnnern nur das Andencken / denen Weibern das Trauren allein anſtaͤndig. Laſſet euch vielmehr befrembden: daß mein trockner Schmertz noch das Vermoͤ - gen hat meine Zunge zu ruͤhren. Dieſes Ge - rippe ſind die geringſchaͤtzigen Huͤlſen der uͤber - irrdiſchen Walpur gis / der Sicambriſchen Fuͤr - ſtin; welche ich von Jugend auf durch tugend - hafte Erziehung zu bedienen das Gluͤcke / der boßhafte Varus aber zu ermorden den Vorſatz gehabt hat. Wolte GOtt aber / dieſer Un - menſch haͤtte nur ihr Leben / nicht aber ihre Tu - gend auszuleſchen ſich bemuͤhet! Alleine dieſe Heldin hat das erſte an ihr ſelbſt hertzhafft aus - uͤben muͤſſen / womit Varus / der Keuſchheit Tod-Feind / das andere zu vollbringen gehindert wuͤrde. Denn ſie hat lieber in dem Siege - Strome ertrincken / als mit dieſem luͤſternen Hengſte in dem Gewaͤſſer der Wolluͤſte ſchwim - men wollen. Jch ſtehe an unſere Walpurgis der Roͤmiſchen Lucretia zu gleichen / welche letz - tere / da ſie unſchuldig geweſt iſt / nicht den Tod / wenn ſie aber nur ihr beliebtes Verbrechen mit dem Blute zu uͤberfirnſen geſuchet / kein Lob ver - dienet hat. Sintemal die erſtere durch zeitliche Abſchneidung ihres Lebens-Fadens dem Wuͤ - terich auch das Vermoͤgen ſie zu verunehrenB 2abge -12Erſtes Buchabgeſchnidten. Gleichwol aber beredet mich der aus ſo viel Helden-Geſichtern hervor ſtrahlende Anblick: daß die unbefleckte Wal - purgis zum minſten ſo wol eine Urſache der Ra - che / ein Anlaß die gekraͤnckte Freyheit wiederzu - ſuchen / fuͤr Deutſchland; als die gleichwol beſu - delte Lucretie eine Mutter der buͤrgerlichen Herrſchafft / und eine Vertilgerin der Wuͤtteri - che in Rom zu ſeyn / verdiene. Ja weil dieſe großmuͤtige Tochter des Fuͤrſten Melo in ihrem Hertzen einen ſo groſſen Tugends-Eyfer gezeu - get: daß ſie an ihrem Leibe die unſinnige Be - gierde des Varus doch mit dem Tode geſtraffet hat; wuͤrde ich aller anweſenden Helden Un - willen uͤber mich billich ziehen; wenn ich nur zweifelte: daß ſie an dem ſchuldigen Varus ſo viel Laſter mit gelinderer Straffe belegen / und dem / nicht ſo wol zur Rache ſeines Hauſes / als dem gemeinen Weſen zum Beſten / wider die Roͤmer hertzhafft ſtreitenden Melo ritterlich bey - ſpringen wuͤrden. Dieſem heiligen Heyne hat ihr beſtuͤrtzter Vater die Aſche einer ſo heiligen Fuͤrſtin gewiedmet / weil dieſer Leib vorher ein heiliges Behaͤltnuͤs einer ſo reinen Seele geweſt. Aber in wie viel ein herrlicher Heyligthum wird mit ihrem Gedaͤchtnuͤſſe das Bild der Tugend beygeſetzt werden; wenn in denen Hertzen ſo groſ - ſer Helden die truͤben Wolcken des Mitleidens einen ſolchen Blitz gebehren / welcher den Wuͤtte - rich in Aſche verkehret / und der Nach-Welt ein Beyſpiel der ungluͤcklich angefochtenen Keuſch - heit hinterlaͤſt. Nach dem aber die Leichen ih - rer Ruh / die from̃en Seelen ihrer Erquickung / die Boͤſen der Marter nach dem Tode wuͤrdig ſind / und alſo mit Seufzern begleitet zu werden verdienen / inſonderheit die irrdiſchen Straffen ein allzu leichtes Gewichte gegen die Schwere eines ſo grauſamen Verbrechens abgeben; ſo ſehet / was das adeliche Frauen-Zimmer der Si - cambrer fuͤr eine bewegliche Bitte an die Geiſter des andern Lebens deswegen abgelaſſen. Hiemit grief ſie in den Sarg / und nahm der darinnenausgeſtreckten Leiche ein Schreiben aus der lincken Hand / und laß folgende Worte daraus:

Jhr Geiſter / die ihr ſeyd von GOtt dazu beſtellt
Der Sterbenden Gebein und Aſche zu bewahren /
Laſt dieſer Leiche ja kein Leid nicht widerſahren!
Denn die hier Eyß iſt / war die Sonne dieſer Welt /
Die hier iſt Erde / ſchloß den Himmel in ſich ein;
Die Staub iſt / war zuvor ein Wunder-Stern auf Erden.
Jedoch ſie kan ietzt todt nichts wenigers ja werden /
Die / weil ſie lebend war / nichts groͤſſers konte ſeyn.
Jhr Geiſter aber ihr / die ihr Geſpielen ſeyd
Der hier gepeinigten und dort erfreuten Seelen.
Nehmt an Walpurgens Geiſt / der aus des Leibes Hoͤlen
Sich mit Gewalt entbrach / und fuͤr beſtimmter Zeit /
Womit ihr keuſcher Leib rein / heilig / unbefleckt
Zu dem was er geweſt / zur Erden in der Erde /
Allein ihr himmliſch Geiſt ein Stern im Himmel werde /
Der hier ſchon ein groß Licht der Welt hat aufgeſteckt.
Jhr Hencker endlich auch / der Seelen / die in Koth
Das Oel der Tugend kehrn / des Himmels Schatz verliehren /
Und noch ihr ſtinckend Gift auf reine Lilgen ſchmieren /
Thut ja dem Varus an Pein / Ketten und den Tod.
Er hat auch euch verſehrt / denn haͤtt er nicht geglaubt:
Daß nach dem Tode nichts / kein Recht / kein Leben waͤre;
Daß weder GOtt noch Geiſt ſich an die Laſter kehre /
So haͤtt er’s Leben wol Walpurgen nicht geraubt.

Alle anweſende Fuͤrſten ſahen einander gantz beſtuͤrtzt an; denn nicht nur die traurigen Ge - ſichter der anweſenden Klage-Weiber / ſondern auch der todten Fuͤrſtin Antlitz ſie gleichſam mit ſtummer Zunge zum Mitleiden und zur Ra - che anfleheten. Das Waſſer in welchem ſie einen halben Tag gelegen / ehe ſie gefunden und heraus gezogen worden / hatte ihren Leib durch Aufſchwellung / und der Tod ihr faſt himmli - ſches Antlitz durch den Raub ſeines Purpers verſtellet; gleichwol waren auch in dieſer ge - ringſten Uberbleibung nicht ſchlechte Merck - male ihrer Schoͤnheit und Anmuth zu ſpuͤren. Denn die Sonnen / wenn ſie gleich untergan - gen ſind / laſſen doch noch Kenn-Zeichen ihres herrlichen Glantzes hinter ſich. Alſo wurden anfangs ihre Augen / hernach ihre Gemuͤther uͤberaus beweget; dahero Hertzog Herrmann dieſe ihm gleichſam vom Himmel zugeſchickete Gelegenheit die deutfchen Fuͤrſten zur Verbitte -rung13Arminius und Thußnelda. rung anzureitzen wol wahrnahm; und die fuͤr ih - nen als ein Marmel-Bild unbewegt ſtehende Vorrednerin erſuchte; ſie moͤchte den beruͤhrten Trauerfall ihnen umſtaͤndlicher entdecken. Die - ſe fing alſofort auff unverwendetem Fuße an: die hier liegende Tochter des Hertzogs Me - lo war von der Natur mit allen Schaͤtzen - bermaͤßig beſchuͤttet / welche das weibliche Ge - ſchlechte von ihrer milden Hand anzunehmen faͤhig iſt. Ja auch ihr Hertze war mit dem Schatze der Maͤnner betheilet / nehmlich ei - nem Heldenmuthe; alſo daß ihre Schoͤnheit mit ihrer Anmuth nicht nur ohne Waffen ih - re Anſchauer uͤberwaͤltigte; ſondern ihr Geiſt auch faͤhig war Laͤnder einzunehmen. Was muͤhe ich mich aber die heraus zu ſtreichen / wel - cher Vollkommenheit gantz Deutſchland fuͤr - laͤngſt erkennet; nunmehr aber an ihr einen ſo herrlichen Schatz ſo ſchaͤndlich verlohren hat? Denn wie es Schlangen giebt / welche nur die ſchoͤnſten Blumen anfeinden; und die Kroͤten aus den reinſten Kraͤutern ihr Eyter ſaugen; al - ſo hat die Tugend dieſer ſo reinen Fuͤrſtin nicht die Anfechtung des geilen Varus zuruͤck zu hal - ten vermocht. Dieſer Unmenſch zohe mit etli - chen tauſend Roͤmern und Galliern durch das Sicambriſche Gebiethe nach Aliſon. Melo nahm ihn als einen Freund und Bundsgenoſ - ſen freundlich auff / bewirthete ihn auff etlichen ſeiner Luſthaͤuſer / wohin die Reiſe zutrug / auffs hoͤfflichſte; und dieſe ſeine zu ihrem Ungluͤcke ſo ſchoͤne Tochter muſte die mit ihm reiſende Frau des Lucius Aſprenas und etliche andere Roͤme - rinnen / oder vielmehr Kuplerinnen auffs freundlichſte unterhalten. Varus fing mit ih - rer erſten Erblickung alsbald Feuer / und in einem Tage brandte ſein Hertz lichterloh. Wie - wohl nun ihre ihr aus den Augen ſehende Tu - gend dieſen in ſeinen ſtinckenden Hertzen auff - ſteigenden Dampff haͤtte niederdruͤcken ſollen; war doch dieſer der Laſter gewohnte Menſch ſo wenig ſeiner Vernunfft als ſeiner Begierden maͤchtig; ſondern er meinte: daß die Schoͤnheitſo ſelten keuſch / als die Sonne kalt waͤre / und Walpurgis fuͤr eine Ehre oder Gnade zu ach - ten haͤtte / wenn ein Anverwandter des Roͤmi - chen Kaͤyſers mit ihr ſeine Luſt buͤſſete. Ja es war Varus in ſich ſelbſt ſo ſehr verliebt: daß er kein Frauenzimmer fuͤr ſo kaltſinnig hielt / wel - ches bey ſeiner erſten Anſprache nicht die Frey - heit; bey der andern Zuſammenkunfft die Ver - nunfft verliehren / und ſeine Vollkommenheit nichts minder alles Weibsvolck verliebt / als die Soñe in Mohrenland alle Einwohner ſchwartz machen muͤſte. Nachdem er auch ein und ander mahl in Abweſenheit der Roͤmiſchen Frauen ge - gen ſie ziemlich freye Reden und Geberden ge - braucht / Walpurgis aber es in Meinung: daß es zu Rom gewohnte Sitten waͤren / ohne euſſer - liche Empfindung hatte hingehen laſſen / bildete er ſich ein / dieſer Fuͤrſtin Hertze waͤre ſchon eine von ihm ſo in die Enge gebrachte Fe - ſtung: daß ſie um ſich zu ergeben nur die Ehre verlangte auffgefodert zu werden. Dieſemnach er ſie dann / als Hertzog Melo mit des Aſprenas Gemahlin in einem Luſthauſe das Koͤnigsſpiel ſpielten / bey der Hand nahm / und in einem ſchattichten Gange des Gartens mit ſeinem garſtigen Munde durch Abheiſchung unziemli - cher Liebe nichts minder das Haus ſeines ſo wohlthaͤtigen Wirthes / als die keuſche Ohren dieſer tugendhafften Fuͤrſtin verletzte. Walpur - gis / welche nichts minder mit Hertzhafftigkeit / als die Roſen mit Dornen ihre Beleidiger zu verletzen gewaffnet war / hatte ſich bey nahe ent - ſchloſſen dieſem unverſchaͤmten Tollkuͤhnen mit einem Schimpffe zu begegnen; ſie erwog aber alsbald vernuͤnfftig / was ihrem Vater und al - len Sicambern aus einer zu hitzigen Bewe - gung fuͤr Unheil erwachſen / und / nachdem Va - rus ſo groſſe Kriegs-Macht an der Hand hat - te / in was fuͤr Gefahr und Ungluͤck ſie ſich durch zu geſchwinden Eyfer ſtuͤrtzen koͤnte. Dieſemnach ſie denn / wiewohl mit gantz ver - aͤnderter Freundligkeit dem Varus antwor - tete: Sie muthmaßte aus dieſem Vortrage /B 3wann14Erſtes Buchwann ſie es nicht vorhin wuͤſte: daß er nicht lange in Deutſchland geweſen ſeyn muͤſte / al - wo dieſer Schertz gar ungewoͤhnlich waͤre. Der von den Begierden gantz verblendete Va - rus gab nur ein Lachen darein / meldende: die Roͤmer waͤren gewohnt insgemein Schertz und Ernſt mit einander zu vermaͤhlen; und moͤchte ſie glauben: ſeine gegen ihr entglom - mene Liebe waͤre ſchon zu einem ſolchen Feu - er worden: daß ſie ſich mit denen erſtern Schalen nicht ſaͤttigte. Walpurgis zaͤhmte ſich noch und verſetzte: Sie koͤnte ſich ſeine angegebene Meinung nicht bereden laſſen / weil er nichts minder von denen Deutſchen / als ſie von Roͤmern wuͤſte: daß beyderſeits zwey - fache Ehen verdammlich waͤren. Varus fuhr alſogleich fort und fing an: Jch bejammere die Einfalt der Deutſchen / welche der Him - mel mit uͤbermaͤßiger Schoͤnheit begabt / a - ber mit gebrechender Wiſſenſchafft ſelbte zu brauchen geſtrafft hat. Sie Roͤmer aber wuͤſten: daß die Ehen nicht unauffloͤßlich; ein Ehweib auch nur ein Wort der Wuͤr - de / nicht der Vergnuͤgung waͤre; welche al - ſofort mehr als die Helffte verſchwinde / oder gar erſtickte / wenn man die Liebe in die Schran - cken des Ehbettes als in einen Kercker ver - ſperrete; Sintemahl einem fuͤr dem leicht eckelte / deſſen Genuͤß man taͤglich in ſeiner Gewalt haͤtte. Die tugendhaffte Walpur - gis faͤrbte ſich uͤber ſo unverſchaͤmtem Gegen - ſatze / und wolte ſich des Varus entbrechen; welcher aber ihr die Hand loß zu laſſen wei - gerte / und ſie alſo ihm zu ſagen noͤthigte: Deutſchland haͤtte ihm ſo ſehr uͤber ſeiner Einfalt Gluͤck zu wuͤnſchen / als die wolluͤſti - gen Auslaͤnder uͤber ihrer geruͤhmten Wiſ - ſenſchafft ſich zu betruͤben. Sintemahl kei - ne reinere Unſchuld ſeyn koͤnte / als die La - ſter nicht kennen; welchen ſo viel Gifft an - klebte: daß ihr Nahme gleichſam anfaͤllig / wie der Baſiliſten Auge toͤdtlich waͤre. Da -hero ſie ihn erſuchte: daß er ihre als einer Jungfrauen Ohren mit ſo aͤrgerlichen Belei - digungen verſchonen und erwegen ſolte: wie in Deutſchland auch nur die Verſehrung der Schamhafftigkeit eine aͤrgere Verletzung als der Tod / ſie aber / mit der er redete / nichts minder im Gemuͤthe / als von Ankunfft ei - ne Fuͤrſtin waͤre. Eben dieſes / antworte - te Varus / iſt alleine erheblich genug / ihr an - dere Gedancken einzureden. Denn die Ge - ſetze / welche der Natur und ihren Neigungen Zwang anthun / ſind fuͤr den Poͤfel gemacht. Die bloſſe Wilkuͤhr der Fuͤrſten aber iſt eine Richtſchnur / welche Gutes und Boͤſes unter - ſcheidet. Und der Glantz ihres Anſehens iſt ſo vermoͤgend einer Schwachheit die Farbe der Tugend / als die Sonne einer truͤben Wolcke des Purpers und Goldes anzuſtreichen. Nie - drige Geſtirne wuͤrden nur von andern verfin - ſtert / an die aber / welche in den oberſten Kreiſſen ſtuͤnden / reichten weder Schatten noch Flecken. Nichts minder waͤren die Heldinnen an eine ſolche Hoͤhe geſetzet: daß ihre Flamme der Liebe entweder gar ohne einigen Rauch der Schande loderten / oder zum minſten ſelbte kein irrdiſches Auge zu erkieſen vermoͤchte. Dieſe ungebunde - ne Freyheit nach ihrem Belieben zu leben / und von dem andern verbotenen Baume zu eſſen / waͤre das einige Vorrecht und Vortheil / die das Gluͤck ihnen fuͤr ſo viel Sorgen und Schweiß / womit der Poͤfel verſchonet wuͤrde / zugeſchantzt haͤtte. Woriñen die Sitten der Deutſchen auch ſelbſt uͤbereinſtimmeten; welche dem gemeinen Volcke nur eines / den Fuͤrſten aber mehr Wei - ber zu heyrathen erlaubten. Die Fuͤrſtin Wal - pur gis unterbrach mit einer nicht geringen Un - gedult die allen Fuͤrſtlichen Haͤuſern verkleiner - liche Lehre; welche er nach ſeinen unreinen Ge - muͤthsregungen zu erhaͤrten bemuͤhet war. Jſt die Keuſchheit / ſagte ſie / nicht das edelſte Kleinod des gantzen weiblichen Geſchlechts / warumb ſoll denn der Poͤfel ſich mit dieſer koͤſtlichen Perlezu15Arminius und Thußnelda. zu ſchmuͤcken allein befugt / denen Heldinnen aber ſich mit Unflate der Laſter zu beſudeln eine anſtaͤndige Tracht ſeyn? Der Koth bleibt heß - lich und ſo viel mehr kenntbar in Kryſtallenen Geſchirren; und die Laſter garſtig / wenn ſie ſchon in Sammet und Gold-Stuͤck gehuͤllet / oder auf helffenbeinerne Stuͤle geſetzet werden. Die Straalen des Geluͤckes haben ſo wenig die Krafft aus einem ſtinckenden Verbrechen eine Tugend zu machen / als das Geſtirne aus Kroͤ - ten-Gerecke oder Froſch-Leich reine Thiere zu gebehren. Warlich es ſcheines nichts unge - reimter zu ſeyn; als daß dis / was in eines Buͤr - gers Hauſe ſtincket / auf der Burg den Geruch des Ambra vertreten; daß ein eytrichter Hader ein gemeines Weib verſtellen / einer Fuͤrſtin aber wol anſtehen / daß Hurerey und Ehbruch an Maͤgden geſtrafft / an Goͤttern aber mit dem aberglaͤubiſchen Griechen-Lande angebetet werden ſoll. Der Adel hat ja zu ſeinem Eben - Bilde die Perlen / welche von dem reinen Thaue des Himmels gezeuget werden / und ohne ihren gaͤntzlichen Verderb keinen unſaubern Bey - Satz annehmen. Die groͤſten Diamanten / wenn ſie unrein ſind / ſind unwerther / als kleine. Das Feuer / als das oberſte unter den natuͤrli - chen Dingen iſt reiner / als die niedrigern; ja es iſt denen Flecken ſo ſehr feind / daß es viel ſchwartze Dinge weiß macht / viel Ungeſtalten die Farbe des Himmels oder des Geſtirnes zueignet / die unverbrennliche Leinwand von aller Unſauber - keit / das Gold von Kupfer und Schlacken ſau - bert. Wie mag man denn uns den Huͤtten - Rauch ſchandbarer Geilheit fuͤr ein heiliges Feuer der Liebe verkauffen? Nein fuͤrwar; ich laſſe mich nicht bereden: daß die Natur fuͤr den Schmuck des Fuͤrſtlichen Frauen-Zim - mers nur Perlen und Rubinen / der Himmel aber fuͤr das gemeine die Reinligkeit der Keuſch - heit / und das Feuer der Schamhaftigkeit auser - wehlet habe. Jch kan nimmermehr glauben: daß die Edlen deßwegen insgemein aͤuſerlichſchoͤner und lebhaffter / die geringern ungeſtalter und eingeſchlaffener ſind; womit jene den Ziey - rath der Seele in dem Schlamme der Suͤnden erſtecken; dieſe aber in innerlicher Vollkom - menheit den Vorzug haben moͤchten. / Waͤre es nicht eben ſo viel / als die Seide aus Weid / die Wolle aus Schnecken-Blute faͤr - ben; und in ein Huren-Haus ein Bild aus Golde / in einen Tempel aus Thone ſetzen? Wahr iſt es zwar: daß in der Welt meiſt kleine Miſſethaten geſtrafft / groſſe noch mit Lorbeer - Kraͤntzen verehret werden; und der allein ein Ubelthaͤter iſt / der ſeiner Schwaͤche halben ge - ſtrafft werden kan; aber die gerechte Rache GOttes ſchlaͤget auf die hohen Haͤupter oͤfter und grimmiger / wie der Blitz eher in die Gipfel der Gebuͤrge / und Cedern / als in nie - drige Thaͤler und auf Krumm-Holtz. Und die Schmach unſers Thuns koͤm̃t auch fuͤr der Welt eher ans Tage-Licht / denn derer / welche ihr niedriger Stand verduͤſtert: Sintemal un - ſere Fehler nicht minder genau als die Flecken des Monden auf einen Finger breit ausgerech - net / ja unſere mit allem Fleiß verdeckte Schwachheiten eben ſo wol als die auch unſicht - baren Finſternuͤſſe uͤbel gedeutet werden. Zu geſchweigen: daß die Laſter bey hohem Stande und Anſehen nichts minder als das Gift in dem geſtirnten Scorpion unvergleichlich ſchaͤdlicher / als in dem irrdiſchen iſt. Sintemal Unterthanen in ihrer Fuͤrſtẽ Antlitzern auch die Feuer-Maa - le fuͤr ſchoͤn halten / und ihre angebohrne Gebre - chen nachaͤffen; alſo ihre Laſter nichts minder fuͤr Sitten / als die heßlichſtẽ Larven fuͤr eine anſtaͤn - dige Tracht añehmẽ. Der fuͤr toller Brunſt ſchier wahnſinnige Varus meynte mit nichts weni - germ / als mit Worten abgeſpeiſet zu ſeyn; daher er der tugendhaften Walpurgis unter Augen ſagte: Es waͤre da keine Zeit / und verlorne Muͤh einen Prieſter oder Weltweiſen abzubilden / ſon - dern ihr laͤge die unvermeidliche Noth ob / ſich zu erklaͤren: ob ſie gutwillig ſeines Willens leben /oder16Erſtes Buchoder Zwangs gewaͤrtig ſeyn wolte. Weil nun die verwegenen und vollbrachten Laſter ins ge - mein gluͤcklich ausſchlagen / hielt es Varus fuͤr eine Thorheit / nur halb oder furchtſam boßhaft ſeyn. Dieſemnach er denn mit obigen Wor - ten alsbald ſie als ein Unſinniger anfiel; ſie aber mit groſſer Hertzhaftigkeit ſeinen geilen Beta - ſtungen Widerſtand that. Jch / ſagte dieſe Frau / weil mir die Aufſicht uͤber dieſe Fuͤrſtin anvertrauet war / hoͤrte allein in einer von dem Gepuͤſche verdeckten Naͤhe dieſes alles mit ſte - tem Hertz-Klopfen an / und weil ich beſorgte: Walpurgis moͤchte uͤbermannet werden / rieff ich mit einem jaͤmmerlichen Geſchrey umb Huͤlffe. Hieruͤber entſtand zwiſchen denen Si - cambern und Roͤmern ein Auflauff und zu - gleich ein blutiges Gefechte; weil ſie den Varus und die Fuͤrſtin noch in einander ſo unfreundlich verwickelt antraffen. Hertzog Melo ſprang aus dem Luſt-Hauſe ſelbſt herbey; aber Varus hatte das Garten-Thor aufzubrechen und das Kriegs-Volck einzulaſſen befohlen; welches die wenigen Hof-Leute des Hertzogs leicht zuruͤcke trieb oder erlegte. Wiewol Melo mit ſchaͤu - mendem Munde / als ein Tieger-Thier / dem man ſeine Jungen raubt / fochte / und ſein Leben zulaſſen / oder ſein Kind zu erſtreiten ihm vorſetz - te / biß er von dreyen empfangenen Wunden ſich ſo ſehr verblutete: daß er in eine wiewol ihm die - nende Ohnmacht ſanck; weil die Grauſamkeit dieſer Raͤuber ihm ſchwerlich das Leben gegoͤn - net haͤtte; wenn es nicht ſchon fuͤr verloren waͤre geachtet worden. Gleichwol aber wolte der Himmel der Boßheit des Varus nicht entraͤu - men: daß ſie einer ſo reinen Keuſchheit ein Haarbreit Abbruch zu thun vermocht haͤtte. Denn die Fuͤrſtin Walpurgis rieß einem Roͤ - mer ein Schwerdt aus / und weil Varus ſie zu verwunden bey Lebens-Straffe verbot / war es ihr unſchwer / durch etliche Hauffen ihr einen Weg zu oͤfnen; biß ſie an den die eine Seite des Gartens beſtreichenden Siege-Fluß kam; inwelchen ſie ſich ruͤckwerts ſtuͤrtzete / als ſie ſich aller Huͤlffe entbloͤſt / ihr Schwerdt zerſprungen / und ſich allenthalben umbringet / und dem unzuͤchti - gen Ehren-Schaͤnder Varus anderer geſtalt zu entrinnen keine Moͤgligkeit ſahe. Die Roͤ - mer und inſonderheit Varus wurden hieruͤber ſo beſchaͤmt und beſtuͤrtzt / daß ſie / gleich als vom Blitz geruͤhret / erſtarreten / und als wenn die Goͤttliche Rache ſchon ihnen uͤber dem Na - cken ſchwebte / oder etliche Kriegs-Heere ihnen in Eiſen waͤren / uͤber Hals uͤber Kopf ſich aus dem Sicambriſchen Gebiete fluͤchteten. Denn die Boßhafften erkieſen allererſt die Groͤſſe ih - res Laſters nach vollbrachter That. Hertzog Melo ward hierauf wieder erfriſchet / und ihm ſeine Wunden verbunden; welche GOtt ſo viel zeitlicher heil werden laſſen / daß er wider ſolche Grauſamkeit ein ſtrenger Raͤcher ſey. Der eines beſſern Gluͤcks wuͤrdigen Walpurgis Leib ward in dem Waſſer ſorgfaͤltig geſucht / an ſelbi - gem Abende noch funden / und endlich auf unſers Fuͤrſten Befehl / in Begleitung tauſend ſtreit - barer Sicambrer / anher gebracht. Denn wie ihre reine Seele / nach abgelegter Buͤrde ver - weßlicher Glieder / in einem der reineſten Ge - ſtirne / daraus ſie entſprungen / oder in einer ander-viel herrlichern Welt / ietzt ihre Wohnung hat; alſo verdienet auch ihr heiliger Leib / daß er in der heiligſten Erde Deutſchlands ſein Be - graͤbnuͤs erlange.

Hertzog Herrmann fieng nach ihrem Schluſ - ſe zu denen andern Fuͤrſten an: Jſt dieſes nicht eine Begebnuͤs / welche einen Stein in der Er - den erbarmen moͤchte? Jſt die Greuel-That des Varus nicht ſo abſcheulich / daß ſie der Goͤtt - lichen Rache unmoͤglich entkommen kan? Dieſe heilige und behertzte Todte aber iſt uns eine Lehr - meiſterin: daß man ehe ſich ſelbſt toͤdten / als ſich ſeiner Freyheit und Tugend berauben laſſen / und daß man laͤnger nicht leben ſoll / als ſo lange es ruͤhmlicher iſt zu leben als zu ſterben. Viel Voͤlcker halten die Grabe-Staͤdte fuͤr Pforten /wor -17Arminius und Thußnelda. woraus ſich die Goͤttlichen Leitungen durch Wahrſagung herfuͤr thun; Laſſet uns allein hier wahrnehmen / daß die Todten denen Lebenden durch ihr Bey-Spiel mehrmals die Augen aufſperren. Ja die Todte ſind die getreueſten Spiegel ſo wol anderwertigen Be - ginnens / als Wegweiſer unſer kuͤnftigen Ent - ſchluͤſſungen. Als die andern Fuͤrſten hierzu gleichfalls ihr Wort gaben und Mitleiden be - zeugten / ward die Leiche der Fuͤrſtin Walpurgis von denen Prieſtern mit Waſſer aus dem heili - gen Brunnen beſprengt; ieder Fuͤrſt ſtreuete eine Handvoll Blumen auf die Leiche / wuͤntſch - te ihr eine ſanfte Ruhe; und Hertzog Herrmann gelobte ihrem Geiſte ein fettes Rach-Opfer an ihren Feinden abzuſchlachten. Weil nun zu ihrer Beerdigung Anſtalt gemacht ward / ver - fuͤgten die Fuͤrſten insgeſam̃t ſich in die Cheruſki - ſchen Zelten / darinnen eine groſſe Menge klei - ner Tiſche / weil eine iede Perſon auf einem ab - ſondern zu ſpeiſen pflegt / zubereitet / und mit al - lerhand Speiſen theils in ſilbernen / theils ertz - tenen / theils irrdenen Schuͤſſeln beſetzet. Auf der Erden hin waren allerhand Haͤute von Beeren / Luchſen / Woͤlfen / Fuͤchſen und andern wilden Thieren / die im Hartz-Walde gefangen werden / aufgebreitet. Auf dieſe noͤthigte der Cheruſkiſche Fuͤrſt ſeine Eingeladene ſich niederzulaſſen / und nam endlich ſeine Stelle zwiſchen den zweyen Hoͤrnern der gleichſam in einen halben Mond ſich umbkruͤmmender Taffeln. Es war alles nach der Cheruſkiſchen Landes-Art aufs praͤch - tigſte angeſtellt / und einem ieden Gaſte ein mit Silber eingefaſſetes Horn von Auer-Ochſen mit Biere / und ein Becher mit Weine / derogleichen numehro auch durch die Gemeinſchafft mit den Roͤmern in Deutſchland kom̃en war / fuͤr geſetzt.

Nach faſt vollbrachter Mahlzeit ließ Hertzog Herrmann ihm einen gantz guͤldenen Becher reichen / ſtand auf / tranck ſelbten dem Hertzoge der Catten Arpus zu / und redete die Anweſen - den mit folgenden Worten an: Edle Deut -ſchen / großmuͤthige Bunds-Genoſſen; Quin - tilius Varus hat uns ſaͤm̃tlich anher beruffen / daß wir unſere Schwerdter im Blute unſerer Bruͤder und Bunds-Genoſſen / der fuͤr Deutſch - lands Freyheit und die Schand-That des Va - rus zu raͤchen ergreiffenden Sicambrer ba - den ſolten. Aber ſo ſehr ſich Varus betrogen finden wird / wenn er glaͤubt / daß die Cheruſ - ker und Catten nicht fuͤr die allgemeine Wol - fart ihre Jrrungen vergeſſen koͤnten / auch Fuͤrſt Arpus und ich allhier einander ſelbſt aufreiben wuͤrden; ſo wenig traue ich einigem Anweſen - den Deutſchen zu / daß er glaube / ich waͤre fuͤr die Roͤmer aufgeſeſſen / und meine Cheruſker wolten wider die Deutſchen einen Sebel zuͤcken. Wir wuͤrden nicht mehr unſerer Vorfahren Nahmen zu fuͤhren wuͤrdig ſeyn / wenn wir die - ſes im Schilde fuͤhrten / oder zeithero nicht mehr vom Verhaͤngnuͤſſe waͤren gedruͤckt / als durch eigene Kleinmuth zu Sclaven gemacht worden. Mein Anherr Koͤnig Teutobach ließ von des Buͤrger-Meiſters Carbo und Silan Legionen nicht ein Bein davon kommen / als ſelbte ſich nur ihren Nachbarn den Galliern naͤherten; und wir koͤnnen die Roͤmiſchen Adler zwiſchen dem Rhein und der Elbe fliegen ſehen? Teuto - bach / ſage ich / drang mit mehrem Schrecken als Hannibal durch die felſichte Mauren Jtaliens / ſchlug den Manlius und rieb mit dem Caͤvio den Kern des Roͤmiſchen Adels auf. Woruͤber Rom erzitterte / und ſelbigen ungluͤckſeligen Tag mit Kohlen in ſeine Zeit-Regiſter ſchrieb. Und wir empfinden nicht / daß zwey Meilweges von hier in dem Hertzen Deutſch-Landes in unſern heiligen Heynen unſere Tod-Feinde ihr Lager und Beſatzungen haben? Dem Kayſer Julius / deſſen Thaten die Roͤmer ſelbſt mehr fuͤr Goͤtt-als menſchlich halten / boten die einigen Sicambrer / ihrer Freunde halber / die beyih - nen uͤber dem Rheine Zuflucht geſucht hatten / die Spitze / und ſagten ihm ſtatt begehrter Aus - folgung unter Augen: Der Rhein ſey dieErſter Theil. CGraͤntz -18Erſtes BuchGraͤntzſcheidung zwiſchen ihrem Gebiete und dem Roͤmiſchen Reiche. Eben dieſe behertzten Sicambrer rennen uns auch dismal den Preiß ab; indem der großmuͤthige Melo ſich allein an die Roͤmer macht / und ſie uͤber dem Rheine an - taſtet / auch mit etlicher tauſend erſchlagener Feinde ausgeleſchtem Leben ſeiner tugendhaften Tochter zu Grabe leuchtet. Wir aber laſſen die Saale und Elbe zinßbar machen / die Lippe und Weſer mit Feſtungen beſetzen? Kayſer Ju - lius ſchlug ja wol die erſte Bruͤcke uͤber den Rhein / alleine / nachdem er vernahm / daß die Catten ſich ihm zu begegnen verſam̃leten / kehre - te er zuruͤcke und brach die Bruͤcke ab; meynte auch ſeinen Ehren gar genug gethan zu haben: daß er achtzehn Tage auf deutſchem Bodem haͤt - te raſten koͤnnen. Und wir laſſen mehr als ſo viel Jahre deſſen Nachkommen / von denen wir noch zur Zeit wenige Thaten geſehen / unſere Ehre kraͤncken / unſere Guͤter rauben / und die Wilkuͤhr uͤber unſer Leben und Kinder ausuͤben? Die Augen gehen mir uͤber / wenn ich bedencke: daß unſere Waffen vom Roſte gefreſſen werden / weñ wir ſelbte nicht noch in der Roͤmer Dienſten ausputzten; daß wir unſeꝛe Schwerdter im Blute unſerer eigenen Bluts-Verwandten waſchen / uñ ſie wie uns unter das Joch der Roͤmer muͤſſen ſpannen helffen. Wolte Gott aber / wir truͤgen noch das Joch rechtſchaffener Roͤmer / und waͤ - ren nicht Knechte eines einigen uͤppigen Men - ſchen / an dem nichts Roͤmiſches als der Nahme / ja der den Roͤmern ſelbſt veraͤchtlich / und ein Knecht ſeiner Begierden iſt. Gewiß ich halte dafuͤr: daß uns Quintilius Varus nicht ſo wol Marck und Bein auszuſaugen / als zu Be - ſchimpfung unſerer vorhin ſo hoch herausge - ſtrichenen Tapferkeit fuͤrgeſetzt ſey. Sintemal bey uns ſo viel Goldes nicht zu erſcharren / als in Syrien / welches er bey ſeiner armſeligen Hinkunft reich gefunden / bey ſeinem reichen Abzuge aber arm verlaſſen hat. Wie / oder wil Rom durch ihn in unſer Vater-Land derwarmen Laͤnder[a]bſcheuliche Laſter / welche un - ſere Einwohner auch vom Nahmen nicht ken - nen / unſer zwar harter / dißfalls aber mehr guͤti - ger Himmel nicht vertraͤget / einſpielen / und un - ſer geliebtes Deutſchland / in welchem die Wei - ber maͤnnlicher als anderswo die Krieges - Leute ſind / weibiſch machen? Weil ja dieſer uͤppige Menſch von Wolluͤſten / womit die Roͤ - mer ohne dis insgemein denen Unterworffenen mehr als mit ihren Waffen Schaden thun / zer - rinnen moͤchte. Denn iſt in unſerer Gegend wol ein ſchoͤnes Weib fuͤr ſeinen unkeuſchen Anmuthungen verſchonet blieben? Was ſag ich aber von Anmuthungen? Die Toͤchter des Landes haben nichts minder ſeiner Geilheit ihre Jungfrauſchafften / als den wolluͤſtigen Roͤmiſchen Weibern ihre gelben Haare zu ih - rer Aufputzung / als einen Zoll abliefern muͤſſen. Jch wil der Roͤmiſchen Grauſamkeit geſchwei - gen: daß ſie anfangs bey denen Begraͤbnuͤſſen wol-verdienter Helden / nach der Erfindung des Junius Brutus / ihre Gefangenen umb Leib und Leben zu fechten noͤthigten; her - nach aber auch gemeine Buͤrger ſolches auf - brachten; ja ihren Geiſt mit dem Blute ſol - cher Fechter zu verſoͤhnen in ihren letzten Wil - len verordneten; und endlich auch der Wei - ber Holtz-Stoͤſſe mit dieſer Grauſamkeit ver - ehret wurden. Wie denn Kayſer Julius auf dem Begraͤbnuͤſſe ſeiner Tochter viel Deutſche und unzchliche Gallier / nebſt einer groſſen Menge wilder Thiere / ſich durch ſelbſt - eignen Kampf aufzureiben gezwungen hat. Mich aͤrgert ſo ſehr nicht / daß die Buͤrgermei - ſter und Einwohner die Antretungen ihrer Aempter / die Bau-Herren die Außmachun - gen ihrer Gebaͤu / die Stadt-Voͤgte das Ge - daͤchtnuͤß des von ihnen betretenen Richter - Stules / ja ſo gar die Prieſter ihre Wey - hungen / die Uberwinder ihre Siegs-Ge - praͤnge mit ſo blutigem Gefechte gefeyert / und den ſchwermenden Poͤfel faſt Monatlich / o -der19Arminius und Thußnelda. der zuweilen hundert und zwantzig Tage nach einander mit Auffopfferung vieler tauſend Fechter beſaͤnfftigt haben. Es laͤſt ſich noch ver - ſchmertzen: daß Roͤmiſche Buͤrger ihre Gaſt - mahle nicht vor vergnuͤglich halten / wenn nicht ihr Tiſch mit dem Blute der dabey kaͤmpffenden Deutſchen beſpritzt wird; welche man hierzu vorher mit niedlichen Speiſen in gewiſſen Ge - maͤchern mit Fleiß gemaͤſtet hat. Deñ hierdurch iſt von unſern Feinden nichts als das Leben ver - ſehret worden / woruͤber ein Uberwinder aller - dings ein Recht erlangt. Aber die Schaͤndung unſerer Kinder / die Verunehrung unſer Wei - ber / und zwar unter dem Scheine der Freund - ſchafft / iſt ein unverdauliches und nur mit ihrem Blute ausleſchliches Unrecht. Was haben un - ſere Augen kurtz vorher an der Leiche der tu - gendhafften Walpurgis fuͤr ein Trauerſpiel anſchauen muͤſſen? Warlich ihre ſtummen Lip - pen haben in ihrer Seele eine ſolche Krafft der Beꝛedſamkeit / daß / weñ ich auch nie gemeint ge - weſt waͤre der Roͤmer Feind zu werden / ich mich mit ihnen zu brechen nur dieſer Greuelthat hal - ben entſchluͤſſen muͤſte. Dieſe todte Rednerin iſt mir mit ihrer nachdruͤcklichen Betagung der Rache zuvor kommen: daß ich mit wichtigen gruͤnden euch zum Kriege zu bereden uͤberhoben zu ſeyn ſcheine. Es iſt ein beſonder Geheimnuͤß des Verhaͤngnuͤſſes: daß es das Laſter der Un - zucht nichts minder zum Fallbrete maͤchtigſter Reiche / als zum Fallſtricke groͤſſeſter Uberwin - der erkieſet. Daher ich feſtiglich glaube: daß die Schandthat des Varus ihm den Hals bre - chen / und der Roͤmiſchen Herrſchafft in Deutſch - land einen toͤdtlichen Stoß verſetzen werde; weñ wir anders den / welchen das Schrecken uͤber ſeiner Boßheit furchtſam / die Furcht verzagt und taumelnd macht / durch unſere Unachtſam - keit ſich nicht wieder erholen laſſen. Meinen aber wir an der Beſchimpffung des Fuͤrſten Melo kein Theil zu haben; ſo behertzigt den un - ermeßlichen Geitz und Grauſamkeit dieſesWuͤterichs / welcher auch dar Schaͤtze geſamm - let / wo niemand fuͤr ihm einige geſucht; und fuͤr einen Centner Ertzt gerne tauſend Deutſche ver - graben hat; in dem er die Kluͤffte unſers Hartz - waldes gleich einem Maulwurffe durchfahren / und unzehlich viel unſer daruͤber ſchmachten - der Landesleute noch bey Lebzeiten in eine Hoͤlle verdammet hat / biß er die Gold - und Silber - Adern erfunden / welche die Natur oder die mehr milden als zornigen Goͤtter fuͤr den uner - ſaͤttlichen Augen der Menſchen verborgen hat - ten. Auch hat nicht nur er ſich mit unſerm Schweiß und Blute angefuͤllet; ſondern zu Be - feſtigung ſeines ungewoͤhnlichen Richterſtuls uns den durſtigen Aegeln der Zanckſuͤchtigen Sachredner zum Raube uͤbergeben; welche die Deutſchen nicht nur biß auffs Blut ausgeſo - gen / ſondern ihnen mit ihren gifftigen Zungen durch Seel und Hertz gedrungen. Jſt wohl eine ſchimpfflichere Dienſtbarkeit zu erſinnen; als daß die edlen Deutſchen ſich von einem ge - ringen Auslaͤnder / der vielleicht nicht ſeinen Großvater zu nennen weiß / muͤßen urtheilen laſſen? daß Deutſchland ſeine heilſame Sitten / welche die Roͤmer ehmahls ſelbſt anderer Voͤl - cker beſten Geſetzen weit fuͤrgezogen haben / zu Bodem treten / ihm fremde Rechte auffdrin - gen / oder vielmehr nach andern Begierden ihm Ehre / Hals und Vermoͤgen abſprechen laſſen / auch Beil und Stecken gleichſam zum taͤgli - chen Schrecken fuͤrtragen ſehen muß. Daß wir Deutſchen in Deutſchland unſere Noth - durfft und Gemuͤths-Meinung nicht in unſe - rer uhralten Mutterſprache fuͤrtragen doͤrffen / ſondern auch Fuͤrſten durch den Mund lateini - ſcher Knechte und Dolmetſcher reden muͤſſen? Dieſes aber iſt grauſamer als die Grauſamkeit ſelbſt / und unſern freyen Gemuͤthern unertraͤg - lich / daß ſich dieſer auffgeblaſene Menſch fuͤr Hoffarth ſelbſt nicht kennet / und die Edelſten unter uns am veraͤchtlichſten haͤlt. Wie viel Stunden muß offters ein deutſcher Fuͤrſt / wel -C 2chem20Erſtes Buchchem der Kaͤyſer wohl ehmahls ſelbſten entge - gen kommen / fuͤr dem Zimmer auffwarten / ehe Varus ihn mit der Verhoͤr begnadigt? Welch Roͤmiſcher Obriſter / dem etwan eine Legion an - vertrauet worden / ſiehet einen Hertzog in Deutſchland / der ein gantz Volck zu beherr - ſchen hat / nicht kaum uͤber die Achſel an? Welcher Rottmeiſter will nicht den Fuͤrnehmſten unſerer Ritterſchafft fuͤrgezogen ſeyn? Behertzigt die - ſem nach / großmuͤthige Helden / was bey die - ſem groſſen Ubel euere Klugheit euch vernuͤnff - tig entſchluͤſſen / und eure Tapfferkeit behertzt ins Werck ſetzen heiſt. Einem groſſen Ge - muͤthe ſind Armuth / Feſſel und Dienſtbarkeit ja noch ertraͤglich / Beſchimpfung aber erdul - den und ſeine eigene Ehre in Wind ſchlagen / heiſt zugleich die Wurtzeln der Tugend in ſich ausrotten. Dahero iſt es ruͤhmlicher und ſuͤſ - ſer ehrlich ſterben / als ſchimpfflich das Leben be - halten.

Hiemit tranck Fuͤrſt Herrmann den Becher aus / gewehrte ihn dem Hertzoge der Catten / und ſetzte bey: dieſes Trinck-Geſchirre iſt ein wer - thes Angedencken meines Großvaters / Hertzog Aembrichs / deſſen Tapfferkeit die Herrſchafft der Eburonen dem Cheruskiſchen Hauſe unter - worffen. Dieſes war der Mund-Becher des Cotta / und hernach Aemkrichs Beute / als er ihn und ſeine gantze Legion Roͤmer vertilgte und Sa - binus fuͤr ihm die Waffen kleinmuͤthig nieder - legte. Der Himmel gebe: daß ich dir mor - gen des Varus Trinckgeſchirre bringen koͤnne!

Der Catten Hertzog nahm ſolchen als ein be - ſonderes Gluͤcks-Zeichen und ein Pfand ver - treulicher Freundſchafft an; befoͤderte ſelbten an den Segeſthes der Caſſuarier und Dulgibiner Fuͤrſten; mit dem Beyſatze: er verſehe ſich / daß keiner unter den Anweſenden ſey / welcher mehr zu berathſchlagen noͤthigachtete: ob das un - ertraͤgliche Joch der Roͤmer von den Achſeln des Vaterlandes zu werffen / und ſelbtes durch U - berfallung des Varus in die guͤldne Freyheit zuſetzen ſey. Denn fuͤr einem Wuͤterich haͤtten alle Menſchen eine Abſcheu; und alle behertz - ten ihn auffzureiben den Vorſatz; ſintemahl der Pfeiler ſeiner Herrſchafft nur das Bild der Furcht / und die Rieſen-Seule der Grauſam - keitwaͤre. Der erſten verleſchende Furcht waͤ - re der Anfang ſeines Falles / der letztern Ent - ſchlieſſung das ungezweiffelte Mittel ſeiner Zer - malmung. Varus haͤtte zwar den Deutſchen durch ſeine Blutſtuͤrtzungen und Grauſamkeit ein nicht geringes Schrecken eingejagt; aber die vermeſſenſte Kuͤhnheit waͤre eine Geburt der kleinmuͤthigſten Furcht / und eine Tochter der Verzweiffelung. Alſo wuͤrden auch die Ver zagteſten in dieſem Fuͤrhaben nicht feige; Sie a - ber als Helden / wo nicht durch eigene Ruhms - Begierde / doch durch die Rache gegen ſo vieles Unrecht hierzu genugſam auffgemuntert ſeyn. Die Parther / welche doch leibeigen gebohren und der Dienſtbarkeit gewohnt waͤren / haͤtten ſich wider die Roͤmiſche iederzeit biß auffs Blut verfochten / und mit Erlegung des Craſſus und Ventidius ihnen nicht ſo wol das guͤldene Klei - nod der Freyheit / welches der Deutſchen Aug - apffel waͤre / als einen unſterblichen Nachruhm erworben. Pacorus habe dort daruͤber ſein Leben auffgeopffert / ihm wuͤrde es nichts weni - ger ſuͤſſe ſeyn / fuͤrs Vaterland zu ſterben. Er habe deßwegen ſeinen einigen Sohn mit ins Laͤger bracht / umb den allgemeinen Feind Deutſchlands zu beſtreiten; welcher nach dem uͤberwundenen Varus die Erſtlinge ſeines Bartes in den Taufaniſchen Tempel zu lief - fern begluͤckt zu ſeyn hoffte. Er haͤtte von ſei - ner Vorfahren Anſpruͤchen und Staats-Ge - ſetzen abgeſetzt / und den zwiſchen den Catten und Cheruskern faſt ewigen Streit in Freund - ſchafft beygelegt. Sintemahl der Eigennutz insgemein auch den ſchwaͤchſten Feinden den Sieg zuſchantzte / und daher ſo wohl dieſer als haͤußlicher Haß dem gemeinen Nutzen nachge - ben ſolte / denn wo man gleich rechtſchaffene Ur -ſache21Arminius und Thußnelda. che zur Feindſchafft haͤtte / ſolte man der Sache / nicht der Perſon feind werden. Derenthal - ben haͤtte er iederzeit dem Marcus Brutus in dieſer letzten Zeit den erſten Platz unter den Roͤmern ein geraͤumt / weil er nicht als ein zu hi - tziger Sohn ſich auff die Seite des Julius / ſon - dern als ein treuer Buͤrger zu dem fuͤr die Frey - heit ſtreitenden Pompejus geſch lagen; ungeach - tet dieſer des Brutus Vater auffgerieben haͤt - te; ja auch des Julius Wohlthaten ſich hernach nicht verblenden und abhalten ließ / fuͤr die ge - meine Freyheit ſeinem Wohlthaͤter den Dolch ins Hertze zu ſtoſſen; Wodurch er ſich zu einem zweyfach danckbaren Sohne des gemeinen Weſens gemacht haͤtte. Derogeſtalt waͤre numehro allein die Frage / wie diß Werck / wel - ches er fuͤr wichtiger als ſchwerer hielte / vor - ſichtig zu vollziehen waͤre? Denn ein frommer Fuͤrſt waͤre zwar leicht anzugreiffen / aber ge - faͤhrlicher zu erlegen; weil er todt am meiſten geliebt w[]rde. Hingegen waͤre ein boͤſer Herr - ſcher zwar ſchwer anzutaſten / aber ſonder Ge - fahr zu ſtuͤrtzen. Sintemahl ihn nach ſeinem Tode auch ſeine eigene Schooß Kinder verdam̃ - ten; womit ſie nicht fuͤr ſo boͤſe als ihr verlohr - ner Ruͤckenhalter moͤchten geachtet werden. Solchem nach waͤre ſeine Meinung: der gluͤck - liche Ausſchlag hange von Fortſetzung eines ge - ſchwinden Uberfalls / und von Anfuͤhrung ei - nes erfahrnen Feldherrn. Langſamkeit ſey der Kern in zweiffelhafften Rathſchlaͤgen / Ge - ſchwindigkeit aber in der Bewerckſtelligung eines Schluſſes. Uberdiß wuͤrden Auffleh - nungen wider einen Unterdruͤcker gefaͤhrlicher berathſchlagt als ausgeuͤbt. Wo es auch ums gemeine Heyl zu thun waͤre / muͤſte niemand ſich eigne Vermeſſenheit oder Ehrgeitz auff - blehen laſſen und zu Zwytracht Anlaß geben. Denn ſeine Leibs-Staͤrcke / ſeine Gemuͤths - Kraͤfften und Erfahrung nur ſeinem eigenen Ehrgeitze wiedmen / waͤre viehiſch oder teuffe - liſch; ſelbte zugleich dem gemeinen Weſen zumbeſten anwenden / ſtuͤnde Menſchen zu; ſeinen eigenen Vortheil aber gar davon abziehen / ſchiene ſo gar etwas goͤttliches zu ſeyn. Die ſem nach wolte er den gerne fuͤr den hertzhaffte ſten halten / und die Oberſtelle demſelben ohn Widerrede einraͤumen / welcher am erſten durch den Wall des Roͤmiſchen Laͤgers einbrechen wuͤrde. Jnzwiſchen erklaͤre er ſich / daß er un - ter dem Cheruskiſchen Hertzoge / welcher die Roͤmiſche Kriegs-Art von Grund aus gefaſſet / als er unter ihnen ſelbſt einen Heerfuͤhrer abge - geben / ſeine Catten willigſt in Schlacht-Ord - nung ſtellen wolle. Das Gluͤcke ſey eine Buh - lerin junger Helden. Sein Geſchlechte / ſei - ne Tugend / ſein Eyfer fuͤr das gemeine Weſen / und daß er der Urheber dieſes heiligen Buͤnd - nißes ſey / eigne ihm das Vorrecht zu / und er - klaͤre ihn zu ihrem oberſten Feld-Herrn. Er a - ber wolte durch ſein Beyſpiel lehren: daß ob wohl viel faͤhig waͤren / einem ein Oberhaupt fuͤrzuſetzen / gleichwohl es ſelbſt nicht uͤber ſich leiden koͤnten; dennoch ihm und der deutſchen Freyheit nicht zu wider lieffe / einem Beſchirmer des Landes zu folgen / den man gleich ſelbſt ans Bret gehoben haͤtte.

Aller Anweſenden Angeſichter ſchienen dem Arpus Beyfall zu geben / als Segeſthes ihm einfiel: Es waͤre freylich wol zu wuͤntſchen Deutſchland in voͤllige Freyheit / das Volck in Sicherheit / ſich in mehr Anſehen zu ſetzen; al - lein es haͤtten die Deutſchen die Roͤmer wider ſich ſelbſt / durch unaufhoͤrliche Einfaͤlle in Gal - lien / gereitzet. Haͤtte Arioviſt ſich mit denen gewonnenen Sequanern vergnuͤgt / die Heduer und alle Gallier ihm nicht wollen unterthaͤnig machen / dem Julius nicht ſpoͤttiſche Antwort zugeboten / ſo haͤtten die Roͤmer ſo wenig / als vorher / auf Deutſchland ein Auge gehabt. Was haͤtte Aembrich nicht den Roͤmern fuͤr Haͤn - del gemacht / und fuͤr Schaden zugefuͤgt? daß Auguſt den Vinicius mit einem Kriegs-Heere in Deutſchland geſchickt / haͤtten die Catten erho -C 3let /22Erſtes Buchlet / indem ſie unterſchiedene Roͤmiſche Kauf leu - te / die guter Meynung zu ihnen kommen / be - raubet und erſchlagen. Den Anfall des Lollius und die Grauſamkeit des Druſus haͤtten die Sicambrer / Uſipeter und Teneterer verur - ſacht / welche in Gallien eingefallen / und viel Roͤmer gekreutzigt / ja den Lollius gar aufgerie - ben haͤtten. Die Anfaͤnger eines Krieges waͤren nicht eben die / welche zum erſten den Degen zuck - ten / ſondern die Beleidiger / welche jene entwe - der zur Nothwehre / oder zu Ablehnung der ih - nen ſonſt zuwachſenden Schande noͤthigten. Zu dem haͤtte ihre eigene Zwytracht den Roͤ - mern Thuͤr und Thor aufgeſperret; Hertzog Herrmanns eigener Vater Sigimer mit dem Kayſer Bindnuͤſſe gemacht / ſeine eigne Kinder haͤtten unter ihren Fahnen gefochten; numeh - ro / nach dem faſt alle mit den Roͤmern Bindnuͤß und Vergleich getroffen / waͤre es ſo wenig ruͤhmlich als ſicher / alſofort Treu und Glauben zu brechen / welche man auch den Feinden halten muͤſte. Waͤre Quintilius Varus aus den Schrancken der Beſcheidenheit und des Ver - gleichs geſchritten / muͤſte man dieſes Ungemach nur mit der Gedult / als Mißwachs und Unge - witter von GOtt aufnehmen. Laſter wuͤrden ſeyn / ſo lange als Menſchen; iedoch wechſelte Boͤſes und Gutes mit einander ab. Zu dem ſo ſey dis nicht dem Kayſer noch dem Roͤmiſchen Volcke beyzumeſſen. Rom haͤtte uͤber ſeine Land-Voͤgte ſchaͤrffere Geſetze gemacht / und haͤrtere Straffen ausgeuͤbt / als uͤber frembde Voͤlcker. Als Cornelius Gallus die Egyptier uͤbel gehalten / und nicht halb ſo viel als Varus geſuͤndigt / habe Kayſer Auguſt / auf Anklage des einigen Largus / ihn ſeiner Wuͤrden entſetzt / ſei - ne Guͤter dem gemeinen Weſen zugeeignet / ja ihn zum Selbſt-Mord gebracht. Man ſolte durch eine Geſandſchafft zu Rom deß Vater - lands Wunden entdecken / Erleichterung und einen ſittſamern Land-Vogt bitten. Nach dem es aber mit Deutſchland ſchon einmal ſo weitkommen / koͤnte das Volck aller Beſchwerden ſich nicht gaͤntzlich enteuſern. Die Ruhe der Voͤlcker koͤnne nicht ohne Waffen / die Waffen nicht ohne Kriegs-Sold / der Kriegs-Sold nicht ohne Land-Schatzung im Stande bleiben. Zwar koͤnte er den Roͤmern nicht gar recht geben / we - niger die Verbrechen des Varus vertheidigen / und die Suͤſſigkeit der Rache widerſprechen. Alleine dieſe waͤre nichts minder als die Liebe nur ein Thun gemeiner Leute. Die Vortraͤglig - keit aber waͤre der einige Bewegungs-Kreiß ei - nes Fuͤrſten / und das Abſehen der Klugheit. Beyde ſolten weder ſehen noch hoͤren; wo der Gebrauch dieſer Sinnen ſie auf einen andern Abweg verleiten wolte. Weil nun die Roͤmer in Deutſchland noch allzu maͤchtig / ſie aber mit keinem Hinterhalte verſehen waͤren / deuchtete ihn noch zur Zeit nicht rathſam zu ſeyn / alles auf die Spitze zu ſetzen. Es ſey ertraͤglicher unter hoͤherer Gewalt / als leibeigen ſeyn. Zwiſchen Gehorſam und Dienſtbarkeit ſey noch eine ſchwere Klufft befeſtigt. Dieſe wuͤrden ſie Deutſchland erſt aufhalſen / da ihr gefaͤhrliches Fuͤrnehmen nicht geriethe. Der Roͤmer waͤren ohne die faſt unzehlbaren Huͤlffs-Voͤlcker zu A - liſon drey gantzer Legionen / ſo viel Fluͤgel Reite - rey / und noch abſonderlich ſechs Geſchwader Fuß - Volck; alles außerleſene alte Kriegs - Knechte und erfahrne Obriſten. Das Laͤger ſtuͤnde an einem vortheilhaften Orte / waͤre aufs ſtaͤrckſte befeſtigt; Aſprenas laͤge noch mit einem anſehnlichen Heere zwiſchen der Jſel und der Emße / und in der Feſtung Aliſon / Tran und Cattenburg ſtarcke Beſatzungen. Zu Meyntz / beym Altare der Ubier / bey den Nemetern und Vangionen befindete ſich noch mehr als ein Kriegs-Heer / welches in wenig Tagen dem Va - rus zu Huͤlffe kommen koͤnte. Die ordentliche Beſatzung des Rhein-Stroms beſtuͤnde in acht Legionen und der Donau an vieren. Uber dis laͤge bey Carnumt eine / bey Bonn und Geldu - ba auf dem Rheine und bey deſſelbten Einfluſſeins23Arminius und Thußnelda. [in]s Meer an dem Britanniſchen Schloſſe drey maͤchtige Schifs-Flotten. Zu geſchweigen: daß der Kayſer nach Uberwindung des Sextus Pompejus vier und viertzig Legionen zuſammen bracht / zu Lande ohne die viel hoͤher ſich erſtre - ckenden Huͤlfs-Voͤlcker zeither ſiebendehalb hundert tauſend Roͤmiſche Kriegs-Leute / bey Miſen und Ravenna / in Gallien / auf dem ro - then Meere und dem Phrat anſehnliche Schifs - Flotten unterhalten / und hiemit alle Laͤnder in einander feſte verbunden haͤtte. Zweyhundert neun und viertzig tauſend Gallier waͤren unter dem Vercingentorich / und noch neulich achtmal hundert tauſend gewafnete Pannonier und Dalmatier wider etliche Legionen Roͤmer zu ih - rem eignen Verderb aufgeſtanden / jene aber ha - be Julius / dieſe Tiberius aufs Haupt erlegt und zu Sclaven gemacht. Vergaſilaus der Arver - ner Hertzog waͤre daruͤber gefangen / Koͤnig Ver - eingentorich von ſeinen eignen Leuten in die Haͤnde der Feinde geliefert / zum Siegs-Ge - praͤnge geſchlept und hernach getoͤdtet / Corbeus der Bellovaker Fuͤrſt erſchlagen / Guturnath / der ſeine Cornuter wider den Kayſer angefuͤhret / zu Tode gepruͤgelt / und ſein Kopf durchs Beil abgeſchlagen worden. Draxes habe ſich aus Verzweifelung zu Tode hungern / und Lucteri - us in Feſſeln verſchmachten / Batto der Dalma - tier Haupt und Uhrheber des Krieges ſich auf Gnade und Ungnade ins Tiberius Haͤnde ge - ben muͤſſen / und Pinetes laͤchſete noch in dem Roͤmiſchen Kercker. Koͤnig Marbod / ein Herr der Marckmaͤnner / Seduſier / Heruder / Her - mundurer / Schwaben / Semnoner und Longo - barden / deſſen Gebiete ſich von der Elbe biß zur Weichſel und der Oſt-See erſtreckete / der achzig tauſend Mann ſtets auf den Beinen hielte / ha - be mit ihnen wider die Roͤmer aufzuſtehen Be - dencken gehabt / und wer wuͤſte / was der ſchlaue Tiberius mit ihm zu ihrem Nachtheil fuͤr Ab - kommen getroffen; nachdem die Roͤmiſchen Kriegs-Oberſten gegen ihn vertraͤuliche Nach -barſchafft pflegten. Alſo ſchiene es rathſamer zu ſeyn / daß man noch eine Weile den Mantel nach dem Winde hienge / und nichts minder Marbods Abſehen / als des Pannoniſchen Krie - ges voͤlligen Außgang vollends erwartete. Denn es waͤre mit Erlegung des Varus nicht ausgemacht / ſondern die Roͤmiſche Macht in ſo langer Zeit ſo feſte beraaſet: daß ſie ohne Zerber - ſtung ihrer Widerſacher nicht wuͤrde ausgerot - tet / und ohne Erdruͤckung ihrer Beſtuͤrmer ſchwerlich zermalmet werden. So lange be - raaſete Reiche / wie das Roͤmiſche waͤre / wuͤrden vergebens beſtuͤrmet; daher muͤſte man ſie ver - alteꝛn und durch ſtete Ruhe / wie die ſtehenden Waſſer / faul werden laſſen. Die oͤftere Be - wegung befeſtigte nichts minder eine Herr - ſchafft / als die Baͤume; hingegen koͤnte man ein Reich nicht aͤrger bekriegen / als durch den Frie - den; welcher Anfangs ihre Tapferkeit / hernach ſein Weſen / wie der Roſt ungebrauchten Stahl verzehrte. Jhm ſey es zwar umb ſeine greiſe Haare nicht ſo leid / als er Sorge truͤge umb den Wolſtand der Erbarmens - wuͤrdigen Nach - welt. Sie aber ſolten ſich aus anderer Bey - ſpiele ſpiegeln / und daraus lernen: daß es rath - ſamer ſey Gehorſam mit Sicherheit fuͤr der Hartnaͤckigkeit mit ſeinem Verderben erkieſen.

Segeſthes haͤtte noch laͤnger geredet / wenn ihm nicht Jubil / Brittons des letzten Bojiſchen Hertzogs einziger Sohn in die Rede gefallen waͤ - re. Das Waſſer gienge der Deutſchen Frey - heit in Mund / gleichwol zeigte ihnen GOtt und das Verhaͤngnuͤs einen Weg die Roͤmi - ſchen Feſſel von ihren Gliedern zu ſchleudern / oder ſie gar denen Roͤmern anzulegen. Sin - temal von undencklicher Zeit nicht ſo viel Fuͤr - ſten miteinander vereinbart / die Roͤmiſche Macht aber ſo ſehr / als ietzt / durch den Panno - niſchen Krieg nicht erſchoͤpft geweſt waͤre. Dieſemnach koͤnte er bey ſich nicht befinden: daß man die ſelten-umbkehrende Gelegenheit ſolte aus den Haͤnden laſſen. Dieſe mit beydenHaͤn -24Erſtes BuchHaͤnden umbarmen waͤre ein Werck der Klug - heit / von Verbeſſerung der Zeit und denen Wun - der-Wercken / des Gluͤckes aber Huͤlffe und Er - rettung erwarten / waͤꝛe ein Traum der Einfaͤl - tigen / und ein Troſt der Verzweifelten. Die fuͤrgebildete Gefahr koͤnte nur Weiber von hertz - haften Entſchluͤſſungen zuruͤcke halten. Denn einem Helden-Geiſte waͤr nichtsſchrecklich / als ſich gezwungẽ ſehen der Boßheit beyzupflichten. Weder die Kinder / die noch kein Urtheil haͤtten / noch die Thoren / welche es verloren / fuͤrchteten ſich fuͤr dem Tode. Solte nun ihnen ihre Ver - nunft und das Heil des Vater-Landes nicht die - ſe Sorge benehmen; wovon jene Unverſtand und Thorheit erledigte? Der Tod waͤre das Ende der Natur / keine Straffe / ja vielmehr offt ein neues Leben der Sterbenden / und ein Heil der Lebenden. Es waͤre nicht nur ertraͤglicher / ſondern auch ruͤhmlicher einmal ſterben / als ſein Leben in ewiger Ungewißheit wiſſen; welches ſie taͤglich gleichſam als eine Gnade vom Varus erkennen muͤſten. Denn Sterben waͤre wol die Eigenſchafft eines Menſchen; umb ſein Le - ben aber betteln der Weiber. Haͤtten ſie nun als Maͤnner gelebet / ſolten ſie nicht geringer ſterben; wenn es ja der Himmel alſo uͤber ſie be - ſchloſſen haͤtte. Diß waͤre ſein Schluß / und ſon - der Zweifel ihrer aller als Fuͤrſten / denen man alle Tage / wo nicht nach dem Leben / doch nach ihren Laͤndern graſete. Welcher Fuͤrſt aber das Hertze haͤtte ohne Herrſchafft zu leben / haͤtte gewiß keines ſelbter fuͤrzuſtehen. Sie edle Deut - ſchen ſolten nicht laſſen ihr Leben ihre Freyheit uͤberleben / noch es eine Nach-Geburt ihrer ſter - benden Tapferkeit ſeyn. Sie ſolten ihnen nicht heucheln / daß mit Abſchaffung des Varus und Erlangung eines glimpflichern Land-Vogts ih - re verſchwundene Freyheit wieder jung wuͤrde; welche eben ſo wohl unter einem vernuͤnfftigen als tummen Oberherrn zu Grabe ginge. Weñ die Roͤmer ſchon ihnen einen andern Landvogt gaͤben / wuͤrden ſie doch nur die Art ihrer Be -draͤngung / nicht die Buͤrde veraͤndern; weil ſie alle glaͤubten / daß ſie als Aegeln und Peitſchen zu denen uͤberwundenen Voͤlckern geſchickt wuͤrden. Jeder bildete ihm / wie Demades ein / er kriege mit ſeiner Landvogtey einen Beruff zu einer guͤldenen Erndte; oder er ſey verpflichtet ſich in eine mit ihren Klauen alles zerreiſſende oder beſudelnde Harpyie zu verwandeln. Denn wie die von der Sonnen erregten Winde das Feld mehr ausdoͤrreten / als die Sonne ſelbſt; Alſo maßten ſich alle von Fuͤrſten eingeſetzte Landvoͤgte insgemein einer ſtrengern Herr - ſchafft an / als die Fuͤrſten. Der Kaͤyſer moͤch - te ihnen ja guͤldene Berge verſprechen / aber kaum Spreu gewehren; weil die Roͤmer auch gegen die / welche einen groſſen Vortheil uͤber ſie erlanget / Treu und Glauben zu halten nicht ge - wohnet waͤren. Dem Koͤnige Porſena haͤtten ſie ja Geiſſel eingelieffert / aber wieder entwen - det. Als ſie dem Brennus und ſeinen Deut - ſchen das fuͤr Rom zum Loͤſegelde verſprochene Gold zugewogen / haͤtten ſie ſie argliſtig uͤberfal - len. Als der Samniter Koͤnig Claudius Pon - tius das Roͤmiſche Heer in ſeine Haͤnde und un - ters Joch bracht / haͤtte der Buͤrgemeiſter Poſt - humius einen Frieden eingegangen; das Roͤmi - ſche Volck aber nach freygelaſſenem Heere ſelb - ten uͤber einen Hauffen geworffen. Washaͤt - ten ſie Deut chen ſich numehr denn fuͤr gutes zu verſehen / die in den Augen der Roͤmer ſchon ih - re Sclaven waͤren? Lucullus haͤtte in Spani - en das Cauceiſche Volck gegen hundert Talent ausgeliefferte Geiſſel und geſtellte Huͤlffs-Voͤl - cker in ſeinen Schirm genommen / hernach aber ſich argliſtig der Stadt bemaͤchtigt / und zwan - tzig tauſend unſchuldige Leute meuchelmoͤrde - riſch uͤber die Klinge ſpringen laſſen. Eben ſo waͤren alle Auſonier in Jtalien aus einem fal - ſchen Argwohne / daß ſie auff der Samniter Seite hiengen / in einem Tage mit Strumpf und Stiel ausgerottet worden. Sylla haͤtte / nach erſcharreten zwantzig tauſend Talenten /Aſien /25Arminius und Thußnelda. Aſien / und Paulus / nach allem ausgepreßten Gold und Silber / allererſt gantz Epyrus aus - pluͤndern laſſen. Hortenſius haͤtte die aufge - nommenen Abderiten beraubet / die Fuͤrnehm - ſten enthaupten / die Buͤrger verkauffen / Plemi - nius der Locrenſer Heiligthuͤmer ſtehlen / ihr Frauenzim̃er ſchaͤnden / Appius den Salamini - ſchen Rath durch Hunger toͤdten laſſen. Jnſon - derheit aber noͤthigte die Staats-Klugheit die Roͤmer gleichſam dazu: daß ſie in der Grau - ſamkeit gegen die Deutſchen beſtaͤndig verhar - reten. Denn Wuͤteriche waͤren ſo boͤſe / daß ih - nen von nichts mehr als der Tugend Gefahr zu - hinge. Hartnaͤckigkeit befeſtigte ihre Herrſchafft durch Furcht / ihre Beſſerung aber ſtuͤrtzte ſie durch Mißtrauen neuer Verſchlimmerung. Alſo muͤſte ein Gebietter niemals anfangen grauſam zu ſeyn / oder niemals aufhoͤren. Alles dis haͤtten ſich die Deutſchen taͤglich zu befahren. Ja er haͤtte noch kein groͤſſeres Merckmal auf - gebuͤrdeter Dienſtbarkeit verſpuͤret / als ietzigen Zweifel an einem ſieghaften Ausſchlage. Wer an den Verluſt gedencke / habe ſchon halb verſpie - let. Daß Deutſche aber von Frembden uͤber - wunden werden koͤnten / waͤre zeither fuͤr eine Unmoͤgligkeit gehalten worden. Von Galli - ern auf ſie einen Schluß machen / ſchiene den Roͤmern ſelbſt ungereimt; die ſich wider jene zu kaͤmpfen ſchaͤmeten / wann ſie mit den Deutſchen ſchon eine Hitze ausgeſtanden haͤtten. Zu dem waͤren die Gallier theils durch eigene Zwytracht verfallen / theils von Deutſchen uͤberwunden worden. Mit den Pannoniern und Dalma - tiern aber waͤre das Spiel noch nicht ausge - macht / welche vom Marbod ſchaͤndlich waͤren im Stiche gelaſſen worden / weil ein Wuͤtterich / wie er / doch kein recht Hertze haͤtte / ja nicht nur alle andere / ſondern ſo gar ſich fuͤr ſich ſelbſt und ſeinem eigenen Bey-Spiele fuͤrchtete. War - umb ſolten nun ſie dieſen ſcheuen / der wegen be - gangener Laſter aus ſeinem Hertzen die Zag - heit / aus ſeinem Gebiette die Ubelwollendennimmermehr verbannen koͤnte; und an ſeinen meiſten Unterthanen groͤſſere Feinde als an de - nen vertriebenen Bojen und beleidigten Feinden haͤtte. Das Band ſeiner und des Tiberius Freundſchafft waͤre zerriſſen worden / nach dem Hertzog Herrmann beyden die Fuͤrſtin Thußnel - de aus den Zaͤhnen geruͤckt haͤtte. Die vier und viertzig Legionen waͤren biß auf fuͤnf und zwan - tzig noch fuͤr dem Dalmatiſchen Kriege ver - ſchmoltzen; in dieſem aber bey nahe vollends die Helfte / oder doch der beſte Kern drauf gegangen. Die Flotten beſtuͤnden meiſt in ſchlechtem Vol - cke / und in gepreßten Außlaͤndern; welche nach Abwerffung des Roͤmiſchen Jochs eben ſo wol als die Deutſchen ſeufzeten. Die uͤbrige Macht in denen entfernten Laͤndern und ſo gar andern Theilen der Welt koͤnten mit Vernunft ſo we - nig als der Angelſtern von ſeinem Wirbel ver - ruͤckt werden / da Auguſt nicht auf allen Sei - ten Thuͤr und Thor den Feinden oͤfnen wolte. Alſo moͤchten ſie ihnen die leeren Nahmen der erſchoͤpften oder theils blinden Legionen keinen blauen Dunſt fuͤr die Augen machen / weniger ſich ſchrecken laſſen.

Ganaſch der Chautzer Hertzog pflichtete dem Jubil bey / anfuͤhrende: daß wo die Glut eines Wuͤtterichs raſete / ſelbte zu leſchen ſich die Ge - wogenheit eines gantzen Volckes billich gleich - ſam durch einen Platz Regen dahin aus - ſchuͤttete. Es waͤre zwar den Menſchen die Begierde der Neuigkeit angebohren / aber dieſe waͤre mit ſich ſelbſt ſo unvergnuͤgt; daß wie ſie uͤberdruͤßig worden zu ſeyn / was ſie vor - her geweſt / alſo auch ſtets ihrer gegenwaͤrtigen / inſonderheit aber der veraͤrgerten Beſchaffen - heit gram wuͤrde. Dieſem nach muͤſte ja die ed - len Deutſchen das Verlangen / ſich wieder in der uhralten Freyheit zu ſehen / ankommen; welche lobwuͤrdige Begierde auch die wilden Thiere in ihren Waͤldern nicht verlohren haͤtten. Bey welcher Beſchaffenheit ſie ſich nicht ſolten irren laſſen: daß Segeſthes ihnen nicht beypflichtete /Erſter Theil. Ddeſſen26Erſtes Buchdeſſen Ergetzligkeit allezeit fremdes Unheil / und anderer Ohnmacht ſein ſuͤſſeſter Lebens-Athem geweſt waͤre. Jnſonderheit habe ſein Hertz al - lezeit mehr zu den Roͤmern / als zu den Deut - ſchen gehangen. Er habe jenen den Durchzug verſtattet / und ſey Urſache: daß die Chautzen vom Tiberius ſo unverhofft uͤberfallen / ihnen die Waffen abgenommen / er ſelbſt nebſt denen Edlen des Landes fuͤr des Kayſers Richterſtuhle ſich zu beugen gezwungen worden. Jngnio - mer der Bructerer Fuͤrſt / Hertzog Herrmanns Vetter / ein ſo wohl bey den Roͤmern als Deut - ſchen hochangeſehener Kriegs-Held unterbrach / aus Beyſorge erwachſender neuer Uneinig - keit / Hertzog Ganaſches hitzige Rede / und hielt ihm ein: Die Zufaͤlle waͤren eine weile ſo ver - wirrt / der Tugend und offenhertzigem Begin - nen ſo feind geweſt / daß auch der fuͤrſichtigſte auf ſo glattem Eiße habe gleiten / und der es am be - ſten gemeint / ſeine Redligkeit verſtellen muͤſſen. Ja man waͤre in ſolche Zeiten eingefallen / da die Liebe des Vaterlandes fuͤr eines der groͤſten Laſter gehalten worden. Numehro aber habe ein guter Einfluß des Geſtirnes / oder vielmehr die kluge Anſtalt Hertzog Herrmanns und die euſſerſte Bedraͤngung der Sicambrer die zer - ruͤtteten Gemuͤther ſo vieler deutſchen Fuͤr - ſten / als ihrer noch nie auff einmahl wider die Roͤmer zuſammen getreten / vereinbart. Nunmehr blickte ſie eine ſo gluͤckliche Zeit an / da man erndten doͤrffte / was man daͤchte / und dis ausuͤben / was man im Schilde fuͤhrte. Jtzt ereigne ſich die Gelegenheit / da ſie alle das Seil der Roͤmiſchen Dienſtbarkeit von den Hoͤrnern abſtreiffen / Segeſthes aber die alte Scharte auswetzen koͤnne. Denn eine tapf - fere That wiſche die Schamroͤthe von vielen begangenen Fehlern ab. Segeſthes / welchem die Roͤmer am meiſten traueten / koͤnne fuͤr dißmahl ihrem Siege eine groſſe Huͤlffe ge - ben / nach dem Varus ihn ſelbſt / von Herr - mann und andern Fuͤrſten aber nur gewiſſeKriegs-Schaaren beruffen haͤtte: daß er wider den Teucterer und Sicambriſchen Hertzog Melo / welcher auff Hertzog Herrmanns gege - benen Einſchlag alleine wider die Roͤmer den Harniſch anzuziehen ſich hertzhafft gewagt haͤt - te / mit ihren Huͤlffs-Voͤlckern zu Felde ziehen moͤchte. Alſo koͤnte Segeſthes entweder durch eine vertraute Perſon / oder auch ſelbſt dem Va - rus ſeine und der gefoderten Huͤlffs-Voͤlcker Anweſenheit zu wiſſen machen / und hierdurch nicht alleine dem verſammleten Kriegs-Hee - re / welches doch wenig Stunden mehr fuͤr den Roͤmern koͤnne verborgen ſtehen / eine deſtowe - niger verdaͤchtige Naͤherung zu dem Roͤmi - ſchen Laͤger und einen unverſehenen Uberfall zu wege bringen / ſondern wohl gar die Roͤ - mer aus ihrem Laͤger und Vortheil ins freye Feld locken. Man ſolte nunmehro keinen Au - genblick verſaͤumen. An geringer Saͤumniß haͤnge offt der Verluſt der gantzen Sache; und die Zeit ſey im Kriege am theuerſten. An - ſchlaͤge wuͤrden zwar krebsgaͤngig / gute Gele - genheit aber komme nicht zweymahl wieder. Man ſolle das fertige Heer nur immer gegen das Laͤger anziehen laſſen. Hertzhafften Leu - ten riegele die Natur alle Pforten auff / das Gluͤcke ſtehe ihnen an der Seiten / und das Verhaͤngniß hielte ihnen den Ruͤcken.

Segeſthes begegnete / wiewohl allem Anſe - hen nach mit ſchwermuͤthigen Worten / dem J - gniomer: er hielte das Werck nochmahls fuͤr ge - faͤhrlich und zu entſchluͤſſen bedencklich. Es waͤre nicht weniger unzeitig / was zu fruͤh / als zu ſpaͤte geſchehe; die Ubereilung aber noch ſchaͤdli - cher / als die Verſaͤumung. Denn ungeſchehe - ne Dinge koͤnte man noch thun / geſchehene aber nicht wieder verwiſchen. Weßwegen die Klug - heit fuͤr eine Tochter des kalten Gebluͤtes / die U - bereilung aber fuͤr eine Mutter unzeitiger und daher todter Geburten gehalten wuͤrde; Und muͤſte man der Gelegenheit freylich wohl wahr - nehmen / ſelbter aber nicht zuvor kommen / undwenn27Arminius und Thußnelda. wenn man ſeinen Feind zu bekriegen hat / ſich nicht ehe von ſeinen eigenen Schwachheiten / als von des Feindes Tugend uͤberwinden laſſen. Dieſe waͤre bey den Roͤmern unvergleichlich / als welche ihr meiſtes Leben mit den Waffen hinbraͤchten; allen ihren Ruhm aber durch ſelb - te erlangten; ja niemand kein Ehren-Amt zu bekleiden faͤhig waͤre / der nicht zum minſten zehn Jahr zu Felde gedienethaͤtte. Zu geſchweigen / daß die zu Fuß dienenden Kriegs-Leute eher nicht als nach zwantzigjaͤhrigen Dienſten er - laſſen wuͤrden; und die Roͤmer auch beym Frie - den ihre Wffaen durch ſtete Kriegs-Ubungen alſo brauchten / daß weder ſelbte noch ihre Tapf - ferkeit verroſtete. Nichts deſtoweniger / wenn ſie alle ja mit den Roͤmern zu brechen fuͤr gut anſaͤhen / waͤre er nicht gemeint / mit ſeinem Be - dencken des mehrern Theils Schluß zu ſtoͤren / und ſich in ſeine Gedancken dergeſtalt zu verlie - ben / daß er aller andern Urtheil als unrechte ver - werffen ſolte. Denn man ſolte in Rathſchlaͤgen allezeit das beſte rathen / und doch auch dem / was man fuͤr ſchlimm hielte / beyfallen / wenn es die meiſten billichten. Sintemahl das beſte / wel - chem nur wenig folgten / ſchlimmer waͤre als das aͤrgſte; welches alle auszuuͤben auf ſich nehmen. Daß uͤbrigens Qvintilius Varus ihn und an - dere Huͤlffs-Voͤlcker wider die Sicambrer be - ruffen / habe ihnen freylich zu einem guten Vor - wand gedienet / ihre Voͤlcker ohne Verdacht zu - ſammen zu fuͤhren. Dahero ſey er bereit un - ter dieſem Scheine einen Schluͤſſel ins Roͤmi - ſche Laͤger zu finden. Segemer des Segeſthes Bruder ſchlug hiemit auff ſeinen Degen / mel - dende: Wenn ihn auch Segeſthes nicht findet / ſo iſt hier einer verhanden. Und wenn wir dis - mahl den Roͤmern nicht den Weg wieder uͤber den Rhein weiſen / koͤñen wir uns nicht beſchwe - ren / daß es uns an Gelegenheit / ſondern an Hertze und an der Wiſſenſchafft uns ſelbte nuͤ - tze zu machen / gemangelt habe. Sie haͤtten ohne diß ihren Feind allzu großwachſen / unddie Flamme zu ſehr zu Schwunge kommen laſ - ſen; welche ſie gar verzehren wuͤrde / wenn ſie ſelbter ſo lange zuſehen wuͤrden / biß die Roͤmiſche Macht aus Dalmatien ihnen vollends uͤber den Hals kaͤme. Alſo waͤre die Geſchwindig - keit wider geſchwinde Kranckheit die heilſam - ſte Artzney. Hiermit ſtimmten alle andere Fuͤr - ſten und Groſſen ein / ſtanden von ihren Taffeln auff / verehrten den Cheruſtiſchen Hertzog als ih - ren oberſten Feldherrn / und wuͤnſchten ihm gluͤckliche Uberwindung ſeiner uñ ihrer Feinde.

Hertzog Herrmann / auff welchen numehr aller anweſenden Augen gerichtet waren / ließ in ſeinem Antlitze und Geberden nicht das gering - ſte Merckmahl eines entweder verwirrten oder freudigen Gemuͤths blicken. Denn ob wohl der Glantz neuer Wuͤrden ſonſt insgemein die Ver - nunfft nichts anders als die uͤbermaͤßigen Son - nenſtrahlen das Geſichte verduͤſtern; ſo war doch dieſem Helden; welcher in ſich ein auskomment - liches Maaß hatte die gantze Welt zu beherr - ſchen / bey dieſem neuen Wachsthume nichts neues noch hoffaͤrtiges; Sintemahl dergleichen Auffblehung nichts minder ein gewiſſes Zeichen einer Gemuͤths-Kranckheit / als die Geſchwulſt der Leibes-Gebrechen / und eine augenſcheinli - che Andeutung iſt / daß ſolche Ehre zu groß fuͤr das Behaͤltniß einer ſo engbruͤſtigen Seele ſey. Er gebrauchte gegen die Fuͤrſten eben die Ehrer - bietung als vorher / und als gegen ſeines glei - chen. Ja durchgehends ſtellte er ſich ſo / als wenn er die Feldherrſchafft leichter uͤberkaͤme / als zu haben verlangte; Maſſen nur dieſe letztere Be - gierde zu herrſchen eben ſo wohl kein Mittel in ihrer Bezeugung zu treffen weiß; als das Geluͤcke zwiſchen Gebot und Fußfall ſelb - tes zu beobachten pflegt. Daher er ſich denn auch erklaͤrete: Er empfinde in ſich ein ſo unbe - ſchreibliches Vergnuͤgen uͤber der neuen Ein - tracht der deutſchen Fuͤrſten und uͤber dem fuͤr die allgemeine Wohlfarth gemachten Schluſ - ſe; dieſen auszufuͤhren waͤre ſein einiges Abſe -D 2hen /28Erſtes Buchhen dieſer Verſammlung geweſt / und haͤtte er es dem Verhaͤngniße und ihrer Klugheit heim - geſtellt: Ob ſie ihn hierinnen zu einem Kriegs - Manne / oder zu ihrem Feld-Herrn gebrauchen wuͤrden. Nach dem ihnen aber das letztere ge - fallen / thaͤte er hierinnen mehr ihrem Willen / als ſeinem Ehr-Geitze ein Genuͤgen. Denn ob wol die verwirrete Beſchaffenheit der Zeit / die beſorgliche Mißgunſt derer / welche nach dieſer Wuͤrde geſtrebet / und ſein noch nicht allzu hohes Alter ihn hievon zuruͤcke ziehen wolten; ſo uͤber - wiege doch ſein Verlangen dem gemeinen We - ſen zu dienen alle andere Bedencken; und die Bilder ſeiner lobwuͤrdigen Vorfahren ladeten ihn gleichſam ein / lieber mit Schweiß und Blut in ihre Fußſtappen und in dis von ihnen gefuͤhr - te Ambt zu treten / als die Haͤnde ſeiner Ergoͤtzlig - keit halber auf die Schoos zu legen. Denn die Aufthuͤrmung der Ehren-Saͤul-waͤre ein aber - glaͤubiſcher Zeit-Vertreib und eine Verſchwen - dung der Unkoſten; wenn ſie allein ein Gedaͤcht - nuͤß deſſen / was die Todten gethan haben / nicht aber eine Ermahnung ſeyn ſollen / was denen le - benden zu thun obliegt. Dahero daſſelbige Bild / welche nur etliche Tage geſtanden / aber das Gluͤcke habe / daß iemand durch ruͤhmliche Nachartung ſeinem Befehle gehorſamet / viel hoͤher zu ſchaͤtzen waͤre / als eines / das tauſend Jahre wider Lufft und Ungewitter getauret / aber zum unfruchtbaren Anſchauen gedienet hat. Haͤtten ſeine Vor-Eltern durch ihre Tha - ten zuwege gebracht / daß ſie ihm ihren Stab einhaͤndigten; wolte er ſich befleiſſen durch ſein Thun zu behaupten / daß er ihr Sohn waͤre; nach dem ein ungerathener Sohn eines Helden ſich gar keines Vaters zu ruͤhmen haͤtte. Denn keines frembden Sohn koͤnte er vermoͤge der Natur; des Natuͤrlichen aber wuͤſte er es wegen ſeiner Untugend nicht zu ſeyn / alſo / daß wenn die Todten reden koͤnten / wuͤrden ſie ihn / wenn er ſich ihrer Ankunft ruͤhmte / entweder Luͤgens ſtraffen / oder ihn als einen Wechſel-Balg ausdem Geſchlechte ſtoſſen. Dieſes und der Noth - ſtand Deutſchlands zwinge ihn die aufgetragene Wuͤrde willig zu uͤbernehmen. Denn / wenn das Gebaͤu eines Reiches einfallen wolte / muͤſte der erſte der beſte ſeine Achſel unterſchieben / und zu denen Stuͤtzen nicht diß oder jenes Holtz aus - ſchuͤſſen. Bey ſo geſtalten Sachen koͤnte ſich niemand entbrechen / der ſich ſonſt doch ausduͤ - cken wuͤrde / wenn ihn die Scham - Roͤthe oder der Mangel eines guͤltigen Verwands nicht zu - ruͤcke hielte. Wie er deñ feyerlich ſich verwahrte: daß er ihm dieſe Wuͤrde nicht leichte; ihre Uber - nehmung aber nicht aus Hoffarth / ſondern aus Liebe des Vaterlandes nicht ſchwer machte. Seine Wercke ſolten nicht nur ſeine ietzige Er - klaͤrung beglaubt / und ihnen wahr machen / daß er nicht ſo wol ihr Feld-Herr ſeyn / als ihr Bru - der leben / und als ihr Freund fuͤr ſie und das Vater-Land ſterben wolte. Denn alle andere Merckmaale der Freundſchafft waͤren ungewiß oder verdaͤchtig; die groͤſſeſten Betheurungen verhuͤlleten offt ein gehaͤſſiges Hertze / die nuͤtz - lichſten Dienſte verkleideten zuweilen den Ei - gen-Nutz / die Freygebigkeit zielte auf anderer Verbindligkeit / der Gehorſam ruͤhrte nicht ſel - ten mehr aus einem Nothzwange als willkuͤhr - lichem Eifer her; wenn aber die Freundſchafft mit ſeinem eigenen fuͤr eines andern Erhaltung verſpritzten Blute beſiegelt wuͤrde / waͤre ſie al - lem Verdacht eines angenommenen Scheines / aller nachtheiligen Auslegung / und allem wi - drigen Urthel uͤberlegen.

Bey Außdruͤckung dieſer Worte und daruͤber erwachſender Vergnuͤgung trat ein mit der Fuͤrſtin Walpurgis Leiche vorhin beſchaͤfftigter Prieſter mit einem freudigerm Geſichte / als ſein Todten-Dienſt mit ſich brachte / ins Zelt / und berichtete: Der Walpurgis Grab waͤre fertig / mit Bitte: Es moͤchten die Fuͤrſten die Leiche noch mit einer Hand voll Erde beehren / und ihr merckwuͤrdiges Grabmahl anzuſchauen unbe - ſchwert ſeyn. Dieſe waren theils wegen An -dacht /29Arminius und Thußnelda. dacht / theils aus Begierde das angedeutete Grab zu ſehen leicht dazu zu bereden. Wie ſie nun an den beſtim̃ten Ort kamen / fanden ſie drey Sti - che tief die Erde ausgegraben / darunter aber ein anſehnliches in einen lebendigen Fels gehauenes Grab. Welches ihnen ſo viel mehr wunders werth vorkam / weil nicht allein in ſo enger Zeit ein ſolch Grab auszuhauen unmoͤglich / auch das geringſte Meꝛckmal der heꝛausgehauenen Stei - ne verhanden; ſondern auch die ſteinernen Gꝛabmale bey denen Deutſchen ſehꝛ ſeltzam wa - ren / als welche ihre Todten nur in die friſche Er - de zu begraben / und zum hoͤchſten die Graͤber mit Raſen aufzuſetzen und zu erhoͤhen pflegen / entweder weil ſie die ſteinernen und koſtbaren Grabmale denen Leichen fuͤr beſchwerlich hal - ten; oder weil ſie ſelbte als eine Eitelkeit / oderauch als eine offt bey denen unwuͤrdigſten miß - brauchte Ehre verſchmaͤhen. Sintemal leider bey den Griechen die zwo Huren Glycera und Pythionice ſo praͤchtige Begraͤbnuͤs-Male / daß des Miltiades und Pericles ſelbten nicht den Schatten reichen / erlangt; zu Rom aber ſo gar Raben und Pferde nicht ſo wohl damit beehret / als die mit Fuͤſſen getretene Gedaͤchtnuͤſſe der Horatier und Fabier dadurch beſchimpfft wor - den. Uberdis hatte dieſer Fels und das daran kle - bende Mooß den annehmlichſten Veilgen-Ge - ruch / der die Anweſenden nicht wenig erqvickte. Jhre Verwunderung aber verkehrte ſich gar in eine andaͤchtige Verehrung dieſes Orts / als ſie nach der auf den Seiten vollends weggeraͤum - ten Erde gegen Mittag in dieſes ſteineꝛne Grab folgende Uberſchrifft eingegraben funden:

Dieſer Fels /
Deſſen Geruch aller andern Blumen uͤbertrifft /
Weil er niemahls mit dieſen Fluͤchtlingen vergehet;
Deſſen Krafft den Cedern vorgehet /
Weil er nicht nur keinen Wurm hecket / ſondern auch nicht herbergt /
iſt zum Grabmale einer Fuͤrſtin erkieſt /
Die wie das Kraut / welches ehe zerſpringt / als ſichs anruͤhren laͤſt /
vergangen.
Die mit dem Hermelin ehe durchs Feuer als Koth laufft /
Und ehe es ſich beſudelt / entſeelet.
Darff alſo
Dieſes Grab kein Opfer der Blumen /
Die Begrabene keines der Thraͤnen /
aber wol tugendhaffte Nachfolger.
Sie hatten kaum auf der einen Seite dieſe durch das Alter und die eingedrungene Erde vertun -
ckelte Schrifft zuſammen gebracht / als auf der andern folgende erkieſet ward:
Die Eroͤffnung dieſes Grabes
Wird denen Deutſchen die Augen aufthun /
Daß ſie die Roͤmiſche Dienſtbarkeit abwerffen /
und erkennen werden:
Daß ihr Reich zum Schutz-Bilde die Eintracht /
ihr Heer zum Haupte einen Mann doͤrffe.
Es iſt aber noch Gluͤck und Klugheit bey einem Grabe /
nicht allererſt beym Tode ſehen lernen.
C 3Alle30Erſtes Buch

Alle Fuͤrſien laſen zwar dieſe Zeilen / Hertzog Jubil aber war der erſte / der alle Geheimnuͤße dieſer Wahrſagung am erſten ergruͤndete. Sin - temahl er ſich der Erzehlung vom Hertzog Herꝛ - mann erinnerte / welche ihm der Schutz-Geiſt des Gabretiſchen Gebuͤrges nicht nur / daß er ein Erloͤſer des dienſtbaren Deutſchlandes ſeyn / ſondern auch deßwegen eine in Stein gegrabe - ne Wahrſagung bey dem Tanfaniſchen Tem - pel gefunden werden wuͤrde / vorhin angedeutet haͤtte. Weil nun Hertzog Jubil dieſes kuͤrtz - lich erzehlte; war die in dieſer Wahrſagung ent - haltene Billigung des zum Heerfuͤhrer erwehl - ten Hertzog Herrmanns deutlich genug zu ver - ſtehen; und weil die erſte Schrifft allbereit durch die in diß Grab gelegte Fuͤrſtin Walpurgis Sonnenklar wahr gemacht war / fand die letz - tere ſo viel mehr Glauben und zohe deſto groͤſ - ſer Vertrauen zu dem neuen Feldherrn und dem kuͤnfftigen Siege nach ſich. Weßwegen der gantze Heyn ſeine Freude uͤber dieſer gluͤctli - chen Wahl durch ein allgemeines Frolocken kund machte.

Unterdeſſen hatte der Prieſter Libys denen vieꝛ ſchoͤnſten und groͤſten weiſſen Pfeꝛden / dereꝛ eine ziemliche Anzahlin ſelbigem heiligen Heyne erzo gen / und keines zu irrdiſcher Arbeit ge - braucht / auch von ſonſt keinem Menſchen / als dem Prieſter / weder gefuͤttert noch beſchritten wird / das erſte Gebiß und Zaum anlegen laſ - ſen / ſelbte mit ſilbernem Zeuge und ſeidenen Qvaſten rother Farbe / welche bey dieſen Voͤl - ckern Krieg andeutet / belegen und an einen ge - weiheten Wagen ſpannen / auch ſolchen fuͤr den Zelten in Bereitſchafft halten laſſen. Sie rauch - ten fuͤr Hitze und Schweiß / da ſie doch in etli - chen Tagen nicht aus dem Stalle kommen wa - ren; welches ſie dahin ausdeuteten: daß die Schutz-Geiſter ſelbiges Orts allbereit auff ſelb - ten wider die Feinde geſtritten haͤtten. Dieſem nach die Prieſter denn auch alſofort dem Feld - herrn mit vielen Seegenſpruͤchen drey Kriegs -Bilder / welche noch die Vorfahren in dieſem Heyne aufgehenckt hatten / und unter den Deutſchen / wie bey den Roͤmern die Adler / zu Kriegs-Fahnen gebraucht worden / uͤberreich - ten. Jn dem erſten war ihres Uhranherrns des Tuiſcons Haupt / im andern ein Pferd / im dritten ein Loͤwe abgebildet. Die Pferde aber fingen hefftig zu ſchaͤumen und zu wiehern an. Welches Libys und die andern verſammleten Prieſter fuͤr ein uͤberaus gutes Zeichen des Sieges auslegten; ſonderlich weil ſelbte den rechten Fuß zu erſt aufhoben / durch die in der Erde geſteckten Lantzen ohne einige Beruͤh - rung durchrenneten. Daher ſie alle ſo wohl den Hertzog Herrmann als die andern Fuͤr - ſten / welche fuͤr dem Wagen hertraten und dem Heere zueileten / mit tauſend Gluͤckswuͤn - ſchen begleiteten. Denn dieſe Anzeigungen verſicherten die Fuͤrſten ſo gewiß des Sieges / als wenn ſie ſelbten ſch[o]n in den Haͤnden haͤtten. Sintemahl zwar die Deutſchen mit den mei - ſten Voͤlckern auch aus denen Eingeweiden des Opffer-Viehes / aus dem Fluge der Ad - ler / Habichte und Geyer / aus dem Geſchrey der Raben / der Kraͤhe und Nacht-Eulen / aus dem Lauffe der Woͤlffe / Fuͤchſe und Schlan - gen / aus den Wirbeln der Fluͤſſe / aus fallen - den Lufft-Sternen / und aus Andeutungen de - rer zu erſcheinen genoͤthigten Geiſter kuͤnffti - ge Begebenheiten zu erforſchen pflegen; in - ſonderheit aber aus der Anzahl vieler ungefehr in die Aſche gemachte Striche / und durch ge - wiſſe aus einer fruchtbaren Gaͤrthe gekerbe - te und mit unterſchiedenen Merckmahlen be - zeichnete Hoͤltzlein / die der Prieſter auff ein weiſſes Kleid ausſchuͤttet / und hernach zu drey - en wieder auff[l]ieſet / ihr bevorſtehendes Gluͤcke zu ergruͤnden vermeinen; ſo ſetzen ſie doch auff keine Wahrſagung mehr Vertrauen / als auff die Andeutung dieſer geweyheten Pferde. Nicht zwar / daß ſie ihnen eine Wiſſenſchafft deſſen / was das Verhaͤngniß ihnen beſtimmethabe /31Arminius und Thußnelda. habe / zueignen; ſondern weil ſie dafuͤr halten: Gott bewege durch eine geheime Krafft aus einer Erbarmniß gegen den Menſchen dieſe edlen Thiere / als ohne deſſen Zulaſſung kein Vogel eine Feder ruͤhren / kein Pferd einen Fuß auffheben koͤnte.

So bald das Kriegs-Volck / welches in vol - ler Ruͤſtung bereit ſtand / und nur auff einen Feind loß zu gehen begierig war / den heiligen Kriegs-Wagen erblickte und daraus erkenn - te / daß der Krieg und Anfall des Feindes be - ſchloſſen war / kriegte ſelbtes gleichſam eine neue Seele und erfuͤllete die Lufft mit einem hei - ſern Feld-Geſchrey. Als ſie aber gewahr worden / daß Hertzog Herrmann als Feldherr ſeinen Sitz darauff genom̃en hatte / machten ſie mit Zuſammenſchlagung ihrer Lantzen / Spieſ - ſe / Schilde und andern Waffen / um dadurch ihr Wohlgefallen uͤber ſolcher Wahl zu bezeu - gen / ein ſolches Gethoͤne / daß auch die naͤch - ſten kein Wort von des Jgniomers Rede / wel - cher ihnen von ihrem Schluſſe einen Vortrag thun wolte / verſtehen konten. Womit ſie a - ber zu verſtehen geben moͤchten: daß ſie dis / was Jgniomer ihnen ſagen wolte / verſtuͤnden / und ihre bey der Wahl eines allgemeinen Her - tzogs habende Stimmen dem Herrmann ein - muͤthig gaͤben; nahmen vier der fuͤrnehmſten Kriegs-Oberſten zwey Lantzen auff die Achſeln / legten darauff einen breiten Schild / hoben den Feld-Herrn von dem Wagen darauff / und trugen ihn mitten durch ihre Reyhen. Hier - auff ſenckten ſie dieſen Kriegs-Stuhl / womit er ab und zu Pferde ſitzen konte. Dieſes war ein feuriger Hengſt / welcher / nachdem er die - ſen fuͤrtrefflichen Helden auff ſich bekommen / fuͤr Hoffarth den Erdboden eintreten wolte / mit ſeinem Schaͤumen und hitzigen Saͤtzen ſeine Ungedult aber / daß es nicht ſchon in der Schlacht waͤre / zu verſtehen gab. Herrmanns Leib war mit einem glaͤntzenden und zum Theil verguͤldeten Harniſche bedeckt / womit ihnKaͤyſer Auguſtus beſchencket / als er in Ar - menien bey Einſetzung des Koͤnigs Artavaſ - des die Roͤmiſchen Waffen zu ſeinem Ruhm und des Kaͤyſers Nutzen getragen hatte. Jn der rechten Hand fuͤhrte er eine Lantze / im lin - cken Arm einen laͤnglichten Schild / auff wel - chem ein ſpringendes Pferd geetzt war / wel - ches die Cheruſkiſchen Hertzoge noch vom al - ten Hermion her / aus beſonderer Liebe zu den Pferden / zu fuͤhren gewohnt waren. Um ſei - ne Lenden war ein mit Edelgeſteinen verſetz - tes Schwerdt geguͤrtet / und an dem Sattel - knopffe hieng ein eckichter Streit-Hammer. Seine braunen und kringlichten Haare hatte er nach ſeiner Landes-Art ihm uͤber dem Haͤu - pte laſſen zuſammen binden; den Helm aber / uͤber welchem ein Habicht mit ausgebreiteten Fluͤgeln zu ſehen war / ließ er ihm ſeinen Waf - fentraͤger neben bey tragen. Jn ſolcher Ruͤ - ſtung ſtellete er ſich gegen das in voller Schlacht - Ordnung ſtehende Heer / und redete mit ver - miſchter Freundligkeit und Großmuͤthigkeit ſie derogeſtalt an:

Edle Deutſchen / vertrauteſte Bruͤder. Dem Verhaͤngniße und den Fuͤrſten des Vaterlan - des hat einmuͤthig gefallen / fuͤr die Freyheit Deutſchlands wider der Roͤmer Bedraͤn - gung die Waffen zu ergreiffen / und mich zum gemeinen Feld-Herrn zu erkieſen. Das letz - te anzunehmen hat mich die Liebe des Vater - landes gezwungen / nicht meine eigene Ver - meſſenheit gereitzt. Die Andeutungen der Prie - ſter / die Gerechtigkeit unſerer Sache / die Wol - luͤſte unſers weibiſchen Feindes und eure Tapf - ferkeit / verheiſſen mir einen unzweiffelbaren Sieg. Es iſt unnoͤthig Maͤnnern ein Hertz einſprechen / fuͤr derer Thaten mehrmahls Rom erzittert / durch deren Huͤlffe die Roͤmer al - lein in Gallien Fuß gehalten / und gegen die Parther geſtanden. Der Deutſchen ihre Feld - herren werden ihrem Kriegs-Volcke mehr zum Beyſpiele als zum Befehlichen fuͤrgeſetzt. Jch /ſichert32Erſtes Buchſiehert euch / behertzte Bruͤder / wil heute mit meinem Blute lieber drey Spannen Erde ge - gen die Roͤmer gewinnen / als drey Schritte zuruͤck weichen / wuͤſte ich auch dadurch mein Le - ben auf tauſend Jahr zu verlaͤngern. Werdet ihr meinen Fußſtapfen nachfolgen / wird dieſen Tag entweder von dem Feinde oder uns kein Gebeine entrinnen.

Hiermit ergriff er den Helm / druͤckte ihn aufs Haupt / und ſprengte mit ſeinem Pferde von ei - ner aͤuſerſten Spitze der Schlacht-Ordnung biß zur andern. Das Heer aber ſchlug noch mit groͤſſerm Ungeſtuͤm die Waffen aneinander; welches bey den Deutſchen die Kraͤfftigſte Art et - was zu beſtaͤtigen / und die ehrlichſte iemanden zu loben iſt. Hierauf erregten die theils hoͤrner - ne / theils aus Meſſing gegoſſene krum̃ - Hoͤr - ner / bey noch ſtiller Nacht / ein ſolches Gethoͤne / daß die Erde erbebte / und die Luͤfte mit vielfaͤl - tigem Wieder-Schalle erfuͤllet wurden.

Hertzog Segimer nahm hiemit den ihm un - tergebenen Vortrab / und fuͤhrte ſelbten gerade dem Feinde zu / unter welchem ſein Sohn Seſi - tach tauſend junge Cheruskiſche und Bructeri - ſche / Printz Catumer des Arpus Sohn fuͤnf - hundert junge Cattiſche Edelleute fuͤhrte / welche alle / weil ſie noch keinen Feind erſchlagen / eiſerne Ringe trugen / umb in dieſer Kriegs-Schule ihr Gluͤck oder vielmehr ihre Tapferkeit zu verſu - chen / und zugleich das Recht zu erwerben ge - meynt waren: daß ſie kuͤnftig goldne Ringe tra - gen moͤchten.

Als dieſe bey dem Feld-Herrn vorbey zohen / welcher alle und iede in genauern Augenſchein nahm / und keinen Hauffen zur Hertzhafftigkeit aufzufriſehen vergaß / ritte ein gerader wol-ge - wafneter Juͤngling / der einen mit gruͤnem Laub - wercke ausgeetzten Harniſch / und im Schilde eine Taube fuͤhrte / aus der Ordnung / naͤherte ſich dem Feldherrn / und reichte ihm mit tiefſter Ehr - erbiettung einen Zettel / darauf dieſe Schrifft zu leſen war:

Erlauchter Fuͤrſt / großmuͤthiger Feld-Herr! Die Cherusker ſind gewohnt fuͤr ihren Schlach - ten durch Zwey - Kampf eines Einheimiſchen und eines gefangenen Feindes den Ausſchlag des bevorſtehenden Treffens zu erkundigen. Goͤñe dieſemnach einem ruhmbegierigen Edel - manne / daß / nach dem dir die guͤtigen Goͤtter den Sieg ſchon ſo augenſcheinlich gewieſen ha - ben; daß ich und ein gefangener Roͤmer / ieder mit Waffen nach ſeiner Landes - Art allhier zu - ſammen ſchlagen / und mir deine Augen und Vorbild heute das Gluͤcke des Sieges mitthei - len / was ich ſonſt meiner Staͤrcke und Tapfer - keit nicht zutrauen darf.

Dem Feld-Herrn kam dieſer Anſpruch gantz unvermuthet / iedoch nahm er dieſe kecke Ent - ſchluͤſſung fuͤr ein ſehr gutes Zeichen an / und ſein Hertze empfand gegen dieſem Edelmanne eine ungemeine Beweg - und Zuneigung. Er wuͤrde auch nicht die Befchaffenheit ſeiner Per - ſon und den Anlaß zu dieſem Ebentheuer genau zu erforſchen vergeſſen haben / wenn er nicht als - bald in die Gedancken gefallen waͤre: daß ſelb - ter / umb alleine unbekant und mit dem Helme verdeckt zu bleiben / ſein Verlangen ſchrifftlich entworffen haͤtte. Dahero lobte er / ohne eini - ges vorwitziges Ausfragen / ſein Begehren / und befahl: daß / da irgend einige gefangene Roͤmer alldar befindlich waͤren / ſie augenblicklich zur Stelle gebracht werden ſolten. Fuͤrſt Arpus / welcher unferne davon hielt / vernahm dieſen Be - fehl des Feld - Herrn / naͤherte ſich zu ihm / und ließ alsbald zwey wolgewachſene ſchoͤne Juͤng - linge zur Stelle bringen / welche er fuͤr kurtzer Zeit gefangen bekommen / als die Roͤmer aus der vom Druſus am Berge Taunus aufgerichteten Feſtung Tranburg auf die Catten geſtreifft. Dieſe fragte der Feld-Herr: Ob einer unter ihnen das Hertze haͤtte mit anweſendem Edel - manne zu fechten? Der Preiß des Sieges ſey des gefangenen Freyheit. Hertzog Herrmann hatte diß letzte Wort noch halb im Munde / alsder33Arminius und Thußnelda. der ſchoͤnſte unter beyden / welchem die Anmuth ſelbſten aus den Augen ſah / verſetzte: Er habe niemanden noch einen ſolchen Tantz verſagt. Die Dienſtbarkeit ſey ihm unertraͤglicher als der Tod. Das Ungluͤcke / nicht die Liebe ſeines Le - bens habe ihn lebendig in ſeiner Feinde Haͤnde geliefert / in dem er in dem Scharmuͤtzel mit dem Pferde geſtuͤrtzt / und daruͤber gefangen worden waͤre. Wolte ihm der Catten Hertzog ſeine Waffen wieder langen laſſen / und der Feldherr ihm den Zwey-Kampf erlauben; wuͤrde er es fuͤr eine groͤſſere Großmuͤtigkeit aufnehmen / als er ihm in dieſem Nord-Lande zu finden eingebil - det. Alſofort wurden die ihm abgenommenen Waffen / und ein wol-aufgeputztes Pferd zur Stelle bracht. Die Fertigkeit im Wafnen gab die Luſt zu dieſem Kampfe und die Hoffnung des eingebildeten Sieges ge - nungſam zu verſtehen. Ob nun wol die zum Vortrab geordnete Kriegs-Voͤlcker ihren An - zug beſchleunigten / ſo blieb doch das gantze Heer / ſam̃t denen Fuͤrſten und Kriegs-Haͤuptern mit aufgeſperreten Augen und begierigem Gemuͤthe den Ausſchlag zu erfahren unverruͤckt halten. Der numehr faſt volle Mond erſetzte an dem heuteren Himmel bey nahe die Stelle der abwe - ſenden Sonnen. Beyde freudige Kaͤmpfer tummelten ihre Pferde mit ungemei - ner Geſchickligkeit / und hierauf renneten ſie wie ein Blitz gegeneinander. Der Gefangene traf mit ſeiner Lantzen den Deutſchen an die rechte Huͤfte / dieſer aber jenen auf die Bruſt. Jedoch ſaſſen ſie beyde ſo wol zu Pferde / daß ehe einer ſich aus dem Sattel bewegte / beyde Lantzen in Stuͤ - cke ſprungen. Augenblicks wendeten ſie ſich / und ergriff der Roͤmer einen Wurff-Spieß / der Deutſche aber einen Streit-Hammer; alleine der Wurff-Spieß gieng dieſem unter dem lin - cken Arm durch / und ob zwar der Deutſche mit dem Streit-Hammer den Roͤmer an der rech - ten Achſel erreichte / wuſte ſich der Roͤmer doch dem Schlage ſo kuͤnſtlich auszuwinden / daß ſelb -ter ohne empfindliche Beſchaͤdigung abging. Ja er ſpannte mit ebenmaͤſſiger Geſchwindig - keit ſeinen Bogen / und ſchoß ruͤckwerts auf ſei - nen Verfolger ſo gerade / daß / wenn ſelbter mit dem Schilde den Pfeil nicht aufgefangen / ohne Verwundung derſelbte ſeinen Flug nicht wuͤrde vollendet haben. Jnzwiſchen hatten beyde ſchon ihre Schwerdter entbloͤſſet / und fielen einander als zwey junge Loͤwen an; iedoch wuſte ein ieder des andern Streiche mit ſolcher Geſchickligkeit zu begegnen / daß bey einer halben Stund die Zu - ſchauer nichts minder verwundernd als zweifel - haft blieben / auf welche Seite noch endlich der Sieg ausſchlagen wuͤrde. Endlich geluͤckte dem Deutſchẽ ein heftiger Streich des Roͤmers Pferd an Hals / wovon ſelbtes ſich kollernd in die Hoͤhe lehnte / in einem Augenblicke zuruͤcke ſchlug / und der Gefangene / weil es zugleich einẽ kleinẽ Gra - ben traf / durch einen heftigen Fall unter das Pferd zu liegen kam. Der Deutſche ſprengte bey dieſem Zufall etliche mal umb ſeinen Feind rings umb her / und nach dem er an ſelbtem keine Be - wegung ſahe / ritt er gegen dem Feld-Herrn / be - zeigte ſelbtem eine tieffe Ehrerbietung / ihm gleichſam fuͤr den verſtatteten Kampf demuͤtigen Danck erſtattend / und rennte Spornſtreichs dem vorangegangenen Vortrabe nach. Etli - che der nechſten Zuſchauer aber ſprangen zu dem Gefallenen / zohen ihn unter dem ſchon halb-tod - ten Pferd herfuͤr / oͤfneten ihm den Helm / wurden aber kaum einigen Lebens an ihm gewahr. Fuͤrſt Jubil / der unter den Fuͤrſten dieſem Falle der nechſte war / und aus dieſem Kampfe ihn nicht wenig zu ſchaͤtzen angefangen / befahl alſobald ihm den Harniſch zu luͤften / und durch Eroͤfnung der Kleider ihm Luft zu machen. Als dieſes er - folgte / wurde man aus den Bruͤſten gewahr: daß es ein Frauen-Zimmer war. Hier zu kam nicht nur der Feldherr und andere Fuͤrſten zu ihrer hohen Verwunderung; ſondern ſie er - ſtaunten auch noch mehr / als der andere hi erzu gelauffene Gefangene ihm fuͤr VerzweifelungErſter Theil. Edie34Erſtes Buchdie Haare ausrauffte / und nebſt anderer jaͤm - merlicher Verſtellung / welche auch einen Seel - loſen Stein zur Erbarmnuͤs haͤtte bewegen koͤn - nen / mehrmals die Worte: O ungluͤckſelige Koͤnigin! ausrief. Unterdeſſen ward man ge - wahr / daß ihr das Hertz und der Puls noch et - was ſchlug / ja als der andere Gefangene ſie mit etlichen bey ſich habenden Balſamen beſtrich / fieng ſie wieder an zu athemen. Woruͤber ſein Antlitz und Geberden zwar nicht geringe Freu - de / zugleich aber auch eine Reue an Tag gaben: daß der uͤbermaͤſſige Schmertz die Schrancken der Verſchwiegenheit uͤberſchritten / und das Geheimnuͤs ihres Standes entdecket hatte.

Hertzog Herrmann und die andern Fuͤrſten haͤtten bey ſo ſeltzamer Begebenheit nicht unter - laſſen / von dem Gefangenen die eigentlichere Beſchaffenheit / und was fuͤr Zufaͤlle dieſe frem - de Koͤnigin in Deutſchland gebracht haͤtten / ge - nau zu erforſchen / wenn nicht ein Ritter mit gantz verhaͤngtem Zuͤgel und keuchendem Pfer - de gerennt kommen waͤre: und ihnen ange - deutet haͤtte / daß eine Meilweges von dan - nen eine Menge Roͤmiſcher Reiterey den Vortrab aus einem verborgenen Winckel an - gefallen / Segeſthes / welcher / dem Verlaß nach / unter dem Scheine den Feind zu verkundſchaf - ten voran gegangen war / mit ſeinen bey ſich ha - benden Grafen und tauſend Kriegs-Knechten ſich zum Feinde geſchlagen / und die Deutſchen mit angefallen habe. Hiemit befahl der Feld - herr: daß die Koͤnigin nebſt dem andern Ge - fangenen in ſein unentferntes Schloß Deutſch - burg gefuͤhret / ihrer auch auffs ſorgfaͤltigſte ge - pfleget werden ſolte. Dem Jnguiomer und Ar - pus vertraute er das Groß des Heeres / dem Ju - bil und Ganaſch den Hinterhalt mit moͤglichſter Geſchwindigkeit auf den Kampffplatz zu ſtellen. Er aber / umb nicht allein der erſten Unordnung zu begegnen / ſondern fuͤrnemlich den Stand und die Beſchaffenheit des feindlichen Heeres ſelbſt zuerkieſen / nahm nebſt ſeinen hundert Grafentauſend Edelleute und Pferde zu ſich / welchen ſo viel Kriegs-Leute zu Fuſſe / die ſie zu ihren Leib - Schuͤtzen erkieſet hatten / und wenn ſie nur ſich mit einer Hand an die Meenen der Pferde an - hielten / ihnen auch in volle[m]Rennen gleich lieffen / und dieſer Geſchwindigkeit halber mit leichten Schilden aus Weiden-Holtze / die ein ei erner Ring umbſchloß / mit Helmen aus Leder und nur mit Eiſen geſpitzten Lantzen geruͤſtet waren / und eilte ſeinem Vortrab moͤglichſt nach. Als er nahe den halben Weg biß dahin hinter ſich gelegt / ward er verſtaͤndigt: daß Segimer den Roͤmiſchen Hauffen / welcher ihn uͤberfal - len / nechſt dem abtruͤnnigen Segeſthes zuruͤck gejaget haͤtte / hiermit aber in dem Deutſchmeye - riſchen Thale / bey dem Flecken Falckenburg auf das gantze Roͤmiſche Heer verfallen waͤre. Sie haͤtten eine groſſe Menge Wagen und Kriegs - Geraͤthe bey ſich / es waͤren durch den Forſt eine groſſe Menge der dickeſten Baͤume umb - gehauen / und die Moraͤſte mit Bruͤcken be - legt zu ſehen; dahero habe es das Anſehen: daß die Roͤmer ihr Lager gaͤntzlich verlaſſen / und ſich zwiſchen die Weſer und die Aeder an die Feſtung Cattenburg haͤtten ziehen wollen. Muͤſte alſo ihr Anſchlag durch den Segeſthes vorhero gaͤntz - lich verrathen worden ſeyn. Der Feldherr / welchem dieſe Meynung der Wahrheit ſehr aͤhnlich ſchien / fertigte alſobald einen Edelmann an den Hertzog Jubil ab / und befehlichte ihn / daß er mit dem groͤſſeſten Theile des Hinter - halts ſich gegen Sud-Oſt ablencken / und dero - geſtalt dem Feinde nicht allein den Paß abzu - ſchneiden / ſondern ihm mit Gelegenheit gar an die Seite oder in Ruͤcken zu fallen trachten ſolte. Seinem Kriegs-Volcke aber ſprach er bey dieſer verlautenden Flucht der Roͤmer ſo viel mehr ein Hertz zu / und hielt ihnen fuͤr: daß ein furcht - ſames Heer nur geſchlagen / nicht uͤberwunden werden doͤrfte; weil es von ſeiner eigenen Ein - bildung ſchon uͤbermannet / ieder Ruff des Fein - des ſchon fuͤr ein Siegs-Geſchrey / ſeine eigeneBe -35Arminius und Thußnelda. Bewegung aber fuͤꝛ eine Flucht gehalten wuͤrde. Ja wer auch nur an dem Siege zweiffelte / der fuͤchte nicht / ſondern verſetzte nur die feindlichen Streiche ohne einigen behertzten Angriff; und alſo raͤumte er insgemein das Feld / nicht weil er es verſpielet / ſondern weil er es verſpielt zu haben aus Schrecken glaubete. Hierauff ge - riet Hertzog Herrmann gleich zu hoher Zeit auf die Wahlſtatt / allwo der Vortrab die Macht des gantzen Roͤmiſchen Laͤgers mit unausſprech - licher Tapfferkeit ſchon eine Stunde auffgehal - ten hatte. Welches an ſich ſelbſt unmoͤglich geweſt waͤre / wenn nicht Hertzog Segimer ſich des Vortheils der daſelbſt vermengten Thaͤ - ler / Berge und Waͤlder bedienet / und an einem engen Furthe / allwo die Roͤmiſchen Legionen ſich nicht voͤllig auff ihn ausbreiten konten / Fuß geſetzt haͤtte. Catumer und Seſitach thaͤten mit ihren jungen Edelleuten Wunder - wercke von Tapfferkeit / Segimer aber wie - ſe alle Kuͤnſte eines erfahrnen Feld-Haupt - manns. Herrmann wahrnehmende: daß es wegen dieſes Vortheils mit dem Segimer kei - ne Noth hatte / ſuchte ihm einen andern Weg / durch ein Geſtrittig an den Feind zu kommen / um des Segimers Hauffen ein wenig Lufft zu machen / und hatte das Gluͤcke auff des Qvintilius Varus Leibwache zu treffen / wel - che Lucius Eggius anfuͤhrte. Beyde erkenn - ten einander an ihrer Ruͤſtung / und dahero drangen ſie gegeneinander mit Gewalt durch / um an einander zu kommen. Denen ihri - gen befahlen ſie / daß ſie nicht hauen / ſondern nur ſtechen / und inſonderheit nach dem Ant - litze zielen ſolten. Herrmann und Eggius fochten gegeneinander wie zwey wuͤtende Pan - terthiere. Nachdem aber weder Lantzen noch Schwerdter einem unter ihnen einigen Vor - theil uͤber den andern verleihen wolten / ſpreng - te Herrmann an den Eggius hart an / umar - mete ihn ſo feſte / daß ſie beyde zur Erden fie - len. Ob nun zwar Herrmann oben zu lie -gen kam / war doch die Menge der Roͤmer / ſo dieſem Roͤmiſchen Heerfuͤhrer zu huͤlffe kamen / ſo groß daß Herrmañ den unter ſich gebrachten Eggius verlaßen / und zu Fuße wider tauſend Lantzen uñ Degen ſich vertheidigen muſte. Fuͤrſt Adgandeſter / welcher der Oberſte unter denen Grafen oder Gefaͤrthen des Feldherrn war / die / wie bey den Galliern die ſo genannten Soldurier aus dem Kerne des Adels von de - nen Deutſchen Fuͤrſten nichts minder im Frie - de zur Pracht und allen fuͤrnehmen Hoffaͤm - tern / als im Kriege zu ihrer Leibwache pflegen erkieſet zu werden / ward dieſer dem Feldherrn zuſtoſſenden Gefahr inne. Weil nun dieſer Gefaͤrthen Pflicht iſt / daß / wie ihr Hertzog oh - ne Schimpff keinen es ihm darff an Tapffer - keit zuvor thun laſſen / alſo ihnen eine nicht ge - ringere Schande ſey / des Fuͤrſtens Tugend nicht gleiche kommen / ja ein unausleſchliches Brandmahl ihres gantzen Lebens / ohne den Hertzog lebendig aus der Schlacht kommen; Weßwegen ſie auch auff dem Helme einen kohlſchwartzen Federpuſch fuͤhren; ſo drang er nicht alleine durch das Gedraͤnge der Roͤ - mer verzweiffelt durch / ſondern ermunterte auch durch ſein Beyſpiel noch dreißig andere Ritter / welche wie der Fuͤrſt fuͤr den Sieg / al - ſo ſie fuͤr ihren Fuͤrſten zu ſtreiten / und ihm alle ihre Heldenthaten zuzueignen verbunden / und wenn nur einer fuͤr dem andern Ehre einle - gen kan / dem Tode ſelbſt das blaue in Augen zu ſehen gewohnt ſind. Dieſe machten durch ihre gleichſam blitzende Streiche / deren ieder faſt ei - nem Roͤmer das Licht ausloͤſchte / dem Feldherrn ein wenig Lufft / und Adgandeſter / welcher ihm mit ſeinem Schilde viel Streiche abgeleh - net / hingegen ſelbſt ſieben Wunden hieruͤber be - kommen hatte / Raum und Gelegenheit / daß Herrmann wieder zu Pferde kommen konte; indem er ſelbſt von dem ſeinigen abſprang / und es ſeinen Feldherrn beſchreiten ließ. Dieſer war kaum in dieſem Stande / und der von Ver -E 2blu -36Erſtes Buchblutung ziemlich matte Adgandeſter hatte ſich kaum wieder auff eines erlegten Roͤmers Pferd geſchwungen; und die uͤbrigen Grafen an ihren Hertzog gezogen / als gegen ihnen ein Ritter in einem gantz verguͤldeten Harniſche und Helme / den ein Pfauen-Schwantz zier - te / nebſt drey tauſend Armeniſchen und Nu - midiſchen Schuͤtzen / derer ertztene Helme mit feuerrothen Federn nach Erfindung der Ca - rier glaͤntzten / ihre Pferde aber / ſo wohl als ſie / nach Parthiſcher Art in ſtaͤhlerne Pan - tzerhemde eingenehet waren / herfuͤr ruͤckte / welche die Lufft mit ihren Pfeilen gleichſam ſchwartz machten; alſo / daß / ob wohl der Feld - herr mit ſeinem Schwerdte keinen vergebe - nen Streich thaͤt / daß nicht einer der Feinde entweder das Leben oder die Kuͤhnheit ſich ihm zu naͤhern verlohr / er und ſeine Helden rings umher mit Feinden umringt waren. Ja / was noch aͤrger / ſo hatte Segeſthes den Roͤ - mern welche gleichſam zwiſchen dem Walde und einer See vorhin eingeſperret waren / durch den Sumpff einen Furth gewieſen; als ſie ſo wohl dem Feldherrn als dem Vortra - be in Ruͤcken kamen. Anbeyden Orten ſtand es ſchon auff der euſſerſten Spitze / und die Noth war recht an Mann kommen; Fuͤrſt Catumer war in einen Arm / Fuͤrſt Seſitach an die lincke Huͤffte verwundet; von des Feld - herrn hundert Grafen hatte mehr als die helf - te ins Graß gebiſſen / und von ſeinen zwey tauſenden war mehr als das vierdte Theil er - legt. Eggius fuͤhrte an einer / und der Arme - ni[ſ]che Fuͤrſt Zeno an der andern Seite mit ſte - ter Abwechſelung friſcher Voͤlcker die ihrigen nichts minder mit Worten / als mit ihrem Beyſpiel auff die Deutſchen an / welche gleich - wohl wie Mauern ſtunden / als Jngniomer und Arpus mit dem Groß des Heeres anka - men / und die ihrigen / ſo von der Menge der Roͤmer / Armenier / Numidier / Nemeter / Vangionen / Gallier und Cretenſer uͤb[e]rman -net wurden / entſetzten. Nunmehro gieng die rechte Schlacht allererſt an / und das Au - ge der Welt ſtieg gleich an dem blauen Mor - gen-Ecke des Himmels auff ſeinen verguͤlde - ten Wagen empor: womit es einen Zuſchau - er dieſer blutigen Schlacht abgeben koͤnte. Der Feldherr / als er ſich nun dem Feinde ge - nugſam gewachſen zu ſeyn achtete / ließ an den Segimer Verordnung abgehen / daß er und ſeine Voͤlcker Fuß fuͤr Fuß zuruͤck weichen / und dem Feinde Raum und Platz zu einer voͤl - ligen Schlacht-Ordnung machen ſolte. Wel - ches er nebſt dem Fuͤrſten Catumer und Seſitach iedoch dem Feind allezeit die Stirn bietend / mit ſehr guter Art ins Werck richtete. Der Feind nahm dieſes fuͤr eine kleinmuͤthige Flucht auff / drang an dreyen Orten / wo nehmlich der Feldherr und Hertzog Segimer gefochten / Segeſthes aber den Furth gefunden hatte / mit aller Gewalt nach / alſo / daß weder Qvin - tilius Varus / noch Lucius Eggius / welcher al - lenthalben das Lob eines vernuͤnfftigen Feld - Hauptmanns und eines behertzten Kriegs - Manns verdiente / die ihrigen zuruͤck halten konten; weil beyde nicht allein ſahen / daß das Roͤmiſche Heer ſich hierdurch aus dem Vor - theil begab / ſondern auch / als Varus und Eg - gius uͤber dieſen Fluß ſelbſt ſetzen wolten / beyder Pferde gleichſam kollernde ſolches zu thun wei - gerten / ja ſo gar Thraͤnen aus den Augen fal - len lieſſen. Bey welcher Begebenheit ſie ſich erinnerten: daß auff gleichmaͤßige Art die durch den Fluß Rubico zu ſetzen widerſtrebende Pferde dem Kaͤyſer Julius den bey nahe begegnen - den Untergang wahrgeſagt haben. Nach - dem es aber nicht zu aͤndern war / und es un - verantwortlich und noch ſchaͤdlicher ſchien / die Helffte des Heeres / welches duͤrch die drey Wege auff das freye Feld ſchon durchgebro - chen war / im Stiche zu laſſen / muſten ſie aus der Noth eine Tugend machen / alſo die rothe Blut - fan zum Zeichen der Schlacht auffſtecken / dasgantze37Arminius und Thußnelda. gantze Heer ihre Segen Aexte / Ketten / Grabe - ſcheite / Sicheln / Riemen / und das auff zwan - tzig Tage mit ſich genom̃ene zweymal gebackene Brodt abwerffen und uͤbergehen laſſen / alſo auf verwechſelten Pferden folgen / hierauf auch ſo gut / als es die Zeit und der Ort lidte / in Schlacht - Ordnung ſtellen. Sintemal fuͤr dismal un - moͤglich war der Roͤmiſchen Art nach alle Huͤlfs - Voͤlcker an die Spitze / die leicht geruͤſteten an die Stirne der Legionen / und die alten Kriegs - Leute zum Hinterhalte zu ordnen. Den rech - ten Fluͤgel / welcher von einer Legion / fuͤnftau - ſend Nemetern / Tribozern und Vangionen / welche allererſt den Abend vorher ins Roͤmiſche Laͤger ankommen waren / und ſieben tauſend Galliern beſtand / fuͤhrte Lucius Eggius / Viri - domar der Vangionen / und Guͤnterich der Tri - erer Hertzog. Jm lincken Fluͤgel war eine Legion Roͤmer / dreytauſend Thracier / viertauſend Ubier und Menapier / acht - tauſend andere Gallier / und hatte zu Kriegs - Haͤuptern den Cejonius / Rhemetaltzen einen Fuͤrſten aus Thracien / den Menapiſchen Fuͤr - ſten Malorich / und den Hertzog der Bituriger Ambigat. Das mittlere Groß hatte andert - halb Legionen Roͤmer / zweytauſend Uſipier / tau - ſend Caſſuarier / mit denen Segeſthes uͤberge - lauffen / tauſend Juhoner / zehntauſend Gallier / worinnen Quintilius Varus / als oberſter Feld - herr / in Perſon / Segeſthes / Britomar / der Ubier Fuͤrſt / und Arbogaſt der Mediomatrizer Hertzog / oberſte Befehlhaber waren. Die auf achttauſend Mann ſich belauffende Reiterey fuͤhrte auf der einen Seite Vala Numonius / auf der andern Zeno ein Armeniſcher Fuͤrſt. Hierunter waren zweytauſend Roͤmer / das an - dere Trierer / Armenier und Numidier / welche theils mit ihren Pferden gepantzert / und mit ſchweren Waffen verſehen waren / theils aber nackt und mit bloſſen Bogen geruͤſtet / auf Pfer - den ohne Sattel und Zaum ſaſſen / und noch ein Bey-Pferd an der Seite lauffen hatten / vonderer einem auf das andere ſie mit unglaublicher Geſchwindigkeit zu ſpringen / und mit einem Winck der Spieß-Ruthe ſelbte meiſterlich zu leiten wuſten. Zweytauſend Cretenſiſche Schleu - derer waren dort und dar zwiſcheneingeſpickt / welche ſich ruͤhmten: daß von der Heftigkeit ihres Schleuderns die bleyenen Kugeln in der Luft zerſchmeltzten / und ihre Steine alle Harni - ſche durchdringen. Daß alſo die frembden Huͤlfs - Voͤlcker / wider die alte Roͤmiſche Kriegsverfaſ - ſung / an Fuß-Knechten mehr als zwey-an Rei - terey mehr als dreymal die Anzahl der Roͤmer uͤberſtieg. Hingegen vertraute der Feldherr dem Jngniomer den lincken / dem Arpus den rechten Fluͤgel; Segimer bedeckte mit der Reiterey den lincken / und Catumer den rechten Fluͤgel; der Feldherr ſelbſt fuͤhrte das Groß in der Mitten / und Hertzog Ganaſch blieb zum Hinterhalte unter einem Huͤgel ſtehen. Varus aͤnderte das fruͤh gegebene Wort / und gab anietzt: die Gluͤck - ſeligkeit / Herrman aber: die Freyheit. Die - ſes ward nur muͤndlich / jenes aber auf gewiſſen beſchriebenen Hoͤltzlein herumbgegeben.

Das Treffen begonte nach erlangter Flaͤche von denen theils an die Spitze geſtellten / theils zwiſchen die Fluͤgel eingeſpickten Schleude - rern; kurtz aber darauff von den erſtern Fahnen derer dreyfach hinter einander geſtellten Hauf - fen / wiewohl ſo wohl auff deutſcher als Roͤmiſcheꝛ Seiten im rechten Fluͤgel zum erſten. Alleine die Roͤmer / welche wegen der in lincken Armen haͤngender Schilde die Deutſchen auf der Seite zu bloͤſſen / und ihnen einen beſondern Vortheil abzujagen vermeynten / befunden ſich mercklich betꝛogen; weil der Feldher in ſeinem lincken Fluͤ - gel alle die / welche linckiſch / oder linck und recht waren / geſtellet hatte; welche ihre Schilde alle in rechten Arm nahmen / und dadurch die Roͤmer in ihrem gantzen Gefechte verwirreten. Hertzog Segimern u. Catumern mochte weder die Mat - tigkeit von vorigem Kampfe / noch die empfange - nen Wunden hindern: daß ſie nicht auf denE 3Feind38Erſtes BuchFeind ſo hurtig als vor immermehr loß giengen. Die Numidiſchen Schleuderer und die Arme - niſche Reiterey / welche ihre Pantzer / umb ihren Feind zu vielen vergebenen Streichen zu ver - anlaſſen / mit baumwoͤllenen Roͤcken verdeckt hatte / thaͤte mit ihren Pfeilen und Wurffſpieſſen ziemlichen Schaden / weil doch der Catten aus hanfenen Fadenen geſtrickte und in Eſſig gehaͤr - tete / oder hoͤrnerne aus Pferdehuf Schuppen - weiſe mit Drate zuſammen gemachte Bruſt - Harniſche und hoͤltzerne Schilde / nicht wie jener aus ſtaͤhlernen Ringen gemachte Pantzer und lederne Schilde den Stich halten wolten / und Hertzog Segimer ward von dem Armeniſchen Fuͤrſten mit einem durch die lincke Achſel ſo hef - tig verwundet / daß er aus dem Gefechte ſich zu - ruͤcke ziehen und ſeinem Sohne Seſitach ſeine Stelle zu vertreten anvertrauen muſte. Hin - gegen zertrennete die deutſche Reiterey mit ih - ren langen Spieſſen die Roͤmiſchen Glieder / zernichteten mit ihren ſchweren Streit-Ham - mern die dickeſten Schilde und die aufs beſte ge - haͤrteten Harniſche. Jhre mit Wiederhacken ge - ſpitzte Wurff-Spieſſe machten auch die / welche gleich an keinem gefaͤhrlichen Orte ver wundet waren / zum Fechten unfaͤhig / weil ſie muſten aus dem verletzten Gliede geſchnidten werden. Weñ ſie ſelbte nun in Verwirrung gebracht hatten / ſprangen ſie von ihren Pferden / die inzwiſchen auf ihrer Stelle ſtock ſtille zu ſtehen gewohnt wa - ren / ſtachen ihre kurtze Degen theils den Pſer - den / theils den Feinden in ihre Baͤuche / ſchwun - gen ſich hiermit wieder auf die Pferde / und bra - chen an einem andern Orte ein; alſo daß / wenn Fuͤrſt Zeno mit ſeinen geſchwinden Armeniern nicht mehrmals in die Luͤcken geruͤckt / und den Roͤmern ſich zu erholen Lufft gemacht haͤtte / das Fußvolck bey zeiten wuͤrde bloß geſtanden ſeyn. Dieſer Held fiel nicht anders als der Blitz bald dar bald dort ein / und wie ſehr ſich Fuͤrſt Seſi - tach bemuͤhete mit ihm anzubinden / diente doch ſeine ungewoͤhnliche Landes-Art zu fechten /ihm gegen dem ſchweren Reiſigen Zeuge zu ei - nem beſondern Vortheil. Endlich hieng ſich einer aus denen Cheruskiſchen Edelleuten an ihn / welcher eine leichte mit guͤldenen Blumen beſtreuete Ruͤſtung fuͤhrte; alſo / daß Zeno ihm endlich ſtand halten muſte / oder ſich vielmehr freywillig wider ihn ſetzte / als er ſahe / daß ein ei - niger Ritter ihm ſo auf den Hals gieng; umb zu bezeugen / daß ſeine vorige geſchwinde Abwech - ſelungen nicht eine verzagte Flucht / ſondern eine vortheilhaftige Krieges-Art geweſen. Dieſe zwey rennten mit ihren Lantzen ſo heftig anein - ander / daß die Stuͤcke davon in die Luft flogen / und fingen mit ihren Degen ſo einen hitzigen Kampf gegeneinander an / daß die umb ſie her - umb fochten / und auf die Streiche ihres eigenen Feindes genungſam Achtung zu geben hatten / deñoch ein vorwitziges Auge auf dieſe zwey Kaͤm - pfer warffen; gleich als wenn an ihrem Siege und Verluſt auch eines oder des andern Theils Verderben oder Wolfarth hienge. Als nach langem Gefechte der Armeniſche Printz wahr - nahm / daß wegen des Deutſchen Hurtigkeit und Vorſicht mit dem Degen nichts auszurichten waͤre / warff er ſein Pferd herumb / rieß einem Armenier einen Wurff-Spieß aus / und nach dem der Deutſche einem andern / der ihn auf der Seite anfiel / einen Streich verſetzen muſte / warf Zeno ſelbten ſo gluͤcklich / daß er dem Deutſchen den Schenckel verwundete / und in den Bauch des Pſerdes ſo tief hinein drang / woruͤber Mann und Pferd zu Boden ſtuͤrtzten. Hieruͤber wur - den die Armenier ſo hochmuͤthig / als wenn durch dieſen gluͤcklichen Streich der voͤllige Sieg er - langet waͤre / die Deutſchen aber ſo erbittert / als wenn Zeno den Feld-Herrn ſelbſt erleget haͤtte. Und hiermit gieng das Schlagen aufs neue mit zweyfachem Eifer an. Der Gefallene konte wegen empfangener Wunde von der Erde nicht empor kommen. Seſitach thaͤt zwar das aͤuſerſte ihm aufzuhelffen; das Gedraͤnge aber war umb ihn ſo groß / und Zeno traf mit einem andernWurff -39Arminius und Thußnelda. Wurf-Spieſſe des Seſitach Pferd / daß ſelbter unter ſeine Grafen zuruͤck weichen muſte. Jn - zwiſchen waͤre der Gefallene numehro der Ra - che der wuͤtenden Feinde aufgeopfert worden / wenn nicht zu ſeinem Gluͤcke ein Pferd ihm den Helm vom Haupte getreten / und hiemit dem Fuͤrſten Zeno das ſchoͤnſte Antlitz unter der Son - nen ins Auge geworffen haͤtte. Dieſer ward hieruͤber gantz erſtarrend / nicht anders als wenn ihm das Haupt der Meduſen ins Geſichte ge - fallen waͤre. Bald aber erholte er ſich / und ver - bot den Seinigen alle fernere Beleidigung / be - fahl auch den Verwundeten alſofort aus dem Treffen wegzufuͤhren. Unterdeſſen hatte Se - ſitach ein friſches Pferd beſtiegen / und kam nun ſich an den Zeno aufs neue zu machen / als er des Hertzog Herrmanns wunderſchoͤne Schweſter / die unvergleichliche Jßmene verwundet und in den Haͤnden des Feindes ſahe. Denn dieſe Fuͤrſtin hatte ſich ihrer Landes-Art nach nebſt etlichen andern Frauenzimmern dem Kriegs - Heere mit unkentlicher Ruͤſtung eingemiſchet. Jßmene! Jßmene! rief er / aus gantzen Kraͤf - ten / und ſprengte damit auf die / welche ſie gefan - gen fuͤhrten / zu. Alleine der Hertzog aus Ar - menien / der numehr allererſt von ſeinem Feinde erfuhr / was fuͤr ein Kleinod in ſeine Haͤnde ver - fallen waͤre / begegnete ihm mit unglaͤublicher Gegenwehr / alſo daß Jßmene aus den Augen dieſes Fuͤrſten gerieth / und denen Deutſchen ſie zu erloͤſen alle Hoffnung entfiel. Es war nicht anders / als weñ Eris einen neuen Zanck-Apfel zwiſchen dieſe zwey Helden geworffen / und ſelb - ten dem Uberwinder zum Siegs-Preiſe aufge - ſetzt haͤtte. Sie fielen einander ſo raſend an / gleich als wenn ſie aus Mutter-Leibe gegenein - ander Tod-Feindſchafft gebracht haͤtten. Weil aber Seſitach numehro gantzer ſechs Stunden gefochten hatte / ihn auch die empfangene Wunde nicht wenig im Fechten hinderte / wuͤr - de er / und mit ihm die deutſche Reiterey auf ſel - biger Seiten / dieſen hurtigen Feind kaum laͤn -ger beſtanden haben / wenn nicht Hertzog Ga - naſch auf Verordnung des Feld-Herrn / durch die in der Schlacht-Ordnung zwiſchen ieden dreyen Fahnen gelaſſene Straſſen / mit einem Theile ſeines Hinterhalts ihnen zu Huͤlffe kom - men waͤre. Seſitach hatte von den Wurff - Spieſſen des Zeno numehr das andere Pferd verlohren / und muſte ſich zu Fuſſe gegen ihm ver - theidigen / als der Chauzer Hertzog ihn mit dem Degen in der Fauſt abloͤſete. Ehe nun Zeno ſein recht inne ward / hieb Ganaſch ihm den Zuͤ - gel am Pferde entzwey / und nach dem er derge - ſtalt ſich nicht wenden konte / verſetzte ihm Ga - naſch mit einem ſchweren Streit-Hammer ei - nen ſo harten Schlag ruͤckwerts aufs Haupt / daß er gantz ertaͤubet auff den Erd-Boden fiel. Die Armenier verlohren mit dieſem Schla - ge auch all ihr Hertz / meynende: daß ihr Fuͤrſt entweder von ſelbtem entſeelet / oder doch von de - nen uͤber ihn ſprengenden Pferden zertreten ſey. Hiemit fingen ſie an gegen die friſchen Voͤlcker des Ganaſch laulichter zu fechten und endlich die Flucht zu ergreiffen / alſo / daß die Roͤmiſche Reiterey / ungeachtet ſelbter der zum Hinterhalt ſtehende Fluͤgel von eitel alten Rittern zu huͤlffe kam / auch nicht laͤnger den Anfall der Deutſchen aushalten konte / und auf ſelbiger Seiten ihr Fuß-Volck gantz bloß ſtehen blieb / den Armeni - ſchen Fuͤrſten aber in den Haͤnden des Hertzog Ganaſches lieſſen.

Ehe dieſe Begebenheiten ſich auf dieſer Sei - ten dergeſtalt zugetragen hatten / waꝛ Fuͤꝛſt Catu - mer ſchon auf der andern Seiten der Roͤmiſchen Reiterey Meiſter worden. Deñ dieſe war gegen die Deutſche ſolangſam / daß die Roͤmiſchen Rei - ter Fußgaͤnger zu ſeyn / die Deutſchen aber ſich alleine auf Pfeꝛden zu bewegen ſchienen. Daheꝛo ward Vala Numonius von des Cattiſchen Fuͤr - ſten Lantze auf der rechten Seiten verwundet / die Roͤmiſchen und Trieriſchen Glieder von dem Deutſchen Adel durchbrochen / worauf er zum erſten die ſchimpflichſte Flucht ergriff. Ja derDeut -40Erſtes BuchDeutſchen Tapfferkeit hatte ihm eine ſolche Furcht eingejagt / daß er nicht naͤher als am Rheinſtrome ſichern Stand zu finden trauete.

Hingegen fochten Eggius / Viridomar und Guͤnterich im rechten Fluͤgel zu ihrem unſterb - lichen Ruhme und des Numonius Schande deſto hertzhaffter. Denn die Vangionen und Trierer hatten zwar durch Verſetzung ih - res Sitzes in Gallien einen gelindern Himmel erkieſet / auch durch lange Gewohnheit mit den Roͤmern umzugehen und mit ihnen ſich zu be - freunden / faſt alle Liebe des alten Vaterlands verlernet / gleichwohl aber groͤſten theils ihre deutſche Tapfferkeit behalten. Und Lucius Eggius war ſonder Zweiffel der Ausbund der Roͤmiſchen Kriegs-Oberſten; welcher uͤber des Qvintilius Varus Uppigkeiten offters ſein Mißgefallen bezeugt / und von der anfaͤlligen Seuche ſo vieler Wolluͤſte nicht angeſteckt wor - den war / ſondern mit den alten Roͤmiſchen Sit - ten auch die Kriegs-Zucht bey ſeinem Volcke / ungeachtet des Varus Nachlaͤßigkeit / unverſeh - ret behalten hatte. Dieſer hielt ſelbtem nicht al - lein ein: Sie haͤtten dreymahl ſo viel Pannoni - er und Dalmatier erlegt / und noch keinem Feinde den Ruͤcken gekehret. Dieſer Barbarn gantze Macht beſtuͤnde an dem erſten Ungeſtuͤm - me / welches keinen Beſtand haͤtte / ſondern wenn nur der erſte Anfall behertzt uͤberſtan - den waͤre / Anfangs ſich in Traͤgheit / hernach in knechtiſche Kleinmuth verwandele. Er wol - le bey ihnen Gut und Blut auffſetzen / und die - ſen Tag entweder todt ſeyn / oder den alten Preiß der Roͤmiſchen Waffen behaupten; ſondern ſein Thun diente auch denen Behertzten zu einem Beyſpiel / denen Verzagten zu einer Auff - munterung. Uberdiß hatte Eggius in das erſte Glied der voͤrderſten Kriegs-Hauffen meiſtentheils alte ausgediente freywillige Roͤ - miſche Rittersleute geſtellet / und ihnen zu Hauptleuten ſo gar Raths-Herren zugeordnet; wie die Roͤmer nur in aͤuſerſten Nothfaͤllen zuthun pflegeten. Jngniomer hingegen ward durch der gluͤcklichen und tapferer Leute Ge - muͤths-Regung / nemlich einen Loͤbswuͤrdigen Ehr-Geitz zu ungemeinen Helden-Thaten an - gereitzt / umb zu erweiſen / daß auch er der ober - ſten Feldhauptmannſchafft wuͤrdig geweſt waͤre. Er ſelbſt begegnete den kuͤhneſten Feinden zum erſten / lobte die Seinigen / welche ſich ritterlich hielten / ſchalt die Kleinmuͤthigen / troͤſtete die Verwundeten / und halff den Gefallenen auff. Eggius / welcher die Seinen dort und dar ein - buͤſſen und in Unordnung bringen ſahe / ver - wandelte ſeine Hertzhaftigkeit in ein Wuͤtten. Denn als er einen Hauptmann fuͤr einem Deutſchen zuruͤck weichen ſahe / ſtieß er ihm ſelbſt den Degen in Leib / rieß ihm den Schild vom Arme / und war an den gefaͤhrlichſten Orten ſtets der foͤrderſte. Als auch dis nichts verfan - gen wolte / ſeine Roͤmer hertzhaft zu machen / warff er das Kriegs-Zeichen des Drachens mit - ten unter die Feinde. Durch welches Mittel die Roͤmer mehrmals ihre gantz zertrenneten Heere wieder in Stand gebracht; weil ſie nicht alleine zu dieſen Bildern zu ſchweren / ſie in Fey - er-Tagen einzubalſamen / und den Goͤttern gleich zu verehren / ſondern auch die / welche ſie in der Schlacht einbuͤſſen / mit Rutten zu peitſchen und zu enthaupten pflegen. Dieſe Erfindung verurſachte zwar keine geringe Veraͤnderung in dem Streite der Roͤmer / welche freylich wol noch einen verzweifelten Anſatz thaͤten; weil aber Vala Numonius die Flucht ergriffen hat - te / und Catumer mit einem Theile ſeines reiſigen Zeuges / welcher nicht den Feind verfolgte / auf der Seite in den rechten Fluͤgel einbrach / warff er alle gute Verfaſſung des Eggius vollends uͤber einen Hauffen / und rieß dem Caſca die er - ſte Fahn / darauf ein Wolff gebildet war / zu groſſem Schrecken der Roͤmer aus den Haͤnden. Viridomar wolte gegen ihm die Ordnung er - halten / er ward aber zu Boden gerennt / und von Pferden ertreten. Den Fuͤrſten Guͤnterichſchlug41Arminius und Thußnelda. ſchlug Catumer mit einem Streit-Hammer ſo heftig / daß ihm Gehoͤre und Geſichte verging / und ſtieß ihm den Degen unter dem Pantzer in Leib / daß er daruͤber ſeine Seele ausbließ. Hier - mit gediegen die Deutſchen biß in das Mittel der Legion / und waren gleich einem Ameißhauf - fen umb den Roͤmiſchen Adler zu erobern beaͤm - ſigt. Eggius und die Streitbarſten drangen den Jhrigen allhier zu Huͤlffe / und es mochten weder Spieſſe / noch Hacken / noch Schwerdter ihnen den Weg verſchrencken; gleich als mit dieſem Fahne das Schutz-Bild des Roͤmiſchen Reichs vertheidigt werden ſolte. Kein Roͤmer wiech hier einen Fuß breit zuruͤcke / ſondern ſie fielen von der Menge ihrer Feinde Gliederwei - ſe / wo ein ieder geſtanden war; und in eines ie - den erlegten Luͤcke trat alſobald ein ander in die Stelle; alſo daß die Streitenden numehr nicht auf der Erden / ſondern denen todten Leichna - men ihren Kampf-Platz hatten. Jnguiomer ſelbſt / weil er wol ſahe / daß am großmuͤthigen Eggius das Haupt-Werck des Sieges gelegen war / machte ſich an ihn. Dieſer fochte wie ein ver - zweifelter Loͤwe / welchem man ſeine jungen rau - ben wil / und jenem hatte die Begierde eines ſo treflichen Feindes Meiſter zu werden Muth und Kraͤfften vergroͤſſert. Jedoch konte ſo groſſe Heftigkeit in die Laͤnge nicht austauren. Eggius hatte zwar einen Uberfluß von Muthe / aber endlich Mangel an Kraͤften / und er konte kaum mehr athmen / oder die Glieder ruͤhren / als Jnguiomer ihm einen ſo heftigen Streich ver - ſetzte / daß mit der Hand ihm auch ſein Schwerdt entfiel. Alſobald ſtieß er ihm den Degen durch die Gurgel. So ungluͤcklich verging dieſer Ausbund der ſtreitbarſten Roͤmer / wo anders ein hertzhafter Tod nicht fuͤr eine allgemeine / dis aber / daß er keinen Roͤmiſchen Adler noch in den Haͤnden des Feindes ſahe / fuͤr ſeine abſondere Gluͤckſeligkeit zu achten war. Kein Donner - Schlag / der einen gantzen Thurn zu Boden wirfft / kan groͤſſeres Schrecken verurſachen /als die Niederlage dieſer Roͤmiſchen Seule. Mit ſeinem Falle entfiel auch den Streitbar - ſten der Muth / und die Hoffnung ihrer Erhal - tung. Denn wie die einem Heerfuͤhrer zu - ſtoſſende Gefahr eine nicht geringe Urſache des Sieges abgibt / weil ieder ihn zu erhalten ſeine aͤuſerſte Kraͤften anſtreckt; alſo iſt der Tod deſ - ſelben auch die wichtigſte Urſache der Nieder - lage / weil mit ſeinem Leben iedem ſchier das Hertze entfaͤllt. Der Fendrich / als er kaum noch eine Handvoll ſeiner Vertheidiger umb ſich ſahe / umbarmete den ihm anvertraueten Adler / und ſtach ihm ſelbſt den Degen in die Bruſt. Denn was haͤtte eines Roͤmers Leben fuͤr ein aͤrgerer Schandfleck angebrennt wer - den koͤnnen / als daß ihm der erſte Roͤmiſche Adler in Deutſchland waͤre abgenommen wor - den? Jnguiomer ergriff nun ſelbſt den Adler / Catumer aber rieß faſt eben zu einer Zeit einem Gallier ihre Kriegs-Fahne / auf welcher ein Hahn ſtund / aus / und wie dieſen uͤberwunde - nen Huͤlffs-Voͤlckern weder die Ruhms-noch Siegs-Begierde / ſondern die Noth ihres Zu - ſtandes die Waffen in die Hand gegeben hatte / alſo vermochten ſie ſo wenig ietzt / als vorhin iemals der Deutſchen Tapferkeit die Waage zu halten. Dahero ſuchten ſie ihr Leben / als ein beſonder Geſchencke des Verhaͤngnuͤſſes durch eine offene Flucht zur Ausbeute davon zu bringen. Sintemal die Roͤmer ihre Bunds-Genoſſen ſtets an die Spitze zu ſtel - len / und mit der eroberten Laͤnder Blute die Benachbarten zu uͤberwinden gewohnt waren.

Jm lincken Fluͤgel lieff das Spiel nichts gluͤcklicher. Rhemetalces hatte mit ſeinen Thraciern zufoͤrderſt dem erſten Sturme der Deutſchen zu begegnen erwehlet. Jhr erſtes Ge - ſchoß / ehe ſie zu den Schwerdtern griffen / waren Pfeile und leichte Wurff-Spieſſe. Daher / wenn das erſte Glied ſich verſchoſſen hatte / es ſich biß zur Erde buͤckte / und ſo auch das andereErſter Theil. Fund42Erſtes Buchund dritte / biß das vierdte Glied auch ſein Ge - ſchoß anbracht; da denn die foͤrderſten Glie - der / welche unter deß ihre Bogen ſpanneten / wieder den Anfang machten. Alleine die Deutſchen drangen mit ihren langen Spieſſen den Thraciern bald ſo nahe auf den Hals / daß ſie ihr Geſchoß nicht laͤnger brauchen konten / biß die Roͤmer / welche uͤberaus verbittert wurden / daß die jungen Cattiſchen Edelleute / neben dem deutſchen rechten Fluͤgel / an ihrer Pferde Haͤlſe zu zwey und drey Feindes-Koͤpfe henckten / durch Zuſammenruͤckung ihrer Hauffen / in dem an - fangs ieder Kriegsmann rings um ſich her ſechs Schuch / numehr aber nur drey Schuch lang Platz hatte / denen Thraciern neuen Platz mach - ten. Dieſe gebrauchten ſich darauf einer neu - en Kampf-Art / ſteckten auch ein neues Kriegs - Zeichen auf / nemlich einen Drachen / deſſen ſil - berner Kopf mit offenem Rachen die Zaͤhne blaͤckte / und / wenn der Wind hinein gieng / ziſchte / der uͤbrige hinausgehende Leib aber recht nach der eigentlichen Beſchaffenheit der Dra - chen gemahlet war. Welches denen Catten anfangs ſeltzam und zaͤuberiſch fuͤrkam. Jhre Art zu kaͤmpfen gleichte ſich dem Blitze / weil ſie ſo fertig auf den Feind loß giengen / und ſelb - ten durch Pfeile und Wurff-Spieſſe beſchaͤ - digten / im Augen-Blicke ſich aber auf die Sei - ten zertheilten / und hinter die geſchloſſenen Hauf - fen der Roͤmer wider ſetzten. Alleine Hertzog Arpus und ſeine Catten gewohnten alſobald beyder Neuigkeiten / lieſſen ſich alſo nichts irre machen / ſondern durchdrangen die Roͤmiſchen Glieder / verbeugten den Thraciern mehrmals an den Straſſen der Roͤmiſchen Schlacht - Ordnung den Weg / alſo / daß wenn nicht Fuͤrſt Rhemetalces ſeine Voͤlcker wieder zuſammen gerafft / und durch unzehlbare friſche Anfaͤlle den Deutſchen zu thun / den Roͤmern Luft ge - macht haͤtte / dieſer Fluͤgel in kurtzer Zeit wuͤrde zertrennet worden ſeyn. Zumal der Graf von Solms das Gluͤcke hatte / im erſten Treffen denRoͤmiſchen Oberſten Panſa zu toͤdten / welchen damalige zwey Monate die Reye traf / uͤber dieſe Legion und die fuͤnf andern Oberſten zu gebieten. Denn denen Menapiern und Biturigern ſchie - ne der Streit ein ſchlechter Ernſt zu ſeyn / als welche ungewiß waren / ob der Roͤmiſche Sieg oder Verluſt ihnen eine Erleichterung ſchaffen / oder groͤſſere Buͤrde aufweltzen wuͤrde. Ja ſie waren in ihrem Gewiſſen uͤberzeugt / daß die Gallier ihre Freyheit in ſieben Jahren mit minderem Schimpf verlohren / als ſie ſich gegen - waͤrtig wider die Vertheidiger der Deutſchen Freyheit haͤtten zu fechten gebrauchen laſſen. Dahero / wie gegen angedraͤuete Dienſtbarkeit am blutigſten und am gerechteſten gefochten wird / alſo kuͤhlet ſich dar aller Eyfer bald ab / wo die Kriegs-Leute die Wuͤrckung des Sieges ſelbſt verdammen. Cejonius fochte nichts weniger gantz laulicht / und buͤſſete das Siegszeichen des Elephanten ein / welches das andere hundert dieſer Legion noch unter dem Kaͤyſer Julius durch tapfere Zuruͤcktreibung der Pompejiſchen Elefanten zu fuͤhren ver - dient hatte; weil er dem Quintilius Varus ſich aus dem befeſtigten Laͤger zu begeben be - weglich aber vergebens widerrathen / und einen traurigen Ausgang ſelbſt vorher wahr - geſagt hatte. Alſo wird die Ausfuͤhrung eines Rath - Schluſſes niemanden gefaͤhr - licher vertraut / als dem / der ſelbten von An - fang verworffen hat. Und die einmal ein - gebildete Furcht laͤſt ihr auch durch hand - greiffliche Urſachen ihren einmal gefaßten Aberglauben nicht ausreden. Bey ſolcher Beſchaffenheit war unter den Groſſen auf die - ſer blutigen Schau-Buͤhne der Thraciſche Fuͤrſt der muthigſte / der das Trauerſpiel feurig und mit Aufopferung vieler Todten anſehnlich machte. Der Catten Hertzog nahm daher ihm Urſache / fand auch unſchwer Gelegenheit gegen ihm ſeine Kraͤfften zu meſſen. Rhemetalces empfing den Arpus ſo behertzt / daß auch dieKlein -43Arminius und Thußnelda. Kleinmuͤtigen beſchaͤmt und noch neben ihm Stand zu halten veranlaßt worden. Beyde verwundeten zugleich einander ihre Pferde / alſo daß ſie abſpringen und mit den Degen zu Fuſſe gegeneinander ſtreiten muſten. Arpus verletzte den Rhemetalces in Schenckel / dieſer jenen in Arm / und es hatte ſich weder einer noch derander einigen erlangten Vortheils zu ruͤhmen / als der Graf von Naſſau das Kriegs-Zeichen / darauff das ſilberne Bild des Druſus ſtand / dem Petro - nius auswand / und Seſitach zugleich mit ſeiner Reuterey nun auch in dieſen Fluͤgel einbrach / welche theils mit ihren Lantzen und viel laͤngern Degen / als das Fußvolck zu fuͤhren gewohnt iſt / die Glieder zertreñeten / theils durch die Gewalt der Pferde die Roͤmer zu Boden renneten / al - ſo daß Cejonius in das Thal zwiſchen das Ge - ſtruͤttig zu weichen / und ſich in das verlaſſene Roͤmiſche Laͤger zu fluͤchten befahl. Die Roͤ - mer folgten ihrem zuruͤckweichenden Adler / die Gallier ihren Fahnen nach. Rhemetal - ces blieb allein mit ſeinen wenigen Thraciern ſtehen / und verfiuchte die Zagheit des Cejonius. Alleine was ſolte dieſe Handvoll Volck gegen dem Strome eines ſiegenden Heeres ausrich - ten? Die hartnaͤckichten Thracier wurden faſt alle erſchlagen / dem Fuͤrſten Rhemetalces aber / welcher auf dieſer Wallſtatt gerne eine ruhm - wuͤrdige Helden-Baare erlanget haͤtte / ward es nicht ſo gut / daß er ſterben mochte. Denn Hertzog Arpus befahl / daß ihn niemand ver - wunden / ſondern lebendig fangen ſolte.

Das mittlere Groß beyder Kriegs-Heere kam am laͤngſamſten zum Treffen / weil Hertzog Herrmann wahrgenommen / daß die groͤſſeſte Macht der Roͤmer darein geſtellt war / und da - her befohlen hatte / daß ſeine zwey Fluͤgel ſich als zwey Hoͤrner herfuͤr ziehen / und den Feind bald Anfangs zum Schrecken des langſam zum Gefechte kommenden Kernes in ſeiner Schwaͤ - che angreiffen ſolten. Nichts deſto weniger war der Streit am allergrimmigſten / unddahero auch am blutigſten. Sintemal wie in dem Hertzen alle Lebens-Kraͤffte gleichſam in einen Mittel-Punct zuſammen gezogen werden; alſo ſich umb beyde obriſte Feldher - ren auch die Kraͤffte der Streitenden anein - ander drangen. Denn dieſe ſind in Wahr - heit das Hertz und die Seele eines Heeres / welche allen andern Gliedern ihre Bewegung mittheilen / und durch vorſichtige oder ſchlim - me Anſtalt den Ausgang einer Schlacht herr - lich oder erbaͤrmlich machen. Quintilius Varus kam zu dieſer Schlacht wider ſeinen Willen / und dahero auch mit weniger Hoffnung des Sieges. Jhn trug nicht allein ſein Ge - muͤthe nicht zu den Waffen / und ſeine Lebens - Art hatte ihm auch keine kriegeriſche Zunei - gung angewoͤhnt; ſondern es hatte ſo wol ſein natuͤrlicher Trieb / als ſeine bißherige Verwal - tungen ihn mehr zu Schlichtung der Rechts - Haͤndel / als Schlacht-Ordnungen zu ſtellen geſchickt gemacht. Denn Syrien / ſo lange er Land-Vogt daſelbſt war / behielt mit ſeinem Gehorſam eine beſtaͤndige Ruhe / und ſeine wichtigſte Verrichtungen waren daſelbſt ge - weſt / daß er dem Herodes im Nahmen des Kayſers die Landſchafften Trachonitis und Batanee eingeliefert / die Stadt Caͤſarea dem Druſus zu Ehren koͤſtlicher zu erbauen / mit einem groſſen Hafen zu verſehen / eingerathen / ja zwiſchen dem Herodes und den Gadaren - ſern einen Richter abgegeben / und jenem des alten Juͤdiſchen Koͤnig Davids Grab zu er - brechen / und dadurch ſeinem Geitze eine Naſe zu drehen Anlaß gegeben hatte. Ob auch wol die erſchoͤpften Juden zuletzt wider den Varus und Sabinus / als von welchen ſie biß auffs Blut ausgemergelt / ihre Schloͤſſer ihnen abgenommen / des Herodes verlaſſene Schaͤtze gewaltſam angegriffen / ja aus dem Tempel zu Jeruſalem der Kirchen - Schatz geraubt worden / am Pfingſt - Feſte einen Aufſtand erregten / auch den Sabinus / RufusF 2und44Erſtes Buchund Gratus / ſambt der dritten Legion in der Burg Zion belaͤgerten / und Athronges ein gemeiner doch ſtarcker Hirte ſich zum Koͤnige auffwarff; ſo zerſtreueten ſich doch die Aufruͤh - rer / als ſie nur hoͤrten / daß Quintilius Varus mit zwey Legionen im Anzuge begriffen / aus Ptolemais funfzehenhundert / und vom Koͤnige Aretas noch eine groͤſſere Anzahl Huͤlffs - Voͤlcker zu ihm geſtoſſen waren. Woruͤber Athronges gefangen / und nebſt zweytauſend Raͤdelsfuͤhrern vom Varus ans Creutze genagelt wurden. Als Varus in Deutſchland kam / war ſelbtes eben ſo wol in Ruhe / dahero nichts minder ſeines Leibes als Gemuͤthes Beſchaffenheit aͤhnlich. Er ver - hing dem Kriegs - Volcke allen Muthwillen und Muͤſſiggang. Jederman dorfte ge - kochtes Fleiſch / neugebackenes Weißbrodt / und andere niedliche Speiſen auch zur Unzeit eſſen / wenn gleich nicht das allgemeine Zeichen dazu gegeben ward. Nicht nur die Ober - ſten / Hauptleute / Reiterey / und die Freywilli - gen waren aller Arbeit enthoben; ſondern er ließ auch das gemeine Fuß - Volck / welches theils numehr uͤber ſchlechter Arbeit ſchwitzte und ſeufzete / den Schantz-Bau dem gemeinen Kriegs-Geſinde aufbuͤrden. Nach dem das Laͤger nur genung befeſtigt war / blieben alle Kriegs-Ubungen nach / die doch ſonſt die neu - geworbenen des Tages zweymal / die alten einmal treiben / und noch dazu Suͤmpfe trock - nen / Hafen vertieffen / Fluͤſſe raͤumen / oder anderwerts hinleiten / Schiffe und Tempel bauen / Waffen ſchmieden / ja mehrmahls / umb nur durch Faulheit nicht Leib und Gemuͤthe zu verderben / vergebene Arbeit ausmachen muſten. Die Wachen verminderte er umb die Helfte / alſo / daß ſie erſt den zehenden Tag herumb kam. Uberdiß ließ er ſie ſonder Wach - Feuer / auch noch ohne Schild und Pantzer halten / und ſie dorften die Rundtennicht nach alter Gewohnheit laut ausſchreyen - umb die Krieges-Gebieter nicht im Schlafe zu ſtoͤren. Die Rollen der Kriegs-Leute / wel - che taͤglich einkommen muſten / durchſahe er kaum des Monats einmal. Er machte unter den Straffen keinen Unterſchied / ließ wider die Roͤmiſchen Geſetze die Frembden ſo bald mit Wein-Stoͤcken / als die Roͤmiſchen Buͤr - ger mit gemeinen Stecken ſchlagen. Zohe ihm alſo bey den Seinigen den groͤſten Haß auf den Hals. Von den Deutſchen bildete er ihm ein / daß in ihnen kein Geiſt waͤre / ſie auch nichts anders von Menſchen als die bloſſe Sprache und die aͤuſerlichen Glieder an ſich haͤtten / und dahero dieſe ehe mit dem Kap - Zaum der Geſetze / und der Suͤſſigkeit eines an - gewohnten Friedens / als mit Schaͤrffe der Waffen gedemuͤtiget werden koͤnten. Die ſchlauen Deutſchen / welche ſo viel Gehirne im Kopffe als Marck in Gliedern hatten / ſtaͤrck - ten durch euſſerliche Bezeugungen den Varus in ſeiner irrigen Einbildung. Sie erdichteten allerhand verworrene Rechts-Haͤndel / trugen ſie den Roͤmern fuͤr / und lieſſen ſich von ihnen / gleich als wenn die Goͤtter ihnen alleine die Wagſchale des Rechts und der Billigkeit an - vertrauet haͤtten / entſcheiden. Die cinander ambeſten verſtunden / verſtellten ihre Vertrau - ligkeit mit Schmaͤhungen und Gezaͤncke; ſo denn unterworffen ſie ſich der Roͤmer Vermit - telung / lobten ihre Tieffſinnigkeit / danckten fuͤr ihre Urthel / verdammten ihres eigenen Va - terlandes wilde Sitten / welche vorhin alle Zwytracht durch das Fauſtrecht auszumachen gewohnt geweſt waͤren. Ja ſie baten mehrmahls von den Roͤmern eine Anzahl Kriegs-Leutel zu Beſchirmung ihrer Flecken / und Ausrot - tung der Raͤuber und Landbeſchaͤdiger aus; gleich als wenn ſie numehr die Ubung der Waffen gar vergeſſen / und alle Degen in Pflug - ſcharen verwandelt haͤtten. Die Fuͤrſten war -teten45Arminius und Thußnelda. teten dem Roͤmiſchen Land-Vogte offters auff / verſchmertzten alle Bedraͤngniße / luden die Roͤmer mehrmahls zu Gaſte / machten mit denen geringern groſſe Vertrauligkeit / ſtri - chen ihnen durch tauſend Lobſpruͤche gewaltig den Fuchs / thaͤten ihnen ihre Uppigkeiten nach / und beredeten ſie: daß Deutſchland der Roͤmer Ankunfft ihre hoͤfflichere Sittſamkeit / ihre ge - maͤchlichere Lebens-Art / und die Verbeſſe - rung ihres gantzen Zuſtandes zu dancken haͤtte. Ja erſt fuͤr drey Tagen war Hertzog Herrmann / Segimer / Segeſthes und Ganaſch beym Va - rus zu Gaſte geweſt. Alſo verlernte Qvinti - lius Varus vollends alle Kriegs-Wiſſenſchafft; und ſeine Verrichtungen waren mehr eines Stadt-Richters als eines Feldherrn aͤhnlich / der ſein Laͤger mitten in eines ſtreitbaren Feindes Lande hatte / und weil ſeine verwehnte Kriegsknechte ſich hauffenweiſe von ihren Fah - nen verlieffen / nicht nur den Neugeworbenen / ſondern auch wohl denen / welche zehen Jahr ge - dienet / des Kaͤyſers Nahmen in die Hand mu - ſte einbrennen laſſen. Dem deutſchen Feld - herrn hingegen war die Kriegs-Luſt angeſtam - met / das Feuer der Großmuͤthigkeit ſahe ihm aus den Augen / und die Erfahrenheit der Waf - fen hatte er theils von ſeinem tapffern Vater Hertzog Sigmarn / theils in denen Roͤmiſchen Laͤgern ſelbſt gelernet. Wie verſchmitzt er nun die Gelegenheit die unvorſichtigen und allzuſi - cheren Roͤmer zu uͤberfallen / und die theils ſchuͤchternen / theils zwiſtigen Fuͤrſten auff ſeine Seite zu bringen / nichts minder die Schlacht - Ordnung hoͤchſt vortheilhafftig zu machen ge - wuſt; alſo machte er in gegenwaͤrtigem Treffen zweiffelhafft; ob er mehr ein ſtreitbarer Kriegs - mann / als ein vernuͤnfftiger Heerfuͤhrer waͤre. Das deutſche Heer war ruͤckwerts Bergauff ge - ſtellet / womit deſſen Groͤſſe auff einmahl den Roͤmern ins Geſichte ſiel / und die Menge ihnen ein Schrecken einjagte. Denn in Schlachten werden die Augen am erſten ge -ſchlagen. Dieſes Schrecken bemuͤheten die Deutſchen ſich auch in die Ohren der Roͤmer einzujagen / indem ſie ihre holen Schilde fuͤr den Mund hielten / darein aus allen Kraͤff - ten ſchrien / und durch den Widerſchall das al - lergrauſamſte Gethoͤne erregten; alſo / daß die Roͤmer dafuͤr die Ohren zuſtopfften / gleich als wenn ſie / wie die Jndianer in dem Zuge des Bae - chus / durch das vom Pan angegebene Ge - ſchrey aus dem Felde wuͤrden gejagt werden. Uberdis kehrten ſie ihre Stirne gegen Weſten; denn es hatte ihr Feldherr vorher geſehen / daß die auffgehende Sonne dem Feinde gleich in die Augen fallen / und ſie blaͤnden wuͤrden. Auch befremdete bald anfaͤnglich den Feind uͤberaus: daß die Deutſchen nicht wie vorhin verwirret durcheinander fochtẽ / ſondern Glieder und Ord - nung hielten / auch mit beſſern Waffen als vor iemals verſorgt waren. Jede unverſehene Neu - igkeit aber kan im Kriege ein nicht geringes Schrecken verurſachen. Welches in der Roͤ - mer Gemuͤthern ſo viel ehe fing / weil unter - ſchiedene traurige Zeichen ſie vorhin beſtuͤrtzt ge - macht / und den Zorn der Goͤtter angedraͤuet hatten. Die Opfferthiere waren den Tag vorhero den Druyden / welche wegen der Galli - er opffern wolten / entriſſen. An dem einen Roͤmiſchen Adler hatte ſich ein Bienſchwarm gelegt; und dem Varus hatte getraumt / als wenn er mit dem Hertzog Herrmann zu Rom im groſſen Schauplatze tantzte und von dem Volcke mit frolockendem Zuruff bewillkommet wuͤrde. Denn ergetzende Traͤume legten ſie auff traurige Zufaͤlle aus.

Ob nun wohl die Deutſchen derogeſtalt in mehrer Hoffnung und Vortheil ſtanden / der Graff von Aſcanien auch denen Galliern die groſſe weiße ſeidene Fahne / darein mit Pur - purnen Buchſtaben der Nahme des Kayſers geſchrieben war / abdrang / und ſie nebſt denen andern auslaͤndiſchen Huͤlffs-Voͤlckern durchF 3die46Erſtes Buchdie tapffern Cheruſker in Unordnung brachte / ſo war doch bey den Roͤmern die Tapfferkeit ſo tieff eingewurtzelt / daß ſelbte weder gar noch auch bey allen ſich durch angenommene Up - pigkeit hatte vertilgen laſſen. Lucius Caͤditi - us und Caldus Caͤlius fochten als hertzhaffte Kriegsleute / und fuͤhrten die ihrigen an / als verſtaͤndige Obriſten. Britomar und Arbo - gaſt waren des Kaͤyſers und des Gluͤcks Schoß - kinder / und von ihnen aus Edelleuten in die Wuͤrde der Fuͤrſten erhoben / alſo ſo wohl von der Natur fuͤr ihren eignen Wohlſtand als aus Pflicht fuͤr ihre Wohlthaͤter hertzhafft zu fech - ten angereitzt. Den Segeſthes und ſeine Ca - ſuarier zwang die Furcht verzweiffelt zu fechten. Deñ was kan ein Uberlaͤuffer ihm ſchrecklichers fuͤrbilden / als daß er in der verlaſſenen ſeinigen Haͤnde verfalle? Ja es war gleichſam ein Zei - chen fuͤr des Qvintilius Varus ſich naͤherndem Ende / daß er dißmahl groͤſſere Merckmahle der Tugend / als ſonſt iemahls von ſich blicken ließ. Denn ein bald ausleſchendes Licht giebt einen deſto groͤſſern Strahl von ſich / und die Winde / die bald auffhoͤren wollen / vaſen deſto hefftiger. Das gantze Kriegs-Volck ſtieß und ſchlug ſo hefftig auff einander / daß das Gethoͤ - ne der Waffen den Schall der Trompeten und anderer Kriegs-Spiele daͤmpffte / und ſich offt - mals den Schlaͤgen auff Amboßen vergleichte. Bald ward auff einer bald auff der andern Sei - ten durchgebrochen / und bald zogen die Roͤmer und Gallier / bald die Deutſchen den kuͤrtzern / und unter beyden fiel keiner / der vom Feinde das Antlitz haͤtte weggekehret. Ob auch wohl die Numidiſchen Schuͤtzen in der Deutſchen Schilde viel Pfeile ſo tieff eingeſchoſſen / daß ſie ſelbte unbrauchbar machten / verließ doch kei - ner ſeine Reyhe / ſondern fochte mit entbloͤßtem Leibe. Die Gallier / welche Varus mit Fleiß zufoͤrderſt geordnet hatte / muſten laͤnger als ihr Wille und Gewonheit war / Stand halten. Denn die Roͤmer ſtanden ihnen am Ruͤcken undwieſen denen Fluͤchtigen ſelbſt die Spitzen. Et - liche Stunden dauerte die Tapfferkeit beyder Theile / daß der Sieg und Verluſt auf gantz glei - cher Wagſchale lag. Denn Hertzog Herrmann / als er alle Fluͤgel wol beſichtigt und allenthalben beſte Anſtalt gemacht / ſich auch auff die andern Heerfuͤhrer zu verlaſſen hatte / uͤberlieff nach ſo langem Gefechte die Ungedult / daß der Feind allzu hartnaͤckicht ihm den Sieg vorenthielt / welchen ihm die Prieſter und die Hertzhafftig - keit ſeines Heeres doch ſchon vorher verſpro - chen hatten. Dahero vergaß er ſich offt / daß er der Feldherr war / indem er in die dickſten Hauf - fen der kuͤhnſten Feinde ſprengte. Am meiſten aber verdroß ihn / daß er den Roͤmiſchen Feld - hauptman Varus ſo lange nicht zu Geſichte be - kommen konte; um mit eigenen Haͤnden denen Rach-Goͤttern Deutſchlands eine fette Beute durch Auffopfferung des Roͤmiſchen Feld - herrns abzulieffern / und dadurch die Schmach ſeines Vaterlandes und Geſchlechts abzuwi - ſchen: daß Marcellus nach eigenhaͤndiger Er - legung ſeines Anherrns des Koͤnigs Virido - mars zum dritten mahl ſeine Waffendem Fe - retriſchen Jupiter auffgehenckt hatte. End - lich erblickte er ihn zu Pferde unfern von dem Roͤmiſchen Adler der dritten und Haupt-Le - gion haltend. Alleine Caͤditius Caͤlius und Segeſthes / welcher / um ſich unkentlich zu ma - chen / den Helm verwechſelt und ſeinen Harniſch mit einem Roͤmiſchen Waffen-Rocke verdeckt hatte / machten mit faſt verzweiffelter Gegen - wehr dem Feldherrn ſo viel zu ſchaffen / daß er dem Varus unmoͤglich beykommen konte. Hierauff entſchloß er durch drey hundert Che - ruſtiſche Edelleute / welche er auff einen ſonder - baren Nothfall von der andern Reiterey abge - ſondert und hinter ſein Fußvolck an einen nie - drigen Ort alſo unſichtbar geſtellet hatte / ſein Heil zu verſuchen. Hiermit befahl er: daß in der mitten das Fußvolck ſich augenblicks tren - nen und daſelbſt dieſem reiſigen Zeuge Platzzum47Arminius und Thußnelda. zum Einbruche machen ſolte. Den Roͤmern kam dieſer Angriff der Reuterey ſo unvermu - thet / gleich als ob ſelbte aus den Wolcken geren - net kaͤmen. Und weil es unmoͤglich war gegen ſie einige Roͤmiſche Reuterey durckzubringen / litte ihr beſtes Fußvolck unglaublichen Schiff - bruch / und ihre gantze Verfaſſung gerieth in hef - tige Zerruͤttung. Unter dieſen Edelleuten war auch dieſer / der fuͤr der Schlacht gegen die fremde Koͤnigin den ebentheuerlichen Zweykampf aus - geuͤbt hatte. Dieſer ſetzte ihm fuͤr / ſeine Hertzhaff - tigkeit nunmehr auch gegen Maͤnner auszuuͤ - ben / nachdem er durch eine ohne diß meiſt nur zufaͤllige Uberwindung eines Weibes mehr Verkleinerung als Ehre erlangt zu haben ihm einbildete. Mit denen Galliern / deren Haͤupter ſich zwiſchen dem Fußvolcke ebenfals zu Pfer - de befanden / anzubinden / war ihm auch nicht anſtaͤndig / als derer erſtern Sturm man zwar fuͤr mehr als maͤnnlich / ihren Verfolg des Kam - pfes aber ſchlechter als weibiſch hielt. Hiemit ge - rieth er an den. Segeſthes / und rennte mit ver - haͤngter Lantze Spornſtreichs auf ihn zu. Se - geſthes aber verſetzte durch einen hefftigen Hau ſeines Schwerdts ſo gluͤckſelig / daß die Spitze der Lantze ohne ſeine Beruͤhrung zuꝛ Erdẽfiel. Hier - auff verfolgten ſie mit den Degen ihren Streit / dieſem Ritter aber ſprang nach einem hefftigen Gefechte die Klinge des Degens entzwey / alſo daß er ſich ohne einige Waffen und dahero in hoͤchſter Gefahr befand. Segeſthes verfolgte bey deiſem Zufalle ſein Gluͤcke mit vielfaͤltigen Hieben. Alleine einem Hertzhafften iſt kein Degen zu kurtz / und ein halber lang genug / denn ein Schritt gegen ſeinem Feinde und ein unverzagtes Hertze erſetzet / was einem an Eiſen abgehet. Daher zernichtete er Segeſthen / mit geſchwindeſter Fuͤrwerffung des Schildes und Degenſtrumpffs / alle ſeine Streiche. End - lich aber verſetzte dieſer dem Pferde einen zwey - fachen Stoß in Hals. Dieſes verurſachte den Ritter / daß er / ehe das verwundete Pferd ſtuͤrtz -te / mit einer fertigen Hurtigkeit aus dem Sat - tel ſprang / und nicht nur auff die Fuͤſſe zu ſte - hen kam / ſondern auch auff dem Boden nebſt einem Todten einen entbloͤſten Degen fand / welchen er des Segeſthes Pferde in einem Au - genblicke ſo tieff in die Bruſt ſtach / daß es alſo - fort mit ſeinem Reuter entſeelet zu Boden ſanck. Der Ritter gebrauchte ſich dieſes Vor - theils mit hertzhaffter Geſchwindigkeit / ſprang dem auff den Ruͤcken gefallenen Segeſthes auf den Hals / und weil er wegen deß unter dem Waffenrocke verborgenen Pantzers ihm etliche vergebene Stiche verſetzte / riß er ihm mit aller Gewalt den Helm vom Haupte / um den Se - geſthes die Gurgel mit ſamt dem Kopffe abzu - ſchneiden. Hilff Himmel! rieff er / vom Se - geſthes bey ſeinem erſten Anblicke auffſprin - gend / und ließ mit einer hefftigen Beſtuͤrtzung den auff-ihn gezuͤckten Degen aus der Hand fallen. Die Worte erſtarben ihm auff den zit - ternden Lippen / und ſeine Glieder worden unbeweglicher als eine Marmel-Seule / alſo / daß Segeſthes ihn auffzureiben Zeit und Gele - genheit genug gehabt haͤtte / wenn nicht ſeine aus dieſer Beſtuͤꝛtzung empfundene Verwundeꝛung ihm Vernunfft und Glieder gebunden haͤtte. Bey dieſer Begebenheit erblickte Hertzog Herr - mann Segeſthens entwaffnetes Angeſichte / und griff ihn aus geſchoͤpffter Verbitterung nicht ſo bald mit empfindlichen Scheltworten: Ha! Verraͤther des Vaterlandes! als mit der Schaͤrffe der bey handen habenden Waffen an. Es wuͤrde auch der in voller Verwunde - rung begriffene Segeſthes einen gefaͤhrlichen Streich bekommen haben / wenn nicht der Ritteꝛ den / welchen er kurtz vorher hinzurichten ſo be - gierig war / mit Fuͤrwerffung beyder Armen gegen dieſen unvermerckten Angriff beſchirmet haͤtte. Wovon er aber ſelbſt verwundet war / daß das Blut uͤber die Waffen haͤuffig herab floß. Dem Feldherrn kam dieſe Begeben - heit eben ſo ſeltzam fuͤr / und fuhr ihn mit grim -migen48Erſtes Buchmigen Worten an: Was ihn dieſer Verraͤ - ther und Uberlaͤuffer zu vertheidigen veranlaß - te? Dieſer rieß ihm hierauff ſelbſt den Helm vom Haupte / und gab hiermit zu erkennen / daß es die unvergleichliche Fuͤrſtin Thußnelde / Se - geſthens einige Tochter war. Urtheile / fing ſie an / großmuͤthiger Hertzog: ob das Kriegsrecht mich mehr den Feind zu verfolgen und dem Feldherren zu gehorſamen / oder das Geſetze der Natur den Vater zu beſchuͤtzen noͤthige? Sie hatte dieſe Worte noch halb auff der Zun - gen / und die Augen gegen den Feldherrn gerich - tet / als ſie ſchon fuͤr dem gantz verwirrten Se - geſthes fußfaͤllig ward / und ihm das von der Er - de wieder auffgehobene Schwerdt / mit Beyſez - zung dieſer Worte / reichte: Straffe Segeſthes deine boßhafftige Thußnelde / welche nicht mehr des Tochter-Nahmens werth iſt / nach dem ſie das Mordeiſen wider ihren Vater gezuckt hat. Rom wird dieſen Schandfleck nimmermehr ausleſchen / daß die unmenſchliche Tullia uͤber die blutige Leiche ihres ſchon todten Vaters die beſtuͤrtzten Pferde geſprenget hat. Und ich ha - be Deutſchland mit dieſem Brandmahle beſu - delt / daß ich dem lebenden das Meſſer an Hals geſetzt. Raͤche Segeſthes durch dieſen Werck - zeug meines Verbrechens deines Geſchlechtes und des Vaterlandes Schande / welche groͤſſer iſt / als warum Virginius ſeine Tochter auff oͤf - fentlichem Marckte abſchlachtete. Dieſe Re - de beſeelte ſie mit einer ſo erbaͤrmlichen Geber - dung und Wehmuth / daß ſie dem Segeſthes durch die Seele / dem Feldherrn durchs Hertze drang / und bey dieſem eine vielfache Empfind - ligkeit / bey jenem aber verurſachte / daß er wie - der zu ſich ſelbſt kam / und ihr mit dieſer Antwort begegnete: Jch empfinde den Zorn der Goͤt - ter und die Biſſe meines Gewiſſens uͤber mein begangenes Laſter / welches ſo groß iſt / daß das Verhaͤngniß meiner eignen Tochter Klinge wider meine Verraͤtherey zur Rache geſchliffen hat. Vollfuͤhre deinen Streich wider den /der ſich ſelbſt verdammet. Kinder ſind dem Va - terlande mehr als ihren Vaͤtern ſchuldig / und die Geſetze haben denen Belohnung und Eh - renmahle ausgeſetzt / die das befleckte Blut ih - rer ſtraffbaren Eltern dem gemeinen Weſen auffopffern. Der Feldherr fiel Segeſthen in die Rede: Es waͤre ein allzugroß Gluͤcke fuͤr ei - nen Verraͤther / daß er von ſo edlen Waffen / entweder einer ſo unvergleichlichen Heldin o - der eines deutſchen Fuͤrſten ſterben ſolte. Das Recht des Vaterlandes habe auff Feinde der Freyheit knechtiſche Strafen ausgeſetzt. Schla - get dieſemnach den / der ſich ſelbſt ſchon verdam - met / in die Eiſen. Du aber / unvergleichliche Thußnelde / laſſe dich den Verluſt eines dem ge - meinen Weſen ohne diß ſchon abgeſtorbnen Va - ters nicht jammern. Deine Tugend iſt der Vaͤ - terlichen Flecken nicht faͤhig / und dieſe darff ſich fuͤr keine Waͤyſe achten / welche wegen ihrer Hel - denthaten das Vaterland ſelbſt zu einer Tochter auffnehmen muß. Alſobald waren einige dar / die dem Segeſthes Feſſel anlegten; welche die Deut - ſchen / um ihre Gefangenen damit feſte zu ma - chen / in die Schlachten mitzunehmen gewoh - net waren; woruͤber Thußnelde theils wegen empfangener Wunde / theils daß ihres Vaters Zuſtand ihr ſo tieff zu Hertzen ging / in Ohn - macht ſanck / und auff Befehl des Feldherrn mit allerhand Erfriſchungen erqvicket / und nach Deutſchburg getragen ward.

Der Feind war durch den Verluſt Sege - ſthens uͤberaus beſtuͤrtzt / Hertzog Herrmann a - ber durch den zweyfachen Sieg dieſer deutſchen Amazone gleichſam beſchaͤmet / und dahero zu ei - nem ſo eifrigen Gefechte angezuͤndet / daß kein Feind ſeinen Sturm ausdauren konte. Cal - dus Caͤlius / welcher ihm begegnen wolte / ward von ihm mit dem Streithammer zu Boden ge - ſchlagen und daruͤber gefangen. Qvintilius Varus / als er ihn dem Roͤmiſchen Haupt-Ad - ler ſo nahe kommen ſahe / machte ſich mit ſeiner Leibwache / als denen euſſerſten Kraͤfften desRoͤmi -49Arminius und Thußnelda. Roͤmiſchen Heers gegen ihm herfuͤr. Dieſes waren tauſend mit kupffernen Schilden und ſchupfichten Pantzern aus dem alten Kerne der Roͤmiſchen Kriegsleute ausgeleſene freywillige / welche ſchon ihre zwantzigjaͤhrige Dienſte aus - geſtanden und anſehnliche Kriegs-Aemter ver - waltet / auch keine Wache oder andere Arbeit mehr zu vertreten / ſondern nur den Feldherrn zu beſchirmen hatte / und auff ihren Schilden den Nahmen des Kayſers mit Golde eingeetzt fuͤhrten. Dieſe thaten wohl ihr beſtes unter ih - rem ſtreitbarem Fuͤhrer Caͤcina; und fochten nach Gelegenheit des engen oder geraumen Oꝛts bald mit ihꝛem kuꝛtzen / bald mit dem langen Spaniſchen Degen / wormit die lincke / wie mit jenem die rechte Seite verſehen war. Alleine die Keckeſten wurden unverlaͤngt von der deut - ſchen Reuterey zu Grunde gerichtet / und der Feldherr kam dem Varus ſo nahe / daß / ob wohl die Roͤmiſchen Kriegsleute ihn mit ihren Schil - den auffs moͤglichſte verdeckten / er ihm einen Wurffſpieß in die Schulter jagte; dem Qvin - tilius Manlius aber in Hals einen toͤdtlichen Stich verſetzte / und mit eigner Hand ihm den Roͤmiſchen Adler ausriß. Nachdem auch in - zwiſchen beyde Roͤmiſche Fluͤgel gantz aus dem Felde geſchlagen waren / drang Fuͤrſt Catumer und Seſitach mit der Reuterey auff den Va - rus loß. Wodurch der letzte noch ſtehende Reſt des Roͤmiſchen Heeres in oͤffentliche Flucht / Qvintilius Varus aber in euſſerſte Verzweif - felung gebracht ward. Denn als er ſeine noch ſtandhaltende Hand voll Volcks auff allen Sei - ten umringt / und nirgendshin einige Ausflucht mehr ſahe / bezeugte er endlich groͤſſere Hertz - hafftigkeit zu ſterben als zu kaͤmpfen / und re - dete die naͤchſten mit dieſen Worten an: Laſ - ſet uns / ihr ehrlichen Roͤmer / dieſen letzten Schlag des veraͤnderlichen Gluͤcks behertzt er - tragen / und lieber dem Tode friſch in die Au - gen ſehen / als aus einer bevorſtehenden Ge - faͤngniß noch einige Erloͤſung hoffen / und alſoeine freywillige Entleibung einer knechtiſchen Dienſtbarkeit fuͤrziehen. Der ſtirbt deſto ruͤhm - licher / der noch einige Hoffnung zu leben - brig hat. Jch geſtehe / daß uns Segeſthes und die Goͤtter unſer Verderben vorher geſagt; allein wenn das Verhaͤngniß an unſer Gluͤcks - Rad die Hand anlegt / koͤnnen uns keine ver - traͤuliche Warnungen aus ſeiner Verfolgung entreiſſen / und der Scharffſinnigſten Anſchlaͤ - ge werden ſtumpff und verwirret. Jedoch laſſe ich gerne geſchehen / daß der Schluß der Goͤtter mit meinem Verſehen bekleidet / und der Zufall zu meinem Verbrechen gemacht werde. Mein Großvater Sextus Varus hat in der Pharſa - liſchen Schlacht durch ſeine eigene / mein Vater Varus Qvintilius in dem Philippiniſchen Kriege durch ſeines freygelaſſenen Hand ſich lie - berhingerichtet ehe ſie ſich der Willkuͤhr ihrer Feinde / die doch Roͤmeꝛ waren / unteꝛwerfen wol - len. Jchwil es ihnen nachthun / ehe ich in dieſer Barbaꝛn Haͤnde falle / und euch ein Beyſpiel / deꝛ Nachwelt aber das Urtheil hinterlaſſen: Ob ich durch meine Schuld / oder durch ein beſonders Verhaͤngnuͤß meines Geſchlechts alſo vergehe. Craſſus hat durch ſeine Niederlage gegen die Parther weniger Schande eingelegt / als / daß er nicht / wie Publius / Cenſorinus und Mega - bachus ihm ſelbſt das Leben verkuͤrtzet / ſondern ſich in die verraͤtheriſchen Haͤnde des Surena vertrauet / und des Maxarthes Sebel die Keh - le dargereichet hat. Von dem Tode mehr Wor - te zu machen / iſt ein Stuͤcke der Kleinmuͤthig - keit. Wie feſte ich mir zu ſterben fuͤrgeſetzt / koͤn - net ihr dahero ſchluͤſſen / daß ich niemanden eini - ge Schuld beymeſſe. Denn ſich uͤber Men - ſchen und Goͤtter beklagen / ſtehet nur dem an / der laͤnger zu leben begehret. Ein Koͤnig aber ſoll ſeines Reiches / ein Knecht ſeines Herrn / ein Kriegsmann ſeines Oberſten / ein Feld-Haupt - mann ſeines Heeres Wohlſtand nicht uͤberle - ben. Hiemit umhuͤllete er mit ſeinem Gold - geſtuͤckten Purpur-Mantel ſein Haupt / undErſter Theil. Gſtach50Erſtes Buchſtach ſeinen Degen ihm biß an den Griff ins Hertze. Alſo verhuͤllete ſich auch der ermor - dete Pompejus und Julius; wormit niemand ihre ſterbenden Ungeberden ſehen moͤchte. Die fuͤrnehmſten und hertzhaffteſten thaten es ihrem Heerfuͤhrer nach / und benahmen durch eigene Entſeelungen dem Feinde die Luſt und die Eh - re von ſeinen Streichen zu fallen. Andere / welche gleich noch genug[ſ]ame Kraͤffte zu fechten hatten / warffen ihr Gewehre weg / und reich - ten / aus Verdruß zu leben / ihre Haͤlſe den feindlichen Schwerdtern hin. Zumal von denen neun Oberſten dieſer anderthalb Legionen / nur noch einer / von den neuntzig Hauptleuten mehr nicht als ihrer fuͤnff uͤbrig waren. Die Fluͤch - tigen worden von der Reiterey zu Boden ge - rennt / die liegenden von den Pferden ertreten / die ſtehenden wie das Vieh zerfleiſcht / alſo / daß das Feld numehro keine Geſtalt eines Kampf - plazes / ſondern einer Schlachtbanck fuͤrſtellte. Seſitach ward uͤber des Varus und anderer O - berſten eigener Entleibung ſehr verbittert / weil er mit ſeiner Reiterey ſie lebendig in die Haͤnde zu bekommen ihm eingebildet hatte / und dahero ſprang er ſelbſt vom Pferde / ſchnitt den Kopf des Varus Leiche ab / und ſteckte ſelbten / nach der Deutſchen und Gallier Gewonheit / und den Roͤmern deſto mehr Schrecken zu machen / auff eine Lanze. Das gantze Feld ward mit Todten bedecket / und die zwiſchen denen Huͤgeln dieſes Forſtes lauffenden Baͤche von dem Blu - te der Erſchlagenen auffgeſchwellet / inſonder - heit an denen drey engen Furthen / wodurch das Roͤmiſche Heer ſeine Flucht zuruͤcke nahm. Jhr jaͤmmerlicher Zuſtand aber ward dardurch vergroͤſſert / daß Vala Numonius und ſeine zum erſten durchgegangene Reuterey / Caͤditius / welcher zwiſchen denen Paͤſſen noch uͤber zwoͤlff - tauſend ſtreitbare Maͤnner wieder zuſammen gezogen und in Ordnung bracht hatte / in Mei - nung mit der bald anbrechenden Nacht noch nach der Catten Feſtung zu entrinnen / inglei -chen Vritomar und Arbogaſt mit mehr als zehn tauſend Galliern gerade auff den Hertzog Jubil traffen / welchen der Feldherr dem Feinde in den Ruͤcken zu gehen befehlicht hatte. Es iſt unſchwer zu ermeſſen / was denen Roͤmern die Muͤdigkeit von einer ſo hefftigen Schlacht / ei - nem ſiegenden Feinde auff dem Ruͤcken / und ei - nem friſchen von fornen zu begegnen / fuͤr Hin - derniß ſchaffte / ja was die Furcht / allwo des Poͤfels Traͤume ſo wohl als kluger Leute Gut - achten gehoͤret werden / fuͤr ſeltzame Meinun - gen auff die Bahn brachte. Einer rieth ſich durch den friſchen und vielleicht nicht allzugroſ - ſen Hauffen des Hermunduriſchen Hertzogs durchzuſchlagen / und / weil doch das zwar naͤhe - re Laͤger keine Sicherheit / die Feſtung Aliſon aber keinen genugſamen Raum und Lebens - Mittel ſchaffen koͤnte / den Anfangs ſchon erkie - ſeten Weg gegen der Cattenburg oder gar an den Rhein fortzuſetzen. Ein ander hielt diß fuͤr ein verzweifelt Werck / und wolte / daß / nach - dem Cejonius mit dem groͤſten Theil des lincken Fluͤgels und dem einigen noch erhaltenen Ad - ler ſich wieder in das Laͤger gezogen haͤtte / man dahin folgen / ſich darinnen biß auff den letzten Mann wehren / und von denen zwey Legio - nen / welche Lucius Aſprenas nicht allzuweit von ihnen unter ſeinem Gebiete hatte / Huͤlffe er - warten ſolte. Wie nun die Zwytracht in Begebenheiten / welche keine langſame Rath - ſchlaͤge erdulden / der geradeſte Weg zum Ver - derben iſt; alſo wartete Hertzog Jubil die Er - oͤrterung ihres Zweiffels nicht aus / ſondern be - diente ſich der wider die Uneinigkeit hoͤchſt vor - theilhafften Geſchwindigkeit. Einem fluͤchti - gen Feinde jagt auch ein rauſchendes Blat Schrecken ein. Was ſolte nicht dieſer freudi - ge Held / mit ſeinen ſtreitbaren und unermuͤde - ten Voͤlckern / gegen die / welche zum erſten aus - geriſſen und allhier zwiſchẽ Thuͤr und Angel wa - ren / ausrichten? Fuͤrſt Jubil traff ſelbſt in Perſon auff den Numonius / und durchrennete ihn mitſeiner51Arminius und Thußnelda. ſeiner Lantze; alſo fiel dieſer verzagte Ausreiſſer nicht nur ſchimpfflicher / ſondern auch eh / als die / welche er im Stiche gelaſſen hatte. Britomar ward von ihm durch einen Wurffſpieß hefftig verwundet / und nachdem von einer Seiten die - ſer Hertzog / auff der andern das gantze obſiegen - de Heer mit aller Gewalt nachdrungen / muſte dieſer Uberreſt des Feindes in den Wohnſtaͤdten der wilden Thiere ihre Sicherheit ſuchen / und ein Hauffen hier / der ander dort ſich in die dicke - ſten Waͤlder verkriechen. Alleine auch in dieſen waͤren ſie von ihren Feinden nicht unverfolget blieben / wenn nicht die ſtockfinſtere Nacht mit einem hefftigen Platzregen eingebrochen / und die ſchwartzen Wolcken das ſonſt volle Mon - den-Licht gantz verduͤſtert / und alſo dem Tod - ſchlagen nicht ſo wohl ein Ende / als einen An - ſtand gemacht haͤtte.

Der Feldherr ließ bey dieſer Begebenheit ſelbſt Befehl und Zeichen geben / daß die Deut - ſchen bey ſo gefaͤhrlicher Finſterniß und ſchluͤpf - rigem Wetter ihren Feind in die moraſtigen Waͤlder nicht verfolgen / ſondern mit der auff - gehenden Sonnen der Roͤmer und ihrer Ge - huͤlffen endlichen Untergang erwarten ſolten. Gleichwohl beſetzte er die Waͤlder um und um an denen Orten / wo er meinte / daß irgends der dieſer Wildnuͤße kundige Feind zu entrin - nen / ihm einigen Weg ſuchen doͤrffte. Er verordnete auch / daß aus denen umliegenden Flecken dem Heere / welches nun gleichſam den gantzen Forſt belaͤgerte / ein Uberfluß von Le - bensmitteln / welche der Deutſchen Kriegs - Sold ſind / zufuͤhrten. Wie ſehr ſie nun ſonſt auch dem Schlaffe ergeben ſind / und von der langen Schlacht ermuͤdet waren / ſo ermun - terte ſie doch dieſer herrliche Sieg dergeſtalt / daß wenig oder keiner ein Auge zuthat. Denn die / welche nicht ihre eigene oder ihrer Angehoͤrigen empfangene Wunden zu verbinden / noch die Schwachen ins Laͤger zu fuͤhren harten / mach - ten ſich auff der Wahlſtatt und um den Forſtherum bey etlichen tauſend Wach - und Freu - den-Feuern mit Geſundheit-Trincken / Jauch - tzen und Lobgeſaͤngen ihrer Feld-Herren und Heerfuͤhrer luſtig. Unter die Kriegsknechte miſchten ſich nun auch die Barden / ſangen von dem deutſchen Hercules vielerley Lieder / und zohen mit einem freudigen Nachklange ihm endlich doch den großmuͤthigen Herrman fuͤr.

So vergnuͤgt ſich nun bey dieſem Wolleben die Deutſchen befanden; ſo elende ging es de - nen Uberwundenen / wider welche der Himmel numehro ſelbſt ſich verſchworen zu haben ſchien. Deñ den en[t]ſtandenen Regen begleitete ein ſolch erſchrecklicher Sturmwind / welcher nicht nur die Aeſte und Wipffel der Baͤume zerbrach / ſon - dern auch die ſtaͤrckeſten Staͤmme mit den Wurtzeln aus der Erden riß / und ſie denen ohne diß halb todtgeſchlagenen auff die Haͤlſe warff. Die aber / welche dieſem Ungewitter zu entkommen vermeinten / und aus dem Ge - hoͤltze hervor krochen / wurden von denen al - lenthalben wachſamen Deutſchen wie die Hun - de zerfleiſchet. Das gantze Gefilde erbebe - te von unauffhoͤrlichem Widerſchall / bald von dem Frolocken der Sieger / bald von dem Kra - chen der Baͤume / bald von dem Angſt-Geſchrey der Zerſchmetterten / und ſtellte auff einmahl den ſeltzamen Wechſel der irrdiſchen Dinge fuͤr / daß ſelten einer lachen koͤnne / wenn nicht der andere weine. Dieſes Unheil ward ver - mehret noch durch dieſes Hertzeleid / daß groͤſten theils der Roͤmer ihre Weiber und Kinder / wel - che ſie wider die alten Kriegs-Geſetze der Roͤ - mer bey ſich / und die Nacht zuvor aus dem Laͤ - ger mitgefuͤhret hatten / von dieſem Sturm - Winde uͤberfallen / die Weiber offt in den Ar - men ihrer Ehmaͤnner / die ſaͤugenden Kinder auff den Bruͤſten ihrer Muͤtter zerqvetſcht worden. Ja es brach einigen diß jaͤmmerliche Schauſpiel dergeſtalt ihr Hertze / daß ſie / aus Er - barmniß / ihrer eigenen Kinder und Ehgatten Elend durch Mord zu verkuͤrtzen ſich entſchloſ -G 2ſen.52Erſtes Buchſen. Dieſer Sturm noͤthigte auch dieſelben Armenier / welche auffdes Zeno Befehl Jſme - nen gefangen hielten / ſich aus der innern Wild - nuͤß herfuͤr zu thun. Bey welcher Begeben - heit ſie ihren Vortheil erſah / dem einen unver - merckt das Schwerdt aus der Scheide zoh / und durch die Rippen ſtieß. Die drey andern fielen ſie zwar hieruͤber ſo grimmig an / aber ſie verthaͤidigte ſich mit unvergleichlicher Hertz - hafftigkeit. Das hierdurch erregte Geraͤuſche zohe eine groſſe Menge derer im Walde irren - den Roͤmer herzu / welche die theils abgehauenen Kieffeꝛn-Aeſte / theils von denen Roͤmiſchen Wa - gen genommenen Hartzt-Fackeln anfangs zu ihrem Lichte / nunmehr aber gegen die gleichfals ſich alldar verſammlete Deutſchen zu Schwerd - tern brauchten / und weil ſie ſich iederſeits auff etliche hundert verſtaͤrckten / in einen vollkom - menen Streit mit einander geriethen. Die Verzweiffelung und das ſeltzame Feuer-Ge - fechte der Roͤmer aber brachte die Deutſchen zum weichen; wiewohl die Fuͤrſtin Jſmene / als eine großmuͤthige Heldin / dem Feinde ſtets die Stirne bot / und denen weichenden Deutſchen veraͤchtlich zurieff: Ob ſie ein Bienenſchwarm waͤren / welche vom Rauche vertrieben wuͤrden? Ob ſie numehr fuͤr einem entwaffneten Feinde zu lauffen fuͤr keine Schande hielten / den ſie den Tag vorhero in ſeiner beſten Ruͤſtung geſchla - gen haͤtten? Endlich kam der Ritter Waldeck mit zwey hundert Mann ſeiner Wache darzu / welche den Feind nach groſſem Verluſt wieder in Wald trieb / und dieſe Heldin zu groſſer Freu - de des gantzen Heeres zum Feldherrn brachte.

Als es den folgenden Morgen kaum zu tagen anfing / ließ der Feldherr ſchon ein Zeichen ge - ben / diß was von den Feinden nicht / wegen er - mangelnder Verbindung / an den Wunden ge - ſtorben / in Suͤmpfen erſticket / oder von den Baͤumen erſchlagen noch von den wilden Thie - ren zerriſſen war / aus den Hecken und Loͤchern herfuͤr zu ſuchen und auffzureiben. Alſo warddieſes Tagelicht nach etlichen tauſenden in eine Nacht des Todes verwandelt. Denn wo der ſchluͤpffrige Erdboden nur einen Fußſtapffen ei - nes Menſchen zeigte / folgten ihrer zehen und mehr der Spure nach / und zerfleiſchten ohne Eꝛ - baͤrmniß ihre fuͤr Furcht und Kaͤlte zitternde Feinde. Ja es ward gleichſam fuͤr eine groſſe Schande gehalten / wenn einer nicht einen abge - hauenen Feindes-Kopf fuͤꝛ die Fuͤſſe ſeines Obri - ſten niederzulegen hatte; alſo hin und wieder Berge von blutigen Menſchenkoͤpffen zu ſchau - en waren. Nebſt dieſem unterließ der Feldherr nicht mit geſchloſſenem Hauffen duch den Weg / welchen die Roͤmer ihnen durch Umhauung vie - ler Baͤume fuͤr der Schlacht durch den Forſt ge - macht hatten / nachzuſetzen / und traff kurtz nach aufgegangener Sonne auf eineꝛ etwas blancken Hoͤhe auff das groͤſte Theil des Roͤmiſchen Feld - Geraͤthes / und einer groſſen Menge mit Frau - en / Kindern / Zelten / Kriegszeug und anderer Nothdurfft beladenen Wagen / zwiſchen wel - chen noch etliche tauſend Maͤnner eingeflochten waren. Dieſe Verwickelung / der glatte Erd - boden / und daß Bogen / Schilde / Schleudern und ander Gewehre von dem ſtarcken Regen gantz unbrauchbar gemacht worden waren / be - nahm denen ſchwergewaffneten Roͤmern alle Moͤgligkeit ſich in Ordnung zu ſtellen / und ge - gen die mit leichter Ruͤſtung und langen Spieſ - ſen verſehenen Deutſchen zu fechten. Dahero wurden ſie ohne groſſe Muͤhe niedergehauen / auch Weiber und Kinder / welchen nicht deꝛ Feld - herr und andere Fuͤrſten die Gnade der Dienſt - barkeit wiederfahren lieſſen / von der Schaͤrffe des Schwerds nicht verſchonet. Ob die Roͤmer auch wohl an der Einfarth des ſich wieder an - fangenden Waldes eine Menge Wagen / Holtz und ander Geraͤthe anzuͤndeten / um an dieſer Enge denen Deutſchen die Verfolgung zu ver - hindern; ſo waren doch dieſen alle Fußſteige und Nebenwege ſo gut bekandt / daß ſie in kurtzem ſich im Gehoͤltze wiedeꝛ an ſie hingen / von welcheneinige53Arminius und Thußnelda. einige in der Flucht einander ſelbſt uͤber einen Hauffen rennten und beſchaͤdigten / andere uͤber die Stoͤcke oder in Moraſte ſtuͤrtzten / alſo daß die Deutſchen nicht ſo wohl zu kaͤmpffen Noth / als nur niederzumetzgen Gelegenheit hatten.

Gegen Abend ward der ohne diß den Tag unauffhoͤrlich gewehrte Regen abermahls mit einem noch ſchꝛecklicheꝛn Sturmwinde begleitet / welcher in den Waͤldern das oberſte zu unterſte drehete / und dahero ſelbſt die Deutſchen zwang ſich auff die Flaͤche zuruͤck zu ziehen / wiewohl ſie den Roͤmern den zornigen Himmel zu einem genugſam grauſamen Feinde uͤber dem Halße lieſſen / und des Nachts die vom Feinde im Sti - che gelaſſenen Wagen und Beute bey abermah - ligem Wolleben durchſuchten.

Des Morgens vermochte ſie auch der noch waͤhrende Sturm nicht auffzuhalten / ſondern ſie brachen / wiewohl wegen der haͤuffig uͤber einan - der gefallenen Baͤume / unter denen viel hundeꝛt ihrer Feinde erbaͤrmlich zerſchmettert lagen / mit groſſer Muͤh durch den Forſt durch / und kamen endlich an das zwiſchen dem Alme - und Lippen - ſtrome befeſtigte Laͤger der Roͤmeꝛ / in welches ſich Lucius Caͤditius / Arbogaſt und noch etliche ande - re Heerfuͤhrer / mit allen denen / welche von dieſer zweyer Tage Niederlage uͤbrig blieben waren / eingeſchloſſen hatten.

Der Feldherr ſtellte alſofort ein Theil ſeines Heeres in Schlacht-Ordnung / und ließ durch einen Hauptmann das laͤnglicht viereckichte auch zwar ſehr veſte / aber wideꝛ die Roͤmiſche Art mit Kuͤchen / Badſtuben / Betten und allerhand Hausrath angefuͤllte Laͤger auffodern / mit der Bedrohung: daß wenn ſie den Sturmbock den Wall beruͤhren lieſſen / er ſo denn von keinen Be - dingungen ihrer Erhebung hoͤren wolte. Er kriegte aber zur Antwort: daß ſie ſich biß aufden letzten Blutstropffen zu wehren entſchloſſen haͤtten. Hiermit befahl Hertzog Herrmann alſo - bald denen Zim̃erleuten / und einem Theile ohne diß mit Beilen und Aexten verſehener Kriegs - leute / Reißig-Gebuͤnder zu Fuͤllung der Graͤ -ben und Sturmleitern zu Erſteigung der Waͤl - le zu fertigen. Er ſelbſt legte auch / um ſein Volck deſto mehr auffzufriſchen / mit Hand an; Zumal bey denen Deutſchen ohnediß die Kriegs-O - berſten mehr durch ihr eigenes Beyſpiel / als durch Befehle / ihre anvertraute Gewalt auszu - uͤben pflegen. Er machte hierauff Tag und Nacht zu Uberwaͤltigung des Laͤgers moͤchligſte Anſtalt. Jnzwiſchen ließ er den Hertzog Catu - mer wiſſen: daß er mit ſeinem noch hinterſtelli - gen Fluͤgel gegen Norden und uͤber den Lippe - ſtrom abweichen / alſo verhindern ſolte / daß die im Laͤger beſchloſſenen ſich nicht daraus an die ſo weit nicht entfernte Feſtung Aliſon abziehen koͤnten. Hertzog Jubiln aber hieß er mit einem Theil Reuterey durch die Alme ſetzen / um diſſeits der Lippe die Seite gegen Aliſon zu bedecken.

Es war nun ſchon alles zum Sturme fertig / zwey aus Heynbuchen hundert und zwantzig Ellenbogen lang gemachte und mit einem ſtar - cken eiſernen Widerkopffe verſehene / auch mit einem wider das Feuer durch ein ledernes Sturm-Dach verwahrte Sturm-Boͤcke / an derer iedem vier tauſend Maͤnner ziehen mu - ſten / hatten an zweyen Orten den Wall dreyſ - ſig Ellen breit uͤber einen Hauffen geworffen. Der Graben war an unterſchiedenen Orten ausgefuͤllet / und es waren vier mit Eiſen und Alaun wider das Feuer bedeckte Sturmthuͤr - me zum anſchieben fertig. Die groſſen Stein - ſchleudern waren an dienliche Orte gepflantzt / und es ſolte gleich zum Anlauffen das Zei - chen gegeben werden / als man den dritten Tag bey der Sonnen Auffgang gegen Weſten - ber der Alme einen ſtarcken Schall von Trom - peten und andern Kriegs-Spielen vernahm / welchen der daher kommende Wind hefftig ver - groͤſſerte / ein von dem Hermundurer Fuͤrſten zuruͤckjagender Edelmann aber berichtete / daß zwey Legionen Roͤmer / welches man aus ihren zwey Adlern erkennte / nebſt etlichen Hauffen Reutern recht gegen ihn anzuͤgen. Der FeldherꝛG 3muth -54Erſtes Buchmuthmaſſete alsbald / daß Lucius Aſprenas / ein erfahrner Kriegs-Oberſter / des Varus Schwe - ſter Sohn / die zwiſchen der Jſel oder Nabel und der Emſe zertheilte Legionen (wie es ſich denn in Wahrheit alſo auswieß) zuſammen gezogen / und bey der Feſtung Aliſon uͤber die Lippe ge - ſetzt haben muͤſte. Dahero ließ er den Hertzog Jnguiomer mit einem Theil Volckes fuͤr dem Laͤger ſtehen / theils alles in altem Stand zu er - halten / theils zu verhindern / daß die Roͤmer nicht durch den Alme-Strom ſetzten. Weil auch der heftige Weſt-Wind den Deutſchen ge - rade in die Augen geſtrichen haͤtte / wenn er den anziehenden Roͤmern geraden Weges entgegen gegangen waͤre / lenckte der Feld - Herr Sud - werts ab / womit er zugleich den halben Wind gewinne / und das Fuß - Volck nicht durch den Alme-Strom waten doͤrfte.

Aſprenas / welcher zwar Nachricht hatte / daß Quintilius Varus mit den Cheruskern und Hermundurern in Zwytracht und in ein Tref - fen gerathen war / ihm aber nicht traumen ließ / daß dieſes groſſe Heer aufs Haupt erlegt / weni - ger das Laͤger noch dazu belaͤgert und er ſo nahe dem Deutſchen Heere waͤre / wolte durch ſeinen Trompeten-Schall ſeine Ankunft dem Roͤmi - ſchen Laͤger kund machen / ward daher uͤberaus beſtuͤrtzt / als er die vom Hertzog Jubil uͤber den Alme-Strom gefuͤhrte Deutſche Reiterey / und in deren Fahnen den gekroͤnten Cattiſchen Loͤwen erblickte. Jhm machte auch alſobald Nachden - cken / daß dieſe Reiterey / als ſie ſeiner anſichtig worden / ſtock ſtille halten blieb / und nach dem er ohne diß am reiſigen Zeuge ſehr ſchwach war / wuſte er nicht / ob er die Deutſchen anzufallen Befehl ertheilen ſolte. Zumal dieſe ohnedis harte an dem Puſche hielten / und er ſich eines ſtarcken Hinterhalts beſorgen muſte. Alſo blie - ben beyde Theile eine gute Weile / Aſprenas aus Zweifel / Jubil auf Huͤlffe wartend / gegeneinan - der ſtille halten. Gleichwol konte Aſprenas ſich wenig gutes verſehen / und daher ſtellte er ſeinVolck auf allen unverſehenen Anfall in Schlacht-Ordnung / und ließ hiemit einen Vor - trab Reiterey gegen die Deutſche voraus traben / umb die wahre Beſchaffenheit zu erkundigen: ob die Catten dar als Freund oder Feind ſtuͤnden. Denn weil er noch nicht wuſte / daß dieſe ſich mit den Cheruskern ausgeſoͤhnet hatten / und zu ih - nen geſtoſſen waren / er auch bey ſo gar nahem Roͤmiſchen Laͤger nicht vermuthen konte / daß ein Feind daſelbſt ſeinen Stand haben ſolte / war ihm eine Meynung ſo zweifelbar / als die andere. Dieſe aber ward ihm dadurch allzu zeitlich be - nommen / daß die Catten ohne einige eingebilde - te Wortwechſelung den Roͤmiſchen und theils Uſipetiſchen Reiternin vollem Rennen mit ein - gelegten Lantzen begegneten / derer etliche von den Pferden renneten / die wenigen andern aber / als ſich zumal die groſſe Menge der Deutſchen mehr und mehr aus dem Gehoͤltze herfuͤr that / das Haſen-Panier aufzuwerffen noͤthigten. Aſprenas konte ihm numehr aus der ſo ſichtbar ſich vergroͤſſernden Anzahl die Rechnung leicht machen / daß ein der Reiterey gemaͤſſes / und alſo maͤchtiges Fuß-Volck am Ruͤcken ſtehen muͤſte; dahero war er ſchon halb und halb entſchloſſen die Legionen mit guter Art gegen dem nahen Walde an einen wegen dabey liegender Suͤmpfe vor - theilhaften Ort zuruͤck zu ziehen. Hievon aber hielt ihn zuruͤcke / daß er gleichwohl in dem Roͤmi - ſchen Laͤger die Roͤmiſchen Kriegs-Spiele hoͤrte / auch ihm im Laͤger durch aufgeſteckte rothe Tuͤ - cher und Schwenckung vieler Fackeln gewiſſe Kriegs-Zeichen geben ſah / welche ihn durch bey denen Roͤmern abgeredte Verſtaͤndnuͤß genung - ſam verſicherten / daß das Laͤger von Roͤmern be - ſetzt / aber nicht auſſer Gefahr waͤre. Dahero ent - ſchloß er ſich fort und dem Laͤger zuzudringen / in Hoffnung / es wuͤrden auff allen Fall die et - wan Belaͤgerten auch das ihrige thun / und die Deutſchen zugleich anfallen.

Hiermit gerieth die Reiterey beyderſeits an einander / Caͤcina fuͤhrte die Roͤmiſche / und Her -tzog55Arminius und Thußnelda. tzog Jubil wolte als der letzte in voriger Schlacht numehro mit ſeinen Hermundurern und anver - trauten Catten in dieſer die erſte Ehre einlegen. Ob nun zwar die Roͤmer das ihrige thaten / ſo war doch der deutſche reiſige Zeug ihnen ſo wol an der Anzahl als Geſchwindigkeit uͤberlegen / und welches das aͤrgſte war / ſo ging Fuͤrſt Mar - comir mit ſeinen Uſipetern von den Roͤmeꝛn zu den Deutſchen uͤber / alſo / daß die Roͤmiſche Reite - rey gegen den muthigẽ Jubil nicht lange geſtan - den haben wuͤrde / wenn nicht die Acarnaniſchen und Baleariſchen Schleuderer ihnen zu huͤlffe geeilet haͤtten. Dieſer ihr knechtiſches Hand - werck iſt von Kind auf das Schleudern / und kriegen ſie von der Mutter kein Brodt / das ſie nicht mit dem Steine getroffen. Sie ſchlingen die eine Schleuder als eine Zierrath umb das Haupt / die ſie in der Naͤhe brauchen / die andere als einen Guͤrtel um den Leib / welche etwas weiter ſchleudert / und die / welche am ferneſten traͤgt / haben ſie ſtets in der Hand und in Bereit - ſchafft. Sie ſchwencken ſie dreymal umbs Haupt / treffen mit einem pfuͤndichten Steine oder Bley ſechshundert Fuͤſſe weit / was ſie wol - len / und zerſchmettern auch denen auffs beſte Geharniſchten ihre Glieder. Unter dieſen waren auch Achaiſche Schleuderer / welche an ſtatt der Kugeln Spieſſe und Pfeile mit groſ - ſem Nachdruck warffen. Aber auch dieſe wuͤrden nicht lange geſtanden ſeyn / wenn nicht das Roͤmiſche Fuß-Volck ſich genaͤhert und die Reiterey entſetzt haͤtte. Die Legionen drangen gleichſam als Mauren gegen die Deutſchen an / dem Fuͤrſten der Hermundurer worden von de - nen untergeſpickten Armeniſchen und Arabi - ſchen Schuͤtzen / welche letztern ihre Bogen mit den Fuͤſſen ſpannen / und Pfeile eines Mannes lang ſchuͤſſen / zwey Pferde unter dem Leibe er - legt / weil die Pfeile wegen ihrer zweyfach uͤber einander ſtehenden oder vierhackichten Spitzen unmoͤglich aus der Wunde zu ziehen waren. Er ſelbſt ward mit einem geſchleuderten Stei -ne auf die Bruſt getroffen; alſo / wie hertzhafft gleich dieſer Hertzog dem Feinde unter die Au - gen ging / ſo war es doch unmoͤglich zwey geſchloſ - ſene Legionen zu durchbrechen. Weil aber die Deutſchen gleichwol keinen Fuß breit weichen wolten / gerieth der Graf von Mansfeld ſo ſehr ins gedrange / daß ein Roͤmer ſeinem Pferde den Degen in Bauch ſtieß / worvon es zu Boden ſtuͤrtzte / zwey andere aber ihm den Schild mit Gewalt vom Arme riſſen. Dieſer Verluſt machte dieſen Helden gantz raſend; weil bey den Deutſchen keine groͤſſere Schande iſt / als den Schild einbuͤſſen / und derſelbe ſo denn weder einigem Rathſchlage noch dem Gottes-Dienſte beywohnen darff. Er ſprang hierauf nicht nur von der Erden / ſondern auch hinter einen Roͤ - mer auffs Pferd / ſtieß ihm den Degen durch den Hals / riß dem davon ſterbenden den Schild vom Arme / und warff den Todten aus dem Sattel / verfolgte auch den der ſeinen Schild hatte wie ein Blitz / biß er ihm das Licht aus - leſchte / und ſeinen unſchaͤtzbaren Verluſt mit nicht geringerm Ruhme / iedoch auch mit nicht wenigern Wunden / als des Cato Sohn in der Schlacht gegen den Koͤnig Perſes ſeinen ihm entfallenen Degen wieder erlangte. Dieſes Beyſpiel ermunterte die Deutſchen / daß ſie gleichſam wider alle Vernunft und Moͤgligkeit die gantze Roͤmiſche Macht aufhielten. Nach dem aber Hertzog Jubil dabey mehr Schaden als Vortheil erſah / gab er denen Seinigen ein Zeichen / daß ſie ſich nach und nach auf die lincke Seite ziehen ſolten. Denn der gerade hinter dem Ruͤcken ſich befindliche Wald war zum Treffen des feindlichen Fuß-Volcks vortheil - haftiger / als ſeiner Reiterey. Aſprenas meyn - te / er haͤtte numehr ſchon den Sieg in Haͤnden / und der Feind habe ihm ſelbſt bereit den Weg in das Roͤmiſche Laͤger geoͤffnet / als auf der rechten Seiten Segeſthens Sohn / Fuͤrſt Sigismund / mit der Cheruskiſchen Reiterey die Roͤmer an - fiel / und ſich zugleich das deutſche Fuß-Volckſehen56Erſtes Buchſehen ließ. Aſprenas erkennte nun allererſt ſeinen Fehler / und die Gefahr / in welche ſeine Verwegenheit das Roͤmiſche Kriegs-Volck ge - ſtuͤrtzt haͤtte / gleichwolließ er ſeinen Muth nicht alſobald fahren / ſondern war bemuͤhet / aus der Noth eine Tugend zu machen / und die Scharte ſeiner Ubereilung durch Vorſicht und Tapfer - keit auszuwetzen. Er preßte einem mit dem Pferde geſtuͤrtzten / und hierdurch in ſeine Haͤn - de verfallenen Cattiſchen Reiter aus / daß Quin - tilius Varus mit dem gantzen Heere biß auffs Haupt geſchlagen / das Laͤger von Hertzog Jn - guiomern beſchloſſen / Hertzog Herrmann aber mit dem ſiegenden Heere gegen die Roͤmer in ſichtbarem Anzuge waͤre. Dahero ordnete er: daß Caͤcina mit ſeiner Reiterey / und Sylvanus Plautius mit denen untermengten Schuͤtzen und Schleuderern die andringende deutſche Reiterey aufhalten / und durch ihr Gefechte de - nen Legionen ſich zwiſchen die Suͤmpfe und den Wald zuruͤckzuziehen Lufft machen ſolte. Hertzog Jubil und Sigismund worden durch Zuruͤckweichung des Roͤmiſchen Fuß-Volcks Meiſter des Feldes / und wenn einer gegen die Reiterey fochte / fiel der ander bald dar bald dort in das Fuß-Volck ein / und thaͤt groſſen Scha - den. Der Feldherr ſprach dem deutſchen Fuß-Volck ſo beweglich zu / daß ſie ihre Muͤ - digkeit des ſchon in vierdten Tag waͤhrenden Treffens vergaſſen / und auf die Roͤmer traben - de zulieffen / nach dem ſie ſie ſchon fuͤr der einigen Reiterey weichen ſahen. Wie geſchwinde nun gleich dieſe fortgieng / ſo war es doch ſeiner Siegs-Begierde vielzu langſam; dahero fuͤgte er ſich ſelbſt zu der Reiterey / und brachte mit ſei - nem grimmigen Anfalle die Roͤmiſche in offent - liche Flucht / ſaͤbelte die Schuͤtzen und Schleude - rer meiſt / auch unter ihnen den Plautius mit ei - gner Hand nieder. Die foͤrderſten Hauffen der Legionen / welche zwar allezeit den Deutſchen in viereckicht geſchloſſener Schlacht-Ordnung die Stirne boten / kamen in nicht geringe Verwir -rung. Weil auch wegen der Suͤmpfe das Roͤ - miſche Fuß-Volck nicht mit der auf der Flaͤche gehaltenen Breite ſich zuruͤck ziehen konte / ſon - dern ſich daſelbſt zertheilen muſte / und alſo viel laͤngſamer zu weichen vermochte; wurden ſie von dem deutſchen Fuß-Volcke nun auch errei - chet / zertrennet / und wie tapfer gleich Aſpre - nas an der Spitze des Fuß-Volcks / Caͤcina an der Stirne des ſich zwiſchen den Legionen widerſetzenden reiſigen Zeuges fochten / faſt alles / was nicht bey Zeite uͤber die engen Furthe der Moraͤſte gediegen war / nieder gehau - en oder ertreten / Caͤcina auch von dem Jubil im Haupte / Aſprenas vom Fuͤrſten Sigismund mit einer Lantze in Arm verwundet. Es wuͤr - den auch weder Wald noch Moraͤſte dem uͤbri - gen Heere einige Sicherheit verſchafft haben / wenn nicht die regenhafte Nacht denen Deut - ſchen abermals mit ihrer Finſternuͤß die engen Wege uͤber die Suͤmpfe verbeugt haͤtte / wiewol in ſelbten auch viel Roͤmer ſtecken blieben und er - ſtickten / die aus den Haͤnden ihres Feindes zu entrinnen vermeynten.

Aſprenas war nicht weniger durch den groſ - ſen Verluſt ſeines Volckes bekuͤmmert / als umb Erhaltung des uͤberbliebenen Heeres ſorgfaͤltig. Zumahl er ſeinem unvorſichti - gen Anzuge ſelbſt groſſen theils die Schuld des empfangenen Schadens und der noch vor - ſtehenden Gefahr gab. Dahero trachtete er durch eine Kriegs-Liſt ſein Verſehen auszubeſ - ſern; befahl alſo hin und wieder Wach-Feuer zu machen / Baͤume abzuhauen / Graͤben ge - gen dem Feinde / und in allem ſolche Anſtalt zu machen / als wenn er an dieſem vortheilhaften Orte ſich befeſtigen und alſo ſtehen bleiben wol - te. Jnzwiſchen ließ er im finſter nund in moͤg - lichſter Stille unter dem Geraͤuſche / ſo durch das Umbhauen der Baͤume gemacht ward / die Wagen und das Heergeraͤthe / ſamt denen Krancken / und welche am uͤbelſten zu Fuſſe wa - ren / zuruͤcke und nach der Feſtung Aliſon gehen /wel -57Arminius und Thußnelda. welchen das Fuß-Volck nach und nach folgte / und / weil die Noth auch im ſtockfinſtern ſehende Augen hat / geſchwinder und ohne wenigere Vermerckung des Feindes / als ihm Aſprenas ſelbſt eingebildet hatte / durch den holen und en - gen Weg / der durch ſelbigen Wald fuͤhrte / auf das flache Feld gegen Aliſon gerieth. Worauf Aſprenas die Feuer nach und nach von ſich ſelbſt verleſchen / das Geraͤuſche in Waͤldern ſich ver - mindern ließ / und mit der zuruͤckbliebenen Rei - terey eilfertig nachfolgete. Hertzog Herrmann hatte inzwiſchen Nachricht erlangt / daß Catu - mer mit ſeinem Hauffen auf Malovenden der Marſen Hertzog auff der andern Seite der Lip - pe getroffen haͤtte / dieſer aber dennoch mit etli - chen Tauſenden theils Reiterey / theils Fuß - Volck in das Roͤmiſche Laͤger durchgedrungen ſey; Catumer alſo ein Theil zu Beſchluͤſſung des Laͤgers daſelbſt gelaſſen / und weil ihm etliche Gefangenen entdecket / daß vorhergehende Nacht Lucius Aſprenas mit ſeiner Kriegs - Macht bey Aliſon uͤber die Lippe geſetzt haͤtte / mit dem groͤſten Theile auch dieſe Feſtung zu ſperren / und den Feind zu einer Zertrennung zu noͤthigen / an der Lippe ſeinen Zug fortgeſetzt habe. Ob nun zwar der Feldherr endlich beym Abzuge der Reiterey die Flucht des Feindes durch etliche Kundſchaffter erfuhr / ſo dorfte er doch / theils wegen Muͤdigkeit ſeines Volcks / theils wegen vernommener Verſtaͤrckung des Laͤgers / theils wegen groſſer Finſternuͤß ſich durch die gefaͤhrlichen Moraͤſte und Waͤlder / allwo er von dem liſtigen Feinde leicht haͤtte um - ringet und uͤberfallen werden koͤnnen / den Feind zu verfolgen nicht wagen / ſondern muſte mit dem lichten Morgen neue Entſchluͤſſungen er - warten.

Mit anbrechendem Tage ſahen die Deut - ſchen / daß Aſprenas voͤllig das Feld geraͤumt hatte. Und ob wol ein Theil der Reiterey un - ter Hertzog Ganaſchen (denn mit dem gantzen Heere ihn zu verfolgen ſchiene bey ſo ungeſtuͤ -mem Wetter und ſchlimmen Wegen weder rathſam noch moͤglich) biß an die Feſtung Aliſon den Feind verfolgte / auch von denen / welche in ſo ſchnellem Zuge ſo eilfertig nicht hatten folgen koͤnnen / ein ziemliches Theil uͤbereilte und er - legte / ſo muſten ſie doch endlich den Aſprenas / welcher in die Feſtung Aliſon alles Heer-Geraͤ - the abgelegt hatte / durch die Tencterer gegen den Rhein / allwo einige Voͤlcker auch ſchon Aufſtand zu machen anfingen / entſchlippen laſſen.

Der Feldherr fuͤhrte das Heer bey ſo geſtalten Sachen wieder fuͤr das Laͤger / allwo Hertzog Jnguiomer die an zweyen Orten / bey waͤhren - dem Treffen mit dem Aſprenas / ausfallenden Belaͤgerten / welche Fuͤrſt Malovend tapfer an - fuͤhrte / mit groſſem Verluſt zuruͤck getrieben / und ſo wol in Verwirrung als Schrecken veꝛſetzt hatte. Bey ſo ſieghafter Zuruͤckkunft des gan - tzen Heeres / und zerronnener Huͤlffe des Aſpre - nas / und da kaum ſo viel Kriegs-Leute als Zelten verhanden waren / in derer iedem ihrer ſonſt eylf zu ſeyn pflegen / geriethen ſie in aͤuſerſte Ver - zweifelung / ſonderlich da die Deutſchen die de - nen erſchlagenen Roͤmern abgeſchnittene Koͤpfe auf ihre Spiſſe geſteckt hatten / und ſelbte theils in die Graben warffen / theils uͤber die Waͤlle ins Laͤger ſchleuderten / theils nach dem Beyſpie - le der Kayſerlichen Kriegs-Knechte fuͤr Munda / als Pompejus die Pharſaliſche Schlacht ver - lohren hatte / ihnen von derogleichen Koͤpfen Bruſtwehren und Bruͤcken machten; und wie Hannibal nach der Schlacht bey Cannas fuͤr keine gemeine Rache hielten / wenn ſie uͤber die Baͤuche der Roͤmer zu Sturme lauffen koͤnten. Ob nun wol der Feldherr die Unvermoͤgenheit der Roͤmer ihr Laͤger zu beſchuͤtzen wahrnahm; ſo erwog er doch / daß die Schlangen auch nach zerknirſchtem Kopfe ſich mit dem Schwantze wehren / und einem verzweifelten Feinde ehe ei - ne goldene Bruͤcke zu ſeinem Abzuge zu bau - en / als ein erlangter Sieg durch angemaßte Vertilgung deſſelbten in Gefahr zu ſetzen ſey. Erſter Theil. HDa -58Erſtes BuchDahero hielt er den Eyfer der hitzigen und zum Sturme begierigen Deutſchen mit allem Fleiß zuruͤck / ihnen einhaltend: Der Krieg muͤſte zwar mit einer in die Augen lauffenden Tapferkeit angefangen / ein herrlicher Sieg aber mit Rath und Vernunft ausgemacht werden. Er hielte fuͤr einen groͤſſern Verluſt als Gewinn / wenn er einen Deutſchen einbuͤſſete / ob ſchon hundert Feinde daruͤber ins Gras beiſſen muͤſten. Er wolte ſich des den Belaͤgerten eingejagten noch friſchen Schreckens bedienen / und das gleich - wohl mit einem zehn Schuch hohen / mit einge - legten weidenen Ruthen und Koͤpfen verſtaͤrck - tem Walle / und nicht nach gemeiner Art mit einem acht Fuß breit - und tieffen / ſondern wol zweyfach vergroͤſſertem Waſſer-Graben befe - ſtigte Laͤger / welches unterdeſſen an denen von den Sturm-Boͤcken zerſtoſſenen Orten ziem - lich wieder verbauet worden war / noch einſt auf - fodern laſſen. Die andern Fuͤrſten ſtimmten des Feldherrn Meynung bey; ward alſo der Ritter Naſſau ins Laͤger geſchickt / ſelbtes auff Gnade und Ungnade auffzufodern / iedoch ſolte er denen Belaͤgerten keine Zeit zu gewinnen / noch uͤber einigen Bedingungen langweilig ſich zu berathen verſtatten. Unterdeſſen wurden die Sturm-Boͤcke und groſſe Stein-wie auch die Feuer-Schleudern wieder zu rechte gemacht / und das Heer zum Sturme aufgefuͤhrt. Der Marſen Fuͤrſt / als ein noch junger hitziger Herr / nebſt etlichen Roͤmiſchen Oberſten / widerrieth ſich zu ergeben / entweder umb fuͤr andern hertz - hafft angeſehen zu werden / oder daß er als ein Deutſcher ſich vom Feinde mehrer Grauſam - keit beſorgte. Er meynte: Es ſey ehrlicher ſich / ſo lange man noch eine Fauſt ruͤhren / und in ſelbter den Degen halten koͤnne / wider ſo grim - mige Feinde ritterlich zu fechten / als aus Zag - heit in unertraͤgliche Dienſtbarkeit zu fallen / oder wol gar lieber vom Hencker / als einem redlichen Feinde umbkommen. Nichts ſey ſo arg / weſſen ſie ſich nicht von einem erzuͤrntenFeinde / welcher ſo gar von keiner Behandelung hoͤren wolte / zu befuͤrchten haͤtten. Sie wuͤrden nichts minder / wenn ſie ſich ergeben / als wenn ſie uͤberwunden wuͤrden / ſterben muͤſſen. Dieſer Unterſcheid waͤre es alleine / daß man auf jene Art die Seele mit Spott / auff dieſe tugendhafft ausblieſſe. Alles ſey ſo viel mehr unſicher / iemehr ihm Schimpf anklebte. Muͤſte es auch ja gefallen ſeyn / waͤre es ruͤhmlicher der Gefahr die Stirne / als den Nacken darbieten. Ta - pferkeit muͤſte auch der Feind loben / und groß - muͤthige Gegenwehre ſtuͤnde nicht alleine Hel - den wol an / ſondern ſie riſſe auch offt Ver - zagte aus ihrem Untergange. Sie wuͤrden an Hertzhafftigkeit dem Feinde hoffentlich nichts bevor geben / an Guͤte der Waffen waͤren ſie den Deutſchen uͤberlegen; ſie haͤtten den Wall zu ihrem Vortheil / und die Noth / welche das letzte und beſte Gewehre waͤre / diente ihnen zu einem kraͤfftigen Beyſtande. Cejonius aber / welcher die hoͤchſte Gewalt uͤber das Laͤger hatte / rieth das ausdruͤckliche Widerſpiel. Es wieſe es der Augen-Schein / daß die Goͤtter dieſesmal wider die Roͤmer ſelbſt gekrieget haͤtten. Ja dieſe haͤtten diß Unheil ihnen durch vielfaͤltige Wunder - Zeichen angekuͤn - digt. Der Blitz habe zu Rom in den Tempel des Kriegs-Gotts geſchlagen. Die Gipfel des Apenniniſchen Gebuͤrges waͤren uͤberein - ander gefallen / und aus ſelbten drey Feuer - Saͤulen empor geſtiegen. Der Himmel habe zeither offt in vollem Feuer geſtanden / und haͤtten ſich unterſchiedene Schwantz-Sterne ſehen laſſen. Es waͤren von Mitternacht her Lantzen in ihr Laͤger geflogen kommen / die Bienen haͤtten etliche ihrer Opfer-Tiſche mit Wachs uͤberzogen. Das Bildnuͤß des Sie - ges habe ſich fuͤr einem darfuͤr tretenden Deut - ſchen umbgewendet / und ſein Geſichte gegen Rom gekehret. Umb die Roͤmiſchen Adler waͤre etlichemal ein blinder Lermen entſtanden / und die Wache ſey / gleich als die Barbarnein -59Arminius und Thußnelda. eingefallen / daruͤber erſchreckt worden. Alles dieſes haͤtte der Goͤtter unverſoͤhnlichen Zorn / der Roͤmer unvermeidlichen Verderb angedeu - tet. Varus habe diß alles veraͤchtlich in Wind geſchlagen / wiewol dem / was das Ver - haͤngnuͤß iemanden ſchon beſtimmte / koͤnne man nicht entgehen / wenn man es ſchon vorher wahrnehme. Dahero waͤre es ihres Orts nu - mehro eine groſſe Thorheit / wider das Verhaͤng - nuͤß zu Felde ziehen / eine Klugheit der unauff - haltbaren Nothwendigkeit aus dem Wege weichen. Jhrer waͤren noch eine Handvoll gegen das ſich noch taͤglich vergroͤſſernde Heer der Deutſchen. Da nun die gantze Roͤmiſche Macht gegen dieſen Sturm - Wind viel zu ohnmaͤchtig geweſt waͤre / was ſolten ſie wenige und meiſt hart verwundete ausrichten? Der Deutſchen Grauſamkeit habe zeithero ſich nach den Roͤmiſchen Sitten mercklich gemiltert. Und da ſie auch ihre Kriegs-Art von Ermor - dung der Ergebenen nicht zuruͤcke hielte / wuͤr - den ſie doch ihrer eignen Landsleute und Bluts - Freunde ſchonen / welche in Roͤmiſcher Gefan - genſchafft begriffen / alſo gleichmaͤſſiger Rache unterworffen waͤren. Sie wuͤrden ſelbſt Gott dancken / gegen ſie die Jhrigen auszuwechſeln. Der Uberwinder ſchriebe dem Uberwundenen willkuͤhrliche Geſetze fuͤr. Dahero ſey es mehr gewoͤhn-als nuͤtzlich gewiſſe Abſaͤtze zu behan - deln. Denn wer koͤnne dem Sieger die Haͤnde binden / daß er die verwilligte Abrede nicht breche? Dahero hielte er fuͤr rathſamer ſich der Gnade ihrer Feinde / welche ja noch Menſchen / keine Ungeheuer waͤren / zu erge - ben / und durch Streichung der Segel den Jh - rigen und dem Vaterlande ſich zu erhalten / als aus Hartnaͤckigkeit ihm eitele Ehre erzwin - gen wollen und zu Grunde gehen. Er waͤre zwar bereit / wenn denen Belaͤgerten oder Rom darmit was geholffen wuͤrde / ſich zum Schlacht - Opfer fuͤr ſie eigenhaͤndig hinzugeben. Auch ſchiene die Ergebung ſchimpflich / die verzwei -felte Gegenwehr mehr ruͤhmlich zu ſeyn: Allei - ne dieſe waͤre doch dem Vater-Lande / dem ſie durch jene noch erhalten wuͤrden / nicht ſo nuͤtz - lich. Nun aber waͤre es groͤſſere Liebe dem Vaterlande mit ſeiner Schande / als mit ſeinem Tode dienen. Alſo ſolten ſie ſich gegenwaͤrti - ger Noth nur unterwerffen / welche die maͤchti - gen Goͤtter ſelbſt nicht uͤberwinden koͤnten. Die meiſten fielen dem Cejonius bey; alſo wur - den auch die Tapferſten uͤberſtimmet / wie es ins - gemein zu geſchehen pfleget / wo die Meynun - gen gezehlet / nicht gewogen werden.

Der deutſche Ritter / welcher ihnen bald an - fangs angedeutet hatte / daß ihre Ergebung kei - ne Bedingung zulieſſe / ward hierauf fuͤr die Verſammlung gebracht / und Cejonius eroͤffne - te ihm: Nachdem die Goͤtter ſeinem Feldherrn die Ehre eines ſo groſſen Sieges zugedacht / muͤ - ſten ſie der Zeit / dem Verhangnuͤſſe und ſeiner Tugend weichen: ſich alſo ergeben. Jhnen und allen Uberwundenen ſey es ein Troſt / von einem ſo groſſen Helden uͤberwunden worden ſeyn. Weil es auch ihm ſo gefiele / wolten ſie durch keine Unterhandlung ihm die Zuſage ſei - ner Gnade abnoͤthigen. Die Tugend eines hertzhaften Uberwinders ſey ein ſicherer Pfand der Sanftmuth / als betheuerliche Worte. Sich ſelbſt uͤberwinden ſey der groͤſte Sieg / und eines Siegers groͤſter Ehren - Ruhm / gegen Gefan - gene Erbarmnuͤß uͤben. Ein einig erhaltener Feind ſey ein ſchoͤneres Siegsmahl als tauſend todte Leichen. Nichts hingegen beſudele die Lorbern eines Uberwinders mehr als das Blut / wormit ſie die Rachgier nach ſchon abgekuͤhltem Gebluͤte und geendigter Schlacht beſpritze.

Mit dieſer erwuͤntſchten Verrichtung und einer guten Anzahl Roͤmiſcher Geiſſel kehrte der Ritter zu ſeinem Feldherrn / Cejonius aber be - fahl / daß alle im Lager befindliche Waffen auf einen Hauffen getragen / die Pforten des Laͤgers aufgeſperret / und ein ieder numehro den Grim̃ des Feindes / den ſie mit Waffen abzulehnenH 2nicht60Erſtes Buchnicht vermocht / mit demuͤthiger Begegnung be - ſaͤnftigen ſolte. Fuͤrſt Malovend aber / und Apronius ein Roͤmiſcher Oberſter / welchen nebſt vielen andern uͤber der Entwafnung ſo vieler tapfern Kriegs-Leute die Augen uͤbergiengen / und dahero des Cejonius kleinmuͤthige und ſchimpfliche Entſchluͤſſung verdammten / hatten aus Verdruß zwar ihrer eigenen Wolfarth / nicht aber des noch uͤbrigen Roͤmiſchen Adlers vergeſſen. Dahero eilten ſie zum Emilian / der ihn in ſeiner Verwahrung hatte / hielten ihm die ihnen allen daraus erwachſende Schande ein / da dieſes guͤldne Kleinod und Zeichen der Roͤmi - ſchen Hoheit in die Haͤnde des Feindes geliefert wuͤrde; worden alſo ſchluͤſſig / ſolchen in einen im Laͤger befindlichen Sumpf zu verſtecken.

Hertzog Herrmann wolte bey ſo gluͤcklichen Begebenheiten weder einige Zeit verlieren / noch Gelegenheit verſaͤumen / gab alſobald Befehl / daß die Reiterey / und ein Theil des Fuß-Volcks ins Laͤger ruͤcken / die vier Pforten / ihre Thuͤr - me / das in der Mitte auf einem Huͤgel ſtehen - de und gleich einem Tempel mit einem Opfer - Tiſche verſehene Haupt-Zelt des Feldherrn / welches von Seide und Goldſtuͤck war / auch ge - wuͤrffelte Perſiſche Teppichte zum Fuß-Boden hatte / das Zeug-Haus nebſt andern vornehmen Plaͤtzen beſetzen / und die Waffen der Belaͤgerten in Verwahrung nehmen ſolte. Als nun diß alles in genungſame Sicherheit gebracht / ritte er unter der Begleitung Hertzog Jnguiomers / des Cattiſchen und anderer Fuͤrſten ins Laͤger; welchen Cejonius fuͤr der Pforte begegnete / dem Feldherrn die Schluͤſſel fußfaͤllig uͤberlieferte / ihn auch fuͤr ſich und die Ergebenen umb eine leidliche Gefaͤngnuͤß und Beſchirmung fuͤr den gemeinen Kriegs-Knechten anflehete. Sinte - mal dieſe ſchwerlich reine Haͤnde behalten koͤn - ten / wo der Sieg ihnen zugleich den Werckzeug zur Rache / und Gelegenheit zur Beute dar - reckte. Die Großmuͤthigkeit eines ſo groſſen Uberwinders lieſſe ſie nichts widriges beſorgen /weil ſo denn weder Menſchen noch Goͤtter ihm den herrlichen Sieg mißgoͤnnen koͤnten. Die vorigen Merckmale ſeiner Guͤtigkeit haͤtten ſie beredet / daß ſie ihre Ergebung einer verzwei - felten Gegenwehr fuͤrgezogen haͤtten / weil ſie glaubten / es wuͤrden ſie ſo wenig der Deutſchen Bothmaͤſſigkeit / als ihn ihrer demuͤthigen Un - terwerffung gereuen. Der Feldherr verſetzte ihm: Man wuͤrde nach denen Geſetzen des Va - terlandes / nach dem Beyſpiel der uͤber die Deut - ſchen ehmals ſiegenden Roͤmer / und nach Maaß - gebung der Kriegs-Rechte gegen ſie verfahren. Worauf Cejonius / Fuͤrſt Malovend / Arbogaſt und alle Groſſen in Feſſel geſchlagen / die ge - meinen Kriegs-Knechte aber ie zehn und zehn aneinander gekoppelt / und nebſt der gefundenen reichen Beute unter die Uberwinder eingethei - let / die ins Laͤger zuruͤckgebrachte Schriften des Varus und alle andere Geheimnuͤſſe ſorgfaͤltig auffgeſucht und auffgehoben worden. Es haͤtte einen Stein in der Erden jammern moͤgen / das erbaͤrmliche Winſeln der Gefangenen / welche an Stricken gleich als Heerden unvernuͤnfti - gen Viehes fortgetrieben wurden / und nun al - lererſt ihre Zagheit zu bereuen / des Cejonius aber zu verfluchen anfingen.

Wiewol nun Hertzog Herrmann und andere Fuͤrſten ihr Volck mehrmals ermahnten / ſie ſol - ten ſich mit der Beute vergnuͤgen / hingegen un - barmhertziger Blutſtuͤrtzung enthalten; denn es wuͤrde den Schirm-Goͤttern Deutſchlandes ſchon ein austraͤgliches / und die allgemeine Ra - che vergnuͤgendes Antheil aufgeopfert werden; ſo war es doch unmoͤglich uͤber ſo viel tauſend ein nichts uͤberſehendes Auge zu haben / und in ihren kriegeriſchen Gemuͤthern das Gedaͤchtnuͤß ſo mannigfaltigen Unrechts / als einen leicht fan - genden Zunder der ſo ſuͤſſen Rache zu vertilgen. Deñ etliche ſtelleten ihre Gefangene auf der ab - gehauenen Baͤume Stoͤcke empor / und lieſſen ihre Knaben nach ihnen mit Pfeilen zum Ziel ſchuͤſſen. Viel ſpiſſeten die Schaͤdel der Todtenauf61Arminius und Thußnelda. auf die Gipfel der Baͤume / oder baueten aus de - nen abgefleiſchten Knochen Huͤtten. Andere / und inſonderheit die unter dem Feldherrn kaͤmpfen - den Cimbreꝛ / machten aus denen abgeſchnittenen Haaren Stricke / und hingen ihre Gefangenen darmit an die Aeſte. Denn die ſtreitbaren Deutſchen laſſen insgemein ihre Haare weder Scheere noch Scheer-Meſſer beruͤhren / biß ſie einen Feind erwuͤr get / und ſo denn legen ſie mit ihrem Haare zugleich ihr gethanes Geluͤbde ab; gleich als wenn ſie ſo denn allererſt ihrem Va - terlande ihr freyes Antlitz zu zeigen / und ſich eines Deutſchen Uhrſprunges zu ruͤhmen be - rechtigt waͤren. Die Reiterey hackten vielen die Koͤpfe ab / und ſteckten ſie theils auf ihre Lan - tzen / theils auf die Wipfel der Baͤume / theils ſchlugen eiſerne Haſpen in die Koͤpfe / und hin - gen ſelbte ie zwey und zwey uͤber den Hals ih - rer Pferde; gleich als wenn dieſe blutige Merck - male nicht allein die Kenn-Zeichen ihres Sieges waͤren / ſondern auch guͤldene und Purperfaͤr - bichte Ausputzungen uͤbertraͤffen. Am aller - grauſamſten aber ward auff die gefangenen Sach-Redner und Gerichts-Anwaͤlde gewuͤ - tet. Es war unter denen Kriegsleuten Her - megildis / eine Frau Adelichen Standes / welche nichts minder ihre angebohrne Hertzhafftigkeit / als die Rache / theils wegen ihres ermordeten Eh - Herrns / theils ihrer geſchaͤndeten Tochter die Waffen anzulegen bewogen hatte. Denn es hatte Munatius / ein Roͤmiſcher Hauptmann / den erſten wegen eines geringen Unvernehmens und daraus gefaßten aber verſtellten Grolles bey ſeinem eigenen Tiſche durch Gift hinge - richtet / ſich auch dieſer Mordthat / als eines wider einen plumpen Deutſchen ruͤhmlich aus - geuͤbten Kunſt - Stuͤckes offentlich geruͤhmet. Ob ſie nun wol dieſe Mordthat bey dem Varus geklaget / ſchuͤtzte doch Munatius fuͤr / es koͤnte wider ihn keine groͤſſere Straffe ſtatt finden / als die Deutſchen gegen Frembde und Einhei - miſche in ſolchen Faͤllen ausuͤbten. Dieſe aberbuͤſſeten einen Todſchlag mit einem Pferde oder einem Rinde. Die Klaͤgerin verſetzte: Dieſe Buſſe haͤtte nur im redlichen Zwey - kampfe / nicht in heimlichem Meuchel-Morde ſtatt; Varus haͤtte auch den Deutſchen die Roͤmiſchen Straff-Geſetze auffgedrungen; alſo muͤſte der Thaͤter ſeines Vaterlandes Satzun - gen ſo vielmehr unterworffen ſeyn. Als nun Munatius nirgends keine Ausflucht wuſte / und die Klaͤgerin ſich gleich eines gerechten Urthels / deſſen ſie Varus gegen Abheiſchung faſt ihres gantzen Vermoͤgens verſichert hatte / verſahe / wiſchte Munatius mit einem Gna - den-Briefe herfuͤr / welchen ſeine Freunde ihm auff des Varus ſelbſteigne Vor-Schrifft beym Kayſer zu Rom ausgebracht hatten. Jhre wun - derſchoͤne Tochter aber hatte ſie dem Antiſtius / einem Roͤmiſchen Juͤnglinge / gegen ſein bey ihr betheuerlich gethanes Verſprechen / daß er beym Varus viel vermoͤchte / und ihr zu Aus - uͤbung gerechter Rache wider den mit ihm oh - nediß in Feindſchafft ſtehenden Munatius un - fehlbar verhelffen wolte / nach ihrer einfaͤltigen Landes-Art verlobet; ihm auch ihres Vaters Pferd und Waffen / ja wider die Gewohnheit der Deutſchen noch ein anſehnliches an Guͤ - tern zugebracht. Nach wenigen Tagen aber verhielt er ſie gar geringſchaͤtzig / und erklaͤrte offentlich / daß er ſie nicht fuͤr ſein Eh-Weib / ſondern fuͤr eine bloſſe Bey-Schlaͤferin erken - nete. Die hierdurch hoͤchſt - bekuͤmmerte Mutter und Freundſchafft kamen mit ihrer beſchimpften und endlich gar verſtoſſenen Tochter fuͤr den Varus Antiſtius aber ſchuͤtz - te fuͤr / daß die geklagte Heyrath ſo wol wegen unterlaſſener Roͤmiſchen Verlobungs - Ge - braͤuche / als ſeines Vatern ermangelnder Einwilligung zu ſolcher Eh von Unkraͤfften waͤre; ja er hielt ſie noch hoͤhniſch / vorgebende / daß eine deutſche Sclavin mehr denn zu viel Ehre erlangt haͤtte / wenn ſie ein Roͤ - miſcher Edelmann des Bey-Schlaffs wuͤrdigte. H 3Und62Erſtes BuchUnd hiermit muſten ſie zwar ſchimpfflich abzie - hen; ſolche Ehrenkraͤnckungen aber ſchrieben ſie mit unausleſchlichen Buchſtaben in das Buch unvergeßlicher Rachgier. Dieſe Her - megildis nun erblickte unter den Gefangenen ungefehr den Titus Labienus / wegen ſeiner Stachel-Reden ins gemein Rabienus genennt / deſſen Schrifften auch vermoͤge eines ausdruͤck - lichen Rathſchluſſes offentlich zu Rom verbrennt wurden. Dieſer hatte ſich deßwegen zwar in ſeiner Ahnen Begraͤbniß lebendig einſchlieſſen laſſen / ward aber vom Kayſer daſelbſt weg und aus Rom geſchafft / kam alſo zum Varus und gab im Laͤger den vornehmſten Sach-Redner ab / hatte auch in oberwehnten Rechts-Haͤndeln ſo wohl den Munatius als Antiſtius ſpoͤttiſch und anzuͤgerlich vertheidigt. So bald fiel ſelb - ter der Hermegildis nicht ins Geſichte / als ihr Hextze Gifft und Galle zu kochen / die Augen a - ber Grimm und Feuer auszulaſſen anfingen. Hiermit wechſelte ſie ihn gegen drey andere Gefangene aus / um mit ſeinem Blute ſo wohl ihren Zorn abzukuͤhlen / als ihrer beſudelten Tochter Flecken abzuwaſchen. Der uͤbermaͤßi - ge Eyfer ließ ſie wenig Worte machen; dahero ergriff ſie den in Feſſel geſchloſſenen Labienus / ſchnitt ihm eigenhaͤndig das Glied / welches ſie empfindlich verletzt hatte / nehmlich die Zunge aus dem Maule / und nachdem ſie ſelbte grim - miger / als es die erbitterte Fulvia der Zunge des beredten Cicero mitſpielte / mit Pfruͤmen zerfleiſcht hatte / reckte ſie ſelbte mit dieſen Wor - ten empor: ziſche mich mehr an / du gifftige Nat - ter. Ja ſie nehete ihm gar die erblaſſenden Lip - pen zuſammen / gleich als wenn ſie ſeine Entſe - lung noch nicht verſicherte / daß auch ſein todtes Schmach-Maul die Zaͤhne auff ſie nicht mehr blecken wuͤrde. Dieſes Beyſpiel verhetz - te viel andere Deutſchen gegen die Sach-Red - ner. Einer beſchwerte ſich / daß dieſer ihm ſein Erbgut abgerechtet hette / unter dem Vorwand / daß in den eroberten Landſchafften aller liegen -den Gruͤnde Eigenthum dem Kaͤyſer verfallen waͤre; Ein ander klagte: daß jener eine unred - liche Handlung / durch welche er um ein groſ - ſes Theil ſeines Vermoͤgens betrogen worden / als guͤltig verfochten haͤtte / weil die Roͤmiſchen Rechte die Verfortheilungen / biß zur Helffte des wahren Preißes / zulaͤßlich erkennten; der drit - te ſchmaͤhete einen andern / der ſeines Anver - wandten letzten Willen wegen Mangel einer ſpitzfindigen Zierligkeit umgeſtoſſen / und die Erbſchafft dem Land-Vogte verfallen zu ſeyn ausgefuͤhret haͤtte. Mehr andere verfluchten die von ihnen ſelbſt koſtbar gebrauchten An - walde / welche ihnen ihr letztes Marck ausgeſo - gen / gleichwohl aber die Geheimnuͤſſe ihrer an - vertrauten Sache dem Gegentheile zu verra - then ſich hatten erkauffen laſſen / und viel ver - zweiffelte Trauerfaͤlle verurſacht. Dahero kuͤhlte ieder Beleidigter an den Sachrednern ſeinen Muth / und wurden einem Theile die Augen ausgeſtochen / einem andern die Haͤnde / vielen die Zungen und Lippen abgeſchnitten / al - ſo / daß / ſo viel ihrer nur ausgeforſcht wurden / keiner die Erbarmung ſeines Uberwinders zu erbitten vermochte / und der gantze groſſe Wald / wodurch ſich das Heer gegen Deutſchburg zuruͤ - cke zoh / nachdem der Feldherr das Roͤmiſche Laͤ - ger zu ſchleiffen ein Theil zuruͤck gelaſſen hatte / allenthalben blutige Gedaͤchtniße grimmiger Uberwinder behielt. Denn ob wohl einige der Meinung waren / daß die Deutſchen dieſes ſo ſtarck befeſtigte Laͤger zu ihrer Sicherheit wider die Roͤmer in ſolchen Stande laſſen und beſetzen ſolten / widerrieth es doch der Feldherr / mel - dende: der Deutſchen Bruͤſte waͤren ihre feſte - ſte Mauren / die von Steinen erbaueten Waͤl - le aber nur Zuchthaͤuſer und Feſſel der Dienſt - barkeit. Zu dem verlernten auch wilde Thiere ihre Hertzhafftigkeit / wenn ſie eingeſperretwuͤr - den.

Folgenden Morgen kam der Feldherr mit den andern Haͤuptern auff die erſte Wallſtatt /und63Arminius und Thußnelda. und wie ieder unter ihnen freudig zu erzehlen wuſte / wo einer und der andere getroffen; wo es am ſchaͤrffſten hergegangen; wo die Roͤmer am erſten gewichen; wo Segeſthes gefallen waͤre; alſo geriethen ſie endlich auch auff die Stelle / wo ſich Qvintilius Varus verzweiffeln - de ſelbſt hingerichtet hatte / funden aber daſelbſt zwey Roͤmiſche Kriegsknechte / welche eine Gru - be zuſcharreten / und auff bedraͤuliche Befra - gung um ihr Vornehmen / zur Antwort ga - ben: Sie waͤren in der Schlacht von empfan - gen Wunden fuͤr todt liegen blieben / als ſie aber nach ihrer Ohnmacht wieder zu ſich ſelbſt kom - men waͤren / haͤtten ſie den zwar enthaupteten Leib ihres Feldherrn erkennet / und ihrer Pflicht zu ſeyn erachtet / theils mit etlichen zerbrochenen Degen / theils mit ihren eigenen Naͤgeln ein Grab zu ſcharren / und / nachdem auch die A - meiſen und Bienen ihre Todten begruͤben / ihn zu beerdigen. Die Fuͤrſten lobten zwar ihre Froͤmmigkeit; ſonderlich / da ſie fuͤr Schwach - heit wegen des ſo viel weggelaſſenen Blutes nicht ſelbſt auff den Fuͤſſen zu ſtehen vermochten; Fuͤrſt Seſitach aber war der erſte / der dem Fein - de dieſe Begraͤbnuͤß-Ehre zu goͤnnen wider - rieth. Als ſie nun befehlicht worden den Leich - nam wieder auszugraben / verſetzte einer unter ihnen Muſtonius: die Feinde pflegten ja auch den Todten eine Hand voll Erde den Hafen deß entſeelten Leibes zu goͤnnen. Die Heleer haͤtten fuͤr unmenſchlich und fuͤr eine Verletzung des Voͤlckerrechts gehalten / wenn man die tod - ten Feinde nicht begruͤbe. Bey denen Atheni - enſern waͤren die Heerfuͤhrer zum Tode ver - dammet worden / die ſolches unterlaſſen; wo - durch Chabrias ſeine unterlaſſene Verfolgung der geſchlagenen Spartaner entſchuldiget; Und der ſonſt von Natur ſo grauſame Hannibal haͤt - te die Roͤmer ſorgfaͤltig beerdigen laſſen. Die Deutſchen wuͤrden ſich mit dem Schandflecke der Parther und Nabatheer zuverſichtlich nicht beflecken / welche aller wohl geſitteten VoͤlckerFluch verdienten / daß die erſten die Magen der Woͤlffe und Raubvoͤgel zu Saͤrgen ihrer Todten werden lieſſen / und hernach erſt die nack - ten Gebeine begruͤben; die andern aber ihre Lei - chen den Miſthauffen wiedmeten. Auch trau - ten ſie ihnen nicht zu / daß ſie / wie die Scythen / des Varus Leiche zum verſpeiſen verlangten. Des groſſen Alexanders Vater haͤtte dadurch ſeinen Ruhm nicht wenig verkleinert / daß er nicht nur die Gefangenen / ſondern auch die er - ſchlagenen Thebaner verkaufft / und auff ihre Begraͤbniße einen Zoll geſchlagen. Wolten ſie denen andern todten Roͤmern die Ruhe im Grabe nicht goͤnnen / ſolten ſie ſolche doch einem Roͤmiſchen Buͤrgermeiſter und Feldherrn nicht verweigern. Und da ihn ſeine Wuͤrde deſſen nicht faͤhig machte / haͤtte er ſolches durch ſeine letzte Großmuͤthigkeit nichts minder als De - moſthenes verdient; welcher von den ſonſt ſo ſehr erbitterten Syracuſiern nur deßwegen ehrlich begraben worden waͤre / daß er nach verlohrnem Kriegs-Heere mehr Hertz als Nicias bezeuget / indem er durch ſein eigen Schwerdt ihm ſelbſt vom Leben und aus der Dienſtbarkeit geholffen. Auch waͤre des Varus Leiche dieſer wenige Sand ſo vielweniger zu mißgoͤnnen / nachdem ihm ohnediß nicht die letzte Pflicht nach Roͤmi - ſcher Art durch Einaͤſcherung des Leibes ge - ſchehen koͤnte. Seſitach fuhr den Muſtonius an / Varus waͤre der Erde nicht werth / und ſie ſolten alſofort ihn ausſcharren. Zumahl dieſe Einſcharrung ohne diß nicht den Roͤmern ge - maͤß ſeyn ſolte. Haͤtte doch Sylla bey Anien des Marius Aſche nicht unbeirret gelaſſen / ſon - dern auffs ſchimpfflichſte zerſtreuet. Dieſem begegnete der andere Roͤmer Qvintus Julius Poſthumus / des beruͤhmten Landvogts in Dal - matien Sohn: Die Verbrennung waͤre bey den Roͤmern keine unveraͤnderliche Nothwen - digkeit. Das edle Geſchlechte der Cornelier haͤtte auſſer dem Sylla ſich unverſehrt in die friſche Erde legen laſſen. Sie haͤtten wederſo viel64Erſtes Buchſo viel Kraͤffte noch Leichtſinnigkeit den Beer - digten auszuſcharren / und ihr gutes Werck nu - mehr mit einem aͤrgern Laſter zu beſudeln. Bey den Roͤmern und allen wohlgeſitteten Voͤlckern waͤren die Begraͤbniße heilig. Die Mutter aller irrdiſchen Dinge bezeugte ſo denn / wenn ſie den Menſchen von der Natur abſonderte / allererſt ihre groͤſte Mutter-Liebe / weil ſie die Leichen durch ihre Bedeckung unverſehrlich machte. Sie wuͤrden ihnen hierdurch nicht geringern Zorn und Straffe der Goͤtter auff den Hals ziehen als Creon / welcher den Haͤemon ſeinen Sohn auff dem Grabe ſeiner verlobten Antigone ſich ſelbſt ermorden / ſeine Gemahlin Eurydice ſich eigenhaͤndig hinrichten / und ſich ſelbſt in hoͤchſter Verzweiffelung haͤtte ſehen muͤſ - ſen / weil er die Leiche deß vom Eteocles erlegten Polynices wieder ausſcharren / die ihn begra - bende Antigone aber in eine Hoͤle lebendig ein - mauern laſſen. Der ſonſt in allem ſo gluͤckſe - lige Sylla waͤre darinnen allein ungluͤckſelig geweſt / daß er des Marius beerdigten Coͤrper ausgegraben / ſeinen Kopff zu offentlicher Schau auffgeſtellet / und dadurch nicht allein ſeinen Ruhm beſudelt / ſondern ſeine Leiche auch wi - der des Corneliſchen Geſchlechts Begraͤbniß - Art / aus Beyſorge ebenmaͤßiger Ausſcharrung / haͤtte verbrennen laſſen muͤſſen. Wolte man aber den wenigen Sand um ein Stuͤck Gol - des verkauffen / wuͤrde ſelbtes nicht mangeln. Ja da Cimon die Freyheit ſeines im Kercker verſchmachteten Vaters Leiche zu beerdigen ſich in ſein Gefaͤngniß und Feſſel ſchlieſſen laſſen; Sie aber keine Freyheit um ihres Feldherrn Leiche zu kauffen uͤbrig haͤtten / were er erboͤtig mit ſeinem Leben auch ſeine Beerdigung zu ent - behren / wenn nur des Varus ohne diß durch den abgeriſſenen Kopff genugſam beſchimpffte Leiche nicht wieder ans Tagelicht kommen doͤrf - te. Hertzog Herrmann nahm die tugendhaffte Entſchluͤſſung dieſer zweyen Roͤmer wohl auff / entbuͤrdete ſie deꝛ anbefohlnen Ausgrabung / undbefahl: daß ſie in ihrer Gefangenſchafft ehrlich gehalten / und von der Ausgrabung des Va - rus verſchonet werden ſolten; ob ſchon die Roͤ - mer weder die Graͤber noch die Leichen ihrer Feinde / noch auch ihre eigene Grabmahle / wo das Haupt nicht laͤge / fuͤr heilig hielten. Ob nun wohl des Varus Leiche dergeſtalt unauff - geſcharꝛet blieb / ſo ward doch ſelbte von dem nach - ziehenden ergrimmten Kriegs-Volcke / und zwar meiſt auff Anſtifftung des Fuͤrſten Seſi - tachs ausgegraben / und auff einem Karne mit fort geſchleppt. Denen andern in der Schlacht umkommenen ward das beſte zur Beute abge - nommen / und blieben ihre Leichen zwiſchen den erſchlagenen Pferden und zertruͤmmerten Waf - fen unbeerdigt liegen. Die aber / welche von denen Deutſchen in der Schlacht geblieben wa - ren / wurden von ihren Befreundeten oder Ge - ferthen auffgehoben / auff unterſchiedenen auff - gerichteten hohen Holtzſtoͤſſen nebſt ihren Pfer - den und Waffen nach ihrer Lands-Art verbren - net / und ihre Aſche hernach beerdigt. Wiewohl auch viel Leichen hohen Standes von der Wall - ſtatt zu herrlicherm Begraͤbnis-Gepraͤnge weggefuͤhret wurden. Die Deutſchen / welche der Feldherr zu Bewachung der Wallſtatt ver - laſſen hatte / betheurten einmuͤthig / daß bey der Abends-Demmerung die erſchlagenen Todten ſich auffgerichtet / und auffs neue mit einander die gantze Nacht durch geſchlagen haͤtten / gleich als wenn ihre Verbitterung ſich nicht an einem Tode vergnuͤgen koͤnte. Ja es ereignete ſich bey Abſonderung der Todten / daß ihrer unter - ſchiedene / welche auff oder nahe an einander la - gen / einander in dem letzten Grimme Naſen und Finger abgebiſſen hatten.

Der Feldherr war noch eine halbe Meil - weges von Deutſchburg entfernet / als ihm ei - ne groſſe Menge Volcks entgegen kam. Zu - foͤrderſt gingen die Barden und die heilige Auri - nia mit fuͤnffhundert edlen Jungfrauen. Jene waren mit langen weiſſen Kleidern angethan /ihre65Arminius und Thußnelda. ihre Haͤupter waren mit Kraͤntzen aus Eiche - nem Laube / welcher Baum bey ihnen fuͤr heilig gehalten wird / umgeben / und ſie blieſſen mir Krummhoͤrnern die annahenden Sieger freu - dig an / und vermiſchten diß Gethoͤne mit des jauchzenden Volcks Frolocken. Dieſe waren theils mit Himmelblauen / theils mit Meergruͤ - nen Roͤcken bekleidet / ihre weiſſen Haarlocken / mit welchen der anmuthige Weſtwind ſpielte / waren mit Blumen-Kraͤntzen geſchmuͤckt. U - ber ihre Achſeln hingen Bogen / und an der Seite mit Pfeilen gefuͤllte Koͤcher. Jhr Ge - wand verdeckte mit Fleiß die rechten Bruͤſte / da hingegen die lincken gantz bloß zu ſehen wa - ren / um denen ſtreitbaren Siegern gleichſam neue Amazonen fuͤrzubilden. Jhre ſchnee - weiſſen Fuͤrtuͤcher hatten ſie auffgeſchuͤrtzt / und mit allerhand Blumen angefuͤllt. Jn der Mit - te folgte ſelbſt der Prieſter Lybis nebſt ſieben an - dern Prieſtern in ſchneeweiſſen Roͤcken. Bey Naͤherung des Feldherrn / neigte ſich die gantze Schaar gegen Jhm mit groſſer Ehrerbiettung / und er ſelbſt ſaß vom Pferde ab / welchem der Prieſter Lybis mit allerhand andaͤchtigen Ge - behrdungen einen von Lorberblaͤttern / und mit geſponnenem Golde umflochtenen Siegs - Crantz auffſetzte. Als Hertzog Herrmann hier - auff wieder zu Pferde ſaß / gingen Anfangs die Jungfrauen / hernach die Barden / endlich Libys und ſeine Gefaͤrthen fuͤr denen Fuͤrſten her. Dieſe zuͤndeten in ihren Rauch-Faͤſſern Wey - rauch und Agſtein an; die Jungfrauen aber ſtraͤueten allerhand Blumen auff den Weg / und wechſelten mit den Barden gegeneinander ſingende nachfolgende Reimen ab:

Die Jungfrauen.
Eilt / wuͤnſcht unſern Helden Gluͤcke /
Eilt / bewillkommt unſer Heer /
Das mit Palmen kommt zuruͤcke /
Reich von Ruhm / von Beute ſchweer!
Singt den Fuͤrſten Sieges-Lieder /
Die ſo ſieghafft kommen wieder!
Die Barden.
Die Schutzherrn ihres Volcks / des Vaterlandes Vaͤter /
Die fuͤrs gemeine Heil behertzt zu Felde ziehn /
Die fremde Dienſtbarkeit / Mordſtiffter / Ertzverraͤther /
Bey uns mit Strumpff und Stiel zu tilgen ſich bemuͤhn /
Die kan der Himmel nicht Sieg-Huͤlff - und Troſtloß laſſen /
Noch ihr unendlich Lob der Sonnen Zirckel faſſen.
Die Jungfrauen.
Schmuͤckt mit Blumen Bahn und Wege /
Herrmann hat verdient: daß man
Jhm die Haͤnde unterlege /
Und zum Vater ihn nehm an.
Daß er / weil er lebt auff Erden /
Schon vergoͤttert moͤge werden.
Die Barden.
Alcides mahlt uns ab ein Vorbild unſers Fuͤrſten /
Der durch der Tugend Trieb biß zu den Sternen flog.
Jhr Zunder hieß ſie zwey nach Ruhm und Ehre duͤrſten /
Als beyder Zunge noch an Mutter-Bruͤſten ſog.
Wie Hercules zerrieß zwey Schlangen in der Wiege /
So jung erwarb auff Neid und Mord-Luſt Herrmann Siege.
Die Jungfrauen.
Neſſeln pflegen bald zu brennen /
Und aus zarten Kreilen ſind
Loͤw und Adler zu erkennen /
Cyrus herrſcht als Hirt und Kind.
Unſers Herrmanns zarte Jugend
Zeigt vollkommnen Witz und Tugend.
Die Barden.
Alcidens Klugheit ſiegt beym groſſen Scheide-Wege /
Als ihn die Wolluſt dort / hier Tugend lockt zu ihr.
Rom reitzt auch unſern Held auff ſeiner Ehrſucht Stege /
Er aber zog das Heil des Vaterlandes fuͤr /
Der Tugend rauhe Bahn / den Weg voll Dorn und Hecken.
Jtzt aber laͤtzt ſie Jhn die ſuͤſſen Fruͤchte ſchmecken.
Die Jungfrauen.
Diſteln ſind der Tugend Wiegen /
Bleibt Sie aber ſtandhafft ſtehn /
Sieht man ſie auff Sammet liegen /
Und auff weichen Roſen gehn.
Streuet Blumen / werfft Narciſſen /
Zu des groſſen Hermanns Fuͤſſen.
Die Barden.
Alcides toͤdtete das wilde Schwein / den Rieſen /
Den Ochſen und den Loͤw / den Drachen / den Buſir.
Des Varus Grauſamkeit und Mordluſt hat erwieſen:
Schwein / Ochſe / Rieſe / Drach und das ergrimmſte Thier
Sey Schatten gegen ihm / und ſeiner Hencker Wuͤtten.
Fuͤrſt Herrmann aber hat den Kopff ihm abgeſchnitten.
Erſter Theil. JDie66Erſtes Buch
Die Jungfrauen.
Schande kroͤnt den Ubelthaͤter /
Ehre wahrer Helden Haupt.
Feſſel ſind fuͤr die Verraͤther.
Herrmans Scheitel wird umlaubt
Mit verdienten Lorber-Krouen /
Seine Tugend zu belohuen.
Die Barden.
Alcides trieb hinweg des Stymphalus Gefluͤgel /
Das eitel Menſchen-Fleiſch zu eſſen luͤſtern war;
Nahm den Amazonen die Guͤrtel und die Spiegel;
Fuͤrſt Hermann reißt ſein Volck aus groͤſſerer Gefahr;
Knuͤpfft Schwerdt und Guͤrtel ab / nicht Weibern / Kriegesleuten /
Jagt die Raubvoͤgel weg / und ſammlet reiche Beuten.
Die Jungfrauen.
Eulen muͤſſen ſich verſtecken
Fuͤr der Sonnen Glantz und Licht /
Adler ſind der Tauben Schrecken /
Menſchen ſiehn fuͤr Goͤttern nicht;
Unſrer Helden Spieß und Pfeile
Sind den Roͤmern Donnerkeile.
Die Barden.
Alcides Achſel hat den Himmel unterſtuͤtzet /
Der guͤldnen Aepffel Raub frohlockend heimgebracht.
Des Monden Brut vertilgt / das Vaterland beſchuͤtzet /
Und den Promotheus von Felſen loßgemacht.
Fuͤrſt Herrmann tilget Rom / macht unſer Joch zunichte /
Stuͤtzt Deutſchland und erwirbt der Freyheit guͤldne Fruͤchte.
Die Jungfrauen.
Ja / dem Herrmann iſt nichts gleiche /
Freund und Feind geſtehet es:
Er ſey Schutz-Gott unſrer Reiche
Unſer ander Hercules.
Nur daß keine Seulen wiſſen
Seine Thaten einzuſchlieſſen.
Die Barden.
T[uiſ]cons Seele lebt in unſrer Helden Leibern /
Sie fuͤhrt wie Alemann die Loͤwen an der Hand /
Hat Hermion gemacht Kriegs-Helden auch aus Weibern /
So iſt dem Herrmann auch die Kunſt nicht unbekandt /
Wenn von Thußneldens Schwerdt / und von Jſmenens Spißen
Geharnſchte Fuͤrſten falln und ihre Buͤgel kuͤſſen.
Die Jungfrauen.
Grabt der Deutſchen Helden Thaten
Marmeln / Ertzt und Baͤumen ein.
Diß ſind Erndten ſolcher Saaten.
Elbe / Weſer / Moſel / Rhein
Wird nicht laͤnger Waſſer bringen
Als mau dieſen Sieg wird ſingen.

Nachdem nun endlich der Feldherr mit den andern Groſſen auff ſeinem Schloſſe Deutſch - burg ankommen war / er daſelbſt die fuͤrnehm - ſten Gefangenen in Hafft halten / das Heer in die nechſt angelegenen Oerter biß zu fernerer Entſchluͤſſung zertheilen / der Verwundeten wohl pflegen ließ / ſie ſelbſt perſoͤnlich heimſuchte und troͤſtete / die tapffern lobte und begabte / auch fuͤr ſo herrlichen Sieg den Goͤttern auff den in - ſtehenden neuen Mond herrliche Opffer zu brin - gen / und ſich ſeines Geluͤbds zu befreyen Anſtalt machte / kam endlich auch Fuͤrſt Catumer ſieg - hafft zuruͤcke / und berichtete: daß er das Schloß Aliſon / oder Altzheim / auff der Weſt-Fuͤrſt Ga - naſch auff der Oſt-Seiten mit dem Kriegs-Vol - cke / welches den fluͤchtigen Aſprenas verfolgt / beſchloſſen haͤtte. Aus dieſem habe Lucius Caͤditius auff geſchehene Auffoderung ihm ſchimpffliche Antwort zuentboten: daß ſo lan - ge er Athem holete / er von keiner Ubergabe hoͤ - ren; ſondern die ihm anvertraute Feſtung zu ewigen Merckmahle ſeiner Treue behaupten. oder zu ſeinem Grabe haben wolte. Da - hero er denn auch zur Gegenwehr und meh - rer Befeſtigung des Orts Tag und Nacht Anſtalt gemacht. Alldieweil ſie aber / dieſen vortheilhafftig-gelegenen Platz zu beſtuͤrmen / weder genugſames Fuß-Volck noch Sturm - Zeug bey Handen gehabt / haͤtten ſie aus dem Roͤmiſchen Laͤger beydes zu bringen Befehl ertheilet. Sie haͤtten aber von einigen im Ausfall erwiſchten Galliern die Nachricht er - langet: daß die Feſtung zwar mit Kriegszeu - ge und uͤbermaͤßiger Mannſchafft / welche ſich von des Aſprenas Heere hinein gefluͤchtet haͤt - ten / auffs beſte verſehen waͤre; die Lebensmit - tel aber wuͤrden auffs ſparſamſte ausgetheilet / und haͤtte Caͤditius fuͤr / alles zur Gegenwehr undienliche Volck heraus zu jagen. Sie haͤtten uͤberdiß genau erforſchet / welcher Ge - gend das Kornhaus ſtuͤnde / das ihnen dennauch67Arminius und Thußnelda. auch ein Gallier nahe hinter der Mauer an - gewieſen. Hierauff haͤtte Hertzog Ganaſch und er alſofort Anſtalt gemacht / daß folgen - de Nacht ſelbiger Gegend zwey hoͤltzerne Seu - len etwas hoͤher als die Mauern der Feſtung waͤren eingegraben / und darauff nach Art ei - nes Brunn-Schwengels ein langer Balcken gelegt worden / mit deſſen hinterwaͤrtiger Nie - derziehung gegen der Feſtung zu ein Korb mit zehn geuͤbten Schuͤtzen waͤre empor gezogen worden. Dieſe haͤtten / ungeacht derer von der Mauer auff ſie unzehlbar abgeſchoſſenen Pfeile / mit ihren brennenden Wurff-Spieſ - ſen und Feuer-Pfeilen das Dach des Korn - hauſes in Brand gebracht / und / wie eiffrig gleich die Roͤmer ſolches zu leſchen bemuͤhet geweſt waͤren / voͤllig eingeaͤſchert. Caͤditius haͤtte ſein heimliches Ubel derogeſtalt verra - then / und uͤber etliche wenige Tage eine ſo groſſe Menge Volcks zu unterhalten kein Mit - tel geſehen / waͤre alſo gezwungen worden / die erſte Mitternacht darauff auff der Sud-Sei - ten blinden Lermen zu machen / auff der Nord - Seiten mit ſeiner gantzen Macht auszufallen. Dieſer waͤre durch die in Bereitſchafft ſtehen - den Hauffen mit blutigem Gefechte durchge - brochen. Er Catumer habe zwar ſein gan - tzes Laͤger bald in die Waffen gebracht und den Feind verfolgt / Hertzog Ganaſch waͤre auch mit ſeinem Kriegs-Volcke durch die verlaſſene und nun unſchwer erbrochene Feſtung uͤber die Lippe / und ebenfals dem Feinde in Ruͤcken gegangen / welcher ſie auch mit anbrechendem Tage erreicht haͤtte; Alleine der Moraſtige Ort / dahin man mit der Reiterey ſchwerlich haͤtte kommen koͤnnen / haͤtte ihnen allen An - griff verwehret. Zwiſchen ſolchen Suͤmpfen waͤre er drey Tage bald fort geruͤckt / bald haͤt - te er wieder Lufft geſchoͤpfft / und bey ſolchem Zuge theils unertraͤglichen Hunger / theils weil er bald vor / bald hinterwerts / bald auff der Seiten angefallen worden / empfindlichen Ab -bruch gelitten. Er muͤſte ſeinem Feinde den Ruhm laſſen / daß er durch Erdultung ſo groſ - ſer Noth / mit ſteter Durchwatung der Pfuͤ - tzen / mit Abbruch des Schlaffs / mit unauff - hoͤrlicher Gegenwehr die Unmoͤglichkeit ſelbſt uͤberwunden / unertraͤgliche Dinge uͤberſtan - den / Caͤditius bey ſeinem zwar groſſen Ver - luſt die tauerhafften Deutſchen muͤde gemacht / in ſeinen Entſchluͤſſungen weder verwegene Ubereilung / noch traͤge Langſamkeit began - gen / endlich wider menſchliche Einbildung einen Weg und Furth durch die Lippe gefun - den / und des Nachts in aller Stille ſein mei - ſtes Volck daruͤber in Sicherheit gebracht / al - ſo mit dem Degen in der Fauſt ihm nicht ſo wohl einen Weg durch ſeinen ſtaͤrckern Feind gemacht / als der Natur ſelbſt abgewonnen habe. Ja es haͤtte geſchienen / als wenn der Himmel ſein Elend laͤnger anzuſchauen muͤ - de / und derogeſtalt mitleidend worden waͤre / indem er durch etlicher Tage Regen / bald nach ſeiner Durchwatung / den Strom derogeſtalt angeſchwellet haͤtte / daß Hertzog Ganaſch und er ſich mit Erober - und Beſetzung der Feſtung Aliſon / mit Niederreiſſung des dem Druſus Claudius zum Gedaͤchtniß daſelbſt aus Mar - mel auffgerichteten Heiligthums und koͤſtlichen Altares / mit denen zuruͤck gebrachten Gefan - genen / darunter auch etliche Roͤmiſche Frau - en waͤren / haͤtten vergnuͤgen / und dem Fein - de Zeit ſich an den Rhein zu ziehen verſtatten muͤſſen.

Den Tag fuͤr dem Neumonden brachte die Gewohnheit mit / denen noch etwan uͤbrigen Todten ihren letzten Dienſt abzuſtatten. Denn es hatte eine groſſe Anzahl der Grafen / wel - che auff des Feldherrn Leib beſtellet waren / als auch ſonſt etliche aus uralten Fuͤrſtlichem und viel aus Ritterlichem Stamme ihr Blut fuͤrs Vaterland verſpritzet; welche / ob ſie zwar in dem Andencken der Nachwelt ihrer Tugend wegen ewig leben / doch auch fuͤr ihre Leiber /J 2als68Erſtes Buchals die Wohnſtaͤdte ſo himmliſcher Seelen an - ſehnliche Gedaͤchtniß-Mahle verdienen. Die - ſemnach hatte Hertzog Herrmann in dem groſ - ſen Thale / rings um den Taufaniſchen Tem - pel einem ieden einen viereckichten funffzig Schuch hohen / und zweyhundert Schuch im Umkreiß habenden Holtz-Stoß auffrichten laſ - ſen. Denn groſſe Holtzſtoͤſſe und hocherhabe - ne Graͤber ſind nichts minder Kennzeichen hoher Verdienſte und Werthhaltung / als groſ - ſe Schatten Merckmahle groſſer Leiber. Die Leichen wurden von der Burg auff erhobenen Stuͤhlen durch eitel Ritter dahin getragen / welchen in die Hand ein Honig-Kuchen / in den Mund eine Muͤntze gegeben / auff das Haupt ein Krantz / als ein Zeichen der uͤber - wundenen irrdiſchen Drangſalen / geſetzt war. Ob nun wohl die Deutſchen zeithero bey ih - ren Begraͤbniß-Feyern keine koſtbare Pracht gebrauchten / die Todten mit keinen Kleidern ziehrten / noch die Holtz-Stoͤße mit wohlruͤ - chenden Salben und Balſamen auffrichteten / ſich auch mit einem aus Raſen erhoͤheten Grab - mahle vergnuͤgten / und alſo nicht unweißlich anmerckten: daß aus der Menſchlichen Aſche / als dem Merckmahle unſer Vergaͤngligkeit / Ehrgeitz ziehen wollen / die groͤſte Eitelkeit ſey; ſo wolte doch der Feldherr / bey dieſem ungemein herrlichen Siege denen fuͤrs Vater - land ruhmwuͤrdig auffgeopfferten Leichen auch ein ungemeines Gepraͤnge ausrichten. Sie hatten in dem Laͤger einen groſſen Vorrath von Zimmet / Weyrauch / Myrrhen / Nar - den und Juͤdiſchen Balſam / welchen Varus noch mit aus Syrien bracht / gefunden. Die - ſer ward zu Einſalbung der Leichen und der Holtzſtoͤſſe verbrauchet. Denn die Deutſchen hielten diß fuͤr eine heilſame Verſchwendung / welche ihnen den Zunder zu weibiſcher Uppig - keit aus dem Wege raͤumte. Jeden Ritters Pferd ward auch geſchlachtet / und nebſt ſeinen gebrauchten Waffen und was dem Verſtor -benen ſonſt etwan lieb geweſen / mit verbren - net. Die Bluts-Verwandten warffen in die Flamme viel an ihre ſchon fuͤrlaͤngſt verſtor - bene Freunde geſtellte Brieffe / in Meinung: daß ihre Seelen hierdurch den Zuſtand ihrer Nachkommen zu wiſſen bekaͤmen / als welche die verbrennten Schrifften zu leſen allerdings faͤhig waͤren. Bey iedem Holtz-Stoſſe wur - den auch etliche der Gefangenen abgeſchlach - tet / und uͤberdiß muſten auff den Graͤbern dieſer Helden hundert Paar gefangener Roͤ - mer und Gallier / auff welche das Loß fiel / ſich zu tode fechten. Ja es fiel die deutſche Ritter - ſchafft den Feldherrn an: weil die Roͤmer mehrmahls zehn und zwantzig Jahre nach ih - rer Eltern Tode ihre Graͤber mit dem Blu - te derer zum Fechten gezwungener Deutſchen / ja auch Julius ſeiner Tochter Begraͤbniß da - mit eingeweihet / andere auch wohl ſelbſt ſol - ches in ihren letzten Willen verordnet haͤtten; ſo moͤchte er doch ſeines Vaters wahrhafftes und ſeiner Muttter leeres Grab / bey dem Taufaniſchen Tempel / durch gleichmaͤßiges Blut der Roͤmer verehren. Weil nun der Feldherr dieſen ſo unverdienten Helden uͤbel etwas ausſchlagen konte / befahl er: daß auff ꝛedem Grabe ſieben Paar Roͤmer einander auf - opffern ſolten. Die Freunde der Todten a - ber verſcharreten die aus den gluͤenden Koh - len herfuͤrgeſuchte Gebeine und Todten-A - ſche / nachdem ſie ſie mehr mit Thraͤnen als wohlruͤchenden Waſſern angefeuchtet hatten / in die Erde. Auff iedem Grabe richteten ſie von Raſen einen hohen Huͤgel auff / der Feld - herr aber ließ hernach einen Stein dabey ſe - tzen / und in ſelbten das Lob deß daſelbſt Be - grabenen hinein graben. Unter andern war alldar Emma / eines Heruliſchen Fuͤrſten Toch - ter / des in der Schlacht umkommenen Rit - ters Stirum Wittib. Dieſe / nachdem ſie ih - rem Ehherrn die letzte Pflicht mit hoͤchſter Sorgfalt geleiſtet hatte / laß aus den noch al -lent -69Arminius und Thußnelda. lenchalben brennenden Holtz-Stoſſe / ohne ei - nige Empfindligkeit / ſeine noch heiſſen Beine in einen Krug zuſammen. Die in ihrem Her - tzen noch unerloſchene und von uͤbermaͤßigem Schmertz zuſammen gezwengte Liebe preßte aus ihren Augen ſo viel Thraͤnen aus / daß es ſchien / als ob ihre gantze Seele darein zerrin - nen wolte / um nur ihres Eh-Herrn Gebeine damit abzukuͤhlen / und ſeine Todten-Aſche da - mit einzubalſamen. Als endlich ihre Augen kein Waſſer mehr zu geben vermochten / ver - ſcharrete ſie den Todten-Krug unter eine hohe Eiche / rieff hiermit: ihr Goͤtter! laſſet dieſer Aſche die Erde leichte ſeyn! Und ihr heiligen Gebeine / wuͤrdiget dieſelbe zu eurem Opffer / welche dadurch ſchon lange genug gelebt / nach dem ſie ihr Leben mit einem ſolchen Helden zu - gebracht. Nun ich denn meines Ehmanns Hertze in dieſe Flamme / und in dieſen Krug / meines aber in dieſe Aſche begraben habe / wor - zu iſt mir dieſer Hertzloſe Leib laͤnger nuͤtze? Alſofort ergriff ſie ein Band / henckte ſich an einen Aſt recht uͤber ihres Eh-Herrn Grab. Sintemahl nach der Heruliſchen Voͤlcker Lan - des-Gewonheit eine Frau ohne hoͤchſte Ehren - Verletzung eben ſo wenig / als die ſich mit ihren Ehmaͤnnern verbrennende Frauen in Jndien lange ihres Eh-Herrn Todt uͤberleben darff. Ja bey den Deutſchen insgeſamt / ſiehet man alleine Jungfrauen heyrathen / indem ſelbte nur einem einigen Ehmann einen Leib und ein Le - ben widmen / aus dem Bette ihrer einmal abge - legten Jungfrauſchafft in kein anders ſchreiten / und dahero nach ihres Ehmans Tode nach laͤngerm Leben zu ſeuffzen wenig Urſache ha - ben. Alſo gelten bey dieſen Voͤlckern mehr die guten Sitten / als in Narſinga und bey andern Voͤlckern die ſchaͤrffſten Straff-Geſetze / wo der Prieſter bey Verſtattung der andern Vereh - ligung ſolches mit einem gluͤenden Eiſen auff den Schuldern der Braut verſiegelt. Die Fuͤrſten / Grafen und Ritter / ja der Feldherr ſelbſt hielten hierauff denen Beerdigten zu Eh -ren Turnier / Fuß-Kaͤmpffe / Ring-Kopff-Ren - nen und allerhand andere Ritterſpiele / und Hertzog Herrmann ſchlug eine gute Anzahl der - ſelben / welche in der Schlacht ſonderbahre Tha - ten ausgeuͤbt / zu Rittern; unter denen war Sarweden / Eberſtein / Helffenſtein / Waldeck / Bentheim / Salm / Reifferſchied / Reckum / Palland und viel andere tapffere Helden.

Nach eingetretenen Neumonden wurden auff des Prieſters Lybis Erinnerung alle Ge - fangenen / alle Waffen und die Koͤpffe von de - nen Erſchlagenen zu dem Taufaniſchen Tem - pel gebracht. Aus denen auff einander geleg - ten Koͤpffen ward gleichſam ein hoher Thurm gebauet / die Waffen an einem andern Orte auff einen hoher Hauffen anfaͤnglich zuſammen ge - tragen / und von ſelbten die / welche Qvintilius Varus gefuͤhret und mit Golde reichlich gezie - ret waren / ausgeleſen / und in dem Tempel dem Woden / mit welchem Nahmen ſie den goͤttlichen Beyſtand im Kriege andeuteten / zu Ehren auf - gehenckt / die andern abeꝛ von dem Feldherꝛn un - ter die Kriegs-Leute ausgetheilet. Hertzog Herr - mann und Jnguiomer trugen ſelbſt die zwey er - oberten Roͤmiſchen Adler / und liefferten ſelbte mit groſſem Gepraͤnge dem Hohenprieſter Libys ein / welcher beyde uͤber zwey Opffertiſche ſtellte. Des Varus Haupt ward auff einem dem Tu - iſco auffgerichteten Altar als ein Erſtling ihres Opffers / gelegt / in deßen im Leben uneꝛſaͤttlichen Mund / wie vormahls es Mithridates dem Manius Aqvilius / und fuͤr 32. Jahren Orodes dem Craſſus / oder vielmehr Sextimulejus dem Grachus mitgeſpielet hatte / zerſchmeltztes Bley gelaſſen / und den Schutzgoͤttern Deutſch - lands fuͤr erlangten herrlichen Sieg gedancket. Hierauff baueten die Prieſter um den Tem - pel ringsher hundert Altare aus zuſammen - geſetzten Raſen / alldar allezeit den hunder - ſten der Gefangenen denen Goͤttern zu opf - ern. Maſſen denn alſofort von den Prie - ſtern ihre Haͤupter mit Wein abgewaſchen / dieJ 3andern70Erſtes Buchandern Glieder mit Waſſer beſprengt / hernach gebunden / geſchlachtet / das Blut in einen Keſſel zuſammen auffgefangen / die Leiber verbrennt / und die Koͤpfe zum theil zur Balſamung auffge - hoben worden. Sintemal die Deutſchen die Koͤpfe nach der Egyptier Gewohnheit / die ſie von den Opfern in Nil-Strom warffen / nicht mit verbrennten / ſondern mit Ceder-Safft einzuſal - ben / und fuͤr der Faͤulnuͤß ihren Nachkommen zum Gedaͤchtnuͤß ihrer Siege zu verwahrẽ / auch ſelbte in ſo groſſem Werthe zu halten pflegen / daß ſie ſelbte nicht / mit den Moͤrdern des Gra - chus / umb gleichwiegendes Gold verwechſeln wuͤrden.

Endlich ward auch Malovend der Marſen Fuͤrſt / Cejonius / Caldus Caͤlius / Sextus Catu - lus / Apronius und Emilian zur Opferung ge - fuͤhret. Als man nun an den Malovend die Hand anlegen wolte / ſchuͤtzte er das Recht des Vaterlandes fuͤr / welches ihn als einen gebohr - nen Deutſchen ſeinen eigenen Goͤttern / welchen auch von den wilden Scythen nur fremdes Menſchen-Blut geopfert wuͤrde / zu ſchlachten nicht zulieſſe. Ob nun wol Hertzog Ganaſch ihm fuͤrwarff: Er habe dem Vaterlande abge - ſchworen / dem er das Leben zu dancken haͤtte / und den letzten Athem ſchuldig waͤre. Wer wider dis den Degen ausziehe / verliere ſein Buͤr - ger-Recht / und ſey aͤrger zu ſtraffen als Auslaͤn - der; ſo nam ſich doch ſo wol der Prieſter Libys als der Feldherr dieſes Gefangenen an. Jener / weil die milden Schutz-Goͤtter Deutſchlands ihr eigenes Blut zu verderben Abſcheu haͤtten; dieſer / daß ſo wol der ſchluͤpferigen Jugend un - vorſichtigen Fehlern / als denen ſeltzamen Ver - wickelungen bißheriger Laͤufte etwas von der Schaͤrffe der Geſetze zu enthaͤngen ſey. Hin - gegen muͤſte gegen die Roͤmer mit der ihnen ge - wohnten Schaͤrffe verfahren werden / welche nicht nur die gefangenen Menſchen toͤdteten / ſondern auch ihre Hunde ſchlachteten. Cejoni - us zohe fuͤr ſich an / daß er / Apronius / Emilian /und alle andere / die im Laͤger geweſen / nicht fuͤr Gefangene / ſondern fuͤr ſich gutwillig ergeben - de zu achten waͤren / welche hinzurichten alle Voͤlcker fuͤr Grauſamkeit hielten. Der Feld - herr aber befahl: Es ſolte zwar dem Apronius / Emilian und andern Ergebenen das Leben ge - ſchenckt ſeyn / Cejonius aber wuͤrde wegen ſeiner verzagten Auffgabe des Laͤgers ihm ſelbſt nur zur Schande leben / und habe mit ſeinen gegen die Deutſchen verdienten Boßheiten einen aͤrgern Tod verdienet; dahero muͤſſe er von Henckers - nicht Prieſters-Haͤnden ſterben. Die Roͤmer haͤtten gegen die Ergebenen mehrmals anders gewuͤtet. Emilianus habe fuͤnfhundert Ergebne aus des Viriats Kriegsleuten in Spanien mit dem Beilhinrichten; Kayſer Julius den Fuͤrſten Guturat in Gallien zu Tode pruͤgeln / und her - nacherſt enthaupten; allen / die ſich aus Mangel Waſſers mit der Feſtung Uxellodun ihm erge - ben muͤſſen / und Waffen tragen koͤnnen / die Haͤnde abhacken / der noch lebende Auguſtus in dem buͤrgerlichen Kriege gantze ergebene Staͤdte aushauen laſſen. Cejonius warff ein: Maxi - mus Emilianus habe dem Konneba / einem er - gebenen Straſſen-Raͤuber / Caͤſar auch See - Raͤubern das Leben geſchenckt. Er ward aber / als er mehr reden wolte / hingeriſſen / in einen nicht weit entfernten Sumpf geworffen / und mit ei - ner auf ihn geworffenen Hurde erſtecket. Auf welche Art die Deutſchen das Laſter weibiſcher Zagheit zwar offentlich zu ſtraffen / zugleich aber das Gedaͤchtnuͤß zu verſtecken pflegten. Eine in Wahrheit eben ſo wol verdiente Straffe fuͤr den Cejonius / als im Mithridatiſchen Kriege fuͤr den Aquilius / welcher lieber ſchimpflich vom Hencker als ruͤhmlich im Streit zu ſterben erkic - ſet hatte. Caldus Caͤlius und Sextus Catulus ſahen inzwiſchen wenig Hoffnung uͤbrig ſich von ſo blutiger Auffopferung zu erledigen / als welche in der Schlacht verwundet und gefangen wor - den waren. Gleichwol wolte Catulus ſein Heil noch verſuchen / redete derowegen den Feldherrnan:71Arminius und Thußnelda. an: Er koͤnte nicht glauben / daß einige Goͤtter an ſo grauſamem Gottes-Dienſte Gefallen truͤgen. Die Scythen und Thracier wuͤrden fuͤr die raueſten Voͤlcker insgemein gehalten / dieſe aber opferten nur den hundertſten Gefan - genen / hier aber wuͤrde von denen ſonſt ſo hochge - ruͤhmten Deutſchen auff alle erbaͤrmlich geraſet. Hannibals und Xantippus Grauſamkeit ſey zwar noch beſchrien / daß jener aus denen erſchla - genen Feinden uͤber die Vergelliſche Bach ihm eine Bruͤcke gebaut / die Vaͤter mit den Soͤhnen / Bruͤder mit Bruͤdern zu kaͤmpfen gezwungen / und hierdurch den Mohren ein Schau-Spiel angeſtellt habe; dieſer / daß er und die Carthagi - nenſer dem Attilius Regulus die Augen-Lieder abſchneiden / und ihn an der brennenden Sonne verſchmachten laſſen. Alleine beyde haͤtten ſcheinbare Urſache ihrer Grauſamkeit gehabt; der erſte / weil der Roͤmiſche Rath die Gefange - nen zu loͤſen verboten; die andern / weil Regulus den Roͤmern den Frieden und ſeine Auswechſe - lung ſelbſt widerrathen haͤtte / und ſo wol er als Sempronius dem Feinde gleichſam zu Trotze ins Mohriſche Laͤger zuruͤck kommen waͤren. Dieſesmal aber waͤre an ihrer Loͤſ - oder Ein - wechſelung nicht zu zweifeln. Hingegen habe Mithridates nicht allein unſterbliches Lob er - worben / ſondern auch die Roͤmer mit nichts mehrers erſchreckt / als daß er ihre Gefangenen mit einem Zehr-Pfennige verſehen und ohne Entgeld frey gelaſſen. Kayſer Julius habe es mit den Pompejiſchen Gefangenen nicht anders gemacht. Hertzog Ganaſch fiel ihm in die Re - de: Alle Gefangene muͤſſen ſterben. Rom hat ſelten einem fremden Gefangenen Lufft und Le - ben gegoͤnnet. Vom Marius vermochten die Celtiſchen Weiber und Kinder nicht das Leben und die Freyheit zu erbitten. Caldus Caͤlius biß hieruͤber die Zaͤhne zuſammen / und fuhr den Catulus mit verzweifelter Geberdung und harten Worten an: Schone deiner! Einem Roͤ - mer ſtehet es ſo wenig an das Leben zu erbetteln /als dieſe Barbarn einiger Bitte werth ſind. Folge meinem Beyſpiele / wo es dir mehr umb Ehre als den ohnmaͤchtigen Athem zu thun iſt. Hiermit ergriff er die eiſernen Ketten / wormit er gebunden war / und ſtieß ſelbte ſo heftig an ſein Haupt / daß er mit Vergieſſung ſeines Bluts und Gehirnes Augenblicks todt zu Bo - den fiel. Ja ehe ein Menſch zuſpringen konte / hatte es Catulus ihm nachgethan; allen hier - uͤber erſtaunenden Zuſchauern zum Nachden - cken laſſend: Ob bey dieſer Begebenheit das be - hertzte Beyſpiel oder die geſchwinde Nachfolge mehrer Verwunderung wuͤrdig ſey / oder ob ſie nicht mit groͤſſerm Ruhm geſtorben als Corne - lius Merula / der umb / nicht in des wuͤtenden Marius Haͤnde zu fallen / mit ſeinem eignen Prieſter-Blute des Jupiters Augen beſpreng - te; oder als Herennius Siculus / der ſeinen Kopf an den Pfoſten des Kerckers zermalmte / und alſo dem Hencker gleichſam den ſchimpfli - chen Tod aus den Haͤnden wand.

Hierauff ward auch der ausgeſcharrte Leich - nam des Roͤmiſchen Feldherrn zu einem Altare geſchleppt / bey welchem Printz Seſitach / Her - tzog Segimers und Fuͤrſt Siegesmund des Se - geſthens Sohn zugegen waren. Der erſtere / welcher wegen einer einsmal geſchehenen Belei - digung auf den Varus einen unverſoͤhnlichen Haß geſchoͤpfft hatte / ſpottete nicht allein ſein / ſondern wolte auch verwehren ihn als ein un - wuͤrdiges Aaß auff dem Altare zu verbrennen. Fuͤrſt Siegesmund aber / welcher wegen ſeines abtruͤnnigen und numehro verhaffteten Vaters in groͤſtem Bekuͤmmernuͤſſe war / und von denen gegen ihn als einen Verraͤther des Vaterlandes hoͤchſt-erbitterten Deutſchen ein ſcharffes Ur - thel befahrete / bekam hierbey eine Gelegenheit zugleich ſich bey den Deutſchen einzulieben / und den Roͤmern einen Dienſt zu thun / oder zum minſten ſſelbte nicht gar aus der Wiege zu werf - fen. Denn ob wol der ſchlaue Segeſthes / als er zu den Roͤmern uͤberging / ſeinem Sohne mitFleiß72Erſtes BuchFleiß befohlen hatte / er ſolte mit einem Theile des Caſuariſchen Adels auf der deutſchen Seite ſtehen bleiben und fechten; womit / wenn die Deutſchen die Ober-Hand behielten / der Sohn dem Vater / da aber die Roͤmer obſiegten / der Vater dem Sohne Freyheit und Begnadigung erbitten koͤnte; Siegesmund auch in der Schlacht ſeinen Mann gewehret / und gute Kenn-Zeichen ſeines deutſch-geſinneten Gemuͤ - thes von ſich gegeben hatte; ſo vermochte doch diß alles / entweder wegen kindlicher Liebe / oder weil ſein Gewiſſen des Vaters Verbrechen ſelbſt zu unnachlaͤslicher Straffe verdammete / ihm nicht die geſchoͤpfte Furcht zu benehmen. Dahero redete er den Seſitach an: Vetter / du weiſt / wie mein Vater mich zu groſſen Ehren gebracht zu haben vermeynt / als er mir wider meinen Willen / und die angeborne Abſcheu fuͤr den Roͤmern das Prieſterthum bey dem von den Roͤmern am Rheine aufgerichteten Altare der Ubier nicht ohne groſſe Muͤh und Geld zuwege gebracht. Zeit und Alter lidten es damals nicht / daß ich haͤtte meine innerſte Gemuͤths-Mey - nung heraus ſagen / oder mich dem vaͤterlichen Befehle widerſetzen doͤrffen. Den erſten Au - gen-Blick aber / da ich von der Deutſchen wider die Roͤmiſche Dienſtbarkeit ruͤhmlich-gefaßten Entſchluͤſſung nur wenig Wind bekommen / habe ich vorſaͤtzlich das ewige Feuer ausgeleſcht / den Prieſter-Rock und die Haupt-Binden zer - riſſen / mich uͤber den Rhein gefluͤchtet / und fuͤr mein Vater-Land mein Blut mit beſſerm Ruh - me / als dort die uns geraubten Ochſen / den Goͤttern aufzuopfern / entſchloſſen. Goͤnne mir dieſemnach / daß ich unſern Schutz-Goͤttern dieſes von ſeinem Blute und Vermoͤgen ſo fette Opfer abliefern / und jenes irrdiſche Prieſter - thum in ein heiliges verwandeln moͤge. Die Gewogenheit des Fuͤrſten Siegesmunds und die Einfalt der umbſtehenden Kriegsknechte ließ ſich von ihm leicht erbitten / und der andaͤchtige Libys wolte einen Fuͤrſten von ſo hohem Gebluͤ -te / welcher ſchon einmal zum Prieſter geweyhet war / von dieſer Verrichtung nicht abſtoſſen / ſon - dern befahl / daß ihm alſobald aus dem heili - gen Brunnen reines Waſſer zu Abwaſchung ſei - ner Haͤnde gebracht ward; warff zu ſeiner Be - ſtaͤtigung ihm einen weiſſen Rock uͤber / und ſetzte ihm einen Lorber-Krantz auff. Fuͤrſt Sieges - mund ward hieruͤber nicht wenig vergnuͤget; weil er hierdurch zum minſten wider die ſtrengen Geſaͤtze / welche auch der Verraͤther Kinder ge - wiſſen Straffen unterwerffen / ſich in Sicherheit geſetzt hatte. Hiermit raffte er ſich mit der von den Kriegs-Leuten entbloͤſſeten Leiche des Va - rus / warff ſelbten in die lodernde Flamme des Altars / und rieff: Groſſer Tuiſco / nim dieſes Opfer fuͤr die Wolfahrt des Vater-Landes gnaͤ - dig an! Ja! und vertilge die Verraͤther deſſelbten mit Strumpf und Stiel; brach ihm Neſſelrod ein Cheruskiſcher Ritter ein: Sehet / und erſtar - ret zugleich ihr edlen Deutſchen / uͤber der Boß - heit des meineydigen Segeſthes. Hiermit laß er einen Brief / welchen er in des Varus Klei - dern gefunden / Segeſthes aber die letzte Nacht fuͤr dem Treffen an ihn geſchrieben hatte / mit nachfolgenden Worten ab:

Segeſthes wuͤntſchet dem Quintilius Varus Leben und Sieg / ihm ſelbſt aber den numehr zu ſpaͤten Tod / nach dem er mit dem Hertzog Herr - mann und andern Bundbruͤchigen Fuͤrſten in den Uberfall des Roͤmiſchen Kriegs-Volcks hat ſtimmen muͤſſen / welche die zum Schein wider die Sicambrer / Angrivarier und ihren aufruͤh - riſchen Melo verſammleten Huͤlffs-Voͤlcker folgenden Tag wider eure Adler anfuͤhren wer - den. Wolte Gott! Varus haͤtte meinen War - nungen ſo viel Glauben gegeben / da ich ihm noch fuͤr wenig Tagen rieth ſo wol mich als den arg - liſtigen Herrmann nebſt ſeinem Anhange bey ſeinem Gaſtmahle in Feſſel zu ſchluͤſſen / als er auff die glatten Verſicherungen dieſes Aufruͤh - rers mit ſeinem nun empfindlichen Schaden ge - trauet. Es iſt mehr ein thoͤrichter Aberglauben /als73Arminius und Thußnelda. als eine Froͤmmigkeit / wenn man ihm ein Ge - wiſſen macht den in ſeinem Hauſe uͤber ſeinem Tiſche hinzurichten / welchen ſein Verbrechen zum Tode verdammt. Numehro beſtehet dein und der Roͤmer Heil in Zuſammen - raffung der Roͤmiſchen Kraͤffte / und in einer vorſichtigen Zuruͤckziehung von der Lippe. Jnzwiſchen glaube / daß ich meine Waffen der Roͤmiſchen Macht beyzufuͤgen entſchloſſen ſey / da mir der Feind und das Verhaͤngnuͤß nicht alle Wege verbeugen wuͤrden. Diß abgeleſene Schreiben verurſachte unter dem Kriegs-Vol - cke ein groſſes Getuͤmmel. Einige fragten: Warumb man den Segeſthes / welcher dem Va - terlande das Roͤmiſche Joch haͤtte an die Hoͤrner ſchlingen helffen / welcher Urſache waͤre / daß Deutſchland zu unausleſchlichem Spott zwi - ſchen dem Rhein und der Elbe die Roͤmiſchen Beile und Ruthen geſehen / nicht zum Suͤhn - Opfer den Goͤttern des Vaterlandes zum erſten abgeſchlachtet haͤtte? Andere rieffen: Bey an - dern Voͤlckern waͤre es halsbruͤchig / wenn einer wider ſeines Feld-Oberſten Willen den Feind angegriffen / und gleich geſieget haͤtte. Papirius haͤtte deßwegen den Q. Fabius zum Tode ver - dam̃t / und Manlius ſeinen eigenen Sohn mit dem Beile richten laſſen. Solte nun Segeſthes ſein Vaterland ungerochen bekriegt haben? Die vaͤterlichen Geſetze hieſſen Verraͤther und Uber - laͤuffer an Baͤume auffhencken. Man ſolte dieſen Eydbruͤchigen herzu ſchaffen. Sein ho - her Stand vermoͤchte ihn nicht des Todes zu be - freyen / wo der Deutſchen Geſetze nicht zu Spin - neweben werden ſolten / darinnen nur Muͤcken und Fliegen hencken blieben / Weſpen und Hor - niſſen aber durchriſſen. Miſſethaten ſtuͤnden Fuͤrſten / wie Flecken den groͤſten Geſtirnen am ſchimpflichſten an. Segeſthens Beſtraffung koͤnte auch keine Schande auff ſeine ſo hochver - diente Anverwandten waͤltzen. Denn die La - ſter beſudelten niemanden als den Ubelthaͤter / und die Urſache / nicht die Straffe machte einen unehrlich. Deßwegen haͤtte Lucius Brutusſeine eigene Soͤhne / weil ſie mit den verjagten Tarquiniern Verſtaͤndnuͤs gehabt / und Spu - rius Caſſius ſeinen nach der Roͤmiſchen Herr - ſchafft ſtrebenden Sohn mit Ruthen ſchlagen / und des Kopfes kuͤrtzer machen laſſen. Mit ſolchem Ungeſtuͤm fielen ſie an die Prieſter. Gott und die Vorfahren haͤtten ihnen die Gewalt ge - geben die Miſſethaͤter in Hafft zu ziehen und zu verurtheilen. Sie ſolten uͤber den Segeſthes ihnen nun Recht verhelffen. Gott koͤnne kei - nen ſuͤſſern Geruch empfangen / als den Dampf vom kreiſchenden Blute eines boßhaften Men - ſchen. Der Feldherr ward uͤber dieſem Zufalle in nicht geringe Verwirrung verſetzt; ſonderlich als er wahrnahm / daß hierdurch einige Prieſter / mit Huͤlffe der verbitterten Kriegsleute / den Se - geſthes herbey zu ſchaffen ſich bewegen lieſſen. Und zwar viel / in Meynung / dem Feldherrn / welcher mehrmals vom Segeſthes beleidigt worden war / einen Dienſt zu thun / nach dem insgemein unvergeltete Wolthaten fuͤr Verluſt / geraͤchetes Unrecht fuͤr Gewinn gehalten wuͤr - den. Er ſelbſt konte zwar die Verraͤtherey Se - geſthens unverdammet nicht laſſen / gleichwohl fuͤhlte er ſchon durch die Beleidigung Segeſthens ſeiner unvergleichlichen Thußnelde Seele ver - wunden / und dieſe Empfindligkeit ihm ſelbſt durchs Hertze gehen. Ja dieſe Bekuͤmmernuͤß wuchs noch mehr / als Ganaſch das durch den Segeſthes ſeinen Chautzern verurſachte Unheil wieder auf den Teppicht warf / und daß auch hun - dert ſeiner Koͤpfe ſeinẽ ſo ſehr beſchimpften Vol - cke dergleichẽ Schmach zu bezahlẽ viel zu wenig waͤren. Hertzog Jubil pflichtete dieſer Meynung nicht nur bey / ſondern zoh auch an: Wem das Vaterland lieb waͤre / der muͤſte ſolchen Verraͤ - thern gram ſeyn / welche auch ſo gar die haßten / die ſie zu Werckzeugen ihres Vortheils brauch - ten. Solche groſſe Verbrechen uͤberſehen / waͤre ein gewiſſes Kennzeichen entweder gleichmaͤſſi - ger Boßheit / oder daß man ſich fuͤr denen fuͤrch - tete / welche fuͤr der Gerechtigkeit leben ſolten. Nicht nur die Laſterhaften / ſondern auch die /Erſter Theil. Kwel -74Erſtes Buchwelche bey gemeinen Verwirrungen ſich etwas zu entſchluͤſſen kein Hertze haͤtten / wuͤrden durch ſo grauſame Barmhertzigkeit zu ſchaͤdlicher Nachfolge verleitet / die Unſchuld aber ſchuͤchtern gemacht / welcher ohnediß ſtets mehr Gefahr als Ehre zuhinge; da hingegen die Boßhaften noch mit ihren Ubelthaten wucherten. Wenn nun Segeſthes das Kauff-Geld / das ihm die Roͤmer fuͤr der Deutſchen Freyheit gegeben / behielte / die Deutſchen aber ſeine Verraͤtherey nicht ſtraff - ten / wer wolte nicht glauben / daß die Vergeltung numehr der Boßheit / die Schande der Tugend gewiedmet waͤre; oder / daß Segeſthes dieſe nicht unbillich verhandelt haͤtte / welche uͤber ihrer Dienſtbarkeit ſo unempfindlich waͤren. Wie viel ruͤhmlicher waͤre es ihnen / wenn die Vor - Eltern ihre Freyheit mit ſo viel Blute nicht be - hauptet haͤtten; weil es ja ſchimpflicher waͤre / das erworbene verlieren / als es gar nicht erwer - ben! Was wuͤrde in Deutſchland mehr heilig bleiben / nun das Vater-Land zu feilem Kauffe ginge? Zu was wuͤrde Recht und Richter mehr nuͤtze ſeyn / nun die Verraͤtherey unſtraͤfflich waͤ - re? Zu was Ende kaͤmpften ſie umb das Joch der Herrſchafft abzulehnen / wenn Segeſthes thun moͤchte / was er wolte? Denn dis waͤre das euſerſte der Koͤniglichen Gewalt. Wuͤrde man nun am Segeſthes ein Bey-Spiel der Rache uͤben / wuͤrden ſich alle / die was Boͤſes im Schilde fuͤhrten / wie das kleine Gepuͤſche bey einem groſſen Zeder-Falle erſchuͤttern / die Redlichen aber von der empor wachſenden Boßheit nicht gedaͤmpft werden. Es waͤre viel ſchaͤdlicher / die Laſter ungeſtrafft / als die Tugend unbelohnet laſſen. Denn die Gutten wuͤrden dadurch nur traͤger / die Boͤſen aber verwegener und ſchlim - mer. Die meiſten Anweſenden billigten dieſe Meynung durch ein helles Begehren: Man ſolte denen Geſetzen ihre Krafft / dem Rechte ſei - nen Lauff / und der Straffe ihr Maaß laſſen. Ja das Volck bezeigte mit ſeinen Ungeberden gleichſam ſeine Ungedult uͤber der allzulangſa -men Rache. Gleichwol erholte ſich Hertzog Herrmann / drehete ſich gegen dem oberſten Prie - ſter / als welcher ihm hierinnen am meiſten zu ſtatten kommen konte / meldende: Dieſe Opfer koͤnten mit einheimiſchem Blute nicht beſudelt werden / nach dem die Sitten des Vaterlandes nur frembdes Blut heiſchten. Alleine wie groſſes Anſehen er bey iedermann hatte / ſo war doch dieſer Fuͤrwand die erbitterten Gemuͤther zu beruhigen allzuohnmaͤchtig. Denn Hertzog Ganaſch hielt entgegen: Es foderten die Geſetze nicht allein Straffe uͤber die Beleidiger; ſondern es ſolte der Feldherr ſich nur ſines eigenen Ge - luͤbdes erinnern / wie er an dieſem heiligen Orte den Goͤttern bey aufgehendem Monden ange - lobt / alle die er gefangen bekommen wuͤrde / auf - zuopfern. Ja / antwortete der Feldherr: Aber Segeſthes iſt nicht in meine / ſondern in ſeiner eigenen Tochter Haͤnde verfallen / welche fuͤr das Vaterland mit mehr als maͤnnlicher Tapferkeit ihr Blut aufgeſetzet / durch ihren gluͤcklichen An - fang dem gantzen Heere die unzweifelbare Hoff - nung eines herrlichen Sieges eingebildet / und dahero zweyfaches Hertze gemacht. Denn der erſte Ausſchlag gebiehret entweder verzagte Furcht / oder vermaͤſſene Zuverſicht. Mit nicht minderm Ruhm hat Fuͤrſt Sigesmund ſeine Liebe zum Vaterlande bezeugt / und mit ſeinem Blut die Flecken der vaͤterlichen Schuld abge - waſchen. Uber dis haben Sylla und andere Wuͤteriche denen Verſtorbenen zu Ehren ehe - mals denen undanckbarſten und ſchuldigſten Miſſethaͤtern die verdienten Straffen enthan - gen. Segeſthes ward nebſt denen zweyen ge - fangenen Fuͤrſten Armeniens und Thraciens auf einem Wagen gleich herzu gefuͤhrt / als der Feldherr fuͤr den erſten derogeſtalt redete. Se - geſthes ward hieruͤber nicht wenig beſchaͤmt; fiel ihm dahero in die Rede: Er haͤtte dieſe Verthei - digung weder umb den Feldherrn / noch ſeine Begnadigung umbs Vaterland verdienet. Er erkenne die Groͤſſe ſeines Verbrechens erſt nachvoll -75Arminius und Thußnelda. vollbrachter That. Waͤre es nach den vaͤterli - chen Rechten zulaͤßlich / wolte er hier gerne ein Opfer fuͤr das gemeine Heil werden. Denn dem / welchen ſein Gewiſſen verdammte / waͤre der Tod ein Troſt / das Leben eine unaufhoͤrliche Quaal; Sintemal die Gnade einen Verbre - cher zwar der Straffe / nicht aber ſeiner Schan - de entbuͤrden koͤnte. Die Prieſter erſtarreten gleichſam hieruͤber; und ob zwar der Feldherr fuͤr Segeſthen das Wort nicht reden wolte / ſahen ſie ihm doch unſchwer an / wie ſehr ihm ſeines er - kieſeten Schwaͤhers Fall muͤſte zu Hertzen geben. Denn wie die Liebe ein ſo nachdruͤckliches Feuer iſt / daß ſie ſtaͤhlerne Hertzen erweichet; alſo laͤſt es ſich auch am ſchwerſten verbergen / und iſt un - ter allen Gemuͤths-Regungen die unvorſichtig - ſte. Ganaſch nahm dieſe Unbewegligkeit der Prieſter fuͤr eine Kaltſinnigkeit auf; redete ſie daher auffs neue an: Jhnen waͤre die Erhaltung der Geſetze / die Straffe der Laſter auff ihre See - le gebunden. Sie ſolten numehro dem Volcke Recht verhelffen / und urtheilen: Ob ſie den / wel - cher ſich ſelbſt verdammete / loßſprechen koͤnten? Taugte dieſer Miſſethaͤter nicht zu einem Schlacht-Opfer / ſo waͤre dieſer heilige Ort doch ihr gewoͤhnlicher Richt-Platz / wo uͤber der Edlen Leben erkennet und geſprochen wuͤrde. Sie ſolten erwegen die Eigenſchafft des Laſters / die Beſchaffenheit des Verbrechens / und das den Deutſchen hieraus erwachſende Unheil. Grie - chenland koͤnne ſich ruͤhmen / daß Codrus / umb nur durch ſeinen Tod das Vaterland zu erhal - ten / ſeinen Purpur mit dem Rocke eines Scla - ven verwechſelt; der ins Elend verjagte Themi - ſtocles aber / womit er dem Xerxes wider ſein un - danckbares Vaterland dienen doͤrfte / habe von einem dem Jupiter geſchlachteten Ochſen das Blut ausgetruncken / und ſich ſelbſt fuͤr ſeine Feinde aufgeopfert. Deutſchland aber habe am Segeſthes ſo eine Schlange gebohren / welche der eigenen Mutter Leib zerfleiſche. Die Geiſter ſeiner ruhmwuͤrdigen Vorfahren / derer Ge -ſchlechte er mit ſo ſchlimmen Thaten beſchwaͤrtz - te / wuͤrden in ihren Graͤbern beunruhiget wer - den / da ſie nicht durch ſeine Hinrichtung verſoͤh - net / ja er ſeinen ſo tugendhaften Kindern als ein Greuel aus den Augen geriſſen wuͤrde. Das Urthel waͤre unſchwer wider ihn abzufaſſen / nach dem das Geſetze in dem benachbarten Hay - ne an ſo vielen Baͤumen angeſchrieben ſtuͤnde / daran man viel geringere Verraͤther und Uber - laͤuffer auffgehenckt ſehe. Die Geſetze waͤren ohne folgende Beſtraffung der Ubertreter eine Blendung der Einfalt / und ein Hohn der Boß - haften. Denn keines haͤtte eine ſo kraͤfftige Guͤt - te in ſich / dieſe auff den Weg der Tugend zu lei - ten / die Guten aber folgten ihr ohne Geſetze. Eine zum Argen geneigte Seele waͤre zwar die Mutter / und braͤchte die Laſter auff die Welt / der ſolche nicht hinderte / huͤlffe ihr auff die Beine / aber der Richter / welcher ſie nicht ſtraffte / kroͤnete ſie gar. Libys befand ſich hierdurch uͤberwieſen / und nach dem er weder einen ſo hoch - verdienten Feldherrn / welcher die Stiefmuͤtter - lichen Abneigungen des Gluͤcks mit ſo vaͤterli - cher Liebe gegen das Vaterland ausgegleicht haͤtte / betruͤben / noch iemanden die Gerechtigkeit verſagen wolte / zwiſchen Thuͤr und Angel. Denn nach dem er durch die Wolthat dieſes Helden ſich und Deutſchland allen Bekuͤmmer - nuͤſſes entledigt wuſte / hatte er numehr ſo viel mehr Kummer um ihm ſelbſt. Hingegen muͤ - ſten alle andere Abſehen der Gerechtigkeit aus dem Wege treten; ſintemal da ſchon die Geſetze zu Grunde gingen / wo Gewalt und Anſehen uͤber ſie empor ſtiege. Bey dieſem Bedencken legten gleichwohl / aus einem beſondern Ver - haͤngnuͤſſe / die Opfer-Knechte Hand an Segeſt - hes / hoben ihn vom Wagen / und er ſelbſt warte - te nicht ſo wol mehr auff ſein Todes-Urtheil / als auff was Art ſelbtes an ihm wuͤrde vollzogen werden. Aller Augen waren auff den Libys gerichtet / welche durch ihr Stillſchweigen ihm numehr das Urthel abzunoͤthigen ſchienen. K 2Da -76Erſtes BuchDahero dieſer Prieſter ſich nur ſeines Amptes nicht entaͤuſern konte / ſondern zu befinden ge - zwungen ward: Es muͤſte Segeſthes / da er ein taugliches Opfer ſeyn wolte / ſeinem Vaterlan - de / Geſchlechte und Nahmen abſchweren / oder die irrdiſche Straffe der Verraͤther ausſtehen. Segeſthes entruͤſtete ſich uͤberaus / und fuhr den Prieſter mit harten Worten an: Er habe zwar bey dieſer der Tugend gehaͤſſigen Zeit geſuͤndigt; darumb aber ſey bey ihm die Wurtzel der Tu - gend nicht gaͤntzlich ausgerottet / daß er den Glantz ſeiner verſtorbenen Ahnen lieber mit Fuͤſſen treten / als ſich eines ſchimpflichen Todes entbrechen ſolle. Der erſte und letzte Tag des Lebens mache einen Menſchen entweder gluͤck - ſelig oder veraͤchtlich / das Mittel lauffe bald in Ruh / bald mit Sturm dahin / nach dem das Gluͤck ſein Steuer-Ruder fuͤhre / dahero liege einem Sterbenden keine Sorge mehr ob / als daß er das Schau-Spiel ſeines Lebens tugendhaft beſchluͤſſe. Ein heimlicher Abend trockne die Pfuͤtzen eines ſchluͤpfrigen Tages auff / und ein ſauberer Grabe-Stein verdecke auch die beſu - delſten Lebens-Taffeln. Dahero wolle er lie - ber als ein Deutſcher gehenckt ſeyn / als ein un - wuͤrdiger Frembdling / oder vielmehr verſtoſſe - ner / der Eitelkeit einer ihn nicht rein brennenden Opferung genuͤſſen. Das Lob oder die Schan - de eines Todes ruͤhre nicht von dem Ruffe des Poͤfels / noch von dem eitelen Wahne des irren - den Volckes / ſondern von dem Gemuͤthe des Sterbenden her. Jhrer viel ſtiegen ruͤhmlicher auff den Raben-Stein / als mancher Aſche in guͤldne Toͤpfe und alabaſterne Graͤber verſchar - ret wuͤrde. Niemand war / der / dieſer letzten Entſchluͤſſung wegen / Segeſthens Laſter nicht zum Theil fuͤr vermindert hielt. Weil auch der am Ende des Lebens herfuͤrblickende Schatten der Tugend nicht anders als der Wider-Schein der untergegangenen Sonne den allerſchoͤnſten Glantz zu haben ſcheinet. Gleichwol konte Li - bys nicht vorbey ſein End-Urthel zu eroͤffnen:daß Segeſthes nach den Geſetzen des Vaterlan - des muͤſte hingerichtet werden. Aber / verſetzte Segeſthes / iſt es einem Nachkommen des Halb - Gotts Tuiſco nicht verſtattet / daß er das Urtheil an ſich ſelbſt ausuͤbe / und / womit man ſein Ver - brechen nicht weibiſcher Zagheit zuſchreibe / den letzten Athem ungezwungen ausdruͤcke? Denn ich weiß wol / daß dieſe ihnen einen ſchoͤnern Tod anthun / die noch viel Hoffnung zu leben uͤbrig haben; aber auch dieſe ſind weniger veraͤchtlich / welche der Nothwendigkeit des unvermeidlichen Todes mit unverwendeten Augen entgegen ge - hen. Libys antwortete ihm mit Nein. Der angethane / nicht der eigenwillige Tod ſey eine Straffe. Dieſer ſey vielmehr eine Nothwen - digkeit der Natur / eine Ruhe von der Arbeit / ein Ende des Elends. Getraueſtu dir denn (fing die fuͤr ihres Vaters Leben ſorgfaͤltige Thußnel - de an / welche ſich gleich durch die Menge des Volcks zu dieſem Trauer-Spiele herzugedrun - gen hatte) einer zu ſterben entſchloſſenen Seele den Weg zu verbeugen / da uns die Natuꝛ zu dem Tode hundert Pforten eroͤffnet hat? Meinſtu / daß wenn ein Elender die ſchwache Gemein - ſchafft des Leibes und der Seelen zu trennen Luſt hat / ſelbter Gift trincken / Stricke kauffen / Meſ - ſer brauchen / rauhe Stein-Felſen ſuchen / gluͤen - de Kohlen verſchlingen / die Adern zerkerben muͤſſe? Das Gluͤcke haͤtte uͤber uns allzugroſſe Herrſchafft / wenn wir ſo langſam / odeꝛ nur auff einerley Art / ſterben als geboren werden koͤnten; als welches uͤber einen Lebenden alle / auff einen / der zu ſterben weiß / keine Gewalt ausuͤben kan. Hat dir nicht Caldus Caͤlius bewieſen / daß die Feſſel / welche ihm den Eigen-Mord verwehren ſolten / ſein Werckzeug darzu geweſt? Der Raͤu - ber Coma dorffte nichts als ſeinen eignen Lebens - Athem hierzu / durch deſſen Hinterhaltung er unter den Haͤnden ſeiner Huͤter und fuͤr den Au - gen des Buͤrgermeiſters Rupilius ſich erſteckte / alſo die Ausforſchung um ſeine Geferten zernich - tete. Aber es ſey ferne / daß Thußnelde dem /wel -77Arminius und Thußnelda. welchem ſie das Leben zu dancken hat / den Selbſt-Mord einloben ſolte. Ein Knecht thut unrecht / wenn er ſich ſeinem Herrn zu Schaden verſtuͤmmelt. Wir ſind alle Knechte des uͤber - all herrſchenden GOttes / und alſo nicht Herren nur eines einigen Gliedes / weniger unſers Le - bens. Wir ſind Ebenbilder des groſſen Schoͤ - pfers. Wie moͤgen wir uns denn ſelbte zu zer - ſtoͤren erkuͤhnen / da es das Kupfer-Bild eines ſterblichen Fuͤrſten zu verunehren halsbruͤchig iſt? Sollen die Menſchen nicht zahmer als wilde Thiere ſeyn? Keines unter dieſen aber hat eine ſo wilde Unart / daß es ſich ſelbſt vorſetzlich toͤdte. Ja es iſt eine Schwachheit eines verzaͤrtelten Gemuͤthes / oder eine Raſerey der Ungedult / we - gen eines heftigen Schmertzens nicht leben wol - len / und eine Thorheit ſich zum Sterben noͤthi - gen / daß man nicht auff eine andere Art ſterbe. Geſetzt nun / der Hencker ſetze uns das Meſſer ſchon an die Kehle / ſoll man darumb dem Hen - cker die Hand zu Vollziehung des Streiches leihen? Laſſe den ankommen / der dich toͤdte. Warumb wilſtu frembder Grauſamkeit Stelle vertreten? Mißgoͤnneſtu dem Hencker die Ehre dich zu toͤdten / oder wilſtu ihn der Muͤhe uͤberhe - ben? Der von dem Goͤttlichen Außſpruche ſelbſt fuͤr den Weiſeſten erklaͤrte Socrates konte nach empfangnem Urthel ſeinem Leben durch Enthaltung vom Eſſen oder Gift alsbald ab - helffen; was ſolte ſich aber der fuͤr dem ihm zu - erkenneten Gifte fuͤrchten / der den Tod verach - tete? Dahero wartete er ſeines Moͤrders / ob ſchon das eingefallene Feyer in Delphos die Vollziehung des Urtheils dreiſſig Tage auff - ſchob. Lernet hieraus / ihr Deutſchen / mit was Ruhm ihr euer heutiges Siegs-Feſt durch Ver - dammungen verunehret! Alleine / heiliger Li - bys / moͤgen derſelben auch die Gewohnheiten des Vaterlandes zu ſtatten kommen / deſſen Ge - ſetze wider ihren Vater ausgeuͤbet werden? Der Prieſter ward uͤber ſo ſeltzamen Abwechſelungen nicht wenig beſtuͤrtzt / und bildete ihm ein / es wuͤr - de dieſe Heldin / welche mit denen in derSchlacht gebrauchten und vom Blute beſpritz - ten Waffen angethan erſchien / wegen ihrer Verdienſte des Vaters Begnadigung ſuchen. Dahero ließ er ſich gegen ſie heraus: Derſelben / welche ſich umbs Vaterland ſo wol verdienet haͤtte / koͤnten die Wolthaten ſolcher Rechte keines weges verſchrenckt werden. Wolauff denn / ſagte ſie / ſo ſtellet den Vater derſelben Tochter nur auff freyen Fuß / welche ſich fuͤr ſeine Be - freyung fuͤr ihn ſelbſt auffzuopfern entſchloſſen iſt. Bey den meiſten Voͤlckern ſtehet in der Willkuͤhr und den Haͤnden der Eltern das Leben und der Tod ihrer Kinder. Jhnen iſt erlaubt / auch zu ihrem bloſſen Unterhalt fuͤr ſie ein bluti - ges Kauffgeld zu nehmen. Warumb ſoll ihnen nicht auch frey ſtehen ſie fuͤr ihr Leben aufzuo - pfern. Und warumb nicht am allermeiſten dem Segeſthes ſeine Tochter? welche ihn mit eignen Haͤnden erwuͤrget / da ſie ihn in der Schlacht in die eurigen geliefert? Laſſe dieſemnach / liebſter Vater / mich fuͤr dich ſchlachten / und uͤbe an mir aus / was dir ſo wol deine vaͤterliche Gewalt ver - ſtattet / als meine eigene Verwahrloſung auff - buͤrdet. Dem Segeſthes fielen die milden Thraͤnen uͤber die Wangen / und die Beſtuͤrtzung hatte ihn eine ziemliche Weile ſtum̃ gemacht / biß er ſeine Tochter dergeſtalt anredete: Nein / nein / hertzliebſte Thußnelde. Haben die Aſſyrier ihrem Bel / Carthago dem Saturno fuͤr ihre Wolfarth gleich ihre eigne Kinder geopfert; habe ich zeithe - ro meine Macht etwas rau uͤber dich ausgeuͤbet / werde ich doch nimmermehr auf dieſe Grauſam - keit verfallen / die Unſchuld / ja mein eigenes Blut fuͤr mich hinzugeben. Jch habe mit meinem Verbrechen meine vaͤterliche Gewalt verloren / und bin nun alles aͤuſerſte unerſchrocken zu lei - den entſchloſſen. Es iſt vergebene Ausflucht / verſetzte Thußnelde. Menſchen / welche ſich dem ſchluͤpfrigen Gluͤcke gantz und gar ver - trauen / verlernen zwar ſelbſt die Natur / und verwandeln ihre angebohrne Eigenſchafften; aber kein Zufall kan das Recht des Gebluͤts aus den Adern vertilgen / und kein buͤr -K 3ger -78Erſtes Buchgerlich Geſetze machen: daß Segeſthes nicht der Thußnelden Vater bleibe. Jch heiſche Recht / heiliger Libys / und ich beziehe mich auff das Recht der Kinder hieſigen Landes / welche fuͤr die Eltern auch wider ihren Willen ſter - ben koͤnnen. Mit dieſen Worten ſanck ſie fuͤr dem einen Opffer-Tiſche zu Boden / und nach dem ſie dreymahl geruffen hatte: Schlachtet die fuͤr ihren Vater willig ſterbende Tochter; ſahe ſie alle Umſtehende ringsum mit ſtarren Augen an / gleich ob ſie aus eines iedem Antlitze das in - nerſte ſeines Gemuͤths leſen wolte. Libys verlohꝛ vewundernde hieruͤber Puls und Sprache; Der unbarmhertzige Ganaſch ward zu inniglichem Mitleiden bewogen; Jhr Bruder Sieges - mund erſtarrte wie ein Stein / Segeſthes ſanck ohnmaͤchtig zur Erden / alle Umſtehenden ſeuff - zeten; Hertzog Herrmann ward von der Liebe und dem Mitleiden ſo empfindlich beruͤhret / daß er ſeine Hertzhafftigkeit viel zu ſchwach hielt dieſem Trauerſpiele ohne ſeine ſelbſt eigne Ver - liehrung zuzuſehen / und womit die bey den Deutſchen veraͤchtliche Wehmuth ihm nicht bey dem anweſenden Poͤfel ein verkleinerliches Ur - thel zuziehen moͤchte / verhuͤllete er ſein Antlitz / gleich als ob dieſe Begebenheit ihm mehr als dem leiblichen Vater zu Hertzen ginge / und er ſchwerer als vor zeiten Agamemnon der Opffe - rung dieſer andern Jphigenia zuſehen koͤnte. Ja er ſtand ſchon auff verwandtem Fuſſe / um ſich dieſer unertraͤglichen Bekuͤmmerniß zu ent - brechen / als ihn ein heftiger Hall des ſchꝛeyenden Volcks / ſeine Enteuſſeꝛung zu hemmen / und ſein Geſichte zu eroͤffnen noͤthigte. Da er denn wahꝛ - nahm / daß die an ihrer Auffopfferung zu zweif - ffeln anfangende Thußnelde auffgeſprungen war / und ſich dem erſtarꝛten Libys das Schlacht - meſſer aus der Hand zu winden bemuͤhete. Jhr Goͤtter! rieff er / und ſprang zwiſchen ſie und den Prieſter / um mit der Ausreiſſung des Meſſers auch ihre ſelbſthaͤndige Hinrichtung zu verhindern. Unbarmhertziger Herrmann! ſprach ſie / und blickte ihn mit gantz gebrochenenAugen / aus welchen Tod und Wehmuth ſelbſt zu ſehen ſchien / an / daß es einen Stein haͤtte erbarmen moͤgen. Unbarmhertziger Herr - mann! fuhr ſie fort / iſt diß das ſchoͤne Kennzei - chen der mir mehrmahls ſo hoch betheurten Liebe? Mißgoͤnneſtu mir fuͤr meine beſtaͤndige Zuneigung den Tod / oder die Ehre fuͤr den Vater zu ſterben? Jenes verwehren einem auch die Feinde nicht; dieſes aber kan mir die Unſterbligkeit erwerben. Holdſelige Thuß - nelde / fing der Feldherr gegen ſie an / ſoll der nicht den Streich von deiner Bruſt abwen - den / welcher ihm zugleich durch ſeine Seele gehen wuͤrde? Was wuͤrde dir mit einer eiteln Unſterbligkeit des Nachruhms gedienet ſeyn / welche mich zu Grabe ſchicken / und nebſt mei - nem Ruhme mein gantzes Weſen vertilgen wuͤꝛ - de? Soll ich denn aber / fuhr ſie heraus / meinen Vater ſo veraͤchtlich in Wind ſchlagen und ſo ſchimpfflich umkommen laſſen? Soll ich das mit Purpur-Tinte in mein Hertz und Adern geſchriebene Geſetze der Natur ausleſchen / und die eingepflantzte Waͤrme der Liebe durch kalten Undanck erſtecken? Hertzog Herrmann ſahe hierauff den Prieſter Libys ſchmertzhafft an / gleich als ob er von ihm ein Huͤlffsmittel er - bitten wolte / welcher von ſeiner Beſtuͤrtzung ſich noch kaum erholen konte. Nach einem langen Stillſchweigen fing er als wie aus einer Entzuͤ - ckung an: O allerweiſeſte Gottheit! wie wer - den doch der Scharffſichtigſten Augen verduͤ - ſtert / wenn ſie in die Sonne deiner unerforſch - lichen Verſehung ſchauen wollen! Welch ein alberer Schluß komt heraus / wenn unſer thoͤ - richtes Urthel die Schickungen des Verhaͤng - niſſes ſich zu meiſtern unterwindet / und mit dem Poͤfel diß oder jenes fuͤr gut oder boͤſe / fuͤr Gluͤck oder Ungluͤck haͤlt / was in ſeinem We - ſen und Ausgange nicht ſo beſchaffen iſt / als es euſſerlich unſerm bloͤden Verſtande fuͤrkoͤmmt. Welcher unter uns glaubte nicht / daß Segeſthes in das tieffſte Elend verfallen / Thußnelde in den mitleidentlichſten Zuſtand gerathen waͤre? Un -ſere79Arminius und Thußnelda. ſere Geſetze halten das einmahl gethane Ster - bens-Geluͤbde eines Kindes vor ſeine Eltern fuͤr unwiederrufflich / und es hat kein ſterblicher Menſch die Gewalt / es ſo denn aus den uner - bittlichen Armen des Todes zu reißen / oder es von Erfuͤllung des Geluͤbdes zu entbinden. Welche Ariadne wuͤrde uns nun aus dieſem gefaͤhrlichen Jrrgarten fuͤhren / welch Oedi - pus uns diß Raͤtzel auffloͤſen? wenn die goͤttliche Weißheit durch ſo ſeltzame Zufaͤlle unſern im finſtern nur tappenden Verſtand nicht erleuch - tete; Wenn ſage ich / die ſo empfindliche Beſtuͤr - tzung dieſes Hertzogs uns nicht die Fenſter ſei - nes Hertzens eroͤffnete / und wir ſo wohl darin - nen / als in der ſterbenden Seele der unvergleich - lichen Thußnelde das Feuer einer reinen Liebe lichterlohe haͤtten heraus ſchlagen ſehen. Laͤ - ſtert nun mehr das Verhaͤngnuͤß ihr irrdiſchen Gottes-Veraͤchter / daß es ſich weder um un - ſern Urſprung / noch um unſer Ableben / noch um einigen Menſchen bekuͤmmere. Faͤllet mehr fruͤhzeitiges Urthel: daß die Frommen ſelten Seide ſpinneten / die Boßhafften aber meiſt auff Roſen gingen. Lernet aber ihr An - daͤchtigen / daß alle Begebenheiten an einer rich - tigen Schnur der goͤttlichen Leitung haͤngen; daß alles / was uns begegnen ſoll / ſchon vom An - fange her / zwar nicht in den Stern-Ziffern / aber wohl in der Hand des Verhaͤngnuͤſſes auffge - zeichnet ſey; Daß die goͤttliche Barmhertzigkeit unter den bittern Schalen eines ſcheinbaren E - lendes den ſuͤßeſten Kern unſerer Wohlfarth verberge; und meiſt der garſtigſte Nebel ge - faͤhrlichſter Zufaͤlle ſich in einen erfreulichen Sonnenſchein verklaͤre. Wiſſet demnach / daß unſere guͤtige Gottheit der gewaltigen Liebe al - leine enthangen habe / den Knoten ſolcher Ge - luͤbde auffzuloͤſen / und die Riegel der Opffer - ſchrancken zu zerbrechen / wenn mit der Verlob - ten iemand ſich in ein den Goͤttern angeneh - mers Ehverloͤbniß einlaͤſt. Jſt nun nicht ſich hoͤchſt zu wundern / wie unſere traurige Cy -preſſen ſich uͤber aller Anweſenden Einbildung in annehmliche Myrrhen verwandeln? Wie unſer gluͤcklicher Feldherr in einem Tage mit Lorbern und Roſen bekraͤntzt wird? Stehe auf Segeſthes / aus dem Schatten des Todes / aus den Feſſeln des Ungluͤcks / und erfreue dich uͤber die Vertilgung deiner begangenen Fehler / er - kenne dein und deines Hauſes Gluͤcke in Beſitz - thum der unvergleichlichen Thußnelde / und in Verbindung des groſſen Herrmanns. Begluͤck - ſelige mit dem Ubermaſſe deiner Vergnuͤ - gung unſern unſterblichen Feldherrn / durch Verſprechung deiner holdſeligen Tochter / und unſerer neuen Schutzgoͤttin. Verknuͤpffe durch dieſe Heyrath die Hertzen der großmuͤthigen Cheruſker / und der tapffern Caſuarier. Jhr aber / O ihr uͤberaus gluͤckſeligen Verliebten / warum verziehet ihr nach ſo feſter Verknuͤpf - fung eurer tugendhafften Seelen nunmehro durch inbruͤnſtige Umarmung auch die Leiber zu vereinbarn? Wunderſchoͤne Thußnelde / opffe - re numehr deine zarte Seele uͤber den Flammen der unbefleckten Liebe deinem Braͤutigam auff / der die ſeinige dir fuͤrlaͤngſt gewidmet hat / und nach dem du deinen Vater durch die Liebe aus dem Rachen des Verderbens geriſſen / ſo mache auch dieſen unſchaͤtzbaren Helden von den Stri - cken aller Furcht loß / und laſſe den / der auff den Grund deiner Tugend geanckert / mit ſeiner Hoffnung numehro in Hafen der Vergnuͤgung mit vollem Segel einlauffen.

Dieſe wunderliche Ebentheuer kamen allen Anweſenden nicht anders als ein Traum fuͤr; iedoch bezeugten ſie mit Geberden und Jauch - zen ihre daraus geſchoͤpffte Freude. Segeſthens Ohnmacht verwandelte ſich in eine Schwer - muth. Denn die Vergnuͤgung / welche er uͤber Erhaltung ſeines Lebens empfand / war nicht maͤchtig genug / die wider den Cheruſkiſchen Hertzog eingewurtzelte Gramſchafft ſo ge - ſchwinde abzulegen / oder auch nur zu verde - cken; Vielmehr wuchs ſie in Segeſthens Her -tzen80Erſtes Buchtzen gegen dieſen Helden / weil er ſeiner zeither ver worffenen Liebe ſein und ſeiner Tochter Le - ben zu dancken gezwungen ward. Alſo iſt man geneigter / weniges Unrecht als groſſe Wohltha - ten mit gleichem zu vergelten; Ja wenn Wohl - thaten ſchon die Kraͤffte unſerer Vergeltung - berſteigen / geben wir ſtatt verbindlichen Dan - ckes unſern Wohlthaͤtern noch Haß zu Lohne. Uberdiß hatte Hertzog Herrmann vorhin nicht ſo wohl den Segeſthes / als dieſer jenen belei - digt / dahero brachte die Eigenſchafft des menſch - lichen Gemuͤthes beym Segeſthes mit / den belei - digten zu haſſen / und zwar / weil ſeine Urſachen hierzu unrechtmaͤßig waren / deſto hefftiger. Gleichwohl muſte er aus der Noth eine Tu - gend machen / und ſo viel moͤglich ſeine gegen den Feldherrn tragende Feindſchafft mit be - truͤglichem Liebkoſen bekleiden. Dahero erklaͤr - te er ſich: Daß nachdem es den Goͤttern beliebet / die Gemuͤther des Feldherrn und ſeiner Toch - ter zu vereinbarn / lieſſe er ihm derſelben Verlo - bung allerdings gefallen / und ertheile hierzu ſeinen vaͤterlichen Willen. Thußnelden ſtieg nun allererſt die Schamroͤthe unter die Augen / entweder weil ſie ſich erinnerte / daß ſie nach Art der Sterbenden oder der unvorſichtigen Liebhaber eine allzufreye Zunge gehabt / als ſie die Heimligkeit ihres Hertzens nicht nur dem / welchen ſie liebte / ſondern ſo vielen Zuſchauern offenbahret hatte; oder weil ihre Landes-Art er - forderte ihre Zucht bey Erkieſung eines Man - nes mit dieſer Farbe als dem ſchoͤnſten Braut - ſchmucke der Jungfrauen zu bezeichnen. Her - tzog Herrmann / ob er wohl dem Segeſthes den Zwang ſeiner Einwilligung unſchwer anmeꝛck - te / und wohl verſtand / daß der / welcher ihn vor - hin nie auffrichtig geliebt hatte / den hervorbli - ckenden Unwillen nicht zum Scheine annahm / fuͤgte ſich doch zu ihm mit hoͤfflichſter Ehrerbie - tung / hob ihn von der Erden auff und danckte ihm / daß er ihn fuͤr einen wuͤrdigen Braͤuti - gam ſeiner unſchaͤtzbaren Tochter beliebt haͤtte. Hierauff naͤherte er ſich zu Thußnelden mit an - nehmlichſter Liebes-Bezeugung / und verwech - ſelte mit ihr / zum Zeichen ihrer Verbindung et - liche Mahlſchaͤtze; Woruͤber Thußneldens Schamhafftigkeit ſie doch ſo weit nicht verſchliſ - ſen konte / daß ihr nicht die Vergnuͤgung ihres Hertzens aus den Augen geſehen haͤtte.

Kein Menſch / auſſer der ſchwermuͤthige Segeſthes / war zugegen / welcher nicht uͤberaus groſſe Freude bezeugte / daß das Verhaͤngniß ein dem Vaterlande ſo heilſames und zu fried - ſamer Eintracht des Schwaͤhers und Eydams dienendes Verbindiß geſtifftet / und die ſo trau - rigen Opffer mit ſo einem froͤlichen Ausgange begluͤckt hatten. Die Prieſter ſprachen mit an - daͤchtigen Geberdungen tauſenderley Segen uͤber die Verlobten / und es war aller einmuͤthi - ger Schluß / daß eheſten Tages das hochzeitliche Beylager ſolte vollbracht werden.

Die Fuͤrſten Zeno und Rhemetalces hatten dieſen Begebungen gleichſam auff einer Schau - Buͤhne / zwiſchen Furcht und Hoffnung / als de - nen zwey Wirbeln menſchlichen Lebens / lange genug zugeſehen / als / aus der groſſen Menge des frolockenden Volcks / ſich die bey den Deut - ſchen heilige / und ſo wohl wegen ihrer Weiß - heit als Wiſſenſchafft kuͤnfftiger Dingein groſ - ſem Anſehen ſich befindende Aurinia / welche in eben dieſem Heyne / nebſt hundert zu ewiger Keuſchheit verſchwornen Jungfrauen / ihren Auffenthalt hatte / auff einer ſchwibbogichten Saͤnffte naͤherte / denen Verlobten / nach Uber - ſtehung vielerley ſeltzamen Zufaͤlle / groſſes Gluͤck und Auffnehmen ihres Geſchlechts weiſſagete; auch / daß die Goͤtter nunmehro des Bluts uͤberdruͤßig waͤren / andeutete. Hier - auff riß ſie ihren Krantz vom Haupte / loͤſete den Guͤrtel von ihren Lenden / und warff beydes zu Beſchirmung dieſer zweyer Fuͤrſten auff ihren Wagen / welche Zeichen bey denen andaͤchtigen Deutſchen auch die ſchon Verdammten vom Tode zu befreyen und wider alle Gefahr zuverſi -

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81Arminius und Thußnelda. verſichern kraͤfftig waren. Eine That in War - heit / welche dem Beyſpiele der Veſtaliſchen Jungfrau Claudia die ihres Vatern Appius Siegs-Gepraͤnge wider des Roͤmiſchen Zunfft - meiſters angemaßte Hindernuͤß beſchuͤtzte / weit fuͤrzuziehen iſt! indem dieſe nur ihres Geſchlech - tes Ehrgeitz befoͤrderte / jene aber zwey Fremd - linge aus Lebens-Gefahr riß. Libys verfuͤgte hierauff / daß nicht nur dieſe zwey Fuͤrſten / ſon - dern alle noch lebende Gefangene entfeſſelt wuͤr - den / und dahero dieſe zwar in freyerer Bewah - rung blieben / jene aber / nachdem ſie der heiligen Aurinia als ihrer Schutz Goͤttin weiſſen Schleyer (welchen ſie ihnen ſelbſt darreichte / weil ſonſt niemand bey Lebens-Straffe ſie an - ruͤhren dorffte) mit tieffſter Demuth gekuͤſt / und fuͤr ihre Begnadigung gedancket hatten / wur - den nebſt allen andern Fuͤrſten von dem Feld - herrn in ſeine Burg eingeladen. Alles Volck begleitete ſie mit unauffhoͤrlichen Gluͤckwuͤn - ſchen / die Prieſter mit vielfaͤltigen Segnungen /und der ſchon anbrechende Morgen diente ih - nen zu einem anmuthigen Wegweiſer / gleich als wenn das groſſe Auge der Welt nicht ehe den Erdboden mit ſeinem Scheine haͤtte erfreu - en wollen / als biß mit dem Schatten der Nacht bey vielen auch die Furcht des ihnen fuͤr Augen ſchwebenden Todes verſchwunden waͤre. Der Prieſter Libys trug inzwiſchen Sorge fuͤr die A - ſche der Abgeſchlachteten / womit ſelbte mit de - nen noch uͤbrigen Gebeinen in Todten-Toͤpffe gerafft und verſcharret wuͤrde. Abſonderlich ſammlete er die Uberbleibung des Qvintilius Varus in einen ſteinernen Krug / vergrub ſie / richtete auch daſelbſt einen viereckichten Stein mit dieſer Uberſchrifft auff:

Der Syrien bepfluͤckte /
Die frechen Juden band /
Der Deutſchen Freyheit druͤckte /
Erlangt kaum dieſen Sand.
Sein Tod hat / nicht ſein Thun / ihm noch dis Grab gegeben /
Das Ende kroͤnt ein Werck / vertuſcht ein ſchlimmes Leben.

Jnhalt Des Andern Buches.

HErtzog Herrmanns Vergnuͤgung / Thußneldens Freude / Segeſthens Schwer - und Malovends Unmuth. Des Fuͤrſten Zeno und Malovends Unterredung vom Koͤnigs - und andern Spielen; inſonderheit: Ob dieſe den Fuͤrſten anſtaͤndig / und der Deutſchen Spiel-Sucht verdam̃lich ſey. Adgandeſter deutet im Nahmen deß Feldherrn denen gefangenen Fuͤr - ſten die Freyheit ſich mit der Jagt zu erluſtigen an. Lob des Jagens. Sie fangen es mit der Reiger-Beitze an. Faͤllen einen Uhr-Ochſen. Seltzame Haͤrte ihrer Koͤpfe. Erlegung eines vom Kayſer Julius mit einem Halsbande bezeichneten Hirſchen / welcher uͤber den Rhein geſetzt / weil die Sicambrer ihm die aus Gallien getriebenen Menapier nicht haͤtten wollen ausfolgen laſſen / fuͤr den auff ihn dringenden Catten aber haͤtte muͤſſen zuruͤck weichen. Dahero er vorher aus dem Sicambriſchen Thier-Garten zu ſeinem Andencken alle alſo gezierte Hirſche loßgelaſſen haͤtte. Der Hirſchen Alter und Eigenſchafften. Was fuͤr Unterſchleif mit falſch-ertichteten Alterthuͤmen vorgehe. LWas82Anderes BuchWas die Thiere den Menſchen fuͤr Artzneyen gewieſen. Ob die unvernuͤnftigen Thie - re / wie die Menſchen / Gemuͤths-Regungen haben? Malovend gedencket eines Wun - der-Horns / welches eine Wald-Goͤttin einem Fuͤrſten ſeines Geſchlechts gegeben. Der Roͤmer Großſprechen von ihren Thaten. Jhre gegen frembde Voͤlcker veruͤbte Boß - heiten / und Verdruͤckung anderer Siege. Die Fuͤrſten faͤllen viel wilde Schweine / derer eines Rhemetalcen verwundet. Fuͤrtreffligkeit der Britanniſchen Tocken und anderer Hunde. Erlegung zweyer Baͤren. Die Treue der Hunde gegen ihre Herren. Alfesleben verlieret bey Ausweidung des Baͤres einen eiſernen Ring. Schaͤtzbarkeit gewiſſer Ringe / und warumb die Cattiſchen Edelleute biß zu Erlegung eines Feindes eiſerne tragen? Das Recht guͤldne und eiſerne Ringe zu tragen / die Gewohnheit ſelbte zu verſchencken / an gewiſſen Gliedern zu tragen / und gewiſſe Bilder darein zu etzen. Was die Catten und andere fuͤr Wappen gefuͤhrt. Alfesleben wird von einer Sau verwundet. Andeutungen durch Ringe und andere ſeltzame Wir - ckungen. Die Fuͤrſten ſpeiſen in des Feldherrn Jaͤger-Hauſe. Beſchreibung des Boller-Brunnes / und anderer wunderbaren Waͤſſer. Deutſchland waͤre Außlaͤn - dern wider die Wahrheit allzu rauh beſchrieben / und haͤtte ſich durch die Gemein - ſchafft mit den Roͤmern verbeſſert. Die Natur waͤre mit wenigem vergnuͤgt / und haͤtte iedem Lande ſeine Nothdurfft verſchafft. Scheltung des luͤſternen Uberfluſſes. Schaͤdligkeit frembder Gewaͤchſe. Ob die Natur deßwegen in allen Landen nicht alles wachſen laſſe / daß eines mit dem andern Gemeinſchafft haben ſolle? Ob der Menſch ſein Leben durch Erfindungen zu verbeſſern / oder ſich mit den bloſſen Gaben der Natur zu vergnuͤgen habe? Verwerffung der Zaͤrtligkeit und Verſchwendung / und das Lob der menſchlichen Abhaͤrtung; iedoch ſey die Tugend keine Feindin der Ge - maͤchligkeit. Der Deutſchen Uhrſprung. Die Geſchichte Hermions des erſten deut - ſchen Feldherrns aus dem Cheruskiſchen Geſchlechte. Der Kwaden Hertzog Atcoroth hat Mißfallen uͤber Hermions Wahl. Seine Tochter Emma iſt verliebt in Hermions Sohn Marß. Hermion nim̃t ſich der vom Atcoroth bekriegter Noricher / nebſt dem Fuͤrſten der Rhetier Bato an; ſchlaͤgt und zwinget ihn / daß er ihm die Laͤnder zwi - ſchen der March und Wage / ſeinem Sohne Mars die Tochter / dem Bato ſein Wahl - Recht abtreten muß. Seine Gemahlin Kuͤnigundis verleitet den Atcoroth zum Frie - dens-Bruche / ſperret die Emma ein / und bringt den Mars umbs Auge. Atcoroth wird geſchlagen / erſtochen / Kuͤnigundis belaͤgert / aber durch den Emma an Mars / der Jutta des Hermions Tochter an Valuſcenes des Atcoroths Sohn geſchehene Verhey - rathung Friede gemacht. Hermion uͤberwindet die Sequaner / und lehret die Wei - ber kriegen. Mars wird nach ihm wider Svaſandufaln den Fuͤrſten der Tencterer zum Feldherrn erkieſet / dieſer auch von jenem / und jener vom Fuͤrſten der Alemaͤnner erlegt. Cridifer ſein Sohn wird von Dulwigen der Vindelicher Hertzoge gefangen. Nach neun andern wird Vandal der dritte Cheruskiſche Feldherr. Dieſer ſchlaͤgt Micaſirn den Sarmater / ſtirbt aber zeitlich. Jhm folgt der kluge und friedſame Her - tzog Ulſing; herrſchet lange; vermaͤhlet ſeinen Sohn Alemann an Vercingentorichs Tochter und macht ihn zum fuͤnften Feldherrn. Lob des Friedens. Ulſings nuͤtzliche Ge - baͤue. Verachtung der unnuͤtzen aber koſtbaren / wie auch der wahrſagenden Stern -ſeher -83Arminius und Thußnelda. ſeher-Kunſt. Die Wiſſenſchafft des Sternenlauffs ſey aber nuͤtzlich. Ulſing muß ihm ein Bein abloͤſen laſſen und ſtirbt. Der ſtreitbare Aleman fuͤhret einen Loͤwen mit ſich / erlegt die wildeſten Thiere / verſteigt ſich in Jagten / wird von einer Heydexe errettet / ſchlaͤgt die Gallier. Kriegeriſche und Friedſame Fuͤrſten ſollen miteinander abwechſeln. Die Cheruſkiſchen ſind im Heyrathen gluͤcklich. Alemann verehlicht ſeinen Sohn Hun - nus mit des Britanniſchen Koͤnigs Tochter / welcher das Atlantiſche Eyland erobert. Der Carthaginenſer / Phoͤnicier / Egyptier / Nord-Voͤlcker / Scythen / Britañier / Bata - ver / Frieſen Schiffarth dahin. Die Britannier waͤren durch Ungewitter dahin verſchla - gen worden. Madoch der Cimbern Hertzog waͤre 300. Jahr ehe dahin gereiſet / und die Sitonier lange vorher fuͤr dem Wuͤterich Harfager in die Atlantiſche Jnſel geflo - hen. Jhr Reichthum waͤre Urſach / daß nimmer ein Volck fuͤr dem andern verborgen / gleichwohl haͤtte das Erdbeben ein gut Theil davon verſchlungen. Der Griechen und Roͤmer Schiffarthen / welche aber ſich in das Atlantiſche Eyland nicht erſtrecket. Mar - comir der ſechſte Cheruſkiſche Feldherr erbt von der Mutter Britannien und viel ande - re Laͤnder; ſein Bruder der Noricher Hertzog der Bojen und Kwaden Gebiete. Mar - comirs Kriege wieder Uſeſivaln der Gallier Hertzog / wider die Hermundurer / Catten und den Scythiſchen Koͤnig Salomin. Er richtet zwey Seulen auff der Atlantiſchen Jnſel auff / erobert viel groſſe Laͤnder und ſchaffet die in der Welt ſo gemeine Menſchen - Opfferung darinnen ab. Wuͤrde der Reichs-Urheber und ihrer Vergroͤſſerer. Ob A - lexander dem Julius oder dieſer jenem vorzuziehen? Marcomirs Siege / Reiſen und Ab - legung ſeiner Herrſchafft. Welche die loͤblichſte Vorbereitung zum Tode waͤre. Der Seele ſey ein geheimer Zug gegen GOtt / und ein Verlangen nach der Unſterbligkeit an - gebohren. Jrrdiſche Urſachen der Abdanckungen. Mit dem Alter verfielen die beſten Fuͤrſten. Die Reue folge der Niederlegung der Wuͤrden auff dem Fuſſe. Marcomir verlaͤſt ſeinem Sohne Hippon die fremden / ſeinem Bruder Jngram die deutſchen Laͤn - der und die Feldherrſchafft. Beyſpiele etlicher anderer ſich ihres Reichs enteuſernder Fuͤrſten. Der Getiſchen Koͤnige dienſtbare Herrſchafft. Des Rakimis Abdanckung wegen verfallenen Anſehns bey ſeinem Volcke. Der ſiebende Feldherr Jngram und der Dacier Hertzog Decebal bewerben ſich widereinander um die Pannoniſche und Kwadi - ſche Hertzogin Hermildis. Decibal verfaͤlſcht Jngrams Schild durch Einſchiebung ei - nes Bildes der Cimbriſchen Fuͤrſtin Gandeberge. Beyder Fuͤrſten Turnier. Das Bild wird in des Jngrams zerſchmettertem Schilde entdecket und der Hoff wider ihn erbit - tert. Die vermum̃te Hermildis kaͤmpfft wider den Hertzog Jngram / wird aber von ihmhefftig verwundet. Grauſamer Streit Jngramswider Decebaln / welcher gezwun - gen wird ſeinen Betrug zu bekennen. Decebal wird vom Hofe verbannt / erregt aber wider den Koͤnig Liſſudaval die Pannonier / dieſe erwehlen ſeinen Sohn Gudwil zum Koͤnige. Gudwils Mißtrauen gegen den Jngram. Gottesdienſt der Kihala bey den Kwaden. Jngram betheuret ſeine Redligkeit / und ruͤhret einen gluͤenden Roſt unver - ſehrt an. Jhm wird Hermildis vermaͤhlet. Liſſudaval ſtirbt / Gudwil wird vom Salomin erlegt. Jngram erbt das Kwadiſche Reich / krieget um das Pannoniſche mit Decebaln. Er ſiegt / verfaͤllt aber mit den Scythen in Krieg. Schutz-Bilder gewiſſer Oerter. Friedebald beſchuͤtzt wider den Salomin die Stadt Vindobon; Decebal tritL 2dem84Anderes Buchdem Jngram Pannonien ab / behaͤlt Dacien. Salomin vertreibt Decebals Sohn und ſeine Mutter / nimmt Bregetio ein; Jhm widerſtehet aber Jngram. Sein Sohn Klo - domir der achte Cheruſkiſche Feldherr wird von Marcomiren erzogen. Seine Tugen - den und Liebe gegen Riamen Marcomirs Tochter / welche aber in Friedebalden verliebt / und unter der ebenfalls in Hertzog Friedebalden verliebten Koͤnigin der Kwaden Olorene Auffſicht iſt. Beyder Fuͤrſtinnen geheime Eiferſucht. Riama gibt Friedebalden ihre Liebe zu verſtehen. Marcomir ſchreibt an Olorenen und Riamen / wil dieſe Klodomirn gegen Abtretung der Feldherrſchafft vermaͤhlen. Klodomir iſt hier zu geneigt / ihm a - ber ſelbſt Riama unhold. Aſtinabes der gluͤckſeligen Jnſeln Koͤnig wirbt um Olore - nen. Koͤnig Jngram verbeut ſeinem Sohne Klodomir der Feldherrſchafft ſich zu ver - zeihen. Marcomir ſchickt Friedebalden wider den Koͤnig Salomin; traͤgt Olorenen Aſtinabens Heyrath fuͤr / erfaͤhret aus Hertzog Friedebalds Briefe Olorenens und Ri - amens Liebe gegen den Fuͤrſten Friedebald. Marcomir befehlicht die Riame Klodomirn / Olorenen den Aſtinabes zu ehlichen. Marcomirs und Olorenens ungleiches Urthel von Fuͤrſtlichen Staats-Heyrathen. Die Fiſcher ziehen des durch Schiff bruch umkomme - nen Friedebalds Leiche aus de[m]Waſſer / woruͤber Olorene ohnmaͤchtig wird / Riame er - ſtarret und beyde erkrancken. Klodomir geraͤth in einer Wildniß in Lebens-Gefahr. Die zwey krancken Fuͤrſtinnen werden nach Gades in den Tempel des Eſculapius bracht. Friedebalds Geiſt bittet ſie um Vergeſſung ihrer Liebe und Betruͤbniſſes. Jhre Geneſung und ſeltzame Verliebung in die ihnen beſtimmten Braͤutigame. Schlaue Wunderwercke der Prieſter. Der Gottesdienſt gebe nicht nur eine Larve der Staats-Klugheit / ſondern auch der Liebe ab. Klodomirs Vermaͤhlung mit Riamen / des Aſtinabes mit Olore - nen. Friedebalds Geiſt bedienet ihren Braut-Tantz / und weiſſaget Olorenen. Jhre Einſamkeit wegen des verlohrnen Aſtinabes. Merckwuͤrdige Unterredung von den Geiſtern der Lebenden und Todten. Hippon nimmt das Reich des Aſt inabes ein. Klo - domirs gluͤckliche Herrſchafft und Kriege wider den Salomin und Miles. Nach ſeinem Tode herrſchet der neundte Feldherr Roderich / krieget wider drey Scythiſche Koͤnige / und ſetzt Deutſchland in Ruh / weigert ſich auch auff des Parthiſchen Koͤnigs Mithri - dates Erſuchen mit den Scythen den Frieden zu brechen. Ruhm des Friedens / dahin ein verlebter Fuͤrſt ſein Abſehen nehmen ſoll. Roderich ſchickt dem Mithridates koſtba - re Gegengeſchencke. Unterſuchung des Goldmachens / und ob das Reichthum der Pfei - ler eines Reiches ſey. Geſpraͤche von dem ewigen Feuer. Malorichs des zehenden deutſchen Feldherrn kluge Herrſchafft. Er erkieſt Hertzog Aembrichen zu ſeinem Reichs - Erben. Die Erſcheinung eines ſchrecklichen Schwantz-Sternes. Deutungen ſolcher Geſtirne und der Erdbeben. Ruͤckkunfft der auff der Jagt geweſenen Fuͤrſten nach Deutſchburg / allwo unterdeſſen Melo der Sicambrer Hertzog / Beroris ſein Bruder / und Dietrich ſein Sohn mit vielen Gefangenen Roͤmern ankommen waren / welche ſie in der Feſtung Tranburg / Mattium / Segodun / und Cattenburg / und in dem mit dem Caͤditius abermahls gehaltenen Treffen bekommen / und berichtet / daß die Me - napier und Eburoner wider die uͤber den Rhein getriebenen Roͤmer auffzuſtehen ge - neigt waͤren. Der Deutſchen hieruͤber bezeugte Freude.

Das85Arminius und Thußnelda.

Das Andere Buch.

DAs Volck kam insgemein mit nicht geringer Freude / die Fuͤr - ſten mit uͤberaus veraͤnderten Gemuͤths - Regungen / iedoch meiſt alle mit mehrer Vergnuͤ - gung auff des Feldherrn Burg an / als ſie vorher in den Deutſchburgiſchen Heyn gediegen waren. Hertzog Herrmann ſahe ſein Vaterland numehr durch ſeine Ver - nunft und Tapferkeit auff den Stul der guͤldnen Freyheit verſetzt / ſein Haupt mit unverwelcken - den Siegs-Kraͤntzen uͤberſchattet / und er ſolte nun in das Bette der wunderſchoͤnen Thußnel - de ſchreiten; alſo ſchien er in beyden heftigſten Gemuͤthsregungen / nehmlich der Ehrſucht und Liebe den hoͤchſten Zweck erlangt zu haben / und / nachdem ein gewuͤntſchter Ausſchlag alle Ver - druͤßligkeiten uͤberzuckert / konte er das erlidtene Ungemach ſo viel leichter ihm aus dem Sinne ſchlagen. Ja er wuſte wider das Unrecht des Segeſthes ſich keiner ruͤhmlichern Rache zu be - dienen / als nach ſo vielen Wolthaten ſeine Ab - neigung mit moͤglichſter Ehrerbietung / und die menſchliche Eigenſchafft mit Entaͤuſerung alles Unwillens zu uͤberwinden / nach dem es doch in unſer Gewalt nicht ſtehet / etwas / ſo unſerm Ge - daͤchtnuͤſſe ſchon einmal feſt eingedruͤcket iſt / gar zu vergeſſen. Die großmuͤthige Thußnelde ward wegen Errettung ihres verurtheilten Va - ters / wegen eingelegten Ruhmes ihres Bru - dern / durch die Vergnuͤgung ihrer inbruͤnſtigen Liebe von Freuden dergeſtalt uͤberſchuͤttet / daß ihr ſo viel Gutes mehrmals nur zu traͤumen be - deuchtete / und ſie daruͤbeꝛ aus angewohntem Un - gluͤcke zu zweifeln anfing / mehrmals auch ihre Freudigkeit nicht allzuſehr an Tag zu geben ſich zwingen muſte. Weil ſich aber Schwermuth nicht ſo leicht als Freude verbergen laͤſt / ſahe dem Segeſthes und ſeiner ſtets geſuchten Einſamkeitentweder der Verdruß wider ſeiner Tochter un - vermeidliche Heyrath / oder die Erkaͤntnuͤß ſei - ner eigenen Schande aus den Augen. Denn die Laſter ſind ihnen ſelbſt die aͤrgſten Hencker / und es kan der Leib nicht ſo blutig mit Ruthen geſtrichen werden / als das Gewiſſen der Boß - hafften ihre eigene Bangſamkeit peinigt. Ma - lovend empfand zum theil auch einige Wunden dieſer innerlichen Quaal / daß er den Degen wi - der ſeine Landsleute ausgezogen / und noch nicht allerdings verſichert zu ſeyn meynte / ob ihm ſol - ches ſo gar ungenoſſen ausgehen wuͤrde. Die - ſe Schwermuth veranlaſſete den Tencteriſchen Fuͤrſten Marcomir / daß er den Fuͤrſten Malo - vend auff ſeinem Zimmer heimſuchte / und mit dem Koͤnigs-Spiele die Verdruͤßligkeit der Zeit zu verkuͤrtzen vornahm. Nach weniger Zeit kam Zeno der Pontiſche und Rhemetalces der Thraciſche Hertzog darzu / welchem letztern be - frembdet fuͤrkam / daß Malovend ſeine Bekuͤm - mernuͤſſe mit einem Spiele zu erleichtern ſuchte; welches zwar nachdencklich und darinnen Fuͤrſt - lich waͤre / daß es keine knechtiſche Begierde des Gewinns / ſondern den einigen Ruhm des Ob - ſiegs zum Zweck; aber keine Bewegung des Lei - bes in ſich haͤtte / und das Gemuͤthe eben ſo ſehr als das wichtigſte Fuͤrnehmen beſchaͤfftigte / alſo in ſeiner Ernſthafftigkeit nichts weniger als ein Spiel waͤre. Malovend antwortete Rheme - talcen: Der Nahme des Koͤnigs-Spiels redete ihm ſelbſt / und ihnen / als Fuͤrſten / dieſes Zeit - vertriebs halber / das Wort; und weil es aus Morgenland den Urſprung / auch bey ſelbigen Voͤlckern das groͤſte Anſehen haͤtte / wunderte ihn ſo viel mehr / wie er esfuͤr ſo veraͤchtlich hielte / da doch in ſelbtem / als in einem Sinnbilde alle Herrſchens-Kuͤnſte und die oberſte Botmaͤſſig - keit der Klugheit enthalten ſeyn ſolten. Jn welchem Abſehen ein Jndiſcher Koͤnig dem mitL 3ihm86Anderes Buchihm kriegenden Perſiſchen ein Koͤnig-dieſer aber jenem ein Bret-Spiel uͤberſchickt; und wie jener die Gewalt der Klugheit / alſo dieſer die Macht des Gluͤckes dardurch entworffen ha - ben ſolle. Jm Fall aber auch gleich ihr Spiel nicht die Freudigkeit anderer Luſt-Spiele in ſich haͤtte / waͤre ſeine traurige Eigenſchafft ihrer Gefangenſchafft ſo viel anſtaͤndiger. Rhemetal - ces verſetzte: Er waͤre zwar ein naher Nachbar der Lydier / welche das Wuͤrffel-Bret - und Ball - Spiel erfunden haben ſolten / dißfalls aber waͤre er von ihrer Lebens-Art gantz entfernet / in dem er zu keinem als denen Kriegs-Spielen einigen Zug haͤtte / und aus ſelbten mehr Unluſt als Er - goͤtzligkeit ſchoͤpfte. Sintemal der Menſch zu einer nuͤtzlichen Thaͤtigkeit gebohren / wie der Himmel zur Bewegung geſchaffen waͤre. Die ſaͤm̃tlichen Spiele aber waͤren wegen ihrer ver - gebenen / wo nicht ſchaͤdlichen Bemuͤhung / fuͤr etwas geringers als den Muͤſſiggang zu halten. Jnſonderheit aber hielte er das Spielen einem Fuͤrſten fuͤr unanſtaͤndig / als deſſen Ambt waͤre ſtets mit wichtigen und gemeinnuͤtzigen Dingen unmuͤſſig zu ſeyn. Weßwegen er die vom Me - nedemus dem jungen Antigonus beym Spiele ins Ohr geſagte Lehre als heilſam verehrte: Er - innere dich / daß du eines Koͤnigs Sohn biſt. Zeno brach Rhemetaleen ein: Dieſes waͤre ein allzu ſcharffes Urthel wider die Spiele / und eine zu ſtrenge Einſperrung der Fuͤrſten. Nach der Meynung des Goͤttlichen Plato verrichte - ten GOtt und die Natur alles ſpielende; war - um ſolte alle Ergoͤtzligkeit / welche doch ein Wetz - Stein der folgenden Arbeit waͤre / Fuͤrſten ver - wehret ſeyn? Die Bewegung der Sterne ſolle ſich einer ſpielenden Harffe gleichen. Ja die Weißheit ſelbſt waͤre nichts beſſer als ein ver - nuͤnftiges / und das menſchliche Leben groſſen theils ein Affen-Spiel. Dahero der den ſieben Weiſen in Griechenland gleich-geſchaͤtzte Koͤ - nig in Egypten Amaſis ſich mehrmahls zu ver - mummen und einen Narren fuͤrzuſtellen ſichnicht geſchaͤmet haͤtte. Es waͤre zu wuͤnſchen / daß man alles dis / was ein Fuͤrſt zu lernen haͤtte / ihm im Spiele beybringen koͤnte / wie Parrha - ſius alle ſeine ſo liebliche Gemaͤhlde mit Singen verfertigte. Sintemal Fuͤrſten ohnedis nicht den Buͤchern / wie die Sclaven von den Ketten wollen angefeſſelt ſeyn / und alle Gemaͤchte aͤu - ſerlich entweder dieſelbe Anmuth oder Verdruͤß - ligkeit zeugen / die dem Kuͤnſtler in ſeinem Gehir - ne geſteckt / wenn ihm die Arbeit entweder ſchwer oder gut von Haͤnden gegangen. Wenn das Meer am annehmlichſten waͤre / ſpielte es mit ſeinen ſanften Wellen / und wenn das Auge der Welt der Welt ſeinen Segen austheile / mit ſei - nen Straalen. Die guͤtigſten Fuͤrſten waͤren zu Kurtzweil geneigt / die allzu ernſthaften aber insgemein die grimmigſten geweſt. So gar Socrates und Heraclites haͤtten zu Epheſus un - ter den Kindern des Beinleins / und der ſauer - ſehende Cato mit den Wuͤrffeln geſpielt. Wie moͤchte man denn Fuͤrſten eine ſtrengere Weiß - heit abheiſchen? Koͤnig Demetrius haͤtte es ihm fuͤr keine Schande geachtet / allerhand Schnitz - werck / der junge Dionyſius Wagen und Tiſche mit ſeiner Hand zu machen / und Attalus ertztene Bilder zu gieſſe. Der Ciziceniſche Antiochus haͤt - te ſich mit tantzenden Tocken / Koͤnig Aeropus in Macedonien mit Laternen-machen / Hercules / Ageſilaus und Alcibiades mit Spielen der Kin - der ſich erluſtigt. Ja / ſagte Malovend / habe ich doch den umbs Reich ſo ſorgfaͤltigen Kaiſer Au - guſt nach der Abend-Mahlzeit uͤber Mitternacht mit vierſeitigen Wuͤrffeln ſpielen und dabey zwantzig tauſend Groſchen verlieren / und ſeinen Mitſpielern wol dritthalbmal ſo viel zum Spie - le verehren ſehen. Rhemetalces fing an: Dieſe Freygebigkeit muß dem Spiele noch ein wenig aushelffen. Denn ein Fuͤrſt ſoll niemals ſpielen / als mit Vorſatze zu verlieren. Mit was aber ent - ſchuldigt ihr Deutſchen eure Luͤſternheit zum Spielen? Sintemal ich nach der Schlacht wahrgenommen / daß ihrer viel / und zwar nuͤch -tern87Arminius und Thußnelda. tern bey gutem Verſtande / gegen ein gewiſſes von den gefangenen Roͤmern auffgeſetztes Geld ſo gar ihre eigene Freyheit auffgeſetzt / und / unge - achtet der Verſpielende ſtaͤrcker und vermoͤgen - der war / ſich in die Knechtſchafft des gewinnen - den Spielers ohne Widerrede geſtellet haͤtten. Malovend begegnete ihm: Er koͤnte dieſen Mißbrauch ſeiner Landsleute nicht umſtehen. Alleine wie ſchwerlich das Theſſaliſche Thal Tempe / oder einige Aue der Welt nicht auch ein giftiges Kraut unter ihren Gewaͤchſen naͤhrte / ſo waͤre kein ſo wol geſittetes Volck unter der Son - ne / welches nicht einige Laſter unter dem Nahmẽ der Sitten hauſete. Die Lydier verkaufften die Jungfrauſchafft ihrer Toͤchter / ehe ſie ſie verhey - ratheten / die Sarder toͤdtetẽ ihre veralternde El - tern / die Perſer entkleideten ſich zu ihrer Schwel - gerey / gleich als wenn ſie eine Schlacht liefern ſolten / ja Eltern und Kinder heyratheten wider die gleichſam angebohrne Scham und das Ge - ſetze der Natur zuſammen. Die dem Spiele ergebenen Deutſchen aber machten gleichwohl aus dem Laſter eine Tugend / nach dem ſie in dem Spielen ſonder Zwang einigen Geſetzes ſo ſtand - hafft Treu und Glauben hielten / und ſich lieber ihrer Freyheit / als der Wahrheit entaͤuſerten. Auſſer dem wuͤrde man die Verſaͤumung noͤthi - ger Geſchaͤffte / Zwytracht und Gewinnſucht / als die gemeinſten Mißbraͤuche des Spieles / in Deutſchland ſo gemein nicht als bey andern Voͤlckern finden. Dahero es mit der Deutſchen Spiele ſchier wie mit den Pfirſchken beſchaffen zu ſeyn ſchiene / welche in Perſien giftig / in den Nordlaͤndern aber eine gute Speiſe waͤren.

Malovend wuͤrde den Deutſchen noch ferner das Wort geredet haben / wenn nicht gleich Fuͤrſt Adgandeſter in das Zimmer getreten waͤre / wel - cher denen Gefangenen im Nahmen des Feld - herrn erlaubte / an dem Hofe ohne geringſte Be - ſtrickung ſich auffzuhalten / wenn ſie anders nur ihr Wort geben / ſich des Orts nicht zu entbre - chen. Wie nun dieſe Gnade ſie ſo viel mehrvergnuͤgte / und gegen den Fuͤrſten Adgande - ſter ihre Verbindligkeit auffs beweglichſte aus - druͤckte; alſo wurden ihre Gemuͤther gegen dem Feldherrn auffs hoͤchſte verknuͤpfft. Denn es iſt keine groͤſſere Zauberkunſt ſich beliebt zu machen / und andern das Hertz zu ſtehlen / als Wohlthat und Leutſeligkeit. Der Feldherr hatte die deutſchen Fuͤrſten / wenn ieder der Ruh gepflegt haben wuͤrde / zu einem herrli - chen Mahl eingeladen / weil er aber mit ihnen uͤber ihren Reichs - und Kriegs-Haͤndeln dabey zu rathſchlagen willens war / den Zeno / Rheme - talees / Marcomir und Malovend abſonderlich zu bedienen angeordnet. Weil nun gleiches Alter und einerley Gluͤcke auch die fremdeſten Gemuͤther leicht miteinander verknuͤpfft / ge - riethen dieſe drey letztern unſchwer in eine ſon - derbare Vertrauligkeit. Folgenden Tag ver - anlaſſete ſie der Feldherr ſelbſt ihnen ſelbige Ta - ge / da er theils mit Rathſchlaͤgen / theils mit An - ſtalt ſeines Beylagers beſchaͤfftigt war / durch Jagen die Zeit zu vertreiben / und ihnen allen Kummer aus den Gedancken zu ſchlagen / gab auch ſie zu unterhalten ihnen den Fuͤrſten Mar - comir zu. Daher noͤthigte ſie ſo wohl dieſes hoͤff - liche Anbieten / als ihr eigener Trieb / und in - ſonderheit die um das ſchwartze Meer braͤuchli - che Landes-Art folgenden Tag nach der Mor - genroͤthe fuͤrzukommen / und mit allerhand noͤ - thiger Anſtalt in das Hertzogliche Gehaͤge ſich zu dieſer den Fuͤrſten gewoͤhnlichen und wohl an - ſtaͤndigen Luſt zu verfuͤgen. Sintemal ſie den Leib hierdurch zu allerhand Muͤhſamkeit abhaͤr - ten / in Verfolgung des fluͤchtigen Wildes ren - nen / des Hertzhafften / fechten / des Schlauen / al - lerhand krummen Raͤncken und Liſt mit Liſt be - gegnen / und die Beſchaffenheit eines Landes am beſten kennen lernen. Welche Wiſſenſchafft ei - nem Fuͤrſten noͤthiger als die Kenntniß der Ge - ſtirne iſt. Denn dieſe hat den bedraͤngten Serto - rius mehrmahls errettet / wenn ſeine Feinde ihn ſchon in Haͤnden zu haben vermeinet. Die beyVer -88Anderes BuchVerfolgung eines Wildes ſich ereignete Verir - rung iſt mehꝛmals eine Wegweiſerin des Sieges geweſt. Weßwegen iederzeit die ſtreitbarſten Voͤlcker die Jagt geliebet / und die tapfferſten Fuͤrſten mit dieſer maͤnnlichen Ergetzligkeit ih - re Herrſchens-Sorge erleichtert / denn auch ihre Erqvickungen ſollen Bemuͤhungen ſeyn. Darius hielt dieſe ſo ruhmwuͤrdig / daß er auff ſein Grab ihm als einen beſondern Ehren - Ruhm ſchreiben ließ / daß daſelbſt ein fuͤrtreffli - cher Jaͤger begraben laͤge. Etliche groſſe Fuͤr - ſten haͤtten ſelbſt dieſe Kunſt mit ihrer eigenen Feder zu beſchreiben ſich nicht geſchaͤmet. Die - ſemnach denn die wider dieſe an ſich ſelbſt gute Ubung geſchehene Einwuͤrffe von ſchlechtem Gewichte zu achten ſind / ſamb ſelbte das menſch - liche Gemuͤthe mehr wilde machte / als ſie dem Leibe dienlich waͤre; daß ihre Annehmligkeit ei - nen Fuͤrſten noͤthigern Sorgen abſtehle. Sin - temal ſelbte auff bloſſen auch den Kern der beſten Sachen verderbenden Mißbrauch gegruͤndet ſind. Daß aber Saro der Gallier Koͤnig ſich uͤber Verfolgung eines Hirſchen ins Meer ge - ſtuͤrtzt / andere ſich in Gebuͤrgen verſtiegen / oder von Geſpenſten verleitet worden / iſt ihrer eig - nen Unvorſichtigkeit / oder andern Zufaͤllen / welche auch in den loͤblichſten Unterfangungen die Hand mit im Spielhaben / nicht der Eigen - ſchafft des Jagens zu zuſchreiben.

Den Anfang dieſer Jagt machte der Graf von Uffen / des Feldherrn oberſter Jaͤger-Mei - ſter / an einem ſumpfichten Orte mit dem Rei - gerbeitzen. Denn ſo bald dieſer etliche Mitter - naͤchtiſche Falcken außließ / erhoben ſich eine groſſe Anzahl Reiger empor / welche allhier fuͤr den Hertzog pflegen gehegt zu werden / alſo daß ſie niemand ſonſt bey ernſter Straffe beunruhigen darff; wiewol ſonſt das allgemeine Voͤlcker - Recht / welches den Fang der wilden Thiere ie - dermann gemein laͤſt / in Deutſchland unver - ſehrt iſt. Auff die auffprellenden Reiger wur - den alſofort ſo viel Falcken / worunter etlicheſchneeweiſſe / welche bey denen Cimbern und Boſniern gefangen werden / ausgelaſſen. Die - ſe muͤhten ſich auffs eifrigſte jene mit ihrem Flu - ge zu uͤberklimmen / und hierauff ſtieſſen ſie ſchriemwerts mit vorgeſtreckten Klauen auff die niedrigen Reiger mit ſolcher Heftigkeit herab / daß ihr Abſchieſſen gleichſam ein Geraͤuſche des Windes machte / und die Reiger gantz zer - fleiſcht zur Erden fielen. Wiewol etliche ſchlaue Reiger die allzu hitzigen Falcken mit ihren uͤber ſich gekehrten Schnaͤbeln nicht nur verwunde - ten / ſondern gar toͤdteten. Dieſe Luſt vergnuͤg - te den Hertzog Zeno ſo ſehr / daß er ſich heraus ließ: Plato haͤtte zwar die Fiſch - und Vogel - Jagt / als etwas knechtiſches getadelt / er befindete aber die Reigerbeitze fuͤr eine recht edle Fuͤrſten - Luſt. Rhemetalces fing an: Die Thracier haͤtten fuͤr uhralter Zeit dieſen Vogel-Krieg hoͤ - her als keine andere Jagt gehalten / und ihre Koͤ - nige bey der Stadt Amphipolis mit dem Ha - bicht-Fange der Waſſer-Vogel ihnen eine un - gemeine Luſt gemacht. Zeno pflichtete dieſem Lobe gleichfalls bey / mit Vermeldung / daß die Jndianer mit ihren abgerichteten Adlern eben - falls das furchtſame Gefluͤgel zu fangen pflege - ten / aber ihre Luſt kaͤme der gegenwaͤrtigen bey weitem nicht bey.

Hierauff kamen ſie in den nechſt daran liegen - den Forſt / darinnen ihnen alſofort unterſchiede - ne Rehe auffſtieſſen / derer etliche ſie mit ihren Pfeilen faͤlleten. Hernach kamen ſie auff die Spur eines wilden Uhr-Ochſens / den ſie auch alſofort ereilten. Zeno vermeynte mit ſeinem Bogen ihn alſofort zu erlegen / und ſchoß drey Pfeile hintereinander auff deſſen Stirne / wel - che aber alle ohne Verwundung abſprungen. Dieſer Fuͤrſt verwunderte ſich hieruͤber nicht wenig / meldende: Er wuͤſte nicht ob dieſe Ochſen ſich mit Kraͤutern feſte gemacht / oder ſeine Ar - men alle Kraͤfte verlohren haͤtten. Malovend lachte und ſagte: Von Gemſen glaubte man zwar / daß wenn ſie die Doranich-Wuꝛtzel gegeſ -ſen /89Arminius und Thußnelda. ſen / ſie mit keinem Geſchoß verwundet werden koͤnten; von dem Ochſen aber haͤtte er diß nie gehoͤrt. Rhemetalces ſchos zwey Pfeile / eben ſo wol vergebens / dem Ochſen auff den Kopff / und dahero mit nichts minderer Entruͤſtung. Da fing Malovend an: Sie ſuchten vergebens diß Thier im Kopfe zu beleidigen / der ſo harte waͤre / daß ein Geſchoß ehe durch Ertzt als durch ſeine Hirnſchale gehen wuͤrde. Hiermit traff er den rennenden Ochſen mit einem Wurf - ſpieſſe ſo gluͤckſelig in die Seite / daß ſelbter in der Bruſt vorging / und dieſes Thier entſeelt zu Bo - den fiel. Hierauff ſchoß er einen Pfeil ihm durch den Kopff durch und durch. Welches bey - den andern Fuͤrſten noch ſeltzamer fuͤrkam / und mit deſſen nunmehr leichter Durchſchuͤſſung die Krafft ihrer Bogen verſuchten. Malovend berichtete ſie hierauff / daß mit dem Leben die Haͤrte des Schaͤdels zugleich verſchwinde / und hiermit verfielen ſie auff einen Hirſch von unge - meiner Groͤſſe / und einem Geweyhe von ſehr viel Enden. Er verwundete zwar ſelbten mit einem Pfeile / es wuͤrckte aber ſolcher mehr nicht / als eine ſchnellere Flucht. Nachdem er auch in dieſem Forſte eine See erreichte und durch - ſchwamm / muſten die Fuͤrſten einen Umweg ſelbten zu verfolgen nehmen / und womit er ih - nen nicht gaͤntzlich entrinne / ein paar Strick Winde loß laſſen. Dieſe brachten ihn / nach - dem er endlich in ſeinem Lauffe nach Art der Hirſchen / wegen Schwachheit ihres Maſt - darms und wegen der Verletzung offtmahls ruhen muſte / zu Stande / alſo / daß er / keine an - dere Ausflucht ſehende / ſich endlich ſelbſt denen Fuͤrſten naͤherte / ihre Bogen und Pfeile / gleich als wenn er von ihnen ſich keines Leides zu be - ſorgen haͤtte / betrachtete / und als ein Muſter allzu leichtglaͤubiger Vertrauligkeit / vom Rhe - metalces mit einem Wurffſpieſſe getoͤdtet ward. Als dieſe Fuͤrſten abeꝛ diß gefaͤllte Wild betrach - teten / wurden ſie eines am Halſe habenden und unter den Haaren ziemlich ins Fleiſch gewachſe -nen Halsbandes gewahr / welches ſie von den Pferden abzuſitzen und ſelbtes eigentlicher zu er - forſchen verurſachte. Das ſie denn auch aus dichtem Silber gefertigt / und darauff eingeetzt befanden: Als Julius Caͤſar den Deut - ſchen ein Gebieß anlegte / gab er mir die Freyheit. Sie erſtarrten fuͤr Ver - wunderung gleichſam uͤber dieſer Begebenheit / und Rhemetalces beklagte uͤberaus: daß ſeine unvorſichtige Ubereilung dieſes denckwuͤrdige Thier / welches gantzer drey und ſechtzig Jahr nur nach getragenem Halsbande unverſehret blieben waͤre / zu unzweiffelbarem Verdruß Her - tzog Herrmanns gefaͤllet haͤtte. Fuͤrſt Malo - vend aber fiel ihm in die Rede: Er moͤchte ſich hieruͤber keinen Kummer machen. Es wuͤrde der Feldherr ihm hierfuͤr noch groſſen Danck ſagen. Warum? verſetzte Rhemetalces. Ma - lovend antwortete: Weil dieſer Hirſch ein ver - druͤßliches Gedaͤchtniß deſſelben Tages iſt / da die Deutſchen ihre Freyheit zu verliehren ange - fangen. Beyde Fuͤrſten wurden dadurch mehr begierig alle Umſtaͤnde von ihm zu vernehmen; Worauff er denn ihnen folgenden Bericht er - ſtattete: Es haͤtten in Deutſchland ſich die Cat - ten iederzeit fuͤr andern / ſo wohl an Streitbar - keit als an Fruchtbarkeit herfuͤr gethan; alſo / daß ſie alleine uͤber hundert groſſe Doͤrffer mit denen darzu gehoͤrigen Landſtrichen bewohnet / alle Jahr aber etliche tauſend gewaffnete Maͤn - ner aus ihren Graͤntzen getrieben / und / durch ihren Degen neue Wohnplaͤtze zu ſuchen / alſo auch ihre Herrſchafft zu vergroͤſſern genoͤthigt haͤtten. Dieſer Ausbreitung waͤre ihrer Le - bens-Art zu ſtatten kommen. Denn nachdem ſie wenigen Ackerbau gepflegt / ſondern nur von Jagten und Viehzucht gelebt / haͤtte ſie der Hunger zur Kriegs-Luſt gezwungen / und ſie waͤren von Kindauff die Freyheit lieb zu gewinnen / die Glieder durch taͤgliche Kriegs - Ubungen zu verſtaͤrcken / Kaͤlte und Hitze mitErſter Theil. Mnack -90Anderes Buchnacktem Leibe zu vertragen angewoͤhnt worden. Ja / ungeachtet ſie den Roͤmiſchen Kauffleu - ten mit ihnen zu handeln / womit ſie ihrer Feinde Leuten angewehren koͤñen / verſtattet haͤtten / lieſ - ſen ſie doch biß itzt keinen Wein noch andere zur Uppigkeit dienende Wahren bey ihnen einfuͤh - ren / womit ihre Tapfferkeit durch keine Wolluͤ - ſte verzaͤrtelt wuͤrde. Dieſe haͤtten nun nahe fuͤr hundert Jahren die Ubier ihnen zinßbar ge - macht / fuͤr ſechs und ſechzig Jahren aber die Uſi - peter gar aus dem Lande getrieben / welche / nach - dem ſie durch allerhand Landſchafften der An - ſibarier / Angrivarier / Chamaver / Bructerer und Marſen / unter allerhand Kriegs - und Gluͤcks-Zufaͤllen umgeirret / die auff beyden Seiten des Rheins wohnende Menapier uͤber - fallen / und ſie an der Maaß ihren Herd und Hof auffzuſchlagen gezwungen haͤtten. Dieſe aber waͤren aus dem Regen in die Troffe gefallen / indem der in Gallien damals ſiegende Caͤſar ſie daſelbſt nicht leiden / ſondern ſie uͤber den Rhein und die Bothmaͤßigkeit der Ubier zu begeben zwingen wollen. Woruͤber es zum Treffen kom - men / darinnen die Menapier eine ſchwere Nie - derlage erlitten / und die uͤbrigen ſich zu denen Sicambern haͤtten fluͤchten muͤſſen. Weil die - ſe nun die Menapier Caͤſarn nicht haͤtten aus - folgen laſſen wollen / die von denen Catten ge - druͤckten Ubier beweglich um Huͤlffe gebeten / er auch ohne Schreckung der Deutſchen ſich der Gallier nicht verſichert gehalten / haͤtte er eine Bruͤcke uͤber den Rhein gebaut / und mit ſechs Legionen daruͤber in Deutſchland geſetzt. Die Deutſchen haͤtten unſchwer dieſen Bruͤckenbau hindern koͤnnen; alleine Sie waͤren auff Rath - geben der Tencterer ſchluͤßig worden / etliche Ta - gereiſen weit / mit allem ihrem Vorrathe ſich zu - ruͤcke zu ziehen / und da die Roͤmer ſich tieffer ins Land wagen wuͤrden / ſelbte nicht allein aus ih - ren Wildnuͤſſen rings umher zu uͤberfallen / ſon - dern auch ihnen den Ruͤckweg und die Bruͤcke gar abzuſchneiden. Weil nun dem Kaͤyſerſelbſt ſehr verdaͤchtig fuͤrkommen waͤre / daß die ſonſt nicht zu furchtſamen Deutſchen ohne ge - ringſten Widerſtand die Bruͤcke zu verfertigen verſtattet / und ohne einigen Schwerdſchlag ih - ren Sitz verlaſſen / haͤtte er die Bruͤcke an bey - den Enden mit ſtarcken Bollwercken verwah - ret / in Meinung nicht unverrichter Sache den Deutſchen Boden zu raͤumen. Alleine nach dem Fuͤrſt Catumer den Roͤmiſchen Vortrab in die Flucht geſchlagen / und etliche Ubier ihm Kund - ſchafft gebracht / daß die Catten ein allgemein Auffboth gethan / und wider ihn im Anzuge waͤ - ren; haͤtte er nicht rathſam befunden / ſo lange Stand zu halten / ſondern er haͤtte der Sicam - brer Doͤrffer verbrennt / den Ubiern auff den Nothfall neue Huͤlffe verſprochen / der Deut - ſchen Gebaͤue / und inſonderheit einen herrlichen Thiergarten des Sicambriſchen Hertzogs ver - wuͤſtet. Nachdem er nun in dieſem uͤber hundert groſſe Hirſchen gefunden / und er in Deutſchland ein Gedaͤchtnuͤß ſeiner Uberfarth zu verlaſſen gewuͤnſcht / welches von den Deutſchen ſo bald nicht vertilget werden koͤnte / ſo haͤtte er iedem Hirſche ein ſolch Halsband / mit gleichmaͤßiger Schrifft / als wir hier fuͤr Augen ſehen / ange - macht / und ſelbte frey in die Wildnuͤſſe lauffen laſſen. Hierauff waͤre er den achtzehenden Tag mit ſeinem Heere in Gallien gekehrt / und haͤtte die Bruͤcke / womit ſie den Deutſchen nicht ſelbſt zum Einfall diente / wieder wegge - riſſen. Zenofing hierauff an: Er muͤße geſte - hen / daß dis eine gute Art ſey in einem feindli - chen Lande / und da der Feind zumahl wenig Geſchichtbuͤcher zu halten pflegt / ſein Anden - cken zu erhalten. Ja verſetzte Rhemetalces / ſon - derlich wo es wahr iſt / daß eine Kraͤhe neunmahl des Menſchen Alter uͤberſteigen und nahe biß an neunhundert Jahr leben / ein Hirſch dieſes aber vier mahl uͤbertreffen und derogeſtalt wohl drey tauſend und fuͤnfftehalb hundert Jahr alt werden ſolle. Alleine es iſt dieſes nicht des Kaͤyſers erſte Erfindung / ſondern er hat es demgroſ -91Arminius und Thußnelda. groſſen Alexander nachgethan / welcher nach er - langtem Siege wider der Triballer Koͤnig Syr - mus und die Geten / vielen Hirſchen ſilberne / auch hernach in Jndien guͤldne Halsbaͤnder um - gemacht. Uberdiß waͤre auch des Diomedes Hirſch allereꝛſt zu Zeiten des Koͤnigs Agathocles gefangen worden / und Kaͤyſer Auguſt haͤtte an unterſchiedenen Orten ſolche Hirſche mit guͤld - nen Halsbaͤndern und dieſer Uberſchrifft lauffen laſſen: Ruͤhre mich nicht an / ich ſtehe dem Kaͤyſer zu. Malovend fiel ihm ein; Er koͤnte nicht glau - ben / daß ein Hirſch ſo lange leben ſolle. Auch ich nicht / antwortete ihm Rhemetalces; Gleichwohl abeꝛleben ſie ſehr lange / theils wegen ihreꝛ natuͤꝛ - lichen Leibes-Kraͤfften / welche auch bey ungeſtuͤ - mem Meere aus Cypern in Cilicien und Syrien zu ſchwimmen veꝛmoͤchten; ja mit ihrem Atheme Nattern aus den Steinritzen zu ziehen / die ver - ſchlungenen Schlangen im Magen in Stein zu verwandeln / und gleichſam in einen fleiſcher - nen Sarge ein ſteinernes Aas zu vergraben maͤchtig ſind; theils wegen mangelnder Galle / theils wegen ihrer eingepflantzten Wiſſenſchafft wider Gifft und andere Schwachheiten aller - hand heilſame Kraͤuter und Artzneyen zu erkie - ſen. Wie ſie denn / um der Bloͤdigkeit ihrer Au - gen abzuhelffen / ſo viel ſchlangen freſſen / hernach ſich in die kalten Fluͤſſe eintauchen / biß das Gifft aus dem Magen durch die Augen ſchwitze. Glei - chergeſtalt haͤtten die verwundeten Hirſchen den Menſchen die wilde Poley als ein Kraut gewie - ſen / wodurch die ins Fleiſch geſchoſſene Pfeile heraus zu ziehen ſind. Dieſer gegenwaͤrtige Hirſch koͤnne nu ſelbſt ein Zeugniß ihrer Lebhaf - tigkeit abgeben / denn er habe diß Halsband ſchon etliche ſechzig Jahr getꝛagen / und als man es ihm umgemacht / wird er nicht klein geweſt ſeyn. Ja / ſagte Malovend / diß kan leicht ſeyn / weil ein Hirſch in fuͤnff Jahren zu ſeiner Vollkom̃enheit gelangt; und wir in Deutſchland insgemein da - fuͤr halten / daß ein Hirſch hundert Jahr lebe. Ze - no brach hierauff ein: Fuͤr hundert Jahrenkriegte ein Hirſch wohl keinen Stein im Auge / aber ſonſt muͤſte er viel laͤnger leben. Denn ſein Vater Polemon / Koͤnig im Pontus / habe nach einen Hirſch am ſchwartzen Meer geſchla - gen / auff deſſen Halsbande dieſe Griechiſche U - berſchrifft zu leſen geweſt: Alexanders Scytiſche Beute iſt meine Zierrath. Nun aber ſind es na - he vierdtehalb hundert Jahr / ſeit Alexander in ſelbigen Laͤndern Krieg gefuͤhret. Es kan viel - leicht wohl ſeyn / daß zuweilen ein Hirſch ſo lan - ge lebe / begegnete ihm Rhemetalces; aber ich beſorge / es gehe wie in andern Alterthuͤmern viel Unterſchleif mit unter / und habẽ ſolche Sa - chen meiſt einen viel juͤngern Vater / als den ſie an der Stirne fuͤhren. Und inſonderheit ſind die Griechen hierinnen Meiſter / welche viel Dinge / die geſtern jung worden / einer greißen und un - gewiſſen Zeit Kinder heiſſen. Sie tichten ihnen nicht allein Helden / die nie in der Welt geweſt; Sie ruͤhmen ſich Staͤdte eingeaͤſchert zu haben / die nie geſtanden / und die Stadt Troja / ja Pri - amus / Hector und ihre Nachkommen ſind noch etliche hundert Jahr hernach in voller Bluͤthe geweſt / als ſie ſolche zerſtoͤrt und erlegt zu ha - ben die gantze Welt luͤgenhafft uͤberredet. Sie verhandeln noch itzt den einfaͤltigen Auslaͤndern zwar in der Erde verſchimmelte aber neu gegoſ - ſene Muͤntzen / die ihr Cadmus und Ceerops ſol - len haben praͤgen laſſen. Und wie lange iſt es / daß ein verſchlagener Hetrurier etliche bleyer - ne Taffeln / auf welche ein alter beruͤhmter War - ſager Olemus Calenus die alten Hetruriſchen Geſetze und nachdenckliche Wahrſagungen ge - ſchrieben haben ſolle / er aber ſelbſt in eine Hoͤ - le verſteckt gehabt / fuͤꝛ mehr als ſo viel wiegendes Silber verkaufft. Zeno fiel hier ein / es hat ein Betruͤger ſich nicht unbillich auff einen andern bezogen. Denn ſo viel ich mich erinnere / iſt diß e - ben der Calenus / welchen der Rath zu Rom uͤber dem auff dem Tarpejiſchen Berge gefunde - nen Kopffe zu rathe gefragt / und der den Bau des Capitoliniſchen Tempels argliſtig nach He -M 2truri -92Anderes Buchtrurien zu ziehen getrachtet / wenn ſeine Tuͤcke nicht ſein eigner Sohn verrathen haͤtte. Jch glaͤube / fing Zeno wieder an / daß das Roͤmi - ſche Volck ſchon vorher mit ſelbigem Kopffe be - trogen geweſt ſey / indem viel der nachdenckli - chen Roͤmer dafuͤr halten / es habe der ſchlaue Tarquinius / welcher mit allerhand ſcheinba - ren Kunſtſtuͤcken ſeinen blutigen Stul unter - ſtuͤtzen muſte / es ſelbſt vorher dahin begraben laſ - ſen / um ſeinem Tempel-Bau und Herrſchafft eine eben ſo groſſe Hoffnung und Anſehen bey dem leichtglaͤubigen Poͤfel zu erwerben / als die Koͤnigin Elißa bey Auffindung eines Pferde - Kopffs ihrer neuen Stadt zu wege brachte / wie ſie zu Carthago den Grund legte. Rhemetal - ces ließ ſich hierauff heraus: Er koͤnte derglei - chen Erfindungen ſich leicht bereden laſſen. Die gerechteſten Herrſcher / zu geſchweigen die / welche ſich mit Gewalt oder Argliſt auff den Thron geſpielt / muͤſten das unbaͤndige Volck durch wunderliche Arten in Schrancken hal - ten / denen hitzigen Koͤpffen einen Kapzaum anlegen / den Ehrſuͤchtigen einen guͤldnen Ring unter dem Scheine einer Zierrath durch die Naſe ziehen / den Poͤfel mit Schauſpielen und anderm unnuͤtzen Zeitvertreib von der Bekuͤm - merung um die Herrſchafft abziehen / und die - ſem ſo wie dem ſonſt erſchrecklichen Wallfiſche eine Tonne zum Spielen fuͤrwerffen / die Scheinheiligen mit angenommener Andacht betaͤuben / den Geitzigen einen aus glaͤntzendem Ertz gebackenen Kuchen zum Verſchlingen vor - werffen / darvon ſie hernach zerplatzen. Altein dieſes gehoͤret mehr in die geheimen Rathſtu - ben / als auff die Jagt. Rhemetalees fing an: dieſer Hirſch hat noch wohl etwas / welches wir als Weideleute zu betrachten haben / nehmlich / daß ſeine Geweyhe gleichſam mit Mooß und Eppich uͤberwachſen ſind / und wohl neunzehn Ende haben / welches er fuͤr ein Kennzeichen eines hohen Alters hielte. Malovend antwor - tete: beydes waͤre in Deutſchland nichts unge -meines / und haͤtte er Geweihe mit dreißig En - den geſehen. Hieraus aber waͤre der Hirſchen Alter nicht zu nehmen / welche zwar die haͤrte - ſten und faſt unter allen Thieren nicht hole Hoͤr - ner haͤtten / iedoch / weil ſelbte nicht an die Hirn - ſchale angewachſen waͤren / alle Fruͤhlinge ab - wuͤrffen / und das eine Horn / welches zur Artz - ney am dienlichſten ſeyn ſoll / verſcharreten. Ja / ſagte Zeno / er haͤtte diß ſelbſt wahrgenom - men / und haͤtten die unvernuͤnfftigen Thiere zwar denen Menſchen viel nuͤtzliche Artzneyen gewieſen / nehmlich das Waſſer-Pferd das A - derlaſſen / der Egyptiſche Vogel Jbis das Kli - ſtiren / die Schwalbe und Schlange die Augen - Kraͤuter / der Storch den Rutzen des Krauts Wohlgemuth / die Natter des Fenchels / die Baͤren die Artzney der Ameiſen / die wilden Tauben des Lorber-Baums / man ſehe aber da - bey ihre ſonderbare Mißgunſt. Unterſchie - dene Voͤgel verſteckten ihre Neſter / die Hey - daͤxe verſchlinge ihre abgeworffene Haut / daß ſie nicht fuͤr die fallende Sucht gebraucht wuͤr - de; und das furchtſamſte aller Thiere / welches in der Flucht fuͤr Angſt wohl ſcchzig Fuͤſſe weit ſpringe / fiele mehrmals lieber in der Jaͤ - ger Haͤnde / als es ſeine Geweihe unvergra - ben lieſſe. Rhemetalces verſetzte: Er hielte diß Beginnen der wilden Thiere mehr fuͤr einen blinden Trieb der Natur / als fuͤr eine Wuͤr - ckung wahrhaffter Gemuͤths-Regungen. Ze - no antwortete lachende: Ob er die Tauben nie - mahls habe verliebt / anch nie erzuͤrnet / einen Hund einmahl neidiſch / das andere mahllieb - koſend geſehen? Ob er die Loͤwen allzeit bruͤl - len / niemahls kirmeln / die Turteltauben ſtets girren oder wehklagen gehoͤret haͤtte? Rheme - talces verſetzte: dieſe Abwechſelungen waͤren ſo wenig ein Beweiß eigentlicher Gemuͤths-Re - gungen / als diß / daß ſie einmahl Speiſe / das an - dermahl Getraͤncke zu ſich nehmen. Denn weil wilde Thiere keine Vernunfft haͤtten / Furcht / Begierde / Mißgunſt und dergleichen aber Ubeꝛ -ſchrei -93Arminius und Thußnelda. ſchreitungen der Vernunft-Graͤntzen waͤren; koͤnte in einem Hertzen / welches keiner Tugend faͤhig waͤre / und in einem Kopfe ohne Vernunft / ſo wenig ein Laſter und der Beyfall einer falſchen Meynung Platz finden / als diß / was kein Leben hat / ſterben. Dannenhero / wenn ein Thier ſchiene bald Hofnung / bald Grimm / bald Liebe zu erwehlen / waͤre es ein bloſſer Schatten wah - rer Gemuͤths-Regungen. Einem Loͤwen kaͤ - me die Eigenſchafft des Zornes nicht viel beſſer zu / als einer Wolcke / wenn ſie blitzet. Eine Hinde waͤre nicht eigentlicher traurig / als der Monde / wenn er verfinſtert wuͤrde. Zeno be - gegnete Rhemetalcen: Er hoͤrte wol / daß er die Stoiſchen Weiſen zu ſeinem Lehr-Meiſter ge - habt haͤtte / welche die in dem Hertzen wohnenden Gemuͤths-Regungen in das Gehirne verſetzten / darinnen derſelben ſo wenig / als Einwohner im Monden / zu finden waͤren. Sie ſchluͤgen ſich aber ſelbſt / wenn ſie Kindern / Narren und vollen Leuten ſelbige nicht abſprechen koͤnten / welche doch weniger Vernunft / als Papagoyen und Elefanten haͤtten. Denn bey den Kindern waͤre ſie noch ungebohren / in Rarren todt / bey Vollen eingeſchlaffen. Die erſten weinten aus Unvernunft umb ihre Tocken ſo bitterlich / als Oenone umb ihren Paris / und Priamus umb ſein Koͤnigreich. Sie erſchrecken fuͤr einer Lar - ve mehr / als Brutus fuͤr ſeinem boͤſen Geiſte. Der Wahnſinnige zu Athen opferte aus einge - bildetem Eigenthum / frembder Schiffe halber / ſein abgeſchnidtenes Haar dem ſtuͤrmenden Meer und Winde ſo willig / als es die belaͤger - ten Frauen zu Carthago zu Bogen-Sehnen hergaben. Die Vollen zu Syracuſa warffen aus getraͤumtem Schiffbruche muͤhſamer alles zum Fenſter des Schenckhauſes hinaus / als der Schiffbruch-leidende Ulyſſes alles uͤber Bord. Rhemetalces wendete ein: Dieſer Art Men - ſchen koͤnte er eben ſo wenig wahre Gemuͤths - Regungen / als dem Vieh enthaͤngen / weil ihnen eben ſo wenig die Wahl ihrer anklebendenSchwach heit / als dem Vieh / ihrer angebohrnen Art zu widerſtehen / mangelte. Der Haſe und deꝛ Hirſch waͤꝛen allemal furchtſam / deꝛ Loͤwe und Tiger allemal grimmig / und die Tauben koͤn - ten nichts als im̃er liebreitzend ſeyn. Zeno wideꝛ - ſprach diß durch dieſe Frage: Ob er die Hirſchen niemals einen Jaͤger haͤtte toͤdten ſehen? Ob nicht Ptolomaͤus ſieben paar hoffaͤrtig hertrabende Hiꝛſchen an ſo viel guͤldnen Wagen gefuͤhꝛet / und Mithridates ſo viel behertzte zu ſeiner Leib-Wa - che erkieſet habe? Des Sertorius weiſſe Hindin haͤtte den Ruhm einer Wahrſagerin erworben / und eine andere in Egypten die Griechiſche Sprache verſtehen gelernet. Haͤtte nicht Ono - marchus mit den zahmen Loͤwen geſpeiſet / An - tonius ſie fuͤr ſeinen Wagen geſpannet? Hanno haͤtte einen / wie ein Lamb / bey der Hand gefuͤhrt / und dadurch von ſeinem argwoͤhniſchen Vater - lande ihm ſeine Hinrichtung zugezogen. Men - tor von Syracuſe / Elpis aus Samos und An - droclus haͤtten durch ihre Wolthaten ſie zu einer empfindlichen Liebe bewogen. Die Turtel - Taube ergrimmete ſich wider den Raben / betruͤ - bete ſich uͤber den Tod ihres Geſpielen / trincke nur truͤbes Waſſer / und ſitze auff keinen gruͤnen Zweig mehr. Sollen nun dieſe Thiere keine wahre Gemuͤths-Regung haben? Sie haben ja alle Sinnen der Menſchen / welche ihnen ſo wol als uns alles annehmliche und verdruͤßliche empfindlich machen; ja in unterſchiedenen uͤber - treffen ſie uns noch. Wer wil ſich uͤberreden laſſen / daß der Haſe fuͤr den Hunden nicht aus Furcht fliehe / und das Rebhun ſich fuͤr dem Ha - bichte nicht aus Schrecken verkrieche? Wer wil an dem Grimme des Loͤwen zweifeln / wenn fuͤr ſeinem Bruͤllen die Waͤlder beben / und tauſend Thiere zittern / oder er Spiſſe und Degen zer - malmet / und die Jaͤger zerfleiſchet? Rhemetal - ces fiel ein: Alle dieſe Bewegungen der Thiere ſchritten uͤber keine Graͤntzen / weil ſie keine Ver - nunft zur Anweiſerin / und kein Geſetze zur Richtſchnur haͤtten. Zeno antwortete: EsM 3folgte94Anderes Buchfolgte hieraus nichts anders / als daß die ihren Gemuͤths-Regungen den Zaum verhaͤngenden Thiere nicht wie den Zuͤgel der Vernunft zer - reiſſen / den Menſchen mißhandelten. Unter - deſſen waͤren doch beyder Gemuͤths-Regungen nichts minder / als das Wette-Rennen in einem freyen Felde / und einer umpfaͤhlten Renne - Bahn / als der Lauff eines entmanneten und mit einem unwiſſenden Steuer-Manne verſe - henen Schiffes ſeiner weſentlichen Eigen - ſchafft nach einerley. Zwiſchen beyden Regun - gen aber waͤre kein groͤſſerer Unterſchied / als zwiſchen dem Thun eines wilden und eines zu - gerittenen Pferdes / eines auff dem Seile tan - tzenden / und eines andern in der Wuͤſten mit dem Naſenhorn-Thiere kaͤmpfenden Elefan - ten. Dem Fuͤrſten Malovend wolte dieſer Streit zu lange waͤhren / daher fing er an: Sei - nem Beduͤncken nach waͤre nuͤtzlicher / ſeine Ge - muͤths-Regungen ſo vernuͤnftig zu leiten / daß ſie mit denen unvernuͤnfftigen Thieren keine Aehuligkeit haͤtten / als uͤber ihrer Gemeinſchafft oder Unterſchiede bekuͤmmert ſeyn. Fuͤrnem - lich aber waͤre zu wuͤnſchen / daß der Mißbrauch der Vernunfft in den menſchlichen Hertzen nicht aͤrgere Feindſchafft als zwiſchen Schlangen ge - ſaͤmet / und ihre Rachgier nicht ſchaͤdlichere Waf - fen erfunden / als die Natur an Klauen / Zaͤhnen und Hoͤrnern denen wilden Thieren mitgethei - let haͤtte. Nach dem ſie aber nicht allein ein ge - hoͤrntes Thier geſchlagen / ſondern auch anderer Hoͤrner erwehnet / koͤnte er gegen ſie eines ſeltza - mern Hornes / als vielleicht anderwerts einiges Thier haben moͤchte / unerwehnet nicht laſſen / welches vielleicht ſo wenig unangenehm zu hoͤ - ren / als zu der Jagt ungeſchickt ſeyn wuͤrde. Als er nun beyder Fuͤrſten Ohren geneigt zum Anhoͤren vermerckte / fing er an: Es habe ein Fuͤrſt aus ſeinen Vor-Eltern ſich in denen von dannen nicht allzuweit entfernten Frieſiſehen Wildbahnen einmal verirret / in ſelbtem ſey eine wolgeſtalte Wald-Goͤttin auff einem ihm unbe -kandten Thiere zu ihm geritten kommen / habe ihm ein uͤberaus artiges Horn dargereicht / und / daß er den darinnen enthaltenen Tranck aus - trincken ſolle / ermahnet / da er ſein Geſchlechte in uͤberaus groſſe Wuͤrde und Gewalt verſetzet wuͤnſchte. Der Fuͤrſt habe diß Geſchirr / wel - ches auch noch in ihres Geſchlechts Schatz-Kam - mer als eine beſondere Seltzamkeit auffgehoben wuͤrde / angenommen / worauff die Wald-Goͤt - tin fuͤr ſeinen Augen verſchwunden. Er aber habe ſich ſolches auszutrincken nicht wagen wol - len / ſondern ſich voller Entſetzung Spornſtreichs davon gemacht / und das Horn uͤberruͤcke ausge - goſſen / wovon dem Pferde / ſo weit es beſpritzt worden / die Haare wegge gangen waͤren. Zeno ſagte: Es iſt diß in Wahrheit eine ungemeine Begebenheit / und ich moͤchte dis Horn wol ſe - hen. Malovend vertroͤſtete ihn: Er wolte da - zu Anſtalt machen; aber er wuͤrde ſo wenig / als alle / die es biß auff gegenwaͤrtige Zeit in Augen - Schein genommen / nicht er gruͤnden koͤnnen / ob ſolch Geſchirr aus Horn / Ertzt / oder aus was fuͤr einem andern Talge bereitet oder gewachſen ſey. Diß iſt noch ſeltzamer / ſagte Rhemetalces / welches mir die Wahrheit der Geſchichte ziem - lich beglaubigt / und ich werde nicht ruhen / biß ich diß Wunder-Horn zu Geſichte bekomme. Aber da deine obige Erzehlung von des Kayſers Julius Bvuͤcke und Verrichtuͤg mit der Wahr - heit uͤbereintrifft; wie denn dieſe an dem Orte / wo etwas geſchehen / am wenigſten verfaͤlſcht bleibt; hat Julius ſich keiner ſo groſſen Thaten gegen die Deutſchen zu ruͤhmen / noch den Hir - ſchen eine ſo ruhmraͤthige Schrifft anzuhaͤngen / noch weniger die Roͤmer ſo viel Weſens darvon zu machen Urſache gehabt; und ich erfahre nun / daß die Griechen nicht alleine tichten koͤnnen. Freylich wol! antwortete Malovend. Das Geſchrey iſt mit den Rieſen vergeſchwiſtert / es uͤberſchreitet allezeit das rechte Maaß der Wahrheit mit einer Ubermaaß / es gebiehret al - lezeit Wunder-Wercke oder Ungeheuer / legetder95Arminius und Thußnelda. der Sachen entweder zu viel zu / oder nim̃t zu viel darvon / und vermiſchet das lautere eines Wercks mit einem unechten Beyſatze. Haͤtten die Deutſchen bey ſich ſo viel Geſchicht-Schrei - ber / es wuͤrden auch des Druſus und anderer Roͤmer Thaten ſo groſſen Ruhm in der Welt nicht haben / als ſie daraus machen. Und daher muthmaſſe ich / es verhalte ſich mit ihren alten Wunder-Wercken nichts beſſer. Zeno fiel ihm bey / und fing an: Die Ferne und das Alterthum waͤren der ſcheinbarſte Firnß der Unwahrheit / und pflegten nicht nur die Roͤmer / ſondern alle andere Voͤlcker / inſonderheit die Griechen ihre alte Helden und Thaten / wie die Wald-Goͤtter in des Timantes Gemaͤhlde den Daumen des ſchlaffenden Cyclopen mit langen Staͤn geln zu meſſen. Die Eroberung einer mittelmaͤſſigen Stadt war bey ihnen ein Wunder-Werck / die Erlegung eines beruͤhmten Raͤubers machte den Sieger zu einem Hercules. Ja die Wuͤrde der Halb-Goͤtter war fuͤr Zeiten ſo guten Kaufs / daß unter den Griechen leicht einer was thun dorffte / umb vergoͤttert oder unter die Sternen verſetzt zu werden. Zu Rom waͤre ſo gar die Hure Flora / bey den Marſen die Zauberin Me - dea mit einem Tempel verehret worden. Es ginge ja noch wol hin / ſagte Marcomir / wenn die Griechen und Roͤmer in Herausſtreichung ihres Eigen-Ruhms nur uͤber die Schnure ge - hauen / nicht aber die Flecken ihrer Ungerechtig - keitanderer Voͤlcker Unſchuld / wie die Spinnen ihren giftigen Unflat reinen Blumen anſchmie - reten. Jch wil der Griechen Eitelkeit / weil ſie den Deutſchen wenig Leides gethan / unberuͤh - ret laſſen. Die Roͤmer aber haben den Bren - nus und ſeine Deutſchen bey Auszahlung ihres Loͤſe-Geldes argliſtig uͤberfallen / die Stadt Alba / ihr Vaterland / aus bloſſer Ehrſucht ver - tilget / die Samniter wider Treu und Glauben hinters Licht gefuͤhret. Den dritten Krieg wider Carthago haben ſie mit groͤſſerm Mein -eyd angefangen / als ſie den Mohren niemals aufweltzen koͤnnen. Geitz und Herrſchens - Sucht habe ihren Krieg wider den Macedoni - ſchen Koͤnig Philipp angezuͤndet. Dem Anti - ochus / welchen ſie zur Zeit des Africaniſchen Krieges unter dem Scheine falſcher Freund - ſchafft auff ihre Seite bracht / haͤtten ſie gantz Aſien diſſeits des Tauriſchen Gebuͤrges und ze - hentauſend Talent ohne rechtmaͤſſige Urſache abgezwungen. Dem Koͤnige Perſes haͤtten ſie in einem Frieden / ſo lange er lebte / Heil und Sicherheit verſprochen / ihn aber bald im Schlaffe erwuͤrget; gleich als wenn dieſes Bild des Todes nichts minder ihn aus der Zahl der Lebenden genommen / und ihr Buͤndnß zer - riſſen haͤtte. Den mit leeren Freundſchaffts - Schalen ſicher gemachten Eumenes haͤtten ſie dem Antiochus verkaufft / den Attalus zum Knechte / und uͤber ſein Eigenthum zum Ampt - manne gemacht; ja durch Einſchiebung eines falſchen letzten Willen ſeinem Sohne Ariſtoni - cus ſeiner Vor-Eltern Reich mit dem Degen abgerechtet / und ihn zum Schau-Gepraͤnge gefuͤhrt; gleich als von einem guten Vater ein maͤchtigerer / fuͤr deſſen Boßheit er ſich nicht fuͤrchtete / zum Erben eingeſetzt werden koͤnte. Eben ſo haͤtten ſie des Nicomedes und der Ryſa Sohn von Bithinien verdrungen. Daß Craſ - ſus aus unſinniger Gold-Begierde des Pom - pejus und Sylla mit den Parthen getroffenes Buͤndnuͤß ungluͤcklich gebrochen / wuͤſten die Roͤ - mer ſelbſt nicht genung zu verfluchen. Gegen die Gallier haͤtten ſie eine Urſache vom Zaun gebro - chen / und durch Argliſt die unuͤberwindlichen Deutſchẽ ſelbſt aneinander gehetzt / um ſo wol die Uberwinder / als die Uberwundenen zu verſchlin - gen. Gleichwol aber wolten ſie niemals das Waſ - ſer getruͤbt / ſondern nach ihrer Geſchicht-Schrei - ber Großſprechẽ / die halbe Welt / entweder durch geraͤchetes Unrecht / oder durch den ihren Bunds - Genoſſen geleiſteten Beyſtand erobert haben;Gleich96Anderes BuchGleich als wenn nichts minder die Schwaͤchern die Maͤchtigern / als die Tauben die Geyer zu beleidigen / nicht aber insgemein dieſe ſich an jene zu reiben pflegten. Uberdis ſchrieben ſie ihre Fehler und Niederlagen mit ſo fahler Dinte auff / welche niemand leſen koͤnte; oder ſchaͤmten ſich wol gar nicht ihren Verluſt mit Siegs-Ge - praͤngen zu verdecken. Weßwegen er nicht zweifelte / daß ſie die Niederlage des Varus eben ſo wol verkleinern wuͤrden / als ſie des Lollius ver - tuſcht haͤtten. Alle hoͤrten den eifrigen Mar - comir geduldig an / weil ſie entweder den Roͤmern ſelbſt nicht gar hold waren / oder eines Gefange - nen Schuldigkeit zu ſeyn hielten / etwas zu ver - hoͤren. Zeno aber nahm endlich das Wort von ihm / und ſagte: Er wolte weder in einem noch dem andern das Wort reden. Alleine Laſter wuͤr - den ſo lange gefunden werden / als Menſchen. Gute und Boͤſe waͤren unter allen Voͤlckern / wie weiſſe Leute und ſchwartze Mohren in der Welt. Die Roͤmer waͤren von allzu groſſem Gluͤcke verblendet worden / bey welchem die kluͤgſten Leute wie die helleſten Augen von der Sonnen Straalen ihr Geſichte einbuͤßten. Bey anwachſender Gewalt ſchiene / was vor - traͤglich / auch recht zu ſeyn / und das Geluͤcke machte auch die ſittſamſten kuͤhn / das zu thun / was man bey niedrigerm Zuſtande verdamme - te. Unterdeſſen waͤre das durch das Gluͤcke verderbete Urtheil doch nicht ſo kraͤftig / daß man den Laſtern nicht ihre Heßligkeit anſehen / und ſich ſeine eigene Fehler zu ruͤhmen uͤberreden laſ - ſen ſolte. Die Eigenliebe haͤtte in der einen Hand einen Schwam̃ / damit ſie fort fuͤr fort ſich zu ſau - bern bemuͤhet waͤre; in der andern aber Kohlen / um andere damit zu ſchwaͤrtzen; gleich als wenn frembde Beſudelung unſern Brandmahlen / wie die finſtere Nacht den Sternen einen Glantz zu geben vermoͤchte. Bey welcher Bewandnuͤß man ihm von den Roͤmern nicht frembde zu ma - chen haͤtte / daß ſie lieber anderer / als ihre eigene Anklaͤger ſeyn / auch ihre eigene Ungluͤcke lieberverhuͤllen / als durch derſelben Eroͤfnung wie die Wunden durch Abreiſſung der Pflaſter ver - aͤrgern wollen. Auſſer dem wuͤrden alle merck - wuͤrdige Geſchichte insgemein ungleich und durch Ferne-Glaͤſer angeſehen / welche von for - nen die Sachen vergroͤſſern / von hinten zu aber verkleinern. Ja es waͤre eine unabtrennliche Eigenſchafft der Erzehlungen / daß ſelbte mit der Entfernung nicht anders / als die von einem Gebuͤrge abkugelnden Schneeballen ohne ihre Schuld wuͤchſen. Denn wenn ſchon Haß oder Gunſt ſich nicht mit auff die Wag-Schale leg - ten / ſo haͤtte doch Gluͤck und Jrrthum mit die Hand im Spiele / und ſtrichen dem Weſen einen falſchen Firnß an. Auch diß / was an ſich ſelbſt groß genung waͤre / behielte ſein Maaß nicht / ſondern der Nahme uͤberwiege die eigene Schwerde. Der groſſe Alexander haͤtte ſelbſt geſtanden: Man redete mehr von ihm als wahr waͤre. So haben die Deutſchen hingegen von ih - nen zu ruͤhmen / fing Malovend an / daß ſie mehr thun / als man von ihnen ſaget. Rhemetalces laͤchelte / mit Beyſetzung dieſer Worte: Wir ha - ben es leider / und du zwar an deinen eigenen Landsleuten wol erfahren. Aber / Malovend / ſo viel aus deinen Worten verlautet / biſtu dei - nem Vaterlande nicht gram / was hat dich denn bewogen dich auff der Roͤmer Seite zu ſchlagen? Malovend zoch die Achſeln ein und ſeuffzete. Sie haͤtten ihm auch ferner angelegen die Urſa - che zu eroͤffnen; es brachten aber die Jaͤger gleich vier groſſe hauende Schweine gejagt / welches ihr Geſpraͤche unterbrach / und ſie nach ihren Waf - fen zu greiffen noͤthigte. Zeno warff das foͤrder - ſte mit einem Wurffſpieſſe / alleine es lieff mit ſelbtem gleichſam ohne einige Empfindligkeit deꝛ Wunden hinweg / ſo bald es ſein Waſſeꝛ gelaſ - ſen hatte. Denn auſſer dem koͤnnen ſie nicht ſtaꝛck lauffen. Rhemetalces ſchoß etliche Pfeile auff das andere / ſie vermochten aber nicht einſt durch - zudringen. Malovend aber ſprang nach ſeiner Landes-Art eilfertig vom Pferde / ließ ihm dennech -97Arminius und Thußnelda. nechſten Jaͤger ein Eiſen langen / hielt ſelbtes ge - gen dem dritten Schweine / welches gantz ver blendet darein lieff / und mit dieſem Fange ſtein - todt zur Erden fiel. Rhemetalces fing hier - uͤber an: Jch glaͤube / daß die wilden Schweine in Deutſchland keine Augen haben / daß ſie ſich ſo ſelbſt auffopffern. Ja / ſagte Malovend / wie in der gantzen Welt die Menſchen / welche entweder Furcht oder Begierden verblenden. Hiermit gab er dem vierdten Schweine einen gleichmaͤßigen Fang. Zeno fing hierauff an: Jch ſehe wohl / daß Malovend diß Handwerck beſſer als wir gelernet / ſprang hiermit / nach dem er noch unterſchiedene groſſe Stuͤcke folgen ſahe / vom Pferde / welchem Rhemetalces bald folge - te. Jener begegnete einem Hauer gleichfalls mit einem Eiſen / welches zwar wohl antraff / a - ber am Holtze in ſtuͤcken brach / alſo er mit ſei - nem Degen ſich zu beſchirmen gezwungen ward. Dieſem gelang es noch aͤrger. Denn das Schwein rennte ihn gar uͤber einen Hauf - fen / verletzte ihn auch ein wenig in die Huͤffte / weßwegen die Jaͤger etliche der groſſen Britan - niſchen Tocken auff ſie loß laſſen muſten. Die - ſe hielten die Schweine bey den Ohren ſo feſte / daß man ihnen die Eiſen ohne einige Kunſt ins Hertze ſtoſſen konte. Nachdem nun wohl zwoͤlff Stuͤck erlegt / fing Zeno an: Jch glaube / daß P. Servilius Rullus aus dieſem Forſt entſproſſen ſey / weil er zu Rom mit den wilden Schweinen ſo groſſe Verſchwendung angefangen / und der erſte geweſt / der iedem Gaſte ein gantzes Schwein fuͤrgeſetzt. Ja / ſagte Zeno / und die - ſe wuͤrden auch wohl dem Apicius das Gewich - te halten / der keines auffſetzen ließ / welches nicht tauſend Pfund ſchwer war. Malovend ant - wortete: zum wenigſten hat er dieſen Pracht von den Deutſchen gelernet / welche bey ihren Her - tzogs-Wahlen nicht nur gantze Schweine / ſon - dern groſſe Ochſen braten. Zeno aber fiel ein: Er wundere ſich vielmehr / daß die deutſchen Schweine ſo wohl ihre Landsleute kenneten / indem ſie nur die Auslaͤnder beleidigten. Malo - vend verſetzte dieſen Schertz: vielleicht waͤren ſie ſo klug oder guͤtig / als die Tyrintiſchen Schlan - gen / die Nattern am Phrat / und die Scorpi - onen auff dem Berge Latmus / von denen man ihn zu Rom im Ernſt bereden wollen / daß ſie gegen die Eingebohrnen gantz kirre waͤren / auch ihnen kein Leid anthaͤten. Jch begehrte ihrer vernuͤnfftigen Unterſcheidung / ſagte Rhemetal - ces / nicht ſo viel / als auff die Staͤrcke gegenwaͤr - tiger Hunde zu trauen. Zeno fielihm ein: Er wuͤnſchte / daß dieſe Gegend noch ſtreitbarere Thiere hegete / um zu verſuchen / ob dieſe Hun - de auch Loͤwen und Elefanten bemeiſtern koͤn - ten / wie die / welche der Koͤnig in Albanien und Sophites in Jndien dem groſſen Alexan - der verehret haͤtten. Jch weiß / ſie wuͤrden ih - ren Feind nicht ſcheuen / antwortete Marcomir. Denn die Gallier holten ſie aus Britannien / und brauchten ſie wie die Garamanten in Schlachten an ſtatt der Kriegs-Knechte / und die Colophonier ſtelleten ſie Gliederweiſe in die Spitze des Treffens. Die Cimbrer richteten ihre eigene Hunde darauff ab. Rhe - metalces fuhr fort: Jch habe gemeint / meine Nachbarn die Magneten fuͤhrten nur mit Hun - den Kriege. Ja ſagte Zeno; brauchte ſie nicht Koͤnig Maſiniſſa zur Leibwache? und noch heu - te zu Tage iſt diß in Africa nicht ungemein. Die Roͤmer ſelbſt haben ſolche als M. Pompo - nius Sardinien eingenommen / zu Ausſpuͤh - rung ihrer in oͤde Oerter gefluͤchteten Feinde gebraucht. Rhemetalces antwortete ihm: al - les diß iſt der Hunde Eigenſchafft aͤhnlicher / als daß ſie zu Rom auff den Schau-Buͤhnen die Stelle und Verrichtungen der Gauckler ver - treten. Sie ſollen uns / rieff Malovend / hier zuverſichtlich auch ein nicht unangenehmes Schauſpiel fuͤrſtellen / und erinnerte ſie ruͤck - waͤrts umzuſchauen / allwo die Jaͤger zwey groſſe Baͤren gegen ſie auffgejagt hatten. Die ſich erſchuͤtternden Pferde aber hatten dieſerErſter Theil. NThiere98Anderes BuchThiere Naͤherung ſchon / ehe ſie ſie zu Geſichte be - kom̃en / angedeutet / weil die Natur beyden einen unverſoͤhnlichen Haß eingepflantzt. Die aus - laͤndiſchen Fuͤrſten wolten etliche von den Brit - tanniſchen Tocken auff ſie loß laſſen; Malovend aber meinte / es waͤre an einer genug. Denn an den andern Baͤr wuͤrde ſich wohl ein einigeꝛ Jaͤ - ger machen. Der loßgelaßne Hund griff als - bald den groͤſten Baͤr an / und machte ihm ſo viel zu ſchaffen / daß er ſich fuͤr ihm auff einen Eichbaum fluͤchtete; nach welchen ſie hernach mit Pfeilen ſo lange zum Ziele ſchoſſen / biß er nach vielen empfangenen Wunden herab fiel. Den andern Baͤr aber griff Alfelsleben / ein von Fußauff gewaffneter Cattiſcher Edel - mann des Fuͤrſten Adgandeſters / an; gegen welchen ſich der Baͤr aufflehnte / und als er ihn mit den foͤrdern Klauen umarmete / fiel der Jaͤ - ger mit allem Fleiß zuruͤcke / und ſtach ihm ein Meſſer durch den Bauch ins Hertze / daß er - ber ihm ſteintodt liegen blieb. Ehe ſich aber die - ſer unter dem Baͤren herfuͤrweltzte / fing der ihn begleitende Hund erbaͤrmlich an zu winſeln / fiel den todten Baͤren auffs grimmigſte an / und als dieſer ſich nicht regte / ſtuͤrtzte ſich der Hund in den nechſten See / haͤtte ſich auch darinnen vor - ſaͤtzlich erſaͤuffet / wenn nicht der hinzu lauffende Jaͤger durch ſein Zuruffen ihn davon abwen - dig gemacht haͤtte. Sie verwunderten ſich al - le uͤber dieſer Begebniß / und ſagte Rhemetal - ces / daß es doch kein ander Thier an Liebe und Treue gegen den Menſchen den Hunden gleich thaͤte. Man haͤtte mehr als tauſend beruͤhmte Beyſpiele / daß ſie fuͤr ihre Herren biß in Tod ge - fochten / auch nach etlichen Jahren ihre Moͤrder angefallen und entdeckt haͤtten. Ja des Eu - polites Hund waͤre uͤber ſeinen Abſterben er - hungert / des Xantippus waͤre ſeinem Schif - fe ſo lange nachgeſchwommen / biß er erſoffen / des letzten Darius Hund waͤre ſein einiger Todes-Gefaͤrthe geweſt / des Lyſimachus und Pyrrhus haͤtten ſich in ihre brennenden Holtz - Stoͤße geſtuͤrtzet.

Die Verzweiffelung dieſes getreuen Hundes war kaum vorbey / als Alfelsleben / deꝛ den Baͤꝛ in Eil ausgeweidet hatte / keine geringe Beſtuͤꝛtzung von ſich blicken ließ. Wie nun dieſer dem Jaͤger - meiſter den Verluſt ſeines eiſernen Ringes / als die Urſache ſeiner Bekuͤmmernis andeutete / zo - he Zeno einen koͤſtlichen mit Diamanten verſetz - ten Ring vom Finger / und reichte ſelbten dieſem Cattiſchen Edelmanne / um dardurch ſeinen Schaden zu ergaͤntzen. Alfelsleben bezeugte gegen dieſer Fuͤrſtlichen Freygebigkeit die hoͤff - lichſte Demut / und weigerte ſich dieſes Geſchen - cke anzunehmen / anziehende / daß der Werth ſeines verlohrnen eiſernen Ringes durch keinen andern / auch durch den mit einem koͤſtlichen Opal verſetzten Ring nicht erſetzt werden koͤnte / welchen der Rathsherr Monius gehabt / und ſo hoch geachtet / daß er ſich lieber damit ins Elend verjagen laſſen / als ſolchen dem geitzigen Anto - nius abtreten wollen; noch auch um denſelben Ring / um deſſen Kauff zwiſchen dem Coͤpio und Druſus eine Todt-Feindſchafft und ein ſchreck - licher Krieg erwachſen. Rhemetalces fing an: in was denn die Koſtbarkeit dieſes Ringes be - ſtanden / weil ſelbter nur fuͤr eiſern angegeben wuͤrde? Ob ſelbter eine geheime Krafft wie der - ſelbe Ring in ſich gehabt habe / welchen der Koͤ - nigliche Hirte Gyges in einer Hoͤle einer in ei - nem ertztenen Pferde verwahrten Leiche abge - zogen; ſich damit als wie des Pluto oder der Hoͤl - le Helm ebenfals die Krafft gehabt haben ſoll / unſichtbar und zum Koͤnige in Lydien gemacht haͤtte? oder ob dieſer Ring den Alfelsleben / wie des Phecenſiſchen Fuͤrſten zwey Ringe / durch ihren Klang erinnert haͤtten: Ob er diß oder jenes thun oder laſſen ſolte? Alfesleben / wel - cher in dem Eingeweide des Baͤren ſeinen Ring bekuͤmmert ſuchte / gleichwohlaber das eine Ohr bey dem Geſpraͤche dieſer Fuͤrſten hatte / ant - wortete: Wo die Anreitzung der Tugend et - was beſſers / als die betruͤgeriſchen Kuͤnſte der Zauberey waͤre / wuͤrde ſein Ring zweiffelsfreyhoͤ -99Arminius und Thußnelda. hoͤher als alle erwehnte / ja auch als des Eucra - tes Ring / darinnen des Pythiſchen Apollo Bild alle Heimligkeiten ihm entdeckte / und andere zu achten ſeyn / krafft welcher Timolaus alle Schwerden erheben / durch die Luͤffte fluͤgen / ie - derman einſchlaͤffen / und alle Schloͤſſer oͤffnen wolte. Uber dieſen Worten fand Alfelsleben den Ring in einem Darme des Baͤres / welchen er mit groſſen Freuden dem ihn zu ſehen ver - langenden Fuͤrſten Zeno reichte. Bey deſſen erſtem Anblicke er anfing: es iſt dieſer Ring ziemlich weit / und zum Verlieren gar geſchickt. Weil er nun ſo hoch geſchaͤtzt wird / muthmaße ich / deſſen Weite werde ſo wohl als der Ring des dem Jupiter zu Rom geweyhten Hohen - prieſters etwas ſonderlichs anziehlen; in dem dieſer ihn erinnerte / daß er nichts gezwunge - nes fuͤr die Hand nehmen ſolte. Ja / ſagte Mar - comir / nichts anders zielet auch dieſer deutſche Ring an; daher auch kein Leibeigner ſolchen bey Lebens-Straffe tragen darff. Uberdiß koͤmmt auch dieſer Ring dem erwehnten prieſterlichen bey / daß er mit keinem Steine verſetzt iſt. Zeno fiel ein: bey andern Voͤlckern aber ſind die eiſer - nen Ringe der Leibeigenen Merckmahl / wie die ſilbernen der unedlen Freyen. Wiewohl bey - de ſich aus einem verborgenen Ehrgeitze unter - ſtehen denen edlen einzugreiffen / und unter der Farbe oder Schale des Stahles Gold zu tra - gen. Malovend antwortete: Es iſt nicht ohne / daß Eiſen und Stahl dem Golde nicht zu ver - gleichen; ſondern vielmehr ſolche Ringe von e - ben dem Metalle / worvon insgemein die knech - tiſchen Feſſel ſeyn. Mir iſt auch nicht unwiſ - ſend / daß zu Rom die erſten guͤldnen Ringe nur die Botſchaffter / die Raths-Herren / und die Rathsfaͤhigen Geſchlechte / welche nach der Can - niſchen Schlacht alle ihr Gold in den gemeinen Kaſten gelieffert / hernach die Ritterlichen getra - gen / und daher Mango aus der groſſen Menge der abgenommenen guͤldenen Ringe zu Cartha - go die Anzahl der erſchlagenen edlen Roͤmer er -wieſen habe. Durch welches Kennzeichen des Cornutus Knechte des Marius den Cornutus zu ermorden befehlichte Kriegs-Leute betrogen; indem ſie unter dem Scheine ihres ſchon entſeel - ten Herrn einer gemeinen Leiche guͤldne Ringe angeſteckt / und ſie fuͤr des Cornutus zu Gra - be getragen. Wiewohl freylich das Recht guͤldne Ringe zu tragen hernach auff die Kriegs - Hauptleute / nach dieſem auff die außerleſnen Kriegs-Maͤnner / ferner auff die Edelleute / wel - che viertzig tauſend Seſtertier in Vermoͤgen zeigen konten / verfiel. Ja endlich ſteckte Ver - res / wiewohl mit groſſem Unwillen des Roͤmi - ſchen Adels / ſeinem Schreiber / Sylla ſeinem Schauſpieler Roſcius / Kaͤyſer Julius dem un - edlen Laberius / Balbus dem Gauckler Heren - nius Gallus / Kaͤyſer Auguſt dem vom Pom - pejus mit der Schiffs-Flotte uͤbergehenden Mena / und ſeinem Artzte Muſa einen guͤld - nen Ring an; alſo / daß zuletzt dieſes guͤldne Ge - ſchencke nur fuͤr ein Zeichen der Loßlaſſung aus der Dienſtbarkeit angenommen ward. Nichts deſtoweniger iſt unlaͤugbar / daß Pro - metheus / welcher der Ringe Erfinder gewe - ſen ſeyn ſoll / einen eiſernen getragen / und daß bey denen Spartanern ein eiſerner Ring ein Kleinod der Edlen / zu Rom eine Zierde des Koͤ - nigs Numa in ſeinem ertztenen Bilde war / daß bey denen alten Roͤmern die gleich mit einer guͤldenen Krone im Siegs-Gepraͤnge einzie - henden Uberwinder / und inſonderheit Cajus Marius / als der dem Koͤnig Jugurtha an ſei - nen Wagen geſpannet einfuͤhrte / doch ei - nen eiſernen Ring am Finger truge / ja die Roͤmiſchen Geſandten in ihren Wohnungen nur eiſerne anſteckten / die Roͤmer auch noch nur mit dergleichen ihre Braͤute beſchencken. Jch habe zu Rom ſelbſt zu der Zeit / als Kaͤyſer Auguſt das Volck in zehn und zehn abtheil - te / die Richter in anſehnlicher Zahl ſitzen / und in der meiſten Haͤnden keine andere als eiſer - ne Ringe geſehen / und hat man mich verſt -N 2chert /100Anderes Buchchert / daß der Roͤmiſche Adel keine andere tra - gen doͤrffte / wenn ſie der Stadt-Vogt nicht mit einem guͤldenen beſchenckt haͤtte / ungeach - tet die von ihnen uͤberwundenen Sabiner lan - ge vorher insgemein an den Fingern und Ar - men guͤldene mit Edelgeſteinen verſetzte Rin - ge und Armbaͤnder gefuͤhret. Endlich mag auch der Kaͤyſer ſo heilig geſchaͤtztes Bild zu Rom nichts minder in eiſerne / als guͤldene Ringe gepraͤgt werden. Zeno betrachtete in - zwiſchen Alfeslebens Ring auffs genaueſte / fing hierauff an: Jch finde an dieſem Ringe weder Kunſt noch Koſtbarkeit / vermuthlich aber wird er wegen einer verborgenen Urſa - che ein Ehrenzeichen des deutſchen Adels ſeyn. Vielmehr ein Merckmahl der Schande / ver - ſetzte Marcomir. Denn es muͤſſen ihn alle Catten ſo lange tragen / biß ſie einen Feind uͤberwunden / gleich als wenn ſie durch ſolche Heldenthat ſich von einem Feſſel der Verach - tung befreyen muͤſten. Nach dieſer Art darff kein Cheruſker und Catte auch fuͤr Erlegung ei - nes Feindes weder Haupt noch Bart beſcheeren laſſen / gleich als wenn er durch ein dem Va - terlande zu liebe gethanes Geluͤbde das Haar ſo lange zu tragen verpflichtet waͤre. Her - tzog Zeno fragte: Warum denn dieſer junge Edelmann um den Verluſt deſſen / was er loß zu werden ſo ſehr wuͤnſchte / ſo bekuͤmmert ge - weſen waͤre? Weßwegen / ſeiner Meinung nach / er dieſes Schmach-Zeichen mehr Urſache in dieſen Pfuhl / als Polycrates und Sextus Pom - pejus ihre Ringe ins Meer zu werffen gehabt zu haben ſchiene. Marcomir antwortete: Es waͤre denen / welchen dieſe Ringe zu tragen von ihrem Fuͤrſten einmahl ausgetheilet worden / verkleinerlich / wenn ſie ſelbte verliehreten; gleich als wenn ſie das Denckmahl ihrer Tugend und verſprochenen Tapfferkeit ſo geringſchaͤtzig hiel - ten und auſſer Augen ſetzten. Zu dem waͤre der Deutſchen Gewohnheit / daß die Fuͤrſten um den Sieg / die Edlen aber fuͤr den Fuͤr -ſten kaͤmpfften / und die Ehrerbiettung gegen ihre Fuͤrſten ſo groß / daß ſie fuͤr Ge - winn und Ehre ſchaͤtzten / wenn ſie mit einem ihnen gleich ſchaͤdlichen Gehorſam der Fuͤr - ſten Befehl befolgten / und aus einer ihnen zu wachſenden Schande ihm Ruhm und Ehre zu - ſchantzen koͤnten. Fuͤrnehmlich aber waͤre es dem Alfesleben darum zu thun / daß er in der letzten Schlacht dreyer Gallier und zweyer von ihm erlegter Roͤmer Koͤpffe eingebracht haͤtte / und er alſo folgenden Tag dem Cattiſchen Hertzoge Arpus dieſen Ring als ein Pfand ſei - ner numehr bewehrten Hertzhafftigkeit zuruͤck lieffern ſolte; worgegen er nach der Deutſchen Gewohnheit zum Siegs-Lohne mit einem Schwerdte / einem Vogen / oder einer Ruͤſtung / zuweilen auch wohl mit einem guͤldenen Rin - ge / nach des Hertzogs Gefallen und des Sie - gers Verdienſte beſchencket wuͤrde. Auſſer ſolchen durch Tapfferkeit erworbenen doͤrffte kein deutſcher Rittersmann keinen guͤldenen Ring tragen. Rhemetalces fing an: es iſt diß ſehr loͤblich und dem Carthaginenſiſchen Geſe - tze nicht ungleich / welches verbot / mehr Ringe anzuſtecken / als einer Feldzuͤge gethan hatte. Sonſten waͤren alle erzehlte Dinge der Tapf - ferkeit wohlanſtaͤndige Geſchencke. Jnſon - derheit waͤre die Verehrung der Ringe in dem tieffſten Alterthume ſchon braͤuchlich geweſt. Denn wie dieſe nicht nur zu Verſicherung der Wetten / der Geluͤbde / der Heyraths-Schluͤſſe gegeben worden; alſo habe die Stadt Cyrene einen koſtbaren Ring ſchmieden / das koͤſtliche Kraut Silphium / welches auch unter andern Schaͤtzen dem Delphiſchen Apollo gewidmet war / darauff praͤgen laſſen / und ſolchen ihrem Urheber Battus als ein Zeichen ihrer Danck - barkeit; Philip / als er wider die Byſantzier zo - he / dem groſſen Alexander / dieſer auff dem Tod-Bette / als ein Erkaͤntniß ſeiner treuen Dienſte / oder ein Zeichen des ihm zugeigne - ten Reiches dem Perdiccas / der krancke Au -guſt101Arminius und Thußnelda. guſt dem Agrippa ſeinen Ring gegeben. Ma - lovend nahm das Wort von ihm und fing an: Es waͤre die Art mit dem Ringe einem die Nachfolge der Herrſchafft zuzueignen / oder ſonſt eine ungemeine Vertrauligkeit anzudeu - ten / wie Alexander gegen dem Hepheſtion mit ſeinem an den Mund gedruͤckten Ringe ge - than / als er ihme Olympiens geheime Schrei - ben zu leſen gab / auch in Deutſchland nicht un - bekant / und pflegten die Catten dieſe eiſerne Ringe ihrer Ahnen auffs fleißigſte zu verwah - ren. Sonſt waͤren dieſe Ringe vielleicht deß - wegen ſtaͤhlern / weil bey denen alten Deutſchen dieſes in der Haushaltung und im Kriege nuͤtz - lichere Ertzt in groͤſſerm Anſehen / als das Gold / auch dem Kriegs-Gotte zugeeignet geweſt. Aus welchem Abſehen / und weil die rechte Hand meiſt die Ausuͤberin der Tapfferkeit ſeyn muß / der Daumẽ und mitlere Finger auch der ſtaͤrck - ſte iſt / dieſe eiſerne Ringe auch nur in der rechten Hand / und zwar in oberwehnten zweyen Fin - gern getragen wuͤrden. Da hingegen die mei - ſten Voͤlcker die aus bloſſer Wolluſt angenom - mene Ringe in der muͤſſigern und verborgenern lincken Hand / und in dem Finger neben dem kleinern / gleich als wenn nach der Egyptier wie - wohl irrigen Meinung aus dieſem Goldfinger eine kleine Ader zu dem vom Golde Staͤrckung empfangenden Hertzen ginge / truͤgen / den Dau - men und mittlern Finger damit niemahls be - ſteckten. Dieſe Erzehlung vergnuͤgte die frem - den Fuͤrſten uͤberaus / und nachdem Rhemetal - ces dieſen Ring gleichfals wohl betrachtet hatte / fing er an: Jch finde in dieſem Ringe gleichwohl noch etwas / was Fuͤrſt Zeno nicht angemercket / oder gemeldet; Denn es iſt in ihn was gebei - tzet / welches ich aber noch nicht recht erkennen kan. Fuͤr kein Bild eines Gottes darff ich es nicht annehmen / weil ich weiß / daß die Deut - ſchen mit den Egyptiern dißfals nicht einig ſind / welche des Harpocrates und anderer Goͤtter Bilder gar gemein an Fingern tragen. Ver -mutlich aber wird es iemand beruͤhmtes von die - ſes Edelmanns Ahnen oder aus ſeinen vertrau - ten Freunden ſeyn. Maſſen ich in Griechenland und zu Rom dieſe Gewohnheit wahrgenom̃en / und bey dem Germanicus den Ring mit des A - fricaniſchen Scipio eingeetztem Haupte geſehen / welchen das Volck ſeinem unwuͤrdigen Sohne / als er ſich die Stadtvogtey zu ſuchen unterſtand / abgezogen hat. Kaͤyſer Julius hat der gewaffne - ten Venus Bild / von welcher er nichts minder entſproſſen / als ſeine Aehnligkeit empfangen zu haben vermeinte / getragen. Jn Griechenland pflegen noch die Nachfolger des Welt-Weiſen Epicurus ſein Bild in ihren Ringen zu vereh - ren / in ihre Saͤle zu ſetzen und auff ihre Trinck - Geſchirre etzen zu laſſen. Alfesleben antwor - tete hierauff ſelbſt: Es iſt weder eines noch das andere / ſondern ein Schild / und darauff das Haupt des Tuiſco / zu meiner Erinnerung / daß nichts ſchaͤndlichers ſey als im Kriege den Schild einbuͤſſen; und daß alle edele Gemuͤther in die Fußſtapffen ihres niemahls uͤberwunde - nen Tuiſco zu treten ſchuldig ſind. Zeno fing hieruͤber laut an zu ruffen: diß iſt ein ſo ſchoͤnes Sinn-Bild / als dieſer junge Ritter tapffer iſt. Nichts nicht kan einem einen groͤſſern Zug zur Tugend / als das Anſchauen eines beruͤhmten Helden verurſachen. Alſo hat Ariſtomenes des Agathocles / Callicrates des Ulyſſes / und Kaͤyſer Auguſt des groſſen Alexanders Bild in ihren Ringen getragen / und Tiberius ſiegelt ſchon mit des Auguſtus. Callicrates hat ſo gar nach Ulyſſes Kindern den ſeinigen ihre Nahmen gegeben / und das Roͤmiſche Geſchlechte der Macer traͤgt nicht nur in Ringen / in Trinckge - ſchirren und Waffen; ſondern auch das Frau - en-Zimmer Alexanders Bild mit Perlen / Gold und Seide geſtickt auff ihren Hauben / Kleidern und Zierrathen. Auch hat mir zu Rom Lucius Macro ein vertrauter des Tiberius eine aus Agtſtein gearbeitete Schale / als das ſchaͤtzbarſte Kleinod ihres Geſchlechtes / gewieſen / in welcheN 3vom102Anderes Buchvom beruͤhmten Pyrgoteles Alexanders Thaten auffs kuͤnſtlichſte gegraben ſind. Rhemetalces / der noch immer den Ring betrachtete / brach ein / und ſagte: Jch finde inwendig noch einen in die - ſen Ring gegrabenen Loͤwen. Alfelsleben fiel ihm bey / und berichtete / daß die Hertzoge der Catten dieſes hertzhafte Thier zu ihrem Ge - ſchlechts - und Feld-Zeichen brauchten / und deß - wegen alle ſolche eiſerne Ringe damit beſtem - peln lieſſen. So fuͤhren ſie / antwortete Rhe - metalces / mit dem groſſen Pompejus einerley Merckmahl / weil dieſer ſtets einen mit einem Schwerdte geruͤſteten Loͤwen in einen Sardo - nich-Stein gegraben am Fingeꝛtrug / und damit ſiegelte. Maſſen dieſer Ring dem todten Pom - pejus auch vom Achille abgezogen / dem Kaͤyſer Julius mit dem eingehuͤllten Haupte uͤber - ſchickt / und damit ſein zu Rom unglaͤublicher Tod beſtaͤrcket ward. Zeno ſetzte bey: Eswaͤ - re die Zuneigung gewiſſer Sinnen-Bilder ie - derzeit im Brauche geweſt. Die Egyptiſchen Kriegsleute haͤtten insgemein einen Kefer / als ein Bild der Tapferkeit / weil es keinen Kefer weiblichen Geſchlechts gebe / Areus der Spar - taner Koͤnig einen Adler / Darius ein Pferd / Amphitruo den auffgehenden Sonnen-Wa - gen mit vier Pferden / die Locrer den Abend - Stern / die Koͤnige in Perſien das Bild der Heldin Rhodogune mit zerſtreueten Haaren / welche bey derſelben Aufflechtung eine erlittene Niederlage erfahren / und ſelbte nicht eher / als biß nach veruͤbter Rache zuzuflechten ſich ver - ſchworen hat / Clearchus die tantzenden Jung - frauen zu Sparta / welche alle Jahre die Carya - tiſche Diana alſo verehreten / Sylla die Erge - bung des Koͤnigs Jugurtha / und zuweilen drey / Timoleon ein Sieges-Zeichen / weil er deroglei - chen Ring in dem Kriege gegen den Jcetes aus dem Looß-Topfe gezogen / Jntercatienſis des Scipio Emilianus Sieg uͤber ſeinen eigenen Vater / Pyrrhus den Agath mit den Muſen / Auguſt einen Sphinx / Seleucus und ſeineNachkommen einen Ancker / Mecaͤnas einen Froſch / Jßmenias das Bild der Amimone in ihren Ringen gefuͤhret. Unter dieſem Geſpraͤ - che brachten die Hunde eine groſſe Sau aus dem Geſuͤmpfe herfuͤr gejagt / welcher der wegen ſei - nes wiedergefundenen Ringes frohe Alfelsleben mit dem Eiſen muthig entgegen ging. Zu al - lem Ungluͤcke aber brach der Stiel entzwey / und Alfelsleben fiel uͤber einen Hauffen. Die ſchwere Ruͤſtung hinderte ihn geſchwinde aufzuſpringen die andern aber die Ferne / ihm im Augenblicke Huͤlffe zu leiſten; und alſo kriegte dieſe grim - mige Sau Zeit / dieſen hurtigen Edelmann im Bauche und in der Seite / wo er ungeharniſcht war / gefaͤhrlich zu verwunden / alſo / daß die Jaͤ - ger ihn halb todt in das nechſte Jaͤger-Haus zur Verbindung tragen muſten. Wie nun alle hieruͤber ein ſonderbarhes Mitleiden bezeugten / fing Rhemetalces an: Jch ſehe gleichwohl aus dieſem Beyſpiele / daß die aus denen Ringen zu - weilen genom̃ene Andeutungen nicht bloſſe Ei - telkeiten ſeyn / ſondern gewiſſe Geheimnuͤſſe in ihren Kreiſſen verborgen ſtecken / wie Polycrates mit ſeinem Schaden / Timoleon mit ſeinem Frommen erfahren / weil jenem dadurch ſein Untergang / dieſem ein herrlicher Sieg wider die Leontiner angedeutet ward. Alſo ſagte Eſopus den Samiern mehr denn allzu wahr / als ein Adler ihren Ring / damit der Rath zu ſiegeln pflegte / mit in die Lufft nahm / und in eines Knechtes Schooß fallen ließ; ſie wuͤrden unter eines Koͤnigs Dienſtbarkeit verfallen. Mar - comir begegnete ihm: Er hielte den Verluſt des Ringes und Alfelslebens Verwundung fuͤr einen bloſſen Zufall; und alſo auch dieſe der Ringe wie auch andere eingebildete Andeutun - gen fuͤr Aberglauben. Er geſtuͤnde gerne / daß in koͤſtlichen Edelgeſteinen / als in welche die Na - tur gleichſam ihre Kunſt und Herrligkeit zuſam - men gezwaͤnget hat / nichts minder als der Ma - gnet abſondere Kraͤffte in ſich haͤtte / aber nur na - tuͤrliche und der Vernuft gemaͤſſe. Daher erdenn103Arminius und Thußnelda. denn fuͤr ein bloß Getichte hielte / daß ein in ei - nes Hahnes Magen gefundener Stein den Milo Crotoniates unuͤberwindlich gemacht ha - be. Gleicher geſtalt waͤre ihm unglaublich oder eine Zauberey / daß iemals ein in ein Glas ge - henckter Ring gewiſſe daran gehaltene Buchſta - ben durch ſeine Bewegung bezeichnet / und einen Nachfolger im Reiche angedeutet; daß der welt - weiſe Eudamus Ringe bereitet haͤtte / welche die Geſpenſter verjagt / die Schlangen-Biſſe ver - hindert / und die Verſtorbenen zu erſcheinen ge - noͤthigt; Moſes aber mit einem / ſeinem Egypti - ſchen Weibe ſeiner und aller vorhergehenden Vergeſſenheit beybꝛacht. Weßwegen eꝛ auch diß fuͤr den aͤrgſten Aberglauben hielte / wenn etliche Wagehaͤlſe aus denen vom Kreutze genomme - nen Ketten / oder von den Klingen der Scharff - richter ihnen zu allerhand verdaͤchtigem Ge - brauche (wie der ruchloſe Eucrates gethan ha - ben ſoll) Ringe ſchmieden laſſen. Rhemetal - ces verſetzte: Keine gruͤndliche Urſache koͤnte er ſo wenig geben / als die ſcharffſichtigſten Welt - weiſen in vielen andern Geheimnuͤſſen. Unter - deſſen bekraͤfftigte es die Erfahrung und ihr heu - tiges Beyſpiel. Niemanden waͤre iemals ein Stein aus dem Ringe / oder der Ring ſelbſt zer - ſprungen / dem nicht ein Ungluͤck auff dem Na - cken geſeſſen. Woraus allem Anſehen nach gefloſſen zu ſeyn ſchiene / daß die Traurenden / die Fußfaͤlligen / die zum Tode verdammten die Ringe abnehmen / denen Sterbenden aber ſelbte abgezogen wuͤrden; gleich als weñ ihr Leid keines groͤſſern Ungluͤcks Ankuͤndigung aus ihren Rin - gen mehr zu erwarten haͤtte. Jhrer viel haͤtten deswegen umb auff den Nothfall ihrem Leben abzuhelffen / Gifft in ihren Ringen verwahret. Maſſen Demoſthenes dardurch dem vom An - tipater abgeſchickten Moͤrder Archias / und Hannibal des Flaminius Kriegsleuten zuvor kommen waͤren / und der Bewahrer des von dem Camillus dem Capitoliniſchen Jupiter ge - wiedmeten Schatzes haͤtte mit Zerbeiſſung einesin ſeinen Ring eingeſetzten Steines ihm augen - blicklich ſein Leben verkuͤrtzt / als Marcus Craſ - ſus daſelbſt zweytauſend Pfund Goldes wegge - nommen. Alſo durchgraben die eitlen Sterb - lichen nicht allein die Eingeweide der Erde / und beſchinden ihnen ſo viel Haͤnde / nur daß eines einigen Fingers Glied glaͤntzend ſey / ſondern ſie muͤhen ſich auch ihre Scharffſinnigkeit zu Be - foͤrderung ihres Todes an zugewehren / alſo / daß wenn in der Tieffe der Erdkugel nur eine Hoͤlle zu finden waͤre / dieſe Kaninichen des Geitzes ſolche fuͤrlaͤngſt unteꝛgraben / und / wo nicht Eꝛtzt / doch Schwefel und Gifft daraus geraubet haben wuͤrden.

Die Sonne war hiermit ſchon uͤber den Mit - tags-Wirbel gelauffen / als Hertzog Herrmanns Jaͤgermeiſter ſie in das unfern davon gelegene Fuͤrſtliche Jaͤgerhaus zur Mittagsmahlzeit ein - lud. Dieſes war ein ſechseckichtes von gebacke - nen Steinen aufgefuͤhrtes / und mitten in einem luſtigen Thiergarten gelegenes Gebaͤue / darin - nen ſie bey ihrer Ankunft unten auff einem ge - pflaſterten Voden ſchon eine fertige Taffel fan - den / und in dieſer Wildnuͤß nicht allein den hun - grigen Magen mit ſchmackhafter Koſt / als das Gemuͤthe mit annehmlichem Geſpraͤche ſaͤttig - ten. Wie ſie aber im beſten Eſſen waren / er - hob ſich in einem Augenblicke unter der Taffel ein Geprudel und Geraͤuſche / das Waſſeꝛ ſpritzte auch bald darauf ſo heftig in die Hoͤhe / daß alle an der Taffel ſitzende haͤuffig beſpritzet / und darvon auffzuſpringen genoͤthigt waren. Dieſes Bad verurſachte ein nicht weniges Gelaͤchter / und Zeno fing an: Er haͤtte in dieſer ſandichten Flaͤ - che keine Waſſer-Kunſt geſucht. Der Graf von Uffen / des Feldherrn Jaͤgermeiſter antwor - tete: Es haͤtte ſie die Natur / keine Kunſt an die - ſen Ort verſetzet. Denn es waͤre diß der be - ruͤhmte Boller-Brunn / welcher alle Tage zwey - mal zwiſchen den Sand ſich verſteckte / und ſo vielmal wieder herfuͤr ſpringe / alſo nicht anders / als das Meer Epp und Fluth habe. Sie lieſſenhier -104Anderes Buchhierauff die Taffel hinweg ruͤcken / umb dieſen Wunder-Brunn ſo viel eigentlicher zu betrach - ten / und an einem ſichern Orte die Mahlzeit zu vollenden. Zeno fing hierauff an: Dieſer Brunn kom̃t mir fuͤr / wie der von mir auff der Reiſe aus Jtalien beſichtigte Fluß Timavus in Hiſtrien / deſſen Strom ebenfalls von dem in die unterirrdiſchen Kluͤffce ſich eindringenden Adriatiſchen Meere ſo ſehr auffgeſchwellet wird / daß er weit uͤber ſeine Ufer ſich ergeuſt / und ſelbige Landſchafft waͤſſert. Dahero halte ich da - fuͤr / daß dieſer Boller-Bruñ gleichfalls von dem Aufſchwellen des Balthiſchen Meeres ſeine Be - wegung hat. Rhemetalees warff ein: Was wird aber fuͤr eine Urſache zu geben ſeyn / daß an dem Fluſſe Baͤtis ein Brunn / wenn ſich das Meer ergeuſt / ab - und wenn es faͤllt / wieder zu - nim̃t? Daß bey den Helvetiern das beruͤhmte Pfeffer-Bad im Anfang des Mayen Waſſer be - kom̃t / im Mittel des Herbſt-Monats aber ſelbtes wieder verliert; daß in dem Pyreniſchen Gebuͤr - ge ein Brunn im laͤngſten Tage das Waſſer mit groſſem Geraͤuſch heraus ſtoͤſt / und weñ der Tag am kuͤrtzſten / wieder verſeuget? Zeno antwortete: Das erſtere ruͤhrte her von den weiten und ver - drehten unterirrdiſchen Waſſer-Gaͤngen / durch welche das eindringende Meer ſich ſo geſchwinde nicht durchzwaͤngen kan; das andere aber koͤnte nicht von dem Ab - und Zulauffe des Meeres / ſondern / ſeinem Beduͤncken nach / noch von dem zerſchmeltzenden Schnee / welcher nach und nach mehr / als die bald abſchieſſenden Regen / in die Berge einſincke / herruͤhren. Wie kom̃ts aber / ſagte Rhemetalces / daß es in Pannonien und in Hiſtrien eine See gibt / die des Sommers ver - trocknet und beſaͤet wird / des Winters aber ſchwimmet und Fiſchreich iſt; und daß in Sy - rien ein Fluß nur den ſiebenden Tag kein Waſ - ſer hat? Dieſes muß aus der Gelegenheit des Orts unzweifelbar entſchieden werden / verſetzte Zeno. Denn es koͤnnen wol daſelbſt ſolche Hoͤ - len ſich befinden / die entweder den Sommeruͤber / oder auch nur ſechs Tage die zuſammen - rinnenden Fluthen auffzufangen faͤhig ſind; hernach aber ſelbtes wie ein ausgedruͤckter Schwam̃ durch gewiſſe Roͤhrẽ wider von ſich ge - ben muͤſſen. Malovend fiel ein: Sie wuͤrden vie - ler Tage Arbeit beduͤrfen / die Wunder auslaͤndi - ſcher Bruñen und Fluͤſſe zu beruͤhren / wiewol er viel fuͤr Gedichte hielte; als: daß in der Jnſel Caͤa ein Brunn den / der daraus trincket / verduͤ - ſtert / einer in Cilicien lebhafft / der Leontiſche ge - lehrt / in Sicilien einer weinend / der ander la - chend / einer / ich weiß nicht wo / verliebt machen / einer in der Jnſel Bonicca verjuͤngen / der Fluß Selemnius in Achaien aber der Liebe abhelffen ſolle. Es lidte es auch nicht die Zeit von Deutſch - lands Wunder-Waſſern zu reden; ſondern er wolte nur von der engen Gegend nicht ver - ſchweigen / daß nahe von dar der Fluß Beche und Lichtenau ſich unter die Erde verkriechen / und unfern von des Feldherrn Burg bey der Stadt Tenderium wieder hervor ſchuͤſſen; wie der Fluß Anas in Hiſpanien / Lycius in Aſien / Tigris in Meſopotamien / Timavus in Hiſtri - en / und viel andere auch thun ſollen.

Uber dieſem Waſſer-Geſpraͤche ward die Mahlzeit vollendet / da ſie dann in einen uͤber das gantze Gemach gehenden Saal empor ſtie - gen / welcher mit allerhand Zierrathen ausge - putzt war / und rings herumb uͤber den Thier - garten ein luſtiges Ausſehen auff die haͤufſig darinnen verſchloſſenen und miteinander ſpie - lenden Thiere eroͤffnete; worunter viel von Natur wilde Baͤren / Woͤlfe / Luchſen / entweder durch Gewohnheit gezaͤhmt / oder ihnen ihre zur Verletzung dienende Waffen benommen wa - ren. Umb den Saal herumb waren in Le - bens-Groͤſſe zwoͤlff Helden gemahlet / derer Waffen genungſam andeuteten / daß es Deut - ſche waͤren. Zeno redete hiermit den Fuͤrſten Malovend an: Jch habe mir Deutſchland viel wilder beſchreiben laſſen / als ich es ietzt in Au - genſchein befinde. Und darff ich mich uͤber dieSitten105Arminius und Thußnelda. Sitten der Einwohner nicht mehr ſo ſehr ver - wundern / nach dem ich auch in ihren Wild - bahnen die wilden Thiere zahmer als ander - werts antreffe. Man hat mich beredet: es waͤre allhier ein unauffhoͤrlicher Winter / ein immer truͤber Himmel / ein unfruchtbares Erdreich; die Staͤdte haͤtten keine Mauren / ihre Wohnungen waͤren Huͤtten / oder vielmehr Hoͤlen des Wildes / mit derer Haͤuten ſie ſich der Kaͤlte kaum erwehren / und mit der Rinde von den Baͤumen ſich fuͤr dem Regen decken muͤſten; das Feld truͤge kein Getraide / die Baͤume kein Obſt / die Huͤgel keinen Wein. Jch erfahre numehr aber in vielen Sachen das Widerſpiel. Diß Gebaͤue lieſſe ſich auch wol bey Rom ſehen / und auff unſere heutige Mahlzeit haͤtten wir auch den Roͤmiſchen Buͤrgermeiſter Lucullus / ja den luͤſternen Gauckler Eſopus zu Gaſte bitten koͤñen. Deñ haben wir gleich nicht von Jndiani - ſchen Papegoyen das Gehirne / keine Egyptiſche Phoͤnicopter Zungen / aus dem rothen Meere die Scarus-Lebern / aus dem Britanniſchen die Auſtern / vom Fluſſe Phaſis die Phaſanen / und Voͤgel / die reden koͤnnen / geſpeiſet / oder in einer Schuͤſſel / ja in einem Loͤffel eines gantzen Lan - des jaͤhrliche Einkunften verſchlungen; ſo hat man uns doch ſolch wolgeſchmackes Wildpret und Gefluͤgel auffgeſetzt / welches Africa / die Mutter der Ungeheuer / nicht der Koͤſtligkeiten / mit allen ſeinen ſeltzamen Thieren nicht zu lie - fern gewuſt haͤtte / und uns beſſer geſchmeckt / als jenen Verſchwendern ihre unzeitige Gerich - te / welche an ſich ſelbſt weder Geruch noch Ge - ſchmack haben / und nur deßwegen / daß ſie koſt - bar und ſeltzam ſind / verlanget werden. Jſt unſer Fuß-Boden nicht mit theurem Saffran beſtreut / ſo iſt er doch mit wolruͤchenden Blumen bedeckt geweſen. Jch ſehe wol / ſagte Marco - mir / daß unſer Deutſchland einen ſo geneigten Beſchauer bekom̃en / der es bey den Auslaͤndern mit der Zeit in groͤſſeres Anſehen ſetzen doͤrfte. Jch geſtehe es: Wo mich die Liebe des Vater -landes / in welchem uns die raueſten Stein - klippen ſchoͤner als anderwerts die Heſperiſchen Gaͤrte und das Theſſaliſche Luſt-Thal fuͤrkom - m[e]n / nicht zu einem ungleichen Urthel verleitet / daß bey uns das Erdreich nicht ſo rauh / der Himmel nicht ſo grauſam / das Anſehen nicht ſo traurig ſey / als es die uͤppigen oder durch hoͤren ſagen verleiteten Auslaͤnder gemacht. Uber - dis hat Deutſchland von der Zeit her / da die Deutſchen mit den Roͤmern in Kundſchafft ge - rathen / viel ein ander Geſichte bekommen / als es fuͤr hundert und mehren Jahren gehabt. Die / welche vorhin von nichts als von dem er - legten Wilde und Viehzucht lebten / haben nun gelernt den Acker bauen / fruchtbare Baͤume / ja an der Donau und dem Rhein gar Wein - ſtoͤcke pflantzen. Wir zeugen itzt ſo viel eßbare Kraͤuter und Wurtzeln / wir machen unſere Speiſen mit ſo frembden Wuͤrtzen an / welche man noch bey unſerer Eltern Leben nicht einſt hat nennen hoͤren. Alleine ich weiß ſicher nicht / ob dieſe Verbeſſerung Deutſchlands Auffneh - men oder Verderb ſey. Jch bin zwar kein Artzt / kein Kraͤuter - und Stern-Verſtaͤndiger / ich kan mich aber nicht bereden laſſen / der guͤtigen Natur dieſe Mißgunſt auffzubuͤrden / daß ſie ei - nem Lande was entzogen haͤtte / deſſen man ſo wol zu ſeiner Geſundheit als Nothdurft unnach - bleiblich benoͤthiget waͤre. Warlich die Goͤttli - che Verſehung / welche allen wilden Thieren ſo reichlich ihren Unterhalt verſchafft / iſt dem Men - ſchen ſo feind nicht geweſt / daß er ſein Leben zu er - halten ſo groſſer Kunſt und ſo fernen Zufuͤhrung doͤrffe. Kein Wald naͤhret ſo unfruchtbare Baͤume / keine Wuͤſteney ſo ſtachlichte Diſteln / welche nicht dem Menſchen ſo wol die Nothdurft der Artzney / als der Speiſe gewehre. Jeder - mann koͤnne ſeine Lebens-Mittel allenthalben und umbſonſt finden. Mit Pappeln und Goldwurtz haͤtten ſich fuͤrzeiten gantze Voͤlcker ausgehalten / und Koͤnige nicht ſo ver - ſchwenderiſch / als itzt gemeine Buͤrger gelel et. Erſter Theil. OAls106Anderes BuchAls die Koͤnigin in Carien Ada dem groſſen A - lexander viel niedliche Speiſen geſchickt / haͤtte er ihr zu wiſſen gemacht / daß die Nacht-Reiſe ein viel beſſerer Koch zum Fruͤh-Maale / eine ſpar - ſame Mittags-Mahlzeit aber die Wuͤrtze ſeines Abend-Eſſens waͤe. Aber nunmehr baute / nach dem Beyſpiele der Sicilier / faſt iedermann aus ſeinem Leibe der vielfraͤſſigen Verſchwen - dung einen Tempel. Dieſe Luͤſternheit und der Uberfluß habe das menſchliche Leben aller - erſt ſo theuer gemacht / und bezahle die Ungeſun - deſten umb hundertfachen Preiß. Jn welchem Abſehen des Zamolxis Meynung allerdings wahr waͤre / daß alles Ubel und Gute des Leibes aus dem Gemuͤthe des Menſchen herfluͤſſe. Die Artzneyen / welche die Reichen aus Ara - bien und Jndien kommen lieſſen / braͤche ein Tageloͤhner von gemeinen Stauden ab. Und da der Egyptier und anderer Voͤlcker Goͤtter nur die in ihrem Landſtriche ge - wachſenen Fruͤchte ihnen opfern lieſſen / waͤ - re der Menſchen Luͤſternheit nach frembden Gewaͤchſen zweifelsfrey eine ſchaͤdliche Uppig - keit. Ein hungriger Magen nehme alles an / die Natur aber waͤre mit dem ſchon ver - gnuͤgt / was ſie verlangt. Zeno fiel ihm ein: Es waͤre keine Feindſchafft / ſondern ein Geheimnuͤß der Goͤttlichen Verſehung / daß in einem Lande nicht alles wuͤchſe / wormit ſie durch ſolche Duͤrf - tigkeit die entfernten Voͤlcker in ein allgemeines Band und Freundſchafft zuſammen knuͤpfte. Es iſt diß / antwortete Malovend / eine annehm - liche Heucheley unſerer Schwachheiten / und ein ſcheinbarer Fuͤrwand der Wolluͤſtigen. Die Uppigkeit alleine hat uns gelehret ihre Graͤntzen uͤberſchreiten / und anfangs nach uͤberfluͤſſi - ger / hernach gar nach ſchaͤdlicher Koſt geluͤſten; welche uns vergiftet / da ſie uns naͤhren ſoll. Man ſchaͤtzet die Speiſen nach dem Geſchma - cke / nicht nach der Geſundheit; ja man muͤhet ſich nicht ohne empfindlichen Eckel frembder Gewaͤchſe Bitterkeit und den Geſtanck der vondem aͤuſerſten Meere zu uns geſchickter Fiſche zu gewohnen. Wie lange hat man den aus Jndien gebrachten Zinober zu Rom unter die Artzneyen gemiſcht / ehe man erfahren / daß er ſelbſt Gift waͤre? Wie viel gemeinen Staub haben die Araber bey der Seuche ſolcher Sit - ten den Auslaͤndern fuͤr Phoͤnir-Aſche und ein bewaͤhrtes Geſundheits-Mittel / diß / was in Sperlings-Koͤpfen gewachſen / fuͤr ſuͤſſes Ge - hirne des Phoͤnixes verkaufft; der doch nie - mals als gemahlt in der Welt geweſen iſt. Wie viel koͤſtliches gleich auch anderwerts zu finden / ſo kan ich mich doch ſchwerlich be - reden laſſen / daß die in den heiſſen Mittags - und Morgenlaͤndern wachſende Pfeffer / Zie - met / Muſcaten und andere brennenden Fruͤch - te denen Mitternaͤchtiſchen Leibern zuſchlagen ſolten. Die Geſtirne / welche uns allhier eine abſondere Beſchaffenheit von anderer Lands - Art geben / floͤſſen denen hier wachſenden Kraͤu - tern und anderen eßbaren Dingen gleiche Eigenſchafften ein. Dahero muͤſſen ſie uns unzweifelbar geſuͤnder ſeyn / als die / welche mit der Waͤrmbde unſers Magens und dem Trie - be unſers Gebluͤts keine Vergleichung haben. Rhemetalces ſetzte hierauff nach: Zeno iſt mei - nem Vaterlande und meines Himmels Ein - fluͤſſen naͤher; alſo ſcheinets / muͤſte ich auch ſei - ner Meinung naͤher als andern kommen. Denn da die Natur eine Feindin des Uber - fluſſzes waͤre / wie Malovend meynte / wuͤrde er ſie dazu ſelbſt machen / wenn er alle Mit - theilung frembder Land - Gewaͤchſe verdam - te. Sintemal ſie in vielen Land - Strichen mehr koͤſtliche Fruͤchte wachſen lieſſe / als die Einwohner verzehren koͤnten. Ja in vie - len unbevolckten Laͤndern finde man die edel - ſten Gewaͤchſe. Aus den unwirthbaren Sandflaͤchen des groſſen Scythiens komme die ſo nuͤtzliche Rhabarber; aus den un - bewohnten Stein - Kluͤfften Aſiens der be - wehrte Bezoar und der kraͤfftigſte Moſch. Da -107Arminius und Thußnelda. Dahero ſchiene ihm der Anzielung goͤttlicher Verſehung gemaͤſſer zu ſeyn / aus der milden Hand ihres Uberfluſſes lieber etwas aufſuchen / als ſelbtes ohne Gebrauch verderben laſſen. Und ich weiß nicht / ob in fruchtbaren Laͤndern gelegene Voͤlcker / welche den goͤttlichen Segen alleine fuͤr ſich behielten / nicht ſchlimmer han - delten / als die Phoͤniziſchen Kauffleute / welche wol ehe bey reichen Jahren den ihrem Beduͤn - cken nach allzuhaͤuffig gewachſenen Pfeffer ins Meer geſchuͤttet / wormit dieſe Wahre nicht zu wolfeil wuͤrde. Marcomir hingegen fiel dem Malovend bey und ſagte: Es koͤmt mir fuͤr / dieſer Uberſchuß beſtehe nicht auf ſo feſtem Grunde; oder der Schluß ſey davon auch all - zuweit geſucht. Denn mich beduͤnckt / man ſchreibe frembden Gewaͤchſen mehr Wunder - wercke zu / als man an ihnen befindet; Und es halte unſer wunderwuͤrdiger Holunder-Baum der Rhabarbar / unſer Hirſchhorn und Krebs - Augen dem Bezoar die Wage. Moſch und Zibeth aber iſt eine leicht entbehrliche Wuͤrtze der Geilheit. Oder da wir ſelbtem auch nichts gleichwichtiges entgegen zu ſetzen haben; Ge - ſchicht es nicht ſo wol aus Armuth unſers Erd - reichs / als aus unſorgfaͤltiger Unwiſſenheit un - ſers eigenen Reichthums / welche mehrmahls Schaͤtze beſitzt / die ſie nicht kennet. Wenn auch kein Volck nach keinen frembden Gerich - ten geluͤſtete / wuͤrde iedes ſeinen Vorrath aller - dings aufzehren. Jn dem aber die Jndianer aus Europa Weine verlangen / dieſes nach ih - ren Gewuͤrtzen etzelt / bleibet einem ieden von dem ſeinigen etwas uͤbrig / welches doch ſonſt ie - des Jahr / oder doch in einem andern bey ſich er - eigneten Mißwaͤchſen aufginge. Da aber ſich auch irgends ein warhafter Uberſchuß er - eignete / ruͤhret er durch bloſſen Zufall und durch eigene Verwahrloſung der unerſaͤttlichen Menſchen her. Zeno brach ein: Wie ſoll ich begreiffen / daß die Unerſaͤttligkeit als eine Mut - ter des Mangels einen Uberfluß nach ſich zie -hen ſolle? Jn alle Wege / verſetzte Malovend. Wenn der Menſch ſich mit dem ſeinen oder der Genuͤgligkeit vergnuͤgte / wuͤrde Geitz / Ehren - Ruhm und Herſchensſucht ſo viel Voͤlcker nicht vertilgen / ſo viel Laͤnder nicht Volck-arm ma - chen / und die Vergroͤſſerung des menſchlichen Geſchlechts hindern; welches von der gantzen Welt Zuwachs ſelten was uͤbrig laſſen wuͤrde. Zugeſchweigen: daß man aus frembden Laͤn - dern nicht ſo oft die Nothdurfft als den Zunder zu Wolluͤſten holet. Wie viel mahl hat Rom und Gallien aus Mangel Getreydes fuͤr Hun - ger geſchmachtet / da es an Wuͤrtzen / Datteln / Jndianiſchen Ruͤſſen / Syriſchen Balſamen / Perlen / Edelgeſteinen / Purpur und Helfen - bein / und andern zur Uppigkeit dienenden Sa - chen einen Uberſchuß gehabt? Eben jener Mangel / fuhr Zeno fort / uͤberweiſet dich / daß ein Land dem andern auch in unentbehrlichen Sachen muͤſſe behuͤflich ſeyn. Du haſt Rom geſehen; Kanſt du nun glauben / daß das ſchma - le Welſchland dieſer Welt Volck genungſam Brodt geben / und man ihm ſeine Kornhaͤuſer Egypten und Sicilien verſchlieſſen moͤge! Ma - lovend fragte alſofort: Ob die Natur durch ih - re Fruchtbarkeit / oder nicht vielmehr Ehrgeitz / Wucher und Wolluͤſte ſechzig mahl hundert tauſend Menſchen in den engen Creyß des groſ - ſen Roms zuſammen gezogen? Weiſt du aber / fuhr Rhemetalces heraus / daß Roth und Hunger deine Cimbern unter dem Koͤnige Teutobach gezwungen in Welſchland und Gallien einzubrechen / an das ſchwartze Meer ſich zu ſetzen / ja gar in Aſien uͤberzugehen? Ma - lovend antwortete ihm: Mehr das Waſſer als der Hunger. Jedoch wil ich endlich wol glau - ben / daß ein Volck in gewiſſen Dingen mit dem andern Gemeinſchafft haben muͤſſe; Auch daß die Natur ein Theil der Welt fuͤr andern Laͤndern auskommentlicher verſorget habe / und daß diß / was die Natur ohne des Men - ſchen Zuthat ſelbigem liefert / nicht aber der un -O 2ver -108Anderes Buchvergnuͤglichen ſterblichen Gemaͤchte und Er - findungen endlich mitzutheilen ſey. Wenn die Natur ſo ſelzame Vermiſchungen der Speiſen mit Ambra / ſo frembdes Getraͤncke von Zucker / ausgepreſten Beeren und Gra - nataͤpfeln / die Abkochung allerhand Balſam und Bieſamkuchen; Die Aufbauung groſſer Alabaſterner Palaͤſte / und Bergen oder Staͤd - ten gleichſehende Gefilde / fuͤr noͤthig befunden haͤtte / wuͤrde die / welche ſo vielerhand Speiſen wachſen laͤſt / die in den Trauben ſo koͤſtliche Saͤffte kochet / die das groſſe Gewoͤlbe des Him - mels / die Wunderhaͤuſer des Geſtirnes / die unterirrdiſchen Hoͤlen / die geheimen Waſſer - leitungen des Meeres und der Fluͤſſe / die Adern der Brunnen gebauet / auch diß / was die ſchwa - chen und alberen Menſchen ihr nachaffen / zu bauen maͤchtig und vorſichtig genung geweſen ſeyn. Die Vorwelt hat ohne Bildhauer und Steinmetzer ruhiglich leben koͤnnen. Es war die gluͤckſeligſte Zeit / als noch kein Baumeiſter war / als niemand Zuͤgeln brennte und uͤber dem Steinſchneiden ſchwitzte / da man die De - cken nicht verguͤldete / den Boden nicht mit Marmel pflaſterte / die Waͤnde nicht mit Per - ſiſchen Teppichten behing; Da man auf Gra - ſe / nicht auf kuͤnſtlicher geneheter Seide / oder gewebter Baumwolle ſaß / ſondern aus vier Gabeln und vier Stangen und qveruͤberge - legten Aeſten in einer Stunde ein gantz Hauß bauete; Da Mitternacht ſich mit wenigen Schoben fuͤr aller Kaͤlte / das bratende Moh - renland in gegrabenen Hoͤlen ſich fuͤr aller Hi - tze beſchirmete; Da man ohne der Serer Handlung / oder der Wuͤrmer Geſpinſte / ohne Toͤdtung der Purpur-Schnecke ſich mit Hanf und Haͤuten kleidete; Da man ſich mit Piltzen und gemeinen Baumgewaͤchſen vergnuͤgte / aus lautern Brunnen und unverdaͤchtigen Baͤchen tranck. Zeno brach ihm ein: Er machte die Natur zur Stiefmutter gegen dem Menſchen / da ſie doch auch die wilden Thierefuͤr eine ſo guͤtige Verſorgerin erkennten. Die - ſe waͤren alsbald / wenn ſie das Tagelicht er - blickten / bekleidet / ihrer ſelbſt maͤchtig / und es wiſſe von ſich ſelbſt eine Biene die Kraͤuter zu unterſcheiden / woraus ſie Gifft oder Honig zu ſaugen habe. Ein Hirſch wiſſe mit was fuͤr einem Kraute er ſich nach der Geburt reinigen ſolte. Das wilde Schwein wiſſe / ſich mit Ep - pich / die Schlange mit Fenchel / der Baͤr mit Ameiſſen / der Elefant mit Oelbaͤumen / die Holtztaube mit Lorberblaͤttern zu heilen. Der Adler ſehe / der Geyer ruͤche / der Affe ſchmecke / der Maulwurff hoͤre / die Spinne fuͤhle beſ - ſer und ſchaͤrffer als der Menſch. Solte nun deßwegen die Natur dieſem unholder als jenem ſeyn? Nein ſicher! Denn die Vernunfft / als das eigentliche Kleinod des Menſchen / welches ihn allein den Goͤttern aͤhnlich macht / uͤbertrifft und vertrit alle andere Fuͤrtreffligkeiten der Thiere / die Staͤrcke des Loͤwens / die Schoͤn - heit des Pfauen / die Geſchwindigkeit der Pfer - de. Dieſe muß der Menſch zu ſeiner Unter - haltung und Wohlſtande nichts minder an - wenden; Als das Cameel ſeinen Ruͤcken / der Hund ſeine Fuͤſſe / der Ochſe ſeine Lenden / die Spinne ihre Kunſt / die Ameiß ihren Fleiß / die Nachtigal ihre Stimme nicht muͤßig ſeyn laͤſt. Die Natur / ſage ich / hat uns die Vernunft deßwegen eingepflantzt: daß wir unſer Leben dadurch fuͤr allen andern Geſchoͤpffen nicht nur tugendhafft / ſondern auch gluͤckſelig machen ſolten. Dieſe hat den Hammer / die Saͤge / die Axt / die Kelle / die Spille / den Weberſtul und tauſend andere Werckzeuge erfunden: Daß man Haͤuſer gebaut / Wolle geſponnen / Seide gewebt / Speiſen gekocht / Artzneyen bereitet / durch die Schiffarthen ein Ende der Welt mit dem andern vereinbart / und das duͤrfftige Leben mit tauſendfachem Uberfluſſe beſeligt hat. Eine elende Gluͤckſeligkeit! rieff Marcomir / welche den Leib maͤſtet / das Gemuͤthe behuͤrdet / und die Seele be -ſudelt.109Arminius und Thußnelda. ſudelt. Freylich wohl zeucht die Gemein - ſchafft mit frembden Voͤlckern / die Erfin - dung ſo vielerley Kuͤnſt eden Gliedern eine groſ - ſe Gemaͤchligkeit / der Tugend aber einen un - ſchaͤtzbaren Verluſt zu. Jemehr das Gluͤcke und die Natur dem Leben liebkoſet / ie in gefaͤhr - lichern Zuſtand verſetzt ſie es. Was in Roſen verfaulet / wird in Neſſeln erhalten. Die im Elende tauren / werden von Gluͤckſeligkeit ver - derbet. Daher iſt die Natur daſelbſt / wo ſie raue Klippen / kalte Lufft / ſandichtes Erdreich geſchaf - fen / eben ſo wenig fuͤr grauſam zu ſchelten / als die Muͤtter zu Sparta / die ihre Soͤhne abzuhaͤr - ten ſelbte fuͤr dem Altar der Orthiſchen Dia - na biß auffs Blut / zuweilen auch auff den Tod peitſchen laſſen. Die Tugend will durch keine weiche Lehre begriffen ſeyn. Ein Feldherr ſtellt den ihm liebſten Kriegsknecht an die gefaͤhrlich - ſte Spitze; und den ſchaͤtzen die Goͤtter am wuͤr - digſten / an dem ſie verſuchen / was ein Menſch zu erdulten faͤhig ſey. Von guten Tagen zer - flieſſen nicht allein unſere Gemuͤther / ſondern die Wolluͤſte reiſſen uns auch gleichſam die Spann-Adern aus unſern Gliedern. Wen in dem Glaſe-Wagen nie keine rauhe Lufft an - gegangen / wer die Hand nie in ein kalt Waſſer geſteckt / den Fuß nie auff die bloſſe Erde geſetzt / der kan auch ohne Gefahr nicht einen maͤßigen Wind / ein geringes Ungemach vertragen. Was man aber am haͤrteſten haͤlt / wird das tauerhaff - teſte. Der oͤfftere Sturmwind befeſtigt die Wur - tzeln und Aeſte der Eichbaͤume / weñ die in wind - ſtillen Thaͤlern wachſende Pappeln morſch blei - ben. Eines Schiffers Leib vertraͤgt ohne Em - pfindligkeit die ſchlimmſte Seelufft. Der Pflug haͤrtet des Ackermanns Haͤnde / die Waffen des Kriegsmanns Armen ab; das offtere Wetteren - nen macht eines Laͤuffers Glieder behende. Wie geſund und wohlgewachſen ſind die Scythen / und andere Nord-Voͤlcker / die in holen Baͤu - men wohnen / ſich mit Fuchs und Maͤuſe-Fel - len decken / mit Vogel-Federn kleiden / mit Ei -cheln ſpeiſen. Wie hoch ſteigen in ihren Ge - heimniſſen die Perſiſchen Weiſen / welche / um zu den tieffen Nachſinnungen deſto geſchickter zu ſeyn / nichts als Kreßicht aſſen? Wie viel beſſer ſtand es zu Rom / da das Capitol unver goldet / und nicht ſo anſehnlich als itzt des Lucullus Vor - werck / und des Meſſala Fiſchhaͤlter / da ein Och - ſe nicht ſo theuer als itzt ein Fiſch war / da die Samnitiſchen Geſandten den groſſen Curius aus einem hoͤltzernen Nappe gebratene Ruͤben eſſen fanden / und er ſo wenig von ihrem Golde als ihren Schwerdtern zu uͤberwinden war / da der Zerſtoͤrer des Schatzreichen Carthago Pu - blius Scipio nicht einen Scherff von ihrem Reichthume mit ſeinẽ Aꝛmuth veꝛmiſchen wolte / da Lucius Emilius der Uberwinder des Koͤnigs Perſes und Macedoniens die im Koͤniglichen Schatze gefundene ſechs tauſend Talent nicht einmahl anzuſehen wuͤrdigte / ob er ſchon ſeinen Soͤhnen ſo wenig verließ / daß ſie ſeiner Ehfrau - en die zugebrachten fuͤnff und zwantzig Talent nicht erſtatten konten / als itzt / da Freygelaſſene auff Helffenbeinernen Tiſchen ſpeiſen / da einem vollbraͤtigen Aus geſchnittenen kein Vogel und Fiſch ſchmeckt / keine Blume reucht / als zur Un - zeit; da einem luͤſternen Gauckler Meer und Lufft zu arm ſind neue Speiſen genug zu gewe - ren / da ein verfluchter Pollio ſeine Murenen mit Menſchen-Fleiſch maͤſtet / da ein Tullius um einen hoͤltzernen Tiſch ein gantzes Vermoͤ - gen gibt / da ein Raths-Herr aus nichts als ed - len Steinen / Porcellan oder Criſtallen / denen die Zerbrechligkeit ihren Preiß giebt / trincken mag / da die geile Julia an iedem Ohre drey rei - che Erbſchafften haͤngen hat / und weder dem Leibe noch der Scham dienende Kleider traͤgt / in welchen zu ſchweren noͤthig waͤre / daß ſie nicht nackt gehe / und darinnen ſie ihren Ehbrechern nicht mehr im Schlaff-Gemacht weiſen kan / als ſie auf oͤffentlichen Plaͤtzen zur Schau feil traͤgt. Da man jaͤhrlich wohl zwantzig Tonnen Gol - des den Serern fuͤr Wuͤrtzen und Steine ſchickt /O 3da ein110Anderes Buchda ein Fuͤrſt zum Begraͤbniſſe ſeiner Ehebreche - rin mehr Weyrauch und Balſam verbrauchet / als ein Jahr deſſen in der Welt waͤchſt. Wir Deutſchen wuſten nichts als von guͤldner Frey - heit / konten die Laſter nicht neñen / und die wir itzt den Roͤmern nachthun / als wir auff Raſen Tiſch hielten / und in Stroh - Huͤtten wohneten / da wir die Eingeweide unſerer Gebuͤrge nicht durchwuͤhleten / und die geitzigen Fremden in den Adern Gold zu ſuchen veranlaßten / da wir bey Entzuͤndung unſerer Waͤlder Ertzt gefun - den hatten. Urtheilet dieſem nach / was dieſer Herrligkeit fuͤr Elend / wie viel dieſem Weitzen Spreu anklebe; und glaͤubet / daß wie die Ra - tur keines Kuͤnſtlers darff / die noͤthigen Sachen gemein / die uͤppigen ſauer zu erlangen ſind / alſo die Natur Gott und der Tugend nicht unſers Wollebens halber den Menſchen ſo tieffſinnig gemacht / und den Verſtand verliehen habe. Fuͤrſt Zeno laͤchelte / und wendete ſich zum Rhe - metalces / meldende: Jch ſehe wohl / Marcomir iſt ein Weltweiſer von der Secte des Zeno / und er wuͤrde mit dem Diogenes ſchon den Becher wegwerffen / wann er iemand aus ſeinem Hand - Teller trincken ſehe. Allein ich laſſe mich nicht bereden / daß die Goͤtter die Tugend zur Straf - fe des Leibes in die Welt geſchickt haben / daß der Schluß der Vernunfft auff eigenes Ungemach ziele / daß die Wolluſt alleine des Viehes Gut ſey / daß das Weſen der Tugend in Bitterkeit beſtehe / daß ſie nichts als Waſſer trincken / auff Diſteln gehen / im Siechhauſe liegen und in Be - graͤbniſſen wohnen doͤrffe. Sondern ich bin vielmehr der Meinung / daß der Gebrauch von dem Mißbrauche zu unterſcheiden / die Ro - ſen nicht zu vertilgen ſind / weil die Spinne Gifft draus ſauget / und die Artzneyen nicht zu verbieten / weil die Boßhafften ſelbte zur Ver - gifftung mißbrauchen / ja daß es ein Theil der Weißheit ſey / ſich der unſchuldigen Wolluſt ohne Laſter gebrauchen. Und / wie es nicht vermuthlich / daß die Natur ſo viel koͤſtlicheSachen entweder umſonſt / oder nur zur Er - getzligkeit der Boßhafften geſchaffen; alſo iſt die Reinigkeit ſolcher Dinge nicht wegen Un - maͤßigkeit der Verſchwender zu verdammen. Mecenas lag allerdings tugendhafft auff Da - maſten und Sammet / und verſteckte ſeine Klugheit mit groͤſſerm Nutzen des gemeinen Weſens unter den Schatten ſeiner koſtbaren Luſtgaͤrten / wenn er den Kaͤyſer Auguſt von dem rauhen Weg der ſtrengen Gerechtigkeit und Blutſtuͤrtzung abhielt / und mit vielerley Kurtz - weilen ihn zu einer ſanfften Herrſchafft anleite - te / wenn er mit ſeinen Wolthaten ihm die Welt zum Schuldner machte / mit ſeiner Auffrich - tigkeit verurſachte / daß der vermummte Hoff ſeine Larven weglegte / mit ſeiner Freygebigkeit die Begierde der Geitzigen uͤberlegte / wenn er ſein Haus mit koſtbaren Gemaͤhlden / mit kuͤnſt - lichen Bildern aus Corinthiſchem Ertzte / mit Criſtallinen Geſchirren nicht zu ſeiner Hof - fart Abgoͤtterey ausputzte / ſondern daß er dem / welcher etwas dran lobte / was zu verehren hatte. Womit er ſicherlich tugendhaffter verfuhr / als jener Weltweiſe / der alle Menſchen zu ihren ei - genen Feinden machen wolte / ihnen ſelbſt nicht allein nichts gutes zu thun / ſondern ihnen Durſt / Hunger / Froſt / Marter / ja Strick und Meſſer einlobte. Alleine nachdem uns Marcomir ſo viel gutes von dem alten einfaͤltigen Deutſch - lande ruͤhmet / dieſe zwoͤlff Bilder aber groͤſten theils nicht dieſer Zeit Kinder zu ſeyn ſchie - nen / ſo wuͤnſchten wir wohl von ihrer geruͤhmten Gluͤckſeligkeit Wiſſenſchafft und Theil zu ha - ben. Es ſind / antwortete Malovend / zwoͤlff oberſte Feldherren Deutſchlands / und zwar alle Hertzog Herrmanns Voreltern; So viel ih - rer kein Fuͤrſtliches Geſchlechte aus ſeinem Hauſe zu zehlenhat. Und ich muß geſtehen / daß ob wohl die Cheruſker Hertzoge meinem Geſchlechte / daraus ich entſproſſen / ſtets auff - ſaͤtzig geweſt / doch ihre Thaten fuͤr andern ruhm - wuͤrdig zu achten ſind. Zeno fing hierauff an:Es111Arminius und Thußnelda. Es iſt loͤblich / die Tugend auch an ſeinen Fein - den loben / und iſt derogleichen Zeugnis ſo viel mehr von der Heucheley / und dem in ſelbter verborgenen heßlichen Laſter der Dienſtbar - keit entfernet. Hingegen iſt auch der glaub - wuͤrdigſten Freunde Urtheil verdaͤchtig / weil ſelbtem auch wider ihren Vorſatz wo nicht ei - ne Heucheley / doch eine zu guͤtige Gewogen - heit anhaͤnget. Dieſemnach wir denn ſo viel - mehr von ihnen die Geſchichte / und zwar aus keines andern Munde zu vernehmen begierig ſind. Malovend antwortete: Er wuͤrde die - ſer Helden Verdienſten und des Zeno Sorg - falt ein Genuͤgen zu thun zwoͤlff Monat zur Erzehlung beduͤrffen. Jedoch wolte er hiervon einen Schatten und nicht vielmehr / als der Mahler allhier gethan / von ihnen entwerffen. Als nun beyde ihre Begierde anzuhoͤren mit Stillſchweigen zu verſtehen gaben / hob Malo - vend an: Wir Deutſchen ſind insgeſamt vom A - ſcenatz entſproſſen / welcher mit ſeinen Nachkom - men im kleinern Aſien den Sitz gehabt / von dem die Phrygier / Bithynier / Trojaner und Aſcani - er / wie auch die Reiche Ararath / Minni und A - ſcenatz den Urſprung haben. Hertzog Tuiſco hat mit einer groſſen Menge Volcks theils uͤber das enge / theils das ſchwartze Meer geſetzt / und ſich aller Laͤnder zwiſchen dem Rhein und der Rha bemaͤchtigt. Jhm iſt im Reiche gefolgt Her - tzog Mann / Hertzog Jngevon / und Jſtevon / mit welchen ſich Deutſchland in viel Hertzogthuͤmer zu theilen angefangen / ſonderlich da zugleich die um das Caſpiſche Meer und die Meotiſche See wohnenden Cimbrer / fuͤr der Macht der Scy - then / mit welcher ihr Koͤnig Jndathyrſus die halbe Welt uͤberſchwemmete / ſich fluͤchteten / und theils in klein Aſien / als ihr altes Vaterland / theils aber unter dem Fuͤrſten Gomar / meinem Uhranherrn durch die flachen Sarmatiſchen Felder ſich an der Oſt-See niederlieſſen. Unge - achtet dieſer Theilung / erwehlten die deutſchen Fuͤrſten unter ihnen ein gewiſſes Haupt / wel - chem ſie zwar nicht als einem vollmaͤchtigen Koͤ -nige unterthaͤnig waren / gleichwol aber in ihren ſelbſteignen Zwiſtigkeiten / und wann ſie mit an - dern Voͤlckern in Krieg verfielen / ſich ſeiner Veꝛ - mittelung und Heerfuͤhrung unterwarffen. An - fangs beſtand dieſe Wahl bey denen geſamten Fuͤrſten / hernach aber ward ſolche wegen mehr - mahliger Zwytracht und Langſamkeit ſiben Fuͤr - ſten heimgeſtellt. Aus den Cheruſkiſchen Hertzo - gen iſt Hermion der erſte / der zu dieſer Wuͤrde kam / und auch hier in den Gemaͤhlden. Sechs Fuͤrſten gaben ihm wegen ſeiner Großmuͤthig - keit / und zwar derer drey gegen Verlobung ſei - ner wunderſchoͤnen Tochter einmuͤthig ihre Stimmen / wie es ein Sternſeher vorher dem Koͤnige Jſtevon / an deſſen Hofe er erzogen wor - den war / wahrgeſagt hatte; der einige Hertzog der Qvaden Atcoroth / der vom Herciniſchen Gebuͤꝛ - ge an alle zwiſchen der March / der Weichſel und der Teiße gelegene Laͤnder beherrſchte / lag wider die Noricher zu Feld und wohnte der Wahl nicht bey. So bald dieſer ſolche Erhoͤhung vernahm / gab er ſein Mißfallen mit vielen ungleichen Be - zeugungen an Tag; ja ließ ſich ſelbſt fuͤr einen O - berſten Feldherꝛn Deutſchlandes ausruffen; un - geachtet er vorher dieſe ihm angetragene Wuͤr - de / auf Einrathen ſeines oberſten Caͤmmerers / ausgeſchlagen hatte. Denn weil Fuͤrſt Hermion fuͤr etlichen Jahren in des maͤchtigen Atcoroths Dienſten gelebt hatte / und ſein oberſter Mar - ſchall geweſt war / ſchiene es ihm verkleinerlich zu ſeyn / den numehr als ſein Haupt zu verehren / dem er vorhin zu befehlen gehabt hatte. Hinge - gen konte ſeine Tochter Em̃a ihre Freude kaum verdecken / als welche ſich in Hermions Sohn den Fuͤrſten Marß verliebt / und ihm heimlich die Ehe verſprochen hatte. Hermion ward mit groſ - ſem Gepraͤnge / ungeachtet des Atcoroths Wi - derſetzung / zum Feldherrn ausgeruffen / es traff ſich aber / daß der Reichsſtab unverſehens ver - mißt ward / auff welchem die Fuͤrſten dem Feldherrn die Pflicht zu leiſten gewohnt waren. Als dieſe nun dem Hermion ſelbte abzulegen an - ſtunden / entbloͤſſete er ſeinen Degen / mit dieſenWor -112Anderes BuchWorten: Sehet dar / ihr großmuͤthigen Helden / den Stab / auff welchen unſer und alle Reiche geſtuͤtzt werden muͤſſen. Worauff ihm alle oh - ne Widerrede den Eyd der Treue leiſteten. Her - mion aber / der fuͤr aͤrgſte Schande hielt / ſich zwar in der Wuͤrde / nicht aber in genugſamen Anſehen zu ſchauen / empfand des Ateoroths Verachtung in der Seele / und / nachdem die damals zu Deutſchland gehoͤrigen Noricher ſich beym Hermion beweglich beſchwerten / daß der Qvaden Hertzog / nachdem die Gallier ihren letz - ten Fuͤrſten Durnacin hingerichtet hatten / unter dem Vorwand eines ihm mit ſeiner erſten Ge - mahlin Garramis zugebrachten Heyrathguts / und der von ſeinem uͤberwundenen Feinde Koͤ - nig Aleb eroberter Kriegs-Beute / ihnen mit un - rechter Gewalt viel Landſchafften abgenommen / ja biß an die Mure / den Jnn und das Adriati - ſche Meer ſich feſte geſatzt hatte / dieſer auch auff Hermions Befehl das gewonnene nicht abtre - ten wolte / fuͤhrte er wider die Qvaden mit Huͤlffe der Rhetier ſeine Heerſpitzen. Hermion und Bato der Rhetier Hertzog geriethen bey der Stadt Vindobon mit dem Atcoroth in eine blutige Schlacht / und nachdem ſein Bundge - noſſe Fuͤrſt Rangolbebet mit ſeinen Baſtarnen und Daciern zum erſten ſchimpfflich die Flucht gab / vermochten die Qvaden nicht laͤnger zu ſte - hen / das gantze Heer ward auffs Haupt geſchla - gen / und Atcoroth ſelbſt entrann mit Noth in Vindobon / darinnen ihn ſeine Gemahlin und Kinder Hermion rings um ſtarck belagerte. At - coroth muſte dieſem nach bey ſo verzweiffeltem Zuſtand in einen ſauren Apffel beiſſen / und dem Hermion nicht allein unter einem Zelte / deſſen kuͤnſtliche Seiten-Waͤnde bey ſolcher De - muͤthigung wegfielen / fußfaͤllig werden / ſondern auch drey Fahnen mit dreyen Laͤndern in des Hermions Haͤnde lieffern / dem Fuͤrſten Mars ſeine ſchoͤne Tochter Emma verloben / den Land - ſtrich zwiſchen der March und der Wage zum Brautſchatze / dem Fuͤrſten Bato ſein Wahl -recht und ein Stuͤcke Landes an der Donau ab - treten / und alſo den Frieden theuer genug kauf - fen. Alleine ſeine Gemahlin / die Herꝛſchens - ſuͤchtige Kunigundis / eine Tochter des maͤchti - gen Koͤnigs der Reußen und Bulgarn / welcher ſich einen Herrn des gantzen ſchwartzen Meeres ſchalt / ward uͤber dieſen Verluſt in verzweiffelte Verbitterung geſetzt / lies auch nicht ab / biß ſie theils mit Liebkoſen / theils mit Fuͤrbildung des unabloͤſchlichen Schimpffes / welche nicht nur ihm und den ſtreitbaren Qvaden / ſondern auch ihrem maͤchtigen Vater zuwuͤchſe / den Hertzog Atcoroth zum Friedensbruch veranlaſſete. Ja dieſe hitzige Mutter verdammte ihre dem Prin - tzen Mars verlobte Tochter Emma nebſt zehn andern Jungfrauen Fuͤrſtlichen Gebluͤts in ei - ne Wildniß auff dem Carpatiſchen Gebuͤrge / allwo eine Anzahl der Goͤttin Hertha geweihe - ter Jungfrauen beſchloſſen waren / zu Gelobung ewiger Jungfrauſchafft; dem Fuͤrſten Mars aber ließ ſie heimliches Gifft beybringen / wo - durch er in groſſe Gefahr des Lebens und in Verluſt des einen Auges verſetzt ward. Her - mion und ſein Sohn Mars begegneten mit ih - ren Cheruſkern und Rhetiern dem Atcoroth und dem Fuͤrſten Rangolbebet / welche mit einem viel maͤchtigern Heere nicht allein im Anzuge waren / ſondern auch unterſchiedene fuͤrnehme Kriegs-Oberſten des Hertzog Hermions beſto - chen hatten. Beyde traffen auff einander bey der Feſtung Medoslan mit faſt verzweiffelter Tapfferkeit. Hermion als er ſeinem umring - ten Sohne zu helffen wie ein Blitz in die Hauf - fen drang / ward von einem zu dieſem Ende vom Atcoroth mit vielen Verheiſſungen ange - friſchtem Qvadiſchen Ritter Nahmens Thurn (welchen Hermion hieruͤber zwar gefangen kriegte / abeꝛ ſeineꝛ Tapferkeit wegen in allen Eh - ren hielt) vom Pferde geworffen und in euſſerſte Lebens-Gefahr geſtuͤrtzt; gleichwol verthaͤidigte er ſich zu Fuſſe ſo hertzhafft / biß ihn und ſeinen Sohn endlich die ſeinigen / und inſonderheit dieTapf -113Arminius und Thußnelda. Tapferkeit des Ritters Regenſperg aus ſo aͤu - ſerſter Gefahr entriſſen. Ja weil die Dacier abermahls zum erſten die Flucht gaben / und Milota / ein von dem Atkoroth beleidigter Qva - diſcher Herr / aus Rachgier ſich mit einem Theile des Heeres zum Hermion ſchlug / die Kwaden aber in der Cherusker Heergeraͤthe / ſolches gleich - ſam nach ſchon erlangtem Siege zu pluͤndern / einfielen / wurden ſie wieder biß auffs Haupt ge - ſchlagen / Atkoroth zwar vom Ritter Emerwerck mit einer Lantze vom Pferde gerennt und gefan - gen / aber von zweyen Mareomanniſchen Rit - tern / derer Bruder er enthaupten laſſen / durch - ſtochen. Die Staͤdte Eburodun / Eburum und Kalmnitz ergaben ſich dem Sieger; die Fuͤrſtin Kuͤnigundis ward in einem feſten Berg - Schloſſe belaͤgert / und es ſchiene numehr mit ihr und dem Qvadiſchen Reiche geſchehen zu ſeyn / als ihre Tochter Emma / welche aus ih - rer Beſtrickung in dem Carpathiſchen Gebuͤrge entkommen war / in dem Lager ankam / dem Her - mion zu Fuſſe fiel / und durch des Fuͤrſten Mars Vorbitte fuͤr ihre Mutter Begnadigung er - langte. Der Vergleich ward durch die Heyrath zwiſchen dem Hertzoge Mars und der Fraͤu - lein Emma / die ihm alle vom Atkoroth erober - te Laͤnder zum Heyrath-Gute einbrachte / voll - zogen. Hingegen heyrathete des Atkoroths Sohn und Stul-Erbe Valuſcones des Hermi - ons Tochter Jutta / die Koͤnigin Kuͤnigundis aber den ſchoͤnen Ritter Berg-Roſe. Hernach uͤberwand er auch die Sequaner / allwo ihm aber in einer Schlacht gleichfalls das Pferd erſtochen / und er mit vollem Kuͤraß in eine See zu ſpren - gen gezwungen ward / biß ihm der Ritter Ha - nau zu Huͤlffe kam. Dieſer Held hat zum erſten die Weiber gelehrt die Waffen fuͤhren / und die Gewohnheit eingefuͤhrt / daß der Mann ſei - nem Weibe ein geſatteltes Pferd / eine Lantze und Degen zum Mahlſchatze liefern muͤſſen. Alſo iſt Hermion der Grund-Stein der hernach ſo hoch geſtiegenen Cheruskiſchen Herrſchafft.

Nach Hermions Abſterben ward zwar Sua - ſandufal / ein Fuͤrſt der Tencterer zum Feld - herrn erwehlet / nach dem er aber von dem Koͤ - nige der Ruſſen Geld nahm / ſelbtem gegen die Sarmater im Kriege beyzuſtehen / welches die Deutſchen ihnen fuͤr verkleinerlich hielten / wie - der abgeſetzt / und Hertzog Mars / der andere in dieſen Gemaͤlden / von fuͤnf der wehlenden Fuͤr - ſten zu ſolcher Wuͤrde erhoben. Suaſandu - falward hieruͤber ſo erbittert / daß er entweder ſeine Hoheit behaupten / oder ſein Blut aufopf - fern wolte. Als nun beide maͤchtige Kriegs - Heere in der Nemeter Gebiete auf einander traffen / drang Suaſandufal gantz verzweiffelt durch die geharniſchten Hauffen gleich wie ein Blitz durch / biß er perſonlich auf den Fuͤrſten Mars traf / ſelbten auch nichts anders als ein ergrimmter Loͤw anfiel. Dieſer verletzte zwar den Mars in Arm / Mars aber ſchlug mit einer vorſichtigen Geſchwindigkeit ſeinen Streitkol - ben dem Suaſandufal ſo ſtarck ins Antlitz / und verletzte ihn bey das lincke Auge / daß er vom Pferde ſtuͤrtzte; Worauf ſein Eydam / ein ſtreitbarer Ritter / Nahmens Oetingen / ihm ei - nen ſo tieffen Hau in Hals verſetzte / daß er mit dem ausſpritzenden Blut und Galle ſeine See - le ausbließ. O ein herrlicher Sieg! rief Rhe - metalces / wo man mit Schlagung einer Ader ſo viel Blutſtuͤrtzung abwendet / und auf dem Leichenſteine eines mit eigner Hand erlegten Feindes ſeine Herrſchafft befeſtigt! Ja / fuhr Malovend fort / wenn ſonderlich die Tapffer - keit des Sieges mit Barmhertzigkeit gekroͤ - net wird / wie Hertzog Mars that / welcher hierauf alſofort keinen Menſchen mehr zu er - ſchlagen verbot. Zeno fiel ein: diß iſt der groͤ - ſie Sieg / ſich dergeſtalt ſelbſt zu uͤberwinden / und ſeinen Stul nicht auf Furcht ſondern Liebe bauen / wormit die Unterthanen fuͤr ihrem Fuͤr - ſten / wenn ſie ihn erblicken / ſich nicht als fuͤr ei - nem blutgierigen Panther-Thiere verkrichen / ſondern ſelbtem als einem wohlthaͤtigen Geſtir -Erſter Theil. Pne114Anderes Buchne Augen und Hertz zu neigen. Diß begegne - te dieſem Uberwinder / ſagte Malovend. Denn die ſich ergebenden Feinde richteten ihm auf der Wallſtadt eine praͤchtige Siegs-Seule auf; Und weil Hertzog Mars ſich der durch die Wahl ihm aufgetragenen Wuͤrde enteuſerte / in dem zwey auf des Suaſandufals Seiten ſte - hende Fuͤrſten dazu nicht geſtimmet hatten / ka - men ſie alle noch einmahl zuſammen / und er - klaͤrten ihn einmuͤthig zu ihrem Haupt und O - berſten Feldherrn. Alleine Hertzog Mars wolte auf einmahl ſein Geſchlechte allzu maͤch - tig / ihm die Qvaden und Hermundurer unter - thaͤnig machen / und ſeines Vettern des Hertzo - gens der Alemannier Hertzogthum an ſich zie - hen; Welches dieſen veranlaſſete / daß als er bey Uberſetzung des Fluſſes Urſa ſeine Gele - genheit erſahe / ihn im Geſichte ſeiner auf der andern Seite des Stroms zuruͤcke bliebener Soͤhne und Hofleute mit Huͤlffe dreyer mit - verſchwornen Edelleute toͤdtete. Deſſen Her - tzogthum aber ward dennoch des Mars Soͤh - nen zu theile. Alſo iſt die Herrſchensſucht eine rechte Flamme / derer Unerſaͤttligkeit von dem erlangten Uberfluſſe waͤchſet / endlich aber doch zu einer Hand voll Aſche wird.

Hierauf wurden neun andere Fuͤrſten zu O - berſten Feldherrn erwehlet. Denn ob ſchon etliche Cridifern des Hertzogs Mars Sohn ge - gen Dulwigen den Hertzog der Vindelicher er - kieſeten / ward er doch in einer blutigen Schlacht / darinnen er mit eigner Hand funfzig ſtreitbare Maͤnner erlegte / von Hertzog Dul - wigen gefangen.

Nach hundert und dreißig Jahren kam der Cheruskiſche Stamm wieder zu ſolcher Wuͤr - de / iſt auch biß itzt dabey blieben. Denn es ward Hertzog Vandal Oberſter Feldherr der dritte allhier in der Reye. Ja ſeine Tapffer - keit machte ihn im eben ſelbigen Jahre zu einem Fuͤrſten der Pannonier und Marckmaͤnner. Und ob wohl einige Marckmaͤnniſche Herren /welche in ihrem Gottesdienſte der Eubagen auf den Gruͤnden der Natur befeſtigten Meinun - gen / mehr als der Druiden geheimen Offenbah - rungen / denen Vandal zugethan war / beypflich - teten / ihn verworffen / ſeine Vertheidig er von einem Thurme herab ſtuͤrtzten / und den Sar - matiſchen Fuͤrſten Micaſir zu ihrem Fuͤrſten be - rufften / ſo ſchlug er doch dieſen mit Huͤlffe des Hertzogs der Hermundurer auffs Haupt / alſo daß die Sarmater ihn umb Fꝛiede bitten / die Scythen auch / welche in Pannonien eingefallen waren / fuͤr ihm zuruͤcke weichen muſten. Aber ſeine Herrſchafft endigte ſich nach zweyen Jah - ren mit ſeinem fruͤhzeitigen Tode. Als Ma - lovend mit dieſen Worten ein wenig verbließ / ſetzte Fuͤrſt Zeno bey: Dieſer Held dienet uns zu einem Beyſpiele / daß allzugroſſes Gluͤcke ſo ge - ſchwinde / als die zwiſchen den Bergen zuſam - menſchuͤſſenden Regen-Fluthen / vergehen; und daß Fuͤrſten / welche der Himmel mit ſo haͤuffigen Siegen uͤberſchuͤttet / ſich denen fallenden Luft - und Schwantz-Geſtirnen vergleichen / welche zwar mit ihrem Blitze den Glantz der ewigen Sternen wegſtechen / in kurtzem aber in Aſche zerfallen.

Dieſem folgte in ſolcher Wuͤrde / fuhr Malo - vend fort / der hier in der vierdten Stelle ſtehen - de Hertzog Ulſing / deſſen Mutter Cimburgis / eine Sarmatiſche Fuͤrſtin / mit flacher Hand einen eiſernen Nagel in die Wand ſchlagen kon - te. Dieſer Herꝛwar in der Stern - und Meß - Kunſt erfahren; er befließ ſich die Heimligkeiten der Natur zu erforſchen / und aller guten Kuͤnſte Meiſter zu ſeyn / derer Friede und Ruhe / wozu ihn ſeine Zuneigung trieb / beduͤrftig ſind. Sei - ne fernen Reiſen hatten ihm eine ungemeine Klugheit zuwege gebracht / welche er fuͤr die ei - gentliche Kunſt eines Feldherrn hielt. Dahero mangelte es ihm nie an klugẽ Rathſchlaͤgen / wel - che ſonſt meiſt bey Ungluͤck einem entfallen. Er zohe denen heftigen und groſſen Ruff nach ſich ziehenden Entſchluͤſſungen die vorſichtigen fuͤr /als115Arminius und Thußnelda. als durch welche eine Gewalt ſicherer behauptet wuͤrde. Denn er hielt es fuͤr eine Schwach - heit / nach Art der verwegenen Schiffer / die bey aͤrgſtem Sturme aus dem Hafen ſich auff die hohe See wagen / ſich mit tapfern Thaten wol - len ſehen laſſen / umb ihm nur einen groſſen Nahmen zu machen / wenn ſchon das gemeine Weſen in Unruh / das Reich in Gefahr geſetzt wird. Gleich als wenn die Tugend nur in Kriegs-Kuͤnſten / das Ampt eines Fuͤrſten in der Beſchaͤfftigung der Tieger und Raub-Voͤgel beſtuͤnde / und ein unſterblicher Nachruhm mit friedſamer Beobachtung des gemeinen Heils keine Verwandnuͤß haͤtte. Dieſemnach die beſten Fuͤrſten iederzeit die Ruhe ihrer Voͤlcker der Eitelkeit vieler Siegs-Bogen fuͤrgezogen / und zwiſchen dem Ambte eines Fuͤrſten und eines Kriegsmannes einen vernuͤnftigen Un - terſcheid gemacht / hierdurch aber nicht nur Ehre genung bey den Nachkommen / ſondern auch Lie - be bey den Lebenden erworben haͤtten. Auff dieſe Art beſchuͤtzte Ulſing ſeine Herrſchafft drey und funſzig Jahr wider viel gefaͤhrliche Anſchlaͤ - ge / verurſachte / daß viel maͤchtige Haͤupter / und inſonderheit der Scythiſche Koͤnig von dem Fluſſe Jaxartes und Paroxamiſus ihn mit Ge - ſandſchafften und Geſchencken ehrten; ja durch die ſeinem Sohne Alemann zu wege gebrachte Heyrath mit der Tochter des alten Carnutiſchen Hertzogs Vercingentorichs / und daß ihn die Deutſchen noch bey ſeinen Lebetagen zum Feld - herrn annahmen / machte er ihn groͤſſer / als ſich keiner ſeiner Vorfahren durchs Schwerdt. Alſo vergroͤſſerte Ulſing ſein Haus und Reich durch Klugheit mit beſſerm Rechte und Beſtan - de / als viel andere Fuͤrſten / die mit blutiger Auf - opferung etlicher hundert tauſend Menſchen / Erſchoͤpfung ihrer Schatz-Kammern / Verar - mung ihrer Unterthanen / mehrmals nicht hun - dert Faden Land gewinnen. Dahero denn mit dem Nahmen des Friedens kein traͤger Muͤſ - ſiggang bekleidet / weniger bey ſeinen ſtetenKriegs-Ubungen die Gemuͤther weibiſch und ſchlaͤfriger gemacht / hingegen die Tugend und guten Kuͤnſte in Auffnehmen geſetzt wurden. Weßwegen er alleine ſo viel Kraͤntze von Oel - Zweigen / als ihrer ſeine Vorfahren von Lorber - Baͤumen / verdiente. Als Malovend uͤber dieſer Erzehlung Athem ſchoͤpfte / fing Zeno an: Jch geſtehe / daß die meiſten Voͤlcker kriegeriſch geartet / und die edleſten Gemuͤther ſo voller Feu - er ſind / daß ſie ſo wenig als Scipio vom Hanni - bal die wichtigen Urſachen Friede zu machen annehmen / ſondern vielmehr alles auff die Spi - tze der Waffen zu ſetzen / nichts weniger fuͤr ihre Pflicht / als fuͤr Ehre / ſchaͤtzen. Gleich als wenn die Zeit / als die Raͤuberin ihrer eignen oder geſchenckten Guͤter / zu unvermoͤgend waͤre / daſ - ſelbe geſchwinde genung zu zernichten / was ſie reiff zu machen keine Muͤhe geſparet hat. Al - leine / wenn man Krieg und Friede auff eine Wag-Schale legt / es ſey gleich jener ſo vortheil - hafftig / dieſer ſo ſchlecht als er wolle / muͤſten auch die / welche gleich vom Kriege ein Handwerck machen / und auff deſſelben Amboſſe ihr Gluͤcke ſchmieden wollen / dem Friede den Ausſchlag des Gewichtes zugeſtehen. Denn nach dem die Vollkommenheit des Krieges insgemein in Einaͤſcherung der Laͤnder / in Vertilgung des menſchlichen Geſchlechts beſtehet; alſo ſeine Ei - genſchafft nicht nur dem rechtmaͤſſigen Beſitz - thume zuwider / und der aͤrgſte Feind der Natur und des Himmels iſt / in dem ſo denn die Vaͤter ihre Eltern begraben / die Gerechtigkeit der Ge - walt zum Fuß-Hader dienen muß / kein Geſetze fuͤr dem Geraͤuſche der Waffen gehoͤret wird / womit Marius ſeine Verbrechen wider das Vaterland entſchuldigte; ſondern auch kein Sieg ſo reich iſt / daß er die Unkoſten und den Schaden des Krieges erſetzen koͤnne / vielmehr aber Boßheit und Froͤm̃igkeit nach einem Richt - ſcheite gemeſſen / ja die Tugend ſelbſt uͤbel zu thun / und die Treue ungehorſam zu ſeyn genoͤ - thiget wird; ſo iſt faſt wunderns werth / daßP 2man116Anderes Buchman der Tapferkeit die Ober-Stelle unter den Helden-Tugenden eingeraͤumt habe; welche man billich nur fuͤr eine Werckmeiſterin der ei - ſernen Zeit ſolte gelten laſſen / wie der Friede das Kleinod der guͤldnen iſt / welcher als ein Goͤttli - ches Geſchencke vom Himmel kommen / deſſen Fußſtapfen von Oele trieffen / und deſſen Fluͤgel eitel Segen von ſich ſchuͤtten / welcher umb die Welt mit Uberfluſſe zu erquicken die Haͤnde an den Pflug und Wein - Stock legt / und der Handlung alle Gebuͤrge und Seen oͤffnet. Jn welchem Abſehen die Egyptier den Frie - den in Geſtalt eines jungen mit Weitzen - Aehren / Roſen und Lorber-Zweigen gekroͤnten Schutz - GOttes mahlen / und darmit ſeine Gluͤckſeligkeiten abbilden. Weßwegen auch die / welche wider den Frieden eine eingewur - tzelte Gramſchafft im Hertzen hegen / zu beken - nen genoͤthigt werden / daß der Krieg an ſich ſelbſt nichts gutes / ſondern eine Kranckheit des gemeinen Weſens / der Friede aber deſſelbten Geſundheit / jener ein Sturm / dieſer ein Son - nen-Schein des Gluͤckes / und wenn der Krieg nicht umb den Frieden zu befeſtigen angefan - gen wuͤrde / ſolcher kein vernuͤnftiges Begin - nen / ſondern eine Raſerey der wilden Thiere ſey / derer keines doch ſo blutgierig / als der un - verſoͤhnliche Menſch wider ſeines gleichen wuͤ - tet. Wohin die alten Griechen ſonder Zwei - fel gezielet / als ſie der klugen Pallas zwar Helm und Waffen / aber zugleich den Oel-Baum / als das Zeichen des fruchtbaren Friedens / zuge - eignet / dem ſtreitbaren Achilles auch den fried - fertigen Palamedes fuͤr Troja an die Seite geſetzt haben. Und bey den Roͤmern hat die fuͤnfte Legion nur deßhalben eine Sau zum Kriegs-Zeichen gefuͤhret / weil man dieſes un - ſaubere Thier denen Friedens - Handlungen zu opfern pfleget. Daher als die Stadt Athen dieſes Abſehen des Friedens insgemein außer Augen geſetzt / und niemals / als in Trau -er-Kleidern / wenn nemlich ſelbte / nach der Ge - wohnheit der ſtuͤndlich veraͤnderlichen Waffen / groſſe Niederlagen erlidten / Friede gemacht / ſie ihr Phocion mit Rechte geſcholten / und Rom den Regulus billich verflucht hat / weil er ſo hartnaͤckicht der darumb flehenden Stadt Carthago den Frieden zu geben widerrieth / ſich aber dadurch in grauſamſte Pein / ſein Vater - land in tauſenderley Ungluͤck ſtuͤrtzte. Wie denn das kriegeriſche Sparta / welches den Krieg nicht fuͤr den letzten / ſondern fuͤr den erſten Streich des Rechtes und den Kriegs - Gott in Band und Eiſen angeſchloſſen hielt / wormit er nicht von ihnen entfliehen moͤchte; nichts minder das unruhige Athen / welches ein ungefluͤgeltes Siegs - Bild fuͤr ſeinen Schutz-Gott verehrte / zu gerechter Rache von dieſem ihrem Schoos-Kinde in die Roͤmiſche Dienſtbarkeit geliefert worden. Woraus ich den Roͤmern nichts beſſers wahrſagen kan / weil ſie anderer Voͤlcker Laſter und Blutſtuͤr - tzungen nicht nur fuͤr ihr Gluͤcke / ſondern wenn ſie anderwerts den Saamen der Zwy - tracht angewehren / fuͤr groſſe Klugheit hal - ten. Denn ob wol insgemein geglaubet wird / daß bey langer Ruh nichts minder die Tugend weibiſch / als das ungenuͤtzte Eiſen roſtig werde / weßwegen Scipio Naſica ſo ſehr die Zerſtoͤrung der Stadt Carthago / als des rechten Wetz-Steins der Roͤmiſchen Tapfer - keit widerrathen; ſo iſt doch diß eine auff dieſen Jrrthum gegruͤndete Meynung / ſamb der Frie - de die Waffen zu unterhalten gar nicht faͤhig waͤ - re / und er nach Anleitung einer alten Roͤmiſchen Muͤntze die Waffen alſofort zerſchmeltzen muͤſte; Da doch derſelben Ubung gar wohl beym Frie - den geſchehen kan und muß; und die ſtreitba - ren Gemuͤther ſich / wie die Deutſchen / in aus - laͤndiſchen Kriegen koͤnnen ſehen laſſen / ohne welche in der Welt faſt kein Fuͤrſt eine Leibwa - che hat / noch einigen Krieg fuͤhret. Vielmehraber117Arminius und Thußnelda. aber ſind die Friedens-Kuͤnſte zu Befeſtigung eines Reiches dienlich; Maſſen denn Sparta acht hundert Jahr gebluͤhet / ehe es ſeinen Kriegs-Ruhm und damit auch ſeinen Unter - gang verdienet hat. Endlich verdienet auch die Beyſorge / daß der Poͤfel beym Frieden ſchwuͤ - rig / das Volck wolluͤſtig / der Adel wegen Man - gelhoher Befoͤrderung unmuthig wuͤrde / nicht / daß man dem Kriege zu-dem Frieden ablegen ſolle. Sintemal ſo denn nichts minder der Ge - horſam als das Wachsthum eines Reiches in der beſten Vollkommenheit iſt; Weil die / welche etwas zu verlieren haben / fuͤr Aufſtand und Un - ruh Abſcheu tragen; Die Unvermoͤgenden a - ber bey allgemeinem Schiffbruche ſich von den Stuͤcken des gemeinen Weſens zu bereichern vermeinen. Wenn aber auch aus allzulanger Ruh ein Schaden erwachſen wil / iſt einem Fuͤr - ſten nichts leichter / als dem Muͤßiggange einen Rocken zu finden / woran er ſich zu tode ſpinne und der Neuerungen vergeſſe. Wie ich denn dafuͤr halte / daß die Egyptiſchen Koͤnige ihre unnuͤtze Spitzthuͤrme nicht ſo wohl ihrer Be - graͤbnuͤſſe halber / weniger aus Aberglauben / daß ſelbte den Menſchen eine Leiter in Him - mel / den Goͤttern auf die Erde ſeyn / oder ihr Gedaͤchtniß fuͤr einer beſorglichen Ubergieſſung der Welt verwahren ſolten; Sondern vielmehr um ihre muͤßige Unterthanen zubeſchaͤfftigen erbauet haben. Gleichergeſtalt iſt glaublicher: Daß die koſtbaren Jrrgaͤrte in Creta und Jta - lien zu eben dieſem Ende / nicht aber der Er - bauer Schaͤtze zu zeigen / und der Nachbarn Mißgunſt zu erregen / ſo koſtbar aufgethuͤrmet worden.

Malovend pflichtete in allem dem klugen Ze - no bey / und erwehnte: Daß der Feldherr Ul - ſing um ſein Volck ſo viel beſſer in Pflicht und arbeitſam zu erhalten / und dadurch dem Armu - the / daß es ſeinen Unterhalt verdienen koͤnne / Gelegenheit zu verſchaffen / viel anſehnliche abernuͤtzlichere Gebaͤue / denn vieler Fuͤrſten thoͤrich - te Wunderwerck e geweſt waͤren / in Grund ge - legt haͤtte. Sintemahl ohne den ſichtbaren Nutzen alle Gebaͤue der Fuͤrſten aberwitzige Erſchoͤpffungen der gemeinen Schatzkammer / fluchwuͤrdige Buͤrden der Unterthanen / und ſchnoͤde Merckmaale geſchwinder Vergaͤnglig - keit waͤren. Dieſemnach denn die drey Waſ - ſergraben / welche ein Arabiſcher Fuͤrſt aus dem Fluſſe Coris / um ſeine Sandwuͤſten anzuwaͤſ - ſern / geleitet; Des Selevcus Anſtalten das ro - the - und Mittel-Meer / wie auch die Euxiniſche und Caſpiſche See zu vereinbaren; Jngleichen die vom Pyrrhus und Marcus Varro fuͤr ge - habte Zuſammenbindung Jtaliens und Grie - chenlands uͤber das Adriatiſche Meer / des Da - rius und Xerxes zwey Bruͤcken uͤber den Hel - leſpont / der Roͤmer Meer-Taͤmme fuͤr dem Li - lybeiſchen Hafen vielmehr Ruhms verdienen / als die Verſchwendung deſſelben Meders / der das Ecbataniſche Schloß aus ſilbernen Ziegeln mauren / und Memnons / der zu der Burg in Suſa an ſtatt des Eiſens lauter Gold verbrau - chen laſſen. Weßwegen auch des groſſen Ale - xanders bey ſo vielem Gluͤcke ungemeine Maͤſ - ſigung kein geringes Lob verdienet; Jn dem er des Werckmeiſters Vorſchlag anzunehmen nicht gewuͤrdigt / welcher aus dem Berge Athos Alexanders Bild zu hauen ſich erboten / wel - ches / wie ein Opfer-Prieſter / mit der einen Hand aus einer groſſen Schale einen Fluß aus - ſchuͤtten ſolte / worvon zwey darunter gebauete Staͤdte beſtroͤmet werden koͤnten.

Rhemetalces fing hieruͤber an: Es haͤtte der Erzehlung nach der Feldherr Ulſing alles ſo vernuͤnfftig eingerichtet / daß er ſeines Gluͤckes wohl werth geweſt. Jhn wunderte aber hier - bey nicht wenig / daß er als ein ſo kluger Fuͤrſt / der mit ſo vielen Eitelkeiten angefuͤllten Stern - ſeher-Kunſt befliſſen / und bey dieſer ungluͤckſeli - gen Wiſſenſchafft eine ſo vergnuͤgte HerrſchafftP 3gefuͤh -118Anderes Buchgefuͤhret. Sintemal ſie warhafftig eine Weiß - heit der Aberglaͤubigen waͤre / und der Schatten des Ungluͤcks dieſelben fuͤr andern verfolget haͤt - te / die von dem Lichte der Geſtirne am meiſten erleuchtet zu ſeyn ſich eingebildet haben. Wie denn Zoroaſter / welchen die Sternſeher fuͤr ihre Sonne hielten / vom Ninus; Pompejus / der auf dieſe Kunſt wie auf einen Ancker ſich verlaſ - ſen / vom Kayſer Julius / als dem kuͤhneſten Veraͤchter dieſer und anderer Wahrſagungen / uͤberwunden; Ein Celtiberiſcher Koͤnig / wel - cher die tiefſten Geheimnuͤſſe des Himmels er - forſchet und beſchrieben / von ſeinem auf der Erde mehr aufachtſamen Sohne des Reichs entſetzet / und der ſo genau-eintreffende Thra - ſyllus auf des Tiberius Befehl getoͤdtet worden. Malovend begegnete dem Rhemetalces: Her - tzog Ulſing haͤtte von nichts weniger gehalten / als von der eingebildeten Wiſſenſchafft aus den Sternen der Menſchen kuͤnfftige Gluͤcksfaͤlle zu erkieſen; ſondern er haͤtte allein des Geſtir - nes Stand / ihre Bewegungen und Eigenſchaf - ten erlernet; Welche Wiſſenſchafft einem Fuͤr - ſten / der einen uͤber den Staub des Erdbodens ſich empor klimmenden Geiſt beſitzen ſoll / nicht nur wohl anſtehet / ſondern auch mehrmahls groſſen Nutzen bracht hat. Wie dann Pala - medes die Griechen bey Troja / Alexander fuͤr der Schlacht bey Arbelle ſein Kriegsvolck / welches bey einer Mondenfinſternuͤß in groſſes Schrecken verfiel / mit Auslegung der natuͤr - lichen Urſachen mercklich aufrichtete / andere ſich dieſer Begebenheit zu Stillung des Auff - ruhrs meiſterlich bedienten. Auch iſt niemand ſo unwiſſend / daß unterſchiedene Gefangene / durch Ankuͤndigung bevorſtehender Finſternuͤſ - ſe / bey denen barbariſchen Voͤlckern ihnen gleichſam ein goͤttliches Anſehen gemacht / und dadurch ſich aus ihren blutduͤrſtigen Haͤnden er - rettet haben. Fuͤrſten begreiffen hiermit auch die Gelegenheit ihrer und anderer Laͤnder; Die bevorſtehende Witterung / und aus der Bewe -gung der Sonne viel vernuͤnfftige Richtſchnu - ren ihrer Herrſchafft. Hingegen hat Nicias und Sertorius aus Unwiſſen heit der Geſtirne und des Windes groſſe Niederlagen erlitten. Archelaus iſt fuͤr einer Sonnenfinſternuͤß ſo er - ſchrocken / daß er ſeinem Sohne die Haare ab - ſcheren laſſen / und ſich fuͤr der gantzen Welt ver - aͤchtlich / Kayſer Julius aber durch Auslegung der himmliſchen Richtſchnuren und Einrich - tung der Jahres-Zeiten ſich beruͤhmter ge - macht / als durch ſeine dem Erdboden fuͤrge - ſchriebene Geſetze.

Unſer Ulſing aber ſtarb mit nicht minderm Ruhme / im hohen Alter / zu groſſem Leidweſen gantz Deutſchlands / ſonderlich weil er ihm noch vorher muſte einen Schenckel abloͤſen laſſen. Zeno fuͤgte hier abermahls bey: Dieſer Fuͤrſt dienet uns zum Merckmahle / daß die Gluͤckſe - ligkeit ſich niemanden ohne vorbehaltene Eh - ſcheidung vermaͤhle; und das Verhaͤngniß ei - nem gar an Leib komme / wenn jene der Vor - ſichtigkeit ein Bein unterzuſchlagen nicht ver - mocht hat. Jch weiß nicht / ſagte Rhemetalces / ob man hierinnen dem Verhaͤngniſſe / oder nicht vielmehr den Aertzten die Schuld beymeſ - ſen ſolle / derer Unwiſſenheit durch unſere Hin - richtung ſich erfahren / ihre Verwegenhe[it]aber ſich zur Halsfrau uͤber unſer Leben macht. Die - ſemnach ich dieſem klugen Fuͤrſten wohl das Gluͤcke wuͤnſchen wolte: Daß er von eines ed - len Feindes Waffen in einem hertzhafften Ge - fechte fuͤrs Vaterland einen ſchoͤnern Todt er - langet / und nicht einem unvermutheten Strei - che ſeines Feindes dem Schermeſſer der grau - ſamen Aertzte ſeine furchtſame Glieder haͤtte hinrecken doͤrffen. Alleine das mißguͤnſtige Gluͤcke goͤnnet insgemein den tapfferſten Hel - den nicht / daß ſie auf dem Kriegsfelde / als dem herrlichſten Ehren-Bette ihren Geiſt in dem Geſichte ſo vieler Tauſenden ausblaſen; ſon - dern der Tod haͤlt es vielmehr fuͤr einen nicht geringen Sieg / wenn er die groͤſten Lichter derWelt119Arminius und Thußnelda. Welt durch Kinder-Blattern / durch eine uͤbel - geſchnittene Wartze / oder Huͤner-Auge und dergleichen ſchlechte Zufaͤlle ausleſcht.

Malovend fuhr fort / und ſagte: Die Deut - ſchen haben inſonderheit von einer blutigen Bahre auch ſtets mehr als einem madichten Siech-Bette gehalten / auch lieber etwas mit Blute / als mit Schweiß oder durch kluge Raͤn - cke behauptet. Dahero ſchlug der fuͤnffte Feld - Herr Hertzog Aleman ſeinem Vater nicht nach. Er war behertzt und verwegen / fuͤhrte auch ſtets einen lebendigen Loͤwen an der Hand / ja zu Jſi - niſka riß er einem ſechsjaͤhrigen Loͤwen den Rachen auff / zohe ihm die Zunge heraus; der Loͤw aber blieb fuͤr ihm entweder aus Schre - cken oder Ehrerbietung wie ein Lamm ſtehen. Bey den Eburonern erſtach er einen uͤber ihn ſpringenden Hirſch / bey den Rhetiern einen wuͤtenden Baͤr / und auff denen ihm uͤber aus beliebten Jagten erlegte er viel hauende Schweine und andere grimmige Thiere mit ſeinem bloſſen Degen. Weßwegen die Griechen ihn hernach den deutſchen Hercules genannt. Jn den ſteilen Gebuͤrgen hat er ſich nach Gem - ſen und Steinboͤcken offt ſo weit verſtiegen / daß er keine Ruͤckkehr gewuſt; mehrmals haben ihn die abkugelnden Steine und der abſchieſſende Schnee in hoͤchſte Lebensgefahr geſetzt. Merck - wuͤrdig iſt von ihm / daß als er einſt auff der Jagt auff der Erde geſchlaffen / ihn eine Hey - daͤx ans Ohr gebiſſen und erweckt habe / als in ſeinen eroͤffneten Mund eine Schlange krie - chen wollen. Jſt diß wahr / ſagte Zeno / ſo muͤ - ſten die Heydaͤxen ihrer ſelbſt und ihrer Jungen mehr als der Menſchen vergeßlich ſeyn. Man haͤlt es fuͤr kein Gedichte / antwortete Malovend / und deßwegen ſoll er eine guͤldene Heydexe zum Gedaͤchtniſſe am Halſe getragen haben. Er war ein Meiſter in Zweykampff und Turnie - ren / in den Schlachten fochte er ſelbſt in der Spitze. Er bewaͤltigte ſich der Menapier und Noricher / zwang die abtruͤnnigen Marnier undNervier / nachdem ihn der tapffere Fuͤrſt der Hermundurer Treball / ſein und Deutſchlands rechter Arm / aus ihren Haͤnden errettet hatte. Er ſchlug viel tauſend Gallier. Mit den Le - pontiern fuͤhrte er einen blutigen aber ungluͤck - lichen Krieg. Die Bataver aber ſchlug er auffs Haupt / und nahm ihnen ihr gantz Gebiete / auſ - ſer etliche in Pfuͤtzen ligende Oerter ab. Es iſt ein groſſes Gluͤcke eines Reiches / ſagte Zeno / wenn friedſame und kriegeriſche Herrſcher in ſelbtem mit einander abwechſeln. Denn ſo denn verlernen die Kriegsleute nicht die Ubung der Waffen / der Adel behaͤlt ſeine Freyheit und Anſehen / die groſſen Verdienſte bleiben nicht nach / noch ohne Belohnung / und die im Kriege entkraͤffteten Laͤnder erholen ſich wieder bey der Ruh; ja auch diß / was man durch die Waffen gewonnen / beraſet im Frieden am beſten. Die - ſem nach denn Rom deßhalben augenſcheinlich gewachſen / daß nach dem hitzigen Romulus der ſanffte Geſetzgeber Numa gefolget. Daß hier - auff der kriegeriſche Tullus die Waffen und die Gemuͤther dieſes ſtreitbaren Volcks geſchaͤrffet / und dieſen der Baumeiſter Ancus abgeloͤſet; die Pracht des Tarqvinius aber nicht nur dem / was Ancus gebauet / ſondern auch denen Obrig - keiten ein Anſehen gemacht. Servius hat her - nach durch angelegte Schatzung denen Roͤmern ihre vorher unbekandten Kraͤffte gezeiget / und der hoffaͤrtige Tarqvinius durch ſeine Grau - ſamkeit dieſe Wohlthat gethan / daß das Volck das unſchaͤtzbare Kleinod der Freyheit liebzu - gewinnen angefangen. Es iſt wahr / fuhr Ma - lovend fort; Aber der Cheruſkiſche Stamm hat insgemein dieſes Gluͤcke gehabt / daß deſſelbten ſtreitbarſte Fuͤrſten zugleich Meiſter in den Frie - dens-Kuͤnſten geweſt / und inſonderheit durch gluͤckliche Heyrathen ſich vergroͤſſert haben; Al - ſo daß dieſeꝛ Stamm den Liebes-Stern in War - heit fuͤr ſeinen Gluͤcks-Stern ruͤhmen kan. Maſſen denn auch dieſer Feldherr Alemann ſeinem Sohne Hunnus Diumfareds des Bri -tanni -120Anderes Buchtanniſchen Koͤnigs Tochter vermaͤhlte / welcher mit ſeiner Schiffarth der groſſen Tritoniſchen oder Atlantiſchen Eylande bemaͤchtigt hat. Das ſelbige Eiland / fragte Rhemetalces / von welchem Plato erzehlet / daß es auſerhalb der Seulen Hereules liegen / und groͤſſer / als Aſien und Africa zuſammen / ſeyn ſolle? Jch halte es da - fuͤr / ſagte Malovend / denn ſeine Gelegenheit und Groͤſſe trifft mit ihm ein. Aber ſagte Ze - no / wird die Erfindung nicht der Stadt Cartha - go zugeſchrieben? Jch erinnere mich aus den al - ten Geſchicht-Schreibern: daß nach dem die Carthaginenſer ihr Gebiete biß an das Phile - niſche Altar und in Spanien erſtrecket / ſie auſ - ſerhalb der Gaditaniſchen Meer-Enge (welche ſie ſtets mit einer Schiffs-Flotte beſetzt gehalten / und auſſer ſelbtem alle betretende Frembden er - ſaͤufft) insgemein nach den Jnſeln Caſſiterides geſchifft haͤtten. Von dar waͤre ein Schiff durch Ungewitter viel Tagereiſen weit auff ein groſſes Eyland verſchlagen worden / welches hernach durch ihre Fruchtbarkeit / geſunde Lufft / An - muth / Schiffreiche Fluͤſſe viel Carthaginenſer dahin / und ihr ſandichtes von deꝛ Sonne und ſte - ter Kriegsflam̃e brennendes Vaterland zu ver - laſſen gelockt haͤtte; alſo daß die Suffetes in Sor gen gerathen / es wuͤrde Carthago dieſer daſelbſt ſo groß gemachten Herrligkeit und der ſtets beliebenden Neuigkeit halber gar oͤde gelaſſen / und ihr Reich dahin verſetzt werden. Weßwe - gen ſie nicht allein bey Lebens-Straffen fernere Schiffarth dahin verboten / ſondern auch den Hanno mit einer Kriegs-Flotte dahin geſchickt / welcher die daſelbſt niedergelaſſenen Carthagi - nenſer auff die Schiffe gebracht / und ungeach - tet ihres erbaͤrmlichen Wehklagens / daß ſie die kaum gekoſtete Suͤßigkeit dieſes neuen Vater - landes verlaſſen ſolten / zuruͤck gefuͤhret haͤtte. Auſſer allem Zweiffel / antwortete Marcomir / ſind die Carthaginenſer dahin kom̃en / ſintemal man daſelbſt hin und wieder Helffenbein / da doch daſelbſt, keine Elephanten ſind / gefunden hat;und es iſt bekandt / daß die Roͤmer zu Carthago noch in dem Tempel des Eſculapius zwey Haͤute von daſelbſt gefangenen rauchen Wei - bern gefunden / welche eben derſelbe Hanno / der gantz Africa umſchifft / alle Meere durch - forſcht / alſo leicht das Atlantiſche Eyland fin - den koͤnnen / zum ewigen Gedaͤchtniß auffge - henckt. Ja man glaubt numehro feſtiglich / daß der Carthaginenſer Vor-Eltern die Phoͤnicier noch lange Zeit vorhero hinter dieſe Eylande (die nichts minder als das Libyſche Gebuͤr ge und das groſſe Meer von dem Phoͤniciſchen Koͤnige Atlas den Nahmen bekommen) in das groſſe Reich Kekiſem / und dieſelben mittaͤgich - ten Laͤnder / die von dem Faͤrbe-Holtze theils be - ruͤhmt ſind / theils gar den Nahmen haben / wor - von der Egyptiſche Prieſter Santes dem So - lon ſo viel zu erzehlen gewuſt / gedrungen; als wo biß an die Sudiſche Meer-Enge man von ihnen viel Kennzeichen ſeit der Zeit angetrof - fen. Jnſonderheit haben die Britannier noch in dieſer neuen Welt ſolche Rieſen-Gebeine ausgegraben / die niemanden mehr als den Phoͤ - niciſchen Enackitern und Chettern aͤhnlich ge - ſehen. Von dieſen Rieſen erzehlen noch itzige Einwohner / daß ihre Vor-Eltern durch goͤtt - lichen Beyſtand mitten durch die See fuͤr ih - ren Feinden trocken gefuͤhret worden / und aus den Morgenlaͤndern uͤbers Meer dahin kom - men waͤren / praͤchtige Gebaͤue und noch ſicht - bare Brunnen daſelbſt gebauet / endlich durch ihre abſcheuliche Laſter vom Himmliſchen Feu - er ihre Vertilgung erholet haͤtten. Zeno ver - wunderte ſich / und meldete: Er koͤnte nicht be - greiffen / warum und wie ſie in ſo ſehr entfernte Laͤnder gerathen? Ob ſie die Sonne auff ihrem Wagen mitgenommen? Malovend verſetzte: zum minſten hat ihnen ſo wohl die Sonne als andere Geſtirne den Weg gewieſen. Wie denn auch oberwehnter Koͤnig Atlas fuͤr des Himmels Sohn / des Saturnus Bruder / und fuͤr den Erfinder der Sternkunſt gehalten /und121Arminius und Thußnelda. und geglaubt wird: daß er / oder ſein Bruder Gadir zum erſten / die Phoͤnicier aber mehr - mahls / inſonderheit unter dem Koͤnige Hiram aus Jdumaͤa / und mit ihm die Juden dahin ge - fahren. Die Phoͤnicier hatten auch den Nord - ſtern zum erſten zum Leitſtern ihrer Schiffarth erkieſet. Die Urſachen lieſſen ſich auch leicht errathen; nachdem die Phoͤnicier den Noth - zwang ihrer Flucht aus ihrem Vaterlande / woraus ſie vorher in Egypten / Perſien / Ba - ctrian / uͤber den Ganges und Jndus / und das Caſpiſche Meer in Jndien und zu den Scythen Volckreiche Heere geſchickt hatten / ſelbſt bey der Stadt Tingis in eine marmelne Saͤule gegra - ben / nehmlich ſie haͤtten fuͤr dem Antlitze des Raͤubers Joſua entlauffen muͤſſen. Ob ſie nun zwar gantz Africa uͤberſchwemmet / in Spanien Gades / in Gallien Maßilien / die Baleari - ſchen / wie auch die Heſperiſchen und Caßiteri - ſchen Eylande bebauet / ſo haben ſie doch daſelbſt nicht immer feſten Fuß ſetzen koͤnnen; Son - dern es haben die Pharuſier und Nigriten in Mauritanien alleine 300. ihrer Staͤdte eingeaͤ - ſchert / und ſie die beruͤhmten ſieben gluͤckſeligen Jnſeln / die man von den Cananeern hernach die Canariſchen geheiſſen / zu bebauen / hernach gar hinter der beruͤhmten Jnſel Cerne / durch das von Schilf und Kraͤutern gantz uͤberwachſene Atlantiſche Meer neue Laͤnder zu ſuchen ge - zwungen / worvon dieſe gluͤckſeligen Eylande ſelbſt ſo leer und wuͤſte ſtehen blieben / daß die Nachkommen ſo gar nichts mehr vom Gebrau - che des Feuers gewuͤſt. Dieſe Phoͤnicier und Gaditaner waren ebensfalls ſchon gantz Africa zu umbſchiffen gewohnt / derer zerſcheiterte Schiffe mehrmals auf der Mohrenlaͤndiſchen Kuͤſte bey dem Eingange des rothen Meers ge - funden / und aus dem Zeichen eines Pferdes fuͤr Gaditaniſche erkennet / ja von dem Egyptiſchen Koͤnige Necko die Schiffarth aus dem Nil biß in das rothe Meer gewieſen worden. Der Weg nach dem euſerſten Eylande Thule warihnen eine gebaͤhnte Straſſe; nach dem die zwey Tyrier Mantinias und Dercyllides dahin ver - ſchlagen worden / wie die in ihren Graͤbern zu Tyrus gefundene Cypreſſen-Taffeln und des Antonius Diogenes Anmerckungen hiervon ſattſames Licht geben. Alſo ihre Reiſe nach dem Atlantiſchen Eylande fuͤr kein ſolch Wun - derwerck zu halten / in dem man von den gluͤck - ſeligen Jnſeln bey gutem Winde in funfzehn Tagen unſchwer dahin ſegeln kan. Die Bri - tannier haben dieſe Laͤnder eben ſo reich von Golde und Silber / wie ſie Silenus ſchon dem Midas beſchrieben / ja unterſchiedene ausgeleer - te Ertzt-Gruben / und aus den Adern gehaue - nes Gold / (worvon doch die Jnnwohner da - ſelbſt nichts gewuſt / ſondern das Gold aus den Fluͤſſen gefiſcht) nichts minder ſo dicke Baͤume / die ſechszehn Menſchen kaum umklaftern koͤn - nen / und der Phoͤnicier runde Bauart gefun - den. So diente auch fuͤr die Phoͤnicier zum Beweiſe: daß beyde Voͤlcker des Koͤnigs Fuͤſſe zu kuͤſſen / die Haare biß auf den Wuͤrbel abzu - ſchneiden / die Leichen an der Sonne auszu - doͤrren / und in Haͤuſern zum Gedaͤchtniſſe auf - zuſetzen / die Jungfrauſchafften ihrer Braͤute den Koͤnigen aufzuopffern / das Hundefleiſch fuͤr koͤſtliche Speiſe zu halten / den Gott Cham oder Chambal unter der Geſtalt eines ſchwar - tzen ein Weib abbildenden Steines zu verehren / ſelbtem ihre Kinder beym Feuer zu opffern / beym Beten die Hand auf den Mund zu legen / und aus ihren Gliedern Blut zu