PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Gedichte
Berlin,Carl Reimarus Verlag.W. Ernſt. 1851.
[II][III]

Seinem Freunde Bernhard von Lepel der Verfaſſer.

[IV][V]

Inhalt.

  • Lieder und Sprüche.
  • Seite
  • Guter Rath3
  • Der erſte Schnee5
  • Das Fiſchermädchen7
  • Mein Herz. (1840) 9
  • Herbſtmorgen. (1840) 11
  • An Marie. (1841) 13
  • Im Ilſethal. (1841) 15
  • Der Frühling an den Gefangenen. (Nach d. Engl.) 18
  • Im Herbſt23
  • Wunſch24
  • Nah und fern26
  • Der Kranich28
  • Hinaus! 30
  • Bekenntniß32
  • VI
  • Seite
  • Sonette34
  • Nach dem Sturm40
  • Alles ſtill! 41
  • Um Dich43
  • Drei-Strophen: Herz, laß dies Zweifeln, laß dies Klauben44
  • Ich las: glückſelig ſind die Reinen45
  • Sag an es fällt von Deinem Haupte46
  • Ach, daß ich Dich ſo heiß erſehne47
  • Zerſtoben ſind die Wolkenmaſſen48
  • Sei milde ſtets, und halte fern49
  • Es kann die Ehre dieſer Welt50
  • Tritt ein für Deines Herzens Meinung51
  • Du darfſt mißmuthig nicht verzagen52
  • Du holde Fee, mir treu geblieben53
  • Nicht Glückes-bar ſind Deine Lenze54
  • O glaub, mein Herz iſt nicht erkaltet55
  • Beutſt Du dem Geiſte ſeine Nahrung56
  • Du wirſt es nie zu Tüchtgem bringen57
  • Bilder und Balladen. Der Wetterſee61
  • Der Wenerſee64
  • Ein Jäger68
  • VII
  • Seite
  • Das Briſtol-Trauerſpiel, oder: Charles Bawdin’s Tod. (Nach Thomas Chatterton) 70
  • Unſer Friede88
  • John oder Harry? (1844) 91
  • Junker Dampf93
  • Die Strandbuche96
  • Eines Vaters Wehklage. (Nach dem Engliſchen) 100
  • König Alfred106
  • Eromwell’s letzte Nacht110
  • Die arme Elſe115
  • Treu-Lischen118
  • Schön-Anne121
  • Sylveſter-Nacht128
  • Graf Hohenſtein131
  • Sittah, die Zigeunerin137
  • Maria Stuart’s Weihe149
  • Rizzio’s Ermordung153
  • Der ſterbende Douglas. (Schlacht v. Langſide. 1568) 160
  • Chevy-Chaſe, oder: Die Jagd im Chevy-Forſt. (Nach dem Alt-Engliſchen) 163
  • John Gilpin. (Nach William Cowper) 176
  • Die Bienenſchlacht190
  • Der Tower-Brand198
  • Schloß Eger oder drei böhmiſcher Grafen Tod203
  • Lady Eſſex. (Fragment) 209
  • VIII
  • Gelegenheitliches.
  • Seite
  • Einem Todten221
  • Einigkeit. 1842. (Bei Gelegenheit des Hamburger Brandes) 225
  • Shakeſpeare an einen deutſchen Fürſten228
  • Rußland. (Einem Freunde, als er nach Moskau überſiedeln wollte) 230
  • Zu Ida’s Hochzeit232
  • An Emilie235
  • Zur Verlobung238
  • Shakeſpeare’s Strumpf. (Bei Gelegenheit eines Leipziger Schiller-Feſtes) 240
  • An Bettina243
  • Rangſtreitigkeiten244
  • Von der Tann iſt da! (Schleswig-Holſtein-Lied) 246
  • Karl Stuart. (Dramatiſches Fragment) 251
  • Ein Ball in Paris285
[1]

Lieder und Sprüche.

[2]3

Guter Rath.

An einem Sommermorgen
Da nimm den Wanderſtab,
Es fallen Deine Sorgen
Wie Nebel von Dir ab.
Des Himmels heitere Bläue
Lacht Dir in’s Herz hinein,
Und ſchließt, wie Gottes Treue,
Mit ſeinem Dach Dich ein.
1*
4
Rings Blüthen nur und Triebe
Und Halme von Segen ſchwer,
Dir iſt als zöge die Liebe
Des Weges nebenher.
So heimiſch alles klinget
Als wie im Vaterhaus,
Und über die Lerchen ſchwinget
Die Seele ſich hinaus.
5

Der erſte Schnee.

Die Sonne ſchien, doch Winters Näh
Verrieth ein Flockenpaar;
Es gleicht das erſte Flöckchen Schnee
Dem erſten weißen Haar.
Noch wird wie wohl von lieber Hand
Der erſte Schnee dem Haupt
So auch der erſte Schnee dem Land
Vom Sonnenſtrahl geraubt.
6
Doch habet Acht! mit einem Mal
Iſt Haupt und Erde weiß,
Und Freundeshand und Sonnenſtrahl
Sich nicht zu helfen weiß.
7

Das Fiſchermädchen.

Steht auf ſand’gem Dünenrücken
Eine Fiſcherhütt am Strand;
Abendroth und Netze ſchmücken
Wunderlich die Giebelwand.
Drinnen ſchnurrt das Spinnerädchen,
Blaß der Mond in’s Fenſter ſcheint,
Still am Herd das Fiſchermädchen
Denkt des letzten Sturms und weint.
8
Und es klagen ihre Thränen:
Weit der Himmel, tief die See,
Doch noch weiter geht mein Sehnen,
Und noch tiefer iſt mein Weh.
9

Mein Herz. 1840.

Der ſtolzen Sonne, heiß und glühend,
Dem ſtillen Monde trüb und bleich,
Sehnſüchtig tauſend Sterne ſprühend
Mein Herz, mein Herz iſt beiden gleich.
Dem Himmel, klar und rein und blauend,
Der Wolke, jetzt gewitterreich
Und jetzt in Thränen niederthauend,
Mein Herz, mein Herz iſt beiden gleich.
10
Der Nachtigall voll friſcher Lieder,
Der Roſe blüthen - dornenreich,
Dem Frühling und dem Winter wieder,
Mein Herz es iſt dem Allen gleich.
Nur Einem gleicht es nicht auf Erden:
Nie will in ſeinem kleinen Reich
Der langerſehnte Friede werden,
Drum iſt es nie ſich ſelber gleich.
11

Herbſtmorgen. 1840.

Die Wolken ziehn wie Trauergäſte
Den Mond zu Grabe zu geleiten;
Der Wind durchfegt die ſtarren Aeſte,
Und ſucht ein Blatt aus beſſren Zeiten.
Die grünen Tannen ſchaun ſo düſter
Auf eine jung-geknickte Eiche,
Als blickten trauernde Geſchwiſter
Auf der geliebten Schweſter Leiche.
12
Schon flattern in der Luft die Raben,
Des Winters unheilvolle Boten;
Bald wird er tief in Schnee begraben
Die Erde ſeinen großen Todten.
Ein Bach läuft haſtig mir zur Seite;
Er ahnt des Winters Eiſesketten,
Und ſtürzt ſich fort und ſucht das Weite
Als könnt ihm Flucht das Leben retten.
Da mocht ich länger nicht inmitten
So todesnaher Oede weilen;
Es trieb mich fort, mit haſt’gen Schritten
Dem flücht’gen Bache nachzueilen.
13

An Marie. 1841.

Zur Maria, zur Madonne,
Bet ich gläubig ſpät und früh,
All mein Sein iſt Andachtswonne
Vor der himmliſchen Marie.
Und das Himmelskind Maria’s,
Der Erlöſer Jeſus Chriſt,
Ja, die Liebe der Meſſias
Endlich mir erſchienen iſt.
14
Daß Maria doch verbliebe
Ihrem Kinde treugeſinnt!
Tödtet ſie in mir die Liebe
Kreuzigt ſie das eigne Kind.
15

Im Ilſethal. 1841.

Hier möcht ich wo hüpfend die Wellen
Sich ſtürzen vom Felsgeſtein,
Hier unter dem blauenden Himmel
Im Frühling geboren ſein.
Dann hätte ſich, ſtatt eines Prieſters,
Sobald ich die Sonne erblickt,
Die hehre, göttliche Schöpfung
Zu meiner Taufe beſchickt.
16
Es hätte ſich über dem Täufling
Gewölbt des Himmels Dom,
Die Bäume hätten gerauſchet
Wie leiſer Orgelſtrom.
Es wäre darinnen erklungen
Der Vögel Melodei;
Die Felſen hätten geſtanden
Als ernſte Zeugen dabei.
Ein Felsblock hätte mich ſicher
In ſeinem weiten Schooß
Wohl über die Taufe gehalten,
Umhüllt von duftigem Moos.
Es hätte der Kuß der Sonne
Die Stirne mir geſengt,
Und mit dem Waſſer der Taufe
Die Ilſe mich beſprengt.
17
Die Felſen hätten geſchworen
Den felſenfeſten Schwur:
Im Glauben mich groß zu ziehen
An Gott in der Natur.
18

Der Frühling an den Gefangnen. (Nach dem Engliſchen des John Prince.)

O komm, laß uns fliehn,
Laß uns jubelnd durchziehn
Die wiedererwachte Natur,
Die Himmel blaun,
Und die Lüfte bethaun
Mit Wonneſchauern die Flur.
Maaßliebchen erſcheint,
Und das Veilchen weint
19
Wie Thränen der Freude den Thau,
Und’s Bächlein ſpricht:
Vergiß-mein-nicht
In Blumenſprache zur Au;
Doch der Sommer iſt nah und ich darf nicht
verziehn,
Komm, zögre nicht länger, komm, komm, laß
uns fliehn.
Die Lerche ſingt
Und ſteiget, und ſchwingt
Sich hoch in den Himmel empor,
Und Iris ſpannt
Ueber Meer und Land
Ihr farbenſchimmerndes Thor.
Der Zephyr ſpielt
Und koſet und ſtiehlt
20
Der Roſe würzigen Duft,
Im Nu durchdringt,
Unſichtbar beſchwingt
Der Blumenathem die Luft;
Doch der Sommer iſt nah und ich darf nicht
verziehn,
Komm, zögre nicht länger, komm, komm, laß
uns fliehn.
Auf den Bergen thront
Und in Thälern wohnt
Nun Freiheit wieder und Luſt,
Es trägt der Strom
Des Himmels Dom
Geſpiegelt an der Bruſt;
Selbſt Moor und Bucht,
Selbſt Fels und Schlucht
21
Im Reize der Jugend erglänzt,
Sogar der Quell
An waldiger Stell
Iſt farrenkraut-bekränzt;
Doch der Sommer iſt nah und ich darf nicht
verziehn,
Komm, zögre nicht länger, komm, komm, laß
uns fliehn.
Der Burſch umſchlingt
Sein Liebchen und ſchwingt
Sich fort nach dem Takt der Schalmei,
Und wiederhallt
Der grünende Wald
Die luſtige Melodei;
Das Alter wird jung,
Von Erinnerung
22
Und Frühlingshauch geſchwellt,
Der Jugend nur
Jung wie die Natur
Gehöret im Lenze die Welt;
Doch der Sommer iſt nah, und ich darf nicht
verziehn,
Komm, zögre nicht länger, komm, komm, laß
uns fliehn.
23

Im Herbſt.

Es fällt das Laub wie Regentropfen
So zahllos auf die Stoppelflur;
Matt pulſt der Bach wie letztes Klopfen
Im Todeskampfe der Natur.
Still wird’s! und als den tiefen Frieden
Ein leiſes Wehen jetzt durchzog,
Da mocht es ſein, daß abgeſchieden
Die Erdenſeele aufwärts flog.
24

Wunſch.

Ich wollte, daß in Sturmesnacht
Die Mutter mich zur Welt gebracht,
Daß auf das Blitzen rings umher
Mein erſter Blick gefallen wär.
Ich wollte, daß ſie nackt und bloß
Gebettet mich in Laub und Moos,
Daß Sturm und Donner um die Wett
Mein Wiegenlied geſungen hätt.
25
Ich wollte, daß der Hirſch im Tann
Mein Spielgenoß als Knabe dann,
Daß, über mir, der Sterne Heer
Die Bibel mein geweſen wär.
Das Auge hell, im Arme Mark,
Friſch wie der Quell, wie Eichen ſtark,
So wär ich in das Leben dann
Getreten als ein ganzer Mann.
Im Buſen lebte mir die Kraft,
Die Thaten ſtatt der Lieder ſchafft,
Nicht länger ſäß der gute Will
Im Winkel drinnen, fromm und ſtill.
O wär ich ſtark! nah iſt der Streit,
Und ganze Männer heiſcht die Zeit;
Ich wollte, daß in Sturmesnacht
Die Mutter mich zur Welt gebracht.
226

Nah und fern.

Wenn die Wolken vielgeſtaltig
Sich am Horizonte dehnen,
Ueberkommt uns allgewaltig
Ihnen nach ein tiefes Sehnen.
Aber wenn die ſtolzen Züge
Sich zur Erde niederlaſſen,
War ihr Zauber eitle Lüge,
Sind es graue Nebelmaſſen.
27
Wenig läßt die Nähe gelten,
Tauſend Reize hat die Ferne:
Selbſt die lichtesärmſten Welten,
Wandelt ſie in helle Sterne.
2*28

Der Kranich.

Rauh ging der Wind, der Regen troff,
Schon war ich naß und kalt;
Ich macht auf einem Bauerhof
Im Schutz des Zaunes Halt.
Mit abgeſtutzten Flügeln ſchritt
Ein Kranich drin umher,
Nur ſeine Sehnſucht trug ihn mit
Den Brüdern über’s Meer;
29
Mit ſeinen Brüdern, deren Zug
Jetzt hoch in Lüften ſtockt,
Und deren Schrei auch ihn zum Flug
Gen Süden ruft und lockt.
Und ſieh, er hat ſich aufgerafft,
Es gilt ja Lenz und Glück;
Umſonſt, der Schwinge fehlt die Kraft
Und ach, er ſinkt zurück.
Nur Hahn und Huhn zum Schabernack
Umkrähn ihn jetzt voll Freud:
Es jubelt ſtets das Hühnerpack
Bei eines Kranichs Leid.
30

Hinaus!

Ich bin es ſatt auf Polſtern mich zu dehnen,
Es ekelt mich dies weibergleiche Thun,
Ich möcht im Kampf anſpannen alle Sehnen,
Mich müd und matt an die Lafette lehnen,
Und käm der Schlaf auf bloßer Erde ruhn.
Ich möcht hinaus! umbrüllt von Sturm und
Wettern
Möcht ich zu Schiff auf hohem Meere ſein;
31
Vom Blitz umflammt möcht ich den Maſt er -
klettern,
Und wenn die Wellen unſer Schiff zerſchmettern,
Ein kühner Schwimmer um das Leben frein.
Ich möcht hinaus! mag ſchleudern mich die Reiſe
Wohin ſie will, mir gilt es gleich fürwahr;
Heraus nur endlich aus dem alten Gleiſe,
Das Leben ſteigt mit der Gefahr im Preiſe,
Auf denn, hinaus! zu Thaten und Gefahr.
32

Bekenntniß.

Ich bin ein unglückſelig Rohr:
Gefühle und Gedanken
Seh rechts und links, zurück und vor,
In jedem Wind, ich ſchwanken.
Bald iſt’s im Herzen kirchenſtill,
Bald ſchäumt’s wie Saft der Reben,
Ich weiß nicht, was ich ſoll und will;
Es iſt ein kläglich Leben!
33
Da liegt nichts zwiſchen Sein und Tod,
Was ich nicht ſchon erflehte:
Heut bitt ich um des Glaubens Brod,
Daß morgen ich’s zertrete;
Was heut ich ſegne, ſegn ich nicht,
Ich werde ſein Verflucher,
Nach Wahrheit ring ich und nach Licht,
Und ſchelt es dann Verſucher.
Dich ruf ich, der das Kleinſte Du
In Deinen Schutz genommen,
Gönn meinem Herzen Halt und Ruh,
Gott, laß mich nicht verkommen;
Leih mir die Kraft, die mir gebricht,
Nimm weg, was mich verwirret,
Sonſt löſch es aus dies Flackerlicht,
Das über Sümpfe irret!
34

Sonette.

1.
Ein Leben war’s, mit Kolben und mit Knütteln
In dieſen eitlen Jammer drein zu ſchlagen,
Doch hab ich ſtill ein läſtig Joch getragen,
Und meiner Pflicht gehorcht und ihren Bütteln.
Jetzt aber, wo an Winters Thron zu rütteln,
Voll Lerchenſchlag, die Frühlingslüfte wagen,
Jetzt will auch ich, und müßt ich ſie zernagen,
Die Ketten alle muthig von mir ſchütteln.
35
Ein Lebewohl kein Fluch Euch, meine Dränger;
Ihr ſeid geſchützt vor meines Zorns Ergüſſen,
Weil ihr zu klein dem neugebornen Sänger;
Er eilt hinaus den jungen Lenz zu küſſen,
Und kein Gedanke nur gehört Euch länger,
Als er Euch ſelber hat ertragen müſſen.
2.
Nun kann ich wieder wie die Lüfte ſchweifen,
Am Strom, im Wald auf’s Neue bei den alten
Geliebten Plätzen Raſt und Andacht halten,
Und lächelnd nach der Abendröthe greifen.
Dem Markte fern, dem Feilſchen und dem Keifen
Fühl ich der Seele Schwingen ſich entfalten,
Mir kehrt die Kraft mein Denken zu geſtalten,
Der Keim wird ſtark zur Frucht heranzureifen.
36
Bald werd ich neu zu Freud und Frohſinn taugen;
Schon lern ich aus des Frühlings heitren Klängen,
Wie ſüßen Nektar, Luſt am Leben ſaugen;
Schon lächl ich wieder, ſtatt den Kopf zu hängen,
Und zwiſchen mich und Deine lieben Augen,
Seh ich ſich fürder keine Wolke drängen.
3.
Zur Geltung kommt das kläglichſte Gelichter!
Sei Bänkelſänger oder Farbenreiber,
Sei Dorfſchulmeiſter oder Eſeltreiber,
Sei was Du willſt, gleichviel! nur ſei kein Dichter.
Verlacht man auch ſolch Schwatzen geiſtesſchlichter
Gevatterſchaft, ſammt ihrer alten Weiber,
’s greift doch ins Herz, und einen müßgen Schreiber
Schilt man ſich oft als eigner Splitterrichter.
37
Wenn aber dann nicht Scham ob eitlem Ringen
Das heiße Blut ins Antlitz mir getrieben,
Wenn’s Freude war am Schaffen und Gelingen;
Dann, während Erd und Erdennoth zerſtieben,
Fühl ich mich ſtark zu allen höchſten Dingen,
Und würdig ſelbſt Dein ſchönes Herz zu lieben.
4.
Ich würde mich in Mährchenträumen wiegen,
Und lerchenfroh begrüßen jeden Morgen,
Könnt ich den irdiſch’ſten der Erdenſorgen
Gebieten, ſich zu Füßen mir zu ſchmiegen.
Mir iſt als müßt ich durch die Lüfte fliegen,
Als würde mir die Freude Flügel borgen,
Vermöcht ich je, gleich jenem Sankt Georgen,
Die Noth den ew’gen Drachen zu beſiegen.
38
Doch ob das Glück mir auch ein dürrer Bronnen,
Und ob ich auch entbehren mag und leiden,
Ich habe doch das beſte Theil gewonnen.
Und ſollt ich, dieſe Stunde noch, entſcheiden
Mich zwiſchen Dir und einer Welt voll Wonnen,
Es bliebe doch beim Alten mit uns Beiden.
5.
Es hat das Herz viel Todte zu beſtatten!
Sie, die gelebt drin und es ganz beſeſſen,
Verriethen’s oder lernten’s doch vergeſſen,
Sie wurden kalt, wie heiß geglüht ſie hatten.
Die Beſten ſelbſt, und ob einſt ohn Ermatten
Ihr Lieben ſie verſchwendriſch zugemeſſen,
Längſt pflanzt mein Herz an ihrem Grab Cypreſſen,
Sie leben noch, und wurden dennoch Schatten.
39
Ein jeder Tag ſieht neue Kreuze ragen;
Wohl weint das Herz, doch Mannes-Kraft
und Würde
Lehrt immer neu geduldiges Entſagen.
Nur ſollt ich je als ſchwerſte Lebensbürde
Auch Dich hinaus auf jenen Friedhof tragen,
Mein Herze fühlt es, daß es brechen würde.
40

Nach dem Sturm.

O frage nicht warum noch itzt,
Wo mir des Glückes Sonne leuchtet,
Der Gram auf meiner Stirne ſitzt,
Und oftmals mir das Auge feuchtet.
Sahſt Du das Meer? hoch thürmen dort
Auch nach dem Sturm ſich noch die Wogen;
Die Bäume ſchau: ſie tropfen fort,
Wenn längſt der Regen weggezogen.
41

Alles ſtill!

Alles ſtill! es tanzt den Reigen
Mondenſtrahl in Wald und Flur,
Und darüber thront das Schweigen
Und der Winterhimmel nur.
Alles ſtill! vergeblich lauſchet
Man der Krähe heiſrem Schrei,
Keiner Fichte Wipfel rauſchet
Und kein Bächlein ſummt vorbei.
42
Alles ſtill! die Dorfes-Hütten
Sind wie Gräber anzuſehn,
Die, von Schnee bedeckt, inmitten
Eines weiten Friedhofs ſtehn.
Alles ſtill! nichts hör ich klopfen
Als mein Herze durch die Nacht;
Heiße Thränen niedertropfen
Auf die kalte Winterpracht.
43

Um Dich.

Storch und Schwalbe ſind gekommen,
Veilchen auch, die blauen frommen
Frühlingsaugen grüßen mich;
Aber hin an Lenz und Leben
Zieh in Bangen ich und Beben
Um Dich.
Ach, um Dich! und doch ich fühle,
Träte jetzt die Todeskühle
An mein Herz, und riefe mich,
Wie ein Kind dann, unter Jammern
Würd ich mich an’s Leben klammern
Um Dich.
44
Herz, laß dies Zweifeln, laß dies Klauben,
Vor dem das Beſte ſelbſt zerfällt,
Und wahre Dir den Reſt von Glauben
An Gutes noch in dieſer Welt.
Schau hin auf eines Weibes Züge,
Das lächelnd auf den Säugling blickt,
Und fühl’s, es iſt nicht alles Lüge,
Was uns das Leben bringt und ſchickt.
Und Herze, willſt du ganz geneſen,
Sei ſelber wahr, ſei ſelber rein!
Was wir in Welt und Menſchen leſen
Iſt nur der eigne Wiederſchein.
45
Ich las: glückſelig ſind die Reinen,
Ihr Sinn iſt offen Gott zu ſchaun;
[Es] trieb in reuevollem Weinen
Hinaus mich in die Frühlingsaun.
Wie ſchwach ſind unſre beſten Gaben:
Die Liebe ſtrauchelt und die Treu,
Das Beſte was wir Menſchen haben,
Iſt unſer Wolln und unſre Reu.
Ich rief zu Gott: woll Du mich leiten,
Die Gnade kennt ja kein Zuſpät!
Da ſah ich Ihn vorüberſchreiten,
Wie Lenz, in ſtiller Majeſtät.
46
Sag an es fällt von Deinem Haupte
Kein Haar, von welchem Gott nicht weiß
Und was der Tag uns Größres raubte,
Das fiele nicht auf Sein Geheiß?!
Trag es, wenn ſeinen Schnee der Winter
In unſer Hoffen niederſtiebt,
Ein ganzer Frühling lacht dahinter:
Gott züchtigt immer, wen er liebt.
Laß in dem Leid, das Er beſchieden,
Den Keim uns künftgen Glückes ſchaun,
Dann kann der Tag, wo Freud und Frieden
In unſrem Herzen Hütten baun.
47
Ach, daß ich Dich ſo heiß erſehne,
Weckt aller Himmel Widerſpruch,
Und jede neue bittre Thräne
Macht tiefer nur den Friedensbruch.
Der Götter Ohr iſt Keinem offen,
Der ſich zergrämt in banger Nacht,
Komm Herz, wir wollen gar nichts hoffen,
Und ſehn ob ſo das Glück uns lacht.
Vergebnes Mühen, eitles Wollen,
Die Lippe weiß kaum was ſie ſpricht,
Und, nach wie vor, die Thränen rollen
Mir über Wang und Angeſicht.
48
Zerſtoben ſind die Wolkenmaſſen,
Die Morgenſonn in’s Fenſter ſcheint:
Nun kann ich wieder mal nicht faſſen,
Daß ich die Nacht hindurch geweint.
Dahin iſt alles was mich drückte,
Das Aug iſt klar, der Sinn iſt frei,
Und was nur je mein Herz entzückte,
Tanzt wieder, lachend, mir vorbei.
Es grüßt, es nickt; ich ſteh betroffen,
Geblendet ſchier von all dem Licht:
Das alte, liebe, böſe Hoffen
Die Seele läßt es einmal nicht.
49
Sei milde ſtets, und halte fern
Von Hofart Deine Seele,
Wir wandeln alle vor dem Herrn
Des Wegs in Schuld und Fehle.
Woll einen Spruch, woll ein Geheiß
Dir in die Seele ſchärfen:
Es möge, wer ſich ſchuldlos weiß,
Den Stein auf Andre werfen.
Die Tugend, die voll Stolz ſich giebt,
Iſt eitles Selbſterheben;
Wer alles Rechte wahrhaft liebt,
Weiß Unrecht zu vergeben.
350
Es kann die Ehre dieſer Welt
Dir keine Ehre geben,
Was Dich in Wahrheit hebt und hält
Muß in Dir ſelber leben.
Wenn’s Deinem Innerſten gebricht
An ächten Stolzes Stütze,
Ob dann die Welt Dir Beifall ſpricht
Iſt all Dir wenig nütze.
Das flüchtge Lob, des Tages Ruhm
Magſt Du dem Eitlen gönnen;
Das aber ſei dein Heiligthum:
Dich ſelber achten können.
51
Tritt ein für Deines Herzens Meinung
Und fürchte nicht der Feinde Spott,
Bekämpfe muthig die Verneinung
So Du den Glauben haſt an Gott.
Wie Luther einſt, in feſtem Sinnen,
So ſprich auch Du zu Gottes Ehr:
Ich geh nach Worms, und ob da drinnen
Jedweder Stein ein Teufel wär!
Und peitſcht Dich dann der Witz mit Ruthen,
Und haſſt man Dich, o laß, o laß!
Mehr noch als Liebe aller Guten,
Gilt aller Böſen Hohn und Haß.
3*52
Du darfſt mißmuthig nicht verzagen,
In Liebe nicht noch im Geſang,
Wenn mal ein allzu kühnes Wagen,
Ein Wurf im Wettſpiel Dir mißlang.
Wes Fuß wär niemals fehlgeſprungen?
Wer lief nicht irr auf ſeinem Lauf?
Blick hin auf das, was Dir gelungen,
Und richte ſo dich wieder auf.
Vorüber ziehn die trüben Wetter,
Es lacht aufs Neu der Sonne Glanz,
Und ob verwehn die welken Blätter,
Die friſchen ſchlingen ſich zum Kranz.
53
Du holde Fee, mir treu geblieben
Aus Tagen meiner Kinderzeit,
Was hat Dich nun verſcheucht, vertrieben
Du ſtille Herzensheiterkeit?
Leicht trugſt Du, wie mit Wunderhänden,
Mich über Gram und Sorge fort,
Und ſelbſt aus nackten Felſenwänden
Rief Quellen mir Dein Zauberwort.
Wo biſt Du Fee? aus Deinen Hallen
Zieh wieder in mein Herz hinein,
Und laß Dein Lächeln wieder fallen
Auf meinen Pfad wie Mondenſchein.
54
Nicht Glückes-bar ſind Deine Lenze,
Du forderſt nur des Glücks zu viel;
Gieb Deinem Wunſche Maaß und Grenze,
Und Dir entgegen kommt das Ziel.
Wie dumpfes Unkraut laß vermodern,
Was in Dir noch des Glaubens iſt:
Du hätteſt doppelt einzufodern
Des Lebens Glück, weil Du es biſt.
Das Glück, kein Reiter wird’s erjagen,
Es iſt nicht dort, es iſt nicht hier;
Lern überwinden, lern entſagen,
Und ungeahnt erblüht es Dir.
55
O glaub, mein Herz iſt nicht erkaltet,
Es glüht in ihm ſo heiß wie je,
Und was ihr drin für Winter haltet,
Iſt Schein nur, iſt gemalter Schnee.
Doch, was in alter Lieb ich fühle,
Verſchließ ich jetzt in tiefſtem Sinn,
Und trag’s nicht fürder in’s Gewühle
Der ewig kalten Menſchen hin.
Ich bin wie Wein der ausgegohren:
Er ſchäumt nicht länger hin und her,
Doch was nach Außen er verloren,
Hat er an innrem Feuer mehr.
56
Beutſt Du dem Geiſte ſeine Nahrung,
So laß nicht darben Dein Gemüth,
Des Lebens höchſte Offenbarung
Doch immer aus dem Herzen blüht.
Ein Gruß aus friſcher Knabenkehle,
Ja mehr noch, eines Kindes Lall’n,
Kann leuchtender in Deine Seele
Wie Weisheit aller Weiſen fall’n.
Erſt unter Kuß und Spiel und Scherzen
Erkennſt Du ganz was Leben heißt;
O lerne denken mit dem Herzen,
Und lerne fühlen mit dem Geiſt.
57
Du wirſt es nie zu Tüchtgem bringen
Bei Deines Grames Träumerein,
Die Thränen laſſen nichts gelingen,
Wer ſchaffen will, muß fröhlich ſein.
Wohl Keime wecken mag der Regen,
Der in die Scholle niederbricht,
Doch golden Korn und Erndteſegen
Reift nur heran bei Sonnenlicht.
[58][59]

Bilder und Balladen.

[60]61

Der Wetterſee.

Die Sonne ſinkt in den Wetterſee;
Da ſteigt mit dem Neck und der Waſſerfee
Von Gold und Rubin, aus des Seees Gruft,
Ein Schloß an die abendgeröthete Luft.
Der Mond geht auf; da blaſſen Rubin
und Gold zu Silber und Aquamarin;
Und hervor aus dem Schloß, hinaus zum Tanz,
Lockt die Nixen der Mondesglanz.
62
Teichroſen flechten ſie, draußen im Saal,
Um Stirn und Nacken ſich allzumal,
Als bangte jede, des Mondes Licht
Selbſt könne bräunen ihr Angeſicht.
Dann ſchlingen ſie Tänze, dann tönt ihr Geſang
Zu Necken’s melodiſchem Saitenklang,
Bis blaſſer das ſcheidende Mondlicht blinkt,
Und Schloß und Neck und Nixe verſinkt.
Schon baut ihren finſtern Palaſt die Nacht,
Da heult es im Walde, da knickt es und kracht,
Ihren Renner, zottig und grau,
Reitet zur Tränke die Haidefrau.
Ihr Roß iſt ein Wolf, ſchnell wie der Wind,
Blindſchleichen die Zügel des Renners ſind,
Eine Natter iſt Peitſche, ein Igel iſt Sporn,
So jagt ſie herbei durch Dickicht und Dorn.
63
Wetteifernd funkelt das Katzengrau
Der Augen von Wolf und Haidefrau,
Man ſieht, bei ſolchem Blitzen und Sprühn,
Die lechzende Zunge des Wolfes glühn.
Er trinkt aus dem See, dann lenkt er den Schritt,
Und am Ufer entlang geht der nächtliche Ritt,
Bis früh am Morgen ſtatt Neck und Fee,
Fiſcher durchfurchen den Wetterſee.
64

Der Wenerſee.

Mit dem Meergott kämpften heißer die Giganten
einſt, denn je:
Siegreich, aus des Nordmeers Armen, riſſen ſie
den Wenerſee,
Bauten, zwiſchen Sohn und Vater, einen länder -
breiten Damm,
Stellten vor das Thor, als Wächter, einen ganzen
Felſenkamm.
65
Oft erfaſſt den See ein Zittern tiefer Sehnſucht,
und er lauſcht,
Wenn’s, gleich fernem Meeresbrauſen, in den
Tannengipfeln rauſcht,
Beim Geheul der Wölfe wähnt er, daß die Winds -
braut nahe ſei,
Und im heiſren Lied des Hähers hört er nur der
Möve Schrei.
Frühling wird’s, und dreißig Ströme zahlen
plötzlich ihm Tribut,
Dreißig Ströme, die ſonſt meerwärts nieder -
ſtürzten ihre Fluth,
Mit der Waſſer Steigen ſteigt auch das Gefühl
ihm ſeiner Kraft,
Und dem Freiheitsdrang geſellt ſich jetzt der Zorn
ob ſeiner Haft.
66
Hoch ſchon überragt der Spiegel ſeiner Fluth
den Rieſendamm,
Zwiſchen ihm und ſeiner Heimath hebt ſich nur
der Felſenkamm,
Da in ſiegesſichrem Muthe, ruft er: Vater,
meine Hand
Streck ich Dir noch heut entgegen durch das
felsbewachte Land.
Und der dreißig Ströme jeden ſchleudert er als
Wurfgeſchoß
Auf den Wächter, und zertrümmert Haupt und
Glieder dem Koloß,
Den gewalt’gen Rumpf des Felſens überſchäumt
ſein Waſſerſchwall,
Und zum erſten Mal, zur Tiefe donnert der
Trolhätta-Fall.
67
In dem Rieſendamme wühlt er ſich mit leichter
Müh ein Bett,
Und das Meer kommt ihm entgegen, und ſie
graben um die Wett,
Jauchzend reichen Sohn und Vater zum Will -
kommen ſich die Hand,
Felſenglieder, wie Trophäen, decken rings um -
her das Land.
68

Ein Jäger.

Ich kenn einen Jäger, man heißt ihn Tod :
Seine Wang iſt blaß, ſein Speer iſt roth,
Sein Forſt iſt die Welt, er zieht auf die Pirſch,
Und jaget Elenn und Edelhirſch.
Im Völkerkrieg, auf blutigem Feld,
Iſt’s wo er ſein Keſſeltreiben hält;
Haß, Ehrſucht und Geizen nach Ruhmesſchall
Sind Treiber im Dienſte des Jägers all.
69
Nicht fürcht ich ihn ſelber, wie nah er auch droht,
Doch wohl ſeine Rüden: Gram, Krankheit und
Noth,
Die Meute, die ſtückweis das Leben zerfetzt,
Und zögernd uns in die Grube hetzt.
70

Das Briſtol-Trauerſpiel oder Charles Bawdin’s Tod. (Nach Thomas Chatterton.)

Aufdämmert der Tag, der Hahn kräht hell,
Blaß ſchimmert des Mondes Horn,
Und im Morgenrothe der Tropfen Thau
Glitzert am Hagedorn.
König Edward aber nicht Hahnenſchrei
Rief ihn vom Schlummer wach;
Drei Raben weckten ihn mit Gekreiſch
Oben am Wetterdach.
71
Und der König fuhr auf: beim ewigen Gott,
Ich verſteh euer Mahnen und Schrein;
Charles Bawdin, der ſoll ſterben heut
Und eure Speiſe ſein!
Der König rief’s; eine Kanne Wein
Leert er bis auf den Grund;
Ritter Canning ſtand zu Seiten ihm,
Dem war das Herze wund.
Und Canning ſprach: mein König und Herr
Vergieße nicht Bawdin’s Blut,
Was immer er dir Böſes that,
Ihm galt es brav und gut.
Dem Lankaſterkönig hat er gedient
Offen und ſonder Scheu,
O Herr, an Deinem Feinde auch
Ehre Muth und Treu.
72
Er ſprach’s. Noch ſchwieg der Ritter kaum,
Da zürnet der König und ſchnaubt:
Eh Sternenſchein auf die Erde fällt,
Fällt heut Charles Bawdin’s Haupt.
Er war ein Verräther, er hat ſeine Hand
In’s Blut der Yorks getaucht,
Nicht eher hab ich Raſt noch Ruh
Bis ſeines gen Himmel raucht!
Drauf Canning ernſt: nur Gnade Herr
Machet des Siegs Dich werth;
Den Oelzweig und die Palme nimm
Nicht aber das Racheſchwert.
Gedenk, wir Menſchen allzumal
Sind nur an Sünde groß,
Ein Einziger auf Sankt Petri Stuhl
Iſt ſchuld - und fleckenlos.
73
Vergieb! das feſtiget Dir auf’s Haupt
Die kaum gewonnene Kron,
Und trägt Dein Scepter fort und fort
Auf Enkel und Enkelſohn;
Doch willſt in Haß, mit blutigem Thau
Beſpritzen Du Dein Kleid,
So reißen finſtre Mächte Dir
Vom Haupte das Goldgeſchmeid.
Der König hört’s. Fort, Canning, fort!
So lange Charles Bawdin lebt
Will dürſten ich, und ob am Gaum
Mir auch die Zunge klebt.
Die Sonne, die da drüben ſteigt
Soll ſeine letzte ſein!
Der König ſchwieg, in Cannings Bart
Rann eine Thrän hinein.
4
74
Und durch die Gaſſen, trüben Sinn’s,
Alsbald der Ritter ſchlich;
In Bawdin’s Kerker trat er ein,
Und weinte bitterlich.
Der ſah des Alten Herzeleid;
Er trat an ihn heran:
Zu ſterben, Freund, iſt Menſchenloos,
Was thut es wie und wann !
Mir war das Schickſal dieſes Tags
Von Anbeginn beſtimmt;
Demüthig trägt ein Chriſtenherz
Was Gott ihm ſchickt und nimmt.
Mir iſt der Tod Erlöſung nur
Von Allem, was ich litt;
Was haſt Du, daß in’s Auge Dir
Die Mannesthräne tritt?!
75
Sprach Canning: wohl um Deinen Tod
Hab ich der Thränen viel,
Doch denk ich an Dein Weib und Kind
Find ich nicht Maaß nicht Ziel.
Dann trockne Dir die Thränen ſchnell ,
Klang Bawdin’s Stimme da
Der Wittwen und der Waiſen Gott
Iſt auch den meinen nah.
Mich mag er meucheln der Tyrann,
Der frech ſich König nennt;
Doch weiß ich, daß ihn Gottes Hand
Von meinen Kindern trennt.
Und, Canning, ohne Bangen traun
Thu ich den letzten Gang;
Hab ja dem Tod in’s Aug geſehn
Ein halbes Leben lang.
4*
76
Wie oft, wenn guten Schwertes Hieb
Hell durch die Lüfte pfiff,
Und blindlings in die Schlacht hinein
Der Tod nach Beute griff,
Wie oft dann ſah er wild mich an!
Ich ſtarrt ihm in’s Geſicht;
Er hob die Hand zum Speereswurf,
Galt mir’s? ich wußt es nicht.
Und nun, wegwerfen ſollt ich ſelbſt
Des Mannes beſte Zier?
Im Leben Muth, im Tode Muth
Das, Canning, ſchuld ich mir.
Und ſchuld es meinem Vater auch;
Der war ein Ritter gut:
Rein war ſein altes Wappenſchild,
Und rein ſein altes Blut.
77
Geſetz und Recht, die hielt er feſt
Im Wirrſal der Parthein;
Die ſchwere Kunſt war ſeine Kunſt:
Gerecht und mild zu ſein.
So war ſein Haus: ein offnes Thor,
Und offner Tiſch dazu;
Dem Bettler bot er Speiſ und Trank,
Dem Pilger Raſt und Ruh.
An ſeines Namens blanker Ehr
Hat Schande nie geklebt,
Und ſeiner fleckenloſen Treu
Der hab ich nachgeſtrebt.
Mir lebt ein Weib, ich hab ihr Bett
Treubrüchig nie entehrt,
Nie auch von Heinrich’s heil’gem Recht
Mich treulos abgekehrt.
78
Drum geh in Ruh ich dieſen Gang,
Und, Canning, ſterbe gern;
Mein Auge wird den Tod nicht ſehn
Des Königs meines Herrn.
Charles Bawdin ſchwieg; da klang’s herauf
Wie Roſſesſtampfen ſchon,
Die roſt’gen Angeln drehten ſich
Und gaben ſchrillen Ton.
Hell in des Kerkers offne Thür
Drang jungen Tages Schein,
Und mit dem Licht des Morgens trat
Ein weinend Weib herein.
Charles Bawdin’s Weib. Der Ritter ſprach:
Laß ſterben mich in Ruh,
Und wende nicht die Seele mein
Dem Irdſchen wieder zu.
79
Laß ab! Die Thrän in Deinem Aug
Macht mir das Herze weich,
Und wäſcht dem friſchen Muth in mir
Die Wange wieder bleich.
Er ſprach’s und ſchwieg. Das blaſſe Weib
Sah ſtarr ihm in’s Geſicht,
Ihr Ohr vernahm die Worte wohl
Und hörte doch ſie nicht.
Dann rief ſie, daß ihr Schmerzensſchrei
Ihm in die Seele ſchnitt:
Das Beil, das Deinen Nacken trifft,
O träf es doch mich mit!
Hin ſank ſie; Bawdin küſſte leis
Auf Stirne ſie und Wang;
Dann ſprach er: Schließer, nimm mich hin
Auf meinem letzten Gang!
80
Er trat hinaus; da ſtand der Karrn
Der ſonſt nur Schächer trug,
Und alſobald zum Richtplatz hin
Bewegte ſich der Zug.
Der Zug war ſo: der Richter vorn
In ſeines Amts Geſchmeid,
Hell glitzerte das Quaſtengold
An ſeinem Scharlachkleid.
Zwölf Auguſtiner kamen dann
In härenem Gewand,
Mit Roſenkranz und Geißelſtrick
In recht - und linker Hand.
Bußpſalme ſangen finſter ſie
In mächtgen Melodien,
Und nieder ſchrillte Glöcklein Klang
Vom Thurme Sankt Marien.
81
Den Mönchen folgte, feſten Schritts
Ein Bogenſchützen-Hauf:
Die Sennen waren all geſpannt,
Die Pfeile lagen auf.
Wohl mocht ein Reſt lankaſtriſch Volk
Den Ritter noch befrein,
Es durfte Bawdin’s letzter Gang
Der ſeiner Feinde ſein.
Dann kam er ſelbſt: zwei Rappen vorn
In weißer Decken Putz,
Auf ihren Köpfen wiegte ſich
Ein ſchwarzer Federſtutz.
Und wieder dann kam feſten Schritts
Ein Bogenſchützen-Hauf:
Die Sennen waren all geſpannt,
Die Pfeile lagen auf.
82
Zwölf Auguſtiner wieder dann
Mit Pſalmesmelodien,
Und immer noch ſcholl Glöcklein Klang
Vom Thurme Sankt Marien.
Den Schluß, den machte ſtraßenbreit
Des Volkes dicht Gedräng:
Von Dach und Fenſter folgte man
Dem traurigen Gepräng.
Und jetzt an Chriſti Kreuz vorbei
Bewegte ſich der Zug,
Hernieder ſchaute ſtill das Lamm,
Das unſre Sünden trug.
Und Bawdin betete und ſprach:
Erbarm, o Herr, Dich mein,
Und waſch auch meine Seele heut
Von ihren Flecken rein!
83
Er ſprach’s. Der König aber ſtund
An Schloſſes Fenſter ſchon,
In ſeinem Antlitz paarte ſich
Die Rache und der Hohn.
Charles Bawdin ſah’s; in ſeinem Karrn
Hob er ſich ſtolz empor,
Und donnerte mit feſter Stimm
An König Edwards Ohr:
Verräther, der Du bleibſt und biſt,
Schau nur in Hohn mir zu,
Wie klein mich Deine Rache macht
Bin größer doch als Du.
Durch Mord und jede faule That
Trägſt Du die Krone Dein,
Doch klebteſt Du mit Blut ſie feſt
Wird doch nie Deine ſein.
84
Vernimm: es reift die Frucht heran
Vergangner Miſſethat,
Und wie Verrath Dich groß gemacht
Wird ſtürzen Dich Verrath.
Er rief’s; das klang ſo feſt und klar
Zu Edwards Ohr hinauf:
Der murmelte, hochroth vor Scham,
Zum Richard Gloſter drauf:
Traun Bruder, dieſes Bawdin’s Wort
Ging mir in Herz und Blut;
Der Könige König dieſer Welt
Das iſt doch Mannesmuth!
Er ſprach’s; doch Richard Gloſter rief
Mit tückiſch rauhem Ton:
Laß ſterben ihn, laß ſterben ihn,
Die Raben warten ſchon!
85
Hin zog der Zug, dem Schloß vorbei,
Sie waren bald zur Stell:
Das blanke Beil im Sonnenſchein
Wie blinkte das ſo hell.
Behangen ſchwarz war das Schaffott;
Charles Bawdin ſtieg hinauf:
Ihm war das Sterben wie Triumph
Und ſtolzer Siegeslauf.
Rings ſtand das Volk; da ſprach er laut:
Blutacker bleibt dies Land,
So lange Schwert und Scepter bleibt
In dieſes Edwards Hand.
Vergehn vor Gram wird manches Weib,
Und manche junge Braut,
Eh dieſes Land den erſten Strahl
Des Friedens wiederſchaut.
86
Er rief’s; an Prieſters Seite dann
Hinkniet er aufs Schaffott,
Und betend, ſtill die Seele ſein
Empfahl er ſeinem Gott;
Dann aber preſſend an den Block
Sein Haupt in ſtolzer Eil,
Abſchlug ihm das auf einen Hieb
Das blanke Henkerbeil.
Hinfloß ſein Blut; ſtillweinend ſtand
Das Volk im Kreis umher;
Wie viel auch rothen Blutes floß
Der Thränen floſſen mehr.
Der Henker dann, mit ſcharfer Axt,
Viertheilte Bawdin’s Rumpf,
Und jeder Theil ward aufgeſteckt
Auf einen Lanzenſtumpf.
87
Der Eine thät als Wetterfahn
Hoch auf dem Thurm ſich drehn;
Ein zweiter war als Gitterſchmuck
Vor Edward’s Schloß zu ſehn.
Der dritt und vierte ſammt dem Haupt,
Bei Tages erſtem Schein,
Von dreien Thoren blickten die
Weit in das Land hinein.
Da wurden ſie, bei Tag und Nacht,
Umkrächzet und umkreiſt,
Das Raben - und das Krähenvolk
Hat alles aufgeſpeiſt.
Das war das End von Bawdin’s Treu,
Und ſeiner Ehren Ziel;
Gott ſchenk dem König unſrem Herrn
So treuer Diener viel.
88

Unſer Friede.

Ein Sommertag, wo man zu tiefer
Sieſta ſich verpflichtet hält,
Wo Mücken nur und Ungeziefer
So recht lebendig in der Welt,
Wo giftger Peſthauch auf zum Himmel
Aus ſtehenden Gewäſſern ſteigt,
In deren Schlamm ſich das Gewimmel
Vielbeinigen Gewürmes zeigt:
89
Das iſt der Friede, der uns ſchlimmer
Als je ein Krieg zu werden droht,
Als je ein Krieg, der uns noch immer
Ein offen Feld für Thaten bot;
Genüſſler hegt jetzt unſre Jugend,
Und Stockgelehrte allenfalls,
Doch jeder Kraft und Männertugend
Brach dieſer Friede ſchon den Hals.
Doch wird die Sonn erſt unerträglich,
Und dörrt den Wald, und ſengt die Flur,
Da hilft ſich, auf gut-ſommertäglich,
Mit einem Schlage die Natur:
Die Donnerwolke blitzt und wettert,
Und nimmt der Luft den giftgen Hauch,
Und wird auch mancher Baum zerſchmettert,
In faule Sümpfe ſchlägt es auch.
90
Welch Friede dann, wenn ſegenſtrahlend
Die Sonn im Weſten untergeht,
Und dunkle Purpurroſen malend,
Der Himmel wie in Flammen ſteht!
Wir baden uns im Hauch der Friſche,
Wie neugeboren iſt das All,
Und in des Baumes Blätterniſche
Schlägt lieblicher die Nachtigall.
91

John oder Harry? [1844.]

Da drüben an des Rheines Borden,
Des Franzmanns ritterlicher Sinn
Ruft jenen Percy aus dem Norden,
Den Heißſporn immer vor mich hin;
Den Heißſporn, der zum Zeitvertreibe
Die Schotten dutzendweis erſtach,
Und jammernd dann zu ſeinem Weibe
Von thatenloſem Daſein ſprach.
92
Und ſeh ich dann auf Polſterſitze
Dich deutſchen Michel hingeſtreckt:
Den Mund voll ſelbſtgefällger Witze,
Und in der Hand ’nen Becher Sekt;
Wird mir dazu die Augenweide
Von Hängebauch und Doppelkinn,
Will mir, zu meinem eignen Leide,
John Falſtaff gar nicht aus dem Sinn.
Wie, oder wär dies Locker-leben
Der Klugheit Maske nur für Dich?
Wirſt Du Dich aus dem Schlamm erheben
Wie Harry Monmouth ritterlich?
Wirſt Du dereinſt in Schlachtentänzen,
Bei Shrewsbury, auf blutgem Feld
Mit Percy’s Lorbeer Dich bekränzen?
Dann grüß Dich Gott, Du Zukunftsheld.
93

Junker Dampf.

Aus einem edlen Stamme
Entſproß der Junker Dampf:
Das Waſſer und die Flamme
Erzeugten ihn im Kampf;
Doch hin und her getragen,
Ein Spielball jedem Wind,
Schien aus der Art geſchlagen
Das Elementenkind.
94
Ja, frei an Füß und Händen
Iſt er ein lockrer Fant,
Doch hinter Kerkerwänden
Da wird er ein Gigant:
In tauſend Trümmerreſte
Zerſchlägt er jede Haft,
Mit ihrer Dicht und Feſte
Wächſt ſeine Rieſenkraft.
Selbſt da, wo ſeiner Zelle
Ein ſchmales Pförtchen blieb,
Ringt er nach Luft und Helle
Mit ſolchem Sturmestrieb,
Daß, wenn ihn beim Entwiſchen
Des Thores Enge hemmt,
Den Kerker, unter Ziſchen,
Er auf die Schulter klemmt;
95
Und ſo, trotz eh’rner Feſſel
An Füßen noch und Hand,
Reißt er den Kerkerkeſſel
Im Fluge mit durch’s Land,
Reißt ganze Häuſerreihen
Mit fort, wie Wirbelwind,
Bis wieder er im Freien
Nichts, als ein ſpielend Kind.
96

Die Strandbuche.

Hoch auf meerumbrauſter Düne ragt in voller Maienpracht
Eine Buche; Mutter ruft ſie wieder kam das Meer bei Nacht,
Wieder hat’s aus grünem Seetang viel der Kränze mir geſchlungen,
Hat mir Bernſteinſchmuck geſpendet, und von Liebe viel geſungen.
97
Mutter, ſchilt es nicht Verführer, ſag nicht, daß es treulos wär,
Treulos iſt allein die Schwäche und gewaltig iſt das Meer,
Hielteſt Du mich nicht umklammert, Mutter Erde, liebestrunken
Wär ich Nachts, als es mich lockte, hin an ſeine Bruſt geſunken.
Sturm herbei! rief wild-aufjauchzend jetzt das liebeſichre Meer,
Und auf hundert Wolkenroſſen jagte ſchnaubend er einher;
Auf! entwurzle mir die Buche, ’s gilt der Sehn - ſucht Schmerz zu kürzen,
Wär ſie frei, ſie würde ſelber ſich in meine Arme ſtürzen.
5
98
Arme Thörin, die des Meeres eitlen Liebes - ſchwüren traut!
Jeder Tanne ſpend ich Bernſtein, jede Buche nenn ich Braut;
Nicht um unerfüllte Hoffnung um betrogne ſollſt Du trauern,
Und der Liebe Wonne wird Dich bald wie Todes - froſt durchſchauern.
Tiefes Schweigen; aber plötzlich kracht die Buche, ſturmgepackt,
Blätterſtiebend ſtürzt ſie nieder wie ein grüner Katarakt;
Laut erbrauſend heißt ſein neues Opfer jetzt das Meer willkommen,
Hochaufſchäumend hat’s der Rieſe an die Wellen - bruſt genommen.
99
Weh, halt ein in Deinem Raſen, das mich zu vernichten droht,
So entblättert nicht die Liebe, ſo entblättert nur der Tod!
Doch die Leidenſchaft des Rieſen kennet nicht der Lieb Erbarmen,
Und er ſpielt mit ſeinem Opfer, bis es todt in ſeinen Armen.
Aber dann, als ob er Abſcheu gegen eine Leiche fühlt,
Hat er ſeiner Lüſte Spielzeug wieder an den Strand geſpült;
An dem Fuß der Düne, deren Gipfel einſt der Baum beſchattet,
Hat die alte Mutter Erde ihr entführtes Kind beſtattet.
5*100

Eines Vaters Wehklage. (Nach dem Engliſchen des John Prince. *)Ein Fabrikarbeiter in Mancheſter.

Hell ſchien der Mond, und ſeinen blaſſen Schimmer
Ausweinend in mein kümmerliches Zimmer,
Verlieh er drin viel ſilberfarbnen Duft
Der ſchlummerſtillen, träumeriſchen Luft.
Da war’s, da klopfte, weh mir! an mein Fenſter
Das ſchrecklich räthſelvollſte der Geſpenſter,
Da hat der Tod, ich war umſonſt verſchanzt,
An meinem Herd ſein Banner aufgepflanzt.
101
O Trauertag! die letzte ſeiner Stunden
Schlug meinem Herzen unheilbare Wunden:
Der Blume gleich, die ſchon im Lenz geknickt,
Hab ich in ihr mein ſterbend Kind erblickt.
Noch hielt ich zitternd es auf meinen Knien,
Als es vom Tode ſchon geſtempelt ſchien,
Und als ſein liebes, liebes Auge brach,
Sein letzter Seufzer mir zum Herzen ſprach,
Entflohen war, ſtill ohne Kampf, ſein Geiſt,
Da fühlt ich mich auf immerdar verwaiſt.
Bald ward er, den gehegt ich und gepflegt,
Sanft ſchlummernd in ſein Erdenbett gelegt;
Mitleidge Seelen ſchloſſen einen Kreis,
Still betend ſtanden ſie, und weinten leis.
Der Pfarrer ſprach; ich aber hörte nur
Den einen dumpfen Ton, der klanglos ſchwur:
Wirſt deinen Liebling hier nicht wiederſehn!
Bald iſt der Liebe letzter Dienſt geſchehn.
102
Dann ſchlich, oft rückwärts ſchauend, ich von dannen,
Im Weltgewühl den Schmerz zu übermannen.
Ja, du mein Troſt und deiner Mutter Stolz,
Die, wenn du krank, in Thränen ſchon zerſchmolz,
Du biſt dahin! doch ward dir eine Welt,
Wo man der Tugend keine Netze ſtellt.
Du darfſt im Licht und in der Wahrheit ſein,
Derweil ich hier gefangen und allein,
Allein! der Barke gleich, auf offnen Meeren,
Wenn ſich die Elemente rings empören;
Allein! ein Harfenſpiel, das halb zertrümmert,
Nur fürder noch in Klagetönen wimmert.
Ich traure heimlich: würde ſonſt ja mehren
Die Qualen, die an deiner Mutter zehren,
Den tiefen Schmerz, um den ſie ſeufzt und weint,
Der ausgeprägt in jedem Zug erſcheint.
103
Oft am Kamine ſitzen wir zuſammen,
Und ſchauen, dein gedenkend, in die Flammen,
Und ſprechen von der Wangenröthe ach!
Die langes Leben lügneriſch verſprach.
Wir denken jedes Blicks und Wortes dann,
Das, zu dem Herzen ſprechend, dir’s gewann,
Und ſchaun die Schätze an, die ſchon ſeit Jahren
Die Quelle deiner Kinderfreude waren,
Und die wir hüten nun, dem Geizhals gleich,
(Dein Kleid, dein Spielzeug macht uns überreich!)
Bis wenn ſie leichter wird die Herzenslaſt,
Zur Ruh wir gehen, oder doch zur Raſt.
Zu küſſen früh dein ſchlummernd Augenpaar,
Zu herzen dich, wenn heimgekehrt ich war,
Beim Spiele zu hören dich, dein herzlich Lachen,
Und Sonntags deine Schritte zu bewachen,
s war ſchön! ſchön wenn du kindlich mir entdeckt
Auf meinem Schooß, was dich erfreut, erſchreckt;
104
Wenn ich die Dämmrung der Gedanken klärte,
Und dich die Macht der Wiſſenſchaften lehrte.
Das war mein Wunſch: dein kindlich frommes Walten,
Die reine Seele rein dir zu erhalten,
Zu leiten deine Schritte, bis die Tugend
Dich wahre vor dem Flatterſinn der Jugend,
Und ſo, geſchützt vor des Verſuchers Stricken,
Wollt ich in’s Weltgewühl hinaus dich ſchicken.
Dann wollt ich ſterben; und zum Vaterſegen
Im Todeskampf die Lippen noch bewegen,
Feſt überzeugt, du werdeſt einſt erſcheinen
An deines Vaters ſchlichtem Grab zu weinen.
So war mein Wunſch; doch wollte Gott mir zeigen
Wie wenig Weisheit unſrem Wiſſen eigen;
So war mein Wunſch; doch anders war Sein Sinn,
Und fühlen muß ich, wie ſo klein ich bin.
105
Was klag ich auch! Gott rief dich aus dem Leben
Des Himmels ewge Freuden dir zu geben;
Hier aber ſei mit nimmermüder Hand
Dem Schweſterlein die Liebe zugewandt,
Die ſäßeſt du noch auf des Vaters Knien
Für dich mein Sohn wie aufbewahrt erſchien.
Die eine Hoffnung bleibt mir auf der Welt:
Daß wenn dereinſt die Erdenhülle fällt,
Wenn Gott mich ruft, auch mich, vor ſeinen Thron,
Ich wiederfinde meinen Herzensſohn.
106

König Alfred.

Der Däne hauſt mit Mord und Brand
In Weſſex und Northumberland:
Held Alfred irrt im eignen Reich
Umher, dem flüchtgen Hirſche gleich.
Bei Wolf und Elen tief im Wald,
Da nimmt er ſeinen Aufenthalt,
Da ſammelt er, im Schutz der Nacht,
Ein neues Heer zu neuer Schlacht.
107
Und als die Seinen kampfbereit,
Da legt er an ein Harfnerkleid:
In’s Dänenlager will er gehn
Des Feindes Schwächen auszuſpähn.
Schon tritt er kühn, die Harf im Arm,
Vor König Guthrums Zecherſchwarm,
Bald in der Becher Kling und Klang
Tönt König Alfreds Schlachtgeſang.
Er ſingt von jenem Zechermahl,
Wo ſtatt der Becher Stahl an Stahl
In Lüften klirrt, und Schild an Schild,
Wo Blut ſtatt Wein in Strömen quillt.
Er ſingt von jenem Zechermahl,
Wo Tod den ſchäumenden Pokal
Kredenzt, und jeder der da trinkt
Für alle Zeit zu Boden ſinkt.
108
Von ſeiner Ahnen Kraft und Krieg,
Von Hengiſt und dem Stamford-Sieg,
Von Eglesford, wo Horſa fiel,
Singt er ein Lied zum Saitenſpiel.
Der Dänenkönig aber lacht
Wohl ob der Sachſen Muth und Macht,
Er lacht, und hört nicht wie das Lied
Der Raben ſchon die Luft durchzieht.
Er zecht und jubelt noch im Zelt,
Als ſchon der ſiegesſichre Held
Mit Schild und Speer in’s Lager dringt,
Und neue Schlachtgeſänge ſingt.
Und wilder jetzt in Feindesreihn
Greift er, als in die Harf hinein,
Und ſpielt, daß Sait um Saite ſpringt,
Und Schrei um Schrei gen Himmel dringt.
109
Des Liedes lacht der Däne nicht,
Das klingenſcharf zum Herzen ſpricht,
Gen Jütland jagt es über’s Meer
Ihn, ohne Raſt und ohne Heer.
In Weſſex und Northumberland
Herrſcht wieder König Alfreds Hand,
Und heimwärts lenkt des Dänen Kiel,
Denkt er an Alfreds Saitenſpiel.
110

Cromwell’s letzte Nacht.

Mir ſagt’s nicht nur des Arztes ernſte Miene,
Selbſt fühl ich’s, meine Stunden ſind gezählt.
Der tolle Traum, der mich vom Lager ſchreckte,
Er war nicht Ausgeburt des heißen Hirns,
Auch Stimme nicht des mahnenden Gewiſſens,
Er war ein Ruf aus einer andren Welt
Zum Hintritt vor den Richter mich zu rüſten.
111
Ein toller Traum! wüßt ich, in nächſter Nacht
Wird dir der Schlaf ein gleiches Schreckniß bringen,
So möchte dieſe Stunde noch der Tod
Statt jenes Stuart an mein Lager treten.
Ernſt ſtand er vor mir; um den nackten Hals
Trug, ſtatt des Schmucks, er einen rothen Streifen,
Und als er, wie vordem, zu leichtem Gruß
Nach dem Barett auf ſeinem Haupte faſſte,
Nahm er den Kopf von ſeinem blutgen Rumpf,
Mein Auge ſchloß ſich; als ich’s ſcheu geöffnet
Sah wieder ich den purpurfarbnen Streifen,
Er winkte mit dem Finger mir, zu folgen,
Und ſchwand dann, rückwärts ſchreitend, in der Thür.
Was ſchreckt das Traumbild mich des todten Mannes
Und weckt in mir den alten Aberglauben
112
An eines Königs Unverletzlichkeit?
Das Schwert des Henkers wär wie Glas zer - ſprungen,
Wenn Gottes Will ihn unverletzlich ſchuf.
Was iſt die Unantaſtbarkeit des Königs?
Nichts als ein Vorrecht, das die Zeit ihm leiht:
Sein Urahn, ein Eroberer und Mörder
Iſt der Begründer all der Heiligkeit.
Der kühne Normann, der bei Haſtingsfield
Den König Harald in den Staub geworfen,
Was war er Beſſres als der Cromwell heut,
Der jenen Carl bei Marſton-Moor geſchlagen?
Es ſoll nicht mehr ſein blutig Haupt mich ſchrecken!
Es lebt in mir: ich war ein Gotteswerkzeug,
Und auserwählt zu retten und zu ſtrafen.
Ich ſah das Schiff, vom Sturm umhergeſchlagen,
Der Klippe nah, dran es zerſchellen mußte:
113
Ich ſprang hinzu, von ſeinem Platze drängt ich
Den ſchwachen Steurer, und mit ſichrer Hand
Lenkt ich das Schiff, als Lootſe, in den Hafen.
Es war noch immer, galt’s ein Volk zu retten,
Das Recht des Stärkern nicht das ſchlechtſte Recht.
Daß ich mein Thun mit ſeinem Tod beſiegelt,
Es war Nothwendigkeit; er mußte ſterben,
Es war ſein Blut der Mörtel meines Bau’s.
Wenn in die Sendung, die an mich ergangen,
Ich Selbſtſucht, Stolz und Eitelkeit gemiſcht,
So weißt Du Gott, der meine Nächte kennet,
Wie für mein Unrecht bitter ich gebüßt.
Mein Leben war das Leben des Tyrannen,
Ob nimmer auch in Blut ich mich gebadet,
Haß fand ich dort, wo feſten Arms ich drückte,
Und Eiferſucht, wo milden Arms ich hob.
114
Erfüllt iſt meine Sendung; Gott, ich wollte
Des Mannes Blut wär nicht an meinen Händen!
Hab ich gefehlt, ſei mir ein gnädger Richter,
In Deine Hand befehl ich meinen Geiſt.
115

Die arme Elſe.

Die Mutter ſpricht: lieb Elſe mein,
Du mußt nicht lange wählen;
Man lebt ſich in einander ein,
Auch ohne Liebesquälen;
Manch Eine nahm ſchon ihren Mann,
Daß ſie nicht ſitzen bliebe,
Und dünkte ſich im Himmel dann,
Und alles ohne Liebe.
116
Jung-Elſe hört’s und ſchloß das Band,
Das ewge am Altare,
Es nahm, zur Nacht, des Gatten Hand
Den Kranz aus ihrem Haare;
Ihr war zu Sinn, als ob der Tod
Sie auf die Schlachtbank triebe,
Sie gab ihr Alles nach Gebot,
Und alles ohne Liebe.
Der Mann iſt ſchlecht, er liebt das Spiel,
Und guten Trunk nicht minder,
Sein Weib zu Hauſe weint zu viel,
Und ewig ſchrein die Kinder;
Spät kommt er heim, er koſt, er ſchlägt,
Nachgiebig jedem Triebe,
Sie trägt’s, wie nur die Liebe trägt,
Und alles ohne Liebe.
117
Sie wünſcht ſich oft: es wär vorbei ,
Wenn nicht die Kinder wären;
So aber ſucht ſie, ſtets auf’s Neu,
Den Gatten zu bekehren;
Sie ſchmeichelt ihm, und ob er dann
Auch kalt bei Seit ſie ſchiebe,
Sie nennt ihn: ihren liebſten Mann,
Und alles ohne Liebe.
118

Treu-Lischen.

Mein Lischen, ſtell das Weinen ein,
Auf Regen folgt ja Sonnenſchein,
Ich kehr mit Schwalb und Flieder
Und wohl noch früher wieder.
Der Burſche ſprach’s. Vom Giebeldach
Sah ihm Treu-Lischen lange nach,
Bis Hoffnung wiederkehrte
Und ihren Thränen wehrte.
119
Die Aeuglein wurden wieder klar,
Das Herze jeden Kummers bar,
Sie wußte, mit dem Flieder
Kam ihr der Liebſte wieder.
Der Frühling kam mit Duft und Klang,
Treu-Lischen harrte mondenlang,
Herbſtwind durchfuhr den Garten,
Vergeblich war ihr Warten.
Wohl kam der Frühling viele Mal,
Ihr Liebſter nimmermehr in’s Thal,
Doch Lenz um Lenz auf’s Neue,
Rief ſie: nun kommt der Treue!
Es konnt ihr Herz, das Jahr um Jahr
Dem Liebſten treu geblieben war,
Es konnt’s ihr Herz nicht faſſen,
Er habe ſie verlaſſen.
120
Grau ward ihr Haar, welk ihr Geſicht,
Das Alter kam, ſie wußt es nicht,
Ihr Hoffen und ihr Lieben,
Ihr Herz war jung geblieben.
Und als der Tod ſie heimgeführt,
Hat ihn das treue Herz gerührt,
Und mit des Liebſten Mienen
Iſt er vor ihr erſchienen.
121

Schön-Anne.

1.
Schön-Anne ſtrählt ihr ſchwarzes Haar,
Und hängt den Kopf in Trauer;
Sie ſpricht: heut werd ich zwanzig Jahr
Und Jugend hat nicht Dauer;
Wenn ich ein Herz noch finden ſoll,
Recht wie mein eignes liebevoll,
So muß ich’s balde finden.
6
122
Der Tag iſt um; neugierig-bang
Legt Anne ſich die Karten:
Ein Jahr noch! ach, es iſt ſo lang
Bis über’s Jahr zu warten;
Sie ſeufzet: wär erſt wieder Mai,
Nicht eher athm ich froh und frei,
Bis ich ein Herz gefunden.
Das Jahr iſt um, der Mai iſt da
Mit ſeinen Blumen allen,
Wohl mochte Manchem, der ſie ſah,
Die hübſche Dirn gefallen;
Doch Anne war ein Waiſenkind,
Und wo nicht Hof und Truhe ſind,
Da hat die Lieb ein Ende.
123
Das Jahr iſt um, und Anne ſpricht:
Gott, dieſe Herzensleere
Trag ich geduldig länger nicht,
Und koſtet’s Ruf und Ehre;
Die Eltern hab ich kaum gekannt,
Niemals ein Herze mein genannt,
Ich will ein Herz beſitzen.
Und als der Sonntag Abend kam
Da ging ſie hin zum Tanze,
Sie fragte nichts nach Schand und Scham,
Und nichts nach ihrem Kranze,
Sie ſuchte ſich den Hübſch’ſten aus,
Und nahm ihn keck mit ſich nach Haus;
Es war ihr feſter Wille.
6*
124
Ich hab ein Recht! der eitle Wahn
Ließ keinen Spott ſie ſcheuen,
Sie ſprach: ich weiß, was ich gethan,
Und nimmer ſoll’s mich reuen;
Was mir das Leben ſchuldig iſt,
Das ſoll mir nun in kurzer Friſt
Mein eigen Kind bezahlen.
2.
Und über’s Dorf ging Jahr um Jahr,
Aufſchoß manch ſchlanke Tanne,
Sie aber, die Schön-Anne war,
Heißt lang nun Mutter Anne ;
Jetzt, wenn im Krug brav Tänzer ſind,
Geht ſchon der ſchönen Anne Kind,
Im Sonntagsſchmuck zu Tanze.
125
Was weint die Mutter Anne ſo,
Und ſtützt den Kopf in Sorgen?
Schlägt ihr das Mutterherz nicht froh
An jedem neuen Morgen?
Die Tochter kommt vom Tanz nach Haus,
Die Mutter ſpricht: bliebſt lange aus,
Kind, halte Dich in Ehren!
Die Tochter zieht ein ſchnippſch Geſicht,
Und ſpricht: laß mich nur machen!
Ich dächt, ich hielt auf Ehr und Pflicht,
Und kann mich ſelbſt bewachen;
Und wenn ich leicht und locker wär,
Es käm wohl nicht von ungefähr,
Hat alles ſeine Gründe.
126
Du ſagſt mir oft, mein Vater ſei
Vor Jahren ſchon geſtorben,
Doch hat mir manche Neckerei
Den Glauben dran verdorben;
Wohl ſchuld ich dieſes Leben Dir,
Doch, weiß es Gott, oft wünſch ich mir,
Ich wäre nicht geboren.
Sie ſpricht’s, ihr ſchwarzes Auge glüht,
Die Thür iſt zugeflogen,
Und um die letzte Hoffnung ſieht
Arm-Anne ſich betrogen;
Sie ſeufzt: das alſo iſt der Lohn,
Um den ich allen Spott und Hohn
Mein Lebelang getragen!
127
Dann aber betet ſie bewegt:
Gott, es iſt mein Verſchulden!
Was uns Dein Wille auferlegt
Geziemet uns zu dulden;
Entſagen kann die wahre Lieb,
Es war die Selbſtſucht die mich trieb,
Und bitter muß ich’s büßen.
128

Sylveſter-Nacht.

Das Dorf iſt ſtill, ſtill iſt die Nacht,
Die Mutter ſchläft, die Tochter wacht,
Sie deckt den Tiſch, ſie deckt für zwei,
Und ſehnt die Mitternacht herbei.
Wem gilt die Unruh? wem die Haſt?
Wer iſt der mitternächtge Gaſt?
Ob ihr ſie fragt, ſie kennt ihn nicht,
Sie weiß nur, was die Sage ſpricht.
129
Die ſpricht: wenn wo ein Mädchen wacht
Um zwölf in der Sylveſternacht,
Und wenn ſie deckt den Tiſch für zwei,
Gewahrt ſie, wer ihr Künftger ſei.
Und hätt ihn nie geſehn die Maid,
Und wär er hundert Meilen weit,
Er tritt herein, und ſchickt ſich an,
Und ißt und trinkt, und ſcheidet dann.
Zwölf ſchlägt die Uhr, ſie horcht erſchreckt,
Sie wollt ihr Tiſch wär ungedeckt,
Es überfällt ſie Angſt und Graun,
Sie will den Bräutigam nicht ſchaun.
Fort ſetzt der Zeiger ſeinen Lauf,
Niemand tritt ein, ſie athmet auf,
Sie ſtarrt nicht länger auf die Thür,
Herr Gott, da ſitzt er neben ihr.
130
Sein Aug iſt glüh, blaß ſein Geſicht,
Sie ſah ihn all ihr Lebtag nicht,
Er blitzt ſie an, und ſchenket ein,
Und ſpricht: heut Nacht noch biſt du mein.
Ich bin ein ſtürmiſcher Geſell,
Ich wähle raſch, und freie ſchnell,
Ich bin der Bräutgam, Du die Braut,
Und bin der Prieſter, der uns traut.
Er faſſt ſie um, ein einzger Schrei;
Die Mutter hört’s, ſie kommt herbei;
Zu ſpät, verſchüttet liegt der Wein,
Todt iſt die Tochter, und allein.
131

Graf Hohenſtein.

1.
Der junge Graf von Hohenſtein
War ſonſt kein Waidgeſelle,
Was hält ſein Roß tagaus, tagein
Jetzt an des Förſters Schwelle?
Er trägt kein Hüfthorn um den Leib,
Was will der Graf erjagen?
Ihr müßt des Förſters junges Weib,
Die ſchöne Gertrud fragen.
132
Die ſchöne Gertrud horcht geſpannt
Bei Dämmerſchein, im Garten;
Durch ihre Bruſt zieht, Hand in Hand,
Ein Bangen und Erwarten;
Da ſchallt ein Huf, der Hund ſchlägt an,
Sie ſpricht: Gott, hab Erbarmen!
Und eh ſie weiter beten kann,
Hält ſie der Graf in Armen.
Er ſpricht: nun halt es endlich mir,
Was Du mir oft verſprochen,
Mir iſt die Zeit ſeit Monden ſchier
Auf Schnecken fortgekrochen;
Sprich nicht, auf’s Neue, hin und her
Von Schwur, Altar und Treue,
Die Treu iſt eine alte Mähr,
Und Schwachheit iſt die Reue.
133
Er ſpricht’s, und als die Nacht erſcheint
Da hat das Spiel ein Ende,
Fortjagt der Graf, Schön-Gertrud weint,
Und ringt die ſündgen Hände;
Ihr Mann kehrt heim mit Gruß und Kuß,
Wie Abſchied er genommen,
Sie heuchelt, weil ſie heucheln muß,
Und heißt ihn froh willkommen.
Ein Jahr und wenig Tage ſind’s,
Der Graf zieht andre Fährte,
Zur Taufe nur des Förſterkinds
’nen Becher Wein er leerte.
Der Wein war nüchtern wie die Leut,
Und konnt ihn wenig laben,
Nur mocht an Förſters Vaterfreud
Er ſeine Freude haben.
134
2.
Manch Jahr, in immer ſchnellrer Flucht,
Iſt hin in’s Land gegangen,
Längſt hält der Graf, in Sitt und Zucht,
Ein jung Gemahl umfangen;
In ihrem Aug iſt andres nicht
Wie Lieb und Treu zu ſchauen,
Doch keinem Engelsangeſicht
Vermöcht er zu vertrauen.
Er ſchläft: auffährt er aus dem Traum,
Er bebt an Seel und Leibe,
Todblaß, die Füße wollen kaum,
Schleicht er zu ſeinem Weibe;
Er lauſcht, und als er vor ihr ſteht,
Was hört er? ſeinen Namen;
Ihr Träumen war ein fromm Gebet,
Vernehmlich ſprach ſie: Amen!
135
Er reitet einſam in den Wald,
Und ſinnt, und muß erbleichen:
Er drückt dem Renner allſobald
Die Sporen in die Weichen,
Er fliegt nach Haus, auf ſeinem Roß,
Im Wettlauf mit dem Winde,
Und findet ſpielend vor dem Schloß,
Sein Weib mit ſeinem Kinde.
Oft läßt er ſelbſt, auf ſeinen Knien,
Den hübſchen Blondkopf ſchaukeln,
Bis plötzlich tolle Bilder ihn,
Wie hergeweht, umgaukeln:
Des Kindes Augen ſind ſo blau,
Und ſchwarz ſind doch die ſeinen,
Er ſtößt es fort, und murmelt rauh:
Was kümmert mich ſein Weinen?
136
Einſt als ſein Roß, im Walde draus
Gar alten Weg genommen,
Iſt an des Förſters ſtillem Haus
Der Graf vorbeigekommen;
Er ſprach: die Treu iſt keine Mähr;
Ich hab ihr Band zerriſſen,
Nun treibt mich ruhelos umher
Ein ſtrafendes Gewiſſen.
137

Sittah, die Zigeunerin.

1.
Im Hochgebirg von Cumberland,
Zu Füßen einer Felſenwand,
Streckt wegesmüd und ſonn-ermattet,
Von wenig Kiefern nur beſchattet,
Und von der Armuth nur bewacht,
Ein Trupp Zigeuner ſich zur Nacht
Vor ihnen breitet ſeine Fluth
Ein Bergſee bis an Schottlands Grenze,
138
Und Abendroth-geflochtne Kränze
Beſpiegeln drinnen ihre Gluth.
Des Seees märchenhafte Schöne
Ergreift ſelbſt die Zigeunerſöhne,
Für deren Auge die Natur
Der Anblick eines Freundes nur,
Den man vieltauſendmal betrachtet,
Und nichts Beſondres mehr erachtet,
Bis, wenn er dann urplötzlich fehlt,
Die Lieb uns doppelt ſtark beſeelt.
Doch ſeltner ſpiegeln jetzt und blaſſer
Des Himmels Roſen ſich im Waſſer,
Und herwärts, von dem See zur Kluft,
Weht kühler ſchon die Abendluft.
Da nimmt das Träumen ſchnell ein Ende,
Geſchäftig regen ſich die Hände,
Und Alt und Jung, und Klein und Groß,
Schafft Holz herbei, und Laub und Moos.
Der Eine ſucht in ſeiner Taſche
139
Den Stahl, daraus er Funken weckt,
Doch eines Andern Tabacksaſche
Hat ſchon das Laub in Brand geſteckt.
Schon wirft die Flamme rothe Lichter
Auf ihre bräunlichen Geſichter;
Schon rupft man das geſtohlne Huhn,
Und eilt, es in den Topf zu thun;
Da, während’s drinnen kocht und ſiedet,
Greift einer nach dem Tambourin,
Ob immer hungrig und ermüdet,
Sie fliegen all zum Tanze hin;
Die Augen glühn, die Pfeifen dampfen,
Und immer lauter wird gepocht,
Und während ſie den Boden ſtampfen,
Des Pachters Huhn im Topfe kocht.
Der Tanz iſt aus; bei frohem Mahle
Beſchließen ſie den frohen Tag,
Und aus des Seees weiter Schale
Trinkt Jeder, was er trinken mag.
140
Schlicht iſt der Trunk, die Hirſche dürfen
Ihn theilen an derſelben Stell,
Doch läßt ſich mehr als Waſſer ſchlürfen
Aus Bergesſee und Waldesquell;
Sie trinken, mit dem Trunk der Rehe,
Die Luſt in’s tiefſte Herz hinein,
In ungetrübter Gottesnähe,
Und frei, wie Hirſch und Reh zu ſein.
2.
Noch eh die Sonn heraufgezogen,
Sind die Zigeuner ausgeflogen.
Als Keſſelflicker, Rattenfänger,
Hanswurſt, Prophet und Bänkelſänger,
Der Eine rechts, der Andere links,
Zog Alles in die Dörfer rings.
Nur eine Alte, welk und braun,
141
Und unerquicklich anzuſchaun,
Auf deren Antlitz, vielerfahren,
Sich Liſt und Herzensgüte paaren,
Sucht noch, mit ihren gelben Händen,
Schön-Sittah’s Anzug zu vollenden.
Zwölf Jahre mocht die Kleine zählen,
Und während das Zigeunerweib
Sich eilt ihr ſchwarzes Haar zu ſtrählen,
Schwatzt ſie zu Sittah’s Zeitvertreib:
Die Flechte noch, mein Herzenskind,
Dann auf, in’s nächſte Dorf, geſchwind,
Dort mach, auf jedem Pachterhofe,
Dich flugs an Tochter oder Zofe;
Nimm, wenn ſich keine Karte fand,
Die Heirathsluſtge bei der Hand,
Und ſag ihr, noch in dieſem Jahre,
Führ ſie der Liebſte zum Altare.
Kann ſein, es leuchtet ihr nicht ein,
Doch denkt ſie drum, es könnte ſein.
142
Vor allen aber achte ſchlau,
Ob eine junge Pachtersfrau
Vielleicht um Kinder, im Gebet
Seit lange ſchon vergeblich fleht,
Und Herzchen, haſt du die gefunden,
So ſag der Aermſten, unumwunden,
Daß eh der Kuckuk wiederkehre,
Ein Kindlein ihr geboren wäre;
Sie mag dann ſehn ihr Glück zu haſchen,
Wir aber kriegen volle Taſchen.
Die Alte ſpricht’s, die Kleine lauſcht,
Die letzte Flechte wird beendet,
Und als ſie Gruß und Kuß getauſcht,
Hat Sittah ſich in’s Dorf gewendet.
Ob ſie der jungen Pachterfrau
Ihr unfehlbares Schickſal lehrte,
Erfahren hat man’s nie genau;
Doch als ſie Abends heimwärts kehrte
Und dicht an eines Abgrunds Rand,
143
An dem der ſchmale Pfad ſich wand,
In heitrem Muth vorüberſchritt,
Nahm ſie ein volles Täſchchen mit.
Die Dornen hatten ſie geritzt,
Der weite Weg ihr Blut erhitzt,
Sie hätt ’nen Tag von ihrem Leben
Für wenig Waſſer hingegeben.
So eilt den Felsweg ſie entlang;
Da fordert ſchier, am Bergeshang,
Ein Brombeerſtrauch mit ſchwarzen Beeren,
Sie gaſtlich auf doch einzukehren.
Die Luſt iſt groß davon zu pflücken,
Und abwärts gleitend auf dem Rücken,
Labt ſie ſich mit des Durſtes Gier,
Da weicht der Boden unter ihr.
Umſonſt, daß ſie mit beiden Händen,
Selbſt an des Felſens harten Wänden
Sich krampfhaft anzuklammern ſucht,
Sie ſtürzt hinunter in die Schlucht.
144
3.
Gefolgt von ſeinen Meutehunden,
Hat aus dem nahgelegnen Schloß
Der Graf, mit ſeinem Dienertroß,
Das Kind, beſinnungslos, gefunden.
Doch wenig Wein auf Bruſt und Stirn,
Läßt bald die Pulſe wieder ſchlagen,
Und heim wird die Zigeuner-Dirn
Zu neuem Lebenslauf getragen.
4.
Die Jahre fliehn; der Spielgenoß
Von Hirſch und Reh, von Quell und Wind,
Iſt jetzt, auf ſeines Retters Schloß,
Des kinderloſen Grafen Kind;
Schön, und erkoren Lieb und Land
145
Des alten Grafen einſt zu erben,
Sieht man um Sittah’s Herz und Hand
Des Landes ſtolzen Adel werben.
5.
Von Gäſten wimmelt Hof und Halle,
Aus Küch und Keller lärmt es laut,
Bei Gläſerklang und Liederſchalle
Trinkt man das Wohl der jungen Braut.
Schon an der Feſtestafel oben,
Geſtützt auf ihres Gatten Arm,
Hat Sittah lächelnd ſich erhoben,
Und grüßt der Gäſte lauten Schwarm;
Da plötzlich ſchallen wilde Töne
Im Hofe drunten am Portal,
Und Lieder der Zigeunerſöhne
Ziehn durch den hochzeitlichen Saal.
7
146
Sie tönen lauter ſchon und wilder
Sauſt in der Luft das Tambourin,
Da treten halbvergeßne Bilder
Auf’s Neu vor Sittah’s Seele hin.
Sie ruht, wie ſonſt in tiefen Schluchten
Und hört dem Waldesrauſchen zu,
Sie blickt, auf’s Neu, von Felſenbuchten
Auf Meeresſturm und Meeresruh;
Sie ſchaut der Abendröthe Streifen,
An denen einſt ihr Auge hing,
Und möchte wieder danach greifen,
Wie Kinder nach dem Schmetterling.
Sie hört des Birkhuhns Kreiſchen wieder,
Sie ſieht das Irrlicht wieder glühn,
Das längs der Haide, auf und nieder,
Unſtät wie ſie, zu wandern ſchien;
Sie möchte wieder, wieder wandern
So weit die Himmel Gottes blaun,
Auf’s Neu, von einem Tag zum andern,
147
Mit ihren Brüdern Hütten baun.
Da, allgemach, erſtirbt die Weiſe,
Und glühend, ohne Blick und Wort,
Schleicht Sittah aus dem Saal und leiſe
Sich von des Gatten Seite fort.
6.
Die Braut iſt allſobald verſchwunden,
Umſonſt durchſpäht man Flur und Wald,
Sie hat die Grenze ſchon gefunden,
Und ihrer Brüder Aufenthalt.
Schon in des Cheviot wilden Keſſeln
Hat ſie ihr Brautgewand zerfetzt,
Und löſt die langgetragnen Feſſeln,
Wie ihre ſchwarzen Flechten jetzt.
Schon lagert Alt und Jung im Kreiſe
Um eines Feuers Flackerbrand,
7*
148
Und ihres Liedes wilde Weiſe
Hallt fort von Fels zu Felſenwand:
Zur Wüſte wieder will der Löwe,
Der Aar zurück in ſeinen Horſt,
Nur auf dem Meere jauchzt die Möve,
Und wir allein in Schlucht und Forſt.
Ihr könnt den Sturzbach nimmer zähmen,
Die Wildheit iſt ſein Weſen nur;
Es heißt uns Luft und Leben nehmen,
Nimmt man uns Freiheit und Natur.
149

Maria Stuart’s Weihe.

Schloß Holyrood iſt öd und ſtill,
Der Nachtwind nur durchpfeift es ſchrill,
Es klirrt kein Sporn in Hof und Hall,
Nur finſtres Schweigen überall.
Da plötzlich ſchwebt, in luftgem Gang,
Ein hohes Weib die Hall entlang:
Ihr klares Aug ſtrahlt ewig-jung
Vom Feuer der Begeiſterung.
150
Zu Häupten ihr glüht Sternenſchein,
Ihr Haar iſt Gold, wer mag ſie ſein?
Sie kommt, und bringt ihr Angebind
Im Saale drin dem Königskind.
Das Königskind das heißt Marie,
Sie aber iſt die Poeſie;
Die neiget jetzt zur Wiege ſich,
Und flüſtert ernſt: ich weihe Dich!
Sie flüſtert’s kaum, da ſtill und ſtumm
Entſchwebet ſchon ſie wiederum,
Und lachend ſchlüpfen luſt’ge Zwei
Jetzt in die Thür, an ihr vorbei.
Die Eine ſtrotzt von buntem Tand,
Ein Spiegel blitzt in ihrer Hand,
Bald ſchaut ſie ſich und bald ihr Kleid,
Das war die Dirne Eitelkeit .
151
Die Andre frech und üppig gar,
Trägt langes aufgelöſtes Haar,
Ihr Aug iſt ſchwarz, nackt ihre Bruſt,
Das war die Dirne Sinnenluſt .
Sie neigen beid zur Wiege ſich,
Und kichern hell: wir weihen Dich!
Da huſcht, und ihre Wang erblaſſt,
Raſch in den Saal ein dritter Gaſt.
Wie Schatten ſchleicht er an der Wand,
Sein Kleid iſt roth, roth ſeine Hand,
Er ſchaut ſich um, ſein Auge ſticht,
Und meſſerſcharf iſt ſein Geſicht.
Er neigt ſich jetzt, und ſpricht das Wort:
Ich weihe Dich zu Blut und Mord!
Aufſchreit im Schlaf das Königskind,
Und heller draußen pfeift der Wind.
152
Der Gaſt iſt fort, doch her und hin
Wirft banger Traum die Schläferin,
Geweiht für’s Leben ſchlummert ſie
Die ſchöne, ſchottiſche Marie.
153

Rizzio’s Ermordung.

1.
Herr Darnley reitet in den Wald, Lord Ruthven
ihm zur Seite;
Herr Darnley ſpricht: was frommt es mir, daß
in den Lenz ich reite?
Ich ritt hinaus ein Schreckgeſpenſt mir aus dem
Sinn zu ſchlagen,
Ihr aber Ruthven haſtet Euch in’s Feuer Oel
zu tragen.
154
Lord Ruthven ſtreicht den rothen Bart, als ſei
er des zufrieden,
Er ſchweigt, und denkt nur: wenn es heiß, ſoll
man das Eiſen ſchmieden ;
Seit an Maria’s Ohr er frech ein Liebeswort
verloren,
Hat er der ſchönen Königin im Herzen Haß
geſchworen.
Er ſpricht kein Wort, beredter ſpricht ſein Lächeln
jetzt und Schweigen,
Er ſieht, von Schritt zu Schritt, das Blut in
Darnley’s Wange ſteigen,
Der ruft: ſing aus Dein Rabenlied, und ſpricht’s
wie Deine Blicke,
Verdamm mich Gott, wenn ich den Fant nicht
in die Hölle ſchicke!
155
Lord Ruthven ſtreicht den rothen Bart, und ſpricht:
ſo ſoll ich’s glauben
Mein Herr und König zweifle noch am Spiel
der frommen Tauben?
Er wiſſe nicht, was Jeder weiß vom ſchottſchen
Königsſtuhle,
Daß Heinrich Darnley’s ehlich Weib des David
Rizzio Buhle!
Herr Darnley kehrt gen Edinburg, er hält vor
ſeinem Schloſſe:
Lord Ruthven ſpricht er ſo’s beliebt, bleibt
ihr mein Jagdgenoſſe;
Der Fuchs iſt ſchlau, doch bärg er ſich in ihres
Kleides Falten,
Ich jag ihn auf, noch heute Nacht will meinen
Schwur ich halten.
156
2.
Es glänzt der feſtgeſchmückte Saal von Rittern
wohl und Frauen,
Vor allen iſt Maria doch als Königin zu
ſchauen,
Sie läßt die Zeit bei Spiel und Tanz in raſchem
Flug enteilen,
Und nur ihr Gatte zögert noch des Feſtes Luſt
zu theilen.
Die Kerzen und die Wangen glühn vor Freuden
um die Wette,
Es ſchreitet an Lord Seytons Hand Maria
zum Bankette,
Der Becher ſchäumt, Maria winkt ein Saiten -
ſpiel zu bringen,
Ihr Liebling Rizzio nimmt es hin und hebet an
zu ſingen:
157
Der König zog in finſtrem Sinn
Hinaus mit ſeinem Troſſe;
Nachblickt die ſchöne Königin
Dem Reiter und dem Roſſe.
Und als des Waldes Laub und Moos
Den König kaum erlaben,
Da lockt ſie ſchon auf ihren Schooß
Den blonden Edelknaben.
Sie ſtreicht ſein Haar, ſie küſſt ſo heiß
Die Lippen ihm und Wangen,
Die aber ſind heut kalt wie Eis
Und athmen kein Verlangen.
Sie flüſtert: lieber Knabe mein
Halt feſter mich in Armen,
Wir wollen eins zur Stunde ſein,
Das wird Dein Herz erwarmen.
158
Er aber ſpricht: ’s läßt heut mich nicht
Feſt drücken Dich und preſſen,
Ich hatt zur Nacht ein Traumgeſicht
Das kann ich nicht vergeſſen:
Es trat der König vor mich hin
Als ich Dich wollte küſſen;
Mir iſt ſo bang lieb Königin
Als würd ich ſterben müſſen ....
So ſtirb, Du buhleriſcher Thor! Herr
Darnley ruft’s dazwiſchen,
Es fegt im Nu ſein Zornesblick die Gäſte von
den Tiſchen,
Stirb denn, und dank’s im Tode mir, daß
ich mit guter Klinge
Zu Deinem böſen Bubenlied das letzte Vers -
lein ſinge.
159
Es packt den Sänger Todesangſt: in namen -
loſem Leide
Hält feſt er, wie ein zitternd Kind, ſich an
Maria’s Kleide,
Die tritt, halb Furcht halb Zorn im Blick, her -
vor ihn zu bewahren,
Umſonſt, ſchon iſt des Königs Schwert ihm durch
die Bruſt gefahren.
Es hält, die lange Nacht hindurch, Maria
Todtenwache,
Zum erſten Mal zieht durch ihr Herz der heiße
Wunſch nach Rache;
Die Morgenſonne ſah den Schwur auf ihrer
Lippe beben,
Herr Darnley hat des Sängers Tod bezahlt
mit ſeinem Leben.
160

Der ſterbende Douglas. (Schlacht von Langſide. 1568.)

Die Heere ſtießen an einander; der Tag iſt
heiß, der Himmel finſter,
Vom Hufſchlag dröhnt weithin die Haide, roth
tropft der Thau vom ſchwarzen Ginſter;
Es blickt die ſchottiſche Maria von nahen Schloſ -
ſes Fenſterbrüſtung,
Ihr Auge haftet auf dem Kampfe, doch in dem
Kampf auf Einer Rüſtung.
161
Dem jungen Douglas folgt ihr Auge; ſie fühlt
ihr Herze höher ſchlagen,
Er iſt’s, der ſechszehnjährige Knabe, der aus
dem Kerker ſie getragen,
Er iſt’s, der ihr ein Heer geworben, und durfte
doch um Eins nicht werben,
Drum wirbt er jetzt um ſeinen Frieden und
um das Glück für ſie zu ſterben.
Wen tragen aus dem Kampfgetümmel ſie dort
auf zweiggeflochtner Bahre,
Das Antlitz weiß, und ſchwarz die Rüſtung
und roth von Blut die blonden Haare?!
Der Douglas iſt’s: Erfüllung wurde des Hoff -
nungsloſen einzgem Hoffen,
Es hat ein Schwert von Murray’s Mannen
in’s tiefſte Leben ihn getroffen.
162
Da liegt er, auf gewirktem Teppich, jetzt an
des alten Schloſſes Stufen,
Maria neigt ſich zu ihm nieder, ein Prieſter
wird herbeigerufen,
Der reicht den Kelch ihm unter Thränen, Er
aber ſegnet dieſe Stunde,
Hätt langſam ſonſt verbluten müſſen an ſeines
Herzens ſtiller Wunde.
Die Bruſt wird kalt, es ſtockt ſein Athem, ſein
Auge ſcheint vom Tod geſchloſſen,
Maria küſſt die bleiche Stirne, die ſchon ſo
frühe Ruhm genoſſen:
Da ſpielt um ſeinen Mund ein Lächeln, auf -
glimmt ein letzter Lebensfunken,
Dann iſt er in Maria’s Arme zu tiefſtem Schlaf
zurückgeſunken.
163

Chevy-Chaſe oder Die Jagd im Chevy-Forſt. (Nach dem Alt-Engliſchen.)

Gott ſchütz den König, unſren Herrn,
Und unſer Aller Leben;
Im Chevy-Walde hat ſich einſt
Wehvolle Jagd begeben.
Graf Percy von Northumberland,
Vor Thaue noch und Tage
Zog aus er heut, mit Hund und Horn,
Daß er den Hirſch erjage.
164
Er ſchwur es jüngſt an heilger Stätt,
Sorglos um Groll und Knirſchen,
Er woll drei Sommertage lang
Auf ſchottſchem Boden pirſchen.
Er woll, was lebt im Chevy-Forſt
Mit Speer und Pfeil erlegen;
Lord Douglas ſchütze, wenn er kann,
Den Hirſch in den Gehegen!
Lord Douglas, der in Schottland lag,
Als er das Wort vernommen,
Dem Percy Grafen ſchwört er da
Ein blutiges Willkommen;
Der aber iſt im Walde ſchon
Mit fünfzehn hundert Mannen,
Wohlausgeſucht und wohlgeprobt
Den Bogen ſtraff zu ſpannen.
165
Schon, von der Meute aufgeſchreckt,
Flieht, was die Schlucht geborgen;
Ein Montag war’s, noch halbe Nacht,
Es graute juſt im Morgen.
Und eh der Mittag kam, da lag
Haufweis das Wild erſchlagen;
Doch raſtlos, nach gethanem Schmaus
Begann ein neues Jagen.
Auf’s Neu durch Schlucht und Dickicht hin
Stob Huf und Hund nach Beute,
Und neuer Angſtſchrei miſchte ſich
Dem Luſtgeheul der Meute.
Graf Percy nur war ſatt des Spiels
Mit Hirſchen und mit Hinden,
Er ſprach: Lord Douglas gab ſein Wort,
Hier ſoll ich heut ihn finden.
166
Bei Gott, nicht länger harrt ich ſein,
Dächt ich, er könn es brechen ;
Da thät alsbald ein Ritter jung
Alſo zum Grafen ſprechen:
Schau Herr, dort blitzt es durch den Wald,
Das iſt er mit den Seinen;
Schau, wie im Mittagsſonnenglühn
Die blanken Speere ſcheinen.
Zweitauſend ſind’s vom Lauf des Tweed,
Aus Thälern und aus Glennen,
Und der vorauf iſt Douglas ſelbſt
An Roß und Helm zu kennen.
Nun denn, wohlan! rief Percy da,
Dies Feld ſei unſre Schranke,
Noch ſchlüpfte keiner mir hindurch,
Sei’s Schotte oder Franke.
167
Das iſt der Hirſch, den ich geſucht,
Nun lohnt es ſich zu jagen,
Es brennt mein Herz Mann gegen Mann
Mit ihm die Schlacht zu ſchlagen.
Lord Douglas auf milchweißem Roß,
Hält hoch vor den Genoſſen,
Hell glänzt die Eiſenrüſtung, wie
Von Golde übergoſſen;
Er ruft: wer ſeid ihr, die ihr’s wagt
Mir Hirſch und Reh zu tödten,
Und meines Wortes bar und blos
Den Forſt mit Blut zu röthen!
Drauf Percy ſchnell: ein andermal
Auf weß Geheiß wir jagen,
Heut denken wir noch manchen Hirſch
Trotz Deiner zu erſchlagen.
168
Lord Douglas hört’s, er ruft in Wuth:
Da ſoll mich Gott verderben!
So wahr ein Lord ich bin, wie Du,
Du oder ich muß ſterben.
Doch hör mich Percy, Schande wär’s
Und Schimpf an unſrem Leben,
So vieler Mannen ſchuldlos Blut
Mit in den Kauf zu geben;
Es ſei all unſer Streit gelegt
In unſre beiden Speere!
Verdammt ſei der rief Percy da
Der andren Sinnes wäre.
Da trat ein Rittersmann herfür,
With’rington hieß der Degen,
Der ſprach: hier müßig zuzuſchaun
Dran iſt uns nicht gelegen.
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Wir wollen nicht, dieweil ihr kämpft,
Hier Pſalm und Lieder ſingen,
Und unſrem König Heinrich dann
So ſaubre Botſchaft bringen.
Wohl ſeid Ihr Lords und edle Herrn,
Und wir nur Knapp und Ritter,
Doch dächt ich traun, auch unſer Schwert
Macht Wunden wohl und Splitter!
Da thät alsbald all engliſch Volk
Den Eſchenbogen biegen,
Und achtzig Schotten ſanken hin
Von ihrer Pfeile Fliegen.
Lord Douglas aber, unbewegt,
Sitzt feſt im Eiſenbügel,
Und kehrt zu ſeinen Mannen jetzt,
Hoch auf des Waldes Hügel.
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Schon ſtehn ſie da, nach Kriegesart,
Getheilt zu dreien Rotten,
Und nieder wie ein Hagel jetzt
Fährt Douglas mit den Schotten.
Das gab ein Stechen und ein Haun,
Manch breite Wunde klaffte;
Längſt unſer engliſch Bogenvolk
Nicht mehr die Senne ſtraffte.
Sie warfen Pfeil und Eſche fort,
Und griffen nach dem Eiſen,
Das ſpielte jetzt auf Helm und Schild
Takthämmernd ſeine Weiſen.
O Chriſt, es war für Herz und Sinn
Ein Leid nicht auszuſagen,
Wie ſtöhnend da, in Sand und Blut
Die Menſchenknäule lagen.
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Und immer ſchwankte noch die Schlacht;
Da endlich, mit Geſtampfe,
Anſprangen, wie zwei Löwen, jetzt
Die Führer ſelbſt zum Kampfe.
Sie kämpften bis vernehmbar faſt
Ihr Herz im Buſen klopfte,
Bis Blut und Schweiß, von Bruſt und Stirn
Wie Regen niedertropfte;
Ergieb Dich Percy! Douglas rief’s
Ganz Schottland ſoll Dich preiſen,
Und König Jakob Ehr und Ruhm
Am Throne Dir erweiſen.
Doch Percy ſtolz: Da wollt ich eh
Wie Kraut am Sumpf verrotten;
Mein Wort iſt nein , und doppelt nein
Genüber jedem Schotten.
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Da kam ein Pfeil, aus unſren Reihn,
Verräthriſch durch die Lüfte,
Und bohrte tief in Douglas Herz
Durch Rippe ſich und Hüfte.
Er ſank vom Roß, ein ſtiller Mann,
Graf Percy ſah ihn enden,
Und faſſte dann des Todten Hand
Mit ſeinen beiden Händen.
O Douglas , rief er, ſolchen Siegs
Des hat mein Herz nicht Labe,
Hin gäb ich für Dein Leben jetzt
Mein Land und meine Habe.
Er ſprach es kaum, da kam’s wie Sturm,
Durch Freund und Feind geſtoben,
Den Leib zum Stoß weit vorgebeugt,
Und hoch den Schild gehoben:
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Wer iſt’s? Sir Ralph Montgommeri!
Er ſah den Douglas ſinken;
Da ſchwur er ſtill, Graf Percy’s Blut
Mit ſeinem Speer zu trinken.
Und ſchleudernd jetzt den wuchtgen Schaft
Mit Haſſes Kraft und Schnelle,
Durchfuhr die Lanze Percy’s Leib
Um eine Weber-Elle.
Hin ſank der ritterlichſte Held
Auf hufgeſtampfte Tenne;
Schon aber griff ein braver Schütz
Nach Köcher und nach Senne.
Er ſpannte ſtraff des Bogens Seil,
So ſtraff wie nie er’s ſpannte,
Und drückte ſeinen längſten Pfeil
Scharf an die Eſchenkante.
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Lang zielt er ſo, daß ſichren Flugs
Der Pfeil zum Herzen dringe,
Und feucht vom Blut des Schotten jetzt
Bebt in der Bruſt die Schwinge.
So fiel Sir Ralph Montgommeri,
Und mit ihm ſind gefallen
Auf beiden Seiten männiglich
Die Ritter und Vaſallen.
Von zwanzig hundert ſchottſchen Volks
Die Schild und Speer genommen,
Kaum fünf und funfzig, weh und wund
Sind in ihr Land entkommen.
Und unſer Volk, nicht ſiegesfroh
Trug es den Sieg von dannen;
Nur drei und funfzig kehrten heim
Von funfzehn hundert Mannen.
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Die andern ſchliefen feſt im Wald
Nach heißem Kampfgewühle;
Und Nachtwind nur und Mondenlicht
Glitt über ihre Pfühle.
Das war die Jagd von Chevy-Chaſe
Wo Herr und Hirſch gefallen;
Gott ſchütz den König unſren Herrn
Und ſei uns gnädig allen.
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John Gilpin. (Nach William Cowper.)

John Gilpin hat ein Tuchgeſchäft
Nicht weit von Leiceſter-Square,
Auch war er Hauptmann der Miliz
In Londons Bürgerwehr.
Und Gilpin hat ein edles Weib;
Sie ſprach: Mein theurer John,
Wir ſahen keinen Feiertag
Die zwanzig Jahre ſchon.