PRIMS Full-text transcription (HTML)
Georg Jenatſch.
Georg Jenatſch.
Eine alte Bündnergeſchichte
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LeipzigVerlag von H. Haeſſel. 1876.

Erſtes Buch. Die Reiſe des Herrn Waſer.

Meyer, Georg Jenatſch. 1

Erſtes Kapitel.

Die Mittagsſonne ſtand über der kahlen, von Fels¬ häuptern umragten Höhe des Julierpaſſes im Lande Bünden. Die Steinwände brannten und ſchimmerten unter den ſtechenden ſenkrechten Strahlen. Zuweilen, wenn eine geballte Wetterwolke emporquoll und vorüber¬ zog, ſchienen die Bergmauern näher heranzutreten und, die Landſchaft verengend, ſchroff und unheimlich zu¬ ſammenzurücken. Die wenigen zwiſchen den Felszacken herniederhangenden Schneeflecke und Gletſcherzungen leuchteten bald grell auf, bald wichen ſie zurück in grünliches Dunkel. Es drückte eine ſchwüle Stille, nur das niedrige Geflatter der Steinlerche regte ſich zwiſchen den nackten Blöcken und von Zeit zu Zeit durchdrang der ſcharfe Pfiff eines Murmelthiers die Einöde.

In der Mitte der ſich dehnenden Paßhöhe ſtanden rechts und links vom Saumpfade zwei abgebrochene Säulen, die der Zeit ſchon länger als ein Jahrtauſend1*4trotzen mochten. In dem durch die Verwitterung becken¬ förmig ausgehöhlten Bruche des einen Säulenſtumpfes hatte ſich Regenwaſſer geſammelt. Ein Vogel hüpfte auf dem Rande hin und her und nippte von dem klaren Himmelswaſſer.

Jetzt erſcholl aus der Ferne, vom Echo wiederholt und verhöhnt, das Gebell eines Hundes. Hoch oben an dem ſtellenweiſe grasbewachſenen Hange hatte ein Bergamaskerhirt im Mittagsſchlaf gelegen. Nun ſprang er auf, zog ſeinen Mantel feſt um die Schultern und warf ſich in kühnen Schwüngen von einem vorragenden Felsthurme hinunter zur Einholung ſeiner Schafheerde, die ſich in weißen beweglichen Punkten nach der Tiefe hin verlor. Einer ſeiner zottigen Hunde ſetzte ihm nach, der andere, vielleicht ein altes Thier, konnte ſeinem Herrn nicht folgen. Er ſtand auf einem Vorſprunge und winſelte hilflos.

Und immer ſchwüler und ſtiller glühte der Mittag. Die Sonne rückte vorwärts und die Wolken zogen.

Am Fuße einer ſchwarzen vom Gletſcherwaſſer be¬ feuchteten Felswand rieſelten die geräuſchlos ſich herunter¬ ziehenden Silberfäden in das Becken eines kleinen See's zuſammen. Gigantiſche, ſeltſam geformte Felsblöcke umfaßten das reinliche, bis auf den Grund durchſichtige Waſſer. Nur an dem einen flachern Ende, wo es,5 thalwärts abfließend, ſich in einem Stücke ſaftig grünen Raſens verlor, war ſein Spiegel von der Höhe des Saumpfades aus ſichtbar. An dieſer grünen Stelle erſchien jetzt und verſchwand wieder der braune Kopf einer graſenden Stute und nach einer Weile weideten zwei Pferde behaglich auf dem Raſenflecke und ein drittes ſchlürfte die kalte Fluth.

Endlich tauchte ein Wanderer auf. Aus der weſt¬ lichen Thalſchlucht heranſteigend, folgte er den Windun¬ gen des Saumpfades und näherte ſich der Paßhöhe. Ein Bergbewohner, ein wettergebräunter Geſell war es nicht. Er trug ſtädtiſche Tracht, und was er auf ſein Felleiſen geſchnallt hatte ſchien ein leichter Rathsdegen und ein Rathsherrenmäntelchen zu ſein. Dennoch ſchritt er jugendlich elaſtiſch bergan und ſchaute ſich mit ſchnellen klugen Blicken in der ihm fremdartigen Bergwelt um.

Jetzt erreichte er die zwei römiſchen Säulen. Hier entledigte er ſich ſeines Ränzchens, lehnte es an den Fuß der einen Säule, wiſchte ſich den Schweiß mit ſeinem ſaubern Taſchentuche vom Angeſicht und entdeckte nun in der Höhlung der andern den kleinen Waſſer¬ behälter. Darin erfriſchte er ſich Stirn und Hände, dann trat er einen Schritt zurück und betrachtete mit ehrfurchtsvoller Neugier ſein antikes Waſchbecken. Schnell bedacht zog er eine lederne Brieftaſche hervor und be¬6 gann eifrig die beiden ehrwürdigen Trümmer auf ein weißes Blatt zu zeichnen. Nach einer Weile betrachtete er ſeiner Hände Werk mit Befriedigung, legte das auf¬ geſchlagene Büchlein ſorgfältig auf ſein Felleiſen, griff nach ſeinem Stocke, woran die Zeichen verſchiedener Maße eingekerbt waren, ließ ſich auf ein Knie nieder und nahm mit Genauigkeit das Maß der merkwürdigen Säulen.

Fünfthalb Fuß hoch, ſagte er vor ſich hin.

Was treibt Ihr da? Spionage? ertönte neben ihm eine gewaltige Baßſtimme.

Jäh ſprang der in ſeiner ſtillen Beſchäftigung Geſtörte empor und ſtand vor einem Graubarte in grober Dienſttracht, der ſeine blitzenden Augen feindſelig auf ihn richtete.

Unerſchrocken ſtellte ſich der junge Reiſende dem wie aus dem Boden Geſtiegenen mit vorgeſetztem Fuße entgegen und begann, die Hand in die Seite ſtemmend, in fließender, gewandter Rede:

Wer ſeid denn Ihr, der ſich herausnimmt, meine gelehrte Forſchung anzufechten auf Bündnerboden, id est in einem Lande, das mit meiner Stadt und Republik Zürich durch wiederholte, feierlichſt beſchworene Bünd¬ niſſe befreundet iſt? Ich weiſe Euern beleidigenden Verdacht mit Verachtung zurück. Wollt Ihr mir den7 Weg verlegen? fuhr er fort, als der Andere, halb verblüfft, halb drohend, wie eingewurzelt ſtehen blieb. Sind wir im finſtern Mittelalter oder zu Anfang unſeres gebildeten ſiebzehnten Jahrhunderts? Wißt Ihr, wer vor Euch ſteht? ... So erfahrt es: der Amts¬ ſchreiber Heinrich Waſer, Civis turicensis.

Narrenpoſſen! ſtieß der alte Bündner zwiſchen den Zähnen hervor.

Laß ab von dem Herrn, Lucas! ertönte jetzt ein gebieteriſcher Ruf hinter den Felstrümmern rechts vom Wege hervor und der Zürcher, der unwillkürlich dem Klange der Stimme ſeewärts ſich zuwandte, gewahrte nach wenigen Schritten den mittäglichen Ruheplatz einer reiſenden Geſellſchaft.

Neben einem aus dunkeln Augen blickenden, kaum dem Kindesalter entwachſenen Mädchen, das im Schatten eines Felſens auf hingebreiteten Teppichen ſaß und aus¬ ruhte, ſtand ein ſtattlicher Kavalier, denn das war er nach ſeiner ganzen Erſcheinung trotz des ſchlichten Reiſe¬ gewandes und der ſchmuckloſen Waffen. Am Rande des See's graſten die des Sattels und Zaumes ent¬ ledigten Roſſe der drei Reiſenden.

Der Zürcher ging, die Gruppe ſcharf ins Auge faſſend, mit immer gewiſſern Schritten auf den bünd¬8 neriſchen Herrn zu, während ein muthwilliges Lachen die Züge des blaſſen Mädchens plötzlich erhellte.

Jetzt zog der junge Mann gravitätiſch den Hut, verneigte ſich tief und begann:

Euer Diener, Herr Pomp .... hier unterbrach er ſich ſelbſt, als ſtiege der Gedanke in ihm auf, daß der Angeredete ſeinen Namen auf dieſem Boden vielleicht zu verheimlichen wünſche.

Der Eurige, Herr Waſer, verſetzte der Kavalier. Scheut Euch nicht, den Namen Pompejus Planta zwiſchen dieſen Bergen herzhaft auszuſprechen. Ihr habt wohl vernommen, daß ich auf Lebenszeit aus Bünden verbannt, daß ich vogelfrei und vervehmt bin, daß auf meine lebende Perſon tauſend Florin und auf meinen Kopf fünfhundert geſetzt ſind und was deſſen mehr iſt. Ich habe den Wiſch zerriſſen, den das Thusnerprädi¬ kantengericht mir zuzuſchicken ſich erfrecht hat. Ihr, Heinrich, das weiß ich, habt nicht Luſt, den Preis zu verdienen! Setzt Euch zu uns und leert dieſen Becher. Damit bot er ihm eine bis zum Rande mit dunklem Veltliner gefüllte Trinkſchale.

Nachdem der Zürcher einen Augenblick ſchweigend in das rothe Naß geſchaut, that er Beſcheid mit dem wohlüberlegten Trinkſpruche: Auf den Triumph des Rechts, auf eine billige Verſöhnung der Parteien in9 altfrei Rhätia, voraus aber auf Euer Wohlergehen, Herr Pompejus, und auf Eure baldige ehrenvolle Wieder¬ einſetzung in alle Eure Würden und Rechte!

Habt Dank! Und vor Allem auf den Untergang der ruchloſen Pöbelherrſchaft, die jetzt unſer Land mit Blut und Schande bedeckt!

Erlaubt, bemerkte der Andere vorſichtig, daß ich als Neutraler mein Urtheil über die verwickelten Bünd¬ nerdinge einigermaßen zurückhalte. Die vorgefallenen Formverletzungen und Unregelmäßigkeiten freilich ſind höchlich zu beklagen und ich nehme keinen Anſtand, ſie auch meinerſeits zu verdammen.

Formverletzung! Unregelmäßigkeit! brauſte Herr Pompejus zornig auf, das ſind gar ſchwächliche Aus¬ drücke für Aufruhr, Plünderung, Brandſchatzung und Juſtizmord! Daß ein Pöbelhaufe mir die Burg um¬ zingelt oder eine Scheuer in Brand ſteckt, davon will ich noch nicht viel Aufhebens machen. Man hat mich ihnen als Landesverräther vorgemalt und ſie ſo gegen mich verhetzt, daß ich ihnen einen böſen Streich nicht verarge. Aber daß dieſe Hungerleider von Prädikanten einen Gerichtshof aus der Hefe des Volks zuſammen¬ leſen, mit der Folter hantiren und mit Zeugen, die verlogener ſind als die falſchen Zeugen in der Paſſion10 unſers Heilands das iſt ein Greuel vor Gott und Menſchen.

An den Galgen alle Prädikanten! erſcholl hinter ihnen der Baß des die Pferde zum Aufbruche rüſtenden alten Knechts.

So ſeid ihr aber, ihr Zürcher, fuhr Planta fort, daheim führt ihr ein verſtändiges züchtiges Regiment und bekreuzt euch vor Neuerung und Umſturz. Thäte ſich bei euch ein Burſche hervor wie unſer Prädikant Jenatſch, er ſäße bald hinter Schloß und Riegel im Wellenberg, oder ihr legtet ihm flugs den Kopf vor die Füße. Von ferne aber erſcheint euch der Unhold merk¬ würdig und eure Zünfte jauchzen ſeinen Freveln Beifall zu. Euer neugieriger und unruhiger Geiſt ergötzt ſich daran, wenn die Flammen des Aufruhrs hell aufſchlagen, ſo lange ſie euern eigenen Firſt nicht bedrohen.

Erlaubt wiederholte Herr Waſer.

Laſſen wir das, ſchnitt ihm der Bündner das Wort ab. Ich will mir nicht das Blut vergiften. Bin ich doch nicht hier als das Haupt meiner Partei, ſondern um eine einfache Vaterpflicht zu erfüllen. Lucretia, mein Töchterchen, ſie iſt Euch ja nicht un¬ bekannt, kommt aus dem Kloſter Cazis, wohin ich ſie zu den frommen Frauen geflüchtet hatte, als der Sturm gegen mich losbrach, und ich führe ſie nun auf11 einſamen Pfaden in ein italiäniſches Kloſter, wo ſie ſich in den ſchönen Künſten üben ſoll. Und Ihr? Wohin geht Euer Weg?

Eine Ferienreiſe, Herr Pompejus, um den Akten¬ ſtaub abzuſchütteln und die rhätiſche Flora kennen zu lernen. Seit unſer Landsmann Conrad Geßner die Wiſſenſchaft der Botanik begründet hat, treiben wir ſie eifrig an unſerm Carolinum. Ueberdieß ſchuldet mir das Schickſal eine geringe Schadloshaltung für ein ge¬ ſcheitertes Reiſeprojekt. Ich ſollte nämlich, fuhr er etwas ſchüchtern, aber nicht ohne geheime Eitelkeit fort, nach Prag an den Hof ſeiner böhmiſchen Majeſtät gehen, wo mir durch beſondere Gunſt eine Pagenſtelle zugeſichert war.

Ihr thatet klug daran, es bleiben zu laſſen, höhnte Herr Pompejus. Dieſer klägliche König wird in Kurzem ein Ende nehmen mit Schrecken und Schande. Und jetzt, fuhr er lauernd fort, wenn Ihr mit der rhätiſchen Flora vertraut ſeid, wollt Ihr nicht auch die des Veltlins ſtudiren? So böte ſich Euch Gelegenheit, bei Euerm Studienfreunde Jenatſch auf ſeiner Straf¬ pfarre einzukehren.

Angenommen es fügte ſich ſo, ich hielte es für kein Verbrechen, verſetzte der Zürcher, dem dies rück¬12 ſichtsloſe Eindringen in ſeinen Reiſeplan die Röthe der Entrüſtung auf Stirn und Wangen trieb.

Ein nichtswürdiger Bube! grollte Herr Pompejus.

Mit Gunſt, das iſt ab irato geſprochen, Herr. Wohl mögt Ihr Euch mit Recht über meinen Schul¬ genoſſen zu beklagen haben. Ich verzichte darauf, ihn Euch gegenüber und in dieſer Stunde zu vertheidigen. Erlaubt mir lieber, Euch um geneigten Aufſchluß zu bitten über jene merkwürdigen Säulen dort. Sind ſie römiſchen Urſprungs? Ihr müßt das wiſſen, iſt doch Euer hochberühmtes Geſchlecht ſeit Kaiſer Trajan in dieſen Bergen heimiſch.

Darüber, antwortete Planta, wird Euch Euer gelehrter Freund, der Blutpfarrer, Auskunft geben. Du biſt bereit, Lucretia? rief er dem Fräulein zu, das, als das Geſpräch ſich zu erhitzen begann, mit be¬ kümmerter Miene ſtill nach dem Saumpfad hinauf ſich entfernt und bei den Säulen verweilt hatte, wo ihr jetzt eben Lucas eines der wieder gezäumten Pferde vor¬ führte.

Gehabt Euch wohl, Herr Waſer! grüßte Planta, ſich raſch in den Sattel des zweiten ſchwingend. Ich kann Euch nicht einladen, auf Euerm Heimwege bei mir im Domleſchg einzuſprechen, wie ich es unter andern Umſtänden gerne gethan hätte. Die ſchuftigen Hände,13 die jetzt unſer Staatsruder führen, haben mir, wie Ihr wißt, mein feſtes Haus Riedberg zugeriegelt und das durch ſie entehrte Bündnerwappen auf mein Thor ge¬ klebt.

Waſer verbeugte ſich und ſchaute eine Weile nach¬ denklich dem über die Hochebene davon trabenden Reiſe¬ zuge nach. Dann bückte er ſich nach ſeinem aufgeblättert am Wege liegenden Taſchenbuche und warf, bevor er es ſchloß, noch einen Blick auf ſeine Zeichnung. Was war das? Mitten zwiſchen die zwei flüchtig entworfenen Säulen hatte eine kindlich ungeübte Hand große Buch¬ ſtaben hineingeſchrieben. Deutlich ſtand es zu leſen: Giorgio, guardati.

Kopfſchüttelnd preßte er das Büchlein mit dem ein¬ geſteckten Stifte zuſammen und verſenkte es in die Tiefe ſeiner Taſche.

Unterdeſſen hatten die Wolken ſich gemehrt und verdüſterten den Himmel. Waſer ſetzte ſeinen Weg durch die ſonnenloſe Felſenlandſchaft mit beſchleunigten Schrit¬ ten fort. Noch heftete ſein lebhaftes Auge ſich zuweilen auf die großen dunkeln, jetzt unheimlich grotesken Fels¬ maſſen, aber es beſtrebte ſich nicht mehr, wie am Mor¬ gen, mit raſtloſer Neugierde dieſe ungewohnten ſeltſamen Formen ſich einzuprägen. Es ſchaute nach innen und ſuchte mit Hilfe alter Erinnerungen das Verſtändniß14 des eben Vorgegangenen ſich aufzuſchließen. Offenbar konnten die warnenden Worte nur von der jungen Lucretia geſchrieben ſein; ſie mußte, als die Rede auf Jenatſch kam, des Wanderers Abſicht, den Jugendfreund aufzuſuchen, durchſchaut haben. Offenbar hatte ſie ſich weggeſtohlen in der Angſt ihres Herzens, um dem jungen Pfarrer im Veltlin ein mahnendes Zeichen naher Gefahr zu geben. Offenbar zählte ſie darauf, das Taſchenbuch werde ihm zu Geſicht kommen.

Von dem eben Erlebten ſpannen ſich Waſer's Ge¬ danken an fliegenden Fäden in ſeine Knabenzeit zurück. Auf dem düſtern Hintergrunde des Julier malte ſeine Seele ein farbenluſtiges Bild, in deſſen Mitte wiederum Herr Pompejus mit ſeinem Töchterlein Lucretia ſtand.

Zweites Kapitel.

Waſer ſah ſich in der dunkeln Schulſtube des neben dem großen Münſter gelegenen Hauſes zum Loch im Jahre des Heils 1615 auf der vorderſten Bank ſitzen. Es war ein ſchwüler Sommertag und der würdige Magiſter Semmler erklärte ſeiner jungen Zuhörerſchaft einen Vers der Iliade, der mit dem helltönenden Dativ magádi ſchloß. Magás, erläuterte er, heißt die Drommete und iſt ein den Naturlaut nachahmendes Klangwort. Glaubt Ihr nicht den durchdringenden Schall der Drommete im Lager der Achaier zu vernehmen, wenn ich das Wort ausrufe? Er hemmte ſeinen Schritt vor der großen Wandkarte des griechiſchen Archi¬ pelagus und rief mit hellkrähender Stimme: Magádi!

Dieſe Kraftanſtrengung wurde durch ein ſchallendes Gelächter belohnt, das der Magiſter mit Genugthuung vernahm, ohne den Hohn zu bemerken, der im Beifalle ſeiner beluſtigten Schüler mitklang. War es ihm doch16 verborgen geblieben, daß ihm dieſe alljährlich wiederholte effektvolle Scene ſchon längſt den kriegsmäßigen Spitz¬ namen Magaddi zugezogen hatte, der ſich im Wechſel der nachrückenden Geſchlechter von Klaſſe auf Klaſſe vererbte.

Heinrich Waſers Aufmerkſamkeit aber wurde ſeit einigen Minuten von einem andern Gegenſtande gefeſſelt. Er ſaß der morſchen Eichenthüre gegenüber, an welcher ſich in längern Zwiſchenräumen ein zweimaliges, drei¬ maliges Klopfen hatte vernehmen laſſen und die ſich dann leiſe, leiſe aufthat. Durch die Spalte wurden zwei ſpähende Kinderaugen ſichtbar. Als der Drom¬ metenſtoß erſcholl, mochte der kleine Beſuch das tönende Wort für die in einer fremden Sprache an ihn er¬ gehende Aufforderung zum Eintritte nehmen. Es öffnete ſich geräuſchlos die Thür und über die hohe Schwelle trat ein vielleicht zehnjähriges Mädchen mit dunkeln Augen und trotzig ſcheuer Miene. Ein Körbchen in der Hand näherte ſie ſich ohne Zögern dem würdigen Semm¬ ler, verneigte ſich vor ihm mit Anſtand und ſprach: Mit Eurer Erlaubniß, Signor Maestro. Dann ſchritt ſie auf Jürg Jenatſch zu, den ſie auf den erſten Blick in der Schülerſchaar entdeckt hatte.

Dieſer ſaß, eine fremdartige Erſcheinung, unter ſeinen fünfzehnjährigen Altersgenoſſen, die er um Hauptes¬17 höhe überragte. Seinem braunen Antlitz gaben die düſtern Brauen und der keimende Bart einen faſt männlichen Ausdruck und ſeine kräftigen Handgelenke ragten weit vor aus den engen Aermeln des dürftigen Wamſes, dem er längſt entwachſen war. Beim Eintreten der Kleinen überflog eine dunkle Schamröthe ſeine breit ausgeprägte Stirn. Er behielt eine ernſte Haltung, aber ſeine Augen lachten.

Jetzt ſtand das Mädchen vor ihm, umſchlang den Sitzenden mit beiden Armen und küßte ihn herzlich auf den Mund. Ich habe gehört, daß Du hungerſt, Jürg, ſagte ſie, und bringe Dir etwas ... Von unſerm gedörrten Fleiſche, das Du ſo gerne iſſeſt! fügte ſie heimlich hinzu.

Ein unermeßliches Gelächter durchdröhnte die Schul¬ ſtube, das Semmlers gebieteriſch erhobene Rechte lange nicht beſchwichtigen konnte. Die Augen des Mädchens blickten befremdet und überquollen dann von ſchweren Thränen des Unmuths und der Scham, während ſie Jenatſch feſt bei der Hand faßte, als fände ſie bei ihm allein Schutz und Hilfe.

Jetzt endlich brach ſich die ſtrafende Stimme des Magiſters Bahn: Was iſt da zu lachen, ihr Eſel? Ein naiver Zug, ſag 'ich euch! Rein griechiſch! euer Gebahren iſt eben ſo einfältig, als wenn ihrMeyer, Georg Jenatſch. 218euch beigehen laßt über die unvergleichliche Figur des göttlichen Sauhirten oder die Wäſche des Königstöchter¬ leins Nauſikaa zu lachen, was eben ſo unziemlich als abſurd iſt, wie ich euch ſchon eines Oeftern bewieſen habe. Du biſt eine Bündnerin? Wem gehörſt Du, Kind? wandte er ſich jetzt mit väterlichem Wohl¬ wollen zu der Kleinen, und wer brachte Dich hierher? Denn, ſetzte er, ſeinen geliebten Homer parodirend, hinzu, nicht kamſt Du zu Fuß, wie es ſcheint, nach Zürich gewandelt.

Mein Vater heißt Pompejus Planta, antwortete die Kleine und erzählte dann ruhig weiter: Ich kam mit ihm nach Rapperswyl und als ich den ſchönen blauen See ſah und hörte, daß am andern Ende die Stadt Zürich ſei, ſo machte ich mich auf den Weg. In einem Dorfe ſah ich zwei Schiffer zur Abfahrt rüſten und da ich ſehr müde war, nahmen ſie mich mit.

Pompejus Planta, der Vielgenannte, der ange¬ ſehenſte Mann in Bünden, das allmächtige Parteihaupt! Dieſer Name machte auf Herrn Semmler einen über¬ wältigenden Eindruck. Sogleich ſchloß er die Schul¬ ſtunde und führte die kleine Bündnerin unter ſein gaſt¬ liches Dach, gefolgt von dem jungen Waſer, der bei dem Magiſter, ſeinem mütterlichen Ohm, an dieſem Wochentage das Mittagsmahl einzunehmen pflegte.

19

Als ſie die ſteile Römergaſſe hinunter ſchritten, kam ihnen geſtiefelt und geſpornt ein ſtark gebauter imponirender Herr entgegen.

Hab 'ich Dich endlich, Lucrezchen! ſagte er, das Kind auf den Arm nehmend und heftig küſſend. Was fiel Dir ein, mir zu entſpringen, Kröte!

Dann, ohne eine Antwort zu erwarten und ohne das Mädchen aus den Armen zu laſſen, wandte er ſich mit einer nur leichten Verbeugung, aber nicht ohne Anmuth gegen Semmler und ſagte in fließendem, doch etwas fremdartig ausgeſprochenem Deutſch: Ihr habt ſeltſamen Beſuch in Eurer Schule erhalten, Herr Pro¬ feſſor! Verzeiht die Störung Eures gelehrten Vortrags durch meinen Wildfang.

Semmler betheuerte, daß es ihm zur beſondern Freude und Ehre gereiche, das junge Fräulein und durch ſie den edeln Herrn Vater kennen gelernt zu haben. Thut mir die Ehre an, hochmögender Herr, ſchloß er, eine beſcheidene Mittagsſuppe mit mir und meiner lieben Ehefrau zu theilen.

Der Freiherr willigte ein, ohne ſich bitten zu laſſen und erzählte unterwegs, wie er Lucretia's Verſchwinden ſpät bemerkt, dann aber gleich ſich aufs Pferd geworfen und die Reiſende mit Leichtigkeit von Spur zu Spur verfolgt habe. Er erzählte weiter, er beſitze in Rappers¬2*20wyl ein Haus, das er ſich auf alle Fälle hin erworben, da es in Bünden wie draußen im Reich nicht mehr ganz geheuer ſei. Lucretia habe ihn dahin begleiten dürfen. Wie er dann von Semmler erfuhr, was das Kind nach Zürich getrieben, brach er in ein ſchallendes Gelächter aus, das aber nicht heiter klang.

Als nach beendigtem Mahle die Herren beim Weine ſaßen, während die Frau Magiſterin ſich mit Lucretia beſchäftigte, erkundigte ſich Planta, vom Geſpräch ab¬ ſpringend, plötzlich nach dem jungen Jenatſch. Semmler lobte ſeine Begabung und ſeinen Fleiß und Waſer wurde abgeſchickt, ihn aus dem Hauſe des ehrſamen Schuh¬ machers, wo er ſich in Koſt gegeben hatte, abzuholen. Nach wenigen Augenblicken trat Georg Jenatſch in die Stube.

Wie geht es, Jürg? rief der Freiherr dem Knaben gütig entgegen, und dieſer antwortete beſcheiden und doch mit einer gewiſſen ſtolzen Zurückhaltung, daß er ſein Mögliches thue. Der Freiherr verſprach, ihn bei ſeinem Vater zu rühmen und wollte ihn mit einem Wink verabſchieden; aber der Knabe blieb ſtehen. Geſtattet mir ein Wort, Herr Pompejus! ſagte er leicht erröthend; Die kleine Lucretia iſt um meinetwillen wie eine Pilgerin im Staube der Landſtraße gegangen. Sie hat meiner nicht vergeſſen und mir aus der Heimath21 eine Gabe gebracht, die ſie mir freilich beſſer nicht gerade vor meinen Kameraden überreicht hätte. Doch bin ich ihr dafür dankbar und möchte ihr ſchon um meiner Ehre willen ein Gegengeſchenk anbieten. Damit ent¬ hüllte er aus einem Tüchlein einen kleinen, inwendig vergoldeten Silberbecher von ſchlichteſter Form.

Iſt der Junge toll! fuhr der Freiherr auf. Dann aber mäßigte er ſich ſogleich. Was denkſt Du, Jürg! fuhr er fort, Kommt der Becher von Deinem Vater? ... Ich wußte nicht, daß er über Gold und Silber gebiete. Oder erwarbſt Du ihn ſelbſt im Schweiße Deines Angeſichts mit einer Schreiberarbeit? So oder ſo darfſt Du ihn nicht wegſchenken. Es geht Dir knapp genug und er hat Geldeswerth.

Ich darf darüber verfügen, antwortete der Knabe ſelbſtbewußt, denn ich habe ihn mit dem Einſatze meines Lebens gewonnen.

Ja, das hat er, Herr Pompejus! ließ ſich jetzt der lebhafte Waſer mit Begeiſterung vernehmen, der Becher kommt von mir. Er iſt das Zeichen meiner Dankbarkeit dafür, daß Jürg mich beim Baden aus den Wirbeln der reißenden Sihl, die mich hinunterzogen, mit eigener Lebensgefahr gerettet hat. Und Jenatſch und ich und Fräulein Lucretia, wir wollen Alle daraus auf Euer Wohl trinken. Sprach's und füllte trotz22 eines ſeine unerhörte Kühnheit mißbilligenden Blickes, den ihm ſein Ohm zuwarf, das Becherlein mit duften¬ dem Neftenbacher aus dem geblümten Deckelkruge.

Jürg Jenatſch ergriff den Becher und ſuchte mit den Augen Lucretia. Sie hatte dem Vorgange mit brennender Aufmerkſamkeit gefolgt. Jetzt machte ſie ſich von der Magiſterin los und ſtellte ſich ernſthaft zu der Gruppe. Jürg koſtete den Wein und reichte ihn mit dem Spruche: Auf Dein Wohl, Lucretia, und auf das Deines Vaters! dem ſchweigenden Kinde, das langſam von dem Tranke ſchlürfte, als beginge es eine feier¬ liche Handlung. Dann gab es den Becher ſeinem Vater und dieſer leerte ihn aus Verdruß mit einem Zuge.

Mag es denn ſein, Du thörichter Junge! ſagte Planta, aber jetzt mach 'daß Du fort kommſt. Auch wir werden bald aufbrechen.

Jenatſch ſchied und Lucretia wurde von der Ma¬ giſterin zu den Stachelbeerſträuchern in den kleinen Hausgarten geführt, um ſich, wie die kinderfreundliche Frau ſagte, ihren Nachtiſch ſelbſt zu holen. Während die Herren, diesmal in italieniſcher Sprache ſich unter¬ haltend, noch einmal zum Becher griffen, ſetzte ſich Waſer ſtill in eine Fenſterniſche mit einem Orbis pictus,23 in den er angelegentlich vertieft ſchien. Der Schlaue war des Italieniſchen nicht unkundig, er hatte es mit Jenatſch halb ſpielend getrieben und ließ, mit ſcharfem Ohre lauſchend, ſich kein Wort des intereſſanten Ge¬ ſpräches entgehen.

Ich werde dem Jungen den Kinderbecher zehnfach erſetzen, begann Planta. Kein übler Burſche, wenn er nicht ſo hoffährtigen und verſchloſſenen Gemüthes wäre. Hochmuth kleidet ſchlecht, wo das Brot im Hauſe mangelt. Sein Vater, der Pfarrer von Scharans, iſt ein grundbraver Mann und ſpricht als mein Nachbar häufig bei mir ein. Früher häufiger als jetzt. Ihr könnt Euch nicht vorſtellen, Herr Magiſter, welch ein ſchlimmer Geiſt in unſere Prädikanten gefahren iſt. Sie donnern von den Kanzeln gegen den ſpaniſchen Kriegs¬ dienſt und predigen Gleichberechtigung des Letzten mit dem Erſten zu allen Aemtern im Lande, auch zu den wichtigſten, was bei den gefährlichen politiſchen Con¬ juncturen, welche die umſichtigſte Führung unſers Staats¬ ſchiffleins erfordern, nothwendig zum Verderben des Landes ausſchlagen muß. Von der unſinnigen pro¬ teſtantiſchen Propaganda, mit der ſie unſere katholiſchen Unterthanen im Veltlin quälen, will ich nicht reden. Ich bin wieder katholiſch geworden, Herr, obgleich ich von reformirten Eltern ſtamme. Warum? Weil im24 Proteſtantismus ein Princip des Aufruhrs auch gegen die politiſche Autorität liegt.

Stellt Eure Pfarrer beſſer, warf Semmler be¬ haglich lächelnd ein, und ſie werden als zufriedene und angeſehene Leute dem Unterthan von der nothwendigen Ungleichheit der menſchlichen Verhältniſſe den richtigen Begriff zu geben wiſſen.

Planta lachte etwas höhniſch über dieſe der bünd¬ neriſchen Opferwilligkeit gemachte Zumuthung. Um auf den Jungen zurückzukommen, ſagte er dann, ſo gehört er auf einen Kriegsgaul, nicht hinter das Kanzel¬ bret, und würde dort weniger Unheil ſtiften. Ich hab 'es dem Alten oft geſagt: Gebt den Burſchen mir, es iſt Schade um ihn! Aber der beſegnete ſich vor dem ſpaniſchen Kriegsdienſte, wohin ich den hübſchen Jungen empfehlen wollte.

Semmler nippte bedächtig ſeinen Wein und ſchwieg. Er ſchien den Widerwillen des Scharanſerpfarrers gegen die ſeinem Sohne geöffnete Laufbahn nicht zu mi߬ billigen.

Ein Weltkrieg ſteht bevor, fuhr Planta leiden¬ ſchaftlicher fort, und wer weiß, wie weit es ein ſo verwegenes Blut bringen könnte! Tollkühn iſt der Burſche über alles Maß. Da muß ich Euch doch etwas erzählen, Herr Magiſter! Im Sommer vor etlichen25 Jahren der Junge war noch zu Hauſe trieb er ſich täglich mit meinem Brudersſohne Rudolf und mit Lucretia auf dem Riedberg herum. Da kommt einmal Lucretia, als ich durch den Garten gehe, im Sturm mit freudeblitzenden Augen auf mich zugelaufen. Sieh, ſieh, Vater! ruft ſie athemlos und deutet in die Höhe zu den Schwalbenneſtern meines Schloßthurmes. Was erblick 'ich dort, Herr Magiſter! Rathet einmal ... Den Jürg, der rittlings auf dem äußerſten Ende eines weit aus der Dachluke ragenden und ſich auf und nieder wiegenden Brettes ſitzt. Und der Schlingel ſchwingt noch den Filz und begrüßt uns mit Jubelgeſchrei! Der Andere mochte drinnen auf dem ſicheren Ende der im¬ proviſirten Schaukel hocken, und da Rudolf ich ſag' es ungern ein tückiſcher Junge iſt, graute mir vor dem Wagſtück. Ich erhob drohend die Hand und eilte hinauf. Als ich ankam, war Alles wieder an Ort und Stelle. Ich faßte Jürg am Kragen, ihm ſeine Frech¬ heit vorhaltend; er antwortete aber ruhig, Rudolf hätte gemeint, er würde ſich deſſen nicht getrauen und das hätte er nicht dürfen auf ſich ſitzen laſſen.

Semmler, deſſen Hände bei dieſer Geſchichte ängſt¬ lich nach den Armlehnen ſeines Stuhls gegriffen hatten, erlaubte ſich nun das in ihm aufſteigende Bedenken aus¬ zuſprechen, ob der Umgang Lucretias mit ſo wilden26 Jungen, vornehmlich mit dem durch eine unüberſteigliche, mit der Zeit immer größer werdende Kluft von ihr getrennten Jenatſch, nicht die weibliche Zartheit und adelich feine Sitte des kleinen Fräuleins gefährden könnte.

Flauſen! rief der Freiherr. Ihr dürft Euch darüber keine Gedanken machen, daß das Kind dem Jungen nach Zürich nachgelaufen iſt. Daran iſt nie¬ mand als der Rudolf Schuld. Er tyranniſirt das Mädchen und ängſtigt es damit, daß er es ſeine kleine Braut nennt. Er mag wohl derartiges von ſeinem Vater gehört haben, meinem Bruder wär 'es nicht unwillkommen, denn ich bin der Reichere; aber das liegt in weitem Felde. Kurz, ſie hat den ſtärkern Jürg, den der Andere fürchtet, zu ihrem Beſchützer gemacht. Natürlich Kindereien. Lucretia kommt nächſtens zu adelicher Erziehung ins Kloſter und hinter den Mauern wird ſie mir ſittſam genug werden, denn ſie iſt nachdenklichen Gemüths. Was übrigens Eure unüberſteiglichen Klüfte betrifft, ſo meinen wir in Bün¬ den, auch wenn wir es nicht ſagen: Das iſt Vorurtheil. Ehre, Macht und Beſitz, verſteht ſich von ſelbſt, muß haben wer um eine Planta werben will. Ob es aus Jahrhunderten ſtamme oder geſtern errafft ſei, darnach fragen wir zuletzt.

27

Hier verjagte der ſauſende Sturm die vor dem Blicke des jungen Wanderers gaukelnden Bilder ſeiner Knabenzeit. Waſer war wieder um fünf Jahre älter und ſchritt rüſtig auf dem einſamen Saumpfade des Julier abwärts. Und auf rauhe Weiſe wurde er in die Gegenwart zurückgeholt. Ein aus der Thalöffnung des Engadins aufbrauſender Windſtoß riß ihm den Hut vom Kopfe, den er mit einem verzweifelten Seitenſprunge gerade noch erhaſchte, ehe der zweite die leichte Beute dem in der Tiefe ſtrudelnden Wildbache zuwarf.

Drittes Kapitel.

Waſer drückte ſeinen Filz tiefer in die Stirn, ſchnallte ſein Ränzchen feſter, und ſprang, am jetzt ſteil werdenden Abhange die weiten Windungen des Saum¬ pfades kürzend, eilig abwärts. Erſt überſchritt er die Wurzeln blitzgeſchwärzter, ſeltſam verdrehter Arvbäume und die harten Rinnen ausgetrockneter Wildbäche, dann trat er weichen Raſen und plötzlich lag das ſammet¬ grüne Engadin geöffnet ihm zu Füßen mit ſeinen am blitzenden Inn wie ein Geſchmeide aufgereihten Berg¬ ſeen. Aber es war ein letzter Sonnenſtrahl zwiſchen Wolken, der es erhellte und thalabwärts in lichter Ferne über dem See und den Weiden von St. Moritz regen¬ bogenfarbig ſpielte.

Dem Niederſteigenden gegenüber ragte eine kahle dunkle Pyramide empor und daneben thalaufwärts ein eben ſo hoher mit grünſchimmernden Gletſchern be¬29 hangener Grat. Hinter dem Joche, das ſie verband, braute ſich das Gewitter und drängte ſeine leiſe donnern¬ den Wolken durch die Lücke, in der noch zuweilen grell ein entfernteres Schneehaupt auftauchte.

Zur Rechten des Wanderers maskirten die Berge der andern Thalwand jene ſteile Felstreppe, die faſt plötzlich durch ein tief eingeſchnittenes Thal aus der leichten Bergluft in die Hitze Italiens hinunterführt. Dort hinter der Maloja quollen, vom Südwinde herauf¬ gejagt, die ſchwülen Dünſte wie ein Nebelrauch hervor über die feuchten Wieſen von Baſelgia Maria, deſſen weiße Thürme hinter einem Regenſchleier kaum noch ſichtbar waren.

Jetzt erreichte der Saumpfad das erſte Engadinerdorf, eine Gaſſe feſter Häuſer, die mit ihren Strebepfeilern und vergitterten Fenſterluken kleinen Feſtungen glichen. Aber der junge Zürcher klopfte an keine der ſchweren Holz¬ thüren, ſondern beſchloß trotz der Dämmerſtunde auf der Thalſtraße längs der Seen rüſtig ſüdwärts zu ſchreiten. Sein Vorſatz war, im Hoſpiz der Maloja zu nächtigen, um in der Frühe des nächſten Tages über den Murettopaß nach dem Veltlin aufzubrechen; denn Herr Pompejus hatte es errathen es verlangte ihn, und jetzt mehr als je, ſeinen Schulfreund Jenatſch zu umarmen.

30

Zwiſchen dieſen hohen Bergen war es früh Abend und kühl geworden und der Weg dehnte ſich endlos neben den am Geſtade plätſchernden Wellen. Ein feiner froſtiger Nebelregen verhüllte die Gegend und durch¬ drang nach und nach die Kleider des in gleichmäßigem Schritte vorwärts Eilenden. Eine Schläfrigkeit, wie er ſie während der Hitze des Tages nicht gefühlt, fiel auf ſeine Sinne und Gedanken wie eine leichte Erſtarrung. Einmal an einer Stelle, wo der Inn mit raſchen Wellen in engem Bette an ihm vorüberſchoß und auf dem andern Ufer der ſtumpfe Thurm eines ſchwerfälligen Kirchleins erſchien, glaubte er Pferdegetrappel zu vernehmen. Ueber die Holzbrücke zu ſeiner Linken flog ein Reiter, der, nach der Maloja ſchwenkend, vor ihm her jagte und im Abenddunkel verſchwand. War dieſe in einen Mantel gehüllte Geſtalt nicht Herr Pompejus geweſen? Nein, es war ein einzelner ſcheuer Nachtfahrer, und der Frei¬ herr geleitete und beſchützte ja ſein Töchterlein, für das er gewiß die ſichere Gaſtfreundſchaft ſeiner Sippe in einem der vornehmen Engadinerdörfer angeſprochen hatte.

Endlich, endlich war der letzte See umſchritten, trat der letzte Felsvorſprung zurück. Durch den Nebel ſchimmernder Feuerſchein und Hundegebell verkündeten die Nähe eines Hauſes, das nur die Paßherberge ſein31 konnte. Waſer gewahrte, der dunkeln Steinmaſſe zu¬ ſchreitend, mit Befriedigung, daß die Pforte der Hof¬ mauer geöffnet war, und ſah den Wirth, einen hagern knochigen Italiäner, die tobenden Hunde an die Kette legen, wozu ihm der Stalljunge mit einer Pechfackel leuchtete. Das verſprach einen gaſtlichen Empfang. Jetzt ergriff der Wirth die Fackel und hielt ſie dem anlangenden Wanderer vors Geſicht.

Was verlangt der Herr? Womit kann ich dienen? fragte er, in unangenehmer Ueberraſchung einen leiſen Fluch, die Aeußerung ſeines erſten Gefühls, unterdrückend.

Welche Frage? antwortete Waſer in fröhlichem Tone, Platz an der Feuerſtelle, um mich zu trocknen, Abendbrot und Nachtlager.

Thut mir leid, Herr, unmöglich! verſetzte der Wirth mit einer ſein Bedauern und zugleich ſeine Unerſchütterlichkeit höchſt lebhaft ausdrückenden Geberde, das Haus iſt beſetzt.

Was, beſetzt? Ihr ſchient ja noch Gäſte zu er¬ warten? Ein Obdach, wie immer beſchaffen, könnt Ihr einem Reiſenden in dieſer Oede und in ſolcher froſtigen Regennacht nicht unchriſtlich verweigern!

Der Italiäner reckte die Hand aus, gegen Süden weiſend, wo der Nebel dünner war und jenſeits der32 Wetterſcheide der Maloja über zerriſſenen Bergzacken die Mondſcheibe durchſchimmerte. Von dorther kommt es beſſer, ſagte er und holte aus dem Hauſe einen vollen Becher Wein. Stärkt Euch damit! Ihr kehrt am Klügſten nach Baſelgia zurück. Ich wünſche Euch eine geſegnete Nacht.

Der Trank leuchtete beim Fackelſcheine im Glaſe wie feuriger Rubin. Begierig langte Waſer nach dem rothen Gefunkel und erquickte ſich ohne weitere Gegen¬ vorſtellung. Der Wirth drängte ihn höflich und ohne Bezahlung zu verlangen durch die Hofpforte und ſchob den Riegel.

Der junge Zürcher gab das Spiel noch nicht ver¬ loren. Statt einen langweiligen Rückzug auf dem eben durcheilten Wege anzutreten, ſtieg er, ſeine Lage be¬ denkend, den wenige Schritte entfernten Vorſprung hinan, der wie eine Warte hinausragt über das hier mit ſteilem Abfalle beginnende Bregagliathal, jetzt ein bro¬ delnder Nebelkeſſel, aus dem mondbeglänzt die Spitzen der zu höchſt am Rande ſtehenden Tannen auftauchten. Waſer ſpreitete ſeinen kurzen Mantel aus, ſetzte ſich darauf und lauſchte.

Aus dem Stalle der Herberge erſcholl von Zeit zu Zeit das Wiehern eines Pferdes, ſonſt blieb Alles ſtill. Das Brauſen der Wildbäche aus der Tiefe war, vom33 Nebel gedämpft, dem Ohre kaum vernehmbar ... Jetzt löſte ſich von dem fernen Rauſchen ein leiſer heller Ton ab, ein Geklingel, das nun verwehte und nun nach einer Pauſe deutlicher emporſtieg. Wieder verklang es und hub von Neuem wieder an, diesmal näher und lauter, als kröche es die Bergwand herauf, den Win¬ dungen eines Pfades folgend. Lange horchte Waſer wie im Traume dieſem lieblich unheimlichen Bergwunder zu; jetzt aber ſchlug der Ton von Menſchenſtimmen an ſein Ohr. Offenbar waren es Reiter oder Säumer, die ihre Thiere antrieben, und ſein Schluß war raſch gezogen die vom Wirthe erwarteten Gäſte.

Er legte ſich flach auf die Erde, um nicht ſichtbar zu werden. Er wollte wiſſen, wer ihn ſeines Nacht¬ lagers beraube. Nach geraumer Zeit erreichten zwei Maulthiere die Höhe, zwei Reiter ſprangen ab, offenbar Herr und Diener, beſtürmten mit einigen harten Schlä¬ gen das ſofort ſich öffnende Thor und wurden vom Wirthe dienſteifrig in das noch immer erleuchtete Haus geführt.

Unwille und Neugier ſtachelten den jungen Zürcher. Wie neubelebt ſprang er auf und umſchlich die geheim¬ nißvolle Feſtung. Er erinnerte ſich des Feuerſcheins, der ihm bei der Ankunft entgegengeleuchtet und der nicht von der Hofſeite gekommen ſein konnte. Richtig, daMeyer, Georg Jenatſch. 334war an der Rückſeite des Hauſes das einzelne Seiten¬ fenſter mit ſeiner durch ein ſchweres Eiſengitter flam¬ menden Helle. Er ſchwang ſich auf die Ruine eines an die Hausmauer gelehnten Ziegenſtalles und es gelang ihm, in die Tiefe des rauchigen Gemaches zu blicken.

Da ſtand am lodernden Herdfeuer eine ſtein¬ alte Frau mit einem grundehrlichen Geſichte und hielt eine Eiſenpfanne in der Hand, worin Bergforellen im praſſelnden Fette brieten. Ein bleicher Burſche, deſſen krankhaft ſtarre Züge in dem Schwalle des dunkeln verwirrten Lockenhaares faſt verſchwanden, ſchlief, in eine Schafhaut gewickelt, auf einer Steinbank im Hinter¬ grunde.

Jetzt galt es klug ſein. Waſer, als angehender Diplomat, ſuchte erſt lauſchend ſich die Situation klar zu machen und dann den Punkt zu finden, von welchem aus er ſich derſelben bemächtigen könnte. Der Zufall war ihm günſtig. Der bleiche Schläfer begann mit einem ängſtlichen Traume zu kämpfen; erſt warf er ſich ächzend hin und her, von einer Seite auf die andere, dann richtete er ſich plötzlich mit geſchloſſenen Augen und einem Ausdrucke ſtumpfen Seelenleidens auf, ballte die Fauſt, als umſchlöſſe ſie eine Waffe, führte einen Stoß und ſtöhnte mit dumpfer Traumſtimme: Du wollteſt es, Santiſſima!

35

Jetzt ſetzte die Alte raſch ihre Pfanne weg, faßte den Träumer unſanft an der Schulter, rüttelte ihn und rief ihn an: Erwache, Agoſtin! Ich will Dich nicht länger in meiner Küche. Das ſind nicht die Träume des Erzvaters Jakob ... Dich plagt der Böſe. Fort in's Heu! Und der Herr behüte Dich vor den Fall¬ ſtricken der Hölle.

Die langlockige, ſchmale Geſtalt erhob ſich mit geſenktem Haupte und entfernte ſich ohne Widerrede.

Was Du für meinen Sohn, den Pfarrer Alexan¬ der in Ardenn, mitzunehmen haſt, werd 'ich Dir morgen in der Frühe, wenn Du hier Deinen Tragkorb holſt, ſelber obenauf binden! rief ihm die Alte nach und ſetzte dann kopfſchüttelnd hinzu: Eigentlich ſollt' ich dem papiſtiſchen Querkopfe das theure Erbſtück nicht an¬ vertrauen! ...

Das könnt 'ich Euch beſſer beſorgen, gute Frau, ſprach Waſer mit Vertrauen erweckender Stimme zwiſchen den Eiſenſtäben hindurch ins Gemach hinein. Ich gehe morgen über den Muretto ins Veltlin zu Pfarrer Jenatſch, dem Freunde und Nachbar Eures würdigen Sohnes, Herr Blaſius Alexander, deſſen Name mir wohl bekannt iſt, denn er hat ein gutes Gerücht in proteſtantiſchen Landen. Wohlverſtanden, wenn Ihr mir bis zur Frühe ein trockenes Schlafplätz¬3*36chen anweiſen könnt, denn der Wirth hat mich andrer Gäſte wegen, ausgeſchloſſen.

Die Alte griff erſtaunt aber unerſchrocken nach ihrer Oellampe. Das Flämmchen mit der Hand gegen den Luftzug deckend, näherte ſie ſich der Fenſteröffnung und beſchaute ſich den durch das Gitter redenden Kopf.

Als ſie das heiter kluge junge Geſicht und die wohl¬ anſtändige Halskrauſe erblickte, wurden ihre ſcharfen grauen Augen ſehr freundlich und ſie ſagte: Ihr ſeid wohl auch ein Prädikant?

Ein Stück davon! antwortete Waſer, der in ſeiner Heimat nicht leicht eine Unwahrheit ſagte, aber auf dieſem wilden unwirthlichen Boden den Umſtänden etwas einräumte. Laßt mich ein, Mütterchen, das Weitere wird ſich finden.

Die Alte nickte ihm zu, den Finger auf den Mund legend, und verſchwand. Jetzt knarrte ein niedriges Pförtchen neben dem Ziegenſtalle, Waſer kletterte hinun¬ ter und wurde von der Alten, die ſeine Hand ergriff, über ein paar dunkle Stufen hinauf in die Küche ge¬ zogen.

Ein warmes Kämmerchen findet ſich wohl, das meinige! ſagte ſie, auf eine Leitertreppe neben dem Rauchfange deutend, die zu einer Fallthüre in der ge¬ mauerten Decke führte. Ich habe die ganze Nacht am37 Feuer zu thun, die Herrſchaften drüben ſetzen ſich eben erſt zu Tiſche. Haltet Euch droben ſtill, Ihr ſeid dort ſicher, und einen Diener am Wort werd 'ich auch nicht verhungern laſſen.

Damit reichte ſie ihm die Ampel, er ſtieg ohne weitere Umſtände die Leiter hinauf, hob mit der Rech¬ ten die Thüre und trat in ein nacktes kerkerähnliches Kämmerchen. Die Alte folgte ihm mit Brot und Wein, trat dann durch das Seitenpförtchen in der Wand in ein, wie es ſchien, weites luftiges Nebengemach und kehrte mit einem anſehnlichen Stück gedörrten Schinkens zurück. An der Wand über einem wenig einladenden Schragen hing ein großes, maſſiv mit Silber beſchla¬ genes Pulverhorn.

Das, Herr, ſagte darauf deutend die Alte, will ich meinem Sohne morgen ſchicken. Es iſt das Erbe von ſeinem Ohm und Pathen, ein hundertjähriges Beuteſtück aus dem Müſſerkriege.

Nach kurzer Zeit ſtreckte ſich Waſer auf das Lager und verſuchte zu ſchlafen, aber es gelang ihm nicht. Einen Augenblick war er eingedämmert, Traumgeſtalten bewegten ſich vor ſeinen Augen, Jenatſch und Lucretia, Herr Magiſter Semmler und die Alte am Feuer, der Wirth zur Maloja und der grobe Lucas ſetzten ſich zu einander in die ſeltſamſten Wechſelbeziehungen. Plötz¬38 lich ſaßen ſie alle auf einer Schulbank, Semmler hob als griechiſche Drommete merkwürdiger Weiſe das große Pulverhorn an den Mund, aus dem die unerhörteſten Klagetöne hervordrangen, beantwortet von einem aus allen Ecken ſchallenden teufliſchen Gelächter.

Waſer erwachte, hatte Mühe ſich zu erinnern, wo er ſich befinde, und war im Begriffe wieder einzu¬ ſchlummern, da erſchollen, wie er meinte von der Neben¬ kammer her, in lebhafter Zwieſprache ferne Männer¬ ſtimmen. Was er jetzt hörte, war kein Traumgelächter.

War es die Aufregung der Reiſe, war es ein die heimlich aufſteigende Furcht bekämpfender raſcher Ent¬ ſchluß, oder war es einfache Neugier, was den jungen Zürcher vom Lager trieb? Was immer, er ſtand ſchon an der Thür des anſtoßenden Raumes, überzeugte ſich, erſt horchend, dann ſachte öffnend, daß er leer ſei, und nun durchſchritt er auf leiſen Zehen die ganze Breite der Kammer, einem ſchmalen Lichtſchimmer folgend, der durch die gegenüberſtehende Wand drang. Der ſchwache röthliche Strahl kam, wie der Taſtende ſich überzeugte, durch die Spalte einer morſchen mit ſchweren Eiſen¬ bändern beſchlagenen Eichenthür. Vorſichtig legte er ſein ſcharfes Auge an das klaffende Holzwerk, und was er ſah und vernahm war derart, daß er, ſeine eigene Lage vergeſſend, an ſeinen Poſten gebannt blieb.

39

Es war ein enges, durch eine beſchirmte Hänge¬ lampe erhelltes Gemach, in das er blickte. Der Redenden waren zwei und ſie ſchienen ſich an einem kleinen, mit Briefſchaften und unordentlich zur Seite geſchobenen Flaſchen und Tellern bedeckten Tiſche gegenüber zu ſitzen. Der Nähere wandte der Thür den Rücken zu und die breiten Schultern, der Stiernacken, der ſtruppige Kraus¬ kopf des heftig Sprechenden füllten zuweilen den ganzen von der Spalte gewährten Sehkreis. Jetzt beugte er ſich mit demonſtrirender Geberde vorwärts und über ſeiner Achſel ward in der grellſten Schärfe des Lichtes das auf die Hand geſtützte Haupt des Andern Waſer erſchrack des Herrn Pompejus Planta ſichtbar. Wie geſpannt und gramvoll ſah er aus! Tief eingeſchnittene Falten zogen ſeine buſchigen Brauen zuſammen über den eingefallenen aber unheimlich blitzenden Augen. Die ſtolze kräftige Lebensluſt war geſchwunden und in ſeinen Zügen kämpften heißer Groll und tiefer Jammer. Er ſchien ſeit heute Mittag um zehn Jahre gealtert.

Ich willige ungern in das Blutbad, das mir manchen früher befreundeten Mann aus meiner Sippe koſtet, und noch ſchwerer in die dann nothwendig wer¬ dende ſpaniſche Hilfe, ſprach Planta jetzt langſam und gedrückt, nachdem der Andere ſeine ſprudelnde, Waſer unklar gebliebene Rede vollendet hatte, ... aber, 40und hier fuhr ein Blitz des Haſſes aus den Augen des Freiherrn, muß Blut fließen, Robuſtelli, ſo vergeßt mir wenigſtens ihn nicht!

Den Giorgio Jenatſch! lachte der Italiäner wild und ſtieß ſein Meſſer in einen neben ihm liegenden kleinen Brotlaib, den er Herrn Pompejus vorhielt wie einen geſpießten Kopf an einer Pike.

Bei dieſer nicht zu mißverſtehenden ſymboliſchen Antwort kehrte der Italiäner die Hälfte ſeines rohen Geſichtes dem Lauſcher in nächſter Nähe zu. Dieſer fuhr zurück und fand es gerathen, ſich geräuſchlos auf ſeine Lagerſtätte zurückzuziehen. Die Scene gab ihm viel zu denken und beſtärkte ihn in ſeinem Vorſatze, auf dem nächſten Wege in das Veltlin zu eilen und ſeinen Freund zu warnen. Wie er es ausführen könne, ohne ſich ſelbſt in dieſe hochgefährlichen Dinge zu verwickeln, dies überlegend entſchlummerte er, von Müdigkeit über¬ wältigt.

Das erſte Morgenlicht dämmerte durch ein ſchmales Fenſterlein, das eher eine Schießſcharte zu nennen war, als Waſer durch ein Klopfen an der Fallthüre geweckt wurde. Er fuhr in ſeine Kleider und machte ſich reiſe¬ fertig. Die Alte trug ihm Grüße an ihren Sohn auf, hing ihm ſorgfältig das Pulverhorn um, das ſie als eine werthvolle Familienreliquie zu verehren ſchien, und41 beförderte ihn mit einiger Aengſtlichkeit durch das Küchenpförtchen ins Freie. Hier zeigte ſie ihm den in die Berge zur Linken der Maloja ſich verlierenden Anfang ſeines heutigen Weges, den ſchmalen Eingang zum Thalkeſſel von Caveloſch.

Seid Ihr einmal drinnen, ſagte ſie, ſo blickt nach dem kahlen Hange zur Linken des See's, dort ſchlängelt ſich, weithin ſichtbar, der Pfad und dort müßt Ihr ohne anders den Agoſtino erblicken. Er iſt vor einer Viertelſtunde mit ſeinem Tragkorbe aufgebrochen und geht wie ihr nach Sondrio hinüber. Den ſprecht an und haltet Euch zu ihm. Es iſt freilich mit ihm hier, ſie wies auf die Stirne, nicht ganz richtig, aber den Weg weiß er auswendig und iſt ſonſt wie ein Andrer.

Waſer verabſchiedete ſich mit herzlichem Danke und entfernte ſich ſchnellfüßig aus dem Umkreiſe des noch ſtillen Hauſes. Zwiſchen wilden Felstrümmern, die den Pfad kaum durchließen, betrat er bald das eiförmige, rings von gletſcherbeladenen Wänden abgeſchloſſene Thal. Er erblickte den ſchmalen Steig mit dem längs dem Abhange ſchreitenden Agoſtino und eilte ihm nach.

Der junge Mann hatte die Eindrücke der Nacht noch nicht überwunden, ſo ſehr er ſich bemühte, ihrer Herr zu werden und ſie in klare Gedanken zu ver¬42 wandeln. Er ahnte, daß, was er geſchaut, ſchweres Unheil bedeute und daß ihm der Zufall nur einen geringen, für ihn zuſammenhangsloſen und unverſtänd¬ lichen Theil ſich vorbereitender ungeheurer Schickſale enthülle. Trotz ſeines leichten Jugendblutes war er davon tief erſchüttert, denn zwei der hier ſich feindlich entgegengetriebenen Perſönlichkeiten, ſein Freund und Herr Pompejus, beſaßen, wenn auch auf verſchiedene Weiſe, ſeine Liebe und Bewunderung.

Und wie eigen, bezaubernd und ſchauerlich, war dieſe jetzt vom Morgen geröthete Gegend. Unten eine grüne Seetiefe, umkränzt von üppig bewachſenen Vor¬ ſprüngen und buſchigen Inſelchen, verſenkt in eine überall, überall ſich zudrängende unendliche Wildniß dunkelroth blühender Alpenroſen wie in ein blutiges Tuch. Ringsum ragten ſenkrechte ſchimmernde Felswände, durchzogen von den ſilbernen Schlangenwindungen ſtürzender Gletſcher¬ bäche, und im Süden, wo der im Zickzack ſich aufwärts windende Pfad den einzigen Ausgang aus dem Thal¬ runde verrieth, blendete den Blick ein glänzendes Schnee¬ feld, aus dem röthliche Klippen und Pyramiden hervor¬ ſtachen.

Jetzt hatte Waſer ſeinen Vormann erreicht und ſuchte grüßend ein Geſpräch mit dem Schweigſamen anzuknüpfen, der, in langſames Brüten vertieft, ihn43 gleichgültig kaum anſah und ſich ſeine Geſellſchaft ohne Verwunderung und ohne Neugier gefallen ließ. Er konnte ihm nur wenige Worte abnöthigen und da der Pfad ohnedies immer rauher und bald auf dem Schnee ſchlüpfrig wurde, gab er ſeine Bemühungen auf.

Schneller, als Waſer erwartet hatte, erreichten ſie die Paßhöhe. Hier beherrſchte den Ausblick nach Süden eine hochgethürmte, düſtere Gebirgsmaſſe. Waſer er¬ kundigte ſich nach dem Namen dieſes drohenden Rieſen. Er hat deren verſchiedene, antwortete Agoſtino, hier oben in Bünden nennen ſie ihn anders, als wir unten in Sondrio. Hier heißt er der Berg des Unglücks und bei uns der Berg des Wehs. Von dieſen ſchwer¬ müthigen Namen unangenehm berührt, ließ Waſer ſeinen wortkargen Begleiter voranſchreiten, hielt eine kurze Raſt und blieb dann, ohne ihn aus den Augen zu laſſen, eine Strecke hinter ihm, um ſich in der kräfti¬ gen Bergluft allein der freien Luſt des Wanderns zu ergeben.

So ging es ſtundenlang abwärts längs des ſchäu¬ menden, über Felsblöcke tobenden Malero, während die Sonne immer glühender in die Thalenge hinunter¬ brannte. Jetzt begannen kräftig aus dem Wieſengrunde emporgewundene Kaſtanienbäume den Pfad zu beſchatten und die erſten Weinlauben grüßten mit ihren ſchweben¬44 den Ranken. Auf den Hügeln ſchimmerten prunkbeladene Kirchen und der Weg wurde immer häufiger zur ge¬ pflaſterten Dorfgaſſe. Endlich durchſchritten ſie die letzte Schlucht und vor ihnen lag im goldenen Abend¬ dufte das breite üppige Veltlin mit ſeinen heißen Wein¬ bergen und ſumpfigen Reisfeldern.

Dort iſt Sondrio, ſagte Agoſtino zu dem jetzt wieder an ſeiner Seite ſchreitenden Waſer und wies auf eine italiäniſche Stadt mit ſchimmernden Paläſten und Thürmen, die dem aus der Einöde Kommenden wie ein Feenzauber durch den dunkeln Rahmen des Felsthors entgegenlachte.

Ein luſtiges Land, Dein Veltlin, Agoſtino, rief der Zürcher, und dort am Felſen wächſt ja, irr 'ich nicht, der löbliche Saſſeller, die Perle der Weine!

Er iſt im April erfroren, verſetzte Agoſtino in ſchwermüthiger Stimmung, zur Strafe unſrer Sünden.

Das iſt Schade, verſetzte Jener, was habt Ihr denn eigentlich verbrochen?

Wir dulden unter uns den giftigen Ausſatz der Ketzerei, aber wir werden in Kürze gereinigt und das faule Fleiſch wird ausgeſchnitten werden. Die Todten und die Heiligen haben in feierlicher Verſammlung das Für und Wider erwogen am achten Mai um Mitter¬ nacht dort zu San Gervaſio und Protaſio, er wies45 auf eine vor ihnen liegende Kirche, der Wächter hat es wohl gehört und iſt vor Schrecken krank gewor¬ den ſie haben ſcharf geſtritten ... aber unſer San Carlo, deſſen Stimme zwanzig gilt, iſt Meiſter ge¬ worden.

Nicht bemerkend, wie ſpöttiſch ihn ſein Begleiter von der Seite aus lachenden Augenwinkeln anſah, that er jetzt, was er unterwegs ſchon immer gethan, wo ein Kreuz oder Heiligenbild am Pfade ſtand, er ſetzte, vor einem bunten Schreine der Muttergottes angelangt, ſeinen Tragkorb nieder, warf ſich auf die Kniee und ſtarrte mit brennenden Augen durch das Gitter.

Saht Ihr, wie ſie mir winkte? ſagte er nach einiger Zeit im Weitergehen wie geiſtesabweſend.

Ja wohl, meinte der Zürcher luſtig, Ihr ſcheint bei ihr gut angeſchrieben zu ſein. An was hat ſie Euch denn erinnert?

Meine Schweſter umzubringen! erwiderte er mit einem ſchweren Seufzer.

Das war dem jungen Zürcher zu viel. Lebt wohl, Agoſtino, ſagte er. Auf meiner Karte ſteht ein Seitenweg nach Berbenn, da iſt er ja ſchon, nicht wahr? Ich kann abkürzen. Und er drückte dem leidigen Geſellen ein Geldſtück in die Hand.

Waſer wandte ſich zwiſchen den Mauern der Wein¬46 berge rechts um den Fuß des Gebirges und erblickte nach kurzer Wanderung das unter dem ſchattenden Grün der Kaſtanien faſt verborgene Dorf Berbenn, ſein Reiſe¬ ziel. Ein halbnackter Bube wies ihm die Pfarre. Ein ärmliches Haus aber an ſeiner Vorderſeite umhangen und beladen mit einem ſo reichen Prunke von Blättern und Trauben, mit ſo üppigen Kränzen von übermüthi¬ gem Weinlaube, daß ſein dürftiger Bau darunter ver¬ ſchwand. Ein breites Gitterdach auf morſchen Holzſäulen bildete die ſchwache Stütze dieſes laſtenden Reichthums und die Vorhalle des Häuschens. Oben ſpielten die letzten Strahlen der Abendſonne auf den warmen gold¬ grünen Blättern, darunter lag Alles im tiefſten Schatten.

Während Waſer dieſe noch nie geſchaute freie Fülle beſtaunte, erſchien eine leichte Geſtalt in der Thüre, und als ſie aus dem grünen Schatten trat, war es ein ſchönes noch mädchenhaftes Weib, das einen Krug zum Waſſerholen auf dem Kopfe trug. Der nackte Arm ſtützte leicht das auf den dicken braunen Flechten ruhende Gefäß, ſie bewegte ſich in ſchwebender Anmuth mit ge¬ ſenkten Wimpern heran und als nun Waſer in achtungs¬ voller Haltung höflich grüßend vor ihr ſtand und ſie die ſanften leuchtenden Augen auf ihn richtete, war ihm, er habe noch nie im Leben einen ſolchen Triumph der Schönheit geſehen.

47

Auf ſeine Erkundigung nach dem Herrn Pfarrer zeigte ſie ruhig mit der freien Hand durch die Wein¬ laube und den dunkeln Flur nach einer Hinterthür des Hauſes, wo die goldene Abendhelle eindrang. Von dorther ſcholl zu Waſers Verwunderung kriegeriſcher Geſang.

Kein ſchönrer Tod iſt in der Welt
Als wer vorm Feind hinſcheidt ...

Das Lied des deutſchen Landsknechts, das ſo todes¬ freudig und doch ſo lebensmuthig klang, konnte, daran war kein Zweifel, nur aus der kräftigen Kehle ſeines Freundes kommen. In der That, da kniete er im Schatten einer mächtigen Ulme, und womit beſchloß der Pfarrer von Berbenn ſein Tagewerk? er ſchliff am Wetzſteine einen gewaltigen Raufdegen.

Vor Ueberraſchung blieb Waſer einen Augenblick wortlos ſtehen. Der Knieende gewahrte ihn, ſtieß das Schwert in den Raſen, ſprang auf, breitete die Arme aus und drückte mit dem Rufe Herzenswaſer! den Freund an ſeine breite Bruſt.

Viertes Kapitel.

Nachdem ſich der Ankömmling aus der Umſchlingung des Pfarrers losgewunden, maßen ſie ſich gegenſeitig mit fröhlichen Augen.

Waſer war etwas verblüfft; aber es gelang ihm, nichts davon merken zu laſſen. Er fühlte ſich ein wenig gedrückt neben der athletiſchen Geſtalt des Bündners, von deſſen braunem bärtigen Haupte ein Feuerſchein wilder Kraft ausging. Er ahnte es, die Gewalt eines unbändigen Willens, die früher in den düſtern, faſt ſchläfrigen Zügen ſeines Schulgenoſſen geſchlummert haben mochte, war geweckt, war entfeſſelt worden durch die Gefahren eines ſtürmiſchen öffentlichen Lebens.

Jenatſch ſeinerſeits war von der fertigen und ſaubern Erſcheinung ſeines zürcheriſchen Freundes, der mit klug beſcheidenen Blicken, doch in ſeiner Weiſe ſicher vor ihm ſtand, ſichtlich befriedigt, und offenbar erfreut, mit einem Vertreter ſtädtiſcher Kultur in ſeiner Abgeſchiedenheit zu verkehren.

49

Der Bündner lud ſeinen Gaſt mit einer Hand¬ bewegung zum Sitzen ein auf die rings um den Stamm der Ulme laufende Bank und rief mit tönender Stimme:

Wein! Lucia.

Das ſchöne ſtille Weib, dem Waſer beim Eintritt in das Haus begegnet war, erſchien bald mit zwei vollen Steinkrügen, die ſie mit einer lieblich ſchüchternen Ver¬ neigung zwiſchen die Freunde auf die Holzbank ſetzte, demüthig ſich gleich wieder entfernend.

Wer iſt das holdſelige Geſchöpf? fragte Waſer, der ihr mit Wohlgefallen nachſchaute.

Mein Eheweib. Du begreifſt, daß hier mitten unter den Götzendienern, Jenatſch lächelte, ein pro¬ teſtantiſcher Prieſter nicht unbeweibt bleiben durfte. Es iſt einer unſerer Hauptſätze! Ueberdieß ſchärfte mir das jetzige laue Regiment, das mich aus dem Wege haben wollte und mich auf dieſe einſame Strafpfarre beför¬ derte, ausdrücklich ein, ſo viele Seelen als möglich aus dem Pfuhle des Aberglaubens zu ziehen. Das war mein redlicher Vorſatz. Aber bis jetzt iſt mir nur eine Bekehrung gelungen, die der ſchönen Lucia. Und wie? Indem ich meine eigene Perſon dafür verpfändete.

Sie iſt aus der Maßen ſchön, bemerkte Waſer nachdenklich.

Gerade ſchön genug für mich! ſagte Jenatſch,Meyer, Georg Jenatſch. 450ſeinem Gaſte den einen Krug überreichend, während er den andern an die Lippen ſetzte, und die Sanftmuth ſelbſt, ſie hat von ihren katholiſchen Verwandten meinetwegen viel zu leiden. Aber was haſt Du da für ein ſtattliches Pulverhorn, Freund? das iſt ja das Erb¬ ſtück aus der Familie der Alexander! ... Richtig, der Alte in Pontreſina iſt geſtorben und nun kommt es an den wackern Blaſius, meinen Collegen in Ardenn. Darum könnt 'ich ihn beneiden. Doch wie in aller Welt kommſt gerade Du dazu, es ins Veltlin zu bringen?

Das gehört zu meinen Reiſeerlebniſſen, die ich Dir ſpäter des Nähern berichten werde, erwiederte Waſer, der mit ſich ſelbſt noch nicht im Klaren war, wie weit er das warnende Abenteuer der Maloja ent¬ hüllen könne, ohne gegen ſeinen Vorſatz von dem hei߬ blütigen Freunde aus der einen Mittheilung in die andere fortgeriſſen zu werden. Aber jetzt, lieber Jürg, kläre mich vor allen Dingen auf über die merkwürdigen Ereigniſſe, die in den letzten Jahren die Aufmerkſam¬ keit aller Politiker auf Dein Vaterland lenkten. Quo¬ rum pars magna fuisti! Du warſt dabei die Haupt¬ perſon.

Darüber kannſt Du leichtlich beſſer unterrichtet ſein als ich, wenigſtens was den Zuſammenhang be¬51 trifft, antwortete Jenatſch, indem er den linken Fuß auf den Schleifſtein ſetzte und ein Bein über das andere ſchlug, Du arbeiteſt ja auf eurer Staatskanzlei und die Herren von Zürich laſſen ſich nichts zu viel koſten, um nur immer auf dem Laufenden zu bleiben. Uebrigens iſt Alles ganz natürlich zugegangen, verkettet nach Urſache und Wirkung. Du weißt alſo, denn in eurer Rathsſtube mag es häufig aufs Tapet gekommen ſein, daß ſeit Jahren Spanien-Oeſterreich unſere Katholiken beſticht, um unſer Bündniß und freien Durchzug für ſeine Kriegsbanden zu erlangen und uns jetzt, aus Verdruß, durch ſeine Miethlinge nichts erreicht zu haben, dort, er wies nach Süden, die Feſtung Fuentes gegen alle Verträge als eine tägliche Bedrohung an die Schwelle unſeres Landes Veltlin geſetzt hat. Wir können ſie morgen beſuchen, Heinrich, wenn Du willſt und Du wirſt bei Deinen gnädigen Herren in Zürich einen Stein im Brete gewinnen durch die Beſchreibung des an Ort und Stelle beſichtigten Streitobjectes. Das war läſtig, aber es ging uns nicht ans Leben. Dann aber, als es jedem klar denkenden Kopfe zur Gewißheit wurde, daß die katholiſchen Mächte zum Vernichtungskriege gegen den deutſchen Proteſtantismus rüſteten ....

Unbeſtreitbar, warf Waſer ein.

... Da wurde es zur Lebensfrage für Spanien,4*52ſich die Militärſtraße von ſeinem Mailand ins Tyrol durch unſer Veltlin, über unſer Gebirg, um jeden Preis zu ſichern, und zur Lebensfrage für uns, dies um jeden Preis zu verhindern. Unſere ſpaniſche Partei mußte zum Nimmerwiederaufſtehn niedergeſchmettert werden!

Ganz richtig, ſagte der Zürcher, wenn ihr nur nicht zu ſo gar gewaltthätigen Mitteln gegriffen hättet, wenn nur euer Volksgericht in Thuſis weniger form - und regellos und ſeine Strafen weniger blutig geweſen wären!

Waſche mir den Pelz, ohne ihn naß zu machen! Wenn du kannſt! Uebrigens war es nicht ſo ſchlimm. Wir wurden durch übertriebene Berichte verleumdet und die beiden Planta zogen an euern Tagſatzungen und in aller Herren Länder herum, uns anzuſchwär¬ zen und ſchlecht zu machen.

Der keiner Partei verfallene und von allen Recht¬ ſchaffenen geachtete Fortunatus Juvalt hat nach Zürich geſchrieben, ihr wäret unbarmherzig mit ihm umge¬ gangen.

Geſchah dem Pedanten Recht! In einer kritiſchen Zeit muß man Partei zu ergreifen wiſſen. Da heißt es: Die Lauen werd 'ich aus dem Munde ſpeien.

Er klagte, es wären falſche Zeugen gegen ihn aufgeſtanden.

53

Mag ſein. Auch kam er ja mit dem Leben davon und wurde nur zu einer Buße von vierhundert Kronen verurtheilt wegen zweideutiger Geſinnung.

Ich begreife, fuhr Waſer nachdenklich fort, daß ihr Pompejus Planta und ſeinen Bruder Rudolf des Landes verweiſen mußtet; aber war es denn nöthig, ſie wie gemeine Verbrecher zu brandmarken und mit Henkerſtrafen zu bedrohen, ohne Rückſicht auf die glän¬ zenden Verdienſte ihrer Vorfahren und die tiefen Wurzeln ihrer Stellung im Lande?

Niederträchtige Verräther! fuhr Jenatſch zorn¬ blitzend auf. Die Schuld unſerer ganzen Gefahr und Verſtrickung laſtet auf ihnen und möge ſie zermalmen! Zuerſt und vor Allen haben ſie mit Spanien gezettelt! Kein Wort, Heinrich, zu ihrer Vertheidigung!

Verletzt durch dies herriſche Ungeſtüm, ſagte Waſer mit etwas gereizter Stimme und dem Gefühle, jetzt einen wunden Punkt zu treffen: Und der Erzprieſter Nicolaus Rusca? Er galt allgemein für unſchul¬ dig.

Ich glaube, er war es, flüſterte Jenatſch, dem ſichtlich bei dieſer Erinnerung unbehaglich zu Muthe ward, und blickte ſtarr vor ſich hin in die Dämmerung.

Erſtaunt über dieſe ſeltſame Aufrichtigkeit ſchwieg54 der Andere eine Weile. Er iſt auf der Folter mit durchgebiſſener Zunge geſtorben ... ſagte er endlich vorwurfsvoll.

Jenatſch antwortete in kurzen abgeriſſenen Sätzen: Ich wollte ihn retten ... Wie konnt 'ich wiſſen, daß der Schwächling die erſten Foltergrade nicht überſtehen würde ... Er hatte perſönliche Feinde. Die Aufregung gegen die römiſchen Pfaffen wollte ihr Opfer haben. Unſere katholiſchen Unterthanen hier im Veltlin mußten eingeſchüchtert werden. Es kam, wie geſchrieben ſteht: Beſſer iſt's, daß Einer umkomme, als daß das ganze Volk verderbe.

Wie um die trübe Stimmung abzuſchütteln, erhob ſich nun Jenatſch, den Freund aus dem dunkelnden Gartenraume ins Haus zu führen. Ueber der Mauer ſah man den ſchlanken Kirchthurm vom letzten Abend¬ gold ſich abheben.

Der Unglückliche hat übrigens hier noch zahl¬ reiche Anhänger, ſagte er, und dann auf die Kirche weiſend: dort las er ſeine erſte Meſſe vor dreißig Jahren.

Im Hauptgemach, das nach dem Flur offen ſtand, brannte eine Lampe. Als die Beiden das Haus be¬ traten, ſahen ſie die junge Frau an der Vorderthür bei einer Freundin ſtehen, die ſie herausgerufen zu55 haben ſchien und ihr mit ängſtlichen Geberden etwas zuflüſterte. Hinter ihnen auf der Dorfgaſſe liefen in der Dämmerung Leute vorüber und man vernahm ein wirres Getön von Stimmen, aus dem jetzt deutlich der Ruf eines alten Weibes hervorkreiſchte: Lucia, Lucia! Ein entſetzliches Wunder Gottes!

Jenatſch, dem ſolche Scenen nicht neu ſein moch¬ ten, wollte, ſeinem Gaſte den Vortritt laſſend, die Zimmer¬ ſchwelle überſchreiten, als die junge Frau ſich ihm näherte und ihn angſtvoll am Aermel faßte. Waſer, der ſich umwendete, ſah, wie ſie todtenblaß die gefalte¬ ten Hände zu ihrem Manne erhob.

Geh 'an Deinen Herd, Kind, und beſorge uns ruhig das Abendeſſen, befahl er freundlich, damit Du mit Deiner Kunſt bei unſerm Gaſte Ehre einlegeſt. Dann wandte er ſich unmuthig lachend zu Waſer: Die verrückten welſchen Hirngeſpinnſte! Sie ſagen, der todte Erzprieſter Rusca ſtehe drüben in der Kirche und leſe Meſſe! Ich will dem Wunder zu Leibe rücken. Kommſt Du mit, Waſer?

Dieſem lief es kalt über den Rücken, aber die Neugierde überwog und: Warum nicht! ſagte er mit muthiger Stimme; dann, als ſie der vorwärts treiben¬ den Menge verſtörter Leute durch die Dorfgaſſe nach56 der Kirche folgten, fragte er flüſternd: Der Erzprieſter iſt doch wirklich nicht mehr am Leben?

Sapperment! verſetzte der junge Pfarrer, ich war dabei, als man ihn unter dem Galgen in Thuſis verſcharrte.

Jetzt traten ſie durch die Hauptpforte in die Kirche. Das Schiff, welches ſie nun durchſchritten, war zum Behufe des proteſtantiſchen Gottesdienſtes von allen Heiligthümern gereinigt und enthielt außer den Bänken für die Zuhörer nur den Taufſtein und eine nackte Kanzel. Ein Breterverſchlag mit einer kleinen Thüre trennte davon den weiten Chor, der den Katholiken verblieben und von ihnen zur Capelle eingerichtet wor¬ den war.

Als Jenatſch öffnete, befanden ſie ſich dem Haupt¬ altare gegenüber, deſſen heiliger Schmuck und ſilbernes Crucifix in einem letzten durch das ſchmale Bogenfenſter einfallenden Abendſchimmer kaum mehr zu erkennen waren. Vor ihnen drängte ſich Kopf an Kopf die knieende murmelnde Menge, Weiber, Krüppel, Alte. Längs der Wände ſchoben ſich dürftige Männergeſtalten, mit den langen magern Hälſen vorwärts lauſchend und den Filz krampfhaft vor die Bruſt gedrückt.

Auf dem Hochaltare flackerten zwei düſtere Kerzen, deren Licht mit dem letzten von außen kommenden57 Schimmer der Dämmerung kämpfte. Die zwei Flämm¬ chen bewegten ſich in einem von zerbrochenen Fenſter¬ ſcheiben eingelaſſenen Luftzuge, der ſie auszulöſchen drohte, und tanzende Schatten trieben auf dem Altare ein ſeltſames Spiel. Der ſtreichende Wind bewegte zuweilen mit leiſem Geknatter die ſchwach ſchimmernden Falten der Altardecke. Erregte Sinne mochten wohl das weiße Gewand eines Knieenden auf den Stufen erblicken.

Jenatſch ſtieß im Mittelgange mit ſeinem Freunde vor, von den einen, in Verzückung Verſunkenen, kaum bemerkt, von den Andern mit böſen, feindlichen Blicken und leiſen Verwünſchungen verfolgt, aber von Keinem zurückgehalten. Jetzt ſtand der athletiſche Mann, Allen ſichtbar, dem Altare gegenüber; aber vor dieſem hatte ſich auch ſchon eine Anzahl unheimlich drohender Ge¬ ſellen wie eine Schutzwehr gegen Heiligenſchändung zuſammengedrängt. Waſer glaubte blinkende Dolche zu erblicken.

Was iſt das für ein unchriſtlicher Zauber! rief Jenatſch mit ſchallender Stimme. Laßt mich zu, daß ich ihn breche!

Sacrilegium! murrte es aus der dichten Reihe der Veltliner, die einen Ring um den Bündner zu ſchließen begann. Zwei griffen nach ſeiner vorgeſtreckten58 Rechten, Andere drängten ſich von hinten an ihn; aber Jenatſch machte ſich mit einem gewaltigen Rucke frei. Um ſich nach vorn Luft zu ſchaffen, packte er den nächſten ſeiner Angreifer mit eiſerner Fauſt und ſchleuderte ihn rücklings gegen den Hochaltar. Der Stürzende ſchlug mit ausgebreiteten Armen, die Füße gegen die Menge ſtreckend, hart auf die Stufen und begrub den buſchigen Hinterkopf in die Altardecken. Leuchter und Reliquien¬ ſchreine klirrten und es erhob ſich ein langes durch¬ dringendes Wehgeheul.

Dieſer Moment der Verwirrung rettete den Pfarrer. Er benutzte ihn blitzſchnell, durchbrach gewaltſam, ſeinen Freund nach ſich ziehend, den verwirrten Menſchenknäuel, erreichte die offene Sakriſtei, gewann das Freie und eilte mit Waſer ſeinem Hauſe zu.

In dem ſichern Wohnraume angelangt, ſtieß der Hausherr einen Schieber an der Wand zurück und rief in die Küche hinaus:

Trag 'uns auf, meine Lucia!

Herr Waſer aber klopfte den Staub des Hand¬ gemenges aus ſeinen Kleidern und zog Manſchetten und Halskrauſe zurecht. Pfaffentrug! ſagte er, dieſem Geſchäfte mit Sorgfalt obliegend.

Vielleicht, vielleicht auch nicht! Warum ſollten ſie nicht etwas geſehen haben? Irgend ein Phantom? 59Du weißt nicht, welche ſinnverwirrenden Dünſte aus den Sümpfen dieſer Adda aufſteigen. Schade um das Volk; es iſt ſonſt ſo übel nicht. Im obern Veltlin lebt ein geradezu tüchtiger Schlag, ganz verſchieden von dieſen gelben Kretinen.

Hättet ihr Bündner nicht klüger gethan, ihnen einige beſchränkte bürgerliche Freiheiten zu gewähren? warf Waſer ein.

Nicht bürgerliche nur, auch die politiſchen Rechte hätte ich ihnen gegeben, Heinrich. Ich bin ein Demokrat, das weißt Du. Aber da iſt ein ſchlimmer Haken. Die Veltliner ſind hitzige Katholiken, zuſammen mit dem papiſtiſchen Drittel unſerer Stammlande würden ſie Bünden zu einem katholiſchen Staate machen und da ſei Gott vor!

Indeſſen hatte die reizende Lucia, die jetzt ſehr niedergeſchlagen ausſah, den landesüblichen Riſott auf¬ getragen und der junge Pfarrer füllte die Gläſer.

Auf das Wohl der proteſtantiſchen Waffen in Böhmen! rief er, mit Waſer anſtoßend. Schade, daß Du Deinen Plan aufgegeben haſt und jetzt nicht in Prag biſt. In dieſem Augenblicke vielleicht geht es dort los.

Möglicherweiſe iſt es für mich rühmlicher hier bei Dir zu ſein. Man darf nach den neueſten Nach¬60 richten bezweifeln, ob der Pfalzgraf den Hengſt zu regieren weiß, auf den er ſich ſo galant geſetzt hat. Es iſt doch nichts daran, daß ihr euch mit dem Böhmen verbündet habt?

Wenig genug, leider! Wohl ſind ein paar Bünd¬ ner hingereiſt, aber gar nicht die rechten Leute.

Das iſt ſehr gewagt!

Im Gegentheil, zu wenig gewagt! Keiner ge¬ winnt, der nicht den vollen Einſatz auf den Tiſch wirft. Unſer Regiment iſt erbärmlich läſſig. Lauter halbe Maßregeln! Und doch haben wir unſere Schiffe ver¬ brannt, mit Spanien ſo gut wie gebrochen und die Vermittlung Frankreichs grob abgewieſen. Wir ſind ganz auf uns ſelbſt geſtellt. In ein paar Wochen können die Spanier von Fuentes her einbrechen und es iſt kannſt Du's glauben, Waſer? für keine Vertheidigung geſorgt. Ein paar erbärmliche Schanzen ſind aufgeworfen, ein paar Compagnien einberufen, die heute kommen und ſich morgen verlaufen. Keine Kriegs¬ zucht, kein Geld, keine Führung! Und mich haben ſie wegen meines eigenmächtigen Eingreifens, wie ſie's nennen, das ſich für meine Jugend und mein Amt nicht ſchicke, von jedem Einfluſſe auf die öffentlichen Dinge abgeſchnitten und ſo fern als möglich von ihren Raths¬ ſtuben an dieſe Bergpfarre gefeſſelt. Die ehrwürdige61 Synode aber ermahnt mich, eine faule Friedſamkeit zu predigen, während über meinem Vaterlande ſtoßfertig die ſpaniſchen Raubgeier ſchweben. Es iſt zum Toll¬ werden! Täglich mehren ſich die Anzeigen, daß hier unter den Veltlinern eine Verſchwörung brütet. Ich kann nicht länger zuſehen. Morgen will ich ſelbſt noch eine Recognoscirung gegen Fuentes vornehmen, Du kommſt mit, Waſer, ich habe einen anſtändigen Vor¬ wand, und übermorgen reiten wir zum Landeshaupt¬ mann nach Sondrio. Er verſteht nichts anderes, als am Mark dieſes fetten Landes zu zehren, das wir morgen verlieren können, der träge Blutſauger! Aber ich will ihm ſo zuſetzen, daß ihm der Angſtſchweiß aus allen Poren bricht. Du hilfſt mir, Waſer.

In der That, bemerkte dieſer zögernd und ge¬ heimnißvoll, auch ich habe auf meiner Reiſe durch Bünden einige Witterung bekommen, daß etwas im Thun ſein möchte.

Und das ſagſt Du mir jetzt erſt, Kind des Un¬ glücks! rief der Andere ſcharf und geſpannt. Gleich erzähle Alles und ganz nach der Ordnung. Du haſt etwas gehört? Wo? von wem? was?

Waſer ordnete geſchwind in ſeinem Geiſte das Erlebte, um es ſeinem gewaltthätigen Freunde paſſend62 vorzulegen. Auf dem Hoſpiz der Maloja, begann er vorſichtig.

Sitzt als Wirth der Scapi, ein Lombarde, alſo mit den Spaniern einverſtanden. Weiter.

Hörte ich, freilich halb im Schlummer, neben meinem Schlafkämmerlein ein Zwiegeſpräch. Ich glaubte, es ſei von Dir dir Rede. Wer iſt Robuſtelli?

Jakob Robuſtelli von Groſotto iſt ein ausbündi¬ ger Schuft, ein Dreckritter, durch Kornwucher reich und durch ſpaniſche Gunſt adelich geworden, der Patron und Spießgeſelle aller Malandrini und Straßenräuber, jeder Miſſethat und jeden Verrathes fähig!

Dieſer Robuſtelli, ſagte Waſer mit Gewicht, trachtet Dir, wenn ich richtig hörte, nach dem Leben.

Wohl möglich! Das iſt nicht die Hauptſache. Wer war der Andere, mit dem er zettelte?

Ich hörte ſeinen Namen nicht, antwortete der Zürcher, der es für Pflicht hielt, dem Herrn Pompejus das Geheimniß zu bewahren, und als Jenatſch ihn drohend anblitzte, fuhr er herzhaft fort: Und wüßt 'ich den Namen, ſo will ich ihn nicht nennen!

Du weißt ihn! .... Heraus damit! drang Jenatſch auf ihn ein.

Jürg, Du kennſt mich! Du weißt, daß ich mir dieſe Fauſtrechtmanieren nicht gefallen laſſe, ich63 verbitte mir das, wehrte Waſer mit möglichſt kalter Miene ab.

Da legte ihm der Andere liebkoſend den ſtarken Arm um die Schultern und ſagte mit zärtlicher Wärme: Sei offen, Herzenswaſerchen! Du verkennſt mich! Nicht für meine Perſon ſorg 'ich, ſondern für mein vieltheures Bünden. Wer weiß, vielleicht hängt an Deinen Lippen ſeine Rettung und das Leben von Tauſenden! ...

Schweigen iſt hier Ehrenſache, verſetzte Waſer und machte einen Verſuch ſich der leidenſchaftlichen Umarmung zu entziehen.

Jetzt fuhr eine düſtere Flamme über das Antlitz des Bündners. Bei Gott, rief er, den Freund an ſich preſſend, ſprichſt Du nicht, ſo erwürg 'ich Dich, Waſer! und als der Erſchrockene ſchwieg, griff er nach dem Dolchmeſſer, womit er Brot geſchnitten, und richtete die drohende Spitze deſſelben gegen die Halskrauſe des Zürchers.

Dieſer wäre ſicherlich auch jetzt noch ſtandhaft ge¬ blieben, denn er war im Innerſten empört; aber bei einer unvorſichtigen Bewegung des Sträubens, die er gemacht, hatte der ſcharfe Stahl ſeinen Hals geritzt und ein paar Blutstropfen waren, unheimlich warm, daran heruntergerieſelt.

64

Laß mich, Jürg, ſagte er, leicht erbleichend, ich will Dir etwas zeigen! Er zog ſein Taſchenbuch her¬ vor, ſchlug das Blatt mit der Skizze der Julierſäulen auf und legte es vor Jenatſch auf den Tiſch. Dann holte er ſein weißes Schnupftuch heraus und wiſchte ſich behutſam das Blut ab, während der Bündner das Büchlein haſtig ergriff. Sein erſter Blick auf die Zeichnung traf die von Lucretia zwiſchen die Julier¬ ſäulen geſchriebenen Worte und er verſank plötzlich in finſteres Nachdenken.

Waſer, der ihn ſchweigend beobachtete, erſchrack innerlich über den Eindruck, den Lucretias von ihm wider Willen übernommene und beſtellte Botſchaft auf Jürg Jenatſch machte. Er hatte nicht ahnen können, wie raſch der Scharfſinn des Volksführers den Zuſam¬ menhang der Thatſachen errieth und wie ſicher und unerbittlich er ſie verkettete. Trauer und Zorn, weiche Erinnerungen und harte Entſchlüſſe ſchienen über den halb Abgewandten wechſelnd Gewalt zu gewinnen. Arme Lucretia! hörte Waſer ihn aus tiefſter Seele ſeufzen, dann wurde ſein Ausdruck immer räthſelhafter, verſchloſſener, und härtete ſich zur Undurchdringlichkeit. Sie waren auf dem Julier ... ihr Vater iſt alſo in Bünden ... Pompejus Planta, du biſt zum Spie߬ geſellen eines Robuſtell herabgeſunken! ... ſprach er65 faſt ruhig. Plötzlich ſprang er auf: Nicht wahr, Waſer, meine verwünſchte Hitze? Du hatteſt auf der Schule davon zu leiden und ich bin ihrer noch immer nicht Herr geworden! ... Geh zu Bette und verſchlafe Dein böſes Abenteuer! Morgen in der kühlen Frühe machen wir den Ritt nach Fuentes auf zwei untadeligen Maulthieren. Du ſollſt an mir den leidlichen Geſellen finden von ehedem. Unterwegs läßt ſich über Manches gemüthlich plaudern.

Meyer, Georg Jenatſch. 5

Fünftes Kapitel.

Herr Waſer erwachte vor Tagesanbruch. Als er mit Mühe den Fenſterladen aufſtieß, der von dem üppigen Geäſte und Blätterwerke eines Feigenbaumes geſperrt und dicht überflochten war, geſchah es im Widerſtreite zweifelnder Gedanken. Er war mit dem Vorſatze entſchlafen, ſeinen gewaltthätigen Freund und das allzu abenteuerliche Veltlin ohne Zögern und auf dem nächſten Wege über Chiavenna zu verlaſſen. Ein erquickender Schlaf jedoch hatte die geſtrigen Eindrücke gemildert und ſeinen Entſchluß wankend gemacht. Die Liebe zu ſeinem merkwürdigen Jugendfreunde gewann die Oberhand. War es denn dieſer heftigen und, wie er ſich ſagte, nicht durch ſtädtiſche Bildung veredelten Natur ſtark zu verargen, wenn ſie losbrach, wo Heimat und Leben gefährdet war? Und kannte er nicht von früher her Jürgs jähen Stimmungswechſel, ſeine wilden,67 heißblütigen Scherze! Eines jedenfalls war für ihn außer Frage: Durch plötzliche Abreiſe hätte er ein Unheil nicht verhütet, das aus dem halben Geſtändniſſe entſtehen konnte, welches ihm Jürg abgezwungen; blieb er aber, theilte er ſeinem Freunde das Erlebte voll¬ ſtändig mit, ſo erwiederte dieſer ſicherlich ſein Vertrauen und er erfuhr, wie ſich Jürgs Verhältniß zu Lucretias Vater ſo grenzenlos verbittert hatte. Dann erſt kam der Augenblick, ſeinen verſöhnenden Einfluß geltend zu machen.

So ritten ſie in vertraulichem Geſpräche nach Fuentes. Jenatſch kam nicht auf das Geſtrige zurück und war freudig wie der helle Morgen. Faſt leicht¬ ſinnig nahm er Waſers ausführlichen Reiſebericht ent¬ gegen und bereitwillig antwortete er auf deſſen ein¬ gehende Fragen. Aber Waſer erfuhr weniger und minder Wichtiges, als er erwartete. Nach einem letzten Univerſitätsjahre in Baſel, erzählte Jürg, ſei er ins Domleſchg zurückgekehrt. Dort habe er ſeinen Vater auf dem Sterbelager gefunden und ſei nach deſſen Ableben von den Scharanſern trotz ſeiner grünen acht¬ zehn Jahre einſtimmig zu ihrem Pfarrer gewählt worden. Auf Riedberg habe er einen einzigen Beſuch gemacht, wobei er allerdings mit Herrn Pompejus über politiſche Dinge in Wortwechſel gerathen ſei. Perſönliches habe5*68ſich nicht eingemiſcht; aber der Eindruck auf Beide ſei der gewieſen, daß ſie ſich beſſer mieden. Als der erſte Volksſturm gegen die Planta ſich erhoben, habe er von der Kanzel abgewarnt, denn er ſei damals noch der Meinung geweſen, ein Geiſtlicher müſſe ſeine Hände von der Politik rein halten; als aber das Staatsruder bei wachſender Gefahr keinen muthigen Steuermann gefunden, habe ihn das Mitleid mit ſeinem Volke über¬ wältigt. Das Strafgericht von Thuſis, das er für eine blutige Nothwendigkeit gehalten, habe er allerdings mit einſetzen helfen und ihm ſein Tagewerk angewieſen. Die Verurtheilung der Planta dagegen, deren Praktiken übrigens landeskundig geweſen, habe er weder begünſtigt noch verhindert, ſie ſei wie ein einſtimmiger Schrei aus dem Volke hervorgegangen.

So wendete das Geſpräch ſich völlig der Politik zu, obwohl Waſer zuerſt ſich beſtrebte, es auf den per¬ ſönlichen Verhältniſſen ſeines Freundes feſtzuhalten; aber er wurde überwältigt und hingeriſſen durch das Ungeſtüm, mit dem Jürg die den Zürcher höchlich intereſſirenden und von ihm gründlich erwogenen Probleme europäiſcher Staatskunſt anfaßte; er wurde erſchreckt und aufgeregt durch die Frechheit, mit der Jürg die harten Knoten rückſichtslos zerhieb, deren behutſame Löſung Waſer als die höchſte Aufgabe und69 den wünſchenswerthen Triumph der Diplomatie er¬ kannte.

Es war ihm denn in dieſem raſchen Wechſel der Rede und Widerrede kaum die einzige ſchüchterne Frage gelungen, ob Fräulein Lucretia während der traurigen Wirren im Domleſchg auf dem Riedberge gewohnt habe. Da hatte ſich Jürgs Antlitz wie geſtern Abend wieder plötzlich verfinſtert und er hatte kurz geantwortet: Zu Anfang. Das Kind hat gelitten. Es iſt ein treues feſtes Herz ... Aber ſoll ich die Feſſeln eines Kindes tragen? ... Und dazu einer Planta! Thorheit. Du ſiehſt, ich habe ein Ende gemacht.

Hier hatte er ſein Thier ſo heftig geſtachelt, daß es in erſchreckten Sprüngen vorwärts ſetzte und Waſer nur mühſam das ſeinige in Zucht hielt.

In Ardenn trieben ſie ihre Maulthiere vor die Thüre des Pfarrers, aber dieſe war verſchloſſen. Blaſius Alexander war nicht zu Hauſe, Jenatſch, der mit den Gewohnheiten ſeines einſam lebenden Freundes vertraut ſchien, umging das baufällige Häuschen, fand den Schlüſſel zur Hinterthüre in der Höhlung eines alten Birnbaumes und trat mit dem Freunde in Alexanders Stube. Der von den Bäumen des wilden Gartens verdunkelte Raum war leer bis auf die längs der Fenſterſeite laufende Holzbank und den wurmſtichigen70 Tiſch, auf dem eine große Bibel ruhte. Neben dieſer geiſtlichen Waffe blickte aus der Ecke eine weltliche. Dort lehnte eine altväteriſche Muskete, über welche nun Jenatſch das ihm von ſeinem Begleiter gebotene Pulver¬ horn aus dem Müſſerkriege an einen Holznagel auf¬ hängte. Dann riß er ein Blatt aus Waſers Taſchen¬ buche und ſchrieb darauf: Ein frommer Zürcher erwartet Dich bei mir heute Abend zur Zeit des Ave Maria. Komm und ſtärk 'ihn im Glauben! Den Zettel legte er in die beim Buche der Makkabäer aufgeſchlagene Bibel.

Schon brannte die Sonne heiß, als Jenatſch ſeinem Gefährten die aus dem breit gewordenen Addathale drohend aufſteigende Zwingburg zeigte, das Ungeheuer, wie er ſie hieß, das die eine Tatze nach Bündens Chiavenna, die andere nach ſeinem Veltlin ausſtrecke. Auf der Straße nach den Wällen zog eine lange Staub¬ wolke. Der ſcharfe Blick des Bündners erkannte darin eine Reihe ſchwerer Laſtwagen. Aus ihrer Menge ſchloß er, daß Fuentes auf lange Zeit und für eine ſtarke Beſatzung verproviantirt werde. Und doch ging in Bünden die Rede, daß die ſpaniſche Mannſchaft durch die hier herrſchenden Sumpffieber auf die Hälfte zuſammengeſchmolzen ſei und der Aufenthalt in der Feſtung unter den Spaniern als todbringend gelte. 71Das war Jenatſch von einem blutjungen Locotenenten aus der Freigrafſchaft beſtätigt worden, der in Fuentes erkrankt war und, um ſolch ruhmloſem Untergange aus¬ zuweichen, ein paar Wochen auf Urlaub in der Berg¬ luft von Berbenn verlebt hatte. Sich die Zeit zu kürzen, brachte er ein neues ſpaniſches Buch mit, eine ſo luſtige Geſchichte, daß er es für unrecht hielt, allein darüber zu lachen, und er ſie dem jungen Pfarrer mit¬ theilte, an deſſen Umgang er Gefallen fand und der ihm durch ſeinen Geiſt und ſeine Kenntniß der ſpaniſchen Sprache zu dieſem Genuſſe vollkommen be¬ fähigt ſchien. Dies Buch war im Pfarrhauſe zurück¬ geblieben und heute gedachte Jenatſch den ingenioſen Hidalgo Don Quixote ſo lautete ſein Titel als Schlüſſel zu der ſpaniſchen Feſtung zu benützen.

Eben öffnete ſich ein Thor der äußerſten Umwallung vor dem erſten Proviantwagen und Jenatſch trieb ſein müdes Thier an, um bei dieſer Gelegenheit leichter Eingang zu erlangen. Als die Freunde jedoch die Feſtung erreichten, ſtand an der Fallbrücke, die Einfahrt beaufſichtigend, ein ſpaniſcher Hauptmann, ein gelber zäher Geſelle nur Haut und Knochen von dem das Fieber abgezehrt, was abzuzehren war. Er maß die Ankommenden mit hohlen mißtrauiſchen Augen und als Jenatſch mit anſtandsvollem Gruße nach dem Be¬72 finden ſeines jungen Bekannten ſich erkundigte, erhielt er die knappe Antwort: Verreiſt. Wie er darauf Arg¬ wohn ſchöpfte und weiter fragte, wohin und auf wie lange, hinzufügend, daß er noch etwas vom Beſitze des Jünglings in Händen habe, verſetzte der Spanier bitter: Dorthin. Auf immer. Ihr könnt Euch als ſeinen Erben betrachten. Dabei ſtreckte er den Zeigefinger ſeiner Knochenhand nach den dunkeln Cypreſſen einer unſern gelegenen Begräbnißkirche aus. Dann gab er der Schildwache einen Befehl und wandte den Beiden den Rücken.

Da Jenatſch kein anderes Mittel kannte, in die ſtreng bewachte Feſtung einzudringen, ſchlug er dem Freunde vor, weiter zu reiten bis an das Geſtade des Comerſee's, den ſie in geringer Entfernung lieblich leuchten ſahen. Bald erreichten ſie den belebten Lan¬ dungsplatz ſeines nördlichen Endes. Kühl hauchte ihnen die blaue, vom Geflatter heller Segel belebte Flut ent¬ gegen. Die Bucht war mit Schiffen gefüllt, die gerade ihrer Ladung entledigt wurden. Oel, Wein, rohe Seide und andere Erzeugniſſe der fetten Lombardei wurden zum Transport über das Gebirge auf Karren und Mäuler geladen. Der Platz vor der großen ſteinernen Herberge bot den Anblick eines bunten Marktes mit ſeinem betäubenden Lärm und fröhlichen Gedränge. 73Mit Mühe bahnten ſich, vorüber an Körben voll ſchwellender Pfirſiche und duftiger Pflaumen, die beiden Maulthiere den Weg bis zur gewölbten Pforte des Gaſthauſes. In dem düſtern Thorwege kniete der Wirth vor einer Tonne und zapfte ein röthliches, ſchäumendes Getränk für die durſtig ſich zudrängenden Gäſte. Ein Blick in den anſtoßenden Schenkraum überzeugte Jenatſch, daß hier zwiſchen lärmenden Menſchen und bettelnden Hunden keine kühle Stätte zu finden ſei, er wandte ſich darum nach dem Garten, der eine einzige dichte Wein¬ laube bildete und deſſen mit rankendem Grün über¬ hängte Mauern und zerfallende Landungstreppen von den Wellen beſpült wurden.

Als ſie durch die Thorhalle am Wirthe vorüber¬ ſchritten, der von einem dichten Kreiſe von Bauern umringt war, welche ihm geleerte Krüge entgegenſtreckten, ſchien er mit einer ängſtlichen Geberde gegen das Vor¬ haben des Bündners Einſprache thun zu wollen; doch in dieſem Augenblicke kam ihnen vom Garten her ein nach fremdem Schnitte gekleideter Edelknabe entgegen und wendete ſich mit anmuthigem Gruße an den jungen Zürcher, in zierlichem Franzöſiſch folgenden Auftrag aus¬ richtend:

Mein erlauchter Gebieter, Herzog Heinrich Rohan, der ſich hier auf der Durchreiſe nach Venedig befindet,74 glaubte von ſeinem Ruheplatze im Garten her zwei reformirte Geiſtliche vor der Herberge abſteigen zu ſehen und erſucht die Herren, wenn ſie dem Gewühl auszuweichen vorzögen, ſich durch ſeine Gegenwart nicht vom Beſuche des Gartens abhalten zu laſſen.

Sichtbar erfreut von dieſem glücklichen Zufalle und der ihm widerfahrenden Ehre, erwiederte Herr Waſer, etwas ſteif aber tadellos in demſelben Idiom ſich be¬ wegend, daß er und ſein Freund ſich die Gunſt erbäten, ſeiner Durchlaucht für die ihnen zu Theil gewordene Berückſichtigung perſönlich zu danken.

Die Freunde folgten dem vor ihnen herſchreitenden ſchönen Knaben in die Lauben des Gartens. Gegen Süden hatte er einen balkonähnlichen Vorſprung, durch deſſen Laubwände bunte Seidengewänder ſchimmerten und das Gezwitſcher plaudernder Frauenſtimmen, durch¬ brochen von dem hellen Jubel eines Kindes, ertönte. Dort lehnte auf ſammetnen Polſtern eine ſchlanke blaſſe Dame, deren haſtige Rede und bewegliches Mienenſpiel die Lebhaftigkeit eines Geiſtes verrieth, der ſie nicht zu erquicklicher Ruhe kommen ließ. Vor ihr auf dem Steintiſche trippelte und jauchzte ein zweijähriges Mäd¬ chen, das eine niedliche Zofe an beiden Händchen empor¬ hielt. Dazu klang die melancholiſche Weiſe eines Volks¬75 liedes, die ein italiäniſcher Junge in ſchüchterner Ent¬ fernung auf ſeiner Mandoline ſpielte.

Der Herzog ſelbſt hatte ſich an das ſtillere nörd¬ liche Ende des Gartens zurückgezogen, wo er allein auf der niedrigen von der Flut beſpülten Mauer ſaß, eine Landkarte auf den Knieen, mit deren Linien er die gewaltig vor ihm aufragenden Gebirgsmaſſen zweifelnd verglich.

Waſer hatte jetzt den Ruheplatz des Herzogs er¬ reicht und ſtellte ſich und ſeinen Freund mit einer tiefen Verbeugung vor. Rohans Auge blieb ſofort an der in ihrer wilden Kraft ſeltſam anziehenden Erſcheinung des Bündners haften.

Euer Rock ließ mich auf den evangeliſchen Geiſt¬ lichen ſchließen, ſagte er, ſich mit Intereſſe ihm zu¬ wendend. Ihr könnt alſo, obgleich wir uns auf dieſem Boden treffen und trotz Eurer dunkeln Augen kein Italiäner ſein. Da ſeid Ihr wohl ein Sohn der nahen Rhätia, und ſo will ich Euch denn bitten, mir von den Gebirgszügen, die ich geſtern, den Splügen überſchreitend, durchſchnitt und die ich zum Theil noch vor mir ſehe, einen klaren Begriff zu geben. Meine Karte läßt mich im Stich. Setzt Euch neben mich.

Jenatſch betrachtete begierig die vorzügliche Etappen¬ karte und fand ſich ſchnell zurecht. Er entwarf dem76 Herzog mit wenigen ſcharfen Zügen ein Bild der geographiſchen Lage ſeiner Heimat und ordnete ihr Thälergewirr nach den darin entſpringenden und nach drei verſchiedenen Meeren ſich wendenden Strömen. Dann ſprach er von den zahlreichen Bergübergängen und hob, ſich erwärmend, mit Vorliebe und über¬ raſchender Sachkenntniß deren militäriſche Bedeutung hervor.

Der Herzog war mit ſichtlichem Wohlgefallen und ſteigendem Intereſſe der raſchen Auseinanderſetzung ge¬ folgt, jetzt aber erhob er ſein mildes, durchdringendes Auge zu dem neben ihm ſtehenden Bündner und ließ es nachdenklich auf ihm ruhen.

Ich bin ein Kriegsmann und rühme mich deſſen, ſagte er, aber es giebt Augenblicke, wo ich diejenigen glücklich preiſe, die dem Volke predigen dürfen: Selig ſind die Friedfertigen. Heutzutage darf nicht mehr dieſelbe Hand das Schwert des Apoſtels und das Schwert des Feldherrn führen. Wir ſind im neuen Bunde, Herr Paſtor, nicht mehr im alten der Helden und Propheten. Die Doppelrolle eines Samuel und Gideon iſt nicht mehr die unſrige. Heute warte Jeder in Treue des eignen Amtes. Ich achte es für ein ſchweres Unglück, hier ſeufzte er, daß in meinem Frankreich die evangeliſchen Geiſtlichen durch ihren Eifer77 ſich hinreißen ließen, die Gemüther zum Bürgerkriege zu erhitzen. Sache des Staatsmannes iſt es, die bürgerlichen Rechte der evangeliſchen Gemeinden zu ſichern, Sache des Soldaten, ſie zu vertheidigen. Der Geiſtliche hüte die Seelen, anders richtet er Unheil an.

Der junge Bündner erröthete unmuthig und blieb die Antwort ſchuldig.

In dieſem Augenblicke erſchien der Page mit der ehrerbietigen Meldung, die Reiſebarke des Herzogs ſei zur Abfahrt bereit und Rohan beurlaubte die Freunde mit einer gütigen Handbewegung.

Auf dem Heimritte erging ſich Waſer in Betrach¬ tungen über die politiſche Rolle des Herzogs, der gerade damals ſeinen proteſtantiſchen Mitbürgern in heimiſcher Fehde einen ehrenhaften Frieden erkämpft hatte. Er meinte, freilich werde derſelbe von kurzer Dauer ſein und fand Gefallen daran, die Lage Rohans und der franzöſiſchen Reformirten ſeinem Freunde mit den dunkelſten Farben zu malen. Er ſchien etwas empfind¬ lich und verdüſtert, daß ſeine Perſon vor dem Herzog neben Jürg ſehr zurückgetreten, ja gänzlich verſchwunden war. Seit Heinrich IV., behauptete er, ſetze ſich die franzöſiſche Politik zum Ziele, die Proteſtanten in Deutſchland gegen Kaiſer und Reich zu ſchützen, den Reformirten im eigenen Lande dagegen den Lebensnerv78 zu durchſchneiden. Sie trachte, durch Wiederher¬ ſtellung der ſtaatlichen Einheit Kraft zum Vorſtoße nach außen zu gewinnen. Es ergebe ſich daraus das ſeltſame Verhältniß, daß die franzöſiſchen Proteſtanten unterliegen müßten, damit den deutſchen die diplomatiſche und militäriſche Hilfe Frankreichs, deren ſie höchlich be¬ dürften, geſichert bleibe. So ſchwebe über dem Herzog trotz der Hoheit ſeiner Stellung und ſeines Charakters das traurige Verhängnis, ſeine Kraft in unheilbaren Conflicten aufzureiben und am Hofe von Frankreich immer mehr den Boden zu verlieren. Jetzt bringe er wohl Weib und Kind nach Venedig, um bei dem näch¬ ſtens neu ausbrechenden Sturme freiere Hand zu haben.

Du biſt ja ein durchtriebener Diplomat gewor¬ den! lachte Jenatſch. Aber findeſt Du es nicht in dieſer Ebene entſetzlich ſchwül? Dort ſteht eine Scheuer ... wie wär's, wenn wir unſere Thiere eine Weile im Schatten anbänden und Du Dein weiſes Haupt ins Heu legteſt?

Waſer war einverſtanden und in kurzer Friſt hatten ſich Beide auf das duftige Lager ausgeſtreckt und waren entſchlummert.

Als der junge Zürcher erwachte, ſtand Jenatſch vor ihm, mit ſpöttiſchen Blicken ihn betrachtend. Ei, Schatz, was ſchneideſt Du denn im Schlafe für verklärte Ge¬79 ſichter? ſagte er. Heraus mit der Sprache! Was haſt Du geträumt? Von Deinem Liebchen?

Von meiner innig verehrten Braut, willſt Du ſagen. Das wäre nichts Ungewöhnliches; aber ich hatte in der That einen wunderbaren Traum ...

Jetzt weiß ich's ...... Dir träumte, Du ſeieſt Bürgermeiſter von Zürich!

So war es .... merkwürdiger Weiſe! ſagte Waſer ſich ſammelnd. Ich ſaß in der Rathsſtube und hielt Vortrag über Bündnerdinge, über die Be¬ deutung der Feſte Fuentes. Als ich geendet, wandte ſich das nächſtſitzende Rathsglied gegen mich mit den Worten: Ich bin ganz der Meinung ſeiner Geſtrengen des Herrn Bürgermeiſters. Ich ſah mich nach dieſem um; aber ſiehe, ich ſaß ſelbſt auf ſeinem Stuhle und trug ſeine Kette.

Auch mir hat geträumt, ſagte Jenatſch, und recht ſeltſam. Du weißt, oder weißt nicht, daß in Chur ein ungariſcher Aſtrolog nur Retromant ſein Weſen treibt. Mit dieſem Gelehrten hab 'ich mich während der letzten langwierigen Synode nächtlicher Weile ein¬ gelaſſen, um zu ſehen, was an der Sache ſei.

Um Himmelswillen, Aſtrologia! ... Und Du biſt ein Geiſtlicher! rief Waſer entſetzt. Sie vernichtet die menſchliche Freiheit und dieſe iſt die Grundlage80 aller Sittlichkeit! Ich bin ein entſchiedener Bekenner der menſchlichen Freiheit!

Wohl Dir, fuhr der Andere unbeirrt fort. Bei¬ läufig geſagt, es gelang mir nicht, aus dem Hexen¬ meiſter etwas Feſtes und Faßbares herauszubringen. Entweder wußte er nichts, oder er fürchtete von mir verrathen zu werden. Vorhin im Traume aber ſah ich den Mann wieder vor mir und ich ſetzte ihm den Dolch auf die Bruſt, um mein Schickſal zu erfahren. Da entſchloß er ſich, es mir zu zeigen und zog mit den feierlichen Worten: Dieſer iſt dein Schickſal! den Vorhang von ſeinem Zauberſpiegel.

Anfangs ſah ich nichts als eine helle Seelandſchaft, dann trat eine grünbewachſene Mauer hervor und da ſaß, die Karte von Bünden vor ſich, mild und bleich, wie wir ihn eben geſehen haben, der Herzog Heinrich Rohan.

Sechstes Kapitel.

Unter dieſen Geſprächen waren die Freunde auf der ſtaubigen Landſtraße, die durch das Veltlin hinauf¬ führt, eine gute Strecke weiter getrabt und ſchon er¬ glänzten in der Ferne das Schloß und die Mauern von Morbegno.

Jetzt blickte Jenatſch ſcharf auf die letzte Windung des in weitem Bogen nach dem Städtchen laufenden Weges. Dort bewegte ſich langſam ein kleiner brau¬ ner Reiter.

Bravo, rief der Bündner, da machſt Du eine prächtige Bekanntſchaft! Dort kommt der Pater Pan¬ crazi, voreinſt das iſt vor einem Jahrzehnt Al¬ menſerkapuziner und Beichtiger der Nönnchen von Cazis. Wir haben ihm ſein Kloſter aufgehoben. Wären unſere Kapuziner alle ſo gute Bündner wie er, und ſo witzige Geſellen, man hätte ſie unbehelligt gelaſſen. Seit¬Meyer, Georg Jenatſch. 682her hat er ſein Unterkommen in einem Ordenshauſe irgendwo am Comerſee gefunden und führt hier herum, predigend und terminirend, ein fahrendes Leben.

Er iſt mir nicht unbekannt, erwiederte Waſer. Voriges Jahr collectirte er in Zürich für die Uebrig¬ gebliebenen und Verarmten eurer verſchütteten Stadt Plurs und betonte mit beweglichen Worten als gute Seite ſolcher Verheerungen, daß ſich die Chriſten in dieſen Jammerfällen über die Scheidewand der Konfeſſionen hinweg hilfreich die Bruderhand reichen. Kurz nachher aber kam mir eine gedruckte Bußpredigt von ihm zu Geſichte, worin er zu meinem ärgerlichen Erſtaunen in der derbſten Sprache behauptet, der Bergſturz ſei ein warnendes Gericht und eine gött¬ liche Strafe für die Duldung der Ketzerei. Das heißt in ſträflicher Weiſe mit zwei Zungen geredet.

Wer wird das einem Kapuziner und praktiſchen Manne verdenken! lachte der Andere. Sieh, er ſetzt ſein Eſelchen in Trott, er hat mich erkannt.

Der Kapuziner trabte auf ſeinem Thiere, das neben ihm noch zwei volle Körbe trug, ſo raſch heran, daß der Staub in Wirbeln aufflog. Aber die luſtige Begrüßung, die Waſer erwartete, blieb aus. Pancrazis kurze Geſtalt drängte haſtig vorwärts und ſtreckte ihnen die Rechte mit abmahnender Geberde entgegen, als be¬83 deute er die Reiſenden, ihre Maulthiere zu wenden. Nun hatte er ſie faſt erreicht und rief ihnen zu:

Zurück Jenatſch! Nicht hinein nach Morbegno!

Was bedeutet das? fragte dieſer ruhig.

Nichts Gutes! verſetzte Pancratius. Wunder und Zeichen geſchehen im Veltlin, das Volk iſt aufge¬ regt, die Einen liegen in den Kirchen auf den Knien, die Andern laden ihre Büchſen und wetzen ihre Meſſer. Zeige Dich nicht in Morbegno, kehre nicht auf Deine Pfarre zurück, wende Dein Thier und flüchte nach Chiavenna!

Was? Ich ſoll mein Weib im Stiche laſſen? fuhr Jenatſch auf; meine Freunde nicht warnen? Den braven Alexander und den redlichen Fauſch auf ſeinem Bergdorfe Buglio? Nichts da! Ich reite zurück natürlich das Städtchen umgehend über die Adda. Mein Kamerad hier, Herr Waſer von Zürich, kennt keine Furcht ... und Du, Pancrazi, thuſt mir den Gefallen und kommſt mit. Du nächtigſt bei mir. Meine Ber¬ benner ſind nicht ſo gottverlaſſen, daß ſie des heiligen Franziskus Kutte nicht in Ehren hielten.

Nach kurzem Beſinnen willigte der Kapuziner ein. Meinetwegen, am Ende! ſagte er. Heute bin ich Dein Schutzpatron, ein ander Mal biſt Du der meinige.

So ritten ſie, was ihre Thiere laufen konnten,6*84nach Berbenn hinüber und wie wenig Waſer auch dieſe wilden Ereigniſſe zuſagten, er machte gute Miene und rechnete es ſich zur Ehre, das ihm ertheilte Lob der Tapferkeit zu verdienen.

Eben ertönte die friedliche Abendglocke, als ſie vor der Pfarre von Berbenn abſtiegen. Unter dem niedri¬ gen Eingangsbogen des Laubdaches ſtand ein breitſchul¬ triger ernſter Mann von kleiner Statur aber mit aus¬ drucksvollem Kopfe, nachdenklich und aufmerkſam ſeinen Hut betrachtend, welchen er nach allen Seiten drehte und gegen das Licht hielt. Es war ein hoher ſpitzer Filz von ſchwarzer Farbe.

Was ſtellſt Du da für tiefſinnige Unterſuchungen an, Kollege Fauſch? begrüßte ihn Jenatſch. Was iſt's mit Deinem Filz? Oben aufgeriſſen, wie ich ſehe. Willſt Du ihn hinfür zur Verſtärkung Deines Baſſes als Sprachrohr gebrauchen?

Sorgenvoll erwiederte der Kleine: Betrachte das Loch näher, Jürg! Seine Ränder ſind verbrannt. Es iſt eine Kugel durchgefahren, die mir einer Deiner Ber¬ benner zuſchickte, als ich durch die Weinberge hinunter¬ ſtieg. Natürlich galt ſie Dir; denn man ſah über der Mauer nur meinen Kopf und der gleicht dem Deinigen, wie Du weißt, zum Verwechſeln. Der Teufel ſoll mich holen, fuhr er heftiger fort, wenn ich nicht den geiſt¬85 lichen Stand quittire. Der Part iſt ungleich: uns iſt nur das Schwert des Geiſtes geſtattet, angefallen aber wird unſer Fleiſch mit Eiſen und Blei.

Gedenke Deines Schwurs, Fauſch, mein Sohn, das Evangelium zu predigen usque ad martyrium, erſcholl aus dem Hintergrunde der Laube von einer tief beſchatteten Bank her die etwas dumpfe Stimme eines graubärtigen Mannes, der dort in aufrechter Haltung am Tiſche ſaß und ſich von der ſchönen Lucia Saſſeller einſchenken ließ. Das junge Weib aber erblickte kaum ihren Mann, ſo eilte es ihm entgegen und ſchmiegte ſich bleich und furchtſam an ſeine Seite, als ſuche es Schutz vor einer entſetzlichen Angſt.

Exclusive, Blaſius! exclusive! Bis an den Martertod hinan, aber nicht hinein! antwortete Fauſch, ſich zu ſeinem Kollegen wendend, deſſen Glas er ergriff und bis auf den letzten Tropfen leerte.

Indeſſen machte Jenatſch ſeinen zürcheriſchen Freund mit dem glaubensſtarken Pfarrer Blaſius bekannt und ſtellte ihm dann lachend in Pfarrer Lorenz Fauſch einen Schulkameraden aus dem Loch in Zürich vor, deſſen ſich Waſer gar wohl erinnerte als eines um ein paar Jahre ältern, ziemlich liederlichen Studiengeſellen. Die¬ ſer Mann hat ſeither in Bündnerdingen eine hervor¬86 ragende Rolle geſpielt, behauptete Jürg und ſchlug dem Kleinen auf die Schulter.

Der Kapuziner ſchien mit beiden Pfarrern auf bekanntem Fuße zu ſtehen und Fauſch fuhr, diesmal an Waſer ſich wendend, in ſeiner aufgeregten Rede fort:

Glaubſt Du's wohl, Herr Zürcher? Wäh¬ rend Du in Deiner löblichen Stadt ſittſam zur Pre¬ digt gehſt und über das Geſangbuch hinweg züchtig nach Deinem Jungfräulein ausſchauſt, betrete ich armer Streiter Gottes niemals die Kanzel ohne frö¬ ſtelnd den Rücken einzuziehen, aus Furcht es fahre mir das Meſſer oder die Kugel eines meiner Pfarr¬ kinder zwiſchen die Schultern! Aber, ſagte er, nachdem er mit den Männern in die Stube getreten, nun bin ich auch zum längſten Pfarrer geweſen. Dies Erlebniß, er zeigte auf das Loch in ſeinem Filze, giebt den Ausſchlag. Das Maß iſt voll. Ich habe von meiner Muhme in Parpan zweihundert Goldgulden geerbt, gerade genug um ein ſicheres Gewerbe zu be¬ ginnen. Herunter mit dem Pfarrrock! und er legte Hand an ſein geiſtliches Kleid.

Warte, Freund! rief Jenatſch, das verrichten wir zuſammen. Auch mein Maß iſt heute voll gewor¬ den! Nicht eine feindliche Kugel verjagt mich von der Kanzel, ſondern eine freundliche Rede. Der Herzog87 Heinrich hat Recht, wandte er ſich an den erſtaunten Waſer, Schwert und Bibel taugen nicht zuſammen. Bünden bedarf des Schwertes und ich lege die geiſt¬ liche Waffe zur Seite, um getroſt die weltliche zu er¬ greifen. Mit dieſen Worten riß er ſein Predigerge¬ wand ab, langte ſeinen Raufdegen von der Wand her¬ unter und gürtete ſich ihn um den knappen Lederkoller.

Potz Velten, ihr gebt ein luſtiges Beiſpiel, rief der Kapuziner mit ſchallendem Gelächter. Faſt ge¬ lüſtet mich, es euch nachzuthun! Aber meine braune Kutte iſt leider zu zäh und hat ein feſter Gewebe als eure Röcklein, ehrwürdige Herren!

Blaſius Alexander, der dieſem Vorgange ohne Ver¬ wunderung, aber mißbilligend zuſchaute, faltete jetzt die Hände und ſprach feierlich: Ich aber gedenke zu ver¬ harren im Amte bis ans Ende usque ad martyrium, bis in den Martertod, zu welcher Ehre Gott mir helfe!

Kein ſchönrer Tod iſt in der Welt,
Als wer vorm Feind hinſcheidt ....

ſang Jenatſch mit flammenden Augen.

Ich werde ein Zuckerbäcker, erklärte Fauſch wich¬ tig, ein Bischen Weinhandel daneben iſt ſelbſtverſtänd¬ lich. Damit ſetzte er ſich an den Tiſch, ſchnallte eine kleine Geldkatze ab, die er um den Leib trug, und begann die Goldſtücke, eifrig rechnend, in Häuflein zu ordnen.

88

Jürg Jenatſch aber umſchlang die eben eintretende Lucia und küßte ſie mit überſtrömender Zärtlichkeit: Sei getroſt, mein Herz, und freue Dich! Eben hat Dein Georg den ſchwarzen geiſtlichen Rock abgeworfen, der Dich mit den Deinen verfeindet hat. Wir ziehn hier weg, es wird Dir wohlergehn und Du erlebſt an Deinem Manne Ehre die Fülle.

Lucia erröthete vor Freude und blickte mit ſeliger Bewunderung in Jürgs übermüthiges Angeſicht, aus dem eine wilde Freude ſprühte. Noch nie hatte ſie ihn ſo glücklich geſehn. Offenbar wich eine dunkle Furcht von ihrem Herzen, an der ſie von Tage zu Tage ſchwe¬ rer getragen und die ihr das Leben in der Heimat verleidet hatte.

Hier, Jürg, mein Bruder, ſagte jetzt Fauſch, der mit ſeiner Rechnung fertig war, hier mein Ein¬ gebinde zu Deinem Tauftage als Ritter Georg! Für Gaul und Harniſch. Das Kapital iſt gut angelegt. Ich komme mit einem Hundert zurecht. Und er ſchob ihm die Hälfte ſeines kleinen Erbes zu.

Jürg ſchüttelte die ihm entgegengeſtreckte kurze breite Hand derb, aber ohne ſonderliche Rührung und ſtrich das Gold ein.

Inzwiſchen hatte ſich Waſer zu Pater Pancraz ge¬ ſetzt, um ihm auf den Zahn zu fühlen. Dem Zürcher89 erſchien des Kapuziners keckes Betragen, ſeine Luſtig¬ keit und Selbſtbeherrſchung etwas zweideutig und ver¬ dächtig. Aber ſein Mißtrauen ſchwand, als er die un¬ geſchminkt herzliche Beſorgniß des Paters um das Schick¬ ſal ſeiner bündneriſchen Landsleute wahrnahm und er mußte bewundern, wie richtig Pancraz die gefährlichen Verhältniſſe auffaßte, wie ſcharf er die Vorzeichen des herannahenden Sturmes beobachtet hatte.

Ich fürchte, es ſind große Herren, ſagte der Pater, Spanier, vielleicht auch Bündner, die diesmal das Spiel in Händen halten und zu ihren habgierigen und herrſchſüchtigen Zwecken den frommen, einfältigen Glauben des Veltlinervolks mißbrauchen. Wehe, ſie ſchüren einen hölliſchen Brand, das Blut, das ſie ver¬ gießen, wird ihnen bis an die Kehle ſteigen und ſie erſäufen. In Morbegno hieß es, die Mordbanden des Robuſtell ſeien ſchon auf dem Wege das Thal her¬ unter. Gott gebe, daß ſolcher Greuel nur in den wel¬ ſchen Köpfen ſpukt! Eins aber iſt gewiß und das beherzigt, ihr Männer ſprach er aufſtehend und an die drei Bündner ſich wendend: des Bleibens der Proteſtanten im Veltlin iſt nicht mehr.

Jetzt erhob Jenatſch die Stimme. Kein Zweifel, Brüder, die Gefahr iſt vor der Thür! ſagte er. Kein Augenblick iſt zu verlieren. Fort müſſen wir. Wir ſammeln90 in Eile unſere wenigen Glaubensgenoſſen, treiben unſere geiſtliche Heerde, Mann, Weib und Kind, über das Ge¬ birge nach Bünden, und decken bewaffnet den Rückzug.

Blaſius Alexander ſchüttelte den Kopf als er von Flucht reden hörte, und lud mißvergnügt ſeine Muskete, die er mitzubringen nicht verſäumt hatte, mit Pulver aus dem großen an ſeiner Hüfte hangenden Familien¬ horn. Dann ſtellte er die Waffe zwiſchen die Kniee und fuhr fort, langſam aber unausgeſetzt, Becher um Becher zu leeren, ohne daß der feurige Wein den kalt ruhigen Blick ſeines Auges im Mindeſten belebt, oder ſein farbloſes Angeſicht geröthet hätte.

Der junge Zürcher ſah dieſem Thun bedenklich zu und konnte endlich die Bemerkung nicht unterdrücken, ob der edle Trank, in ſolcher Ueberfülle genoſſen, dem Herrn Blaſius nicht zu Kopfe ſteigen und die im nahenden Augenblicke der Gefahr ſo nöthige Geiſtes¬ klarheit trüben könnte.

Darauf warf ihm der Alte einen etwas verächt¬ lichen Blick zu, antwortete aber gelaſſen und ungekränkt: Ich vermag Alles in dem Herrn, der mich ſtark macht.

Das iſt ein chriſtlich Wort! rief der Kapuziner, ließ die Gläſer klingen und reichte dem greiſen Prädi¬ kanten über den Tiſch die Hand.

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Unterdeſſen war der Mond aufgegangen und über¬ rieſelte draußen die Krone der Ulme und die ſchwere Blätterdecke der Feigenbäume mit hellem Lichte; aber nur eine ſpärliche Helle drang durch die kleinen Fen¬ ſter in das breite, tiefe Gemach und ſchattete ihre maſſiven Gitterkreuze auf dem ſteinernen Fußboden ab.

Lucia ſtellte die italieniſche eiſerne Oellampe auf den Tiſch und entfachte, die Dochte in die Höhe ziehend, drei helle Flämmchen, die auf ihr über das Geräth gebeugtes liebliches Antlitz einen rothen Wiederſchein