PRIMS Full-text transcription (HTML)
Gockel, Hinkel und Gackeleia
ein Maͤhrchen.
[I]
[figure]
[II][III]

Herzliche Zueignung.

Keiner Puppe, ſondern nur Einer ſchönen Kunſtfigur weihe ich dieſes Paradieschen, dieſe Rarität, dieſe Kunſt, dieſe verſpäteten Schmetterlinge, dieſes Adonisgärtchen, dieſes Mährchen;

Sie halte ihnen den Daumen, friſte ihnen das Leben, laße ſie welken und ſterben auf kindlichen Händen.

Liebſtes Großmuͤtterchen! Nimm nur Gockel, Hinkel und Gacke¬ leia freundlich bei dir auf. Demuͤthig all dein Lebtage verlaͤugneteſt du immer nur dich, nimmer aber mich, und ſo mag der Alektryo munter zwiſchen uns kraͤhen, ohne uns zu erſchrecken. Auch jetzt brauchſt du dich meiner nicht zu ſchaͤmen, denn erſt am Schluße dieſer hoͤchſt wahrhaften Geſchichte, als ſie ſelbſt zu einem Maͤhr¬ chen und alle darin verwickelten hohen und niedern Standesper¬ ſonen zn Kindern geworden, lege ich dir die ganze Beſcherung maͤhrchenhaft zu Fuͤßen, und kannſt du mich mit gutem Gewiſſen fuͤr dein Enkelchen halten. Wie oft haſt du uns Kindern den Chriſtbaum geſchmuͤckt und mit Lichtern erleuchtet, und mit derIVHerzliche Zueignung. Schelle klingelnd, die Thore des verlornen Paradiesgaͤrtchens er¬ oͤffnet, daß wir unſchuldige Fruͤchte vom Baume des Lebens pfluͤck¬ ten. Nicht aus mir, ſondern nur aus Achtung vor den ehrwuͤrdigen Leuten, die aus ihren Urſachen die Welt verkehrt nennen, habe ich den Nuͤrnberger Bilderbogen von der verkehrten Welt genauer ſtudirt, und, um eine hoͤchſt wichtige Luͤcke in ihm zu ergaͤnzen, das feierliche Amt eines Enkels uͤbernommen, der ſeiner Großmutter ein Maͤhr¬ chen beſchert. Vor Allem aber zuͤrne mir nicht, wenn du das Meiſte in dieſem Maͤhrchen als das Deine wieder erkenneſt; ach Gro߬ muͤtterchen! wo ſollte ich dann alle die artigen Verkleidungen und ſieben Saͤchelchen, die ganze Garderobe der Puppe nein der nur allerſchoͤnſten Kunſtfigur her haben, als aus dem reizenden Glas¬ ſchraͤnkchen in deiner Stube, in dem alle die Alter - und Neuer¬ thuͤmer der Orden des Oſtereis, der Taͤndelei, der Kinderei und der freudigen frommen Kinder aus Gelnhauſen, Gockelsruh und Henne¬ gau und die heiligen Reichskleinodien des Laͤndchens Vadutz, wenn ich mich nicht irre, aufbewahrt ſind? woher ſollte ich alle die kurioſen Kraͤuter und Blumen, alle die Hahnen - und Huͤnerpflanzen und das ganze Marienkloſtergaͤrtchen denn haben, als aus deinen botaniſchen Vorrathskammern und Trockenanſtalten zur Bekraͤnzung des menſch lichen Lebens? ja du Kraͤnzewinderin, Kronenbinderin, Straͤußerkraͤus¬ lerin, aus deinen vielen getrockneten Blumenſammlungen habe ich geſtohlen, und von dir habe ich gelernt, mit jener Anhaͤnglichkeit, die aus dem Herzen des Lebensbaumes quillt, dieſe Blumen dir zur Er¬ heiterung um ein Maͤhrchen herum zu befeſtigen, wie du ſie deinen Freunden mit jenem Gummi, das aus der Rinde der arabiſchen Acacia vera quillt, um artige Bilder und Reime in ſchoͤner Anord¬ nung auf Papier zu heften pflegſt. Aus deiner großen Gallerie aus¬ geſchnittener Bildchen habe ich den groͤßten Theil der artigen Figuͤr¬ chen, welche ich hier, gleich dir, in ſcherz und ernſthafter Combina¬ tion zu einem Bilderbuche zuſammengeklebt habe, und zwar von dir fuͤr dich. Ach! wenn ich ſo recht in der Arbeit war, ſah ich oft nach der Gegend von Gockelsruh hin und dachte, dort herum ſitzt jetzt vielleicht auch ſchon das Großmuͤtterchen und klebt mir und den an¬ dern Kindern mit großer Geduld ein Bilderbuch zur Beſchauung zu¬ ſammen. Wenn du alles das Deine nicht gleich wieder erkennſt, ſo mußt du bedenken, daß große Leute nicht mit den Fingern auf die kleinen Großmuͤtter deuten duͤrfen, und daß ich erſt am SchlußeVHerzliche Zueignung. des Maͤhrchens ein Kind geworden bin, um in dieſer Zueignung mit der Wahrheit herausplatzen zu duͤrfen. In vielen Zuͤgen jedoch wirſt du dich gewiß gern wiederfinden, z. B. in allen den Fahnen bei dem Leichenzuge des armen Kindes von Hennegau; denn ich ſelbſt habe ja ſchon ſolche Fahnen aus deinen Haͤnden den Armen gegeben. Auch der Name und Orden des armen Kindes von Hennegau muß deinem Herzen nahe liegen, denn liebes Großmuͤtterchen, wir ſind wohl beide arme Kinder, wenn gleich nicht von Hennegau. Die Ortsnamen wirſt du uͤberhaupt nicht zu ſtrenge nehmen, denn du weißt, daß alle hoͤchſt wichtigen, oder gar nothwendigen Begebenheiten, Gott ſey Dank, uͤberall geſchehen ſind. Du fragſt mich, was mich meine leibliche Großmutter oft gefragt: woher haſt du nur alle das wunderliche Zeug? ich antworte: ach, es iſt nicht weit her! die Grund¬ lage von dem Hahn und dem Ring hoͤrte ich als Knabe von einem waͤlſchen Chocolatemacher kraͤhend erzaͤhlen. Gelnhauſen praͤgte ſich mir in der Jugend durch den Zettel an einer Bude mit Wachsfiguren ein, welcher lautete: wahrhafte Abbildung der beiden Gebruͤder Vatermoͤrder von Gelnhauſen als ſey dies eine Handlungsfirma. Spaͤter ein Mal durch dieſe Stadt fahrend, glaubte ich beſonders viele Baͤcker und Fleiſcherladen dort zu ſehen; waͤre aber dieſes nur ein Spiel der Phantaſie geweſen, ſo mahnt mich doch heut eine Fuͤgung, allen Lohn, den mir Gockel je zu Tage ſcharren wird, nach Gelnhauſen zu wenden. In das Land Hennegau bin ich durch Gockel und Hinkel gerathen; das Laͤndchen Vadutz aber habe ich von Jugend auf ſeines kurioſen Namens wegen gar lieb ge¬ habt, ohne doch je zu wiſſen, wo es eigentlich liegt; ich habe auch nie darnach gefragt, um nicht aus einem jener Traͤume zu kommen, welche die Pillen der ſogenannten Wirklichkeit vergolden. Vadutz iſt mir noch jetzt das Land aller Schaͤtze, Geheimniſſe und Kleinodien und dort iſt mir das Thule, wo der Koͤnig den liebſten Be¬ cher, ehe er ſtarb, in die Fluth hinab geworfen. Da ich als ein Knabe in dem Comtoir den gelehrten Rabbi Gedalia Schnapper mit dem unvergleichlichen Abarbanel Meyer auf Tod und Leben, ſo daß man mehrmals Waſſer auf ſie gießen mußte, um ſie auseinan¬ der zu bringen, uͤber die Lage eines wunderbaren Landes disputiren hoͤrte, welches der Fluß Sabbathion umfließt, der die ganze Woche ein unzugaͤngliches Steinmeer iſt und nur am Sabbath ſeine Wogen bewegt, floh ich auf den Speicher in die Einſiedelei eines leeren Zu¬VIHerzliche Zueignung. ckerfaſſes und beweinte die Blindheit der Menſchen, welche nicht fuͤhl¬ ten, daß jenes Land nothwendig das Laͤndchen Vadutz ſeyn muͤſſe. Alle Wundergebirge der Geſchichte, Fabel - und Maͤhrchenwelt, Him¬ melaya, Meru, Albordi, Kaf, Ida, Olymp und der glaͤſerne Berg lagen mir im Laͤndchen Vadutz. Alle ſeltſamen, merkwuͤrdigen und artigen Dinge von den Reichskleinodien bis zum Nuͤrnberger Guck¬ glaͤschen à 4 kr., in dem Erbſen, Goldblaͤttchen und blauer Streu¬ ſand unter einem Vergroͤßerungsglas geſchuͤttelt, alle Schaͤtze der Welt darſtellen, ſchienen mir aus Vadutz zu ſeyn. In der ſogenannten Schachtelkammer des Hauſes voll abentheuerlichen Geruͤmpels war mir das Archiv von Vadutz, ja das goldne Zeichen uͤber unſerem Haus¬ thor ſelbſt ſchien mir aus dieſem gelobten Laͤndchen, als es in wirrer Zeit den Kopf verloren, zu uns emigrirt. Auf der Gallerie aber, einem ſchon vornehmeren Bewahrungsraum, war mir die Schatz - und Kunſtkammer. Hier war das Arſenal verfloſſener Chriſtfeſte, hier wurden die Dekorationen und Maſchinerien der Weihnachtskrip¬ pen bewahrt; hier ſtand eine Prozeſſion allerliebſter kleiner Wachs¬ puͤppchen, alle geiſtlichen Staͤnde, alle Moͤnche und Nonnen vom Pabſte bis zum Eremiten, nach der Wirklichkeit gekleidet, und gleich neben ihnen das Modell eines Kriegsſchiffes. O Schatzkammer von Vadutz, was botſt du Alles dar? Vor allem aber entzuͤckte mich ein kunſtreicher Beſatz von den Braut - und Feſtkleidern meiner Großmut¬ ter. Nie kann ich die Bauſchen und Puffen von Seide und Spitzen vergeſſen, gleich Berg und Thal eines Feenlandes, gleich den Zau¬ bergaͤrten der Armida von den Gewinden feiner, allerliebſter, bun¬ ter Seidenbluͤmchen labirinthiſch durchirrt. Ich will dir es nur ge¬ ſtehen, liebes Großmuͤtterchen, oft, wenn ich ſo gluͤcklich war, den Gallerieſchluͤſſel zu erwiſchen, ſtellte ich mich krank, um Sonntags nicht mit den Eltern nach Gockelsruh oder auf die ſtille Muͤhle fah¬ ren zu muͤſſen, und ſperrte mich dann, wenn alle andern weg waren, zwiſchen dieſen Herrlichkeiten ein. Das Kriegsſchiff war mir zu hoͤl¬ zern, klapperig und wirr mit den vielen Stricken, Flaſchenzuͤgen und Segeln, und man konnte auch nicht zu dem Kapitaͤn in die Kajuͤte hinein, man ſah ihn nur durch ein Fenſterchen am Tiſch vor einer Landkarte und dem Kompaß unbeweglich ſitzen. Ich konnte nichts mit dem Schiffe anfangen, es war kein Waſſer da; die Prozeſſion der geiſtlichen Wachspuͤppchen war ſo delikat und zerbrechlich, daß ich ſie kaum anzuſchauen wagte; waͤre ſie von buntem Zuckerwerke gewe¬VIIHerzliche Zueignung. ſen, ſo waͤre ſie vielleicht Gefahr gelaufen, durch meinen Geſchmack zu erbleichen, aber in ihrer jetzigen Beſchaffenheit ſtand ſie unter den Kanonen des Kriegsſchiffes ſicher vor mir. Jene biegſamen, un¬ zerbrechlichen Zaubergaͤrten von Seidendrathbluͤmchen aber, welche ich hoͤchſtens ein wenig zerbog, legte ich um mich her, und ſaß da¬ zwiſchen, die drei Pomeranzen, das gruͤne Voͤgelchen, das tanzende Waſſer von Gozzi leſend, und glaubte mich ſelbſt einen verſchaͤferten Prinzen, der voll Sehnſucht ſeine Laͤmmer in den Thaͤlern dieſes Paradieſes weidete und nach Erloͤſung ſeufzte. Ich glaubte mich dann mit dieſen Zaubergaͤrten mitten in Vadutz, wo mir das Paradies, wie Lindaraxas Gaͤrtchen mitten in dem Alhambra eingeſchloſſen lag. Da lebte ich eine Maͤhrchenwelt, die uͤber der Wirklichkeit, wie ein Sternhimmel uͤber einer Froſchpfuͤtze lag. Man nannte dieſe ungemein artigen Blumenverzierungen mit vollem Recht agréments, Anmuthigkeiten, Lieblichkeiten. Als man dieſe Anmuthigkeiten nicht mehr trug, benuͤtzte man ihre Ueberbleibſel, kleine Heiligen-Bilder oder Wachskindchen damit zu umgeben, und nannte dieſe unter einem Glaſe bewahrt, Paradieschen, welche die Kinder mit großer Luſt betrach¬ teten, ſich feſt einbildend, Adam und Eva ſeyen einſt mit allen Geſchoͤpfen in ſolcher Herrlichkeit herumſpaziert. Weil nun jeder Menſch wohl fuͤhlt, daß er das Paradies verloren hat, und ſich da¬ her irgend ein Surrogat erſchaffen, ſich mit irgend einem Schmuck, einer Krone u. dgl. verkleiden, verſchoͤnern moͤchte, machten ſich von je die Toͤchter der Menſchen, naiv genug, ſolche kleine Gaͤrten aus ver¬ gaͤnglichen Dingen, wozu aller Putz der Frauen und die kleinen Ado¬ nisgaͤrtchen gehoͤren, die bei dem Adonisfeſte um Sonnenwende prun¬ kend umher getragen und dann in den Strom geworfen wurden; ſo auch machen ſich gern die Kinder aus dergleichen Ueberreſten von Flittern irgend eine glitzernde Zuſammenſtellung unter einem Stuͤck¬ chen Glas, hinter einem Thuͤrchen von Papier, und zeigen ein¬ ander fuͤr eine Stecknadel dieſe Herrlichkeit. Als ich ſpaͤter in Geſchaͤften der Akademie der Menſchenkenner eine große Reiſe mit dem gelehrten Wunderkind Monſieur Heinicke machte, theils um dem verlornen Paradies, theils um allen Raritaͤten und der Kunſt auf die Spur zu kommen, war das Reſultat unſers Reiſeberichts: Einige bunte Seidefloͤckchen mit Goldfaͤdchen, Flittern und andern Agre¬ ments mehr oder weniger fantaſtiſch verwirrt und hinter einem Qua¬ dratzoll weißen Glaſes auf Papier platt gedruͤckt, und das AllesVIIIHerzliche Zueignung. mit einem Thuͤrchen bedeckt, ließen uns an vielen Orten die Kinder um den Preis einer Stecknadel ſehen, weswegen wir der Akademie 12 kr. fuͤr einen Brief Stecknadeln berechnen. Ueberall war es ei¬ gentlich dasſelbe; mir ſchien uns merkwuͤrdig, daß in Koͤln ein Hei¬ ligenbildchen darin war und man es ein Paradies nannte, daß in Nuͤrnberg ein Spielpfennig darin war und man es eine Raritaͤt nannte, daß in Berlin ein Bischen Rauchpulver darin war und man es eine Kunſt nannte. Ueberall aber koſtete es nur eine Stecknadel.

Laͤngere Zeit hielt ich mich und eine meiner Schweſtern fuͤr die privatiſirenden Beſitzer von Vadutz, und wir erzaͤhlten uns jeden Morgen die Tugenden, welche wir in den Traͤumen der letz¬ ten Nacht an Land und Leuten inkognito ausgeuͤbt hatten. Unſere Ver¬ dienſte haͤuften ſich dermaßen, daß wir ſie in Bataillone einthei¬ len und außer den Revuen in den Feldbau entlaſſen mußten. Es reicht hin, wenn ich ſage, daß wir die Akazienbaͤume, den Erd¬ mandel-Caffee, den Schluͤſſelblumen-Champagner, die Uebung des Koͤrpers durch Tanzen fuͤr alle drei chriſtlichen Religionspartheien, das Gichtpapier, die Toleranzpomade, die Beruhigungs-Schawls à 2 fl. 24 kr., die Kaͤppchen aus Freundſchaft à 12 kr. die Kuhpo¬ cken, die Kunſt ein guter Juͤngling, ein edles Maͤdchen zu werden, und Eliſe, das Weib, wie es ſeyn ſoll, und Alles, wie es ſeyn ſoll und nie ſeyn wird, und die waſſerdichten Lobzettel in Vadutz einfuͤhrten. Unſere Geldſorten ſchnitten wir aus Goldpapier. Unſre Gnadenge¬ ſchenke beſtanden aus Abſchnitten von Zuckerpapier, welches noch die Fußtapfen der darauf gebackenen Bisquits trug. So machten wir Alles und vor Allem uns hoͤchſt gluͤcklich. Da nun eine Kaiſer¬ kroͤnung nahte und oft von den Reichskleinodien und allerlei Beleh¬ nungen geſprochen wurde, dachten wir uns auch Reichskleinodien von Vadutz aus. Wir regierten inkognito, die Kleinodien mußten alſo verſteckt getragen werden. Nie hatte ich etwas blinkenderes geſehen, als die Epaulets eines ungariſchen Magnaten, und ſo verfertigte ich dann aus Goldpapier und allerlei Flittern Achſelbaͤnder, als die Reichskleinodien von Vadutz, die ich verſteckt unter meiner Weſte tragen konnte. Da nun alle Reichskleinodien eine ſehr alte Geſchichte haben, und ich keine aͤltere Geſchichte von Kleinodien wußte, als daß Abrahams Knecht der Rebecka Armringe angelegt, ſo ließ ich die Reichskleinodien von Vadutz, die Schulterbaͤnder der Rebecka ſeyn; und weil die aͤltern Geſchwiſter, wenn ich mich bei dem Bilder-An¬IXHerzliche Zueignung. ſchauen ihnen uͤber die Schultern lehnte, mehrmals geſagt: du meinſt wohl, du ſeyſt der Kaiſer, daß du mich belehnen willſt? ſo nannte ich auch dieſe Schulterbaͤnder die Lehnskleinode von Vadutz. Aber kein Gluͤck beſteht auf Erden! und jetzt, liebes Groͤßmuͤtterchen, iſt endlich die Zeit gekommen, da ich dich mit dem Urſprung vieler Thraͤnen bekannt machen kann, welche ich aller Welt zum Raͤthſel ver¬ goſſen habe. Ich traͤumeriſcher Knabe hielt mich bei der Kaiſer¬ kroͤnung fuͤr nichts mehr und nichts weniger, als den verkannten pri¬ vatiſirenden Regenten von Vadutz, und wuͤrde es nach jener groͤßten Ungerechtigkeit, daß der Hauptmann von Capernaum noch immer nicht Major geworden iſt, fuͤr die allergroͤßte gehalten haben, wenn beim Ritterſchlag nach der Frage: iſt kein Dalberg da? nicht die Frage gefolgt ſeyn wuͤrde: iſt kein edler Dynaſt von Vadutz da, daß er das Lehnskleinod auf ſeine Schultern empfange? So ſtanden meine Hoffnungen, als nun am Vorabende ihrer Erfuͤllung mich ein alter Diener des Hauſes, Herr Schwab, der Buchhalter, an deſſen Originalitaͤts-Staketen alle Reben, Geisblatt - und Boh¬ nenlauben unſrer Fantaſie hinan gerankt waren, enttaͤuſchte. Dieſer ſeltne Mann ſetzte dem goldnen Kopf bald die Amalia, bald die Lie¬ ſel (ſo hießen ſeine zwei Haarbeutelperuͤcken) uͤber die Friſuren, á la Tau¬ benfluͤgel, Ninon, Sevigné, Rhinozeros, Elephant, Caglioſtro, Montgol¬ fier, Heloiſe, Siegwart, Werther, Titus, Caracalla und Incroyable, ohne irgend eine dieſer Pantomimen der Zeit, welche dem goldnen Kopf zugleich durch die Haare fuhren, zu ſtoͤren. Er beugte ſich wie der immer bluͤhende und fruchtende Chriſtbaum einer derben ſachlichen Vorzeit uͤber einen gaͤhnenden Abgrund und uͤber den von Seufzern zerriſſenen Zaun der Gegenwart bis zu der ſehnſuͤchtigen Jasmin¬ laube der Pfarrerstochter von Taubenheim hin, welche beſchaͤftigt war, den kaum verbleichten himmelblauen Frack Werthers und deſ¬ ſen ſtrohgelbe Beinkleider auf dem Grabe Siegwarts gegen Mot¬ tenfraß auszuklopfen und abwechſelnd den bei der Urne ſeiner Ge¬ liebten verfrorenen Kapuziner nach den Methoden des Miltenberger Noth - und Hilfbuͤchleins auf zu thauen, waͤhrend Karl Moor ſeine bleichgehaͤrmte Wange an einen Aſchenkrug lehnend ihr Mathiſons Elegie in den Ruinen eines alten Bergſchloſſes vorlas und ſeitwaͤrts ein Verbrecher aus Ehrſucht mit Lida Hand in Hand im Monden¬ ſchimmer am Unkenteich Irrlichter weidete und nimmer vergaß, was er alda empfand. Ein ſo großes Stuͤck von der Geſchichtskarte**XHerzliche Zueignung. der Phantaſie umfaßte jener Herr Schwab, daß ich wohl ſagen kam: in den Zweigen dieſes Baumes plauderten noch die Legenden, Ge¬ penſtergeſchichten und Maͤhrchen in naͤchtlicher Rockenſtube, als ſchon Lenore ums Morgenroth aus ſchweren Traͤumen emporfuhr; in ſeinen Zweigen hielten noch die aſiatiſchen Baniſen, die Simpliziſſimi, die Aventuͤriers, die Felſenbuͤrger, die Robinſonen, die Seeraͤuber, die Cartouche, die Finanziers und deren Jude, Suͤß Oppenheimer, Ge¬ ſpraͤche im Reich der Todten bis tief in die Sternennacht, da unter ſeinem Schatten Goͤtz von Berlichingen nebſt Suite vereint mit Schil¬ lers Raͤubern der Zukunft bereits auf den Dienſt lauerten, und dicht neben dieſen die heilige Vehme und alle geheimen Ordensritter bis zur Dya-Na-Sore Loge hielten. Es ward ein kunterbunter Polterabend der alten und neuen Zeit unter dieſem Baume gefeiert, da wetteiferte Theophraſtus Bombaſtus Paracelſus mit Caglioſtro in Theriack und Lebensaͤther, da lehrten Chriſtian Weiſens drei Erznarren den Natur¬ menſchen Baſedows Latein aus dem Orbis pictus Comenii, da ſperrte der hoͤfliche Schuͤler den Magiſter Philotecknos in das Ma¬ gasin des enfans der Frau von Beaumont, bis er Knigges Um¬ gang mit Menſchen auswendig konnte; da deklamirte Pater Cochem aus Eckartshauſens Gott iſt die reinſte Liebe und meditirte der Letztere aus des Erſten vier letzten Dingen, da that Siegfried von Lindenberg die genealogiſche Frage was thuen die Fuͤrſten von Ho¬ henloh? und antwortete Huͤbner: ſie theilen ſich in drei Linien. Da las Eulenſpiegel die Correkturbogen der neuen Heloiſe und ſang Donquixote: Freude ſchoͤner Goͤtterfunken, und endlich hier tanzte der Reifrock mit der chemise grecque den Cotillon auf der Hochzeit des Kehrauſes bei einem umfaſſenden Orcheſter von der alten Laute Scheidlers, der Glasharmonicka und Harfe der blinden Jungfer Pa¬ radies, einigen Maultrommeln, Papagenopfeifen und modernen Gui¬ tarren. Ja um den Paradeplatz aller Leiſtungen unter dem Kom¬ mando des Herrn Schwab zu umſpannen, reichte kaum das Geſpinnſt der alten Baſe Cordula zu, deren reiner Faden doch von dem Tauf¬ hemde der Fraͤulein von Sternheim bis zur Jakobinermuͤze um die Spule gelaufen war. Dieſer Janus, dieſer Proteus, dieſer Cen¬ taur von Scherz und Ernſt, dieſer mir ewig theure Herr Schwab alſo ſtellte mich bei der Kaiſer Kroͤnung ſehr ernſthaft zur Rede und ermahnte mich, im Stillen meine Anſpruͤche auf das Laͤnd¬ chen Vadutz fallen und Gras uͤber dieſe kahlen Phantaſien wach¬XIHerzliche Zueignung. ſen zu laſſen, wenn ich nicht wolle auf die Mehlwage geſetzt wer¬ den, denn unter den vielen bei der Kroͤnung anweſenden Potentaten ſey auch ein Fuͤrſt Lichtenſtein, und dieſer ſey der wahre Beſitzer des Laͤndchens Vadutz, welches nebſt der Herrſchaft Schellenberg ſeit 1719 das Fuͤrſtenthum Lichtenſtein ausmache. Er ermahne mich im Guten meine ſeltſamen Praͤtenſionen aufzugeben, denn das Fuͤrſtenthum muͤße jaͤhrlich einen Reichsmatrikularanſchlag von 19 fl. und 18 Rthl. 60 kr. zu einem Kammerziele bezahlen, da werde es um ſo ſchlechter mit meiner Sparbuͤchſe ausſehen, als ich ihm ja ohnedies noch 6 kr. Briefporto ſchuldig ſey. Da dieſe Ermahnungen mich noch immer nicht zu einem ſchoͤnen Bilde der Reſignation machen konnten, mußte mir der groͤßte Geograph der Familie, den Artikel Vadutz aus Huͤb - ners Zeitungslexikon vorleſen, wo Alles Obige gedruckt ſtand; wo¬ bei es mich am tiefſten kraͤnkte, die Lage meiner Laͤndereien ſo veroͤf¬ fentlicht zu hoͤren. Mir war, als einem, dem das Paradies und das Butterbrod mit der fetten Seite auf die Erde gefallen ſind. Aber ich erkannte Alles nicht an ich hielt mich zaͤh und kraus und erwiederte: das Papier iſt geduldig und laͤßt viel auf ſich drucken, was darum doch nicht wahr iſt. Meine Hartnaͤckigkeit machte den Geographen ſehr bedenklich, ſo daß er mir im Katechismus zeigte, der anerkannten Wahrheit hartnaͤckig zu wiederſtreben, ſey eine unverzeihliche Suͤnde. Das machte mich ſehr wirr, und ich war lange Zeit gar traurig, als habe ſich das Paradies in meinen Haͤn¬ den in ein goldenes Wart ein Weilchen und ein ſilbernes Nichtschen in einem niemaligen Buͤchschen verwandelt. Da man mich nun oft mit dem Verluſt von Vadutz aufzog, und es mir ſogar unter den verlornen Sachen im Wochenblaͤttchen vorlas, ſagte die Hausfreun¬ din, die Frau Rath mir mitleidig ins Ohr: Laß dich nicht irr machen, glaub du mir, dein Vadutz iſt dein und liegt auf keiner Landkarte, und alle Frankfurter Stadtſoldaten und ſelbſt die Geleitsreiter mit dem Antichriſt an der Spitze koͤnnen dir es nicht wegnehmen; es liegt, wo dein Geiſt, dein Herz auf die Weide geht;

Wo dein Himmel, iſt dein Vadutz,
Ein Land auf Erden iſt dir nichts nutz.

Dein Reich iſt in den Wolken und nicht von dieſer Erde, und ſo oft es ſich mit derſelben beruͤhrt, wird's Thraͤnen regnen. Ich wuͤnſche einen geſegneten Regenbogen. Bis dahin baue deine Feen¬XIIHerzliche Zueignung. ſchloͤſſer nicht auf die ſchimmernden Hoͤhen unter den Gletſchern, denn die Lavinen werden ſie verſchuͤtten, nicht auf die wandelbaren Herzen der Menſchen unter den Klaͤtſchern, denn die Launen werden ſie ver¬ wuͤſten, nein, baue ſie auf die gefluͤgelten Schultern der Phantaſie. So war mir nun von meiner Herrſchaft in Vadutz nichts geblieben, als die Reichskleinodien auf den Schultern der Fantaſie, die mir wie Links und Rechts, bald Friede und Freude gaben, als ſey ich gluͤck¬ lich wie Salomo, bald ſo viel Kummer und Hunger, daß ich den Ugolino beneidete. Endlich aber degradirte ſich die Phantaſie ſelbſt; weil ich ihr den Abſchied nicht geben wollte, riß ſie ſich die Epaulets vor der Fronte der Philiſter ſelbſt von den Schultern und warf ſie mir und ſo mit mich ſich vor die Fuͤße, nahm achſelzuckend all das Meine auf die leichte Achſel und kehrte mir den Ruͤcken, ohne gute Nacht, noch Abſchied zu geben oder zu nehmen. Wer den Scha¬ den hat, darf fuͤr den Spott nicht ſorgen. Da war es ganz um mein Reich geſchehen, und meine Trauer zappelte an Widerhacken. So iſt die Erfindung der Achſelbaͤnder von Vadutz entſtanden. Als ich und meine Betruͤbniß ſo herangewachſen, daß die Frau Rath uns nicht mehr Du, ſondern Er nannte, ſagte ſie einſtens: wenn ich Ihn anſehe, geht mir es ſchier, wie jenem alten General, der ſah einmal einen hoͤchſt kummervollen Menſchen in den Schloßhof hereinſchleichen und als deſſen elendes Ausſehen ſein ſtarkes Herz ruͤhrte, zeigte er einem Be¬ dienten den Armen und ſprach; pruͤgle er mir den Menſchen dort vom Hofe hinweg, denn der Kerl erbarmt mich. Steht es denn ſo gar ſchlecht mit ſeinen Laͤndereien, Er ſieht ja drein, als ſey der Scepter von Juda gewichen und der Herrſcher von ſeinen Lenden. Komme Er heute Abend mit mir, es ſoll Ihm das ſchoͤnſte Spektakel gezeigt werden, das je in Vadutz aufs Tapet gekommen iſt. Ich gieng mit und ich ſah etwas ganz Allerliebſtes, nehmlich, ein kleiner Harlekin kroch aus einem Ei und machte die zierlichſten Spruͤnge. Nicht wahr, ſprach ſie, das thut ſeinen Effekt? Ich bejahte es, und ſchrieb nachher ein paar tauſend ernſthafter Verſe uͤber dieſe Begebenheit, die du auch kennſt. Nu, ſagte ſie, iſt Ihm das nicht eine ſaubere Beſcherung? Allerdings, erwiederte ich, aber ſie iſt mir nicht beſchert, mir gebuͤhrt ein Steckenpferd, keine Puppe. Da ſprach die Frau Rath: er¬ ſtens iſt es auch keine Puppe, ſondern nur eine ſchoͤne Kunſtfigur, und wenn Er dann ſo gewiß meint, daß ſie Ihm nicht gebuͤhre, ſoXIIIHerzliche Zueignung. huͤte Er ſich vor allen Kunſtfiguren, denn ſie ſollen ihm als Ruthen beſchert werden, das prophezeihe ich Ihm. Sieh, liebes Gro߬ muͤtterchen, da haſt du nun auch die Quelle des ſo oft im Maͤhrchen wiederkehrenden Reims: Keine Puppe, ſondern nur eine ſchoͤne Kunſt¬ figur. Als ich der Frau Rath ſagte: Wenn der Oſterhaas ſol¬ che Eier legen wuͤrde, moͤchten die Haſen und die Eier gewaltig im Preiſe ſteigen, erwiederte ſie: ja und wenn man mit den Eiern kippte, wuͤrde man behutſamer ſeyn, um dem Harlekin nicht ein Loch in das allerliebſte Koͤpfchen zu ſtoßen. Haͤtte nur Wolfgang dieſen Harlekin im Ei gekannt, was haͤtte der fuͤr ſchoͤne Maͤhrchen von ihm erzaͤhlt, denn, wenn er ſeine Kameraden am Oſterfeſt die Oſter¬ eier im Garten ſuchen ließ, bewirthete er ſie immer mit einem ganzen Eierkuchen von Maͤhrchen aus dem großen Weltei, das uͤber dem Bruͤten zerbrochen, ſo daß aus dem obern Theil der Schale der Himmel, aus dem untern die Erde entſtanden iſt. Hiemit weißt du nun auch, wie die vielen Eierhaͤndel und Eierorden in das Maͤhr¬ chen kommen, das iſt Alles mit dem Harlekin aus dem Weltei ge¬ krochen. Danke du Gott, daß in der inkompleten Encyklopaͤdie von Kruͤnitz, welche ich aus der Verlaſſenſchaft des erlauchten Sala¬ thiel Salaboni, genannt Picktus, Salzgraf von Orbis erſtanden habe, unter andern acht und fuͤnfzig Baͤnden, auch der eilfte und alſo der Artikel Ei fehlt, ſonſt wuͤrde ich dir noch weit mehr Eierſpeiſen vorgeſetzt haben; und ſomit habe ich dir auch eingeſtanden, woher ich meiſt Alles habe, was dieſes Maͤhrchen ſo langweilig macht, nehmlich aus Kruͤnitz Encyklopaͤdie, und wer es nicht darin findet, bedenke doch nur, daß alle Exemplare inkomplett ſind. Vergebens wirſt du dich, auſſer in Schott¬ land, nach der großen breiten Schottlaͤnderin umſehen, welche am Schluße einen ſo derben Schatten uͤber alle die Artigkeiten wirft; eine etwas vollkommene Perſon hatte vor mir bedauert, daß die Erfindung durch dick und duͤnn mit mir davon gehe, da ich mir aber nur allzu fei¬ ner Zierlichkeiten bewußt war, ſetzte ich, damit jene Perſon Recht habe, dieſe breite Kounteß als Ballaſt in das Maͤhrchen und fuͤrchte ſchier, ihre Corpulenz ſey nur Contrebande von lauter Agrements und Anmuthigkeiten.

Nun muß ich dir noch eingeſtehen, daß ich außer dir auch dei¬ ner klugen, klaren und guten Freundin dieſes Maͤhrchen widmen wollte, welche einſt, da ich ihr in Gegenwart Anderer ſagte, wie ſehr ich ſie verehren muͤße, ſo anmuthig ſtrafend zu den UmſtehendenXIVHerzliche Zueignung. ſprach: Wir wiſſen Alle, welche artige Maͤhrchen dieſer Freund er¬ zaͤhlen kann. Ich wollte ſie nicht Luͤgen ſtrafen, ich widmete ihr das Maͤhrchen nicht. Sollteſt du, die Blaͤtter aus dem Tagebuch der Ahnfrau am Schluſſe angehaͤngt finden, ſo wiſſe, daß ich einſt ein Fragment aus der Chronika eines fahrenden Schuͤlers bekannt machte, woran ſich allerlei Leute erfreuten, und daß jene Blaͤtter fluͤchtige Skizzen aus dem Umfange jener Chronika ſind, welche ich noch nicht in die harmoniſche Haltung mit dem Tone derſelben ge¬ bracht hatte, die ich aber zu meiner eignen Beluſtigung mit der Ge¬ ſchichte der Ahnfrau verwebte. Nach Allem vergib mir, daß ich dieſes Maͤrchen bekannt machte, es war mein Wille nie, die andern Kinder drohten mir, weil Abſchriften da ſind, es ſelbſt drucken zu laſſen. Ich willigte ein, mit dem innerſten Gefuͤhl, hoͤchſtens ein Mitleid dafuͤr zum Lohne zu erhalten, welches jenes des alten Generals noch hinter ſich zuruͤcklaͤßt; denn die Kinder dieſer Zeit, wenden mir den Ruͤcken wie die Phantaſie, und die Frau Rath, Gott troͤſte ſie, kann mich nicht mehr troͤſten, wie einſtens. Alſo, vergib mir dieß Maͤhrchen, in dem Alles ein Maͤhrchen iſt, außer daß ich es gewiß nicht gern gethan, und es nicht wieder thun will. Ja liebes Großmuͤtterchen, wenn ich darum verſpottet und gekraͤnkt werde, wenn ſie mich am Aermel zerren, aus dem ſie dieſes Alles geſchuͤttelt glauben, die nicht wiſſen, daß es aus dem Herzen iſt, welches ich in der Hand trage, dann nimm du es bei dir auf, dieſes Maͤhrchen und dieſes Herz! Aber laſſe uns hier dieſe Dedikation zerbrechen, wie Kronovus und Gackeleia Bretzel und Bu¬ benſchenkel bei dem Eiertanz zerbrachen, als Meiſter Schelm nahte, und ſo wir dieſe Pfaͤnder wohlerhalten wieder aufweiſen koͤnnen, ſind wir treue Spielkameraden geweſen, bis dahin wollen wir uns mit einem Druckfehler dieſer Dedikation troͤſten, welchen ich hier ſchließend ver¬ beſſere, denn ſtatt herzliche Zueignung, leſe uͤberall herzliche Zu¬ neigung, mit welcher ich verharre bis ans Ende keiner Puppe, ſon¬ dern nur einer ſchoͤnen Kunſtfigur und eines theuerſten Großmuͤt¬ terchens gehorſamer Enkel.

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Gockel, Hinkel und Gackeleia.

In Deutſchland in einem wilden Wald, zwiſchen Gelnhau¬ ſen und Hanau, lebte ein ehrenfeſter bejahrter Mann, und der hieß Gockel. Gockel hatte ein Weib, und das hieß Hinkel. Gockel und Hinkel hatten ein Toͤchterchen, und das hieß Ga¬ ckeleia. Ihre Wohnung war in einem wuͤſten Schloß, woran nichts auszuſetzen war, denn es war nichts darin, aber viel einzuſetzen, naͤmlich Thuͤr und Thor und Fenſter. Mit fri¬ ſcher Luft und Sonnenſchein und allerlei Wetter war es wohl ausgeruͤſtet, denn das Dach war eingeſtuͤrzt und die Treppen und Decken und Boͤden waren nachgefolgt. Gras und Kraut und Buſch und Baum wuchſen aus allen Win¬ keln, und Voͤgel, vom Zaunkoͤnig bis zum Storch, niſteten in dem wuͤſten Haus. Es verſuchten zwar einigemal auch Geier, Habichte, Weihen, Falken, Eulen, Raben und ſolche verdaͤchtige Voͤgel ſich da anzuſiedeln, aber Gockel ſchlug es ihnen rund ab, wenn ſie ihm gleich allerlei Braten und Fi¬ ſche als Miethe bezahlen wollten.

Einſt aber ſprach ſein Weib Hinkel: mein lieber Gockel, es geht uns ſehr knapp, warum willſt du die vornehmen Voͤgel nicht hier wohnen laſſen? Wir koͤnnten die Miethe doch wohl brauchen, du laͤßt ja das ganze Schloß von allen moͤglichen Voͤgeln bewohnen, welche dir gar nichts dafuͤr be¬ zahlen. Da antwortete Gockel: o du unvernuͤnftiges Hinkel, vergißt du denn ganz und gar, wer wir ſind, ſchickt12es ſich auch wohl fuͤr Leute unſerer Herkunft, von der Miethe ſolches Raubgeſindels zu leben? und geſetzt auch, Gott ſuchte uns mit ſolchem Elende heim, daß uns die Verzweiflung zu ſo unwuͤrdigen Hilfsmitteln triebe, was doch nie geſchehen wird, denn eher wollte ich Hungers ſterben, womit wuͤrden die raͤuberiſchen Einwohner uns vor Allem die Miethe be¬ zahlen? Gewiß wuͤrden ſie uns alle unſre lieben Gaſtfreunde erwuͤrgt in die Kuͤche werfen, und zwar auf ihre moͤrderiſche Art zerrupft und zerfleiſcht. Die freundlichen Singvoͤgel, welche mit ihrem unſchuldigen Gezwitſcher unſre wuͤſte Wohnung zu einem herzerfreuenden Aufenthalte machen, willſt du doch wohl lieber ſingen hoͤren, als ſie gebraten eſſen? Wuͤrde dir das Herz nicht brechen, die allerliebſte Frau Nachtigall, die trauliche Grasmuͤcke, den froͤhlichen Diſtelfink, oder gar das liebe treue Rothkehlchen in der Pfanne zu roͤſten, oder am Spieße zu braten, und dann zuletzt, wenn ſie alle die Miethe bezahlt haͤtten, nichts als das Geſchrei und Gekraͤchze der graͤulichen Raubvoͤgel zu hoͤren? Aber wenn auch alles dieſes zu uͤberwinden waͤre, bedenkſt du dann in deiner Blindheit nicht, daß dieſe Moͤrder allein ſo gern hier wohnen moͤchten, weil ſie wiſſen, daß wir uns von der Huͤhnerzucht naͤhren wollen? Haben wir nicht die ehrbare Stamm-Henne Gallina jetzt uͤber dreißig Eiern ſitzen, werden dieſe nicht dreißig Huͤhner werden, und kann nicht jedes wieder dreißig Eier legen, welche es wieder ausbruͤtet zu dreißig Huͤhnern, macht ſchon dreißig mal dreißig, alſo neunhundert Huͤhner, welchen wir entgegenſehen? O du un¬ vernuͤnftiges Hinkel! und zu dieſen willſt du dir Geier und Habichte ins Schloß ziehen? Haſt du denn gaͤnzlich vergeſſen, daß du ein edler Sproſſe aus dem hohen Stamme der Gra¬ fen von Hennegau biſt, und kannſt du ſolche Vorſchlaͤge ei¬ nem gebornen leider armen, leider verkannten Raugrafen von Hanau machen? Ich kenne dich nicht mehr! O du ent¬ ſetzliche Armuth! iſt es denn alſo wahr, daß du auch die3 edelſten Herzen endlich mit der Laſt deines leeren und doch ſo ſchweren Bettelſackes zum Staube nieder druͤckeſt?

Alſo redete der arme alte Raugraf Gockel von Hanau in edlem hohen Zorne, zu Hinkel von Hennegau ſeiner Gat¬ tin, welche ſo betruͤbt und beſchaͤmt und kuͤmmerlich vor ihm ſtand, als ob ſie den Zipf haͤtte. Aber ſchon ſammelte ſie ſich und wollte ſo eben ſprechen: die Raubvoͤgel bringen uns wohl auch manchmal junge Haſen doch da kraͤhte der ſchwarze Alektryo, der große Stammhahn ihres Mannes, der uͤber ihr auf einem Mauerrande ſaß, in demſelben Au¬ genblick ſo hell und ſcharf, daß er ihr das Wort wie mit einer Sichel vor dem[Munde] wegſchnitt, und als er dabei mit den Fluͤgeln ſchlug, und Graf Gockel von Hanau ſein zerriſſe¬ nes Maͤntelchen auch ungeduldig auf der Schulter hin und her warf, ſo ſagte die Frau Hinkel von Hennegau auch kein Piepswoͤrtchen mehr, denn ſie wußte den Alektryo und den Gockel zu ehren.

Sie wollte eben umwenden und weggehen, da ſagte Gockel: o Hinkel! ich brauche dir nichts mehr zu ſagen, der ritterliche Alektryo, der Herold, Wappenpruͤfer und Kreiswaͤrtel, Notarius Publikus und kaiſerlich gekroͤnte Poet meiner Vorfahren hat meine Rede unterkraͤhet, und ſomit dagegen proteſtirt, daß ſeinen Nachkommen, den zu erwar¬ tenden Huͤhnchen, die gefaͤhrlichen Raubvoͤgel zugeſellt wuͤr¬ den. Bei dieſen letzten Worten buͤckte ſich Frau Hinkel be¬ reits unter der niedrigen Thuͤre und verſchwand mit einem tiefen Seufzer im Huͤhnerſtall.

Im Huͤhnerſtall? Ja denn im wunderbaren, kunſtrei¬ chen, im neben -, durch - und hintereinandrigen Stil der Urwelt, Mitwelt und Nachwelt erbauten Huͤhnerſtall wohnten Gockel von Hanau, Hinkel von Hennegau und Gackeleia, ihre Fraͤu¬ lein Tochter, und in der Ecke ſtand in einem alten Schilde das auf gothiſche Weiſe von Stroh geflochtene Raugraf Gockelſche Erbhuͤhnerneſt, in welchem die Glucke Gallina1 *4uͤber den dreißig Eiern bruͤtete, und von einer Wand zur an¬ dern ruhte eine alte Lanze in zwei Mauerloͤchern, auf wel¬ cher ſitzend der ſchwarze Alektryo Nachts zu ſchlafen pflegte. Der Huͤhnerſtall war der einzige Raum in dem alten Schloße, der noch bewohnbar unter Dach und Fach ſtand.

Zu Olims Zeiten, wo Dieſes und Jenes geſchehen iſt, war dieſes Schloß eines der herrlichſten und deutlichſten in ganz Deutſchland; aber die Franzoſen haben es ſo uͤbel mit¬ genommen, daß ſie es recht abſcheulich zuruͤckließen. Ihr Koͤnig Hahnri hatte geſagt, jeder Franzoſe ſolle Sonntags ein Huhn, und wenn keines zu haben ſei, ein Hinkel in den Topf ſtecken und ſich eine Suppe kochen. Darauf hielten ſie ſtreng, und ſahen ſich uͤberall um, wie jeder zu ſeinem Huhn kommen koͤnne. Als ſie nun zu Haus mit den Huͤh¬ nern fertig waren, machten ſie nicht viel Federleſens und hatten bald mit dieſem, bald mit jenem Nachbarn ein Huͤhn¬ chen zu pfluͤcken. Sie ſahen die Landkarte wie einen Spei¬ ſezettel an, wo etwas von Henne, Huhn oder Hahn ſtand, das ſtrichen ſie mit rother Tinte an und giengen mit Kuͤchen¬ meſſer und Bratſpieß darauf los. So giengen ſie uͤber den Hanebach, ſteckten Groß - und Kleinhuͤningen in den Topf, und kamen dann auch bis in das Hanauer Land. Als ſie nun Gockelsruh, das herrliche Schloß der Raugrafen von Hanau, im Walde fanden, wo damals der Großvater Go¬ ckels wohnte, ſtatuirten ſie ein Exempel, ſchnitten allen Huͤh¬ nern die Haͤlſe ab, ſteckten ſie in den Topf und den rothen Hahn auf das Dach, das heißt, ſie machten ein ſo gutes Feuerchen unter den Topf, daß die lichte Lohe zum Dach herausſchlug und Gockelsruh daruͤber verbrannte. Dann giengen ſie weiter nach Huͤnefeld und Hunhaun und ſind noch lang unterwegs geblieben.

Als ſie abgeſpeiſt hatten, gieng Gockels Großvater, der mit ſeiner Familie und dem Stamm -, Erb und Wappen¬5 Hahn und Hinkel im Walde verſteckt geweſen, um das Deſert zu beſehen, es war eine Wuͤſte. Nichts war ihm geblieben, er konnte ſein Schloß nicht mehr herſtellen und uͤbergab es daher gratis an die Verſchoͤnerungs-Com¬ miſſion der vier Jahrszeiten, des Windes und des Wetters, welche es auch in Jahr und Tag mit Gras und Kraut und Moos und Epheu und Buͤſchen und Baͤumen ſo reichlich austapezierten, daß es ein rechtes Paradies aller Waldvoͤge¬ lein und andern Wildpretts ward. Er ſelbſt zog nach Gelnhauſen und nahm die Stelle eines Erb-Huͤhner und Faſa¬ nenminiſters bei dem dortigen Koͤnig an. Sein Sohn trat nach ihm in dieſelbe Stelle, und nach deſſen Abſterben un¬ ſer Gockel, der gewiß auch als Huͤhnerminiſter mit Tod ab¬ gegangen waͤre, wenn ihn nicht ſein Menſchen - oder viel¬ mehr Huͤhnergefuͤhl gezwungen haͤtte, noch lebendig von Gelnhauſen Abſchied zu nehmen. Dieſes aber gieng folgen¬ dermaßen zu.

Der Koͤnig Eifraſius von Gelnhauſen uͤberließ ſich der Leidenſchaft des Eiereſſens ſo unmaͤßig, daß keine Brut Huͤh¬ ner mehr aufkommen konnte. Dies war gegen den Eid Gockels und gegen das Landesgeſetz, Artikel Huͤhnerzucht. Gockel machte eine allerunterthaͤnigſte vergebliche Vorſtellung nach der andern. Eifraſius errichtete den ruͤhrenden Eieror¬ den verſchiedener Grade und ließ von ſeinem Leibredner eine Rede dabei halten, die einer Schmeichelei ſo aͤhnlich ſah, wie ein Ei dem andern. Er ſagte, Eifraſius eſſe nur allein ſo viele Eier, um die Huͤhner zu vermindern, damit die Franzoſen nicht ins Land kaͤmen. Dabei machte er bekannt, daß man kuͤnftig nicht Ihro Majeſtaͤt, ſondern Ihre Eießtaͤt Koͤnig Eifraſius ſagen ſolle und vieles Aehnliche. Auch wußte er ſehr viele hinreißende Stellen großer Dichter in ſeiner Rede anzubringen, z. B.:

Ein Huhn und ein Hahn,
Meine Rede geht an;
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Eine Kuh und ein Kalb,
Meine Rede iſt halb;
Eine Katze und eine Maus,
Meine Rede iſt aus!

und weiter

Ein Ei, un oeuf,
Ein Ochs, un boeuf,
Une vache, eine Kuh,
Fermez la porte, mach die Thuͤr zu!

womit er den Koͤnig ganz bezauberte.

Nach dieſer Rede wurden alle anweſenden Anhaͤnger und Schmeichler des Koͤnigs ganz eigelb im Geſicht und ſteckten gelbe Cocarden auf; Gockel von Hanau aber wurde vor Zorn und Schrecken und Unwill und Schaam ganz gruͤn und blau und roth, und kriegte ordentlich einen rothen Kamm und ſchuͤttelte den Federbuſch, wie ein Hahn, auf ſeinem bordirten Hut und ſcharrte mit den Fuͤßen und hackte mit den Spornen. Da zog der Koͤnig Eifraſius eben in der Kirche an ihm voruͤber, ſah ihn ſehr ungnaͤdig an und ſprach: in Gnaden entlaſſen, das Huͤhnerminiſterium iſt bis auf ein Weiteres aufgehoben. Somit hatte Gockel ſeinen Abſchied.

Gockel war voll Ehrgefuͤhl, er zeigte ſogleich ſeiner Frau an, daß er am folgenden Morgen mit ihr und Gackeleia nach ſeinem Stammſchloße Gockelsruh aus Gelnhauſen ſo weg¬ ziehen werde, wie ſeine Großeltern hineingezogen waren. Er befahl ihr, jene alten Kleider aus dem Kaſten zu nehmen und im Huͤhnerminiſterium zurecht zu legen, wo ſie ſich mor¬ gen umkleiden wollten. Frau Hinkel war ſchier untroͤſtlich uͤber die alten ſeltſamen Kleider und meinte, alle Hunde wuͤr¬ den ihr nachlaufen. Das Entſetzlichſte aber war ihr, daß Gockel am hellen lichten Tage vor der Wachparade vorbei und uͤber den Gemuͤßmarkt in dieſem Aufzug aus der Stadt hinaus wollte, und nur unter den heftigſten Thraͤnen mit Gackeleia vor ihm auf den Knieen liegend, konnte ſie erfle¬7 hen, daß er mit ihr Morgens vor Tag zur Gartenthuͤre hinaus, hinten um die Stadtmauer herum, ſeine Abreiſe an¬ zutreten verſprach.

Gockel haͤngte ſeine Huͤhnerminiſter-Kleidung an das koͤnigliche Huͤhnerminiſterial-Zapfenbrett, legte alle die ihm aufgedrungenen Eierorden ab, den Orden der Schmeichelei und Heuchelei und befeſtigte ſeinen eigenen, Raugraͤflich Go¬ ckel Hanauiſchen Haus-Orden der Kinderei wieder in das Knopfloch der Jacke ſeines Großvaters, die er morgen fruͤh anziehen wollte; dann ſetzte er ſich an ſeinen Schreibtiſch, um alle die Rechnungen uͤber ſeine Verwaltung heute Nacht noch auszubruͤten, und als er es ſo weit gebracht, daß Ein¬ nahme und Ausgabe ſich wie ein Ei dem andern glichen, ſank er ermuͤdet mit der Naſe auf das Papier und ſchnarchte, daß der Streuſand von zerſtoſſenen Eierſchalen umherflog, und mehrere Muſter von Huͤhnerfedern, die vor ihm lagen, durch einander wehten. Aber der Schaden war nicht groß.

Kaum graute der Tag, als Alektryo, der edle Stamm¬ hahn ſich ſelbſt ermunternd mit den Fluͤgeln in die Seite ſchlug, den Hals emporreckte und mit aufgeriſſenem Schna¬ bel lautkraͤhend wie mir einem Trompetenſtoß alle zur Ab¬ reiſe erweckte; das Stammhuhn Gallina begleitete ſein Morgen¬ lied mit einigen wehmuͤthigen Accorden. Gockel ſprang auf und weckte Weib und Kind, die ſich bald einſtellten. Frau Hin¬ kel war ſehr traurig, auch ſie mußte ihre Huͤhnerminiſterial - Kontuſche ans Zapfenbrett haͤngen und die Kleider von Go¬ ckels Großmutter anziehen; haͤnderingend ſtand ſie in dieſem Putz vor dem Spiegel. Gockel hatte viel zu ermahnen und zu troͤſten; er hatte ſeine Raugraͤfliche Gockelskappe aufge¬ ſetzt, auf der ein Hahnenkamm war, er haͤngte ſeine Peruͤcke von Eierſchalen an den Miniſterialperuͤcken-Hahn und fuhr in die großvaͤterlichen Stiefel und Grafenhoſen, welche ihm Ga¬ ckeleia hinbrachte, die ziemlich luſtig in ihrem ſeltſamen Rock¬8 chen war und das alte Erbhuͤhnerneſt wie einen Fallhut auf dem Kopf trug.

Alektryo, der Stammhahn, ſaß neben dem Schreibtiſche auf der Raugraͤflich Gockelſchen Erbhuͤhnertrage, welche der beruͤhmte Erwin von Steinbach zugleich mit dem Straßbur¬ ger Muͤnſter erfunden hatte, und wiederholte, da er die ganze Familie wieder in ihren altgraͤflichen Kleidern ſah, ſein Kraͤ¬ hen mit ſtolzer Freude. Er hatte einen reichsfreiritterlichen Unmittelbarkeitsſinn und war nie gern in Gelnhauſen ge¬ weſen, wo er nur zu Haus der Hahn im Korb war, am Hof aber nie auf dem Miſt kraͤhen durfte, weil dieſes ein Regale, ein koͤnigliches Recht der Hofhaͤhne war. Er war hier nur Kammerhahn à la suite, hatte allerlei Kraͤnkungen ſeiner Verhaͤltniſſe von den Hofhahnen zu erleiden, und durfte ſie nicht einmal deswegen herausfordern. Gleich Graf Go¬ ckel war er ſehr mit dem Koͤnig Eifraſius unzufrieden, denn dieſer hatte einmal die Eier ſeiner lieben Gemahlin Gallina durch die Polizei wegnehmen und ſich in die Pfanne ſchla¬ gen laſſen. Seine haͤusliche Gluͤckſeligkeit war dadurch ge¬ ſtoͤrt. Er war heftig und ungeduldig, Gallina aber gackſig, gluckſig und piepſig geworden. Sie ſaßen immer auf dem Huͤhnerminiſterium und kamen nicht ins Freie; ſtatt auf dem Miſte, ſcharrte Alektryo in Papierſpaͤnen, und die leidende Gallina waͤlzte ſich im Streuſand oder bruͤtete hoffnungslos auf den ausgeblaſenen Eierſchaalen des Eierordens, welche dort aufbewahrt wurden.

Nun aber, da alle zur Abreiſe gekleidet waren, trieb Alektryo die Gallina an, von ſeiner Seite auf dem Gockelſchen Huͤhnerſteg hinab zu dem Hennegauſchen Erbhuͤhnerkorb der Frau Hinkel zu ſchreiten, und ſagte ihr dabei ganz freund¬ lich ins Ohr, was ihr troͤſtend zu Herzen ging: heute Abend ſind wir frei und gluͤcklich in Gockelsruh, dem Pallaſte unſrer Vorfahren, da giebt es Wuͤrmchen und Maikaͤfer und aller¬ lei Saͤmerei die Menge; da wollen wir ein neues Leben be¬9 ginnen, da gehoͤren wir uns allein an, da wirſt du eine Brut ausbruͤten, die unſer wuͤrdig iſt. Gallina trippelte mit ei¬ nem lieblichen Laͤcheln gackſend den Steg hinab und ſetzte ſich oben auf den Huͤhnerkorb.

Frau Hinkel nahm den Korb, worauf Gallina ſaß, auf ihren Kopf. In dieſem Korbe hatte ſie ein paar Hemden, etwas Flachs -, Hanf - und andere Saͤmereien, Nadel, Zwirn und Fingerhut und ein Wachsſtuͤmpfchen, ein Gebetbuch und einige ſchoͤne neue Lieder, gedruckt in dieſem Jahr, und den Graͤflich Hennegauſchen Stammbaum und ihren Taufſchein und Copulationsſchein und ſo weiter Schein bewahrt. Dann ergriff ſie ihren Rocken und ſprach: ich bin fertig.

Gockel ſchluͤpfte mit den Armen in die Tragriemen ſeiner Erbhuͤhnertrage und trug ſie wie eine gothiſche Kirche auf dem Ruͤcken, oben drauf ſaß Alektryo, ne¬ ben dran war ſein Grafenſchwert befeſtigt, und im In¬ nern befanden ſich ſein Stammbaum, Grafenbrief, Tauf¬ ſchein, Ehekontrakt, ein Buch von Geheimniſſen der Hah¬ nen und Huͤhner und auch ein altes Geſchlechts-Regiſter, nach welchem Alektryo vom Hahn des Hiob und Gal¬ lina vom Hahn Petri abſtammen ſollte; es war aber theils ſehr unleſerlich mit Huͤhnerpfoten geſchrieben, theils hatten es die Maͤuſe ſo durchſtudiert, daß viele Loͤcher darin waren. Solche große Raritaͤten waren in der Huͤhnertrage. Gockel nahm nun ſeine Raugraͤfliche Standarte, die zugleich ein Huͤhnerſteg war, als Stab in die Hand und ſagte: wohlan ich bin fertig.

Gackeleia hatte das Erbhuͤhnerneſt auf dem Kopf, und weil ſie auf alle Weiſe noch ſonſt etwas tragen wollte, ſteckte ſie der Vater in einen Korb, wie man ſie uͤber die jungen Huͤhnchen ſtellt, und befeſtigte ihr denſelben uͤber die Schul¬ tern mit Baͤndern, ſo daß ſie wie in einem luſtigen Reifrock mitſpazierte. In der einen Hand hielt ſie ihr ABC-Buch, worauf ein Hahn abgebildet war, und in der andern einen10 Eierweck von geſtern, man nennt ſie dort Bubenſchenkel. Das Kind war ſehr luſtig, und ſchrie: kikeriki, ich bin ſchon lang fertig.

Nun blies Gockel die Huͤhnerminiſterial-Lampe aus, und ſie giengen zu der Thuͤre hinaus. Gockel gab dem Nacht¬ waͤchter den Hausſchluͤſſel, und dann verließen ſie ſtill durch die hintere Gartenthuͤre, die durch die Stadtmauer fuͤhrte, das undankbare Gelnhauſen.

Kaum waren ſie auf einer nahen kleinen Anhoͤhe, welche die Stadt uͤberſchaut, als Alektryo ſich hoch aufrichtete und mit einem trotzigen kuͤhnen Kraͤhen allen Hahnen von Geln¬ hauſen Hohn ſprach, die erwachend von Haus zu Haus, von Thurm zu Thurm ſich wieder zukraͤhten, ſo daß die Gockelſche Familie wo nicht unter dem Gelaͤute aller Glocken, doch un¬ ter dem Kraͤhen aller Hahnen die Stadt verließ.

Als Alektryo gekraͤht hatte, ſchauten ſie alle noch einmal ſchweigend nach Gelnhauſen zuruͤck. Es lag eine weiße Ne¬ belwolke uͤber der herrlichen Stadt, die Sonne ſchoß mit ihren erſten Strahlen nach den blinkenden Wetterhahnen auf den Thurmſpitzen, welche aus dem Nebel hervorblitzten; hie und da drang ein dunkler dichter Baͤckerrauch wie eine dicke braune Schlange durch den Nebel hervor. Frau Hinkel war betruͤbt. Gackeleia fieng laut an zu weinen; ihr Eierweck war ihr ge¬ fallen und ſie konnte ihn von dem Huͤhnerkorb, in dem ſie ſteckte, gehindert nicht aufheben. Gockel hob ſie aus dem Korbe heraus und haͤngte ſich denſelben noch hinten auf die Trage, denn Gackeleia waͤre mit dieſem Reifrocke an allen Buͤſchen des wilden Waldes haͤngen geblieben, durch welchen jetzt ihr Weg fuͤhrte.

Frau Hinkel durch das Kraͤhen aller Hahnen in Geln¬ hauſen und durch den aufſteigenden Rauch von neuem ſehr betruͤbt, folgte ihrem Manne mit manchem Seufzer durch den Wald. Sie gedachte an die Herrlichkeit von Gelnhau¬ ſen, wo immer das eine Haus ein Baͤckerladen, das andre11 ein Fleiſcherladen iſt; ach, dachte ſie, jetzt iſt die Stunde, jetzt oͤffnen die Fleiſcher ihre Laden, jetzt haͤngen ſie die fet¬ ten Kaͤlber, Haͤmmel und Schweine auf und breiten in de¬ ren aufgeſchlitzten Leibern reinliche ſchneeweiße Tuͤcher aus! Ach jetzt iſt die Stunde, jetzt oͤffnen die Baͤcker ihre Laden und ſtellen auf weißen Baͤnken die braunglaͤnzenden Brode, die gelben Semmeln und ſchoͤn lakirten Eierwecke, Buben¬ ſchenkel genannt, in Reih und Glied. Gackeleia, die ſie an der Hand fuͤhrte, weckte mit ihren Reden ihre Betruͤbniß oft von neuem wieder auf, denn ſie fragte ein um das ande¬ remal: Mutter, giebt es auch Bretzeln, wo wir hingehen? Da ſeufzte Frau Hinkel; Gockel aber, der ernſthaft und freu¬ dig voranſchritt, ſagte: nein, mein Kind Gackeleia, Bretzeln giebt es dort nicht, ſie ſind auch nicht geſund und verder¬ ben den Magen; aber Erdbeeren, ſchoͤne rothe Waldbeeren giebt es die Menge, und ſomit zeigte er mit ſeinem Stocke auf einige, die am Wege ſtanden, welche Gackeleia mit vie¬ lem Vergnuͤgen verzehrte. Hierauf fragte Gackeleia wieder: Mutter, giebt es auch ſo ſchoͤne braune Kuchenhaͤschen, wo wir hingehen? Da ſeufzte Frau Hinkel abermals und die Thraͤnen traten ihr in die Augen; Gockel aber ſagte freund¬ lich zu dem Kinde: Nein, mein Kind Gackeleia, Kuchenhaͤs¬ chen giebt es da nicht, ſie ſind auch nicht geſund und ver¬ derben den Magen, aber es giebt da lebendige Seidenhaͤs¬ chen und weiße Kaninchen, aus deren Wolle du der Mutter auf ihren Geburtstag Struͤmpfe ſtricken kannſt, wenn du fleißig biſt. Sieh, ſieh, da lauft eines! und ſomit zeigte er mir ſeinem Stocke auf ein voruͤberlaufendes Kaninchen. Da riß ſich Gackeleia von der Mutter los, und ſprang dem Haſen mit dem Geſchrei nach: gieb mir die Struͤmpfe, gieb mir die Stuͤmpfe! aber fort war er, und ſie fiel uͤber eine Baumwurzel und weinte ſehr. Der Vater verwies ihr ihre Heftigkeit und troͤſtete ſie mit Himbeeren, welche neben der Stelle wuchſen, wo ſie gefallen war. Nach einiger Zeit12 fragte Gackeleia wieder: liebe Mutter, giebt es denn auch da, wo wir hingehen, ſo ſchoͤne gebackene Maͤnner von Ku¬ chenteig, mit Augen von Wachholderbeeren und einer Naſe von Mandelkern, und einem Mund von einer Roſine? Da konnte die Mutter ihre Thraͤnen nicht zuruͤckhalten und weinte; Gockel aber ſagte: nein, mein Kind Gackeleia, ſolche Ku¬ chenmaͤnner giebt es da nicht, die ſind auch gar nicht ge¬ ſund und verderben den Magen. Aber es giebt da ſchoͤne bunte Voͤgel die Menge, welche allerliebſt ſingen und Neſt¬ chen bauen, und Eier legen und ihre Jungen fuͤttern. Die kannſt du ſehen und lieben und ihnen zuſchauen, und die ſuͤßen wilden Kirſchen mit ihnen theilen. Da brach er ihr ein Zweiglein voll Kirſchen von einem Baum und das Kind ward ruhig.

Als Gackeleia aber nach einer Weile wieder fragte: liebe Mutter, giebt es denn dort, wo wir hingehen, auch ſo wun¬ derſchoͤne Pfefferkuchen, wie in Gelnhauſen? und die Frau Hinkel immer mehr weinte, ward der alte Gockel von Hanau unwillig, drehte ſich um, ſtellte ſich breit hin und ſprach: o mein Hinkel von Hennegau! du haſt wohl Urſache zu wei¬ nen, daß unſer Kind Gackeleia ein ſo naſchhafter Freßſack iſt und an nichts als Bretzeln, Kuchenhaſen, Buttermaͤn¬ ner und Pfefferkuchen denkt, was ſoll daraus werden? Roth bricht Eiſen, Hunger lehrt beißen. Sei vernuͤnftig, weine nicht, Gott, der die Raben fuͤttert, wolche nicht ſaͤen, wird den Gockel von Hanau nicht verderben laſſen, der ſaͤen kann. Gott, der die Lilien kleidet, die nicht ſpinnen, wird die Frau Hinkel von Hennegau nicht umkommen laſſen, wel¬ che ſehr ſchoͤn ſpinnen kann, und auch das Kind Gackeleia nicht, wenn es das Spinnen von ſeiner Mutter lernt.

Dieſe Rede Gockels ward von einem gewaltigen Geklap¬ per unterbrochen, und ſie ſahen alle einen großen Klapper¬ ſtorch, der aus dem Gebuͤſche ihnen entgegentrat, ſie ſehr ernſthaft und ehrbar anſchaute, nochmals klapperte und dann13 hinwegflog. Wohlan, ſagte Gockel, dieſer Hausfreund hat uns willkommen geheißen, er wohnet auf dem oberſten Gie¬ bel von Gockelsruh, gleich werden wir da ſeyn; damit wir aber nicht lange zu waͤhlen brauchen, in welchen von den weitlaͤufigen Gemaͤchern des Schloſſes wir wohnen wollen, ſo will ich unſere hoͤchſte Dienerſchaft vorausſenden, damit ſie uns die Wohnungen ausſuche.

Nun nahm er den Stammhahn von der Schulter auf die rechte Hand und die Stammhenne auf die linke, und redete ſie mit ehrbarem Ernſte folgendermaßen an: Alektryo und Gallina, ihr ſtehet im Begriff, wie wir, in das Stamm¬ haus eurer Voraͤltern einzuziehen, und ich ſehe an euren ernſthaften Mienen, daß ihr ſo geruͤhrt ſeid als wir. Da¬ mit nun dieſes Ereigniß nicht ohne Feierlichkeit ſey, ſo er¬ nenne ich dich Alektryo, edler Stammhahn, zu meinem Schloßhauptmann, Haushofmeiſter, Hofmarſchall, Aſtrono¬ men, Propheten, Nachtwaͤchter, und hoffe, du wirſt unbe¬ ſchadet deiner Familienverhaͤltniſſe als Gatte und Vater die¬ ſen Aemtern gut vorſtehen; das Naͤmliche erwarte ich von dir, Gallina, edles Stammhuhn; indem ich dich hiemit zur Schluͤſſeldame und Oberbettmeiſterin des Schloſſes ernenne, zweifle ich nicht, daß du dieſen Aemtern trefflich vorſtehen wirſt, ohne deßwegen deine Pflichten als Gattin und Mut¬ ter zu vernachlaͤſſigen. Iſt dieß euer Wille, ſo beſtaͤtigt es mir feierlich. Da erhob Alektryo ſeinen Hals, blickte gegen Himmel, riß den Schnabel weit auf und kraͤhete feierlichſt, und auch Gallina gab ihre Verſicherung mit einem lauten und ruͤhrenden Gackſen von ſich, worauf ſie Gockel beide an die Erde ſetzte, und ſprach: nun, Herr Schloßhauptmann und Frau Schluͤſſeldame, eilet voraus, ſuchet eine Wohnung fuͤr uns aus, zeiget auch allen Bewohnern unſers Schloſſes an, ſie moͤchten ſich durch kein Geraͤuſch in ihrem Abend¬ gebete ſtoͤren laſſen, weil ich in der Naͤhe des Schloſſes, wo der engliſche Garten ein wenig ins Kraut geſchoſſen ſeyn14 mag, wahrſcheinlich mit meinem Grafenſchwert die Hecken werde ſchneiden muͤſſen, um mir und Frau Hinkel mit un¬ ſern hohen Inſignien durchzuhelfen; alſo thuet und berei¬ tet uns einen wuͤrdigen Empfang. Da eilte der Hahn und die Henne in vollem Laufe, was giebſt du, was haſt du? in den Wald hinein nach dem Schloſſe zu.

Nun ermahnte Gockel auch noch die Frau Hinkel und das Kind Gackeleia zur Zufriedenheit, zum Vertrauen auf Gott und zu Fleiß und Ordnung in dem neu bevorſtehenden Aufenthalt auf eine ſo liebreiche Art, daß Frau Hinkel und das Kind Gackeleia den guten Vater herzlich umarmten und ihm alles Gute und Liebe verſprachen; und ſo zogen ſie alle froh und heiter durch den ſchoͤnen Wald, die Sonne ſank hinter die Baͤume, es ward ſo recht ſtille und vertrau¬ lich, ein kuͤhles Luͤftchen ſpielte mit den Blaͤttern und Frau Hinkel von Hennegau ſang folgendes Liedchen mit freundli¬ cher Stimme, wozu Gockel und Gackeleia leiſe mitſangen.

Wie ſo leis die Blaͤtter wehn
In dem lieben, ſtillen Hain,
Sonne will ſchon ſchlafen gehn,
Laͤßt ihr goldnes Hemdelein
Sinken auf den gruͤnen Raſen,
Wo die ſchlanken Hirſche graſen
In dem rothen Abendſchein.
Gute Nacht, Heiapopeia!
Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia.
In der Quellen klarer Fluth
Treibt kein Fiſchlein mehr ſein Spiel,
Jedes ſuchet, wo es ruht,
Sein gewoͤhnlich Ort und Ziel,
Und entſchlummert uͤberm Lauſchen
Auf der Wellen leiſes Rauſchen
Zwiſchen bunten Kieſeln kuͤhl.
Gute Nacht, Heiapopeia!
Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia.
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Schlank ſchaut auf der Felſenwand
Sich die Glockenblume um,
Denn verſpaͤtet uͤber Land
Will ein Bienchen mit Geſumm
Sich zur Nachtherberge melden
In den blauen zarten Zelten,
Schluͤpft hinein und wird ganz ſtumm.
Gute Nacht, Heiapopeia!
Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia.
Voͤglein, euer ſchwaches Neſt,
Iſt das Abendlied vollbracht,
Wird wie eine Burg ſo feſt;
Fromme Voͤglein ſchuͤtzt zur Nacht
Gegen Katz und Marderkrallen,
Die im Schlaf ſie uͤberfallen,
Gott, der uͤber alle wacht.
Gute Nacht, Heiapopeia!
Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia.
Treuer Gott, du biſt nicht weit,
Und ſo ziehn wir ohne Harm
In die wilde Einſamkeit
Aus des Hofes eitelm Schwarm.
Du wirſt uns die Huͤtte bauen,
Daß wir fromm und voll Vertrauen
Sicher ruhn in deinem Arm.
Gute Nacht, Heiapopeia!
Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia.

Als dieß Lied zu Ende war, ward der hohe Eichenwald lichter. Sie hoͤrten ein Geklapper, und Gackeleia blickte in die Hoͤhe und ſchrie: ach, der Klapperſtorch, der Klapper¬ ſtorch mit ſeinen Jungen, da oben ſteht er auf der hohen Mauer, ach, was hat der aber ein großes Neſt, o da will ich mich auch einmal hineinſetzen und mit ihm klappern!

Nun waren die Reiſenden an dem ganz verwilderten Raugraͤflich Gockelſchen Schloßgarten angekommen. Da war16 an kein Durchkommen zu gedenken, und Gockel ſprach zu Frau Hinkel, indem er ſeine Erbhuͤhnertrage abſetzte, und das Grafenſchwert von ihr losband und herauszog: ſetze deinen Korb ab, ſchuͤrze deinen Rock nieder, ſtreiche dein Haar zurecht, dort an dem alten Springbruͤnnchen waſche dich, bade dir die Fuͤße, ruhe ein bischen aus, damit wir mit Reſpekt einziehen. Thue der Gackeleia eben ſo. Ich will indeſſen mit meinem Grafenſchwert hier das wilde Ge¬ niſt lehren, daß man ſeinem Herrn den Weg nicht verrennt.

Nun ſetzten ſich Frau Hinkel und Gackeleia an das Bruͤnnchen, wuſchen und muſterten ſich, und Gackeleia patſchte mit ihren erhitzten Fuͤßchen in dem kalten Waſſer herum. Gockel aber erhob ſein Grafenſchwert, und hieb kreuz und quer mit großer Kraft einen Weg durch die wildverwirrten Hecken, Buͤſche und Baͤume. Er nannte jedes Geſtraͤuch, das er zuſammenhieb, mit Namen, und weil er ſchnell ar¬ beitete, ſo verkuͤrzte er die Worte er ſchrie: Potz Sta¬ chel -, Kreuſel -, Preißel -, Kloſter -, Hollunder -, Wach¬ holder -, Berberitzen -, Johannis -, Brom -, Himbeeren! ich will euch lehren, mir mein Haus zu ſperren! Potz Quen¬ tel, Lavendel, Bux, Taxus, Mispel, Quitten und Haſſel! Potz Thymian, Majoran, Baldrian, Rosmarin, Hiſop und Salbei! und mit jedem Worte ein Schwertſchlag, der ihm den Weg oͤffnete und mit Zweigen, Blaͤttern und Blumen beſtreute. Als er ſo bis in die Naͤhe des Schloßthores ge¬ kommen, kehrte er zu den Seinigen an das Bruͤnnchen zuruͤck.

Gockel hatte ſich ganz muͤde gearbeitet, auch er wuſch und erquickte ſich an dem Waſſer. Frau Hinkel hatte ſich recht friſch und ſauber gemacht. Sie hatte Gackeleia einen ſchoͤnen Blumenkranz aufgeſetzt und ihr das Huͤhnerneſt mit harten Broſamen, welche ſie am Brunnen erweicht, gefuͤllt, dieſe ſollte ſie beim Einzug in das Schloß den Voͤgeln aus¬ ſtreuen. Das war ſo, als wenn bei der Kaiſerkroͤnung zu Frankfurt Gold ausgeworfen wird.

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Nun nahm Gockel ſeine Huͤhnertrage, Frau Hinkel den Huͤhnerkorb wieder auf und Gackeleia trug das Neſt voll Broſamen vor ſich; ſo giengen ſie durch den Weg, den Go¬ ckel gehauen hatte, auf das Schloßthor zu. Gackeleia nahm ſich Zeit, ſie pfluͤckte links und rechts viele Brombeeren und Heidelbeeren, und als der Vater ſie heranrief, in das Schloß einzugehen, hatte ſie die Haͤnde und das halbe Geſicht ſchwarz wie ein Mohrenkind. Gockel riß mit der Huͤhner¬ ſtange, die er trug, eine dichte Epheudecke auseinander, wel¬ che das Gartenthor zugeſponnen hatte, und ſie traten vor das wunderbare Raugraͤfliche Schloß in ſeinem vollen Glanz.

Der Empfang war feierlich; aus den leeren Fenſteroͤff¬ nungen des Schloſſes hingen Teppiche von Epheu und man¬ cherlei Blumen nieder, und wehten bluͤhende Geſtraͤuche wie feſtliche Fahnen, und zwiſchen ihnen durch ſah der ſtille Abend¬ himmel in purpurnem Gewande herab. Die vielen Saͤulen und Bildwerke des Schloſſes hatten Wind und Wetter und die vier Jahreszeiten ſeit lange mit dem ſchoͤnſten Laubwerke verziert.

Der Hahn Alektryo ſaß auf dem ſteinernen Wappen uͤber dem Thore, ſchuͤttelte ſich, ſchlug mit den Fluͤgeln und kraͤhte als ein rechtſchaffener Schloßtrompeter dreimal luſtig in die Luft, und alle Voͤgelein, die in dem verlaſſenen, Baum durchwachſenen Baue wohnten, und welchen der Hahn die Ankunft der gnaͤdigen Herrſchaft verkuͤndiget hatte, waren aus ihren Neſtern herausgeſchluͤpft und ſchmetterten luſtige Lieder in die Luft, indem ſie ſich auf den bluͤhenden Hol¬ lunderbaͤumen und wilden Roſenhecken ſchaukelten, welche ihre Bluͤthen vor den Eintretenden niederſtreuten. Der Storch auf dem Schloßgiebel klapperte dazu mit ſeiner ganzen Fa¬ milie, ſo daß alles wie eine große Muſik mit Pauken und Trompeten klang. Gockel, Hinkel und Gackeleia hießen alle willkommen, und Gackeleia ſtreute mit vollen Haͤnden die218Broſamen aus, was mit großem Beifall von allen den Voͤ¬ geln aufgenommen ward.

Hierauf zogen ſie in die alte verfallene Schloßkapelle, knieten neben den wilden Waldblumen am Altare dicht bei dem Grabſtein des alten Urgockels von Hanau nieder, ſag¬ ten Gott fuͤr ihre gluͤckliche Reiſe Dank, und flehten ihn um fernern Schutz und Segen an. Waͤhrend ihres Gebetes wa¬ ren alle Voͤgel ganz ſtille, und da ſie ſich von den Knieen erhoben, lockten Alektryo und Gallina, als Schloßhauptmann und Schluͤſſeldame, an der Thuͤre, ſie ſollten ihnen nach dem ausgeſuchten Gemache folgen. Sie thaten dieß, und der Hahn und die Henne ſchritten gackernd und majeſtaͤtiſch uͤber den Schloßhof auf den ſehr kunſtreich von Stein er¬ bauten Huͤhnerſtall zu, deſſen Dach allein im Schloße bis auf einige Luͤcken im Stande war. Als Alektryo uͤber die Schwelle ſchritt, buͤckte er ſich tief mit dem Kopf, als be¬ fuͤrchtete er, mit ſeinem hohen rothen Kamme oben anzu¬ ſtoſſen, da die Thuͤre doch fuͤr einen ſtarken Mann hoch ge¬ nug war; aber dieſes war im Gefuͤhle ſeines Adels, denn alle hohen Adeligen und alle gekroͤnten Haͤupter pflegten in den guten alten Zeiten es ſo zu machen, wenn ſie durch ein Thor ſchritten; das kam aber von den erſtaunlich hohen Fe¬ derbuͤſchen her, welche ihre Vorfahren auf den Helmen getragen hatten.

In dieſem Huͤhnerſtalle nun, deſſen Fenſter in ein klei¬ nes Gaͤrtchen giengen, richteten ſie ſich ein, ſo gut ſie konn¬ ten; Gockel haͤngte ſeine Erbhuͤhnertrage an einen Haken hoch an der Wand auf, ſtellte die Huͤhnerſteige daran, und Alektryo und Gallina ſagten gute Nacht und ſpazierten ſo¬ gleich fein ordentlich hintereinander hinauf und ſetzten ſich ſtill zuſammen und ließen ſich was traͤumen. Frau Hinkel ſtellte den Korb, den Spinnrocken, den Bratſpieß, die Pfanne, die Schuͤſſel, den Topf und den Waſſerkrug an ihre Stelle, und Gackeleia ſetzte das Huͤhnerneſt, wo es hin19 gehoͤrte. Dann machte Gockel aus gruͤnen Zweigen zwei große und einen kleinen Beſen, und fegte mit Hinkel und Gackeleia den Boden ein wenig rein. Gackeleia fuhr ganz ſtolz und geſchaͤftig mit ihrem Beſen umher. Nun machten ſie ein Lager von Moos und duͤrren Blaͤttern, woruͤber Go¬ ckel ſeinen Mantel und Hinkel ihre Schuͤrze breitete. Dann betete Gockel ein kurzes Nachtgebet vor, worauf ſie ſich ſchlafen legten, Gockel rechts, Hinkel links, das Toͤchterlein Gackeleia in der Mitte zwiſchen beiden. Von der Reiſe und der Arbeit ermuͤdet, ſchliefen ſie alle bald ein.

Gegen Mitternacht ruͤhrte ſich ploͤtzlich der wachſame Schloßhauptmann Alektryo mit warnender Stimme auf ſei¬ nem Sitz, und Gockel, der vor allerlei Gedanken, wie er ſeine Familie ernaͤhren ſolle, nicht feſt ſchlief, richtete ſich auf und blickte umher, was vorgehe. Da ſah er an der offnen Thuͤre, durch welche der Mond ſchien, eine große lauernde Katze, die auch ſogleich einen heftigen Sprung herein that. In demſelben Augenblick hoͤrte Gockel ein Gepfeife, und fuͤhlte, daß ihm etwas Lebendiges in den weiten Aermel ſei¬ nes Wammſes hineinlief. Alektryo und Gallina erhoben ein banges Geſchrei wegen der Katze. Gockel ſprang auf, ver¬ jagte die Feindin und warf ihr einen Stein nach. Dann zog er an der Pforte die Thierchen, die ihm in den Aermel ge¬ ſchluͤpft waren, hervor, und erkannte im Mondſchein zwei weiße Maͤuschen von außerordentlicher Schoͤnheit. Sie wa¬ ren nicht ſcheu vor ihm, ſondern ſetzten ſich auf ſeiner Hand auf die Hinterbeine, und zappelten mit den Vorderpfoͤtchen, wie ein Huͤndchen, das bittet, was dem alten Herrn wohl gefiel. Er ſetzte ſie in ſeine Gockelsmuͤtze, legte ſich wieder nieder und dieſe neben ſich, mit dem Gedanken, die guten Thierchen am folgenden Morgen ſeinem Toͤchterchen Gackeleia zu ſchenken, welche ſehr ermuͤdet, wie ihre Mutter, nicht er¬ wacht war.

Als Gockel wieder eingeſchlafen war, machten ſich die2 *20zwei Maͤuschen aus der Pudelmuͤtze wieder heraus und un¬ terhielten ſich miteinander. Die eine ſprach: Ach Siſſi, meine geliebte Braut, da haſt du es nun ſelbſt erlebt, was dabei herauskoͤmmt, wenn man des Nachts ſo lange im Mondſchein ſpazieren geht, habe ich dich nicht gewarnt? Da antwortete Siſſi: O Pfiffi, mein werther Braͤutigam, mache mir keine Vorwuͤrfe, ich zittere noch am ganzen Leibe vor der ſchrecklichen Katze, und wenn ſich ein Blatt regt, fahre ich zuſammen, und meine, ich ſehe ihre feurigen Au¬ gen. Da ſagte Pfiffi wieder: Du brauchſt dich nicht weiter zu aͤngſtigen, der gute Mann hier hat der Katze einen ſo großen Stein nachgeworfen, daß ſie vor Angſt ſchier in den Springbrunnen geſprungen iſt. Ach! erwiederte Siſſi, ich fuͤrchte mich nur auf unſre weite Reiſe, wir muͤſ¬ ſen wohl noch acht Tage laufen, bis wir zu deinem koͤnigli¬ chen Herrn Vater kommen, und da jetzt einmal eine Katze uns ausgekundſchaftet hat, werden dieſe Freilaurer an allen Ecken auf uns lauern. Da verſetzte Pfiffi: wenn nur eine Bruͤcke uͤber das Fluͤßchen fuͤhrte, das eine halbe Tag¬ reiſe von hier durch den Wald fließt, ſo waͤren wir bald zu Haus; aber nun muͤſſen wir die Quelle umgehen. Als ſie ſo ſprachen, hoͤrten ſie eine Eule draus ſchreien und kro¬ chen bang tiefer in die Muͤtze. Auch noch eine Eule, fluͤ¬ ſterte Siſſi, o waͤre ich doch nie aus der Reſidenz meiner Mutter gewichen, und nun weinte ſie bitterlich. Der Maͤu¬ ſebraͤutigam war hieruͤber ſehr traurig, und uͤberlegte her und hin, wie er ſeine Braut ermuthigen und vor Gefahren ſchuͤtzen ſolle. Endlich ſprach er: geliebte Siſſi, mir faͤllt etwas ein; der gute Mann, der uns in ſeine Muͤtze ge¬ bettet hat, wuͤrde uns vielleicht ſicher nach Hauſe helfen, wenn er unſere Noth nur wuͤßte. Laſſe uns leiſe an ſeine Ohren kriechen und ihm recht flehentlich unſere Sorgen vor¬ ſtellen; ich will zuerſt mit ihm ſprechen, hilft das nicht, dann rede du in deinen ſuͤßeſten Toͤnen zu ihm, wer kann21 dir widerſtehen? aber ja recht leiſe, damit er nicht aufwacht, denn nur im Schlafe verſtehen die Menſchen die Sprache der Thiere. Siſſi war ſogleich bereit und nahte ſich be¬ ſinnend dem linken Ohre Gockels. Pfiffi aber lief zum rech¬ ten Ohre und ſang, nachdem er ſich auf die Hinterbeine ge¬ ſetzt und ſeinen Schweif quer durch das Maul gezogen hatte, um ſeiner Stimme, welche durch das Kommandiren bei der letzten Revue etwas rauh geworden war, einen mildern Ton zu geben.

Ich bin der Prinz von Speckelfleck
Und fuͤhre heim die ſchoͤnſte Braut;
Die Katze bracht 'ihr großen Schreck,
Sie bangt um ihre Sammethaut.
Ach, Gockel, bring uns bis zum Fluß
Und bau uns druͤber einen Steg,
Daß ich mit meiner Braut nicht muß
Den Quell umgehn auf weitem Weg.
Gedenken wird dir's immerdar
Ich und der hohe Vater mein;
Iſt's auch nicht gleich, vielleicht aufs Jahr
Stellt Zeit zu Dank und Lohn ſich ein.
Doch was brauchts da viel Worte noch,
Hart wird es mir, der edeln Maus,
Vor deinem großen Ohrenloch
Zu betteln. Ich, der ſtets zu Haus
Als erſtgeborner Koͤnigsſohn
Gefuͤrchtet und befehlend ſitzt
Auf einen Parmeſankaͤsthron,
Der ſtolze Butterthraͤnen ſchwitzt,
Sag dir hiemit, erwaͤhl' dein Theil,
Nimm mich und meine Braut in Schutz,
Schaff uns nach Haus geſund und heil,
Sonſt biete ich dir Fehd 'und Trutz.
Wenn uns die Katze auch nicht beißt,
Maulleckend nur die Zaͤhne bleckt,
Miauend meine Braut erſchreckt,
Woran viel liegt, was du nicht weißt,
22
Kruͤmmt ſie uns nur ein einzig Haar,
Faßt uns ein wenig nur beim Schopf,
Vielmehr, frißt ſie uns ganz und gar,
So kommt die That auf deinen Kopf,
Wonach du dich zu richten haſt!
Gegeben vor dem Ohrenloch
Des Wirthes, auf der dritten Raſt
Von unſrer Brautfahrt, da ich kroch
In ſeinen Aermel vor der Katz,
Nebſt meiner Braut aus großem Schreck,
Worauf in ſeiner Muͤtze Platz
Er uns gemacht. Prinz Speckelfleck.
Punktum, Streuſand, nun halte ſtill,
Ins Ohr beiß ich dir mein Sigill.

Nach dieſer ziemlich unhoͤflichen Rede biß Prinz Spe¬ ckelfleck den ehrlichen Gockel ſo derb ins Ohrlaͤppchen, daß er mit einem lauten Schrei erwachte und um ſich ſchlug. Da flohen die beiden Maͤuſe in großer Angſt wieder in die Pudelmuͤtze. Nein das iſt doch zu grob, einen ins Ohr zu beißen, ſagte Gockel. Da erwachte Frau Hinkel, und fragte: wer hat dich denn ins Ohr gebiſſen, du haſt gewiß getraͤumt. Iſt moͤglich, ſagte Gockel, und ſie ſchliefen wieder ein.

Nach einer Weile ſprach Siſſi zu Pfiffi: Aber um alle Welt, was haſt du nur gethan, daß der Mann ſo boͤs ge¬ worden? Da wiederholte ihr Pfiffi ſeine ganze Rede, und Siſſi ſagte mit Unwillen: Ich traue meinen Ohren kaum, Pfiffi! kann man unvernuͤnftiger und plumper bitten, als du? die niedrigſte Bauernmaus wuͤrde ſich in unſrer Lage diplomatiſcher benommen haben. Alles iſt verloren, ich bin ohne Rettung in die Krallen der Katze hingegeben durch deine uͤbel angebrachte Hoffart. Ach mein junges Leben, o haͤtte ich dich nie geſehen! u. ſ. w. Pfiffi war ganz ver¬ zweifelt uͤber die Vorwuͤrfe und Klagen ſeiner Braut, und23 ſprach: Ach Siſſi, deine Vorwuͤrfe zerſchneiden mein Herz, ich fuͤhle, du haſt recht; aber faſſe Muth, gehe an das linke Ohr und wende alle deine unwiderſtehliche Redekunſt an das linke Ohr geht zum Herzen, er erhoͤrt dich gewiß; o ich Ungluͤcklicher, daß ich in die verwuͤnſchten ſtandesmaͤßigen Redensarten gefallen bin! Da erhob ſich Siſſi, und ſprach: Wohlan, ich will es wagen. Leiſe, leiſe ſchluͤpfte ſie wieder an das linke Ohr Gockels, nahm eine ruͤhrende Stel¬ lung an, kreuzte die Vorderpfoͤtchen uͤber der Bruſt, ſchlang den Schweif wie einen Strick um den Hals, neigte das Koͤpfchen gegen das Ohr, und fluͤſterte ſo fein und ſuͤß, daß das Klopfen ihres bangen Herzchens ſchier lauter war, als ihr Stimmchen.

Verehrter Herr! ich nahe dir
Beſtuͤrzt, beſchaͤmt und herzensbang;
Ich weiß, mein Braͤutigam war hier
Und ziemlich grob vor nicht gar lang;
Auch war ſein Siegel ſehr apart,
Mit Recht haſt du ihn angeſchnarrt!
Weil er verwoͤhnt, von Noth entfernt,
Als einz'ger Prinz verzogen ward,
Hat er das Bitten nicht gelernt;
Drum, edler Mann, nimms nicht ſo hart!
Wie Grobſeyn ihm, ſey Hoͤflichſeyn
Dir leicht, weil du erzogen fein.
Er meints gewiß von Herzen gut,
Doch koͤmmt beim Sprechen er in Zug,
So regt ſich ſein erhabnes Blut,
Und er wird groͤber als genug.
Bedenk, der Kinder Pfeife klingt,
Wie ihrer Eltern Orgel ſingt;
Doch reut's ihn immer hinterdrein,
Und in der Pudelmuͤtze ſitzt
Jetzt krumm das arme Suͤnderlein
Und ſeufzt und wimmert, daß es ſchwitzt,
Und ſchimpft, daß ihm die Hofmanier
So grob entfuhr zur Ungebuͤhr.
24
Bekennet hat er mir, der Braut,
Die ihn erſt tuͤchtig zappeln ließ,
Ihm tuͤchtig wuſch die grobe Haut,
Die Naſ 'ihm auf den Fehler ſtieß,
Und endlich, nach manch bitterm Ach,
Dich zu verſoͤhnen ihm verſprach.
Doch, daß ich ſelbſt mich nicht vergeſſ',
Vergoͤnne jetzt in Demuth mir
Zu ſagen, daß ich, was Prinzeß
Bei Menſchen iſt, bin als ein Thier,
Und zwar als kleine, weiße Maus,
So ſchuͤtt 'ich nun mein Herz dir aus!
Prinzeß Siffi von Mandelbiß
Fleht dich um Ritterdienſte an;
Du weißt aus dem Aeſop gewiß,
Was fuͤr die Maus ein Loͤw gethan,
Und wie ihm dankbar half die Maus
Dann wieder aus dem Netz heraus.
Auch meinem Braͤutigam und mir
Hilf ſicher in das Maͤuſereich,
Die Katz, das ungeheure Thier,
Macht mich vor Schreck ganz todtenbleich!
O haͤtteſt du ein Biſchen nur
Von Mausgeſchmack und Mausnatur.
O wuͤßteſt du, wie weiß und zart,
Wie lieblich ich an Leib und Seel,
Gar nicht nach andrer Maͤuſeart,
Ja unter allen ein Juwel,
Du litteſt lieber ſelbſt den Tod,
Als du mich ließ'ſt in Katzennoth.
Die Aeuglein ſind wie Diamant,
Die Zaͤhne Perl und Elfenbein,
Mein Leib iſt zierlich und gewandt,
Die Pfoͤtchen roſenroth und klein,
Die Oehrlein ſind zwei Blumen zart,
Die Naſe einer Bluͤthe gleich;
Wie Bluͤthenfaͤden iſt mein Bart
So rein, ſo fein, ſo weiß und weich.
25
Schweig Maͤulchen, pfiffiglich geſpitzt,
Von Schoͤnheit, die der Leib beſitzt,
Sprich von der Kunſt, dem Sinn, dem Geiſt,
Von Leiſtungen, die Jeder preiſ't,
Denn, wie Frau Catalani ſingt,
Mein Stimmlein bei den Maͤuſen klingt.
Man hat mich drum als Gegenſatz
Oft Mauſalani auch genannt
Weil Cata etwas klingt wie Katz,
Hat man das Wort ſo umgewandt;
Das Lani ließ man angehaͤngt,
Weil man dabei an Wolle denkt.
Verlaͤugne nicht dein Zartgefuͤhl,
Laß ruͤhren dich durch meinen Sang,
Denn lockender als Floͤtenſpiel.
Als Harfenton und Geigenklang
Fleht er aus meiner Bruſt heraus:
Beſchuͤtz die kleine weiße Maus!
Bei deiner hohen Adelspflicht,
Die dich zum Schutz der Damen weiht,
Beſchwoͤr ich dich, verlaß mich nicht!
Vielleicht iſt ja der Tag nicht weit,
Daß ich dir wieder helfen kann
Doch darnach fraͤgt kein Edelmann!
Wer mich zu retten einen Stein
Der Katze in die Rippen warf,
Wer zugab, daß der Liebſte mein
An meiner Seite ſchlummern darf
In ſeiner Muͤtze weich und warm,
Der ſchuͤtzt mich auch mit ſtarkem Arm!
Erlaub nun daß dir als Sigill
Der Wahrheit, ohne Hinterliſt
Hier einſamlich und in der Still
Das Ohrlaͤppchen demuͤthig kuͤßt,
Was niemals ſie noch that gewiß,
Prinzeß Siſſi von Mandelbiß.

Nun kuͤßte ſie ganz leiſe das Ohrlaͤppchen Gockels, und weil er im Schlafe etwas durch die Naſe pfiff, glaubte ſie 26 er ſage ihr in der Maͤuſeſprache die artigſten Sachen und verſpreche ihr ſeine Hilfe fuͤr ganz gewiß. Mit leichtem Herzen begab ſie ſich daher in die Muͤtze zuruͤck und ver¬ kuͤndigte ihrem Braͤutigam den guten Erfolg ihrer Bitten, worauf dieſer ſie zaͤrtlich umarmte.

Jetzt aber war die Stunde gekommen, da die ſchwarze Nacht gegen Morgen ergrauet, und Alektryo, als ein ge¬ treuer Burgvogt, ſtreckte dem anbrechenden Lichte ſeinen Hals entgegen, um es zum erſtenmal mit einem kraͤhenden Trompetenſtoße zu bewillkommen. Da erwachte Gockel und Frau Hinkel, Gackeleia aber ſchlief feſt. Frau Hinkel fragte ihren Mann, warum er denn heute Nacht ſo unruhig ge¬ weſen, und wie er nur getraͤumt habe, daß ihn Jemand ins Ohr gebiſſen. Da zeigte Gockel ihr die weißen Maͤus¬ chen in ſeiner Muͤtze, und erzaͤhlte ihr, was ihm alles mit ihnen geſchehen ſey, und daß er verſprochen habe, ihnen zu helfen; und daß will ich auch thun, fuhr Gockel fort, ich will beide ſogleich uͤber den naͤchſten Fluß bringen, wo ſie bald außer Gefahr in ihrer Heimath ſind.

Nun wollte er aufſtehen und ſich auf den Weg begeben, aber Frau Hinkel ſagte: du biſt nicht recht klug; dir traͤumt, du haͤtteſt den Maͤuſen etwas verſprochen und willſt es ihnen nun im Wachen halten, und deßwegen willſt du mich hier in der Wildniß mit Gackeleia allein laſſen, wo du ſo noͤthig biſt, um aufzuraͤumen und alles in Ordnung zu bringen. Da erwiederte Gockel: du haſt ſcheinbar ganz recht, aber verſprochen muß gehalten werden, ich habe mein Ehrenwort gegeben, und das iſt mir ſo deutlich und gegenwaͤrtig als der Biß in das Ohr. Wenn aber der Biß, ſagte Frau Gockel, ein Traum war, ſo war auch das Eh¬ renwort ein Traum. Gockel ſprach hierauf unwillig: ein Ehrenwort iſt nie ein Traum, das verſtehſt du nicht, und den Biß habe ich ſo deutlich gefuͤhlt, daß ich mit einem Schrei erwachte, das Ohr brennt mich noch. Laß doch27 einmal ſehen, ſagte Frau Hinkel, und erblickte mit großer Verwunderung wirklich die Spur von fuͤnf ſpitzen Zaͤhnchen an Gockels Ohr.

Als ſie ihm dieſes geſagt hatte, ließ er ſich auch keinen Augenblick laͤnger aufhalten, ſprang vom Lager auf, nahm das Brod aus dem Huͤhnerkorb, ſchnitt ein Stuͤck herunter, das er einſteckte, und ſprach zu ſeiner Frau: Hinkel raͤume einſtweilen Alles huͤbſch auf, ſieh dich im Schloße und der Umgebung um, und denke dir Alles aus, wie du es gerne zu unſerer Haushaltung eingerichtet haͤtteſt; beſonders gieb auf Alektryo und Gallina acht, weil es, wie du gehoͤrt haſt, Katzen hier giebt; nach Mittag hoffe ich wieder hier zu ſeyn, und nun nahm er ſeinen Reiſeſtab in die Hand. Weil er aber die Muͤtze, aus der ihm die Maͤuschen[entgegenpfifferten], aufſetzen mußte, ſo nahm er ein leeres, mit zarten Federchen ausgefuͤttertes Vogelneſt aus einem Baum, ſetzte die Maͤus¬ chen hinein, ſchob es in den Buſen und gieng mit ſtarken Schritten in den Wald gegen das Fluͤßchen hin.

Nach ein paar Meilen Wegs ruhte er an einer Quelle, wo er ſein Brod mit ſeinen Reiſegefaͤhrten theilte. Da er aber endlich an den Fluß kam, gieng er auf und ab, eine ſchmale Stelle zu finden, fand auch endlich einen Ort, wo er das Fluͤßchen leicht mit einem Steine uͤberwerfen konnte. Hier nun nahm er ſich vor, die Maͤuschen uͤberzuſetzen, aber keine Bruͤcke, kein Kahn war da; er entſchloß ſich daher kurz, zog das Neſt, mit den Maͤuſen hervor, und ſprach hinein: lebet wohl, meine lieben Gaͤſte; du Prinz von Speckelfleck befleiße dich beſſerer Sitten, und du Prinzeß von Mandelbiß bilde dir nicht ſo viel auf die Schoͤnhei¬ ten ein, die du beſitzeſt; uͤbrigens biſt du wirklich ein ſehr ſchoͤnes Thierchen! Lebt wohl, gruͤßt eure Anverwandten und vergeßt nicht den armen alten Gockel von Hanau. Die Maͤuschen wußten gar nicht, was er wollte, weil er ſchon Abſchied nahm und ſie doch noch dießſeits des Flußes wa¬28 ren, auch kein Kahn und keine Bruͤcke weit und breit zu ſe¬ hen war; ſie pfifferten ihm daher allerlei Fragen entgegen, aber er verſtand kein Wort, ließ ſich auch weiter auf nichts ein, ſondern wickelte ſie, nebſt einer Erdſcholle, in das Neſt, holte weit aus und warf ſie gluͤcklich hinuͤber in das hohe Gras. Da ſich von dem Falle das Neſt druͤben oͤffnete, ſchrieen die kleinen Thierchen noch immer ſehr erſtaunt, wie er ſie nur hinuͤber bringen wolle, als ſie zu ihrer groͤßten Verwunderung ſahen, daß ſie bereits druͤben waren und froͤh¬ lich nach Hauſe liefen, ihre Abentheuer zu erzaͤhlen.

Auf dem Heimwege begegnete Gockel drei alten Morgen¬ laͤndern mit langen Baͤrten, welche große Naturphiloſophen, Kabbaliſten und Petſchierſtecher waren; ſie fuͤhrten einen al¬ ten Bock und eine alte magere Ziege an Stricken zur Frank¬ furter Meſſe. Sie redeten Gockel an: ſeid ihr der Beſitzer des alten Schloßes hier im Walde? Gockel antwortete: ja, ich bin der alte Raugraf, Gockel von Hanau. Da fragten ihn die Maͤnner, ob er ihnen nicht den alten Haus¬ hahn verkaufen wollte, ſie wollten ihm den Bock dafuͤr ge¬ ben. Gockel antwortete: was ſoll ich mit dem Bock, ihn etwa zum Gaͤrtner machen, kann der Bock etwa kraͤhen? Mein Hahn iſt kein Alletagshahn, er iſt ein Wappenhahn, ein Stammhahn; ſein Vater hat auf meines Vaters Grab gekraͤht, und er ſoll auf meinem Grabe kraͤhen, lebt wohl. Da boten ihm die Maͤnner die Ziege, und als er abermals nicht wollte, boten ſie ihm den Bock und die Ziege; Gockel aber lachte ſie aus und gieng ſeiner Wege. Nun, riefen ſie ihm nach, in vier Wochen gehen wir wieder vorbei, da wol¬ len wir wieder nachfragen, vielleicht haben dann der Herr Raugraf mehr Luſt, den Hahn zu verkaufen.

Gockel kam gegen Abend nach Haus, und nachdem er von ſeiner Reiſe ausgeſchlafen hatte, ſah er ſich am andern Morgen mit Frau Hinkel und dem Toͤchterchen Gackeleia in dem wuͤſten Schloße ſeiner Voraͤltern um und begann ſich ſo29 gut einzurichten, als es nur immer moͤglich war. Alektryo〈…〉〈…〉〈…〉〈…〉〈…〉〈…〉 g uͤberall mit ihnen umher, und da er an einer Stelle nicht aufhoͤrte zu ſcharren und zu locken, ward Gockel auf¬ merkſam und raͤumte muͤhſam den Schutt hinweg, wo er dann zu ſeiner großen Freude einiges eiſerne Gartengeraͤth fand, das von dem eingeſtuͤrzten Hauſe verſchuͤttet worden war. Da war ein Spaten, eine Pickel, eine Karſt, eine Harke, und Gockel machte ſich gleich daran, dieſe roſtigen Inſtrumente wieder blank zu wetzen und neue Stiele hinein zu ſchnitzen. Mit dieſem Werkzeug konnte er nun tuͤchtig in dem Schutt herum arbeiten, und es gelang ihm, am Fuße eines Rauchfangs, ein Kamin herauszugraben, in welchem der eiſerne Keſſel ſeiner Vorfahren noch an einer Kette uͤber der Feuerſtelle hing. Auch dieſen ſcheuerte Frau Hinkel am Brunnen wieder blank, und Gockel richtete ihr das ſchoͤne Kamin zur Kochſtelle ein. Freudig rief er ſie herbei und zeigte ihr die ſchoͤne Einrichtung; aber Frau Hinkel ſeufzte und ſagte: was ſoll uns der Herd, wenn wir nichts zu ko¬ chen haben? Gott wird helfen, ſagte Gockel, und lehnte ſich auf ſeine Schaufel; indem kam Gackeleia herangehuͤpft und hatte eine Menge bunte Vogelfederchen in ihrer Schuͤrze geſammelt, und ſagte: Mutter, da ſind ſo ſchoͤne Feder¬ cheu, mache mir doch ſolche Huͤhnchen und Haͤhnchen dar¬ aus, wie du mir oft in Gelnhauſen gemacht! Gockel ſagte: Kind, dich ſchickt Gott; ja, das thue Frau Hinkel, mache ein paar Dutzend ſolche Voͤgelchen, ich will ſie fuͤr Brod und andres Noͤthige verkaufen. Frau Hinkel, welche eine ganze Sammlung ſolchen kleinen Gefluͤgels fuͤr das koͤ¬ niglich Geluhauſeniſche Huͤhner-Normal-Muſeum verfertigt hatte, machte nun aus Lehm und dieſen Federn allerlei ar¬ tige kleine Voͤgel; die Beine und Schnaͤbel wurden aus Dorn gemacht, und ſie ſahen recht artig aus. An den Tagen, da ſie hieran auf den verfallenen Stufen des trocknen Spring¬ brunnens ſitzend arbeitete, legte Gockel auf allen fruchtbaren30 Erdſtellen zwiſchen den Mauern Gartenbeete an, ordnete und verband alle Winkelchen mit Zaͤunen und aus umherliegenden Steinen zuſammengeſtellten Treppen. Er ſammelte alle Gar¬ tengewaͤchſe, die im verwilderten Schloßgaͤrtchen noch uͤbrig geblieben waren, und pflanzte ſie ſie fein ordentlich in die neu angelegten Beete.

Von den mitgebrachten Broden war das letzte ſchon ſeit einigen Tagen angeſchnitten, und Frau Hinkel hatte die zwei Dutzend Federvoͤgelchen fertig. Gockel nahm ſie und ſprach: Dieſe Thierchen ſollen uns Brod ſchaffen, bis wir leben¬ dige Huͤhnchen zu verkaufen haben und ſomit empfahl er ihnen fleißig zu ſeyn und gieng fort durch den wilden Wald nach der Landſtraße zu. Kaum war er eine Stunde Wegs gegangen, als er einen Poſtillon ganz erbaͤrmlich blaſen hoͤrte. Er gieng auf den Schall zu, und ſah einen Mann in gel¬ bem Rock mit ſchwarzen Aufſchlaͤgen im Gebuͤſch herum krie¬ chen. Als ſie ſich erblickten, ſagte dieſer: Gott ſey Dank, daß da Jemand koͤmmt, mir aus der Noth zu helfen. Von Herzen gern, wenn's moͤglich iſt, erwiederte Gockel, was giebt es, wo fehlt es? Seht, fuhr der Mann fort, ich bin der Conducteur vom heiligen roͤmiſchen Reichs-Poſt¬ wagen und fahre jetzt nach Nuͤrnberg; da ich durch Gelnhau¬ ſen kam, war ein Laͤrm in der Stadt, daß der Huͤhnermi¬ niſter, Alles zuruͤcklaſſend, mit Frau und Kind verſchwunden ſey. Das aͤrgerte den Koͤnig Eifraſius, er ließ mich zu ſich rufen und ſagte: Herr Conducteur, will er mir gegen ein gutes Trinkgeld einen Gefallen thun? Nicht mehr als Schuldigkeit, ihre Majeſtaͤt, ſagte ich. Da ſagte der Koͤ¬ nig: Mein Huͤhnerminiſter, ein alter eigenſinniger deutſcher Degenknopf, iſt in Gnaden entlaſſen auf und davon gegan¬ gen, und hat nicht einmal ſeinen Gehalt fuͤrs letzte Viertel¬ jahr mitgenommen; ich will ihm nichts ſchuldig bleiben; wie ich vermuthe, iſt er in ſein wuͤſtes Stammſchloß im Ha¬ nauer Wald gezogen. Nehme er ihm ſein letztes Quartal31 mit und ſuche er ihn auszufragen; wenn er mir einen Zettel bringt, daß er es empfangen, ſo gebe ich ihm bei der Ruͤckkehr ein gutes Trinkgeld. Ich war zu Al¬ lem bereit; man lud mir einen Sack voll Kartoffeln, ei¬ nen Sack voll Mehl, einen Kuhkaͤs, einen Topf voll But¬ ter, einige Laib Brod und einen Korb mit Eiern auf, Alles mit der Adreſſe, an Seine Hochgeborne Excellenz Herrn Herrn Raugrafen Gockel von Hanau, koͤniglich Gelnhauſe¬ niſchen Exhuͤhnerminiſter in da ſteht ein Fragezeichen. Nun fahre ich ſchon ein paar Stunden herum und kann das Schloß nicht finden, und ich fuͤhre noch herum aber es geht nicht denn der Poſtwagen iſt mir umgefallen, und der ganze Korb mit Eiern iſt mir zerbrochen, ihr werdet die Beſcheerung ſehen. Ich ließ den Poſtillon ſchon eine Stunde lang um Huͤlfe blaſen und ſuchte einſtweilen, bis Jemand kaͤme, uns den Wagen aufrichten zu helfen, hier unter den Baͤumen Pfifferlinge fuͤr einen Freund in Nuͤrn¬ berg. Das iſt die Geſchichte, jetzt kommt und helft.

Gockel umarmte den Conducteur, knoͤpfte ſeinen Wam¬ mes auf, zeigte ihm ſeinen Orden und gab ſich als den Ex¬ huͤhnerminiſter zu erkennen. Niemand war froher als der Conducteur. Sie eilten nach dem umgefallenen Poſtwagen, trugen die Kartoffeln, das Mehl, das Brod, den Kaͤs, die Butter, die Gockel gehoͤrten, in ein dichtes Gebuͤſch, richte¬ ten den Poſtwagen wieder auf, wiſchten mit Gras das Ei¬ gelb von den zerbrochenen Eiern aus dem Wagen und ſchmier¬ ten die Raͤder damit. Gockel nahm ſeinen Siegelring, wor¬ auf ein doppelter Hahn eingeſtochen war, den er mit Ei¬ gelb beſtrich und dem Conducteur in ſein Poſtbuch als Be¬ ſcheinigung des Empfangs abdruckte. Nun iſt alles vor¬ trefflich, Herr Graf, ſagte der Conducteur, aber eine Ge¬ faͤlligkeit moͤchte ich mir erbitten. Ein Freund von mir, in Nuͤrnberg, ein Liebhaber von Raritaͤten, hat auf der Durch¬ reiſe in Gelnhauſen, im koͤniglichen Normalhuͤhnermuſeum,32 eine Sammlung kleiner, von Federn gemachter Huͤhnchen ge¬ ſehen, und wuͤnſchte um Alles iu der Welt zu wiſſen, wo dieſelben verfertigt werden, er koͤnnte bei ſeinem ausgebrei¬ teten Handel wohl hundert Dutzend davon gebrauchen. Gut, mein Freund, erwiederte Gockel, ich kann ſie Ihnen verſchaffen, hier haben ſie gleich zwei Dutzend von neueſter Façon als eine Probe; wenn ſie hier wieder vorbeifahren, legen ſie nur dort in den hohlen Baum, was ihr Freund da¬ fuͤr bezahlt, ſie ſollen dort immer von Zeit zu Zeit einige Dutzend ſolchen Gefluͤgels vorraͤthig finden. Wenn ſie wieder kommen, bringen ſie mir etwas Drath und Zwirn und eine halbe Elle rothes Tuch mit, die Beine und den Kamm an den Thierchen ſchoͤner machen zu koͤnnen. Der Conducteur verſprach Alles, und da Gockel fragte, wie denn das Hand¬ lungshaus in Nuͤrnberg heiße, zog er eine leere Rauchta¬ baksduͤte aus der Taſche, fuͤllte die Huͤhnchen hinein und zeigte Gockel die Adreſſe: Gebruͤder Portorico ohne Rippen. Da blies der Poſtillon recht ungeduldig. Gockel ſchuͤttelte dem Conducteur die Hand, der in den heil. roͤmiſchen Reichs¬ poſtwagen kroch, der gewiß ſehr ſchnell fortgefahren waͤre, weil er ſo gut geſchmiert war aber der Kaſten war ſchwer, die Pferde muͤd, der Weg ſchlecht und der Poſtillon ſchlief.

Gockel packte ſogleich von Allem, was er erhalten hatte, ſo viel auf, als er tragen konnte, das Uebrige verdeckte er dicht mit Zweigen, um es Morgen vollends nach Haus zu bringen. Als er in das Schloß kam, rief er ſogleich: ge¬ ſchwind Frau Hinkel! den Keſſel uͤbers Feuer, ich bringe Lebensmittel, und nun zeigte er, was er gebracht, und er¬ zaͤhlte Alles, was er erlebt. Frau Hinkel kochte Kartof¬ feln, machte gebrannte Mehlſuppe, backte Pfannkuchen. Sie aſſen froͤhlich, ſtreuten den Voͤgeln Broſamen und giengen zufrieden ſchlafen. Am andern Morgen holte Gockel den uͤbrigen Vorrath und fuhr fort in dem wuͤſten Gebaͤude auf¬ zuraͤumen und einzurichten.

33

Ihr Leben ward taͤglich ertraͤglicher in dem wilden Schloß. Gockel gieng oft ganze Tage in den Wald, bald zu jagen, bald um die Voͤgelchen und Huͤhnchen der Frau Hinkel in den hohlen Baum zu tragen, wo er immer fuͤr jedes zwei Kreuzer von Hrn. Gebruͤder Portorico ohne Rip¬ pen durch den Conducteur und neue Beſtellungen, und was er ſelbſt beſtellt, hingelegt fand. Wenn Gockel weggieng, befahl er immer, was gearbeitet werden ſollte, und Alektryo horchte ſeinen Auftraͤgen jedesmal ſehr ernſthaft zu. Seine Befehle wurden aber nicht immer befolgt. Zum Beiſpiel: Gackeleia ſollte aus Weidenruthen Huͤhnerneſter flechten und die Weidenruthen in den Brunnen vor dem Schloßgarten le¬ gen, damit ſie ſich recht geſchmeidig flechten ließen; aber ſie that das ſehr nachlaͤſſig, war eine neugierige, naſchhafte kleine Spielratze, guckte in alle Vogelneſter, naſchte von al¬ len Beeren, machte ſich Blumenkraͤnze und hatte keine rechte Luſt zum Arbeiten, weßwegen der ſtrenge Alektryo ſie manch¬ mal mit großem Zorn ankraͤhte, ſo daß ſie erſchreckt zu ih¬ rer Arbeit zuruͤcklief. Darum faßte ſie einen ſtarken Unwil¬ len auf den alten Wetterpropheten und verklagte ihn bei der Mutter. Auch dieſe hatte keine Liebe zu Alektryo, denn, wenn ſie ſich manchmal uͤber der Gartenarbeit ermuͤdet auf einen Stein ſetzte und ſehnſuͤchtig an die Fleiſcher - und Baͤ¬ ckerladen zu Gelnhauſen dachte, begann Alektryo, der ihr immer wie ein beſchwerlicher Haushofmeiſter auf allen Schrit¬ ten nachgieng, auf den zu beſtellenden Gartenbeeten zu ſchar¬ ren und zu kraͤhen, um ſie an die Arbeit zu erinnern.

Als ſie nun einſtens ſo ſitzend eingeſchlafen war und vergeſſen hatte, der Henne Gallina Futter vorzuſtreuen und friſches Waſſer zu geben, traͤumte ihr auch von den Geln¬ hausner Braten und Eierwecken ſo klar und deutlich, daß ſie im Traum ſagte: ach es iſt Wahrheit, es iſt kein Traum; da kraͤhte ihr Alektryo ſo ſchneidend dicht in die Ohren, daß ſie vor Schrecken erwachte und an die harte334Erde fiel. Darum hatte ſie noch einen viel groͤßern Unwil¬ len gegen den ehrlichen Stammhahn Alektryo, und jagte ihn uͤberall hinweg, wo ſie zu thun hatte. Auch haͤtte ſie ihm gerne laͤngſt den Hals abgeſchnitten, weil er ſie alle Morgen um 3 Uhr von ihrem Lager aufweckte. Aber er war ihr zu der Huͤhnerzucht, auf welche Gockel alle ſeine Hoffnung ge¬ ſtellt hatte, gar zu noͤthig.

Wenn nun Gockel Abends heimkehrte, kam ihm gewoͤhn¬ lich Alektryo entgegengeflogen, ſchlug mit den Fluͤgeln und kraͤhte ihm allerlei vor, als wolle er Hinkel und Gackeleia wegen ihrer Nachlaͤßigkeit verklagen, und dieſe verklagten den Hahn wieder und es gieng ein ſtrenges Nachforſchen Gockels uͤber Alles an, wo dann Hinkel und Gackeleia man¬ cherlei Verdruß bekamen, ſo daß ſie dem Alektryo taͤglich feindſeliger wurden. Das Alles waͤhrte ſo fort, bis die Henne Gallina dreißig Eier gelegt hatte, auf denen ſie bruͤ¬ tend ſaß. Auf dieſe Brut ſetzte Gockel alle ſeine Hoffnung fuͤr die Zukunft, und zuͤrnte darum ſo gewaltig auf Frau Hinkel, als ſie die Vorſprecherin der Raubvoͤgel werden wollte, die gern im Schloße aufgenommen geweſen waͤren, woruͤber ihr Gockel einen ſo derben Verweis gab, wie ich gleich anfangs erzaͤhlte.

Die Freude des guten Gockels uͤber ſeine bruͤtende Henne war ungemein groß, und da er taͤglich erwartete, daß die kleinen Huͤhnchen auskriechen ſollten, eilte er nach einer nahe gelegenen Stadt, Hirſe zu ihrem Futter zu kaufen, und em¬ pfahl ſowohl der Frau Hinkel als der kleinen Gackeleia ſehr auf die bruͤtende Gallina Acht zu haben, daß ihr ja niemals etwas mangle. Er gieng ſchon um Mitternacht weg, weil er einen weiten Weg vor ſich hatte. Frau Hinkel dachte nun einmal recht auszuſchlafen, und nahte ſich dem Hahn Alek¬ tryo, der noch auf ſeiner Stange ſchlafend ſaß, ergriff ihn und ſteckte ihn in einen dunkeln Sack, damit er den anbre¬ chenden Morgen nicht erblicken und ſie mit ſeinem Kraͤhen35 nicht erwecken moͤge, worauf ſie ſich wieder niederlegte und wie ein Ratze zu ſchlafen begann.

Das Toͤchterlein Gackeleia aber ſchlief nicht viel, denn ſie hatte ſich ſchon lange darauf gefreut, wenn der Vater Gockel einmal laͤnger abweſend ſeyn wuͤrde, ſich ein Vergnuͤ¬ gen zu machen, das ſie gar nicht erwarten konnte. Sie hatte naͤmlich bei ihrem Herumklettern in einem entfernten Winkel des alten Schloßes eine Katze mit fuͤnf Jungen gefunden und weder dem Vater noch der Mutter etwas davon geſagt, weil dieſe immer ſehr gegen die Katzen ſprachen. Gackeleia aber konnte ſich nie ſatt mit den artigen Kaͤtzchen ſpielen, ſie brachte alle ihre Freiſtunden bei denſelben zu und hatte der alten Katze den Namen Schurrimurri gegeben, die fuͤnf jungen aber Mack, Benack, Gog, Magog und Dema¬ gog genannt. Heute ſtand ſie nun in aller Fruͤhe leiſe ne¬ ben der ſchlafenden Mutter auf, froh, daß Alektryo ſie nicht verrathen koͤnne, denn ſie hatte wohl bemerkt, daß die Mut¬ ter ihn in den Sack geſteckt. Als ſie aber an dem Neſte der bruͤtenden Gallina voruͤbergieng, hatte ſie eine wunderbare Freude, denn ſieh da, alle die Eier waren kleine Huͤhnchen geworden, und piepten um die Henne herum und draͤngten ſich unter ihre ausgebreiteten Fluͤgel und guckten bald da, bald dort mit ihren niedlichen Koͤpfchen hervor. Gackeleia wußte ſich vor Freude gar nicht zu faſſen; anfangs wollte ſie die Mutter gleich wecken, dann aber fiel es ihr ein, ſie wolle es zuerſt ihren kleinen Kaͤtzchen erzaͤhlen, und meinte, die wuͤrden ſich eben ſo ſehr, als ſie ſelbſt, uͤber die ſchoͤnen Huͤhnchen freuen.

Schnell lief ſie nun nach dem Katzenneſt, und als ihr die alte Katze mit einem hohen Buckel entgegen kam und um ſie herumzuſchnurren begann, und die kleinen Kaͤtzchen hin¬ ter ihr drein zogen, ſprach Gackeleia: Ach, Schurrimurri! Gallina hat dreißig junge Huͤhnchen, und jedes iſt nicht groͤßer als eine Maus. Als die Katze dies hoͤrte, war ſie3 *36ſo begierig die Huͤhnchen zu ſehen, daß ihr die Augen fun¬ kelten. Da ſagte Gackeleia: wenn du huͤbſch leiſe auftreten willſt und nicht miauen, damit die Mutter nicht erwacht, ſo will ich dir die artigen Huͤhnchen zeigen; die kleinen Kaͤtz¬ chen koͤnnen auch mitgehen, die werden große Freude an den Huͤhnchen haben. Gleich lief nun Schurrimurri mit ihren Jungen vor Gackeleia her, und als ſie an den Stall gekom¬ men waren, ermahnte ſie dieſelben nochmals, recht artig zu ſeyn, und machte leiſe die Thuͤre auf. Da konnte ſich aber Schurrimurri nicht laͤnger halten, ſie ſetzte mit einem Sprunge auf die bruͤtende Gallina und erwuͤrgte ſie, und die jungen Kaͤtzchen waren eben ſo ſchnell mit den jungen Huͤhnchen fertig.

Das Geſchrei der Gackeleia und der ſterbenden Gallina weckte die Mutter, die noch auf dem Lager ſchlief und mit Entſetzen ihre ganze Hoffnung von der Katze erwuͤrgt ſah, die ſich, nebſt ihren Jungen, bald mit ihrer Beute davon machte. Gackeleia und Hinkel weinten und rangen die Haͤn¬ de, und der arme Alektryo, der das Wehgeſchrei der Sei¬ nigen wohl gehoͤrt hatte, flatterte und ſchrie in dem Sack.

Gackeleia wollte ſterben vor Angſt, ſie umfaßte die Kniee der Mutter und ſchrie immer: ach der Vater, ach der Vater, ach was wird der Vater ſagen, ach er wird mich umbringen; Mutter, liebe Mutter, hilf der armen Gacke¬ leia!

Frau Hinkel war nicht weniger erſchreckt, als Gacke¬ leia, und fuͤrchtete ſich nicht weniger als dieſe vor dem ge¬ rechten Zorne Gockels, denn ſie hatte den wachſamen Alek¬ tryo in den Sack geſteckt. Als ſie das bedachte, fiel ihr auf einmal ein, ſie wolle den Hahn Alektryo als den Moͤrder der jungen Huͤhnlein angeben, und hoffte dadurch den Zorn Gockels auf dieſen unbequemen Waͤchter zu wenden. Sie nahm daher den Sack, worin der Hahn war, und ſagte: komm Gackeleia, wir wollen dem Vater, nacheilen und ihm37 den Alektryo als den Moͤrder der kleinen Huͤhner und der Gallina uͤberbringen, und ſo eilten ſie nun beide den Go¬ ckel einzuholen, der im Walde herumſtrich, einiges Wild zu erlegen, das er bei dem Kraͤmer gegen Hirſe vertauſchen wollte.

Bald ſahen ſie ihn auch in einem Buſche zwei Schne¬ pfen, die ſich in einem Sprenkel gefangen hatten, in ſeinen Ranzen ſtecken; da fiengen ſie laut an zu weinen. Gockel ſchrie ihnen entgegen: Gott ſey Dank, ihr weinet gewiß vor Freude, Gallina hat gewiß dreißig ſchoͤne junge Huͤhnchen aus¬ gebruͤtet. Ach, ſchrie Frau Hinkel, ach ja, aber! Aber, was aber? ſagte Gockel, was aber weint ihr, dreißig Huͤhner, und immer ſo fort, entſetzlich viele Huͤhner! Da rief Hinkel: O Ungluͤck uͤber Ungluͤck, Alektryo, dein ſauberer Haushahn hat Gallina und alle die gegenwaͤrtigen und kuͤnftigen Huͤhner gefreſſen! Da hab ich ihn in den Sack geſteckt, da haſt du ihn, ſtrafe ihn, ich will ihn nie wieder ſehen. Mit dieſen Worten warf ſie dem vor Schreck verſteinerten Gockel den Sack mit dem Hahn vor die Fuͤße.

Gockel war uͤber die ſchreckliche Nachricht, die alle ſeine Hoffnungen zerſtoͤrte, ganz wie von Sinnen; ach, rief er aus, nun habe ich Alles verloren, das Gluͤck weicht von meinem Stammhaus, alle meine Voreltern und Nachkom¬ men ſind betrogen durch den unſeligen Alektryo, den wir uͤber Menſchen und Vieh hoch geachtet haben. O! haͤtte ich ihn doch den drei morgenlaͤndiſchen Petſchierſtechern fuͤr den Geisbock und die Ziege verkauft, da haͤtten wir doch etwas gehabt. Als Frau Hinkel hoͤrte, daß er den Alektryo ſo gut haͤtte verkaufen koͤnnen, machte ſie dem Gockel bittere Vor¬ wuͤrfe, der immer trauriger ward, und endlich ſeinen alten pergamentenen Adelsbrief aus dem Buſen zog und zu ſeiner Frau ſagte: Hinkel, ſieh, was meinen Stamm immer be¬ wogen hat, den Alektryo zu ehren; da unten auf der gol¬ denen Buͤchſe, in welcher der treuloſe Alektryo als mein Fa¬38 milienwappen in Wachs abgebildet iſt, ſteht ein alter Fa¬ milienſpruch, nach welchem ich mit allen meinen Vorfahren, von dem Geſchlechte des Alektryo unſer Gluͤck erwartete. Die ſchriftliche Urkunde davon iſt bei der Verbrennung un¬ ſeres Schloſſes verloren gegangen, mein Großvater hat den Spruch aber zum ewigen Angedenken auf die goldene Sie¬ gelbuͤchſe ſtechen laſſen. Er lautet ganz klar: Alektryo bringt dir Gluͤcke ſelbſt um Un¬ dank. Gockel Kopf Kropf Siegel Brod gab. Was aber die Worte: Kopf, Kropf, Siegel, Brod gab, bedeuten ſollen, weiß ich nicht.

Als er kaum die Worte ausgeſprochen hatte, traten die drei Petſchierſtecher, die ihm neulich den Hahn abkaufen wollten, aus dem Gebuͤſch und ſprachen: was befehlen der Herr Graf Gockel von Hanau von uns? Wie ſo, ſagte Gockel unwillig, was ſoll ich befehlen? Der Herr Graf, antworteten die Maͤnner, haben doch unſre Namen, Kopf, Kropf und Siegel zweimal ausgeſprochen, denn ſo heißen wir, ſeit unſre Voraͤltern nach Deutſchland gezogen. Aber vielleicht wollen der Herr Graf ſich ein neues Petſchaft ſtechen laſſen; denn außerdem, daß wir in der Aſtrologie, Phyſiognomie, Chiromantie, Geomantie, Alek¬ tryomantie, Coscinomantie, Hydromantie, Cryſtallomantie, Cabbala, Goetie, Diplomatie und Prophetie unbegreiflich billige Privatſtunden geben, und daß wir Huͤhneraugen ſchnei¬ den, zerbrochenes Porzellain kitten und Kaffeemuͤhlen ſcharf machen, ſind wir hauptſaͤchlich Petſchierſtecher, was durch¬ aus zur Diplomatie, wegen der Siegelkenntniß an den Ur¬ kunden, und zur Verfertigung der Talismane noͤthig iſt. Ach, Herr Graf! es gehoͤrt heut zu Tag ein entſetzlicher Umfang dazu, um in den Wiſſenſchaften komplett zu ſeyn; es werden grauſame Forderungen gemacht, und was hat man davon, nichts als die Ehre, daß Alles in einander39 greift mit leeren Haͤnden. Ja, wenn der Handel mit Vieh, mit alten Kleidern und Haſenpelzen nicht waͤre Herr Graf! wahrhaftig die hohen Wiſſenſchaften machen die Suppe nicht fett. Alſo, daß ich meine Rede nicht vergeſſe, wollen der Herr Graf ſich nicht ein Petſchaft ſte¬ chen laſſen? denn wir ſehen, daß ſie Ihr Siegel in den Haͤnden haben, welches ein Siegel des Gleichniſſes, voll der Weisheit und ausnehmend ſchoͤn iſt.

Ach, ſagte Gockel, ich moͤchte mein Wappen lieber ganz vernichten, denn der Hahn Alektryo, der darauf abge¬ bildet iſt, hat uns ſchaͤndlich betrogen, und nun erzaͤhlte er ihnen ſein ganzes Ungluͤck. Sehen der Herr Graf, ſagte der eine Petſchierſtecher, wie gut wir es mit Ihnen gemeint, da wir Ihnen neulich den Hahn abkaufen wollten; haben wir nicht geſagt, Sie wuͤrden ihn naͤchſtens vielleicht gern los werden, wenn ihn nur Jemand wollte, das lehrte uns die Prophetenkunſt.

Wie ſo, gut gemeint, ſagte Gockel, wie konntet ihr denn wiſſen, daß mich der Hahn in ſolches Leid verſetzen werde? Da erwiederte der eine Morgenlaͤnder: dieß Leid iſt ja deutlich in dem alten Familienſpruch ausgeſprochen, welchen unſre Voraͤltern ſelbſt auf die goldne Siegelbuͤchſe geſtochen haben; weswegen auch abgekuͤrzt unter dem Spru¬ che ſteht, daß durch dieſe Arbeit Gockel dem Kopf, dem Kropf, dem Siegel Brod gab, und aus Dankbarkeit fuͤr dieſes Brod, das Ihre Voraͤltern den unſern gegeben, wollten wir, da der Herr Graf in Ungnade und Armuth gerathen iſt, Ihro Excellenz den Hahn abkaufen, weiteres Ungluͤck von Ihnen abzuwenden.

Das iſt dankenswerth, erwiederte Gockel, aber ich ſehe in dem Spruche gar keine Ungluͤcksprophezeiung, ſon¬ dern gerade das Gegentheil; ſteht nicht in den Worten:

Alektryo bringt dir Gluͤcke ſelbſt um Undank. ganz deutlich ausgeſprochen, daß der Hahn ſelbſt fuͤr Un¬40 dank ſeinem Herrn Gluͤck bringen werde? Ja, ſagte da der zweite Petſchierſtecher, der Spruch iſt, wie viele ſol¬ che Spruͤche, in der Flattirmanier geſtellt, große Herrn flat¬ tirt man gern. Die Urkunde iſt ein bischen verſchmeichelt und aus Menſchenfreundlichkeit ein wenig aufgemuntert; ſo wie man einem alten Roß die Haare aus den Ohren ſchnei¬ det und die Zaͤhne feilt, daß es juͤnger ausſieht, haben unſre Vorfahren dem damaligen Graf Gockel den Schrecken erſpa¬ ren wollen und haben ein r aus einem e und aus einem u ein gemacht, denn der Spruch heißt eigentlich:

Alektryo bringt die Glucke ſelbſt